Kalte Heimat: Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945

Andreas Kossert

Language: German

Publisher: Pantheon

Published: Jul 15, 2009

Seitenzahl: 531
Wörter: 116889

Description:

Am 29. MAi 1999 bekannte Bundesinnenminister Otto Schily auf einer Veranstaltung des Bundes der Vertriebenen (BdV): "Die politische Linke hat in der Vergangenheit, das laSSt sich leider nicht bestreiten, zeitweise uber die Vertreibungsverbrechen, uber das millionenfache Leid, das den Vertriebenen zugefugt wurde, hinweggesehen, sei es aus Desinteresse, sei es aus Angstlichkeit vor dem Vorwurf, als Revanchist gescholten zu werden, oder sei es in dem Irrglauben, durch Verschweigen und Verdrangen eher den Weg zu einem Ausgleich mit unseren Nachbarn im Osten zu erreichen. DIeses Verhalten war Ausdruck von Mutlosigkeit und Zaghaftigkeit." Das war eine spate Einsicht. VIele der 14 Millionen Deutschen, die nach dem Krieg ihre Heimat verloren, hat sie nicht mehr erreicht. DAmals kamen bis zu 2 Millionen Menschen bei Flucht und Vertreibung um, Deutschland verlor ein Viertel seines Territoriums. ABgesehen von der Vertreibung und Ermordung der europaischen Juden hat nichts, was auf die NS-Wahnherrschaft zuruckzufuhren ist, der deutschen Gesellschaft so schwere Wunden geschlagen und das Land so versehrt. DOch die meisten Deutschen wollten das nicht sehen, nicht horen, nicht wissen. MEhr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Krieges hat Gunter Grass in der Novelle Im Krebsgang betroffen bekannt: "Niemals, sagt er, hatte man uber so viel Leid, nur weil die eigene Schuld ubermachtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten uberlassen durfen. DIeses Versaumnis sei bodenlos." DaSS mit dem Osten nicht nur die Vertriebenen, sondern alle Deutschen viel verloren hatten, dieses BewuSStsein schwand bald nach dem Krieg. Schon der materielle Wert der deutschen Ostgebiete laSSt sich kaum bemessen. SChlimmer jedoch wiegt der kulturelle Verlust. ES ist schwer, das Geschehen in angemessene Worte zu fassen und "Pseudologiken, Abstraktionen sowie eine Rhetorik der Zwangslaufigkeit" zu vermeiden. "Die Geschichtsschreibung zur Vertreibung ist aus vielen Grunden besonders anfallig fur Rechthaberei und Moralisieren, fur politische Instrumentalisierung", denn alle sind Betroffene, jeder hat seine eigene Wahrheit. OBwohl auSSerlich kein Unterschied mehr feststellbar sei, so Karl Schlogel, bestehe nach wie vor eine "mentale Kluft zwischen Deutschen, die ihre Heimat verloren", und denen, die dieses Schicksal nicht erlitten haben. In Millionen deutschen Wohnzimmern wurde nach dem Krieg geweint um den Verlust der Heimat. MAn muSS diese Trauer und diesen Schmerz benennen, das gehort zur geistigen Hygiene, sagt Rudiger Safranski: "Es gibt eine deutsche Neurose. ALles, was deutsches Schicksal ist, steht unter Verdacht, das sitzt tief. DEutsche Vergangenheit hat die Vergangenheit des deutschen GroSSverbrechens zu sein, basta." 14 Millionen Deutsche waren nach 1945 ohne Heimat. IM allgemeinen Chaos des Zusammenbruchs trafen sie in den Besatzungszonen ein, und die Behorden wuSSten nicht, wie und wo sie diese Massen unterbringen und verwaltungsmaSSig einordnen sollten. VOr 1953 findet man fur die Heimatlosen Bezeichnungen aller Art. MAn sprach von Aussiedlern und Vertriebenen, von Fluchtlingen, Ostvertriebenen, Heimatvertriebenen, Ausgewiesenen und Heimatverwiesenen. 1947 setzte sich dann allmahlich "Vertriebene" - expellees - durch, auch weil die amerikanische Besatzungsmacht das anordnete. DEr Begriff sollte zum Ausdruck bringen, daSS die Vertreibung endgultig war und keine Hoffnung auf Ruckkehr bestand. NAch Grundung der Bundesrepublik wurde das Wort "Vertriebener" in der Regel dem Begriff "Fluchtling" vorgezogen. Fluchtling oder Vertriebener? Unterschiedliche Wahrnehmungen lassen erkennen, daSS es eine gemeinsame Geschichte aller Vertriebenen nicht gibt; zu verschieden sind deren Schicksale und Erfahrungen. HIer sollen dennoch alle der Einfachheit halber als "Vertriebene" bezeichnet werden. IM Bundesvertriebenengesetz (BVFG) ist das Wort "Flucht