Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de Übersetzung aus dem Italienischen von Christiane von Bechtolsheim und Claudia Schmitt Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe 1. Auflage 2010 ISBN 978-3-492-95682-6 © Longanesi, Mailand 2009 Titel der italienischen Originalausgabe: »Il Suggeritore« Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München 2010 Umschlagkonzept: semper smile, München Umschlaggestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich Datenkonvertierung: CPI – Clausen & Bosse, Leck Justizvollzugsanstalt ■■■■■■■■■ Landgerichtsbezirk Nr.45 Dr. Alphonse Bérenger (Gefängnisdirektor) An den Oberstaatsanwalt J.B. Marin 23. November d.J. Betreff: Streng vertraulich Sehr geehrter Herr Marin, gestatten Sie, dass ich mich wegen eines seltsamen Falles an Sie wende. Er betrifft einen unserer Häftlinge. Der Mann ist bei uns ausschließlich unter seiner Häftlingsnummer RK-357/9 bekannt, da er sich seit dem ersten Tag hartnäckig weigert, seine Personalien anzugeben. Seine Festnahme erfolgte am 22. Oktober. Die Polizei hat ihn nachts auf einer Landstraße in der Gegend von ■■■■■■■■■ aufgegriffen, weil er allein und unbekleidet umherirrte. Der Abgleich seiner Fingerabdrücke mit unserer Datenbank ergab, dass er weder in frühere Verbrechen noch in bislang ungelöste Fälle verwickelt ist. Da er sich jedoch auch vor dem Untersuchungsrichter kategorisch weigerte, irgendwelche Angaben zu seiner Person zu machen, wurde er zu einer Haftstrafe von vier Monaten und achtzehn Tagen verurteilt. Während seines gesamten bisherigen Aufenthalts in der JVA hat sich der Häftling Nummer RK-357/9 strikt an die Gefängnisordnung gehalten und stets ein sehr diszipliniertes Verhalten an den Tag gelegt. Davon abgesehen ist er ein kontaktscheuer Sonderling. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass sein eigentümliches Verhalten lange unbemerkt blieb und erst kürzlich einem unserer Wärter auffiel: Der Häftling reinigt jeden Gegenstand, mit dem er in Berührung gekommen ist, und poliert ihn mit einem weichen Lappen; sämtliche Kopf- und Körperhaare, die er im Laufe eines Tages verliert, werden gewissenhaft von ihm eingesammelt und entsorgt, Besteck und Kloschüssel nach Gebrauch auf Hochglanz gebracht. Der Mann leidet also an einem Sauberkeitswahn. Oder aber – und das scheint mir persönlich die plausiblere Erklärung – er möchte unter keinen Umständen organisches Material hinterlassen. Ich hege deshalb den ernsten Verdacht, dass der Häftling RK-357/9 ein Gewaltverbrechen begangen hat und verhindern möchte, anhand von DNA-Proben identifiziert zu werden. Bis heute hat der Mann die Zelle mit einem anderen Häftling geteilt, wodurch er seine biologischen Spuren relativ leicht verwischen konnte. Inzwischen habe ich ihn jedoch aus der Gemeinschaftszelle entfernen und in Einzelhaft unterbringen lassen. Aus gegebenem Anlass möchte ich Sie bitten, entsprechende Ermittlungen einzuleiten und zu beantragen, dass der Häftling Nummer RK-357/9 durch richterlichen Bescheid zur Abgabe einer biologischen Probe (Mundhöhlenabstrich, Blutentnahme) aufgefordert bzw. gezwungen wird. Ein Eilverfahren scheint mir in diesem Zusammenhang dringend angeraten, denn der Häftling wird heute in 109 Tagen (am 12. März) entlassen. Mit freundlichen Grüßen, Dr. Alphonse Bérenger (Gefängnisdirektor) 1 Ein Ort in der Nähe von W. 5.Februar Der große Nachtfalter flog ihn durch die Dunkelheit. Geschickt wich er den Gefahren der Berge aus, die friedlich wirkten wie Schulter an Schulter schlafende Riesen. Über ihnen der samtene Himmel. Unter ihnen dichter Wald. Der Pilot sah sich nach seinem Passagier um und deutete auf ein riesiges weißes Loch am Boden, ähnlich einem beleuchteten Vulkankrater. Der Hubschrauber schwenkte und flog darauf zu. Sieben Minuten später landete er auf dem schmalen Seitenstreifen einer Landstraße. Die Straße war gesperrt, ringsum wimmelte es von Polizisten. Ein Mann in dunkelblauem Anzug holte den Passagier unter dem laufenden Rotor ab und hatte dabei alle Mühe, seine flatternde Krawatte zu bändigen. »Herzlich willkommen, wir haben schon auf Sie gewartet!« Er musste schreien, um das Knattern der Rotorblätter zu übertönen. Goran Gavila erwiderte nichts. »Kommen Sie, ich erkläre Ihnen alles unterwegs«, fuhr Kommissar Stern fort. Sie schlugen einen Trampelpfad ein und entfernten sich von dem lärmenden Helikopter, der sich bereits wieder in die Höhe schraubte und kurz darauf vom nachtblauen Himmel verschluckt wurde. Der Nebel glitt wie ein Leichentuch von den Bergen und entblößte ihre Konturen. Die Gerüche des Waldes ringsum verschmolzen mit der nächtlichen Feuchtigkeit, die an den Kleidern emporkroch und sich kalt an die Haut schmiegte. »Leicht hat er es sich nicht gemacht, das kann ich Ihnen sagen. Wer das nicht gesehen hat …« Kommissar Stern redete im Gehen; er war Goran ein paar Schritte voraus und bahnte ihm den Weg durchs Gestrüpp. »Es fing alles heute Morgen an, so gegen elf. Zwei Jungen führen ihren Hund spazieren, schlagen diesen Weg ein und folgen ihm bergauf durch den Wald. Oben angekommen, treten sie auf die Lichtung hinaus, und da gerät der Hund völlig aus dem Häuschen. Ein Labrador, müssen Sie wissen. Die sind bekannt dafür, dass sie gern graben … Jedenfalls nimmt das Tier Witterung auf, gräbt ein Loch – und fördert den ersten zutage.« Goran war bemüht, Schritt zu halten, während sie auf dem steilen Pfad immer tiefer ins Unterholz eindrangen. »Natürlich laufen die Kinder sofort los und verständigen die örtliche Polizei«, fuhr der Beamte fort. »Die ist augenblicklich zur Stelle, nimmt den Ort in Augenschein, vermisst, sucht nach Indizien – was man eben so macht, Routinearbeit. Irgendwann kommt einer auf die Idee, weiterzugraben und nachzusehen, ob noch mehr zu finden ist. Dabei stoßen sie auf den zweiten. Daraufhin werden wir eingeschaltet: Wir sind jetzt seit drei Uhr hier. Im Moment kann niemand absehen, was da noch alles vergraben liegt. So, wir sind da …« Vor ihnen öffnete sich eine kleine, von gewaltigen Scheinwerfern erhellte Lichtung – die leuchtende Krateröffnung. Die Düfte des Waldes verflogen auf einen Schlag und wichen einem beißenden Geruch. Goran hob den Kopf, schnupperte kurz und sagte: »Phenol.« Ein Kreis aus kleinen Gräbern. Und rund dreißig Männer in weißen Schutzanzügen, die mit kleinen Schaufeln in der Erde gruben. Einige durchkämmten das Gras, während andere fotografierten und sorgfältig jedes Fundstück katalogisierten. Alles bewegte sich wie in Zeitlupe. Jeder Handgriff saß, jede Geste war wohlüberlegt, jede Aktion erfolgte mit traumwandlerischer Sicherheit, und über allem lag eine ehrfurchtsvolle Stille, die nur hin und wieder vom Klacken eines Blitzlichts durchbrochen wurde. Goran Gavila entdeckte die Kommissare Sarah Rosa und Klaus Boris. Auch Hauptkommissar Roche war da. Als dieser ihn sah, kam er mit großen Schritten auf ihn zugeeilt, doch Goran ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen. »Wie viele?«, fragte er, bevor Roche auch nur den Mund aufmachen konnte. »Fünf. Und jedes ist genau fünfzig Zentimeter lang, zwanzig breit und fünfzig tief. Was vergräbt man deiner Meinung nach in solchen Löchern?« In allen ein und dasselbe. Der Kriminologe sah sein Gegenüber erwartungsvoll an. Die Antwort kam prompt: »Linke Arme.« Gorans Blick schweifte über die Leute von der Spurensicherung, die das absurde Gräberfeld untersuchten. Sie förderten verweste Körperteile zutage, doch das wunderte ihn nicht, denn das eigentliche Verbrechen, um das es hier ging, hatte lange vor dieser irreal anmutenden Nacht stattgefunden. »Sind es die Mädchen?«, fragte Goran, aber diesmal kannte er die Antwort bereits. »Dem Barr-Test zufolge handelt es sich um Personen weiblichen Geschlechts und weißer Hautfarbe, zwischen neun und dreizehn Jahre alt.« Kinder. Roches Stimme verriet nicht die geringste Regung, als er den Satz aussprach. Debby. Anneke. Sabine. Melissa. Caroline. Die Geschichte hatte fünfundzwanzig Tage zuvor begonnen: Aus einem angesehenen Internat für Sprösslinge reicher Eltern war eine Schülerin verschwunden. Zunächst dachten alle, sie sei abgehauen. Das Mädchen war zwölf Jahre alt und hieß Debby. Ihre Klassenkameraden hatten sie zuletzt gesehen, als sie bei Unterrichtsende das Klassenzimmer verließ. Man war erst bei der allabendlichen Zusammenkunft im Mädchenschlafsaal auf ihr Fehlen aufmerksam geworden. Alles deutete darauf hin, dass es sich um einen dieser Fälle handelte, denen die Lokalzeitungen einen halben Artikel auf der dritten Seite widmen; danach nur noch kurze Pressenotizen in Erwartung des sicheren Happy Ends. Doch dann verschwand Anneke. Aus einem kleinen Dorf. Anneke war zehn Jahre alt. Zunächst nahm man an, sie hätte sich bei einem ihrer zahlreichen Ausflüge mit dem Mountainbike im Wald verirrt. Die Suchtrupps wurden tatkräftig von der örtlichen Bevölkerung unterstützt. Aber die Suche war erfolglos geblieben. Noch bevor man richtig begriff, was eigentlich los war, passierte es erneut. Die dritte hieß Sabine, sie war die jüngste. Neun Jahre alt. Diesmal war es in der Stadt passiert, an einem Samstagabend. Das Mädchen war mit seinen Eltern auf dem Rummelplatz, wie viele andere Kinder. Es kletterte auf das Holzpferd eines Karussells. Bei der ersten Runde winkte die Mutter ihr zu. Sie winkte auch bei der zweiten Runde. Bei der dritten Runde war Sabine verschwunden. Drei vermisste Kinder innerhalb von nur drei Tagen – erst da fiel auf, dass es hier nicht mit rechten Dingen zugehen konnte. Sofort wurden die Ermittlungen aufgenommen, in großem Stil. Von Anfang an war die Rede von einem oder mehreren Sexualverbrechern, vielleicht sogar einer Bande. Obwohl es für einen konkreten Tatverdacht keinerlei Anhaltspunkte gab. Die Polizei richtete eine Sonderrufnummer ein, unter der jeder, der etwas wusste, sich melden konnte, auch anonym. Hunderte von Hinweisen gingen ein. Doch von den Mädchen keine Spur. Da die Kinder zudem in ganz verschiedenen Gegenden verschwunden waren, konnten sich die örtlichen Polizeidienststellen nicht einigen, wer für die Ermittlungen zuständig war. Man hatte die Mordkommission unter Kriminalhauptkommissar Roche eingeschaltet, auch wenn die sich normalerweise nicht um Vermisste kümmerte. Aber bevor es zu einer Massenhysterie kam, machte man lieber eine Ausnahme. Roche und seine Leute steckten bereits mitten in dem Fall, als das vierte Kind verschwand. Melissa war mit ihren dreizehn Jahren die Älteste. Wie die meisten Mädchen in dem Alter hatte auch sie striktes Ausgehverbot – ihre Eltern wollten um jeden Preis verhindern, dass sie dem Triebtäter zum Opfer fiel, der das Land in Angst und Schrecken versetzte. Nur, dass die Ausgangssperre genau auf ihren Geburtstag fiel und Melissa für diesen Abend bereits etwas vorhatte. Also heckte sie mit ihren Freundinnen einen kleinen Fluchtplan aus, um in einem Bowling Center feiern zu können. Die Freundinnen kamen alle wohlbehalten dort an. Nur Melissa erschien nicht. Danach begann eine chaotische Jagd nach dem Monster, an der sich auch die Bürger des Landes beteiligten, bereit, den Täter notfalls zu lynchen. Die Polizei richtete an allen Ecken und Enden Straßensperren ein. Personen, die bereits wegen Sexualdelikten eingesessen hatten oder unter dem Verdacht standen, sich an Kindern vergangen zu haben, wurden noch schärfer als sonst kontrolliert. Die Eltern trauten sich nicht einmal mehr, ihre Kinder zur Schule zu schicken. Viele Einrichtungen wurden wegen Schülermangels vorübergehend geschlossen. Die Menschen verließen ihre Wohnungen nur noch, wenn es absolut notwendig war, und ab einer gewissen Uhrzeit waren Dörfer und Städte wie ausgestorben. Zwei Tage lang gab es keine neuen Vermisstenanzeigen. Manch einer dachte schon, die vielen Sicherheitsvorkehrungen hätten zu dem erhofften Erfolg geführt und den Triebtäter entmutigt. Doch das war ein Irrtum. Die Entführung des fünften Mädchens war besonders spektakulär. Das Kind wurde im Schlaf aus dem Bett geholt, ohne dass seine Eltern, die nebenan schliefen, das Geringste mitbekommen hätten. Fünf kleine Mädchen, die alle innerhalb einer Woche verschwunden waren. Dann siebzehn lange Tage des Schweigens. Bis jetzt. Bis hier – zu diesen fünf in der Erde vergrabenen Armen. Debby. Anneke. Sabine. Melissa. Caroline. Goran blickte auf die im Kreis angeordneten Gräber. Fünf Hände, die einen makabren Ringelreigen tanzten. Man glaubte fast, die Mädchen singen zu hören. »Ab sofort ist klar, dass es sich nicht mehr um Vermisstenfälle handelt«, sagte Roche und winkte die anderen zu einer kurzen Besprechung zu sich. Das war eine Angewohnheit von ihm. Rosa, Boris und Stern versammelten sich um ihren Chef, verschränkten die Hände im Rücken und starrten auf den Boden, während sie ihm zuhörten. »Ich denke an den, der uns heute Abend hierhergeführt hat und der für alles, was hier vor sich geht, verantwortlich ist«, begann Roche. »Wir sind hier, weil er es gewollt hat, weil er es sich so ausgedacht und für uns in die Wege geleitet hat. Denn diese ganze Vorstellung, meine Herrschaften, gilt niemand anderem als uns. Einzig und allein uns. Er hat sie gründlich vorbereitet. Sich auf den Augenblick, auf unsere Reaktion gefreut. Er wollte uns in Staunen versetzen. Uns zeigen, wie groß und mächtig er ist.« Die anderen nickten. Wer immer der Täter war, er hatte ungestört agieren können. Roche bemerkte, dass Goran, den er längst als Vollmitglied der Mordkommission betrachtete, abgelenkt war; sein starrer Blick verriet, dass ihm etwas durch den Kopf ging. »Und du, Goran? Was meinst du als Kriminologe zu dieser Geschichte?« Goran wandte leicht den Kopf ab: »Die Vögel«, sagte er. Mehr nicht. Zuerst begriff niemand, was er meinte. Aber das störte ihn nicht weiter: »Als ich hier ankam, ist es mir nicht aufgefallen«, fuhr er fort. »Ich habe es erst jetzt bemerkt. Seltsam. Hört nur …« Aus dem dunklen Wald stieg das Gezwitscher Tausender Vögel. »Sie singen«, sagte Rosa überrascht. Goran wandte sich nach ihr um und nickte. »Das liegt an den Scheinwerfern«, meinte Boris. »Sie verwechseln das Licht mit dem Tageslicht. Deshalb singen sie.« »Ihr denkt, das ergibt keinen Sinn.« Diesmal sah Goran die anderen an, während er sprach. »Aber ich sage euch, es ergibt doch einen Sinn. Fünf in der Erde vergrabene Arme. Körperteile. Ohne Leib. Was ist daran schrecklich? Nüchtern betrachtet, eigentlich noch gar nichts. Ohne Körper kein Gesicht. Ohne Gesicht kein Individuum, kein Mensch. Wir müssen uns nur fragen: Wo sind die Mädchen? Denn sie sind ja nicht hier, in diesen Gräbern. Wären sie es, könnten wir ihnen in die Augen sehen, sie als Menschen wahrnehmen. Aber so? Seien wir ehrlich. Was wir heute Nacht gefunden haben, sind keine Menschen. Es sind Teile … Also empfinden wir auch kein Mitleid. Und das sollen wir auch nicht. Wir sollen nur Angst empfinden. Leidtun dürfen uns diese kleinen Opfer nicht. Er möchte uns lediglich mitteilen, dass sie tot sind. Meint ihr nicht, hinter dieser Mitteilung steckt ein Sinn? Tausende Vögel, die mitten in der Nacht von einem unwirklichen Licht zum Singen gebracht werden … Wir sehen sie nicht, aber sie sind da. Was sind diese Tiere? Einfache Lebewesen, einerseits. Andererseits aber auch etwas ganz und gar Unwirkliches, Ausgeburten einer Sinnestäuschung, einer Illusion. Vor Illusionisten aber gilt es sich in Acht zu nehmen. Das Böse tritt bisweilen in Gestalt der simpelsten Dinge auf und führt uns damit hinters Licht.« Schweigen. Dem Kriminologen war es wieder einmal gelungen, die symbolische Bedeutung von etwas, so unscheinbar es auch sein mochte, prägnant herauszustellen; zu beleuchten, was andere oft übersahen oder – wie in diesem Fall – überhörten. Kleine Details, Nebensächlichkeiten, Nuancen. Den Schatten, der die Dinge umgibt, die dunkle Aura, hinter der sich das Böse verbirgt. Jeder Mörder hat seinen persönlichen Stil: eine genau definierte Vorgehensweise, die ihm Befriedigung verschafft und auf die er stolz ist. Um ihn zu fassen, muss man sich seine Sicht der Dinge zu eigen machen, was sehr schwierig ist. Ebendeshalb hatte man Goran gerufen. Seine Aufgabe war es, dem scheinbar unerklärlichen Bösen mit den beruhigenden Erkenntnissen der Wissenschaft zu Leibe zu rücken und ihm Einhalt zu gebieten. In dem Augenblick kam einer der Tatortbeamten auf sie zu; er wirkte ratlos und wandte sich direkt an Roche: »Herr Hauptkommissar, es ist noch ein Arm dazugekommen. Damit sind es sechs.« 2 Der Musiklehrer hatte gesprochen. Was an sich noch nichts Besonderes war. Viele allein lebende Menschen führen Selbstgespräche, wenn sie sich in den eigenen vier Wänden aufhalten. Auch Mila Vasquez dachte zu Hause manchmal laut. Nein. Die Neuigkeit war etwas anderes. Und sie belohnte Mila für eine ganze Woche Arbeit. Seit einer Woche beobachtete sie aus ihrem auf der gegenüberliegenden Straßenseite geparkten, eiskalten Auto heraus das braune Haus. Seit einer Woche spähte sie mit einem kleinen Fernglas jede Bewegung des dicken, käsig aussehenden Mannes um die vierzig aus, der seelenruhig in seinem kleinen Reich umherwanderte und dabei ein ums andere Mal die gleichen Handlungen ausführte, als würde er den roten Faden zu einer Geschichte spinnen, deren Handlungsmuster nur er allein kannte. Der Musiklehrer hatte gesprochen. Aber das wirklich Neue daran war, dass er diesmal einen Namen ausgesprochen hatte. Mila hatte ihn Buchstabe für Buchstabe auf seine Lippen treten sehen. Pablo. Das war für sie die Bestätigung, der Schlüssel zu dieser geheimnisvollen Welt. Jetzt war sie sicher. Der Musiklehrer hatte einen Gast. Noch vor knapp zehn Tagen war Pablo ein Kind wie viele andere gewesen, ein achtjähriger Junge mit braunen Haaren und lebhaften Augen, der am liebsten auf seinem Skateboard durch die Siedlung düste. Hatte Pablo für seine Mutter oder seine Großmutter etwas zu erledigen, tat er es auf dem Skateboard. Er verbrachte Stunden auf dem Ding, immer die Straße rauf und runter. Für die Nachbarn, die ihn vor dem Fenster vorbeifahren sahen, war der kleine Pablito – wie er von allen genannt wurde – ein fester Bestandteil der Viertels. Vielleicht war das der Grund, warum an jenem Februarmorgen niemand etwas sah, in der kleinen Vorstadtsiedlung, wo jeder jeden kannte und die Häuser ebenso wie die Tage ihrer Bewohner einander glichen. Ein dunkelgrüner Volvo Van – der Musiklehrer hatte bewusst ein Familienauto gewählt, wie sie hier zu Dutzenden vor den Häusern standen – tauchte in der menschenleeren Straße auf. Die Stille eines ganz gewöhnlichen Samstagmorgens, unterbrochen nur vom leisen Knirschen des Asphalts unter den Autoreifen und vom lauten Schrammen eines Skateboards, das zunehmend an Schnelligkeit gewinnt … Sechs lange Stunden mussten vergehen, bevor jemand merkte, dass von den Geräuschen dieses Samstags eines fehlte. Und dass der kleine Pablo an diesem sonnigen Morgen von einem widerlichen Schatten verschluckt worden war, der ihn von seinem heiß geliebten Skateboard getrennt hatte und nicht wieder herausrücken wollte. Das vierrädrige Brett hatte reglos inmitten des Gewimmels von Polizeibeamten gelegen, die unmittelbar nach der Vermisstenanzeige das Stadtviertel in Beschlag nahmen. Das war vor knapp zehn Tagen passiert. Und für den kleinen Pablo war es vielleicht schon zu spät. Zu spät für seine zerbrechliche Kinderseele. Zu spät, um ohne Trauma aus dem Albtraum zu erwachen. Jetzt lag das Skateboard zusammen mit anderen Gegenständen, Spielzeug, Kleidern, in ihrem Kofferraum. Fundstücke, an denen Mila auf der Suche nach einer Fährte geschnuppert hatte und die sie schließlich zu diesem braunen Haus geführt hatten. Hier wohnte der junge Musiklehrer, der an einer höheren Schule unterrichtete und sonntagmorgens in der Kirche Orgel spielte. Der Vizepräsident des Musikvereins, der jedes Jahr ein kleines Mozartfestival organisierte. Der nichtssagende, schüchterne Junggeselle mit Brille, beginnender Glatze und schweißigen, weichen Händen. Mila hatte ihn genau beobachtet. Das war ihr besonderes Talent. Sie hatte ein konkretes Ziel vor Augen gehabt, als sie zur Polizei gegangen war, und diesem Ziel widmete sie sich seit Abschluss der Polizeischule mit Haut und Haar. Dabei ging es ihr weniger um die Verbrecher oder gar um das Gesetz. Nein, es gab einen anderen Grund, warum sie seit sieben Jahren unermüdlich jeden Winkel durchforstete, in dem widerliche Schatten sich ausbreiteten und alles Leben verfaulen ließen. Als Mila Pablos Namen auf den Lippen seines Kerkermeisters las, spürte sie einen Stich im rechten Bein. Vielleicht rührte er daher, dass sie während des langen Wartens auf dieses Zeichen immer nur im Wagen gesessen hatte. Oder aber er kam von der Wunde in ihrem Oberschenkel, die sie mit zwei Stichen selbst genäht hatte. Ich werde den Verband noch mal erneuern, nahm sie sich vor. Aber später, nicht jetzt. Und parallel zu dem Vorsatz reifte in ihr der Entschluss, auf der Stelle in das Haus einzudringen. Den Bann zu brechen und dem Albtraum ein Ende zu bereiten. »Beamtin Mila Vasquez an Zentrale: Habe mutmaßlichen Entführer des kleinen Pablo Ramos ausgemacht. Wohnt in braunem Haus, Viale Alberas, Nummer 27. Mögliche Gefahrensituation.« »Verstanden, Kollegin Vasquez. Wir ziehen ein paar Streifenwagen ab und schicken sie dir, aber das dauert mindestens dreißig Minuten.« Zu lange. So viel Zeit blieb ihr nicht. So viel Zeit blieb Pablo nicht. Mila fürchtete, hinterher den Satz »Es war leider zu spät« verantworten zu müssen, und das trieb sie dazu, sich allein dem Haus zu nähern. Die Stimme des Polizeifunkgeräts war nur noch als leises Krächzen im Hintergrund zu hören, während sie – die Pistole mit beiden Händen vorgestreckt und sich nach allen Seiten umblickend – zu dem Palisadenzaun rannte, der das frei stehende Haus nur nach hinten begrenzte. Eine riesige Platane überragte das Dach. Im Nu stand Mila vor dem Tor, das zum Hintereingang führte. Sie presste sich an die Holzpfähle und lauschte. Hin und wieder drangen Fetzen eines Rocksongs an ihr Ohr, vom Wind irgendwoher aus der Nachbarschaft herangetragen. Mila spähte über das Tor und sah einen gepflegten Garten mit Geräteschuppen und einem roten Gummischlauch, der sich quer über den Rasen zu einem Sprenger schlängelte. Ein Gasgrill, Gartenmöbel aus Plastik. Alles ganz normal. Eine malvenfarbene Tür mit Mattglas. Mila fasste mit einer Hand über das Tor und hob vorsichtig den Riegel an. Die Angeln quietschten, und sie öffnete das Tor gerade so weit, dass sie durchschlüpfen konnte. Danach schloss sie es wieder; niemand, der aus dem Haus nach draußen sah, sollte eine Veränderung bemerken. Alles musste sein wie immer. Dann schlich sie auf das Haus zu, wie sie es in der Ausbildung gelernt hatte, jeden ihrer Schritte genau abwägend und immer auf Zehenspitzen, um keine Spuren im Gras zu hinterlassen. Dabei war sie angespannt wie eine Feder und hätte notfalls blitzschnell reagieren können. Wenige Sekunden später stand sie bereits neben dem Hintereingang, und zwar auf der Seite, von der aus sie keinen Schatten werfen würde, wenn sie sich vorbeugte, um ins Hausinnere zu spähen. Und genau das tat sie. Durch das Mattglas erkannte sie zwar keine Einzelheiten, aber die Umrisse der Möbel ließen darauf schließen, dass es sich um das Esszimmer handelte. Mila streckte vorsichtig die Hand nach der Türklinke aus und drückte sie nach unten. Das Schloss schnappte auf. Die Tür war nicht abgeschlossen. Der Musiklehrer musste sich ziemlich sicher fühlen. Mila würde schon bald erfahren, warum. Bei jedem Schritt gaben ihre Gummisohlen auf dem Linoleumboden ein quietschendes Geräusch von sich. Sie zwang sich, so leise wie möglich aufzutreten, aber schließlich zog sie die Schuhe aus und ließ sie neben einer Kommode stehen. Barfuß erreichte sie die Tür zum Gang. Jetzt hörte sie ihn sprechen. »Dann bräuchte ich noch eine Packung Küchenpapier und eine Flasche Fliesenreiniger … Ja, genau den. Außerdem bringen Sie mir bitte sechs Dosen Hühnersuppe, ein Pfund Zucker, die neue Fernsehzeitschrift und eine Schachtel Light-Zigaretten, die Marke dürfen Sie sich aussuchen …« Die Stimme kam aus dem Wohnzimmer. Der Musiklehrer tätigte seine Einkäufe per Telefon. War er zu beschäftigt, um das Haus zu verlassen? Oder wollte er seinen Gast keine Sekunde aus den Augen lassen? »Ja, Viale Alberas Nummer 27, danke. Und bringen Sie gleich das Restgeld mit, ich habe leider nur fünfzig Euro im Haus.« Mila ging der Stimme nach und kam dabei an einem Spiegel vorbei. Es war ein Zerrspiegel, wie man sie von Jahrmärkten kennt. Als sie neben der Zimmertür stand, streckte sie die Arme mit der Pistole aus, holte tief Luft und sprang mit einem Satz über die Türschwelle. Sie rechnete damit, ihn zu überraschen, möglicherweise von hinten, vor dem Fenster stehend und noch den Telefonhörer in der Hand. Eine perfekte, lebende Zielscheibe. Doch sie hatte sich getäuscht. Das Wohnzimmer war leer, der Telefonhörer lag ganz normal auf der Gabel. Sie begriff, dass in diesem Zimmer niemand telefoniert hatte, und im selben Augenblick spürte sie die eiskalte Berührung einer Pistole im Nacken. Er stand hinter ihr. Der Musiklehrer hatte sich perfekt abgesichert: Das kreischende Gartentor, der quietschende Linoleumboden waren Alarmsignale, die ihm mögliche Eindringlinge anzeigten. Das vorgetäuschte Telefonat war der Köder, mit dem er seine Beute anlockte. Und der Zerrspiegel bot ihm die Möglichkeit, sich unbemerkt anzupirschen. Alles war Teil eines Hinterhalts. Sie spürte, wie er von hinten die Hand nach ihrer Dienstwaffe ausstreckte. Mila überließ sie ihm. »Du kannst mich erschießen, aber es wird dir nichts bringen. In ein paar Minuten sind meine Kollegen hier. Gib lieber auf, du hast nicht die geringste Chance.« Er antwortete nicht. Sie hatte das Gefühl, ihn aus den Augenwinkeln zu sehen, und es kam ihr so vor, als würde er lächeln. Der Musiklehrer trat einen Schritt zurück. Die Pistole hatte sie jetzt nicht mehr im Nacken, aber noch immer spürte sie die magnetische Anziehungskraft zwischen ihrem Kopf und der Kugel im Lauf. Der Mann ging langsam um sie herum und trat endlich in ihr Blickfeld. Er starrte sie einen Moment lang an, ohne sie jedoch wirklich zu sehen. Mila hatte das Gefühl, in seinen Augen den Vorhof der Hölle zu erblicken. Der Musiklehrer drehte sich um und wandte ihr furchtlos den Rücken zu. Er ging sicheren Schritts auf das Klavier zu, das an der Wand stand. Setzte sich auf den Hocker davor und blickte auf die Klaviatur. Die beiden Pistolen legte er ganz links ab. Dann hob er kurz die Hände, bevor er sie erneut auf die Tasten senkte. Während sich Klänge von Chopin im Raum ausbreiteten, rang Mila nach Luft, sämtliche Muskeln und Sehnen ihres Halses waren angespannt. Die Finger des Musiklehrers glitten leicht und anmutig über die Tasten. Und die süßen Klänge zwangen Mila, der absurden Darbietung wie hypnotisiert zu folgen. Doch dann gab sie sich einen Ruck und begann langsam rückwärts zu gehen, bis sie sich wieder im Korridor befand. Von der Melodie verfolgt, machte sie sich daran, hastig die Zimmer zu durchsuchen. Sie ging alle ab, eins nach dem andern. Das Büro. Das Bad. Die Speisekammer. Bis zu der geschlossenen Tür. Mila stemmte sich mit der Schulter dagegen. Da ihre Schenkelwunde schmerzte, verlagerte sie das ganze Gewicht auf das Schultergelenk. Bis die hölzerne Tür nachgab. Zunächst drang nur das dämmrige Licht des Korridors in den Raum, dessen Fenster zugemauert schienen. Mila folgte dem blassen Lichtstrahl in die Dunkelheit, bis sie einem Paar glänzender Augen begegnete, die ihren Blick wie versteinert erwiderten. Sie gehörten tatsächlich Pablito, der, die Beine an den mageren Oberkörper gezogen, auf dem Bett kauerte und nichts als eine Unterhose und ein Hemdchen trug. Er versuchte zu begreifen, ob er Angst haben musste, ob Mila auch zu seinem Albtraum gehörte oder nicht. Sie sagte, was sie immer sagte, wenn sie ein Kind wiederfand. »Wir müssen gehen.« Er nickte kurz, streckte ihr die Arme entgegen und umschlang ihren Hals. Mila lauschte angespannt auf die Musik, die unterdessen weiterspielte und sie zur Eile mahnte. Was, wenn das Stück nicht lange genug andauerte und ihr keine Zeit blieb, das Haus zu verlassen? Eine seltsame Furcht erfasste sie. Sie hatte ihr Leben und das der Geisel aufs Spiel gesetzt. Und jetzt hatte sie Angst. Angst, noch einmal etwas falsch zu machen. Angst, beim letzten Schritt, dem, der sie aus diesem verdammten Haus hinausbringen sollte, noch zu stolpern. Oder zu entdecken, dass dieses Haus sie nie mehr gehen ließ, dass es sich wie ein Spinnennetz über sie legte und auf ewig gefangen nahm. Doch die Tür ließ sich öffnen, und draußen wurden sie vom Tageslicht empfangen, das zwar noch etwas fahl, aber ungeheuer beruhigend war. Als ihr Herz langsamer schlug und sie sich nicht mehr um die Pistole zu kümmern brauchte, die sie in dem Haus zurückgelassen hatte, als sie Pablo noch fester an sich drückte, um ihm alle Angst zu nehmen, da näherte sich der Kleine ihrem Ohr und flüsterte: »Kommt sie denn nicht mit?« Mila blieb wie angewurzelt stehen, ihre Füße waren auf einmal bleischwer. Sie wankte, verlor jedoch nicht das Gleichgewicht. »Wo ist sie?«, fragte Mila überraschend ruhig, weil ein entsetzlicher Verdacht ihr die Kraft dazu gab. Das Kind hob den Arm und deutete mit dem Zeigefinger zum zweiten Stockwerk hinauf. Das Haus starrte sie aus seinen Fenstern an und lachte ihr mit der offen stehenden Tür höhnisch ins Gesicht. Doch da wich die Angst von ihr. Mila legte die letzten Meter zu ihrem Wagen zurück, setzte den kleinen Pablo auf dem Rücksitz ab und sagte im Ton eines feierlichen Versprechens: »Ich bin gleich zurück.« Dann ließ sie sich abermals von dem Haus verschlucken. Mila stand am Fuß der Treppe. Sie wusste nicht, was sie dort oben erwartete. Die Hand auf dem Geländer, stieg sie langsam hinauf. Auch jetzt waren es die Klänge Chopins, die sie bei ihrer Erkundung begleiteten. Ihre Füße erklommen Stufe um Stufe, während sie sich an den Handlauf klammerte, der sie von jedem weiteren Schritt zurückhalten wollte, wie ihr schien. Völlig unerwartet brach die Musik ab. Mila erstarrte, während ihre Sinne auf Hochtouren arbeiteten. Dann der trockene Knall eines Schusses, ein dumpfer Schlag und das dissonante Klimpern der Klaviertasten. Mila rannte jetzt ins obere Stockwerk hinauf. Vielleicht war das ja auch nur eine Falle. Die Treppe machte eine Krümmung und ging in einen engen Korridor mit einem dicken Teppich über. Am Ende ein Fenster, davor eine menschliche Gestalt. Zartgliedrig, schmal, im Gegenlicht; sie stand mit den Füßen auf einem Stuhl, den Hals und die Arme nach einem Strick ausgestreckt, der von der Decke baumelte. Mila sah, dass sie den Kopf in die Schlinge stecken wollte, und schrie. Die Gestalt versuchte, sich zu beeilen. Denn so war es ihr beigebracht worden, so hatte er es ihr eingetrichtert. Wenn sie kommen, musst du dich umbringen. Sie – das waren die anderen, die Außenwelt, all jene, die nichts verstehen und niemals verzeihen würden. Mila stürzte auf die Frau zu, doch plötzlich hatte sie das Gefühl, in die Vergangenheit einzutauchen. Vor vielen Jahren, in einem anderen Leben, war diese Frau ein Mädchen gewesen. Mila erinnerte sich genau an sie, an ihr Foto. Sie hatte es gründlich studiert, sich ihr Gesicht Zug um Zug eingeprägt, jedes Fältchen im Geist nachgezeichnet, jede Besonderheit, ja selbst den kleinsten Makel der Haut in ihr Gedächtnis eingebrannt. Und dann diese Augen, deren gesprenkeltes Blau so leuchtend war, dass sich das Blitzlicht der Kamera ungebrochen darin spiegelte. Die Augen eines zehnjährigen Kindes, Elisa Gomes. Das Foto war ein Schnappschuss, den der Vater bei irgendeinem Fest aufgenommen hatte, während das Kind Geschenke auspackte. Mila hatte sich die Szene vorgestellt, den Vater, der seine Tochter beim Namen rief, damit sie sich nach ihm umdrehte. Und Elisa, wie sie ihm das Gesicht zuwandte und noch nicht einmal Zeit hatte, überrascht zu sein. Was mit bloßem Auge normalerweise gar nicht zu erkennen war, hatte die Kamera eingefangen und verewigt: den wundervollen Entstehungsmoment eines Lächelns, die Sekunde, bevor es auf den Lippen erblüht und die Augen wie aufgehende Sterne zum Strahlen bringt. Deshalb hatte sich Mila auch nicht darüber gewundert, dass die Eltern von Elisa Gomes ihr ausgerechnet dieses Foto gaben, als sie um ein neueres Bild der Tochter bat. Sicher, die Aufnahme war aufgrund des Gesichtsausdrucks, den Elisa darauf zeigte, eher ungeeignet gewesen; mit einem solchen Bild ließ sich am Computer nicht rekonstruieren, wie sich die Gesichtszüge des Kindes im Lauf der Jahre verändern würden. Milas Kollegen hatten sich beschwert, aber ihr war das egal gewesen. Für sie hatte dieses Bild etwas Besonderes, eine bestimmte Energie. Und genau die galt es zu suchen. Nicht eins von hundert Gesichtern, ein Mädchen unter tausend anderen. Sondern genau dieses Mädchen mit genau diesem Leuchten in den Augen. Sofern es ihm nicht längst jemand geraubt hatte … Mila fing die junge Frau im letzten Moment auf, indem sie ihre Beine umschlang und sie daran hinderte, sich mit ihrem ganzen Gewicht in die Schlinge fallen zu lassen. Die Frau wehrte sich, strampelte und schrie – bis Mila sie bei ihrem Namen nannte. »Elisa«, sagte sie mit unendlich sanfter Stimme. Und die junge Frau erkannte sich wieder. Sie hatte vergessen gehabt, wer sie war. Die langen Jahre der Gefangenschaft hatten ihre Identität zunichtegemacht, Stück für Stück, Tag um Tag. Bis dieser Mann ihre ganze Welt ausmachte und der Rest der Welt sie vergessen hatte. Niemand würde kommen und sie retten, niemals. Elisa sah Mila voller Verwunderung an, beruhigte sich langsam und ließ sich schließlich aus diesem verdammten Haus führen. 3 Sechs Arme. Fünf Namen. Mit diesem Ergebnis hatte der Suchtrupp die Waldlichtung verlassen und war zum Einsatzwagen am Rand der Landstraße zurückgekehrt. Ein gut funktionierendes Polizeiteam erkennt man nicht zuletzt daran, dass es selbst in Extremsituationen in der Lage ist, frisch aufgebrühten Kaffee und Sandwichs zu offerieren. Nur, dass an diesem kalten Februarmorgen niemand so recht Lust hatte, über das Büffet herzufallen. Stern zog eine Schachtel Pfefferminzpastillen aus der Jackentasche. Er schüttelte sie, ließ zwei Pastillen in seinen Handteller fallen und warf sie sich in den Mund. Er behauptete, damit könne er besser denken. »Wie ist das möglich?«, fragte er dann mehr sich selbst als die anderen. »Himmel, Arsch …«, entfuhr es Boris, aber so leise, dass niemand ihn hörte. Rosa suchte nach einem Punkt innerhalb des Mannschaftswagens, auf den sie ihre Aufmerksamkeit lenken konnte. Goran verstand sie: sie hatte eine Tochter in diesem Alter. Daran denkst du als Erstes, wenn du es mit einem Verbrechen an Kindern zu tun hast. An deine eigenen Kinder. Und du fragst dich, was wäre, wenn … Aber du denkst den Satz nicht zu Ende, weil allein schon der Gedanke schmerzt. »Er wird sie uns stückchenweise finden lassen«, meinte Hauptkommissar Roche. »Ist das ab jetzt unser Job? Leichenteile einsammeln?«, fragte Boris gereizt. Er war ein Mann der Tat. Sich mit der Rolle des Totengräbers abfinden zu müssen, ging ihm gegen den Strich. Er brauchte einen Schuldigen. Und die anderen, die bei seinen Worten zustimmend nickten, offenbar auch. Roche beruhigte sie: »Nein, das Wichtigste ist natürlich immer noch die Verhaftung des Täters. Aber wir haben auch die Aufgabe, nach den sterblichen Überresten seiner Opfer zu suchen. Dem können wir uns nicht entziehen, so traurig es ist.« »Da steckt eine Absicht dahinter.« Alles starrte auf Goran, der das gesagt hatte. »Dass der Labrador die Witterung aufgenommen und zu graben angefangen hat, war kein Zufall, sondern geplant. Unser Mann hat die beiden Jungen mit dem Hund beobachtet. Er wusste, dass sie ihn im Wald ausführen. Und genau aus diesem simplen Grund hat er seinen kleinen Friedhof dort angelegt. Er wollte uns zeigen, dass er sein Werk vollendet hat. Das ist alles.« »Soll das heißen, wir kriegen ihn nicht?«, fragte Boris fassungslos und voller Wut. Goran seufzte. »Du weißt selbst, wie diese Fälle ausgehen …« »Aber es war nicht das letzte Mal. Er wird noch einmal töten, habe ich recht?« Diesmal war es Rosa, die sich innerlich aufbäumte. »Bislang ist alles glatt für ihn gelaufen. Er wird es noch mal versuchen.« Goran wusste es nicht. Und selbst wenn er diesbezüglich eine Meinung gehabt hätte, wäre ihm nicht klar gewesen, wie er den Kollegen seine innere Zerrissenheit hätte begreiflich machen sollen, den Zwiespalt zwischen dem scheußlichen Gedanken an die Morde und dem zynischen Wunsch, der Täter möge noch einmal zuschlagen. Eins stand jedenfalls fest – und das wussten alle: Nur wenn der Täter weitermachte, hatten sie eine Chance, ihn zu fassen. Hauptkommissar Roche warf einen Blick in die Runde: »Wenn wir die Leichen der Mädchen finden, haben die Eltern wenigstens eine Beerdigung und ein Grab, an dem sie weinen können.« Typisch Roche. Stets darum bemüht, fast allem eine positive Seite abzugewinnen. Im Übrigen war der Satz eine Art Generalprobe. So oder so ähnlich würde er sich nachher auch der Presse gegenüber äußern, um den Fall zu entschärfen und nebenbei das eigene Image aufzupolieren. Zuerst die Trauer, der Schmerz. Damit gewann man Zeit. Dann die Ermittlungen und die Täter. Goran wusste jedoch, dass ihm das diesmal nicht gelingen würde und dass sich die Journalisten wie Geier auf jeden Brocken stürzen würden, den Roche ihnen hinwarf, um die Geschichte anschließend mit den schamlosesten Details auszuschmücken. Vor allem aber würden sie ihnen ab diesem Moment nichts mehr nachsehen. Jede Geste, jedes Wort würde die Bedeutung eines Versprechens, eines feierlichen Gelöbnisses bekommen. Roche war überzeugt, die Journalisten im Zaum halten zu können, indem er sie häppchenweise mit dem fütterte, was sie hören wollten. Und Goran ließ ihn in diesem naiven Glauben. »Ich denke, wir sollten diesem Typen einen Namen geben, bevor es die Presse tut«, sagte Roche. Goran war derselben Meinung, wenn auch aus anderen Gründen als der Hauptkommissar. Wie alle Kriminologen, die für die Polizei tätig waren, hatte er seine eigenen Methoden. Eine bestand darin, dem Kriminellen ein Aussehen zu geben, um der zunächst noch schwer fassbaren, schemenhaften Gestalt menschliche Züge zu verleihen. Denn gerade bei besonders brutalen, monströsen Verbrechen wird leicht übersehen, dass der Täter, genau wie das Opfer, ein Mensch ist, ein Mensch, der häufig ein ganz normales Leben führt, einer Arbeit nachgeht und mitunter sogar Familie hat. Und ein Mensch hat Schwachpunkte und kann gefasst werden. Ein namenloses Monster nicht. Im Einsatzwagen schlug Boris als Namen für denjenigen, der das Gräberfeld angelegt hatte, Albert vor – in Erinnerung an einen früheren Fall. Die Anwesenden quittierten seinen Vorschlag mit einem Lächeln, und damit war die Entscheidung gefallen. Von nun an würden die Mitglieder der Ermittlungsgruppe diesen Namen benutzen, wenn sie von dem Mörder sprachen. Und ganz allmählich würde dieser Albert ein Antlitz bekommen. Eine Nase, zwei Augen, ein Gesicht, ein eigenständiges Leben. Jeder von ihnen würde ihn sich auf seine Weise vorstellen, und dann würde er bald mehr als nur ein flüchtiger Schatten sein. »Albert, hm …« Am Ende der Besprechung überlegte Roche immer noch, ob der Name auch medienwirksam genug wäre. Er sprach ihn mehrmals vor sich hin, ließ ihn sich auf der Zunge zergehen. Ja, das könnte hinhauen. Aber es gab noch etwas, was dem Hauptkommissar Kopfzerbrechen bereitete. Er wandte sich damit an Goran: »Soll ich dir was sagen? Boris hat vollkommen recht. Himmel noch mal! Ich kann meine Leute nicht zwingen, Leichenteile einzusammeln, damit uns so ein übergeschnappter Psychopath in aller Öffentlichkeit als Idioten hinstellt!« Goran wusste, dass Roche mit »seine Leute« in Wahrheit vor allem sich selbst meinte. Er war es, der Angst davor hatte, keine Erfolge vorweisen zu können. Und er war es auch, der fürchtete, man werde der Polizei Versagen vorwerfen, wenn es ihm nicht gelang, dem Täter Einhalt zu gebieten. Außerdem war da noch die Geschichte mit dem sechsten Arm. »Ich werde vorerst nicht bekannt geben, dass es ein sechstes Opfer gibt.« Goran sah ihn befremdet an. »Wie sollen wir dann herausfinden, um wen es sich handelt?« »Keine Sorge, ich habe an alles gedacht.« Mila Vasquez hatte in ihrer relativ jungen Karriere neunundachtzig Fälle von vermisst gemeldeten Personen gelöst. Dafür war sie mit drei Medaillen und einer ganzen Reihe sonstiger Ehrungen ausgezeichnet worden. Sie galt als Expertin auf ihrem Gebiet und wurde häufig als Beraterin angefordert, selbst aus dem Ausland. Die Operation an diesem Vormittag, in deren Verlauf sie gleichzeitig Pablo und Elisa befreit hatte, war als »aufsehenerregender Erfolg« bezeichnet worden. Mila hatte nichts dazu gesagt, aber es ärgerte sie. Ihr wäre es lieber gewesen, sie hätte auch ihre Fehler bei der Operation eingestehen können. Zum Beispiel hatte sie das braune Haus betreten, ohne Verstärkung abzuwarten. Sie hatte die Situation falsch eingeschätzt und nicht mit Hinterhalten gerechnet. Auch dass sie dem Mann erlaubt hatte, sie zu entwaffnen und ihr seine Pistole in den Nacken zu drücken, war ein Fehler gewesen. Damit hatte sie nicht nur ihr eigenes, sondern auch das Leben der Geiseln aufs Spiel gesetzt. Und außerdem hatte sie nicht verhindert, dass der Musiklehrer Selbstmord beging. Aber all das war von ihren Vorgesetzten unterschlagen worden, die lediglich ihre Verdienste betont und sich im Übrigen für die rituellen Fotos zur Verfügung gestellt hatten. Mila war auf diesen Bildern nie zu sehen. Offiziell, weil sie im Hinblick auf zukünftige Ermittlungen lieber anonym bleiben wollte. In Wirklichkeit hasste sie es, fotografiert zu werden. Sie ertrug es nicht einmal, sich im Spiegel zu betrachten. Nicht, weil sie nicht hübsch gewesen wäre, im Gegenteil. Aber sie hatte mit ihren zweiunddreißig Jahren so viele Stunden im Kraftraum verbracht, dass sie jede Spur von Weiblichkeit, jede Kurve, jede Rundung eingebüßt hatte. Als wäre das Frausein ein Übel gewesen, das sie hatte bekämpfen müssen. Zwar wirkte sie nicht maskulin, obwohl sie häufig Männersachen trug, aber sie hatte einfach nichts an sich, woran man ihre geschlechtliche Identität ablesen konnte. Und das war gewollt. Ihre Kleidung war unauffällig – Jeans, nicht allzu eng anliegend, gut eingelaufene Turnschuhe, Lederjacke – Kleidung eben, mehr nicht. Ihre Funktion war es, ihre Blößen zu bedecken. Mila verlor keine Zeit damit, sie auszusuchen, sie kaufte sie und basta. So war sie, und so wollte sie sein. Unsichtbar unter den Unsichtbaren. Vielleicht war es deshalb auch kein Problem, dass sie die Umkleideräume im Revier mit ihren männlichen Kollegen teilte. Mila stand schon zehn Minuten da und starrte in ihren offenen Spind, während sie noch einmal die Ereignisse des Tages Revue passieren ließ. Da war noch etwas gewesen, was sie dringend erledigen musste, aber im Moment dachte sie über andere Dinge nach. Ein stechender Schmerz im Oberschenkel riss sie jäh aus ihren Gedanken. Die Wunde war wieder aufgebrochen, sie hatte vergeblich versucht, das Blut mit einer Monatsbinde und Klebeband zu stillen. Zu dumm, dass die Hautfetzen um den Schnitt herum so kurz waren, andernfalls wäre sie mit Nadel und Faden zu Werke gegangen. Vielleicht hätte sie sich diesmal wirklich von einem Fachmann verarzten lassen sollen. Das Problem war nur, dass sie nicht die geringste Lust hatte, ins Krankenhaus zu gehen. Zu viele Fragen. Sie beschloss, sich fürs Erste einen Druckverband anzulegen, in der Hoffnung, die Blutung damit zu stillen; später wollte sie es dann noch einmal mit Nähen versuchen. Allerdings musste sie, um eine Infektion zu vermeiden, unbedingt ein Antibiotikum einnehmen, und dafür brauchte sie ein Rezept. Sie würde es sich bei einem Typen, der sie bisweilen über die Neuzugänge unter den Obdachlosen am Bahnhof informierte, besorgen – gefälscht, versteht sich. Bahnhöfe – es ist schon seltsam mit den Bahnhöfen, dachte Mila. Für die meisten von uns sind sie lediglich Durchgangsstation, für einige werden sie jedoch zur Endstation. Sie kommen an, steigen aus und bleiben. Für immer. Bahnhöfe sind eine Art Vorhölle, in der sich die verlorenen Seelen drängen und darauf warten, dass sie jemand erlöst. Jeden Tag verschwinden im Durchschnitt zwanzig bis fünfundzwanzig Personen. Mila kannte die Statistik. Diese Menschen tauchten irgendwann plötzlich unter. Ohne jede Vorwarnung und ohne Gepäck. Einfach so, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Mila wusste, dass es sich zum Großteil um Leute handelte, die sich gerade so durchschlugen oder vom Dealen lebten, häufig straffällig wurden und im Gefängnis ein und aus gingen. Neben ihnen gab es aber auch diejenigen – eine merkwürdige Minderheit –, die irgendwann beschlossen, für immer zu verschwinden. Wie die Familienmutter, die zum Einkaufen in den Supermarkt ging und einfach nicht zurückkehrte, oder der Sohn oder Bruder, der einen Zug bestieg und nie am Zielbahnhof ankam. Mila glaubte, dass es für jeden einen Weg gab. Einen Weg, der nach Hause führte, zu geliebten Menschen und zu geschätzten Dingen. Für gewöhnlich war es ein Leben lang derselbe Weg. Doch es konnte passieren, dass dieser Weg abbrach. Manchmal begann er woanders von Neuem. Oder kehrte nach verschlungenen Umwegen zu der Stelle zurück, an dem er abgebrochen war. Oder er verlief einfach im Nichts. Manchmal aber verlor er sich auch im Dunkel. Mila wusste, dass mehr als die Hälfte derjenigen, die verschwanden, wieder zurückkehrte und eine Geschichte mitbrachte. Andere hatten nichts zu erzählen und nahmen einfach ihr früheres Leben wieder auf. Wieder andere hatten weniger Glück, von ihnen blieb nur eine stumme Leiche. Und schließlich gab es auch die, von denen man nie wieder hörte. Unter ihnen waren viele Kinder. Manche Eltern würden ihr Leben dafür geben, zu erfahren, was passiert ist. Was sie falsch gemacht haben. Welche Unachtsamkeit die Lawine des Schweigens ins Rollen gebracht hat. Wo ihr Kleines abgeblieben ist. Wer es ihnen weggenommen hat und warum. Es gibt Menschen, die sich an Gott wenden und ihn fragen, wofür er sie so hart bestraft. Menschen, die sich bis an ihr Lebensende mit der Suche nach einer Antwort quälen oder ihr Leben aufgeben, um ihren Fragen ausweichen zu können. Manche wünschen sich sogar, vom Tod des eigenen Kindes zu erfahren, weil sie nur noch weinen möchten. Ihr größter Wunsch ist es nicht, sich mit dem Schicksal abzufinden, sondern endlich nicht mehr hoffen zu müssen. Denn die Hoffnung tötet noch langsamer als die Wahrheit. Mila jedoch glaubte nicht an das Märchen von der befreienden Wirkung der Wahrheit. Das war Unsinn, sie hatte es am eigenen Leib erfahren, als sie das erste Mal jemanden aufspürte. Auch an dem Nachmittag, als sie Pablo und Elisa nach Hause zurückgebracht hatte. Für den Jungen hatte es Freudenjubel gegeben, Hupkonzerte und Autokorsos in der ganzen Siedlung. Für Elisa nicht. Zu viel Zeit war vergangen. Mila hatte die junge Frau nach ihrer Rettung in eine Sondereinrichtung gebracht, wo Sozialhelfer sich ihrer annahmen. Sie bekam eine warme Mahlzeit und saubere Kleidung. Meistens fielen die Kleider ein, zwei Größen zu weit aus. Vielleicht lag es daran, dass die Vermissten in den Jahren des Vergessens geschrumpft waren und man sie erst in allerletzter Minute aufgefunden hatte, kurz bevor sie sich ganz aufgelöst hätten. Elisa sagte kein Wort, während sie umhegt und umsorgt wurde. Und auch als sie erfuhr, dass Mila sie nach Hause bringen würde, schwieg sie. Die junge Polizistin starrte immer noch in ihren Spind. Vor ihren Augen tauchten die Gesichter der Eltern von Elisa Gomes auf, wie sie geschaut hatten, als ihre Tochter plötzlich vor der Tür stand. Sie waren unvorbereitet gewesen und auch etwas verlegen. Vielleicht hatten sie geglaubt, Mila würde ihnen ein zehnjähriges Mädchen zurückbringen. Stattdessen sahen sie sich einer erwachsenen Frau gegenüber, mit der sie nichts mehr gemein hatten. Elisa war ein intelligentes und für ihr Alter ungewöhnlich reifes Kind gewesen. Mit sechzehn Monaten hatten sie bereits zu sprechen begonnen. Ihr erstes Wort war »May« gewesen, der Name ihres Teddybärs – ihr letztes »morgen«, das hatte ihre Mutter auch nie vergessen. »Wir sehen uns morgen«, hatte Elisa vor der Haustür gesagt, bevor sie gegangen war, um bei einer Freundin zu übernachten. Nur, dass dieser Morgen nie angebrochen war. Nicht für Elisa Gomes. Ihr »Gestern« dagegen dauerte ewig, und nichts hatte darauf hingedeutet, dass es irgendwann aufhören sollte. Während dieses nicht enden wollenden Tages hatte Elisa für ihre Eltern als zehnjähriges Kind weitergelebt, mit einem Zimmer voller Puppen und einem Berg Weihnachtsgeschenke vor dem Kamin. Sie würde bis in alle Ewigkeit so bleiben, wie sie sie in Erinnerung hatten. Und auch wenn Mila Elisa wiedergefunden hatte, ihre Eltern würden weiter auf das kleine Mädchen warten, das ihnen abhandengekommen war. Ohne je Ruhe zu finden. Nach einer Umarmung, die ebenso gezwungen wirkte wie die Tränen und die Rührung, die sie begleiteten, hatte die Mutter sie ins Haus gebeten und ihnen Tee und Kekse vorgesetzt. Sie war mit ihrer Tochter umgegangen wie mit einem Gast. In der stillen Hoffnung vielleicht, Elisa würde nach diesem Besuch wieder gehen und sie und ihren Mann mit dem mittlerweile vertrauten Gefühl des Beraubtseins, der Leere, zurücklassen. Mila verglich die damit einhergehende Traurigkeit immer mit einem alten Schrank, den man am liebsten hinauswerfen möchte, aus irgendeinem Grund aber stehen lässt. Sein typischer Geruch durchdringt das ganze Zimmer, er stört einen, doch er gehört nun mal dazu. Mit der Zeit gewöhnt man sich daran, und am Ende gehört er auch zu einem selbst. Elisa war nach Hause zurückgekehrt, und ihre Eltern hätten die Trauer ablegen und sich für das Mitleid bedanken müssen, das ihnen in all diesen Jahren zuteilgeworden war. In den Augen der anderen gab es für sie keinen Grund mehr, traurig zu sein. Wie also hätten sie es wagen können, in aller Öffentlichkeit zu jammern? Worüber hätten sie sich beklagen sollen? Darüber, dass eine Fremde in ihrem Haus herumlief? Als Mila nach einer Stunde belangloser Plauderei aufgestanden war, um sich zu verabschieden, hatte sie in den Augen der Mutter einen Hilferuf gelesen. Was mache ich jetzt?, schrie sie ihr stumm entgegen, und Mila begriff, dass die Frau panische Angst davor hatte, der Wirklichkeit ins Auge zu sehen. Doch auch sie, Mila, hatte mit einer Tatsache zu kämpfen. Der Tatsache, dass die Auffindung von Elisa Gomes purer Zufall gewesen war. Wäre ihrem Entführer nicht zehn Jahre später eingefallen, für »Familienzuwachs« zu sorgen, indem er den kleinen Pablo entführte, hätte nie jemand erfahren, wie die Dinge wirklich gelaufen waren. Und Elisa wäre weiter in der Welt gefangen geblieben, die ihr Kerkermeister in seinem Wahn eigens für sie geschaffen hatte. Zunächst als Tochter und später als treu ergebene Ehefrau. Mit diesem Gedanken schloss Mila den Spind. Denk nicht mehr dran, sagte sie zu sich selbst. Vergessen ist das beste Heilmittel. Das Revier leerte sich langsam, und auch sie zog es nach Hause. Sie würde duschen, eine Flasche Portwein öffnen, auf dem Gasherd Kastanien rösten. Danach würde sie sich aufs Sofa setzen und den Baum vor ihrem Wohnzimmerfenster betrachten. Und mit ein wenig Glück würde sie dabei ziemlich schnell einschlafen. Genau in diesem Moment steckte ein Kollege den Kopf zur Tür des Umkleideraums herein und ließ sie wissen, dass Kriminalhauptkommissar Morexu sie sprechen wollte. Ein nass glänzender Schmierfilm überzog die Straßen an diesem Februarabend. Goran stieg aus dem Taxi. Er besaß kein Auto, hatte nicht einmal einen Führerschein. Wenn er irgendwohin musste, ließ er sich von anderen chauffieren. Nicht, dass er nicht versucht hätte, Auto zu fahren, er konnte es sogar. Aber für jemanden, der wie er die Angewohnheit hatte, tief in Gedanken zu versinken, war es nicht ratsam, sich hinter ein Steuer zu klemmen. Und so verzichtete Goran darauf. Nachdem er den Taxifahrer bezahlt hatte, fischte er sich als Erstes eine Zigarette aus der Jackentasche. Er zündete sie an, zog zweimal daran und warf sie weg. Dieses Prozedere war zu einem Ritual geworden, seit er beschlossen hatte, mit dem Rauchen aufzuhören. Eine Art Kompromiss mit sich selbst, um der Nikotinsucht ein Schnippchen zu schlagen. Sein Blick fiel auf sein Spiegelbild in einem Schaufenster. Er betrachtete sich ein paar Sekunden lang. Den ungepflegten Bart, der sein stets müde wirkendes Gesicht umrahmte. Die Ringe unter den Augen, das zerzauste Haar. Ihm war klar, dass er sich kaum um seine äußere Erscheinung kümmerte. Das war auch nicht seine Aufgabe, dafür war eigentlich jemand anders zuständig, nur dass dieser Jemand schon vor einiger Zeit von seinem Amt zurückgetreten war. Was an Goran am meisten auffiel – das sagten alle –, war das lange geheimnisvolle Schweigen, in das er immer wieder versank. Und seine riesengroßen, wachsamen Augen. Es war beinahe Abendessenszeit. Langsam stieg er die Treppe seines Hauses empor, betrat seine Wohnung und lauschte. Es vergingen ein paar Sekunden, bis er die vertraute Stimme von Tommy hörte, der in seinem Zimmer spielte. Er ging hin, sah ihm jedoch nur von der Tür aus zu, denn er hatte nicht den Mut, ihn beim Spielen zu unterbrechen. Tommy war neun Jahre alt und so unbekümmert, wie Kinder es eben sind. Er hatte braune Haare und liebte – neben der Farbe Rot – Basketball und Eis, auch im Winter. Er hatte einen besten Freund, Bastian, mit dem er im Garten der Schule tolle Safaris veranstaltete. Sie waren beide bei den Pfadfindern, und diesen Sommer würden sie gemeinsam ins Zeltlager gehen. In letzter Zeit sprachen sie von nichts anderem. Tommy sah seiner Mutter unwahrscheinlich ähnlich, von seinem Vater hatte er nur eins: die riesengroßen, wachsamen Augen. Als er Gorans Anwesenheit bemerkte, drehte er sich um und lächelte. »Du kommst spät«, sagte er vorwurfsvoll. »Ich weiß. Tut mir leid«, verteidigte sich Goran. »Ist Frau Runa schon lange weg?« »Ihr Sohn hat sie vor einer halben Stunde abgeholt.« Das hörte Goran nicht gern. Frau Runa war jetzt schon seit ein paar Jahren ihre Haushälterin. Eigentlich hätte sie wissen müssen, dass er es nicht mochte, wenn Tommy allein zu Hause bleiben musste. Aber das gehörte zu den vielen kleinen Haken, die das Leben manchmal so kompliziert machten. Goran schaffte es nicht, alles allein zu organisieren. Ihm schien es, als hätte die einzige Person, die diese geheimnisvolle Macht besaß, vergessen, ihm beim Weggehen das Buch mit den entsprechenden Zauberformeln dazulassen. Goran nahm sich vor, bei Gelegenheit ein ernstes Wort mit Frau Runa zu sprechen und klarzustellen, dass sie abends dazubleiben hatte, bis er nach Hause kam. Tommy las wohl seine Gedanken, denn er machte ein betrübtes Gesicht. Deshalb versuchte Goran sofort, ihn abzulenken, und fragte: »Hast du Hunger?« »Ich habe einen Apfel und Cracker gegessen und ein Glas Wasser getrunken.« Goran schüttelte belustigt den Kopf. »Kein sehr üppiges Abendessen.« »Nein, das war auch nur zwischendurch. Jetzt will ich was Richtiges.« »Spaghetti?« Tommy klatschte begeistert mit den Händen. Goran streichelte ihm über den Kopf. Dann bereiteten sie gemeinsam die Pasta zu und deckten den Tisch. Mittlerweile waren sie ein erprobtes Team, in dem jeder seine Aufgaben erfüllte, ohne den andern um Rat fragen zu müssen. Sein Sohn lernte schnell, und Goran war stolz auf ihn. Die letzten Monate waren für sie beide nicht leicht gewesen. Ihr gemeinsames Leben drohte auseinanderzubrechen. Und er versuchte, die größer werdenden Risse geduldig zu kitten. Das Vakuum durch Ordnung zu ersetzen. Regelmäßige Mahlzeiten, ein genauer Tagesplan, feste Gewohnheiten. Alles in ihrem Leben wiederholte sich auf ein und dieselbe Art und Weise, ein ums andere Mal. Das gab Tommy Sicherheit. Am Ende hatten sie gemeinsam gelernt, mit der Leere zu leben – ohne deshalb die Realität zu leugnen. Im Gegenteil, wenn einer von ihnen das Bedürfnis hatte, darüber zu sprechen, dann wurde darüber gesprochen. Nur nannten sie die Leere nie beim Namen. Den hatten sie aus ihrem Wortschatz gestrichen. Sie behalfen sich auf andere Weise, griffen zu Umschreibungen. Es war seltsam: Der Mann, der es nicht versäumte, jedem Serienkiller, mit dem er zu tun hatte, einen Namen zu geben, wusste nicht mehr, wie er die Person nennen sollte, die einmal seine Frau gewesen war, und hatte zugelassen, dass sein Sohn die eigene Mutter depersonalisierte. Fast so, als wäre sie eine Gestalt aus den Märchen, die er ihm abends vorlas. Ein Kobold, eine Fee, eine Prinzessin. Tommy war mittlerweile sein einziger rettender Anker in der normalen Welt, das Gegengewicht, das ihn davor bewahrte, in den Abgrund zu rutschen, den er dort draußen Tag für Tag erforschte. Nach dem Abendessen zog sich Goran in sein Arbeitszimmer zurück. Tommy folgte ihm. So machten sie es jeden Abend. Goran setzte sich in seinen alten Bürosessel, und sein Sohn legte sich bäuchlings auf den Boden und nahm seine Phantasiegespräche wieder auf. Goran ließ den Blick über seine Bibliothek schweifen. Die Bücher über Kriminologie, Verbrechensanthropologie und Rechtsmedizin standen hübsch aneinandergereiht in den Regalen. Einige waren in Damast gebunden und hatten mit goldenen Lettern geprägte Titel. Bei anderen handelte es sich um schlichtere oder auch ganz billige Ausgaben. Sie alle enthielten Antworten. Das Schwierige war jedoch, die Fragen zu finden, wie er seinen Studenten an der Universität immer erklärte. Diese Schriften waren gespickt mit entsetzlichen Bildern: grässlich zugerichtete Körper, zerstückelte, verbrannte, mit Wunden übersäte Leichen. Alles erbarmungslos auf Hochglanzpapier festgehalten und mit präzisen Bildunterschriften versehen. Das menschliche Leben auf ein kaltes Forschungsobjekt reduziert. Goran hatte seinem Sohn bis vor Kurzem strikt verboten, sein Heiligtum zu betreten, aus Angst, Tommy würde der Neugier nicht widerstehen können, eins der Bücher aufschlagen, und entdecken, wie brutal das Leben sein konnte. Doch eines Tages hatte Tommy das Verbot übertreten, und Goran hatte ihn, genau wie jetzt auf dem Boden liegend und in einem dieser Bücher blätternd, angetroffen. Er konnte sich noch genau erinnern: Tommy betrachtete das Foto einer jungen Frau, die man im Winter aus einem Fluss gezogen hatte. Sie war nackt, ihre Haut war blau verfärbt, der Blick starr. Erstaunlicherweise hatte Tommy überhaupt nicht verstört gewirkt, sodass Goran, anstatt ihn zu schimpfen, sich im Schneidersitz neben ihn setzte. »Weißt du, was du da anschaust?« Tommy schwieg eine ganze Weile unbeirrt und zählte dann gewissenhaft auf, was er sah. Die schmalen Hände, die Haare, die mit Raureif überzogen waren, den starren Blick. Danach begann er sich auszumalen, wovon die junge Frau lebte, wer ihre Freunde waren und wo sie wohnte. Da war Goran bewusst geworden, dass Tommy in diesem Foto alles bis auf eins sah: den Tod. Kinder sehen den Tod nicht. Weil ihr Leben nicht länger als einen Tag dauert, vom Aufwachen bis zum Schlafengehen. Und noch etwas begriff Goran bei dieser Gelegenheit: Er würde seinen Sohn nicht vor dem Bösen in der Welt beschützen können. Wie er ihm auch nicht hatte ersparen können, was seine Mutter ihm antat. Hauptkommissar Morexu war nicht wie die anderen Vorgesetzten Milas. Er scherte sich einen Dreck um den Ruhm und die Fotos in der Presse. Aus diesem Grund erwartete sie eine gehörige Standpauke, weil sie im Haus des Musiklehrers so stümperhaft vorgegangen war. Morexu war ein sprunghafter, launischer Mensch, unfähig, sich länger als zwei Sekunden zu beherrschen. Er konnte zornig sein und unglaublich mürrisch dreinblicken und im nächsten Moment lächeln und die Freundlichkeit in Person sein. Außerdem pflegte er, um keine Zeit zu verlieren, mehrere Dinge auf einmal zu tun. Wollte er beispielsweise jemanden trösten, so legte er ihm die Hand auf die Schulter und schob ihn gleichzeitig zur Tür. Oder er telefonierte und kratzte sich dabei mit dem Hörer die Schläfe. Diesmal jedoch hatte er keine Eile. Zunächst ließ er Mila vor seinem Schreibtisch stehen, ohne ihr einen Stuhl anzubieten. Dann musterte er sie, wobei er die Beine unterm Tisch ausstreckte und die Arme vor der Brust verschränkte, und sagte: »Ich weiß nicht, ob Ihnen klar ist, was Sie heute geleistet haben …« »Doch, ja. Ich habe viel falsch gemacht«, entgegnete Mila, um ihm zuvorzukommen. »Im Gegenteil. Sie haben drei Menschen das Leben gerettet.« Mila verschlug es einen Moment die Sprache. »Drei?« Der Hauptkommissar richtete sich auf und starrte auf ein Blatt, das vor ihm lag. »Im Haus des Musiklehrers wurde diese Notiz gefunden. Anscheinend hatte er geplant, noch ein Kind zu entführen.« Morexu reichte Mila die fotokopierte Seite eines Taschenkalenders: Dort stand ein Name. »Priscilla?«, fragte sie. »Priscilla«, wiederholte Morexu. »Wer ist das?« »Ein kleines Mädchen, das Glück gehabt hat.« Mehr sagte er nicht. Weil er mehr nicht wusste. Es gab weder einen Nachnamen noch eine Adresse noch ein Foto. Nichts. Nur diesen Namen. Priscilla. »Hören Sie also auf, sich Selbstvorwürfe zu machen«, fuhr Morexu fort und fügte, noch bevor Mila etwas entgegnen konnte, hinzu: »Ich habe Sie heute in der Pressekonferenz beobachtet und hatte den Eindruck, Ihnen würde das alles gar nichts bedeuten.« »Es bedeutet mir auch nichts.« »Verdammt noch mal, Vasquez! Die Menschen, die Sie da gerettet haben, werden Ihnen bis ans Ende ihrer Tage dankbar sein, ist Ihnen das klar? Von ihren Familien ganz zu schweigen!« Sie haben den Blick von Elisa Gomes’ Mutter nicht gesehen, hätte Mila gerne erwidert. Doch sie nickte nur. Morexu betrachtete sie kopfschüttelnd. »Seit Sie bei uns sind, habe ich nicht eine Klage über Sie gehört.« »Und ist das gut oder schlecht?« »Wenn Sie das nicht von selbst begreifen, stimmt etwas nicht, Mädchen. Aus diesem Grund bin ich auch der Ansicht, dass Ihnen ein wenig Teamarbeit guttun würde.« Da war Mila allerdings anderer Meinung. »Warum? Ich erledige meine Arbeit – mein Job ist das Einzige, was mich interessiert. Und ich komme gut damit zurecht. Ich bin es nicht anders gewöhnt. Mit anderen zusammenarbeiten, würde bedeuten, meine Methoden an sie anpassen zu müssen. Wie könnte ich ihnen erklären, dass …« »Gehen Sie, und packen Sie Ihre Koffer«, fiel Morexu ihr ins Wort. »Warum so eilig?« »Sie reisen noch heute Abend ab.« »Soll das eine Art Strafe sein?« »Nein, es ist weder eine Strafe noch ein Urlaub. Die Kollegen brauchen Ihren Rat. Sie sind inzwischen ziemlich populär …« Mila wurde ernst: »Worum geht es?« »Um die fünf Mädchen.« Sie hatte in den Fernsehnachrichten von der Sache gehört, wenn auch nur mit halbem Ohr. »Warum ich?«, fragte sie. »Weil es offenbar ein sechstes Mädchen gibt, von dem man noch nicht einmal den Namen weiß.« Mila hätte gerne mehr erfahren, aber Morexu hielt das Gespräch für beendet. »Hier«, sagte er, reichte ihr eine Akte und wies damit gleichzeitig zur Tür. »Die Zugfahrkarte liegt bei.« Mila ergriff die schmale Mappe und ging zur Tür. Bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal zu Morexu um: »Priscilla, ja?« »So ist es.« 4 The Piper at the Gates of Dawn, 1967. A Saucerful of Secrets, 1968. Ummagumma war ’69 rausgekommen, ebenso der Soundtrack zu More. 1971 hatten sie Meddle aufgenommen. Aber davor war noch eine Platte gewesen … 1970, das wusste er mit Sicherheit. Er erinnerte sich nicht an den Titel, wohl aber an die Hülle. Es war die mit der Kuh. Verflixt noch mal, wie hieß das Album … Ich muss tanken, dachte er. Der Zeiger stand schon lange auf Reserve, und die LED-Anzeige, die vorher nur geblinkt hatte, leuchtete jetzt dauerhaft rot. Trotzdem wollte er nicht anhalten. Er war inzwischen gut fünf Stunden unterwegs und hatte fast sechshundert Kilometer zurückgelegt. Geografisch hatte er sich also ziemlich weit von dem entfernt, was in der vergangenen Nacht passiert war. Dennoch fühlte er sich keinen Deut besser. Seine Hände umklammerten krampfhaft das Steuer. Der Nacken tat ihm weh. Er wandte kurz den Kopf nach hinten. Denk nicht dran … denk nicht dran … Er versuchte sich abzulenken, indem er in der Erinnerungskiste wühlte. Vertraute Dinge ausgrub, die ihn beruhigten. Während der letzten zehn Minuten war es die gesamte Diskografie von Pink Floyd gewesen. In den Stunden davor noch vieles mehr: sämtliche Spieler, die in den letzten drei Saisons bei seiner Lieblingshockeymannschaft gespielt hatten, die Namen seiner ehemaligen Schulkameraden, ja sogar die der Lehrer. Er war bis zu Frau Berger vorgedrungen. Was wohl aus ihr geworden war? Er hätte sie gern wiedergesehen. Nur um diesen einen Gedanken fernzuhalten. Und jetzt war er bei dem verfluchten Album mit der Kuh auf der Plattenhülle ins Stocken geraten! Und dieser eine Gedanke war wieder da. Er musste ihn loswerden, in den hintersten Winkel seines Kopfes zurückdrängen, wie schon mehrmals in dieser Nacht. Andernfalls würde er zu schwitzen beginnen und vor Verzweiflung über seine Lage in Tränen ausbrechen, das wusste er. Er hatte in den letzten Stunden mehrere Weinkrämpfe durchlebt, die jedoch erfreulicherweise nie lange angedauert hatten. Sein Magen zog sich vor Angst zusammen. Aber er zwang sich, klar zu denken. Atom Heart Mother! Das war der Titel der Platte. Kurz empfand er so etwas wie Glück. Aber das Gefühl verflog sofort wieder. In seiner Lage gab es wahrhaftig nicht viel, worüber er hätte glücklich sein können. Er wandte erneut den Kopf und sah nach hinten. Dann wieder: Ich muss tanken. Von der Fußmatte stieg ein beißender Gestank nach Ammoniak auf und erinnerte ihn daran, dass er sich in die Hose gemacht hatte. Seine Beinmuskeln schmerzten, eine Wade war eingeschlafen. Das Unwetter, in das er hineingefahren war, verzog sich langsam hinter die Berge. Noch sah er den Horizont grünlich aufleuchten, während der Radiosprecher den aktuellen Wetterbericht durchgab. Bald würde der Tag anbrechen. Vor einer Stunde war er von der Autobahn auf die Landstraße abgefahren. Er hatte nicht einmal an der Mautstelle angehalten, um die Autobahngebühr zu bezahlen. Im Augenblick hatte er nur eins im Sinn: weiterfahren, immer weiterfahren. Die Anweisungen mussten strikt befolgt werden. Ein paar Minuten gestattete er seinen Gedanken abzuschweifen. Doch sie kehrten unweigerlich zur gestrigen Nacht zurück. Am Vortag war er gegen elf Uhr morgens mit dem Auto vor dem Hotel Modigliani eingetroffen. Den ganzen Nachmittag über war er seiner Vertretertätigkeit in der Stadt nachgegangen, und am Abend hatte er dann, wie vorgesehen, mit ein paar Kunden im Hotel-Bistro zu Abend gegessen. Kurz nach zehn hatte er sich in sein Zimmer zurückgezogen. Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, lockerte er sofort vor dem Spiegel die Krawatte, wo er wie erwartet einem schweißglänzenden Gesicht mit blutunterlaufenen Augen begegnete – dem wahren Antlitz seiner Obsession. So sah er aus, wenn die Begierde ihn übermannte. Er betrachtete sich einen Moment und fragte sich verwundert, wie es ihm gelungen war, vor seinen Tischgenossen während des ganzen Abends die wahre Natur seiner Gedanken zu verbergen. Er hatte mit ihnen geredet, über ihre dummen anzüglichen Witze gelacht, geduldig zugehört, während sie über Golf und unzufriedene Ehefrauen schwatzten. In Wirklichkeit war er ganz woanders gewesen. Hatte sich heimlich auf den Moment gefreut, in dem er auf sein Zimmer gehen und den Krawattenknoten lösen würde, damit der saure Kloß in seinem Hals aufsteigen und platzen konnte. Schweiß, keuchender Atem, heimtückischer Blick waren die äußeren Anzeichen dieser Explosion. Das wahre Gesicht unter der Maske. In der Abgeschiedenheit seines Zimmers konnte er der Lust, die ihm fast das Herz und auch die Hose sprengte, endlich freien Lauf lassen, so sehr, dass er einen Moment lang fürchtete, sie würde ihn überwältigen. Aber nichts passierte. Er hatte sich unter Kontrolle. Denn wenig später würde er rausgehen. Wie immer schwor er sich, dass es das letzte Mal wäre. Wie immer wiederholte er den Schwur davor – und auch danach. Und wie immer würde er ihn beim nächsten Mal brechen und erneuern. Gegen Mitternacht verließ er das Hotel im Zustand höchster Erregung. Zunächst fuhr er ziellos durch die Gegend. Es war noch zu früh. Am Nachmittag hatte er zwischen zwei Terminen noch einmal die Örtlichkeiten überprüft, um sicherzugehen, dass alles nach Plan verlief und es später nicht zu unvorhergesehenen Zwischenfällen käme. Zwei ganze Monate lang hatte er die Sache vorbereitet, seinen Schmetterling umworben. Auch das Warten gehörte zum Genuss. Und er hatte ihn bis zur letzten Minute ausgekostet. Mit den Details hatte er sich besonders gründlich befasst, denn es waren stets die Details, durch die sich die anderen verrieten. Ihm würde das nicht passieren. Auch wenn er jetzt, nach der Entdeckung der vergrabenen Kinderarme, zusätzliche Vorsichtsmaßnahmen hatte ergreifen müssen. Viel Polizei war unterwegs, und alle Welt schien plötzlich wachsam zu sein. Aber er war gut darin, sich unsichtbar zu machen. Er hatte nichts zu befürchten. Er brauchte sich nur zu entspannen. In Kürze würde er seinen Schmetterling an der Ausfallstraße auflesen, an der Stelle, die sie am Vortag ausgemacht hatten. Er hatte immer Angst, dass seine Schmetterlinge es sich noch einmal anders überlegten. Dass etwas schieflief in dem Part, den sie übernehmen mussten. Doch er redete sich ein, dass auch diesmal alles glattlaufen würde. Sein Schmetterling würde kommen. Er würde ihn rasch einsteigen lassen und mit den üblichen Artigkeiten empfangen. Jener Art von Komplimenten, die einerseits schmeichelten, andererseits aber alle Ängste und Zweifel zum Verstummen brachten. Dann würde er in eine kleine Nebenstraße mit Blick auf den See abbiegen und ihn zu dem Ort bringen, den er am Nachmittag für sie beide ausgesucht hatte. Die Schmetterlinge hatten meist einen ziemlich penetranten Geruch. Sie rochen nach Kaugummi und Turnschuhen. Und nach Schweiß. Das mochte er. Ohne diesen Geruch konnte er sich seinen Wagen gar nicht mehr vorstellen. Er roch ihn auch jetzt, vermischt mit dem Gestank von Urin. Abermals musste er weinen. Was war seitdem nicht alles passiert. Der Übergang von der Erregung und vom Glück zu den Ereignissen danach war brutal gewesen. Erneut wandte er den Kopf und sah nach hinten. Ich muss tanken, sagte er sich, vergaß die Dringlichkeit aber sofort und versank stattdessen neuerlich in Erinnerungen an den gestrigen Abend … Er saß im Auto am Straßenrand und wartete auf seinen Schmetterling. Dann und wann lugte ein trüber Mond hinter den Wolken hervor. Um die Nervosität zu bekämpfen, ging er seinen Plan noch einmal durch. Zu Beginn würden sie miteinander reden, wobei er vor allem zuhören würde. Er wusste, dass sich die Schmetterlinge nach etwas sehnten, was sie anderswo nicht bekamen. Aufmerksamkeit. Die Rolle des Zuhörers lag ihm besonders: Er hörte dem kleinen Beutetier so lange geduldig zu, bis es ihm sein Herz öffnete und sich dadurch schwächte. War die anfängliche Scheu überwunden, konnte er ungehindert in das Innere des Schmetterlings vordringen – bis in die Tiefen der Seele. Er fand stets die richtigen Worte. Sätze, die ins Schwarze trafen. Jedes Mal. Damit machte er sich zu ihrem Lehrer. Es war schön, ihnen die eigenen Wünsche zu erklären. Ihnen begreiflich zu machen, was man von ihnen wollte, ihnen zu zeigen, wie man es machte. Das war wichtig. Sie darin zu unterweisen, was angenehm war. Während er über diese Meisterlektion nachdachte, die eine einzigartige Vertrautheit schaffte, warf er einen zerstreuten Blick in den Rückspiegel. Und da sah er es. Etwas, das flüchtiger war als ein Schatten. Etwas, das man vielleicht gar nicht wirklich sieht, weil es der Einbildung entspringt. Tatsächlich dachte er an eine Sinnestäuschung, eine Halluzination. Dann folgte ein Schlag gegen das Fenster. Das Knacken der Autotür, die geöffnet wurde. Die Hand, die im Türspalt erschien, ihn am Hals packte und zudrückte. Jede Gegenwehr wäre sinnlos gewesen. Ein kalter Windstoß war ins Wageninnere gefegt, und er erinnerte sich noch gut daran, dass er gedacht hatte: Ich hab die Türsicherung vergessen. Die Türsicherung! Als hätte die den Angreifer aufgehalten. Der Mann war kräftig und schaffte es, ihn aus dem Auto zu zerren. Er trug eine schwarze Mütze mit Augenschlitzen. Während er über den Boden geschleift wurde, dachte er an den Schmetterling. Das kostbare Beutetier, das er mit so viel Mühe angelockt hatte, war nun verloren. Stattdessen war er die Beute. Der Mann ließ seinen Hals los und stieß ihn zu Boden. Dann wandte er sich von ihm ab und ging zum Wagen zurück. Jetzt holt er die Knarre und legt dich um! Von verzweifeltem Überlebensdrang gepackt, versuchte er, über den feuchten, eiskalten Boden zu robben. Und das, obwohl dem Mann mit der Kapuzenmütze wenige Schritte genügt hätten, um wieder bei ihm zu sein und sein Werk zu vollenden. Was unternimmt ein Mensch nicht alles, um dem Tod zu entgehen, dachte er, als er wieder allein in seinem Wagen saß. Lauter sinnloses Zeug. Der eine streckt beim Anblick eines Pistolenlaufs die Hand aus, nur damit die Kugel ihm auch noch den Handteller durchlöchert. Andere stürzen sich aus den Fenstern brennender Häuser. Sie alle wollen das Unabwendbare abwenden und machen sich nur lächerlich. Er hatte sich bislang nicht zu dieser Sorte Mensch gezählt. Er hatte immer geglaubt, dem Tod erhobenen Hauptes gegenübertreten zu können. Bis zu diesem Abend, als er plötzlich wie ein Wurm im Dreck gekrochen war und naiverweise auch noch um sein Leben gebettelt hatte. Unter größter Mühe hatte er gerade mal ein paar Meter geschafft. Dann war er bewusstlos geworden. Zwei kurze Schläge ins Gesicht hatten ihn wieder zu sich gebracht. Der Mann mit der Mütze stand über ihm und blickte aus erloschenen Augen düster auf ihn herab. Eine Waffe hatte er nicht dabei. Er deutete mit dem Kopf zum Wagen und sagte nur einen Satz: »Los, Alexander, hau ab und komm nicht auf die Idee anzuhalten.« Er kannte also seinen Namen. Im ersten Moment hatte er sich nichts dabei gedacht. Genau besehen, war es jedoch das, was ihn am meisten ängstigte. Abhauen. Im ersten Moment konnte er es gar nicht fassen. Er rappelte sich auf und torkelte zum Auto, bemüht, dabei so schnell wie möglich zu sein, bevor der Typ es sich noch einmal anders überlegte. Obwohl sein Blick noch ganz verschwommen war und seine Hände fürchterlich zitterten, setzte er sich augenblicklich hinters Steuer. Und als es ihm endlich gelang, den Zündschlüssel umzudrehen, begann seine lange Nacht auf der Straße. Nichts wie weg von diesem Ort, so weit weg wie möglich … Ich muss tanken, sagte er sich zum wiederholten Male und zwang sich, praktisch zu denken. Der Tank war fast leer. Ob es bis zur nächsten Tankstelle noch weit war? Er hielt nach einem Hinweisschild Ausschau und überlegte dabei, ob ein Tankstopp wohl mit der Anordnung vereinbar war, die er in dieser Nacht erhalten hatte. Nicht anhalten. Bis ein Uhr früh hatten ihn vor allem zwei Fragen gequält: Warum hatte der Mann mit der Mütze ihn gehen lassen? Was war während seiner Bewusstlosigkeit passiert? Die Antwort bekam er, als er wieder einigermaßen klar denken konnte und plötzlich das Geräusch hörte. Als würde etwas an der Karosserie reiben, begleitet von einem rhythmischen Klopfen auf Metall. Dum-dum-dum, klang es, dumpf und unaufhörlich. Er hat sich an meinem Auto zu schaffen gemacht. Früher oder später springt ein Rad von der Achse, ich verliere die Kontrolle und knalle gegen die Leitplanke, schoss es ihm durch den Kopf. Aber nichts dergleichen geschah. Weil dieses Geräusch kein mechanisches Geräusch war. Doch das wurde ihm erst später klar … Da tauchte das Hinweisschild auf: knapp acht Kilometer bis zur nächsten Tankstelle. Das konnte er schaffen, aber dort musste er sich beeilen. Bei diesem Gedanken wandte er wohl zum hundertsten Mal den Kopf nach hinten. Sein Augenmerk galt nicht der Landstraße, die er hinter sich ließ. Was ihn verfolgte, war nicht dort draußen, auf der Straße. Es war näher. Es war die Quelle des Geräusches. Es war etwas, vor dem es kein Entrinnen gab. Weil es sich in seinem Kofferraum befand. Er konnte den Blick nicht vom Kofferraum abwenden, wenngleich er sich bemühte, nicht darüber nachzudenken, was er möglicherweise enthielt. Als Alexander Bermann endlich wieder nach vorne sah, war es zu spät. Am Straßenrand stand ein Polizist und winkte ihn heraus. 5 Mila stieg aus dem Zug. Nach der schlaflosen Nacht glänzte ihr Gesicht, und ihre Augen waren verquollen. Sie ging den Bahnsteig entlang und betrat eine Bahnhofshalle aus dem vorletzten Jahrhundert, der ein riesiges Einkaufszentrum angegliedert war. Alles wirkte sauber und ordentlich. Dennoch hatte Mila schon nach wenigen Minuten alle dunklen Ecken ausgemacht. Die Stellen, an denen sie ihre vermissten Kinder suchen würde. An denen Leben gekauft und verkauft wird, sich einnistet oder versteckt. Aber deshalb war sie nicht hier. In Kürze würde sie diesen Ort schon wieder verlassen. Im Revier der Bahnhofspolizei erwarteten sie zwei Kollegen. Eine untersetzte Frau um die vierzig mit olivefarbenem Teint, kurzen Haaren und breiten Hüften – etwas zu breit für die engen Jeans, die sie trug. Und ein sehr großer, kräftig gebauter Mann, vielleicht Ende dreißig. Er erinnerte sie ein bisschen an die Burschen aus dem Dorf, in dem sie aufgewachsen war. In der zehnten, elften Klasse war sie vorübergehend in den einen oder anderen verliebt gewesen. Ihre tollpatschigen Annäherungsversuche würde sie nie vergessen. Der Mann lächelte sie an, während die Kollegin sich darauf beschränkte, sie mit hochgezogenen Augenbrauen zu mustern. Mila ging auf sie zu und stellte sich vor. Sarah Rosa nannte lediglich Name und Dienstgrad, der Kollege dagegen schüttelte ihre Hand und sagte betont freundlich: »Kommissar Klaus Boris.« Dann erbot er sich, ihre Reisetasche zu tragen: »Darf ich?« »Danke, das schaffe ich schon«, erwiderte Mila. Aber er ließ nicht locker. »Gib schon her.« Der Ton, in dem er das sagte, und sein etwas aufdringliches Lächeln verrieten ihr, dass sich Boris für einen Don Juan hielt, dessen umwerfendem Charme keine Frau lange widerstehen konnte. Mila war sich ziemlich sicher, dass er vom ersten Moment an beschlossen hatte, es bei ihr zu versuchen. Er schlug vor, einen Kaffee trinken zu gehen, bevor sie sich auf den Weg machten, aber Rosa quittierte sein Ansinnen mit einem grantigen Blick. »He, was ist los? Hab ich was Falsches gesagt?«, fragte er. »Du weißt, dass wir nicht viel Zeit haben.« »Schon, aber die Kollegin hat eine weite Reise hinter sich, ich dachte …« »Nicht nötig«, unterbrach Mila ihn. »Ich brauche jetzt keinen Kaffee.« Sie hatte nicht die geringste Lust, sich mit Sarah Rosa anzulegen, die ihr Entgegenkommen allerdings nicht sonderlich zu schätzen schien. Gemeinsam gingen sie zu dem Dienstwagen, der auf dem Parkplatz stand. Boris setzte sich ans Steuer, und Rosa nahm auf dem Beifahrersitz Platz. Mila setzte sich mit ihrer großen Reisetasche auf den Rücksitz. Sie fädelten sich in den Verkehr ein und fuhren die Straße am Fluss entlang. Sarah Rosa schien es ziemlich gegen den Strich zu gehen, eine Kollegin eskortieren zu müssen, Boris dagegen machte einen recht zufriedenen Eindruck. »Wohin fahren wir?«, fragte Mila schüchtern. Boris sah sie im Rückspiegel an: »In die Zentrale. Hauptkommissar Roche will mit dir sprechen. Von ihm wirst du auch die Anweisungen bekommen.« »Ich hatte noch nie mit Serienmördern zu tun«, meinte Mila. »Damit hier kein falscher Eindruck entsteht …« »Keine Sorge, du brauchst keinen einzufangen«, entgegnete Rosa säuerlich. »Das übernehmen wir. Du sollst lediglich den Namen des sechsten Mädchens herausfinden. Ich hoffe, du hattest Gelegenheit, dich in den Fall einzuarbeiten.« Mila überging den herablassenden Ton und dachte an die Akte, die sie, anstatt zu schlafen, in der vergangenen Nacht durchgesehen hatte. An die Fotos mit den sechs vergrabenen Armen. An die mageren rechtsmedizinischen Daten hinsichtlich des Alters der Opfer und der Todesursache. »Was ist in dem Wald passiert?«, fragte sie. »Das ist der aufsehenerregendste Fall der letzten Jahre!«, sagte Boris und ließ sich einen Moment von der Straße ablenken; er war aufgeregt wie ein kleiner Schuljunge. »So was hast du noch nicht erlebt. Ich denke, er wird in den oberen Etagen mehr als einem das Genick brechen. Kein Wunder, dass Roche sich ins Hemd macht.« Seine ordinäre Ausdrucksweise störte Sarah Rosa sichtlich, und auch Mila war nicht gerade davon angetan. Obwohl sie Hauptkommissar Roche noch gar nicht kannte, war ihr schon jetzt klar, dass er bei seinen Mitarbeitern nicht sonderlich beliebt war. Sicher, Boris war direkter als Rosa, aber wenn er in ihrem Beisein kein Blatt vor den Mund nahm, so doch nur, weil sie im Grunde einverstanden war, auch wenn sie es nicht zeigte. Dennoch würde Mila sich ein eigenes Urteil über Roche und seine Methoden bilden, unabhängig von den Kommentaren, die ihr zu Ohren kamen. Rosa wiederholte ihre Frage, und Mila merkte erst jetzt, dass sie mit ihr sprach. »Ist das Blut da von dir?« Sarah Rosa hatte sich umgewandt und deutete nach unten. Mila warf einen Blick auf ihre Hose und entdeckte in Schenkelhöhe einen Blutfleck. Die Wunde war also wieder aufgegangen. Sie legte sofort die Hand darauf und hatte das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen. »Ich bin beim Joggen gestürzt«, log sie. »Dann sieh zu, dass du die Wunde ordentlich verbindest. Nicht, dass du mit deinem Blut noch unser Beweismaterial kontaminierst.« Mila war das Ganze ziemlich peinlich, auch weil Boris sie unverhohlen im Rückspiegel musterte. Sie hoffte, Rosa würde die Sache auf sich beruhen lassen, aber die Kollegin war offenbar noch nicht am Ende mit ihrer Lektion. »Ich kenne einen, der sollte mal den Tatort nach einem Sexualmord bewachen, irgend so ein Neuling. Und was macht der Idiot? Pisst in die Toilette des Opfers. Sechs Monate lang haben wir ein Phantom gejagt in dem Glauben, der Täter hätte vergessen zu spülen.« Boris erinnerte sich und lachte. Mila wechselte schleunigst das Thema. »Warum habt ihr ausgerechnet mich gerufen? Genügt es nicht, einen Blick auf die Vermisstenanzeigen der letzten Monate zu werfen, um auf das Mädchen zu kommen?« »Das darfst du uns nicht fragen«, entgegnete Rosa spitz. Ich soll also die Drecksarbeit erledigen, dachte Mila. Nur deshalb wollten sie mich bei dieser Geschichte dabeihaben. Roche braucht jemanden, den er anschwärzen kann, wenn die sechste Leiche nicht identifiziert wird, und er braucht einen Außenstehenden. Hauptsache, sein Team bleibt sauber. Debby. Anneke. Sabine. Melissa. Caroline. »Was ist mit den Familien der übrigen fünf Kinder?«, fragte Mila. »Sie sind für heute ins Revier bestellt, um ihre DNA-Proben abzugeben.« Mila dachte an die armen Eltern, die man zur DNA-Lotterie zwang, um ihnen definitiv bestätigen zu können, dass ihr Kind getötet und zerstückelt worden war. Dann würde sich ihr Leben für immer verändern. »Und was weiß man von dem Monster?«, fragte sie, um auf andere Gedanken zu kommen. »Wir nennen ihn nicht Monster«, meinte Boris und wechselte einen einvernehmlichen Blick mit Rosa. »Damit würden wir ihn depersonalisieren. Und das mag Professor Gavila nicht.« »Professor Gavila?«, wiederholte Mila. »Du wirst ihn kennenlernen.« Milas Unbehagen wuchs. Klar, sie war im Nachteil, ihre Kollegen kannten sich besser mit dem Fall aus als sie. Dennoch ärgerte es sie, dass die beiden sie so von oben herab behandelten. Aber auch diesmal wehrte sie sich mit keinem Wort dagegen. Es würde ihr nicht viel nützen. Nichts deutete darauf hin, dass Rosa sie in Frieden lassen würde. Im Gegenteil, sie fuhr gnadenlos fort, auf ihr herumzuhacken: »Mach dir nichts draus, dass du die Zusammenhänge nicht begreifst, werte Kollegin. Auf deinem Gebiet bist du bestimmt gut, aber das hier ist eine ganz andere Geschichte – Serienmörder haben ihre eigenen Regeln. Und das gilt auch für die Opfer. Sie haben nichts getan, um zu solchen zu werden. Meistens besteht ihre einzige Schuld darin, zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Oder ein Kleidungsstück in der einen statt in der anderen Farbe getragen zu haben, als sie aus dem Haus gingen. In unserem Fall besteht ihre einzige Schuld darin, Kinder zu sein, hellhäutige Mädchen zwischen neun und dreizehn Jahren. Aber das kannst du natürlich alles nicht wissen. Nimm es dir nicht zu Herzen. Was ich sage, ist nicht persönlich gemeint.« Von wegen, dachte Mila. Rosa hatte vom ersten Moment an versucht, sie persönlich zu treffen. »Ich lerne ziemlich schnell, und in der Akte stand so einiges«, sagte Mila. Rosa wandte sich mit einem harten Gesichtszug nach ihr um und fragte: »Hast du Kinder?« Die Frage überraschte Mila. »Nein, warum? Was hat das damit zu tun?« »Weil du den Eltern des sechsten Mädchens – sofern du sie ausfindig machst – wirst erklären müssen, warum ihr hübsches Töchterchen so grausam verstümmelt wurde. Und ich bezweifle sehr, dass du dich in sie hineinfühlen kannst. Was weißt du schon von ihnen, von den Opfern, die sie gebracht haben, um ihr Kind großzuziehen, von den Nächten, die sie schlaflos an seinem Bett saßen, weil es Fieber hatte, von den Ersparnissen, die sie beiseitegelegt haben, um es auf die Schule schicken zu können und ihm eine Zukunft zu sichern, von den vielen Stunden, die sie damit zubrachten, mit ihm zu spielen oder Hausaufgaben zu machen.« Rosas Stimme wurde immer lauter. »Und natürlich weißt du auch nicht, warum drei von den Mädchen lackierte Fingernägel hatten und dass eine von ihnen eine Narbe am Ellbogen hatte, weil sie vielleicht mit fünf Jahren vom Fahrrad gefallen ist, und dass sie alle klein und niedlich waren, voller Träume und Wünsche, wie sie typisch sind für dieses unschuldige Alter, aus dem sie für immer herausgerissen wurden. Von alledem hast du nicht die geringste Ahnung, weil du keine Mutter bist.« »Hollie«, erwiderte Mila trocken. »Was?« Sarah Rosa starrte sie verständnislos an. »Hollie – so heißt die Marke des Nagellacks. Er war knallrot und glänzend und lag vor einem Monat einer Teenie-Zeitschrift bei, als Werbegeschenk. Das ist der Grund, weshalb alle drei lackierte Fingernägel hatten. Eins der Opfer hat außerdem ein Glücksarmband getragen.« »Wie bitte? Wir haben kein Armband gefunden«, sagte Boris, den die Sache zu interessieren begann. Mila zog ein Foto aus der Akte. »Hier, die Nummer zwei, Anneke: Ihre Haut ist ums Handgelenk herum heller. Das bedeutet, sie hat dort etwas getragen. Vielleicht hat der Mörder es ihr abgenommen, vielleicht hat sie es bei der Entführung oder einem Handgemenge verloren. Alle Mädchen waren Rechtshänderinnen, bis auf eines, die Nummer drei: Es hat einen Tintenfleck am linken Zeigefinger, war also Linkshänderin.« Boris war begeistert, Rosa verblüfft. Und Mila war nicht mehr zu bremsen. »Eines noch. Die Nummer sechs, also das Mädchen, dessen Namen wir nicht kennen, kannte das Mädchen, das als Erstes verschwunden ist: Debby.« »Woher willst du das wissen, verdammt noch mal?«, fragte Rosa. Mila entnahm der Akte die Fotos der Arme eins und sechs. »Hier: Beide Zeigefinger weisen an der Kuppe einen kleinen roten Punkt auf. Die Mädchen waren Blutsschwestern.« Die Dienststelle für Operative Fallanalyse befasste sich überwiegend mit Schwerverbrechern und versuchte, deren Verhalten während und nach ihrer Tat zu analysieren. Roche leitete die Abteilung seit acht Jahren und hatte sie in dieser Zeit von Grund auf umgekrempelt sowie ganz neue Methoden eingeführt. Dazu gehörte auch, dass er Experten von außen ins Boot holte, etwa Professor Gavila, der aufgrund seiner Studien und Veröffentlichungen als einer der innovativsten Kriminologen weltweit galt. Stern war innerhalb der Mordkommission für die Beschaffung von Informationen zuständig. Er war der älteste und ranghöchste Beamte. Seine Aufgabe bestand darin, Indizien zu sammeln, anhand deren man Täterprofile erstellen und Parallelen zu anderen Fällen ziehen konnte. Er war das »Gedächtnis« des Teams. Rosa kümmerte sich um die Logistik und war darüber hinaus Informatikexpertin. Sie verbrachte die meiste Zeit damit, sich über neue Technologien zu informieren, und hatte eine Sonderausbildung für die Organisation von Polizeieinsätzen absolviert. Boris für sein Teil war auf Vernehmungen spezialisiert. Seine Hauptaufgabe bestand darin, alle Personen, die irgendwie in einen Fall verwickelt waren, zu befragen oder zu vernehmen, sowie den Tatverdächtigen zum Geständnis zu bewegen. Aufgrund des Know-hows, das er auf diesem Gebiet hatte, gelang ihm Letzteres so gut wie immer. Roche schließlich erteilte die Anweisungen, den Weg aber gab nicht er, sondern Goran Gavila vor, oder besser dessen Intuition. Der Hauptkommissar war vor allem eins: Politiker. Und als solcher machte er seine Entscheidungen davon abhängig, ob sie seiner Karriere förderlich waren oder nicht. Er zeigte sich gern in der Öffentlichkeit, und wenn eine Ermittlung erfolgreich verlaufen war, heimste er die Lorbeeren für sich ein. Gab es hingegen keine Ergebnisse vorzuweisen, machte er dafür die ganze Gruppe verantwortlich, das »Roche-Team«, wie er sie zu nennen pflegte. Seinen Untergebenen gefiel diese Art nicht, manchmal hassten sie ihn sogar dafür. Der Konferenzraum, in dem sich das Team versammelt hatte, lag im sechsten Stock eines Gebäudes im Stadtzentrum, wo die Abteilung untergebracht war. Mila nahm in der hintersten Reihe Platz, nachdem sie auf der Toilette auf ihre Wunde zwei neue Binden aufgelegt und die blutbefleckte Jeans durch eine saubere ersetzt hatte. Sie stellte ihre Reisetasche neben sich auf den Boden und warf einen Blick in die Runde. Den spindeldürren Mann erkannte sie auf Anhieb als Hauptkommissar Roche. Er unterhielt sich angeregt mit einem nachlässig gekleideten Typen, den eine seltsame Aura umgab. Ein graues Licht. Mila war überzeugt, dass er sich außerhalb dieses Raumes, in der »wirklichen Welt«, wie ein Geist verflüchtigen würde. Doch hier drin hatte seine Anwesenheit Gewicht. Wahrscheinlich war er besagter Professor Gavila, den Rosa während der Autofahrt erwähnt hatte. So unordentlich er mit seiner vernachlässigten Kleidung und dem ungekämmten Haar auch wirkte, er hatte etwas an sich, das diesen ersten Eindruck sofort verdrängte: große, wachsame Augen. Während er sich mit Roche unterhielt, richtete er diese Augen plötzlich auf Mila und ertappte sie dabei, wie sie ihn beobachtete. Mila sah verlegen weg, wenig später wandte auch er den Blick von ihr ab und setzte sich auf einen Stuhl in ihrer Nähe. Ab da ignorierte er sie völlig, und ein paar Minuten später wurde die Versammlung offiziell eröffnet. Roche kletterte auf das Podium und ergriff mit einer ausladenden Handbewegung das Wort, als hätte er ein großes Auditorium und nicht nur fünf Personen vor sich. »Ich habe gerade mit den Kollegen vom Erkennungsdienst gesprochen: Unser Albert hat keinerlei Spuren hinterlassen. Der Kerl ist wirklich gut. Nicht das kleinste Indiz, nicht ein einziger Fingerabdruck auf dem Gräberfeld im Wald. Er hat uns nur vor die Aufgabe gestellt, sechs kleine Mädchen zu finden. Sechs Leichen – und einen Namen.« Mit diesem Satz übergab er an Goran Gavila, der jedoch nicht zum Podium vorging, sondern mit verschränkten Armen, die Beine unter der vorderen Stuhlreihe ausgestreckt, sitzen blieb. »Unser Albert wusste im Voraus, wie die Dinge laufen würden. Er hat alles bis ins kleinste Detail geplant. So leicht wird er sich die Zügel nicht aus der Hand nehmen lassen. Abgesehen davon, dass die Sechs in der Kabbala eines Serienmörders bereits eine runde Zahl ist.« »666, die Zahl des Teufels«, warf Mila ein. Die anderen drehten die Köpfe und sahen sie vorwurfsvoll an. »Mit so banalen Erklärungen geben wir uns nicht ab«, erwiderte er, und Mila wäre am liebsten im Erdboden versunken. »Wenn ich hier von einer runden Zahl spreche, so meine ich damit, dass der Täter bereits eine oder mehrere Mordserien begangen hat.« Mila kniff die Augen leicht zusammen, woraus Goran Gavila wohl schloss, dass sie ihn nicht verstanden hatte, denn er versuchte es noch einmal: »Ein Serienmörder ist für uns jemand, der mindestens dreimal auf ähnliche Art und Weise getötet hat.« »Bei zwei Leichen spricht man lediglich von einem Mehrfachmörder«, fügte Boris hinzu. »Aber sechs Opfer machen zwei Serien aus.« »Was soll das heißen?« »Das soll heißen, dass einer, der den dritten Mord begangen hat, danach nicht mehr zu bremsen ist«, erwiderte Rosa kurz angebunden. »Die Tötungshemmung ist überwunden, das Gewissen wie betäubt – so jemand tötet rein mechanisch«, schloss der Kriminologe und wandte sich dann wieder an alle: »Aber warum wissen wir noch immer nichts über die Leiche Numero sechs?« »Eines wissen wir jetzt«, sagte Roche, »wie mir berichtet wurde, ist unsere tüchtige Kollegin auf ein Indiz gestoßen, das ich persönlich für sehr wichtig halte. Sie hat das namenlose Opfer mit Debby Gordon, der Nummer eins, in Verbindung gebracht.« Roches Ton war so wichtigtuerisch, als wäre Milas Idee auf seinem Mist gewachsen. »Bitte, Frau Kollegin, erzählen Sie von Ihrer Beobachtung.« Damit stand Mila erneut im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Sie senkte den Kopf, blätterte in ihren Unterlagen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, bevor sie zu sprechen begann. Als sie aufsah, bedeutete Roche ihr, sich zu erheben. Sie stand auf. »Debby Gordon und das sechste Mädchen kannten sich. Meine Vermutung ist natürlich reine Theorie, aber sie würde erklären, warum beide Mädchen eine winzige Wunde am Zeigefinger haben …« »Was genau meinen Sie?«, fragte Goran Gavila neugierig. »Na ja, dieses Ritual, wenn zwei sich mit einer Nadel in den Finger stechen und danach die Fingerkuppen aufeinanderpressen: Kinder, die besonders eng miteinander befreundet sind, schließen auf diese Art Blutsbrüderschaft – oder eben Blutsschwesternschaft.« Mila fiel plötzlich wieder ein, dass auch sie und ihre Spielkameradin Graciela einen Blutspakt geschlossen hatten. Allerdings hatten sie einen verrosteten Nagel dafür benutzt, weil ihnen eine Nadel zu kindisch vorgekommen war. Graciela war ihre beste Freundin gewesen. Jede kannte damals die Geheimnisse der anderen und einmal teilten sie sich sogar einen Freund, ohne dass der Betroffene davon wusste. Sie ließen ihn in dem Glauben, er sei der tolle Typ, der es schaffte, mit zwei Mädchen gleichzeitig zu gehen, ohne dass sie es merkten. Was wohl aus Graciela geworden war? Sie hatten sich viel zu früh aus den Augen verloren. Irgendwann war jede ihren eigenen Weg gegangen, und sie hatten nie wieder voneinander gehört. Und doch hatten sie sich einmal ewige Freundschaft geschworen. Wie war es möglich gewesen, sie so leicht zu vergessen? »Wenn das stimmt, müssen das Mädchen Nummer sechs und Debby gleichaltrig sein.« »Der Barr-Test des sechsten Arms stützt diese These: Das Opfer war zwölf Jahre alt«, warf Boris ein, der es gar nicht erwarten konnte, in Milas Augen zu punkten. »Debby Gordon hat ein exklusives Internat besucht. Es ist unwahrscheinlich, dass ihre Blutsschwester eine Schulkameradin war, denn außer ihr fehlt keine Schülerin.« »Deshalb muss sie das Mädchen außerhalb der Schule kennengelernt haben.« Auch dieser Einwurf stammte von Boris. Mila nickte. »Debby ging seit acht Monaten auf das Internat. Sie muss sich ziemlich einsam gefühlt haben, so weit weg von zu Hause. Und ich möchte wetten, dass sie Probleme hatte, Anschluss zu finden. Aus diesem Grund nehme ich genau wie der Kollege an, dass sie ihre Blutsschwester anderweitig kennengelernt hat.« »Gut«, sagte Roche, »dann nehmen Sie bitte das Zimmer des Mädchens im Internat unter die Lupe. Wer weiß, vielleicht finden wir ja dort irgendeinen nützlichen Hinweis.« »Wenn möglich, würde ich mich auch gerne mit Debbys Eltern unterhalten.« »Natürlich, wie Sie möchten.« Bevor der Hauptkommissar fortfahren konnte, klopfte es an der Tür, dreimal kurz hintereinander. Eine Sekunde später betrat, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, ein kleiner Mann in weißem Kittel den Raum. Er hatte borstiges Haar und eigentümliche Schlitzaugen. »Ah, Chang«, sagte Roche zu seiner Begrüßung. Er war der Rechtsmediziner, der sich mit dem Fall beschäftigte. Mila bemerkte sehr schnell, dass er mitnichten Asiate war und sein exotisches Aussehen lediglich einer ungewöhnlichen Genkonstellation zu verdanken hatte. Eigentlich hieß er Leonard Vross, wurde aber von jeher nur Chang genannt. Der kleine Mann gesellte sich zu Roche. Er hatte eine schmale Akte dabei, die er sofort aufschlug. Allerdings warf er nicht einen Blick hinein, denn er kannte den Inhalt wohl bereits auswendig. Vermutlich gab es ihm einfach nur Sicherheit, die Blätter vor sich liegen zu haben. »Hören Sie sich bitte genau an, was Chang zu berichten hat«, sagte der Hauptkommissar. »Auch wenn ich weiß, dass es für den einen oder anderen schwierig sein könnte, seinen Erklärungen im Detail zu folgen.« Das galt ihr, da war sich Mila ziemlich sicher. Chang zog eine schmale Brille aus der Kitteltasche, setzte sie auf, räusperte sich und sagte: »Die Leichenteile sind, obwohl sie vergraben waren, sehr gut konserviert.« Das bestätigte die These, derzufolge zwischen der Anlage des Gräberfeldes und seiner Auffindung nicht viel Zeit vergangen war. Der Rechtsmediziner erklärte noch ein paar Einzelheiten und kam dann auf die Umstände zu sprechen, unter denen die Mädchen den Tod gefunden hatten. Hier nahm er kein Blatt vor den Mund. »Er hat sie umgebracht, indem er ihnen die Arme abtrennte.« Wunden haben ihre eigene Sprache, und mit der teilen sie mit, was passiert ist. Das wusste Mila. Als der Rechtsmediziner seine aufgeschlagene Mappe hochhielt und ihnen das vergrößerte Foto eines der Arme zeigte, fiel ihr sofort der rötliche Hof um die Schnittstelle und die gebrochenen Knochen herum auf. Das Erste, wonach man sucht, wenn man feststellen möchte, ob eine Verletzung tödlich war oder nicht, sind Blutinfiltrationen ins Gewebe. Wird die Läsion an einer Leiche verübt, so tropft das Blut aufgrund der fehlenden Herztätigkeit passiv aus den durchtrennten Adern und breitet sich nicht im umliegenden Gewebe aus. Wird das Opfer dagegen bei lebendigem Leibe verletzt, pumpt das Herz in dem verzweifelten Versuch, das verletzte Gewebe zu heilen, vermehrt Blut in die Arterien und Kapillaren der betroffenen Körperregion. Bei den Mädchen war dieser lebensrettende Mechanismus erst mit der vollständigen Amputation des Armes unterbrochen worden. Chang fuhr fort: »Die Läsion erfolgte in der Mitte des Bizeps. Es handelt sich um einen glatten Bruch ohne Zersplitterung des Knochens. Die Tatsache, dass entlang der Wundränder kein Eisenfeilstaub gefunden wurde, lässt darauf schließen, dass der Täter eine Präzisionssäge verwendet hat. Die gleichförmige Durchtrennung der Blutgefäße und Sehnen weist im Übrigen darauf hin, dass die Amputation mit geradezu chirurgischer Präzision durchgeführt wurde. Letzten Endes lautet die Todesursache Verblutung«, schloss er und fügte dann hinzu: »Ein schrecklicher Tod.« Bei diesen Worten war Mila versucht, aus Respekt die Augen niederzuschlagen, aber ihr wurde schnell klar, dass sie die Einzige gewesen wäre. Deshalb unterließ sie es. »Ich würde sagen, er hat sie bald nach der Entführung getötet. Er hatte kein Interesse daran, sie länger als unbedingt nötig leben zu lassen, also hat er nicht lange gefackelt. Die Tötungsweise war bei allen Opfern dieselbe. Außer bei einem …« »Inwiefern?«, fragte der Kriminologe. Chang schob sich mit dem Zeigefinger die Brille hoch, die ihm auf die Nasenspitze gerutscht war, und sah den Kriminologen an. »Bei einem der Mädchen ist er besonders grausam vorgegangen.« Todesstille legte sich über den Raum. »Bei den toxikologischen Untersuchungen wurden sowohl im Blut als auch im Gewebe des Opfers Spuren verschiedener Medikamente nachgewiesen, insbesondere Antiarhythmika wie Disopyramide, ACE-Hemmer sowie der Betablocker Atenolol.« »Mit diesem Cocktail hat er den Puls des Mädchens verlangsamt und gleichzeitig ihren Blutdruck gesenkt«, fügte Goran Gavila hinzu, dem anscheinend bereits alles klar war. »Warum?«, fragte Stern, der wohl nichts verstand. Changs Lippen verzogen sich zu einer Art bitterem Lächeln. »Er hat das Verbluten hinausgezögert, um sie langsamer sterben zu lassen. Er wollte das Spektakel in aller Ruhe genießen.« »Um welches Mädchen handelt es sich?«, fragte Roche, obwohl bereits alle die Antwort ahnten. »Um Numero sechs.« In diesem Punkt brauchte Mila keine Expertin für Serienmorde zu sein, um nachvollziehen zu können, was passiert war. Der Rechtsmediziner hatte soeben zu verstehen gegeben, dass der Täter bei seinem letzten Mord den Modus Operandi geändert hatte. Was bedeutete, dass er sicherer geworden war. Er probierte ein neues Spiel aus. Und es gefiel ihm. »Er hat seine Vorgehensweise geändert, weil er mit dem Ergebnis zufrieden war. Es klappte jedes Mal besser«, schloss Goran Gavila. »Anscheinend ist er auf den Geschmack gekommen.« Mila durchzuckte ein Gedanke oder besser ein Gefühl – ein Kribbeln im Nacken, das sie immer dann spürte, wenn sie kurz davor stand, einen ihrer Vermisstenfälle zu lösen. Es war schwer zu erklären. Jedenfalls folgte darauf oft ein Geistesblitz, der ihr zeigte, wo es langging. Für gewöhnlich hielt dieses Gefühl länger an, aber diesmal verschwand es, bevor sie seiner richtig habhaft werden konnte. Und das lag daran, dass Chang in diesem Moment noch etwas sagte und dabei in ihre Richtung blickte. Sie waren einander noch nicht vorgestellt worden, aber sie war das einzige neue Gesicht im Raum, und bestimmt hatte ihm schon jemand erklärt, warum sie hier war. »Im Raum nebenan sind die Eltern der verschwundenen Mädchen.« Die Verkehrspolizeiwache lag irgendwo mitten in den Bergen. Vom Fenster aus konnte Alexander Bermann den gesamten Parkplatz überblicken. Sein Wagen stand in der fünften Reihe, sehr weit von seinem Beobachtungsposten entfernt, wie ihm schien. Die Karosserie glänzte in der Sonne, die mittlerweile hoch am Himmel stand. Er hätte sich niemals vorstellen können, dass auf das nächtliche Unwetter ein so schöner Tag folgen würde. Es war richtig frühlingshaft und fast schon heiß. Die sanfte Brise, die durchs offene Fenster hereinwehte, verbreitete eine friedliche Stimmung. Er war irgendwie froh. Als er im Morgengrauen in die Polizeikontrolle geriet, hatte er weder äußerlich die Fassung verloren, noch war er innerlich in Panik geraten. Er war einfach in seinem Fahrzeug sitzen geblieben, nach wie vor dieses unangenehme, feuchte Gefühl zwischen den Beinen. Vom Fahrersitz aus hatte er die Beamten und ihren Dienstwagen gut im Blick gehabt. Einer von ihnen blätterte seine Ausweispapiere durch und diktierte dem anderen die Daten, die dieser per Funk an die Zentrale durchgab. Gleich werden sie zurückkommen und mich den Kofferraum öffnen lassen, dachte er. Der Beamte, der ihn herausgewinkt hatte, war sehr freundlich. Er erkundigte sich nach dem Wolkenbruch, zeigte große Anteilnahme und sagte, er beneide ihn nicht darum, bei diesem Sauwetter unterwegs zu sein. »Sie sind nicht von hier«, stellte er mit einem Blick auf das Nummernschild fest. »Nein«, erwiderte Alexander Bermann, »ich komme nicht aus dieser Gegend.« Damit war das Gespräch beendet. Kurz überlegte er, ob er ihm alles erzählen sollte, entschied sich dann aber anders. Es war noch nicht der richtige Zeitpunkt. Der Beamte wandte sich ab und ging zu seinem Kollegen. Alexander Bermann wusste nicht, was passieren würde, aber er lockerte zum ersten Mal den Griff ums Lenkrad. Das Blut in seinen Händen begann wieder zu zirkulieren, die Hände nahmen Farbe an. Und er musste abermals an seine Schmetterlinge denken. So zart, so ahnungslos … Sie wussten nichts von ihrem Charme. Er aber hatte die Zeit für sie angehalten, hatte ihnen das Geheimnis ihres Reizes zu Bewusstsein gebracht. Alle anderen verbrauchten ihre Schönheit nur. Er hegte sie. Was konnte man ihm schon vorwerfen? Als er den Polizisten zu seinem Wagen zurückkommen sah, verflüchtigten sich diese Gedanken schlagartig, und seine Anspannung, die einen Moment nachgelassen hatte, nahm wieder zu. Das hat zu lange gedauert, schoss es ihm durch den Kopf. Der Beamte hielt die Hand in Hüfthöhe. Alexander Bermann wusste, was das zu bedeuten hatte. Er war bereit, die Pistole zu ziehen. Doch als der Polizist schließlich neben ihm stand, sagte er etwas, womit er nicht gerechnet hatte. »Sie müssen uns aufs Revier begleiten, Herr Bermann. Bei Ihren Papieren fehlt leider der Kraftfahrzeugschein.« Eigenartig, hatte er gedacht, ich bin mir sicher, alles eingesteckt zu haben. Aber dann war ihm ein Licht aufgegangen: Der Mann mit der Kapuzenmütze musste ihn aus seiner Brieftasche gezogen haben, als er ohnmächtig gewesen war … Und jetzt stand er in dem kleinen Wartesaal und genoss unverdientermaßen die warme Brise, die zum Fenster hereinströmte. Sie hatten ihn nach der Sicherstellung seines Wagens in diesen Raum verbannt und wussten natürlich nicht, dass ein Bußgeld momentan das Letzte war, was ihm Sorgen bereitete. Ahnungslos hatten sie sich in ihre Büros verkrochen, um über Dinge nachzusinnen, die für ihn nicht mehr die geringste Bedeutung hatten. Er dachte einen Moment über diesen kuriosen Umstand nach: Wie schnell sich die Prioritäten änderten, wenn man nichts mehr zu verlieren hatte. Er jedenfalls wünschte sich im Augenblick nur eins – dass der herrlich laue Wind nicht nachließ. Unterdessen starrte er unermüdlich auf den Parkplatz hinunter, beobachtete das Kommen und Gehen der Beamten. Sein Auto stand unverändert dort, vor den Augen aller. Mit seinem im Kofferraum verborgenen Geheimnis. Und niemand bemerkte etwas. Noch während er über diese eigenartige Situation nachdachte, überquerten einige Polizeibeamte den Parkplatz, drei Männer und zwei Frauen. Sie waren uniformiert und kehrten vielleicht von der Kaffeepause zurück. Einer von ihnen gestikulierte beim Gehen und erzählte offenbar irgendeine lustige Anekdote, denn als er fertig war, lachten die anderen. Alexander Bermann hatte kein Wort verstanden, aber das Gelächter der Beamten steckte ihn an, und seine Lippen verzogen sich unwillkürlich zu einem Lächeln. Es hielt nicht lange an. Als die Gruppe an seinem Wagen vorbeikam, blieb einer von ihnen plötzlich stehen und ließ die anderen einfach weitergehen. Er hatte etwas bemerkt. Alexander Bermann las es sofort an seinem Gesicht ab. Der Geruch, dachte er. Er muss den Geruch wahrgenommen haben. Der Polizist sah sich um, wandte schnuppernd den Kopf hin und her und suchte die dünne Geruchsspur, die seine Aufmerksamkeit erregt hatte. Als er sie fand, drehte er sich zu dem Wagen um, der neben ihm stand. Er trat darauf zu und blieb vor dem geschlossenen Kofferraum stehen. Alexander Bermann, der die ganze Szene beobachtet hatte, stieß einen Seufzer der Erleichterung aus. Er war dankbar. Dankbar für den Zufall, der ihn hierhergeführt hatte, für die Brise, die ihm geschenkt wurde, und dafür, dass nicht er diesen verdammten Kofferraum öffnen musste. Der Wind hörte auf, ihn zu liebkosen. Alexander Bermann zog sein Handy aus der Tasche. Es war an der Zeit, einen Anruf zu tätigen. 6 »Debby. Anneke. Sabine. Melissa. Caroline.« Mila wiederholte im Geist die fünf Namen, während sie durch eine Glasscheibe hindurch die Familienangehörigen der identifizierten Opfer betrachtete, die man aus gegebenem Anlass in der Leichenschauhalle des Instituts für Rechtsmedizin versammelt hatte. Das Institut war in einem neugotischen Gebäude mit großen Fenstern untergebracht, das in einem in dieser Jahreszeit kahlen Park lag. »Zwei fehlen«, war Milas wiederkehrender Gedanke. »Ein Vater und eine Mutter, die wir noch nicht finden konnten.« Sie musste den linken Arm der Nummer sechs irgendwie taufen – des Mädchens, das Albert besonders qualvoll hatte sterben lassen, indem er ihm einen Cocktail aus Medikamenten verabreicht und damit seinen Tod hinausgezögert hatte. Er hatte das Spektakel genießen wollen. Sie musste an ihren letzten Fall denken, den sie gelöst hatte, den des Musiklehrers, als sie Pablo und Elisa befreit hatte. »Du hast drei Menschen das Leben gerettet«, hatte Hauptkommissar Morexu wider Erwarten gesagt und ihr den Vermerk im Kalender des Entführers gezeigt. Dieser Name … Priscilla. Ihr Chef hatte recht: Das Mädchen hatte Glück gehabt. Mila fiel auf, dass es eine grausige Verbindung zwischen ihr und den sechs verstümmelten Opfern gab. Auch Priscilla war von ihrem Mörder »auserwählt« worden und ihm nur durch einen glücklichen Zufall nicht zum Opfer gefallen. Wo war sie jetzt? Wie sah ihr Leben aus? Und wer wusste, ob sie in ihrem tiefsten Inneren etwas von dem Gräuel ahnte, dem sie so knapp entronnen war? Nur weil Mila das Haus des Musiklehrers betreten hatte, war sie ihm entronnen. Aber das würde sie nie erfahren. Sie würde Mila nie dafür danken können, dass sie ihr ein zweites Leben geschenkt hatte. Priscilla war also, genau wie Debby, Anneke, Sabine, Melissa, Caroline, eine »Auserwählte«. Nur, dass sie das Schicksal nicht getroffen hatte. Priscilla war der Name, den sie der Nummer sechs gab. Ein Opfer ohne Gesicht. Aber wenigstens hatte es nun einen Namen. Chang war der Meinung, die Identifikation des sechsten Mädchens sei nur eine Frage der Zeit. Mila war sich da nicht so sicher, und die Angst, das Kind könne für immer verschwunden sein, hinderte sie daran, sich zu konzentrieren und über andere Möglichkeiten nachzudenken. Doch jetzt musste sie präsent sein. Reiß dich zusammen, sagte sie sich, während sie durch die Glasscheibe starrte, die sie von den Eltern der Mädchen trennte – der Mädchen, deren richtiger Name bereits bekannt war. In Kürze würde sie zu ihnen gehen und mit dem Vater und der Mutter von Debby Gordon sprechen müssen. Ihnen Fragen stellen müssen, die ihren Schmerz vervielfachen würden. Debby. Anneke. Sabine. Melissa. Caroline. »Schau genau hin«, sagte plötzlich Goran Gavila hinter ihrem Rücken. »Was siehst du?« Erst hatte er sie vor allen anderen bloßgestellt, und jetzt duzte er sie? »Ich heiße übrigens Goran. Und du?«, fügte er hinzu, als hätte er ihre Gedanken erraten. »Mila, freut mich.« »Also, Mila, was siehst du?« Mila blickte konzentriert durch die Scheibe. »Ich sehe leidende Menschen.« »Sieh genauer hin. Das ist nicht alles.« »Ich sehe die toten Mädchen. Auch wenn sie nicht anwesend sind. Ihre Gesichter sind die Summe der Gesichter ihrer Eltern. Ich kann also auch die Opfer sehen.« »Ich dagegen sehe fünf Kleinfamilien. Alle unterschiedlicher sozialer Herkunft. Mit unterschiedlichem Einkommen und Lebensstandard. Ich sehe Eheleute, die – aus welchem Grund auch immer – nur ein einziges Kind haben. Ich sehe Frauen, die weit über vierzig sind und deshalb schon rein biologisch auf keine weitere Schwangerschaft hoffen können. Das sehe ich.« Goran wandte sich zu ihr um und schaute sie an: »Seine wirklichen Opfer sind die dort draußen. Er hat sie studiert, bewusst ausgewählt. Eine einzige Tochter. Er wollte ihnen jede Hoffnung nehmen, je über den Verlust hinwegzukommen. Sie sollen sich bis ans Ende ihres Lebens daran erinnern, was er ihnen angetan hat. Er hat ihren Schmerz vervielfacht, indem er ihnen die Zukunft raubte. Er hat sie um die Möglichkeit gebracht, ihr Andenken weiterzureichen, den eigenen Tod zu überleben … Und das wiederum ist sein Lebenselixier. Der Lohn seines Sadismus, die Quelle seines Genusses. Davon lebt er.« Mila wandte den Blick ab. Der Kriminologe hatte recht: Das Böse, das an diesen Menschen verübt worden war, wies eine Symmetrie auf. »Einen Plan«, stellte Goran, ihren Gedanken korrigierend, fest. Mila dachte erneut an das Mädchen Nummer sechs. Bislang gab es niemanden, der es beweinte. Und doch hatte es wie die fünf anderen ein Anrecht auf diese Tränen. Die Trauer erfüllt einen Zweck. Sie dient dazu, die Verbindung zwischen den Toten und den Lebenden wiederherzustellen. Sie ist eine Art Sprache ohne Worte. Wer trauert, heilt und erneuert. Und genau das war es, was die Eltern dort hinter der Glasscheibe taten. Mit ihrem Schmerz setzten sie mühsam die zerstörte Existenz ihrer Kinder wieder zusammen. Verwoben Erinnerungsfetzen miteinander, verknüpften die weißen Fäden der Vergangenheit mit den hauchdünnen Fäden der Gegenwart. Mila gab sich einen Ruck und ging zu ihnen. Die Augen aller Eltern richteten sich sofort auf sie, Stille trat ein. Mila ging auf die Mutter von Debby Gordon zu; sie saß neben ihrem Mann, der ihr den Arm um die Schulter gelegt hatte. »Herr und Frau Gordon, ich würde gerne kurz mit Ihnen sprechen …« Mila wies ihnen mit einer Armbewegung den Weg. Nach den beiden betrat sie einen zweiten, kleinen Aufenthaltsraum, wo es neben einem Automaten für heiße Getränke und Snacks auch ein abgenutztes Sofa gab, einen Tisch mit hellblauen Plastikstühlen und einen Abfalleimer, der von Pappbechern überquoll. Sie bat die Eltern, auf dem Sofa Platz zu nehmen, und zog sich einen der Plastikstühle heran. Als sie die Beine übereinanderschlug, verspürte sie ein Ziehen im Oberschenkel, aber der Schmerz hatte nachgelassen; die Wunde heilte langsam. Schließlich stellte Mila sich vor. Sie redete kurz über die Ermittlungen, ohne jedoch neue Details hinzuzufügen. Es ging ihr nur darum, ein wenig das Eis zu brechen, bevor sie dem Ehepaar ihre Fragen stellte. Die Gordons ließen sie keine Sekunde aus den Augen, als läge es in ihrer Macht, diesem Albtraum ein Ende zu bereiten. Sowohl der Mann als auch die Frau waren vornehm wirkende, gut aussehende Leute. Beide Rechtsanwälte. Von der Sorte, die sich stundenweise bezahlen ließ. Mila stellte sie sich in ihrem perfekten Eigenheim vor, umgeben von erlesenen Freunden und viel Luxus. So viel Luxus, dass sie es sich leisten konnten, ihre einzige Tochter auf eine der angesehensten Privatschulen zu schicken. Mila wusste, dass die beiden in ihrem Beruf Haie waren. Personen, die ihre Gegner zerfleischten und auf ihrem Gebiet jede noch so kritische Situation meisterten, ohne sich jemals entmutigen zu lassen. Dieser Tragödie jedoch standen sie völlig hilflos gegenüber. Nachdem Mila den Fall grob umrissen hatte, kam sie zu dem Punkt, der sie eigentlich interessierte: »Herr und Frau Gordon, ist Ihnen bekannt, ob Debby außerhalb des Internats Freundschaft mit einem gleichaltrigen Mädchen geschlossen hat?« Die Eheleute sahen einander an, als suchten sie nach einer Antwort und mehr noch nach einem plausiblen Grund für diese Frage. Den sie jedoch nicht fanden. »Nein, nicht dass wir wüssten«, erwiderte Debbys Vater. Diese Antwort war Mila zu knapp. »Sind Sie sicher, dass Debby am Telefon nie ein Mädchen erwähnt hat, das nicht auf das Internat ging?« Während sich Frau Gordon angestrengt zu erinnern versuchte, hatte Mila Gelegenheit, sie zu betrachten: den flachen Bauch, die wohlgeformten Beine. Ihr war schnell klar, dass die Frau sich ganz bewusst dafür entschieden hatte, nur ein Kind zu bekommen und ihre Figur nicht mit einer zweiten Schwangerschaft zu belasten. Aber dafür wäre es inzwischen sowieso zu spät, denn sie ging auf die fünfzig zu. Goran hatte recht: Albert war bei seiner Wahl nicht planlos vorgegangen. »Nein, aber in letzter Zeit wirkte sie am Telefon viel ausgeglichener«, sagte die Frau. »Ich vermute, sie wollte anfangs nach Hause zurück …« Mila begriff, dass sie damit einen wunden Punkt traf, doch wenn sie die Wahrheit herausfinden wollte, kam sie um solche Fragen nicht herum. »Stimmt«, gab Debbys Vater zu, und seiner gebrochenen Stimme war zu entnehmen, dass er sich große Selbstvorwürfe machte. »Sie fühlte sich nicht besonders wohl im Internat, sie sagte, sie hätte Heimweh nach uns und nach Sting.« Mila sah den Mann fragend an. »Sting heißt ihr Hund«, erklärte der Vater. »Ja, Debby wollte nach Hause und in ihre alte Schule zurück. Aber sie blieb im Internat, vielleicht um uns nicht zu enttäuschen.« Mila wusste, wie es für die beiden weitergehen würde: Diese Eltern würden sich ihr Leben lang vorwerfen, nicht auf das Herz ihrer Tochter gehört zu haben, sich taub gestellt zu haben, als Debby sie anflehte, nach Hause zurückkehren zu dürfen. Anstatt ihren Bitten nachzugeben, hatten sie auf ihren Ehrgeiz gebaut, als wäre der vererblich. Im Grunde war ihr Verhalten normal. Die Gordons hatten das Beste für ihre Tochter gewollt. Wie alle Eltern. Und vielleicht wäre Debby ihnen eines Tages sogar dankbar gewesen, wenn … ja, wenn die Dinge einen anderen Lauf genommen hätten. »Herr Gordon, Frau Gordon, es tut mir leid, auf dieser Sache herumreiten zu müssen. Ich kann mir vorstellen, wie Sie sich fühlen, aber ich muss Sie bitten, sich noch einmal an die Telefongespräche mit Debby zu erinnern, ihre Bekanntschaften außerhalb des Internats könnten für die Auflösung des Falls sehr wichtig sein. Lassen Sie sich deshalb bitte noch einmal alle Gespräche durch den Kopf gehen, und wenn Sie dabei auf etwas stoßen sollten …« Die beiden nickten gleichzeitig und versprachen, sich zu bemühen. Plötzlich sah Mila eine Gestalt, die sich hinter der Glasscheibe der Tür abzeichnete. Es war Sarah Rosa, die versuchte, ihre Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Mila bat die Gordons, sie zu entschuldigen, und verließ den Raum. Als sie Rosa im Korridor gegenüberstand, sagte die Kollegin nur wenige Worte: »Mach dich fertig, wir müssen gehen. Sie haben die Leiche eines Mädchens gefunden.« Kommissar Stern trug stets Jackett und Krawatte. Vorzugsweise trug er braune, beige oder dunkelblaue Anzüge und Hemden mit Nadelstreifen. Mila fiel auf, dass seine Kleidung stets perfekt gebügelt war, darauf schien seine Frau großen Wert zu legen. Überhaupt wirkte er sehr gepflegt. Das Haar kämmte er sich mit ein wenig Gel nach hinten, und bestimmt rasierte er sich jeden Morgen, denn seine Gesichtshaut wirkte glatt und weich und verströmte einen angenehmen Geruch. Er war ein akkurater Typ, einer von denen, die nie ihre Gewohnheiten ändern und ein ordentliches Äußeres höher bewerten als modische Kleidung. Darüber hinaus musste er sehr tüchtig sein, was seine Arbeit, also die Beschaffung von Informationen, betraf. Während der Fahrt zum Fundort der Leiche warf sich Stern eine Pfefferminzpastille in den Mund und rekapitulierte rasch die Fakten, über die sie verfügten: »Der Mann heißt Alexander Bermann, ist vierzig Jahre alt und Handelsvertreter für Textilverarbeitungsmaschinen – offenbar ziemlich erfolgreich. Er ist verheiratet und hat immer unauffällig gelebt. In seiner Heimatstadt kennt und schätzt man ihn. Seine Arbeit scheint sehr einträglich zu sein – er ist nicht reich, aber gut situiert.« »Kurz, ein Saubermann«, fügte Rosa hinzu. »Ein unbescholtener Bürger.« Als sie auf die Wache der Verkehrspolizei kamen, saß der Beamte, der die Leiche entdeckt hatte, auf einem alten Sofa. Er stand unter Schock. Die Ortspolizei hatte das Feld bereits geräumt, um es der Mordkommission zu überlassen, und die machte sich sofort an die Arbeit. Goran war als eine Art Fachberater dabei, Mila sozusagen als Zuschauerin. Ihre Aufgabe bestand einzig darin, die Szene zu beobachten und nach Hinweisen zu suchen, die für ihre Arbeit nützlich sein konnten. Aktiv beteiligen durfte sie sich an den Ermittlungen nicht. Roche für seinen Teil war im Büro geblieben und überließ es seinen Leuten, den Fall zu rekonstruieren. Mila bemerkte, dass Rosa sich auf Distanz hielt, was ihr nur recht war, obwohl sie ahnte, dass die Polizistin sie keine Sekunde aus den Augen ließ und bloß darauf lauerte, sie bei irgendeinem Fehler zu ertappen. Ein junger Wachtmeister erbot sich, sie zum eigentlichen Ort des Geschehens zu führen. Er gab sich sehr selbstsicher und wiederholte mehrmals, dass sie nichts angerührt hätten, aber die Kriminalbeamten wussten, dass er es aller Wahrscheinlichkeit nach das erste Mal mit einem Mord zu tun hatte. Gewaltverbrechen spielten in der Laufbahn eines Provinzpolizisten selten eine Rolle. Auf dem Weg zum Parkplatz schilderte der Wachtmeister ihnen penibel die Fakten. Vielleicht hatte er seinen Bericht vorher eingeübt, um sich nicht zu blamieren. Jedenfalls redete er, als verlese er ein Protokoll: »Wir haben festgestellt, dass der Verdächtige Alexander Bermann gestern Morgen in einem Hotel abgestiegen ist. Der Ort ist sehr weit von hier entfernt.« »Sechshundert Kilometer«, präzisierte Stern. »Er muss die ganze Nacht durchgefahren sein. Der Tank des Wagens war fast leer«, erklärte der Beamte. »Hat er im Hotel jemanden getroffen?«, wollte Boris wissen. »Er hat anscheinend mit Kunden zu Abend gegessen und sich dann auf sein Zimmer zurückgezogen. Das wenigstens behaupten die Leute, mit denen er zusammen war. Aber wir sind noch dabei, die Angaben zu überprüfen.« Rosa notierte sich die Auskunft auf einem Notizblock und setzte eine Anmerkung dazu; Mila schielte rasch über Rosas Schulter: »Hotelgäste zu den Uhrzeiten befragen.« »Bermann selbst hat vermutlich noch gar nichts gesagt, oder?«, fragte Goran. »Nein. Der Verdächtige weigert sich, irgendwelche Aussagen zu machen, solange er keinen Anwalt hat.« Als sie den Parkplatz erreichten, fiel Goran sofort auf, dass man Bermanns Wagen mit weißen Tüchern verhängt hatte, um den Anblick des Todes zu verbergen. Eine scheinheilige Maßnahme, denn das Entsetzen, das die Menschen angesichts von besonders schaurigen Verbrechen ergreift, ist nichts als eine Maske, wie er schon früh gelernt hatte. Der Tod, vor allem der gewaltsame Tod, übt auf die Lebenden eine seltsame Faszination aus. Beim Anblick einer Leiche werden wir alle neugierig. Der Tod ist ein großer Charmeur. Sie zogen sich Füßlinge aus Folie über und stülpten sich Plastikhauben über den Kopf, um vor Ort keine Haare zu verlieren. Zuletzt zogen sie sterile Gummihandschuhe über, dann wurde ein Dose mit Kampferpaste herumgereicht, damit sich jeder etwas davon unter die Nase reiben konnte, um aller Art von Gerüchen vorzubeugen. Als Mila das Behältnis von Boris gereicht bekam, fühlte auch sie sich als Teil dieser verschworenen Gemeinschaft. Der Beamte der Verkehrspolizei, der ihnen in den abgesperrten Bezirk um das Auto herum hätte vorausgehen sollen, wirkte auf einmal gar nicht mehr so selbstsicher und zögerte lange, bevor er sie schließlich bat, ihm zu folgen. Als sie sich anschickten, die Schwelle zu jener neuen Welt zu übertreten, warf Goran einen prüfenden Blick zu Mila hinüber, die daraufhin nickte, was ihn zu beruhigen schien. Der erste Schritt war immer der schwierigste, denn es ist wie ein Schritt in eine andere Dimension. Die wenigen Quadratmeter Platz, in denen selbst das Sonnenlicht vom kalten, künstlichen Licht der Halogenlampen verdrängt wird, beherbergen eine andere Welt, eine Welt, die ihren eigenen Regeln und physikalischen Gesetzen gehorcht. Zu den drei bekannten Dimensionen Höhe, Breite, Tiefe, die diese wenigen Quadratmeter als Raum ausmachen, gesellt sich eine vierte, eine unbekannte: die Leere. Jeder Kriminologe weiß, dass es diese Leere am Ort des Geschehens ist, in der er nach den Antworten auf seine Fragen suchen muss. Indem er sich Opfer und Täter in dieses Vakuum hineindenkt, rekonstruiert er das Verbrechen, gibt der Gewalt einen Sinn, bringt Licht ins Dunkel. Er streckt die Zeit, versucht sie so weit wie möglich nach hinten auszudehnen, während er sich in höchster Anspannung befindet, einem Zustand, der nie lange genug anhält und unwiederbringlich ist. Aus diesem Grund ist der erste Eindruck beim Betreten eines Tat- oder Fundorts der allerwichtigste. Milas erster Eindruck war der Geruch. Er war penetrant, trotz des Kampfers. Der Duft des Todes ist ekelerregend und süß zugleich. Er gleicht einem Faustschlag in den Magen und enthält ganz im Verborgenen eine Note, die einen wider Willen anspricht. Im Nu hatten die Mitglieder der Mordkommission um das Auto Bermanns herum Stellung bezogen. Jeder nahm einen bestimmten Beobachtungsposten ein, um jeden Quadratzentimeter mit Blicken abzudecken. Mila folgte Goran zum hinteren Teil des Fahrzeugs. Der Kofferraum stand offen, so wie ihn der Beamte, der auf die Leiche gestoßen war, zurückgelassen hatte. Goran beugte sich darüber, und Mila tat es ihm nach. Die Leiche sahen sie nicht. Sie steckte in einem großen schwarzen Plastiksack, der die Umrisse des Körpers allerdings leicht erahnen ließ. War es der Körper eines Mädchens? Der Sack hatte sich perfekt angeschmiegt und erinnerte an ein Leichentuch. Sogar die einzelnen Gesichtszüge waren zu erkennen; der wie zu einem stummen Schrei aufgerissene Mund – er glich einem schwarzen Loch, das sogartig die Luft zu verschlingen schien. Anneke, Debby, Sabine, Melissa, Caroline … Oder die Nummer sechs? Man konnte die Augenhöhlen erkennen und den nach hinten gebeugten Kopf. Die Stellung der Gliedmaßen hatte etwas Steifes, so als wäre dieser Mensch ganz plötzlich erstarrt. Davon abgesehen, sah man sofort, dass ihm etwas fehlte. Ein Arm. Es war der linke Arm. »Gut, beginnen wir mit der Analyse«, sagte Goran. Seine Methode bestand darin, Fragen zu stellen. Fragen aller Art, bis hin zur simpelsten und scheinbar unbedeutendsten. Die Antworten versuchten sie dann gemeinsam zu finden. Jede Meinung war willkommen. »An erster Stelle die Orientierung«, begann er. »Also, warum sind wir hier?« »Ich fange an«, erbot sich Boris, der auf der Fahrerseite stand. »Wir sind aufgrund eines fehlenden Kraftfahrzeugscheins hier.« »Was meinen die anderen? Ist diese Erklärung eurer Ansicht nach ausreichend?«, fragte Goran mit einem Blick in die Runde. »Die Straßensperren«, sagte Sarah Rosa. »Seit die Mädchen verschwunden sind, werden überall im Land Kontrollen durchgeführt. Und dabei hat es ihn erwischt … reine Glückssache.« Goran schüttelte den Kopf. Er glaubte nicht an das Glück. »Warum hätte er das Risiko eingehen sollen, mit einer derart kompromittierenden Fracht in der Gegend herumzufahren?« »Vielleicht wollte er die Leiche loswerden«, mutmaßte Stern. »Oder er wollte seine Spuren verwischen, sie in die Ferne verlegen, weil er fürchtete, wir seien ihm vor Ort auf den Fersen.« »Ich denke auch, dass es sich um versuchte Irreführung handeln könnte«, nickte Boris. »Nur, dass die Sache für ihn schiefgelaufen ist.« Mila begriff, dass für die anderen bereits feststand: Alexander Bermann war Albert. Nur Goran schien noch den einen oder anderen Zweifel zu hegen. »Was sein Plan war, müssen wir erst noch herausfinden. Vorerst haben wir lediglich eine Leiche im Kofferraum eines Wagens. Aber die anfängliche Frage lautete anders, und wir haben noch keine Antwort darauf gefunden: Warum sind wir hier? Was bringt uns dazu, uns um dieses Auto, um diese Leiche zu versammeln? Wir sind von Beginn an davon ausgegangen, dass unser Mann schlau ist. Vielleicht sogar schlauer als wir. Immerhin hat er uns mehrmals an der Nase herumgeführt und selbst bei Alarmstufe Rot noch Kinder entführt. Meint ihr, so jemand vergisst einfach seinen Fahrzeugschein zu Hause? Verrät sich durch einen so dummen Fehler?« Die Anwesenden ließen sich Gorans letzte Frage durch den Kopf gehen. Nach einer Weile wandte sich der Kriminologe erneut an den Polizeiwachtmeister, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte, etwas abseits stand und so blass war wie sein Uniformhemd. »Herr Kollege, Sie sagten vorher, Bermann hätte nach einem Anwalt verlangt, richtig?« »Ja, genau.« »Vielleicht würde es ein Pflichtverteidiger für den Moment ja auch tun. Ich denke, wir sollten den Verdächtigen, sobald wir hier fertig sind, vernehmen und ihm Gelegenheit geben, den Ergebnissen, zu denen wir im Laufe unserer Analyse kommen, zu widersprechen.« »Wenn Sie möchten, kann ich sofort einen Verteidiger bestellen lassen.« Der Mann hoffte inständig, Goran würde ihn entlassen. Und Goran war drauf und dran, ihm seinen Wunsch zu erfüllen. »Das wäre sicher gut. Ich vermute, dass Bermann die Zeit genutzt und sich überlegt hat, was er uns auftischen soll. Bevor er seine Story in- und auswendig lernt, sollten wir wenigstens versuchen, ihn bei Widersprüchen zu ertappen.« »Ich hoffe, er hat die Zeit auch dafür genutzt, ordentlich mit sich ins Gewissen zu gehen. Eingesperrt war er ja lange genug.« Bei diesen Worten des Polizeiwachtmeisters sahen die Mitglieder der Mordkommission einander erschrocken an. »Wollen Sie etwa sagen, Sie hätten ihn allein gelassen?«, fragte Goran. Der Wachtmeister wirkte verdutzt. »Wir haben ihn vorschriftsmäßig festgenommen und in eine Zelle gesteckt, allein, klar. Was ist daran …« Er schaffte es nicht, seinen Satz zu beenden. Boris war der Erste, der losrannte, gefolgt von Stern und Rosa, die sich noch rasch die Füßlinge abstreiften, um nicht auszurutschen. Weder Mila noch der Wachtmeister der Straßenpolizei verstanden, was plötzlich in sie gefahren war. Goran stürzte den anderen hinterher und rief nur: »Dieser Mann ist hochgradig gefährdet. Er hätte rund um die Uhr bewacht werden müssen!« Mila und dem jungen Beamten wurde umgehend klar, worin diese Gefährdung bestand. Wenig später standen sie versammelt vor der Zelle, in der man Alexander Bermann eingesperrt hatte. Der Polizist, der die Tür bewachte, öffnete sofort den Spion, als Boris ihm seinen Dienstausweis zeigte. Der Gefangene war durch das kleine Loch jedoch nicht zu sehen. Er hat sich in den toten Winkel der Zelle verzogen, dachte Goran. Während der wachhabende Beamte die schweren Schlösser und Riegel aufschloss, versicherte sein junger Kollege noch einmal, man sei genau nach Vorschrift verfahren und habe Bermann außer der Armbanduhr auch den Hosengürtel, die Krawatte, ja sogar die Schnürsenkel abgenommen. »Er besitzt nichts mehr, womit er sich verletzen könnte.« Der Anblick, der sich ihnen beim Öffnen der Eisentür bot, widerlegte seine Behauptung. Der Gefangene lag im toten Winkel der Zelle. Den Rücken an die Wand gelehnt, die Hände im Schoß, die Beine gespreizt. Sein Mund war voller Blut. Rings um seinen Körper hatte sich eine schwarze Lache gebildet. Die Methode, die Alexander Bermann gewählt hatte, um sich zu töten, war alles andere als gewöhnlich. Er hatte sich die Pulsadern aufgebissen und darauf gewartet, dass er verblutete. 7 Sie würden sie zurück nach Hause bringen. Mit diesem stillschweigenden Versprechen hatten sie die Leiche des Mädchens in Empfang genommen. Sie würden dafür sorgen, dass ihr Gerechtigkeit widerfuhr. Nach Bermanns Selbstmord waren sie sich nicht mehr ganz sicher, Wort halten zu können, aber sie würden es wenigstens versuchen. Aus diesem Grund befand sich die Leiche des Mädchens nun hier, im Institut für Rechtsmedizin. Chang griff nach der Stange des Mikrofons, die über dem stählernen Seziertisch an der Decke befestigt war, und justierte sie so, dass sie genau im Lot war. Dann schaltete er das Aufnahmegerät ein. Zuerst bewaffnete er sich mit einem Skalpell und setzte einen kerzengeraden Schnitt, indem er das Messer von oben nach unten über den Plastiksack zog. Danach legte er das chirurgische Instrument beiseite und packte mit spitzen Fingern die Ränder des zerschnittenen Sacks. Die einzige Lichtquelle im Raum war die grelle Lampe über dem Operationstisch. Rings um den Tisch gähnte ein finsterer Abgrund. Und am Rande dieses Abgrunds standen Goran und Mila. Die übrigen Mitglieder der Mordkommission hatten es nicht für nötig befunden, der Leichenöffnung beizuwohnen. Der Rechtsmediziner und seine beiden Gäste trugen sterile Kittel, Handschuhe und Mundschutz, um die Beweise nicht zu kontaminieren. Unter Zuhilfenahme einer Salzlösung begann Chang, die am Körper der Toten klebende Plastikfolie abzulösen und die beiden Hälften des Sacks behutsam auseinanderzuziehen. Zentimeter um Zentimeter. Nach und nach kam das Mädchen zum Vorschein. Mila erkannte als Erstes einen grünen Kordsamtrock. Dann eine weiße Bluse, eine ärmellose Wollweste und schließlich einen Flanellblazer. Chang arbeitete sich langsam empor und enthüllte ein Detail nach dem anderen, bis er schließlich beim Oberkörper anlangte. Dort, wo der Arm fehlte. Dass die Jacke an dieser Stelle nicht mit Blut getränkt war, lag schlicht und einfach daran, dass der Täter den Ärmel in Schulterhöhe abgeschnitten hatte. Aus dem Ärmelloch starrte der Oberarmstumpf. »Sie ist nicht in diesen Kleidern umgebracht worden«, sagte der Rechtsmediziner. »Die hat er ihr erst später angezogen. Danach.« Sein letztes Wort hallte von den Wänden des kahlen Raumes wider, bis der finstere Abgrund, der sie umgab, es verschluckte, ähnlich einem fallenden Kieselstein, der an den Wänden eines Brunnenschachts abprallt, bevor er in bodenloser Tiefe verschwindet. Chang schälte den rechten Arm des Mädchens aus der Plastikfolie. Die Tote trug ein dünnes Kettchen mit einem kleinen Schlüssel ums Handgelenk. Als er in Höhe des Halses ankam, hielt Chang einen Moment inne, um sich mit einem kleinen Handtuch die Stirn abzutrocknen. Mila merkte erst jetzt, dass er schwitzte. Sie waren beim heikelsten Teil der Obduktion angelangt, und Chang fürchtete, dass sich mit der Plastikfolie zugleich auch die Gesichtshaut der Toten ablöste. Mila war schon bei mehreren Autopsien anwesend gewesen. Für gewöhnlich gingen die Rechtsmediziner ziemlich respektlos mit den Leichen um, die sie sezieren mussten. Aufschneiden und zunähen, lautete das Motto, von Achtsamkeit keine Spur. Chang schien jedoch großen Wert darauf zu legen, dass die Eltern ihr Kind in bestmöglichem Zustand antrafen, wenn sie es identifizieren mussten. Deshalb war er so aufgeregt. Mila empfand Hochachtung für ihn. Nach einigen Minuten, die ihr ewig vorkamen, gelang es dem Arzt endlich, den schwarzen Sack vollständig vom Gesicht des Kindes abzulösen. Mila erkannte es sofort. Debby Gordon. Zwölf Jahre alt. Das erste Mädchen, das verschwunden war. Ihre Augen waren weit geöffnet. Der Mund noch immer aufgerissen. Als versuche sie verzweifelt, etwas zu sagen. Sie trug eine Spange mit einer weißen Lilie im Haar. Er hatte sie gekämmt. Wie absurd, dachte Mila im ersten Moment. Der Typ hatte offenbar mehr Mitleid mit einer Leiche als mit einem lebenden Mädchen empfunden. Doch dann folgerte sie, dass es einen anderen Grund gab, weshalb er sie so sorgfältig hergerichtet hatte. Er hat sie für uns schön gemacht, dachte sie. Bei dieser Vorstellung wurde sie von Wut gepackt. Doch diesem Gefühl durfte sie im Moment nicht nachgeben. Es stand jemand anderem zu. Und ihre Aufgabe würde es in Kürze sein, diesen Raum zu verlassen, den finsteren Abgrund zu überwinden und Debby Gordons ohnehin am Boden zerstörten Eltern die furchtbare Mitteilung zu machen. Chang und Goran wechselten einen Blick. Nun galt es festzustellen, um welche Art Mörder es sich handelte. Ob sein Interesse für das Opfer allgemeiner oder aber ganz spezieller, scheußlich spezieller Natur war. Mit anderen Worten, ob er das Mädchen vergewaltigt hatte oder nicht. Mila war hin- und hergerissen zwischen dem Wunsch, wenigstens diese Marter möge ihr erspart geblieben sein, und der Hoffnung, dass dem nicht so war. Denn in diesem Fall wäre die Wahrscheinlichkeit, dass der Täter eine organische Spur hinterlassen hatte, anhand deren man ihn identifizieren konnte, einfach viel größer. Beim Verdacht auf ein Sexualverbrechen gibt es ein ganz bestimmtes Prozedere. Chang gedachte es Punkt für Punkt einzuhalten, als er mit seiner Anamnese begann. Als Erstes versucht man zu rekonstruieren, wie es zu der Aggression gekommen ist, welche äußeren Umstände sie begleitet haben. Im vorliegenden Fall war das jedoch nicht möglich, weil sich das Opfer selbst nicht mehr dazu äußern konnte. Die zweite Phase besteht darin, die objektiven Daten zusammenzutragen und fotografisch zu dokumentieren. Dafür nimmt der Arzt eine gründliche Untersuchung des Toten vor, begutachtet den Allgemeinzustand und sucht nach äußeren Verletzungen, die auf Gegenwehr oder einen Kampf mit dem Angreifer hindeuten könnten. Für gewöhnlich beginnt er damit, die Kleider des oder der Toten zu beschreiben und als Beweismittel verfügbar zu machen. Danach sucht er die Kleider nach verdächtigen Flecken, Fäden, Haaren oder auch Blättern ab. Erst dann geht er zum sogenannten »Scraping« über, das darin besteht, mit einer Art Zahnstocher eventuell vorhandenes organisches Material unter den Nägeln des Opfers hervorzukratzen, wie etwa Hautreste des Täters – für den Fall, dass es zu Gegenwehr gekommen ist – oder auch Erde und Fasern verschiedenster Art, die Rückschlüsse auf den Tatort zulassen. Auch hier war das Ergebnis negativ. Der Zustand der Leiche war, bis auf die Amputation des Armes, einwandfrei, die Kleidung sauber. Als wäre sie gebadet worden, bevor man sie in den Sack gesteckt hatte. Die dritte Phase ist die gynäkologische Untersuchung und stellt den massivsten Körpereingriff dar. Chang griff nach einem Kolposkop und suchte zunächst die Schenkelinnenseiten der Toten nach möglichen Blutflecken, Spermaresten und anderen Sekretionen des Täters ab. Dann angelte er sich von einem Metalltablett die Instrumente für die Vaginaluntersuchung und machte zunächst einen Haut- und einen Schleimhautabstrich, die er auf Glasplättchen auftrug. Mila wusste, dass diese Abstriche gegebenenfalls der genetischen Typisierung des Mörders dienten. Die letzte Phase war die schlimmste. Chang klappte das Fußende des Sektionstischs nach unten, hob die Beine des Mädchens an und legte sie in zwei Halterungen. Dann setzte er sich auf einen Hocker und begann mit einem speziellen Vergrößerungsglas, das mit einer UV-Lampe ausgestattet war, nach inneren Verletzungen zu suchen. Nach ein paar Minuten hob er den Kopf, sah zu Goran und Mila auf und sagte ausdruckslos: »Er hat sie nicht angerührt.« Mila nickte und beugte sich, bevor sie den Raum verließ, über die Leiche des Mädchens, um ihr das Armbändchen mit dem schlüsselförmigen Anhänger abzunehmen. Das kleine Schmuckstück war neben der Nachricht, dass Debby nicht vergewaltigt worden war, das Einzige, was sie ihren Eltern überbringen konnte. Kaum hatte sie sich von Chang und Goran verabschiedet, verspürte sie das dringende Bedürfnis, den weißen Kittel auszuziehen. Er war eigentlich sauber, aber Mila fühlte sich schmutzig. Im Umkleideraum stellte sie sich vor das große Porzellanwaschbecken, drehte den Heißwasserhahn auf, hielt ihre Hände darunter und rieb sie kräftig ab. Dabei sah sie in den Spiegel über dem Waschbecken. Sie stellte sich vor, die kleine Debby darin zu erkennen, wie sie in ihrem grünen Rock, dem blauen Blazer und mit der Spange im Haar den Umkleideraum betrat und sich auf der Bank an der Wand niederließ. Dabei stützte sie sich mit ihrem rechten Arm ab, dem einen, der ihr geblieben war. Sie ließ ihre Beine baumeln und betrachtete Mila. Mehrmals öffnete und schloss sie den Mund, als wollte sie ihr etwas mitteilen. Doch es kam nichts heraus. Und Mila hätte sie doch so gerne nach ihrer Blutsschwester gefragt, dem Mädchen, das inzwischen für alle die Nummer sechs war. Dann war die Halluzination plötzlich weg. Das Wasser schoss noch immer aus dem Hahn, und der aufsteigende Dampf hatte den Spiegel fast ganz beschlagen. Erst in diesem Moment gewahrte Mila den Schmerz. Sie blickte nach unten und riss die Hände aus dem siedend heißen Wasserstrahl. Ihre Handrücken waren feuerrot, und an den Fingern hatten sich bereits Brandblasen gebildet. Mila wickelte sich sofort saubere Tücher um die Hände und ging zum Erste-Hilfe-Schrank, um nach sterilen Binden zu suchen. Niemand durfte wissen, was ihr passiert war. Als sie die Augen öffnete, brannten ihre Hände höllisch. Mit einem Ruck fuhr sie hoch. Brüsker hätte sie nicht in die Realität zurückkehren können. Sie befand sich in ihrem Hotelzimmer. Ihr gegenüber ein Schrank mit gesprungenem Spiegel, links eine Kommode und das Fenster. Durch die Spalte des herabgelassenen Rollladens drangen einzelne bläuliche Lichtstrahlen herein. Mila hatte sich angezogen hingelegt, weil die Bettwäsche des drittklassigen Motels mit Flecken übersät war. Warum war sie aufgewacht? Vielleicht hatte es geklopft. Oder hatte sie das nur geträumt? Es klopfte erneut. Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete sie einen Spalt. »Wer ist da?«, fragte sie unnötigerweise. »Ich will dich abholen«, verkündete Boris lächelnd. »In einer Stunde beginnt die Durchsuchung von Bermanns Haus. Die anderen sind schon dort. Außerdem dachte ich, du freust dich über ein Frühstück.« Er wedelte mit einer Papiertüte, die nach Kaffee und Croissants duftete, vor ihrer Nase herum. Mila warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Sie sah alles andere als präsentabel aus, aber vielleicht war das ja gut so. In der Hoffnung, den Hormonen ihres Kollegen einen Dämpfer zu verpassen, öffnete sie ihm die Tür ganz. Boris trat ein und sah sich verwundert um, während Mila zum Waschbecken in der Zimmerecke eilte, um sich das Gesicht zu waschen und die verbundenen Hände vor dem Kollegen zu verbergen. »Diese Absteige ist ja noch übler, als ich sie in Erinnerung hatte.« Boris schnupperte. »Und riecht auch noch genauso.« »Das muss das Insektenschutzmittel sein.« »Als ich seinerzeit zur Mordkommission kam, habe ich einen Monat in dieser Klitsche verbracht, bevor ich endlich eine Wohnung fand. Weißt du, dass man hier mit jedem Schlüssel sämtliche Türen öffnen kann? Die Kunden haben die Gewohnheit abzuhauen, ohne zu bezahlen, und der Besitzer war es leid, ständig die Schlösser austauschen zu müssen. Du solltest deine Tür nachts mit der Kommode verbarrikadieren.« Mila sah ihn im Spiegel über dem Waschbecken an. »Besten Dank für den Rat.« »Nein, im Ernst. Wenn du eine anständige Unterkunft suchst, könnte ich dir behilflich sein.« Mila warf ihm einen fragenden Blick zu. »Bietest du mir etwa an, bei dir zu wohnen, Kollege?« Boris wehrte verlegen ab: »Nein, so meinte ich das nicht. Aber ich könnte herumfragen, ob irgendeine Kollegin bereit wäre, die Wohnung mit dir zu teilen.« »Lass mal. Ich hoffe ja, dass ich nur kurz hier bin, und so lange halte ich es schon aus«, erwiderte Mila schulterzuckend und trocknete sich das Gesicht ab. Dann wandte sie sich der Tüte zu, die Boris ihr mitgebracht hatte. Sie riss sie ihm fast aus der Hand, setzte sich damit im Schneidersitz aufs Bett und begutachtete heißhungrig den Inhalt. Croissants und Kaffee, wie sie gehofft hatte. Boris wunderte sich ein wenig über ihr Gebaren und noch mehr über die verbundenen Hände. Aber er sagte nichts dazu. »Hunger?«, fragte er beinahe etwas verschüchtert. Mila antwortete ihm mit vollem Mund: »Ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen. Wenn du nicht vorbeigeschaut hättest, wäre ich vor Schwäche gar nicht auf die Beine gekommen.« Ihr war klar, dass dies nicht der ideale Satz war, um Boris in seine Schranken zu weisen, doch sie wusste nicht, wie sie ihm sonst hätte danken sollen. Außerdem hatte sie wirklich Hunger. Boris lächelte triumphierend. »Und, wie fühlst du dich bei uns?«, fragte er. »Ich finde mich überall zurecht. Ganz gut also.« Abgesehen von deiner Freundin Sarah Rosa, die mich praktisch hasst, aber das dachte Mila nur. »Deine Intuition mit den Blutsschwestern war wirklich gut.« »Ein Glücksfall. Ich brauchte nur ein wenig in meinen Jugenderinnerungen zu graben. Du hast mit zwölf doch sicher auch irgendeine Dummheit begangen, oder?« Als Mila merkte, dass ihre Frage den Kollegen in Bedrängnis brachte, weil er auf die Schnelle keine passende Antwort fand, musste sie lächeln. »Das war nur ein Scherz.« »Schon klar«, meinte er errötend. Mila verschlang den letzten Bissen, leckte sich die Finger ab und machte sich über das zweite Croissant in der Tüte her. Boris hatte es eigentlich für sich gekauft, mochte aber angesichts ihres Hungers nicht protestieren. »Sag mal, warum habt ihr den Täter eigentlich Albert getauft?« »Das ist eine sehr interessante Geschichte«, erwiderte Boris. Dann setzte er sich vertraulich neben sie aufs Bett und begann zu erzählen: »Vor fünf Jahren hatten wir es mit einem ganz verrückten Fall zu tun: ein Serienmörder, der Frauen entführte, vergewaltigte, erwürgte und uns anschließend die Leichen auffinden ließ – nur, dass immer der rechte Fuß fehlte.« »Der rechte Fuß?« »Genau. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen, auch weil der Typ so sorgfältig und sauber arbeitete, dass er nicht die geringste Spur hinterließ. Die Sache mit der Amputation war das Einzige, wodurch er sich zu erkennen gab. Wen es traf, war purer Zufall. Verdammt komplizierte Situation … Auch beim fünften Opfer tappten wir noch immer im Dunkeln. Aber an diesem Punkt kam Goran Gavila die rettende Idee.« Mila hatte inzwischen auch das zweite Croissant verdrückt und war zum Kaffee übergegangen. »Was für eine Idee?« »Er bat uns, im Archiv all jene Fälle herauszusuchen, die irgendetwas mit Füßen zu tun hatten, und wenn sie noch so banal und uninteressant waren.« Mila starrte ihn perplex an. Dann schüttete sie drei Tütchen Zucker in ihren Pappbecher. Boris verzog angewidert das Gesicht und wollte schon einen entsprechenden Kommentar abgeben, überlegte es sich jedoch anders und fuhr lieber mit seiner Geschichte fort. »Auch mir kam das zunächst total absurd vor. Trotzdem, wir fingen an nachzuforschen und entdeckten, dass sich seit einiger Zeit ein Typ in der Gegend herumtrieb, der aus den Schaufenstern von Schuhläden Damenschuhe klaute. Normalerweise ist ja nur ein Schuh pro Modell ausgestellt – gerade um zu vermeiden, dass gestohlen wird – und zwar üblicherweise der rechte, das erleichtert den Kundinnen die Anprobe.« Mila, die sich eben den Kaffeebecher an die Lippen führte, hielt verblüfft inne und staunte über Gorans genialen Einfall – auf so etwas musste man als Ermittler erst einmal kommen! »Ihr habt also die Schuhgeschäfte überwacht und den Dieb gefangen genommen …« »Richtig. Albert Finley. Ingenieur, achtunddreißig Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Ein Häuschen auf dem Land und ein Wohnmobil für die Ferien.« »Ein ganz normaler Mensch.« »In seiner Garage fanden wir eine Tiefkühltruhe, und in der lagen, säuberlich in Zellophan verpackt, fünf rechte Frauenfüße. Der Typ vergnügte sich damit, ihnen die Schuhe anzuziehen, die er klaute. Eine Art Fetischwahn.« »Rechter Fuß, linker Arm. Daher der Name Albert!« »Erraten!«, sagte Boris und wollte ihr anerkennend den Arm um die Schulter legen, doch Mila schüttelte ihn ab und sprang auf. Der junge Polizist machte ein beleidigtes Gesicht. »Sorry«, meinte sie. »Kein Problem«, erwiderte Boris. Mila tat, als würde sie ihm glauben. »Ich mache mich rasch fertig, dann können wir gehen.« Sie drehte sich um und ging noch einmal zum Waschbecken. Boris stand auf. »Immer mit der Ruhe. Ich warte draußen«, sagte er und verließ das Zimmer. Mila sah ihm nach. Dann blickte sie in den Spiegel. O Gott, wann hört das endlich auf?, fragte sie sich. Wann werde ich mich endlich wieder von jemandem berühren lassen können? Während der gesamten Fahrt zu Bermanns Haus wechselten sie kein Wort. Mila begriff, als sie in den Wagen stieg, das laufende Autoradio als Wink mit dem Zaunpfahl. So schnell würde Boris sich nicht mehr mit ihr unterhalten, er war gekränkt, und sie hatte jetzt womöglich einen weiteren Widersacher innerhalb der Ermittlungsgruppe. Sie brauchten eine knappe halbe Stunde. Alexander Bermanns Einfamilienhaus lag in einer ruhigen Wohngegend, mitten im Grünen. Die Straße davor war abgesperrt. Hinter der Absperrung drängten sich Schaulustige, Nachbarn und Reporter. Als Mila den Rummel sah, wusste sie, dass der Stein ins Rollen gekommen war. In den Nachrichten, die sie unterwegs gehört hatten, war schon berichtet worden, dass man die Leiche der kleinen Debby gefunden hatte. Auch der Name Bermanns war bereits gefallen. Die Presse war euphorisch, und das aus einem einfachen Grund: Das anonyme Gräberfeld mit den abgesägten Armen war für die Öffentlichkeit ein harter Brocken gewesen, jetzt hatte der Albtraum endlich einen Namen. Mila hatte das schon öfter erlebt, sie ahnte, wie es weiterging. Die Medien würden sich gierig auf die Geschichte stürzen und Bermanns Leben schon bald bis in den letzten Winkel durchleuchtet haben, von Objektivität selbstverständlich keine Spur. Sein Selbstmord war ja praktisch ein Geständnis. Aus diesem Grund würde die Presse auf ihrer Version bestehen. Bermann war von der Öffentlichkeit einstimmig dazu auserkoren, die Rolle des Monsters zu spielen. Daran gab es nichts zu rütteln. Die Reporter würden ihn grausam zerstückeln, so wie er ihrer Meinung nach seine Opfer zerstückelt hatte. Die bittere Ironie des Vergleichs würde niemandem auffallen. Sie würden literweise Blut aus dieser Geschichte pressen und ihre Titelseiten damit würzen, um den Lesern Appetit zu machen. Ohne einen Funken Respekt, von Gerechtigkeit ganz zu schweigen. Und sollte sich jemand erlauben, dieses Vorgehen zu kritisieren, so würden sie sich mit der »journalistischen Informationspflicht« herausreden, mit der sich ihre perverse Schamlosigkeit jederzeit bequem übertünchen ließ. Nachdem Mila aus dem Auto gestiegen war, bahnte sie sich einen Weg durch die Menschenansammlung, betrat den von der Polizei abgesperrten Bereich und bemühte sich, den Weg zum Haus so rasch wie möglich zurückzulegen, ohne jedoch verhindern zu können, dass sie vom einen oder anderen Blitzlicht geblendet wurde. Da begegnete sie dem Blick von Goran, der am Fenster stand. Die Tatsache, dass er sie mit Boris kommen sah, löste Schuldgefühle in ihr aus, so absurd es war und so dumm sie sich deshalb vorkam. Goran wandte sich erneut dem Innern des Hauses zu, und wenig später hatte auch Mila die Haustür passiert. Stern, Rosa und ein paar andere Kommissare waren anscheinend schon länger am Werk. Sie wuselten wie emsige Ameisen herum und hatten das ganze Haus auf den Kopf gestellt. Möbel, Wände und alles, was sonst noch irgendwelche Hinweise zur Klärung der Tat hätte liefern können, wurden von den Beamten aufs Genaueste untersucht. Auch an diesem Teil der Ermittlungen durfte sich Mila nicht aktiv beteiligen. Rosa hatte ihr gleich ins Gesicht geschleudert, dass sie nur als Beobachterin hier sei, und so sah sie sich ein wenig um, die Hände in den Taschen vergraben, um nicht erklären zu müssen, warum sie verbunden waren. Am meisten interessierten sie die Fotos. Sie standen in eleganten Wurzelholz- und Silberrahmen zu Dutzenden auf den Möbeln herum und zeigten Bermann und seine Frau in glücklichen Momenten. Momenten, die jetzt sehr weit weg, ja kaum noch vorstellbar waren. Das Ehepaar war offenbar viel gereist, es gab Bilder von überall auf der Welt. Aber je jünger die Fotos wurden und je älter die darauf abgebildeten Gesichter, desto eigentümlicher wirkten sie auf Mila. Irgendetwas daran stimmte nicht. Mila spürte es ganz genau, konnte jedoch nicht sagen, woran es lag. Schon beim Betreten des Hauses hatte sie ein seltsames Gefühl beschlichen. Jetzt war dieses Gefühl stärker. Es war, als wäre da jemand. Eine unsichtbare Präsenz. Unter den vielen Beamten, die ein und aus gingen, gab es noch eine Zuschauerin. Mila kannte sie von den Fotos: die Frau des mutmaßlichen Mörders. Sie musste einen ziemlich stolzen Charakter haben, das merkte Mila an der vornehmen Distanz, die sie an den Tag legte, während Unbekannte in ihren Sachen herumstöberten, ja, mehr noch, in ihre persönlichsten Dingen und Erinnerungen eindrangen und so ihre Intimsphäre verletzten. Doch sie wirkte kein bisschen empört, sondern im Gegenteil ganz und gar einverstanden. Wie Mila später erfuhr, hatte Veronica Bermann Hauptkommissar Roche ihre volle Unterstützung zugesagt, felsenfest davon überzeugt, dass ihr Mann nichts mit den schrecklichen Dingen zu tun hatte, die ihm vorgeworfen wurden. Nachdem Mila sie eine Weile beobachtet hatte, drehte sie sich um. Ihr bot sich ein unerwarteter Anblick: Eine ganze Wand des Zimmers war von oben bis unten mit einbalsamierten Schmetterlingen in gläsernen Schaukästen bedeckt. Es gab wunderschöne, aber auch eigentümlich aussehende Exemplare darunter. Einige von ihnen hatten exotische Namen, die neben dem Herkunftsort auf Messingschildchen festgehalten waren. Die prächtigsten kamen aus Afrika und Japan. »Sie sind so schön, weil sie tot sind.« Der Satz kam von Goran. Der Kriminologe trug einen schwarzen Pullover und eine Funktionshose. Aus dem Ausschnitt des Pullovers spickte der Hemdkragen heraus. Er stellte sich neben sie, um die Schmetterlingswand näher zu betrachten. »Angesichts einer solchen Pracht vergessen wir leicht das Wichtigste, dabei sticht es eigentlich ins Auge: Diese Schmetterlinge werden nie wieder fliegen.« »Das ist wider die Natur«, stimmte Mila ihm zu. »Und doch so verführerisch schön.« »Genau das ist ja die Wirkung, die der Tod auf einige Menschen hat. Und der Grund, weshalb es Serienmörder gibt.« An diesem Punkt gab Goran den anderen einen Wink. Im Nu hatten sich alle Kollegen der Ermittlungsgruppe um ihn geschart, ein Zeichen dafür, dass sie, obwohl in ihre Arbeit vertieft, immer auch ein Auge auf ihn hatten, in der Erwartung, dass er irgendetwas sagte oder tat. Mila schloss daraus, dass sie wirklich großes Vertrauen in sein Gespür hatten. Goran führte die Truppe an. Das war ungewöhnlich, denn er war kein Polizeibeamter, und die »Bullen« – wenigstens die, die Mila kannte – vertrauten sich Zivilisten normalerweise nicht gerne an. Eigentlich hätte die Mordkommission »Gavila-Team« und nicht »Roche-Team« heißen müssen, denn Roche glänzte auch heute durch Abwesenheit. Er würde sich nur dann blicken lassen, wenn der klassische »erdrückende Beweis« auftauchte, der Bermann endgültig festnagelte. Stern, Boris und Rosa stellten sich um den Kriminologen herum auf – jeder von ihnen hatte seinen angestammten Platz. Mila trat einen Schritt zurück. Bevor sie sich ausgeschlossen fühlen musste, schloss sie sich lieber selbst aus. Goran sprach mit gedämpfter Stimme und legte damit für alle die Tonlage fest, die er sich für ihre Unterhaltung wünschte. Vermutlich, um Veronica Bermann zu schonen. »Also, was gibt’s?« Stern antwortete als Erster: »Wir haben im ganzen Haus nichts gefunden, was Bermann mit den sechs Mädchen in Verbindung bringen könnte«, sagte er kopfschüttelnd. »Seine Frau scheint nichts zu wissen«, setzte Boris hinzu. »Ich habe ihr ein paar Fragen gestellt und nicht den Eindruck gewonnen, dass sie lügt.« »Unsere Hundeführer sind dabei, mit ihren Spürhunden den Garten zu durchsuchen«, sagte Rosa. »Aber auch sie haben bis jetzt nichts Nennenswertes gefunden.« »Wir müssen jeden Schritt, jede Bewegung rekonstruieren, die Bermann während der letzten sechs Wochen gemacht hat«, sagte Goran, und alle nickten zustimmend, obwohl sie wussten, dass das nahezu unmöglich war. »Stern, gibt es sonst noch was?« »Ich habe Bermanns Bankkonten überprüft und konnte auch da nichts Verdächtiges entdecken. Die größte Ausgabe, die er im letzten Jahr getätigt hat, war die Kinderwunsch-Therapie, sprich, künstliche Befruchtung, seiner Frau. Die hat eine dicke Stange Geld gekostet.« Bei Sterns Worten ging Mila schlagartig auf, was hinter dem Gefühl steckte, das sie beim Betreten des Hauses und danach beim Betrachten der Fotos gehabt hatte. Ihr war gewesen, als sei da jemand, eine unsichtbare Präsenz. Aber das war ein Irrtum. Das Gegenteil war der Fall: es fehlte jemand. Man spürte das Fehlen eines Kindes in diesem Haus voll teurer, unpersönlicher Möbel, eingerichtet von einem Ehepaar, das zweifellos damit gerechnet hatte, kinderlos zu bleiben. Mila erschien es widersprüchlich, dass sich dieses Paar, wie der Kollege Stern festgestellt hatte, einer Hormontherapie unterzogen hatte, umso mehr, als in diesem Haus keine Spur von der Vorfreude wahrzunehmen war, die man in Erwartung eines Kindes empfindet. Stern schloss seinen Bericht mit einer knappen Darstellung von Bermanns Privatleben ab: »Er hat keine Drogen genommen und weder getrunken noch geraucht. Dafür war er Mitglied in einem Fitnessstudio und in einer Videothek, in der er jedoch nur Dokumentarfilme über Insekten auslieh. Er besuchte die lutherische Stadtteilkirche und war zweimal im Monat ehrenamtlich im Seniorenheim tätig.« »Ein heiliger Mann«, spöttelte Boris. Goran wandte sich nach Veronica Bermann um, um sicherzugehen, dass sie den Kommentar nicht gehört hatte. Dann sah er Rosa an. »Gibt es von deiner Seite noch etwas zu berichten?« »Ich habe die Festplatte seines privaten und seines Geschäftscomputers gescannt und außerdem ein Programm laufen lassen, mit dem sich gelöschte Dateien wiederherstellen lassen. In beiden Fällen bin ich auf nichts Interessantes gestoßen. Nur Arbeit, Arbeit, Arbeit. Dieser Typ muss ein Workaholic gewesen sein.« Mila merkte, dass Goran in Gedanken abschweifte, aber es dauerte nicht lange. Nur einen Augenblick später war er wieder ganz auf das Gespräch konzentriert. »Was wissen wir über seine Internet-Gewohnheiten?« »Ich habe bei seinem Provider angerufen und mir eine Liste der Webseiten faxen lassen, die er in den letzten sechs Monaten besucht hat. Auch hier nichts. Offenbar hatte er eine Vorliebe für Sites, die etwas mit Natur, Reisen oder Tieren zu tun haben. Außerdem tätigte er Einkäufe im Netz: antiquarisches Zeug und bei eBay vor allem Sammlerschmetterlinge.« Goran verschränkte die Arme vor der Brust und sah seine Mitarbeiter nacheinander an. Auch Mila, die sich dadurch ein wenig dazugehörig fühlte. »Also, was ist euer Eindruck?«, fragte er. »Ich bin wie geblendet«, sagte Boris spontan und unterstrich seine Worte, indem er sich die rechte Hand auf die Augen legte. »Mir kommt das alles irgendwie viel zu clean vor.« Die anderen nickten. Mila verstand nicht recht, was er meinte, aber sie wollte auch nicht fragen. Goran strich sich mit der Hand über die Stirn und rieb sich die müden Augen. Ihm war anzusehen, dass er wieder nicht bei der Sache war. Als gäbe es einen Gedanken, den er ein, zwei Sekunden lang verfolgte und dann aus irgendeinem Grund wieder verdrängte. »Wie lautet das oberste Gebot, wenn man über einen Verdächtigen ermittelt?« »Jeder von uns hat Geheimnisse«, antwortete Boris wie aus der Pistole geschossen. »Richtig«, pflichtete Goran ihm bei. »Wir alle haben, wenigstens einmal im Leben, eine Schwäche. Jeder von uns hat sein kleines oder auch großes uneingestandenes Geheimnis. Aber schaut euch hier um: Dieser Mensch war nicht nur der Prototyp des guten Ehemanns, sondern auch ein braver Kirchgänger und ein Macher«, sagte er und nahm für seine Aufzählung die Finger zu Hilfe. »Er ist ein Philanthrop, ein Gesundheitsapostel, leiht sich nur Dokumentarvideos aus, frönt keinerlei Laster und sammelt Schmetterlinge. Ist so ein Mensch glaubhaft?« Die Frage war eine rein rhetorische. »Was also macht ein solcher Mann mit einer Mädchenleiche im Kofferraum?« »Er hat seine Weste hübsch sauber gehalten«, warf Stern ein. »Er blendet uns mit seiner ganzen Perfektion, damit wir nicht genau hinschauen«, folgerte Goran. »Wo sollten wir denn hinschauen?«, fragte Rosa. »Lasst uns noch mal von vorn beginnen. Die Antwort liegt hier, irgendwo zwischen den Dingen, die ihr bereits untersucht habt. Geht sie noch einmal durch, Stück für Stück. Und lasst euch dabei nicht vom Glanz des perfekten Lebens irreleiten, das er angeblich geführt hat: Der Glanz soll uns nur ablenken. Außerdem müsst ihr …« Goran schweifte wieder ab. Seine Aufmerksamkeit galt etwas anderem. Einem Gedanken, der in seinem Kopf endlich Form anzunehmen begann. Mila folgte dem Blick des Kriminologen, der suchend im Zimmer umherwanderte und schließlich an einer kleinen roten LED-Anzeige hängen blieb, die rhythmisch blinkte. Goran fragte laut: »Hat jemand die Nachrichten auf dem Anrufbeantworter abgehört?« Stille senkte sich über das Zimmer. Alle starrten auf das Gerät, das ihnen zuzublinzeln schien, und fühlten sich schuldig, weil keiner von ihnen darauf geachtet hatte. Goran hatte sie bei einem schweren Schnitzer ertappt, aber er kümmerte sich nicht darum, sondern ging einfach hin und drückte auf den Knopf, mit dem man die gespeicherten Nachrichten abrief. Die Worte eines Toten drangen in die Stille. Und Alexander Bermann betrat das letzte Mal sein Haus: Ähm … Ich bin’s … Ähm … Ich hab nicht viel Zeit … Trotzdem wollte ich dir sagen, dass es mir leidtut … Dass ich alles bedaure … Das hätte ich längst tun müssen, aber ich hab es nicht fertiggebracht … Versuch bitte, mir zu verzeihen. Es ist alles meine Schuld. Hier brach die Aufnahme ab, und bleierne Stille senkte sich erneut über den Raum. Aller Augen richteten sich unwillkürlich auf Veronica Bermann, die reglos wie eine Statue dastand. Goran war der Einzige, der sich bewegte. Er ging zu der Frau, legte ihr den Arm um die Schulter und vertraute sie einer Polizistin an, die sie in ein anderes Zimmer führte. Es war Stern, der schließlich das Wort ergriff: »Tja, Herrschaften, wie es aussieht, haben wir ein Geständnis.« 8 Ein Polizeibeamter war beauftragt worden, Mila ins Motel zu bringen. Diesmal hatte Boris sich nicht angeboten, und Mila konnte es ihm nicht verübeln nach der Abfuhr, die sie ihm am Morgen erteilt hatte. Während der Fahrt musste sie an das Opfer Nummer sechs denken, an Priscilla, wie sie das Mädchen getauft hatte. Inzwischen hatte sie nämlich das Gefühl, dass sich außer ihr kaum noch jemand für seine Identität interessierte. Seit die Kollegen von der Mordkommission Bermanns telefonische Nachricht an seine Frau abgehört hatten, war dieser Aspekt für sie in den Hintergrund getreten. Sie verfügten über eine Leiche im Kofferraum eines Wagens und über ein Quasi-Geständnis per Anrufbeantworter. Was wollten sie mehr? Jetzt ging es nur noch darum, den Handelsvertreter mit den übrigen Opfern in Verbindung zu bringen. Und ein Tatmotiv ausfindig zu machen. Aber das gab es ja vielleicht schon … Die eigentlichen Opfer sind nicht die Kinder, sondern ihre Familien. Es war Goran gewesen, der ihr diese Erklärung geliefert hatte, als sie im Leichenschauhaus die Familienangehörigen der Mädchen durch eine Glasscheibe hindurch beobachtet hatten. Eltern, die aus irgendeinem Grund nur ein einziges Kind gehabt hatten. Mütter, weit über vierzig, die schon allein aufgrund ihres Alters keine Kinder mehr bekommen konnten. »Seine wirklichen Opfer sind die dort draußen. Er hat sie studiert, bewusst ausgewählt.« Und dann: »Eine einzige Tochter. Er wollte ihnen jede Hoffnung nehmen, je über den Verlust hinwegzukommen. Sie sollen sich bis ans Ende ihres Lebens daran erinnern, was er ihnen angetan hat. Er hat ihren Schmerz vervielfacht, indem er ihnen die Zukunft raubte. Er hat sie um die Möglichkeit gebracht, ihr Andenken weiterzureichen, den eigenen Tod zu überleben. Und das wiederum ist sein Lebenselixier. Der Lohn seines Sadismus, die Quelle seines Genusses. Davon lebt er.« Die Bermanns hatten keine Kinder. Sie hatten versucht, welche zu bekommen, indem sich die Frau einer künstlichen Befruchtung unterzog. Aber es hatte nichts genützt. Vielleicht hatte Alexander Bermann seine Wut darüber an diesen armen Familien ausgelassen. Vielleicht hatte er sich an ihnen dafür rächen wollen, dass ihn das Schicksal mit Unfruchtbarkeit geschlagen hatte. Nein, das ist keine Rache, dachte Mila, dahinter steckt etwas anderes … Sie wusste nicht, woher sie die Gewissheit nahm, aber sie hielt daran fest. Als das Auto vor dem Motel vorfuhr, verabschiedete sie sich von dem Polizisten, der sie chauffiert hatte, und stieg aus. Der Mann nickte ihr kurz zu, bevor er den Wagen wendete und sie allein inmitten des großen, mit Kies bedeckten Vorplatzes stehen ließ, auf den die Bungalows der Anlage hinausgingen. Dahinter erstreckte sich ein Waldgürtel. Es war kalt, und die einzige Beleuchtung kam von einer Neonschrift, die freie Zimmer und Pay-TV anpries. Mila machte sich auf den Weg zu ihrem Zimmer. Alle Fenster waren dunkel. Sie war der einzige Gast. Aus dem Büro des Portiers drang das bläuliche Flimmern eines Fernsehers. Mila bemerkte im Vorübergehen, dass der Mann den Ton abgestellt hatte und nicht anwesend war. Vielleicht ist er auf dem Klo, dachte sie und ging weiter. Zum Glück hatte sie ihren Schlüssel mitgenommen, sonst hätte sie jetzt warten müssen, bis der Portier zurückkam. Sie hatte eine Papiertüte unter dem Arm, in der sich ihr Abendessen – ein Erfrischungsgetränk und zwei Käsetoasts – sowie eine Heilsalbe befanden, mit der sie später die kleinen Brandwunden auf ihren Händen einschmieren wollte. Die Luft war so eisig, dass ihr Atem kondensierte. Mila ging schneller, sie fror bis in die Knochen. Der knirschende Kies unter ihren Schuhen war das einzige Geräusch, das die Nacht erfüllte. Ihr Bungalow war der letzte in der Reihe. Priscilla, dachte sie im Gehen und erinnerte sich dabei an die Worte Changs: »Ich würde sagen, er hat sie bald nach der Entführung getötet. Er hatte kein Interesse daran, sie länger als unbedingt nötig leben zu lassen, also hat er nicht lange gefackelt. Die Tötungsweise war bei allen Opfern dieselbe. Außer bei einem …« »Inwiefern?«, hatte Goran gefragt, und Chang hatte ihn angesehen und geantwortet, insofern als er beim sechsten Mädchen noch grausamer vorgegangen wäre … Dieser Satz verfolgte Mila. Nicht nur wegen der furchtbaren Vorstellung, dass das sechste Mädchen einen noch höheren Preis als die anderen hatte zahlen müssen. Nein, Mila beschäftigte noch etwas anderes. Warum hatte der Mörder seinen Modus Operandi geändert? Wie schon bei der Besprechung verspürte Mila auch jetzt wieder dieses Kitzeln im Nacken. Ihr Zimmer war nur noch wenige Meter entfernt, und sie war völlig auf das eigenartige Gefühl konzentriert, überzeugt, dass sie diesmal herausfinden würde, was es zu bedeuten hatte, als eine kleine Vertiefung im Boden sie beinahe zu Fall brachte. Und in diesem Moment hörte sie es. Das kurze Geräusch hinter ihrem Rücken fegte im Nu sämtliche Gedanken weg. Schritte im Kies. Jemand ahmte ihren Gang nach, synchronisierte seine Schritte mit den ihren, wollte sich nähern, ohne dass sie es bemerkte. Als sie gestolpert war, war er aus dem Rhythmus geraten und hatte sich verraten. Mila ließ sich nichts anmerken und ging im gleichen Tempo weiter. Die Schritte des Verfolgers verschmolzen erneut mit den ihren. Er mochte sich rund zehn Meter hinter ihr befinden. Während sie angestrengt die Ohren spitzte, überlegte sie fieberhaft, was zu tun sei. Die Pistole zu ziehen, die sie hinten im Hosenbund stecken hatte, wäre sinnlos gewesen, denn wenn der Mensch hinter ihr bewaffnet war, konnte er in aller Ruhe zuerst das Feuer eröffnen. Der Portier, dachte sie, der laufende Fernseher im leeren Büro. Ihn hat er schon umgebracht, und jetzt bin ich dran. Inzwischen war sie fast vor der Tür ihres Bungalows angekommen. Sie musste sich entscheiden. Und sie entschied sich. Sie hatte keine andere Wahl. Ihre Hand glitt in die Jackentasche und zog den Zimmerschlüssel heraus, während sie die drei Stufen zu dem überdachten Holzsteg vor dem Bungalow hinaufeilte. Mit wild pochendem Herzen steckte sie den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn zweimal um, stieß die Tür auf und schlüpfte ins Zimmer. Dort angekommen, zog sie mit der rechten Hand die Pistole und streckte die andere nach dem Lichtschalter aus. Die Nachttischlampe ging an. Mila presste die Schultern an die Tür, lauschte angestrengt und rührte sich nicht. Nun glaubte sie Schritte auf den Holzdielen vor ihrem Zimmer zu hören. Boris hatte ihr gesagt, dass die Zimmerschlüssel zu jedem Bungalow passten. Ob das auch ihr Verfolger wusste? Wenn ja, dann müsste sie ihn von hinten überraschen, falls er versuchte, in ihr Zimmer einzudringen. Sie ging in die Knie und krabbelte über den fleckenübersäten Teppichboden zum Fenster. Dort presste sie sich erneut an die Wand und langte mit einer Hand nach dem Fenstergriff. Da die Fensterangeln aufgrund der eisigen Temperaturen eingefroren waren, kostete es sie einige Mühe, wenigstens einen der beiden Flügel zu öffnen. Sie stand auf, sprang mit einem Satz nach draußen und befand sich erneut im Dunkeln. Vor ihr lag der Wald. Die hohen Wipfel der Bäume schwankten rhythmisch hin und her. Auf der Hinterseite des Motels verlief ein lang gestreckter Zementsockel, der die einzelnen Bungalows miteinander verband. Mila schlich ihn geduckt entlang, wobei sie auf die geringste Bewegung, das kleinste Geräusch in ihrer Nähe achtete. Rasch huschte sie am Nebenzimmer und auch am darauffolgenden Zimmer vorbei. Dann blieb sie stehen und bog in einen schmalen Gang zwischen zwei Bungalows ein. Am Ende des Gangs musste sie sich ein wenig vorbeugen, wenn sie die Terrasse vor ihrem Bungalow einsehen wollte. Das war gefährlich. Ohne auf die schmerzenden Brandwunden zu achten, schloss sie die Finger beider Hände fest um den Schaft ihrer Pistole. Dann zählte sie bis drei, atmete dabei dreimal tief ein und aus und sprang mit vorgehaltener Waffe um die Ecke. Niemand. Doch das konnte nicht bloß Einbildung gewesen sein. Mila war überzeugt, dass ihr jemand gefolgt war. Jemand, der sehr geübt darin war, sich lautlos an seine Beute anzuschleichen. Ein Jäger. Milas Augen suchten den Vorplatz des Motels nach dem Verfolger ab. Es war, als hätten ihn der Wind und das eintönige Rauschen der Bäume verschluckt. »Verzeihen Sie …« Mila fuhr herum und starrte den Mann an, wie gelähmt von den zwei kleinen Wörtern, die er an sie gerichtet hatte. Sie brauchte ein paar Sekunden, bis sie begriff, dass es sich um den Portier handelte. Als der Mann merkte, dass er sie erschreckt hatte, wiederholte er: »Verzeihen Sie.« Diesmal aber, weil er sich wirklich entschuldigen wollte. »Was ist?«, fragte Mila, deren Puls noch immer raste. »Sie werden am Telefon verlangt.« Der Mann deutete auf sein Büro, und Mila eilte hinein, ohne ihm den Vortritt zu lassen. »Mila Vasquez«, sagte sie in den Hörer. »Hallo, hier ist Stern, Professor Gavila würde dich gerne treffen.« »Mich?«, fragte sie überrascht, aber auch ein wenig stolz. »Ja. Wir haben dem Beamten, der dich zurückgebracht hat, schon Bescheid gegeben, er holt dich gleich wieder ab.« »In Ordnung.« Mila war perplex. Da Stern nichts weiter sagte, wagte sie, ihn zu fragen: »Gibt es Neuigkeiten?« »Alexander Bermann hat uns etwas vorenthalten.« Boris versuchte, das Navi zu bedienen, ohne die Straße aus den Augen zu verlieren. Mila starrte stumm vor sich hin. Goran saß, in seinen zerknitterten Mantel gewickelt, mit geschlossenen Augen auf dem Rücksitz. Sie waren unterwegs zum Haus von Bermanns Schwägerin. Veronica Bermann war, um den Reportern zu entgehen, mittlerweile bei ihrer Schwester untergeschlüpft. Goran war nach der Hausdurchsuchung zu dem Schluss gelangt, dass Bermann etwas zu verbergen gehabt hatte. Es hatte mit der Nachricht zu tun, die er auf dem Anrufbeantworter hinterlassen hatte. Die Untersuchung der Verbindungsdaten hatte ergeben, dass Bermann von der Wache der Straßenpolizei aus angerufen hatte, ungefähr zu dem Zeitpunkt, an dem der Beamte die Leiche der kleinen Debby Gordon gefunden hatte. Goran hatte sich gefragt, warum ein Mann in seiner Lage, mit einer Leiche im Kofferraum und der Absicht, sich bei nächstbester Gelegenheit das Leben zu nehmen, warum dieser Mann seiner Frau eine solche Nachricht auf den Anrufbeantworter sprach. Serienmörder entschuldigen sich nicht. Und wenn, so nur, um sich in ein anderes, besseres Licht zu rücken, denn das – dieser Hang zur Selbstverherrlichung – liegt in ihrer Natur. Eigentlich geht es ihnen jedoch darum, die Wahrheit zu verschleiern, den Vorhang aus Nebel, hinter dem sie sich verbergen, noch dichter zu weben. Für Bermann schien das nicht zu gelten. Seine Stimme klang sehr dringlich. Er musste etwas zu Ende bringen, bevor es zu spät war. Wofür bat Alexander Bermann um Entschuldigung? Goran vermutete, dass es mit seiner Frau und mit ihrer Beziehung zu tun hatte, nichts weiter. »Könntest du das bitte noch einmal wiederholen?« Goran öffnete die Augen und sah in Milas Gesicht. Sie hatte sich auf dem Vordersitz nach ihm umgedreht und wartete auf eine Antwort. »Vielleicht hat Veronica Bermann etwas entdeckt. Etwas, das Anlass zu Streit zwischen ihr und ihrem Mann gegeben hat. Dafür wollte er sich meiner Ansicht nach bei ihr entschuldigen.« »Und warum sollte diese Information so wichtig für uns sein?« »Keine Ahnung, ob sie das wirklich ist. Aber ein Mann in Bermanns Lage verliert keine Zeit damit, einen kleinen Ehekrach beizulegen, wenn es ihm nicht um mehr geht.« »Worum denn beispielsweise?« »Na ja, vielleicht weiß seine Frau mehr, als ihr momentan bewusst ist.« »Und damit sie auch in Zukunft nicht dahinterkommt und womöglich alles der Polizei verrät, hat er ihr diese Nachricht aufs Band gesprochen – damit sie erst gar nicht auf die Idee kommt, nachzuforschen.« »Genau das ist es, was ich vermute. Veronica Bermann hat sich bis jetzt sehr kooperativ gezeigt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie ein Interesse daran hat, irgendwelche Informationen vor uns zu verbergen – es sei denn, sie wäre überzeugt, dass diese Informationen nichts mit den Anschuldigungen gegen ihren Mann zu tun haben, sondern ausschließlich ihre Ehe betreffen.« Jetzt sah Mila schon viel klarer. Gut, die Intuition des Kriminologen musste erst noch überprüft werden, und das war auch der Grund, weshalb Roche noch nicht informiert worden war. Doch wenn Goran recht behielt, waren sie möglicherweise einen großen Schritt weiter. Mila hoffte also, dass die Begegnung mit Veronica Bermann fruchtbar verlaufen würde. Eigentlich wäre es an Boris gewesen, mit ihr zu reden, schließlich war er der Experte für die Vernehmung von Zeugen. Aber Goran hatte beschlossen, dass nur er und Mila sich mit ihr treffen würden, und Boris hatte die Entscheidung so widerspruchslos hingenommen, als käme sie von einem Vorgesetzten und nicht von einem externen Berater. Seine Feindseligkeit Mila gegenüber hatte allerdings zugenommen. Er verstand wirklich nicht, warum sie unbedingt dabei sein musste. Mila spürte die Spannung, und eigentlich war auch ihr nicht ganz klar, weshalb Goran sie Boris vorzog, dem lediglich die Aufgabe zufiel, sie darüber zu instruieren, wie sie das Gespräch führen sollte. Und genau das hatte Boris getan, bevor er sich auf der Suche nach dem richtigen Weg mit seinem Navi angelegt hatte. Mila dachte noch einmal über den Kommentar nach, den Boris abgegeben hatte, als Stern und Rosa versucht hatten, ein Profil von Alexander Bermann zu erstellen: »Ich bin wie geblendet. Mir kommt das alles irgendwie viel zu clean vor.« Er hatte recht. So viel Perfektion erschien unglaubwürdig. Aber wir alle haben ein Geheimnis, wiederholte Mila im Stillen, auch ich. Was also war das Geheimnis von Alexander Bermann? Was wusste seine Frau? Wie lautete der richtige Name des sechsten Mädchens? Es begann bereits zu dämmern, als sie ihr Ziel erreichten. Der Ort schmiegte sich um einen kleinen Dom und blickte auf einen Fluss hinab, der an dieser Stelle eine sanfte Biegung machte. Die Schwester von Veronica Bermann wohnte über einer Brauerei. Kommissarin Rosa hatte vorab telefoniert, um den Besuch der Polizei anzukündigen, und Frau Bermann hatte sich wie immer sehr entgegenkommend gezeigt. Rosas Bedenken waren also unbegründet gewesen: Frau Bermann hatte nicht das Geringste gegen eine Vernehmung einzuwenden, wahrscheinlich hätte sie sogar einem Kreuzverhör zugestimmt. Mila und Goran wurden gegen sieben Uhr früh von der Schwester in Pantoffeln und Morgenmantel empfangen. Sie war ausgesprochen freundlich, führte die beiden in das Wohnzimmer und bot ihnen frisch aufgebrühten Kaffee an. Mila und Goran nahmen auf dem Sofa Platz, Veronica Bermann ließ sich am äußersten Rand eines Sessels nieder. Sie hatte den erloschenen Blick eines Menschen, der weder schlafen noch weinen kann. Die nervös ineinander verschlungenen Hände in ihrem Schoß verrieten Goran, dass sie angespannt war. Das Zimmer lag im Schein einer gelben Tischleuchte, über die ein alter Seidenschal geworfen war. Das warme Licht und der Duft der Zierpflanzen auf dem Fenstersims schufen eine gemütliche Atmosphäre. Veronica Bermanns Schwester servierte den Kaffee und nahm das leere Tablett gleich wieder mit. Als sie allein waren, bedeutete der Kriminologe Mila, sie solle beginnen. Es erforderte sehr viel Taktgefühl, die Art von Fragen, deretwegen sie gekommen waren, richtig zu stellen. Mila nippte in aller Ruhe an ihrem Kaffee. Sie hatte es nicht eilig und wollte um jeden Preis vermeiden, dass Frau Bermann sich bedrängt fühlte. Boris hatte sie gewarnt: In manchen Fällen genügte ein falscher Satz, um den Zeugen zu verprellen, und dann lief nichts mehr. »Ich kann mir vorstellen, wie erschöpft Sie sind, Frau Bermann, und es tut mir wirklich leid, dass wir so früh bei Ihnen hereinplatzen mussten.« »Das macht nichts. Ich bin es gewohnt, früh aufzustehen.« »Wir würden gern noch ein bisschen mehr über Ihren Mann erfahren«, fuhr Mila fort. »Nur, wenn wir ein genaues Bild von ihm haben, können wir beurteilen, was er wirklich mit dieser Geschichte zu tun hat. Die im Übrigen noch sehr viele dunkle Seiten aufweist, das können Sie mir glauben. Erzählen Sie ein bisschen von ihm …« Veronica Bermanns Gesichtsausdruck blieb unverändert, nur ihr Blick wurde ein wenig lebhafter. »Alexander und ich kannten uns schon, als wir noch aufs Gymnasium gingen. Er war zwei Jahre älter als ich und spielte in der Hockeymannschaft. Ein toller Spieler war er nicht, aber sehr beliebt. Eine Freundin von mir war gut mit ihm bekannt und stellte uns eines Tages einander vor. Ab da gingen wir abends miteinander aus, aber nie allein, immer zusammen mit anderen. Es war noch nichts zwischen uns, ich meine, wir mochten uns, mehr aber auch nicht.« »Sie haben sich also erst später ineinander verliebt …« »Ja, seltsam, nicht? Nach dem Gymnasium verlor ich Alexander zunächst aus den Augen. Von gemeinsamen Freunden wusste ich zwar, dass er auf die Universität ging, aber wir haben uns jahrelang nicht mehr gesehen. Eines Tages tauchte er dann plötzlich wieder auf. Er rief mich an und sagte, er sei im Telefonbuch zufällig auf meine Nummer gestoßen. Hinterher haben Freunde mir erzählt, dass er sich, als er nach dem Studium in den Ort zurückkehrte, nach mir erkundigt hätte und wissen wollte, was aus mir geworden sei.« Goran hatte beim Zuhören den Eindruck, dass Veronica Bermann nicht einfach in Erinnerungen schwelgte. Ihm war, als bezwecke sie etwas mit ihrer Erzählung, als wolle sie Mila und ihn an einen Ort in der Vergangenheit zurückführen, an dem sie finden würden, was sie suchten. »Ab da hatten Sie also wieder Kontakt zueinander«, sagte Mila, und Goran stellte zufrieden fest, dass sie Boris’ Anweisungen strikt befolgte. Er hatte ihr geraten, Frau Bermann keine Fragen zu stellen, sondern lediglich Sätze anzureißen, die sie selbst zu Ende führen konnte. Auf diese Weise sah es mehr nach einem Gespräch als nach einer Vernehmung aus. »Ja, ab da hatten wir wieder Kontakt«, wiederholte Veronica Bermann. »Alexander war sehr um mich bemüht. Er machte mir den Hof und wollte mich unbedingt heiraten. Am Ende ließ ich mich überzeugen.« Goran konzentrierte sich auf ihren letzten Satz. Er klang in seinen Ohren falsch, wie eine Lüge, die sie – möglicherweise aus Stolz – in ihre Erzählung hatte einfließen lassen, in der Hoffnung, dass es niemand merken würde. Jetzt fiel ihm auch wieder ein, was sein erster Eindruck von Veronica Bermann gewesen war: Eine schöne Frau war sie sicherlich nicht. Und sie war es bestimmt nie gewesen. Ihre Weiblichkeit hatte etwas sehr Mittelmäßiges, um nicht zu sagen Langweiliges. Alexander Bermann dagegen war ein ausgesprochen gut aussehender Mann gewesen. Mit blauen Augen und dem sicheren Lächeln desjenigen, der um seinen Charme wusste. Goran glaubte nicht recht, dass er es so schwer gehabt hatte, sie zur Heirat zu bewegen. Mila nahm den Gesprächsfaden wieder auf: »Aber in letzter Zeit traten einige Schwierigkeiten in Ihrer Beziehung auf …« Veronica legte eine Pause ein. Eine Pause, die Goran ziemlich lange vorkam. Er fürchtete schon, Mila habe den Köder zu früh ausgelegt. »Ja, wir hatten Probleme«, gab Frau Bermann schließlich zu. »Sie haben in den vergangenen Jahren vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen …« »Wir haben alles probiert. Eine Zeit lang unterzog ich mich einer Hormontherapie. Zum Schluss versuchten wir es sogar mit künstlicher Befruchtung.« »Ich stelle mir vor, dass Sie sich sehr nach diesem Kind gesehnt haben …« »Alexander, ja. Mir war es nicht so wichtig.« Ihr abwehrender Ton schien anzudeuten, dass hier der Grund für die Schwierigkeiten zwischen ihr und ihrem Mann gelegen hatte. Sie kamen dem Thema also näher. Goran war zufrieden. Er hatte darauf bestanden, dass Mila das Gespräch führte, weil er überzeugt war, dass eine Frau aufgrund weiblicher Solidarität leichter an Veronica Bermann herankam als ein Mann. Sicher, er hätte sich auch für Rosa entscheiden können, und Boris hätte sich dann bestimmt weniger auf den Schlips getreten gefühlt, aber Mila war ihm nun mal geeigneter erschienen. Und er hatte sich nicht getäuscht. Die Polizistin beugte sich über den Couchtisch, der zwischen dem Sofa und Veronica Bermanns Sessel stand, um ihre Kaffeetasse abzustellen. Das gab ihr die Möglichkeit, Goran einen fragenden Blick zuzuwerfen, ohne dass Frau Bermann es mitbekam. Er nickte kaum merklich – ein Zeichen, dass der Moment gekommen war, den entscheidenden Vorstoß zu wagen. »Frau Bermann, warum hat Ihr Mann Sie in der Nachricht, die er auf dem Anrufbeantworter hinterließ, um Verzeihung gebeten?« Veronica drehte den Kopf weg und versuchte, eine Träne zu verbergen, die ihrer Selbstkontrolle entwischt war. »Frau Bermann, alles, was Sie uns hier mitteilen, bleibt unter uns, darauf können Sie sich verlassen. Ich sage es Ihnen ganz offen: Kein Polizist oder Staatsanwalt oder Richter könnte Sie zwingen, diese Frage zu beantworten. Sie hat nicht das Geringste mit unseren Ermittlungen zu tun. Trotzdem würde ich Sie um eine Antwort bitten, denn Ihr Mann könnte auch unschuldig sein …« Bei Milas letzten Worten wandte die Frau ruckartig den Kopf und starrte sie an. »Unschuldig? Alexander hat niemanden getötet, aber das bedeutet nicht, dass er sich nicht schuldig gemacht hätte!« Der düstere, wutverzerrte Ausdruck, den ihr Gesicht bei diesem Satz annahm, zeigte Goran, dass er mit seiner Vermutung richtig gelegen hatte. Und auch Mila begriff: Veronica Bermann hatte auf sie gewartet. Sie hatte ihren Besuch ebenso erwartet wie ihre als harmlose Sätze getarnten Fragen. Mila war bemüht gewesen, sie so beiläufig wie möglich in die Unterhaltung einfließen zu lassen, und sie hatte geglaubt, dass ihr dies gelungen sei, dass sie, Mila, diejenige sei, die das Gespräch lenke. In Wirklichkeit war es Frau Bermann. Sie hatte ihre Geschichte schon vorbereitet gehabt und sie genau dorthin geführt, wo sie sie haben wollte. Irgendjemandem musste sie es erzählen. »Ich hatte Alexander im Verdacht, eine Geliebte zu haben. Als Ehefrau rechnet man ja immer mit dieser Möglichkeit, ohne vorher abschätzen zu können, wie man im gegebenen Moment reagiert. Aber grundsätzlich mit etwas zu rechnen, ist nicht dasselbe, wie es zu wissen. Das ist der Grund, weshalb ich angefangen habe, seine Sachen zu durchsuchen. Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte, und ich hatte keine Ahnung, was ich tun würde, wenn ich etwas fand, irgendeinen Beweis …« »Was haben Sie gefunden?« »Die Bestätigung für meinen Verdacht. Alexander versteckte ein elektronisches Notizbuch, das genauso aussah wie das, was er für gewöhnlich bei der Arbeit benutzte. Das machte mich stutzig. Wozu brauchte er zwei haargenau gleich aussehende Exemplare davon? Doch nur, um das eine hinter dem anderen zu verbergen, wenn Sie verstehen, was ich meine. Jedenfalls erfuhr ich auf diese Weise den Namen seiner Geliebten – er notierte sämtliche Treffen, die er mit ihr hatte! Als ich ihn vor vollendete Tatsachen stellte, stritt er alles ab und ließ das zweite Notebook augenblicklich verschwinden. Aber ich ließ nicht locker. Und eines Tages folgte ich ihm bis zum Haus dieser Person. Dort verließ mich allerdings der Mut. Ich machte vor der Tür wieder kehrt. Ich glaube, ich fürchtete mich davor, ihr ins Gesicht zu sehen.« Goran war sichtlich enttäuscht. Sollte das schon alles gewesen sein? Alexander Bermanns großes Geheimnis: eine Geliebte? Und wegen so einer Bagatelle hatten sie sich die halbe Nacht um die Ohren geschlagen? Ein Glück, dass er Roche nichts von seiner Initiative gesagt hatte. Sonst hätte er jetzt auch noch den Spott des Hauptkommissars, für den der Fall längst abgeschlossen war, über sich ergehen lassen müssen. Veronica Bermann hatte sich unterdessen richtig in Rage geredet und schien wild entschlossen, sie nicht eher gehen zu lassen, bis sie ihren ganzen Groll ausgesprochen hatte. Die anfängliche Annahme, sie wolle ihren Gatten – bei dem immerhin eine Leiche im Kofferraum gefunden worden war – um jeden Preis verteidigen, hatte sich als falsch erwiesen. Ihr bisheriges Verhalten war nur ein Mittel gewesen, um sich der Last der Vorwürfe zu entziehen, sich vor den Spritzern der Schlammschlacht zu schützen. Jetzt, da sie die Kraft gefunden hatte, ihrem Lebensgefährten die Solidarität aufzukündigen, hatte sie genau wie alle anderen begonnen, Alexander Bermann eine Grube zu graben, aus der er schwerlich wieder herauskommen würde. Goran suchte Milas Blick. Er wollte ihr zu verstehen geben, dieses Gespräch so schnell wie möglich zu beenden. Doch genau in diesem Moment änderte sich Milas Gesichtsausdruck schlagartig. Überrascht und fassungslos zugleich starrte sie Veronica Bermann an. Goran hatte während seines langjährigen Berufslebens gelernt, den Menschen ihre Angst im Gesicht abzulesen. Und deshalb war ihm klar, dass irgendetwas Mila zutiefst erschüttert hatte. Es war ein Name. »Würden Sie bitte noch einmal wiederholen, wie die Geliebte Ihres Mannes hieß?«, hörte er Mila Veronica Bermann fragen. »Ich sagte es Ihnen doch: Der Name dieser Frau war Priscilla.« 9 Das konnte kein bloßer Zufall sein. Mila schilderte den anderen kurz ihren letzten Fall. Die Geschichte mit dem Musiklehrer. Während sie berichtete, was Hauptkommissar Morexu in Zusammenhang mit der Entdeckung des Namens Priscilla im Notizbuch des Musiklehrers gesagt hatte, verdrehte Rosa die Augen gen Himmel. Stern tat es ihr nach und schüttelte dabei noch den Kopf. Sie glaubten ihr nicht. Das war verständlich. Trotzdem konnte sich Mila nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass es zwischen diesen beiden Fällen keine Verbindung gab. Goran war der Einzige, der sie gewähren ließ. Wer weiß, was sich der Kriminologe davon erwartete? Mila jedenfalls wollte dieser Laune des Zufalls um jeden Preis nachgehen. Ihr Bericht von der Begegnung mit Frau Bermann hatte keinen großen Beifall geerntet. Aber immerhin waren sie jetzt zur Wohnung der Geliebten des mutmaßlichen Täters unterwegs, deren Adresse Veronica Bermann ihnen anvertraut hatte. Möglich, dass sie dort auf weitere Gräuel stießen. Vielleicht sogar auf die Leichen der noch fehlenden Mädchen. Und auf die Antwort des Rätsels um Numero sechs. Mila war versucht, den anderen zu sagen, dass sie das sechste Mädchen insgeheim Priscilla nannte. Aber sie tat es nicht, denn unter den gegebenen Umständen wäre ihr das wie ein Fluch vorgekommen. Als hätte sich Bermann in Person, der mutmaßliche Mörder, diesen Namen für das Mädchen ausgedacht. Bei dem Gebäude, das sie schließlich erreichten, handelte es sich um ein Mehrfamilienhaus, wie es sie in den Arbeitervierteln zu Tausenden gab, graue Wohnblöcke, die am Rande neu entstandener Industriegebiete aus dem Boden gestampft wurden. Das Viertel wirkte nur deshalb eher rot als grau, weil ein nahe gelegenes Hüttenwerk die Häuser im Lauf der Jahre mit einer Schicht aus Eisenstaub überzogen hatte. Hier wohnten größtenteils Menschen, die am Rande des Existenzminimums lebten: Einwanderer, Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger mit ihren Familien. Goran fiel auf, dass keiner der Kollegen Mila ansah. Man mied sie. Wahrscheinlich lag es daran, dass sie mit ihrem unerwarteten Denkanstoß gewissermaßen eine Grenze überschritten hatte. »Ich verstehe nicht, wie man hier leben kann«, meinte Boris und sah sich kopfschüttelnd um. Die Hausnummer, die sie suchten, befand sich am Ende des Wohnblocks und gehörte zu einer Souterrainwohnung, die über eine Außentreppe zu erreichen war. Die Wohnungstür war aus Eisen, die drei Fenster – alle auf Straßenhöhe – waren außen vergittert und innen mit Holzbrettern vernagelt. Stern spähte durch die Ritzen. »Von hier ist nichts zu erkennen.« Boris, Stern und Rosa nickten einander zu und bezogen neben der Tür Stellung. Goran und Mila wurden gebeten, ein paar Schritte zurückzutreten. Eine Klingel gab es nicht, also schlug Boris mit der flachen Hand energisch gegen die Tür und rief: »Hier ist die Polizei. Öffnen Sie bitte!« Keine Reaktion – es schien niemand zu Hause zu sein. »Okay, dann verschaffen wir uns eben anders Zugang«, meinte Rosa, der es nicht schnell genug gehen konnte. »Wir müssen Roches Anruf abwarten. Er wollte sich gleich melden, wenn er vom Richter den Durchsuchungsbefehl hat«, erwiderte Boris und sah auf die Uhr. »Kann eigentlich nicht mehr lange dauern.« »Zum Teufel mit Roche und seinem Durchsuchungsbefehl!«, polterte Rosa. »Hier zählt jede Minute!« »Rosa hat recht«, sagte Goran. »Lasst uns die Tür aufbrechen.« Daran, wie seine Entscheidung von den anderen aufgenommen wurde, sah Mila erneut bestätigt, dass er und nicht Roche innerhalb des Teams das Sagen hatte. Sie scharten sich um die Tür. Boris zog ein Schraubenzieherset aus der Tasche und hantierte an dem Schloss herum. Wenige Sekunden später schnappte es auf. Boris nahm seine Pistole in die rechte Hand und stieß mit der linken die Eisentür auf. Auf den ersten Blick wirkte das Kellergeschoss unbewohnt. Der enge Korridor war völlig kahl, mehr konnte man bei dem spärlich eindringenden Tageslicht nicht erkennen. Als Rosa den Gang mit ihrer Taschenlampe ausleuchtete, sahen sie drei Türen. Zwei auf der linken Seite und eine dritte am Ende des Gangs. Sie betraten die Wohnung. Boris ging voran, Mila war hinter Rosa, Stern und Goran die Letzte. Außer dem Kriminologen hatten alle eine Waffe in der Hand, auch Mila, obwohl sie als externe Beraterin dazu eigentlich nicht berechtigt war. Genau genommen, hatte sie die Pistole auch nicht in der Hand, sondern im rückwärtigen Bund ihrer Jeans stecken, doch sie umklammerte fest den Schaft und hätte sie jeden Augenblick ziehen können. Das war auch der Grund, weshalb sie zuletzt eingetreten war. Boris drückte auf den Lichtschalter links neben der Tür. »Kein Strom«, sagte er. Daraufhin hielt er seine Taschenlampe in die Höhe und leuchtete das erste der drei Zimmer aus. Es war leer. An der Wand zur Straße befand sich ein großer Schimmelfleck, der den Putz zerfraß und wie ein Krebsgeschwür die ganze Wand überzog. Am Boden hatte sich eine übel riechende Pfütze gebildet. »Mir wird gleich schlecht«, sagte Stern. Ausgeschlossen, dass unter diesen Bedingungen hier jemand wohnte. Sie näherten sich dem zweiten Zimmer. Die Tür hing in verrosteten Angeln und war halb geöffnet. Da sich dahinter leicht jemand hätte verbergen können, versetzte Boris ihr einen kräftigen Tritt. Das Zimmer ähnelte dem vorigen. Unter den Bodenfliesen, die sich größtenteils abgelöst hatten, kam der nackte Estrich zum Vorschein. Möbel gab es keine, vom stählernen Skelett eines alten Sofas einmal abgesehen. Sie gingen weiter. Es blieb der dritte Raum. Hinter der geschlossenen Tür am Ende des Korridors. Boris spreizte in Augenhöhe Daumen und Zeigefinger der linken Hand. Auf sein Zeichen hin bezogen Stern und Rosa rechts und links von der Tür Stellung. Er selbst trat einen Schritt zurück, holte aus und trat mit dem Fuß gegen die Türklinke. Die Tür sprang auf, und die drei Beamten nahmen sofort Schießhaltung ein, während sie mit ihren Taschenlampen sämtliche Winkel des Zimmers ausleuchteten. Doch auch hier war keine Menschenseele zu entdecken. Goran zwängte sich zwischen den Polizisten durch und ließ die Hand – er trug Latexhandschuhe – über die Wand gleiten, bis er den Lichtschalter fand. Nach kurzem Zögern sprang die Neonröhre an der Decke an und verbreitete ein staubiges Licht. Der Raum glich in nichts den beiden anderen Zimmern. Er war auffallend sauber. Die kunststoffbeschichtete Tapete an den Wänden wies keine Spur von Schimmel auf. Auch die Fliesen auf dem Boden waren alle heil. Fenster gab es keine, dafür aber eine Klimaanlage, die sich nach ein paar Sekunden automatisch einschaltete. Die elektrischen Leitungen lagen nicht unter Putz, mussten also nachträglich verlegt worden sein. Sie waren mit Plastikhülsen verkleidet und führten zu dem Lichtschalter und zu einer Steckdose an der rechten Zimmerwand. Dort stand ein kleiner Tisch mit einem Bürostuhl. Und auf dem Tisch ein ausgeschalteter PC. Das war die ganze Einrichtung, abgesehen von einem alten Ledersessel auf der gegenüberliegenden Seite. »Wie es aussieht, interessierte Alexander Bermann nur dieses Zimmer«, wandte sich Stern an Goran. Rosa nickte zustimmend. »Ich bin mir sicher, dass wir in diesem PC die Antwort auf unsere Fragen finden.« Sie wollte schon auf den Computer zugehen, doch Goran hielt sie am Arm zurück. »Nein, wir wollen der Reihe nach vorgehen. Fürs Erste verlassen wir diesen Raum wieder, um die Luftfeuchtigkeit nicht zu verändern. Stern, ruf bitte Krepp an, er soll mit der Spurensicherung kommen und die Fingerabdrücke sicherstellen. Ich gebe unterdessen Roche Bescheid.« Mila bemerkte, wie sehr die Augen des Kriminologen glänzten. Sie wusste, dass Goran sich kurz vor einer wichtigen Entdeckung wähnte. Er fuhr sich mit den Fingern über die Glatze, wie um sich zu kämmen. Seine wenigen Haare schmückten kranzförmig seinen Hinterkopf und waren zu einem dünnen Pferdeschwanz zusammengebunden. Über seinen rechten Unterarm schlängelte sich eine rot-grüne Schlange mit weit aufgerissenem Maul. Eine ähnliche Tätowierung zierte seinen linken Arm sowie den Teil der Brust, der unter seinem Arbeitskittel hervorguckte. Und irgendwo zwischen den unzähligen Piercings, die sein Gesicht bedeckten, kam er selbst zum Vorschein: Krepp, der Experte von der Spurensicherung. Mila konnte sich kaum vom Anblick dieses Mannes losreißen, der mit einem normalen Sechzigjährigen wirklich gar nichts gemein hatte. So müssen alternde Punks aussehen, dachte sie. Dabei war Krepp bis vor wenigen Jahren ein ganz gewöhnlicher Herr mittleren Alters gewesen, schlicht in der Erscheinung und unauffällig in seiner Art. Dann, sozusagen über Nacht, die große Verwandlung. Es hatte eine Weile gedauert, bis sich alle davon überzeugt hatten, dass der Mann mitnichten verrückt geworden war. Seither verlor niemand mehr ein Wort über sein neues Aussehen. Auch weil Krepp auf seinem Gebiet der Spitzenklasse angehörte. Nachdem er Goran für die Beibehaltung der ursprünglichen Luftfeuchtigkeit in dem Raum gedankt hatte, war er sofort an die Arbeit gegangen. Sowohl er als auch seine Teamkollegen trugen Spezialkleidung und Vliesmasken, zum Schutz vor den Substanzen, mit denen sie die Fingerabdrücke abnahmen. Als er nach gut einer Stunde die Souterrainwohnung verließ, trat er direkt auf Goran und Roche zu, der inzwischen ebenfalls eingetroffen war. »Wie geht’s, Krepp?«, meinte der Hauptkommissar zur Begrüßung. »Mies«, erwiderte Krepp. »Diese Geschichte mit den abgesägten Armen raubt mir noch den letzten Nerv. Als ihr uns vorhin gerufen habt, waren wir noch dabei, die Leichenteile nach Fingerabdrücken zu untersuchen.« Goran wusste, dass sich Fingerabdrücke auf menschlicher Haut nur sehr schwer nachweisen ließen. Entweder weil die Spuren kontaminiert sind oder weil der untersuchte Mensch schwitzt. Wenn es sich, wie im Fall der abgetrennten Gliedmaßen, gar um die Haut eines Toten handelt, scheitern die Ermittlungen oft aufgrund der Verwesungserscheinungen. »Wir haben es mit allen Mitteln versucht: Joddampf, Kromekote-Haftpapier, sogar mit einer Elektronografie.« »Was ist das?«, wollte der Kriminologe wissen. »Die modernste Methode, um auf der Haut des Opfers Fingerabdrücke nachzuweisen: Man arbeitet dabei mit harten Röntgenstrahlen … Wie auch immer, dieser Albert ist verdammt gut darin, seine Spuren zu verwischen«, sagte Krepp, und Mila fiel auf, dass er der Einzige war, der noch immer diesen Namen für den Täter benutzte. Alle anderen waren dazu übergegangen, ihn Alexander Bermann zu nennen. »Und was gibt es von hier zu berichten, Krepp?« Roche hatte wie immer keine Lust, sich länger als eine Minute Dinge anzuhören, die ihm nicht unmittelbar nützten. Krepp streifte sich die Handschuhe ab und begann, mit gesenktem Blick zu berichten: »Sie wissen ja, dass Laserstrahlen verborgene Fingerabdrücke auf Flächen sichtbar machen können, wenn man diese vorher einsprüht, beispielsweise mit Ninhydrin-Lösung. In diesem Fall reichte das Ninhydrin aber nicht aus, also habe ich mit Zinkchlorid nachgeholfen. Damit ist es uns immerhin gelungen, ein paar Fingerabdrucksätze auf der Tapete neben dem Lichtschalter und auf der porösen Beschichtung des kleinen Tischs nachzuweisen. Der Rechner macht uns dagegen mehr Probleme: Auf der Tastatur überlagern sich die Fingerabdrücke, da komme ich ohne Zyanacrylat nicht weiter, das heißt, ich muss das Ding auf alle Fälle mitnehmen.« »Später. Wir müssen sofort an den Computer ran«, wurde er von Roche unterbrochen, der es sehr eilig hatte, mehr zu erfahren. »Die Fingerabdrücke, die ihr gefunden habt, stammen also alle von ein und derselben Person?« »Ja, es sind durchweg Alexander Bermanns Fingerabdrücke.« Sie staunten über Krepps Antwort. Außer Goran, der sie bereits kannte, und zwar, seitdem sie die Souterrainwohnung betreten hatten. »Sprich, es hat nie eine Priscilla gegeben …« Der Kriminologe sah Mila nicht an, während er das sagte, und es verletzte sie ein wenig in ihrem Stolz, dass er ihr nicht einmal einen tröstenden Blick schenkte. »Noch etwas«, sagte Krepp, »der Ledersessel …« »Was ist damit?«, fragte Mila, ihr Schweigen brechend. Krepp sah sie an, als würde er sie erst jetzt wahrnehmen. Dann betrachtete er ihre verbundenen Hände und zog ein mitleidiges Gesicht. »Es sind keine Fingerabdrücke auf dem Sessel.« »Hat das was zu bedeuten?«, wollte Mila wissen. »Keine Ahnung«, erwiderte der Experte knapp. »Ich sage lediglich, dass ich dort keine Abdrücke gefunden habe.« Roche interessierte dieses Thema nicht im Geringsten. »Was schert uns der Sessel?«, fuhr er dazwischen. »Wir haben Bermanns Fingerabdrücke gefunden … Also, wenn ihr mich fragt: Der Typ gefällt mir immer weniger.« »Was mache ich denn nun mit dem Sessel?«, fragte Krepp. »Soll ich ihn weiter unter die Lupe nehmen?« »Hör auf mit dem blöden Sessel! Jetzt muss erst mal der Computer unter die Lupe genommen werden, hab ich recht, Leute? Also, nichts wie ran an den Speck!« Die Mitglieder der Mordkommission vermieden es, einander anzusehen, um nicht grinsen zu müssen. Roches rauer Ton wirkte manchmal lächerlicher als Krepps eigenwilliges Äußeres. Nach einem aufmunternden »Auf los geht’s los!« machte sich der Hauptkommissar auf den Weg zu seinem Dienstwagen, der an der Ecke des Häuserblocks auf ihn wartete. Als er weit genug weg war, sagte Goran zu den anderen: »Okay. Dann wollen wir mal sehen, was Bermanns Computer hergibt.« Sie nahmen das Zimmer erneut in Beschlag. Nachdem sich alle ihre Latexhandschuhe angezogen hatten, setzte sich Rosa vor den Computer. Jetzt war sie an der Reihe. Bevor sie den PC einschaltete, schloss sie an einem der USB-Ausgänge ein kleines Gerät an. Stern stellte ein Diktiergerät neben die Tastatur und drückte die Starttaste. Rosa beschrieb, was sie tat: »Ich habe an Bermanns Computer eine externe Festplatte angeschlossen. Sollte der PC abstürzen, ließen sich damit alle gespeicherten Daten in weniger als einer Sekunde wiederherstellen.« Die anderen standen schweigend um sie herum. Rosa schaltete den Computer ein. Das typische Rauschen der Drives beim Hochfahren war zu hören. Alles schien normal zu laufen, obwohl der Rechner – ein ziemlich altes Modell, das gar nicht mehr hergestellt wurde – etwas langsam aus seiner Lethargie erwachte. Auf dem Monitor erschienen nacheinander die verschiedenen Daten des Betriebssystems, die wenig später der grafischen Benutzeroberfläche wichen. Nichts Außergewöhnliches: nur ein blauer Hintergrund mit den Icons weitverbreiteter Programme. »Sieht aus wie mein Computer zu Hause«, warf Boris ein, aber keiner lachte über seinen Witz. »Gut, dann schauen wir jetzt mal, was wir unter den persönlichen Dokumenten von Herrn Bermann finden …« Mit einem Doppelklick auf »Eigene Dateien« öffnete Rosa den entsprechenden Ordner. Er war leer. Wie auch die Ordner »Eigene Bilder« und »Zuletzt abgespeicherte Dateien«. »Es gibt überhaupt keine Textdateien, seltsam …«, meinte Goran. »Vielleicht hat er nach jeder Sitzung alles gelöscht«, erwiderte Stern. »Dann kann ich versuchen, die gelöschten Dateien wiederherzustellen«, sagte Rosa, die jetzt sehr selbstsicher wirkte. Sie schob eine CD ins entsprechende Laufwerk und installierte rasch ein Softwareprogramm, mit dem sich gelöschte Files wiederherstellen ließen. »Hier ist nichts zu finden.« Rosas Ton klang verzweifelt. Alexander Bermanns Computer war vollkommen leer. Doch Goran wollte so leicht nicht aufgeben: »Da ist doch ein Web-Browser installiert …« »Ohne Internet-Anschluss nützt der gar nichts, und in diesem Zimmer gibt es keinen Anschluss«, entgegnete Boris. Rosa wusste, worauf der Kriminologe hinauswollte. Sie zog ihr Handy aus der Tasche und warf einen Blick auf das Display. »Der Empfang hier unten ist gut. Er könnte über sein Mobiltelefon ins Netz gegangen sein.« Sie öffnete augenblicklich das Fenster des Internet-Browsers und klickte auf »Verlauf«, um die Liste der gespeicherten Internet-Adressen abzurufen. Es war eine einzige. »Aha! Deshalb ist Bermann also hierhergekommen.« Die Adresse bestand aus einer Abfolge von Nummern, sprich, sie war verschlüsselt: http://4589278497.8947.com. »Könnte ein geheimer Server sein«, mutmaßte Rosa. »Was heißt das?«, wollte Boris wissen. »Das heißt, dass man diesen Server nicht über eine Suchmaschine findet und dass der Zugang über ein Kennwort erfolgt. Wahrscheinlich ist es direkt im Computer gespeichert – wenn wir jedoch das falsche eingeben, riskieren wir, dass uns der Zugang ein für alle Mal verwehrt bleibt.« »Dann müssen wir vorsichtig sein und genauso vorgehen, wie Bermann es tat«, sagte Goran. »Haben wir sein Handy dabei?«, fragte er Stern. »Ja, es liegt draußen im Wagen, zusammen mit dem PC, den er zu Hause hatte.« Stern ging zum Wagen, und die Kollegen konnten es kaum erwarten, dass er zurückkehrte. Sie sahen schweigend zu, als er Bermanns Handy an Rosa weiterreichte, die es ihrerseits an den Rechner anschloss. Die Verbindung ließ sich problemlos herstellen. Es dauerte zwar eine Weile, bis der Server den Anruf erkannte und die entsprechenden Daten verarbeitet hatte, aber dann baute er die Seite zügig auf. »Wie es aussieht, lässt er uns rein.« Die Versammelten starrten gebannt auf den Bildschirm. Mila machte sich auf alles gefasst. Die unglaubliche Spannung, die in der Luft lag, vereinte jetzt alle. Es war, als fließe ein Energiestrom zwischen ihnen. Der Monitor füllte sich mit winzigen Pixeln, wie Puzzleteile fügten sie sich ineinander. Doch was dabei herauskam, entsprach ganz und gar nicht ihren Erwartungen. Die Energie, die eben noch den Raum durchdrungen hatte, verpuffte jäh, und die Begeisterung verschwand aus den Gesichtern. Statt ihrer machte sich Enttäuschung breit. Der Bildschirm war schwarz. »Irgendein Schutzmechanismus verwehrt uns den Zugang«, verkündete Rosa. »Wir wurden als unbefugte Eindringlinge erkannt.« »Hast du unser Erkennungsmerkmal unterdrückt?«, fragte Boris nervös. »Natürlich habe ich das! Hältst du mich für blöd?«, erwiderte die Beamtin gereizt. »Vermutlich gibt es irgendeinen Code oder so etwas Ähnliches.« »Du meinst so was wie ein Login oder ein Passwort?«, fragte Goran, der die Sache besser verstehen wollte. »Ja, etwas in der Art«, entgegnete Rosa zerstreut. Dann wurde sie etwas ausführlicher: »Diese Zahlenkombination – damit lässt sich normalerweise eine Direktverbindung herstellen. Login und Passwort sind längst überholt, weil sie nicht sicher genug sind. Sie hinterlassen Spuren im Netz, die man jederzeit zurückverfolgen kann. Wer aber da reingeht, will keine Spuren hinterlassen, der will anonym bleiben.« Mila machte dieses Gerede nervös. Sie atmete tief ein, ballte die Fäuste und ließ ihre Fingerknöchel knacken. Irgendetwas an der Sache stimmte nicht, sie wusste nur noch nicht, was. Goran wandte sich einen Moment zu ihr um, als spüre er ihren Blick im Rücken, doch Mila tat so, als würde sie es nicht bemerken. Die Stimmung im Raum begann unterdessen umzuschlagen. Boris hatte offenbar beschlossen, seine Frustration über die geplatzte Seifenblase an Rosa auszulassen. »Wenn du wusstest, dass es die Möglichkeit einer Zugangssperre gibt, warum hast du dann nicht eine Parallelverbindung aufgebaut?« »Das hättest du mich auch früher fragen können …« »Warum, was passiert in solchen Fällen denn?«, wollte Goran wissen. »Wenn so ein System erst mal dichtgemacht hat, kommst du nie wieder rein – das passiert!« »Wir können uns ja einen Code ausdenken und es damit versuchen«, schlug Rosa vor. »Klar doch, es gibt ja auch nur Millionen Möglichkeiten«, spottete Boris. »Hör auf, mir die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben, Idiot!« Mila folgte wortlos dem seltsamen Streit, der zwischen den beiden entbrannt war. »Deine guten Ideen kommen reichlich spät. Wenn du mir was vorzuschlagen hattest, warum hast du’s dann nicht gleich getan?« »Wie denn? Du gehst ja immer sofort an die Decke, kaum dass man den Mund aufmacht!« »Hör mal, Boris, jetzt reicht es mir! Darf ich dich darauf hinweisen …« »Was ist das?« Gorans Satz ließ die beiden Streithähne abrupt verstummen. Der Kriminologe deutete auf den Computerbildschirm. Er war nicht mehr schwarz. Am linken, oberen Rand war ein Schriftzug erschienen: bist du da? »Herrgott!«, entfuhr es Boris. »Also kann mir vielleicht jemand sagen, was das zu bedeuten hat?«, fragte Goran. Rosa zog die Tastatur zu sich heran. »Wir sind drin«, sagte sie. Der Cursor unter dem Satz blinkte ungeduldig. Er wartete auf eine Antwort. bist du’s? »Erklärt mir jetzt endlich mal jemand, was hier los ist?« Goran stand kurz davor, die Geduld zu verlieren. Rosa überlegte kurz, dann sagte sie: »Das ist eine door.« »Eine was?« »Eine Tür. Wie es aussieht, befinden wir uns in einem ziemlich weitverzweigten System. Dieses Dialogfenster ist die Tür zu einer Art Chatroom. Also auf der anderen Seite ist auch jemand, das will ich damit sagen.« »Und dieser Jemand möchte mit uns reden«, fügte Boris hinzu. »Genauer gesagt, mit Alexander Bermann«, berichtigte Mila ihn. »Worauf warten wir dann noch? Antworten wir ihm!«, rief Stern aufgeregt. Goran sah Boris an: Er war der Kommunikationsexperte. Der junge Beamte nickte und stellte sich hinter Rosa, um ihr vorzusagen, was sie schreiben sollte. »Schreib ihm, dass du da bist.« Und Rosa schrieb: Ja, ich bin da. Sie warteten ein paar Sekunden, dann erschien der nächste Satz auf dem Monitor. lange nix von dir gehört, hab mir schon richtich sorgen gemacht, ich armer kerl »Okay, er sagt, er ist ein armer Kerl, also ist es auf alle Fälle ein Er«, meinte Boris zufrieden und diktierte Rosa den nächsten Satz, wobei er ihr ans Herz legte, ausschließlich Kleinbuchstaben zu verwenden, wie es der andere tat. Großbuchstaben würden manche Leute einschüchtern, und sie wollten ja, dass sich der Chatter auf der anderen Seite wohl und vor allem sicher fühlte. ich hatte sehr viel zu tun, was treibst du so? nich viel. sie ham mir ne menge fragen gestellt, aber ich hab nix gesagt Jemand hatte ihm Fragen gestellt? Worüber? Alle und insbesondere Goran hatten das Gefühl, dass der Mann, mit dem sie da chatteten, in irgendetwas verwickelt war. »Vielleicht hat die Polizei ihn vernommen, es aber nicht für nötig befunden, ihn festzunehmen«, meinte Rosa. »Oder sie hatten nicht genug gegen ihn in der Hand«, nickte Stern. Hatte Alexander Bermann einen Komplizen? Mila dachte an ihr Erlebnis auf dem Vorplatz des Motels zurück, als sie hinter sich Schritte im Kies zu hören geglaubt hatte. Sie hatte mit niemandem darüber gesprochen, aus Furcht, es könne sich um pure Einbildung gehandelt haben. Boris hatte sich unterdessen die nächste Frage an ihren mysteriösen Gesprächspartner ausgedacht: wer hat dir die fragen gestellt? Pause. sie ham es getan wer sie? Es kam keine Antwort. Boris beschloss, das Schweigen zu ignorieren und das Hindernis mit einer anderen Frage zu umgehen. was hast du ihnen gesagt? ich hab ihnen die geschichte ertsählt, die du mir gesagt hast. es hat funkzioniert Mehr als die undurchsichtigen Worte waren es die vielen Rechtschreibfehler, die Goran Kopfzerbrechen bereiteten. »Diese fehlerhafte Art zu schreiben … das könnte eine Art Erkennungszeichen sein«, meinte er. »Vielleicht wartet unser Chatter darauf, dass wir auch Fehler machen. Und wenn wir es nicht tun, bricht er die Verbindung ab.« »Gavila hat recht. Ahmen wir also seine Sprache nach, und machen wir dieselben Schreibfehler«, sagte Boris zu Rosa. Währenddessen war folgender Satz auf dem Bildschirm erschienen: ich hab alles vorbereitet, wie du gesagt has. ich kanns kaum erwarten. sags du mir wann? So kamen sie nicht weiter. Boris musste sich etwas einfallen lassen. Er bat Rosa, dem Chatter auf der anderen Seite mitzuteilen, dass er ihm so bald wie möglich schreiben würde, »wann«. Im Augenblick sei es aber wichtiger, den Plan noch einmal zu rekapitulieren, um sicherzugehen, dass er funktionierte. Mila fand die Idee ausgezeichnet. Auf diese Weise würden sie die Wissenslücke ausgleichen, den sie ihrem Gesprächspartner gegenüber hatten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: der plan is: nachts rausgehen, weil sie da nix merken. So gegen 2 die strasse runter gehn und mich in den büschen versteken. dann warten. wenn die autolichter 3 Mal aufblinken, darf ich raus kommen Keiner verstand etwas. Boris sah die anderen fragend an. Als er Gorans Blick begegnete, sagte er: »Was meinst du?« Der Kriminologe dachte nach. »Ich weiß nicht … Irgendwie hab ich da so ein Gefühl, aber ich kann es nicht konkretisieren.« »Mir geht es genauso«, pflichtete Boris ihm bei. »Der Typ, der da redet … also, entweder er ist geistig behindert oder psychisch gestört.« Goran rückte näher an Boris heran. »Du musst ihn aus der Reserve locken.« »Und wie, bitte schön?« »Ich weiß nicht … Sag ihm, dass du dir seiner nicht mehr sicher bist und dass du dir überlegst, die ganze Sache abzublasen. Schreib, ›sie‹ seien auch dir auf den Fersen, und bitte ihn dann um einen Beweis … Ja, genau, das ist es: Er soll dich unter einer sicheren Nummer anrufen!« Rosa beeilte sich, die Frage einzugeben. Aber im Feld, das für die Antwort vorgesehen war, blinkte lange nur der rote Cursor auf. Dann endlich baute sich, Buchstabe um Buchstabe, der nächste Satz auf. ich kann nicht telefonirn. sie hörn mir zu Die Sache war klar: Entweder er war sehr schlau, oder er hatte wirklich Angst, beobachtet zu werden. »Okay, lass nicht locker. Frag ihn noch mal anders. Ich möchte wissen, wer ›sie‹ sind«, sagte Goran. »Frag ihn, wo sie in diesem Moment sind.« Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. gans nah »Frag ihn, wie nahe«, befahl Goran hier. neben mir »Was, zum Teufel, soll das heißen?« Boris schnaubte und verschränkte genervt die Finger im Nacken. Rosa ließ sich in den Schreibtischsessel zurückfallen und schüttelte entmutigt den Kopf: »Wenn ›sie‹ ihm wirklich so nahe sind, verstehe ich nicht, warum sie nicht sehen können, was er schreibt.« »Weil er nicht sieht, was wir sehen.« Der Satz stammte von Mila. Und sie stellte erfreut fest, dass sich diesmal nicht alle nach ihr umdrehten, als hätte ein Gespenst gesprochen. Ihre Bemerkung weckte dennoch das Interesse der Gruppe. »Wie meinst du das?«, fragte Goran. »Na ja, wir sind bisher doch davon ausgegangen, dass er, genau wie wir, vor einem schwarzen Bildschirm hockt. Aber wenn ihr mich fragt, ist sein Dialogfenster Teil einer Webseite, die noch ganz andere Elemente enthält: grafische Animationen vielleicht oder einen größeren Text oder auch irgendwelche Bilder. So ließe sich erklären, warum ›sie‹, obwohl sie ganz in seiner Nähe sind, nicht merken, dass er mit uns kommuniziert.« »Sie hat recht!«, rief Stern. Wieder breitete sich eine seltsame Euphorie unter den Anwesenden aus. Goran wandte sich an Rosa: »Gibt es für uns eine Möglichkeit, genau das zu sehen, was er sieht?« »Natürlich«, erwiderte sie. »Ich schicke ihm unseren IP-Code, und wenn sein Computer ihn an uns zurückschickt, wissen wir, mit welcher Internetadresse er verbunden ist.« Rosa öffnete, noch während sie das alles erklärte, ihr eigenes Notebook, um eine zweite Netzverbindung herzustellen. Kurz darauf erschien auf dem großen Bildschirm: bis du noch da? Boris sah Goran fragend an: »Was antworten wir ihm?« »Versuch, Zeit zu schinden. Aber er darf keinen Verdacht schöpfen.« Boris erfand eine Ausrede. Er bat den anderen Chatter, einen Moment zu warten, es hätte an der Tür geklingelt, er müsse aufmachen. Rosa war es unterdessen gelungen, die Internetadresse, unter der ihr Gegenüber mit ihnen chattete, auf ihr Notebook zu kopieren. »So, gleich sind wir so weit«, sagte sie. Sie gab die Adresse in das entsprechende Feld ein und drückte die Enter-Taste. Wenige Sekunden später baute sich eine Webseite auf. Es verschlug ihnen die Sprache. Auf dem Bildschirm tanzten Bären mit Giraffen, Nilpferde schlugen auf Bongos den Takt, und ein Schimpanse spielte Ukulele. Das Zimmer füllte sich mit Musik, und während sich der Dschungel vor ihren Augen immer mehr belebte, hieß ein bunter Schmetterling sie auf der Webseite willkommen. Er hieß Priscilla. Alle fünf standen wie vom Donner gerührt da und starrten auf Rosas Notebook. Dann wanderte Boris’ Blick erneut zu dem großen Bildschirm, auf dem noch immer die letzte Frage des anonymen Chatters zu lesen war: bis du noch da? Erst jetzt gelang es dem jungen Beamten, die schreckliche Wahrheit in Worte zu fassen: »Scheiße, das ist ein Kind.« 10 Es gibt ein Ranking der Wörter, die am häufigsten in Suchmaschinen eingegeben werden. Sex steht an oberster Stelle. Gefolgt von Gott. Wenn Goran darüber nachdachte, fragte er sich jedes Mal, wie man auf die Idee kommen konnte, Gott ausgerechnet im Internet zu suchen. An dritter Stelle stehen, genau besehen, zwei Wörter: Britney Spears. Punktgleich mit Tod. Sex, Gott, Tod und Britney Spears. Goran hatte vor knapp drei Monaten zum ersten Mal den Namen seiner Frau in eine Suchmaschine eingegeben. Er wusste nicht, warum er es getan hatte. Offiziell war es der letzte Ort, an dem er sie eines Tages zu suchen geglaubt hätte. Natürlich hatte er nicht damit gerechnet, sie zu finden, und er hatte sie auch nicht gefunden. Aber allein, dass er diesen absurden Versuch unternommen hatte, zeigte, wie wenig er von ihr wusste. Eins war ihm in jenem Moment jedoch klar geworden: der Grund, weshalb er sie suchte. Es wollte gar nicht wissen, wo sie war. Das scherte ihn herzlich wenig. Aber er hätte zu gerne gewusst, ob sie in diesem Moment glücklich war. Denn in Wahrheit war es das, was ihn am meisten aufbrachte: dass sie ihn und Tommy einfach ausgebootet hatte, um anderswo glücklich zu sein. Konnte man jemanden so tief verletzen, nur um den eigenen, egoistischen Wunsch nach Glück zu verwirklichen? Offenbar ja. Sie hatte es getan, und, was das Schlimmste war, sie war nicht zurückgekehrt, um es wiedergutzumachen, um die Wunde zu heilen, die sie ihm, Goran, mit dem sie immerhin ihr Leben hatte teilen wollen, und ihrem eigenen Fleisch zugefügt hatte. Dabei war eine Umkehr durchaus möglich. Jeder gelangt irgendwann an den Punkt, wo er aufhört, sturen Blicks der Zukunft entgegenzueilen, wo er innehält, weil er etwas vernimmt, eine Stimme, und den Kopf wendet, um festzustellen, ob dort alles gleich geblieben ist, unverrückt, oder ob sich vielleicht etwas verändert hat bei denen, die er hinter sich gelassen hat, und in ihm selbst. Für jeden kam irgendwann dieser Moment. Warum nicht für sie? Warum hatte sie es nicht wenigstens versucht? Kein anonymer Telefonanruf mitten in der Nacht. Keine leere Postkarte. Wie oft hatte sich Goran vor Tommys Schule versteckt, in der Hoffnung, sie dabei zu ertappen, wie sie heimlich ihren Sohn beobachtete. Aber vergebens. Sie war nicht ein einziges Mal hingegangen, um sich davon zu überzeugen, dass es ihm gut ging. Und mit so einem Menschen wolltest du mal dein Leben verbringen?, hatte er sich entsetzt gefragt. Doch worin lag dann eigentlich der Unterschied zwischen ihm und Veronica Bermann? Auch diese Frau war benutzt und schändlich hintergangen worden. Ihr Ehemann hatte sich ihrer bedient, um sich ein respektables Ansehen zu verschaffen, damit sie für ihn verwaltete, was er besaß: seinen Namen, sein Haus, sein Eigentum. Er selbst war ja an etwas ganz anderem interessiert gewesen. Doch im Gegensatz zu Goran hatte Veronica Bermann den Abgrund unter ihrem scheinbar perfekten Leben geahnt, den fauligen Gestank gerochen, der von dort heraufströmte. Und sie hatte geschwiegen. Hatte den Betrug mitgemacht, wenn auch nie aktiv. War stumme Komplizin gewesen, Komparsin, treue Gemahlin im Guten wie im Bösen. Goran hingegen hatte nie auch nur den leisesten Verdacht gehegt, seine Frau könnte ihn verlassen. Kein Vorzeichen, kein Hinweis, ja nicht einmal ein Knacken im Gebälk, an das er sich hätte erinnern und sagen können: »Ja! Es war alles so offensichtlich, und ich Esel habe es nicht gemerkt!« Er hätte liebend gern entdeckt, dass er ein miserabler Ehemann gewesen war. Dann hätte er sich selbst die Schuld geben können, irgendeinem Versäumnis oder seiner Nachlässigkeit. Und vor allem: Wenn er die Gründe in sich selbst gefunden hätte, dann hätte er wenigstens welche gehabt. So blieb ihm nichts als die Stille. Und der Zweifel. Den Rest der Welt hatte er lediglich vor die nackte Tatsache gestellt: Sie war gegangen, Schluss, aus. Goran wusste, dass sowieso jeder dachte, was er wollte. Der eine: Armer Mann! Der andere: Was hat er ihr bloß angetan? Grundlos ist sie bestimmt nicht weggelaufen … Goran konnte sich in beide Rollen hineinversetzen und wechselte nach Bedarf von einer zur anderen. Denn jeder Schmerz hat seine Geschichte, und die will erzählt sein. Und sie? Wie lange hatte sie schon geschauspielert? Wie lange hatte sie diese Idee im Keim schon mit sich herumgetragen? Welche heimlichen Träume hatten diese Idee schließlich zum Erblühen gebracht, welcher von den Gedanken, die sie Abend für Abend unterm Kopfkissen verbarg, während er neben ihr schlief? Tagsüber hatte sie ihre geheimen Wünsche in ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter einfließen lassen. Bis aus den Phantasien ein Projekt geworden war, ein Vorhaben. Ein »Plan«. Wann war es so weit gewesen? Wann hatte sie eingesehen oder sich davon überzeugt, dass diese Wunschträume realisierbar waren? Einer Schmetterlingspuppe gleich, die das Geheimnis ihrer Metamorphose in sich trägt, hatte sie an seiner und Tommys Seite gelebt. Und sich im Stillen auf die Wandlung vorbereitet. Und wo war sie jetzt? Denn sie lebte ja weiter, nur anderswo, in einer Parallelwelt, die aus Frauen und Männern gemacht war, wie Goran sie zu Hunderten am Tag sah, aus Familien, die durchgebracht werden mussten, aus Ehemännern, die ausgehalten, und Kindern, die versorgt werden mussten. In einer Welt, die wie die seine war, stinknormal, nur meilenweit von ihm und Tommy entfernt, mit neuen Farben, neuen Freunden, neuen Gesichtern, neuen Namen. Was suchte sie in dieser Welt? Was war es, was sie so sehr brauchte und in seiner und Tommys Welt nicht mehr gefunden hatte? Im Grunde sucht jeder von uns in einer Parallelwelt nach Antworten auf seine Fragen, dachte Goran. Wie die, die im Web nach Sex, Gott, Tod und Britney Spears suchen. Alexander Bermann war im Internet auf Jagd nach Kindern gegangen. Kurz nachdem sie es geschafft hatten, die Webseite Priscilla, der Schmetterling auf dem Computer zu öffnen, war auch der Rest der Geschichte aufgeflogen. Man hatte den internationalen Server ausfindig gemacht, der das System verwaltete, und war auf ein weitverzweigtes Netz von Pädophilen gestoßen, das sich über mehrere Länder erstreckte. Mila hatte recht gehabt: ihr Musiklehrer gehörte auch dazu. Die Fahndungsgruppe für Internetkriminalität war über hundert Abonnenten auf die Spur gekommen. Die ersten Festnahmen hatten bereits stattgefunden, weitere würden in den kommenden Stunden folgen. Die relativ geringe Abonnentenzahl gehörte jedoch einem ausgewählten Personenkreis an. In der Mehrzahl unbescholtene Geschäftsleute, die wohlhabend genug waren, sich ihre Anonymität teuer zu erkaufen. So wie Alexander Bermann. Auf dem Nachhauseweg dachte Goran über den leutseligen, moralisch integren und stets lächelnden Mann nach, als den ihn seine Freunde und Bekannten beschrieben hatten. Die perfekte Maske. Goran wusste nicht, weshalb er, wenn er an Bermann dachte, zugleich an seine Frau denken musste. Was verband die beiden? Vielleicht wusste er es auch und wollte es nur nicht wahrnehmen. Wie auch immer, sobald er seine Wohnung betrat, würde er all diese Überlegungen beiseiteschieben und sich ganz und gar Tommy widmen. Das hatte er ihm versprochen, als er ihn vorhin angerufen hatte, dass er früher nach Hause komme. Sein Sohn hatte die Nachricht begeistert aufgenommen und ihn gefragt, ob sie Pizza bestellen könnten. Goran war bereitwillig auf den Vorschlag eingegangen, froh, dass es so wenig brauchte, um Tommy glücklich zu machen. Wie die meisten Kinder schaffte er es, fast allem, was ihm begegnete, eine schöne Seite abzugewinnen. So hatte Goran also Pizza bestellt, einmal mit Peperoni für sich und einmal mit einer doppelten Portion Mozzarella für Tommy. Genau genommen, hatten sie die Bestellung gemeinsam aufgegeben, denn das Pizza-Ordern war ein Ritual, das unbedingt zu zweit vollzogen werden musste. Tommy hatte die Nummer des Pizzaservice gewählt, und Goran hatte geordert. Danach hatten sie den Tisch gedeckt und die extragroßen flachen Teller aufgetragen, die sie eigens für den Zweck angeschafft hatten. Tommy würde Saft dazu trinken, Goran wollte sich ein Bier genehmigen. Die Gläser hatten sie vor dem Essen ein paar Minuten ins Gefrierfach gelegt, damit sie schön kalt und mit Reif beschlagen waren, wenn sie die Getränke einfüllten. Goran war dennoch alles andere als gut gelaunt. Er musste immer wieder an diese perfekte Organisation denken. Die Beamten der Fahndungsgruppe für Internetkriminalität hatten eine Datenbank mit über dreißigtausend Einträgen entdeckt: alles Kinder, mit Namen, Adresse und Fotos. Das Netzwerk lockte die kleinen Opfer anhand falscher »Kinderseiten« in die Falle. Priscilla, der Schmetterling. Tiere, bunte Videospiele, harmlose Kinderliedchen erledigten den Rest. Alles wie in dem Trickfilm, den Goran und Tommy nach dem Abendessen angeschaut hatten. Der blaue Tiger und der weiße Löwe. Goran hatte seinen Sohn beobachtet, während dieser, an ihn gekuschelt, gespannt die Abenteuer der beiden Dschungelfreunde verfolgte. Ich muss ihn beschützen, hatte sich Goran gesagt. Und dabei hatte er tief in der Brust eine seltsame Angst verspürt, einen dunklen, klebrigen Kloß. Die Angst, als alleinerziehender Vater nicht zu genügen, denn ein Elternteil war nie genug. Sicher, Tommy und er kamen gut zurecht. Aber was wäre gewesen, wenn hinter dem schwarzen Bildschirm von Alexander Bermanns Computer nicht dieser fremde, unbekannte Junge, sondern sein Tommy gesessen hätte? Würde er, Goran, es merken, wenn jemand versuchen sollte, in die Gedanken und in das Leben seines Kindes einzudringen? Während Tommy seine Hausaufgaben erledigte, zog sich Goran in sein Arbeitszimmer zurück. Es war noch nicht mal sieben, und so blätterte er noch mal Alexander Bermanns Dossier durch. Dabei fielen ihm auf Anhieb mehrere Punkte auf, die sich für weiterführende Ermittlungen anboten. An erster Stelle der Ledersessel in Bermanns Souterrainwohnung, auf dem Krepp keine Fingerabdrücke gefunden hatte. Warum? Goran war sich sicher, dass es auch dafür einen Grund gab. Doch jedes Mal, wenn er glaubte, eine mögliche Erklärung gefunden zu haben, drifteten seine Gedanken wieder ab. Und kreisten erneut um die Gefahren, die das Leben seines Sohnes bedrohten. Goran kannte den Stoff, aus dem das Böse gemacht war. Aber er hatte es immer aus wissenschaftlicher Distanz betrachtet. Die Vorstellung, dass dieses Böse seine Hand einmal so weit ausstrecken könnte, dass es ihn persönlich berührte, hatte ihn nie bedrückt. Jetzt tat sie es. Wann wurde jemand zum Monster? Offiziell hatte er diesen Begriff längst aus seinem Wortschatz verbannt, jetzt schlich er sich jedoch heimlich wieder in seine Gedanken ein. Weil er wissen wollte, wie es dazu kam, dass man sich von einem Menschen in ein Monster verwandelte. Und wann man merkte, dass man diese Grenze überschritten hat. Bermann hatte einer perfekt funktionierenden Organisation angehört, die hierarchisch geordnet war und über entsprechende Statuten verfügte. Der Handelsvertreter war ihr während des Studiums beigetreten. Zu der Zeit hatte das Internet noch nicht als Jagdgrund hergehalten, und es musste ziemlich schwierig gewesen sein, ein Schattendasein zu führen, ohne Verdacht zu erregen. Aus diesem Grund hatte die Organisation ihren Adepten nahegelegt, ein vorbildliches Leben zu führen, hinter dessen Fassade sie ihre wahre Natur und ihre Triebe verbergen konnten. Tarnen, unauffällig bleiben, in der Masse untergehen – so lautete das Motto. Bermann war mit klaren Vorsätzen von der Universität zurückgekehrt. Als Erstes hatte er sich auf die Suche nach einer alten Freundin begeben, die er seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Jene Veronica, die nie hübsch genug gewesen war, als dass sich die Jungs – Bermann eingeschlossen – für sie interessiert hätten. Er hatte ihr vorgegaukelt, sie schon lange heimlich zu lieben, sich aber nie getraut zu haben, ihr seine Gefühle zu gestehen. Als er ihr einen Heiratsantrag machte, sagte Veronica erwartungsgemäß sofort ›Ja‹. Die ersten Ehejahre verbrachten sie wie alle jungen Paare im Wechselbad der Gefühle. Alexander war oft unterwegs, beruflich, wie er sagte. In Wahrheit nutzte er die Geschäftsreisen, um sich mit Gleichgesinnten zu treffen und seine kleinen Beutetiere zu ködern. Mit dem Anbruch der Internet-Ära war alles sehr viel leichter geworden. Die Pädophilen hatten augenblicklich ihre große Chance gewittert. Nicht nur, dass sie ihren Opfern findige Fallen stellen und sie nach Belieben manipulieren konnten, sie blieben auch noch anonym. Für Alexander Bermann allerdings gab es ein Problem: Seine Frau gebar ihm keinen Erben. Und das hinderte ihn daran, seine Tarnung zu perfektionieren. Ein eigenes Kind wäre das fehlende Steinchen in seinem Mosaik gewesen, das kleine Detail, das ihn ein für alle Mal über jeden Verdacht erhoben hätte. Denn ein Familienvater interessiert sich nicht für die Kinder der anderen. Goran unterdrückte seine aufsteigende Wut und klappte das Dossier zu, das in den letzten Stunden gewaltig angewachsen war. Er wollte nur noch ins Bett und sich die Decke über den Kopf ziehen. Warum zerbrach er sich überhaupt noch den Kopf? War die Sache nicht klar? Wer, wenn nicht Bermann, konnte Albert sein? Gut, er musste erst noch mit dem Gräberfeld der abgesägten Arme und mit dem Verschwinden aller sechs Mädchen in Verbindung gebracht werden, aber im Grunde hätte es keiner mehr verdient als er, den Stempel des Schlächters aufgedrückt zu bekommen. Dennoch: Je länger Goran darüber nachdachte, desto weniger überzeugte ihn die Geschichte. Um zwanzig Uhr würde Roche in einer Pressekonferenz offiziell den Abschluss der Ermittlungen bekannt geben. Aber Goran quälte ein Gedanke, der ihm bereits kurz nach der Aufdeckung von Bermanns Geheimnis durch den Kopf gegangen war. Den ganzen Nachmittag über hatte er vergeblich versucht, ihn zu fassen zu bekommen. Immer wieder hatte er sich wie Nebel verflüchtigt, war ihm zwischen den Fingern zerronnen, hatte sich in den hintersten Winkel seines Gehirns zurückgezogen, dort aber deutlich spürbar pulsiert, wie um anzuzeigen, dass er noch da war. Und jetzt, in der Stille seiner Wohnung, war Goran seiner endlich habhaft geworden. Irgendetwas an dieser Geschichte stimmte nicht … War Bermann unschuldig? Auf gar keinen Fall: Dieser Mann war ein Kinderschänder. Aber er war nicht der Mörder der sechs Mädchen. Damit hatte er nichts zu tun … Wenn Alexander Bermann wirklich Albert wäre, hätten wir in seinem Kofferraum das letzte Mädchen gefunden, die Nummer sechs, und nicht Debby Gordon, die erste. Deren Leiche hätte er schon längst entsorgt … Und genau während ihm dies zu Bewusstsein kam, sah Goran auf die Uhr: nur noch wenige Minuten bis zur Pressekonferenz um acht. Er musste Roche aufhalten. Der Hauptkommissar hatte eine Pressekonferenz einberufen, kaum dass die Nachricht von der großen Wende im Fall Bermann zu kursieren begann. Angeblich um zu verhindern, dass die Reporter Informationen aus zweiter Hand bekamen, womöglich Falschmeldungen, die aus vertraulichen Kreisen durchsickerten. In Wirklichkeit fürchtete er jedoch, die Presse könnte alles über andere Kanäle erfahren und sein bühnenreifer Auftritt damit ins Wasser fallen. Roche liebte es, die Damen und Herren der Presse zu manipulieren. Er baute immer eine gewisse Wartezeit ein, um die Spannung zu steigern, und genoss es, die Presse hinzuhalten. Auch heute wollte er mit einigen Minuten Verspätung erscheinen. Die Versammelten sollten glauben, dass er als Chef bis zur letzten Minute über die neuesten Entwicklungen unterrichtet würde. Während er zufrieden dem Gemurmel lauschte, das aus dem angrenzenden Pressezentrum drang und seinem Ego gewaltigen Auftrieb gab, hing er lässig in seinem Bürostuhl, die Füße auf dem großen Schreibtisch. Der Tisch war ein Erbstück seines Vorgängers, dessen Stellvertreter er lange – seiner Ansicht nach viel zu lange – gewesen war, bevor er ihn vor acht Jahren gnadenlos abgesägt hatte. Roche sah das rote Lämpchen auf seinem Telefonapparat ohne Unterlass blinken, aber er ging nicht ran. Die Spannung sollte ruhig noch etwas steigen. Es klopfte. »Herein«, sagte er. Mila entdeckte, kaum dass sie den Fuß über die Schwelle setzte, ein breites Grinsen im Gesicht des Hauptkommissars. Sie hatte sich gefragt, was zum Teufel er von ihr wollte. »Frau Vasquez, ich möchte Ihnen persönlich für den wertvollen Beitrag danken, den Sie zur Lösung dieses Falles geleistet haben.« Mila wäre errötet, hätte sie nicht geahnt, dass es sich nur um einen Vorwand handelte, sie loszuwerden. »Viel war es ja nicht, was ich tun konnte.« Roche angelte seinen Brieföffner und begann, sich damit die Nägel zu reinigen. »Doch, Sie waren uns eine große Hilfe«, fuhr er in beiläufigem Ton fort. »Leider wissen wir noch immer nicht, wer das sechste Mädchen ist …«, meinte Mila. »Das wird sich schon noch herausstellen, wie alles andere auch.« »Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich meine Arbeit gern zu Ende führen und noch ein, zwei Tage bleiben. Ich bin mir sicher, dass ich in dieser Zeit noch einiges herausfinden könnte.« Roche legte den Brieföffner zurück, nahm die Füße vom Schreibtisch, erhob sich und ging auf Mila zu. Mit einem strahlenden Lächeln nahm er ihre rechte Hand, die noch immer verbunden war, drückte sie, ohne zu merken, dass er ihr wehtat, und sagte: »Ich habe mit Ihrem Vorgesetzten gesprochen. Hauptkommissar Morexu hat mir zugesichert, dass Sie für diese Geschichte eine Belobigung erhalten.« Mit diesen Worten begleitete er sie zur Tür. »Ich wünsche Ihnen eine gute Reise, Frau Vasquez. Und denken Sie hin und wieder an uns.« Mila nickte, denn es gab nichts, was sie dem noch hätte hinzufügen können. Wenige Sekunden später stand sie bereits auf dem Korridor und starrte auf die geschlossene Tür. Hätte sie doch mit Goran sprechen können. Sie war überzeugt, dass er nichts von ihrer überstürzten Verabschiedung wusste. Aber der Kriminologe war schon nach Hause gegangen. Sie hatte ihn vor ein paar Stunden telefonieren hören, es war um eine Verabredung zum Abendessen gegangen. Seiner Stimmlage nach zu urteilen, dürfte der Teilnehmer am anderen Ende der Leitung nicht älter als acht, neun Jahre gewesen sein. Die beiden hatten abgemacht, eine Pizza zu bestellen. Und Mila war in diesem Moment aufgegangen, dass Goran ein Kind hatte. Ob es wohl auch eine Frau in seinem Leben gab? Wenn ja, würde sie bestimmt an dem gemütlichen Abend teilnehmen, den Vater und Sohn da planten. Bei dieser Vorstellung war Mila ein wenig neidisch geworden. Sie gab ihre Kennkarte am Eingang zurück und bekam dafür einen Umschlag mit ihrem Rückfahrtticket ausgehändigt. Diesmal würde sie niemand zum Bahnhof begleiten. Sie musste ein Taxi rufen, in der Hoffnung, die Kosten erstattet zu bekommen, und damit zum Motel fahren, um ihre Reisetasche abzuholen. Doch als sie das Gebäude verließ und auf die Straße hinaustrat, verließ sie jede Eile. Sie sah sich um, atmete tief die stille Luft ein, die ihr mit einem Mal ganz sauber vorkam, und hatte das unwirkliche Gefühl, als schwebte die ganze Stadt in einer kalten Seifenblase, die jeden Augenblick witterungsbedingt platzen könnte. Ein Grad wärmer oder kälter, und alles wäre völlig anders. Vielleicht entpuppte sich die dünne Luft als Vorbotin des ersten Schnees. Oder es blieb alles, wie es war, reglos, still. Sie zog die Zugfahrkarte aus dem Umschlag: Bis zur Abfahrt waren es noch drei Stunden, und Mila schoss ein Gedanke durch den Kopf. Ob sie es schaffen würde, ihr Vorhaben in der kurzen Zeit umzusetzen? Eine Frage, auf die es nur eine Antwort gab: sie musste es versuchen. Im Grunde hatte sie ja nichts zu verlieren. Erwies sich die Sache als Flop, würde niemand davon erfahren. Und selbst wenn – sie konnte nicht abreisen, ohne diesen Zweifel geklärt zu haben. Drei Stunden. Es würde schon klappen. Sie hatte einen Wagen gemietet und war seit etwa einer Stunde unterwegs. Vor ihr ragten die Gipfel einer Bergkette in den Himmel. Zu beiden Seiten der Straße Holzhäuser mit Giebeldächern. Aus den Kaminen stieg grauer Rauch auf, der nach Baumharz roch. Brennholz lag, säuberlich aufgeschichtet, in den Höfen. Aus den Fenstern drang gemütliches, honigfarbenes Licht. Mila hatte die Überlandstraße 115 genommen und war bei der Ausfahrt 25 abgefahren. Sie war unterwegs zum Internat, auf das Debby Gordon gegangen war, denn sie wollte unbedingt ihr Zimmer sehen. Sie war überzeugt, dass sie dort einen Hinweis auf das sechste Mädchen finden würde, irgendetwas, das ihr den Namen des unbekannten Kindes verriet. Seine Identität. Auch wenn es für Hauptkommissar Roche inzwischen überflüssig war – Mila konnte dieses Rätsel nicht ungelöst zurücklassen. Für sie war es eine kleine Geste der Barmherzigkeit, die sie dem Opfer schuldete. Die Polizei hatte die Nachricht, dass die Anzahl der verschwundenen Mädchen auf sechs gestiegen war, noch nicht bekannt gegeben. Deshalb hatte bislang niemand das letzte Opfer beweinen können. Und dabei würde es bleiben, solange kein Name gefunden war, das wusste Mila. Anstatt eines Menschen würde es nur einen weißen Fleck auf einem Grabstein geben, eine Schweigesekunde am Ende einer kurzen Aufzählung von Namen, eine Nummer, die man der kalten Bilanz des Todes hinzufügte. Und das konnte sie nicht zulassen. Wenn sie ehrlich war, gab es noch einen Grund, weshalb sie die vielen Kilometer zurücklegte. Er hatte mit dem seltsamen Gefühl in ihrem Nacken zu tun … Kurz nach einundzwanzig Uhr erreichte die Polizistin ihr Ziel. Das Internat befand sich in einem hübschen Dorf in tausendzweihundert Meter Höhe. Die Straßen waren um diese Tageszeit wie leer gefegt. Das Schulgebäude lag etwas außerhalb des kleinen Orts, auf einem Hügel, und war von einem schönen Park umgeben, zu dem ein Reitplatz, mehrere Tennisplätze und ein Basketballfeld gehörten. Mila fuhr die lange Auffahrt hinauf und überholte dabei mehrere Grüppchen von Schülern, die von irgendeiner sportlichen Aktivität zurückkehrten. Ihr helles Gelächter sprengte die Stille. Mila parkte auf dem großen Platz vor der Schule. Kurz darauf sprach sie bei der Sekretärin vor und bat, Debby Gordons Zimmer besichtigen zu dürfen. Wie erhofft, machte die Angestellte keine Probleme. Sie nahm nur kurz Rücksprache mit der Schulleiterin und gab Mila dann grünes Licht. Ein Glück, dass Debbys Mutter nach ihrem Gespräch im Internat angerufen und ihren Besuch angekündigt hatte. Die Sekretärin händigte Mila ein Ansteckschildchen mit der Aufschrift »Besucher« aus und wies ihr den Weg. Mila musste mehrere Korridore entlanggehen, bis sie den Gebäudetrakt erreichte, in dem die Mädchen untergebracht waren. Es war nicht schwierig, Debbys Zimmer zu finden. Ihre Schulkameradinnen hatten die Tür mit Bändern und bunten Kärtchen behängt. Auf allen stand mehr oder weniger dasselbe: dass sie ihnen fehlte, dass sie sie nie vergessen würden, und auch das abgedroschene »In unserem Herzen lebst du weiter« durfte selbstverständlich nicht fehlen. Sie dachte an Debby, an die Telefonate, in denen sie ihre Eltern gebeten hatte, sie nach Hause zurückzuholen, daran, wie ein schüchternes und etwas unbeholfenes Mädchen ihres Alters im Internat von seinen Schulkameraden gemobbt werden konnte. Und deshalb fand sie diese Karten ziemlich geschmacklos, verspätete Sympathiebekundungen, die obendrein geheuchelt waren. Warum habt ihr sie nicht beachtet, als sie noch lebte?, dachte Mila. Oder, als jemand sie einfach vor eurer Nase entführt hat? Vom Ende des Korridors drang Geschrei und fröhliches Geschnatter an ihr Ohr. Sie setzte den Fuß über eine Reihe heruntergebrannter Kerzen, die jemand zum Gedenken auf die Türschwelle gestellt hatte, und schlüpfte in Debbys kleines Reich. Als sie die Tür hinter sich schloss, trat augenblicklich Stille ein. Sie streckte die Hand nach einer Nachttischlampe aus und knipste sie an. Das Zimmer war klein. Der Tür gegenüber befand sich ein Fenster, das direkt auf den Park hinausging. Über dem Schreibtisch, der an der Wand stand und einen sehr ordentlichen Eindruck machte, sah Mila mehrere Bücherregale, die sich unter ihrer Last bogen. Debby hatte also gern gelesen. Rechts war die Tür zum Bad, sie war zu. Mila beschloss, dass sie dort zuletzt reinschauen würde. Auf dem Bett lagen ein paar Plüschtiere, die sie aus ausdruckslosen Augen anstarrten wie einen Eindringling. Sämtliche Wände des Zimmers waren von oben bis unten mit Postern und Fotos tapeziert, auf denen Debby zu Hause zu sehen war, mit ihren alten Schulkameraden, ihren Freundinnen und ihrem Hund Sting. Alles Beziehungen, aus denen sie herausgerissen worden war, um dieses exklusive Internat zu besuchen. Mila fiel auf, dass Debby die Züge einer schönen Frau in sich trug. Ihre Altersgenossen hätten das wahrscheinlich erst viel später bemerkt und sich darüber geärgert, dass sie nicht früher den prächtigen Schwan in dem hässlichen Entlein entdeckt hatten. Und Debby hätte ihnen wohl längst die kalte Schulter gezeigt. Milas Gedanken kehrten zu der Autopsie zurück, der sie beigewohnt hatte. Zu dem Moment, als Chang die Plastikfolie vom Gesicht des Kindes abgezogen hatte und die Haarspange mit der weißen Lilie zum Vorschein gekommen war. Der Mörder hatte sie gekämmt, und Mila erinnerte sich, dass sie gedacht hatte, er hätte das Mädchen für sie und ihre Kollegen schön gemacht. Nein, für Alexander Bermann … Mila fiel eine Stelle an der Wand auf, die merkwürdig leer war. Sie trat näher und stellte fest, dass der Putz teilweise abgeblättert war. Als hätte auch hier etwas gehangen, das später abgelöst worden war. Weitere Fotos? Mila spürte, dass sich in diesem Zimmer jemand zu schaffen gemacht hatte. Andere Hände, andere Augen hatten Debbys Welt, ihre Habseligkeiten, ihre Andenken berührt. Vielleicht war es sogar ihre Mutter gewesen, die die Bilder von der Wand genommen hatte. Sie musste das überprüfen. Mila hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als ein Geräusch sie herumfahren ließ. Es kam nicht aus dem Zimmer. Aber auch nicht vom Korridor, sondern aus dem Bad. Ihre Hand wanderte instinktiv zum Gürtel, in dem die Pistole steckte. Nachdem sie die Waffe gezogen hatte, schlich sie vorsichtig zur Badezimmertür. Wieder das Geräusch. Diesmal noch deutlicher. Ja, dort drin war jemand. Jemand, der sie nicht bemerkt hatte. Jemand, der wie sie geglaubt hatte, dies sei die beste Stunde, um ungestört in Debbys Zimmer einzudringen und das eine oder andere mitzunehmen. Beweise? Ihr Herz raste. Sie würde nicht reingehen, sie würde hier warten. Keine zwei Sekunden später ging die Tür auf. Milas Zeigefinger fuhr blitzschnell zum Abzug der Pistole. Doch glücklicherweise gelang es ihr, nicht abzudrücken. Das Mädchen riss vor Schreck die Arme hoch und ließ alles fallen, was sie in den Händen gehalten hatte. »Wer bist du?«, fragte Mila. »Eine Freundin von Debby«, stammelte das Mädchen. Sie log. Das war Mila vollkommen klar. Sie steckte die Waffe in ihren Hosenbund zurück und blickte auf die Dinge, die auf dem Boden lagen: ein Parfümfläschchen, Shampooflaschen, ein roter Hut mit breiter Krempe. »Ich wollte mir die Sachen zurückholen, die ich ihr geliehen hatte«, sagte das Mädchen, aber es klang mehr wie eine Ausrede. »Vor mir waren auch die anderen schon da.« Mila erkannte den roten Hut auf einem der Fotos an der Wand wieder. Daraus, dass es Debby war, die ihn auf dem Bild trug, schloss sie, dass hier ganz offensichtlich eine Plünderung im Gange war, und das nicht erst seit heute. Mila nahm an, dass Debbys Schulkameraden schon seit einigen Tagen dabei waren, Dinge aus dem Zimmer zu entwenden, und es hätte sie nicht gewundert, wenn auch das fehlende Foto von irgendjemandem von der Wand entfernt worden wäre. »Okay«, sagte sie trocken. »Geh jetzt.« Das Mädchen zögerte einen Augenblick, dann raffte sie schnell die Dinge zusammen, die ihr auf den Boden gefallen waren, und verließ das Zimmer. Mila hinderte sie nicht daran. Wahrscheinlich wäre es in Debbys Sinne gewesen. Ihrer Mutter würden diese Dinge auch nichts mehr nützen. Sie würde sich in jedem Fall ein Leben lang quälen, weil sie ihre Tochter aufs Internat geschickt hatte. Dabei konnte Frau Gordon sich noch glücklich schätzen – sofern man das Wort in diesem Zusammenhang überhaupt in den Mund nehmen durfte –, weil sie wenigstens eine Leiche hatte, die sie beweinen konnte. Mila stöberte in Debbys Büchern und Heften. Sie brauchte einen Namen, und sie würde ihn finden. Klar, einfacher wäre es gewesen, Debbys Tagebuch ausfindig zu machen. Bestimmt hatte sie eins gehabt, schon allein, um ihm ihr Heimweh anzuvertrauen. Und natürlich hatte sie es wie alle Zwölfjährigen in einem Geheimversteck aufbewahrt. Dieses Versteck durfte nicht allzu weit von ihrem Herzen entfernt sein. An einem Ort, auf den sie im Bedarfsfall sofort zugreifen konnte. Wann sehnen wir uns am meisten nach unserem Zuhause und allem, was uns lieb ist?, fragte sich Mila. Nachts, lautete ihre Antwort. Sie ging in die Hocke und langte mit der Hand unter die Matratze. Sie stieß auf eine Blechdose, die mit silberfarbenen Häschen verziert war und ein kleines Vorhängeschloss hatte. Mila legte sie aufs Bett und sah sich suchend um. Wo konnte der Schlüssel versteckt sein? Plötzlich fiel ihr ein, dass sie ihn schon einmal gesehen hatte. Ja, während der Autopsie von Debbys Leiche! Er hatte an dem Armkettchen gehangen, das das Mädchen umgehabt hatte. Mila hatte das Kettchen den Eltern übergeben und jetzt war keine Zeit, sich den Schlüssel bei ihnen zu holen. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Dose aufzubrechen. Mithilfe eines Kugelschreibers gelang es ihr, die beiden Eisenmanschetten, in denen das Schloss hing, auszuhebeln. Dann öffnete sie den Deckel. Neben einem Potpourri aus Gewürzen, getrockneten Blüten und Dufthölzern fand Mila in der Schachtel eine blutbefleckte Sicherheitsnadel, die wahrscheinlich für das Ritual der Blutsfreundschaft hergehalten hatte, ein besticktes Seidentaschentuch, einen kleinen Gummibär mit angeknabberten Ohren und ein paar Geburtstagskerzchen. Der Andenkenschatz einer Heranwachsenden. Aber kein Tagebuch. Merkwürdig, dachte Mila. Die Größe der Schachtel und ihr vergleichsweise geringer Inhalt ließen vermuten, dass sie ursprünglich mehr enthalten hatte. Auch die Tatsache, dass Debby Gordon es für nötig befunden hatte, die Dose zu verschließen, deutete in diese Richtung. Aber vielleicht hatte es auch nie ein Tagebuch gegeben. Enttäuscht sah Mila auf die Uhr. Ihr Zug war weg. Also konnte sie auch gleich hierbleiben und weiter nach einem Hinweis auf Debbys mysteriöse Freundin suchen. Außerdem lastete noch immer dieses schwer greifbare Gefühl auf ihr. Dieses Kribbeln im Nacken. Nein, sie konnte nicht von hier weg, ohne der Sache auf den Grund gegangen zu sein. Aber sie brauchte jemanden, auf den sie ihre Gedanken projizieren konnte, jemanden, der ihnen eine Richtung gab. Und so fasste sie, trotz der vorangerückten Stunde, einen Entschluss. Es fiel ihr schwer, doch es musste sein. Sie wählte die Nummer von Goran Gavila. »Goran, hier spricht Mila.« Der Kriminologe war offenbar sehr verblüfft, denn er sagte ein paar Sekunden gar nichts. »Was kann ich für dich tun, Mila?« Mila erklärte ihm, warum sie um diese Uhrzeit nicht im Zug saß. Dass sie sich unbedingt Debby Gordons Zimmer im Internat habe anschauen wollen, wo sie sich im Augenblick befinde. Sie zog es vor, gleich mit der Wahrheit herauszurücken, und Goran hinderte sie nicht daran. Nachdem sie ihm alles erklärt hatte, sagte er lange gar nichts. Goran stand – was Mila natürlich nicht wusste – mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand da und starrte auf seine Küchenregale. Er lag nur deswegen noch nicht im Bett, weil er mehrmals – vergeblich – versucht hatte, Roche von seinem selbstmörderischen Presseauftritt abzubringen. »Vielleicht haben wir Alexander Bermann etwas vorschnell zum Mörder abgestempelt.« Goran sagte diesen Satz so leise, dass Mila das Gefühl hatte, es kostete ihn Mühe, überhaupt etwas über die Lippen zu bringen. »Das glaube ich auch«, erwiderte sie. »Wie bist du zu dieser Einsicht gelangt?« »Weil er Debby Gordon im Kofferraum hatte«, erwiderte Goran. »Warum nicht das letzte Mädchen?« Mila erinnerte ihn daran, wie Stern diesen Umstand erklärt hatte: »Vielleicht hat Bermann beim Versuch, Debbys Leiche zu verstecken, etwas falsch gemacht, irgendeinen Fehler begangen, der uns früher oder später auf seine Spur gelockt hätte. Könnte sein, dass er sie deshalb anderswo hinbringen wollte, in ein besseres Versteck.« Goran hörte zu und sagte nichts. Mila glaubte, lediglich ein abfälliges Grunzen zu vernehmen. »Was ist? Hab ich was Falsches gesagt?« »Nein, aber du klingst mir nicht sonderlich überzeugt.« Mila überlegte kurz. »Stimmt, du hast recht«, gab sie dann zu. »Irgendwie fehlt da was. Oder besser, da ist etwas, das nicht zum Rest der Geschichte passt. Ich habe da so ein seltsames Gefühl …« Mila wusste, dass ein guter Polizist von Eindrücken lebt. In offiziellen Berichten war nie davon die Rede, dort zählten nur die Fakten. Aber da Goran das Thema nun einmal angeschnitten hatte, wagte Mila es, ihm von ihren Wahrnehmungen zu berichten. »Das erste Mal hatte ich dieses Gefühl, während Chang die Autopsie kommentierte. Doch ich konnte es an nichts Konkretem festmachen, es war gleich wieder weg.« Sie hörte durchs Telefon, dass Goran sich einen Stuhl ranzog, und setzte sich ebenfalls. »Versuchen wir doch mal, Bermann auszuschließen«, sagte Goran. »Einverstanden.« »Gehen wir einfach einmal davon aus, dass der Täter ein anderer war. Sagen wir, jemand, der plötzlich wie aus dem Nichts aufgetaucht ist und ein Mädchen mit abgesägtem Arm in Bermanns Kofferraum gepackt hat.« »Das hätte Bermann uns aber erzählt, schon allein, um den Verdacht von sich abzuwälzen«, warf Mila ein. »Das glaube ich nicht«, erwiderte Goran mit fester Stimme. »Bermann war ein Kinderschänder, der hätte gar nichts von sich abwälzen können. Der wusste, dass er geliefert war. Er hat sich umgebracht, weil er keinen Ausweg mehr sah und um die Organisation zu schützen, der er angehörte.« Mila fiel ein, dass auch der Musiklehrer sich umgebracht hatte. »Was ist also zu tun?« »Wir müssen noch mal von vorn anfangen. Sprich, bei Albert, dem neutralen, unpersönlichen Täter, dessen Profil wir zu Beginn der Ermittlungen erstellt haben.« Mila fühlte sich zum ersten Mal wirklich an der Auflösung des Falles beteiligt. Die Teamarbeit stellte eine ganz neue Erfahrung für sie dar. Und sie musste sagen, dass es gar nicht mal so schlecht war, im Einklang mit jemandem wie Goran zu ermitteln. Obwohl sie ihn kaum kannte, hatte sie ihm von der ersten Minute an vertraut. Goran räusperte sich kurz und fuhr dann fort: »Meiner Ansicht nach gibt es eine Grundvoraussetzung, von der wir ausgehen müssen. Und die besteht darin, dass die Entführung der Kinder und das Gräberfeld der Arme einen Sinn haben – so absurd er auch sein mag. Um aber diesen Sinn zu erschließen, müssen wir unseren Mann besser kennenlernen. Je besser wir ihn kennen, desto leichter wird es uns fallen, ihn zu verstehen.« »Ja, aber was kann ich dazu beitragen?«, fragte Mila. »Er ist doch ein Jäger, oder nicht?«, erwiderte Goran leise, und seine Stimme strotzte förmlich vor Energie. »Dann zeig mir, wie er jagt.« Mila schlug den Block auf, den sie mitgenommen hatte. Goran hörte, wie sie ein paar Mal vor- und zurückblätterte, bevor sie ihm ihre Notizen zu den einzelnen Opfern vorlas: »Debby, zwölf Jahre alt. Aus dem Internat verschwunden. Ihre Klassenkameraden wollen sie noch beim Verlassen des Klassenzimmers nach dem Unterricht gesehen haben. Im Internat bemerkt man ihr Fehlen erst bei der abendlichen Zusammenkunft im Schlafsaal.« Goran nahm einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse und sagte: »Gut, und jetzt erzähl mir, was du über das zweite Opfer weißt.« »Anneke, zehn Jahre alt. Zunächst glaubten alle, sie hätte sich im Wald verirrt. Nummer drei hieß Sabine, sie war die jüngste: neun Jahre. Es passierte an einem Samstagabend, als sie mit ihren Eltern auf dem Rummelplatz war.« »Ja, das war das Kind, das er vom Karussellpferd geholt hat, sozusagen vor den Augen der Eltern. Ab da herrschte Alarm im ganzen Land. Man hat uns als Mordkommission eingeschaltet, und kurz darauf verschwand das vierte Mädchen.« »Melissa, die älteste von allen: dreizehn Jahre. Ihre Eltern hatten ihr verboten, abends das Haus zu verlassen. Aber an ihrem Geburtstag hat sie gegen die Ausgangssperre verstoßen, um mit ihren Freundinnen in einem Bowling-Center zu feiern.« »Alle bis auf Melissa trafen dort ein«, erinnerte sich Goran. »Caroline hat er aus ihrem eigenen Bett entführt, nachdem er sich in ihr Haus geschlichen hatte. Und dann kommt die Nummer sechs.« »Mit der beschäftigen wir uns später. Lass uns im Moment erst über die anderen fünf reden.« Goran empfand sich im Einklang mit der jungen Kollegin, etwas, was ihm schon lange nicht mehr passiert war. »Jetzt musst du mir helfen, Mila. Sag mir: Wie verhält sich unser Albert?« »Zuerst entführt er ein Mädchen, das weit weg von zu Hause in einem Internat ist und kaum Kontakt zu seinen Mitschülern hat. Er denkt, so merkt es niemand, wenn sie verschwindet, und er kann in aller Ruhe …« »Er kann in aller Ruhe was?« »Es ist ein Test. Er möchte prüfen, ob ihm sein Vorhaben gelingt – erst einmal ohne Zeitdruck, damit er sein Opfer in aller Ruhe verschwinden lassen und selbst untertauchen kann.« »Bei Anneke ist er sich seiner Sache bereits sicherer. Dennoch beschließt er, sie im Wald zu entführen, fernab von möglichen Zeugen. Und wie verfährt er mit Sabine?« »Er raubt sie vor den Augen aller: mitten auf dem Rummelplatz.« »Warum?«, drängte Goran weiter. »Aus demselben Grund, aus dem er später, als bereits Alarmstufe rot herrscht, Melissa entführt.« »Welcher Grund ist das?« »Er fühlt sich stark. Und sehr sicher.« »Gut«, sagte Goran. »Weiter … Erzähl mir jetzt noch mal ganz genau die Geschichte mit den Blutsschwestern.« »Das machen viele Kinder. Sie stechen sich mit einer Nadel in den Zeigefinger und pressen dann die Fingerkuppen aneinander, dabei sagen sie irgendeinen Reim oder Spruch auf.« »Wer sind die beiden Mädchen?« »Debby – und Nummer sechs.« »Warum wählt Albert ausgerechnet sie aus?«, fragte Goran nach. »Das ist doch absurd. Die Polizei ist in höchster Alarmbereitschaft, alles sucht Debby, und er scheut nicht davor zurück, umzukehren, um sich ihre beste Freundin zu schnappen! Warum geht er dieses Risiko ein? Warum?« Mila begriff, worauf Goran hinauswollte. »Ich glaube, es war für ihn eine Art Spiel, eine … Herausforderung«, sagte sie, und ihr war vollkommen klar, dass sie diese Einsicht Goran zu verdanken hatte. Sie hatte lediglich laut ausgesprochen, was er dachte. Goran hatte seinerseits das Gefühl, Milas letztes Wort habe in seinen Gedanken eine Tür aufgestoßen, die vorher blockiert gewesen war. Er erhob sich und ging in der Küche auf und ab. »Sprich weiter.« »Albert wollte uns etwas beweisen. Beispielsweise, dass er cleverer ist als wir.« »Der Schlaueste von allen. Es handelt sich also eindeutig um einen Egozentriker, jemanden, der unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet. Erzähl mir jetzt ein wenig von Nummer sechs.« Mila war irritiert. »Über die wissen wir nichts.« »Sprich trotzdem über sie. Versuch es wenigstens …« Mila steckte ihren Block wieder ein; jetzt musste sie improvisieren. »Gut, dann schauen wir mal … Sie ist ungefähr so alt wie Debby, weil sie Freundinnen waren. Also etwa zwölf. Das bestätigt auch der Barr-Test.« »Okay. Und weiter?« »Dem Gutachten des Rechtsmediziners zufolge kam sie auf andere Weise zu Tode.« »Nämlich? Hilf mir auf die Sprünge.« »Albert hat ihr den Arm abgetrennt wie den anderen. Nur, dass in ihrem Blut und Gewebe Spuren eines Medikamentencocktails gefunden wurden.« Goran ließ sich die Namen der Medikamente wiederholen, die Chang aufgezählt hatte. Mila las sie von ihrem Notizbuch ab. Antiarhythmika wie Disopyramide, ACE-Hemmer sowie der Betablocker Atenololo … Genau das war der Punkt, der ihn nicht überzeugte. »Das ist der Punkt, der mich nicht überzeugt«, sagte Mila, und Goran durchzuckte einen Moment lang der Verdacht, diese Frau könnte seine Gedanken lesen. »Chang sagte, Albert habe auf diese Weise den Blutdruck des Kindes gesenkt und seinen Pulsschlag verlangsamt«, meinte Mila. »Und er fügte hinzu, der Mörder habe das Verbluten hinausgezögert, um das Mädchen langsamer sterben zu lassen.« Das Verbluten hinauszögern. Sie langsamer sterben lassen. »Gut, lassen wir das mal einen Augenblick beiseite. Was kannst du mir über ihre Eltern erzählen?« »Welche Eltern?«, fragte Mila verständnislos. »Steck endlich deinen blöden Notizblock weg. Mir ist scheißegal, was da drin steht! Ich will hören, was du denkst, verdammt noch mal!« Mila erschrak über seine Reaktion und fragte sich, woher er von ihrem Notizblock wusste. Aber als sie sich wieder gefangen hatte, begannen ihre grauen Zellen zu arbeiten. »Die Eltern des sechsten Mädchens sind nicht wie die Übrigen zum DNA-Test gekommen. Mehr noch, wir wissen gar nicht, um wen es sich handelt, weil sie ihr Kind nicht als vermisst gemeldet haben.« »Warum nicht? Wissen sie womöglich noch gar nicht, dass es verschwunden ist?« »Das ist eher unwahrscheinlich.« Das Verbluten hinauszögern. »Vielleicht hat sie gar keine Eltern! Vielleicht war sie allein auf der Welt! Vielleicht schert sich keiner einen feuchten Dreck um sie!« Goran geriet zusehends in Rage. »Nein, sie hat bestimmt eine Familie. Sie ist wie alle anderen. Weißt du noch? Einzelkind, Mutter über vierzig, ein Ehepaar, das bewusst nicht mehr als ein Kind wollte. Das ist der Hintergrund, vor dem er seine Opfer auswählt, wobei es ihm nicht um die Mädchen selbst, sondern um ihre Familien geht – sie sind in Wirklichkeit seine Opfer. Weil sie nie wieder Kinder haben werden. Albert sucht sich die Familie aus, nicht das Mädchen. Das hast du gesagt.« »Ja, richtig«, erwiderte Goran. »Was weiter?« Mila dachte einen Augenblick nach. »Er fordert uns also heraus. Er will sich mit uns messen. Diese Geschichte mit den Blutsschwestern – das ist ein Rätsel. Ja, er gibt uns ein Rätsel auf, er will uns testen.« Sie langsamer sterben lassen. »Wenn es Eltern gibt, die wissen, dass ihr Kind verschwunden ist, warum gehen sie dann nicht zur Polizei und melden es als vermisst?«, hakte Goran nach, wobei er den Blick über den Fußboden seiner Küche schweifen ließ. Er hatte das Gefühl, dass sie ganz nah an etwas dran waren. »Weil sie Angst haben.« Milas Antwort erhellte alle dunklen Ecken des Zimmers. Und verursachte ihm ein Jucken im Nacken, eine Art Kribbeln … »Angst wovor?« Was Mila auf diese Frage erwiderte, war nur die logische Folge dessen, was sie zuvor gesagt hatte. Im Grunde hätte sie es gar nicht auszusprechen brauchen, dennoch war es beiden wichtig, dass der Gedanke in Form von Worten Gestalt annahm, damit er greifbar wurde und ihnen nicht noch einmal entkam. »Ihre Eltern haben Angst, dass Albert ihr wehtun könnte.« »Aber wie denn? Sie ist doch schon tot.« Das Verbluten hinauszögern. Sie langsamer sterben lassen. Goran blieb stehen und ging in die Knie. Mila dagegen sprang auf. »Er hat das Verbluten nicht hinausgezögert – er hat die Blutung gestoppt!« Sie waren im selben Moment darauf gekommen. »O mein Gott«, sagte sie. »Ja … Sie ist noch am Leben.« 11 Das Mädchen öffnet die Augen. Es holt tief Luft, als wäre es aus großer Wassertiefe emporgestiegen. Unsichtbare kleine Hände wollen es wieder nach unten ziehen, aber das Mädchen widersetzt sich ihnen mit aller Kraft, versucht, wach zu bleiben. Ein stechender Schmerz in der linken Schulter bringt sie vollends zu sich. Der Schmerz ist kaum auszuhalten, aber wenigstens kann sie wieder einigermaßen klar denken. Sie versucht sich zu erinnern, wo sie ist. Obwohl sie jede Orientierung verloren hat, weiß sie, dass sie auf dem Rücken liegt. Ihr ist schwindelig, und sie fühlt sich wie von einem Vorhang aus schwarzem Nebel umgeben. Bestimmt hat sie Fieber. Sie kann sich nicht rühren. Wie zerschmettert liegt sie am Boden. Nur zwei Wahrnehmungen durchdringen den Nebel ihres Dämmerzustandes. Der Geruch nach feuchtem Stein, ähnlich dem Geruch in einer Höhle, und ein monotones, nervtötendes Tropfgeräusch. Was ist passiert? Langsam kehren die Erinnerungen wieder, eine nach der anderen tauchen sie aus dem Dunkel auf. Und mit den Erinnerungen kommen die Tränen. Heiß rollen sie über ihre Wangen und benetzen die ausgetrockneten Lippen. Dabei merkt sie, dass sie Durst hat. Sie wollte dieses Wochenende an den See fahren. Mit ihrem Vater und ihrer Mutter. Seit Tagen hatte sie an nichts anderes gedacht als an diesen Ausflug, bei dem der Vater ihr das Angeln beibringen wollte. Sie hatte im Garten Würmer gesammelt und in ein Glas mit Schraubverschluss getan. Die Tiere hatten sich gekrümmt, sie waren lebendig gewesen. Aber sie hatte nicht darauf geachtet. Oder, besser gesagt, es war ihr gleichgültig gewesen. Würmer hatten schließlich keine Gefühle. Deshalb hatte sie sich auch nicht gefragt, was diese Kreaturen in ihrem Gefängnis aus Glas empfanden. Jetzt hingegen fragt sie es sich. Weil sie sich jetzt genau so fühlt wie diese Würmer. Sie hat Mitleid mit ihnen, Mitleid mit sich selbst. Und sie schämt sich dafür, böse gewesen zu sein. Hoffentlich, hoffentlich ist der Mensch, der sie aus ihrem Leben gerissen und mitgenommen hat, wer auch immer er sein mag, hoffentlich ist er besser als sie. An viel kann sie sich nicht erinnern. Sie war früh aufgestanden, um zur Schule zu gehen, sogar noch etwas früher als sonst, denn es war Donnerstag, und donnerstags konnte ihr Vater sie nicht begleiten. Als Vertreter von Friseurartikeln hatte er an diesem Tag immer besonders viel zu tun. Weil nämlich seine Kunden, also die Friseure, zum Wochenende hin besonders großen Zulauf haben und deshalb besonders viel Shampoo und Haarspray benötigen, auch Kosmetika, die er ebenfalls verkaufte. Sie musste also an diesem Tag immer allein zur Schule gehen. Das tat sie schon, seit sie neun Jahre alt war. Sie erinnerte sich noch daran, wie ihr Vater sie das erste Mal die kurze Wegstrecke zur Bushaltestelle begleitet hatte. Sie hatte seine Hand gehalten und aufmerksam seinen Ermahnungen gelauscht: Schau nach rechts und links, bevor du die Straße überquerst, trödle nicht, der Busfahrer wartet nicht auf dich, und lass dich nicht von Unbekannten ansprechen, weil das gefährlich sein kann. Mit der Zeit waren ihr die Ermahnungen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie kaum noch die mahnende Stimme ihres Vaters hörte, wenn sie zum Bus ging. An diesem Morgen war sie besonders fröhlich aufgewacht. Nicht nur wegen des baldigen Ausflugs an den See, es gab auch noch einen anderen Grund. Das Pflaster um ihren Zeigefinger. Im Bad hatte sie mit heißem Wasser eine Ecke abgelöst und mit einer Mischung aus Stolz und Schmerz ihre Fingerkuppe betrachtet. Sie hatte jetzt eine Blutsfreundin. Obwohl sie es kaum erwarten konnte, sie wiederzusehen, würde sie sich bis zum Abend gedulden müssen. Sie gingen nämlich nicht auf dieselbe Schule. Dann aber würden sie sich am üblichen Ort treffen und die neuesten Neuigkeiten austauschen, von denen es bestimmt viele gab, da sie sich ein paar Tage lang nicht mehr gesehen hatten. Danach würden sie Pläne schmieden, und bevor sie sich wieder trennten, ihren feierlichen Freundschaftsschwur erneuern. Ja, das würde ein schöner Tag werden. Nach dem Aufstehen hatte sie rasch ihren Schulranzen gepackt. Das Algebrabuch zuerst – Mathe war ihr Lieblingsfach, und entsprechend gut waren ihre Noten. Danach zog sie aus einer Schrankschublade ihren Turnanzug heraus, denn um elf Uhr hatten sie Sport. Gymnastikschuhe und Frotteesocken wurden in einer Papiertüte verstaut. Während sie das Bett machte, rief ihre Mutter schon zum Frühstück. Dafür blieb nie viel Zeit. Auch an diesem Morgen nicht. Ihr Vater, der gewöhnlich nur eine Tasse Kaffee trank, stand an den Küchenschrank gelehnt und las die Zeitung. Ihre Mutter hing bereits am Telefon, plapperte mit irgendeiner Kollegin und servierte ihr das weich gekochte Ei, ohne ihr Gespräch zu unterbrechen. Houdini lag eingerollt in seinem Körbchen und hatte sie noch keines Blickes gewürdigt, seit sie heruntergekommen war. Ihr Großvater behauptete, der Kater leide wie er an zu niedrigem Blutdruck und habe es deshalb am Morgen etwas schwer, in die Gänge zu kommen. Aber ihr war die Gleichgültigkeit des Tieres schon lange egal. Sie hatten irgendwann ein stillschweigendes Abkommen geschlossen, und seither respektierte jeder das Hoheitsgebiet des anderen, und damit hatte sich die Sache. Nach dem Frühstück stellte sie ihren Teller in die Spüle und drehte eine Runde durch die Küche, um sich bei ihrer Mutter und ihrem Vater ein Küsschen abzuholen. Dann ging sie aus dem Haus. Im Wind konnte sie noch den feuchten Kaffeeabdruck fühlen, den die Lippen ihres Vaters auf ihrer Wange hinterlassen hatten. Es war ein klarer Morgen. Die wenigen Wolken, die den Himmel hier und da trübten, hatten nichts Bedrohliches. Laut Wetterbericht würde es das ganze Wochenende schön bleiben. »Ausgezeichnetes Wetter für einen Angelausflug«, hatte ihr Vater gesagt. Und mit diesem Versprechen im Herzen war sie den Gehweg zur Bushaltestelle entlanggegangen. Bis dorthin waren es dreihundertneunundzwanzig Schritte. Sie hatte sie gezählt. Mit den Jahren waren es immer weniger geworden, ein Zeichen dafür, dass sie wuchs. Ab und an zählte sie nach. Wie an diesem Morgen. Als sie gerade den dreihundertelften Schritt tun wollte, rief jemand sie von hinten. Sie würde diese Zahl nie wieder vergessen. Die dreihundertelf markierte exakt den Moment, in dem ihr Leben wie ein blühender Zweig brach. Sie drehte sich um und sah ihn. Der lächelnde Mann, der da auf sie zukam, war ihr unbekannt, sie hatte sein Gesicht noch nie gesehen. Doch er hatte sie beim Namen gerufen, und deshalb dachte sie: Wenn er mich kennt, kann er nicht gefährlich sein. Während er auf sie zukam, überlegte sie, wer er war. Seine Haare … die waren irgendwie komisch. Sie erinnerten sie an eine Puppe, die sie als kleines Kind gehabt hatte. Sie wirkten unecht. Als sie begriff, dass der Mann eine Perücke trug, war es bereits zu spät. Den am Straßenrand geparkten weißen Lieferwagen hatte sie gar nicht gesehen. Der Mann packte sie, riss gleichzeitig die Wagentür auf und drängte sie ins Fahrzeuginnere. Sie versuchte zu schreien, aber er hielt ihr den Mund zu. Während er ihr ein feuchtes Taschentuch aufs Gesicht presste, rutschte ihm die Perücke vom Kopf. Sie schluchzte entsetzt, schwarze Pünktchen und rote Flecken tanzten vor ihren Augen, und die Welt verlor jede Farbe. Und dann wurde es um sie herum dunkel. Wer ist dieser Mann? Was will er von ihr? Warum hat er sie hierhergebracht? Wo befindet sie sich überhaupt? Frage um Frage stürmt auf sie ein und bleibt ohne Antwort. Die Bilder ihres letzten Morgens als glückliches Mädchen verblassen. Sie ist jetzt wieder in dieser Höhle, dem feuchten Bauch des Ungeheuers, das sie verschluckt hat. Aber wenigstens kehrt das tröstliche Gefühl der Benommenheit zurück. »Wenn ich bloß aufhören könnte zu denken«, sagt sie sich, schließt die Augen und taucht erneut ein in das Meer aus Schatten, die sie umgeben. Dabei merkt sie nicht, dass einer dieser Schatten sie beobachtet. 12 Die ganze Nacht über war dichter Schnee gefallen und hatte sich wie Schweigen über die Welt gelegt. Nur ein kühler Wind strich durch die Straßen. Während der sehnlich erwartete Wintereinbruch nahezu alles verlangsamte, wurde bei der Mordkommission auf Hochtouren gearbeitet. Endlich gab es ein Ziel. Und die Möglichkeit, das Böse, das geschehen war, wenigstens teilweise wiedergutzumachen. Es galt, das sechste Mädchen zu finden, es zu retten. Und damit zugleich den eigenen Kopf zu retten. Nur Goran versetzte dem Enthusiasmus der anderen einen Dämpfer, indem er immer wieder den Satz »Vorausgesetzt, sie ist noch am Leben« einstreute. Nach Milas und Gorans aufsehenerregender Erkenntnis war Roche zu Chang geeilt und hatte ihn zur Schnecke gemacht, weil er nicht früher darauf gekommen war. Der Hauptkommissar hatte die Presse noch immer nicht über die Entführung eines sechsten Mädchens unterrichtet, doch er ahnte, was auf ihn zukam, sobald er die Sache bekannt gab. Deshalb legte er sich schon jetzt ein Alibi zurecht, und Chang musste als Sündenbock herhalten. Abgesehen davon hatte Roche inzwischen ein Team von Ärzten unterschiedlicher Fachrichtungen einberufen. Sie sollten ihm eine einzige, grundlegende Frage beantworten: »Wie lange kann das Mädchen in diesem Zustand überleben?« Die Antwort war nicht einheitlich ausgefallen. Die Optimisten gaben dem Kind bei entsprechender medikamentöser Behandlung, und sofern keine Infektion auftrat, eine Überlebenschance von zehn bis zwanzig Tagen. Die Pessimisten gingen davon aus, dass die Lebenserwartung nach einer solchen Amputation selbst bei einem sehr jungen Menschen mit jeder Stunde abnahm, ja, sie hielten es für sehr wahrscheinlich, dass die Kleine bereits gestorben war. Damit konnte Roche nicht viel anfangen, und so beschloss er, in der Öffentlichkeit weiterhin Alexander Bermann als Hauptverdächtigen zu präsentieren. Goran für seinen Teil war inzwischen felsenfest davon überzeugt, dass der Handelsvertreter nichts mit dem Verschwinden der Mädchen zu tun hatte. Dennoch würde er der offiziellen Version des Chefs nicht widersprechen. Hier ging es weniger um die Wahrheit, als darum, eine Riesenblamage zu vermeiden. Roche konnte seine bisherigen Aussagen über Bermann nicht widerrufen, ohne sich selbst, vor allem aber die Glaubwürdigkeit ihrer Ermittlungsmethoden infrage zu stellen. Trotz allem musste man davon ausgehen, dass Bermann kein Mörder war. Goran nahm an, dass er vom eigentlichen Täter bewusst »ausgewählt« und für seine Zwecke eingespannt worden war. Und plötzlich stand Albert wieder im Mittelpunkt des Interesses. »Albert wusste, dass Bermann ein Pädophiler war«, sagte Goran, als sie sich auf dem Kommissariat versammelt hatten. »Wir haben ihn einen Moment lang unterschätzt.« Das Täterprofil war um eine Facette reicher geworden. Ein neues Verdachtsmoment war hinzugekommen. Zum ersten Mal waren sie stutzig geworden, als Chang die Verletzungen an den ausgegrabenen Armen beschrieben und die Präzision, mit der sie abgetrennt worden waren, als »chirurgisch« bezeichnet hatte. Auch die Tatsache, dass der Mörder dem sechsten Opfer blutdrucksenkende Mittel verabreicht hatte, deutete darauf hin, dass der Mann medizinisch bewandert war. Und wenn er das Kind jetzt gar künstlich am Leben erhielt, wie sie vermuteten, musste er einiges von Reanimation und Intensivtherapie verstehen. »Vielleicht ein Arzt oder jemand, der früher mal als Arzt tätig war«, überlegte Goran. »Ich werde die Mitgliederverzeichnisse der Ärztekammern überprüfen«, erwiderte Stern beflissen. »Vielleicht ist er ja irgendwo rausgeflogen.« Das war ein guter Anfang. »Woher nimmt er die Medikamente, um das Kind am Leben zu erhalten?« »Ausgezeichnete Frage, Boris. Wir müssen bei sämtlichen Krankenhaus- und Privatapotheken nachfragen, wer in letzter Zeit solche Medikamente gekauft hat.« »Nicht nur in letzter Zeit«, warf Rosa ein. »Vielleicht hat er sich schon vor Monaten einen Vorrat angelegt.« »Gut möglich. Er wird vor allem Antibiotika benötigen, um einer Infektion vorzubeugen. Was noch?«, fragte Goran, aber niemand reagierte mehr. Jetzt ging es nur noch darum, das kleine Mädchen zu finden – tot oder lebendig. Alle im Raum blickten auf Mila. Das war ihr Spezialgebiet. »Wir müssen versuchen, Kontakt zur Familie des Kindes aufzunehmen. Das ist im Augenblick das Wichtigste.« Die Anwesenden sahen einander an, dann fragte Stern: »Warum? Momentan sind wir Albert gegenüber im Vorteil: Er weiß noch nicht, dass wir wissen …« »Das meinst du!«, unterbrach ihn Mila. »Ich meine, dass ein Mensch, der in der Lage war, sich all das auszudenken, längst weiß, wie weit wir mit unseren Ermittlungen sind und was wir als Nächstes unternehmen werden.« Goran nickte bekräftigend. »Wenn es stimmt, was die Kollegin und ich vermuten, hält Albert das Mädchen für uns am Leben.« »Für ihn ist das Ganze ein Spiel«, sagte Mila. »Er ist der Spielleiter, das Kind ist der Preis. Und der Klügere gewinnt.« »Dann wird er es also nicht töten?«, fragte Boris. »Er nicht. Wir werden es töten.« Diese Feststellung war schwer zu verdauen, aber sie war die Quintessenz der mörderischen Herausforderung. »Wenn wir zu lange brauchen, um sie zu finden, wird die Kleine sterben. Wenn wir ihn auf irgendeine Weise irritieren, wird die Kleine sterben. Wenn wir gegen die Regeln verstoßen, wird die Kleine sterben.« »Die Regeln? Welche Regeln?«, fragte nun Rosa sichtlich nervös. »Die Regeln, die er aufgestellt hat und die wir leider nicht kennen. Ihr müsst euch eins vor Augen halten: Alberts perverse Gedankengänge sind nur für uns unverständlich – für ihn selbst sind sie völlig klar. Und genau aus diesem Grund kann alles, was wir tun, jede einzelne unserer Handlungen, von ihm als Regelverstoß interpretiert werden.« Stern nickte nachdenklich. »Den direkten Kontakt zur Familie des sechsten Kindes zu suchen, würde also bedeuten, sich in gewisser Weise auf sein Spiel einzulassen.« »Ja.« Mila nickte. »Das ist der Schritt, den Albert jetzt von uns erwartet. Mit dem er rechnet. Aber er ist auch überzeugt, dass uns die Kontaktaufnahme nicht gelingen wird, weil die Eltern des Mädchens viel zu viel Angst haben, an die Öffentlichkeit zu treten. Andernfalls hätten sie es ja längst getan. Er möchte uns beweisen, dass seine Überzeugungskraft stärker ist als alles, was wir versuchen werden. Und in den Augen der Eltern möchte er, so paradox es klingt, als der Held dieser Geschichte dastehen. Es ist, als würde er zu ihnen sagen: ›Nur ich bin in der Lage, euer Kind zu retten, vertraut keinem außer mir.‹ Merkt ihr, was für einen ungeheuren psychologischen Druck dieser Mann auszuüben imstande ist? Wenn wir die Eltern aber dazu bringen, Kontakt mit uns aufzunehmen, dann geht dieser Punkt an uns.« »Das ist mir zu riskant«, protestierte Rosa. »Was, wenn wir ihn reizen?« »Dieses Risiko müssen wir eingehen. Ich glaube jedoch nicht, dass er dem Mädchen nur deshalb etwas antut. Vielleicht bestraft er uns, kürzt uns die Zeit. Aber das Kind tötet er nicht – nicht, bevor er uns sein vollendetes Werk präsentiert hat.« Goran fand es bewundernswert, wie schnell sich Mila in die aktiven Ermittlungen eingeschaltet hatte und mit welcher Präzision sie die nötigen Vorgehensweisen aufzuzeigen vermochte. Inzwischen hörten ihr die anderen Kollegen immerhin zu. Endgültig akzeptiert war sie deshalb noch lange nicht. Das Team hatte sie von Anfang an als Fremdkörper empfunden, als überflüssigen Störfaktor. Und daran würde sich so schnell nichts ändern. Roche für seinen Teil befand, dass er genug gehört hatte. Es war an der Zeit, ein Machtwort zu sprechen: »Wir machen es, wie die Kollegin Vasquez vorgeschlagen hat: Wir verbreiten die Nachricht von der Entführung des sechsten Mädchens und wenden uns zugleich öffentlich an seine Familie. Himmel noch mal! Zeigen wir dem Monster endlich, wer wir sind! Ich habe es satt, immer nur dazusitzen und das nächste Ereignis abzuwarten. Am Ende glaubt dieser Kerl noch, er hätte wirklich die Zügel in der Hand!« Einige wunderten sich über die neuerliche Kehrtwende des Hauptkommissars. Nicht so Goran. Ihm war klar, dass Roche im Grunde nichts anderes tat, als ihren Serienmörder, wenn auch unbewusst, zu kopieren. Genau wie dieser vertauschte er ganz einfach die Rollen: Sollte das Kind nicht gefunden werden, lag die Schuld nicht bei der Polizei, sondern ganz allein bei den Eltern, die sich weigerten, mit den Ermittlern zu kooperieren. Allerdings steckte auch ein Körnchen Wahrheit in seinen Worten: Es war wirklich an der Zeit, den Ereignissen zuvorzukommen. »Was die Quacksalber meinen, wisst ihr ja, oder? Dem sechsten Mädchen bleiben höchstens zehn Tage!« Roche sah die Mitglieder der Mordkommission nacheinander an und verkündete mit ernster Stimme: »Mein Entschluss steht fest: Der Fall wird neu aufgerollt.« In den Fernsehnachrichten erschien an diesem Abend, als alle Welt bei Tisch saß, das Gesicht eines bekannten Schauspielers. Man hatte ihn ausgesucht, um den Appell an die Eltern des sechsten Mädchens zu verlesen. Er war sehr beliebt und würde die Sache mit der richtigen Dosis Sentimentalität rüberbringen. So, dass sie den Leuten ans Herz ging. Die Idee stammte natürlich von Roche, aber Mila war in diesem Fall einverstanden gewesen: Sie würde mehr als einen Trittbrettfahrer davon abhalten, die am Bildrand eingeblendete Nummer zu wählen. Ungefähr zu der Zeit, als die Fernsehzuschauer mit einer Mischung aus Hoffnung und Entsetzen von der Entführung eines sechsten Mädchens erfuhren, das wahrscheinlich noch am Leben war, bezog die Mordkommission das sogenannte Studio. Das Apartment befand sich im vierten Stock eines anonymen Gebäudes unmittelbar hinter der Zentrale. Hier waren die Verwaltungsbüros der Polizei untergebracht sowie die mittlerweile veralteten Archive, deren Daten noch nicht digitalisiert und in die modernen Datenbanken übertragen worden waren. Früher hatte das Studio zu den Sicherheitsunterkünften des Zeugenschutzprogramms gehört. Es lag, zwischen zwei Wohnungen eingekeilt, im Hausinnern und hatte deshalb keine Fenster. Die Eingangstür stellte die einzige Verbindung zur Außenwelt dar, und die Klimaanlage lief den ganzen Tag. Abgesehen von den extra dicken Wänden gab es verschiedene Sicherheitssysteme, die allerdings außer Betrieb waren, seit die Wohnung nicht mehr ihrem ursprünglichen Zweck diente. Lediglich die schwere Panzertür war geblieben. Goran hatte die Bereitstellung solcher Räumlichkeiten zur Bedingung für seinen Beitritt zur Mordkommission gemacht. Für ihn war es wichtig, dass man Seite an Seite lebte, wenn man gemeinsam an einem Fall arbeitete, denn auf diese Weise konnten die Ideen frei zirkulieren und sofort von den anderen aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Das sparte Zeit. Außerdem förderte das obligatorische Zusammenleben den Einklang unter den Kollegen, und irgendwann war es, als dächten alle mit ein und demselben Gehirn. Goran gab offen zu, sich bei der Gestaltung des Arbeitsbereichs an der New Economy zu orientieren, und das hieß: gemeinschaftlich genutzte Räume und eine horizontale anstelle jener vertikalen Hierarchie, die bei der Polizei vorherrschte und die mit ihren vielen Dienstgraden oft zu Kompetenzstreitigkeiten und Konkurrenzkämpfen führte. Im Studio wurden Differenzen rasch überwunden und Lösungen gemeinsam entwickelt, die Meinung eines jeden war gefragt, wurde angehört und respektiert. Als Mila das Apartment zum ersten Mal betrat, dachte sie sofort: Das ist der Ort, an dem man Serienmörder fängt. Nicht draußen, in der wirklichen Welt, sondern hier, innerhalb dieser vier Wände. Es ging ja nicht nur darum, einen Täter zu jagen. Es ging vor allem darum, die perverse Sichtweise eines kranken Hirns zu verstehen, sprich, hinter das geheime Muster zu kommen, das dieser Serie von scheinbar unbegreiflichen Gewaltverbrechen zugrunde lag. Und das gelang ihnen hier, wo sie völlig abgeschottet waren, mit Sicherheit besser als sonst irgendwo. Noch während Mila den Fuß über die Schwelle des Studios setzte, wurde ihr klar, dass mit diesem Schritt eine neue Phase der Ermittlungen begann. Stern hatte eine kunstlederne Reisetasche in der Hand, die ihm vermutlich seine Frau gepackt hatte, und ging den anderen voraus. Boris folgte ihm mit seinem Rucksack, dann kam Rosa und zuletzt Mila. Unmittelbar hinter der Wohnungstür befand sich eine Panzerglaskabine, in der früher das Wachpersonal untergebracht gewesen war. Mila sah die schwarzen Bildschirme des Videoüberwachungssystems, ein paar Drehstühle und einen leeren Waffenständer. Eine zweite Sicherheitstür, die elektrisch bedient werden konnte, trennte den Flur vom Rest der Wohnung. Vormals war sie vermutlich von den Wachbeamten per Knopfdruck geöffnet worden, doch jetzt stand sie sperrangelweit offen. Es roch nach abgestandener Luft, Schimmel und kaltem Rauch. Die Ventilatoren der Klimaanlage surrten ohne Unterlass. Mila würde sich Ohrstöpsel besorgen müssen, um schlafen zu können. Ein langer Korridor unterteilte das Apartment in zwei Hälften. An den Wänden hingen Blätter und Fotos eines früheren Falls. Das Gesicht einer hübschen jungen Frau. Aus den Blicken, die ihre Kollegen wechselten, schloss Mila, dass der Fall schlecht ausgegangen war und dass sie seither nicht mehr hier gewesen waren. Keiner sprach, niemand erklärte ihr irgendetwas. Nur Boris brummte: »Verflucht noch mal, sie hätten wenigstens ihr Foto von der Wand nehmen können!« Die Einrichtung der Zimmer bestand aus alten Büromöbeln, die man mit viel Phantasie zu Schränken und Kommoden umfunktioniert hatte. In der Küche wurde an einem Schreibtisch gegessen. Der Kühlschrank war noch eines von jenen Uraltmodellen, die der Ozonschicht schadeten. Irgendwer hatte sich die Mühe gemacht, ihn abzutauen, und auch die Tür offen stehen gelassen, es jedoch versäumt, die mittlerweile sporigen Überreste eines chinesischen Gerichts zu entfernen. Der Gemeinschaftsraum war mit zwei Sofas, einem Fernseher und einem Arbeitsplatz ausgestattet, an dem man Notebooks und Zubehör anschließen konnte. In einer Ecke befand sich eine Kaffeemaschine, über den ganzen Raum waren dreckige Aschenbecher und Abfälle aller Art verteilt, vor allem Pappbecher einer Fast-Food-Kette. Es gab nur ein Bad, und das war klein und stank. Neben der Dusche hatte jemand einen alten Karteikasten abgestellt, auf dem angebrochene Flaschen Shampoo und Flüssigseife standen. Eine Packung mit fünf Rollen Toilettenpapier gehörte ebenfalls zum Inventar. Zwei Räume mit geschlossenen Türen waren, wie Mila erfuhr, für Zeugenvernehmungen vorgesehen. Am Ende des Korridors befand sich der Schlafsaal. Drei Stockbetten, zwei Pritschen und ein Stuhl pro Bett, auf dem man den Koffer und andere persönliche Gegenstände abstellen konnte. Bei der Belegung der Betten ließ Mila den anderen den Vortritt, da sie ja nicht zum ersten Mal hier schliefen und sich sicher schon an ein bestimmtes Bett gewöhnt hatten. Sie würde das nehmen, das übrig blieb. Am Ende fiel ihr eine der beiden Pritschen zu, und sie war froh, dass sie sich nicht direkt neben Rosas Schlafstatt befand. Boris entschied sich als Einziger für eins der oberen Etagenbetten. »Stern schnarcht«, raunte er Mila im Vorbeigehen zu. Sein belustigter Ton und das Grinsen, das die freche Bemerkung begleitete, zeigten ihr, dass seine Wut inzwischen verraucht war. Umso besser. Das würde ihnen das Zusammenleben erleichtern. Es war nicht das erste Mal, dass sie mit Kollegen dieselben Räumlichkeiten teilte, aber besonders wohl war ihr dabei nie gewesen, auch dann nicht, wenn es sich nur um Frauen handelte. Während die anderen für gewöhnlich locker und kameradschaftlich miteinander umgingen, brachte sie es selten fertig, aus sich herauszugehen, und stand immer etwas abseits. Anfänglich hatte sie darunter gelitten, mittlerweile hatte sie sich daran gewöhnt. Auf der zweiten Pritsche lagen bereits die Sachen von Goran, der sie im Gemeinschaftsraum erwartete, dem Zimmer, das Boris die »Denkwerkstatt« getauft hatte. Sie betraten den Raum schweigend und trafen den Kriminologen vor einer Tafel stehend an, auf die er gerade den Stichpunkt »Kenner von Wiederbelebungstechniken und Intensivtherapie: vermutlich Arzt«, schrieb. An den Wänden hingen die Porträts der fünf Mädchen, die Bilder vom Gräberfeld der Arme und von Bermanns Wagen sowie Fotokopien sämtlicher Berichte, die es zu dem Fall gab. In einer Schachtel, die neben der Tür stand, sah Mila das Foto der hübschen, jungen Frau liegen: Goran musste es von der Wand abgenommen haben, um die neuen Bilder anbringen zu können. In der Mitte des Zimmers standen fünf Stühle im Kreis: die Denkwerkstatt. Goran bemerkte den kritischen Blick, mit dem Mila die spärliche Einrichtung maß, und lieferte ihr umgehend eine Erklärung: »In diesem Raum schauen wir aufs Wesentliche. Wir konzentrieren uns auf das, was vor uns liegt. Aus dem Grund habe ich alles so angeordnet, wie du es hier siehst, ich habe da meine eigene Methode, aber wenn euch etwas nicht gefällt, könnt ihr es gerne verändern. In diesem Zimmer darf jeder tun, was ihm in den Sinn kommt. Die Stühle sind ein kleines Zugeständnis an die Bequemlichkeit, aber Kaffee- und Toilettenpause sind Belohnungen, die wir uns erst verdienen müssen.« »Perfekt«, nickte Mila. »Und was machen wir jetzt?« Goran klatschte einmal in die Hände und deutete auf die Tafel. »Wir müssen versuchen, Alberts Persönlichkeit zu verstehen. Jedes neue Detail, auf das wir in diesem Zusammenhang stoßen, schreiben wir an die Tafel. Du hast sicher schon mal gehört, dass man in die Gedankenwelt eines Serienmörders eindringen und so denken soll, wie er denkt, oder?« »Ja, klar.« »Gut, dann vergiss es. Das ist alles Quatsch. Das geht gar nicht. Unser Albert beispielsweise ist zutiefst von seinem Handeln überzeugt. Er glaubt, dass er zu Recht so handelt, und dieser Glaube ist das Ergebnis eines langwierigen Prozesses. Dahinter stecken Jahre voller Erfahrungen, Traumata und Phantasien. Diesen Prozess kann man nicht mal eben so nachvollziehen. Alberts Psyche ist ein hoch kompliziertes System. Alles, was wir tun können, ist, der Spur zu folgen, die er hinterlässt, in der Hoffnung, dass sie uns zu ihm führt.« Mila warf ein, dass diese Spur mit Bermann abgebrochen sei, denn seither war der Killer nicht mehr in Erscheinung getreten. »Keine Sorge, früher oder später beschert er uns die nächste Leiche«, entgegnete Stern. »Ganz deiner Meinung. Aber im Moment fehlt noch etwas, meinst du nicht?«, sagte Goran. »Was?« Boris und auch die anderen begriffen nicht recht, worauf der Kriminologe hinauswollte. Aber Goran war kein Freund simpler und direkter Antworten. Er ließ die Kollegen lieber von selbst darauf kommen und gab lediglich den einen oder anderen Denkanstoß. »Serienmörder bewegen sich in einer Welt von Symbolen, und sie folgen dabei einem geheimen Pfad, der zunächst nur in ihren Gedanken existiert, den sie aber irgendwann nach außen, also in die Wirklichkeit, verlagern. Ich denke, für unseren Albert sind die Mädchen, die er entführt, lediglich ein Mittel, um seinem Ziel näher zu kommen.« »Manche nennen es die Suche nach dem Glück«, meinte Mila. Goran sah sie an. »Genau. Albert sucht nach Erfüllung, nach einer Form der Anerkennung – nicht nur für das, was er tut, sondern vor allem für das, was er ist. Seine Natur, seine Triebe, geben ihm die Richtung vor, und er widersetzt sich ihnen nicht, er lässt sich von ihnen leiten. Darüber hinaus versucht er aber auch, uns mit dem, was er tut, etwas mitzuteilen.« »Nur was? Wir haben keinerlei Anhaltspunkt …« Rosa sprach es aus: »An der Leiche des ersten Mädchens hat er keine Spuren hinterlassen, so viel ist klar.« »Gute Feststellung«, pflichtete Goran ihr bei. »In der Fachliteratur – und übrigens auch in Kinofilmen – werden Serienmörder immer als Täter dargestellt, die absichtlich Spuren oder Hinweise hinterlassen, geradeso, als wollten sie die Ermittler auf ihre Fährte locken. Albert hat das nicht getan.« »Oder wir haben es nicht bemerkt.« »Ja, weil wir nicht in der Lage sind, seine Hinweise als solche zu erkennen«, bestätigte Goran. »Wahrscheinlich kennen wir ihn noch nicht gut genug. Und deshalb sollten wir jetzt erst einmal die Stadien rekonstruieren.« Mit Stadien meinte er die verschiedenen Phasen, die ein Serienmörder auf seinem »Werdegang« durchläuft. Denn niemand kommt als Serienmörder auf die Welt. Die Persönlichkeit des Täters »reift« vielmehr im Lauf der Jahre heran, was über eine Anhäufung negativer Erfahrungen und Stimuli geschieht. Die kriminologische Forschung geht von insgesamt fünf Entwicklungsphasen aus, die sich am Modus Operandi des Täters ablesen lassen. Bei der ersten Phase handelt es sich um das Stadium der Phantasie: »Bevor ein Serienmörder das Objekt seines Verlangens in der Wirklichkeit sucht, existiert es lange Zeit nur in seiner Phantasie«, sagte Goran. »Wir wissen, dass seine Psyche mitunter jahrelang unter dem Einfluss enormer Reize und Spannungszustände steht, ohne dass etwas passiert. Erst wenn er dem inneren Druck nicht mehr standhält, kommt es zur Tat. Und dann gibt sein inneres Erleben, seine Einbildung, dem realen Leben nach. Ab diesem Moment beginnt der Serienmörder, die Wirklichkeit seiner Phantasie anzugleichen, anstatt umgekehrt.« »Wie sieht die Phantasie unseres Albert aus?«, fragte Stern und schob sich eine Pfefferminzpastille in den Mund. »Was reizt ihn?« »Ihn reizt das Spiel, die Herausforderung«, erwiderte Mila. »Möglich, dass er lange unterschätzt wurde oder sich unterschätzt gefühlt hat. Jetzt möchte er zeigen, dass er es besser kann als die anderen – und besser als wir.« »Und das nicht nur in der Phantasie«, erklärte Goran. »Albert hat die Anfangsphase überwunden und die nächste Stufe erreicht. Er plant jetzt jeden Schachzug bis ins kleinste Detail. Ja, er sieht sogar unsere Reaktionen voraus. Die Kontrolle liegt bei ihm. Und genau das will er uns mitteilen: er kennt sich selbst, und er kennt uns.« Organisation und Planung waren Goran zufolge die beiden Elemente, die das zweite Stadium kennzeichnen. Am Anfang des zweiten Stadiums steht zwangsweise die Wahl des Opfers. »Wir wissen bereits, dass er nicht die Mädchen, sondern die Familien aussucht. Er hat es auf die Eltern abgesehen – Väter und Mütter, die nur ein Kind wollten. Er möchte sie für ihren Egoismus bestrafen … Eine Symbolisierung der Opfer ist bislang nicht zu erkennen. Die Mädchen ähneln einander nicht, weder im Alter noch im Aussehen. Es gibt nicht ein Merkmal, das sie verbinden würde, wie etwa blonde Haare oder Sommersprossen.« »Und weil er es eigentlich auf die Eltern abgesehen hat, vergeht er sich auch nicht an den Kindern«, sagte Boris. »Sexuell interessieren sie ihn nicht.« »Warum tötet er dann nur Mädchen und keine Jungen?«, fragte Mila. Auf diese Frage wusste keiner von ihnen eine Antwort. Goran nickte nachdenklich. »Das habe ich mich auch schon gefragt«, sagte er. »Das Problem ist, dass wir den Ursprung seiner Phantasien nicht kennen. Oft ist die Erklärung einfacher, als man denkt. So könnte er zum Beispiel in der Schule mal von einem Mädchen gedemütigt worden sein, wer weiß? Die Antwort wäre bestimmt interessant. Aber wir kennen sie nicht, und deshalb müssen wir uns mit den Informationen begnügen, über die wir verfügen.« Mila ärgerte sich über die Art, wie Goran ihre Bemerkung abtat, obwohl sie wusste, dass er es nicht persönlich meinte. Irgendwie hatte sie das Gefühl, es störe ihn, nicht für alles eine Antwort parat zu haben. Das dritte Stadium war das der Täuschung: »Wie hat Albert seine Opfer geködert? Welche Tricks hat er angewandt, um die Kinder zu entführen?«, fragte Goran in die Runde. »Debby hat er sich außerhalb des Internats geschnappt, Anneke mitten im Wald, wo sie allein mit dem Mountainbike unterwegs war. Sabine dagegen hat er vor den Augen unzähliger Menschen von einem Karussellpferd heruntergeholt«, antwortete Stern. »Wahrscheinlich hatte jeder nur sein eigenes Kind im Auge«, meinte Rosa spitz. »Niemand kümmert sich um die anderen, das ist die Realität.« »Jedenfalls hat er es in aller Öffentlichkeit getan, ungeniert. Verdammt durchtrieben, das Schwein!« Goran bedeutete Stern, sich am Riemen zu reißen. Dass Albert die ganze Welt zum Narren hielt, ärgerte auch ihn, aber die Wut darüber durfte nicht zum beherrschenden Thema werden. »Die ersten beiden Opfer hat er also noch in aller Heimlichkeit entführt, an entlegenen Orten. Das war sozusagen die Generalprobe. Und als er sich sicher genug fühlte, hat er Sabine geschnappt.« »Mit ihr hat er das Niveau der Herausforderung noch einmal gesteigert.« »Ich weiß nicht … Vergiss nicht, Stern, dass ihn zu diesem Zeitpunkt noch niemand gesucht hat. Erst nach Sabines Entführung brachte man die verschiedenen Fälle vermisster Kinder miteinander in Verbindung, und ab da ging dann die Angst um.« »Schon, aber das ändert nichts an der Tatsache, dass er Sabine, wenn nicht vor aller Augen, so doch vor den Augen ihrer Eltern geraubt hat. Sie war plötzlich verschwunden – wie weggezaubert. Abgesehen davon bin ich, im Gegensatz zu Rosa, nicht der Meinung, dass den Umstehenden alles egal war … Nein, er hat auch sie getäuscht.« »Bravo, Stern, genau daran müssen wir arbeiten«, sagte Goran. »Wie ist es Albert gelungen, die Umgebung zu täuschen?« »Ich hab’s: Er ist unsichtbar!« Boris’ scherzhafte Bemerkung entlockte den anderen ein Grinsen. Für Goran enthielt sie jedoch auch ein Körnchen Wahrheit. »Unsichtbar vielleicht nicht«, sagte er, »aber wahrscheinlich sieht er ganz unauffällig aus und besitzt hervorragende Tarneigenschaften. Ich schätze, er ist als Familienvater durchgegangen, als er Sabine vom Karussellpferd zog und mitnahm. Wie lange hat er wohl dafür gebraucht? Vier Sekunden?« »Ja, er hat sich sofort unter die Menschenmenge gemischt«, antwortete Mila. »Und das Mädchen hat sich nicht gewehrt? Hat nicht gebrüllt und gestrampelt?« Boris schnaubte ungläubig. »Kennst du Kinder, die auf dem Rummelplatz brav sind?«, fragte Mila. »Selbst wenn sie geweint hat, dürfte das den anderen Leuten kaum aufgefallen sein«, meinte Goran. »Und dann war Melissa an der Reihe«, fuhr er fort, den Faden wieder aufnehmend. »Zu diesem Zeitpunkt herrschte bereits höchste Alarmstufe. Das Mädchen hatte Ausgehverbot, ist aber ausgerissen, um ihre Freundinnen in einem Bowling-Center zu treffen.« Stern stand auf und ging zu dem Foto des Mädchens, das an der Wand hing. Es war dem Jahrbuch der Schule entnommen, und Melissa lächelte darauf. Obwohl sie das älteste Opfer war, wirkte sie noch kindlich, außerdem war sie nicht besonders groß. In Kürze wäre sie in die Pubertät gekommen, ihr Körper hätte Kurven und Rundungen angenommen, und die Jungs wären endlich auf sie aufmerksam geworden. Für den Moment wies die Bildunterschrift im Jahrbuch der Schule nur auf ihre athletischen Leistungen hin und auf ihre Mitarbeit an der Schülerzeitschrift, deren Chefredakteurin sie gewesen war. Ihr Traum war es gewesen, Journalistin zu werden – er sollte nicht in Erfüllung gehen. »Albert hat sie abgepasst. Dieses Schwein …« Mila sah ihn an. Stern schien über seine eigenen Worte erschrocken. »Caroline dagegen hat er im eigenen Haus aus dem Bett geholt.« »Alles wohlkalkuliert.« Goran ging zur Tafel, nahm einen dicken Stift und begann, rasch ein paar Punkte zu skizzieren. »Die ersten beiden lässt er einfach verschwinden. Dabei kommt ihm der Umstand zu Hilfe, dass tagtäglich Dutzende von Jugendlichen von zu Hause weglaufen, wegen schlechter Noten oder weil sie mit ihren Eltern gestritten haben. Tatsache ist, dass niemand auf die Idee kommt, die beiden Vermisstenfälle könnten etwas miteinander zu tun haben. Der dritte muss ganz klar nach einer Entführung aussehen, damit Alarm geschlagen wird. Im Fall von Melissa, der vierten, wusste er im Voraus, dass sie der Versuchung nicht widerstehen und mit ihren Schulkameradinnen feiern gehen würde. Bei der fünften schließlich ist er ungestört ins Haus eingedrungen. Dazu muss er ihre Familie und deren Gewohnheiten lange Zeit ausspioniert haben, sonst wäre ihm das nicht gelungen. Was schließen wir daraus?« »Dass seine Täuschungsmethoden sehr raffiniert sind. Und dass sie weniger auf die Opfer selbst als auf ihre Beschützer, also die Eltern und die Polizei, abzielen«, sagte Mila. »Er hat es nicht nötig, groß Theater zu spielen, um sich das Vertrauen der Kinder zu erschleichen, er holt sie sich einfach, mit Gewalt, und damit basta.« Ganz anders als Ted Bundy, dachte Mila. Der hatte gar einen falschen Gips am Bein getragen, um auf die Studentinnen, die er ködern wollte, hilflos zu wirken und ihnen Vertrauen einzuflößen. Er sprach sie an, bat sie, ihm irgendwelche schweren Gegenstände tragen zu helfen, und lockte sie auf diese Weise in seinen VW-Käfer. Sie bemerkten zu spät, dass auf ihrer Seite der Türgriff fehlte … Als Goran zu Ende geschrieben hatte, kam er auf das vierte Stadium zu sprechen. Die Ermordung. »Bei der Tötung seiner Opfer geht der Serienmörder nach einem bestimmten Ritual vor, das er jedes Mal aufs Neue zelebriert. Er kann es mit der Zeit perfektionieren, aber in groben Zügen bleibt es immer gleich. Dieses Ritual ist sein Markenzeichen. Und wie jedes Ritual geht es mit einer bestimmten Symbolik einher.« »Für den Moment haben wir sechs Arme und eine einzige Leiche. Er tötet die Mädchen, indem er ihnen den Arm glatt abtrennt. Nur beim letzten Opfer ist er, wie wir wissen, anders verfahren«, sagte Rosa. Boris angelte sich den Obduktionsbericht des Rechtsmediziners und erklärte: »Chang vermutet, dass er sie alle unmittelbar nach der Entführung umgebracht hat.« »Warum hat er es so eilig?«, fragte Stern. »Weil ihn die Mädchen nicht interessieren, also hat er auch kein Interesse daran, sie am Leben zu erhalten.« »Er betrachtet sie nicht als menschliche Lebewesen«, warf Mila ein. »Für Albert sind sie lediglich Objekte, Gegenstände.« Auch die Nummer sechs, dachten alle. Aber keiner hatte den Mut, es laut auszusprechen. Es war völlig klar, dass Albert sich einen Dreck darum scherte, ob sie litt oder nicht. Er musste sie lediglich so lange am Leben erhalten, bis sie ihren Zweck erfüllt hatte. Das letzte Stadium betraf die Beseitigung der sterblichen Überreste: »Zuerst lässt Albert uns das Gräberfeld mit den Armen finden. Dann packt er eine seiner Leichen in den Kofferraum eines Pädophilen. Was beabsichtigt er damit? Will er uns eine Botschaft übermitteln?« Goran sah die anderen fragend an. »Wahrscheinlich will er uns zeigen, dass er nicht wie Alexander Bermann ist«, meinte Rosa. »Vielleicht will er uns sogar begreiflich machen, dass er selbst als Kind missbraucht wurde. Es ist, als würde er sagen: ›Schaut her, ich bin, was ich bin, weil jemand mich zu diesem Monster gemacht hat!‹« Stern schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht. Albert liebt die Herausforderung, er möchte Aufsehen erregen. Heute reden alle Zeitungen nur von Alexander Bermann, ich bezweifle aber, dass Albert den Ruhm mit ihm teilen möchte. Deshalb glaube ich auch nicht, dass er ihn aus Rache ausgewählt hat, also weil er selbst als Kind missbraucht wurde. Andererseits kann es auch kein Zufall sein, dass seine Wahl ausgerechnet auf einen Kinderschänder fiel – ich denke aber, dafür gibt es andere Gründe.« »Ich finde noch etwas merkwürdig«, sagte Goran, dem beim Gedanken an die Autopsie noch etwas eingefallen war. »Er hat Debby Gordons Leiche gewaschen und ihr danach wieder ihre eigenen Kleider angezogen.« »Er hat sie für Bermann hübsch gemacht«, meinte Mila. »Wir wissen natürlich nicht, ob er das mit allen so gemacht hat und ob dieses Verhalten zum Ritual gehört, aber eine Sache ist seltsam …« Mila ahnte bereits, worauf Gavila hinauswollte, und das, obwohl sie keine Expertin auf dem Gebiet war. Sie wusste, dass Serienmörder oft etwas von ihren Opfern mitnahmen. Einen Fetisch, beziehungsweise ein Souvenir, um die Erfahrung für sich, sozusagen im Privaten, noch einmal zu durchleben. Einen Gegenstand des Opfers zu besitzen, bedeutete für sie so viel, wie die Person selbst zu besitzen. »Er hat Debby Gordon nichts weggenommen.« Kaum hatte Goran den Satz ausgesprochen, fiel Mila Debbys Armkettchen mit dem kleinen Schlüssel ein. Sie glaubte ja inzwischen zu wissen, dass er zu Debbys Blechdose gehörte. »Dreckskerl«, entfuhr es ihr. »Möchtest du uns vielleicht in deine Gedanken einweihen?« Mila sah Goran an. »In Debbys Zimmer im Internat habe ich, unter der Matratze versteckt, eine Blechdose gefunden. Ich dachte zuerst, sie würde ihr Tagebuch enthalten, aber dem war nicht so.« »Ja und?«, fragte Rosa herablassend. »Die Dose war mit einem kleinen Vorhängeschloss verriegelt, und der Schlüssel hing, wie ich glaube, an Debbys Armkette. Deshalb dachte ich im ersten Moment: Wenn einerseits kein Tagebuch in der Dose ist, andererseits aber niemand außer Debby die Dose öffnen konnte, gibt es logischerweise kein Tagebuch. Doch ich habe mich geirrt: Es muss ein Tagebuch gegeben haben!« Boris sprang auf: Die Idee gefiel ihm. »Er war dort! Dieser Schweinehund war im Zimmer der Kleinen und hat sich ihr Tagebuch geholt!« »Und warum, bitte, sollte er dieses Risiko eingegangen sein?«, bemerkte Rosa kritisch. Sie wollte Mila einfach nicht recht geben. »Weil er das Risiko liebt – es reizt ihn!« »Es gibt noch einen Grund«, fügte Mila hinzu, die sich ihrer Theorie immer sicherer wurde. »Mir ist aufgefallen, dass Fotos von den Wänden verschwunden sind: Wahrscheinlich war Debby darauf mit dem Mädchen Nummer sechs abgebildet. Er will um jeden Preis verhindern, dass wir erfahren, wer dieses Mädchen ist!« »Deshalb hat er auch das Tagebuch mitgenommen und die Schachtel wieder verschlossen. Nur warum das Ganze?« Stern raufte sich verzweifelt die Haare. Für Boris dagegen war alles klar: »Ja begreifst du denn nicht? Das Tagebuch ist verschwunden, aber die Dose ist verschlossen, und der Schlüssel hängt wieder an Debbys Armkettchen – als wollte Albert uns mitteilen: ›Niemand außer mir konnte sich das Tagebuch aus Debbys Zimmer holen.‹« »Und warum will er unbedingt, dass wir das wissen?« »Weil er dort etwas für uns hinterlassen hat!« Da war er, der Hinweis, den sie suchten. »Du warst dort«, sagte Goran an Mila gewandt. »Du hast gesehen, was in dem Zimmer war.« Sie dachte angestrengt nach, kam aber auf nichts Außergewöhnliches. »Es muss irgendeinen Hinweis geben!«, drängte Goran. »Wir können uns nicht irren.« »Ich habe das Zimmer bis in den letzten Winkel durchsucht, aber nichts entdeckt, was irgendwie meine Aufmerksamkeit erregt hätte.« »Es muss sich um etwas ganz Auffälliges handeln, etwas, das dir unmöglich entgangen sein kann!« Doch Mila erinnerte sich an nichts. An diesem Punkt entschied Stern, dass sie alle zusammen noch einmal in das Internat fahren sollten, um das Zimmer des Mädchens ein zweites Mal gründlich zu durchsuchen. Boris ging sofort zum Telefon, um ihren Besuch bei der Schulleitung anzukündigen. Danach rief Rosa die Kollegen von der Spurensicherung an, und Krepp versprach, so bald wie möglich nachzukommen, um die Fingerabdrücke zu sichern. Genau in diesem Augenblick schoss Mila ein Gedanke durch den Kopf. »In dem Zimmer brauchen wir nicht mehr zu suchen«, sagte sie, plötzlich wieder im Vollbesitz ihrer Selbstsicherheit. »Egal, worum es sich handelt, es ist längst aus dem Zimmer verschwunden.« Als sie das Internat erreichten, hatten sich Debbys Klassenkameradinnen bereits in dem großen Saal versammelt, in dem gewöhnlich das Lehrerkollegium tagte und die Abschlusszeugnisse überreicht wurden. Die Wände waren mit Mahagoni getäfelt, und von oben blickten aus kostbar gerahmten Bildern die strengen Gesichter der Lehrer herab, die der Schule im Lauf der Jahre zu ihrem Ansehen verholfen hatten. Man hatte den Eindruck, als wären ihre Züge in dem Moment erstarrt, in dem der Künstler sie für immer auf die Leinwand gebannt hatte. Mila hielt eine kleine Ansprache. Sie bemühte sich, so freundlich wie möglich zu sein, denn die Mädchen waren schon verängstigt genug. Die Schulleiterin hatte ihnen zwar versichert, dass sie nicht bestraft würden, aber ihren besorgten Gesichtern war anzusehen, dass sie nicht allzu viel auf dieses Versprechen gaben. »Wir wissen, dass einige von euch nach Debbys Tod in ihrem Zimmer waren und das eine oder andere mitgenommen haben – sicher nicht in böser Absicht, sondern nur aus dem Wunsch, ein Andenken an die Freundin zu besitzen, die auf so tragische Weise umgekommen ist.« Während Mila sprach, trafen ihre Augen die der Schülerin, die sie in Debbys Badezimmer beim Plündern überrascht hatte. Ohne den kleinen Zwischenfall wäre sie niemals auf die Idee gekommen, sich für die Suche nach dem fehlenden Hinweis an die Schülerschaft zu wenden. Rosa beobachtete Mila aus der hintersten Ecke des Saals, überzeugt, dass die Kollegin nicht das Geringste erreichen würde. Boris und Stern dagegen vertrauten auf sie, und Goran beschränkte sich darauf abzuwarten. »Ich tue es nicht gern, glaubt mir, aber ich weiß, wie sehr euch Debby am Herzen lag, und deshalb bitte ich euch inständig, alle diese Dinge, alle diese Andenken, jetzt sofort aus euren Zimmern zu holen und hierherzubringen.« Mila bemühte sich, ihre Forderung mit fester Stimme vorzubringen. »Bitte vergesst nichts. Selbst die unscheinbarste Kleinigkeit könnte sich als hilfreich erweisen. Wir glauben nämlich, dass sich unter diesen Dingen ein Hinweis, ein sogenanntes Indiz befinden könnte, das uns bei den Ermittlungen weiterhelfen würde. Und ihr wollt doch alle, dass wir Debbys Mörder fassen, nicht wahr? Ganz abgesehen davon, dass ihr euch strafbar machen würdet, wenn ihr Beweismaterial unterschlagt.« Diese Drohung, das wusste Mila, wäre natürlich nicht umsetzbar gewesen, dazu waren die Mädchen viel zu jung, doch sie konnte ihnen immerhin den Ernst der Lage zu Bewusstsein bringen. Außerdem war es eine kleine Revanche für Debby, die erst nach ihrem Tod, als man ihr Zimmer ausräubern konnte, bei den Mädchen Beachtung gefunden hatte, während sich zu Lebzeiten keine für sie interessiert hatte. Mila legte eine genau kalkulierte Pause ein, um den Mädchen Zeit zum Nachdenken zu geben. Sie wusste, dass die Stille für die Mädchen mit jeder Sekunde schwerer zu ertragen war. Einige von ihnen wechselten Blicke. Keine wollte die Erste sein, das war normal. Doch dann brachen zwei von ihnen den Bann, indem sie einander zunickten und sich fast gleichzeitig erhoben. Weitere fünf folgten ihnen. Die Übrigen blieben still auf ihren Plätzen sitzen. »Gut«, sagte sie schließlich, »ihr anderen könnt gehen.« Die verbliebenen Mädchen, die sich offenbar keiner Schuld bewusst waren, standen auf und verließen rasch den Raum. Mila wandte sich nach ihren Kollegen um und begegnete dem Blick Gorans, der sie ausdruckslos ansah. Plötzlich tat er jedoch etwas, womit sie nicht gerechnet hätte: Er zwinkerte ihr zu. Sie wollte lächeln, hielt sich jedoch zurück, weil auch die Blicke der anderen auf sie gerichtet waren. Rund eine Viertelstunde später kehrten die sieben Mädchen in den Saal zurück. Jede hatte mehrere Gegenstände bei sich. Es handelte sich zum größten Teil um Kleider, Puppen und Plüschtiere. Aber es war auch ein rosafarbener MP3-Player darunter, eine Sonnenbrille, ein paar Parfümfläschchen, ein Körbchen mit Badesalz, ein Necessaire in Form eines Marienkäfers, Debbys roter Hut und ein Videospiel. »Das war schon kaputt.« Mila sah das pummelige kleine Mädchen an, das gesprochen hatte. Sie war die kleinste von allen, höchstens acht Jahre alt. Ihr langes blondes Haar war zu einem Zopf geflochten, und die blauen Augen konnten kaum die Tränen zurückhalten. Mila schenkte ihr ein tröstendes Lächeln, bevor sie sich das Gerät etwas genauer ansah. Dann reichte sie es Boris: »Was ist das?« Boris drehte es ein paar Mal hin und her: »Also, ein normales Videospiel ist das nicht, schalten wir es mal ein.« Auf dem Bildschirm des Geräts begann ein kleines rotes Licht zu blinken, und gleichzeitig ertönte ein kurzes, gleichmäßiges Piepen. »Ich habe Ihnen doch gesagt, dass das Ding kaputt ist. Der rote Punkt bleibt immer auf derselben Stelle«, beeilte sich die pummelige Kleine zu erklären. Mila bemerkte, dass Boris plötzlich blass wurde. »Scheiße noch mal, ich weiß, was das ist!« Als die Kleine das Schimpfwort aus Boris’ Mund vernahm, riss sie ungläubig und zugleich vergnügt die Augen auf. Sie konnte nicht fassen, dass jemand es wagte, diesen ehrbaren Ort derart zu entweihen. Aber Boris war derart mit dem Gerät in seinen Händen beschäftigt, dass er nicht auf sie achtete. »Das ist ein GPS-Empfänger. Von irgendwoher sendet jemand ein Signal …« 13 Der in den Fernsehnachrichten übertragene Appell an die Eltern des sechsten Mädchens hatte nicht gefruchtet. Die meisten Anrufe waren von Leuten gekommen, die ihr Mitgefühl zum Ausdruck bringen wollten, damit aber nur die Telefonleitungen blockierten. Eine besorgte Großmutter von fünf Enkeln rief gleich sieben Mal an, um sich »nach dem armen Mädel zu erkundigen«. Beim achten Mal bat der Beamte in der Telefonzentrale sie höflich, von weiteren Anrufen abzusehen, woraufhin sie ihn zum Teufel jagte. »Das kenne ich«, meinte Goran, als Stern ihm davon berichtete. »Wenn du versuchst, ihnen begreiflich zu machen, dass sie mit ihrem Verhalten Schaden anrichten, weil sie dich bei deiner Arbeit behindern, drehen sie den Spieß einfach um und sagen, du seist unsensibel.« Sie befanden sich im Mannschaftswagen und folgten dem GPS-Signal. Vor ihnen fuhren die Panzerfahrzeuge des Spezialeinsatzkommandos, das diesmal »die Show abziehen« würde – so die blumige Ausdrucksweise von Hauptkommissar Roche. Da niemand wusste, wohin das Signal, von dem sie annahmen, dass es von Albert stammte, sie führen würde, war diese Vorsichtsmaßnahme ratsam erschienen. Womöglich wollte er sie in eine Falle locken. Goran war allerdings nicht dieser Meinung. »Ich glaube, dass er uns etwas zeigen möchte. Etwas, worauf er stolz ist.« Das GPS-Signal war in einem mehrere Quadratkilometer großen Gebiet geortet worden. Aus der Entfernung konnte man den Sender jedoch nicht genauer ausmachen. Dazu musste man sich vor Ort begeben. Im Einsatzwagen war die Spannung zum Schneiden. Goran wechselte ein paar Worte mit Stern. Boris überzeugte sich von der Funktionstüchtigkeit seiner Dienstwaffe und prüfte noch einmal den Sitz seiner kugelsicheren Weste, die eng am Brustkorb anliegen musste. Mila sah aus dem Fenster und betrachtete das Gewirr aus Brücken und Straßen zu beiden Seiten des Autobahnzubringers. Der GPS-Empfänger befand sich beim Einsatzleiter im vordersten Fahrzeug, aber Rosa konnte auf dem Bildschirm ihres Laptops mitverfolgen, was die vorausfahrenden Kollegen sahen. »Ich glaube, wir haben unser Ziel fast erreicht. Das Signal kommt von dort vorn«, meldete eine Stimme per Funk, woraufhin alle neugierig die Hälse reckten. »Was ist das denn?«, fragte Rosa verwundert. Mila erkannte in einiger Entfernung ein gewaltiges Bauwerk aus rotem Backstein, das aus mehreren kreuzförmig angelegten Gebäudetrakten bestand. Dem neugotischen Stil nach zu urteilen, stammte es aus den Dreißigerjahren. Die streng und düster wirkende Bauweise war typisch für den Kirchenbau jener Zeit. Tatsächlich gehörte, wie sie beim Näherkommen erkannten, auch eine Kirche nebst Glockenturm zu der weitläufigen Anlage. Die gepanzerten Fahrzeuge fuhren dicht hintereinander den Schotterweg zum Hauptgebäude entlang. Auf dem Vorplatz angekommen, sprangen die Beamten des Spezialeinsatzkommandos aus den Wagen und bezogen Stellung, um das Gebäude zu stürmen. Mila stieg mit den anderen aus und ließ den Blick über die imposante Fassade wandern, die sich im Lauf der Jahre verfärbt hatte. Über dem Eingangstor prangte in erhabenen Lettern eine lateinische Schrift: Visitare Pupillos In Tribulatione Eorum Et Immaculatum Se Custodire Ab Hoc Saeculo. »Den Waisen in ihrer Not beistehen und den verderblichen Versuchungen dieser Welt widerstehen«, übersetzte Goran. Es handelte sich also um ein ehemaliges Waisenhaus. Auf ein Zeichen des Einsatzleiters teilten sich die Beamten in Gruppen auf und drangen über mehrere Seiteneingänge in das Gebäude ein. Mila und die anderen warteten etwa eine Minute, dann betraten auch sie zusammen mit dem Einsatzleiter das Haus, wählten dafür aber das große Portal des Haupteingangs. Die Eingangshalle war riesig. Dem Portal gegenüber führten zwei ineinander verschlungene Treppen in die oberen Stockwerke hinauf, durch ein hohes Glasfenster fiel gedämpftes Licht. Die einzigen Bewohner des Ortes waren ein paar Tauben, die erschrocken um das Oberlicht flatterten. Aufgeregt huschten ihre Schatten über den Boden. Die angrenzenden Räume hallten unter den Stiefelschritten der Männer von der Spezialeinheit, die Zimmer um Zimmer abgingen und sich dabei immer wieder »Frei!« zuschrien, wenn alles in Ordnung war. Inmitten dieser irreal anmutenden Atmosphäre sah sich Mila aufmerksam um. Das war nun schon das zweite Internat in Alberts »Plan«, wenn auch bei Weitem nicht so exklusiv wie jenes, das Debby Gordon besucht hatte, ganz im Gegenteil. »Eine Erziehungsanstalt für Kinder ohne Familien. Hier hatten sie wenigstens ein Zuhause und bekamen eine einigermaßen ordentliche Schulausbildung«, erklärte Stern. »Allerdings landeten hier ausschließlich Kinder, die niemand adoptieren wollte, Kinder, deren Eltern entweder im Gefängnis saßen oder Selbstmord begangen hatten«, fügte Boris hinzu. Alle warteten nervös, dass etwas passierte, egal, was. Hauptsache, der schreckliche Bann, der auf diesem Haus zu lasten schien, würde endlich gebrochen, und sie würden verstehen, warum Albert sie hierhergelotst hatte. Mit einem Mal verstummte das Hallen der Schritte. Wenige Sekunden später krächzte eine Stimme aus dem Funkgerät: »Chef, wir haben was gefunden.« Der GPS-Sender befand sich im Kellergeschoss. Also mussten die Beamten dort unten eine Entdeckung gemacht haben. Mila und die anderen rannten los, durchquerten die Anstaltsküche mit ihren großen Kesseln, ließen einen riesigen Speisesaal mit blauen Resopaltischen und -bänken hinter sich und gelangten schließlich über eine enge Wendeltreppe hinab in einen großen Raum mit niedriger Decke, in den durch eine Reihe von Oberlichtern schwaches Tageslicht drang. Der Boden war mit Marmorfliesen ausgelegt und fiel zur Mitte hin ab. Dort verlief ein gerader Gang, in den auch die Abflussrinnen der großen Marmorbecken mündeten, die sich an zwei gegenüberliegenden Wänden befanden. »Das muss die Waschküche gewesen sein«, sagte Stern. Die Männer des Einsatzkommandos standen im Halbkreis um einen der Waschtröge herum, wobei sie den nötigen Abstand wahrten, um das Beweismaterial nicht zu kontaminieren. Einer von ihnen zog sich den Helm vom Kopf, ging in die Hocke und übergab sich. Boris drängte sich als Erster zwischen zwei der Beamten, die sich um das Unbeschreibliche aufgebaut hatten, und schlug sich die Hand vor den Mund. Rosa wandte sofort den Blick ab, Stern sagte nur: »Gott sei uns gnädig.« Goran zeigte keine Reaktion. Dann trat Mila hinzu. Sie erkannte das Mädchen sofort von einem Foto wieder. Anneke. Die Leiche lag in einer zwei bis drei Zentimeter tiefen schmutzigen Brühe. Ihre Haut wirkte wächsern und wies erste Totenflecke auf. Das Kind war nackt. In der rechten Hand hielt es den blinkenden GPS-Sender, der mit seinem rhythmischen Aufleuchten den paradoxen Eindruck von etwas Lebendigem bot, als schlüge inmitten dieser Todesszenerie ein einsames Herz. Annekes linker Arm war abgetrennt. Ihr ganzer Oberkörper wirkte dadurch verstümmelt. Doch das war für die Umstehenden nicht das Grauenhafteste, auch nicht der Anblick der beginnenden Verwesung oder die unschuldige Obszönität der nackten Leiche. Das Grauenvollste war, dass diese Leiche lächelte. 14 Pfarrer Timothy war vielleicht Mitte dreißig. Dünnes blondes Haar, Seitenscheitel. Er zitterte. Der junge Geistliche, einziger Bewohner des Gemäuers, lebte in dem Pfarrhaus neben der kleinen Kirche, den beiden letzten Gebäuden der weitläufigen Anlage, die noch genutzt wurden. »Ich bin nur hier, weil die Kirche nach wie vor geweiht ist«, erklärte er. Dabei hielt er die Messe längst nur noch für sich allein. »Hier kommt niemand her. Es liegt einfach zu weit draußen, und die Autobahn hat uns von allem abgeschnitten.« Seit knapp sechs Monaten lebte er nun hier. Er war der Nachfolger eines gewissen Pfarrer Rolf, der in Pension gegangen war, und hatte keine Ahnung von den Geschehnissen im Waisenhaus. »Ich betrete es fast nie«, bekannte er. »Was soll ich dort?« Rosa und Mila hatten ihm den Grund ihrer Anwesenheit erklärt und ihn über den Leichenfund informiert. Als Goran erfuhr, dass es dort einen Pfarrer gab, hatte er die beiden zu ihm geschickt. Rosa tat so, als kritzelte sie etwas in ihren Notizblock, aber man sah ihr an, dass die Ausführungen des Geistlichen sie nicht sonderlich interessierten. Mila erklärte beschwichtigend, dass ihn keine Schuld treffe. »Das arme Kind«, hatte der Pfarrer gerufen und angefangen zu weinen. Er war völlig verstört. »Bitte kommen Sie in die Waschküche, sobald Sie sich besser fühlen«, sagte Rosa. »Wozu denn?«, fragte er erschrocken. »Möglicherweise haben wir ein paar Fragen zu den Räumlichkeiten, das Gebäude scheint ja ein Labyrinth zu sein.« »Aber ich habe doch schon gesagt, dass ich erst ein paar Mal dort war, und ich kann Ihnen …« »Nur ein paar Minuten – nachdem die Leiche abtransportiert wurde«, beschwichtigte Mila ihn. Sie konnte gut verstehen, dass Pfarrer Timothy nicht das Bild eines gemarterten Kinderkörpers im Gedächtnis behalten wollte. Schließlich musste er weiterhin an diesem schaurigen Ort leben, und das war schwer genug. »Wenn es sein muss«, sagte er schließlich und senkte den Kopf. Er begleitete sie zur Tür und beteuerte immer wieder, dass er ihnen zur Verfügung stehe. Auf dem Rückweg ging Rosa extra ein paar Schritte vor Mila, um klarzustellen, dass sie nichts mit ihr zu tun haben wollte. Normalerweise hätte Mila sich das nicht gefallen lassen. Doch jetzt war sie Teil eines Teams, und da musste sie sich wohl oder übel fügen, wenn sie ihre Arbeit ordentlich machen wollte. Wir zwei sprechen uns, wenn der Fall vom Tisch ist, grummelte Mila in sich hinein. Noch während sie das dachte, wurde ihr bewusst, dass sie ganz selbstverständlich von einem Ende ausging. Dass sie diesen Horror irgendwie hinter sich bringen würden. So waren die Menschen eben, dachte sie. Das eigene Leben ging weiter. Die Toten wurden begraben, alles verweste. Am Ende blieb nur eine vage Erinnerung, Abfallprodukt eines unvermeidlichen Selbsterhaltungstriebes. Das galt jedoch nur für die anderen. Sie selbst würde noch am selben Abend dafür sorgen, dass die Erinnerung unauslöschlich blieb. Ein Tatort beziehungsweise der Auffindungsort einer Leiche liefert zahlreiche Informationen über den Tathergang sowie über die Person des Mörders. Bermanns Auto hatte diesbezüglich nicht viel ergeben, dafür ließ sich aus dem Fundort der zweiten Leiche einiges über Albert ableiten. Die Örtlichkeiten mussten also besonders gründlich untersucht werden, und die Mordkommission würde sich danach ein möglichst klares Bild von dem Mörder machen, nach dem sie fahndete. Trotz Rosas Versuchen, sie auszuschließen, hatte sich Mila letztendlich einen Platz in der Energiekette – wie sie die Gruppensitzung nach dem ersten Leichenfund in Bermanns Wagen im Stillen nannte – ergattert, und jetzt betrachteten auch Boris und Stern sie als eine der Ihren. Kaum war das Einsatzkommando fort, hatten Goran und die Kollegen von der Mordkommission die Waschküche mit Beschlag belegt. Die Szenerie wirkte wie eingefroren im Licht der Halogenlampen, die auf vier Ständern befestigt und, da es in dem Gebäude keinen Strom gab, mit einem Generator verbunden waren. Noch hatte niemand etwas berührt, nur Chang machte sich an der Leiche zu schaffen. In einem kleinen Koffer hatte er alle möglichen Utensilien dabei, Reagenzgläser, Chemikalien, ein Mikroskop. Er nahm gerade eine Probe des trüben Wassers, in dem die Leiche teilweise lag. Bald würde Krepp kommen und die Spuren sichern. Sie hatten etwa eine halbe Stunde Zeit, bevor sie ihm und seinen Leuten das Feld überlassen mussten. »Wir haben es offensichtlich nicht mit dem eigentlichen Tatort zu tun«, erkläre Goran. Im Fall eines Serientäters ist der Auffindungsort der Opfer viel wichtiger als der Ort, an dem sie getötet wurden. Denn während der Mörder die Tötung immer sich allein vorbehält, steckt in allem Folgenden die Möglichkeit, die Erfahrung mit anderen zu teilen. Über den Leichnam des Opfers nimmt der Mörder gewissermaßen Kontakt zu den Ermittlern auf. Darauf verstand Albert sich meisterhaft. »Wir müssen uns Ort und Auffindungssituation erschließen. Verstehen, welche Botschaft dahintersteckt und für wen sie bestimmt ist. Wer fängt an?« Niemand wollte den Anfang machen. Zu viele Fragen standen im Raum. »Vielleicht hat unser Mann als Kind hier im Waisenhaus gelebt, und vielleicht stammt daher sein Hass und seine Wut. Wir müssen uns das Archiv vornehmen.« »Nein, Mila, ich glaube eher nicht, dass Albert uns etwas über sich mitteilen will.« »Warum nicht?« »Weil er nicht entdeckt werden will. Zumindest vorerst nicht. Wir haben bis jetzt auch erst zwei Leichen gefunden.« »Stimmt es denn, dass manche Serientäter verhaftet werden wollen, weil sie nicht aufhören können zu morden?« »So ein Quatsch«, warf Rosa in ihrer herablassenden Art ein. Goran dagegen erklärte: »Das stimmt im Grunde, oft wünscht sich ein Serientäter letztendlich nichts anderes, als gefasst zu werden. Aber nicht aus mangelnder Kontrolle, sondern weil er sich durch die Verhaftung endlich outen kann. Vor allem wenn er narzisstisch veranlagt ist, will er Anerkennung für sein grandioses Werk. Solange seine Identität ein Geheimnis ist, hat er sein Ziel nicht erreicht.« Mila nickte. So recht überzeugt war sie jedoch nicht. Goran merkte es und wandte sich an die anderen. »Vielleicht sollten wir rekapitulieren, wie man aus dem Tat- beziehungsweise Fundort Rückschlüsse auf Tathergang und Täter ziehen kann.« Eine Nachhilfestunde für Mila. Was sie aber nicht störte, denn so konnte sie mit den anderen Schritt halten. Auch Boris und Stern schien es ein Anliegen zu sein, dass sie nicht hinterherhinkte. Stern ergriff das Wort. Er sah Mila dabei nicht an, um sie nicht in Verlegenheit zu bringen. »Je nach Tat- beziehungsweise Fundort unterscheiden wir bei Serienmördern zwei Hauptkategorien: den planlos und den planvoll vorgehenden Täter.« Boris fuhr fort: »Ein Täter der ersten Gruppe ist in allen Aspekten seines Lebens planlos. Er scheitert in zwischenmenschlichen Beziehungen. Er ist ein Einzelgänger. Unterdurchschnittlich intelligent, geringer Bildungsgrad, keine besonderen beruflichen Fähigkeiten. Er ist sexuell gestört und hat in dieser Hinsicht nur hastige und ungute Erfahrungen gemacht.« Goran ergriff wieder das Wort: »Gewöhnlich wurde er in seiner Kindheit schwer traumatisiert. Viele Kriminologen sind der Ansicht, dass er seinen Opfern genauso viel Schmerz und Leid zufügen will, wie er selbst erlebt hat. Er ist voller Wut und Hass, was ihm die Menschen in seiner Umgebung aber nicht unbedingt anmerken.« »Der planlos vorgehende Täter handelt spontan«, warf Rosa ein, die wohl auch mitreden wollte. Und Goran präzisierte: »Das Planlose an seinem Verbrechen macht dem Täter Angst. Deshalb agiert er nach Möglichkeit in der Nähe eines vertrauten Ortes. Durch seine Angst und den Umstand, dass er sich nicht weit entfernt, unterlaufen ihm Fehler, er hinterlässt zum Beispiel Spuren, die ihn verraten.« »Die Opfer sind meist Menschen, die sich schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort befinden. Er tötet, weil das für ihn die einzige Möglichkeit ist, zu anderen Menschen eine Beziehung herzustellen«, sagte Stern abschließend. »Und der planvoll vorgehende Täter?«, erkundigte sich Mila. »Nun, der ist in erster Linie ausgesprochen schlau«, antwortete Goran. »Wegen seiner perfekten Tarnung ist es unter Umständen sehr schwierig, ihn zu entdecken. Er ist ein scheinbar ganz normaler Mensch und unbescholtener Bürger. Hoher Intelligenzquotient, tüchtig, spielt oft eine wichtige Rolle in seinem sozialen Umfeld. Kein besonderes Kindheitstrauma. Seine Familie liebt ihn. Er hat normale Beziehungen zum anderen Geschlecht, führt ein normales Sexualleben. Er tötet aus reinem Vergnügen.« Mila erschauderte. Auch Chang blickte von seinem Mikroskop auf. Vielleicht fragte er sich, wie ein Mensch aus dem Schmerz, den er anderen Menschen zufügte, Befriedigung schöpfen konnte. »Er ist ein Jäger. Sucht sich seine Opfer gewöhnlich nicht in der Nähe seines Wohnortes. Er ist gerissen und vorsichtig. Er ist imstande, den Fortgang der Ermittlungen vorherzusehen, und ist der Polizei auf diese Weise immer einen Schritt voraus. Deshalb ist er so schwer zu fassen. Er lernt aus Erfahrung. Der systematisch vorgehende Täter beobachtet, wartet und tötet. Die Taten können tage- oder wochenlang geplant sein. Er wählt sein jeweiliges Opfer mit größter Sorgfalt aus. Beobachtet es. Schleicht sich in sein Leben ein, indem er Informationen sammelt und Gewohnheiten registriert. Er sucht Kontakt zu seinen Opfern, indem er sich auf eine bestimmte Art benimmt oder ihr Vertrauen gewinnt. Zu diesem Zweck zieht er das Wort der körperlichen Gewalt vor. Er ist ein Verführer.« Mila drehte sich um. Sie wollte sich noch mal das Schauspiel des Todes ansehen, das der Mörder in diesem Raum inszeniert hatte. »Sein Tatort wird immer sauber sein«, sagte sie. »Weil sein Losungswort Kontrolle lautet.« Goran nickte. »Damit dürftest du Albert gut beschrieben haben.« Boris und Stern lächelten ihr zu. Rosa wich ihrem Blick geflissentlich aus; sie sah auf ihre Armbanduhr und schnaubte, weil sie für nichts und wieder nichts so viel Zeit vertaten. »Meine Herrschaften, ich glaube, ich habe da was …« Chang richtete sich auf, zwischen den Fingern einen kleinen Objektträger, den er von seinem Mikroskop genommen hatte. »Was denn, Chang?«, fragte Goran ungeduldig. Aber der Rechtsmediziner wollte den Moment auskosten. Leiser Triumph glitzerte in seinen Augen. »Vorhin, als ich die Leiche sah, habe ich überlegt, warum sie in einer Wasserlache liegt …« »Wir sind in einer Waschküche«, bemerkte Boris, als erübrigte sich damit die Frage. »Ja, aber wie die Elektrizität funktionieren auch die Wasserleitungen schon seit Jahren nicht mehr.« Die anderen reagierten überrascht. Vor allem Goran. »Was ist diese Flüssigkeit dann?« »Sie werden es nicht glauben, Professor … Das sind Tränen.« 15 Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das weinen kann. Das wusste Mila. Aber dass das menschliche Auge drei verschiedene Arten von Tränen produziert, hatte sie nicht gewusst. Die basalen Tränen halten den Augapfel ständig feucht und versorgen ihn mit Nährstoffen. Die Reflextränen bilden sich, wenn die Augen gereizt sind. Und die emotionalen Tränen gehören zum Schmerz. Sie sind chemisch anders zusammengesetzt und enthalten in erhöhter Konzentration Mangan und das Hormon Prolaktin. In der Welt der natürlichen Phänomene kann jedes Detail auf eine Formel reduziert werden, doch warum sich Schmerztränen physiologisch von anderen Tränen unterscheiden, ist praktisch nicht zu erklären. Milas Tränen enthielten kein Prolaktin. Das war ihr Geheimnis, von dem niemand wissen durfte. Sie war nicht fähig zu leiden. Empathie zu empfinden, die nötig ist, damit man andere versteht und nicht das Gefühl hat, allein auf der Welt zu sein. Zum ersten Mal gemerkt hatte sie es beim Tod ihres Vaters. Da war sie zwölf. Sie hatte ihn im Wohnzimmer tot im Sessel gefunden. Er sah aus, als schliefe er. Zumindest sagte sie das, als man sie fragte, warum sie nicht sofort Hilfe geholt, sondern fast eine Stunde bei ihm gewacht hatte. In Wahrheit hatte Mila sofort begriffen, dass man nichts mehr hätte tun können. Doch nicht das tragische Ereignis überraschte sie. Sie staunte vielmehr über ihre Unfähigkeit, emotional zu erfassen, was sie sah. Ihr Vater – der wichtigste Mann in ihrem Leben, der Mensch, der ihr alles beigebracht hatte, ihr Vorbild – würde fort sein. Für immer. Und doch zerriss es ihr nicht das Herz. Bei der Beerdigung weinte sie. Nicht, weil die Vorstellung des Unabwendbaren schließlich Verzweiflung in ihr erzeugt hätte, sondern weil das von einer Tochter erwartet wurde. Die salzigen Tränen waren das Ergebnis einer enormen Anstrengung. Das kommt davon, dass ich so fertig bin, dachte sie, es ist der Schock. Sie zermarterte sich das Hirn auf der Suche nach einem Grund, sich wenigstens schuldig zu fühlen. Es nutzte nichts. Mila konnte es sich nicht erklären. Sie kapselte sich ab und ließ nicht zu, dass jemand sie nach ihrem Zustand fragte. Auch ihre Mutter nahm schließlich resigniert hin, dass sie von dieser sehr privaten Trauer ausgeschlossen war. Alle Welt glaubte, sie sei am Boden zerstört. Doch Mila saß in ihrem Zimmer und fragte sich, warum sie sich nur eines wünschte: ihr ganz normales Leben wiederaufzunehmen und den Vater auch in ihrem Herzen zu begraben. Es blieb dabei. Der Schmerz über den Verlust kam nie. Es gab weitere Todesfälle. Ihre Großmutter, eine Mitschülerin, andere Verwandte. Mila empfand nichts, höchstens das dringende Verlangen, die Akte mit dem Tod möglichst bald zu schließen. Wem konnte sie sich anvertrauen? Jeder hätte sie angestarrt, als wäre sie ein gefühlloses Monster. Nur die Mutter begriff in ihrer Todesstunde die Gleichgültigkeit in ihrem Blick und löste ihre Hand aus Milas Hand, als spürte sie plötzlich Kälte. Nachdem die Trauerfälle in der Familie erledigt waren, fiel es Mila leichter, bei anderen Menschen zu simulieren, was sie nicht empfand. Als sie in das Alter kam, in dem Beziehungen, vor allem zum anderen Geschlecht, wichtig wurden, wurde es kompliziert: Ich kann doch keine Geschichte mit einem Jungen anfangen, wenn ich keine Empathie empfinde, dachte sie oft. So benannte sie ihr Problem. Denn Empathie – hatte Mila inzwischen gelernt – stand für die Fähigkeit, die Gefühle anderer wahrzunehmen, sich in diese einzufühlen, als wäre man selbst der andere. Sie begann Therapeuten zu konsultieren. Manche hatten keine Antwort auf ihre Fragen, manche sagten, die Therapie sei schwierig und langwierig, man werde tief schürfen müssen, um ihre »emotionalen Wurzeln« auszugraben und festzustellen, wo der Gefühlsfluss unterbrochen worden sei. In einem stimmten sie allerdings überein: die Blockade musste gelöst werden. Jahrelang ging sie daraufhin in Therapie, ohne Erfolg. Sie lief von Arzt zu Arzt und hätte wahrscheinlich immer so weitergemacht, wenn nicht einer – ein Zyniker, dem sie gar nicht dankbar genug sein konnte – gesagt hätte: »Schmerz existiert nicht. Wie übrigens die ganze Palette menschlicher Emotionen nicht existiert. Das ist alles eine Frage der Chemie. Liebe ist schlicht eine Frage der Endorphine. Mit einer Spritze Pentothal kann ich Ihnen jedes Bedürfnis nach Liebe nehmen. Der Mensch ist nichts weiter als eine Maschine aus Fleisch und Blut.« Sie war erleichtert, endlich. Nicht zufrieden, aber erleichtert. Sie konnte nichts dafür. Ihr Körper hatte auf »Selbsterhaltung« umgeschaltet, wie ein Elektrogerät, das bei einer Überlastung die eigene Schaltung schützt. Der Arzt hatte auch gesagt, es gebe Menschen, die irgendwann im Leben einen großen, zu großen Schmerz erleiden, der viel größer ist als alle Schmerzen eines ganzen Lebens zusammengenommen. Sie hören dann entweder auf zu leben oder haben sich längst an den Zustand gewöhnt. Mila wusste nicht, ob es ein Glück war, dass sie sich daran gewöhnt hatte, aber so war sie geworden, was sie war. Eine Polizistin, die verschwundene Kinder suchte. Das Lindern fremden Leids entschädigte sie für etwas, das sie selbst nicht empfinden konnte. So war der Fluch unversehens zu ihrem Talent geworden. Mila rettete die Kinder. Brachte sie nach Hause zurück. Sie dankten ihr, manche schlossen sie in ihr Herz, und wenn sie größer waren, besuchten sie Mila, um sich ihre Geschichte erzählen zu lassen. »Wenn du dich nicht um mich gekümmert hättest …«, sagten sie. Mila hätte nicht erklären können, worin dieses Kümmern, das bei jedem Kind gleich ablief, in Wirklichkeit bestanden hatte. Sie konnte wütend sein über das, was ihnen passiert war – wie bei dem sechsten Mädchen –, doch Mitleid empfand sie nie. Sie hatte sich in ihr Schicksal gefügt. Aber eine Frage blieb offen. Würde sie jemals lieben können? Mila wusste keine Antwort darauf. Vielleicht würde sie niemals eine Liebschaft haben, einen Ehemann oder Freund, Kinder oder ein Haustier. Denn das Geheimnis ist, nichts zu haben, was man verlieren könnte. Nichts, was einem jemand wegnehmen könnte. Nur so vermochte sie sich in die Menschen, die sie suchte, hineinzuversetzen. Sie schuf um sich herum die gleiche Leere, die um die Kinder war. Doch eines Tages passierte etwas. Ein kleiner Junge war aus den Fängen eines Pädophilen befreit worden, der sich ein Wochenende mit ihm vergnügt hatte. Er hatte ihn nach drei Tagen wieder freilassen wollen, schließlich hatte er ihn, in seinem kranken Hirn, nur »geliehen«. Es kümmerte ihn nicht, in welchem Zustand er ihn der Familie und dem Leben zurückgab. Er rechtfertigte sich mit dem Argument, dass er ihm nichts zuleide getan habe. Es ging nicht um eine Ausrede, um eine Legitimation für sein Tun. Er glaubte das alles wirklich. Weil er unfähig war, sich in sein Opfer hineinzuversetzen. Letztendlich wusste Mila: Dieser Mann war wie sie. Damals beschloss sie, den Mangel an Mitgefühl, dieses fundamentale Instrument der anderen und des Lebens, nicht länger hinzunehmen. Sie spürte es zwar nicht in ihrem Herzen, wollte es aber künstlich erzeugen. Mila hatte Goran und den Kollegen etwas vorgemacht. In Wirklichkeit wusste sie über Serienmörder recht gut Bescheid. Zumindest über einen Aspekt ihres Verhaltens. Den Sadismus. Fast immer lassen sich in den Taten eines Serientäters ausgeprägte sadistische Züge erkennen. Die Opfer werden zum Zweck eines persönlichen Vorteils als Objekte gequält und benutzt. Ein Serientäter verschafft sich durch den sadistischen Gebrauch des Opfers ein Gefühl der Lust. In seiner Unfähigkeit, eine reife und vollständige Beziehung zu anderen aufzubauen, degradiert er Menschen zu Sachen. Gewalt bietet ihm die Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten. Das soll mir nie passieren, hatte Mila sich geschworen. Es widerte sie an, mit diesen erbarmungslosen Mördern etwas gemein zu haben. Als sie und Rosa nach der Entdeckung von Annekes Leiche Pfarrer Timothy verließen, hatte sie sich vorgenommen, noch am selben Abend dafür zu sorgen, dass die Erinnerung an das, was dem Mädchen widerfahren war, nie mehr ausgelöscht wurde. Daher nahm sie sich ein paar Stunden frei, als die anderen abends ins Studio zurückkehrten, um die Ermittlungsergebnisse zu rekapitulieren und zu ordnen. Mila ging, wie so oft, in eine Apotheke. Besorgte alles Nötige. Desinfektionsmittel, Pflaster, Wattetupfer, einen sterilen Verband, Nadeln und Faden. Und eine Rasierklinge. Sie kehrte ins Motel zurück. Mila hatte nicht ausgecheckt und zahlte einfach ihr altes Zimmer weiter. Sie zog die Vorhänge zu. Löschte das Licht bis auf eine Nachttischlampe. Sie setzte sich hin, leerte die kleine Papiertüte auf das Bett und zog die Jeans aus. Sie gab etwas Desinfektionsmittel auf die Handflächen und rieb sie fest aneinander. Dann tränkte sie einen Tupfer mit der Flüssigkeit und wischte sich über die Innenseite des rechten Oberschenkels. Die Wunde weiter oben, die von dem letzten, misslungenen Versuch stammte, war bereits verheilt. Diesmal würde sie keinen Mist bauen, sie würde es gut machen. Mit den Lippen löste sie das Seidenpapier von der Klinge. Schloss die Augen und senkte die Hand. Sie zählte bis drei und strich dann innen am Schenkel über die Haut. Sie spürte, wie die scharfe Klinge ins Fleisch drang und sich ihren Weg bahnte. Mit stiller Wucht brach der körperliche Schmerz aus, stieg von der Wunde durch den Körper nach oben. Als er in ihrem Kopf angekommen war, hatte er ihn von den Bildern des Todes gereinigt. »Das ist für dich, Anneke«, flüsterte Mila in die Stille hinein. Dann endlich weinte sie. Ein Lächeln unter Tränen. Dieses Bild bestimmte die Symbolik des Leichenfundortes. Dazu kam das nicht zu vernachlässigende Detail, dass der Leichnam des zweiten Mädchens nackt in einer Waschküche gelegen hatte. »Ob die Tränen die Tat gewissermaßen reinigen sollten?«, hatte Roche gefragt. Goran waren solche Erklärungen zu simpel. Alberts Tötungsmuster war zu raffiniert, als dass es auf eine solche Banalität reduziert werden konnte. Als Serienmörder fühlte er sich über seine Vorgänger erhaben. Im Studio war längst die Müdigkeit zu spüren. Mila war gegen neun aus dem Motel zurückgekehrt, mit geröteten Augen, das rechte Bein leicht nachziehend. Sie wollte nur ein wenig dösen, ging gleich in den Schlafsaal und legte sich hin, ohne die Pritsche herzurichten. Sie zog sich nicht mal aus. Gegen elf wachte sie auf, weil Goran im Flur leise in sein Handy sprach. Mila stellte sich schlafend und lauschte. Am anderen Ende der Leitung konnte nicht seine Frau sein, es musste ein Kindermädchen, vielleicht auch eine Haushälterin sein, denn er sagte »Frau Runa« zu ihr. Er fragte nach Tommy – so hieß sein Sohn also –, ob er gegessen und seine Hausaufgaben gemacht habe und ob er brav gewesen sei. Goran brummte ein paar Mal, während Frau Runa wohl berichtete. Das Gespräch endete damit, dass er versprach, am folgenden Tag nach Hause zu kommen, damit er Tommy wenigstens ein paar Stunden sehen konnte. Mila lag zusammengekauert mit dem Rücken zur Tür und rührte sich nicht. Doch nachdem Goran das Telefonat beendet hatte, war er anscheinend in der Tür zum Schlafsaal stehen geblieben. Sie bemerkte vor ihr an der Wand einen Ausschnitt seines Schattens. Was, wenn sie sich jetzt umdrehte? Ihre Blicke würden sich im Halbdunkel treffen. Vielleicht würde die anfängliche Verlegenheit etwas anderem Platz machen. Einem stillen Gespräch, nur mit Blicken. Sie fühlte sich zu diesem Mann seltsam hingezogen. Dabei konnte sie gar nicht sagen, worin dieser Reiz eigentlich bestand. Als sie sich schließlich umdrehte, war Goran fort. Kurze Zeit später schlief sie wieder ein. »Mila … Mila …« Wie ein Flüstern hatte sich Boris’ Stimme in einen Traum aus schwarzen Bäumen und endlosen Straßen geschlichen. Als Mila die Augen öffnete, stand er neben der Pritsche. Er hatte sie nicht berührt, um sie zu wecken. Hatte nur ihren Namen geflüstert. Aber er lächelte. »Wie spät ist es? Habe ich verschlafen?« »Nein, es ist erst sechs. Ich mache mich auf den Weg, Goran hat mich gebeten, ein paar Ehemalige aus dem Waisenhaus zu befragen. Ich dachte, du magst vielleicht mit …« Mila schloss aus Boris’ Verlegenheit, dass die Idee nicht von ihm stammte. »Gut, ich komme.« Der junge Mann nickte, anscheinend froh, dass er sie nicht lange hatte überreden müssen. Fünfzehn Minuten später trafen sie sich auf dem Parkplatz vor dem Haus. Boris lehnte rauchend am Wagen, der Motor lief bereits. Er trug einen gefütterten Parka, der ihm fast bis an die Knie reichte. Mila hatte wie immer ihre Lederjacke an. Beim Kofferpacken hatte sie nicht daran gedacht, dass es in dieser Gegend so kalt sein konnte. »Du musst dich wärmer anziehen«, sagte Boris mit einem besorgen Blick auf Milas Kleidung. »Hier ist es eiskalt zu dieser Jahreszeit.« Im Auto war es behaglich warm. Mila bemerkte einen Plastikbecher und eine Papiertüte auf der Ablage. »Warme Croissants und Kaffee?« »Und alles für dich allein!«, antwortete er eingedenk ihres Appetits im Motel. Es war ein Friedensangebot. Mila nahm es kommentarlos an. Mit vollem Mund fragte sie: »Wo fahren wir denn hin?« »Wir müssen, wie gesagt, ein paar Ehemalige aus dem Kinderheim befragen. Goran ist überzeugt, dass die Inszenierung mit der Leiche in der Waschküche nicht nur uns gegolten hat.« »Vielleicht geht es um etwas aus der Vergangenheit.« »Das muss aber sehr lange her sein. Solche Heime gibt es zum Glück seit achtundzwanzig Jahren nicht mehr. Seit mit der Gesetzesänderung die Waisenhäuser endlich abgeschafft wurden.« In Boris’ Stimme klang etwas Trauriges mit, und er erzählte: »Ich war auch in so einem Heim. Mit zehn. Ich habe meinen Vater nie kennengelernt, und meine Mutter war überfordert. Also hat sie mich eine Zeit lang dort geparkt.« Mila wusste nicht, was sie sagen sollte, seine Offenheit verunsicherte sie. Boris spürte es. »Schon in Ordnung, du brauchst nichts dazu zu sagen. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich dir das erzähle.« »Tut mir leid, aber ich bin eher verschlossen. Viele Menschen empfinden mich als kühl.« »Ich nicht.« Boris sah auf die Straße. Wegen der noch immer vereisten Fahrspuren floss der Verkehr langsam. Auspuffqualm stand in der Luft. Die Passanten hasteten die Gehsteige entlang. »Stern – der Herrgott möge ihn uns noch lange erhalten – hat ein Dutzend ehemalige Bewohner ausfindig gemacht. Die eine Hälfte ist für uns, um die andere kümmern sich er und Rosa.« »Nur zwölf?« »Die hier in der Gegend leben. Ich weiß auch nicht genau, was der Professor damit bezweckt, aber wenn er meint, dass es was bringt …« Es gab schlicht keine Alternative, und bisweilen klammerte man sich an jeden Strohhalm, um neuen Schwung in eine Ermittlung zu bringen. An dem Vormittag befragten Boris und Mila vier frühere Heimbewohner. Sie waren alle über achtundzwanzig, und alle hatten in etwa den gleichen kriminellen Lebenslauf vorzuweisen. Kinderheim, Erziehungsheim, Gefängnis, Freigänger, wieder Gefängnis, Resozialisierungsmaßnahmen. Nur einer hatte es, dank seiner Kirche, geschafft, das alles hinter sich zu lassen: Er war Pastor einer der zahlreichen evangelischen Gemeinden in dem Landstrich geworden. Zwei hielten sich mit kleinen Gaunereien über Wasser. Einer stand wegen Drogenhandels unter Hausarrest. Doch als die Zeit im Waisenhaus zur Sprache kam, reagierten sie alle verstört. Männer, die richtige Gefängnisse von innen kannten, hatten diesen Ort nicht vergessen. »Hast du ihre Gesichter gesehen?«, fragte Mila ihren Kollegen nach dem vierten Besuch. »Glaubst du auch, dass in diesem Heim was Schreckliches passiert ist?« »Ach, ein Heim war wie das andere. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass man ein Kind ist. Wenn man älter wird, perlt alles an einem ab, auch die schlimmsten Sachen. Aber in dem zarten Alter brennen sich die Erlebnisse quasi ins Fleisch ein, man vergisst sie nie mehr.« Jedes Mal, wenn sie, entsprechend behutsam, von der Leiche in der Waschküche berichteten, schüttelten die Befragten nur den Kopf. Sie konnten mit der düsteren Symbolik nichts anfangen. Mittags aßen Mila und Boris in einem Schnellimbiss Sandwiches mit Thunfisch, und jeder trank zwei Tassen Cappuccino. Der Himmel war bleiern. Der Wetterbericht hatte recht behalten, es würde bald schneien. Zwei Ehemalige mussten Mila und Boris noch aufsuchen, bevor ein Schneesturm die Rückfahrt vielleicht unmöglich machte. Sie beschlossen, erst zu dem zu fahren, der am weitesten entfernt lebte. »Er heißt Feldher und wohnt etwa dreißig Kilometer von hier.« Boris war gut gelaunt. Mila hätte gern die Gelegenheit genutzt und ihn ein bisschen über Goran ausgefragt. Der Mann machte sie neugierig. Sie fand die Vorstellung merkwürdig, dass er ein Privatleben, eine Frau, ein Kind hatte. Vor allem seine Ehefrau war ein Rätsel, insbesondere nach dem Telefongespräch, das Mila vergangenen Abend belauscht hatte. Wo war sie? Warum war nicht sie zu Hause und kümmerte sich um den kleinen Tommy, sondern diese Frau Runa? Vielleicht hätte Boris ihr das alles erklären können. Aber Mila wusste nicht, wie sie das Thema anschneiden sollte, und ließ es am Ende bleiben. Gegen zwei Uhr nachmittags erreichten sie Feldhers Haus. Sie hatten sich telefonisch anmelden wollen, doch die Tonbandstimme einer Telefongesellschaft informierte sie darüber, dass die Nummer nicht mehr existierte. »Besonders gut scheint es unserem Freund ja nicht zu gehen«, hatte Boris gemeint. Die Vermutung bestätigte sich. Das Haus – wenn man es als solches bezeichnen mochte – stand zwischen lauter Autowracks auf einem Schrottplatz. Ein Hund mit rötlichem Fell, der wie seine Umgebung langsam vor sich hin zu rosten schien, empfing sie mit heiserem Kläffen. Kurz darauf erschien ein etwa vierzigjähriger Mann in der Tür. Trotz der Kälte trug er nur ein schmutziges T-Shirt und Jeans. »Sind Sie Herr Feldher?« »Ja. Was wollen Sie?« Boris zückte seinen Dienstausweis. »Können wir mit Ihnen sprechen?« Feldher schien nicht begeistert von dem Besuch, aber er nickte und ließ sie eintreten. Er hatte eine enorme Wampe und nikotingelbe Finger. Seine Behausung war genauso schmuddelig wie er. Er servierte kalten Tee in alten Bechern, steckte sich eine Zigarette an und setzte sich auf einen knarrenden Liegestuhl, das Sofa überließ er dem Besuch. »Sie haben Glück, normalerweise bin ich arbeiten …« »Warum heute nicht?« Der Mann blickte hinaus. »Der Schnee. Kein Mensch braucht bei dem Wetter einen Hilfsarbeiter.« Mila und Boris hielten ihre Becher in der Hand, tranken jedoch nicht daraus. Feldher schien sich nichts daraus zu machen. »Warum suchen Sie sich keine andere Arbeit?«, hakte Mila nach, Interesse vortäuschend, damit das Gespräch in Gang kam. Feldher schnaubte. »Das sagt sich so leicht! Glauben Sie, das hätte ich nicht versucht? Aber bei mir geht ja alles schief, das fing schon mit meiner Ehe an. Die Schlampe wollte was Besseres. Jeden Tag hat sie mir unter die Nase gerieben, dass ich nichts wert bin. Jetzt verdient sie als Kellnerin ein paar Kröten und teilt sich eine Wohnung mit zwei genauso blöden Weibern. Ich war dort, das Haus gehört der Kirche, der sie beigetreten ist. Die haben ihr versprochen, dass sogar eine wie sie ins Paradies kommt!« Mila erinnerte sich, dass sie vorhin an mindestens einem Dutzend dieser neuen Kirchen vorbeigefahren waren. An jeder prangte in Neonlettern der Name der Gemeinschaft und dazu ein passender Slogan. Seit ein paar Jahren schossen sie wie Pilze aus dem Boden, sie fanden Zulauf vor allem unter den ehemaligen Fabrikarbeitern, alleinerziehenden Müttern und Menschen, die von den traditionellen Glaubensrichtungen enttäuscht waren. Die verschiedenen Konfessionen grenzten sich zwar mit Nachdruck voneinander ab, doch sie alle bejahten uneingeschränkt kreationistische Theorien, lehnten Homosexualität und Abtreibung ab, sprachen jedem Menschen das Recht zu, eine Waffe zu tragen, und plädierten für die Todesstrafe. Wer weiß, dachte Mila, wie Feldher reagieren würde, wenn sie ihm erzählten, dass einer seiner früheren Heimmitbewohner Geistlicher einer solchen Kirche war. »Als Sie vorhin kamen, dachte ich schon, Sie sind solche Kirchenleute. Die kommen bis hier raus und verzapfen ihren Quatsch! Letzten Monat hat meine Ex, diese Hure, ein paar geschickt, damit sie mich bekehren!« Lachend entblößte er zwei Reihen kaputter Zähne. Mila wollte vom Thema Ehefrau ablenken und fragte wie beiläufig: »Was haben Sie denn vor Ihrer Zeit als Hilfsarbeiter beruflich gemacht?« »Sie werden es nicht glauben …«, grinste der Mann und warf einen Blick auf den Dreck ringsum. »Ich hatte einen kleinen Waschsalon.« Die beiden Beamten vermieden es, einander anzusehen. Feldher sollte nicht misstrauisch werden. Mila war nicht entgangen, dass Boris mit der Hand an der Seite entlanggefahren und das Pistolenholster geöffnet hatte. Ihr fiel ein, dass ihr Handy, als sie hier ankamen, keinen Empfang mehr gehabt hatte. Viel wussten sie nicht über den Mann, der ihnen gegenübersaß, Vorsicht war geboten. »Waren Sie schon mal im Gefängnis, Herr Feldher?« »Nur wegen kleiner Vergehen, nichts, weswegen ein anständiger Mann nachts nicht schlafen könnte.« Boris tat so, als registriere er die Information, und fixierte Feldher dabei, um ihn nervös zu machen. »Und? Was kann ich für die Polizei tun?«, fragte der Mann genervt. »Unseres Wissens haben Sie Ihre Kindheit und einen großen Teil Ihrer Jugend in einem kirchlichen Heim verbracht«, fühlte Boris vorsichtig vor. Feldher musterte ihn argwöhnisch. Er glaubte genauso wenig wie die anderen Befragten, dass sich die beiden Bullen nur deswegen herbequemt hatten. »Die schönste Zeit meines Lebens«, sagte er sarkastisch. Boris erklärte ihm den Grund ihres Besuchs. Feldher freute sich, dass er Bescheid wusste, bevor die Geschichte der Presse zum Fraß vorgeworfen wurde. »Ich könnte eine Stange Geld verdienen, wenn ich das erzähle«, lautete sein einziger Kommentar. Boris sah ihn scharf an. »Dann nehme ich Sie fest.« Das Lächeln auf Feldhers Gesicht erlosch. Boris beugte sich zu ihm. Mila kannte das von anderen Vernehmungen. Außer im Falle einer mehr oder weniger engen persönlichen Beziehung zwischen dem Beamten und seinem Gegenüber hält der Vernehmende nach Möglichkeit eine unsichtbare Grenze ein. Wenn ein Beamter diese Grenze durchbrach, wollte er den anderen verunsichern. »Feldher, Sie finden es bestimmt lustig, zwei Polizisten Tee anzudrehen, in den Sie möglicherweise reingepisst haben, und dabei zuzusehen, wenn sie dann wie Vollidioten mit dem Becher in der Hand dasitzen und nicht trinken wollen.« Feldher sagte kein Wort. Mila sah Boris an: Seine Äußerung war angesichts der Situation vielleicht nicht so klug gewesen. Der Beamte stellte den Becher ruhig auf den Tisch und sah dem Mann dann wieder fest in die Augen. »So, und jetzt erzählen Sie mal von Ihrem Aufenthalt in dem Waisenhaus.« Feldher senkte den Blick, seine Stimme war nur noch ein Flüstern: »Ich bin praktisch dort geboren. Meine Eltern habe ich nie kennengelernt. Gleich nachdem meine Mutter mich ausgespuckt hat, kam ich dorthin. Meinen Namen hat Pfarrer Rolf mir gegeben, weil ein Typ so hieß, den er kannte und der jung gefallen war. Keine Ahnung, wie dieser Pfaffe drauf kam, dass der Name, der dem anderen Unglück gebracht hat, mir Glück bringen könnte!« Draußen schlug der Hund an, und Feldher rief in seine Richtung: »Ruhe, Koch!« Dann wandte er sich wieder seinen Gästen zu. »Ich hatte schon viele Hunde. Der Platz hier war mal eine Müllhalde. Als ich ihn kaufte, war er angeblich saniert. Aber es kommt immer wieder mal was zum Vorschein: Jauche und aller möglicher Dreck, vor allem wenn es regnet. Die Hunde trinken das Zeug, sie kriegen einen Blähbauch, und nach ein paar Tagen krepieren sie. Ich habe nur noch Koch, aber der macht es auch nicht mehr lang.« Feldher schweifte ab. Er hatte keine Lust, mit den Beamten an den Ort zurückzukehren, der wohl sein Schicksal vorgezeichnet hatte. Mit der Geschichte der toten Hunde wollte er sich nur anbiedern, damit sie ihn in Ruhe ließen. Aber sie mussten dranbleiben. Mila sagte eindringlich: »Bitte, Herr Feldher, strengen Sie sich an.« »Na gut. Schießen Sie los.« »Womit verbinden Sie das Bild eines Lächelns unter Tränen?« »Wie bei so einem Psychofritzen, was? So eine Art Assoziationsspiel?« »So etwa«, stimmte sie zu. Feldher überlegte. Demonstrativ blickte er an die Decke und kratzte sich am Kinn. Dann sagte er: »Billy Moore.« »Waren Sie mit ihm befreundet?« »Ah, der war klasse! Er war sieben, als er ins Heim kam. War immer fröhlich und lachte. Er war sofort das Maskottchen … Damals hatten sie den Laden schon fast dichtgemacht, wir waren nur noch sechzehn.« »Dieses riesige Heim für so wenige Kinder?« »Die Pfaffen waren auch schon weg. Bis auf Pfarrer Rolf. Ich war einer von den Größeren, so um die fünfzehn … Billy hatte echt einiges hinter sich. Seine Eltern haben sich erhängt, und er hat sie gefunden. Er schrie nicht und holte auch keine Hilfe, sondern stellte sich auf einen Stuhl, klammerte sich an sie und riss sie von der Decke.« »So was hinterlässt Spuren.« »Ach, Billy war immer fröhlich. Egal, wie schlimm es war. Für ihn war alles ein Spiel. So was kannten wir gar nicht. Für uns war das Haus ein Gefängnis, aber Billy machte sich nichts draus. Er verströmte eine Energie, ich weiß nicht, wie ich das sagen soll … Zwei Sachen liebte er besonders: seine verfluchten Rollschuhe, mit denen er die leeren Gänge rauf- und runterfuhr, und Fußball. Dabei hat er gar nicht selbst gespielt, er stand lieber am Rand des Spielfelds und machte einen auf Reporter. ›Billy Moore berichtet zum WM-Finale aus dem Aztekenstadion in Mexico City.‹ Für seinen Geburtstag legten wir zusammen und schenkten ihm diesen verdammten Kassettenrekorder. Es war irre: Er nahm stundenlang dieses Zeug auf und hörte sich dann selbst an!« Feldher quasselte weiter, das Gespräch zerfranste. Mila versuchte, es wieder in die richtige Spur zu bringen. »Erzählen Sie von Ihren letzten Monaten im Heim.« »Es sollte, wie gesagt, bald geschlossen werden, und wir Kinder hatten zwei Möglichkeiten: Entweder wir wurden doch noch adoptiert, oder wir landeten woanders, in so einer Art Wohnprojekt. Aber wir waren zweitklassige Waisenkinder, kein Mensch hätte uns genommen. Nur bei Billy standen sie Schlange. Jeder hätte ihn vom Fleck weg adoptiert.« »Und wie ist es ausgegangen? Hat Billy eine gute Familie gefunden?« »Billy ist gestorben.« Seine Stimme klang so voller Bitterkeit, dass man hätte meinen können, ihn selbst habe dieses Schicksal ereilt. Vielleicht traf das wirklich ein wenig zu, vielleicht hatte Billy auch für seine Kameraden die Erlösung verkörpert. Einer, der es hätte schaffen können, einer der wenigen. »Was war passiert?«, fragte Boris. »Meningitis.« Der Mann schniefte, seine Augen glänzten. Er wollte vor den beiden Polizisten keine Schwäche zeigen und drehte den Kopf zum Fenster. Mila dachte, dass die Erinnerung an Billy später, wenn sie beide fort waren, wie ein altes Gespenst durchs Haus schweben würde. Doch mit seinen Tränen hatte Feldher ihr Vertrauen gewonnen. Boris nahm die Hand vom Holster. Der Mann war harmlos. »Nur Billy hatte Meningitis. Aber sie befürchteten eine Epidemie und evakuierten uns von jetzt auf gleich. Schwein gehabt, was?« Er lachte auf. »Ein satter Strafnachlass. Und dieser Scheißladen wurde sechs Monate früher geschlossen als geplant.« Als sie aufstanden, fragte Boris noch: »Haben Sie von Ihren Freunden später noch mal jemanden gesehen?« »Nein, aber vor ein paar Jahren habe ich Pfarrer Rolf getroffen.« »Er ist inzwischen pensioniert.« »Ich hatte gehofft, er wäre längst krepiert.« »Warum?«, fragte Mila misstrauisch. »Hat er Ihnen etwas angetan?« »Nein. Aber wenn man seine Kindheit in so einem Haus verbringt, dann hasst man irgendwann alles, was einen daran erinnert.« Boris nickte spontan, er dachte wohl ähnlich. Feldher brachte sie nicht zur Tür. Er beugte sich über den Tisch, griff sich den Becher mit dem kalten Tee, den Boris nicht getrunken hatte, und leerte ihn in einem Zug. Dann musterte er die beiden noch einmal dreist und sagte: »Schönen Tag noch.« Ein altes Gruppenfoto – die letzten Bewohner des Waisenhauses vor der Schließung –, sichergestellt in Pfarrer Rolfs ehemaligem Büro. Der alte Priester mit sechzehn Kindern, und nur eines lächelte in die Kamera. Ein Lächeln unter Tränen. Lebhafte Augen, zerzauste Haare, Zahnlücke und ein großer Fettfleck, der wie eine Medaille auf dem grünen Pullover prangte. Billy Moore war auf diesem Foto verewigt, und er ruhte für immer auf dem kleinen Friedhof neben der Kirche, die zum Heim gehörte. Er war nicht das einzige Kind, das dort begraben lag, aber sein Grab war das schönste. Mit einem steinernen Engel, der schützend die Flügel ausbreitete. Nachdem Goran von Mila und Boris die Geschichte gehört hatte, bat er Stern, sämtliche verfügbaren Unterlagen zu Billys Tod zu beschaffen. Das tat der Beamte wie immer gewissenhaft, und bei der Durchsicht der Papiere fiel ihm etwas Merkwürdiges auf. »Infektionskrankheiten wie Meningitis müssen dem Gesundheitsamt gemeldet werden. Der Arzt, den Pfarrer Rolf informiert hat, hat auch den Totenschein ausgestellt. Die beiden Papiere tragen dasselbe Datum.« Goran überlegte: »Das nächste Krankenhaus war dreißig Kilometer entfernt. Womöglich hat er sich nicht die Mühe gemacht, persönlich zu erscheinen und den Jungen in Augenschein zu nehmen.« »Er hat sich auf das Wort des Pfarrers verlassen«, fügte Boris hinzu. »Weil Pfarrer normalerweise die Wahrheit sagen.« Nicht immer, dachte Mila. Goran hatte keinen Zweifel mehr: »Wir müssen die Leiche exhumieren.« Der Schnee rieselte in kleinen Körnchen, als wollte er den Boden für die noch folgenden Flocken bereiten. Es war bald Abend. Sie mussten sich beeilen. Changs Totengräber hoben die gefrorene Erde mit einem Minibagger aus. Die anderen warteten schweigend. Hauptkommissar Roche, der über die aktuellen Entwicklungen ins Bild gesetzt worden war, vertröstete die Presse, die plötzlich nach Neuigkeiten gierte. Vielleicht hatte Feldher tatsächlich versucht, Kapital aus dem zu schlagen, was er von den beiden Beamten unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfahren hatte. Aber Roche sagte immer: »Wenn die Presse nicht Bescheid weiß, dichtet sie sich was zusammen.« Sie mussten sich also beeilen, damit nicht jemand das Schweigen mit einer hübschen Lügengeschichte füllte. Es wäre mühsam gewesen, später alles geradezurücken. Ein dumpfes Geräusch. Die Schaufel war endlich auf etwas gestoßen. Changs Männer stiegen in das Grab hinab und gruben mit dem Spaten weiter. Der Sarg war in eine Plastikplane eingeschlagen, um die Verwesung zu verzögern. Sie schnitten die Plane auf. Durch den Schlitz war der Deckel eines kleinen weißen Sarges zu erkennen. »Alles morsch«, sagte der Rechtsmediziner nach einem kurzen Blick. »Der zerfällt uns, wenn wir ihn hochhieven. Und dann bei dem Schnee …«, meinte er, an Goran gewandt, der das letzte Wort hatte. »Also gut, aufmachen.« Niemand hatte mit einer Öffnung des Sarges an Ort und Stelle gerechnet. Changs Leute bespannten einige Pfosten schirmartig mit einem Wachstuch, das den Sarg und den Leichnam vor dem Schnee schützen sollte. Unter den Augen des steinernen Engels stieg Chang mit einer Lampe in das Grab hinab. Ein Mitarbeiter trennte mit einem Schneidbrenner die Schweißnaht des Innensarges aus Zink auf. Der Deckel bewegte sich. Wie holt man ein Kind zurück, das seit achtundzwanzig Jahren tot ist?, fragte sich Mila. Billy Moore hätte eigentlich ein kurzes Zeremoniell oder wenigstens ein Gebet verdient. Doch dazu hatte niemand Lust und Zeit. Als Chang den Sarg öffnete, erschienen Billys armselige Überreste. Fetzen eines eleganten Erstkommunionanzugs inklusive Fliege und Hose mit Umschlag hafteten noch an ihm. In einer Ecke des Sarges lagen verrostete Rollschuhe und ein alter Kassettenrekorder. Mila dachte daran, was Feldher erzählt hatte: »Zwei Sachen liebte er besonders: seine verfluchten Rollschuhe, mit denen er die leeren Gänge rauf- und runterfuhr, und Fußball. Dabei hat er gar nicht selbst gespielt, er stand lieber am Rand des Spielfelds und machte einen auf Reporter.« Rollschuhe und Kassettenrekorder waren Billys ganze Habe gewesen. Behutsam schnitt Chang mit einem Skalpell Stücke aus dem Stoff, er arbeitete auch in dieser unbequemen Haltung rasch und präzise. Er prüfte den Zustand der Leiche. Dann erklärte er, an den Rest der Mannschaft gewandt: »Er hatte mehrere Knochenbrüche. Ich kann nicht aus dem Stand sagen, von wann sie stammen … Aber an einer Meningitis ist der Junge bestimmt nicht gestorben.« 16 Sarah Rosa brachte Pfarrer Timothy in den Mannschaftswagen, wo Goran und die anderen ihn bereits erwarteten. Der Priester sah mitgenommen aus. »Wir hätten eine Bitte an Sie«, sagte Stern. »Wir müssen umgehend mit Pfarrer Rolf sprechen.« »Er ist pensioniert, wie gesagt. Ich weiß nicht, wo er jetzt lebt. Als ich vor einem halben Jahr herkam, habe ich ihn nur kurz gesehen. Er hat mir ein paar Dinge erklärt, mir Unterlagen und die Schlüssel ausgehändigt und ist gegangen.« Boris wandte sich an Stern: »Vielleicht sollten wir direkt bei der Diözese anfragen. Was meinst du, wo Priester hinkommen, wenn sie pensioniert sind?« »Meines Wissens gibt es eine Art Altersheim.« »Vielleicht …« Sie blickten erwartungsvoll Pfarrer Timothy an. »Ja?«, fragte Stern ermunternd. »Ich glaube mich zu erinnern, dass Pfarrer Rolf zu seiner Schwester ziehen wollte … Ja, er sagte, sie sei etwa so alt wie er und unverheiratet.« Der Geistliche schien froh zu sein, dass er endlich etwas Brauchbares zu den Ermittlungen beitragen konnte. »Wenn Sie wollen, spreche ich mit der Kirchenverwaltung. Es müsste sich doch feststellen lassen, wo Pfarrer Rolf sich aufhält. Und wahrscheinlich fällt mir auch noch mehr ein.« Der junge Priester hatte sich etwas beruhigt. »Sie würden uns einen Riesengefallen tun«, schaltete sich Goran ein, »und wir könnten vermeiden, dass Staub aufgewirbelt wird. Das käme der Kirche wahrscheinlich auch entgegen.« »Ja, bestimmt«, pflichtete Pfarrer Timothy ihm ernst bei. Als der Priester den Wagen verließ, sagte Rosa sichtlich verärgert zu Goran: »Wir sind uns doch einig, dass Billy nicht bei einem Unfall zu Tode kam, warum sorgst du dann nicht für einen Haftbefehl gegen Pfarrer Rolf?« »Er war an dem Tod des Jungen nicht beteiligt.« Mila fiel auf, dass Goran mit dieser Bemerkung zum ersten Mal eine Fremdeinwirkung nicht ausschloss. Natürlich wiesen Billys Knochenbrüche auf einen gewaltsamen Tod hin, dennoch gab es keinen Beweis dafür, dass jemand seine Hand im Spiel gehabt hatte. »Wie kommen Sie darauf, dass der Pfarrer unschuldig ist?«, fuhr Rosa fort. »Pfarrer Rolf hat die Sache nur gedeckt. Er hat die Geschichte mit Billys Meningitis erfunden, damit sich wegen der Ansteckungsgefahr niemand traut, dem Fall nachzugehen. Für den Rest sorgte die Welt draußen: Kein Mensch scherte sich um die Heimkinder.« »Außerdem stand das Haus kurz vor der Schließung«, pflichtete Mila ihm bei. »Wir müssen Pfarrer Rolf vernehmen, er allein kennt die Wahrheit. Aber ich fürchte, wenn wir ihn per Haftbefehl suchen … na ja, könnte auch sein, dass wir ihn nicht finden. Er ist alt, es kann gut sein, dass er seine Geschichte mit ins Grab nimmt.« »Was sollen wir also machen?« Boris war ungeduldig. »Etwa darauf warten, dass der gute Mann sich selbst meldet?« »Natürlich nicht«, erwiderte Goran. Er nahm den Plan des Waisenhauses zur Hand, den Stern beim Katasteramt besorgt hatte, und zeigte Boris und Rosa einen bestimmten Abschnitt. »Im Osttrakt lagert das Archiv mit den Akten sämtlicher Jungen, die bis zur Schließung im Haus lebten. Uns interessieren natürlich nur die letzten sechzehn Kinder.« Goran reichte ihnen das Gruppenfoto mit dem lachenden Billy Moore. Er drehte es um: Auf der Rückseite hatten alle Kinder unterschrieben, die auf dem Bild zu sehen waren. »Gleicht die Namen ab. Wir brauchen den Namen zur einzigen fehlenden Akte.« Boris und Rosa sahen ihn verblüfft an. »Wie kommst du darauf, dass eine fehlt?« »Weil Billy Moore von einem Kameraden umgebracht worden ist.« Ronald Dermis war auf dem Gruppenfoto mit dem lachenden Billy Moore der dritte von links. Er war acht Jahre alt. Vor Billys Ankunft dürfte er das Maskottchen gewesen sein. Für ein Kind kann Eifersucht Grund genug sein, den Tod eines anderen herbeizuwünschen. Nach der Schließung des Heims hatten die Behörden seine Spuren verloren. War er adoptiert worden? Unwahrscheinlich. Vielleicht war er in einem Wohnprojekt gelandet. Auch hinter dieser Informationslücke steckte höchstwahrscheinlich Pfarrer Rolf. Sie mussten den Priester unbedingt ausfindig machen. Pfarrer Timothy hatte sich wie versprochen bei der Diözese erkundigt: »Die Schwester ist gestorben, und er hat Dispens beantragt.« Er hatte die Soutane also abgelegt. Vielleicht aus einem Schuldgefühl heraus, weil er einen Mord gedeckt hatte, vielleicht hatte er auch zu sehr darunter gelitten, dass sich das Böse selbst in den Gesichtszügen eines Kindes verbergen konnte. Diese und andere Überlegungen beschäftigten die Ermittler. »Mir ist immer noch nicht klar, ob ich zur Jagd auf den Mann des Jahrhunderts blasen oder darauf warten soll, dass du mir vielleicht eine Antwort lieferst?« Die Rigipswände in Roches Büro erzitterten beim Klang seiner Stimme. Doch der unerschütterliche Goran Gavila ließ sich von der Nervosität des Hauptkommissars nicht aus der Ruhe bringen. »Man sitzt mir wegen der Geschichte mit dem sechsten Mädchen im Nacken, angeblich tun wir nicht genug.« »Solange wir keine konkreten Hinweise auf Albert haben, werden wir das Kind nicht finden. Ich habe gerade mit Krepp gesprochen, auch am letzten Tatort gibt es keinerlei Spuren.« »Sag wenigstens, ob du Ronald Dermis und Albert für identisch hältst.« »Den Fehler haben wir schon bei Alexander Bermann gemacht. Ich würde mich mit voreiligen Schlüssen zurückhalten.« Roche ließ sich gewöhnlich nicht in seine Ermittlungsstrategie hineinreden, diesmal jedoch nahm er den guten Rat an. »Aber wir können doch nicht hier sitzen und uns von diesem Psychopathen auf der Nase herumtanzen lassen. So retten wir das Mädchen nie! Wenn es überhaupt noch lebt.« »Es gibt nur einen Menschen, der es retten kann. Er selbst.« »Erwartest du allen Ernstes, dass er das Kind freiwillig rausrückt?« »Ich sage nur, dass er es möglicherweise irgendwann darauf anlegt, einen Fehler zu machen.« »Scheiße! Glaubst du, ich drehe hier Däumchen, und da draußen warten sie nur drauf, mich in die Pfanne zu hauen? Ich verlange konkrete Ergebnisse, mein lieber Professor!« Goran kannte Roches Wutausbrüche. Sie waren nicht gegen ihn persönlich gerichtet. Der Hauptkommissar hatte alles und jeden auf dem Kieker. »Weißt du, was mich die ganze Zeit beschäftigt?« »Egal, Hauptsache, du holst mich aus dieser Sackgasse raus.« »Ich habe bisher noch mit niemandem darüber geredet … Die Tränen.« »Ja und?« »Das zweite Mädchen lag in mindestens fünf Litern Tränen. Tränen sind salzig und trocknen deshalb rasch. Diese jedoch nicht …« »Und? Warum?« »Es sind künstliche Tränen. Sie bilden exakt die chemische Zusammensetzung menschlicher Tränen nach, sind aber eine Illusion. Deshalb trocknen sie nicht. Weißt du, wie man künstliche Tränen erzeugen kann?« »Keine Ahnung.« »Eben. Aber Albert weiß es. Er hat sie gemacht, er hat Zeit auf ihre Herstellung verwendet. Weißt du, was das bedeutet?« »Sag schon.« »Dass er alles sorgfältig inszeniert. Alles, was er uns präsentiert, ist das Ergebnis eines womöglich über Jahre ausgetüftelten Plans. Und wir müssen in kürzester Zeit auf jeden seiner Schritte reagieren. Das bedeutet es.« Roche lehnte sich in seinem Sessel zurück und starrte ins Leere. »Und was erwartet uns deiner Meinung nach?« »Wenn ich ehrlich bin – ich fürchte, dass uns das Schlimmste noch bevorsteht.« Mila ging in das Kellergeschoss des Instituts für Rechtsmedizin. Sie hatte ein paar Sammelbildchen berühmter Fußballer gekauft, zumindest hatte der Verkäufer versichert, sie seien berühmt. Die kleine Geste war Teil eines Abschiedsrituals. In der Rechtsmedizin sollte Billy Moores Leichnam zusammengeflickt werden, damit er wieder unter dem steinernen Engel begraben werden konnte. Chang war fast fertig mit der Obduktion, die Knochenbrüche waren geröntgt. Vor einer Leuchttafel, an der die Bilder steckten, stand Boris. Mila wunderte sich nicht. Der Beamte meinte sich rechtfertigen zu müssen, als er sie sah. »Ich wollte mal hören, ob es Neuigkeiten gibt.« »Und – gibt es welche?« Mila spielte mit, obwohl sie wusste, dass Boris aus persönlichen Gründen da war. Chang unterbrach seine Arbeit, um Milas Frage zu beantworten. »Er ist von irgendwo weit oben hinabgestürzt. Schwere und Anzahl der Knochenbrüche lassen darauf schließen, dass er fast sofort tot war.« Fast – dahinter verbargen sich Hoffnung und Unbehagen zugleich. »Natürlich kann niemand sagen, ob Billy sich selbst hinuntergestürzt hat oder ob er gestoßen wurde.« Mila sah den Prospekt eines Bestattungsinstituts auf einem Stuhl liegen. Das war bestimmt kein Service der Polizei, Boris wollte Billy wahrscheinlich eine würdige Beerdigung aus eigener Tasche bezahlen. In einem Regalfach lagen die auf Hochglanz polierten Rollschuhe und der Kassettenrekorder, jenes Geburtstagsgeschenk, von dem sich der Junge nie getrennt hatte. »Chang hätte sogar eine Idee, wo er gestorben sein könnte«, verkündete Boris. Chang wandte sich einigen vergrößerten Fotos des Waisenhauses zu. »Wenn ein Körper ins Leere fällt, erhöht sich mit der Beschleunigung sein Gewicht, das liegt an der Schwerkraft. Am Ende ist es, als würde er am Boden von einer unsichtbaren Hand zerschmettert. Wenn man nun das anhand der Knochenbildung zu ermittelnde Alter des Opfers mit dem Umfang der Knochenbrüche vergleicht, kann man die wahrscheinliche Fallhöhe errechnen. Bei Billy waren das über fünfzehn Meter. Unter Berücksichtigung der durchschnittlichen Höhe des Gebäudes und der Bodenneigung ist das Kind also fast sicher von diesem Turm gestürzt … Sehen Sie hier?« Wieder sagte Chang »fast«, als er den exakten Punkt auf dem Foto zeigte. Da kam ein Assistent zur Tür herein. »Dr. Vross, man verlangt nach Ihnen …« Einen Moment lang bekam Mila das Gesicht des Rechtsmediziners und seinen richtigen Namen nicht unter einen Hut. Anscheinend trauten sich die Angestellten nicht, ihn mit Chang anzureden. »Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte dieser und ließ die beiden allein. »Ich muss auch los«, sagte Mila, und Boris nickte. Auf dem Weg zur Tür legte Mila die Sammelbildchen neben Billys Rollschuhe und den Kassettenrekorder in das Regal. »Da ist seine Stimme drauf …«, sagte Boris. »Bitte was?« Mila sah ihn fragend an. Boris wies mit dem Kinn auf den Kassettenrekorder und wiederholte: »Billys Stimme. Seine Fußballreportagen …« Er lächelte traurig. »Hast du sie dir angehört?« Boris nickte. »Aber nur den Anfang. Das hält man ja nicht aus …« »Verstehe …«, sagte Mila nur. »Das Band ist fast intakt. Die Säuren, die sich bei …« – er stockte – »… der Verwesung bilden, haben ihm nicht zugesetzt. Chang meint, das sei ziemlich selten. Kommt wohl darauf an, wie der Boden beschaffen ist. Batterien waren keine drin, die habe ich eingelegt.« Mila tat interessiert, damit Boris sich entspannte. »Dann funktioniert der Kassettenrekorder also.« »Klar, kommt ja auch aus Japan.« Sie lachten. »Magst du dir das Band mit mir zusammen anhören?« Mila überlegte kurz, bevor sie antwortete. Große Lust hatte sie nicht. Manches muss in Frieden ruhen, dachte sie. Aber sie merkte, dass es Boris wichtig war. »Gut, lass es laufen.« Boris trat zu dem Kassettenrekorder und drückte die Playtaste, und Billy Moore erwachte in dem kalten Obduktionssaal zu neuem Leben: Liebe Sportsfreunde am Radio, wir sind hier im legendären Wembley-Stadion! England gegen Deutschland – dieses Spiel wird in die Geschichte eingehen! Die Stimme klang munter, Billy lispelte und verhaspelte sich. Ein Lächeln schwang in seinen Worten mit, und die beiden sahen ihn förmlich vor sich, wie er kindlich unbekümmert der Welt ein wenig von seiner Fröhlichkeit mitgeben wollte. Mila und Boris lächelten mit ihm. Die Temperaturen sind mild, und obwohl wir schon Herbst haben, ist kein Regen in Sicht. Die Mannschaften haben sich bereits auf dem Platz aufgestellt, um den Nationalhymnen zu lauschen … Die Tribünen sind auf allen Rängen voller Zuschauer! Was für ein Spektakel, meine Damen und Herren! Wir werden gleich großartigen Fußball erleben! Doch rasch noch zur Mannschaftsaufstell … in Demut und Reue bekenne ich meine Sünden, ich bitte um Buße und Lossprechung. Mila und Boris sahen einander fragend an. Eine fremde Stimme überlagerte die Aufnahme und war nur schwach zu hören. »Klingt wie ein Gebet.« »Aber das ist nicht Billy!« Gütiger Gott, hilf mir, dass ich nicht mehr sündige und auch die Gelegenheit zur Sünde meide. Herr, erbarme dich, verzeih mir. Jetzt ist es gut. Die Stimme eines Mannes. Was willst du mir denn sagen? Ich habe in letzter Zeit oft geflucht. Und vor drei Tagen habe ich Kekse aus der Speisekammer gestohlen, aber Jonathan hat auch welche gegessen … Und … und ich habe die Matheaufgaben abgeschrieben. Sonst war nichts? »Das muss Pfarrer Rolf sein«, sagte Mila. Denk gut nach, Ron. Die Stille im Raum gefror zu Eis. Ronald Dermis war wieder ein kleiner Junge. Doch … schon … Willst du es mir erzählen? Nein … Wie soll ich dir die Absolution erteilen, wenn du es mir nicht erzählst? Ich weiß nicht … Du weißt, was mit Billy passiert ist, nicht wahr, Ron? Gott hat ihn zu sich genommen. Das war nicht Gott, Ron. Weißt du etwa nicht, wer es war? Er ist gestürzt. Er ist vom Turm gestürzt. Aber du warst dabei … Ja. Wer hatte denn die Idee, da raufzusteigen? Jemand hat seine Rollschuhe auf dem Turm versteckt. Warst du das? Ja … Hast du ihn auch gestoßen? Beantworte bitte meine Frage, Ronald. Niemand bestraft dich, wenn du mir erzählst, was geschehen ist. Das verspreche ich dir. Er hat gesagt, ich soll es machen. Wer? Billy? Hat Billy gesagt, du sollst ihn stoßen? Nein. Einer der anderen Jungen also? Nein. Wer dann? … Ron, komm, sag’s mir. Es gibt diesen Jemand gar nicht, stimmt’s? Er besteht nur in deiner Einbildung. Nein! Hier ist sonst niemand. Nur du und deine Kameraden. Er kommt nur zu mir. So, Ron, du sagst jetzt, dass du von Herzen bedauerst, was Billy passiert ist. Ich bedauere von Herzen, was Billy passiert ist. Ich hoffe, du bist aufrichtig. Jedenfalls bleibt das alles ein Geheimnis zwischen mir, dir und dem Herrn. Ja. Du darfst niemandem etwas sagen. Ja. Ich spreche dich von deinen Sünden los. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen. Amen. 17 »Wir suchen einen gewissen Ronald Dermis«, erklärte Roche vor einem Wald von Kameras und Mikrofonen. »Er müsste sechsunddreißig Jahre alt sein. Braunes Haar, braune Augen, helle Gesichtsfarbe.« Er hielt einen grafisch bearbeiteten Ausschnitt des Gruppenfotos in die Höhe, auf dem Ronald als Erwachsener zu sehen war. Ein Blitzlichtgewitter brach los. »Wir haben Grund zur Annahme, dass dieser Mann mit den verschwundenen Mädchen zu tun hat. Wer ihn kennt, etwas über ihn weiß oder in den vergangenen dreißig Jahren Kontakt zu ihm hatte, wird gebeten, sich bei der Polizei zu melden. Danke.« Die Journalisten bestürmten ihn mit Fragen: »Herr Roche! Herr Hauptkommissar! Eine Frage …!« Roche ging nicht darauf ein und verschwand durch eine Hintertür. Der Schritt war unvermeidlich gewesen. Sie hatten einfach Alarm schlagen müssen. Nachdem Boris und Mila die Sache mit dem Band entdeckt hatten, hatte die Mordkommission zwei Stunden lang fieberhaft gearbeitet. Jetzt wussten sie, was geschehen war. Pfarrer Rolf hatte Rons Geständnis auf Billys Kassettenrekorder aufgenommen. Dann hatte er es zusammen mit ihm begraben. Er hatte damit gerechnet, dass die Saat früher oder später aufgehen würde, und gehofft, die Wahrheit werde eines Tages alle erlösen. Denjenigen, der trotz seiner unschuldigen Jugend die abscheuliche Tat begangen hatte. Denjenigen, an dem sie verübt worden war. Und denjenigen, der das Schreckliche mühsam zwei Meter unter der Erde versteckt hatte. Goran fragte: »Woher wusste Albert von der Geschichte? Außer Pfarrer Rolf und Ron kannte niemand das Geheimnis. Die einzige plausible Erklärung wäre also, dass Ron und Albert identisch sind.« Vielleicht musste auch Alberts Entscheidung, Alexander Bermann zu benutzen, unter diesem Blickwinkel gesehen werden. Rosa hatte es für möglich gehalten, dass der Serientäter als Kind missbraucht worden war und sich deshalb eines Pädophilen bediente. Doch Stern hatte die These sofort verworfen, und Goran hatte ihm zugestimmt. Jetzt musste er einräumen, dass das möglicherweise ein Irrtum gewesen war. Pädophile bevorzugen Waisen und vernachlässigte Kinder, denn die nimmt niemand in Schutz. Goran ärgerte sich, dass er nicht schon längst darauf gekommen war. Dabei hatte er doch alle Puzzleteilchen von Anfang an vor Augen gehabt. Aber er hatte sich von dem Gedanken verführen lassen, Albert sei ein subtiler Stratege. »Mit seinen Taten erzählt uns ein Serienmörder eine Geschichte, die Geschichte seines inneren Konflikts«, erklärte er seinen Studenten immer wieder. Warum also hatte er sich von einer anderen Vermutung in die Irre führen lassen? Albert hatte ihn bei seiner Ehre gepackt. Goran hatte geglaubt, Albert wolle sie nur herausfordern. Ihm hatte die Vorstellung von einem Gegner gefallen, der schlauer sein wollte als er. Nach der im Fernsehen übertragenen Pressekonferenz, die er und Roche gemeinsam bestritten, bestellte der Professor das Team noch einmal in die Waschküche des Heims, in der Anneke gefunden worden war. Sie erschien ihm der passende Ort, um den Ermittlungen eine neue Richtung zu geben. Die Leiche des zweiten Mädchens war längst abtransportiert, das Marmorbecken von den Tränen geleert. Nur die Halogenlampen und der brummende Generator waren noch da. In Kürze würde auch davon nichts mehr zu sehen und zu hören sein. Goran hatte Pfarrer Timothy dazugebeten. Der Geistliche wirkte abgehetzt und erregt, als er zu ihnen stieß. »Pfarrer Rolf ist nirgends zu finden«, setzte der junge Priester an. »Ich glaube, dass er tatsächlich …« »Pfarrer Rolf lebt sicher nicht mehr«, fiel Goran ihm brüsk ins Wort. »Er hätte sich nach Roches Aufruf längst gemeldet.« Pfarrer Timothy schien erschüttert. »Wozu brauchen Sie mich dann?« Mit Bedacht wählte Goran seine Worte: »Es mag Ihnen merkwürdig vorkommen, aber es wäre schön, wenn wir zusammen ein Gebet sprechen könnten.« Rosa war bass erstaunt. Ebenso Boris, der einen Blick mit ihr wechselte. Mila wand sich. Nicht so Stern, der religiös war und Gorans Bitte ohne Zögern folgte. Er stellte sich in die Mitte des Raumes und streckte die Arme aus, damit alle sich an den Händen halten und einen Kreis bilden konnten. Mila trat als Erste näher. Rosa folgte ihr widerstrebend. Boris zögerte am längsten, aber er konnte sich Gorans Bitte nicht entziehen. Pfarrer Timothy nickte erfreut und stellte sich in ihre Mitte. Goran kannte kein Gebet, vielleicht gab es auch gar keines, das dieser Situation angemessen gewesen wäre. Doch er versuchte es trotzdem, und seine Stimme klang bedrückt: »Wir haben in letzter Zeit Schreckliches erlebt. Und was hier geschehen ist, kann man nicht in Worte fassen. Ich weiß nicht, ob es einen Gott gibt. Aber ich habe mir immer einen gewünscht. Ich weiß bestimmt, dass es das Böse gibt. Weil man das Böse beweisen kann. Nicht aber das Gute. Das Böse hinterlässt Spuren auf seinem Weg. Unschuldige tote Kinder, zum Beispiel. Das Gute ist nicht greifbar. Damit wird es für uns, die wir stets konkrete Beweise suchen, natürlich schwierig …« Goran machte eine Pause. »Wenn es einen Gott gibt, würde ich ihn gerne etwas fragen: Warum musste Billy Moore sterben? Woher rührt der Hass von Ronald Dermis? Was ist mit ihm geschehen? Wie hat er gelernt zu töten? Was hat ihn dazu gebracht, das Böse zu wählen? Und warum setzt er dem Grauen kein Ende?« Gorans Fragen blieben in der Stille hängen. »Wenn Sie so freundlich wären, Herr Pfarrer …«, sagte Stern nach einer Weile. Pfarrer Timothy faltete die Hände und stimmte einen Bittgesang an. Seine schöne feste Stimme erfüllte den Raum schließlich mit ihrem Echo. Mila schloss die Augen und ließ sich von den Worten forttragen. Sie waren lateinisch, doch ihr Sinn hätte sich auch dem ahnungslosesten Menschen erschlossen. Mit dem Lied reinigte Pfarrer Timothy jeden Winkel von den üblen Exkrementen des Bösen und brachte Frieden an den Ort, an dem das Grauen geherrscht hatte. Der Brief war an die Dienststelle für Operative Fallanalyse adressiert. Er wäre als Nachricht eines Phantasten abgetan worden, hätte die Schrift nicht einige Parallelen mit der Schrift einer Klassenarbeit aufgewiesen, die Ronald Dermis als Kind verfasst hatte. Die Nachricht war mit gewöhnlichem Kugelschreiber auf eine Heftseite geschrieben. Fingerspuren auf dem Blatt hatten den Absender nicht gekümmert. Anscheinend hatte Albert keine Vorsichtsmaßnahmen mehr nötig. Ein einziger Satz stand, fast ohne Interpunktion, in der Mitte des Blattes: an die, die mich jagen billy war ein dreckskerl ein DRECKSKERL! gut dass ich ihn getötet habe ich habe ihn gehasst er hätte uns böses angetan weil er eine familie haben würde und wir nicht was mir angetan wurde war schlimmer und NIEMAND hat mich gerettet NIEMAND. ich war immer hier vor euren augen ihr habt mich nicht gesehen dann ist ER gekommen. ER hat mich verstanden. ER hat mir alles beigebracht ihr wolltet mich so ihr habt mich nicht gesehen seht ihr mich jetzt? pech für euch am ende wird alles eure schuld sein ich bin was ich bin. NIEMAND kann all das verhindern NIEMAND. RONALD Goran hatte eine Kopie des Briefes mitgenommen, weil er sich eingehend damit befassen wollte. Er wollte zu Hause bei Tommy schlafen. Er freute sich auf einen Abend mit seinem Sohn, den er seit Tagen nicht gesehen hatte. Als er die Wohnung betrat, rannte Tommy ihm entgegen. »Wie geht’s dir, Papa?« Goran schloss ihn glücklich in die Arme und hob ihn hoch. »Eigentlich ganz gut. Und dir?« »Mir geht’s gut.« Die drei Zauberwörter. Sein Sohn hatte sie gelernt, als sie beide allein waren. Als wollte er sagen, dass Goran sich keine Sorgen zu machen brauchte, weil es ihm gut ging. Er vermisste seine Mama nicht. Er lernte, sie nicht zu vermissen. Tommy riss die Tüte auf, die Goran mitgebracht hatte. »Wow! Chinesisch!« »Ich dachte, du hast gern mal ein bisschen Abwechslung zu Frau Runas Speisekarte.« Tommy verzog angewidert das Gesicht. »Igitt, diese Frikadellen! Sie tut viel zu viel Minze rein, die schmecken nach Zahnpasta!« Goran lachte, er musste Tommy recht geben. »Los, geh Hände waschen …« Tommy sauste ins Bad, danach deckte er den Tisch. Goran hatte das meiste Geschirr in der Küche von den oberen Schrankfächern nach unten geräumt, wo Tommy gut hinkam. Er sollte das Gefühl haben, an ihrem neuen Familienleben wirklich teilzuhaben. Gemeinsam etwas tun bedeutete, sich umeinander zu kümmern und sich nicht gehen zu lassen. Sie hatten kein Recht, sich in ihre Trauer zu vergraben. Tommy richtete die gebackenen Wan Tan und die süßsaure Sauce auf einer Platte an, und sein Vater verteilte den Kantonreis auf zwei Schalen. Sie hatten sogar Stäbchen, und als Dessert gab es Vanilleeis. Beim Essen erzählten sie sich von ihrem Tag. Tommy berichtete, wie weit die Organisation des Sommerlagers mit den Pfadfindern gediehen war. Goran erkundigte sich nach der Schule und vernahm stolz, dass sein Sohn eine Eins in Turnen bekommen hatte. »Ich war in den meisten Sportarten grottenschlecht«, gab Goran zu. »In welcher warst du denn gut?« »In Schach.« »Das ist doch kein Sport!« »Klar, es gibt sogar die Schach-Olympiade.« Tommy sah ihn skeptisch an. Dabei wusste er doch, dass sein Vater nie log. Das war eine harte Lektion gewesen. Denn als Tommy ihn das erste Mal nach seiner Mama fragte, hatte Goran die Wahrheit gesagt. Aber nicht aus Rache an Tommys Mutter. Lügen oder – noch schlimmer – halbe Wahrheiten hätten die Sehnsucht des Kindes nur verschlimmert. Er hätte ganz allein mit zwei großen Lügen fertig werden müssen: mit der Lüge der Mutter, die sie beide verlassen hatte, und der seines Vaters, der nicht den Mut hatte, ihm die Wahrheit zu sagen. »Bringst du mir Schach mal bei?« »Natürlich.« Mit diesem feierlichen Versprechen brachte Goran Tommy ins Bett. Anschließend ging er in sein Arbeitszimmer. Nahm Ronalds Brief zur Hand, las ihn zum x-ten Mal. Eine Stelle hatte ihn von Anfang an beschäftigt: dann ist ER gekommen. ER hat mich verstanden. ER hat mir alles beigebracht. Es war die Stelle mit dem Wörtchen ER in Großbuchstaben. Goran hatte diese merkwürdige Aussage schon einmal gehört. In der Beichte, die Ronald bei Pfarrer Rolf abgelegt hatte. – Er kommt nur zu mir. Eindeutig ein Fall von dissoziierter Identitätsstörung, bei der die negativen Ich-Anteile vom handelnden Ich abgespalten sind und zu ER werden. – ICH war es. Aber ER hat gesagt, ich soll es tun. Es ist SEINE Schuld, dass ich so bin. – In diesem Zusammenhang werden alle anderen zu NIEMAND. – NIEMAND hat mich gerettet. NIEMAND kann all das verhindern. – Ron wollte gerettet werden. Aber man hatte ihn vergessen, und man hatte auch vergessen, dass er nur ein Kind war. Sie wollte etwas zu essen kaufen. Nachdem sie vergeblich Geschäfte und Imbissstuben abgeklappert hatte, die wegen des schlechten Wetters frühzeitig geschlossen hatten, musste sich Mila mit einer Fertigsuppe aus der Drogerie zufriedengeben. Die wollte sie in dem Mikrowellenherd heiß machen, den sie in der Küche des Studios entdeckt hatte. Zu spät fiel ihr ein, dass sie nicht wusste, ob er überhaupt funktionierte. Sie kehrte in das Apartment zurück, bevor die schneidende Abendkälte ihre Muskeln lähmte. Sie bereute, dass sie ihre Joggingklamotten und die Laufschuhe nicht von zu Hause mitgenommen hatte. Seit Tagen fehlte ihr richtige Bewegung, ihre Gelenke waren schon ganz steif. Gerade als sie hinaufgehen wollte, sah sie auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig Sarah Rosa. Sie war in eine lebhafte Auseinandersetzung mit einem Mann vertieft, der sie zu beschwichtigen versuchte, sichtlich ohne Erfolg. Er tat Mila, die ihn für Rosas Ehemann hielt, richtig leid. Mila verschwand im Haus, bevor die Hexe sie womöglich bemerkte und damit einen weiteren Grund hatte, sie zu hassen. Auf der Treppe begegneten ihr Boris und Stern, die auf dem Weg nach unten waren. »Wo geht ihr hin?« »In die Dienststelle. Mal sehen, wie die Jagd nach unserem Mann läuft«, antwortete Boris und drehte sich eine Zigarette. »Kommst du mit?« »Nein, danke.« Boris entdeckte ihre Suppe. »Na dann, guten Appetit.« Als Mila weiter die Treppe hinaufstieg, hörte sie Boris zu seinem älteren Kollegen sagen: »Du solltest wieder anfangen zu rauchen.« »Besser wär’s, wenn auch du dich lieber an die hier halten würdest …« Mila hörte, dass Stern seine Schachtel Pfefferminzpastillen öffnete, und musste lächeln. Sie war allein im Studio. Goran verbrachte die Nacht zu Hause bei seinem Sohn. Sie fand das ein wenig schade, denn sie hatte sich an seine Anwesenheit gewöhnt und fand seine Ermittlungsmethoden interessant. Der Mikrowellenherd funktionierte. Und die Suppe war gar nicht übel. Vielleicht schmeckte sie auch nur, weil Mila so hungrig war. Mit Suppenteller und Löffel verzog sie sich in den Schlafsaal, froh, den Raum eine Weile für sich zu haben. Sie setzte sich im Schneidersitz auf die Pritsche. Die Wunde am linken Bein zog ein wenig, aber sie heilte. Alles heilt irgendwann, dachte sie. Während sie ihre Suppe löffelte, nahm sie Ronald Dermis’ fotokopierten Brief zur Hand und legte ihn vor sich hin. Ronald hatte erstaunlich schnell reagiert. Doch irgendetwas an seinem Brief stimmte nicht. Mila hatte sich gescheut, mit Goran darüber zu sprechen, weil sie glaubte, keine konstruktive Idee vorbringen zu können. Doch der Gedanke beschäftigte sie schon den ganzen Nachmittag. Der Brief war an die Presse weitergeleitet worden. Das war ungewöhnlich. Goran wollte dem Ego des Serientäters schmeicheln. Als ob er zu ihm sagte: »Siehst du? Wir schenken dir Beachtung!« In Wirklichkeit wollte er den Mann von dem Kind ablenken, das er in seiner Gewalt hatte. »Ich weiß nicht, wie lange er dem Drang, es zu töten, widerstehen kann«, hatte er vor ein paar Stunden gemeint. Mila verscheuchte den Gedanken und konzentrierte sich auf den Brief. Sie störte sich an der Form, die Ronald gewählt hatte und die sie als unstimmig empfand. Sie hätte nicht sagen können, warum, aber der Text in der Mitte des Blattes, praktisch ein einziger fortlaufender Satz, hinderte sie daran, den Inhalt ganz und gar zu erfassen. Mila beschloss, den Text zu zerlegen. Sie stellte den Teller ab und nahm Block und Bleistift zur Hand. • an die, die mich jagen: • billy war ein dreckskerl. ein DRECKSKERL! gut, dass ich ihn getötet habe. ich habe ihn gehasst. er hätte uns böses angetan. weil er eine familie haben würde und wir nicht. • was mir angetan wurde, war schlimmer! und NIEMAND hat mich gerettet! NIEMAND. • ich war immer hier. vor euren augen. ihr habt mich nicht gesehen. • dann ist ER gekommen. ER hat mich verstanden. ER hat mir alles beigebracht. • ihr wolltet mich so. ihr habt mich nicht gesehen. seht ihr mich jetzt? pech für euch: am ende wird alles eure schuld sein. • ich bin, was ich bin. NIEMAND kann all das verhindern. NIEMAND. • RONALD Mila las die Abschnitte der Reihe nach. Der Brief war eine einzige Hasstirade gegen die ganze Welt. Im Kopf seines Mörders verkörperte Billy etwas Großes, Allumfassendes. Etwas, das Ron niemals haben würde: das Gefühl, glücklich zu sein. Billy war ein fröhlicher Mensch, obwohl er den Selbstmord seiner Eltern miterlebt hatte. Billy würde adoptiert werden, obwohl er ein zweitklassiges Waisenkind war. Billy war beliebt, obwohl er nichts zu bieten hatte. Mit Billys Tod würde das Lächeln im scheinheiligen Gesicht der Welt für immer erlöschen. Doch je öfter Mila die Zeilen las, umso stärker hatte sie das Gefühl, dass die Sätze in dem Brief weder ein Geständnis noch eine Provokation, sondern Antworten waren. Als ob jemand Ronald Fragen stellte und er danach fieberte, das Schweigen zu brechen, in dem er so lange gefangen gewesen war, und sich des Geheimnisses zu entledigen, das Pfarrer Rolf ihm aufgezwungen hatte. Wie aber lauteten die Fragen? Und wer stellte sie? Mila überlegte, was Goran bei dem gemeinsamen Gebet gesagt hatte: dass das Gute nicht sichtbar sei, während wir für das Böse ständig Beispiele vor Augen haben. Beweise. Ronald glaubte, es sei gut und notwendig gewesen, den gleichaltrigen Kameraden zu töten. Für ihn verkörperte Billy das Böse. Wer konnte schon beweisen, dass er nicht vielleicht richtig gehandelt hatte? Seine Logik war schlüssig. Denn möglicherweise wäre Billy Moore als Erwachsener ein schlechter Mensch geworden. Wer konnte das schon wissen. Mila hatte früher im Religionsunterricht immer über etwas ganz Bestimmtes nachgedacht. Auch jetzt noch beschäftigte die Frage sie immer wieder. Warum lässt ein Gott, der doch eigentlich gut ist, zu, dass Kinder sterben? Im Grunde widersprach dies dem Ideal von Liebe und Gerechtigkeit, von dem die Bibel durchdrungen war. Aber vielleicht holte Gott auch nur seine schlechtesten Kinder früh zu sich. Vielleicht würden auch die Kinder, die sie rettete, eines Tages zu Mördern werden. Womöglich war es falsch, was sie tat. Wäre es eine gute oder eine böse Tat gewesen, wenn jemand Adolf Hitler oder Jeffrey Dahmer oder Charles Manson getötet hätte, als sie noch in den Windeln lagen? Ihre Mörder wären natürlich verurteilt und bestraft und nicht als Retter der Menschheit gefeiert worden. Mila kam zu dem Schluss, dass die Grenze zwischen Gut und Böse oft fließend ist. Dass eines bisweilen das Instrument des anderen ist und umgekehrt. Auch ein Gebet kann wie das absurde Gerede eines Mörders klingen, schoss es ihr durch den Kopf, und bei dem Gedanken spürte sie das übliche Kribbeln im Nacken. Wie wenn sich etwas von hinten aus dem Verborgenen näherte. Sie wiederholte im Stillen, was sie eben gedacht hatte, und da begriff sie, dass sie die Fragen zu Ronalds Antworten genau kannte. Sie steckten in Gorans Gebet. Mila versuchte, sich zu erinnern, sie hatte die Fragen ja nur ein Mal gehört. Sie machte mehrere Versuche auf ihrem Notizblock, vertat sich mit der Reihenfolge und musste noch mal von vorn anfangen, doch am Ende gelang es ihr, sie richtig zu rekapitulieren. Anschließend versuchte sie, die Fragen den Sätzen in dem Brief zuzuordnen, indem sie einen Dialog vor ihrem inneren Auge rekonstruierte. Und alles war von der ersten Zeile an klar: an die, die mich jagen. – Adressat war die Polizei. Es war eine Antwort auf die Fragen, die Goran in die Stille hinein gestellt hatte … – Warum musste Billy Moore sterben? billy war ein dreckskerl. ein DRECKSKERL! gut, dass ich ihn getötet habe. ich habe ihn gehasst. er hätte uns böses angetan. weil er eine familie haben würde und wir nicht. – Woher rührt der Hass von Ronald Dermis? was mir angetan wurde, war schlimmer! und NIEMAND hat mich gerettet! NIEMAND. – Was ist mit ihm geschehen? ich war immer hier. vor euren augen. ihr habt mich nicht gesehen. – Wie hat er gelernt zu töten? dann ist ER gekommen. ER hat mich verstanden. ER hat mir alles beigebracht. – Was hat ihn dazu gebracht, das Böse zu wählen? ihr wolltet mich so. ihr habt mich nicht gesehen. seht ihr mich jetzt? pech für euch: am ende wird alles eure schuld sein. – Und warum setzt er dem Grauen kein Ende? ich bin, was ich bin. NIEMAND kann all das verhindern. NIEMAND. Mila wusste nicht, was sie denken sollte. Aber vielleicht stand die Antwort auf ihre Frage am Ende des Briefes. Der Name. RONALD. Sie musste ihre Vermutung auf der Stelle überprüfen. 18 Ein dicker Schneehimmel entlud langsam seine violetten Wolken. Mila wartete über vierzig Minuten, bis endlich ein Taxi kam. Als der Fahrer hörte, wohin sie wollte, protestierte er, es sei zu weit und nachts, und bei dem miesen Wetter finde er niemals einen Fahrgast für die Rückfahrt. Erst als Mila das Doppelte für die Fahrt bot, erklärte sich der Mann bereit. Die Straßen waren zugeschneit, die Streufahrzeuge hatten umsonst gearbeitet. Man konnte nur mit Ketten fahren, entsprechend langsam kamen sie voran. Im Auto war schlechte Luft, und Mila sah Reste eines Döners mit Zwiebeln auf dem Beifahrersitz liegen. Der Geruch mischte sich mit dem eines Pinienduftbaums, der ausgerechnet auf einem Heizungsschlitz lag. Während der Fahrt durch die Stadt hatte Mila Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Sie war sich sicher, dass ihre Theorie Hand und Fuß hatte, und je näher sie ihrem Fahrtziel kam, desto überzeugter war sie. Sie wollte Goran anrufen, um sie sich bestätigen zu lassen, aber der Akku ihres Handys war fast leer. Mila verschob den Anruf auf später, wenn sie gefunden hatte, wonach sie suchte. Am Tor des Waisenhauses stieg Mila aus. Sie kam gar nicht auf die Idee, dem Fahrer noch mal Geld anzubieten, damit er auf sie wartete. Sie war sicher, dass es an dem Ort sehr bald wieder von Kollegen wimmeln würde. »Soll ich nicht lieber auf Sie warten?«, fragte der Mann, als er merkte, wie einsam und verlassen die Gegend war. »Nein, danke, Sie können ruhig fahren.« Der Taxifahrer ließ es gut sein, zuckte mit den Schultern und fuhr davon. Mila kletterte über das Tor. Auf dem Weg zum Haus versanken ihre Füße im Schneematsch. Sie wusste, dass Roche die Wachposten abgezogen hatte. Auch der Mannschaftswagen der Mordkommission war fort. An diesem Ort befand sich nichts mehr, was für die Ermittlungen von Belang gewesen wäre. Sie erreichte den Haupteingang, doch an der Tür war ein neues Schloss angebracht worden, nachdem die Beamten des Spezialeinsatzkommandos das alte aufgebrochen hatten. Sie spähte zum Pfarrhaus hinüber und versuchte festzustellen, ob Pfarrer Timothy noch wach war. Sie lief hinüber und klopfte mehrmals, bis im zweiten Stock das Licht anging. Kurz darauf lehnte sich Pfarrer Timothy aus dem Fenster. »Wer ist da?« »Ich bin Polizeibeamtin, Herr Pfarrer. Ich war letztens schon hier, erinnern Sie sich?« Der Priester versuchte, sie im Schneegestöber zu erkennen. »Ja, natürlich. Was wollen Sie so spät? Ich dachte, die Polizei ist fertig …« »Ich weiß, bitte entschuldigen Sie, aber ich muss in der Waschküche etwas überprüfen. Könnten Sie mir bitte die Schlüssel geben?« »Ich komme runter.« Mila wunderte sich schon, dass er so lange brauchte, als sie ein paar Minuten später den Riegel an der Tür hörte. Pfarrer Timothy war in eine abgetragene Strickjacke mit löchrigen Ellenbogen gehüllt und sah sie mit seinem sanftmütigen Blick an. »Sie zittern ja.« »Es geht schon.« »Kommen Sie doch kurz ins Warme, ich suche nur rasch die Schlüssel. Die Polizei hat alles ziemlich durcheinandergebracht.« Mila folgte ihm ins Haus. In der Wärme war ihr gleich wohler. »Ich wollte gerade schlafen gehen.« »Tut mir leid.« »Schon gut. Möchten Sie eine Tasse Tee? Ich trinke immer Tee vor dem Einschlafen, das beruhigt.« »Nein, danke. Ich möchte möglichst schnell in die Stadt zurück.« »Trinken Sie doch eine Tasse mit, der Tee wird Ihnen guttun. Er ist fertig, Sie müssen sich nur einschenken. Ich hole inzwischen die Schlüssel.« Er verließ das Zimmer, und Mila ging in die kleine Küche, zu der Pfarrer Timothy gezeigt hatte. Die Teekanne stand auf dem Tisch. Mila konnte dem Duft des dampfenden Tees nicht widerstehen. Als sie sich eine Tasse eingoss und großzügig Zucker dazugab, musste sie an den scheußlichen kalten Tee denken, den Feldher ihr und Boris in seinem Haus auf dem Schrottplatz hatte andrehen wollen. Wer weiß, woher er das Wasser zu seinem Tee nahm. Pfarrer Timothy kehrte mit einem großen Schlüsselbund zurück, den er nach dem richtigen Schlüssel durchsah. »Tut gut, nicht wahr?«, fragte er mit einem zufriedenen Lächeln, weil Mila doch auf ihn gehört hatte. Sie erwiderte das Lächeln: »Ja.« »Das hier müsste der Schlüssel für den Haupteingang sein. Soll ich mitkommen?« »Nein, danke«, sagte sie, und Pfarrer Timothy war sichtlich erleichtert. »Aber ich hätte doch eine Bitte …« »Ja?« Sie reichte ihm eine Visitenkarte. »Sollte ich in einer Stunde nicht zurück sein, rufen Sie diese Nummer an, und sagen Sie Bescheid, dass ich Hilfe brauche.« Pfarrer Timothy wurde blass. »Ich dachte, die Gefahr ist vorüber?« »Nur für alle Fälle. Ich glaube nicht, dass mir etwas zustößt. Bloß kenne ich mich in dem Gebäude nicht so gut aus, und falls ich stürze … Es gibt ja kein Licht.« Da fiel ihr ein, dass sie das gar nicht bedacht hatte. Und jetzt? Es gab keinen Strom, und der Generator für die Halogenlampen war wie alles übrige Gerät sicherlich längst abtransportiert. »Mist!«, entschlüpfte es ihr. »Haben Sie vielleicht eine Taschenlampe?« »Leider nicht … Aber wenn Sie ein Handy haben, können Sie das Display als Lichtquelle benutzen.« Daran hatte sie nicht gedacht. »Danke für den Tipp.« Mila trat wieder in die kalte Nacht hinaus, während Pfarrer Timothy sorgfältig die Tür hinter ihr verriegelte. Sie lief den Weg hinunter zum ehemaligen Waisenhaus, steckte den Schlüssel ins Schloss und lauschte dem Klacken der Umdrehungen, das sich hallend in dem dahinter liegenden Raum verlor. Mila stieß die gewaltige Tür auf und schloss sie gleich wieder hinter sich. Die Tauben, die auf dem Oberlicht kauerten, begrüßten sie mit aufgeregtem Flügelschlag. Das Display des Handys spendete einen fahlen grünlichen Lichtschein, der nur einen winzigen Bruchteil ihrer Umgebung erhellte. Tiefe Dunkelheit lauerte jenseits dieser Lichtblase und konnte jederzeit über das Ufer treten und Mila verschlucken. Das Geräusch ihrer Schritte auf dem Weg zur Waschküche zerriss die Stille. Ihr Atem kondensierte in der kalten Luft. Bald befand sie sich in der Küche, wo sie die Silhouetten der großen Kochkessel erkannte. Im angrenzenden Speisesaal tastete sie sich vorsichtig zwischen den Resopaltischen hindurch. Als sie seitlich gegen einen Tisch stieß, kippte einer der daraufgestellten Stühle herunter. Das Poltern, vom Echo vervielfacht, war ohrenbetäubend. Als Mila den Stuhl wieder hochstellte, erspähte sie die Öffnung zu der engen Wendeltreppe, die in das Untergeschoss führte. Sie schlüpfte hindurch und stieg langsam die abgenutzten, rutschigen Stufen hinunter. Jetzt befand sie sich in der Waschküche. Mithilfe des Handys sah sie sich um. In dem Marmorbecken, in dem Annekes Leichnam deponiert gewesen war, lag eine Blume. Mila dachte an das Gebet, das sie gemeinsam in diesem Raum gesprochen hatten. Sie machte sich auf die Suche. Als Erstes kontrollierte sie sämtliche Winkel, anschließend fuhr sie mit den Fingern an den Sockelleisten entlang. Fehlanzeige. Sie verscheuchte den Gedanken daran, wie lange der Akku wohl noch durchhielt. Nicht wegen der Aussicht, im Dunkeln zurückfinden zu müssen, sondern weil sie ohne das schwache Licht viel länger brauchen würde. Nach einer Stunde würde Pfarrer Timothy Hilfe holen, und sie würde sich schön blamieren. Sie musste sich beeilen. Wo steckt das Ding bloß, dachte sie. Irgendwo hier muss es sein … Jäher Lärm fuhr Mila durch Mark und Bein. Erst nach ein paar Sekunden begriff sie, dass ihr Handy klingelte. Es war Goran Gavila. Mila steckte sich den Ohrstöpsel ins Ohr und meldete sich. »Ist denn niemand mehr im Studio? In der letzten Stunde habe ich mindestens zehn Mal angerufen.« »Boris und Stern sind weg, aber Rosa müsste eigentlich dort sein.« »Und wo steckst du?« Mila wollte ihn nicht anlügen. Sie war inzwischen nicht mehr ganz sicher, ob sie mit ihrer Vermutung richtiglag, und entschied, sie ihm mitzuteilen. »Ich glaube, dass Ronald uns neulich Abend belauscht hat.« »Wie kommst du darauf?« »Ich habe seinen Brief mit den Fragen verglichen, die du bei unserem Gebet gestellt hast. Der Brief klingt wie eine Antwort.« »Hervorragend kombiniert.« Goran schien ganz und gar nicht überrascht. Vielleicht war er bereits zu demselben Schluss gekommen. Mila kam sich ein bisschen dumm vor, weil sie geglaubt hatte, sie könnte ihm etwas Interessantes präsentieren. »Aber jetzt sag schon – wo bist du?« »Ich suche das Mikrofon.« »Welches Mikrofon?« »Ronald muss in der Waschküche eines installiert haben.« »Du bist im Waisenhaus?« Goran klang besorgt. »Du musst sofort weg von dort!« »Wieso?« »Mila, da ist kein Mikrofon!« »Doch, ich bin sicher, dass …« Goran fiel ihr ins Wort: »Die Polizei hat das ganze Areal unter die Lupe genommen, sie hätte es gefunden!« Jetzt kam sich Mila wirklich dumm vor. Goran hatte recht. Wie hatte sie das vergessen können. Was ging nur in ihrem Kopf vor? »Woher wusste er dann …« Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Ein imaginärer kalter Tropfen rann ihr den Rücken hinunter. Er war hier. »Das Gebet war doch nur ein Trick, um ihn aus der Reserve zu locken! Mila, geh, um Himmels willen, raus da!« Erst jetzt wurde ihr klar, in welcher Gefahr sie schwebte. Sie zog ihre Waffe und lief rasch in Richtung Ausgang, der mindestens zweihundert Meter entfernt lag. Eine gewaltige Entfernung angesichts der unsichtbaren Präsenz in diesen Gemäuern. Aber wer …?, fragte sich Mila, als sie die Wendeltreppe in den Speisesaal hinaufstieg. Dann spürte sie, wie ihre Beine an Kraft verloren und wegknickten, und sie begriff. Der Tee … Die Verbindung war gestört. Mila hörte Gorans Stimme im Ohrstöpsel: »Was?« »Pfarrer Timothy ist Ronald, nicht wahr?« Empfangsstörungen. Rauschen. Erneut schlechter Empfang. »Ja. Nach Billys Tod schickte Pfarrer Rolf alle fort, bevor das Heim offiziell geschlossen wurde. Außer Ronald. Ihn behielt er bei sich, weil er seinen Charakter kannte und hoffte, ihn unter Kontrolle behalten zu können.« »Ich glaube, er hat mich unter Drogen gesetzt.« Sie hörte Goran nur noch bruchstückhaft. »… hast du gesagt? Ich … stehe nicht.« »Ich glaube … er …«, setzte Mila noch mal an, aber die Wörter verklumpten im Mund. Sie kippte vornüber. Der Stöpsel rutschte aus ihrem Ohr. Das Telefon entglitt ihr und flog unter einen Tisch. Sie hatte Angst, und ihr Herz fing an zu rasen, wodurch sich das Betäubungsmittel noch rascher im Organismus verteilte. Ihre Sinne wurden stumpf. Aber sie hörte Goran noch aus dem ein paar Meter entfernt liegenden Ohrstöpsel schreien: »Mila! Mila … worte doch! … assiert?« Sie schloss die Augen und fürchtete, sie nicht mehr öffnen zu können. Doch an einem solchen Ort würde sie nicht sterben. Adrenalin … ich brauche Adrenalin … Mila wusste, wie sie sich welches verschaffen konnte. Mit der rechten Hand hielt sie noch immer die Pistole umklammert. Sie legte die Mündung am linken Oberarm an, um dem Deltamuskel einen Streifschuss zu verpassen, und drückte ab. Der Schuss krachte gewaltig in der schwarzen Tiefe ringsum, die Kugel zerfetzte ihre Lederjacke und riss Fleisch aus dem Arm. Mila schrie auf vor Schmerz. Aber ihr Kopf war wieder klar. Deutlich hörte sie, wie Goran ihren Namen brüllte: »Mila!« Sie robbte auf das leuchtende Display zu, packte das Handy und keuchte hinein: »Alles in Ordnung.« Mila richtete sich mühsam auf und versuchte zu gehen. Es kostete sie enorme Anstrengung, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Sie fühlte sich wie in einem Traum, in dem man vor einem Verfolger flüchten will und keinen Schritt vorwärts kommt, weil die Beine so schwer sind, als steckten sie bis zu den Knien in tiefem Schlamm. Die Wunde pulsierte, blutete jedoch nicht stark. Mila hatte den Schuss gut gesetzt. Sie biss die Zähne zusammen und hatte mit jedem Schritt das Gefühl, dem Ausgang näher zu kommen. »Du wusstet das alles! Warum hast du das Schwein nicht gleich festgenommen?«, schrie sie ins Handy. »Und warum hast du mir nichts gesagt?« Gorans Stimme war wieder klar und deutlich zu hören. »Tut mir leid, Mila. Du solltest dich ihm gegenüber weiterhin ganz normal benehmen, damit er keinen Verdacht schöpft. Wir überwachen ihn aus der Ferne. Wir haben einen Peilsender in seinem Auto installiert und hoffen, dass er uns zu dem sechsten Mädchen führt.« »Aber er hat es nicht getan …« »Weil er nicht Albert ist, Mila.« »Gefährlich ist er trotzdem, nicht wahr?« Goran schwieg eine Sekunde zu lang. »Ich habe die Kollegen alarmiert, sie sind unterwegs zu dir. Doch das kann dauern. Das Gelände ist weiträumig abgesperrt.« Egal, sie kommen sowieso zu spät, dachte Mila. Bei dem Wetter und mit dem Zeug, das in ihrem Körper zirkulierte und ihre Kräfte lähmte, war alle Hoffnung umsonst. Das war ihr völlig klar. Hätte sie nur auf den blöden Taxifahrer gehört, der ihr die Fahrt hatte ausreden wollen. Und warum, verdammt noch mal, warum hatte sie sein Angebot, auf sie zu warten, ausgeschlagen? Jetzt saß sie hier in der Falle. Das hatte sie sich selber eingebrockt, vielleicht weil etwas in ihr es nicht anders wollte. Sie empfand Gefahr als verlockend. Sogar die Vorstellung zu sterben war verführerisch. Nein!, befahl sie sich, ich will leben. Noch hielt sich Ronald alias Pfarrer Timothy im Hintergrund. Aber er ließ sicher nicht mehr lange auf sich warten. Drei kurze Piepser holten sie aus ihren Gedanken. »Scheiße«, fluchte sie, als der Akku sie endgültig im Stich ließ. Die Dunkelheit umschloss sie wie eine Hand. Er rechnet bestimmt damit, dass ich zur Tür gehe … Sie wäre am liebsten auf der Stelle aus dem Haus verschwunden. Aber sie wusste, dass sie diesem Impuls nicht folgen durfte, er hätte ihren Tod bedeutet. Sie musste sich verstecken und auf Verstärkung warten. Denn jederzeit konnte der Schlaf sie übermannen. Zum Glück hatte sie ihre Pistole noch. Vielleicht war er ebenfalls bewaffnet. Aber sie glaubte nicht, dass Ronald gut mit Waffen umgehen konnte, zumindest nicht so gut wie sie. Die Rolle des schüchternen und etwas ängstlichen Pfarrer Timothy spielte er allerdings hervorragend. Wer weiß, dachte Mila, was er sonst noch alles draufhat. Sie kauerte sich in dem riesigen Speisesaal unter einen Tisch und lauschte. Das Echo war eher störend, es vervielfachte unnütze Geräusche, ein undefinierbares, trügerisches, fernes Knarren, das sie nicht deuten konnte. Unerbittlich fielen ihr die Augen zu. Er kann mich nicht sehen, er kann mich nicht sehen, dachte sie unaufhörlich. Er weiß, dass ich bewaffnet bin. Wenn er das kleinste Geräusch macht oder seine Taschenlampe anknipst, ist er ein toter Mann. Vor ihren Augen tauchten Blitze in irren Farben auf. Das kommt von dem Zeug, sagte sie sich. Die Farben formten sich zu Gestalten, die nur für sie zum Leben erwachten. Das konnte sie sich nicht alles einbilden. In Wirklichkeit blitzte es an verschiedenen Stellen im Saal. Das Schwein hatte ein Blitzlicht! Mila zielte, doch das blendende, durch die Wirkung der Droge verzerrte Licht machte es ihr unmöglich, ihn zu lokalisieren. Sie war in einem riesigen Kaleidoskop gefangen. Mila schüttelte den Kopf, doch ihre Sinne schwanden. Kurz darauf lief ihr ein Schaudern wie ein unkontrollierbarer Krampf durch Arme und Beine. So sehr sie auch versuchte, den Gedanken an den Tod zu verscheuchen – er lockte immerzu mit dem Versprechen, dass sie nur die Augen schließen musste und alles wäre vorbei. Für immer vorbei. Wie viel Zeit war vergangen? Eine halbe Stunde? Zehn Minuten? Und wie viel Zeit hatte sie noch? Da hörte sie ihn. Er war nah. Sehr nah. Höchstens vier oder fünf Meter entfernt. Jetzt sah sie ihn. Für den Bruchteil einer Sekunde sah sie in dem Lichtkreis sein unheilvolles Grinsen. Er konnte sie jeden Moment entdecken, und sie hatte kaum mehr die Kraft zu schießen. Sie musste ihm also zuvorkommen, obgleich sie damit ihr Versteck preisgab. Im Dunkeln zielte sie in die Richtung, wo sie ihn im Hof des nächsten Blitzlichts vermutete. Es war riskant, aber sie hatte keine Wahl. Sie wollte schon abdrücken, als Ronald zu singen begann. Es war dieselbe wunderschöne Stimme, mit der Pfarrer Timothy vor der versammelten Truppe das Kirchenlied gesungen hatte. Es war widersinnig, ein Scherz der Natur, dass eine solche Gabe sich im dumpfen Herzen eines Mörders verbarg. Von dort stieg, laut, verstörend, der Todesgesang auf. Er klang eigentlich lieblich und anrührend. Doch Mila empfand nur Angst. Beine und Armmuskeln versagten endgültig ihren Dienst. Sie sackte in sich zusammen. Blitzlicht. Benommenheit legte sich wie eine kalte Decke auf sie. Jetzt hörte Mila deutlich, dass Ronald immer näher kam, gleich würde er sie in ihrem Versteck aufspüren. Wieder Blitzlicht. Es ist vorbei, jetzt sieht er mich, dachte Mila. Es war ihr ziemlich egal, wie er sie tötete. Vollkommen ruhig überließ sie sich dem schmeichelnden Locken des Todes. Ihr letzter Gedanke galt dem sechsten Mädchen: Ich werde nie erfahren, wer du bist … Ein heller Schein hüllte sie vollkommen ein. Sie merkte, dass ihr die Pistole abgenommen wurde. Zwei Hände packten sie. Sie spürte, dass sie hochgehoben wurde. Mila wollte etwas sagen, doch die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie verlor das Bewusstsein. Von einer federnden Bewegung wachte sie auf. Ronald hatte sie sich auf die Schulter geladen und stieg die Treppe hinauf. Wieder verlor sie das Bewusstsein. Durchdringender Gestank nach Ammoniak zog sie aus ihrem künstlichen Schlaf. Ronald wedelte mit einem Wattebausch vor ihrer Nase. Er hatte ihr die Hände gefesselt, und ein eisiger Windstoß ohrfeigte sie. Sie waren im Freien. Mila hatte das Gefühl, irgendwo oben zu sein. Da fiel ihr das Foto ein, auf dem Chang ihr die Stelle gezeigt hatte, von der Billy Moore möglicherweise hinabgestürzt war. Der Turm … Wir sind auf dem Turm … Ronald achtete einen Augenblick nicht auf sie. Er trat an die Brüstung und sah hinunter. Dann kehrte er zu ihr zurück, packte sie an den Füßen und schleifte sie zum Geländer. Mit letzter Kraft versuchte Mila, nach ihm zu treten, aber sie stieß ins Leere. Sie schrie. Wand sich. Blinde Verzweiflung schwappte ihr ins Herz. Ronald riss sie hoch und drückte ihren Oberkörper rückwärts über die Brüstung. Aus den Augenwinkeln schielte Mila in den Abgrund. Und sie sah, durch die Schneewand hindurch, in der Ferne das Blaulicht der Streifenwagen, die sich auf der Autobahn näherten. Ronald legte den Mund an ihr Ohr. Sie spürte seinen heißen Atem, als er flüsterte: »Die kommen zu spät …« Er fing an zu schieben. Obwohl ihre Hände am Rücken gefesselt waren, schaffte sie es, sich an der glitschigen Kante der Brüstung festzukrallen. Sie wehrte sich mit aller Kraft, doch lange würde sie nicht durchhalten. Ihr einziger Verbündeter war der vereiste Boden des Turms, denn Ronald rutschte jedes Mal aus, wenn er sich mit einem Fuß abstützte und zum entscheidenden Stoß ansetzte. Sein Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, und sie merkte, dass er nervös wurde, weil sie sich nicht ergab. Ronald änderte die Taktik. Jetzt wollte er ihre Beine über die Brüstung hieven. Er stellte sich direkt vor sie. In ihrem verzweifelten Überlebenswillen verlagerte sie den letzten Rest ihrer Kraft ins Knie und rammte es ihm zwischen die Beine. Ronald krümmte sich stöhnend, die Hände in den Schoß gedrückt, und taumelte nach hinten. Mila begriff, dass das ihre einzige Chance war, bevor er erneut auf sie losgehen konnte. Sie konnte nicht mehr, also musste sie die Schwerkraft nutzen. Die Wunde an ihrem Oberarm brannte höllisch, aber Mila achtete nicht auf den Schmerz. Sie richtete sich auf. Nun hatte sie das Eis gegen sich, aber sie nahm trotzdem Anlauf und stürzte sich auf Ronald. Er war so überrascht, dass er das Gleichgewicht verlor. Haltsuchend ruderte er mit den Armen, doch da hing er schon halb über der Brüstung. Als er begriff, dass er verloren war, streckte er eine Hand nach Mila aus, um sie mit in den Abgrund zu reißen. In einer letzten schrecklichen Liebkosung streiften seine Finger den Saum ihrer Lederjacke. Dann stürzte er, wie in Zeitlupe, als dämpften die weißen Schneeflocken seinen Fall. Dunkelheit umfing ihn. 19 Tiefe Dunkelheit. Vollkommene Blende zwischen Schlaf und Wachzustand. Das Fieber ist gestiegen. Sie spürt es in ihren glühenden Wangen, den schmerzenden Beinen, ihrem krampfenden Magen. Sie weiß nicht, wann ein Tag anfängt, wann er endet. Ob sie seit Stunden oder seit Tagen daliegt. Zeit spielt keine Rolle im Bauch des Ungeheuers, das sie verschlungen hat. Sie dehnt sich aus und zieht sich zusammen wie ein Magen, der langsam eine Mahlzeit verdaut. Und sie ist zu nichts nütze. Hier ist die Zeit zu überhaupt nichts nütze. Weil sie keine Antwort hat auf die einzig wichtige Frage: Wann ist das endlich vorbei? Der Entzug der Zeit ist die schlimmste Strafe. Schlimmer als die Schmerzen im linken Arm, die manchmal in den Hals ausstrahlen und so in den Schläfen pochen, dass ihr nur noch elend ist. Denn eines hat sie inzwischen verstanden. Das alles ist eine Strafe. Sie weiß nur nicht genau, für welche Sünde sie bestraft werden muss. Vielleicht war ich böse zu Mama und Papa, ich bin oft unartig, ich will meine Milch nie trinken und schütte sie heimlich weg, wenn sie nicht hinsehen, ich wollte eine Katze und habe versprochen, dass ich mich immer um sie kümmere, aber als ich Houdini dann hatte, wollte ich einen Hund, da waren sie richtig sauer und sagten, wir können die Katze nicht einfach aussetzen, ich habe versucht, ihnen klarzumachen, dass Houdini mich nicht mag, vielleicht sind es ja auch meine schlechten Noten, das Halbjahreszeugnis war ziemlich katastrophal, in Erdkunde und Zeichnen habe ich große Lücken, oder die drei Zigaretten, die ich mit meinem Cousin heimlich auf dem Dach der Turnhalle geraucht habe, aber ich habe gar nicht richtig geraucht, nein, dafür habe ich im Kaufhaus Marienkäferhaarspangen gestohlen, aber nur ein einziges Mal, ich schwör’s, außerdem bin ich so ein Dickkopf, vor allem Mama gegenüber, die will immer bestimmen, was ich anziehe, sie versteht einfach nicht, dass ich kein kleines Kind mehr bin, und die Sachen, die sie mir zum Anziehen kauft, finde ich blöd … Wenn sie wach ist, sucht sie ständig nach einer Erklärung, nach einem Grund, der das, was mit ihr geschieht, rechtfertigen könnte. Sie denkt sich die absurdesten Sachen aus. Aber kaum glaubt sie, einen Grund gefunden zu haben, fällt er wie ein Kartenhaus in sich zusammen, weil die Strafe für jede Schuld zu schlimm ist. Manchmal ist sie auch wütend, weil Mama und Papa sie nicht holen. Warum befreien sie mich nicht? Ich bin doch ihr Kind, haben sie mich denn vergessen? Doch das bereut sie gleich wieder. Sie versucht, die Eltern mit ihren Gedanken herzurufen. Manchmal denkt sie auch, sie sei längst tot. Ja, ich bin tot und hier unten beerdigt. Ich kann mich nur nicht bewegen, weil ich im Sarg liege. Ich muss ewig so liegen … Doch die Schmerzen erinnern sie immer wieder daran, dass sie lebendig ist. Die Schmerzen sind Strafe und Befreiung zugleich. Sie reißen sie aus dem Schlaf, zurück in die Wirklichkeit. So wie jetzt. Eine warme Flüssigkeit fließt in ihren rechten Arm. Sie spürt es. Es ist angenehm. Es riecht nach Medizin. Jemand kümmert sich um sie. Sie weiß nicht, ob sie darüber froh sein soll oder nicht. Denn es bedeutet zweierlei. Einerseits ist sie nicht allein. Andererseits weiß sie nicht, ob diese Person gut oder schlecht ist. Sie hat gelernt, auf sie zu warten. Sie weiß, wann sie kommt. Eines hat sie nämlich verstanden – ihr Körper sorgt nicht von selbst für die Müdigkeit, die sie immer wieder überkommt, und den Schlaf, in den sie plötzlich versinkt. Was ihre Sinne lähmt, sind Medikamente. Und die Person kommt nur, wenn ihre Wirkung eintritt. Sie setzt sich neben sie und füttert sie geduldig mit einem Löffel. Es schmeckt süß, und sie muss nicht kauen. Dann gibt sie ihr Wasser zu trinken. Sie berührt sie nie, sagt nie etwas. Sie selbst möchte sprechen, aber ihre Lippen weigern sich, Wörter zu bilden, und ihre Kehle gibt keinen Laut von sich. Manchmal spürt sie die Person ganz nah. Manchmal kommt es ihr vor, als würde sie reglos dasitzen und sie anschauen. Wieder ein Stich. Ein erstickter Schrei prallt von den Wänden ihres Gefängnisses ab und bringt sie zu sich. Da bemerkt sie es. Ein kleines fernes Licht schiebt sich in die Dunkelheit. Mit einem Mal begrenzt ein rotes Pünktchen einen nahen Horizont. Was ist das? Sie strengt ihre Augen an, aber vergeblich. Dann spürt sie etwas unter der rechten Hand. Das war vorher nicht da. Es fühlt sich spröde und uneben an. Irgendwie schuppig. Es ist eklig. Steif. Wie ein totes Tier. Sie würde es am liebsten wegstoßen, aber es klebt an ihrer Handfläche. Mit ihren schwachen Kräften versucht sie, es abzuschütteln. Doch als sie ihr Handgelenk bewegt, kommt sie dem Rätsel auf die Spur. Es ist nichts Totes. Das Ding ist steif, weil es aus Plastik ist. Es klebt nicht selbst an ihrer Hand, sondern ist mit einem Klebeband befestigt. Und es hat keine Schuppen, sondern Knöpfe. Es ist eine Fernbedienung. Jetzt begreift sie. Sie muss nur die Hand leicht heben, das Ding auf das kleine rote Licht richten und irgendeinen Knopf drücken. Die Abfolge der Geräusche zeigt ihr, dass sie es richtig gemacht hat. Erst ein Klacken. Dann wird eine Kassette schnell zurückgespult. Die vertrauten Geräusche eines Videorekorders. Gleichzeitig leuchtet ein Bildschirm auf. Zum ersten Mal ist ein wenig Helligkeit im Zimmer. Hohe dunkle Felswände umgeben sie. Sie liegt in einem Bett, einer Art Klinikbett, mit Haltegriffen und metallenem Kopfteil. Neben ihr ein Ständer mit einem Infusionsschlauch, der in eine Nadel in ihrem rechten Arm mündet. Der linke Arm verbirgt sich unter einem straff sitzenden Verband und ist zudem eng an den Oberkörper gebunden. Auf einem Tisch Gläschen mit Babynahrung. Und massenweise Medikamente. Doch hinter dem Fernseher ballt sich undurchdringliche Dunkelheit. Schließlich stoppt die Kassette in dem Videorekorder. Und läuft dann erneut, aber langsamer. Ein Rauschen kündigt den Beginn eines Films an. Kurz darauf setzt eine lustige, schrille Melodie ein, der Ton ist leicht verzerrt. Der Bildschirm füllt sich mit verschwommenen Farben. Ein Männchen mit blauer Latzhose und Cowboyhut erscheint. Und ein Pferd mit irrsinnig langen Beinen. Der Mann versucht, auf das Pferd zu klettern, schafft es aber nicht. Jeder Versuch endet gleich: Der kleine Mann purzelt auf den Boden, und das Pferd lacht ihn aus. Zehn Minuten geht das so. Schließlich endet der Zeichentrickfilm ohne Nachspann, aber das Band läuft mit Schneegrieseln weiter. Am Ende spult es sich automatisch zurück. Und geht anschließend von vorn los. Wieder der kleine Mann. Wieder das Pferd, auf das er nie klettern kann. Sie aber schaut zu. Auch wenn sie schon weiß, wie es ihm mit dem frechen Tier ergehen wird. Sie hofft. Es ist das Einzige, was sie hat. Hoffnung. Die Fähigkeit, sich nicht vollkommen dem Grauen zu überlassen. Vielleicht hatte die Person, die den Film für sie ausgewählt hat, etwas anderes im Sinn. Doch sie schöpft Mut aus der Tatsache, dass der kleine Mann nicht aufgibt und trotz seiner Stürze und Schmerzen durchhält. Los, in den Sattel!, ruft sie ihm jedes Mal im Stillen zu. Dann überwältigt sie wieder der Schlaf. Staatsanwaltschaft ■■■■■■■■■ Büro des Oberstaatsanwalts J.B. Marin z.Hd. von Direktor Dr. Alphonse Bérenger Justizvollzugsanstalt ■■■■■■■■■ Landgerichtsbezirk Nr.45 11. Dezember d.J. Betr.: Ihr vertrauliches Schreiben vom 23. November Sehr geehrter Herr Dr. Bérenger, bezugnehmend auf Ihre Bitte um eine zusätzliche Untersuchung bezüglich des in der JVA einsitzenden Häftlings mit der Nummer RK-357/9 muss ich Ihnen leider mitteilen, dass weitere Nachforschungen hinsichtlich der Identität des Mannes erfolglos waren. Ich teile Ihre Auffassung, dass ein begründeter Verdacht besteht, der Häftling habe in der Vergangenheit möglicherweise ein schweres Verbrechen begangen und tue alles, um dies zu verschleiern. Eine DNA-Probe ist tatsächlich die einzige Möglichkeit, die Umstände zu klären. Aber wie Ihnen bekannt ist, können wir Häftling Nummer RK-357/9 nicht zu dem Test zwingen. Das wäre eine schwere Verletzung seiner Rechte, denn bei dem Delikt, aufgrund dessen er verurteilt wurde (er hat sich geweigert, den Justizbeamten seine Personalien anzugeben), ist der Test nicht vorgesehen. Anders sähe es aus, wenn es eindeutige Hinweise darauf gäbe, dass der Häftling ein Gewaltverbrechen begangen hat oder wenn eine ernste Gefahr für die Gesellschaft bestünde. Doch das ist nach dem heutigen Kenntnisstand auszuschließen. Unter diesen Umständen können wir nur an die DNA gelangen, wenn wir sie direkt aus organischem Material gewinnen, das der Unbekannte zufällig verliert oder spontan während der normalen alltäglichen Aktivitäten zurücklässt. In Anbetracht des Sauberkeitszwangs des Häftlings ermächtigt die Staatsanwaltschaft die Aufseher der JVA, die Zelle unangekündigt zu inspizieren, um an organisches Material zu gelangen. In der Hoffnung, dass dieses Mittel zum gewünschten Ergebnis führt, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen, gez. Matthew Sedris (Staatsanwalt) 20 Militärkrankenhaus in R. 16. Februar »Lassen Sie sie reden, hören Sie einfach nicht hin! Sie sind eine gute Polizistin, klar?« Hauptkommissar Morexu hatte alles aufgeboten, um ihr seine Solidarität zu bekunden. Diesen besorgten, beinahe väterlichen Ton kannte sie sonst nicht von ihm. Dabei fand Mila gar nicht, dass sie es verdiente, in Schutz genommen zu werden. Der Anruf des Chefs war ganz unerwartet gekommen, nachdem sich die Sache mit ihrem nächtlichen Ausflug ins Waisenhaus herumgesprochen hatte. Sie rechnete fest damit, dass man ihr den Tod von Ronald Dermis anhängen würde, obwohl es Notwehr gewesen war. Sie lag in einem Militärkrankenhaus. Roche hatte sich gegen eine zivile Einrichtung entschieden, weil er Mila den Medienrummel ersparen wollte. Ganz allein lag sie in einem Krankensaal. Auf die Frage, warum die anderen Betten unbesetzt seien, erhielt sie die lapidare Antwort, die Klinik sei für Opfer eines eventuellen bakteriologischen Angriffs gebaut worden. Die Betten wurden jede Woche frisch bezogen, die Laken gewaschen und gebügelt, abgelaufene Medikamente unverzüglich in der Apotheke ersetzt. Was für eine Verschwendung, nur weil entfernt die Möglichkeit bestand, jemand könnte ein Virus oder ein genetisch verändertes Bakterium freisetzen. Ein freundlicher Chirurg hatte die Wunde am Oberarm genäht und sich bei der Untersuchung mit keinem Wort nach den anderen Narben erkundigt, sondern nur gesagt: »Mit einer Schusswunde sind Sie bei uns bestens aufgehoben.« »Was haben denn Viren und Bakterien mit einem Projektil zu tun?«, hatte sie herausfordernd gefragt. Er hatte gelacht. Ein weiterer Arzt hatte sie mehrmals untersucht und Blutdruck und Temperatur gemessen. Die Wirkung des starken Schlafmittels in Pfarrer Timothys Tee war nach wenigen Stunden abgeflaut. Ein harntreibendes Mittel hatte sein Übriges getan. Mila hatte viel Zeit zum Nachdenken. Ihre Gedanken kreisten immerzu um das sechste Mädchen. Ihm stand kein komplett ausgestattetes Krankenhaus zur Verfügung. Man konnte nur hoffen, dass Albert ihm ständig Beruhigungsmittel verabreichte. Vielleicht hat es bisher gar nicht gemerkt, dass es nur noch einen Arm hat, dachte Mila. So etwas erlebten Menschen nach einer Amputation häufig. Sie wusste, dass Kriegsversehrte ein verlorenes Glied weiterhin wahrnehmen können und nicht nur Schmerzen empfinden, sondern auch spüren, wie es sich bewegt oder sogar juckt. Mediziner sprechen von Phantomschmerz. Mit solchen Gedanken quälte sich Mila in der bedrückenden Stille des Krankensaales. Vielleicht zum ersten Mal seit vielen Jahren wünschte sie sich, jemand wäre bei ihr. Bisher hatte nur Morexu angerufen, gekommen war noch niemand. Weder Goran noch Boris oder Stern, geschweige denn Rosa. Anscheinend berieten sie darüber, ob sie weiterhin der Truppe angehören sollte. Auch wenn Roche natürlich das letzte Wort hatte. Mila ärgerte sich über ihre Naivität. Vielleicht verdiente sie ja das Misstrauen der Kollegen. Tröstlich war nur der Gedanke, dass Ronald Dermis nach Gorans Überzeugung nicht mit Albert identisch sein konnte. Andernfalls wäre das sechste Mädchen verloren gewesen. Mila war praktisch von der Außenwelt abgeschnitten und hatte keine Ahnung vom Stand der Ermittlungen. Sie bat die Schwester, die ihr das Frühstück servierte, um eine Tageszeitung, die ihr auch prompt gebracht wurde. Bis Seite sechs war von nichts anderem die Rede. Die wenigen Informationen, die durchgesickert waren, wurden in den verschiedensten Versionen unmäßig aufgebläht. Die Leute gierten nach Neuigkeiten. Nachdem die Öffentlichkeit von der Existenz eines sechsten Mädchens erfahren hatte, war ein ungeahntes Gefühl der Zusammengehörigkeit im Land erwacht. Jeder tat irgendetwas, was ihm bis dahin nie in den Sinn gekommen wäre, kümmerte sich beispielsweise um die Organisation von Gebetswachen oder Hilfsprojekten. Eine Initiative lautete: »Jedes Fenster eine Kerze«. Die Flämmchen standen für das Warten auf das Wunder und sollten erst gelöscht werden, wenn das Mädchen nach Hause zurückgekehrt war. Menschen, die ihr Lebtag keine Notiz voneinander genommen hatten, machten eine ganz neue Erfahrung: die selbstverständliche Begegnung mit anderen. Sie brauchten nicht mehr unter irgendeinem Vorwand mühsam Kontakt zu knüpfen, denn sie hatten nun von vornherein einen gemeinsamen Nenner – Mitleid mit dem Mädchen. Das vereinfachte die Kommunikation, war immer und überall Gesprächsthema. Im Supermarkt, im Café, am Arbeitsplatz, in der U-Bahn. In sämtlichen TV-Sendern war von nichts anderem mehr die Rede. Eine Initiative allerdings erregte besonders viel Aufsehen und brachte sogar die Ermittler in Verlegenheit. Die Belohnung. Zehn Millionen, wenn jemand sachdienliche Hinweise zur Rettung des sechsten Mädchens liefern konnte. Die hohe Summe entfachte umgehend hitzige Debatten. Manche dachten, sie vergifte die Spontaneität der Solidaritätsaktionen. Andere fanden es eine gute Idee, mit der endlich etwas in Gang gebracht würde, denn jenseits von Gutmenschentum herrsche ja doch nur Egoismus, und an dem lasse sich nur mit dem Lockmittel des materiellen Nutzens kratzen. So spaltete sich das Land unmerklich. Die Initiative mit der Belohnung war der Stiftung Rockford zu verdanken. Als Mila die Krankenschwester fragte, wer sich hinter dem Wohltätigkeitsverein verberge, sah die Frau sie mit großen Augen an. »Joseph B. Rockford kennt doch jeder.« Da begriff Mila, wie sehr sie von der Suche nach verschwundenen Kindern und ihren eigenen Problemen absorbiert und von der realen Welt abgeschnitten war. »Tut mir leid, ich nicht«, erwiderte sie. Sie dachte, wie absurd es war, dass sich das Schicksal eines Magnaten auf fatale Weise mit dem eines unbekannten kleinen Mädchens verflocht. Zwei Menschen, zwischen deren Leben noch vor wenigen Tagen Welten lagen, was wahrscheinlich bis ans Ende ihrer Tage auch so geblieben wäre, wenn Albert nicht für eine Verbindung zwischen den beiden gesorgt hätte. Über diesem Gedanken schlief Mila ein, und endlich kam sie in den Genuss eines traumlosen Schlafes, der ihren Kopf von den Schlacken der vergangenen Schreckenstage reinigte. Als sie erwachte, saß Goran an ihrem Bett. Mila richtete sich auf und überlegte, wie lange er wohl schon da war. Er beruhigte sie: »Ich wollte dich nicht wecken. Du hast so zufrieden ausgesehen. War das falsch?« »Nein«, log sie. Dabei hatte sie das Gefühl, ihm schutzlos ausgeliefert gewesen zu sein, und wechselte rasch das Thema, bevor er ihre Verlegenheit bemerken konnte: »Sie wollen mich zur Beobachtung dabehalten. Aber ich habe schon gesagt, dass ich heute Nachmittag gehe.« Goran sah auf die Uhr: »Dann musst du dich beeilen, es ist bald Abend.« Mila staunte nicht schlecht, dass sie so lange geschlafen hatte. »Gibt’s was Neues?« »Ich komme gerade von einer langen Besprechung mit Hauptkommissar Roche.« Da haben wir’s, dachte sie, er will mir persönlich sagen, dass ich draußen bin. Aber sie irrte. »Die Sache mit Pfarrer Rolf hat sich geklärt.« Milas Magen verkrampfte sich, sie rechnete mit dem Schlimmsten. »Er ist vor einem Jahr eines natürlichen Todes gestorben.« »Wo hat er ihn begraben?« Goran schloss aus Milas Frage, dass sie es geahnt hatte. »Hinter der Kirche. Da sind noch mehr Gräber, mit Tiergerippen.« »Pfarrer Rolf hielt ihn an der Kandare.« »Sieht so aus, ja. Ronald litt an einem Borderline-Syndrom. Er trug das Potenzial zum Serientäter in sich, das hatte der Priester irgendwie begriffen. Es fängt immer so an. Solche Leute töten erst Tiere, und wenn ihnen das keine Befriedigung mehr verschafft, wenden sie sich Menschen zu. Auch Ronald wäre über kurz oder lang dazu übergegangen. Im Grunde gehörte diese Erfahrung seit der Kindheit zu seinem emotionalen Gepäck.« »Und wir haben ihn gestoppt.« Goran schüttelte ernst den Kopf. »Eigentlich hat Albert ihn gestoppt.« Es schien paradox, dennoch stimmte es. »Roche fällt lieber tot um, als dass er so was zugibt!« Mila dachte, Goran rede nur um den heißen Brei herum, sprich, ihren Ausschluss aus den Ermittlungen, und kam selbst zur Sache. »Ich bin draußen, stimmt’s?« Er sah sie fragend an. »Wie kommst du darauf?« »Weil ich Mist gebaut habe.« »Das tun wir alle mal.« »Ich habe Ronald Dermis’ Tod provoziert. Jetzt werden wir nie erfahren, woher Albert seine Geschichte kennt.« »Ich glaube, dass Ronald seinen eigenen Tod einkalkuliert hat. Er wollte der Zerrissenheit, die ihn seit vielen Jahren quälte, ein Ende setzen. Pfarrer Rolf hatte ihm eingeredet, er könnte ein gottgefälliges Leben führen, und hat einen falschen Priester aus ihm gemacht. Aber er wollte seinen Nächsten nicht lieben, sondern töten, zu seiner eigenen Befriedigung.« »Und woher wusste Albert das?« Ein Schatten huschte über Gorans Gesicht. »Er muss Ronald gekannt haben. Anders kann ich es mir nicht erklären. Er hat begriffen, was vor ihm schon Pfarrer Rolf verstanden hatte. Und er kam darauf, weil sie sich ähneln, Ronald und er. Sie haben einander gewissermaßen gefunden, und einer hat sich im anderen wiedererkannt.« Mila seufzte. Nur zwei Menschen hatten Ronald Dermis in seinem Leben verstanden. Ein Priester, der keine bessere Lösung gefunden hatte, als ihn vor der Welt zu verstecken. Und ein ihm ähnlich veranlagter Mensch, der ihm möglicherweise seine wahre Natur offenbart hatte. »Du wärst die Nummer zwei gewesen …« Gorans Worte holten sie aus ihren Gedanken. »Was?« »Wenn du ihm nicht Einhalt geboten hättest, hätte Ronald dich auf die gleiche Art umgebracht wie vor vielen Jahren Billy Moore.« Er zog einen Umschlag aus der Innentasche seines Mantels und reichte ihn ihr. »Ich finde, es steht dir zu, sie zu sehen …« Mila nahm den Umschlag und öffnete ihn. Innen steckten die Fotos, die Ronald im Speisesaal geschossen hatte. Auf einem dieser Bilder kauerte sie unter dem Tisch, die Augen vor Angst weit aufgerissen. »Ich bin nicht besonders fotogen«, sagte sie leichthin. Doch Goran entging nicht, dass sie erschüttert war. »Roche hat heute Morgen vierundzwanzig Stunden Dienstausgleich gegeben. Oder zumindest, bis die nächste Leiche auftaucht.« »Ich will keinen Urlaub, wir müssen das sechste Mädchen finden«, protestierte Mila. »Das kann nicht warten!« »Das ist dem Hauptkommissar schon klar. Ich fürchte, er wird eine andere Karte ausspielen wollen.« »Die Belohnung«, sagte Mila sofort. »Sie könnte unerwartete Früchte tragen.« »Was ist mit dem Berufsregister der Ärztekammer? Und der These, dass Albert die Zulassung entzogen wurde?« »Eine schwache Spur. An die niemand recht glaubt. Auch die Nachforschungen über die Medikamente, mit denen er das Mädchen möglicherweise am Leben erhält, werden wohl nichts ergeben. Unser Mann kann sie sich auf tausenderlei Arten verschafft haben. Er ist schlau und mit allen Wassern gewaschen, vergiss das nicht.« »Er ist cleverer als wir, viel cleverer«, meinte Mila spitz. Goran nahm es ihr nicht übel. »Ich wollte dich abholen, nicht mit dir streiten.« »Mich abholen? Was hast du denn vor?« »Ich möchte dich zum Abendessen einladen.« Nachdem sie das Krankenhaus verlassen hatten, wollte Mila unbedingt noch ins Studio, um sich zu waschen und umzuziehen. Sie redete sich zwar ein, dass sie, wäre der Pullover nicht von dem Geschoss zerfetzt und ihre übrige Kleidung nicht blutverschmiert gewesen, ihre Klamotten angelassen hätte. Doch sie war wegen der unerwarteten Einladung zum Essen ziemlich nervös und wollte nicht nach Schweiß und Jodtinktur riechen. Wegen der Wunde konnte sie nicht duschen. Also wusch sie sich sorgfältig von Kopf bis Fuß, bis der kleine Boiler leer war. Sie zog einen schwarzen Rollkragenpullover an. Ihre einzige Jeans zum Wechseln saß am Po aufreizend eng, aber sie hatte nichts anderes. Ihre Lederjacke war an der linken Schulter von dem Streifschuss zerfetzt, die konnte sie nicht anziehen. Doch zu ihrer großen Überraschung lag auf ihrer Pritsche im Schlafsaal ein grüner Parka mit einem Zettel: »Hier stirbt man eher vor Kälte als bei einer Schießerei. Herzlich willkommen. Dein Freund Boris.« Sie war gerührt und dankbar. Vor allem weil Boris mit »Freund« unterschrieben hatte. Womit jeder Verdacht ausgeräumt war, dass er sie anbaggern wollte. Auf der Jacke lag auch ein Schächtelchen Pfefferminzpastillen: Sterns Beitrag zu diesem Freundschaftsbeweis. Seit Jahren hatte sie nie etwas anderes als Schwarz getragen. Der grüne Parka stand ihr gut. Und er passte wie angegossen. Goran, der unten auf sie gewartet hatte, schien ihren neuen Look nicht zu bemerken. Sie gingen zu Fuß zum Restaurant. Es war ein schöner Spaziergang, und dank Boris’ Geschenk spürte Mila die Kälte nicht. Das Schild des Steakhauses versprach saftige argentinische Angussteaks. Sie setzten sich an einen Zweiertisch am Fenster. Draußen war alles tief verschneit, und ein wolkenverhangener rötlicher Himmel verhieß noch mehr Schnee. Die Leute im Lokal unterhielten sich und lachten unbekümmert, leise Jazzmusik sorgte für eine wohlige Atmosphäre und untermalte das unschuldige Geplauder. Alles auf der Speisekarte klang gut, und Mila konnte sich nicht entscheiden. Schließlich wählte sie ein Steak und Ofenkartoffeln mit reichlich Rosmarin. Goran nahm ein Entrecôte und Tomatensalat. Zu trinken bestellten beide nur Mineralwasser. Mila war gespannt, ob sich das Gespräch um die Arbeit oder um Privates drehen würde. Letzteres mochte interessant sein, aber die Vorstellung bereitete ihr Unbehagen. Außerdem hatte sie noch eine Frage auf dem Herzen. »Was war wirklich los?« »Was meinst du?« »Roche wollte mich aus dem Fall raushaben, aber dann hat er es sich anders überlegt. Warum?« Goran zögerte, doch schließlich gab er sich einen Ruck. »Wir haben abgestimmt.« »Abgestimmt?«, fragte sie erstaunt. »Dann haben die Ja-Stimmen also überwogen.« »Nein-Stimmen gab es eigentlich keine.« »Aber … wie …?« »Auch Rosa wollte, dass du bleibst«, sagte er, weil er den Grund für ihre Reaktion ahnte. Mila staunte nicht schlecht. »Sogar meine ärgste Feindin!« »Du darfst nicht so hart mit ihr sein.« »Das hätte ich ja im Leben nicht erwartet.« »Rosa macht schwere Zeiten durch. Sie hat sich gerade von ihrem Mann getrennt.« Mila hätte gern erzählt, dass sie die beiden am vorigen Abend vor dem Studio hatte streiten sehen, doch sie wollte nicht indiskret erscheinen. »Das tut mir leid.« »Wenn Kinder da sind, ist das nie leicht.« Mila kam es vor, als spreche er nicht nur von Sarah Rosa, sondern auch von sich selbst. »Rosas Tochter leidet seitdem an Essstörungen. Mit dem Ergebnis, dass die Eltern weiterhin unter einem Dach leben. Die Folgen eines solchen Familienlebens kannst du dir bestimmt ausmalen.« »Und das berechtigt sie, ihren Zorn an mir auszulassen?« »Du bist neu bei uns, zudem außer ihr die einzige Frau in der Truppe und damit ein leichtes Ziel. Boris oder Stern kennt sie seit Jahren, bei denen kann sie schlecht Dampf ablassen.« Mila schenkte sich ein wenig Wasser ein und erkundigte sich dann nach den anderen Kollegen. »Ich würde gern mehr über sie erfahren, damit ich weiß, wie ich mich ihnen gegenüber zu verhalten habe«, gab sie vor. »Na ja, bei Boris dürfte das schnell erledigt sein. Er ist einfach so, wie er ist.« »Stimmt«, gab Mila zu. »Er hat übrigens bei der Armee gedient und sich dort zum Spezialisten für Vernehmungstechniken ausbilden lassen. Ich habe ihn oft bei der Arbeit erlebt, trotzdem staune ich jedes Mal wieder. Er kommt jedem auf die Schliche.« »Ich hätte ihm gar nicht zugetraut, dass er so gut ist.« »Doch, doch. Vor ein paar Jahren wurde ein Typ verhaftet, der im Verdacht stand, seinen Onkel und seine Tante, bei denen er lebte, getötet und die Leichen versteckt zu haben. Den hättest du sehen müssen, kalt und vollkommen ruhig. Achtzehn Stunden straffe Vernehmung, bei der ihn sage und schreibe fünf Beamte nacheinander durch den Wolf drehten, und der gibt nichts zu. Dann kommt Boris, und nach zwanzig Minuten legt der Mann ein volles Geständnis ab.« »Wahnsinn! Und Stern?« »Stern ist ein guter Mensch. Ich glaube, der Begriff ist für ihn geprägt worden. Er ist seit siebenunddreißig Jahren verheiratet und hat zwei Söhne, Zwillinge, die beide bei der Marine sind.« »Er wirkt bedächtig. Und ist wohl ziemlich religiös.« »Er geht jeden Sonntag in die Kirche, außerdem singt er im Chor.« »Und seine Anzüge sind klasse, er sieht immer aus wie der Hauptdarsteller eines Fernsehfilms aus den Sechzigerjahren.« Goran pflichtete ihr lachend bei. Dann sagte er ernst: »Seine Frau Marie hing fünf Jahre an der Dialyse und wartete vergeblich auf eine Niere. Vor zwei Jahren hat Stern ihr eine gespendet.« Mila, überrascht und voller Bewunderung, wusste nicht, was sie sagen sollte. Goran fuhr fort: »Der Mann hat auf gut die Hälfte seiner restlichen Lebenszeit verzichtet, damit sie wenigstens Hoffnung schöpfen konnte.« »Er liebt sie wohl sehr.« »Ja, das glaube ich auch«, sagte Goran, und in seiner Stimme schwang leise Bitternis mit. Das Essen wurde serviert. Sie aßen wortlos, aber das Schweigen war ohne jede Last, als würden sie sich schon ewig kennen. »Ich muss dir etwas sagen«, unterbrach Mila das Schweigen, als sie fertig waren. »Es ist am zweiten Abend passiert, als ich noch in dem Motel gewohnt habe, bevor ich ins Studio gezogen bin.« »Was?« »Vielleicht ist es gar nicht der Rede wert, vielleicht war es auch nur ein Gefühl … Mir war, als würde mir jemand folgen, als ich über den Platz vor dem Motel ging.« »Was heißt, dir war so?« »Dass jemand meinen Schritt nachahmte.« »Warum sollte dich jemand verfolgen?« »Deswegen habe ich es ja niemandem erzählt. Mir kommt es auch absurd vor. Vielleicht habe ich es mir nur eingebildet …« Goran nickte und schwieg. Beim Espresso sah Mila auf die Uhr. »Ich habe noch was vor«, erklärte sie. »So spät? Gut, dann lasse ich die Rechnung kommen.« Mila erbot sich, die Hälfte zu übernehmen, aber das ließ er nicht zu, schließlich hatte er sie eingeladen. In seiner beinahe charmanten Schlampigkeit förderte er aus seiner Hosentasche neben Banknoten, Münzen und Notizzetteln auch ein paar bunte Luftballons zutage. »Die steckt mir mein Sohn Tommy immer in die Tasche.« »Oh, ich wusste nicht, dass du …«, log sie. »Bin ich auch nicht«, sagte er schnell und senkte den Blick. Dann fügte er hinzu: »Nicht mehr.« Es war Milas erstes nächtliches Begräbnis. Man hatte entschieden, Ronald Dermis der öffentlichen Sicherheit und Ordnung wegen nachts zu bestatten. Mila fand die Vorstellung, jemand könnte sich an einer Leiche rächen, genauso schaurig wie die Bestattung selbst. Die Totengräber arbeiteten ohne Bagger. Es war schwierig und mühsam, die gefrorene Erde auszuheben. Die vier Männer wechselten sich alle fünf Minuten ab: Jeweils zwei schaufelten, die beiden anderen leuchteten mit Taschenlampen. Hin und wieder verfluchte einer die scheußliche Kälte, und sie reichten eine Flasche Wild Turkey herum, um sich zu wärmen. Goran und Mila sahen schweigend zu. Der Sarg mit Ronalds sterblichen Überresten befand sich noch im Lieferwagen. Unweit des Grabes lag der Stein, der am Ende aufgestellt werden sollte: kein Name, kein Datum, nur eine fortlaufende Nummer. Und ein kleines Kreuz. Mila musste an den Augenblick zurückdenken, als Ronald vom Turm stürzte. Sie hatte in seinem Gesicht weder Angst noch Erstaunen entdecken können – als hätte er es im Grunde nicht bedauert zu sterben. Vielleicht war ihm, wie Alexander Bermann, diese Lösung am liebsten gewesen. Einfach zu verschwinden. »Alles in Ordnung?«, fragte Goran, in Milas Schweigen eindringend. Sie wandte sich zu ihm. »Alles in Ordnung.« Da glaubte sie, eine Gestalt hinter einem Baum des Friedhofs zu sehen. Sie strengte ihre Augen an und erkannte Feldher. Anscheinend war Ronalds geheimes Begräbnis doch nicht so geheim. Der Hilfsarbeiter trug eine karierte Windjacke und hatte eine Dose Bier in der Hand, als wollte er dem alten Freund aus Kindertagen ein letztes Mal zuprosten, auch wenn er ihn wahrscheinlich seit Jahren nicht mehr gesehen hatte. Irgendwie freute sich Mila darüber. Sogar an einem Ort, an dem das Böse vergraben wird, ist bisweilen Raum für Trauer. Als sich ihre Blicke begegneten, zerquetschte Feldher die Dose und ging zu seinem in der Nähe geparkten Pickup. Er würde in sein einsames Haus auf dem Schrottplatz zurückkehren, zu seinem kalten Tee und dem rostbraunen Hund und darauf warten, dass der Tod eines Tages auch an seine Tür klopfte. Dass Mila unbedingt an der Nacht- und Nebelaktion von Ronalds Beerdigung teilnehmen wollte, lag wahrscheinlich an Gorans Worten im Krankenhaus: »Wenn du ihm nicht Einhalt geboten hättest, hätte Ronald dich auf die gleiche Art umgebracht wie vor vielen Jahren Billy Moore.« Und nach ihr hätte er vielleicht weitergemacht. »Kaum jemand weiß das, aber laut unserer Statistik haben wir derzeit sechs bis acht aktive Serienmörder im Land. Ihre Identität ist nicht bekannt«, sagte Goran, als die Totengräber den Holzsarg in die Grube hinabließen. Mila war schockiert. »Wie ist das möglich?« »Sie schlagen zufällig zu, ohne jedes Schema. Man hat scheinbar völlig unzusammenhängende Morde bisher nicht miteinander in Verbindung gebracht, oder aber die Opfer sind eine gründliche Untersuchung ihres Falles nicht wert … Zum Beispiel wenn eine Prostituierte im Straßengraben gefunden wird. Normalerweise war es dann einer aus dem Milieu, ihr Zuhälter oder ein Freier. In Anbetracht des Berufsrisikos sind zehn ermordete Prostituierte ein akzeptabler Durchschnitt, das gibt für eine Fallstudie über Serientäter nicht genug her. Bitter, ich weiß, aber leider wahr.« Ein Windstoß wirbelte Schnee auf. Fröstelnd zog Mila den Parka fest um sich. »Was hat das alles für einen Sinn?«, fragte sie. In ihrer Frage schwang etwas Flehentliches mit. Es war eine bittende Frage, ein Kapitulieren vor der Unfähigkeit, die Dynamik des Bösen zu begreifen, aber auch ein bekümmerter Hilferuf. Eine Antwort erwartete Mila nicht. Doch Goran sagte: »Gott schweigt. Der Teufel flüstert …« Die Totengräber schaufelten die gefrorenen Erdklumpen in das Grab. Nur die Schaufelhiebe waren im Friedhof zu hören. Da klingelte Gorans Mobiltelefon. Noch bevor er es aus der Manteltasche gezogen hatte, läutete auch Milas Handy. Man hatte das dritte Mädchen gefunden. 21 Familie Kobashi – Vater, Mutter und zwei Kinder, der Junge fünfzehn, das Mädchen zwölf Jahre alt – lebte in der luxuriösen Wohnanlage Capo Alto. Sechzig Hektar mit viel Grün, inklusive Schwimmbad, Reitbahn, Golfplatz und Clubhaus für die Eigentümer der vierzig Villen. Ein großbürgerliches Refugium, in dem vor allem Fachärzte, Architekten und Rechtsanwälte ihr Zuhause hatten. Eine zwei Meter hohe Mauer, geschickt mit einer Hecke kaschiert, trennte dieses Paradies für Auserwählte vom Rest der Welt. Das elektronische Auge von siebzig Videokameras überwachte die Einfriedung des Areals, und ein privater Schutztrupp sorgte rund um die Uhr für die Sicherheit der Bewohner. Kobashi war Zahnarzt. Hohes Einkommen, in der Garage ein Maserati und ein Mercedes, Ferienhaus in den Bergen, Segelboot, beneidenswerter Weinkeller. Seine Ehefrau kümmerte sich um die Erziehung der Kinder und richtete das Haus mit möglichst teuren Einzelstücken ein. »Sie waren drei Wochen in den Tropen und sind gestern zurückgekommen«, erklärte Stern, als Goran und Mila an der Villa eintrafen. »Der Grund für die Ferien war ausgerechnet die Sache mit den entführten Mädchen. Die Tochter ist im passenden Alter, da dachten sie, am besten geben sie den Hausangestellten frei und verschwinden eine Weile.« »Wo sind sie jetzt?« »Im Hotel. Vorsichtshalber überwacht. Die Frau brauchte ein paar Valium. Sie sind, gelinde gesagt, alle etwas mitgenommen.« Stern wollte seine Kollegen damit auch auf den Anblick vorbereiten, der sie erwartete. Das Haus war kein Haus mehr. Ab sofort sprachen sie vom »neuen Fundort«. Ein Trassierband rings um das Grundstück hielt die Nachbarn fern, die sich auf der Straße versammelt hatten und wissen wollten, was geschehen war. »Wenigstens bleibt die Presse draußen«, stellte Goran fest. Sie gingen das Rasenstück entlang, das zwischen Villa und Straße lag. Im Garten schmückten hübsche Winterblumen die Beete, auf denen Frau Kobashi im Sommer sicher höchstpersönlich ihre Vorzeigerosen pflegte. Der Beamte vor der Haustür gewährte nur unmittelbar berechtigten Personen Zutritt. Krepp und Chang waren mit ihren Leuten da. Goran und Mila wollten gerade hineineilen, als ihnen Hauptkommissar Roche entgegenkam. »Nicht zu fassen …«, sagte er mit wachsbleichem Gesicht, ein Taschentuch an den Mund gepresst. »Die Geschichte wird immer abscheulicher. Wenn wir dieses Gemetzel nur verhindern könnten … Mein Gott, es sind doch Kinder!« Roche schien ehrlich aufgewühlt. »Als wäre das nicht genug, beschweren sich jetzt auch noch die Nachbarn über unsere Präsenz und lassen ihre politischen Verbindungen spielen, um uns schnell wieder loszuwerden! Ist denn das zu fassen! Jetzt darf ich so einen bescheuerten Senator anrufen und ihm sagen, dass wir uns beeilen!« Milas Blick wanderte zu den Leuten, die sich vor der Villa versammelt hatten. Sie empfanden die Polizisten als Eindringlinge in ihr Privatparadies. Doch in einem Winkel des Paradieses hatte sich unvermutet ein Schlupfloch für den Teufel geöffnet. Stern reichte Mila das Glas mit Kampferpaste. Sie rieb sich etwas davon unter die Nase und komplettierte mit Füßlingen und Latexhandschuhen das Ritual für die Begegnung mit dem Tod. Der Beamte an der Tür trat beiseite und ließ sie hinein. In der Diele standen noch die Reisekoffer und Tüten mit Souvenirs. Das Flugzeug, das die Kobashis aus der Tropensonne in den eisigen Februar zurückgebracht hatte, war gegen zweiundzwanzig Uhr gelandet. Die Hausangestellten sollten erst am nächsten Tag wieder arbeiten, so waren die Kobashis als Erste durch diese Tür getreten. Der Gestank verpestete die Luft. »Das haben sie gerochen, als sie nach Hause kamen«, sagte Goran. Ein oder zwei Sekunden werden sie sich gefragt haben, was das sein kann, dachte Mila. Dann haben sie das Licht angeknipst … Im Salon koordinierten die Leute der Spurensicherung und die Mitarbeiter des Rechtsmediziners ihre Schritte und Bewegungen, als würde ein unsichtbarer Choreograf sie anleiten. Der kostbare Marmorboden reflektierte hart das Licht der Halogenlampen. Die Einrichtung war eine Mischung aus modernen Designerstücken und Antiquitäten. Drei Sofas aus staubfarbenem Nappaleder standen so zueinander, dass sie zusammen mit einem mächtigen Kamin aus rosa Stein ein Viereck bildeten. Auf dem mittleren Sofa saß das tote Mädchen. Seine Augen, fleckig blaue Augen, waren geöffnet. Und starrten sie an. Der starre Blick war der letzte menschliche Zug in dem verwüsteten Gesicht. Der Verwesungsprozess war bereits weit fortgeschritten. Durch den fehlenden linken Arm saß das Kind schief da. Als würde es jeden Moment auf die Seite kippen. Aber es blieb sitzen. Es trug ein Kleid mit blauen Blümchen. Dem Schnitt nach sah es selbst genäht aus, wahrscheinlich war es maßgeschneidert. Mila sah auch die weißen Söckchen mit Häkelmuster, den Satingürtel mit einem Perlmuttknopf als Schließe. Es war gekleidet wie eine Puppe. Eine kaputte Puppe. Mila ertrug den Anblick nur ein paar Sekunden. Als sie sich abwandte, fiel ihr Blick auf den Teppich zwischen den Sofas. Ein damastartiges Muster aus persischen Rosen und bunten Wellen. Sie hatte das Gefühl, als würde es sich bewegen. Dann sah sie genauer hin. Der ganze Teppich wimmelte von winzigen Maden. Mila legte automatisch die Hand auf ihre Wunde am Arm und presste sie darauf. Die Umstehenden mochten denken, dass ihr die schmerzende Wunde zusetzte, doch das Gegenteil war der Fall. Wie immer suchte sie Trost im Schmerz. Sie hörte Chang zu Goran sagen: »Das sind Maden der Sarcophaga carnaria. Ihr biologischer Zyklus verläuft in der Wärme sehr schnell. Und sie sind ausgesprochen gefräßig.« Mila wusste, wovon der Arzt sprach, denn ihre professionelle Suche nach Vermissten endete häufig mit einem Leichenfund. Oft musste man nicht nur die traurige Prozedur der Identifizierung angehen, sondern auch die Liegezeit der Leiche bestimmen. Dabei gaben die verschiedenen Insektenarten am Fundort Aufschluss über den Zeitpunkt des Todes. Die Sarcophaga carnaria zeigten, so der Rechtsmediziner, dass sich die Leiche seit mindestens einer Woche hier befinden musste. »Albert hatte alle Zeit der Welt, während die Hausbewohner verreist waren.« »Aber eins ist mir ein Rätsel«, meinte Chang. »Wie konnte dieses Schwein die Leiche herschaffen, wenn siebzig Videokameras und drei Dutzend Wachleute das Areal rund um die Uhr kontrollieren?« 22 »Das Stromnetz war überlastet«, erklärte der Chef des privaten Sicherheitsdienstes von Capo Alto, als Sarah Rosa ihn fragte, wie es zu dem dreistündigen Blackout in den Videoaufzeichnungen eine Woche zuvor gekommen sei. Etwa zu der Zeit musste Albert das Mädchen in Kobashis Haus gebracht haben. »Und ein solcher Vorfall hat Sie nicht beunruhigt?« »Nein.« »Verstehe«, war alles, was sie sagte. Demonstrativ blickte sie auf das Offiziersabzeichen, das auf der Uniform des Mannes prangte. Der Rang war genauso falsch wie sein Amt. Die Schutzleute, die für die Unversehrtheit der Bewohner hätten garantieren sollen, waren in Wirklichkeit nichts als uniformierte Bodybuilder. Ihre ganze Ausbildung bestand in einem dreimonatigen kostenpflichtigen Kurs, abgehalten von pensionierten Polizisten am Sitz der Firma, die die Leute einstellen würde. Kopfhörer mit Walkie-Talkie und Pfefferspray waren ihre einzige Ausrüstung. Ein Kinderspiel für Albert. Zudem hatte man in der Außenmauer ein Loch von anderthalb Metern Durchmesser entdeckt, das wegen der Hecke niemandem aufgefallen war. Die ästhetische Marotte hatte die einzige brauchbare Sicherheitsmaßnahme in Capo Alto hinfällig werden lassen. Jetzt mussten sie herausfinden, warum Albert ausgerechnet diesen Ort und diese Familie gewählt hatte. Aus Furcht vor einem zweiten Misserfolg wie bei Alexander Bermann hatte Roche bei Kobashi und seiner Frau jede Ermittlungsmethode genehmigt, und mochte sie noch so aggressiv sein. Boris sollte den Zahnarzt in die Mangel nehmen. Der Mann ahnte wahrscheinlich nichts von der Spezialbehandlung, die ihm in den nächsten Stunden zuteilwerden sollte. Boris sorgte nur in den seltensten Fällen dafür, dass sich der Befragte in Widersprüche verwickelte, denn er wusste, dass sich Stress in einer Vernehmung häufig negativ auswirkte und eine solche Aussage vor Gericht für einen guten Anwalt bisweilen ein gefundenes Fressen war. Auch halbe Geständnisse interessierten ihn herzlich wenig, genauso wenig wie irgendwelche Deals, die Verdächtige vorschlugen, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals stand. Nein, das Ziel von Klaus Boris war ein umfassendes Geständnis. Mila sah, wie er sich in der Küche des Studios auf seinen Auftritt vorbereitete. Denn im Grunde handelte es sich um nichts anderes als um eine Theateraufführung, bei der oft die Rollen getauscht wurden. Boris wollte Kobashi mithilfe der Lüge knacken. Mit hochgekrempelten Ärmeln, in der Hand eine kleine Wasserflasche, ging Boris auf und ab. Er würde sich, anders als Kobashi, nicht setzen, ihn die ganze Zeit mit seiner kräftigen Statur überragen. Stern berichtete rasch, was er auf die Schnelle über den Verdächtigen herausgefunden hatte: »Der Zahnarzt hinterzieht Steuern. Er hat ein Konto in einer Steueroase, auf das seine schwarz verdienten Honorare und die Preise für die Golfturniere fließen, an denen er praktisch jedes Wochenende teilnimmt. Frau Kobashi dagegen pflegt einen ganz anderen Zeitvertreib. Sie trifft sich jeden Mittwochnachmittag mit einem bekannten Anwalt in einem Hotel in der Innenstadt. Und natürlich spielt der Anwalt am Wochenende Golf mit dem Herrn Gemahl.« Die Informationen sollten während der Vernehmung als Trümpfe in der Hinterhand dienen. Boris würde sie zur rechten Zeit genüsslich auf den Tisch legen, um dem Zahnarzt das Rückgrat zu brechen. Der Vernehmungsraum war eng, fast bedrückend, denn er hatte kein Fenster, und die einzige Tür würde Boris abschließen, sobald er mit dem Verdächtigen eingetreten war. Den Schlüssel würde er wie immer einstecken, eine schlichte Geste, mit der die Positionen geklärt waren. Das Neonlicht war sehr hell, und die Lampe gab ein irritierendes Sirren von sich. Dies gehörte ebenfalls zu Boris’ Druckmitteln. Er selbst stopfte sich Watte in die Ohren. Ein Venezianischer Spiegel trennte den Raum von einem anderen Zimmer mit separatem Eingang, von wo aus die Kollegen die Vernehmung verfolgen konnten. Der Befragte saß stets im Profil zum Spiegel, nie frontal, er sollte sich beobachtet fühlen, ohne den unsichtbaren Blick erwidern zu können. Tisch und Wände waren eintönig weiß gestrichen und boten keinerlei Anhaltspunkt zur Konzentration, wenn der Befragte sich seine Antworten überlegte. Ein Bein seines Stuhles war etwas kürzer, das dauernde Kippeln störte ungemein. Mila betrat das Nebenzimmer, während Rosa den VSA, den Voice-Stress-Analyzer, vorbereitete, der anhand der Stimmlage Stress messen konnte. Ein Mikrotremor infolge von Muskelkontraktionen führt zu Schwingungen mit einer Frequenz von zehn bis zwölf Hertz. Bei einer Lüge drosselt die Anspannung die Durchblutung der Stimmbänder, die Frequenz verringert sich. Ein Computer würde die winzigen Variationen in Kobashis Stimme analysieren und ihn der Lüge überführen können. Doch Boris’ wichtigstes Mittel, das er zudem meisterhaft beherrschte, war die Analyse der Körpersprache. Kobashi war höflich, aber unangekündigt gebeten worden, zur Klärung des Geschehens beizutragen. Die Beamten, die ihn von dem Hotel, in dem er mit seiner Familie wohnte, abholten, hatten ihn allein hinten im Wagen Platz nehmen lassen und waren einen Umweg ins Studio gefahren, um ihn zu verunsichern und nervös zu machen. Da es sich anscheinend um ein informelles Gespräch handelte, hatte Kobashi keinen Anwalt verlangt. Er fürchtete, sich durch diese Forderung verdächtig zu machen. Genau darauf setzte Boris. Der Zahnarzt wirkte erschöpft. Mila beobachtete ihn. Er trug eine gelbe Sommerhose. Sie gehörte wahrscheinlich zu einem der Golfanzüge, die er in den Ferien dabeigehabt hatte und die jetzt seine einzige Garderobe bildete. Aus dem Ausschnitt seines fuchsienroten Kaschmirpullovers spitzte der Kragen eines weißen Polohemdes hervor. Man sagte ihm, es werde gleich ein Polizeibeamter kommen und ihm ein paar Fragen stellen. Kobashi nickte und legte in erkennbarer Schutzhaltung die Hände in den Schoß. Boris ließ sich Zeit und beobachtete ihn eine geraume Weile von der anderen Seite des Spiegels. Auf dem Tisch lag ein Aktendeckel mit Kobashis Name. Boris hatte sie extra hingelegt. Kobashi hätte die Akte niemals angefasst, so wie er auch nie den Blick in Richtung Spiegel gewandt hätte, denn er wusste natürlich, dass man ihn beobachtete. Die Akte war leer. »Sieht aus wie das Wartezimmer eines Zahnarztes, was?«, spöttelte Rosa und ließ den bemitleidenswerten Mann hinter der Glasscheibe nicht aus den Augen. Boris verkündete: »Na dann mal los.« Kurz darauf betrat er das Vernehmungszimmer. Er begrüßte Kobashi, schloss die Tür ab und entschuldigte sich für die Verspätung. Er legte noch einmal dar, dass die Fragen, die er stellen würde, nur der Klärung dienten, nahm dann die Akte zur Hand, öffnete sie und gab vor zu lesen. »Dr. Kobashi, Sie sind dreiundvierzig Jahre alt?« »Exakt.« »Wie lange sind Sie schon als Zahnarzt tätig?« »Ich bin Kieferchirurg«, präzisierte er. »Seit fünfzehn Jahren.« Boris studierte eine Weile die nicht vorhandenen Unterlagen. »Darf ich fragen, wie viel Sie im vergangenen Jahr verdient haben?« Der Mann zuckte leicht zusammen. Boris’ erster Treffer: Die Frage nach dem Einkommen zielte auf die Steuern ab. Wie erwartet, log der Zahnarzt schamlos, was seine wirtschaftliche Lage betraf, und Mila wunderte sich, wie naiv er war. Bei dem Gespräch ging es um Mord – eventuelle steuerliche Auskünfte waren belanglos und konnten sowieso nicht ans Finanzamt weitergeleitet werden. Im Glauben, überzeugend zu wirken, log der Mann auch bei anderen Details. Eine Weile ließ Boris ihn gewähren. Er bemerkte sofort, wenn Kobashi sich seiner Phantasie bediente. Gesteigerte Angst führt zu kleinen unnatürlichen Gesten, man krümmt den Rücken, knetet die Hände, massiert sich Schläfen und Handgelenke. Oft gehen damit physiologische Veränderungen einher, etwa verstärktes Schwitzen, eine höhere Stimmlage und fahrige Augenbewegungen. Doch ein Vernehmungsprofi wie er wusste auch, dass dies nur Indizien für Lügen und als solche zu behandeln waren. Um zu beweisen, dass eine Person lügt, muss man sie zu einem Schuldeingeständnis bringen. Als Boris glaubte, dass sich Kobashi auf der sicheren Seite wähnte, ging er zum Angriff über, indem er in seine Fragen Details einfließen ließ, die mit Albert und den sechs verschwundenen Mädchen zu tun hatten. Nach einem zweistündigen Dauerbeschuss von immer intimeren und hartnäckigeren Fragen war Kobashi zermürbt. Boris hatte das Netz um ihn zugezogen und damit Kobashis Spielraum immer weiter eingeengt. Der Zahnarzt wollte schon lange keinen Anwalt mehr, er wollte nur noch so schnell wie möglich raus. Er war psychisch am Ende und hätte alles gesagt, um nur ja seine Freiheit wiederzuerlangen. Vielleicht hätte er sogar zugegeben, Albert zu sein. Bloß wäre das nicht die Wahrheit gewesen. Als Boris dies klar wurde, verließ er unter dem Vorwand, Kobashi ein Glas Wasser zu holen, den Raum und ging zu Goran und den anderen in das Zimmer hinter dem Spiegel. »Er hat nichts damit zu tun«, sagte er. »Und er weiß nichts.« Goran nickte. Rosa kam gerade zurück mit den Untersuchungsergebnissen zu den Computern und Mobiltelefonen der Familie Kobashi, doch sie waren ohne Belang. Auch ihre Freundschaften und sonstigen Kontakte boten keine ermittlungsrelevanten Hinweise. »Dann muss es um das Haus gehen«, folgerte Goran. Sollte das Haus der Kobashis etwa – wie das Waisenhaus – als Kulisse für etwas Schreckliches dienen, von dem niemand etwas ahnte? Aber auch diese These stand auf wackligen Beinen. »Die Villa wurde als letzte auf dem einzigen noch freien Grundstück des Areals gebaut. Vor etwa drei Monaten war sie fertig, und die Kobashis waren die ersten und einzigen Eigentümer«, sagte Stern. Goran gab sich nicht geschlagen: »Das Haus birgt ein Geheimnis.« Stern reagierte sofort: »Wo fangen wir an?« Goran überlegte kurz und sagte dann: »Grabt den Garten um.« Als Erstes kamen Leichenspürhunde zum Einsatz, die menschliche Überreste auch in großer Tiefe wittern konnten. Anschließend wurde mit einem Bodenradar der flache Untergrund erkundet, doch auf den grünen Monitoren war nichts Verdächtiges zu sehen. Mila beobachtete die Kollegen bei ihrem Tun, während sie auf einen Anruf von Chang wartete. Da die Identität des Mädchens durch den Verwesungsprozess nicht mehr mit einem Abgleich der Fotos festgestellt werden konnte, wollte er es anhand der DNA der Eltern, deren Kind noch nicht gefunden worden war, identifizieren. Das Ergebnis wollte er ihr gleich melden. Gegen drei Uhr nachmittags fingen sie an zu graben. Minibagger zerstörten die kunstvolle Gestaltung des Gartens, die bestimmt viel Mühe und Geld gekostet hatte. Alles wurde rücksichtslos abtransportiert und auf Lastwagen geladen. Der Lärm der Dieselmotoren störte die Ruhe in Capo Alto. Als wäre das nicht genug, lösten die Vibrationen infolge der Baggerarbeiten auch noch einen Daueralarm bei Kobashis Maserati aus. Nach dem Garten war das Haus an der Reihe. Eine extra angeforderte Spezialfirma entfernte die schweren Marmorplatten aus dem Boden im Salon. Die Innenwände wurden nach Leerräumen abgeklopft, die anschließend mit Pickeln geöffnet wurden. Auch die Möbel ereilte ein hartes Schicksal: In sämtliche Einzelteile zerlegt, waren sie reif für die Müllhalde. Die Grabungen wurden im Keller und rund um die Fundamente fortgesetzt. Roche hatte die Verwüstung angeordnet. Die Dienststelle konnte sich keinen weiteren Misserfolg leisten, auch wenn sie hinterher möglicherweise eine millionenschwere Schadensersatzklage am Hals hatte. Doch die Kobashis hatten gar nicht die Absicht, weiter in dem Haus zu wohnen. Ihr Besitz war unwiderruflich vom Grauen gezeichnet. Sie würden die Villa – wenn auch mit Verlust – verkaufen, denn die dauernde Erinnerung an das Geschehen hätte ihrem goldenen Leben allen Glanz genommen. Gegen sechs Uhr abends lagen die Nerven blank. »Schaltet vielleicht mal jemand den verdammten Alarm ab?«, brüllte Roche und fuchtelte in Richtung Garage. »Die Fernbedienungen für die Autos sind nirgends zu finden«, antwortete Boris. »Ruft den Zahnarzt an, er soll die Dinger sofort bringen! Ich muss mich doch nicht um alles kümmern!« Sie drehten sich im Kreis. Sie kamen der Lösung des Rätsels, das Albert für sie ersonnen hatte, keinen Schritt näher und waren so frustriert und angespannt, dass sie nur gereizt waren, anstatt an einem Strang zu ziehen. »Warum hat er das Mädchen wie eine Puppe angezogen?«, fragte jemand, woraufhin Goran fast ausrastete. So hatte Mila ihn noch nie erlebt. In den Kampf, den er aufgenommen hatte, spielte etwas Privates mit hinein, das ihm selbst vielleicht gar nicht bewusst war – und seine Fähigkeit zum klaren Denken untergrub. Mila, genervt von der Warterei, hielt sich auf Distanz. Was bezweckte Albert nur? Sie hatte viel gelernt in den wenigen Tagen, seit sie in das Team eingebunden war und Gorans Ermittlungsmethoden kannte. Ein Serienmörder tötet in unterschiedlichen Zeitabständen – von wenigen Stunden über Monate bis hin zu Jahren – und mit einem unstillbaren Drang zur Wiederholung. Daher spielen Motive wie Zorn oder Rache keine Rolle. Er handelt, weil die Motivation, nämlich schlicht das Bedürfnis oder die Lust zu töten, immer wieder erneut auftritt. Doch Albert strafte diese Definition Lügen. Er hatte die Mädchen eins nach dem anderen verschleppt und sofort umgebracht und nur eines am Leben gelassen. Warum? Töten als solches bedeutete für ihn keinen Lustgewinn, es war nur ein Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen. Die er aber nicht auf sich, sondern auf andere lenken wollte. Auf den pädophilen Alexander Bermann. Auf den wesensverwandten Ronald Dermis, der um ein Haar wieder getötet hätte. Dank Albert waren die beiden ausgeschaltet. Eigentlich hatte er der Gesellschaft einen Dienst erwiesen. Paradoxerweise diente das Böse, das er verkörperte, einem guten Zweck. Aber wer war Albert wirklich? Ein ganz normaler Mann – denn um einen solchen handelte es sich, mitnichten um ein Monster oder ein Spukbild –, der irgendwo lebte, als ob nichts geschehen wäre. Er ging einkaufen, lief durch die Straßen, traf Leute – Verkäuferinnen, Passanten, Nachbarn –, die nicht die geringste Ahnung hatten, wer er in Wirklichkeit war. Er lebte mitten unter ihnen, und er war unsichtbar. Doch hinter der Fassade verbarg sich die Wahrheit. Und die Wahrheit bestand aus Gewalt. Durch sie erfahren Serienmörder ein Machtgefühl, das ihren Minderwertigkeitskomplex wenigstens vorübergehend lindert. Die Gewalttat führt zu einem doppelten Resultat: Lust zu empfinden und Macht zu spüren. Ohne eine Beziehung zu einem anderen Menschen aufbauen zu müssen. Ein maximales Ergebnis mit einem minimalen Einsatz an Beziehungsangst. Als würden diese Menschen nur durch den Tod anderer existieren, dachte Mila. Um Mitternacht erinnerte die Alarmanlage von Kobashis Auto immer noch erbarmungslos daran, dass die Zeit verstrich und alle bisherigen Anstrengungen umsonst gewesen waren. Das Bodenradar brachte keine neuen Erkenntnisse. Die Villa war praktisch entkernt, doch die Wände hatten kein Geheimnis preisgegeben. Mila saß vor dem Grundstück auf dem Gehsteig, als Boris mit einem Handy zu ihr kam. »Ich wollte telefonieren, aber hier ist kein Empfang.« Mila kontrollierte ihr eigenes Handy. »Vielleicht hat Chang deshalb noch nicht angerufen, er wollte mir doch das Ergebnis des DNA-Vergleichs mitteilen.« Boris machte eine ausladende Handbewegung. »Na ja, ist doch tröstlich, dass sogar die Reichen nicht alles haben, oder?« Er lächelte, steckte das Handy in die Jackentasche und setzte sich neben Mila. Sie hatte sich noch nicht für den Parka bedankt und holte das jetzt nach. »Nichts zu danken«, erwiderte er. Sie beobachteten, wie sich das Wachpersonal von Capo Alto zu einem Sicherheitskordon um die Villa herum postierte. »Was ist denn da los?« »Die Presse ist im Anmarsch«, erklärte Boris. »Roche hat Aufnahmen des Hauses genehmigt. Ein paar Minuten für die Nachrichten, um zu zeigen, dass wir unser Bestes tun.« Sie betrachteten die finster dreinblickenden Pseudopolizisten in den lächerlichen orange-blauen Uniformen – maßgeschneidert, damit die muskulöse Figur zur Geltung kam – und mit den Headsets, die sie professionell wirken lassen sollten. Albert hat euch Vollidioten ausgetrickst, er hat die Mauer durchbrochen und eure Kameras mit einem simplen Kurzschluss lahmgelegt, dachte sie und wandte sich an Boris: »Roche wird nach so vielen Stunden ohne irgendein Ergebnis schäumen vor Wut.« »Keine Sorge, der weiß schon, wie er am Ende gut dasteht.« Boris drehte sich schweigend eine Zigarette. Mila hatte das Gefühl, als wollte er sie etwas fragen. Sie half ihm auf die Sprünge: »Wie hast du die vierundzwanzig Stunden Pause verbracht, die Roche euch genehmigt hat?« Boris antwortete ausweichend. »Ich habe über den Fall nachgedacht und geschlafen. Das hilft manchmal, um einen klaren Kopf zu kriegen … Ich habe gehört, du bist gestern Abend mit Goran ausgegangen?« Na endlich rückt er damit raus, dachte Mila. Doch sie irrte, wenn sie glaubte, Boris sei eifersüchtig. »Ich glaube, er hat sehr gelitten.« Er sprach von Gorans Frau. Und zwar mit so viel Trauer in der Stimme, dass man hätte meinen können, das Schicksal der beiden habe am Ende das gesamte Team ereilt. »Ich habe keine Ahnung«, sagte sie. »Er hat nichts erzählt. Nur später am Abend was angedeutet.« »Dann solltest du es jetzt vielleicht doch erfahren.« Bevor er fortfuhr, zündete sich Boris die Zigarette an, nahm einen tiefen Zug und stieß den Rauch aus. Er suchte nach den richtigen Worten. »Gorans Frau war großartig, sie war bildhübsch und sehr nett. Ich weiß gar nicht, wie oft wir alle zusammen bei den beiden zum Essen eingeladen waren. Sie gehörte zu uns, es war, als hätte sie einen Posten im Team gehabt. Wenn wir einen schwierigen Fall hatten, waren diese Abendessen nach einem Tag mit Blut und Leichen einfach erholsam. Ein Ritual der Versöhnung mit dem Leben, wenn du verstehst, was ich meine.« »Was ist mit ihr geschehen?« »Vor anderthalb Jahren ist sie einfach weg, ohne ein Wort zu sagen, ohne irgendeine Ankündigung.« »Hat sie ihn verlassen?« »Nicht nur Goran, auch Tommy, ihr einziges Kind. Ein großartiges Kerlchen, er lebt bei seinem Vater.« Mila hatte gespürt, dass Goran unter etwas litt, aber solch eine Trennung hatte sie nicht vermutet. Sie fragte sich, wie eine Mutter ihr Kind verlassen konnte. »Warum ist sie weggegangen?« »Das versteht kein Mensch. Vielleicht hatte sie einen anderen, vielleicht hatte sie dieses Leben satt, keine Ahnung … Nicht mal einen Zettel hat sie hinterlassen. Sie hat ihre Koffer gepackt und ist auf und davon. Punkt.« »Ich hätte alles dafür gegeben, den Grund zu erfahren.« »Seltsamerweise hat er uns nie gebeten, ihren Aufenthaltsort zu ermitteln.« Boris Tonfall änderte sich, und bevor er weitersprach, vergewisserte er sich, dass sich Goran nicht in Hörweite aufhielt. »Es gibt etwas, was Goran nicht weiß und auch nicht wissen darf …« Mila nickte zum Zeichen, dass er ihr vertrauen konnte. »Ein paar Monate später haben Stern und ich sie gesehen, in einem Dorf an der Küste. Wir haben sie nicht angesprochen, sondern gehofft, dass sie von sich aus auf uns zugeht.« »Und sie …?« »Sie war überrascht, uns zu sehen. Doch dann nickte sie nur, senkte den Kopf und ging weiter.« Boris schnippte den Zigarettenstummel auf den Rasen, ohne sich um den strengen Blick eines Wachmanns zu kümmern, der ihn unverzüglich aufklaubte. »Warum erzählst du mir das alles, Boris?« »Weil ich mit Goran befreundet bin. Und mit dir auch, wenn auch noch nicht so lange.« Boris musste etwas verstanden haben, das weder sie noch Goran bisher richtig begriffen hatten. Etwas, das sie beide betraf. Er versuchte wohl nur, sie beide zu schützen. »Als seine Frau fort war, hat sich Goran sehr am Riemen gerissen. Es blieb ihm ja nichts anderes übrig, vor allem wegen Tommy. Uns gegenüber hat sich nichts geändert. Er war wie immer: genau, pünktlich, effizient. Nur sein Äußeres hat er ein bisschen vernachlässigt. Doch dann kam der Wilson-Pickett-Fall …« »Wie der Sänger?« »Ja, wir nannten den Fall so.« Es war Boris anzumerken, dass er schon bereute, das Thema angeschnitten zu haben. Also sagte er nur: »Eine ungute Geschichte. Fehler wurden gemacht, man drohte, die Ermittlergruppe aufzulösen und dem Professor den Laufpass zu geben. Roche hat sich schützend vor uns gestellt und verlangt, uns auf unseren Posten zu lassen.« Mila wollte gerade nachfragen, was genau geschehen sei, als der Alarm von Kobashis Maserati wieder losging. »Scheiße, der Lärm macht einen fertig!« Mila sah zufällig zum Haus und registrierte in einer einzigen Sekunde eine ganze Sequenz von Bildern. Alle Wachleute verzogen genervt das Gesicht, und alle fassten mit der Hand an den Ohrstöpsel ihres Headsets, als gäbe es plötzlich unerträgliche Störgeräusche. Mila sah zu dem Maserati hinüber. Dann nahm sie ihr Handy aus der Tasche: immer noch kein Empfang. Ihr kam eine Idee. »Es gibt einen Ort, den wir noch nicht abgesucht haben«, sagte sie zu Boris. »Welchen?« Mila zeigte nach oben. »Den Äther.« Keine halbe Stunde später sondierten Mitarbeiter der technischen Hilfsgruppe in der nächtlichen Kälte das Areal. Jeder trug einen Kopfhörer und in der Hand eine nach oben gerichtete kleine Parabolantenne. Geisterhaft langsam und schweigend wanderten sie umher und versuchten, eventuelle Funksignale oder verdächtige Frequenzen aufzufangen, für den Fall, dass sich im Äther irgendwelche Botschaften verbargen. Es gab tatsächlich eine Botschaft. Das war es also, was den Alarm von Kobashis Maserati auslöste und den Handyempfang verhinderte. Und den Wachleuten als unerträgliches Pfeifen in die Ohren fuhr. Die Techniker, die das Signal ermittelten, bezeichneten es als relativ schwach. Sie leiteten es auf einen Empfänger um. Die Kollegen versammelten sich um den Apparat, um zu hören, was ihnen die Dunkelheit zu sagen hatte. Es waren keine Wörter, sondern Töne. Sie schwammen in einem gewaltigen Rauschen, gingen ab und zu unter und tauchten dann wieder auf. Doch in dieser Abfolge exakter Töne lag eine gewisse Harmonie. »Drei kurz, drei lang, drei kurz«, übersetzte Goran für die anderen. Nichts anderes als das bekannteste Funksignal der Welt setzte sich aus diesen elementaren Tönen zusammen. SOS. »Wo kommt das her?«, fragte Goran. Der Techniker beobachtete kurz, wie das Signalspektrum auf dem Monitor zerfiel und sich anschließend wieder aufbaute. Dann blickte er zur Straße hin und sagte: »Aus dem Haus gegenüber.« 23 Sie hatten es immer vor der Nase gehabt: den ganzen Tag lang, während sie sich abmühten, dem Rätsel auf die Spur zu kommen. Das Haus stand nur wenige Meter entfernt, und von dort wurde ein hoffnungslos verspäteter Notruf abgesendet. Die zweistöckige Villa gehörte Yvonne Gress, der »Malerin«, wie die Nachbarn sie nannten. Sie lebte mit ihren beiden Kindern dort, der Sohn war elf, die Tochter sechzehn Jahre alt. Sie waren nach Yvonnes Scheidung nach Capo Alto gezogen, und Yvonne hatte sich mit Leidenschaft wieder der Malerei gewidmet, die sie aufgegeben hatte, als sie, selbst noch sehr jung, den jungen und vielversprechenden Rechtsanwalt Gress heiratete. Yvonnes frühere abstrakte Bilder waren kaum auf Interesse gestoßen. Die Galerie, die ihre Bilder einst ausgestellt hatte, hatte nicht ein einziges ihrer Werke verkaufen können. Doch Yvonne glaubte an ihr Talent und gab nicht auf. Und als eine Freundin sie beauftragte, ein Familienportrait in Öl zu malen, das sie sich über den Kamin hängen wollte, entdeckte Yvonne, dass sie einen ungeahnten Strich für das Naive hatte. In kürzester Zeit war sie als Portraitmalerin sehr gefragt bei Leuten, die der üblichen Fotos überdrüssig waren und ihre Lieben auf Leinwand verewigt haben wollten. Einer der Wachmänner äußerte, er habe Yvonne Gress und ihre Kinder schon länger nicht mehr gesehen. Die Vorhänge waren zugezogen, man konnte nicht hineinsehen. Bevor Roche Anweisung gab, die Villa zu betreten, versuchte Goran, die Frau telefonisch zu erreichen. Die Straße lag still da, und man vernahm schwach das Läuten eines Telefons im Haus. Es meldete sich niemand. In der Hoffnung, wenigstens die Kinder seien bei ihm, versuchte Goran, sich mit dem Ex-Mann in Verbindung zu setzen. Als er ihn erreichte, sagte der Mann, er habe länger nichts von den Kindern gehört. Kein Wunder, schließlich hatte er seine Familie eines zwanzigjährigen Models wegen verlassen, und er fand, seinen Vaterpflichten mit der pünktlichen Überweisung der Alimente Genüge zu tun. Die Techniker platzierten rings um die Villa Temperatursensoren, um eventuelle Wärmequellen in den Räumen zu orten. »Wenn in dem Haus etwas Lebendiges ist, werden wir das bald wissen«, sagte Roche, der blind auf die Effizienz der Technik vertraute. Inzwischen waren auch die Abrechnungen für Strom, Gas und Wasser überprüft worden. Die Zähler waren vor drei Monaten stehen geblieben. In dem Haus hatte seit ungefähr neunzig Tagen niemand eine Lampe angeschaltet. »Etwa zu der Zeit war Kobashis Haus fertig, und er ist mit seiner Familie eingezogen«, stellte Stern fest. Goran sagte: »Rosa, überprüf die Aufzeichnungen aus der Videoüberwachung. Wir müssen feststellen, welcher Zusammenhang zwischen den beiden Häusern besteht.« »Hoffentlich hat es in der Anlage nicht noch mehr Blackouts gegeben«, meinte Rosa. »Wir gehen rein«, verkündete Goran. Boris legte im Mannschaftswagen inzwischen seine Schutzweste an. »Ich will selber da rein«, erklärte er, als Mila in der Tür des Wagens erschien. »Sie können mich nicht dran hindern, ich gehe.« Die Vorstellung, Roche könnte die Beamten des Spezialeinsatzkommandos als Erste hineinschicken, ging ihm gewaltig gegen den Strich. »Die richten doch nur Chaos an. In dem Haus muss man sich im Dunkeln bewegen.« »Ich komme mit.« Boris blieb kurz stehen und sah sie schweigend an. »Ich finde, das steht mir zu, schließlich bin ich draufgekommen, dass das Signal …« Er unterbrach sie, indem er ihr eine Schutzweste zuwarf. Kurz darauf verließen sie den Mannschaftswagen und gingen zu Goran und Roche, fest entschlossen, ihr Vorhaben in die Tat umzusetzen. Doch der Hauptkommissar bremste sie sofort aus. »Kommt nicht infrage. Das ist ein Fall für das Einsatzkommando. Viel zu riskant.« Boris pflanzte sich vor Roche auf. »Schicken Sie Mila und mich als Vorhut, Herr Hauptkommissar. Die anderen gehen nur rein, wenn es unbedingt sein muss.« Roche blieb stur. »Ich war Soldat und bin für so etwas ausgebildet. Stern hat diesbezüglich zwanzig Jahre Erfahrung und kann Ihnen das bestätigen, und wenn er noch beide Nieren hätte, würde er sich jetzt mit mir zur Verfügung stellen, das wissen Sie ganz genau. Und Kollegin Mila Vasquez ist dabei. Sie ist allein in das Haus eines Psychopathen eingedrungen, der einen kleinen Jungen und eine junge Frau gefangen hielt. Überlegen Sie doch mal. Irgendwo ist ein Mädchen noch am Leben, allerdings nicht mehr lange. Jeder Tatort verrät uns etwas Neues über den Entführer.« Boris zeigte auf das Haus von Yvonne Gress. »Falls es da drin etwas gibt, was uns auf Alberts Spuren bringt, dann müssen wir rechtzeitig sicherstellen, dass es nicht zerstört wird. Das geht nur, wenn Sie uns hineinschicken.« »Das glaube ich nicht, Kollege«, antwortete Roche gelassen. Boris trat einen Schritt auf ihn zu und musterte ihn scharf. »Wollen Sie denn neue Komplikationen?« Das klang wie eine orakelhafte Drohung, dachte Mila. Sie war überrascht, dass Boris seinem Vorgesetzten gegenüber einen solchen Ton anschlug. Es ging wohl um etwas, das nur die beiden betraf und mit ihr und Goran nichts zu tun hatte. Roche blickte Goran einen Moment zu lange an. Brauchte er einen Rat oder einfach nur jemanden, mit dem er die Verantwortung für die Entscheidung teilen konnte? Goran schien nicht lange abzuwägen, denn er nickte nur. »Hoffentlich bereuen wir das nicht.« Der Hauptkommissar sprach absichtlich im Plural, um klarzumachen, dass Goran für alles Weitere mitverantwortlich war. Ein Techniker kam mit einem Monitor. »Herr Roche, die Sensoren haben im zweiten Stock etwas registriert … etwas Lebendiges.« Alle sahen zu dem Haus hinüber. »Das Lebewesen befindet sich noch immer im zweiten Stock«, erklärte Stern über Funk. Boris zählte langsam und deutlich von zehn bis null, bevor er den Knauf der Eingangstür drehte. Den Zweitschlüssel hatte ihm der Chef des Wachpersonals ausgehändigt. Es gab für jedes Haus ein Exemplar für Notfälle. Mila bemerkte, wie konzentriert Boris war. Hinter ihnen standen die Männer des Spezialeinsatzkommandos, bereit, einzugreifen. Boris trat als Erster durch die Tür, Mila folgte ihm. Beide hatten ihre Dienstwaffen entsichert und trugen außer einer Schutzweste auch einen Helm mit Kopfhörer, Mikrofon und einer kleinen Taschenlampe auf Höhe der rechten Schläfe. Stern dirigierte sie von außen über Funk, während er auf einem Monitor die von den Wärmefühlern ausgemachte Silhouette im Auge behielt. Die Gestalt wies vielerlei Farbstufen von Blau über Gelb bis hin zu Rot auf, die die unterschiedlichen Wärmegrade des Körpers anzeigten. Die genaue Form war nicht zu erkennen. Aber der Körper schien auf dem Boden zu liegen. Vielleicht war jemand verletzt. Doch bevor sie das überprüfen konnten, mussten Boris und Mila erst einmal alle Räume inspizieren und sichern. Vor dem Haus waren zwei gewaltige Scheinwerfer installiert, die beide Fassaden beleuchteten, trotzdem drang durch die Vorhänge nur wenig Licht nach innen. Mila versuchte, ihre Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen. »Alles klar?«, flüsterte Boris. »Alles klar«, bestätigte sie. Unterdessen stand Goran im Garten – was davon übrig geblieben war – der Kobashis und gierte nach einer Zigarette wie schon lange nicht mehr. Er machte sich Sorgen, vor allem um Mila. Neben ihm saß Rosa an einem mobilen Abspielgerät mit vier Monitoren und sichtete die Videofilme aus der Überwachungsanlage. Wenn es tatsächlich eine Verbindung zwischen den beiden Häusern gab, würden sie es bald wissen. Mila betrachtete entsetzt das Chaos im Haus von Yvonne Gress. Vom Eingang aus hatte sie zu ihrer Linken das Wohnzimmer und zu ihrer Rechten die Küche vollständig im Blick. Die Tische waren übersät mit geöffneten Cornflakespackungen, leeren Orangensaftflaschen und Tetrapacks mit vergammelter Milch. Und leeren Bierdosen. Die Speisekammer stand offen, Nahrungsmittel waren auf dem Boden verstreut. Am Tisch standen vier Stühle. Aber nur einer war weggerückt. In der Spüle stapelten sich schmutzige Teller und Töpfe mit verkrusteten Essensresten. Mila richtete den Strahl ihrer Lampe auf den Kühlschrank: Unter einem Magneten in Schildkrötenform klemmte das Foto einer etwa vierzigjährigen blonden Frau, die lachend einen Jungen und ein etwas älteres Mädchen umarmte. Im Wohnzimmer verschwand der Sofatisch vor einem gewaltigen Plasmabildschirm unter leeren Schnapsflaschen, Bierdosen und überquellenden Aschenbechern. Ein Sessel war in die Mitte des Raumes geschoben, der Teppichboden war voller schmutziger Schuhabdrücke. Boris winkte Mila zu sich und zeigte ihr anhand des Hausplans, dass sie sich trennen und später am Fuß der Treppe, die in das obere Stockwerk führte, wieder treffen würden. Er wies ihr den Raum hinter der Küche zu, er selbst wollte sich die Bibliothek und das Büro vornehmen. »Stern, ist im oberen Stock alles wie gehabt?«, flüsterte Boris über Funk. »Rührt sich nicht«, lautete die Antwort. Mila und Boris gaben sich ein Zeichen, und Mila ging in Richtung Küche. »Es ist so weit«, sagte Rosa in diesem Augenblick vor dem Monitor. »Da, sieh nur …« Goran beugte sich über ihre Schulter. Dem Datum am Rand des Monitors zufolge waren die Bilder neun Monate alt. Die Kobashi-Villa war noch eine Baustelle. Beim Vorspulen wuselten die Arbeiter wie hektische Ameisen in dem Rohbau umher. »Und hier …« Rosa spulte das Band ein Stück vor, bis zum Sonnenuntergang, als die Arbeiter Feierabend machten und nach Hause gingen. Dann schaltete sie auf normale Geschwindigkeit. In der Haustür war etwas. Ein Schatten, reglos, als würde jemand dort warten. Und dieser Jemand rauchte. Nur das immer wieder einsetzende Glimmen der Zigarette verriet, dass da jemand war. Ein Mann stand im Eingang von Kobashis Haus und wartete darauf, dass es endgültig Abend wurde. Als es dunkel genug war, kam er heraus. Er sah sich um, lief die paar Meter zu dem Haus auf der anderen Straßenseite hinüber und trat ein, ohne zu klopfen. »Hört mal her …« Mila war gerade in Yvonne Gress’ Atelier eingetreten, Bilder lehnten aneinandergelehnt in den Ecken, Staffeleien und Farbtöpfe standen herum. Als sie Gorans Stimme in ihrem Ohrstöpsel vernahm, blieb sie stehen. »Wir wissen möglicherweise, was in dem Haus geschehen ist.« Mila wartete gespannt. »Wir könnten es mit einem Schmarotzer zu tun haben, der sich dort eingenistet hat.« Mila verstand nicht, und Goran erklärte ihr den Begriff. »Einer der Bauarbeiter bei den Kobashis ist bis nach Feierabend geblieben und dann in das Haus gegenüber gegangen. Wir fürchten, dass er …«, Goran machte eine kurze Pause, um die richtigen Worte für diesen entsetzlichen Gedanken zu finden, »… die Familie in ihrem eigenen Haus gefangen hielt.« Der parasitäre Gast nimmt das Nest in Besitz, indem er die Verhaltensweise der fremden Spezies annimmt. Indem er sie auf groteske Art imitiert, glaubt er irgendwann, zu ihr zu gehören. Er rechtfertigt alles mit seiner krankhaften Liebe. Er akzeptiert nicht, dass er wie ein Fremdkörper abgewiesen wird. Und wenn er das Spiel satthat, entledigt er sich seiner neuen Verwandten und sucht sich ein anderes Nest, in das er einfallen kann. Unwillkürlich musste Mila an die Larven der Sarcophaga carnaria denken, die im Hause Kobashi getafelt hatten. Dann hörte sie Stern: »Wie lange?« »Sechs Monate«, antwortete Goran. Mila zog es den Magen zusammen. Sechs Monate waren Yvonne und ihre Kinder Gefangene eines Psychopathen gewesen, der mit ihnen machen konnte, was er wollte. Und zwar inmitten von Dutzenden anderer Häuser anderer Familien, die sich an diesen Ort der Reichen mit seinem absurden Ideal von Sicherheit zurückgezogen hatten, weil sie glaubten, den Grausamkeiten der Welt entfliehen zu können. Sechs Monate. Und kein Mensch hatte etwas gemerkt. Der Rasen wurde Woche für Woche geschnitten, die Rosen in den Beeten wurden von den Gärtnern der Wohnanlage stets liebevoll gepflegt. Allabendlich gingen auf der Veranda die Lichter an, dafür sorgte ein Timer, der nach einem in der Hausordnung festgelegten Zeitplan eingestellt war. Kinder sausten vor dem Haus mit dem Rad herum oder spielten auf der Straße Ball, die Frauen plauderten auf ihren Spaziergängen über alles Mögliche und tauschten Kuchenrezepte aus, die Männer gingen sonntagmorgens joggen und wuschen vor den Garagen ihre Autos. Sechs Monate. Und kein Mensch hatte etwas gesehen. Niemand fragte sich, warum die Vorhänge auch tagsüber zugezogen waren. Niemandem fiel der verstopfte Briefschlitz auf. Niemand vermisste Yvonne und die Kinder bei den Veranstaltungen im Klubhaus. Das Telefon läutete, die Türglocke schellte, Yvonne oder die Kinder meldeten sich nicht, machten nicht auf, und niemand schöpfte Verdacht. Die einzigen Verwandten der Gress lebten weit entfernt. Aber auch sie hatten sich über die anhaltende Funkstille nicht weiter gewundert. In dieser langen Zeit hatte die kleine Familie von Tag zu Tag gehofft und flehentlich um Hilfe gebetet, die nicht kam. »Wahrscheinlich ein Sadist. Das war sein Spiel, sein Vergnügen.« Sein Puppenhaus, korrigierte Mila Goran im Stillen, als sie daran dachte, wie die Leiche auf dem Sofa der Kobashis gekleidet gewesen war. Sie dachte an die Gewalt, die Yvonne und ihre Kinder in dieser schrecklich langen Zeit pausenlos hatten erleiden müssen. Sechs Monate Folter. Sechs Monate Sterben. Boris unterbrach Milas Gedanken. »Stern, wie läuft’s im oberen Stock?« »Der Weg ist immer noch frei.« »Gut, dann wollen wir mal.« Sie trafen sich wie vereinbart am Fuß der Treppe. Boris gab Mila ein Zeichen, ihn zu decken. Damit sie ihre Position nicht verrieten, herrschte von nun an absolute Funkstille, die Stern nur aufheben durfte, falls Bewegung in die Gestalt kam und er die beiden warnen musste. Langsam stiegen sie hinauf. Auch die mit Teppichboden ausgelegte Treppe war voller schmutziger Schuhabdrücke und mit anderem Dreck verschmiert. An der Wand hingen Fotos von Urlauben, Geburtstagen und Familienfeiern und ganz oben ein Ölportrait von Yvonne mit ihren Kindern. Die Augen waren durchbohrt, vielleicht hatten die beharrlichen Blicke zu sehr gestört. Oben an der Treppe trat Boris beiseite und wartete auf Mila. Dann ging er weiter voraus. Mehrere Zimmer mit angelehnten Türen lagen an dem Flur, der schließlich nach links abbog. Hinter diesem letzten Winkel musste sich das einzige lebende Wesen im ganzen Haus befinden. Boris und Mila tasteten sich langsam voran. Vor einer der angelehnten Türen hörte Mila deutlich die konstanten Töne des Morsesignals, das sie empfangen hatten. Sie drückte langsam die Tür auf und blickte in das Zimmer des elfjährigen Jungen. An den Wänden hingen Poster mit den Planeten, in den Regalen standen Bücher über Astronomie. Vor dem Fenster war ein Teleskop aufgestellt. Auf dem schmalen Schreibtisch stand ein technisches Modell: die maßstabsgetreue Reproduktion eines Telegrafen vom Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts. Auf einem Holzbrett waren zwei Trockenbatterien über Elektroden und Kupferdraht mit einer gelochten Scheibe verbunden, die in regelmäßigen Intervallen auf einer Spule rotierte – drei kurz, drei lang, drei kurz. Der Apparat war über ein kurzes Kabel mit einem Walkie-Talkie in Dinosauriergestalt verbunden. Auf einer am Modell befestigten Messingplakette stand »1.Preis«. Von da wurde also das Signal gesendet. Trotz der Kontrolle und der Verbote des Mannes, der sie alle gefangen hielt, war es dem Elfjährigen gelungen, seine Klassenarbeit in eine Sendestation umzumodeln. Mila richtete den Lichtkegel ihrer Lampe auf ein ungemachtes Bett. Darunter stand ein schmutziger Plastikeimer. Die Kanten des Kopfendes waren zerkratzt. Vis-à-vis lag das Zimmer der sechzehnjährigen Schwester. An der Tür stand mit bunten Buchstaben »Keira«. Mila warf von der Schwelle aus einen raschen Blick in das Zimmer. Die Bettlaken lagen zusammengeknüllt auf dem Fußboden. Eine Schrankschublade mit Unterwäsche war auf den Boden gekippt. Der Spiegel der Kommode stand gegenüber dem Bett. Man konnte sich vorstellen, wozu. Auch hier Kratzspuren an den Bettpfosten. Handschellen, dachte Mila, sie waren tagsüber an ihren Betten angekettet. Der schmutzige Plastikkübel stand in einer Ecke. Er diente wohl für die Notdurft. Einige Meter weiter lag Yvonnes Zimmer. Die Matratze war völlig verdreckt, und nur ein Laken lag darauf. Auf dem Teppichboden waren Flecken von Erbrochenem, gebrauchte Monatsbinden lagen herum. An einem Nagel in der Wand, an dem vielleicht einmal ein Bild gehangen hatte, hing weithin sichtbar ein Ledergürtel, damit auch klar war, wer hier das Kommando führte und wie es ausgeübt wurde. Das war wohl das Spielzimmer, du dreckiges Schwein! Und das Mädchen hast du bestimmt auch ab und zu besucht. Und wenn du genug von den beiden hattest, bist du zu dem Jungen rüber und hast ihn verprügelt … Wut war das einzige Gefühl, das zu empfinden ihr vergönnt war. Also schöpfte Mila gierig aus dieser Jauchegrube. Wer weiß, wie oft sich Yvonne Gress hatte zwingen müssen, nett zu dem Ungeheuer zu sein, damit er bei ihr in diesem Zimmer blieb und sich nicht an den Kindern verging. »Leute, es bewegt sich.« Stern klang beunruhigt. Boris und Mila wandten sich gleichzeitig in Richtung des Winkels, hinter dem der Flur endete. Für eine weitere Inspektion war keine Zeit. Sie leuchteten in diese Richtung, die Waffe im Anschlag, und warteten darauf, dass jeden Augenblick irgendetwas auftauchte. »Bleib stehen!«, rief Boris. »Da ist etwas, es kommt auf euch zu!« Mila legte den Finger um den Abzug und krümmte ihn langsam. Sie hörte ihren eigenen Herzschlag, immer schneller. »Hinter der Ecke!« Zunächst war nur ein leises Winseln zu hören. Dann erschien eine haarige Schnauze, und jemand sah sie an. Es war ein Neufundländer. Mila hob die Waffe, Boris ebenso. »Alles in Ordnung«, sagte er in das Funkgerät, »es ist nur ein Hund.« Das Fell des Hundes war struppig und verklebt, eine Pfote verletzt, seine Augen waren gerötet. Er hat ihn am Leben gelassen, dachte Mila und ging auf ihn zu. »Komm her …« »Wie hat der denn bitte hier allein drei Monate überlebt?«, überlegte Boris. Während sich Mila dem Hund näherte, wich er immer weiter zurück. »Pass auf, er hat Angst, er beißt vielleicht!« Mila achtete nicht auf Boris und ging weiter langsam auf den Hund zu. Sie ging gebeugt, um ihn zu beruhigen, und lockte ihn: »Komm her zu mir.« Als sie nahe genug war, sah sie die Marke an seinem Halsband. Im Lichtschein der Taschenlampe las sie den Namen. »Komm her, Max, brauchst keine Angst haben …« Schließlich wich der Hund nicht länger zurück. Mila hielt ihm eine Hand vor die Schnauze und ließ ihn schnuppern. Boris wurde ungeduldig. »Okay, wir sehen uns noch ein bisschen um, dann können die anderen kommen.« Der Hund hob eine Pfote, als wollte er Mila etwas zeigen. »Warte …« »Was ist denn?« Mila antwortete nicht. Als sie sich aufrichtete, lief der Neufundländer in den dunklen Winkel des Flures zurück. »Er will, dass wir mitgehen.« Sie folgten ihm. Hinten rechts war ein letztes Zimmer. Boris warf einen prüfenden Blick auf den Hausplan. »Es geht nach hinten raus, keine Ahnung, was das für ein Raum ist.« Vor der geschlossenen Tür lag eine mit Knochen bedruckte Decke, außerdem waren da ein Napf, ein kleiner bunter Ball, eine Hundeleine und Futterreste. »Aha, du hast also die Speisekammer geplündert«, sagte Mila. »Komisch, dass er die Sachen hergeschleppt hat …« Der Neufundländer drängte sich gegen die Tür, als wollte er bekräftigen, dass dort sein Platz war. »Meinst du, er hat sich ganz allein da eingerichtet? Aber warum?« Als wollte er Milas Frage beantworten, kratzte der Hund an der Tür und winselte. »Er will, dass wir reingehen …« Mila nahm die Leine und band den Hund an einem Heizkörper fest. »Schön dableiben, Max.« Der Hund bellte, als hätte er verstanden. Sie räumten den Zimmereingang frei, und Mila legte die Hand auf die Klinke, während Boris die Tür ins Visier nahm. Die Wärmefühler hatten zwar keine weiteren Lebewesen im Haus ausgemacht, aber man konnte nie wissen. Sie waren beide überzeugt, dass sich hinter der dünnen Barriere das traurige Ende dieses monatelangen Dramas verbarg. Mila drückte die Klinke hinunter und öffnete die Tür. Die Lichtkegel der Lampen schnitten in die Dunkelheit und wanderten durch den Raum. Das Zimmer war leer. Es maß etwa zwanzig Quadratmeter. Hier gab es keine Auslegeware, die Wände waren weiß getüncht. Das Fenster war hinter einem schweren Vorhang verborgen. Eine nackte Glühbirne hing von der Decke. Das Zimmer wirkte, als ob es noch nie benutzt worden wäre. »Warum wollte er, dass wir hier reingehen?«, fragte Mila mehr sich selbst als Boris. »Und wo sind Yvonne und die Kinder?« Dabei wäre die richtige Frage gewesen: »Und wo sind die Leichen?« »Stern?« »Ja?« »Die Spurensicherung kann kommen, wir sind fertig.« Mila kehrte in den Flur zurück und ließ den Hund frei, der sofort in das Zimmer schlüpfte. Mila lief hinter ihm her, der Hund kauerte sich in eine Ecke. »Du kannst nicht hierbleiben, Max.« Der Hund rührte sich nicht. Sie trat mit der Leine in der Hand zu ihm. Max bellte wieder, aber es klang nicht bedrohlich. Dann schnupperte er vor der Fußleiste am Boden. Mila ging neben ihm in die Hocke, schob ihn weg und richtete die Lampe auf die Stelle. Da war nichts. Doch dann sah sie ihn. Einen winzigen braunen Fleck, keine drei Millimeter Durchmesser. Sie beugte sich noch weiter hinunter und stellte fest, dass er länglich und leicht verkrustet war. Mila hatte keinen Zweifel, worum es sich handelte. »Hier ist es geschehen«, sagte sie. Boris verstand nicht. Mila wandte sich zu ihm. »Hier hat er sie getötet.« »Wir haben schon mitbekommen, dass jemand hin und wieder in das Haus ging … Aber na ja, die Gress war allein und eine attraktive Frau … Klar bekam sie manchmal spät noch Männerbesuch aus der Nachbarschaft.« Der Chef des Sicherheitsdiensts zwinkerte komplizenhaft, woraufhin Goran sich auf die Zehenspitzen stellte und ihn scharf musterte. »Unterstehen Sie sich, mit solchen Behauptungen zu kommen.« Der Pseudopolizist hätte sich und seine Untergebenen für das schwere Versäumnis entschuldigen müssen. Doch er spielte nur die mit den Anwälten von Capo Alto vereinbarte Rolle. Ihre Strategie bestand darin, Yvonne Gress, nur weil sie alleinstehend war, als Flittchen hinzustellen. Goran erklärte, dass der Unmensch – wie sollte man ihn anders nennen –, der ein halbes Jahr in dem Haus ein und aus gegangen war, sich unter ebendiesem Vorwand dort ausgetobt hatte. Er und Rosa sichteten zahlreiche Aufzeichnungen aus dieser langen Zeitspanne. Sie schalteten oft auf Schnelldurchlauf, und im Großen und Ganzen wiederholte sich die immer gleiche Szene. Manchmal blieb der Mann abends nicht da, und Goran stellte sich vor, dass dies für die einsame Familie die besten Zeiten waren. Vielleicht war es aber auch dann am schlimmsten, denn sie blieben an den Betten festgekettet, und wenn er sich nicht kümmerte, bekamen sie nichts zu essen und zu trinken. Vergewaltigt zu werden, hieß zu überleben. Ein Dauerzwiespalt in der Hoffnung auf das kleinere Übel. Die Aufzeichnungen zeigten den Mann auch tagsüber bei der Arbeit auf der Baustelle. Er trug immer eine Schirmmütze, die sein Gesicht halb verdeckte. Stern befragte den Bauunternehmer, der ihn als Saisonarbeiter eingestellt hatte. Dieser erklärte, der Mann heiße Lebrinsky, doch der Name stellte sich als falsch heraus. Auf den Baustellen arbeiteten häufig Ausländer ohne Aufenthaltsgenehmigung. Die Arbeitgeber waren von Gesetzes wegen nur verpflichtet, ihre Papiere zu verlangen; deren Echtheit brauchten sie nicht zu überprüfen. Einige Arbeiter, die in der Zeit auf der Baustelle von Kobashis Villa gearbeitet hatten, sagten aus, er sei ein schweigsamer Kerl und Einzelgänger gewesen. Sie beschrieben ihn aus der Erinnerung, doch die Angaben unterschieden sich zu sehr voneinander, als dass ein brauchbares Phantombild hätte erstellt werden können. Nach dem Gespräch mit dem Sicherheitschef ging Goran zu den anderen in Yvonne Gress’ Haus, das mittlerweile von Krepp und seinen Leuten in Beschlag genommen war. Die Piercings in Krepps Gesicht klimperten fröhlich, als er sich wie eine Elfe im Zauberwald durch die Räume bewegte. Denn so wirkte das Haus jetzt: Der Teppichboden war vollständig mit durchsichtiger Plastikfolie abgedeckt, und hier und da beleuchteten Halogenlampen eine bestimmte Stelle oder auch nur ein Detail. Männer in weißen Overalls und mit Schutzbrillen aus Plexiglas behandelten sämtliche Oberflächen mit Rußpulver und Chemikalien. »Besonders schlau ist unser Mann nicht«, fing Krepp an. »Abgesehen von dem Durcheinander, das der Hund angerichtet hat, hat der Typ selbst jede Menge Müll hinterlassen. Dosen, Zigarettenkippen, benutzte Becher. Wir haben so viel DNA von ihm, dass man ihn direkt klonen könnte.« »Fingerabdrücke?«, fragte Rosa. »Massenhaft! Aber leider war er noch in keinem heimatlichen Gefängnis zu Gast, es gibt auch keine Kriminalakte über ihn.« Goran schüttelte den Kopf: derart viele Spuren und noch kein Verdächtiger. Der Schmarotzer war viel weniger vorsichtig gewesen als Albert, der die Videokameras lahmgelegt hatte, bevor er das tote Mädchen in das Haus der Kobashis brachte. Aus diesem Grund verstand Goran eines nicht. »Was ist mit den Leichen? Wir haben die Aufzeichnungen gesichtet, da hat der Kerl nie etwas aus dem Haus getragen.« »Durch die Tür sind sie jedenfalls nicht raus …« Sie verstanden nicht und sahen einander fragend an. Krepp fügte hinzu: »Wir untersuchen gerade die Abflüsse, wahrscheinlich hat er sich ihrer auf diesem Weg entledigt.« Er hat sie zerlegt, folgerte Goran. »Doch das Merkwürdigste habe ich mir für zuletzt aufgehoben«, sagte Krepp. »Was denn?« »Das leere Zimmer im oberen Stock, in dem unsere liebe Kollegin den kleinen Blutfleck entdeckt hat. Das Zimmer wird meine Sixtinische Kapelle«, verkündete er. »Der Fleck lässt vermuten, dass dort das Massaker stattgefunden hat. Und dass der Typ anschließend alles gereinigt hat und ihm nur diese winzige Stelle entgangen ist. Aber er hat noch mehr gemacht. Er hat sogar die Wände getüncht.« »Wieso das?«, fragte Boris. »Weil er einfach dumm ist. Hinterlässt jede Menge Beweise und entsorgt die Leichenteile über die Kanalisation. Allein damit hat er sich schon lebenslängliche Haft eingehandelt. Warum macht er sich dann die Mühe und tüncht ein ganzes Zimmer?« Auch Goran konnte sich keinen Reim darauf machen. »Und wie gehst du jetzt vor?« »Ich nehme die Farbe ab und sehe nach, was sich darunter befindet. Das dauert ein bisschen, aber mit den neuen Methoden kann man sämtliche Blutflecken sichern, die dieser naive Idiot verschwinden lassen wollte.« Goran war skeptisch. »Bisher haben wir es nur mit Freiheitsberaubung und Fortschaffen von Beweismitteln zu tun. Er wird ›lebenslänglich‹ kriegen, aber von Gerechtigkeit kann deswegen noch lange keine Rede sein. Wir brauchen das Blut, damit die Wahrheit ans Licht kommt und er auch des Mordes angeklagt werden kann.« »Du kriegst es, lieber Professor.« Schließlich verglichen sie die vagen Beschreibungen der Person mit den von Krepp gesammelten Daten. »Ich würde sagen, es handelt sich um einen Mann zwischen vierzig und fünfzig.« Rosa zählte die Anhaltspunkte auf. »Mindestens eins achtundsiebzig und kräftig gebaut.« »Die Schuhspuren auf dem Teppichboden sind Größe43, das könnte passen.« »Raucher.« »Dreht seine Zigaretten selbst.« »Wie ich«, sagte Boris. »Wie nett, mit solchen Typen was gemeinsam zu haben.« »Und wahrscheinlich mag er Hunde«, stellte Krepp noch fest. »Nur weil er den Neufundländer am Leben gelassen hat?«, fragte Mila. »Nein, meine Liebe. Wir haben Haare von einem Mischling sichergestellt.« »Aber wer sagt, dass der Mann sie ins Haus gebracht hat?« »Wir haben sie in den schmutzigen Schuhspuren auf dem Teppichboden gefunden. Da war natürlich Material von der Baustelle dabei – Zement, Kitt, Lösungsmittel –, mit dem alles verklebt war. Aber eben auch, was der Kerl von zu Hause mitbrachte.« Krepp sah Mila an wie jemand, der vorschnell herausgefordert wird und am Ende doch siegt, weil er einfach schlauer ist. Nach dieser glorreichen Einlage wandte er sich von ihr ab und war gleich wieder der kühle Profi, als den ihn alle kannten. »Es gibt noch etwas, aber ich habe noch nicht entschieden, ob es erwähnenswert ist.« »Sag’s trotzdem«, forderte Goran ihn auf, denn er wusste, dass Krepp sich gern bitten ließ. »In dem Dreck unter den Schuhen waren ungewöhnlich viele Bakterien. Ich habe den Chemiker meines Vertrauens um eine Untersuchung gebeten …« »Warum einen Chemiker und keinen Biologen?« »Weil ich geahnt habe, dass es sich um abfallfressende Bakterien handelt, die in der Natur vorkommen, aber auch gezielt für bestimmte Zwecke eingesetzt werden, etwa wenn Kunststoffe oder Ölderivate zersetzt werden sollen.« Dann präzisierte er: »Sie fressen eigentlich gar nichts, sondern produzieren lediglich ein Enzym und kommen bei der Reinigung ehemaliger Mülldeponien zum Einsatz.« Goran bemerkte, dass Mila und Boris einen schnellen Blick wechselten. »Ehemalige Mülldeponien? Verdammte Scheiße … den kennen wir.« 24 Feldher erwartete sie. Der Schmarotzer hatte sich auf der Müllhalde in seiner Höhle verbarrikadiert. Seit Monaten hatte er sich auf den Augenblick der Abrechnung vorbereitet und alle möglichen Waffen gesammelt. Er hatte sich nicht um ein besonders gutes Versteck bemüht. Ihm war klar, dass über kurz oder lang jemand kommen und eine Erklärung verlangen würde. Mila folgte mit ihren Kollegen den Beamten des Einsatzkommandos, die auf dem Gelände Stellung bezogen. Von seiner erhöhten Position aus überblickte Feldher die Zufahrten zu der ehemaligen Deponie. Zudem hatte er die Bäume gefällt, die seinen freien Rundblick einschränkten. Aber er eröffnete das Feuer nicht sofort. Er wartete, bis alle ihre Posten bezogen hatten. Als Erstes erschoss er Koch, die rostfarbene Promenadenmischung, die zwischen den Schrottteilen herumschlich. Er tötete ihn mit einem Kopfschuss. Wollte denen da draußen wohl zeigen, dass er es ernst meinte. Vielleicht wollte er dem Hund aber auch ein noch schlimmeres Ende ersparen, dachte Mila. Sie kauerte hinter einem der kugelsicheren Autos und beobachtete das Geschehen. Wie lange war es her, dass sie und Boris in diesem Haus gewesen waren? Sie hatten von Feldher etwas über das kirchliche Kinderheim erfahren wollen, in dem er aufgewachsen war, dabei hütete er ein noch viel schrecklicheres Geheimnis als Ronald Dermis. Er hatte gelogen. Als Boris ihn fragte, ob er im Gefängnis gesessen habe, hatte er das bejaht. Doch das stimmte nicht. Deshalb hatte der Abgleich der Fingerspuren in Yvonne Gress’ Haus nichts ergeben. Mit seiner Lüge hatte er sich vergewissert, dass die beiden Polizeibeamten praktisch nichts von ihm wussten. Und Boris hatte nichts gemerkt, weil kein Mensch lügt, um partout einen negativen Eindruck zu hinterlassen. Feldher schon. Ganz schön schlau, fand Mila. Er hatte vorgesorgt und mit ihnen gespielt, denn er war sicher gewesen, dass sie keinerlei Anhaltspunkte hatten, die ihn mit Yvonnes Haus in Verbindung brachten. Hätte er das Gegenteil geargwöhnt, hätten sie das Haus vielleicht nicht lebend verlassen. Mila hatte sich zudem von seinem Besuch bei Ronalds nächtlicher Beerdigung täuschen lassen. Sie hatte es für ein Zeichen seiner Trauer gehalten, dabei wollte Feldher nur die Lage sondieren. »Ihr dreckigen Schweine, holt mich doch!« Das Rattern einer Maschinenpistole zerriss die Luft, einige Geschosse prallten an den gepanzerten Wagen ab, andere schlugen in die Autowracks ein. »Arschlöcher! Lebendig kriegt ihr mich nicht!« Niemand antwortete, niemand verhandelte. Mila sah sich um: nirgends ein Kollege mit Megafon, der ihn hätte überreden können aufzugeben. Feldher hatte sein Todesurteil schon unterschrieben. Keiner der Polizisten draußen hatte vor, Feldhers Leben zu schonen. Sie warteten nur auf einen falschen Schritt, um ihn zur Strecke zu bringen. Ein paar Scharfschützen hatten schon ihre Posten bezogen und würden schießen, sobald ein Fitzelchen von ihm zu sehen war. Aber er sollte sich erst einmal abreagieren. So unterlief ihm am ehesten ein Fehler. »Sie gehörte mir, ihr Schweine! Mir! Sie hat nur gekriegt, was sie wollte!« Er wollte provozieren. Und nach den angespannten Gesichtern der Polizisten zu urteilen, tat er das mit Erfolg. »Wir brauchen ihn lebend«, sagte Goran plötzlich. »Nur so können wir feststellen, welche Verbindung zwischen ihm und Albert besteht.« »Das wird die Leute vom Einsatzkommando wenig kümmern«, sagte Stern. »Dann müssen wir mit Roche reden. Er muss einen Verhandler schicken.« »Feldher wird sich nicht festnehmen lassen. Er hat alles geplant, inklusive sein eigenes Ende«, sagte Rosa. »Er wird eine Show abziehen und den bühnenreifen Abgang hinlegen.« Wie recht sie hatte. Die Sprengtechniker, die inzwischen eingetroffen waren, hatten Unregelmäßigkeiten im Gelände rund um das Haus festgestellt. »Antipersonenminen«, sagte einer von ihnen zu Roche, als der Hauptkommissar zur Truppe stieß. »Bei dem ganzen Mist da drunter gäbe das eine Katastrophe.« Ein Geologe wurde hinzugezogen, und er bestätigte, dass sich durch die Zersetzung der Abfälle im Inneren der Mülldeponie, die den Hügel bildete, möglicherweise Methanblasen gebildet hatten. »Ihr müsst auf der Stelle weg hier, ein Brand wäre verheerend.« Goran redete auf Hauptkommissar Roche ein, dass man wenigstens versuchen müsse, mit Feldher zu verhandeln. Schließlich genehmigte Roche ihm eine halbe Stunde. Goran wollte ihn anrufen, aber Mila erinnerte ihn daran, dass die Leitung wegen nicht bezahlter Rechnungen stillgelegt worden war – Tage zuvor, als sie und Boris versuchten, telefonisch Kontakt zu Feldher aufzunehmen, war eine Computerstimme zu hören gewesen. Die Telefongesellschaft brauchte sieben Minuten, um die Verbindung herzustellen. Jetzt blieben noch dreiundzwanzig, um den Mann zur Aufgabe zu überreden. Doch als das Telefon in seinem Haus klingelte, schoss Feldher es kaputt. Goran gab sich nicht geschlagen. Er beschaffte sich ein Megafon und kauerte sich hinter den Wagen, der dem Haus am nächsten stand. »Herr Feldher, hier spricht Professor Goran Gavila!« »Leck mich am Arsch!« Ein Schuss knallte. »Hören Sie zu: Ich verachte Sie, und alle anderen, die hier sind, verachten Sie ebenso.« Mila verstand, dass Goran Feldher nicht belügen und ihm nichts vormachen wollte, denn das hätte nichts genutzt. Der Mann hatte sein Schicksal längst entschieden. Deshalb konnte Goran die Karten offen auf den Tisch legen. »Halt’s Maul, du Wichser!« Wieder ein Schuss, diesmal knapp an der Stelle vorbei, an der sich Goran befand. Obwohl er in Deckung war, tat er einen Satz. »Nein, Sie werden mir zuhören, weil mein Angebot Sie bestimmt interessiert!« Was konnte das jetzt noch sein? Mila durchschaute Gorans Strategie nicht. »Wir brauchen Sie, Feldher, weil Sie wahrscheinlich den Mann kennen, der das sechste Mädchen gefangen hält. Wir nennen ihn Albert, aber Sie wissen bestimmt, wie er wirklich heißt!« »Das ist mir scheißegal!« »Das glaube ich nicht, denn die Information ist jetzt etwas wert!« Die Belohnung. Das also war Gorans Trumpf! Die zehn Millionen der Rockford-Stiftung für Hinweise, die zur Rettung des sechsten Mädchens führten. Fragte sich natürlich, was ein Mann, der für den Rest seines Lebens hinter Gittern sitzen würde, von dem Geld hatte. Mila verstand. Goran wollte Feldher vorgaukeln, er könne seinen Kopf aus der Schlinge ziehen, »das System austricksen«, das ihn sein ganzes Leben lang verfolgt und zu dem gemacht hatte, was er war. Eine verkrachte Existenz. Mit dem Geld hätte er sich einen renommierten Anwalt nehmen können, der im Prozess auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren würde – diese war ohne entsprechendes finanzielles Polster schwer zu beweisen und damit als prozesstechnische Option normalerweise einer betuchten Klientel vorbehalten. Feldher hätte auf eine mildere Strafe, vielleicht nur zwanzig Jahre, hoffen können, die er nicht im Gefängnis, sondern in der Psychiatrie abgesessen hätte. Nach seiner Entlassung hätte er den Rest des Geldes als freier Mann genießen können. Goran hatte ins Schwarze getroffen. Denn Feldher hatte sich wahrscheinlich immer gewünscht, etwas Besseres zu sein. Deshalb war er in Yvonne Gress’ Haus eingedrungen. Er wollte einfach mal wissen, wie es so ist, privilegiert zu leben, an einem Platz für Reiche, mit einer hübschen Frau und hübschen Kindern und hübschen Dingen. Jetzt hatte er die Chance auf doppelten Erfolg: das Geld absahnen und mehr oder weniger ungeschoren davonkommen. Er würde hier lebend herauskommen und grinsend an den über hundert Beamten vorbeimarschieren, die ihn am liebsten tot gesehen hätten. Aber vor allem würde er als reicher Mann gehen. Fast als Held. Feldher stieß keinen Fluch aus und schoss auch nicht zur Antwort. Er dachte anscheinend nach. Goran nutzte das Schweigen, um Feldhers Gier noch ein bisschen anzufachen. »Niemand kann Ihnen wegnehmen, was Sie sich verdient haben. Und ich gebe es zwar nicht gern zu, aber viele Menschen werden Ihnen zu Dank verpflichtet sein. Also legen Sie die Waffe weg, und ergeben Sie sich …« Der Zweck heiligt die Mittel, dachte Mila. Goran arbeitete nach der gleichen Methode wie Albert. Ein paar Sekunden vergingen, die ihr unendlich lang vorkamen. Doch sie wusste, je mehr Zeit verging, desto größer war die Aussicht, dass der Plan aufging. Von ihrem Versteck hinter dem Wagen aus beobachtete sie, wie einer der Beamten des Einsatzkommandos einen Stab mit einem kleinen Spiegel in die Höhe schob, um Feldhers Position im Haus zu bestimmen. Kurz darauf entdeckte sie sein Spiegelbild. Nur seine Schultern und sein Nacken waren zu sehen. Er trug eine Tarnjacke und einen Jagdhut. Ganz kurz sah sie sein Profil, das Kinn mit dem ungepflegten Bart. Es war ein Bruchteil einer Sekunde. Feldher hob das Gewehr, vielleicht wollte er schießen, vielleicht wollte er sich ergeben. Der erstickte Pfiff zischte über ihre Köpfe hinweg. Bevor Mila überhaupt begriff, was geschah, hatte der erste Schuss Feldher schon in den Hals getroffen. Dann kam der zweite, aus einer anderen Richtung. »Nein!«, schrie Goran. »Stopp! Nicht schießen!« Die Scharfschützen traten aus der Deckung, um besser zielen zu können. Im Rhythmus der pulsierenden Halsschlagader sickerte warmes Blut aus den beiden Eintrittsöffnungen in Feldhers Hals. Der Mann war halb zusammengebrochen, den Mund weit aufgerissen. Vergeblich presste er eine Hand auf die Wunden, während er mit der anderen das Gewehr anzuheben versuchte, um zurückzuschießen. In der verzweifelten Hoffnung, die Zeit möge stehen bleiben, rannte Goran ungeachtet des Risikos aus der Deckung. Da traf ein dritter Schuss, der präziser war als die anderen, Feldher im Nacken. Der Schmarotzer war erledigt. 25 »Sabine mag Hunde.« Sie hatte es im Präsens gesagt, dachte Mila. Das war normal. Die Mutter hatte den Schmerz noch nicht zugelassen. Aber das würde sich bald ändern. Und dann würde die Frau eine lange Zeit keinen Frieden und keinen Schlaf mehr finden. Doch noch war es dafür zu früh. Aus unerfindlichen Gründen lässt der Schmerz in solchen Fällen manchmal einen Raum, eine Membran zwischen sich und der Nachricht, eine elastische Schicht, die sich dehnt und wieder zurückweicht und verhindert, dass der Satz »Wir haben den Leichnam Ihrer Tochter gefunden« seine Botschaft abliefert. Die Wörter prallen an dieser merkwürdigen Membran ab. Ein paar Stunden zuvor hatte Mila von Chang einen Umschlag mit den Ergebnissen des DNA-Vergleichs bekommen. Das Mädchen auf dem Sofa der Kobashis war Sabine. Das dritte Mädchen, das verschleppt worden war. Und das dritte Mädchen, das gefunden worden war. Mila hatte ihre Kollegen sich selbst überlassen – sie versuchten, mit der Niederlage fertig zu werden, die sie mit Feldher erlitten hatten, und durchforsteten den Müll nach Spuren, die vielleicht zu Albert führten. Sie hatte in der Dienststelle um einen Wagen gebeten und saß jetzt bei Sabines Eltern im Wohnzimmer. In der Gegend lebten viele Menschen, die sich bewusst für ein Leben auf dem Land entschieden hatten; es gab zahlreiche Gestüte. Knapp hundertfünfzig Kilometer war Mila gefahren. Die Sonne war gerade untergegangen, und Mila hatte es genossen, durch die waldige Landschaft zu fahren, vorbei an vielen Bächen und kleinen bernsteinfarbenen Seen. Es schien ihr, dass Sabines Eltern über den Besuch, selbst zu so fortgeschrittener Stunde, beruhigt wären. Er war ein Zeichen, dass sich jemand um den Verbleib ihres Kindes kümmerte. Sie täuschte sich nicht. Sabines Mutter war klein und schmal, das ausdrucksvolle Gesicht von feinen Falten zerfurcht. Mila betrachtete die Fotos, die die Frau ihr reichte, und hörte ihr zu, während sie von Sabine erzählte. Der Vater lehnte in einer Ecke des Zimmers an der Wand, den Blick auf den Boden geheftet, die Hände hinter dem Rücken verschränkt, mit dem Oberkörper vor- und zurückschaukelnd, auf den Atem konzentriert. Mila konnte sich gut vorstellen, dass seine Frau die Stärkere von beiden war. »Sabine war ein Frühchen, acht Wochen kam sie zu früh. Damals sagten wir, sie hat eine irre Lust, auf die Welt zu kommen. Ein bisschen stimmte das auch …« Sie lächelte und sah zu ihrem Mann hinüber. Er nickte. »Die Ärzte meinten, sie würde es nicht schaffen, weil ihr Herz so schwach war. Aber Sabine hielt gegen jede Prognose durch. Sie war kaum größer als meine Hand und wog knapp fünfhundert Gramm, aber sie war zäh und kämpfte in ihrem Brutkasten. Ihr Herz wurde von Woche zu Woche kräftiger … Die Ärzte mussten sich eines Besseren belehren lassen, jetzt hieß es, wahrscheinlich würde Sabine es schaffen, aber sie müsste ihr Leben lang Medikamente nehmen und immer wieder Operationen über sich übergehen lassen. Na ja, dass es eben besser gewesen wäre, wenn sie gestorben wäre …« Sie machte eine Pause. »Da hoffte ich dann, dass sie stirbt. Ich glaubte tatsächlich irgendwann, mein Kind würde bis ans Ende seiner Tage leiden müssen, sodass ich darum betete, sein Herz möge stehen bleiben. Sabine war stärker als meine Gebete. Sie entwickelte sich ganz normal, und acht Monate nach der Geburt holten wir sie nach Hause.« Die Frau schwieg. Ganz kurz zeigte sich Wut in ihren Zügen. »Dieses Schwein hat ihren ganzen Kampf zunichtegemacht.« Sabine war Alberts jüngstes Opfer. Sie war von einem Karussell verschwunden. An einem Samstagabend. Vor den Augen der Mutter und des Vaters und aller anderen Eltern. »Jeder hatte nur sein eigenes Kind im Blick«, hatte Rosa bei der ersten Sitzung in der Denkwerkstatt gesagt. Und Mila erinnerte sich, was sie noch gesagt hatte: »Niemand kümmert sich um die anderen, das ist die Realität.« Doch Mila war nicht nur gekommen, um Sabines Eltern zu trösten, sondern auch, um ihnen ein paar Fragen zu stellen. Sie wusste, dass sie diese ersten Augenblicke nutzen musste, bevor der Schmerz aus seinem vorübergehenden Refugium ausbrach und alles unwiderruflich auslöschte. Sie wusste auch, dass das Ehepaar schon Dutzende Male über die Umstände des Verschwindens befragt worden war. Doch die Kollegen besaßen nicht unbedingt so viel Erfahrung mit verschwundenen Kindern wie sie. »Sie beide«, fing sie an, »sind die Einzigen, die etwas gesehen oder bemerkt haben können. Die anderen Kinder wurden an einem einsamen Ort verschleppt oder zumindest zu einem Zeitpunkt, an dem der Entführer allein mit ihnen war. Bei Sabine ist er ein Risiko eingegangen. Es könnte auch sein, dass etwas nicht nach Plan verlaufen ist.« »Soll ich von Anfang an erzählen?« »Ja, bitte.« Die Frau ging kurz in sich und sagte dann: »Es war ein besonderer Abend für uns. Wissen Sie, als unsere Tochter drei war, zogen wir aus der Stadt hierher aufs Land. Wir lieben die Natur und wollten, dass unser Kind fern von Lärm und Smog aufwächst.« »Sie sagten, es war ein besonderer Abend, als Ihre Tochter entführt wurde …« »Ja.« Die Frau suchte den Blick ihres Mannes und fuhr dann fort: »Wir hatten im Lotto gewonnen. Eine schöne Summe. Nicht so viel, dass wir richtig reich gewesen wären, aber genug, dass Sabine mal ein gutes Leben hätte führen können. Ich hatte noch nie Lotto gespielt. Aber eines Morgens füllte ich einen Schein aus, und da ist es passiert.« Die Frau lächelte gequält. »Ich wette, Sie wollten immer schon wissen, wie jemand aussieht, der im Lotto gewonnen hat.« »Sie gingen also auf den Rummel, um zu feiern, nicht wahr?« »Ja.« »Bitte berichten Sie mir doch in allen Einzelheiten von Sabines Fahrt mit dem Karussell.« »Wir suchten zusammen das blaue Pferd aus. Während der beiden ersten Runden war mein Mann bei ihr. Die dritte Runde wollte Sabine unbedingt allein fahren. Sie war sehr dickköpfig, und wir ließen sie.« »Das ist doch ganz normal«, sagte Mila. Sabines Mutter sollte sich nicht noch schuldiger fühlen. Die Frau sah sie an und sagte dann mit fester Stimme: »Viele Eltern standen auf der Plattform neben ihren Kindern. Ich ließ meine Tochter nicht aus den Augen, ich schwöre, ich habe keine Sekunde von dieser Runde versäumt. Außer wenn Sabine auf der gegenüberliegenden Seite war.« »Er hat sie wie bei einem Zaubertrick verschwinden lassen«, hatte Stern in der Denkwerkstatt gesagt. Das Pferdchen war ohne Sabine wiederaufgetaucht. Mila erklärte: »Wir vermuten, dass der Entführer bereits auf dem Karussell stand – einer von vielen Vätern. Deswegen denken wir, dass er wie ein ganz normaler Mann aussieht. Er wirkte wie ein Familienvater und verschwand mit dem Kind einfach in der Menge. Vielleicht hat Sabine geweint und sich gewehrt. Aber darauf achtete niemand, sie war eben trotzig.« Vielleicht war das Schlimmste überhaupt der Gedanke, dass Albert sich als Sabines Vater ausgegeben hatte. »Ich bin sicher, Frau Vasquez, wenn ein fremder Mann auf dem Karussell gewesen wäre, hätte ich das gemerkt. Eine Mutter hat einen sechsten Sinn für so etwas.« Sie sagte es im Brustton der Überzeugung, sodass Mila ihr nicht widersprechen mochte. Dennoch war Albert die perfekte Tarnung gelungen. Fünfundzwanzig Polizeibeamte hatten zehn Tage lang Hunderte von Fotos gesichtet, die an jenem Abend auf dem Rummelplatz geschossen worden waren. Ebenso Videos, die Besucher mit ihren Kameras aufgenommen hatten. Fehlanzeige. Auf keinem einzigen Bild war Sabine mit ihrem Entführer festgehalten. Sie tauchten in keiner Szene auf, nicht einmal schemenhaft im Hintergrund. Mila hatte keine weiteren Fragen mehr und verabschiedete sich. Sabines Mutter wollte ihr unbedingt ein Foto ihrer Tochter mitgeben. »Damit Sie sie nicht vergessen«, sagte sie. Woher sollte sie auch wissen, dass Mila das sowieso nicht getan hätte und ein paar Stunden später ihren sehr persönlichen Tribut zu diesem Tod in Gestalt einer neuen Wunde leisten würde. »Sie verhaften ihn, nicht wahr?« Die Frage von Sabines Vater überraschte sie nicht, im Gegenteil, sie hatte sie erwartet. Alle stellten sie. Sie finden mein Kind doch? Sie fangen den Mörder, nicht wahr? Sie antwortete, was sie in solchen Fällen immer antwortete. »Wir tun unser Möglichstes.« Sabines Mutter hatte sich für ihre Tochter den Tod gewünscht. Der Wunsch war mit neun Jahren Verspätung in Erfüllung gegangen. Daran musste Mila die ganze Zeit denken, als sie zum Studio zurückfuhr. Die Wälder, die ihr auf dem Hinweg so gut gefallen hatten, waren jetzt im Wind wogende dunkle Finger, die sich zum Himmel streckten. Sie hatte das Display des Navigationsgeräts auf Nachtmodus umgestellt. Das bläuliche Licht war beruhigend. Aus dem Radio ertönten Evergreens. Sabines Foto lag auf dem Beifahrersitz. Gott sei Dank war den Eltern die schreckliche Identifizierung erspart geblieben, der Anblick der sterblichen Überreste, an denen die Insekten bereits zugange gewesen waren. Bei dem kurzen Gespräch hatte Mila das Gefühl gehabt, dass etwas nicht stimmig war. Etwas war nicht in Ordnung und hatte sie irritiert. Es war eine einfache Überlegung. Die Frau hatte eines Tages Lotto gespielt und gewonnen. Ihre kleine Tochter war einem Serienmörder zum Opfer gefallen. Zwei Ereignisse, die in einem einzigen Leben höchst unwahrscheinlich waren. Und das Erschreckende war, dass die beiden Ereignisse miteinander zusammenhingen. Ohne den Lottogewinn wären sie nicht auf den Rummelplatz gegangen, um zu feiern. Sabine wäre nicht verschleppt und brutal ermordet worden. Am Ende hatten sie den Glückstreffer mit dem Tod ihrer Tochter bezahlt. Das stimmt nicht, dachte Mila immer wieder. Er hat sich gezielt die Familien ausgeguckt, nicht die Mädchen. Er hätte sie auf jeden Fall geholt. Der Gedanke bereitete ihr Unbehagen, und sie wollte nur noch schnell zurück ins Studio, um ihn loszuwerden und sich endlich auszuruhen. Die Straße schlängelte sich zwischen den Hügeln dahin. Ab und zu wies ein Schild auf ein Gestüt hin. Mila waren auf der ganzen Fahrt nur einige wenige Autos entgegengekommen. Im Radio spielten sie einen alten Hit von Wilson Pickett, You can’t stay alone. Erst nach ein paar Sekunden assoziierte Mila den Namen des Musikers mit dem Fall, von dem Boris gesprochen hatte, als er von Goran und dessen Frau erzählte. »Eine ungute Geschichte. Fehler wurden gemacht, man drohte, die Ermittlergruppe aufzulösen und Goran den Laufpass zu geben. Roche hat sich schützend vor uns gestellt und verlangt, uns auf unseren Posten zu lassen«, hatte Boris ihr erklärt. Was war geschehen? Hatte es vielleicht mit den Fotos des hübschen Mädchens zu tun, die im Studio hingen? Waren ihre neuen Kollegen von da an dem Studio ferngeblieben? Mila schob die Fragen weg, sie konnte sie sowieso nicht allein beantworten. Sie drehte den Regler für die Heizung eine Stufe höher und genoss das Gefühl der Müdigkeit, das langsam in ihr hochkroch. Eigentlich tat ihr die Fahrt nur gut. In einem Winkel der Windschutzscheibe riss plötzlich der Himmel auf, der die ganzen letzten Tage mit dicken Wolken verhangen gewesen war. Als hätte jemand einen Wolkenfetzen abgetrennt, glitzerte dort jetzt ein Sternenhaufen, und Mondlicht sickerte durch. Mila fühlte sich privilegiert. Als gälte das unerwartete Schauspiel in dem einsamen Wald ganz allein ihr. In einer Kurve verschob sich das leuchtende Wolkenloch, und Mila folgte ihm mit den Augen. Doch als ihr Blick kurz am Rückspiegel hängen blieb, war da eine Reflexion. Das Mondlicht hatte sich in der Karosserie eines Wagens gespiegelt, der ihr mit ausgeschalteten Scheinwerfern folgte. Über ihr schloss sich der Himmel. Alles war wieder dunkel. Jemand versuchte, ihr unbemerkt zu folgen, wie auf der gekiesten Auffahrt vor dem Motel. Doch während sie beim ersten Mal noch gedacht hatte, die Phantasie hätte ihr einen Streich gespielt, war sie diesmal sicher, dass es diesen Jemand gab. Sie zwang sich, ganz ruhig nachzudenken. Fuhr sie schneller, hätte sie verraten, dass sie nervös war. Außerdem wusste sie nicht, ob ihr Verfolger ein guter Fahrer war. Eine Flucht auf diesen schmalen und ihr unbekannten Straßen wäre womöglich fatal gewesen. Weit und breit war kein Haus zu sehen, die nächste Ortschaft war mindestens noch dreißig Kilometer entfernt. Schon das nächtliche Abenteuer im Waisenhaus mit Ronald Dermis war hart gewesen. Sie hatte das vor niemandem zugegeben und versicherte immer, es gehe ihr gut und sie habe keinen Schock erlitten. Aber jetzt bezweifelte sie, dass sie eine so gefährliche Situation ein zweites Mal bewältigen würde. Ihre Armmuskeln verhärteten sich, die Nervenanspannung stieg. Ihr Herz fing an zu rasen, und sie wusste nicht, was sie dagegen tun sollte. Panik ergriff sie. Ganz ruhig, denk ganz ruhig nach. Sie schaltete das Radio aus, um sich besser konzentrieren zu können. Ihr war klar, dass der Verfolger nur deshalb mit ausgeschalteten Scheinwerfern fahren konnte, weil er sich an ihren Rücklichtern orientierte. Einen Augenblick starrte sie auf den Monitor des Navigationsgeräts, dann löste sie es aus der Halterung und legte es auf den Schoß. Anschließend schaltete sie die Scheinwerfer aus. Mila drückte aufs Gas. Vor ihr war eine Wand aus Dunkelheit. Sie vertraute allein auf die Wegführung, die der Navigator vorgab. Rechtskurve, vierzig Grad. Sie folgte ihr, der Pfeil auf dem Display bewegte sich mit. Dann geradeaus. Der Wagen geriet leicht ins Schlingern. Sie hielt das Lenkrad fest umklammert, damit sie nicht beim geringsten Übersteuern von der Straße abkam. Linkskurve, sechzig Grad. Diesmal musste sie rasch herunterschalten, um die Kontrolle nicht zu verlieren, und gegenlenken. Dann wieder geradeaus, länger als zuvor. Wie lange hielt sie das ohne Licht durch? Hatte sie den Wagen, der ihr auf den Fersen war, abgehängt? Auf der geraden Strecke blickte sie rasch in den Rückspiegel. Die Scheinwerfer des Wagens hinter ihr leuchteten auf. Endlich zeigte sich ihr Verfolger. Er ließ nicht locker. Die Lichtkegel der Scheinwerfer reichten über Milas Wagen hinaus und beleuchteten auch die Straße vor ihr. Mila nahm gerade noch rechtzeitig die Kurve und schaltete gleichzeitig das Licht wieder an. Auf gut dreihundert Metern gab sie Vollgas. Dann bremste sie ab, blieb mitten auf der Fahrbahn stehen und sah aufmerksam in den Spiegel. Das Klopfen des Motors mischte sich in das Trommeln in ihrer Brust. Das andere Auto war vor der Kurve stehen geblieben. Mila sah den weißen Lichtkegel, der sich über den Asphalt streckte. Das Dröhnen des Auspuffs erinnerte an eine Raubkatze, die zum letzten Sprung ansetzt, um dann ihre Beute zu zerfleischen. Komm schon, ich warte. Mila zog ihre Dienstwaffe und lud durch. Es war ihr ein Rätsel, woher sie plötzlich den Mut nahm. Die Verzweiflung zwang sie zu einem absurden Duell mitten im Niemandsland. Doch der Verfolger kam ihrer Aufforderung nicht nach. Die Lichter hinter der Kurve schwenkten ab, stattdessen erschienen zwei schwache rote Reflexe. Der Wagen hatte gewendet. Mila saß reglos da. Allmählich normalisierte sich ihr Atem. Sie warf einen Blick auf den Beifahrersitz, als suchte sie Trost in Sabines Lächeln. Erst jetzt bemerkte sie etwas, das mit ihren bisherigen Ermittlungen nicht übereinstimmte. Kurz nach Mitternacht erreichte Mila das Studio. Sie war noch immer angespannt. Während der Fahrt hatte sie die ganze Zeit über Sabines Foto nachgedacht und sich unentwegt umgesehen, weil sie damit rechnete, dass der Verfolger plötzlich aus irgendeiner Seitenstraße auftauchte oder ihr hinter der nächsten Kurve auflauerte. Mila rannte die Stufen zum Apartment hoch. Sie wollte sofort mit Goran sprechen und dem Team berichten, was sie erlebt hatte. Vielleicht war Albert ihr auf den Fersen. Aber warum hatte er es ausgerechnet auf sie abgesehen? Und dann war da noch die Sache mit Sabine, aber vielleicht täuschte sie sich auch … Sie öffnete die schwere Sicherheitstür mit den Schlüsseln, die Stern ihr ausgehändigt hatte, und lief durch die Diele. Vollkommene Stille empfing sie. Das Quietschen ihrer Gummisohlen auf dem Linoleumboden war das einzige Geräusch in den Zimmern, die sie rasch kontrollierte. Zuerst den Gemeinschaftsraum, wo in einem Aschenbecher eine Zigarette zu einem langen Ascheröllchen verglommen war. Auf dem Küchentisch waren Reste eines Abendessens – eine Gabel lag auf dem Rand eines Tellers mit einer kaum angetasteten Portion Auflauf –, als hätte jemand seine Mahlzeit plötzlich unterbrechen müssen. Überall brannte Licht, auch in der Denkwerkstatt. Mila lief in den Schlafsaal. Irgendetwas musste passiert sein. Sterns Bett war ungemacht, auf dem Kopfkissen lag eine Schachtel Pfefferminzpastillen. Milas Handy meldete piepsend den Empfang einer SMS. Sie las: Fahren zum Haus Gress. Krepp will uns was zeigen. Komm nach. Boris. 26 Als Mila am Haus von Yvonne Gress ankam, waren noch nicht alle hineingegangen. Rosa stand am Mannschaftswagen und schlüpfte gerade in Overall und Füßlinge. Mila war aufgefallen, dass sie in den letzten Tagen viel freundlicher zu ihr gewesen war. Sie war oft in Gedanken versunken und blieb gern für sich. Vielleicht wegen ihrer Eheprobleme. Rosa warf ihr einen Blick zu. »Scheiße, Mensch! Du lässt dir aber auch gar nichts entgehen!« Zu früh gefreut, dachte Mila. Sie ignorierte sie und wollte sich ebenfalls einen Overall aus dem Wagen holen. Doch Rosa pflanzte sich vor der Tür auf und ließ sie nicht hinein. »He, ich rede mit dir!« »Was ist?« »Du spielst dich wohl gern auf, was?« Mila war mit ihrem Gesicht wenige Zentimeter von Rosas Gesicht entfernt. Rosas Atem roch nach Zigaretten, Kaugummi und Kaffee. Mila hätte sie am liebsten einfach beiseitegeschoben und ihr endlich mal die Meinung gesagt. Aber dann fiel ihr ein, was Goran von Rosas Trennung und den Essstörungen ihrer Tochter erzählt hatte, und ließ es gut sein. »Was hast du eigentlich gegen mich? Ich mache nur meine Arbeit.« »Dann hättest du das sechste Mädchen längst finden müssen.« »Ich werde es finden.« »Ich glaube nicht, dass du dich noch lange in der Gruppe hältst. Es sieht zwar so aus, als hättest du die anderen für dich eingenommen, aber früher oder später werden sie kapieren, dass es auch ohne dich geht.« Rosa trat beiseite, aber Mila rührte sich nicht von der Stelle. »Wenn du mich so hasst, warum hast du dann nach der Geschichte im Waisenhaus für mich gestimmt, als Roche mich raushaben wollte?« Rosa drehte sich um und sah sie belustigt an. »Wer hat denn das gesagt?« »Goran.« Rosa lachte auf und schüttelte den Kopf. »Siehst du, meine Liebe, genau wegen solcher Sachen bist du bald weg vom Fenster. Denn wenn er dir das im Vertrauen gesagt hat und du es mir jetzt erzählst, bist du ihm schon in den Rücken gefallen. Übrigens hat er dich angelogen … Ich habe nämlich gegen dich gestimmt.« Sie ließ sie stehen und ging mit festem Schritt zum Haus. Wie versteinert sah Mila ihr nach. Dann stieg sie in den Mannschaftswagen und zog sich um. Krepp hatte von seiner Sixtinischen Kapelle gesprochen, und der Vergleich mit dem Raum im oberen Stockwerk von Yvonne Gress’ Haus war gar nicht so weit hergeholt. Seit Michelangelos Meisterwerk restauriert und von einer dicken Schicht Staub, Qualm und Knochenleim gereinigt worden war, die sich über die Jahrhunderte durch den Gebrauch von Kerzen und Kohlebecken gebildet hatte, erstrahlten die Fresken wieder im alten Glanz. Die Restauratoren hatten damals nur ein briefmarkenkleines Stück freigelegt, um eine Vorstellung davon zu bekommen, was sich darunter verbarg. Eine riesige Überraschung: Unter der dicken Rußschicht kamen wunderschöne Farben zum Vorschein, die alle Erwartungen übertrafen. So hatte Krepp bei dem Blutfleck angefangen, auf den Mila mithilfe des Neufundländers gestoßen war, bis schließlich auch er sein Meisterwerk vollbracht hatte. »In den Abflüssen des Hauses haben wir kein organisches Material gefunden«, berichtete der Chef der Spurensicherung. »Aber wir haben Spuren von Salzsäure entdeckt. Vermutlich hat Feldher die sterblichen Überreste aufgelöst. Auch Knochengewebe lässt sich mit Salzsäure problemlos auflösen.« Mila hörte noch den letzten Satz, als sie im Obergeschoss ankam. Krepp stand im Flur zusammen mit Goran, Boris und Stern. Weiter hinten lehnte Rosa an der Wand. »Der einzige Hinweis darauf, dass Feldher hier ein Massaker veranstaltet hat, ist also dieser kleine Blutfleck.« »Hast du ihn schon untersuchen lassen?« »Chang sagt, das Blut stammt mit neunzigprozentiger Sicherheit von dem Jungen.« Goran drehte sich kurz zu Mila um und wandte sich dann wieder Krepp zu: »Jetzt sind alle da. Wir können anfangen.« Sie hatten auf sie gewartet. Mila hätte sich geschmeichelt fühlen können, aber sie knabberte immer noch an Rosas Worten. Wem sollte sie Glauben schenken? Dieser hysterischen Ziege oder Goran? Bevor Krepp mit ihnen den Raum betrat, warnte er: »Maximal eine Viertelstunde, länger können wir nicht drinbleiben. Wenn ihr also Fragen habt, dann jetzt.« Sie schwiegen. »Gut, dann mal los.« In der Mitte der gläsernen Doppeltür, mit der das Zimmer hermetisch abgeschlossen war, befand sich ein schmaler Durchschlupf, der immer nur einer Person den Zutritt ermöglichte. Auf diese Weise blieb das Mikroklima erhalten. Vor dem Betreten maß einer von Krepps Mitarbeitern mit einem Infrarotthermometer, ähnlich einem Fiebermesser für Kinder, bei jedem die Temperatur. Anschließend speiste er die Daten in einen Computer ein, der den Ausstoß der Luftbefeuchter regelte und so das Raumklima konstant hielt. Krepp, der das Zimmer als Letzter betrat, erklärte den Grund für diese Prozedur. »Das Hauptproblem war die Farbe, mit der Feldher die Wände gestrichen hat. Wenn wir die mit einem normalen Lösungsmittel abgenommen hätten, wäre alles andere, was darunter war, auch verschwunden.« »Und? Wie hast du es dann gemacht?«, fragte Goran. »Da es sich um eine wasserlösliche Farbe mit Pflanzenöl als Bindemittel handelt, mussten wir nur eine Lösung aus reinem Alkohol über ein paar Stunden verdunsten lassen, um das Öl herauszulösen. Wir haben die Farbschicht auf der Wand praktisch dünner gemacht. Und wenn Blut darunter ist, müsste es jetzt mittels Luminol zu sehen sein, aber uns bleiben nur ein paar Minuten, da sich das Mittel schnell verflüchtigt.« Aus diesem Grund waren mehrere Fotoapparate mit Langzeitbelichtung installiert, die das Ergebnis dokumentieren sollten bevor es für immer verschwand. Krepp verteilte Atemschutzmasken mit Spezialfiltern und Schutzbrillen, denn Luminol stand im Verdacht, krebserregend zu sein. Dann wandte er sich an Goran: »Seid ihr so weit?« »Fang an.« Über Funk gab Krepp seinen Leuten draußen entsprechende Anweisungen. Als Erstes erloschen alle Lichter. Mila fühlte sich unbehaglich. In der klaustrophobischen Dunkelheit hörte sie nur ihren eigenen kurzen Atem, der durch den Filter der Maske wie ein dumpfes Keuchen klang. Er übertönte das tiefe mechanische Schnauben der Luftbefeuchter, die unablässig ihren Dampf verströmten. Trotz der beklemmenden Enge in ihrer Brust bemühte sie sich, ruhig zu bleiben, und hoffte auf ein baldiges Ende der Prozedur. Die Geräusche veränderten sich. Die chemische Substanz, die das Blut an den Wänden sichtbar machen sollte, begann durch die Düsen auszuströmen. Fast gleichzeitig mit dem feinen Zischen bildete sich ein bläulicher Lichtschein. Anfangs hielt Mila das Licht für eine optische Täuschung, eine Reaktion ihres Gehirns, weil sie hyperventilierte. Sie brauchte eine Weile, bis sie begriff, woher es kam. An den Wänden war so viel Blut, dass durch die Wirkung des Luminols sogar die Personen im Raum zu sehen waren. Alles war mit Blut besudelt, doch die Spritzer schienen sämtlich exakt aus dem Zentrum des Zimmers gekommen zu sein. Als hätte dort, in der Mitte, ein Opferaltar gestanden. Die Decke erinnerte an ein sternenübersätes Tuch. Die Schönheit des Bildes war nur gebrochen vom Wissen darüber, wie es entstanden war. Feldher musste die Toten mit einer Kettensäge zu einer breiigen Masse verarbeitet haben, die sich in der Toilette leicht hinunterspülen ließ. Mila beobachtete ihre Kollegen, die ebenso wie sie versteinert dastanden. Sie sahen sich um, während die Kameras, die vor den Wänden aufgestellt waren, unerbittlich ein Foto nach dem anderen schossen. Erst fünfzehn Sekunden waren vergangen, und das Luminol holte immer neue, immer tiefer liegende Blutflecken ans Licht. Gebannt starrten sie auf das Grauen. Da hob Boris den Arm zu einer Seite des Raumes hin und zeigte den anderen etwas, das sich langsam an der Wand herauskristallisierte. »Da … seht euch das an!« Eine Stelle an der Wand reagierte nicht auf das Luminol und blieb einfach weiß, eingerahmt von kleinen bläulichen Flecken. Wie eine in den Putz geschnittene Silhouette. Wie das Negativ eines Fotos. Der Abdruck ähnelte vage einem menschlichen Schatten. Jemand musste von einer Zimmerecke aus zugesehen haben, wie Feldher so entsetzlich gegen die Leichen von Yvonne und den Kindern wütete. 27 Jemand hat ihren Namen gerufen. Ganz bestimmt. Sie hat es nicht geträumt. Das hat sie diesmal aus dem Schlaf gerissen, nicht die Angst, auch nicht die plötzliche Erkenntnis darüber, wo sie sich wer weiß wie lange schon befindet. Die Wirkung des Betäubungsmittels, das ihre Sinne verwirrt, verpufft in dem Augenblick, als sie im Bauch des Ungeheuers ihren Namen widerhallen hört. Wie ein Echo, das sie schon lange gesucht und endlich gefunden hat. Ich bin hier!, möchte sie schreien, aber ihre Zunge ist klebrig und sie kriegt keinen Ton heraus. Jetzt sind auch andere Geräusche zu hören. Die waren vorher nicht da. Was könnte das sein? Schritte? Ja, Schritte von schweren Schuhen. Von vielen Schuhen. Da sind Leute! Aber wo? Sie sind über ihr, um sie herum. Überall, aber trotzdem weit weg, zu weit weg. Was wollen sie? Suchen sie sie? Ja, sie sind ihretwegen da. Aber sie können sie im Bauch des Ungeheuers nichts sehen. Sie muss sich unbedingt bemerkbar machen. »Hilfe«, stottert sie. Ihre Stimme klingt erstickt, erschöpft vom tagelangen künstlichen Todeskampf, vom feigen Schlaf, der ihr nach Belieben aufgezwungen wird, willkürlich, nur um sie ruhigzustellen, während das Ungeheuer sie in seinem Steinmagen verdaut. Und die Welt draußen vergisst sie langsam. Aber wenn sie jetzt da sind, haben sie mich doch nicht vergessen! Der Gedanke flößt ihr eine ungeahnte Kraft ein. Eine im Innersten verborgene Kraft, die ihr Körper für Notfälle in Reserve hält. Sie denkt nach. Ich muss ihnen irgendwie klarmachen, dass ich hier bin. Ihr linker Arm ist immer noch verbunden. Die Beine sind schwer. Der rechte Arm ist ihre einzige Chance, die Verlängerung hin zum Leben. Die Fernbedienung ist nach wie vor an ihrer Handfläche befestigt. Nur mit dem verrückten Zeichentrickfilm verbunden, der sie völlig ausgelaugt hat. Sie hebt die Hand und richtet sie auf den Bildschirm. Die Lautstärke ist normal, aber vielleicht kann sie sie lauter stellen. Sie versucht es, findet jedoch nicht den richtigen Knopf. Vielleicht haben auch alle Knöpfe dieselbe Funktion. Oben gehen die Geräusche weiter. Sie hört die Stimme einer Frau. Aber da ist auch ein Mann. Sogar zwei Männer. Ich muss rufen. Ich muss mich bemerkbar machen, sonst sterbe ich hier unten … Zum ersten Mal benennt sie die Möglichkeit, dass sie sterben könnte. Den Gedanken hat sie bisher vermieden. Vielleicht aus einer Art Aberglaube heraus. Vielleicht weil ein Kind nicht an den Tod denkt. Aber das hat sie jetzt begriffen – wenn niemand kommt und sie rettet, wird sie unweigerlich sterben. Wie absurd: Da wird jemand ihrem kurzen Leben ein Ende setzen, und jetzt pflegt dieser Jemand sie. Er hat ihren Arm verbunden, versorgt sie durch die Infusion mit Medikamenten. Kümmert sich gewissenhaft um sie. Warum tut er das, wenn er sie am Ende doch tötet? Die Frage bringt keine Erleichterung. Es gibt nur einen Grund, sie hier am Leben zu erhalten. Und sie hat Angst, dass sie deshalb noch schreckliche Schmerzen wird leiden müssen. Vielleicht ist dies die einzige Chance, hier herauszukommen, nach Hause zurückzukehren, ihre geliebten Eltern wiederzusehen. Ihre Mutter, ihren Vater, den Großvater, sogar Houdini. Sie schwört, dass sie sogar die blöde Katze lieb haben wird, wenn nur dieser Albtraum aufhört. Sie hebt die Hand und schlägt mit der Fernbedienung gegen die Eisenkante des Bettes. Der Ton klingt grässlich, aber er wirkt befreiend. Lauter, immer lauter. Das Plastikding splittert. Egal. Immer zorniger werden die metallischen Schläge. Jetzt entfährt ihrer Kehle auch ein gebrochener Schrei: »Hier bin ich!« Die Fernbedienung löst sich von ihrer Hand, sie kann nicht weitermachen. Aber sie hört oben etwas. Das kann gut sein – oder auch nicht. Plötzlich ist es still. Vielleicht haben sie etwas bemerkt und lauschen. Ganz bestimmt sogar, sie können nicht weggegangen sein! Jetzt klopft sie mit der Hand, obwohl der rechte Arm schmerzt. Obwohl der Schmerz durch die Schultern und in den linken Arm schießt. Obwohl sie immer mehr verzweifelt. Denn wenn sie jetzt niemand hört, wird es später bestimmt umso schlimmer sein. Jemand wird sich an ihr rächen. Kalte Tränen rinnen ihr über die Wangen. Doch da sind wieder die Geräusche, und sie schöpft neuen Mut. Ein Schatten löst sich aus der Felswand und kommt auf sie zu. Sie sieht ihn, klopft aber trotzdem weiter. Als der Schatten nah genug ist, sieht sie die schmalen Hände, das blaue Kleidchen, das braune Haar, das weich auf die Schultern fällt. Der Schatten spricht mit einer Kinderstimme. »Hör auf«, sagt das Mädchen. »Sonst hören sie uns.« Es legt seine Hand auf ihre Hand. Die Berührung genügt, dass sie innehält. »Bitte«, sagt das Mädchen noch. Die Bitte klingt so traurig, dass sie klein beigibt und nicht mehr klopft. Sie weiß zwar nicht, warum das Mädchen so verrückt ist und unbedingt hier drin bleiben will. Dennoch gehorcht sie. Sie weiß nicht, ob sie weinen soll, weil ihr Versuch gescheitert ist, oder ob sie froh sein soll, dass sie nicht allein ist. Sie ist so dankbar, dass das erste menschliche Wesen, das ihr hier begegnet, ein Mädchen ist wie sie, und möchte es nicht enttäuschen. Darüber vergisst sie sogar, dass sie eigentlich wegwill. Die Stimmen und die Geräusche über ihnen sind verstummt. Es ist endgültig still. Das Mädchen löst seine Hand aus ihrer Hand. »Bleib da«, fleht sie. »Hab keine Angst, ich komme wieder.« Das Mädchen kehrt in die Dunkelheit zurück. Sie lässt es gehen. Klammert sich an das kleine unbedeutende Versprechen, um weiter hoffen zu können. 28 »Der Sessel von Alexander Bermann!« Die Kollegen hatten sich in der Denkwerkstatt zusammengefunden und hörten Goran aufmerksam zu. Die Rede war von Bermanns Versteck in der Mietskaserne, in dem der Pädophile im Internet auf Jagd gegangen war. »Krepp hat auf dem alten Ledersessel in der Souterrainwohnung keine Fingerabdrücke gefunden.« Das schien Goran mit einem Mal von besonderer Bedeutung zu sein. »Warum nicht? Weil sich jemand die Mühe gemacht hat, sie zu entfernen.« Der Professor trat an die Wandtafel, an der sämtliche Berichte und Fotos mit Reißzwecken befestigt waren. Er nahm ein Blatt ab. Es war die Transkription der Aufnahme aus dem Kassettenrekorder in Billy Moores Sarg, die Beichte des kleinen Ronald Dermis. Laut las er vor: »Du weißt, was mit Billy passiert ist, nicht wahr, Ron? – Gott hat ihn zu sich genommen. – Das war nicht Gott, Ron. Weißt du etwa nicht, wer es war? – Er ist gestürzt. Er ist vom Turm gestürzt. – Aber du warst dabei … – Ja. Und dann versichert ihm der Priester: Niemand bestraft dich, wenn du mir erzählst, was geschehen ist. Das verspreche ich dir. Und hört euch an, was Ronald erwidert: Er hat gesagt, ich soll es machen. Versteht ihr? Er!« Goran blickte nacheinander in die Gesichter, die ihn erwartungsvoll ansahen. »Dann fragt Pfarrer Rolf: Wer? Billy? Hat Billy gesagt, du sollst ihn stoßen? – Nein, antwortet Ronald. Einer der anderen Jungen also? Und Ronald wieder: Nein. – Wer dann? Komm, sag’s mir. Es gibt diesen Jemand gar nicht, stimmt’s? Er existiert nur in deiner Einbildung … Ronald wirkt ganz sicher, als er erneut verneint, aber Pfarrer Rolf dringt in ihn: Hier ist sonst niemand. Nur du und deine Kameraden. Da antwortet Ronald schließlich: Er kommt nur zu mir.« Nach und nach dämmerte es den Beamten. Aufgeregt wie ein kleiner Junge trat Goran wieder an die Wand und nahm die Kopie des Briefes ab, den der erwachsene Ronald den Ermittlern geschrieben hatte. »Ein Satz beschäftigt mich besonders: Dann ist ER gekommen. ER hat mich verstanden. ER hat mir alles beigebracht.« Er hielt den Brief in die Höhe und zeigte auf die Stelle. »Seht ihr? Er ist mit Großbuchstaben geschrieben. Ich hatte mir alles Mögliche dazu überlegt, aber den falschen Schluss daraus gezogen. Ich vermutete ein klares Beispiel von dissoziierter Identitätsstörung, aber ich habe mich geirrt. Und ich hätte fast den gleichen Fehler begangen wie vor dreißig Jahren Pfarrer Rolf. Als Ronald bei der Beichte ›ER‹ sagte, glaubte der Pfarrer, er spreche von sich selbst und versuche nur, seine eigene Schuld nach außen zu projizieren. Kinder tun das oft. Aber der Ronald, den wir kannten, war kein Kind mehr …« Mila bemerkte, dass sich Gorans Blick leicht trübte, wie immer, wenn der Professor einen Irrtum eingestehen musste. »Dieser ER, von dem Ronald spricht, ist nicht etwa eine Projektion, gewissermaßen ein Doppelgänger, auf den man die Verantwortung für das eigene Handeln abwälzen kann. Nein, es ist derselbe ER, der sich in Alexander Bermanns Sessel niederließ, wenn dieser im Internet auf Kinderjagd ging. Und Feldher hinterlässt massenhaft Spuren im Haus von Yvonne Gress, aber er tüncht das Zimmer des Massakers, weil an der Wand etwas ist, das er unbedingt verbergen will. Oder vielleicht auch ans Licht bringen: das mit Blut verewigte Abbild des Mannes, der alles mit ansieht! Deshalb ist ER Albert.« »Entschuldige, aber das kann nicht stimmen«, warf Rosa erstaunlich ruhig und sicher ein. »Den Videos von Capo Alto zufolge hat außer Feldher niemand das Haus betreten.« Goran wandte sich ihr zu und zeigte mit dem Finger auf sie. »Richtig! Er hat nämlich die Kameras jedes Mal mit einem kleinen Blackout lahmgelegt. Natürlich hätte man an der Wand mit einer Silhouette aus Pappe oder einer Schaufensterpuppe den gleichen Effekt erzielen können. Was lernen wir daraus?« »Er ist ein Meister der Illusion«, sagte Mila. »Ebenfalls richtig! Der Mann hat uns von Anfang an die Aufgabe gestellt, seine Tricks zu verstehen. Denkt nur an Sabines Entführung vom Karussell … meisterhaft! Dutzende Menschen, Dutzende Augenpaare auf dem Rummelplatz, und kein Mensch bemerkt etwas!« Goran schien richtig begeistert vom Geschick seines Gegners. »Ich glaube allerdings, dass Albert tatsächlich in dem Zimmer war, als Feldher seine Opfer abschlachtete. Schaufensterpuppen und ähnliche Tricks würde ich ausschließen.« Der Kriminologe genoss ein paar Sekunden die fragenden Gesichter. »Aufgrund der Art und Weise, wie die Blutflecken um die Silhouette herum angeordnet sind, spricht Krepp von einer variablen Konstante. Was auch immer sich zwischen dem Blut und der Wand befand, stand demnach nicht reglos da, sondern bewegte sich!« Rosa starrte ihn an. Es gab nichts zu erwidern. »Lasst uns mal praktisch überlegen«, sagte Stern. »Wenn Albert den kleinen Ronald Dermis kannte, wie alt könnte er da gewesen sein? Zwanzig? Dreißig? Jetzt dürfte er also fünfzig oder sechzig sein.« »Richtig«, sagte Boris. »Und aus dem Schatten an der Wand des Blutzimmers zu schließen, ist er um die eins siebzig groß.« »Eins neunundsechzig«, präzisierte Rosa, die die Stelle hatte ausmessen lassen. »Damit haben wir immerhin einen Anhaltspunkt, das ist doch schon mal was.« Goran ergriff wieder das Wort: »Bermann, Dermis, Feldher sind wie Wölfe. Und Wölfe agieren meist als Rudel. Jedes Rudel hat ein Leittier. Genau das teilt Albert uns mit: Ich bin ihr Anführer. Irgendwann in ihrem Leben sind ihm die drei begegnet, jeder einzeln oder auch gemeinsam. Dermis und Feldher kannten sich, sie sind im selben Heim aufgewachsen. Aber vielleicht kannten sie Alexander Bermann nicht … Der einzige gemeinsame Nenner ist Albert. Deshalb trägt jeder einzelne Schauplatz seine Handschrift.« »Und was geschieht jetzt?«, fragte Rosa. »Das ist doch eigentlich klar … Zwei Mädchenleichen und folglich zwei Mitglieder des Rudels stehen noch aus.« »Und das sechste Mädchen«, warf Mila ein. »Ja, aber das hat Albert für sich reserviert.« Mila stand seit einer halben Stunde auf dem Bürgersteig gegenüber und traute sich nicht zu klingeln. Sie wusste nicht, womit sie ihr Kommen rechtfertigen sollte. Zwischenmenschliche Beziehungen waren ihr mittlerweile so fremd, dass auch eine vorsichtige Annäherung sie komplett überforderte. So stand sie einfach zitternd in der Kälte. Beim nächsten blauen Auto gehe ich, ganz bestimmt, schwor sie sich. Es war neun Uhr vorbei und kaum Verkehr. In Gorans Wohnung im dritten Stock des Hauses brannte Licht. Der Schnee war weggetaut, die nasse Straße ein einziges Konzert von blubbernden Gullys und dem metallischen Getropfe aus gurgelnden Regenrinnen. Also los, versuchte Mila, sich Mut zu machen. Sie löste sich aus dem Schattenkegel, in den sie sich vor den neugierigen Blicken möglicher Nachbarn verzogen hatte, und lief rasch zur Haustür. Das alte Gebäude mit seinen großen Fenstern, den breiten Gesimsen und hübschen Schornsteinen hatte bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts wohl als Fabrik gedient. Viele solche Häuser beherrschten das Bild dieses Viertels. Sie klingelte. Fast eine Minute verging, bis Gorans krächzende Stimme ertönte. »Ja?« »Hier ist Mila. Entschuldige, aber ich müsste dich sprechen und tue das ungern am Telefon. Vorhin im Studio warst du so beschäftigt, und da dachte ich …« »Komm rauf. Dritter Stock.« Auf ein kurzes Summen hin sprang das Türschloss auf. Ein Lastenaufzug diente als Lift. Um ihn in Gang zu setzen, musste man die Schiebetüren von Hand schließen und einen Hebel betätigen. Langsam fuhr Mila durch die Etagen in den dritten Stock. Dort gab es nur eine Tür, und die stand bereits einen Spalt offen. »Komm nur rein!« Goran hatte von weiter hinten in der Wohnung gerufen. Mila betrat einen weiträumigen Loft, von dem mehrere Zimmer abgingen. Der Boden war mit unbehandelten Holzdielen ausgelegt, die Stützpfeiler mit gusseisernen Heizkörpern ummantelt. Das Feuer im offenen Kamin tauchte den Raum in bernsteinfarbenes Licht. Mila schloss die Tür hinter sich und überlegte, wo Goran wohl war. Da sah sie ihn kurz in der Küchentür. »Komme gleich!« »Lass dir Zeit.« Sie sah sich um. Im Gegensatz zum schludrigen Äußeren des Kriminologen war seine Wohnung äußerst sauber. Kein Staubkorn weit und breit, überall schien sich die Fürsorge widerzuspiegeln, die Goran allem angedeihen ließ, was das Wohl seines Sohnes betraf. Kurz darauf kam er mit einem Glas Wasser in der Hand aus der Küche. »Tut mir leid, dass ich einfach so reinplatze.« »Das macht gar nichts, ich gehe meistens spät schlafen.« Er zeigte auf das Glas. »Ich bringe nur rasch Tommy ins Bett. Setz dich doch, oder nimm dir was zu trinken, da hinten ist eine kleine Bar.« Mila nickte, und er verschwand in einem der Zimmer. Um das Gefühl der Befangenheit loszuwerden, machte sie sich einen Wodka mit Eis. Als sie dann am Kamin stand und an ihrem Glas nippte, beobachtete sie Goran durch die halb offene Tür des Kinderzimmers. Er saß am Bett seines Sohnes, erzählte ihm irgendetwas und strich ihm dabei über die Seite. Im Halbdunkel des Zimmers, in dem nur eine Nachtlampe in Clowngestalt Licht spendete, war es, als beschrieben die streichelnden Hände des Vaters Tommys Gestalt unter der Bettdecke. In dieser familiären Atmosphäre war Goran ein anderer Mensch. Sie musste an ihre eigene Kindheit denken, als sie ihren Vater zum ersten Mal im Büro besuchte. Der Mann in Jackett und Krawatte, der allmorgendlich die Wohnung verließ, war nicht wiederzuerkennen. Er war streng und ernst, so anders als ihr geliebter Papa. Mila erinnerte sich gut, wie sehr sie das damals durcheinandergebracht hatte. Bei Goran war es genau andersherum. Bisher hatte sie ihn nur ernst erlebt, aber nun empfand sie tiefe Rührung, als sie ihn als liebenden Vater erlebte. Mila selbst hatte nie ein solches Doppelleben geführt. Sie gab es nur in einer Version. Ihr Leben spulte sich an einem einzigen roten Faden ab – sie hörte nie auf, den Spuren Verschwundener zu folgen. Sie suchte sie immer und überall, an ihren freien Tagen, im Urlaub, beim Einkaufen. Es war ganz normal für sie, die Gesichter fremder Menschen zu erforschen. Verschwundene Kinder haben wie alle Menschen eine Geschichte. Aber ihre Geschichte bricht jäh ab. Mila folgte ihren kleinen Schritten, die sich im Dunkeln verloren. Sie vergaß ihre Gesichter nie. Jahre konnten vergehen, aber sie hätte sie jederzeit wiedererkannt. Weil die Kinder unter uns sind, dachte sie, manchmal muss man sie nur in den Erwachsenen suchen, zu denen sie geworden sind. Goran erzählte seinem Sohn ein Märchen. Mila hatte das Gefühl, die intime Szene, die sie nichts anging, mit ihrer Anwesenheit zu stören. Doch als sie sich abwandte, fiel ihr Blick auf ein gerahmtes Foto mit dem lachenden Tommy. Es wäre ihr unangenehm gewesen, ihm zu begegnen. Sie war auch deshalb so spät gekommen, weil sie gehofft hatte, dass er schon schlief. Tommy gehörte zu Gorans Leben, und sie scheute sich, ihn kennenzulernen. Kurz darauf kam Goran und verkündete lächelnd: »Schon eingeschlafen.« »Ich wollte nicht stören. Aber es ist wichtig.« »Du hast dich doch schon entschuldigt. Jetzt erzähl, was los ist.« Er ließ sich auf einem der Sofas nieder und lud sie ein, sich neben ihn zu setzen. Das Kaminfeuer warf tanzende Schatten an die Wand. »Mich hat schon wieder jemand verfolgt.« Goran runzelte die Stirn. »Bist du sicher?« »Letztes Mal war ich es nicht, aber jetzt bin ich es.« Sie berichtete bis ins kleinste Detail: der Wagen mit den ausgeschalteten Scheinwerfern, der Reflex des Mondlichts auf der Karosserie, die Tatsache, dass der Verfolger gewendet hatte, als er sich entdeckt fühlte. »Warum sollte ausgerechnet dich jemand verfolgen?« Das hatte er auch schon gefragt, als sie ihm nach dem Krankenhaus beim Essen erzählte, dass sie auf dem Vorplatz vor dem Motel das Gefühl gehabt hatte, jemand sei hinter ihr. Jetzt schien Goran die Frage mehr an sich selbst zu richten. »Mir fällt kein brauchbarer Grund ein«, sagte er in der Tat nach kurzem Nachdenken. »Es hat wohl auch keinen Zweck, mir jetzt noch einen Kollegen hinterherzuschicken, damit der meinen Verfolger in flagranti erwischt.« »Er weiß jetzt, dass du Bescheid weißt, und wird es nicht wieder tun.« Mila nickte. »Ich bin aber nicht nur deswegen gekommen.« Goran sah sie an. »Gibt es etwas Neues?« »Nicht direkt, aber ich glaube, ich habe etwas verstanden. Einen von Alberts Zaubertricks.« »Und welchen von den vielen?« »Wie er das Kind vom Karussell geholt hat, ohne dass jemand was gemerkt hat.« Gorans Augen glitzerten. »Ich höre …« »Wir haben immer vermutet, dass Albert der Entführer war. Also ein Mann. Was, wenn es aber eine Frau war?« »Wie kommst du darauf?« »Sabines Mutter hat mich überhaupt erst auf den Gedanken gebracht. Ohne dass ich sie gefragt hätte, sagte sie, ein fremder Mann – also einer, der kein Kind bei sich hatte – auf dem Karussell wäre ihr aufgefallen. Sie sagte, Mütter hätten einen sechsten Sinn für so was. Und ich glaube ihr.« »Warum?« »Weil die Polizei Hunderte Fotos und Videos gesichtet hat, die an dem Abend gemacht wurden, und kein Mann irgendwie aufgefallen ist. Daraus haben wir geschlossen, dass unser Albert eine ganz normale Erscheinung ist … Da dachte ich mir, für eine Frau wäre es noch viel einfacher gewesen, das Kind mitzunehmen.« »Du meinst also, er hat eine Komplizin.« Er fand den Gedanken nicht abwegig. »Wir haben aber keinerlei Hinweise, die eine solche These stützen würden.« »Das ist der Haken.« Goran erhob sich und ging im Zimmer auf und ab. Er rieb sich über die Bartstoppeln und dachte nach. »Es wäre nicht das erste Mal … In Gloucester zum Beispiel. Fred und Rosemary West.« Goran erläuterte rasch den Fall des Paares. Er Maurer, sie Hausfrau. Zehn Kinder. Gemeinsam lockten sie nichts ahnende junge Mädchen ins Haus, zwangen sie zur Teilnahme an ihren Sexpartys, töteten sie anschließend und verscharrten sie im Hof ihres Hauses in der Cromwell Road 25. Unter der Veranda lag auch die sechzehnjährige Tochter des Ehepaares vergraben, die wohl irgendwann nicht mehr mitgemacht hatte. Zwei weitere Opfer, die woanders entdeckt wurden, ließen ebenfalls auf Fred West als Täter schließen. Zwölf Leichen insgesamt. Die Polizei befürchtete den Einsturz des alten Hauses und grub nicht weiter. Angesichts dieses exemplarischen Falls fand Goran Milas Theorie, Albert könnte eine Komplizin haben, tatsächlich erwägenswert. »Vielleicht kümmert sich die Frau um das sechste Mädchen.« Goran schien fasziniert zu sein, aber er wollte sich nicht von der Begeisterung hinreißen lassen. »Versteh mich nicht falsch, Mila. Deine Idee ist großartig, aber wir müssen sie verifizieren.« »Sprichst du mit den anderen darüber?« »Wir werden das in unsere Überlegungen einbeziehen. Und ich bitte gleich einen der Kollegen, sich die Fotos und die Videos vom Rummelplatz noch mal anzusehen.« »Das könnte ich machen.« »Gut.« »Noch was … Ich hätte noch eine Frage, auf die ich keine Antwort weiß.« »Was denn?« »Während des Verwesungsprozesses verändern sich doch die Augen einer Leiche, nicht wahr?« »Nun, die Iris wird mit der Zeit etwas heller …« Goran musterte sie, er verstand nicht, worauf sie hinauswollte. »Wieso fragst du?« Mila holte das Foto hervor, das Sabines Mutter ihr zum Abschied geschenkt hatte. Es war das Foto, das während der Rückfahrt die ganze Zeit auf dem Beifahrersitz gelegen hatte. Goran sah es sich an. »Das Mädchen, das wir in Kobashis Haus gefunden haben, hatte blaue Augen«, erklärte Mila. »Sabines Augen waren braun.« Goran sprach während der ganzen Fahrt im Taxi kein Wort. Nachdem Mila ihm von ihrer Entdeckung erzählt hatte, war seine Stimmung umgeschlagen, und er hatte etwas gesagt, was ihr unter die Haut ging. »Wir sind mit Menschen zusammen, die wir zu kennen glauben, dabei haben wir keine Ahnung …« Und dann: »Er hat uns reingelegt.« Zuerst dachte Mila, er spreche von Albert. Doch das war nicht der Fall. Goran führte rasch ein paar Telefongespräche mit den Teamkollegen und auch mit Tommys Kinderfrau. »Wir müssen los«, verkündete er dann ohne weitere Erklärungen. »Und dein Sohn?« »Frau Runa ist in zwanzig Minuten da, er schläft tief und fest.« Dann hatte er das Taxi gerufen. Im Polizeigebäude herrschte um die Uhrzeit noch Hochbetrieb. Viele Beamte hatten Schichtwechsel, die meisten waren in den Fall involviert. Seit Tagen wurden auf der Suche nach dem Gefängnis des sechsten Mädchens verdächtige Wohnungen und, auf Anrufe eifriger Bürger hin, verschiedene andere Orte durchsucht. Goran bezahlte den Taxifahrer und hastete zum Haupteingang, sodass Mila ihm kaum folgen konnte. Rosa, Boris und Stern erwarteten sie bereits in der Dienststelle für Fallanalyse. »Was ist passiert?«, fragte der ältere Kollege. »Es gibt Klärungsbedarf«, erwiderte Goran. »Wir müssen sofort mit Roche sprechen.« Goran Gavila platzte in eine bereits mehrere Stunden andauernde Sitzung, in der sich Hauptkommissar Roche und die höheren Chargen aus der Polizeihierarchie über den Fall Albert berieten. »Wir müssen reden.« Roche erhob sich und sagte zu den Anwesenden: »Meine Herren, Sie alle kennen Professor Gavila, der unserer Dienststelle schon seit vielen Jahren zur Seite steht …« Goran flüsterte ihm ins Ohr: »Jetzt sofort.« Roches Sitzungslächeln erlosch. »Ich bitte um Entschuldigung, aber es gibt Neuigkeiten, die meine Anwesenheit anderweitig erfordern.« Roche spürte die Blicke aller auf sich, als er seine Unterlagen auf dem Konferenztisch zusammensammelte. Goran wartete zwei Schritte hinter ihm, die Kollegen waren in der Tür stehen geblieben. »Ich hoffe nur, dass es wirklich wichtig ist«, sagte der Hauptkommissar, als er die Akte mit seinen Unterlagen auf seinen Schreibtisch warf. Nachdem sich alle in Roches Büro versammelt hatten, schloss Goran die Tür und herrschte Roche an: »Die Leiche aus Kobashis Wohnzimmer gehört nicht dem Mädchen Nummer drei.« Gorans Ton und sein entschlossenes Auftreten nahmen Roche allen Wind aus den Segeln. Der Hauptkommissar setzte sich und verschränkte die Hände ineinander. »Sprich weiter …« »Das ist nicht Sabine, sondern Melissa.« Mila hatte das vierte Mädchen vor Augen. Melissa war die älteste von allen, aber ihr zarter Körper täuschte. Und sie hatte blaue Augen. »Weiter, ich höre …«, sagte Roche wieder. »Das kann nur zweierlei bedeuten. Dass Albert seinen Modus Operandi geändert hat, denn bis dato hat er uns die Mädchen in der Reihenfolge finden lassen, in der er sie entführt hat. Oder Chang hat die DNA-Proben verwechselt.« »Ich halte beide Thesen für möglich«, versicherte Roche mit fester Stimme. »Ich hingegen halte die erste für äußerst unwahrscheinlich … Und was die zweite These betrifft, so glaube ich, dass er die Ergebnisse in deinem Auftrag gefälscht hat, bevor er sie Mila gegeben hat!« Roche wurde knallrot. »Deine Unterstellungen brauche ich mir nicht anzuhören!« »Wo wurde die Leiche des dritten Mädchens gefunden?« »Wie bitte?« Hauptkommissar Roche tat überrascht. »Natürlich ist sie aufgetaucht, sonst hätte Albert nicht progressiv mit der Nummer vier weitergemacht.« »Die Leiche war seit über einer Woche in Kobashis Haus! Vielleicht hätten wir erst das dritte Mädchen finden sollen, wie du sagst. Vielleicht haben wir auch einfach zuerst das vierte gefunden! Und Chang hat dann was verwechselt, was weiß denn ich!« Goran musterte ihn scharf. »Deswegen hast du uns nach der Geschichte mit dem Waisenhaus vierundzwanzig Stunden freigegeben. Damit wir dir nicht in die Quere kommen!« »Schluss jetzt mit diesen lächerlichen Anschuldigungen, Goran! Du kannst keine deiner Unterstellungen beweisen!« »Wilson Pickett, stimmt’s?« »Was damals passiert ist, hat absolut nichts damit zu tun.« »Du vertraust mir nicht mehr. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht … Aber wenn du glaubst, dass mir auch dieser Fall entgleitet, dann lass deine politischen Spielchen, und sag es mir ins Gesicht. Sag es, und wir alle legen den Rückwärtsgang ein, ersparen dir Peinlichkeiten und übernehmen die Verantwortung.« Roche antwortete nicht sofort. Er wippte, das Kinn auf die Hände gestützt, mit dem Oberkörper vor und zurück. Dann sagte er seelenruhig: »Ich weiß nicht, wovon …« »Jetzt sagen Sie es schon.« Stern war ihm ins Wort gefallen. Roche blitzte ihn an. »Sie halten den Mund!« Goran wandte sich zu Stern um. Dann musterte er auch Boris und Rosa. In diesem Moment begriff er, dass außer ihm und Mila alle Bescheid wussten. Deshalb hat Boris so komisch reagiert, als ich ihn gefragt habe, wie er seinen freien Tag verbracht hat, dachte Mila. Sie erinnerte sich auch an den unterschwellig drohenden Ton des Kollegen gegenüber Roche, als dieser unbedingt zuerst das Einsatzkommando in Yvonne Gress’ Haus schicken wollte. Die Drohung hatte fast erpresserisch geklungen. Rosa kam Stern zu Hilfe. »Ja, Herr Hauptkommissar, sagen Sie ihm alles, damit endlich Schluss ist«, drängte sie. »Sie können ihn nicht ausschließen, das wäre nicht fair«, fügte Boris hinzu. Es klang, als wollten sie sich bei dem Kriminologen entschuldigen, weil sie ihn im Dunkeln gelassen hatten, und als hätten sie ein schlechtes Gewissen, weil sie eine Anweisung befolgt hatten, die sie nicht in Ordnung fanden. Roche ließ noch ein paar Sekunden verstreichen, dann sah er abwechselnd Goran und Mila eindringlich an. »Na gut … Aber wenn auch nur ein Wort nach außen dringt, mache ich Sie beide fertig.« 29 Zaghaft erstreckte sich die Morgendämmerung über die Felder. Sie erhellte die Umrisse der Hügel, die wie riesige Erdwellen aufeinanderfolgten. Der Schnee war getaut, und das bräunliche Grün der Wiesen hob sich gegen die grauen Wolken ab. Ein Asphaltstreifen schlängelte sich durch die Täler. Mila saß hinten im Auto, den Kopf ans Seitenfenster gelehnt. Sie fühlte sich merkwürdig ruhig, vielleicht, weil sie so müde war, vielleicht auch, weil sie einfach resigniert hatte. Was auch immer am Ende dieser Fahrt herauskam, konnte sie nicht mehr überraschen. Roche war ziemlich zugeknöpft gewesen. Nachdem er sie und Goran dringend gebeten hatte, ja nichts nach außen dringen zu lassen, war er mit dem Professor zu einem Gespräch unter vier Augen in seinem Büro geblieben. Mila hatte sich von Boris im Flur erklären lassen, warum der Hauptkommissar sie und Goran hatte außen vor halten wollen: »Er ist nun mal ein Ziviler, und du … Na ja, du bist als externe Beraterin hier …« Es gab nicht viel zu sagen. Was auch immer das große Geheimnis war, das Roche hütete – er musste die Fäden in der Hand behalten. Unter keinen Umständen durfte etwas nach außen dringen. Was nur funktionierte, wenn außer denen, die ihm direkt unterstanden und somit eingeschüchtert werden konnten, niemand davon wusste. Das war alles, was Mila erfahren hatte. Sie hatte auch nicht nachgehakt. Ein paar Stunden später ging die Tür von Roches Büro auf, und der Hauptkommissar bat Boris, Stern und Rosa, mit Professor Gavila zum Fundort drei zu fahren. Mila sprach er zwar nicht direkt an, er war aber einverstanden, dass sie ebenfalls mitfuhr. Um zu vermeiden, dass ihnen die ständig vor dem Gebäude lauernden Reporter folgten, nahmen sie zwei Vans mit Tarnkennzeichen, die nicht auf die Polizei schließen ließen. Mila hatte sich absichtlich nicht zu Rosa, sondern mit Stern und Goran in ein Auto gesetzt. Nach Rosas Versuch, ihr Verhältnis zu Goran schlechtzumachen, ertrug Mila ihre Nähe nicht mehr, und sie befürchtete, irgendwann einfach ausrasten. Nun waren sie schon eine ganze Weile unterwegs. Sie hatte versucht zu schlafen, war auch ab und zu eingenickt. Als sie wieder einmal aufwachte, waren sie fast angekommen. Es herrschte wenig Verkehr. Mila fielen drei dunkle Autos auf, die am Straßenrand parkten, in jedem saßen zwei Männer. Wachen, dachte sie, um Schaulustige fernzuhalten. Einen knappen Kilometer fuhren sie an einer hohen roten Ziegelmauer entlang, bis sie schließlich vor einem schweren Eisentor anhielten. Dort endete die Straße. Es gab weder Klingel noch Sprechanlage. Auf einem Pfosten hockte eine Videokamera, die sie mit ihrem elektronischen Auge suchte, kaum dass sie stehen geblieben waren, und anschließend auf sie gerichtet blieb. Mindestens eine Minute verstrich, dann öffnete sich das Tor. Dahinter ging die Straße weiter, aber weit und breit waren keine Häuser zu sehen. Nur ausgedehnte Wiesen. Sie fuhren noch gut zehn Minuten weiter, bis die Türmchen eines alten Gemäuers auftauchten. Man hatte den Eindruck, als würde das Haus aus den Eingeweiden der Erde herauswachsen. Ein gewaltiger Bau, streng in der Form, der typische Landsitz, wie ihn Stahl- oder Ölmagnaten Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts errichten ließen, um ihren Reichtum zur Schau zu stellen. An der Fassade prangte ein steinernes Wappen mit einem riesigen R in Halbrelief. Hier wohnte Joseph B. Rockford, der Präsident der gleichnamigen Stiftung, die eine Belohnung von zehn Millionen für die Auffindung des sechsten Mädchens ausgesetzt hatte. Sie fuhren an dem Haus vorbei und parkten vor den Pferdeställen. Fundort drei, am westlichen Rand eines mehrere Hektar großen Landsitzes gelegen, war nur mit speziellen Elektrowagen, Golf-Carts ähnlich, zu erreichen. Mila stieg in den Wagen, den Stern fuhr, und er erklärte ihr unterwegs, wer Joseph B. Rockford war, woher seine Familie kam und worauf sich sein enormer Reichtum gründete: Die Dynastie war über ein Jahrhundert zuvor mit Urgroßvater Joseph B. Rockford I. begründet worden, der Legende nach einziges Kind eines eingewanderten Friseurs. Doch er hatte mit Schere und Rasiermesser nichts am Hut, und so verkaufte er das väterliche Geschäft, um woanders sein Glück zu suchen. Damals investierte man gewöhnlich in die aufstrebende Ölindustrie, doch Rockford I. hatte die gedeihliche Eingebung, mit seinen Ersparnissen eine Firma zu gründen, die artesische Brunnen bohrte. Man vermutete Erdölvorkommen fast ausschließlich in unwirtlichen Landstrichen, und daraus folgerte Rockford, dass den Männern, die auf Teufel komm raus schnell reich werden wollten, sehr bald ein lebensnotwendiges Gut fehlen würde: Wasser. Und das Wasser aus den Brunnen, die unweit der Hauptlagerstätten des schwarzen Goldes gebohrt wurden, kostete fast doppelt so viel wie Erdöl. Joseph B. Rockford I. starb als Milliardär. Und zwar kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag, an einer ziemlich seltenen und ziemlich aggressiven Form von Magenkrebs. Joseph B. Rockford II. erbte von seinem Vater ein riesiges Vermögen, das er noch verdoppelte, denn er spekulierte mit allem, was ihm in die Finger kam, von Cannabis indica über Bauindustrie und Rinderzucht bis hin zu Elektronik. Krönung seines Aufstiegs war die Heirat mit einer Schönheitskönigin, die ihm zwei hübsche Kinder schenkte. Doch kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag tauchten die ersten Symptome des Magenkrebses auf, der ihn keine zwei Monate später fortraffen sollte. Sein Sohn, Joseph B. Rockford III., folgte ihm sehr jung an die Spitze des weltweiten Unternehmens. Sein erster und einziger Akt in dieser Position bestand darin, das verhasste Anhängsel der römischen Ziffern aus seinem Namen zu tilgen. Da Joseph B. Rockford keine ökonomischen Ziele verfolgte und sich allen erdenklichen Luxus leisten konnte, lebte er ins Blaue hinein. Die gleichnamige Familienstiftung war eine Idee seiner jüngeren Schwester Lara gewesen. Zweck der Einrichtung war es, Kindern, die weniger Glück hatten, gesundes Essen, ein Dach über dem Kopf, ausreichende medizinische Versorgung und eine Ausbildung zu ermöglichen. Die Hälfte des Familienvermögens floss in die Stiftung. Trotz dieser großzügigen Verfügung hätten die Rockfords nach den Berechnungen ihrer Steuerberater mindestens weitere hundert Jahre sorglos leben können. Lara Rockford, siebenunddreißig Jahre alt, hatte mit zweiunddreißig wie durch ein Wunder einen schlimmen Autounfall überlebt. Ihr Bruder Joseph war neunundvierzig. Die erbliche Form von Magenkrebs, die schon seinen Großvater und später seinen Vater umgebracht hatte, hatte auch bei ihm vor knapp elf Monaten erste Symptome gezeigt. Seit vierunddreißig Tagen lag der sterbende Joseph B. Rockford im Koma. Mila hörte Stern aufmerksam zu, während er den Elektrowagen über das holprige Gelände steuerte. Nach einer halben Stunde kam die Absperrung des Fundorts in Sicht. Mila erkannte schon von Weitem das Gewusel der weißen Overalls, das jeden Einsatzort belebte. Dieser Anblick allein erschütterte sie, noch bevor sie das gesamte Spektakel sah, das Albert diesmal für sie alle vorbereitet hatte. Mehr als hundert Einsatzkräfte waren am Werk. Wie eine Tränenflut stürzte der Regen herab. Mila war immer mulmiger zumute, als sie sich zwischen den Arbeitern, die große Erdklumpen wegräumten, einen Weg bahnte. Jemand katalogisierte sämtliche Knochen, die ans Licht geholt wurden, und steckte sie in durchsichtige Plastiktüten, die mit einem Etikett beklebt und anschließend in eigens dafür vorgesehenen Kisten verstaut wurden. In einer Kiste zählte Mila mindestens dreißig Oberschenkelknochen. In einer anderen lagen Beckenknochen. Stern wandte sich an Goran. »Das Mädchen lag da drüben …« Er zeigte auf eine eingezäunte Stelle, die mit Plastikplanen vor der Nässe geschützt war. Eine weiße Linie zeigte die Umrisse des Körpers an. Der linke Arm fehlte. Sabine. »Sie lag im Gras, Verwesung ziemlich weit fortgeschritten. Sie war zu lange draußen, natürlich haben Tiere sie gewittert.« »Wer hat sie gefunden?« »Einer der hiesigen Jagdaufseher.« »Habt ihr sofort gegraben?« »Erst haben wir die Hunde geholt, aber die haben nicht angeschlagen. Dann haben wir die Gegend mit einem Helikopter überflogen und das Gelände nach auffälligen Unebenheiten abgesucht. Dabei stellten wir fest, dass sich die Vegetation rund um die Fundstelle vom übrigen Bewuchs unterschied. Wir haben die Fotos einem Botaniker gezeigt, der bestätigte, dass solche Variationen unter Umständen auf ein Grab hinweisen.« Davon hatte Mila schon gehört. Mit der Methode hatte man in Bosnien nach den Massengräbern mit den Opfern der ethnischen Säuberungen gesucht. Die verscharrten Körper beeinflussen die Vegetation, denn die durch die Zersetzung entstehenden organischen Substanzen reichern den Boden an. Goran sah sich um. »Wie viele mögen das sein?« »Dreißig, vierzig Leichen, keine Ahnung …« »Und seit wann liegen sie da?« »Wir haben alte Knochen gefunden, andere scheinen jüngeren Datums zu sein.« »Männer oder Frauen?« »Männer. Die meisten jung, zwischen sechzehn und zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Laut Analyse des Zahnschemas.« »Das stellt alles in den Schatten«, lautete Gorans Kommentar, der schon an die Folgen dachte, wenn die Geschichte erst mal bekannt wurde. »Roche glaubt doch wohl nicht, er könnte die Sache vertuschen, oder? Bei den vielen Leuten hier …« »Nein, der Hauptkommissar will die Bekanntgabe nur rauszögern, bis alles so weit geklärt ist.« »Und nur, weil sich niemand einen Reim drauf machen kann, was ein Massengrab inmitten des schönen Rockford-Besitzes zu bedeuten hat.« Sein leicht indignierter Ton war nicht zu überhören. »Dabei glaube ich, dass sich unser Hauptkommissar schon so seine Gedanken macht … Was meint ihr?« Stern wusste ebenso wenig wie Boris und Rosa, was er sagen sollte. »Eine Frage, Stern, hat man das Mädchen gefunden, bevor oder nachdem die Belohnung ausgesetzt wurde?« Mit dünner Stimme sagte der Beamte: »Vorher.« »Das dachte ich mir.« Als sie zurückkehrten, stand Roche vor den Ställen neben einem Streifenwagen und wartete auf sie. Goran stieg aus dem Elektroauto und schritt mit entschlossener Miene auf ihn zu. »Und? Soll ich mich jetzt weiter um den Fall kümmern?« »Natürlich! Glaubst du etwa, es sei einfach gewesen, dich hier rauszuhalten?« »Das nicht, ich bin ja auch dahintergekommen. Aber ich würde sagen, es hat dir in den Kram gepasst.« »Was meinst du damit?«, fragte der Hauptkommissar verärgert. »Weil ich den Namen des Schuldigen offen genannt hätte.« »Wieso bist du dir seiner Identität so sicher?« »Wenn du nicht auch Rockford hinter dem Drama vermuten würdest, würdest du dich nicht so bemühen, die Sache zu vertuschen.« Roche packte ihn am Arm. »Goran, du denkst, das liegt nur an mir. Aber das stimmt nicht, glaub mir. Du hast ja keine Ahnung, wer mir alles im Nacken sitzt.« »Wen versuchst du zu decken? Wie viele sind in diesen Mist involviert?« Roche drehte sich um und gab dem Fahrer ein Zeichen, sich zu entfernen. Dann wandte er sich wieder seinen Leuten zu. »Gut, dann stellen wir die Sache ein für alle Mal klar … Mir kommt das kalte Kotzen bei der Geschichte. Ich muss wohl niemanden warnen, das alles für sich zu behalten, denn wenn auch nur ein Sterbenswörtchen nach außen dringt, verlieren Sie alle sofort alles. Karriere und Pension. Und ich genauso.« »Verstanden. Und, was steckt dahinter?«, drängte Goran. »Joseph B. Rockford hat diesen Grund und das Haus seit seiner Kindheit nicht verlassen.« »Wie bitte?«, fragte Boris. »Kein einziges Mal?« »Nein«, bestätigte Roche. »Anfangs war er wohl allein auf seine Mutter fixiert, die ehemalige Schönheitskönigin. Sie liebte ihn krankhaft und ließ nicht zu, dass er seine Kindheit und seine Teenagerzeit ganz normal verlebte.« »Aber sie ist doch dann gestorben …«, wandte Rosa ein. »Als sie starb, war es zu spät. Der Junge war nicht fähig, auch nur ansatzweise eine normale menschliche Beziehung einzugehen. Bis dato war er ausschließlich von Personen umgeben, die im Dienst der Familie standen und ihn ehrerbietig behandelten. Außerdem lastete der Rockfordsche Fluch auf ihm, dass nämlich die männlichen Nachkommen sämtlich mit fünfzig an einem Magentumor sterben.« »Was ist mit der Schwester?«, fragte Mila. »Eine rebellische Person«, erklärte Roche. »Als die Jüngere konnte sie sich dem mütterlichen Zugriff eher entziehen. Sie hat immer gemacht, was sie wollte. Sie reiste durch die Welt, lebte in Saus und Braus, verschliss sich in den unmöglichsten Beziehungen, nahm Drogen. Nur um sich von ihrem Bruder abzusetzen, der zu Hause gefangen saß … Bis der Unfall vor fünf Jahren dafür gesorgt hat, dass sie sich mit ihrem Bruder hier einschloss.« »Joseph B. Rockford ist homosexuell«, sagte Goran. Und Roche bestätigte: »So ist es … Darauf weisen auch die Leichen in dem Massengrab hin. Alle im besten Mannesalter.« »Warum hat er sie getötet?«, fragte Rosa. Goran, dem das Phänomen schon öfter begegnet war, gab die Antwort. »Der Hauptkommissar möge mich korrigieren, falls ich mich irre, aber ich glaube, Rockford konnte nicht akzeptieren, wie er war. Vielleicht hat auch jemand, als er noch jung war, seine sexuelle Neigung entdeckt und ihm nie verziehen.« Bei diesen Worten hatten alle die Mutter vor Augen, doch niemand erwähnte sie. »Er empfand bei jedem Geschlechtsakt Schuldgefühle. Aber anstatt sich selbst zu bestrafen, bestrafte er seine Liebhaber … mit dem Tod«, folgerte Mila. »Die Leichen sind hier, und er hat sich nie von hier fortbewegt«, sagte Goran. »Also muss er seine Opfer hier umgebracht haben. Kann es tatsächlich sein, dass niemand – Bedienstete, Gärtner, Jagdaufseher – etwas gemerkt hat?« Roche wusste die Antwort, doch er wollte, dass die anderen von selbst darauf kamen. »Nicht zu glauben!«, rief Boris. »Er hat sie bezahlt!« »Er hat sich die ganzen Jahre über ihr Schweigen erkauft«, fügte Stern angewidert hinzu. Wie viel kostet wohl die Seele eines Menschen?, dachte Mila. Eine Sache ist es, wenn jemand merkt, dass er ein schlechter Mensch ist und nur Freude empfinden kann, wenn er andere Menschen tötet. Für ihn gibt es einen Namen: Mörder oder Serienkiller. Aber die anderen, die Menschen um ihn herum, die das nicht verhindern und auch noch einen Vorteil daraus ziehen, als was könnte man die bezeichnen? »Wie kam er an die jungen Männer?«, fragte Goran. »Das wissen wir noch nicht. Gegen seinen Privatsekretär ist Haftbefehl erlassen worden, er ist wie vom Erdboden verschluckt, seit das Mädchen gefunden wurde.« »Und wie soll mit den anderen Angestellten verfahren werden?« »Sie sind vorläufig festgenommen, bis geklärt ist, ob sie Geld genommen haben und was sie wussten.« »Rockford hat nicht nur seine direkte Umgebung bestochen, stimmt’s?« Goran schien Gedanken lesen zu können, denn Roche räumte ein: »Vor ein paar Jahren hat ein Polizeibeamter Verdacht geschöpft. Er ermittelte im Fall eines verschwundenen Jugendlichen, gegen den eine Anzeige wegen Ladendiebstahls vorlag. Er war von zu Hause weggelaufen, die Spur führte hierher. Rockford wandte sich daraufhin an mächtige Freunde, und der Beamte wurde versetzt … Ein anderes Mal beobachtete ein Liebespaar, das an der Straße entlang der Umfassungsmauer im Auto zugange war, wie ein halb nackter Junge über die Mauer kletterte. Er war am Bein verletzt und stand unter Schock. Sie brachten ihn ins Krankenhaus. Dort blieb er aber nur ein paar Stunden, denn er wurde von einem Mann abgeholt, der sich als Polizist ausgab. Seitdem hat man von dem Jungen nie mehr etwas gehört oder gesehen. Die Ärzte und die Schwestern wurden mit dicken Trinkgeldern zum Schweigen gebracht. Bei dem Pärchen, beide verheiratet, genügte die Drohung, den jeweiligen Ehepartner ins Bild zu setzen.« »Und die Schwester?«, fragte Mila. »Ich glaube, Lara Rockford ist verwirrt. Der Unfall hat sie übel zugerichtet. Es ist nicht weit von hier passiert. Außer ihr war niemand beteiligt. Sie kam von der Straße ab und ist gegen eine Eiche geprallt.« »Jedenfalls müssen wir mit ihr sprechen. Und mit Rockford auch«, meinte Goran. »Der Mann weiß womöglich, wer Albert ist.« »Und wie willst du mit dem reden? Er liegt im Koma.« »Dann ist er ja fein raus mit seinem Tumor!« Boris war stinksauer. »Nicht nur, dass er uns keinerlei Hilfe ist, er wird auch keinen einzigen Tag für das, was er getan hat, hinter Gittern sitzen!« »O nein, da irrst du«, sagte Roche. »Wenn es eine Hölle gibt, dann wird er dort schon erwartet. Aber er gelangt nur sehr langsam und unter großen Schmerzen dorthin. Der Dreckskerl ist allergisch gegen Morphium und kann nicht betäubt werden.« »Wieso erhalten sie ihn dann am Leben?« Roche hob spöttisch lächelnd die Augenbrauen: »Seine Schwester will es so.« Innen glich das Haus einem Schloss. Schwarzer Marmor dominierte die Räume, seine Maserung schluckte alles Licht. Schwere Samtvorhänge verdunkelten die Fenster. Gemälde und Wandteppiche zeigten idyllische Landschaften und Jagdszenen. Von den Decken hingen riesige Kristalllüster. Mila fröstelte. Das Haus hatte bei allem Luxus etwas Kaltes an sich. Wenn man angestrengt horchte, vernahm man das Echo früheren Schweigens, das sich über die Zeit hin abgelagert hatte, bis es diese steinerne Ruhe hervorbrachte. Lara Rockford hatte eingewilligt, sie »zu empfangen«. Sie konnte sich sowieso nicht entziehen, aber dass sie ihnen diese Antwort hatte zukommen lassen, sprach Bände über die Person, die sie antreffen würden. Sie erwartete sie in der Bibliothek. Mila, Goran und Boris sollten sie vernehmen. Mila sah Lara Rockford im Profil, die junge Frau saß auf einem Ledersofa, ihre Hand führte in einem eleganten Bogen eine Zigarette an den Mund. Sie war bildschön. Auf die Entfernung waren sie alle beeindruckt von dem leichten Schwung, der von der Stirn über die feine Nase bis zu ihren vollen Lippen lief. Das Auge war tiefgrün, magnetisch, von langen Wimpern umrahmt. Doch als sie vor sie hin traten und die andere Hälfte des Gesichts sahen, erschraken sie zutiefst. Es war von einer riesigen Narbe zerstört, die vom Haaransatz tief in die Stirn schnitt, in eine leere Augenhöhle eintauchte, wie eine Tränenrinne abwärtsführte und schließlich unter dem Kinn endete. Mila bemerkte auch, dass ein Bein steif war, obwohl Lara das andere darübergeschlagen hatte. Neben ihr lag ein Buch. Der Buchdeckel zeigte nach unten, weder Titel noch Name des Autors war zu erkennen. »Guten Tag«, sagte sie. »In welcher Angelegenheit wollen Sie mich sprechen?« Lara bot ihnen keinen Platz an, und so blieben sie auf dem großen Teppich stehen, der den Boden fast zur Hälfte bedeckte. »Wir würden Ihnen gern ein paar Fragen stellen«, sagte Goran. »Natürlich nur, wenn das möglich ist …« »Bitte, ich höre.« Lara Rockford drückte die Zigarette in einem Aschenbecher aus Alabaster aus. Dann nahm sie eine neue Zigarette aus dem Päckchen, das neben einem goldenen Feuerzeug in einem Lederetui auf ihrem Schoß lag. Als sie sie anzündete, zitterten ihre schmalen Finger ganz leicht. »Sie haben zehn Millionen als Belohnung im Fall des sechsten Mädchens ausgesetzt«, sagte Goran. »Ich fand es das Mindeste, was ich tun konnte.« Sie war provozierend ehrlich. Vielleicht wollte sie die Polizisten verunsichern, vielleicht war es auch nur ihr rebellisches Naturell, das überhaupt nicht zu der Strenge des Hauses passte, in das sie sich zurückgezogen hatte. Goran nahm die Herausforderung an. »Wussten Sie über Ihren Bruder Bescheid?« »Alle wussten Bescheid. Alle haben geschwiegen.« »Warum diesmal nicht?« »Was meinen Sie?« »Der Jagdaufseher hat das tote Kind gefunden, und er stand vermutlich ebenfalls auf der Gehaltsliste …« Goran schien schon klar zu sein, dass Lara Rockford die ganze Angelegenheit ohne Weiteres hätte vertuschen können. Doch das hatte sie anscheinend nicht gewollt. »Glauben Sie an die Seele?«, fragte sie und strich dabei an den Kanten des Buches entlang, das neben ihr lag. »Und Sie?« »Ich denke schon eine ganze Weile darüber nach …« »Erlauben Sie den Ärzten deswegen nicht, die Geräte abzuschalten, die Ihren Bruder am Leben erhalten?« Die Frau antwortete nicht sofort. Sie wandte den Blick zur Decke. Joseph B. Rockford lag ein Stockwerk höher in dem Bett, in dem er seit seiner Kindheit schlief. Sein Zimmer war wie das Krankenzimmer einer modernen Intensivstation eingerichtet. Er war mit Geräten verbunden, die für ihn atmeten, die ihn mit Medikamenten und Flüssigkeit versorgten, sein Blut reinigten und den Darm entleerten. »Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts dagegen, dass mein Bruder stirbt.« Sie schien aufrichtig. »Wahrscheinlich kennt Ihr Bruder den Mann, der die fünf Mädchen verschleppt und getötet und jetzt das sechste in seiner Gewalt hat. Haben Sie eine Idee, wer das sein könnte?« Lara Rockford sah Goran endlich ins Gesicht – vielmehr zwang ihn, sie anzusehen. »Keine Ahnung, vielleicht jemand vom Personal. Jemand aus unserem heutigen Leben oder auch aus früheren Zeiten. Das müssten Sie überprüfen.« »Das tun wir bereits, aber ich fürchte, der Mann, den wir suchen, ist zu schlau, als dass er uns einen solchen Gefallen erweisen würde.« »Sie wissen wahrscheinlich schon, dass nur Leute dieses Haus betraten, die Joseph bezahlte. Angestellte und sonstige Bedienstete, die unter seiner Kontrolle standen. Ich habe hier nie einen Fremden gesehen.« »Haben Sie denn die jungen Männer gesehen?«, fragte Mila spontan. Die Frau ließ sich Zeit mit ihrer Antwort. »Die hat er ebenfalls bezahlt. Vor allem in letzter Zeit machte er sich bisweilen einen Spaß daraus, ihnen eine Art Vertrag vorzulegen, mit dem sie ihm ihre Seele verkauften. Sie hielten es für einen Scherz, mit dem sie einen durchgeknallten Milliardär anzapfen konnten. Also unterschrieben sie. Alle unterschrieben. Ich habe ein paar dieser Urkunden im Bürotresor gefunden. Die Unterschriften sind ganz gut leserlich, obwohl die Tinte keine richtige Tinte war …« Sie lachte über die makabre Anspielung, aber das Lachen klang seltsam und verunsicherte Mila. Es war von tief unten gekommen. Als hätte sie es lange in der Lunge eingeweicht und anschließend ausgespuckt. Es war rau vom Nikotin, aber auch vom Leid. Dann nahm sie das Buch in die Hand. Es war Goethes Faust. Mila trat einen Schritt auf sie zu. »Haben Sie etwas dagegen, wenn wir versuchen, Ihren Bruder zu vernehmen?« Goran und Boris starrten sie an, als hätte sie den Verstand verloren. Die Frau lachte erneut. »Und wie wollen Sie das anstellen? Er ist mehr tot als lebendig.« Ernst fügte sie hinzu: »Es ist zu spät.« Doch Mila ließ nicht locker. »Lassen Sie es uns wenigstens versuchen.« 30 Auf den ersten Blick wirkte Nicla Papakidis zerbrechlich. Vielleicht, weil sie klein und knabenhaft schmal war und ihre Augen einen melancholisch-fröhlichen Ausdruck hatten. Dabei war sie eine starke Frau. Die Stärke hatte sie sich über Jahre kleinerer und größerer Widrigkeiten nach und nach erworben. Sie wurde in einem kleinen Dorf geboren, als ältestes von sieben Kindern und einziges Mädchen. Sie war erst elf, als die Mutter starb. Sie musste den Haushalt führen, sich um den Vater kümmern und die Brüder großziehen. Sie sorgte dafür, dass alle einen Beruf erlernten, damit sie einmal eine anständige Arbeit fänden. Dank strengem Verzicht und sparsamer Haushaltsführung war ausreichend Geld vorhanden, sodass es der Familie an nichts fehlte. Die Brüder heirateten tüchtige Mädchen, gründeten selbst einen Hausstand und sorgten für zwei Dutzend Nichten und Neffen, die Niclas ganzes Glück waren. Als auch der jüngste Bruder ausgezogen war, pflegte sie den alten Vater, damit er nicht in ein Heim musste. Sie wollte nicht, dass ihre Brüder und die Schwägerinnen sich deshalb Gedanken machten, und sagte immer wieder: »Macht euch keine Sorgen um mich. Ihr habt eure Familien, ich bin allein. Es ist kein Opfer.« Sie kümmerte sich um den Vater wie um ein Baby, und als er mit über neunzig starb, versammelte sie ihre Brüder um sich. »Ich bin jetzt siebenundvierzig Jahre alt und glaube nicht, dass ich noch heiraten werde. Ich werde nie selbst Kinder haben, aber meine Nichten und Neffen sind für mich wie eigene Kinder, und das genügt mir. Ich danke euch, dass ihr alle mich eingeladen habt, bei euch zu wohnen, aber ich habe meine Entscheidung schon vor einigen Jahren getroffen, auch wenn ich sie euch erst jetzt mitteile. Wir werden uns nie wieder sehen, meine lieben Brüder, denn ich werde mein Leben Jesus widmen. Ich gehe morgen in ein Kloster in Klausur, wo ich bis ans Ende meiner Tage bleiben werde.« »Also eine Nonne!«, sagte Boris, der am Steuer saß und Mila schweigend zugehört hatte. »Nicla ist viel mehr als eine Nonne.« »Ich kann es noch gar nicht fassen, dass du Goran überzeugt hast. Und dass er dann auch noch Roche so weit gebracht hat!« »Es ist einen Versuch wert, was haben wir schon zu verlieren? Außerdem weiß ich, dass Nicla kein Sterbenswörtchen verraten wird.« »Darüber besteht ja wohl kein Zweifel …« Auf der Rückbank lag eine Schachtel mit einer großen roten Schleife. »Pralinen sind Niclas einzige Schwäche«, hatte Mila gesagt, als sie ihn unterwegs bat, kurz an einer Konditorei anzuhalten. »Aber wenn sie in Klausur lebt, wird sie nicht mitgehen.« »Na ja, die Geschichte ist ein bisschen komplizierter …« »Was meinst du?« »Nicla war nur ein paar Jahre im Kloster. Als man dort auf ihre Fähigkeiten aufmerksam wurde, wurde sie gewissermaßen in den Außendienst geschickt.« Kurz nach zwölf kamen sie an. Das Viertel war chaotisch. In den Verkehrslärm mischten sich Radiomusik, lautstarke Auseinandersetzungen in den Mietskasernen und die Geräusche, die von den mehr oder minder legalen Aktivitäten auf der Straße herrührten. Die Menschen, die dort lebten, verließen ihr Viertel nie. Das Stadtzentrum war zwar nur ein paar U-Bahnstationen entfernt, aber mit seinen Luxusrestaurants, Boutiquen und Teestuben war es für sie ungefähr so weit weg wie der Mars. Man kam in einem solchen Viertel zur Welt, und man starb dort, ohne es jemals verlassen zu haben. Seit sie von der Staatsstraße abgefahren waren, schwieg der Navigator in Boris’ Wagen. Die einzigen Wegweiser boten die Graffiti, mit denen die Straßengangs die Grenzen ihrer Territorien anzeigten. Boris bog in eine Seitenstraße ein, die in einer Sackgasse endete. Schon vor ein paar Minuten hatte er gemerkt, dass ihnen ein Auto folgte. Die Tatsache, dass ein Wagen mit zwei Polizisten durch die Gegend fuhr, war den Wachposten der Gangs nicht entgangen. »Wir müssen nur Schritt fahren und unsere Hände offen zeigen«, sagte Mila, die schon einige Male hier gewesen war. Das Haus, zu dem sie wollten, befand sich am Ende der Sackgasse. Sie parkten zwischen zwei ausgebrannten Autowracks. Sie stiegen aus, und Boris blickte um sich. Er wollte gerade die Zentralverriegelung betätigen, als Mila ihn zurückhielt. »Lass das lieber. Und lass auch den Schlüssel stecken. Die sind fähig und brechen die Türen auf, nur um uns zu ärgern.« »Und was hindert sie daran, meinen Wagen zu klauen?« Mila schlüpfte auf den Fahrersitz und kramte einen roten Plastikrosenkranz aus der Jackentasche. Den hängte sie an den Rückspiegel. »Das ist hier das beste Mittel gegen Diebe.« Boris sah sie verblüfft an. Dann folgte er ihr zum Haus. Auf dem Pappschild am Eingang stand: »Ab 11 Uhr Suppenküche«. Und weil nicht alle Adressaten der Botschaft lesen konnten, war daneben eine Uhr mit Zeigern über einem dampfenden Teller gezeichnet. Es roch nach einer Mischung aus Küche und Desinfektionsmittel. Im Eingang standen ein paar nicht zusammenpassende Plastikstühle um einen niedrigen Tisch mit alten Zeitschriften und Informationsbroschüren zu verschiedenen Themen, von Kariesprävention bei Kindern bis hin zur Vermeidung von Geschlechtskrankheiten. Der Ort sollte wohl wenigstens entfernt an ein Wartezimmer erinnern. Ein Schwarzes Brett quoll über von Hinweisen und Informationszetteln. Stimmen überlagerten sich, sodass man gar nicht feststellen konnte, aus welchen Räumen sie kamen. Mila zog Boris am Jackenärmel. »Komm, wir müssen rauf.« Sie stiegen die Treppe hinauf. Keine einzige Stufe war intakt, und das Geländer wackelte gefährlich. »Wo sind wir denn hier hineingeraten?« Boris vermied es tunlichst, irgendetwas anzufassen. Vor einer Glastür saß eine bildhübsche Zwanzigjährige. Sie reichte einem in Lumpen gekleideten, nach Alkohol und säuerlichem Schweiß riechenden alten Mann ein Arzneifläschchen. »Du musst eine am Tag nehmen, ja?« Das Mädchen schien sich an dem Gestank nicht zu stören. Sie war freundlich und sprach laut und deutlich wie mit einem Kind. Der Alte nickte, schien aber skeptisch. Das Mädchen ließ nicht locker: »Das ist ganz wichtig. Du darfst die Tablette nie vergessen. Sonst passiert das Gleiche wie neulich, da haben sie dich auch halb tot hergebracht.« Sie nahm ein Taschentuch aus ihrer Tasche und band es ihm ums Handgelenk. »So vergisst du es nicht.« Der Mann lächelte zufrieden. Mit dem Fläschchen in der Hand taperte er los und guckte immerzu bewundernd auf das Geschenk an seinem Handgelenk. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte das Mädchen. »Wir möchten zu Nicla Papakidis«, sagte Mila. Boris erwischte sich dabei, dass er das Mädchen verzückt ansah. »Ich glaube, sie ist im vorletzten Zimmer«, sagte das Mädchen und deutete hinter sich in den Flur. Im Vorübergehen wollte Boris einen unauffälligen Blick auf ihren Busen werfen, doch dort hing ein goldenes Kreuz, das die junge Frau um den Hals trug. »Ist sie etwa auch …?« »Klar«, gab Mila zurück und unterdrückte ein Kichern. »Schade.« Auf dem Weg durch den Flur konnten sie rechts und links einen Blick in die Zimmer werfen. Metallbetten, Pritschen oder auch nur Rollstühle. Sämtliche Plätze waren von menschlichen Wracks belegt, alten und jungen, ohne Unterschied. Sie hatten Aids oder waren Junkies und Alkoholiker mit zerfressener Leber oder einfach nur alt und verwahrlost. Zweierlei war ihnen allen gemein. Der müde Blick und das Wissen, dass sie ihr Leben falsch gelebt hatten. Kein Krankenhaus hätte sie in diesem Zustand aufgenommen. Und wahrscheinlich hatte niemand von ihnen eine Familie, die sich um sie hätte kümmern können. Oder wenn es doch eine Familie gab, hatte die sich längst abgewandt. In dieses Haus kam man zum Sterben. Das war das Besondere daran. Nicla Papakidis nannte es den »Hafen«. »Heute ist wirklich ein wunderschöner Tag, Nora.« Die Nonne kämmte einer alten Frau, die in einem Bett am Fenster lag, sorgfältig das lange weiße Haar und sprach beruhigend auf sie ein. »Als ich heute Morgen durch den Park ging, habe ich den Vögeln ein paar Brotkrumen hingelegt. Bei dem vielen Schnee hocken sie die ganze Zeit in ihren Nestern und wärmen sich gegenseitig.« Mila klopfte an die weit geöffnete Tür. Nicla drehte sich um und strahlte, als sie Mila sah. »Mein Kleines!«, rief sie und ging zu ihr, um sie zu umarmen. »Wie schön, dich zu sehen!« Sie trug einen dünnen graublauen Pullover, die Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt, weil ihr immer warm war, einen schwarzen Rock, der die Knie bedeckte, und Turnschuhe. Sie hatte kurze graue Haare. Ihr sehr heller Teint betonte die tiefblauen Augen. Die ganze gepflegte Erscheinung hatte etwas Reines. Der rote Rosenkranz an ihrem Hals sah genauso aus wie der, den Mila im Auto an den Rückspiegel gehängt hatte. »Das ist Boris, ein Kollege von mir.« Ein wenig verlegen trat Boris vor. »Freut mich.« »Ihr seid gerade Schwester Mery begegnet, nicht wahr?«, fragte Nicla und schüttelte Boris die Hand. Boris wurde rot. »Also …« »Keine Sorge, da sind Sie nicht der Einzige.« Dann wandte sie sich an Mila: »Was führt dich in den Hafen, Kleines?« Mila wurde ernst. »Du hast bestimmt von den verschwundenen Mädchen gehört.« »Wir beten hier jeden Abend für sie. Aber in den Nachrichten erfährt man nicht viel.« »Ich darf auch nicht viel dazu sagen.« Nicla musterte sie: »Du kommst wegen des sechsten Mädchens, nicht wahr?« »Kannst du uns helfen?« Nicla seufzte. »Ich kann versuchen, einen Kontakt herzustellen. Aber das ist nicht so einfach. Meine Gabe ist schwächer geworden. Vielleicht sollte ich mich darüber freuen, denn wenn ich sie ganz verliere, darf ich zurück ins Kloster, zu meinen lieben Mitschwestern.« Nicla Papakidis hörte es nicht gern, wenn man sie als Medium bezeichnete. Sie fand das Wort nicht angebracht für eine »Gabe Gottes«. Sie fühlte sich nicht als etwas Besonderes. Ihr Talent, das war das Besondere. Sie diente nur als von Gott ausersehene Mittlerin, die diese Begabung in sich trug und zum Wohl anderer Menschen einsetzte. Auf der Herfahrt hatte Mila Boris auch erzählt, wie Nicla entdeckt hatte, dass sie übersinnliche Kräfte besaß. »Sie war in ihrem Dorf schon als Sechsjährige berühmt dafür, dass sie verlorene Sachen wiederfand, Eheringe, Hausschlüssel, von den Verstorbenen zu gut versteckte Testamente, all so was. Eines Abends erschien der Chef des Polizeireviers bei ihr zu Hause. Ein fünfjähriger Junge war verschwunden, die Mutter völlig verzweifelt. Sie brachten Nicla zu der Frau, die sie anflehte, ihr Kind zu finden. Nicla sah sie kurz an und sagte dann: ›Die Frau lügt. Sie hat ihn hinter dem Haus im Garten vergraben.‹ Sie fanden ihn tatsächlich dort.« Die Geschichte hatte Boris sehr bewegt. Vielleicht setzte er sich auch deshalb ein wenig abseits und ließ Mila allein mit der Nonne sprechen. »Diesmal möchte ich dich um etwas anderes bitten«, sagte Mila. »Du müsstest mitkommen und versuchen, einen Kontakt zu einem Mann herzustellen, der im Sterben liegt.« Mila hatte Nicla schon öfter um einen Gefallen gebeten. Manche Fälle waren tatsächlich dank Niclas Zutun gelöst worden. »Kleines, du weißt doch, dass ich hier nicht wegkann, sie brauchen mich einfach.« »Ich weiß, aber du musst mir helfen. Du bist die einzige Hoffnung, wenn wir das sechste Mädchen retten wollen.« »Aber ich bin mir gar nicht sicher, ob meine Gabe noch funktioniert.« »Ich habe auch aus einem anderen Grund an dich gedacht. Es gibt einen dicken Batzen Geld, wenn jemand nützliche Hinweise zur Auffindung des Kindes liefert.« »Das habe ich gehört. Aber was soll ich mit zehn Millionen?« Mila ließ ihren Blick durch den Raum wandern, als läge es nahe, das Geld aus der Belohnung in die Renovierung des Hauses zu stecken. »Glaub mir, wenn du erst die ganze Geschichte kennst, weißt du selbst, dass das die beste Verwendung für das Geld ist. Nun, was sagst du?« »Vera besucht mich heute.« Die Worte kamen aus dem Mund der Alten, die bisher stumm und reglos dagelegen hatte. Nicla trat zu ihr. »Ja, Nora. Vera kommt ein bisschen später.« »Sie hat’s versprochen.« »Ja, ich weiß. Und sie wird ihr Versprechen halten, warte nur.« »Aber der junge Mann da sitzt auf ihrem Stuhl«, sagte sie und zeigte auf Boris, der sofort aufstehen wollte. Doch Nicla sagte: »Bleiben Sie nur sitzen.« Dann, mit leiser Stimme: »Vera ist ihre Zwillingsschwester. Sie ist gestorben, als sie noch Kinder waren, vor siebzig Jahren.« Die Nonne sah, dass Boris ganz blass wurde, und brach in Gelächter aus: »Keine Sorge, ich kann nicht mit dem Jenseits kommunizieren. Aber Nora freut sich, wenn ich manchmal sage, dass ihre Schwester zu Besuch kommt.« Boris war unwohl. Die Geschichten, die Mila ihm erzählt hatte, hatten ihm zugesetzt. »Kommst du nun?«, drängte Mila. »Ich verspreche dir, dass du noch vor heute Abend wieder hergebracht wirst.« Nicla Papakidis überlegte. »Hast du mir eigentlich was mitgebracht?« Auf Milas Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. »Die Pralinen warten unten im Auto auf dich.« Nicla nickte erfreut und wurde dann wieder ernst: »Was ich bei dem Mann erfahren werde, wird mir nicht gefallen, habe ich recht?« »Nein, das wird es wohl nicht.« Nicla umfasste den Rosenkranz, den sie um den Hals trug. »Gut, fahren wir.« Hinter dem Begriff Pareidolie steckt die instinktive Neigung, in zufälligen Bildern vertraute Formen zu finden, etwa in Wolkengebilden oder in Sternenkonstellationen. So ähnlich kristallisierten sich in Nicla Papakidis Bilder heraus. Sie bezeichnete sie nicht als Visionen. Außerdem mochte sie das Wort Pareidolie, weil es, wie sie selbst, griechische Wurzeln hatte. Sie saß hinten im Auto, futterte Pralinen und erklärte Boris die Zusammenhänge. Noch erstaunlicher als die Ausführungen der Nonne fand der Polizist die Tatsache, dass er in dem übel beleumundeten Viertel sein Auto an Ort und Stelle und ohne einen einzigen Kratzer wieder vorgefunden hatte. »Warum heißt das Haus Hafen?« »Das kommt darauf an, woran man glaubt, Herr Boris. Manche sehen nur einen Endpunkt. Andere einen Anfang.« »Und Sie?« »Beides.« Am frühen Nachmittag erreichten sie das Rockfordsche Anwesen. Goran Gavila und Stern erwarteten sie vor dem Haus. Rosa sprach sich im ersten Stock mit dem medizinischen Personal ab, das den Sterbenden betreute. »Ihr kommt gerade noch rechtzeitig«, sagte Stern. »Seit heute Morgen geht es rapide bergab. Eine Frage von Stunden, meinen die Ärzte.« Auf dem Weg ins Haus stellte Goran sich Nicla vor und erklärte ihr, was sie zu tun habe, wobei er seine Skepsis nicht ganz verbergen konnte. Er hatte schon die verschiedensten Gestalten erlebt, die bei der Polizei als Medium fungierten. Oft genug geschah auf ihr Zutun hin gar nichts, oder aber die Ermittlungen wurden durch falsche Fährten und überspannte Erwartungen verkompliziert, und die Ermittler fischten erst recht im Trüben. Die Nonne hatte schon oft den ungläubigen Ausdruck in den Gesichtern der Leute gesehen und war daher nicht überrascht. Stern, der ein frommer Mensch war, konnte mit Niclas Gabe gar nichts anfangen. Für ihn war das Scharlatanerie. Doch dass ausgerechnet eine Nonne sie praktizierte, verunsicherte ihn. »Wenigstens schlägt sie kein Kapital daraus«, hatte er kurz zuvor zu der noch skeptischeren Rosa gesagt. »Der Professor gefällt mir gut«, flüsterte Nicla Mila zu, als sie in den oberen Stock hinaufgingen. »Er überspielt sein Misstrauen nicht.« Die Bemerkung rührte nicht von ihrer Gabe. Mila spürte, dass sie von Herzen kam. Und dass eine so liebe Freundin dies sagte, erfüllte Mila mit Dankbarkeit. Damit waren alle Zweifel weggefegt, die Rosa ihr bezüglich Goran hatte einimpfen wollen. Das Zimmer von Joseph B. Rockford lag am Ende eines breiten, mit Wandteppichen geschmückten Korridors. Große Fenster gingen nach Osten, Richtung Sonnenaufgang. Von den Balkonen aus blickte man über das ganze Tal. Das Himmelbett in der Mitte des Zimmers war umgeben von den medizinischen Apparaten, die dem Milliardär mit den Pieptönen des Überwachungsmonitors, dem Seufzen und Schnauben des Beatmungsgeräts, mit fortwährendem Tröpfeln und elektronischem Dauergemurmel mechanisch den Takt seiner letzten Stunden vorgaben. Rockford lag mit geschlossenen Augen da, den Oberkörper auf mehrere Kissen gebettet, die Arme seitlich auf der bestickten Bettdecke. Der oberste Knopf des Pyjamas aus Rohseide war geöffnet, in der Luftröhre steckte der Beatmungsschlauch. Rockfords schütteres Haar war schlohweiß, das Gesicht mit der Adlernase hager, der Körper zeichnete sich kaum unter der Decke ab. Er wirkte wie ein Hundertjähriger und war doch erst fünfzig. Eine Krankenschwester versorgte gerade den Schnitt am Hals und wechselte die Gaze rund um die Atemkanüle. Von dem ganzen Personal, das sich rund um die Uhr am Bett abwechselte, durften während der Sitzung nur sein Leibarzt und dessen Assistentin zugegen sein. Als die Ermittlungsbeamten den Raum betraten, sahen sie sich Lara Rockford gegenüber, die sich dieses Spektakel um nichts in der Welt entgehen lassen wollte. Sie saß etwas abseits in einem schmalen Sessel und rauchte entgegen sämtlichen Hygienevorschriften. Als die Schwester sie darauf aufmerksam machte, dass dies angesichts des kritischen Zustand ihres Bruders nicht ratsam sei, entgegnete die Frau nur: »Das macht ihm jetzt wohl kaum mehr was aus.« Nicla ging mit festem Schritt durch das Zimmer und besah sich dieses privilegierte Sterben. Wie anders es war als der elende, obszön exponierte Tod, den sie tagtäglich im Hafen erlebte. Als sie neben Joseph B. Rockford stand, bekreuzigte sie sich. Dann wandte sie sich Goran zu und sagte: »Wir können anfangen.« Die Polizisten hätten das, was jetzt geschah, nicht mit Worten beschreiben können. Kein Gericht hätte es jemals als Beweismittel anerkannt. Und auch die Presse erfuhr von dem Experiment besser nichts. Alles musste innerhalb dieser Mauern bleiben. Boris und Stern stellten sich neben die geschlossene Tür. Rosa stand mit verschränkten Armen in einer Ecke. Nicla zog einen Stuhl zu sich heran und setzte sich an das Himmelbett. Mila nahm neben ihr Platz. Goran setzte sich schräg gegenüber, er wollte die Nonne wie auch Rockford im Blick haben. Das Medium begann sich zu konzentrieren. Mila wusste nicht, in welcher Art Koma sich Joseph B. Rockford im Augenblick befand. Vielleicht war er bei ihnen, vielleicht konnte er sie sogar hören. Vielleicht war er auch schon tief in einen Schwebezustand zwischen Leben und Tod versunken, um sich seiner gespenstischen Schatten zu entledigen. Nur eines wusste sie sicher: Nicla musste sich auf der Suche nach ihm in eine tiefe, gefährliche Schlucht abseilen. »Jetzt … ich höre etwas …« Nicla hatte die Hände auf die Knie gestützt. Ihre Finger verkrampften sich vor Anspannung. »Joseph ist noch hier«, erklärte das Medium. »Aber er ist sehr … weit weg. Allerdings nimmt er noch etwas von hier oben wahr …« Rosa wechselte einen verdutzten Blick mit Boris. Er grinste verlegen, nahm sich jedoch sofort wieder zusammen. »Er ist sehr unruhig. Er ist wütend … erträgt es nicht, noch immer hier zu sein … Er will gehen, aber er kann nicht, etwas hält ihn zurück … Der Gestank stört ihn.« »Welcher Gestank?«, fragte Mila. »Die verfaulten Blumen. Er sagt, sie stinken unerträglich.« Sie schnupperten forschend, aber es roch nur angenehm: Auf dem Fensterbrett stand eine große Vase mit frischen Blumen. »Bring ihn zum Reden, Nicla.« »Das wird er nicht wollen … Nein, er will nicht mit mir sprechen.« »Du musst ihn dazu bringen.« »Es tut mir leid …« »Was?« Doch Nicla sprach den Satz nicht zu Ende. Sie sagte: »Ich glaube, er will mir etwas zeigen … Ja … Er zeigt mir ein Zimmer … dieses Zimmer. Aber ohne uns. Auch ohne die Geräte, die ihn jetzt am Leben erhalten …« Nicla wurde steif: »Jemand ist bei ihm.« »Wer?« »Eine Frau, eine bildschöne Frau … Das muss seine Mutter sein.« Mila beobachtete aus dem Augenwinkel Lara Rockford, die sich die x-te Zigarette anzündete. »Was tut sie?« »Joseph ist ein kleines Kind … Er sitzt auf ihrem Schoß, und sie erklärt ihm etwas … Sie ermahnt und warnt ihn … Sie sagt, die Welt da draußen sei böse. Aber solange er hier bleibe, sei er in Sicherheit … Sie verspricht, dass sie ihn beschützen, für ihn sorgen und ihn niemals verlassen werde …« Goran und Mila tauschten einen Blick. Josephs goldener Käfig war zugeschnappt, als seine Mutter ihn von der Welt abschottete. »Sie sagt, Frauen seien in der Welt die größte Gefahr … Die Welt draußen sei voller Frauen, die ihm alles wegnehmen wollten … Die ihn nur seines Reichtums wegen lieben würden … Sie würden ihn hintergehen und ausnutzen …« Dann wiederholte die Nonne: »Es tut mir leid …« Mila sah abermals zu Goran. Am Morgen hatte er Roche erklärt, Rockfords Wut – die gleiche Wut, die im Lauf der Zeit einen Serienmörder aus ihm machen sollte – liege in dem Umstand begründet, dass er nicht akzeptierte, wie er war. Denn jemand, wahrscheinlich die Mutter, habe eines Tages seine sexuelle Neigung entdeckt und ihm nie verziehen. Den Partner zu töten bedeute, die Schuld auszulöschen. Doch Goran irrte offensichtlich. Der Bericht des Mediums widerlegte seine Theorie teilweise. Josephs Homosexualität war auf die Phobien der Mutter zurückzuführen. Vielleicht hatte sie Bescheid gewusst, das Thema jedoch nicht zur Sprache gebracht. Aber warum tötete Joseph dann seine Partner? »Ich durfte nie eine Freundin einladen …« Alle sahen zu Lara Rockford. Die junge Frau presste mit zitternden Fingern die Zigarette zusammen und hielt den Blick gesenkt, während sie sprach. »Ihre Mutter hat die jungen Männer ins Haus geholt«, sagte Goran. »Ja, und sie bezahlte sie«, bestätigte sie. Tränen rannen aus ihrem gesunden Auge und verwandelten ihr Gesicht erst recht in eine groteske Maske. »Meine Mutter hasste mich.« »Warum?«, hakte Goran nach. »Weil ich eine Frau bin.« »Es tut mir leid …«, sagte Nicla wieder. »Halt’s Maul!«, schrie Lara den Bruder an. »Es tut mir leid, kleine Schwester …« »Halt dein Maul!« Wütend sprang sie auf. Ihr Kinn zitterte. »Sie haben ja keine Ahnung! Sie wissen nicht, wie das ist, wenn du dich umdrehst und diese Augen dich ansehen. Der Blick folgt dir überallhin, und du weißt, was er bedeutet. Auch wenn du es dir nicht eingestehen willst, weil allein der Gedanke daran ekelhaft ist. Ich glaube, er hat versucht, es zu begreifen … Er fühlte sich zu mir hingezogen.« Nicla, von einem starken Zittern ergriffen, verharrte in Trance, während Mila ihre Hand hielt. »Deshalb sind Sie weggegangen, nicht wahr?« Goran sah Lara Rockford eindringlich an, er wollte um jeden Preis diese Antwort hören. »Und da begann er zu töten …« »Ja, ich glaube, so war es.« »Bis Sie vor fünf Jahren zurückkehrten …« Lara Rockford lachte auf. »Ich wusste von nichts. Er log mich an und behauptete, er fühle sich so einsam und verlassen. Ich sei doch seine Schwester, und er liebe mich, und wir müssten Frieden schließen. Alles andere würde ich mir nur einbilden. Ich glaubte ihm. Als ich dann hier war, verhielt er sich die ersten Tage ganz normal. Er war lieb und anhänglich und kümmerte sich um mich. So ganz anders als der Joseph, den ich als Kind kannte. Bis …« Wieder lachte sie. Ihr Lachen beschrieb die Gewalt, die sie erlitten hatte, deutlicher als Worte. »Es war kein Autounfall …«, deutete Goran an. Lara schüttelte den Kopf. »So konnte er sicher sein, dass ich für immer blieb.« Sie empfanden tiefes Mitleid mit der jungen Frau, die nicht in diesem Gemäuer, sondern in ihrer Erscheinung gefangen war. »Bitte entschuldigen Sie mich«, sagte sie, stand auf und ging zur Tür, das versehrte Bein nachziehend. Stern und Boris traten beiseite, um sie vorbeizulassen. Dann sahen sie wieder zu Goran, von dem sie eine Entscheidung erwarteten. Er wandte sich an Nicla. »Können wir weitermachen?« »Ja«, sagte die Nonne, obgleich ihr anzusehen war, wie viel Mühe und Kraft die Sitzung sie kostete. Jetzt kam die wichtigste Frage. Sie würden keine zweite Gelegenheit haben, sie zu stellen. Von der Antwort hing nicht nur das Leben des sechsten Mädchens, sondern auch ihrer aller Überleben als Ermittlungsteam ab. Denn wenn es ihnen nicht gelang, den Geschehnissen auf den Grund zu gehen, würden die Zeichen dieser Geschichte für immer und ewig wie eine Verdammnis an ihnen haften. »Nicla, fragen Sie Joseph, wann er dem Mann begegnet ist, der ihm ähnlich ist …« 31 Nachts hörte er sie schreien. Die quälende Migräne raubte ihr den Schlaf. Morphium half schon längst nicht mehr gegen die jähen Stiche. Sie wälzte sich im Bett und schrie, bis ihre Stimme versagte. Von ihrer einstigen Schönheit, die sie so sorgfältig vor den unerbittlich nagenden Jahren zu bewahren versucht hatte, war nichts mehr übrig. Sie war vulgär geworden. Ausgerechnet sie, die stets auf ihre Wortwahl geachtet hatte, beschimpfte alles und jeden ausgesprochen ordinär und phantasievoll. Ihren Mann, der zu früh gestorben war, ihre Tochter, die vor ihr geflohen war. Und diesen Gott, der sie so zugerichtet hatte. Nur er konnte sie beruhigen. Er ging zu ihr ins Zimmer und band ihr die Hände mit Seidenschals am Bett fest, damit sie sich nicht verletzte. Sie hatte sich schon sämtliche Haare ausgerissen, ihr zerkratztes Gesicht war blutverkrustet, weil sie sich die Fingernägel in die Wangen grub. »Joseph«, flüsterte sie, wenn er ihr über die Stirn strich. »Sag, dass ich eine gute Mutter war. Sag es, bitte.« Er sah in ihre Augen, die sich mit Tränen füllten, und erfüllte ihre Bitte. Joseph B. Rockford war zweiunddreißig Jahre alt. Achtzehn Jahre noch bis zu seinem Stelldichein mit dem Tod. Kurz zuvor hatte man einen namhaften Genetiker konsultiert, um festzustellen, ob ihn eines Tages das gleiche Schicksal ereilen würde wie seinen Vater und seinen Großvater. Aufgrund der noch geringen Kenntnisse über Erbkrankheiten war die Antwort recht vage ausgefallen: Die Wahrscheinlichkeit, dass dieses seltene Syndrom von Geburt an in ihm stecke, liege bei vierzig bis sechzig Prozent. Seitdem hatte Joseph mit dieser Ziellinie vor Augen gelebt. Alles Übrige waren lediglich Stationen der Annäherung gewesen. Wie die Krankheit seiner Mutter. Vom Echo durch die großen Räume getragen, zerschnitten ihre unmenschlichen Schreie die nächtliche Stille in dem großen Haus. Es war unmöglich, ihnen zu entrinnen. Nach monatelangem Schlafmangel ging Joseph nur noch mit Ohrstöpseln zu Bett, weil er sich die Qualen nicht länger anhören konnte. Doch das genügte nicht. Eines Morgens wachte er um vier Uhr auf. Er hatte geträumt, konnte sich aber nicht entsinnen, wovon. Er war auch nicht deshalb aufgewacht. Er setzte sich auf und überlegte, was es gewesen war. Ungewohnte Stille herrschte im Haus. Joseph verstand. Er stand auf, zog sich an, Hose, Rollkragenpullover und die grüne Barbour-Jacke, und verließ sein Zimmer. Er näherte sich dem Schlafzimmer seiner Mutter, dessen Tür geschlossen war. Er ging vorbei. Ging die mächtige Marmortreppe hinunter und war ein paar Augenblicke später draußen. Joseph lief den ganzen langen Weg durch das Anwesen bis zum westlichen Tor, das von Lieferanten und Bediensteten benutzt wurde. Es war das Ende seiner Welt. Als Kinder waren er und Lara auf ihren Erkundungen oft bis dorthin gelangt. Seine Schwester, viel jünger als er, war beneidenswert mutig gewesen und wäre am liebsten durch das Tor gegangen. Doch Joseph hatte sich immer gescheut. Seit fast einem Jahr war Lara nun schon fort. Sie hatte eines Tages die Kraft gefunden, diese Grenze zu überschreiten, und seitdem nichts mehr von sich hören lassen. Er vermisste sie. An diesem kalten Novembermorgen blieb Joseph ein paar Minuten reglos vor dem Tor stehen. Dann zog er sich hoch und kletterte darüber. Als seine Füße den Boden berührten, übermannte ihn ein ihm unbekanntes Gefühl, ein Kribbeln in der Brust, das wellenartig ausstrahlte. Er spürte zum ersten Mal so etwas wie Freude. Joseph machte sich auf und lief die Asphaltstraße entlang. Ein Schimmer am Horizont kündigte die Morgendämmerung an. Die Natur ringsum unterschied sich in nichts von der Natur innerhalb des Familienanwesens, sodass er einen Moment glaubte, er habe es gar nicht verlassen und das Tor sei nur zum Schein da, denn die gesamte Schöpfung begann und endete dort. Beim Überschreiten dieser Grenze fing sie jedes Mal von vorn an, und sie änderte sich nie, bis in alle Ewigkeit. Eine unendliche Reihe von immer gleichen Parallelwelten. Über kurz oder lang würde das Haus vor ihm auftauchen, und dann hätte er die Gewissheit, dass alles nur Einbildung war. Doch es kam anders. Je weiter er sich entfernte, umso stärker drängte sich ihm das Gefühl auf, dass er es schaffen konnte. Kein Mensch war unterwegs. Kein Auto, nirgendwo ein Haus. Der Klang seiner Schritte mischte sich als der einzige menschliche in das Vogelgezwitscher, das den neuen Tag willkommen hieß. Kein Lüftchen bewegte die Bäume, die ihn wie einen fremden Wanderer zu beobachten schienen. Er war versucht, sie zu grüßen. Die Luft war frisch, und sie duftete. Nach Raureif, trockenem Laub und leuchtend grünem Gras. Mittlerweile war die Sonne mehr als nur ein Versprechen. Joseph hätte nicht sagen können, wie viele Kilometer er gelaufen war. Er hatte kein Ziel. Und das Beste war: Es war ihm egal. Seine Beinmuskeln taten empfindlich weh. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass Schmerz angenehm sein konnte. Er hatte Kraft im Körper und Luft zum Atmen. Diese beiden Variablen waren ausschlaggebend für alles Übrige. Er wollte endlich einmal nicht über die Dinge nachdenken. Bis zu jenem Tag hatte stets sein Verstand das Sagen gehabt und ihn bei jeder Gelegenheit über eine andere Angst stolpern lassen. Mochte das Unbekannte ringsum auch noch so lauern, er hatte in dieser kurzen Zeit gelernt, dass es außer Gefahren auch etwas Kostbares barg. Nämlich Staunens- und Wundernswertes. Während er all das spürte, vernahm er ein neues Geräusch. Es war leise und fern, näherte sich aber konstant von hinten. Bald erkannte er es. Es kam von einem Auto. Als er sich umdrehte, sah er nur das Dach hinter einer Kuppe. Das Auto verschwand auf der abschüssigen Strecke, tauchte jedoch bald wieder auf. Ein alter, beiger Ford Station Wagon, der sich rasch näherte. Die Windschutzscheibe war so schmutzig, dass man nicht ins Wageninnere sehen konnte. Joseph beschloss, sich nicht weiter darum zu kümmern, und setzte seinen Weg fort. Als das Auto fast auf seiner Höhe war, schien es abzubremsen. »He!« Joseph drehte sich nicht gleich um. Vielleicht war das jemand, der seinem Abenteuer ein Ende setzen wollte. Bestimmt war es so. Seine Mutter war aufgewacht und hatte nach ihm geschrien. Man hatte ihn in seinem Bett nicht vorgefunden und die Dienerschaft auf ihn gehetzt. Vielleicht war der Mann einer der Gärtner, der ihn mit seinem Privatauto suchte und sich schon auf eine üppige Belohnung freute. »He, wo willst du denn hin? Soll ich dich ein Stück mitnehmen?« Die Frage beruhigte ihn. Das war bestimmt niemand von zu Hause. Im Schritttempo fuhr der Wagen neben ihm her. Joseph sah den Fahrer nicht. Er blieb stehen, das Auto ebenfalls. »Ich fahre Richtung Norden«, sagte der Mann am Steuer. »Ein paar Kilometer kann ich dich schon mitnehmen. Ist zwar nicht viel, aber wahrscheinlich kommt hier kein Auto mehr vorbei.« Das Alter des Mannes war undefinierbar. Vierzig vielleicht, vielleicht auch jünger. Wegen des langen, ungepflegten rötlichen Bartes war es schwer zu schätzen. Die in der Mitte gescheitelten langen Haare fielen über die Schultern nach hinten. Seine Augen waren grau. »Also, was ist? Steigst du ein?« Joseph überlegte kurz, dann sagte er: »Ja, danke.« Er setzte sich neben den Unbekannten, und sie fuhren los. Die braunen Samtüberzüge der Sitze waren an manchen Stellen so abgewetzt, dass die Füllung darunter durchschien. Es roch nach einer abgestandenen Mischung unterschiedlicher Duftanhänger, die über die Jahre am Spiegel gehangen hatten. Die Lehne der Rückbank war vorgeklappt, in dem vergrößerten Kofferraum waren Kartons und Plastiktüten, Werkzeug und Kanister in verschiedenen Größen verstaut. Alles sah sehr ordentlich aus. Auf dem Armaturenbrett aus dunklem Kunststoff waren Reste von Aufklebern zu sehen. Aus einem alten Radio dröhnte Countrymusik. »Schon lange unterwegs?« Joseph vermied es, den Mann anzuschauen, weil er Angst hatte, die Lüge könnte ihm ins Gesicht geschrieben stehen. »Seit gestern.« »Und du bist nicht getrampt?« »Doch, schon. Ein Lastwagen hat mich mitgenommen, aber der musste dann ganz woandershin.« »Und du? Wo willst du hin?« Mit dieser Frage hatte er nicht gerechnet, und er sagte die Wahrheit. »Ich weiß es nicht.« Der Mann lachte. »Wenn du es nicht weiß, warum bist du dann aus dem Lastwagen ausgestiegen?« Joseph sah ihn ernst an und sagte: »Weil er zu viele Fragen gestellt hat.« Der Mann lachte schallend. »Mensch, deine direkte Art ist klasse!« Er trug eine rote Windjacke mit zu kurzen Ärmeln, eine hellbraune Hose und einen Wollpullover mit Zöpfen und Rauten. Seine Arbeitsschuhe hatten eine verstärkte Gummisohle. Er hielt beide Hände am Lenkrad. Am linken Handgelenk prangte eine billige Quarzuhr aus Plastik. »Ich weiß ja nicht, was du vorhast, ich will es auch gar nicht wissen, aber ich wohne hier in der Nähe, und wenn du Lust hast, können wir zusammen frühstücken. Was hältst du davon?« Joseph wollte schon Nein sagen. Es war riskant genug gewesen, überhaupt in das Auto einzusteigen, da würde er jetzt nicht sonst wohin mitfahren, nur um am Ende entführt zu werden oder noch Schlimmeres zu erleben. Aber dann begriff er, dass ihn nur wieder die Angst im Griff hatte. Die Zukunft war geheimnisvoll, nicht bedrohlich – das hatte er doch an diesem Morgen erst herausgefunden. Und wenn er die Früchte seiner Erkenntnis genießen wollte, musste er ein Risiko eingehen. »Einverstanden.« »Eier mit Speck und Kaffee«, versprach der Unbekannte. Zwanzig Minuten später bogen sie von der Landstraße in einen Feldweg ab. Sie ruckelten über die Schlaglöcher, bis sie an einem weißen Holzhaus mit Giebeldach ankamen. Die Farbe war an mehreren Stellen abgeblättert, an der windschiefen Veranda wuchsen ein paar Grasbüschel durch die Bretter. Sie parkten vor der Haustür. »Herzlich willkommen«, sagte der Mann, während sie das Haus betraten. Das erste Zimmer war mittelgroß. Die Einrichtung bestand aus einem Tisch mit drei Stühlen, einem Schrank, bei dem mehrere Schubladen fehlten, und einem zerschlissenen alten Sofa. An einer Wand hing eine ungerahmte namenlose Landschaft. Neben dem einzigen Fenster befand sich ein in Stein gefasster, verrußter Kamin mit halb verbrannten, erkalteten Briketts. Auf einem Schemel, der aus einem Baumstamm herausgesägt war, stapelte sich verkrustetes Kochgeschirr. Hinten im Raum gab es zwei geschlossene Türen. »Tut mir leid, ein Klo kann ich dir nicht bieten«, sagte der Typ und fügte lachend hinzu: »Aber draußen hast du jede Menge Bäume.« Strom und fließend Wasser gab es auch nicht, der Mann lud die Kanister aus dem Auto. Mit einer alten Zeitung und Brennholz, das er von draußen hereinholte, machte er Feuer im Kamin. Er reinigte, so gut es ging, eine Pfanne, ließ ein Stück Butter brutzeln und gab die Eier mit dem Speck hinein. Bei aller Schlichtheit verströmte das Gericht einen unwiderstehlichen Duft. Joseph sah dem Mann neugierig zu und löcherte ihn mit Fragen, wie Kinder es mit Erwachsenen tun, wenn sie anfangen, die Welt zu entdecken. Doch den Fremden schien das nicht zu stören, im Gegenteil, er war sehr gesprächig. »Lebst du schon lange hier?« »Seit einem Monat, aber das Haus gehört nicht mir.« »Wie – es gehört nicht dir?« »Mein Zuhause steht da draußen«, sagte er und wies mit dem Kinn zu seinem Auto. »Ich reise durch die Welt.« »Warum wohnst du jetzt hier?« »Weil es mir hier gefällt. Eines Tages bin ich die Straße entlanggefahren, und da habe ich den Feldweg gesehen. Bin abgebogen und hier gelandet. Das Haus stand schon lange leer. Muss ein Bauernhof gewesen sein, hinten ist ein Schuppen mit allen möglichen Geräten.« »Und wo sind die Leute hin?« »Keine Ahnung. Wahrscheinlich haben sie es wie viele andere gemacht und sind auf der Suche nach einem besseren Leben in die Stadt gezogen, als es mit der Landwirtschaft bergab ging. Hier in der Gegend gibt es einige verlassene Höfe.« »Warum haben sie ihren Besitz nicht verkauft?« Der Typ lachte: »Wer kauft denn schon so was? Der Boden hier wirft nichts ab, mein Freund.« Als das Essen fertig war, kippte er es direkt auf die Teller, die auf dem Tisch bereitstanden. Joseph hatte einen Riesenhunger und versenkte umgehend seine Gabel in der gelben Pampe. Es schmeckte köstlich. »Gut, was? Iss in aller Ruhe, ist noch jede Menge da.« Joseph schaufelte gierig Bissen um Bissen in sich hinein. Er fragte mit vollem Mund: »Bleibst du noch lange hier?« »Ich wollte eigentlich Ende der Woche aufbrechen. Der Winter ist hart hier in der Gegend. Ich suche Vorräte zusammen und klappere andere verlassene Höfe ab. Man findet oft irgendwas, was man noch benutzen kann. Heute Morgen habe ich einen Toaster gefunden. Wahrscheinlich ist er kaputt, aber ich kann ihn reparieren.« Joseph registrierte alles, als wollte er ein Handbuch über die verschiedensten Kenntnisse verfassen: Wie man ein ausgezeichnetes Frühstück nur mit Ei, Butter und Speck zubereitet, wie man sich mit Trinkwasser versorgt. Vielleicht dachte er, das könnte ihm in einem neuen Leben von Nutzen sein. Das Leben des Unbekannten erschien ihm beneidenswert. Hart und schwierig, aber unendlich viel besser als sein eigenes bisheriges Leben. »Wir haben uns noch gar nicht vorgestellt.« Josephs Hand mit der Gabel blieb auf halber Höhe stehen. »Du musst mir nicht sagen, wie du heißt, ist schon in Ordnung. Bist trotzdem ein netter Kerl.« Joseph aß weiter. Der Mann drang nicht in ihn, aber Joseph fühlte sich verpflichtet, sich für die Gastfreundschaft irgendwie erkenntlich zu zeigen. Er beschloss, doch etwas von sich zu verraten. »Ich werde wahrscheinlich mit fünfzig sterben.« Er berichtete von dem Fluch, der auf den männlichen Nachkommen seiner Familie lastete. Der Mann hörte aufmerksam zu. Joseph nannte keine Namen, erzählte nur, dass er reich war und woher der Reichtum stammte. Berichtete von dem mutigen Großvater mit dem feinen Gespür, der die Saat zu diesem großen Vermögen gelegt hatte. Und von seinem Vater, der das Erbe mit seinem Unternehmergeist vervielfacht hatte. Schließlich erklärte er, er selbst habe keine Ziele, weil bereits alles erreicht sei. Er sei nur geboren worden, um zweierlei weiterzugeben: ein riesiges Vermögen und ein unweigerlich tödliches Gen. »Schon klar, dass du um die Familienkrankheit nicht herumkommst, aber warum verzichtest du nicht einfach auf deinen Reichtum, wenn du dich nicht frei fühlst?« »Weil ich mit dem ganzen Geld aufgewachsen bin, ich wüsste gar nicht, wie ich einen Tag ohne es überleben könnte. Sterben muss ich auf jeden Fall, egal, wozu ich mich entscheide.« »Quatsch!«, sagte der Mann und stand auf, um die Pfanne zu spülen. Joseph versuchte zu erklären, was er meinte: »Ich könnte mir jeden Wunsch erfüllen. Aber eben deswegen weiß ich gar nicht, was ein Wunsch ist.« »Ist doch Scheiße, was du da redest. Mit Geld kann man nicht alles kaufen.« »Doch, glaub mir, es ist so. Wenn ich wollte, dass du stirbst, könnte ich jemanden bezahlen, der dich tötet, und kein Mensch würde es jemals erfahren.« »Hast du das schon mal gemacht?«, fragte der Mann plötzlich ernst. »Was?« »Hast du schon mal jemanden dafür angeheuert, dass er für dich tötet?« »Ich nicht, aber mein Vater und mein Großvater, die schon.« Sie schwiegen eine Weile. »Gesundheit kannst du nicht kaufen.« »Stimmt. Aber wenn du schon weißt, wann du stirbst, stellt sich das Problem erst gar nicht. Siehst du, die Reichen sind unglücklich, weil sie wissen, dass sie früher oder später ihren ganzen Reichtum zurücklassen müssen. Du kannst das Geld nicht mit ins Grab nehmen. Ich muss mir über meinen Tod nicht den Kopf zerbrechen, das hat jemand anders schon für mich getan.« Der Mann dachte nach. »Du hast schon recht«, sagte er, »aber sich gar nichts zu wünschen, ist wirklich traurig. Es wird doch wohl etwas geben, was du besonders gern tust. Fang damit an.« »Na ja, ich laufe gern. Und seit heute mag ich Eier mit Speck. Und ich mag Jungs.« »Bist du etwa …« »Ich weiß es nicht. Ich bin mit ihnen zusammen, aber ich könnte nicht sagen, dass ich mir das wirklich wünsche.« »Dann versuch’s doch mal mit einer Frau.« »Wahrscheinlich sollte ich das machen. Aber vorher muss ich es mir wünschen, verstehst du? Ich kann das nicht so gut erklären.« »Doch, doch, ich verstehe schon, was du meinst.« Er stellte die Pfanne ab und sah dann auf seine Armbanduhr. »Es ist zehn, ich muss los, in der Stadt ein paar Ersatzteile für den Toaster holen.« »Dann gehe ich jetzt.« »Nein, wieso? Bleib doch und leg dich hin, wenn du Lust hast. Ich bin bald zurück, wir können ja noch mal was essen und ein bisschen plaudern. Du siehst gut aus, weißt du das?« Joseph warf einen Blick auf das Sofa mit dem kaputten Bezug. Es sah sehr einladend aus. »Na gut«, sagte er. »Dann mache ich jetzt ein Nickerchen, wenn du nichts dagegen hast.« Der Mann lachte. »Großartig!« An der Tür drehte er sich noch einmal um. »Apropos, was hättest du denn gern zum Abendessen?« Joseph sah ihn an. »Ich weiß nicht. Eine Überraschung.« Jemand rüttelte ihn sanft. Joseph schlug die Augen auf und stellte fest, dass es schon Abend war. »Von wegen Nickerchen!«, meinte sein neuer Freund lächelnd. »Du hast neun Stunden am Stück geschlafen!« Joseph streckte sich und richtete sich auf. So gut hatte er schon ewig nicht mehr geschlafen. Sofort fing sein Magen an zu knurren. »Ist schon Essenszeit?«, fragte er. »Ich habe ein Huhn mitgebracht und muss nur Feuer machen, dann kommt es auf den Grill. Dazu gibt’s Kartoffeln. Na, wie klingt das?« »Großartig, ich habe einen Riesenhunger.« »Mach dir derweil ein Bier auf, steht auf dem Fensterbrett.« Joseph hatte noch nie Bier getrunken, außer den Bierpunsch, den seine Mutter an Weihnachten zubereitete. Er nahm sich eine Dose aus dem Sechserpack und zog an der Lasche, die sich klackend löste. Er führte die Dose an den Mund und nahm einen tiefen Schluck. Die kalte Flüssigkeit rann schnell die Kehle hinunter. Es war ein angenehmes Gefühl und löschte den Durst. Nach dem zweiten Schluck rülpste er. »Prost!«, rief der Typ. Draußen war es kalt, aber im Haus sorgte das Feuer für wohlige Wärme. Die Gaslampe in der Mitte des Tisches tauchte das Zimmer in dämmriges Licht. »Der Verkäufer in der Eisenwarenhandlung meint, dass man den Toaster wieder hinkriegt, und hat mir auch ein paar Tipps gegeben. Gott sei Dank, dann kann ich ihn auf dem Flohmarkt verkaufen.« »Davon lebst du also?« »Na ja, unter anderem. Die Leute werfen einen Haufen Sachen weg, die man noch brauchen kann. Ich repariere sie und verdiene ein bisschen Geld damit. Manche Sachen behalte ich auch, zum Beispiel das Bild da …« Er zeigte auf die ungerahmte Landschaft an der Wand. »Warum ausgerechnet das?«, fragte Joseph. »Keine Ahnung, ich finde es schön. Irgendwie erinnert es mich an die Gegend, aus der ich stamme. Aber vielleicht war ich da auch nie, keine Ahnung, ich bin so viel rumgekommen …« »Warst du wirklich an so vielen verschiedenen Orten?« »Ja, einfach überall.« Er schien einen Augenblick seinen Gedanken nachzuhängen, gab sich jedoch gleich wieder einen Ruck: »Mein Huhn ist hervorragend, wirst schon sehen. Übrigens habe ich eine Überraschung für dich.« »Eine Überraschung? Was denn für eine Überraschung?« »Nicht jetzt, nach dem Essen.« Sie setzten sich an den Tisch. Das Huhn war köstlich gewürzt und schön knusprig. Joseph füllte sich zweimal den Teller. Der Typ – wie er ihn im Stillen nur noch nannte – aß mit offenem Mund und hatte schon drei Bier getrunken. Nach dem Essen holte er eine handgeschnitzte Pfeife und Tabak hervor. Während er die Pfeife stopfte, sagte er: »Ich musste die ganze Zeit an das denken, was du heute Morgen gesagt hast.« »Was denn?« »Die Sache mit dem Wünschen. Das fand ich spannend.« »Ach ja? Warum?« »Weißt du, ich finde es gar nicht so schlecht, wenn man vorher schon weiß, wann das Leben zu Ende ist. Das ist eigentlich ein Privileg.« »Wie kannst du so etwas sagen!« »Na ja, das kommt natürlich darauf an, wie du sonst alles so betrachtest. Ob für dich ein Glas eher halb voll oder halb leer ist. Ich meine, du kannst dasitzen und ausrechnen, wie viel Zeit du noch hast. Oder du kannst den Rest deines Lebens nach dieser Frist ausrichten.« »Ich verstehe nicht, was du meinst.« »Weil du weißt, dass du mit fünfzig stirbst, glaubst du, du hättest keine Macht über dein Leben. Doch da irrst du, mein Freund.« »Was meinst du mit ›Macht‹?« Der Typ holte einen dünnen Zweig aus dem Feuer und zündete sich mit dem glühenden Ende die Pfeife an. Er nahm einen tiefen Zug, bevor er antwortete. »Macht und Wunsch gehören zusammen. Sie bestehen aus ein und derselben verfluchten Substanz. Du kannst das eine nicht vom anderen trennen. Und das ist nicht auf dem Mist irgendeines Scheißphilosophen gewachsen, das ist von Natur aus so. Du hast heute Morgen ganz richtig gesagt: Wir können uns nur wünschen, was wir nicht haben, du glaubst, du hättest die Macht, alles zu bekommen, und deshalb hast du keine Wünsche. Aber das kommt daher, dass deine Macht auf Geld beruht.« »Wieso, was gibt es denn sonst noch für eine Macht?« »Deinen Willen zum Beispiel. Da müsstest du mal die Probe aufs Exempel machen, sonst kapierst du das nicht. Aber ich habe den Verdacht, du willst gar nicht …« »Warum sagst du das? Klar will ich.« Der Typ musterte ihn. »Sicher?« »Ja.« »Gut. Vor dem Essen sagte ich, ich hätte eine Überraschung für dich. Ich würde sagen, es ist so weit. Komm.« Er stand auf und ging zu einer der geschlossenen Türen hinten im Zimmer. Er öffnete sie einen Spalt. Zögernd folgte Joseph ihm. »Schau.« Joseph trat einen Schritt in die Dunkelheit, und da hörte er es. Etwas in dem Raum atmete hastig. Er vermutete ein Tier und wich zurück. »Nur zu«, ermunterte ihn der Typ, »schau genau hin.« Joseph brauchte ein paar Sekunden, bis er sich an die Dunkelheit gewöhnt hatte. Im matten Lichtschein der Gaslampe auf dem Esstisch war schemenhaft das Gesicht eines jungen Mannes zu sehen. Er lag auf einem Bett, Hände und Füße waren mit dicken Schnüren an die Pfosten gefesselt. Er trug ein kariertes Hemd und Jeans, aber keine Schuhe. Um seinen Mund war ein Tuch gebunden, und er brachte nur dumpfe Laute heraus. Die Haare, die ihm in die Stirn hingen, waren schweißnass. Er wand sich wie ein gefangenes Tier, seine Augen waren weit aufgerissen vor Angst. »Wer ist das?«, fragte Joseph. »Ein Geschenk für dich.« »Und was soll ich mit ihm machen?« »Was du willst.« »Aber ich kenne den doch gar nicht.« »Ich auch nicht. Er hat getrampt. Ich habe ihn auf dem Rückweg mitgenommen.« »Vielleicht sollten wir ihn lieber losbinden und gehen lassen.« »Wenn es das ist, was du machen willst?« »Warum sollte es das nicht sein?« »Weil du damit demonstrierst, was Macht ist und wie sie mit dem Wunsch verknüpft ist. Wenn es dein Wunsch ist, ihn zu befreien, dann tu das. Aber vielleicht willst du ja was ganz anderes von ihm, das steht dir frei.« »Redest du vielleicht von Sex?« Der Typ schüttelte enttäuscht den Kopf. »Du schaust echt nicht über deinen Tellerrand hinaus, mein Freund. Du hast hier ein menschliches Wesen zur Verfügung – Gottes größtes und erstaunlichstes Geschöpf –, und dir fällt nichts Besseres ein als zu ficken …« »Was sollte ich denn sonst mit einem Menschen tun?« »Du hast es heute doch selbst gesagt: Wenn du jemanden töten wolltest, bräuchtest du nur einen anzuheuern, der das für dich erledigt. Glaubst du im Ernst, darin liegt die Macht, ein Leben auszulöschen? Dein Geld hat diese Macht, nicht du. Solange du nicht mit deinen eigenen Händen tötest, wirst du nie erfahren, was Macht ist.« Joseph betrachtete den Jungen, der in Panik erstarrt war. »Ich will es auch gar nicht wissen«, sagte er. »Weil du Angst hast. Angst vor den Folgen. Davor, dass du bestraft werden könnest oder Schuldgefühle bekommst.« »Es ist doch normal, dass man vor manchen Sachen Angst hat.« »Nein, Joseph, das ist es nicht.« Joseph bemerkte nicht, dass er ihn bei seinem Namen angesprochen hatte. Er schaute nur immer zwischen ihm und dem Jungen hin und her. »Und wenn ich dir sage, dass du jemandem das Leben nehmen kannst und niemand davon erfährt?« »Niemand? Und was ist mit dir?« »Ich habe ihn schließlich entführt und hergebracht. Außerdem muss ich hinterher die Leiche verscharren.« Joseph senkte den Kopf. »Und niemand würde es erfahren?« »Wenn ich sage, dass du nicht bestraft wirst, würde das den Wunsch in dir wecken, es mal auszuprobieren?« Joseph sah einen langen Augenblick auf seine Hände, sein Atem beschleunigte sich, während tief in ihm eine seltsame Euphorie aufstieg, die er noch nie empfunden hatte. »Ich brauche ein Messer …«, sagte er. Der Typ ging in die Küche. Joseph musterte den Jungen, der ihn flehentlich ansah und weinte. Er stellte fest, dass er bei diesen still hervorquellenden Tränen nichts empfand. Wenn er selbst starb, wenn die Krankheit des Vaters und des Großvaters ihn mit fünfzig holte, würde auch niemand weinen. Er war für alle anderen der Reiche, der keine Form von Mitleid verdiente. Der Typ kam mit einem langen, scharfen Messer zurück und drückte es Joseph in die Hand. »Nichts ist so befriedigend, wie zu töten«, sagte er. »Aber nicht einen bestimmten Menschen, einen Feind oder sonst jemanden, der dir etwas angetan hat. Sondern irgendjemanden. Damit besitzt du die gleiche Macht wie Gott.« Mit diesen Worten ließ er ihn allein und schloss die Tür hinter sich. Das Messer in Josephs Händen schimmerte im Mondlicht, das durch die löchrigen Fensterläden sickerte. Der Junge wand sich, und Joseph hörte und roch seine Angst. Säuerlichen Atem, Achselschweiß. Er trat langsam ans Bett, mit schlurfenden Schritten, damit der Junge wusste, was auf ihn zukam. Er legte ihm das Messer flach auf die Brust. Sollte er vielleicht etwas sagen? Ihm fiel nichts ein. Ein Schauer durchfuhr ihn, und etwas ganz und gar Unerwartetes geschah: Er hatte eine Erektion. Joseph hob das Messer ein paar Zentimeter hoch und führte es langsam nach unten, bis zum Magen. Er hielt inne. Holte Luft und stach mit der Spitze der Klinge langsam durch den Stoff des Hemdes, bis sie die Haut berührte. Der Junge versuchte zu schreien, aber er brachte nur einen verzerrten Schmerzenslaut hervor. Joseph bohrte ein wenig tiefer, die Haut riss weit auf, als würde sie bersten. Joseph sah die weiße Fettschicht. Aber die Wunde blutete noch nicht so recht. Er schob die Klinge weiter hinein, bis er warmes Blut an der Hand spürte und übler Gestank den Eingeweiden entwich. Der Junge bäumte sich auf und kam Josephs Tun damit unfreiwillig entgegen. Joseph drückte weiter, bis er mit der Messerspitze an die Wirbelsäule stieß. Der Junge war ein hartes Bündel aus Muskeln und Fleisch. Ein paar Sekunden verharrte er gekrümmt. Dann plumpste er schwer zurück aufs Bett, kraftlos, wie ein lebloser Gegenstand. In dem Augenblick … … schlugen sämtliche Geräte Alarm. Der Arzt und die Krankenschwester machten sich mit ihren Notfallutensilien am Patienten zu schaffen. Nicla schnappte nach Luft. Der Schock über das Gesehene hatte sie aus der Trance gerissen. Mila legte ihr beruhigend die Hände auf den Rücken. Der Arzt riss Joseph B. Rockford die Pyjamajacke auf, sämtliche Knöpfe schlitterten über den Boden. Boris wäre um ein Haar ausgerutscht, als er Mila zu Hilfe eilte. Der Arzt setzte dem Patienten die Elektroden, die ihm die Schwester reichte, auf die Brust und befahl: »Jetzt!«, dann folgte der Stromstoß. Goran trat zu Mila. »Komm, wir bringen sie raus«, sagte er, und sie halfen der Nonne gemeinsam auf. Als sie mit Rosa und Stern das Zimmer verließen, drehte sich Mila ein letztes Mal zu Joseph B. Rockford um. Der Körper zuckte unter den elektrischen Stößen, aber unter der Bettdecke sah es aus, als hätte er eine Erektion. Widerliches Dreckschwein, dachte sie. Das Piepsen des Überwachungsmonitors blieb in einer einzigen Tonlage hängen. Doch da öffnete Joseph B. Rockford die Augen. Seine Lippen bewegten sich tonlos. Die Stimmbänder waren bei dem Luftröhrenschnitt in Mitleidenschaft gezogen worden. Der Mann hätte eigentlich tot sein müssen. Nach den Apparaten ringsum war er nur noch ein lebloses Stück Fleisch. Und doch versuchte er zu kommunizieren. Das Röcheln klang, wie wenn ein Ertrinkender japsend ein letztes Mal nach Luft schnappt. Es dauerte nicht lange. Schließlich zog eine unsichtbare Hand ihn wieder zurück, und es war, als würde Joseph B. Rockfords Seele von seinem Totenbett verschluckt und nur ein leerer Körper zurückbleiben. 32 Nachdem Nicla Papakidis sich von dem Schock erholt hatte, stellte sie sich unverzüglich der Polizei zur Verfügung, damit ein Zeichner ein Phantombild des Mannes anfertigen konnte, den sie mit Joseph gesehen hatte. Ein Bild des Unbekannten, von dem man annahm, dass es sich um Albert handelte. Wegen des langen Bartes und der vielen Haare war es schwierig, besondere Merkmale seines Gesichts exakt zu beschreiben. Nicla wusste nicht, wie das Kinn aussah, und die Nase war ein konturloser Schatten. Sie konnte auch nicht sagen, wie die Augen geschnitten waren. Sie wusste nur, dass sie grau waren. Das Resultat sollte dennoch an sämtliche Polizeistreifen, Häfen, Flughäfen und Grenzposten geschickt werden. Roche überlegte, ob man auch der Presse Kopien zukommen lassen sollte, doch dann wäre sofort die Frage nach der Entstehung des Phantombildes aufgetaucht. Hätte er verraten, dass ein Medium dahintersteckte, wäre für die Journalisten klar gewesen, dass die Polizei nichts in der Hand hatte, im Dunkeln tappte und aus Verzweiflung spiritistische Sitzungen abhielt. »Das Risiko solltest du eingehen«, redete Goran ihm zu. Der Hauptkommissar war wieder zu seinem Team in der Rockfordschen Villa gestoßen. Er hatte eine Begegnung mit der Nonne vermieden, nachdem er von Anfang an klargestellt hatte, dass er mit dem Versuch nichts zu tun haben wollte. Wie immer übernahm Goran die Verantwortung. Der Kriminologe hatte gern zugestimmt, denn er vertraute längst Milas Intuition. »Ich habe mir was überlegt, Kleines«, sagte Nicla zu Mila, während sie vom Mannschaftswagen aus Goran und den Hauptkommissar beobachteten, die vor dem Haus standen und diskutierten. »Was denn?« »Ich will die Belohnung nicht.« »Aber wenn das der Mann ist, nach dem wir fahnden, steht dir das Geld rechtmäßig zu.« »Ich will es nicht.« »Überleg doch mal, was du damit alles für die Menschen tun könntest, um die du dich jeden Tag kümmerst!« »Was brauchen sie denn, was sie nicht sowieso schon haben? Sie haben unsere Liebe, unsere Fürsorge, und glaub mir, wenn ein Geschöpf Gottes ans Ende seiner Tage kommt, braucht es nichts anderes.« »Wenn du das Geld nimmst, hätte ich das Gefühl, dass all das auch irgendwie etwas Gutes hat.« »Böses erzeugt nur wieder Böses. Das war immer schon sein Hauptmerkmal.« »Jemand hat mal gesagt: Das Böse lässt sich beweisen, das Gute nicht. Denn das Böse hinterlässt Spuren auf seinem Weg. Das Gute ist nicht greifbar.« Endlich lächelte Nicla. »Unsinn«, sagte sie sofort. »Weißt du, Mila, das Gute ist nur zu flüchtig, als dass es richtig wahrgenommen werden könnte. Und es hinterlässt keine Schlacken auf seinem Weg. Das Gute ist rein, das Böse schmutzig … Aber ich kann das Gute beweisen, weil ich es jeden Tag sehe. Wenn bei einem meiner Schützlinge das Ende naht, bleibe bei ihm. Ich halte seine Hand, höre ihm zu, und wenn er von Schuld spricht, verurteile ich ihn nicht. Wenn sie begreifen, was mit ihnen geschieht – egal, ob sie ein gutes Leben geführt und niemandem etwas zuleide getan haben, oder vielleicht doch und es später bereut haben –, dann lächeln sie alle. Ich weiß nicht, warum, aber ich schwöre, es ist so. Der Beweis für das Gute ist das Lächeln, mit dem sie dem Tod begegnen.« Mila nickte nur. Sie würde Nicla wegen der Belohnung nicht weiter zureden. Vielleicht hatte sie recht. Es war fast fünf Uhr, die Nonne war müde. Doch es gab noch etwas zu erledigen. »Meinst du, du erkennst das verlassene Haus wieder?«, fragte Mila. »Ja, ich weiß, wo es ist.« Es hätte eigentlich nur eine routinemäßige Inaugenscheinnahme werden sollen, bevor sie ins Studio zurückkehrten. Sie war notwendig, um die Informationen des Mediums zu untermauern. Trotzdem fuhren sie alle zusammen hin. Rosa saß am Steuer und folgte Niclas Anweisungen. Der Wetterbericht hatte neuen Schnee angekündigt. »Wir müssen uns beeilen«, sagte Stern. »Es wird bald dunkel.« Sie erreichten den Feldweg und bogen ab. Steine knirschten unter den Reifen. Das Holzhaus stand nach so vielen Jahren immer noch. Die weiße Farbe war bis auf letzte Reste abgeblättert, die Wind und Wetter ausgesetzten Bretter faulten vor sich hin und ließen das Haus aussehen wie einen kariösen Zahn. Sie stiegen aus und gingen auf die Veranda zu. »Passt auf, die sieht baufällig aus«, warnte Boris. Goran stieg die Treppe hinauf. Das Haus stimmte mit der Beschreibung der Nonne überein. Die Tür stand offen, er brauchte nur leicht zu drücken. Der Fußboden war mit einer Dreckschicht überzogen, unter den Dielen trappelten aufgeschreckt die Mäuse davon. Goran erkannte das Sofa, obwohl außer einem Gerippe verrosteter Sprungfedern nicht viel übrig war. Der Schrank stand noch da. Der Kamin war teilweise eingefallen. Goran holte eine kleine Taschenlampe hervor, um die beiden hinteren Zimmer zu inspizieren. Inzwischen waren auch Boris und Stern eingetreten und sahen sich um. Goran öffnete die erste Tür. »Hier ist das Schlafzimmer.« Das Bett war fort. Wo es gestanden hatte, zeichnete sich auf dem Boden eine etwas hellere Fläche ab. Hier hatte Joseph B. Rockford seine Bluttaufe erhalten. Wer wusste schon, wer der Junge gewesen war, der vor zwanzig Jahren in diesem Zimmer ermordet worden war. »Die Leiche wird irgendwo in der Nähe vergraben sein«, sagte Goran. »Ich rufe die Totengräber und Chang an, sobald wir hier alles untersucht haben«, erbot sich Stern. Rosa war draußen geblieben und ging nervös auf und ab, die Hände wegen der Kälte in den Taschen vergraben. Nicla und Mila beobachteten sie vom Auto aus. »Du magst die Frau nicht«, sagte die Nonne. »Eigentlich mag sie mich nicht.« »Hast du mal versucht, dem auf den Grund zu gehen?« Mila sah sie schief an. »Bin jetzt etwa ich schuld dran?« »Nein, ich meine nur, dass wir uns unserer Sache sicher sein müssen, bevor wir einem Menschen etwas vorwerfen.« »Sie hatte mich vom ersten Tag an auf dem Kieker.« Nicla hob resigniert die Hände. »Dann nimm’s ihr nicht übel. Wenn du gehst, hast du auch das hinter dir.« Mila schüttelte den Kopf. Nicla war manchmal so unerträglich vernünftig. Im Haus verließ Goran das Schlafzimmer und trat vor die andere geschlossene Tür. Von einem zweiten Zimmer hatte das Medium nichts gesagt. Er leuchtete auf die Klinke und drückte sie hinunter. Der Raum war genauso groß wie das Zimmer nebenan. Und er war leer. Die Feuchtigkeit hatte die Wände angegriffen, in den Ecken wuchs Moos. Goran ließ den Lichtkegel durch den Raum wandern. An einer Wand blitzte etwas auf. Er hielt die Lampe darauf und sah fünf glänzende Bildchen, jedes etwa zehn Zentimeter breit. Goran trat näher und blieb dann wie angewurzelt stehen. An der Wand hingen, mit Reißzwecken befestigt, fünf Polaroidfotos. Debby. Anneke. Sabine. Melissa. Caroline. Auf den Bildern lebten sie noch. Albert war mit ihnen hier gewesen, bevor er sie getötet hatte. Und dann hatte er sie in diesem Zimmer, vor dieser Wand, verewigt. Ihr Haar war zerzaust, sie sahen elend aus. Die schreckgeweiteten Augen, rot vom Weinen, starrten ins Blitzlicht. Sie grüßten lächelnd. Er hatte sie zu dieser grotesken Pose vor der Kamera genötigt. Die mit Angst erzwungene Fröhlichkeit war grauenvoll. Debby hatte den Mund in unnatürlicher Heiterkeit verzerrt und sah aus, als würde sie gleich wieder in Tränen ausbrechen. Anneke hielt, in einer resignierten Pose, einen Arm in die Höhe, der andere hing an der Seite herab. Sabine war in einem Augenblick aufgenommen, als sie sich umsah und zu begreifen versuchte, was ihr kleines Kinderherz nicht verstand. Melissa blickte angespannt, kämpferisch drein. Aber es war klar, dass auch sie bald aufgeben würde. Caroline war ohne jede Regung, die Augen über dem Lächeln aufgerissen. Ungläubig. Erst nachdem er sie alle genau angesehen hatte, rief Goran seine Kollegen. Auf der Fahrt ins Studio herrschte tiefes Schweigen. Es würde eine lange Nacht werden. Niemand glaubte, nach einem solchen Tag schlafen zu können. Für Mila waren es bereits pausenlose achtundvierzig Stunden, in denen zu viel passiert war. Alberts Silhouette an der Wand in Yvonne Gress’ Villa. Ihr abendliches Gespräch zu Hause bei Goran, als sie ihm erzählt hatte, dass jemand sie verfolgte, und sie darüber gesprochen hatten, dass sich der Mann, den sie suchten, möglicherweise einer Komplizin bediente. Dann die Sache mit der Farbe von Sabines Augen, in deren Folge Roches falsches Spiel aufgeflogen war. Der Besuch in der gespenstischen Rockford-Villa. Das Massengrab. Lara Rockford. Die Sitzung mit Nicla Papakidis. Das Abtauchen in die Seele eines Serienmörders. Und schließlich die Fotos. Mila hatte in ihrer Laufbahn schon viele Fotos gesehen. Bilder von Kindern, aufgenommen am Meer oder bei einer Theateraufführung in der Schule. Verwandte oder die Eltern zeigten sie ihr, wenn sie sich auf die Suche machte. Kinder, die verschwanden und später – häufig nackt oder in Erwachsenenkleidung – auf anderen Fotos wiederauftauchten, in den Sammlungen von Pädophilen oder in der Kartei der Rechtsmedizin. Aber die fünf Fotos aus dem verlassenen Haus zeigten noch etwas anderes. Albert hatte gewusst, dass die Polizei früher oder später auf die Bilder stoßen würde. Albert erwartete sie. Hatte er etwa auch vorausgesehen, dass sie seinen Schüler Joseph mithilfe eines Mediums ausloten würden? »Er beobachtet uns seit dem ersten Tag«, hatte Gorans lakonischer Kommentar gelautet. »Und ist uns immer einen Schritt voraus.« Egal, was sie taten, Albert machte immer alles zunichte, wich aus, entzog sich, sinnierte Mila. Und jetzt hatten sie zudem das Gefühl, in Deckung gehen zu müssen. Der Gedanke belastete ihre Kollegen, mit denen sie ins Hauptquartier zurückfuhr. Und zwei Leichen fehlten noch. Das eine Mädchen war sicher tot. Das zweite würde sterben, wenn noch mehr Zeit verging. Niemand mochte es zugeben, doch es bestand kaum noch Hoffnung, den Tod des sechsten Mädchens zu verhindern. Niemand wusste, welches schreckliche Geheimnis mit der kleinen Caroline ans Licht kommen würde. Konnte es etwas Schlimmeres sein als das, was sie bisher entdeckt hatten? Wenn dem so war, dann bereitete Albert mit dem sechsten Mädchen ein großes Finale vor. Es war schon dreiundzwanzig Uhr vorbei, als Boris den Van vor dem Studio parkte. Er ließ alle aussteigen und schloss gerade den Wagen ab, als er sah, dass die anderen am Eingang warteten. Sie wollten ihn nicht allein lassen. Der Horror, den sie erlebt hatten, hatte sie zusammengeschweißt. Die Kollegen waren das Einzige, was ihnen blieb. Auch Mila war Teil der Gemeinschaft. Goran ebenfalls. Kurze Zeit waren sie ausgeschlossen gewesen, aber nur, weil Roche zwanghaft alles und jeden unter Kontrolle haben musste. Doch der Streit war beigelegt, das Unrecht verziehen. Langsam stiegen sie die Treppe hinauf. Stern legte Rosa den Arm um die Schultern. »Geh doch heute Abend nach Hause zu deiner Familie«, sagte er. Aber sie schüttelte nur energisch den Kopf. Mila verstand sie. Sie betraten das Studio und gingen durch den Flur, Boris schloss noch die Tür hinter sich ab. Als er die Kollegen einholte, standen sie da wie hypnotisiert. Er wusste nicht, was los war, bis er den Körper auf dem Boden liegen sah. Rosa stieß einen Schrei aus. Mila drehte sich um, sie ertrug es einfach nicht mehr. Stern bekreuzigte sich. Goran brachte keinen Ton heraus. Caroline, das fünfte Mädchen. Diesmal war die Kinderleiche für sie und niemanden sonst bestimmt. Justizvollzugsanstalt ■■■■■■■■■ Landgerichtsbezirk Nr.45 Bericht Nr.2, Direktor Dr. Alphonse Bérenger An die Oberstaatsanwaltschaft, Büro J.B. Marin z.Hd. von Staatsanwalt Matthew Sedris 16. Dez. d.J. Betr.: Untersuchungsergebnisse – vertraulich Sehr geehrter Herr Sedris, hiermit möchte ich Sie darüber informieren, dass die Einzelzelle des Häftlings Nummer RK-357/9 gestern Nacht unangekündigt inspiziert wurde. Zur Feststellung seines genetischen Fingerabdrucks wurde gemäß den Anweisungen Ihres Büros die Zelle nach Material abgesucht, das der Unbekannte zufällig verloren oder spontan während der normalen alltäglichen Aktivitäten zurückgelassen hat. Die Zelle war erstaunlicherweise vollkommen sauber. Wir schlossen daraus, dass der Häftling die Durchsuchung erwartet hatte. Vermutlich ist er permanent achtsam und hat jeden unserer Schritte vorausgesehen und einkalkuliert. Es steht zu befürchten, dass konkrete Ergebnisse nur möglich sein werden, wenn dem Häftling ein Fehler unterläuft oder sonst eine zufällige Änderung der Umstände eintritt. Doch vielleicht besteht eine Möglichkeit, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Wir haben festgestellt, dass Häftling Nummer RK-357/9 bisweilen Selbstgespräche führt, was möglicherweise auf die Einzelhaft zurückzuführen ist. Sie klingen wirr und sind zudem nur gemurmelt, doch wir würden – Ihr Einverständnis vorausgesetzt – dafür plädieren, vorsorglich ein Abhörgerät in der Zelle anzubringen und ihn auf Band aufzunehmen. Selbstverständlich werden wir weiterhin unangekündigt die Zelle inspizieren, um doch noch an DNA-Material zu gelangen. Zum Schluss möchte ich Sie noch darauf hinweisen, dass der Mann stets ruhig und zugänglich ist. Er klagt nie, und unsere Versuche, ihn zu einem Fehler zu verleiten, scheinen ihn nicht zu stören. Wir haben nicht mehr viel Zeit. In 86 Tagen müssen wir ihn entlassen. Hochachtungsvoll, Dr. Alphonse Bérenger, Gefängnisdirektor 33 Im früheren Studio, jetzt »Fundort fünf« genannt. 22.Februar Nichts würde mehr sein wie zuvor. Mit diesem bedrückenden Gedanken hatten sie sich in den Schlafsaal zurückgezogen, und jetzt warteten sie darauf, dass Chang und Krepp ihre Tatortarbeit abschlossen. Roche, den sie unverzüglich informiert hatten, konferierte seit über einer Stunde mit Goran. Stern lag, einen Arm im Nacken angewinkelt, in Cowboymanier auf der Pritsche und starrte an die Decke. Seiner Bügelfalte hatte der Stress der letzten Stunden nicht im Mindesten geschadet, auch der Krawattenknoten saß perfekt. Boris lag auf der Seite im Bett, aber er schlief nicht. Sein linker Fuß klopfte unentwegt nervös auf die Bettdecke. Rosa versuchte, mit dem Handy zu telefonieren, aber der Empfang war zu schwach. Mila beobachtete hin und wieder ihre Kollegen, ansonsten widmete sie sich dem Bildschirm ihres Notebooks. Sie hatte die Fotos hochgeladen, die am Abend von Sabines Entführung auf dem Rummelplatz geschossen worden waren. Sie waren schon gesichtet, ohne Erfolg, aber Mila wollte sie sich unter dem Blickwinkel, dass vielleicht eine Frau die Tat begangen hatte, noch einmal anschauen. »Ich möchte bloß wissen, wie zum Teufel er Carolines Leiche hier reingebracht hat …«, sagte Stern und äußerte damit die Frage, die sie alle quälte. »Ja, ich auch …«, pflichtete Rosa ihm bei. Das Bürogebäude, in dem das Studio lag, wurde nicht mehr so stark bewacht wie früher, als die Wohnung im Rahmen des Zeugenschutzprogramms benutzt wurde. Das Haus stand praktisch leer, und das Sicherungssystem war deaktiviert, aber immer noch konnte man das Apartment nur durch diese eine Tür betreten, und die war einbruchsicher. Boris tauchte aus seinem Pseudoschlaf auf. »Er ist zum Haupteingang rein«, meinte er lakonisch. Doch am meisten trieb sie die Frage um, wie Alberts Botschaft diesmal lautete. Zu welchem Zweck warf er einen solchen Schatten auf seine Jäger? »Meines Erachtens will er uns nur ausbremsen«, vermutete Rosa. »Wir waren zu nah an ihm dran, und jetzt hat er die Karten neu gemischt.« »Nein, Albert tut nichts von jetzt auf gleich«, warf Mila ein. »Jeder seiner Schritte ist sorgfältig geplant.« Rosa durchbohrte sie mit einem Blick. »Ja und? Was soll der Quatsch? Meinst du etwa, unter uns ist so ein beschissenes Monster?« »Davon war keine Rede«, mischte sich Stern ein. »Mila sagt nur, dass das Motiv an Alberts Plan gekoppelt sein muss. Es gehört zu dem Spiel, das er seit Anfang an mit uns treibt … Der Grund könnte mit diesem Ort zu tun haben, mit seiner früheren Verwendung.« »Ein alter Fall vielleicht«, fügte Mila hinzu, aber der Vorschlag ging ins Leere. Die Diskussion brach ab, als Goran das Zimmer betrat und die Tür hinter sich nur anlehnte. »Hört gut zu.« Er klang gehetzt. Alle wandten sich ihm zu. »Noch leiten wir hier die Ermittlungen, doch die Dinge gestalten sich kompliziert.« »Was heißt das?«, knurrte Boris. »Das werdet ihr gleich selbst feststellen, im Augenblick bitte ich euch einfach, Ruhe zu bewahren. Ich erkläre euch alles nachher …« »Nach was?« Goran kam nicht mehr dazu, eine Antwort zu geben, denn die Tür ging auf und Hauptkommissar Roche trat ein. Er war in Begleitung eines beleibten Mannes um die fünfzig mit zerknitterter Jacke, einem für den Stiernacken zu schmalen Schlips und einer erloschenen Zigarre zwischen den Zähnen. »Bleiben Sie ruhig liegen«, sagte Roche, obwohl niemand Anstalten gemacht hatte, auch nur zu grüßen. Der Hauptkommissar lächelte verkrampft, was wohl beruhigend sein sollte, jedoch nur beklemmend wirkte. »Meine Herrschaften, die Lage ist schwierig, aber wir schaffen das. Ich werde nicht zulassen, dass ein Psychopath die Arbeit meiner Leute untergräbt!« Wie immer legte er zu viel Emphase in den letzten Satz. »Ich habe daher in Ihrem ureigensten Interesse einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen und stelle Ihnen für die Ermittlungen jemanden zur Seite«, verkündete er, ohne den Mann neben sich vorzustellen. »Sie verstehen, eigentlich sollte ich Ihnen den Fall entziehen. Es ist wirklich ungeheuerlich – wir finden diesen Albert nicht, und er stattet uns hier einen Besuch ab! Im Einvernehmen mit Professor Gavila habe ich Polizeioberkommissar Mosca gebeten, Ihnen bis zum Abschluss des Falles unter die Arme zu greifen.« Keiner sagte ein Wort. Es war schon klar, worin der Beistand, in dessen Genuss sie kommen sollten, bestehen würde. Mosca würde die Kontrolle übernehmen und ihnen nur die Wahl lassen, ihn entweder zu unterstützen und vielleicht ein wenig Glaubwürdigkeit wiederzugewinnen, oder sich zu verabschieden. Terence Mosca war in Polizeikreisen bekannt wie ein bunter Hund. Er verdankte seinen Ruhm einer mehr als sechs Jahre währenden Tätigkeit als V-Mann in der Drogenszene. Er hatte Hunderte von Festnahmen und alle möglichen anderen Undercoveraktionen hinter sich. Doch mit Serientätern oder pathologischen Verbrechern hatte er noch nie zu tun gehabt. Roche hatte ihn aus einem einzigen Grund engagiert. Jahre zuvor hatte Mosca versucht, ihm den Sessel des Hauptkommissars streitig zu machen. Nach Lage der Dinge schien es Roche jetzt opportun, Mosca einzubinden; somit würde das Scheitern der Ermittlungen, mit dem er inzwischen fest rechnete, zum Teil auf seinen schlimmsten Rivalen zurückfallen. Das war riskant und zeigte, wie stark er unter Druck stand: Sollte Terence Mosca den Fall lösen, musste Roche ihm in der Hierarchie den Vortritt lassen. Bevor er zu reden begann, trat Mosca einen Schritt vor, um seine Eigenständigkeit gegenüber Roche zu verdeutlichen. »Der Rechtsmediziner und der Chef der Spurensicherung haben noch nichts gefunden, was uns irgendwie weiterhelfen könnte. Wir wissen nur, dass die Tür aufgebrochen wurde.« Boris hatte beim Öffnen der Tür keine Spuren eines Einbruchs bemerkt. »Der Täter hat sich alle Mühe gegeben, keine Spuren zu hinterlassen, um Ihnen die Überraschung nicht zu verderben.« Mosca stand da, die Hände in den Taschen vergraben, kaute auf seiner Zigarre herum und blickte in die Runde. Er wirkte nicht wie jemand, der grob sein wollte, aber es gelang ihm trotzdem. »Ich habe einige Beamte beauftragt, die Nachbarschaft nach möglichen Zeugen abzuklappern. Vielleicht kommen wir an ein Autokennzeichen … Über das Motiv, weshalb der Täter die Leiche ausgerechnet hier abgelegt hat, können wir nur spekulieren. Tun Sie sich keinen Zwang an, wenn Ihnen dazu was einfällt. Das ist im Moment alles.« Ohne irgendjemandem die Chance zu geben, etwas zu entgegnen oder hinzuzufügen, machte Terence Mosca auf dem Absatz kehrt und ging zur Leiche zurück. Roche blieb noch. »Sie haben nicht viel Zeit. Irgendeine Idee muss her, und zwar bald.« Dann verließ auch der Hauptkommissar das Zimmer. Goran schloss die Tür. »Was soll denn das?«, fragte Boris verärgert. »Wozu brauchen wir jetzt einen Wachhund?«, sprang Rosa ihm bei. »Ganz ruhig, ihr dürft das nicht missverstehen«, sagte Goran. »Kein Kollege wäre zu diesem Zeitpunkt besser geeignet als Oberkommissar Mosca. Ich war es, der um seine Mitarbeit gebeten hat.« Die anderen konnten es nicht fassen. »Ich weiß, was ihr denkt, aber auf diese Weise habe ich Roche ein Hintertürchen geöffnet und unsere Rolle bei den Ermittlungen gerettet.« »Offiziell sind wir noch im Spiel, aber es ist allgemein bekannt, dass Terence Mosca gern den scharfen Hund spielt.« »Aus dem Grund habe ich ihn ja vorgeschlagen. Ich kenne ihn, es stört ihn, wenn man ihm in die Quere kommt, wir haben also praktisch freie Hand. Wir müssen ihn nur über unsere Schritte auf dem Laufenden halten, das ist alles.« Es schien die beste Lösung, und doch blieb ein Rest des unguten Gefühls hängen. Stern schüttelte gereizt den Kopf. »Man wird uns mit Argusaugen beobachten.« »Soll Mosca doch Albert übernehmen, wir kümmern uns derweil um das sechste Mädchen …« Die Strategie klang gut: Fanden sie das Mädchen lebend, würde sich der Argwohn auflösen, der das Klima in der Ermittlergruppe vergiftete. »Ich glaube, Albert wollte uns mit Carolines Leiche eins auswischen. Denn auch wenn wir irgendwann aus dem Schneider sind – ein leiser Zweifel wird bleiben.« Er versuchte zwar, möglichst ruhig zu wirken, doch Goran wusste sehr wohl, dass seine Beteuerungen nicht ausreichten, um die Stimmung aufzuhellen. Seit der fünften Leiche beäugten sie einander argwöhnisch. Die meisten von ihnen kannten sich schon ewig, doch keiner hätte ausschließen können, dass nicht einer aus ihrem Kreis ein Geheimnis hütete. Das war Alberts eigentliches Ziel: einen Keil zwischen sie zu treiben. Goran fragte sich, wie lange es wohl noch dauerte, bis die Saat des Misstrauens unter ihnen ganz aufging. »Das letzte Kind hat nicht mehr viel Zeit«, stellte er fest. »Albert bringt seinen Plan demnächst zu Ende. Jetzt bereitet er nur noch das Finale vor. Er braucht dafür freie Bahn und hat uns aus dem Rennen geworfen. Wir haben also nur eine Möglichkeit, das Kind zu finden, und zwar mithilfe der einzigen Person unter uns, die über jeden Verdacht erhaben ist. Denn sie ist erst zu unserem Team gestoßen, nachdem Albert alles geplant hatte.« Mila fühlte sich unbehaglich, als die Blicke der anderen plötzlich auf ihr ruhten. »Du kannst dich viel freier bewegen als wir«, ermutigte Stern sie. »Was würdest du denn tun, wenn du allein zu entscheiden hättest?« Mila hatte tatsächlich eine Idee. Aber die hatte sie bislang für sich behalten. »Ich weiß, warum er nur Mädchen nimmt.« Die Frage hatten sie sich schon gestellt, als die Ermittlungen gerade erst angelaufen waren. Warum hatte Albert nicht auch Jungen entführt? Sexuelle Ziele verfolgte er nicht, denn er fasste die Mädchen nicht an. Er tötete sie lediglich. Warum also diese Präferenz? Mila glaubte, eine Erklärung gefunden zu haben. »Wegen der Nummer sechs mussten es Mädchen sein. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sie als Allererste ausgesucht hat und nicht als Letzte, wie wir glauben sollen. Die anderen sind nur deshalb Mädchen, weil er diesen Aspekt verschleiern will. Das sechste war das erste Objekt seiner Phantasie. Den Grund dafür kennen wir nicht. Vielleicht hat es eine spezielle Eigenschaft, die es von den anderen unterscheidet. Deshalb kann er gar nicht anders, als die Identität des Mädchens bis zum Schluss zu verheimlichen. Wir sollen wissen, dass eines der Mädchen noch lebt, doch wer es ist, dürfen wir auf keinen Fall erfahren.« »Weil uns dieses Wissen zu ihm führen könnte«, folgerte Goran. Doch das waren nur Vermutungen, die keinen Deut weiterhalfen. »Außer …«, sagte Mila, die sich denken konnte, was in den anderen vorging, »… außer zwischen uns und Albert gibt es schon immer eine Verbindung.« Sie hatte inzwischen keine Bedenken mehr, auch den anderen von den Verfolgungen zu erzählen – was hatten sie schon groß zu verlieren? »Zweimal war es. Allerdings war ich mir nur beim zweiten Mal wirklich sicher. Auf dem Kiesplatz vor dem Motel war es mehr ein Gefühl …« »Was denn?«, fragte Stern neugierig. »Jemand ist mir gefolgt. Vielleicht auch andere Male, das kann ich nicht beschwören, vielleicht habe ich es nicht immer gemerkt. Aber wieso? Um mich zu kontrollieren? Zu welchem Zweck? Ich besitze keine besonderen Informationen und laufe bei euch eher nebenher.« »Vielleicht solltest du auf eine falsche Fährte gelockt werden.« »Aber es gab doch nie eine richtige Fährte, außer, ich war tatsächlich irgendwann zufällig zu nahe dran.« »Aber als das vor dem Motel passierte, warst du gerade erst angekommen. Damit ist die These mit der falschen Fährte hinfällig«, sagte Goran. »Dann bleibt nur eine Erklärung … Ich soll eingeschüchtert werden.« »Und aus welchem Grund?«, fragte Rosa. Mila ignorierte sie. »In beiden Fällen hat sich der Verfolger nicht versehentlich verraten. Ich glaube sogar, dass er sich willentlich bemerkbar gemacht hat.« »Na gut, das haben wir jetzt kapiert. Aber wozu das alles?«, hakte Rosa nach. »Ich bitte dich, das ergibt doch keinen Sinn!« Mila drehte sich jäh zu ihr um. »Weil ich von Anfang als Einzige im Team in der Lage war, das sechste Mädchen zu finden.« Sie wandte sich wieder den anderen zu. »Nehmt es mir nicht übel, doch was ich bisher an Erfolgen vorweisen kann, spricht für sich. Mag sein, dass ihr großartig darin seid, Serientäter aufzustöbern. Aber ich finde Verschwundene. Das habe ich immer getan, und das kann ich.« Niemand widersprach. So gesehen, stellte Mila für Albert die größte Bedrohung dar, denn sie war als Einzige imstande, sein Vorhaben zu durchkreuzen. »Rekapitulieren wir: Er hat als Erstes das sechste Mädchen geraubt. Wenn ich sofort herausbekommen hätte, wer die Nummer sechs ist, wäre sein ganzer Plan gescheitert.« »Du hast es aber nicht herausbekommen«, sagte Rosa. »Vielleicht bist du ja doch nicht so gut.« Mila achtete nicht auf sie. »Vielleicht hat Albert einen Fehler gemacht, als er mir auf dem Platz vor dem Motel so nahe kam. Zu diesem Moment müssen wir zurückkehren.« »Wie denn? Sag bloß, du hast eine Zeitmaschine!« Mila lächelte. Rosa hatte, ohne es zu wissen, den Nagel auf den Kopf getroffen. Denn es gab eine Möglichkeit zurückzukehren. Sie wandte sich an Boris: »Hast du Erfahrung mit Hypnose?« »Jetzt entspann dich …« Boris’ Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Mila lag auf ihrer Pritsche, die Arme an den Seiten, die Augen geschlossen. Er saß neben ihr. »Zähl bis hundert.« Stern hatte ein Handtuch über den Lampenschirm gehängt, das Zimmer war in behagliches Dämmerlicht getaucht. Rosa hatte sich in ihr Bett verzogen. Goran saß in einer Ecke und beobachtete aufmerksam das Geschehen. Mila zählte langsam und deutlich. Allmählich atmete sie gleichmäßig und war dann vollkommen entspannt. »Was ich jetzt sage, siehst du genau vor dir. Bist du bereit?« Sie nickte. »Du bist auf einer großen Wiese. Es ist ein schöner Morgen, die Sonne scheint. Die Sonnenstrahlen wärmen dein Gesicht, es riecht nach Heu und Blumen. Du gehst barfuß, du spürst den kühlen Boden unter den Füßen. Du hörst einen Bach murmeln, der dich anlockt. Du gehst ans Ufer und hockst dich hin. Du schöpfst mit den Händen Wasser und trinkst. Es schmeckt köstlich.« Die Bilder waren nicht willkürlich gewählt: Boris beschwor alle diese Wahrnehmungen herauf, um die Kontrolle über Milas fünf Sinne zu erhalten. So brachte er sie leichter dazu, in der Erinnerung auf den Platz vor dem Motel zurückzukehren. »Du hast deinen Durst gestillt, und ich bitte dich jetzt, etwas für mich zu tun. Geh ein paar Tage zurück …« »Ja«, sagte sie. »Es ist Abend, und ein Kollege hat dich gerade am Motel abgesetzt …« »Es ist kalt«, sagte Mila sofort. Goran meinte zu sehen, dass sie fröstelte. »Und was ist da noch?« »Der Beamte, der mich gefahren hat, nickt mir zu und wendet. Ich stehe allein auf dem Platz.« »Wie sieht der Platz aus? Beschreib ihn.« »Er ist ziemlich dunkel, außer dem Neonschild, das im Wind quietscht. Ich stehe vor den Bungalows, aber in keinem brennt Licht. Ich bin heute Nacht der einzige Gast. Hinter den Bungalows stehen hohe Bäume, die sich in den Kronen wiegen. Der Platz ist gekiest.« »Jetzt geh los …« »Ich höre nur meine Schritte.« Fast war das Knirschen auf dem Kies zu hören. »Wo bist du jetzt?« »Auf dem Weg zu meinem Zimmer komme ich am Büro des Portiers vorbei. Es ist niemand da, aber der Fernseher läuft. Ich habe eine Papiertüte mit zwei Käsetoasts dabei, mein Abendessen. Der Atem gefriert in der kalten Luft, ich beeile mich. Meine Schritte auf dem Kies sind das einzige Geräusch, das mich begleitet. Mein Bungalow ist der letzte in der Reihe.« »Gut machst du das.« »Es fehlen nur noch ein paar Meter, ich hänge meinen Gedanken nach. Ich übersehe eine kleine Vertiefung im Boden und stolpere. Da höre ich es.« Goran beugte sich instinktiv mit dem Oberkörper zu Milas Bett, als könnte er sie so vor der drohenden Gefahr schützen. »Was hörst du?« »Einen Schritt auf dem Kies, hinter mir. Jemand ahmt meinen Gang nach. Er will sich mir nähern, ohne dass ich es merke. Aber er hat den Rhythmus meiner Schritte verloren.« »Und was tust du jetzt?« »Ich versuche, Ruhe zu bewahren, aber ich habe Angst. Ich gehe in unverändertem Tempo zu meinem Bungalow, obwohl ich am liebsten rennen würde. Ich denke nach.« »Worüber?« »Dass es zwecklos ist, die Pistole zu ziehen, denn wenn er bewaffnet ist, schießt er viel schneller als ich. Ich denke auch daran, dass im Büro der Fernseher läuft und er den Portier schon umgebracht hat. Und dass jetzt ich dran bin … Ich spüre Panik aufsteigen.« »Aber du behältst die Kontrolle über dich.« »Ich krame in der Tasche nach dem Schlüssel, weil ich nur so in mein Zimmer komme … Vorausgesetzt, er lässt mich.« »Du konzentrierst dich auf die Tür. Es sind nur noch wenige Meter, richtig?« »Ja. Nur die Tür ist in meinem Blickfeld, alles andere um mich herum ist verschwunden.« »Aber jetzt siehst du es wieder …« »Ich versuche es.« »Das Blut pulsiert in deinen Adern, das Adrenalin fließt, deine Sinne sind hellwach. Beschreib jetzt, was du schmeckst.« »Mein Mund ist trocken, aber ich schmecke säuerlichen Speichel.« »Was ertastest du?« »Den kalten Zimmerschlüssel in meiner schweißnassen Hand.« »Was riechst du?« »In der Luft liegt ein seltsamer Geruch nach zersetzten Abfällen. Rechts von mir stehen Mülltonnen. Und es riecht nach Kiefernnadeln und Harz.« »Was siehst du?« »Die Tür des Bungalows, sie ist gelb, der Lack ist abgeblättert. Und die drei Stufen, die auf die Veranda führen.« Den wichtigsten Sinn hatte Boris für den Schluss aufgehoben, denn das Einzige, was Mila von ihrem Verfolger wahrgenommen hatte, war ein Geräusch gewesen. »Was hörst du?« »Nichts, nur meine Schritte.« »Hör genau hin.« Goran sah, dass sich zwischen Milas Augen vor Anstrengung eine Falte bildete. »Jetzt! Jetzt kann ich seine Schritte heraushören!« »Sehr gut. Konzentrier dich.« Mila gehorchte. Dann sagte sie: »Was war das?« »Ich weiß es nicht«, antwortete Boris. »Du bist allein dort, ich habe nichts gehört.« »Da war aber was!« »Was denn?« »Dieses Geräusch …« »Welches Geräusch?« »Irgendwie … metallisch. Ja! Etwas aus Metall fällt herunter! Es fällt auf den Boden, auf den Kies!« »Beschreib es genauer.« »Ich weiß nicht …« »Komm schon.« »Es ist … eine Münze …« »Eine Münze, bist du sicher?« »Ja! Eine Centmünze! Sie ist auf den Boden gefallen, und er hat es nicht gemerkt.« Eine unerhoffte Spur. Sie mussten die Münze im Kies finden. Und die Fingerabdrücke sicherstellen. So konnten sie womöglich den Verfolger identifizieren. Hoffentlich war es Albert. Mila hielt die Augen geschlossen und wiederholte unentwegt: »Eine Münze! Eine Münze!« Boris übernahm wieder die Kontrolle. »Gut, Mila. Du wachst jetzt wieder auf. Ich zähle bis fünf, dann klatsche ich in die Hände, und du öffnest die Augen.« Er zählte langsam und deutlich: »Eins, zwei, drei, vier … und fünf!« Mila schlug die Augen auf. Sie machte einen verwirrten, verlorenen Eindruck. Sie wollte sich aufrichten, aber Boris legte ihr eine Hand auf die Schulter und drückte sie sanft nach unten. »Noch nicht«, sagte er. »Sonst wird dir schwindlig.« »Hat es funktioniert?«, fragte sie und musterte ihn eindringlich. Boris grinste: »Sieht nicht schlecht aus.« Ich muss sie unbedingt finden, dachte sie und fuhr mit der Hand durch den Kies, es geht um meine Glaubwürdigkeit … um meine Existenz. Sie musste sich beeilen. Die Zeit war knapp. Aber sie musste ja nur ein paar Meter weit den Kies absuchen. Genau die Meter, die sie von dem Bungalow trennten, wie neulich abends. Sie kroch auf allen vieren im Kies und kümmerte sich nicht darum, dass ihre Jeans schmutzig wurden. Sie wühlte mit den Händen in den weißen Kieselsteinen, kleine blutige Wunden hoben sich an den staubigen Knöcheln ab. Es tat weh, aber das störte sie nicht, im Gegenteil, es half ihr, sich zu konzentrieren. Die Münze, dachte sie immerzu, wieso habe ich das nicht schon damals bemerkt? Sie war vor den anderen zum Motel gefahren, weil sie niemandem mehr traute. Und sie hatte das Gefühl, dass die Kollegen ihr auch nicht mehr trauten. Ich muss mich beeilen!, sagte sie unentwegt zu sich selbst. Sie arbeitete sich durch die Kiesel, indem sie sie hinter sich warf, und biss sich dabei auf die Unterlippe. Sie war nervös. Wütend auf sich und die ganze Welt. Aus unerfindlichen Gründen musste sie an eine Episode aus ihrer Zeit als Absolventin der Polizeischule zurückdenken. Schon damals fiel sie durch ihr verschlossenes Wesen und ihre Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen auf. Sie fuhr Streife mit einem älteren Kollegen, der sie nicht ausstehen konnte. Sie verfolgten einen Verdächtigen durch die Gassen des chinesischen Viertels. Der Mann war zu schnell und entwischte, aber der Kollege glaubte gesehen zu haben, dass er auf seiner Flucht auf der Rückseite eines Lokals etwas in ein Austernbecken geworfen hatte. Er zwang sie, sich in das brackige Wasser zu stellen, das ihr bis ans Knie reichte, und zwischen den vergammelten Muscheln zu wühlen. Da war natürlich nichts. Wahrscheinlich hatte er ihr als Neuling nur einen Denkzettel verpassen wollen. Seitdem konnte sie keine Austern mehr essen. Aber sie hatte eine wichtige Lektion gelernt. Auch die Kiesel waren für sie wie eine Probe. Sie wollte sich beweisen, dass sie immer noch fähig war, aus allem das Beste herauszuholen, so wie sie damals schon das Beste geben wollte. Und genau bei diesem Gedanken schoss es ihr durch den Kopf: Wie damals der ältere Kollege machte sich auch jetzt jemand lustig über sie. Da war gar keine Münze. Alles Lug und Trug. Mila fiel es wie Schuppen von den Augen. Als sie den Kopf hob, sah sie Rosa auf sich zukommen. Sie war entlarvt, in ihrer Ohnmacht verflog der Zorn, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Er hat deine Tochter, nicht wahr? Sie ist das sechste Mädchen.« 34 Im Traum sieht sie ihre Mutter. Sie spricht mit ihrem Zauberlächeln mit ihr – so nennt sie es insgeheim, weil es so schön ist. Wenn sie nicht sauer ist, dann ist sie der netteste Mensch der Welt, aber das kommt immer seltener vor. Im Traum erzählt ihre Mutter von sich, aber auch vom Vater. Ihre Eltern verstehen sich wieder und streiten nicht mehr. Mama erzählt, wie es in der Arbeit läuft und was sie ohne sie zu Hause machen, sie zählt sogar die Videos auf, die sie sich ansehen. Aber nicht ihre Lieblingsfilme. Mit denen warten sie auf sie. Es freut sie, dass sie das sagt. Sie würde gern fragen, wann sie wieder nach Hause kann. Doch ihre Mutter kann sie im Traum nicht hören. Es ist, als würde sie über einen Bildschirm sprechen. Sie kann sich noch so sehr anstrengen, es tut sich nichts. Und jetzt wirkt das Lächeln in Mamas Gesicht fast kalt. Sacht streicht ihr etwas übers Haar, und sie wacht auf. Eine kleine Hand fährt an ihrem Kopf entlang zum Kissen, immer wieder, und jemand murmelt zärtlich ein Lied. »Du bist das!« Sie freut sich so, dass sie ganz vergisst, wo sie sich befindet. Jetzt zählt nur, dass sie sich dieses Mädchen nicht eingebildet hat. »Ich hab so auf dich gewartet«, sagt sie. »Ich weiß, es ging nicht früher.« »Durftest du nicht?« Das Mädchen schaut sie mit ihren großen dunklen Augen an: »Nein, ich hatte zu tun.« Sie weiß nicht, womit das Mädchen so beschäftigt gewesen sein kann, dass es keine Zeit für einen Besuch hatte. Aber das ist jetzt egal. Sie will tausend Fragen stellen. Und fängt mit der dringendsten Frage an. »Warum sind wir hier?« Sie könnte schwören, dass das Mädchen auch gefangen ist. Obwohl nur sie an ein Bett gefesselt ist, während das Mädchen anscheinend nach Lust und Laune durch den Bauch des Ungeheuers spaziert. »Ich wohne hier.« Sie ist fassungslos. »Und ich? Wieso bin ich hier?« Das Mädchen sagt nichts und konzentriert sich wieder auf die Haare. Sie begreift, dass es der Frage ausweicht, und hakt erst einmal nicht nach. »Wie heißt du?« Das Mädchen lächelt. »Gloria.« Doch sie sieht genauer hin. »Nein…« »Was – nein?« »Ich kenne dich … Du heißt nicht Gloria …« »Doch.« Sie versucht, sich zu erinnern. Sie hat sie schon mal gesehen, ganz sicher. »Du warst auf der Milchpackung!« Das Mädchen sieht sie verständnislos an. »Ja! Und auf den Plakaten war dein Gesicht auch! Überall in der Stadt. In meiner Schule, im Supermarkt. Es ist schon länger her …« Wann war das? Sie war noch in der vierten. »Vor drei Jahren.« Das Mädchen versteht immer noch nicht. »Ich bin noch nicht lange hier. Höchstens vier Wochen.« »Nein, das stimmt nicht! Mindestens drei Jahre!« Das Mädchen glaubt ihr nicht. »Das ist nicht wahr.« »Doch, es gab sogar einen Appell von deinen Eltern im Fernsehen!« »Meine Eltern sind tot.« »Nein, sie leben! Und du heißt … Linda! Du heißt Linda Brown!« Das Mädchen erstarrt. »Ich heiße Gloria! Die Linda, die du meinst, ist jemand anders. Du verwechselst uns«, sagt es, aber ihm bricht fast die Stimme. Sie beschließt, nicht weiter nachzubohren. Sie hat Angst, dass das Mädchen sonst weggeht und sie wieder allein ist. »Schon gut, Gloria. Wie du meinst. Ich habe mich wohl getäuscht. Entschuldige.« Das Mädchen nickt zufrieden. Und als ob nichts gewesen wäre, kämmt es wieder mit den Fingern ihre Haare und summt dazu. Sie versucht es anders. »Ich bin sehr krank, Gloria. Ich kann meinen Arm nicht bewegen und habe Fieber. Ich verliere dauernd das Bewusstsein …« »Es geht dir bestimmt bald besser.« »Ich brauche einen Arzt.« »Ärzte bauen nur Mist.« Der Satz klingt unpassend aus Glorias Mund. Als hätte sie ihn von irgendjemandem gehört, immer wieder, bis er in ihren eigenen Wortschatz eingegangen ist. Und jetzt wiederholt sie den Satz für sie. »Ich werde sterben, ich spüre es.« Gloria quellen zwei dicke Tränen aus den Augen. Sie hört auf zu streicheln und wischt sie sich von den Wangen. Dann starrt sie schweigend auf ihre Finger. »Hast du verstanden, was ich gesagt habe, Gloria? Wenn du mir nicht hilfst, muss ich sterben.« »Steve hat gesagt, dass du wieder gesund wirst.« »Wer ist Steve?« Gloria wirkt abwesend, antwortet aber dennoch. »Steve hat dich hergebracht.« »Entführt, meinst du wohl!« Wieder starrt Gloria sie an. »Steve hat dich nicht entführt.« So sehr sie auch fürchtet, Gloria erneut zu verärgern, sie kann in diesem Punkt nicht klein beigeben. Ihr Leben hängt davon ab. »Doch, und dich auch. Ganz sicher.« »Das stimmt nicht. Er hat uns gerettet.« Sie reagiert aufgebracht, ohne es zu wollen. »Was für einen Quatsch redest du da? Wovor denn gerettet?« Das Mädchen schwankt. Sein Blick wird leer und dann merkwürdig furchtsam. Es taumelt nach hinten, und sie kann es gerade noch am Handgelenk packen. Gloria will weglaufen und versucht, sich zu befreien, aber sie wird sie ohne eine Antwort nicht gehen lassen. »Vor wem gerettet?« »Vor Frankie.« Gloria beißt sich auf die Lippen. Sie wollte es nicht sagen. Aber sie hat es gesagt. »Wer ist Frankie?« Das Mädchen entwindet sich ihrem Griff, sie ist einfach zu schwach. »Besuchst du mich wieder?« Gloria entfernt sich. »Nein, warte! Geh nicht weg!« »Du musst jetzt schlafen.« »Nein, bitte! Du kommst nie mehr!« »Doch, ich komme wieder.« Das Mädchen geht hinaus. Sie bricht in Tränen aus. Ein bitterer Klumpen der Verzweiflung steigt in ihr hoch und zerbirst in der Brust. Sie schluchzt zuckend, ihre Stimme zerreißt, als sie ins Nichts schreit. »Bitte! Wer ist Frankie?« Doch niemand antwortet. 35 »Sie heißt Sandra.« Terence Mosca schrieb den Namen als Überschrift in seinen Notizblock »Wann ist sie entführt worden?« Rosa setzte sich, wohl in dem Versuch, ihre Gedanken zu ordnen, auf dem Stuhl zurecht und sagte: »Vor siebenundvierzig Tagen.« Mila hatte recht: Sandra war vor den fünf anderen Mädchen verschleppt worden. Und dann hatte Albert sie benutzt, um ihre Blutsschwester Debby Gordon anzulocken, wie sie nun wussten. Die beiden Mädchen hatten sich eines Nachmittags im Park kennengelernt, als sie beide an der Reitbahn den Pferden zusahen. Sie wechselten ein paar Worte und waren sich sofort sympathisch. Debby war traurig, weil sie Heimweh hatte. Sandra, weil ihre Eltern sich getrennt hatten. Der Kummer einte sie, deshalb waren sie sofort Freundinnen geworden. Beide hatten einen Geschenkgutschein für einmal Reiten bekommen. Es war kein Zufall gewesen. Albert hatte die Begegnung arrangiert. »Wo wurde Sandra entführt?« »Auf dem Weg zur Schule«, sagte Rosa. Mosca nickte. Alle – auch Stern und Boris – saßen in dem weiträumigen Archiv im ersten Stock des Polizeigebäudes. Oberkommissar Mosca hatte diesen ungewöhnlichen Ort gewählt, damit die Nachricht nicht nach außen drang, außerdem wollte er nicht, dass das Gespräch wie eine Vernehmung aussah. Um die Uhrzeit war der Saal leer. Von der Stelle, an der sie saßen, erstreckten sich lange Gänge mit aktengefüllten Regalen. Licht spendete nur die Lampe über dem Tisch, um den sie sich versammelt hatten. Stimmen und Geräusche verloren sich in der Weite des Raums und im Dunkeln. »Was wissen Sie von Albert?« »Ich habe ihn nie gesehen und nie gehört. Ich weiß nicht, wer er ist.« Rosa befand sich noch nicht offiziell in Polizeigewahrsam. Doch sie würde in Bälde wegen Beihilfe in mehreren Fällen von Freiheitsberaubung und der Ermordung Minderjähriger vor Gericht gestellt werden. Mila hatte schließlich dazu beigetragen, dass Rosas falsches Spiel aufgedeckt worden war. Nach dem Gespräch mit der Mutter von Sabine war ihr die Idee gekommen, dass Albert vielleicht eine Frau vorgeschickt hatte, damit die Entführung trotz der vielen Menschen unbemerkt vonstattengehen konnte. Aber nicht irgendeine Komplizin, sondern eine, die selbst erpressbar war. Die Mutter des sechsten Mädchens zum Beispiel. Als sie in ihrem Notebook die Schnappschüsse vom Rummelplatz durchgeblättert hatte, fiel ihr auf einem Foto eine Haarmähne und ein schemenhaftes Profil auf, die ihr ein starkes Kribbeln im Nacken verursachten. Doch erst vor dem Motel auf der Suche nach dem angeblichen Centstück hatten Haarmähne und Profil einen Namen bekommen. Sarah Rosa. »Warum Sabine?«, fragte Mosca. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Rosa. »Er hat mir ein Foto zukommen und mich wissen lassen, wo ich sie finden würde, das war alles.« Mosca fuhr fort: »Ihm war also bekannt, wo sich die Familien aufhielten.« »Ich vermute es. Seine Instruktionen an mich waren immer sehr präzise.« »Wie hat er Ihnen die Anweisungen übermittelt?« »Ausschließlich per E-Mail.« »Haben Sie nicht versucht, sie zurückzuverfolgen?« Eine rhetorische Frage: Rosa war Computerspezialistin. Wenn sie es nicht schaffte, wer dann? »Aber ich habe alle Mails aufgehoben.« Sie blickte ihre Kollegen an. »Er ist sehr clever, müsst ihr wissen.« Als wollte sie sich rechtfertigen. »Und er hat mein Kind«, fügte sie hinzu. Sie sah nur Mila nicht an. Ihr war sie vom ersten Tag an mit Feindseligkeit begegnet, weil Mila tatsächlich als Einzige die Identität des sechsten Mädchens hätte herausfinden können, doch damit wäre das Leben ihrer Tochter in Gefahr gewesen. »Haben Sie die Kollegin Vasquez in seinem Auftrag gemobbt?« »Nein, das war meine Idee. Mila wäre mir in die Quere gekommen.« Sie wollte ihr einen letzten Seitenhieb verpassen. Aber Mila verzieh ihr. Sie dachte an Sandra, an das Mädchen mit den Essstörungen, das einem Psychopathen ausgeliefert war, das einen Arm verloren hatte und unsägliche Qualen litt. Tagelang hatte sie wie besessen versucht, ihre Identität zu ermitteln. Jetzt hatte das Mädchen endlich einen Namen. »Sie haben also die Kollegin Vasquez zweimal verfolgt, damit sie es mit der Angst zu tun bekommt und sich aus dem Fall zurückzieht.« »Ja.« Mila erinnerte sich, dass sie nach der Verfolgung im Auto ins Studio gegangen war und dort niemanden angetroffen hatte. Boris hatte ihr eine SMS geschickt, sie seien alle im Haus von Yvonne Gress. Sie war nachgekommen. Rosa hatte noch neben dem Mannschaftswagen gestanden. Mila hatte sich nichts dabei gedacht, die Verzögerung war ihr nicht verdächtig vorgekommen. Vielleicht hatte Rosa sie auch absichtlich attackiert und verunsichert, damit sie keine Zeit hatte nachzudenken. Übrigens hat er dich angelogen … Ich habe nämlich gegen dich gestimmt. Aber das hatte sie in Wirklichkeit gar nicht getan, denn sonst wären die anderen argwöhnisch geworden. Terence Mosca ließ sich Zeit. Er notierte sich Rosas Antworten in seinem Block und dachte nach, bevor er die nächste Frage stellte. »Was haben Sie sonst noch für ihn getan?« »Ich war heimlich in Debby Gordons Zimmer im Internat. Ich habe ihr Tagebuch aus der Blechdose geholt und das Schloss so aufgebrochen, dass niemand es merkt. Dann habe ich die Fotos, auf denen auch meine Tochter zu sehen war, von der Wand genommen. Und ich habe den GPS-Sender deponiert, der euch dann zu dem Fundort im Waisenhaus geführt hat.« »Haben Sie nie überlegt, dass Ihnen über kurz oder lang jemand auf die Schliche kommen könnte?«, fragte Mosca. »Hatte ich denn eine Wahl?« »Sie haben die Leiche des fünften Mädchens ins Studio gelegt.« »Ja.« »Sie sind mit Ihrem Schlüssel rein und haben den Aufbruch der Sicherheitstür simuliert.« »Damit niemand Verdacht schöpft.« Mosca musterte sie einen langen Augenblick. »Warum sollten Sie den Leichnam ins Studio bringen?« Auf diese Frage hatten alle gewartet. »Ich weiß es nicht.« Mosca atmete tief durch die Nase ein. Das bedeutete wohl, dass er das Gespräch für beendet hielt. Er wandte sich an Goran Gavila. »Das genügt wohl. Außer, Sie haben auch noch Fragen, Herr Professor.« »Keine weiteren Fragen«, sagte Goran. Dann sagte Mosca: »Sarah Rosa, ich rufe in zehn Minuten den Staatsanwalt an, der das Ermittlungsverfahren gegen Sie einleiten wird. Dieses Gespräch bleibt wie vereinbart unter uns, aber ich rate Ihnen, sich nur in Anwesenheit eines guten Anwalts zu der Sache zu äußern. Eine letzte Frage: Ist außer Ihnen noch jemand in die Angelegenheit verwickelt?« »Falls Sie meinen Mann meinen, der weiß von nichts. Wir lassen uns gerade scheiden. Als Sandra verschwand, habe ich ihn sofort unter einem Vorwand rausgeworfen, damit er nichts mitkriegt. Wir haben in letzter Zeit oft gestritten, weil er unsere Tochter sehen wollte und glaubte, ich würde sie ihm vorenthalten.« Mila erinnerte sich an die Szene vor dem Studio, als die beiden heftig miteinander diskutierten. »Gut.« Mosca stand auf. Dann sagte er, auf Rosa deutend, zu Boris und Stern: »Ich schicke gleich einen Kollegen, der ihr die Festnahme erklärt.« Die beiden Beamten nickten. Mosca bückte sich und hob seine Ledertasche auf. Mila sah, dass er seinen Notizblock neben einen gelben Ordner steckte. Auf dem Deckel konnte sie ein paar maschinengeschriebene Buchstaben ausmachen: »W … on« und »P«. Wilson Pickett, dachte sie. Terence Mosca ging, gefolgt von Goran, langsam zur Tür. Mila blieb mit Boris und Stern bei Rosa. Die beiden Männer schwiegen und vermieden es, die Kollegin anzusehen, die sich ihnen nicht anvertraut hatte. »Es tut mir so leid«, sagte sie mit Tränen in den Augen. Und dann noch einmal: »Ich hatte keine Wahl …« Boris antwortete nicht, er explodierte fast vor Wut. Stern sagte nur: »Ist gut, ganz ruhig jetzt …« Aber es klang halbherzig. Rosa blickte die beiden flehend an: »Findet mein Kind. Bitte!« Viele Menschen glauben – zu Unrecht –, ein Serienmörder sei immer sexuell motiviert. Mila hatte auch zu ihnen gehört, bevor sie zum Fall Albert hinzugezogen worden war. Es gibt verschiedene Arten von Serientätern, je nach dem, welches Ziel sie verfolgen. Der visionäre Typus tötet, weil er von einem Alter Ego beherrscht wird, mit dem er kommuniziert und von dem er Instruktionen erhält, bisweilen in Form von Visionen oder einfach Stimmen. Sein Verhalten mündet häufig in eine Psychose. Der missionarische Typus setzt sich unbewusst ein bestimmtes Ziel. Er schwingt sich zum Weltverbesserer auf und fühlt sich berufen, bestimmte Personengruppen zu eliminieren: Homosexuelle, Prostituierte, Ehebrecher, Rechtsanwälte, Finanzbeamte und so weiter. Der machtorientierte Typus hat wenig Selbstbewusstsein. Er zieht Befriedigung aus der Kontrolle über Leben und Tod der Opfer. Der Sexualakt ist Teil der Tat, dient aber nur der Erniedrigung. Schließlich der hedonistische Typ. Er tötet aus Lust am Töten. Zu diesem Typus zählt, als Unterkategorie, auch der Täter mit sexuellen Motiven. Benjamin Gorka passte in alle vier Kategorien. Visionen trieben ihn dazu, ausschließlich Prostituierte zu töten, nachdem er sie vergewaltigt hatte, weil er keine normale Beziehung zum anderen Geschlecht führen konnte. Und das alles verschaffte ihm Lust. Sechsunddreißig Morde konnten ihm nachgewiesen werden, auch wenn er nur in acht Fällen seine Schuld zugab. Man befürchtete, dass er noch viel mehr Frauen getötet, die menschlichen Überreste aber geschickt beseitigt hatte. Er war fünfundzwanzig Jahre lang aktiv, bevor er gefasst wurde. Es war vor allem deshalb so schwierig gewesen, seiner habhaft zu werden, weil er an so vielen verschiedenen und weit auseinanderliegenden Orten zuschlug. Goran und die Mordkommission spürten ihn nach dreijähriger konzentrierter Jagd auf. Sie hatten die Daten zu den verschiedenen Mordfällen in den Computer eingespeist und eine Weg-Zeit-Grafik erstellt. Als sie die auf eine Straßenkarte legten, stellten sie fest, dass die Linien des Diagramms exakt mit festen Lkw-Routen übereinstimmten. Benjamin Gorka war Lastwagenfahrer. Er wurde an Heiligabend auf einer Autobahnraststätte festgenommen. Doch wegen eines Fehlers der Anklage während des Prozesses war er für nicht voll zurechnungsfähig erklärt und in ein Heim für psychisch erkrankte Kriminelle eingeliefert worden, das er seitdem nicht mehr verlassen hatte. Bei seiner Verhaftung erfuhren die Menschen den Namen eines der brutalsten Mörder in der Geschichte des Landes. Bei Goran und seinen Leuten hieß Benjamin Gorka dagegen nur Wilson Pickett. Zwei Polizisten nahmen Rosa mit, und Mila wartete, bis auch Boris und Stern fort waren. Sie wollte allein im Archiv sein. Dann durchsuchte sie die Regale, bis sie schließlich eine Kopie der Akte fand. Sie blätterte darin, entdeckte jedoch keinen Hinweis darauf, warum der Mörder nach dem berühmten Sänger benannt worden war. Dafür stieß sie auf das Foto der hübschen jungen Frau, das sie an ihrem ersten Tag im Studio an der Wand hatte hängen sehen. Sie hieß Rebecca Springer und war Gorkas letztes Opfer. Viel mehr stand nicht in der Akte. Mila fragte sich, wieso der Fall für die Kollegen des Teams anscheinend immer noch eine offene Wunde war, und sie dachte daran, was Boris diesbezüglich zu ihr gesagt hatte: »Eine ungute Geschichte. Fehler wurden gemacht, man drohte, die Ermittlergruppe aufzulösen und Goran den Laufpass zu geben. Roche hat sich schützend vor uns gestellt und dafür gesorgt, dass wir unsere Posten behalten dürfen.« Es war also etwas schiefgelaufen. Aber in der Akte, die sie in Händen hielt, stand nichts von Fehlern, sondern nur etwas von »beispielloser Operation« und »hervorragender Arbeit«. Da konnte also etwas nicht stimmen. Mila suchte das Protokoll von Gorans Aussage vor Gericht heraus. Goran hatte Benjamin Gorka als hochgradigen Psychopathen bezeichnet, der in der Natur so selten vorkomme wie ein weißer Tiger. Und hinzugefügt: »Solche Menschen sind schwer zu fassen. Äußerlich sind sie scheinbar völlig normal, ganz gewöhnliche Männer. Doch wenn man an der Oberfläche kratzt, tritt ihr inneres ›Ich‹ zutage, das viele von ihnen als ›Tier‹ bezeichnen. Gorka hat es mit seinen Träumen ernährt, mit seinen Phantasien gefüttert. Manchmal musste er mit ihm kämpfen. Vielleicht hat er es auch eine Zeit lang niedergerungen. Doch am Ende musste er sich immer wieder mit ihm einigen. Es gab nur eine Möglichkeit, das Tier zum Schweigen zu bringen. Er musste es zufriedenstellen. Es hätte ihn sonst von innen aufgefressen.« Während sie aufmerksam las, meinte Mila Gorans Stimme zu hören. »Eines Tages gab es einen Bruch zwischen der Realität und dem Traumhaften. Damals begann Benjamin Gorka zu projizieren, was er bis dato nur phantasiert hatte. Der Instinkt zu töten steckt in jedem von uns. Gottlob wirkt ein Mechanismus in uns, mit dessen Hilfe wir diesen Instinkt ausbremsen und beherrschen. Doch es existiert immer ein kritischer Punkt.« Ein kritischer Punkt …, dachte Mila. Sie las weiter und blieb an einer anderen Passage hängen: »… und der Akt muss bald wiederholt werden. Denn die Wirkung verpufft, die Erinnerung verblasst, Unzufriedenheit und Widerwille schleichen sich ein. Die Phantasien genügen nicht mehr, das Ritual bedarf der Wiederholung. Das Bedürfnis muss befriedigt werden. Immer und immer wieder.« Mila entdeckte ihn draußen, er saß auf einer Stufe der eisernen Feuerleiter. Er hielt eine brennende Zigarette locker zwischen zwei Fingern und wollte gerade daran ziehen. »Aber nicht meiner Frau sagen«, bat Stern, als sie zu ihm trat. »Keine Sorge, das bleibt unter uns«, beruhigte Mila ihn und setzte sich zu ihm. »Nun, was kann ich für dich tun?« »Woher weißt du, dass ich mit einer Bitte komme?« Stern hob zur Antwort nur eine Augenbraue. »Albert wird sich nicht fassen lassen, das weißt auch du«, sagte Mila. »Ich glaube, er hat seinen Tod schon geplant. Der ist ein Teil des Ganzen.« »Soll er meinetwegen krepieren. Ich weiß, dass es nicht christlich ist, so was zu sagen, aber so ist es.« Mila sah ihn ernst an. »Er kennt euch, Stern. Er weiß viel über euch, sonst hätte er nicht für die Leiche im Studio gesorgt. Er muss auch frühere Fälle eurer Mordkommission verfolgt haben. Er weiß, wie ihr vorgeht, und ist uns deshalb immer einen Schritt voraus. Und ich glaube, am besten kennt er Goran …« »Wie kommst du darauf?« »Ich habe Gorans Aussage im Prozess zu einem alten Fall gelesen, und es ist, als wollte Albert Gorans Theorien widerlegen. Er passt als Serientäter in keine Schublade. Er leidet offensichtlich nicht an einer narzisstischen Störung, denn er lenkt die Aufmerksamkeit nicht auf sich selbst, sondern auf andere Verbrecher. Ihn leitet keineswegs ungezügelter Instinkt, denn er hat sich sehr gut unter Kontrolle. Es geht ihm nicht um Lustgewinn, sondern anscheinend um einen Machtkampf, den er angezettelt hat. Wie erklärst du dir das?« »Ganz einfach: Ich kann es mir nicht erklären. Und es interessiert mich auch nicht.« »Wie kann dir das egal sein?«, fragte Mila entgeistert. »Ich habe nicht gesagt, dass es mir egal ist, ich habe gesagt, es interessiert mich nicht. Das ist etwas anderes. Wir haben übrigens seine Kriegserklärung nie angenommen. Er kann nur deshalb den ganzen Betrieb hier aufmischen, weil noch ein Kind in seiner Gewalt ist. Und natürlich ist er narzisstisch veranlagt, er will nämlich nicht irgendjemands Aufmerksamkeit, sondern unsere. Ganz allein unsere, verstehst du? Die Journalisten würden Purzelbäume schlagen, wenn er ihnen einen Knochen hinwerfen würde, aber daran hat Albert gar kein Interesse. Zumindest noch nicht.« »Weil wir nicht wissen, was er als Finale im Sinn hat.« »Genau.« »Ich glaube ganz sicher, dass Albert als Nächstes versuchen wird, die Aufmerksamkeit auf euch zu lenken. Ich spreche vom Fall Benjamin Gorka.« »Wilson Pickett.« »Erzähl mir davon.« »Lies die Akte.« »Boris hat was angedeutet – dass damals etwas schiefgelaufen ist …« Stern schnippte den Zigarettenstummel weg. »Boris weiß manchmal nicht, was er redet.« »Komm schon, Stern, raus mit der Sprache. Ich bin übrigens nicht die Einzige, die sich für die Geschichte interessiert. Sie steckte auch in Moscas Tasche.« Stern wurde nachdenklich. »Na gut. Aber glaub mir, es wird dir nicht gefallen.« »Ich bin zu allem bereit.« »Nach Gorkas Verhaftung durchforsteten wir sein Leben. Der Typ lebte praktisch in seinem Lastwagen, aber wir fanden eine Quittung für den Kauf eines größeren Vorrats an Lebensmitteln. Wir dachten, er hätte kapiert, dass sich die Schlinge um ihn immer enger zuzog, und Vorbereitungen getroffen, um sich an einem sicheren Ort zu verstecken, bis sich die Wogen wieder geglättet hätten.« »Aber dem war nicht so …« »Etwa einen Monat nach seiner Verhaftung wurde eine Prostituierte als vermisst gemeldet.« »Rebecca Springer.« »So ist es. Allerdings war sie schon um Weihnachten herum verschwunden.« »Als Gorka verhaftet wurde.« »Ja. Und den Ort, an dem die Frau anschaffte, fuhren auch Lastwagenfahrer an.« Mila zog selbst die Schlussfolgerung: »Gorka hielt sie gefangen, die Essensvorräte waren für sie.« »Wir wussten nicht, wo sie war und wie lange sie wohl noch durchhielt. Also haben wir ihn gefragt.« »Und er hat natürlich geleugnet.« Stern schüttelte den Kopf. »Nein, im Gegenteil. Er hat alles zugegeben. Aber den Ort, wo er sie gefangen hielt, wollte er nur unter einer klitzekleinen Bedingung preisgeben: Professor Gavila sollte zugegen sein.« Mila verstand nicht. »Was war daran so schwierig?« »Er war nirgends zu finden.« »Und woher wusste Gorka das?« »Dieses sadistische Schwein wusste es nicht! Wir suchten Goran, und dem armen Mädchen rannte die Zeit davon. Boris hat Gorka in die Mangel genommen.« »Hat er geredet?« »Nein, aber Boris hörte sich die Aufnahmen der vorangegangenen Vernehmungen noch mal an, und da erwähnte Gorka zufällig ein altes Lager mit einem Brunnen. Boris hat Rebecca Springer ganz allein gefunden.« »Da war sie schon verhungert.« »Nein. Sie hatte sich mit einem Dosenöffner, den Gorka ihr mit den Lebensmitteln dagelassen hatte, die Pulsadern aufgeschnitten. Aber was anderes macht mich noch viel wütender … Dem Rechtsmediziner zufolge hat sie nur zwei Stunden, bevor Boris sie fand, Selbstmord begangen.« Mila wurde es kalt. Doch dann fragte sie: »Und wo hat Goran die ganze Zeit gesteckt?« Stern verbarg seine wahren Gefühle hinter einem Grinsen. »Er wurde eine Woche später auf der Toilette einer Raststätte gefunden, Alkoholvergiftung. Er hatte seinen Sohn bei der Kinderfrau gelassen und sich zugesoffen, weil seine Frau fortgegangen war. Als wir ihn im Krankenhaus besuchten, war er nicht wiederzuerkennen.« Vielleicht steckte in dieser Geschichte der Grund für die ungewöhnliche Beziehung zwischen den Polizisten des Teams und dem Professor. Oft, dachte Mila, schweißten eher menschliche Tragödien als Erfolge zusammen. Sie musste an Gorans Bemerkung denken, nachdem ihm klar geworden war, dass Roche ihn im Zusammenhang mit Joseph B. Rockford hintergangen hatte: »Wir sind mit Menschen zusammen, die wir zu kennen glauben, dabei haben wir keine Ahnung …« Wie wahr, dachte sie. Goran in einem solchen Zustand, betrunken und bewusstlos – die Vorstellung war ihr vollkommen fremd. Sie wechselte das Thema. »Wieso habt ihr den Fall Wilson Pickett genannt?« »Netter Spitzname für eine Akte, was?« »Soweit ich das verstanden habe, gibt Goran einem Gesuchten gern einen passenden Namen, damit er Konturen bekommt.« »Normalerweise schon«, bestätigte Stern. »Das war eine Ausnahme.« »Warum?« Stern musterte sie. »Glaub mir, es lohnt nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Ich könnte dir den Grund nennen. Aber wenn du wirklich wissen willst, was damals passiert ist, musst du es selbst herausfinden.« »Ich habe nichts dagegen.« »Im Fall Benjamin Gorka ist etwas sehr Merkwürdiges geschehen, musst du wissen …«, er machte eine kurze Pause, »hast du schon mal jemanden getroffen, der die Attacke eines Serientäters überlebt hat?« 36 Einem Serientäter entkommt man nicht lebend. Weinen, schreien, flehen nützt überhaupt nichts. Im Gegenteil, das alles stachelt die sadistische Lust des Mörders nur an. Flucht ist die einzige Chance des Opfers. Aber Angst, Panik, die Unfähigkeit, das Geschehen zu begreifen, spielen dem Täter in die Hand. Dennoch kommt es, wenn auch selten, vor, dass ein Serienmörder nicht tötet. Und zwar dann, wenn ihn im allerletzten Augenblick etwas daran hindert – eine plötzliche Geste oder ein bestimmtes Wort. Cinthia Pearl war eine solche Überlebende. Mila traf sie in einer kleinen Wohnung unweit des Flughafens. Die bescheidenen vier Wände waren der größte Erfolg in Cinthias neuem Leben. Das alte war ein Wirrwarr aus schlechten Erfahrungen, den immer gleichen Fehlern und falschen Entscheidungen gewesen. »Ich habe angeschafft, weil ich Geld für Stoff brauchte.« Sie sagte es ohne Zögern, als redete sie von einer anderen Person. Mila konnte kaum glauben, dass die junge Frau, die ihr gegenübersaß, ein so hartes Leben hinter sich hatte. Cinthia sah jünger aus als vierundzwanzig. Sie arbeitete seit einigen Monaten als Kassiererin in einem Supermarkt und trug noch ihre Arbeitskluft, als sie die Polizistin empfing. Trotz ihrer schlichten äußeren Erscheinung mit den im Nacken zusammengebundenen roten Haaren und dem ungeschminkten Gesicht strahlte sie eine natürliche, unwillkürlich faszinierende Schönheit aus. »Ihr Kollege Stern und seine Frau haben die Wohnung für mich gefunden«, erklärte sie stolz. Mila sah sich um, um ihr eine Freude zu machen. Die zusammengewürfelten Möbel dienten weniger der Einrichtung als dazu, dass Cynthia überhaupt mit dem Nötigsten versorgt war. Aber man sah, dass ihr alles am Herzen lag und sie die Wohnung pflegte, die sauber und ordentlich war. Hier und da stand Nippes herum, vor allem kleine Tierchen aus Porzellan. »Die sind mein Ein und Alles. Ich sammle sie«, erklärte Cinthia. Es gab auch Kinderfotos. Cinthia war als junges Mädchen Mutter geworden. Das Sozialamt hatte ihr den Sohn weggenommen und ihn in eine Pflegefamilie gegeben. Um ihr Kind wiederzubekommen, hatte sie einen Entzug gemacht. In der Folge war sie in die Kirche eingetreten, der auch Stern und seine Frau angehörten. Nach all den schwierigen Jahren hatte sie schließlich zu Gott gefunden. Stolz zeigte sie ihren Glauben in Form eines Medaillons mit dem heiligen Sebastian. Es war außer dem schmalen Rosenkranzring am Ringfinger ihr einziger Schmuck. »Frau Pearl, Sie müssen mir nicht erzählen, was Sie mit Benjamin Gorka erlebt haben …« »Schon gut, ich kann inzwischen ganz gut darüber reden. Anfangs konnte ich mich kaum erinnern, aber das habe ich wohl überwunden. Stellen Sie sich vor, ich habe ihm sogar einen Brief geschrieben.« Mila kannte Gorkas Reaktion auf den Brief natürlich nicht, doch sie konnte sich durchaus vorstellen, dass er sich von den Zeilen inspirieren ließ, wenn er sich nachts einen runterholte. »Hat er geantwortet?« »Nein. Aber ich bleibe dran. Der Mann hat eine verzweifelte Sehnsucht nach dem Wort Gottes.« Sie saß Mila gegenüber und zog immer wieder den rechten Ärmel ihrer Bluse nach unten. Mila vermutete, dass sie das eine oder andere Tattoo verbergen wollte, das zu ihrer Vergangenheit gehörte. Wahrscheinlich hatte sie noch nicht genug Geld gespart, um es entfernen zu lassen. »Was war also passiert?« Ein Schatten huschte über Cinthias Gesicht. »Wir sind uns eigentlich zufällig begegnet. Ich stand nie an der Straße, sondern ging lieber in Bars, wo es viel sicherer und außerdem warm war. Wir Mädchen gaben dem Barmann immer ein Trinkgeld.« Sie machte eine Pause. »Ich stamme aus einer kleinen Stadt, wo Schönheit ein Fluch sein kann. Dir wird früh klar, dass du sie benutzen kannst, um fortzukommen, während viele von deinen Freunden nie weggehen. Sie bleiben für alle Zeiten und heiraten untereinander und sind für den Rest ihres Lebens unglücklich. Also bist du für sie etwas Besonderes, und sie beladen dich mit ihren Erwartungen. Du bist ihre Hoffnung.« Mila verstand sie, und eigentlich kannte sie auch alle folgenden Stationen der Geschichte. Cinthia war nach dem Gymnasium in die Großstadt gegangen, hatte aber nicht gefunden, was sie sich erhofft hatte. Dafür lernte sie viele Mädchen kennen, die genauso verloren wirkten wie sie und die gleiche Angst im Herzen trugen. Der Beruf der Prostituierten war nicht einfach unvorhergesehenes Pech, sondern die logische Folge aller Puzzleteilchen ihrer Vergangenheit. Mila fand an solchen Geschichten immer besonders bitter, dass eine junge Frau wie Cinthia schon mit vierundzwanzig die ganze Energie ihrer Jugend verbrannt hatte. Sie war sehr früh auf die schiefe Bahn geraten, und Benjamin Gorka hatte nur auf sie warten müssen. »An dem Abend hatte ich einen Typen abgeschleppt, mit Trauring, schien ganz in Ordnung. Wir blieben in seinem Auto, außerhalb der Stadt. Hinterher hat er sich geweigert zu zahlen und mich geschlagen. Und dann ließ er mich dort an der Straße stehen.« Sie seufzte. »Trampen ging nicht, kein Mensch nimmt eine Hure mit. Also hoffte ich auf einen Freier, der mich hinterher in die Stadt zurückbringt.« »Da kam Gorka …« »Ich weiß noch, wie sein riesiger Laster anhielt. Bevor ich einstieg, haben wir ein bisschen um den Preis gefeilscht. Er war ganz nett. Er sagte: ›Was stehst du da draußen rum? Komm, steig ein, es ist ja eiskalt!‹« Cinthia senkte den Blick. Sie erzählte ohne Scheu, wie sie sich ihren Lebensunterhalt verdient hatte. Aber sie schämte sich wohl für ihre Naivität. »Wir gingen nach hinten in die Schlafkabine. Das war eine richtige Wohnung, mit allem Drum und Dran. Er hatte auch diese Poster, aber das kannte ich schon, die hängen in allen Lastwagen. Seine Poster waren aber irgendwie komisch …« Mila dachte daran, was in Gorkas Akte stand: Er hatte seine Opfer in obszönen Posen fotografiert und dann die Fotos als Poster vergrößern lassen. Das Besondere an den Bildern war, dass sie Leichen zeigten. Doch das konnte Cinthia natürlich damals nicht wissen. »Er legte sich auf mich, und ich ließ ihn machen. Er stank ziemlich, und ich hoffte, dass er bald fertig war. Er hatte den Kopf in meinem Hals vergraben, so konnte ich mir das Theater sparen. Ich brauchte nur ein bisschen zu stöhnen, hatte aber die Augen offen.« Wieder eine Pause, eine etwas längere diesmal, um Atem zu schöpfen. »Es dauerte eine Weile, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, doch irgendwann konnte ich das an der Kabinendecke lesen …« Geschrieben mit phosphoreszierender Farbe. Mila hatte eine Abbildung gesehen. Da stand: Ich töte dich. »Ich schrie … Und er lachte. Ich schlug um mich, um ihn wegzustoßen, aber er war viel größer als ich. Er griff nach einem Messer und stach auf mich ein. Den ersten Hieb konnte ich mit dem Unterarm abwehren, der zweite traf mich in die Seite, der dritte in den Bauch. Ich spürte, wie das Blut herausquoll, und dachte, aha, jetzt bin ich tot.« »Dann hat er aufgehört. Warum?« »Weil ich etwas gesagt habe. Ganz spontan, vielleicht vor lauter Panik, keine Ahnung. Ich sagte: ›Bitte kümmere dich um meinen Sohn, wenn ich tot bin. Er heißt Rick und ist fünf Jahre alt.‹« Sie lächelte bitter und schüttelte den Kopf. »Können Sie sich so was vorstellen? Da bitte ich tatsächlich diesen Mörder, sich um meinen Kleinen zu kümmern … Ich weiß nicht, was mir durch den Kopf gegangen ist, aber ich muss wohl gedacht haben, das wäre ganz normal. Er nahm mir mein Leben, und ich war auch bereit, es ihm zu überlassen, allerdings sollte er mir dafür etwas geben. Wie absurd. Ich fand, er ist mir was schuldig.« »Mag sein, dass es absurd ist, aber Sie haben ihn damit in seiner Raserei gestoppt.« »Ich kann es mir trotzdem nicht verzeihen.« Cinthia Pearl stiegen Tränen in die Augen, und sie schluckte. »Wilson Pickett«, sagte Mila. »Ah ja, stimmt … Ich lag halb tot in der Kabine, und er saß wieder am Steuer. Später hat er mich an einem Parkplatz rausgeworfen, aber noch wusste ich ja nicht, was er vorhatte. Ich war ziemlich weggetreten und hatte viel Blut verloren. Da kam im Radio dieses verfluchte Lied: In the Midnight Hour. Ich verlor das Bewusstsein und bin erst im Krankenhaus wieder aufgewacht. Die Polizei fragte mich, wie ich zu diesen Verletzungen kam, doch ich konnte mich an nichts erinnern. Nach meiner Entlassung wohnte ich eine Zeit lang bei einer Freundin. Eines Abends kam in den Fernsehnachrichten die Meldung von Gorkas Verhaftung. Sie zeigten auch die Fotos, aber das Gesicht sagte mir nichts. Doch dann war ich an einem Dienstagnachmittag allein zu Hause und schaltete das Radio ein. Es kam ein Stück von Wilson Pickett. Erst da kehrte die Erinnerung zurück.« Jetzt verstand Mila, dass Gorka erst nach der Verhaftung zu seinem Spitznamen gekommen war. Die Mordkommission hatte ihn als Mahnung und zur Erinnerung an all die Ermittlungsfehler so getauft. »Es war schrecklich«, fuhr Cinthia fort. »Als würde es ein zweites Mal geschehen. Und wissen Sie, was ich immer denke? Wenn ich mich früher erinnert hätte, wären vielleicht ein paar Mädchen nicht gestorben …« Cinthia redete so, weil es sich gehörte, das spürte Mila an ihrem Ton. Prompt fügte Cinthia hinzu: »Vor einem Monat habe ich die Eltern von Rebecca Springer getroffen, die er als Letzte getötet hat.« Er hat sie nicht getötet, dachte Mila, viel schlimmer: Er hat sie gezwungen, sich selbst zu töten. »Wir haben zusammen einen Gottesdienst für die Opfer von Benjamin Gorka abgehalten. Rebeccas Eltern gehören derselben Kirche an wie ich. Sie beobachteten mich die ganze Zeit, und ich fühlte mich schuldig.« »Warum?«, fragte Mila, dabei kannte sie die Antwort. »Ich glaube, weil ich noch lebe.« Mila bedankte sich und stand auf. Als Cinthia sie zur Tür brachte, kam sie ihr merkwürdig still vor, als wollte sie etwas fragen und wüsste nicht, wie sie anfangen sollte. Also ließ Mila ihr noch ein bisschen Zeit und fragte, ob sie rasch die Toilette benutzen dürfe. Cinthia zeigte ihr das Bad. Es war nicht mehr als eine Nasszelle. Eine Nylonstrumpfhose hing zum Trocknen in der Dusche. Auch hier Porzellantierchen, vor allem rosafarbene. Mila beugte sich über das Waschbecken und wusch sich das Gesicht. Sie fühlte sich müde und ausgelaugt. Sie hatte Desinfektionsmittel und alles Nötige besorgt, um sich zu ritzen. Sie musste noch des fünften toten Mädchens gedenken, wozu sie noch nicht gekommen war. Das wollte sie am Abend nachholen. Sie brauchte den Schmerz. Als sie Gesicht und Hände trocknete, sah sie auf einer Ablage eine Flasche mit Mundwasser. Die Flüssigkeit war auffallend dunkel. Mila schnupperte, es war Bourbon. Auch Cinthia Pearl hatte ihr Geheimnis. Eine schlechte Angewohnheit, die noch aus ihrem früheren Leben stammte. Mila sah sie vor sich, wie sie in dem kleinen Bad auf der Toilette saß, sich ein paar Schlucke gönnte und verloren auf die Fliesen stierte. Auch wenn sie sich sehr zum Guten verändert hatte, eine kleine dunkle Seite musste auch Cinthia Pearl sich bewahren. Als Mila fertig war und gehen wollte, stand Cinthia in der Tür und traute sich endlich zu fragen, ob sie nicht mal zusammen ins Kino gehen oder einen Stadtbummel machen könnten. Mila merkte, dass sie sich verzweifelt nach einer Freundin sehnte, und sie brachte es nicht über sich, ihr diese kleine Illusion zu verwehren. Um ihr eine Freude zu machen, tippte sie Cinthias Telefonnummer in ihr Handy ein, obwohl sie wusste, dass sie sich nie mehr sehen würden. Zwanzig Minuten später erreichte Mila das Polizeigebäude. Zahlreiche Beamte in Zivil wiesen sich am Haupteingang aus, und mehrere Streifen fuhren gleichzeitig vor. Es musste etwas passiert sein. Mila nahm die Treppe, weil sie keine Zeit mit Schlangestehen vor den Aufzügen verlieren wollte. Sie war schnell im dritten Stock, wohin das Hauptquartier nach dem Leichenfund im Studio verlegt worden war. »Mosca hat alle zusammengetrommelt«, hörte sie einen Beamten am Telefon sagen. Mila lief zum Sitzungssaal. An der Tür herrschte Gedränge, weil jeder einen Stuhl ergattern wollte. Jemand ließ ihr ritterlich den Vortritt. Sie fand ziemlich weit hinten einen Platz. In der Reihe vor ihr, aber viel weiter seitlich, saßen Boris und Stern. Letzterer nickte ihr zu. Mila versuchte, ihn auf die Entfernung wissen zu lassen, wie es mit Cinthia gelaufen war, aber er gab ihr zu verstehen, dass sie besser später darüber sprachen. Das scharfe Quietschen eines Lautsprechers unterbrach kurz das Stimmengewirr. Ein Techniker überprüfte das Mikrofon am Rednerpult und trommelte mit den Fingern darauf, um sich zu vergewissern, dass es auch funktionierte. Overheadprojektor und Espressomaschine hatte man auf die Seite gerückt, um Platz für weitere Stühle zu schaffen. Sie reichten trotzdem nicht aus, und einige Polizisten standen bereits an die Wände gelehnt. Solche Versammlungen kamen selten vor, und Mila dachte, dass es um etwas Wichtiges gehen musste. Von Goran und Roche war noch nichts zu sehen. Wahrscheinlich saßen sie irgendwo mit Terence Mosca und tüftelten an einer öffentlichkeitstauglichen Version. Die Warterei war nervig. Dann erschien endlich Hauptkommissar Roche in der Tür. Er betrat den Raum, ging jedoch nicht ans Rednerpult, sondern setzte sich in die erste Reihe, wo ihm ein Beamter diensteifrig seinen Platz überließ. Roches Gesicht verriet nichts. Er machte einen ruhigen Eindruck, saß mit übereinandergeschlagenen Beinen da und wartete wie alle anderen auch. Goran und Mosca betraten gemeinsam den Raum. Die Beamten an der Tür traten beiseite, als die beiden ans Rednerpult eilten. Goran Gavila lehnte sich an den Schreibtisch, der an der Wand stand, Mosca löste das Mikro vom Ständer und rief: »Meine Herrschaften, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit!« Es wurde still. »Wir haben Sie hergebeten, weil wir eine wichtige Mitteilung zu machen haben.« Mosca redete im Plural, aber natürlich war er der Star. »Es geht um die Mädchenleiche, die im Studio gefunden wurde. Leider ist der Auffindungsort wie erwartet sauber. Aber diese Taktik ist ja nichts Neues. Keine Fingerabdrücke, keine Körperflüssigkeit, auch sonst keine ermittlungsrelevanten Spuren …« Mosca ließ sich Zeit. Das merkte nicht nur Mila, auch ringsum wurden die Leute ungeduldig. Nur Goran schien ruhig zu bleiben, er stand mit verschränkten Armen da und blickte ins Plenum. Seine Präsenz war reine Fassade. Mosca hatte die Fäden in der Hand. »Aber möglicherweise«, fuhr er fort, »wissen wir jetzt, warum der Mörder die Leiche dort deponiert hat. Es hat mit einem Fall zu tun, den Sie alle gewiss noch in Erinnerung haben. Benjamin Gorka …« Stimmengewirr rollte wie eine Woge durch den Saal. Mosca breitete die Arme aus, damit wieder Ruhe einkehrte. Anschließend steckte er eine Hand in die Hosentasche und schlug einen anderen Ton an. »Wie es aussieht, haben wir uns damals getäuscht und einen Fehler begangen, einen schweren Fehler.« Er blieb vage und nannte keine Namen, betonte aber extra die beiden letzten Wörter. »Glücklicherweise können wir das zurechtrücken …« Da beobachtete Mila aus den Augenwinkeln etwas Merkwürdiges. Stern sah immer noch geradeaus, seine Hand jedoch wanderte langsam an seiner rechten Seite entlang, ließ den Clip seines Holsters aufschnappen und zog die Pistole. Mosca fuhr fort: »Nicht Gorka hat Rebecca Springer, sein letztes Opfer, getötet, sondern jemand aus unseren Reihen.« Das Stimmengewirr schwoll an, und Mila sah, dass Mosca den Blick auf jemanden im Auditorium heftete. Auf Stern. Der stand auf und zog seine Dienstwaffe. Mila war verunsichert und wollte es ihm schon nachtun, doch da drehte Stern sich nach links und richtete die Waffe auf Boris. »Spinnst du jetzt?«, rief der Kollege irritiert. »Nimm deine Hände hoch, Junge. Ich sage es nur einmal.« 37 »Du bist uns eine Erklärung schuldig.« Sie hatten drei Vernehmungsspezialisten der Militärpolizei hinzugezogen, die sich abwechseln wollten, um Boris ohne Pause in die Mangel nehmen zu können. Er kannte sämtliche Methoden, wie man einem Beschuldigten ein Geständnis entlockte, sie aber zählten darauf, dass ein Trommelfeuer aus Fragen ihn irgendwann zermürbte. Sie vertrauten darauf, dass Schlafentzug mehr bewirkte als jede Strategie. »Ich habe schon gesagt, dass ich nichts weiß.« Mila beobachtete den Kollegen durch den Venezianischen Spiegel. Sie stand allein in dem kleinen Raum. Neben ihr war die digitale Kamera einer Videoüberwachungsanlage installiert. So blieb es den hohen Chargen der Dienststelle – einschließlich Roche – erspart, die Zerfleischung eines ihrer besten Männer aus nächster Nähe erleben zu müssen. Sie konnten sich das Video bequem in ihren Büros ansehen. Mila hatte dabei sein wollen, weil sie diesen schweren Vorwurf einfach nicht fassen konnte. Boris war allein gewesen, als er Rebecca Springer fand. Stern hatte Mila erzählt, dass Benjamin Gorka in einem ganz ähnlichen Vernehmungszimmer Boris unwissentlich Hinweise auf ein altes Lager gegeben hatte, wo sich ein Brunnen befand. Der offiziellen Version zufolge, die bis dato gegolten hatte, war der Ermittlungsbeamte allein hingefahren und hatte sie tot aufgefunden. »Sie hat sich mit einem Dosenöffner, den Gorka ihr mit den Lebensmitteln dagelassen hatte, die Pulsadern aufgeschnitten. Aber mich macht etwas anderes noch viel wütender … Dem Rechtsmediziner zufolge hat sie sich nur zwei Stunden, bevor Boris sie fand, das Leben genommen«, hatte Stern gesagt. Zwei Stunden! Aber Mila hatte die Akte studiert: Der Rechtsmediziner hatte, den Abbruch des Verdauungsprozesses infolge des Todes berücksichtigend, die Nahrungsreste im Magen des Mädchens untersucht und bescheinigt, dass der Todeszeitpunkt nicht exakt festzustellen sei. Und der Tod auch nach jenen fatalen zwei Stunden eingetreten sein könne. Jetzt war diese Ungewissheit endgültig ausgeräumt. Boris wurde vorgeworfen, dass er Rebecca Springer noch lebend gefunden habe. Er habe die Wahl gehabt. Sich als Retter feiern zu lassen oder die größte Utopie eines jeden Mörders Wirklichkeit werden zu lassen: den perfekten Mord. Der Mord, der ungesühnt bleibt, weil es kein Motiv gibt. Ein einziges Mal den Rausch der Kontrolle über Leben und Tod eines anderen Menschen spüren. Gleichzeitig die Gewissheit haben, ungeschoren davonzukommen, weil die Schuld einem anderen zugeschrieben wird. Nach dem Dafürhalten der Ermittler waren diese Überlegungen für Boris zu verlockend gewesen. Goran hatte in seiner Aussage vor dem Gericht, das Gorka verurteilte, unter anderem Folgendes erklärt: »Der Instinkt zu töten steckt in jedem von uns. Gottlob wirkt ein Mechanismus in uns, mit dessen Hilfe wir diesen Instinkt ausbremsen und beherrschen. Doch es existiert immer ein kritischer Punkt.« Bei Boris war dieser kritische Punkt erreicht, als er vor dem wehrlosen Mädchen stand. Sie war ja bloß eine Nutte. Aber Mila glaubte das alles nicht recht. Doch was anfangs nur eine Ermittlungshypothese gewesen war, wurde untermauert, als man Boris’ Wohnung durchsuchte und einen Fetisch fand. Ein Andenken, mit dem der junge Beamte die Tat später heraufbeschwören konnte: der spitzenverzierte Slip des Mädchens, der nach Abschluss des Falles aus der Asservatenkammer verschwunden war. »Du hast keine Wahl, Boris. Wenn es sein muss, bleiben wir die ganze Nacht hier. Und morgen und übermorgen auch.« Der vernehmende Beamte sprach voller Verachtung. Auch das diente dazu, den Befragten psychisch fertigzumachen. Die Tür des kleinen Zimmers ging auf, und Terence Mosca trat ein. Mila stellte fest, dass irgendein Fast-Food-Fraß fettige Spuren auf seinem Jackenkragen hinterlassen hatte. »Wie läuft’s?«, fragte er, die Hände wie immer in den Hosentaschen. »Noch nichts«, sagte sie, ohne ihn anzusehen. »Er wird irgendwann aufgeben.« Mosca wirkte sehr selbstsicher. »Wie kommen Sie darauf?« »Alle geben früher oder später auf. Das weiß er natürlich. Es dauert vielleicht noch ein Weilchen, aber am Ende wird er das kleinere Übel wählen.« »Warum haben Sie ihn vor versammelter Kollegenschaft festnehmen lassen?« »Damit er keine Chance hatte zu reagieren.« Mila würde nicht so schnell Sterns glänzende Augen vergessen, als er dem Mann, der wie ein eigener Sohn für ihn war, Handschellen anlegte. Als er vom Resultat der Wohnungsdurchsuchung erfuhr, hatte sich der ältere Kollege erboten, die Verhaftung vorzunehmen. Roche wollte es ihm ausreden, war aber auf taube Ohren gestoßen. »Und wenn Boris doch nichts damit zu tun hat?« Mosca schob seine schwere Gestalt zwischen sie und die Scheibe und nahm die Hände aus den Taschen. »Ich habe in fünfundzwanzig Jahren Berufsleben keinen einzigen Unschuldigen verhaftet.« Mila grinste spöttisch. »Meine Güte, Sie sind ja der beste Polizist der Welt.« »Alle meine Fälle wurden bisher mit einer Verurteilung abgeschlossen. Aber nicht, weil ich meine Arbeit so gut machen würde. Wollen Sie den wahren Grund hören?« »Ich kann es kaum erwarten.« »Die Welt ist schlecht, Kollegin Vasquez.« »Entspringt diese Erkenntnis Ihrer persönlichen Erfahrung? Sie haben mich neugierig gemacht …« Mosca nahm es ihr nicht übel, er mochte diese Art von Sarkasmus. »Was zurzeit passiert, was er uns bietet, euer … Wie nennen Sie und Ihre Kollegen ihn noch mal?« »Albert.« »Nun, was dieser Irre so virtuos inszeniert, ähnelt schon sehr einer kleinen Apokalypse … Sie wissen doch, was die Apokalypse ist, Frau Vasquez? In der Bibel ist sie das Ende der Zeiten, wenn die Menschen nach ihren Taten gerichtet werden. Dieser Dreckskerl von Albert beschert uns einen solchen Horror, dass die ganze Welt – und nicht nur dieses Land – innehalten und zumindest mal nachdenken müsste … Aber nein, was geschieht stattdessen?« Mosca schwieg, also fragte Mila: »Was geschieht denn?« »Nichts. Absolut nichts. Die Leute da draußen morden, stehlen, unterdrücken weiter, als ob nichts wäre! Glauben Sie denn, die Mörder hören auf zu töten oder die Diebe gehen in sich? Lassen Sie mich das anhand eines konkreten Beispiels erläutern. Heute Morgen klopfen zwei Justizbeamte an die Wohnungstür eines Freigängers, der kürzlich wegen guter Führung vorzeitig entlassen worden ist. Der Mann war nicht wie sonst zur Unterschrift im zuständigen Kommissariat erschienen. Und wissen Sie, was der macht? Er schießt. Einfach so, grundlos. Einen der beiden Beamten hat er schwer verletzt, und jetzt hat er sich in dieser verfluchten Wohnung verbarrikadiert und fängt an zu ballern, sobald sich jemand zu nähern versucht. Was glauben Sie, warum?« »Ich weiß es nicht«, musste Mila gestehen. »Ich auch nicht. Aber einer unserer Kollegen liegt im Krankenhaus und schwebt zwischen Leben und Tod, und ich muss mir morgen früh irgendwas aus den Fingern saugen, wenn die arme Witwe mich fragt, warum ihr Mann in einer dermaßen bescheuerten Welt sterben musste!« Ruhig fügte er hinzu: »Die Welt ist widerlich. Und Klaus Boris ist schuldig. Basta. Ich an Ihrer Stelle würde mich einfach damit abfinden.« Terence Mosca drehte sich um, bohrte eine Hand in die Hosentasche und verließ türenknallend den Raum. »Ich weiß nichts, das ist doch alles Quatsch«, sagte Boris. Aber er war ruhig. Seit dem anfänglichen Wutausbruch ging er – die kommenden harten Stunden im Hinterkopf – sparsam mit seinen Kräften um. Mila war die Szene leid. Sie war es leid, dauernd ihre Meinung über andere Leute revidieren zu müssen. Das war derselbe Boris, der ihr, als sie neu bei der Truppe war, den Hof gemacht hatte. Derselbe Boris, der ihr warme Croissants und Kaffee mitgebracht und ihr den Parka geschenkt hatte, weil sie fror. Auf der anderen Seite des Spiegels saß immer noch der Kollege, mit dem sie einen guten Teil von Alberts Rätseln gelöst hatte. Der sympathische, ein bisschen linkische große Junge, der oft mit innerer Anteilnahme von seinen Kollegen sprach. Gorans Team war ein Scherbenhaufen. Damit zerfransten die Ermittlungen. Auch die Hoffnung, die kleine Sandra zu retten, die jetzt irgendwo ihren letzten Rest Lebenskraft aufbrauchte, war zerstört. Am Ende würde sie nicht von der Hand eines Serientäters mit erfundenem Namen, sondern durch den Egoismus und die Verfehlungen anderer Männer und Frauen zu Tode kommen. Ein besseres Finale konnte Albert sich gar nicht ausdenken. Plötzlich bemerkte Mila Gorans Gesicht im Spiegel. Er stand hinter ihr. Aber er sah nicht in das Vernehmungszimmer. Er suchte ihre Augen im Spiegelbild. Mila drehte sich um. Sie sahen sich lange schweigend an. Der gleiche Kummer, die gleiche Trauer verband sie. Wie selbstverständlich trat sie zu ihm. Sie schloss die Augen und drückte ihre Lippen sanft auf seinen Mund, und ihr Kuss wurde erwidert. Schmutziges Wasser ergoss sich über die Stadt. Es überschwemmte die Straßen und verstopfte die Gullys, die Regenrinnen verschlangen es und spuckten es ohne Unterlass wieder aus. Das Taxi hatte sie vor einem kleinen Hotel in Bahnhofsnähe abgesetzt. Die Fassade war grau vom Smog, die Fensterläden waren geschlossen, denn wer hier abstieg, hatte keine Zeit, sie zu öffnen. Die Leute kamen und gingen. Die Betten wurden fortwährend frisch bezogen, unermüdlich schoben Zimmermädchen quietschende Wagen mit Wäsche und Seife durch die Flure. Rund um die Uhr wurde Frühstück serviert. Manche Leute kamen nur, um sich rasch frisch zu machen und umzuziehen. Andere, weil sie miteinander schlafen wollten. Der Pförtner gab ihnen den Schlüssel von Zimmer 23. Sie fuhren schweigend mit dem Aufzug hinauf, hielten sich an den Händen – aber nicht wie ein Liebespaar, sondern wie zwei Menschen, die Angst haben, sich zu verlieren. Das Zimmer war lieblos mit dem Nötigsten bestückt, es roch nach Raumspray und abgestandenem Rauch. Sie küssten sich wieder. Heftiger diesmal. Als wollten sie sich ihrer Gedanken noch vor den Kleidern entledigen. Er legte eine Hand auf eine ihrer kleinen Brüste. Sie schloss die Augen. Vom Schild eines chinesischen Restaurants drang regenglänzendes Licht herein und meißelte ihre Schatten in die Dunkelheit. Goran zog sie behutsam aus. Mila ließ es zu, wartete auf seine Reaktion. Erst entblößte er ihren flachen Bauch, dann wanderte er mit seinen Küssen aufwärts. Die erste Narbe befand sich in Höhe der Taille. Er zog ihr mit unendlicher Anmut den Pullover aus. Da sah er auch die anderen Narben. Doch sein Blick verweilte nicht. Diese Aufgabe kam den Lippen zu. Zu Milas großer Überraschung berührte er mit sehr langsamen Küssen die alten Schnitte auf ihrer Haut, als ob er sie heilen wollte. Als er ihr die Jeans auszog, widmete er sich auf die gleiche Weisen ihren Beinen. Wo das Blut noch frisch oder gerade erst verkrustet war. Wo die Klinge vor Kurzem noch ins Fleisch eingedrungen war. Da waren sie wieder, die Qualen, die Mila jedes Mal litt, wenn sie auf dem Umweg über den Körper ihre Seele bestrafte. Doch zu dem alten Schmerz gesellte sich etwas Süßes. Dann entkleidete sie ihn, als würde sie die Blätter einer Blüte abzupfen. Er trug ebenfalls Zeichen von Leid. Ein magerer, eingefallener Brustkorb, hervorstehende Knochen, wo die Trauer am Fleisch genagt hat. Sie liebten sich seltsam drängend. Zornig, wütend, aber auch hastig. Als wollte sich einer mit Haut und Haar in den Körper des anderen ergießen. Kurze Zeit gelang es ihnen sogar zu vergessen. Danach blieben sie nebeneinander liegen – getrennt und doch eins – und spürten ihrem Atem nach. Die Frage kam in Schweigen gehüllt. Aber für Mila schwebte sie wie ein schwarzer Vogel über ihnen. Sie betraf den Ursprung des Bösen, ihres Bösen. Das sie sich erst ins Fleisch ritzte und dann unter den Kleidern versteckte. Auf fatale Weise war die Frage mit dem Schicksal eines Mädchens verwoben. Während sie hier beieinanderlagen, rang Sandra – irgendwo in der Nähe oder weit weg – mit dem Tod. Mila wollte ihm zuvorkommen und erklärte: »Meine Arbeit besteht darin, Verschwundene aufzuspüren. Vor allem Kinder. Manche sind jahrelang fort und können sich an nichts erinnern. Ich habe keine Ahnung, ob das gut oder schlecht ist. Vielleicht macht mir dieser Aspekt meines Berufes überhaupt am meisten zu schaffen …« »Warum?«, fragte Goran neugierig. »Wenn ich mich ins Dunkle begebe, um von dort jemanden herauszuholen, dann brauche ich immer einen starken Grund, der mich ans Licht zurückbringt. Es ist eine Art Sicherheitsseil, an dem ich zurückkehren kann. Denn wenn ich etwas gelernt habe, dann das: Das Dunkle ruft uns, sein Sog lockt uns. Es ist schwer, der Versuchung zu widerstehen. Wenn ich mit dem Geretteten zurückkehre, stelle ich fest, dass wir nicht allein sind. Etwas aus dem dunklen Loch bleibt an uns haften, es klebt an unseren Schuhen, und wir werden es kaum mehr los.« Goran drehte sich zu ihr und sah ihr in die Augen. »Warum erzählst du mir das?« »Weil ich aus dem Dunkel komme. Und manchmal ins Dunkel zurück muss.« 38 Sie lehnt an der Wand, im Schatten, die Hände hinter dem Rücken. Seit wann steht sie da und schaut sie an? Sie ruft. »Gloria …« Gloria kommt näher. Ihr Blick ist wie immer neugierig, aber jetzt ist irgendetwas anders. Ein Zweifel. »Mir ist was eingefallen … Ich hatte mal einen Kater.« »Ich hab auch einen, der heißt Houdini.« »Ist er schön?« »Er ist böse.« Aber sie merkt sofort, dass Gloria eine solche Antwort nicht hören mag, und korrigiert sich: »Ja. Sein Fell ist weiß und braun, er schläft immer und ist sehr verfressen.« Gloria denkt kurz nach und fragt dann: »Was meinst du, warum ich meinen Kater vergessen habe?« »Ich weiß nicht.« »Ich hab mir gedacht, wenn ich meinen Kater vergessen habe, dann habe ich andere Sachen vielleicht auch vergessen. Vielleicht auch, wie ich in Wirklichkeit heiße.« »Ich finde Gloria schön«, sagt sie ermutigend bei dem Gedanken an die Reaktion des Mädchens, als sie erklärte, sein richtiger Name sei Linda Brown. »Gloria …« »Ja?« »Erzählst du mir von Steve?« »Steve hat uns lieb. Du hast ihn bestimmt auch bald lieb.« »Warum sagst du, dass er uns gerettet hat?« »Weil das stimmt. Das hat er nämlich getan.« »Mich hätte er nicht zu retten brauchen.« »Du weißt es nicht, aber du warst in Gefahr.« »Ist Frankie die Gefahr?« Gloria fürchtet sich vor dem Namen. Sie ist unentschlossen, sie weiß nicht, ob sie etwas sagen soll. Sie überlegt hin und her, dann tritt sie ganz nahe ans Bett und flüstert. »Frankie will uns etwas Böses tun. Er sucht uns. Deswegen müssen wir uns hier verstecken.« »Ich weiß nicht, wer Frankie ist und was er gegen mich haben sollte.« »Er hat nichts gegen uns, er hat was gegen unsere Eltern.« »Gegen meine Eltern? Warum denn?« Sie kann sich das nicht vorstellen. Doch Gloria ist felsenfest überzeugt. »Unsere Eltern haben ihn übers Ohr gehauen, irgendwas mit Geld.« Auch dieser Satz klingt aus Glorias Mund wie auswendig gelernt. »Meine Eltern schulden niemandem Geld.« »Meine Mutter und mein Vater sind tot. Frankie hat sie schon umgebracht. Jetzt sucht er mich. Aber Steve sagt, dass er mich nicht findet, wenn ich hierbleibe.« »Hör zu, Gloria …« Gloria verliert sich manchmal in irgendwelchen Gedanken, und dann muss man sie dort rausholen. »Gloria, ich rede mit dir …« »Ja, was ist denn?« »Deine Eltern leben. Ich habe sie neulich erst im Fernsehen gesehen, sie haben in einer Talkshow von dir geredet. Sie haben dir zum Geburtstag gratuliert.« Die Nachricht scheint sie nicht zu erschrecken. Aber sie überlegt zum ersten Mal, ob an der Geschichte etwas dran sein könnte. »Ich darf nicht fernsehen. Bloß die Videos, die Steve mir erlaubt.« »Steve. Steve ist böse, Gloria. Frankie gibt es gar nicht. Den hat er nur erfunden, damit er dich hier gefangen halten kann.« »Frankie gibt es schon.« »Überleg mal. Hast du ihn schon mal gesehen?« Sie überlegt. »Nein.« »Wieso glaubst du Steve dann?« Obwohl Gloria genauso alt wie sie sein muss, wirkt sie viel jünger. Als hätte ihr Gehirn aufgehört zu wachsen und wäre einfach vor drei Jahren stehen geblieben, als sie neun war. Als Steve Linda Brown verschleppte. Deswegen muss sie immer ein bisschen länger über alles nachdenken. »Steve hat mich lieb«, sagt sie wieder, aber mehr, um sich selbst zu überzeugen. »Nein, Gloria. Er hat dich nicht lieb.« »Du meinst also, Frankie tötet mich nicht, wenn ich hier weggehe?« »Bestimmt nicht. Außerdem gehen wir zusammen weg, du bist nicht allein.« »Kommst du mit?« »Ja. Wir müssen uns aber noch was einfallen lassen, wie wir hier abhauen können.« »Du bist aber krank.« »Ich weiß. Und ich kann meinen Arm nicht bewegen.« »Er ist gebrochen.« »Wie ist das passiert? Ich kann mich nicht erinnern.« »Ihr seid die Treppe runtergefallen, als Steve dich hergebracht hat. Er war stinksauer deswegen. Er will nämlich nicht, dass du stirbst. Sonst kann er dir nicht beibringen, wie du ihn lieb haben sollst. Das ist nämlich ganz wichtig.« »Ich werde ihn nie lieb haben.« Gloria nimmt sich ein paar Sekunden Zeit. »Linda ist ein schöner Name, finde ich.« »Das freut mich, so heißt du nämlich in Wirklichkeit.« »Dann kannst du mich ja so nennen.« »Gut, Linda.« Sie spricht den Namen deutlich aus, und Linda lächelt. »Jetzt sind wir Freundinnen.« »Wirklich?« »Wenn man Namen austauscht, wird man Freunde, wusstest du das nicht?« »Ich weiß schon, wie du heißt. Du bist Maria Eléna.« »Ja, aber meine Freunde sagen Mila zu mir.« 39 »Das Dreckschwein hieß Steve, Steve Smitty.« Voller Verachtung sprach Mila den Namen aus, als sie im Hotel auf dem Doppelbett lagen und Goran ihre Hand hielt. »Ein Idiot, der sein ganzes Leben nichts auf die Reihe gekriegt hat. Er hatte immer irgendwelche blöden Jobs, die er keine vier Wochen durchhielt. Die meiste Zeit war er arbeitslos. Beim Tod seiner Eltern hatte er ein Haus geerbt – dort hielt er uns gefangen – und Geld aus einer Lebensversicherung bekommen. Nicht viel, aber genug, um endlich …«, sie fuhr mit übertriebener Emphase fort, »… seinen großen Plan in Erfüllung gehen zu lassen.« Mila schüttelte den Kopf, als sie daran dachte, wie absurd diese Geschichte war. »Steve mochte Frauen, aber er traute sich nicht an sie ran. Sein Penis war winzig, wie ein kleiner Finger, und er hatte Angst, dass sie ihn auslachen.« Kurz erhellte spöttische Schadenfreude ihr Gesicht. »Er glaubte, bei kleinen Mädchen könnte er besser landen.« »Ich erinnere mich an den Fall Linda Brown«, sagte Goran. »Ich hatte gerade meinen ersten Lehrauftrag an der Uni. Der Polizei waren ziemlich viele Fehler unterlaufen.« »Fehler? Ein Riesenschlamassel war das! Steve war schlampig und naiv, da gab es massenhaft Spuren und Zeugen. Sie fanden ihn nicht sofort und behaupteten dann, er sei raffiniert. Dabei war er ein Vollidiot. Ein Vollidiot, der nur Glück hatte …« »Aber Linda hat ihm geglaubt …« »Er hat sie hörig gemacht, indem er ihr Angst einflößte. Er erfand diesen Typen namens Frankie und dachte ihm die Rolle des Bösewichts zu, damit er selbst als der liebe Retter dastehen konnte. Dieser Blödmann hatte nicht mal besonders viel Phantasie. Er nannte ihn Frankie, weil er als Kind eine Schildkröte hatte, die so hieß.« »Es hat funktioniert.« Mila beruhigte sich wieder. »Bei einem kleinen Mädchen, das voller Angst und Schrecken war. In einem solchen Zustand verliert man leicht das Gefühl für die Wirklichkeit. Wenn ich daran denke, dass ich in so einem beschissenen Keller lag, den ich ›Bauch des Ungeheuers‹ nannte. Über mir war ein Haus, und dieses Haus stand am Stadtrand, mit vielen ähnlichen, ganz normalen Häusern ringsherum. Die Leute liefen daran vorbei und merkten nicht, dass ich da unten drin war. Am schlimmsten war, dass Linda – oder Gloria, wie er sie nach dem ersten Mädchen nannte, bei dem er sich einen Korb geholt hatte – sich frei bewegen durfte. Aber sie dachte gar nicht daran rauszugehen, obwohl die Haustür praktisch immer offen war! Er schloss nicht mal ab, wenn er unterwegs war, so sehr verließ er sich auf seine Frankie-Geschichte.« »Du hast Glück gehabt, dass du lebend da rausgekommen bist.« »Mein Arm war fast abgestorben. Die Ärzte hatten die Hoffnung beinahe aufgegeben. Zudem war ich unterernährt. Dieser Kotzbrocken gab mir Babynahrung und behandelte mich mit abgelaufenen Medikamenten, die er aus dem Abfall einer Apotheke fischte. Er brauchte mich gar nicht zu sedieren, mein Blut war von dem Mist derart vergiftet, dass ich nur durch ein Wunder überhaupt am Leben blieb.« Draußen spülte der prasselnde Regen den letzten Schnee von den Straßen. Immer wieder zerrten Windböen an den Fensterläden. »Einmal wachte ich aus diesem Koma auf, weil ich meinen Namen hörte. Ich versuchte, auf mich aufmerksam zu machen, aber da kam Linda und überredete mich, Ruhe zu geben. Ich tauschte meine Rettung gegen die kleine Freude, nicht allein zu sein. Aber ich hatte mich nicht geirrt. Oben waren tatsächlich zwei Polizeibeamte gewesen, die die Gegend durchkämmten. Sie suchten mich immer noch! Wenn ich lauter geschrien hätte, hätten sie mich vielleicht gehört. Uns hatte ja nur ein dünner Dielenboden getrennt. Eine Frau war auch dabei gewesen, sie hatte meinen Namen gerufen. Aber nicht mit ihrer Stimme, sondern im Geist.« »Das war Nicla Papakidis, nicht wahr? Daher kennst du sie also …« »Ja. Und obwohl ich nicht antwortete, hatte sie etwas gehört. Sie kam auch in den folgenden Tagen wieder, hielt sich in der Nähe des Hauses auf und hoffte, mich noch mal wahrzunehmen.« »Dann hat also nicht Linda euch gerettet.« Mila schnaubte. »Die? Die ist immer nur zu Steve gerannt und hat ihm alles brühwarm erzählt. Sie war längst zu seiner unfreiwilligen kleinen Komplizin geworden. Drei Jahre war er ihre ganze Welt gewesen. Ihres Wissens war Steve der letzte Erwachsene, den es auf Erden noch gab. Und Kinder vertrauen Erwachsenen immer. Doch mal abgesehen von Linda – Steve hätte sich meiner schon entledigt. Er rechnete fest mit meinem baldigen Tod und hatte im Schuppen hinter dem Haus schon ein Loch gebuddelt.« Die Fotos des Erdlochs in den Zeitungen waren das Schlimmste für sie gewesen. »Ich verließ das Haus mehr tot als lebendig. Die Sanitäter brachten mich über dieselbe Treppe, auf der dieser blöde Steve mich hatte fallen lassen, auf einer Trage raus, und ich merkte nichts davon. Ich sah nichts von den Polizisten, die sich zu Dutzenden um das Haus drängten. Ich bekam nichts davon mit, dass die vielen Menschen, die sich dort versammelt hatten, meine Befreiung feierten und Beifall klatschten. Nur Niclas Stimme begleitete mich, sie beschrieb alles in meinem Kopf und sagte, ich dürfte nicht zu dem Licht gehen …« »Zu welchem Licht?«, fragte Goran neugierig. Mila lächelte. »Sie war überzeugt, dass da ein Licht ist. Vielleicht weil sie gläubig ist. Sie hatte wohl gelesen, dass wir uns im Tod vom Körper lösen und uns schnell durch einen Tunnel auf ein wunderschönes Licht zubewegen. Ich habe ihr nie gesagt, dass ich gar nichts gesehen habe. Es war einfach nur dunkel. Ich wollte sie nicht enttäuschen.« Goran beugte sich über sie und küsste sie auf die Schulter. »Das muss schrecklich gewesen sein.« »Ich hatte Glück«, sagte Mila. Sie dachte an Sandra, das sechste Mädchen. »Ich hätte sie retten müssen. Ich habe es nicht getan. Wie hoch sind ihre Überlebenschancen?« »Es ist nicht deine Schuld.« »Doch. Doch, es ist meine Schuld.« Mila richtete sich auf und setzte sich auf die Bettkante. Goran streckte die Hand nach ihr aus. Aber er konnte sie nicht berühren. Die Liebkosung verharrte an der Grenze zu ihrer Haut, erreichte sie nicht, weil Mila sich entzog. Er merkte es und ließ sie in Ruhe. »Ich dusche rasch«, sagte er. »Ich muss nach Hause, Tommy braucht mich.« Sie blieb reglos sitzen, nackt, bis sie im Bad das Wasser laufen hörte. Sie hätte so gern die hässlichen Bilder aus ihrer Erinnerung gelöscht, wieder ein weißes Nichts gehabt, das sie mit unbeschwerten Kindergedanken füllen könnte. Dieses Privileg war ihr brutal genommen worden. Das Loch im Geräteschuppen hinter Steves Haus war nicht leer geblieben. Ihre Fähigkeit, Mitgefühl zu empfinden, lag dort begraben. Mila nahm die Fernbedienung vom Nachtschränkchen und schaltete den Fernseher ein, in der Hoffnung, seichte Gespräche und Bilder würden die bösen Reste aus ihrem Kopf spülen. Auf dem Bildschirm umklammerte eine Frau ein Mikrofon, das Wind und Regen ihr beinahe aus der Hand rissen. Rechts oben das Logo eines Nachrichtenkanals. Am unteren Rand die durchlaufenden Informationen einer Sondersendung. Im Hintergrund war in einiger Entfernung ein von Dutzenden Polizeiautos umstelltes Haus zu sehen, Blaulicht zerriss die Nacht. »… spätestens in einer Stunde wird Hauptkommissar Roche eine offizielle Erklärung abgeben. Wir können immerhin bestätigen, dass es wirklich stimmt: Der Gewaltverbrecher, der mehrere unschuldige Mädchen verschleppt und getötet und damit das ganze Land terrorisiert und in einen Schockzustand versetzt hat, ist gefunden …« Mila starrte wie gelähmt auf den Bildschirm. »… der Freigänger hat heute Morgen das Feuer auf zwei Justizbeamte eröffnet, die ihn zu einer Routinekontrolle zu Hause aufsuchten …« Davon hatte Terence Mosca während Boris’ Vernehmung gesprochen. Mila traute ihren Ohren nicht. »… nach dem Tod des schwer verletzten Beamten in der Klinik hat ein Spezialeinsatzkommando das Haus gestürmt. Nachdem sie den Mann erschossen hatten, machten die Polizisten im Haus eine unglaubliche Entdeckung …« Das Mädchen, sag schon, was ist mit dem Mädchen … »… und noch mal für unsere Zuschauer, die sich erst später zugeschaltet haben: Der Mann heißt Vincent Clarisso …« Albert, korrigierte Mila in Gedanken. »… wie aus Polizeikreisen zu erfahren war, befindet sich das sechste Mädchen noch immer in dem Haus hinter mir. Ein Notarztteam leistet die Erstversorgung. Noch haben wir keine Bestätigung, aber wie es aussieht, ist die kleine Sandra am Leben …« Abhörprotokoll Nr.7 vom 23. Dezember d.J. Uhrzeit: 3 Uhr 25 Dauer: 1 Minute 35 Sekunden Häftling RK-357/9: … wissen, bereit sein, sich vorbereiten (es folgt ein unverständliches Wort) … unseren Zorn verdient … was tun … vor allem Vertrauen … (unverständlicher Satz) zu gut, verständnisvoll … man braucht sich nicht auf den Arm nehmen zu lassen … wissen, bereit sein, sich vorbereiten (unverständliches Wort) … irgendjemand nutzt uns immer aus … notwendige Strafe … Strafe verbüßen … es reicht nicht, die Dinge zu verstehen, manchmal muss man handeln … wissen, sich vorbereiten, bereit sein (unverständliches Wort) … auch zu töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten, töten. 40 Dienststelle für Fallanalyse 25. Februar Vincent Clarisso war Albert. Der Mann war vor knapp zwei Monaten aus dem Gefängnis entlassen worden, nachdem er eine Reststrafe wegen bewaffneten Raubüberfalls verbüßt hatte. Nach der Entlassung hatte er sich unverzüglich daran gemacht, seinen Plan in die Tat umzusetzen. Keine Vorstrafen wegen Gewaltverbrechen. Kein Symptom einer Geisteskrankheit. Nichts, was auf einen potenziellen Serienmörder hätte schließen lassen. Der bewaffnete Raubüberfall war nach dem Dafürhalten der Anwälte, die Vincent Clarisso in dem Prozess verteidigten, ein »Betriebsunfall«. Die Dummheit eines schwer codeinabhängigen jungen Mannes. Clarisso war ein Spross aus guter Familie, der Vater Rechtsanwalt, die Mutter Lehrerin. Er hatte eine Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert und war eine Zeit lang im OP einer Klinik tätig gewesen. Wahrscheinlich hatte er dort die Kenntnisse erworben, die er brauchte, um Sandra am Leben zu erhalten, nachdem er ihr einen Arm abgetrennt hatte. Die Vermutung von Gorans Team, bei Albert handle es sich um einen Arzt, war gar nicht so abwegig gewesen. Vincent Clarisso hatte alle seine Erfahrungen in einer Kernschicht seiner Persönlichkeit abgelagert, um irgendwann zum Monster zu werden. Aber Mila glaubte nicht daran. Er ist es nicht, sagte sie sich immer wieder, als sie mit dem Taxi zum Polizeigebäude fuhr. Goran hatte nach dem Fernsehbericht zwanzig Minuten mit Stern telefoniert, der ihn über die neuesten Entwicklungen unterrichtete, und war dabei unter Milas besorgten Blicken im Zimmer auf- und abmarschiert. Anschließend trennten sich ihre Wege. Er rief noch Frau Runa an und bat sie, auch diese Nacht bei Tommy zu bleiben, und fuhr dann sofort zu dem Haus, wo man Sandra gefunden hatte. Mila wäre gern mitgefahren, aber ihre Anwesenheit wäre nicht mehr gerechtfertigt gewesen. Sie hatten sich für später in der Dienststelle verabredet. Mitternacht war vorbei, aber die ganze Stadt war auf den Beinen. Trotz des Regens wimmelte es auf den Straßen von Menschen, die das Ende eines Albtraums feierten. Es war wie an Silvester, sämtliche Autos hupten, die Menschen grüßten und umarmten einander. Zusätzlich behindert wurde der Verkehr durch die Kontrollposten, die eventuelle Komplizen Clarissos auf der Flucht abfangen, aber auch Schaulustige von dem Ort fernhalten sollten, an dem die ganze Geschichte ein Ende gefunden hatte. Mila hörte im Taxi, das nur im Schritttempo vorwärtskam, eine erneute Zusammenfassung im Radio. Terence Mosca war der Mann der Stunde. Ein Glückstreffer hatte zur Aufklärung des Falles geführt. Aber wie so oft profitierte davon direkt nur, wer die Operation leitete. Mila hatte keine Lust, darauf zu warten, dass Bewegung in die Autoschlange kam. Sie beschloss, sich nicht um den strömenden Regen zu kümmern, zog sich die Kapuze ihres Parkas über den Kopf und stieg aus. Das Polizeigebäude lag ein paar Häuserblocks entfernt, sie lief zu Fuß weiter und dachte unterwegs nach. Vincent Clarisso passte nicht zu Alberts Profil, wie Goran es gezeichnet hatte. Dem Kriminologen zufolge hatte Albert die Kinderleichen gewissermaßen zum Markieren benutzt. Er hatte sie an speziellen Orten deponiert und damit die Polizei auf schreckliche Mordfälle hingewiesen, die nie ans Licht gekommen waren, von denen er jedoch Kenntnis besaß. Die Polizei hatte vermutet, er sei ein geheimer Komplize dieser Verbrecher gewesen und sie alle wären ihm im Laufe ihres Lebens begegnet. »Das sind Wölfe. Und Wölfe agieren meist im Rudel. Jedes Rudel hat einen Anführer. Genau das teilt Albert uns mit: Ich bin ihr Anführer«, hatte Goran erklärt. Der Gedanke, dass Vincent Clarisso nicht mit Albert identisch sein konnte, hatte sich in Milas Kopf eingenistet, als sie hörte, wie alt er war, nämlich erst dreißig. Zu jung, um den kleinen Ronald Dermis im Waisenhaus oder auch Joseph B. Rockford zu kennen – das Team hatte ja auf einen Mann zwischen fünfzig und sechzig getippt. Er passte auch überhaupt nicht zu Niclas Beschreibung, wie sie ihn im Geist des Milliardärs gesehen hatte. Während sie durch den Regen lief, fand Mila einen weiteren Grund, der ihre Skepsis nährte: Clarisso hatte im Gefängnis gesessen, als Feldher Yvonne Gress und ihre Kinder in Capo Alto abschlachtete. Wie hätte er da dem Massaker beiwohnen und seine Umrisse auf der blutigen Wand hinterlassen können? Er ist es nicht, sie irren sich. Aber Goran hat es bestimmt schon gemerkt und erklärt es ihnen, dachte Mila. In den Fluren des Polizeigebäudes war die Euphorie zu spüren. Die Beamten klopften sich gegenseitig auf die Schulter, viele trugen noch die Montur des Einsatzkommandos und tauschten brandaktuelle Neuigkeiten aus. Eine Polizistin hielt Mila auf und richtete ihr aus, Hauptkommissar Roche wolle sie umgehend sprechen. »Mich?«, fragte sie erstaunt. »Ja, er erwartet Sie in seinem Büro.« Sie ging die Treppe hinauf und dachte, Roche wolle ihr wahrscheinlich erzählen, dass in der Rekonstruktion der Ereignisse etwas nicht stimmte. Möglich, dass sich die ganze Aufregung ringsum sehr bald auflösen oder einen Dämpfer bekommen würde. In der Dienststelle für Operative Fallanalyse waren nur wenige Beamte in Zivil, und kein Mensch feierte. Die Atmosphäre war wie an einem normalen Arbeitstag, bloß dass es Nacht war und alle noch Dienst taten. Mila musste eine ganze Weile vor Roches Büro warten, bis die Sekretärin sie hineinließ. Sie fing ein paar Gesprächsfetzen auf, wahrscheinlich telefonierte der Hauptkommissar. Doch als sie die Tür öffnete, stellte sie zu ihrer Überraschung fest, dass er nicht allein war. Er hatte Besuch von Goran Gavila. »Bitte, Frau Vasquez, kommen Sie.« Roche winkte sie herein. Er stand hinter dem Schreibtisch, Goran davor. Mila trat vor und blieb dann neben Goran stehen. Er wandte sich zu ihr und nickte kurz. Keine Spur mehr von der Intimität, die sie eine Stunde zuvor noch geteilt hatten. »Ich sagte gerade zu Goran, dass Sie beide an der Pressekonferenz morgen Vormittag teilnehmen sollten. Mosca bittet ebenfalls darum. Ohne eure Hilfe hätten wir ihn nie gefasst. Wir haben euch zu danken.« Mila war fassungslos. »Herr Hauptkommissar, bei allem Respekt … Ich fürchte, wir machen einen Fehler.« Ihre Reaktion schien Roche zu irritieren. Er wandte sich Goran zu: »Was redet die für einen Mist?« »Es ist alles in Ordnung, Mila«, sagte Goran ruhig. »Nein, ist es nicht. Das ist nicht Albert, zu viel spricht dagegen, ich …« »Das erzählen Sie doch hoffentlich nicht bei der Pressekonferenz?«, protestierte Roche. »Falls Sie das vorhaben, dürfen Sie nicht teilnehmen.« »Stern wird mir zustimmen.« Roche angelte sich ein Blatt vom Schreibtisch. »Kommissar Stern hat fristlos gekündigt.« »Wie bitte? Was geht hier vor?« Mila verstand überhaupt nichts mehr. »Dieser Vincent Clarisso stimmt nicht mit dem Täterprofil überein.« Als Goran zu einer Erklärung ansetzte, bemerkte sie in seinen Augen die gleiche Zärtlichkeit, mit der er ihre Narben geküsst hatte. »Dutzende von Details bestätigen, dass er unser Mann ist. Wir haben ganze Hefte voller Notizen, wie die Mädchen entführt und dann die Leichen platziert werden sollten, Kopien der Sicherheitspläne von Capo Alto, einen Grundriss von Debby Gordons Internat und Handbücher über Elektronik und Computertechnik, die Clarisso noch im Gefängnis studiert hat …« »Habt ihr auch die Verbindung zu Alexander Bermann, Ronald Dermis, Feldher, Rockford und Boris gefunden?«, fragte Mila wütend. »Ein ganzer Trupp von Ermittlern arbeitet daran, sie entdecken immer wieder neues Beweismaterial. Über diese Verbindungen kommt bestimmt auch noch etwas ans Licht.« »Das reicht aber nicht. Ich glaube, dass …« »Sandra hat ihn identifiziert«, fiel Goran ihr ins Wort. »Sie sagt, dass er sie entführt hat.« Kurz schien es, als beruhige Mila sich. »Wie geht es ihr?« »Die Ärzte sind optimistisch.« »Zufrieden jetzt?«, schaltete sich Roche ein. »Falls Sie vorhaben, mir einen Strich durch die Rechnung zu machen, können Sie gleich Ihre Koffer packen.« In dem Moment teilte die Sekretärin Roche über die Sprechanlage mit, dass der Bürgermeister ihn dringend zu sprechen wünsche und er sich bitte beeilen möge. Roche schnappte sich seine Jacke, die über einer Stuhllehne hing, und lief zur Tür, wobei er Goran noch ermahnte: »Erklär du ihr, dass das die offizielle Version ist. Entweder sie trägt sie mit oder sie verpisst sich!« Türenknallend zog er ab. Als sie mit Goran allein war, hoffte sie auf eine anders lautende Erklärung, aber umsonst: »Die Fehler wurden leider nur auf unserer Seite gemacht.« »Wie kannst du so etwas sagen!« »Wir sind auf der ganzen Linie gescheitert, Mila. Wir sind sehenden Auges einer falschen Fährte gefolgt. Und die Hauptverantwortung liegt bei mir. Alle diese Thesen sind auf meinem Mist gewachsen.« »Überleg doch mal, woher Vincent Clarisso von den anderen Verbrechen wissen konnte. Schließlich hat er dafür gesorgt, dass wir ihnen auf die Spur kommen!« »Darum geht es nicht … Die Frage ist doch, warum wir so lange nichts von ihnen mitbekommen haben.« »Ich glaube nicht, dass du objektiv bist, und ich ahne den Grund dafür. Nach der Wilson-Pickett-Geschichte hat Roche deine Reputation gerettet und dir geholfen, die Gruppe zusammenzuhalten, als seine Vorgesetzten sie auflösen wollten. Eine Hand wäscht die andere. Wenn du diese Version jetzt mit stützt, knappst du Terence Mosca ein klein wenig von seinem Verdienst ab und rettest Roche seinen Sessel als Hauptkommissar!« »Schluss jetzt!«, fuhr Goran sie an. Ein paar Sekunden schwiegen beide, dann ging er zur Tür. »Warte … Hat Boris gestanden?«, konnte Mila gerade noch fragen. »Noch nicht«, erwiderte er, ohne sich umzudrehen. Sie blieb allein zurück, mit hängenden Armen, die Fäuste geballt. Sie verfluchte sich. Da fiel ihr Blick auf Sterns Kündigungsschreiben. Sie griff danach. Zwischen den förmlichen Zeilen schimmerte keine Spur der wahren Gründe für seine Entscheidung durch. Doch für Mila war es sonnenklar, dass er sich verraten fühlte, erst von Boris und jetzt auch von Goran. Als sie das Schreiben auf den Tisch zurücklegte, bemerkte Mila eine Liste mit Verbindungs- und Gesprächsdaten, auf der ganz oben Vincent Clarissos Name stand. Wahrscheinlich hatte Roche nachsehen wollen, ob zu den Kontakten des Verbrechers das eine oder andere hohe Tier gehörte, das es zu schützen galt. Man konnte nie wissen, nachdem schon ein Joseph B. Rockford involviert war. Doch der Serientäter schien ziemlich kontaktscheu zu sein, denn nur ein einziges Gespräch war verzeichnet, und es stammte vom gestrigen Tag. Die Nummer kam Mila irgendwie bekannt vor. Sie kramte ihr Handy hervor, tippte die Nummer ein, und schon erschien der Name. 41 Das Telefon läutete, doch niemand nahm ab. Mach schon, wach auf! Das Wasser stand auf dem Asphalt und schoss unter den Reifen des Taxis hoch, aber wenigstens regnete es nicht mehr. Die Leitung wurde unterbrochen, Mila wählte erneut, schon zum dritten Mal. Beim fünfzehnten Klingeln meldete sich endlich jemand. »Mensch, wer ist denn da …« Cinthia Pearl klang schlaftrunken. »Hier ist Mila Vasquez, erinnern Sie sich? Ich war vorgestern bei Ihnen.« »Ja … Können wir nicht morgen reden? Ich habe ein Schlafmittel genommen.« Kein Wunder, dass ein Mensch, der fast ermordet worden wäre, nicht nur auf Alkohol, sondern auch auf Medikamente zurückgriff, um schlafen zu können. Aber Mila konnte nicht warten, sie brauchte sofort eine Antwort. »Nein, Cinthia, tut mir leid, wir müssen jetzt reden. Aber es dauert nicht lang.« »Na gut.« »Sie haben gestern Morgen um acht Uhr einen Anruf bekommen.« »Ja, ich wollte gerade zur Arbeit. Wegen dem Typen habe ich einen Anpfiff von meinem Chef gekriegt, weil ich zu spät kam.« »Wer hat Sie angerufen?« »Ein Detektiv von der Versicherung. Ich habe Schadensersatz beantragt wegen dieser Geschichte …« »Hat er gesagt, wie er heißt?« »Spencer, glaube ich. Ich habe mir den Namen irgendwo notiert …« Vincent Clarisso hatte sich also unter falschem Namen und unter einem Vorwand gemeldet, damit sie nicht argwöhnisch wurde. »Ist schon gut. Was wollte der Mann?« »Ich sollte ihm am Telefon meine Geschichte erzählen. Auch das mit Benjamin Gorka.« Mila war überrascht. Warum interessierte sich Vincent Clarisso für den Wilson-Pickett-Fall? Als Fundort der fünften Leiche hatte er doch das Studio gewählt, damit alle Welt erfuhr, dass nicht Benjamin Gorka, sondern Boris der wahre Mörder von Rebecca Springer war. »Warum wollte er Ihre Geschichte hören?« »Um den Bericht zu vervollständigen, sagte er. Die Versicherung ist da pingelig.« »Und sonst hat er nichts gefragt oder erklärt?« Cinthia antwortete nicht sofort, und Mila fürchtete schon, sie sei wieder eingeschlafen. Doch sie überlegte nur: »Nein, nichts. Und er war wirklich nett. Er hat dann noch gesagt, dass mein Fall bald fertig bearbeitet ist. Vielleicht bekomme ich dann wirklich Geld.« »Das würde mich für Sie freuen, und bitte entschuldigen Sie nochmals die Störung.« »Wenn ich Ihnen bei der Suche nach dem Mädchen weiterhelfen konnte, war das keine Störung.« »Sie ist bereits gefunden worden.« »Wirklich? Ist das wahr?« »Sehen Sie nicht fern?« »Ich gehe immer schon um neun ins Bett.« Die junge Frau wollte mehr wissen, aber Mila war in Eile. Sie gab vor, noch einen Anruf zu erwarten, und legte auf. Schon vor dem Gespräch mit Cinthia hatte Mila ein Gedanke beschlichen. Vielleicht war Boris hereingelegt worden. »Hier geht’s nicht mehr weiter«, sagte der Taxifahrer angesichts des Tumults auf den Straßen. »Macht nichts, es ist nicht mehr weit.« Mila zahlte und stieg aus. Sie sah sich einem Polizeikordon und Dutzenden von Streifenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht gegenüber. Am Straßenrand parkten Übertragungswagen der Fernsehsender. Die Kameraleute hatten ihre Geräte so positioniert, dass sie im Hintergrund immer das Haus vor dem Objektiv hatten. Mila war an dem Ort eingetroffen, wo alles seinen Anfang genommen hatte. Er lief unter der Bezeichnung »Fundort null«. Das Haus von Vincent Clarisso. Wie sie es anstellen sollte, an den Kontrollen vorbei ins Haus zu gelangen, war ihr noch nicht klar. Sie kramte ihren Dienstausweis aus der Tasche, hängte ihn sich um den Hals und hoffte einfach, dass sie unbemerkt durchschlüpfen konnte. Sie erkannte ein paar Kollegen, denen sie schon in den Fluren der Dienststelle begegnet war. Einige hielten rund um die Motorhaube eines Autos eine spontane Lagebesprechung ab, andere genehmigten sich eine Pause, aßen Sandwiches und tranken Kaffee. Auch der Kleinbus des Rechtsmediziners stand da. Chang saß auf dem Trittbrett und schrieb an seinem Bericht. Er blickte nicht auf, als sie vorbeikam. »He, wo wollen Sie hin?« Mila drehte sich um und sah einen übergewichtigen Polizisten keuchend auf sie zulaufen. Sie hatte keine Ausrede parat. Zu dumm, dass sie sich nicht vorher etwas überlegt hatte. »Sie gehört zu mir.« Krepp kam gerade des Weges. An seinem Hals prangte ein Pflaster, unter dem Kopf und Zacken eines geflügelten Drachen hervorlugten, anscheinend sein neuestes Tattoo. »Lass sie durch, sie gehört dazu«, sagte er zu dem Polizisten. Der Beamte war mit Krepps Auskunft zufrieden und kehrte auf seinen Posten zurück. Mila sah Krepp an und wusste nicht, was sie sagen sollte. Er zwinkerte ihr zu und setzte seinen Weg fort. Der Weg zur Haustür führte leicht bergab. Im Kies lagen noch die Hülsen von der Schießerei, die Vincent Clarisso das Leben gekostet hatte. Die Tür war ausgehängt, um den Zugang zum Haus zu erleichtern. Als Mila eintrat, schlug ihr der durchdringende Geruch von Desinfektionsmitteln entgegen. Das Wohnzimmer war mit Resopalmöbeln eingerichtet. Ein wild gemustertes Sofa, noch mit Plastikfolie überzogen. Ein kleiner Kamin mit künstlichem Feuer. Eine farblich auf die gelbe Auslegeware abgestimmte Hausbar. Auf der Tapete braune stilisierte Riesenblüten, Löwenmäulchen ähnlich. Statt Halogenlampen brannten Schirmlampen in den Räumen. Auch so ein Zeichen für den Kurs, den Terence Mosca vorgab: keine Show für den Oberkommissar. Alles musste schlicht gehalten sein. Ein Polizist der guten alten Schule, dachte Mila. Da sah sie Mosca auch schon. Er hielt in der Küche mit seinen engsten Mitarbeitern einen kleinen Gipfel ab. Mila schwenkte in eine andere Richtung, da sie möglichst unbehelligt bleiben wollte. Sie zog sich Füßlinge und Latexhandschuhe an, dann sah sie sich um und mischte sich unter die Leute. Ein Polizist nahm sämtliche Bücher aus einem Regal. Er blätterte sie rasch einzeln durch und stapelte sie auf dem Boden. Ein anderer durchstöberte die Schubladen eines Schrankes. Ein dritter sortierte Nippesgegenstände. Wo die Dinge noch nicht verrückt und untersucht waren, war alles peinlichst sauber und ordentlich. Nirgends lag ein Staubkörnchen, und man erfasste den ganzen Raum durch alleiniges Hinsehen, als könnten die einzelnen Gegenstände gar keinen anderen als den ihnen zugedachten Platz haben. Es war wie ein riesiges Puzzle. Mila wusste nicht, was sie eigentlich suchte. Das Haus war für sie der selbstverständliche Ausgangspunkt. Zudem beschäftigte sie der seltsame Anruf von Vincent Clarisso bei Cinthia Pearl, aus dem sie einfach nicht schlau wurde. Wenn er die Geschichte der einzigen Überlebenden hören wollte, hatte Clarisso vielleicht nicht gewusst, wer Benjamin Gorka war. Und wenn er es nicht gewusst hatte, dann war die fünfte Leiche – die im Studio – vielleicht nicht für Boris bestimmt gewesen. Diese logische Feststellung entlastete den Kollegen zwar nicht, denn es gab ein schwerwiegendes Indiz dafür, dass Boris Rebecca Springer getötet hatte: der Slip des Opfers. Aber irgendetwas an der Geschichte war nicht schlüssig. Als sie vor dem Zimmer am Ende des kurzen Flures stand, wusste Mila, warum es so nach Desinfektionsmittel roch. Ein aseptischer Raum. Ein Klinikbett unter einem Sauerstoffzelt, Unmengen von Medikamenten, sterile Kittel und medizinische Geräte. Das war der Operationssaal, in dem Clarisso seinen kleinen Patientinnen den Arm abgetrennt und der später Sandra als Krankenzimmer gedient hatte. In einem anderen Zimmer hantierte ein Beamter mit einem Plasmabildschirm, an den eine digitale Videokamera angeschlossen war. Der Sessel gegenüber dem Bildschirm stand zwischen den Lautsprechern einer Surround-Anlage. Rechts und links vom Fernseher erstreckte sich eine ganze Wand mit MiniDV-Kassetten, alle nach Datum sortiert. Der Polizist schob eine nach der anderen in die Videokamera, um den Inhalt zu sichten. Gerade liefen die Bilder eines Spielplatzes über den Schirm. Kinderlachen an einem sonnigen Wintertag. Mila erkannte Caroline, das letzte Kind, das Albert verschleppt und getötet hatte. Vincent Clarisso hatte seine Opfer sorgfältig studiert. Das dritte Zimmer war das wichtigste. In der Mitte stand ein hoher Tisch aus Stahl, an den Wänden hingen Pinntafeln mit unzähligen Notizen, bunten Klebezetteln und anderen Dingen. Sie kam sich vor wie in der Denkwerkstatt. Das ganze Material gab detailliert Clarissos Pläne wieder. Landkarten, Straßenkarten, Uhrzeiten und Wege. Ein Grundriss von Debby Gordons Internat ebenso wie vom Waisenhaus. Das Kennzeichen von Alexander Bermanns Auto und die Stationen seiner Dienstreisen. Fotos von Yvonne Gress und ihren Kindern und ein Bild von Feldhers Schrottplatz. Ausschnitte aus Illustrierten, die von dem reichen Joseph B. Rockford berichteten. Und natürlich die Polaroidfotos der verschleppten Mädchen. Auf dem Tisch lagen verschiedene Diagramme mit wirren Anmerkungen. Als ob der Mörder bei seinen Vorbereitungen unvermittelt unterbrochen worden wäre. Wahrscheinlich verbarg sich in diesen Blättern, vielleicht für immer, der Epilog, mit dem er seinen Plan hatte abschließen wollen. Als Mila sich umdrehte, wurde ihr kalt. Die Wand, bis dahin in ihrem Rücken, war über und über mit Fotos tapeziert, die die Mitglieder der Mordkommission bei der Arbeit zeigten. Sie selbst war auch dabei. Jetzt bin ich wirklich im Bauch des Monsters, dachte sie. Clarisso hatte sie und ihre Kollegen genau beobachtet. Nur auf den Wilson-Pickett-Fall und auf Boris wies nichts in dem Raum hin. »Scheiße! Vielleicht hilft mir endlich jemand?«, schimpfte der Beamte im Zimmer nebenan. »Was gibt’s denn, Fred?« »Woher soll ich bitte wissen, was da drauf ist? Und wie soll ich den Kram einsortieren, wenn ich es nicht weiß?« »Zeig mal …« Mila löste sich von der Fotowand, sie wollte raus aus diesem das Haus. Sie fühlte sich bestätigt – aber nicht, weil sie all das jetzt gesehen hatte, sondern weil etwas nicht da war. Benjamin Gorka fehlte. Und Boris fehlte. Das genügte ihr. Beim fünften Mädchen hatten sie sich geirrt. Oder es handelte sich um eine falsche Fährte. Der Beweis war Vincent Clarissos Anruf bei Cinthia Pearl, als er gemerkt hatte, dass die Ermittlungen eine unerwartete Wendung nahmen und er von ihr Näheres erfahren wollte. Auch das wollte Mila Roche zu bedenken geben. Sie war sich sicher, dass der Hauptkommissar diese Informationen dazu nutzen konnte, Boris zu entlasten und Oberkommissar Moscas Lorbeerkranz ein bisschen zu stutzen. Als sie an dem Zimmer mit dem Fernseher vorbeikam, sah sie etwas auf dem Bildschirm. Einen Ort, den der Polizist namens Fred und sein Kollege nicht identifizieren konnten. »Irgendeine Wohnung eben. » »Schon, aber was soll ich in meinem Bericht schreiben?« »Schreib ›unbekannter Ort‹.« »Meinst du wirklich?« »Klar. Irgendjemand wird schon rausfinden, wo das ist.« Mila wusste es. Die beiden bemerkten sie erst jetzt und drehten sich zu ihr um. Sie konnte den Blick nicht von den Bildern lösen, die über den Monitor liefen. Auf dem Weg durchs Wohnzimmer kramte sie in der Tasche nach ihrem Handy und rief Goran an. Als er sich meldete, war sie schon draußen. »Was gibt’s? »Wo bist du?« Sie klang alarmiert. Er merkte es nicht. »Noch in der Dienststelle, ich kümmere mich darum, dass Sarah ihre Tochter im Krankenhaus besuchen kann.« »Wer ist bei dir in der Wohnung?« Jetzt erst horchte Goran auf. »Frau Runa ist bei Tommy, wieso?« »Fahr sofort nach Hause!« »Warum?«, fragte er beunruhigt. Mila schob sich zwischen den vielen Polizisten hindurch. »Clarisso hatte ein Video von deiner Wohnung!« »Wie bitte?« »Er hat deine Wohnung inspiziert … Könnte er einen Komplizen gehabt haben?« Goran schwieg einen Augenblick. »Bist du noch am Tatort?« »Ja.« »Dann bist du schneller dort als ich. Lass dir von Terence Mosca zwei Beamte mitgeben, und fahr zu mir nach Hause. Ich rufe Frau Runa an, sie soll alles verriegeln.« »Gut.« Mila legte auf und machte auf dem Absatz kehrt. Hoffentlich stellte Mosca nicht zu viele Fragen. 42 »Mila, Frau Runa geht nicht ans Telefon!« Der Morgen dämmerte bereits. »Keine Angst, wir sind gleich da.« »Ich komme in ein paar Minuten nach.« Der Streifenwagen hielt mit quietschenden Reifen in einer ruhigen Straße des hübschen Viertels. Die Bewohner der Häuser ringsum schliefen noch. Nur die Vögel, die in den Bäumen hockten, begrüßten schon den neuen Tag. Mila rannte zur Tür. Sie klingelte Sturm. Keine Antwort. Sie versuchte es mit einer anderen Klingel. »Wer ist da?« »Polizei, bitte öffnen Sie die Tür!« Der Türöffner summte, das Schloss schnappte auf. Mila stieß die Tür auf und rannte in den dritten Stock hinauf, gefolgt von den beiden Beamten, die sie begleiteten. Den Lastenaufzug, der als Personenlift fungierte, benutzten sie nicht, sie waren schneller zu Fuß. Bitte mach, dass nichts passiert ist … Mach, dass es dem Jungen gut geht … Mila betete zu einem Gott, an den sie schon lange nicht mehr glaubte. Obwohl ebendieser Gott sie mittels der Begabung von Nicla Papakidis aus den Fängen ihres Peinigers befreit hatte. Sie hatte ihren Glauben nicht bewahren können, zu oft hatte sie erlebt, dass einem Kind nicht so viel Glück beschieden war wie ihr. Mach bitte, dass es nicht wieder so ist … Mach, dass es diesmal nicht so ist … Oben hämmerte sie gegen die geschlossene Tür. Nichts geschah. Einer der Polizisten trat näher. »Sollen wir die Tür aufbrechen?« Sie schnappte nach Luft und konnte nur nicken. Die beiden nahmen kurz Anlauf und traten gleichzeitig gegen die Tür, die daraufhin aufflog. Stille. Aber keine normale Stille. Eine leere, bedrückende Stille. Irgendwie leblos. Mila zog ihre Dienstwaffe und ging den Polizisten voraus. »Frau Runa?«, rief sie mit lauter Stimme, aber von nirgends kam Antwort. Sie gab den Polizisten ein Zeichen, sich aufzuteilen. Sie selbst wollte sich in Schlaf- und Kinderzimmer umsehen. Als sie langsam durch den Flur ging, zitterte ihre Hand, die den Pistolengriff umklammert hielt. Ihre Beine waren schwer, die Gesichtsmuskeln angespannt, und ihre Augen brannten. Die Tür des Kinderzimmers war angelehnt. Mila drückte mit der freien Hand dagegen. Die Fensterläden waren geschlossen, die Clownslampe auf dem Nachttisch drehte sich und warf Bilder von Zirkustieren an die Wand. Im Bett, das an der Wand stand, ahnte man einen kleinen Körper unter der Decke. Er lag da wie ein Embryo. Mila trat mit kleinen Schritten näher. »Tommy …«, flüsterte sie. »Wach auf, Tommy …« Nichts rührte sich. Als sie am Bett stand, legte sie die Waffe neben die Lampe. Sie fühlte sich schlecht. Sie wollte ihn nicht aufdecken, wollte nicht entdecken, was sie schon wusste. Am liebsten wollte sie alles stehen und liegen lassen und verschwinden. Nicht auch das noch sehen müssen! Zu oft hatte sie es erlebt, und jedes Mal fürchtete sie, es könnte wieder so sein. Sie zwang sich, ihre Hand nach dem Saum der Decke auszustrecken. Sie fasste ihn und zog die Decke rasch weg. Ein paar Sekunden stand sie einfach nur da, den Zipfel der Decke in der Hand, und schaute in die Augen eines alten Plüschbären, der sie mit seinem fröhlichen Gesicht angrinste. »Entschuldigen Sie …« Mila zuckte zusammen. Die beiden Polizisten standen in der Tür. »Nebenan ist eine Tür abgesperrt.« Mila wollte schon Anweisung geben, sie aufzubrechen, als sie Goran hörte, der »Tommy! Tommy!« rufend in die Wohnung gelaufen kam. Sie ging ihm entgegen. »In seinem Zimmer ist er nicht.« Goran war verzweifelt. »Wie – da ist er nicht? Wo soll er denn sonst sein?« »Was ist mit dem abgeschlossenen Zimmer?« Goran war verwirrt und begriff in seiner Panik überhaupt nichts. »Was?« »Das abgeschlossene Zimmer …« Goran hielt inne. »Hast du gehört?« »Was?« »Tommy …« Mila verstand nicht. Goran ließ sie stehen und rannte in sein Arbeitszimmer. Als er seinen Sohn sah, der sich unter dem Mahagonischreibtisch versteckt hatte, kamen ihm die Tränen. Er bückte sich unter den Tisch, nahm ihn in den Arm und drückte ihn an sich. »Papa, ich hatte solche Angst …« »Ich weiß, mein Schatz. Jetzt ist alles wieder gut.« »Frau Runa ist weg. Ich bin aufgewacht und war allein …« »Ich bin ja jetzt da.« Beruhigt von dem Gemurmel Gorans, der unter dem Schreibtisch kauerte, war Mila in der Tür stehen geblieben und hatte die Pistole wieder ins Holster gesteckt. »Jetzt gibt’s Frühstück, ja? Worauf hast du denn Lust? Magst du einen Krapfen?« Mila lächelte. Der Schreck war überstanden. Goran sagte: »Komm, ich trage dich.« Er kroch unter dem Tisch hervor und rappelte sich hoch. Aber da war kein Kind auf seinem Arm. »Schau, das ist Mila. Sie ist eine liebe Freundin.« Goran hoffte, dass sie seinem Sohn gefiel. Tommy benahm sich Fremden gegenüber manchmal ablehnend. Aber er sagte gar nichts, sondern zeigte nur auf Milas Gesicht. Goran sah genauer hin: sie weinte. Mit einem Mal kamen Tränen, von irgendwoher. Ausgelöst von einem inneren Schmerz, nicht von einem selbst beigebrachten, äußerlichen. »Was ist? Was hast du denn?«, fragte Goran, und er bewegte sich, als trüge er tatsächlich ein Kind auf dem Arm. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Er schien das nicht zu spielen. Goran glaubte tatsächlich, er hätte seinen Sohn auf dem Arm. Die Beamten, die zu ihnen getreten waren, beobachteten die beiden erstaunt, jederzeit bereit einzugreifen. Mila gab ihnen ein Zeichen, stehen zu bleiben. »Warten Sie bitte unten auf mich.« »Aber wir …« »Gehen Sie runter, und rufen Sie in der Dienststelle an, sie sollen Kommissar Stern schicken. Und denken Sie sich nichts, wenn Sie einen Schuss hören, das war dann ich.« Die beiden gehorchten widerstrebend. »Was ist denn los, Mila?« Alle Kraft war aus Gorans Stimme gewichen. Die Wahrheit schien ihn in einem Maß zu verängstigen, dass er wie gelähmt war. »Warum soll Stern kommen?« Mila legte den Finger an die Lippen, damit er schwieg. Dann drehte sie sich um und kehrte in den Flur zurück. Sie ging zu dem verschlossenen Zimmer, gab einen Schuss auf das Schloss ab, das in Stücke zersprang, und stieß die Tür auf. Es war dunkel im Zimmer, aber man nahm noch einen leichten Verwesungsgeruch wahr. Auf dem Ehebett lagen zwei Körper. Ein großer und ein kleiner. Die schwarz verfärbten Skelette mit den Hautresten, die sich wie Stoff fältelten, waren in einer Umarmung miteinander verschmolzen. Goran betrat das Zimmer. Er schnupperte. Sah die Toten. »Mein Gott …«, sagte er, ohne zu begreifen, was da für Leichen in seinem Schlafzimmer lagen. Er drehte sich zum Flur hin und wollte Tommy davon abhalten, das Zimmer zu betreten … Aber er sah ihn nicht. Er blickte wieder auf das Bett. Dieser kleine Körper. Die Wahrheit brach mit erbarmungsloser Wucht über ihn herein. Jetzt erinnerte er sich an alles. Mila trat zu ihm ans Fenster. Er sah hinaus. Nach Tagen mit Schnee und Regen schien wieder die Sonne. »Das wollte Albert uns mit dem fünften Mädchen sagen.« Goran schwieg. »Und du hast die Ermittlungen auf Boris gelenkt. Du musstest Terence Mosca nur suggerieren, in welche Richtung er ermitteln sollte. Die Akte mit dem Wilson-Pickett-Fall, die ich in deiner Tasche gesehen habe, hast du ihm gegeben … Und du hattest auch Zugang zu den Beweisstücken im Fall Gorka, du hast Rebecca Springers Slip aus der Asservatenkammer entwendet und bei der Durchsuchung in Boris’ Wohnung versteckt.« Goran nickte. Ihre Atemzüge waren aus Glas und zersplitterten, sobald sie versuchte, Luft zu holen. »Warum?«, fragte Mila mit dünner Stimme, die ihr in der Kehle brach. »Weil sie gegangen war und zurückkam. Aber nicht, um zu bleiben. Sie wollte mir mein Liebstes nehmen. Und weil er mitgehen wollte …« »Warum?«, fragte Mila wieder und ließ ihren Tränen freien Lauf. »Weil ich eines Morgens aufwachte und Tommy hörte. Er rief aus der Küche nach mir. Ich ging rüber, und da saß er auf seinem Platz. Er wollte frühstücken. Ich war so glücklich, dass ich einfach vergessen habe, dass er gar nicht da war.« »Warum?«, flehte sie. Diesmal dachte er nach, bevor er antwortete: »Weil ich sie beide geliebt habe.« Er öffnete das Fenster und stürzte sich ins Leere, und sie konnte es nicht verhindern. 43 Sie hatte sich immer ein Pony gewünscht. Sie konnte sich gut erinnern, wie sie ihrer Mutter und ihrem Vater damit in den Ohren gelegen hatte. Es war ihr nicht in den Sinn gekommen, dass es dort, wo sie lebten, gar keinen geeigneten Platz für ein Pony gab. Der Hinterhof war zu eng, und längs der Garage war nur ein schmales Beet, auf dem der Großvater Gemüse anbaute. Doch sie ließ nicht locker. Ihre Eltern dachten, irgendwann würden ihr die Flausen schon vergehen, sie aber wünschte sich Jahr für Jahr zum Geburtstag und zu Weihnachten ein Pony. Als Mila aus dem Bauch des Ungeheuers nach Hause zurückkehrte – nach einundzwanzig Tagen Gefangenschaft und drei Monaten Krankenhaus –, stand im Hof ein wunderschönes braunweiß geschecktes Pony. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen. Aber sie freute sich nicht. Der Vater hatte seine bescheidenen Kontakte mobilisiert, um das Pony günstig zu erstehen. Die Familie schwamm nicht im Geld, sie lebte sehr bescheiden, und Mila blieb vor allem aus finanziellen Gründen ein Einzelkind. Ihre Eltern konnten es sich nicht leisten, ihr ein Geschwisterchen zu schenken, trotzdem hatten sie ihr ein Pony gekauft. Und sie freute sich nicht darüber. Wie oft hatte sie sich dieses Geschenk in ihrer Phantasie ausgemalt. Sie hatte von nichts anderem geredet. Sie hatte sich vorgestellt, sie würde es füttern, ihm bunte Schleifen in die Mähne binden, es tüchtig striegeln. Wie oft hatte ihr Kater diese Behandlung über sich ergehen lassen müssen. Vielleicht konnte Houdini sie auch deshalb nicht leiden und machte immer einen großen Bogen um sie. Kinder lieben Ponys aus einem ganz bestimmten Grund. Ponys bleiben klein und wachsen zeitlebens nicht über den Zauber der Kindheit hinaus. Was für ein beneidenswerter Zustand. Doch Mila wollte nach ihrer Befreiung nur noch sofort groß werden, um das Geschehene möglichst weit hinter sich zu lassen. Mit ein bisschen Glück konnte sie es vielleicht sogar vergessen. Dieses Pony, das keinen Zentimeter mehr wachsen würde, bedeutete in ihren Augen einen unerträglichen Pakt mit der Zeit. Nachdem man sie mehr tot als lebendig aus Steves stinkendem Keller geholt hatte, begann ein neues Leben für sie. Nach drei Monaten im Krankenhaus, wo sie lernte, ihren linken Arm wieder richtig zu gebrauchen, musste sie mit den Dingen draußen in der Welt erst wieder vertraut werden, nicht nur mit dem Alltag in der Familie, sondern auch mit ganz normalen Gefühlen. Ihre beste Freundin Graciela, mit der sie Blutsschwesternschaft geschlossen hatte, bevor sie ins Nichts verschwand, benahm sich ihr gegenüber merkwürdig. Sie war nicht mehr die Graciela, mit der sie immer den letzten Kaugummi eines Päckchens teilte, vor der sie sich nicht zu pinkeln genierte, mit der sie den Zungenkuss ausprobierte, damit sie Bescheid wussten, wenn eines Tages die Jungs dran waren. Nein, Graciela hatte sich verändert. Wenn sie mit ihr redete, lächelte sie wie festgefroren, und Mila dachte immer, dass ihr irgendwann die Wangen wehtun müssten, wenn sie so weitermachte. Graciela bemühte sich, nett und freundlich zu sein, und redete gar nicht mehr frech daher, dabei hatte sie Mila kurz zuvor noch nicht mal bei ihrem richtigen Namen genannt – sie riefen einander nur Stinknutte und Sommersprossenhure. Sie hatten sich die Fingerkuppe der Zeigefinger mit einem rostigen Nagel angepiekst, denn sie sollten für immer Freundinnen bleiben, und niemals sollte ein Junge oder gar ein fester Freund zwischen ihnen stehen. Und dann hatten wenige Wochen eine abgrundtiefe Kluft geschaffen. Eigentlich war der Stich in die Fingerkuppe Milas erste Wunde gewesen. Aber sie hatte ärger geschmerzt, als sie längst verheilt war. »Ihr behandelt mich, als wäre ich auf dem Mond gewesen, hört auf damit!«, hätte sie am liebsten allen zugeschrien. Und wie die Leute sie immer ansahen! Es war unerträglich. Sie neigten den Kopf zur Seite und schürzten die Lippen. Auch in der Schule, wo sie nie geglänzt hatte, sah man nun großzügig über ihre Fehler hinweg. Mila hatte das nachsichtige Getue der anderen satt. Sie kam sich vor wie in einem dieser Schwarzweiß-Filme, spätabends im Fernsehen, in denen die Erdenbewohner durch Marsklone ersetzt wurden, und nur sie war gerettet, weil sie in diesem warmen Bauch versteckt gewesen war. Es gab also zwei Möglichkeiten. Entweder hatte sich die Welt verändert, oder das Monster hatte nach einundzwanzigtägiger Tragzeit eine neue Mila geboren. Niemand um sie herum sprach ein Wort über das, was geschehen war. Alle sorgten dafür, dass sie wie in einer Blase festhing, sie taten, als wäre sie aus Glas und könnte jederzeit zerbrechen. Sie begriffen nicht, dass sie einfach nur etwas Echtes wollte, nachdem sie so betrogen worden war. Nach elf Monaten begann das Gerichtsverfahren gegen Steve. Auf diesen Augenblick hatte sie lange gewartet. In allen Zeitungen und in allen Nachrichten war die Rede davon, aber die Eltern enthielten ihr die Neuigkeiten vor – zu ihrem eigenen Besten, wie es hieß. Mila jedoch informierte sich heimlich, wann immer es ging. Sowohl sie als auch Linda hätten aussagen sollen. Der Staatsanwalt zählte vor allem auf Mila, denn ihre Mitgefangene nahm den Peiniger immer noch unbeirrt in Schutz. Linda verlangte, dass man sie wieder Gloria nannte. Die Ärzte sprachen von einer schweren psychischen Störung. Also sollte Mila dafür sorgen, dass Steve endgültig das Handwerk gelegt werden konnte. In den Monaten nach seiner Verhaftung hatte Steve alles dafür getan, um als geistesgestört zu gelten. Er erfand abstruse Theorien über nicht vorhandene Komplizen, deren Befehle er nur ausgeführt haben wollte. Er versuchte, der Öffentlichkeit die gleiche Geschichte wie Linda auf die Nase zu binden: die von Frankie, dem Bösewicht. Doch das Märchen war hinfällig, als ein Polizist entdeckte, dass Steve als Kind eine Schildkröte mit diesem Namen gehabt hatte. Die Menschen aber gierten nach dieser Geschichte. Steve war zu normal für ein Monster. Ihnen selbst zu ähnlich. Der Gedanke, jemand anders stecke hinter all dem, ein noch rätselhafteres Wesen, ein echtes Monster, war seltsam beruhigend. Mila war wild entschlossen, Steve vor Gericht mit seiner ganzen Schuld zu konfrontieren und sich für das, was er ihr angetan hatte, zu revanchieren. Er sollte im Gefängnis schmoren, und zu dem Zweck würde sie sogar freiwillig das arme Opfer spielen, was sie bislang stur abgelehnt hatte. Sie saß auf der Zeugenbank gegenüber dem Käfig, in dem Steve in Handschellen eingesperrt war, und beabsichtigte, ihn keinen Moment aus den Augen zu lassen, während sie jede Einzelheit berichten wollte. Doch als sie ihn sah – Haut und Knochen, das schlotternde, bis zum Hals zugeknöpfte grüne Hemd, die zittrigen Finger, mit denen er mühsam etwas in einem Block notierte, die Haare, die er sich anscheinend selbst geschnitten hatte und die auf einer Seite länger waren –, als sie ihn so sah, spürte sie etwas, was sie nie für möglich gehalten hätte: Mitleid. Aber auch Wut auf diesen armseligen Kerl, eben weil er ihr leidtat. Es war das letzte Mal gewesen, dass Mila Vasquez Empathie für jemanden empfand. Nachdem sie Gorans Geheimnis entdeckt hatte, hatte sie weinen müssen. Eine verloren geglaubte Erinnerung tief innen flüsterte ihr zu, dass es Tränen der Empathie gewesen waren. Mit einem Mal war irgendwo ein Damm gebrochen und hatte einen ungeahnten Strom an Emotionen freigesetzt. Jetzt glaubte sie sogar spüren zu können, was andere empfanden. Zum Beispiel als Roche eintraf – da spürte sie, wie es ihm heiß ins Bewusstsein stieg, dass seine Stunden gezählt waren, weil sein bester Mann ihm das schlimmste Gifthäppchen serviert hatte. Terence Mosca indes schien ihr hin und her gerissen zwischen der Freude über den sicheren Karrieresprung und dem Unbehagen über den Grund dafür. Deutlich spürte sie, kaum dass Stern die Wohnung betreten hatte, wie aufgewühlt und traurig er war. Ihr war auch klar, dass er umgehend die Ärmel hochkrempeln würde, um mit dieser hässlichen Geschichte aufzuräumen. Nur bei Goran spürte sie nichts. Mila war Steve nicht auf den Leim gegangen, anders als Linda hatte sie keine Sekunde an Frankies Existenz geglaubt. Aber auf das Lügenmärchen, dass in Gorans Wohnung ein Kind lebte, war sie hereingefallen. Sie hatte ihn von ihm sprechen hören. Sie hatte zugehört, wenn Goran die Kinderfrau anrief, um sich zu vergewissern, dass Tommy wohlauf war, und ihr zu sagen, sie solle gut auf ihn aufpassen. Mila hatte ihn sogar zu sehen geglaubt, als Goran ihn ins Bett brachte. Das alles konnte sie sich nicht verzeihen, weil sie sich so unendlich dumm vorkam. Goran Gavila hatte den Sturz aus zwölf Meter Höhe überlebt, schwebte aber auf einer Intensivstation zwischen Leben und Tod. Seine Wohnung war belagert, jedoch nur von außen. Innen befanden sich lediglich zwei Personen. Stern, der seine Kündigung erst einmal auf Eis gelegt hatte, und Mila. Sie suchten nichts, sie versuchten nur, die Ereignisse in eine chronologische Ordnung zu bringen, um Antworten auf die einzig möglichen Fragen zu finden. Wann war in Goran Gavila, diesem ausgeglichenen, ruhigen Menschen, der tödliche Plan gereift? Wann hatten ihn die Rachegelüste überwältigt? Wann war aus seiner Wut ein Plan geworden? Mila hielt sich im Arbeitszimmer auf, Stern inspizierte den Raum nebenan. Sie hatte in ihrer Laufbahn schon viele Wohnungen durchsucht. Kleinste Details verrieten unglaublich viel über einen Menschen. Als sie Gorans Refugium erforschte, in dem seine Gedanken herangereift waren, bemühte sie sich, innerlich auf Distanz zu bleiben, um Besonderheiten zu registrieren, kleine Gewohnheiten, die zufällig auf etwas Wichtiges hinwiesen. Goran bewahrte seine Büroklammern in einem Kristallaschenbecher auf. Seine Bleistifte spitzte er direkt in den Papierkorb. Und auf seinem Schreibtisch stand ein Fotorahmen ohne Foto. Der leere Rahmen war ein Fenster zu den Abgründen eines Mannes, von dem Mila geglaubt hatte, sie könnte ihn lieben. Sie wandte den Blick ab, als hätte sie Angst, verschlungen zu werden. Stattdessen zog sie eine Schublade auf der einen Seite des Tisches auf. Eine Akte lag darin. Sie nahm sie heraus und legte sie auf den Stapel, den sie schon durchgesehen hatte. Dem Datum zufolge handelte es sich um Goran Gavilas letzten Fall, bevor die Geschichte mit den verschwundenen Mädchen ans Licht gekommen war. Außer schriftlichen Unterlagen enthielt er eine Reihe von Audiokassetten. Mila begann zu lesen; die Kassetten wollte sie sich später anhören, falls es sich lohnte. Es handelte sich um den Schriftverkehr zwischen dem Direktor einer Justizvollzugsanstalt – einem gewissen Alphonse Bérenger – und der Staatsanwaltschaft. In der Korrespondenz ging es um das merkwürdige Benehmen eines Häftlings, der nur mit seiner Nummer bezeichnet wurde: RK-357/9. Zwei Polizeibeamte hatten den Mann einige Monate zuvor aufgegriffen, als er, allein und unbekleidet, durch die Gegend irrte. Er weigerte sich, seine Personalien anzugeben. Aus seinen Fingerabdrücken ergab sich nur, dass er keine Kriminalakte hatte. Aber ein Richter hatte ihn wegen Behinderung der Justiz verurteilt. Er saß immer noch im Gefängnis. Mila nahm eine Kassette zur Hand. Auf dem Etikett standen nur eine Uhrzeit und ein Datum. Sie rief Stern und fasste kurz zusammen, was sie gelesen hatte. »Hör mal, was der Gefängnisdirektor schreibt … ›Während seines gesamten bisherigen Aufenthalts in der JVA hat sich der Häftling Nummer RK-357/9 strikt an die Gefängnisordnung gehalten und stets ein sehr diszipliniertes Verhalten an den Tag gelegt. Davon abgesehen ist er ein kontaktscheuer Sonderling. Das dürfte auch der Grund dafür sein, dass sein eigentümliches Verhalten lange unbemerkt blieb und erst kürzlich einem unserer Wärter auffiel. Es besteht darin, dass der Häftling jeden Gegenstand, mit dem er in Berührung kommt, anschließend reinigt und mit einem weichen Lappen poliert; sämtliche Kopf- und Körperhaare, die er im Laufe eines Tages verliert, werden gewissenhaft von ihm eingesammelt und entsorgt, Besteck und Kloschüssel nach Gebrauch auf Hochglanz gebracht.‹ Was sagst du dazu?« »Hm, keine Ahnung … Meine Frau hat auch einen Putzfimmel.« »Hör, wie es weitergeht: ›Der Mann leidet also an einem Sauberkeitszwang. Oder aber – und das scheint mir persönlich die plausiblere Erklärung – er möchte unter keinen Umständen organisches Material hinterlassen. Ich hege deshalb den ernsten Verdacht, dass der Häftling ein Gewaltverbrechen begangen hat und verhindern möchte, anhand von DNA-Proben identifiziert zu werden.‹ Na, was sagst du?« Stern nahm das Schreiben und las selbst. »Das war im November … Steht denn irgendwo, ob sie am Ende doch noch an seine DNA gekommen sind?« »Man kann ihn anscheinend nicht zu dem Test zwingen und ihm auch nicht einfach etwas abnehmen, weil das seine Grundrechte verletzen würde.« »Was haben sie dann gemacht?« »Sie haben versucht, sich bei unangekündigten Inspektionen seiner Zelle wenigstens ein Haar zu beschaffen.« »Ist er in Einzelhaft?« Mila überflog das Blatt auf der Suche nach der Stelle, an der sie diesbezüglich etwas gelesen hatte. »Ja, hier schreibt der Direktor: ›Bis heute hat der Mann die Zelle mit einem anderen Häftling geteilt, wodurch er seine biologischen Spuren relativ leicht verwischen konnte. Inzwischen habe ich ihn jedoch aus der Gemeinschaftszelle entfernen und in Einzelhaft unterbringen lassen.‹« »Haben sie seine DNA jetzt oder nicht?« »Der Mann war wohl schlauer als sie, denn wenn sie kamen, war seine Zelle immer picobello. Aber dann merkten sie, dass er Selbstgespräche führte, und versteckten ein Mikro in der Zelle …« »Und was hat Professor Gavila damit zu tun?« »Ich weiß nicht, wahrscheinlich sollte er ein Gutachten erstellen …« Stern dachte kurz nach. »Vielleicht sollten wir uns die Kassetten mal anhören.« Im Arbeitszimmer stand auf einem Sideboard ein alter Kassettenrekorder, den Goran wahrscheinlich zum Diktieren benutzte. Mila reichte Stern eine Kassette. Er legte sie ein und wollte schon auf die Play-Taste drücken. »Warte.« Stern drehte sich überrascht zu Mila um. Sie war leichenblass. »Scheiße!« »Was ist denn?« »Der Name.« »Welcher Name?« »Der Name des Häftlings, mit dem er die Zelle teilte, bevor er in Einzelhaft kam …« »Und?« »Er hieß Vincent … Das war Vincent Clarisso.« 44 Alphonse Bérenger war ein Sechzigjähriger mit Kindergesicht. Sein rötliches Gesicht sah aus wie von einem dichten Gefäßnetz zusammengehalten. Wenn er lächelte, kniff er die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Er leitete das Gefängnis seit fünfundzwanzig Jahren und wollte in ein paar Monaten in Pension gehen. Er angelte leidenschaftlich gern und verwahrte in einer Ecke seines Büros eine Angelrute und eine Schachtel mit Haken und Ködern. Mit Angeln wollte er bald seine Tage verbringen. Bérenger war beliebt. Unter seiner Leitung war es nie zu schweren Gewaltausbrüchen gekommen. Er hatte einen guten Draht zu den Häftlingen, und die Aufseher mussten nur selten Gewalt anwenden. Alphonse Bérenger las die Bibel und war Atheist. Aber er glaubte an die zweite Chance. Für ihn stand jedem Menschen guten Willens das Recht auf Vergebung zu. Egal, welche Schuld er auf sich geladen hatte. Er galt als rechtschaffen und fühlte sich mit der Welt im Reinen. Aber seit einiger Zeit schlief er schlecht. Seine Frau führte das auf die bevorstehende Pensionierung zurück, doch dem war nicht so. Ihn quälte der Gedanke, Häftling Nummer RK-357/9 entlassen zu müssen, ohne seinen Namen zu kennen oder zu wissen, ob er vielleicht ein Gewaltverbrecher war. »Der Kerl ist … verrückt«, sagte Alphonse Bérenger zu Mila, als sie auf dem Weg zum Trakt mit den Einzelzellen eine der Sicherheitstüren passierten. »Inwiefern?« »Er lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Wir haben ihm das fließende Wasser abgestellt, weil wir hofften, er würde aufhören zu putzen. Daraufhin reinigte er alles mit Lappen. Wir nahmen ihm die Lappen weg. Er putzte mit seinen Kleidern. Wir wollten ihn zwingen, das gefängniseigene Besteck zu verwenden. Da hat er nichts gegessen.« »Und was haben Sie dann getan?« »Wir konnten ihn ja nicht verhungern lassen! Er reagierte auf jeden Vorstoß mit entwaffnender Sturheit oder mit sanfter Entschlossenheit, wenn Sie wollen.« »Und die Spurensicherung?« »Die waren drei Tage in der Zelle, haben aber nicht genug organisches Material gefunden, um seine DNA zu isolieren. Wie ist das bitte möglich? Wir verlieren doch jeden Tag Millionen Zellen in Form von winzigen Wimpern oder Hautschuppen …« Bérenger hatte sich mit seiner ganzen Anglergeduld gewappnet. Aber sie hatte nicht ausgereicht. Seine letzte Hoffnung war jetzt diese Polizistin, die am Morgen überraschend aufgetaucht war und eine derart verrückte Geschichte erzählt hatte, dass sie schon fast wahr klang. Am Ende des langen Flures hielten sie vor einer weißen Stahltür. Es war die Einzelzelle Nr.15. Der Direktor sah Mila an. »Sind Sie sicher, dass Sie das wollen?« »In drei Tagen kommt der Mann raus, und ich habe das Gefühl, dass wir ihn dann nie mehr wieder sehen werden. Deshalb – ja, ich bin sicher.« Die schwere Tür wurde geöffnet und hinter ihr sofort wieder geschlossen. Mila tat ihren ersten Schritt in die kleine Welt des Häftlings mit der Nummer RK-357/9. Er sah anders aus, als sie ihn sich vorgestellt hatte, auch anders als auf dem Phantombild, das nach Nicla Papakidis’ Beschreibung von ihm angefertigt worden war, nachdem sie ihn in Joseph B. Rockfords Erinnerung gesehen hatte. Bis auf ein Detail. Die grauen Augen. Er war klein, an seinen schmalen Schultern standen die Schlüsselbeine hervor. Der orangefarbene Häftlingsanzug war ihm viel zu groß, sodass er Ärmel und Hosenbeine umkrempeln musste. Seine wenigen Haare wuchsen ihm wie ein Kranz um den Kopf. Er saß auf der Pritsche, einen Blechnapf auf den Knien, in dem er mit einem gelben Filzlappen herumwischte. Neben ihm lagen auf der Bettdecke ordentlich aufgereiht Besteck, eine Zahnbürste und ein Plastikkamm. Das alles hatte er wahrscheinlich schon gereinigt. Er hob knapp den Kopf und sah Mila an, ohne mit dem Reiben aufzuhören. Mila war überzeugt, dass der Mann wusste, warum sie gekommen war. »Guten Tag«, sagte sie. »Darf ich mich setzen?« Er nickte höflich und wies auf einen Schemel an der Wand. Mila holte ihn und setzte sich hin. Das beharrliche, gleichmäßige Reiben des Lappens auf dem Metall war das einzige Geräusch in dem schmalen Raum. Die typischen Gefängnisgeräusche waren aus dem Isolationsbereich verbannt, damit die innere Einsamkeit noch schwerer wog. Doch das schien den Häftling nicht zu stören. »Hier wüssten die Leute gern, wer Sie sind«, fing Mila an. »Sie sind wie besessen von der Frage. Der Direktor der Vollzugsanstalt. Die Staatsanwaltschaft ebenso. Die anderen Häftlinge erzählen sich alles Mögliche.« Er sah Mila unbeirrt an. »Ich frage mich das nicht. Ich weiß es. Sie sind der Mann, den wir Albert getauft haben. Der Mann, den wir suchen.« Er zeigte keine Reaktion. »Sie saßen in Alexander Bermanns Kellerloch im Sessel. Sie trafen Ronald Dermis im Heim, als er noch ein Kind war. Sie waren im Haus von Yvonne Gress, während Feldher die Frau und ihre Kinder abschlachtete – die Silhouette an der blutigen Wand stammt von Ihnen. Sie waren mit Joseph B. Rockford in dem verlassenen Haus, als er zum ersten Mal tötete … Sie haben sie alle zu Ihren Schülern gemacht. Sie stachelten ihren Hass an, schürten ihre Niedertracht und duckten sich dabei selbst immer in den Schatten.« Der Mann rieb seinen Napf, ohne auch nur einen Augenblick aus dem Rhythmus zu geraten. »Vor etwa vier Monaten lassen Sie sich festnehmen. Und zwar mit Absicht, davon bin ich überzeugt. Im Gefängnis lernen Sie Vincent Clarisso kennen, er ist Ihr Zellengenosse. Sie haben bis zu seiner Entlassung fast einen Monat Zeit, ihn zu instruieren. Kaum ist Clarisso auf freiem Fuß, macht er sich daran, Ihren Plan in die Tat umzusetzen … Er soll sechs Mädchen entführen, ihnen den linken Arm abtrennen, die Leichen so deponieren, dass diese ganzen Horrorgeschichten ans Licht kommen, von denen niemand eine Ahnung hatte. Während Clarisso den Auftrag erledigte, saßen Sie hier. Deshalb können Sie nicht belangt werden. Diese vier Wände sind Ihr perfektes Alibi … Aber Ihr Meisterwerk ist und bleibt Goran Gavila.« Mila holte eine der Audiokassetten aus der Tasche, die sie im Arbeitszimmer des Kriminologen gefunden hatte, und warf sie auf die Pritsche. Der Mann verfolgte die Flugbahn mit den Augen, bis die Kassette wenige Zentimeter von seinem linken Bein landete. Er rührte sich nicht, wich nicht aus. »Professor Gavila hat Sie nie gesehen, er kennt Sie nicht. Aber Sie kennen ihn.« Milas Herz klopfte schneller. Da war Zorn, Groll und noch etwas anderes. »Sie haben sich etwas ausgedacht, um von hier aus Verbindung mit ihm aufzunehmen. Wirklich genial. Als Sie Ihre Einzelzelle bezogen, fingen Sie an, wie ein armer Irrer Selbstgespräche zu führen. Sie wussten, dass man in der Zelle ein Mikrofon verstecken und die Aufnahmen einem Fachmann vorlegen würde. Aber nicht irgendeinem, sondern dem besten seines Fachs …« Mila zeigte auf die Kassette. »Ich habe mir alle angehört. Das sind viele Stunden Abhörmaterial. Die Botschaften waren nicht einfach so dahingebrabbelt. Sie waren für Gavila bestimmt … töten, töten, töten … Er hat auf Sie gehört und Frau und Kind getötet. Geduldig haben Sie seinen Geist bearbeitet. Eines aber wüsste ich noch gerne: Wie machen Sie das? Wie kriegen Sie das hin? Sie sind wahnsinnig gut.« Der Mann hörte den Sarkasmus nicht heraus, vielleicht kümmerte er ihn auch nicht. Er schien vielmehr neugierig zu sein, wie die Geschichte weiterging, denn er sah Mila unentwegt an. »Aber nicht nur Sie verstehen sich darauf, sich in anderer Leute Kopf einzunisten. Ich habe in letzter Zeit viel über Serienmörder gelernt. Ich weiß inzwischen, dass man sie in vier Kategorien einteilt: Visionäre, Missionare, Hedonisten und Machtmenschen. Allerdings gibt es noch eine fünfte Art: Das sind die Souffleure, die geheimen Regisseure.« Sie kramte in ihren Taschen und holte ein gefaltetes Blatt hervor, das sie ordentlich glattstrich. »Der berühmteste ist Charles Manson, der seine ›Family‹ zu dem Massaker am Cielo Drive anstiftete. Doch es gibt noch zwei bessere Beispiele …« Sie las vor: »Im Jahr 2005 überredet ein Japaner namens Fujimatsu achtzehn Personen, die er im Chat kennengelernt hat und die über die ganze Welt verstreut leben, sich am Valentinstag das Leben zu nehmen. Ganz normale Leute ohne offensichtliche Probleme, Männer und Frauen unterschiedlichen Alters und aus allen sozialen Schichten.« Mila sah den Häftling an. »Wie er es geschafft hat, sie sich hörig zu machen, ist immer noch ein Rätsel. Aber hören Sie hier – das ist das Beste. ›1999 tötet Roger Blest aus Akron in Ohio sechs Frauen. Bei seiner Verhaftung erzählt er der Polizei, ein gewisser Rudolf Migby habe ihm das eingeredet. Der Richter und die Geschworenen vermuten, dass er als geisteskrank gelten will, und verurteilen ihn zur Todesspritze. 2002 tötet in Neuseeland der Arbeiter Jerry Hoover, ein Analphabet, vier Frauen und erklärt dann der Polizei, ein gewisser Rudolf Migby habe ihm das eingeredet. Der psychiatrische Sachverständige erinnert sich an den Fall aus dem Jahr 1999, von dem Hoover schwerlich Kenntnis haben kann, und entdeckt, dass ein Arbeitskollege des Mannes tatsächlich Rudolf Migby heißt und 1999 in Akron, Ohio, lebte.‹« Mila sah den Häftling an. »Nun, was sagen Sie dazu? Kommt Ihnen das bekannt vor?« Der Mann erwiderte nichts. Seine Schüssel glänzte, doch er schien mit dem Ergebnis noch nicht zufrieden. »Der Souffleur tötet nicht mit eigenen Händen. Er kann nicht verantwortlich gemacht, nicht bestraft werden. Im Manson-Prozess wurde das Todesurteil mit einem juristischen Kniff in mehrfach Lebenslänglich umgewandelt. Manche Psychiater bezeichnen Sie und Ihresgleichen als Flüsterer, wegen Ihres Talents, besonders schwache Charaktere zu beeinflussen. Ich nenne solche Leute lieber Wölfe … Wölfe agieren im Rudel. Jedes Rudel hat einen Anführer, und häufig jagen die anderen Wölfe für ihn.« Häftling Nummer RK-357/9 hörte auf, die Schüssel zu polieren, und stellte sie neben sich. Dann legte er die Hände in den Schoß und wartete, was noch kommen würde. »Aber Sie stellen alle in den Schatten …« Mila lachte auf. »Es gibt keine Beweise dafür, dass Sie in die Verbrechen verwickelt sind, die Ihre Schüler begangen haben. Ohne Beweise kann Ihnen niemand das Handwerk legen, Sie sind also bald wieder ein freier Mann. Das kann niemand verhindern.« Mila seufzte. »Schade. Wenn Ihre wahre Identität bekannt wäre, würden Sie als Berühmtheit in die Geschichte eingehen, glauben Sie mir.« Sie beugte sich vor und sagte in scharfem, drohendem Ton: »Ich kriege schon noch raus, wer du bist.« Mila stand auf, wischte sich nicht vorhandenen Staub von den Händen und schickte sich an, die Zelle zu verlassen. Doch bevor sie ging, gönnte sie sich noch ein paar Sekunden mit diesem Mann. »Dein letzter Schüler ist gescheitert. Vincent Clarisso hat deinen Plan nicht zu Ende gebracht, das sechste Mädchen lebt. Das bedeutet, dass du ebenfalls gescheitert bist.« Sie beobachtete seine Reaktion, und ganz kurz schien es ihr, als habe sich in dem undurchdringlichen Gesicht etwas bewegt. »Wir sehen uns wieder.« Sie reichte ihm die Hand. Er war überrascht, das hatte er wohl nicht erwartet. Einen langen Augenblick sah er sie unverwandt an. Dann hob er schlaff die Hand und drückte die ihre. Es ekelte Mila, als die weichen Finger sie berührten. Der Mann ließ seine Hand sinken. Mila wandte sich ab und trat an die Tür. Sie klopfte dreimal und wartete. Sie wusste, dass sein Blick auf ihr ruhte, zwischen ihren Schulterblättern. Draußen drehte jemand den Schlüssel um. Bevor die Tür aufging, sprach der Häftling mit der Nummer RK 357/9 zum ersten Mal. »Es ist ein Mädchen«, sagte er. Mila traute ihren Ohren nicht und fuhr herum. Der Häftling hatte seinen Lappen wieder in die Hand genommen und bearbeitete einen anderen Napf. Mila ging hinaus, die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und Bérenger kam ihr entgegen. Krepp begleitete ihn. »Und? Hat es geklappt?« Mila nickte. Sie zeigte die Hand, die sie dem Häftling gereicht hatte. Krepp zückte eine Pinzette und zog behutsam einen hauchdünnen transparenten Film von Milas Handfläche, an dem Hautzellen des Mannes klebten. Um die Zellen zu konservieren, legte er die Folie sofort in eine Schale mit alkalischer Lösung. »Jetzt werden wir bald wissen, wer dieses Schwein ist.« 5. September Vereinzelte weiße Wolken sorgten dafür, dass der tiefblaue Himmel noch blauer wirkte. Hätten sie sich vor der Sonne zusammengeballt, sie wäre unweigerlich dahinter verschwunden. Doch sie ließen sich einfach vom Wind treiben. Es war ein langer Sommer gewesen. Mila hatte beide Seitenfenster heruntergelassen und ließ ihre Haare im Fahrtwind wehen. Sie hatte sie wachsen lassen, und das war nicht die einzige Veränderung in der letzten Zeit. Sie kleidete sich auch anders. Sie hatte die Jeans abgelegt und trug tatsächlich einen geblümten Rock. Auf dem Beifahrersitz lag eine Schachtel mit einer großen roten Schleife. Sie hatte nicht lange über das Geschenk nachgedacht, überhaupt tat sie inzwischen einfach das, was ihr gerade in den Sinn kam. Mila hatte entdeckt, wie reich und überraschend das Leben war. Sie freute sich über diese neue Entwicklung. Doch jetzt musste sie mit ihren Stimmungsschwankungen klarkommen. Manchmal fing sie einfach an zu weinen, mitten im Gespräch oder während sie irgendetwas erledigte. Grundlos bemächtigte sich ihrer eine seltsame, angenehme Sehnsucht. Sie hatte erst nicht verstanden, woher diese Gefühle kamen, die sie in schöner Regelmäßigkeit in Wellen oder krampfartig befielen. Jetzt wusste sie es. Aber das Geschlecht des Kindes hatte sie nicht wissen wollen. Es ist ein Mädchen. Mila vermied den Gedanken daran, wie sie überhaupt versuchte, die ganze Geschichte zu vergessen. Anderes war wichtiger. Da waren die plötzlichen Hungerattacken, die dafür sorgten, dass ihre Figur weiblicher wurde. Dann der unvermittelte Harndrang. Und schließlich die Tritte im Bauch, die sie schon seit geraumer Weile spürte. Den Tritten hatte sie es zu verdanken, dass sie lernte, nach vorn zu schauen. Aber es war unvermeidlich, dass ihre Gedanken bisweilen doch zu den Ereignissen zurückkehrten. Häftling Nummer RK-357/9 war an einem Dienstag im März entlassen worden. Ohne Namen. Zwar war Milas Trick geglückt – Krepp hatte aus den Epithelzellen DNA isoliert, und die Informationen wurden in sämtliche verfügbaren Datenbanken eingespeist, die DNA wurde auch mit organischem Material abgeglichen, das aus ungelösten Fällen stammte und nicht identifiziert war –, doch es war nichts dabei herausgekommen. Vielleicht haben wir noch immer nicht seinen ganzen Plan durchschaut, dachte Mila mit einem mulmigen Gefühl. Die erste Zeit nach seiner Entlassung wurde der Namenlose rund um die Uhr von der Polizei überwacht. Das Sozialamt stellte ihm eine Wohnung zur Verfügung, und er fing – Ironie des Schicksals – als Reinigungskraft in einem großen Supermarkt an. Er gab nichts von sich preis, was nicht schon bekannt gewesen wäre. So lockerten die Polizeibeamten mit der Zeit die Überwachung. Ihre Vorgesetzten waren nicht länger bereit, Überstunden zu bezahlen, und auch die sporadischen Patrouillen wurden nach ein paar Wochen abgesetzt. Schließlich kümmerte sich niemand mehr um ihn. Mila behielt ihn noch eine Weile im Auge, bis es ihr zu mühsam wurde. Seit sie wusste, dass sie schwanger war, ließ sie die Überwachung ziemlich schleifen. Dann, eines Tages Mitte Mai, verschwand er. Er hinterließ keine Spuren, und Mila hatte keine Ahnung, wohin er gegangen sein könnte. Anfangs hatte sie sich geärgert, doch dann war sie seltsam erleichtert gewesen. Die Polizistin, die Verschwundene aufspürte, hatte sich im Stillen gewünscht, dass dieser Mann verschwand. Rechter Hand wies ein Schild den Weg in das Wohnviertel. Mila bog ab. Es war eine schöne Gegend. Bäume säumten die Straßen und warfen die immergleichen Schatten, als wollten sie niemanden benachteiligen. Die Einfamilienhäuser reihten sich aneinander, alle hatten hübsche Vorgärten, alle ähnelten sich. Die Angaben auf dem Zettel, den Stern ihr gegeben hatte, endeten an der Gabelung vor ihr. Sie bremste ab und sah sich um. »Mensch, wo seid ihr denn?«, fragte sie Stern per Telefon. Noch bevor er antwortete, sah sie ihn schon ein ganzes Stück weiter vorn, das Handy am Ohr und ihr zuwinkend. Sie parkte an der Stelle, die er ihr anwies, und stieg aus. »Wie geht’s?« »Abgesehen von der Übelkeit, den geschwollenen Beinen und der dauernden Pinkelei eigentlich ganz gut …« Er legte ihr den Arm um die Schultern. »Komm, wir sind hinten.« Merkwürdig, Stern ohne Schlips und Jackett zu sehen, dafür in blauen Shorts und einem weit aufgeknöpften geblümten Hemd. Ohne das unvermeidliche Pfefferminzbonbon hätte sie ihn kaum wiedererkannt. Mila ließ sich in den Garten führen, wo die Frau des ehemaligen Mitarbeiters der Sonderkommission gerade den Tisch deckte. Mila lief zu ihr und umarmte sie. »Ciao, Marie, dir geht’s gut, was?« »Klar, jetzt, da sie mich den ganzen Tag zu Hause hat!«, rief Stern lachend. Marie gab ihrem Mann einen Klaps auf den Rücken. »Ab an den Grill!« Als sich Stern daran machte, Würstchen und Maiskolben zu grillen, trat Boris zu Mila, eine schon halb geleerte Bierflasche in der Hand. Er nahm sie in seine starken Arme und hob sie hoch. »Bist du dick geworden!« »Du hast gut reden.« »Wieso kommst du erst jetzt?« »Hast du dir etwa Sorgen gemacht?« »Nein, ich habe Hunger.« Sie lachten. Boris war ihr gegenüber in letzter Zeit sehr aufmerksam, und das nicht nur, weil sie ihn vor dem Gefängnis bewahrt hatte. Er hatte zugenommen, seit er im Rahmen seiner Beförderung ein sesshaftes Leben führte. Terence Mosca, der neue Hauptkommissar, hatte sofort die Scharte auswetzen wollen und ihm ein unwiderstehliches Angebot gemacht. Roche hatte, kaum dass der Fall offiziell abgeschlossen war, seine Kündigung eingereicht; vorher hatte er mit der Dienststelle noch vereinbart, dass ihm zum Abschied mit feierlicher Belobigung eine Verdienstmedaille verliehen werden sollte. Man munkelte, er wolle eventuell in die Politik gehen. »Wie dumm, ich habe die Schachtel im Auto liegen lassen!«, fiel Mila plötzlich ein. »Könntest du sie vielleicht holen?« »Aber klar.« Als der große Boris fort war, hatte sie freie Sicht auf die anderen Gäste. Unter einem Kirschbaum saß Sandra im Rollstuhl. Sie konnte nicht laufen. Die Probleme mit den Beinen hatten einen Monat nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus angefangen. Die Ärzte führten die Nervenlähmung auf den Schock zurück. Sandra absolvierte ein strenges Reha-Programm. Eine Prothese ersetzte ihren fehlenden linken Arm. Neben Sandra saß Mike, ihr Vater. Mila kannte ihn von einem Besuch bei Sandra und fand ihn sympathisch. Trotz der Trennung kümmerte er sich liebevoll um seine Frau und seine Tochter. Sarah Rosa saß bei ihnen. Sie hatte sich sehr verändert. Sie hatte im Gefängnis ziemlich abgenommen, und ihr Haar war innerhalb kürzester Zeit weiß geworden. Sie verbüßte eine harte Strafe: sieben Jahre Haft und Entlassung aus dem Polizeidienst nebst Verlust des Pensionsanspruchs. Für diesen Nachmittag hatte sie eine Sondererlaubnis. Doris, die Justizbeamtin, die sie begleitete, grüßte Mila mit einem Kopfnicken. Rosa erhob sich und ging ihr entgegen. Sie bemühte sich zu lächeln. »Wie geht’s? Was macht der Bauch?« »Das größte Problem sind die Klamotten. Nichts passt mehr, und ich verdiene nicht genug, um dauernd meine Garderobe zu erneuern. Demnächst werde ich im Bademantel unterwegs sein!« »Lass dir eines sagen – genieße diese Zeit, das dicke Ende kommt erst noch. Wir haben die ersten drei Jahre keine Nacht durchgeschlafen. Stimmt’s, Mike?« Mike nickte. Auch bei vorherigen Treffen hatte nie jemand Mila nach dem Vater des Kindes gefragt. Wer weiß, wie sie reagieren würden, wenn sie erfuhren, dass sie Gorans Kind unter dem Herzen trug. Goran Gavila lag immer noch im Koma. Ein einziges Mal war Mila im Krankenhaus gewesen. Sie hatte ihn kurz durch eine Glasscheibe gesehen und gleich wieder auf dem Absatz kehrtgemacht. Bevor er sich ins Leere stürzte, hatte er noch gesagt, er habe seine Frau und seinen Sohn getötet, weil er sie geliebt habe. Eine unerschütterliche Logik, wenn jemand das Böse mit Liebe rechtfertigte. Mila akzeptierte sie nicht. Ein anderes Mal hatte Goran erklärt: »Wir sind mit Menschen zusammen, die wir zu kennen glauben, dabei haben wir keine Ahnung …« Mila hatte gedacht, er spreche von seiner Frau, und sie erinnerte sich an den Satz als eine banale Wahrheit, für die er eigentlich zu klug war. Bis sie selbst betroffen war. Dabei hätte gerade sie den Satz richtig verstehen müssen. Schließlich hatte sie zu ihm gesagt: »Weil ich aus dem Dunkel komme. Und manchmal ins Dunkel zurückmuss.« Auch Goran war oft in einer solchen Finsternis versunken. Doch als er eines Tages daraus aufgetaucht war, musste etwas ihn verfolgt haben. Etwas, das ihn nicht mehr losgelassen hatte. Boris kam mit dem Geschenk. »Du hast aber lang gebraucht.« »Ich habe deine Rostlaube nicht mehr zugekriegt. Du bräuchtest mal ein neues Auto.« Mila nahm ihm die Schachtel aus den Händen und reichte sie Sandra. »Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!« Sie beugte sich zu ihr hinunter und gab ihr einen Kuss. Das Mädchen freute sich immer, Mila zu sehen. »Mama und Papa haben mir einen iPod geschenkt.« Sie zeigte ihn ihr. Mila sagte: »Toll. Da laden wir jetzt anständigen Rock drauf.« Mike war nicht einverstanden. »Ich wäre mehr für Mozart.« »Nein, lieber Coldplay«, entgegnete Sandra. Gemeinsam packten sie Milas Geschenk aus. »Wow!«, rief das Geburtstagskind, als es das bekannte Designerlabel an der mit Nieten und Strass besetzten Samtjacke sah. »Heißt ›wow‹, dass sie dir gefällt?« Sandra nickte lachend und konnte den Blick gar nicht von der Jacke wenden. »Das Essen ist fertig!«, verkündete Stern. Sie setzten sich an den Tisch im Schatten eines Pavillons. Mila fiel auf, dass Stern und seine Frau einander oft ansahen und berührten, wie zwei frisch Verliebte. Ein bisschen beneidete sie die beiden. Sarah und Mike spielten ihrer Tochter zuliebe gute Eltern. Aber Mike kümmerte sich auch sehr um Sarah. Boris erzählte einen Witz nach dem anderen, und sie lachten so viel, dass Doris, die Polizistin, sich verschluckte. Es war ein angenehmer, sorgloser Tag. Vielleicht vergaß Sandra sogar eine Weile ihren Zustand. Sie bekam jede Menge Geschenke und blies dreizehn Kerzen auf einer Schoko-Kokos-Torte aus. Nach dem Essen lud eine leichte Brise dazu ein, sich auf den Rasen zu legen und ein Nickerchen zu halten. Die Frauen räumten den Tisch ab, aber Mila mit ihrem dicken Bauch bekam frei. Sie ging zu Sandra, die wieder unter dem Kirschbaum saß, und ließ sich schwerfällig neben dem Rollstuhl auf den Rasen nieder. »Es ist so schön hier«, sagte Sandra. Dann lächelte sie zu ihrer Mutter hinüber, die die Teller abtrug. »Der Tag sollte nie aufhören. Mama hat mir so gefehlt …« Es war bezeichnend, dass sie in der Vergangenheitsform sprach. Sandra meinte nicht die Sehnsucht nach ihrer Mutter, wenn diese ins Gefängnis zurückmusste. Sie sprach von der Zeit, die sie hatte durchmachen müssen. Mila wusste natürlich, dass Sandra anhand solcher beiläufigen Äußerungen versuchte, Ordnung in die Vergangenheit zu bringen. Sie musste mühsam mit ihren Gefühlen ins Reine kommen und mit einer Angst fertigwerden, die ihr noch oft auflauern würde, obwohl alles vorbei war. Eines Tages würden sie über das, was geschehen war, sprechen können. Mila wollte ihr zuerst ihre eigene Geschichte erzählen. Vielleicht half sie Sandra. Sie hatten so viel gemeinsam. Mila empfand große Zärtlichkeit für das Mädchen. Eine Stunde noch, dann musste Rosa wieder ins Gefängnis. Die Trennung war jedes Mal schrecklich für Mutter und Tochter. »Ich will dir ein Geheimnis verraten«, sagte Mila, um Sandra abzulenken. »Aber ich sag’s nur dir … Wer nämlich der Vater meines Kindes ist.« Sandra grinste frech. »Das weiß doch jeder!« Mila sah sie völlig verdattert an, dann prusteten beide los. Boris sah fragend zu ihnen hinüber. »Frauen«, rief er Stern zu. Als sie sich endlich wieder beruhigt hatten, fühlte Mila sich viel besser. Wieder einmal hatte sie die Menschen, die sie mochten, unterschätzt und sich unnütze Gedanken gemacht. Dabei waren die Dinge manchmal so verflucht einfach. »Er hat jemanden erwartet …«, sagte Sandra ernst. Mila verstand, dass sie von Vincent Clarisso sprach. »Ich weiß«, sagte sie nur. »Der Mann sollte kommen.« »Er saß im Gefängnis. Aber das wussten wir nicht. Stell dir vor, wir hatten sogar einen Namen für ihn. Albert.« »Nein … Vincent hat ihn anders genannt.« Eine warme Böe fegte durch die Blätter des Kirschbaums, und trotzdem lief Mila plötzlich ein eisiger Schauer über den Rücken. Sie drehte sich langsam um, bis sie Sandra in die großen Augen blickte, die sie ahnungslos ansahen. »Nein …«, wiederholte das Kind ruhig. »Er nannte ihn Frankie.« Die Sonne schien an diesem wunderbaren Nachmittag. Die Vögel zwitscherten in den Bäumen, die Luft war satt vom Blütenstaub und duftete. Der Rasen war verlockend weich. Nie mehr sollte Mila diesen Augenblick vergessen, in dem sie entdeckte, dass sie viel mehr mit Sandra verband, als sie geahnt hatte. Dabei hatte sie diese Gemeinsamkeiten immer vor Augen gehabt. Er hat nur Mädchen geholt, keine Jungen. Auch Steve mochte Mädchen. Er hat sich gezielt die Familien ausgesucht. Sie war wie Sandra ein Einzelkind gewesen. Er hat allen den linken Arm abgetrennt. Sie hatte sich den linken Arm gebrochen, als Steve auf der Treppe mit ihr stürzte. Die beiden ersten waren Blutsschwestern. Sandra und Debby. Wie sie und Graciela vor vielen Jahren. »Serienmörder erzählen uns mit ihren Taten eine Geschichte«, hatte Goran einmal gesagt. Aber diese Geschichte war ihre Geschichte. Jedes Detail stieß sie in die Vergangenheit zurück und zwang sie, der schrecklichen Wahrheit ins Auge zu blicken. »Dein letzter Schüler ist gescheitert. Vincent Clarisso hat deinen Plan nicht zu Ende gebracht, das sechste Mädchen lebt. Das bedeutet, dass du ebenfalls gescheitert bist.« Doch nichts war zufällig geschehen. Und das war Frankies wahres Finale. Das alles war allein für sie. Eine Bewegung in ihr holte sie zurück. Mila sah auf ihren gewölbten Bauch. Sie verscheuchte den Gedanken, ob das vielleicht auch zu Frankies Plan gehörte. Gott schweigt, dachte sie, der Teufel flüstert … Die Sonne schien noch immer an diesem wunderbaren Nachmittag. Die Vögel zwitscherten unermüdlich in den Bäumen, die Luft war nach wie vor satt vom Blütenstaub und duftete. Der Rasen war noch immer verlockend weich. Rings um sie und überall barg die Welt die gleiche Botschaft. Dass alles genauso war wie vorher. Alles. Auch Frankie. Er war nur zurückgekehrt, um wieder in den weiten Schattenwelten zu verschwinden. Nachwort Seit Sekten vermehrt Zulauf finden, beschäftigt sich die kriminologische Literatur auch mit dem schwierigen Thema der Fremdsuggestion. Es wirft vielfältige Probleme auf, insbesondere stellt sich die Frage nach einer in der juristischen Praxis brauchbaren Begriffsdefinition, denn es geht um Schuldfähigkeit und Strafbarkeit. Solange ein kausaler Zusammenhang zwischen der Tat des Schuldigen und der Tat des manipulierenden Souffleurs nicht erkennbar ist, kann Letzterem kein Verbrechen zur Last gelegt werden. Das juristische Konstrukt der Anstiftung erwies sich vor Gericht vielfach als unbrauchbar. Denn bei der hier angesprochenen Art der Manipulation geht es um mehr als nur um ein Hörigmachen. Sie wirkt auf einer unterschwelligen Ebene der Kommunikation und pflanzt dem Handelnden nicht etwa eine kriminelle Absicht ein, sondern weckt eine – mehr oder weniger latent in uns allen vorhandene – dunkle Seite in ihm, die ihn dazu bringt, eine oder mehrere Straftaten zu begehen. Als exemplarisch gilt in diesem Zusammenhang der Fall Offelbeck aus dem Jahr 1986: Eine Hausfrau bekommt anonyme Anrufe und bringt eines Tages plötzlich ihre ganze Familie um, indem sie Rattengift in die Suppe gibt. Menschen, die ein grausames Verbrechen begehen, versuchen oft die moralische Schuld mit einer Stimme, mit einer Vision oder mit Phantasiegestalten zu teilen. Es ist daher schwer zu unterscheiden, ob ein solches Phänomen einer Psychose entspringt oder tatsächlich auf die Manipulation durch einen »Souffleur« zurückzuführen ist. Für den Roman dienten als Quelle neben Handbüchern über Kriminologie, forensische Psychiatrie und Rechtsmedizin auch Studien des FBI, das eine wertvolle Datenbank über Serientäter und Gewaltverbrecher aufgebaut hat. Viele der im Roman erwähnten Fälle hat es tatsächlich gegeben. Bei einigen wurden Namen und Orte geändert, weil die Ermittlungen und Gerichtsverfahren noch nicht abgeschlossen sind. Die Ermittlungsmethoden und die Arbeit des Erkennungsdienstes entsprechen der Realität, nur hier und da hat sich der Autor die eine oder andere dichterische Freiheit herausgenommen. Danksagung Schreiben gilt gemeinhin als einsames Abenteuer. Doch das stimmt nicht, denn zur Entstehung einer Geschichte tragen viele Menschen bei, manchmal ohne es selbst zu merken. So auch in meinem Fall. Auf die eine oder andere Weise gehören diese Menschen zu meinem Leben; sie haben sich während der Monate des Schreibens um mich gekümmert, haben mich unterstützt und ermutigt. In der Hoffnung, dass sie mich noch lange begleiten, danke ich … Luigi und Daniela Bernabò für die Zeit, die sie dem Buch und mir als Autor großzügig gewidmet haben. Ihre wertvollen Ratschläge haben mich als Schriftsteller wachsen lassen und meinen Blick für den Stil und die Wirkung des Textes geschärft. Wenn dieses Buch Leser findet, habe ich das vor allem ihnen und ihrem Engagement zu verdanken. Danke, danke, danke. … Stefano und Cristina Mauri, die ihren Namen in meinen Namen investiert und unbeirrbar an mich geglaubt haben. … meinem »Souffleur« Fabrizio für die unerbittliche Kritik, die freundliche Bestimmtheit, die Liebe zu jeder Zeile, jedem Wort. … Ottavio, einem Freund, wie man ihn sich für das ganze Leben wünscht. Valentina, die etwas ganz Besonderes ist. Der kleinen Clara und der kleinen Gaia für die Liebe, mit der sie mich überschütten. … Gianmauro und Michela in der Hoffnung, dass sie immer in wichtigen Zeiten bei mir sind. Und Claudia, meinem Licht. … Massimo und Roberta für die Unterstützung, den Halt und die aufrichtige Freundschaft. … Michele, meinem ältesten besten Freund. Wie gut, dass er immer da ist, wenn ich ihn brauche. Wie gut, dass er das Gleiche von mir weiß. … Luisa für ihr ansteckendes Lachen und ihre Gesänge bei nächtlichen Autofahrten durch Rom. … Daria und dem Schicksal, das sie mir geschenkt hat. Dafür, wie sie die Welt sieht und dass sie sie mich mit ihren Augen sehen lässt. … Maria De Bellis, die über meine Kinderträume gewacht hat. Dass ich Schriftsteller geworden bin, habe ich auch ihr zu verdanken. … Uski, meiner unvergleichlichen »Partnerin«. … Alfredo, dem phantasievollen Gefährten bei tausend Abenteuern. … Achille, der nicht da ist, aber immer da ist. … Pietro Valsecchi und Camilla Nesbit und allen bei Taodue. … allen Mitarbeiterinnen der Literaturagentur Bernabò, die die Anfänge des Romans mitverfolgt haben. Und allen Freunden, die das Manuskript vorab gelesen und mit ihren wertvollen Kommentaren zu seiner Vollendung beigetragen haben. … meiner ganzen großen Familie. Allen, die da sind, allen, die da waren, und allen, die da sein werden. … meinem Bruder Vito, der sich die Geschichte – und viele andere, immer schon – als Erster angesehen hat. Man kann sie zwar nicht hören, aber die Musik, die in diesen Seiten steckt, gehört ihm. Und Barbara, die ihn glücklich macht. … meinen Eltern für das, was sie mich gelehrt haben, und für das, was sie mich selbst haben lernen lassen. Für das, was ich jetzt und in Zukunft bin. … meiner Schwester Chiara, die an ihre und an meine Träume glaubt. Ohne sie wäre mein Leben schrecklich leer. … allen, die das Buch bis zur letzten Zeile gelesen haben, in der Hoffnung, Gefühle in ihnen geweckt zu haben. Ein Teil des Autorenhonorars geht an eine Organisation für die Vermittlung von Patenschaften. Wer ebenfalls spenden möchte, kann dies über folgende Bankverbindung tun: Associazione Famiglie Adozioni a Distanza – Martina Franca BANCO DI NAPOLI Filiale di Martina Franca IBAN- IT 87 T010 1078931100000000248 Donato Carrisi