Erin Yorke Jedes Jahr zur Weihnachtszeit IMPRESSUM Historical erscheint in der Harlequin Enterprises GmbH Redaktion und Verlag: Postfach 301161, 20304 Hamburg Telefon: 040/60 09 09-361 Fax: 040/60 09 09-469 E-Mail: info@cora.de Geschäftsführung: Thomas Beckmann Redaktionsleitung: Claudia Wuttke (v.l.S.d.P.) Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto) © 1992 by Susan McGovern Yansick und Christine Healy Originaltitel: „Christmas Bounty“ erschienen bei: Harlequin Enterprises Ltd., Toronto Deutsche Erstausgabe 1992 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg, in der Reihe HISTORICAL Weihnachtsband, Band 3 Published by arrangement with HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l. Übersetzung: Riette Wiesner Fotos: Harlequin Books S.A. Veröffentlicht im ePub Format im 12/2012 - die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein. eBook-Produktion: readbox, Dortmund ISBN 978-3-95446-763-1 Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. CORA Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig. Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag: ROMANA, BIANCA, BACCARA, TIFFANY, MYSTERY, MYLADY, HISTORICAL Alles über Roman-Neuheiten, Spar-Aktionen, Lesetipps und Gutscheine erhalten Sie in unserem CORA-Shop www.cora.de Haben Sie Fragen? Rufen Sie uns an! Sie erreichen den CORA Leserservice montags bis freitags von 8.00 bis 19.00 Uhr: CORA Leserservice Telefon 01805 / 63 63 65* Postfach 1455 Fax 07131 / 27 72 31 74004 Heilbronn E-Mail Kundenservice@cora.de * 14 Cent/Min. aus dem Festnetz der Deutschen Telekom, abweichende Preise aus dem Mobilfunknetz Werden Sie Fan von CORAVerlag auf Facebook. 1. KAPITEL Das schwache Licht der Dezembersonne kämpfte gegen die früh einbrechende Dämmerung. Die grauen Schatten im Hochland wurden länger und verschmolzen mit der Farbe roh behauener Steinmauern. Die einfachen Häuser von Glenmuir standen dicht gedrängt an den schlechten Straßen des Dorfes. Durch den gefrorenen Schlammboden zogen sich tiefe Räderspuren. Ein unachtsamer Fremder hätte an der trostlosen Gegend kaum etwas Erfreuliches sehen können. Für den, der es mit aufmerksamen Augen betrachtete, war Glenmuir dagegen keineswegs so öde. Aus den Schornsteinen stieg der Rauch von Torffeuern auf, und durch die Sprossenfenster fiel hie und da der Schein einer Kerze auf die Hauptstraße. Würzige Gerüche hingen in der Luft, denn der Bäcker arbeitete länger als gewöhnlich, um die Wünsche des Landadels nach süßen Leckerbissen zu erfüllen. Die Dorfbewohner freilich konnten sich derlei Köstlichkeiten, bei deren Anblick einem das Wasser im Mund zusammenlief, längst nicht mehr leisten. Dennoch hatte die Vorfreude auf das Weihnachtsfest offensichtlich auch die Leute ergriffen, die vor dem Laden von MacGregor & Son beisammenstanden. Ihre Einkaufskörbe waren fast so leer wie ihre Geldbörsen, aber ihre Mienen strahlten erwartungsvoller, als man es bei der Landbevölkerung dieser ärmlichen Gegend Schottlands vorausgesetzt hätte. Es war, als empfanden sie ihr Elend gar nicht mehr. Eingedenk herzlicher Erinnerungen schienen sie den Ort mit Besitzerstolz und wie durch einen Schleier der Hoffnung zu betrachten. Diese Gefühle teilte bestimmt auch die junge Frau, die soeben aus dem Hause der Dorfschneiderin in die feuchte Kälte heraustrat. Die vierundzwanzigjährige Blair Duncan war ein hübsches Mädchen, dessen gutes Aussehen die Männer veranlasste, rasch ein zweites Mal hinzusehen. Rotbraunes Haar umrahmte ein schönes, feingeschnittenes Gesicht mit klaren blauen Augen, das dennoch einen festen Willen, vielleicht sogar Starrsinn verriet. Miss Blair war mittelgroß und trug über dem braunen Kleid ein altes, abgenutztes Schultertuch, das ihre weiblichen Formen jedoch nicht verbarg. Die Blicke der Dörfler richteten sich trotz des schäbigen Äußeren mit einem Ausdruck von Achtung auf sie, als sie am Ende der Straße erschien und über das Kopfsteinpflaster dem Laden von MacGregor & Son zustrebte. „Oh, da kommt Miss Duncan! Ist sie nicht ein nettes Mädchen?“, flüsterte Mrs MacNab, eine mütterliche Matrone, die durch die Erziehung ihrer neun Söhne frühzeitig ergraut war. „Ja, und Mut hat sie auch“, antwortete Ian Ferguson, und ein Lächeln erhellte sein sonst meist mürrisches Gesicht. „Das hat sie von ihrem Vater. Er hat seinen Stolz nicht wie andere schottische Adelige begraben und ist den finanziellen Verlockungen reicher Engländer erlegen. Jaime Duncan war ein hitziger und stolzer Schotte, dem es wie Verrat, wie Kapitulation vor dem Feind, erschienen wäre, seinen Besitz mit englischem Geld zu retten.“ „Zu schade, dass wir erst nach seinem Tod begriffen haben, was ihn dieser Heldenmut gekostet hat“, warf Fergusons Vetter Charlie ein. „Die arme Miss Duncan! Ihr Vater hat ihr kaum mehr hinterlassen als die Ländereien der Duncans und das beinahe leer stehende Herrenhaus.“ „Wir hätten doch nichts tun können“, wandte Ferguson kopfschüttelnd ein. Unversehens fiel es ihm schwer, die frühere Freude zu wahren. „Wir selbst haben ja nicht genug zu beißen. Gottlob hat Miss Duncan den Mut, ihren Besitz nicht irgendeinem englischen Adeligen zu verkaufen. Es gibt schon viel zu viele davon in der Gegend.“ „Ja. In den vergangenen Jahren hat Glenmuir die Hälfte der Bewohner verloren“, bestätigte Charlie Ferguson. „Das muss man sich vorstellen! Ganze Familien haben die englischen Aristokraten auf die Straße gesetzt, nur damit sie große Jagdgebiete bekommen. Zu dumm, dass die Königin eine solche Vorliebe für die Highlands hat! Sonst wären die verdammten Eindringlinge geblieben, wo sie hingehören.“ „Recht hast du! Dann müssten auch nicht so viele Schotten die Heimat verlassen, um überleben zu können.“ „Wir sind geblieben, nicht wahr? Wir werden es auch weiterhin schaffen, genau wie Miss Duncan“, sagte Mrs MacNab, trat zu den Männern und senkte die Stimme, da Blair Duncan näherkam. „Es ist hart für sie, von der Hand in den Mund leben zu müssen, nachdem sie als Kind alles hatte! Aber sie ist stark. Natürlich hat sie jedes Angebot ausgeschlagen, ihren Landbesitz zu verkaufen. Aber wisst ihr auch, dass sie noch andere Anträge zurückgewiesen hat?“ „Welche denn?“, fragte Charlie Ferguson. „Heiratsanträge! Und welches junge Mädchen in ihrem Alter würde nicht von einem eigenen Heim und schönen Kleidern träumen?“ „So etwas bedeutet nicht viel für sie“, entgegnete Ian Ferguson. „Sie hat den Stolz der Duncans und macht sich nichts aus Tand. Trotz ihrer vornehmen Herkunft ist sie eine von uns. Warum sollte sie einen Engländer heiraten?“ „Ian, ich glaube, du wirst alt! Kannst du dir nicht vorstellen, was einem hübschen Mädchen wie Blair Duncan bei einem kräftigen Burschen in den Sinn kommt, sei er nun ein Engländer oder nicht?“, stichelte Charlie Ferguson und bemerkte belustigt die saure Miene, die sein Vetter zog. „Miss Duncan ist viel zu klug, um aus Leidenschaft den Kopf zu verlieren. Meinst du etwa, sie hätte am Beispiel von Mary Connery nichts gelernt, die diesen englischen Dieb Montgomery geheiratet hat?“, gab Ian scharf zurück und starrte dem Cousin herausfordernd ins Gesicht. „Kaum war die arme Mary unter der Erde, verschwand Montgomery nach England und nahm den Sohn mit. Und danach haben die Montgomerys nichts mehr von sich hören lassen, bis die Ländereien verkauft wurden. Nein, englisches Blut erhitzt sich nicht, mag die Leidenschaft auch noch so heiß sein.“ „Nun hört endlich auf, euch zu zanken! Weihnachten steht vor der Tür! Außerdem schickt es sich nicht, dass Miss Duncan euch so reden hört, umso weniger, da sie früher ein Herz für den Jungen hatte“, schalt Mrs MacNab empört, als seien die Männer neben ihr zwei der eigenen ungeratenen Sprösslinge. Um dem Streit ein Ende zu machen, drehte sie sich um und wandte sich lächelnd Miss Duncan zu, die soeben vor dem Laden ankam. Blair Duncan erwiderte den Gruß mit einem fröhlichen Winken. Erheitert stellte sie fest, dass Mrs MacNab, die zweifellos jahrelange Übung darin besaß, starrköpfige Männer von handgreiflichen Auseinandersetzungen abzuhalten, es noch immer nicht verstand, das unauffällig zu tun. Ihr freundliches Lächeln stand in deutlichem Widerspruch zu dem wütenden Blick, den sie den beiden Fergusons zuwarf. Die finsteren Mienen hellten sich jedoch sofort auf, und die Männer zogen vor der Tochter des alten Laird den Hut. Sie fragte sich, was Ian und Charlie Ferguson so aufgebracht haben mochte. Sie waren zu richtigen Zankhähnen geworden. Freilich war in den vergangenen Jahren das Leben für alle schwerer geworden. Wahrscheinlich konnte nicht einmal mehr die Nähe des Weihnachtsfestes, der Jahreswende und der dazwischen liegenden turbulenten Tage die Probleme ganz verdrängen, mit denen sich die Bewohner von Glenmuir herumschlagen mussten. In dem einmal gefassten Entschluss bestärkt, betrat Blair Duncan den Laden und ließ aufmerksam den Blick über die gefüllten Regale gleiten. MacGregor war einer der wenigen Männer im Dorf, der mit der Anwesenheit des englischen Adels zufrieden sein konnte. Für ihn waren die Geschäfte mit den Aristokraten zu einer guten Einnahmequelle geworden. Wenn er aus dem Schaden anderer Nutzen zu ziehen verstand, konnte er es sich auch leisten, tätige Nächstenliebe zu üben. Wenigstens war Blair Duncan dieser Meinung. Innerlich wappnete sie sich gegen einen Kampf mit dem Kaufmann. Mochte sie auch verarmt sein, es änderte nichts daran, dass sie eine Duncan war. Es galt, alte Traditionen aufrechtzuerhalten. Obwohl sie kaum mehr besaß als die Dorfbewohner, war sie entschlossen, Weihnachtskörbe zu verteilen, wie die Duncans es immer getan hatten. Freilich wurde es von Jahr zu Jahr schwieriger. Natürlich steuerte sie selbst bei, was sie konnte, doch das war nicht eben viel, da die eigenen Vorräte mehr als mager waren. MacGregor hingegen konnte es nicht wehtun, wenn er sich von einigen Waren trennte. Außerdem würde das Weihnachtsfest für viele Leute in Glenmuir wesentlich trauriger ausfallen, wenn sie den Ladenbesitzer nicht dazu brachte, so zu denken wie sie. Gewiss, jener geheimnisvolle Wohltäter, den man Engel der Weihnacht nannte, hatte sich in den letzten Jahren sehr großzügig gezeigt, was Glenmuir betraf. Auch Blair Duncan war von ihm reich bedacht worden. Andererseits hatte sie gelernt, sich nicht auf Unbekannte zu verlassen. Was war, wenn er in diesem Jahr nicht kam? Es war besser, den Stolz zu überwinden und MacGregor zu überzeugen, für die Weihnachtskörbe zu spenden. Dann konnte Blair wenigstens sicher sein, ein wenig zur Weihnachtsfreude von Glenmuir beigetragen zu haben. Dieser Gedanke bewog sie, ein gewinnendes Lächeln aufzusetzen, den misstrauischen Arnos MacGregor entschlossen anzusehen und ihn in ein Gespräch zu verwickeln. Sie wusste, er würde sich kaum widerstandslos von seinem Hab und Gut trennen, da er schon früher Opfer ihres Hanges zu tätiger Nächstenliebe geworden war. Kaum zehn Minuten später verließ sie das Geschäft, und ihre Miene spiegelte Genugtuung. Beinahe hätte sie aufgelacht, als MacGregor sie mit einem Seufzer der Erleichterung hinausbegleitete und rasch die Tür verriegelte. Immerhin hatte der Besuch sich sehr gelohnt. Blair wechselte den Korb, der nun wesentlich schwerer war als vorher, von einem Arm zum anderen und dachte belustigt, dass ihren Ahnen ähnlich zumute gewesen sein musste, wenn sie einst einem anderen Clan die Rinder abgejagt hatten. Der Weidenkorb ächzte unter der Last des Inhaltes. Zwei Säckchen Zucker, ein Beutel Tee, einige Stangen Salz, eine Schere und etliche kleine Handspiegel waren die Schätze, die sich den von der Schneiderin gespendeten hübschen Bändern zugesellt hatten. Je schwerer der Korb, desto leichter wurde Blair Duncan ums Herz. Sie ging auf die Leute zu, die immer noch plaudernd zusammenstanden, um ein Weilchen mit ihnen zu reden, ehe sie sich auf den Rückweg in ihr stilles Haus machte. Nach dem erfolgreichen Tag betrachtete sie die Muße als wohlverdiente Belohnung. Blair Duncan hatte erst wenige Schritte gemacht, als sie ihren Namen hörte. Der volle Klang der Stimme ließ ihr die Hitze in die Wangen steigen und erregte ihren Zorn. „Miss Duncan“, rief der Mann von Neuem, diesmal schon viel näher. Sie blieb stehen, straffte die Schultern und drehte sich um. Es brauchte keine Worte, dem Unmut Ausdruck zu geben, den sie über die unhöfliche Art der Begrüßung empfand. „Mylord“, erwiderte sie kühl. „Ich freue mich sehr, Sie zu treffen, Miss Duncan“, antwortete Lord Lindsay und sah sie heiter an. „Kennen sie Lord Haverbrook?“ „Harry“, wandte er sich an seinen Begleiter, „das ist Miss Blair Duncan, eine Freundin aus Kindertagen.“ Harry Rogers, Earl of Haverbrook, war ganz das Gegenteil von Cameron Montgomery, Earl of Lindsay. Lord Haverbrook ging an die vierzig und war untersetzt und rundlich. Das unter dem Zylinder hervorlugende Haar war schon grau und das Gesicht ziemlich weich. Lord Lindsay dagegen mochte Ende zwanzig sein, war hochgewachsen und kräftig. Sein dichtes schwarzes Haar unterstrich die regelmäßigen, angenehmen Gesichtszüge, denen die Überraschung, in Glenmuir Miss Duncan zu begegnen, anzusehen war. Das Einzige, was er mit Lord Haverbrook gemeinsam hatte, war die klare, vornehme Ausdrucksweise. „Ich weiß nicht genau, ob ich schon das Vergnügen hatte“, sagte Lord Haverbrook, sichtlich beeindruckt von Miss Duncans Schönheit, deren schäbiges Äußeres im Dämmerlicht nicht weiter auffiel. „Du bist mit dieser reizenden Dame schon von Kindheit an bekannt, Cameron? Ich gestehe, es war mir entfallen, dass deine Mutter aus Schottland stammt.“ „Ich würde schwören, dass auch Lord Lindsay es längst vergessen hat“, murmelte Miss Duncan, schaute ihn vorwurfsvoll und stumm herausfordernd an. Er zwang sich zu einem Lächeln, obwohl die Begrüßung der schönen, heißblütigen Hochländerin ihm tiefe Enttäuschung bereitete. Ohne auf die deutliche Beleidigung einzugehen, wandte er sich wieder an Haverbrook, verbarg die Bestürzung und erwiderte beiläufig: „Gewiss, Harry, Vater heiratete eine Connery. Ich erinnere mich an manchen überaus angenehmen Sommer, den ich als Knabe hier verbrachte, und an lustige Streiche mit Miss Duncan. Damals war ich ganz sicher, ich würde mich eines Tages auf den Connery-Gütern niederlassen und Miss Duncan heiraten.“ „Das beweist einmal mehr, dass Kindheitsträume hoffnungsloser Unsinn sind“, äußerte Blair schroff und war froh, dass die rasch zunehmende Dunkelheit die Röte ihrer Wangen verschleierte. Wie konnte Lord Lindsay so unverschämt sein, sich über ihre Erinnerungen lustig zu machen, die kindischen Schwüre von damals, noch dazu vor einem Fremden? Sie beschloss, das Gespräch mit den Dörflern zu unterlassen, obwohl sie die Begegnung mit dem Earl of Lindsay neugierig beobachteten. Sein Erscheinen hatte ihr gründlich die Laune verdorben. Sie wünschte sich nichts mehr, als nach Haus zurückzukehren. In diesem Augenblick erschien es ihr wie ein Ort beschaulichen Friedens und nicht wie sonst als Hort der Einsamkeit. „Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, Gentlemen. Ich muss sehen, dass ich weiterkomme“, sagte sie. Die Stimme klang kalt, ohne die geringste Spur des warmen Lachens, an das Cameron, Earl of Lindsay, sich erinnerte, aus einer Zeit, die nun schon lange zurücklag. „Darf ich Sie in meiner Kutsche heimbringen, Miss Duncan?“, erkundigte er sich höflich und stellte sich ihr in den Weg, unwillens, sie schon gehen zu lassen. Lieber wollte er ihre schlechte Laune noch ein Weilchen ertragen. „Das ist nicht nötig“, lehnte Miss Duncan sein Anerbieten ab. „Es ist nicht weit, und ich bin gern ein wenig an der frischen Luft.“ Die Dörfler steckten die Köpfe zusammen und gaben sich keine Mühe, so zu tun, als hätten sie nichts gehört oder gesehen. „Auch in der Kälte, Madam?“, fragte der Earl und zog zweifelnd eine Braue hoch. „Erweisen Sie mir die Ehre, und gestatten Sie mir, Sie zu begleiten“, drängte er in fürsorglichem Ton. „Es ist fast dunkel, und ich möchte sicher sein, dass Sie wohlbehalten ankommen.“ „Als ob mir von einem Einheimischen Gefahr drohen würde!“, lachte Miss Duncan auf und warf den Kopf in den Nacken. „Ich habe höchstens von Fremden etwas zu befürchten, mit denen ich für gewöhnlich nicht zu reden pflege.“ „Madam“, wandte er ungeduldig ein. „Bemühen Sie sich nicht, Mylord! Ich habe den gleichen Weg wie Miss Duncan und werde sie gern begleiten“, mischte sich Ian Ferguson ein und trat näher. Er nahm ihr den Korb ab und fragte sich, ob der Earl ihr wohl in jüngster Zeit einen neuen Heiratsantrag gemacht und sich eine Abfuhr geholt habe. Warum war Lord Lindsay sonst so beharrlich? Die Hartnäckigkeit mochte allerdings auch ein Erbteil des väterlichen englischen Blutes sein! Ian war fest entschlossen, Miss Duncan zumindest seinen Schutz gegen die unwillkommenen Fremden aufzunötigen, auch wenn er ihr als alter Mann sonst nicht viel zu bieten hatte. „Danke, Ian“, antwortete Miss Duncan liebenswürdig und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Für den Earl hatte sie nur ein hochmütiges Nicken. Ehe er auch nur ein Wort sagen konnte, waren die beiden bereits auf dem Weg aus dem Dorf. „Auf bald!“, rief Charlie Ferguson ihnen lachend nach. „Wenn wir uns nicht vorher sehen, hoffe ich, dass der Weihnachtsengel zu euch kommt!“ „Das wünsche ich dir auch!“, sagte Ian fröhlich, schaute über die Schulter zurück und zwinkerte dem Vetter verschmitzt zu. „Wie schön, dass die Einheimischen sich so über die Festtage freuen“, murmelte Lord Lindsay, die Anwesenheit des Freundes vergessend. Blair Duncan hatte ihn nun doch stehen gelassen! „Sei nicht albern!“, brummte Lord Haverbrook. „Du weißt recht gut, was sie gemeint haben. Die Schotten begehen Weihnachten nicht so wie wir.“ „Das trifft auf die Bewohner der Lowlands zu, Harry. Dort spielt Silvester die größere Rolle. Aber die Hochländer haben Weihnachten immer gefeiert.“ „Sei es, wie es sei, die Kerle haben jedenfalls nicht über das Christfest gesprochen. Dir ist doch klar, dass es eine nur dürftig verschleierte Anspielung auf die Diebereien war, die zu dieser Zeit hier in der Gegend vorkommen und vornehmlich gegen uns Engländer gerichtet sind! Es ist kein Geheimnis, dass die Leute in den Dörfern der Umgebung den Halunken nur deshalb den Engel der Weihnacht nennen, weil er wie ein Geist erscheint und verschwindet, ohne dass man ihn je zu Gesicht bekommen hätte. Welche Frechheit, in unserer Gegenwart von ihm zu reden!“ „Du meinst diese Art neuer Robin Hood, der uns in den letzten Jahren heimgesucht hat? Er bestiehlt die Reichen und beschenkt die Armen.“ „Und ob ich ihn meine!“, bestätigte der Earl of Haverbrook empört. „Einige von uns haben durch ihn solche Verluste zu beklagen, dass mancher Engländer lieber die Festtage hier oben verbringt, statt nach London zurückzukehren.“ „Das wird aber sehr langweilig für dich werden!“, sagte Lord Lindsay und schaute, nachdem Miss Duncan mit ihrem Beschützer verschwunden war, seinen Freund an. „Wirklich? Du bist nach dem Ende der Jagdsaison ja noch bis Januar geblieben. Ist es tatsächlich so schlimm?“ „Eigentlich nicht. Allerdings muss ich dich warnen. Meine Anwesenheit hat weder geholfen, mich vor Diebstahl zu bewahren, noch, den Räuber zu fangen. Wir wollen hoffen, ihr anderen habt mehr Glück als ich“, sagte der Earl of Lindsay gedehnt und gab seinem Kutscher ein Zeichen. Sofort setzte die Equipage sich in Bewegung. „Dessen bin ich sicher“, verkündete Lord Haverbrook großspurig und machte es sich in der Karosse bequem. „Meiner Meinung nach hattest du hier andere Dinge im Kopf, vielleicht sogar Miss Duncan?“ „Ich habe sie kaum gesehen, wenn ich mich in Schottland aufhielt“, entgegnete Lord Lindsay. „Bestimmt nicht, weil du es so wolltest.“ Lord Haverbrook grinste. „Nicht, dass ich dir einen Vorwurf daraus mache, falls du dich um sie bemüht hast.“ Die junge Dame besitzt ansehnliche Güter. Stell dir vor, welch fabelhaftes Jagdgelände das sein könnte! Wäre ich ungebunden, würde ich ihr den Hof machen. Da kommt mir ein Gedanke! Einer meiner Brüder hat einen Sohn im passenden Alter. Vielleicht sollte ich ihn zu einem Besuch in den Highlands bewegen?“ „Spar dir Geld und Mühe, Harry! Ich habe ganz den Eindruck, dass Miss Duncan an uns Engländern kein Interesse zeigt“, stellte Lord Lindsay sehr entschieden fest und stützte ein Bein auf den gegenüberliegenden Sitz. „Du darfst nicht lockerlassen, Cameron. Schließlich ist es nicht der Fuchs, der die Meute auffordert, ihn zu verfolgen. Die meisten Damen gestehen dir einen gewissen Charme zu. Also lass den Kopf nicht hängen, und gib nicht so schnell auf. Gewiss wird Miss Duncan schließlich deiner Ausstrahlung erliegen, wenn du nur genug Ausdauer aufbringst. Immerhin hast auch du schottisches Blut in den Adern. Damit hast du eine bessere Chance, die schöne Miss Duncan samt ihrem Besitz zu erobern.“ „Vielleicht hast du recht“, murmelte der Earl of Lindsay nachdenklich. „Vielleicht habe ich mich tatsächlich nicht deutlich genug um sie bemüht.“ Er war so in Grübeleien versunken, dass er die letzte Bemerkung des Freundes kaum beachtete. „Genau das versuche ich ja, dir klarzumachen.“ Lord Haverbrook lachte. Nach dem unheildrohenden Ausdruck in Camerons Gesicht zu schließen, wurde die Sache ernst. Wenn man bedachte, dass die Adeligen der Umgebung sich anstrengen würden, dem räuberischen Weihnachtsengel auf die Spur zu kommen und Cameron um Miss Duncan werben könnte, mochte das Christfest in Glenmuir doch nicht ganz so langweilig werden. 2. KAPITEL Am folgenden Morgen entfaltete Blair Duncan in der geräumigen Küche von Duncan House rege Geschäftigkeit. Das Klappern der Topfdeckel hallte lauter als gewöhnlich, denn Blair war mutterseelenallein in dem einst so prächtigen Herrenhaus, das vor vielen Generationen von ihrer Familie erbaut worden war. Aber vielleicht war es noch etwas anderes als die Einsamkeit, die schlaflos verbrachte Nacht, die Blair so rastlos machte. Mit dem Zucker aus MacGregors Laden bereitete sie Marmelade aus überreifen Orangen, die ein früherer Nachbar geschickt hatte, der nun als Matrose auf einem Frachter sein Leben fristete. Sie wusch die Früchte, legte sie zum Trocknen hin und zuckte zusammen, als die Schalen schon bei der Berührung platzten. Der Himmel mochte wissen, wie lange die Kiste unterwegs gewesen war, bevor sie das abgelegene Hochlanddorf erreichte. Trotzdem würde die Marmelade eine köstliche Beigabe in den Weihnachtskörben sein, und einige Schalen ließen sich vielleicht kandieren. Die Kinder würden von den Süßigkeiten begeistert sein. Schließlich strich Blair sich eine rotbraune Locke aus dem Gesicht und goss sich eine Tasse Tee ein. Der alte Robbie und Mrs Brown, die Haushälterin, würden bald von Besorgungen in Glenmuir zurückkehren. Blair seufzte. Es gab einmal eine Zeit, als zahlreiche Dienstboten mitgeholfen hatten, die Weihnachtskörbe auszurichten. Nun waren nur die beiden Getreuen da, die aus reiner Anhänglichkeit blieben, obgleich ihr Lohn kaum der Rede wert war. Da Blair ohne Mrs Browns Hilfe nicht weiterarbeiten konnte, blieb Zeit für ein verspätetes Frühstück. Zu jeder Stunde des Tages stand genügend Porridge in einem Topf auf dem riesigen gusseisernen Herd. Mit energischem Schwung stellte Blair die spärliche Mahlzeit auf den abgeschabten Küchentisch. Blair aß kaum noch in dem großen Speisezimmer, nur hin und wieder, wenn Mrs Brown darauf bestand, weil ein Gast anwesend war. Im Allgemeinen zog Blair die Unterhaltung mit ihren beiden Getreuen der Einsamkeit vor, zu der sie sonst verurteilt gewesen wäre. Sie setzte sich, führte mechanisch den Löffel zum Mund und fragte sich, warum sie innerlich so unruhig war. Vorsichtig nippte sie am heißen Tee und gestand sich ein, was die Ursache für die Verunsicherung und die schlaflose Nacht war. Die Begegnung mit dem Earl of Lindsay war der Grund. Sie sah ihn vor sich, die haselnussbraunen, grüngolden schattierten Augen, und hörte sein Lachen, das ihr früher so vertraut gewesen war. Ihr inneres Gleichgewicht geriet noch mehr ins Wanken. „Zur Hölle mit Seiner Lordschaft!“, murmelte sie und stellte die Tasse so heftig auf den Tisch, dass der Tee überschwappte. „Und zum Teufel mit dem Zufall, der mir Cameron Montgomery gestern über den Weg führte!“ Vor drei Jahren war er während der Jagdsaison nach Glenmuir gekommen. Blair, fest entschlossen, ihn nicht zu sehen, war ihm ausgewichen, wann immer er danach in den Highlands weilte. Das war leicht genug gewesen. Sobald der Earl of Lindsay seine Aufwartung gemacht hatte, behaupteten der alte Robbie und die Haushälterin, Miss Duncan sei nicht im Hause. Sie hatte seine Einladungen stets ausgeschlagen. Wenn es im Dorf etwas zu feiern gab, erschien sie meist so spät, dass er, gelangweilt von den einfachen Vergnügungen, längst gegangen war. Manchmal ließ sie sich entschuldigen und besuchte die Festlichkeit erst gar nicht. Aber seit gestern sah alles anders aus. Die unerwartete Nähe des Earl war Blair mehr als ein Glas Whisky zu Kopf gestiegen. Camerons Anblick und der Klang der verführerischen Stimme hatten eine jähe Wärme in ihr ausgelöst. Am meisten machte es sie betroffen, dass sie gegen die Erinnerung an seinen Kuss ankämpfen musste. Als sie noch halbe Kinder gewesen waren, hatte sein Mund den ihren so zärtlich berührt. Angewidert schob sie den halb geleerten Teller von sich. Sie wusste, das Wiedersehen mit ihrer Jugendliebe konnte alle Vorsätze ins Wanken bringen. Jeder Blick in sein attraktives Gesicht würde ihren Widerstand schwächen, den Zorn mindern, an ihrem Misstrauen rütteln. Aber sie wollte nicht gezwungen sein, eine Cameron Montgomery betreffende Entscheidung zu fällen, solange sie nicht sicher war, ob sie noch liebevolle Regungen für ihn im Herzen trug. Warum konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen und nach London zurückkehren? Gewiss gab es dort genügend schöne Frauen, die dem begüterten Earl of Lindsay Avancen machten! In Gedanken verloren, überhörte sie die Schritte, die vor der offenen Küchentür anhielten. In diesem Moment der Arglosigkeit war etwas sehr Verletzliches an Blair Duncan. Das Licht der Sonne spielte auf dem braunen Haar, das wie Kupfer leuchtete. Blair hatte nur den einen Gedanken, Lord Lindsay unter allen Umständen aus dem Wege zu gehen. „Ah, man genießt ein geruhsames Frühstück?“, ließ eine dunkle und sehr vertraute Stimme sich vernehmen. Blair fürchtete, die Erinnerungen hätten ein Gespenst aus der Vergangenheit heraufbeschworen, und wandte den Kopf. Aber ihr überreizter Verstand hatte ihr nichts vorgegaukelt. Cameron Montgomery, Earl of Lindsay, stand tatsächlich auf der Schwelle. Es war mehrere Jahre her, seit Blair ihn dort zum letzten Male gesehen hatte. Jetzt schien seine hochgewachsene Gestalt den Rahmen zu füllen, gefährlicher denn je. „Was wollen Sie hier?“, fragte Blair Duncan und versuchte, die abgearbeiteten Hände im Schoß zu verbergen. Lord Lindsay hatte mit einem einzigen Blick das ärmliche Kleid und den trostlosen Zustand der Küche erfasst und bemühte sich, sein Mitgefühl nicht zu verraten und Miss Duncan betroffen zu machen. „Nun, ich kam, weil ich wissen wollte, ob Sie noch hier leben“, erwiderte er leichthin. Sie sollte nicht wissen, wie sehr es ihn schmerzte, sie in diesem Zustand vorzufinden. „Die letzten Male hieß es immer, Sie seien nicht da. Ich fürchtete schon, Sie könnten den Wohnsitz gewechselt haben.“ „Nein, glücklicherweise war ich bisher noch nicht dazu gezwungen“, sagte sie trocken. „Das sehe ich.“ Der Earl bückte sich, um nicht an den Türrahmen zu stoßen, und trat über die Schwelle. „Übrigens können Sie es nicht mir anlasten, dass ich über Ihre Anwesenheit im Unklaren war. Mrs Brown bewacht Sie ja wie ein Hofhund! Da ich sie heute mit Robbie im Dorf sah, hielt ich die Gelegenheit für günstig, Ihnen endlich einen Besuch abzustatten. Aber was ist aus der berühmten Hochland-Gastfreundschaft geworden? Wollen Sie mich nicht zum Frühstück bitten, Miss Duncan?“ „Mrs Brown würde bestimmt sehr böse, wenn sie Sie so reden hörte“, tadelte Blair den Earl. „Dann wollen wir es ihr auch nicht mitteilen, nicht wahr?“, sagte er verschwörerisch flüsternd und beugte sich näher zu Miss Duncan. Seine Nähe verunsicherte sie noch mehr. Sie sprang auf, goss Tee in eine Tasse und füllte am Herd ein Schüsselchen mit Porridge, hin- und hergerissen zwischen der Verpflichtung, Lord Lindsay zu bewirten, und dem dringenden Wunsch, schnellstens die Flucht zu ergreifen. Sie stellte Tasse und Napf auf den Tisch und holte noch die Zuckerdose. Betont freundlich äußerte sie dabei: „Sie nehmen doch gewiss Zucker.“ Der Earl of Lindsay überhörte die Spitze nicht. Schotten pflegten Porridge zu salzen, nur Engländer aßen ihn gesüßt. Unter dem Deckmantel der Höflichkeit gab Miss Duncan ihm zu verstehen, dass er für sie ein Eindringling war. Er lächelte unwillkürlich. Sie hatte nichts von ihrem hitzigen Temperament eingebüßt. „Wollen Sie mir nicht Gesellschaft leisten?“, fragte er und wies auf den Stuhl neben sich. Die Worte klangen zweideutiger, als Blair lieb war, und auch das verlangende Glitzern in seinem eindringlichen Blick störte sie. Hoffentlich kamen Mrs Brown und Robbie so bald wie möglich zurück! „Es wäre nicht sehr höflich, mich allein am Tisch sitzen zu lassen“, sagte Lord Lindsay herausfordernd. „Außerdem gibt es keinen Grund, es sei denn, Sie hätten Angst vor mir.“ „Es wird nie so weit kommen, dass ich mich vor einem Engländer fürchte!“, erwiderte Blair heftig und setzte sich rasch, ehe sie anderen Sinnes würde, Lord Lindsay gegenüber an den Tisch. „Das freut mich zu hören“, äußerte der Earl leicht belustigt und begann, sich schweigend dem einfachen Mahl zu widmen, das sie ihm vorgesetzt hatte. Blair Duncan beobachtete den Earl unter gesenkten Wimpern. Sein beherrschter Gesichtsausdruck verriet ihr mehr als viele Worte. Schließlich wurde ihr die Stille unerträglich, und sie bemerkte irritiert: „Ich habe Sie bewirtet, Lord Lindsay, aber Sie …“ „Vergessen Sie nicht, dass Sie mich früher Cameron zu nennen pflegten“, unterbrach er sie lächelnd. „Sie haben mir immer noch nicht verraten, was Sie unangemeldet zu mir gebracht hat“, fuhr sie unfreundlich fort und legte die Hände um die Teekanne, um nicht zu zeigen, wie sehr sie zitterten. „Nur der Wunsch, Ihnen zu sagen, dass es meiner Meinung nach für zwei alte Freunde endlich an der Zeit ist, sich gemütlich zu unterhalten. Es kann Ihnen nicht entgangen sein, dass ich erst jetzt Gelegenheit zu einem Gespräch mit Ihnen habe, seit ich nach Glenmuir gekommen bin.“ Gemächlich schob Lord Lindsay die Schüssel zur Seite. „Ich bin fest entschlossen, Sie von jetzt an öfter zu besuchen, und möchte Sie zu einem kleinen Empfang bitten, den ich bald geben werde. Da meine Einladungen in den vergangenen drei Jahren unbeantwortet geblieben sind, wollte ich diese persönlich überbringen.“ Blair errötete heftig, doch nicht aus Scham, weil sie seine Bemühungen, die Kinderfreundschaft zu erneuern, bisher missachtet hatte. Nein, sie war zornig, weil sie an die unbeantwortet gebliebenen, schwärmerischen Briefe dachte, die sie ihm nach der Abreise nach England geschrieben hatte. Doch das würde sie ihm niemals eingestehen. Er sollte nicht wissen, wie sehr sein zwölf Jahre währendes Schweigen sie verletzt hatte. Aber das war Vergangenheit. Wie alle, die in Glenmuir lebten, hatte Blair genug damit zu tun, sich um die Zukunft Sorgen zu machen, und in ihrem zukünftigen Leben gab es keinen Platz für den Earl of Lindsay. „Leider werde ich keine Zeit haben“, sagte sie endlich. „Keine Zeit? Sie kennen nicht einmal das Datum!“, widersprach er. „Richtig, aber vor den Festtagen finde ich für gesellschaftliche Anlässe wirklich keine Muße“, verteidigte sie sich und stand hastig auf, um den Tisch abzuräumen. Nun musste der ungebetene Besucher endlich begreifen, dass Gespräch und Frühstück beendet waren und er sich zu verabschieden hatte. „Gewiss werden Sie am Heiligen Abend den Gottesdienst besuchen“, wandte Lord Lindsay beharrlich ein, während sie das Geschirr zum Spülstein trug. „Wenn eine Teilnahme an meiner kleinen Soirée nicht infrage kommt, gestatten Sie mir wenigstens, Sie zur Kirche zu begleiten. Danach könnten wir beide zwanglos in Lindsay Hall dinieren. Denn bis dahin, das müssen Sie zugeben, wird Ihre Arbeit im Dienste der Nächstenliebe getan sein. Wenn nicht, werde ich Ihnen gern dabei helfen.“ „Ich gebe überhaupt nichts zu“, sagte Miss Duncan und hob unwillkürlich die Stimme. Ihr Redlichkeitssinn geriet durch Lord Lindsays starke männliche Ausstrahlung ins Wanken, und das verstärkte ihre nervliche Spannung noch mehr. „Blair, meine schöne Blair, haben Sie denn vergessen, dass wir einmal Freunde waren?“, fragte der Earl sanft, stand auf und stellte sich hinter sie. Der warme Hauch seines Atems, der ihren Hals streifte, war mehr, als sie ertragen konnte. Lieber wollte sie der aufsteigenden Leidenschaft im Zorn Luft machen, statt ihr nachzugeben. „Wir sollten besser nicht von Freundschaft reden, Mylord“, entgegnete sie erregt und drehte sich um. „Ich hatte einst Freunde, die ich niemals wiedersehen werde. Freunde, die auszuwandern gezwungen waren, nur damit sie überleben konnten. Damals wurden große Teile des Connery-Besitzes verkauft, und es gab keinen Platz mehr für diese Menschen. Ich fände es nicht sehr anständig von mir, wollte ich den Mann zu meine Freunden zählen, der ihnen das angetan hat. Wie können Sie nach allem, was geschehen ist, noch das Wort Freundschaft in den Mund nehmen?“ „Miss Duncan, mit all diesen Ereignissen hatte ich nichts zu tun“, verteidigte Lord Lindsay sich heftig. „Wollen Sie leugnen? Erst nach dem Tode Ihres Vaters, seit Sie Träger des Titels und Herr der Ländereien waren, wurden Grund und Boden aufgeteilt und viele Schotten vertrieben.“ „Aber ich hatte das nicht befohlen. Jahre zuvor hatten wir ausgedehnte Ländereien verloren, die von meinem Vater als Pfand für seine Spielschulden eingesetzt worden waren. Seine Freunde und Bekannten waren nur freundlich genug, ihn nicht bloßzustellen, und warteten, bis er gestorben war, ehe sie ihren Anteil verlangten. Was mir blieb, war das Herrenhaus mit den wenigen umliegenden Feldern. Ich hätte daran nichts ändern können.“ „Sie hätten es wenigstens versuchen sollen“, erwiderte Miss Duncan wütend. „So glauben Sie mir doch! Ich war mir über die Lage gar nicht im Klaren, bevor es zu spät war. Oder denken Sie wirklich, ich hätte das gewollt?“ „Warum haben Sie die Parzellen nicht zurückgekauft?“, fragte sie und beeilte sich, wieder die Breite des Tisches zwischen sich und den Earl of Lindsay zu bringen. „Ich habe alles darangesetzt, alles! Keiner wollte verkaufen. Es ist doch Mode in England, einen Landsitz, Jagdgebiete oder eine Fischerhütte in den Highlands zu haben. Keiner von Vaters Gläubigern wollte sich von seiner Beute trennen, nicht einmal Haverbrook, obwohl ich ihm mehr bot, als der Boden wert ist.“ Blair musterte den Earl. Er hatte die Hände auf die Tischplatte gestützt und lehnte sich erregt vor. Sein ansprechendes, ernstes Gesicht war ihr sehr nahe. Und plötzlich erkannte sie in ihm wieder den geliebten Knaben von einst, der sie um Verständnis bat. Diese Erkenntnis traf sie wie ein Schlag, und ihr erster Impuls war, sie so zu verdrängen wie die Einsicht, dass Lord Lindsay die Wahrheit gesprochen hatte. „Ich glaube Ihnen kein Wort“, sagte sie hitzig. Jäh stieg der Zorn in ihm auf. Wie konnte sie so etwas äußern? Er ging zu ihr, bis sie nicht mehr zurückweichen konnte, und schaute sie eindringlich an. „Begreifen Sie denn nicht, dass ich trotz der Jahre immer noch der Cameron bin, den Sie gekannt haben, und nicht irgendein zweiter Haverbrook? Oder täusche ich mich, wenn ich annehme, Sie hätten mir damals wirklich vertraut?“, fragte er bemüht sanft. Aber es gelang ihm nicht ganz, den Zorn bei dem Gedanken zu verbergen, Blair Duncan hätte sich nie ernsthaft etwas aus ihm gemacht. „Wenn Sie tatsächlich anders sind als die übrigen Engländer, dann sagen Sie mir doch, warum Sie Schottland so lange den Rücken gekehrt haben, Sir!“ Blair spürte, dass sie an Boden verlor, und wollte sich nicht von seiner Nähe einschüchtern lassen. „Warum haben Sie bis vor drei Jahren gewartet, um nach Glenmuir zurückzukommen? Damit haben Sie das Schicksal von Dutzenden von Familien dieser Gegend besiegelt. Ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen das verzeihen kann.“ „Auch ich sehnte mich zurück, Madam, aber ich konnte mich nicht überwinden“, erklärte er in beherrschtem Ton, besänftigt durch Miss Duncans unverkennbar starke Gefühle. „Und warum?“, fragte Blair, obgleich sie wusste, dass es ihr nicht um seine lange Abwesenheit ging, sondern nur darum, warum sie von ihm im Stich gelassen worden war. „Ich konnte nicht wiederkommen“, antwortete er, streckte behutsam die Hand aus und strich Miss Duncan zärtlich eine Locke aus der Stirn. „Bis zu seinem Tod war Vater Herr in Lindsay Hall. Seit Mutter nicht mehr lebt, blieb das Haus verschlossen. Er konnte es nicht über sich bringen, den Ort wiederzusehen, an dem sie entschlafen war. Aus Kummer verweigerte er auch mir die Möglichkeit zur Rückkehr.“ „Sie hätten trotzdem nach Glenmuir kommen können“, sagte Blair trotzig. „Es gibt weit und breit nicht einmal einen Gasthof. Wo hätte ich bleiben sollen?“ Der Earl unterdrückte den Wunsch, Blair Duncan in die Arme zu nehmen und sich endlich wieder daheim fühlen zu können. „Bei uns! Vater hätte Sie nicht vor die Tür gesetzt.“ „Seien Sie vernünftig! Wie sollte ich das wissen? Wie viele Jahre waren inzwischen vergangen, ohne dass eine Verbindung zwischen uns bestand! Ich konnte nicht einfach kommen und erwarten, bei Ihnen Aufnahme zu finden.“ „Wir hätten Sie mit offenen Armen aufgenommen“, wandte Miss Duncan starrsinnig ein, und in ihren blauen Augen glitzerten Tränen. „Jetzt bin ich hier“, sagte der Earl zärtlich. „Sie könnten mich mit offenen Armen empfangen.“ „Dazu ist es zu spät“, erwiderte sie barsch und drängte sich an ihm vorbei. „Es ist nie zu spät. Blair, ich habe mich immer nach dir gesehnt.“ Seine Stimme klang rau vor Verlangen. „Bin ich es, nach der Ihnen der Sinn steht, oder ist es nicht vielmehr mein Besitz? Können Sie leugnen, dass Sie ihn auch gern aufteilen und an Ihre Freunde verschachern würden?“ Blair war so bestürzt und außer sich, dass sie nicht einmal bemerkte, wie sehr die anklagenden Worte Lord Lindsay verletzt hatten. Der Schmerz stand ihm deutlich im Gesicht geschrieben. „Vielleicht haben wir für den ersten Tag schon zu viel geredet“, sagte er, bemüht, nichts von seiner Bestürzung zu verraten. „Es ist besser, wenn ich jetzt aufbreche. Aber wir werden uns aussprechen. Wir müssen es.“ „Gehen Sie! Sofort!“ Miss Duncan wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel. „Und du willst mir nichts sagen?“, fragte er, unfähig, sich zu entfernen, bevor ein altes Ritual vollzogen war. „Was?“, erkundigte sie sich argwöhnisch. „Das Hochlandlebewohl. Nie habe ich dieses Haus verlassen, ohne dass du es mir mitgegeben hättest.“ Sie schwieg, und sanft legte der Earl ihr die Hand auf den Arm. „Ich kann es heute noch auswendig, und ich habe auch nicht vergessen, wie aufrichtig deine Stimme früher klang, wenn du die Worte sprachst. Heißt es nicht: ‚Wie schön wäre es, kämst du erst jetzt, statt schon Abschied zu nehmen?‘ Willst du es mir nicht sagen, Blair?“ „Nur wenn Sie wollen, dass ich lüge, Sir“, antwortete sie schroff. Die Tränen stiegen ihr in die Augen und rannen ihr über die Wangen. Er hatte eine Erinnerung erweckt an eine Beziehung, für die es keinen Platz mehr in ihrem Leben gab. „Gut, lassen wir das. Ich möchte nicht, dass du mich jemals belügst. Du nicht.“ Lord Lindsay wollte sie beruhigen, sie nicht noch mehr aus der Fassung bringen. Er beugte sich über Miss Duncan, um sie auf die Stirn zu küssen. Doch die Berührung ließ ihn sehr schnell vergessen, dass es nur eine brüderliche Geste des Trostes sein sollte. Unfähig, sich von Blair zu lösen, suchte er ihren Mund. Der Kuss verriet sehr beredt die Leidenschaft und das Verlangen, die er nicht in Worten hatte ausdrücken dürfen. Dennoch befriedigte es ihn nicht, seinem Herzen nur mit einem Kuss Erleichterung zu verschaffen. Erregt und entflammt, begehrte er Blair nun mit aller Leidenschaft und rückhaltlos. Wider Willen riss er sich von ihr los und schaute sie fest an. Überwältigt von den Empfindungen, die sein Kuss hervorgerufen hatte, erwiderte sie betroffen seinen Blick. Es schien, als wolle er sie etwas fragen, doch dann wandte er sich ab, und der Bann war gebrochen. Nachdem Lord Lindsay gegangen war, wirkte das einsame alte Haus doppelt so leer. 3. KAPITEL „Seit ich aus Glenmuir zurück bin, haben Sie nichts getan, als herumzuzappeln und zu seufzen. Was ist denn in Sie gefahren, Miss?“, fragte Mrs Brown und verschloss den letzten Topf Marmelade. Für die sonst so beherrschte Blair Duncan war es äußerst ungewöhnlich, so rastlos zu sein. „Nichts. Ich bin nur ein wenig müde“, murmelte Blair und schlug die Augen nieder, während sie das Gefäß auf ein Tablett stellte. „Ich habe die ganze Nacht kaum geschlafen, weil ich dauernd an die Weihnachtskörbe denken musste und an …“ „Wenn Sie kein Auge zugetan hätten, wären Sie nicht so voll überschüssiger Energie“, stellte die Haushälterin argwöhnisch fest und beäugte die Miss, die angelegentlich damit beschäftigt war, die Gläser auf dem Tablett hin und her zu schieben. Blair fühlte den forschenden Blick der Frau auf sich. Seit dem Tode des Laird und der Entlassung der meisten Dienstboten war der Haushalt zusammengeschrumpft, aber alles verlief in geregelten Bahnen. Auch wenn Blair kein überschüssiges Geld besaß, lebte sie mit den Angestellten doch in einer Atmosphäre der Wärme, Aufrichtigkeit und Zuneigung. Bis jetzt war sie immer offen und ehrlich gewesen, aber nun fiel es ihr schwer, die Geschichte des unerwarteten Besuchers zu gestehen. Sie fühlte sich schuldig, dass sie Mrs Brown etwas verbarg, selbst wenn Verschweigen nicht gerade eine Lüge bedeutete. Sie gehörte zu jenen Menschen, die gewöhnlich sagten, was sie dachten. Das Erscheinen des Earl of Lindsay hatte die Lage jäh verändert. Um sich von den quälenden Gewissensbissen abzulenken, trug Blair rasch das Tablett mit den Marmeladentöpfen ins Speisezimmer und stellte es auf den großen Esstisch, mitten unter die Schätze, die sie für die Ärmsten der Armen gesammelt hatte. So entging sie zwar der kritischen Aufmerksamkeit der Wirtschafterin, doch nicht dem inneren Aufruhr. Noch jetzt, Stunden nachdem Lord Lindsay gegangen war, brannte ihr sein Kuss auf den Lippen, als hätte sie ihn eben erst bekommen. Die Kälte im ungeheizten Speisezimmer konnte die Flamme nicht löschen, die Camerons Mund entfacht hatte. Blair mochte es drehen und wenden, wie sie mochte, Cameron, Earl of Lindsay, ging ihr einfach nicht aus dem Sinn. Er hatte sich verändert. Jahrelang war Blair imstande gewesen, die schmerzliche Sehnsucht in Schranken zu halten, die seine Liebeserklärung und sein erster scheuer Kuss vor langer Zeit in ihr geweckt hatten. Heute jedoch war er ein anderer, nicht länger der Knabe, der schon in frühester Kindheit ihr Herz gewonnen hatte. Jetzt war er ein Mann. Etwas Gefährliches haftete ihm an, etwas Wildes, Verwegenes, selbst in der häuslichen Umgebung von Duncan House. Und der neue Kuss hatte nichts mehr gemein gehabt mit dem, an den Blair sich erinnerte. An diesem Morgen war ihr, als hätte Cameron mit dem heißen Kuss ihre ganze Seele in Aufruhr versetzt und jeden Gedanken an die einst so sanfte und scheue Berührung ihrer Lippen ausgebrannt. Jahrelang hatte sie die Erinnerungen lebendig erhalten, doch nun wurden sie von einem Gefühl verdrängt, das sie Camerons Gegenwart und sein Verlangen noch immer spürbar empfinden ließ, obgleich er längst gegangen war. Zum Teufel mit ihm! dachte sie zornig. Wohin hatte sich die Beglückung, die Zufriedenheit verflüchtigt, die beim Anblick des Weihnachtsschmuckes und der halb gefüllten Körbe und beim Gedanken an die Freude, die diese kleinen Liebesgaben den Beschenkten bringen würde, die Eintönigkeit des Lebens verblassen ließ? Wohin Blair auch schaute, überall sah sie Cameron vor sich. Sein Bild verfolgte sie so sehr, dass alles Vorgefühl auf das Weihnachtsfest es nicht auszulöschen vermochte. Welche Frechheit, in ihr friedliches Dasein einzudringen! Wie konnte er es wagen, ihr die Feiertage so zu vergällen? Bisher hatte die vorweihnachtliche Zeit geholfen, das Ungemach der übrigen elf Monate vergessen zu machen. Und woher nahm er die Unverfrorenheit, Blair so zu küssen? Noch schlimmer war, dass er über sein Handeln nicht im Geringsten erschüttert schien. Wahrscheinlich bedeutete ihm der Kuss nicht mehr als der andere, mit dem er vor Jahren sein falsches Versprechen besiegelt hatte. Sonst wäre er ganz gewiss heute Morgen nicht so brüsk und wortlos gegangen. Warum kehrte er nicht endlich nach London zurück? Er sollte ihr für alles büßen, was durch seine Schuld in der Umgebung von Glenmuir geschehen war, vor allem auch für den Aufruhr, den er in ihrem bisher so stillen Dasein ausgelöst hatte. Hoffentlich suchte ihn der geheimnisvolle Wohltäter der Armen in diesem Jahr besonders arg heim! Es geschah ihm recht, wenn er beraubt und bestohlen wurde. Vielleicht zog er es dann vor, für immer nach England zu gehen und nie wieder einen Fuß auf schottischen Boden zu setzen. Schließlich hieß es ja, zur Weihnacht dürften selbst Erwachsene träumen und geheime Wünsche hegen, dachte Blair boshaft. Das rachsüchtige Gefühl wich schnell Schuldbewusstsein. Sie seufzte und beeilte sich, die Marmeladentöpfe zu beschriften. Was war nur aus dem Frieden auf Erden geworden, den das Christfest verhieß? Wieso war sie durch einen Kuss so aus der Fassung geraten? Doch wozu nach einer Antwort suchen? Während sie kleine Stechpalmenzweige in die Ecken der Klebezettel zeichnete, wusste sie recht gut, dass sie Lord Lindsay von nun an aus dem Wege gehen musste. Und dieser Entschluss wurde keineswegs aus Zorn geboren, sondern war reine Notwendigkeit, sich selbst zu schützen. Sie sah auf und bemerkte Mrs Brown, die sie von der Tür aus beobachtete und sich die Hände an der Schürze abwischte. Sie lächelte gewinnend und begann, über die nahen Feiertage zu plaudern, um die Haushälterin versöhnlich zu stimmen. Wenn Lord Lindsay keine Zeit daran verschwendete, an Blair zu denken, und der Kuss seinen Seelenfrieden nicht zu erschüttern vermochte, warum sollte sie sich dann davon verstören lassen? Diese Einsicht änderte allerdings wenig daran, dass Blair sich elend fühlte. Sobald Mrs Brown gegangen war, schwand auch das Lächeln aus ihrem Gesicht. Es war stockfinster und die Luft kalt und schneidend. Cameron Montgomery, Earl of Lindsay, zog einen Strohhalm aus dem Haar und veränderte, die Pistole in der Hand, lautlos die Stellung, während er darauf wartete, dass der Bedienstete sich endlich nach der nutzlosen Suche ins Haus zurückziehen würde. Zwar schlug sein Herz heftig, doch er atmete ruhig und zeigte nicht, wie sehr er sich in den letzten Stunden körperlich angestrengt hatte. Seine Miene war wie aus Stein gemeißelt und verriet nichts von den Gefühlen, die in ihm tobten. Der Verfolger rief Befehle. Vermutlich beteiligten sich noch andere Männer an der Jagd nach dem Eindringling. Cameron unterdrückte eine Verwünschung und grollte sich wegen des halsbrecherischen Wagnisses, in das er sich verstrickt hatte, statt gemütlich daheim am Kaminfeuer zu sitzen und einen Whisky zu trinken. Missvergnügt fragte er sich, was er eigentlich hier zu tun hatte. Das Stroh kratzte ihn erbärmlich. Die Antwort war denkbar einfach. Es ging um Blair Duncan. Es war ihre Schuld, dass er unter diesen Umständen überhaupt unterwegs war. Zugegeben, er hatte solche Abenteuer in der Vergangenheit oft genug gewagt, in dieser Nacht jedoch nicht eingeplant. Erst die Begegnung mit Blair Duncan hatte ihn rastlos gemacht. Nur deshalb war er ausgezogen, einem anderen das Eigentum zu stehlen. Diesmal hatte es sich freilich nicht gelohnt. Er unterdrückte einen Seufzer. Tief in die schützenden Schatten geduckt, musste er sich eingestehen, dass er keineswegs Genugtuung empfand und sein Verlangen nicht gedämpft war. Es war zu spät. Er war sich bewusst, dass nach dem Zusammentreffen mit Blair Duncan nichts ihn mehr trösten könnte. Nur sie beschäftigte seine Gedanken, nur nach ihr stand ihm der Sinn. Stattdessen versteckte er sich jetzt in einem Heuschober! Dabei hätte er ein fröhliches und geruhsames Christfest verbringen können! So jedoch würde sein Verlangen nach Blair ihn wahrscheinlich um den Verstand bringen, ehe der Weihnachtstag heraufdämmerte. Er wurde zornig, als er an Haverbrooks Rat dachte. Fahrig schob er sich eine schwarze Locke aus der Stirn. Er war ein Narr gewesen, auf Harry zu hören. Wie ein verliebter Trottel war er zu Blair Duncan gestürzt, hatte sie verärgert und sich wie ein schwachsinniger Tölpel aufgeführt. Damit nicht genug, merkte er, gleichermaßen niedergeschlagen und wütend, dass nun auch die geringste Chance dahin war, mit Blair ins Reine zu kommen und sie nach all den Jahren wieder für sich zu gewinnen. Es war leichter gesagt als getan, ins Horn zu stoßen und die Jagd zu beginnen. Der Fuchs hatte sich in seinen Bau zurückgezogen; der Jäger saß in einem verdammten Heuschober fest, und die Landjunker hetzten ihm die Diener auf den Hals. Selbst jetzt, da die Stimme des Verfolgers aus nächster Nähe laut wurde, machte Cameron sich mehr Gedanken, wie er es anstellen könne, einen Weg zu Blair zu finden, als Sorgen um die eigene Sicherheit. Als Knabe hatte er Blair innig geliebt, als Mann begehrte er sie mehr als jede andere Frau. Die Zärtlichkeit, die er in der Jugend für sie empfunden hatte, ließ sich nicht mehr mit dem Gefühl des vergangenen Morgens vergleichen. Seine Regungen waren drängender, leidenschaftlicher, fordernder. Und er konnte nicht einmal etwas dagegen tun. Je mehr er sich auflehnte, desto stärker geriet er in den Wirbel der Leidenschaft. Was sollte daraus werden? Er versuchte sich einzureden, dass Blair ihm nur eine Freundin aus der Kindheit war, nicht mehr. Und selbst diese lose Beziehung schien nicht länger zu bestehen. Blairs Benehmen in der Küche von Duncan House hatte daran keinen Zweifel gelassen. Der Verfolger hatte endlich eine andere Richtung eingeschlagen. Cameron trauerte dem verlorenen Knabentraum nach. Blair Duncan war nicht mehr das sorglose, lachende kleine Mädchen, das ihm einen festen Platz in seinem Herzen gegeben hatte. Sie war jetzt eine ernsthafte junge Frau, die beinahe alles im Leben verloren hatte und nichts mehr mit Cameron zu tun haben wollte. Seltsam, sie bedurfte keines großartigen Rahmens, um ihre Schönheit leuchten und funkeln zu lassen. Wenngleich die erwachsene Blair nicht länger vor Übermut überschäumte, so strahlte sie doch starke Sinnlichkeit aus. Und Cameron wollte der Mann sein, der den Funken ihrer Leidenschaft zur Flamme anfachte. Sie war eine verführerische Sirene und nicht der Engel der Barmherzigkeit, der zu sein sie vorgab. Da halfen alle Gaben und Geschenkkörbe für die Armen nichts. Er wechselte die unbequeme Stellung, bemüht, keinen Lärm zu machen und seine Beute nicht umzustoßen. Wenn Blair unbedingt Gutes tun wollte, so konnte sie auch Cameron einbeziehen. Ein lüsternes Glitzern flackerte in seinen Augen bei dem Gedanken auf, was er Blair schenken würde. Der Morgen hatte eine schmerzliche Erkenntnis gebracht. Lange war Cameron der Meinung gewesen, Blairs Widerstand gegen eine Wiederaufnahme der alten Freundschaft wurzelte in der Tatsache, dass die Duncans völlig verarmt waren und übergroßer Stolz sie dazu trieb, dem einstigen Freund auszuweichen. Unsicher, wie er dieses Hindernis beseitigen könne, hatte er auf Geduld und den Beweis seiner Zuneigung gesetzt. Aber es hatte nichts geholfen. Nun kannte er Blairs tiefe Verachtung. Außer Geringschätzung und heftigen Vorwürfen hatte sie nichts für ihn übrig, kein Vertrauen, nicht die Spur eines Gefühls. Das hatte sie ihm nur allzu deutlich zu verstehen gegeben. Sein Stolz war tief verletzt. Blair verhielt sich unvernünftig, wenn sie ihm diese lächerlichen Vorhaltungen machte. Denn er fühlte sich trotz allem mit Schottland verbunden, liebte es und mochte die Bewohner. Eines Tages würde sogar Blair Duncan begreifen, dass sie ihm bitter unrecht getan hatte. Endlich schien die Luft rein zu sein. Er stand auf, klopfte sich die Strohhalme ab und hob den schweren Sack mit Äpfeln auf die Schultern. Über das Feld strebte er der Sicherheit des Waldes zu. Mit jedem Schritt trieb es ihn mehr, noch einmal zu Blair zu gehen, ihr von seinen Gefühlen für Schottland und ihre Landsleute zu sprechen, ihr zu gestehen, wohin ihn diese Zuneigung gebracht hatte. Wahrscheinlich wäre er dann in einem ganz anderen Licht erschienen. Aber er konnte ihr die Wahrheit nicht sagen. Es war viel besser, wenn Blair von seinen nächtlichen Unternehmungen nichts wusste. Trotz des guten Zweckes handelte er gegen Recht und Gesetz. Wenn sie erfuhr, dass er es war, den man den Engel der Weihnacht nannte, konnte das für sie schwerwiegende Folgen haben, sobald man ihm auf die Spur kam. Niemals würde er sie wissentlich in Gefahr bringen wollen. Da er nicht mehr verfolgt wurde, erlaubte er sich einen unterdrückten Fluch und nieste. Selbst der schwere Wollmantel bot nicht genügend Schutz gegen die Kälte der Nacht, ebenso wenig wie englischer Charme gegen die Kälte eines schottischen Herzens. Wieder nieste er und vermutete, dass der Beutezug ihm einen Schnupfen einbringen würde. Das hatte er nun von der Narretei! Ein Sack Äpfel, aus Lord Fairfax’ Obstkeller gestohlen, war die bisher armseligste Ausbeute, die obendrein die unangenehmsten Folgen nach sich zu ziehen schien. Bei Gott, das Leben war verdammt unberechenbar! Nach beschwerlich langem Weg erreichte Cameron endlich die verlassene Jagdhütte, in der er das Diebesgut verborgen hielt. Bald würde er die Verteilung an die Bedürftigen beginnen. Seine Laune besserte sich keineswegs, als sein Blick auf die Schachteln mit den für Blair in London geschneiderten Roben fiel. Wenn es nach ihr ging, würde sie die Kleider nie tragen. Missmutig stellte er den Sack ab. Vielleicht hatte sie ja recht, vielleicht sollte er sie wirklich besser in Ruhe lassen. Sie hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollte. Und er war nicht der Mann, der sein Leben damit verbrachte, einer Frau nachzutrauern, die sich nichts aus ihm machte. Er zog die Tür ins Schloss und versperrte sie, als er das halb verfallene Gemäuer verließ. Er fror, und sein männlicher Stolz war verletzt. Er war sich gram und verfluchte sein Verlangen nach Blair Duncan. Er beschloss, sie zu vergessen. Natürlich hatte er sie darum gebeten, sich mit ihr aussprechen zu können, aber es würde ihr bestimmt nicht schwerfallen, über den Wortbruch hinwegzusehen. Es war wohl besser für sie beide, wenn er ihr fernblieb, dem Dorf und den Einheimischen aus dem Wege ging und Blair niemals wiedersah. Am späten Vormittag hielt eine Karosse vor dem Portal von Duncan House, und der Earl of Haverbrook stieg aus. Er ging die wenigen Stufen hinauf und ließ den Türklopfer in Form einer Distel gegen die Messingplatte fallen. Er bemerkte, dass stellenweise die Farbe der Tür abgeblättert war, und brummte missbilligend. Mit einem neuen Anstrich und einigen Verschönerungen musste das weitläufige Anwesen einer der reizvollsten Jagdsitze für einen glücklichen Engländer sein, der das nötige Kleingeld und die Energie besaß, die bezaubernde Miss Duncan für sich zu gewinnen. Lord Haverbrook wurde aus den Gedanken gerissen, als die Haustür von einem alten Mann geöffnet wurde. Die finstere Miene, der graue Bart und das wirre Haar ließen den Diener ziemlich grimmig erscheinen. Auf die Frage des Earl, ob Miss Duncan zu sprechen sei, wurde er mit knapper Geste zum Eintreten aufgefordert. Im Speisezimmer war Miss Duncan damit beschäftigt, Tannenästchen und Stechpalmenzweige in einer antiken Vase zu ordnen. Auf dem Esstisch standen große Tabletts mit Teekuchen. „Guten Tag, Mylord“, sagte sie. Trotz der Verblüffung über den unerwarteten Besuch bewahrte sie Haltung. Nicht einmal die Andeutung eines Lächelns huschte über ihr Gesicht. „Was führt Sie zu mir? Doch nicht etwa das Angebot, mein Land zu kaufen?“ „Großer Gott, nein“, protestierte der Earl lachend. Er fand ihre offene Art entzückend. Es würde im höchsten Grade amüsant sein, Cameron zuzuschauen, wie er sich um die Widerspenstige bemühte. „Ich war eben in der Nachbarschaft und habe unserem Freund einen Besuch abgestattet. Der Arme fühlt sich nicht wohl, doch das tut nichts zur Sache …“ „Oh doch!“, unterbrach ihn Miss Duncan errötend. Bei der Erwähnung des Mannes, den nie wiederzusehen sie sich geschworen hatte, war ein scharfer Ton in ihrer Stimme mitgeschwungen. „Wie dem auch sei“, fuhr Lord Haverbrook fort, „ich dachte mir, ich könnte die Gelegenheit nutzen und mich nach Ihrem Befinden erkundigen.“ Miss Duncan schaute ihn argwöhnisch an. „Dann darf ich wohl fragen, wie es Ihrer Gattin geht?“ „Sie erfreut sich bester Gesundheit“, antwortete er und verbiss sich das Lachen über die unmissverständliche Abfuhr. „Außerdem bin ich einem Geheimnis auf der Spur. Aber ich muss sagen, diese Plätzchen und Kuchen duften köstlich …“ „Wollen Sie nicht eines versuchen?“ Blair Duncan läutete und bat die Haushälterin, Tee zu bringen, auch wenn es ihr zuwider war, dass die Gastfreundlichkeit sie dazu zwang, Seiner Lordschaft etwas anzubieten, was für die Dorfbewohner bestimmt war. Er und seinesgleichen trugen die Schuld, wenn die Leute in Glenmuir nicht genug zu essen hatten. Gab es denn überhaupt keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt? Gestern Lord Lindsay, jetzt der Earl of Haverbrook! Erwartete man von ihr, jeden Engländer zu bewirten, nur weil Weihnachten vor der Tür stand? Dennoch war Blair eine vollendete Gastgeberin. Sie schnitt ein großes Stück vom Teekuchen ab und goss dem Gast anmutig eine Tasse Tee ein. Über den Rand ihres Tässchens beobachtete sie ihn dann, sobald er Platz genommen hatte. „Sagen Sie mir“, fuhr sie fort, jeder Zoll die Tochter des alten Laird und Herrin des Hauses, „was Sie hergeführt hat. Sie erwähnten ein Geheimnis.“ „Ich frage mich, warum wir uns noch nie in Gesellschaft begegnet sind. Von Cameron weiß ich, dass Sie uns Engländern ausweichen und jede seiner Einladungen ausgeschlagen haben.“ „Was soll daran geheimnisvoll sein, Sir? Ihr Engländer habt in Schottland nichts zu suchen“, sagte Miss Duncan und stellte die Tasse so heftig nieder, dass es klirrte. „Sie können doch nicht annehmen, dass es Ihrer Sache nutzt, wenn Sie uns so abweisend behandeln, oder gar den Leuten, deren Wohl Ihnen so sehr am Herzen liegt?“ „Ich bezweifle, dass Unterhaltungen mit Ihnen oder der Besuch Ihrer Gesellschaften Sie und Ihresgleichen bewegen könnte, den Anspruch auf den Besitz der Connerys aufzugeben“, erwiderte Miss Duncan scharf. „Natürlich nicht, genau wie Sie niemals Duncan House verkaufen würden. Das heißt freilich nicht, dass man mich nicht überreden könnte, etwas für die Leute der Umgebung zu tun, um ihnen das Leben zu erleichtern. Auch die anderen englischen Großgrundbesitzer würden vielleicht ähnlich reagieren.“ „Und wie haben Sie sich das vorgestellt?“, fragte Blair Duncan vorsichtig. „Nun, Madam, wenn ich jemanden wüsste, der mir einen ehrlichen Schotten empfehlen kann, würde ich lieber eine Anzahl Einheimischer als Personal verpflichten, statt jedes Mal die Dienstboten mitzubringen. Gleiches kann ich auch von meinen Freunden annehmen. Natürlich könnte man damit das eigentliche Problem nicht aus der Welt schaffen, aber die Menschen hätten mehr zu essen, und mancher könnte im Lande bleiben, statt auszuwandern. Dann brauchten Sie sich nicht mehr um so viele den Kopf zu zerbrechen.“ „Und was sollte ich dazu tun?“, fragte Blair wider Willen. „Sie wissen, dass wir die längste Zeit abwesend sind. Wir können nicht irgendwelchen Leuten die Sorge für unsere Häuser anvertrauen. Wir müssten sicher sein, dass jemand bereit ist, ehrliche Arbeit zu leisten, statt hinterrücks gegen uns zu rebellieren. Sie kennen die Einheimischen gut und können mit einer Empfehlung viel für sie tun. Aber dazu müssten auch die anderen englischen Grundherren mit Ihnen in Verbindung treten, und deshalb ist es nötig, dass Sie sich in Gesellschaft zeigen.“ „Ich weiß nicht recht“, antwortete Miss Duncan zweifelnd und schüttelte den Kopf. „Denken Sie ein wenig darüber nach, Madam“, riet ihr Lord Haverbrook im verbindlichsten Ton, blickte auf eine kostbare, edelsteinbesetzte Taschenuhr und stand auf. „Morgen Abend kommen wir im kleinen Kreis zusammen. Es wäre mir ein Vergnügen, wenn Sie uns die Ehre geben würden.“ „Und Lord Lindsay? Wird er auch kommen?“, erkundigte sich Blair und überlegte, ob sie die Einladung nicht doch annehmen solle. „Das bezweifle ich, Miss Duncan. Natürlich habe ich ihn zu uns gebeten, aber seine Verfassung wird es wohl nicht zulassen“, log der Earl, ohne mit der Wimper zu zucken. „Ich hoffe, dass Sie das nicht abhalten wird. Meine Gemahlin wäre entzückt, und Sie würden sich gewiss gut unterhalten. Denken Sie nur, welch wunderbares Weihnachtsgeschenk für einige der Dörfler eine Anstellung wäre“, sagte er mit der Kraft der Überzeugung. „Willigen Sie ein, dass Sie kommen werden.“ „Gut, Mylord, dieses eine Mal“, stimmte Miss Duncan zu, bevor sie es sich anders überlegen konnte. Während sie Lord Haverbrook voll Genugtuung gehen sah, versuchte sie, sich einzureden, dass ihr Entschluss für alle das Beste war. So würde sie wenigstens einigen Ortsbewohnern helfen können, und dem Earl of Lindsay musste sie auch nicht begegnen. 4. KAPITEL Blair Duncan hielt pflichtschuldig still, als Mrs Brown ihr die Falten des Tartan in den Clansfarben der Duncan an der Schulter ordnete. Die alte Tracht war schön und zeitlos. So hinreißend sie auch darin aussah, die Haushälterin schien keineswegs glücklich über den Anlass, der Blair bewog, die Festkleidung der Hochländer zu tragen. Zwar sprach Mrs Brown die Missbilligung nicht aus, doch der kritische Blick sprach Bände. „Sie müssen nicht auf mich warten“, sagte Blair, und in ihrer Stimme schwang leichter Trotz mit, „Robbie bringt mich ganz bestimmt sicher nach Haus.“ Glaubte Mrs Brown allen Ernstes, sie wolle sich mit den verhassten Engländern verbrüdern? Dabei hatte sie ihr doch erklärt, dass der Entschluss, die Einladung anzunehmen, einzig damit zu tun hatte, Arbeitsplätze für Einheimische zu finden. In Anbetracht des Opfers, das sie gerade brachte, wäre seitens der Haushälterin wenigstens ein kleines Zeichen des Mitgefühls angemessen gewesen. Bei diesem Gedanken stieg Blair die Zornesröte in die Wangen. Mrs Brown missdeutete das allerdings als aufgeregte Reaktion eines romantisch veranlagten jungen Mädchens und fühlte sich in dem Argwohn bestärkt, dass irgendwo ein englischer Verehrer im Spiel war. Mürrisch presste sie die Lippen zusammen. Immerhin stand es ihr nicht zu, sich zu der Angelegenheit zu äußern, wenigstens nicht in klaren Worten. Sie beschränkte sich darauf, hörbar zu seufzen, und verließ den Raum sichtlich entrüstet. Die Fahrt zum Landsitz Lord Haverbrooks war ziemlich kurz, und Blair hatte das Gefühl, viel zu früh einzutreffen. Sie hatte die widerstreitenden Gefühle noch nicht ordnen können und war nicht sicher, ob sie mit ihrer Zusage die richtige Entscheidung getroffen hatte. Das beharrliche Schweigen des alten Robbie trug nicht dazu bei, ihr das Herz zu erleichtern. Selbst wenn er gesprächig war, pflegte er sich auf einige Worte zu beschränken. Heute Abend jedoch entlockte ihm jeder Versuch, ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln, nicht mehr als ein unwirsches Murmeln. Vielleicht hatten er und Mrs Brown recht, und Blair hätte nicht fahren sollen. Jedenfalls war es jetzt zu spät, die Meinung zu ändern und nach Duncan House zurückzukehren. Schon hatte die kleine, schäbige Kutsche Haverbrooks Jagdgebiet hinter sich gelassen und bog in die Auffahrt zum Herrenhaus ein. Dutzende von Laternen beleuchteten den Kiesweg. Das Gebäude war kein Jagdsitz, wie Lord Haverbrook es gerne nannte, sondern eher ein Schlösschen. Robbie half Miss Duncan aus dem Wagen, und ein Diener geleitete sie die geschwungene Freitreppe hinauf. Sie redete sich ein, nur die frostige Dezembernacht sei schuld, dass sie fröstelte. Am liebsten hätte sie die Röcke gerafft und die Flucht ergriffen, zurück in die Sicherheit ihrer Kutsche. Aber es war töricht, vor der Begegnung mit den Engländern zu zittern, und entschlossen zwang sie sich zum Weitergehen. Es gab nichts, vor dem sie sich fürchten oder für das sie sich schämen musste. Mit gestrafften Schultern und hoch erhobenen Hauptes betrat sie das Haus, das Lord Haverbrook sich widerrechtlich angeeignet hatte. Sie bewies die gleiche Tapferkeit, wie sie vor Generationen ihre Ahnen beim Marsch in die Schlacht von Culloden gezeigt hatten. Ein Butler nahm Miss Duncan den Umhang ab. Beim Eintritt in den großartigen Ballsaal machte der Glanz sie betroffen. Hier war alles anders als in den einfachen Häusern der Menschen, die in Glenmuir geboren und aufgewachsen waren. Im Kamin loderte ein prasselndes Feuer, und riesige Kristallkandelaber tauchten den Raum in strahlende Helle. Der Unterschied zwischen dieser Pracht und der düsteren Atmosphäre von Duncan House schmerzte. Die kostspielige Ausstattung verriet Reichtum und Geschmack. Immergrüne Girlanden und Stechpalmzweige waren unter der Decke befestigt. Das Schönste stand in der entferntesten Ecke des Saales und verschlug Blair den Atem. Es war ein hoher, gleichmäßig gewachsener und herrlich geschmückter Tannenbaum. Harzduft wehte herüber, und auf den hin und her schwingenden Zweigen brannten zahllose Kerzen. Bunt und glitzernd, weckte der Baum das in jedem Erwachsenen schlummernde Kind und Verlangen nach Zauber und Märchen, das allen Menschen gemeinsam ist. Blair achtete nicht auf die neugierigen Blicke der Umstehenden, ging zum Weihnachtsbaum und betrachtete den Schmuck. Es gab blitzende künstliche Tannenzapfen in allen Schattierungen, vergoldete Nüsse, Marzipanobst und schwebende Engel. Bisher hatte sie nie etwas so Entzückendes gesehen, und es fiel ihr schwer, keine Ergriffenheit zu zeigen, als der Earl of Haverbrook sie begrüßen kam. „Meine liebe Miss Duncan, ich freue mich, dass Sie hier sind! Ich sehe, Sie bewundern den Weihnachtsbaum. Das ist jetzt in England große Mode, seit der Prinzgemahl solche Bäume im Palast hat aufstellen lassen. Eigentlich handelt es sich um einen deutschen Brauch, aber dennoch ist er wirklich hübsch, finden Sie nicht? Aber ich will Sie nicht mit Beschlag belegen. Kommen Sie zu den anderen. Jeder brennt darauf, Sie kennenzulernen.“ Miss Duncan nahm seinen Arm und senkte die langen Wimpern. Das wirkte zurückhaltend und anmutig, gab ihr jedoch die Gelegenheit, verstohlen die Anwesenden zu mustern. Erleichtert stellte sie fest, dass der Earl of Lindsay tatsächlich nicht da war. Die anderen Gäste waren ihr fremd. Sobald Lord Haverbrook die allgemeine Vorstellungszeremonie beendet hatte und Miss Duncan bei einer kleinen Gruppe ließ, fiel es ihr doch schwer, darüber hinwegzusehen, dass sie hier als Ausländerin galt. Die Engländer benahmen sich zwar höflich, aber es war offensichtlich, dass sie Blair für eine Art Sehenswürdigkeit zu halten schienen. Die schottische Aussprache betonend, antwortete sie auf die Frage eines Edelmannes und war boshaft entschlossen, der ihr zugedachten Aufgabe als schmückendes Beiwerk gerecht zu werden. Cameron Montgomery, Earl of Lindsay, saß, die langen Beine gemütlich ausgestreckt, in einem großen Armsessel vor dem Kamin und trank hin und wieder einen Schluck Whisky. Er machte sich wenig aus Abendgesellschaften und langweilte sich. Es wäre besser gewesen, mit der Erkältung daheim zu bleiben. Warum, in aller Welt, war er Harrys Einladung gefolgt? Er blickte zu den Tischen hinüber, an denen einige Gentlemen beim Kartenspiel saßen. Es interessierte ihn nicht, sich daran zu beteiligen, ebenso wenig wie am Tanz im Ballsaal. Er war nur zu dem Zweck hier, um nicht mit dem Treiben des geheimnisvollen Diebes in Verbindung gebracht zu werden. Wäre er dem geselligen Treiben des englischen Adels ferngeblieben, hätte er bestimmt Verdacht erregt. Früher oder später musste es auffallen, dass immer dann, wenn er bei einem gesellschaftlichen Anlass fehlte, Beutezüge stattfanden. Das war jedoch nicht der einzige Grund, weshalb er gekommen war. Widerstrebend gestand er sich ein, dass er den Abend nicht zu Hause verbringen wollte, allein gelassen mit den Gedanken an Blair Duncan. Zum Teufel mit ihr! Nach dem Besuch in Duncan House träumte er nicht mehr von dem entzückenden, unschuldigen Geschöpf, an das er sich erinnert hatte. Er sehnte sich nach der sinnlichen jungen Frau, deren Lippen er erst vor Kurzem so leidenschaftlich geküsst hatte. Ganz gleich, wie sehr er sie zu vergessen trachtete, ihr Zauber hatte ihn derart in Bann geschlagen, dass er sich vor Verlangen nach ihr fast verzehrte. Vielleicht war ihr Verhalten aber auch verständlich. Er hatte sich keineswegs wie ein Gentleman benommen, und bei der Erinnerung an den Kuss, den er Blair gestohlen hatte, empfand er weder Beschämung noch Gewissensbisse. Die Begierde, die ihn überfallen hatte, als er Blairs Lippen unter seinen spürte, hatte alle guten Manieren und bürgerlichen Moralvorstellungen verdrängt. Sein Verlangen hatte sich nicht bändigen lassen und Befriedigung verlangt. War er nicht schon seit geraumer Zeit ein Dieb? Nein, was er tat, geschah nur, um anderen Menschen das wiederzugeben, was man ihnen zuvor genommen hatte. Er bereute sein Handeln nicht. Anfangs hatte er, in die Highlands zurückgekehrt, der Bevölkerung das schwere Los durch die Wohltaten erleichtern wollen. Nur allzu schnell hatte er einsehen müssen, dass die Leute von Glenmuir ihn und sein Geld nicht wollten. So war ihm der Einfall gekommen, unerkannt Gutes zu tun und praktische Geschenke zu verteilen, Dinge, welche die Menschen bitter nötig hatten. Die unerklärliche Großzügigkeit wäre jedoch unweigerlich auf ihn zurückgefallen, da er allein oft in der Gegend weilte und sich derlei Gaben leisten konnte. Die starrsinnigen Hochlandbewohner hätten sich bestimmt geweigert, etwas von ihm anzunehmen. Aus diesem Grund war er darauf verfallen, einen Diebstahl zu melden, ehe die unerwarteten Spenden zum ersten Male vor den Türen der Ärmsten lagen. Er wusste, man würde seinen Schaden mit den Geschenken in Verbindung bringen und sich doppelt darüber freuen. Natürlich hätte er die ihm durch seine Menschenfreundlichkeit entstehenden Kosten mit seinen Vorräten ausgleichen können, aber der Zorn hatte ihn dazu getrieben, auch von anderen zu nehmen. Auf die Dauer schien es unerträglich, tatenlos zuzusehen, wie seine Landsleute die Einheimischen ausnutzten und ungestraft davonkamen. Denn die Engländer waren nichts anderes als Räuber, die allerdings das Gesetz auf ihrer Seite hatten. So hatte er begonnen, ausgleichende Gerechtigkeit zu üben. Die Uhr schlug zehnmal, und er beschloss, sich unter die Gäste im Ballsaal zu mischen. Bald würde man zu Tisch gehen, und danach konnte er sich zurückziehen. Die Erkältung bot ihm eine gute Ausrede zu verfrühtem Aufbruch. So lästig das Niesen auch war, er würde sich nicht abhalten lassen, unterwegs noch einen heimlichen Halt einzulegen, dessen Folgen einer der Anwesenden später sehr bedauern würde. Mit grimmigem Lächeln stand er auf und stellte das leere Glas auf ein Tischchen. Wenigstens würde der Abend nicht ganz spannungslos verlaufen, und nach der Heimkehr war Cameron gewiss zu müde, über Blair Duncan nachzudenken. Nach dem inneren Aufruhr, in den ihn die letzte Begegnung mit ihr versetzt hatte, empfand er kein Verlangen, sie jemals wiederzusehen. Cameron, Earl of Lindsay, war kaum im Ballsaal und noch nicht weit gekommen, als er Miss Duncan sah. Inmitten der blässlichen englischen Damen wirkte sie wie das pralle Leben. Ihr Anblick weckte seinen Zorn. Sie hatte jede seiner Einladungen ausgeschlagen, alle Bitten, ihn zu besuchen, abgelehnt, aber Harrys Gesellschaft beehrte sie mit ihrer Anwesenheit, obwohl sie seinem Freund erst ein einziges Mal begegnet war. Eifersüchtig geworden, fragte sich Cameron, ob Harry vielleicht von Blair und ihren Ländereien so beeindruckt war, dass er ihr nachstellte, obgleich er verheiratet war? Oder er dachte daran, den absurden Plan zu verfolgen und Miss Duncans Bekanntschaft zu pflegen, um Blair mit einem Neffen zu verkuppeln? Weder die eine noch die andere Möglichkeit passte Cameron, und zielstrebig ging er auf Miss Duncan zu. Erst kurz hinter ihr verlangsamte er den Schritt, setzte eine gleichgültige Miene auf und blieb stehen, ohne von Miss Duncan bemerkt zu werden. „Ich glaube, Sie feiern Silvester als das eigentliche Fest dieser Zeit“, äußerte soeben Lady Haverbrook. „Wie sonderbar!“ „Aber gewiss ist es eine sehr fröhliche Angelegenheit“, warf ihr Gatte ein, als Miss Duncan verstimmt die Stirn krauste. Dann sah er den Earl of Lindsay, dessen starre Miene und den mordlüsternen Ausdruck in den Augen und lächelte. Der Abend versprach, aufregend zu werden. Blair wusste, dass die Comtess of Haverbrook sich herzlich wenig für schottisches Brauchtum interessierte, und sagte kühl: „Natürlich zieht jeder die eigenen Traditionen allen anderen vor. Deshalb begreife ich nicht, warum Sie in den Highlands bleiben, statt nach England zurückzukehren.“ „Ich denke ebenso“, bekannte Lady Haverbrook und warf dem Gatten einen scharfen Blick zu. „Doch die Herren wollten es so haben.“ „Aber Liebste, du weißt genau, warum wir diesmal das Fest hier verbringen. Wir wollen versuchen, den Halunken zu fangen, der uns alle ausplündert“, erklärte Lord Haverbrook und versuchte, seine verdrossene Gemahlin zu beschwichtigen. „Ich hasse den Unbekannten!“, fuhr Lady Estella schmollend fort. „Wenn es ihn nicht gäbe, wären wir jetzt in London und könnten Weihnachten in dem glanzvollen Rahmen feiern, den wir gewohnt sind!“ Miss Duncan enthielt sich einer scharfen Antwort. Wenn Lady Haverbrook in London ein noch kostbarer eingerichtetes Haus besaß als dieses, dann konnte sie sich wohl den Schaden leisten, den der weihnachtliche Wohltäter ihnen zufügen mochte. Außerdem war er ein Volksheld und keineswegs nur ein gewöhnlicher Verbrecher, der seine Beute mit den Armen von Glenmuir teilte. Natürlich wusste Blair, dass sie diese Gedanken nicht aussprechen durfte, da sie hoffte, dass der ein oder andere Engländer einige der Einheimischen in Dienst nehmen würde. „Ach Liebste“, sagte Lord Haverbrook grimmig, „vielleicht hilft die auf den Kopf des Räubers ausgesetzte Belohnung, ihn zu verhaften. Doch genug von diesem Dieb! Wir wollen uns die Weihnachtsfreude nicht durch ihn verderben lassen, nicht wahr, Cameron?“ Blair Duncan erblasste bei der Nennung des Namens. „Ganz und gar nicht“, antwortete der Earl of Lindsay ruhig. „Guten Abend, Miss Duncan. Welch angenehme Überraschung, Ihnen hier zu begegnen. Hätte ich das geahnt, wäre ich viel früher aus dem Spielsalon gekommen.“ „Warum hätten Sie auf Ihr Vergnügen verzichten sollen?“, fragte Miss Duncan sanft, doch ihr Tonfall verbarg keineswegs die beabsichtigte Kränkung. „Ach, ein Spiel ist wie das andere“, gab Lord Lindsay leise zurück und bemerkte Lord Haverbrooks amüsiertes Lächeln. „Im Augenblick freilich bin ich dem Verhungern nahe. Wir gehen doch bald zu Tisch, Harry, oder? Wie spät ist es eigentlich?“ Lord Haverbrook griff nach der Taschenuhr, ehe ihm einfiel, dass sie sich nicht an ihrem Platz befand. „Da musst du einen anderen fragen“, sagte er mürrisch. „Meine Uhr ist letzte Nacht verschwunden.“ „Hast du sie verlegt?“, stichelte Lord Lindsay und genoss das Gefühl, sich an ihm gerächt zu haben. Harry hatte nicht nur eine Belohnung für die Ergreifung des Diebes ausgesetzt, sondern auch noch Blair Duncan eingeladen, als sei es ein Leichtes, sie zu erobern. „Nein“, murmelte Lord Haverbrook mürrisch. „Allem Anschein nach ist mir die Uhr gestohlen worden.“ „Gestohlen? Der Räuber hatte doch nicht etwa die Frechheit, in dein Schlafzimmer einzudringen?“, fragte Cameron, Earl of Lindsay, und brachte es fertig, eine verdutzte Miene zu machen, obwohl er sich in Wirklichkeit über Harrys Wut freute. Es geschah Harry recht! Er hatte sich überall gerühmt, er habe das Schmuckstück mit dem Geld bezahlt, das er durch die Vertreibung von zwei Pächterfamilien eingespart hatte. Selbst wenn er den materiellen Wert leicht verschmerzte, wog die ihm erteilte Lektion viel schwerer. „Wie unangenehm!“, fügte Lord Lindsay scheinheilig hinzu, nachdem der Freund bedrückt genickt hatte. „Nein, der Kerl muss endlich dingfest gemacht werden. Meine Dienstboten beklagen sich auch, dass Schinken und Würste aus unserer Räucherkammer fehlen. Der Bursche ist wirklich unverschämt!“ „Wie wahr!“, bekräftigte Miss Duncan leise, dass nur Lord Lindsay es hören konnte. „Aber Sie sollten sich schämen! Hätte ich gewusst, dass Sie hier sind, wäre ich nicht gekommen!“ „Oh, Miss Duncan“, flüsterte er ihr zu und schob, ohne sie um Erlaubnis zu fragen, den Arm unter ihren, um sie in den Speisesaal zu geleiten. „Ihr feuriges Temperament muss das Blut eines jeden Mannes in Wallung bringen, und sei es vor Zorn, wenn nicht aus Leidenschaft! Es tut mir leid, wenn ich Sie enttäuscht habe, aber es geht mir besser. So schnell wird die Totenglocke nicht für mich läuten.“ „Darauf möchte ich lieber nicht schwören, Mylord“, zischte Blair Duncan. „Wenn Sie nicht endlich die unverschämten Bemerkungen unterlassen, bringe ich Sie eigenhändig um!“ Die einzige Antwort, die ihr diese Drohung einbrachte, war allerdings, dass er im Vorübergehen in eine Silberschale griff, Miss Duncan ein Stück Konfekt in den Mund steckte, den Kopf in den Nacken warf und so herzlich lachte wie schon lange nicht mehr. Sie schluckte hastig und sagte dann spitz: „Sie haben alle Eigenschaften, die ich an einem Mann verabscheue!“ „Dann verhehlen Sie Ihre Gefühle geradezu bewundernswert, Madam. Als ich neulich Duncan House verließ, hätte ich schwören mögen, dass Sie mich ganz und gar nicht abstoßend fanden“, stellte er fest und fragte sich verblüfft, warum er sich nicht für den Kuss entschuldigt hatte. Ein einziger Blick in Miss Duncans blitzende Augen aber rief in ihm ein Gefühl hervor, das ihn alles vergessen ließ, was er je über anständiges Betragen gehört hatte. Selbst der Umstand, dass Haverbrook in der Nähe war und ihn mit Belustigung und Interesse beobachtete, dämpfte seine Erregung nicht. „Ich weiß wirklich nicht, wovon Sie reden“, sagte Blair Duncan über die Schulter und trat zum Buffet, um sich einen Teller zu füllen. „Soll ich Ihrem Gedächtnis nachhelfen?“, fragte Lord Lindsay so gedämpft, dass nur sie ihn verstehen konnte. „Es gibt hier eine Menge verschwiegener Nischen, in denen wir ungestört sind.“ „So etwas würde kein Gentleman vorschlagen“, erwiderte sie errötend. „In Ihrer Nähe bin ich eben kein Gentleman“, entgegnete er und neigte ihr den Kopf zu. Sie sollte endlich die Wahrheit erfahren. „Wenn Sie bei mir sind, Blair, vergesse ich alle Hemmungen.“ „Warum halten Sie sich dann nicht an meinen Rat und gehen mir aus dem Weg?“, fragte sie frostig. Was Lord Lindsay eben gesagt hatte, war beleidigend, und trotzdem rührte sie die Zärtlichkeit in seiner Stimme. Sie war nahe daran, alle Einwände zu vergessen, die sie ihm gegenüber hatte. „Weil ich das nicht kann“, sagte er schlicht. „Dann muss ich Ihnen wohl behilflich sein“, stellte sie leise fest. Bevor sie sich anders entschließen konnte, wandte sie sich um und ging zu Lord Haverbrook und den anderen Gästen, obgleich der Ausdruck in den Augen des Earl sie fast zum Bleiben veranlasst hätte. 5. KAPITEL Die Highlands hatten doch immer wieder ihren Zauber, selbst wenn der Tag verhangen war. Die Luft war feucht, und kleine Tropfen hingen Blair an den Wimpern. Sie band den Strauß aus Stechpalmzweigen zusammen und schaute sich um. Die sanft gewellten Hügel und Felsenhöhen sahen im blaugrauen Licht des späten Nachmittags in ihrer einsamen Großartigkeit wunderbar aus. Die Stille drang ins Herz und half, die Schönheit der unberührten Natur zu würdigen, einer Landschaft, in welcher der Schöpfer überall gegenwärtig war und der Mensch sich der Scholle verbunden fühlte, die er bebaute. Nichts kam der Stimmung auf dem Lande gleich und trug mehr dazu bei, Blairs Liebe zu Glenmuir und seinen armen Bewohnern zu vertiefen. Nein, das Leben im schottischen Hochland war nichts für Schwache und Willenlose. Nachdenklich zog Blair das Schultertuch über das lange Haar, um es vor der Nässe zu schützen. Der Stolz und die Errungenschaften zahlloser Generationen hielten sie und ihresgleichen hier und belohnten sie mit dem Gefühl, ein neues Morgen zu erleben. Fortwährend sah der Mensch sich Anfechtungen ausgesetzt, die sein Begreifen überstiegen, und doch überwand er alles Leid und erfreute sich des Sieges. Lag hier nicht auch der tiefere Sinn des Jahreswechsels? Ein Jahr neigte sich, ein neues begann, unbeirrt von den Sorgen, die jeder vergangene Tag gebracht hatte. Der feste Glaube an das Bleibende im Leben war tief in Blairs Seele verankert. Blair würde dafür sorgen, dass die Festtage in Glenmuir durch nichts gestört wurden, auch nicht durch die verhasste Gegenwart der Fremden, zu denen ihrer Ansicht nach auch Lord Lindsay gehörte. Entschlossen und zielstrebig trat sie den Heimweg an und ging mit langen Schritten durch das hohe, feuchte Gras. Jetzt war die Zeit der Hoffnung. Auch für Glenmuir konnte manches besser werden, wenn Lord Haverbrook sein Versprechen hielt und einige Leute aus dem Dorf in Dienst genommen wurden. Und Blair hatte die Weihnachtskörbe, wenn sie drei Tage vor dem Fest auch noch nicht alle gefüllt und geschmückt hatte. Mochte der Inhalt kärglicher sein, als sie es sich wünschte, so sollten ihnen wenigstens Stechpalmzweige und grüne Reiser ein festlich frohes Aussehen geben. Seit Jahren hatten die Geschenke, mit denen sie das Los der Ärmeren zu lindern versuchte, auch ihr Freude und Zufriedenheit gebracht. Jeder im Dorf wusste, dass sie es war, die die Körbe packte. Zudem bereicherten von einem Unbekannten auf ihre Schwelle gelegte Gaben seit gestern ihre Schätze, darunter ein großer Sack mit Äpfeln. Doch alle Anstrengungen würden ihr wenig nützen. Der geheimnisvolle Wohltäter würde sie mühelos übertreffen. Blairs Zuwendungen wurden von den Menschen in Glenmuir gern entgegengenommen, die des großzügigen Spenders dagegen bereiteten ihnen freudige Überraschung. Blair fragte sich, ob er auch in diesem Jahr wieder in Erscheinung treten würde. Wollte sie überhaupt, dass er wiederkam? In Wahrheit lenkten seine reichlichen Spenden etwas von ihren bescheideneren ab. Aber in den vergangenen drei Jahren hatte er oft notwendige Dinge geschenkt. Wie konnte sie über sein Eingreifen ungehalten sein, besonders im Hinblick auf die Bedürfnisse der Leute? Unwillig verdrängte sie die quälenden Fragen. Jeder verdiente Nächstenliebe, ganz gleich, aus welcher Quelle sie kam, und keinem durfte sie verweigert werden. Trotzdem vermisste Blair in diesem Jahr die herzliche Mitfreude, die sie sonst empfunden hatte. Es war keinesfalls allein die Schuld des unbekannten Wohltäters, dass sie diesmal das Besorgen der Geschenke, die Herstellung der Marmelade, selbst das Bewusstsein, ihr weniges Hab und Gut zu teilen, eher als unliebsame Verpflichtung und nicht als fröhliches Unterfangen empfand. Wahrscheinlich war das auf das unerwartete Erscheinen Lord Lindsays zurückzuführen, der sie zu verfolgen schien, wo immer sie sich befand, sei es auf der Straße von Glenmuir oder in der eigenen Küche. Nie zuvor hatte der Earl ihr so hartnäckig nachgestellt und ihr den Hof gemacht, trotz ihrer deutlich zur Schau getragenen Abneigung. In der vergangenen Nacht hatte Blair sich endlich von seiner beunruhigenden Gegenwart verschont geglaubt. Selbst wenn sie sich einredete, seinem Charme gegenüber unempfindlich zu sein, ließ sich nicht abstreiten, dass er unvermindert galant war und sie ihn beeindruckend attraktiv fand, ungeachtet seines Desinteresses an seinem schottischen Erbe. Sie wischte sich die Nebeltropfen vom Gesicht. Schade, dass seine Mutter ein Einzelkind gewesen war, denn sonst hätte gewiss noch einer aus dem Clan der Connerys in Glenmuir gelebt. Die früheren Pächter wären nicht ans andere Ende der Welt vertrieben worden, nur weil Lord Lindsay falsche Ansichten vertrat. Neu-Kaledonien lag auf der anderen Seite der Erdkugel, so wenigstens sagte Pater MacKenzie, und doch hatte es die MacLeods dorthin verschlagen, weil die Fischerei in den Sutherlands die Familie nicht mehr ernährte. Zum Satan mit allen Engländern, insbesondere aber mit dem Earl of Lindsay! Aber für ihn, diesen hitzigen Teufel, war vermutlich selbst das wildeste Höllenfeuer nicht heiß genug! Mit finsterer Miene stapfte Blair dem Hause zu. Sie kümmerte weder die feuchte Kälte des Dezembernachmittags noch die dunklen Wolken, die sich am Himmel über ihr zusammenballten. Ehrliche Empörung brachte ihr Blut in Wallung, sobald sie an die englischen Eindringlinge dachte, und der Gedanke, dass Lord Lindsay unweigerlich einem düsteren Schicksal entgegensah, bereitete ihr das größte Vergnügen, während sie in den dichter werdenden Nebel wanderte. Plötzlich sah Blair den Earl of Lindsay vor sich. Er ritt einen stattlichen Grauschimmel und streckte den Arm aus, als wolle er sie einfach vor sich in den Sattel heben. „Was wollen Sie von mir?“, fragte sie und wich zurück. „Ich versichere Ihnen, ich habe nichts von Ihrem Grund und Boden gestohlen!“ „Das habe ich auch nicht angenommen“, erwiderte er gereizt. Auf dem Heimweg von einer Teestunde bei den Enrights, wo er sich ein wenig umgesehen hatte, was er ihnen für die Dorfbewohner rauben könne, war er auf Blair Duncan aufmerksam geworden, die völlig durchnässt die Wiese überquerte. Und nun wollte sie sich nicht vor der Unbill des Wetters schützen lassen! Er zügelte den Hengst, bezwang den aufsteigenden Unwillen und sagte unwirsch: „Miss Duncan, das Wetter ist trügerisch. Ich möchte Sie nur vor einem Wolkenbruch bewahren.“ „Ein bisschen Nebel hat noch keinem geschadet“, entgegnete sie kalt, obgleich ihr bei Lord Lindsays Anblick die Hitze in die Wangen gestiegen war. Gestern Abend hatte sie höflich sein müssen, jetzt jedoch gab es keine Zeugen. „Es würde mich nicht überraschen, wenn Sie vergessen hätten, wie gerne wir als Kinder durch den Regen rannten und uns vorstellten, die Tropfen könnten uns nicht treffen.“ „Inzwischen sind wir beide allerdings ein wenig größer geworden und finden gewiss keinen Platz mehr zwischen den Tropfen, ohne nass zu werden.“ Cameron, Earl of Lindsay, musste plötzlich lachen und war überrascht, welches Vergnügen ihm die Erinnerung bereitete, auch wenn sein Unbehagen sich steigerte. Er musste niesen, und der Gedanke an die Erkältung, die er sich vor wenigen Tagen geholt hatte, trieb ihn, zur Eile zu drängen. „Kommen Sie, Madam, ich bringe Sie schnell nach Hause. Selbst Ihre Mrs Brown wird einem durchnässten Montgomery nicht den wärmenden Platz am Kaminfeuer verweigern.“ „Ich möchte nicht, dass Sie meinetwegen einen Umweg machen. Seien Sie unbesorgt, ich werde dort in der verfallenen Jagdhütte Schutz suchen und Sie nicht länger aufhalten“, erwiderte Blair Duncan und wollte sich zu dem kleinen, halb unter Bäumen verborgenen Gebäude auf den Weg machen. „Nein, das dürfen Sie nicht!“, widersprach der Earl und lenkte das Pferd so vor sie, dass sie nicht weitergehen konnte. „Sie können da nicht hinein. Ich meine, es ist nicht Ihre Hütte.“ „Sie steht seit Jahren leer, und niemand würde es stören, wenn ich mich dort unterstelle. Vergessen Sie nicht, wir Hochlandbewohner halten viel von Gastfreundlichkeit. Selbst wenn jemand sich da aufhalten würde, müsste er mich willkommen heißen.“ „Nein“, wiederholte Lord Lindsay drängend und sprang so hastig aus dem Sattel, dass er ausglitt und der Länge nach auf den nassen Boden fiel. „Miss Duncan, ich verbiete Ihnen das Betreten der Hütte. Es wäre zu gefährlich! Seit Langem lebt niemand dort. Wahrscheinlich sind die Bretter des Fußbodens längst verfault; das Dach lässt bestimmt den Regen durch, und … nun, es könnten sogar Landstreicher dort verborgen sein.“ „Landstreicher? Solange es keine Engländer sind, habe ich nichts zu fürchten“, sagte sie spitz. Der Earl hatte sich inzwischen aufgerafft. Die vorher hellen Reithosen waren schlammverkrustet, und mit schmutzigen Händen umklammerte er Miss Duncans Arme. In seinen Augen brannte ein eigenartiges Feuer, und eisern hielt er Blair fest. Wenn sie darauf bestand, in die Hütte zu gehen, würde es das Ende seiner Maskerade als heimlicher Wohltäter bedeuten. Er konnte nicht zulassen, dass sie durch ihren Starrsinn hinter sein Geheimnis kam! Er musste sie unter allen Umständen daran hindern. „Mylord, nehmen Sie gefälligst die schmutzigen Hände fort, und lassen Sie mich weitergehen! Es steht Ihnen nicht zu, mir Vorschriften zu machen. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich daran erinnerten.“ Blair konnte seinen verhaltenen Zorn spüren. Die Hitze, die in ihr aufstieg, hatte freilich weniger mit seinem Befehl zu tun als mit der besitzergreifenden Berührung. Einerseits wollte sie sich schnellstens von Lord Lindsay entfernen, anderseits sehnte sie sich danach, in seinen Armen zu liegen und wieder seine Lippen zu fühlen. Ob sie wohl jemals lernte, das verräterische Herz in Schach zu halten? „Madam, ich bestehe darauf, dass Sie nicht in die Hütte gehen“, sagte er rau und verengte den Blick. Er gab Miss Duncan frei und griff entschlossen nach den Zweigen, die sie an sich gedrückt hielt. Er würde einfach nicht zulassen, dass sie sein heimliches Räubernest entdeckte, koste es, was es wolle. „Hören Sie, Lindsay Hall ist näher als Duncan House. Gestatten Sie mir, Sie zu mir zu bringen, dann können wir uns weiter unterhalten. Au! Was, zum Teufel, haben Sie denn da? Stacheln? Sie würden ausgezeichnet zu Ihrem Wesen passen!“, äußerte er erbost, ließ die Reiser und Stechpalmäste fallen und begutachtete die zerstochene Hand. „Ich habe Sie nicht um Hilfe gebeten! Sie haben sich mir aufgedrängt!“ „Aber nicht so, wie ich es gern möchte“, murmelte er und wand das Taschentuch um die schmerzende Rechte. „Sonst würden Sie verstehen, was ich jetzt fühle.“ „Wie bitte?“ Blair hob die im Morast liegenden Zweige auf. Sie hatte Lord Lindsays letzte Bemerkung nicht gehört, weil über ihnen der Donner rollte. „Ich sagte nichts von Bedeutung. Aber sitzen Sie endlich auf! Sonst werfe ich Sie einfach quer über das Pferd!“, erwiderte der Earl scharf. „Ganz gleich, was ich früher behauptet habe, verspreche ich Ihnen, mich als vollendeter Gentleman zu betragen. Aber ich lasse Sie nicht in diesem Unwetter allein.“ Ein Niesen gab seinen Worten Nachdruck, und Blair lenkte ein. „Gut. Wenn Sie noch eine Weile hier draußen wären, müssten Sie vermutlich wochenlang das Bett hüten.“ „Nur unter der Bedingung, dass Sie mir Gesellschaft leisten“, kam es ihm über die Lippen, und rasch hob er Miss Duncan auf den Rücken des Hengstes. „Darf ich Sie erinnern, dass Sie mir Ihr Wort gegeben haben, sich wie ein Gentleman zu benehmen“, grollte sie und setzte sich etwas unbehaglich zurecht. Natürlich scheute sie sich, auch nur kurze Zeit eng an den Earl gedrückt zu reiten, aber sie wollte ihn auch nicht länger mit weiteren Einwänden dem herunterprasselnden Regen aussetzen. Hätte er sie nicht aufgehalten, wäre sie jetzt fast zu Hause, statt fröstelnd im Sattel des Grauschimmels zu sitzen. „Machen Sie sich keine Sorgen um meine Gesundheit“, sagte Lord Lindsay und streifte mit besorgtem Blick Blairs restlos durchweichtes, wollenes Schultertuch und dünnes Kleid. Hastig schwang er sich auf den Grauschimmel und spürte, wie Miss Duncan zitterte. Er legte ihr einen Arm um die Taille, um ihr ein wenig Wärme zu geben, und unterdrückte den Wunsch, ihr über das wirre Haar zu streichen. Er hielt sie an sich gedrückt und war nicht gesonnen, den ersten Erfolg gleich wieder aufs Spiel zu setzen. „Ich bin sehr froh, dass Sie endlich zugestimmt haben, mich zu begleiten. Es ist schon zu lange her, dass Sie dort gewesen sind.“ Blair schwieg und konzentrierte sich auf den ungemütlichen Ritt statt auf die trügerische Wärme, die sie unversehens durchströmte. Vielleicht würde Cameron sogar die Tränen, die ihr über die Wangen rannen, für Regentropfen halten. Denn was einst zwischen ihr und ihm gewesen war, konnte sie nicht wieder verbinden. Und das tat weh. „Ich werde jetzt zu Fuß nach Duncan House zurückkehren“, erklärte Blair sehr bestimmt, als Lord Lindsay ihr vor dem Portal von Lindsay Hall aus dem Sattel half. Das große Herrenhaus war in bestem Zustand, und es mangelte nicht an Dienstboten. Der Butler öffnete die Tür, und Stallburschen kümmerten sich um das Pferd. „Unsinn, das werden Sie nicht tun! Williamson, Mrs Pearson soll ein heißes Bad für Miss Duncan einlassen. Und dann schicken Sie jemanden nach Duncan House und lassen ausrichten, dass sie heute Abend mit mir dinieren wird.“ „Ich habe meine Einwilligung nicht gegeben“, wehrte Blair Duncan ab und ließ sich von Lord Lindsay in einen kostbar eingerichteten Salon führen. „Außerdem macht es zu viele Umstände. Mylord, mir läuft das Wasser aus Kleidern und Haaren auf den schönen Teppich, den noch ihre Mutter ausgesucht hat. Bringen Sie mich in die Küche!“ „Unfug! Machen Sie sich keine Sorgen, nur weil es uns früher verboten war, hier herumzutollen. Inzwischen sind wir beide längst erwachsene Menschen, falls Ihnen das noch nicht aufgefallen ist.“ „Ja“, sagte Blair gedehnt. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als der Earl näher trat und ihr das Plaid abnahm. Jetzt sah er wieder aus wie der Knabe, den sie einst schwärmerisch verehrt hatte. Die bloße Berührung seiner Fingerspitzen bewirkte, dass sie zu brennen glaubte. Was war mit ihr geschehen? Hatte sie sich etwa eine Erkältung geholt? „So, nun trinken Sie zum Aufwärmen einen Schluck Cognac. Ich sehe inzwischen nach, wie weit Mrs Pearson ist. Das dauert ja endlos lange. Nur weil ich einen Schnupfen habe, müssen nicht auch Sie einen bekommen.“ Er ging, und Blair gehorchte seiner Aufforderung. Wohlig rann ihr der Cognac durch die Kehle. Sie ließ den Blick durch den einst verbotenen Raum schweifen. Es lag auf der Hand, dass jemand ihn peinlich in Ordnung hielt. In den vergangenen zwölf Jahren schien sich kaum etwas auf Lindsay Hall verändert zu haben, alles war noch an seinem Platz. Auf dem Kaminsims standen zierliche Porzellanfigürchen; ein feingewebtes Tuch bedeckte den Tisch; an den Fenstern hingen Spitzenvorhänge, und vor dem Kamin schützte ein hübscher Ofenschirm vor Funkenflug. Aber inzwischen war eine lange Zeit vergangen und viel zu viel geschehen, als dass Blair sich hier hätte wohlfühlen mögen. „Miss Duncan, ich bin Mrs Pearson. Kommen Sie bitte mit!“ Die Haushälterin, eine streng blickende Engländerin, war eilig eingetreten, und ihre missbilligende Miene sprach Bände. Sie war so schnell wieder zur Tür hinaus, dass Blair ihr hastig folgen musste. Eine feuchte Spur blieb hinter ihr auf der breiten Treppe zur zweiten Etage zurück. „Das einzige geheizte Badezimmer befindet sich in den Gemächern Seiner Lordschaft“, erklärte Mrs Pearson, „aber er wollte, dass sie es benutzen. Ich habe trockene Kleider für Sie auf das Bett gelegt, kann allerdings nicht versprechen, dass sie Ihnen passen werden. Aber in der Zwischenzeit werde ich mich um Ihre kümmern. Wärmen Sie sich erst richtig auf, bevor Sie hinunterkommen. Dann werde ich ein Mahl für Sie bereithalten.“ „Machen Sie um Gottes willen keine Umstände.“ „Genießen Sie ruhig die Gastfreundschaft Seiner Lordschaft. Er hat selten genug Gäste. Und geben Sie mir bitte die nassen Sachen. Sie müssen wissen, abgesehen von großen Gesellschaften sind Sie der erste Gast. Vielleicht ist das ein gutes Zeichen.“ Oder auch nicht, dachte Blair und hätte beim besten Willen nicht sagen können, welche Gefühle sie bewegten, dass sie sich so unvermutet in diesem Haus wiederfand. Noch dazu in diesem Zustand, ausgezogen und im Begriff, in die Badewanne zu steigen. Eigentlich hatte Cameron sich ihr gegenüber in der vergangenen Stunde überaus ritterlich benommen, als er sie vom Betreten der baufälligen Hütte abhielt. War es Mitgefühl gewesen, oder regte sich das lange schlummernde Conneryerbe wieder in ihm? Nein, sie wollte sich lieber keinen falschen Hoffnungen hingeben. Dagegen wehrte sich ihr realistischer Sinn. Doch das Herz riet ihr, keine voreilige Antwort zu finden. Sie stieg in die Wanne und verbannte jeden Gedanken, genoss nur noch das Vergnügen des heißen, zart nach Lavendel duftenden und die verkrampften Muskeln entspannenden Wassers. Kälte und Schmerz schwanden, und Blair hatte das Gefühl, endlich wieder eine Frau zu sein. Sie hatte sich seit langer Zeit nicht mehr so verwöhnt und nun beinahe ein schlechtes Gewissen, den Luxus des Bades zu genießen. Sie tauchte tief ein in die Wärme und den köstlichen Duft. Mit der parfümierten Seife, die Mrs Pearson ihr hingelegt hatte, wusch sie das offene Haar. Unvermittelt wich die wohltuende Trägheit, und ein höchst ungebetener Gedanke zuckte Blair durch den Kopf. Sie setzte sich auf und fragte sich, wie es kam, dass es in diesem von einem Mann bewohnten Haus Parfüm und Toilettenseife gab? Hatte Cameron etwa eine Geliebte? Soweit Blair gehört hatte, war dergleichen in London an der Tagesordnung. Diese kostspieligen Dinge stammten gewiss nicht aus dem Besitz der Haushälterin. Es war totenstill, und plötzlich hörte Blair von Weitem Mrs Pearsons Stimme. Vermutlich lag die Küche unter dem Badezimmer. „Sie ist wirklich entzückend, Mylord, wirklich. Ich fürchte nur, dass ihr Miss Eloises Kleider nicht richtig passen.“ Miss Eloise! Wer, in aller Welt, war das? Cameron hatte keine Geschwister, und der Name seiner toten Mutter war Mary. Wie konnte er es wagen, Blair Kleider anzubieten, die einer anderen gehörten, und dann noch annehmen, sie würde sie tragen? Die anfänglichen Befürchtungen waren also durchaus berechtigt gewesen. Den Kindheitsgespielen gab es nicht mehr, und der Cameron von heute war ein Schuft und taugte nichts. Sie hörte nicht, was er antwortete, und stieg wütend aus dem Bad, fest entschlossen, das Haus so schnell wie möglich zu verlassen. Aber nackt konnte sie schließlich nicht hinaus. Erbost wickelte sie sich in ein großes Handtuch und ging empört in das angrenzende Zimmer, um vor dem Kamin das Haar zu trocknen. Auf keinen Fall würde sie das zartgrüne Kleid anziehen, das einladend auf dem Bett ausgebreitet lag. Mit verächtlicher Bewegung knüllte sie es zusammen. Wie weich es sich anfühlte, seidig und kostbar! Nein, sie würde der Versuchung widerstehen. Gewiss ließen sich in Lord Lindsays Schränken Hemd und Schottenrock finden. Das schien immer noch schicklicher, als ein Kleid seiner Liebsten zu tragen. Wenn das immer noch tobende Unwetter die Sachen verdarb, tat es auch nichts. Sie war sich bewusst, dass sie sich eigentlich schämen sollte, in den persönlichen Dingen des Earl zu kramen, doch das Erstaunen war größer. Wie elegant und aus welch kostspieligen Stoffen die Gehröcke und Hosen doch waren! Mit seinem guten Aussehen und so blendend angezogen musste er in der Londoner Gesellschaft eine glänzende Figur machen. Blair versuchte sich vorzustellen, wie er in den engen Hosen aus feinster Wolle wirken mochte, die sicher jede Linie der strammen Beine betonten. Als hätten die Gedanken ihn angelockt, stand er plötzlich in der Tür, mit einem seidenen Morgenmantel bekleidet. Allem Anschein nach war er gekommen, um sich etwas zu holen. Bei Blairs Anblick verhielt er einen Moment den Schritt und sah sie verlangend an. Er war nicht darauf gefasst gewesen, dass sie das Badezimmer bereits verlassen hatte und halb nackt in seinem Schlafzimmer stehen würde. Wie oft hatte er sie in der Fantasie hier gesehen! Jäh brach die zurückgestaute Leidenschaft sich Bahn, die jahrelange Sehnsucht nach dieser Frau, und er konnte sich nicht mehr beherrschen. Mit einem Griff zog er das Tuch weg, das ihren Körper verhüllte. Bei dieser unverschämten Anmaßung überkam sie Wut; das Blut stieg ihr in die Wangen, und ihre Augen loderten vor Zorn. Trotzig warf sie den Kopf in den Nacken, als wolle sie Cameron herausfordern, den nächsten Schritt zu wagen. Eine Ewigkeit verstrich, ohne dass ein Wort fiel. Beim Schein des flackernden Kaminfeuers war jeder in den Anblick des anderen versunken. Blair wusste, dass sie Cameron eigentlich hassen sollte. Er hatte sie und Glenmuir verlassen und vergessen, die Menschen verraten, die ihm vertrauten, und niemals auf Briefe geantwortet. Erst als die Königin ihre Vorliebe für die Highlands entdeckte, war er zurückgekehrt. Und doch erinnerte er sie an den Knaben von einst. Unwillkürlich hob sie die Hand und strich ihm das feuchte Haar aus der Stirn. Bei der Berührung lächelte er, ergriff ihre Hand, führte sie an die Lippen und küsste die Innenfläche. Die harmlose Geste setzte Blairs Welt mit einem Schlage in Flammen. Nirgendwo würde Blair sich wohler fühlen als in seinen Armen, mochte es auch gegen alle Vernunft sein. Als habe er ihre Gedanken geahnt, riss er sie ungestüm an sich, streichelte erregt ihre Schultern, den Rücken und murmelte zärtlich ihren Namen, bevor er ihr den Mund mit einem Kuss verschloss. Er raubte ihr den Atem und löschte alles aus. Sie begann zu keuchen; ihr Herz schien im gleichen heftigen Rhythmus zu klopfen wie seines, und das Brausen in ihren Ohren steigerte sich mehr und mehr. Cameron löste sich von ihrem Mund und streifte mit den Lippen ihre Brüste. Sie stöhnte unter dem auf und hatte den sehnlichsten Wunsch, jede dieser neuen Empfindungen wohlig auszukosten. Benommen fragte sie sich, wie sie je an Cameron hatte zweifeln können, und drückte sich innig an ihn. Er presste die Lippen zusammen, um die Lust zu bezwingen, hob Blair auf die Arme und legte sie auf das Bett. Seine Kraft und Behutsamkeit waren hinreißend, und Blair fand alles wunderbar, bis sie plötzlich die kühle Seide des Kleides unter sich fühlte. Eloises Kleid! Die Erkenntnis bewahrte sie vor dem Abgrund. Sie riss sich von Cameron los und sprang hastig aus dem Bett. Zornig über sich selbst, aber auch auf den Verführer, begriff sie, was beinahe geschehen und wie leicht sie ein Opfer ihrer Sinnlichkeit geworden wäre. Sie war im höchsten Maße bestürzt, brach in Tränen aus und schluchzte: „Du hast zwar keine einzige Hochlandtracht im Schrank, aber dafür die Ballkleider anderer Frauen! Schick doch nach Miss Eloise! Sie wird sich bestimmt freuen, deine Wünsche zu erfüllen!“ „Aber Blair, ich habe das nicht gewollt. Ich wollte dir doch nur …“ Sie raffte das zu Boden gefallene Badetuch auf, wickelte sich hinein und verließ hastig den Raum, als habe sie Camerons Worte nicht gehört. Sie wusste nur allzu gut, was seine Absicht gewesen war. Nun war sie froh, dass sie stolz erhobenen Hauptes und in durchnässten Kleidern den Heimweg nach Duncan House antreten konnte. 6. KAPITEL Der späte Abend und die darauf folgende Nacht verschwammen in Blairs Erinnerung. Um halb zehn Uhr morgens lag sie, gedemütigt und zornig, immer noch mit Kopfschmerzen im Bett. Sie hatte Mrs Pearsons Drängen nachgegeben, in der Kutsche Seiner Lordschaft nach Haus zu fahren, weil das Unwetter noch nicht vorbei war. Aber der Aufruhr der Elemente war mit dem Sturm, der in Blair tobte, kaum zu vergleichen. Sie wusste, nicht der Erfolg, den sie bei Lord Haverbrook erzielt hatte, belastete sie, eher die Tatsache, dass sie in Lindsay Hall beinahe ihre moralischen Grundsätze vergessen hätte. Während der Heimfahrt und die ganze Nacht hatten sie widerstreitende Empfindungen gequält. War sie ein Feigling oder eine Närrin? Fürchtete sie sich nur, körperlichem Verlangen nachzugeben, oder war sie zu altmodisch in einer Welt, die sich jedes Vergnügen nahm, wann und wo es zu haben war, und sei es noch so flüchtig? Die Erkenntnis, dass sie fast Lord Lindsays Verführungskünsten erlegen war, nein, hatte erliegen wollen, beschämte sie so sehr, dass sie nicht wusste, woher sie den Mut nehmen sollte, wieder in die Öffentlichkeit zu gehen. Wie sollte sie den Pächtern und Dorfbewohnern ins Gesicht sehen? Ihr Vater hatte jahrelang jedem verlockenden englischen Angebot widerstanden und sich die Ehre bewahrt, während Blair bereit gewesen war, sie aufs Spiel zu setzen, weil Cameron ihr einen die Sinne betörenden Kuss gegeben hatte. Was war mit ihr geschehen, dass sie seine Zärtlichkeiten so genießen, die leidenschaftlichen Liebkosungen noch auf den Lippen und Brüsten fühlen konnte? „Madam, sind Sie wach?“, rief Mrs Brown im Korridor. In den letzten Jahren war Miss Duncan stets früh auf den Beinen gewesen, hatte in der Küche Feuer gemacht und das Teewasser aufgesetzt. Dass sie es heute unterließ, nachdem sie gestern Abend wie ein geprügelter Hund in ihr Schlafzimmer geschlichen war, beunruhigte die Haushälterin sehr. Mit einem Lächeln, das unbefangen wirken sollte, betrat sie nach leisem Klopfen den Raum. Ihrem prüfenden Blick entgingen weder Miss Blairs geschwollene Lider noch die tränennassen Wangen. Sie setzte sich auf die Bettkante und reichte Blair eine Tasse heißen Tee. „Ich fürchte, seit gestern beunruhigt Sie nicht nur die Erkältung. Wollen Sie mir nicht erzählen, was Sie bedrückt?“ „Nein. Es ist nur das ungewöhnliche Wetter, das mich stört, und dass ich die Körbe noch nicht fertig habe.“ „Und?“, forschte die Wirtschafterin weiter. „Sie wissen, mit mir können Sie über alles reden.“ „Und die Engländer, die dauernd in unser Leben eingreifen, uns die Weihnachtsfreude schmälern und Sitten und Festtagsbräuche durcheinanderbringen. Jetzt haben sie sogar eine Belohnung für die Ergreifung des weihnachtlichen Wohltäters ausgesetzt, während man eigentlich sie verfolgen sollte“, erwiderte Blair und dachte dabei ganz besonders an einen bestimmten Mann. „Ian Ferguson ist heute früh vorbeigekommen und hat Robbie anvertraut, dass der Unbekannte sogar heute Nacht zugeschlagen hat. Angeblich hat er Rinder aus der Herde der Enrights mitgenommen und einige Schafe. In Lindsay Hall soll Wildbret fehlen. Ich habe nie begriffen, warum der Earl als Junggeselle solche Vorräte im Haus hat, weil er ja nur von Zeit zu Zeit hier ist.“ „Da die ihm gestohlenen Sachen sehr wahrscheinlich unseren Leuten zugutekommen werden, kümmert mich sein Schaden herzlich wenig. Hat eigentlich schon jemand etwas geschenkt bekommen?“ „Sie, Madam, obwohl ich annehme, dass die Gaben der vergangenen Nacht nicht von dem geheimnisvollen Spender sind, eher von großzügigen Nachbarn, die einiges entbehren konnten“, sagte Mrs Brown und ging zur Tür. „Was hat man uns denn gebracht?“, erkundigte Blair sich neugierig und schlug die Decke zurück. Die Pflicht durfte sie nicht vernachlässigen, ganz gleich, welche Probleme sie hatte. „Einen großen Sack Hafer, zwei Jagdmesser, drei Schinken und eine Menge Würste.“ „Dann wollen wir an die Arbeit gehen, Mrs Brown“, sagte Blair lächelnd. Sie erinnerte sich an die Bemerkung, die Lord Lindsay bei Lord Haverbrooks Gesellschaft gemacht hatte. Nichts würde Blair den trüben Tag mehr aufheitern als das Bewusstsein, dass der unfreiwillige Spender der Gaben, die sie jetzt aufteilen und in den Körben unterbringen würde, Cameron, Earl of Lindsay, war. Als Blair am Nachmittag ihr Werk begutachtete, erfreute sie der Anblick der Lebensmittel und nützlichen Dinge, die sich angesammelt hatten. Natürlich war der Bedarf größer als alles, was sie geben konnte, aber trotzdem würde der Inhalt der Körbe Anlass für ein Weihnachtsfest sein, das die Leute so schnell nicht vergaßen. Es war schade, dass sie nicht mehr Wollsachen und Saatgut für das neue Jahr hatte auftreiben können. Dennoch hatten zwanzig Familien allen Grund, dankbar zu sein für das, was sie geschenkt bekamen. Ein Klopfen an der Küchentür schreckte Blair auf. Lord Lindsay konnte nicht so ungezogen sein, ihr nach seinem unmöglichen Benehmen einen neuen Besuch abzustatten! Das Gebot der Gastfreundschaft würde sie zwingen, ihn zu empfangen. Mrs Brown hatte zwar den Auftrag, niemanden vorzulassen, aber würde der Earl sich damit begnügen? „Der Earl of Lindsay lässt Sie grüßen, Miss Blair“, sagte die Wirtschafterin. „Ich will ihn nicht sehen. Richten Sie ihm aus, ich fühle mich nicht wohl“, erwiderte Blair und errötete bei der Erinnerung, wie viel er bereits von ihr gesehen hatte. „Er ist nicht geblieben und hat nur gebeten, Ihnen diesen Brief zu geben“, sagte Mrs Brown. „Ich hole Ihnen eine Tasse Tee.“ Blair überlegte, ob sie das Schreiben nicht gleich ungelesen ins Feuer werfen wollte. Andererseits war Lord Lindsay ihr eine Bitte um Verzeihung schuldig. Sie brach das Siegel, entfaltete langsam den Bogen und begann zu lesen. Meine liebe Miss Blair! Sie sind gestern Abend aufgebrochen, ohne nach einem Beitrag für Ihre Weihnachtskörbe zu fragen. Bitte, kommen Sie so bald wie möglich vorbei. Ich will mich gern großzügig erweisen. Auch ich gehöre zu denen, die von Herzen gern schenken und dabei nicht sparen. Ich bin überzeugt, dass es Ihnen Vergnügen machen wird. Cameron Überzeugt, dass es m i r Vergnügen machen wird? dachte Blair erbost. Nicht etwa ihm selbst? Sie warf den Brief in die Flammen und sah zu, wie er verbrannte. Zum Teufel mit Cameron! Wer war er eigentlich, dass er sich einbildete, sie würde zu ihm zurückkriechen, wenn er ihr einen verlockenden Köder hinhielt? „Die falsche Schlange macht mir ein Angebot, das ich nicht ausschlagen kann“, murmelte sie zornig und ging unruhig vor dem Herd auf und ab. „Wie konnte ich ihm je vertrauen? Er ist nicht besser als alle anderen Engländer und nur darauf aus, uns auszunutzen und möglichst viel Vergnügen für sich selbst herauszuholen. Er schert sich keineswegs um seine Mitmenschen. Sie bieten ihm nur die passende Ausrede, um mich in sein Haus zu locken. Hm, so schnell wie möglich soll ich kommen? Gut, morgen werde ich ihn aufsuchen, und zwar in aller Herrgottsfrühe, da er zweifellos heute Abend bis in die Nacht bei den Enrights sein wird!“ Lord Lindsay gab vor, lieber daheim bleiben zu wollen, um über seine schnell schwindenden Vorräte zu wachen, und verbrachte deshalb den Abend allein in seinem Arbeitszimmer. Hier hatte er die meiste Zeit gesessen, seit Blair Duncan gegangen war, und sich und seine unbeherrschte Reaktion auf ihren Anblick in seinem Schlafzimmer verwünscht. Hätte er ahnen können, dass sie so schnell aus dem Bad kam, hätte er Mrs Pearson beauftragt, ihm die Kleider zu holen. Andere Damen aus seinem Bekanntenkreis hätten gewiss Stunden im warmen Wasser vertrödelt und jeden Rat, sich zu beeilen, verärgert zurückgewiesen. Eigentlich wollte er gar nicht verweilen, doch dann hatte er Blair gesehen, frisch und rosig in ihrer Unschuld und so verführerisch, dass er jeden Sinn für Anstand und gute Sitte verlor. Sie hatte endlich zugänglicher gewirkt, doch nun würde sie ihm in Zukunft bestimmt aus dem Wege gehen, wenn sie nicht gar die Dorfbewohner mit Peitschen auf ihn hetzte! Schmunzelnd legte Cameron Lord Haverbrooks Uhr auf den Schreibtisch. Es bereitete ihm diebische Freude, dass er sie Harry sozusagen unter der Nase weggestohlen hatte. Dann griff er nach dem Portefeuille mit den Dokumenten des Vaters, die dessen Anwalt ihm kürzlich zugesandt hatte. Achtlos blätterte er die Unterlagen durch und fand Empfangsbestätigungen für Waren, die vor zwanzig Jahren geliefert worden waren, seine eigenen Schulzeugnisse, Briefe der Mutter und Großmutter, von einem roten Band zusammengehalten. Die Briefe legte er beiseite, alles andere würde er verbrennen. Schließlich blieb noch ein Bündel ungeöffneter, an ihn nach London gerichteter Schreiben aus Glenmuir zurück. Entschlossen brach er das alte Wachssiegel und begann den ersten Brief zu lesen. Die Handschrift war leicht verblasst, und Blair Duncan erzählte von Liebe und Sehnsucht, aber auch von alltäglichen Ereignissen und Erinnerungen, die sie einst mit ihm geteilt hatte. Nichts anderes stand im zweiten Schreiben, dem dritten und vierten. Erst im fünften spürte er zwischen den Zeilen die Enttäuschung und den Schmerz, dass er nicht geantwortet hatte. Im letzten, etwa ein Jahr alten Brief berichtete Blair vom Tod der Mutter und bat um Trost. Natürlich hatte Cameron auch darauf nicht geantwortet, da ihm keines der Schreiben ausgehändigt worden war. Jetzt stimmte es ihn traurig, dass der Vater alle Bande mit Glenmuir zerschnitten hatte. Mit einem unterdrückten Fluch stand Cameron auf, goss sich Cognac ein und nahm auch die Karaffe mit in das Schlafzimmer. Wie hatte der Vater sich die Entscheidung anmaßen können, ihn und Blair Duncan zu trennen? Nun war es sicher zu spät, die Beziehung wiederaufzunehmen. Selbst wenn Blair dem toten Earl of Lindsay verzeihen würde, dass er die Briefe unterschlagen und selbstherrlich über das Leben anderer Menschen entschieden hatte, war sie doch von Cameron selbst zutiefst gekränkt worden, um ihm vergeben zu können. Sonst wäre sie gleich gekommen, um die Spenden für die Pächter abzuholen. Bald ließ er das Glas unbeachtet auf dem Nachttisch stehen und trank aus der Flasche. Er wollte vergessen, sich nicht an Blair Duncan und den traurigen Ausdruck ihrer blauen Augen erinnern lassen. Es war noch ziemlich finster, als Blair entschlossen Duncan House verließ, in der Hand eine kleine Laterne. Die Luft war feucht und schwer. Die Leute im Dorf schliefen noch fest. Sie umging Glenmuir und strebte den alten Besitzungen der Connerys zu. Angeregt durch die Einsamkeit der im Raureif schimmernden Felder, wurden Erinnerungen an den uralten Sonnenkult der Menschen dieses Landes, das die meiste Zeit düster und grau verhangen war, wach. Blair hatte sich vorgenommen, bei Sonnenaufgang in Lindsay Hall einzutreffen. Waren auch keine heidnischen Rituale zu erwarten, so würde sie zumindest die Genugtuung haben, Cameron zu äußerst früher Stunde zu stören. Nicht einmal die Dienstboten waren aufgestanden, wie sie feststellen musste. In ihr wärmstes Plaid gehüllt, schlug sie zum vierten Male an die schwere, geschnitzte Eichentür. Endlich wurde geöffnet, und der sichtlich hastig in die Kleider geschlüpfte Butler starrte die Besucherin fassungslos an. „Miss Duncan? Seine Lordschaft ist noch nicht wach, und auch das Personal schläft noch“, sagte er unüberhörbar tadelnd. „Es ist kaum erst sechs Uhr!“ „Ich habe keine Zeit für Faulpelze. Mylord hatte mich gebeten, so schnell wie möglich herzukommen, und nun bin ich da“, erwiderte Miss Duncan und machte Anstalten, die Halle zu betreten. „Wollen Sie mich nicht ins Haus bitten, ehe Sie mich Lord Lindsay melden? Ich werde gewiss nicht das Tafelsilber stehlen!“ „Natürlich nicht, Miss Duncan. Soll ich Ihnen Tee machen lassen? Seine Lordschaft liebt es ganz und gar nicht, wenn man ihn so früh weckt.“ „Ich kann auf seine Gewohnheiten leider keine Rücksicht nehmen! Gehen Sie endlich, und sagen Sie ihm, dass ich gekommen bin! Oder erwarten Sie etwa, dass ich es tue?“ „Nein, selbstverständlich nicht, Miss Duncan! Das wäre Mylord nicht recht“, entgegnete Williamson entsetzt. „Wenn Sie in seinem Arbeitszimmer warten wollen? Hier entlang bitte!“ Cameron Montgomery, Earl of Lindsay, war einen Moment später ebenso entgeistert wie sein Butler. „Miss Duncan ist hier? Jetzt?“ „Ja, Sir. Sie ist in Ihrem Arbeitszimmer.“ „Unfassbar!“ Warum, in aller Welt, war sie derart früh gekommen? Natürlich! Er hatte sie gebeten, so bald wie möglich zu erscheinen, und sie hatte es wörtlich genommen. Er lachte schallend auf, und der plötzliche Heiterkeitsausbruch verwirrte Williamson noch mehr als der unziemlich frühe Besuch. Er wich zurück und überlegte, ob er nicht Hilfe holen solle. „Schon gut, Williamson, bring mir meine Sachen, aber schnell! Ich kann eine Dame nicht warten lassen“, befahl der Earl und grinste von einem Ohr zum anderen. So hatte er Blair Duncan in Erinnerung, als Kobold, unverschämt und eigensinnig, der jemanden zum Wahnsinn treiben und schon im nächsten Augenblick den Eindruck eines Engels erwecken konnte. Bei aller Freude, dass sie nun doch zu ihm gekommen war, fragte sich Cameron, welche Art Blair ihn wohl erwartete. Blair schaute sich in dem Raum mit der ausgeprägt männlichen Note um, und das Bündel Papiere auf dem Schreibtisch entging ihr nicht. Neugierig trat sie näher und erkannte verblüfft ihre Briefe, die sie Cameron vor mehr als zehn Jahren geschrieben hatte. Dem Jüngling waren sie keine Antwort wert gewesen, aber er hatte sie aufbewahrt, um sie als Mann nun wieder zu lesen! Nicht gesonnen, das Rätsel um Cameron zu lösen, schob Blair die Briefe beiseite und blätterte in den anderen Unterlagen. Sie hatte es ja gewusst. Sie fand eine Rechnung, ausgestellt von Miss Eloises Modesalon in der Regent Street. Offensichtlich hatte sie Cameron unrecht getan. Das grüne Seidenkleid war nicht für eine Miss Eloise bestimmt, sondern von ihr angefertigt worden. Wem aber gehörte es? Nach der Rechnung zu urteilen, hätte Cameron in London ein ganzes Heer von Damen ausstaffieren können, mindestens eine für jeden Tag der Woche, besser noch, für jede Nacht. Kein Wunder, dass er nun länger in den Highlands bleiben musste! Wahrscheinlich tat ihm eine Ruhepause ebenso not wie seinem Geldbeutel. Aber wenn er es sich leisten konnte, zu allen möglichen Frauen großzügig zu sein, konnte er ruhig mehr für Glenmuir tun. Genau das gedachte Blair ihm jetzt offen zu sagen. Schritte auf der Treppe schreckten sie auf. Hastig legte sie die Rechnung zurück und stieß dabei an etwas Rundes. Eine Taschenuhr! Beim näheren Hinschauen erschrak sie heftig. Lord Haverbrook war seine abhandengekommen! Ohne sich etwas zu denken, steckte sie die Uhr in die Tasche des Kleides und drehte sich um. Vor ihr stand Cameron, Earl of Lindsay, mit sehr verschlafenem Ausdruck. „Mylord, Sie baten mich, bald vorbeizukommen. Es tut mir leid, dass es Ihnen zu früh ist.“ Blair konnte sich nicht vorstellen, wie sie es fertigbrachte, die Stimme ruhig klingen zu lassen. Die gestohlene Uhr brannte ihr in der Tasche. Konnte es sein, dass er der Räuber war? Vielleicht hatte Lord Haverbrook die Uhr hier nur vergessen? Natürlich konnte Blair Lord Lindsay nicht fragen. Eines stand jedenfalls fest. Er war über ihre Anwesenheit ebenso erfreut wie verwirrt. Fast unbeholfen machte er einen Schritt auf den Schreibtisch zu und wies auf die alten Briefe. „Miss Duncan“, sagte er leise und streckte die Hand nach ihr aus. „Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen.“ Als sie zurückwich, fuhr er schnell fort: „Erstens für mein unverzeihliches Benehmen, vor allem aber dafür, dass ich Ihre Briefe niemals beantwortet habe. Bitte, glauben Sie mir, so sonderbar es auch klingen mag, ich habe sie erst gestern erhalten.“ „Ich bin hier, um die Spenden abzuholen, Mylord, und nicht, weil ich mit Ihnen über persönliche Angelegenheiten sprechen möchte, die längst nicht mehr von Bedeutung sind“, erwiderte sie abweisend und trotzig. Er hatte sie nach Lindsay Hall gelockt, und sie würde nur mit größter Wachsamkeit ungeschoren davonkommen. Sie war entschlossen, sich keine Entschuldigungen anzuhören. „Selbstverständlich, Madam! Ich bin gern bereit, mich nach Ihren Wünschen zu richten“, sagte er einlenkend, öffnete eine Schublade des Schreibtisches und nahm eine Schatulle heraus. „Ich dachte, es sei angebracht, ein Goldstück in jeden Korb zu legen. Damit hätten die Leute die Möglichkeit, sich etwas zu kaufen, was sie sich am meisten wünschen.“ „Die Menschen hier kennen die Sinnlosigkeit hochfliegender Wünsche. Ihr Leben wird von der Sorge um das Notwendigste bestimmt“, entgegnete Blair scharf und war verblüfft, wie heftig sie auf das wunderbare Geschenk reagierte. „Sie sagen es. Genügen zwanzig Münzen?“ „Dreißig wären besser.“ Es reizte Blair herauszufinden, wie weit Lord Lindsays schlechtes Gewissen reichte. „Bitte, Miss Duncan“, sagte der Earl und gab ihr das Geld. „Und kaufen Sie etwas für sich.“ „Nein, danke! Meine Sorge gilt nur den Bedürftigsten. In ihrem Namen weiß ich Ihre Großzügigkeit zu schätzen. Ich hoffe, dass Sie dafür vor dem Zugriff des Diebes verschont bleiben.“ Das schwache Licht machte es unmöglich, zu sehen, ob bei dieser Bemerkung dem Earl die Röte ins Gesicht stieg, und rasch verließ Blair Lindsay Hall. Ihre Vernunft und Gefühle lagen im Widerstreit. Dreißig Goldstücke! Einen solchen Schatz hatte in den vergangenen Jahren kein Schotte zu Gesicht bekommen, schon gar nicht besessen! Versuchte Cameron, die Gewissensbisse zu verdrängen, weil er Glenmuir im Stich gelassen hatte? Wollte er erneut Blairs Gunst gewinnen, nachdem sein erster Versuch misslungen war? Welche andere Ursache konnte es für die unglaubliche Großzügigkeit noch geben? Vielleicht war er tatsächlich der Dieb? Der Gedanke ließ sich nicht abweisen. Wie sonderbar, dass Cameron so sehr daran gelegen gewesen war, Blair von der verfallenen Jagdhütte fernzuhalten! Noch eigenartiger war es freilich, dass sich Lord Haverbrooks Uhr auf seinem Schreibtisch fand. Es gab nur eine Möglichkeit, den Dingen auf den Grund zu gehen. Blair musste das alte Blockhaus aufsuchen und sich ein wenig umsehen. Sollte es sich dabei wirklich um den Schlupfwinkel des Räubers handeln, musste sie sich überlegen, was weiter geschehen sollte. Als sie dann vor der Teestunde ein zweites Mal nach Duncan House zurückkehrte, war sie höchst verwundert über die Fülle der Beute in der längst verlassenen Hütte. Ohne jeden Zweifel hatte sie das Versteck des Diebes entdeckt. Selbst die gestohlenen Schafe waren unter den Bäumen angebunden. Trotzdem zögerte sie, den Earl of Lindsay mit dem geheimnisvollen Wohltäter in Zusammenhang zu bringen. Zugegeben, er hatte alles darangesetzt, sie am Betreten des verfallenen Holzhauses zu hindern. Aber das konnte auch aus Sorge um ihre Sicherheit geschehen sein. Inzwischen neigte sie auch zu der Annahme, dass Lord Haverbrook entgegen seiner Behauptung die Uhr in Lindsay Hall vergessen hatte. Das war einleuchtender als der Gedanke, Lord Lindsay könne so viel Herz für die Armen in Glenmuir haben, dass er seine Landsleute bestahl. Aber er hatte behauptet, er habe versucht, die von seinem Vater verlorenen Ländereien zurückzukaufen. Vielleicht stimmte das sogar. Möglicherweise war auch wahr, dass ihn die Briefe erst am vergangenen Tag erreicht hatten, mehr als zehn Jahre nachdem sie geschrieben worden waren. Tatsächlich hatte er seit dem ersten Besuch in Glenmuir immer wieder versucht, mit Blair in Verbindung zu treten, und nicht begreifen können, warum sie ablehnte, ihn zu empfangen. Sicher hatte er nicht geahnt, wie sehr sie ihn brauchte. Und nun noch diese dreißig Goldstücke! Welch großzügiges Geschenk aus der Hand eines Mannes, dem die Highlands nichts bedeuteten! Konnte Blair ihm genug Vertrauen entgegenbringen und glauben, er würde den guten Ruf, in diesem Jahr vielleicht sogar das Leben, aufs Spiel setzen für Menschen, die mit ihm nichts zu tun haben wollten? Ihr schwirrte der Kopf von Fragen, auf die es keine Antwort gab. Das Herz drängte zur Verzeihung, der Verstand verweigerte sie. Nun, fürs Erste musste eine Entscheidung warten. Morgen war der Heilige Abend, und Blair wollte noch das Geld in die Körbe legen. Sie wog die funkelnden Münzen in der Hand, und eine vage Hoffnung stieg in ihr auf, dass sie Cameron vielleicht doch falsch eingeschätzt hatte. 7. KAPITEL Überschwänglich bedankte sich Ian Ferguson für den übervollen Weihnachtskorb, den Miss Duncan auf der Schwelle seines ärmlichen Hauses abgestellt hatte. Die Stimme des Bauern hallte in der frostigen Luft des Abends wider. „Sie sind eine richtige Wohltäterin, Miss“, sagte er begeistert und ließ den Blick über die Köstlichkeiten wandern. Die Orangenmarmelade würde den Weihnachtsmorgen im wahrsten Sinne des Wortes versüßen. Äpfel, Nüsse und eine Wurst machten aus diesen Tagen wirklich ein Fest. Blair Duncan ließ sich von Robbie in die Kutsche helfen, die auch schon bessere Tage gesehen hatte, lächelte Ian Ferguson freundlich zu und gab Robbie das Zeichen zum Abfahren. Dann stieß sie einen leisen Seufzer der Erleichterung aus. Endlich war die letzte Gabe ausgeteilt. Sie konnte zufrieden sein. All die Arbeit, der Zeitaufwand, die Jagd nach Geschenken hatten sich zuletzt doch noch gelohnt, wenn sie an die herzliche Freude dachte, die sie den Pächtern und den Bedürftigen der Umgebung gemacht hatte. Nun war es an der Zeit, an die eigenen Vorbereitungen für das Fest zu denken. Langsam und schaukelnd rollte das Gefährt dahin. Blair lehnte sich in die Lederkissen zurück und stellte sich vor, wie es morgen in der großen Küche hergehen würde, wenn Mrs Brown und sie eifrig dabei waren, letzte Hand an den Weihnachtsschmuck und das Festessen zu legen, das am nächsten Tag aufgetragen wurde. Die Zeit zwischen Weihnachten und der Jahreswende war für sie immer die schönste. In den letzten Jahren freilich empfand sie noch mehr dabei. In dieser einen Woche konnte sie alle Sorgen vergessen und sich der beglückenden Erinnerung an längst vergangene Christfeste überlassen. Damals lebte eine fröhliche Familie auf Duncan House; die Freunde wohnten noch in Glenmuir, und Geld gab es genug. In stillen Stunden schloss Blair die Augen und hörte das Lachen des Vaters, sah das herzliche Lächeln der Mutter und roch die köstlichen Düfte von Speisen und Süßigkeiten, die damals zu Weihnachten gehörten. Sich der vertrauten Bilder innig zu erfreuen war für sie das einzige Geschenk, das sie sich leisten konnte, und bedeutete ihr mehr als neue Kleider oder kostspielige Juwelen. Bekümmert stellte sie fest, dass es diesmal anders sein würde. Die freundlichen Gedanken an die Vergangenheit stellten sich nicht wie früher ein. Die Gegenwart verdrängte jede Rückbesinnung. Die Erinnerung an Cameron beschäftigte sie immer dann, wenn sie am wenigsten darauf gefasst war, und machte es ihr unmöglich, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Seine Anwesenheit verursachte zu viele die Gegenwart betreffende Fragen und Verheißungen für die Zukunft. Wenn sie an die Küsse dachte, die sie erst vor Kurzem mit ihm getauscht hatte, und an den Vorfall in seinem Schlafzimmer, waren die Grübeleien nicht einmal sehr unangenehm. Cameron, Earl of Lindsay, sah unwiderstehlich gut aus und war sehr charmant. Angezogen hatte er bereits etwas Bestechendes, halb nackt freilich war er überaus verführerisch. Bei dem bloßen Gedanken, welche Wirkung er noch immer auf sie ausübte, schlug ihr Herz schneller. Dabei hatte der Cameron von heute nichts gemein mit ihrer Jugendliebe. Er hatte nichts Kindliches oder Unschuldiges an sich; er war ein erwachsener Mann und unbeschreiblich sinnlich. Die Erinnerung an das, was beinahe geschehen wäre, bewirkte, dass Blair unter dem Plaid plötzlich heiß wurde. Nur die Befürchtung, es könne eine andere Frau in Camerons Leben geben, hatte Blair zur Flucht veranlasst, wenn man es überhaupt so nennen konnte. Der wachsende Argwohn, Lord Lindsay könnte der unbekannte Wohltäter sein, drohte das harte Urteil über den Mann ins Wanken zu bringen, der die Zerstückelung des Connerybesitzes geduldet und dem Herrenhaus den Namen Lindsay Hall gegeben hatte. Sie musste zugeben, dass er ein hinreißender Mann war, selbst wenn er sich außerhalb des Gesetzes bewegte. Schließlich hatte er ja auch ihr das Herz gestohlen! Diese Erkenntnis behagte ihr nicht recht. Er kümmerte sich zwar um das Wohlergehen ihrer Freunde, aber was war das für ein Mensch, der die eigenen Landsleute ausplünderte? Und wie konnte er so tun, als bedeutete Blair ihm viel, wenn er vermutlich eine Geliebte hatte? Vielleicht war die Kleiderrechnung, die Blair auf dem Schreibtisch gefunden hatte, mit der Existenz eines Mündels oder einer verarmten Verwandten zu erklären, doch das hielt Blair für nicht wahrscheinlich. Cameron hatte heißes Blut und ein leidenschaftliches Temperament. Das hatten seine Küsse ihr deutlich bewiesen. Nein, sie konnte seinem Drängen und den eigenen Wünschen nicht nachgeben, solange sie nicht ganz sicher war, dass er es aufrichtig mit ihr meinte. Nur wenn sie die volle Wahrheit kannte, würde sie sich ihm freiwillig schenken. Und dass sie seine wahren Gefühle noch vor Weihnachten in Erfahrung brachte, war sehr unwahrscheinlich. Es war anzunehmen, dass ihr diesmal wohl kein weihnachtlicher Friede beschieden sein würde. Dafür hatte Cameron gesorgt. Bei diesen Überlegungen war es um ihre Festtagsstimmung geschehen. Den Kopf an die abgewetzten Lederpolster gelehnt, überließ sie sich nachdenklich düsteren Vermutungen. Cameron, Earl of Lindsay, hüllte sich enger in den Mantel, der ihn kaum wärmte, und nahm sich vor, bald ein dickes Schottenplaid zu kaufen. Er sah Miss Duncans Kutsche abfahren und war froh, dass er Blair nicht auf Fergusons Türschwelle begegnet war, während sie beide ihre Weihnachtsgaben ablieferten. Beinahe wäre es zu dieser Begegnung gekommen, hätte er sie nicht im allerletzten Moment vermieden. Es war nicht ratsam, Blair hinter sein Geheimnis kommen zu lassen. Wahrscheinlich hätte ihm das zwar einen Vorteil bei ihr verschafft, doch dickköpfig wollte er, dass sie ihn um seiner selbst willen liebte und nicht, weil er Nächstenliebe übte. Endlich verschwand der altmodische Wagen um die Straßenecke. Frierend hob der Earl einen prall gefüllten Sack vom Rücken des Grauschimmels, schleppte die schwere Last vor Ian Fergusons Haus und stellte sie vorsichtig ab, um die Flaschen mit Whisky nicht zu zerbrechen, die sich neben einem Beutel Geld und einem großen Schinken darin befanden. Wahrscheinlich machte Ferguson sich wenig aus feinem Räucherschinken, aber er würde ihm über die Feiertage den Magen füllen, und das allein zählte. Schnell lehnte Lord Lindsay den Sack gegen den Türrahmen und schlich verstohlen zu seinem Pferd zurück. Bemüht, möglichst schnell das Weite zu suchen, überhörte er beim Aufsitzen, dass die Tür geöffnet wurde. Er sah auch nicht, dass der Bauer herausschaute, um nachzusehen, ob Miss Duncan umgekehrt und zurückgekommen sei. Ian Ferguson spähte dem Reiter nach, der in der Dunkelheit verschwand, und bückte sich erst dann, um das Weihnachtsgeschenk aufzuheben. Seinen guten Ohren entging nicht das leise Klirren der Flaschen, und ein breites Grinsen zuckte über sein wettergegerbtes Gesicht. „So also steht es um den Weihnachtsspuk!“, murmelte er sich in den Bart und schleppte den schweren Sack ins Haus. „Eigentlich erstaunt es mich nicht sehr! Seine Lordschaft ist immerhin trotz allem auch Lady Mary Connerys Sohn. Ich habe schon früher gewusst, dass er ein lieber, guter Junge ist.“ Am Heiligen Abend begrüßte Blair Duncan die Nachbarn und betrat die kleine, am Rande des Dorfes gelegene Kirche. Die glücklichen Mienen der Leute erfreuten sie. Die frohen Gesichter legten beredtes Zeugnis davon ab, dass der Unbekannte wieder einmal in Glenmuir gewesen war. Mit einem feinen Lächeln nahm Blair ihren Platz ein und genoss das köstliche Gefühl, vielleicht die Wahrheit über den geheimnisvollen Wohltäter zu kennen. Wahrscheinlich würde niemals auch nur einer der Dorfbewohner erfahren, wer er in Wirklichkeit war. Eigentlich sollten sie ihm ja dankbar sein. Das Versteckspiel bewies immerhin, dass er Glenmuir und die armen Schotten der Umgebung mochte, auch wenn er Blair nicht sonderlich liebte. Wenn sie daran dachte, wie großzügig er sich in dieser Rolle erwies, so machte das seine Erklärung über die Aufteilung des Connerybesitzes sogar glaubhafter. Es tilgte außerdem manchen Zweifel, den sie an ihrem Jugendfreund hatte. Welches Leben er in London auch führen mochte, in Glenmuir jedenfalls konnte man ihm nichts vorwerfen. Freilich mussten weitere Beweise für sein heimliches Doppelspiel erst einmal warten. Abgesehen vom Kirchgang versprach der Abend für Blair nicht sehr viel Ruhe. Noch warteten Pflichten darauf, erfüllt zu werden. So konnte sie nicht im Hause sein, um wie sonst mit Mrs Brown auf das Kommen der MacNabs zu warten. Nach alter Hochland-Tradition würden Mrs MacNabs zahlreiche Sprösslinge lachend die ältliche Haushälterin als ihre Weihnachtsfee zu sich nach Haus entführen, ihr den Ehrenplatz am Feuer geben und sich darauf freuen, dass sie die Familienrunde mit Geschichten aus längst vergangenen Tagen unterhielt. Es war eine fröhliche Sitte, doch Blair hatte Pläne für den Abend, die sie zwangen, auf das Vergnügen zu verzichten. Sie strich sich über die unter dem Hut hervorquellenden rötlich braunen Locken und bedauerte beinahe, Lord Haverbrooks Einladung zu einem Glas Weihnachtspunsch nach dem Gottesdienst angenommen zu haben. Aber sie hätte nicht gut ablehnen können. Der Earl of Haverbrook hatte ihr offen gesagt, dass die Fairfaxes am Tage nach Weihnachten nach London reisen würden. Da sie bereit schienen, einen Einheimischen als Aufseher des Jagdreviers einzustellen, wollten sie von Miss Duncan die Zusicherung, dass man sich auf den Mann verlassen könne. Die Gelegenheit, eine solche Anstellung für den alten Mr MacNab zu sichern, war Grund genug, bei Lord Haverbrook zu erscheinen. Außerdem würde der Besuch Blair von den Gedanken an Lord Lindsay ablenken und von der damit verbundenen Verwirrung. Jähe Unruhe in der Kirche riss Blair aus den Überlegungen. Sie hob den Kopf, weil sie glaubte, Pater MacKenzie wäre aus der Sakristei getreten. Aber es war Cameron, Earl of Lindsay, der sich in die Bank drängte, auf der Blair saß. Das konnte ja eine schöne Stunde der Einkehr und Erbauung werden, dachte sie verzagt. In seiner Nähe musste sie gegen Empfindungen ankämpfen, die an diesem Ort geradezu gotteslästerlich waren. Doch Camerons Gegenwart und sein herzliches Lächeln waren schließlich nicht so quälend, wie sie befürchtet hatte. Ganz im Gegenteil! Seine Nähe erschien ihr wie selbstverständlich und vermittelte ihr sogar ein Gefühl des Friedens. Nach dem Ende des Gottesdienstes standen die Dorfleute umher und schauten zu, wie der Earl Miss Duncan aus der Kirche geleitete. Er hatte es auf sich genommen, sich dem allgemeinen Unwillen auszusetzen, um wenigstens einige Zeit an Blairs Seite verbringen zu können. Umso mehr erstaunte es ihn, dass ihm keineswegs Missbilligung entgegenschlug, eher stummes Einverständnis. Die Menschen schienen zu spüren, dass jemand, der am Heiligen Abend dem Gottesdienst beiwohnte, nicht ganz schlecht sein konnte, selbst wenn er Engländer war. Tatsächlich zeigten manche Dorfbewohner sogar Freundlichkeit, und Mrs MacNabs Blick sah er an, dass sie überlegte, welch hübsche Kinder er Miss Duncan schenken könne. Die für gewöhnlich griesgrämigen Fergusons machten ein beinahe strahlendes Gesicht. Cameron hätte schwören mögen, dass der alte Ian ihm zunickte. Ob Blair etwas über das Geldgeschenk hatte verlauten lassen, das er beigesteuert hatte? Er fühlte sich ausgesprochen ungemütlich bei dem Waffenstillstand, in den die Bewohner von Glenmuir offensichtlich eingewilligt hatten. War das nur eine neue Taktik, ihn so zu verunsichern, dass er von nun an dem Dorf und Blair Duncan aus dem Wege ging? Er schüttelte die Zweifel ab und sah Miss Duncan an. Das scheue, zaghafte Lächeln, das sie ihm schenkte, ließ ihn die Leute auf der Stelle vergessen. Sein Herz pochte heftig, und er hoffte, dass sie zutraulicher wurde. Immerhin hatte sie seinen Beitrag für die Weihnachtskörbe angenommen. Obgleich sie neulich in der Morgendämmerung zu ihm gekommen war und sich ziemlich unpersönlich gegeben hatte, war sie nicht übermäßig feindselig gewesen. Jetzt sah er nur ihre schönen Augen und dachte flüchtig daran, was die unverhoffte Freundlichkeit verursacht haben mochte. Doch als sich gar ein Grübchen an ihrem Mundwinkel zeigte und Blair ihm die Hand auf den Arm legte, war ihm die Ursache für den plötzlichen Sinneswandel vollkommen gleichgültig. Die bloße Tatsache, endlich wieder akzeptiert zu werden, gab ihm das Gefühl, als habe es nie die langen Jahre gegeben, in denen er von Blair getrennt gewesen war. „Frohe Weihnachten, Blair“, sagte er, neigte sich zu ihr und drückte ihr impulsiv einen sanften Kuss auf die Wange. „Frohe Weihnachten“, antwortete sie leise und errötete ein wenig unter den neugierigen Blicken der Kirchgänger. Dann kam ihr ein boshafter Gedanke. Vielleicht war dies die beste Gelegenheit herauszufinden, warum Cameron kostspielige Damenkleider bei einer Londoner Schneiderin arbeiten ließ? Kein anständiger Mensch würde lügen, wenn er vom Gottesdienst kam. „Gehen Sie heute Abend zu Lord Haverbrook?“, fragte sie beiläufig. „Nein. Solange der Dieb alles mitnimmt, was nicht angenagelt ist, verbringe ich den Heiligen Abend lieber daheim. Aber ich nehme an, dass Sie Harrys Gesellschaft besuchen werden“, sagte Lord Lindsay mürrisch und runzelte die Stirn. Die finstere Miene sollte eigentlich den Eindruck des besorgten englischen Aristokraten unterstreichen, aber Cameron merkte schnell, dass sein Unwille echt war. Hatte Blair seine Einladung, mit ihm am Weihnachtsabend zu dinieren, nicht mit dem Vorwand abgelehnt, sie habe keine Zeit? Und heute war sie bereit, zu Harry zu gehen. Natürlich wusste Cameron recht gut, dass sie richtig handelte, wenn sie sich zum Nutzen der Dorfbewohner mit Harry und den übrigen Engländern gut stellte. Und wenn er ehrlich war, konnte er sie für diese Haltung nicht tadeln. Wann aber würde sie endlich einsehen, dass auch er sie brauchte? Viel wichtiger jedoch war ihm, wann sie begreifen würde, dass sie selbst seiner bedurfte? „Ja, ich werde auf der Heimfahrt bei Lord Haverbrook vorbeischauen“, erwiderte Blair und verzog leicht belustigt den Mund. Cameron würde vermutlich an diesem Abend noch sehr beschäftigt sein. Sie hatte ihre milden Gaben ausgeteilt, aber er würde wohl noch einige Male auf dem Weg nach Lindsay Hall anhalten. „Darf ich Sie dann in meiner Kutsche mitnehmen?“, fragte er. „Nein, Robbie bringt mich nach Haus, bevor er mit Mrs Brown und den MacNabs ein wenig feiert. Aber sagen Sie mir, Mylord, werden Sie sich nicht einsam fühlen, wenn Sie Weihnachten in den Highlands verbringen müssen?“, fragte Blair, fest entschlossen, endlich herauszufinden, was es mit der verwünschten Schneiderrechnung auf sich hatte. „Nein“, antwortete er und freute sich, dass sie sich um ihn Gedanken machte. „Die Highlands sind zu jeder Zeit des Jahres schön.“ „Das sind sie wirklich. Vermissen Sie denn nicht Ihre Verwandten? Wartet nirgends ein Weihnachtsdinner auf Sie, bei dem Ihnen eine hübsche Tante, Cousine oder ein Mündel Gesellschaft leistet?“ So also ist das, dachte Cameron erfreut. Die kleine Hexe war darauf aus, ihn morgen zu Tisch zu bitten, ohne dabei über den eigenen Schatten springen zu müssen. Nun, sie sollte ihren Willen haben. Er würde auf das Spielchen eingehen und den Verlassenen mimen, der sich nach einer Familie und einem gemütlichen Heim sehnte. Dann konnte sich Blair die Ausrede machen, dass sie ihn aus reiner Nächstenliebe einladen musste. „Nein, Madam, ich habe niemanden, der mir ein warmes Plätzchen bei der Weihnachtsfeier bereithält“, antwortete er und schaute sie erwartungsvoll an. Nun würde sie ganz gewiss die gewünschte Einladung aussprechen. „Tatsächlich?“, sagte sie unvermutet schroff. Das Lächeln schwand aus ihrem Gesicht bei der Vorstellung, dass es Frauen gab, deren Kleider er bezahlte. „Ja, so ist es leider.“ Seine freudige Erregung wich der Verwunderung über Blairs veränderte Stimmung. „Das ist wirklich jammerschade“, sagte Miss Duncan in gepresstem Ton, wandte sich brüsk ab und stieg in ihre Kutsche. Verblüfft und höchst enttäuscht blieb Cameron zurück, neugierig angestarrt von den Bewohnern von Glenmuir. Der Earl of Haverbrook hatte erwähnt, dass sich nur eine kleine Gesellschaft am Heiligen Abend zusammenfinden würde. Dennoch erstrahlte das prächtige Gebäude wie gewöhnlich im hellsten Licht. Lord Haverbrook hatte versprochen, Miss Duncan später nach Hause fahren zu lassen, und deshalb schickte sie Robbie zum Familienfest der MacNabs. Von dort sollte er mit Mrs Brown zurückkehren. Der Butler begrüßte Miss Duncan mit der ihm eigenen Würde und half ihr aus dem Plaid. Ihr fiel auf, dass in dem Jagdschloss für eine kleine Soirée viel zu hektische Betriebsamkeit herrschte. Im Salon unterhielten sich die Gäste ziemlich laut und lachten aus vollem Halse. Wahrscheinlich hatten die meisten schon einige Glas Punsch getrunken. Blair blieb auf der Schwelle stehen und wartete darauf, dass der Butler ihr Eintreffen meldete. „Ja, ich habe Cameron den Rat gegeben“, hörte sie Lord Haverbrook zu einem Gentleman sagen, „sich dieses schillernde Persönchen einzufangen. Mir scheint, meine Worte haben den Zweck nicht verfehlt. Die junge Dame ist bereits so gut wie sein. Ich kann es verstehen, dass er es kaum erwarten kann, sie uns zu präsentieren. Was ist denn, Thompson?“ „Miss Duncan ist gekommen, Mylord“, antwortete der Butler. Blair tobte innerlich vor Zorn. Es stimmte also! Lord Haverbrooks Äußerung war Beweis genug. Cameron hatte in London eine Geliebte, und alle wussten es, nur Blair nicht! Wie konnte er es wagen, sie so zu täuschen und ihr von Liebe zu sprechen? Meinte er, sie sei gut genug, ihm während der kurzen Besuche in Glenmuir die Zeit zu vertreiben? Eigentlich hätte sie nicht überrascht sein dürfen. Schon in frühester Jugend war ihm diese arrogante Einstellung zu eigen gewesen! Mochte er noch so viel für die Leute in den Highlands tun, Blair war es gleich. Sie würde auch in Zukunft allein schlafen. Ihre Ehre war kein Ausgleich für seine Nächstenliebe! „Ah, wir haben Sie erwartet, Madam“, sagte Lord Haverbrook, zwinkerte seinem Gesprächspartner mit Verschwörermiene zu und geleitete Miss Duncan zu den anderen Anwesenden. „Wir hatten keine Ahnung, wann der Gottesdienst zu Ende ist. Deshalb konnte ich Sie nicht mehr davon in Kenntnis setzen, dass ich meine Pläne für heute Abend geändert habe.“ „Geändert?“, wiederholte Blair erstaunt. Es fiel ihr schwer, den Zorn auf Lord Lindsay zu unterdrücken. „Ja, ich bedauere, aber es hat sich etwas ergeben, das es Fairfax, Enright und mir unmöglich macht zu bleiben. Aber wir haben Zeit, auf Weihnachten mit einem Gläschen anzustoßen, ehe wir uns verabschieden müssen. Miss Duncan, gestatten Sie mir, Ihnen ein fröhliches Fest zu wünschen!“ „Was ist denn geschehen, Sir, das Ihnen den Heiligen Abend so verdirbt?“, fragte Miss Duncan und ließ sich ein Glas Champagner geben. „Ich hoffe, es ist nichts Schlimmes.“ „Nein, Madam. Im Gegenteil, es ist gut, dass die Angelegenheit endlich ins Reine kommt. Entschuldigen Sie mich jetzt bitte. Wir Männer müssen nun tun, was die Pflicht uns gebietet.“ Unversehens sah Blair sich der langweiligen Gesellschaft der Comtess of Haverbrook und der Gattinnen von Lord Fairfax und Mr Enright überlassen. Die Gentlemen standen in der entfernten Ecke des Salons und unterhielten sich in gedämpftem Ton. Blair gab vor, sich den Weihnachtsbaum ansehen zu wollen, und näherte sich neugierig den Herren. So konnte sie Bruchstücke der Diskussion aufschnappen. Es ging um Munition und Tarnung und dass man sich versteckt halten müsste. Sonderbar, aber die Männer hatten offenbar vor, am Heiligen Abend zur Jagd zu gehen. Kein Wunder, dass ihre Gattinnen so verstimmt waren. Plötzlich fielen Worte, die Blairs Herzschlag beinahe aussetzen ließen. „… zu dieser verfallenen Jagdhütte, wo er seinen Schlupfwinkel hat und das Diebesgut versteckt hält. Heute Nacht werden wir ihn …“ Großer Gott, man hatte den Platz gefunden, der dem Räuber als Schlupfwinkel diente. Falls Lord Lindsay wirklich mit dem Dieb identisch war, befand er sich in höchster Gefahr. Blairs Gedanken überstürzten sich. Sie sah ihn tot oder zumindest verletzt, festgenommen und ins Gefängnis geschleppt. Ausgelöscht war aller Zorn, den sie noch vor einem Augenblick empfunden hatte. Selbst wenn Cameron sie und ihre Liebe verraten haben mochte, verdiente er dennoch nicht den Tod. Sie musste ihn warnen, so schnell sie konnte. Lady Haverbrook nahm bereitwillig Blairs Entschuldigung, sie habe Kopfschmerzen an, und machte keinen Versuch, Miss Duncan zurückzuhalten. Nur der Earl bedauerte wortreich, ihr nicht länger Gesellschaft leisten zu können, ohne jedoch einen Grund zu nennen. Beim Abschied sah Blair, dass weitere Herren eintrafen, und bemerkte mit wachsender Verzweiflung in einer Ecke des geräumigen Vestibüls einen Stoß Jagdflinten. Zu Fuß konnte sie Lindsay Hall schnell erreichen, wenn sie den Weg durch den Wald nahm. Hoffentlich kam sie noch rechtzeitig an, bevor Lord Lindsay sich zu der Holzhütte aufmachte. Kaum eine Viertelstunde später pochte sie, vollkommen außer Atem, an das Portal von Lindsay Hall. Der Butler zog ärgerlich die Brauen hoch, als er die späte Besucherin sah. Wussten Schottinnen denn nicht, dass man sich in der zivilisierten Welt an bestimmte Empfangszeiten zu halten hatte? Er brauchte seine ganze Überzeugungskraft, Miss Duncan glauben zu machen, dass Seine Lordschaft nicht zu Hause war. Statt eine Nachricht zu hinterlassen, rannte sie ohne eine Wort der Erklärung wie gehetzt davon. Mit langen Schritten lief sie den Hang hinauf und rang keuchend nach Atem. Sie wusste, es war wahnwitzig, was sie tat, doch darauf kam es jetzt nicht an. Wenn Cameron etwas zustieß, nur weil sie ihn nicht gewarnt hatte, würde sie sich das nie im Leben verzeihen. Sie musste die Hütte erreichen, ehe die Engländer kamen, damit er fliehen konnte. Zumindest aber wollte sie sich vergewissern, ob er dort war. Ohne auf die Stiche in der Seite zu achten, stolperte sie vorwärts und wunderte sich, wie viel sie ertragen konnte, um den geliebten Mann zu retten. Sie konnte sich nicht länger darüber hinwegtäuschen. Trotz der Frau, die er in London hatte, wusste sie, dass sie ihn liebte wie keinen anderen. Schließlich hatte sie die verfallene Hütte erreicht. Nichts ließ darauf schließen, dass jemand sich dort aufhielt. Aber das bedeutete nicht, dass Cameron nicht trotzdem im Inneren war und heimlich Säcke für seine Weihnachtsgaben füllte. Vorsichtig schlich Blair um das Häuschen. Nichts deutete darauf hin, dass die Engländer schon auf der Lauer lagen. Sie griff nach dem Türriegel, schob ihn langsam zurück und drückte die Tür auf. Die rostigen Angeln ächzten laut in der Stille der Nacht. Auf Zehenspitzen ging sie zur Mitte des kleinen Raumes und wollte eben Camerons Namen flüstern, als ein Schwefelholz aufflammte und eine Stimmte laut rief: „Wir haben ihn, Freunde, legt an!“ 8. KAPITEL „Großer Gott“, rief Mr Enright, als der grelle Lichtschein der Laternen auf Miss Duncans Gesicht fiel. „Senkt die Flinten, Leute! Unser Dieb ist niemand anders als Miss Duncan. Lustig, nicht wahr, Mylord, dass der Verbrecher sich als die junge Dame erweist, die Sie uns so übereifrig als Muster schottischer Treue und Aufrichtigkeit gepriesen haben? Ich glaube, jetzt wissen wir, wie weit wir uns auf Ihre Menschenkenntnis verlassen können.“ „Machen Sie sich nicht lächerlich, Enright! Ich bin ganz sicher, dass Miss Duncan uns ihre Anwesenheit erklären kann“, sagte der Earl of Haverbrook und sah zögernd zu ihr hin. Sie stand da, ohne mit der Wimper zu zucken, nur in den blauen Augen brannte der Zorn. „Ich glaube, wir wissen, was sie hergeführt hat“, warf ein anderer Engländer ein. „Sie holt noch mehr von ihrer Beute. Kein Wunder, dass sie Jahr für Jahr Nachbarn und Pächter mit prall gefüllten Weihnachtskörben beschenken konnte! Alles, was sie uns gestohlen hat, kostete sie keinen Penny.“ „Und wer hätte jemals eine Frau solcher Vermessenheit im Namen der Nächstenliebe verdächtigen wollen?“, fragte Lord Fairfax, dessen Äpfel die Weihnachtskörbe bereichert hatten. „Ich glaube kaum, dass Miss Duncan …“, begann Lord Haverbrook. „Gentlemen“, unterbrach sie ihn ruhig, „gestatten Sie mir, auch etwas zu sagen! Was, um Himmels willen, habe ich Schreckliches getan, dass Sie sich dermaßen erregen? Es ist mir bisher noch nie passiert, dass ich mit einem Spaziergang am Heiligen Abend solche Bestürzung ausgelöst hätte.“ Sie bemühte sich, leise zu sprechen, um nicht zu zeigen, dass sie ganz außer Atem war. In eben die Falle gegangen, vor der sie Cameron bewahren wollte, blieb ihr keine andere Wahl, als vorzugeben, dass sie keine Ahnung von den verräterischen Dingen in der Hütte hatte. Sie schickte ein Dankgebet zum Himmel, dass sie Lord Haverbrooks Uhr zu Haus gelassen hatte. Hätte man das kostbare Stück bei ihr gefunden, wäre sie erst recht in Verdacht geraten. „Bin ich vielleicht in eine Geheimversammlung englischer Ehemänner geraten, deren Frauen nicht wissen dürfen, was hier vorgeht? Wenn ja, schwöre ich Ihnen von Herzen gern zu schweigen und ziehe mich zurück.“ „Nicht so hastig, Miss Duncan! Setzen Sie sich bitte dort auf die Kiste, und entkräften Sie unseren Argwohn, dass Sie der Räuber sind, der jedes Jahr um die Weihnachtszeit unsere Vorräte geplündert hat.“ „Ich?“ Die absurde Vorstellung brachte Blair zum Lachen. Nicht, dass es ihr kein Vergnügen bereitet hätte, die Lagerräume der wichtigtuerischen Narren auszuräumen! Aber wie konnten sie annehmen, sie sei so dumm, ihre Beute dann offen zu verteilen? „Gentlemen, nehmen Sie doch Vernunft an! Seit einem halben Jahrhundert füllen wir Duncans Weihnachtskörbe für Pächter und Nachbarn. Die Diebstähle haben dagegen erst vor drei Jahren begonnen.“ „Das ist richtig. Aber früher waren die Zeiten nicht ganz so schlecht“, hielt Lord Fairfax dagegen. „Außerdem haben wir von Ihnen gehört, wie ungerecht Sie es finden, dass wir uns schottischen Besitz aneignen.“ „Es ist eine Ungerechtigkeit! Unbedeutende Diebstähle können das auch nicht mehr ändern!“ „Allerdings, aber sie helfen, Ihnen und Ihresgleichen das Leben zu erleichtern“, warf Mr Enright ein. „Mylord“, wandte Miss Duncan sich an den Earl, „Sie haben bemerkt, in welch jämmerlichem Zustand mein Haus ist. Man sollte meinen, dass ich dann zur Ausbesserung der Schäden wenigstens das Fass Nägel für mich behalten hätte, das aus Ihrem Schuppen entwendet wurde. Das heißt, wenn ich tatsächlich die Diebin wäre.“ Das klang durchaus einleuchtend. Lord Haverbrook fühlte sich unbehaglich. Natürlich ging es ihm nahe, Miss Duncan in die Enge getrieben zu sehen, doch wenn sie tatsächlich schuldig war, musste er dafür sorgen, dass die Gerechtigkeit ihren Lauf nahm. „Ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Aus welchem Grund sollte eine junge Dame hier herkommen, noch dazu mitten in der Nacht, wenn sie nicht in verbrecherische Machenschaften verstrickt ist.“ „Genau, Miss Duncan“, höhnte Mr Enright. „Geben Sie sich erst gar nicht die Mühe, den Zweck Ihres Hierseins zu leugnen. Sie wollten noch eine schottische Familie mit einem Teil der Beute beglücken, bevor es Tag wird. Ich habe sogar meine Schafe wiedergefunden. Sie sind draußen unter den Bäumen angebunden.“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, dass ich keineswegs diese Absicht hatte. Ich wollte nur frische Luft genießen und den sternklaren Himmel bewundern.“ Blair überlegte, ob es ratsam sei, die moralisch Entrüstete zu spielen oder mit sachlichen Argumenten an das logische Denken dieser Dummköpfe zu appellieren. Schotten waren wegen ihres hitzigen Temperamentes berüchtigt. Vielleicht sollte sie einen Wutanfall bekommen! „Aber, aber, Miss Duncan! Ich weiß, Sie fürchten um Ihren und meinen guten Ruf. Trotzdem wäre es besser, Sie sagten den Gentlemen die Wahrheit“, riet ihr der Earl of Lindsay. Gelassen lehnte er am Türpfosten, sehr entspannt und ruhig. „Ich fürchte, die Zeit für kleine Geheimnisse ist vorbei!“ „Lord Lindsay!“ Blair geriet in Panik. Die Hände wurden ihr feucht, der Atem ging hastiger, und sie bemühte sich, den Sinn der Worte zu begreifen. Cameron hatte doch hoffentlich nicht vor, zu gestehen, dass er der Dieb war! So zuvorkommend das auch sein mochte, es wäre unklug, die törichte Geste eines Verliebten, der Kopf und Kragen für die Frau aufs Spiel setzte, der sein Herz gehörte! Konnte es sein, dass er sie liebte? Vor zwölf Jahren hätte sie es ihm geglaubt, aber heute? Verwirrt schüttelte sie den Kopf und starrte Lord Lindsay wortlos an. Er kam langsam auf sie zu und wich der aufgehäuften Diebesbeute aus. Dann zwinkerte er ihr verschmitzt zu, legte ihr den Arm um die Schultern und drehte sie zu den neugierig starrenden Herren herum. Ehe sie wusste, wir ihr geschah, hatte er ihr einen zarten Kuss auf die Lippen gedrückt und sagte dann, verlegen grinsend: „Die Wahrheit ist, dass Blair und ich uns heute hier treffen wollten. Du weißt, Harry, dass ich mich seit Jahren um sie bemüht habe. Du hast mir sogar empfohlen, meine Anstrengungen zu verdoppeln. Ich habe den Rat beherzigt, und sie hat sich endlich überreden lassen, mir ein weihnachtliches Stelldichein zu gewähren. Ich habe deine Einladung ausgeschlagen, um Blair nicht ins Gerede zu bringen, falls wir die Gesellschaft gemeinsam verlassen hätten. Ich war ganz sicher, dass ich Blairs Herz gewonnen hatte, bis ich euch hier vorfand. Du hast doch nicht jedem einen Kuss unter dem Mistelzweig versprochen, Blair?“ „Nein, natürlich nicht! Ich kam in der Meinung, nur dich allein anzutreffen.“ In dieser gefährlichen Situation hatte Cameron ihr einen Rettungsanker zugeworfen, selbst wenn es auf Kosten ihres guten Rufes geschah. „Cameron konnte mich doch so spät nicht mehr zu Haus aufsuchen“, erklärte sie leise, als fiele es ihr schwer, ihr Tun laut zu gestehen. „Und man hätte es auch missverstehen können, wenn ich zu ihm gefahren wäre.“ „Deshalb hatte ich ihr die abgelegene Hütte als Treffpunkt vorgeschlagen“, erklärte Lord Lindsay, und der Ausdruck seiner braunen Augen warnte jeden, ihn für einen Lügner zu halten. „Meines Wissens ist die Hütte seit Jahren verlassen. Ich habe ein paar Pferdedecken mitgebracht, etwas Brennholz, einige Kerzen und sogar eine Flasche Cognac. Und was muss ich finden? Allem Anschein nach eine Gesellschaft, zu der ich nicht eingeladen wurde! Ich muss schon sagen, das ist kein erfreulicher Auftakt zu der ersten Weihnacht, die Blair und ich miteinander verbringen wollten. Wenn du dahintersteckst, Harry, werde ich dir das nie verzeihen.“ „Nein, Cameron, es war ganz anders. Einige von uns stolperten sozusagen über die Hütte und stießen dabei auf manches, was man uns gestohlen hatte. Und wir glaubten, heute Abend den verdammten Dieb stellen zu können“, erwiderte Lord Haverbrook hastig und sah sorgenvoll voraus, dass Cameron ihm in Zukunft verbieten würde, je auf Duncanschem Boden zur Jagd zu gehen. Er war entschlossen, alles zu tun, um den Zorn des Freundes zu besänftigen. Cameron schien zu allem fähig, wenn es um die schöne Miss Duncan ging. „Wann hätte der Kerl denn kommen sollen, wenn nicht heute? Nein, alter Junge, unsere Anwesenheit hat wirklich nichts mit dir und der Dame deines Herzens zu tun. Kommt, Gentlemen, ziehen wir uns zurück und lassen die beiden allein!“ „Und die Sachen, Sir, die man uns geraubt hat? Ich für meinen Teil denke nicht daran, hier zu weichen, bevor ich nicht die Schafe wiederbekomme und die Satteldecken, die dort drüben liegen!“ Mr Enright war gründlich verärgert. „Auch ich gehe nicht mit leeren Händen nach Hause“, unterstützte ihn Lord Fairfax. „Unsere Frauen würden toben, dass wir sie sinnloserweise am Heiligen Abend allein gelassen haben!“ „Na gut, nehmt, was euch gehört, und verschwindet!“, sagte Lord Lindsay. „Blair und ich wären gern ein Stündchen allein, solange der Mond am Himmel steht. Und noch etwas! Untersteht euch, auch nur ein Wort über dieses Zusammentreffen verlauten zu lassen! Sonst könnte Blair niemandem mehr unter die Augen treten, meine Freunde! Aber ihr könnt jetzt schon wissen, dass sie mir das Jawort gegeben hat. Wir werden die Verlobung bald offiziell bekannt machen.“ „Cameron, wie kannst du …?“, begann Blair empört, doch rasch verschloss er ihr den Mund mit einem Kuss und verwandelte ihren Zorn in Wohlbehagen. Mit der freien Hand winkte Cameron den Herren zu, doch endlich zu gehen, während sein Kuss Blair den Atem raubte und leidenschaftliches Verlangen weckte. Camerons Lippen kosteten und forderten, bis es ihr gleich war, ob sie allein waren oder nicht. Sie dachte nur noch an diesen rätselhaften Mann, der ihre Kindheitsträume von einer glücklichen Zukunft zu neuem Leben erweckt hatte. Als die Tür ins Schloss fiel und nur noch Blair und Cameron anwesend waren, erinnerte sie sich jäh der haarsträubenden Lügen, die er erzählt hatte, und an den eigentlichen Grund, warum sie sich in der verfallenen Jagdhütte befand. Cameron war der Dieb. Er hatte sich nicht nur an fremdem Eigentum vergriffen, sondern ihren guten Ruf in Gefahr gebracht. Blitzschnell entwand sie sich seinen Armen und vergaß die Versuchung, der sie beinahe wieder erlegen war. „Du bist der gemeinste, unmöglichste und abscheulichste Mensch auf Erden! Wie konntest du diese himmelschreienden Lügen über uns verbreiten?“, sagte sie wütend. „Und selbst wenn es außer dir keinen Mann gäbe, würde ich dir mein Wort nicht geben. Ich denke gar nicht daran, und wenn du dich auf den Kopf stellst!“ „Vorsichtig, Liebste, sag so etwas nicht! Das Schicksal hat manchmal eine sehr sonderbare Art, uns beim Wort zu nehmen, besonders dann, wenn wir es am wenigsten erwarten. Ich warne dich, Blair“, mahnte Cameron unbeeindruckt von ihrem Zornesausbruch. „Außerdem scheint mir, dass deine Geschichte vom einsamen Weihnachtsspaziergang im Mondschein nicht recht angekommen ist. Wäre ich einige Minuten später gekommen, hätten Enright und Fairfax dich in Gewahrsam genommen, um dich vor den Friedensrichter zu zerren. Was hast du überhaupt hier gesucht?“ „Friedensrichter? Ich bin nicht schuldig! Lord Haverbrooks Uhr lag auch nicht auf meinem Schreibtisch, zwei Tage nachdem sie ihm gestohlen wurde“, entgegnete Blair und warf den Kopf in den Nacken. „Im Übrigen wollte ich den unbekannten Wohltäter retten. Jetzt weiß ich allerdings nicht, warum ich mich um ihn sorgte.“ Cameron schüttelte bedauernd den Kopf und überlegte, was jetzt noch zu tun sei. Wie einfach hätte das Leben doch sein können! Warum gab sie nicht einfach zu, dass sie beide zusammengehörten, und ließ es dabei bewenden? Unter den gegebenen Umständen war es nicht ratsam, ihr die Wahrheit anzuvertrauen. Nur zu leicht konnte man sie als seine Komplizin ansehen. Außerdem konnte sie, wenn sie wütend wurde, imstande sein, ihn den Nachbarn auszuliefern, statt ihm wegen seiner Barmherzigkeit Beifall zu klatschen. „Nun? Welche glaubwürdige Erklärung hast du denn, warum Lord Haverbrooks Uhr sich bei dir befand? Erzähle mir bloß nicht, er habe sie beim Kartenspiel an dich verloren und nicht gewagt, es seiner Frau zu gestehen!“, höhnte Blair und war doch enttäuscht, dass Cameron sich keine Mühe gab, sich zu verteidigen. Sie hatte nie seine Entschlossenheit bezweifelt, zur Wahrheit zu stehen, ohne nach den Folgen zu fragen. Warum also zögerte er? Wenn er nicht bereit war, das Geheimnis mir ihr zu teilen, wie konnte sie ihm trauen? In der Kälte spürte sie noch immer seinen Mund auf ihrem, und die Erinnerung, dass Cameron sie in den Armen gehalten hatte, drohte sie zu überwältigen. Was war nur mit ihr los? Wenn er jetzt nicht bald ein Wort sagte, fürchtete sie, erneut der seltsam aufreizenden Stille zu erliegen. „Du wirst dir doch eine bessere Geschichte ausdenken können!“, sagte sie herausfordernd. „Es ist die Wahrheit, Blair“, behauptete er, griff nach ihrer Hand und streichelte die Innenfläche. „Ich bin nicht der, für den du mich hältst. Es mag dir aufgefallen sein, dass Haverbrook einen bedauerlichen Hang zum Alkohol hat. Er kommt täglich auf zwei, drei Cognacs bei mir vorbei. Bei seinem letzten Besuch muss er die Uhr liegen lassen und es vergessen haben. Ich habe sie erst am Abend bemerkt, bevor du sie mir entwendet hast.“ „Ich wollte sie ihm zurückgeben“, verteidigte sich Blair, und das Blut stieg ihr in die Wangen. „Wie, wusste ich freilich nicht, ohne mich selbst in Verdacht zu bringen … oder dich.“ Cameron schwieg einen Moment, hob sie unvermutet hoch und schwang sie im Kreis. „Sieh an, Blair! Du liebst mich ja doch! Ich schwöre dir, dass du mein bist, ehe das neue Jahr begonnen hat.“ „Und ich schwöre dir, dass du verrückt bist, wenn du das glaubst. Setz mich sofort ab, und lass mich gehen!“ Er gehorchte, und rasch ordnete sie die Röcke. Aber sie gestand sich ein, dass sie nicht in die Leere von Duncan House zurückkehren wollte. Und doch konnte sie sich selbst nicht trauen, solange er in der Nähe war. Sooft das Licht sich in seinen Augen spiegelte, hätte sie sich am liebsten wieder in seine Arme geworfen und in den Tiefen seines unergründlichen Blickes verloren. „Gut, ich werde dich nach Hause bringen. Ich habe mein Pferd draußen, und die Nacht ist sehr hell.“ „Dazu besteht keine Notwendigkeit!“ „Oh doch!“, widersprach er leise. „Es ist viel zu spät, als dass du allein durch den Wald gehen könntest, schon gar nicht jetzt, wo die Hälfte der Engländer hier uns für verlobt hält.“ „Und wessen Schuld ist das?“, fragte Blair wütend. „Du musst ja doch mit der Wahrheit herausrücken.“ „Wenn du bis Silvester meinen Antrag nicht angenommen hast, werde ich öffentlich erklären, dass ich gelogen habe. Mein Ehrenwort! Bis dahin bin ich dein bester Schutz vor dem Friedensrichter.“ Blair fühlte sich viel zu müde, um noch weiter mit Cameron zu streiten, und verließ die Hütte. Draußen wartete der Apfelschimmel, und sie gestattete, dass Cameron ihr in den Sattel half. Der Ritt nach Duncan House verlief in völligem Schweigen. Jeder war in Gedanken versunken. Eigentlich, überlegte Blair, war der Abend doch noch ein Erfolg geworden. Sie hatte Cameron davor bewahrt, gestellt zu werden, auch wenn sie dadurch den Verdacht auf sich selbst lenken musste. Und sollte Cameron wirklich nicht der geheimnisvolle Wohltäter von Glenmuir sein, so würden die Engländer in dieser Nacht wenigstens nicht mehr nach dem richtigen suchen. Vielleicht hatte der Unbekannte noch einen anderen Schlupfwinkel und konnte Glenmuir trotzdem weiter beschenken. Cameron empfand nichts als Genugtuung. Endlich hatte Blair ihm bewiesen, dass sie ihn liebte! Sie hatte riskiert, seinen Landsleuten in die Hände zu fallen, nur um ihn zu warnen. Außerdem hatte sie seine Küsse erwidert, dicht an ihn gedrückt, und leidenschaftlich seine Nähe gesucht. Nun musste er nur noch ihren starren schottischen Sinn bewegen, zu akzeptieren, was ihr Körper längst spürte, die Tatsache, dass er und sie zusammengehörten. Schon morgen würde er seine Werbung um sie ernsthaft beginnen. Mit diesem festen Vorsatz verließ er Blair vor Duncan House. Es war viel früher am Morgen, als Blair erwartet hatte. Vielleicht, weil sie durch den Mangel an Schlaf in den vergangenen Wochen so müde war. Aber es war Weihnachten, und sie wollte sich alle Mühe geben, ein freundliches Gesicht zu machen, und sei es nur Robbie und Mrs Brown zuliebe. Nach schnell vollzogener Morgentoilette ging sie in die Küche hinunter und blieb wie angewurzelt auf der Schwelle stehen. Der Anblick, der sich ihr bot, erregte fassungsloses Staunen. Auf dem breiten Tisch lag eine Gans, gerupft, gesäubert und bereits gefüllt, und daneben fanden sich alle erdenklichen Zutaten für einen richtigen Festschmaus. Zwischen dem frischen Obst und den anderen Leckereien steckte eine kleine Karte mit der handschriftlichen Notiz: „Für jemanden, die gleich mir diese Jahreszeit und Glenmuir liebt. Genieße es!“ Das würde Blair sicher, ebenso wie die beiden Dienstboten und Pater MacKenzie, der alljährlich ihr Gast am Weihnachtstisch war und gewiss nur ein mageres Hühnchen erwartete. Diesmal hatte Cameron sich selbst übertroffen! Blair schüttelte den Kopf. Wie konnte sie denken, dass er der Spender dieser Köstlichkeiten war? Er hätte nie die Zeit gefunden, das herzurichten und zu bringen, nachdem er Blair nach Hause begleitet hatte. Die Vorstellung, er könne eigenhändig eine Gans rupfen, ließ Blair hell auflachen. Von wem auch immer das Weihnachtsgeschenk stammte, eines stand fest, an diesem Dinner würden alle in Duncan House ihre Freude haben. Blair ging zum Herd und machte Feuer. Sie ahnte nicht, dass zur gleichen Zeit Lord Lindsay ähnliche Überlegungen anstellte, mit einem Unterschied: Mrs Pearsons unablässige Nörgeleien fielen dem Earl auf die Nerven. Er saß im Speisezimmer beim Frühstück und suchte die aufgeregte Haushälterin zu beschwichtigen. „Ich weiß wirklich nicht, was Sie um diese Tageszeit von mir erwarten. Was soll ich denn Ihrer Meinung nach tun? Natürlich sehe ich ein, dass Sie das Recht haben, zornig zu sein. Sie haben viel Zeit und Mühe aufgewendet, um alles für das Souper herzurichten, und nun wurde die vorbereitete Gans aus der Speisekammer gestohlen. Aber Sie wissen, dass ich nicht heikel bin. Wenn wir nichts Besseres im Hause haben, können Sie uns gern pochierte Eier vorsetzen.“ „Zu Weihnachten? Herr im Himmel! Meine selige Mutter würde sich im Grabe umdrehen“, erwiderte Mrs Pearson empört. „Nein, ich werde einen Wildbraten machen, falls der verwünschte Halunke nicht auch den Fleischkeller geplündert hat.“ „Sie haben freie Hand, was das Essen für das Personal angeht.“ Lord Lindsay stand auf und rückte vor dem Spiegel neben der Tür das Krawattentuch zurecht. „Ich werde in Duncan House zu Abend essen. Machen Sie sich meinetwegen keine Sorgen.“ Diesen guten Rat hätte eher Blair Duncan nötig gehabt, als sie sich abends völlig unvermutet dem Earl of Lindsay gegenübersah. „Du? Ich habe dich doch nicht …“ Sie biss sich auf die Lippe, um nicht gegen das traditionelle Gebot der Gastfreundschaft zu verstoßen, das jedem Schotten heilig war. „Komm herein. Ich habe zwar nur mit Pater MacKenzie gerechnet, aber du bleibst doch zum Essen?“ „Liebste Blair, hast du heute Morgen in der Kirche nicht bemerkt, wie die Leute gelächelt und sich zugenickt haben? Es kann nicht deine Absicht sein, deinen Zukünftigen an einem Tag wie diesem aus dem Haus zu weisen. Außerdem habe ich den zu der gefüllten Gans passenden Wein mitgebracht.“ Ein Klopfen an der Tür bewahrte Blair vor einer Antwort. Was hätte sie auch sagen sollen? Cameron wusste, was es zum Dinner geben sollte. War das seine Art, ihr durch die Blume verständlich zu machen, ihre Vermutung hinsichtlich des Diebes sei nicht so ganz abwegig gewesen? „Treten Sie ein, Pater MacKenzie“, sagte Blair und lächelte. „Fröhliche Weihnachten! Lord Lindsay ist heute unser Gast.“ „Ja, Pater, ich habe Miss Duncan soeben erzählt, wie sehr Ihre Predigt beim Frühgottesdienst mir Eindruck gemacht hat. Sie haben ja so recht! Wir sollen die Liebe unserer Herzen ebenso teilen wie die Speisen auf dem Tisch und die Vorräte im Schrank. Das nenne ich den wahren Sinn der Weihnacht!“ 9. KAPITEL Auf dem Heimritt durch die frostig kalte Luft nach der letzten verstohlenen Geschenkrunde überlegte Cameron, ob er noch einmal bei Blair haltmachen solle. Nach der Entdeckung des Schlupfwinkels hatte er diesmal aus seinen Beständen geholt, was noch zu verteilen war. Bei der Größe und den Vorräten von Lindsay Hall würde kein Mensch den Verlust bemerken. Jetzt freilich beschäftigten Cameron ganz andere Gedanken als tätige Nächstenliebe. Blair war eine wirklich bezaubernde Gastgeberin gewesen, obwohl er sich selbst eingeladen hatte. Trotzdem hieße es wahrscheinlich den Bogen überspannen, wenn er sie zu dieser späten Stunde zum zweiten Male aufsuchte. Er war nur ungern aufgebrochen, doch er hatte noch etliches Wichtige zu erledigen gehabt. Grollend erinnerte er sich, dass Pater MacKenzie geblieben war, und tröstete sich dann ein wenig mit der Freude, die er in dieser Nacht armen Menschen mit den prallen Säcken bereitet hatte. Charlie Fergusons Familie konnte die Kohlen gut brauchen, umso mehr, als die alte Mutter des Bauern noch bei ihm lebte. Und was die MacNabs anging, so verdienten sie die Zuwendungen von Mal zu Mal mehr. Cameron stellte sich vor, wie aufgeregt Mrs MacNab die Ballen Stoff und Säcke mit Strickwolle öffnen würde, die er ihr vor die Tür gelegt hatte. Allein deshalb bereute er nicht, dass er diese Zeit nicht mit Blair verbracht hatte. Die gute Mrs MacNab mit ihrer großen Familie hatte immer wieder ein Enkelchen, eine Nichte oder einen Neffen, die Kinderkleider oder eine Aussteuer brauchten. Da war es nur recht und billig, dass jemand helfend eingriff. Es war schon sonderbar, wie Cameron die Leute von Glenmuir in diesem Jahr ans Herz gewachsen waren. Bei den vergangenen Weihnachtsfesten hatte er zwar seine guten Taten ebenso sorgfältig und großzügig geplant, ohne aber persönlich Anteil zu nehmen. Freilich, damals wie heute hatte seine Liebe vor allem Blair gehört. Natürlich war es sehr ärgerlich, die ganze Zeit neben ihr zu sitzen, ohne mit den Fingern durch das herrliche Haar streichen oder kleine, erregende Küsse auf den schlanken Hals hauchen zu können. Der Priester war keinen Augenblick aus ihrer Nähe gewichen, und auch die Haushälterin war dauernd um sie. Vermutlich hatte er es überhaupt der Anwesenheit der beiden zu verdanken, dass er so bereitwillig aufgenommen worden war. Er argwöhnte, dass Blair immer noch nicht wusste, wie aufrichtig seine Gefühle für sie waren und dass er sein Leben mit ihr teilen wollte. Immerhin hatte er ihr zur Rechten bei Tisch gesessen, und beim Weiterreichen einer Schüssel hatte sie sogar seine Hand berührt. Und als Pater MacKenzie einen Trinkspruch auf das verlobte Paar ausbrachte, setzte sie sich nicht zur Wehr, sondern bemerkte nur, dass sie und Lord Lindsay noch nicht alle Fragen besprochen hätten. Aber die Angelegenheit entwickelte sich recht vielversprechend. Aus dieser Überzeugung beschloss Cameron, doch noch nach Duncan House zu reiten. Blair konnte nicht mehr tun, als ihn nicht mehr zu empfangen. Das würde sie jedoch nicht tun, es sei denn, er hatte den Ausdruck in den tiefblauen Augen falsch gedeutet. Mrs Brown leistete natürlich Widerstand, als Miss Duncan sie bald zu Bett schickte. Aber Blair zog es vor, noch eine Weile still beim langsam niederbrennenden Feuer zu sitzen und bei einer Tasse Tee über Cameron nachzudenken. Jedes Mal, wenn sie der Meinung war, sie hätte ihn durchschaut und sein Rätsel gelöst, handelte er so, dass sie von Neuem vor tausend Fragen stand. So war nicht zu erwarten gewesen, dass er ihr zuliebe in der Hütte lügen würde. Andererseits hatte er es wohl aus Selbsterhaltungstrieb getan, um die Aufmerksamkeit der anderen von dem Verdacht abzulenken, es könnte sich bei ihm um den gesuchten Dieb handeln. Und die Angelegenheit mit Lord Haverbrooks Uhr war immer noch nicht erledigt, auch wenn er jede Beschuldigung zurückwies. Ausgesprochen eigenartig war hingegen, dass die Menschen, bei denen sich der Wohltäter besonders freigiebig gezeigt hatte, ausgerechnet jene waren, um die sich Blair am meisten sorgte. Konnte es so viele Zufälle geben? War Cameron doch der geheimnisvolle Unbekannte? Gerade heute verrieten die dicken Wollschals für den alten Robbie und Pater MacKenzie, wie sorgfältig die Geschenke ausgesucht worden waren. Und das weiche hellblaue Schultertuch für Mrs Brown! Die Mühe, die sich Cameron gegeben hatte, freute Blair besonders. Er war sogar noch einen Schritt weiter gegangen. Für sie selbst waren Obst, Zucker für Silvesterpunsch und Mehl liebevoll in eine Baumwollschürze gewickelt, die viel zu groß war, um je getragen zu werden. Als er dann noch ganz unschuldig gestand, wie gern er an dem Fest zum Jahresausklang teilnehmen würde, blieb ihr nichts anderes übrig, als ihn einzuladen. Dabei quälte sie hin und wieder der Gedanke an die Frau in London immer noch! Mit den unerwarteten Vorräten in der Speisekammer von Duncan House versprach Silvester viel opulenter zu werden als in den vergangenen Jahren. Aber auch wenn das nicht der Fall gewesen wäre, hätte sie Cameron aufgefordert, mit ihr zu feiern. Er war längst nicht mehr der egoistische Knabe, der sie durch sein jahrelanges Schweigen so verletzt hatte. Vielleicht stimmte es ja, dass er die Briefe nie erhalten und erst vor wenigen Tagen bekommen hatte. Konnte sie aber nur deshalb, weil ihn vielleicht keine Schuld traf, annehmen, er sei der richtige Mann für sie? Liebte er sie so, wie sie es sich wünschte? Bedeutete sie ihm mehr als eine angenehme Abwechslung, wenn er für eine Weile von seiner englischen Liebsten getrennt war? Im Feuer lag keine Antwort, so grüblerisch Blair auch in das Flammenspiel starrte, in den Wechsel von Licht und zuckenden Schatten. Niemand konnte einem anderen Menschen ins Herz schauen. Wusste sie überhaupt, wie es um ihres stand? Sie war so tief in Gedanken versunken, dass es eine Weile dauerte, bis sie das leise Klopfen an der Tür hörte. Dann schlug ihr das Herz plötzlich rasend schnell. Aus einem unerklärlichen Grund hatte sie keinen Zweifel, wer der späte Gast war. Schnell stand sie auf, um ihn eintreten zu lassen, ehe die Dienstboten aufwachten. Es war eine Sache, tagsüber den Besuch eines Mannes zu erhalten, aber eine ganz andere, wenn es spät in der Nacht geschah. „Komm herein, Cameron. Was, in aller Welt, willst du zu dieser Stunde noch von mir?“, fragte sie leise und lächelte herzlich, um den Worten die Schärfe zu nehmen. „Ich möchte dir nur richtig Gute Nacht wünschen“, antwortete er. „Aber ich war nicht sicher, ob der Priester nicht Anstoß nehmen würde, wenn er vorhin Zeuge geworden wäre.“ „Wenn du schon davon redest, warum hattest du es denn auf einmal so eilig, und wohin …?“ Blair kam nicht dazu, den Satz zu vollenden, denn Cameron zog sie in die Arme und drückte sie so fest an sich, als wolle er sie nie wieder gehen lassen. Sein Mund fand den ihren, und nur einen Augenblick leistete sie Widerstand. Ihr Körper war schnell bereit, Camerons drängendem Verlangen nachzugeben, weil sie es teilte. Sie presste sich an ihn, überließ sich mit Freude den leidenschaftlichen Küssen und spürte, wie die Erregung sich steigerte. Sie fühlte sich geliebt und geborgen, strich mit den Fingern durch sein von der Nachtluft feuchtes Haar und fragte nicht länger nach seiner Vergangenheit. Es zählte nur der Wunsch, die Freuden des Jetzt zu teilen. Wortlos erfüllten sich ihnen lang gehegte Träume und Sehnsüchte. Sie entflammten sich einer am anderen, wie der Feuerstein den Funken entzündet. Auf einmal war es Blair klar, dass es das war und nicht die Verweigerung der vergangenen Nacht, was Cameron verdiente. So genoss sie seine erfahrenen Zärtlichkeiten, und der kalte Lufthauch, der durch die offene Tür strich, vermochte nicht, ihre Glut abzukühlen. Unvermutet, als Blair glaubte, die Knie gäben unter ihr nach, ließ Cameron sie los, führte sie zum Sessel am Kamin zurück und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Dann wandte er sich zur Tür, als wolle er wortlos gehen. „Cameron!“ Was konnte sie sagen, wie ihm zu verstehen geben, dass sie nun begriffen und ihm das jahrelange Schweigen verziehen hatte! Als er stehen blieb und wartete, dass sie weitersprach, erinnerte sie sich seiner Worte aus der vergangenen Woche und lächelte. „Wie schön wäre es, kämst du erst, statt schon Abschied zu nehmen!“, sagte sie träumerisch. „Ja, Liebste, das wäre es allerdings“, gab er mit einem glücklichen Lächeln zurück. Er war hingerissen, dass sie endlich begann, wieder Zutrauen zu zeigen, wollte sie aber auf keinen Fall in dieser Nacht drängen, noch weiter zu gehen. „Sei unbesorgt, die fröhlichen Tage haben erst begonnen. Ich schwöre dir, das Leben mit seiner Narretei wird dich nicht enttäuschen. Morgen komme ich wieder und helfe dir beim Backen!“ „Beim Backen?“, wiederholte sie überrascht, doch er war bereits gegangen. Ihre Lippen brannten noch von seinen heißen Küssen, und sie sehnte sich nach mehr. Welch wunderbarer Weihnachtstag war das gewesen! Die folgenden Tage waren ebenso wunderbar. Cameron verbrachte die meiste Zeit in Duncan House. Er erklärte seine häufige Anwesenheit damit, dass er Miss Duncan unbedingt so oft besuchen müsse, weil die Leute ja annahmen, sie beide seien inoffiziell verlobt. Morgens, sobald der Nebel sich hob, gingen sie spazieren und ritten aus, wenn der Mond am Himmel stand. Blair war sogar einmal zum Abendessen in Lindsay Hall gewesen, sehr zum Verdruss von Mrs Brown. Cameron verstand es, das Gespräch so zu führen, dass es nicht zur ernsthaften Diskussion wurde. Jeder Frage nach seinem Leben in London oder der, wer denn wirklich hinter dem geheimnisvollen Dieb stecke, wich er mit einem Lächeln oder harmlosen Scherz aus. Jedes Mal, wenn Blair so weit war, ihm rückhaltlos Vertrauen zu schenken, verschloss er sich, und sie musste von Neuem annehmen, er habe etwas zu verbergen, etwas Unerfreuliches und Gefährliches. Sosehr es sie auch drängte, ihn von ganzem Herzen zu lieben, so sehr kamen ihr Zweifel, weil er ihr nicht die ganze Wahrheit sagen wollte. „Heute habe ich eine silberne Konfektschale von Lord und Lady Haverbrook bekommen“, sagte sie, als sie am letzten Tag des Jahres beim Backen waren. „Vermutlich zur Verlobung.“ Blair konnte der Versuchung nicht widerstehen, ihren hübschen Küchenjungen zu necken. Sie hob die Hand und kniff ihn in die Nase, als er damit beschäftigt war, die Tabletts für die Teekuchen mit Mehl zu bestäuben. „Nun sag mir, was ich mit einem so seltsamen Menschen wie dir anfangen soll? Ich kenne keinen schottischen Mann, der auch nur daran dächte, so tief zu sinken und einer Frau bei der Hausarbeit zu helfen. Aber schmecken lassen sie es sich alle sehr gern!“ „Und ich kenne keine einzige kluge Frau in England, die es wagen würde, mich zu ärgern, wenn ich Mehl an den Händen habe“, antwortete er und drohte ihr scherzhaft mit dem Zeigefinger. „Auch keine, die ihre Kleider bei Miss Eloise nähen lässt?“ „Nein!“, erwiderte er, kam schnell um den Tisch und stäubte einen Tupfer Mehl auf Blairs Nase. Das war die Strafe für das helle Lachen, das seine betont finster gerunzelte Stirn bei Blair ausgelöst hatte. Bevor er ausweichen konnte, blies sie ihm Mehl ins Gesicht und wollte sich schleunigst aus dem Staube machen. Ihre Augen leuchteten so voll ungetrübten Glücks, dass er sich nicht beherrschen konnte, Blair an sich zog und herzlich küsste. Es tat ihm wohl, dass sie seine Zärtlichkeiten duldete, sich in seine Arme schmiegte und sichtlich seine Nähe genoss. Erst Mrs Browns unüberhörbares Hüsteln brachte Cameron und Blair wieder zur Vernunft. Empört machte die Haushälterin sich mit Übereifer am Herd zu schaffen. „Zu meiner Zeit geschah dergleichen ganz verstohlen, und man hinterließ auch keine verräterischen Spuren, Mylord“, brummte sie und klopfte Miss Duncan zwei Handabdrücke vom Rücken. „Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie verschwinden und die Miss in Ruhe arbeiten lassen würden.“ „Ich denke nicht daran, solange sie mich nicht hinauswirft, Mrs Brown“, sagte der Earl sehr bestimmt und schaute fragend zu Blair. Nur noch eine Lieferung nach Duncan House, und dann konnte er seine Rolle als diebischer Wohltäter aufgeben. Hoffentlich war er danach ein stets willkommener Gast. Nun bot sich eine gute Gelegenheit für Blair, sich ihm zu erklären, denn heute war Silvester und die Frist abgelaufen, die Cameron sich gesetzt hatte, um Blair Duncans Jawort zu erhalten. „Also, sag mir, dass ich bleiben soll“, bat er Blair. Er konnte nicht verlangen, dass sie sich so schnell entschied. Es waren zu viele Fragen offen, die nach der wahren Identität des Diebes oder wo sie leben würden, wenn sie Camerons Heiratsantrag annahm. Und mit keinem Wort war von Liebe gesprochen worden. Stattdessen hatten sie gelacht und einander geneckt, waren gemeinsam ausgeritten und hatten im Freien gefrühstückt. Dies war eben die fröhliche Jahreswende, aber wie konnte Blair sich zutrauen, unter solchen Umständen die richtige Entscheidung für ein ganzes Leben zu treffen? Und wie konnte Cameron von ihr eine Antwort verlangen, wenn Mrs Brown anwesend war? Cameron schien die Geduld zu verlieren, band die Schürze ab, faltete sie zusammen und legte sie mit einer endgültig wirkenden Gebärde auf einen Stuhl. „Es tut mir leid, Miss Duncan, wenn ich Sie missverstanden habe. Ich dachte … nun, wenigstens habe ich Ihnen ein wenig bei den Vorbereitungen für die Silvesterfeier geholfen“, äußerte er kühl, zog den Reitrock an und ging zur Tür. „Mylord, ich … aber …“ „Geben Sie sich keine Mühe, Madam. Ich hatte zu viel vorausgesetzt und sollte mich daher entschuldigen. Adieu!“, sagte er kalt und unverbindlich wie ein Fremder und war im nächsten Augenblick gegangen. Sie starrte eine ganze Weile auf die Tür, unentschlossen, ob sie ihm nachgehen solle. Wenn sie sich ihrer Liebe aber noch nicht sicher war, war es dann richtig, ihm zu folgen? Die folgenden Stunden verbrachte sie mit nicht enden wollenden Selbstvorwürfen, während Mrs Brown damit beschäftigt war, hastig noch etwas in letzter Minute zu putzen. Blair tat, was die Haushälterin ihr auftrug, ohne wirklich darauf zu achten, was es eigentlich war. Wenn nur die Zeit vergehen wollte! Blair hatte, als es darauf ankam, nicht das rechte Wort im rechten Moment gesprochen. Was blieb ihr jetzt noch zu sagen? Unaufhörlich ging ihr diese Frage durch den Kopf, wie sehr sie sich auch bemühte, sich von dem Bild abzulenken, das sie dauernd vor sich sah – Cameron, der sie verließ. „Du selbst hast ihm keine andere Wahl gelassen“, mahnte eine innere Stimme. „Du hast ihn nicht gebeten zu bleiben!“ Der Abend kam früh, und Mrs Brown bereitete das Speisezimmer für das Essen vor. Danach würden die traditionellen Silvesterfeiern beginnen. Blair saß allein am Feuer, und die Tränen rannen ihr über die Wangen. Zum ersten Male seit Weihnachten war Cameron nicht gekommen, um ihr eine gute Nacht zu wünschen! Aber warum sollte sie es nicht tun? So widersinnig es auch klingen mochte, jetzt erst begriff sie, wie sehr sie ihn brauchte. Ob als Frau oder Geliebte, sie wollte ein Teil seines Lebens sein. Zu lange hatten Starrsinn und Stolz sie davon abgehalten, ihm ihre Liebe zu gestehen. Jetzt war keine Zeit zu verlieren. In wenigen Stunden war das alte Jahr vorbei, und sie konnte sich nicht vorstellen, das neue ohne Cameron zu beginnen. Hastig nahm sie das Plaid vom Haken, verließ ungesehen das Haus und strebte eilig über die Felder Lindsay Hall zu. Sie war fest entschlossen, dem Mann, der ihr Herz gestohlen hatte, ihre vorbehaltlose Liebe zu bekennen. Mit mürrischer Miene öffnete der Butler die Tür, und seine Laune besserte sich nicht, als er Miss Duncan sah. „Seine Lordschaft ist nicht im Haus. Er ist ausgegangen“, sagte er kurz angebunden und wollte das Portal schließen. „Ausgegangen?“ „Jawohl, ausgegangen“, wiederholte Williamson. „Er ist doch nicht etwa nach London gereist?“ „Es könnte sein. Ich weiß es nicht. Seine Lordschaft hat nicht immer die Gewohnheit, mich über seine Absichten zu informieren“, erwiderte der Butler und schlug die Tür zu. Blair konnte es nicht fassen, dass Cameron sie verlassen hatte, ohne sie noch einmal aufzusuchen. Nur sie trug die Schuld, dass er für immer aus ihrem Leben verschwunden war. Seit Tagen hatte sie davon geträumt, dass er der erste Mensch sein sollte, der bei der Silvesterfeier über die Schwelle von Duncan House trat und ihr für das kommende Jahr Glück brachte. Offensichtlich hatte er es aufgegeben, länger um Blair zu werben, und war nach London gefahren. Sie konnte nicht die Flucht ergreifen. Sie musste den Bewohnern von Glenmuir ein lachendes Gesicht zeigen und mit ihnen das Fest verbringen. Dabei hätte sie am liebsten der Liebe nachgetrauert, die sie aus eigenem Versagen verloren hatte. Sie straffte die Schultern und atmete in tiefen Zügen in der kalten Dezemberluft durch. Die weisen Lehren des Vaters fielen ihr ein, immer guten Mutes zu sein und Widerständen zu trotzen, mochte das Leben auch noch so freudlos sein. Gut, sie musste sich nicht unter die Dörfler mischen und auf das Läuten der Glocken und den bunten Umzug warten. Aber sie konnte sich nicht dem Brauch entziehen, Duncan House den fröhlichen Menschen zu öffnen, auch wenn ihre Begeisterung für den Jahresausklang zum ersten Male nicht echt sein würde. Es war schnell finster geworden. Blair näherte sich der Küchentür und wäre beinahe gestolpert. Vor der Schwelle lagen einige Pakete. Was hatte das zu bedeuten? Sie wollte das erste aufheben, als Mrs Brown herauskam. „Das gefällt mir schon besser, Miss Duncan. Ich habe mich schon gefragt, ob der heimliche Wohltäter außer der Gans, so gut sie auch geschmeckt hat, nichts für Sie hätte! Es ist nur recht und billig, dass er Ihnen zuletzt die Geschenke bringt.“ Die Haushälterin lachte leise. „So sind die Männer nun einmal. Kommen Sie, öffnen Sie die Pakete!“ „Nein, sie sind ganz bestimmt nicht für mich“, widersprach Blair. Bevor sie jedoch etwas tun konnte, hatte Mrs Brown alle Päckchen ins Haus geschleppt, holte eine Schere und entfernte die Verpackungen. Drei überaus elegante Seidenkleider kamen zum Vorschein. Eines kannte Blair bereits. Es hatte in jener schicksalhaften Nacht auf dem Bett in Camerons Schlafzimmer gelegen. Sofort schnitt Mrs Brown die Schnur des zweiten Paketes auf. Es enthielt zarte Spitzenunterwäsche. „Nun wird der gute Mann aber sehr persönlich, meinen Sie nicht auch, Madam?“, fragte die Haushälterin und zwinkerte ihr vergnügt zu. „Na ja, immerhin sind Sie so gut wie verlobt, und er ist schließlich Mary Connerys Sohn. Da wird keiner etwas daran finden!“ Vor allem nicht nach dem, was Ian Ferguson mir heute erzählt hat, fügte sie in Gedanken hinzu. Mrs Brown wusste alles? Diese Erkenntnis verblüffte Blair beinahe so sehr wie der Anblick der eleganten Garderobe. Das also war die Erklärung für die lange Rechnung von Miss Eloise! Blair hatte die Sache gründlich missverstanden. Wie hatte sie nur eine solche Närrin sein können, dass sogar die Dienstboten begriffen, was sie sich nicht eingestehen wollte? Cameron liebte sie! Er liebte sie so sehr, dass er diese Roben schon vor Monaten bestellt hatte, in der Hoffnung, sie würde die Geschenke annehmen. Stattdessen hatte sie das grüne Kleid empört zurückgewiesen und ihn dazu. „Ich glaube nicht, dass ich ins Dorf gehe, Mrs Brown“, sagte sie leise und fühlte sich unglücklich. „Ich werde mich umziehen und hier die letzten Vorbereitungen für den Empfang der Leute treffen.“ „So? Ganz wie Sie wünschen“, stimmte Mrs Brown sofort zu. Sie konnte sich vorstellen, dass das junge Paar vorher noch ein wenig allein sein wollte. Das blassgrüne Kleid saß tadellos. Das Oberteil betonte den Busen und ließ die Taille so schmal erscheinen, dass Blair den Eindruck hatte, die Gestalt im Spiegel sei zu schlank, zu schön, um wirklich sie selbst zu sein. Einen Augenblick lang hätte sie sich am liebsten die Seide vom Leib gerissen, so sehr schämte sie sich, Cameron missverstanden zu haben. Doch dann tröstete sie sich mit dem Gedanken, wie aufmerksam und liebevoll er Farbton und Stoff ausgewählt hatte. Doch dann sah sie es als Strafe an, das Kleid an diesem Abend zu tragen, zur Erinnerung daran, was ihr törichter Hochmut sie gekostet hatte. In der Ferne begannen die Kirchenglocken zu läuten. Eilig ging Blair die Treppe hinunter zur ersten Etage und brachte es fertig, in allen Fenstern die Lichter zu entzünden, obgleich kaum Zeit dafür war. Dies war das Zeichen, dass in Duncan House ganz Glenmuir willkommen war, um das neue Jahr zu begrüßen. Beim letzten Glockenton brannte auch die letzte Wachskerze, und Blair lief zur Haustür, in Erwartung des ersten Besuchers. Wie sehr hatte sie sich gewünscht, dass es ein Mann mit dunklem Haar war, der den Fuß über die Schwelle setzte! Jetzt, da Cameron nicht mehr kommen würde, musste eben Ian Ferguson genügen oder einer der anderen. Es klopfte, ehe sie bereit war, den Gästen gegenüberzutreten. Doch als sie öffnete, wusste sie, dass sie schon immer auf diesen Mann gewartet hatte. Sie vergaß die immer gleichen Worte, die bei der Begrüßung zu sprechen waren, und warf sich in seine Arme. „Cameron, ich liebe dich!“, rief sie strahlend aus. „Dass du dieses Kleid trägst, hat es mir verraten“, gestand er, zog sie ins Haus und stieß mit dem Fuß die Tür hinter sich zu. „Und ich werde dir beweisen, wie sehr ich deine Gefühle erwidere.“ „Ich dachte schon, du seist abgereist und nach London zurückgekehrt!“ „Wie konntest du annehmen, dass ich dich verlassen würde?“, tadelte er zärtlich. Die Nacht strahlte in ganz neuem Glanz, denn Blair glaubte, das Herz müsse ihr vor Freude zerspringen. Sie war überglücklich, endlich dort zu sein, wohin sie gehörte – in Camerons Armen. Nachdem sie ihn fast verloren hätte, erwiderte sie seine Küsse umso leidenschaftlicher. Ohne auch nur ein einziges Wort zu sagen, verrieten sie beide durch ihr Verhalten, wie eng und unlösbar sie miteinander verbunden waren. Nun hielt Cameron es für angebracht, das Verlöbnis in aller Form sichtbar zu machen. Behutsam gab er Blair frei, zog ein kleines Päckchen aus der Tasche und sagte: „Es gehörte meiner Mutter, davor meiner Großmutter und ganz früher deren Mutter. Willst du es tragen zum Zeichen unserer Liebe?“, fragte Cameron und holte ein Schmuckstück hervor. „Eine Hochzeitsnadel!“, sagte Blair und strich mit der Hand über die Filigranarbeit der alten Brosche. Die Engländer hatten den jahrhundertealten Brauch abschaffen wollen, doch die Hochländer hielten ihn in hohen Ehren. Dies war das bindende Zeichen der Einheit zwischen einem Mann und einer Frau. Dass Cameron das Juwel aufbewahrt hatte, war der Beweis, wie sehr er sein schottisches Erbe achtete. Dieses Geschenk bedeutete, dass er Blair über alles liebte. Und doch wollte sie ganz sicher sein, ob er auch tatsächlich den Symbolgehalt der Geste kannte. „Cameron, wenn ich die Brosche trage, heißt das, dass ich deine Braut bin.“ „Habe ich dir das nicht seit Tagen zu verstehen gegeben?“, fragte er lächelnd und steckte ihr den Schmuck ans Kleid. „Du wirst mich heiraten, nicht wahr?“ „Natürlich“, versicherte sie und bekräftigte ihre Entschlossenheit mit einem innigen Kuss. In diesem Moment betrat Ian Ferguson das Haus. „Ein gesegnetes neues Jahr und noch viele glückliche andere Jahre, Miss Duncan, Mylord! Lassen Sie sich nicht von mir stören“, sagte er verständnisvoll, legte das traditionelle Silvestergeschenk von Salz und Brot auf den Kaminsims und wandte sich zum Speisezimmer, ohne den sich umschlungen haltenden Liebenden einen weiteren Blick zu schenken. Die anderen Dorfbewohner freilich, die sich einfanden, waren keineswegs so rücksichtsvoll. Sie wollten dem jungen Paar unbedingt Glück wünschen und die beziehungsreiche Brosche der Braut bewundern. Blair Duncan strahlte inmitten der Freunde und Nachbarn, die sich so offensichtlich mit ihr freuten. Cameron dagegen wurde es zunehmend ungemütlich unter den forschenden Blicken der Leute von Glenmuir. Es war nicht zu übersehen, dass sie die Herrin von Duncan House liebten und ihr Glück teilen wollten, aber mochte der Himmel wissen, ob und wann sie sich zurückziehen und ihn mit ihr allein lassen würden. Von der offiziellen Verlobung hatte er sich doch noch andere Freuden erhofft. Er war im Begriff, den Fergusons und MacNabs den Vorschlag zu machen, zum nächsten gastfreundlich geöffneten Haus weiterzuziehen, als Lord Haverbrook hereinkam und fröhlich sagte: „Ein frohes neues Jahr, Miss Duncan, Cameron! Bevor wir nach London aufbrechen, wollte ich nicht versäumen, vorbeizukommen und euch alles Gute zu wünschen. Den Bewohnern von Glenmuir aber möchte ich mitteilen, dass ich die Summe verdreifache, die ich auf die Ergreifung des Diebes ausgesetzt habe. Für dieses Jahr wird er sein Unwesen wohl nicht länger treiben. Das ist mir klar. Gewiss weiß mancher von euch, wer der Halunke ist. Ich glaube, ihr könnt das Geld gut brauchen.“ Mit einem Schlag verflog der heitere Überschwang, und lähmende Stille trat ein. Blair rann ein kalter Schauder über den Rücken, und sie ertappte sich dabei, wie sie in allen Gesichtern nach einem Zeichen forschte, was die Leute dachten. Wenn Mrs Brown die Wahrheit kannte, wussten ganz bestimmt alle, wer der Wohltäter war. Würde einer aus dem Kreise der Nachbarn ihn verraten? Die Belohnung, von der Lord Haverbrook gesprochen hatte, war eine echte Versuchung. Ian Ferguson trat vor, und Blair tastete suchend nach Camerons Arm, um Halt zu finden. „Sehen Sie, Mylord, ich fürchte, wir können nicht dienen. Wissen Sie, den eigentlichen Dieb haben wir schon vor Jahren gefasst, und alle anderen Schurken sind nicht von Bedeutung“, verkündete er unter dem Beifall der Dorfbewohner. „Harry, du wirst doch wenigstens zu einem Glas Punsch bleiben?“, schlug Cameron mit einer Seelenruhe vor, die Blair nur bewundern konnte. „Ich habe soeben bekannt gegeben, dass Miss Duncan zugestimmt hat, meine Frau zu werden.“ „So hat deine Ausdauer sich schließlich doch gelohnt“, sagte Lord Haverbrook. „Ich habe dir immer erklärt, du könntest Miss Duncan gewinnen, wenn du hartnäckig genug bist!“ Plötzlich fiel es Blair wie Schuppen von den Augen. Die Worte, die sie neulich bei Haverbrooks Gesellschaft gehört hatte, bekamen unversehens einen Sinn. Keine andere als sie selbst war es, von der Lord Haverbrook behauptet hatte, sie sei so gut wie Camerons Braut. Sobald es sich unauffällig machen ließ, schlug sie den Leuten vor, zum nächsten Haus zu ziehen. Cameron stand auf der Schwelle der offenen Tür und hatte plötzlich wieder jenen bekümmerten Ausdruck in den Augen, den Blair schon einmal bemerkt hatte. „Soll ich auch gehen?“, fragte er leise. „Nein, Cameron! Du gehörst hierher und zu mir“, antwortete sie, ergriff seine Hand und führte ihn die Treppe hinauf. Konnte es einen verheißungsvolleren Anfang des neuen Jahres geben als in den Armen des geliebten Menschen? Sie hätte sich jedenfalls keinen besseren denken können. Und Cameron auch nicht, seinem Verhalten wenig später nach zu schließen. – ENDE –