Augenbilder: Roman

Monika Held

Language: German

Publisher: BASTEI LÜBBE

Published: Sep 10, 2015

Seitenzahl: 205
Wörter: 57615

Description:

Kurzbeschreibung

Liza ist Fotografin und genießt ein Leben voller Intensität und Leidenschaft: Auf ihren Reisen um lernt sie verschiedene Kulturen kennen, geht neue Freundschaften ein und wird hin und wieder von fremden Männern verführt -

Nach einer Reise entdeckt Liza ein Negativ, das ihr völlig fremd ist. Sie weiß genau, dass sie dieses Foto nicht selbst geschossen hat. Je länger sie es betrachtet desto mehr wird schier hineingezogen und lässt sich von dem Bild eine ungeheuerliche, gleichwohl merkwürdig vertraute Geschichte erzählen.
Immer häufiger brechen solche fremden Gedanken über sie hinein. Liza versucht sich zu wehren, doch allmählich wird ihr klar, dass alles in ihrem Leben nach Veränderung drängt -

Ein Spiel mit weiblichen Identitäten, voller Erotik und Körperlichkeit, voller Rätsel und Poesie, voller surreal verdichteter Bilder und einer Sprache, die gefangen nimmt.

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

Liza bleibt vor dem großen Spiegel stehen. Sie muß sich ins Gesicht sehen
nach jeder Reise, das ist ein Ritual. Nie ist sie sicher, ob die Angekommene
Dieselbe ist wie die Abgereiste. Es gibt ein neues, weißes Haar zwischen den
roten Locken. Sie hat abgenommen. Ihre Haut ist braun, aber unter der Farbe
sitzt der Streß. Ihre Augen glänzen wie im Fieber. Zu viel gesehen und zu wenig
geschlafen. Ruppig stößt sie das Sektglas gegen den Spiegel: Zehn Tage älter
geworden in einem fremden Land und heimlich verlassen worden von einem, der
keine Ansprüche stellt. Ihr Schreibtisch ist die einzige Zone, die von seiner
Ordnungswut verschont geblieben ist. Eine Platte auf zwei Böcken, vier Meter
friedliches Durcheinander aller Dinge, die sie liebt. Kunstzeitschriften,
Buntstifte, Anspitzer und Film dosen, ein Block, auf den sie beim Telefonieren
flüchtige Skizzen kritzelt. Die Lupe und das Leuchtpult. Der Anrufbeantworter
verrät elf Versuche, sie zu erreichen und sechs Nachrichten. In der keimfrei
geputzten Wohnung wirken die Stimmen wie freundlicher Besuch.

Berger will wissen, wie schnell sie ihre Bilder präsentieren kann.
Weiter. Ihr Exmann möchte sie zürn Essen einladen, weil ein Ereignis zu
feiern sei. Mit wenigen Strichen malt Liza das vertraute Profil von Max aufs
Papier. Weiter. Franka, die nie weiß, wo Liza gewesen ist und immer rät.
Algier? Dubai? Abu Dabi? Bist du gesund? Hast du schöne Fotos gemacht? Melde
Dich. Mir geht es beschissen. Ich vermisse Dich. Ciao. Weiter. Willkommen
zu Hause, sagt die langsamste Stimme, die Liza kennt. Du in der Nähe, das fühlt
sich gut an. Marek. Liza malt eine Wolke, ein Herz und eine Schildkröte.
Weiter. Stellen Sie sich vor, sagt die Frau, deren Stimme früher einmal
professionell weich gewesen ist und nun von Jahr zu Jahr spröder wird, stellen
Sie sich vor: Der Gemüsetürke hat promoviert! Liza malt eine Blume.
Blume
ist die Frau auf der anderen Seite der Straße. Graue Haare, kinnlang,
Mittelscheitel. Nie versteckt hinter der Gardine. Nie auf ein Kissen gestützt.
Blume steht aufrecht am Fenster. Raten Sie mal, was das Thema seiner Promotion
ist? Liza hört, wie Blume tief Luft holt, um in einem Atemzug sagen zu können:
,Die Geschichte des Kleingemüsehandels auf den Straßen in Deutschland West und
Deutschland Ost zwischen 1965 und 1995 unter Berücksichtigung der Übernahme des
Gewerbes durch anatolische Händler in den Metropolen.' Dann hat Blume aufgelegt.
Und ein zweites Mal angerufen für einen einzigen Satz: Ich hoffe, Sie sind
unversehrt.

Liza steckt, wie nach jeder Reise, irgendwo zwischen dem Land, in dem sie
gearbeitet hat und der Stadt, in der sie lebt. Nicht mehr dort und noch nicht
hier und nun sieht ihre Wohnung aus, als sei sie in eine Ausstellung mit ihren
eigenen Möbeln geraten, unter denen es nach Scheuerpulver riecht. Sie stellt
sich große Zungen vor, die alles aufgeleckt haben, was zu ihr gehörte.
Brotkrümel, die Wollmäuse aus den Ecken, die Kaffeeflecken auf dem Boden. Schon
wieder ein Mann, der es mit ihr nicht ausgehalten hat. Auch Max ist gegangen,
aber das Ende haben sie gemeinsam beschlossen. Hans hat aus ihrem
Zeitschriftenteppich fünf gleich große Haufen gemacht und sie um ihren
Schreibtisch herum aufgestellt wie Wachtürme. Liza tritt sie um.