Zum Buch Sebastian Rudd ist Anwalt. Seine Kanzlei ist ein Lieferwagen, eingerichtet mit Bar, Kühlschrank und Waffenschrank. Rudd arbeitet allein, sein einziger Vertrauter ist sein Fahrer. Rudd verteidigt jene Menschen, die von anderen als Bodensatz der Gesellschaft bezeichnet werden. Warum? Weil er Ungerechtigkeit verabscheut und überzeugt ist, dass jeder Mensch einen fairen Prozess verdient. Mit Sebastian Rudd hat John Grisham seinen brillantesten, eigenwilligsten und lebendigsten Helden geschaffen. Der Gerechte ist hart, clever und packend und zeigt den Meister des Justizthrillers in Höchstform. Zum Autor John Grisham hat 28 Romane, ein Sachbuch, einen Erzählband und fünf Jugendbücher veröffentlicht. Seine Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt. Er lebt in Virginia. JOHN GRISHAM DER GERECHTE Roman Aus dem Amerikanischen von Kristiana Dorn-Ruhl, Bea Reiter und Imke Walsh-Araya Die Originalausgabe erschien unter dem Titel Rogue Lawyer bei Doubleday, New York Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen. Sollte dieses E-Book Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses E-Books verweisen. Copyright © 2015 by Belfry Holdings, Inc. Copyright © 2016 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München Redaktion: Oliver Neumann Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich, unter Verwendung eines Fotos von © Thomas J. Peterson/Getty Images Satz: Leingärtner, Nabburg Herstellung: Helga Schörnig e-ISBN 978-3-641-18816-0 V001 www.heyne.de Teil 1 MISSACHTUNG DES GERICHTS 1 Mein Name ist Sebastian Rudd, und ich bin Strafverteidiger. Obwohl ich ziemlich prominent bin, werden Sie meinen Namen weder auf Werbetafeln, Bussen noch in großen Lettern auf dem Einband der Gelben Seiten finden. Ich zahle nicht dafür, ins Fernsehen zu kommen, dennoch bin ich oft auf dem Bildschirm zu sehen. Mein Name steht in keinem Telefonbuch. So etwas wie eine herkömmliche Kanzlei habe ich nicht. Ich trage legal eine Waffe, weil mein Name und mein Gesicht die Sorte von Menschen anziehen, die selbst Waffen tragen und kein Problem damit haben, sie zu benutzen. Ich lebe allein und schlafe für gewöhnlich auch allein. Für Freundschaften fehlen mir Geduld und Verständnis. Die Justiz ist mein Leben, was rund um die Uhr vollen Einsatz verlangt und hin und wieder von Erfolg gekrönt ist. Jemand hat einmal den Satz geprägt, die Justiz sei wie eine eifersüchtige Geliebte. Für mich ist sie mehr wie eine herrische Ehefrau, die das Budget kontrolliert. Es gibt kein Entrinnen. Zurzeit muss ich in billigen Motels nächtigen, jede Woche in einem anderen. Nicht dass ich Geld sparen will. Nein, ich versuche, am Leben zu bleiben. Es gibt jede Menge Leute, die mich umbringen wollen, und einige davon haben das ziemlich deutlich zum Ausdruck gebracht. Im Studium sagt einem keiner, dass man vielleicht eines Tages jemanden verteidigt, dessen Verbrechen so abscheulich ist, dass selbst friedliche Bürger den Drang verspüren, zur Waffe zu greifen und zu drohen, den Angeklagten, dessen Rechtsanwalt und auch gleich noch den Richter zu erschießen. Ich wurde schon häufiger bedroht. Das gehört dazu, wenn man ausschließlich echte Übeltäter verteidigt, eine Nische, in die ich mehr oder weniger per Zufall hineingeriet. Als ich vor zehn Jahren mit dem Studium fertig war, gab es kaum Arbeit für frischgebackene Anwälte. Zähneknirschend nahm ich einen Teilzeitjob als Pflichtverteidiger an. Danach landete ich in einer kleinen, unrentablen Kanzlei, die nur Strafsachen machte. Als die Kanzlei wenige Jahre später pleiteging, stand ich auf der Straße, wie viele andere, die ebenfalls verzweifelt versuchten, sich über Wasser zu halten. Durch einen Fall wurde ich dann bekannt. »Berühmt« kann man es nicht nennen, denn welcher Anwalt in einer Stadt mit einer Million Einwohnern kann schon von sich sagen, er sei berühmt? Es gibt natürlich jede Menge kleine Lichter im Ort, die sich für superprominent halten. Sie betteln auf Werbetafeln mit Zahnpastalächeln um Firmenpleiten oder bringen in Fernsehwerbespots wortreich ihre Sorge um den Gesundheitszustand potenzieller Mandanten zum Ausdruck. Allerdings müssen sie für ihre Auftritte bezahlen – im Gegensatz zu mir. Die billigen Motels wechseln wöchentlich. Ich stecke mitten in einem Prozess in einem trostlosen Kaff namens Milo, zwei Stunden entfernt von der Stadt, in der ich wohne. Ich habe die Pflichtverteidigung für Gardy Baker übernommen, einen achtzehnjährigen retardierten Schulversager, dem vorgeworfen wird, zwei kleine Mädchen umgebracht zu haben. Es geht um eines der schlimmsten Verbrechen, die ich je erlebt habe, und ich habe schon viele gesehen. Meine Mandanten sind fast immer schuldig, also verschwende ich nicht viel Zeit damit, mir Gedanken darüber zu machen, ob sie ihr Urteil verdienen. Gardy jedoch ist unschuldig, was allerdings keinen interessiert. Für Milo zählt nur, dass er zum Tode verurteilt und hingerichtet wird, damit sich die Stadt endlich besser fühlen und zur Normalität übergehen kann. Welche Normalität? Ich habe keine Ahnung, und es ist mir auch egal. Dieser Ort bewegt sich seit fünfzig Jahren rückwärts in der Zeit, und ein lausiges Urteil wird daran nichts ändern. Man hört und liest, dass Milo einen »Schlussstrich« brauche, was immer das heißen soll. Man muss schon sehr beschränkt sein, um zu glauben, dass diese Stadt plötzlich blühen und gedeihen und mehr Toleranz entwickeln wird, nur weil Gardy die Nadel gesetzt bekommt. Mein Auftrag ist vielschichtig und kompliziert und zugleich ziemlich einfach. Ich werde vom Staat dafür bezahlt, einen Angeklagten zu verteidigen, der eines Kapitalverbrechens beschuldigt wird, erstklassig und nach allen Regeln der Kunst, in einem Gerichtssaal, in dem mir niemand zuhört. Gardy wurde praktisch am Tag seiner Verhaftung verurteilt, sein Prozess ist nur noch eine Formalität. In tumbem Eifer erfanden die Polizisten alle Anklagepunkte und fälschten Beweismittel. Der Staatsanwalt weiß das, hat aber kein Rückgrat, zumal er nächstes Jahr wieder ins Amt gewählt werden will. Der Richter schläft. Die Geschworenen sind nette, einfache Menschen, die mit großen Augen der Verhandlung folgen und mehr als bereit sind, die Lügen ihrer Staatsvertreter im Zeugenstand zu glauben. Milo verfügt zwar über eine Reihe billiger Motels, doch ich kann mich unmöglich in der Stadt aufhalten. Man würde mich lynchen oder häuten oder auf dem Scheiterhaufen verbrennen, bestenfalls würde mir ein Heckenschütze eine Kugel zwischen die Augen jagen, dann wäre es wenigstens schnell vorbei. Beamte der State Police, nicht lokale Polizisten, sollen mich während des Prozesses beschützen, doch ich habe den Eindruck, dass sie ihre Aufgabe nicht ernst nehmen. Sie starren mich genauso an wie die meisten anderen Menschen in Milo. Für sie bin ich ein Eiferer mit langen Haaren, der krank im Kopf sein muss, weil er sich für die Rechte von Kindermördern und dergleichen Abschaum einsetzt. Momentan hause ich in einem Hampton Inn fünfundzwanzig Autominuten von Milo entfernt, für sechzig Dollar die Nacht, die ich später vom Staat erstattet bekommen werde. Im Zimmer nebenan wohnt Partner, mein ständiger Begleiter. Partner ist von massiger Statur, stets schwer bewaffnet und trägt immer schwarze Anzüge. Er ist mein Chauffeur, Bodyguard, Vertrauter, Assistent, Golfcaddie und einziger Freund. Seit ihn eine Jury für nicht schuldig befunden hat, einen verdeckten Drogenermittler getötet zu haben, ist er mir treu ergeben. Wir verließen den Gerichtssaal Arm in Arm und sind seither unzertrennlich. Mindestens zweimal haben Polizisten außer Dienst versucht, ihn umzubringen. Einmal hatten sie es auf mich abgesehen. Noch haben wir uns nicht kleinkriegen lassen. Auch wenn wir immer mit gesenktem Kopf herumlaufen. 2 Um acht Uhr morgens klopft Partner an meine Tür. Es ist Zeit. Wir wünschen uns einen guten Morgen und steigen in meinen Wagen, einen aufwendig umgebauten, großen schwarzen Ford-Transporter. Da mir das Fahrzeug als Büro dient, wurden die Rücksitze so angepasst, dass man sie an einen Tisch drehen kann, der sich an die Wand klappen lässt. Es gibt ein Sofa, auf dem ich des Öfteren die Nacht verbringe. Alle Fensterscheiben sind geschwärzt und kugelsicher. Außerdem zur Ausstattung gehören ein Fernseher, eine Stereoanlage, Internet, Kühlschrank, eine Bar, zwei Schusswaffen und ein Satz Kleidung zum Wechseln. Ich setze mich neben Partner auf den Beifahrersitz, und wir wickeln Frühstückssandwichs mit Würstchen aus der Packung, während wir vom Parkplatz rollen. Zwei Polizeiwagen in Zivil eskortieren uns nach Milo, einer vor uns, der andere hinter uns. Die letzte Todesdrohung kam vor zwei Tagen per E-Mail. Partner redet nur, wenn er angesprochen wird. Ich habe diese Regel nicht aufgestellt, aber ich finde sie großartig. Es macht ihm überhaupt nichts aus, wenn lange Pausen im Gespräch entstehen, ebenso wenig wie mir. Nachdem wir jahrelang praktisch gar nicht miteinander gesprochen haben, haben wir gelernt, uns über Nicken und Zwinkern wortlos zu verständigen. Auf halbem Weg nach Milo schlage ich eine Akte auf und fange an, mir Notizen zu machen. Der Doppelmord war so abscheulich, dass keiner der ortsansässigen Anwälte sich darauf einlassen wollte. Dann wurde Gardy verhaftet. Ein Blick genügt, und man weiß, er war es. Lange, pechschwarz gefärbte Haare, ein erstaunliches Sortiment von Piercings vom Hals aufwärts und Tattoos über den restlichen Körper verteilt, passende Stahlohrringe, farblose kalte Augen und ein Grinsen, das nichts anderes sagt als: »Klar, ich hab’s getan, na und?« Als zum ersten Mal in der Lokalzeitung von Milo über ihn berichtet wurde, hieß es, er sei »Mitglied einer satanischen Sekte, die für sexuellen Missbrauch von Kindern bekannt ist«. So viel zum Thema objektive Berichterstattung. Gardy war nie Mitglied einer Sekte, und der angebliche Kindesmissbrauch ist nicht das, wonach es aussieht. Doch von diesem Moment an war Gardy schuldig, und ich kann immer noch nicht fassen, dass wir bis jetzt durchgehalten haben. Sie wollten ihn schon vor Monaten aufknüpfen. Natürlich hatte jeder Anwalt in Milo die Tür verriegelt und das Telefon abgestellt. Es gibt in der Stadt kein staatlich finanziertes Büro für Pflichtverteidiger, dafür ist sie zu klein. Mittellose Mandanten werden vom Richter freischaffenden Anwälten zugewiesen. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz, dass die jungen Anwälte diese schlecht bezahlten Fälle übernehmen, weil (1) irgendjemand sie erledigen muss und weil (2) die älteren das auch gemacht haben, als sie jung waren. Doch niemand erklärte sich bereit, Gardy zu verteidigen, und wenn ich ehrlich bin, kann ich ihnen das nicht verdenken. Es ist ihre Stadt, ihr Leben, und sich an die Seite eines Psychomörders zu stellen kann eine Karriere im Keim ersticken. Als Gesellschaft wollen wir glauben, dass auch jemand, der ein schweres Verbrechen begangen hat, einen fairen Prozess verdient. Doch manche haben Probleme mit der Vorstellung, dass man dafür einen kompetenten Verteidiger braucht. Anwälte wie ich hören immer wieder die Frage: »Wie kann man so einen Abschaum vertreten?« »Jemand muss es tun«, entgegne ich dann, ehe ich mich abwende. Wollen wir wirklich faire Prozesse? Nein. Wir wollen Gerechtigkeit, und das schnell. Und was ist Gerechtigkeit? Das, was wir von Fall zu Fall dafür halten. Es könnte genauso gut sein, dass wir nicht an faire Prozesse glauben, weil wir so etwas gar nicht haben. Die Unschuldsvermutung gilt längst nicht mehr. Die Beweislast ist nichts als eine Posse, weil die Beweise allzu oft lügen. Hinreichende Schuld bedeutet: Wenn es hinreichend wahrscheinlich ist, dass er die Tat begangen hat, wird er von der Straße geholt. Jedenfalls machten sich sämtliche Anwälte aus dem Staub, sodass Gardy keinen hatte. Es sagt viel über meinen Ruf aus – das kann man positiv oder negativ sehen –, dass es nicht lange dauerte, bis mein Telefon klingelte. In diesem Winkel des Bundesstaats weiß in Justizkreisen jeder: Wenn du sonst niemanden findest, ruf Sebastian Rudd an. Der übernimmt jeden Fall. Nachdem Gardy verhaftet worden war, strömte vor dem Gefängnis eine Meute zusammen, die nach Gerechtigkeit rief. Während die Polizei ihn in Ketten zu dem Transporter führte, der ihn zum Gericht bringen sollte, beschimpfte ihn die Menge und bewarf ihn mit Tomaten und Steinen. Das Lokalblatt berichtete ausführlich darüber, und sogar die regionalen Abendnachrichten brachten einen Beitrag. Ich bettelte den Richter um eine Verlegung des Gerichtsortes an, mindestens hundertfünfzig Kilometer entfernt, damit wir wenigstens ein paar Geschworene finden würden, die den Jungen nicht beworfen oder am Abendbrottisch über ihn geschimpft hatten. Vergeblich. Alle Anträge, die ich im Vorfeld des Verfahrens einreichte, wurden abgelehnt. Die Stadt will Gerechtigkeit. Die Stadt will einen Schlussstrich ziehen. Als wir auf der Rückseite des Gerichts in eine kurze Einfahrt einbiegen, ist zwar kein Mob da, aber ein paar der üblichen Agitatoren haben sich eingefunden. Sie stehen hinter einer Polizeibarrikade in der Nähe und halten deprimierende Transparente mit schlauen Sprüchen hoch wie: »Hängt den Babykiller«, »Satan wartet schon« und »Rudd raus aus Milo«. Es sind etwa ein Dutzend arme Irre, die sich versammelt haben, um mir entgegenzujohlen und, noch wichtiger, ihren Hass auf Gardy zu demonstrieren, der in etwa fünf Minuten eintreffen wird. In den Anfangstagen des Prozesses zog das Grüppchen noch Kameras an, und ein paar der Demo-Teilnehmer schafften es sogar in die Zeitung, mitsamt ihren Schildern. Das spornte sie natürlich an, und seither sind sie jeden Morgen da. Fat Susie hält das »Rudd raus«-Schild hoch und macht ein Gesicht, als wollte sie mich sofort erschießen. Bullet-Bob behauptet, mit einem der toten Mädchen verwandt gewesen zu sein (die Schwestern waren), und wird mit einem Satz zitiert, der sinngemäß bedeutet, dass der Prozess sowieso Zeitverschwendung sei. Leider hat er damit recht. Als der Van gehalten hat, steigt Partner aus und eilt auf meine Seite, wo sich drei junge Polizeibeamte zu ihm gesellen, die genauso breit sind wie er. Ich steige aus und begebe mich bestens abgeschirmt zur Hintertür des Gerichtsgebäudes, während Bullet-Bob mich als »Hure« beschimpft. Wieder einmal geschafft. Mir ist nicht bekannt, dass in jüngerer Zeit ein Strafverteidiger während eines laufenden Verfahrens auf dem Weg ins Gericht niedergeschossen wurde. Aber ich habe mich mit dem Gedanken vertraut gemacht, dass es für alles ein erstes Mal gibt. Wir steigen eine schmale Hintertreppe hoch, und ich werde in die Wartezelle geführt, einen kleinen fensterlosen Raum, wo früher Gefängnisinsassen warten mussten, ehe sie dem Richter vorgeführt wurden. Wenige Minuten später erscheint Gardy, unverletzt. Partner verlässt den Raum und schließt die Tür. »Wie geht’s?«, frage ich, als wir allein sind. Gardy lächelt und reibt sich die Handgelenke, die für ein paar Stunden nicht gefesselt sein werden. »Ganz gut, glaube ich. Hab nicht viel geschlafen.« Er hat auch nicht geduscht, weil er sich vor dem Duschen fürchtet. Hin und wieder hat er es versucht, doch sie stellen das warme Wasser nicht für ihn an. Also stinkt Gardy nach altem Schweiß und dreckigen Laken, und ich bin dankbar, dass er von der Jury weit genug entfernt ist. Die schwarzen Haare entfärben sich allmählich, und seine Haut wird zunehmend blasser. Er bleicht vor den Augen der Geschworenen förmlich aus, was die als ein weiteres Zeichen für seine animalische Seite und sein Faible für Satan nehmen. »Was passiert heute?«, fragte er mit fast kindlicher Neugier. Mit einem IQ von siebzig ist er nur ganz knapp überhaupt schuldfähig und für eine Hinrichtung qualifiziert. »Leider wieder nur das Gleiche, Gardy. Immer wieder das Gleiche.« »Können Sie nicht machen, dass die aufhören zu lügen?« »Nein.« Der Staat hat keine objektiven Beweise, die Gardy mit den Morden in Verbindung bringen. Nicht einen einzigen. Statt aber diesen Mangel an Beweisen zu berücksichtigen und den Fall neu zu überdenken, tut der Staat, was er häufig tut: mit Lügen und Falschaussagen alles niederwalzen. Gardy hat sich zwei Wochen lang im Gerichtssaal mit geschlossenen Augen die Lügen angehört und dazu den Kopf geschüttelt. Er kann den Kopf stundenlang schütteln. Die Geschworenen müssen ihn für geisteskrank halten. Ich habe ihm gesagt, dass er damit aufhören soll, dass er sich gerade hinsetzen und einen Stift in die Hand nehmen soll, mit dem er etwas auf einen Block kritzelt, als hätte er ein Hirn und wollte sich wehren. Doch das kann er einfach nicht, und ich darf bei Gericht keinen Streit mit meinem Mandanten vom Zaun brechen. Ich habe ihm auch gesagt, dass er die Tattoos an Armen und Hals bedecken soll, doch er trägt sie mit Stolz. Ich habe ihm gesagt, er soll die Piercings ablegen, doch er besteht darauf, er selbst zu sein. Die schlauen Leute, die das Gefängnis von Milo leiten, verbieten Piercings aller Art, außer natürlich man heißt Gardy und ist auf dem Weg in seine eigene Verhandlung. Dann darf man sie überall im Gesicht tragen. Sieh möglichst schaurig und krank und satanisch aus, Gardy, dann fällt es deinen Mitmenschen noch leichter, dich schuldig zu sprechen. An einem Nagel hängt ein Kleiderbügel mit dem weißen Hemd und der Baumwollhose, die er bis jetzt jeden Tag anhatte. Ich habe das billige Outfit bezahlt. Langsam öffnet er den Reißverschluss seines orangefarbenen Gefängnisoveralls und steigt hinaus. Er trägt keine Unterwäsche, was mir gleich am ersten Tag aufgefallen ist und was ich seither zu ignorieren versuche. Es dauert, bis er sich angezogen hat. »So viele Lügen«, sagt er. Und er hat recht. Der Staat hat bislang neunzehn Zeugen aufgerufen, und kein Einziger davon konnte der Versuchung widerstehen, Lügen zu erzählen oder zumindest hier und da etwas auszuschmücken. Der Pathologe, der die Autopsie im kriminaltechnischen Labor gemacht hat, erklärte der Jury, die beiden kleinen Opfer seien ertrunken; allerdings sei die »stumpfe Gewalteinwirkung« auf ihre Köpfe ein »erschwerender Faktor« gewesen. Der Staatsanwaltschaft ist es am liebsten, wenn die Jury glaubt, die Mädchen seien vergewaltigt und bewusstlos geprügelt worden, ehe sie in den Teich geworfen wurden. Es gibt keinerlei objektive Beweise dafür, dass sie sexuell missbraucht wurden, doch das hat die Staatsanwaltschaft nicht im Mindesten davon abgehalten, diesen Punkt für ihre Argumentationslinie zu verwenden. Ich zankte mich drei Stunden lang mit dem Pathologen, doch es ist schwer, mit einem Fachmann zu streiten, selbst wenn er noch so inkompetent ist. Da der Staat keine Beweise hat, muss er welche erfinden. Die absurdeste Zeugenaussage kam von einem Knastspitzel namens Smut. Smut ist ein erfahrener Lügenerzähler, der regelmäßig vor Gericht aussagt und alles erzählt, was der Staatsanwalt von ihm hören will. In Gardys Fall war es so, dass Smut gerade wegen einer Drogensache wieder einmal hinter Gittern saß und eine Haftzeit von zehn Jahren vor sich hatte. Die Polizei brauchte Aussagen, und selbstverständlich stand Smut gern zu ihrer Verfügung. Sie lieferten ihm Einzelheiten des Verbrechens und verlegten Gardy anschließend von einer regionalen Haftanstalt in das Bezirksgefängnis, in dem Smut einsaß. Gardy hatte keine Ahnung, warum er transferiert wurde und dass er geradewegs in eine Falle tappte. (Das war, ehe ich hinzukam.) Sie steckten Gardy in Smuts kleine Zelle, der ihm jede erdenkliche Hilfe anbot. Er behauptete, er hasse die Cops und kenne ein paar gute Anwälte. Er habe von den Morden an den beiden Mädchen gelesen und wisse unter Umständen, wer sie wirklich getötet habe. Da Gardy nichts über die Morde wusste, konnte er dazu nichts sagen. Dennoch behauptete Smut vierundzwanzig Stunden später, dass er ein Geständnis gehört habe. Die Polizei holte ihn aus der Zelle, und Gardy sah ihn nicht wieder – bis zum Prozess. Als Zeuge erschien Smut ordentlich in Hemd und Krawatte mit frischem Haarschnitt, die Tattoos vor den Geschworenen verborgen. Erstaunlich detailgetreu berichtete er von Gardys »Ausführungen« darüber, wie der den beiden Mädchen in den Wald gefolgt sei, sie von ihren Fahrrädern gestoßen, geknebelt und gefesselt habe, sie dann gequält, missbraucht und geprügelt habe, um sie schließlich in den Teich zu werfen. In Smuts Version war Gardy mit Drogen vollgepumpt und hatte Heavy Metal gehört. Was für ein Auftritt. Ich wusste, dass alles gelogen war, ebenso wie Gardy und Smut sowie die Polizeibeamten und der Staatsanwalt, und vermutlich hatte auch der Richter seine Zweifel. Die Geschworenen indessen schluckten schwer vor Entsetzen und starrten hasserfüllt auf meinen Mandanten, der das mit geschlossenen Augen und Kopfschütteln hinnahm. Nein, nein, nein. Smuts Aussage war so atemberaubend grausam und mit Details gespickt, dass es wirklich kaum zu glauben war, dass er alles erfunden hatte. Niemand kann so lügen wie er. Ich nahm Smut acht Stunden lang in die Zange, einen ganzen zermürbenden Tag lang. Der Richter war schlecht gelaunt, die Jury übernächtigt, doch ich hätte eine ganze Woche so weitermachen können. Ich fragte ihn, wie oft er schon in Strafverfahren ausgesagt habe. Er meinte, vielleicht zweimal. Ich holte die Unterlagen hervor, half seinem Gedächtnis auf die Sprünge und ging alle anderen neun Prozesse durch, in denen er für unsere aufrichtigen und gerechten Staatsanwälte ebenfalls Wunder vollbracht hatte. Nachdem seine vage Erinnerung wieder etwas geschärft war, fragte ich ihn, wie oft seine Strafe schon reduziert worden sei, nachdem er vor Gericht gelogen habe. Er sagte, nie, also ging ich noch einmal alle neun Verfahren durch. Ich legte die Akten vor, um allen, insbesondere den Geschworenen, klarzumachen, dass Smut ein notorischer Lügner war, der Falschaussagen lieferte und im Gegenzug Strafmilderung bekam. Ich gebe zu, ich kann mich bei Gericht ereifern, und das ist oft kontraproduktiv. Bei Smut verlor ich die Nerven und hackte so erbarmungslos auf ihn ein, dass einige der Geschworenen Mitleid bekamen. Irgendwann forderte mich der Richter auf, zur Tagesordnung überzugehen, doch ich folgte nicht. Ich hasse Lügner, vor allem solche, die schwören, die Wahrheit zu sagen und nichts als die Wahrheit, und dann falsch aussagen, dass sich die Balken biegen, um meinen Mandanten ans Messer zu liefern. Ich brüllte Smut an, der Richter brüllte mich an, und eine Zeit lang schien es, als würden alle ziellos durcheinanderbrüllen. Das war Gardys Sache nicht gerade zuträglich. Man sollte meinen, der Staatsanwalt hätte in seiner Parade aus Lügnern wenigstens einen glaubwürdigen Zeugen zu bieten, doch dazu wäre eine gewisse Intelligenz nötig. Sein nächster Zeuge war ebenfalls ein Häftling, wieder ein Junkie, der aussagte, dass er in der Nähe von Gardys Zelle im Flur gestanden und dessen Geständnis gegenüber Smut gehört habe. Lügen über Lügen. »Bitte machen Sie, dass die aufhören«, sagt Gardy. »Ich versuche es, Gardy. Ich tue, was ich kann. Wir müssen los.« 3 Ein Polizeibeamter führt uns in den Gerichtssaal, der wieder voller Menschen ist und vor angespannter Besorgnis vibriert. Es ist der zehnte Tag der Zeugenaussagen, und inzwischen glaube ich, dass in diesem Kaff sonst nichts passiert. Wir bieten Abwechslung! Der Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt, sogar an den Wänden stehen Besucher. Zum Glück ist es draußen kühl, sonst würde uns allen der Schweiß auf der Stirn stehen. Bei Mordprozessen müssen immer zwei Verteidiger zugegen sein. Mein Kollege Trots ist ein dicker, dummer Junge, der seine Lizenz lieber verbrennen und den Tag verfluchen sollte, an dem er beschlossen hat, vor einem Gericht aufzutreten. Er stammt aus einer Kleinstadt dreißig Kilometer entfernt, weit genug, wie er dachte, um ihn vor den Unannehmlichkeiten zu schützen, die mit dem Gardy-Albtraum einhergehen. Trots hatte sich freiwillig für die Prozessvorbereitung gemeldet und eigentlich geplant abzuspringen, sollte es tatsächlich zu einem Prozess kommen. Der Plan ging allerdings schief. Er vermasselte die Vorbereitung wie ein echter Anfänger und versuchte dann, sich aus der Affäre zu ziehen. Doch der Richter ließ ihn nicht. Trots freundete sich mit der Idee an, in der zweiten Reihe zu sitzen, um Erfahrungen zu sammeln, den Druck eines echten Prozesses zu spüren und so weiter, doch nach mehreren Todesdrohungen gab er auf. Zu meinem Alltag gehören Todesdrohungen genauso wie mein Morgenkaffee und lügende Polizisten. Ich reichte drei Anträge ein, um Trots loszuwerden, die selbstverständlich alle abgelehnt wurden. Und so haben Gardy und ich einen Volltrottel am Hals, der alles andere als eine Hilfe ist, ganz im Gegenteil. Trots hat sich so weit wie möglich von uns weggesetzt, was ich ihm angesichts von Gardys mangelnder Hygiene nicht einmal verdenken kann. Gardy hat mir erzählt, dass Trots bei seiner ersten Vernehmung im Bezirksgefängnis regelrecht empört war, als er sagte, er sei unschuldig. Sie hätten sich deswegen sogar gestritten. Verhält sich so ein engagierter Verteidiger? Und so sitzt Trots am anderen Ende des Tisches, den Kopf über sein nutzloses Gekritzel gebeugt, ohne zu sehen oder zu hören, und spürt die Blicke all derer im Nacken, die uns hassen und uns mitsamt unserem Mandanten aufknüpfen wollen. Trots glaubt, dass auch dieser Kelch an ihm vorübergehen wird und er mit Leben und Laufbahn weitermachen kann, sobald dieser Prozess abgeschlossen ist. Aber da hat er sich geschnitten. Ich werde sobald wie möglich eine Beschwerde bei der Anwaltskammer einreichen, in der ich ihm »unzureichende juristische Assistenz« im Vorfeld und während des Prozesses bescheinigen werde. Ich habe so etwas schon öfter getan, und ich weiß, wie das aussehen muss, damit es nachhaltig wirkt. Ich trage meine eigenen Kämpfe mit der Kammer aus und weiß, wie es läuft. Wenn ich mit Trots fertig bin, wird er nichts anderes mehr wollen, als seine Lizenz abzugeben und sich einen Job bei einem Gebrauchtwagenhändler zu suchen. Gardy sitzt in der Mitte des Tisches. Trots sieht seinen Mandanten nicht an und spricht auch nie mit ihm. Staatsanwalt Huver kommt auf uns zu und reicht mir ein Blatt Papier. Grußlos. Wir sind so weit jenseits selbst der hohlsten Höflichkeitsphrasen, dass schon das leiseste Brummen eine Überraschung wäre. Ich hasse diesen Mann genauso, wie er mich hasst, doch ich habe einen Vorteil in diesem Spiel. Ich habe beinahe monatlich mit selbstgerechten Staatsanwälten zu tun, die lügen, betrügen, mauern, vertuschen, die berufsethischen Richtlinien ignorieren und alles für einen Schuldspruch tun, selbst wenn sie die Wahrheit kennen und wissen, dass sie im Unrecht sind. Ich kenne die Brut also, diese Unterklasse von Juristen, die über dem Recht zu stehen glauben, weil sie sich für das Recht halten. Huver dagegen kommt selten in Berührung mit Kalibern wie mir, weil er – gewiss zu seinem Leidwesen – selten mit Sensationsfällen zu tun hat und praktisch nie mit Angeklagten, die sich von einem Pitbull wie mir beschützen lassen. Wenn er öfter mit solchen Fällen konfrontiert würde, dann würde er uns vermutlich souveräner hassen. Ich hingegen habe darin mehr Übung, weil für mich der Hass zum täglichen Leben gehört. Ich nehme das Blatt und frage: »Wer ist heute Ihr Lügner des Tages?« Ohne zu antworten, geht er die wenigen Meter zurück zu seinem Tisch, wo seine kleine Assistentenbande in dunklen Anzügen sitzt und wichtig die Köpfe zusammensteckt und für die eigenen Fans posiert. Das hier ist die größte Show ihrer erbärmlichen Provinzkarriere, und ich habe immer wieder den Eindruck, dass jeder aus dem Büro des Bezirksstaatsanwalts, der gehen, sprechen, einen billigen Anzug und eine neue Aktenmappe tragen kann, sich mit an diesen Tisch klemmen darf, um dem Recht zum Sieg zu verhelfen. Der Gerichtsdiener kläfft, ich erhebe mich, Richter Kaufman tritt ein, wir setzen uns. Gardy weigert sich, zu Ehren des großen Mannes aufzustehen. Anfangs war der Richter deswegen sauer. Am ersten Tag des Prozesses – es kommt mir vor, als wäre das Monate her – fuhr er mich an: »Mr. Rudd, würden Sie Ihrem Mandanten bitte sagen, dass er sich erheben soll?« Ich folgte der Aufforderung, doch Gardy weigerte sich. Das wiederum war peinlich für den Richter, und wir sprachen später in seinem Büro darüber. Er drohte, meinen Mandanten wegen Missachtung des Gerichts während des gesamten Prozesstages in der Zelle zu lassen. Ich ermutigte ihn dazu, ließ jedoch durchblicken, dass eine derartige Überreaktion in einem Berufungsverfahren gewiss große Beachtung finden würde. Gardy bemerkte dazu nur weise: »Was können die mir denn antun, was sie mir nicht schon angetan haben?« Und so beginnt Richter Kaufman jeden Morgen die Zeremonie mit einem langen, bösen Blick auf meinen Mandanten, der sich für gewöhnlich auf seinem Stuhl fläzt und in der Nase bohrt oder mit geschlossenen Augen nickt. Es ist unmöglich zu sagen, wen Kaufman mehr hasst, Anwalt oder Mandant. Ganz wie der Rest von Milo ist er seit Langem von Gardys Schuld überzeugt. Und wie alle anderen in diesem Gerichtssaal hat er mich vom ersten Tag an verachtet. Aber das macht nichts. In meiner Branche hat man selten Verbündete und macht sich sehr schnell Feinde. Da er genauso wie Huver nächstes Jahr im Amt bestätigt werden will, setzt Kaufman sein falsches Politikerlächeln auf und begrüßt die Anwesenden zu einem neuen spannenden Tag auf der Suche nach der Wahrheit. Berechnungen zufolge, die ich einmal in der Mittagspause gemacht habe, als der Saal leer war, sitzen jetzt etwa dreihundertzehn Menschen hinter mir. Alle bis auf zwei, nämlich Gardys Mutter und Schwester, beten fieberhaft für seine rasche Hinrichtung. Die zu ermöglichen liegt ganz bei Richter Kaufman, dem Richter, der bislang sämtliche Falschaussagen der Staatsanwaltschaft zugelassen hat. Manchmal scheint es mir, als fürchtete er, jedes Mal eine Stimme zu verlieren, wenn er einem meiner Einsprüche stattgibt. Als alle sitzen, werden die Geschworenen hereingeholt. Es sind vierzehn Personen – die zwölf Auserwählten plus zwei Ersatzkandidaten, falls einer krank wird oder etwas falsch macht. Sie sind nicht kaserniert (obwohl ich das beantragt habe), dürfen also nach Hause gehen und beim Abendessen über Gardy und mich herziehen. Der Richter ermahnt sie jeden Tag, bevor sie gehen, kein Wort über den Fall zu verlieren, doch man hört sie förmlich im Auto auf dem Heimweg lästern. Ihre Entscheidung ist längst gefallen. Wenn sie jetzt abstimmen würden, noch bevor wir einen einzigen Zeugen der Verteidigung gehört haben, würden sie Gardy für schuldig befinden und seine Hinrichtung fordern. Dann würden sie als Helden heimkehren und den Rest ihres Lebens von seinem Prozess erzählen. Wenn Gardy die Nadel bekommt, werden sie stolz sein auf die besondere Rolle, die sie bei der Urteilsfindung gespielt haben. Sie werden jemand sein in Milo. Sie werden in ihrer Kirche Anerkennung finden, man wird ihnen gratulieren, sie auf der Straße ansprechen. Immer noch verschnupft, begrüßt Kaufman sie, bedankt sich dafür, dass sie ihre staatsbürgerliche Pflicht erfüllen, und fragt mit ernster Miene, ob ein Dritter versucht habe, Kontakt zu ihnen aufzunehmen, mit dem Ziel, sie zu beeinflussen. Darauf folgen meist ein paar Blicke in meine Richtung, als hätte ich die Zeit, Kraft und Dummheit, abends auf den Straßen von Milo herumzustreichen, um den Geschworenen aufzulauern und sie (1) zu bestechen, (2) einzuschüchtern oder (3) anzuflehen. Inzwischen gilt das Dogma, dass ich der einzige Abtrünnige im Saal bin, trotz der mannigfaltigen Sünden, die von der anderen Seite begangen werden. Die Wahrheit ist: Hätte ich genügend Geld, Zeit und Personal, würde ich tatsächlich sämtliche Geschworenen bestechen und/oder einschüchtern. Wenn der Staat mit seinen unbegrenzten Ressourcen einen Scheinprozess führt, in dem bei jeder Gelegenheit betrogen wird, ist Betrug legitim. Dann gibt es keine Chancengleichheit und keine Fairness, und die einzige ehrenhafte Alternative für den Verteidiger eines unschuldigen Mandanten ist der Betrug. Wird ein Verteidiger beim Betrügen ertappt, muss er oder sie mit Sanktionen des Gerichts rechnen, mit Abmahnung oder gar Klage durch die Anwaltskammer. Wird ein Staatsanwalt erwischt, dann wird er entweder wiedergewählt oder zum Richter befördert. Unser System zieht schlechte Staatsanwälte nicht zur Verantwortung. Die Geschworenen versichern dem Richter, dass alles bestens sei. »Mr. Huver«, verkündet er in feierlichem Ton, »bitte rufen Sie Ihren nächsten Zeugen auf.« Nun sagt ein fundamentalistischer Pfarrer aus, der das alte Chrysler-Autohaus in den »World Harvest Temple« umgebaut hat und jetzt zu täglichen sogenannten Betathlons größere Menschenmengen um sich schart. Ich habe ihn einmal im Regionalfernsehen gesehen, und das hat mir gereicht. Er ist heute hier, weil er in einem seiner abendlichen Jugendgottesdienste auf Gardy getroffen sein will. Seiner Geschichte zufolge trug Gardy das T-Shirt einer Heavy-Metal-Band mit einer nicht näher benannten satanischen Botschaft, und mithilfe dieses T-Shirts habe der Teufel den Gottesdienst unterminieren können. Der spirituelle Unfrieden, der in der Luft gelegen habe, habe dem Herrgott nicht gefallen, doch dank göttlicher Weisung sei es ihm, dem Pfarrer, gelungen, die Quelle des Bösen zu verorten, woraufhin er die Musik gestoppt und Gardy hinausgeworfen habe. Gardy sagt, er sei nie auch nur in der Nähe dieser Kirche gewesen. Er versichert, dass er in seinem ganzen achtzehnjährigen Leben nie in einer Kirche gewesen sei. Seine Mutter bestätigt das. Gardys Familie sind »fiese Heiden«, wie man hier auf dem Land sagt. Warum die Aussage in diesem Mordprozess zugelassen wird, ist ganz und gar unbegreiflich, denn sie ist absurd und grenzenlos dumm. Angenommen, es kommt zu einer Verurteilung, wird dieser ganze Mist in etwa zwei Jahren von einem leidenschaftslosen Revisionsgericht in hundertfünfzig Kilometer Entfernung erneut durchgekaut werden. Die neuen Richter, die auch nur unwesentlich intelligenter sind als Kaufman – man wird ja bescheiden –, werden mit trüben Augen auf diesen Provinzpfarrer und seine Lügengeschichte über einen Vorfall blicken, der angeblich dreizehn Monate vor den Morden stattgefunden hat. Einspruch, Euer Ehren. Abgewiesen. Einspruch, Euer Ehren! Abgewiesen! Huver braucht jedoch den Satan für seine These. Nachdem Richter Kaufman vor einigen Tagen alles erlaubt hat, ist jetzt alles möglich. Allerdings nur so lange, bis ich mit meinen Zeugen komme. Wenn wir Glück haben, werden von uns vielleicht hundert Worte in die Akten aufgenommen. Der Pfarrer hat Steuerschulden in einem anderen Staat. Er weiß nicht, dass ich das herausgefunden habe, und so werden wir beim Kreuzverhör ein bisschen Spaß haben. Nicht dass das etwas ändern wird. Die Jury hat längst abgeschlossen. Gardy ist ein Monster, das in die Hölle gehört. Ihre Aufgabe ist es, ihn möglichst schnell dort hinzuschicken. Er beugt sich zu mir und flüstert: »Mr. Rudd, ich schwöre, ich war nie in der Kirche.« Ich nicke lächelnd, weil das alles ist, was ich tun kann. Ein Verteidiger darf nicht immer glauben, was ihm sein Mandant erzählt, doch wenn Gardy sagt, dass er nie in der Kirche war, glaube ich ihm. Der Pfarrer ist ein Choleriker, und ich habe ihn recht schnell auf hundertachtzig. Ich nutze die nicht bezahlte Steuer, um ihn zu reizen, und sobald er richtig sauer ist, bleibt er das auch. Ich verwickle ihn in Debatten über die Unfehlbarkeit der Bibel, die Dreifaltigkeit, die Apokalypse, darüber, wie es ist, in fremden Zungen zu sprechen, mit Schlangen zu spielen, Gift zu trinken, und darüber, wie viel Einfluss satanische Sekten in der Gegend um Milo haben. Huver brüllt »Einspruch!«, Kaufman gibt statt. Einmal schließt der Pfarrer mit rot angelaufenem Gesicht frömmlerisch die Augen und hebt die Hände hoch über den Kopf. Instinktiv ducke ich mich und sehe zur Decke, als ob mich gleich der Blitz treffen könnte. Später nennt er mich »Atheist« und prophezeit mir, ich würde in die Hölle fahren. »Sie haben also die Macht, Leute in die Hölle zu schicken?«, feuere ich zurück. »Gott sagt mir, dass Sie in die Hölle kommen werden.« »Dann schalten Sie ihn auf Lautsprecher, damit wir das alle hören können.« Zwei Geschworene grinsen. Wir haben den ganzen Vormittag mit diesem scheinheiligen kleinen Arschloch und seiner Falschaussage verschwendet, doch er ist nicht der erste Einheimische, der sich einen Weg in diesen Prozess gebahnt hat. Die Stadt ist voll mit Möchtegern-Helden. 4 Die Mittagspause ist immer ein Genuss. Da es für uns nicht sicher ist, den Saal, geschweige denn das Gebäude zu verlassen, bleiben Gardy und ich am Tisch der Verteidigung sitzen und essen dort ein Sandwich. Wir bekommen das gleiche Essen wie die Jury. Es werden sechzehn Mahlzeiten gebracht; sie werden gemischt, dann werden unsere beiden willkürlich ausgewählt und die übrigen an die Geschworenen verteilt. Das war meine Idee, weil ich ungern vergiftet werden möchte. Gardy hat keinen Schimmer von alldem, er ist einfach nur hungrig. Er sagt, das Essen im Gefängnis sei so, wie man es erwarte, und er traue den Wärtern nicht. Folglich isst er dort gar nichts und lebt praktisch nur von diesem Sandwich. Ich habe Richter Kaufman gefragt, ob das County vielleicht die Portion vergrößern und dem Jungen zwei Gummihuhn-Sandwichs mit extra Pommes und Gurken geben könne. Mit anderen Worten, zwei Portionen statt einer. Abgelehnt. Und so bekommt Gardy die Hälfte meines Sandwichs und alle meine koscher eingelegten Gurken. Wenn ich nicht selbst kurz vor dem Verhungern wäre, würde ich ihm meine komplette Portion geben. Partner kommt und geht im Verlauf des Tages. Er will unseren Transporter nicht zu lange an einer Stelle stehen lassen, um aufgeschlitzte Reifen und eingeschlagene Scheiben zu vermeiden. Außerdem hat er ein paar Aufgaben zu erledigen, unter anderen die, sich gelegentlich mit dem Bischof zu treffen. In Fällen, bei denen ich auf vermintes Gebiet muss, also etwa in eine Kleinstadt, die sich längst verbündet hat, um einen der ihren für ein schreckliches Verbrechen zu töten, dauert es eine Weile, bis ich einen Kontakt gefunden habe. Der Kontakt ist stets ein Anwalt, ortsansässig, der ebenso wie ich wöchentlich Kriminelle und Arschlöcher gegen Polizei und Staatsanwaltschaft verteidigt. Irgendwann meldet sich der Kontakt, vorsichtig, weil er fürchtet, als Verräter entlarvt zu werden. Er weiß, was wirklich passiert ist, zumindest ungefähr. Er kennt die Beteiligten, die Bösewichte und den einen oder anderen Guten. Da sein Überleben davon abhängt, dass er mit Polizei, Gerichtsangestellten und Staatsanwaltschaft auskommt, kennt er das System. In Gardys Fall heißt mein Maulwurf Jimmy Bressup. Wir nennen ihn »Bischof«. Ich bin ihm nie begegnet. Wir halten Kontakt über Partner, und die beiden treffen sich an den ausgefallensten Orten. Partner sagt, er sei um die sechzig, habe langes, schütteres graues Haar, fluche gern lautstark, kleide sich schlecht, sei streitlustig und dem Alkohol zugetan. »Eine ältere Version von mir?«, fragte ich. »Nicht ganz«, erwiderte er weise. Trotz seines großen Mundwerks und Gepolters wagt es der Bischof nicht, Gardys Verteidiger zu nahe zu kommen. Der Bischof sagt, Huver und seine Bande wüssten inzwischen, dass sie den Falschen haben; sie hätten aber zu viel investiert, um ihren Irrtum jetzt noch zuzugeben. Er meint, es habe vom ersten Tag an Gerüchte über den wahren Täter gegeben. 5 Es ist Freitag, und alle im Saal sind erschöpft. Ich rede eine Stunde lang auf einen pickligen, dummen kleinen Rotzlöffel ein, der behauptet, bei dem Jugendgottesdienst gewesen zu sein, wo Gardy angeblich die Dämonen gerufen und den Frieden gestört habe. Ganz ehrlich, ich habe schon wirklich üble Falschaussagen erlebt, aber das hier übertrifft alles. Nicht nur, dass die Aussage falsch ist, sie ist auch noch völlig irrelevant. Kein anderer Staatsanwalt würde sich damit aufhalten. Kein anderer Richter würde sie überhaupt zulassen. Kaufman verkündet schließlich eine Vertagung der Verhandlung über das Wochenende. Gardy und ich treffen uns wieder in der Wartezelle, wo er seinen Gefängnisoverall anzieht, während ich Gemeinplätze von mir gebe und ihm ein schönes Wochenende wünsche. Ich reiche ihm zehn Dollar für die Snackautomaten. Er sagt, dass morgen seine Mutter kommen und ihm Zitronenkekse bringen werde, seine Lieblingskekse. Manchmal ließen die Wärter die Kekse durchgehen, erzählt er, manchmal behielten sie sie. Man wisse es nie genau. Die Wärter wiegen jeder etwa hundertvierzig Kilo, sie werden die gestohlenen Kalorien wohl brauchen. Ich trage Gardy auf, er soll sich übers Wochenende duschen und die Haare waschen. »Mr. Rudd«, sagt er. »Wenn ich eine Rasierklinge finde, bin ich weg.« Er fährt sich mit dem Zeigefinger über das Handgelenk. »Sag so was nicht, Gardy.« Er hat das schon öfter gesagt, und er meint es ernst. Der Junge hat nichts, wofür es sich zu überleben lohnt, und er ist schlau genug, um zu wissen, was auf ihn zukommt. Ein Blinder mit Krückstock würde das sehen. Wir geben uns die Hand, und ich eile die Treppe hinunter. Partner und die Polizeibeamten erwarten mich am Hinterausgang und begleiten mich zum Wagen. Wieder mal geschafft, heil rauszukommen. Außerhalb von Milo nicke ich ein und schlafe bald fest. Zehn Minuten später vibriert mein Telefon, und ich nehme ab. Wir folgen dem Polizeiwagen zu unserem Motel, wo wir unsere Sachen packen und auschecken. Bald sind wir allein und auf dem Weg in die Stadt. »Hast du den Bischof gesehen?«, frage ich Partner. »Ja. Es ist Freitag, und ich denke, er fängt freitags gegen Mittag an zu trinken. Nur Bier, das war ihm wichtig mitzuteilen. Also habe ich ein Sixpack gekauft, und wir sind rumgefahren. Die Kneipe ist ein echtes Bumslokal, Richtung Osten, am Stadtrand. Er meint, Peeley ist dort Stammgast.« »Du hattest also auch schon ein paar Bier? Soll ich fahren?« »Nur eins, Chef. Ich habe dran genippt, bis es irgendwann warm war. Der Bischof hat seine geleert, solange sie kalt waren. Drei Flaschen hintereinander.« »Sollen wir diesem Mann glauben?« »Ich mache nur meine Arbeit. Einerseits ist er glaubwürdig, weil er sein ganzes Leben hier verbracht hat und jeden kennt. Andererseits sondert er so viel Mist ab, dass man ihm am liebsten kein Wort abkaufen würde.« »Wir werden sehen.« Ich schließe die Augen und versuche, wieder zu schlafen. Während eines Mordprozesses ist an Schlaf praktisch nicht zu denken, und ich habe gelernt, jede Gelegenheit für ein Nickerchen zu nutzen. In der Mittagspause habe ich mir zehn Minuten auf einer harten Sitzbank im Gerichtssaal gegönnt, nachdem ich morgens um drei in meinem schäbigen Motelzimmer hellwach auf und ab gewandert bin. Oft döse ich mitten im Satz ein, während Partner am Steuer sitzt und der Motor schnurrt. Irgendwann auf dem Weg zurück in unsere Version von Zivilisation nicke ich ein. 6 Es ist der dritte Freitag im Monat, und an diesem Abend habe ich regelmäßig ein Date, wenn man zwei Drinks in einem Lokal mit einer Frau so bezeichnen möchte. Es fühlt sich jedenfalls mehr an, als müsste ich zu einer Wurzelbehandlung. Die Wahrheit ist, dass Judith Whitly unter anderen Umständen nicht einmal unter vorgehaltener Waffe mit mir ausgehen würde, und diese Gefühle beruhen auf Gegenseitigkeit. Doch wir haben eine gemeinsame Vergangenheit. Wir treffen uns immer in derselben Bar, an dem Tisch, wo wir in einem anderen Leben zum ersten Mal zusammen gegessen haben. Mit Nostalgie hat das nichts zu tun, mehr mit Bequemlichkeit. Die Bar gehört zu einer Kette, doch das Ambiente ist nicht schlecht, und an Freitagabenden ist immer viel los. Judith kommt immer als Erste und besetzt unsere Nische. Erst wenn sie allmählich ungeduldig wird, erscheine ich. Sie ist noch nie zu spät gekommen und betrachtet Unpünktlichkeit als Schwäche. Ihrer Ansicht nach zeige ich viele Anzeichen von Schwäche. Sie ist Anwältin wie ich, und so haben wir uns auch kennengelernt. »Du siehst fertig aus«, sagt sie ohne eine Spur von Mitgefühl. Ihr Gesicht weist ebenfalls Spuren von Müdigkeit auf, dennoch ist sie mit ihren neununddreißig Jahren immer noch umwerfend schön. Jedes Mal wenn ich sie sehe, weiß ich wieder, warum es mich damals so hart getroffen hat. »Danke. Du siehst toll aus wie immer.« »Danke.« »Noch zehn Tage, dann geht uns der Sprit aus.« »Irgendwas Positives?« »Noch nicht.« Sie weiß grundsätzlich über Gardys Fall und den Prozess Bescheid, und sie kennt mich. Wenn ich glaube, dass der Junge unschuldig ist, reicht ihr das. Doch sie hat ihre eigenen Mandanten, die ihr den Schlaf rauben. Wir bestellen das Gleiche wie immer, sie ein Glas Chardonnay und ich Whiskey Sour. Wir trinken zwei Gläser in einer knappen Stunde, dann war’s das wieder für einen Monat. »Wie geht’s Starcher?«, frage ich. Ich hoffe immer noch, dass mir der Name meines Sohnes eines Tages über die Lippen geht, ohne dass ich mich fast übergeben muss. Mein Name auf seiner Geburtsurkunde weist mich als seinen Erzeuger aus, doch ich war nicht in der Nähe, als er zur Welt kam. Deshalb hat Judith den Namen gewählt. Es sollte ein Nachname sein, falls er überhaupt jemals benutzt wird. »Gut«, sagt sie süffisant, weil sie das Leben des Kindes voll und ganz teilt und ich nicht. »Ich habe letzte Woche mit seiner Lehrerin gesprochen, und sie ist zufrieden mit seinen Fortschritten. Sie meint, er ist ein ganz normaler Zweitklässler, liest gut und hat Spaß am Leben.« »Das freut mich«, sage ich. Das Schlüsselwort in diesem kurzen Bericht ist »normal«, und zwar wegen unserer gemeinsamen Vergangenheit. Starcher hat alles andere als eine normale Kindheit. Er verbringt die Hälfte der Zeit mit Judith und ihrer Lebensgefährtin und die andere Hälfte mit ihren Eltern. Vom Kreißsaal hat Judith das Baby mit in die Wohnung genommen, die sie mit Gwyneth teilte, der Frau, für die sie mich verlassen hatte. Die folgenden drei Jahre versuchten die zwei, Starcher offiziell zu adoptieren, wogegen ich mich mit Klauen und Zähnen wehrte. Ich habe überhaupt nichts dagegen, wenn gleichgeschlechtliche Paare Kinder adoptieren. Ich konnte nur Gwyneth nicht ausstehen. Und ich behielt recht. Es dauerte nicht lange, und die beiden trennten sich nach einem heftigen Streit, den ich von meiner linken Ecke aus weidlich genoss. Doch es wird noch komplizierter. Die Getränke kommen, aber wir warten nicht aufeinander, um uns höflich »zum Wohl« zu wünschen. Das wäre nur Zeitverschwendung. Wir brauchen den Alkohol sofort. Ich überbringe schlechte Nachrichten. »Meine Mutter kommt nächste Woche, und sie möchte Starcher gern sehen. Schließlich ist er ihr Enkelkind.« »Das weiß ich«, faucht sie. »Es ist dein Wochenende. Du kannst machen, was du willst.« »Das stimmt, aber du verkomplizierst die Dinge gern. Ich will nur keinen Ärger, das ist alles.« »Deine Mutter ist der personifizierte Ärger.« Das sind wahre Worte, und ich nicke ergeben. Es wäre eine dramatische Untertreibung zu sagen, dass Judith und meine Mutter sich von Beginn an gehasst haben. Es ging so weit, dass meine Mutter drohte, sie würde mich enterben, wenn ich Judith heiratete. Zu dem Zeitpunkt hatte ich selbst schon meine Zweifel an unserer Beziehung und einer gemeinsamen Zukunft, und diese Drohung bestärkte mich. Ich rechne zwar damit, dass meine Mutter mindestens hundert wird, doch ihr Nachlass ist ein Traum. Ein Typ mit meinem Einkommen braucht etwas, wovon er träumen kann. Eine Fußnote in dieser Geschichte ist, dass meine Mutter ihr Testament oft benutzt, um ihre Kinder zu gängeln. Meine Schwester wurde enterbt, weil sie einen Republikaner geheiratet hat. Zwei Jahre später wurde der Republikaner, der in Wahrheit ein richtig netter Kerl ist, Vater der tollsten Enkelin der Weltgeschichte. Und jetzt ist meine Schwester wieder als Erbin eingesetzt. Das nehmen wir zumindest an. Jedenfalls stand ich kurz davor, mit Judith Schluss zu machen, als sie mit der niederschmetternden Nachricht kam, dass sie schwanger sei. Statt ihr die Gretchenfrage zu stellen, akzeptierte ich meine Vaterschaft ohne Weiteres. Später erfuhr ich die brutale Wahrheit, nämlich dass sie zu der Zeit schon mit Gwyneth zusammen war. Ein echter Schlag unter die Gürtellinie. Bestimmt hat es Anzeichen gegeben, dass meine Liebste in Wirklichkeit eine Lesbe ist, doch die sind mir allesamt entgangen. Wir heirateten, worauf Mom postwendend erklärte, sie werde ihr Testament umschreiben lassen und ich würde keinen Cent sehen. Fünf quälende Monate lang lebten wir mehr oder weniger zusammen, fünfzehn weitere dauerte unsere Ehe offiziell, dann trennten wir uns, um nicht endgültig den Verstand zu verlieren. Starcher wurde mitten in den Rosenkrieg hineingeboren, ein Kollateralschaden von Geburt an, und seither fauchen wir uns gegenseitig an. Unser Ritual, einmal im Monat etwas zusammen trinken zu gehen, ist eine Hommage an zivilisiertes Benehmen. Ich glaube, meine Mutter hat mich inzwischen wieder ins Testament aufgenommen. »Und was möchte die Omi mit meinem Kind unternehmen?«, fragt sie. Es ist nie »unser« Kind. Sie hat noch nie widerstehen können, diese kindischen kleinen Spitzen gegen mich loszulassen. Sie kratzt am Wundschorf, aber nicht auf clevere Art und Weise. Es ist praktisch unmöglich, darauf nicht zu reagieren; doch ich habe gelernt, mir auf die Zunge zu beißen. Meine Zunge hat schon Narben. »Ich glaube, sie wollen in den Zoo.« »Sie geht immer mit ihm in den Zoo.« »Was ist so schlimm daran, in den Zoo zu gehen?« »Na ja, nach dem letzten Mal hatte er Albträume mit Pythons.« »Okay, ich werde sie bitten, etwas anderes mit ihm zu unternehmen.« Und schon macht sie wieder Ärger. Was ist falsch daran, mit einem halbwegs normalen Siebenjährigen in den Zoo zu gehen? Ich weiß nicht, warum wir uns immer noch sehen. »Was macht die Kanzlei?«, frage ich mit derselben voyeuristischen Neugier, mit der man einen Autounfall beobachtet. Es ist einfach unwiderstehlich. »Gut«, sagt sie. »Das übliche Chaos.« »Du brauchst ein paar Jungs in diesem Büro.« »Wir haben auch so schon genug Probleme.« Die Bedienung sieht, dass unsere Gläser leer sind, und geht Nachschub holen. Die erste Runde ist immer im Nu weg. Judith ist eine von vier Partnerinnen in einer Kanzlei mit zehn Frauen, alle militante Lesben. Die Kanzlei hat sich auf gleichgeschlechtliches Recht spezialisiert – Diskriminierung am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche, in der Schule und beim Arzt. Zuletzt haben sie auch schwule Scheidungen ins Angebot aufgenommen. Sie sind gute Anwältinnen, hart im Verhandeln und vor Gericht, immer auf dem Kriegspfad und häufig in den Nachrichten. Die Kanzlei pflegt das Image, der Gesellschaft den Kampf angesagt zu haben und sich nicht einschüchtern zu lassen. Die öffentlichen Schlachten sind allerdings bei Weitem nicht so schrill wie die internen. »Ich könnte als Seniorpartner einsteigen«, schlage ich im Scherz vor, um die Stimmung zu heben. »Du würdest keine zehn Minuten durchhalten.« Kein Mann würde zehn Minuten in dieser Kanzlei durchhalten. Männer meiden die Kanzlei nach Möglichkeit. Wenn ein Mann nur den Namen hört, sucht er das Weite. Ordentliche Kerle, die einfach nur beim Rumbumsen erwischt wurden, sind ihretwegen von der Brücke gesprungen. »Wahrscheinlich hast du recht. Vermisst du eigentlich Sex mit dem anderen Geschlecht?« »Im Ernst, Sebastian, willst du wirklich über Heterosex reden, nach einer misslungenen Ehe und einem ungewollten Kind?« »Ich mag Heterosex. Du etwa nicht? Du hast immer den Eindruck gemacht, als würde es dir gefallen.« »Ich hab nur so getan.« »Nein. Du warst im Bett immer eine Wucht, wenn ich mich recht entsinne.« Ich kenne zwei Männer, die mit ihr geschlafen haben, bevor ich auftauchte. Nach mir floh sie zu Gwyneth. Ich habe mich oft gefragt, ob ich so schlecht im Bett war, dass sie das Team gewechselt hat. Ich bezweifle das. Aber ich muss zugeben, dass sie einen guten Geschmack hat. Ich habe Gwyneth zwar gehasst und hasse sie immer noch, doch die Frau zieht auf der Straße alle Blicke auf sich. Judiths aktuelle Lebensgefährtin, Ava, war früher Unterwäschemodel für ein Kaufhaus der Stadt. Ich erinnere mich an ihre Werbebilder in der Sonntagszeitung. Die zweite Runde Getränke kommt, und wir greifen sofort danach. »Wenn du über Sex reden willst, gehe ich«, sagt sie kühl. »Entschuldige. Weißt du, ich denke immer an Sex, wenn ich dich sehe. Aber das ist mein Problem, nicht deins.« »Hol dir Hilfe.« »Ich brauche keine Hilfe. Ich brauche Sex.« »Soll das eine Anmache sein?« »Hätte es denn Aussicht auf Erfolg?« »Nein.« »Dachte ich mir.« »Hast du noch Kämpfe heute?«, fragt sie, um das Thema zu wechseln, und ich spiele mit. »Ja.« »Du bist krank, weißt du. Das ist so ein brutaler Sport.« »Starcher meint, er will mal mit.« »Wenn du ihn mitnimmst, siehst du ihn nie wieder.« »Entspann dich. War nur ein Witz.« »Du machst vielleicht Witze, aber krank bist du trotzdem.« »Danke. Trink noch was.« Eine wohlgeformte Asiatin in einem kurzen, engen Rock geht vorbei, und wir sehen ihr beide nach. »Erster«, scherze ich. Der Alkohol beginnt zu wirken – bei ihr dauert es länger, weil sie von Natur aus aufgedreht ist –, und Judith bringt ein Lächeln zustande, zum ersten Mal an diesem Abend. Vielleicht zum ersten Mal seit einer Woche. »Bist du mit jemandem zusammen?«, fragt sie in deutlich sanfterem Ton. »Nicht seit wir uns zuletzt getroffen haben«, sage ich. »Zu viel Arbeit.« Meine letzte Freundin hat sich vor drei Jahren verabschiedet. Hin und wieder lande ich einen Treffer, doch ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich nach einer ernsthaften Beziehung Ausschau halte. Es entsteht eine lange, schwere Pause, und wir fangen an, uns zu langweilen. Als wir unsere Gläser bis auf ein paar Tropfen geleert haben, sind wir wieder bei Starcher und meiner Mutter und dem nächsten Wochenende, vor dem es uns beiden jetzt graut. Wir verlassen die Bar zusammen, küssen uns pflichtschuldig auf die Wange und verabschieden uns. Wieder ein Punkt abgehakt. Ich habe sie geliebt, dann habe ich sie gehasst. Inzwischen mag ich Judith fast, und wenn wir diese monatlichen Treffen beibehalten, können wir vielleicht Freunde werden. Das ist mein Ziel, denn ich brauche einen Freund, der versteht, was ich tue und warum. Außerdem wäre das auch viel besser für unseren Sohn. 7 Ich wohne im vierundzwanzigsten Stock eines Apartmenthauses in der Innenstadt mit Blick auf den Fluss. Ich finde es schön hier oben, weil ich meine Ruhe habe und mich sicher fühle. Wenn jemand meine Wohnung in Brand stecken oder in die Luft jagen will, wäre das kaum möglich, ohne das ganze Haus zu zerstören. Es gibt Kriminalität im Stadtzentrum, und das Gebäude ist großzügig mit Videoüberwachung und bewaffneten Sicherheitsleuten ausgestattet. Das vermittelt mir ein Gefühl der Sicherheit. Auf die Doppelhaushälfte, wo ich früher gewohnt habe, und mein altes Büro wurde vor fünf Jahren geschossen. Die Täter hat man nie gefunden, aber ich habe den Eindruck, dass die Polizei auch nie wirklich gesucht hat. Wie gesagt, meine Klientel ruft Hassgefühle hervor. Es gibt Menschen, die mich leiden sehen wollen. Manche davon verstecken sich hinter einer Marke oder tragen Uniform. Meine Wohnung ist hundert Quadratmeter groß, hat zwei kleine Zimmer, eine noch kleinere Küche, die selten benutzt wird, und einen Wohnbereich, der kaum groß genug ist für mein einziges richtiges Möbelstück. Ich bin nicht sicher, ob man einen antiken Poolbillardtisch überhaupt als Möbel bezeichnet, aber es ist meine Wohnung, und ich kann das Ding nennen, wie ich will. Der Tisch ist drei Meter lang, Turniermaß, und wurde 1884 von der Oliver L. Briggs Company in Boston gebaut. Ich habe ihn bei einem Fall gewonnen, ihn restaurieren und in meinem Wohnzimmer sorgfältig zusammensetzen lassen. An normalen Tagen oder wenn ich mich nicht gerade in billigen Motels vor Todesdrohungen verstecke, lege ich mir die Kugeln zurecht und übe stundenlang. Gegen mich selbst Billard zu spielen dient mir als Ventil, Stressabbau und kostenlose Therapie gleichzeitig. Es ist außerdem eine Erinnerung an Highschoolzeiten, als ich Stammgast einer jahrzehntealten Kneipe namens The Rack war: eine altmodische Billardhalle mit Tischen in langen Reihen, in Rauchschwaden gehüllt, mit Spucknäpfen, billigem Bier, halbwegs harmlosem Glücksspiel und einer Kundschaft, die sich knallhart gibt, aber dennoch weiß, wie man sich benimmt. Curly, der Inhaber, ist ein alter Freund, der immer da ist und dafür sorgt, dass alles glattläuft. Wenn die Schlaflosigkeit zuschlägt und mir die Decke auf den Kopf fällt, findet man mich oft im Rack, um zwei Uhr morgens 9-Ball spielen, glückselig und in einer anderen Welt. Aber heute Abend wird es dazu nicht kommen. Beflügelt vom Whiskey, schlüpfe ich in die Wohnung und ziehe in aller Eile meine Kampfkleidung an – Jeans, schwarzes T-Shirt und eine schreiend gelbe Jacke, die um die Mitte spannt, praktisch im Dunkeln leuchtet und auf dem Rücken die Aufschrift »Tadeo Zapate« trägt. Ich binde mein ergrauendes Haar zu einem festen Pferdeschwanz zusammen, den ich in den T-Shirt-Kragen stecke. Als Brille wähle ich ein Modell mit hellblauem Rahmen. Ich rücke die Kappe zurecht, die genauso gelb ist wie die Jacke, und der Name »Zapate« steht auf der Stirn. Mit dieser Kostümierung dürfte heute Abend nichts schiefgehen. Es werden jede Menge harte Burschen da sein, Männer, die Ärger mit dem Gesetz hatten, haben oder noch haben werden, aber sie werden mich nicht zur Kenntnis nehmen. Das ist ein weiterer trauriger Aspekt meines Lebens, dass ich abends häufig verkleidet aus dem Haus gehen muss – mit Kappen, Brillen, verborgenen Haaren oder sogar mit Filzhut. Partner fährt mich zu der alten Stadthalle acht Querstraßen von meiner Wohnung entfernt und setzt mich in einer Einfahrt in der Nähe des Gebäudes ab. Aus dem Haupteingang strömen Menschen. Über den Vorplatz dröhnen Rap-Beats. Scheinwerferkegel schwenken wie wild von Fassade zu Fassade. Große Displays werben für Hauptattraktion und Nebenveranstaltungen. Tadeo kämpft als Vierter, sein Kampf ist das letzte Warm-up vor dem Hauptevent von heute, einem Schwergewichtsduell, das viele Tickets verkauft, weil der Favorit ein verrückter ehemaliger NFL-Spieler und in der Gegend bekannt ist. Ich bin mit fünfundzwanzig Prozent an Tadeos Karriere beteiligt, eine Investition, die mich letztes Jahr dreißigtausend Dollar gekostet hat, und er hat seither nicht verloren. Außerdem wette ich nebenher und schlage mich ganz gut dabei. Wenn er heute gewinnt, liegt sein Anteil bei sechstausend Dollar. Wenn er verliert, bei der Hälfte. In einem Flur irgendwo tief unter der Halle höre ich, wie sich zwei Sicherheitsleute unterhalten. Einer behauptet, die Veranstaltung sei ausverkauft. Fünftausend Fans. Ich halte ihnen meine Legitimation hin und werde durch eine Tür gewinkt, dann noch eine. Beim Betreten der dunklen Kabine trifft mich die Anspannung wie ein Hammer. Heute Abend hat man uns die Hälfte eines langen Raumes zugewiesen. Tadeo ist im Begriff, sich in der Welt der Mixed Martial Arts einen Namen zu machen, und wir spüren alle, dass etwas Bedeutsames auf uns zukommt. Er liegt bäuchlings auf einer Massagebank, nackt bis auf die Boxershorts, kein Gramm Fett an seinem Neunundfünfzig-Kilo-Körper. Sein Cousin Leo knetet seine Schulterblätter. Die hellbraune Haut glänzt vom Massageöl. Ich durchquere auf leisen Sohlen den Raum und spreche mit Norberto, seinem Manager, Oscar, seinem Trainer, und Miguel, seinem Bruder und Trainingspartner. Sie lächeln, wenn sie mit mir sprechen, weil ich, der einsame Gringo, als der Mann gelte, der das Geld hat. Ich bin außerdem der Agent, der nicht nur die Verbindungen, sondern auch den Grips hat, Tadeo bei Wettkämpfen des UFC, des offiziellen MMA-Verbands, kämpfen zu lassen, wenn er weiterhin gewinnt. Es gibt noch ein paar andere Verwandte im Hintergrund, die aber im Grunde keine Rolle in Tadeos Leben spielen. Ich mag diese Anhängsel nicht. Sie sind nur dabei, weil sie irgendwann Geld sehen wollen. Doch nach sieben Siegen in Folge ist Tadeo der Ansicht, dass er eine große Entourage braucht. So wie die anderen auch. Außer Oscar gehören alle zur gleichen Streetgang, einer mittelmäßig bedeutenden Organisation von Salvadorianern, die mit Kokain handeln. Tadeo ist Mitglied, seit er mit fünfzehn offiziell aufgenommen wurde, hat sich aber nie um eine Führungsposition bemüht. Stattdessen fand er irgendwo ein Paar alte Boxhandschuhe, ging damit in ein Studio und stellte alsbald fest, dass er aberwitzig schnelle Hände hat. Sein Bruder Miguel boxt ebenfalls, wenn auch nicht so gut wie Tadeo. Miguel leitet die Gang und gilt auf der Straße als harter Hund. Je mehr Tadeo gewinnt, umso mehr verdient er, und umso mehr mache ich mir Sorgen wegen seiner Gang. Ich beuge mich über ihn. »Wie geht’s meinem Mann?«, frage ich leise. Er öffnet die Augen, blickt auf, lächelt unvermittelt und zieht sich die Kopfhörer aus den Ohren. Die Massage endet abrupt, als er sich aufsetzt und die Beine über den Rand des Tisches baumeln lässt. Wir plaudern ein paar Minuten, und er versichert mir, dass er imstande sei, jemanden umzubringen. Braver Junge. Zu seinen Vorbereitungsritualen gehört, dass er sich eine Woche lang nicht rasiert, und mit seinem Zottelbart und dem schwarzen Haarwust erinnert er mich an den großen Roberto Duran. Doch Tadeos Wurzeln liegen in El Salvador, nicht in Panama. Er ist zweiundzwanzig, US-Bürger, und sein Englisch ist fast so gut wie sein Spanisch. Seine Mutter ist legal eingewandert und arbeitet in einer Kantine. Außerdem lebt sie mit einem Stall voll Kindern und Verwandten zusammen, und ich habe den Eindruck, dass das, was Tadeo einnimmt, auf viele Hände verteilt wird. Immer wenn ich mit ihm spreche, bin ich heilfroh, dass ich nicht im Ring gegen ihn antreten muss. Er hat stechende schwarze Augen, die vor Wildheit und Blutrausch funkeln. Er ist auf der Straße aufgewachsen und hat sich mit jedem geprügelt, der ihm zu nahe kam. Ein älterer Bruder verlor bei einer Messerstecherei sein Leben, und Tadeo hat Angst, auch zu sterben. Wenn er in den Käfig steigt, ist er davon überzeugt, dass einer der beiden Gegner sein Leben lassen wird, und zwar nicht er. Er hat bislang dreimal verloren, aber immer nach Punkten, noch nie durch K. o. Er trainiert vier Stunden am Tag, außerdem steht er kurz davor, seine Ju-Jutsu-Technik zu vervollkommnen. Seine Stimme klingt tief, und er spricht langsam. Das sind die Symptome des Lampenfiebers, wenn die Angst alle Gedanken vernebelt und der Magen rebelliert. Ich kenne das gut. Ich habe es am eigenen Leib erlebt. Es ist lange her, da bin ich beim Amateurboxen angetreten, bei einem Golden-Gloves-Turnier. Ich hatte vier von fünf Kämpfen gewonnen, als meine Mutter meine heimliche Leidenschaft entdeckte und zum Glück beendete. Aber ich habe es getan. Ich hatte den Mumm, in den Ring zu steigen und mich windelweich prügeln zu lassen. Trotzdem kann ich mir nicht vorstellen, was es bedeutet, in diesen Käfig zu steigen, zu einem Gegner, der auf den Punkt fit und technisch in Hochform ist, außerdem hungrig und mit Adrenalin vollgepumpt und an nichts anderes denken kann, als dir die Schulter aus dem Gelenk zu reißen, deine Knie zu zerquetschen, dir klaffende Wunden beizubringen oder einen Kinnhaken zu verpassen, der dir die Lichter ausbläst. Deshalb liebe ich diesen Sport. Man braucht mehr Courage, mehr echten Mut als bei jedem anderen Sport seit den Zeiten der Gladiatoren, die auf Leben und Tod kämpften. Sicherlich gibt es auch andere gefährliche Sportarten – Skirennen, Football, Eishockey, Boxen, Autorennen. Jährlich kommen mehr Menschen beim Reiten ums Leben als bei jeder anderen Sportart. Doch in diesen Disziplinen geht es nicht darum, sich willentlich zu verletzen. Wenn man in den Käfig klettert, weiß man, dass man verletzt werden wird, dass es schlimm, schmerzhaft, ja tödlich ausgehen kann. Die nächste Runde könnte immer die letzte sein. Deshalb ist der Countdown so brutal. Die Minuten ziehen sich zäh hin, während die Gegner mit ihren Nerven, ihrem Magen und ihren Ängsten kämpfen. Das Warten ist das Schlimmste. Ich gehe nach ein paar Minuten, damit Tadeo sich wieder in sein Universum zurückziehen kann. Er hat mir einmal erzählt, dass er imstande ist, den Kampf zu visualisieren, dass er den Gegner auf der Matte liegen sieht, wie er blutüberströmt um Gnade winselt. Ich suche meinen Weg durch das Labyrinth von Gängen in den unterirdischen Eingeweiden der Stadthalle, während über mir die Menschenmassen blutrünstige Sprechchöre anstimmen. Irgendwann finde ich die Tür zu dem kleinen Kellerbüro, das ich mit meiner eigenen kleinen Streetgang übernommen habe, um zu wetten. Wir sind zu sechst, und unser Wettclub nimmt niemanden mehr auf, weil wir nicht wollen, dass etwas nach draußen dringt. Manche benutzen ihre echten Namen, andere nicht. Slide zieht sich an wie ein Straßenzuhälter und hat schon wegen Mordes eingesessen. Nino ist ein mittlerer Crystal-Meth-Importeur und war wegen Drogenhandels im Gefängnis. Johnny hat (noch) keine Vorstrafen und besitzt fünfzig Prozent des Kämpfers, gegen den Tadeo heute antreten wird. Denardo spielt gern auf seine Mafia-Verbindungen an, wobei ich bezweifle, dass seine kriminellen Aktivitäten besonders organisiert sind. Er träumt davon, in Las Vegas zu leben und Mixed-Martial-Arts-Events zu veranstalten. Frankie ist der alte Hase unter uns und seit Jahrzehnten eine feste Größe in der Kampfszene. Er gibt zu, dass ihn bei Käfigkämpfen die rohe Gewalt angezogen hat und ihn traditionelles Boxen inzwischen langweilt. Das sind also meine Jungs. Ich würde mit keinem von ihnen offiziell Geschäfte machen, aber das tun wir hier ja nicht. Wir gehen über die Liste der Hauptkämpfe und platzieren dann unsere Angebote. Ich weiß, dass Tadeo Johnnys Kämpfer besiegen wird, also macht sich Johnny verständlicherweise Sorgen. Ich biete fünftausend Dollar auf Tadeo, aber keiner steigt ein. Auch bei dreitausend noch nicht. Ich tadele sie, verwünsche, verspotte sie, doch sie wissen, dass Tadeo einen Lauf hat. Johnny hat etwas zu verwetten, und ich schlage schließlich viertausend aus ihm heraus, darauf, dass sein Kämpfer nicht bis zur dritten Runde durchhält. Denardo will auch dabei sein und bietet ebenfalls viertausend. Wir schließen allerlei verschiedene Wetten ab, und Frankie, unser Schriftführer, notiert alles mit. Ich verlasse den Raum mit zwölftausend Dollar, die auf vier verschiedene Kämpfe gesetzt sind. Wenn die Kämpfe vorbei sind, treffen wir uns in diesem Raum wieder und verteilen die Gewinne, alles bar auf die Hand. Während der ersten Kämpfe streife ich in der Halle herum, um die Zeit totzuschlagen. Die Anspannung unten in der Kabine ist nicht auszuhalten, solange die Uhr tickt. Ich weiß, dass Tadeo dort regungslos auf der Bank liegt, unter einer dicken Steppdecke, zur Jungfrau Maria betet und dreckigen Latino-Rap hört. Ich kann dazu nichts beitragen, also suche ich mir einen Sitzplatz auf einem der oberen Ränge, hoch über dem Käfig, und sehe mir die Show an. Die Halle ist ausverkauft, und die Fans sind laut und frenetisch wie immer. Käfigkämpfe sprechen die niederen Instinkte mancher Menschen an, mich eingeschlossen, und wir sind alle aus demselben Grund hier: Wir wollen sehen, wie sich die Kämpfer gegenseitig vernichten. Wir wollen blutende Augen und offene Wunden auf der Stirn sehen, Würgegriffe, Unterwerfungen, bei denen die Knochen krachen, und brutale Knock-out-Schläge, bei denen das Team sofort nach dem Arzt ruft. Das Ganze aufgegossen mit literweise billigem Bier und inmitten von fünftausend Irren, die nach Blut lechzen. Irgendwann bahne ich mir einen Weg zurück in die Kabine, wo allmählich Leben in die Sache kommt. Die ersten beiden Kämpfe endeten mit frühen Knock-outs, es geht also rasch voran. Norberto, Oscar und Miguel ziehen ihre neongelbe Jacke an, wie ich sie auch trage, und dann ist das Team Zapate bereit, den langen Weg zum Käfig anzutreten. Ich werde im Ring sein, zusammen mit Norberto und Oscar, wobei ich dort keine besonders große Rolle spiele. Ich sorge dafür, dass Tadeo Wasser hat, während Norberto ihm in Schnellfeuerspanisch Anweisungen zubrüllt. Oscar kümmert sich um eventuelle Gesichtswunden. Sobald wir unten ankommen, passiert alles wie in Trance. Im Tunnel greifen betrunkene Fans nach Tadeo und rufen seinen Namen. Polizisten machen uns den Weg frei, indem sie die Menschen zurückdrängen. Das Getöse ist ohrenbetäubend, und nicht alle brüllen für Tadeo. Sie wollen mehr, sie wollen einen weiteren Kampf, möglichst einen auf Leben und Tod. Vor dem Käfig prüft ein Offizieller Tadeos Handschuhe und schmiert ihm Öl ins Gesicht, ehe er grünes Licht gibt. Der Sprecher kündigt seinen Namen an, und unser Mann stürmt in seinem leuchtend gelben Outfit in den Käfig. Sein Gegner heute lässt sich »Schakal« nennen, der richtige Name ist unbekannt und spielt auch keine Rolle. Er ist ein Bodenkampfspezialist, groß, weiß, hat nicht viel Muskelmasse, doch der Eindruck kann täuschen. Ich habe ihn bislang dreimal kämpfen sehen, und er ist clever und hinterhältig. Er hat eine gute Abwehr und zielt immer auf einen Takedown. Seinen letzten Gegner hat er zu einer Brezel gewickelt, bis er um Gnade winselte. Im Moment hasse ich den Schakal, doch im Grunde bewundere ich ihn grenzenlos. Wer imstande ist, in diesen Käfig zu klettern, hat ganz unbestritten überdurchschnittlich viel Mumm. Die Glocke läutet zur ersten Runde, es folgen drei Minuten wilde Raserei. Tadeo, der Boxer, geht sofort auf seinen Gegner los, und der Schakal weicht zurück. Eine Minute lang jabben und sparren beide, dann klammern sie, ohne Folgen. Wie alle anderen fünftausend Fans brülle ich mir die Seele aus dem Leib, ohne zu wissen, warum. Tipps zu geben wäre sinnlos, außerdem hört Tadeo ohnehin nichts. Sie gehen krachend zu Boden, und der Schakal nimmt ihn in eine Beinklammer. Eine endlos scheinende Minute lang passiert nichts, außer dass sich Tadeo windet und krümmt. Irgendwann befreit er sich und landet einen scharfen linken Haken auf der Nase des Schakals. Endlich spritzt Blut. Keine Frage, dass mein Mann der bessere Kämpfer ist, aber ein Fehler genügt, und sein Arm ist verdreht und er wehrlos. Zwischen den Runden bombardiert Norberto Tadeo mit Anweisungen, doch der hört nicht zu. Er weiß mehr über das Kämpfen als wir alle, und er hat seinen Gegner längst durchschaut. Als es zur zweiten Runde läutet, packe ich ihn am Arm und brülle ihm ins Ohr: »Mach ihn jetzt fertig, dann gibt’s zwei Riesen extra.« Das hört er. Nachdem der Schakal die erste Runde verloren hat, macht er wie viele Kämpfer in der zweiten besonders viel Druck. Er will den Nahkampf, er will seine drahtigen Arme zu einer tückischen Todesklammer schlingen, doch Tadeo weiß sofort, was er vorhat. Dreißig Sekunden vergehen, dann landet Tadeo eine klassische Rechts-links-Kombination, die den Schakal von den Beinen holt. Dann aber macht Tadeo einen beliebten Fehler, indem er sich sofort auf den Gegner werfen will wie ein Sturzbomber beim Angriff. Der Schakal tritt ihn mit dem rechten Fuß knapp über die Weichteile, doch er bleibt stehen, während der Schakal sich wieder auf die Beine rappelt. Eine Sekunde lang sind beide außer Gefecht gesetzt. Dann fangen sie sich wieder und beginnen, einander zu umkreisen. Tadeo findet in seinen Boxerrhythmus und fängt an, den Schakal mit Jabs zu traktieren, denen der nichts entgegenzusetzen hat. Er schlägt ihm eine Wunde über dem rechten Auge, die er mit unerbittlichen Treffern immer weiter öffnet. Der Schakal hat die üble Angewohnheit, einen wilden linken Haken vorzutäuschen, ehe er sich wegduckt und in die Knie geht. Er macht das so oft, dass er für Tadeo berechenbar wird, der den passenden Moment abwartet, um seinen besten Trick auszupacken, einen rückwärtsgerichteten Ellbogenspin, der besondere Courage verlangt, weil man für einen Sekundenbruchteil dem Gegner den Rücken zudrehen muss. Der Schakal reagiert zu langsam, und Tadeos rechter Ellbogen kracht in seine rechte Wange. Lichter aus. Noch ehe er auf der Matte aufschlägt, ist der Schakal bewusstlos. Die Regeln würden es Tadeo erlauben, noch ein paarmal auf ihn draufzuspringen, um sicherzugehen, dass er wirklich ausgeknockt ist. Aber wozu? Stattdessen baut Tadeo sich in der Ecke auf, reckt die Arme hoch und bewundert sein Werk, während der Schakal am Boden liegt, regungslos wie eine Leiche. Der Ringrichter pfeift eilig ab. Nervös warten wir, während man versucht, den Schakal wieder zu Bewusstsein zu bringen. Die Menge will seinen Abtransport sehen, ein Opfer, etwas, worüber sie am nächsten Tag bei der Arbeit reden können, doch irgendwann kommt er wieder zu sich und sagt etwas. Er setzt sich auf, und wir entspannen uns. Zumindest versuchen wir das. Es ist nicht einfach, ruhig zu bleiben, wenn um einen herum die Hölle tobt, viel Geld auf dem Spiel steht, fünftausend Irre mit den Füßen stampfen. Der Schakal kommt auf die Beine, und die Irren buhen. Tadeo tritt auf ihn zu, sagt etwas Nettes, und sie schließen Frieden. Auf dem Weg aus dem Käfig bin ich hinter Tadeo und sehe lächelnd zu, wie er die Hände seiner Fans abklatscht und in seinem erneuten Sieg schwelgt. Er hat ein paar ungeschickte Bewegungen gemacht, die ihn bei einem besseren Gegner den Kopf gekostet hätten, doch alles in allem war es wieder ein vielversprechender Kampf. Ich versuche, den Augenblick zu genießen, und denke an die Zukunft, wie viel wir gewinnen könnten und dass man sogar ein paar Sponsoren ins Boot holen könnte. Er ist der vierte Kämpfer, in den ich Geld stecke, und der erste, der sich auszahlt. Kurz bevor wir die Halle verlassen, um in den Tunnel zu treten, höre ich eine weibliche Stimme rufen. »Mr. Rudd! Mr. Rudd!« Es dauert ein paar Sekunden, bis ich begreife, dass ich gemeint bin, denn eigentlich sollte mich hier niemand kennen. Ich trage eine offizielle Team-Zapate-Kappe, eine scheußliche gelbe Jacke und nicht meine übliche Brille, die langen Haare habe ich in den Kragen gesteckt. Doch als ich stehenbleibe, um mich umzublicken, winkt sie mir schon zu. Eine plumpe Frau Mitte zwanzig mit lila Haaren, Piercings, riesigem Busen unter hautengem T-Shirt – ziemlich genau der Typ Frau, die üblicherweise zu Käfigkämpfen kommen. Ich sehe sie neugierig an. »Mr. Rudd«, sagt sie, »Sie sind doch Mr. Rudd, der Anwalt?« Ich nicke. Sie tritt ein paar Schritte näher. »Meine Mutter ist in der Jury.« »Welche Jury?« Panik steigt in mir auf. Im Moment gibt es nur eine Jury. »Wir sind aus Milo. Der Gardy-Baker-Prozess. Meine Mutter ist in der Jury.« Ich drehe ruckartig den Kopf zur Seite, um ihr zu bedeuten, dass sie mir folgen soll. Sekunden später gehen wir Seite an Seite allein durch einen engen Flur, während die Wände um uns herum beben. »Wie heißt sie?«, frage ich und inspiziere jeden, der uns entgegenkommt. »Glynna Roston, Geschworene Nummer acht.« »Okay.« Ich kenne alle Geschworenen mit Namen, ich weiß alles über Alter, ethnische Zugehörigkeit, Arbeit, Ausbildung, Familie, Wohnsitz, Ehestand, frühere Einsätze als Geschworene und gegebenenfalls Vorstrafen. Ich half dabei, sie auszusuchen. Manche der Geschworenen wollte ich, die meisten nicht. In den letzten zwei Wochen habe ich je fünf Tage in Folge in einem vollen Gerichtssaal mit ihnen gesessen, und langsam kann ich sie nicht mehr sehen. Ich glaube zu wissen, was sie über Politik und Religion denken, welche Vorurteile sie haben und was sie vom Strafrecht halten. Und weil ich so verdammt viel weiß, bin ich von Anfang an überzeugt gewesen, dass Gardy Baker die Todeszelle sicher ist. »Was denkt Glynna denn so im Moment?«, frage ich vorsichtig. Die Frau könnte ein verstecktes Mikro an sich tragen. Inzwischen halte ich alles für möglich. »Sie denkt, dass die alle lügen.« Wir gehen langsam, ohne Ziel, wagen es nicht, einander in die Augen zu sehen. Ich kann kaum glauben, was ich da höre. Nach Körpersprache und Background war für mich bislang immer klar, dass sie als eine der Ersten für schuldig stimmen wird. Ich sehe über die Schulter, um mich zu vergewissern, dass uns niemand belauscht. »Nun, dann ist sie eine kluge Frau, denn die lügen wirklich. Sie haben keine Beweise.« »Soll ich ihr das sagen?« »Das können Sie halten, wie Sie wollen«, sage ich und blicke mich um, während wir stehenbleiben, um ein Schwergewicht mitsamt Entourage vorbeiziehen zu lassen. Auf den Mann habe ich zweitausend Dollar gesetzt. Sechstausend habe ich heute schon gewonnen, und jetzt bekomme ich auch noch die umwerfende Nachricht, dass nicht alle meiner Gardy-Baker-Geschworenen hirntot sind. »Steht sie damit allein da, oder gibt es noch andere, die so denken?« »Sie sagt, sie reden nicht über den Fall.« Am liebsten würde ich laut loslachen. Wenn sie nicht über den Fall reden, woher weiß dann dieses Schätzchen hier, was ihre Mom denkt? In diesem Moment verstoße ich gegen die ethischen Richtlinien meines Berufsstandes und wahrscheinlich auch gegen ein Strafgesetz. Dies ist eine unerlaubte Kontaktaufnahme mit einer Geschworenen. Und selbst wenn der Fall nicht ganz eindeutig ist und ich den Kontakt nicht gesucht habe, besteht kein Zweifel, dass die Anwaltskammer alles andere als begeistert wäre, und Richter Kaufman würde vor Wut platzen. »Sagen Sie ihr, sie soll sich nicht beirren lassen. Sie haben den falschen Mann«, sage ich und lasse sie stehen. Ich weiß nicht, was sie will, und ich habe nichts, was ich ihr geben kann. Wahrscheinlich könnte ich mir zehn Minuten Zeit nehmen und die himmelschreienden Lücken im Beweismaterial der Staatsanwaltschaft aufzeigen, doch dann müsste ich darauf bauen, dass sie alles korrekt aufnimmt und eins zu eins an ihre Mutter weiterleitet. Äußerst unwahrscheinlich. Die junge Frau ist wegen der Kämpfe hier. Ich nehme die nächste Treppe nach unten, und sobald ich das Gefühl habe, genügend Abstand von ihr zu haben, schlüpfe ich in eine Toilette und rekapituliere, was sie gesagt hat. Ich kann es immer noch nicht glauben. Diese Jury hat meinen Mandanten am Tag seiner Verhaftung vorverurteilt, zusammen mit der ganzen Stadt. Glynna Roston sah für mich aus wie die typische Bürgerin von Milo – ungebildet, borniert und allzeit bereit, für ihre Stadt die Heldin zu geben. Der Montag wird spannend. Irgendwann im Verlauf der Zeugenbefragungen werde ich die Gelegenheit haben, mir die Geschworenenbank anzusehen. Bislang hat sich Glynna nicht gescheut, meinen Blick zu erwidern. Ihre Augen werden mir irgendetwas verraten, wobei ich nicht sicher bin, was das sein wird. Ich schüttle die Gedanken ab und kehre in die Realität zurück. Der Schwergewichtskampf dauert schon volle vierzig Sekunden, und mein Favorit steht noch. Ich kann es gar nicht erwarten, meine kleine Gang wiederzusehen. Wir treffen uns in demselben dunklen Raum, verriegeln die Tür und geben uns brutalem Trashtalk hin. Alle sechs ziehen Bargeld aus der Tasche. Frankie hat die Notizen und sorgt dafür, dass alles mit rechten Dingen zugeht. Heute Abend habe ich achttausend Dollar durch Wetten gewonnen, wobei zweitausend davon für den Bonus entfallen, den ich Tadeo während des Kampfes spontan versprochen habe. Ich werde es von seinem Anteil später wiederbekommen. Diese Summe wird in die Bücher eingehen und versteuert – das Bargeld hier nicht. Tadeo verdient achttausend Dollar für seinen Einsatz, ein erfolgreicher Abend, durch den er seine Entourage um ein Mitglied erweitern kann. Er wird ein paar Rechnungen bezahlen und die Familie unterstützen, aber nichts davon anlegen. Ich habe ihm angeboten, ihn finanziell zu beraten, aber das wäre Zeitverschwendung. Ich schaue in seiner Kabine vorbei, gebe ihm seine zweitausend Dollar, sage ihm, wie toll er ist, und verlasse das Gebäude. Partner und ich gehen in eine kleine Bar, und ich brauche zwei Drinks, bis ich mich beruhigt habe. Wenn man so nah am Geschehen ist, einen eigenen Kämpfer im Ring hat, der ständig kurz davor steht, eine Gehirnerschütterung oder einen Knochenbruch zu erleiden, rast das Herz, der Magen dreht sich, und die Nerven vibrieren. Es ist ein Adrenalinflash, wie ich ihn bislang nirgendwo sonst erlebt habe. 8 Jack Peeley war früher mit der Mutter der beiden Fentress-Schwestern zusammen. Der Vater war schon lange tot, als sie ermordet wurden, und bei ihrer Mutter gaben sich die schmierigsten Machos der Stadt die Klinke in die Hand. Peeley hielt etwa ein Jahr durch, bis sie ihm den Laufpass gab für einen Kerl, der gebrauchte Traktoren verkaufte, ein wenig Geld sowie ein Haus ohne Räder besaß. Während sie sozial aufstieg, zog Peeley mit gebrochenem Herzen aus. Er war der Letzte, der mit den Mädchen gesehen wurde. Ich habe die Polizei von Beginn an gefragt, warum man ihn nicht verdächtige oder zumindest gegen ihn ermittle. Alles, was ich darauf zu hören bekam, war, man habe ja bereits einen Verdächtigen. Gardy saß in Untersuchungshaft und gestand alles, was man ihm vorwarf. Mein Verdacht ist, dass Jack Peeley die Mädchen aus Rache getötet hat. Wenn die Cops nicht zufällig über Gardy gestolpert wären, hätten sie sich wahrscheinlich längst Peeley vorgenommen. Mit seinem angsteinflößenden Äußeren, dem satanischen Gehabe und abartigen sexuellen Neigungen wurde Gardy so schnell zum Verdächtigen Nummer eins, dass Milo nie Zweifel kamen. Dem Bischof zufolge – und der verlässt sich auf seine Quellen aus dem Milieu – verbringt Peeley fast alle Samstagabende in einer Kneipe namens Blue & White rund anderthalb Kilometer östlich von Milo. Der ehemalige Truckstop ist heute eine Provinzspelunke mit billigem Bier, Billardtischen und am Wochenende Livemusik. Am Samstagabend gegen zehn rollen wir auf den Kiesparkplatz, der mit riesigen Pick-ups vollgeparkt ist. Wir fahren selbst einen, einen Dodge Ram mit monströsen Reifen, vielleicht ein bisschen zu edel für den Laden, aber er gehört ja auch Hertz und nicht mir. Partner sitzt am Steuer. Er bemüht sich redlich, wie ein Hinterwäldler auszusehen, doch er wirkt wie eine erbärmliche Kopie. Er hat seine übliche schwarze Alltagsmontur gegen Jeans und ein Cowboy-T-Shirt ausgetauscht, aber es funktioniert nicht. »Los geht’s«, sage ich. Tadeo und Miguel springen von der Rückbank und schlendern lässig zum Eingang, wo sie von einem Türsteher aufgehalten werden, der ihnen pro Person zehn Dollar Eintritt abnimmt. Sie halten seinem prüfenden Blick nicht stand, schließlich sind sie Latinos mit dunkler Haut. Zumindest sind sie nicht schwarz. Laut Bischof sind im Blue & White ein paar Mexikaner kein Problem, doch ein schwarzes Gesicht würde sofort einen Tumult auslösen. Nicht dass es in dieser Hinsicht Anlass zur Sorge gebe. Kein Schwarzer, der halbwegs bei klarem Verstand ist, würde diese Kaschemme besuchen. Tumult wird es trotzdem geben. Tadeo und Miguel bestellen an der überfüllten Bar Bier und bemühen sich, nicht aufzufallen. Sie fangen ein paar Blicke ein, die aber harmlos sind. Wenn diese fetten, betrunkenen Dorfdeppen nur wüssten. Tadeo könnte fünf von ihnen in weniger als einer Minute mit den bloßen Händen erledigen, Miguel, sein Bruder und Sparringspartner, vier. Nachdem sie die Menge eine Viertelstunde lang beobachtet und sich den Grundriss des Lokals eingeprägt haben, winkt Tadeo einen Barmann zu sich und sagt in akzentfreiem Englisch: »Ich muss einem Typ namens Jack Peeley Geld überbringen, aber ich weiß nicht genau, wie er aussieht.« Der viel beschäftigte Barmann nickt in Richtung einer Reihe Tische unweit des Pooltisches. »Der Typ mit der schwarzen Kappe.« »Danke.« »Kein Problem.« Sie bestellen noch ein Bier und lassen etwas Zeit verstreichen. Bei Peeley sitzen zwei Frauen und ein weiterer Mann. Auf dem Tisch stehen leere Bierflaschen, und alle vier knabbern wie wild geröstete Erdnüsse. Im Blue & White gehört es dazu, dass man die leeren Schalen auf den Boden wirft. Als am anderen Ende des Raumes eine Band aufdreht, macht sich ein Dutzend Gäste in Richtung Tanzfläche auf. Peeley ist offenbar kein Tänzer. Tadeo schickt mir eine SMS: »JP entdeckt. Warten.« Sie lassen noch einmal etwas Zeit vergehen. Partner und ich warten nervös. Wer kann schon vorhersagen, wie ein Handgemenge unter lauten, volltrunkenen Idioten ausgeht, von denen die Hälfte Mitglied der National Rifle Association ist? Peeley und sein Kumpel gehen zum Pooltisch und legen die Kugeln zurecht. Die Frauen bleiben am Tisch sitzen, verschlingen Erdnüsse und trinken Bier. »Los geht’s«, sagt Tadeo und löst sich von der Bar. Er geht zwischen zwei Pooltischen hindurch und passt genau den richtigen Zeitpunkt ab, um gegen Peeley zu stoßen, der dabei ist, das Queue zu kreiden. »Was soll die Scheiße?« Peeleys Gesicht läuft rot an, und er sieht aus, als würde er es diesem dahergelaufenen, illegalen Mexikaner gleich zeigen. Doch noch ehe er das Queue schwingen kann, landet Tadeo drei Treffer, so schnell, dass sie für die Umstehenden kaum wahrnehmbar sind. Links-rechts-links, immer auf die Augenbrauen, wo die Haut leichter aufplatzt und schneller Blut fließt. Peeley geht krachend zu Boden, und es wird eine Weile dauern, bis er wieder zu sich kommt. Die Frauen kreischen, und es kommt zu dem üblichen Chaos und Geschrei, wenn sich ein Handgemenge entspannt. Peeleys Freund reagiert langsam, packt aber dann sein Queue und zielt auf Tadeos Schädel. Miguel geht dazwischen und landet einen harten Treffer auf seinem Hinterkopf, sodass er neben Peeley auf dem Boden aufschlägt. Tadeo verpasst Peeley zur Sicherheit noch ein paar Hiebe ins Gesicht und stürmt dann mit eingezogenem Kopf zur Männertoilette. Eine Bierflasche fliegt und zerplatzt an seinem Schädel. Miguel ist gleich hinter ihm, wütende Stimmen rufen ihnen nach. Sie verriegeln die Tür und klettern durch ein Fenster nach draußen. Sekunden später sitzen sie bei uns im Pick-up, und wir fahren davon. »Ich hab’s«, sagt Tadeo eifrig auf dem Rücksitz. Er schiebt seine rechte Hand vor, sie ist voller Blut – Peeleys Blut. Wir halten an einem Burgerimbiss, und ich reibe das Blut sorgfältig ab. Erst gegen Mitternacht sind wir wieder in der Stadt. 9 Der Unhold, der die Fentress-Schwestern getötet hat, hat ihnen Knöchel und Handgelenke mit ihren Schnürsenkeln zusammengebunden und sie dann in den Teich geworfen. Bei Jennas Autopsie wurde eine lange schwarze Haarsträhne gefunden, die in die Fesseln um ihre Beine verwickelt war. Sowohl sie als auch ihre Schwester, Raley, hatten hellblondes Haar. Gardy hatte damals schwarze Haare – auch wenn die von Monat zu Monat heller wurden –, sodass die offizielle Haaranalyse der Staatsanwaltschaft eine »Übereinstimmung« ergab. Schon seit hundert Jahren wissen Experten, dass Haaranalysen höchst ungenau sind. Trotzdem wird die Methode immer noch verwendet, sogar vom FBI, wenn es keine besseren Beweise gibt und ein Verdächtiger dingfest gemacht werden soll. Ich bettelte Richter Kaufman regelrecht an, eine DNA-Analyse von Gardys Haaren machen zu lassen, doch er lehnte ab, mit der Begründung, es sei zu teuer. Zu teuer für ein Menschenleben? Als mir endlich erlaubt wurde, die Beweise der Staatsanwaltschaft in Augenschein zu nehmen, die praktisch nicht existent waren, konnte ich etwa einen Zentimeter von dem schwarzen Haar entwenden. Es fiel niemandem auf. Am Montagmorgen schicke ich ein Expresspäckchen mit dem Haar und der Probe von Jack Peeleys Blut an ein DNA-Labor in Kalifornien. Der Eilauftrag wird mich sechstausend Dollar kosten. Ich verwette alles darauf, dass ich den echten Mörder finde. 10 Partner und ich eilen nach Milo, wo eine weitere zermürbende Woche voller Lügen auf uns wartet. Ich bin gespannt, ob mir Glynna Roston, Geschworene Nummer acht, einen versteckten Hinweis darauf gibt, dass hinter verschlossenen Türen geredet wird. Aber wie immer kommt alles anders, als man denkt. Der Saal ist wieder einmal voll besetzt, und ich bestaune die Menge. Auch am elften Tag des Prozesses sitzt Julie Fentress, die Mutter der Zwillinge, in der ersten Reihe, gleich hinter dem Tisch der Staatsanwaltschaft. Sie ist umgeben von ihren Unterstützern, die mich anfunkeln, als hätte ich die Mädchen ermordet. Als Trots endlich erscheint, seine Aktentasche auspackt und so tut, als ginge er wichtige Anträge durch, beuge ich mich zu ihm und sage: »Beobachten Sie die Geschworene Nummer acht, Glynna Roston. Aber lassen Sie sich nicht dabei erwischen.« Natürlich wird sich Trots erwischen lassen, weil er ein Schwachkopf ist. Er sollte in der Lage sein, die Geschworenen heimlich zu beobachten und ihre Körpersprache zu studieren, ob sie wach, interessiert oder genervt sind, alles, was man über die Jury wissen will, doch Trots ist schon seit Wochen nur noch physisch anwesend. Gardy ist relativ guter Laune. Er hat mir erzählt, dass er den Prozess genießt, weil er dazu aus der Zelle kommt. Sie halten ihn in Einzelhaft, meist im Dunkeln, da sie »wissen«, dass er die Fentress-Zwillinge ermordet hat, und finden, dass die Strafe gar nicht hart genug sein kann. Und warum damit warten. Meine Laune ist gut, weil Gardy am Wochenende geduscht hat. Wir warten auf Richter Kaufman. Um 9.15 Uhr ist auch Staatsanwalt Huver noch nicht an seinem Platz. Seine fiesen, geleckten Assistenten schauen noch finsterer drein als sonst. Irgendwas stimmt nicht. Ein Gerichtsdiener kommt zu mir und flüstert: »Richter Kaufman will Sie im Richterzimmer sehen.« Das passiert fast jeden Tag. Wir treffen uns in seinem Büro, um uns über irgendwas zu zanken, was die Öffentlichkeit nicht mitbekommen soll. Doch was soll das? Nach zwei Wochen Prozess weiß ich: Wenn Huver will, dass die Leute etwas sehen oder hören, dann sorgt er dafür, dass sie es sehen oder hören. Es ist ein Hinterhalt. Die Gerichtsstenografin ist da, um alles aufzunehmen. Richter Kaufman geht in Hemd und Krawatte auf und ab, Robe und Jackett hängen an der Tür. Huver steht mit süffisant-grimmiger Miene am Fenster. Der Gerichtsdiener schließt hinter mir die Tür, und Kaufman wirft zwei Blätter Papier auf den Tisch. »Lesen Sie das!«, raunzt er mich an. »Guten Morgen, Euer Ehren«, sage ich so überheblich wie möglich und nicke Huver zu. »Staatsanwalt.« Sie reagieren nicht. Auf dem Tisch liegt eine zweiseitige eidesstattliche Erklärung, in der die Zeugin aussagt – falsch aussagt –, dass sie mich am vergangenen Freitag zufällig beim MMA-Turnier in der Stadt getroffen habe, dass ich mit ihr über den Fall gesprochen und ihr aufgetragen hätte, ihrer Mutter, einer Geschworenen, zu sagen, dass die Staatsanwaltschaft keine Beweise habe und dass ihre Zeugen alle lögen. Sie hat die Aussage in Anwesenheit eines Notars als »Marlo Wilfang« unterschrieben. »Ist da was dran, Mr. Rudd?«, grollt Kaufman in aufrichtiger Wut. »In gewisser Weise schon, denke ich.« »Wollen Sie Ihre Seite der Geschichte erzählen?«, fragt er, wobei er nicht so aussieht, als wollte er mir auch nur eine Silbe glauben. Huver brummt gerade so laut, dass es alle hören können: »Klarer Fall von Beeinflussung der Jury.« »Wollen Sie zuerst meine Geschichte hören«, fauche ich, »oder wollen Sie mich gleich aufknüpfen, ohne die Fakten zu berücksichtigen, wie Gardy?« »Das reicht«, sagt Richter Kaufman. »Lassen Sie das, Mr. Huver.« Ich erzähle meine Version, ohne auch nur ein Wort dazuzudichten. Ich weise darauf hin, dass ich die Frau noch nie zuvor gesehen und keinen Schimmer hätte, wer sie sei. Dass sie den Kontakt zu mir gesucht habe, nicht umgekehrt, und dass sie anschließend umgehend nach Milo zurückgekehrt sei, um sich in den Prozess einzumischen. Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen, sagt ein afrikanisches Sprichwort. Manchmal braucht es offenbar eine Stadt, um einen Menschen zum Tode zu verurteilen. »Sie behauptet, ich hätte den Kontakt zu ihr gesucht? Wie denn? Ich kenne die Person überhaupt nicht. Sie kennt mich, weil sie dem Prozess beigewohnt hat. Sie kann mich wiedererkennen, aber ich sie nicht! Das ist doch absurd!« Natürlich ist es absurd, aber Huver und Kaufman lassen sich nicht beirren. Sie sind fest davon überzeugt, dass sie mich ertappt haben. Ihr Hass auf mich und meinen Mandanten macht sie blind für das Offensichtliche. »Sie lügt!«, fahre ich fort. »Sie hat das alles geplant. Sie ist mir in die Arme gelaufen, hat mich in ein Gespräch verwickelt und dann diese Erklärung verfasst, wahrscheinlich sogar in Ihrem Büro, Huver – und sie lügt. Das ist Meineid und Missachtung des Gerichts. Tun Sie was, Richter.« »Sie brauchen mir nicht zu erzählen, was ich …« »Ach, kommen Sie schon. Raffen Sie sich auf, und tun Sie zur Abwechslung mal das Richtige.« »Hören Sie, Mr. Rudd«, sagt er mit hochrotem Kopf. Er sieht aus, als wäre er kurz davor, mir eine zu scheuern. Ich will, dass dieses Verfahren für fehlerhaft erklärt wird. Ich will diese beiden so lange provozieren, bis sie etwas richtig Idiotisches tun. Laut sage ich: »Ich will eine Anhörung. Schicken Sie die Jury hinaus, rufen Sie die feine junge Dame in den Zeugenstand, und lassen Sie mich sie ins Kreuzverhör nehmen. Da sie anscheinend unbedingt an diesem Prozess teilnehmen will, bitte schön. Ihre Mutter ist ganz offensichtlich voreingenommen und psychisch labil, und ich will sie aus der Jury entfernen.« »Was haben Sie zu ihr gesagt?«, fragt Kaufman. »Das habe ich Ihnen gerade Wort für Wort dargelegt. Ich habe das gesagt, was ich jedem anderen Menschen auf diesem Erdball auch sagen würde – dass der Fall auf nichts als Lügen basiert und Sie keinerlei glaubwürdige Beweise in der Hand haben. Fertig.« »Sie haben den Verstand verloren«, sagt Huver. »Ich will eine Anhörung!« Ich schreie fast. »Ich will diese Frau aus der Jury haben, und ich werde den Prozess nicht fortführen, bis sie weg ist.« »Wollen Sie mir drohen?«, fragt Kaufman, während die Dinge zunehmend außer Kontrolle geraten. »Nein, Sir. Das ist ein Versprechen. Ich werde nicht weitermachen.« »Dann werde ich Sie wegen Missachtung des Gerichts in Ordnungshaft nehmen.« »Das kenne ich schon. Machen Sie nur, dann wird das Verfahren eben abgebrochen, und wir treffen uns in sechs Monaten wieder hier, um bei Null anzufangen.« Sie sind sich nicht sicher, ob ich tatsächlich schon mal gesessen habe, aber in diesem Moment können sie sich nicht vorstellen, dass ich lüge. Die Sorte Anwalt, zu der ich gehöre, steht ständig mit einem Fuß im Gefängnis. Für uns sind Haftstrafen eine Auszeichnung. Wenn es meiner Sache dient, einen Richter zu verärgern oder ihn zu demütigen, kann ich keine Rücksicht auf meine Person nehmen. Ein paar Minuten lang sagt keiner etwas. Die Gerichtsstenografin blickt auf ihre Schuhe, und wenn sie könnte, würde sie sofort aus dem Zimmer stürmen, müsste sie dabei auch alle Stühle über den Haufen rennen. Huver ist inzwischen an einem Punkt angelangt, wo er eine Revision fürchtet wie die Pest, die Vorstellung, eine obere Instanz könnte seine großartige Strategie zerpflücken und ein neues Verfahren ansetzen. Er will diese Qualen nicht noch einmal erleiden. Er wartet nur auf diesen einen ruhmreichen Tag in der Zukunft, an dem er – möglichst zusammen mit einem Reporter – zu einem Gefängnis namens Big Wheeler fahren wird, in dem der Staat seine Todeskandidaten verwahrt. Er wird wie ein König behandelt werden, weil er der Mann ist, der das schreckliche Verbrechen aufgeklärt und den Schuldspruch erwirkt hat, der es Milo endlich erlaubt, den ersehnten Schlussstrich zu ziehen. Er wird in der ersten Reihe sitzen, wenn sich dramatisch der Vorhang öffnet, hinter dem Gardy mit Schläuchen in den Armen auf einer Bahre liegt. Danach wird er, Huver, sich die Zeit nehmen, um mit ernster Miene der Presse zu erläutern, wie schwer die Bürde seines Amtes bisweilen auf ihm laste. Bislang hat er noch keiner Hinrichtung beigewohnt, und in einem exekutionsgierigen Staat wie diesem ist das schlimmer, als mit dreißig noch Jungfrau zu sein. Der Fall Der Staat gegen Gardy Baker ist Dan Huvers Stunde des Triumphs und wird seiner Karriere einen Schub geben. Endlich wird er bei bedeutenden Konferenzen in billigen Kasinos Vorträge halten dürfen. Er wird wiedergewählt werden. Doch in diesem Moment schwitzt er Blut und Wasser, weil er zu hoch gepokert hat. Sie waren überzeugt, dass sie mich an den Eiern hätten. Was für eine Dummheit. Mich wegen einer eingefädelten unerlaubten Kontaktaufnahme hochzunehmen würde ihnen nicht weiterhelfen. Sie haben es zu weit getrieben, aber das überrascht mich nicht. Gardys Verurteilung steht unmittelbar bevor, und da wollten sie die Gelegenheit nutzen, mir auch gleich eins auszuwischen. »Das riecht verdächtig nach unerlaubter Kontaktaufnahme, Richter«, sagt Huver mit dramatischem Unterton in der Stimme. »Ach ja«, sage ich. »Damit befassen wir uns später«, sagt Kaufman. »Die Geschworenen warten.« »Ich habe den Eindruck, Sie hören mir nicht zu«, sage ich. »Ich werde nicht fortfahren, bis ich eine Anhörung bekomme. Ich bestehe darauf, dass das ins Protokoll aufgenommen wird.« Kaufman sieht Huver an, und beide wirken, als hätte jemand die Luft aus ihnen gelassen. Sie wissen, dass ich verrückt genug bin, um in Streik zu treten, dass ich mich tatsächlich weigern werde, am Prozess teilzunehmen. Wenn es dazu kommt, kann das Verfahren nur noch wegen Verfahrensfehler abgebrochen werden. Der Richter sieht mich an. »Ich belange Sie wegen Missachtung des Gerichts.« »Stecken Sie mich ruhig ins Gefängnis«, sage ich mit provokativem Spott. Die Gerichtsstenografin schreibt jedes Wort mit. »Nur zu. Verhängen Sie die Ordnungshaft.« Doch das kann er im Moment nicht tun. Er muss eine Entscheidung treffen, und mit der falschen könnte er alles aufs Spiel setzen. Wenn ich deswegen ins Gefängnis gehe, ist der gesamte Prozess hinfällig, und es gibt keine Möglichkeit, ihn zu retten. Irgendwann wird eine obere Instanz, wahrscheinlich sogar auf Bundesebene, Kaufmans Schritte nachvollziehen und feststellen, dass das alles faul war. Gardy braucht einen Anwalt, einen richtigen Anwalt, und solange ich hinter Gittern sitze, können sie nicht weitermachen. Sie haben mir ein Geschenk gemacht. Ein paar Sekunden verstreichen, und die Gemüter beruhigen sich. Hilfsbereit, ja beinahe freundschaftlich biete ich an: »Hören Sie, Richter, Sie können mir eine Anhörung nicht verweigern. Wenn Sie das tun, liefern Sie mir nur schwere Munition für die nächste Instanz.« »Was für eine Anhörung soll das sein?«, fragt er mit brechender Stimme. »Ich will diese Frau, diese Marlo Wilfang, im Zeugenstand, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wenn Sie mir unbedingt eine unerlaubte Kontaktaufnahme anhängen wollen, bitte schön. Aber ich habe das Recht, mich zu verteidigen. Schicken Sie die Jury für heute nach Hause, und dann legen wir los.« »Ich werde die Jury nicht nach Hause schicken«, erwidert er, lässt sich aber geschlagen auf seinen Stuhl sinken. »Schön. Dann sperren Sie sie von mir aus den ganzen Tag ein. Diese Frau hat Sie angelogen, und damit hat sie sich selbst mitten in dieses Verfahren befördert. Die Mutter kann unmöglich in der Jury bleiben. Wir schaffen hier die besten Voraussetzungen für Verfahrensfehler und eine Revision in fünf Jahren. Pest oder Cholera, Sie dürfen wählen.« Sie hören mir zu, weil sie in ihrer beklagenswerten Unerfahrenheit plötzlich Angst bekommen. Ich kenne das alles, Abbruch wegen Verfahrensfehler, den Weg durch die Instanzen. Ich habe schon viele Male im Ring gestanden, wenn es um Leben und Tod ging und ein winziger Fehler das Aus für einen Fall bedeuten konnte. Die beiden sind Anfänger. Kaufman hat in den sieben Jahren seiner Amtszeit zwei Mordprozesse geleitet. Huver hat bislang einen einzigen Mann in die Todeszelle geschickt. Für einen Staatsanwalt in dieser Gegend ist das regelrecht peinlich. Vor zwei Jahren hat er einen Mordprozess so vermurkst, dass der Richter (nicht Kaufman) das Verfahren als fehlerhaft abbrechen musste. Die Anklage wurde später fallen gelassen. Sie stecken bis über beide Ohren im Schlamassel, und sie haben sich gerade eben hochgradig blamiert. »Wer hat die eidesstattliche Erklärung vorbereitet?«, frage ich. Keine Antwort. »Hören Sie«, sage ich, »die Formulierungen klingen eindeutig nach einem Juristen. Kein Laie drückt sich so aus. Hat Ihr Büro das vorbereitet, Huver?« Huver versucht, cool zu wirken, obwohl er längst die Nerven verloren hat, und so sagt er etwas, was nicht einmal Richter Kaufman glauben mag. »Richter, wir können doch mit Trots weitermachen, während Mr. Rudd einsitzt.« Ich breche in Gelächter aus, während Kaufman das Gesicht verzieht, als hätte er eine Ohrfeige bekommen. »Oh, nur zu«, spotte ich. »Sie pfuschen schon seit dem ersten Verhandlungstag. Gardy wird sich über eine Revision freuen.« »Nein«, sagt Kaufman. »Mr. Trots hat bislang nichts beigetragen, und es wäre besser, wenn er nichts anderes tut, als dazusitzen und dumm aus der Wäsche zu schauen.« Obwohl das witzig ist, messe ich erst den Richter mit strengem Blick, dann die Stenografin, die alles festhält. »Streichen Sie das«, faucht Kaufman sie an, während er sich wieder fängt. Was für ein Volltrottel. Ein Prozess gleicht oft einem Zirkus, in dem einzelne Nummern außer Kontrolle geraten. Der Versuch, mich zu demütigen, war als Pausenburleske gedacht, doch der Schuss ging nach hinten los, zumindest für sie. Ich will vermeiden, dass Huver irgendwann doch eine gute Idee hat – nicht dass ich mir da große Sorgen machen müsste. Also schütte ich noch ein wenig Öl ins Feuer. »Sie haben ja schon viel Unsinn erzählt im Verlauf dieses Verfahrens, aber das schlägt dem Fass den Boden aus. Bennie Trots. Grotesk. Sie würden ihm tatsächlich die Verantwortung übertragen.« »Okay, was wollen Sie, Mr. Rudd?«, erkundigt sich Kaufman. »Ich gehe nicht zurück in diesen Saal, ehe wir nicht eine Anhörung wegen unerlaubter Kontaktaufnahme mit der Geschworenen Nummer acht haben, der reizenden Mrs. Glynna Roston. Und wenn Sie eine Ordnungsstrafe gegen mich verhängen wollen, bitte, stecken Sie mich ruhig hinter Gitter. Im Moment würde ich einen Verfahrensfehler einem dreifachen Orgasmus vorziehen.« »Kein Grund, vulgär zu werden, Mr. Rudd.« Huver fängt an zu zappeln und zu stammeln. »Also, äh, Richter, äh, ich nehme an, wir könnten mit der unerlaubten Kontaktaufnahme und der Missachtung des Gerichts später weitermachen, ich meine, nach dem Prozess oder so. Ich, also, ich würde lieber mit den Zeugenaussagen weitermachen. Das, äh, scheint mir jetzt unnötig.« »Warum haben Sie dann überhaupt damit angefangen, Huver?«, sage ich. »Warum haben Sie Witzfiguren sich wie Bolle gefreut, dass diese Wilfang mit unerlaubter Kontaktaufnahme daherkam, wenn Sie genau wussten, dass sie lügt?« »Sagen Sie nicht ›Witzfigur‹ zu mir«, schnaubt Richter Kaufman. »Entschuldigen Sie, Euer Ehren, ich habe nicht Sie gemeint. Ich meinte die Witzfiguren von der Staatsanwaltschaft, einschließlich des Bezirksstaatsanwalts selbst.« »Wenn wir bitte das Niveau dieses Gesprächs heben könnten«, sagt Kaufman. »Bitte vielmals um Entschuldigung«, erwidere ich so sarkastisch wie möglich. Huver zieht sich ans Fenster zurück, wo er auf die schäbige Häuserzeile blickt, die die Main Street von Milo bildet. Kaufman tritt an ein Regal hinter seinem Schreibtisch und starrt auf Bücher, die er noch nie in der Hand hatte. Die Atmosphäre ist angespannt. Eine wichtige Entscheidung muss getroffen werden, und zwar schnell, und wenn der Richter einen Fehler macht, wird das auf Jahre hinaus Konsequenzen haben. Schließlich dreht er sich um. »Ich denke, wir sollten die Geschworene Nummer acht befragen, aber wir werden das nicht draußen tun. Wir werden die Befragung hier durchführen.« Es folgt eines jener Kapitel in einem Prozess, das für Parteien, Geschworene und Beobachter gleichermaßen frustrierend ist. Wir verbringen den Rest des Tages in Kaufmans engem Richterzimmer, wo wir uns zum Teil lautstark über die Details meiner unerlaubten Kontaktaufnahme mit der Geschworenen zanken. Glynna Roston wird hereingebracht und bekommt den Eid abgenommen, kann aber vor Panik kaum sprechen. Als sie dann doch den Mund aufmacht, lügt sie vom ersten Wort an, denn sie behauptet, den Fall nicht mit ihrer Familie besprochen zu haben. Im Kreuzverhör gehe ich mit einer Härte vor, die sogar Kaufman und Huver in Erstaunen versetzt. Glynna verlässt den Raum unter Schluchzen. Als Nächstes wird ihre unmögliche Tochter hereingebracht, Ms. Marlo Wilfang. Sie wiederholt ihre kleine Geschichte unter den ungeschickten Fragen von Dan Huver, der jetzt endgültig nicht mehr Herr der Lage ist. Als sie mir übergeben wird, locke ich sie mit zuckersüßen Worten in die Falle, wo ich ihr dann die Kehle durchschneide. Binnen zehn Minuten weint sie und schnappt nach Luft und wünscht sich, sie hätte nie in der Sporthalle meinen Namen gerufen. Was sie sagt, lässt keinen Zweifel daran, dass sie in ihrer eidesstattlichen Erklärung gelogen hat. Sogar Richter Kaufman fragt sie: »Wie konnte Mr. Rudd Sie in einer Menge von fünftausend Menschen gezielt ansprechen, wenn er Ihnen nie zuvor begegnet war?« Vielen Dank, Euer Ehren. Das genau ist die Preisfrage. Sie sei, so erzählt sie, am Freitagabend spät von der MMA-Veranstaltung heimgekommen. Nachdem sie am Samstag endlich aufgestanden sei, habe sie sofort ihre Mutter angerufen, die wiederum sofort Kontakt zu Mr. Dan Huver aufgenommen habe, und der habe sofort gewusst, was zu tun sei. Sie hätten sich am Sonntagnachmittag in seinem Büro getroffen, die Erklärung aufgesetzt, und Huver habe dann alles Übrige erledigt. Ich rufe Huver als Zeugen auf. Er erhebt Einspruch. Wir streiten, doch Kaufman hat keine Wahl. Ich verhöre Huver eine Stunde lang. Am Ende gibt er zu, dass eine seiner Assistentinnen die komplette Aussage verfasst, eine Sekretarin alles abgetippt und eine weitere Sekretärin das Ganze beglaubigt habe. Dann fängt er an, mich zu befragen, und das Gezänk geht weiter. Während wir uns im Richterzimmer quälen, harren die Geschworenen in ihrem Beratungsraum aus. Zweifellos hat Glynna Roston brühwarm berichtet, was vorgefallen ist, und mit Sicherheit wird mir diese lästige Verzögerung angelastet. Aber das kann mir so was von egal sein. Ich erinnere Kaufman und Huver immer wieder daran, dass sie hier mit dem Feuer spielen. Verbleibt Glynna Roston in der Jury, bekomme ich garantiert eine Revision. In Wahrheit bin ich nicht so sicher – bei Revisionsverfahren gibt es keine Garantien –, aber ich sehe, wie sie unter dem Druck mehr und mehr nachgeben und anfangen, ihrem eigenen Urteil zu misstrauen. Ich beantrage mehrfach, das Verfahren für fehlerhaft zu erklären, doch meine Anträge werden jedes Mal abgelehnt. Mir ist das egal. Es steht im Protokoll. Später am Nachmittag beschließt Kaufman, Mrs. Roston aus der Jury zu entlassen und durch Ms. Mazy zu ersetzen, die oft als Ersatz einspringt. Ms. Mazy ist alles andere als ein Grund zur Freude. In Wahrheit ist sie keinen Deut besser als ihre Vorgängerin. Es gibt in ganz Milo niemanden, der besser wäre. Man könnte aus tausend Personen beliebige zwölf aussuchen, und die Jury würde genauso aussehen und die gleiche Entscheidung treffen wie die, die wir jetzt haben. Warum verschwende ich dann so viel Zeit? Um klarzumachen, wie viel auf dem Spiel steht. Um sie in Panik zu versetzen, bei der Vorstellung, sie – Staatsanwalt und Richter, beide von den Bürgern der Stadt ins Amt gewählt – könnten den spektakulärsten Prozess vermasseln, den dieses öde Provinznest je gesehen hat. Um Munition für die nächste Instanz zu sammeln. Und damit sie mich respektieren. Ich verlange, dass Marlo Wilfang wegen Meineids verklagt wird, doch der Staatsanwalt ist müde. Ich verlange, dass sie eine Ordnungsstrafe wegen Missachtung des Gerichts bekommt. Stattdessen erinnert mich Richter Kaufman daran, dass ich das Gericht missachtet habe. Er schickt nach dem Gerichtsdiener und Handschellen. »Tut mir leid, Richter«, sage ich, »aber ich habe ganz vergessen, warum. Es ist schon so lange her.« »Weil Sie sich heute Morgen geweigert haben, den Prozess fortzuführen, und weil wir einen ganzen Tag damit verschwendet haben, uns über eine Geschworene zu streiten. Außerdem haben Sie mich beleidigt.« Es gäbe viele Möglichkeiten, auf diesen Unsinn zu reagieren, aber ich lasse ihn gewähren. Mich wegen Missachtung des Gerichts einzubuchten kompliziert die Sache nur für sie und das Gericht, und ich erhalte dadurch noch mehr Munition für Gardys Revisionsverfahren. Ein dicker Polizeibeamter kommt herein, und Kaufman ordnet an: »Bringen Sie ihn ins Gefängnis.« Huver steht am Fenster und dreht dem Geschehen den Rücken zu. Ich will nicht ins Gefängnis, aber ich kann es gar nicht erwarten, aus diesem Raum herauszukommen. Es fängt an, nach altem Schweiß zu riechen. Die Handschellen schließen sich um meine Handgelenke, immerhin vorne, nicht hinter dem Rücken. Während ich abgeführt werde, sehe ich Kaufman an. »Ich nehme an, ich darf morgen meine Arbeit als Verteidiger im Gericht wieder aufnehmen.« »In der Tat.« Um sie noch mehr zu verunsichern, füge ich hinzu: »Als ich das letzte Mal mitten in einem Verfahren inhaftiert wurde, hat das Oberste Gericht des Bundesstaats den Beschluss revidiert. Mit neun zu null Stimmen. Sie Witzbolde sollten Ihre Fälle besser studieren.« Ein zweiter dicker Polizeibeamter gesellt sich zu unserer kleinen Parade. Die beiden führen mich durch die Hintertür hinaus in das rückwärtige Treppenhaus, das ich tagtäglich benutze. Aus unerfindlichen Gründen bleiben wir auf einem Treppenabsatz stehen, und die Beamten murmeln in ihre Funkgeräte. Als wir schließlich nach draußen treten, habe ich das Gefühl, dass alle schon Bescheid wissen. Ein Johlen geht durch die Menge meiner Hasser, als ich mit gefesselten Händen erscheine. Aus irgendwelchen Gründen lassen sich die Beamten scheinbar endlos Zeit, ehe sie entscheiden, welchen Polizeiwagen sie nehmen. Ich stehe weithin sichtbar da und lächle meinem kleinen Mob entgegen. Dann entdecke ich Partner und rufe ihm zu, dass ich mich später telefonisch bei ihm melde. Seine Miene zeigt verwirrtes Entsetzen. Als kleinen Scherz stecken sie mich mit Gardy zusammen auf die Rückbank, Anwalt und Mandant gemeinsam auf dem Weg ins Gefängnis. Während wir mit Blaulicht und Sirene losfahren – endlich einmal eine gute Show in diesem armseligen Kaff –, sieht Gardy mich an und sagt: »Wo waren Sie denn den ganzen Tag?« Ich gebe mir nicht die Mühe, etwas zu verbergen, sondern hebe stattdessen meine gebundenen Hände. »Hab mich mit dem Richter gezankt. Rate, wer gewonnen hat.« »Wie können die denn einen Anwalt ins Gefängnis werfen?« »Der Richter kann machen, was er will.« »Kriegen Sie jetzt auch die Todesstrafe?« Zum ersten Mal seit vielen Stunden muss ich lächeln. »Nein. Jedenfalls noch nicht.« Gardy findet diese unerwartete Abwechslung amüsant. »Sie werden das Essen dort lieben.« »Das glaube ich.« Die beiden Beamten auf den Vordersitzen lauschen so angestrengt, dass sie kaum zu atmen wagen. »Waren Sie schon mal im Gefängnis?«, will mein Mandant wissen. »O ja, mehrmals. Ich habe den Hang, mich mit Richtern anzulegen.« »Warum haben Sie sich denn mit Richter Kaufman angelegt?« »Lange Geschichte.« »Na ja, sieht so aus, als hätten wir alles richtig gemacht, oder?« Sieht wohl so aus, wobei ich bezweifle, dass sie mich in dieselbe Zelle stecken werden wie meinen lieben Mandanten. Minuten später halten wir vor einem 50er-Jahre-Bau mit Flachdach und mehreren Anbauten, die an ihm kleben wie bösartige Tumore. Ich war schon mehrmals hier, um Gardy zu besuchen. Es ist ein bedrückender Ort. Man zerrt uns aus dem Wagen und stößt uns in einen engen Raum, in dem mehrere Polizisten sitzen und mit finsterer Miene Papier auf ihren Schreibtischen hin und her schieben. Gardy verschwindet nach hinten, und als sich eine verborgene Tür öffnet, höre ich im Hintergrund die Insassen brüllen. »Richter Kaufman hat gesagt, ich darf zwei Anrufe machen«, fauche ich den Wärter an, als er auf mich zutritt. Er hält inne, weil er nicht recht weiß, was er machen soll, wenn ein erboster Rechtsanwalt mit einer Ordnungsstrafe vor ihm steht. Er lässt mich gewähren. Ich rufe Judith an, und nachdem ich ihre Rezeptionistin, ihre Sekretärin und ihre Assistentin angeblafft habe, bekomme ich sie schließlich selbst ans Telefon. Ich erkläre ihr, dass ich wieder mal festgenommen worden sei und Hilfe bräuchte. Sie erinnert mich fluchend daran, wie viel Arbeit sie habe, lenkt dann aber ein. Anschließend rufe ich Partner an und bringe ihn auf den neuesten Stand. Man drückt mir einen orangefarbenen Overall in die Hand, auf dessen Rücken »Milo City Jail« steht. Ich ziehe mich in einer schmutzigen Toilette um und hänge Hemd, Krawatte und Anzug sorgfältig auf einen Bügel, den ich dem Wärter überreiche. »Bitte, verknittern Sie das nicht. Ich muss es morgen wieder anziehen.« »Möchten Sie es gebügelt haben?«, sagte er und bricht über seinen eigenen Witz in wieherndes Gelächter aus. Die anderen stimmen schadenfroh ein, und ich mache gute Miene zum bösen Spiel. Als sich die Heiterkeit gelegt hat, frage ich: »Was gibt’s zum Abendessen?« »Heute ist Montag. Montags ist Dosenfleisch dran.« »Ich freue mich schon.« Meine Zelle ist ein Betonbunker, drei auf drei Meter, der nach Urin und Körpergerüchen stinkt. Auf dem Etagenbett liegen zwei junge Schwarze, einer liest, der andere schläft. Ein drittes Bett gibt es nicht, und so setze ich mich auf einen Plastikstuhl mit dunkelbraunen Flecken. Meine Zellengenossen sehen alles andere als freundlich aus. Ich will mich nicht prügeln, doch wenn ich im Gefängnis zusammengeschlagen würde, würde das Verfahren automatisch für fehlerhaft erklärt. Ich beschließe, es mir zu überlegen. Judith hat das alles schon öfter mitgemacht, und so weiß sie genau, was zu tun ist. Um siebzehn Uhr reicht sie am Bundesgericht in der Stadt einen Antrag auf unverzügliche Haftprüfung ein. Ich liebe das Bundesgericht, jedenfalls meistens. Außerdem schickt sie eine Kopie ihres Antrags an meinen Lieblingszeitungsreporter. Ich werde so viel Getöse wie möglich machen. Kaufman und Huver haben gemurkst, und das werden sie büßen. Der Leser auf dem unteren Bett hat Lust, sich zu unterhalten, also erkläre ich ihm, warum ich hier bin. Er findet es lustig, dass ein Anwalt ins Gefängnis muss, weil er sich mit dem Richter angelegt hat. Der Schläfer auf dem oberen Bett rollt sich auf die Seite und beteiligt sich am Gespräch. Im Nu bin ich dabei, Rechtsberatung zu machen, und diese Jungs können jeden Rat gebrauchen, den ich auf Lager habe. Eine Stunde später holt mich ein Wärter und sagt, ich hätte Besuch. Ich folge ihm durch ein Labyrinth aus engen Fluren und finde mich schließlich in einem vollgestopften Zimmer mit einem Alkoholtestgerät wieder. Hierher bringen sie sonst die betrunkenen Autofahrer. Der Bischof steht auf, und wir geben uns die Hand. Wir haben schon oft telefoniert, sind uns aber noch nie persönlich begegnet. Ich bedanke mich für sein Kommen, warne ihn aber, dass es unklug sein könne, sich hier sehen zu lassen. Er meint, er habe keine Angst vor Milo. Außerdem wisse er, wie man seine Spuren verwische. Er kenne den Polizeichef, die Cops, den Richter – den ganzen üblichen Kleinstadtklüngel. Er erzählt, er habe versucht, Huver und Kaufman telefonisch zu erreichen, um ihnen zu sagen, dass sie einen Riesenfehler gemacht hätten, doch er sei nicht durchgekommen. Er habe den Polizeichef bekniet, mir eine bessere Zelle zu geben. Je länger wir reden, umso mehr mag ich den Kerl. Er ist ein Straßenkämpfer, ein zerzauster alter Ziegenbock, der seit Jahrzehnten mit den Cops die Klingen kreuzt. Er hat nie einen Cent Gewinn gemacht, aber das ist ihm egal. Ich überlege, ob ich in zwanzig Jahren so sein werde wie er. »Wie sieht es mit den DNA-Tests aus?«, fragt er. »Das Labor bekommt die Proben morgen, und sie haben versprochen, sie sofort zu untersuchen.« »Und wenn es Peeley ist?« »Dann bricht die Hölle los.« Der Typ ist auf meiner Seite, dabei kenne ich ihn kaum. Wir unterhalten uns zehn Minuten lang, dann verabschiedet er sich. Als ich in meine Zelle zurückkehre, erfahre ich, dass meine zwei neuen Freunde überall verbreitet haben, dass ich Strafverteidiger bin. Und schon brülle ich Ratschläge über den Flur. 11 Gesunder Menschenverstand ist nicht immer meine starke Seite, aber ich beschließe, mit Fonzo und Frog, meinen zwei Mitinsassen, keinen Streit anzufangen. Stattdessen bleibe ich die ganze Nacht auf dem Stuhl sitzen und versuche zu schlafen. Es klappt nicht. Ich habe das Dosenfleisch abgelehnt, ebenso wie die fauligen Eier und den kalten Toast zum Frühstück. Zum Glück kommt keiner auf die Idee, ich solle duschen. Sie bringen mir Anzug, Hemd, Krawatte, Schuhe und Socken, und ich ziehe mich rasch an. Dann verabschiede ich mich von meinen Zellengenossen, die beide für mehrere Jahre hinter Gittern bleiben werden, trotz meiner ausführlichen und natürlich brillanten Rechtsberatung. Gardy und ich werden getrennt voneinander zum Gericht zurückgekarrt. Als ich – immer noch in Handschellen – aus dem Wagen gezerrt werde, erwartet mich eine noch größere Menge an johlenden Feinden. Sobald ich im Gebäude verschwunden bin und keine Fotografen mehr in der Nähe sind, werden mir die Handschellen abgenommen. Partner wartet im Flur. Ich habe es in die Morgenausgabe des Chronicle geschafft, der regionalen Tageszeitung. Lokalteil, dritte Seite. Eine einfache Meldung: Rudd ist mal wieder im Knast gelandet. Wie angewiesen folge ich einem Gerichtsdiener ins Büro von Richter Kaufman, der mich zusammen mit Huver bereits erwartet, ein spöttisches Grinsen im Gesicht. Sie können es kaum erwarten zu erfahren, wie ich die Nacht überstanden habe. Doch ich erwähne das Gefängnis gar nicht, ich erzähle nicht, dass ich seit gestern weder geschlafen, gegessen noch geduscht habe. Stattdessen präsentiere ich mich, als wäre ich im Vollbesitz meiner Kräfte und würde nur darauf brennen loszulegen. Das scheint sie zu irritieren. Wir spielen mit harten Bandagen, und der Einsatz ist Gardys Leben. Wenige Sekunden nachdem ich den Raum betreten habe, kommt ein weiterer Gerichtsdiener herangeeilt. »Entschuldigen Sie bitte, Euer Ehren, aber da ist ein US-Marshall, der sagt, Sie müssen um elf Uhr in der Stadt beim Bundesgericht antreten. Sie auch, Mr. Huver.« »Was soll das?«, sagt Kaufman. Beflissen führe ich aus: »Ein Termin in einer Haftprüfungssache, Richter. Meine Anwälte haben den Antrag gestern Nachmittag eingereicht. Eine Eilanhörung, um mich sofort aus dem Gefängnis zu holen. Sie haben mit diesem Mist angefangen, ich muss ihn nun beenden.« »Hat er eine Zwangsvorladung?«, fragt Huver. Der Gerichtsdiener überreicht ein paar Blätter, die Huver und Kaufman in aller Eile überfliegen. »Keine Zwangsvorladung«, sagt Kaufman. »Nur ein Schreiben von Richter Samson. Ich dachte, der wäre schon tot. Er hat gar nicht das Recht, mich vorzuladen.« »Er hat schon seit zwanzig Jahren nicht mehr alle Tassen im Schrank«, sagt Huver mit einem Anflug von Erleichterung. »Ich gehe da nicht hin. Wir stehen mitten in einem Prozess.« In Bezug auf Richter Samson hat er nicht unrecht. Wenn es einen Wettbewerb um den verrücktesten Juristen im Land gäbe, würde Arnie Samson alle Stimmen auf sich vereinen. Er ist verrückt, aber er ist mein Freund, und er hat mich schon öfter aus dem Gefängnis befreit. Kaufman wendet sich dem Gerichtsdiener zu. »Sagen Sie dem Marshall, er soll sich verziehen. Wenn er Ärger macht, soll der Sheriff ihn verhaften. Das dürfte ihn richtig auf die Palme bringen. Der Sheriff verhaftet den Marshall. Ha! Ich wette, das hat es noch nie gegeben. Jedenfalls werden wir uns hier nicht wegbewegen. Wir haben einen Prozess zu führen.« »Warum rennen Sie zum Bundesgericht?«, fragt Huver mich und meint es ernst. »Weil ich nicht gern im Gefängnis sitze. Was ist das für eine hirnrissige Frage?« Der Gerichtsdiener geht, und Kaufman sagt: »Ich hebe die Ordnungsstrafe auf, okay? Ich denke, eine Nacht im Bau reicht für Ihr Benehmen.« »Na ja«, erwidere ich, »es reicht sicherlich, um das Verfahren für fehlerhaft zu erklären und eine obere Instanz anzurufen.« »Das will ich nicht bestreiten«, sagt Kaufman. »Können wir jetzt fortfahren?« »Sie sind der Richter.« »Was ist mit der Anhörung am Bundesgericht?« »Wollen Sie jetzt eine Rechtsberatung von mir?«, feuere ich zurück. »Um Himmels willen.« »Wenn Sie das Schreiben missachten, ist das Ihr eigenes Risiko. Hey, vielleicht steckt Richter Samson Sie beide für einen Tag oder zwei ins Gefängnis. Das wäre ein Spaß, was?« 12 Irgendwann sind wir wieder im Gerichtssaal. Es dauert eine Weile, bis alle ihre Plätze eingenommen haben. Als die Geschworenen kommen, sehe ich nicht hin. Inzwischen weiß jeder, dass ich die Nacht im Knast verbracht habe, und ich bin sicher, sie sind scharf darauf zu erfahren, wie es mir ergangen ist. Aber ich gebe nichts preis. Richter Kaufman entschuldigt sich für die Verzögerungen und sagt, es sei Zeit, sich an die Arbeit zu machen. Er sieht zu Huver hinüber, der aufsteht und erklärt: »Euer Ehren, die Staatsanwaltschaft hat ihre Beweisführung abgeschlossen.« Dieser dilettantische Winkelzug dient allein dazu, mir das Leben noch schwerer zu machen. Ich erhebe mich und erwidere aufgebracht: »Euer Ehren, das hätte er mir doch gestern oder noch heute Morgen sagen können.« »Rufen Sie Ihren ersten Zeugen auf«, faucht Kaufman. »Ich bin noch nicht so weit. Ich habe ein paar Anträge zu stellen. Fürs Protokoll.« Er hat keine andere Wahl, als die Geschworenen wieder hinauszuschicken. Wir verbringen die folgenden zwei Stunden damit, uns darüber zu streiten, ob der Staat ausreichende Beweise hat, um fortzufahren. Ich wiederhole meine alten Argumente. Kaufman trifft die gleichen Entscheidungen. Alles fürs Protokoll. Mein erster Zeuge ist ein gestörter junger Mann mit zerzausten Haaren, der meinem Mandanten bemerkenswert ähnelt. Sein Vorname ist Wilson. Er ist fünfzehn, Schulabbrecher, drogenabhängig, im Prinzip obdachlos, auch wenn es eine Tante gibt, die ihn in ihrer Garage schlafen lässt, wenn er krank ist. Und er ist unser Starzeuge! Die Fentress-Mädchen wurden an einem Mittwochnachmittag ab vier Uhr vermisst. Sie hatten die Schule mit ihren Fahrrädern verlassen, kamen aber nie zu Hause an. Gegen sechs Uhr begann die Suche, die sich mit fortschreitender Zeit verschärfte. Um Mitternacht stand die ganze Stadt in Panik, und alle waren mit Taschenlampen unterwegs. Die Leichen wurden gegen zwölf Uhr am nächsten Mittag in dem verseuchten Teich gefunden. Ich habe sechs Zeugen, Wilson und fünf andere, die aussagen werden, dass sie an jenem Mittwochnachmittag ab vierzehn Uhr bis Einbruch der Dunkelheit mit Gardy zusammen waren. Sie hielten sich in einer ehemaligen Kiesgrube mitten in einem dichten Waldstück südlich der Stadt auf, das allgemein nur als »die Grube« bezeichnet wird, eine abgeschiedene Zuflucht für Schulschwänzer, Ausreißer, Obdachlose, Junkies, Trinker und Kleinkriminelle aller Art. Es sind auch ein paar Ältere darunter, aber überwiegend treffen sich hier Jugendliche, die durch das soziale Raster gefallen sind. Sie bauen sich Unterstände, unter denen sie schlafen, teilen ihr gestohlenes Essen miteinander, nehmen Drogen, von denen ich noch nie etwas gehört habe, treiben wahllos Sex, sprich: vergeuden ihre Zeit, während sie entweder dem Tod oder dem Freiheitsentzug entgegendriften. Gardy war dort, während jemand anders die Fentress-Zwillinge entführte und ermordete. Wir haben also ein Alibi – der Aufenthaltsort meines Mandanten zur Tatzeit ist verbürgt. Doch ist er das wirklich? Sobald Wilson in den Zeugenstand tritt und vereidigt wird, sind die Geschworenen misstrauisch. Für den Anlass hat er angezogen, was er sonst auch anhat – schmutzstarrende Jeans mit zahllosen Löchern, abgewetzte Kampfstiefel, ein grünes T-Shirt, das irgendeine Acidrockband feiert, und um den Hals ein kleines lila Nickituch. Sein Schädel ist rasiert bis auf einen leuchtend orangen Irokesen in der Mitte. Er weist die obligatorische Sammlung an Tattoos, Ohrringen und Piercings auf. Und weil er nur ein ahnungsloser Junge ist, den man in eine stocksteife Umgebung geschleppt hat, setzt er ein Grinsen auf, für das man ihn am liebsten ohrfeigen würde. »Sei einfach du selbst«, habe ich ihm gesagt, und leider folgt er meiner Anweisung. Auch ich würde ihm kein Wort glauben, selbst wenn er die Wahrheit sagt. Wir vollziehen den Mittwochnachmittag genau so nach, wie wir es geübt haben. Anschließend zerpflückt Huver ihn im Kreuzverhör. Du bist also fünfzehn Jahre alt. Wieso warst du nicht in der Schule? Hast wohl lieber Dope geraucht, was, mit deinem Kumpel hier, ist es das, was du den Geschworenen erzählen willst? Saufen, Drogen nehmen mit lauter Gammlern, was? Wilson streitet ab, aber so, dass ihm niemand glaubt. Nach einer Viertelstunde Tortur ist er verwirrt und hat Angst, dass man ihm ein Verbrechen anhängen könnte. Huver drischt verbal auf ihn ein wie ein Rüpel auf dem Spielplatz. Aber weil Huver nicht der Schlaueste ist, übertreibt er. Wilson hängt längst am Haken und verliert mit jeder Frage mehr Blut. Doch dann piesackt Huver ihn bezüglich des Datums – wie könne er sicher sein, dass es jener Mittwoch im März gewesen sei? Ihr führt doch draußen in der Grube keinen Kalender? »Du hast keine Ahnung«, bellt er ihn an, »über welchen Mittwoch wir sprechen!« »Doch, Sir«, sagt Wilson, zum ersten Mal formvollendet höflich. »Wie?« »Weil die Polizei da war und sagte, dass sie zwei kleine Mädchen suchen. Das war an dem Tag. Und Gardy war den ganzen Nachmittag bei uns.« Für einen Jungen ohne Hirn liefert Wilson eine perfekte Vorstellung, genau wie wir es geübt haben. Wenn in Milo ein Verbrechen begangen wird, das über »Abfall auf die Straße werfen« hinausgeht, fährt die Polizei sofort zur Grube und nimmt sich die üblichen Verdächtigen vor. Die Grube ist rund fünf Kilometer von dem Teich entfernt, in dem die Fentress-Mädchen gefunden wurden. Logischerweise hat keiner der üblichen Gruben-Besucher einen fahrbaren Untersatz. Trotzdem kommt die Polizei routinemäßig vorbei und macht sich wichtig. Gardy meint, er erinnere sich genau daran, dass die Cops nach den vermissten Mädchen gefragt hätten. Die Cops können sich natürlich nicht daran erinnern, Gardy in der Grube gesehen zu haben. Das alles spielt keine Rolle. Die Jury wird keine Silbe von dem glauben, was Wilson sagt. Als Nächstes rufe ich eine Zeugin auf, die noch weniger glaubwürdig ist. Lolo, wie sie von allen genannt wird, hat unter Brücken und in Abflusskanälen gelebt, seit sie denken kann. Die Jungs beschützen sie, dafür besorgt sie es ihnen. Inzwischen ist sie neunzehn, und es besteht kaum Hoffnung, dass sie ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag erleben wird, jedenfalls nicht diesseits der Gitterstäbe. Sie ist großflächig tätowiert, und sie ist noch nicht richtig vereidigt, da finden die Geschworenen sie schon abstoßend. Sie erinnert sich an den fraglichen Mittwoch, als die Cops in die Grube kamen, und daran, dass Gardy den ganzen Nachmittag dort war. Im Kreuzverhör bringt Huver bei der erstmöglichen Gelegenheit zur Sprache, dass sie zweimal bei Ladendiebstahl erwischt worden sei. Was sie geklaut hat? Lebensmittel! Was soll man sonst machen, wenn man hungrig ist? Bei Huver klingt es so, als verdiente sie dafür die Todesstrafe. Zäh geht es weiter. Ich rufe meine Alibizeugen auf, die die Wahrheit sagen, doch Huver lässt sie wie Kriminelle aussehen. Das ist die himmelschreiende Ungerechtigkeit dieses Systems. Huvers Zeugen, die im Interesse des Staates aussagen, sind von Legitimität umhüllt, als wären sie von den Behörden für immun erklärt worden. Polizisten, Experten, sogar Knastspitzel, die gewaschen und herausgeputzt in adretter Kleidung auftreten, erzählen im Zeugenstand Lügen, deren einziger Zweck es ist, meinen Mandanten in die Todeszelle zu bringen. Die Zeugen jedoch, die die Wahrheit kennen und die Wahrheit sagen, werden ignoriert und als Dummköpfe abgestempelt. Wie so oft geht es bei diesem Prozess nicht um die Wahrheit, sondern ums Gewinnen. Und da Huver gewinnen will, ohne Beweise in der Hand zu haben, muss er lügen und betrügen, als wäre die Wahrheit sein schlimmster Feind. Ich habe sechs Zeugen, die unter Eid aussagen, dass mein Mandant zur Tatzeit weit vom Tatort entfernt war, doch keiner davon wird ernst genommen. Huver hat fast zwei Dutzend Zeugen antreten lassen, die bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Richter als Lügner bekannt sind. Dennoch saugen die Geschworenen ihre Lügen auf, als wäre es die Heilige Schrift. 13 Ich zeige den Geschworenen eine Straßenkarte ihrer geliebten Stadt. Die Grube ist zu weit entfernt vom Teich. Gardy kann zu der Zeit, als die Mädchen ermordet wurden, unmöglich an beiden Orten gleichzeitig gewesen sein. Die Geschworenen glauben das nicht, weil sie seit geraumer Zeit »wissen«, dass Gardy einer satanischen Sekte angehört und außerdem pervers ist. Es gibt keinen Beweis dafür, dass die Mädchen sexuell missbraucht worden sind, trotzdem glaubt jeder Dorftrottel in diesem grauenhaften Nest, dass Gardy sie vergewaltigt hat, ehe er sie tötete. Es ist Mitternacht, und ich liege quer auf meinem klumpigen Motelbett, neben mir die 9-Millimeter-Pistole, da meldet sich mein Handy. Das Genlabor in San Diego. Das Blut, das Tadeo sich mit Gewalt von Jack Peeleys Stirn besorgt hat, passt zu den Haaren, die der Mörder in den Schürsenkeln der elfjährigen Jenna Fentress hinterlassen hat, mit denen ihre Knöchel zusammengebunden waren. 14 An Schlaf ist nicht zu denken. Ich kann nicht einmal die Augen schließen. Partner und ich verlassen das Motel noch vor dem Morgengrauen und sind schon fast in Milo, als wir im Osten das erste Tageslicht sehen. Während die Stadt allmählich zum Leben erwacht, treffe ich mich mit dem Bischof in seinem Büro. Er ruft Richter Kaufman zu Hause an und holt ihn aus dem Bett. Um acht Uhr sitzen wir in Kaufmans Büro bei Gericht, zusammen mit Huver und der Gerichtsstenografin. Alles, was jetzt folgt, wird im Protokoll stehen. Ich zeige die Alternativen auf. Wenn sie sich weigern, den Prozess abzubrechen, den Fall zu schließen und alle nach Hause zu schicken – das ist es, was ich von ihnen erwarte –, dann werde ich entweder (1) Jack Peeley zwangsvorladen lassen, ihn vor Gericht zerren, in den Zeugenstand stellen und als Mörder entlarven, (2) mit dem Ergebnis der DNA-Analyse zur Presse gehen, (3) der Jury verkünden, was ich weiß, (4) dies alles tun oder (5) nichts davon tun, sie ihr Todesurteil fällen lassen, um sie in der nächsten Instanz fertigzumachen. Sie wollen wissen, wie ich von Jack Peeley eine Blutprobe bekommen habe, aber das muss ich ihnen nicht erzählen. Ich erinnere sie daran, dass ich sie zehn Monate lang angebettelt habe, gegen Peeley zu ermitteln, eine Blutprobe zu nehmen und so weiter, dass sie aber nicht interessiert gewesen seien. Sie hatten ja Gardy, den Söldner des Satans. Zum x-ten Mal erkläre ich, dass Peeley (1) die Mädchen kannte, (2) in der Nähe des Teichs gesehen wurde, als sie verschwanden, und (3) kurz zuvor nach einer längeren Beziehung voller Gewalt von ihrer Mutter abserviert worden war. In ihrem verwirrten Entsetzen wissen sie nichts zu sagen, während ihnen allmählich dämmert, dass ihr falsches Spiel und die unlautere Anklage soeben aufgeflogen sind. Dass sie tatsächlich den Falschen beschuldigt haben. Allerdings haben praktisch alle Staatsanwälte denselben Gendefekt: Sie sind unfähig, der Realität ins Auge zu blicken, sondern halten stur an ihren Theorien fest. Sie »wissen«, dass sie recht haben, weil sie seit Monaten oder Jahren davon überzeugt sind. »Ich glaube an meinen Fall« ist einer ihrer Lieblingssprüche, und den wiederholen sie auch dann noch, wenn der wahre Mörder mit Blut an den Händen vor ihnen steht und sagt: »Ich hab’s getan.« Weil ich schon viel unsäglichen Blödsinn gehört habe, habe ich versucht, mir auszumalen, was Huver wohl an dieser Stelle sagen würde. Doch als er erklärt: »Möglicherweise haben Gardy Baker und Jack Peeley zusammengearbeitet«, muss ich laut auflachen. »Ist das Ihr Ernst?«, entfährt es Kaufman. »Brillant«, sage ich. »Einfach brillant. Zwei Männer, die sich nie begegnet sind, der eine achtzehn, der andere fünfunddreißig, tun sich für eine halbe Stunde zusammen, um zwei kleine Mädchen zu ermorden, und sehen sich danach nie wieder, fest entschlossen, für immer über die Sache zu schweigen. Wollen Sie darüber in der nächsten Instanz sprechen?« »Es würde mich nicht überraschen«, sagt Huver und kratzt sich am Kinn, als würde sein Hochleistungshirn dadurch neue Tattheorien auswerfen. Kaufman steht der Mund offen. »Das kann nicht Ihr Ernst sein, Dan«, sagt er fassungslos. »Ich möchte fortfahren«, erwidert Huver. »Ich denke, Gardy Baker ist in dieses Verbrechen verwickelt. Ich kann ein Todesurteil erreichen.« Es ist erbärmlich, wie er stur an seinem Plan festhält, obwohl er genau weiß, dass er im Unrecht ist. »Lassen Sie mich raten«, sage ich. »Sie glauben an Ihren Fall.« »Allerdings. Ich will weitermachen. Ich kann eine Verurteilung erreichen.« »Natürlich können Sie das, und eine Verurteilung zu erreichen ist ja auch viel wichtiger als Gerechtigkeit«, erwidere ich erstaunlich beherrscht. »Erstreiten Sie Ihr Urteil. Wir werden uns die nächsten zehn Jahre lang durch die Instanzen schleppen, während Gardy in der Todeszelle verrottet und der wahre Mörder frei herumläuft. Eines Tages wird dann irgendwo ein Bundesrichter Licht ins Dunkel bringen, und wir bekommen einen eindeutigen Freispruch. Sie, der Staatsanwalt, und Sie, der Richter, werden wie Volltrottel dastehen, wenn herauskommt, was hier im Moment abläuft.« »Ich will weitermachen«, wiederholt Huver wie eine kaputte Schallplatte. »Ich denke«, fahre ich fort, »ich werde das Ergebnis der DNA-Analyse an die Presse geben. Für die ist das ein gefundenes Fressen, und Sie werden bis auf die Knochen blamiert sein. In der Zwischenzeit wird Jack Peeley das Durcheinander nutzen und untertauchen.« »Wie sind Sie an seine DNA gekommen?«, fragt Richter Kaufman. »Er hat sich letzten Samstag im Blue & White die Fresse polieren lassen, und zwar von einem Mann, der für mich arbeitet. Ich habe höchstpersönlich Peeleys Blut von der Hand meines Mitarbeiters gekratzt und ins Labor geschickt, zusammen mit einer Haarprobe, die ich mir zuvor besorgt hatte.« »Das ist Manipulation von Beweismitteln«, kommentiert Huver. Selbstverständlich. »Na, dann verklagen Sie mich, oder werfen Sie mich wieder ins Gefängnis. Die kleine Party ist vorbei, Dan, geben Sie auf.« »Ich will das Testergebnis sehen«, sagt Kaufman. »Das bekomme ich morgen mit der Post. Das Labor ist in San Diego.« »Bis dahin ist die Verhandlung vertagt.« 15 Irgendwann im Laufe des Tages treffen sich der Richter und der Staatsanwalt. Ohne mich hinzuzubitten. Die Verfahrensregeln verbieten solche heimlichen Zusammenkünfte, trotzdem kommen sie vor. Die beiden brauchen dringend eine Strategie. Inzwischen wissen sie, dass ich zu allem fähig bin und nicht davor zurückschrecken würde, mit meinem DNA-Test zur Presse zu gehen. Selbst in dieser Stunde der Verzweiflung ist ihnen die Politik wichtiger als die Wahrheit. Sie wollen um jeden Preis ihr Gesicht wahren. Partner und ich fahren in die Stadt zurück, wo ich den Rest des Tages an anderen Fällen arbeite. Ich überrede das Labor in San Diego, das Testergebnis per E-Mail an Richter Kaufman zu schicken, und gegen Mittag kennt er die Fakten. Um achtzehn Uhr klingelt das Telefon. Jack Peeley sei soeben verhaftet worden. Am nächsten Morgen treffen wir uns mit Richter Kaufman im Richterzimmer, nicht im Saal, wo wir eigentlich hingehören. Die Klage öffentlich abzuweisen wäre viel zu peinlich für die Justiz, deshalb haben Richter und Staatsanwalt unter vier Augen verabredet, es hinter verschlossenen Türen zu tun, und zwar so schnell wie möglich. Ich sitze mit Gardy an meiner Seite an einem Tisch und höre zu, wie Dan Huver einen lauen Antrag herunterleiert. Ich habe den starken Verdacht, dass Huver seinen geliebten Fall lieber weitergeführt hätte, weil er doch so sehr daran glaubt, dass Kaufman jedoch abgelehnt und ihm erklärt hat, die kleine Party sei vorüber, jetzt sei Schadensbegrenzung angesagt, man müsse diesen Bastard und seinen geistesgestörten Anwalt möglichst rasch loswerden. Als die Dokumente unterzeichnet sind, ist Gardy ein freier Mann. Er hat das letzte Jahr in einem üblen Knast verbracht – ich weiß, wovon ich rede –, doch er kann von Glück sagen, dass es nur ein Jahr war. Es gibt Tausende, die jahrzehntelang unschuldig hinter Gittern sitzen. Aber das ist eine andere Geschichte. Gardy ist verwirrt, er weiß gar nicht, wohin er gehen oder was er tun soll. Auf dem Weg aus Kaufmans Büro drücke ich ihm zwanzig Dollar in die Hand und wünsche ihm alles Gute. Die Wärter werden ihn unbemerkt zum Gefängnis zurückfahren, damit er seine Sachen holen kann. Seine Mutter wird ihn dort abholen, um ihn an einen sicheren Ort zu bringen. Ich werde ihn nie wiedersehen. Er bedankt sich nicht, weil er nicht weiß, wie das geht. Ich will ihn nicht in den Arm nehmen, da er nicht geduscht hat, doch dann drücken wir uns kurz auf dem engen Flur, unter den Augen zweier Polizisten. »Es ist vorbei«, wiederhole ich immer wieder, doch er glaubt mir nicht. Die Neuigkeit ist bereits durchgesickert, und draußen hat sich ein Mob zusammengerottet. Die Stadt Milo wird niemals von ihrer Überzeugung abrücken, dass Gardy die Fentress-Mädchen ermordet hat, allen anderslautenden Beweisen zum Trotz. So was passiert eben, wenn die Polizei ihren Vorurteilen nachgibt und von Anfang an in die falsche Richtung ermittelt und die Presse auf ihre Seite zieht. Wenn dann auch noch der Staatsanwalt ins selbe Horn bläst, kommt es rasch zu einer quasi staatlich legitimierten Lynchjustiz. Ich schlüpfe durch einen Seitenausgang, wo Partner auf mich wartet. Schutzbegleitung gibt es nicht für uns, doch uns gelingt das Entkommen, auch wenn auf der Flucht vom Gericht weg zwei Tomaten und ein Ei auf unserem Wagen zerplatzen. Ich muss lachen. Wieder mal ein stilvoller Abgang. Teil 2 IM »BUMM-BUMM-RAUM« 1 Reiche Leute meiden Todeszellen für gewöhnlich. Link Scanlon jedoch blieb keine Wahl. Allerdings gibt es in der ganzen Stadt keine drei Leute, die damit ein Problem haben. Rund eine Million Menschen wohnen hier, und die waren alle mehr oder weniger erleichtert, als Link endlich verurteilt und weggesperrt wurde. Der Drogenhandel musste einen schweren Schlag hinnehmen, erholte sich aber recht schnell. Mehrere Stripclubs schlossen, was viele Ehefrauen begrüßten. Eltern junger Mädchen fanden, dass ihre Töchter jetzt sicherer wären. Besitzer schicker Sportwagen entspannten sich, weil die Autodiebstähle dramatisch zurückgingen. Vor allem aber entspannten sich Polizei und Drogenfahnder, weil sie mit einem Verbrechensrückgang rechneten. Der kam, hielt aber nicht lange. Link wurde für den Mord an einem Richter einstimmig zum Tode verurteilt. Kurz nachdem er in die Todeszelle kam, wurde sein Verteidiger erhängt vorgefunden. Ich nehme an, die Anwaltskammer der Stadt war gleichermaßen erleichtert darüber, dass Link weggesperrt war. Bei näherem Hinsehen muss es aber auch mehrere Hundert Menschen geben, die Link erst einmal aufrichtig vermisst haben. Bestatter, Stripperinnen, Drogenschmuggler, Autohehler und korrupte Cops, um nur ein paar zu nennen. Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Seither sind sechs Jahre vergangen, und Link hat längst Mittel und Wege gefunden, einen Großteil seiner Geschäfte von der Zelle aus weiterzuführen. Er wollte nie etwas anderes sein als ein Gangster wie Al Capone, mit einer Vorliebe für blutige Gewalt und unbegrenzte finanzielle Mittel. Sein Vater war ein Schwarzhändler, der an Leberzirrhose starb. Seine Mutter hat mehrfach und unglücklich wieder geheiratet. Mangels intakten Familienlebens war Link im Alter von zwölf auf der Straße gelandet und alsbald ein geschickter Taschendieb. Mit fünfzehn hatte er seine eigene Gang und verkaufte Haschisch und Pornos auf den Schulhöfen der Stadt. Mit sechzehn wurde er zum ersten Mal festgenommen und bekam eine Verwarnung, der Beginn einer langen und wilden Romanze mit der Justiz. Bis zum Alter von zwanzig war Links Vorname George. Doch der passte, wie er fand, nicht zu ihm, und so probierte er mehrere Spitznamen aus, ikonische Varianten wie Lash oder Boss. Schließlich blieb er bei Link, weil er, George Scanlon, ganz oft der Link zu irgendwelchen Verbrechen war. Link gefiel ihm, und er ließ den neuen Namen offiziell eintragen. Einfach nur Link Scanlon, ohne zweiten Vornamen oder Anhängsel. Der neue Name gab ihm eine neue Identität. Er war ein neuer Mensch, der etwas zu beweisen hatte. Gnadenlos arbeitete er an seinem Ruf als brutalster Gangster der Stadt und war damit ziemlich erfolgreich. Mit dreißig hatte er eine Truppe beisammen, für die Morden an der Tagesordnung war, er hatte das Schutzgeldgeschäft in der Hand und seinen Anteil am Drogenhandel. Nach nur sechs Jahren in der Todeszelle wartet er nun auf seine Hinrichtung, die für heute Abend zweiundzwanzig Uhr angesetzt ist. Sechs Jahre sind nicht viel. Im Durchschnitt zieht sich der Weg durch die Instanzen über vierzehn Jahre hin, zumindest in diesem Bundesstaat. Zwanzig Jahre sind nicht ungewöhnlich. Die kürzeste Wartezeit waren zwei Jahre, doch der Delinquent bettelte um die Nadel. Man kann mit gutem Gewissen sagen, dass Links Fall im Eilverfahren abgehandelt wurde. Wenn ein Richter ermordet wird, fühlen sich alle Kollegen betroffen. Bei seinen Revisionen gab es erstaunlich wenige Verzögerungen. Sämtliche Beschlüsse waren einstimmig, weder auf bundesstaatlicher Ebene noch am Bundesgericht gab es eine einzige Abweichung. Der Oberste Gerichtshof weigerte sich, den Fall zu verhandeln. Link hat sich mit dem System selbst angelegt, und heute Abend wird das System sich dafür rächen. Links Opfer war Richter Nagy. Nicht dass Link selbst Hand angelegt hatte. Er hatte schlicht in seinen Kreisen verbreitet, dass er Nagy am liebsten tot sähe. Ein Berufskiller namens Knuckles übernahm den Job und erledigte ihn bravourös. Man fand Nagy und dessen Frau im Bett vor, beide im Schlafanzug und mit Loch im Kopf. Knuckles redete dann allerdings zu viel, und die Polizei hatte einen Spitzel am richtigen Ort. Knuckles saß etwa zwei Jahre lang in der Todeszelle, bis man ihn mit reichlich Abflussreiniger in Mund und Rachen vorfand. Die Polizei verhörte Link, doch er schwor, dass er keine Ahnung habe. Was hatte Richter Nagy falsch gemacht? Er war ein harter Brocken, der Drogen verabscheute und berühmt dafür war, Dealer mit Höchststrafen zu belegen. Er wollte zwei von Links Lieblingsschergen – einer davon war sein Cousin – zu je hundert Jahren Freiheitsentzug verurteilen, und das fand Link gar nicht gut. Es war seine Stadt, nicht Nagys. Er, Link, wollte schon seit Jahren einen Richter erledigen, als eine Art ultimative Unterwerfung. Wenn du einen Richter tötest und ungeschoren davonkommst, zweifelt niemand mehr daran, dass du über dem Gesetz stehst. Nachdem sein Verteidiger ermordet worden war, hielten mich alle für debil, als ich den Fall übernahm. Wenn es wieder böse ausging für Link, würde man mich am Boden eines Sees finden. Aber die Geschichte ist schon sechs Jahre her, und Link und ich sind bislang bestens miteinander ausgekommen. Er weiß, dass ich versucht habe, sein Leben zu retten. Er wird dafür meines verschonen. Was hätte er davon, seinen letzten Verteidiger umzubringen? 2 Partner und ich fahren vor dem großen Tor von Big Wheeler vor, dem Hochsicherheitsgefängnis des Staates, wo die Todeskandidaten auf ihre Hinrichtung warten, die dort auch durchgeführt wird. Ein Wärter tritt an die Beifahrertür heran. »Name?« »Rudd, Sebastian Rudd. Ich bin für Link Scanlon hier.« »Selbstverständlich.« Der Wärter heißt Harvey, wir haben uns schon unterhalten, doch heute Abend nicht. Heute Abend ist Big Wheeler abgeriegelt, Nervosität liegt in der Luft. Eine Exekution steht an! Auf der gegenüberliegenden Straßenseite haben sich Demonstranten versammelt und singen ein feierliches Kirchenlied, während andere für die Todesstrafe skandieren. Es geht hin und her. Am Rande des Highways parken Fernseh-Übertragungswagen. Harvey kritzelt etwas auf ein Klemmbrett. »Trakt neun«, sagt er. Als wir losfahren wollen, beugt er sich näher und flüstert: »Wie sind Ihre Chancen?« »Minimal«, erwidere ich, während der Wagen anfährt. Wir werden von zwei Sicherheitsfahrzeugen mit bewaffneten Wärtern auf der Ladefläche eskortiert, einer vor uns, einer hinter uns. Flutlicht blendet uns, während wir im Schritttempo vorankriechen, vorbei an hell erleuchteten Gebäuden, in denen dreitausend Männer in ihren Zellen auf Links Ableben warten, damit wieder Normalität einkehrt. Es gibt keinen vernünftigen Grund dafür, dass ein Gefängnis durchdreht, wenn eine Hinrichtung stattfindet. Die außerordentlichen Sicherheitsmaßnahmen sind noch nie notwendig gewesen. Die Verurteilten leben in Isolation und haben somit auch keine Horde Freunde, die sich bemüßigt fühlen könnte, die Bastille zu stürmen und sie zu befreien. Doch den Männern, die Gefängnisse führen, sind Rituale wichtig, und nichts treibt ihren Adrenalinspiegel so hoch wie eine Exekution. Ihr Leben ist ereignislos und eintönig; nur wenn ein Killer getötet wird, blickt die Welt für einen Moment auf sie. Da darf nichts unversucht bleiben, die dramatische Wirkung so weit wie möglich zu erhöhen. Trakt neun liegt abseits vom Rest der Anlage und ist mit stachelbewehrtem Maschendraht abgesperrt, der die Invasion in der Normandie aufgehalten hätte. Schließlich erreichen wir ein Tor, wo uns ein Aufgebot an hektischen Wärtern erwartet, die sich begierig auf Partner, mich und unsere Aktentaschen stürzen. Die Jungs freuen sich zu sehr über die anstehenden Feierlichkeiten. Wir betreten das Gebäude mit Eskorte, und ich werde in ein provisorisches Büro geführt, in dem Gefängnisdirektor McDuff sitzt. Er kaut an den Nägeln und ist ganz offensichtlich mit den Nerven am Ende. »Haben Sie schon gehört?« »Was?« »Vor zehn Minuten ist im Alten Gericht eine Bombe hochgegangen, in dem Saal, in dem Link verurteilt wurde.« Ich war unzählige Male in diesem Raum und bin einigermaßen geschockt, dass er in die Luft gejagt wurde. Andererseits bin ich nicht im Geringsten überrascht, dass Link Scanlon nicht ohne Pauken und Trompeten abgehen will. »Jemand verletzt?« »Ich glaube nicht. Das Gericht hatte kurz zuvor Feierabend gemacht.« »Wow.« »Kann man wohl sagen. Sie reden besser mit ihm, Rudd, und zwar schnell.« Ich zucke mit den Schultern und sehe McDuff entmutigt an. Einem Gangster wie Link Scanlon gut zuzureden ist Zeitverschwendung. »Ich bin nur sein Anwalt.« »Aber was, wenn er jemanden verletzt …?« »Ach, kommen Sie. Der Staat hat ihn zum Tod verurteilt. Es sind nur noch ein paar Stunden bis dahin. Was kann denn noch passieren?« »Ich weiß, ich weiß. Wo stehen die Revisionen?« Er zernagt einen Fetzen seines Daumennagels zwischen den Vorderzähnen und sieht dabei aus, als kostete es ihn alle Mühe, nicht vollends die Nerven zu verlieren. »Beim Bezirksgericht«, erwidere ich. »Aber das ist nur noch ein Verzweiflungsakt. Mehr ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr zu machen. Wo ist Link?« »In der Wartezelle. Ich muss zurück in mein Büro und mit dem Gouverneur reden.« »Bestellen Sie ihm Grüße von mir, und erinnern Sie ihn daran, dass er über meinen letzten Antrag auf Vollzugsverschiebung noch nicht entschieden hat.« »Werde ich tun«, sagt McDuff und geht zur Tür. »Danke.« Kaum jemand in diesem Bundesstaat liebt Hinrichtungen so wie unser Gouverneur. Üblicherweise wartet er bis zum letztmöglichen Moment, dann erscheint er vor den Kameras und erklärt der Welt mit Grabesmiene, dass er mit gutem Gewissen keinen Strafaufschub gewähren könne. Mit tränenfeuchten Augen spricht er dann vom Opfer und erklärt, dass der Gerechtigkeit Genüge getan werden müsse. Ich folge zwei Wärtern in Kampfanzügen durch ein Labyrinth aus Fluren, bis wir den »Bumm-Bumm-Raum« erreichen, eine große Zelle, in der der Verurteilte die letzten fünf Stunden vor seinem großen Moment verbringt. Er wartet dort zusammen mit seinem Anwalt, einem Geistlichen und vielleicht ein paar Verwandten. Körperkontakt ist erlaubt, und es kommt hin und wieder zu sehr traurigen Szenen, wenn die Mama ihren Sohn zum letzten Mal an sich drückt. Die Henkersmahlzeit wird exakt zwei Stunden vor dem letzten Gang serviert, danach darf nur noch der Anwalt bleiben. Noch vor wenigen Jahrzehnten wurde in unserem Staat per Erschießungskommando getötet. Gefesselt an Händen und Füßen, wurde der Verurteilte auf einen Stuhl geschnallt, eine schwarze Haube über dem Kopf, ein hellrotes Kreuz auf dem Hemd, oberhalb des Herzens. In fünfzehn Meter Abstand warteten hinter einem Vorhang fünf Freiwillige mit Hochleistungswaffen, von denen jedoch nur vier geladen waren. Die Idee dabei war, dass keiner der fünf je wissen sollte, ob er derjenige war, der den Mann getötet hatte. Das sollte wohl möglichen Schuldgefühlen vorbeugen. Was für ein Schwachsinn! Es gab eine lange Warteliste von Freiwilligen, die alle scharf darauf waren, einem Mitmenschen eine Kugel ins Herz zu jagen. Knastjargon ist kreativ und lebendig, und bald hatte der Raum seinen Spitznamen. Es heißt, man habe immer einen Lüftungsrost offen stehen lassen, damit das Krachen der Schüsse über das gesamte Gelände zu hören war. Als man aus humanitären Gründen zur Nadel überging, wurde nicht mehr so viel Platz gebraucht. Der Todestrakt wurde neu angelegt, hier und da wurden Wände eingezogen. Der heutige Bumm-Bumm-Raum liegt angeblich genau an der Stelle, wo früher die Verurteilten saßen und auf die Kugeln warteten. Ich werde erneut gefilzt, ehe ich durch die Tür trete. Link ist allein. Er sitzt auf einem Klappstuhl, den er rücklings gegen eine Klinkerwand gekippt hat. Es herrscht schummriges Licht. Seine Augen kleben an einem kleinen, stumm geschalteten Fernseher, der in einer Ecke hängt, und er bemerkt nicht, dass ich da bin. Sein Lieblingsfilm war seit jeher Der Pate. Er hat ihn hundertmal gesehen und schon vor Jahren begonnen, Marlon Brando zu imitieren. Die heisere, angestrengte Stimme, die man dem Rauchen zuschreiben mag. Mahlende Kiefer. Langsames Sprechen. Unnahbarkeit. Keinerlei Gefühle. Unsere Todeskandidaten haben das einzigartige Recht, die Kleidung zu wählen, in der sie sterben wollen. Es ist ein absurdes Gesetz, denn nachdem sie zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre hier gelebt haben, besitzen sie praktisch keine Garderobe mehr. Einen Gefängnisoverall, vielleicht eine abgewetzte Baumwollhose und ein T-Shirt für Besuchstage, dicke Socken für den Winter. Link jedoch hat Geld und kann sich besorgen, was immer er will. Und er will ganz in Schwarz beerdigt werden. Er trägt ein schwarzes Leinenhemd mit langen Ärmeln, die an den Handgelenken zugeknöpft sind, schwarze Jeans, schwarze Socken und schwarze Joggingschuhe. Er sieht bei Weitem nicht so schick aus, wie er denkt, aber wen interessiert in so einer Situation schon die Mode? »Ich dachte«, sagt er schließlich, »Sie holen mich hier raus.« »Das habe ich nie gesagt, Link. Das haben wir sogar schriftlich.« »Aber ich habe Ihnen viel Geld gegeben.« »Eine dicke Gebühr ist noch keine Garantie für ein gutes Ergebnis. Auch das haben wir schriftlich.« »Anwälte«, brummt er angewidert, und sein Tonfall trifft mich. Ich habe nicht vergessen, was mit meinem Vorgänger passiert ist. Link neigt sich langsam vor, lässt den Stuhl auf allen vier Beinen landen und steht auf. Er ist inzwischen fünfzig, und lange Zeit hat er es geschafft, in der Todeszelle sein gutes Aussehen zu bewahren. Doch jetzt sieht er gealtert aus, wobei ich bezweifle, dass ein Verurteilter mit konkretem Hinrichtungsdatum sich um Falten und graue Haare schert. Er macht ein paar Schritte und schaltet den Fernseher ab. Der Raum ist etwa fünf mal fünf Meter groß und enthält einen kleinen Schreibtisch, drei Klappstühle und eine einfache Armeepritsche, falls der Verurteilte Lust auf ein Nickerchen hat, ehe er sich zur ewigen Ruhe bettet. Ich war schon einmal hier, vor drei Jahren, als wir, dreißig Minuten ehe mein Mandant die Nadel bekommen sollte, vom Bezirksgericht die frohe Botschaft erhielten. Link wird nicht so viel Glück haben. Er setzt sich auf die Schreibtischkante und sieht auf mich herab. »Ich habe mich auf Sie verlassen«, brummt er. »Und das war richtig so, Link. Ich habe alles für Sie gegeben.« »Aber ich bin offiziell geisteskrank, und Sie haben niemanden davon überzeugt. Ich bin total irre. Warum schaffen Sie es nicht, das denen klarzumachen?« »Ich habe es versucht, und das wissen Sie, Link. Niemand hat zugehört, weil niemand zuhören wollte. Sie haben die falsche Person ermordet. Einen Richter. Wenn man einen Richter umbringt, sind alle anderen Richter beleidigt.« »Ich habe ihn nicht umgebracht.« »Tja, die Geschworenen haben gesagt, dass Sie es waren. Und das ist alles, was zählt.« Wir haben dieses Gespräch schon unzählige Male geführt, warum nicht noch einmal? In diesem Moment, wo wir nur noch fünf Stunden vor uns haben, ist es mir völlig egal, worüber wir reden. »Ich bin geistig verwirrt, Sebastian. Mein Hirn spielt nicht mehr mit.« Es heißt oft, dass das Leben in der Todeszelle jeden um den Verstand bringe. Dreiundzwanzig Stunden am Tag isoliert zu sein bricht einen Menschen mental, körperlich und emotional. Link hingegen hat nicht ganz so schlimm gelitten. Vor Jahren habe ich ihm erklärt, dass laut einem Beschluss des Obersten Gerichtshofs niemand hingerichtet werden darf, der geistig zurückgeblieben oder geisteskrank ist. Bald darauf beschloss Link, verrückt zu werden, und so verhält er sich seither. Der damalige Gefängnisdirektor erklärte sich bereit, ihn in die psychiatrische Abteilung zu verlegen, wo er wesentlich angenehmere Haftbedingungen vorfand. Link lebte dort drei Jahre, ehe ein Journalist genauere Recherchen anstellte und herausfand, dass zwischen nahen Verwandten des Leiters und einem gewissen Verbrechersyndikat Gelder flossen. Der Mann trat sofort zurück und entging damit einer Anklage. Link musste zurück in den Todestrakt, wo er etwa einen Monat blieb, bis er in Schutzhaft kam. Dort hatte er eine größere Zelle und mehr Privilegien. Die Wärter besorgten ihm alles, was er wollte, weil er sie im Gegenzug mit Geld und Drogen bestach. Bald darauf gelang es ihm, sich wieder in die Psychiatrie verlegen zu lassen. Von seinen sechs Jahren in Big Wheeler hat er etwa zwölf Monate mit den anderen Mördern im Todestrakt verbracht. »McDuff hat mir gerade erzählt, dass heute Nachmittag im Alten Gericht eine Bombe explodiert ist. In dem Saal, in dem Sie verurteilt wurden. Ist das nicht ein erstaunlicher Zufall?« Er legt die Stirn in Falten und zuckt leicht die Schultern, ohne eine Gemütsregung zu zeigen, ganz wie Brando. »Ist noch irgendwo eine Revision offen?« »Beim Bezirksgericht. Aber freuen Sie sich nicht zu früh.« »Wollen Sie damit sagen, ich werde sterben, Sebastian?« »Das habe ich Ihnen letzte Woche gesagt, Link. Der Termin steht fest. Last-Minute-Anträge bringen nichts mehr. Alles ist verhandelt. Alle Punkte sind besprochen. Wir können jetzt nur noch auf ein Wunder hoffen.« »Ich hätte diesen brutalen jüdischen Anwalt nehmen sollen, diesen Lowenstein.« »Vielleicht. Haben Sie aber nicht. Und er hatte drei Hinrichtungen in den letzten vier Jahren.« Marc Lowenstein ist ein Bekannter von mir und ein guter Anwalt. Wir teilen uns die meisten besonders schweren Fälle in diesem Teil des Staates auf. Mein Handy vibriert. Eine SMS – das Bezirksgericht hat die Klage abgewiesen. »Schlechte Nachrichten, Link«, sage ich. »Das Bezirksgericht hat uns gerade abgewiesen.« Statt etwas zu sagen, schaltet er den Fernseher wieder ein. Ich lange zum Dimmer, um das Licht heller zu drehen, und frage: »Kommt Ihr Sohn vorbei?« »Nein«, krächzt er. Sein Sohn wurde gerade aus dem Bundesgefängnis entlassen, wo er wegen Erpressung einsaß. Er ist mit dem Familiengeschäft groß geworden und liebt seinen Vater, aber man kann es ihm nicht verdenken, wenn er Gefängnisse meidet, und wenn es nur um einen Besuch geht. »Wir haben uns schon verabschiedet.« »Also kein Besuch heute Abend?« Er brummt nur. Nein, keine Besucher, keine letzte Umarmung. Link war zweimal verheiratet, hasst aber beide Exfrauen. Mit seiner Mutter hat er seit zwanzig Jahren nicht gesprochen. Sein einziger Bruder ist nach einem misslungenen Deal auf rätselhafte Weise verschwunden. Link greift in seine Tasche, holt ein Handy heraus und wählt eine Nummer. Insassen sind Handys streng verboten, doch Link wurden über die Jahre ein Dutzend davon abgenommen. Die Wärter schmuggeln sie herein. Einer, der erwischt wurde, erzählte, er habe tausend Dollar in bar von einem Fremden dafür bekommen, in der Mittagspause auf dem Parkplatz von Burger King. Der Anruf ist kurz – ich verstehe kein Wort –, dann steckt er das Gerät wieder weg. Mit der Fernbedienung schaltet er auf ein anderes Programm, und wir sehen Lokalnachrichten. Seine Hinrichtung ruft großes Interesse hervor. Ein Reporter blickt auf die Morde an den Nagys zurück. Fotos vom Richter und seiner hübschen Frau werden gezeigt. Ich kannte den Richter gut und war mehrmals mit ihm im Gerichtssaal. Er war ein harter Knochen, aber intelligent und fair. Wir waren schockiert, als wir von seiner Ermordung erfuhren, doch mäßig überrascht, dass die Spur zu Link Scanlon führte. Sie zeigen auch eine Videoaufnahme von Knuckles, dem Auftragskiller, wie er in Handschellen das Gericht verlässt. Was für eine miese Bazille. »Sie wissen, dass Sie das Recht auf einen Geistlichen haben?« Er brummt. Nein. »Es gibt im Gefängnis einen Kaplan, falls Sie mit ihm sprechen möchten.« »Was ist ein Kaplan?« »Ein Gottesmann.« »Was hätte der mir wohl zu sagen?« »Das weiß ich nicht, Link. Ich habe gehört, dass manche Menschen gern mit Gott ins Reine kommen, ehe sie scheiden. Ihre Sünden beichten und solche Sachen.« »Das könnte eine Weile dauern.« Reue kam für einen Gangster wie Link nicht infrage. Weder die Morde an den Nagys noch alle anderen davor scheinen ihm das geringste schlechte Gewissen zu verursachen. Er funkelt mich an. »Was wollen Sie eigentlich hier?« »Ich bin Ihr Anwalt. Es ist meine Aufgabe, hier zu sein und dafür zu sorgen, dass bis zur letzten Instanz alles ausgereizt wird. Ihnen Rat zu geben.« »Und Ihr Rat ist, dass ich mit einem Kaplan reden soll?« Lautes Klopfen an der Tür lässt uns zusammenfahren. Die Tür öffnet sich, und ein Mann in einem billigen Anzug kommt herein, begleitet von zwei Wärtern als Eskorte. »Mr. Scanlon«, sagt er, »ich bin Jess Foreman, stellvertretender Gefängnisdirektor.« »Freut mich aufrichtig«, erwidert Link, ohne den Blick vom Fernseher zu wenden. Foreman ignoriert mich. »Ich habe eine Liste mit den Namen derer, die der Exekution beiwohnen werden. Von Ihnen ist niemand dabei, richtig?« »Richtig.« »Sind Sie sicher?« Link reagiert nicht auf die Frage. Foreman wartet einen Augenblick und sagt dann: »Was ist mit Ihrem Anwalt?« Er sieht mich an. »Ich werde da sein«, sage ich. Der Anwalt ist immer eingeladen. »Jemand von Richter Nagys Familie?«, frage ich. »Ja. Alle drei Kinder.« Foreman legt die Liste auf den Schreibtisch und geht. Als die Tür hinter ihm zufällt, sagt Link: »Hier.« Er hebt die Fernbedienung und dreht die Lautstärke hoch. Eine Sondermeldung: Im stattlichen Gebäude des Bezirksgerichts ist soeben eine Bombe explodiert. Auf der Straße eilen Polizisten und Feuerwehrleute umher. Rauch quillt aus einem Fenster im ersten Stock. Ein Reporter hastet den Gehsteig entlang, einen Kameramann im Schlepptau, auf der Suche nach dem besten Blick, und berichtet dabei atemlos vom Geschehen. Links Augen glühen. »Wow, noch so ein Zufall«, sage ich. Doch Link hört mir nicht zu. Ich versuche so zu tun, als würde mich das alles nicht berühren. Eine Bombe hier, eine Bombe da. Zwei Telefonate aus der Todeszelle, und die Zündschnüre brennen. Aber in Wahrheit bin ich aufgeschreckt. Wer ist wohl als Nächster dran? Wieder ein Richter, vielleicht einer von denen, die Links Prozess geführt und ihn zum Tode verurteilt haben? Das war Richter Cone, der danach in Rente ging. Während des Prozesses und noch zwei Jahre danach bewaffneten Personenschutz. Vielleicht die Geschworenen? Auch sie achteten auf jeden ihrer Schritte und suchten den Schutz der Polizei. Bislang wurde niemand bedroht oder verletzt. »Was ist die nächste Instanz?«, brummt Link. So wie es aussieht, will er alle Gerichtsgebäude von hier bis Washington in die Luft jagen. Er kennt die Antwort auf die Frage, denn wir haben ausführlich darüber gesprochen. »Der Oberste Gerichtshof in Washington. Warum fragen Sie?«, erwidere ich. Er reagiert nicht. Für eine Weile schauen wir fern. CNN berichtet ebenfalls, und die vertraute, hysterische Art der Berichterstattung macht uns schnell nervös, als stünde eine Invasion von Dschihadisten bevor. Link lächelt. Eine halbe Stunde später kommt McDuff, der Direktor, wieder, noch zappeliger als zuvor. Er zieht mich aus dem Raum. »Haben Sie das mit dem Bezirksgericht mitbekommen?«, zischt er. »Wir haben es im Fernsehen verfolgt.« »Sie müssen ihn aufhalten!« »Wen?« »Hören Sie doch auf, verdammt! Sie wissen genau, wen ich meine.« »Wir haben keinen Einfluss darauf. Die Gerichte legen selbst ihre Termine fest. Und Links Jungs haben ganz offensichtlich ihre Befehle. Außerdem könnten die Bomben Zufall sein.« »Sicher. Das FBI ist auf dem Weg hierher.« »Das ist eine richtig clevere Idee. In exakt drei Stunden und vierzehn Minuten wird meinem Mandanten die Nadel gesetzt, und jetzt kommt das FBI und will ihn über die Bombenattentate verhören. Er ist ein gewiefter Krimineller, ein Gangster der alten Schule. Kampferprobt. Er wird den FBI-Beamten eine lange Nase machen.« McDuff sieht aus, als würde er gleich in Ohnmacht fallen. »Wir müssen etwas unternehmen«, sagt er mit geweiteten Augen. »Der Gouverneur brüllt mich an. Alle brüllen mich an.« »Tja, wenn Sie mich fragen, ist jetzt erst einmal der Gouverneur am Zug. Wenn er dem Gnadengesuch stattgibt, beendet Link das Ganze vermutlich. Wobei ich da nicht sicher bin, denn er hört nicht auf mich.« »Können Sie ihn nicht bitten?« Ich lache laut auf. »Sicher. Ich werde mir meinen Mandanten zur Brust nehmen, ihn zum Geständnis bringen und überreden, dass er mit dem aufhört, was er da tut. Gar kein Problem.« Er ist viel zu verstört, um etwas entgegenzusetzen, und so fängt er nur an, Nägel zu kauen, und entfernt sich kopfschüttelnd. Ein völlig überforderter Bürokrat. Ich gehe in den Raum zurück und setze mich auf einen Stuhl. Link klebt immer noch am Fernseher. »Das war McDuff«, sage ich. »Man würde sich aufrichtig freuen, wenn Sie Ihre Bluthunde zurückpfeifen könnten.« Keine Reaktion. CNN zählte schließlich zwei und zwei zusammen, und auf einmal ist mein Mandant die Sensation des Tages. Man sieht ein Polizeifoto von ihm aus jüngeren Tagen, während der Staatsanwalt interviewt wird, der ihn hinter Gitter gebracht hat. Link auf der anderen Seite des Schreibtisches flucht leise, ohne dass sein Lächeln erlischt. Mich geht es ja nichts an, aber wenn ich Bomben legen wollte, würde das Büro dieses Staatsanwalts ganz oben auf der Liste stehen. Sein Name ist Max Mancini, er ist der Chefankläger der Stadt und hält sich selbst für eine Legende. Schon die ganze letzte Woche über, während der Countdown lauter wurde, tauchte er ständig in der Presse auf. Link wird seine erste Hinrichtung sein, und die würde er um nichts in der Welt verpassen. Im Grunde habe ich nie verstanden, warum Link lieber seinem eigenen Verteidiger das Licht ausgeblasen hat, als sich Mancini vorzunehmen. Aber ich werde ihn nicht danach fragen. Ganz offensichtlich sind Link inzwischen auch Zweifel gekommen. Gerade als der Reporter das Interview mit Mancini beenden will, ertönt irgendwo im Hintergrund ein lautes Krachen. Die Kamera zoomt auf, und ich erkenne, dass die beiden auf dem Gehweg vor Mancinis Büro in der Innenstadt stehen. Wieder eine Explosion. 3 Der Gerichtssaal wurde um Punkt siebzehn Uhr hochgejagt, das Bezirksgericht um exakt achtzehn Uhr, das Büro des Staatsanwalts um neunzehn Uhr. Als es auf zwanzig Uhr zugeht, werden viele jener Personen nervös, die das Pech hatten, die Wege meines Mandanten zu kreuzen. CNN berichtet mit kaum kaschierter Hysterie, dass um den Obersten Gerichtshof in Washington die Sicherheitsmaßnahmen verstärkt wurden. Der Reporter vor Ort zeigt immer wieder Bilder von beleuchteten Büros, um uns glauben zu machen, dass die Richter dort oben ausharren und hitzig über Links Fall beraten. Was natürlich nicht so ist. Sie sitzen längst alle zu Hause beim Abendessen. Einer der Gerichtsangestellten wird in Kürze unser Gesuch ablehnen. Die Villa des leitenden Staatsanwalts wimmelt vor Polizisten, zum Teil in voller Kampfmontur, als rechneten sie damit, dass Link mit Artillerie angreift. Bei so vielen Kameras und so viel Aufregung überall kann sich unser attraktiver Gouverneur nicht zurückhalten. Vor zehn Minuten hat er die Deckung seines Bunkers verlassen, um mit den Reportern zu plaudern, live natürlich. Er fürchte sich vor nichts, erklärte er, die Gerechtigkeit müsse obsiegen, er erledige seine Arbeit ohne Angst, und so weiter und so fort. Außerdem tat er so, als bereitete ihm die Sache mit dem Gesuch schweres Magengrimmen. Er könne dazu leider noch nichts sagen, erst gegen 21.55 Uhr. Er machte den Eindruck, als wäre er voll und ganz in seinem Element. Am liebsten würde ich Link fragen, wer als Nächster dran ist, sage aber nichts. Während die Uhr tickt und Rom brennt, sitzen wir da und spielen Gin Rummy. Er hat mir mehrfach gesagt, ich könne gehen, doch ich bleibe. Ich gebe natürlich nicht offen zu, dass ich ganz scharf darauf bin, seiner Hinrichtung beizuwohnen, aber Tatsache ist, dass ich insgeheim fasziniert bin. Niemand ist bislang verletzt worden. Laut einem sogenannten Experten, den CNN wegen der Glaubwürdigkeit hervorgezaubert hat, hat es sich bei den ersten Explosionen um Gasbomben gehandelt. Klein, simpel, viel Lärm, viel Rauch, sonst nichts. Um zwanzig Uhr atmen alle tief durch. Im Augenblick ist es ruhig. Es klopft an der Tür, und die Henkersmahlzeit wird hereingeschoben. Link hat sich ein Steak mit Pommes und Kokoskuchen als Nachspeise bestellt, hat aber keinen Appetit. Er isst zwei Bissen vom Steak und bietet mir die Pommes an. Ich lehne dankend ab und mische die Karten. Einem Todgeweihten die letzte Mahlzeit wegzuessen käme mir irgendwie unpassend vor. Um 20.15 Uhr vibriert mein Handy. Unser Gesuch wurde vom Obersten Gerichtshof abgelehnt. Wenig überraschend. Das war’s dann. Damit sind alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir schalten live vor den Obersten Gerichtshof nach Washington, wo der CNN-Reporter inzwischen versucht, eine Explosion regelrecht herbeizureden. Dutzende von Polizisten stehen im Umkreis, den Finger am Abzug. In Erwartung eines Blutbads haben sich ein paar Schaulustige versammelt, doch es passiert nichts. Link blickt auf den Fernseher, während er die Karten austeilt. 4 In Big Wheeler gibt es ein Lebensmittellagerhaus am Westende der weitläufigen Anlage und eine Autowerkstatt am östlichen Ende. Die Gebäude sind rund fünf Kilometer voneinander entfernt. Um 20.30 Uhr fangen beide aus unbekannten Gründen Feuer, und in der Haftanstalt bricht die Hölle los. Offensichtlich sind zwei nagelneue Helikopter in der Gegend unterwegs. Sie dürfen nicht über Big Wheeler fliegen, und so bleiben sie über den angrenzenden Äckern in der Luft. Dank starker Teleobjektive können wir das Chaos live auf CNN miterleben. Während Link in seinem Kokoskuchen stochert, wundert sich der Nachrichtenmoderator, warum der Staat seine Hinrichtung nicht vorverlegt. Ein Sprecher des Gouverneursbüros führt stammelnd aus, dass die Gesetze dies nicht zuließen. Die Exekution sei auf zweiundzwanzig Uhr terminiert, genau dann oder unverzüglich danach müsse sie durchgeführt werden. Link sieht zu, als wäre es ein Film über irgendeinen Typen in der Todeszelle. Um 20.45 Uhr geht eine Bombe im Verwaltungstrakt des Gefängnisses hoch, unweit von McDuffs Büro. Zehn Minuten später stürmt er in den Bumm-Bumm-Raum und schreit: »Sie müssen das stoppen!« Ohne ihn zu beachten, mischt Link die Karten. Zwei nervöse Wärter heben Link vom Stuhl, durchsuchen ihn, finden das Handy und stoßen ihn auf die Sitzfläche zurück. Sein Gesicht bleibt ausdruckslos. »Haben Sie ein Handy, Rudd?«, brüllt mich McDuff an. »Ja, aber das dürfen Sie mir nicht abnehmen. Vorschrift Nr. 36, Absatz 2, Paragraf 4. Ihre Vorschrift. Tut mir leid.« »Sie Scheißkerl!« »Sie glauben, ich rufe die bösen Jungs an? Sie glauben, ich bin ein Teil dieser Verschwörung, obwohl alle meine Telefonate abgehört werden? Ja?« Er ist viel zu sehr in Panik, um zu reagieren. Hinter McDuff brüllt ein Wärter in den Raum: »Aufstand in Trakt sechs!« 5 Der Aufstand begann damit, dass ein Insasse, ein betagter Lebenslänglicher mit Herzproblemen, einen Infarkt vortäuschte. Zuerst beschlossen die Wärter, ihn zu ignorieren und sterben zu lassen, dann wurden sie doch aktiv. Sein Zellengenosse stach mit einem selbst gebastelten Messer auf zwei Wärter ein, attackierte sie mit ihren eigenen Tasern, und schlug sie dann bewusstlos. Anschließend schlüpften die Insassen in die Uniformen und öffneten rund hundert Zellentüren. In nahezu perfekter Abstimmung schwärmten die Häftlinge in andere Flügel des Traktes aus, und im Nu waren mehrere Hundert hochgefährliche Verbrecher auf freiem Fuß. Sie fingen an, Matratzen und Wäsche anzuzünden, alles, was brennt. Acht Wärter wurden niedergeschlagen, zwei davon erlagen später ihren Verletzungen. Drei Wärter mit Pistolen versteckten sich in einem Büro und riefen um Hilfe. Es dauerte nicht lange, da hatten die Häftlinge die Waffen entdeckt, und Schüsse hallten durch die Flure. In dem Tohuwabohu wurden vier Spitzel mit Verlängerungskabeln erhängt. Diese Details werden wir allerdings erst später erfahren. Während Big Wheeler um uns herum in die Luft fliegt, spielen Link und ich in aller Ruhe Karten. CNN braucht keine fünf Minuten, um von dem Aufstand Wind zu bekommen, und als wir davon hören, halten wir inne und sehen auf den Bildschirm. Nach ein paar Minuten sage ich: »Und, Link, führen Sie jetzt auch Gefängnisaufstände an?« »Ja. Zumindest im Augenblick«, erwidert er zu meiner Überraschung. »Wirklich? Dann erzählen Sie mir, wie Sie das angestellt haben.« »Ist alles eine Frage des Personals«, sagt er wie ein routinierter Geschäftsführer. »Man muss die richtigen Leute zur passenden Zeit an der richtigen Stelle haben. Da gibt es drei Jungs in Trakt sechs mit lebenslänglich ohne Bewährung, die haben also nichts zu verlieren. Dann einen Außenkontakt, der alles Mögliche verspricht, zum Beispiel einen Fluchtwagen mit Fahrer, der draußen im Wald wartet, falls es jemand nach draußen schafft. Außerdem jede Menge Kohle. Dann muss man ihnen nur noch genügend Zeit lassen, um alles zu planen. Um einundzwanzig Uhr heute Abend, wenn McDuff und seine Gorillas nur noch an eines denken – nämlich mir die Nadel zu verpassen –, bläst man zum Angriff. Trakt vier dürfte jeden Moment in die Luft fliegen.« »Ich werde kein Sterbenswörtchen verraten. Und die Bomben? Wer hat die Bomben gebastelt?« »Ich kann Ihnen keine Namen nennen. Man muss verstehen, wie Gefängnisse funktionieren und wie beschränkt die Männer sind, die sie leiten. Alles hier ist darauf ausgelegt, uns drinnen zu halten, aber kaum jemand denkt daran, was von außen hereinkommen kann. Die beiden Brandbomben wurden vor zwei Tagen ausgelegt, gut versteckt, mit Zeitschaltuhren, wirklich simpel. Niemand hat was bemerkt. Ein Kinderspiel.« Ich bin ganz erleichtert, dass er endlich etwas sagt. Wahrscheinlich fangen seine Nerven jetzt doch an zu vibrieren, auch wenn er äußerlich immer noch die Ruhe selbst scheint. »Wie soll das Grande Finale heute Abend aussehen, Link? Werden diese Typen die Hinrichtungskammer stürmen, um Sie zu befreien?« »Das würde nicht funktionieren. Hier sind viel zu viele Bewaffnete unterwegs. Ich erlaube mir nur ein bisschen Spaß, sonst nichts. Ich bin ganz friedlich.« Während er das sagt, werden weitere Bilder vom brennenden Gefängnis gezeigt, die eine Kamera aus einem der Helikopter geschossen hat. Wir sind zu tief drin im Gebäude, um etwas hören zu können, doch es sieht aus, als wäre das totale Chaos ausgebrochen. Bauten stehen in Flammen, unzählige rote und blaue Polizeileuchten blinken, hin und wieder ertönt ein Schuss. Link muss unwillkürlich grinsen. Was für ein Riesenspaß. »McDuff ist selbst schuld«, sagt er. »Wozu der Aufriss? Nur für eine Hinrichtung? Er lässt alle verfügbaren Wärter antreten, gibt ihnen automatische Waffen und Kevlar-Westen, als würde jemand – also ich, derjenige, der die Nadel bekommt – eine Invasion planen. Wärter überall. Und dann schmeißt er auch noch sämtliche Scheinwerfer an und lässt die komplette Anlage abriegeln. Wozu? Es gibt keinen Grund. Verdammt, zwei unbewaffnete Wärter könnten mich zur angesetzten Zeit über den Flur führen und mich auf der Bahre festschnallen. Kein Problem. Kein Grund, so einen Wirbel zu veranstalten. Aber nein, der Mann liebt seine Rituale. Es ist ein großer Moment für den Strafvollzug, da muss man doch verdammt noch mal das Beste daraus machen. Jeder kann sehen – jeder außer McDuff –, dass er es mit Männern zu tun hat, die in Käfigen leben und Uniformen hassen. Die sind schon im Normalfall auf Ärger aus, wenn man den Druck jetzt zusätzlich erhöht, dann platzt das Ventil irgendwann. Da muss nur jemand kommen, der ein bisschen nachhilft, so wie ich.« Er trinkt einen Schluck Kirsch-Cola und nagt an einem Pommes. Vierzig Minuten noch. Die Tür geht erneut auf, und Foreman, der stellvertretende Direktor, ist wieder da, diesmal mit drei schwer bewaffneten Kriegern im Schlepptau. »Wie sieht’s bei Ihnen aus?«, fragt er. »Prima«, erwidere ich. Link reagiert nicht. »Scheint so, als hätten Sie da draußen alle Hände voll zu tun«, sage ich. »Die Dinge überschlagen sich. Ich wollte nur mal reinschauen und sehen, ob mit dem Gefangenen alles okay ist.« Link funkelt ihn an. »Das ist meine letzte Stunde. Kann ich bitte endlich mal meine Ruhe haben? Wenn Sie jetzt mit Ihren Gorillas bitte die Biege machen könnten?« »Wir kommen Ihnen gern entgegen«, sagt Foreman. »Und ihn können Sie auch gleich mitnehmen«, sagt Link und deutet auf mich. »Ich muss allein sein.« »Tut mir leid, Link«, sagt Foreman, »aber Mr. Rudd kann augenblicklich nirgends hingehen. Die Straßen sind gesperrt. Wir sind vollkommen abgeriegelt. Da draußen ist es nicht sicher.« »Komisch, ich fühle mich hier drinnen auch nicht wirklich sicher«, höhnt Link. »Keine Ahnung, warum.« »Sieht so aus, als sollten wir die Hinrichtung verschieben«, sage ich. »Dazu wird es wahrscheinlich nicht kommen«, sagt Foreman und tritt den Rückzug an. Sie verlassen den Raum, schlagen die Tür zu und verriegeln sie von außen. Der Gouverneur hat das Bedürfnis, zu seinem Volk zu sprechen. Sein besorgtes Gesicht schaut vom Bildschirm auf uns herab. Er steht an einem Podium mit Mikrofonen und Kameras, der Traum jedes Politikers. Fragen prasseln auf ihn ein, und bald wissen wir, dass die Lage in Big Wheeler »angespannt« ist. Es gebe Verletzte und sogar Tote. Rund zweihundert Insassen befänden sich »außerhalb ihrer Zellen«, wenn auch bislang niemand versucht habe, die Außenabsperrung des Geländes zu überwinden. Mehrere Brandherde seien inzwischen unter Kontrolle. Ja, es sehe so aus, als seien die Ereignisse zum Teil von außerhalb gesteuert, und nein, es gebe keinen Hinweis darauf, dass Link Scanlon dahinterstecke, jedenfalls noch nicht. Er, der Gouverneur, habe die Nationalgarde gerufen, aber natürlich habe die örtliche Polizei alles im Griff. Ach ja, und das Gnadengesuch sei hiermit abgelehnt. 6 Den Regeln zufolge muss der Verurteilte in Handschellen um exakt 21.45 Uhr, begleitet von einer Eskorte, seinen letzten Gang zur Todeskammer antreten. Dort wird er mit sechs dicken Ledergurten auf eine Bahre geschnallt, von den Füßen bis hoch zur Stirn. Während er angeschnallt wird, sucht ein Arzt in seinen Armen nach einer geeigneten Vene, und ein medizinischer Mitarbeiter überprüft seine Werte. In drei Meter Entfernung, hinter Glasscheiben und schwarzen Vorhängen, sitzen die Zeugen, die des Opfers und die des Täters, in zwei getrennten Räumen. Eine Infusionsnadel wird eingeführt und mit Klebeband fixiert. An der Wand hängt eine große Uhr, sodass der arme Sünder seine letzten Minuten zählen kann. Um Punkt zweiundzwanzig Uhr liest der Gefängnisanwalt das Todesurteil vor, und der Direktor fragt den Verurteilten, ob er ein paar letzte Worte sagen möchte. Er darf sagen, was er will. Es wird aufgezeichnet und ins Internet gestellt. Er wird ein paar Worte sagen, vielleicht noch einmal seine Unschuld beteuern, vielleicht allen vergeben, vielleicht auch um Vergebung bitten. Wenn er fertig ist, nickt der Gefängnisdirektor einem Mann in einem benachbarten Raum zu, und die Chemikalien werden eingeleitet. Der Verurteilte beginnt, das Bewusstsein zu verlieren, und sein Atem geht schwer. Rund zwölf Minuten später erklärt ihn der Arzt für tot. Link weiß das alles. Offensichtlich hat er andere Pläne. Ich bin nur zufällig zur falschen Zeit am falschen Ort. Um 21.30 Uhr fällt in ganz Big Wheeler der Strom aus. Später wird man herausfinden, dass ein Versorgungskabel durchtrennt wurde. Und der Notstromgenerator in Trakt neun – dem Todestrakt – sprang nicht an, weil die Spritleitung demoliert wurde. Um 21.30 Uhr wissen wir das alles noch nicht. Wir wissen nur, dass es im Bumm-Bumm-Raum stockfinster ist. Link springt auf die Beine. »Aus dem Weg«, sagt er und schiebt den Schreibtisch vor die Tür. Über uns blitzt kurz eine Taschenlampe auf, begleitet von Rascheln und Ächzen. In der eingezogenen Decke öffnet sich eine Platte, und eine Stimme sagt: »Link, hierher!« Ein Lichtkegel wandert durch den Raum, dann fällt ein Seil herunter, und Link greift danach. Ein Seil als letzter Strohhalm. »Langsam«, sagt die Stimme, dann zieht sich Link Stück für Stück nach oben. Wieder sind Geräusche von oben zu hören, aber ich kann nicht ausmachen, wie viele Personen beteiligt sind. Binnen Sekunden ist Link verschwunden, und wenn ich nicht so verdutzt wäre, würde ich lachen. Dann wird mir klar, dass ich wahrscheinlich gleich unter Feuer gerate. Ich ziehe mein Jackett und die Krawatte aus und lege mich lang auf das Feldbett. Wärter treten die Tür ein und stürmen den Raum mit Waffen und Licht. »Wo ist er?«, bellt mich einer der Wärter an. Ich deute an die Decke. Sie fluchen und brüllen, während einer mich packt und auf den Flur hinauszerrt, wo Dutzende von Wärtern, Polizisten und Mitarbeitern der Gefängnisleitung kopflos durcheinanderrennen. »Er ist weg! Er ist weg!«, brüllen sie. »Seht auf dem Dach nach!« Inmitten des Tumults höre ich das Flappen von Hubschrauberrotoren. Ich werde in einen Raum gebracht, dann in einen anderen. Ein Wärter schreit, Link Scanlon sei verschwunden. Es dauert eine Stunde, bis das Licht wieder angeht. Ich werde schließlich verhaftet und ins nächstgelegene Bezirksgefängnis gebracht. Sie gehen zunächst davon aus, dass ich in die Flucht verwickelt bin. 7 Die Puzzleteilchen fügen sich recht schnell zusammen, und da man mir eine Teilschuld an der Flucht zuschreibt, habe ich Zugang zu Informationen. Wegen der Anklage gegen mich mache ich mir keine Gedanken. Sie ist nicht haltbar. Um 21.30 Uhr schwebten an jenem Abend zwei neue Helikopter am Rande von Big Wheeler in der Luft. Gefängnisleitung und Polizei hatten sie weggeschickt, doch sie blieben in der Nähe. Um Stärke zu zeigen, setzte die Polizei daraufhin eigene Hubschrauber ein, um den Luftraum über der Haftanstalt zu sichern, und das erwies sich zu Beginn des Aufstands als durchaus hilfreich. Es lenkte aber auch ab. Über der Anlage hing eine dichte Rauchwolke von sechs verschiedenen Brandherden. Zeugen berichteten, der Lärm sei ohrenbetäubend gewesen – vier Helikopter, Dutzende Einsatzfahrzeuge aller Art mit Sirenen, krächzende Funkgeräte, brüllende Wärter und Cops, Schüsse, tosendes Feuer. Genau zum rechten Zeitpunkt erschien wie aus dem Nichts Links kleiner schwarzer Hubschrauber, sank durch die Staubwolken und holte Link vom Dach von Trakt neun ab. Es gab Zeugen. Mehrere Wärter und Gefängnismitarbeiter beobachteten, wie der Helikopter ein paar Sekunden in der Luft stand, ein Seil hinunterließ und dann wieder im Rauch verschwand, mitsamt zwei Personen, die am Ende der Leine baumelten. Ein Wärter in einem Wachturm des Traktes konnte ein paar Schüsse abfeuern, verfehlte sie jedoch. Ein Polizeihubschrauber nahm die Verfolgung auf, konnte aber mit dem Modell, das Link für den Anlass gemietet hatte, nicht mithalten. Sein Helikopter wurde nie gefunden und hinterließ auch keinerlei nachvollziehbare Spuren. Er flog unterhalb des Radars, sodass die Luftsicherung ihn nicht auf dem Schirm hatte. Ein Farmer in hundert Kilometer Entfernung berichtete der Polizei, dass er gesehen habe, wie anderthalb Kilometer von seiner Haustür entfernt ein kleiner Hubschrauber auf der Landstraße gelandet sei. Ein Auto sei dazugekommen, dann seien beide verschwunden. Die Ermittlungen zogen sich hin, drei Mitarbeiter der Anstaltsleitung wurden entlassen. Schließlich stellte sich heraus, dass (1) der Bumm-Bumm-Raum zu einem alten Teil von Trakt neun gehört, der aus den 1940er-Jahren stammt; dass (2) das Dach einen Meter höher ist als der Rest des Todestraktes; dass (3) zwischen Dach und Decke ein Hohlraum ist, mit Rohrleitungen, Heizungsventilatoren und Stromkabeln; dass (4) sich dieser Hohlraum weithin verzweigt und ein Teil davon zu einer alten Tür führt, die auf das Flachdach hinausführt; und dass schließlich (5) die beiden Wärter, die an jenem Abend Dienst auf dem Dach hatten, abkommandiert waren, um bei dem Aufstand zu helfen, sodass niemand auf dem Dach war, als Link seine spektakuläre Flucht durchzog. Was wäre gewesen, wenn die Wärter dort gestanden hätten? Angesichts der Professionalität, mit der Link befreit wurde, darf man mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass die Wärter Kugeln zwischen die Augen bekommen hätten. »Spiderman«, wie er bald schon bei den Ermittlern hieß, ist jetzt schon eine Legende. Es gibt viele Was-wäre-wenn-Fragen, doch nur wenige Antworten. Im Angesicht des sicheren Todes fand Link Scanlon, dass er bei einem absurden Fluchtversuch nichts zu verlieren hätte. Er hatte das Geld, um Truppen und Ausrüstung zu bezahlen. Er hatte Glück, und es funktionierte. Es gibt eine wahrscheinliche, aber unbestätigte Sichtung in Mexiko. Ich habe von meinem Mandanten nichts mehr gehört und rechne auch nicht damit, je wieder von ihm zu hören. 8 Außer Big Wheeler gibt es ein gutes Dutzend weitere Haftanstalten in diesem Bundesstaat, die jeweils unterschiedliche Sicherheitsstufen haben. Ich habe in fast allen davon Mandanten sitzen, und sie schreiben mir Briefe, in denen sie um Geld bitten und verlangen, dass ich sie heraushole. Zumeist ignoriere ich diese Schreiben. Meine Erfahrung ist, dass eine Antwort von mir einen Häftling nur ermutigt, zurückzuschreiben und noch mehr zu verlangen. Bei uns Strafverteidigern besteht immer das Risiko, dass ein ehemaliger Mandant mit Wut im Bauch nach Jahren im Knast auftaucht und über Fehler im Prozess diskutieren will. Aber über so etwas denke ich nicht nach. Es gehört zum Job. Und es ist ein weiterer Grund, warum ich eine Waffe trage. Um mich in die Schranken zu weisen, lässt mich unsere hochgeschätzte Strafvollzugsbehörde nach Scanlons Flucht vier Wochen lang kein Gefängnis besuchen. Als dann aber klar wird, dass Link sie ganz ohne meine Hilfe ausgetrickst hat, lenken sie am Ende ein. Ein paar meiner Mandanten besuche ich regelmäßig. Auf diese Weise komme ich hin und wieder für einen Tag aus der Stadt heraus. Partner und ich sind auf dem Weg zu einer Anstalt mit mittlerer Sicherheitsstufe, die liebevoll Old Roseburg genannt wird, nach einem Gouverneur aus den 1930er-Jahren, der selbst im Gefängnis landete und sogar dort starb – in dem Knast, der seinen Namen trug. Ich habe mich oft gefragt, wie das wohl war. Der Legende zufolge hat seine Familie vergeblich versucht, Bewährung für ihn zu erwirken, damit er zu Hause sterben konnte, doch der amtierende Gouverneur erlaubte das nicht. Roseburg und er waren Erzfeinde. Die Familie versuchte daraufhin, den Namen des Gefängnisses ändern zu lassen, doch das hätte die ganze schillernde Geschichte zerstört, und so wurde es abgelehnt. Bis heute heißt das Gefängnis offiziell Nathan-Roseburg-Justizvollzugsanstalt. Wir werden durch das Haupttor eingelassen und parken auf einem leeren Besucherparkplatz. Zwei Wärter mit Hochleistungsschießeisen verfolgen uns vom Turm aus, als könnten wir Waffen oder dicke Pakete Kokain einschmuggeln. In diesem Moment gibt es niemand anders zu beobachten, und so bekommen wir ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. 9 Nachdem Partner von der Anklage der Tötung eines Drogenfahnders freigesprochen wurde, flehte er mich um einen Job an. Ich brauchte damals niemanden und habe danach auch nie wieder jemanden eingestellt, doch ich konnte nicht Nein sagen. Er wäre wieder auf der Straße gelandet, und wenn ich ihm nicht geholfen hätte, wäre er jetzt entweder tot oder im Knast. Anders als die meisten seiner Freunde hatte er die Highschool abgeschlossen und sogar an einem Community College angefangen. Ich finanzierte Abendkurse für ihn, und er schloss im Handumdrehen eine Ausbildung zum Rechtsassistenten ab. Partner lebt mit seiner Mutter in einer Sozialwohnung in der Stadt. Die meisten anderen Wohnungen in seinem Haus werden von großen Familien bewohnt, die allerdings nicht im traditionellen Sinn aus Vater, Mutter und Kindern bestehen. Die Väter sind meist dauerhaft abwesend, entweder hinter Gittern oder verschwunden und dabei, anderswo noch mehr Kinder zu zeugen. Typischerweise ist die Hauptmieterin die Großmutter, eine arme Seele mit langem Leidensweg und einer Schar Kinder, die nicht zwangsläufig blutsverwandt sind. Die Hälfte der Mütter sitzt ein. Die übrigen haben zwei bis drei Jobs. Ständig kommen Cousins und Cousinen vorbei. Die meisten Familien leben in unablässiger Bewegung. Das Hauptziel ist es, die Kinder in die Schule zu schicken, sie von Streetgangs fernzuhalten, damit sie am Leben bleiben und möglichst nicht ins Gefängnis kommen. Partner schätzt, dass etwa die Hälfte von ihnen trotzdem die Schule abbricht und der überwiegende Teil der Jungs hinter Gittern endet. Er sagt, er kann von Glück reden, dass seine Mutter und er allein in der kleinen Bude wohnen. Es gibt ein winziges Extrazimmer, das er als Büro für seine Arbeit – unsere Arbeit – nutzt. Viele meiner Unterlagen und Akten sind dort untergebracht. Ich frage mich oft, was meine Mandanten denken würden, wenn sie wüssten, dass ihre vertraulichen Papiere in einem zehnstöckigen Sozialbau in Aktenschränken aus Armeebeständen liegen. Mir ist das im Grunde egal, weil ich Partner hundertprozentig vertraue. Er und ich haben schon stundenlang in dem kleinen Zimmer gesessen und uns durch Polizeiberichte gewühlt, um Prozessstrategien auszutüfteln. Seine Mutter, Miss Luella, ist durch schweren Diabetes teilweise behindert. Sie näht ein bisschen für Freunde, hält ihre Wohnung tipptopp in Schuss und kocht hin und wieder. Ihr Hauptjob aber, zumindest was mich angeht, ist Telefondienst für den ehrenwerten Herrn Rechtsanwalt Sebastian Rudd. Wie gesagt, ich stehe in keinem Telefonbuch, doch meine »Büronummer« wird herumgereicht. Ehrlich gesagt werde ich ständig unter dieser Nummer angerufen, und dann nimmt stets Miss Luella ab, die genauso frisch und tüchtig klingt wie jede andere Empfangsdame an einem schicken Schalter in einem imposanten Bürogebäude, die Anrufe für Großkanzleien mit Hunderten von Anwälten entgegennimmt. »Kanzlei Sebastian Rudd«, meldet sie sich. »Mit wem darf ich Sie verbinden?« Als hätte die Kanzlei Dutzende Abteilungen und Fachgebiete. Kein Anrufer hat mich beim ersten Mal am Hörer, weil ich nie »im Hause« bin. Wo auch? Sie sagt dann: »Er ist in einer Besprechung«, »Er ist bei einer Vernehmung«, »Er ist bei einem Gerichtstermin« oder, und das ist meine Lieblingsantwort: »Er ist am Bundesgericht.« Sobald sie den Anrufer vertröstet hat, erkundigt sie sich nach der Art seines oder ihres Anliegens: »Und worum handelt es sich?« Im Falle einer Scheidung bekommt der Anrufer ein: »Tut mir leid, aber Mr. Rudd übernimmt keine Familienangelegenheiten.« Im Falle von Firmenpleiten, Immobilienangelegenheiten, Nachlässen, Urkunden und sonstigen Verträgen kommt die gleiche Antwort. So etwas übernehme Mr. Rudd nicht. Bei Strafsachen horcht sie auf, doch sie weiß, dass diese meist nichts einbringen, denn die wenigsten Angeklagten können sich einen Anwalt leisten. Dann fragt sie ganz bestimmte Punkte ab, um festzustellen, ob der Anrufer bezahlen kann oder nicht. Jemand wurde verletzt? Das ist natürlich etwas anderes. Dann schaltet Miss Luella ihr Mitgefühl ein und entlockt dem Anrufer so viele Details wie möglich. Sie lässt erst locker, wenn sie alles weiß, was sie wissen wollte, und sein Vertrauen geweckt hat. Wenn alles passt und der Fall vielversprechend aussieht, verspricht sie, dass Mr. Rudd noch am selben Nachmittag im Krankenhaus vorbeischauen werde. Ist der Anrufer ein Richter oder sonst eine wichtige Persönlichkeit, behandelt sie ihn mit größtem Respekt, beendet den Anruf und schickt mir sofort eine SMS. Ich zahle ihr fünfhundert Dollar im Monat bar auf die Hand und nach einem lukrativen Schadensersatzprozess einen zusätzlichen Bonus. Auch Partner wird bar bezahlt. Miss Luellas Familie stammt aus Alabama, und sie kocht das Soulfood des Südens. Mindestens zweimal im Monat macht sie paniertes Hühnchen mit Blattkohl und Maisbrot, und dann esse ich, bis ich beinahe platze. Partner und sie haben die billige kleine Plattenbauwohnung in ein gemütliches Heim verwandelt, doch da ist eine Trauer, die wie dichter Nebel in den Zimmern hängt und nicht verschwinden will. Partner ist erst achtunddreißig, doch er hat einen neunzehnjährigen Sohn, der in Old Roseburg einsitzt. Jameel büßt zehn Jahre Freiheitsentzug ab, für Delikte, die er mit seiner Gang begangen hat. Er ist der Anlass für unseren heutigen Besuch. 10 Nachdem wir den Papierkram erledigt haben und abgetastet wurden, gehen Partner und ich fast einen Kilometer weit Wege entlang, die mit Maschendraht und Stacheldraht gesäumt sind, bis wir Camp D erreichen, einen besonders streng gesicherten Trakt. Wir passieren noch einmal einen Sicherheitsposten mit grimmig dreinschauenden Wärtern, die uns am liebsten wieder wegschicken würden. Da Partner diplomierter Rechtsassistent ist und das auch nachweisen kann, darf er mit mir in den Besucherflügel kommen. Ein Wärter wählt einen Raum für uns – ein Besprechungszimmer für Insassen und ihre Anwälte –, und wir nehmen vor einer Trennscheibe Platz. Anwälte dürfen jederzeit zu Besuch kommen, Familien nur an Sonntagnachmittagen. Beim Warten sagt Partner noch weniger als sonst. Wir sehen mindestens einmal im Monat nach Jameel, und die Besuche zehren an meinem Freund. Er trägt schwer an den Problemen seines Sohnes, weil er sich selbst die Schuld daran gibt. Der Junge war auch so schon auf der schiefen Bahn, doch nach Partners Freispruch waren Polizei und Staatsanwaltschaft auf Rache aus. Wer einen Cop tötet, und wenn es Notwehr ist, macht sich hartnäckige Feinde. Als Jameel verhaftet wurde, gab es keinen Verhandlungsspielraum. Die Höchststrafe waren zehn Jahre, und die Anklage war zu keinem Kompromiss bereit. Ich habe ihn vertreten, natürlich umsonst, doch ich konnte nichts für ihn tun. Er war mit einem Rucksack voller Dope erwischt worden. »Nur noch neun Jahre«, sagt Partner leise, während wir auf die Scheibe blicken. »Mannomann. Ich liege nachts wach und versuche mir vorzustellen, wie er in neun Jahren sein wird. Achtundzwanzig, wieder auf der Straße. Ohne Job, ohne Ausbildung, ohne Hoffnung. Ein Exknacki unter vielen, immer auf der Suche nach Ärger.« »Vielleicht auch nicht«, entgegne ich zögerlich, auch wenn ich sonst nicht viel dazu zu sagen habe. Partner kennt diese Welt wesentlich besser als ich. »Sein Vater und seine Großmutter werden für ihn da sein, wenn er rauskommt. Und ich auch, falls ich noch da bin. Wir drei werden uns was überlegen.« »Vielleicht brauchst du dann noch einen Assistenten.« Er lächelt, wenn auch nur für einen kurzen Moment. »Man weiß nie.« Auf der anderen Seite der Abtrennung geht eine Tür auf, und Jameel kommt herein, gefolgt von einem Wärter, der ihm bedächtig die Handschellen abnimmt und uns dann ansieht. »Morgen, Hank«, sage ich. »Tag, Rudd«, erwidert er. Jameel zufolge ist Hank einer von den guten Jungs. Ich nehme an, es hat etwas mit der Art meiner Rechtspraxis zu tun, dass ich mich mit einigen der Wärter so gut verstehe. Wenn auch natürlich nicht mit allen. »Lassen Sie sich Zeit«, sagt er und verschwindet. Die Dauer des Besuchs bestimmt Hank ganz allein, und da ich nett zu ihm bin, ist es ihm egal, wie lange wir bleiben. Ich hatte schon harte Knochen, die ganz anders waren. Da hörte man dann: »Sie haben eine Stunde, allerhöchstens«, oder: »Machen Sie’s kurz«. Nicht bei Hank. Jameel lächelt uns an. »Danke fürs Kommen.« »Hallo, mein Sohn«, sagt Partner, wie es sich gehört. »Schön, dich zu sehen, Jameel«, sage ich. Er sinkt auf einen Plastikstuhl. Der Junge ist einen Meter fünfundneunzig groß, dünn und scheint aus Gummi zu bestehen. Partner ist einen Meter achtundachtzig und ein Muskelpaket. Er meint, die Mutter des Jungen sei groß und schlaksig. Sie ist schon vor Jahren im schwarzen Loch des Straßenlebens verschwunden. Sie hat einen Bruder, der Basketball für eine unbedeutende Uni spielt, und Partner hat immer angenommen, dass Jameel diese Veranlagung geerbt hat. Er war schon in der neunten Klasse eins neunzig groß, und Talentscouts wurden auf ihn aufmerksam. Doch irgendwann entdeckte er Dope und Crack und vergaß das Spiel. »Danke für das Geld«, sagt er zu mir. Ich schicke ihm hundert Dollar im Monat, die für Essen und Dinge wie Papier, Stifte, Briefmarken und alkoholfreie Getränke gedacht sind. Er hat sich einen Ventilator gekauft – Old Roseburg ist nicht klimatisiert, ebenso wenig wie alle anderen Gefängnisse im Staat. Auch Partner schickt ihm Geld, ich weiß allerdings nicht, wie viel. Zwei Monate nachdem er hier gelandet war, filzten sie seine Zelle und fanden Dope unter seiner Matratze. Ein Spitzel hatte gesungen, und Jameel verbrachte zwei Wochen in Einzelhaft. Partner hätte ihn erwürgt, wenn er durch die Trennscheibe hätte greifen können. Der Junge schwor, dass so etwas nie wieder vorkommen würde. Wir reden über seine Kurse. Er besucht Förderkurse, um den Highschoolabschluss nachzumachen. Partner ist mit seinen Fortschritten nicht zufrieden. Nach ein paar Minuten entschuldige ich mich und verlasse den Raum, damit Vater und Sohn Zeit füreinander haben, denn deshalb sind wir hier. Partner zufolge wird das Gespräch meist rau und emotional. Er will dem Jungen klarmachen, dass sein Vater für ihn da ist und aus der Ferne auf ihn schaut. Old Roseburg ist voller Gangs, und Jameel ist leichte Beute. Er schwört, dass er sich fernhält, doch Partner ist skeptisch. Vor allen Dingen will er, dass dem Jungen nichts passiert, und Mitglied einer Gang zu sein bietet oft den besten Schutz. Es führt aber auch zu Bandenkriegen, Rache und dem gesamten Kreislauf von Gewalt. Sieben Häftlinge kamen letztes Jahr in Old Roseburg ums Leben. Es könnte schlimmer sein. Ganz in der Nähe liegt ein Bundesgefängnis, dort gibt es zwei Morde pro Monat. Ich kaufe mir an einem Automaten etwas zu trinken und suche mir einen Platz in einer Reihe leerer Plastikstühle. Kein weiterer Anwalt ist heute hier, deshalb ist der Ort wie ausgestorben. Ich öffne meine Aktentasche und breite Unterlagen auf einem Tisch aus, der mit alten Zeitschriften bedeckt ist. Hank kommt vorbei. Wir plaudern ein paar Minuten. Ich erkundige mich, wie sich der Junge macht. »Ganz okay«, sagt er. »Nichts Besonderes. Er lebt noch und hat noch keine Verletzungen davongetragen. Er ist jetzt seit einem Jahr hier und weiß, wie alles läuft. Aber er will nicht arbeiten. Ich habe ihm einen Job in der Wäscherei besorgt, da hat er es eine Woche ausgehalten. Besucht einen Großteil seiner Kurse, aber nicht alle.« »Eine Gang?« »Weiß ich nicht. Ich halte die Augen offen.« Durch eine Tür am gegenüberliegenden Ende tritt ein anderer Wärter ein, und Hank muss gehen. Er darf sich nicht dabei ertappen lassen, wie er sich mit einem einfachen Strafverteidiger unterhält. Ich versuche, einen Bericht zu lesen, aber er ist zu langweilig. Ich gehe zu einem Fenster und schaue auf einen großen Hof hinunter, der mit doppeltem Maschendraht eingezäunt ist. Hunderte von Insassen, alle in weißer Gefängnismontur, schlagen die Zeit tot, während von den Türmen Wärter herabsehen. Fast alle sind jung und schwarz. Den Statistiken zufolge sind sie hauptsächlich wegen Drogendelikten hier, nicht wegen Gewaltverbrechen. Durchschnittsstrafe: sieben Jahre. Sechzig Prozent von ihnen werden innerhalb von drei Jahren nach ihrer Entlassung wieder hier sein. Und wie auch nicht? Was wartet denn draußen auf sie? Sie sind jetzt verurteilte Verbrecher, und dieses Stigma werden sie nie wieder loswerden. Ihre Chancen waren schon vorher nicht gut, wie soll es da besser werden, nachdem sie als Kriminelle gebrandmarkt sind? Sie sind die wahren Opfer unseres Krieges gegen Drogen und Kriminalität, unbeabsichtigte Opfer von strengen Gesetzen, die in den letzten vierzig Jahren von strengen Politikern durchgesetzt wurden. Eine Million junger Schwarzer sind in baufälligen Gefängnissen verstaut, wo sie auf Kosten der Steuerzahler nichts tun. Unsere Gefängnisse sind überfüllt. Unsere Straßen sind voller Drogen. Wer gewinnt diesen Krieg? Wir haben den Verstand verloren. 11 Nach zwei Stunden sagt Hank, es sei jetzt Zeit. Ich klopfe und trete wieder in den Raum, ein fensterloses Kabuff ohne Lüftung, in dem es muffig riecht. Jameel sitzt mit verschränkten Armen da und blickt zu Boden. Auch Partner hat die Arme vor der Brust gekreuzt und starrt auf die Trennscheibe. Ich habe das Gefühl, dass viel gesprochen wurde, doch seit einiger Zeit Schweigen herrscht. »Wir müssen gehen«, sage ich. Das ist genau das, was beide hören wollen. Es gelingt ihnen, sich einigermaßen liebevoll zu verabschieden. Jameel bedankt sich noch einmal, dass wir gekommen sind, lässt Grüße an Miss Luella ausrichten und steht auf, als Hank hinter ihm den Raum betritt. Auf dem Heimweg im Auto sagt Partner eine Stunde lang kein Wort. 12 Link Scanlon ist nicht mein erster Gangster. Diese Ehre gebührt einem grandiosen Halunken namens Dewey Knutt, den ich nie im Gefängnis besuchen würde. Während Link auf Blut, gebrochene Knochen, Drohgebärden und einen schlechten Ruf steht, legte Dewey Wert darauf, seine kriminellen Geschäfte möglichst im Verborgenen zu machen. Während Link seit seiner Kindheit davon träumte, ein Mafia-Boss zu werden, war Dewey bis zum Alter von fünfunddreißig ein unbescholtener Möbelverkäufer. Während Links Vermögen beträchtlich, aber nebulös war, konnte das von Dewey ziemlich genau auf dreihundert Millionen Dollar geschätzt werden, ehe er aufflog. Link wurde zum Tod verurteilt, Dewey zu vierzig Jahren Freiheitsentzug in einem Bundesknast. Link gelang die Flucht, Dewey hat heute Haare bis zur Taille und pflanzt Biokräuter und -gemüse in einem Gefängnisgarten. Dewey Knutt war ein Verkäufer mit flinkem Mundwerk, der billige Möbel vertrieb; von den Einnahmen kaufte er ein Mietshaus nach dem anderen. Er lernte den Trick, wie man das Geld fremder Leute gewinnbringend einsetzt, und entwickelte eine erstaunliche Risikofreude. Er setzte die Erlöse seiner Immobilien und seine Kredite für den Erwerb von Einkaufszentren und Trabantenstädte ein. Während einer kurzen Rezessionsphase verweigerte eine Bank ihm ein Darlehen, woraufhin er die Bank kaufte und alle Angestellten entließ. Er vertiefte sich in Bankvorschriften und fand sämtliche Schlupflöcher. In einer längeren Rezession kaufte er weitere Banken und regionale Kreditinstitute. Geld kostete nicht viel, und Dewey Knutt erwies sich als Meister im Zinspoker. Sein Niedergang begann, wie wir später erfuhren, mit seiner Vorliebe für doppelt und dreifach besicherte Schuldverschreibungen. Als Visionär in der Welt des zwielichtigen Profits war er einer der Ersten, die den fruchtbaren Boden der Subprime-Darlehen beackerten. Er verfeinerte die Methoden der Kredithaie und schmierte mit großem Geschick Politiker und Regulierer. Hinzu kamen Steuerhinterziehung, Geldwäsche, Postbetrug, Insiderhandel sowie die offene Plünderung von Rentenfonds. Kurzum, Dewey hat seine vierzig Jahre Freiheitsentzug mehr als verdient. Zu denen, die immer noch nach verborgenen Überresten seines Vermögens suchen, gehören ein großer Trupp früherer und heutiger Feinde, ein paar Bankenregulierer, mindestens zwei Insolvenzgerichte, die Anwälte seiner Exfrau und mehrere Abteilungen der Regierung in Washington. Bislang haben sie nichts gefunden. Als Dewey neunundvierzig war, wurde sein zwanzigjähriger Sohn Alan mit einem Kofferraum voller Kokain erwischt. Der hoffnungslose Nichtsnutz wollte seinem Vater mit seiner eigenen Version von Unternehmertum imponieren. Dewey war so außer sich und beschämt, dass er sich weigerte, für Alan einen Anwalt zu engagieren. Ein Freund vermittelte den jungen Mann an mich. Mir war mit einem Blick auf die Festnahme klar, dass die Cops alles vermasselt hatten, weil sie weder einen Durchsuchungsbeschluss hatten noch einen hinreichenden Grund, den Wagen zu durchsuchen. Ein ganz klarer Fall. Ich reichte die entsprechenden Anträge und Schriftsätze ein, und die Stadtverwaltung musste die Sache mit knirschenden Zähnen anfechten. Die Kokainrazzia war nicht verfassungsgemäß durchgeführt worden, somit waren die Beweismittel unbrauchbar, und die Klage gegen Alan wurde abgewiesen. Die Geschichte war ein paar Tage lang groß in der Presse, und mein Foto erschien zum ersten Mal in der Zeitung. Für die harten Sachen setzte Dewey seine Lieblingsanwälte ein, doch er war so beeindruckt von meinem cleveren Manöver, dass er beschloss, mir ein paar Versuchshappen hinzuwerfen. Das meiste davon fiel nicht in mein Fachgebiet, doch ein Fall faszinierte mich, und ich sagte zu. Dewey liebte Golf, hatte jedoch beständig Probleme, in seinem übervollen Kalender Zeit dafür zu finden. Außerdem hatte er wenig Verständnis für die spießigen Traditionen der meisten Golf- und Country Clubs, die einen Gesetzlosen wie ihn ohnehin niemals aufnehmen würden. Er verbiss sich in die Idee, sich einen eigenen Platz zu bauen, mit Beleuchtung, damit er auch abends spielen könnte, allein oder mit Freunden. Zu der Zeit gab es überhaupt nur drei beleuchtete Golfplätze im ganzen Land und keinen einzigen in einem Umkreis von sechzehnhundert Kilometern. Vierzehn Loch, komplett privat, voll beleuchtet – das Traumspielzeug jedes reichen Jungen. Um sich nicht mit den humorlosen Schreibtischtätern des Stadtplanungsbüros abgeben zu müssen, wählte er ein Gelände in anderthalb Kilometer Entfernung von der Stadt. Die County-Regierung verweigerte die Baugenehmigung. Die Nachbarn reichten Klage ein. Ich nahm mich der Sache an und erreichte schließlich, dass die Genehmigung erteilt wurde. Und wieder war ich in den Schlagzeilen. Der echte Hammer aber sollte erst noch kommen, als die Immobilienblase platzte. Die Zinsen schossen in die Höhe, und Dewey lieh sich zusammen, so viel er nur konnte. Sein Kartenhaus stürzte mit Pauken und Trompeten ein, denn wie aufs Stichwort erschienen FBI, Steuerbehörde, Börsenaufsicht und noch ein paar andere finstere Typen in offiziellen Funktionen und wedelten mit Durchsuchungsbeschlüssen. Die Anklageschrift war zweieinhalb Zentimeter dick und gefüllt mit den wildesten Anschuldigungen. Angeführt wurden spektakuläre Verschwörungen mit seinen Bankern, Buchhaltern, Partnern, Anwälten, einem Börsenmakler und zwei Mitgliedern des Stadtrats. Darüber hinaus wurden in liebevollen Details Dutzende von Verstößen geschildert, die sich gegen den sogenannten Racketeer Influenced and Corrupt Organizations Act, kurz RICO genannt, richteten, ein Gesetz speziell für die Strafverfolgung organisierter Kriminalität und das schönste Geschenk, das der Kongress der Bundesstaatsanwaltschaft je beschert hat. Auch gegen mich wurde ermittelt, und ich war schon ziemlich sicher, dass ich mit einer Anklage rechnen musste, obwohl ich mir nichts hatte zuschulden kommen lassen. Zum Glück war ich nur am Rande beteiligt. Eine Zeit lang schien es, als würde ich im Strudel mitgerissen, doch dann ließ das FBI ganz unvermittelt von mir ab. Man hatte größere Fische am Haken. Alan wurde ebenfalls angeklagt, und zwar hauptsächlich dafür, dass er Deweys Sohn war. Als das FBI anfing, auch Deweys Tochter aufs Korn zu nehmen, lenkte er ein und ließ sich auf einen Deal mit der Staatsanwaltschaft ein, der ihm vierzig Jahre Freiheitsentzug bescherte. Die falschen Anschuldigungen gegen seine Kinder wurden verworfen, und die meisten seiner Mitangeklagten kamen mit leichten Strafen davon. Längere Haftstrafen wurden nicht verhängt. Kurz gesagt, Dewey nahm in einem Akt der Großmut alle Schuld auf sich. Zu der Zeit, als das FBI auf den Plan trat, war er gerade dabei, seinen Golfplatz – unter dem imposanten Namen Old Plantation – anzulegen. Binnen Wochen verschwand das gesamte Geld, und der Bau stoppte beim vierzehnten Grün. Heute ist die Anlage, soweit ich weiß, die einzige voll beleuchtete Vierzehn-Loch-Golfanlage der Welt. Zu Ehren von Dewey heißt sie Old Rico. Mitglieder sind ausschließlich seine alten Komplizen und Mitverschwörer. Alans Job ist es inzwischen, die Anlage bespielbar zu erhalten, und das gelingt ihm auch. Er spielt selbst unablässig und träumt von einer Karriere als Profigolfer. Die Mitgliedseinnahmen reichen ihm, um ein paar Gärtner zu beschäftigen, alle ohne Papiere. Außerdem haben wir den Verdacht, dass er weiß, wo ein Teil von Deweys Raubgut vergraben ist. Ich zahle fünftausend Dollar im Jahr Mitgliedsbeitrag, und das tue ich gern, weil ich dafür auf dem Platz meine Ruhe habe. Die Greens und Abschlagsplätze sind normalerweise in gutem Zustand, die Fairways manchmal ein bisschen holprig, aber das stört niemanden. Wenn wir auf einen manikürten Rasen Wert legten, würden wir einem echten Club beitreten, wobei keiner von uns den Aufnahmetest bestehen würde. Mittwochabends um sieben treffen wir uns zum Dirty Golf, das mit dem offiziellen Golf, wie man es aus dem Fernsehen kennt, nicht viel zu tun hat. Dewey hatte geplant, zunächst den Platz anzulegen, um spielen zu können, und anschließend ein Clubhaus zu bauen, um nach dem Spielen etwas trinken zu können. In Ermangelung eines Clubhauses treffen wir uns in einer umgebauten Traktorgarage, wo Dewey früher Hahnenkämpfe veranstaltete, vielleicht das einzige Verbrechen, für das er nicht angeklagt wurde. Alan wohnt im ersten Stock mit zwei Frauen, von denen keine seine Ehefrau ist, und organisiert das Dirty Golf. Die beiden Mädchen stehen hinter der Bar, hören sich die derben Sprüche an und schäkern mit den Gästen. Dem Ritual gemäß wird die erste Runde Bier – das in Einmachgläsern ausgeschenkt wird – auf Dewey geleert, der von einem schlechten Porträt über der Bar herunterlächelt. Heute sind wir zu elft, das geht gerade noch, denn Old Rico hat zwölf Golfcarts. Während der ersten Runde übernimmt Alan die lästige Pflicht, unter dem Johlen und Lärmen der anderen die Regeln festzulegen, Handicaps zu errechnen und das Geld einzusammeln. Der Einsatz beim Dirty Golf beläuft sich pro Kopf auf zweihundert Dollar, der Sieger bekommt alles. Das ist kein schlechter Deal, wobei ich noch nie gewonnen habe. Natürlich muss man gut spielen, um zu gewinnen, aber hilfreich sind auch ein hohes Handicap und die Fähigkeit, sich beim Schummeln nicht erwischen zu lassen. Die Regeln sind flexibel. Wenn zum Beispiel ein verpatzter Schlag außerhalb vom Fairway landet, ist der Ball trotzdem noch im Spiel, vorausgesetzt, man findet ihn wieder. So etwas wie »Aus« gibt es in Old Rico nicht. Wenn man den Ball findet, darf man ihn spielen. Ein Putt aus weniger als einem Meter Abstand wird immer gewährt, es sei denn, der Gegner hat einen schlechten Tag und beharrt auf strenger Regelauslegung. Jeder Spieler darf von einem anderen verlangen, dass Bälle unter allen Umständen eingelocht werden. Eine Vierergruppe darf sich einigen, dass jeder noch einmal schlagen darf, wenn der erste Abschlag misslungen ist, ohne Strafpunkte zu kassieren. Und wenn alle vier in der richtigen Laune sind, darf jeder einen solchen Mulligan schlagen, einmal bei den ersten sieben Löchern und auf dem Rückweg noch einmal. Natürlich führen die wachsweichen Regeln immer wieder zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten. Da von zehn Golfern nicht einer die echten Regeln kennt, verläuft unser Dirty Golf nie ohne Nörgeln, Meckern, Beschwerden und Drohungen ab. Partner fährt meinen Golfcart. Ich bin hier nicht der Einzige, der einen Leibwächter dabeihat. Da ich allein gekommen bin, werde ich heute Toby Chalk zugeteilt, einem ehemaligen Stadtrat, der im Zusammenhang mit Deweys Absturz vier Monate eingesessen hat. Er fährt seinen Cart selbst. Caddies sind in Old Rico verboten. Nach einer Stunde feuchtfröhlichen Aufwärmens machen wir uns auf den Weg zum Spielen. Es wird dunkel, alle Scheinwerfer sind eingeschaltet, und wir fühlen uns wahrhaft privilegiert, weil wir im Dunkeln Golf spielen dürfen. Wir einigen uns auf einen Gruppenstart. Toby und ich werden zum fünften Abschlag geschickt, und als Alan »Los« ruft, stürmen wir los, mit holpernden Carts und klappernden Schlägern, beschwipste erwachsene Männer mit dicken Zigarren im Mund, die selig in die Nacht hinaus jauchzen. Partner schüttelt lächelnd den Kopf. Durchgeknallte weiße Männer. Teil 3 DIE GUERILLACOPS 1 Folgendes ist passiert: Meine Mandanten, Mr. und Mrs. Douglas Renfro, von allen nur Doug und Kitty genannt, lebten seit dreißig ruhigen und glücklichen Jahren in einer schattigen Straße in einem hübschen Vorort. Die beiden galten als angenehme Nachbarn, engagierten sich in örtlichen Wohltätigkeitsorganisationen und in ihrer Kirchengemeinde und waren stets bereit zu helfen. Sie waren Anfang siebzig, im Ruhestand, hatten Kinder und Enkel, zwei Hunde und eine Timeshare-Ferienwohnung in Florida. Sie hatten keine Schulden und bezahlten ihre Kreditkartenabrechnungen pünktlich am Monatsende. Gesundheitlich war so weit alles in Ordnung, abgesehen davon, dass Doug hin und wieder mit Herzflimmern kämpfte, während Kitty gerade eine Behandlung wegen Brustkrebs hinter sich hatte. Er war vierzehn Jahre beim Militär gewesen und hatte dann bis zu seiner Pensionierung medizintechnische Geräte verkauft. Sie hatte als Sachbearbeiterin in der Schadensregulierung einer Versicherungsgesellschaft gearbeitet. Um nicht untätig herumzusitzen, war sie ehrenamtlich in einem Krankenhaus tätig, während er sich um die Blumenbeete im Garten kümmerte und Tennis auf einem Platz im Stadtpark spielte. Auf Drängen ihrer Kinder und Enkel hatten sich die Renfros nach langem Zögern zwei Laptops gekauft und sich in die digitale Welt gewagt, aber sie waren nicht oft im Internet unterwegs. Das Haus nebenan war im Laufe der Jahre ein Dutzend Mal verkauft worden; die derzeitigen Besitzer waren merkwürdige Leute, die für sich blieben. Sie hatten einen Sohn im Teenageralter, Lance, einen Außenseiter, der sich fast die ganze Zeit in seinem Zimmer einschloss, wo er sich mit Videospielen beschäftigte und Drogen über das Internet verkaufte. Um dabei nicht erwischt zu werden, nutzte er das WLAN der Renfros als Trittbrettfahrer – was sie natürlich nicht wussten. Die beiden konnten gerade einmal ihre Laptops ein- und ausschalten, E-Mails verschicken und empfangen, im Internet einkaufen und den Wetterbericht abrufen. Abgesehen davon hatten sie keine Ahnung, wie »das alles« funktionierte, und es interessierte sie auch recht wenig. Passwörter oder Netzwerksicherheit gab es bei ihnen nicht. Die State Police führte verdeckte Ermittlungen durch, um Internetdrogenhändlern auf die Spur zu kommen, und verfolgte eine IP-Adresse zum Haus der Renfros zurück. Dort kaufte und verkaufte jemand erhebliche Mengen Ecstasy, und so wurde die Entscheidung getroffen, das Objekt von einem SWAT-Team stürmen zu lassen. Die richterlichen Beschlüsse – ein Durchsuchungsbeschluss für das Haus und ein Haftbefehl gegen Doug Renfro – wurden eingeholt, und um drei Uhr morgens in einer ruhigen, sternklaren Nacht stürmte ein Team aus acht Polizisten durch die Dunkelheit und umzingelte das Heim der Renfros. Alle waren in voller Kampfmontur: schusssichere Weste, Tarnanzug, Sturmhelm, Nachtsichtbrille, Funkgerät, Halbautomatikpistole, Sturmgewehr, Knieschützer. Einige hatten Helme auf, ein paar geschwärzte Gesichter, damit sie möglichst gefährlich aussahen. Unerschrocken schlichen sie durch die Blumenbeete der Renfros, den Finger am Abzug, bereit zum Gefecht. Zwei von ihnen hatten Blendgranaten dabei, zwei andere schleppten Rammböcke. Guerillacops. Wie später bekannt wurde, waren die meisten von ihnen für eine solche Aufgabe überhaupt nicht ausgebildet, aber alle waren hellauf begeistert davon, in den Kampf zu ziehen. Mindestens sechs Beamte gaben später zu, Energydrinks mit hohem Koffeingehalt konsumiert zu haben, damit sie zu dieser unchristlichen Stunde wach blieben. Anstatt einfach an der Tür zu klingeln, die Renfros zu wecken und ihnen zu erklären, dass die Polizei mit ihnen reden und das Haus durchsuchen wolle, begannen die Cops die Operation mit einem lauten Knall, indem sie Vorder- und Hintertür gleichzeitig aufbrachen. Später sollten sie lügen und behaupten, laut nach den Bewohnern gerufen zu haben. Doug und Kitty schliefen tief und fest, was um diese Uhrzeit nicht weiter verwunderlich war. Sie hörten nichts, bis die Invasion begann. Was in den nächsten sechzig Sekunden geschah, kam erst nach mehreren Monaten ans Licht. Das erste Opfer war Spike, der gelbe Labrador, der auf dem Küchenboden schlief. Er war zwölf, ziemlich alt für einen Labrador, und schwerhörig. Aber dass kaum einen Meter von ihm entfernt die Tür aufgebrochen wurde, entging ihm natürlich nicht. Er machte den Fehler, aufzuspringen und zu bellen, was ihm drei Kugeln aus einer 9-Millimeter-Pistole einbrachte. Inzwischen kämpfte sich Doug Renfro aus dem Bett und griff nach seiner Waffe, einer Pistole, die er ordnungsgemäß registriert hatte und in der Nachttischschublade aufbewahrte, für den Fall, dass eingebrochen wurde. Außerdem besaß er eine Browning-Flinte Kaliber 12, mit der er zweimal im Jahr auf Gänsejagd ging, aber das Gewehr stand in einem Schrank. Bei dem Versuch, die Stürmung des Hauses zu rechtfertigen, sollte unser dilettantischer Polizeichef später behaupten, der Einsatz des SWAT-Teams sei notwendig gewesen, da sie gewusst hätten, dass Doug Renfro schwer bewaffnet sei. Doug hatte es bis in den Flur geschafft, als er sah, wie mehrere dunkle Gestalten über die Treppe nach oben rannten. Als ehemaliger Soldat wusste er, was zu tun war: Er warf sich zu Boden und begann zu schießen. Das Feuer wurde erwidert. Die Schießerei dauerte nicht lange und endete tödlich. Doug wurde von zwei Kugeln getroffen, in den Unterarm und in die Schulter. Ein Cop namens Keestler bekam eine Kugel in den Hals, vermutlich von Doug. Kitty, die in panischer Angst aus dem Schlafzimmer hinter ihrem Mann hergerannt war, wurde dreimal ins Gesicht und viermal in den Brustkorb getroffen und starb noch an Ort und Stelle. Der zweite Hund der Renfros, ein Schnauzer, der bei ihnen geschlafen hatte, wurde ebenfalls erschossen. Doug Renfro und Keestler wurden in aller Eile ins Krankenhaus gebracht. Kitty schaffte man in das städtische Leichenschauhaus. Die Nachbarn sahen ungläubig zu, wie ihre Straße von blinkenden Signalleuchten erhellt wurde und Rettungswagen mit den Opfern davonrasten. Die Polizisten blieben stundenlang im Haus und sammelten alle möglichen Beweise, einschließlich der beiden Laptops. Innerhalb von zwei Stunden, noch vor Sonnenaufgang, wussten sie, dass über die Computer der Renfros nie Drogen verkauft worden waren. Sie wussten, dass sie einen Fehler gemacht hatten, aber es kam für sie nicht infrage, das zuzugeben. Die Vertuschung begann in dem Moment, in dem der Leiter des SWAT-Teams vor Ort anwesenden Fernsehreportern mit ernstem Gesicht mitteilte, dass die Bewohner des Hauses des Drogenhandels verdächtigt würden und der Hausherr, ein gewisser Doug Renfro, versucht habe, mehrere Beamte zu töten. Als sich Doug ein wenig von der Operation erholt hatte – sechs Stunden nachdem er angeschossen worden war –, erzählte man ihm vom Tod seiner Frau. Er wurde außerdem darüber informiert, dass die Eindringlinge Polizeibeamte gewesen waren. Er konnte es nicht glauben. Er hatte sie für bewaffnete Verbrecher gehalten, die in sein Haus eingebrochen waren. 2 Um 6.45 Uhr am Morgen klingelt mein Handy. Ich starre gerade auf einen schier unmöglichen Stoß über die Bande, um die Neun in einer Ecktasche zu versenken und den Tisch abzuräumen. Seit einer Stunde trinke ich starken Kaffee, trotzdem gehen zu viele Kugeln daneben. Ich schnappe mir das Telefon, werfe einen Blick auf die Anruferkennung und sage: »Guten Morgen.« »Bist du wach?«, fragt Partner. »Rate mal.« Ich bin schon seit Jahren nicht mehr um 6.45 Uhr im Bett gewesen. Partner auch nicht. »Du solltest dir vielleicht mal die Nachrichten ansehen.« »Was ist passiert?« »Es sieht ganz danach aus, als hätten unsere Spielzeugsoldaten mal wieder eine Hausdurchsuchung verpfuscht. Es hat Tote gegeben.« »Scheiße!«, rufe ich und greife nach der Fernbedienung. »Bis später.« In eine Ecke meines Wohnzimmers habe ich ein kleines Sofa und einen Sessel gequetscht. Davor hängt ein HD-Breitbildfernseher an der Wand. Ich lasse mich in den Sessel fallen, als die erste Szene über den Bildschirm flimmert. Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen, aber das Licht reicht, um das Chaos sichtbar zu machen. Im Vorgarten der Renfros wimmelt es von Cops und Rettungspersonal. Hinter dem nach Luft ringenden, stammelnden Reporter blinken Signalleuchten. Von der anderen Straßenseite starren Nachbarn in Morgenmänteln herüber. Überall ist gelbes Polizeiabsperrband gezogen, kreuz und quer. Es sieht aus wie ein Tatort, aber ich werde sofort misstrauisch. Wer sind hier die Verbrecher? Ich rufe Partner an, sage ihm, dass er ins Krankenhaus fahren soll, und fange an herumzuschnüffeln. In der Einfahrt der Renfros parkt ein Panzer mit einem 8-Zoll-Rohr, dicken Gummireifen anstelle von Ketten, Tarnlackierung und einem offenen Geschützturm, in dem ein Polizist sitzt, das Gesicht hinter einer schwarzen Sonnenbrille verborgen, den Ausdruck höchster Kampfbereitschaft im Gesicht. Die Polizei unserer Stadt besitzt nur einen Panzer, auf den sie aber mächtig stolz ist. Er wird so oft wie möglich eingesetzt. Ich kenne diesen Panzer; ich habe schon mehr als einmal mit ihm zu tun gehabt. Vor einigen Jahren, nicht lange nach den Anschlägen vom 11. September, ist es unserer Polizei gelungen, dem Heimatschutz ein paar Millionen Dollar aus den Rippen zu leiern, damit sie ihre Leute bewaffnen und beim landesweiten Antiterrorkampf mitmachen konnte, was damals geradezu Pflicht war. Es war völlig egal, dass unsere Stadt weit von den größeren Ballungsgebieten entfernt ist, dass es hier noch nie auch nur den kleinsten Hinweis auf einen Dschihadisten gegeben hat und dass die Cops bereits jede Menge Waffen und Ninja-Spielzeug besaßen. Das alles war nebensächlich, schließlich mussten wir kampfbereit sein! Daher besorgten sich unsere Polizisten bei dem auf die Anschläge folgenden Wettrüsten über irgendwelche Kanäle einen brandneuen Panzer. Und als sie mit dem Ding fahren konnten, musste es natürlich auch benutzt werden. Das erste Opfer war ein etwas schlicht gestrickter alter Mann namens Sonny Werth, der am Stadtrand lebte, in einem Viertel, um das Immobilienmakler für gewöhnlich einen großen Bogen machen. Um zwei Uhr nachts lagen Sonny, seine Freundin und zwei ihrer Kinder in den Betten und schliefen, als das Haus von einer Explosion erschüttert wurde. Eigentlich war es kein richtiges Haus, aber darauf kommt es nicht an. Die Wände erzitterten, ein ohrenbetäubend lautes Donnern ertönte, und Sonnys erster Gedanke war, dass ein Tornado über das Haus hinweggezogen war. Doch es waren nur ein paar Polizisten. Später sollten sie behaupten, sie hätten an die Tür geklopft und auch geklingelt, aber niemand im Haus hatte etwas gehört, bis der Panzer durch das Fenster auf der Vorderseite pflügte und erst im Wohnzimmer zum Stehen kam. Ein kleiner Spanielmischling versuchte, durch das in der Wand klaffende Loch zu entkommen, wurde aber von einem der tapferen Krieger über den Haufen geschossen. Zum Glück gab es keine weiteren Opfer, allerdings verbrachte Sonny wegen Schmerzen in der Brust zwei Nächte im Krankenhaus. Danach saß er eine Woche im Gefängnis, bis er Kaution stellen konnte. Seine Verbrechen: Buchmacherei und Glücksspiel. Die Cops und Staatsanwälte behaupteten, Sonny sei Teil eines Glücksspielrings, also ein Mitverschwörer und Mitglied des organisierten Verbrechens und so weiter. Im Namen Sonnys habe ich die Stadtverwaltung wegen »übermäßiger Gewaltanwendung« verklagt und eine Million Dollar erstritten. Wovon übrigens nicht einmal ein Cent aus den Taschen der Polizisten kam, die die Razzia geplant hatten. Bezahlt hat wie immer der Steuerzahler. Das Strafverfahren gegen Sonny wurde später eingestellt, daher war die Razzia eine reine Verschwendung von Zeit, Geld und Energie. Während ich meinen Kaffee trinke und mir alles ansehe, denke ich, die Renfros hatten Glück, dass der Panzer nicht zum Einsatz gekommen ist und das Haus zertrümmert hat. Aus Gründen, die wir nie erfahren werden, traf jemand die Entscheidung, das Fahrzeug in die Einfahrt zu stellen, nur für den Fall. Wenn die acht Polizisten nicht gereicht hätten, wenn es den Renfros irgendwie gelungen wäre, einen Gegenangriff zu starten, wäre der Panzer losgerollt, um das Wohnzimmer in Schutt und Asche zu legen. Die Kamera zoomt auf zwei Cops, die neben dem Panzer stehen und mit Sturmgewehren ausgerüstet sind. Jeder von ihnen wiegt über hundertfünfzig Kilo. Einer hat einen grüngrauen Tarnanzug an, als wäre er gerade auf Rotwildjagd im Wald. Der andere trägt eine Uniform mit einem braunbeigen Tarnmuster, als würde er Rebellen in der Wüste verfolgen. Die beiden Clowns stehen in einem Wohngebiet in der Einfahrt eines Hauses, das etwa fünfzehn Minuten vom Zentrum entfernt ist, in einer Stadt mit einer hervorragenden Infrastruktur und einer Million Einwohnern – und tragen Tarnanzüge. Das Tragische und Beängstigende daran ist, dass die Jungs keinen blassen Schimmer davon haben, wie bescheuert sie aussehen. Stattdessen sind sie auch noch stolz darauf. Und sie sind arrogant. Die ganze Welt soll sehen, dass sie harte Kerle sind, die gegen die Bösen kämpfen. Einen ihrer Kampfgefährten hat es erwischt, er wurde in Ausübung seiner Pflicht verwundet, und deshalb sind die beiden jetzt stocksauer. Sie werfen den Nachbarn auf der anderen Straßenseite finstere Blicke zu. Ein falsches Wort, und sie fangen vielleicht an, um sich zu schießen. Sie haben den Finger am Abzug. Als auf das Wetter umgeschaltet wird, gehe ich unter die Dusche. Um acht holt mich Partner ab, und wir fahren ins Krankenhaus. Doug Renfro wird noch operiert. Officer Keestlers Verletzungen sind nicht lebensbedrohlich. Es wimmelt nur so von Polizisten. In einem überfüllten Warteraum deutet Partner auf eine kleine Gruppe fassungsloser Menschen, die eng beieinandersitzen und sich an den Händen halten. Nicht zum ersten Mal stelle ich mir die naheliegende Frage, warum die Cops nicht zu einer weniger nachtschlafenden Zeit an der Tür geklingelt und mit Mr. Renfro geredet haben. Zwei Polizisten in Zivil, vielleicht auch nur einer in Uniform. Warum nicht? Die Antwort ist ganz einfach: Die Typen glauben, sie gehören zu einer Elitetruppe, außerdem brauchen sie den Nervenkitzel. Und deshalb stehen wir jetzt wieder einmal in einem Krankenhaus und beklagen die Opfer. Thomas Renfro ist um die vierzig. Partner zufolge ist er Optiker und arbeitet in einem der Vororte. Seine beiden Schwestern wohnen nicht in der Nähe und haben es noch nicht ins Krankenhaus geschafft. Ich schlucke schwer und gehe zu ihm hinüber. Er will mich wegscheuchen, aber ich wiederhole ein paar Mal, dass wir unbedingt reden müssten. Schließlich entfernt er sich ein paar Schritte von der Gruppe, und wir suchen uns eine ruhige Ecke. Der arme Kerl wartet auf seine Schwestern, damit sie zusammen ins Leichenschauhaus fahren und anfangen können, die Beerdigung ihrer toten Mutter zu organisieren, während der Vater immer noch im Operationssaal liegt. Ich entschuldige mich dafür, dass ich mich so aufdränge, habe aber seine Aufmerksamkeit, als ich erkläre, dass ich diese Cops bereits von ähnlichen Vorfällen her kenne. Er wischt sich die Tränen aus den geröteten Augen und sagt: »Ich glaube, ich habe Sie schon einmal gesehen.« »Vermutlich in den Fernsehnachrichten. Ich übernehme manchmal ziemlich verrückte Fälle.« Er zögert. »Was für eine Art von Fall ist das hier?« »Mr. Renfro, ich erkläre Ihnen jetzt, was passieren wird. Ihr Vater wird so schnell nicht wieder nach Hause kommen. Wenn die Ärzte mit ihm fertig sind, wird er ins Gefängnis gebracht. Dann wird er des versuchten Mordes an einem Polizeibeamten angeklagt. Dafür kann es bis zu zwanzig Jahre geben. Die Kaution wird sich in der Größenordnung von einer Million Dollar bewegen, irgendeine unverschämt hohe Summe, die er nicht aufbringen kann, weil der Staatsanwalt sein Vermögen einfrieren wird. Das Haus, Bankkonten, alles. Er wird nicht einen Cent beschaffen können, weil sie die Anklage in solchen Fällen immer auf diese Art manipulieren.« Als hätte der arme Kerl in den letzten fünf Stunden nicht schon genug Mist gehört … Er schließt die Augen und schüttelt den Kopf, aber er hört mir zu. Ich spreche weiter: »Ich erzähle Ihnen das alles, weil eine Zivilklage möglichst sofort eingereicht werden sollte. Morgen, wenn es geht. Widerrechtliche Tötung Ihrer Mutter, tätlicher Angriff auf Ihren Vater, übermäßige Gewaltanwendung, polizeiliche Unfähigkeit, Rechtsverletzung und so weiter. Ich werde der Polizei alles Mögliche an den Kopf werfen. Und ich mache das nicht zum ersten Mal. Wenn wir den richtigen Richter bekommen, haben wir Zugang zu den internen Akten. Die Polizei ist mit Sicherheit schon dabei, ihre Fehler zu vertuschen, und sie ist sehr gut darin.« Er verliert die Fassung, bekommt sich dann aber wieder einigermaßen unter Kontrolle. »Das ist einfach zu viel«, sagt er schließlich. Ich gebe ihm meine Visitenkarte. »Das verstehe ich. Rufen Sie mich an, sobald Sie können. Ich kämpfe die ganze Zeit gegen diese Mistkerle und kenne sämtliche Fallstricke.« »Danke«, bringt er mühsam heraus. 3 Später am Nachmittag bekommt Lance, der Teenager im Haus neben den Renfros, Besuch von der Polizei. Nur drei Cops, noch dazu in Zivil, nähern sich unerschrocken dem Gebäude, ohne Sturmgewehre oder schusssichere Westen. Nicht einmal den Panzer haben sie mitgebracht. Es geht alles glatt; niemand wird erschossen. Lance ist neunzehn, arbeitslos, ständig allein zu Hause und ein echter Loser, dessen Welt sich drastisch verändern wird. Die Beamten können einen Durchsuchungsbeschluss vorweisen. Nachdem sie seinen Laptop und sein Mobiltelefon beschlagnahmt haben, beginnt Lance zu reden. Als seine Mutter nach Hause kommt, sitzt er im Wohnzimmer und ist gerade dabei, ein volles Geständnis abzulegen. Er surfe seit einem Jahr im WLAN der Renfros mit. Er handle im Darknet, auf einer Website namens Millie’s Market, wo er jede beliebige Droge in jeder beliebigen Menge kaufen könne, egal, ob verschreibungspflichtig oder illegal. Er verticke nur Ecstasy, weil es problemlos zu beschaffen und seine jugendliche Kundschaft ganz wild darauf sei. Er wickle seine Geschäfte in Bitcoins ab, aktueller Umsatz geschätzte sechzigtausend Dollar. Die Details sprudeln nur so aus ihm heraus, und nach einer Stunde wird er in Handschellen abgeführt. Um siebzehn Uhr, etwa vierzehn Stunden nach der Razzia, kennt die Polizei also die Wahrheit. Aber die Vertuschungsaktion ist bereits in vollem Gang. Hier und da lassen die Cops ein paar Lügen durchsickern, und als ich am nächsten Morgen online den Chronicle lese, springen mir die Schlagzeilen der Titelseite ins Auge. Es gibt Fotos von Douglas und Katherine Renfro – sie inzwischen verstorben – sowie Officer Keestler. Er wirkt wie ein Held; die Renfros wirken wie Verbrecher. Doug wird verdächtigt, Mitglied eines Internet-Drogenhändlerrings zu sein. Wie furchtbar, sagt ein Nachbar. Er habe ja keine Ahnung gehabt. So nette Leute. Kitty ist ins Kreuzfeuer geraten, als ihr Mann auf die friedliebenden Vertreter des Gesetzes schoss. Sie wird nächste Woche beerdigt werden. Officer Keestler wird voraussichtlich überleben. Kein Wort über Lance. Zwei Stunden später treffe ich mich mit Nate Spurio im Bagel-Café eines kleinen Einkaufszentrums nördlich der Stadt. Wir dürfen uns nicht zusammen in der Öffentlichkeit sehen lassen oder zumindest nicht von jemandem erkannt werden, der vielleicht Polizist ist oder einen Polizisten kennt, daher wechseln wir bei unseren geheimen Treffen zwischen »A«, »B«, »C« und »D« ab. »A« steht für ein Arby’s in einem der Vororte, »B« für einen von zwei Bagel-Läden, »C« für Catfish Cave, ein grauenhaft schlechtes Restaurant zehn Kilometer östlich der Stadt. »D« ist ein Donut-Shop. Wenn wir reden müssen, entscheiden wir uns für einen Buchstaben aus unserem kleinen Alphabet-Spiel und vereinbaren eine Zeit. Spurio arbeitet seit dreißig Jahren bei der Polizei und ist ein echter, ehrlicher Cop, der sich an die Vorschriften hält und fast alle seine Kollegen hasst. Wir kennen uns, seit ich als zwanzigjähriger Student einmal zu viel getrunken hatte und vor der Bar von ein paar Polizisten zusammengeschlagen wurde. Nate Spurio war einer von ihnen gewesen. Er sagte, ich hätte ihn beschimpft und gestoßen, und nachdem ich in einer Gefängniszelle wieder aufgewacht war, kam er vorbei, um nach mir zu sehen. Ich entschuldigte mich. Er akzeptierte meine Entschuldigung und sorgte dafür, dass die Anklage fallen gelassen wurde. Mein gebrochener Kiefer war bald verheilt, und der Cop, der mich ins Gesicht geschlagen hatte, wurde später entlassen. Der Vorfall war für mich der Grund gewesen, Jura zu studieren. Da Spurio sich immer geweigert hat, bei den für eine Beförderung notwendigen Intrigen mitzumachen, ist er auch nach Jahren noch dort, wo er einmal angefangen hat. Für gewöhnlich drückt er sich an seinem Schreibtisch herum, heftet Papier in Ordner ab und zählt die Tage bis zu seiner Pensionierung. Aber es gibt ein Netzwerk aus Polizeibeamten, die von ihren Vorgesetzten kaltgestellt wurden, und Spurio verbringt eine Menge Zeit damit, sämtliche umlaufenden Gerüchte in Erfahrung zu bringen. Er ist kein Spitzel, sondern einfach ein ehrlicher Cop, dem es gewaltig stinkt, was aus der Polizei geworden ist. Partner bleibt im Van auf dem Parkplatz und passt auf, falls andere Cops vorbeikommen und einen Bagel kaufen wollen. Wir drücken uns in eine Ecke und behalten die Tür im Auge. »Junge, Junge, das ist eine große Sache«, sagt er. »Na, dann legen Sie mal los.« Er fängt mit Lance’ Verhaftung an, der Beschlagnahmung von dessen Computer, dem eindeutigen Beweis dafür, dass der Junge ein kleiner Dealer ist, und dem ausführlichen Geständnis, dass er auf dem Router der Renfros mitgesurft ist. Deren Computer wiederum sind blitzsauber, trotzdem wird Doug übermorgen angeklagt werden. Keestler wird kein Fehlverhalten vorgeworfen werden. Alles wird vertuscht, wie immer. »Wer war es?«, frage ich. Er gibt mir ein zusammengefaltetes Blatt Papier. »Acht. Alle von uns. Keiner von der State Police, keiner vom FBI.« Wenn es nach mir geht, werden sie als Beschuldigte in einer Klage genannt werden, mit der ich Schadensersatz in Höhe von, oh, ich weiß nicht, vielleicht fünfzig Millionen Dollar verlange. »Wer hatte die Leitung?« »Raten Sie.« »Sumerall?« »Richtig. Wir wussten es schon, als wir die Nachrichten gesehen haben. Wieder einmal führt Lieutenant Chip Sumerall seine furchtlosen Truppen in ein friedliches Heim, in dem alle schlafen, und schnappt sich seinen Mann. Werden Sie sie verklagen?« »Ich habe den Fall noch nicht, aber ich bin dran«, erwidere ich. »Ich dachte, Sie sind der Beste, wenn es darum geht, Mandate für Schadensersatzklagen zu kriegen.« »Nur die, die ich haben will. Und diesen Fall werde ich mit Sicherheit bekommen.« Spurio kaut auf seinem Zwiebel-Bagel herum und spült ihn mit einem Schluck Kaffee hinunter. »Die Jungs sind völlig außer Kontrolle geraten, Rudd. Sie müssen sie aufhalten.« »Keine Chance. Ich kann sie nicht aufhalten. Ich kann sie vielleicht ab und zu mal in Verlegenheit bringen und der Stadtverwaltung ein bisschen Geld aus den Rippen leiern. Aber was diese Typen machen, passiert überall. Wir leben in einem Polizeistaat, und alle stehen auf der Seite der Cops.« »Und Sie sind die letzte Abwehrlinie?« »Genau.« »Dann helfe uns Gott.« »Sie sagen es. Danke, dass Sie sich umgehört haben. Ich melde mich.« »Keine Ursache.« 4 Doug Renfro geht es körperlich und psychisch so schlecht, dass er nicht mit mir reden kann, und da ein Treffen in seinem Krankenzimmer stattfinden müsste, wäre es sowieso keine gute Idee. Die einzige Tür wird rund um die Uhr von den Cops bewacht, als würde er in der Todeszelle sitzen. Daher treffe ich mich mit Thomas Renfro und seinen beiden Schwestern in einem Café in der Nähe des Krankenhauses. Die drei erleben gerade einen Albtraum, sie sind erschöpft, fassungslos, wütend, gramgebeugt und suchen verzweifelt nach Rat. Sie ignorieren die Kaffeetassen und überlassen das Reden erst einmal mir. In wenigen Worten erkläre ich ihnen, wer ich bin, was ich tue, wo ich herkomme und wie ich meine Mandanten schütze. Ich sage ihnen, dass ich kein typischer Anwalt sei. Ich hätte kein schickes Büro mit Mahagonimöbeln und Ledersofas. Ich gehörte keiner Großkanzlei an, renommiert oder nicht. Ich vollbrächte keine guten Taten über die Anwaltskammer. Ich sei ein einsamer Revolverheld, ein Einzelgänger, der gegen das System kämpfe und Ungerechtigkeit hasse. Ich sei hier, weil ich wisse, was mit ihrem Vater geschehen werde. Und mit ihnen. Fiona, die ältere Schwester, sagt: »Aber sie haben unsere Mutter ermordet!« »Das haben sie, doch es wird niemand des Mordes an ihr angeklagt werden. Die Polizei wird Ermittlungen anstellen, Gutachter hinzuziehen und so weiter, und irgendwann werden alle zu dem Schluss kommen, dass sie ins Kreuzfeuer geraten ist. Sie werden Ihren Vater vor Gericht stellen und ihm die Schuld daran geben, weil er mit der Schießerei angefangen hat.« »Mr. Rudd, wir haben mit unserem Vater gesprochen«, meinte Susanna, die jüngere Schwester. »Die beiden haben tief und fest geschlafen, als es irgendwo im Haus gekracht hat. Er dachte, dass jemand einbricht. Er hat seine Waffe genommen und ist in den Flur gerannt. Als er ein paar Gestalten in der Dunkelheit sah, hat er sich auf den Boden geworfen. Jemand hat einen Schuss abgegeben, dann hat er angefangen, das Feuer zu erwidern. Er sagt, er weiß noch, dass Mom geschrien hat und in den Flur gelaufen ist, um nach ihm zu sehen.« »Er hat Glück, dass er noch am Leben ist«, erwidere ich. »Die beiden Hunde haben sie erschossen.« »Was war das für eine Schlägertruppe?«, fragt Thomas hilflos. »Polizisten. Die Guten.« Ich erzähle ihnen von meinem Mandanten Sonny Werth, in dessen Wohnzimmer ein Panzer geparkt hat, und von dem Prozess, den wir gewonnen haben. Ich erkläre, dass eine Zivilklage zum jetzigen Zeitpunkt die einzige Möglichkeit für sie sei. Ihren Vater werde man anklagen und strafrechtlich verfolgen, aber wenn die Wahrheit erst einmal ans Licht gekommen sei – und ich verspreche ihnen, dass wir alles aufdecken werden –, werde die Stadtverwaltung so unter Druck stehen, dass sie einen Vergleich anstreben werde. Ihr Ziel sei es, ihren Vater vor dem Gefängnis zu bewahren. Gerechtigkeit für das, was ihrer Mutter widerfahren sei, könnten sie vergessen. Eine Zivilklage – natürlich nur eine, die vom richtigen Anwalt vorgebracht werde – garantiere einen besseren Informationsfluss. Die Vertuschungsaktion sei bereits angelaufen, sage ich mehr als einmal. Sie bemühen sich, mir zuzuhören, aber das ist nicht ihre Welt. Kann man es ihnen verdenken? Das Treffen endet damit, dass beide Frauen in Tränen aufgelöst sind und Thomas kein Wort mehr herausbringt. Ich lasse sie erst einmal in Ruhe. 5 Ich wurde nicht eingeladen, aber da der Gottesdienst für Katherine Renfro öffentlich ist, betrete ich die große Methodistenkirche wenige Minuten vor seinem Beginn. Im Inneren halte ich nach der Treppe Ausschau, gehe nach oben auf die Galerie und setze mich ins Halbdunkel. Hier oben ist sonst niemand, doch der Rest des Gotteshauses ist bis auf den letzten Platz besetzt. Ich starre auf die Menschen unter mir: alle weiß, alle Mittelklasse, alle fassungslos darüber, dass ihre Freundin im Schlafanzug von sieben Polizeikugeln getroffen wurde. Fanden solche sinnlosen Tragödien nicht immer in anderen Teilen der Stadt statt? Diese Leute sind durch und durch rechtschaffene Bürger. Sie wählen rechts und fordern strenge Gesetze. Falls sie überhaupt an SWAT-Teams denken, kommt ihnen nur in den Sinn, dass man sie braucht, um Terror und Drogen an anderen Orten zu bekämpfen. Wie konnte einer von ihnen so etwas widerfahren? Doug Renfro ist nicht anwesend. Der gestrigen Ausgabe des Chronicle zufolge wurde er gerade angeklagt. Er liege noch im Krankenhaus, erhole sich aber langsam. Er habe Ärzte und Polizei angefleht, ihn auf die Beerdigung seiner Frau gehen zu lassen. Die Ärzte sagten, kein Problem; die Polizei sagte, auf keinen Fall. Er sei eine Gefahr für die Gesellschaft. Eine grausame Fußnote dieser Tragödie ist, dass Doug für den Rest seines Lebens der Verdacht anhängen wird, irgendwie in Drogenhandel verwickelt gewesen zu sein. Die meisten seiner Freunde werden ihm und seinen Beteuerungen glauben, aber einige werden Zweifel haben. Was hat der alte Doug da wirklich getrieben? Irgendetwas muss er ja verbrochen haben, sonst wäre er nicht ins Visier unserer tapferen Polizei geraten. Ich lasse den Gottesdienst über mich ergehen, so wie alle anderen. In der Luft liegt eine Mischung aus Verwirrung und Wut. Der Pastor spricht tröstliche Worte, doch manchmal ist ihm anzumerken, dass auch er nicht weiß, was geschehen ist. Er versucht, so etwas wie einen Sinn darin zu sehen, was ihm natürlich nicht gelingt. Als er langsam zum Ende kommt und das Schluchzen immer lauter wird, schleiche ich mich die Treppe hinunter und verschwinde durch einen Nebeneingang. Zwei Stunden später klingelt mein Telefon. Am anderen Ende ist Doug Renfro. 6 Anwälte wie ich sind gezwungen, im Verborgenen zu arbeiten. Meine Gegner sind durch Dienstausweise, Uniformen und die zahllosen Insignien der staatlichen Gewalt geschützt. Sie sind kraft ihres Amtes dazu verpflichtet, die Gesetze zu achten, aber da sie lügen und betrügen, muss ich noch mehr lügen und betrügen. Ich habe ein Netzwerk aus Kontakten und Quellen. Als »Freunde« kann ich diese Leute nicht bezeichnen, denn eine Freundschaft ist auch eine Verpflichtung. Nate Spurio ist einer dieser Informanten, ein ehrlicher Cop, der keinen Cent für Insiderwissen nehmen würde. Ich habe ihm Geld angeboten, er will es nicht. Ein anderer ist Reporter beim Chronicle, und wenn es gerade passt, tauschen wir Gerüchte aus. Dafür gibt es kein Bares. Einer meiner Lieblinge ist Okie Schwin. Okie nimmt immer ein paar Scheine. Okie ist ein Bürohengst im mittleren Dienst in der Geschäftsstelle des Bundesgerichts der Stadt. Er hasst seinen Job, verabscheut seine Kollegen und sucht stets nach Mitteln und Wegen, um sich etwas dazuzuverdienen. Außerdem ist er geschieden, trinkt zu viel und ist ständig dabei, die Grenzen für sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz auszutesten. Okie ist deshalb so nützlich für mich, weil er die Zufallszuweisung von Fällen am Gericht manipulieren kann. Wenn eine Zivilklage eingereicht wird, dann wird sie angeblich nach dem Zufallsprinzip einem unserer sechs Bundesrichter zugewiesen. Diese Aufgabe übernimmt ein Computer, was auch reibungslos zu funktionieren scheint. Es gibt immer einen Richter, der einem lieber gewesen wäre, abhängig von der Art des Falls und vielleicht auch den Erfahrungen, die man in den verschiedenen Gerichtssälen gemacht hat, aber wen kümmert das schon, wenn alles nach dem Zufallsprinzip abläuft. Okie allerdings weiß, wie man die Software manipuliert und den Richter bekommt, den man haben will. Das lässt er sich fürstlich bezahlen, und irgendwann wird man ihn dabei erwischen, obwohl er mir immer versichert, dass ihm nie jemand auf die Schliche kommen werde. Wenn die Sache auffliegt, wird er gefeuert und vielleicht verklagt, aber das scheint ihn nicht weiter zu kümmern. Auf seinen Vorschlag hin treffen wir uns in einem schmierigen Striplokal weit außerhalb der Stadt. Die Zuschauer sind ausschließlich Arbeiter. Wie die Stripperinnen aussehen, verschweige ich besser. Ich wende der Bühne den Rücken zu, damit ich nicht hinschauen muss. Nur geringfügig leiser als das begeisterte Brüllen der Männer um mich herum sage ich: »Ich werde morgen Klage einreichen. Renfro, die neueste Glanzleistung unseres SWAT-Teams.« Okie lacht. »Was für eine Überraschung«, meint er dann. »Lassen Sie mich raten: Sie glauben, der Gerechtigkeit wird am ehesten Genüge getan, wenn der Ehrenwerte Arnie Samson den Vorsitz übernimmt.« »Genau.« »Er ist hundertzehn Jahre alt, halb tot und arbeitet nur noch Teilzeit. Und er hat gesagt, dass er keine Fälle mehr übernimmt. Warum können wir Leute wie ihn nicht zwingen, in den Ruhestand zu gehen?« »Diesbezüglich empfehle ich einen Blick in die Verfassung. Diesen Fall wird er übernehmen. Die Standardgebühr?« »Ja. Und wenn er Nein sagt und den Fall an einen anderen Richter abgibt?« »Das Risiko muss ich eingehen.« Ich gebe Okie einen Umschlag mit dreitausend Dollar in bar. Seine Standardgebühr. Schnell steckt er das Geld in die Tasche, ohne sich auch nur zu bedanken. Dann wendet er seine Aufmerksamkeit den Mädchen zu. 7 Um neun Uhr am nächsten Morgen betrete ich die Geschäftsstelle und verklage die Stadtverwaltung, die Polizei, den Polizeichef und die acht Mitglieder des SWAT-Teams, die vor sechs Tagen das Haus der Renfros gestürmt haben, auf fünfzig Millionen Dollar Schadensersatz. Irgendwo in den unergründlichen Tiefen der Geschäftsstelle wirkt Okie sein Wunder, und der Fall wird »per Zufallsprinzip und automatisiert« Richter Arnold Samson zugewiesen. Ich schicke eine Kopie der Klage per E-Mail an meinen Kontakt beim Chronicle. Außerdem beantrage ich eine einstweilige Verfügung, um zu verhindern, dass der Staatsanwalt Doug Renfros Vermögen einfriert. Das ist eine beliebte Taktik, mit der Angeklagte in Strafprozessen schikaniert werden. Die Idee war ursprünglich, Vermögen zu blockieren, das durch kriminelle Machenschaften des Angeklagten zusammengetragen wurde, vor allem durch Drogenhandel. Man wollte illegal erworbenes Geld beschlagnahmen und den Kartellen dadurch das Leben schwer machen. Doch wie bei vielen Gesetzen dauerte es nicht lange, bis die Staatsanwaltschaft kreativ wurde und den Geltungsbereich ausweitete. In Dougs Fall wollten die Vertreter der Anklage allen Ernstes argumentieren, dass sein Vermögen – Haus, Autos, Bank- und Ruhestandskonten – zumindest teilweise aus schmutzigem Geld bestehe, das er durch den Handel mit Ecstasy verdient habe. Wie bitte? In der Eilanhörung zum Antrag auf einstweilige Verfügung rudert der Staatsanwalt zurück und sucht nach einem Ausweg. Richter Samson, so resolut wie eh und je, schimpft ihn gehörig aus und droht sogar mit einer Strafe wegen Missachtung des Gerichts. Runde 1 gewinnen wir. Runde 2 ist die Kautionsanhörung vor dem Gericht, an dem die Mordanklage anhängig ist. Da sein Vermögen nicht beschlagnahmt worden ist, kann ich argumentieren, dass nicht das geringste Fluchtrisiko besteht und Doug Renfro jedes Mal, wenn dies notwendig sein sollte, vor Gericht erscheinen wird. Sein Haus ist vierhunderttausend Dollar wert und nicht mit einer Hypothek belastet. Ich biete es als Sicherheit für die Kaution an. Zu meiner Überraschung ist der Richter einverstanden, und ich verlasse mit meinem Mandanten zusammen den Gerichtssaal. Runde 2 gewinnen wir auch, aber der schwierige Teil kommt erst noch. Acht Tage nachdem er angeschossen wurde und seine Frau und seine beiden Hunde verloren hat, kehrt Doug Renfro nach Hause zurück, wo ihn seine drei Kinder, sieben Enkel und einige Freunde erwarten. Die Stimmung wird gedrückt sein. Die Familie ist so nett und bittet mich dazu, aber ich lehne ab. Ich kämpfe mit allen Mitteln für meine Mandanten und würde fast alle Gesetze brechen, um sie zu schützen, aber ich lasse sie nie zu nah an mich heran. 8 Um zehn Uhr an einem perfekten Samstagmorgen sitze ich auf einer Bank auf einem Spielplatz und warte. Er liegt nur ein paar Häuserblocks von meiner Wohnung entfernt und ist unser üblicher Treffpunkt. Auf dem Gehsteig kommt mir eine schöne Frau mit einem siebenjährigen Jungen entgegen. Er ist mein Sohn. Sie ist meine Exfrau. Laut Gerichtsurteil darf ich ihn einmal im Monat für sechsunddreißig Stunden sehen. Wenn er älter ist, werde ich das Recht auf längere Besuche haben, aber zurzeit muss ich mich an die eingeschränkte Regelung halten. Dafür gibt es Gründe, über die ich jetzt lieber nicht sprechen möchte. Starcher lächelt nicht, als die beiden die Bank erreichen. Ich stehe auf und gebe Judith einen Kuss auf die Wange, was ich nicht ihretwegen, sondern eher des Jungen wegen tue. Sie zieht es vor, mich nicht zu berühren. »Hallo, Buddy«, begrüße ich ihn, während ich ihm durch die Haare fahre. »Hallo«, sagt er. Dann schlurft er zu den Spielgeräten und lässt sich auf das Brett einer Schaukel fallen. Judith setzt sich neben mich auf die Bank, und wir sehen zu, wie er sich mit den Füßen abstößt und zu schwingen beginnt. »Wie geht’s ihm?«, frage ich. »Gut. Seine Lehrer sind sehr zufrieden mit ihm.« Lange Pause. »Wie ich gehört habe, hast du mal wieder viel zu tun.« »Stimmt. Und du?« »Die übliche Tretmühle.« »Wie geht es Ava?« Ich frage nach ihrer Partnerin. »Bestens. Was hast du für heute geplant?« Judith lässt unseren Sohn nur ungern bei mir. Mir ist es wieder einmal gelungen, der Polizei auf den Schlips zu treten, und das beunruhigt sie. Mich auch, aber das würde ich nie zugeben. »Wahrscheinlich erst mal was essen. Und für den Nachmittag ein Fußballspiel an der Uni«, erwidere ich. Ein Fußballspiel hält sie für hinreichend sicher. »Falls es dir nichts ausmacht, wäre es mir am liebsten, wenn du ihn heute Abend zurückbringst«, sagt sie. »Ich habe ihn einmal im Monat für sechsunddreißig Stunden, und das soll zu viel sein?« »Nein, Sebastian, es ist nicht zu viel. Ich mache mir nur Sorgen, das ist alles.« Die Zeiten, in denen wir uns pausenlos gestritten haben, sind vorbei. Jedenfalls hoffe ich das. Man nehme zwei Rechtsanwälte mit spitzen Ellbogen und noch spitzeren Zungen, gebe ihnen eine ungewollte Schwangerschaft und eine hässliche Scheidung mit gewaltigem Nachbeben, und schon hat man zwei Leute, die ernsthaften Schaden anrichten können. Die Narben haben wir immer noch, daher streiten wir nicht. Jedenfalls nicht oft. »In Ordnung«, gebe ich nach. Ehrlich gesagt ist meine Wohnung alles andere als gemütlich, und Starcher bleibt nicht so gern dort, jetzt jedenfalls noch nicht. Er ist zu klein, um eine Partie Billard auf meinem antiken Tisch zu spielen, und ich habe keine Videospiele. Vielleicht, wenn er älter ist. Er wächst bei zwei Frauen auf, die ausflippen, wenn er in der Schule von einem anderen Kind geschubst wird. Ich bin mir nicht sicher, ob ich ihn abhärten kann, indem ich einmal im Monat in seinem Leben auftauche, aber ich gebe mir Mühe. Vermutlich wird er es später einmal satt haben, bei zwei überspannten, anstrengenden Frauen zu leben, und mehr Zeit mit seinem alten Herrn verbringen wollen. Bis dahin muss ich es irgendwie schaffen, so wichtig in seinem Leben zu bleiben, dass ich ihm eine Alternative bieten kann. »Wann sollen wir uns treffen?«, fragt sie. »Egal.« »Ich bin um achtzehn Uhr wieder hier.« Sie steht auf und geht. Starcher, der mit dem Rücken zu uns auf der Schaukel sitzt, bekommt es nicht mit. Es ist mir nicht entgangen, dass Judith sich nicht die Mühe gemacht hat, eine Reisetasche für den Jungen mitzubringen. Sie hatte nie die Absicht, ihn bei mir übernachten zu lassen. Meine Wohnung liegt im vierundzwanzigsten Stock, weil ich mich so weit oben sicherer fühle. Aus verschiedenen Gründen bekomme ich regelmäßig Morddrohungen, und diesbezüglich bin ich immer ehrlich zu Judith gewesen. Sie hat nicht ganz unrecht damit, wenn sie den Jungen lieber bei sich zu Hause haben will, wo es vermutlich ruhiger zugeht. Vermutlich, aber sicher bin ich mir nicht. Erst letzten Monat hat Starcher mir erzählt, dass seine »zwei Mütter« sich die ganze Zeit anschreien. Zum Mittagessen gehen wir in meine Lieblingspizzeria, ein Restaurant, das seine Mutter nie mit ihm betreten würde. Wenn ich ehrlich bin, ist es mir egal, was er isst. In vielen Dingen bin ich eher wie ein Opa, der die Kinder verwöhnt, bevor er sie wieder nach Hause schickt. Wenn er vor und nach dem Mittagessen ein Eis haben will, bekommt er es. Als ich Starcher beim Essen nach der Schule frage, taut er ein bisschen auf. Er besucht die zweite Klasse einer öffentlichen Schule in der Nähe des Viertels, in dem ich aufgewachsen bin. Zuerst wollte ihn Judith auf eine dieser kleinen Ökoprivatschulen schicken, an denen Kunststoff verboten ist und sämtliche Lehrer dicke Wollsocken und alte Sandalen tragen. Angesichts eines Schulgelds von vierzigtausend Dollar im Jahr habe ich das vehement abgelehnt. Sie hat mich deshalb wieder einmal vor Gericht gezerrt, und der Richter hat sich zur Abwechslung auf meine Seite geschlagen. Daher geht Starcher jetzt auf eine ganz normale Schule mit Kindern aller Hautfarben und einer ausgesprochen hübschen Lehrerin, die frisch geschieden ist. Wie ich schon sagte, Starcher war ein Unfall. Judith und ich waren gerade dabei, unsere chaotische Beziehung zu beenden, als sie irgendwie schwanger wurde. Die Trennung wurde noch komplizierter. Ich zog aus, und sie nahm den Jungen völlig in Beschlag. Ich wurde in jeder Hinsicht von ihm ferngehalten, aber wenn ich ehrlich bin, habe ich mich auch nie darum gerissen, Vater zu sein. Er gehört ihr, zumindest denkt sie das, und daher ist es zum Schreien komisch, dabei zuzusehen, wie aus ihm ein kleiner Junge wird, der genauso aussieht wie ich. Meine Mutter hat eines meiner Schulfotos aus der zweiten Klasse gefunden. Als Starcher sieben wurde, hätten wir als eineiige Zwillinge durchgehen können. Wir reden über Schlägereien, solche, die auf dem Schulhof stattfinden. Ich frage ihn, ob er in der Pause auch einmal Schlägereien sieht. »Manchmal«, antwortet er. Er erzählt mir von dem Tag, an dem die Kinder plötzlich anfingen, »Mach ihn fertig! Mach ihn fertig!« zu schreien, und alle hinrannten, um zuzusehen. Zwei Drittklässler, der eine schwarz, der andere weiß, wälzten sich auf dem Boden und prügelten aufeinander ein, während sie von den anderen angefeuert wurden. »Hat es Spaß gemacht, dabei zuzusehen?«, frage ich. Er grinst. »Ja, klar. Das war cool.« »Und was ist dann passiert?« »Dann sind die Lehrer gekommen. Sie haben sie voneinander getrennt und ins Büro gebracht. Ich glaube, sie haben mächtig Ärger bekommen.« »Sie haben mit Sicherheit Ärger bekommen. Hat deine Mutter schon mal mit dir über Schlägereien geredet?« Er schüttelt den Kopf. Nein. »Okay. Ich erkläre dir die Regeln. Wenn man sich prügelt, ist das ganz schlecht und bringt einen nur in Schwierigkeiten, also tu’s nicht. Fang niemals eine Rauferei an. Aber wenn dich jemand schlägt oder schubst, oder wenn dir jemand ein Bein stellt, oder wenn zwei Jungs sich einen deiner Freunde vornehmen, dann musst du dich manchmal prügeln. Und du darfst nie einen Rückzieher machen, wenn ein anderer Junge eine Schlägerei anfängt. Wenn du dich prügelst, darfst du nie, aber auch wirklich nie aufgeben.« »Hast du dich in der Schule geprügelt?« »Andauernd. Ich habe andere nie schikaniert und auch nie mit einer Schlägerei angefangen. Ich habe mich nicht gern geprügelt, aber wenn mich jemand rumgeschubst hat, habe ich zugeschlagen.« »Hast du Ärger bekommen?« »Und wie. Ich habe einiges wegstecken müssen.« »Was bedeutet das?« »Das bedeutet, dass mich mein Lehrer angebrüllt hat, und zu Hause hat mich meine Mutter dann auch noch angebrüllt. Und manchmal haben sie mich für einen halben Tag aus der Schule geworfen oder so etwas in der Art. Aber ich sage es noch mal, Buddy: Es ist falsch, sich zu prügeln.« »Warum nennst du mich immer Buddy?« Weil ich den Namen hasse, den deine Mutter für dich ausgesucht hat. »Das ist nur ein Spitzname, mehr nicht.« »Mom hat gesagt, du magst meinen Namen nicht.« »Das stimmt nicht, Buddy.« Im Kampf um die Seele ihres Sohnes würde Judith alles tun. Sie ist sich nicht zu schade dafür, unfaire Methoden einzusetzen, auch wenn sie noch so albern sind. Warum um alles in der Welt sagt ein Elternteil zu einem Siebenjährigen, dass sein Name dem anderen Elternteil nicht gefalle? Es würde mich vermutlich schockieren, wenn ich wüsste, was für eine Scheiße sie ihm sonst noch erzählt hat. Partner hat frei, daher fahre ich den Ford selbst zum Fußballstadion auf dem Campus der Universität. Starcher findet den Van mit dem Sofa, den Drehstühlen, dem kleinen Schreibtisch und dem Fernseher toll. Er weiß nicht so richtig, warum ich den Wagen als Büro benutze. Die Gründe für die kugelsicheren Fenster und die Automatikpistole in der Mittelkonsole habe ich ihm nicht erläutert. Das Spiel wird von einer Frauenmannschaft bestritten, was mir egal ist. Mit Fußball kenne ich mich nicht aus, und wenn ich schon zusehen muss, ist es mir lieber, wenn Mädchen in Shorts über den Platz rennen und keine Typen mit haarigen Beinen. Starcher dagegen ist begeistert. Seine Mutter hat nichts für Mannschaftssport übrig, daher schickt sie ihn nur zum Tennisunterricht. Nichts gegen Tennis, aber wenn er nach mir kommt, wird er es bald wieder aufgeben. Ich habe immer Sportarten mit Körperkontakt gemocht. Beim Basketball in der Schule war ich der Typ, der nach der ersten Halbzeit schon vier Fouls hatte. Immer mehr Fouls als Punkte. Als Jugendlicher habe ich beim Football Linebacker gespielt, weil es auf der Position so richtig hart zur Sache ging. Nach einer Stunde schießt endlich jemand ein Tor, aber da bin ich mit meinen Gedanken schon beim Fall Renfro und habe nicht mehr das geringste Interesse an dem Spiel. Starcher und ich teilen uns eine Tüte Popcorn und reden über dies und das. Im Grunde genommen ist mir seine kleine Welt so fremd, dass ich kein vernünftiges Gespräch zustande bringe. Ich bin ein lausiger Vater. 9 Was die Renfros angeht, nehmen die beteiligten Parteien langsam Vernunft an. Die Stadtverwaltung, die von allen Seiten unter Druck gesetzt wird – vor allem von meinem Mann beim Chronicle –, windet sich mit Antworten. Der Polizeichef hält inzwischen den Mund und behauptet, er könne wegen des schwebenden Verfahrens keinen Kommentar mehr abgeben. Der Bürgermeister ist in Deckung gegangen und versucht offenbar, sich von der ganzen Sache zu distanzieren. Seine Feinde, einige Stadträte, die sich in Szene setzen und seinen Job haben wollen, sind ihm dicht auf den Fersen. Allerdings sind sie in der Minderheit, weil es sich niemand mit der Polizei verscherzen will. Eine von der öffentlichen Meinung abweichende Einstellung gilt heutzutage als unpatriotisch, und nach dem 11. September wird jegliche Kritik an Uniformierten – egal, welche Uniform sie tragen – unterdrückt. Wird einem Politiker vorgeworfen, er tue zu wenig gegen Terror oder Kriminalität, kann ihm dies das Genick brechen. Ich versorge meinen Kontakt bei der Zeitung ständig mit Informationen. Er zitiert ungenannte Quellen und hat eine Menge Spaß dabei, auf den Cops und ihren Taktiken, Pannen und Vertuschungsversuchen herumzuhacken. Mit Material aus meinen Akten schreibt er einen langen Artikel über die bisher schiefgelaufenen Einsätze und übermäßige Polizeigewalt. Ich generiere so viel Presse wie nur irgend möglich. Und ich würde lügen, wenn ich sagte, dass es mir nicht gefällt. Genau genommen lebe ich dafür. Die Beschuldigten stellen einen Antrag bei Richter Samson, mit dem sie praktisch von ihm verlangen, »allen an der Zivilklage beteiligten Anwälten« einen Maulkorb zu verpassen. Richter Samson lehnt den Antrag ab, ohne eine Anhörung zu gewähren. Im Augenblick haben die Anwälte der Stadtverwaltung eine Heidenangst vor dem Richter und gehen in Deckung. Ich feuere so viele Kugeln wie nur möglich ab. Ich arbeite allein, ohne eine richtige Kanzlei und ohne richtige Mitarbeiter. Für einen einsamen Revolverhelden wie mich ist es extrem schwierig, anspruchsvolle Zivil- und Strafprozesse ohne ein Mindestmaß an personeller Unterstützung durchzuführen. Hier kommen die beiden Harrys in Spiel. Harry Gross und Harry Skulnick leiten eine Kanzlei mit fünfzehn Anwälten, die in einem umgebauten Lagerhaus im Stadtzentrum direkt am Fluss liegt. Sie haben sich auf Rechtsmittelverfahren spezialisiert und versuchen, möglichst keine Geschworenenprozesse zu übernehmen. Daher verbringen sie ihre Tage damit, in Büchern zu wühlen und jede Menge Papier über ihre Schreibtische zu schieben. Unsere Vereinbarung ist ganz einfach: Sie erledigen Recherchen und sonstigen Schreibkram für mich, und ich gebe ihnen ein Drittel meines Honorars. Auf diese Weise können sie auf Nummer sicher und auf Distanz gehen, zu mir, meinen Mandanten und jenen Leuten, die in der Regel gereizt auf mich reagieren. Sie verfassen einen dicken Stapel Anträge für mich, lassen ihn von mir gegenlesen und unterschreiben und sind aus dem Schneider, weil man nichts zu ihnen zurückverfolgen kann. Sie schuften hinter verschlossenen Türen und kümmern sich kein bisschen um die Polizei. Im Fall von Sonny Werth, dem Mandanten, der von einem Panzer in seinem Wohnzimmer aus dem Schlaf gerissen wurde, ließ sich die Stadtverwaltung auf einen Vergleich ein und zahlte eine Million Dollar. Mein Anteil waren fünfundzwanzig Prozent. Die beiden Harrys bekamen einen dicken Scheck, und alle waren glücklich, bis auf Sonny. In unserem Bundesstaat sind Entschädigungssummen in Zivilverfahren auf eine Million Dollar begrenzt. Das liegt daran, dass die klugen Leute, die für uns die Gesetze machen, vor zehn Jahren beschlossen haben, dass ihr Urteilsvermögen um Klassen besser ist als das der Geschworenen, die die Beweise hören und den angerichteten Schaden abschätzen. Dazu ließ sich der Gesetzgeber von den Versicherungsgesellschaften verleiten, die bis heute die landesweite Bewegung zur Reform des Schadensersatzrechts finanzieren, ein politischer Kreuzzug, der durchschlagenden Erfolg hat. Inzwischen haben fast alle Bundesstaaten eine Obergrenze für Entschädigungssummen eingeführt und Gesetze geschaffen, die die Menschen davon abhalten sollen, vor Gericht zu gehen. Bis jetzt sind die Versicherungsprämien allerdings noch nirgends gesunken. In einem investigativen Artikel meines Mannes beim Chronicle wurde enthüllt, dass neunzig Prozent unserer Abgeordneten Wahlkampfspenden von der Versicherungsindustrie genommen haben. Und so etwas nennt sich dann Demokratie. Jeder kleine Anwalt in unserem Bundesstaat kann Horrorgeschichten von verstümmelten und chronisch kranken Mandanten erzählen, die nach Begleichen der Arztrechnungen fast nichts bekommen haben. Nicht lange nachdem die Türen zu den Gerichtssälen zugeschlagen wurden, haben die gleichen klugen und couragierten Abgeordneten noch ein Gesetz erlassen, das Hausbesitzern verbietet, auf Cops zu schießen, die sich gewaltsam Zutritt verschaffen, egal, ob sie sich in der Tür geirrt haben oder nicht. Und daher verstieß Doug Renfro gegen das Gesetz, als er sich auf den Boden warf und ohne wirkliche Rechtfertigung zu schießen begann. Und was ist mit den eigentlichen Verbrechern? Na ja, unser Gesetzgeber hat noch ein Gesetz erlassen, das SWAT-Teams, die im Eifer des Gefechts den Falschen erschießen, Straffreiheit gewährt. Bei dem Desaster im Haus der Renfros haben vier Cops mindestens achtunddreißig Schüsse abgegeben. Wessen Kugeln Doug und seine Frau getroffen haben, ist nicht klar, und es spielt auch keine Rolle. Die Cops können strafrechtlich nicht belangt werden. Ich versuche stundenlang, Doug diese Rechtsgrundsätze zu erläutern. Er will wissen, warum das Leben seiner Frau nur eine Million Dollar wert ist. Ich erkläre ihm, dass der von ihm gewählte Senator in Washington für diese Obergrenze bei Schadensersatz gestimmt hat – und außerdem Geld von Lobbyisten der Versicherungsindustrie nimmt –, daher sollte Doug sich vielleicht mit ihm in Verbindung setzen und an ihm herummeckern. »Aber warum haben wir sie dann auf fünfzig Millionen Dollar verklagt, wenn wir doch höchstens eine Million bekommen können?«, will er wissen. Noch eine Frage mit einer langen Antwort. Erstens sagt das etwas über unsere Einstellung aus. Wir sind wütend und schlagen zurück, und wenn man jemanden auf fünfzig Millionen Dollar verklagt, hört sich das erheblich aggressiver an als bei einer läppischen Million. Zweitens, eine etwas merkwürdige Bestimmung im Wortlaut dieses Gesetzes verbietet, dass die Geschworenen vor der Urteilsverkündung etwas über die Obergrenze von einer Millon Dollar erfahren. Es kann vorkommen, dass sich die Mitglieder der Jury vier Wochen lang Zeugenaussagen anhören, Beweise bewerten, ausführlich beraten und schließlich einen ordentlichen Schadensersatz in Höhe von, sagen wir mal, fünf bis zehn Millionen festlegen. Dann gehen sie nach Hause, und am nächsten Tag reduziert der Richter die Entschädigungssumme still und leise auf die Obergrenze. In der Presse steht dann zwar, dass wieder einmal eine Riesensumme als Entschädigung zugesprochen wurde, aber die Anwälte und die Richter (und die Versicherungsgesellschaften) kennen die Wahrheit. Es ergibt keinen Sinn, aber man muss berücksichtigen, dass dieses Gesetz von denselben Verschwörern geschrieben wurde, die auch das Kleingedruckte in den Versicherungspolicen formuliert haben. Doug stellt mir eine weitere Frage: »Wie kann es sein, dass ein Polizist straffrei ausgeht, wenn er die Tür meines Hauses eintritt und mich anschießt, aber ich ein Verbrecher bin und mit einer Gefängnisstrafe von bis zu zwanzig Jahren rechnen muss, wenn ich zurückschieße?« Die einfache Antwort: Weil der Cop ein Cop ist. Die komplizierte Antwort: Weil unser Gesetzgeber häufig Gesetze erlässt, die nicht gerecht sind. Mein Mandant trauert noch um seine Frau, doch der Schock lässt allmählich nach. Langsam kann er wieder klar denken; die Realität holt ihn ein. Seine Frau ist tot, ermordet von Männern, die dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Ihr Leben ist nur eine Million Dollar wert. Und er, Mr. Doug Renfro, steht im Mittelpunkt einer Strafverfolgung, die ihn eines Tages in einen Gerichtssaal zerren wird. Und dort wird eine Jury, die zu keinem einstimmigen Urteil gelangen kann, seine einzige Hoffnung sein. Der Weg zur Gerechtigkeit ist mit Hindernissen und Tretminen gepflastert, von denen die meisten von Männern und Frauen geschaffen wurden, die angeblich nach Gerechtigkeit suchen. 10 Mein kleiner Käfigkämpfer, Tadeo Zapate, hat seine letzten vier Kämpfe gewonnen, alle durch knallharte Knock-outs. Das sind elf Siege hintereinander, bei lediglich drei Niederlagen während seiner gesamten Karriere, alle nach Punkten. Er steht jetzt auf Platz zweiunddreißig der Weltrangliste für Bantamgewichte und rutscht immer weiter nach vorn. Promoter der UFC werden auf ihn aufmerksam. Wenn er weiter gewinnt, wird er vielleicht in sechs Monaten einen Kampf in Las Vegas bestreiten. Oscar, sein Trainer, und Norberto, sein Manager, erzählen mir, dass sie den Jungen gar nicht mehr aus dem Fitnessstudio rauskriegen. Sie nehmen ihn hart ran und sind fest davon überzeugt, dass er es mit den besten fünf der Rangliste aufnehmen kann. Heute Abend kämpft er gegen einen zähen Schwarzen mit dem Kampfnamen Crush. Ich habe Crush zweimal im Ring gesehen und mache mir seinetwegen keine Sorgen. Er ist nur ein kleiner Raufbold, ein Straßenkämpfer ohne richtiges MMA-Training. In beiden Kämpfen wurde er gegen Ende der dritten Runde k. o. geschlagen, weil er müde geworden war. Er legt mit einem gehörigen Bums los, kann sich aber seine Kräfte nicht einteilen. Dafür bezahlt er am Ende. Als ich aufwache, habe ich ein flaues Gefühl im Magen und denke an nichts anderes als an den Kampf. Zum Frühstück bekomme ich keinen Bissen hinunter. Am späten Nachmittag vertrödle ich gerade die Zeit in meiner Wohnung, da ruft Judith auf meinem Handy an. Sie hat einen Notfall, ihre Zimmergenossin vom College ist bei einem Autounfall in Chicago schwer verletzt worden. Judith ist schon auf dem Weg zum Flughafen. Ava, ihre Partnerin, ist verreist, und daher ist es jetzt an mir, meinen Mann zu stehen und die Vaterrolle zu übernehmen. Ich beiße mir auf die Zunge und sage ihr nicht, dass ich etwas vorhabe. Heute Abend findet ein Kampf statt! Wir treffen uns im Park, wo sie mit unserem Sohn, seiner Reisetasche und einem Schwall von Warnungen und Anweisungen auf mich wartet. Normalerweise würde ich sie ebenfalls anschnauzen, was dann der Anfang eines Streits wäre, aber Starcher scheint gut aufgelegt zu sein und will offenbar schnell von ihr weg. Ihre Zimmergenossin vom College kenne ich nicht, daher erkundige ich mich erst gar nicht nach ihr. Judith rauscht davon, springt in ihren Wagen und verschwindet. Bei einer Pizza frage ich Starcher, ob er schon einmal einen Käfigkampf im Fernsehen gesehen hat. Natürlich nicht! Seine Mütter kontrollieren alles, was er liest, sieht, isst, trinkt und denkt. Aber letzten Monat hat er bei einem Freund übernachtet, Tony, der einen großen Bruder namens Zack hat, und irgendwann am Abend hat Zack einen Laptop herausgeholt, auf dem sie sich dann alle möglichen verbotenen Sachen angesehen haben, unter anderem auch einen MMA-Kampf. »Und? Wie war’s?«, frage ich. »Cool«, sagt er grinsend. »Du bist nicht böse?« »Natürlich nicht. Ich mag solche Kämpfe.« Ich erkläre ihm, wie der Abend ablaufen wird. Das Grinsen auf dem Gesicht des Jungen wird immer breiter. Er muss mir versprechen, seiner Mutter auf gar keinen Fall zu erzählen, dass wir zu einem Kampf gehen. Ich erkläre ihm, dass ich keine andere Wahl habe, dass ich zu einem Team gehöre und deshalb hingehen muss und dass ich ihn unter normalen Umständen nicht mitnehmen würde. »Ich erkläre das deiner Mutter schon«, versichere ich ihm ohne große Zuversicht, aber dann wird mir klar, dass sie ihn gnadenlos über den Abend ausquetschen wird. »Wir sagen einfach, dass wir Pizza essen waren und dann bei mir ferngesehen haben, was ja auch stimmt, weil wir jetzt Pizza essen und den Fernseher einschalten, wenn wir in meiner Wohnung sind.« Einen Moment lang scheint er ein bisschen verwirrt zu sein, aber dann strahlt er wieder. Als wir in meiner Wohnung sind, sieht er sich einen Cartoon im Fernsehen an, während ich mich umziehe. Meine glänzende gelbe Jacke mit der Aufschrift »Tadeo Zapate« auf dem Rücken gefällt ihm, und ich brauche eine Weile, bis ich ihm erklärt habe, dass ich einen der Kämpfer betreue und in der Ecke sein werde. Jeder Kämpfer hat sein eigenes Team, das ihn zwischen den Runden unterstützt, und, na ja, ich bin für das Wasser zuständig und für alles andere, was Tadeo sonst noch brauchen könnte. Nein, unbedingt notwendig bin ich nicht, aber es macht einen Heidenspaß. Partner holt uns mit dem schwarzen Van ab, und wir fahren zur Stadthalle. Für die nächsten zwei Stunden wird Partner der Babysitter sein, eine völlig neue Rolle für ihn. Fahrer, Bodyguard, Botenjunge, Privatdetektiv, Vertrauter, Assistent und nun das. Es macht ihm nichts aus. Ich lasse meine Beziehungen spielen und besorge zwei Plätze für sie, sechs Reihen vom Käfig entfernt. Nachdem sie mit Getränken und Popcorn versorgt sind, sage ich zu Starcher, dass ich nach meinem Kämpfer sehen müsse. Er ist total aufgekratzt, macht große Augen und plappert pausenlos mit Partner, der jetzt schon sein bester Freund ist. Obwohl ich weiß, dass dem Jungen nichts passieren kann, bin ich beunruhigt. Beunruhigt, weil mich seine Mutter wieder einmal wegen Kindesvernachlässigung, Gefährdung Minderjähriger und einigem mehr verklagen wird, wenn sie das hier herausfindet. Und beunruhigt, weil alles Mögliche passieren kann. Ich sehe mir eine Menge Kämpfe an und habe oft gedacht, dass es im Ring sicherer ist als draußen bei den Zuschauern. Die Fans betrinken sich, brüllen herum, wollen Blut sehen. Eine Stadträtin in Wichita oder irgendeiner anderen Stadt hat versucht, eine Verordnung zu erlassen, die für den Besuch von Käfigkämpfen ein Mindestalter von achtzehn Jahren vorgeschrieben hätte. Sie ist nicht damit durchgekommen, aber ganz unrecht hat sie nicht. Da es in unserer Stadt kein derartiges Gesetz gibt, hat der junge Starcher Whitly jetzt einen Platz direkt am Ring. Zapate gegen Crush ist der Hauptkampf, was natürlich ganz fantastisch ist, aber es bedeutet auch, dass wir ziemlich lange warten müssen, bis das Rahmenprogramm vorbei ist. Für heute Abend sind fünf Vorkämpfe angesetzt, daher wird es quälend langsam vorangehen. Ich besuche Team Zapate. Alle sind guter Stimmung. Verhalten wie immer, aber sehr zuversichtlich. Tadeo trägt noch Straßenkleidung und hat sich mit Kopfhörern auf einer Liege ausgestreckt. Sein Bruder Miguel sagt, er sei so weit. Oscar flüstert mir zu, dass es schon in der ersten Runde einen K. o. geben werde. Ich drücke mich ein paar Minuten bei ihnen herum, halte die Anspannung aber nicht aus. Also verlasse ich den Raum und gehe durch einen langen Korridor zu einer der unteren Ebenen, wo meine kleine Streetgang in unserem Wettbüro auf mich wartet. Slide, der verurteilte Mörder, hat in letzter Zeit häufig verloren und seine Wetteinsätze reduziert. Nino, der Meth-Dealer, hat wie immer die Taschen voller Geld und wirft mit Scheinen um sich. Denardo, der Möchtegern-Mafioso, findet keinen der Kämpfe gut. Johnny ist nicht da. Frankie, der Alte und unser Punktezähler, nippt an einem doppelten Scotch, der vermutlich nicht sein erster ist. Wir arbeiten uns durch die Liste der Vorkämpfe und platzieren unsere Wetten. Wie immer will niemand gegen meinen Mann wetten. Ich beschimpfe sie, ich verspotte sie, ich verfluche sie, aber sie lassen sich nicht umstimmen. Ich biete zehntausend Dollar für einen Knock-out in der ersten Runde, niemand geht darauf ein. Frustriert gehe ich wieder, mit lediglich fünftausend Dollar im Topf, einen Tausender für jeden Vorkampf. Ich zahle acht Dollar für ein verwässertes Bier und arbeite mich zu den billigen Plätzen ganz oben vor. Alles ausverkauft, nur Stehplätze. Tadeo wird langsam zu einer Attraktion in seiner Heimatstadt, und ich habe mit dem Promoter eine garantierte Börse ausgehandelt. Achttausend Dollar – egal, ob Sieg, Niederlage oder Unentschieden. Ich stütze mich auf eine Stahlstrebe oberhalb der letzten Reihe und sehe mir den ersten Kampf an. Meinen Sohn kann ich zwischen den Zuschauern unter mir nur mit Mühe erkennen. Ich verliere meine Wetten auf die ersten vier Kämpfe, gewinne den fünften und dränge mich dann zu den anderen in die Kabine. Team Zapate schart sich um seinen Helden, der ebenfalls leuchtendes Gelb trägt. Wir sehen aus wie ein Sack Biozitronen. Als wir mit ihm zusammen den Tunnel zum Käfig verlassen und ins Licht treten, flippen die Zuschauer vor Begeisterung aus. Ich winke Starcher zu, der mit einem breiten Grinsen im Gesicht zurückwinkt. Runde 1. Drei Minuten Langeweile, da Crush zu unserer Überraschung nicht wie ein tollwütiger Hund angreift. Stattdessen geht er in die Defensive und vermeidet ernste Verletzungen. Mit einem linken Jab, der manchmal nur schwer zu erkennen ist, verpasst ihm Tadeo eine Platzwunde über dem rechten Auge. Gegen Ende der Runde revanchiert sich Crush und bringt Tadeo eine klaffende Wunde auf der Stirn bei. Oscar schafft es, sie zwischen den Runden zu verschließen. Bei Käfigkämpfen sind Platzwunden kein großes Drama, weil die Gegner immer nur kurz aufeinandertreffen. Beim Boxen dagegen grenzt eine solche Verletzung in der ersten Runde an eine Katastrophe, weil sie für die nächste halbe Stunde zum Ziel wird. Runde 2. Sie gehen zu Boden und verbringen die erste Hälfte der Runde mit Grappling. Crush hat einen kräftigen Oberkörper, und Tadeo schafft es nicht, ihn bewegungsunfähig zu machen. Die ersten Buhrufe sind zu hören. Als sie wieder stehen, geht es mit Sparring und Tritten weiter, wobei keiner der beiden nennenswert Punkte macht. Kurz vor der Glocke trifft Tadeo seinen Gegner mit einer harten Rechten am Kiefer, die jeden seiner letzten zwölf Kontrahenten auf die Bretter geschickt hätte, doch Crush bleibt stehen. Als Tadeo zu einem weiteren Schlag ansetzen will, schlingt Crush beide Arme um seine Taille und lässt bis zur Glocke nicht mehr los. Plötzlich gefällt mir dieser Kampf nicht mehr. Nach Punkten liegt Tadeo eindeutig vorn, aber ich traue keinem Richter. Was vielleicht an meinem Beruf liegt. Knock-outs sind mir entschieden lieber als Entscheidungen von oben. Runde 3. Nachdem Crush sich bisher zurückgehalten hat, ist er jetzt wohl der Meinung, aufdrehen zu können. Er nimmt quer durch den Ring Anlauf und überrascht alle mit einer Kaskade von Schlägen, die die Zuschauer begeistert. Es sieht zwar gut aus, großen Schaden kann er aber nicht anrichten. Tadeo hält die Deckung geschlossen, dann bringt er zwei harte Jabs an, die blutende Wunden verursachen. Crush startet den nächsten Angriff, dann gleich noch einen. Tadeo, der Boxer, sucht sich die Schwächen in der Deckung seines Gegners und landet mehrere harte Jabs. Ich brülle, die Zuschauer brüllen, der Boden scheint zu beben. Die Uhr tickt, und Crush steht noch. Er greift immer wieder an, das Gesicht eine blutige Masse. Schließlich kann er eine Rechte anbringen, und Tadeo geht kurz zu Boden, aber nur für eine Sekunde. Crush wirft sich auf ihn, sie treten und schlagen aufeinander ein, dann gelingt es ihnen, sich voneinander zu lösen. Tadeo hat schon lange nicht mehr bis zum Ende der dritten Runde gekämpft. Jetzt erhöht er noch einmal das Tempo. Crush greift wieder an, und in der letzten Minute stehen sie sich mitten im Ring gegenüber, zwei tollwütige Hunde, die sich gegenseitig die Scheiße aus dem Leib prügeln. Mein Herz rast, mein Magen krampft sich zusammen, dabei bin ich doch nur der Typ, der für das Wasser zuständig ist. Wir versichern Tadeo, dass er wieder gewonnen hat, während wir warten. Und warten. Schließlich geht der Ringrichter mit den Kämpfern in die Mitte des Rings. Dann verkündet der Ansager ein geteiltes Urteil: Crush gewinnt mit einem Punkt Vorsprung. Eine ohrenbetäubende Welle von Buhrufen und Schreien geht durch die Zuschauer. Tadeo ist fassungslos, sein Mund steht offen, in seinen zugeschwollenen Augen steht blanker Hass. Die Fans werfen alles Mögliche gegen den Käfigzaun und sind kurz davor, Randale zu machen. Die nächsten fünfzehn Sekunden verändern Tadeos Leben für immer. Er dreht sich blitzschnell um und verpasst Crush eine harte Rechte auf die linke Gesichtshälfte. Es ist ein unerwarteter Schlag, den Crush nicht hat kommen sehen. Bewusstlos sackt er in sich zusammen. Im nächsten Moment greift Tadeo den Ringrichter an, der ebenfalls schwarz ist, und trommelt mit beiden Fäusten auf ihn ein. Der Mann taumelt und prallt gegen den Zaun, wo er halb im Sitzen liegen bleibt und von Tadeo weiter mit Schlägen traktiert wird. Ein paar Sekunden lang sind alle so fassungslos, dass sie nicht reagieren. Schließlich sind die drei in einem Käfig, und es dauert eine Weile, um eine Rettungsaktion zu starten. Als Norberto sich auf Tadeo stürzt, hat der Ringrichter das Bewusstsein verloren. Im Zuschauerraum bricht die Hölle aus, es kommt überall zu Schlägereien. Die Fans von Tadeo, fast alle Latinos, und die Fans von Crush, fast alle schwarz und zahlenmäßig unterlegen, gehen aufeinander los wie Straßenbanden. Bierdosen und Popcorntüten fliegen wie Konfetti durch die Luft. Ein Wachmann in meiner Nähe wird fast von einem Klappstuhl am Kopf getroffen. Alles versinkt im Chaos, und niemand ist mehr sicher. Ich ignoriere das Gemetzel im Käfig und renne zu meinem Sohn. Er ist nicht auf seinem Platz, aber ich sehe Partners bullige Gestalt im Gedränge, während die beiden flüchten. Ich kämpfe mich zu ihnen durch, und nach wenigen Sekunden sind wir in Sicherheit. Als wir die Halle verlassen, kommen uns hektische Polizisten entgegen, die auf den Tumult zulaufen. Ich drücke Starcher auf dem Beifahrersitz des Vans an mich, während Partner durch Nebenstraßen fährt. »Alles okay mit dir, Buddy?«, frage ich. »Das müssen wir unbedingt wieder machen«, sagt er. Minuten später sind wir in meiner Wohnung und atmen erst einmal tief durch. Ich hole uns etwas zu trinken – Bier für Partner und mich, eine Limonade für Starcher – und schalte den Fernseher auf die Lokalnachrichten. Die Meldung ist gerade erst hereingekommen, und die Reporter überschlagen sich geradezu. Der Junge ist immer noch aufgeregt, und da er pausenlos redet, bin ich mir sicher, dass er nicht traumatisiert ist. Vergeblich versuche ich ihm zu erklären, was da passiert ist. Partner schläft auf dem Sofa. Um vier Uhr morgens wecke ich ihn und bespreche mit ihm, wie es weitergehen soll. Er fährt zuerst zum Gefängnis, wo er versuchen wird, Tadeo zu finden, dann weiter zum Krankenhaus, um Informationen über den Zustand des Ringrichters zu beschaffen. Ich bekomme einfach nicht aus dem Kopf, wie Tadeo auf das Gesicht des Mannes einschlägt. Er war schon nach dem ersten Schlag bewusstlos, und dann kamen noch ein paar Dutzend Schläge, von einem komplett durchgedrehten MMA-Kämpfer. Ich versuche, nicht darüber nachzudenken, was jetzt aus Tadeo wird. Anschließend mahle ich Bohnen, und während der Kaffee durchläuft, gehe ich ins Internet und sehe mir die Nachrichten an. Zum Glück ist niemand gestorben, aber mindestens zwanzig Leute wurden ins Krankenhaus eingeliefert. Die Schuld an dem Ganzen gibt man einem gewissen Tadeo Zapate, zweiundzwanzig Jahre alt, einem vielversprechenden Käfigkämpfer, der jetzt im Gefängnis sitzt. Um 6.30 Uhr ruft Judith an und erkundigt sich nach ihrem Sohn. Sie ist weit weg und weiß nichts von der Randale, die wir überstanden haben. Ich frage nach ihrer Zimmergenossin vom College. Sie lebt, aber es sieht nicht gut aus. Judith wird morgen, Sonntag, wieder zu Hause sein, und ich versichere ihr, dass sie sich keine Sorgen um den Jungen zu machen brauche. Alles in bester Ordnung. Mit etwas Glück wird sie es nie erfahren. Doch ich habe kein Glück. Ein paar Minuten nach unserem kurzen Gespräch werfe ich im Internet einen Blick in den Chronicle. Die Spätausgabe hat es noch geschafft, die hereinkommende Nachricht zu dem Tumult in der Stadthalle zu bringen, und jetzt prangt auf der Titelseite ein ziemlich großes Farbfoto von zwei Menschen, die zum Ausgang rennen. Einer davon ist Partner – mit einem Kind auf dem Arm. Starcher scheint den Fotografen direkt anzustarren, als würde er für die Aufnahme posieren. Namen werden nicht genannt; es war keine Zeit, danach zu fragen. Aber alle, die Starcher kennen, werden auf den ersten Blick wissen, wer er ist. Wie lange wird es dauern, bis einer von Judiths Freunden das Foto sieht und sie anruft? Wie lange wird es dauern, bis sie ihren Laptop aufklappt und es selbst sieht? Ich schalte den Fernseher ein und suche eine Sportsendung. Die Story ist der Renner, weil alles gefilmt wurde, Schlag für Schlag. Mir wird übel, während ich mir das Ganze immer wieder ansehe. Partner ruft aus dem Krankenhaus an und teilt mir mit, dass der Ringrichter, ein gewisser Sean King, noch operiert werde. Es ist keine Überraschung, dass Partner nicht der Einzige ist, der sich auf den Gängen herumdrückt und auf Neuigkeiten wartet. Er hat von »schweren Kopfverletzungen« gehört, kann aber keine Details nennen. Im Gefängnis war er schon, und dort hat ihm ein Informant bestätigt, dass Mr. Zapate in einer Zelle sitze und keinen Besuch empfange. Um acht Uhr kommt unser stümperhafter Polizeichef zu dem Schluss, dass er der Welt etwas mitzuteilen hat. Er setzt eine Pressekonferenz an, eine dieser kleinen Demonstrationen der Stärke, bei denen sich uniformierte weiße Männer zu einer Wand hinter dem Polizeichef aufbauen und den Reportern böse Blicke zuwerfen, während sie gleichzeitig so tun, als wollten sie eigentlich nicht gesehen werden. Ihr Boss redet dreißig Minuten lang, dann beantwortet er Fragen, gibt aber absolut nichts preis, was nicht schon vor zwei Stunden im Internet gepostet worden wäre. Er hat sichtlich Spaß an dem Ganzen, weil man ihm und seinen Leuten nichts vorwerfen kann. Als ich anfange, mich zu langweilen, ruft Judith an. Das Gespräch verläuft so, wie es vorherzusehen war – Judith ist gereizt und gehässig und macht mir Vorwürfe. Sie hat das Titelseitenfoto mit ihrem Sohn gesehen und verlangt Antworten, und die sofort. Ich versichere ihr, dass unser Sohn tief und fest schläft und vermutlich von dem schönen Tag mit seinem Vater träumt. Sie sagt, sie werde einen frühen Flug nehmen und spätestens um siebzehn Uhr in der Stadt sein, was genau dem Zeitpunkt entspreche, an dem ich im Park zu stehen hätte, um ihren Sohn an sie zu übergeben. Gleich am Montagmorgen werde sie beantragen, mir die Besuchsrechte zu entziehen. Nur zu, erwidere ich, weil es nicht funktionieren wird. Kein Richter der Stadt wird mir verwehren, einmal im Monat meinen Sohn zu sehen. Und wer weiß, vielleicht ist der Richter, den ich erwische, ein Fan von Käfigkämpfen. Sie beschimpft mich, ich beschimpfe sie, und dann beenden wir das Gespräch endlich. Es sieht so aus, als hätten wir gerade wieder zu streiten begonnen. 11 In den Sonntagszeitungen wird gegen Käfigkämpfe gewettert, mit den üblichen reflexartigen Argumenten aus den jeweiligen Lagern. Im Internet verbreitet sich die Meldung wie ein Lauffeuer. Ein YouTube-Video mit der Attacke auf den Ringrichter hat schon vor zwölf Uhr mittags vier Millionen Klicks, und Tadeo ist mit einem Schlag der bekannteste Käfigkämpfer der Welt geworden, obwohl er nie wieder im Ring stehen wird. Inzwischen werden die ersten Verwundeten aus den Krankenhäusern entlassen, und zum Glück hat keiner der Fans ernsthafte Verletzungen davongetragen. Ein paar Betrunkene haben aufeinander eingeschlagen und Stühle durch die Luft geworfen. Sean King liegt noch im Koma, sein Zustand ist ernst. Crush hat einen komplizierten Kieferbruch und eine Gehirnerschütterung. Am späten Nachmittag darf ich meinen Mandanten in einem der für Anwälte reservierten Besucherräume im Gefängnis treffen. Als ich hereinkomme und Platz nehme, sitzt er bereits auf der anderen Seite eines Drahtgitters. Sein Gesicht ist mit Platzwunden übersät und stark geschwollen, aber das ist jetzt sein geringstes Problem. Tadeo ist so ruhig, dass ich mich frage, ob er Drogen genommen hat. Wir unterhalten uns für einen Moment über Belangloses. »Wann komme ich hier raus?«, fragt er schließlich. Du gewöhnst dich besser daran, hätte ich fast gesagt. »Morgen früh ist dein erster Gerichtstermin. Ich werde da sein. Es wird nicht viel passieren. Sie werden erst einmal abwarten, was mit dem Ringrichter wird. Wenn er stirbt, steckst du bis zum Hals in der Scheiße. Wenn er wieder gesund wird, werden sie dich wegen einer ganzen Reihe von Vergehen anklagen, aber immerhin nicht wegen Mordes. Dann werden wir in einer Woche oder so wieder vor Gericht gehen und eine angemessene Kaution beantragen. Ich kann allerdings nicht vorhersagen, wie der Richter entscheiden wird. Um deine Frage zu beantworten: Es könnte sein, dass ich dich in ein paar Tagen gegen Kaution hier rausholen kann. Es könnte aber auch sein – und das halte ich für wahrscheinlicher –, dass du bis zum Prozess im Gefängnis bleiben musst.« »Wie lange wird das dauern?« »Bis der Prozess stattfindet?« »Ja.« »Schwer zu sagen. Sechs Monate mindestens, vermutlich wird es eher ein Jahr werden. Der Prozess selbst wird nicht lange dauern, weil es nicht viele Zeugen geben wird. Sie werden einfach das Video abspielen.« Sein Blick wandert nach unten, als würde er gleich anfangen zu weinen. Ich habe Tadeo furchtbar gern, aber ich kann nicht viel für ihn tun, weder jetzt noch in sechs Monaten. »Erinnerst du dich an das, was passiert ist?«, frage ich. Er nickt langsam. »Ich bin einfach ausgerastet. Sie haben mich um einen klaren Sieg betrogen. Der Ringrichter hat mich gezwungen, seinen Kampf zu kämpfen, nicht meinen. Er war mir ständig im Weg, ich konnte einfach nicht meinen Kampf kämpfen. Ich wollte ihn nicht verletzen, aber dann bin ich ausgerastet. Ich war so verdammt sauer, als er die Hand von dem Typen hochgehoben hat. Ich hab’s ihm gezeigt, was?« »Crush oder dem Ringrichter?« »Komm schon, Mann. Crush natürlich. Ich hab’s ihm gezeigt, stimmt’s?« »Nein, hast du nicht. Aber du hast den Kampf gewonnen.« Ich habe jede Sekunde des Kampfes gesehen, hatte aber nie den Eindruck, dass der Ringrichter im Weg war. Ich glaube nicht, dass wir damit vor Gericht durchkommen werden: Der Ringrichter hat mich zurückgehalten, das hat mich den Sieg gekostet, also habe ich ihm das Gesicht zertrümmert. Es war mein gutes Recht. »Sie haben mir den Sieg genommen«, sagt er. »Tadeo, der Ringrichter ist kein Punktrichter. Die Punktevergabe ist Aufgabe der drei Punktrichter. Du hast dir den Falschen ausgesucht.« Er zupft an den Fäden auf seiner Stirn. »Ich weiß, ich weiß, ich hab Mist gebaut, Sebastian, aber du musst was unternehmen, okay?« »Du weißt, dass ich alles tun werde, was möglich ist.« »Werde ich für eine Weile sitzen müssen?« Du sitzt bereits. Gewöhn dich dran. Ich habe schon mit den Zahlen gespielt. Wenn Sean King stirbt, dürfte es zwanzig Jahre für Mord mit bedingtem Vorsatz geben, vielleicht auch fünfzehn, wenn es als Totschlag gewertet wird. Wenn er es überlebt, drei bis fünf für schwere Körperverletzung. Da ich Tadeo mit diesen Überlegungen noch verschonen will, antworte ich ausweichend: »Darüber machen wir uns später Gedanken.« »Wahrscheinlich schon, oder?« »Wahrscheinlich schon.« Unser Gespräch gerät ins Stocken. Im Hintergrund fallen krachend Türen ins Schloss. Einer der Gefängniswärter brüllt etwas Unflätiges. Aus Tadeos zugeschwollenem linken Auge rinnt eine Träne, die langsam über seine mit blauen Flecken übersäte Wange kullert. »Ich glaub das nicht, Mann. Ich kann das einfach nicht glauben.« Wenn du es nicht glauben kannst, solltest du vielleicht einmal an den armen Ringrichter und seine Familie denken. »Ich muss gehen. Wir sehen uns morgen vor Gericht.« »Muss ich das hier auch im Gerichtssaal tragen?« Er zupft an seinem orangefarbenen Overall. »Ich fürchte, ja. Aber nur beim ersten Termin.« 12 Am Montagmorgen um neun Uhr stehe ich zusammen mit jeder Menge anderer Verteidiger und Staatsanwälte in einem überfüllten Gerichtssaal und warte. In einer Ecke drängt sich eine Gruppe zwielichtig aussehender Gestalten in orangefarbenen Overalls, die alle Handschellen tragen und von bewaffneten Gerichtsdienern bewacht werden. Die Männer in Orange sind vor Kurzem festgenommen worden, dies ist die zweite Station des juristischen Fließbands. Die erste Station war das Gefängnis. Ein Name nach dem anderen wird verlesen, und nachdem man ihnen die Handschellen abgenommen hat, schlurfen sie zur Richterbank, auf der einer von zwanzig Richtern sitzt, die das Vorverfahren für eine Verhandlung übernehmen. Der Richter stellt ein paar Fragen, von denen »Haben Sie einen Anwalt?« die wichtigste ist. Nur die wenigsten Angeklagten haben einen Rechtsbeistand, daher weist ihnen der Richter einen Pflichtverteidiger zu. Von irgendwoher taucht ein Anfänger auf, stellt sich neben seinen neuen Mandanten und rät ihm, kein Wort mehr zu sagen. Dann werden Termine festgelegt. Tadeo Zapate hat einen Anwalt. Als sein Name aufgerufen wird, treffen wir uns vor der Richterbank. Sein Gesicht sieht inzwischen noch schlimmer aus. Die meisten der im Flüsterton geführten Gespräche verstummen, als den Anwesenden klar wird, dass dies der Mann ist, über den zurzeit alle reden, der vielversprechende MMA-Kämpfer, der auf YouTube zum Star geworden ist. »Sie sind Tadeo Zapate?«, fragt der Richter interessiert. Zum ersten Mal an diesem Morgen scheint etwas seine Aufmerksamkeit zu erregen. »Ja, Sir.« »Und ich nehme an, Mr. Sebastian Rudd ist Ihr Anwalt?« »Ja, Sir.« Der stellvertretende Staatsanwalt manövriert sich hinter den Richter. »Zurzeit lautet die Anklage gegen Sie auf schwere Körperverletzung. Haben Sie das verstanden?«, fährt der Richter fort. »Ja, Sir.« »Mr. Rudd, haben Sie Ihrem Mandanten erklärt, dass es durchaus zu einer noch schwerwiegenderen Anklage kommen kann?« »Ja, Euer Ehren, das hat er verstanden.« »Übrigens, gibt es schon etwas Neues von dem Ringrichter?«, fragt er den stellvertretenden Staatsanwalt, als wäre der einer der behandelnden Ärzte. »Mr. Kings Zustand ist immer noch kritisch. Das ist das Letzte, was ich gehört habe.« »Na schön«, sagt der Richter. »Dann warten wir erst einmal ab, wie sich die Dinge entwickeln, und sehen uns hier in einer Woche wieder. Bis dahin, Mr. Rudd, werden wir kein Wort über eine Kaution verlieren.« »Natürlich«, erwidere ich. Wir können gehen. Als Tadeo sich umdreht, flüstere ich ihm zu: »Wir sehen uns morgen im Gefängnis.« »Danke«, erwidert er. Dann wirft er einen Blick zu den Zuschauern und nickt seiner Mutter zu, die neben einer ganzen Horde weinender Verwandter sitzt. Sie ist vor fünfundzwanzig Jahren aus El Salvador eingewandert, besitzt eine Greencard, arbeitet Spätschicht in einer Kantine und zieht ein Rudel Kinder, Enkel und diverse andere Verwandte groß. Tadeo und seine Kampffähigkeiten waren ihre Hoffnung auf ein besseres Leben. Miguel hält ihre Hand und flüstert ihr etwas auf Spanisch zu. Er ist schon ein paarmal in die Fänge unseres Justizsystems geraten und weiß, wie es läuft. Ich spreche kurz mit ihnen und versichere, dass ich alles in meiner Macht Stehende tun werde. Dann verlasse ich mit ihnen zusammen den Gerichtssaal und betrete den Korridor, in dem ein paar Reporter warten, zwei davon mit Fernsehkameras. Für solche Momente lebe ich. 13 An dem Morgen ist einiges los. Während ich mit Tadeo im Gerichtssaal bin, tut Judith genau das, was sie angedroht hat: Sie beantragt, mir alle Besuchsrechte zu entziehen, sogar die drei Stunden an Heiligabend und die zwei Stunden am Geburtstag meines Sohnes. Sie behauptet, ich sei »als Vater ungeeignet« und eine Gefahr für Starchers körperliches Wohl, außerdem würde ich einen »schlechten Einfluss« auf das Leben des Kindes ausüben. Sie verlangt eine Eilanhörung. Sie muss natürlich wieder ein Drama daraus machen. Als wäre der Junge in Gefahr. Harry & Harry formulieren eine Erwiderung, die sich gewaschen hat, und ich reiche sie am Montagnachmittag bei Gericht ein. Wieder einmal gehen wir in Kampfstellung, weil sie einen Kreuzzug gegen mich führt und mir eine Lektion erteilen will. Kein Richter wird ihren Forderungen nachgeben, was sie auch weiß. Aber sie tut es trotzdem, weil sie wütend ist und denkt, dass ich irgendwann aufgebe und aus ihrem und dem Leben unseres Sohnes verschwinde, wenn sie mich nur oft genug durch den Fleischwolf dreht. Fast freue ich mich auf die Anhörung. Vorher gibt es jedoch noch ein anderes Problem. Am Mittwoch ruft sie gegen Mittag auf meinem Handy an und verkündet rüde: »Wir haben heute Nachmittag ein Lehrergespräch in der Schule.« Ach ja? Das ist vielleicht das zweite Mal, dass ich gebeten werde, in die Schule zu kommen und mich wie ein Vater zu verhalten. Bis jetzt hat es Judith sehr gut geschafft, mich aus allem herauszuhalten, was mit Starcher zu tun hat. »Okay. Was ist los?«, frage ich. »Starcher steckt in Schwierigkeiten. Er ist in eine Rauferei geraten und hat den anderen Jungen geschlagen.« Väterlicher Stolz erfüllt mich, und um ein Haar hätte ich gelacht. Aber ich beiße mir auf die Zunge und sage: »Du meine Güte. Was ist passiert?« Am liebsten hätte ich gefragt, ob er gewonnen hat, wie oft er zugeschlagen hat und ob der andere Junge aus der dritten Klasse war. Aber es gelingt mir gerade noch, meine Begeisterung im Zaum zu halten. »Genau darum wird es in dem Gespräch gehen. Wir sehen uns um vier Uhr im Büro der Direktorin.« »Vier Uhr? Heute?« »Ja.« Zickig und keinen Widerspruch duldend. »Okay.« Ich werde einen Termin vor Gericht verschieben müssen, aber das ist kein Problem. Dieses Gespräch will ich um nichts in der Welt verpassen. Mein Sohn – ein verzärtelter kleiner Junge, der nie die Chance hatte, Kämpferqualitäten zu entwickeln – hat jemanden geschlagen! Auf dem Weg zur Schule habe ich die ganze Zeit ein breites Grinsen im Gesicht. Die Direktorin hat ein großes Büro mit mehreren Stühlen um einen niedrigen Couchtisch. Dort treffen wir uns, alles ganz zwanglos. Sie heißt Doris und scheint nach mindestens vierzig Jahren im öffentlichen Bildungswesen etwas mitgenommen zu sein. Aber sie hat ein warmes Lächeln und eine beruhigende Stimme. Wer weiß, wie viele solcher Gespräche sie schon erlebt hat. Judith und Ava sitzen bereits da, als ich eintrete. Ich nicke ihnen zu, sage aber kein Wort. Judith trägt ein Designerkleid und sieht umwerfend aus. Ava, das ehemalige Unterwäschemodel, ist mit einer hautengen Lederhose und einer sehr stramm sitzenden Bluse bekleidet. Ihr Gehirn ist nicht größer als das einer Wüstenrennmaus, aber sie hat immer noch einen Körper, der auf Titelseiten gehört. Beide Frauen sehen hinreißend aus, und zumindest für mich ist offensichtlich, dass sie viel Zeit darauf verwendet haben, sich für diese Gelegenheit schick zu machen. Aber warum? Als sich Ms. Tarrant zu uns gesellt, wird mir einiges klar. Sie ist Starchers Lehrerin, eine dreiunddreißig Jahre alte Schönheit, die vor Kurzem geschieden wurde und einer Quelle zufolge schon wieder auf dem Markt ist. Sie hat blonde, zu einer flotten Kurzhaarfrisur geschnittene Haare und große braune Augen, die einen geradezu zwingen, zweimal hinzusehen. Judith und Ava sind plötzlich nicht mehr die attraktivsten Frauen im Raum. Genau genommen haben sie soeben ernsthafte Konkurrenz bekommen. Ich stehe auf und hole einen Stuhl für Ms. Tarrant, die die Aufmerksamkeit genießt. Judith schaltet sofort auf Zickenmodus – in dem sie sich von Natur aus die meiste Zeit befindet –, aber Avas Blick bleibt an der Lehrerin hängen. Meiner klebt ohnehin förmlich an ihr. Doris erzählt uns das Wesentliche: Gestern Nachmittag kickten ein paar Jungs aus der zweiten Klasse einen Ball auf dem Schulhof herum. Es gab Streit, dann eine Rauferei, dann wurde Starcher von einem Jungen namens Brad geschubst, den er daraufhin auf den Mund schlug. Was zu einer kleinen Platzwunde führte, ergo Blut, ergo ein schwerwiegendes Ereignis. Es war keine Überraschung, dass die Jungen keinen Piep mehr sagten, als die Lehrer kamen. »Das klingt ziemlich harmlos. Jungs sind nun mal so«, platze ich heraus. Keine der vier Frauen stimmt mir zu, was ich auch nicht erwartet habe. Ms. Tarrant meldet sich zu Wort: »Einer der Jungen hat mir erzählt, dass Brad sich über Starcher lustig gemacht hat, weil sein Foto in der Zeitung …« »Wer hat zuerst zugeschlagen?«, falle ich ihr ins Wort. An der Reaktion der Frauen kann ich erkennen, dass ihnen die Frage nicht gefällt. »Spielt das denn eine Rolle?«, blafft Judith mich an. »Und ob das eine Rolle spielt.« Doris, die Schwierigkeiten wittert, sagt schnell: »Mr. Rudd, Raufereien sind bei uns strengstens verboten, egal, wer die Auseinandersetzung anfängt. Unsere Schüler werden angehalten, Aktivitäten dieser Art zu unterlassen.« »Das habe ich verstanden, aber Sie können doch nicht erwarten, dass sich ein Kind nicht wehrt, wenn es gemobbt wird.« Das Wort »gemobbt« ist ein heißes Eisen. Da mein Junge jetzt das Opfer ist, wissen sie nicht so genau, was sie antworten sollen. »Ich bin mir nicht sicher, ob er tatsächlich gemobbt wurde«, meint Ms. Tarrant. »Ist Brad ein Draufgänger?« »Nein, das ist er ganz bestimmt nicht. Ich habe dieses Jahr ganz tolle Kinder in meiner Klasse.« »Davon bin ich überzeugt. Einschließlich meines Sohnes. Das sind kleine Jungs, okay? Sie können sich nicht ernsthaft wehtun. Also schubsen und stoßen sie sich auf dem Schulhof. Das sind Jungs, verdammt! Lassen Sie sie Jungs sein. Bestrafen Sie sie nicht jedes Mal, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.« »Wir erteilen ihnen damit eine Lektion, Mr. Rudd«, erklärt Doris im Lehrerinnenton. »Hast du mit ihm über Schlägereien geredet?«, schnauzt Judith mich an. »Ja, das habe ich. Ich habe ihm erklärt, dass es falsch ist, sich zu prügeln, dass man nie eine Schlägerei anfangen soll, aber dass man sich, wenn jemand anders eine anfängt, wehren darf. Und was, bitte schön, ist daran falsch?« Keine der vier Frauen setzt zu einer Antwort an, daher rede ich weiter. »Er sollte besser jetzt lernen, wie er sich verteidigt, sonst wird er für den Rest seines Lebens gemobbt. Das sind Kinder. Sie prügeln sich. Manchmal verlieren sie einen Kampf, manchmal gewinnen sie einen, aber irgendwann wachsen sie da raus. Wenn ein Junge älter wird und ein paarmal was auf die Schnauze bekommt, werden Schlägereien irgendwann uninteressant.« Zum zweiten Mal erwische ich Ava dabei, wie sie auf Ms. Tarrants Beine starrt. Ich sehe ebenfalls hin, ich kann einfach nicht anders. Ihre Beine verdienen eine Menge Aufmerksamkeit. Doris beobachtet die Paarungsrituale. Sie kennt das alles schon. »Brads Eltern sind sehr aufgebracht«, sagt sie. »Ich rede mit ihnen. Ich werde mich bei ihnen entschuldigen, und Starcher wird sich ebenfalls entschuldigen«, werfe ich ein. »Was halten Sie davon?« »Das ist meine Sache«, faucht Judith. »Warum hast du mich dann zu dieser kleinen Party eingeladen? Ich werde dir sagen, warum. Du willst sichergehen, dass die Schuld bei mir landet. Vor fünf Tagen habe ich den Jungen zu einem Käfigkampf mitgenommen; jetzt prügelt er sich auf dem Schulhof. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass alles meine Schuld ist. Und du gewinnst. Du hast ein paar Zeugen gebraucht. Nur deshalb sind wir hier. Geht’s dir jetzt besser?« Jetzt schweigen natürlich alle peinlich berührt. In Judiths Augen lodert der Hass, und ich kann fast sehen, wie ihr der Dampf aus den Ohren kommt. Doris, der Profi, versucht abzulenken. »Die Idee, dass einer von Ihnen mit Brads Eltern redet, gefällt mir.« »Einer von uns beiden oder einer von uns dreien?«, will ich wissen. Was bin ich doch für ein Klugscheißer. »Es tut mir leid, aber ich finde es hier ziemlich voll.« Ava durchbohrt mich mit Blicken. Ich starre auf die Beine der Lehrerin. Was für ein lächerliches Gespräch. Doris beweist Rückgrat. Sie sieht mich an und sagt: »Ich glaube, das sollten Sie übernehmen. Sie haben recht, so etwas ist Männersache. Rufen Sie Brads Eltern an, und entschuldigen Sie sich.« »Einverstanden.« »Was für eine Strafe wird Starcher bekommen?« Die Frage wird von Ava gestellt, weil Judith im Augenblick kein Wort herausbekommt. »Ms. Tarrant, was meinen Sie?«, sagt Doris. »Na ja, Strafe muss sein.« »Sagen Sie jetzt bloß nicht, dass Sie den Jungen von der Schule werfen wollen«, sage ich sarkastisch. »Aber nein. Er und Brad sind Freunde, und ich glaube, die beiden haben das Ganze schon vergessen«, erwidert Ms. Tarrant. »Wie wäre es damit – er muss eine Woche lang während der Pausen im Klassenzimmer bleiben?« »Aber zum Mittagessen in die Cafeteria kann er, oder?«, frage ich. Ich versuche lediglich, den Lauf der Gerechtigkeit zu blockieren. Ich bin Anwalt, so etwas ist bei mir ein Reflex. Ms. Tarrant lächelt, ignoriert meinen Einwand aber. Wir arbeiten eine Vereinbarung aus, und ich bin der Erste, der geht. Als ich mein Auto vom Parkplatz lenke, fällt mir auf, dass ich lächle. Starcher hat seinen Mann gestanden! Am späten Abend schicke ich Ms. Tarrant – sie heißt mit Vornamen Naomi – eine E-Mail und bedanke mich dafür, dass sie so gute Arbeit geleistet hat. Zehn Minuten später liegt eine E-Mail von ihr im Postfach, in der sie sich ebenfalls bedankt. Ich schreibe sofort zurück und frage, ob sie mit mir essen geht. Zwanzig Minuten später erklärt sie mir, dass es keine gute Idee sei, mit dem Vater eines ihrer Schüler auszugehen. Anders ausgedrückt: nicht jetzt, vielleicht irgendwann einmal. Es ist Mittwoch und damit Zeit für Dirty Golf. Wir haben schon oft bei schlechtem Wetter gespielt, aber für heute Abend sagt Alan uns ab. Er will nicht noch mehr Spurrillen auf den Fairways riskieren. Old Rico ist geschlossen. Ich bin hellwach und langweile mich. Ich mache mir Sorgen um Tadeo und Doug Renfro, außerdem bin ich ziemlich aufgedreht wegen der schlechten Aussichten, Ms. Tarrant zu erobern. An Schlaf ist wieder einmal nicht zu denken, daher schnappe ich mir einen Schirm und gehe ins Rack. Um Mitternacht verliere ich bei einem 9-Ball-Spiel zehn Dollar an einen Jungen, der höchstens fünfzehn sein kann. Als ich ihn frage, ob er zur Schule geht, antwortet er: »Manchmal.« Curly, der uns beobachtet, flüstert mir irgendwann zu: »Ich habe ihn noch nie hier gesehen. Unglaublich.« Um ein Uhr morgens erbarmt sich Curly meiner und macht den Laden zu. Der Junge hat mich neunzig Dollar gekostet. Das nächste Mal werde ich ihm aus dem Weg gehen. Um zwei Uhr fallen mir endlich die Augen zu, und ich schlafe ein. 14 Um vier Uhr morgens ruft Partner an. Sean King ist an einer Gehirnblutung gestorben. Ich mache mir einen Kaffee und trinke ihn im Dunkeln, während ich auf die Stadt hinunterstarre, die um diese Zeit noch völlig ruhig ist. Es ist Vollmond, und das kalte Licht wird von den hohen Gebäuden im Zentrum zurückgeworfen. Was für eine Tragödie. Jetzt wird Tadeo Zapate für mindestens zehn Jahre hinter Gitter wandern. Er ist zweiundzwanzig, und wenn er aus dem Gefängnis kommt, wird er zu alt für MMA-Kämpfe sein. Zu alt für vieles. Ich denke an das Geld, aber nur kurz. Ich habe dreißigtausend Dollar in den Jungen investiert, für ein Viertel der Preisgelder während seiner gesamten Karriere, bis jetzt in etwa achtzigtausend Dollar. Außerdem habe ich weitere zwanzigtausend Dollar bei Wetten auf ihn gewonnen. Daher bin ich leicht im Plus. Ich versuche, nicht an seine zukünftigen Einkünfte zu denken, die beträchtlich gewesen wären. Das kommt mir jetzt alles sehr trivial vor. Stattdessen denke ich an seine Familie, an ihr hartes Leben und die Hoffnung, die er ihnen gegeben hat. Er sollte Schluss machen mit dem Leben auf der Straße und der Gewalt, er war ihre Fahrkarte zur Mittelklasse und mehr. Jetzt werden sie noch tiefer in Armut versinken, während er im Gefängnis verfault. Es gibt keine Rechtfertigung, keine juristische Strategie, um ihn zu retten. Ich habe mir das Video inzwischen hundertmal angesehen. Die letzte Kaskade von Schlägen hat Sean Kings Gesicht getroffen, als er schon bewusstlos war. Es wird nicht schwierig sein, einen Sachverständigen zu finden, der bezeugen wird, dass diese Hiebe tödlich waren. Doch ein Sachverständiger wird gar nicht notwendig sein. Dieser Fall wird nie vor Gericht gehen. Ich vertrete die Interessen meines Mandanten am besten, wenn ich die Anklage irgendwie dazu bringen kann, dass sie uns ein annehmbares Angebot macht. Ich hoffe nur, dass es zehn und nicht dreißig Jahre sind, aber aus irgendeinem Grund weiß ich, dass das Wunschdenken ist. Kein Staatsanwalt in diesem Land würde die Gelegenheit verpassen, einen derart im Fokus der Öffentlichkeit stehenden Mörder festzunageln. Ich zwinge mich dazu, an Sean King zu denken, aber ich habe ihn nicht gekannt. Natürlich weiß ich, dass seine Familie am Boden zerstört ist, doch meine Gedanken kehren immer wieder zu Tadeo zurück. Um sechs gehe ich unter die Dusche, ziehe mich an und fahre zum Gefängnis. Ich muss Tadeo sagen, dass das Leben, so, wie er es gekannt hat, vorbei ist. 15 Am darauffolgenden Montag erscheinen Tadeo Zapate und ich wieder vor Gericht, aber dieses Mal ist die Stimmung völlig anders. Jetzt wird er des Mordes angeklagt, und dank des Internets ist er berühmt. Offenbar können nicht viele Leute der Versuchung widerstehen, dabei zuzusehen, wie er Sean King mit bloßen Händen tötet. Wie erwartet lehnt der Richter eine Kaution ab. Dann wird Tadeo weggeführt. Ich hatte zwei kurze Gespräche mit dem Staatsanwalt, und es sieht ganz danach aus, als wollte er Blut sehen. Mord mit bedingtem Vorsatz wird mit maximal dreißig Jahren bestraft. Bei einer Absprache werden zwanzig draus. Aufgrund unseres verkorksten Bewährungssystems wird Tadeo mindestens zehn davon absitzen müssen. Ich werde ihm das alles später erklären. Er ist noch im Zustand der Verleugnung, in jenem Nebel, in dem es ihm leidtut, was geschehen ist, er keine Erklärung dafür hat, aber immer noch glaubt, dass ein guter Anwalt seine Beziehungen spielen lassen und ihn raushauen kann. Ein trauriger Tag, der aber nicht völlig vergeudet ist. In dem breiten Gang vor dem Gerichtssaal warten mehrere Reporter, und zwar auf mich. Man hat mir noch keinen Maulkorb verpasst, daher kann ich all diese lächerlichen Dinge sagen, die jeder Anwalt vor einem Prozess sagt: Mein Mandant ist ein guter Mensch, der ausgerastet ist, weil er ungerecht behandelt wurde. Er empfindet tiefes Mitgefühl für Sean Kings Familie. Er würde alles geben, um die entscheidenden Sekunden ungeschehen zu machen. Wir werden eine aggressive Verteidigungsstrategie verfolgen. Ja, natürlich hofft er, wieder in den Ring steigen zu können. Er hat seiner armen Mutter dabei geholfen, die Familie und ein Haus voller Verwandter finanziell zu unterstützen. Und so weiter. 16 Während Harry & Harry am laufenden Band Schriftsätze für mich produzieren und Richter Samson den Staatsanwalt anraunzt, wenn er sich auch nur in die Nähe seines Gerichtssaals wagt, ist es mit der Zivilklage ungewöhnlich schnell weitergegangen. Das Ganze ist ein Rennen, das wir nicht gewinnen werden. Am liebsten wäre es mir, wenn ich Doug Renfros Zivilsache in einem voll besetzten Gerichtssaal verhandeln könnte, bevor die Strafsache gegen ihn an der Reihe ist. Das Problem besteht darin, dass für Strafsachen ein zügiges Gerichtsverfahren vorgeschrieben ist, für Zivilsachen dagegen nicht. Theoretisch muss eine Strafsache innerhalb von hundertzwanzig Tagen nach Anklageerhebung vor Gericht gebracht oder auf anderem Weg erledigt werden, allerdings verzichtet der Anwalt des Angeklagten üblicherweise auf diese Regelung, weil er mehr Zeit für seine Prozessvorbereitung braucht. Für Zivilsachen, die sich häufig über Jahre hinziehen, gibt es so etwas nicht. Im Idealfall würden wir zuerst die Zivilsache verhandeln und eine Riesensumme als Entschädigung erstreiten, die auf den Titelseiten landen und – weitaus wichtiger – potenzielle Geschworene in der Strafsache beeinflussen würde. Die Presse hat sich auf das Renfro-Desaster eingeschossen, und ich freue mich schon auf die Gelegenheit, die Cops im Zeugenstand in die Mangel zu nehmen, während uns die ganze Stadt dabei zusieht. Falls das Strafverfahren zuerst verhandelt wird und Doug Renfro schuldig gesprochen wird, dürfte es erheblich schwieriger werden, die Zivilsache zu gewinnen. Außerdem wäre dann seine Zeugenaussage aufgrund seiner Verurteilung anfechtbar. Richter Samson weiß das alles und versucht zu helfen. Keine drei Monate nach der verpfuschten SWAT-Razzia ordnet er an, dass alle acht Cops in seinem Richterzimmer zu erscheinen haben, damit ich sie unter Eid befragen kann. Kein Richter würde jemals in Erwägung ziehen, auch nur einer einzigen eidesstattlichen Erklärung beizuwohnen. So etwas wäre viel zu sehr unter seiner Würde. Doch um den Ton vorzugeben und den Cops und deren Anwälten zu zeigen, dass er ihnen keinen Zentimeter über den Weg traut, verfügt Richter Samson, dass die Aussagen in seinem Revier gemacht werden müssen, in Anwesenheit seines Referendars und eines Verwaltungsbeamten. Es ist ein brutaler Marathon, der mich an meine Grenzen bringt. Ich beginne mit Lieutenant Chip Sumerall, dem Leiter des SWAT-Teams, den ich nach seiner Berufserfahrung, seiner Ausbildung und seiner Beteiligung an anderen Razzien in Privathäusern befrage. Ich bin mit Absicht langweilig, nervtötend und humorlos. Sinn und Zweck der ganzen Sache ist es, eine Zeugenaussage unter Eid zu bekommen. Anhand von Stadtplänen, Fotos und Videos gehen wir die Renfro-Affäre Schritt für Schritt durch. Stundenlang. Es dauert sechs volle Tage, um die Aussagen der acht Cops aufzunehmen. Aber jetzt sind sie offiziell, und deshalb können die Cops ihre Geschichte weder beim Strafprozess noch beim Zivilverfahren ändern. 17 Das Familiengericht sehe ich immer nur dann von innen, wenn ich dort hinbefohlen werde, um Rechenschaft über meine Sünden abzulegen. Eine Scheidung oder Adoption würde ich nicht einmal mit vorgehaltener Waffe übernehmen. Judith dagegen verdient ihr Geld mit den schmutzigen Kriegen von Scheidungsprozessen, und das Familiengericht ist sozusagen ihr zweites Zuhause. Der Richter heute ist ein gewisser Stanley Leef, ein griesgrämiger Veteran, der schon vor Jahren das Interesse an seinen Fällen verloren hat. Judith vertritt sich selbst, ich mich auch. Sie hat Ava mitgeschleppt, die die einzige Zuschauerin ist, in einem Rock, der so kurz ist, dass man ihn mit einem Gürtel verwechseln könnte. Ich erwische Richter Leef dabei, wie er sie anstarrt und den Anblick genießt. Da wir beide Anwälte sind und uns selbst vertreten, verzichtet Leef auf die Formalitäten und gestattet uns, einfach nur dazusitzen und zu reden, als wären wir bei einer Schlichtung. Allerdings wird das Ganze protokolliert, und eine Gerichtsstenografin schreibt jedes Wort mit. Judith ist zuerst dran. Sie trägt den Sachverhalt vor, der sich anhört, als wäre ich der schlechteste Vater aller Zeiten, da ich meinen Sohn zu einem Käfigkampf mitgenommen habe. Dann, vier Tage später, wird Starcher in seine erste Prügelei in der Schule hineingezogen. Ein eindeutiger Beweis dafür, dass ich ein Ungeheuer aus ihm gemacht habe. Richter Leef legt die Stirn in tiefe Falten, als wäre das etwas ganz Furchtbares. Mit so viel Drama wie möglich verkündet Judith, dass mir sämtliche Besuchsrechte entzogen werden sollten, damit das Kind nie wieder unter meinen Einfluss gerät. Richter Leef wirft mir einen kurzen Blick zu, der besagt: »Ist sie verrückt geworden?« Aber wir sind nicht hier, weil wir Gerechtigkeit wollen, wir sind nur der Show wegen hier. Judith ist eine wütende Mutter, die mich wieder einmal vor Gericht gezerrt hat. Meine Strafe ist nicht der Entzug der Besuchsrechte, sondern eher der Aufwand, mich mit ihr zu streiten. Sie wird sich nicht herumschubsen lassen! Sie wird ihr Kind mit allen Mitteln beschützen! Dann bin ich an der Reihe. Ich schildere meine Seite der Geschichte, ohne sie auszuschmücken. Judith legt eine Ausgabe der Zeitung vor, auf der »ihr Sohn« auf der Titelseite zu sehen ist. Was für eine Demütigung! Er hätte ernsthaft verletzt werden können. Richter Leef ist schon fast eingeschlafen. Sie zieht eine Sachverständige hinzu, eine Kinderpsychologin. Dr. Salabar informiert das Gericht, dass sie Starcher befragt und eine ganze Stunde lang mit ihm geredet habe, über den Käfigkampf und die »Prügelei« auf dem Schulhof. Jetzt ist sie der Meinung, dass das Gemetzel, das er mit ansehen musste, während er unter meiner Aufsicht stand, einen schädlichen Einfluss auf ihn hatte und ihn dazu ermutigt hat, selbst eine Schlägerei anzuzetteln. Judith bringt es fertig, die Aussage der Kinderpsychologin so in die Länge zu ziehen, dass Richter Leef praktisch ins Koma fällt. Beim Kreuzverhör frage ich Dr. Salabar: »Sind Sie verheiratet?« »Ja.« »Haben Sie einen Sohn oder Söhne?« »Ja. Zwei Jungen.« »Haben Sie einen Ihrer Söhne jemals zu einem Boxkampf, einem Ringkampf oder einem Käfigkampf mitgenommen?« »Nein.« »Ist einer Ihrer Söhne schon einmal in eine Prügelei mit einem anderen Kind geraten?« »Das ist anzunehmen, aber mit Sicherheit kann ich es nicht sagen.« Die Tatsache, dass sie die Frage nicht beantworten will, spricht Bände. Richter Leef schüttelt den Kopf. »Haben sich Ihre Söhne schon einmal gegenseitig verprügelt?« »Daran kann ich mich nicht erinnern.« »Sie können sich nicht daran erinnern? Waren Sie denn eine liebevolle Mutter, die ihren Söhnen ihre ganze Aufmerksamkeit geschenkt hat?« »Davon gehe ich aus.« »Sie waren also immer für Ihre Söhne da?« »Soweit das möglich war, ja.« »Und Sie können sich nicht daran erinnern, ob sich einer von beiden jemals geprügelt hat?« »Nein, im Moment nicht.« »Später vielleicht? Streichen Sie das. Keine weiteren Fragen.« Ich sehe dem Richter an, dass er frustriert ist. Seine Laune bessert sich dramatisch, als die nächste Zeugin erscheint. Es ist Naomi Tarrant, Starchers Lehrerin, in einem engen Kleid und Stilettos. Als sie schwört, die Wahrheit zu sagen, ist Richter Leef hellwach. Ich auch. Lehrer hassen es wie die Pest, in Streitereien um Sorge- und Besuchsrechte hineingezogen zu werden. Naomi ist da keine Ausnahme, allerdings weiß sie, wie sie mit der Situation umzugehen hat. Wir schreiben uns seit einem Monat regelmäßig E-Mails. Sie will immer noch nicht mit mir essen gehen, aber ich mache langsam Fortschritte. Naomi sagt aus, dass Starcher nie gewalttätige Neigungen gezeigt habe, erst nach dem Besuch des Käfigkampfes vor ein paar Tagen. Sie schildert den Vorfall auf dem Schulhof, ohne ihn als Prügelei oder Rauferei zu bezeichnen. Nur zwei Jungs, die eine kleine Meinungsverschiedenheit hatten. Judith ruft sie als Zeugin auf, allerdings nicht, damit sie ihr bei der Suche nach der Wahrheit hilft, sondern nur, um Naomi und allen anderen zu zeigen, dass sie sie in einen Gerichtssaal zerren und schikanieren kann. Im Kreuzverhör bringe ich Naomi dazu zuzugeben, dass früher oder später fast jeder normale Junge, den sie bis jetzt unterrichtet hat, an irgendeiner Art von Rauferei auf dem Schulhof beteiligt war. Nach fünfzehn Minuten im Zeugenstand ist sie fertig, und als Richter Leef sie entlässt, sieht er ein kleines bisschen enttäuscht aus. In ihrem Schlussplädoyer wiederholt Judith, was sie bereits gesagt hat, und verlangt mit schriller Stimme den Entzug sämtlicher Besuchsrechte. »Aber der Vater hat doch sowieso nur sechsunddreißig Stunden im Monat. Das ist nicht viel«, schneidet ihr Richter Leef das Wort ab. »Danke, Euer Ehren«, sage ich. »Das reicht«, blafft Judith mich an. »Tut mir leid.« Der Richter sieht mich an: »Mr. Rudd, sind Sie damit einverstanden, das Kind in Zukunft von Käfigkämpfen sowie Box- und Ringkämpfen fernzuhalten?« »Ja, Euer Ehren.« Er wirft Judith einen finsteren Blick zu. »Ihr Antrag ist abgelehnt. Sonst noch etwas?« Judith zögert eine Sekunde. »Dann werde ich in die nächste Instanz gehen müssen«, erwidert sie schließlich. »Dazu haben Sie natürlich das Recht«, meint der Richter, während er den Hammer niedersausen lässt. »Die Anhörung ist hiermit beendet.« 18 Der Strafprozess gegen Doug Renfro beginnt an einem Montagmorgen. Im Gerichtssaal drängen sich die potenziellen Geschworenen. Während sie die Formalitäten erledigen und von den Gerichtsdienern zu ihren Plätzen geführt werden, treffen sich die Anwälte im Richterzimmer des Ehrenwerten Ryan Ponder, der seit zehn Jahren Bezirksrichter ist und zu unseren fähigeren Leuten zählt. Wie immer am ersten Tag eines wichtigen Prozesses herrscht eine angespannte Stimmung; alle sind leicht gereizt. Die Anwälte sehen aus, als hätten sie das ganze Wochenende nicht geschlafen. Wir sitzen an einem großen Tisch und besprechen einige vorbereitende Dinge. Als wir zum Schluss kommen, sieht Richter Ponder mich an und sagt: »Mr. Rudd, ich möchte sicher sein, dass wir uns richtig verstehen. Die Anklage bietet Ihnen eine Absprache an, wonach Ihr Mandant sich eines minder schweren Vergehens für schuldig erklärt und nicht zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wird. Er verlässt den Gerichtssaal als freier Mann. Im Gegenzug lässt er die Zivilklage gegen die Stadt und sämtliche anderen Beklagten fallen. Richtig?« »Richtig.« »Und er lehnt diese Absprache ab?« »Richtig.« »Lassen Sie uns das ins Protokoll aufnehmen.« Doug Renfro wird aus einem Zeugenraum geholt und in das Richterzimmer geführt. Er trägt einen dunklen Anzug mit einem weißen Hemd und einer gedeckten Krawatte und ist damit besser angezogen als alle anderen in diesem Raum, mit Ausnahme von mir vielleicht. Doug steht sehr aufrecht und stolz da, ein alter Soldat, der auf einen Kampf brennt. Es ist jetzt zehn Monate her, seit sein Haus von der Polizei gestürmt wurde. Er ist sichtlich gealtert, aber seine Verletzungen sind inzwischen verheilt, und er wirkt sehr selbstbewusst. Nachdem Richter Ponder ihn vereidigt hat, sagt er zu ihm: »Mr. Renfro, die Anklage bietet Ihnen einen Deal an, eine sogenannte Prozessabsprache. Sie liegt schriftlich vor. Haben Sie die Absprache gelesen und mit Ihrem Anwalt darüber gesprochen?« »Ja, das habe ich.« »Und Ihnen ist klar, dass Sie einen Prozess vermeiden, dieses Gebäude als freier Mann verlassen und sich keine Gedanken mehr darüber zu machen brauchen, vielleicht ins Gefängnis zu müssen, wenn Sie auf diese Absprache eingehen?« »Ja, das habe ich verstanden. Aber ich werde mich keiner Sache schuldig bekennen. Die Polizei ist in mein Haus eingebrochen und hat meine Frau getötet. Trotzdem gibt es keine Anklage, und das ist falsch. Ich werde die Entscheidung den Geschworenen überlassen.« Er starrt den Staatsanwalt angewidert an, dann richtet er seinen Blick wieder auf Richter Ponder. Der Staatsanwalt, ein erfahrener Mann namens Chuck Finney, versteckt das Gesicht hinter einem Aktendeckel. Finney, der kein schlechter Kerl ist, wäre jetzt am liebsten ganz woanders. Sein Problem ist einfach und eindeutig: Ein übereifriger Cop wurde bei einer verpatzten Razzia verletzt, und in einem Gesetz steht schwarz auf weiß, dass der Mann, der auf ihn geschossen hat, schuldig ist. Es ist ein schlechtes Gesetz, das von ahnungslosen Leuten geschrieben wurde, und jetzt muss Finney es durchsetzen. Er kann die Anklage nicht einfach fallen lassen. Ihm sitzt die Polizeigewerkschaft im Nacken. An dieser Stelle muss ich etwas zu Max Mancini sagen. Max ist der leitende Staatsanwalt der Stadt, vom Bürgermeister ernannt und vom Stadtrat bestätigt. Er ist laut, auffallend, ehrgeizig, ein getriebener Mann, der viel vorhat, nur ist nicht ganz klar, was. Er liebt Fernsehkameras ebenso sehr wie ich und stößt auch mal jemanden zur Seite, um sich vor eine hinzustellen. Max ist ein Ass im Gerichtssaal und kann eine Verurteilungsrate von neunundneunzig Prozent vorweisen, genau wie jeder andere Staatsanwalt in den USA. Da er der Chef ist, darf er die Zahlen manipulieren, und so hat er Beweise dafür, dass seine neunundneunzig Prozent stimmen. Bei einem Fall, der so viel Aufsehen erregt wie der Doug Renfros – mit garantierter Berichterstattung auf den Titelseiten und Liveschaltungen morgens, mittags und abends – würde Max sich normalerweise in seinen besten Anzug werfen und auf die Suche nach den Mikrofonen machen. Doch dieser Fall ist gefährlich, und das weiß er. Alle wissen es. Die Cops haben Mist gebaut. Die Renfros sind Opfer. Ein Schuldspruch ist eher unwahrscheinlich, und ein falsches Urteil kann Max Mancini nicht riskieren. Deshalb ist er untergetaucht. Unser leitender Staatsanwalt hat bis jetzt keinen Piep von sich gegeben. Ich bin mir sicher, dass er irgendwo im Schatten herumlungert, die Fernsehkameras anglotzt und sich in den Hintern beißt, aber bei diesem Prozess werden wir Max nicht sehen. Stattdessen hat er den Fall Chuck Finney untergejubelt. 19 Es dauert drei Tage, bis die Jury zusammengestellt ist, wobei schnell klar wird, dass alle zwölf eine Menge über den Fall wissen. Ich habe lange mit dem Gedanken gerungen, einen Antrag auf Wechsel des Verhandlungsortes zu stellen, mich dann aber dagegen entschieden. Dafür gibt es zwei Gründe, von denen der eine berechtigt ist und der andere mit meinem Ego zu tun hat. Zum einen haben viele Menschen in dieser Stadt genug von den Cops und ihrer brutalen Vorgehensweise. Zum anderen wimmelt es im Gericht von Reportern und Fernsehkameras, und das ist mein Revier. Aber am wichtigsten ist, dass mein Mandant es vorzieht, von einer Jury verurteilt zu werden, die aus seinen Mitbürgern besteht. In einem bis auf den letzten Platz besetzten Gerichtssaal sagt Richter Ponder: »Meine Damen und Herren Geschworenen, wir werden diesen Prozess jetzt mit den Eröffnungsplädoyers beginnen. Zuerst der Vertreter der Anklage, Mr. Finney, dann die Verteidigung, Mr. Rudd. Ich möchte Sie dahingehend belehren, dass nichts von dem, was Sie jetzt gleich hören werden, als Beweis gewertet werden kann. Die Beweise kommen nur aus einer einzigen Quelle, und das ist der Zeugenstand da drüben. Bitte, Mr. Finney.« Der Staatsanwalt erhebt sich langsam von seinem Platz am Tisch der Anklage, an dem außer ihm einige stellvertretende Staatsanwälte und ein paar nutzlose Assistenten sitzen. Es ist eine Zurschaustellung juristischer Macht, ein Versuch, die Geschworenen von der Schwere des Falls gegen Mr. Renfro zu überzeugen. Ich verfolge eine andere Strategie. Am Tisch der Anklage sitzen nur Doug und ich. Zwei kleine Leute, die mit den endlosen Ressourcen des Staates konfrontiert werden. Unser Tisch wirkt fast verlassen, wenn man ihn mit der Armee auf der anderen Seite vergleicht. Ich finde dieses David-gegen-Goliath-Bild toll. Chuck Finney ist so langweilig wie ein Staubsaugerverteter. Er beginnt mit einem gewichtigen »Meine Damen und Herren, wir haben es hier mit einem tragischen Fall zu tun«. Chuck, im Ernst? Was Besseres ist dir nicht eingefallen? Finney steht zwar nicht voll und ganz hinter dem Fall, aber er wird nicht kampflos aufgeben. Es sehen zu viele Leute zu, das Risiko ist zu groß für ihn. Die Glocke hat geschlagen, der Kampf beginnt. Ab jetzt geht es nicht mehr um Gerechtigkeit, sondern nur noch ums Gewinnen. Er schlägt sich ganz gut, als er die Gefahren der Polizeiarbeit beschreibt, vor allem in der heutigen Zeit, in der Sturmgewehre, durchtriebene Kriminelle, Drogenbanden und Terroristen an der Tagesordnung seien. Die Polizeibeamten seien häufig Ziel und Opfer extrem gewalttätiger Verbrecher, die keinen Respekt vor staatlicher Autorität hätten. Auf den Straßen herrsche Krieg – Krieg gegen Drogen, Krieg gegen den Terror, Krieg gegen so gut wie alles. Unsere tapferen Gesetzeshüter hätten jedes Recht, sich bis an die Zähne zu bewaffnen. Deshalb hätten die klugen Leute, die wir gewählt hätten, damit sie unsere Gesetze machten, vor sechs Jahren beschlossen, dass sich jemand – ja, auch ein Hausbesitzer – strafbar mache, wenn er auf unsere Polizisten schieße, solange diese ihre Arbeit erledigten. Deshalb sei Doug Renfro von Rechts wegen schuldig. Er habe auf Polizisten geschossen, er habe Officer Scott Keestler verwundet, einen erfahrenen Beamten, der lediglich seine Pflicht getan habe. Finney trifft den richtigen Ton und sammelt ein paar Pluspunkte. Zwei der Geschworenen sehen meinen Mandanten missbilligend an. Schließlich hat er einen Cop angeschossen. Aber Finney ist vorsichtig. Die Fakten sprechen nicht für ihn, egal, was das Gesetz sagt. Er fasst sich kurz, schweift an keiner Stelle ab und setzt sich nach zehn Minuten wieder hin. Für einen Staatsanwalt ist das ein Rekord. »Mr. Rudd für die Verteidigung«, sagt Richter Ponder. Als Strafverteidiger sprechen die Fakten nur selten für mich. Ist es doch einmal der Fall, kann ich einfach nicht widerstehen. Ich gebe jede Zurückhaltung auf. Ein schneller, harter Schlag, dann sehe ich zu, wie sie in Deckung gehen. Schon vom ersten Tag an war ich fest davon überzeugt, dass ich diesen Fall bereits mit dem Eröffnungsplädoyer gewinnen kann. Ich werfe meinen Schreibblock auf das Rednerpult und sehe die Geschworenen an. Blickkontakt mit jedem einzelnen von ihnen. Dann beginne ich. »Zuerst haben sie seinen Hund Spike erschossen, einen zwölf Jahre alten gelben Labrador, der tief und fest in seinem Körbchen in der Küche geschlafen hat. Was hat Spike getan, um den Tod zu verdienen? Nichts, er war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Warum haben sie Spike getötet? Sie werden versuchen, diese Frage mit einer ihrer üblichen Lügen zu beantworten. Sie werden behaupten, Spike habe sie bedroht, so wie jeder andere Hund, den sie töten, wenn sie mitten in der Nacht ein Privathaus stürmen. Meine Damen und Herren Geschworenen, in den letzten fünf Jahren haben die furchtlosen Cops unserer SWAT-Einheiten mindestens dreißig harmlose Hunde in dieser Stadt getötet, angefangen bei altersschwachen Kötern bis hin zu verspielten Welpen, die sich ausnahmslos alle um ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert haben.« Hinter mir steht Chuck Finney auf und sagt: »Einspruch, Euer Ehren. Relevanz. Ich bezweifle, dass andere SWAT-Einsätze etwas mit diesem Fall zu tun haben.« Ich sehe den Richter an, und bevor er eine Entscheidung fällen kann, werfe ich ein: »Oh, die Relevanz ist gegeben, Euer Ehren. Die Geschworenen sollen erfahren, wie solche Razzien ablaufen. Wir werden beweisen, dass diese Cops schießwütig sind und auf alles ballern, was sich bewegt.« Richter Ponder hebt die Hand. »Das reicht, Mr. Rudd. Ich werde den Einspruch ablehnen. Es ist nur ein Eröffnungsplädoyer, kein Beweis.« Da hat er recht, aber die Geschworenen haben mich bereits gehört. Ich wende mich wieder der Jury zu. »Spike hatte keine Chance. Das SWAT-Team trat die Haustür und die Hintertür gleichzeitig ein, daraufhin drangen acht schwer bewaffnete Cops in das Haus der Renfros ein. Spike sprang auf und bellte, und im nächsten Moment war er tot, abgeknallt mit drei Kugeln aus einer halbautomatischen Handfeuerwaffe, die auch von Army Rangers benutzt wird. Er war das erste Opfer.« Ich lege eine Pause ein und sehe die Geschworenen an. Einige von ihnen finden den toten Hund zweifellos schlimmer als alles andere, was in dieser Nacht geschah. »Acht Cops, acht Mitglieder des SWAT-Teams, alle mit mehr Ausrüstung und Waffen als jeder amerikanische Soldat, der in Vietnam oder im Zweiten Weltkrieg gekämpft hat. Schusssichere Westen, Nachtsichtgeräte, hochkomplexe Waffen, sogar schwarze Gesichtsbemalung, um alles noch dramatischer zu machen. Und warum? Warum sind sie dort gewesen?« Ich gehe jetzt vor der Geschworenenbank auf und ab. Mein Blick wandert in den Zuschauerraum. Der Gerichtssaal ist bis auf den letzten Platz besetzt. In der ersten Reihe entdecke ich den Polizeichef, der mich abgrundtief hasst. Normalerweise würden jetzt wie bei jedem Fall, in dem es um einen Polizisten geht, etwa zwei Dutzend uniformierte Beamte mit verschränkten Armen in den ersten Reihen sitzen und die Geschworenen anstarren. Das hat Richter Ponder jedoch nicht erlaubt. Ich habe einen Antrag gestellt und verlangt, dass keine Cops in Uniform in den Gerichtssaal gelassen werden, und der Richter hat zugestimmt. Die acht Mitglieder des SWAT-Teams müssen sowieso im Zeugenraum sitzen und verpassen das Spektakel. »Das Desaster begann mit dem Jugendlichen im Haus nebenan, einem Loser namens Lance, neunzehn Jahre alt und ohne Zukunftsaussichten. Lance war zwar arbeitslos, aber nicht gänzlich ohne Einkommen. Er verdiente gutes Geld mit dem Verkauf von Rauschgift, vor allem Ecstasy. Lance war zu clever, um auf der Straße zu verkaufen, daher benutzte er dafür das Internet. Aber nicht das Internet, das wir kennen. Lance lebte in der finsteren, verbotenen Welt des Darknet, ein Ort, den Google, Yahoo und die anderen bekannten Suchmaschinen gar nicht erst finden. Lance kaufte und verkaufte bereits seit zwei Jahren Drogen im Darknet, als ihm auffiel, dass die Renfros einen ungesicherten WLAN-Router besaßen. Für einen schlauen Burschen wie Lance war es einfach, sich als Trittbrettfahrer in das WLAN der Renfros zu hacken. Ein Jahr lang kaufte und verkaufte Lance Ecstasy über das Netzwerk der Renfros, die natürlich keine Ahnung davon hatten. Aber lassen Sie sich nicht täuschen – bei diesem Fall geht es nicht um Drogenhandel. Es geht darum, dass unsere Polizei gewaltig Mist gebaut hat. Die State Police war dabei, einige Online-Drogenhändler hochgehen zu lassen, und im Rahmen dieser Ermittlungen stießen die Beamten auf die IP-Adresse der Renfros. Obwohl es keine weiteren Beweise und keine richtigen Ermittlungen gab, wurde eine verdeckte Operation angeordnet. Sie beschafften sich zwei richterliche Beschlüsse: einen Haftbefehl für Doug Renfro und einen Durchsuchungsbeschluss für sein Haus.« Ich lege eine kurze Pause ein und trinke einen Schluck Wasser. Noch nie war es in einem Gerichtssaal so still. Aller Augen sind auf mich gerichtet, alle Anwesenden hören gebannt zu. Ich kehre zur Geschworenenbank zurück und stütze mich auf das Rednerpult, als würde ich mit meinem Großvater plaudern. »In der guten alten Zeit, die gar nicht einmal so lange her ist, damals, als Polizeiarbeit noch von Cops gemacht wurde, die ihr Revier kannten und wussten, wie man mit Kriminellen umgeht, damals, als Polizisten noch wussten, dass sie Polizisten sind und keine Navy-SEALs … damals, meine Damen und Herren Geschworenen, wäre ein Haftbefehl von zwei Beamten zugestellt worden, die zu einer annehmbaren Zeit zu Mr. Renfros Haus gefahren wären, an der Haustür geklingelt hätten, die Diele betreten und ihn darüber informiert hätten, dass er verhaftet sei. Dann hätten sie Mr. Renfro Handschellen angelegt und ihn weggebracht, alles mit der größtmöglichen Professionalität. Anschließend wären zwei weitere Beamte mit dem Durchsuchungsbeschluss gekommen, um Mr. Renfros Computer zu holen. Innerhalb von zwei Stunden wäre der Polizei klar gewesen, dass sie einen Fehler gemacht hat. Sie hätte sich bei Mr. Renfro entschuldigt und ihn nach Hause gebracht. Und dann hätte sie den Fall gelöst. Vergleichen wir damals mit heute. Heute, zumindest in dieser Stadt und mit dem derzeitigen Bürgermeister, stürmen Polizisten mitten in der Nacht die Häuser argloser, gesetzestreuer Bürger. Sie erschießen sie und ihre Hunde. Und wenn ihnen klar wird, dass sie das falsche Haus erwischt haben, lügen sie und vertuschen alles.« Noch eine lange Pause, als ich hinter das Rednerpult trete, kurz meine Notizen ansehe, die ich nicht brauche, und meinen Blick wieder zu den Geschworenen wandern lasse. Ich weiß nicht, ob überhaupt noch einer von ihnen atmet. »Meine Damen und Herren Geschworenen, in unserem Bundesstaat gibt es ein schlechtes Gesetz, nach dem ein Hausbesitzer, jemand wie Doug Renfro, der auf einen Polizeibeamten schießt, automatisch schuldig ist, selbst wenn der Cop im falschen Haus ist. Warum machen wir uns dann überhaupt noch die Mühe mit diesem Prozess? Warum liest nicht einfach jemand den Text dieses Gesetzes vor und sagt Mr. Renfro, dass er für die nächsten vierzig Jahre ins Gefängnis muss? Weil es so etwas wie automatische Schuld nicht gibt. Deshalb haben wir Geschworene, und Ihre Aufgabe wird es sein zu entscheiden, ob Doug Renfro wusste, was er tat. Hat er gewusst, dass die Polizei in seinem Haus war? Als er auf den Flur rannte und dunkle Gestalten in der Finsternis sah, was hat er da gedacht? Ich werde es Ihnen sagen. Er hatte Angst. Er war fest davon überzeugt, dass gefährliche Kriminelle in sein Haus eingebrochen waren und zu schießen begonnen hatten. Und was das Wichtigste ist: Er wusste nicht, dass es Polizisten waren. Wenn er es nicht gewusst hat, kann er nicht schuldig gesprochen werden. Die Männer konnten gar keine Polizisten sein. Warum sollten Cops in sein Haus kommen, wo er doch nichts Unrechtes getan hatte? Warum sollten sie um drei Uhr morgens auftauchen, zu einer Zeit, als alle tief und fest schliefen? Warum haben sie nicht an die Haustür geklopft oder geklingelt? Warum haben sie die Haustür eingetreten und die Hintertür dazu? Warum, warum, warum? Polizisten tun so etwas nicht. Oder vielleicht doch?« 20 Der erste Zeuge ist ein hohes Tier von der State Police. Der Mann heißt Ruskin und wird in den Zeugenstand gerufen, um mit der unmöglichen Aufgabe zu beginnen, das zu rechtfertigen, was die Polizei in jener Nacht in Renfros Haus getan hat. Finney feuert eine Frage nach der anderen ab, was so fürchterlich einstudiert wirkt, dass keinerlei Spontaneität aufkommen kann. Die beiden quälen sich durch den »schleichenden« Anstieg des Internetdrogenhandels, die »besorgniserregende« Anzahl von Teenagern, die dort Drogen kaufen und verkaufen, und so weiter. Immer wieder springe ich auf und rufe: »Einspruch, Euer Ehren, aus Gründen der Relevanz. Was hat diese Aussage mit Doug Renfro zu tun?« Nachdem Richter Ponder zum dritten Mal einen Einspruch von mir abgelehnt hat, wirkt er ziemlich frustriert. Finney spürt das und macht weiter. Die beiden schildern lang und breit, wie die State Police einen Internetschwindel inszenierte, um Drogenhändler zu schnappen. Alles in allem war die Operation ziemlich erfolgreich. In unserem Bundesstaat wurden etwa vierzig Leute verhaftet. Tolle Cops, nicht wahr? »Haben Sie sonst noch jemanden getötet?«, lautet meine erste Frage an den Zeugen, die der Beginn eines höchst kontroversen Kreuzverhörs ist. Ich frage Ruskin nach den anderen Festnahmen. Wurden die Haftbefehle von SWAT-Teams zugestellt? Wurden um drei Uhr morgens Privathäuser gestürmt? Hat noch jemand einen Hund verloren? Haben Sie die Panzer losgeschickt? Nach der Hälfte meines Kreuzverhörs zwinge ich ihn, das einzustehen, was schon seit Monaten bekannt ist: Die Polizei hat das falsche Haus erwischt. Da Ruskin zögert, es zuzugeben, beschädigt er dadurch seine Glaubwürdigkeit. Nach zwei Stunden habe ich ihn zurechtgestutzt und einen lallenden Idioten aus ihm gemacht. Er kann es kaum mehr erwarten, den Zeugenstand zu verlassen. Ich benehme mich häufig wie ein scheinheiliges Arschloch, wenn meine Mandanten eindeutig schuldig sind. Sind sie unschuldig, stinke ich geradezu nach Arroganz und Überheblichkeit. Weil ich das weiß, gebe ich mir mächtig Mühe, zumindest der Jury gegenüber den Anschein zu erwecken, dass ich im Grunde genommen ein netter Kerl bin. Es ist mir eigentlich egal, ob die Geschworenen mich hassen oder nicht, solange sie meinen Mandanten nicht hassen. Wenn ich allerdings einen Heiligen wie Doug Renfro vertrete, muss ich engagiert wirken, ohne ausfallend zu werden. Ungläubig angesichts der Ungerechtigkeit, aber glaubwürdig. Der nächste Zeuge der Anklage ist Lieutenant Chip Sumerall, der Leiter des SWAT-Teams. Er wird aus einem Zeugenraum geholt und vereidigt. Wie immer trägt er seine Uniform mit so vielen Abzeichen und Auszeichnungen wie möglich, mit allem, was dazugehört, aber ohne Dienstrevolver und Handschellen. Sumerall ist ein arroganter Idiot mit muskelbepackten Armen und einem militärisch kurzen Haarschnitt. Wir sind schon bei seiner eidesstattlichen Erklärung aneinandergeraten, und ich werfe ihm finstere Blicke zu, als würde er jetzt schon lügen. Finney führt ihn Schritt für Schritt durch ihre Version der Ereignisse. Sie reden ausführlich über seine umfassende Ausbildung und Erfahrung, seine ruhmreiche Karriere. Systematisch gehen sie die zeitliche Abfolge des Renfro-Einsatzes durch. Sumerall wälzt so viel Verantwortung wie möglich auf andere ab und sagt mehr als einmal, er habe nur Befehle befolgt. Ich habe den Eindruck, der gesamte Gerichtssaal wartet darauf, dass ich Sumerall im Kreuzverhör auseinandernehme, und kann mich kaum noch beherrschen. Ich beginne mit ein paar Bemerkungen zu seiner Uniform, wie beeindruckend und professionell sie sei. Wie oft trägt er sie? Und was bedeuten die Auszeichnungen? Dann bitte ich ihn, die Uniform zu beschreiben, die er in der Nacht getragen hat, als er die Tür zum Haus der Renfros eingetreten hat. Schicht für Schicht, Gegenstand für Gegenstand, Waffe für Waffe, angefangen bei den Kampfstiefeln mit Stahlkappen bis hin zu dem Sturmhelm gehen wir jede Kleinigkeit davon durch. Ich frage ihn nach seiner Maschinenpistole, einer Heckler & Koch MP5, entwickelt für den Nahkampf und die beste der Welt, wie er stolz erklärt. Ich erkundige mich, ob er die Waffe in jener Nacht benutzt habe, was er bejaht. Ich versuche herauszufinden, ob er die Schüsse abgegeben hat, die Kitty Renfro getötet haben. Er behauptet, es nicht zu wissen. Es sei dunkel gewesen, es sei alles so schnell gegangen. Kugeln seien geflogen, die Polizei sei »unter Beschuss« gewesen. Während ich im Gerichtssaal umhergehe, werfe ich Doug einen flüchtigen Blick zu. Er hat das Gesicht in den Händen vergraben und erlebt den Albtraum noch einmal. Ein Blick zu den Geschworenen verrät mir, dass einige von ihnen fassungslos sind. »Sie sagen, es sei dunkel gewesen. Aber Sie waren doch mit Nachtsichtgeräten ausgestattet, oder?« »Ja.« »Nachtsichtgeräte sollen es den Polizeibeamten ermöglichen, im Dunkeln zu sehen. Richtig?« »Ja.« »Okay. Und warum haben Sie dann im Dunkeln nichts sehen können?« Die Antwort liegt auf der Hand. Sumerall windet sich, aber er ist zäh. »Wie schon gesagt, es ist alles so schnell gegangen«, versucht er auszuweichen. »Bevor ich etwas erkennen konnte, wurden auch schon Schüsse abgegeben, die wir dann erwidert haben.« »Und Sie konnten Kitty Renfro, die zehn Meter von Ihnen entfernt am Ende des Flurs stand und einen weißen Schlafanzug trug, nicht sehen?« »Nein, ich habe sie nicht gesehen.« Ich lasse ihm keine Ruhe und frage mehrmals nach, was er gesehen hat oder hätte sehen sollen. Als ich diesen Punkt zur Genüge abgehandelt habe, komme ich wieder auf die Vorgehensweise der Polizei zu sprechen. Wer hat den SWAT-Einsatz genehmigt? Wer war anwesend, als die Entscheidung gefallen ist? Hatte er oder irgendjemand anders so viel gesunden Menschenverstand, zu sagen, dass ein solcher Einsatz vielleicht gar nicht notwendig sei? Warum haben Sie bis um drei Uhr morgens gewartet, um das Haus zu stürmen, als es dunkel war? Was hat Sie veranlasst zu glauben, Doug Renfro wäre gefährlich? Sumerall fängt an, die Fassung zu verlieren. Sein Blick geht Hilfe suchend zu Finney, aber der Staatsanwalt kann nichts tun. Als Sumerall die Geschworenen ansieht, begegnet ihm nichts als Misstrauen. Ich stelle weiter meine Fragen und lege die Idiotie solcher Abläufe bloß. Wir reden über das Training und die Ausrüstung der SWAT-Einheit. Es gelingt mir sogar, den Panzer zu erwähnen, und Richter Ponder gestattet mir, den Geschworenen ein vergrößertes Foto davon zu zeigen. Richtig Spaß macht es, als mir erlaubt wird, nach anderen verpfuschten Razzien zu fragen. Sumerall ist nach zwei vorherigen Einsätzen wegen übermäßiger Gewaltanwendung kurzzeitig suspendiert gewesen, und ich lasse mir das alles haarklein erzählen. Manchmal wird er dabei rot. Manchmal beginnt er zu schwitzen. Um achtzehn Uhr, nachdem Sumerall vier aufreibende Stunden im Zeugenstand verbracht hat, fragt mich Richter Ponder schließlich, ob ich bald fertig sei. »Nein, Euer Ehren, ich habe gerade erst angefangen«, erwidere ich vergnügt, während ich Sumerall einen finsteren Blick zuwerfe. Ich bin so aufgedreht, dass ich bis Mitternacht weitermachen könnte. »Na schön, dann unterbreche ich die Sitzung bis morgen früh um neun Uhr.« 21 Um Punkt neun Uhr am Freitagmorgen werden die Geschworenen hereingeführt und von Richter Ponder begrüßt. Lieutenant Sumerall wird aufgerufen und begibt sich wieder in den Zeugenstand. Ein bisschen was von seiner Großspurigkeit ist verschwunden, aber es ist noch genug übrig. »Mr. Rudd, fahren Sie bitte mit Ihrem Kreuzverhör fort«, sagt Ponder. Zusammen mit einem Gerichtsdiener falte ich eine großformatige Zeichnung mit dem Grundriss des Hauses der Renfros auseinander, auf der sowohl Erdgeschoss als auch erster Stock zu sehen sind, und befestige sie an einer Tafel. Ich bitte Sumerall als den Leiter des SWAT-Teams, uns darüber aufzuklären, wie die acht Männer ausgewählt wurden. Warum wurden sie in zwei Teams aufgeteilt, eines für die Haustür, eines für die Hintertür? Welche Aufgabe hatten die einzelnen Männer? Welche Waffen hatten sie? Wer traf die Entscheidung, nicht zu klingeln, sondern die Tür aufzubrechen? Wie wurden die Türen geöffnet? Wer hat sie geöffnet? Welche Cops waren als Erste im Haus? Wer hat Spike erschossen und warum? Sumerall kann oder will die meisten Fragen nicht beantworten, und nach kurzer Zeit steht er da wie ein kompletter Idiot. Er war der Leiter des Teams und auch sehr stolz darauf, aber im Zeugenstand ist er sich bei vielen Details nicht sicher. Nachdem ich ihn zwei Stunden lang in die Mangel genommen habe, machen wir eine Pause. Bei einem Kaffee erzählt mir Doug, die Geschworenen seien skeptisch und misstrauisch; einige schienen innerlich zu kochen. »Wir haben sie überzeugt«, sagt er, aber ich bremse ihn. Vor allem zwei der Geschworenen machen mir Sorgen, da sie meinem alten Freund Nate Spurio zufolge Verbindungen zur Polizei haben. Wir haben uns gestern Abend auf einen Drink getroffen, und er sagte, dass die Cops auf die Geschworenen Nummer vier und sieben Druck ausübten. Darum werde ich mich später kümmern. Ich widerstehe der Versuchung, Sumerall den ganzen Tag lang zu piesacken, was ich häufiger tue, als ich sollte. Kreuzverhöre sind eine Kunst, und zu wissen, wann man aufhören muss, gehört dazu. Das habe ich noch nicht gelernt, weil ich einen Kotzbrocken wie Sumerall instinktiv treten will, wenn er am Boden liegt. »Ich glaube, diesen Zeugen haben Sie lange genug befragt«, meint Doug klugerweise. Er hat recht, daher sage ich dem Richter, dass ich mit Sumerall fertig bin. Der nächste Zeuge ist Scott Keestler, jener Beamte, der angeschossen wurde, allem Anschein nach von Doug Renfro. Finney nimmt ihn zuerst ins Direktverhör und versucht sein Bestes, ein wenig Mitgefühl von den Geschworenen zu bekommen. In Wirklichkeit – mir liegen sämtliche Arztberichte vor – war die Schusswunde an seinem Hals nur wenig mehr als ein Kratzer. Wenn er Soldat gewesen wäre, hätte man ihm ein paar Heftpflaster in die Hand gedrückt und ihn wieder an die Front geschickt. Aber der Staatsanwalt muss Boden gutmachen, daher hört es sich so an, als hätte Keestler eine Kugel zwischen die Augen bekommen. Finney findet kein Ende, und schließlich ist es Zeit für die Mittagspause. Als wir wieder im Gerichtssaal sind, sagt Finney: »Keine weiteren Fragen, Euer Ehren.« »Mr. Rudd?« So laut ich kann, rufe ich Keestler entgegen: »Officer Keestler, haben Sie Kitty Renfro ermordet?« Sämtlichen Anwesenden verschlägt es die Sprache. Finney springt auf und legt Einspruch ein. Richter Ponder sagt: »Mr. Rudd, wenn Sie …« »Hier geht es um Mord, Euer Ehren, oder nicht? Kitty war unbewaffnet, als sie in ihrem eigenen Haus erschossen wurde. Das ist Mord.« »Ist es nicht!«, wirft Finney mit lauter Stimme ein. »Diesbezüglich gibt es ein Gesetz, nach dem Gesetzeshüter nicht haftbar gemacht werden können, wenn …« »Mag ja sein, dass sie nicht haftbar gemacht werden können«, falle ich ihm ins Wort. »Aber es ist trotzdem Mord.« Ich zeige auf die Geschworenen und frage: »Wie soll man es sonst nennen?« Drei oder vier von ihnen nicken zustimmend. »Mr. Rudd, bitte unterlassen Sie es, das Wort ›Mord‹ zu benutzen«, sagt Richter Ponder. Ich hole tief Luft, so wie alle anderen. Keestler sieht aus wie ein Mann, der vor einem Erschießungskommando steht. Ich gehe zum Rednerpult zurück, starre ihn an und frage höflich: »Gesetzeshüter Keestler, was hatten Sie in der Nacht der SWAT-Razzia an?« »Wie bitte?« »Was hatten Sie an? Zählen Sie den Geschworenen bitte genau auf, was Sie auf dem Leib getragen haben.« Er schluckt schwer, dann fängt er an: schusssichere Weste, Waffen und so weiter. Die Liste ist lang. »Reden Sie weiter«, fordere ich ihn auf. Er schließt mit »Boxershorts, T-Shirt, weiße Sportsocken«. »Danke. Ist das alles?« »Ja.« »Sind Sie sicher?« »Ja.« »Absolut sicher?« »Ja, ich bin sicher.« Ich starre ihn an, als wäre er ein schmutziger Lügner. Dann gehe ich zu dem Tisch, auf dem die Beweise liegen, und nehme ein großes Farbfoto in die Hand, auf dem zu sehen ist, wie Keestler auf einer Bahre liegt und in die Notaufnahme geschoben wird. Sein Gesicht ist deutlich zu erkennen. Da das Foto bereits als Beweismittel zugelassen ist, gebe ich es Keestler und frage: »Sind Sie das?« Er sieht es sich verwirrt an. »Ja, das bin ich.« Der Richter gestattet mir, das Foto an die Geschworenen weiterzugeben. Sie nehmen sich Zeit, lassen das Bild auf sich wirken, geben es schließlich zurück. »Gesetzeshüter Keestler, wenn ich Sie mir auf diesem Foto so ansehe – was ist das schwarze Zeug in Ihrem Gesicht?« Er lächelt erleichtert. Komm, hör auf. »Oh, das meinen Sie. Das ist nur schwarze Tarnfarbe.« »Auch Kriegsbemalung genannt?« »Ich glaube schon. Es gibt mehrere Bezeichnungen dafür.« »Was für einen Zweck hat Kriegsbemalung?« »Sie dient der Tarnung.« »Dann ist sie also ziemlich wichtig?« »Ja, natürlich.« »Sie ist notwendig, um die Sicherheit der Männer vor Ort zu gewährleisten, richtig?« »Natürlich.« »Wie viele der acht Polizeibeamten in Ihrem SWAT-Team hatten in jener Nacht schwarze Tarnfarbe im Gesicht?« »Ich habe sie nicht gezählt.« Er kennt die Antwort und kann sich denken, dass ich sie auch kenne. »Ich bin mir wirklich nicht sicher«, fügt er hinzu. Ich gehe zu meinem Tisch und nehme eine dicke Akte mit einer eidesstattlichen Erklärung in die Hand, und zwar so, dass er es sieht. »Gesetzeshüter Keestler …« Finney steht auf. »Einspruch, Euer Ehren. Er benutzt ständig die Bezeichnung ›Gesetzeshüter‹. Ich glaube, das ist …« »Sie haben diese Bezeichnung zuerst benutzt«, blafft Richter Ponder ihn an. »Abgelehnt.« Ich weise nach, dass sich vier der Cops mit schwarzer Kriegsbemalung verziert hatten, und als ich weiterrede, macht Keestler den Eindruck eines Teenagers, der mit Wachsmalkreide spielt. Jetzt wird es Zeit, schweres Geschütz aufzufahren. »Gesetzeshüter Keestler«, sagte ich, »Sie verbringen viel Zeit mit Videospielen, nicht wahr?« Finney erhebt sich wieder. »Einspruch, Euer Ehren. Relevanz.« »Abgelehnt«, erwidert der Richter barsch, ohne den Staatsanwalt auch nur anzusehen. Richter Ponder ist anzumerken, dass er genug hat von der Polizei und ihren Lügen und Taktiken. Wir haben enorm an Boden gewonnen – was für mich eine Seltenheit ist –, und ich bin mir nicht sicher, wie ich damit umgehen soll. Soll ich die Dinge beschleunigen und den Fall den Geschworenen zur Beratung übergeben, solange sie noch auf unserer Seite sind? Oder mache ich so weiter wie bisher und nehme jeden möglichen Treffer mit? Treffer erzielen macht so viel Spaß, außerdem habe ich das Gefühl, dass die Geschworenen voll und ganz auf unserer Seite stehen und auch noch Gefallen an diesem unabwendbaren Desaster finden. »Was sind das denn für Videospiele?« Er nennt ein paar harmlose, fast infantile Videospiele, die ihn aussehen lassen wie einen zu groß geratenen Fünftklässler. Er und Finney wissen, was jetzt kommt, und sie versuchen, den Schock ein wenig abzumildern. Und das lässt Keestler noch schlechter dastehen. »Mr. Keestler, wie alt sind Sie?« »Sechsundzwanzig«, antwortet er mit einem Lächeln. Endlich eine ehrliche Antwort. »Und Sie spielen immer noch Videospiele?« »Ja.« »Genau genommen haben Sie bis jetzt Tausende Stunden mit Videospielen zugebracht. Ist das richtig?« »Schon möglich.« »Und eines Ihrer Lieblingsspiele ist Mortal Attack 3, habe ich recht?« Ich halte die Akte mit seiner eidesstattlichen Erklärung in die Höhe, in der er mir bestätigt hat, dass er als Jugendlicher mit Videospielen angefangen hat und immer noch gern spielt. »Ja.« Ich schwenke seine Aussage hin und her, als wäre sie Gift. »Haben Sie nicht bereits unter Eid ausgesagt, dass Sie Mortal Attack 3 seit zehn Jahren spielen?« »Ja.« Ich sehe Richter Ponder an. »Euer Ehren, ich würde den Geschworenen gern einen Ausschnitt aus Mortal Attack 3 vorspielen.« Finney überschlägt sich fast, als er aufspringt. Wir diskutieren seit einem Monat darüber, und der Richter hat sich eine Entscheidung bis zu diesem Moment vorbehalten. »Das interessiert mich«, sagt er schließlich. »Wir sehen uns den Ausschnitt an.« Frustriert wirft Finney einen Schreibblock auf den Tisch vor sich. »Mr. Finney, es reicht jetzt mit dieser Theatralik. Setzen Sie sich!«, raunzt der Richter ihn an. Es kommt nur selten vor, dass ich bei einem Prozess den Richter auf meiner Seite habe, und ich weiß nicht so recht, wie ich mich verhalten soll. Der Gerichtssaal wird verdunkelt, dann fährt eine Leinwand von der Decke herunter. Ein Techniker hat einen fünfminütigen Ausschnitt mit Szenen aus dem Videospiel für mich zusammengestellt. Auf meine Anweisung hin dreht er die Lautstärke auf, und die Geschworenen zucken erschrocken zusammen, als sie plötzlich einen muskelbepackten Soldaten vor sich sehen, der eine Tür eintritt, während im Hintergrund irgendetwas explodiert. Ein Tier, das einem Hund ähnelt, aber mit funkelnden Zähnen und überdimensionalen Krallen ausgestattet ist, springt aus dem Nichts hervor und wird von unserem Helden zusammengeschossen. In Türrahmen und an Fenstern erscheinen Bösewichte, die ebenfalls niedergemäht werden. Kugeln – die Art, die man sehen kann – und Querschläger fliegen durch die Luft. Körperteile werden abgerissen. Das Blut steht knietief. Menschen schreien und schießen und sterben auf spektakuläre Weise. Nach zwei Minuten haben wir genug gesehen. Nach fünf Minuten brauchen alle eine Pause. Die Leinwand wird dunkel, das Licht geht wieder an. Ich starre Keestler, der immer noch im Zeugenstand sitzt, vielsagend an und frage: »Nur ein Spiel, stimmt’s, Gesetzeshüter Keestler?« Er antwortet nicht. Ich schaue ein paar Sekunden zu, wie er absäuft, und frage dann: »Sie spielen auch gern ein Spiel namens Home Invasion, nicht wahr?« Er zuckt mit den Schultern, sieht Finney Hilfe suchend an und knurrt schließlich: »Ja, schon.« Finney springt auf und ruft: »Euer Ehren, ist das wirklich relevant?« Der Richter hat sich auf die Ellbogen gestützt und sieht so aus, als wollte er es jetzt genau wissen. »Oh, ich glaube, dass das sehr relevant ist, Mr. Finney.« Der Gerichtssaal wird wieder verdunkelt, und drei Minuten lang sehen wir uns den nächsten bluttriefenden Schwachsinn an. Sollte ich Starcher jemals dabei erwischen, wie er diesen Müll spielt, werde ich ihn sofort zum Entzug schicken. Einmal flüstert der Geschworene Nummer sechs laut: »Um Himmels willen!« Ich beobachte die Männer und Frauen, während sie angewidert auf die Leinwand starren. Als die Videovorführung vorbei ist, zwinge ich Keestler, zuzugeben, dass er auch häufig Crack House – Special Ops spielt. Er gibt zu, dass die Cops im Keller des Polizeipräsidiums einen Aufenthaltsraum haben, der dank großzügiger Unterstützung der Steuerzahler mit einem 54-Zoll-Fernseher ausgestattet ist. Zwischen ihren SWAT-Einsätzen vertreiben sich die Jungs dort ihre Zeit mit Videospielen. Begleitet von Finneys wenig überzeugenden Einsprüchen ziehe ich Keestler diese Informationen häppchenweise aus der Nase. Irgendwann will er gar nicht mehr darüber reden, was ihn und die Anklage noch schlechter aussehen lässt. Als ich mit ihm fertig bin, ist er völlig unglaubwürdig geworden. Während ich mich setze, werfe ich einen flüchtigen Blick auf die Zuschauer. Der Polizeichef ist gegangen. Er wird nicht wiederkommen. »Mr. Finney, wer ist Ihr nächster Zeuge?« Finney lässt den Kopf hängen und sieht aus, als wollte er keine weiteren Zeugen mehr aufrufen. Am liebsten hätte er sich jetzt wohl in den nächsten Zug gesetzt und die Stadt verlassen. Er wirft einen Blick auf seinen Schreibblock. »Officer Boyd.« Boyd hat in jener Nacht sieben Schüsse abgegeben. Mit siebzehn wurde er einmal wegen Trunkenheit am Steuer verurteilt, aber irgendwie ist es ihm später gelungen, den Eintrag löschen zu lassen. Finney weiß nichts von der Verurteilung, ich schon. Mit zwanzig wurde Boyd unehrenhaft aus der Army entlassen. Als er vierundzwanzig war, wählte seine Freundin wegen häuslicher Gewalt den Notruf. Das Ganze wurde unter den Teppich gekehrt, es kam nie zu einer Anklage. Außerdem war Boyd bei zwei anderen verpfuschten SWAT-Einsätzen dabei und schwärmt für dieselben Videospiele, mit denen sich Keestler die Zeit vertreibt. Boyd ins Kreuzverhör zu nehmen könnte durchaus der Höhepunkt meiner juristischen Laufbahn sein. Doch plötzlich sagt Richter Ponder: »Ich vertage die Sitzung bis Montagmorgen, neun Uhr. Die Anwälte bitte zu mir ins Richterzimmer.« 22 Kaum hat sich die Tür geschlossen, starrt Richter Ponder den Staatsanwalt wütend an und knurrt: »Dieser Fall stinkt zum Himmel. Hier wird dem Falschen der Prozess gemacht.« Der arme Finney weiß das, aber er kann es nicht sagen. Genau genommen kann er in diesem Moment überhaupt nichts sagen. Der Richter hackt weiter auf ihm herum. »Haben Sie etwa vor, alle acht Mitglieder des SWAT-Teams in den Zeugenstand zu rufen?« »Das dürfte sich jetzt erledigt haben«, bringt Finney gerade noch heraus. »Großartig, dann werde ich sie als Zeugen der Gegenpartei aufrufen«, werfe ich ein. »Ich will, dass alle acht vor die Geschworenen treten.« Der Richter sieht mich erschrocken an. Ich habe das Recht dazu, und das wissen sie. Mehrere Sekunden verstreichen, während sie sich vorstellen, wie die anderen sechs Guerillacops vor die Jury treten und von mir fertiggemacht werden. Richter Ponder sieht Finney an. »Haben Sie schon einmal daran gedacht, die Anklage fallen zu lassen?« Natürlich nicht. Finney mag zwar resigniert haben, aber er ist nach wie vor Staatsanwalt. Bei einem Strafprozess hat der vorsitzende Richter das Recht, Beweismittel der Anklage auszuschließen und ein Urteil zugunsten des Angeklagten anzuordnen. Das passiert allerdings nur sehr selten. Doch bei unserem Fall schreibt ein Gesetz vor, dass jeder, der auf einen Polizisten schießt, wenn dieser sein Haus betritt, des versuchten Mordes an einem Polizeibeamten schuldig ist, egal, ob die Cops die falsche Adresse erwischt haben oder nicht. Es ist ein schlechtes Gesetz, wenig durchdacht und grauenhaft formuliert, aber Richter Ponder ist der Ansicht, dass es ihm nicht den Spielraum lässt, den Fall abzuweisen. Daher werden die Geschworenen das Urteil sprechen. 23 Am Wochenende wird plötzlich einer der übrigen sechs SWAT-Cops ins Krankenhaus eingeliefert und kann deshalb nicht aussagen. Ein anderer verschwindet spurlos. Ich brauche eineinhalb Tage, um die restlichen vier zu zerpflücken. Wir bekommen jede Menge Berichterstattung auf den Titelseiten, und die Polizei hat noch nie so schlecht ausgesehen. Ich versuche, diesen glorreichen Moment zu genießen, denn es ist unwahrscheinlich, dass ich so etwas noch einmal erleben werde. Am letzten Tag der Zeugenaussagen treffe ich mich mit Familie Renfro zum Frühstück. Bei unserem Gespräch geht es darum, ob Doug aussagen soll oder nicht. Seine drei erwachsenen Kinder – Thomas, Fiona und Susanna – sind ebenfalls gekommen. Sie sind den gesamten Prozess über dabei gewesen und haben keinen Zweifel daran, dass die Jury ihren Vater nicht schuldig sprechen wird, egal, was in irgendeinem lausigen Gesetz steht. Ich erkläre ihnen, was schlimmstenfalls passieren kann: Finney greift Doug im Kreuzverhör an und versucht, ihn zu verunsichern. Er bringt Doug dazu zuzugeben, dass er fünf Schüsse aus seiner Handfeuerwaffe abgegeben und versucht hat, die Polizisten zu töten. Die Anklage kann diesen Fall nur dann gewinnen, wenn Doug im Zeugenstand die Nerven verliert, aber damit rechnen wir nicht. Doug Renfro lässt sich nicht so leicht aus der Fassung bringen, und er besteht darauf, eine Aussage zu machen. In dieser Phase des Prozesses hat der Angeklagte das Recht auszusagen, egal, was sein Anwalt davon hält. Sie wollen meine Meinung dazu hören. Mein Instinkt sagt genau das, was jeder andere Strafverteidiger sagen würde: Wenn die Anklage die Richtigkeit ihrer Sache nicht bewiesen hat, ist es am besten, den Mandanten vom Zeugenstand fernzuhalten. Aber Doug Renfro lässt sich das Recht auf eine Aussage nicht nehmen. 24 Ich beginne mit Fragen zu Dougs Militärkarriere. Vierzehn Jahre in Uniform, in denen er seinem Land treu gedient hat, ohne Fehl und Tadel. Zwei Einsätze in Vietnam, ein Purple Heart, zwei Wochen in Gefangenschaft, bis er gerettet wurde. Ein halbes Dutzend Orden, eine ehrenhafte Entlassung. Ein echter Soldat, keiner aus dem Spielzeugladen. Und ein gesetzestreuer Bürger, der sich außer einem Strafzettel für zu schnelles Fahren nie etwas hat zuschulden kommen lassen. Ein krasser Kontrast, der für sich selbst spricht. In der fraglichen Nacht sahen er und Kitty bis zehn Uhr fern, danach lasen sie noch ein paar Minuten und löschten schließlich das Licht. Er gab seiner Frau einen Gutenachtkuss und sagte ihr wie jeden Abend, dass er sie liebe. Dann schliefen sie ein. Sie wurden jäh aus ihren Träumen gerissen, als die Erstürmung des Hauses begann. Die Wände zitterten, Schüsse wurden abgegeben. Doug griff nach seiner Pistole und sagte zu Kitty, sie solle den Notruf wählen. In dem darauffolgenden Chaos rannte er in den dunklen Flur hinaus und sah, wie zwei Schatten die Treppe heraufstürmten. Von unten drangen Stimmen zu ihm. Er warf sich auf den Boden und begann zu schießen. Unmittelbar darauf wurde er in die Schulter getroffen. Nein, erklärt er nachdrücklich, niemand habe »Polizei!« gebrüllt. Kitty stieß einen Schrei aus und lief in den Flur, mitten in den Kugelhagel hinein. Doug bricht schluchzend zusammen, als er das Geräusch beschreibt, mit dem die Kugeln den Körper seiner Frau trafen. Auch die Hälfte der Geschworenen weint. 25 Finney will eigentlich gar nichts mit Dougs Zeugenaussage zu tun haben. Trotzdem versucht er zu beweisen, dass Doug mit Absicht auf die Polizei geschossen hätte. Doug macht seine Bemühungen zunichte, indem er immer wieder sagt: »Ich habe nicht gewusst, dass es Polizisten sind. Ich dachte, es wären Kriminelle, die in mein Haus einbrechen.« Ich rufe keine weiteren Zeugen auf. Ich brauche sie nicht. Finney quält sich lustlos durch sein Schlussplädoyer, bei dem er keinen Blickkontakt zu den Geschworenen aufnimmt. Als ich an der Reihe bin, fasse ich die wichtigsten Fakten kurz zusammen und beherrsche mich ansonsten. Es wäre ein Leichtes, kein gutes Haar an den Cops zu lassen, sie nach Strich und Faden fertigzumachen, aber die Jury hat genug. Richter Ponder belehrt die Geschworenen in Bezug auf anwendbares Recht, dann bittet er sie, sich zur Beratung zurückzuziehen. Doch niemand rührt sich vom Fleck. Was dann geschieht, hat fast historische Bedeutung Geschworener Nummer sechs, ein Mann namens Willie Grant, steht langsam auf und sagt: »Euer Ehren, ich bin zum Sprecher dieser Jury gewählt worden und habe eine Frage.« Richter Ponder, der während des gesamten Prozesses kein einziges Mal die Fassung verloren hat, zuckt zusammen und starrt Finney und mich mit weit aufgerissenen Augen an. Im Gerichtssaal könnte man eine Stecknadel fallen hören. Mir stockt der Atem. »Ich bin mir nicht sicher, ob das zum jetzigen Zeitpunkt zulässig ist«, erwidert der Richter. »Ich habe die Jury angewiesen, sich zur Beratung zurückzuziehen.« »Euer Ehren, wir müssen uns nicht beraten«, erwidert Mr. Grant. »Wir wissen, wie wir entscheiden wollen.« »Ich habe Sie wiederholt darauf hingewiesen, dass Sie untereinander nicht über den Fall sprechen dürfen«, tadelt Ponder streng. Mr. Grant lässt sich dadurch nicht beeindrucken. »Wir haben nicht über den Fall gesprochen, aber wir sind zu einem Urteil gelangt. Es gibt nichts zu diskutieren oder zu beraten. Ich möchte lediglich wissen, warum Mr. Renfro der Prozess gemacht wird und nicht den Polizisten, die seine Frau getötet haben.« Aufgeregtes Gemurmel und Flüstern geht durch den Saal. Richter Ponder versucht, die Ordnung wiederherzustellen, indem er sich deutlich hörbar räuspert. »Ist Ihr Urteil einstimmig?«, fragt er. »Und ob es das ist. Wir befinden Mr. Renfro für nicht schuldig und sind der Ansicht, dass diese Polizisten des Mordes angeklagt werden sollten.« »Ich bitte jetzt die Geschworenen, die Hand zu heben, wenn sie einem Freispruch zustimmen.« Zwölf Hände schießen in die Höhe. Ich lege den Arm um Doug Renfro, der zum zweiten Mal an diesem Tag schluchzend zusammenbricht. Teil 4 DER AUSTAUSCH 1 Nach einem großen Prozess und ganz besonders nach einem, der eine ausführliche Berichterstattung auf den Titelseiten und eine Menge Sendezeit bekommen hat, verschwinde ich häufig für eine Weile von der Bildfläche. Was nicht daran liegt, dass ich der öffentlichen Aufmerksamkeit entgehen will. Ich bin Anwalt, das Bedürfnis nach Publicity liegt bei mir in den Genen. Aber beim Renfro-Prozess habe ich die Polizei gedemütigt und ein paar Beamte in eine peinliche Lage gebracht. Beamte, die zu den ganz harten Jungs gehören und es nicht gewohnt sind, sich für ihre Missetaten verantworten zu müssen. Wie heißt es so schön? Die Straße ist gerade ein bisschen zu heiß. Es ist Zeit für eine Pause. Ich lade eine Reisetasche mit einigen Kleidungsstücken, meine Golfschläger, ein paar Taschenbücher und drei Flaschen Bourbon aus einer Kleinserie in den Van und verschwinde am Tag nach dem Urteilsspruch aus der Stadt. Das Wetter ist rau und windig, zu kalt für Golf, daher fahre ich Richtung Süden und mache mich auf die Suche nach der Sonne, so wie unzählige andere Menschen aus dem Norden, die den Winter in wärmeren Gefilden verbringen. Ich bin viel unterwegs und habe dabei gelernt, dass fast jede Kleinstadt mit mehr als zehntausend Einwohnern einen öffentlichen Golfplatz besitzt. An den Wochenenden sind diese Plätze in der Regel brechend voll, aber unter der Woche gibt es immer freie Startzeiten. Ich spiele mich langsam nach Süden und suche mir mindestens einen Platz am Tag, manchmal auch zwei. Ich spiele allein, ohne Caddie und ohne Scorekarte, zahle bar für billige Motelzimmer, esse nicht viel und trinke spätabends Bourbon, während ich den neuesten Krimi von James Lee Burke oder Michael Connelly lese. Wenn ich viel Geld hätte, könnte ich für den Rest meines Lebens so weitermachen. Habe ich aber nicht, und so kehre ich schließlich in die Stadt zurück, wo ich sofort von meinem schlechten Ruf eingeholt werde. 2 Vor etwa einem Jahr wurde eine junge Frau namens Jiliana Kemp entführt, als sie nach einem Besuch bei einer Freundin ein Krankenhaus verließ. Ihr Auto wurde später unberührt auf der zweiten Ebene eines Parkhauses neben dem Krankenhaus gefunden. Überwachungskameras zeichneten auf, wie sie zu ihrem Wagen ging, verloren sie aber, als sie aus dem Erfassungsbereich heraustrat. Das Material aller vierzehn Kameras wurde ausgewertet. Sie hatten die Kennzeichen jedes Autos aufgezeichnet, das innerhalb eines Zeitraums von vierundzwanzig Stunden in das Parkhaus und wieder heraus gefahren war. Es gab nur eine einzige aussagekräftige Spur. Eine Stunde, nachdem Jiliana zu ihrem Wagen gegangen war, verließ ein blauer Ford SUV das Parkdeck. Der Fahrer war ein Weißer mit Baseballmütze und Brille. Die Kennzeichen des SUV waren aus Iowa und gestohlen. Den Parkwächtern war in der fraglichen Nacht nichts Verdächtiges aufgefallen, und der Mann, der den Parkschein vom Fahrer des blauen SUV entgegennahm, konnte sich nicht mehr an ihn erinnern. In der Stunde, bevor der SUV das Parkhaus verließ, hatten vierzig Fahrzeuge die Schranke an der Ausfahrt passiert. Die Ermittler suchten jeden Zentimeter des Parkhauses ab, fanden aber nichts. Jilianas Entführer stellte keine Lösegeldforderung. Die Suche war aufwendig, doch vergeblich. Trotz einer Belohnung von hunderttausend Dollar gingen keine Hinweise aus der Bevölkerung ein. Zwei Wochen später wurde der blaue SUV hundertsechzig Kilometer entfernt in einem State Park verlassen aufgefunden. Er war vor einem Monat in Texas gestohlen worden. Die Kennzeichen stammten aus Pennsylvania und waren natürlich auch gestohlen. Der Entführer trieb sein Spiel mit der Polizei. Er hatte den SUV mit der Zahnbürste geputzt; keine Fingerabdrücke, keine Haare, kein Blut, nichts. Sein Aktionsradius und die penible Planung bereiteten den Ermittlern Sorgen. Sie hatten es nicht mit einem gewöhnlichen Kriminellen zu tun. Was noch mehr Druck auf die Behörden ausübte, war die Tatsache, dass Jiliana Kemps Vater einer von zwei stellvertretenden Polizeichefs unserer Stadt ist. Natürlich hatte der Fall bei der Polizei die höchste Priorität. Damals wurde allerdings nicht öffentlich gemacht, dass Jiliana im dritten Monat schwanger war. Kurz nach ihrem Verschwinden erzählte ihr Freund, der mit ihr zusammenlebte, ihren Eltern von der Schwangerschaft. Sie hielten diese Information geheim, während die Polizei rund um die Uhr arbeitete, um sie zu finden. Von Jiliana hat man nie wieder etwas gehört. Ihre Leiche wurde nie gefunden. Sie ist wahrscheinlich tot – aber wann wurde sie ermordet? Der schlimmste anzunehmende Fall ist auch der am nächsten liegende: Sie wurde nicht sofort getötet, sondern erst nach der Geburt des Kindes. Neun Monate nach ihrer Entführung, nachdem die Belohnung für Hinweise immer größer geworden war, führte ein Tipp die Polizei zu einem Pfandhaus, das in der Nähe meiner Wohnung liegt. Eine Kette mit einer kleinen Goldmünze war für zweihundert Dollar verpfändet worden. Jilianas Freund identifizierte die Kette als jene, die er ihr im Jahr davor zu Weihnachten geschenkt hatte. In einem gewaltigen Kraftakt gelang es den Ermittlern, den Weg der Kette zu erarbeiten. Er führte sie zu einem anderen Pfandhaus, zu einer anderen Transaktion und schließlich zu einem Verdächtigen namens Arch Swanger. Swanger, ein einunddreißig Jahre alter Herumtreiber ohne ersichtliche Einkünfte, besaß ein Vorstrafenregister, in dem es von kleinen Diebstählen und Drogenhandel in geringem Ausmaß nur so wimmelte. Er wohnte in einem heruntergekommenen Trailerpark bei seiner Mutter, einer Alkoholikerin, die von Sozialhilfe lebte. Nachdem man einen Monat lang jeden seiner Schritte überwacht hatte, wurde Swanger schließlich zu einer Vernehmung aufs Revier gebracht. Er antwortete ausweichend und wortkarg. Nach zwei Stunden erfolgloser Befragung wollte er nichts mehr sagen und verlangte einen Anwalt. Da es keine stichhaltigen Beweise gab, ließ ihn die Polizei laufen, setzte die Überwachung jedoch fort. Trotzdem gelang es Swanger, sich ein paarmal unbemerkt zu verdrücken, aber er kehrte jedes Mal nach Hause zurück. Letzte Woche wurde er wieder einmal für eine Befragung aufgegriffen. Er verlangte seinen Anwalt. »Okay, und wer ist Ihr Anwalt?«, fragte der Detective. »Dieser Typ namens Rudd. Sebastian Rudd.« 3 Noch mehr Ärger mit der Polizei hat mir gerade noch gefehlt. Aber, wie ich und meine Berufskollegen so schön sagen, wir können uns die Mandanten nicht immer aussuchen. Und jeder Angeklagte, egal, wie verachtenswert er selbst oder sein Verbrechen ist, hat das Recht auf einen Anwalt. Die meisten Laien verstehen das nicht, außerdem ist es ihnen egal. Mir ist es auch egal. Es ist mein Job. Ehrlich gesagt war ich zuerst ganz begeistert davon, dass Swanger mich haben wollte. Ich war begeistert von der Aussicht, meine Nase mitten in einen weiteren sensationellen Fall stecken zu können. Doch dieser Fall wird mich für den Rest meines Lebens verfolgen. Ich werde den Tag verfluchen, an dem ich zum Revier hinübergeeilt bin, um mit Arch Swanger zu sprechen. Das Polizeipräsidium hat mehr undichte Stellen als eine alte Wasserleitung, und als ich dort ankomme, wissen schon alle Bescheid. Ein Reporter mit Kameramann fängt mich ab, als ich das Gebäude betrete, und will wissen, ob ich Arch Swanger verteidige. Ich antwortete mit einem unhöflichen »Kein Kommentar« und gehe weiter. Doch von dem Moment an weiß jeder in der Stadt, dass ich sein Anwalt bin. Es passt doch perfekt zusammen, oder? Ein abscheulicher Mörder und der skrupellose Anwalt, der jeden verteidigt. Ich bin schon oft auf dem Revier gewesen, und jedes Mal hat dort eine energiegeladene Hektik geherrscht. Streifenpolizisten in Uniform stürmen durch die Büros und werfen ihren Kollegen, die zum Innendienst verdonnert sind, derbe Witze an den Kopf. Detectives in billigen Anzügen stolzieren über die Gänge und machen ein finsteres Gesicht, als wären sie auf die ganze Welt sauer. Verängstigte Familien sitzen auf Bänken und warten auf schlechte Nachrichten. Und immer gibt es irgendwo einen Anwalt, der sich in zähen Verhandlungen mit einem Cop befindet oder sich beeilt, zu seinem Mandanten zu kommen, bevor dieser ein Geständnis ablegt. Heute ist die Luft besonders dick, die Atmosphäre angespannt. Ich werde noch unverhohlener angeglotzt als sonst. Es überrascht mich nicht. Sie haben einen Killer geschnappt, der auf der anderen Seite des Flurs festgehalten wird. Und hier kommt sein Anwalt, um ihn herauszupauken. Man sollte alle beide packen und aufs Rad flechten. Auch die Nachwirkungen des Renfro-Prozesses bekomme ich zu spüren. Es sind erst drei Wochen seitdem vergangen, und Cops haben ein Gedächtnis wie Elefanten. Einige der Jungs hier würden liebend gern einen Schlagstock nehmen und mir ein paar Knochen brechen, wenn nicht noch Schlimmeres. Ich werde durch ein Labyrinth von Büros zu den Verhörräumen geführt. Am Ende eines Flurs stehen zwei Detectives der Mordkommission vor einem Einwegspiegel und rauchen. Einer der beiden ist Landy Reardon, der Cop, der mich vorhin angerufen und gesagt hat, dass von allen Anwälten in der Stadt ausgerechnet ich der Auserwählte sei. Reardon ist der beste Detective der Mordkommission. Er steht kurz vor der Pensionierung, und die Jahre haben ihren Tribut gefordert. Er ist ungefähr sechzig, sieht aber zehn Jahre älter aus, mit dichten weißen Haaren, die nicht oft geschnitten werden. Er raucht immer noch und kann die tiefen Furchen in seinem Gesicht als Beweis dafür herzeigen. Als er mich sieht, nickt er mir zu – kommen Sie rüber. Der andere Detective verschwindet. Das Gute an Landy Reardon ist, dass er schonungslos ehrlich ist und keine Zeit mit einem Fall verschwendet, den er nicht beweisen kann. Er sucht wie ein Besessener nach Beweisen, doch wenn es keine gibt, gibt es eben keine. In dreißig Jahren hat er noch nie den falschen Mordverdächtigen vor Gericht gebracht. Wenn Landy jemanden wegen Mordes verhaftet, werden sich Richter und Geschworene seiner Meinung anschließen, und der Angeklagte wird seine Tage sehr wahrscheinlich im Gefängnis beschließen. Im Fall Jiliana Kemp hat Landy von Anfang an die Ermittlungen geführt. Vor vier Monaten hatte er einen leichten Herzinfarkt, und sein Arzt hat ihm geraten, in Pension zu gehen. Er hat sich einen anderen Arzt gesucht. Ich stelle mich neben ihn, und wir starren beide durch den Spiegel. Wir haben uns nicht begrüßt. Landy hält alle Strafverteidiger für Abschaum und würde sich nie dazu herablassen, mir die Hand zu geben. Swanger sitzt allein im Verhörraum. Er hat sich auf seinem Klappstuhl zurückgelehnt und die Füße auf den Tisch gelegt, gelangweilt von allem. »Was hat er gesagt?«, frage ich. »Nichts. Seinen Namen, dann hat er nach Ihnen verlangt. Angeblich hat er in der Zeitung von Ihnen gelesen.« »Er kann lesen?« »Ich würde mal sagen, ein IQ von 130. Er sieht nur aus wie ein Idiot.« Allerdings. Untersetzt mit Doppelkinn, große braune Flecken vom Hals aufwärts, der Kopf bis auf ein paar gewachste Borsten so kahl rasiert wie ein Bürstenhaarschnitt von vor sechzig Jahren, vor der Beatles-Ära. Um entweder Aufmerksamkeit oder Spott zu erregen, trägt er eine Brille mit riesengroßen runden Gläsern, die blaugrün gefärbt sind. »Die Brille«, sage ich. »Drogerie. Billig und Fensterglas. Er braucht keine Brille, aber er hält sich für sehr klug, wenn es um Tarnung geht. Genau genommen ist er ziemlich gut. Im letzten Monat ist er uns trotz Überwachung ein paarmal entwischt, aber er kommt immer nach Hause zurück.« »Was haben Sie gegen ihn?« Landy schnaubt müde und frustriert. »Nicht viel«, erwidert er. Ich bewundere seine Ehrlichkeit. Er ist ein brillanter Cop und nicht so dumm, offen mit mir zu reden, aber ich vertraue ihm. »Reicht es für eine Anklage?« »Schön wär’s. Eine Verhaftung ist noch in weiter Ferne. Der Boss will ihn für ein oder zwei Wochen hierbehalten. Den Druck erhöhen, sehen, ob wir den Typ mürbe bekommen. Was in etwa das Gleiche ist wie darauf zu warten, dass der Blitz einschlägt und wir Glück haben. Das kann man vergessen. Wir werden ihn vermutlich wieder laufen lassen. Ganz im Vertrauen, Rudd, viel haben wir nicht.« »Für mich sieht es so aus, als hätten Sie jede Menge Verdachtsmomente.« Landy grunzt und lacht. »Darin sind wir ganz gut. Schauen Sie ihn sich an. Der sieht doch so was von verdächtig aus. Ich würde ihn allein schon wegen des ersten Eindrucks zu zehn Jahren Einzelhaft verurteilen.« »Vielleicht fünf.« »Reden Sie mit ihm, und wenn Sie wollen, zeige ich Ihnen morgen die Akte.« »Okay, ich gehe rein, aber ich habe den Typ noch nie gesehen, und ich bin mir nicht sicher, ob ich sein Anwalt sein möchte. Schließlich geht es letztendlich um mein Honorar, und er sieht nicht sehr begütert aus. Wenn er mittellos ist, bekommt er einen Pflichtverteidiger gestellt, dann bin ich aus dem Rennen.« »Viel Spaß.« 4 Swanger nimmt die Füße vom Tisch, steht auf, und wir stellen uns gegenseitig vor. Fester Händedruck, Blickkontakt, lässige Stimme ohne jede Spur von Nervosität. Ich lasse mir nichts anmerken und verkneife es mir, ihm zu sagen, dass er die verdammte Brille abnehmen soll. Wenn er sie mag, bin ich ganz verrückt nach dem Teil. »Ich habe Sie im Fernsehen gesehen«, sagt er. »Dieser Käfigkämpfer, der den Ringrichter getötet hat. Was ist aus ihm geworden?« »Der Fall ist noch anhängig. Wir warten auf den Prozess. Sie gehen zu Käfigkämpfen?« »Nein. Ich sehe sie mir zusammen mit meiner Mom im Fernsehen an. Vor ein paar Jahren habe ich überlegt, damit anzufangen.« Fast hätte ich gelacht. Der Typ würde nicht mal zehn Sekunden in einem Käfig überleben, selbst wenn er fünfzehn Kilo abnehmen und acht Stunden am Tag trainieren würde. Vermutlich würde er schon in der Kabine in Ohnmacht fallen. Ich sitze mit leeren Händen am Tisch und frage: »Worüber wollen Sie mit mir reden?« »Über das Mädchen. Sie kennen den Fall. Die denken hier, dass ich irgendetwas damit zu tun habe, und jetzt schikanieren sie mich die ganze Zeit. Sie kleben seit Monaten an mir, lungern in den Schatten rum, als wüsste ich nicht, was los ist. Das ist schon das zweite Mal, dass sie mich hergeschleppt haben, genau wie im Fernsehen. Kennen Sie Law & Order? Die Jungs hier haben jedenfalls zu viele Folgen davon gesehen, und sie sind schlechte Schauspieler. Wissen Sie, was ich meine? Der Alte mit den weißen Haaren, Reardon heißt er, glaube ich, ist der Gute, der nach der Wahrheit sucht und mir helfen will. Ja, klar. Dann kommt der Dünne rein, dieser Barkley, und brüllt rum. So geht das ständig hin und her. Guter Cop, böser Cop, als wüsste ich nicht, was gespielt wird. Ich kenne mich aus, das können Sie mir glauben.« »Das ist Ihre erste Mordanklage, stimmt’s?« »Moment mal, Superman. Man hat mich noch nicht angeklagt.« »Okay, für den Fall, dass Sie des Mordes angeklagt werden, gehe ich davon aus, dass Sie von mir vertreten werden möchten.« »Warum hätte ich Sie sonst gerufen, Mr. Rudd? Ich weiß nicht so genau, ob ich jetzt schon einen Anwalt brauche, aber sicher ist sicher.« »Verstanden. Sind Sie berufstätig?« »Manchmal. Wie viel wollen Sie denn für einen Mordfall haben?« »Das hängt davon ab, wie viel jemand zahlen kann. In einem Fall wie diesem brauche ich zehntausend im Voraus, was uns aber nur durch die Anklagephase bringt. Sollte es zu einem Prozess kommen, wird es erheblich teurer. Und falls wir uns nicht auf ein Honorar einigen können, sehen Sie sich woanders um.« »Und wo ist woanders?« »Sie können sich einen Pflichtverteidiger zuweisen lassen. Die bearbeiten fast alle Mordfälle.« »Das hätte ich mir denken können. Aber Sie haben die Publicity vergessen, Mr. Rudd. Es gibt nicht so viele große Fälle wie diesen hier. Hübsches Mädchen, wichtige Familie, und dann noch die Sache mit dem Baby. Wenn sie ein Kind hatte, wo ist es jetzt? Die Pressefritzen werden sich wie hungrige Hyänen darauf stürzen. Und deshalb müssen Sie bei Ihrem Honorar auch einrechnen, dass dieser Fall jeden Moment auf den Titelseiten landen wird. Ich habe Sie im Fernsehen gesehen. Ich weiß, dass Sie Ihre Auftritte vor der Kamera genießen. Für meinen Anwalt wird dieser Fall eine Goldgrube sein. Habe ich recht, Mr. Rudd?« Er hat den Nagel auf den Kopf getroffen, aber das kann ich nicht zugeben. »Mr. Swanger, ich arbeite nicht umsonst, selbst wenn ein Fall Publicity bringt. Dafür habe ich zu viele andere Mandanten.« »Natürlich. Schließlich sind Sie ja ein bekannter Anwalt. Ich habe keinen Anfänger hergeholt, damit er mir den Arsch rettet. Die reden hier über die Todesstrafe, Mr. Rudd, und es ist ihnen ernst damit. Das Geld werde ich schon irgendwie beschaffen. Die Frage ist, werden Sie meinen Fall übernehmen?« Normalerweise hat ein Mandant, mit dem ich mich zum ersten Mal berede, in dieser Phase des Gesprächs schon alle Anklagepunkte zurückgewiesen. Ich merke mir, dass Swanger das nicht getan hat, nicht einmal ansatzweise über seine Schuld oder Unschuld gesprochen hat. Genau genommen scheint er einer Anklage und dem darauffolgenden aufsehenerregenden Prozess regelrecht entgegenzufiebern. »Ja, ich werde Sie vertreten«, sage ich schließlich, »vorausgesetzt, wir werden uns über die finanziellen Dinge einig, und vorausgesetzt, Sie werden tatsächlich angeklagt. Ich glaube, das wird noch einige Zeit dauern. Bis dahin sagen Sie kein Wort mehr zu den Cops. Zu keinem Cop. Verstanden?« »Alles klar, Mr. Rudd. Können Sie dafür sorgen, dass die mich in Ruhe lassen? Sie sollen mit diesen Schikanen aufhören.« »Ich werde sehen, was ich tun kann.« Wir geben uns wieder die Hand, dann verlasse ich den Raum. Detective Reardon hat sich nicht von der Stelle gerührt. Er hat das Gespräch beobachtet und vermutlich auch mitgehört, obwohl das gegen das Gesetz verstoßen würde. Neben ihm steht Roy Kemp, der Vater des vermissten Mädchens, in Zivil. Er starrt mich mit unverhohlenem Hass an, als wären die paar Minuten, die ich mit ihrem ersten und ziemlich schwachen Verdächtigen zugebracht habe, ein eindeutiger Beweis dafür, dass ich etwas mit dem Verschwinden seiner Tochter zu tun habe. Ich bedaure den Mann und sein Familie, aber im Moment würde er mir am liebsten eine Kugel in den Hinterkopf schießen. Vor dem Gebäude lungern jetzt noch mehr Reporter herum. Als sie mich sehen, fangen sie an, herumzuhüpfen und sich gegenseitig zu stoßen. Ich eile mit »Kein Kommentar, kein Kommentar, kein Kommentar« an ihnen vorbei, während sie mir ihre idiotischen Fragen entgegenrufen. Einer von ihnen brüllt doch tatsächlich: »Mr. Rudd, hat Ihr Mandant Jiliana Kemp entführt?« Ich will stehen bleiben, zu diesem Clown hinübergehen und ihn fragen, ob ihm vielleicht noch was Dümmeres einfällt. Stattdessen schiebe ich mich an ihnen vorbei und steige in den Ford zu Partner. 5 Um sechs Uhr verkündet der Moderator der Fernsehnachrichten, dass die Polizei im Fall Kemp einen Verdächtigen habe. In einem kurzen Bericht ist zu sehen, wie Arch Swanger von Reportern bedrängt wird, als er kurze Zeit nach mir das Polizeipräsidium verlässt. Quellen zufolge, die natürlich nicht genannt werden, aber mit Sicherheit irgendwo in dem Gebäude hinter Swanger zu vermuten sind, sei er von der Polizei verhört worden und werde in Kürze festgenommen und wegen Entführung und Mordes angeklagt. Um seine Unschuld zu beweisen, habe er Sebastian Rudd angeheuert, der ihn verteidigen solle! Aufnahmen zeigen, wie ich finster in die Kameras starre. Endlich kann die Stadt wieder freier atmen. Die Polizei hat den Killer geschnappt. Wie immer wird die Presse manipuliert, um den enormen Druck auf die Cops zu lindern und die öffentliche Meinung zu vergiften, damit keine Unschuld, sondern Schuld unterstellt wird. Ein paar undichte Stellen hier und da, und schon tauchen Fernsehkameras auf und nehmen das Gesicht auf, das alle sehen wollten. Die »Journalisten« verschwenden Zeit und Energie, und Arch Swanger ist schon so gut wie verurteilt. Warum soll man sich die Mühe eines Prozesses machen? Wenn die Cops nicht genug Beweise haben, um jemanden zu überführen, benutzen sie die Medien, um einen Tatverdacht zu konstruieren. 6 Ich verbringe eine Menge Zeit in einem Gebäude, das liebevoll und ganz offiziell »Altes Gericht« genannt wird. Es ist ein prächtiger, betagter Bau aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende, mit gotischen Säulen und hohen Decken, breiten, marmorverkleideten Gängen, die von Büsten und Porträts toter Richter gesäumt werden, geschwungenen Treppen und vier Stockwerken voller Gerichtssäle und Büros. In der Regel wimmelt es dort von Leuten – Anwälte, die einen Termin haben, Prozessparteien, die nach dem richtigen Gerichtssaal suchen, Familien von Angeklagten, die nervös hin und her wandern, potenzielle Geschworene, die ihre Vorladung in Händen halten, und Polizisten, die darauf warten, ihre Aussage zu machen. In dieser Stadt gibt es fünftausend Anwälte, und manchmal sieht es so aus, als würde jeder einzelne von uns durch das Alte Gericht hetzen. Als ich eines Morgens aus einer Anhörung in dem Gebäude komme, schließt sich mir ein Mann an, der mir irgendwie bekannt vorkommt. »Hey, Rudd, haben Sie kurz Zeit?«, spricht er mich an. Mir gefallen weder sein Aussehen und sein Ton noch seine Unhöflichkeit. Wie wäre es für den Anfang mit »Mr. Rudd«? Ich gehe weiter, er auch. »Kennen wir uns?«, frage ich. »Das tut nichts zur Sache. Wir haben was zu besprechen.« Im Gehen werfe ich ihm einen Blick zu. Schlecht sitzender Anzug, braunes Hemd, grauenhafte Krawatte, zwei kleine Narben im Gesicht, die Sorte, die von Fäusten und Bierflaschen stammt. »Ach ja?«, erwidere ich so unhöflich wie möglich. »Wir müssen über Link reden.« Mein Gehirn sagt mir, dass ich jetzt besser weitergehen sollte, aber meine Füße bleiben einfach stehen. Mir wird übel, und mein Herz beginnt zu rasen. Ich starre den Mann an. »Was treibt er denn so?« Seit Links spektakulärer Flucht aus der Todeszelle sind zwei Monate vergangen, und bis eben habe ich kein einziges Wort von ihm gehört. Was auch nicht zu erwarten war. Richtig überrascht bin ich nicht, wenn auch erschrocken. Wir stellen uns an den Rand des Ganges, um ungestört reden zu können. Der Schlägertyp sagt, sein Name sei Fango. Es besteht nur eine zehnprozentige Chance, dass Fango der Name in seiner Geburtsurkunde ist. Wir unterhalten uns so leise, dass sich unsere Lippen kaum bewegen, ich mit dem Rücken zur Wand, damit ich die vorbeieilenden Passanten im Blick habe. »Link hat es nicht leicht«, raunt Fango. »Das Geld ist knapp, sehr knapp, weil die Cops jeden überwachen, der auch nur das Geringste mit seinen Geschäften zu tun hat. Sie beobachten seinen Sohn, seine Leute, mich, alle. Wenn ich mir heute ein Flugticket nach Miami kaufen würde, wüssten das die Cops sofort. Heftig, finden Sie nicht?« Eigentlich nicht, aber ich nicke. Er redet weiter: »Jedenfalls ist Link der Meinung, dass Sie ihm Geld schulden. Er hat Ihnen einen Haufen Kohle gezahlt und nichts dafür bekommen. Sie haben ihn richtig verarscht. Und jetzt will Link eine Rückerstattung.« Ich zwinge mich zu einem Lachen, als wäre das eben lustig gewesen. Genau genommen ist es auch zum Lachen – ein Mandant will sein Geld zurück, wenn der Fall abgeschlossen ist. Fango scheint allerdings keinen Humor zu besitzen. »Ich finde das ganz schön witzig«, erwidere ich. »Wie viel will er denn zurückhaben?« »Alles. Hunderttausend. In bar.« »Verstehe. Dann habe ich also umsonst für ihn gearbeitet. Läuft es darauf hinaus, Fango?« »Link würde sagen, dass Ihre Arbeit echt scheiße war. Sie hat nichts gebracht. Er hat Sie angeheuert, weil Sie ein bekannter Anwalt sind. Sie sollten dafür sorgen, dass sein Urteil aufgehoben wird und er aus der Todeszelle kommt. Ist natürlich nicht passiert. Genau genommen haben die ihn fertiggemacht. Er ist der Meinung, dass Sie einen ganz miesen Job gemacht haben, und deshalb will er sein Geld zurück.« »Meine Arbeit hat deshalb nichts gebracht, weil Link einen Richter ermordet hat. Es kommt zwar nicht oft vor, aber wenn es mal passiert, sind die anderen Richter aus irgendeinem Grund ziemlich sauer. Das habe ich Link alles erklärt, bevor ich sein Mandat übernommen habe. Ich habe es ihm sogar schriftlich gegeben. Ich habe ihm gesagt, dass sein Fall wegen der erdrückenden Beweise der Anklage sehr schwer zu gewinnen ist. Okay, er hat mich bar bezahlt, aber ich habe alles in die Buchhaltung aufgenommen, und ungefähr ein Drittel davon ist für die Steuer draufgegangen. Den Rest habe ich längst ausgegeben. Für Link ist nichts mehr übrig. Tut mir leid.« Als Partner auf uns zukommt, nicke ich ihm zu. Fango sieht ihn, erkennt ihn und sagt: »Ihr Pitbull ist ziemlich beeindruckend, Rudd, aber Link hat ein paar mehr davon. Sie haben dreißig Tage, um das Geld zu beschaffen. Ich komme wieder.« Er dreht sich um und rempelt Partner mit Absicht an, als er an ihm vorbeigeht. Partner könnte ihm das Genick brechen, aber ich bedeute ihm, ruhig zu bleiben. Es bringt nichts, im Alten Gericht eine Schlägerei anzufangen, obwohl ich hier schon einige gesehen habe. Meistens waren es wütende Anwälte, die sich gegenseitig verprügelten. 7 Nachdem Tadeo berühmt geworden ist, weil er einen Ringrichter umgebracht hat, habe ich einige Anrufe von Ärzten bekommen, die behaupteten, Sachverständige zu sein, und alle bei der Show mitmachen wollten. Es waren insgesamt vier, alle mit Doktortiteln und beeindruckenden Lebensläufen, mit Erfahrung in Gerichtssälen und vor Geschworenen. Sie hatten in der Zeitung von dem Fall gelesen und das Video gesehen, und alle boten mehr oder weniger das gleiche Gutachten an. Sie wollten bestätigen, dass Tadeo unzurechnungsfähig war, als er Sean King im Ring niederschlug. Er konnte Recht nicht von Unrecht unterscheiden und auch nicht einschätzen, was er tat. »Unzurechnungsfähigkeit« ist ein juristischer Fachbegriff, kein medizinischer. Ich habe mit allen vier geredet, eigene Recherchen angestellt, andere Anwälte angerufen, die schon mit ihnen gearbeitet hatten, und mich dann für Dr. Taslman aus San Francisco entschieden. Für zwanzigtausend Dollar plus Spesen ist er bereit, für Tadeo auszusagen und die Geschworenen zu überzeugen. Obwohl er den Angeklagten noch gar nicht persönlich getroffen hat, ist er sicher, dass er die Wahrheit kennt. Die Wahrheit kann teuer sein, vor allem wenn sie von einem Sachverständigen kommt. In unserem Justizsystem wimmelt es nur so von Sachverständigen, die selten in Lehre und Forschung tätig sind. Stattdessen reisen sie als eine Art Söldner durchs Land und sagen gegen ein fettes Honorar vor Gericht aus. Egal, um was es geht, einen Sachverhalt, eine rätselhafte Ursache, ein ungeklärtes Ergebnis, im Grunde genommen spielt das keine Rolle. Man kann für alles eine Wagenladung promovierter Akademiker finden, die bereit sind, unter Zuhilfenahme aller möglichen wilden Theorien auszusagen. Sie schalten Anzeigen. Sie rufen an. Sie bemühen sich aktiv um neue Fälle. Sie lungern auf Juristenkongressen herum und tauschen Erfahrungen aus. Sie prahlen mit ihren Urteilen. Von ihren Niederlagen wird kaum gesprochen. Hin und wieder werden Sachverständige bei einem unangenehmen Kreuzverhör in Misskredit gebracht, bleiben aber trotzdem im Geschäft, weil sie häufig sehr effektiv sind. Bei einem Strafprozess braucht ein Sachverständiger lediglich einen der Geschworenen zu überzeugen, um für eine uneinige Jury zu sorgen und den Prozess ohne Ergebnis enden zu lassen. Wenn sich die Geschworenen bei der Wiederaufnahme des Verfahrens erneut nicht einigen können, wirft die Anklage in der Regel das Handtuch. Wie immer treffe ich mich mit Tadeo in einem Besucherraum des Gefängnisses, und wir reden darüber, wie Dr. Taslman zu seiner Verteidigung beitragen könnte. Der Sachverständige wird aussagen, dass er, Tadeo, die Kontrolle verloren habe, völlig ausgeflippt sei und sich nicht mehr daran erinnern könne, was geschehen sei. Tadeo gefällt das. Schließlich sei er ja tatsächlich verrückt gewesen. Als ich das Honorar erwähne, sagt er, er sei pleite und habe kein Geld. Mein Honorar habe ich bereits bei einem meiner früheren Besuche angesprochen, da hatte er noch weniger Geld. Selbstverständlich vertrete ich Tadeo Zapate nur deshalb, weil ich den Jungen gern habe. Und der Publicity wegen. Das hat schon O. J. Simpson mit seinen Anwälten so gemacht: Ich bezahle dich nicht, du hast Glück, dass du mich vertreten darfst, Geld verdienen kannst du dann später mit einem Buch. Ich lasse einen Schriftsatz von Harry & Harry aufsetzen, in dem ich dem Gericht mitteile, dass ich auf Unzurechnungsfähigkeit meines Mandanten plädieren werde, und reiche ihn ein. Unser brillanter Staatsanwalt, Max Mancini, heult natürlich laut auf. Max hat das Zapate-Verfahren an sich gerissen, vor allem weil es einen erdrückenden Schuldbeweis gibt, und der Publicity wegen. Er bietet uns immer noch fünfzehn Jahre für Mord mit bedingtem Vorsatz an. Ich will zehn haben, obwohl ich mir nicht sicher bin, ob mein Mandant darauf eingehen wird. Im Laufe der Wochen hat Tadeo eine ausgiebige Rechtsberatung durch seine Mitgefangenen erhalten, und daher ist er jetzt noch mehr als bisher davon überzeugt, dass ich irgendwie meine Beziehungen spielen lassen und ihn aus dem Gefängnis holen könnte. Er spekuliert auf eine jener juristischen Spitzfindigkeiten, von denen alle seine Zellengenossen schon einmal gehört haben. Dr. Taslman kommt in die Stadt, und wir treffen uns zum Mittagessen. Er ist Psychiater im Ruhestand und hat nie Gefallen daran gefunden, zu unterrichten oder Patienten zuzuhören. Juristische Unzurechnungsfähigkeit hat ihn schon immer fasziniert – Mord im Affekt, der unwiderstehliche Impuls, der Moment, in dem die Psyche so voller Emotionen und Hass ist, dass sie dem Körper befiehlt, derart gewalttätig zu werden, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Er reißt das Gespräch an sich. Es ist seine Art, mich davon zu überzeugen, wie brillant er ist. Ich höre mir den Schwachsinn an, den er erzählt, während ich überlege, wie eine Jury auf ihn reagieren wird. Er ist sympathisch, engagiert, intelligent und ein gewandter Unterhalter. Außerdem wohnt er in Kalifornien, dreitausend Kilometer entfernt. Alle Strafverteidiger wissen, dass ein Sachverständiger umso glaubwürdiger auf die Geschworenen wirkt, je weiter er zum Prozess anreisen muss. Ich stelle ihm einen Scheck über die Hälfte seines Honorars aus. Die andere Hälfte wird beim Prozess fällig. Dr. Taslman verbringt zwei Stunden damit, Tadeo zu untersuchen, und – Überraschung – ist sich dann sicher, dass der Junge ausgerastet ist und sich nicht mehr daran erinnern kann, wie er auf den Ringrichter eingeschlagen hat. Unsere Verteidigung steht, wenn auch auf ziemlich wackligen Beinen. Ich bin nicht sehr optimistisch, weil die Anklage ebenfalls zwei oder drei Sachverständige hinzuziehen wird, die mindestens genauso glaubwürdig sind wie Taslman und uns mit ihrem brillanten Verstand beeindrucken werden. Tadeo wird aussagen und sich beim Direktverhör ganz passabel schlagen, vielleicht auch ein paar Tränen zustande bringen, dann wird Mancini ihn im Kreuzverhör zerfleischen. Das Video lügt nicht. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass die Geschworenen es sich immer wieder ansehen und die Wahrheit erkennen werden. Sie werden sich insgeheim über Taslman lustig machen und Tadeo auslachen, und dann werden sie meinen Mandanten schuldig sprechen. Schuldig bedeutet zwanzig bis dreißig Jahre. Bis zum Prozess werde ich den Staatsanwalt vermutlich auf zwölf bis fünfzehn Jahre heruntergehandelt haben. Wie überzeuge ich einen eigensinnigen Zweiundzwanzigjährigen, sich für fünfzehn Jahre schuldig zu bekennen? Soll ich ihm mit dreißig Jahren Angst machen? Das wird nicht funktionieren. Der große Tadeo Zapate hat sich noch nie Angst machen lassen. 8 Heute ist Starchers achter Geburtstag. In dem inzwischen schon sehr abgenutzten und zerfledderten Gerichtsbeschluss, der bestimmt, wie viel Zeit ich mit meinem Sohn verbringen darf, steht eindeutig, dass ich an jedem seiner Geburtstage zwei Stunden bekomme. Zwei Stunden ist zu viel, sagt jedenfalls seine Mutter. Sie hält eine Stunde für ausreichend, und am liebsten wäre es ihr, wenn ich ihn an seinem Geburtstag überhaupt nicht sehen würde. Judith will mich völlig aus seinem Leben herausdrängen, aber das werde ich nicht zulassen. Ich mag ein lausiger Vater sein, doch ich versuche, mich zu bessern. Und irgendwann kommt vielleicht der Tag, an dem der Junge mehr Zeit mit mir verbringen möchte, um seinen ständig streitenden Müttern zu entkommen. Deshalb sitze ich jetzt bei McDonald’s und warte darauf, dass meine zwei Stunden beginnen. Schließlich fährt Judith mit ihrem Dienstwagen vor, einem Jaguar, und steigt mit Starcher aus. Sie marschiert mit ihm herein, sieht mich, runzelt die Stirn, als wäre sie lieber irgendwo anders, nur nicht hier, und händigt mir meinen Sohn aus. »Um fünf Uhr bin ich wieder da«, zischt sie mir zu. »Es ist schon Viertel nach vier«, sage ich, aber sie ignoriert mich. Sie stürmt hinaus, und Starcher setzt sich mir gegenüber an den Tisch. Ich lächle und frage ihn: »Wie läuft’s, Buddy?« »Okay«, murmelt er. Er hat fast Angst, mit seinem Vater zu reden. Ich kann mir lebhaft vorstellen, welche strikten Regeln sie ihm auf der Fahrt hierher eingebläut hat. Iss nichts. Trink nichts. Geh nicht auf den Spielplatz. Wasch dir die Hände. Beantworte keine Fragen, wenn »er« etwas über mich oder Ava oder sonst etwas wissen will, was mit unserem Zuhause zu tun hat. Und amüsier dich nicht. Es dauert normalerweise ein paar Minuten, bis er das alles vergisst und anfängt, lockerer zu werden. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag«, sage ich. »Danke.« »Deine Mutter hat mir erzählt, dass sie am Samstag eine große Party für dich gibt. Viele Kinder und Kuchen und so. Das wird bestimmt toll.« »Ja, wahrscheinlich«, erwidert er. Ich wurde natürlich nicht zu der Party eingeladen. Sie findet bei ihm zu Hause statt, an dem Ort, an dem er mit Judith und Ava zusammen die eine Hälfte seines Lebens verbringt. Ich bin noch nie dort gewesen. »Hast du Hunger?« Starcher sieht sich um. Wir sitzen in einem McDonald’s, einem Paradies für Kinder. Hier ist alles so gestaltet, dass man automatisch Lust auf das Essen bekommt, das auf den Fotos an den Wänden erheblich besser aussieht als auf den Tischen. Sein Blick bleibt an einem großen Poster hängen, auf dem ein neuer Eisbecher namens McGlacier abgebildet ist. »Ich glaube, ich nehme so einen Eisbecher. Möchtest du auch einen?«, frage ich. »Mom hat gesagt, dass ich hier nichts essen soll. Sie hat gesagt, es ist alles schlecht für mich.« Das ist meine Zeit, nicht die Judiths. Ich lächle und beuge mich zu ihm, als wären wir jetzt Verschwörer. »Aber deine Mom ist nicht hier, oder? Ich werde es ihr nicht sagen, und du wirst es ihr auch nicht sagen. Das bleibt unter uns, okay?« Er grinst. »Okay.« Ich hole einen in Geschenkpapier eingeschlagenen Kasten unter dem Tisch hervor und stelle ihn vor meinen Sohn. »Das ist für dich, Buddy. Alles Gute zum Geburtstag. Mach’s auf.« Ich erhebe mich und gehe zur Theke. Als ich mit den Eisbechern in der Hand zurückkomme, starrt er ein kleines Backgammon-Brett auf dem Tisch an. Mein Großvater hat mir als Kind Dame beigebracht, dann Backgammon und schließlich Schach. Ich war fasziniert von Brettspielen aller Art. Später habe ich zum Geburtstag und zu Weihnachten immer Brettspiele bekommen. Mit zehn hatte ich einen ganzen Stapel davon in meinem Zimmer, eine Riesensammlung, die ich akribisch in Ordnung hielt. Ich verlor selten. Backgammon wurde zu meinem Lieblingsspiel, und ständig lag ich meinem Großvater, meiner Mutter, meinen Freunden, eigentlich allen in den Ohren, mit mir zu spielen. Mit zwölf kam ich bei einem Kinderturnier auf den dritten Platz. Mit achtzehn schnitt ich bei Erwachsenenturnieren ziemlich gut ab. Im College habe ich dann um Geld gespielt, bis die anderen Studenten irgendwann nicht mehr wollten. Ich hoffe, dass ein bisschen was davon auf meinen Sohn abfärbt. Es zeichnet sich ab, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit so aussehen wird wie ich, so gehen wird wie ich und so reden wird wie ich. Er ist sehr intelligent, allerdings muss ich zugeben, dass er in dieser Beziehung nach seiner Mutter kommt. Judith und Ava halten ihn von Videospielen fern. Nach dem Renfro-Prozess bin ich ihnen dafür ausgesprochen dankbar. »Was ist das?«, fragt er, während er seinen Eisbecher nimmt und auf das Brett starrt. »Backgammon, ein Brettspiel, das es schon seit Jahrhunderten gibt. Ich werde dir zeigen, wie man es spielt.« »Sieht schwierig aus.« Er steckt sich einen Löffel Eis in den Mund. »Ist ganz leicht. Ich habe mit acht Jahren angefangen zu spielen. Du wirst es sofort verstehen.« »Okay«, sagt Starcher. Es kann losgehen. Ich stelle die Spielsteine auf und fange mit den Grundlagen an. 9 Partner lässt den Van auf einem überfüllten Parkplatz und geht in das Einkaufszentrum. Er wird ein zweistöckiges Restaurant betreten, das an einem Ende des Gebäudes liegt, und sich auf der oberen Ebene einen Platz am Fenster suchen. Von dort kann er den Van beobachten und herausfinden, wer den Wagen sonst noch im Auge behält. Um sechzehn Uhr klopft Arch Swanger an die Schiebetür. Ich öffne sie. Willkommen in meiner Kanzlei. Er setzt sich in einen der bequemen Sessel und blickt sich um. Er lächelt, als er die Ledermöbel, den Fernseher, die Stereoanlage, das Sofa, den Kühlschrank sieht. »Cool«, meint er. »Ist das wirklich Ihre Kanzlei?« »Ja.« »Ich dachte, eine große Nummer wie Sie hätte ein schickes Büro in einem dieser Hochhäuser im Zentrum.« »Dort hatte ich mal eins, bis jemand einen Brandsatz reingeworfen hat. Inzwischen ziehe ich ein bewegliches Ziel vor.« Er starrt mich eine Sekunde lang an, als wäre er nicht sicher, ob ich das ernst meine. Statt der albernen Brille mit den blaugrünen Gläsern trägt er eine schwarze Lesebrille, die ihn tatsächlich geringfügig intelligenter aussehen lässt, dazu eine schwarze Schiebermütze aus Filz, die ziemlich authentisch wirkt. Seine Tarnung ist gut. Aus drei Meter Entfernung würde man ihn nicht erkennen. »Jemand hat einen Brandsatz in Ihr Büro geworfen?«, vergewissert er sich. »Das ist etwa fünf Jahre her. Fragen Sie nicht, wer, ich weiß es nicht. Entweder ein Drogenhändler oder ein paar Bullen, die verdeckt ermittelt haben. Ich persönlich glaube, dass es die Jungs von der Drogenfahndung waren, denn die Polizei hat sich nicht gerade überschlagen, als es darum ging, den Brand zu untersuchen.« »Sehen Sie, genau das gefällt mir so gut an Ihnen, Mr. Rudd. Kann ich Sebastian zu Ihnen sagen?« »Ich ziehe Mr. Rudd vor, bis ich das Mandat übernommen habe. Danach können Sie mich gern Sebastian nennen.« »Okay, Mr. Rudd. Mir gefällt, dass die Cops Sie nicht mögen und dass Sie die Cops nicht mögen.« »Ich weiß eine Menge über die Jungs von der Polizei, und wir verstehen uns prächtig«, erwidere ich, womit ich die Wahrheit nur ein bisschen zurechtbiege. Ich mag Nate Spurio und ein paar andere. »Reden wir übers Geschäft. Ich habe mich heute mit dem Detective unterhalten, unserem Freund Landy Reardon. Die haben nicht viel an Beweisen. Sie sind ziemlich sicher, dass Sie der Täter sind, können es nur noch nicht beweisen.« Das wäre jetzt der perfekte Zeitpunkt für ihn, seine Unschuld zu beteuern. Irgendetwas Einfaches und wenig Originelles wie »Sie verdächtigen den Falschen« wäre jetzt ganz angebracht. Stattdessen sagt er: »Ich hatte schon Anwälte, mehrere sogar. Die meisten wurden mir vom Gericht zugewiesen, und ich hatte nie das Gefühl, dass ich ihnen vertrauen kann. Bei Ihnen, Mr. Rudd, ist das anders. Ihnen kann ich vertrauen.« »Zurück zum Geschäft, Arch. Gegen ein Honorar von zehntausend Dollar werde ich Sie in der Anklagephase vertreten. Mein Mandat endet nach Erhebung der Anklage und vor Prozessbeginn. Dann werden wir uns noch einmal zusammensetzen und darüber reden, wie es weitergeht.« »Ich habe keine zehntausend, und ich glaube, das ist zu viel für die Anklageerhebung. Ich weiß, wie das System funktioniert.« Er hat nicht ganz unrecht. Zehn Riesen für die ersten Gefechte ist tatsächlich ein bisschen happig, aber ich fange immer auf der hohen Seite an. »Arch, ich werde jetzt nicht anfangen, mit Ihnen zu handeln. Ich habe eine Menge zu tun und viele Mandanten.« Swanger zieht einen zusammengefalteten Scheck aus der Hemdtasche. »Hier sind fünftausend vom Konto meiner Mutter. Mehr haben wir nicht.« Ich falte den Scheck auseinander. Eine Bank aus der Gegend. Fünftausend Dollar. Unterschrieben von Louise Powell. »Powell war ihr dritter Mann«, erklärt Swanger. »Er ist gestorben. Meine Eltern haben sich scheiden lassen, als ich noch ein Kind war. Ich habe meinen lieben alten Vater schon eine Ewigkeit nicht mehr gesehen.« Für fünftausend bleibe ich im Spiel und in den Nachrichten. Es ist kein schlechtes Honorar für die ersten ein, zwei Runden. Ich falte den Scheck wieder zusammen, stecke ihn in meine Hemdtasche und hole einen Mandatsvertrag. Auf dem kleinen Tisch vor mir liegt mein Handy. Es beginnt zu vibrieren. Partner ruft an. »Entschuldigen Sie mich einen Moment, ich muss rangehen.« »Ist Ihr Büro.« Partner sagt: »Zwei Cops in einem weißen Jeep, hundertfünfzig Meter von dir entfernt. Sie sind gerade gekommen und beobachten den Wagen.« »Danke. Halt mich auf dem Laufenden.« Zu Swanger sage ich: »Unsere Freunde haben Sie gefunden. Sie wissen, dass Sie hier sind, und sie kennen meinen Van. Allerdings ist nichts Ungesetzliches daran, dass sich ein Anwalt mit seinem Mandanten trifft.« Er schüttelt den Kopf. »Die folgen mir überallhin. Sie müssen mir helfen.« Ich bespreche den Vertrag mit ihm. Als alles geklärt ist, unterschreiben wir. »Ich gehe jetzt sofort zur Bank. Sollte der Scheck nicht gedeckt sein, ist der Vertrag ungültig. Verstanden?« »Glauben Sie etwa, ich würde Ihnen einen faulen Scheck ausstellen?« Ich muss lächeln. »Den Scheck hat Ihre Mutter ausgestellt. Ich will kein Risiko eingehen.« »Sie trinkt zu viel, aber eine Betrügerin ist sie nicht.« »Tut mir leid, Arch, das wollte ich damit nicht andeuten. Es ist nur so, dass ich schon einige faule Schecks bekommen habe.« Er winkt abwehrend. »Ist ja auch egal.« Ungefähr eine Minute lang starren wir den kleinen Tisch vor uns an. »Gibt es was, über das Sie reden möchten? Jetzt, wo Sie einen Anwalt haben?«, frage ich schließlich. »Haben Sie ein Bier in diesem putzigen kleinen Kühlschrank?« Ich strecke den Arm aus, öffne die Tür und hole eine Dose Bier heraus. Er zieht den Verschluss ab und nimmt einen großen Schluck. Es schmeckt ihm. »Das dürfte dann wohl das teuerste Bier meines Lebens sein«, sagt er lachend. »So kann man es auch sehen. Aber Sie sollten bedenken, dass Ihnen kein anderer Anwalt etwas Alkoholisches in seiner Kanzlei servieren würde.« »Stimmt. Sie sind der Erste.« Noch ein großer Schluck. »Also, Sebastian … Ich kann doch Sebastian sagen, jetzt, nachdem ich das Geld lockergemacht habe und der Vertrag unterschrieben ist?« »Aber gern.« »Sebastian, was bekomme ich außer einem Bier sonst noch für meine fünftausend Dollar?« »Zunächst einmal eine Rechtsberatung. Und Schutz – die Cops werden nicht in Versuchung geraten, Sie aufs Revier zu schleppen und in einer ihrer berüchtigten Zehn-Stunden-Vernehmungen aufzumischen. Sie werden Ihnen kein Haar krümmen und sich streng an die Spielregeln halten. Ich hatte schon öfter mit Detective Reardon zu tun und werde versuchen, ihn davon zu überzeugen, dass sie nicht genug Beweise für eine Anklage haben. Und falls die Cops noch etwas finden, werde ich das aller Wahrscheinlichkeit nach erfahren.« Er setzt die Dose an die Lippen, leert sie und wischt sich mit dem Ärmel über den Mund. Ein durstiger Bauarbeiter hätte das Bier auch nicht schneller hinuntergestürzt. Jetzt wäre wieder ein perfekter Moment für ihn, um so etwas zu sagen wie »Es gibt keine Beweise«. Stattdessen rülpst er und meint: »Und wenn sie mich verhaften?« »Dann werde ich ins Gefängnis fahren und versuchen, Sie rauszuholen, was aber unmöglich sein wird. Bei einer Mordanklage wird in dieser Stadt keine Kaution gewährt. Ich werde einen Stapel Anträge bei Gericht einreichen und eine Menge Lärm verursachen. Ich habe Freunde bei der Zeitung und werde durchsickern lassen, dass die Polizei so gut wie keine Beweise hat. Ich werde anfangen, den Staatsanwalt unter Druck zu setzen.« »Hört sich nicht nach viel an für fünftausend Dollar. Kann ich noch ein Bier haben?« Ich zögere eine Sekunde und beschließe, dass zwei die Grenze für ihn sind, zumindest in meinem Büro. Ich reiche ihm noch eine Dose. »Arch, wenn Sie ein Problem mit unserem Arrangement haben, gebe ich Ihnen Ihr Geld sofort zurück. Wie bereits erwähnt, bin ich ein viel beschäftigter Anwalt mit einer Menge Mandanten. Fünftausend Dollar werden mein Leben nicht verändern.« Er zieht den Verschluss ab. Dieses Mal fällt der erste Schluck etwas kleiner aus. »Wollen Sie den Scheck wiederhaben?«, will ich wissen. »Nein.« »Dann hören Sie auf, über das Honorar zu jammern.« Er starrt mich finster an, und da sehe ich den kalten, leeren Blick eines Killers. Ich kenne diesen Blick. »Sie werden mich umbringen, Sebastian«, jammert er. »Die Cops haben keine Beweise, sie können den Täter nicht finden, und sie stehen gewaltig unter Druck. Sie haben Angst vor mir, denn wenn sie mich verhaften, bekommen sie es mit Ihnen zu tun, und da sie keine Beweise haben, wollen sie es nicht auf einen Prozess ankommen lassen. Können Sie sich vorstellen, was passiert, wenn es nach einem aufsehenerregenden Prozess zu einem Freispruch kommt? Um das zu umgehen, werden sie mich beseitigen und damit allen die Mühe ersparen. Ich weiß das, weil sie es mir gesagt haben. Nicht Detective Reardon. Nicht die großen Tiere im Revier. Aber die Cops auf der Straße, einige von den Jungs, die mich rund um die Uhr beschatten. Sie beobachten den Trailer sogar dann noch, wenn ich schlafe. Sie schikanieren mich, sie beschimpfen mich, sie bedrohen mich. Und ich bin mir sicher, dass sie mich umbringen werden. Sebastian, Sie wissen, wie korrupt die Polizei wirklich ist.« Er nimmt noch einen Schluck. »Das bezweifle ich«, erwidere ich. »Es gibt natürlich ein paar schwarze Schafe, aber ich habe noch nie gehört, dass die Cops einen Mordverdächtigen umgelegt haben, nur weil sie ihm nichts nachweisen konnten.« »Ich kenne einen Typ, den sie beseitigt haben, einen Drogenhändler. Sie haben es wie eine verpatzte Lieferung aussehen lassen.« »Dazu kann ich nichts sagen.« »Sebastian, ich erkläre Ihnen jetzt mal, was das Problem ist. Wenn mir die Cops eine Kugel in den Kopf jagen, werden sie die Leiche des Mädchens nie finden.« Mir wird übel, aber ich lasse mir nichts anmerken. Ein Beschuldigter wird immer abstreiten, dass er die Tat begangen hat. Ich habe es noch nie erlebt, dass jemand sein Verbrechen gestanden hat, insbesondere nicht am Anfang eines Verfahrens. Bei Strafsachen frage ich meine Mandanten nie, ob sie schuldig sind; es ist Zeitverschwendung, sie lügen sowieso. »Dann wissen Sie also, wo ihre Leiche ist?«, frage ich vorsichtig. »Sebastian, lassen Sie mich das mal klarstellen. Sie sind jetzt mein Anwalt, und ich kann Ihnen alles sagen, richtig? Selbst wenn ich zehn Mädchen umgebracht und ihre Leichen vergraben hätte und Ihnen davon erzählen würde, könnten Sie kein Wort davon weitergeben, stimmt’s?« »Stimmt.« »Nie?« »Es gibt nur eine Ausnahme von der Regel. Wenn Sie mir etwas im Vertrauen sagen und ich der Meinung bin, dass es andere in Gefahr bringen könnte, darf ich es an die Polizei weitergeben. Davon abgesehen ist es mir verboten, etwas preiszugeben.« Das scheint Swanger zufriedenzustellen. Er lächelt und trinkt einen Schluck. »Entspannen Sie sich. Ich habe keine zehn Mädchen getötet. Und ich sage auch nicht, dass ich Jiliana Kemp getötet habe. Aber ich weiß, wo sie vergraben ist.« »Wissen Sie, wer sie getötet hat?« Er zögert, sagt Ja, dann schweigt er wieder. Es ist klar, dass er keine Namen nennen wird. Ich greife in den Kühlschrank und hole ein Bier heraus, dieses Mal für mich. Ein paar Minuten lang trinken wir immer mal wieder einen Schluck und schweigen ansonsten. Swanger beobachtet jede meiner Bewegungen, als wüsste er, dass mir das Herz bis zum Hals schlägt. »Okay«, sage ich schließlich, »ich werde Sie nicht nach weiteren Informationen fragen, aber finden Sie nicht, dass jemand – vielleicht ich – wissen sollte, wo sie ist?« »Ja, schon, aber ich muss darüber nachdenken. Vielleicht sage ich es Ihnen morgen. Vielleicht auch nicht.« Ich muss an Jilianas Eltern und ihren unsäglichen Albtraum denken. In diesem Moment hasse ich den Kerl und hätte am liebsten dafür gesorgt, dass er lebenslänglich bekommt. Oder etwas noch Schlimmeres. Der Typ sitzt seelenruhig in meinem Van, während die Familie Höllenquallen leidet. »Wann wurde sie getötet?«, versuche ich mein Glück. »Ich weiß es nicht genau. Ich war’s nicht, das schwöre ich. Aber sie hat in der Gefangenschaft kein Baby zur Welt gebracht, wenn es das ist, was Sie wissen wollen. Es gab kein Kind, das auf dem Schwarzmarkt verkauft wurde.« »Sie wissen eine ganze Menge, stimmt’s?« »Ich weiß zu viel, und das wird mich umbringen. Vielleicht werde ich verschwinden müssen.« »Flucht ist immer ein eindeutiges Zeichen für Schuld. Es wird vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Ich würde davon abraten.« »Dann wollen Sie, dass ich hierbliebe und mir eine Kugel einfange?« »Polizisten bringen Mordverdächtige nicht um, okay, Arch? Das können Sie mir glauben.« Er zerdrückt seine Bierdose und lässt sie auf dem Tisch liegen. »Im Moment habe ich nichts mehr zu sagen, Sebastian. Bis dann.« »Meine Nummer haben Sie.« Er öffnet die Tür und steigt aus. Partner beobachtet ihn, als er sich umsieht, nach den Polizisten Ausschau hält, das Einkaufszentrum betritt und verschwindet. Unmittelbar danach fahren Partner und ich zur Bank. Der Scheck ist nicht gedeckt. Eine Stunde lang versuche ich, Archer zu erreichen, bis er schließlich abnimmt. Er entschuldigt sich und verspricht, dass der Scheck morgen gedeckt sein werde. Aus irgendeinem Grund weiß ich, dass ich ihm nicht glauben sollte. 10 Um 4.33 Uhr morgens klingelt mein Handy. Die Nummer auf dem Display kenne ich nicht. Das verheißt nie etwas Gutes. »Hallo«, melde ich mich. »Hallo, Sebastian, ich bin’s, Arch. Haben Sie kurz Zeit?« Aber natürlich, Arch. Seltsamerweise habe ich mitten in der Nacht nicht so viel zu tun. Ich hole tief Luft und sage: »Klar, Arch. Aber es ist vier Uhr morgens, daher hoffe ich, dass es wichtig ist.« »Ich bin nicht in der Stadt, Sebastian. Ich bin abgehauen. Ich hab die Cops abgeschüttelt und bin ihnen durchs Netz gegangen. Ich werde nicht zurückkommen. Sie werden mich nie erwischen.« »Ein großer Fehler, Arch. Sie suchen sich besser einen neuen Anwalt.« »Sie sind mein Anwalt.« »Der Scheck ist nicht gedeckt, Arch. Wissen Sie noch, was ich gesagt habe?« »Sie haben ihn noch. Gehen Sie heute noch mal zur Bank. Ich schwöre, dass er gedeckt sein wird.« Er redet schnell und gehetzt und klingt, als wäre er gerannt. »Sebastian, ich möchte, dass Sie wissen, wo das Mädchen ist, okay? Nur für den Fall, dass mir was passiert. In der Sache stecken noch ein paar andere mit drin, und es könnte durchaus passieren, dass ich den Kürzeren ziehe. Wissen Sie, was ich meine?« »Nicht so ganz.« »Ich kann Ihnen das jetzt nicht alles erklären. Es ist kompliziert. Hinter mir sind jede Menge Leute her, Polizisten und ein paar Typen, die die Bullen wie Pfadfinder aussehen lassen.« »Pech gehabt, Arch. Ich kann Ihnen nicht helfen.« »Haben Sie schon mal die Plakatwand an der Interstate gesehen, etwa eine Stunde Richtung Süden von hier? Eine große, beleuchtete Tafel in einem Maisfeld, auf der ›Machen Sie Ihre Vasektomie rückgängig‹ steht? Kennen Sie die Werbung?« »Ich glaube nicht.« Jede meiner Gehirnwindungen und mein Instinkt sagen mir, dass ich dieses Gespräch sofort beenden soll. Leg einfach auf, du Idiot. Und rede nie wieder mit ihm. Doch ich bin wie erstarrt und kann keinen Finger rühren. Seine Stimme klingt lebhaft, als hätte er Spaß daran. »›Machen Sie Ihre Vasektomie rückgängig. Praxis Dr. Woo. Alle Krankenversicherungen. Leitungen sind rund um die Uhr besetzt. Gebührenfreie Nummer.‹ Dort ist sie vergraben, Sebastian, unter der Plakatwand, direkt neben einem Maisfeld. Mein Vater hat sich zwei Jahre vor meiner Geburt die Samenleiter durchtrennen lassen. Ich weiß nicht, was schiefgelaufen ist, und für meine Mutter war es eine ziemliche Überraschung. Aber vielleicht hatte sie ja eine Affäre. Dann stellt sich allerdings die Frage, wer mein Daddy ist … Aber das werden wir wohl nie erfahren. Jedenfalls fand ich Vasektomien schon immer faszinierend. Schnipp, schnapp, dann fährt man nach Hause und schießt nur noch mit Platzpatronen. So ein kleiner Eingriff mit so dramatischen Folgen. Hatten Sie eine Vasektomie, Sebastian?« »Nein.« »Dachte ich mir. Sie sind ja so ein Hengst.« »Dann haben Sie sie dort vergraben, Arch? Wollen Sie mir das damit sagen?« »Ich habe gar nichts gesagt, Sebastian. Bis Auf Wiedersehen und danke dafür, dass Sie es niemandem verraten. Ich rufe wieder an.« 11 Ich lege eine Decke um mich und setze mich nach draußen auf den kleinen Balkon. Es ist kalt und dunkel. Die Straßen unter mir sind ruhig und leer. In Momenten wie diesem frage ich mich, warum ich Strafverteidiger geworden bin. Warum habe ich mich dafür entschieden, mein Leben damit zu verbringen, Leute zu schützen, von denen die meisten furchtbare Dinge getan haben? Ich habe die üblichen Gründe dafür, aber in Zeiten wie diesen stehe ich nicht mehr dahinter. Ich denke an ein Architekturstudium, meine zweite Wahl. Andererseits kenne ich ein paar Architekten. Sie haben auch ihre Probleme. Erstes Szenario: Swanger sagt die Wahrheit. Bin ich in diesem Fall aufgrund meiner Berufsethik dazu verpflichtet, den Mund zu halten? Damit einher geht die Frage, ob ich tatsächlich sein Anwalt bin. Nein und Ja. Wir haben einen Vertrag unterschrieben, aber Swanger hat den Vertrag gebrochen, da er mit einem ungedeckten Scheck gezahlt hat. Kein Vertrag heißt kein Mandat, aber so einfach ist es nicht. Ich habe mich zweimal mit ihm getroffen, und beide Male hat er mich als seinen Anwalt betrachtet. Beide Treffen fanden eindeutig zwischen Anwalt und Mandant statt. Er hat um juristischen Rat gebeten. Den habe ich ihm gegeben. Er hat das meiste davon befolgt. Er hat sich mir anvertraut. Als er mir von der Leiche erzählt hat, war er zweifellos der Auffassung, mit seinem Anwalt zu sprechen. Zweites Szenario: Angenommen, ich bin sein Anwalt, sehe ihn nie wieder und beschließe, der Polizei zu erzählen, was er mir erzählt hat. Das wäre ein eklatanter Verstoß gegen die anwaltliche Schweigepflicht und würde mich vermutlich meine Zulassung kosten. Aber wer soll sich beschweren? Wenn er auf der Flucht oder tot ist, kann er mir keinen Ärger machen. Drittes Szenario: Er kann mir riesigen Ärger machen – wenn die Leiche tatsächlich dort ist und ich es der Polizei sage, wird Swanger gejagt, gefunden, vor Gericht gestellt, verurteilt und in die Todeszelle gesteckt werden. Er würde mir die Schuld daran geben, und er würde recht haben. Meine Karriere wäre vorbei. Viertes Szenario: Ich sage der Polizei nichts. Die Cops wissen nicht, was ich weiß, und ich werde es ihnen nicht erzählen. Ich muss an die Kemps und ihren Albtraum denken, aber ich kann einfach nicht gegen die Schweigepflicht verstoßen. Mit etwas Glück wird die Familie nie erfahren, dass ich weiß, wo die Leiche vergraben ist. Fünftes Szenario: Swanger lügt. Er schien mir etwas zu sehr darauf bedacht, es mir zu erzählen. Er spielt mit mir und zieht mich in irgendetwas hinein, das böse enden wird. Er wusste, dass der Scheck platzen würde. Seine mittellose Mutter hat noch nie in ihrem Leben fünftausend Dollar auf einem Haufen gesehen, und er auch nicht. Sechstes Szenario: Swanger lügt nicht. Ich lasse die Information über Nate Spurio, meinen Maulwurf bei der Polizei, durchsickern. Die Leiche wird gefunden. Swanger wird erwischt und vor Gericht gestellt, und ich werde mich nie in der Nähe des Gerichtsgebäudes sehen lassen. Wenn er das Mädchen getötet hat, will ich, dass er hinter Schloss und Riegel kommt. Ich spiele ein paar weitere Szenarien durch, aber es wird alles nur noch nur verworrener anstatt klarer. Um halb sechs Uhr setze ich Kaffee auf. Während er durchläuft, baue ich alle fünfzehn Kugeln auf und beginne mit einem ziemlich weichen Stoß. Der Nachbar nebenan hat sich über den Lärm klackender Kugeln zu unchristlicher Zeit beschwert, daher arbeite ich an meiner Technik. Ich räume den Tisch ab, versenke die Acht in einer Ecke, gieße mir eine Tasse starken Kaffee ein und räume den Tisch noch einmal ab. Beim nächsten Spiel bleibt die Vier zwei Zentimeter vor der Tasche liegen. Dreiunddreißig hintereinander. Nicht schlecht. Vasektomie? 12 Ich werde von der Polizei beobachtet, aber nicht rund um die Uhr. Partner zufolge beschatteten sie mich etwa die Hälfte der Zeit, seit Swanger sich mit mir im Van getroffen hat, und das ist nun über eine Woche her. Partner setzt mich bei Ken’s Kars ab, einem billigen Gebrauchtwagenhändler im lateinamerikanisch geprägten Teil der Stadt. Ich habe Ken vor dem Gefängnis bewahrt, und er und ich wissen, dass unsere Zweckgemeinschaft nach wie vor besteht. Ken betreibt leidenschaftlich gern zwielichtige Geschäfte, je düsterer, desto besser, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis wieder ein SWAT-Team mit einem Haftbefehl bei ihm aufkreuzt. Für zwanzig Dollar in bar pro Tag bekomme ich einen »Mietwagen« aus Kens schrottreifem Fahrzeugbestand, alles sehr diskret. Zu dieser Maßnahme greife ich gelegentlich, wenn ich glaube, beobachtet zu werden. Mein schwarzer Ford-Transporter fällt zu sehr auf. Der zerbeulte Subaru-Kombi, den Ken für mich ausgesucht hat, wird nirgendwo Aufmerksamkeit erregen. Ich unterhalte mich ein paar Minuten mit ihm, wir tauschen ein paar freundliche Beleidigungen aus, dann fahre ich los. Ich lenke den Subaru durch ein heruntergekommenes Viertel der Stadt und biege mehrmals ab, wobei ich die ganze Zeit in den Rückspiegel sehe. Schließlich finde ich eine Umgehungsstraße, die mich auf die Interstate bringt. Als ich sicher bin, dass mir niemand folgt, fahre ich Richtung Süden. Achtzig Kilometer von der Stadtgrenze entfernt komme ich an Dr. Woos Werbung vorbei, die auf der anderen Seite der Straße steht. Wie Swanger gesagt hat, ist es eine große Plakatwand am Rand eines Maisfelds. Neben den Worten »Machen Sie Ihre Vasektomie rückgängig« ist Dr. Woos vertrottelt aussehendes Gesicht abgebildet, das nach unten auf den nach Norden führenden Verkehr starrt. Ich nehme die nächste Ausfahrt, fahre sechs Kilometer zu der Plakatwand zurück und stelle den Wagen direkt daneben ab. Der Verkehr rauscht an mir vorbei, und die Luftwirbel der großen Trucks heben meinen kleinen Subaru fast in die Luft. Neben dem Standstreifen verläuft ein mit Unkraut bewachsener Graben, in dem jede Menge Abfall liegt, dahinter steht ein Maschendrahtzaun, der fast unter Kletterpflanzen verschwindet. Hinter dem Zaun kann ich eine unbefestigte Straße erkennen, die an das Maisfeld angrenzt. Der Farmer, dem der Boden gehört, hat ein schmales Rechteck aus dem Maisfeld herausgeschnitten, um es an die Werbefirma zu vermieten, und in der Mitte dieses Streifens stehen vier große Metallpfosten, an denen die Plakatwand befestigt ist. Um die Stützen herum sehe ich noch mehr Unkraut und Abfall und ein paar vereinzelte Maispflanzen. Ein Stück weiter oben grinst Dr. Woo den Verkehr an, während er seine Künste anpreist. Er ist der Letzte, dem ich meine Hoden anvertrauen würde. Ich habe zwar keine Erfahrung in so etwas, aber ich nehme an, man könnte sich im Schutz der Dunkelheit an der Nebenfahrbahn entlangschleichen, ein schönes Grab schaufeln, eine Leiche hinschleppen, das Loch wieder auffüllen und ein bisschen Abfall darauf verteilen. Nach ein paar Monaten hätte sich die Erde auf dem Grab gesenkt, und alles würde wie vorher aussehen. Doch warum sucht man sich dafür eine Stelle in unmittelbarer Nähe einer Interstate aus, an der jeden Tag zwanzigtausend Autos vorbeifahren? Ich habe keine Ahnung, rufe mir aber ins Gedächtnis, dass ich gerade versuche, die Psyche eines sehr kranken Menschen zu verstehen. Etwas in aller Öffentlichkeit zu verstecken funktioniert wohl immer. Und ich bin mir sicher, dass dieser Ort um drei Uhr morgens so gut wie menschenleer ist. Ich starre auf das Unkraut unter der Plakatwand und denke an Jilianas Familie. Und verfluche den Tag, an dem ich Arch Swanger kennengelernt habe. 13 Zwei Tage später stehe ich in einem Gang im Alten Gericht und warte auf meinen Termin, als ich eine SMS von Detective Reardon bekomme. Er sagt, wir müssten reden, und zwar bald. Es sei dringend. Eine Stunde später setzt mich Partner vor dem Revier ab, und ich haste zu Reardons kleinem, stickigen Büro. Keine Begrüßung, kein Handschlag, aber ich hatte auch nichts dergleichen erwartet. »Haben Sie kurz Zeit?«, knurrt er. »Deswegen bin ich hier«, erwidere ich. »Setzen Sie sich.« Es gibt nur eine Stelle, auf die ich mich setzen kann – eine lederbezogene Bank, die mit Staub und Akten bedeckt ist. Ich starre sie kurz an. »Schon okay. Ich stehe lieber.« »Wie Sie wollen. Wissen Sie, wo Swanger ist?« »Nein. Ich habe keine Ahnung. Ich dachte, ihr würdet ihn beschatten.« »Haben wir auch, aber er ist uns entwischt. Seit einer Woche gibt es keine Spur von ihm, nichts. Er ist spurlos verschwunden.« Reardon lässt sich auf seinen hölzernen Drehstuhl fallen und schafft es tatsächlich, beide Füße auf den Schreibtisch zu legen. »Sind Sie immer noch sein Anwalt?« »Nein. Er hat mich mit einem ungedeckten Scheck bezahlt. Der Vertrag ist unwirksam.« Reardon grinst. »Er sieht das anders. Das hier ist kurz nach Mitternacht bei uns eingegangen, hier auf meinem Büroanschluss.« Er streckt den Arm aus und drückt zwei Tasten auf seinem alten Anrufbeantworter. Nach dem Piep ertönt Swangers Stimme: »Diese Nachricht ist für Detective Landy Reardon. Hier ist Arch Swanger. Ich bin weg und komme nicht zurück. Ihr habt mich monatelang belästigt, davon habe ich jetzt die Schnauze voll. Meine arme Mutter dreht fast durch wegen der ständigen Überwachung und dem Psychoterror. Lasst sie bitte in Ruhe. Sie ist unschuldig, genau wie ich. Sie wissen ganz genau, dass ich das Mädchen nicht getötet habe. Ich habe nichts damit zu tun. Das würde ich gern jemandem erklären, der mir zuhört, aber wenn ich zurückkomme, reißen Sie mir sowieso nur den Arsch auf und werfen mich ins Gefängnis. Ich habe ein paar gute Informationen und würde gern mit jemandem reden. Reardon, ich weiß, wo sie jetzt ist. Was sagen Sie dazu?« Eine lange Pause. Ich sehe Reardon an. »Moment«, sagt er. Arch hustet ein paarmal, und als er weiterredet, zittert seine Stimme, als würde er sentimental werden: »Reardon, nur drei Leute wissen, wo sie vergraben ist. Nur drei. Ich, der Typ, der sie umgebracht hat, und mein Anwalt, Sebastian Rudd. Ich habe es Rudd erzählt, weil er Anwalt ist und es niemandem sagen darf. Ist das verrückt, Reardon? Warum darf ein Anwalt ein solches Geheimnis für sich behalten? Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag Rudd. Schließlich habe ich ihn zu meinem Anwalt gemacht. Und wenn Sie mich durch irgendeinen glücklichen Zufall finden sollten, werde ich Rudd holen, damit er mich raushaut.« Wieder eine Pause, und dann: »Ich muss los, Reardon. Bis später.« Ich gehe zu der Lederbank und lasse mich auf ein paar Akten fallen. Reardon stellt den Anrufbeantworter ab und stützt sich mit den Ellbogen auf den Schreibtisch. »Das kam von einem Handy mit Prepaid-Karte und lässt sich nicht zurückverfolgen. Wir haben keine Ahnung, wo er ist.« Ich hole tief Luft, während ich versuche, meine Gedanken zu entwirren. Für Swanger gibt es keinen strategischen oder vernünftigen Grund, der Polizei zu sagen, dass ich weiß, wo die Leiche vergraben ist. Schluss, aus. Und die Tatsache, dass er so erpicht darauf war, es mir zu erzählen, und es dann den Cops verrät, lässt mich ihm noch mehr misstrauen. Er ist ein Betrüger, vielleicht auch ein Serienmörder, ein Psychopath, der es genießt, mit Leuten zu spielen, und mit Wollust lügt. Aber egal, was er ist und was für Beweggründe er hat, er hat mich von einer Klippe geworfen, und jetzt befinde ich mich im freien Fall. Plötzlich geht die Tür auf und herein kommt Roy Kemp, der stellvertretende Polizeichef und Vater des vermissten Mädchens. Er schließt die Tür hinter sich und geht einen Schritt auf mich zu. Kemp ist ein harter Hund, ein ehemaliger Marine mit einem kantigen Kinn und einem grauen Bürstenhaarschnitt. Seine Augen sind müde und gerötet, ein Beleg dafür, wie sehr ihm das letzte Jahr zugesetzt hat. Und es liegt ein Hass in ihnen, bei dessen Anblick mir ein Schauder über den Rücken läuft. Mein Hemdkragen ist innerhalb von Sekunden durchgeschwitzt. Reardon steht auf, knackt mit den Fingern, als würde er sie gleich zu Fäusten ballen, und wirft mir einen Blick zu, der töten könnte und es vermutlich auch tun wird. Es ist fatal, einem Cop, einem Staatsanwalt oder einem Richter gegenüber Schwäche zu zeigen, was auch für die Geschworenen gilt. Doch im Moment kann ich nicht einmal einen Funken Selbstvertrauen aufbringen, geschweige denn meine übliche Großspurigkeit. Kemp kommt sofort zur Sache. »Rudd, wo ist sie?«, fragt er. Ich stehe langsam auf, hebe beide Hände und sage: »Ich muss darüber nachdenken. Sie haben mich völlig unvorbereitet erwischt. Sie und Reardon hatten Zeit, diesen Hinterhalt zu planen. Lassen Sie mir auch ein bisschen Zeit, okay?« »Ihre Schweigepflicht und die Berufsethik und diese ganze Scheiße sind mir völlig egal, Rudd«, fährt Kemp mich an. »Sie haben keine Ahnung, was wir durchmachen. Seit elf Monaten und achtzehn Tagen ist das Leben für uns die Hölle. Meine Frau liegt nur noch heulend im Bett. Meine Familie bricht auseinander. Wir sind verzweifelt, Rudd.« Trotz seines bedrohlichen Auftretens ist Roy Kemp ein Mann, der fürchterlich leidet, ein Vater, der seinen schlimmsten Albtraum erlebt. Er braucht eine Leiche, eine Beerdigung, ein Grab, an dem er und seine Frau auf dem Gras knien und trauern können. Die Ungewissheit muss erdrückend sein. Als er sich zwischen mich und die Tür stellt, frage ich mich, ob er tatsächlich handgreiflich werden würde. »Kemp, Sie gehen davon aus, dass alles, was Arch Swanger sagt, die Wahrheit ist, aber das könnte ein Fehler sein.« »Wissen Sie, wo meine Tochter ist?« »Ich weiß, was Arch Swanger gesagt hat, aber ich weiß nicht, ob es die Wahrheit ist. Ehrlich gesagt bezweifle ich es.« »Sagen Sie es uns trotzdem. Wir fahren hin und sehen nach.« »So einfach ist das nicht. Ich kann nicht wiederholen, was er im Vertrauen zu mir gesagt hat, und das wissen Sie.« Kemp schließt die Augen. Mir fällt auf, dass seine Hände zu Fäusten geballt sind. Langsam öffnet er sie wieder. Ich sehe Reardon an, der mich finster anstarrt. Er nickt, als wollte er sagen: »Okay, Rudd, wir machen es auf Ihre Art. Aber wir kriegen Sie dran.« Offen gesagt stehe ich auf ihrer Seite. Ich würde ihnen gern alles sagen, was ich weiß, ihnen dabei helfen, das Mädchen ordentlich zu begraben und Swanger zu finden, und dann mit Genugtuung zusehen, wie ihn die Geschworenen wegen Mordes verurteilen. Leider habe ich keine Wahl. Ich mache einen kleinen Schritt in Richtung Tür und sage: »Ich möchte jetzt gehen.« Kemp rührt sich nicht von der Stelle, und irgendwie schaffe ich es, mich an ihm vorbeizudrücken, ohne dass es zu einer Schlägerei kommt. Als ich die Hand auf den Türknauf lege, kann ich fast das Messer in meinem Rücken spüren, aber ich überlebe und schaffe es in den Gang hinaus. Noch nie habe ich das Alte Gericht in größerer Eile verlassen. 14 Es ist der dritte Freitag im Monat. Zeit für mein obligatorisches Date und die zwei Drinks mit Judith. Wir hassen es beide, aber keiner von uns will damit aufhören. Damit Schluss zu machen wäre gleichbedeutend mit einer Niederlage, dem Eingeständnis einer Schwäche, und dazu sind weder sie noch ich imstande, jedenfalls nicht, wenn es um uns beide geht. Wir reden uns ein, dass wir den Kommunikationsweg offen halten müssen, weil wir einen gemeinsamen Sohn haben. Armes Kind. Das ist unser erstes Treffen, seit sie mich vor Gericht gezerrt und erfolglos versucht hat, mir sämtliche Besuchsrechte entziehen zu lassen. Da dieses kleine Scharmützel wie ein Damoklesschwert über uns hängt, wird die Atmosphäre noch etwas gespannter sein als sonst. Eigentlich habe ich gehofft, sie würde absagen. Es ist durchaus möglich, dass ich mich dazu hinreißen lasse, ihr zu sagen, was ich von ihr halte. Ich komme ein wenig früher und suche eine Sitznische für uns. Sie erscheint auf die Minute pünktlich, wie immer, seltsamerweise mit einem Lächeln im Gesicht. Judith ist kein angenehmer Mensch und lächelt nicht oft. Die meisten Anwälte stehen unter Stress, doch die meisten arbeiten nicht in einer Kanzlei mit neun anderen Frauen, die den Ruf haben, Prozessanwälten, die auf einen Kampf aus sind, rücksichtslos an die Eier zu gehen. Ihre Kanzlei ist ein Dampfdruckkessel, und ich vermute, dass ihr Privatleben auch kein Zuckerschlecken ist. Je älter Starcher wird, desto häufiger redet er über Streit zwischen Judith und Ava. Natürlich versuche ich, so viel Dreck wie möglich aus dem Jungen herauszubekommen. »Wie war deine Woche?«, frage ich. »Wie immer. Sieht so aus, als hättest du gerade einen Lauf. Du stehst schon wieder in der Zeitung.« Der Kellner nimmt unsere Bestellung auf, die bei jedem unserer Treffen gleich ist: Chardonnay für sie, Whiskey Sour für mich. Der positive Gedanke, mit dem Judith in die Bar gekommen ist, scheint sich inzwischen verflüchtigt zu haben. »Das war ein bisschen voreilig«, korrigiere ich. »Ich vertrete den Typ nicht mehr. Er konnte das Honorar nicht zahlen.« »Ach, denk nur an die ganze Publicity, die dir durch die Lappen geht.« »Ich kriege woanders Publicity.« »Davon bin ich überzeugt.« »Judith, ich habe keine Lust auf Beleidigungen. Morgen bekomme ich Starcher für sechsunddreißig Stunden. Hast du ein Problem damit?« »Wie sehen deine Pläne aus?« »Muss ich dir meine Pläne zur Genehmigung vorlegen? Seit wann gibt es dafür einen Gerichtsbeschluss?« »Ich bin nur neugierig, das ist alles. Du scheinst dringend einen Drink zu brauchen.« Wir starren ein paar Minuten die Tischplatte an und warten auf den Alkohol. Als er serviert wird, greifen wir nach unseren Gläsern. Nach dem dritten großen Schluck sage ich: »Meine Mutter ist in der Stadt. Wir werden mit Starcher ins Einkaufszentrum gehen, wo der nicht sorgeberechtigte Kindsvater ein paar Stunden damit totschlägt, Kaffee zu trinken, während der Sprössling Karussell fährt und auf dem Spielplatz herumtobt. Dann werden wir uns im Foodcourt eine ungesunde Pizza reinziehen, gefolgt von einem ungesunden Eis, und anschließend sehen wir zu, wie die Clowns Salto schlagen und Ballons verteilen. Danach fahren wir zum Fluss und gehen am Hafen spazieren. Was willst du sonst noch wissen?« »Hast du vor, ihn morgen über Nacht zu behalten?« »Ich bekomme ihn einmal im Monat für sechsunddreißig Stunden. Das ist von morgen früh neun Uhr bis um neun Uhr abends. Am Sonntag. Du kannst es nachrechnen. So schwierig ist das nicht.« Der Kellner kommt an den Tisch und fragt, ob wir noch etwas möchten. Ich bestelle die zweite Runde, obwohl unsere Gläser noch nicht einmal halb leer sind. Im letzten Jahr habe ich es fast geschafft, mich auf die kurzen Treffen mit Judith zu freuen. Wir sind beide Anwälte, und gelegentlich haben wir Gemeinsamkeiten gefunden. Ich habe Judith einmal geliebt, obwohl ich mir nicht so sicher bin, dass sie meine Gefühle erwidert hat. Wir haben ein Kind zusammen. Ich hatte mir tatsächlich vorgestellt, dass wir Freunde sein könnten. Ich könnte einen Freund gebrauchen, davon habe ich nämlich nicht viele. Doch im Augenblick ertrage ich nicht einmal ihren Anblick. Wir trinken schweigend, zwei grübelnde Exehepartner, die sich am liebsten gegenseitig erwürgen würden. Sie durchbricht die Stille zwischen uns und fragt: »Was für ein Mensch ist Arch Swanger?« Wir reden ein paar Minuten über ihn, dann geht es um die Entführung und den Albtraum, den Jilianas Familie durchmacht. Ein Anwalt, den sie kennt, hat Jilianas Freund bei einer Anklage wegen Trunkenheit am Steuer vertreten, was aus irgendeinem Grund aufschlussreich für mich sein soll. Nach dreißig Minuten sind wir mit unseren Drinks fertig – ein Rekord – und gehen ohne das obligatorische Küsschen auf die Wange auseinander. 15 Jeden Monat habe ich das Problem, etwas zu organisieren, was Starcher Spaß macht. Er hat mir gesagt, dass er keine Lust hat auf das Einkaufszentrum, den Zoo, die Feuerwache, Minigolf und das Kindertheater. Er will noch mehr Käfigkämpfe sehen, aber das kommt nicht infrage. Daher kaufe ich ihm ein Boot. Wir treffen uns mit meiner Mutter am Bootshaus im Stadtpark. Sie und ich trinken Kaffee, während Starcher heißen Kakao schlürft. Meine Mutter macht sich Sorgen um seine Erziehung. Der Junge hat keinerlei Tischmanieren und sagt nie »Bitte« oder »Danke«. Ich habe versucht, mit ihm darüber zu reden, bin aber gnadenlos gescheitert. Das Boot ist ein ferngesteuertes Modellrennboot mit einem Motor, der wie eine schallgedämpfte Kettensäge heult. Der Teich, ein künstlich angelegtes, kreisrundes Wasserbecken mit einer sprudelnden Fontäne in der Mitte, ist ein Magnet für Modellboote aller Größen und Menschen aller Altersstufen. Starcher und ich fummeln eine halbe Stunde an der Fernbedienung herum, bis wir herausgefunden haben, wie sie funktioniert. Als er damit umgehen kann, setze ich mich neben meine Mutter auf eine Bank unter einem Baum. Es ist ein wunderschöner Tag, mit frischer, klarer Luft und einem stahlblauen Himmel. Im Park wimmelt es von Menschen – Familien, die mit einem Eis in der Hand spazieren gehen, junge Mütter mit wendigen Buggys, Liebespaare, die sich auf den Blättern wälzen. Und jede Menge geschiedener Väter, die ihre Besuchsrechte ausüben. Meine Mutter und ich unterhalten uns über Belanglosigkeiten, während wir ihren Enkel im Auge behalten. Sie wohnt zwei Stunden entfernt und kann unser Lokalfernsehen nicht empfangen. Von der Swanger-Affäre hat sie nichts gehört, und ich habe nicht die Absicht, dieses Thema anzuschneiden. Sie hat zu allem und jedem eine Meinung und ist mit meiner Berufswahl absolut nicht einverstanden. Ihr erster Mann, mein Vater, war Anwalt und hat ganz gut mit Immobiliengeschäften verdient. Er starb, als ich zehn Jahre alt war. Ihr zweiter Mann hat ein Vermögen mit Gummigeschossen gemacht und starb mit zweiundsechzig. Auf einen dritten Versuch wollte sie es nicht ankommen lassen. Ich hole uns zwei weitere Kaffees in Pappbechern, und wir setzen das Gespräch fort. Starcher winkt mich zu sich, drückt mir die Fernbedienung in die Hand und sagt, er müsse pinkeln gehen. Die Toiletten sind ganz in der Nähe, auf der anderen Seite des Teichs, in einem Gebäude, in dem auch der Kiosk und die Parkverwaltung untergebracht sind. Als ich ihn frage, ob er Hilfe brauche, sieht er mich entrüstet an. Er ist jetzt acht Jahre alt und wird immer selbstbewusster. Ich sehe ihm hinterher, während er auf das Gebäude zugeht und die Herrentoilette betritt. Dann halte ich das Boot an und warte. Hinter mir wird es plötzlich laut. Wütende Stimmen dringen zu mir, dann peitschen zwei Schüsse durch die Luft. Etwa fünfzig Meter weiter hastet ein schwarzer Teenager über den Rasen, springt über eine Parkbank und flitzt dann zwischen ein paar Bäumen hindurch in den Wald. Er rennt, als wäre sein Leben in Gefahr. Was offensichtlich der Fall ist. Dicht hinter ihm läuft ein zweiter junger Schwarzer mit einer Pistole in der Hand. Als dieser einen weiteren Schuss abgibt, werfen sich die Umstehenden zu Boden. Überall um mich herum gehen die Leute in Deckung, packen ihre Kinder, versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. Es wirkt wie eine Szene aus dem Fernsehen, wie etwas, was wir alle schon einmal gesehen haben, und es dauert ein paar Sekunden, bis klar wird, dass es Realität ist. Die Waffe ist echt! Ich denke an Starcher, aber er ist auf der anderen Seite des Teichs in der Herrentoilette, ein gutes Stück von der Schießerei entfernt. Als ich mich ducke und hektisch umsehe, rempelt mich ein Mann an, der sich davonmacht. Er stößt ein kurzes »Entschuldigung« hervor und läuft weiter. Nachdem Jäger und Gejagter im Wald verschwunden sind, warte ich vorsichtshalber noch eine Weile. In einiger Entfernung ertönen zwei weitere Schüsse. Falls der zweite Typ sein Opfer eingeholt hat, müssen wir uns das wenigstens nicht mit ansehen. Alle warten in atemloser Spannung, dann lösen wir uns aus unserer Starre. Ich hole erst einmal tief Luft. Die Leute sehen sich an, erleichtert, aber immer noch fassungslos. Ist das eben tatsächlich passiert? Zwei Polizisten auf Fahrrädern schießen um die Ecke und verschwinden im Wald. Irgendwo heult eine Sirene. Mein Blick fällt auf meine Mutter, die seelenruhig telefoniert, als hätte sie die ganze Aufregung nicht mitbekommen. Dann sehe ich in Richtung Herrentoilette; Starcher ist immer noch drin. Auf dem Weg dorthin bleibe ich kurz stehen, um die Fernbedienung für das Boot neben meine Mutter auf die Bank zu legen. Inzwischen haben mehrere Männer und Jungen die Toilette betreten und wieder verlassen. »Was war das?«, will sie wissen. »Leben in der Großstadt«, sage ich und gehe weiter. Starcher ist nicht in der Toilette. Ich renne hinaus und blicke mich hektisch um. Dann hole ich meine Mutter, sage ihr, dass der Junge verschwunden sei, und bitte sie, in der Damentoilette nachzusehen. Mehrere Minuten lang durchstreifen wir das Gelände, und unsere Angst wächst mit jeder Sekunde. Starcher ist keines dieser Kinder, die einfach abhauen, ohne etwas zu sagen. Nein, er hätte gepinkelt und wäre dann ohne Umwege zum Teich zurückgekommen, um weiter mit seinem Boot zu spielen. Mein Herz rast, und Schweiß läuft mir über das Gesicht. Die beiden Fahrradpolizisten kommen aus dem Wald heraus, ohne einen Verdächtigen, und fahren auf uns zu. Als ich sie stoppe und ihnen sage, dass mein Sohn verschwunden sei, zücken sie sofort ihre Funkgeräte. In meiner Panik halte ich weitere Leute an und bitte sie um Hilfe. Zwei andere Fahrradpolizisten treffen ein. Das Gebiet um das Bootshaus ist zur Panikzone geworden; alle wissen, dass ein Kind vermisst wird. Die Polizei versucht, den gesamten Park abzusperren, um zu verhindern, dass ihn jemand verlässt, aber es gibt ein Dutzend Ein- und Ausgänge. Streifenwagen treffen ein. Das Sirenengeheul lässt meine Angst nur noch größer werden. Mir fällt ein Mann mit einem roten Pullover auf, von dem ich glaube, dass er in der Herrentoilette gewesen ist. Er sagt, ja, er sei dort gewesen und habe einen Jungen am Urinal gesehen. Alles schien okay gewesen zu sein. Nein, er habe nicht mitbekommen, wie der Kleine gegangen sei. Ich laufe auf dem Gehsteig, der sich durch den Park zieht, hin und her und frage jeden, der mir begegnet, ob er vielleicht einen achtjährigen Jungen gesehen habe. Er trage Jeans und einen braunen Pullover. Niemand hat etwas gesehen. Während die Sekunden verstreichen, versuche ich, mich zu beruhigen. Er ist bloß weggelaufen. Er ist nicht entführt worden. Es funktioniert nicht, ich drehe fast durch. Das ist eine jener furchtbaren Geschichten, von denen man in der Zeitung liest, aber glaubt, dass sie einem selbst nie passieren können. 16 Nach einer halben Stunde steht meine Mutter kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Neben ihr auf der Bank hockt ein Sanitäter, der sich um sie kümmert. Die Polizei bittet mich, bei ihr zu bleiben, aber ich kann nicht still sitzen. Im Park wimmelt es nur so von Polizisten. Ich war noch nie so erleichtert, sie zu sehen. Ein junger Mann in einem dunklen Anzug stellt sich als Lynn Colfax vor. Er ist Detective bei der Abteilung für vermisste Kinder. Was für eine kranke Gesellschaft braucht eine Polizeiabteilung, die sich ausschließlich damit beschäftigt, vermisste Kinder zu finden? Wir gehen die letzten Momente zusammen durch. Ich stelle mich genau dort hin, wo ich stand, als Starcher zur Toilette lief, keine dreißig Meter von dem Gebäude entfernt. Ich behielt ihn im Auge, bis er hineinging, dann wurde ich von den Schüssen abgelenkt. Schritt für Schritt, Gedanke für Gedanke, wir sprechen alles noch einmal durch. Die Herrentoilette hat nur eine Tür und kein Fenster. Für mich und Detective Colfax ist es unvorstellbar, dass jemand einen achtjährigen Jungen packen und aus dem Gebäude schleppen könnte, ohne dabei gesehen zu werden. Doch genau zu diesem Zeitpunkt wurden die Schüsse abgegeben, und daher hatten sich die meisten der Leute, die sich in der Nähe des Bootshauses aufhielten, hinter Parkbänken oder Büschen in Sicherheit gebracht oder auf den Boden geworfen. Andere Zeugen bestätigen das. Wir schätzen, dass das Ablenkungsmanöver fünfzehn, vielleicht auch zwanzig Sekunden gedauert hat. Was wohl gereicht haben dürfte. Nach einer Stunde muss ich mir eingestehen, dass Starcher nicht einfach weggelaufen ist. Er wurde entführt. 17 Judith bringe ich es am besten bei, indem ich sie herhole. Wenn unserem Sohn etwas zustößt, wird sie mir das nie verzeihen. Sie wird für den Rest ihres Lebens behaupten, dass sein Verschwinden ganz allein meine Schuld gewesen sei, da ich ein lausiger Vater sei und genau genommen in sämtlichen Bereichen elterlicher Fürsorge auf ganzer Linie versagt hätte. Ganz toll, Judith. Du hast gewonnen. Ich bin schuld. Vielleicht hilft es ja, wenn sie den Tatort und insbesondere die vielen Polizisten sieht. Ich starre lange auf mein Handy, dann wähle ich die Nummer. Sie geht ran und fragt: »Was ist?« Ich schlucke schwer und versuche, ruhig zu klingen. »Judith, Starcher ist verschwunden. Ich bin beim Bootshaus im Stadtpark, zusammen mit seiner Großmutter und der Polizei. Er ist vor etwa einer Stunde verschwunden. Du musst sofort herkommen.« »Was?«, kreischt sie. »Du hast richtig verstanden. Starcher ist verschwunden. Ich glaube, er ist entführt worden.« »Was? Wie denn? Hast du nicht auf ihn aufgepasst?«, schreit sie mich an. »Doch, ich habe auf ihn aufgepasst. Darüber streiten wir später. Komm einfach her.« Einundzwanzig Minuten später sehe ich sie den Gehsteig entlangrennen, eine Frau, die vor Angst außer sich ist. Als sie sich dem Bootshaus nähert und zuerst die Polizisten, dann mich und das gelbe Absperrband an dem Gebäude mit den Toiletten sieht, bleibt sie stehen, schlägt die Hand vor den Mund und beginnt zu weinen. Lynn Colfax und ich gehen zu ihr und versuchen, sie zu beruhigen. Judith reißt sich zusammen. »Was ist passiert?« Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht, während wir das Geschehen noch einmal durchgehen. Und noch einmal. Sie sagt kein Wort zu mir, als hätte ich überhaupt nichts mit diesem Drama zu tun. Sie sieht mich nicht einmal an. Colfax wird so lange mit Fragen bombardiert, bis sie alles weiß, was es zu wissen gibt. Sie übernimmt das Kommando, teilt dem Detective sogar mit, dass sie das Sorgerecht für Starcher habe und sämtliche Kommunikation über sie erfolgen müsse. Sie behandelt mich, als wäre ich ein unachtsamer Babysitter. Judith hat auf ihrem Handy ein Foto von Starcher gespeichert. Colfax schickt es per E-Mail in seine Abteilung. Er sagt, dass sofort Plakate ausgehängt werden. Die Vermisstenfahndung sei bereits weitergegeben worden. Jeder Polizist in der Stadt suche nach Starcher. 18 Irgendwann verlassen wir den Park, obwohl es uns nicht leichtfällt. Ich würde lieber den ganzen Nachmittag und die ganze Nacht am Bootshaus sitzen und warten, so lange, bis mein Sohn auftaucht und fragt: »Wo ist mein Boot?« Am Teich hat er seinen Vater zum letzten Mal gesehen. Wenn er sich lediglich verlaufen hat, findet er vielleicht den Weg dorthin wieder. Wir stolpern wie Schlafwandler durch dieses Desaster, benommen, fassungslos, und reden uns ein, dass es nicht wirklich passiere. Lynn Colfax sagt, er habe das alles schon oft durchgemacht, und das Beste sei jetzt, zu ihm aufs Revier zu kommen, um zu besprechen, wie weiter vorgegangen werden solle. Je nachdem, ob es sich um ein Verschwinden oder eine Entführung handle, bringe das unterschiedliche Probleme mit sich. Ich fahre meine Mutter zu mir in die Wohnung, wo sie von Partner in Empfang genommen wird. Er wird sich ein paar Stunden um sie kümmern. Sie wirft sich vor, nicht besser auf den Jungen aufgepasst zu haben, und ist beleidigt, weil Judith, diese Zicke, sie nicht einmal begrüßt hat. »Warum hast du diese Frau eigentlich geheiratet?«, will sie wissen. Freiwillig habe ich das bestimmt nicht getan. Mutter, echt jetzt? Können wir das nicht später diskutieren? Colfax hat einen aufgeräumten Schreibtisch und eine ruhige, besonnene Art. Auf uns – Judith und mich – hat das allerdings keine Wirkung. Ava, der dritte Elternteil, ist verreist. Der Detective erzählt uns von einer Entführung, einer der wenigen, die einen glücklichen Ausgang hatten. Die meisten enden tragisch, und das weiß ich. Ich habe die Statistiken gelesen. Mit jeder Stunde, die verstreicht, wird die Chance auf ein gutes Ende geringer. Er fragt, ob jemand, den wir kennen, als Verdächtiger infrage komme. Ein Verwandter, ein Nachbar, der Perverse die Straße hinunter, irgendjemand. Wir schütteln den Kopf. Nein. Ich habe bereits an Link Scanlon gedacht, will aber seinen Namen noch nicht nennen. Eine Entführung passt nicht zu ihm. Er will hunderttausend Dollar in bar von mir, eine Rückzahlung, mehr nicht, und ich kann nicht glauben, dass er meinen Sohn entführen und Lösegeld verlangen würde. Link würde mir eher diese Woche das rechte Bein und in der nächsten Woche das linke Bein brechen. Colfax sagt, es helfe mitunter, sofort eine Belohnung für Hinweise auszusetzen. Er hält fünfzigtausend Dollar für einen guten Ansatzpunkt. Judith, die alleinige Erziehungsberechtigte, sagt: »Ich kümmere mich darum.« Ich bezweifle, dass sie einen Scheck über diesen Betrag ausstellen kann, aber von mir aus gern. »Das teilen wir«, sage ich, als würden wir Blackjack spielen. Eine unerträgliche Situation wird noch einmal schlimmer, als Judiths Eltern eintreffen und in das Büro gebracht werden. Sie nehmen ihre Tochter in den Arm, und alle drei brechen in Tränen aus. Ich drücke mich an die Wand, so weit weg wie möglich. Starcher verbringt die Hälfte der Zeit bei seinen Großeltern, daher hängen sie sehr an ihm. Ich versuche, ihren Schmerz zu verstehen, aber ich hasse diese Leute schon so lange, dass ich ihren Anblick nicht ertrage. Als sie sich beruhigt haben, fragen sie, was passiert sei, und ich erzähle es ihnen. Colfax hilft mir hin und wieder mit ein paar Fakten aus. Als wir unseren Bericht durchhaben, sind die beiden fest davon überzeugt, dass alles meine Schuld ist. Großartig – das bringt uns ein ganzes Stück weiter. Ich halte es in dem Raum nicht mehr aus, entschuldige mich, verlasse das Gebäude und kehre zum Bootshaus zurück. Die Polizisten sind noch dort, sie drücken sich am Teich herum und halten die Leute davon ab, die Herrentoilette zu benutzen. Ich spreche mit ihnen und bedanke mich; sie sind sehr verständnisvoll. Partner kommt und sagt, meine Mutter habe zwei Martinis intus und sei wieder etwas ruhiger. Wir teilen uns auf und gehen die Wege durch den Park ab. Die Sonne steht tief, die Schatten werden länger. Partner bringt mir eine Taschenlampe, und wir setzen unsere Suche bis tief in die Nacht fort. Um zwanzig Uhr rufe ich Judith an und frage, wie es ihr gehe. Sie ist zu Hause, mit ihren Eltern zusammen, und wartet neben dem Telefon. Ich biete an, vorbeizukommen und ihr Gesellschaft zu leisten, aber sie lehnt ab. Sie habe Besuch, und ich würde nicht dazupassen. Ich bin sicher, dass sie recht hat. Stundenlang streife ich durch den Park und richte den Strahl meiner Taschenlampe auf jede Brücke, jeden Abflusskanal, jeden Baum und jeden Steinhaufen. Das ist der schlimmste Tag meines Lebens, und als er um Mitternacht endet, setze ich mich auf eine Bank und kann endlich weinen. 19 Mithilfe von Whiskey und einer Schlaftablette gelingt es mir, drei Stunden auf dem Sofa zu schlafen, bis ich schweißgebadet hochfahre. Ich bin hellwach, und der Albtraum ist immer noch nicht zu Ende. Ich dusche, um die Zeit totzuschlagen, und sehe nach meiner Mutter. Sie hat ein paar Tabletten geschluckt und scheint im Koma zu liegen. Bei Sonnenaufgang kehren Partner und ich in den Park zurück. Eigentlich kann ich sonst nirgendwohin. Was soll ich denn anderes tun? Neben dem Telefon sitzen? Es steckt in meiner Jackentasche und klingelt um 7.03 Uhr. Lynn Colfax will wissen, wie es mir geht. Ich sage, ich sei im Park und suchte immer noch. Er meint, es seien ein paar Hinweise eingegangen, aber nichts Konkretes. Nur ein paar Spinner, die scharf auf die Belohnung seien. Er fragt, ob ich die Sonntagsausgabe der Zeitung schon gesehen hätte. Ja, habe ich. Titelseite. Partner besorgt ein paar Muffins und Kaffee. Wir essen an einem Picknicktisch, mit Blick auf einen Teich, der im Winter zum Schlittschuhlaufen benutzt wird. »Hast du schon Link in Betracht gezogen?«, fragt er. »Ja, aber ich glaube nicht, dass er es war.« »Warum nicht?« »Es passt nicht zu ihm.« »Da hast du vermutlich recht.« Wir kehren zu dem Schweigen zurück, von dem unsere Freundschaft geprägt ist, eine Ruhe, die ich immer geschätzt habe. Doch jetzt brauche ich jemanden zum Reden. Als wir fertig sind, teilen wir uns wieder auf. Ich suche dieselben Wege und Pfade wie gestern ab, spähe unter dieselben Fußgängerbrücken, laufe an denselben Bächen entlang. Am späten Vormittag rufe ich Judith an. Ihre Mutter geht ans Handy. Judith ruhe sich aus, und nein, sie hätten nichts Neues gehört. Am Bootshaus hat die Polizei inzwischen das Absperrband entfernt, alles ist wie immer. Es wimmelt wieder von Leuten, die offenbar nicht wissen, was gestern hier passiert ist. Ich beobachte ein paar Jungen dabei, wie sie mit ihren Booten ein Rennen im Teich veranstalten. Ich stehe genau an der Stelle, an der ich gestern gestanden habe, als ich Starcher zum letzten Mal gesehen habe. Ein dumpfer Schmerz zerreißt mich fast, und ich muss gehen. Bei der Geschwindigkeit, mit der ich mich fortpflanze, wird Starcher mein einziges Kind bleiben. Er war ein Unfall, ein ungewolltes Kind, das mitten in einem erbitterten Krieg zwischen seinen Eltern geboren wurde, trotz alledem ist ein toller Junge aus ihm geworden. Ich bin ihm kein guter Vater gewesen, was aber daran liegt, dass man mich aus seinem Leben ausschließt. Und ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich einen anderen Menschen so sehr vermissen kann. Aber welcher Vater stellt sich schon vor, dass sein Kind einmal entführt wird? Stunden vergehen, während ich durch den Park streife. Ich erschrecke mich fast zu Tode, als mein Handy klingelt, aber es ist nur ein Bekannter, der helfen will. Am Nachmittag sitze ich auf einer Parkbank in der Nähe eines Joggingpfads. Wie aus dem Nichts erscheint Detective Landy Reardon und lässt sich neben mich auf die Bank fallen. Er trägt einen Anzug unter seinem üblichen schwarzen Trenchcoat. »Was machen Sie denn hier?«, frage ich verwundert. »Ich bin nur der Bote, Rudd. Mehr nicht. Eigentlich habe ich gar nichts damit zu tun. Aber Ihrem Jungen geht es gut.« Ich hole tief Luft und beuge mich vor, die Ellbogen auf die Knie gestützt. Jetzt bin ich völlig verwirrt. »Wie bitte?«, bringe ich gerade noch heraus. Er starrt vor sich hin ins Leere, als wäre ich gar nicht da. »Ihrem Jungen geht es gut. Sie wollen einen Austausch.« »Einen Austausch?« »Sie haben schon richtig verstanden, Rudd. Sie sagen es mir, ich sage es ihnen. Sie sagen mir, wo das Mädchen vergraben ist, und wenn sie sie gefunden haben, bekommen Sie Ihren Jungen zurück.« Ich weiß nicht, was ich tun oder sagen soll. Gott sei Dank ist meinem Sohn nichts passiert – aber ihm ist nur deshalb nichts passiert, weil die Bullen ihn geschnappt haben und als Köder benutzen! Ich will wütend werden, doch Erleichterung ist alles, was ich empfinde. Starcher geht es gut! »Sie? Sie reden von Ihren Leuten, richtig?« »Sozusagen. Rudd, Sie müssen verstehen, dass Roy Kemp eigentlich gar nicht mehr dabei ist. Er ist schon seit etwa einem Monat beurlaubt, das weiß bloß niemand. Er ist nur noch ein Wrack und zieht das hier im Alleingang durch.« »Aber er hat eine Menge Freunde.« »O ja. Kemp ist ein angesehener Mann. Er ist seit dreißig Jahren bei der Polizei und hat zahllose Kontakte. Und Einfluss.« »Dann ist die Polizei daran beteiligt? Das glaube ich einfach nicht! Und Sie hat man als Unterhändler geschickt.« »Ich weiß nicht, wo der Junge ist, das schwöre ich Ihnen. Und es gefällt mir überhaupt nicht, dass ich jetzt hier bin.« »Damit sind wir ja schon zu zweit. Wahrscheinlich sollte ich mich nicht wundern. Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass die Cops sich nicht zu schade dafür sind, ein Kind zu entführen.« »Halten Sie sich zurück, Rudd. Sie reißen ganz schön die Klappe auf, wissen Sie das? Abgemacht oder nicht?« »Ich soll Ihnen verraten, was Arch Swanger mir über das Mädchen erzählt hat. Wo sie vergraben ist. Angenommen, Swanger hat die Wahrheit gesagt, dann finden Sie die Leiche, er wird wegen Mordes verurteilt, und meine Karriere als Anwalt ist vorbei. Mein Sohn wird wohlbehalten seiner Mutter zurückgegeben, und ich kann viel mehr Zeit mit ihm verbringen. Genau genommen werde ich ein Vollzeitvater sein.« »So ungefähr.« »Und wenn ich Nein sage? Was wird dann aus meinem Kind? Soll ich tatsächlich glauben, dass ein stellvertretender Polizeichef und seine Schläger einem Kind etwas zuleide tun würden, um sich zu rächen?« »Sie müssen es wohl darauf ankommen lassen, Rudd.« Teil 5 EIN NEUES AUTO 1 Ich versuche, die aufsteigende Panik zu unterdrücken. Mein Sohn ist in Sicherheit, sage ich mir und glaube das auch. Aber die Lage ist so verzweifelt, dass ich unmöglich rational denken kann. Partner und ich setzen uns in ein Café, wo wir in einer Ecke die Köpfe zusammenstecken. Ich gehe die verschiedenen Szenarien durch, er hört zu. Im Grunde habe ich keine Wahl. Das einzig Wichtige ist, dass Starcher wieder freikommt, alles andere ist zweitrangig. Wenn ich das Geheimnis verrate und deswegen meine Zulassung als Anwalt verliere, werde ich das schon überleben. Wer weiß, vielleicht mache ich dann in einem völlig anderen Bereich Karriere und muss mich nicht mehr mit Typen wie Arch Swanger herumschlagen. Das könnte die Chance sein, aus meinem Beruf auszusteigen, die ideale Gelegenheit, mich aus der Justiz zu verabschieden und mein wahres Glück zu suchen. Ich will meinen kleinen Jungen in die Arme schließen. Partner und ich debattieren, ob ich Judith anrufen und informieren soll. Ich entscheide mich dagegen, zumindest für den Augenblick. Sie hat bestimmt nichts Positives beizutragen und würde nur noch mehr Stress und Komplikationen verursachen. Viel schlimmer, möglicherweise rutscht ihr irgendwo heraus, dass es ein Insiderjob von Kemp und Kollegen ist. Reardon hat mir dringend geraten, Stillschweigen zu bewahren. Trotzdem rufe ich Judith an, um zu wissen, wie es bei ihr aussieht. Ava geht ans Telefon und sagt, Judith liege im Bett, habe Medikamente genommen, und es gehe ihr nicht gut. Das FBI sei gerade da gewesen. Draußen auf der Straße warte eine Horde Reporter. Alles sei ganz furchtbar. Als ob ich das nicht wüsste. Am Sonntagabend um neunzehn Uhr rufe ich Reardon an und erkläre mich einverstanden. Es dauert eine Stunde, bis der Durchsuchungsbeschluss da ist. Offenbar hat die Polizei einen befreundeten Richter in Bereitschaft. Um 20.30 Uhr verlassen Partner und ich die Stadt, ein Zivilfahrzeug vor uns, eines hinter uns, wie so oft. Als wir Dr. Woos Plakatwand erreichen, wimmelt es dort bereits von Polizisten. Scheinwerfer, zwei Hacken, mindestens zwei Dutzend Männer mit Schaufeln und Stöcken und eine Staffel Hunde in Boxen. Ich habe ihnen alles erzählt, was ich weiß, und sie durchwühlen die Erde neben dem Maisfeld. State Trooper sichern Graben und Standstreifen und winken Fahrer, die neugierig werden könnten, weiter. Auf Anweisung der Polizei stellt Partner den Van dreißig Meter von der Plakatwand und dem hektischen Getriebe entfernt ab. Wir sitzen da, sehen tatenlos zu und hoffen, während sich die Aufregung der ersten Augenblicke legt und die langen Stunden des Wartens beginnen. Methodisch wird jeder Quadratzentimeter Boden durchsucht. Dazu wird ein Raster gezogen und durchkämmt, dann wird ein neues angelegt. Die Hacken kommen nicht zum Einsatz. Die Hunde bleiben ruhig. Jenseits der Plakatwand steht in der Dunkelheit eine Gruppe schwarzer Zivilfahrzeuge. Ich bin mir sicher, dass Kemp in einem davon wartet. Ich hasse ihn und würde ihm gern persönlich eins zwischen die Augen verpassen, aber im Augenblick ist er der Mann, der mir meinen Sohn zurückgeben kann. Und dann fällt mir wieder ein, was er durchgemacht hat: das Entsetzen, die Angst, das Warten, schließlich die Resignation, als er und seine Frau begriffen, dass Jiliana nie wieder nach Hause kommen würde. Jetzt sitzt er da drüben und betet, dass seine Leute ein paar Knochen finden, damit er sie wenigstens anständig begraben kann. Mehr kann er nicht erwarten – bestenfalls ein Skelett. Meine Erwartungen sind viel höher und bestimmt realistischer. Als es Mitternacht wird, verfluche ich Arch Swanger. 2 Während die Nacht hindurch gearbeitet wird, dösen Partner und ich abwechselnd. Wir sind am Verhungern und brauchen dringend einen Kaffee, aber wir haben nicht vor, die Stellung zu räumen. Um 5.20 Uhr ruft Reardon mich auf dem Handy an. »Ein Schlag ins Wasser, Rudd, hier ist nichts.« »Ich habe Ihnen alles gesagt, was ich weiß, das schwöre ich.« »Ich glaube Ihnen.« »Danke.« »Sie können jetzt fahren. Nehmen Sie die Interstate in Richtung Süden bis zur Ausfahrt Four Corners. Ich rufe Sie in zwanzig Minuten wieder an.« Als wir losfahren, packen die Suchmannschaften eben ihre Ausrüstung zusammen. Die Hunde liegen immer noch entspannt in ihren Boxen. Arch Swanger sieht wahrscheinlich zu und lacht sich ins Fäustchen. Wir fahren nach Süden, und zwanzig Minuten später meldet Reardon sich wieder. »Sie kennen den Truckstop bei Four Corners?« »Ich glaube schon.« »Parken Sie an den Zapfsäulen, aber tanken Sie nicht. Gehen Sie hinein, das Restaurant ist rechts. Von der Theke aus gesehen ganz hinten gibt es mehrere Nischen. In einer davon sitzt Ihr Junge und isst ein Eis.« »Verstanden.« Ich beiße mir auf die Zunge, damit ich nichts Dummes sage, wie »danke«, als müsste ich dankbar dafür sein, dass jemand mein Kind entführt, ihm nichts tut und es zurückgibt. Tatsächlich bin ich unglaublich erleichtert, froh, dankbar, aufgeregt, obwohl ich es irgendwie noch nicht glauben kann, dass diese Entführung gut ausgehen soll. So was gibt es eigentlich gar nicht. Eine Minute später summt mein Handy erneut. Wieder ist es Reardon. »Hören Sie, Rudd«, sagt er, »es hat keiner was davon, wenn Sie auf der Sache herumreiten, überall Fragen stellen, zur Presse rennen, sich vor den Kameras produzieren, wie es Ihre Art ist. Wir kümmern uns um die Presse und lassen durchsickern, dass Ihnen eine dramatische Rettungsaktion geglückt ist, nachdem Sie einen anonymen Anruf erhalten haben. Unsere Ermittlungen wegen der Entführung werden weiterlaufen, aber ergebnislos bleiben. Sind wir uns da einig, Rudd?« »Ja, ich hab’s kapiert.« Im Augenblick wäre ich mit allem einverstanden. »Die Story ist, dass sich irgendwer Ihren Jungen geschnappt hat, den Fratz aber schnell satt hatte, weil er sich wahrscheinlich so ähnlich benimmt wie Sie, und ihn an einem Truckstop ausgesetzt hat. Haben Sie das verstanden, Rudd?« »Ja, ist klar«, sage ich zähneknirschend und beiße mir auf die Zunge, um nicht eine Tirade von Schimpfwörtern vom Stapel zu lassen. Der Truckstop ist hell erleuchtet, überall stehen Sattelzüge. Wir parken an den Zapfsäulen, und ich gehe schnell hinein. Partner bleibt im Van und achtet darauf, ob uns jemand beobachtet. Das Restaurant ist voller Frühstücksgäste. Zäher Fettgeruch hängt in der Luft. An der Theke drängen sich massige Trucker, die Pfannkuchen und Würstchen in sich hineinschaufeln. Ich biege um eine Ecke, sehe die Nischen, passiere eine, zwei, drei – und da, in der vierten, grinst mir der kleine Starcher Whitly hinter einer Portion Schokoeis entgegen. Ich küsse ihn auf den Kopf, zerzause ihm das Haar und setze mich ihm gegenüber. »Geht’s dir gut?« Er zuckt die Achseln. »Klar, wieso nicht?« »Hat dir irgendwer was getan?« Er schüttelt den Kopf. Nein. »Red mit mir, Starcher. Hat dir irgendwer wehgetan?« »Nein. Die waren total nett.« »Und wer sind die? Bei wem warst du, seit du am Samstag aus dem Park verschwunden bist?« »Bei Nancy und Joe.« Eine Kellnerin bleibt an der Nische stehen. Ich bestelle Kaffee und Rührei. »Wer hat den Jungen hergebracht?«, frage ich sie. Die Kellnerin sieht sich um. »Weiß ich nicht. Gerade war noch eine Frau da und hat gesagt, der Junge will eine Portion Eis. Sieht so aus, als wäre sie gegangen. Dann müssen Sie das Eis bezahlen.« »Gern. Haben Sie Überwachungskameras?« Sie deutet mit dem Kopf zum Fenster. »Da draußen, aber nicht hier drin. Gibt’s ein Problem?« »Nein. Danke. Wer hat dich hergebracht?«, frage ich Starcher, sobald sie weg ist. »Nancy.« Er isst einen Löffel Eiscreme. »Hör mal, Starcher, leg den Löffel kurz weg und sag mir, was passiert ist, als du im Park auf der Toilette warst. Du hast dein Boot herumgefahren, musstest Pipi und bist zur Toilette gegangen. Erklär mir jetzt bitte, was passiert ist.« Langsam steckt er den Löffel in die Eiscreme und lässt ihn stecken. »Also, plötzlich hat mich so ein großer Mann gepackt. Ich dachte, er ist Polizist, weil er eine Uniform anhatte.« »Hatte er eine Waffe?« »Ich glaube nicht. Er hat mich in einen Pick-up gesetzt, der direkt hinter der Toilette geparkt hat. Da war noch ein Mann, am Steuer, und wir sind ganz schnell losgerast. Sie haben gesagt, sie bringen mich ins Krankenhaus, weil meiner Großmutter was passiert ist. Sie haben gesagt, du wartest im Krankenhaus auf mich. Wir sind gefahren und gefahren, und dann waren wir gar nicht mehr in der Stadt, wir waren ganz weit draußen auf dem Land, und da haben sie mich zu Nancy und Joe gebracht. Die Männer sind weg, und Nancy hat gesagt, meiner Großmutter geht’s wieder besser, und du kommst ganz bald und holst mich ab.« »Okay. Das war am Samstagvormittag. Was hast du den restlichen Samstag und gestern, am Sonntag, den ganzen Tag gemacht?« »Also, wir haben ferngesehen, ein paar alte Filme und so, und wir haben viel Backgammon gespielt.« »Backgammon?« »Hm. Nancy hat mich gefragt, was ich gern spiele, und ich habe Backgammon gesagt. Das kannten sie nicht, aber dann ist Joe zum Laden gegangen und hat ein Backgammonbrett gekauft, ein billiges. Ich habe ihnen beigebracht, wie man spielt, und gewonnen habe ich auch.« »Also waren sie nett zu dir?« »Richtig nett. Sie haben die ganze Zeit gesagt, du bist im Krankenhaus und kannst nicht weg.« Partner kommt schließlich doch herein. Er ist erleichtert, Starcher zu sehen, und tätschelt dem Jungen den Kopf. Ich sage ihm, er soll den Geschäftsführer des Truckstops suchen und die Überwachungskameras ausfindig machen. Der Geschäftsführer muss wissen, dass das FBI die Aufnahmen brauchen wird und er sich darum kümmern soll. Die Kellnerin bringt mein Rührei, und ich frage Starcher, ob er Hunger hat. Nein, hat er nicht. Er isst seit zwei Tagen Pizza und Eis. Bis zum Abwinken. 3 Da ich noch nie bei Starcher zu Hause war, beschließe ich, ihn nicht dorthin zurückzubringen. Das Drama und die hysterischen Anfälle will ich mir ersparen. Als wir noch eine halbe Stunde von der Stadt entfernt sind, rufe ich Judith an und teile ihr mit, dass ihr Sohn in Sicherheit ist. Wir seien auf der Interstate, und er sitze bei mir auf dem Schoß. Sie ist so überwältigt, dass sie kaum reden kann, also gebe ich Starcher mein Handy. Er sagt »Hi, Mom«, was ihr wohl völlig den Rest gibt. Ich lasse sie ein paar Minuten reden, bevor ich das Handy wieder an mich nehme und erkläre, dass ich einen Anruf bekommen hätte und angewiesen worden sei, Starcher am Truckstop aufzusammeln. Nein, es hat ihm keiner was getan, außer vielleicht, ihn mit Süßigkeiten vollzustopfen. Der Parkplatz vor ihrem Büro ist noch leer – es ist schließlich erst 7.30 Uhr –, und wir warten. Es ist die Ruhe vor dem Sturm. Schließlich gleitet der schwarze Jaguar auf den Parkplatz und bremst abrupt neben dem Van. Ich steige mit Starcher aus, während Judith aus dem Wagen springt und sich auf den Jungen stürzt. Sie packt ihn, krallt sich heulend an ihn, dicht gefolgt von ihren Eltern und Ava. Sie drücken den Jungen abwechselnd; alles weint. Ich kann diese Leute nicht ausstehen. Also gehe ich zu Starcher, fahre ihm durchs Haar und sage: »Bis später, Buddy.« Er wird fast zerquetscht und reagiert nicht. Ich nehme Judith für einen Augenblick zur Seite. »Können wir uns heute Vormittag hier mit dem FBI treffen?«, frage ich, als wir allein sind. »An der Geschichte ist mehr dran.« »Raus damit, aber sofort«, zischt sie. »Ich rede, wann es mir passt, und das heißt: in Anwesenheit des FBI. Klar?« Sie hasst es, wenn sie die Dinge nicht in der Hand hat. Sie holt tief Luft und sagt zähneknirschend: »Okay.« Ich wende mich ab, ohne ihren Eltern einen Blick zu gönnen, und steige in den Van. Als wir wegfahren, lasse ich Starcher nicht aus den Augen. Ich frage mich, wann ich ihn wiedersehen werde. 4 Um neun Uhr bin ich zu einer Voruntersuchung im Gericht. Bis dahin ist – dank einer gezielten Indiskretion der Polizei – durchgesickert, dass mein Sohn gefunden und seinen Eltern übergeben worden sei. Der Richter tut mir den Gefallen, die Sache zu vertagen, und ich verlasse den Sitzungssaal eilig. Ich habe eine Handvoll Freunde unter den Anwälten, von denen mehrere mit mir reden und mir gratulieren wollen. Doch dafür bin ich nicht in der richtigen Stimmung. Fango lauert mir im Gang auf, genau wie vor drei Wochen. Ich gehe weiter, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Er marschiert neben mir her. »Hören Sie, Rudd«, sagt er. »Link macht sich ziemlich Sorgen wegen dem Geld. Ich habe ihm übrigens alles über Ihren Jungen erzählt und so, das tut ihm natürlich sehr leid.« »Sagen Sie Link, er soll sich um seine eigenen Probleme kümmern«, fahre ich ihn an, während wir im Gleichschritt nebeneinanderher gehen. »Genau das macht er. Eines davon sind Sie und das Geld.« »Pech gehabt.« Ich beschleunige das Tempo. Er hat Mühe, Schritt zu halten, überlegt angestrengt, was er Schlaues sagen könnte, und begeht einen schweren Fehler. »Wissen Sie, vielleicht ist Ihr Junge doch noch nicht in Sicherheit.« Ich wirble herum und verpasse ihm mit der Rechten einen seitlichen Kinnhaken, der ihn voll trifft. Er läuft mir direkt in die Faust und merkt es erst, als es zu spät ist. Sein Kopf wird mit solcher Wucht nach hinten geschleudert, dass ich irgendwelche Knochen knirschen höre, und im ersten Moment denke ich, dass ich ihm das Genick gebrochen habe. Aber seinem Genick ist nichts passiert, das war nicht der erste Volltreffer. Seinen Narben nach zu urteilen hat er schon kräftig einstecken müssen. Fango landet mit ausgestreckten Gliedmaßen auf dem Marmorboden, und als er endlich liegt, rührt er sich nicht. Der ist bedient. Ein perfekter K.-o.-Schlag, den ich nie im Leben reproduzieren könnte. Ich bin versucht, mit einem Tritt gegen den Kopf eins draufzusetzen, aber im Augenwinkel nehme ich eine plötzliche Bewegung wahr. Ein zweiter Schläger schiebt sich auf mich zu und greift dabei nach einer Waffe in seiner Tasche. Hinter mir schreit jemand. Der zweite Gangster landet genauso unsanft auf dem Boden wie Fango, als Partner ihm mit dem Edelstahl-Schlagstock aus seiner Jackentasche eins überbrät. Der Schlagstock ist genau für solche Anlässe gedacht. Zusammengeschoben ist er rund fünfzehn Zentimeter lang, aber voll ausgezogen kommt er auf eine Länge von fünfundvierzig Zentimetern, und an der Spitze sitzt eine Stahlkugel. Damit kann man einem Menschen leicht den Schädel brechen, was Sinn und Zweck des Teils ist. Ich nehme Partner den Schlagstock ab und gebe ihm Anweisung zu verschwinden. Ein Wachmann eilt herbei und glotzt die beiden regungslosen Gestalten an. Ich gebe ihm meinen Rechtsanwaltsausweis. »Sebastian Rudd, Anwalt. Die beiden Gangster haben mich überfallen.« Eine Menschentraube bildet sich um die beiden. Fango kommt zuerst zu sich, reibt sich grummelnd das Kinn und will aufstehen, aber seine Beine geben unter ihm nach. Schließlich schafft er es mithilfe des Wachmanns und will nur weg, obwohl er noch recht wacklig ist. Ein Polizist setzt ihn auf eine Bank in der Nähe, während sich ein Sanitäter um seinen Kumpel kümmert. Schließlich wacht der zweite Mann auf, eine riesige Beule am Hinterkopf. Nachdem sie ein paar Minuten lang Eis daraufgepackt haben, setzen sie ihn neben Fango auf die Bank. Ich baue mich vor ihnen auf und starre sie wütend an. Sie starren zurück. Der Sanitäter gibt mir einen Eisbeutel für meine rechte Hand. Die beiden sind gewöhnt, Prügel zu beziehen, sie erstatten bestimmt keine Anzeige. Das hätte nämlich Papierkram, eine Menge Fragen und Nachforschungen der Polizei zur Folge. Sie arbeiten für Link Scanlon und beantworten keine Fragen. Im Augenblick wollen sie nur raus aus dem Gebäude und zurück auf die Straße, wo sie selbst die Regeln bestimmen. Ich sage der Polizei, dass ich keine Anzeige erstatten will. Im Gehen beuge ich mich zu Fango hinunter und flüstere ihm ins Ohr: »Richten Sie Link aus: Wenn ich noch ein Wort von einem von euch höre, gehe ich zum FBI.« Fango feixt höhnisch und sieht aus, als wollte er mir ins Gesicht spucken. 5 An manchen Tagen kommt man um das FBI nicht herum. Ein paar Minuten nach elf betrete ich die Lobby von Judiths Kanzlei. Das Mädchen am Empfang unterhält sich lächelnd mit einer Anwaltsassistentin. Die beiden strahlen mich an und gratulieren mir überschwänglich. Es dauert eine Weile, bis ich kapiert habe, dass sie mich für einen Helden halten. Eine Anwältin schaut aus ihrem Büro und gratuliert mir ebenfalls. Es herrscht eine geradezu triumphale Stimmung, und warum auch nicht? Starcher wurde gerettet und ist zu Hause, wo er hingehört. Wir standen alle unter Schock, warteten wie benebelt panisch darauf, dass sich der Albtraum zu einer Tragödie entwickelte. Stattdessen haben wir Glück gehabt. Judith sitzt mit zwei FBI-Beamten namens Beatty und Agnew in einem großen, gut ausgestatteten Besprechungsraum. Obwohl meine rechte Hand geschwollen ist und schmerzhaft pocht, schaffe ich es, ihnen die Hände zu schütteln, ohne mir etwas anmerken zu lassen. Ich nicke Judith zu, lehne den angebotenen Kaffee ab und erkundige mich nach Starcher. Dem geht es gut. Alles in schönster Ordnung. Beatty, der Gesprächige, erklärt, dass Judith am späten Samstagnachmittag das FBI angerufen habe, das jedoch bisher nicht offiziell ermittle. Agnew, der für das Protokoll zuständig ist, kritzelt vor sich hin und nickt; was auch immer Beatty sagt, stimmt hundertprozentig. Das FBI schaltet sich nicht in Entführungsfälle ein, solange keine Anfrage der örtlichen Polizei vorliegt oder es Hinweise gibt, dass das Opfer in einen anderen Bundesstaat verbracht wurde. Im Bewusstsein seiner eigenen Bedeutung schwadroniert er eine Weile wichtigtuerisch weiter. Ich lasse ihn reden. »Also«, sagt Beatty, »Sie wollten sich mit uns treffen?« »Ja«, erwidere ich. »Ich weiß, wer Starcher entführt hat und warum.« Agnews Stift hält mitten in der Bewegung inne, alles erstarrt. Judith zieht die Augenbrauen in die Höhe. »Sag bloß.« Also erzähle ich die Geschichte, in allen Einzelheiten. 6 Die Hochstimmung, die die Rückkehr unseres Sohnes bei Judith ausgelöst hat, ist bereits verflogen, während ich noch mitten in meiner Geschichte bin. Als klar wird, dass die Entführung in direktem Zusammenhang mit einem meiner berüchtigten Fälle steht, verändert sich ihre Körpersprache abrupt, und ihr Gehirn beginnt, auf Hochtouren zu arbeiten. Endlich hat sie einen Beweis dafür, dass ich eine Gefahr für Starcher bin. Wahrscheinlich stellt sie noch am selben Nachmittag ihren Antrag. Ich vermeide jeden Blickkontakt mit ihr, aber die Atmosphäre ist so aufgeladen, dass es geradezu knistert. Als ich fertig bin, ist selbst Beatty sprachlos. Agnew hat mit seinem Gekritzel einen ganzen Block gefüllt. »Dann gibt es wohl gute Gründe, warum die Polizei uns nicht hinzuziehen wollte«, sagt Beatty. Agnew grunzt zustimmend. »Wie willst du irgendwas davon beweisen?«, fragt Judith. »Ich habe nie gesagt, dass ich es beweisen kann. Das nachzuweisen wird schwierig, wenn nicht unmöglich. Vielleicht ist Nancy auf den Überwachungsvideos vom Truckstop zu sehen, wie sie den Jungen hinbringt, aber ich wette, sie hat sich verkleidet. Ich bezweifle, dass Starcher den Mann identifizieren kann, der ihn im Park mitgenommen hat. Keine Ahnung. Hast du einen Vorschlag?« »Klingt ziemlich weit hergeholt, diese Hypothese, dass die Polizei ein Kind entführt haben soll«, sagt sie. »Soll das heißen, du glaubst mir nicht?«, schieße ich zurück. Tatsächlich will sie mir glauben. Sie will, dass meine Geschichte stimmt, um sie gegen mich zu verwenden, wenn sie mich das nächste Mal vor Gericht zerrt. Auf meine Frage geht sie nicht ein. »Was passiert jetzt?«, erkundige ich mich bei Beatty. »Na ja, ich weiß nicht so recht. Wir reden mit unserem Vorgesetzten und sehen dann weiter.« »Ich treffe mich heute Nachmittag mit einem Ermittler der Polizei«, sage ich. »Man wird besorgt tun, jede Menge Fragen stellen und die Sache im Sande verlaufen lassen. Ende der Woche werden die Ermittlungen eingestellt, weil ja alles gut ausgegangen ist.« »Und Sie wollen, dass wir eine Untersuchung einleiten?«, erkundigt sich Beatty. Ich sehe Judith an. »Vielleicht reden wir erst einmal darüber. Ich bin dafür, dass wir uns Kemp vorknöpfen. Was meinst du?« »Lass uns darüber reden«, erwidert sie. Auf dieses Stichwort hin stehen Beatty und Agnew auf, um sich zu verabschieden. Wir bedanken uns, und Judith bringt sie zur Eingangstür. Als sie in den Besprechungsraum zurückkehrt, setzt sie sich mir gegenüber. »Ich weiß nicht, was wir tun sollen. Ich kann im Augenblick nicht klar denken.« »Wir können das der Polizei nicht durchgehen lassen, Judith.« »Ich weiß, aber hast du nicht schon genug Ärger mit denen? Wenn Kemp so verzweifelt ist, dass er ein Kind entführt, dann ist er wahrscheinlich zu allem fähig. Verstehst du jetzt, warum ich mir Sorgen mache, wenn Starcher bei dir ist?« Mir fällt kein Gegenargument ein. »Meinst du, Swanger hat das Mädchen umgebracht?«, fragt sie. »Ja, und vermutlich noch andere.« »Super. Noch ein Irrer, der es auf dich abgesehen hat. Du bist eine Gefahr für dich und andere, Sebastian, und irgendwann passiert jemandem wirklich was. Ich kann nur hoffen, dass es nicht mein Kind ist. Diesmal haben wir Glück gehabt, aber das kann schon morgen anders aussehen.« Es klopft an der Tür. »Herein«, sagt Judith. Die Rezeptionistin meldet, dass am Empfang ein Reporter mit einem Kameramann warte. Zwei weitere Journalisten hätten in der Kanzlei angerufen. »Schicken Sie sie weg«, sagt Judith mit einem wütenden Blick auf mich. Was habe ich da nur angerichtet. Schließlich einigen wir uns darauf, in den nächsten Stunden nichts zu unternehmen. Ich werde das Treffen mit dem Detective absagen, die Ermittlungen sind ohnehin eine Farce. Als ich gehe, sage ich ihr, dass es mir leidtut, aber sie will keine Entschuldigung. Ich stehle mich durch eine Hintertür davon. 7 Reporter wollen mit mir reden, aber ich habe genug von der Geschichte. Sie sind nicht die Einzigen, die es auf mich abgesehen haben: Link Scanlon und seine Leute, Roy Kemp, sobald er hört, dass ich mit dem FBI rede, vielleicht sogar Arch Swanger, der jeden Augenblick anrufen kann, um zu fragen, wieso ich nicht dichtgehalten habe. Partner bringt mich zu Ken’s Kars, und ich fahre mit einem verbeulten Mazda davon, der dreihundertfünfzigtausend Kilometer auf dem Buckel hat. Kein Rechtsanwalt, sei er auch noch so verarmt, würde sich in einem solchen Auto erwischen lassen. Ich weiß von einem, der noch mit einem geleasten Maserati herumfuhr, als er in die Insolvenz gehen musste. Für den Rest des Tages vergrabe ich mich in meiner Wohnung und arbeite an zwei Fällen. Gegen fünf Uhr rufe ich Judith an, um mich nach Starcher zu erkundigen. Es gehe ihm gut, sagt sie, die Reporter hätten sich verzogen. Ich sehe mir die Lokalnachrichten an, wo die »dramatische Rettung« die große Story ist. Sie zeigen Archivaufnahmen von mir, wie ich eine Polizeistation betrete, und tun so, als hätte ich meinen Sohn unter Einsatz meines Lebens gerettet. Diese Idioten lassen sich von der Polizei auch jeden Bären aufbinden. Irgendwann wird auch das vergessen sein. Weil ich in den letzten zweiundsiebzig Stunden nur rund sechs Stunden geschlafen habe, breche ich schließlich auf dem Sofa zusammen und bin komplett weg. Kurz nach zehn Uhr abends klingelt mein Handy. Ich werfe einen Blick auf die Anruferkennung und gehe ran. Es ist Naomi Tarrant, Starchers Lehrerin, die junge Schönheit, die ich seit Monaten anbaggere. Ich habe sie fünfmal zum Essen eingeladen, und sie hat fünfmal abgelehnt. Allerdings war das Nein jedes Mal weniger kategorisch. Ich habe weder Talent noch Geduld für die üblichen Balzrituale: Anpirschen, zufällige Begegnungen, Blind Dates, alberne Aufmerksamkeiten, verlegene Telefonate, Verkupplungsversuche von Freunden, endlose Internetchats. Und ich bin auch nicht dreist genug, um fremden Frauen online Märchen über mich zu erzählen. Außerdem bin ich nach dem Desaster mit Judith ein gebranntes Kind und misstrauisch geworden. Wie kann ein einzelnes menschliches Wesen so fies sein? Naomi will über Starcher reden, also tun wir das. Ich versichere ihr, dass ihm nichts passiert ist. Das Kind hat keine Ahnung, was wirklich los war, und wird es wohl auch nie erfahren. Ganz ehrlich: Der Junge wurde fünfundvierzig Stunden lang von zwei Menschen verhätschelt, die er für Freunde hielt. Morgen geht er wieder in die Schule, und alles ist wie immer. Seine Mutter wird bestimmt mit einer langen Wunsch- und Sorgenliste vorstellig werden, aber so ist sie eben. »Was für eine Hexe«, sagt Naomi und lässt damit zum ersten Mal erkennen, wie sie wirklich denkt. Ich bin überrascht, aber erfreut. Ein paar Minuten lang ziehen wir gründlich über Judith und Ava, diesen Schwachkopf, her. Ich habe mich seit Jahren nicht mehr so gut amüsiert. »Lassen Sie uns zusammen essen gehen«, sagt sie völlig unerwartet. Ja, das Leben als Held. Die Macht des Ruhms. Die Presse behauptet, ich hätte meinen Kopf riskiert, um meinen Sohn zu retten, und schon liegen mir die Frauen zu Füßen. Wir klären die Regeln. Unser Treffen muss streng geheim bleiben. Private Kontakte zwischen unverheirateten Lehrern und unverheirateten Eltern sind zwar nicht ausdrücklich verboten, werden aber von der Schule nicht gern gesehen. Man muss es ja nicht provozieren. Wenn Judith was merkt, reicht sie mit Sicherheit Beschwerde ein, verklagt uns oder lässt sich sonst einen schmutzigen Trick einfallen. Wir treffen uns am nächsten Abend in einer dunklen, heruntergekommenen Tex-Mex-Kneipe. Ihre Wahl, nicht meine. Da niemand Englisch versteht, wird uns auch keiner belauschen. Interessiert sowieso keinen, vor allem mich nicht. Naomi ist dreiunddreißig und erholt sich gerade von ihrer Scheidung. Keine Kinder, keine offensichtlichen Altlasten. Zunächst erzählt sie mir alles über Starchers Schultag. Wie zu erwarten, brachte Judith ihn früher, um ausführliche Anweisungen erteilen zu können. Alles lief bestens, keiner hat den Vorfall auch nur erwähnt. Naomi und ihre Hilfslehrerin behielten den Jungen genau im Auge, und soweit sich das sagen ließ, hat keiner seiner Freunde die Sache angesprochen. Er wirkte völlig normal und benahm sich, als wäre nichts geschehen. Als Judith ihn nach dem Unterricht abholte, unterzog sie Naomi einem ausführlichen Verhör, aber das war nichts Ungewöhnliches. »Wie lang waren Sie mit ihr verheiratet?«, fragt sie verwundert. »Auf dem Papier knapp zwei Jahre, aber wir hielten es nur fünf Monate unter einem Dach aus. Es war unerträglich. Ich wollte eigentlich durchhalten, bis das Baby auf der Welt war, aber dann stellte sich heraus, dass sie schon wieder etwas mit ihrer letzten Freundin angefangen hatte. Ich ergriff die Flucht, der Junge wurde geboren, und seitdem herrscht Krieg zwischen uns. Es war ein schlimmer Fehler, sie zu heiraten, aber sie war schwanger.« »Ich habe sie noch nie lächeln sehen.« »Das tut sie vielleicht einmal im Monat.« Die Margaritas kommen in hohen Bechern mit Salzrand, und wir greifen zu. Wir reden kurz über ihre Ehe und wenden uns dann angenehmeren Themen zu. Sie hat ein paar Kandidaten am Start, ständig ruft irgendwer bei ihr an, was ich gut verstehen kann. Sie hat sanfte, wunderschöne Augen, die geradezu hypnotisch, ja verführerisch wirken. Augen, in die man stundenlang blicken könnte, um herauszufinden, wie sie wirklich ist. Ich habe nicht viel mit Beziehungen am Hut, zu viel Arbeit und so. Die üblichen Ausreden. Meine Arbeit scheint sie zu faszinieren, die unpopulären Fälle, für dich ich berüchtigt bin, die Unterweltler, die ich vertrete. Wir bestellen Enchiladas, und ich rede immer weiter. Bald wird mir klar, dass sie die Kunst des gelungenen Gesprächs beherrscht, nämlich den anderen zum Reden zu bringen. Also nehme ich mich zurück und erkundige mich nach ihrer Familie, ihrem Studium, früheren Jobs. Ich bestelle einen zweiten Margarita, sie hat ihren ersten erst halb ausgetrunken, während wir Geschichten über unsere Vergangenheit austauschen. Eine Platte mit Enchiladas kommt, die sie kaum zur Kenntnis nimmt. Ihrer Figur nach zu urteilen, isst sie wie ein Vögelchen. Ich weiß schon gar nicht mehr, wann ich zuletzt Sex hatte, und je länger wir reden, desto mehr plagt mich dieser Gedanke. Als ich aufgegessen und ausgetrunken habe, würde ich mich am liebsten quer über den Tisch auf sie stürzen. Aber Naomi Tarrant ist kein impulsiver Mensch. Ich muss die Sache langsam angehen. Es ist Dienstag, also frage ich sie, was sie am Mittwoch vorhat. Da geht es nicht. »Wissen Sie, was ich wirklich gern tun würde?«, fragt sie. Was? Ich bin zu allem bereit. »Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich interessiere mich sehr für Mixed Martial Arts.« »Für Käfigkämpfe? Sie wollen einen Käfigkampf sehen?« Ich kann es kaum fassen. »Ist das gefährlich?« Sie erwähnt den kleinen Zwischenfall mit dem Tumult, bei dem Starcher nur knapp einer Katastrophe entgangen ist. Judith hatte mich mal wieder verklagt, und Naomi musste als Zeugin aussagen. »Wenn es keine Schlägerei gibt, ist es ziemlich sicher«, antworte ich. Immerhin sind mindestens die Hälfte der Fanatiker, die bei den Kämpfen nach Blut schreien, Frauen. Wir verabreden uns für den kommenden Freitag. Das passt mir sehr gut, ich will mir einen jungen Kämpfer ansehen. Sein Manager hat mich kontaktiert, weil er finanzielle Unterstützung braucht. 8 Doug Renfro geht es nicht gut, seit seine Frau von einem unserer SWAT-Teams ermordet wurde – kein Wunder. Der Termin im Zivilprozess soll in zwei Monaten stattfinden, und Doug hat überhaupt keine Lust darauf. Der eine Auftritt vor Gericht reicht ihm. Ich treffe mich zum Mittagessen in einem leeren Imbiss mit ihm und bin entsetzt, wie er aussieht. Er hat stark abgenommen, obwohl er nichts zum Zusetzen hatte. Sein Gesicht ist eingefallen und blass, in seinen Augen lese ich Schmerz und Verwirrung. Er ist ein einsamer, gebrochener Mann. Er knabbert an einem Chip. »Ich verkaufe das Haus. Ich kann da nicht bleiben, zu viele Erinnerungen. Ich sehe sie in der Küche. Ich spüre sie neben mir im Bett. Ich höre sie am Telefon lachen. Ich rieche ihre Körperlotion. Sie ist überall, Sebastian, und das wird auch so bleiben. Am schlimmsten ist, dass ich die letzten Sekunden immer wieder durchlebe, die Schüsse, die Schreie, das Blut. Ich gebe mir selbst die Schuld daran, dass das alles passiert ist. Oft fahre ich um Mitternacht in ein billiges Motel, zahle sechzig Dollar und starre bis zum Sonnenaufgang an die Decke.« »Das tut mir leid, Doug«, sage ich. »Aber es war nicht Ihre Schuld.« »Ich weiß. Ich kann nicht mehr vernünftig denken. Außerdem hasse ich diese verdammte Stadt. Jedes Mal wenn ich einen Polizisten, einen Feuerwehrmann oder einen Müllarbeiter sehe, fange ich an, die Stadt und die Idioten in der Verwaltung zu verfluchen. Ich kann an solche Leute keine Steuern mehr zahlen. Deswegen muss ich weg.« »Was ist mit Ihrer Familie?« »Die sehe ich, wenn es nötig ist. Sie haben ihr eigenes Leben. Diesmal muss ich mich um mich selbst kümmern, und das heißt, ich muss irgendwo neu anfangen.« »Wo wollen Sie hin?« »Das ändert sich jeden Tag. Im Augenblick denke ich an Neuseeland. So weit weg wie möglich. Wahrscheinlich wechsle ich die Staatsangehörigkeit, damit ich hier keine Steuern mehr zahlen muss. Ich bin ein verbitterter alter Mann, Sebastian, und ich muss weg.« »Was ist mit dem Zivilprozess?« »Ich gehe nicht vor Gericht. Schließen Sie so bald wie möglich einen Vergleich. Die Stadt haftet sowieso nur bis zu einer Million. Die zahlen sie doch bestimmt, oder?« »Ja, davon gehe ich aus. Ich habe noch nicht über einen Vergleich geredet, aber sie wollen keine öffentliche Verhandlung.« »Gibt es eine Möglichkeit, mehr als eine Million herauszuholen?« »Vielleicht.« Er nippt nachdenklich an seinem Tee und sieht mich an. »Wie?« »Die Polizei hat Dreck am Stecken. Eine üble Geschichte. Ich denke an Erpressung.« »Das gefällt mir.« Er grinst, zum ersten und einzigen Mal. »Können Sie das schnell über die Bühne bringen? Ich will weg. Ich halte es hier nicht mehr aus.« »Ich sehe, was ich tun kann.« 9 Wenn mein Handy nach Mitternacht summt, verheißt das nichts Gutes. Um 0.02 Uhr nehme ich den Anruf an. Es ist Partner. »Hallo, Boss«, sagt er mit schwacher Stimme. »Sie haben versucht, mich umzubringen.« »Geht es dir gut?« »Mehr oder weniger. Ich habe ein paar Verbrennungen, aber das wird schon wieder. Ich bin im Krankenhaus, im Catholic Hospital. Wir müssen reden.« Ich schnalle mir eine Glock 19 unter die linke Achsel, ziehe einen dicken Mantel über und setze einen braunen Fedora auf. Dann hole ich den uralten Mazda vom Parkplatz. Zehn Minuten später betrete ich die Notaufnahme des Krankenhauses und begrüße Juke Sadler, einen der schmierigsten Anwälte der Stadt. Sadler treibt sich auf der Suche nach verletzten Mandanten in den Notaufnahmen herum. Wie ein Geier lauert er in den Gängen und hält nach verzweifelten Angehörigen Ausschau, die in ihrer Panik nicht klar denken können. Manchmal sitzt er den ganzen Tag in der Krankenhauscafeteria und verteilt Visitenkarten an Unfallpatienten. Im vergangenen Jahr hatte er eine Schlägerei mit dem Fahrer eines Abschleppwagens, der die Familie eines soeben Verunglückten bedrängte. Beide wurden festgenommen, aber nur Sadlers Foto erschien in der Zeitung. Die Rechtsanwaltskammer hat es seit Jahren auf ihn abgesehen, aber er ist aalglatt. »Ihr Mann ist da hinten«, sagt er und weist mir den Weg, als wäre er einer der Rentner, die ehrenamtlich in der Patientenbetreuung arbeiten. Einmal wurde er tatsächlich mit einer der rosa Jacken erwischt, wie sie die Ehrenamtlichen tragen. Und als falscher Geistlicher mit weißem Kragen und schwarzem Jackett. Sadler ist ein professioneller Dreckskerl, aber ich bewundere ihn. Er arbeitet in den düsteren, zwielichtigen Gefilden des Rechts, da haben wir viel gemeinsam. Partner sitzt in einem Krankenhaushemd auf dem Untersuchungstisch, sein rechter Arm ist mit Gaze bedeckt. »Raus damit«, sage ich nach dem ersten Blick. Er kam gerade mit einem Snack für sich und seine Mutter aus einer rund um die Uhr geöffneten Hähnchenbraterei. Er stieg in den Ford, legte den Rückwärtsgang ein, und das Ding ging hoch. Eine Bombe, vermutlich ein Molotowcocktail, wahrscheinlich am Benzintank befestigt und per Fernbedienung von einem Auto in der Nähe aus gezündet. Partner schaffte es irgendwie aus dem Wagen und weiß noch, wie er mit brennender Jacke auf dem Asphalt landete. Er kroch davon, während der Van in Flammen aufging. Bald danach wimmelte es überall von Polizisten und Feuerwehrleuten, es herrschte große Aufregung. Er konnte sein Handy nicht finden. Ein Sanitäter schnitt ihm die Jacke vom Leib, und er wurde in einen Krankenwagen verfrachtet. Als er in die Notaufnahme geschoben wurde, reichte ihm jemand sein Handy. »Tut mir leid, Boss«, sagt er. »Du kannst ja nichts dafür. Wie du weißt, ist der Van gut versichert, genau für solche Fälle. Wir besorgen uns einen neuen.« »Ich habe mir da was überlegt.« Er verzieht das Gesicht. »Ach wirklich?« »Ja, Boss. Vielleicht nehmen wir was, was nicht ganz so auffällig, so leicht aufzuspüren und zu verfolgen ist. Weißt du, was ich meine? Zum Beispiel hat mich letztens auf dem Expressway ein weißer Blumenlieferwagen überholt. Eine stinknormale weiße Karre, ungefähr so groß wie der Van. Da habe ich mir gedacht, das wäre was für uns. Ein weißer Lieferwagen mit Beschriftung auf der Seite fällt keinem auf. Das kannst du mir glauben. Wir müssen uns anpassen, Boss, nicht abheben.« »Und was schreiben wir auf unseren neuen Van?« »Weiß ich nicht, irgendwas Erfundenes. Petes Lieferservice. Freds Blumenhandel. Maurer Mike. Ist doch egal, Hauptsache, es passt ins Bild.« »Ich kann mir nicht vorstellen, dass meinen Mandanten ein ordinärer weißer Lieferwagen mit erfundener Firmenaufschrift gefällt. Meine Mandanten sind sehr anspruchsvoll.« Er lacht. Der letzte Mandant, der in meinem Van gesessen hat, war Arch Swanger, ein mutmaßlicher Serienmörder. Da erscheint ein junger Arzt und stellt sich wortlos zwischen uns. Er überprüft den Verband und fragt schließlich, wie es Partner gehe. »Ich will nach Hause. Ich bleibe nicht über Nacht.« Der Arzt hat keine Einwände. Er versorgt Partner mit Verbandsmaterial, gibt ihm ein paar Schmerzmittelmuster und verschwindet. Eine Krankenschwester kümmert sich um die Entlassungsformalitäten und -papiere. Partner zieht seine unbeschädigte Hose, Socken und Schuhe an und verlässt das Krankenhaus mit einer billigen Decke um den Oberkörper. Wir fahren zu der Hähnchenbraterei. Es ist fast zwei Uhr morgens, und noch immer steht ein Streifenwagen am Tatort. Der Van, von dem nur ein schwelender, verkohlter Rahmen übrig ist, ist mit grellgelbem Band abgesperrt. »Bleib hier«, sage ich zu Partner und steige aus. Als ich die gut zehn Meter bis zur Absperrung zurückgelegt habe und stehen bleibe, kommt ein Polizist auf mich zu. »Stop«, sagt er. »Das ist ein Tatort.« »Was war los?«, frage ich. »Kann ich nicht sagen. Die Ermittlungen laufen noch. Treten Sie bitte zurück.« »Ich fasse doch gar nichts an.« »Zurücktreten, habe ich gesagt.« Ich hole eine Visitenkarte aus meiner Hemdtasche und reiche sie ihm. »Der Wagen gehört mir. Das war ein am Kraftstofftank befestigter Molotowcocktail. Versuchter Mord. Sagen Sie Ihrem Ermittler, er soll mich heute Vormittag anrufen.« Er glotzt die Karte an und weiß keine Antwort. Ich gehe zum Auto zurück und bleibe ein paar Minuten lang schweigend sitzen. »Willst du Hähnchen?«, frage ich schließlich. »Nein. Mir ist der Appetit vergangen.« »Ich habe Lust auf einen Kaffee. Du auch?« »Na klar.« Ich steige wieder aus und gehe in das Fast-Food-Restaurant. Kein Kunde in Sicht, tote Hose, und es stellt sich die offensichtliche Frage, wieso eine Hähnchenbraterei rund um die Uhr geöffnet sein muss. Aber das geht mich nichts an. Ein schwarzes Mädchen mit beidseitig gepiercter Nase lungert an der Kasse herum. »Zwei Kaffee, bitte«, sage ich. »Ohne Milch.« Sichtlich genervt, setzt sie sich in Bewegung. »Zwei vierzig«, sagt sie, während sie nach einer Kanne greift, die vermutlich schon seit Stunden herumsteht. »Der Van da draußen gehört mir«, sage ich, als sie die beiden Becher auf die Theke stellt. »Dann brauchen Sie wohl einen neuen«, erwidert sie mit frechem Grinsen. Irre witzig. »Sieht ganz so aus. Haben Sie die Explosion gesehen?« »Nicht gesehen, aber gehört.« »Und dann sind Sie oder ein Kollege mit einem Handy nach draußen gelaufen und haben alles gefilmt, stimmt’s?« Sie nickt selbstzufrieden. »Haben Sie es der Polizei gegeben?« Ein Grinsen. »Ich werde doch der Polizei nicht helfen.« »Ich gebe Ihnen hundert Dollar, wenn Sie mir das Video mailen, und ich verrate keinem was.« Blitzschnell holt sie ihr Handy aus der Tasche ihrer Jeans. »Geben Sie mir Ihre Adresse und das Geld.« Wir erledigen die Transaktion. »Gibt’s draußen Überwachungskameras?«, frage ich im Gehen. »Nein. Danach hat die Polizei schon gefragt. Der Besitzer ist zu geizig dafür.« Im Auto sehen Partner und ich uns das Video auf meinem Handy an, das nur den Feuerball zeigt, den er mir bereits beschrieben hat. Mindestens zwei Feuerwehrfahrzeuge haben auf den Notruf reagiert, und es hat eine Weile gedauert, die Flammen zu löschen. Das Video ist vierzehn Minuten lang und unterhaltsam, weil es mein eigener Van ist, enthält aber keine nützlichen Informationen. »Okay, wer steckt dahinter?«, fragt Partner, als das Display dunkel wird. »Bestimmt Link Scanlon«, sage ich. »Wir haben am Montag zwei seiner Leute k. o. geschlagen. Wie du mir, so ich dir. Jetzt wird mit harten Bandagen gekämpft.« »Meinst du, er ist wieder im Lande?« »Kann ich mir nicht vorstellen. Das wäre zu riskant. Ich wette aber, er ist irgendwo in der Nähe, in Mexiko oder in der Karibik, wo sie nicht an ihn herankommen, er aber schnell erreichbar ist.« Ich lasse den Motor an, und wir fahren los. Beeindruckt stelle ich fest, dass Partner heute geradezu gesprächig ist. Die Aufregung darüber, dass er fast in die Luft gesprengt wurde, hat ihm die Zunge gelöst. Ich weiß, dass er Schmerzen hat, auch wenn er das nie zugeben würde. »Hast du einen Plan?«, fragt er. »Ja. Ich möchte, dass du Miguel Zapate, Tadeos Bruder, auftreibst. Jetzt, wo die vielversprechende MMA-Karriere Geschichte ist, dealt Miguel bestimmt nur noch. Erklär ihm, dass ich Schutz brauche, dass ich seinen kleinen Bruder in einer Mordsache kostenlos vertrete, rein pro bono, weil ich den Jungen so gern mag und er sich mein Honorar nicht leisten kann, und dass ich von Schlägern bedroht werde, die für Link Scanlon arbeiten. Einer davon heißt Fango, den richtigen Namen kenne ich nicht.« »Er wird Tubby genannt, Tubby Fango, aber tatsächlich heißt er Danny.« »Beeindruckend. Wer ist der andere, der, dem du eins übergezogen hast?« »Spitzname Razor, Razor Robilio, der richtige Name ist Arthur.« »Tubby und Razor.« Ich schüttle den Kopf. »Wann hast du denn das herausgefunden?« »Nach dem Zusammenstoß am Montag habe ich ein bisschen herumgeschnüffelt. War nicht so schwer.« »Gute Arbeit. Gib Miguel die Namen und sag ihm, er soll mit den beiden Kontakt aufnehmen und dafür sorgen, dass sie mich in Ruhe lassen. Miguel und seine Leute verticken Koks, das war vor dreißig Jahren Scanlons Geschäft. Höchstwahrscheinlich sind ihm Tubby und Razor nie über den Weg gelaufen, aber man weiß ja nie. Im Untergrund gibt es die seltsamsten Beziehungen. Sag Miguel, es darf keinem was passieren, er soll sie nur einschüchtern. Alles klar?« »Verstanden, Boss.« Hier gibt es ausschließlich Sozialwohnungen. Die dunklen Straßen wirken verlassen. Wenn ich aber aussteigen und mein weißes Gesicht zeigen würde, würde das sofort ein paar unangenehme Gestalten auf den Plan rufen. Dieser Fehler ist mir einmal unterlaufen, aber glücklicherweise hatte ich Partner dabei. Ich halte vor seinem Wohnblock am Straßenrand. »Ich nehme an, Miss Luella wartet auf dich«, sage ich. Er nickt. »Ich habe sie angerufen und gesagt, es ist nur ein Kratzer. Das verkraftet sie schon.« »Soll ich mit reinkommen?« »Nein, Boss. Es ist fast drei. Schlaf dich aus.« »Ruf mich an, wenn du was brauchst.« »Geht klar, Boss. Besorgen wir uns morgen einen neuen Van?« »Noch nicht. Ich muss mich um die Cops und meine Versicherung kümmern.« »Ich muss mobil sein. Hast du was dagegen, wenn ich mich im Internet umsehe?« »Nur zu. Und pass auf dich auf.« »Klar doch, Boss.« 10 Da ich ihre Gegenwart im Augenblick nicht ertragen kann und es ihr ebenfalls lieber ist, wenn sie mich nicht sehen muss, beschließen Judith und ich, die Dinge am Telefon zu klären. Wir beginnen mit einem erfreulichen Thema, dem Wohlbefinden unseres Sohnes. Ihm geht es gut, kein Trauma, kein Bedürfnis, über die Ereignisse vom letzten Wochenende zu reden. Als wir das geklärt haben, kommen wir zum Geschäftlichen. Judith hat beschlossen, dass sie kein Interesse an einer FBIErmittlung gegen Roy Kemp wegen der Entführung hat. Sie hat ihre Gründe, und die sind überzeugend. Alles läuft bestens. Starcher geht es gut. Wenn Kemp und Co. so verzweifelt sind, dass sie ein Kind entführen, um an Informationen zu kommen, sind sie vermutlich zu allem fähig. Also lässt man sie besser in Ruhe. Außerdem könnten wir Kemps Beteiligung vermutlich sowieso nicht beweisen. Kann man sich wirklich darauf verlassen, dass das FBI gegen einen hohen Polizeibeamten vorgeht? Und ihr Terminkalender ist auch voll. Da kann sie keine Ablenkung gebrauchen. Warum sollen wir unser stressiges Leben noch komplizierter machen? Judith ist eine Kämpferin, eine Frau, die sich nichts gefallen lässt. Aber sie ist auch eine schlaue Taktikerin, die ungern Risiken eingeht, deren Folgen nicht absehbar sind. Wenn wir Ermittlungen gegen Kemp anstrengen, kann keiner sagen, was als Nächstes passiert. Der Mann ist knallhart und denkt nicht klar, daher müssten wir mit Vergeltungsmaßnahmen rechnen. Zu ihrer Überraschung widerspreche ich nicht. Wir sind uns einig, was in unserer Beziehung Seltenheitswert hat. 11 Unser Bürgermeister, ein Mensch mit dem imposanten Namen L. Woodrow Sullivan III., ist schon seit drei Amtszeiten Stadtoberhaupt. Für die Öffentlichkeit und die Wählerschaft ist er nur »Woody«, ein freundlicher Typ, der gern lächelt, jedem auf die Schulter klopft und für eine Wählerstimme alles verspricht. Privat ist er ein unausstehliches, verbittertes Ekel, das zu viel trinkt und seinen Job satt hat. Er kann aber nicht aufgeben, weil er nicht weiß, was er sonst machen soll. Im nächsten Jahr steht seine Wiederwahl an, und er hat offenbar keinen einzigen Freund mehr. Im Augenblick dümpeln seine Beliebtheitswerte um erbärmliche fünfzehn Prozent, ein Rücktrittsgrund für jeden Politiker, der etwas auf sich hält, aber es wäre nicht das erste Mal, dass Woody sich wieder nach oben kämpft. Die Besprechung mit mir hätte er sich allerdings gern erspart. Der dritte Mann im Raum ist der Rechtsberater der Stadt, Moss Korgan, ein Studienkollege von mir. Wir konnten uns damals schon nicht ausstehen, und daran hat sich nichts geändert. Er war Redakteur unserer juristischen Fachzeitschrift und auf dem Weg zu einer glänzenden Karriere in einer prominenten Wirtschaftskanzlei, die leider implodierte, sodass er sich nach niedrigeren Aufgaben umsehen musste. Woody und Moss. Klingt nach Werbung für Jagdausrüstung. Wir treffen uns im Büro des Bürgermeisters, einem spektakulären Raum im obersten Geschoss des Rathauses, mit hohen Fenstern und Aussicht nach drei Seiten. Eine Sekretärin schenkt aus einer antiken Silberkanne Kaffee ein, während wir an dem kleinen Konferenztisch in einer Ecke Platz nehmen. Wir quälen uns durch das übliche Geplänkel, lächeln gezwungen und geben uns betont entspannt. Bei der Offenlegung der Tatsachen im Zivilprozess hatte ich angekündigt, die beiden als Zeugen laden zu lassen. Diese Ankündigung hängt wie eine dunkle Wolke über dem Tisch und macht professionelle Höflichkeit geradezu unmöglich. »Wir sind hier, um über einen Vergleich zu verhandeln, richtig?«, fragt Woody brüsk. »Ja«, erwidere ich und hole verschiedene Dokumente aus meinem Aktenkoffer. »Ich habe einen ziemlich umfangreichen Vorschlag. Mein Mandant Doug Renfro will alle Ansprüche regeln und ein neues Leben anfangen, soweit das überhaupt möglich ist.« »Ich höre«, sagt Woody knapp. »Danke. Zunächst einmal müssen die acht Cops, die Kitty Renfro ermordet haben, gefeuert werden. Sie sind seit dem Mord vom Dienst suspendiert und …« »Müssen Sie unbedingt von ›Mord‹ reden?«, unterbricht mich Woody. »Es hat keine Verurteilung gegeben«, setzt Moss hinzu. »Wir sind hier nicht vor Gericht, und wenn ich von ›Mord‹ reden will, dann tue ich das. Offen gesagt kenne ich kein anderes Wort für das, was Ihr SWAT-Team angerichtet hat. Das war Mord. Es ist eine Schande, dass diesen Verbrechern nicht gekündigt wurde und dass sie immer noch ihr volles Gehalt beziehen. Sie müssen weg. Das ist Punkt eins. Punkt zwei, der Polizeichef muss ebenfalls weg. Der Mann ist eine inkompetente Null und hätte nie eingestellt werden dürfen. Er leitet eine korrupte Behörde. Er ist ein Volltrottel, und wenn Sie mir nicht glauben, fragen Sie Ihre Wähler. Nach der letzten Meinungsumfrage wollen achtzig Prozent der Bürger dieser Stadt, dass er gefeuert wird.« Sie nicken mit ernster Miene, weichen meinem Blick aber aus. Alles, was ich sage, war auf der Titelseite des Chronicle zu lesen. Der Stadtrat hat dem Polizeichef mit drei Stimmen zu einer das Misstrauen ausgesprochen. Aber der Bürgermeister will ihn nicht feuern. Die Gründe sind zugleich einfach und kompliziert. Wenn den acht Guerillacops und ihrem Chef vor der Verhandlung im Zivilprozess gekündigt wird, sagen sie wahrscheinlich als Zeugen gegen die Stadt aus. Es ist günstiger, wenn bei der Abwehr von Renfros Klage alle auf einer Seite stehen. »Sobald das Verfahren abgeschlossen ist, können Sie die Leute endlich rauswerfen, richtig?« »Muss ich Sie daran erinnern, dass unsere Haftung auf eine Million Dollar begrenzt ist?« »Nein, müssen Sie nicht. Das ist mir durchaus bewusst. Wir nehmen die Million als Vergleichssumme, und Sie feuern mit sofortiger Wirkung die acht Cops und den Polizeichef.« »Abgemacht!« Woody brüllt geradezu über den Tisch und knallt die Handfläche auf die Platte. »Abgemacht! Was wollen Sie noch?« Obwohl es für die Stadt nur um eine schäbige Million Dollar geht, haben diese Leute panische Angst vor einer zweiten Verhandlung. Beim ersten Mal habe ich das rechtswidrige Verhalten unserer Polizei in allen Einzelheiten geschildert, und der Chronicle hat eine Woche lang auf der Titelseite darüber berichtet. Der Bürgermeister, der Polizeichef, der Rechtsberater der Stadt und die Stadträte mussten abtauchen. Auf keinen Fall wollen sie noch einen Prozess, bei dem ich die Stadt bloßstelle. »Noch viel mehr, Bürgermeister«, sage ich. Beide starren mich mit ausdruckslosen Mienen an. In ihren Augen entdecke ich aufsteigende Panik. »Sie erinnern sich bestimmt noch daran, dass mein kleiner Sohn letzten Samstag entführt wurde. Ziemlich dramatische Geschichte, aber mit einem guten Ende, Friede, Freude, Eierkuchen. Allerdings wissen Sie nicht, dass er von Beamten Ihrer Polizei entführt wurde.« Woody, der bisher den harten Burschen gemimt hat, wird blass, und seine Gesichtszüge entgleisen. Moss, ein ehemaliger Marine, ist stolz auf seine kerzengerade Haltung, doch jetzt lässt er unwillkürlich die Schultern hängen. Er atmet tief durch, während der Bürgermeister auf einem Fingernagel herumkaut. Ihre Blicke begegnen sich kurz, in ihren Augen liegt das blanke Entsetzen. Mit dramatischer Geste lasse ich ein Dokument auf den Tisch fallen, gerade noch außerhalb ihrer Reichweite. »Das ist eine zehnseitige, von mir unterzeichnete Erklärung, in der ich unter Eid beschreibe, wie der stellvertretende Polizeichef Roy Kemp diese Entführung inszeniert hat, damit ich ihm verrate, wo er die Leiche seiner Tochter findet. Ganz gleich, was Sie gelesen haben oder glauben, Arch Swanger war nie mein Mandant. Aber er hat mir gesagt, wo die Leiche angeblich begraben ist. Als ich mich weigerte, diese Informationen an die Polizei weiterzugeben, wurde mein Sohn verschleppt. Ich habe nachgegeben, Detective Reardon alles gesagt, was ich wusste, und Sonntagnacht wurde die Stelle komplett umgegraben. Gefunden wurde nichts, die Leiche war nicht dort. Daraufhin ließ Kemp meinen Sohn frei. Jetzt soll ich die Sache vergessen, aber das werde ich nicht. Ich arbeite mit dem FBI zusammen. Wenn Sie denken, der Renfro-Prozess ist ein Problem, dann warten Sie mal, was passiert, wenn die Stadt herausfindet, wie korrupt Ihre Polizei wirklich ist.« »Kannst du das beweisen?«, fragt Moss mit belegter Stimme. Ich tippe auf die eidesstattliche Erklärung. »Ist alles hier drin. Es existieren Aufnahmen der Überwachungskameras des Truckstops, in dem ich meinen Sohn gefunden habe. Er konnte einen seiner Entführer identifizieren, einen Polizeibeamten. Das FBI ist an der Sache dran und verfolgt mehrere Spuren.« Das stimmt natürlich nicht ganz, aber das wissen sie nicht. Wie in jedem Krieg geht es zuerst der Wahrheit an den Kragen. Ich hole ein weiteres Dokument aus meinem Aktenkoffer und lege es neben die eidesstattliche Erklärung. »Und das ist ein erster Entwurf der Klage, die ich wegen der Entführung gegen die Stadt einreichen werde. Wie Sie wissen, ist Kemp beurlaubt, steht aber noch auf Ihrer Gehaltsliste und ist Angestellter der Stadt. Ich werde ihn verklagen, dazu die Polizei und die Stadt, und das wegen einer Straftat, die landesweit für Schlagzeilen sorgen wird.« »Soll Kemp seinen Job auch verlieren?«, fragt Moss. »Mir ist es egal, ob Kemp seine Arbeit behält oder nicht. Er ist ein anständiger Kerl und ein guter Polizist. Und er ist ein verzweifelter Vater, der durch die Hölle geht. Da will ich nicht so sein.« »Das ist aber nett von Ihnen«, murmelt Woody. »Was hat das mit dem Vergleich zu tun?«, fragt Moss. »Alles. Ich verzichte auf eine Klage, vergesse die Sache und passe in Zukunft besser auf meinen Sohn auf. Aber ich will noch eine Million Dollar für Renfro.« Der Bürgermeister reibt sich die Augen, und Moss sackt noch mehr in sich zusammen. Sie sind wie erschlagen und finden eine endlose Minute lang keine Worte. »Wahnsinn«, murmelt Woody schließlich. Ziemlich erbärmlich. »Das ist Erpressung«, sagt Moss. »Eindeutig, aber im Augenblick steht Erpressung ziemlich weit unten auf der Skala. Ganz oben steht Mord, gefolgt von Entführung. Ich würde mal sagen, da haben Sie deutlich mehr Dreck am Stecken.« Der Bürgermeister reißt sich zusammen. »Und wie sollen wir eine weitere Million für Sie und Mr. Renfro auftreiben, ohne dass die Presse davon Wind bekommt?« »Es wäre nicht das erste Mal, dass Sie Gelder verschieben. Sie sind ein paarmal dabei erwischt worden, was ziemlich peinlich war, aber Sie kennen sich aus.« »Ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen!« »Ich bin kein Journalist, also sparen Sie sich das. Ihr Budget für dieses Jahr beläuft sich auf sechshundert Millionen. Sie haben Rücklagen für den Notfall, frei verfügbare Fonds, schwarze Kassen, Reserven für dies und das. Überlegen Sie sich was. Vielleicht berufen Sie den Stadtrat zu einer geheimen Sitzung ein und lassen über einen vertraulichen Vergleich mit Renfro abstimmen; die Zahlungen können dann über ein Off-Shore-Konto erfolgen.« Woody lacht freudlos. »Sie denken also, der Stadtrat hält dicht?« »Das ist Ihr Problem, nicht meins. Meine Aufgabe ist es, für meinen Mandanten einen fairen Vergleich zu erreichen. Zwei Millionen sind nicht fair, aber wir nehmen sie.« Moss steht auf, sein Blick ist glasig. Er stellt sich an ein Fenster und starrt ins Leere. Dann streckt er sich und tigert im Zimmer auf und ab. Woody scheint kapiert zu haben, dass die Welt um ihn zusammenbricht. »Okay, Rudd, wie viel Zeit haben wir?«, fragt er. »Nicht viel«, sage ich. »Wir brauchen Zeit, um das zu prüfen, Sebastian«, sagt Moss. »Du kommst hier rein, lässt eine Bombe hochgehen und erwartest, dass wir alles für bare Münze nehmen. Es gibt noch viele offene Fragen.« »Stimmt, aber bei einer Prüfung sickert immer etwas durch. Und was soll dabei herauskommen? Wollt ihr Kemp fragen, ob er meinen Sohn entführt hat? Was er darauf wohl antwortet? Ihr könnt monatelang nach der Wahrheit suchen, ohne was herauszufinden. Ich warte jedenfalls nicht.« Ich schiebe Woody die eidesstattliche Erklärung und die Klageschrift über den Tisch zu. Dann stehe ich auf und greife nach meinem Aktenkoffer. »Hier ist der Deal. Heute ist Freitag. Ihr habt das Wochenende. Ich bin am Montag um zehn Uhr hier, um die Sache abzuschließen. Wenn ihr euch bis dahin geeinigt habt. Ansonsten gehe ich mit meinen Papieren direkt zum Chronicle. Stellt euch mal vor, was die Geschichte für einen Schaden anrichtet. Die Fernsehnachrichten werden rund um die Uhr darüber berichten.« Woody wird schon wieder blass. »Am Montag habe ich einen Termin in Washington«, sagt er lahm. »Dann sagen Sie ab. Bekommen Sie die Grippe. Montag zehn Uhr«, sage ich und öffne die Tür. 12 Naomi findet meinen Miet-Mazda etwas befremdlich. Während wir durch die Innenstadt zur Halle fahren, erkläre ich ihr, was mit dem Ford passiert ist. Sie ist entsetzt, dass in unserer Stadt Leute unterwegs sind, die Autos in die Luft sprengen, um mich einzuschüchtern und dabei Partners Tod in Kauf nehmen. Sie will wissen, wann die Polizei diese Burschen dingfest macht und vor Gericht bringt. Sie kann es kaum glauben, dass die Polizei erstens bei Leuten wie mir kein Interesse daran hat, die Verantwortlichen zu fassen, und sie zweitens gar nicht erwischen kann, weil die Täter keine Spuren hinterlassen. Sie fragt, ob sie in meiner Gesellschaft sicher sei. Als ich ihr verrate, dass ich unter der linken Achsel eine Waffe trage, holt sie tief Luft und sieht aus dem Fenster. Doch, wir sind sicher, sage ich. Um endgültig reinen Tisch zu machen, erzähle ich ihr von dem Brandsatz, dem mein letztes Büro zum Opfer gefallen ist. Nein, das Verbrechen hat die Polizei auch nicht aufgeklärt, in erster Linie, weil sie wahrscheinlich selbst darin verwickelt war. Entweder das, oder es waren Drogenhändler. »Kein Wunder, dass Sie bei Frauen nicht recht landen können«, stellt sie fest. Und sie hat recht. Die meisten bekommen frühzeitig kalte Füße und suchen sich einen Mann, der mehr Sicherheit verspricht. Aber Naomi hat glänzende Augen und scheint die Bedrohung zu genießen. Immerhin waren die Käfigkämpfe ihre Idee. Ich habe meine Kontakte spielen lassen und Plätze fast direkt am Ring, in der dritten Reihe, bekommen. Ich kaufe zwei große Bier, wir richten uns häuslich ein und beobachten die Menge. Anders als im Theater oder Kino, in der Oper, im Konzertsaal oder auch bei einem Basketballspiel sind die Fans von Anfang an in rauflustiger Stimmung, viele von ihnen angetrunken. Die Veranstaltung ist wieder ziemlich gut besucht, wahrscheinlich drei- bis viertausend Zuschauer, und ich wundere mich, wie schnell der Sport populär geworden ist. Ich muss an Tadeo denken, den talentierten Jungen, der jetzt im Gefängnis sitzt, wo er doch eigentlich einer der Stars des heutigen Abends hätte sein sollen. Seine Verhandlung steht kurz bevor, und er denkt immer noch, ich kann Wunder wirken und ihn freibekommen. Naomi schildere ich sehr anschaulich, wie Tadeo an einem Abend vor gar nicht langer Zeit den Ringrichter attackierte und sich die gesamte Halle in einen Hexenkessel verwandelte. Starcher fand das cool und würde gern wieder herkommen. Sie hält nichts davon. Ein Trainer erkennt mich und bleibt stehen, um ein paar Worte mit mir zu wechseln. Sein Schützling, ein Junge mit einem Gewicht von achtundsechzig Kilogramm, ist im zweiten Kampf dabei und hat seine letzten sechs Kämpfe gewonnen. Während er mit mir redet, starrt er die ganze Zeit Naomi an. So wie sie aussieht und sich anzieht, fällt sie ganz schön auf. Der Trainer glaubt, sein Junge hat Zukunft, aber er braucht Unterstützung. Da ich als erfolgreicher Anwalt gelte, der, zumindest für diese Kreise, eine dicke Brieftasche hat, bin ich ein Akteur, der über eine Karriere entscheiden kann. Ich sage dem Mann, wir könnten später darüber reden. Ich will mir ein paar Kämpfe von dem Jungen ansehen, dann werden wir uns treffen. Der Trainer erkundigt sich nach Tadeo und schüttelt betrübt den Kopf. Was für eine Verschwendung. Als die Halle voll ist, werden die Lichter gedimmt, und die Menge dreht fast durch. Die ersten beiden Kämpfer betreten den Käfig und werden vorgestellt. »Kennen Sie die beiden?«, fragt Naomi aufgeregt. »Ja, das sind nur ein paar Raufbolde, ohne großes Talent. Im Grunde Schläger von der Straße.« Der Gong ertönt, der Kampf geht los, und meine kleine Sexbombe von Lehrerin rutscht auf der Stuhlkante herum und schreit sich die Seele aus dem Leib. 13 Um Mitternacht sitzen wir in einer schäbigen Pizzeria, in eine enge Nische gequetscht und sehr dicht beieinander. Es gab ein paar Berührungen, Händchenhalten, und wir scheinen uns gegenseitig attraktiv zu finden. Zumindest hoffe ich, dass das Gefühl auf Gegenseitigkeit beruht. Sie knabbert an einem Stück Salamipizza und redet aufgekratzt über das Hauptereignis des Abends, ein Blutbad unter Schwergewichtlern, das mit einem üblen Würgegriff endete. Der Unterlegene blieb lange am Boden liegen. Schließlich kommt sie auf die Entführung zu sprechen und erkundigt sich, wie viel ich weiß. Ich erkläre ihr, dass das FBI ermittle und ich deswegen nichts sagen könne. Gab es eine Lösegeldforderung? Dazu darf ich nichts sagen. Einen Verdächtigen? Nicht dass ich wüsste. Was hat der Junge im Truckstop gemacht? Eis gegessen. Ich hätte ihr gern Einzelheiten erzählt, aber dafür ist es zu früh. Vielleicht später, wenn alles geregelt ist. »Eine Beziehung zu jemandem, der eine Waffe trägt, stelle ich mir schwierig vor«, sagt sie, als ich sie nach Hause fahre. »Ich kann sie ablegen. Aber greifbar muss sie schon sein.« »Ich weiß nicht, ob ich das gut finde.« Dann sagen wir nichts mehr, bis ich vor ihrer Wohnanlage parke. »Das war ein toller Abend«, sagt sie. »Für mich auch.« Ich bringe sie zu ihrer Wohnungstür. »Wann sehen wir uns wieder?« Sie küsst mich auf die Wange. »Morgen Abend um sieben. Hier. Es gibt da einen Film, den ich gern sehen würde.« 14 Partner holt mich in einem anderen Mietwagen ab, einem brandneuen Transporter der Umzugsfirma U-Haul. Auf beiden Seiten prangt in grellem Grün und Orange die Aufschrift »19,95 Dollar pro Tag – ohne Kilometerbegrenzung«. Ich mustere ihn eine Minute lang an, bevor ich einsteige. »Schönes Auto«, sage ich. »Dachte ich mir, dass dir der gefällt.« Er grinst. Seine Verbände sind unter der Kleidung nicht zu sehen, von seinen Verletzungen ist nichts zu sehen. Er ist hart im Nehmen und lässt sich Schmerzen grundsätzlich nicht anmerken. »Wahrscheinlich gewöhnen wir uns besser daran«, sage ich. »Die Versicherung lässt sich Zeit. Außerdem dauert es einen Monat, ein neues Auto umbauen zu lassen.« Wir schlängeln uns durch den Verkehr in der Innenstadt, ein ganz normaler Lieferwagen voller Möbel. Er hält vor dem Rathaus im Parkverbot. Ein U-Haul-Transporter in diesen grellen Farben fällt der Verkehrspolizei hundertprozentig auf. »Ich habe mit Miguel geredet«, sagt er. »Und wie ist es gelaufen?«, frage ich, die Hand auf der Türklinke. »Gut. Ich habe erklärt, dass du unter Druck gesetzt wirst und Schutz brauchst. Er hat gesagt, er kümmert sich darum, das ist das Mindeste, was er und seine Leute tun können, und so weiter. Ich habe darauf bestanden, dass keinem was passieren darf, nur ein kleiner Gruß an Tubby und Razor, damit sie wissen, was Sache ist.« »Was meinst du dazu?« »Es dürfte klappen. Scanlons Bande ist im Augenblick ziemlich schlecht aufgestellt, aus offensichtlichen Gründen. Die meisten seiner Handlanger haben sich abgesetzt. Ich glaube nicht, dass sich seine Leute mit einer Drogengang anlegen wollen.« »Wir werden’s herausfinden. Ich bin in einer halben Stunde wieder da«, sage ich und steige aus. Woody hat die Reise nach Washington abgesagt und wartet mit Moss in seinem Büro. Beide sehen aus, als hätten sie ein unangenehmes Wochenende hinter sich. Es ist Montag, und ich will ihnen den Rest der Woche auch noch verderben. Kein Händeschütteln, keine gezwungenen Höflichkeitsfloskeln, nicht einmal Kaffee wird angeboten. Ich steigere die Spannung noch. »Okay, Leute, sind wir uns einig? Ja oder nein? Ich brauche jetzt eine Antwort, und wenn es die falsche ist, gehe ich von hier direkt zum Chronicle. Verdoliak, Ihr Lieblingsreporter, wartet schon an seinem Schreibtisch.« Woody starrt auf den Boden. »Wir sind uns einig.« Moss schiebt ein Dokument über den Tisch. »Das ist eine vertrauliche Vergleichsvereinbarung. Die Versicherung zahlt die erste Million jetzt. Die Stadt steuert in diesem Haushaltsjahr eine halbe Million bei, im nächsten noch einmal denselben Betrag. Wir haben einen Rückstellungsfonds für Rechtsstreitigkeiten, den wir kreativ nutzen können, aber wir müssen die Zahlungen auf dieses und nächstes Jahr verteilen. Besser bekommen wir es nicht hin.« »Das geht«, sage ich. »Und wann werden Polizeichef und SWAT-Team gefeuert?« »Morgen früh«, sagt Moss. »Und das steht nicht in der Vereinbarung.« »Dann unterschreibe ich, wenn sie ihren Job los sind. Worauf wartet ihr? Was ist so schwer daran, diese Leute rauszuwerfen? Die ganze Stadt will doch, dass sie vor die Tür gesetzt werden.« »Wir auch«, sagt der Bürgermeister. »Glauben Sie mir, wir wollen sie dringend loswerden. Vertrauen Sie uns, Rudd.« Bei dem Wort »vertrauen« verdrehe ich die Augen. Ich nehme die Vereinbarung und lese sie in aller Ruhe durch. Auf dem imposanten Schreibtisch des Bürgermeisters klingelt ein Telefon, aber er ignoriert es. Als ich zu Ende gelesen habe, lasse ich das Dokument auf den Tisch fallen. »Kein Wort der Entschuldigung«, sage ich. »Die Ehefrau meines Mandanten wird ermordet, er wird niedergeschossen, vor ein Strafgericht gezerrt, mit Gefängnis bedroht, geht durch die Hölle und wieder zurück – und nicht ein Wort der Entschuldigung. So kommen wir nicht zusammen.« Woody stößt einen wütenden Fluch aus und springt auf. Moss reibt sich die Augen, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Die Sekunden verstreichen, eine volle Minute vergeht, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Schließlich sehe ich den Bürgermeister wütend an. »Warum tun Sie nicht endlich mal das Richtige? Warum berufen Sie nicht eine Pressekonferenz ein, wie Sie das sonst bei jeder Lappalie tun, und entschuldigen sich zuallererst einmal bei der Familie Renfro? Kündigen Sie einen Vergleich im Zivilverfahren an. Erklären Sie, dass nach einer gründlichen Untersuchung nun klar ist, dass das SWAT-Team sämtliche Verhaltensregeln ignoriert hat und dass den acht Cops fristlos gekündigt wird. Und ihrem Chef auch.« »Sie brauchen mir wirklich nicht zu sagen, wie ich meinen Job zu machen habe«, sagt Woody, aber es klingt lahm. »Vielleicht doch.« Am liebsten würde ich wieder alles hinschmeißen, aber ich will das Geld nicht verlieren. »Okay, okay«, sagt Moss. »Wir überarbeiten das Dokument und fügen eine Entschuldigung an die Familie ein.« »Danke«, sage ich. »Ich komme morgen wieder, nach der Pressekonferenz.« 15 Ich treffe mich mit Doug Renfro zum Mittagessen in einem Café bei ihm in der Nähe und erkläre ihm den Vergleich. Er freut sich über die zwei Millionen. Für mich ist ein Honorar von fünfundzwanzig Prozent vereinbart, aber ich werde nur zehn nehmen. Er ist überrascht und zuerst nicht einverstanden. Ich würde ihm gern die ganze Summe geben, aber ich hatte Kosten. Nachdem Harry & Harry ihren Anteil bekommen haben, bleiben mir netto rund hundertzwanzigtausend Dollar, nicht viel für die Zeit, die ich auf die Sache verwendet habe, doch trotzdem ein anständiges Honorar. Als er einen Schluck Kaffee trinkt, fängt seine Hand an zu zittern, und seine Augen werden plötzlich feucht. Er setzt die Tasse ab und presst zwei Finger gegen den Nasenrücken. »Ich will bloß Kitty wiederhaben«, sagt er mit bebenden Lippen. »Es tut mir so leid, Doug«, sage ich. Was sonst? »Warum tun die so was? Warum? Es war so sinnlos. Die Türen eintreten, herumballern wie die Idioten, im falschen Haus. Warum, Sebastian?« Ich kann nur den Kopf schütteln. »Ich setze mich ab, das schwöre ich Ihnen. Ich hasse diese Stadt und die Schwachköpfe, die hier das Sagen haben. Und wissen Sie, Sebastian, wenn jetzt acht arbeitslose Exbullen unterwegs sind, die stinksauer und auf Krawall gebürstet sind, bin ich bestimmt nicht mehr sicher. Und Sie auch nicht.« »Ich weiß, Doug. Glauben Sie mir, das habe ich ständig im Hinterkopf. Aber ich bin diesen Leuten nicht zum ersten Mal auf die Füße getreten. Die können mich so oder so nicht ausstehen.« »Sie sind ein fantastischer Anwalt, Sebastian. Am Anfang hatte ich meine Zweifel. Sie sind so massiv aufgetreten, als ich noch im Krankenhaus war, da dachte ich: ›Wer ist dieser Kerl?‹ Es gab andere Anwälte, die hinter mir her waren. Ein paar sehr zwielichtige Gestalten, die sich im Krankenhaus herumtrieben. Aber ich habe ihnen die Tür gewiesen. Und ich bin froh darüber. Ihr Auftritt in der Verhandlung war brillant, Sebastian. Grandios.« »Ist ja gut. Danke, Doug, das reicht.« »Fünfzehn Prozent, okay? Ich will, dass Sie fünfzehn Prozent nehmen. Bitte.« »Wenn Sie darauf bestehen.« »Ja, das tue ich. Ich habe gestern mein Haus verkauft, mit einem schönen Gewinn. In zwei Wochen ist der Vertrag unter Dach und Fach. Ich glaube, ich gehe nach Spanien.« »Letzte Woche war es noch Neuseeland.« »Die Welt ist groß. Alles ist möglich, vielleicht fahre ich ein Jahr oder so mit dem Zug herum und sehe mir alles an. Ich wünschte nur, Kitty könnte dabei sein. Sie ist so gern gereist.« »Das Geld müsste bald da sein. Ich melde mich in ein paar Tagen bei Ihnen wegen der Abrechnung.« 16 Ich sehe mir die Pressekonferenz in meiner Wohnung an. Irgendwann in den letzten Stunden ist Bürgermeister Woody zu dem Schluss gekommen, dass es ihm mehr Stimmen bringt, wenn er sich reuig zeigt, als wenn er mauert. Er steht hinter einem Rednerpult, zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte ohne jemanden im Hintergrund. Keine Menschenseele. Er ist ganz allein: kein Stadtrat, der sich vor den Kameras produziert, keine Reihe stiernackiger Beamter in Uniform, kein grimmig dreinblickender Anwalt, der aussieht, als machten ihm seine Hämorrhoiden zu schaffen. Woody erklärt der kleinen Gruppe von Reportern, dass die Stadt ihren Rechtsstreit mit der Familie Renfro beigelegt hat. Es wird keinen Zivilprozess geben, der Albtraum ist vorbei. Die Bestimmungen sind natürlich vertraulich. Seine aufrichtige Entschuldigung an die Familie für alles, was passiert ist. Es sind Fehler gemacht worden, das ist klar, wenn auch nicht von ihm, und er hat sich entschieden, energisch vorzugehen, um diese Tragödie zum Abschluss zu bringen. Der Polizeichef wird mit sofortiger Wirkung seines Amtes enthoben. Er trägt letztendlich die Verantwortung für das Verhalten seiner Beamten. Allen acht Mitgliedern des SWAT-Teams wird mit sofortiger Wirkung gekündigt. Ihr Verhalten kann nicht toleriert werden. Die Abläufe werden überprüft. Und so weiter. Zum Abschluss entschuldigt er sich noch einmal, ein netter Zug, und zwischendrin sieht er immer wieder so aus, als würde er gleich in Tränen ausbrechen. Keine schlechte Vorstellung für Woody, und sie bringt ihm vielleicht sogar ein paar Stimmen ein. Aber jeder Idiot kennt die Umfragewerte. Ein mutiger Schritt, Woody. Als wäre mein Leben nicht schon kompliziert genug, treiben sich jetzt zu allem Überfluss acht Excops auf den Straßen herum, die mich verfluchen und auf Rache sinnen. Das Geld trifft schnell ein, und Doug und ich erledigen unsere Abrechnung. Als ich ihn zum letzten Mal sehe, steigt er in ein Taxi zum Flughafen. Er sagt, er weiß noch immer nicht genau, wohin es geht, aber es wird ihm schon was einfallen. Vielleicht wirft er einen Dartpfeil auf die Abflugtafel. Ich bin ein bisschen neidisch. 17 Tadeo besteht darauf, dass ich ihn mindestens einmal pro Woche im Gefängnis besuche, und es macht mir nichts aus. Bei den meisten Besuchen reden wir über die bevorstehende Verhandlung, aber manchmal geht es nur darum, wie er die Untersuchungshaft übersteht. Es gibt weder einen Kraftraum noch sonst irgendwelche Sportmöglichkeiten – in der Strafhaft schon, aber darüber reden wir nicht –, sodass es fast unmöglich ist, in Form zu bleiben. Er macht jeden Tag tausend Sit-ups und Liegestütze, und für mich sieht er fit aus. Das Essen ist ungenießbar, und er sagt, er verliert Gewicht. Daraus ergibt sich logischerweise ein Gespräch über sein bevorzugtes Kampfgewicht, wenn er erst wieder in Freiheit ist. Je länger er in Haft bleibt und die kostenlose Rechtsberatung seiner Zellengenossen genießt, desto wahnwitziger werden seine Vorstellungen. Er glaubt felsenfest, dass er ein Geschworenengericht von seiner vorübergehenden Unzurechnungsfähigkeit überzeugen kann und freikommt. Ich erkläre ihm, wieder einmal, dass es schwer sein wird, den Prozess zu gewinnen, weil die Geschworenen das Video mindestens fünfmal sehen werden. Außerdem wirft er mir vor, nicht an ihn zu glauben, und zweimal spricht er davon, einen anderen Anwalt hinzuzuziehen. Das wird nicht passieren, weil er jedem anderen ein gesalzenes Honorar zahlen müsste, aber ärgerlich ist es trotzdem. Er benimmt sich zunehmend wie viele Angeklagte in Strafverfahren, vor allem solche, die von der Straße kommen. Er vertraut dem System nicht, und zu dem zählt er auch mich, weil ich weiß bin und Teil der Machtstruktur. Er ist überzeugt, dass er unschuldig ist und zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Er weiß, dass er die Geschworenen auf seine Seite ziehen kann, wenn er die Chance bekommt. Und wenn ich als sein Anwalt im Gerichtssaal in meine Trickkiste greife, wie er das aus dem Fernsehen kennt, verlässt er die Verhandlung als freier Mann. Ich widerspreche ihm nicht, aber ich versuche, seine Erwartungen auf ein realistisches Niveau zu reduzieren. Nach einer halben Stunde verabschiede ich mich und bin froh, dass ich es hinter mir habe. Auf dem Weg aus dem Gefängnis taucht plötzlich aus dem Nichts Detective Reardon auf und rempelt mich geradezu an. »Sieh mal an, Rudd, genau der Mann, den ich suche.« Wir sind uns noch nie im Gefängnis über den Weg gelaufen. Das ist keine zufällige Begegnung. »Tatsächlich. Was gibt’s?« »Haben Sie einen Augenblick Zeit?« Er deutet auf eine Ecke, die weit genug von den anderen Anwälten und Wärtern entfernt ist. »Klar.« Ich rede nur ungern mit Reardon, aber er ist nicht ohne Grund hier. Bestimmt will er mir einbläuen, dass unser beurlaubter stellvertretender Polizeichef, Roy Kemp, großen Wert darauf lege, dass das mit der Entführung unter uns bleibe. »Hören Sie, Rudd«, beginnt er, als wir allein sind, »ich habe gehört, Sie hatten letzte Woche im Gericht einen Zusammenstoß mit Link Scanlons Handlangern. Zeugenaussagen zufolge haben Sie die beiden zusammengeschlagen, ein sauberer K. o. Schade, dass es keine Kugel zwischen die Augen war. Hätte ich gern gesehen. Kaum zu glauben, dass Sie den Mumm haben, sich mit solchen Leuten anzulegen.« »Und was wollen Sie von mir?« »Ich nehme an, Scanlon hat Ihnen ausrichten lassen, was er von Ihnen will, bestimmt Geld. Wir wissen, wo er ist, wir kommen nur nicht an ihn heran. Wir glauben, er ist pleite, deswegen hat er vermutlich versucht, Ihnen die Daumenschrauben anzulegen. Das hat Ihnen wohl nicht gefallen. Die erhöhen den Druck, Sie schalten sie am helllichten Tag direkt vor der Tür eines Gerichtssaals aus. Nicht schlecht.« »Was wollen Sie von mir, Reardon?« »Kennen Sie die beiden Kerle? Ich meine namentlich?« Irgendetwas sagt mir, dass ich mich besser dumm stelle. »Einer heißt Tubby, kein Nachname. Den anderen kenne ich nicht. Kann ich Sie was fragen?« »Klar doch.« »Sie sind bei der Mordkommission. Warum interessieren Sie sich für meinen Zusammenstoß mit Scanlons Gangstern?« »Eben weil ich bei der Mordkommission bin.« Er öffnet eine Aktenmappe und zeigt mir zwanzig mal fünfundzwanzig Zentimeter große Fotos von zwei Leichen auf einem Müllhaufen. Sie liegen auf dem Bauch, die Handgelenke sind brutal auf den Rücken gefesselt. Der Nacken ist blutverkrustet. »Die beiden Leichen wurden auf der städtischen Müllkippe gefunden, in einen alten Flokati eingewickelt. Als ein Bulldozer den Teppich eine kleine Böschung hinunterschob, kullerten Tubby und Razor heraus. Tubby alias Danny Fango, hier rechts. Links Razor alias Arthur Robilio.« Er mischt die Fotos wie ein Kartenspiel und zieht eine weitere Aufnahme im Format zwanzig mal fünfundzwanzig heraus. Die beiden Leichen wurden neu arrangiert und liegen jetzt Seite an Seite auf dem Rücken. Der schwarze Stiefel eines Polizisten ist im Bild, neben dem verstümmelten Kopf meines alten Freundes Tubby. In beider Kehlen klafft ein tiefer, breiter Schnitt. »Jeder hat zwei Kugeln in den Hinterkopf bekommen. Das und ein Schnappmesser von Ohr zu Ohr. Funktioniert todsicher. So weit sind die Morde sauber, keine Fingerabdrücke, keine ballistischen oder forensischen Hinweise. Wahrscheinlich ein ganz normaler Bandenmord, kein großer Verlust für die Gesellschaft, wenn Sie verstehen, was ich meine.« Mein Magen rebelliert, die Säure steigt mir in den Hals. Mir wird kotzübel, alles dreht sich, gleich kippe ich um. Ich wende mich ab, schüttle angewidert den Kopf und sage mir, dass ich so tun muss, als ginge mich die Sache nichts an, soweit das nach menschlichem Ermessen überhaupt möglich ist. Es gelingt mir, die Achseln zu zucken. »Na und, Reardon? Sie meinen, ich erledige die beiden, weil sie mich im Gericht anfallen?« »Ich weiß im Augenblick nicht, was ich davon halten soll, aber ich habe diese beiden Pfadfinder in der Leichenhalle, und keiner weiß was. Soweit mir bekannt ist, sind Sie die letzte Person, die mit den beiden aneinandergeraten ist. Sie fühlen sich in der Gosse wie zu Hause. Vielleicht haben Sie da Freunde. Eins führt zum anderen.« »Das glauben Sie doch selbst nicht, Reardon. Das ist dünn wie Wasser. Suchen Sie sich einen anderen Verdächtigen, bei mir verschwenden Sie Ihre Zeit. Ich begehe keine Morde. Ich verteidige Mörder.« »Wenn Sie mich fragen, ist das dasselbe. Ich ermittle weiter.« Er geht, und ich suche mir eine Toilette. Ich verriegle die Kabinentür, setze mich auf den Deckel und frage mich, ob das wahr sein kann. 18 Wir stellen uns mit dem U-Haul-Transporter auf den Parkplatz eines Hotdog-Drive-in und bestellen bei einem hübschen Mädchen auf Rollerskates Limo. Keiner von uns hat Appetit. Sie bringt die Getränke, und Partner kurbelt das Fenster hoch, ganz altmodisch von Hand. Er trinkt einen kräftigen Schluck und starrt vor sich hin. »Das kann nicht sein, Boss. Ich habe mich eindeutig ausgedrückt. Jagt ihnen Angst ein, aber fasst sie nicht an. Niemandem darf was passieren.« »Die beiden haben es jedenfalls hinter sich«, sage ich. »Andererseits musst du verstehen, wie das bei denen läuft. Sagen wir, Miguel und seine Leute spüren Tubby und Razor auf und knöpfen sie sich vor. Sie drohen ihnen, aber vielleicht lassen sich Tubby und Razor davon nicht beeindrucken. Schließlich bedrohen sie selbst seit dreißig Jahren Leute. Sie zeigen, dass sie sich über die Einmischung ärgern. Miguel darf sich das nicht gefallen lassen. Ein Wort gibt das andere, die Drohungen werden immer schärfer, und irgendwann gerät die Sache außer Kontrolle. Ein Kinnhaken, schon ist eine Schlägerei im Gang, und es dauert nicht lang, bis jemand eine Schusswaffe oder ein Messer zieht.« »Ich will, dass du mit Miguel redest.« »Wozu? Er wird das nie im Leben zugeben, Boss. Nie im Leben.« Ich nuckle an meinem Strohhalm und zwinge mich zum Trinken. Alles ist wie zugeschnürt, von meiner Kehle bis zum Magen. »Wir gehen davon aus, dass es Miguel war«, sage ich nach einer langen Pause. »Es könnte aber auch jemand anders gewesen sein. Tubby und Razor haben ihr ganzes Leben lang Leute schikaniert, vielleicht sind sie diesmal an den Falschen geraten.« Partner nickt. »Vielleicht«, sagt er, aber es klingt nicht überzeugt. 19 Um 3.47 Uhr, als mein Handy vibriert, bin ich bereits wach. Langsam greife ich danach. Unbekannter Anrufer, die schlimmste Sorte. »Hallo«, sage ich widerwillig. Die Stimme würde ich überall erkennen. »Sind Sie das, Rudd?« »Ja. Wer ist dran?« »Ihr alter Mandant Swanger, Arch Swanger.« »Ich hatte gehofft, nie wieder von Ihnen zu hören.« »Ich vermisse Sie auch nicht, aber wir müssen reden. Ihnen kann man nicht trauen, Sie liefern Ihre Mandanten ans Messer, ohne mit der Wimper zu zucken, da wird Ihr Telefon bestimmt von den Cops abgehört.« »Nein.« »Sie sind ein Lügner, Rudd.« »Auch gut, legen Sie auf, und rufen Sie nie wieder an.« »So einfach ist das nicht. Wir müssen reden. Jiliana Kemp ist am Leben, Rudd, aber es geht ihr nicht gut.« »Mir egal.« »An der Ecke Preston und Fifteenth gibt es einen Drugstore, der die ganze Nacht über geöffnet hat. Kaufen Sie sich Rasierschaum. Hinter einer Dose Gillette Menthol finden Sie ein kleines schwarzes Handy, Prepaid. Nehmen Sie es, aber lassen Sie sich nicht beim Ladendiebstahl erwischen. Rufen Sie die Nummer auf dem Display an. Das bin ich. Ich warte dreißig Minuten, dann setze ich mich ab. Verstanden, Rudd?« »Nein, diesmal lasse ich mich nicht auf Ihre Spielchen ein, Swanger.« »Das Mädchen lebt, Rudd, und Sie können es retten. Wie Ihren Sohn, nur dass Sie diesmal wirklich ein Held sein können. Wenn nicht, ist Jiliana Kemp in einem Jahr tot. Das liegt ganz an Ihnen, Kumpel.« »Warum sollte ich Ihnen glauben, Swanger?« »Weil ich die Wahrheit kenne. Vielleicht stimmt nicht immer alles, was ich sage, aber ich weiß, was das Kemp-Mädchen durchmachen muss. Eine hässliche Sache. Kommen Sie, Rudd, lassen Sie mich nicht hängen. Aber rufen Sie bloß nicht Ihren Bodyguard an, und benutzen Sie nicht diesen albernen U-Haul-Transporter. Das Ding ist ein Witz. Was für ein Anwalt sind Sie überhaupt?« Die Leitung ist tot, und ich liege auf dem Rücken und starre an die Decke. Wenn Arch Swanger auf der Flucht ist – und das muss er sein, weil er die Nummer eins auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher ist und Link Scanlon die Nummer zwei –, wie kann er dann wissen, dass ich im Moment mit einem gemieteten Lieferwagen unterwegs bin? Und wie kann er ein Prepaid-Handy kaufen und verstecken? Zwanzig Minuten später parke ich vor dem Laden und warte, bis sich die beiden Penner verziehen, die den Eingang blockieren. Es ist eine zwielichtige Gegend, und mir ist nicht klar, warum die Firma, eine landesweite Kette, ausgerechnet in diesem Viertel einen Drugstore unterhält, der nachts geöffnet ist. Ich gehe hinein und sehe niemanden außer dem Verkäufer, der in einem Revolverblatt liest. Ich finde die Rasiercreme und das Handy, das ich unauffällig in meiner Tasche verschwinden lasse. Ich bezahle die Rasiercreme und gebe beim Losfahren die Nummer ein. Swanger meldet sich. »Fahren Sie weiter. Nehmen Sie die Interstate in Richtung Norden.« »Wohin, Swanger?« »Zu mir. Ich will Ihnen in die Augen sehen und Sie fragen, warum Sie den Cops erzählt haben, wo ich das Mädchen vergraben habe.« »Vielleicht will ich nicht darüber reden.« »Werden Sie aber.« »Warum haben Sie mich angelogen, Swanger?« »Das war nur ein Test, um zu sehen, ob ich Ihnen vertrauen kann. Offenbar nicht. Ich will wissen, warum.« »Und ich will wissen, warum Sie mich nicht in Ruhe lassen können.« »Weil ich einen Anwalt brauche, Rudd, so einfach ist das. Was soll ich tun? Einen Aufzug in den vierzigsten Stock nehmen und einen Typen im schwarzen Anzug engagieren, der tausend Dollar die Stunde kassiert? Oder eine dieser Flaschen anrufen, die auf Plakaten um Insolvenzverfahren und Autounfälle betteln? Ich brauche einen, der selbst von der Straße kommt, Rudd, einen ohne Skrupel, der keine Angst hat, sich die Hände schmutzig zu machen. Im Moment sind Sie das.« »Nein, bin ich nicht.« »Nehmen Sie die Interstate-Ausfahrt White Bluff, und fahren Sie drei Kilometer weiter in Richtung Osten. Da gibt es ein 24-Stunden-Fast-Food-Lokal, das im Augenblick einen Doppelburger mit extra viel Käse anbietet. Lecker. Gehen Sie rein, und setzen Sie sich irgendwohin, ich beobachte sie. Ich will sichergehen, dass Sie allein sind und nicht verfolgt werden. Wenn ich ins Lokal komme, werden Sie mich nicht auf Anhieb erkennen.« »Ich bin bewaffnet, Swanger, ich habe einen Waffenschein und weiß, wie man schießt. Also keine Dummheiten, okay?« »Das ist nicht nötig, das schwöre ich.« »Sie können schwören, so viel Sie wollen, ich glaube Ihnen sowieso kein Wort.« »Gleichfalls.« 20 Die Luft ist zum Schneiden, und es stinkt nach fettigen Burgern und Pommes. Ich hole mir einen Kaffee und sitze zehn Minuten lang an einem Tisch in der Mitte des Lokals, während zwei Teenager in einer Nische kichern und mit vollem Mund reden. In einer Ecke hinten im Lokal stopft sich ein übergewichtiges älteres Paar voll, als wäre es seine letzte Mahlzeit. Zum brillanten Marketingkonzept des Lokals gehört es, alle Speisen von Mitternacht bis sechs Uhr morgens zum halben Preis anzubieten. Mit einer Extraportion Käse. Ein Mann in einer braunen UPS-Uniform kommt herein, ohne sich umzusehen. Er kauft sich eine Limo und Pommes, und plötzlich sitzt er mir gegenüber. Hinter der runden randlosen Brille erkenne ich Swangers Augen. »Schön, dass Sie kommen konnten«, sagt er kaum hörbar. »Ist mir ein Vergnügen«, erwidere ich. »Nette Uniform.« »Funktioniert auf jeden Fall. Ich sage Ihnen jetzt, was Sache ist, Rudd. Jiliana Kemp ist sehr lebendig, aber ich wette, sie wäre lieber tot. Sie hat vor einigen Monaten entbunden. Das Baby wurde für fünfzigtausend Dollar verkauft, das ist ein guter Preis. Die Preisspanne für einen weißen Säugling mit guten Genen liegt zwischen fünfundzwanzig und fünfzig, habe ich mir sagen lassen. Dunkle sind billiger.« »Wer hat das getan?« »Dazu kommen wir gleich. Im Augenblick schuftet sie tausend Kilometer von hier als Stripperin und Nutte in einem Sexclub. Sie wird praktisch als Sklavin gehalten, von ein paar üblen Gestalten, die sie heroinsüchtig gemacht haben. Deswegen kann sie nicht weg, und deswegen tut sie, was ihr gesagt wird. Mit Menschenhandel kennen Sie sich wahrscheinlich nicht aus?« »Nein.« »Fragen Sie mich nicht, wie ich da hineingeraten bin. Eine lange, traurige Geschichte.« »Ist mir ziemlich egal, Swanger. Ich würde dem Mädchen gern helfen, aber ich werde mich nicht einmischen. Sie haben gesagt, Sie brauchen einen Anwalt.« Er greift sich eins der Pommes frites und inspiziert es, als wäre es vergiftet, bevor er es sich bedächtig in den Mund schiebt. Seine Augen starren mich durch die Fensterglasbrille an. »Sie wird eine Weile in den Clubs eingesetzt, dann muss sie wieder als Gebärmaschine herhalten. Sie wird herumgereicht, und wenn sie schwanger wird, nehmen sie ihr die Drogen weg und sperren sie ein. Das Baby soll ja schließlich gesund sein. Sie ist eines von acht oder zehn Mädchen in dem Job, die meisten sind weiß, aber es sind auch ein paar Farbige dabei, alles Amerikanerinnen.« »Alle verschleppt?« »Natürlich. Denken Sie, die haben sich freiwillig gemeldet?« »Ich weiß nicht, was ich glauben soll.« Ich hoffe, er lügt, aber irgendwie habe ich das Gefühl, er sagt die Wahrheit. Auf jeden Fall ist die Geschichte so widerwärtig, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Unwillkürlich sehe ich Roy Kemp und seine Frau vor mir, wie sie in den Nachrichten darum flehen, dass ihre Tochter gesund nach Hause kommt. »Wirklich tragisch«, sage ich, »aber ich verliere allmählich die Geduld, Swanger. Erstens glaube ich aus Ihrem Mund kein Wort. Zweitens haben Sie gesagt, Sie brauchen einen Anwalt.« »Warum haben Sie den Cops verraten, wo sie begraben liegt?« »Weil sie meinen Sohn entführt hatten, um herauszubekommen, was Sie mir gesagt hatten.« Das gefällt ihm, und er kann ein Grinsen nicht unterdrücken. »Echt? Die Cops haben Ihren Sohn entführt?« »Genau. Ich bin in die Knie gegangen und habe ausgepackt, die Polizei ist zu der Stelle gerast, hat die ganze Nacht vergeblich gebuddelt, und als klar wurde, dass Sie gelogen hatten, wurde mein Junge auf freien Fuß gesetzt.« Er stopft sich drei Pommes in den Mund und mampft, als wäre es ein Paket Kaugummi. »Ich hab’s mir vom Wald aus angesehen und mir ins Fäustchen gelacht. Aber ich war echt sauer, dass Sie nicht dichtgehalten haben.« »Sie sind krank, Swanger. Was soll ich hier?« »Ich brauche Geld, Rudd. Das Leben auf der Flucht ist nicht leicht. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich alles tun muss, um an Bargeld zu kommen. Irgendwo bei der Polizei gibt es einen Fonds mit hundertfünfzigtausend Dollar Belohnungsgeld. Ich finde, wenn ich das Mädchen zu seiner Familie zurückbringe, habe ich was davon verdient.« Ich weiß nicht, wieso ich geschockt bin. Eigentlich müsste ich bei diesem Blödmann auf alles gefasst sein. Ich atme tief durch. »Nur damit wir uns nicht missverstehen. Sie haben das Mädchen vor einem Jahr entführt. Die braven Bürger unserer Stadt haben Geld für eine Belohnung gespendet. Jetzt wollen Sie, der Entführer, das Mädchen zurückbringen und finden, für diesen Akt der Menschlichkeit haben Sie einen Anteil an der Belohnung verdient, die ausgesetzt wurde, um das von Ihnen begangene Verbrechen aufzuklären. Richtig, Swanger?« »Ich sehe da kein Problem. So haben alle was davon. Sie bekommen das Mädchen, ich bekomme das Geld.« »Klingt mir mehr nach Lösegeld.« »Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ist mir egal. Ich brauche Bares, Rudd, und ein Anwalt wie Sie kann mir dabei helfen.« Ich springe auf. »Ich kann Ihnen zu einer Kugel verhelfen, Swanger.« »Wo wollen Sie hin?« »Nach Hause. Und wenn Sie mich noch einmal anrufen, verständige ich die Polizei.« »Wer’s glaubt.« Wir sind lauter geworden, und die betrunkenen Teenager gaffen uns an. Ich wende mich zum Gehen und bin schon draußen, bevor er mich einholt und an der Schulter packt. »Sie denken, das mit dem Mädchen stimmt nicht, was, Rudd?« Blitzschnell ziehe ich mit der Rechten die Glock 19 aus dem Holster unter meiner linken Achsel. Ich trete zurück, während er wie erstarrt auf die Pistole glotzt. »Ich weiß nicht, ob Sie lügen, und es ist mir auch egal. Sie sind ein perverses Schwein, Swanger, und Sie werden einen elenden Tod sterben. Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe.« Die Anspannung lässt nach, er grinst. »Haben Sie schon mal von einem Ort namens Lamont, Missouri, gehört? Wahrscheinlich nicht, warum auch. Ein Kaff mit tausend Einwohnern, eine Stunde nördlich von Columbia. Vor drei Tagen ist dort ein zwanzigjähriges Mädchen namens Heather verschwunden. Das ganze Dorf ist in Aufruhr, alles sucht nach ihr, die Wälder werden durchkämmt, unter jedem Busch wird nachgesehen. Keine Spur von ihr. Es geht ihr gut, ich meine, zumindest ist sie am Leben. Sie ist in demselben Loch gelandet wie Jiliana Kemp, im westlichen Stadtzentrum von Chicago, und wird genauso gehalten. Sie können das gern online nachlesen, Rudd, die Lokalzeitung von Columbia hat heute Morgen einen kleinen Artikel veröffentlicht. Noch ein Mädchen, diesmal achthundert Kilometer von hier, die Leute verstehen ihr Geschäft.« Ich packe die Pistole fester, um der Versuchung zu widerstehen, sie zu heben und dem Kerl ein paar Kugeln in den Schädel zu jagen. Teil 6 DIE ABSPRACHE 1 Die Auswahl der Geschworenen im Verfahren gegen Tadeo Zapate beginnt am Montag. Es wird ein Zirkus werden, weil die Presse vor lauter Aufregung am Durchdrehen ist, und im Gerichtsgebäude herrscht hektische Aktivität. Das YouTube-Video von Tadeo, wie er den Ringrichter, Sean King, zu Brei schlägt, wurde mehr als sechzig Millionen Mal aufgerufen. Unsere furchtlosen Helden von Action News! zeigen es immer wieder in den Morgen- und Abendnachrichten. Dasselbe Video, dasselbe Geschwätz, dasselbe bedenkenschwere Kopfschütteln, als könnten sie es einfach nicht fassen. Jeder scheint eine Meinung zu haben, und kaum jemand hegt Sympathien für meinen Mandanten. Dreimal habe ich eine Verlegung des Verhandlungsorts beantragt, doch das Gericht hat alle drei Anträge postwendend abgewiesen. Zweihundert potenzielle Geschworene sind für Montag geladen, und ich bin gespannt, wie viele behaupten, nichts von dem Vorfall zu wissen. Im Augenblick ist es jedoch Freitag gegen Mitternacht, und ich liege nackt unter der Decke neben Ms. Naomi Tarrant. Sie schläft, schnurrt in langen, tiefen Atemzügen, schlummert tief und fest. Unsere zweite Runde begann gegen zehn, nach Pizza und Bier, und obwohl das Ganze keine halbe Stunde dauerte, war es aufregend und sehr anstrengend. Wir haben uns gegenseitig gestanden, dass unser jeweiliges Liebesleben ziemlich auf Eis lag, und geben uns große Mühe, alles nachzuholen. Ich habe keine Ahnung, was aus dieser noch ganz frischen Beziehung werden soll, und ich bin immer übervorsichtig – sicherlich eine Folge des dauerhaften Schadens, den Judith angerichtet hat –, aber im Augenblick bin ich verrückt nach dieser Frau und möchte sie so oft wie möglich sehen, egal ob nackt oder nicht. Ich wünschte, ich könnte auch so schlafen. Sie ist völlig weggetreten, ich dagegen bin hellwach, nicht weil ich erregt bin – das wäre normal –, sondern weil mir so viele andere Dinge im Kopf herumschwirren. Die Verhandlung am Montag; Swanger und seine Geschichte von der Kemp-Tochter; die blutigen Leichen von Tubby und Razor, die jemand – wahrscheinlich Miguel Zapate und seine Dealer-Gang – in einen alten Billigteppich gewickelt und auf der Müllhalde deponiert hat. Ich denke an Detective Reardon und mir wird mulmig bei der Vorstellung, dass er und seine Kollegen den vagen oder weniger vagen Verdacht hegen, ich könnte etwas mit der Ermordung von Link Scanlons Handlangern zu tun haben. Ich frage mich, ob Link mich jetzt in Ruhe lassen wird, wo ich nur mit den Fingern schnippen muss, um jemanden über die Klinge springen zu lassen. So viele Gedanken, so viele Probleme. Ich überlege, ob ich leise aufstehen und nach etwas Trinkbarem suchen soll, aber dann fällt mir ein, dass Naomi keinen Alkohol in der Wohnung hat. Sie trinkt nur wenig, ernährt sich gesund und macht viermal die Woche Yoga, um ihre fantastische Figur zu halten. Ich will sie nicht wecken, also bleibe ich still liegen und starre auf ihren Rücken, auf die glatte, makellose Haut, die sich über ihren Schulterblättern hebt und senkt und sich schließlich zu dem knackigsten Hintern wölbt, den ich je gesehen habe. Sie ist dreiunddreißig, seit Kurzem geschieden von einem Ekel, für das sie sieben Jahre verschwendet hat, und kinderlos, hat aber offenbar kein Problem damit. Sie redet nicht viel über ihre Vergangenheit, doch ich weiß, dass sie es nicht leicht gehabt hat. Ihre erste Liebe war ihr Studienfreund, der einen Monat vor der Hochzeit bei einem Autounfall mit einem Betrunkenen getötet wurde. Mit feuchten Augen hat sie mir gestanden, dass sie nie wieder einen Mann so lieben könne. Ich bin eigentlich gar nicht auf der Suche nach Liebe. Ich werde den Gedanken an Jiliana Kemp nicht los. Sie ist oder war ein schönes Mädchen, genau wie meine Gefährtin hier, und die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie noch lebt und sich in einer unerträglichen Situation befindet. Arch Swanger ist ein Psychopath und wahrscheinlich auch ein Soziopath und ein notorischer Lügner. Aber das mit Heather Farris aus Lamont, Missouri, war nicht gelogen. Sie ist zwanzig, hat keinen Schulabschluss und ist nach der Nachtschicht in einem rund um die Uhr geöffneten Supermarkt spurlos verschwunden. Immer noch werden die Wälder durchkämmt, Spürhunde eingesetzt und Belohnungen angeboten, bisher ohne Erfolg. Wie konnte Swanger von ihr wissen? Vielleicht hat er irgendwo eine der ersten Meldungen gesehen, aber das ist unwahrscheinlich. Ich bin sofort ins Internet gegangen, habe nach dem Bericht über sie gesucht und angefangen, die Entwicklung in der Zeitung von Columbia zu verfolgen. Lamont ist über achthundert Kilometer entfernt, und sie ist leider eines von vielen jungen Mädchen, die in amerikanischen Kleinstädten vermisst werden. In die landesweiten Nachrichten hat Heather es nicht geschafft. Wenn Swanger nun die Wahrheit sagt? Wenn Jiliana Kemp und Heather Farris zwei Mädchen von einem Dutzend sind, die von einem Menschenhändlerring verschleppt wurden und mit Heroin vollgepumpt und als Stripperinnen, Prostituierte und Gebärmaschinen missbraucht werden? Die Tatsache, dass ich das weiß oder zumindest vermute, gibt mir das Gefühl, ein Komplize zu sein. Ich bin nicht Swangers Anwalt, und das habe ich ganz klar gesagt. Tatsächlich hat die Vorstellung, dass ich mit der Pistole in der Hand seiner elenden Existenz ein Ende setzen könnte, meinen Adrenalinspiegel gewaltig in die Höhe getrieben. Es gibt keine ethischen Zwänge, die mich gegenüber diesem Drecksack zu Vertraulichkeit und Stillschweigen verpflichten würden. Und selbst wenn, würde ich die ignorieren, wenn das den Mädchen helfen könnte. Ethik ist für mich schon lange kein Thema mehr. In meiner Welt kennen Gegner kein Pardon. Wer nett ist, hat schon verloren. Es ist mittlerweile ein Uhr morgens, und ich bin jetzt komplett wach. Naomi dreht sich um und streckt ein Bein in meine Richtung aus. Sanft streichle ich ihren Oberschenkel – wie kann Fleisch nur so glatt sein! –, und sie seufzt, als würde sie die Berührung im Schlaf genießen. Ich werde allmählich ruhiger und schließe die Augen. Mein letzter Gedanke gilt Jiliana Kemp, die in moderner Sklaverei lebt. 2 Partner und ich verbringen den Samstag zum Großteil im Keller der Kanzlei von Harry & Harry, wo wir Geschworenenfragebögen studieren und trockene Berichte lesen, die Cliff verfasst hat, ein Geschworenenberater, der mir bisher dreißigtausend Dollar in Rechnung gestellt hat. Die Kosten für Tadeos Verteidigung belaufen sich auf knapp siebzigtausend Dollar, alles natürlich aus meiner Tasche, und es wird noch mehr werden. Wir haben nicht über mein Honorar gesprochen, weil das Zeitverschwendung wäre. Tadeo ist pleite, und Miguel und dem Rest der Gang ist es egal, wie ich zu meinem Geld komme. Sie finden, ich hätte mit Tadeos kurzer Karriere genug verdient. Wahrscheinlich denken sie auch, auf der Straße wäre die Beseitigung von Tubby und Razor ein Vermögen wert. Eine Hand wäscht die andere. Wir sind quitt. Cliff meint, die Verteidigung von Tadeo Zapate werde es schwer haben. Er hat mit seiner Firma wie üblich erstens tausend registrierten Wählern im Ballungsraum der Stadt hypothetische Fragen gestellt, zweitens in aller Eile den Background der zweihundert potenziellen Geschworenen untersucht und drittens jede Nachrichtenmeldung über den hässlichen Zwischenfall analysiert, bei dem Sean King totgeschlagen wurde. Der Umfrage zufolge wissen überwältigende einunddreißig Prozent der Befragten ein wenig oder sogar ziemlich viel über den Fall, und die überwiegende Mehrheit ist für eine Verurteilung. Achtzehn Prozent haben das Video gesehen. Bei einem Mord – selbst wenn es sich um einen Sensationsprozess handelt – haben normalerweise nicht einmal zehn Prozent von dem Verbrechen gehört. Anders als viele Berater hält Cliff mit seiner Meinung nicht hinter dem Berg. Deswegen arbeite ich mit ihm zusammen. Sein Resümee: »Die Chancen für einen Freispruch sind verschwindend gering. Die Wahrscheinlichkeit für eine Verurteilung ist hoch. Lassen Sie sich auf einen Deal ein, handeln Sie eine Absprache aus. Retten Sie, was zu retten ist.« Nachdem ich den Bericht zum ersten Mal gelesen hatte, rief ich ihn sofort an. »Hören Sie, Cliff, ich zahle Ihnen so viel Geld, und Sie sagen mir, ich soll retten, was zu retten ist. Was Besseres fällt Ihnen nicht ein?« Er ist nicht auf den Mund gefallen und pariert sofort. »Ich würde sogar sagen: Rette sich, wer kann. Ihr Mandant ist erledigt, und die Geschworenen werden ihn einbuchten.« Cliff wird am Montag im Gerichtssaal sitzen und sich Notizen machen. Sosehr ich die Kameras und die Aufmerksamkeit liebe, diesmal könnte ich mir Schöneres vorstellen. 3 Um 16.00 Uhr steigen Partner und ich in meinen brandneuen Ford-Transporter, eine Sonderanfertigung mit all den üblichen Finessen, die ich für mein Luxus-Mobilbüro benötige, und fahren zur Universität. Auf Partners Wunsch habe ich mich für ein diskreteres Modell entschieden und statt der auffälligen schwarzen Lackierung einen dezenten Bronzeton gewählt. Auf beiden Seiten ist in kleinen Druckbuchstaben die Aufschrift Smith Contractors aufgemalt, noch ein Detail, das Partner sehr wichtig war. Er ist davon überzeugt, dass wir als Pseudo-Baufirma optisch mit der Umgebung verschmelzen und für die Polizei, Scanlon, meine Mandanten und alle anderen tatsächlichen und potenziellen Bedrohungen, die da draußen auf uns lauern, weniger leicht zu entdecken sind. Er setzt mich vor dem Schwimmsportzentrum der Uni ab und begibt sich auf die Suche nach einem Parkplatz. Ich schlendere hinein, folge dem Echo der Stimmen zum Becken und schicke Moss Korgan, dem Rechtsberater der Stadt, eine SMS. Ganze Heerscharen von kleinen, dünnen Kindern geben bei einem Schwimmwettkampf ihr Bestes. Die Tribüne ist halb voll mit kreischenden Eltern. Gerade läuft das Brustschwimmen; in allen acht Bahnen des Fünfzigmeterbeckens strampeln sich wasserspritzend kleine Mädchen ab. »Rechte Seite, dritter Block, oberste Reihe«, antwortet Moss. Ich sehe mich um, kann niemanden entdecken, bin mir aber sicher, dass er mich beobachtet. Ich trage eine Lederjacke, in deren Kragen ich mein langes Haar gesteckt habe, Jeans und eine orangeblaue Mets-Kappe. Dies hier ist absolut nicht meine Welt, und ich erwarte nicht, dass mich jemand erkennt, aber ich gehe ungern ein Risiko ein. Erst letzte Woche saß ich mit Partner im Café bei einem Sandwich, als so ein Idiot an unseren Tisch kam, um mir zu sagen, dass mein Käfigkämpfer seiner Meinung nach den Rest seines Lebens im Gefängnis verrotten solle. Ich bedankte mich und bat ihn, uns in Ruhe zu lassen. Er nannte mich »Ganove«. Partner stand auf, und der Typ trollte sich. Als ich die Stufen hinaufgehe, steigt mir penetranter Chlorgeruch in die Nase. Starcher hat sich irgendwann mal fürs Schwimmen interessiert, aber eine seiner Mütter hat ihm erzählt, das sei wegen der ganzen Chemie im Wasser zu gefährlich. Ein Wunder, dass sie den Jungen nicht ständig in Watte packen. Einen Augenblick lang sitze ich allein, weitab von allen anderen, und beobachte die Aktion im Becken. Die Eltern brüllen, es wird immer lauter, bis mit einem Schlag Ruhe einkehrt: Das Wettschwimmen ist vorbei. Die Kinder stemmen sich aus dem Wasser, werden von ihren Müttern mit Handtüchern und guten Ratschlägen in Empfang genommen. Von hier aus schätze ich ihr Alter auf zehn Jahre. Inmitten einer Gruppe von Eltern auf der anderen Seite des Beckens erhebt sich Moss und geht langsam um den Pool herum. Er kommt die Tribüne vor mir herauf und setzt sich schließlich mit einem Meter Abstand. Seine Körpersprache ist eindeutig, er ist nicht freiwillig hier und würde lieber mit einem Serienmörder reden als mit mir. »Ich hoffe, du hast was zu bieten, Rudd«, sagt er, ohne mich anzusehen. »Freut mich auch, dich zu sehen, Moss. Welche von denen ist deine Tochter?« Dumme Frage, unten am Becken wuseln ungefähr tausend kleine Mädchen durcheinander. »Die da«, erwidert er mit einer leichten Kopfbewegung. Sehr witzig, aber das habe ich verdient. »Zwölf Jahre alt, Freistilschwimmerin. Sie kommt erst in einer halben Stunde dran. Können wir es hinter uns bringen?« »Ich habe noch einen Deal für dich, und es ist noch komplizierter als beim letzten Mal.« »Das hast du schon gesagt, Rudd. Ich hätte fast aufgelegt, wenn du nicht Kemps Tochter erwähnt hättest. Raus damit.« »Swanger hat mich wieder aufgespürt. Ich habe mich mit ihm getroffen. Angeblich weiß er, wo sie ist. Sie soll das Baby zum Termin zur Welt gebracht haben, aber dann wurde es von Menschenhändlern verschachert, die sie mit Heroin vollstopfen, um sie sexuell gefügig zu machen.« »Swanger ist ein notorischer Lügner.« »Da hast du völlig recht, aber manchmal sagt er die Wahrheit.« »Warum hat er dich kontaktiert?« »Er sagt, er braucht Hilfe, und, o Wunder, er braucht Geld. Kann sein, dass er wieder Kontakt zu mir aufnimmt, dann könnte sich die Polizei an seine Fersen heften. Die Spur mag zu Jiliana Kemp führen, sicher ist das nicht. Das weiß keiner, aber im Augenblick hat die Polizei sonst nichts in der Hand.« »Du lieferst also wieder mal einen Mandanten ans Messer.« »Er ist nicht mein Mandant. Das habe ich ihm ausdrücklich zu verstehen gegeben. Vielleicht hält er mich für seinen Anwalt, aber es ist Zeitverschwendung, die Gedanken von Arch Swanger zu analysieren.« Ein lauter Summer ertönt, und acht Jungen hechten ins Wasser. Sofort brüllen die Eltern los, dabei können die Kinder sie unmöglich hören. Womit ist ein Kind, das um den Sieg schwimmt, überhaupt anzufeuern, außer mit »Schwimm schneller!«? Wir sehen ihnen zu, bis sie wenden. »Und was willst du von uns?«, fragt Moss. »Am Montag ist die Verhandlung gegen meinen Käfigkämpfer. Ich will einen besseren Deal. Ich will eine Absprache, bei der ihm zugesichert wird, dass er fünf Jahre bekommt, die er in einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe absitzen kann, wo es nicht so hart zugeht und wo es einen schönen Kraftraum gibt. Da kann er trainieren, und nach achtzehn Monaten in Haft, also vielleicht mit vierundzwanzig, auf Bewährung freikommen. Dann hat er immer noch eine Zukunft im Ring. Ansonsten sitzt er fünfzehn Jahre ab und ist am Ende ein hartgesottener Krimineller, der nach seiner Entlassung sofort wieder straffällig wird, weil er nichts anderes kennt.« Moss verdreht die Augen. Er schnauft ungläubig, als wäre alles, was ich sage, ein dummer Witz. Er schüttelt den Kopf, weil ich so ein Idiot bin. Schließlich lässt er sich doch zu einer Antwort herab. »Wir haben keinen Einfluss auf den Staatsanwalt. Das weißt du.« »Mancini wurde vom Bürgermeister ernannt und vom Stadtrat in seinem Amt bestätigt, genau wie du. Unser kommissarischer Polizeichef wurde vom Bürgermeister ernannt und vom Stadtrat in seinem Amt bestätigt. Und das gilt auch für Roy Kemp, der immer noch beurlaubt ist. Kommen wir nicht doch irgendwie zusammen?« »Mancini hört nicht auf Woody. Er kann ihn nicht ausstehen.« »Keiner mag Woody, genauso wie Woody keinen mag. Irgendwie hat er trotzdem drei Amtszeiten überstanden. Ich weiß, wie du ihm das verkaufen musst. Hörst du mir zu?« Bisher hat er mir keinen Blick gegönnt, aber jetzt dreht er sich um und funkelt mich wütend an. Dann wendet er sich wieder dem Schwimmbecken zu und verschränkt die Arme über der Brust, für mich das Signal loszulegen. »Okay, Moss, dann erkläre ich dir meinen Plan. Gehen wir davon aus, dass ich die Cops zu Swanger führen kann und dass Swanger sie seinerseits zu Jiliana Kemp führt. Die übrigens irgendwo im Westen der Chicagoer Innenstadt gefangen gehalten wird. Stell dir vor, das Mädchen wird gerettet. Weißt du, was dann passiert? Unser geliebter Bürgermeister, der ehrenwerte Woodrow Sullivan III., gibt eine Pressekonferenz. Stell dir die Szene vor, Moss. Du weißt, wie sehr Woody Pressekonferenzen liebt. Was für ein Triumph. Woody im dunklen Anzug strahlt über das ganze Gesicht, die Polizisten hinter ihm blicken grimmig, aber glücklich drein, weil das Mädchen gerettet wurde. Woody verkündet die gute Nachricht, als hätte er das Wunder höchstpersönlich vollbracht. Eine Stunde später ist uns ein erster Blick auf die glücklich wiedervereinte Familie Kemp vergönnt, wobei sich Woody ins Bild schmuggelt, wie nur er es kann. Was für ein Augenblick!« Die Vorstellung besänftigt Moss ein wenig. Sie lässt ihn nicht los. Er würde das Ganze gern in Bausch und Bogen abtun und mich zum Teufel schicken, aber die Versuchung ist zu groß. Da ihm nichts einfällt, sagt er das Übliche: »Du spinnst doch, Rudd.« Nichts Neues. Ich setze noch eins drauf. »Nachdem wir gerade bei den wilden Vermutungen sind, können wir doch einfach einmal annehmen, dass Swanger die Wahrheit sagt. Wenn ja, ist Jiliana eine von vielen jungen Frauen, die verschleppt und in die Sklaverei verkauft wurden. Fast alle sind weiße Amerikanerinnen. Wenn der Ring auffliegt und die Menschenhändler gefasst werden, wird das landesweit Schlagzeilen machen. Woody bekommt seinen Anteil am Ruhm, auf jeden Fall wird er hier in der Stadt der Star sein.« »Darauf lässt sich Mancini niemals ein.« »Dann werft Mancini raus. Auf der Stelle. Bestellt ihn ein und zwingt ihn zum Rücktritt. In unserer Version von Demokratie hat der Bürgermeister die Befugnis dazu. Ersetzt ihn durch einen dieser kleinen Arschkriecher von Bürokraten. Davon habt ihr doch hundert in petto.« »Soweit ich weiß, sind es fünfzehn.« »Oh, pardon! Unter den fünfzehn Staatsanwälten der Stadt werdet ihr, du und Woody, doch wohl einen finden, der ein bisschen Ehrgeiz hat und tut, was ihm gesagt wird, wenn es seiner Karriere zuträglich ist. Komm schon, Moss, gib dir einen Ruck.« Er beugt sich vor, tief in Gedanken versunken, und stützt die Ellbogen auf die Knie. Der Lärm lässt nach. Die Menge verstummt, ein Wettbewerb ist zu Ende, und der nächste ist noch in Vorbereitung. Glücklicherweise war ich noch nie bei einem Schwimmturnier, denn es sieht so aus, als würde sich die Quälerei über Stunden hinziehen. Ich danke Starchers Müttern im Geiste für ihre Chlorphobie. Moss kommt nicht in die Gänge, also dränge ich weiter. »Woody hat die Macht. Er kann das hinkriegen.« »Warum muss es ein Deal sein? Warum kannst du nicht einfach das Richtige tun und mit der Polizei kooperieren? Wenn du Swanger glaubst und er wirklich nicht dein Mandant ist, kannst du den Cops doch einen Hinweis geben. Mann, es geht um eine unschuldige junge Frau!« »Weil ich nicht so ticke«, erwidere ich, obwohl mich diese Frage selbst um den Schlaf gebracht hat. »Ich muss einen Mandanten vertreten, der schuldig ist wie die meisten, und ich suche verzweifelt nach einer Möglichkeit, ihm zu helfen. Ich habe nicht viele Mandanten, die legal das große Geld verdienen könnten, aber bei dem Jungen ist es anders. Er könnte sich selbst und seine große und ständig wachsende Familie aus dem Getto holen.« »Im Getto hier ist es immer noch besser als bei denen zu Hause«, platzt er heraus und wünscht sich sofort, er hätte das nicht gesagt. Klugerweise lasse ich es ausnahmsweise durchgehen. Wir beobachten, wie eine Gruppe größerer Jungen aufsteht und nervös am Start Dehnübungen macht. »Da ist noch was«, sage ich. »Oh, ein mehrteiliger Deal. Wundert mich irgendwie nicht.« »Vor etwa einem Monat hat die Polizei zwei Leichen auf einer Müllkippe gefunden. Zwei Gangster, die für Link Scanlon gearbeitet haben. Aus irgendeinem Grund werde ich verdächtigt. Keine Ahnung, wie ernst die Sache ist, aber ich wäre da gern raus.« »Ich denke, Scanlon war dein Mandant.« »War er auch, aber als er sich abgesetzt hat, war er mit meinen Diensten höchst unzufrieden. Er hat mir die beiden auf den Hals gehetzt, um Geld aus mir herauszupressen.« »Wer hat sie beseitigt?« »Das weiß ich nicht, aber ich war’s nicht. Im Ernst, denkst du, ich würde so ein Risiko eingehen?« »Bestimmt.« Ich schnaube verächtlich. »Auf gar keinen Fall. Das waren Profikiller, die jede Menge Feinde hatten. Wer auch immer sie fertiggemacht hat, war nicht der Einzige, der es auf sie abgesehen hatte. Die Liste ist lang.« »Nur der Klarheit wegen: Erstens soll der Bürgermeister Mancini zwingen, deinen Käfigkämpfer glimpflich davonkommen zu lassen, damit seine Karriere nicht den Bach runtergeht. Zweitens soll der Bürgermeister Druck auf die Polizei ausüben, damit sie woanders nach den Mördern von Scanlons Jungs sucht. Und drittens, was war drittens gleich noch?« »Das Sahnestück. Swanger.« »Ach ja. Dafür, dass der Bürgermeister seinen Hals riskiert, kannst du vielleicht der Polizei helfen, Swanger zu finden, der möglicherweise die Wahrheit sagt und eventuell in der Lage ist, die Beamten zu dem Mädchen zu führen. Habe ich dich richtig verstanden, Rudd?« »Ja, so in etwa.« »Was für ein Haufen Scheiße.« Ich sehe ihm nach, wie er den Gang zwischen den Sitzbänken hinunter- und um das hintere Ende des Beckens herumgeht. Auf der anderen Seite steigt er vier Reihen nach oben und setzt sich wieder neben seine Frau. Ich starre ihn lange aus der Ferne an, aber er wirft nicht einmal einen flüchtigen Blick in meine Richtung. 4 »C« für Catfish Cave. Das Lokal liegt zehn Kilometer östlich der Stadt in einem tristen Vorort, einer Schlafstadt mit Reihenhäusern, die sich gleichen wie ein Ei dem anderen und vor sechzig Jahren aus Material mit einer Lebensdauer von fünfzig Jahren gebaut wurden. Das Restaurant bietet Billig-Büfetts mit bis zum Exzess panierten und frittierten Fisch- und Gemüsegerichten an, deren Zutaten offenbar monate- oder gar jahrelang in der Tiefkühltruhe ihr Dasein gefristet haben. Für nur zehn Dollar können die Kunden stundenlang nach Herzenslust futtern und sich den Bauch vollschlagen. Sie häufen sich die Teller voll, als wären sie am Verhungern, und spülen alles mit Unmengen von zuckersüßem Eistee hinunter. Aus irgendeinem Grund wird auch Alkohol ausgeschenkt, aber die Leute kommen nicht deswegen her. In einer dunklen, verlassenen Ecke gibt es eine leere Bar, und dort treffe ich mich gelegentlich mit Nate Spurio. Bei unserem letzten Treffen war es »B«, der Bagel-Laden. Davor »A« wie Arby’s, in einem anderen Vorort. Spurios Karriere stagniert seit zehn Jahren. Er kann nicht entlassen werden, aber eine Beförderung kommt aus offensichtlichen Gründen nicht infrage. Falls ihn allerdings irgendwer zufällig dabei erwischt, wie er sich in seiner Freizeit mit mir herumtreibt, regelt er demnächst vor einer Grundschule den Verkehr. Er ist zu ehrlich für die Polizei hier. Sein Vorgesetzter ist ein Captain Truitt, ein anständiger Kerl, der Roy Kemp sehr nahesteht. Wenn ich Kemp eine Nachricht zukommen lassen will, fange ich am besten hier bei ein paar Drinks an. Ich packe aus. Nate ist überrascht, dass ich auch nur den Schimmer einer Hoffnung habe, Jiliana Kemp könnte noch am Leben sein. Ich versichere ihm, dass ich keine Ahnung habe, was ich glauben soll, und dass man Swanger wahrscheinlich gar nichts glauben kann. Aber was haben wir schon zu verlieren? Irgendwas weiß er, und das ist sehr viel mehr als unsere Ermittler von sich behaupten können. Je länger wir reden und trinken, desto mehr ist Spurio davon überzeugt, dass die Polizei und ihre Gewerkschaft Druck auf den Bürgermeister und Max Mancini ausüben könnten. Unser ehemaliger Polizeichef war ein Idiot und ist dafür verantwortlich, dass sich die Polizei in diesem Zustand befindet, aber Roy Kemp genießt bei seinen Kollegen immer noch hohes Ansehen. Seine Tochter zu retten ist es allemal wert, einem Häftling vor Gericht einen besseren Deal anzubieten. Immer wieder warne ich Spurio, dass die Chancen, sie zu finden, schlecht stehen. Erstens weiß ich nicht, ob ich Swanger finden kann und ob er mich überhaupt noch sehen will. Bei unserer letzten Begegnung hätte ich ihn fast erschossen. Ich habe das Prepaid-Handy, das ich aber seit unserem letzten Treffen nicht benutzt habe. Wenn es nicht funktioniert oder er nicht rangeht, sieht es schlecht aus für uns. Und wenn er sich wirklich mit mir trifft und es der Polizei gelingt, ihm zu folgen, wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass er sie zu dem Striplokal im Westen der Chicagoer Innenstadt führt? Nicht sehr groß, würde ich sagen. Spurio besitzt das emotionale Phlegma eines Mönchs, aber die Aufregung ist ihm anzumerken. Als wir aus der Bar kommen, will er zu Truitt nach Hause. Dort können sie inoffiziell reden, und er geht davon aus, dass Truitt Roy Kemp sofort über den möglichen Deal informiert. Es ist nur ein Versuch, doch wenn es um die eigene Tochter geht, klammert man sich an jeden Strohhalm. Ich dränge ihn zur Eile, die Verhandlung beginnt schon am nächsten Tag. 5 Am späten Sonntagabend fahren Partner und ich ins Gefängnis zu einer letzten Besprechung mit unserem Mandanten vor der Verhandlung. Nachdem ich mich eine halbe Stunde lang mit den Wärtern herumgestritten habe, darf ich Tadeo endlich sehen. Der Junge macht mir große Sorgen. In seiner Zeit in Haft hat er die ausführliche Gratisberatung seiner neuen Freunde genossen, außerdem denkt er, er wäre berühmt. Wegen des Videos bekommt er jede Menge Post, fast nur von Bewunderern. Er glaubt, er wird das Gericht als freier Mann verlassen, von vielen geliebt und auf dem Weg zur Fortsetzung seiner brillanten Karriere. Ich habe versucht, ihn auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen und ihm zu erklären, dass die Briefeschreiber nicht notwendigerweise zu der Art Menschen gehören, die als Geschworene im Saal sitzen werden. Die Verfasser sind gestörte Persönlichkeiten, es sind sogar mehrere Heiratsanträge dabei. Die Geschworenen werden registrierte Wähler aus der Mitte der Bevölkerung sein, von denen nur wenige etwas für Käfigkämpfe übrig haben. Wie immer unterbreite ich ihm das letzte Angebot: fünfzehn Jahre für Mord mit bedingtem Vorsatz. Er lacht überheblich wie beim letzten Mal. Er bittet mich nicht um meinen Rat, und ich biete ihn nicht an. Er hat die fünfzehn Jahre so oft abgelehnt, dass es sich nicht lohnt, darüber zu reden. Klugerweise ist er meiner Empfehlung gefolgt und hat sich rasiert und die Haare gestutzt. Ich habe ihm einen marineblauen Anzug mitgebracht, ein weißes Hemd und eine Krawatte, ein Outfit, das seine Mutter im Gebrauchtwarenladen einer gemeinnützigen Organisation erstanden hat. An seinem Hals prangt unter dem linken Ohr ein Tattoo zweifelhaften Ursprungs, das über dem Kragen zu sehen sein wird. Da die meisten meiner Mandanten tätowiert sind, muss ich mich ständig mit diesem Problem herumschlagen. Am besten sorgt man dafür, dass die Geschworenen sie nicht aus der Nähe sehen. In Tadeos Fall ist die ganze Pracht leider auf dem Video zu bewundern. Wenn ein Junge Käfigkämpfer werden will, führt sein erster Weg offenbar ins Tätowierstudio. Seit einiger Zeit sind wir nicht mehr auf der gleichen Wellenlänge. Er denkt, er kommt frei. Ich denke, er bleibt im Gefängnis. Dass ich nicht an ein Happy End glaube, ist für ihn ein Zeichen, dass ich kein Zutrauen zu ihm und zu meinen Fähigkeiten als Strafverteidiger habe. Am meisten nervt mich, dass er unbedingt aussagen will. Er meint tatsächlich, er kann die Geschworenen davon überzeugen, dass ihn erstens Sean King um den Sieg betrogen hat, dass er zweitens durchgedreht ist, einen Blackout hatte und in einem Augenblick vorübergehender Unzurechnungsfähigkeit zugeschlagen hat, das Ganze drittens aber nun aufrichtig bereut. Wenn er den Geschworenen das alles erklärt hat, will er sich mit einer dramatischen, emotionalen Entschuldigung an die Familie von King wenden. Dann ist alles wieder gut, und die Geschworenen liefern postwendend das gewünschte Urteil. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass Max Mancini ihn im Kreuzverhör nach Strich und Faden zerlegen wird. Aber wie immer kann er sich überhaupt nicht vorstellen, was in der Hitze des Gefechts vor Gericht alles möglich ist. Ich weiß es ja selbst nicht immer. Meine Warnungen prallen an Tadeo ab. In seiner Zeit im Käfig hat er einen Vorgeschmack darauf bekommen, welche Herrlichkeit ihn erwartet. Geld, Ruhm, Verehrung, Frauen, ein großes Haus für seine Mutter und seine Familie – all das hält die Zukunft für ihn bereit. 6 Es ist unmöglich, in der Nacht vor dem ersten Verhandlungstag in einem Geschworenenprozess Schlaf zu finden. Mein Gehirn arbeitet permanent auf Hochtouren, während ich mühsam versuche, mir Details, Fakten, Dinge, die ich noch erledigen muss, einzubläuen und sie irgendwie zu ordnen. Mein Magen rebelliert vor Aufregung, meine zerrütteten Nerven spielen verrückt. Ich weiß, dass es wichtig ist, den Geschworenen erholt und frisch gegenüberzutreten, aber tatsächlich werde ich so aussehen wie immer – müde, gestresst, mit blutunterlaufenen Augen. Kurz vor Sonnenaufgang trinke ich Kaffee und frage mich wieder einmal, warum ich mir das antue. Warum setze ich mich dieser Quälerei aus? Ein entfernter Cousin von mir ist Neurochirurg in Boston, und in Augenblicken wie diesem denke ich oft an ihn. Wahrscheinlich steht auch er gewaltig unter Druck, wenn er an einem Gehirn herumschneidet, angesichts des Risikos. Wie kommt er körperlich damit klar? Nervosität, Flattern im Bauch, vielleicht sogar Durchfall und Übelkeit? Wir haben kaum Kontakt, daher habe ich ihn nie gefragt. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass er ohne Publikum arbeitet. Wenn ihm ein Fehler unterläuft, vertuscht er den einfach. Ich versuche, nicht daran zu denken, dass er eine Million Dollar im Jahr verdient. Ein Prozessanwalt hat viel mit einem Bühnenschauspieler gemeinsam. Nur dass der Text nicht immer im Drehbuch steht; das macht den Job schwieriger. Er muss reagieren, muss mit der Zunge ebenso schnell sein wie mit den Füßen, muss wissen, wann er angreifen muss und wann er besser still ist, wann er führen und wann er sich führen lassen muss, wann er Ärger durchblitzen lassen und wann er cool bleiben muss. Bei alldem muss er überreden und überzeugen, weil letztlich nur eines zählt: das Urteil der Geschworenen. Schließlich gebe ich den Versuch zu schlafen auf und gehe zum Billardtisch. Ich lege acht Kugeln zum Rack und lasse sie mit einem sanften Stoß auseinanderrollen. Ich loche eine nach der anderen ein und versenke dann die Acht in einer Seitentasche. Ich habe eine Kollektion brauner Anzüge und wähle sorgfältig einen für den ersten Verhandlungstag aus. Ich trage Braun, nicht weil ich die Farbe mag, sondern weil es sonst keiner tut. Anwälte, Banker, Manager und Politiker, alle denken, Business-Anzüge müssten entweder marineblau oder dunkelgrau sein. Hemden sind weiß oder hellblau, Krawatten irgendein Rotton. Ich trage diese Farben nie. Statt schwarzer Schuhe werde ich heute Cowboystiefel aus Straußenleder anziehen. Sie passen nicht besonders zu meinem braunen Anzug, aber wen interessiert das schon? Nachdem ich mein Outfit auf dem Bett ausgebreitet habe, dusche ich ausgiebig. Dann tigere ich im Bademantel im Wohnzimmer auf und ab und halte in gedämpftem Ton mein Eröffnungsplädoyer. Ich beginne ein neues Billardspiel, vermassele die ersten drei Stöße und lege das Queue zur Seite. 7 Um neun Uhr morgens, der Uhrzeit, zu der sich alle zweihundert Geschworenenkandidaten zur Auswahl einfinden müssen, ist der Sitzungssaal hoffnungslos überfüllt. Da insgesamt nur zweihundert Personen Platz haben, gibt es einen Stau, als eine Horde Zuschauer und ein paar Dutzend Journalisten auftauchen, die auch dabei sein wollen. Max Mancini stolziert in seinem schönsten marineblauen Anzug und auf Hochglanz polierten schwarzen Business-Schuhen umher und bedenkt Justizangestellte und Assistenten mit einem strahlenden Lächeln. Bei so viel Publikum ist er sogar zu mir nett. Wir stecken die Köpfe zusammen und tuscheln mit wichtiger Miene, während die Gerichtsdiener den Mob unter Kontrolle bringen. »Immer noch fünfzehn Jahre?«, frage ich. »Sie haben’s erfasst«, sagt er und lächelt ins Publikum. Offenbar sind Moss und Spurio noch nicht bis zu Mancini durchgedrungen. Oder vielleicht doch? Vielleicht wurde Mancini angewiesen, sich auf einen Deal einzulassen und eine Absprache zu treffen und hat sich genau so verhalten, wie ich es von ihm erwartet habe, und Woody, Moss und Kemp gesagt, sie sollen sich zum Teufel scheren. Dies ist seine Show, ein wichtiger Augenblick in seiner Karriere. So viele Bewunderer. Und die ganzen Reporter! Den Vorsitz führt Janet Fabineau, unter Juristen insgeheim als »Go Slow Fabineau« bekannt. Sie ist jung, noch etwas grün hinter den Ohren, aber sie reift am Richtertisch schnell nach. Da sie Angst hat, Fehler zu machen, agiert sie sehr bedächtig und langsam. Sie redet langsam, denkt langsam, entscheidet langsam und besteht darauf, dass Juristen und Zeugen stets klar und deutlich sprechen. Sie behauptet, das sei nötig, damit die Gerichtsstenografin alles mitschreiben könne, aber wir hegen den Verdacht, dass die gute Richterin die Dinge auch nur sehr langsam aufnimmt. Ihre Justizangestellte erscheint und sagt, die Richterin wolle Staatsanwaltschaft und Verteidigung im Richterzimmer sprechen. Wir marschieren im Gänsemarsch in den Raum und nehmen an einem alten Arbeitstisch Platz, ich auf einer Seite, Mancini und sein Lakai auf der anderen. Fabineau sitzt am Kopfende und verputzt Apfelschnitze aus einer Plastikschale. Angeblich probiert sie ständig neue Diäten und neue Personal Trainer aus, aber ich kann keine positiven Auswirkungen auf ihr Gewicht feststellen. Glücklicherweise bietet sie uns nichts zu essen an. »Noch irgendwelche Anträge vor Verhandlungsbeginn?«, fragt sie und sieht mich an. Mampf, mampf. Mancini schüttelt den Kopf. Ich auch. »Würde eh nichts bringen«, setze ich hinzu, nur um sie zu ärgern. Ich habe Dutzende Anträge gestellt, und sie wurden alle abgewiesen. Sie verdaut diesen billigen Seitenhieb, schluckt mühsam und trinkt einen Schluck von etwas, das aussieht wie Morgenurin. »Besteht die Möglichkeit einer Absprache?«, fragt sie dann. »Wir bieten immer noch fünfzehn Jahre für Mord mit bedingtem Vorsatz an«, sagt Mancini. »Und mein Mandant sagt immer noch Nein«, erwidere ich. »Tut mir leid.« »Kein schlechtes Angebot«, meint sie und gönnt sich damit ihrerseits einen billigen Seitenhieb. »Was würde der Angeklagte denn nehmen?« »Ich weiß es nicht, Euer Ehren. Im Augenblick weiß ich nicht, ob er sich überhaupt schuldig bekennen würde, egal, wie der Vorwurf lautet. Vielleicht ändert sich das nach ein oder zwei Verhandlungstagen, aber im Augenblick freut er sich auf seinen Auftritt vor Gericht.« »Auch gut. Den kann er haben.« Wir reden über dieses und jenes und schlagen die Zeit tot, während die Gerichtsdiener die Geschworenen registrieren und die Organisation übernehmen. Schließlich, um 10.30 Uhr, meldet die Justizangestellte, im Gerichtssaal sei alles bereit. Staatsanwaltschaft und Verteidigung gehen wieder in den Saal und nehmen ihre Plätze ein. Ich sitze neben Tadeo, der sich in seinem feinen Anzug sichtlich unbehaglich fühlt. Wir tuscheln miteinander, und ich versichere ihm, dass alles bestens laufe, genau wie ich es erwartet hätte, zumindest für den Augenblick. Hinter uns starren die Geschworenenkandidaten seinen Hinterkopf an, und ein großer Teil von ihnen wird sich fragen, welches furchtbare Verbrechen er begangen hat. Auf Anweisung erheben wir uns alle, um dem Gericht unseren Respekt zu bezeugen, als Richterin Fabineau hereinkommt, die massige Gestalt gnädig durch die schwarze Robe verhüllt. Weil so viel ihrer trockenen Arbeit ohne Publikum stattfindet, genießen Richter volle Sitzungssäle. Sie sind unumschränkte Herrscher, so weit das Auge reicht, und das soll auch jeder wissen. Manche neigen zu Effekthascherei, und ich bin neugierig, wie sich Fabineau vor so vielen Beobachtern hält. Sie begrüßt die Anwesenden, erklärt, warum wir uns versammelt haben, redet ein wenig zu lang und fordert Tadeo schließlich auf, sich zu erheben und sich der Menge zuzuwenden. Er tut es, lächelt, wie ich es ihm geraten habe, und setzt sich wieder. Fabineau stellt Mancini und mich vor. Ich stehe nur auf und nicke. Mancini erhebt sich, grinst und breitet die Arme aus, als wollte er die Menschen bei sich willkommen heißen. Das Theater ist nur schwer erträglich. Die Geschworenen sind mittlerweile nummeriert, und Fabineau fordert die mit den Nummern 101 bis 198 auf, sich eine Pause zu gönnen. Sie sollen um eins bei der Geschäftsstelle anrufen und fragen, ob sie gebraucht werden. Die Hälfte von ihnen verlässt den Saal, manche haben es eilig, manche grinsen sogar, so freuen sie sich. Auf der einen Seite des Gerichtssaals setzen die Gerichtsdiener die verbleibenden Kandidaten jeweils zu zehnt in eine Reihe, und wir erhaschen den ersten Blick auf die voraussichtlichen Geschworenen. Das zieht sich eine Stunde lang hin, und Tadeo teilt mir im Flüsterton mit, dass er sich langweile. Ich frage ihn, ob er lieber im Gefängnis bleiben wolle. Nein, will er nicht. Kandidaten über fünfundsechzig und Leute mit ärztlichen Attesten werden aussortiert. Die zweiundneunzig, die danach noch vor uns sitzen, können jetzt befragt werden. Fabineau vertagt das Ganze auf nach der Mittagspause und sagt, wir sollten um zwei wieder da sein. Tadeo fragt, ob wir vielleicht in einem netten Restaurant was Richtiges essen könnten. Ich lächle und sage Nein. Für ihn geht es wieder ins Gefängnis. Während ich mich mit Cliff, dem Geschworenenberater, bespreche, taucht ein uniformierter Gerichtsdiener auf. »Sind Sie Mr. Rudd?« Ich nicke, und er drückt mir ein paar Papiere in die Hand. Familiengericht. Eine Ladung zu einem Eiltermin, in dem über den Entzug aller elterlichen Rechte entschieden werden soll. Ich stoße einen unterdrückten Fluch aus, gehe zu den Geschworenenbänken und setze mich. Judith, dieses Miststück, hat genau diesen Augenblick gewählt, um mir das Leben noch schwerer zu machen. Ich lese weiter und sacke immer mehr in mich zusammen. Gestern, Sonntag, hätte ich den Tag mit Starcher verbringen sollen, zwölf Stunden, von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends, das hatten Judith und ich mündlich vereinbart. Ich war so mit der Verhandlung beschäftigt, dass ich das vergessen und meinen Sohn versetzt habe. Judiths verzerrter Wahrnehmung nach ist das ein eindeutiger Beweis dafür, dass ich als Vater ungeeignet bin und vollständig aus dem Leben meines Sohnes verbannt werden muss. Sie verlangt einen Eiltermin, als wäre Starcher unmittelbar gefährdet, und wenn der tatsächlich angesetzt wird, wäre es der vierte in den vergangenen drei Jahren. Bei keinem der ersten drei ist etwas herausgekommen. Aber sie exerziert das gern auch noch ein viertes Mal durch, um mir etwas zu beweisen. Keine Ahnung, was. Ich hole mir ein aufgetautes Sandwich aus einem Automaten und schlendere zum Familiengericht. Essen aus dem Automaten wird gern unterschätzt. Carla, eine Angestellte der Geschäftsstelle, die ich mal angebaggert habe, sucht den Vorgang heraus, wir stecken die Köpfe zusammen und sehen ihn uns an. Als ich mich vor etwa zwei Jahren an sie heranmachen wollte, war sie »in einer Beziehung«, was auch immer das heißen sollte. Tatsächlich wollte sie damit ausdrücken, dass sie kein Interesse an mir hatte. Ich steckte das problemlos weg. Ich habe schon so viele Abfuhren bekommen, dass ich mich wundere, wenn eine Frau »vielleicht« sagt. Auf jeden Fall ist das mit der Beziehung offenbar vorbei, weil sie die ganze Zeit lächelt und mit mir kokettiert, was bei der Armee von Justizangestellten, Sekretärinnen und Rezeptionistinnen, die Büros und Gänge bevölkern, gar nicht so ungewöhnlich ist. Bei einem ledigen, heterosexuellen Juristen mit ein wenig Geld und einem schicken Anzug sehen die unverheirateten Damen gern genauer hin – und manchmal auch die verheirateten. Wenn ich auf dem Markt wäre, Zeit und Interesse hätte, dann hätte ich freie Auswahl. Allerdings hat Carla in den letzten Monaten kräftig an Gewicht zugelegt und sieht nicht annähernd so gut aus wie früher. »Richter Stanley Leef«, stellt sie fest. »Wie beim letzten Mal«, erwidere ich. »Dass der überhaupt noch am Leben ist.« »Deine Ex scheint eine harte Nuss zu sein.« »Das ist gewaltig untertrieben.« »Sie kommt manchmal her. Sie ist nicht gerade freundlich.« Ich bedanke mich bei ihr. »Ruf mich mal an«, sagt sie, als ich schon im Gehen bin. Geh du erst mal sechs Monate ins Fitnessstudio, dann überlege ich es mir, würde ich gern sagen. Weil ich so ein Gentleman bin, antworte ich stattdessen: »Mache ich.« Richter Stanley Leef hat Judiths letzten Versuch abgeschmettert, mir alle elterlichen Rechte zu entziehen. Er hatte keine Geduld mit ihr und entschied auf der Stelle zu meinen Gunsten. Die Tatsache, dass sie sich bei diesem letzten Antrag auf ihr Glück verlassen hat und wieder bei Leef gelandet ist, sagt viel über ihre Integrität und Naivität aus. In meiner Welt würde ich in einer kritischen Sache – und was könnte kritischer sein, als einem ehrbaren Vater den Umgang mit seinem Kind zu verbieten – alles tun, um sicherzustellen, dass ich bei einem geeigneten Richter faires Gehör finde. Da kann es nötig sein, einen Antrag auf Ablehnung eines unerwünschten Richters zu stellen. Oder den Ausschuss für richterliche Ethik des Bundesstaats anzurufen. Vorzugsweise besteche ich jedoch einfach die richtigen Justizangestellten. Judith würde solche Taktiken nie in Betracht ziehen. Deswegen ist sie wieder bei Leef gelandet. Ich rufe mir ins Gedächtnis, dass es ihr nicht darum geht, ob sie gewinnt oder verliert, ob sie den einen Richter erwischt oder einen anderen. Sie missbraucht die Justiz, um einen unliebsamen Exgatten zu schikanieren. Gerichtskosten spielen für sie keine Rolle. Sie hat keine Angst, dass sie Unannehmlichkeiten bekommen könnte. Sie ist jeden Tag in diesem Teil des Alten Gerichts, das ist ihr Heimatrevier. Ich suche mir eine Bank und lese ihren Antrag, während ich mein Sandwich aufesse. 8 Zur Nachmittagssitzung stellen wir unsere Stühle auf die andere Seite der Tische, damit wir die Geschworenen mustern können. Sie starren uns an, als wären wir Außerirdische. Nach Fabineaus Auswahlverfahren – jeder Richter hat im Prozess viel Spielraum, seine eigene Methode festzulegen – sitzen die Kandidaten mit den Nummern eins bis vierzig in den ersten vier Reihen. Die zwölf Geschworenen, auf die wir uns letztendlich einigen werden, sind voraussichtlich unter ihnen. Also nehmen wir sie ins Visier, während die Richterin über die wichtige Bürgerpflicht des Geschworenendienstes schwadroniert. Von den ersten vierzig sind fünfundzwanzig weiß, acht schwarz, fünf lateinamerikanischer Herkunft, eine junge Dame stammt ursprünglich aus Vietnam, eine andere aus Indien. Zweiundzwanzig Frauen, achtzehn Männer. Dank der Vorarbeit von Cliff und seinem Team kenne ich Namen, Adresse, Beruf, Familienstand und Konfession dieser Leute und weiß, ob sie schon einmal einen Zivilprozess geführt haben, ihre Schulden bezahlen oder vorbestraft sind. Bei den meisten liegen mir sogar Fotos ihres Hauses oder ihrer Wohnung vor. Die Auswahl wird schwierig werden. Ein ehernes Gesetz lautet, dass in einem Strafverfahren möglichst viele schwarze Geschworene von Vorteil sind, weil Schwarze größere Sympathie für den Angeklagten haben und Polizei und Staatsanwaltschaft gegenüber misstrauischer sind. Diesmal nicht. Das Opfer, Sean King, war ein anständiger junger Schwarzer mit einem guten Job, einer Ehefrau und drei netten Kindern. Als Ringrichter bei Box- und Käfigkämpfen verdiente er sich ein paar Dollar dazu. Schließlich kommt Fabineau endlich zur Sache und fragt, welche Kandidaten mit den Ereignissen vertraut sind, die zum Tod von Sean King geführt haben. Von den zweiundneunzig hebt etwa ein Viertel die Hand, ein enorm hoher Anteil. Sie bittet sie, sich zu erheben, damit wir ihre Namen notieren können. Ich sehe Mancini an und schüttle den Kopf. Diese Quote ist unerhört und meines Erachtens ein klarer Beleg dafür, dass der Verhandlungsort verlegt werden müsste. Aber Mancini lächelt immer weiter. Ich schreibe mir zweiundzwanzig Namen auf. Um eine weitere Beeinflussung zu verhindern, beschließt Richterin Fabineau, jeden der zweiundzwanzig einzeln zu befragen. Wir gehen wieder ins Richterzimmer und setzen uns an denselben Tisch. Geschworene Nummer drei wird hereingeführt. Sie heißt Liza Parnell und verkauft Tickets für eine regionale Fluglinie. Verheiratet, zwei Kinder, vierunddreißig Jahre alt, der Ehemann ist im Zementvertrieb tätig. Mancini und ich bieten unseren ganzen Charme auf, um die Geschworene zu bezirzen. Die Richterin übernimmt die Leitung und stellt erste Fragen. Liza und ihr Ehemann haben nichts für MMA übrig, sie nennt den Sport sogar »widerlich«, aber sie erinnert sich an den Aufruhr. Überall in den Nachrichten wurde darüber berichtet, und sie hat das Video von Tadeos Prügelorgie gesehen. Sie hat mit ihrem Mann über den Vorfall gesprochen, und sie haben sogar in der Kirche dafür gebetet, dass Sean King wieder gesund wird, und waren betrübt über seinen Tod. Ihr würde es schwerfallen, unvoreingenommen zu bleiben. Je länger sie befragt wird, desto klarer wird ihr, wie sehr sie von Tadeos Schuld überzeugt ist. »Er hat ihn umgebracht«, sagt sie. Mancini stellt ein paar der Fragen noch einmal. Ich verschwende keine Zeit. Liza wird alsbald aussortiert werden. Im Augenblick wird sie jedoch nur angewiesen, sich wieder auf ihren Platz in Reihe eins zu setzen und absolutes Stillschweigen zu bewahren. Geschworene Nummer elf ist Mutter von zwei Jungen im Teenageralter, die Käfigkämpfe toll finden und stundenlang über Tadeo und Sean King geredet haben. Sie hat das Video nicht gesehen, obwohl ihre Söhne es ihr unbedingt zeigen wollten. Allerdings weiß sie alles über die Sache und gibt zu, sich in vielerlei Hinsicht bereits eine feste Meinung gebildet zu haben. Mancini und ich haken höflich nach, es kommt aber nichts dabei raus. Sie wird auch aussortiert werden. Der Nachmittag zieht sich in die Länge, während wir die zweiundzwanzig Geschworenen abarbeiten, von denen, wie sich herausstellt, alle viel mehr wissen, als sie eigentlich dürften. Manche behaupten, sie könnten ihre ursprüngliche Meinung beiseitestellen und unvoreingenommen entscheiden. Ich bezweifle das, aber ich bin schließlich der Verteidiger. Später, als wir mit allen zweiundzwanzig durch sind, beantrage ich erneut, den Verhandlungsort zu verlegen. Angesichts der frischen, eindeutigen Belege trage ich vor, dass wir soeben den klaren Beweis dafür erhalten hätten, dass zu viele Menschen in dieser Stadt viel zu viel über die Sache wüssten. Go Slow hört sich das an und tut so, als würde sie mir glauben, was wahrscheinlich sogar stimmt. »Ich lehne Ihren Antrag für den Augenblick ab, Mr. Rudd. Lassen Sie uns weitermachen und sehen, was morgen passiert.« 9 Nach der Gerichtsverhandlung fährt Partner mich zu der Lagerhalle, von der aus Harry & Harry operieren. Ich gehe mit Harry Gross Judiths letzten Antrag durch. Er wird eine Erwiderung verfassen, die so ähnlich ausfallen wird wie die anderen drei, die bereits in der Akte sind, und ich werde sie morgen unterschreiben und einreichen. Partner und ich steigen in den Keller hinunter, wo Cliff und sein Team bereits bei der Arbeit sind. Von den ersten vier Kandidatenreihen, also Nummer eins bis vierzig, wurden am Nachmittag neun unter Ausschluss der Öffentlichkeit befragt. Ich gehe davon aus, dass alle neun aus wichtigem Grund ausgeschlossen werden. Jede Seite kann vier Geschworene ablehnen, dieses Recht gilt automatisch, ohne Angabe von Gründen. Das sind insgesamt acht. Für die Zahl der Geschworenen, die aus wichtigem Grund abgelehnt werden können, gibt es keine Obergrenze. Der Trick, das Können, die Kunst besteht darin, die Geschworenen einzuschätzen und herauszufinden, wen man ablehnen sollte. Ich habe nur vier Versuche, genau wie die Anklage, und ein einziger Fehler kann tödlich sein. Ich muss nicht nur entscheiden, wen ich selbst behalten und wen ich loswerden will, ich spiele sozusagen auch Schach mit Mancini. Wen wird er ausschließen lassen? Mit Sicherheit die Lateinamerikaner. Ich rechne nicht mit einem Freispruch, daher setze ich darauf, dass sich die Geschworenen nicht einigen können. Ich muss ein oder zwei Geschworene finden, die uns wohlgesinnt sind. Bei schlechtem Sushi zum Mitnehmen und grünem Tee aus der Flasche sezieren wir stundenlang jeden einzelnen Geschworenen. 10 Keine Anrufe mitten in der Nacht, nichts von Arch Swanger oder Nate Spurio. Kein Wort von Moss Korgan. Offenbar bin ich mit meinem brillanten Angebot für eine Absprache nicht sehr weit gekommen. Als die Sonne aufgeht, sitze ich am Computer und beantworte E-Mails. Ich beschließe, Judith eine zu schicken. »Warum kannst du nicht aufhören, mich zu bekriegen?«, schreibe ich. »Du bist bisher damit baden gegangen, und das wirst du auch diesmal. Du beweist damit nur, wie absurd dickköpfig du bist. Denk an Starcher, nicht an dich selbst.« Die Antwort wird vernichtend, aber wohlformuliert ausfallen. Partner setzt mich an einem kleinen Einkaufszentrum in einem Vorort ab. Das einzige Geschäft, das geöffnet hat, ist ein Bagel-Café, in dem das Rauchen erlaubt ist, was gegen jedes Gesetz verstößt. Der Inhaber ist ein alter Grieche, der unheilbar an Lungenkrebs erkrankt ist. Sein Neffe ist ein hohes Tier in der Stadtverwaltung, und die Inspektoren des Gesundheitsamts lassen ihn in Ruhe. Das Café bietet starken Kaffee, echten Joghurt, anständige Bagels und eine dicke Wolke blauen Zigarettenqualm, einen Rückfall in die nicht allzu weit zurückliegenden Tage, als es ganz normal war, im Restaurant den Rauch vom Nebentisch einzuatmen. Heute ist es schwer zu glauben, dass wir uns das haben gefallen lassen. Nate Spurio raucht zwei Packungen am Tag und fühlt sich hier wie zu Hause. Ich atme draußen vor der Tür tief ein, fülle meine Lungen mit sauberer Luft und betrete das Lokal, wo Nate Spurio an einem Tisch sitzt, Kaffee und Zeitung vor sich, eine frische Salem im Mundwinkel. Er deutet auf einen Stuhl und legt die Zeitung beiseite. »Kaffee?«, fragt er. »Nein, danke. Davon habe ich schon genug intus.« »Wie läuft’s?« »Generell oder im Zapate-Prozess?« Er grunzt, versucht ein Lächeln. »Seit wann reden wir über das Leben im Allgemeinen?« »Stimmt auch wieder. Von Mancini kommt nichts. Wenn er von der Absprache weiß, lässt er sich jedenfalls nichts anmerken. Bisher sind wir immer noch bei fünfzehn Jahren.« »Sie sind an ihm dran, aber der Kerl ist ein Ehrgeizling, der vor allem nach oben kommen will, das wissen Sie ja. Im Augenblick hat er seine Bühne, und darauf legt er großen Wert.« »Roy Kemp bearbeitet ihn also?« »Könnte man sagen. Er zieht alle Strippen. Er ist verzweifelt – kann ich ihm nicht verdenken. Und er hasst Sie, weil er denkt, Sie halten Informationen zurück.« »Das tut mir aber leid. Sagen Sie ihm, ich hasse ihn auch, weil er meinen Sohn entführt hat. Ist aber nicht persönlich gemeint. Wenn er den Bürgermeister beeinflussen kann und der Mancini, werden wir uns schon einig.« »Die Sache ist in Arbeit.« »Aber es geht nicht schnell genug. Wir sind dabei, die Geschworenen auszuwählen, und nach dem, was ich bisher gesehen und gehört habe, sieht es für meinen Mann gar nicht gut aus.« »Das habe ich auch gehört.« »Danke. Wahrscheinlich werden ab morgen die Zeugen aufgerufen, und von denen gibt es nicht sehr viele. Die ganze Sache könnte bis Freitag zu Ende sein. Ich brauche ganz schnell einen Deal. Fünf Jahre, in einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe, vorzeitige Entlassung auf Bewährung. Ist das klar, Nate? Hat jeder in der Nahrungskette kapiert, wie die Absprache aussehen muss?« »Voll und ganz. So schwer ist das ja nicht.« »Dann sagen Sie denen, sie sollen in die Gänge kommen. Bei diesen Geschworenen ist mein Mann verratzt.« Er zieht an seiner Zigarette, inhaliert. »Sind Sie heute Abend erreichbar?« »Denken Sie, ich setze mich ab?« »Dann unterhalten wir uns am besten mal in Ruhe.« »Von mir aus, aber jetzt muss ich los. Ich habe heute Verhandlung, und wir sind verzweifelt auf der Suche nach ein paar Geschworenen, die wir bestechen können.« »Das will ich nicht gehört haben, überrascht mich allerdings nicht.« »Bis dann, Nate.« »War mir ein Vergnügen.« »Und hören Sie endlich mit dem Rauchen auf.« »Kümmern Sie sich lieber um Ihre eigenen Probleme. Sie haben mehr als genug.« 11 Go Slow kommt zu spät, einerseits nicht ungewöhnlich, weil sie die Richterin ist und ohne sie nichts geht. Andererseits ist das ein Meilenstein in ihrer beruflichen Laufbahn, da würde man erwarten, dass sie früh da ist, um das Gefühl auszukosten. Aber ich habe schon vor langer Zeit gelernt, dass es Zeitverschwendung ist, das Verhalten von Richtern analysieren zu wollen. Wir haben eine gute Stunde gewartet, ohne irgendeine Erklärung für die Verzögerung, als der Polizeibeamte im Saal plötzlich strammsteht und uns zur Ordnung ruft. Die Richterin fegt herein, als wäre sie furchtbar überlastet, und fordert alle auf, sich zu setzen. Keine Entschuldigung, keine Erklärung. Sie gibt ein paar einleitende Floskeln von sich, die jeder schon mal gehört hat, und als ihr nichts mehr einfällt, sagt sie: »Mr. Mancini, Sie können die Geschworenen jetzt für die Staatsanwaltschaft befragen.« Mancini springt auf und stolziert an der Mahagoniabsperrung entlang, die uns von den Zuschauern trennt. Mit zweiundneunzig Geschworenen auf der einen Seite und mindestens so vielen Journalisten und Zuschauern auf der anderen ist der Gerichtssaal wieder rappelvoll. Die Leute stehen sogar entlang der hinteren Wand. Mancini hat selten solch ein Publikum gehabt. Er beginnt mit einem furchtbar rührseligen Monolog darüber, wie geehrt er sich fühle, vor Gericht die anständigen Bürger unserer Stadt vertreten zu dürfen. Es ist ihm eine Last. Es ist ihm eine Ehre. Es ist ihm eine Pflicht. Es ist ihm alles Mögliche, und nach wenigen Minuten merke ich, dass manche Geschworene ihn stirnrunzelnd ansehen, als kämen sie sich irgendwie veralbert vor. Nachdem er viel zu lange über sich selbst geredet hat, stehe ich langsam auf und sehe die Richterin an. »Können wir bitte zur Sache kommen?«, erkundige ich mich. »Mr. Mancini, haben Sie Fragen an die Kandidaten?« »Selbstverständlich«, erwidert er. »Ich wusste nicht, dass wir es so eilig haben.« »Eilig haben wir es nicht, aber ich will keine Zeit verschwenden.« Worte einer Richterin, die eine Stunde zu spät gekommen ist. Mancini beginnt mit den Standardfragen über frühere Einsätze als Geschworene, Erfahrungen mit der Strafgerichtsbarkeit und Vorurteilen gegenüber der Polizei. Im Großen und Ganzen ist es reine Zeitverschwendung, weil die Leute in diesem Umfeld kaum jemals ihre wahren Gefühle preisgeben. Es verschafft uns jedoch jede Menge Zeit, die Geschworenen zu beobachten. Tadeo macht sich auf meine Anweisung hin seitenweise Notizen. Ich schreibe auch, beobachte aber in erster Linie die Körpersprache. Cliff und sein Partner verfolgen alles von den Bänken auf der anderen Seite des Gangs aus. Inzwischen habe ich das Gefühl, diese Leute, vor allem die ersten vierzig, wären alte Bekannte. Mancini will wissen, ob irgendwer jemals verklagt worden ist. Eine Standardfrage, aber eine ziemlich sinnlose. Schließlich ist das hier eine Strafsache, kein Zivilverfahren. Von den zweiundneunzig waren etwa fünfzehn irgendwann einmal Beklagte in einem Prozess. Ich wette, mindestens noch einmal fünfzehn wollen es nur nicht zugeben. Wir sind schließlich in Amerika. Welcher ehrliche Bürger ist noch nie verklagt worden? Mancini scheint entzückt, als wäre er auf eine Goldgrube gestoßen. Er will wissen, ob ihre Erfahrungen mit dem Rechtssystem ihre Urteilsfähigkeit in dieser Sache irgendwie beeinträchtigen könnten. Nein, Max. Die Leute streiten sich gern vor Gericht. Das heißt nicht, dass wir irgendetwas gegen das Rechtssystem hätten. Aber er hakt immer weiter nach, mit Fragen, bei denen absolut gar nichts herauskommt. Nur um ihn zu ärgern, stehe ich auf. »Euer Ehren, könnten Sie Mr. Mancini bitte daran erinnern, dass dies eine Strafsache ist und kein Zivilprozess?« »Das ist mir bewusst!«, knurrt Mancini mich an. »Ich weiß, was ich tue.« »Sehen Sie zu, dass Sie vorankommen, Mr. Mancini«, sagt die Richterin. »Und Sie bleiben bitte sitzen, Mr. Rudd.« Mancini unterdrückt seinen Ärger und lässt die Sache auf sich beruhen. Er schaltet einen Gang hoch und stürzt sich auf ein höchst sensibles Thema. Wurde jemand in Ihrer engeren Familie jemals wegen eines Gewaltverbrechens verurteilt? Er entschuldigt sich dafür, dass er solche persönlichen Angelegenheiten anspricht, aber ihm bleibe keine Wahl. Er bittet um Vergebung. Weit hinten hebt Geschworene Nummer einundachtzig langsam die Hand. Mrs. Emma Huffinghouse. Weiß, sechsundfünfzig Jahre alt, Disponentin in einem Logistikunternehmen. Ihr siebenundzwanzigjähriger Sohn sitzt zwölf Jahre wegen bewaffneten Raubüberfalls, den er aufgrund seiner Drogensucht begangen hat. Sobald Mancini ihre Hand sieht, fuchtelt er mit seiner herum. »Sie müssen mir keine Einzelheiten erzählen«, beruhigt er sie. »Ich weiß, dass es sich um eine höchst persönliche und bestimmt sehr schmerzliche Angelegenheit handelt. Ich will nur eines wissen: Waren Sie in dieser Sache mit unserer Strafjustiz zufrieden oder nicht?« Ist das dein Ernst, Max? Das ist keine Umfrage zur Ermittlung der Kundenzufriedenheit. Mrs. Huffinghouse erhebt sich langsam. »Ich finde, mein Sohn wurde von der Justiz fair behandelt.« Mancini springt fast über die Schranke, um ihr um den Hals zu fallen. Gott segne Sie, meine Liebe, Gott segne Sie! Solche Unterstützung für die Kräfte des Guten. Schade, dass das nichts bringt, Max. Wir werden nicht einmal in die Nähe von Nummer einundachtzig kommen. Geschworener Nummer siebenundvierzig hebt die Hand, steht auf und erklärt, sein Bruder sei wegen schwerer Körperverletzung im Gefängnis gewesen, und im Gegensatz zu Mrs. Huffinghouse habe er, Mark Wattburg, keine guten Erfahrungen mit dem Strafverfahren gemacht. Mancini bedankt sich trotzdem überschwänglich. Sonst noch jemand? Kein weiteres Handzeichen. Es gibt noch drei, wie ich weiß, aber Mancini offenbar nicht. Das bestätigt meine Vermutung, dass meine Recherche besser ist als seine. Außerdem ist das ein Hinweis darauf, dass diese drei nicht alle Karten auf den Tisch legen. Mancini macht weiter, während sich der Vormittag in die Länge zieht. Er nimmt sich ein weiteres heikles Minenfeld vor, das der Opfer. War jemand von Ihnen schon einmal Opfer eines Gewaltverbrechens? Sie, Ihre Familienangehörigen, enge Freunde? Mehrere Hände heben sich, und Mancini entlockt den Leuten gekonnt Informationen, die ausnahmsweise sehr nützlich sind. Um zwölf kündigt die Richterin, die von den zwei Stunden Verhandlungsführung bestimmt erschöpft ist und dringend ein paar Apfelschnitze benötigt, eine neunzigminütige Pause an. Tadeo will die Mittagspause im Gesichtssaal verbringen. Ich bitte seinen Wärter freundlich darum, der zu unserer Überraschung einverstanden ist. Partner läuft zu einem Imbiss um die Ecke und kommt mit Sandwichs und Chips zurück. Beim Essen unterhalten wir uns leise, mit gedämpfter Stimme, damit Polizisten und Gerichtsdiener uns nicht hören. Außer uns ist niemand im Saal. In dieser Umgebung scheint allmählich zu Tadeo durchzusickern, dass es ernst ist, und er ist nicht mehr ganz so aufgeblasen. Die unerbittlichen Blicke der Menschen, die möglicherweise über ihn richten werden, sind ihm nicht entgangen. Er kapiert allmählich, dass das nicht seine Freunde sind. »Ich habe das Gefühl, die mögen mich nicht«, sagt er leise. Was für ein scharfsichtiger junger Mann. 12 Gegen fünfzehn Uhr ist Mancini fertig und überlässt mir das Feld. Mittlerweile weiß ich mehr als genug über die Kandidaten und bin bereit, meine Wahl zu treffen. Allerdings ist es meine erste Gelegenheit, direkt das Wort an sie zu richten, eine Chance, das Fundament für die Vertrauensbeziehung zu legen, die sich jeder Anwalt wünscht. Ich habe ihre Mimik beobachtet und weiß, dass viele Mancinis Schleimerei geradezu albern fanden. Ich habe jede Menge Fehler und schlechte Angewohnheiten, aber mit Schöntuerei halte ich mich nicht auf. Ich bedanke mich nicht dafür, dass sie hier sind – sie wurden geladen und hatten keine Wahl. Ich tue nicht so, als würden wir Großes vollbringen und sie wären Teil davon. Ich prahle nicht mit unserem Justizsystem. Stattdessen halte ich einen ausführlichen Vortrag über die Unschuldsvermutung. Ich bitte sie eindringlich, sich zu fragen, ob sie nicht bereits zu dem Schluss gekommen sind, dass mein Mandant etwas Unrechtes getan haben muss – nur weil er überhaupt hier sitzt. Sie brauchen nicht die Hand zu heben, nicken Sie nur, wie ich, wenn Sie ihn für schuldig halten. Das liegt in der menschlichen Natur. So läuft das heutzutage in unserer Gesellschaft und Kultur. Ein Verbrechen wird begangen, es gibt eine Festnahme, wir sehen den Verdächtigen im Fernsehen und sind erleichtert, dass die Polizei ihren Mann hat. So leicht geht das. Verbrechen aufgeklärt. Schuldiger in Haft. Heutzutage denkt niemand mehr daran, dass es sich um einen Unschuldigen handelt, der Anspruch auf einen fairen Prozess hat. Stattdessen muss möglichst schnell ein Urteil her. »Fragen, Mr. Rudd?«, quäkt Go Slow in ihr Mikrofon. Ich ignoriere sie, deute auf Tadeo und frage, ob sie ehrlich sagen können, dass sie ihn für vollkommen unschuldig halten. Natürlich erhalte ich darauf keine Antwort, weil kein Geschworenenkandidat zugeben wird, dass seine Meinung bereits feststeht. Dann komme ich auf die Beweislast zu sprechen und erläutere den Begriff, bis Mancini die Nase voll hat. Er steht auf und breitet frustriert die Arme aus. »Euer Ehren, das ist keine Befragung der Geschworenenkandidaten. Das ist eine Juravorlesung.« »Finde ich auch. Entweder stellen Sie Ihre Fragen, oder Sie setzen sich wieder, Mr. Rudd«, sagt Go Slow ziemlich ruppig. »Danke«, erwidere ich ironisch, wie es so meine Art ist. Ich fixiere die ersten drei Reihen. »Tadeo Zapate muss hier nicht aussagen und auch keine Zeugen aufbieten. Warum? Weil es Aufgabe der Staatsanwaltschaft ist, ihm seine Schuld nachzuweisen. Was, wenn er nicht aussagen will? Spielt das für Sie eine Rolle? Denken Sie dann vielleicht, er hat etwas zu verbergen?« Ich frage das immer und bekomme kaum jemals eine Antwort. Aber heute will Geschworener Nummer siebzehn etwas sagen. Bobby Morris, sechsunddreißig, weiß, Steinmetz. Er hebt die Hand, und ich nicke ihm zu. »Falls ich Geschworener werde, finde ich, er sollte sich äußern. Ich will hören, was der Angeklagte zu sagen hat.« »Danke, Mr. Morris«, sage ich voller Herzlichkeit. »Sonst noch jemand?« Nachdem das Eis erst einmal gebrochen ist, heben mehr von ihnen die Hand, und ich hake vorsichtig nach. Wie ich gehofft hatte, entwickelt sich eine Diskussion, bei der die Hemmungen zunehmend fallen. Ich bin ein angenehmer Gesprächspartner, ein netter Kerl, der nicht um den heißen Brei herumredet und Sinn für Humor hat. Als ich fertig bin, gibt die Richterin uns fünfzehn Minuten, um unsere Notizen durchzugehen, bevor wir die Geschworenen auswählen. 13 Judith hat mir eine E-Mail geschickt: »Starcher ist immer noch sehr traurig. Du bist so ein miserabler Vater. Wir sehen uns vor Gericht.« Ich würde gern zurückschreiben, aber es lohnt sich nicht. Partner und ich sind auf dem Heimweg. Es ist dunkel, nach neunzehn Uhr, und es war ein harter Tag. Wir halten an einer Bar und gönnen uns ein Bier und ein Sandwich. Neun Weiße, ein Schwarzer, ein Geschworener lateinamerikanischer Herkunft, eine Geschworene mit vietnamesischen Wurzeln. Ihre Namen und Gesichter sind für mich so frisch, dass ich unbedingt über sie reden muss. Partner hört pflichtbewusst zu, wie immer, ohne viel zu sagen. Er hat die letzten beiden Tage zum Großteil im Gericht verbracht und ist mit der Jury zufrieden. Ich höre nach zwei Bier auf, obwohl ich gern noch ein paar mehr trinken würde. Um neun setzt Partner mich an einem Arby’s ab, und ich nuckle fünfzehn Minuten lang an einer Limo, während ich auf Nate Spurio warte. Endlich kommt er, bestellt Zwiebelringe und entschuldigt sich für die Verspätung. »Wie läuft die Verhandlung?«, fragt er. »Wir haben die Geschworenen am späten Nachmittag ausgewählt. Morgen Vormittag sind die Eröffnungsplädoyers dran, dann ruft Mancini seine Zeugen auf. Dürfte nicht lange dauern. Haben wir einen Deal?« Er stopft sich einen großen, knusprigen Ring in den Mund und kaut energisch, während er einen Blick in die Runde wirft. Das Lokal ist leer. Er schluckt mühsam. »Yep. Woody hat sich vor zwei Stunden mit Mancini getroffen und ihn gefeuert. Nachfolger sollte einer seiner Lakaien werden, der das Verfahren gleich morgen früh für fehlerhaft erklären lassen wollte. Mancini hat den Schwanz eingezogen und ist jetzt mit an Bord. Er will sich morgen früh um halb neun mit Ihnen und der Richterin treffen.« »Der Richterin?« »Genau. Anscheinend gibt es irgendeine Verbindung zwischen Woody und Janet Fabineau, Freunde oder sonst was, und Woody hat darauf bestanden, dass sie eingeweiht wird. Sie weiß Bescheid. Sie wird die Absprache akzeptieren, den Deal genehmigen, Ihren Jungen zu fünf Jahren in einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe verurteilen und eine vorzeitige Entlassung empfehlen. Genau nach Ihren Anweisungen, Rudd.« »Fantastisch. Und was ist mit Scanlons Gangstern?« »Die Ermittlungen treten auf der Stelle. Vergessen Sie das.« Er zieht an seinem Strohhalm und greift nach einem weiteren Zwiebelring. »Jetzt sind Sie dran, Rudd.« »Mein letztes Treffen mit Swanger hat er über ein Prepaid-Handy vereinbart, das er in einem Drugstore für mich versteckt hatte. Ich habe das Telefon noch. Es ist draußen in meinem Wagen. Ich habe es seitdem nicht benutzt, daher weiß ich nicht, ob es noch funktioniert. Aber falls ich Swanger an die Strippe bekomme, versuche ich, ein Treffen zu arrangieren. Ich brauche Bargeld für ihn.« »Wie viel?« »Fünfzigtausend, nicht markiert. Der Kerl ist nicht dumm.« »Fünfzigtausend?« »Das ist ungefähr ein Drittel der Belohnung. Ich gehe davon aus, dass er sich darauf einlässt, weil er pleite ist. Wenn es weniger wäre, könnte das Ärger geben. Ihre Leute haben im vergangenen Jahr vier Millionen Dollar an Vermögenswerten eingezogen, die dank der wunderbaren Gesetze unseres Bundesstaats komplett bei der Polizei verbleiben. Das Geld ist da, und Roy Kemp würde jeden Preis zahlen, um seine Tochter wiederzubekommen.« »Okay, okay. Ich gebe das weiter. Mehr kann ich nicht tun.« Ich überlasse ihn seinen Zwiebelringen und laufe zum Van. Während Partner losfährt, klappe ich das Billig-Handy auf und wähle die Nummer. Nichts. Eine Stunde später versuche ich es erneut. Wieder nichts. 14 Ich bin so erschöpft, dass ich vor dem Fernseher einschlafe, wozu vielleicht auch die zwei Bier und ein paar Whiskey Sour beitragen. Ich wache in meinem Liegesessel auf, immer noch im Anzug, aber ohne Krawatte. Die Schuhe habe ich ausgezogen, die Socken jedoch anbehalten. Mein Handy klingelt, laut Display eine unbekannte Nummer. Es ist 1.40 Uhr. Ich gehe das Risiko ein und melde mich. »Suchen Sie mich?«, fragt Swanger. »Ja, das stimmt tatsächlich.« Ich klappe die Fußstütze ein und rapple mich hoch. Ich bin wie benebelt, mein Gehirn ist offenkundig nicht richtig durchblutet. »Wo sind Sie?« »Dumme Frage. Noch mehr Schwachsinn, und ich lege auf.« »Hören Sie, Swanger, kann sein, dass es einen Deal gibt. Allerdings nur, wenn Sie die Wahrheit sagen, was sich ehrlich gesagt keiner der Beteiligten vorstellen kann.« »Ich habe nicht angerufen, um mich beleidigen zu lassen.« »Natürlich nicht. Sie haben angerufen, weil Sie Geld wollen. Ich glaube, ich kann einen Deal aushandeln, als Vermittler, natürlich ohne Honorar. Ich bin nicht Ihr Anwalt, also bekommen Sie von mir auch keine Rechnung.« »Sehr witzig. Sie sind nicht mein Anwalt, weil man Ihnen nicht trauen kann, Rudd.« »Okay, wenn Sie das nächste Mal ein Mädchen entführen, engagieren Sie wen anders. Wollen Sie das Geld oder nicht, Swanger? Mir ist das wirklich egal.« Eine kurze Pause, während er überlegt, wie dringend er Geld braucht. »Wie viel?«, fragt er. »Fünfundzwanzigtausend jetzt, wenn Sie uns sagen, wo die Frau ist. Wenn sie gefunden wird, noch einmal fünfundzwanzig.« »Das ist nur ein Drittel der Belohnung. Kassieren Sie den Rest?« »Keinen Cent. Wie gesagt, ich bekomme nichts, und genau deswegen frage ich mich, wieso ich mich überhaupt einmische.« Eine weitere Pause, während er sich ein Gegenangebot überlegt. »Der Deal gefällt mir nicht, Rudd. Die zweiten fünfundzwanzigtausend bekomme ich doch nie im Leben.« Und wir das Mädchen auch nicht, denke ich, behalte es aber für mich. »Hören Sie, Swanger, Sie bekommen fünfundzwanzigtausend Dollar von Leuten, die Sie erschießen würden, wenn Sie ihnen über den Weg laufen. Das ist sehr viel mehr, als Sie im vergangenen Jahr mit ehrlicher Arbeit verdient haben.« »Ich halte nichts von ehrlicher Arbeit. Und Sie auch nicht. Sonst wären Sie nicht Anwalt.« »Haha, ist ja lustig. Wollen Sie einen Deal, Swanger? Wenn nicht, bin ich draußen. Ich habe im Augenblick Wichtigeres zu tun.« »Fünfzigtausend, Rudd. In bar. Fünfzigtausend, dann sage ich Ihnen – und nur Ihnen –, wo das Mädchen jetzt ist. Wenn das eine Falle ist oder wenn ich irgendwo einen Cop rieche, bin ich weg. Ein Anruf von mir, und das Mädchen verschwindet auf Nimmerwiedersehen. Verstanden?« »Hab ich verstanden. Ich bin mir mit dem Geld nicht sicher, ich kann das nur an meinen Kontaktmann weitergeben.« »Dann beeilen Sie sich, Rudd, mir geht allmählich die Geduld aus.« »Sie werden sich schon Zeit nehmen, wenn Geld zur Debatte steht. Mir brauchen Sie nichts erzählen.« Die Leitung ist tot. Das war’s mit der erholsamen Nachtruhe. 15 Drei Stunden später halte ich an einem rund um die Uhr geöffneten kleinen Supermarkt und kaufe eine Flasche Wasser. Vor dem Geschäft kommt ein Cop in Zivil auf mich zu. »Sind Sie Rudd?«, knurrt er. Der bin ich, und daher gibt er mir eine braune Einkaufstüte aus Papier, die eine Zigarrenkiste enthält. »Fünfzigtausend«, sagt er. »Alles in Hundertdollarscheinen.« »Das müsste gehen«, sage ich. Was soll ich auch sagen? Danke? Ich fahre Richtung Stadtrand, allein. Bei meinem letzten Gespräch mit Swanger vor etwa einer Stunde hat er mich angewiesen, meinen »Gangster« loszuwerden und selbst zu fahren. Außerdem sollte ich meinen schicken neuen Van zu Hause lassen und irgendein anderes Vehikel nehmen. Ich musste ihm erklären, dass ich im Augenblick kein anderes habe und so schnell auch kein Auto mieten kann. Also notgedrungen doch der Van. Ich versuche, den Gedanken zu verdrängen, dass dieser Kerl mich beobachtet. Er wusste, ab wann Partner und ich mit dem Möbeltransporter herumflitzten. Jetzt weiß er, dass ich einen neuen fahrbaren Untersatz habe. Erstaunlich, dass er so nah an mir dran ist, all das weiß, und die Polizei ihn trotzdem nicht findet. Wahrscheinlich taucht er ein für alle Mal unter, wenn er das Geld hat, was mir sehr entgegenkommen würde. Weisungsgemäß rufe ich ihn an, als ich auf der südlichen Umgehungsstraße zur Interstate die Stadt hinter mir lasse. Seine Anweisungen sind eindeutig. »Fahren Sie fünfundzwanzig Kilometer nach Süden bis zur Ausfahrt 184, dann nehmen Sie die Route 63 Richtung Osten bis nach Jobes.« Während ich fahre, denke ich daran, dass in ein paar Stunden die Verhandlung losgehen soll – oder doch nicht? Wenn Richterin Fabineau wirklich eingeweiht ist, was bedeutet das dann für den Rest des Tages? Ich habe keine Ahnung, von wie vielen Beamten ich im Augenblick überwacht werde, aber es muss ein ganzes Heer sein. Ich habe keine Fragen gestellt, dazu war auch keine Zeit, doch ich weiß, dass Roy Kemp und seine Leute sämtliche Spürhunde auf den Plan gerufen haben. In meinem Wagen sind zwei Mikros versteckt, im hinteren Stoßfänger ist ein Ortungsgerät installiert. Ich habe ihnen die Erlaubnis gegeben, mein Handy abzuhören, allerdings nur für die nächsten Stunden. Ich wette, dass sich der Ring um Jobes bereits zusammenzieht. Ein Hubschrauber oder zwei in der Luft über mir würden mich nicht überraschen. Ich habe keine Angst – Swanger hat keinen Grund, mir etwas zu tun –, bin aber trotzdem aufs Äußerste angespannt. Die Scheine sind nicht markiert und lassen sich nicht zurückverfolgen. Der Polizei ist es egal, ob sie das Geld wiederbekommt, die wollen nur das Mädchen. Außerdem gehen sie davon aus, dass Swanger sofort stutzig wird, falls irgendwas faul ist. Jobes ist ein kleiner Ort mit dreitausend Einwohnern. Als ich eine Shell-Tankstelle am Ortsrand passiere, rufe ich Swanger an, wie vereinbart. »Bleiben Sie in der Leitung. Biegen Sie direkt hinter der Autowaschanlage links ab.« Ich biege nach links in eine dunkle Straße mit ein paar alten Häusern zu beiden Seiten. »Schwören Sie mir, dass Sie die fünfzigtausend haben, Rudd?« »Ich schwöre.« »Biegen Sie rechts ab, und fahren Sie über den Bahnübergang.« Ich folge den Anweisungen. »Biegen Sie jetzt in die erste Straße rechts ein. Die hat keinen Namen. Halten Sie am ersten Stoppschild, und warten Sie.« Als ich anhalte, taucht plötzlich eine Gestalt aus der Dunkelheit auf und zerrt am Griff der Beifahrertür. Ich betätige die Entriegelungstaste, und Swanger springt ins Auto. Er deutet nach links. »Fahren Sie in diese Richtung, aber lassen Sie sich ruhig Zeit. Wir wollen zurück zur Interstate.« »Schön, Sie wiederzusehen, Swanger.« Er trägt ein schwarzes Durag-Tuch, das Augenbrauen und Ohren bedeckt. Alles andere ist auch schwarz, vom Bandana um seinen Hals bis zu den Springerstiefeln. Fast hätte ich ihn gefragt, wo er geparkt hat, doch wozu? »Wo ist das Geld?«, fragt er. Ich deute mit dem Kopf über die Schulter, und er schnappt sich die Tasche. Er öffnet die Zigarrenkiste und zählt die Scheine im Licht einer kleinen Schlüsselanhängerlampe. Er sieht auf, sagt: »Rechts abbiegen«, und zählt weiter. Als wir den Ort hinter uns lassen, atmet er voller Befriedigung tief ein und grinst mich blöde an. »Alles da«, sagt er. »Trauen Sie mir etwa nicht?« »Natürlich nicht, Rudd.« Er deutet auf die Shell-Tankstelle. »Wollen Sie ein Bier?« »Nein. Ich trinke normalerweise um halb sechs morgens kein Bier.« »Das ist die beste Zeit. Fahren Sie da rein.« Er geht ohne das Geld in den Shop. Er lässt sich Zeit, nimmt sich eine Tüte Chips zum Sixpack und schlendert zurück, als hätte er nicht eine einzige Sorge. Während wir losrollen, reißt er eine Dose auf. Er schlürft lautstark und öffnet die Chipstüte. »Wo fahren wir hin, Swanger?«, frage ich ziemlich gereizt. »Auf die Interstate und dann nach Süden. Der Van riecht noch neu, wissen Sie das, Rudd? Ich glaube, den alten fand ich besser.« Er kaut krachend auf einer Ladung Chips herum und spült alles mit einem Bier hinunter. »Pech gehabt. Krümeln Sie hier nicht rum. Partner hasst Krümel im Auto.« »Ist das Ihr Bodyguard?« »Sie wissen genau, wer das ist.« Wir sind auf der Route 63, die immer noch dunkel und verlassen ist. Kein Sonnenaufgang in Sicht. Ich denke ständig, dass ich unsere Beschatter irgendwo entdecken muss, aber dafür sind sie natürlich zu gut. Sie sind da hinten oder da vorn oder warten an der Interstate. Was weiß ich schon von solchen Dingen? Ich bin Anwalt. Swanger zieht ein kleines Handy aus der Hemdtasche und hält es hoch, sodass ich es sehen kann. »Nur damit wir uns richtig verstehen, Rudd. Wenn ich einen Cop sehe, einen Cop rieche oder einen Cop höre, drücke ich eine Taste an diesem Handy, und dann passiert irgendwo, weit weg von hier, etwas ganz Schlimmes. Kapiert?« »Ich hab’s verstanden. Und jetzt will ich wissen, wo, Swanger. Das ist das Erste. Wo, wann, wie. Sie haben das Geld, jetzt schulden Sie uns die Geschichte. Wo ist die Frau, und wie kommen wir an sie heran?« Er leert die Dose, schmatzt, stopft sich eine weitere Ladung Chips in den Mund, und für ein paar Kilometer scheint es ihm die Sprache verschlagen zu haben. Dann öffnet er eine weitere Bierdose. »Nach Süden«, sagt er an der Kreuzung. In Richtung Norden ist der Verkehr ziemlich dicht, weil die ersten Pendler in die Stadt unterwegs sind. In Richtung Süden ist so gut wie nichts los. Ich sehe ihn an und würde ihm gern das höhnische Grinsen aus dem Gesicht schlagen. »Swanger!« Er trinkt einen Schluck und richtet sich auf. »Die Mädchen sind von Chicago nach Atlanta verlegt worden. Sie wechseln häufig den Ort, alle vier bis fünf Monate. Erst gehen sie in einer Stadt in die Vollen, aber nach einer Weile fangen die Leute an zu reden, die Cops werden neugierig, also setzen sie sich ab und verlegen ihr Geschäft woandershin. Wenn man hübsche junge Frauen zu einem guten Preis anbietet, sickert schnell was durch.« »Sie müssen’s ja wissen. Ist Jiliana Kemp noch am Leben?« »O ja. Die ist sehr lebendig. Ziemlich aktiv, wenn auch nicht ganz freiwillig.« »Und sie ist in Atlanta?« »Im Großraum Atlanta.« »Das ist eine riesige Stadt, Swanger, und wir haben keine Zeit für Spielchen. Wenn Sie eine Adresse haben, geben Sie mir die. Das ist der Deal.« Er atmet tief ein und gönnt sich noch einen kräftigen Schluck. »Sie sind in einem großen Einkaufszentrum mit jeder Menge Verkehr, Autos und Menschen, die kommen und gehen. Die Firma nennt sich Atlas Physical Therapy, ist aber bloß ein teures Bordell. Kein Eintrag im Telefonbuch. Physiotherapie auf Anfrage. Nur mit Terminvereinbarung, keine Laufkundschaft. Jeder Kunde braucht eine Empfehlung von einem anderen Kunden, damit sie – die Cheftherapeuten – wissen, mit wem sie es zu tun haben. Als Kunde stellt man sein Auto auf dem Parkplatz ab, holt sich vielleicht ein Eis bei Baskin-Robbins, schlendert über den Gehweg und verschwindet unauffällig bei Atlas. Ein Typ im weißen Kittel begrüßt einen freundlich, aber unter dem Kittel trägt er eine geladene Waffe. Er gibt sich als Physiotherapeut aus und versteht tatsächlich eine Menge von Knochenbrüchen. Er nimmt das Geld, sagen wir dreihundert Dollar in bar, und führt einen zu mehreren Zimmern hinten im Gebäude. Er deutet auf eines davon, man spaziert hinein und findet ein schmales Bett vor und ein junges, hübsches Mädchen, das fast nackt ist. Man hat zwanzig Minuten. Dann geht man durch eine andere Tür wieder raus, und keiner weiß, dass man eine Therapiesitzung hinter sich hat. Die Mädchen sind den ganzen Nachmittag beschäftigt – der Vormittag ist frei, weil sie bis spät arbeiten –, dann werden sie in die Stripclubs verfrachtet, wo sie tanzen und ihre Show abziehen. Um Mitternacht werden sie nach Hause gebracht, in eine nette Wohnanlage, wo sie die Nacht über eingesperrt sind.« »Wer leitet das Ganze?« »Menschenhändler, extrem unangenehme Burschen. Eine Gang, ein Ring, ein Kartell, eine disziplinierte Bande Krimineller, die meisten mit Verbindungen nach Osteuropa, teilweise aber auch von hier. Sie missbrauchen die Mädchen, halten sie in ständiger Angst und Unsicherheit und machen sie süchtig nach Heroin. Die meisten unserer Bürger können sich nicht vorstellen, dass es in unseren Städten Menschenhandel mit Sexsklavinnen gibt, aber es gibt ihn. Überall. Die Menschenhändler halten nach Mädchen Ausschau, die von zu Hause weggelaufen sind oder auf der Straße leben, nach Kindern aus zerrütteten Familien, die nach einem Ausweg suchen. Es ist ein widerliches Geschäft, Rudd. Wirklich übel.« Ich setze an, ihn zu beschimpfen und zu verfluchen und an seine ziemlich zentrale Rolle bei diesem Geschäft zu erinnern, das ihm angeblich zuwider ist, aber wozu sollte das gut sein? Also spiele ich mit. »Wie viele Mädchen sind es?« »Schwer zu sagen. Sie teilen sie auf, verlegen sie immer wieder. Ein paar sind endgültig verschwunden.« Ich hake lieber nicht weiter nach. Nur ein Perverser, der an dem Geschäft beteiligt ist, kann all das wissen. Er hebt den Finger. »Fahren Sie an dieser Ausfahrt ab, und wechseln Sie die Richtung, nach Norden.« »Wo fahren wir hin, Swanger?« »Ich zeige es Ihnen. Nur Geduld.« »Okay. Was ist mit der Adresse?« »Also, wenn ich die Polizei wäre, würde ich Folgendes tun«, sagt er plötzlich voller Autorität. »Ich würde Atlas beobachten und mir einen Freier schnappen, der direkt von der Therapie kommt. Wahrscheinlich ist das ein örtlicher Versicherungsvertreter, der zu Hause nicht genug Sex bekommt und sich in eins der Mädchen verliebt hat – man kann sagen, welches man haben will, aber Sonderwünsche sind unverbindlich, die haben da ihre Regeln. Vielleicht ist es auch ein schmieriger Anwalt wie Sie, Rudd, einer, der es überall probiert, aber nicht oft zum Zug kommt, und für dreihundert Dollar bekommt er seine Therapie.« »Und dann?« »Sie schnappen sich den Burschen, jagen ihm ordentlich Angst ein, und nach ein paar Minuten singt er wie ein Vögelchen. Er erzählt ihnen alles, vor allem, wie es drinnen aussieht. Sie machen ihn fertig, bis er heult, dann lassen sie ihn gehen. Sie, die Cops, haben schon einen Durchsuchungsbeschluss. Sie umstellen den Laden mit einem dieser SWAT-Teams, und alles läuft wie geschmiert. Die Mädchen werden gerettet. Die Menschenhändler werden auf frischer Tat ertappt, und wenn die Polizei es richtig anstellt, kann sie einen davon sofort umdrehen. Wenn er singt, fliegt der ganze Ring auf, Hunderte Mädchen und Dutzende Gangster … Könnte eine große Sache werden, Rudd, und wir beide, Sie und ich, haben es in der Hand.« »Ja, wir sind ein tolles Team, Swanger.« Ich nehme die Ausfahrt und die Überführung über die Interstate, bevor ich auf der anderen Seite in Richtung Norden wieder auffahre. Die Beschatter fragen sich bestimmt, was mit mir los ist. Mein Beifahrer macht noch eine Dose auf, die dritte. Die Chips sind weg, und ich bin mir sicher, dass er gekrümelt hat. Ich beschleunige auf hundertfünfzehn und sage: »Die Adresse, Swanger.« »In einem Vorort, Vista View, etwa fünfzehn Kilometer westlich vom Stadtzentrum von Atlanta. Das Einkaufszentrum heißt West Ivy. Atlas Physical Therapy befindet sich neben Sunny Boy Cleaners. Die Mädchen kommen gegen ein Uhr.« »Und Jiliana Kemp ist eine davon?« »Das habe ich schon beantwortet, Rudd. Denken Sie, ich würde Ihnen das alles erzählen, wenn sie nicht da wäre? Aber die Polizei soll sich beeilen. Diese Leute können ihr ganzes Zeug in Minuten zusammenpacken und verschwinden.« Ich habe, was ich brauche, also halte ich den Mund. »Kann ich ein Bier haben?«, frage ich dann, ich weiß selbst nicht, warum. Einen Augenblick lang wirkt Swanger irritiert, als bräuchte er alle sechs selbst, doch dann grinst er und gibt mir eine Dose. 16 Ein paar Kilometer weiter, nach einer langen Pause angenehmer Stille, nickt Swanger. »Da sind wir. Dr. Woo und sein Vasektomie-Plakat. Da werden Erinnerungen wach, was, Rudd?« »Ich habe eine endlose Nacht hier verbracht und beim Graben zugesehen. Warum haben Sie das getan, Swanger?« »Warum habe ich was getan, Rudd? Warum ich das Mädchen entführt habe? Warum ich sie missbraucht habe? Und verkauft? Sie ist nicht die Erste, wissen Sie.« »Das ist mir inzwischen egal. Ich kann nur hoffen, sie ist die Letzte.« Er schüttelt den Kopf und sagt ein wenig melancholisch: »Bestimmt nicht. Halten Sie am Straßenrand.« Ich trete auf die Bremse, und der Van kommt unter den hellen Lichtern von Dr. Woo zum Stehen. Swanger schnappt sich die Tüte mit dem Geld, lässt das Bier stehen und reißt die Tür auf. »Richten Sie den Bullen aus, die finden mich nie.« Er steigt aus dem Auto, knallt die Tür zu, springt über den Graben ins hohe Gras, steigt über einen Zaun und verschwindet unter der Plakatwand. Mein letztes Bild von Swanger ist, wie er tief geduckt zwischen den dicken Pfosten durchschlüpft, so schnell, dass er gerade noch die Kurve kriegt, und dann im hohen Mais verschwindet. Zur Sicherheit fahre ich einen Kilometer weiter, halte dann und rufe die Polizei an. Die Cops haben jedes Wort mitgehört, das während der letzten Stunde im Van gesprochen wurde, daher gibt es für mich nicht viel zu berichten. Ich betone, dass es ein Fehler wäre, Swanger in die Enge zu treiben, bevor die Razzia in Atlanta zu Ende ist. Sie scheinen meiner Meinung zu sein. Ich sehe keine Bewegung in dem Maisfeld an der Plakatwand oder in der Umgebung. Während ich in die Stadt zurückkehre, summt mein Handy. Max Mancini. »Guten Morgen«, sage ich. »Ich habe eben mit Richterin Fabineau gesprochen. Sieht so aus, als hätte sie eine üble Lebensmittelvergiftung. Also heute keine Verhandlung.« »Oh, das ist aber schade.« »Ich wusste, dass Sie enttäuscht sein würden. Schlafen Sie sich aus, wir reden später.« »Okay. Soll ich mich bei Ihnen melden?« »Ja. Und – gute Arbeit, Rudd.« »Wir werden sehen.« Ich hole Partner in seiner Wohnung ab, und wir gönnen uns ein ausgiebiges Frühstück mit Waffeln in einem Fast-Food-Restaurant. Ich erzähle von den Erlebnissen der letzten sieben Stunden, und er hört wie immer zu, ohne ein Wort zu sagen. Ich sollte mich hinlegen und versuchen zu schlafen, aber ich bin zu aufgedreht. Ich versuche, im Gericht die Zeit totzuschlagen, doch die Razzia in Atlanta beschäftigt mich so, dass ich an nichts anderes denken kann. Normalerweise würde ich mich hektisch auf Tadeos Verhandlung vorbereiten, aber ich weiß nicht, ob die überhaupt noch stattfindet. Ich habe meinen Teil des Geschäfts erfüllt, und der Deal müsste stehen, egal, was mit Jiliana Kemp ist. Eine nette kleine Absprache, die es meinem Mandanten erlaubt, wieder zu kämpfen, und zwar recht bald. Aber ich traue im Augenblick keinem, mit dem ich zu tun habe. Wenn bei der Razzia nichts herauskommt, würde es mich nicht wundern, wenn sich der Bürgermeister, Max Mancini, Moss Korgan, Go Slow Fabineau und die Polizei gegen mich verbünden, nach dem Motto: »Zum Teufel mit Rudd und seinem Mandanten! Stellen wir ihn vor Gericht.« 17 Um vierzehn Uhr wimmelt es auf dem Parkplatz im West Ivy Shopping Center nur so von FBI-Beamten in Freizeitkleidung jeder Art, die mit Zivilfahrzeugen unterwegs sind. Die schwer bewaffneten Kollegen warten in nicht gekennzeichneten Kleinbussen. Der unglückselige Freier ist ein einundvierzigjähriger Autoverkäufer namens Ben Brown. Verheiratet, vier Kinder, ein nettes Eigenheim in der Nähe. Nach der Therapie verlässt er Atlas durch eine nicht gekennzeichnete Tür, marschiert zu seinem Fahrzeug, einem Vorführwagen, und darf fast einen Kilometer weit fahren, bevor er von einem einheimischen Polizisten angehalten wird. Zuerst protestiert er, weil er doch gar nicht zu schnell gefahren sei, aber als ein schwarzer SUV vor seinem Auto zum Stehen kommt, wird ihm klar, dass er in echten Schwierigkeiten steckt. Er wird zwei FBI-Beamten vorgestellt und zum Fond ihres Fahrzeugs geführt. Dort erfährt er, dass er wegen Aufforderung zur Prostitution festgenommen ist und dass ihm vermutlich ein Verfahren wegen einer Vielzahl von Straftaten nach Bundesrecht bevorsteht. Ihm wird mitgeteilt, dass Atlas von einem landesweit operierenden Sexring betrieben werde, daher die Zuständigkeit der Bundesbehörden. Browns Leben zieht vor seinem geistigen Auge an ihm vorüber, und er kann kaum die Tränen zurückhalten. Er sagt den Beamten, dass er eine Frau und vier Kinder habe. Das ist ihnen egal. Ihm droht eine langjährige Haftstrafe. Allerdings zeigen sich die Beamten für einen Deal offen. Wenn er ihnen alles sagt, kann er als freier Mann in sein Auto steigen und wegfahren. Einerseits würde Brown gern jede Aussage verweigern und einen Anwalt verlangen. Andererseits will er den Beamten vertrauen und seine Haut retten. Er fängt an zu reden. Es ist sein vierter oder fünfter Besuch bei Atlas. Sonst war er immer bei einem anderen Mädchen, aber das ist das Schöne an dem Laden, das vielfältige Angebot. Dreihundert Dollar pro Stich. Kein Papierkram, natürlich nicht. Er wurde von einem Kollegen beim Autohändler empfohlen. Alles läuft sehr diskret. Ja, er hat sich wiederum für zwei Freunde verbürgt. Ohne Empfehlung geht gar nichts, die Sicherheitsvorkehrungen sind streng, die Vertraulichkeit ist gewährleistet. Hinter der Eingangstür liegt ein kleiner Empfangsbereich, wo immer derselbe Mann wartet, ein gewisser Travis, der einen weißen Kittel trägt, um authentischer zu wirken. Durch eine Tür geht es zu sechs bis acht weitgehend identischen Zimmern: schmales Bett, kleiner Stuhl, nacktes Mädchen. Es geht alles sehr schnell. Es ist so eine Art Drive-in-Sexshop, schnell rein, schnell raus, nicht so wie damals in Las Vegas, wo das Mädchen bei ihm blieb und mit ihm Pralinen aß und Champagner trank. Die Mienen der Beamten sind wie versteinert. »Sind noch mehr Männer vor Ort?« Ja, vielleicht, es kommt ihm so vor, als wäre das eine Mal noch einer da gewesen. Alles ist extrem sauber und effizient, nur die Wände sind ziemlich dünn, da hört man manchmal eindeutige Laute von anderen Therapiesitzungen. Die Mädchen? Also, natürlich gibt es eine Tiffany, eine Brittany, eine Amber, aber wer weiß schon, wie sie wirklich heißen. Brown wird mit einer Ermahnung laufen gelassen. Er fährt eilig davon, um seine Kumpane zu warnen, sich von Atlas fernzuhalten. Augenblicke später beginnt die Razzia. Da alle Türen von schwer bewaffneten Beamten blockiert sind, ist an Widerstand oder Flucht nicht zu denken. Drei Männer werden in Handschellen abgeführt. Sechs Mädchen, darunter Jiliana Kemp, werden gerettet und in Schutzhaft genommen. Kurz vor fünfzehn Uhr ruft sie hysterisch schluchzend ihre Eltern an. Ihre Entführung liegt dreizehn Monate zurück. Sie hat in der Gefangenschaft entbunden. Sie hat keine Ahnung, was mit ihrem Baby geschehen ist. Unter dem enormen Druck knickt einer der Beteiligten ein und fängt an zu singen. Zuerst spuckt er Namen aus, dann Adressen, dann alles, was ihm nur einfällt. Allmählich wird klar, dass es sich um ein riesiges Netz handelt. Die FBI-Büros in einem Dutzend Städte legen alles andere auf Eis. Einer von Woodys Bankerfreunden hat einen Firmenjet und will ihn unbedingt schicken. Um neunzehn Uhr – jener Zeit, zu der sie sich sonst nach dem Albtraum bei Atlas auf ihre Auftritte als Stripperin und Tabledancer vorbereitet – fliegt Jiliana Kemp überraschend nach Hause. Eine Flugbegleiterin kümmert sich um sie und wird später sagen, sie habe während des gesamten Fluges geweint. 18 Arch Swanger ist wieder einmal durch die Maschen geschlüpft. Nachdem er im Maisfeld verschwunden ist, verliert sich seine Spur. Die Polizei meint, dort hätte sie ihn noch erwischen können, aber da sie bis nach der Razzia warten musste, hat sie ihn irgendwie verloren. Es liegt auf der Hand, dass er einen Komplizen hat. Das Stoppschild in Jobes, an dem ich ihn aufgesammelt habe, ist fünfundsechzig Kilometer von Dr. Woos Plakatwand an der Interstate entfernt. Irgendwer muss das Fluchtauto gefahren haben. Ich bezweifle, dass das unsere letzte Begegnung war. 19 Nach Einbruch der Dunkelheit fahre ich mit Partner zum Gefängnis, um Tadeo die gute Nachricht zu überbringen. Ihm wird die beste aller denkbaren Absprachen angeboten – ein mildes Urteil, angenehmere Haftbedingungen, garantierte vorzeitige Entlassung auf Bewährung. Wenn er Glück hat, steht er in zwei Jahren wieder im Ring. Die Aura des Exsträflings und das berühmte YouTube-Video können seiner Karriere nur zuträglich sein. Ich bin selbst ganz aufgeregt, wenn ich an sein Comeback denke. Voller Befriedigung erkläre ich ihm die Einzelheiten. Das Abenteuer mit Swanger behalte ich für mich und betone stattdessen meine hervorragende Leistung als Verhandlungsführer und knallharter Prozessanwalt. Tadeo zeigt sich unbeeindruckt. Er sagt Nein. Nein! Ich versuche, ihm zu erklären, dass er gar nicht ablehnen kann. Ihm drohen zehn Jahre oder mehr in einem besonders strengen Gefängnis, und jetzt biete ich ihm eine Absprache an, die so toll ist, dass die vorsitzende Richterin immer noch fassungslos ist. Wach auf, Junge! Nein. Ich bin wie vor den Kopf geschlagen, kann es nicht fassen. Er sitzt mit vor der Brust verschränkten Armen da, die arrogante kleine Ratte, und sagt immer wieder Nein. Keine Absprache. Er wird sich auf keinen Fall schuldig bekennen. Er hat die Geschworenen gesehen, und nach anfänglichen Zweifeln ist er jetzt wieder davon überzeugt, dass sie ihn nicht verurteilen werden. Er wird darauf bestehen, auszusagen und seine Seite der Geschichte zu schildern. Er ist aufgeblasen, stur und ärgert sich, dass er sich schuldig bekennen soll. Ich bleibe ruhig und fange wieder mit den grundlegenden Tatsachen an: den Anklagepunkten, den Beweisen, dem Video, unserem Sachverständigengutachten, das auf höchst wackligen Beinen steht, der Zusammensetzung der Jury, dem Gemetzel, das ihn im Kreuzverhör erwartet, der Wahrscheinlichkeit, dass er zehn Jahre Gefängnis oder mehr bekommt. Nichts davon erreicht ihn. Er ist ein unschuldiger Mann, der sozusagen aus Versehen einen Ringrichter mit bloßen Händen getötet hat, und das kann er den Geschworenen erklären. Er wird als freier Mann aus dem Gericht kommen, und dann wird er alte Rechnungen begleichen. Er wird sich einen neuen Manager und einen neuen Anwalt suchen. Er wirft mir vor, nicht zu ihm zu stehen. Das ärgert mich so, dass ich ihn »Idiot« nenne. Ich frage ihn, wer im Zellenblock ihm das eingeredet hat. Die Sache eskaliert, und nach einer Stunde stürme ich aus dem Raum. Ich dachte, ich würde mal eine Nacht schlafen können, aber es sieht so aus, als wäre es damit wieder nichts – wie immer vor einer Verhandlung. 20 Am Donnerstagmorgen um fünf Uhr trinke ich starken Kaffee und lese im Internet den Chronicle. Alles dreht sich um die Rettung von Jiliana Kemp. Das größte Foto auf der Titelseite entspricht genau meinen Vorstellungen: Bürgermeister Woody in voller Pracht am Rednerpult mit Roy Kemp an seiner Seite und hinter den beiden ein Meer blauer Uniformen. Jiliana ist nicht auf dem Foto, aber eine etwas kleinere Aufnahme zeigt, wie sie am Flughafen aus dem Jet steigt. Baseballkappe, große Sonnenbrille, Kragen hochgeschlagen, viel sieht man nicht, doch sie scheint in halbwegs gutem Zustand zu sein. Sie erhole sich zu Hause im Kreis ihrer Freunde und Familie, heißt es. Seitenlang wird über den Sexsklavinnenring berichtet. Die FBI-Operation läuft offenbar noch. Im ganzen Land werden Leute festgenommen. Bisher wurden fünfundzwanzig Mädchen gerettet. In Denver gab es eine Schießerei, aber niemand wurde ernsthaft verletzt. Zum Glück werden Jilianas Heroinsucht und das verschwundene Baby mit keinem Wort erwähnt. Der eine Albtraum ist vorbei, andere noch nicht. Wahrscheinlich sollte ich mich im stillen Kämmerlein freuen, dass ich meinen Beitrag dazu leisten konnte, aber das tue ich nicht. Ich habe Informationen verschachert, um einem Mandanten zu helfen. Das war alles. Leider benimmt sich dieser Mandant wie ein Idiot, und ich habe gar nichts von dem Handel. Ich warte bis sieben Uhr morgens, bevor ich eine SMS an Max Mancini und Richterin Fabineau schicke. »Nach ausführlicher Diskussion hat sich mein Mandant entschlossen, die jetzt von der Staatsanwaltschaft angebotene Absprache nicht anzunehmen. Ich habe ihm dringend zur Annahme geraten, aber vergeblich. Es sieht so aus, als müsste die Verhandlung fortgesetzt werden, sofern es die Gesundheit der Richterin erlaubt. Tut mir leid. SR.« »Gehen wir es an«, schreibt Mancini zurück. »Wir sehen uns später.« Er ist natürlich entzückt, dass er nun doch seinen großen Auftritt bekommt. Richterin Fabineau hat sich offenbar schnell erholt. »Okay, the show must go on. Wir sehen uns um 8.30 Uhr im Richterzimmer. Ich gebe meinem Gerichtsdiener Bescheid.« 21 Die Akteure versammeln sich im Gerichtssaal, als wäre gestern nichts passiert, zumindest nichts, was sich irgendwie auf die Verhandlung auswirken könnte. Einige von uns wissen Bescheid – ich, der Staatsanwalt, die Richterin, Partner –, aber sonst ahnt keiner etwas, und das ist auch gut so. Ich tuschle mit Tadeo. Er hat seine Meinung nicht geändert, er kann diesen Prozess gewinnen. Wir ziehen uns zur Morgenbesprechung ins Richterzimmer zurück. Um mich abzusichern, bitte ich Fabineau und Mancini, meinen Mandanten seine Entscheidung persönlich zu Protokoll geben zu lassen, damit auch in ein paar Jahren noch klar ist, dass er sich geweigert hat, die Absprache anzunehmen. Ein Gerichtsdiener führt ihn herein, keine Handschellen, keine Fußfesseln. Er lächelt und ist ausgesprochen höflich. Er wird vereidigt und sagt, er sei bei klarem Verstand und sei sich der Tragweite seiner Handlungen vollauf bewusst. Fabineau bittet Mancini, die Bestimmungen der Absprache zu wiederholen: fünf Jahre, wenn er sich des Totschlags schuldig bekennt. Die Richterin sagt, sie könne ihm keine bestimmte Haftanstalt zusagen, meint aber, in einem Gefängnis mit niedriger Sicherheitsstufe ganz in der Nähe wäre Mr. Zapate gut untergebracht. Nur zehn Kilometer entfernt, da könne ihn seine Mutter oft besuchen. Was die Bewährung angehe, so falle diese nicht ihre Zuständigkeit, doch sie könne in ihrem Urteil eine vorzeitige Freilassung empfehlen. Hat er das alles verstanden? Ja, sagt er, aber er will sich trotzdem nicht schuldig bekennen. Ich erkläre, dass ich ihm geraten habe, die Absprache anzunehmen. Er sagt, er hat meinen Rat verstanden, aber er nimmt ihn nicht an. Dann wird es inoffiziell, und die Gerichtsstenografin schreibt nicht mehr mit. Richterin Fabineau faltet die Hände wie eine Kindergartentante und erklärt Tadeo in einfachen Worten, die jeder Idiot verstehen müsste, dass ein so vorteilhafter Deal bei einem Tötungsdelikt äußerst ungewöhnlich ist. Mit anderen Worten: Junge, wenn du das ablehnst, bist du blöd. Er lässt sich nicht erweichen. Dann erklärt Mancini, dass er als erfahrener Staatsanwalt noch nie so ein mildes Urteil angeboten habe. Das sei absolut außergewöhnlich. Achtzehn Monate oder so in Haft, voller Zugang zum Kraftraum, und in dem Gefängnis sei die Ausstattung hervorragend. Bevor Tadeo weiß, wie ihm geschieht, steht er wieder im Käfig. Tadeo schüttelt den Kopf. 22 Die Geschworenen kommen im Gänsemarsch herein und sehen sich nervös, aber erwartungsvoll um. Im Gerichtssaal herrscht gespannte Erwartung angesichts des Dramas, das nun seinen Lauf nehmen soll, doch ich spüre nur den üblichen Kloß in der Magengrube. Der erste Tag ist immer der schlimmste. Während die Stunden vergehen, wird alles zur Routine, und das Kribbeln im Bauch lässt allmählich nach. Im Augenblick würde ich mich jedoch am liebsten übergeben. Ein alter Prozessanwalt hat mir einmal gesagt, falls ich je in einen Gerichtssaal gehe und den Geschworenen ohne Lampenfieber gegenübertrete, sei es an der Zeit aufzuhören. Mancini erhebt sich entschlossen und marschiert zu den Geschworenenbänken. Er setzt sein routiniertes Begrüßungslächeln auf und sagt Guten Morgen. Tut ihm leid, dass sich das gestern verzögert hat. Wie gesagt, er heißt Max Mancini und ist leitender Staatsanwalt. Dies ist eine ernste Sache, weil ein Mensch gestorben ist. Sean King war ein anständiger Mann, ein liebevoller Ehemann und Familienvater, der hart arbeitete und sich als Ringrichter ein paar Dollar dazuverdienen wollte. Es ist eindeutig, woran er gestorben ist und wer ihn getötet hat. Der Angeklagte, der da drüben sitzt, wird versuchen, sie zu verwirren und davon zu überzeugen, dass das Gesetz Ausnahmen für Menschen vorsieht, die vorübergehend oder dauerhaft unzurechnungsfähig sind. Unfug. Er faselt ein wenig vor sich hin, ohne seine Notizen zu Hilfe zu nehmen. Ich weiß bereits seit einiger Zeit, dass Mancini Probleme bekommt, wenn er sich nicht an das Drehbuch hält. Echte Meister im Gerichtssaal wirken, als würden sie improvisieren, während sie in Wirklichkeit stundenlang auswendig gelernt und geübt haben. Zu denen zählt Mancini nicht, obwohl er nicht so schlimm ist wie die meisten Staatsanwälte. Aber nun tut er etwas sehr Kluges: Er verspricht den Geschworenen, dass sie in Kürze das berühmte Video sehen werden. Er lässt sie zappeln. Dabei könnte er es schon jetzt, in dieser frühen Phase der Verhandlung, zeigen. Go Slow hat das bereits erlaubt. Stattdessen steigert er die Spannung. Ein äußerst geschickter Zug. Sein Eröffnungsplädoyer ist nicht besonders lang, weil seine Anklage bombensicher steht. Spontan erhebe ich mich und erkläre der Richterin, dass ich mein Eröffnungsplädoyer erst zu Beginn der Verteidigung halten werde, was nach der Prozessordnung zulässig ist. Mancini übernimmt wieder und ruft als erste Zeugin die Witwe auf, Mrs. Beverly King. Sie ist eine nett aussehende Frau, die wie für den Kirchgang gekleidet ist und panische Angst vor dem Zeugenstand hat. Mancini exerziert mit ihr das übliche Beileidsritual durch, und schon nach wenigen Minuten ist sie in Tränen aufgelöst. Diese Ausführungen haben nicht das Geringste mit Schuld oder Unschuld zu tun, aber es ist immer zulässig, den Anwesenden einzubläuen, dass der Verstorbene tatsächlich tot ist und seine Hinterbliebenen leiden. Sean King war ein treuer Ehemann, fürsorglicher Vater, fleißiger Arbeiter, Ernährer der Familie, ergebener Sohn seiner lieben Mutter. Zwischen Schluchzern kristallisiert sich das Bild heraus, das, wie immer, dramatisch ist. Die Geschworenen schlucken es bereitwillig, und einige von ihnen bedenken Tadeo mit finsteren Blicken. Ich habe ihm eingebläut, die Geschworenen nicht anzusehen, sondern stattdessen aufmerksam am Tisch zu sitzen und ununterbrochen auf seinem Block herumzukritzeln. Bloß nicht den Kopf schütteln. Keinerlei Reaktion oder Emotionen zeigen. Es gibt keinen Augenblick, in dem ihn nicht mindestens zwei Geschworene beobachten. Ich nehme Mrs. King nicht ins Kreuzverhör. Sie wird entlassen und setzt sich wieder neben ihre drei Kinder in die erste Reihe. Eine wunderbare Familie, die da allen, aber insbesondere den Geschworenen, präsentiert wird. Der nächste Zeuge ist der Rechtsmediziner, ein forensischer Pathologe namens Dr. Glover mit langjähriger Erfahrung. Weil ich im Laufe meines Berufslebens bereits in einer ganzen Reihe grausiger Mordfälle Verteidiger war, haben wir beide uns schon mehrfach vor einem Geschworenengericht beharkt, in genau diesem Gerichtssaal. Er hat Sean King am Tag nach dessen Tod obduziert und kann dies durch Fotos belegen. Vor einem Monat hätten Mancini und ich uns wegen der Autopsiefotos fast geprügelt. Normalerweise werden diese Aufnahmen nicht zugelassen, weil sie so schockierend und damit schädlich sind. Mancini hat Go Slow jedoch davon überzeugt, dass drei der harmloseren als Beweismaterial erforderlich sind. Das erste Bild zeigt King auf dem Obduktionstisch, bis auf ein weißes Handtuch in der Körpermitte ist er nackt. Das zweite ist eine Nahaufnahme von seinem Gesicht, die direkt von oben gemacht wurde. Das dritte zeigt seinen rasierten Schädel, der nach rechts gedreht wurde, um die massiven Schwellungen um mehrere Schnitte herum zu zeigen. Die etwa zwanzig Fotos, die Go Slow klugerweise ausgeschlossen hat, sind so drastisch, dass kein Richter bei klarem Verstand sie in der Verhandlung zulassen würde: das Absägen der Schädeldecke, Detailaufnahmen des geschädigten Gehirns und zuletzt ein Foto des Gehirns allein auf einem Labortisch. Diejenigen, die für zulässig erklärt wurden, werden auf eine hohe, breite Leinwand projiziert. Mancini arbeitet mit dem Rechtsmediziner jedes Bild einzeln durch. Todesursache war ein durch stumpfe Gewalt verursachtes Trauma aufgrund wiederholter Schläge gegen die obere Gesichtshälfte. Wie viele Schläge? Das wird aus dem Video hervorgehen. Es ist ein weiterer geschickter Schachzug von Mancini, das Video während der Aussage des medizinischen Sachverständigen einzuführen. Die Lichter werden gedämpft, und wir erleben die Tragödie noch einmal: zwei Kämpfer im Ring, die sich beide für den Sieger halten, Sean King, der die rechte Hand eines überrascht wirkenden Crush in die Höhe hebt, Tadeo, der ungläubig die Schultern sinken lässt, dann urplötzlich Crush einen Hieb von der Seite versetzt, einen brutalen Schlag. Bevor Sean King reagieren kann, boxt Tadeo ihm mit der Rechten gegen die Nase, dann mit der Linken, Sean King stürzt rücklings gegen den Drahtkäfig, wo er in sich zusammengesunken sitzen bleibt, wehrlos, bewusstlos, und Tadeo stürzt sich wie eine Bestie auf ihn und drischt auf ihn ein. »Zweiundzwanzig Schläge gegen den Kopf«, erklärt Dr. Glover den Geschworenen, die die Brutalität gebannt beobachten. Vor ihren Augen wird ein völlig gesunder Mann totgeprügelt. Und mein Schwachkopf von Mandant denkt, er wird freigesprochen. Das Video endet, als Norberto in den Ring stürzt und Tadeo packt. Zu diesem Zeitpunkt ruht Sean Kings Kinn auf seiner Brust, und sein Gesicht ist nur noch eine blutige Masse. Crush ist bewusstlos. Andere Personen tauchen im Bild auf, es folgt Chaos. Als der Tumult ausbricht, wird die Leinwand dunkel. Die Ärzte versuchten alles, um die massive Schwellung von Sean Kings Gehirn zu reduzieren, aber nichts half. Er starb fünf Tage später, ohne das Bewusstsein wiedererlangt zu haben. Auf das Video folgt ein CT-Bild, und Dr. Glover spricht von Gehirnquetschungen. Ein weiteres Bild, und er redet von Blutungen in den Hemisphären. Eine andere Aufnahme zeigt ein großes subdurales Hämatom. Der Zeuge erörtert seit vielen Jahren Autopsien und Todesursachen vor Geschworenengerichten und weiß, wie er aussagen muss. Er lässt sich Zeit, erklärt die Dinge und versucht, Fachchinesisch zu vermeiden. Dies muss einer seiner einfacheren Fälle sein, wegen des Videos. Das Opfer war völlig gesund, als es den Käfig betrat. Es verließ ihn auf einer Trage, und die ganze Welt weiß, warum. Sich vor einem Geschworenengericht mit einem Sachverständigen anzulegen ist immer riskant. Meistens zieht der Anwalt bei der Auseinandersetzung den Kürzeren und verliert an Glaubwürdigkeit. In Anbetracht der Sachlage ist es mit meiner Glaubwürdigkeit ohnehin nicht weit her. Den Rest will ich nicht auch noch einbüßen. Ich erhebe mich und sage höflich: »Keine Fragen.« »Was soll das?«, zischt Tadeo, als ich mich setze. »Du musst dir den Kerl vorknöpfen!« »Das reicht«, erwidere ich zähneknirschend. Ich habe seine Überheblichkeit gründlich satt, und er traut mir offensichtlich nicht. Ich bezweifle, dass sich unsere zerrüttete Beziehung noch einmal erholt. 23 In der Verhandlungspause am Nachmittag bekomme ich eine SMS von Miguel Zapate. Ich habe ihn am Vormittag im Gerichtssaal gesehen, er war unter den Verwandten und Freunden, die sich auf der hintersten Bank drängten und aus sicherer Entfernung alles genau verfolgten. Wir treffen uns im Gang und gehen nach draußen. Norberto, der frühere Manager von Team Zapate, schließt sich uns an. Partner folgt mit einigem Abstand. Ich erkläre ihnen ausführlich, dass Tadeo einen sehr guten Deal ablehnt. Er könnte in achtzehn Monaten auf freiem Fuß sein und wieder kämpfen. Sie haben ein besseres Angebot. Geschworener Nummer zehn ist Esteban Suarez, achtunddreißig, Lkw-Fahrer bei einer Lebensmittelfirma. Vor fünfzehn Jahren legal aus Mexiko eingewandert. Miguel sagt, er hat einen Freund, der ihn kennt. Ich lasse mir meine Überraschung nicht anmerken, als wir uns auf dieses gefährliche Terrain begeben. Wir biegen in eine schmale Einbahnstraße ein, die völlig im Schatten der hohen Gebäude liegt. »Woher kennt dein Freund ihn?«, erkundige ich mich. Miguel ist ein kleiner Straßengangster, ein Drogenkurier am unteren Ende der Hierarchie für eine Gang, die stark in den Kokainhandel involviert ist, aber vom Profit nicht viel abbekommt. In der undurchsichtigen Vertriebskette stehen Miguel und seine Leute irgendwo in der Mitte, wo es keinen Spielraum nach oben gibt. Das war genau die Situation, in der sich Tadeo befand, als ich ihn vor nicht einmal zwei Jahren kennenlernte. Miguel zuckt die Achseln. »Mein Freund kennt viele Leute.« »Kann ich mir vorstellen. Und wann hat dein Freund Mr. Suarez kennengelernt? In den letzten vierundzwanzig Stunden?« »Das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass wir uns mit Suarez einigen können, und er ist gar nicht so teuer.« »Bestechung eines Geschworenen kann dich ins Gefängnis bringen, dann kannst du Tadeo Gesellschaft leisten.« »Komm schon, für zehntausend sorgt Suarez dafür, dass sich die Geschworenen nicht einig werden. Vielleicht sprechen sie ihn sogar frei.« Ich bleibe stehen und fixiere diesen miesen kleinen Gangster. Was weiß er schon von Freisprüchen? »Wenn du glaubst, dass ein Geschworenengericht deinen Bruder freispricht, bist du nicht ganz dicht, Miguel. Das wird nicht passieren.« »Okay, dann sorgen wir dafür, dass es keinen Urteilsspruch gibt. Du hast selbst gesagt, wenn sie sich einmal nicht einigen und dann noch einmal, lässt die Staatsanwaltschaft die Sache fallen.« Ich setze mich wieder in Bewegung, langsam, weil ich nicht weiß, wo es hingehen soll. Partner hält sich fünfzig Meter hinter uns. »Von mir aus, bestecht einen Geschworenen«, sage ich, »aber ich will damit nichts zu tun haben.« »Okay, gib mir das Geld, dann kümmere ich mich darum.« »Ah, verstehe. Du brauchst Geld.« »Sí, Señor. So viel haben wir nicht flüssig.« »Ich auch nicht, vor allem nicht, seit ich deinen Bruder vertrete. Ich habe dreißigtausend für einen Geschworenenberater ausgegeben, zwanzigtausend für einen Psychologen und noch einmal zwanzigtausend für andere Auslagen. Darf ich dich daran erinnern, dass in meinem Geschäft normalerweise der Mandant dafür zahlt, von mir vertreten zu werden? Und zwar bar? Und der Mandant übernimmt auch alle Auslagen. Nicht umgekehrt.« »Tust du deswegen nichts für ihn?« Ich bleibe erneut stehen und starre ihn wütend an. »Du hast keine Ahnung, wovon du redest, Miguel. Ich tue, was ich kann, in Anbetracht der Umstände. Irgendwie bildet ihr euch offenbar ein, ich könnte für deinen Bruder eine riesige mysteriöse Gesetzeslücke auftun, damit er freikommt. Weißt du was? Das wird nicht passieren, Miguel. Das kannst du deinem verbohrten Bruder ausrichten.« »Wir brauchen zehntausend, Rudd. Und zwar sofort.« »Dein Problem. Ich habe das Geld nicht.« »Wir wollen einen neuen Anwalt.« »Zu spät.« 24 »D« steht für Donut. Nach einer weiteren schlaflosen Nacht treffe ich mich in einem Donut-Laden in der Nähe der Universität mit Nate Spurio. Sein Frühstück besteht aus zwei Donuts mit Honigglasur und Geleefüllung sowie schwarzem Kaffee. Ich habe keinen Hunger und würge nur den Kaffee hinunter. »Hören Sie, Nate«, sage ich nach ein paar Minuten Small Talk, »ich bin im Moment ziemlich beschäftigt. Was wollen Sie mir sagen?« »Die Verhandlung, was?« »Ja.« »Ich habe gehört, es sieht schlecht aus für Sie.« »Gut läuft es nicht. Sie haben angerufen. Was gibt’s?« »Nicht viel. Ich soll Ihnen von Roy Kemp und Familie alles Gute wünschen. Ihre Tochter ist inzwischen in einer Rehaklinik. Sie ist natürlich in einem ziemlich schlechten Zustand, aber zumindest ist sie in Sicherheit und bei ihrer Familie. Mensch, Rudd, die dachten, sie ist tot. Jetzt haben sie sie wieder. Sie werden alles tun, damit sie gesund wird. Möglicherweise gibt es sogar eine Spur von dem Baby. Die Sache läuft nach wie vor landesweit. Letzte Nacht gab es noch mehr Festnahmen, noch mehr Mädchen wurden in Schutzhaft genommen. Sie haben einen Tipp zu dem Kinderhandel bekommen, dem wird intensiv nachgegangen.« Ich nicke und trinke einen Schluck. »Das ist gut.« »Ja, das ist es. Und Roy Kemp lässt Ihnen ausrichten, wie dankbar er und seine Familie Ihnen dafür ist, dass sie jetzt ihre Tochter wiederhaben und dass Sie all das ermöglicht haben.« »Er hat meinen Sohn entführt.« »Wer wird denn so nachtragend sein, Rudd?« »Seine Tochter ist entführt worden, also weiß er, was das für ein Gefühl ist. Mir ist es egal, wie dankbar er ist. Er kann sich glücklich schätzen, dass ich das FBI zurückgepfiffen habe, sonst säße er jetzt vielleicht im Knast.« »Hören Sie auf, Rudd. Haken Sie die Sache ab. Es ist alles gut ausgegangen, dank Ihnen.« »Ich will keinen Dank, die sollen mich in Ruhe lassen. Sagen Sie Mr. Kemp, er kann mich am Arsch lecken.« »Richte ich aus. Es gibt übrigens einen Hinweis auf Swanger. Von gestern Abend, ein Tipp von einem Barkeeper in Racine, Wisconsin.« »Super. Können wir uns in einer Woche oder so auf ein Bier treffen? Ich habe im Moment andere Sorgen.« »Na klar.« 25 Bevor die Verhandlung am Freitagmorgen losgeht, bespreche ich mich mit Partner und Cliff im Gang. In dieser Phase ist es Cliffs Job, von verschiedenen Plätzen im Zuschauerraum aus die Geschworenen zu beobachten. Seine Reaktion auf den gestrigen Tag überrascht mich nicht. Die Geschworenen haben nichts für Tadeo übrig, und ihre Entscheidung steht fest. Nehmen Sie den Deal an, falls das Angebot noch gilt, sagt er immer wieder. Ich erzähle ihm von meinem Gespräch mit Miguel am Vortag. Seine Reaktion: »Wenn Sie einen Geschworenen bestechen können, dann aber schnell.« Als die Geschworenen hereinkommen, mustere ich verstohlen Esteban Suarez. Eigentlich sollte es nur ein flüchtiger Blick werden, wie es in der Verhandlung meine Gewohnheit ist. Aber der Kerl glotzt mich an, als würde er denken, ich überreiche ihm gleich einen Umschlag. Was für ein Idiot. Allerdings besteht kaum Zweifel daran, dass irgendwer mit ihm geredet hat. Genauso klar ist, dass der Mann nicht vertrauenswürdig ist. Zählt er im Geiste schon sein Geld? Richterin Fabineau wünscht einen guten Morgen und begrüßt alle Anwesenden. Routinemäßig befragt sie die Geschworenen, ob sie unerlaubterweise von Personen kontaktiert worden seien, die sie beeinflussen wollten. Ich werfe erneut einen Blick auf Suarez. Er starrt mich an. Das fällt bestimmt auch anderen auf. Mancini erhebt sich. »Euer Ehren, die Beweisführung der Staatsanwaltschaft ist abgeschlossen. Möglicherweise werden wir zur Führung des Gegenbeweises weitere Zeugen aufrufen, aber im Augenblick nicht.« Das ist keine Überraschung, Mancini hat mich vorgewarnt. Er hat nur zwei Zeugen aufgerufen, weil er nicht mehr braucht. Das Video sagt alles, und Mancini ist klug genug, es für sich sprechen zu lassen. Er hat die Todesursache eindeutig festgestellt, und wer der Täter ist, steht außer Frage. Ich gehe zu den Geschworenenbänken, sehe einen nach dem anderen an, außer Suarez, und beginne mit den offensichtlichen Tatsachen. Mein Mandant hat Sean King getötet. Ohne Vorbedacht, ohne es zu planen. Tadeo hat zweiundzwanzigmal zugeschlagen. Aber er kann sich nicht daran erinnern. In den etwa fünfzehn Minuten, bevor er Sean King attackierte, bekam Tadeo Zapate von Crush alias Bo Fraley insgesamt siebenunddreißig Schläge ins Gesicht und gegen den Kopf. Siebenunddreißig. Er ging zwar nicht k. o., aber er war nicht im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. An die Ereignisse nach der zweiten Runde, in der Crush ihn mit dem Knie am Kinn getroffen hat, erinnert er sich nur noch vage. Wir werden Ihnen, den Geschworenen, den gesamten Kampf zeigen, die siebenunddreißig Schläge gegen den Kopf zählen und Ihnen beweisen, dass Tadeo nicht wusste, was er tat, als er den Ringrichter attackierte. Ich fasse mich kurz, weil ich nicht viel sagen kann. Ich bedanke mich und trete vom Rednerpult weg. Mein erster Zeuge ist Oscar Moreno, Tadeos Trainer, der als Erster das Potenzial des damals sechzehnjährigen Boxers erkannt hat. Moreno ist etwa in meinem Alter, älter als Tadeos Clique, und hat einiges erlebt. Er treibt sich in einem Fitnessstudio für junge Latinos herum und bietet den Begabteren seine Dienste als Trainer an. Außerdem hat er eine weiße Weste, was für einen Zeugen ein echtes Plus ist. Ein Vorstrafenregister macht sich immer schlecht. Geschworene haben nichts für Schwerverbrecher im Zeugenstand übrig. Mit Oscar arbeite ich die Entwicklung im Vorfeld des Kampfes heraus. Ich versuche, an das Mitgefühl der Geschworenen zu appellieren. Tadeo ist ein armer Junge aus einer armen Familie, dessen einzige echte Chance im Leben der Käfig war. Schließlich kommen wir auf den Kampf zu sprechen, und die Lichter im Saal werden gedämpft. Beim ersten Mal sehen wir den Kampf ohne Unterbrechung. Im Halbdunkel beobachte ich die Geschworenen. Die Frauen fühlen sich von der Brutalität des Sports abgestoßen. Die Männer sind fasziniert. Bei der Wiederholung halte ich das Video jedes Mal an, wenn Tadeo einen Schlag ins Gesicht bekommt. Tatsächlich haben die meisten davon keinen großen Schaden angerichtet, und Crush hat kaum Punkte dafür bekommen. Aber für Geschworene, die es nicht besser wissen, sieht ein Schlag ins Gesicht geradezu tödlich aus – vor allem wenn Oscar und ich die Wirkung maßlos übertreiben. Langsam und methodisch zähle ich mit. Wenn man das Ganze so überzogen präsentiert, scheint es fast wie ein Wunder, dass Tadeo nicht längst am Boden liegt. Eine Minute und zwanzig Sekunden vor dem Ende der zweiten Runde gelingt es Crush, Tadeos Kopf nach unten zu ziehen und mit seinem rechten Knie zu rammen. Wirklich ein hässlicher Stoß, aber Tadeo ließ sich davon kaum aus dem Konzept bringen. Jetzt tun Oscar und ich so, als hätte er einen dauerhaften Hirnschaden davongetragen. Nach dem Ende der zweiten Runde halte ich das Video an, und in einem sorgfältig eingeübten Frage- und Antwortspiel hole ich aus Oscar heraus, welchen Eindruck er von seinem Kämpfer zwischen den Runden bekam. Der Junge hatte glasige Augen. Er gab nur unverständliche Laute von sich und konnte gar nicht mehr reden. Auf die Fragen von Norberto und Oscar reagierte er nicht. Er, Oscar, hätte den Ringrichter am liebsten gebeten, den Kampf abzubrechen. Ich hätte gern Norberto aufgerufen, um die Lügen zu bestätigen, aber er ist zweifach vorbestraft, das wäre für Mancini ein gefundenes Fressen. Ungesagt bleibt, dass ich mich auch in der Ecke aufhielt. Ich trug meine leuchtend gelbe Tadeo-Zapate-Jacke und tat so, als könnte ich mich irgendwie nützlich machen. Das habe ich Mancini und Go Slow erklärt und ihnen versichert, dass ich nichts Wichtiges gesehen oder gehört hätte. Ich war nur Zuschauer und komme daher als Zeuge nicht infrage. Die beiden wissen, dass ich die Verteidigung kostenlos übernommen habe, weil mir der Junge am Herzen liegt. Wir sehen uns die dritte Runde an und zählen noch mehr Schläge gegen Tadeos Kopf. Oscars Aussage zufolge hat Tadeo noch auf die letzte Runde gewartet, als der Kampf schon vorbei war. Er hat völlig neben sich gestanden, halb ohnmächtig, aber noch auf den Beinen. Nach der Attacke auf Sean King und nachdem Norberto und andere ihn weggezogen hatten, war er wie ein wildes Tier, hatte keine Ahnung, wo er war und warum er festgehalten wurde. Erst als er sich eine halbe Stunde später unter polizeilicher Bewachung in der Kabine umzog, kam er allmählich zu sich. Er wollte wissen, was der Polizeibeamte da zu suchen habe. Er fragte, wer den Kampf gewonnen habe. Alles in allem gelingt es mir, Zweifel zu säen. Allerdings zeigt selbst eine oberflächliche Betrachtung aller drei Runden, dass der Kampf ziemlich ausgeglichen war. Tadeo hat genauso viel ausgeteilt, wie er eingesteckt hat. Mancini beißt im Kreuzverhör auf Granit. Oscar hält sich an die Fakten, die er selbst erfunden hat. Er war in der Ecke und hat mit seinem Kämpfer geredet, und wenn er sagt, der Junge hat zu viele Schläge gegen den Kopf bekommen, dann war das auch so. Mancini kann das Gegenteil nicht beweisen. Anschließend rufe ich unseren Sachverständigen auf, Dr. Taslman, den pensionierten Psychiater, der jetzt als professioneller Zeuge tätig ist. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein blütenweißes Hemd und eine winzige rote Fliege. Mit der Hornbrille und dem wallenden grauen Haar wirkt er unglaublich kompetent. Ich gehe mit ihm Schritt für Schritt seine Qualifikationen durch und biete ihn als Sachverständigen für forensische Psychiatrie an. Mancini hat keine Einwände. Daraufhin bitte ich Dr. Taslman, für Laien verständlich den Rechtsbegriff der willensmäßigen Unzurechnungsfähigkeit zu erklären, der vor zehn Jahren in unserem Bundesstaat eingeführt wurde. Er lächelt mir zu und blickt dann die Geschworenen an wie ein alter Professor, der huldvoll mit seinen ergebenen Studenten plaudert. »Willensmäßige Unzurechnungsfähigkeit«, sagt er, »bedeutet einfach, dass eine geistig gesunde Person etwas Falsches tut und dabei genau weiß, dass sie falsch handelt, aber geistig so labil oder gestört ist, dass sie nicht anders kann. Sie ist zwar in der Lage, das Unrecht der Tat zu erkennen, aber sie kann nicht nach dieser Einsicht handeln und begeht daher eine Straftat.« Er hat sich den Kampf viele Male angesehen, wie auch das Video der Ereignisse im Anschluss daran. Er hat mehrere Stunden mit Tadeo verbracht. Bei ihrer ersten Begegnung sagte Tadeo, er könne sich nicht an den Angriff auf Sean King erinnern. Tatsächlich wisse er ab der zweiten Runde praktisch gar nichts mehr. Allerdings hat es bei einem zweiten Gespräch so ausgesehen, als wären Tadeo bestimmte Dinge wieder eingefallen. So habe er zum Beispiel gesagt, er könne sich noch an Crushs selbstzufriedene Miene erinnern, als der Ringrichter dessen Arm hob und ihn damit zum Sieger ausrief. Er könne sich noch an das Protestgeschrei der Menge wegen dieser Entscheidung erinnern. Er könne sich erinnern, dass sein Bruder Miguel etwas gerufen habe. Aber er wisse nichts mehr von dem Angriff auf den Ringrichter. Auf jeden Fall sei er von seinen Emotionen übermannt worden und habe nur angreifen können. Man habe ihm den verdienten Sieg genommen, und der nächste greifbare Offizielle sei Sean King gewesen. Dr. Taslman meint, Tadeos Steuerungsfähigkeit sei so beeinträchtigt gewesen, dass er nicht anders habe handeln können. Ja, er sei rechtlich gesehen unzurechnungsfähig gewesen und könne für seine Handlungen daher nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Und dann gebe es noch einen anderen außergewöhnlichen Faktor, der diesen Fall einzigartig mache. Tadeo habe sich in einem für den Kampf ausgelegten Käfig befunden. Er habe zuvor neun Minuten lang gegen seinen Gegner gekämpft. Er verdiene seinen Lebensunterhalt damit, auf Leute einzudreschen. Für ihn sei es in diesem entscheidenden Augenblick in Ordnung gewesen, den Konflikt mit noch mehr Schlägen beizulegen. Im Zusammenhang gesehen und unter den damaligen Umständen habe er das Gefühl gehabt, ihm bleibe keine andere Wahl. Als ich mit Taslman fertig bin, gehen wir in die Mittagspause. 26 Ich erkundige mich beim Familiengericht, wie der Stand der Dinge ist. Erwartungsgemäß hat der alte Richter Leef Judiths Antrag auf eine Eilanhörung abgelehnt und einen Termin in vier Wochen angesetzt. Außerdem hat er verfügt, mein Umgangsrecht unverändert zu belassen. Nimm das, Schätzchen. Cliff, Partner und ich gehen ein paar Blocks weit zu einem Diner und ziehen uns auf ein schnelles Sandwich in eine Nische zurück. Die Zeugenaussagen vom Vormittag hätten für Tadeo nicht besser laufen können. Alle drei sind wir überrascht, wie gut sich Oscar im Zeugenstand geschlagen hat und wie glaubwürdig er den Geschworenen vermittelt hat, dass Tadeo praktisch k. o. war, obwohl er sich noch auf den Beinen hielt. Fans von Käfigkämpfen würden sich das vermutlich nicht erzählen lassen, aber unter den Geschworenen sind keine. Für zwanzigtausend Dollar habe ich von Dr. Taslman eine außergewöhnliche Leistung erwartet, und die hat er gebracht. Cliff meint, die Geschworenen seien nachdenklich geworden, die Saat des Zweifels sei gelegt. Ein Freispruch ist allerdings undenkbar. Unsere einzige Chance ist nach wie vor, dass sich die Geschworenen nicht einigen können. Und es könnte ein langer Nachmittag werden, wenn sich Mancini unseren Sachverständigen vornimmt. Wieder im Gerichtssaal, beginnt Mancini mit der Frage: »Dr. Taslman, ab welchem Zeitpunkt war der Angeklagte rechtlich gesehen unzurechnungsfähig?« »Beginn und Ende lassen sich nicht immer eindeutig festlegen. Offenkundig war Mr. Zapate außer sich vor Wut über die Entscheidung der Schiedsrichter, seinen Gegner zum Sieger zu erklären.« »War er vor diesem Zeitpunkt Ihrer Definition nach unzurechnungsfähig?« »Das ist nicht klar. Höchstwahrscheinlich war Mr. Zapates Steuerungsfähigkeit während der letzten Minuten des Kampfes eingeschränkt. Das ist eine höchst ungewöhnliche Situation, und es lässt sich unmöglich sagen, wie klar er denken konnte, bevor die Entscheidung verkündet wurde. Allerdings ist es offensichtlich, dass er danach völlig die Kontrolle verlor.« »Wie lang war er rechtlich gesehen unzurechnungsfähig?« »Ich glaube nicht, dass sich das sagen lässt.« »Also gut, war es gemäß Ihrer Definition Körperverletzung, als der Angeklagte herumfuhr und Sean King den ersten Schlag versetzte?« »Ja.« »Und wäre das strafbar?« »Ja.« »Aber gemäß Ihrer Definition der Unzurechnungsfähigkeit könnte er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen werden?« »Richtig.« »Sie haben das Video mehrfach gesehen. Es ist klar, dass Sean King keinen Versuch unternommen hat, sich zu verteidigen, nachdem er zu Boden gestürzt und gegen den Käfig gefallen war, richtig?« »Das scheint so zu sein.« »Möchten Sie den Film noch einmal sehen?« »Nein, im Augenblick nicht.« »Sean King liegt also nach nur zwei Schlägen bewusstlos am Boden, ist völlig wehrlos, richtig?« »Das scheint so zu sein.« »Zehn Schläge später ist sein Gesicht eine blutige, breiige Masse. Er kann sich nicht schützen. Der Angeklagte hat ihn zwölfmal in der Augengegend und an der Stirn getroffen. War der Angeklagte zu diesem Zeitpunkt rechtlich gesehen immer noch unzurechnungsfähig, Dr. Taslman?« »Er hatte sich nicht unter Kontrolle, die Antwort lautet daher Ja.« Mancini sieht die Richterin an. »Gut. Ich möchte das Video noch einmal in Zeitlupe abspielen.« Die Beleuchtung wird erneut gedämpft, und alles starrt auf die große Leinwand. Mancini lässt den Film extrem langsam laufen und zählt bei jedem Treffer mit. »Eins! Zwei! Jetzt geht er zu Boden. Drei! Vier! Fünf!« Ich werfe einen Blick auf die Geschworenen. Vielleicht haben sie allmählich genug von dem Video, aber sie können den Blick nicht abwenden. Mancini hört bei Schlag Nummer zwölf auf. »Dr. Taslman, Sie wollen den Geschworenen erzählen, dass sie einen Mann vor sich haben, der weiß, dass er Unrecht tut, gegen das Gesetz verstößt, aber körperlich oder geistig nicht in der Lage ist, nach dieser Einsicht zu handeln. Habe ich das richtig verstanden?« Mancini klingt ungläubig und sarkastisch, das wirkt. Wir sehen einen prügelnden Kämpfer vor uns, der stinksauer ist – nicht unzurechnungsfähig. »Das ist korrekt«, erklärt Dr. Taslman ungerührt. Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, Mancini zählt langsam mit und stoppt bei zwanzig. »Und jetzt?«, fragt er. »Ist er da immer noch unzurechnungsfähig?« »Ja, das ist er.« Einundzwanzig, zweiundzwanzig, dann stürzt sich endlich Norberto auf Tadeo und beendet das Blutbad. »Und jetzt, Dr. Taslman, wo sie ihn wegzerren und der Angriff vorbei ist? Wann ist der Junge wieder zurechnungsfähig?« »Schwer zu sagen.« »Eine Minute später? Eine Stunde später?« »Schwer zu sagen.« »Es ist schwer zu sagen, weil Sie es nicht wissen, stimmt’s? Sie meinen, Unzurechnungsfähigkeit lässt sich ein- und ausschalten, wie es für den Angeklagten gerade passt.« »Das habe ich nicht gesagt.« Mancini drückt einen Knopf, und die Leinwand verschwindet. Es wird wieder hell, alles atmet kräftig durch. Mancini flüstert einem Assistenten etwas zu und greift nach einem weiteren Block mit Notizen. Er schlurft zum Rednerpult und fixiert den Zeugen mit einem finsteren Blick. »Und wenn er ihn nun dreißigmal geschlagen hätte, Dr. Taslman? Würden Sie dann immer noch Unzurechnungsfähigkeit diagnostizieren?« »Bei unveränderter Sachlage: ja.« »Oh, die Sachlage ist unverändert. Alles ist gleich. Was ist mit vierzigmal? Vierzig Schläge gegen den Kopf eines Mannes, der offensichtlich bewusstlos ist. Immer noch rechtlich gesehen unzurechnungsfähig?« »Ja.« »Der Angeklagte macht nach zweiundzwanzig Schlägen keine Anstalten aufzuhören. Wenn er nun hundertmal gegen den Kopf geschlagen hätte? Wäre er dann Ihrer Meinung nach immer noch unzurechnungsfähig?« Taslman ist sein Honorar wert. »Eine größere Anzahl von Schlägen ist ein eindeutigerer Beleg für den Verlust der Steuerungsfähigkeit.« 27 Es ist Freitagnachmittag, und das Verfahren kann unmöglich heute noch abgeschlossen werden. Wie die meisten Richter geht Go Slow gern pünktlich ins Wochenende. Sie warnt die Geschworenen vor unerlaubten Kontaktaufnahmen und vertagt die Verhandlung frühzeitig. Als die Geschworenen den Saal verlassen, sieht Esteban Suarez zum x-ten Mal in meine Richtung – als würde er immer noch auf seinen Umschlag warten. Eigenartig. Ich spreche ein paar Minuten mit Tadeo, um die Ereignisse der Woche Revue passieren zu lassen. Er will immer noch unbedingt aussagen, und ich sage ihm, dass er vermutlich am Montagvormittag drankommen wird. Ich verspreche, ihn am Sonntag im Gefängnis zu besuchen und seine Aussage mit ihm durchzugehen. Allerdings weise ich ihn noch einmal darauf hin, dass es immer ungünstig ist, wenn der Angeklagte aussagt. Er wird in Handschellen abgeführt. Ich verbringe ein paar Minuten mit seiner Mutter und Familie und beantworte deren Fragen. Nach wie vor bin ich pessimistisch, versuche aber, mir nichts anmerken zu lassen. Miguel folgt mir aus dem Saal in einen langen Gang. »Suarez wartet«, sagt er, als keiner zuhört. »Unser Kontaktmann hat nachgehakt. Er nimmt das Geld.« »Zehntausend?«, frage ich, nur zur Sicherheit. »Sí, Señor.« »Dann greif zu, Miguel, aber halt mich aus der Sache raus. Ich habe nicht vor, einen Geschworenen zu bestechen.« »Dafür brauche ich aber ein Darlehen.« »Vergiss es. Ich gebe einem Mandanten kein Darlehen, und schon gar keinem, bei dem ich das Geld nie zurückkriege. Sieh zu, wie du zurechtkommst.« »Aber wir haben diese beiden Typen für dich beseitigt.« Ich bleibe stehen und sehe ihn wütend an. Das ist das erste Mal, dass er Scanlons Leute, Tubby und Razor, erwähnt. »Nur zur Info, Miguel«, erwidere ich sehr deutlich, »von den beiden weiß ich nichts. Wenn du sie ausgeschaltet hast, habe ich damit nichts zu tun.« Er grinst und schüttelt den Kopf. »No, Señor, wir haben dir damit einen Gefallen getan.« Er deutet mit dem Kopf auf Partner, der in einiger Entfernung steht. »Er hat das in Auftrag gegeben. Wir haben geliefert. Jetzt musst du dich revanchieren.« Ich hole tief Luft und fixiere ein riesiges buntes Glasfenster, das die Steuerzahler vor einem Jahrhundert finanziert haben. Er hat nicht ganz unrecht. Zwei tote Gangster sind mehr wert als zehntausend, zumindest in der Währung der Straße. Das Problem war die Kommunikation. Ich habe keine zwei toten Gangster bestellt. Aber bin ich jetzt, wo ich von ihrem Tod profitiere, verpflichtet, eine Gegenleistung zu erbringen? Suarez ist vermutlich verkabelt und trägt vielleicht sogar eine Kamera. Wenn das Geld zu mir zurückverfolgt werden kann, verliere ich meine Zulassung als Anwalt und wandere ins Gefängnis. Und ich bin schon früher manchmal nur knapp davongekommen und lebe lieber in Freiheit. Ich schlucke mühsam. »Tut mir leid, Miguel, aber ich will damit nichts zu tun haben.« Ich wende mich ab, und er packt mich am Arm. Ich schüttle ihn ab, während Partner schon auf uns zukommt. »Das wird dir noch leidtun«, sagt Miguel. »Ist das eine Drohung?« »Nein. Ein Versprechen.« 28 Heute Abend sind mehrere Kämpfe angesetzt, aber für diese Woche habe ich genügend Blutvergießen gesehen. Ich muss mir einen anderen Sport suchen, und im Augenblick ist es die Jagd auf die bezaubernde Naomi Tarrant. Da wir uns immer noch heimlich treffen, zumindest niemandem begegnen wollen, der sie als Lehrerin erkennt, frequentieren wir dunkle Bars und billige Restaurants. Heute haben wir uns ein neues Lokal ausgesucht, ein Thai-Restaurant im östlichen Teil der Stadt, weit weg von der Schule, an der sie Starcher unterrichtet. Wir sind uns ziemlich sicher, dass wir hier keine Bekannten treffen werden. Irrtum. Naomi entdeckt sie zuerst und will ihren Augen nicht trauen, deswegen soll ich noch einmal nachsehen. Das ist gar nicht so einfach, weil wir nicht erwischt werden wollen. Das Restaurant ist ziemlich dunkel und hat eine Reihe unübersichtlicher Nischen und Separees. Ein guter Ort, wenn man in Ruhe essen will, ohne gesehen zu werden. Als Naomi aus der Toilette kommt, fallen ihr drei Nischen hinten in einem Nebenzimmer auf. In einer davon entdeckt sie Judith, die ins Gespräch vertieft neben einer Frau sitzt. Nicht neben Ava, ihrer aktuellen Lebensgefährtin, sondern einer anderen. Der Perlenvorhang vor der Nische ist halb zugezogen und versperrt ihr teilweise die Sicht, aber Naomi ist überzeugt, dass es Judith ist. Der gesunde Menschenverstand sagt einem, dass sich die beiden Frauen gegenübersitzen würden, wenn sie Freundinnen, Geschäftspartnerinnen oder Kolleginnen wären. Aber sie säßen Schulter an Schulter und seien in ihre eigene Welt versunken, sagt Naomi. Ich schleiche mich zur Toilette, ducke mich hinter Plastiktopfpflanzen auf einem Regal und sehe, wonach ich Ausschau halte. Eilig laufe ich zu unserem Tisch zurück, um Naomis Eindruck zu bestätigen. Ich überlege, ob wir gehen sollen, um eine peinliche Situation zu vermeiden. Wir wollen nicht, dass Judith uns sieht, und ich bin mir sicher, das beruht auf Gegenseitigkeit. Ich überlege, Naomi zum Auto zu schicken und dann Judith das Rendezvous zu verderben. Wie gern würde ich sehen, wie sie einknickt und mir die Hucke volllügt. Ich könnte mich nach Ava erkundigen und ihr Grüße ausrichten lassen. Ich denke an Starcher und daran, was das für den Krieg zwischen seinen biologischen Eltern bedeutet. Seine Mütter sind nicht verheiratet, also spricht wahrscheinlich nichts dagegen, wenn eine oder beide was mit anderen haben. Allerdings bezweifle ich sehr, dass sie eine offene Beziehung führen. Keine Ahnung, was die beiden für ein Arrangement haben. Doch wenn Ava das herausfindet, gibt es noch mehr Krieg, noch mehr Kummer für meinen Jungen. Und neue Munition für mich. Ich überlege, Partner anzurufen, damit er Judith folgt und vielleicht ein paar Fotos macht. Während ich all das bedenke und meinen Whiskey Sour schlürfe, biegt Judith um die Ecke und marschiert schnurstracks auf unseren Tisch zu. In der Ferne sehe ich, wie ihre Freundin eilig durch die Vordertür verschwindet und dabei einen verstohlenen Blick über die Schulter wirft, der Bände spricht. »Na, das ist aber eine Überraschung«, sagt Judith, und ihre Stimme trieft geradezu vor Gift. Ich werde nicht zulassen, dass sie Naomi einschüchtert, die im Augenblick ein wenig verstört wirkt. »Gleichfalls. Bist du allein hier?« »Ja«, sagt sie. »Ich hole uns nur was zum Mitnehmen.« »Wirklich? Wer ist dann das Mädchen?« »Welches Mädchen?« »Das Mädchen in der Nische. Kurzes blondes Haar, auf einer Seite rasiert, so wie es jetzt modern ist. Das Mädchen, das gerade so schnell zur Vordertür hinaus ist. Weiß Ava davon?« »Ach, das Mädchen. Das ist nur eine Freundin. Hat die Schule nichts gegen private Beziehungen zwischen Lehrern und Eltern?« »Sie werden nicht gern gesehen, aber verboten sind sie nicht«, erwidert Naomi kühl. »Hat Ava nichts dagegen, wenn du was mit anderen Frauen anfängst?«, frage ich. »Das ist keine ›andere Frau‹. Sie ist nur eine Freundin.« »Warum hast du dann eben gelogen? Warum hast du das mit dem Essen zum Mitnehmen erfunden?« Sie ignoriert mich und fixiert Naomi. »Ich werde das wohl der Schule melden müssen.« »Nur zu«, sage ich. »Dann melde ich das Ava. Passt sie auf Starcher auf, während du dich mit anderen vergnügst?« »Ich vergnüge mich nicht mit anderen, und mein Sohn geht dich im Augenblick gar nichts an. Nicht nach dem, was du dir letztes Wochenende geleistet hast.« Ein kleiner Thailänder im Anzug taucht auf und strahlt uns an. »Alles in Ordnung hier?« »Ja, die Dame will gerade gehen«, sage ich. Ich sehe Judith an. »Bitte. Wir möchten bestellen.« »Wir sehen uns vor Gericht«, zischt sie und macht auf dem Absatz kehrt. Ich sehe ihr nach, sie nimmt nichts zum Essen mit. Der kleine Thailänder entschwindet, immer noch lächelnd. Wir trinken aus und studieren dann endlich die Speisekarte. »Unser Geheimnis ist sicher«, sage ich nach ein paar Minuten. »Sie wird der Schule nichts sagen, weil sie weiß, dass ich sonst Ava anrufe.« »Das würdest du wirklich tun?« »Ohne mit der Wimper zu zucken. Wir sind im Krieg, Naomi, da gelten keine Regeln, da ist alles erlaubt.« »Willst du das Sorgerecht für Starcher?« »Nein. Dafür bin ich als Vater nicht gut genug. Aber ich will in seinem Leben weiterhin eine Rolle spielen. Wer weiß, vielleicht werden er und ich irgendwann Freunde.« Wir verbringen die Nacht in ihrer Wohnung und schlafen am Samstagvormittag aus. Beide sind wir erschöpft. Als wir aufwachen, prasselt draußen der Regen, und wir beschließen, Omelettes zu machen und im Bett zu essen. 29 Der letzte Zeuge der Verteidigung ist der Angeklagte selbst. Bevor er am Montagmorgen aufgerufen wird, überreiche ich Richterin und Staatsanwalt einen Brief, den ich an Tadeo Zapate geschrieben habe. Darin teile ich ihm schriftlich mit, dass er gegen den Rat seines Anwalts aussagt. Ich habe am Vortag zwei Stunden lang intensiv mit ihm geübt, und er meint, er sei bereit. Er schwört, die Wahrheit zu sagen, lächelt die Geschworenen nervös an und macht plötzlich die erschreckende Erfahrung, dass die Perspektive aus dem Zeugenstand sehr beängstigend ist. Jeder gafft ihn an und will hören, was denn überhaupt zu seiner Verteidigung zu sagen sein könnte. Eine Gerichtsstenografin wird jedes Wort mitschreiben. Die Richterin blickt mit strenger Miene auf ihn herab, als würde sie ihn gleich zur Ordnung rufen. Der Staatsanwalt lauert nur auf die Gelegenheit zum Angriff. Seine Mutter weit hinten im Saal blickt furchtbar besorgt drein. Er holt tief Luft. Ich gehe mit ihm seine persönliche Situation durch: Familie, Schulbildung, Arbeit, die Tatsache, dass er nicht vorbestraft ist, seine Laufbahn als Boxer und seinen Erfolg mit Mixed Martial Arts. Die Geschworenen haben das Video genauso satt wie alle anderen im Saal, daher werde ich es nicht zeigen. Wir bleiben beim Drehbuch, sprechen über den Kampf, und er schlägt sich ganz wacker, als er beschreibt, was für ein Gefühl es ist, so viele Schläge zu kassieren. Wir beide wissen, dass Crush nicht viele schwere Treffer gelandet hat, aber das versteht keiner der Geschworenen. Er erzählt, dass er sich nicht an das Ende des Kampfes erinnern kann, aber noch ein verschwommenes Bild seines Gegners vor Augen hat, wie er die Arme hebt, um seinen unverdienten Sieg zu feiern. Ja, er ist durchgedreht, auch wenn er nicht mehr alles weiß. Er fand alles nur noch ungerecht. Seine Karriere war vorbei, er war um seinen Erfolg betrogen worden. Er erinnert sich vage, wie der Ringrichter Crushs Arm hob, dann ist alles schwarz. Er weiß erst wieder, wie er in der Kabine von zwei Polizisten beobachtet wurde. Er fragte sie, wer den Kampf gewonnen hatte, und einer sagte: »Welchen Kampf?« Sie legten ihm Handschellen an und erklärten ihm, er sei wegen schwerer Körperverletzung festgenommen. Er war wie vor den Kopf geschlagen, konnte es gar nicht glauben. Im Gefängnis erzählte ihm ein anderer Polizist, dass Sean King lebensgefährlich verletzt war. Da fing er, Tadeo, an zu weinen. Er kann es immer noch nicht fassen. Seine Stimme wird ein wenig brüchig, und er wischt sich über das linke Auge. Ein besonders guter Schauspieler ist er nicht. Als ich mich setze, springt Mancini auf und brüllt seine erste Frage. »Mr. Zapate, wie oft waren Sie schon unzurechnungsfähig?« Es ist eine brillante Eröffnung, ein genialer Spruch, den er mit genau der richtigen Prise Sarkasmus anbringt. Dann lässt er Tadeo endgültig wie einen Idioten dastehen. Wann wurden Sie zum ersten Mal unzurechnungsfähig? Wie lange hat das angehalten? Ist beim ersten Mal jemand zu Schaden gekommen? Haben Sie immer einen Blackout, wenn Sie unzurechnungsfähig werden? Waren Sie wegen Ihrer Unzurechnungsfähigkeit schon mal beim Arzt? Nein? Warum nicht? Sind Sie seit Ihrem Angriff auf Sean King von einem Arzt untersucht worden, der nichts mit dem Prozess zu tun hat? Liegt Unzurechnungsfähigkeit bei Ihnen in der Familie? Nach dreißig Minuten Attacke hat das Wort »Unzurechnungsfähigkeit« jede Bedeutung verloren. Es ist ein Witz. Tadeo gibt sich große Mühe, cool zu bleiben, aber allmählich verliert er die Fassung. Mancini lacht ihn praktisch aus. Die Geschworenen wirken belustigt. Mancini fragt nach seinen Erfolgen als Amateurboxer. Vierundzwanzig Siege, sieben Niederlagen. »Korrigieren Sie mich, wenn ich mich irre«, sagt Mancini, »aber Sie haben vor fünf Jahren, da waren Sie siebzehn, beim Golden-Gloves-Bezirksturnier durch eine geteilte Entscheidung gegen einen gewissen Corliss Beane verloren. Stimmt das?« »Ja.« »Das war ein harter Kampf, was?« »Ja.« »Haben Sie sich über die Entscheidung geärgert?« »Ich fand sie nicht gut, nicht richtig, ich dachte, ich hätte den Kampf gewonnen.« »Waren Sie danach unzurechnungsfähig?« »Nein.« »Hatten Sie einen Blackout?« »Nein.« »Haben Sie Ihrer Frustration wegen dieser Entscheidung irgendwie Luft gemacht?« »Ich glaube nicht.« »Können Sie sich erinnern, oder leiden Sie wieder unter Gedächtnisverlust?« »Ich erinnere mich.« »Haben Sie irgendwen geschlagen, während Sie noch im Ring waren?« Tadeo wirft mir einen schuldbewussten Blick zu, der ihn verrät, sagt aber: »Nein.« Mancini holt tief Luft, schüttelt den Kopf, als sähe er sich zu etwas gezwungen, das ihm zutiefst zuwider ist. »Euer Ehren, ich habe noch ein Video, das hilfreich sein könnte. Es zeigt das Ende des Kampfes gegen Corliss Beane.« Ich erhebe mich. »Euer Ehren, davon weiß ich nichts. Das wurde bei der Offenlegung der Beweismittel nicht erwähnt.« Mancini ist vorbereitet, weil er diese Attacke aus dem Hinterhalt seit Wochen plant. »Euer Ehren, das Video musste bei der Offenlegung nicht erwähnt werden, weil das nicht erforderlich war. Die Staatsanwaltschaft verwendet das Video nicht, um die Schuld des Angeklagten zu beweisen, daher gibt es gemäß Rule 92F auch keine Offenlegungspflicht. Die Anklage bietet dieses Video an, um die Glaubwürdigkeit des Zeugen zu erschüttern.« »Kann ich es zumindest sehen, bevor die Geschworenen es zu Gesicht bekommen?«, frage ich langsam. »Das klingt vernünftig«, sagt Go Slow. »Wir unterbrechen für fünfzehn Minuten.« Im Richterzimmer sehen wir den Film an: Tadeo und Corliss Beane in der Mitte des Rings mit dem Schiedsrichter, der Beanes rechte Hand hebt, um ihn als Sieger auszurufen. Tadeo reißt sich vom Ringrichter los, geht in seine Ecke, bekommt einen Wutanfall und brüllt irgendetwas, stapft im Ring herum und gerät sichtlich immer mehr in Rage, läuft in die Seile, schreit die Schiedsrichter an und prallt wie zufällig gegen Corliss Beane, der ihn nicht beachtet und seinen Sieg genießt. Andere sind im Ring, jemand fängt an zu schubsen, der Ringrichter stellt sich zwischen die beiden Kämpfer, und Tadeo versetzt ihm einen Stoß. Der Ringrichter, ein großer, massiger Mann revanchiert sich, eine Sekunde lang sieht es aus, als würde im Ring Chaos ausbrechen, aber dann packt jemand Tadeo und zieht ihn weg, während der um sich tritt und wild schreit. Auch diesmal lügt die Kamera nicht. Tadeo sieht aus wie ein schlechter Verlierer, ein Hitzkopf, ein verzogener Bengel, ein gefährlicher Schläger, der jederzeit bereit ist, eine Prügelei anzufangen. »Scheint mir relevant«, sagt Go Slow. 30 Ich beobachte die Geschworenen, während sie sich das Video ansehen. Mehrere von ihnen schütteln den Kopf. Als es vorbei ist, gehen die Lichter an, und Mancini stürzt sich genüsslich auf den Quatsch mit der vorgeblichen Unzurechnungsfähigkeit und zerreißt ihn in der Luft. Tadeos Glaubwürdigkeit liegt in Trümmern. Ich kann sie auch bei meiner erneuten Befragung nicht wiederbeleben. Die Beweisführung der Verteidigung ist abgeschlossen. Mancini ruft seinen ersten Zeugen für die Führung des Gegenbeweises auf, einen Psychologen namens Wafer. Er arbeitet für die staatliche Behörde für psychische Gesundheit, und seine Qualifikation ist über jeden Zweifel erhaben. Er hat hier im Bundesstaat studiert und spricht wie die Einheimischen. Er ist nicht der große Experte aus weiter Ferne wie Taslman, aber er weiß, was er tut. Er hat sich die Videos angesehen, und zwar alle, und er hat sechs Stunden mit dem Angeklagten verbracht, mehr Zeit als Taslman. Ich streite mich bis zur Mittagspause mit Wafer herum, aber es bringt nicht viel. Als die Verhandlung vertagt wird, kommt Mancini zu mir. »Kann ich mit Ihrem Mandanten reden?« »Worüber?« »Über den Deal natürlich.« »Na klar.« Wir gehen zum Tisch der Verteidigung, wo Tadeo sitzt. Mancini beugt sich zu ihm. »Hören Sie zu, Junge«, sagt er leise. »Mein Angebot steht noch. Ich biete immer noch fünf Jahre, davon müssen Sie achtzehn Monate absitzen. Totschlag. Wenn Sie Nein sagen, sind Sie wirklich unzurechnungsfähig, weil Sie nämlich zwanzig Jahre bekommen werden.« Tadeo scheint ihm gar nicht zuzuhören. Er grinst nur und schüttelt den Kopf. Er ist sich seiner Sache jetzt sicher, weil Miguel das Geld aufgetrieben und Suarez einen Umschlag gegeben hat. Das erfahre ich allerdings erst, als es zu spät ist. 31 Nach dem Mittagessen treffen wir uns im Richterzimmer, wo Go Slow vor einem Plastikteller mit Karotten- und Selleriescheiben sitzt, als hätten wir sie beim Essen gestört. Ich habe den Verdacht, das ist alles nur Show. »Mr. Rudd, was ist mit der Absprache?«, fragt sie. »Ich habe gehört, das Angebot gilt immer noch.« Ich zucke die Achseln. »Ja, ich habe mit meinem Mandanten darüber gesprochen, zusammen mit Mr. Mancini. Der Junge will einfach nicht.« »Na gut, dann reden wir jetzt mal inoffiziell. Nachdem ich das Beweismaterial gesehen habe, neige ich zu einer längeren Strafe, zwanzig Jahre oder so. Das mit der Unzurechnungsfähigkeit habe ich ihm nicht abgenommen, die Geschworenen auch nicht. Es war ein hinterhältiger Angriff, und er wusste genau, was er tat. Ich halte zwanzig Jahre für angemessen.« »Darf ich das meinem Mandanten so sagen? Inoffiziell natürlich?« »Bitte.« Sie ertränkt ein Stück Sellerie in Tafelsalz und sieht dann Mancini an. »Wie geht’s weiter?« »Ich habe nur noch einen Zeugen, Dr. Levondowski, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir ihn brauchen. Was meinen Sie?« Go Slow beißt das Ende von einem Stängel ab. »Das liegt bei Ihnen, aber ich glaube, die Geschworenen haben sich ihre Meinung gebildet.« Mampf, mampf. »Mr. Rudd?« »Sie fragen mich?« »Warum nicht?«, sagt Mancini. »Was würden Sie an meiner Stelle tun?« »Levondowski wird nur wiederholen, was Wafer gesagt hat. Ich habe ihn schon mal im Kreuzverhör gehabt, er ist völlig in Ordnung, aber ich glaube, Wafer ist der weitaus bessere Zeuge. Ich würde es dabei belassen.« »Ich glaube, Sie haben recht. Wir werden unsere Beweisführung abschließen.« Seite an Seite, ein echtes Team. Während Mancini sein Schlussplädoyer hält, sehe ich immer wieder Esteban Suarez an, der angelegentlich seine Füße studiert. Er hat sich in sich selbst zurückgezogen und hört offenbar gar nichts mehr. Irgendwas ist anders an dem Mann, und eine Sekunde lang überlege ich, ob Miguel ihn überzeugt hat. Wenn nicht mit Geld, dann mit Drohungen, Einschüchterung. Vielleicht hat er ihm ein paar Pfund Kokain versprochen. Mancini fasst die Sache gekonnt zusammen. Gnädigerweise zeigt er das furchtbare Video nicht noch einmal. Er stellt überzeugend klar, dass Tadeos tödliche Attacke auf Sean King vielleicht nicht geplant war, dass er aber eindeutig vorhatte, diesen schwer zu verletzen. Er wollte den Ringrichter nicht töten, aber er hat es getan. Er hätte ihm einen oder zwei Schläge versetzen und dann aufhören können. Das wäre Körperverletzung gewesen, jedoch kein Schwerverbrechen. Aber nein! Zweiundzwanzig brutale Schläge gegen den Kopf eines Mannes, der sich nicht verteidigen konnte. Zweiundzwanzig Schläge eines durchtrainierten Kämpfers, dessen erklärtes Ziel es war, jeden seiner Gegner so zuzurichten, dass er aus dem Ring getragen werden musste. Nun, das war ihm gelungen. Sean King wurde hinausgetragen und wachte nie wieder auf. Mancini unterdrückt die natürliche Neigung von Staatsanwälten, zu lange auf dem Offensichtlichen herumzuhacken. Er hat die Geschworenen in der Tasche, das spürt er. Ich denke, jeder spürt das, vielleicht mit Ausnahme meines Mandanten. Ich beginne mein Plädoyer damit, dass Tadeo Zapate kein Mörder sei. Er habe auf der Straße gelebt, Gewalt erfahren, sogar einen Bruder in den sinnlosen Bandenkriegen verloren. Er kennt das alles und will nichts damit zu tun haben. Darum hat er auch keine Vorstrafen, außerhalb des Rings ist er nie gewalttätig geworden. Ich gehe vor den Geschworenen auf und ab, sehe jeden Einzelnen von ihnen an, versuche, zu ihnen durchzudringen. Suarez sieht aus, als würde er am liebsten im Erdboden versinken. Ich buhle um ihr Mitgefühl und spreche das Thema Unzurechnungsfähigkeit nur beiläufig an. Ich bitte die Geschworenen, ihn freizusprechen oder zumindest nur wegen Totschlags zu verurteilen. Als ich an den Tisch der Verteidigung zurückkehre, hat Tadeo seinen Stuhl so weit von meinem weggerückt wie möglich. Richterin Fabineau belehrt die Geschworenen, und um drei Uhr ziehen sie sich zur Beratung zurück. Das Warten beginnt. Ich frage einen Gerichtsdiener, ob Tadeo während der Beratungen der Geschworenen im Gerichtssaal zu seiner Familie kann. Er fragt seine Kollegen und erlaubt es widerwillig. Tadeo geht hinter die Schranke und setzt sich in die erste Reihe. Seine Mutter, eine Schwester und ein paar Nichten und Neffen scharen sich um ihn, und alle weinen gemeinsam. Mrs. Zapate hat ihren Sohn seit vielen Monaten nicht anfassen dürfen, und sie kann gar nicht von ihm lassen. Ich verlasse den Saal und mache mich mit Partner zusammen auf den Weg zu einem Café in der Nähe. 32 Um 17.15 Uhr kommen die Geschworenen zurück in den Saal, und ihre Mienen sind ernst. Der Sprecher reicht einem Gerichtsdiener den Urteilsspruch, dieser gibt ihn an die Richterin weiter. Sie liest ihn sehr bedächtig und fordert den Angeklagten auf, sich zu erheben. Ich stehe ebenfalls auf. Sie räuspert sich und liest: »Wir, die Geschworenen, befinden den Angeklagten des Mordes mit bedingtem Vorsatz an Sean King für schuldig.« Tadeo stöhnt leise auf und lässt den Kopf sinken. Irgendwer im Zapate-Clan in der letzten Reihe ringt nach Luft. Wir setzen uns, und die Richterin befragt die Geschworenen. Einer nach dem anderen befindet ihn für schuldig, einstimmig. Sie beglückwünscht sie zu ihrer hervorragenden Arbeit, erklärt ihnen, dass die Vergütung für den Geschworenendienst per Scheck erfolge, der ihnen zugeschickt werde, und entlässt sie. Als sie weg sind, setzt sie die Fristen für die im Nachgang der Verhandlung zu stellenden Anträge und bestimmt einen Termin in einem Monat für die Urteilsverkündung. Ich notiere mir das und ignoriere meinen Mandanten. Der ignoriert mich ebenfalls und reibt sich nur die Augen. Gerichtsdiener bauen sich um ihn herum auf und legen ihm Handschellen an. Er geht ohne ein Wort. Während sich der Gerichtssaal leert, trotten auch die Zapates davon. Miguel hat den Arm um seine Mutter gelegt, die völlig aufgelöst ist. Draußen im Gang, wo Journalisten und TV-Kameras freie Sicht haben, schnappen sich drei Cops im Anzug Miguel und teilen ihm mit, dass er festgenommen sei. Behinderung der Justiz, Bestechung und Beeinflussung der Geschworenen. Suarez war tatsächlich verkabelt. 33 Da ich den Prozess verloren habe, gehe ich den Reportern aus dem Weg. Mein Handy summt, und ich schalte es aus. Partner und ich ziehen uns in eine dunkle Bar zurück, um unsere Wunden zu lecken. Ich habe schon fast ein ganzes Bier intus, bevor einer von uns etwas sagt. Er fängt an. »Boss, du hättest fast versucht, Suarez zu bestechen, oder?« »Überlegt habe ich es mir schon.« »Ich wusste es. Das war dir anzumerken.« »Aber irgendwas war faul an der Sache. Außerdem hat Mancini absolut fair gespielt, ohne miese Tricks. Wenn die Guten tricksen, habe ich keine Wahl. Aber Mancini hatte das gar nicht nötig. Es war ein sauberer Prozess, und das ist ziemlich selten.« Ich trinke mein Bier aus und bestelle mir noch eins. Partner hat nur zweimal an seinem genippt. Miss Luella hält nichts von Alkohol und sagt das klar und deutlich, wenn er eine Fahne hat. »Was passiert mit Miguel?«, fragt er. »Sieht so aus, als würde er seinem Bruder Gesellschaft leisten.« »Wirst du ihn verteidigen?« »Den Teufel werde ich tun. Ich habe die Zapates satt.« »Meinst du, er sagt was über die Sache mit Scanlons Gangstern?« »Kann ich mir nicht vorstellen. Der hat schon genug Ärger am Hals. Zwei Morde wirken sich bestimmt nicht günstig für ihn aus.« Wir teilen uns eine große Portion Pommes und nennen es Abendessen. Nachdem wir die Bar verlassen haben, behalte ich den Van und setze Partner an seiner Wohnung ab. Es ist Montag, und Naomi muss Klassenarbeiten korrigieren. »Pass auf, dass Starcher eine Eins bekommt«, sage ich zu ihr. »Wie immer«, erwidert sie. Ich brauche Liebe, aber sie hat heute Abend keine Zeit für mich. Schließlich gehe ich nach Hause, und die Wohnung fühlt sich kalt und einsam an. Ich ziehe mir eine Jeans an und gehe ins Rack, wo ich Bier trinke, eine Zigarre rauche und zwei Stunden lang mutterseelenallein 8-Ball spiele. Um zehn sehe ich mir meine Anruferliste an. Jeder einzelne Zapate in der Stadt scheint auf der Suche nach mir zu sein: die Mutter, eine Tante, eine Schwester, Tadeo und Miguel aus dem Gefängnis. Jetzt brauchen sie mich wohl. Ich habe diese Leute mehr als satt, aber ich weiß, dass ich sie so schnell nicht loswerde. Zwei Journalisten haben angerufen. Mancini will mit mir auf einen Drink gehen. Keine Ahnung, warum. Und dann wäre da noch eine Sprachnachricht von Arch Swanger. Beileid zu der üblen Schlappe. Wie zum Teufel …? Ich muss weg aus dieser Stadt. Um Mitternacht lade ich Kleidung, Golfschläger und drei Flaschen Bourbon aus einer Kleinserie in den Transporter. Ich werfe eine Münze, fahre Richtung Norden und halte ganze zwei Stunden durch, bevor ich praktisch einschlafe. Also parke ich vor einem billigen Motel und zahle vierzig Dollar für eine Übernachtung. Morgen Mittag werde ich irgendwo ganz allein auf einem Golfplatz stehen. Und dieses Mal kehre ich vielleicht wirklich nicht mehr zurück.