Die weiße Sängerin: Ein Fall für Kommissar Brasch

Reinhard Rohn

Language: German

Publisher: Edel:eBooks

Published: Dec 21, 2012

Seitenzahl: 220
Wörter: 60940

Description:

Kurzbeschreibung

Kommissar Matthias Brasch hatte eine lange Nacht, als er sich an diesem Morgen auf den Weg ins Präsidium macht. Aber ein neuer Fall holt ihn schnell auf den Boden der Tatsachen zurück, denn er entdeckt in einer verlassenen Wohnung die Leiche eines Mannes, eine Plastiktüte über den kopf gestülpt. An Selbstmord will Brasch nicht glauben, doch während er sich noch bemüht, die Umstände dieses Rätselhaften Todes herauszufinden, macht er die Bekanntschaft einer geheimnisvollen jungen Sängerin, einer bildschönen Frau mit weissblondem Haar, die ihn zutiefst fasziniert. Ihre Rolle bleibt Brasch lange Zeit verborgen – und als er die Zusammenhänge endlich zu erahnen beginnt, sieht es so aus, als müsse er mit dem Leben dafür bezahlen ...

Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

"Atme, dachte er, tue einen letzten, wunderbaren Atemzug.
Dann fiel ihm trotz all der bleiernen Müdigkeit, die ihn gefangen hielt, die kleine, hungrige Katze ein. Seit über dreißig Jahren hatte er nicht mehr an die Katze am Rhein gedacht. Sie hockte auf einem kahlen Geäst, dem einzigen Baum weit und breit, und schrie kläglich vor sich hin. Andere Kinder hätten die Katze wahrscheinlich mit Steinen von dem Baum heruntergetrieben, aber er und sein Bruder redeten ihr gut zu, und dann, als alles Locken und Reden nichts half, lief Rainer zur Tankstelle und kaufte einen Liter Milch. Am Ufer fanden sie einen flachen Stein mit einer Vertiefung, den sie wie eine Schale benutzen und mit etwas Milch füllen konnten. Dann legten sie sich auf die Lauer und warteten. Nach einer Weile sprang die Katze von ihrem Baum und näherte sich ängstlich geduckt dem Stein. Gierig schleckte sie mit ihrer rosafarbenen Zunge die Milch auf. Man musste Geduld haben, viel Geduld, das hatte er schon damals geahnt.
Die Katze wurde zutraulich, und er konnte sie sogar auf den Arm nehmen, ohne dass sie ihn kratzte. Sie hatte struppiges weißes Fell und fühlte sich ganz warm an. Er spürte, wie schnell ihr Herz schlug. Sein Bruder und er einigten sich auf einen Namen: »Schneeflocke«, weil es Winter war und sie wie eine Schneeflocke vom Himmel auf den Baum gefallen war. Sie hegten wenig Hoffnung, dass ihre Mutter Schneeflocke in ihrer engen Wohnung dulden würde. Trotzdem nahmen sie das Tier mit. Sie versprachen ihrer Mutter alles: Zimmer aufräumen, Geschirr abwaschen, Schulaufgaben machen, Katze füttern, Katzenklo sauber machen, doch es half nichts. Nach drei Tagen war die Katze verschwunden. »Sie ist abgehauen, als ich für einen Moment die Balkontür aufgemacht habe«, sagte seine Mutter. Er wusste, dass sie log. Die erste Lüge in seinem Leben, die er als solche durchschaute.
Seltsam, dass er in der Sekunde seines Todes an eine schneeweiße Katze und an seinen Bruder dachte.
Er spürte, dass er nun endgültig keine Luft mehr bekam. Seinen letzten Atemzug hatte er der hungrigen kleinen Katze geschenkt. Er war erfüllt von einer düsteren, schweren Müdigkeit. Seine Kehle tat ihm weh. Alles zog sich in ihm zusammen. Er glaubte, sich erbrechen zu müssen, aber wahrscheinlich war er dazu bereits viel zu schwach. Seine Gedanken verwirrten sich, stiegen auf und schienen seinen Körper schon verlassen zu wollen, als noch ein Rest Leben in ihm war. So war es also, zu sterben - einfach keine Luft mehr zu bekommen. Wie ein Fisch, der auf dem Land zappelte und dem die Sonne mörderisch in die Augen schien. Kein Kampf mehr, keine neue Liebe. Er versuchte, sich noch einmal vergeblich aufzubäumen, und spürte so etwas wie Bedauern. Es war ein feiger, kraftloser Tod. Man hatte ihn hereingelegt.
Dann sah er die weiße Katze wieder. Sie sprang von dem einsamen Baum am Ufer und verharrte für einen winzigen Moment, um noch einmal in seine Richtung zu blicken, bevor sie in einem Wirbel aus Dunkelheit und Leere verschwand."