Gillian Bradshaw Das Lied des Wolfes Inhaltsangabe Frankreich zur Zeit der Kreuzzüge, im Frühling 1098. Ungeduldig wartet die neunzehnjährige Marie de Chalandrey seit drei Jahren im Frauenkloster zu Mont St.-Michel auf die Rückkehr von Vater und Bruder aus dem Heiligen Land. Als schließlich die Nachricht vom Tod ihres Bruders eintrifft, verändert sich Maries Leben dramatisch: Da sie nun Erbin von Chalandrey wird, ist sie als heiratsfähige Frau von größtem politischen Interesse und wird – gegen den Willen ihres Vaters, der ein Gefolgsmann des normannischen Herzogs Robert ist – unter den Schutz des bretonischen Herzogs Hoel gestellt. Das höfische Leben hält für Marie vielerlei Intrigen und Gefahren bereit, doch in kritischen Situationen stellt sich stets der Ritter Tiarnán de Talensac auf Maries Seite, der sich selbstlos und liebenswürdig um sie bemüht und es vor allem nicht zuläßt, daß sie gegen ihren Willen vermählt wird. Leider ist Tiarnán jedoch bereits verheiratet – und er führt in hellen Vollmondnächten ein geheimnisvolles Doppelleben … Deutsch von Martin Schulte Titel der Originalausgabe: The Wolf Within Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Deutsche Erstveröffentlichung Juni 1997 © der Originalausgabe by Gillian Bradshaw © der deutschsprachigen Ausgabe 1997 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Umschlaggestaltung: Design Team München Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck und Bindung: Graphischer Großbetrieb, Pößneck Verlagsnummer: 41.609 Lektorat: Ria Schulte/SK Herstellung: Heidrun Nawrot Made in Germany ISBN 3-442-41609-4 3579 10 8642 Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! 1. KAPITEL Später schien es Marie, daß ihr Leben an dem Mainachmittag begonnen hatte, als man ihr die Nachricht vom Tode ihres Bruders brachte. Der Frühling des Jahres 1098 war ungewöhnlich mild gewesen, und auch dieser Morgen war warm und heiter. Marie fand das Klosterleben von Tag zu Tag unerträglicher – immer der gleiche trostlose Anblick getünchter Lehmwände, eines kahlen, mit dürrem Gras spärlich bewachsenen Hofes und einer morastigen Straße mit tief eingefahrenen Wagenspuren. Kurz entschlossen stieg sie auf den Glockenturm der Priorei, um aus der luftigen Höhe einen Blick auf das frische Frühlingsgrün zu werfen. Unter ihr breiteten sich die strohgedeckten Dächer des Städtchens Le Mont St-Michel moosgrün und reetgrau aus, aber weiter nach Süden hin leuchteten die Marschen der bretonischen Küste in hellem Smaragdgrün. Zwischen beiden erstreckten sich über viele Meilen die weiten Sandflächen der Baie de St-Michel, ein Paradies aus schimmerndem Gold. Glitzernd kreuzten Scharen weißer Möwen über der Bucht. Die Flut kam herein. Von der seitlich aufsteigenden Sonne erhielten die kleinen sich kräuselnden Wellen keine Farbe, aber sie leuchteten, als beständen sie nicht aus Wasser, sondern aus einem magischen Elixier, das alles, was es berührte, in reines Licht verwandelte. Marie verweilte lange auf dem staubigen Turm, sehnsüchtig schauend, die Wange gegen die Mauer gelehnt. Sie war erst neunzehn, hatte aber schon so viele Enttäuschungen erlebt, daß sie sich kaum noch Illusionen machte. Immer wieder waren ihre Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzt, und bei jeder neuen Enttäuschung schalt sie sich eine Närrin, weil sie unrealistische Erwartungen gehegt hatte. Nur manchmal – wie an diesem Morgen, als sie, überwältigt von der Herrlichkeit der Welt, in das weite Land hinausschaute – wurden ihr die Einsamkeit und die Enge ihres eintönigen Daseins qualvoll bewußt. Sie empfand das Leben in der Priorei als besonders bittere Enttäuschung, weil sie so große Hoffnungen darauf gesetzt hatte. Geboren war Marie auf dem Lehnsgut Chalandrey in der Bretonischen Mark. Ihr Vater, der Ritter Guillaume Penthièvre de Chalandrey, hatte nie viel Interesse an ihr gezeigt. Seine Gemahlin hatte den gesunden Sohn, den er sich wünschte, neun Jahre vorher zur Welt gebracht, und als die folgenden vier Babys starben, hatte er sich resigniert damit abgefunden, daß ihm weiterer Nachwuchs versagt bleiben würde. Als Marie dann keine Anzeichen eines baldigen Hinscheidens erkennen ließ, sondern zu einem munteren, rundlichen kleinen Mädchen heranwuchs, sah ihr Vater sie oft mit seltsam prüfendem Blick an, als wartete er darauf, daß auch sie der Tod dahinraffte. Am Ende war es jedoch seine Frau, die erkrankte und bei der Geburt eines weiteren toten Babys starb. Marie war fünf, als das geschah – es war die erste, die bitterste und schwärzeste Enttäuschung ihres Lebens. Sie hatte ihre Mutter vergöttert, welche die ganze Liebe und Fürsorge, die sie ihren vier armen Babys nicht hatte geben können, diesem kleinen Wesen zugewendet hatte. Die Erinnerung an den Tod der Mutter war wie in einer kleinen dunklen Höhle ganz tief in Maries Gedächtnis vergraben: das vom Fieber fleckig gerötete Gesicht der Frau, die sich schwach in ihrem schweißnassen Bett aufrichtet, um ihrer Tochter den letzten Segenskuß zu geben; das wächserne tote Baby, gewickelt in der Wiege liegend; der Eimer mit Blut und blutbefleckter Wäsche neben dem Bett; der schwere, ekelerregende Geruch. Noch viele Jahre danach brachen diese Bilder plötzlich in ihr Bewußtsein ein, unvermittelt und unerklärlich, immer mit dem gleichen stechenden Schmerz heftigen, mit Ekel vermischten Kummers. Sie versuchte hart, die Bilder zu verdrängen, aber sie ließen sie nicht los. Sie betete für die Seele ihrer Mutter und stellte sich vor, wie sie in weißen Kleidern durch die kühlen weißen Gärten des Himmels wandelte. Vielleicht hatten ihre Traumgespinste damals begonnen; vielleicht hatte es schon früher angefangen, mit den vergeblichen Versuchen, ihren Vater von seiner Skepsis zu befreien und ihm den Wunsch einzuflößen, daß seine Tochter am Leben blieb. Jedenfalls hatte sie, während sie heranwuchs, im Geiste ständig den Himmel vor Augen, und mit etwas linkischem, aber tiefem Ernst widmete sie sich einem Leben der Tugend. Sie bat ihren Vater nie um Zierbänder für ihre Kleider oder um Schmuck oder um ein Schoßhündchen. Sie mied die Tänze, die mitternächtlichen Streifzüge, die Sonnwendfeuer und die derben Spiele, mit denen sich die Dorfjugend vergnügte. Sie setzte dem Hauskaplan ihres Vaters so lange zu, bis er sich bereit fand, ihr das Lesen beizubringen, und unermüdlich übte sie ihre Kenntnisse an dem Stundenbuch ihrer Mutter. In einem Zeitalter, in dem nur wenige Männer und noch weniger Frauen lesen konnten, war das eine großartige Leistung – aber niemand in ihrer kleinen Welt nahm davon Notiz. Auch das war eine Enttäuschung. Ihr Vater und die Bediensteten des Gutshaushalts lobten sie als ein gutes, ruhiges Mädchen und hielten sie im Grunde für langweilig und affektiert. Aber in ihren Träumen war sie alles andere als langweilig. Die Welt war dem Ansturm des Bösen ausgesetzt – wer konnte daran zweifeln, wenn liebevolle und fromme junge Mütter unter Qualen und Ängsten starben? Sie selbst war eine Streiterin im Heerbann des Lichts. Ihre Gebete waren Waffen, um die brutalen, blutbefleckten Teufel des Unheils zu vertreiben und Gottes Segen für alle zu gewinnen, die ihr nahestanden. Als sie sechzehn war, wurde ganz Frankreich von einem ähnlichen, allerdings prosaischeren Enthusiasmus erfaßt. Das Heilige Land litt unter der harten Knute seiner Unterdrücker, der Türken, und der Papst hatte alle christlichen Ritter aufgerufen, es zu befreien. Die christlichen Ritter, die ihr Leben bisher hauptsächlich damit verbracht hatten, sich gegenseitig umzubringen und dafür Buße zu tun, waren höchst erfreut, einen legalen Gebrauch für ihre Schwerter zu finden, und drängten sich zur Teilnahme am Kreuzzug. Auch Ritter Guillaume und sein Sohn gehörten zu denen, die das Kreuz nahmen. Hingerissen von diesem Ideal, bat Marie ihren Vater um die Erlaubnis, die Zeit seiner Abwesenheit in einem Kloster zu verbringen, um für den Sieg über die Ungläubigen zu beten. Dieses eine Mal erfüllte Guillaume ihre Bitte, wenn auch widerstrebend. Nicht daß er den Wert des Betens verkannt hätte – er war ein guter Christ und glaubte fest, daß ein dem Gebet und der Arbeit gewidmetes Klosterleben von großem Nutzen für die Menschen war, aber unter Klöstern verstand er Mönchsklöster. Heiligkeit war nach seinem Empfinden Männersache. Kein Mann von Charakter gab etwas auf die Meinung von Frauen, warum also sollte Gott das tun? Nonnenklöster waren in der Bretagne noch eine Seltenheit. Von Mädchen erwartete man, daß sie jung heirateten und Kinder auf die Welt brachten. Guillaume hatte noch keine Heirat für seine Tochter arrangiert, doch das hieß nicht, daß er es nicht zur rechten Zeit tun würde. Er hatte nur das Gefühl, jetzt noch keine Ehre mit ihr einlegen zu können – sie hatte die Pubertät mit Babyspeck und Pickeln noch nicht hinter sich gebracht. Außerdem hatte er es nicht eilig, die große Mitgift aufzubringen, die für die einzige Tochter eines wohlhabenden Ritters verlangt wurde. Keinesfalls jedoch würde er zulassen, daß seine Tochter die Gelübde ablegte und Nonne wurde. Auch adlige Nonnen brauchten eine Mitgift, und ein Mädchen, das Gott angelobt wurde, konnte nicht mehr dazu benutzt werden, eine einträgliche irdische Allianz zu schmieden. Daher wartete er ab, daß sich ihr Aussehen besserte und er vielleicht hoffen konnte, die Kosten zu reduzieren, die er für ihre standesgemäße Verheiratung aufzuwenden hatte. Übrigens würde er Maries Bitte rundweg abgelehnt haben, wenn sein Sohn Brian nicht kurz zuvor geheiratet und die junge Frau ihre Schwägerin nicht unerträglich fade und überspannt gefunden hätte. Guillaume stimmte Brian zu, daß die beiden Mädchen um des häuslichen Friedens willen getrennt werden mußten. Er ließ seine Tochter einen Eid schwören, daß sie ohne seine Erlaubnis keine Gelübde ablegen werde, dann ritt er mit ihr von Chalandrey zum zwanzig Meilen entfernten Mont St-Michel. Es war die längste Reise, die Marie jemals in ihrem Leben gemacht hatte, und sie war von Freude erfüllt und hoffte, sie würde niemals gezwungen sein, nach Hause zurückzukehren. Ritter Guillaume hatte den Mont St-Michel für seine Tochter gewählt, weil eine Cousine von ihm vor kurzer Zeit dort Priorin des kleinen Benediktinerinnenklosters geworden war. Der gut befestigte Mont St-Michel, ein hoher Granitfelsen, der steil aus einer kleinen Sandinsel in der Bucht vor der Küste emporragte, war sicher vor den Überfällen und privaten Kriegen, von denen die Bretonische Mark heimgesucht wurde, und die Priorei St-Michel genoß hohes Ansehen. Sie war natürlich kein Teil der alten Benediktinerabtei, die den Gipfel krönte; diese war den Mönchen vorbehalten. Das Nonnenkloster befand sich in dem Städtchen, das unterhalb der Abtei sich an den Felsen schmiegte. Es war ein schlichtes Haus mit einem einzigen kleinen Hof, der an eine Kirche grenzte. Die Nonnen stammten alle aus sehr guten Familien, und sie nahmen nur Mädchen aus adligen Häusern als Novizinnen oder Laienschülerinnen auf. Es war gerade diese Atmosphäre aristokratischer Vornehmheit, die Marie so bitter enttäuschte. Sie war mit dem innigen Verlangen zu der Priorei gekommen, ihre Seele Gott zu weihen. Statt dessen erhielt sie Unterricht in Haushaltführung, edlem Benehmen und Tischmanieren. Sie rebellierte nicht – Aufsässigkeit war Zeichen eines hochmütigen und eigenwilligen Geistes, den jede tugendhafte Person bekämpfen mußte –, aber sie zog sich in ihre Traumwelt eines heiligmäßigen Lebens zurück und begegnete den Frauen, in deren Mitte sie lebte, mit schweigender, aber stetig wachsender Geringschätzung. Die Priorin, Dame Constance Penthièvre, eine weltlich gesinnte aristokratische Witwe, versuchte, sich mit ›ihrer jungen Verwandten‹ anzufreunden, aber Marie wehrte alle Annäherungsversuche ab. Später erst wurde ihr klar, daß sie sich in ihren eigenen Prätentionen verfangen hatte, ein unreifes Mädchen, das sich ernsthaft bemühte, ein anderer Mensch zu sein, als es seinem Wesen nach war. Erst als die verhängnisvollen Nachrichten alle ihre Träume zerstörten, tauchte sie, verwirrt blinzelnd, in die reale Welt ein. Trotz allen Herzwehs und sehnsüchtigen Verlangens, die sie an diesem Morgen überwältigt hatten, verbrachte sie den größten Teil des Tages genauso wie die meisten anderen seit ihrer Ankunft vor fast drei Jahren – mit Unterricht und Gebet. Erst nach der Non, dem nachmittäglichen Stundengebet, erhielt sie den ersten Hinweis darauf, daß ihr Leben sich verändern würde. Die junge Dienerin der Priorin wartete am Eingang auf sie, als sie die Kirche verließ, und richtete ihr aus, daß die Priorin sie zu sehen wünsche. »Mich?« fragte Marie verwirrt und ängstlich. »Warum?« Sie versuchte sich zu erinnern, ob sie vielleicht einen ihrer vielen kritischen Gedanken laut ausgesprochen hatte. »Ich weiß es nicht, mein Fräulein«, sagte das Mädchen gleichgültig. »Einige Ritter sind mit einer Botschaft gekommen, und meine Herrin hat mir aufgetragen, Euch zu sagen, Ihr solltet zu ihr kommen, sobald die Non beendet ist.« Schreckliche Vorahnungen schnürten Marie die Kehle zu. Ritter – das konnten nur Boten von ihrem Vater sein. War er krank? Hatte sein Lehnsherr, der Herzog, die Ritter geschickt, um ihr seinen Tod in der Schlacht mitzuteilen? Oder – könnte der Vater für sie eine Heirat arrangiert haben, mit jemandem, den er auf dem Kreuzzug kennengelernt hatte? Sie bekreuzigte sich, schüttelte die Schreckensbilder ab und beeilte sich, der Aufforderung der Priorin zu folgen. Schon bevor Marie das Empfangszimmer der Priorin erreichte, konnte sie die klare, kultivierte Stimme der Dame Constance hören, unterbrochen durch unverständliche Antworten ihrer Besucher. »Nein, nein!« sagte sie gerade, als Marie die dunkle Vorhalle betrat. »Sie ist ein liebes, ruhiges Mädchen, sehr bescheiden und folgsam. Es war eine Freude, sie hier zu haben – versichert das Eurem Herrn! Ich bedaure es, daß ich sie wegen einer so schlimmen Nachricht rufen lassen muß, meine Herren, wirklich, und es wird mir sehr leid tun, sie fortgehen zu sehen.« Marie blieb abrupt stehen. Die eichene Tür zum Empfangsraum vor ihr war geschlossen. Schlimme Nachrichten für sie; so schlimm, daß sie das Kloster verlassen sollte! Sie hatte das Gefühl, die Verbindung zwischen ihrem Herzen und ihrem Verstand sei plötzlich abgerissen. Sie war sich bewußt, daß etwas geschehen war, das ihr Leben unwiderruflich verändern würde, aber es war ein Bewußtsein ohne Emotion. Es kam ihr vor, als beobachte etwas in ihr ganz nüchtern, wie sie, Marie Penthièvre de Chalandrey, sich in einer Krisensituation verhielt. Ihre einzige bewußte Reaktion war ein Stoßgebet: »O Gott, laß meinen Vater nicht tot sein!« Sie hob die Hand und klopfte an die Tür. Der kleine Empfangsraum schien voll von Menschen zu sein. Dame Constance, eine Frau um die Fünfzig mit markanten Gesichtszügen, saß in ihrem Armstuhl aus dunklem Eichenholz mit hoher, gerader Rückenlehne. Sie trug eine ihrer reich bestickten und juwelengeschmückten Ordenstrachten, die schon oft den Unmut des Abtes und giftige Kommentare seitens der Mönche oben auf der Höhe hervorgerufen hatten. Drei Ritter standen vor ihr; sie alle drehten sich um, als Marie eintrat, und sahen sie an. Erleichtert stellte sie fest, daß sie keinen von ihnen kannte. Schlechte Nachrichten von zu Hause würde ein Bote überbracht haben, der ihr bekannt war. Die drei Ritter waren jung. Ihre konisch geformten Helme standen nebeneinander auf dem Tisch. Jeder von ihnen hielt einen Becher mit dem von der Priorei erzeugten Wein in der Hand. Zwei Männer trugen den gewöhnlichen Haubert – eine knielange Lederjacke, die über und über mit Eisenringen besetzt war. Die Rüstung des dritten war feiner. Er trug einen kostbaren Ringelpanzer mit einer vergoldeten Brustplatte. Die Ärmel reichten wie üblich nur bis zu den Ellbogen, so daß man sehen konnte, daß er unter dem Panzer ein scharlachrot gefärbtes, mit Marderpelz besetztes Gewand trug. Offenbar war er wohlhabend; sie schätzte, daß er der Anführer der Delegation war. Er war blond, trug keinen Bart, ein gutaussehender Mann mit blauen Augen und ebenmäßigen weißen Zähnen, wie sie sehen konnte, als er sie anlächelte – bevor er sich erinnerte, daß er der Überbringer schlechter Nachrichten war, und ein ernstes Gesicht aufsetzte. »Marie, meine Liebe«, sagte Dame Constance mit gütiger, liebevoller Stimme, »ich danke dir, daß du so rasch gekommen bist. Kind, du mußt jetzt stark sein und auf unseren Herrn Jesus Christus vertrauen. Leider haben diese Herren schlechte Nachrichten für dich gebracht.« Marie kreuzte die Hände vor der Brust und verneigte sich. Ihr Herz blieb weiter stumm, aber im Mund spürte sie einen bitteren Geschmack, der ihr die Kehle zusammenzog. »Der Herr Jesus Christus möge mir gnädig sein«, sagte sie. »Meine Herren Ritter, wie lautet Eure Botschaft?« Der blonde Ritter in der kostbaren Rüstung war der Wortführer. Sein Name sei Alain de Fougères, sagte er. Er und seine Begleiter seien von dem Lehnsherrn ihres Vaters, dem Herzog, geschickt worden, um ihr mitzuteilen, daß ihr Bruder Brian bei der Belagerung von Nizäa gefallen war. Marie war auf das Schlimmste gefaßt gewesen, und als es ausblieb, war ihre erste Reaktion Verblüffung. Sie hatte ihren Bruder kaum gekannt. Schon bevor sie geboren wurde, war er an den Hof des Herzogs Robert der Normandie, des Lehnsherrn ihres Vaters, gebracht worden. Er diente dort zunächst als Page, dann als Knappe und schließlich als Ritter. Nach Chalandrey war er nur zurückgekommen, um seine Frau in ihr neues Zuhause zu bringen – und auch dann war er nur eine sehr kurze Zeit geblieben. Beschämt mußte Marie sich eingestehen, daß sie immer sehr eifersüchtig auf ihn gewesen war, auf das Kind, das ihr Vater liebte, den Erben, den ihre ganze Welt einmütig pries. Aber sie hatte pflichtbewußt jeden Tag für ihn gebetet. Er war ein kräftiger, fröhlicher junger Mann gewesen, er hatte gern Süßigkeiten gegessen und Wein getrunken. Sie erinnerte sich daran, wie er mit seiner Frau die Gavotte tanzte, bis sein Gesicht puterrot war. Wie war es möglich, daß er tot war? Sie blickte den blonden Ritter mit aufgerissenen Augen verständnislos an. Das Schweigen zog sich in die Länge. Es wurde ihr klar, daß alle darauf warteten, daß sie etwas sagte, aber es fiel ihr nichts ein, was sie hätte sagen können, und vor Verlegenheit wurde sie abwechselnd blaß und rot. Ein schockierender Gedanke ging ihr plötzlich durch den Kopf: Wenn Brian tot war, dann mußte ihr Vater endlich Notiz von ihr nehmen. Marie hätte vor Scham in den Boden versinken mögen. Es war niederträchtig, sich über den Tod eines Bruders zu freuen. Sie preßte die gekreuzten Hände gegen die Brust, ihr Herz pochte hart. Einer der Ritter brachte ihr rasch einen Schemel, und sie ließ sich schwer darauf niederfallen. Alain de Fougères räusperte sich. Mit der Miene eines Mannes, der die unerfreulichen Präliminarien seines Auftrags hinter sich gebracht hat und nun zum Kern der Sache kommen kann, sagte er: »Wegen dieses traurigen Verlustes, den Ihr durch den Tod des guten Ritters, Eures Bruders, erlitten habt, hat uns unser hochedler Herr der Herzog geschickt, um Euch sicheres Geleit zu seinem Hof zu geben.« »Was sagt Ihr da?« fragte Marie matt, dann, schärfer: »Was soll das heißen?« »Da Euer Vater abwesend ist und nicht für Euch sorgen kann, seid Ihr des Herzogs Mündel«, sagte Alain betont langsam, als müsse er es einem Kind erklären. »Jetzt, wo keine anderen Angehörigen Eurer Familie mehr am Leben sind, ist die Pflicht, für Euch zu sorgen, auf den Herzog übergegangen.« Über Maries Rücken lief ein Schauer. Sie kannte das Feudalrecht sehr gut. Der Lehnsherr eines Mannes war immer der Vormund seiner Witwe und seiner Waisen. Aber sie war keine Waise, und sie sah nicht … Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Ihr Bruder hatte keine Kinder. Nach dem Ehevertrag, den er mit dem Vater seiner Frau geschlossen hatte, würde diese ihn nicht beerben. Marie selbst war jetzt die Erbin von Chalandrey, und als Erbin war sie für den Lehnsherrn ihres Vaters von hohem Wert. Er konnte sie mit irgendeinem Ritter, den er zu belohnen wünschte, verheiraten, und das war ein gutes Geschäft für beide, den Lehnsherrn wie den Lehnsmann. Sie spürte, daß sie zu zittern begann. Ihre Stimme klang zu schrill, als sie, mühsam sich beherrschend, sagte: »Mein Vater hat bereits für mich gesorgt. Er hat mich hierhergebracht. Und erklärt mir bitte, wie Herzog Robert Euch hat schicken können. Er befindet sich auf dem Kreuzzug mit meinem Vater.« »Ich bin mit der Ermächtigung des Herzogs gekommen«, erwiderte Alain. Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: »Herzog Robert hat einen Statthalter mit allen Vollmachten zurückgelassen, wie Ihr sicherlich wißt.« Einer der beiden anderen Ritter grinste. Marie sah von ihm zu Alain de Fougères zurück und versuchte, gegen eine Panik anzukämpfen. Sie hatte das Gefühl, daß ihr gerade etwas entgangen war, etwas Wichtiges. Aber sie konnte einfach keinen klaren Gedanken fassen. Sie war verpflichtet, dem Lehnsherrn ihres Vaters zu gehorchen. Verpflichtet, auf seinen Befehl hin irgendeinen völlig Fremden zu heiraten, wahrscheinlich einen Mann, der viel älter war als sie. Sie hatte diesen Ehemann als ihren Herrn und Meister zu betrachten, demütig seine Launen und seine Zornesausbrüche hinzunehmen – und die meisten Männer schlugen ihre Frauen, zumindest gelegentlich –, und sie mußte sich seinen Wünschen und Befehlen willenlos fügen und ihr Bestes tun, um ihm zu gefallen. Und sie mußte den blutigen Schmutz und Gestank des Kindergebärens auf sich nehmen. Sie war verpflichtet, sich ihrer eigenen Persönlichkeit völlig zu entäußern. Verzweifelt schlug sie die Hände vors Gesicht und brach in Tränen aus. Sie verließ den Mont St-Michel noch am selben Nachmittag. Dame Constance war der Meinung, es sei das beste, wenn sie beschäftigt war und keine Zeit zum Grübeln hatte. »Du weißt, daß du deinem Vormund, dem Herzog, gehorchen mußt, wie du deinem Vater gehorchen würdest«, sagte sie. »Und da es deine Pflicht ist zu gehen, ist es besser, du gehst sofort. Ich bin sicher, man wird am Hofe des Herzogs gut für dich sorgen, und diese Herren werden dich auf dem Weg dorthin zuvorkommend und ehrenhaft behandeln. Jetzt geh und pack.« Es war dann doch die kleine Dienerin der Priorin, die die wenigen Habseligkeiten packte, die Marie in das Kloster mitgebracht hatte. Marie konnte nur auf dem schmalen Bett sitzen, die Hände im Schoß gefaltet, und beten. Sie zitterte noch, doch jetzt weniger aus Angst als aus Scham. Der nüchterne Beobachter in ihrem Innern hatte häßliche Gedanken, feiges Entsetzen und einen kindischen Tränenausbruch registriert. Von der Stärke und dem Gottvertrauen, die mit dem Streben nach einem heiligmäßigen Leben einhergehen sollten, war keine Spur zu bemerken gewesen. Die Sonne stand noch ein gutes Stück über dem Horizont, als Marie benommen auf der hageren Rotschimmelstute, die sie vor drei Jahren ins Kloster mitgebracht hatte, aufsaß und mit den drei Rittern aufbrach. In einer Sache zumindest hatte Dame Constance recht gehabt: Der Ritt lenkte Maries Gedanken sofort von ihren Sorgen und Befürchtungen ab. Ihre Stute Dahut war, wie ihr Vater sie anerkennend bezeichnet hatte, ›ein gutes Pferd‹; sie war stark, schnell und ausdauernd. Aber sie war auch sehr hartmäulig und launisch; die letzten drei Jahre war sie von den Knechten der Priorei zu den verschiedensten Arbeiten benutzt worden, und das hatte ihre von Natur widerborstige Veranlagung nicht verbessert. Marie hatte schon als kleines Kind das Reiten gelernt, seit ihrer Ankunft in der Priorei jedoch auf keinem Pferd gesessen. Dahut beanspruchte daher bei den ersten Meilen ihre ganze Aufmerksamkeit, so daß sie nicht einmal Zeit fand, zurückzublicken oder zu beobachten, welchen Weg sie nahmen. Aber sie wurde doch stutzig, als sie zu der Brücke abbogen, die über den Couesnon in die Bretagne führte. Der Couesnon bildete seit mehr als sechzig Jahren die Grenze zwischen den Herzogtümern Normandie und Bretagne. Obwohl beide nominell der Oberhoheit des Königs von Frankreich unterstanden, waren sie faktisch unabhängig, und sie bekriegten sich gegenseitig fast ebensooft, wie sie Frieden hielten. In der jüngeren Vergangenheit waren sie eine Zeitlang Verbündete gewesen, und der Sohn des Herzogs der Bretagne hatte die Schwester des Herzogs der Normandie geheiratet. Aber diese war gestorben, und das Bündnis war wieder zerbrochen. Jetzt standen sich die Bretagne und die Normandie feindseliger gegenüber als je zuvor. Viele bretonische Familien waren jedoch auf beiden Seiten des Flusses ansässig geworden. Die Bretagne war arm, die Normandie war reich. Was konnte natürlicher sein, als daß arme Bretonen, zweite und dritte Söhne, die keinen Anteil am Familienerbe hatten, ihr Glück im Norden suchten? Und wenn sie Erfolg hatten, was hinderte dann die Besitzer kleiner Güter in der Bretagne daran, anderswo große zu erwerben? Die vielen Zweige der Penthièvre-Familie waren die bedeutendsten von denen, die ihre Lehnspflicht gewechselt hatten oder zwei Herren dienten. Der bescheidenere Zweig dieser Familie, dem Marie angehörte, hatte sich auf die Lehnstreue zur Normandie festgelegt. Guillaume Penthièvres Vater war aus der Dienstbarkeit des Herzogs der Bretagne ausgeschieden und hatte dem normannischen Herzog Wilhelm der Eroberer Lehnstreue geschworen, und dieser Treueeid, pflegte Guillaume stolz zu erklären, konnte ohne Verlust der Familienehre nicht wieder zurückgenommen werden. Er rühmte sich, niemals den Couesnon überschritten zu haben. Mit einem kräftigen Anziehen der Zügel brachte Marie die Stute direkt vor der niedrigen Holzbrücke zum Stehen. Dahut schnaubte, legte die Ohren zurück und scharrte unmutig mit den Hufen. Die drei Ritter hielten ebenfalls an und setzten sich neben sie. Hinter ihnen lag die weite, kahle Fläche der Salzmarsch, und jenseits davon ragte der Gipfel des Mont St-Michel aus der sandigen Bucht in den Himmel; bereits vier Meilen entfernt, sah er noch zum Anfassen nahe aus. Vor ihnen floß der Couesnon lehmig-braun und ruhig dahin, die Strömung war so leicht, daß man kaum eine Bewegung bemerkte. »Meine Dame?« fragte Alain de Fougères, der Wortführer. »Warum habt Ihr angehalten?« Marie sah ihn verwirrt an. »Ihr nehmt den falschen Weg«, sagte sie. Sie zürnte sich selbst, daß ihre Stimme so zaghaft und unsicher klang. Alain zögerte, einer seiner Begleiter sah ihn ärgerlich an und schüttelte den Kopf. Marie hatte den Eindruck, daß er mit dem Anführer verwandt war. Sie sahen sich ähnlich, allerdings waren Alains gutes Aussehen und seine regelmäßigen Gesichtszüge bei dem anderen zu einer froschähnlichen Karikatur entstellt – ein Frosch mit auseinanderstehenden Zähnen und sandfarbenem Haar. Sein Name war, wie sie sich erinnerte, Tiher. »Sag ihr die Wahrheit, Alain«, drängte er. Alain zögerte noch einen Augenblick, dann nickte er. »Also gut. Dame Marie, unser Ziel ist Rennes.« Marie starrte ihn ungläubig an. Rennes war die Hauptstadt einer der drei großen Grafschaften der Bretagne. »Ihr sagtet, wir reiten zum Hof des Herzogs der Normandie, wo uns der Statthalter von Herzog Robert erwartet«, protestierte sie. »Nein«, sagte Alain, der plötzlich selbstgefällig grinste. »Ich sagte, wir reiten zum Hof des Herzogs. Herzog Hoel hält sich zur Zeit in Rennes auf.« Herzog Hoel der Bretagne! Marie konnte es nicht fassen. Dahut nutzte die Gelegenheit, machte einen Satz, daß Marie die Zügel entglitten, und trottete dann steifbeinig auf das saftige Gras am Rande der Straße zu. Marie gab Dahut die Sporen, um zu wenden und zurückzureiten, aber die störrische Stute legte die Ohren zurück und gehorchte nicht. Tiher war gleich neben ihr; er beugte sich herüber und griff nach dem Zaumzeug, eine Geste, die hilfreich zu sein schien, es aber nicht war. Grinsend schlang er die lose hängenden Zügel um seinen Arm. Sie entführen mich, dachte Marie entsetzt. Deshalb hatte ich das Gefühl, daß mir etwas entgangen war. Ich habe mich nicht aus Dummheit übertölpeln lassen, sie haben mich bewußt getäuscht. Herzog Hoel! O Gott, ich hätte es mir denken können! Natürlich würde der Herzog der Bretagne sich die Chance nicht entgehen lassen, sich eines reichen Ritterguts wie Chalandrey zu bemächtigen! »Ihr habt mich belogen!« schrie sie Alain wütend an. »Ich habe nicht gelogen«, antwortete er selbstgerecht. »Ich sagte Euch, daß man uns geschickt hat, um Euch zum Herzog zu geleiten, und Herzog Hoel ist Euer rechtmäßiger Landesherr. Das ist die Wahrheit.« »Mein rechtmäßiger Landesherr ist Herzog Robert der Normandie!« protestierte Marie. »Ihr habt mir gesagt, daß Ihr mit der Vollmacht des Statthalters von Herzog Robert gekommen seid!« Alain schüttelte den Kopf. »Das habe ich nie gesagt«, stellte er spöttisch fest. »Ich sagte, daß ich mit der Ermächtigung des Herzogs gekommen bin – und ich sagte, daß Herzog Robert einen Statthalter ernannt hat, was er wirklich getan hat. Ich habe mit keinem Wort gelogen. Ihr glaubtet, was Ihr glauben wolltet.« »Ihr habt mich bewußt getäuscht!« schrie Marie mit zorngerötetem Gesicht. »Es war zweifellos töricht von mir, anzunehmen, Ihr wäret ein aufrechter, ehrenhafter Ritter, und zu vertrauen …« Sie hielt plötzlich inne. Wem sie vertraut hatte, das war Dame Constance gewesen. Sie hatte Alain für ehrenhaft gehalten, weil die Priorin sie gedrängt hatte, mit ihm zu gehen. Es war unvorstellbar, daß die Priorin, die sich mit den Stammbäumen aller Adelsfamilien der Bretonischen Mark genauestens auskannte, sich über die Lehnsverhältnisse irgendeines Ritters hätte täuschen können. Und Constance, erinnerte Marie sich jetzt, war eine bretonische Penthièvre, Halbschwester der Herzogin der Bretagne. Constance war in die Täuschung eingeweiht und hatte sie unterstützt. Marie war betrogen worden. Marie hatte sich einem frommen und demütigen Leben geweiht, aber sie entstammte einem Geschlecht von Rittern, die für ihren Mut und ihre kriegerische Wildheit bekannt waren. Die Entdeckung, daß sie als Gefangene wehrlos der Gewalt ihrer Feinde ausgeliefert war, versetzte sie in einen seltsamen Zustand kalter, entschlossener Wut. Sie beschloß, sich nichts anmerken zu lassen, sondern mit nüchterner Berechnung den besten Weg zur Flucht ausfindig zu machen. Sie preßte die Lippen zusammen und blieb stumm. Zuviel Widerstand, eine zu heftige Gegenwehr, und die Ritter würden sich vielleicht entschließen, sie für den Rest des Weges auf ihrem Pferd festzubinden. Sie zog den weißen Schleier vor ihr Gesicht, als wäre sie von Kummer überwältigt, neigte den Kopf und verschränkte die Hände, die vor Zorn zitterten, fest im Schoß. Alain protestierte unwillig, er sei ein aufrechter Ritter und ein treuer Diener des Herzogs; da er aber keine Antwort erhielt, gab er seinem Pferd die Sporen und ritt klirrend vor ihr über die Brücke. Tiher zögerte einen Augenblick, dann griff er Dahuts Zügel fester und trieb die Stute mit einem scharfen Schlag an, über die Brücke zu gehen. Der dritte Ritter, Guyomard, setzte sich an den Schluß, und sie ritten schweigend in die Bretagne. Tiher tat seine Gefangene leid. Der Tod ihres Bruders hatte sie offensichtlich hart getroffen – das schmerzvolle Schweigen, mit dem sie die Nachricht aufgenommen hatte, zeigte das deutlich genug –, und es war zweifellos grausam, ihr in ihrem Kummer so übel mitzuspielen. Es war auch ziemlich erbärmlich, eine Novizin mit einem Trick aus ihrem Kloster zu locken, auch wenn die Priorin sich der Täuschung gegenüber blind gestellt hatte. Die Sache selbst mochte gerecht sein – Tiher hatte keinen Zweifel, daß der Herzog der Bretagne ein Anrecht auf das Lehnsgut Chalandrey hatte –, doch für das Mädchen war es hart. Und sie ist ein hübsches Mädchen, dachte er, als er ihr Profil betrachtete. Der Babyspeck und die Pickel, die Ritter Guillaume so irritiert hatten, waren schon lange verschwunden. Marie hatte feste, klare Gesichtszüge, eine vornehme hohe Stirn, und die Augen unter den geraden Brauen waren von einem schönen dunklen Grau. Die einfache klösterliche Tracht, schwarz mit weißem Schleier, war nicht gerade kleidsam, aber Tiher hatte keine Bedenken, sie sich ohne das Gewand vorzustellen: hübsche breite Schultern, hübsche breite Hüften, und was dazwischen lag … Marie blickte hoch, und Tiher grinste sie an. Es war als Beruhigung gedacht, doch sofort senkte sie den Blick wieder auf ihre gefalteten Hände, und er seufzte resigniert. Er schaffte es nie, Kontakt zu hübschen Mädchen zu finden – jedenfalls nicht zu solchen von vornehmer Herkunft. Nicht nur war er häßlich, er hatte auch keinen Landbesitz. Besitzlose Ritter heirateten nicht. Wie konnte man sich eine Frau nehmen, wenn man kein Haus hatte, in dem man mit ihr leben konnte, wenn man sein Bett in der Halle seines Herrn hatte, wo man mit zwanzig oder gar vierzig Waffengefährten schlief? Sogar Alain – der, wie Marie richtig geschätzt hatte, Tihers Vetter war – hatte wenig Chancen zu heiraten, und er war der zweite Sohn eines begüterten Edelmannes und nicht nur ein verarmter Neffe. Ein hartes Los für einen jungen Ritter, der weibliche Gesellschaft so sehr liebte wie Tiher. »Es wird Euch bei uns kein Unrecht geschehen, Dame Marie«, sagte er zu ihr. »Herzog Hoel wird Euch ehrenvoll behandeln.« Sie antwortete nicht. Er seufzte wieder, und sie ritten schweigend weiter. An diesem Nachmittag verbrachte Marie fast vier Stunden im Sattel. Die Stute Dahut zeigte sich weiterhin von ihrer schlechtesten Seite, weigerte sich, Bäche zu durchschreiten, brach aus, wenn sie saftiges Weideland sah, und trat Tihers Pferd oder versuchte, es zu beißen. Tiher schnitt sich einen Stock aus Weidenholz und schlug Dahut jedesmal, wenn sie verrückt spielte. Aber die widerspenstige Stute machte selbst ihm schwer zu schaffen, und die Arme schmerzten ihm, als sie ihr Ziel erreichten, die Abtei Bonne Fontaine, wo sie über Nacht bleiben sollten. Marie war inzwischen blaß vor Müdigkeit, sie konnte sich kaum noch im Sattel halten. Ihre Muskeln waren das Reiten nicht mehr gewohnt, und die knochige Dahut hatte sie kräftig durchgerüttelt. Trotzdem glitt sie rasch vom Pferd, als der Abt zu ihrer Begrüßung im Pförtnerhaus erschien, und warf sich vor ihm auf die Knie. »Helft mir, Vater!« rief sie laut. »Diese Männer entführen mich. Mein Vater hat mich in die Priorei St-Michel geschickt, und sie haben mich gegen meinen Willen von dort fortgebracht!« Der Abt starrte sie an, eher resigniert als überrascht. Es kam manchmal vor, daß Ritter hübsche Mädchen aus Klöstern entführten. Dann richtete er den Blick vorwurfsvoll auf Tiher. Tiher hatte früher die Schule in dieser Abtei besucht, und er war noch immer überzeugt davon, daß der Abt fähig war, Gottes zürnende Blitze gegen die Übeltäter zu schleudern. »Es ist der Befehl des Herzogs, Vater!« protestierte er rasch. »Die Dame ist die Erbin von Chalandrey, und Herzog Hoel wünschte, daß sie den Mont St-Michel verließ, um sie vor den Normannen in Sicherheit zu bringen.« Das Gesicht des Abtes hellte sich auf. Er war Bretone aus der Mark. Er kannte Chalandrey und den Ruf des Ritters Guillaume, und er verabscheute die Normannen, deren Streifzüge oft die Ländereien seiner Abtei heimgesucht hatten. Von Tiher war ihm nichts besonders Verwerfliches in Erinnerung, und Alain de Fougères kannte er vom Sehen – Alains Mutter hatte der Abtei große Wohltaten erwiesen. Er hatte keine Zweifel, wem er glauben sollte. »Du brauchst keine Angst zu haben, meine Tochter«, versuchte er Marie zu beruhigen. »Herzog Hoel wird dafür sorgen, daß du gut behandelt wirst. Und du mußt wissen, Kind, daß Herzog Hoel dein rechtmäßiger Herr ist – was immer man dir gesagt haben mag. Als dein Vater einem Normannen den Lehnseid schwur, hat er der Bretagne etwas entzogen, was nach Recht und Gesetz ihr Eigentum war.« Marie zwang sich zur Ruhe. Mit Appellen und Beschwerden würde sie nichts erreichen, das war klar, und bei offener Opposition zu bleiben würde es ihr nur schwerer machen, aus der Gefangenschaft zu entfliehen. Sie hatte sich ihrer Tränen und ihrer Hilflosigkeit im Kloster St-Michel geschämt, aber jetzt dankte sie im stillen Gott, daß sie sich so töricht verhalten hatte. Wenn man sie für schwach und albern hielt, würde man jetzt nichts anderes von ihr erwarten als nutzlose Bitten und Tränen. Der Abt führte die Besucher in das Gästehaus der Abtei, wo er von seinen Bediensteten Zimmer für sie herrichten ließ: ein Zimmer für die drei Ritter und daneben eins, schicklich getrennt, für Marie. Die Ritter schlossen zur Vorsicht den hölzernen Fensterladen an dem einzigen Fenster in Maries Zimmer und verriegelten ihn sicher von außen, und sie verschlossen die schwere Tür und nahmen den Schlüssel an sich. Marie setzte sich müde auf das Bett und begrub das Gesicht in den Händen. Ihr ganzer Körper schmerzte von dem langen Ritt, Arme und Beine zitterten von der Anstrengung. Sie war so erschöpft, daß sie fürchtete, auf der Stelle einzuschlafen. Aber sie mußte diese Nacht fliehen. Sie waren bereits zwanzig Meilen vom Mont St-Michel entfernt, eine größere Strecke, als sie je zu Fuß zurückgelegt hatte. Nach einem weiteren Tagesritt würde die Entfernung wahrscheinlich zu groß für sie sein. Ein Pferd zu stehlen, konnte sie nicht wagen. Sie mußte zu Fuß fliehen, noch diese Nacht, eine andere Wahl hatte sie nicht. Zuerst mußte sie aber ein wenig ruhen und etwas essen, um Kräfte für den Fußmarsch zu sammeln. Am besten würde es sein, in den frühen Morgenstunden aufzubrechen. Sie war es gewohnt, vor der Dämmerung aufzuwachen, um die Laudes zu beten. Der tiefe Klang der Abteiglocke würde sie zweifellos ebenso sicher wecken, wie das schrille Bimmeln des Prioreiglöckchens es getan hatte. Doch wie konnte sie herauskommen? Marie stand auf und überprüfte sorgfältig den Raum beim Licht der einzigen Talgkerze, die die Bediensteten des Abtes ihr dagelassen hatten. Der Fensterladen war nicht nur fest verriegelt, er quietschte auch bei der leisesten Berührung; selbst wenn sie es schaffte, die Verriegelung aufzubrechen, würde das einen solchen Lärm machen, daß die Ritter im Raum nebenan aufwachen mußten. Die Wände ihres Zimmers bestanden aus dickem Lehm und Flechtwerk auf einem Fundament aus Stein, das Dach aus fest gebundenem Stroh, der Fußboden unter den Binsen war hartgestampfter Lehm. Vielleicht wäre es möglich, sich durch eine der Wände oder durch das Dach durchzugraben, aber es würde Stunden harter Arbeit bedeuten, nach denen sie zu erschöpft für den kleinsten Fußmarsch wäre. Blieb die Tür. Sie nahm Marie sich als letztes vor. Als sie ihre Kerze hochhielt, konnte sie den Schloßriegel sehen, der in ein Loch im Türpfosten griff. Auf gleicher Höhe mit ihm, in das Holz des Türpfostens eingekratzt, befand sich eine schmale Einkerbung, die von jemandem stammen mußte, der früher einmal die Tür geöffnet hatte, als der Schloßriegel noch nicht ganz zurückgezogen war. Marie starrte einen Augenblick auf die Einkerbung, hart atmend. Sie wußte, als sie sie sah, daß sie ihre Chance war, aber es dauerte einige Zeit, bis sie den Zusammenhang begriff. Dann zog sie, zitternd vor Aufregung, ihren weißen Schleier ab, knäulte ihn zusammen und preßte ihn zwischen den unteren Türrand und die steinerne Schwelle, nahe der Angel, wo das Knäuel das Schwingen der Tür unsichtbar hemmen würde. Ein paar Minuten später kam ein Klosterbruder herein. Er brachte einen Napf mit Gemüsesuppe und einen Becher Wein als Abendessen sowie einen Krug Wasser mit einer Schüssel und einem Handtuch. Die drei Ritter folgten ihm und standen in der Türöffnung, während der Bruder das Tablett auf dem Bett absetzte. Tiher hielt eine Kerze, die die Schatten der Männer wie Gespenster durch den Raum flattern ließ. »Habt Ihr noch irgendeinen Wunsch, Dame Marie?« fragte Alain höflich. »Eure Abwesenheit«, erwiderte Marie kalt. Alain schaute beleidigt, verbeugte sich steif und ging. Tiher folgte ihm mit einem Froschgrinsen. Der dritte Ritter, Guyomard, zog die Tür hinter dem Klosterbruder zu. Sie bewegte sich natürlich schwer, so schwer, daß Marie einen Augenblick entsetzt den Atem anhielt, weil sie befürchtete, er würde nachsehen, was der Grund war. Aber er tat es nicht. Er zog sie zu, und durch das Geräusch der schweren Stiefel hindurch hörte Marie schwach das Klicken des Schlüssels, der im Schloß umgedreht wurde. Sie lief leise hinüber. Der Schloßriegel war deutlich zwischen Türrand und Rahmen zu erkennen. Aber es war unmöglich zu sehen, ob er in der ausgekratzten Kerbe steckengeblieben oder sicher in seine Fassung eingerastet war. Sie konnte nicht wagen, es nachzuprüfen, noch nicht. Sie lehnte den Kopf gegen den Türpfosten und betete leidenschaftlich, daß die Tür nicht verschlossen sein möge. Sie dachte an ihren Vater, der im Lager vor den Mauern des unvorstellbar fernen Nizäa um Brian trauerte. Ich werde deine Ehre sicher bewahren, versprach sie ihm inbrünstig. Ich werde nie deine Ländereien deinen Feinden ausliefern. Du wirst stolz auf mich sein, Vater. Du wirst schließlich doch stolz auf mich sein. Dann sprach sie drei Vaterunser, um das harte Pochen ihres Herzens zu beruhigen, und ging zurück, um sich vor dem Abendessen zu waschen. Als die Glocke zu den Laudes läutete, war Marie sofort auf; drei Jahre Klosterleben ließen sie automatisch in die bereitstehenden Schuhe schlüpfen, noch bevor sie richtig wach war. Dann hielt sie ein. Auch in der vollständigen Dunkelheit vor dem ersten Hahnenschrei erschien ihr das Zimmer fremd. Dies war nicht ihre kleine Zelle in St-Michel, dies war … Die Erinnerung brach mit einer Flut fast unerträglicher Erregung über sie herein. Sie zwang sich, ganz still zu sitzen. Die Glocke hörte auf zu läuten; das Rascheln von Füßen auf dem Hof verhallte, die Eröffnungsverse des Stundengebets klangen leise von der Kapelle herüber. Marie holte tief Atem, stand auf und suchte tastend den Weg durch die Finsternis zur Tür. Da. Rauher Rahmen, glattere Bretter; endlich das Türschloß. Sie ließ die Hände hinabgleiten, am Türrand entlang, dann an der Schwelle entlang. Da war ihr zusammengeknäulter Schleier, genau an der Stelle, wo sie ihn gelassen hatte. Ihr erstes heftiges Zerren bewegte das Knäuel nicht. Sie mußte sich zwingen, einen Augenblick aufzuhören und es dann langsam zu versuchen, es geduldig vor und zurück, hin und her zu schieben, bis es sich plötzlich löste. Die Tür kreischte und bewegte sich ein Stück auf sie zu. Marie fühlte einen Schock, als hätte sie versucht, eine Stufe hinabzusteigen, die nicht da war, dann erstarrte sie gebückt auf der Schwelle. Doch es war kein anderer Laut zu hören als das ferne Rezitieren der Mönche, die die Laudes beteten. Sie stand auf, den Schleier in einer schwitzigen Hand. »Christus und Sankt Michael, helft mir!« flüsterte sie. Sie schlang den Schleier sorgfältig um das Türschloß, dann zog sie kräftig. Der Schleier dämpfte das Geräusch ein wenig, als der Riegel kreischend über den Rahmen kratzte – und dann war die Tür offen. Marie blieb regungslos stehen und horchte, die Handflächen gegen den Türpfosten gepreßt, auf ein Zeichen von Alarm. Wieder hörte sie nur das Beten der Mönche. Sie trat vorsichtig auf den Gang hinaus. Nun konnte sie aus dem Zimmer, in dem die drei Ritter schliefen, Geräusche hören, aber offenbar handelte es sich nur um Schnarchen. Die Ritter waren es natürlich nicht gewohnt, zu den Laudes aufzustehen, und sie hatten das Läuten der Glocke überschlafen. Marie versuchte, ihr Triumphgefühl zu unterdrücken. Sie hatte noch einen langen Weg zurückzulegen, bevor sie in Sicherheit war. Vorsichtig schloß sie die Tür hinter sich, eilte den Gang entlang, zog im Gehen den Schleier über den Kopf und steckte das Haar darunter. Der Vorhof der Abtei war menschenleer. Das äußere Tor war für die Nacht versperrt und verriegelt, aber nur auf der Innenseite, um Eindringlinge fernzuhalten. Der Torhüter schlief in seinem Pförtnerhaus. Marie hatte keine Schwierigkeit, das Tor aufzusperren und hinauszuschlüpfen. Der Mond war untergegangen. In der Finsternis wirkte alles seltsam und unheimlich. Die Straße war nur ein grauer offener Fleck gegen die gestaltlose Dunkelheit des Landes. Die Stille war so tief, daß sie die Ohren taub machte, und kleine Geräusche – das Rascheln der Kleider, das Stapfen der Füße, sogar das Ein- und Ausatmen – hallten hohl und weit wider. Das Unkraut am Rande der Straße war schwer von Tau. Nach wenigen Schritten blieb Marie bewegungslos stehen, sie hörte nichts als das Rauschen des Blutes in ihren Ohren. Zum ersten Mal, seit sie ihre Fluchtpläne entwickelt hatte, empfand sie Angst. Sie war nie zuvor bei Nacht allein außerhalb der schützenden Mauern eines Hauses gewesen. Und in der Dunkelheit, gleich hinter dem Streifen bebauten Landes neben der Straße, lag der Wald. Sie hatte es am vorigen Nachmittag gesehen, ein Schatten auf den Hügeln, der manchmal bis in die Nähe der Straße kam, manchmal in der Ferne verblaßte, aber nie völlig außer Sicht kam: der Wald Brocéliande, geheimnisvoll und tief wie das Meer, der das Herz der Bretagne bildete. Es gab Wölfe dort und andere wilde Tiere; es gab Räuber, die noch mehr zu fürchten waren – und es gab Wesen, gefährlicher als beide, Wesen, die mit einem Lachen und dem Läuten von Kristallglöckchen in hohle Berge flüchten oder dich aus Brunnen anlächeln, wenn du dein eigenes Spiegelbild im Wasser betrachtest, Wesen, die dir deinen Schatten stehlen und dich zum Wahnsinn treiben können – dämonische Wesen. Marie war Bretonin aus der Mark, wo man Französisch sprach; der Wald gehörte zum älteren Teil der Bretagne, der eine altertümlichere Sprache hatte. Aber sie hatte die Geschichten gehört. Sie hatten sich ihren frühesten Erinnerungen eingeprägt: Elben waren keine reizenden kleinen Wesen, sondern ein Geschlecht, das älter war als das Adams, schön und gefährlich. Sie tauchen plötzlich hinter dir auf, wenn du bei Sonnenuntergang spazierengehst; du würdest sie für Menschen halten, bis du ihre Augen siehst. Und wenn sie dich berühren, verlierst du den Verstand, und dann wanderst du suchend durch die Welt. Oder du kommst bei Mondlicht auf eine Lichtung neben einem tiefen grünen Teich, wo gespielt und getanzt wird. Wenn du dich zu den Tanzenden gesellst, wirst du später aufwachen und feststellen, daß eine ganze Generation vergangen und du alt geworden bist. Die Elben zu beleidigen zieht eine schreckliche Rache nach sich. Auf dem Land hielten die Menschen sich von bestimmten Bäumen fern, schmückten bestimmte Brunnen jeden Monat mit Blumen, entzündeten jährlich auf bestimmten abgeflachten Steinen ein Opferfeuer und ließen anschließend kleine Opfergaben von Milch und Brot zurück. Die Kirche verdammte alle diese Bräuche, aber die Bauern hielten hartnäckig an ihnen fest, und nur wenige Dorfpriester hatten den Mut, dagegen zu predigen. Auch Priester hatten Rache zu fürchten, wenn ›das gute Völkchen‹ gekränkt wurde. Und das Herz des Landes, in dem die Elben hausten, war der Wald. Marie schluckte, bekreuzigte sich und sprach leise ein Gebet zum heiligen Michael. Sie war entkommen, die Furcht vor dämonischen Wesen sollte sie nicht erneut zur Gefangenen machen. Aber sie ging doch entlang der Straße zum Mont St-Michel. Am letzten Nachmittag hatte sie geplant, den Weg durch den Wald zu nehmen, um die Verfolger irrezuführen. Aber sie konnte in der mondlosen Finsternis nicht in diese dunkle Wildnis eindringen. Sie wäre verloren gewesen. Bis zur Dämmerung würde die Straße sicher sein. Und bei Tageslicht, sagte sie sich fest, würde auch der Wald mehr Sicherheit bieten. Während sie dahinwanderte, gewann das Land allmählich, fast unmerklich, seine Gestalt wieder. Ein Hügel türmte sich plötzlich auf, schwarz, nach Osten hin; ein Bach folgte einer Senke unter einem Schatten, der sich zu Weidenbäumen entwickelte. Dann wurde die Stille gebrochen: Ein Hahn krähte auf einem Bauernhof, und ihr Herz schlug schneller vor Erleichterung. Es war ja bekannt, daß alle dämonischen Wesen beim ersten Hahnenschrei in ihren Schlupflöchern verschwanden. Schon bald zwitscherten zögernd ein paar Vögel, noch etwas unsicher, andere riefen zurück. Dann, mit einem Male, schmetterte der ganze Chor aus vollen Kehlen, aus jedem Busch und jeder Hecke zur Begrüßung des Morgens – Grasmücke und Drossel, Rotkehlchen und Lerche – und verscheuchte die Reste der Angst aus Maries Herzen. Das Licht wurde stärker, und die Felder waren grün, getupft mit weißen und gelben Blumen. Kaninchen hüpften zu ihren Höhlen, als sie näher kam; eine Füchsin rannte über den Weg wie ein roter Streifen. Zwei Schwäne flogen flügelschlagend niedrig über sie hinweg. Als sich die unheimliche Stille der Nacht zurückzog, war Marie von Freude erfüllt und wanderte mit großen, ausgreifenden Schritten. Dies war kein Traum, keine Phantasie von einem heiligmäßigen Leben, dies war etwas, was sie im wirklichen Leben getan hatte: Sie war entkommen! Oh, Vater, du wirst stolz auf mich sein! Die Ritter hatten sie für dumm, stumpfsinnig, einfältig, furchtsam gehalten; jetzt waren sie die Getäuschten. Sie stellte sich Alain de Fougères vor, wie er an ihre Tür in der Abtei Bonne Fontaine klopfte, den Schlüssel umdrehte – O Schrecken! Sie ist fort! Was wird der Herzog sagen? Zu Pferd, zu Pferd! Besser, sie verließ die Straße jetzt, bevor sie angaloppiert kamen. Als Marie einen Weg nach links abzweigen sah, neben einem Bach, folgte sie ihm. Der Weg führte an einem Feld entlang, überquerte einen Graben, lief über eine Weide, und da, näher, als sie erwartet hatte, war der Wald. Jetzt, wo die Sonne am Himmel stand, hatte er überhaupt nichts Unheimliches. Das Laub der Bäume zeigte ein lebhaftes Maigrün, es war voller als das Laub des frühen Frühlings, heller als das des Sommers. Die Morgensonne hatte die Wipfel der Bäume in ein goldgelbes Licht getaucht. Unter den alten Eichen blühten Waldhyazinthen, das Unterholz war kürzlich geräumt worden, das gerade, junge Holz zum Gebrauch geschnitten, der Rest irgendwie verwendet worden. Die Blumen waren daher wie ein Teppich in einem weiten, luftigen Raum, auf den die Sonne bunte Muster malte. Der Weg ging unter den Bäumen weiter. Wahrscheinlich hielt der Bauer Schweine, die während des Sommers den Wald nach Futter durchstöberten. Die Angst, die sie vorher empfunden hatte, kam ihr jetzt lächerlich vor. Brocéliande war freundlich und schön, nicht feindselig gegenüber den Menschen, und auch an sie gewöhnt. Glücklich folgte sie dem Weg in nördlicher Richtung. Für eine Weile war es ein bequemes Gehen. Sie stellte sich vor, was sie tun würde, wenn sie zurück nach St-Michel käme. Sie würde sogleich zu Dame Constance gehen. Ehrwürdige Mutter, würde sie sagen, diese Ritter, die gekommen sind, mich fortzubringen, die gesagt haben, sie seien geschickt worden, um mich zum Hof des Herzogs zu geleiten – sie waren gar nicht von Herzog Robert geschickt. Und Constance, blaß vom Schock über Maries Wiederauftauchen, würde schwach flüstern: Nein? – Nein, würde Marie sagen. Sie waren Gesandte eines Herzogs, aber nicht Roberts, des Herzogs der Normandie. Hoel, der Herzog der Bretagne, hat sie geschickt, um mich zu entführen. Er hatte die Absicht, mich mit einem seiner Männer zu verheiraten und die Kontrolle über die Ländereien meiner Familie an sich zu bringen. Aber es gelang mir zu entfliehen. Ich danke Gott und Sankt Michael, die mich davor bewahrt haben, zur Verräterin an meinem Lehnsherrn zu werden. Ich hasse Verrat über alles, würde sie betont sagen. Ich bin erstaunt, Ehrwürdige Mutter, daß Euch entgangen ist, wer dieser Alain de Fougères war und in wessen Diensten er stand. Ihr, die den Stammbaum jeder adligen Familie in der Bretonischen Mark kennt. In Maries glückliche Stimmung mischte sich Bitterkeit. Constance hatte sicherlich Bescheid gewußt. Was würde sie sagen, wenn Marie zum Kloster zurückkehrte? Es spielte eigentlich keine Rolle. Constance würde es nicht zugeben können, daß sie stillschweigend der Entführung einer adligen Dame Vorschub geleistet hatte, die ihrer Sorge anvertraut war. Sie würde vorgeben müssen, daß auch sie selbst getäuscht worden sei. Wenn es Marie gelang, St-Michel zu erreichen, würde sie in Sicherheit sein. Daß sie von der eigenen Priorin betrogen worden war, würde Bitterkeit zurücklassen, ein Gefühl von etwas Beschämendem und Verächtlichem, aber das würde allmählich vergehen, wie hundert andere Enttäuschungen vorher vergangen waren. Wenn Marie die zwanzig Meilen bis zur Küste sicher hinter sich brachte, würde sie zu ihrer kleinen Zelle im Kloster zurückkehren und sich einem Leben des Gebetes und der Arbeit widmen können – zumindest bis ihr Vater vom Kreuzzug zurückkehrte. Und jetzt, wo Brian tot war, würde er sie akzeptieren. Diese Flucht würde ihm imponieren, er würde stolz auf sie sein. Marie straffte die Schultern, und ihre müden Füße bekamen neuen Schwung. Der Weg wurde allmählich schmaler, und bald hatte sie den Bereich des kultivierten Waldlandes hinter sich. Der Waldboden wurde zu einem Gemisch aus Brombeersträuchern und Jungholz dort, wo man den Himmel sehen konnte, und aus Farnschößlingen und Waldblumen, wo die Baumwipfel aneinanderstießen und eine geschlossene Decke bildeten. Schließlich bemerkte Marie einen schmalen rauhen Pfad, der nach rechts abbog. Das mußte Norden sein, die Richtung, in die sie wollte; es würde richtig sein, diesen Pfad zu nehmen. Alain de Fougères und seine Begleiter würden zunächst entlang der Straße nach ihr suchen. Sie nahm den schmalen Pfad, hielt ihre Röcke hoch, um sie vor den in den Pfad hineinreichenden Brombeerzweigen zu schützen, und setzte ihren Weg fort. Das Gehen wurde bald viel beschwerlicher. Verrottendes Laub verdeckte den Boden und verbarg die abgefallenen Zweige, die Steine, die Löcher im Boden; sie stolperte oft. An den sonnigeren Flecken wuchsen Nesseln und niedriges Dornengestrüpp. Die Anstrengung machte ihr schmerzlich bewußt, daß sie schon eine lange Strecke mit nüchternem Magen gegangen war. Nach den kärglichen Strahlen der Sonne zu urteilen, die sie erreichten, mußte es etwa die Zeit der Terz sein, also gegen neun Uhr. Das bedeutete, daß sie seit fünf Stunden unterwegs war. Ihre Muskeln waren noch steif, die Haut wund vom Ritt des Vortages. Sie blieb stehen, sah sich um und setzte sich auf einen gestürzten Baumstamm, um Atem zu schöpfen und den Schmerz aus ihren Waden zu massieren. Als sie sich aufraffte weiterzugehen, schürzte sie ihre Röcke, ging langsam und hielt Ausschau nach einem Bauernhof oder einem Weiler, wo sie etwas zum Essen kaufen konnte. Die Nacht zuvor hatte sie ihre Geldbörse mit allem Geld gefüllt, das sie in ihrem Gepäck mitgenommen hatte. Es mußte mehr als genug sein, um bis zum Kloster zu reichen. Zwei Stunden später hatte sie noch keine Anzeichen für eine menschliche Ansiedlung gefunden. Seit sie die Straße verlassen hatte, hatte sie nichts als Bäume gesehen, durch die das Licht selten und mit verwirrenden Mustern fiel; sie hatte nichts gehört als die Rufe der Vögel und gelegentlich das Gezanke von Eichhörnchen. Ihr Pfad hatte sich irgendwo im Unterholz verloren, sie war mühsam einer Reihe von Wildspuren gefolgt, die in den Wald liefen und dann plötzlich verschwanden. Als die Sonne höher stieg, wurde es heiß, und Mücken und Moskitos flogen sirrend aus schwarzen Sumpfflecken auf. Sie dachte sehnsüchtig an Wasser – Bäche, die plätschernd über Steine hüpften; Wasserkrüge, die in dunklen Räumen schwitzten; an den kühlen, dumpfigen Geruch von Brunnen. Aber sie hatte kein Wasser gesehen, seit sie dem schmalen Bach von der Straße ab gefolgt war. Ihre Beine waren zerkratzt von Dornen und gereizt und gerötet von Nesseln, Gesicht und Hände waren von Moskitos zerbissen. Sie wußte nicht, wieviel länger sie noch gehen konnte. Sie würde umkehren und zur Straße zurückgehen müssen, entschied sie. Sie konnte nur hoffen, daß ihre Verfolger bereits vorbeigeritten waren. Völlig erschöpft ließ sie sich neben dem Stamm eines gestürzten Baumes zu Boden fallen, um sich auszuruhen und ihre Richtung nach der Sonne zu kontrollieren. Ein paar Minuten lang war sie zu erschöpft, um sich auch nur zu bewegen; sie saß einfach da und lehnte das Gesicht gegen die grüne Rinde des Baumes. Schließlich bekreuzigte sie sich und sprach ein Gebet, dann schaute sie zur Sonne hoch, die durch das vom Winde bewegte Laub der Bäume ungleichmäßig ihre Strahlen zum Boden schickte. Es war Mittag, die Schatten waren kurz. Sie schaute hinab auf den Schatten des Baums neben ihr – und stellte fest, daß sein Winkel falsch war: Sie war nach Westen gewandert, nicht nach Norden. Nach Westen, in das Herz des Waldes. Und sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt die Himmelsrichtung geprüft hatte. Sie konnte nicht sagen, wie tief sie in Brocéliande eingedrungen war. Entsetzen bemächtigte sich ihrer, vertrieb sogar das Bewußtsein der Erschöpfung. Ihre Augen brannten. Schluchzer der Panik stiegen in ihrer Kehle hoch, schüttelten sie. Es war, als wäre sie in den Wald hineingelockt worden, betört vom Gesang der Vögel und von den herrlichen Blumen – und dann hatte der Wald sich hinter ihr geschlossen. Sie empfand eine irrationale Gewißheit, daß irgend etwas auf sie lauerte, weiter drinnen unter den Schatten der Bäume – etwas Tierisch-Wildes, Widerwärtiges, ein Ungeheuer. Sie setzte sich gerade auf, biß die Zähne zusammen, rieb sich kräftig die Augen und sprach zwei Ave und ihr Lieblingsgebet zum heiligen Michael. Tränen und Schluchzen unterdrückte sie mit Gewalt, aber sie waren noch da, sie konnte spüren, wie sie sich in ihrer Brust zusammenkauerten. Also gut, sagte sie sich ärgerlich, was soll das schon; ich bin ein bißchen weiter nach Westen gekommen, als es richtig war. Aber es kann nicht viel ausmachen, da ich sehr langsam gegangen bin – eine Meile, zwei Meilen höchstens. Ich bin tiefer in den Wald gekommen, als ich vorhatte – aber nicht sehr viel tiefer. Wenn ich strikt nach Osten gehe, werde ich vor Einbruch der Nacht aus dem Wald heraus sein. Ich werde die Sonne jetzt sorgfältiger beobachten, dann werde ich meinen Weg nicht wieder verlieren. Ich bin sehr müde, aber ich kann noch gehen, und am Waldrand wird es Häuser und Menschen und Essen geben. Ich habe Geld, um für mein Abendessen und ein Bett für die Nacht zu bezahlen. Alles, was ich verloren habe, sind ein paar Stunden anstrengendes Wandern. Das ist keine Katastrophe. Aber das Entsetzen, das in ihrer Brust hockte, sagte, es ist doch eine, und die Panik dahinter stimmte ihm zu. Sie würde bei Nacht im Wald gefangen sein, und dann würde es, das Ungeheuer, das auf sie wartete, sie in seiner Gewalt haben. Marie zwang sich aufzustehen. Ich muß zuerst etwas Wasser finden, dachte sie; es wird mir bessergehen, wenn ich etwas zu trinken gehabt habe. Sie begann, sich den Weg nach Osten durch das dichte Unterholz zu bahnen, sie ignorierte die Spuren, die in eine andere Richtung führten, und hoffte inbrünstig, bald auf Wasser zu stoßen. Nachdem sie sich etwa zehn Minuten durch das Unterholz gekämpft hatte, hörte sie das Geräusch von fließendem Wasser und rannte stolpernd darauf zu. Ein paar Sekunden später brach sie durch einen Wall von Jungholz auf eine Lichtung inmitten von Eichenbäumen. Eine Quelle sprudelte und ergoß ihr Wasser in einen tiefen grünen Tümpel, dann lief es weiter als kleiner Bach über eine Wiese von unglaublichem Grün. Waldanemonen, Scharbockskraut und wilde Stiefmütterchen wuchsen neben ihm, und der Bach war zur Hälfte bedeckt mit den leuchtend weißen Bechern des Wasserhahnenfußes. Als sie in die Sonne hinaustrat, blieb sie stehen, bezaubert von der Schönheit des Platzes – und dann sah sie den Wolf im Gras neben dem Tümpel liegen. Eisiges Entsetzen packte sie, und eine ihr endlos erscheinende Zeit starrte sie wie gebannt das Tier an. Später stellte sie fest, daß sich alle Einzelheiten seines Aussehens so tief in ihr Gedächtnis eingeprägt hatten, daß sie sich das ganze Bild vor Augen rufen konnte, indem sie einfach die Lider schloß. Der Wolf lag ausgestreckt auf der Seite, er hatte den Kopf gehoben, als hätte Marie ihn vom Schlaf aufgeweckt. Sein Fell war dunkelgrau, die Schwanzspitze war schwarz, und längs des Rückens lief ein schmaler schwarzer Streifen; am Bauch und an den Beinen verblaßte das Grau fast zu Weiß. Schnauze und Ohren waren braun eingefaßt. Die braunen Augen waren unverhältnismäßig stark schwarz umrändert; die Schnauze stand offen, schwarze Lefzen lagen locker um schimmernd weiße Fänge, die rote Zunge hing bei der Hitze japsend heraus. Ein abscheuliches Ungeheuer, das den Eindringling arrogant anstarrte. Marie erinnerte sich an Geschichten von Wölfen: Kinder, die im Wald plötzlich verschwanden, Babys, die aus der Krippe geschnappt und fortgeschleppt wurden; ein Haufen weißer Knochen und ein paar Fetzen Stoff, das war alles, was man von ihnen wiederfand. Sie wunderte sich, warum sie nicht schrie. Der Wolf bewegte sich als erster. Er sprang auf die Beine, die Rücken- und Nackenhaare stellten sich hoch, die Ohren legten sich flach gegen den Schädel. Plötzlich löste sich auch Maries Erstarrung. Sie bückte sich und ergriff den nächsten Stock. »Weg! Weg!« schrie sie und schwang den Ast so heftig, daß er zischend die Luft durchschnitt. Die Schnauze des Wolfs krauste sich zu einem unverschämten Grinsen – dann drehte er sich um und lief in den Wald. Nach einer Minute wagte Marie sich vor. Sie stand über den Tümpel gebeugt und horchte nervös. Aber es war kein Rascheln im Unterholz zu hören. Der Wolf war einfach fortgelaufen. Er war ebenso verängstigt wie ich, redete sie sich zitternd ein. Menschen jagen Wölfe mehr, als diese uns jagen. Sie kniete sich bei der Quelle hin, um zu trinken. Das Wasser war köstlich, frisch und kalt und süß. Sie setzte sich in das Gras, als sie sich satt getrunken hatte, zog die Schuhe aus und hielt ihre schmerzenden Füße ins Wasser. Die Berührung mit dem kalten Wasser schien alle Schmerzen wegzunehmen. Eine Nachtigall sang von einem nahen Baum. Weiter weg rief ein Kuckuck, und ununterbrochen hämmerte ein Specht. Die Luft war erfüllt von einem fast sommerlichen Gesumme, einer Mischung aus fließendem Wasser, dem Summen von Insekten, dem leisen Fächeln der Blätter in einer Brise, die kaum zu spüren war. Marie legte sich in die Sonne und ließ wohlig die Zehen spielen. Die Müdigkeit, gegen die sie seit Stunden angekämpft hatte, überflutete sie. Ich habe noch keine Ruhepause gemacht, dachte sie. Ich tue es jetzt. Sie erwartete nicht, daß sie einschlafen würde, nicht bei der Dringlichkeit, aus dem Wald herauszukommen, nicht nach der Begegnung mit dem Wolf. Aber die Erschöpfung überwältigte sie, und nach wenigen Minuten waren ihre Augen geschlossen – sie schlief auf dem weichen Moos unter der wohltuenden Decke der Nachmittagssonne. Sie träumte, sie wäre wach. Sie lag auf dem Moos in der Sonne und sah den Wolf zurückkommen. Seine Schnauze war noch zu einem unverschämten Grinsen gekraust, und die rote Zunge hing heraus. Als er näher kam, schien er größer, schwerer zu werden und sich aufzurichten. Sie sah, daß es ein Mann war, der das Wolfsfell wie einen Mantel mit Kapuze umgehängt hatte. Marie versuchte entsetzt, zu schreien und aufzuspringen, aber sie konnte sich nicht rühren. Er kam näher. Er beugte sich über sie, noch immer grinsend, dann drehte er sich um und sprach zu zwei anderen, die neben ihm aufgetaucht waren. Seine rauhe Stimme bildete Worte, die sie nicht verstand. Marie öffnete mit größter Anstrengung die Augen, sah wild auf und stellte fest, daß der Mann Wirklichkeit war. Das alptraumhafte Entsetzen war für einen Augenblick so groß, daß sie glaubte, ihr würde übel. Sie konnte sich nicht bewegen, sie starrte nur mit weit aufgerissenen Augen hoch, weiß vor Schrecken. Der Mann lachte und sagte etwas zu ihr. Sie konnte ihn auch jetzt nicht verstehen, doch wurde ihr plötzlich klar, warum: Er sprach Bretonisch. Sie erkannte die Sprache, obwohl sie sie nicht sprechen konnte. In Chalandrey sprachen sogar die Bauern Französisch. Der Mann sagte etwas anderes und hielt ihr die Hand hin, um ihr aufstehen zu helfen. Marie setzte sich auf, sah von der Hand zu dem Mann hinauf und dann zu seinen Begleitern, die etwas hinter ihm standen und, auf ihre kurzen Bogen gestützt, grinsten. Sie waren alle drei rauh aussehende Männer mit vollen, ungepflegten Bärten, ziemlich jung, bekleidet mit groben Kitteln aus Hanffaser und mit Flicken übersäten Hosen. Der Mann, der vor ihr stand, hatte einen Mantel aus Wolfspelz, aber es war ein schmutziges altes, ungepflegtes Fell. Sie sind bloß gewöhnliche Waldbewohner, sagte sie sich, Holzfäller oder Schweinehirten oder Forstarbeiter. Einfache, normale Bauern, die ihre Geschäfte im Wald betreiben. Ich muß sie im Halbschlaf gesehen haben, und mein Alptraum hat den Wolf, den ich wirklich gesehen habe, mit dem Wolfspelzmantel in Verbindung gebracht. Dann schlug die Erleichterung in Alarm um. Sie hatte geschlafen, wie lange? Sie warf einen Blick zum Himmel und sah, daß die Sonne jetzt tief stand und ihre Strahlen schräg durch die Bäume fielen; es war später Nachmittag, beinahe Abend. Sie zog die Fersen unter sich und sprang auf, etwas unsicher auf den bloßen Füßen schwankend. »Tut mir leid, guter Mann, ich spreche kein Bretonisch«, sagte sie zu dem Mann im Wolfspelz. »Aber wenn du mir helfen kannst, heute abend aus dem Wald herauszukommen, werde ich mich dankbar zeigen.« Einer der beiden anderen Männer lachte und sagte etwas. Der mit dem Wolfspelz zuckte die Schultern und antwortete. Er griff nach Maries Ärmel. »Nan gallek«, sagte er und grinste wieder. Kein Französisch – das verstand sie. Sie zog ihren Arm angewidert zurück – seine Hand und seine Kleidung waren schmutzig. »Ich will aus dem Wald hinaus«, wiederholte sie langsam, dann machte sie eine kreisende Handbewegung über die Bäume ringsum und zeigte nach Osten. »Hier fort – Brocéliande – Wald – nein, nan«; sie suchte nach der Geldbörse an ihrem Gürtel. »Hier«, sagte sie und nahm eine Münze heraus. »Ich werde dich für die Mühe bezahlen.« Wolfspelz pfiff und nahm die Münze. Der Mann, der gelacht hatte, sagte wieder etwas, offenbar war es ein Scherz, denn alle lachten. Dann griff Wolfspelz hinüber und griff nach der Börse, die am Gürtel befestigt war. Entsetzt umklammerte Marie sie mit der Hand. »Nein!« schrie sie wütend. »Es ist meine. Ich brauche sie. Ich will zum Kloster St-Michel. Mont St-Michel, verstehst du? In Mont St-Michel kannst du alles Geld haben, das ich besitze.« »Mont St-Michel!« wiederholte der Possenreißer. »Ah – Nonne.« Er machte wieder einen Witz, den die beiden anderen offensichtlich noch spaßiger fanden. Wolfspelz zog Maries Hand von der Börse weg. Sie protestierte ärgerlich und schlug auf seine Hand, aber der Possenreißer schlüpfte hinter sie, packte einen Arm, dann den anderen und verdrehte sie hinter ihrem Rücken. Der Schmerz lähmte sie. Ruhig löste Wolfspelz ihren Gürtel, zog die Geldbörse herunter und wog sie abschätzend in der Hand. »Dieb!« schrie Marie ihn an, verblüfft und empört. Nichts, was sie bisher erlebt hatte, hatte sie auf rohe Ausraubung durch Bauern in schmutzigen Hanfkitteln vorbereitet. Sie wand sich, um die Arme frei zu bekommen, aber der Possenreißer stieß sie nach oben, was den Schmerz noch erhöhte. Sie stand still, drängte die Tränen zurück, von einer weißglühenden Wut der Entrüstung fast erstickt. Was würde sie ohne Geld machen? Wie konnte sie jetzt heimkommen? Der dritte Mann hielt die Hände auf, und Wolfspelz kippte den Inhalt der Börse hinein. Der Mann sortierte die Münzen und nannte den Betrag. Die beiden anderen brummten wohlgefällig. Der Possenreißer nickte Marie zu und machte einen weiteren Witz. Wolfspelz lachte diesmal nicht. Er lächelte bloß, sagte zu Marie etwas in freundlichem Ton und kniff ihr in die Wange. Seine Freundlichkeit war noch schlimmer als die Unverschämtheiten vorher, doch Marie konnte nicht mehr tun, als ihn wütend anzustarren. Er sagte wieder etwas, dann löste er den Schleier und zog ihn ab. Er streichelte ihr geflochtenes Haar, zog mit dem Finger genußvoll die Linie vom Kinn entlang der Kehle nach und lächelte. »Kaer«, sagte er mit fast liebevoll klingender Stimme. Erst jetzt wurde Marie bewußt, daß sie Schlimmeres zu befürchten hatte als Ausraubung. In ungläubigem Entsetzen warf sie sich mit einem Ruck zurück. »Nein«, rief sie, wild den Kopf schüttelnd. »Nan. Nein, du verstehst nicht, ich bin eine adlige Dame – hör zu, meine Familie würde ein Lösegeld für mich bezahlen …« Noch während sie sprach, wurde ihr klar, wie vergeblich das sein mußte. Sie sah nicht aus wie eine Dame. Sie trug zwar Klosterkleidung, aber die war nicht sehr ausgeprägt. Jede Frau konnte ein einfaches schwarzes Gewand und einen weißen Schleier tragen – und außerdem war keine besondere Berufung notwendig, um Aufnahme in einem Kloster zu finden. Die Tatsache, daß ihr Gewand aus gutem Stoff war, war nicht klar zu erkennen, da es mit Baumrinde und Moos bedeckt und voller Risse war und sie es geschürzt über nackten Füßen trug. Diesen Männern mußte sie einfach wie ein Bauernmädchen vorkommen, eine Klosterbedienstete vielleicht, die zu einem privaten Besuch fortgelaufen war und jetzt zurück zu ihrem Arbeitsplatz wollte. Sie hatten sie allein im Wald aufgegriffen. Weder hatte sie dort Schweine gehütet noch Reisig oder Kräuter gesammelt oder war einer anderen ehrenhaften Beschäftigung nachgegangen. Und wenn drei rohe, gesunde junge Männer ein wildes, vermutlich übelbeleumdetes Mädchen an einem einsamen Platz im Wald trafen, was war dann von ihnen zu erwarten? Wolfspelz faßte ihren Kopf mit beiden Händen und küßte sie begierig. Sein Atem stank, und seine Zunge war schleimig. Sie erinnerte sich mit der Lebendigkeit einer Halluzination an den kalten Schleim auf der Haut des toten Babys zu Hause. Sobald Wolfspelz den Mund zurückzog, schrie sie, so laut sie konnte. Er war überrascht. Er schlug sie ins Gesicht und sagte etwas in ärgerlichem und ungeduldigem Ton. Sie schrie wieder, und er legte ihr die Hand auf den Mund. Noch nie in ihrem Leben war Marie so wütend gewesen. Wie konnte dieser dreckige Bauer es wagen, sie wie eine Hure zu behandeln? Sie streckte die Arme aus, so weit sie es konnte, warf sich zurück und trat mit den Füßen wie wild nach ihm. Sie traf ihn hart am Oberschenkel, und er schrie auf, dann schlug er sie mit aller Kraft, so daß ihre Schulter fast aus dem Gelenk gedreht wurde und sie vor Schmerz aufschrie. Wolfspelz packte sie bei beiden Schultern und schüttelte sie, schrie ihr wütend ins Gesicht. »Nein!« schrie sie zurück, so außer sich, daß sie nicht einmal Angst empfand. »Nein! Sogar ein dummer Bauerntölpel wie du muß so viel Französisch verstehen. Du stinkendes Scheusal! Nein! Nein!« Der dritte Mann schob sich vor und versuchte, ihre Schreie mit einem Kuß zu ersticken. Marie biß ihn so heftig in die Zunge, daß er zurücksprang und Blut spuckte. Alle drei fingen aufgebracht an zu fluchen, als ob sie sie bewußt zum Narren hielte. Erst erschien sie so aufreizend und provozierend auf ihrem Weg, und jetzt weigerte sie sich, ihre Lust zu befriedigen. Der Possenreißer verdrehte ihr die Arme, und der dritte Mann versetzte ihr einen Faustschlag in den Magen. Marie war von ihrer eigenen Hilflosigkeit wie betäubt. Es gab nichts mehr, was sie zu ihrer Verteidigung tun konnte. Ihr wurde schlecht, und die Sinne schwanden ihr. Jetzt stieß Wolfspelz den dritten Mann beiseite und packte sich Marie. Er grub seine Finger in ihre Gesäßbacken und zog sie an sich. Grinsend bewegte er die Hüften vor- und rückwärts. Marie kam wieder zu sich, holte tief Atem und schrie noch stärker; sie kämpfte, um sich aus der Umklammerung zu lösen, warf sich hin und her wie ein Fisch im Netz. Der Possenreißer schrie sie an, ärgerlich und gereizt. Hör mit den Narreteien auf, sagte sein Tonfall, komm endlich zur Sache. Marie hatte das Gefühl völliger Unwirklichkeit. Ein alptraumhaftes Geschehen wie dieses war nicht etwas, was ihr zustoßen konnte, einem Mädchen aus guter Familie, das ein behütetes Leben geführt hatte und Nonne werden wollte. »Nein!« schrie sie wieder, schüttelte verzweifelt den Kopf. Wie rasend schlug sie mit den Füßen gegen die Beine des Possenreißers, aber der legte seinen Fuß hart auf ihren Knöchel und zwang sie auf die Seite ins Gras. Er sagte etwas, worüber der dritte Mann lachte. Wolfspelz nickte, kniete sich über sie und begann zielbewußt und in aller Ruhe ihr Gewand aufzuknöpfen. Der dritte Mann zerrte den unteren Saum des Gewandes hoch und setzte sich auf ihre Beine, während die beiden anderen die Arme festhielten und ihr das Gewand auszogen. Sie schrie wieder: »Nein! Nein! Nein!« Aber Wolfspelz brachte sie zur Ruhe, indem er ihr den Schleier in den Mund stopfte. Der dritte Mann schob ihr Leinenhemd bis zur Taille hoch, und der Possenreißer zog es ihr über den Kopf. Es war eng, er hatte sich nicht die Mühe gemacht, die Bänder zu lösen. Es blieb am Kinn stecken, er zog es nach hinten, riß die Arme in den engen Leinenärmeln über ihren Kopf. Arme und Beine wie gefesselt, halb erstickt, abgehäutet wie ein Kaninchen, hörte sie entsetzt und ungläubig die drei Männer lachen. Sie sah nicht, was dann geschah. Sie fühlte nur, wie die schwieligen Hände des dritten Mannes sich plötzlich krampfhaft in ihre Oberschenkel gruben und dann schlaff wurden. Jemand schrie voller Entsetzen. Der Possenreißer ließ ihre Arme los. Sie versuchte, sie herunterzuziehen, schaffte es aber nicht, rollte sich auf die Seite und versuchte es erneut. Dann packte eine Hand ihren fest verschnürten Ellbogen und riß sie mit einem Ruck auf die Beine. Wolfspelz rief etwas und zog sie unsanft vor seinen Körper. Marie fuchtelte mit dem freien Arm, bis es ihr gelang, den Ärmel herunterzuschütteln und ihr Gesicht von den Stoffalten zu befreien. Sie spuckte den Knebel aus dem Mund. Wolfspelz verdrehte den Arm, den er hielt, hinter ihrem Rücken; dadurch fiel auch die andere Seite des Hemds herunter. Er hielt etwas Kaltes gegen ihre Kehle. Sie spürte, daß es ein Messer war. Sie sah den dritten Mann vor sich im Gras liegen, das Gesicht nach unten; in seinem Rücken steckte ein Pfeil. Verständnislos sah sie auf ihn herunter. Es ergab keinen Sinn; sie konnte sich nicht erklären, wie es passiert war. Hinter ihm waren nur Bäume. Wolfspelz rief wieder. Diesmal, nach einigem Zögern, antwortete eine Stimme zwischen den Bäumen hinter der Lichtung. Sie sprach ruhig und entschlossen. Wolfspelz flüchtete. Er zog Marie rückwärts auf die andere Seite der Lichtung zu. Sofort zischte es, und ein Pfeil grub sich unmittelbar hinter ihm in den Grasboden. Er blieb stehen und rief etwas. Der unsichtbare andere antwortete mit einigen kurzen, nüchternen Sätzen – Instruktionen vielleicht oder Bedingungen. Wolfspelz rief eine Frage zurück. Schweigen. Wolfspelz rief eine andere Frage. Wieder keine Antwort. Abrupt stieß er Marie so heftig zur Seite, daß sie fiel. Sie zog sich auf die Knie und kroch auf die Bäume zu. Wolfspelz beachtete sie nicht mehr. Er nahm den Bogen vom Rücken und schleuderte ihn zu Boden. Marie bemerkte erst jetzt den Possenreißer, der einen Pfeil im Auge hatte und auf der Seite lag. Wolfspelz stellte sich dem unsichtbaren Bogenschützen zum Kampf, er warf die Arme weit auseinander und rief ihm trotzige, herausfordernde Worte zu. Anscheinend verhöhnte er ihn, daß er wie ein Feigling aus dem Hinterhalt zuschlage, statt sich seinem Gegner Mann gegen Mann zu stellen. Marie erreichte das Ende der Lichtung und brach, von Krämpfen geschüttelt, zusammen. Wieder folgte ein langes Schweigen – und dann trat der Mann aus den Bäumen heraus. Wolfspelz stieß einen Triumphschrei aus. Der andere legte seinen Bogen, den er in der Hand hielt, an den Fuß einer Eiche, einen Köcher mit Pfeilen daneben, und ging langsam auf Wolfspelz zu, während er ein langes Jagdmesser aus dem Gürtel zog. Er trug die übliche Kleidung der Jäger und Förster, Rock und Hose aus schlichter grüner Wolle. Sein Gesicht war zum Teil unter einem Kranz aus Eichenblättern verborgen, den er, wie es bei Jägern Brauch war, zur Tarnung trug. Zu erkennen waren nur ein schwarzer, kurzer Kinnbart und ein Paar dunkle Augen. Er war etwas kleiner und schlanker als Wolfspelz, sah aber irgendwie gefährlicher aus. Als er näher kam, nahm er den Kranz ab und ließ ihn fallen. Der Triumph auf dem Gesicht von Wolfspelz wich einem Ausdruck der Überraschung, dann plötzlich der Furcht. Als der andere kampfbereit stehenblieb, zischte er ein einziges Wort, das Marie nicht verstand, an das sie sich aber später erinnerte: »Bisclavret!« Die Augen des Jägers verengten sich. Wolfspelz gestikulierte, zeigte auf die Bäume und zischte ihm ein paar weitere Worte entgegen. Der Jäger antwortete scharf. Er duckte sich in Kampfstellung und hielt das Messer vor sich. Wolfspelz nahm ebenfalls Kampfstellung ein, aber er trat einen Schritt zurück, und seine Augen flackerten nervös umher, als suche er einen Fluchtweg. Der Jäger machte einen wilden Satz nach vorn, das Messer schwang hin und her, als folgte es seinem eigenen mörderischen Willen. Wolfspelz warf sich verzweifelt zurück – dann sprang er plötzlich vor und griff an. Der Jäger wirbelte zur Seite, blockte den Hieb ab, packte den Arm des Gegners und stieß das Messer mit gewaltiger Kraft aufwärts. Aber sein Gegner hatte, noch während der Jäger zustach, sich durch eine halbe Drehung freien Raum geschaffen und mit dem anderen Arm den Wolfsmantel vom Körper gerissen, den er mit einem Wutschrei dem Jäger über den Kopf warf. Marie schrie, sprang auf und stolperte auf die Kämpfer zu, mit der verzweifelten Absicht, dem Jäger zu helfen. Der hatte sich zu Boden fallen lassen und rollte seitlich weg, um dem erwarteten Angriff zu entgehen; dabei zerrte er sich das Fell von Gesicht und Armen. Doch Wolfspelz hatte nicht angegriffen. Er lief weg. Mit gesenktem Kopf, den verletzten Arm an die Seite geklammert und den anderen wie einen Pumpenschwengel schwingend, rannte er in den Wald und war verschwunden. Der Jäger zog den Wolfsmantel ab und setzte sich auf. Er rief etwas hinter seinem Gegner her, offenbar etwas Drohendes und Verächtliches. Er stand auf, knäulte den Mantel zusammen und schleuderte ihn fort. Dann starrte er lange grimmig und nachdenklich in die Richtung, in der Wolfspelz verschwunden war. »Bist du verletzt?« fragte Marie ihn, dann fiel ihr ein, daß er sie wahrscheinlich nicht verstand. Er blickte sie überrascht an. »Du sprichst Französisch?« fragte er. Sie wußte nicht, was sie sagen sollte. Nach den ungeheuerlichen, schrecklichen, verwirrenden Dingen, die geschehen waren, schien ihr selbst diese einfache Frage unbeantwortbar. Sie hatte das Gefühl, sich selbst ein Fremdling, eine Unbekannte geworden zu sein. Sie steckte den gekrümmten Zeigefinger der linken Hand in den Mund und biß darauf, eine Gewohnheit aus der frühen Kindheit, die sie vor vielen Jahren abgelegt hatte. Sie begann wieder heftig zu zittern. Der Jäger sah sie besorgt an. »Bist du verletzt?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf und setzte sich. Schrecklich schmerzende verrenkte Schulter, übel zugerichtetes Gesicht, Prellungen an Bauch und Schenkeln: nein, wirklich verletzt war sie nicht. Nicht so sehr, wie sie es hätte sein können, nicht annähernd so. Der Jäger schaute sich um, dann ging er dahin, wo ihr Ordensgewand im Gras neben dem Tümpel lag, und nahm es auf. »Hier«, sagte er und brachte es ihr herüber. »Du hast von mir nichts zu befürchten, Schwester. Ich werde dir nichts antun. Zieh das an, und dann wollen wir gehen.« Sein Französisch hatte den gleichen weichen bretonischen Klang wie ihr eigenes. Er war ziemlich jung, nicht älter als fünfundzwanzig, und von der Aura des Gefährlichen, mit der er aus den Bäumen gekommen war, war nichts mehr zu spüren. »Du hättest hier nicht ganz allein sein sollen«, sagte er ernst. Sie brach in Tränen aus. Der Jäger stand einen Augenblick verlegen vor ihr, dann kniete er sich neben sie und legte ihr das Ordensgewand wie einen Umhang über die Schultern. »Schh«, sagte er tröstend. »Ich weiß, du bist ein tapferes Mädchen. Sei es noch ein bißchen länger. Wir müssen von hier weg. Éon ist fortgelaufen, aber er wird es für seine Pflicht halten, mich zu töten und seine Gefährten zu rächen. Vielleicht hat er einen weiteren Spießgesellen in der Nähe, mit einem Bogen; wir können hier nicht bleiben.« Marie wischte sich über die Augen. Sie betete ein Ave und ein Vaterunser, wischte noch einmal über die Augen, putzte sich die Nase und stand auf. Sie zog mit zitternden Händen ihr Gewand von den Schultern. Ihr Haar hatte sich bei dem Kampf gelöst und hing in wirren braunen Strähnen über ihre Schultern. Wieder hatte sie das Gefühl, in jemand anderen verwandelt worden zu sein – eine Elbin vielleicht –, wie sie hier in einer Waldlichtung im schwindenden goldenen Licht der Sonne stand, bekleidet nur mit einem weißen Hemd, barfüßig, das Haar lose über die Schultern fallend. Ungeschickt zog sie das schwarze wollene Gewand an, schloß die Knöpfe und sah sich nach dem Schleier um. »Wir – wir müssen uns beeilen?« fragte sie den Jäger. Er nickte. Sie sah den Schleier neben der Leiche des Possenreißers im Gras liegen und ging hinüber, um ihn aufzuheben. Blicklos starrte das Gesicht des Mannes zu ihr hoch, das eine Auge glasig, das andere blutig, zerstört. Wie betäubt bückte sie sich und hob den Schleier auf. Er war feucht von Speichel und blutbefleckt; er fiel ihr aus den zitternden Fingern. Sie nahm ihn wieder auf, ging zum Tümpel und wusch ihn in dem kühlen Wasser aus. Sie wußte, daß sie sich beeilen mußte – aber sie konnte es nicht. Sie kniete sich hin und sah auf ihr Spiegelbild im Wasser. Das Gesicht war noch ihr eigenes, wenn auch von Schlägen arg zugerichtet. An ihrem Kinn klebte Blut. War es von ihrer aufgerissenen Lippe oder von der Zunge des Mannes, in die sie gebissen hatte? Wieder fing sie unkontrollierbar an zu beben. Sie schloß die Augen und betete ein weiteres Vaterunser. Dann trank sie etwas von dem Wasser, benetzte ihr heißes Gesicht, wischte es mit einem Stück des Schleiers, zog ihn noch einmal durchs Wasser, wrang ihn aus und legte ihn sich über den Kopf. Das Haar darunter war noch gelöst. Aber auch wenn sie Zeit gehabt hätte, es zu flechten, sie hätte es wohl nicht gekonnt, so zitterten ihre Hände. Als sie versuchte, wieder aufzustehen, spürte sie, daß ihre Beine so schwach und wacklig waren, daß sie kaum stehen konnte. »Ich … ich weiß nicht, ob ich rasch gehen kann«, erklärte sie dem Jäger. »Ich habe den ganzen Tag nichts zu essen gehabt, und ich bin es nicht gewohnt, längere Strecken zu gehen …« Den Jäger schien das nicht zu beunruhigen. Während Marie den Schleier wusch, hatte er die beiden Leichen ganz an den Rand der Lichtung gezogen und auf den Rücken gelegt. Da Marie hungrig war, nahm er die Provianttasche von einem der toten Männer, dem anderen nahm er die Börse ab. Dann wählte er aus den Köchern ein paar gute Pfeile für sich aus, nahm den Rest der Pfeile und die drei Bogen, lehnte sie an einen gestürzten Baum und zerbrach sie mit kräftigen Stößen seiner Hacken. Schließlich hob er den Kranz von Eichenblättern auf, den er getragen hatte, als er auf die Lichtung hinaustrat. Er ging zu der Quelle hinüber, ließ ihn in das Wasser fallen, wobei er etwas murmelte, und warf die Börse hinterher. Marie schluckte. Auch in ihrem Schockzustand verstand sie die Geste. Es war also eine heilige Quelle. Dieser Ort war elbischen Wesen geweiht, und der Jäger bat sie um Verzeihung, daß er ihn mit Blut befleckt hatte. Die ausgewählten Pfeile steckte er in seinen eigenen Köcher, der noch unter der Eiche lag. Dann nahm er Bogen und Köcher auf und zeigte in die Richtung, aus der er gekommen war. »Wir werden diesen Weg nehmen«, sagte er zu Marie und gab ihr die Provianttasche. »Du kannst essen, während wir gehen.« Sie nickte, obwohl sie keine Ahnung hatte, welche Richtung das war. Der Jäger zögerte einen Augenblick und schaute auf die Lichtung zurück. »Ich möchte mich nicht in die Geheimnisse anderer einmischen«, sagte er. »Aber könnte die Person, die du im Wald treffen wolltest, noch irgendwo in der Nähe sein? Wenn das nämlich so ist, dürfte er in Gefahr sein.« Marie starrte ihn verwirrt an, dann wurde ihr klar, daß er dieselbe Vermutung hatte wie Wolfspelz – sie wäre in den Wald gekommen, um einen Liebhaber zu treffen. »Ich hatte nicht die Absicht, jemanden zu treffen«, erklärte sie ärgerlich. »Ich habe mich verirrt.« »Oh«, sagte der Jäger überrascht. »Verzeih bitte.« Er ging in den Schatten unter den Bäumen weiter. In der Tasche war Brot, ein grobes Brot, stark durchsetzt mit Haferschrot und Kleie. Es hatte eine seltsam bittere Schärfe, die ihre Zähne schmerzen ließ; sie vermutete, daß der Bäcker sein Mehl mit geschroteten Eicheln gestreckt hatte. Sie aß das Brot hungrig. Der Jäger aß nichts, sondern ging wachsam voraus, den Bogen in der Hand und einen Pfeil an der Sehne, vorsichtig nach allen Seiten spähend. Es war jetzt dämmerig, und der Wald bekam ein düsteres, geheimnisvolles Aussehen; graue Baumstämme nahmen in dem grauen Licht bizarre Formen an, Blätter wisperten miteinander. Nach kurzer Zeit erreichten sie einen rauhen, grasbedeckten Pfad, und der Jäger bog auf ihn ein. Eine Eule schrie, Marie zuckte zusammen. »Denkst du wirklich, daß Wolfspelz uns folgt?« fragte sie nervös. »Wolfspelz?« wiederholte der Jäger. »Meinst du Éon?« »Ist das sein Name?« »Ja«, sagte der Jäger ernst. »Ich nehme an, daß er ihn dir nicht genannt hat.« Marie mußte ein hysterisches Kichern unterdrücken. »Nein, man hat uns nicht bekannt gemacht. Du scheinst ihn zu kennen.« Der Jäger zuckte die Achseln. »Ich bin ihm schon früher begegnet. Aber ich hätte auch so geahnt, daß er es war. Er ist ein sehr berüchtigter Räuber.« »Was?« »Hast du noch nie von ihm gehört? Éon von Moncontour?« »Nein.« »Ach. Nun, er terrorisiert die Menschen jetzt seit anderthalb Jahren, aber er zieht von einem Schlupfwinkel zum anderen, und die Trupps, die der Herzog ausschickt, um ihn zu fangen, finden ihn nicht. Beim heiligen Main, es tut mir leid, daß er entkommen ist. Ich hätte ihn aus den Bäumen heraus erschießen sollen.« »Und … und du denkst, daß er einige seiner Spießgesellen gefunden hat und uns folgt?« »Nein«, sagte der Jäger beruhigend. »Ich denke, daß er fort ist. Ich habe ihn verwundet – an meinem Messer war Blut –, und ich habe seinen Bogen zerbrochen. Er hat sowieso Angst vor mir; höchstwahrscheinlich wird er inzwischen weit weg von hier sein. Aber im letzten Herbst hatte er drei Männer bei sich, nicht zwei. Vielleicht ist der dritte während des Winters gestorben, aber es kann auch sein, daß er einfach irgendwo anders war, als die anderen dich angegriffen haben. Wenn das zutrifft, könnte Éon sich wieder bewaffnet haben, und sie könnten uns folgen. Er wird es als seine Pflicht ansehen, mich zu töten, wenn er es kann.« Marie schwieg. Sie erinnerte sich an seinen nachdenklichen Blick, als der Räuber fortgelaufen war, und sie vermutete, daß er ihn sofort verfolgt hätte, wenn sie nicht dagewesen wäre. Und wenn sie nicht zerschlagen und erschöpft auf seine Hilfe angewiesen wäre, würde er sich auch jetzt noch an die Verfolgung machen. Es war nicht klug, einen verwundeten Wolf am Leben zu lassen und ihm die Möglichkeit zu geben, an einem anderen Tag erneut anzugreifen. »Ich danke dir, daß du mich gerettet hast«, sagte sie schließlich. »Ich … ich meine, ich stamme aus einer guten Familie. Wir können dich reich für das belohnen, was du getan hast.« Er warf ihr einen raschen Blick von der Seite zu. »Du stammst aus einer guten Familie?« fragte er überrascht. »Was …«, er sprach nicht weiter. Was machst du dann allein im Wald? vollendete Marie in Gedanken den Satz. Das war eine Frage, die sie nicht beantworten wollte, nicht bevor sie zurück im Kloster St-Michel war. Das Französisch des Jägers war sehr gut, überraschend gut, aber es war eindeutig nicht seine Muttersprache. Ein bretonischsprachiger Jäger oder Förster stand mit ziemlicher Sicherheit in Diensten des Herzogs der Bretagne, entweder direkt oder durch einen seiner Vasallen. Nach seinem Hinweis auf den Herzog zu urteilen, war er vermutlich einer der Förster des Herzogs selbst. Erfahren und tapfer genug dazu war er wohl. Jedenfalls, wenn er wußte, daß sie auf der Flucht vor Herzog Hoel war, würde er sofort von ihrem Retter zu ihrem Bewacher werden. Sie wunderte sich, daß er seine Frage nicht ausgesprochen hatte. Wahrscheinlich glaubte er immer noch, daß sie in den Wald gegangen war, um einen Liebhaber zu treffen, und er wollte sich nicht in ihre Angelegenheiten einmischen. »Ich stamme aus einer guten Familie«, wiederholte sie. »Ich bin eine Penthièvre vom Gut Chalandrey. Mein Name ist Marie.« Er blieb stehen und sah sie zweifelnd an. »Wir sind nur ein jüngerer Zweig dieses Clans«, sagte sie, durch seinen ungläubigen Blick verwirrt. »Ich bin Novizin in der Priorei St-Michel in dem Städtchen Le Mont St-Michel, die unter dem Schutz der Abtei steht. Ich … ich war auf dem Weg zurück nach dort, habe aber törichterweise die Straße verlassen, um … um zu vermeiden, jemandem zu begegnen, und ich habe mich im Wald verirrt. Wenn du mich zum Kloster zurückbringen kannst, werde ich dir jeden Preis zahlen, den du verlangst.« Er starrte sie noch einen Augenblick länger an, dann schien er sich zu entscheiden, daß sie die Wahrheit sprach. Selbst in der Dämmerung bemerkte sie sein Lächeln, ein rasches Anheben des linken Mundwinkels und ein Abkippen der hochgezogenen Augenbrauen. Sie erinnerte sich, daß seine Augen eine dunkle braune Farbe hatten; sie mußte es an der Quelle gesehen haben, aber der erlittene Schock war zu groß gewesen, um es gleich zu registrieren. »Dann habe ich also eine Penthièvre gerettet, eine Verwandte der Herzogin!« rief er aus. »In der Tat! Mit so etwas hatte ich nicht gerechnet, als ich kam, um Euch zu helfen, Dame Marie. Aber Ihr solltet fremden Männern keine solchen Versprechungen machen.« »Du hast gesagt, ich hätte von dir nichts zu befürchten«, erwiderte sie. »Das habt Ihr auch nicht. Nun, ich kann Euch zu einer Unterkunft bringen, die einem Zweigkloster der Abtei Mont St-Michel gehört. Dort werden Laienbrüder sein, die Euch Geleit zu Eurem Kloster geben können.« Marie biß sich auf die Lippen. »Mir wäre es lieber, nicht auf der öffentlichen Straße zum Kloster zurückzukehren. Könntest du nicht …?« »Ich bin sicher, die Brüder kennen Wege, den Mont St-Michel zu erreichen, ohne der öffentlichen Straße zu folgen.« Er begann weiterzugehen. Marie beeilte sich, ihn einzuholen. Es wurde jetzt rasch völlig dunkel, und sie stolperte über ein Grasbüschel und fiel. Der Jäger drehte sich um und half ihr aufzustehen. »Haltet Euch an meinem Gürtel fest, Dame Marie«, sagte er. »Der Boden ist uneben.« Sie griff mit den Fingern hinter den Gürtel und ging ihm nach. Sie konnte die Bewegung seiner Rückenmuskeln spüren. Er ging in der nächtlichen Finsternis so sicheren Fußes, daß sie sich fragte, ob er im Dunkeln sehen konnte. Wenn sie seinen Bewegungen genau folgte, stolperte sie nicht über Hindernisse. Ein traumähnlicher Friede hüllte sie ein. Sie war im Wald bei Nacht gefangen, und sie war dem Untier begegnet, das auf sie gelauert hatte; aber es war gezähmt, und sie hatte keine Angst mehr. Die Dunkelheit und die Bäume hatten nicht die Macht, sie zu erschrecken, denn sie war mit ihnen verbunden, verknüpft durch den Ledergurt an ihren Fingerspitzen. Körper und Seele, die bei ihr immer im Streit miteinander lagen, bewegten sich gemeinsam durch die Nacht: zwei Fische, die wie ein einziger durch eine seidige Strömung glitten. Plötzlich wurde ihr klar, daß sie nicht mit irgendeinem anonymen Bruder ins Kloster zurückkehren wollte. Ohne den Jäger, so flüsterte ihr Verstand ihr ein, wird sich alles wieder in Entsetzen und Chaos auflösen. »Du könntest nicht selbst mit mir zum Kloster St-Michel gehen?« fragte sie. »Ich würde dich gut entlohnen.« »Tut mir leid, Dame Marie. Ich habe eine wichtige Sache in Rennes zu erledigen.« Sie biß sich auf die Lippen. Ihre Augen brannten. Sie sagte sich scharf, daß dies nur Schock und Erschöpfung war. Am Morgen würde alles anders aussehen, aber sie wußte, daß diese Hoffnung nicht überzeugend war. Sie wollte, daß der Jäger bei ihr blieb. Er würde es nicht tun. »Nun«, sagte sie nach einem weiteren langen Schweigen, »dann komm zum Kloster, sobald du Zeit hast. Ich werde dich großzügig entlohnen.« In seiner Stimme klang Belustigung mit, als er sagte: »Ich bin kein Mann, der bezahlt werden muß. Auch ich bin aus guter Familie, Dame Marie. Mir gehört das Gut Talensac und dazu einige Ländereien in der Nähe von Comper und Paimpont. Mein Name ist Tiarnán.« »Oh!« rief Marie aus. »Ihr seid ein Ritter?« Er nickte. Sie konnte die Bewegung an seinen Rückenmuskeln spüren, zu sehen war sie in der Dunkelheit nicht. Ihr Gesicht wurde heiß vor Verlegenheit. »Oh!« sagte sie noch einmal. »Es tut mir so leid.« »Wieso?« »Ich dachte, Ihr wärt ein Förster. Ich habe Euch Geld angeboten.« »Das habt Ihr. Und wenn ich ein Förster wäre, hätte ich es mit Freude genommen. Was hättet Ihr sonst denken sollen, wenn Ihr einem Mann im einfachen grünen Anzug und zu Fuß begegnet? In Jagdkleidung sehen alle gleich aus. Ebenso wie eine Laienschwester oder Klosterbedienstete, für die ich Euch hielt, nicht anders aussieht als eine adlige Nonne. – So. Wir haben unser Ziel erreicht.« Es stank nach Schweinen und roch nach Holzfeuer. Ein Hund begann wild zu bellen. Tiarnán blieb stehen. »Salud!« rief er, und nach einer Weile kam ein Antwortruf, dann leuchtete vor ihnen ein Licht auf, das aus einer offenen Tür fiel. »Wo sind wir?« fragte Marie. »In der Nähe der Straßenkreuzung von Dol«, sagte Tiarnán. »Dies ist die Unterkunft von Schweinehaltern.« Er ging weiter. Ein Mann stand in der Tür, in der einen Hand hielt er einen Kienspan zum Anzünden einer Fackel, in der anderen ein Hundehalsband. Tiarnáns Gesicht tauchte wieder aus der Dunkelheit auf, als sie auf den Mann zugingen. Er warf ihr einen Blick von der Seite und sein Halblächeln zu. »Dies sind Laienbrüder von der Abtei Bonne Fontaine, Dame Marie«, sagte er. »Eine hier verbrachte Nacht wird Eurem Ruf nicht schaden.« 2. KAPITEL Alain de Fougères nahm den Helm ab, fuhr mit den Fingern durch sein schweißnasses blondes Haar und wandte sich im Sattel, um das Land ringsum zu überschauen. Die Felder lagen flach und offen unter der Mittagssonne; der Mont St-Michel in ihrem Rücken, zwölf Meilen entfernt, hob sich als blaue Silhouette deutlich ab, klarer zu sehen als der nächste Kirchturm. Aber die Hügel vor ihnen waren dunkel, beschattet von den Ausläufern des Waldes. Sie hatten das Ende der Küstenebene erreicht und befanden sich etwa auf halbem Weg zurück zur Abtei Bonne Fontaine – und sie hatten keine Spur von der Frau gefunden, nach der sie suchten. Alain warf seinem Vetter Tiher einen flehenden Blick zu. »Wo ist sie?« fragte er mit einer für einen edlen Ritter höchst unpassenden weinerlichen Stimme. Tiher zuckte nur die Achseln. Alain hatte diese Frage mindestens dreißigmal in den letzten anderthalb Tagen gestellt. Alain stöhnte. »Sie wird die Straße verlassen haben«, sagte er. »Wir hätten sie inzwischen einholen müssen, wenn sie auf der Straße wäre.« Tiher zuckte wieder die Achseln. Auch dieser Satz war häufig gesagt worden, wenn auch nicht so oft, weil Alain ihn erst seit letztem Nachmittag wiederholte. Bis sie den ganzen Weg zurück zur Priorei St-Michel galoppiert und von einer schockierten und empörten Priorin aus dem Kloster gewiesen worden waren, hatte er sich an die Hoffnung geklammert, daß Marie direkt vor ihnen war. Dabei war doch klar, dachte Tiher bitter, daß es gar nicht sein konnte. Wie denn auch? Sie hatte kein Pferd, sie war völlig erschöpft, als wir in der Abtei Bonne Fontaine angekommen waren, und keine adlige Dame ist gewohnt, lange Wege zu Fuß zurückzulegen; sie hätte also nicht schnell gehen können, und wir haben gestern unsere Pferde wahrhaftig nicht geschont. Offensichtlich, Alain, du Idiot, offensichtlich hat sie die Straße verlassen! Und wenn sie in den Wald gegangen ist – Gott weiß, was ihr zugestoßen sein mag. Wenn ich die Leitung bei diesem Auftrag gehabt hätte, ich würde … Aber es war sinnlos, darüber nachzudenken. Alain oder sein älterer Bruder würden immer die Leitung bei jeder Unternehmung haben, an der Tiher beteiligt war. Burgherr Juhel de Fougères würde es als Affront empfinden, wenn ein Kind seiner Schwester seine eigenen Söhne befehligte. »Vielleicht haben die Mönche von Bonne Fontaine Nachrichten von ihr«, warf Guyomard ein. Als Maries Verschwinden entdeckt worden war, hatte der Abt Männer ausgeschickt, um die Gegend nach ihr abzusuchen. »Vielleicht haben sie sie schon gefunden!« Alain sah ihn hoffnungsvoll an. »Ich bete zu Gott, daß sie sie haben!« sagte er leidenschaftlich und bekreuzigte sich. Tiher schnaubte verächtlich, nicht über die Vermutung, sondern weil Alain sie von Guyomard akzeptierte. Es war Guyomard gewesen, der die Tür zu Maries Zimmer in Bonne Fontaine verschlossen hatte, und Alain hatte ihn für Maries Flucht verantwortlich gemacht. Natürlich! dachte Tiher sarkastisch. Alain kam gar nicht auf die Idee, sich selbst die Schuld zuzuschreiben, und es war leichter, sie auf Guyomard abzuwälzen als auf Tiher: Guyomard war kein Verwandter. Juhel konnte ihn aus seinen Diensten entlassen. Und wohin konnte er dann gehen? Daher hatte Guyomard auf dem ganzen Weg Alain demütig erzählt, was dieser hören wollte. Jetzt jedenfalls schien es, daß Alain diesen Trost so dringend brauchte, daß er gewillt war, seinem Sündenbock zu verzeihen, daß der ihn lieferte. Von seinem Vetter hatte er ja keinerlei Mitgefühl zu erwarten. Es war Tiher klar, daß das Mädchen einen Weg gefunden hätte, sich zu befreien, ganz gleich, wer den Schlüssel umdrehte. Wenn sie aus einem verschlossenen Raum verschwinden konnte, dann reichte eben ein verschlossener Raum nicht aus, um sie festzuhalten. Sie hätten Wache halten, vor ihrer Tür schlafen, sie fesseln müssen, aber sie hatten es nicht für notwendig gehalten. Sie hatte sie zum Narren gehalten; sie hatte viel mehr Mut, als sie ihr zugetraut hatten. Sie waren alle zu tadeln – aber Alain am meisten. Er hatte die Verantwortung. Juhel de Fougères mochte Guyomard die Schuld zuschieben, doch Herzog Hoel würde Alain verantwortlich machen. Und mit Recht! Tiher räusperte sich und sagte boshaft: »Wenn die Brüder von Bonne Fontaine Dame Marie gefunden haben, dann stellt sich die Frage, wie sie sie gefunden haben. Lebendig oder tot?« Alain zuckte zusammen und wischte sich das Gesicht. Er setzte den Helm wieder auf und zog den Kinnriemen hoch. Sie ritten schweigend weiter, und Tiher bedauerte seine Worte – nicht weil sie Alain verletzt hatten, aber weil er einen Gedanken ausgesprochen hatte, den sie alle gehabt hatten und der besser unausgesprochen geblieben wäre. Die erste Nachricht, die der Abt ihnen nach Maries Verschwinden gegeben hatte, war, daß der Räuber Éon von Moncontour in dieser Gegend sein Unwesen trieb. Ein armer Priester war vor noch nicht drei Tagen in der Nähe der Straßenkreuzung von Dol ausgeraubt worden. Es war durchaus möglich, daß Marie Penthièvre tot im Wald aufgefunden wurde, und das würde eine Schande für sie alle sein. Wenn es schon ein Schelmenstück war, eine Novizin mit der stillschweigenden Duldung ihrer Priorin durch einen Trick aus dem Kloster fortzubringen, so war es noch viel, viel schlimmer, wenn die Ritter, deren Verantwortung es war, die getäuschte Novizin zu ihrem Landesherrn zu bringen, sie unterwegs verloren – so daß sie im Wald beraubt, vergewaltigt und ermordet werden konnte. Es gab niemanden, der ihnen nicht die schwersten Vorwürfe machen würde. Die Priorin von St-Michel hatte ihnen bereits die ganze Schuld zugeschoben. Natürlich war Dame Constance sehr darauf bedacht, sich jeder Verantwortung zu entziehen. Sie hatte behauptet, sie habe vorher nicht gewußt, wer sie waren, sie habe geglaubt, die Ritter kämen vom normannischen Herzog Robert. Aber auch sie würde sich nicht reinwaschen können. Schuld und Makel sind klebrig wie Honig, sie würden an ihnen allen haftenbleiben. Und mit Recht, dachte Tiher zu seinem eigenen Erstaunen. Die Verantwortlichen sollten dafür büßen, ein so tapferes, gescheites Mädchen zu verlieren. Ein so schönes Mädchen dazu. Er dachte daran, wie sie in dem Zimmer des Gästehauses von Bonne Fontaine bei Kerzenlicht auf dem Bett gesessen hatte, bevor sie sie einschlossen: blaß vor Erschöpfung, aber ungebrochen, das zerzauste Haar war ihr in Strähnen übers Gesicht gefallen. Er spürte einen seltsamen stechenden Schmerz im Herzen, von Mitleid und Schuldgefühl hervorgerufen. »Ich bete darum, daß sie bessere Nachrichten haben«, sagte er, plötzlich ebenso ernst wie Guyomard. »Ich werde dem heiligen Michael hundert Kerzen für seine Kirche in Dol stiften, wenn das Mädchen lebendig gefunden wird.« Er bekreuzigte sich. Bald schon konnte er feststellen, daß Michael, der schließlich ein Erzengel war, sich rasch bewegte. Ein Reiter erschien in der Ferne; als er sie sah, gab er seinem Pferd die Sporen und ritt im Galopp auf sie zu. Als er näher kam, sahen sie, daß es ein Mönch war. Sie hielten an. Der Mönch brachte sein Pferd vor ihnen zum Stehen. »Ritter Alain de Fougères?« fragte er – sich an diesen wendend, denn er hatte den Schild mit dem Hirschemblem gesehen, der an Alains Sattel hing. Alain nickte. »Kommst du von der Abtei Bonne Fontaine?« fragte er mit vor Aufregung zitternder Stimme. »Ja, Herr. Ich bin Bruder Samson. Der ehrwürdige Herr Abt hat mich geschickt, Euch zu suchen. Edler Herr, die Dame, die Ihr suchtet, ist sicher und gesund gefunden worden!« Alain schlug sich erleichtert auf die Schenkel. »Gott sei Dank!« rief er aus. »Gott und allen seinen Heiligen sei Dank!« »Gott und Sankt Michael, habt Dank!« flüsterte Tiher, mit einem so gewaltigen Gefühl der Befreiung, wie er es nicht für möglich gehalten hätte. Er würde nicht für den Rest seines Lebens das Wissen mit sich tragen müssen, daß er geholfen hatte, Marie Penthièvre zu töten. »Sie wurde letzte Nacht zu einer Unterkunft gebracht, die unserem Haus gehört«, fuhr Bruder Samson fort. »Dort wohnen jeden Sommer zwei Laienbrüder, die Schweine im Wald aufziehen. Die Brüder wußten nicht, daß die Dame verlorengegangen war, aber heute morgen brachte ihnen ein Bote von der Abtei den Auftrag, nach ihr zu suchen. Er fand die Dame dort beim Frühstück!« »Gott sei Dank!« sagte Alain noch einmal mit strahlendem Gesicht. Guyomard bekreuzigte sich und dankte seinen Schutzheiligen. »Wo ist sie jetzt?« fragte Tiher grinsend, obwohl ihm bei dem Gedanken an die Kosten für einhundert Kerzen nicht sehr wohl war. »Auf dem Weg nach Bonne Fontaine. Die Schweinezüchter hatten den Befehl, sie dorthin zu bringen, sobald das Pferd für sie gebracht worden war. Die Dame war vom Herumirren im Wald erschöpft, sie kann keine größere Strecke zu Fuß gehen; daher hat der Bote der Abtei einem unserer Pachtbauern, dessen Hof nicht weit von der Unterkunft der Schweinezüchter entfernt ist, den Auftrag gegeben, ein Pferd herüberzuschicken.« »Hoffentlich halten die Schweinezüchter das Pferd fest am kurzen Zügel«, sagte Tiher. »Sonst wird die Dame ab nach St-Michel galoppieren, und sie werden ebenso dumm dastehen wie wir.« »Der Ritter, der sie gefunden hat, kennt sich mit Pferden aus«, sagte Bruder Samson. »Ein Ritter?« fragte Alain scharf; sein Lächeln war verschwunden. »Ein Ritter hat sie gefunden? Wer?« »Ich weiß es nicht, edler Herr«, antwortete Bruder Samson. »Der Auftrag des ehrwürdigen Herrn Abtes lautete, Euch zu sagen, daß die Dame in Sicherheit und gesund ist. Ein Ritter, der im Walde jagte, hat sie gefunden und brachte sie letzte Nacht in sichere Obhut zu unseren Schweinezüchtern. Und sie befindet sich jetzt auf dem Weg nach Bonne Fontaine. Wenn wir gleich zur Abtei reiten, werden wir sie vielleicht auf der Straße treffen.« Alain blickte finster, als sie aufbrachen. Seine Dankbarkeit Gott gegenüber scheint sehr rasch verbraucht zu sein, dachte Tiher. Warum, war nicht schwer zu erraten. Wenn ein anderer Ritter ihre Schutzbefohlene gerettet hatte, würde es Alain unmöglich sein, Maries Flucht als eine geringfügige Komplikation in einer ansonsten erfolgreichen Mission darzustellen. Der andere Ritter würde allein durch seine Gegenwart ihr Versagen bloßstellen und sein Verdienst beim Herzog hervorheben. Und Alain brauchte so dringend die Gunst von Herzog Hoel. Dies hätte eine glänzende Chance sein können. Dem Herzog war seit Jahren der Verlust von Chalandrey ein Dorn im Auge gewesen, und er hatte sich die einmalige Gelegenheit nicht entgehen lassen, es zurückzubekommen, ohne darum Krieg führen zu müssen. Doch die Durchführung dieser Aktion, die Erbin von Chalandrey aus ihrem Kloster in einer uneinnehmbaren normannischen Festung herauszuholen, schien schwierig zu sein. Hoel hatte an Alain als die ideale Person für die Leitung dieser heiklen Mission gedacht, weil vom Clan der Fougères mehrere Mitglieder im Dienst der Normandie standen. Alain konnte als Roberts Gesandter auftreten, ohne Verdacht zu erregen. Er hatte diesen Teil seiner Mission in der Priorei einwandfrei durchgeführt. Und dann war alles schiefgelaufen. Tiher seufzte tief. Ärger und Mitleid drückten sich in diesem Seufzer aus, und seine Gereiztheit über seinen Vetter schmolz dahin. Er wußte sehr gut, warum Alain dem Herzog zu gefallen wünschte. Alain hatte gehofft, ein gutes Wort des Herzogs würde ihm helfen, den Vater des Mädchens für sich zu gewinnen, in das er leidenschaftlich und hoffnungslos verliebt war. Tiher betrachtete den Rücken des vor ihm reitenden Alain; die feine vergoldete Rüstung war staubig von den scharfen Ritten der letzten Tage, den Kopf unter dem konischen Helm hielt er gesenkt. Du armer Narr, dachte er. Dein Vater erträgt kaum den Gedanken, daß du dir eine Frau nehmen willst. Hervé de Comper wird dich niemals seine Tochter heiraten lassen, nur weil der Herzog ein paar gute Worte für dich hat – nicht, wenn dein Rivale ein reiches Gut besitzt. Was den Herzog angeht, so mag er noch so zufrieden mit dir sein, er wird dich nie so sehr mögen, wie er deinen Rivalen mag. Hör auf, dich gegen dein Schicksal aufzulehnen: Das Pferd, das über die Stränge schlägt, bekommt die Peitsche zu spüren. Aber Tiher konnte sich nie dazu überwinden, solche Dinge laut auszusprechen. Manchmal schien es ihm feige, ruhig in seinem Geschirr daherzutrotten wie ein guter Karrengaul. Dann bewunderte er die Fähigkeit seines Vetters, auf das Unmögliche zu hoffen. Und Eline de Comper war schön genug, jedem Mann den Kopf zu verdrehen. Alain fand offenbar seine eigenen Überlegungen zu schmerzlich, um sie allein zu ertragen. Er ließ sein Pferd zurückfallen, bis es neben dem von Tiher ging, und starrte seinen Vetter mit seinen blauen Augen an. Er hatte das tausende Male getan, als sie zusammen aufwuchsen. »Tiher, hilf mir dabei. Tiher, wußtest du das? O Tiher, was soll ich tun?« Es war immer Tiher gewesen, an den er sich wandte, niemals sein eigener größerer Bruder, und gewiß nicht dieser harte und schreckliche Mann, sein Vater. Tiher hatte immer geduldig zugehört, hatte Rat gegeben, hatte versucht, den Schlamassel in Ordnung zu bringen, in den Alain sich gebracht hatte. Es waren nur ein paar Monate Altersunterschied zwischen ihnen, aber Tiher fühlte sich viel älter, mit dem Privileg des älteren Bruders auf Weisheit, seinem Recht, Dummheit zu korrigieren. Als sie ins Erwachsenenalter kamen, waren Alains Hilferufe seltener geworden und Tihers Ratschläge ironischer. In den Augen der Welt hatte Alain der Überlegenere zu sein. Doch die eigentliche Beziehung zwischen ihnen änderte sich nie. »Tiher«, flüsterte Alain jetzt ängstlich, »als Bruder Samson sagte, ein Ritter, der im Wald jagte, fand das Penthièvre-Mädchen – denkst du, er meinte da wirklich einen Ritter, der allein jagte?« »Alain, Bruder Samson weiß überhaupt nichts darüber!« antwortete Tiher. »Du hast ihn doch gehört. Er ist lediglich ein Bote. Du solltest froh sein. Denk doch, was der Herzog gesagt hätte, wenn wir in Rennes ohne das Mädchen angekommen wären – oder schlimmer, mit seiner Leiche!« Alain kaute unglücklich an seiner Oberlippe. »Was für einen Unterschied macht das überhaupt?« fragte Tiher. »Wenn es nur ein Ritter war, der allein jagte und zu Fuß –« »Warum sollte er zu Fuß sein?« »Nun, er war es, oder? Sie würden niemals nach einem Pferd für das Mädchen zu einem Bauern geschickt haben, wenn er es nicht gewesen wäre. Sie hätten seines benutzen können.« Tihers Optimismus schwand, als ihm klar wurde, daß Alain recht hatte. Daß ein Ritter allein zu Fuß auf die Jagd ging, war äußerst selten. Tiher kannte nur einen Ritter in der Bretagne, der das regelmäßig tat, und dieser Ritter war Alains Rivale um die Hand der schönen Eline – Tiarnán de Talensac. Wenn Alain recht hatte, dann würde er in der Tat die Peitsche des Schicksals zu spüren bekommen. »Du bist lächerlich!« erklärte er laut. »Nach dem wenigen, was wir von Bruder Samson erfahren haben, kann es auch eine ganze Jagdgesellschaft mit dreißig Koppeln Jagdhunden gewesen sein, die das Mädchen gefunden, es zu den Schweinezüchtern gebracht und sofort die Jagd fortgesetzt hat.« »Ich wette meinen besten Falken gegen deinen, daß es nur ein Ritter war«, gab Alain aufgebracht zurück. »Einer, der allein zu Fuß auf die Jagd geht.« Sie schwiegen beide eine Weile. »Nimmst du die Wette an?« fragte Alain schließlich. »Ich wette nicht. Und sicher setze ich nicht meinen einzigen Falken ein. Oh, sei doch nicht so pessimistisch! Was auch passiert, das Mädchen ist in Sicherheit, und damit sind wir es auch. Wenn es Tiarnán ist, der sie gefunden hat, dann wird er sich vielleicht in sie verlieben und Eline dir freiwillig überlassen.« Alains Gesicht hellte sich ein wenig auf. »Denkst du wirklich, daß er das tun könnte?« Tiher zuckte die Achseln. »Sieh die Sache so an: Sie ist die Erbin von Chalandrey, und Eline hat eine Mitgift von dreißig Mark Silber und ein paar Acre Land. (Mark: historisches Gold- und Silbergewicht von 8 Unzen = etwa 225 Gramm) Ich denke, daß sich jeder in Dame Marie verlieben könnte. Ich könnte es sicher.« »Tatsächlich?« fragte Alain und sah seinen häßlichen Vetter überrascht an. »Ganz sicher«, erwiderte Tiher. Und was mehr ist, fügte er im stillen hinzu, ich glaube, ich habe mich schon ein bißchen in sie verliebt. Einhundert Kerzen für den Erzengel Michael! Und dabei ist es völlig sinnlos, daß ich mich verliebe. Grauäugige Erbinnen sind nicht für Männer wie mich, leider. Einhundert Kerzen zu einem Silberpfennig das Pfund! Ich muß wahnsinnig gewesen sein. Sie trafen Dame Marie Penthièvre de Chalandrey auf der Straße nach Bonne Fontaine wieder. Etwa drei Meilen vor der Abtei sahen sie vor sich einen Trupp, der sich langsam am Rand der Straße vorwärts bewegte. Als sie ihren ermüdeten Pferden die Sporen gaben, erkannten sie bald, daß der Trupp aus einer Frau in schwarzem Ordensgewand mit weißem Schleier und drei Männern bestand. Die Frau war zu Pferde, die drei Männer gingen neben ihr zu Fuß: zwei braungewandete Mönche und ein Mann in dem fleckigen Grün eines Jägers. Noch bevor sie die Gruppe eingeholt hatten, sah Tiher, daß der Mann in Grün tatsächlich Tiarnán de Talensac war. Er kannte ihn vom herzoglichen Hof her, und sogar aus der Entfernung waren die Kleidung, die Haltung und der leichte Schritt zu erkennen. Tiher warf einen Blick auf seinen Vetter und sah, daß der finstere Gesichtsausdruck wieder da war. Armer Alain! dachte er, halb mitleidig, halb belustigt. Die Belustigung verschwand aus seinen Augen, als sie auf gleicher Höhe mit der Gruppe waren und Marie sich im Sattel zur Seite drehte, um sie mit ihren kühlen grauen Augen zu mustern. Ihr Gesicht war purpurn von Rissen und Schwellungen, sie hielt einen Arm an die Seite gepreßt, als ob er gebrochen wäre. Ihr Gesicht hatte den Ausdruck tiefer Traurigkeit. »Mutter Gottes! Dame Marie!« rief Tiher aus, der für einmal seine untergeordnete Stellung und seine Manieren vergaß und sich vor Alain drängte. »Was ist Euch zugestoßen?« Marie sah ihn resigniert an und antwortete nicht. Sie konnte sich auf ihre Stimme nicht verlassen. Nach allem, was passiert war, wieder ihren Entführern ausgehändigt zu werden wie eine entlaufene Sklavin! Hier waren sie wieder, die schwer gepanzerten Bewacher, denen sie vor zwei Tagen wehrlos ausgeliefert worden war: der schwere, rundköpfige, immer besorgt aussehende Guyomard; der häßliche Tiher; und Alain mit seinem glatten, nichtssagenden guten Aussehen, verändert nur durch einen Zwei-Tage-Stoppelbart. Er sah finster und wütend aus, während die beiden anderen nur schockiert zu sein schienen. Es ekelte sie vor ihnen, es ekelte sie vor der Erbschaft, vor Gefangenschaft und Flucht. Sie wünschte, sie wäre jemand anders, eine einfache Bäuerin, für die sich niemand interessieren würde. Sie wandte die Augen von ihnen zu Tiarnán, der die Zügel des Bauernpferdes hielt. Er hielt ihn so, daß sie nicht fliehen konnte, das wußte sie; von dem Augenblick an, als der Bote des Abtes ihm gesagt hatte, weshalb sie wirklich im Wald gewesen war, hatte er es als seine Pflicht angesehen, sie zu ihren Gefangenenwärtern zurückzubringen. Aber immerhin schien er doch an dieser ganzen schmutzigen Angelegenheit unbeteiligt zu sein. Er stand etwas abseits und sah die drei Ritter mit ausdruckslosem, etwas abschätzigem Blick an. Offenbar war er ebensowenig erfreut, sie zu sehen, wie sie selbst es war. Sein Gesicht schien ihr das einzig Wirkliche hier zu sein. »Sie wurde von Räubern angegriffen«, sagte einer der braungewandeten Laienbrüder aufgeregt. »Durch Gottes Gnade hörte Ritter Tiarnán ihre Schreie und war rechtzeitig zur Stelle, um sie vor großer Entehrung zu retten.« Marie wünschte, sie könnte in die Erde versinken. Alles, was sie zu tun versucht hatte, war mißglückt, und jetzt war sie eine Art Jahrmarktsfigur, die jeder anglotzen durfte, ein vom Unglück verfolgtes junges Mädchen, errettet vor dem Unaussprechbaren. Sie zog den Schleier ärgerlich ins Gesicht, um wenigstens einige der Verletzungen zu verbergen. Wie delikat der Kerl es formuliert hat, dachte Tiher, der mit dieser zynischen Feststellung die aufsteigende heiße Empörung zurückzudrängen versuchte. ›Große Entehrung‹ – mit anderen Worten: Irgendein Bauernlümmel hat versucht, sie zu vergewaltigen. Großer Gott! Alain – wie voraussehbar – warf Tiarnán einen Blick bitteren Grolls zu. »Gott segne Euch, Alain de Fougères«, sagte Tiarnán höflich. »Und Euch, Tiher. Und Euch, Guyomard.« Tiher imponierte die subtile Art, mit der Tiarnán unbewegten Gesichts Alain für seine schlechten Manieren zurechtwies; typisch für den Mann. »Gott segne Euch, Tiarnán de Talensac«, antwortete er. »Und Dank Euch. Wir waren am Ende unserer Weisheit und machten uns große Sorgen um Dame Marie. Und wie es scheint, waren unsere Sorgen nur zu berechtigt. Wir hatten die Verantwortung für sie, und wenn ihr etwas zugestoßen wäre, hätte es Schande über uns gebracht. Was ist geschehen?« Tiarnán warf einen Blick zu Marie hinüber, die mit gesenktem Kopf auf ihren Schoß starrte. Er zuckte die Achseln. »Die Dame ging in den Wald, um zu vermeiden, daß sie auf der Straße von ihren Verfolgern gefaßt wurde. Éon von Moncontour fand sie an Nimuës heiliger Quelle, etwa zweieinhalb Meilen direkt südlich von Châtellier, und er verhielt sich, wie man von ihm erwarten mußte. Aber sie wehrte ihn mit großem Mut ab und rief um Hilfe. Ich befand mich zufällig in der Gegend und hörte sie. Sie hat Prellungen und Quetschungen und eine verrenkte Schulter, aber nichts Schlimmeres.« »Was wurde aus Éon?« fragte Alain. »Er entkam«, sagte Tiarnán gleichmütig. »Ritter Tiarnán erschoß zwei seiner Gefährten«, warf Marie ein, die plötzlich den Kopf gehoben hatte. Er hatte nicht das Recht, es so darzustellen, als wären die Räuber einfach ohne Kampf weggelaufen. Was er getan hatte, war heldenhaft, und es sollte auch gewürdigt werden. Vielleicht versuchte er, ihren Ruf zu schützen, aber es stand ihm nicht zu, für ihren Ruf mit seinem zu bezahlen. »Ich denke, er würde auch Éon erschossen haben, aber er konnte nicht sicher sein, daß er nicht mich treffen würde. Dann setzte Éon ein Messer an meine Kehle und drohte, mich zu töten; daher willigte Ritter Tiarnán ein, mit dem Messer gegen ihn zu kämpfen, aber der Räuber warf seinen Mantel über Tiarnáns Kopf, während sie kämpften, und rannte weg, der Feigling.« Sie sah ärgerlich zu Tiarnán hinüber. Ihre Augen trafen sich, seine hatten einen etwas belustigten Ausdruck. »Ich willigte ein, mit ihm zu kämpfen, weil er mich einen Feigling nannte«, stellte er richtig. »Vielleicht habt Ihr uns nicht verstanden, da wir Bretonisch sprachen. Er bedrohte Euch, weil er dachte, ich müsse ein Liebhaber sein, mit dem Ihr dort verabredet wart, und als ich ihm sagte, daß das nicht stimme, ließ er Euch gehen.« Marie senkte wieder den Kopf. Nein, dachte sie, das stimmt wirklich nicht. Ärgerlich stellte sie fest, daß sich ein leises Bedauern in ihr regte, daß es nicht so war. »Oh«, sagte sie ruhig. »Nein, ich verstand nicht, was gesagt wurde.« Alain erschien das alles unfaßbar. Es war schlimmer, als irgend jemand hätte erwarten können. Nicht nur hatte er das Mädchen verloren, das seiner Obhut anvertraut war, zu allem hatte sein Rivale es in tödlicher Gefahr gefunden und gerettet. Er hatte gehofft, die Gunst des Herzogs zu gewinnen, statt dessen würde seinem Rivalen auf seine Kosten Preis und Ehre zuteil werden. Es war so unfair, geradezu grotesk. In einem Ton kindischer Gehässigkeit fragte er: »Was hattet Ihr in der Nähe von Nimuës Quelle zu tun? Sie ist doch in einem der Wälder des Herzogs. Hat er Euch die Erlaubnis gegeben, dort zu jagen?« Ein böser Fehler, dachte Tiher. Sag das ja nicht zum Herzog, Vetter. Es würde nur zeigen, daß du ein schlechter Verlierer bist. Tiarnán ist ein Favorit am Hof des Herzogs und hat wahrscheinlich die Erlaubnis, überall zu jagen. Armer verrückter Alain. »Oh, ich hielt Ausschau nach dem großen Hirsch, den wir am letzten Kreuzauffindungstag verloren haben«, antwortete Tiarnán. Er sprach wie üblich völlig gleichmütig und ernst, aber Tiher hatte das spöttische Funkeln in seinen Augen gesehen: Tiarnán wußte, warum Alain das gefragt hatte. »Ich dachte, ich sehe einmal nach, ob er sich noch im selben Teil des Waldes aufhält. Er könnte eine gute Saisoneröffnung für den Herzog sein.« Tiher starrte ihn ungläubig an. Tiarnán hatte keinen Hund bei sich, und um Wild aufzuspüren, brauchte der Jäger einen Hund. Tiarnán besaß einen sehr berühmten Spürhund, und jeder am Hofe wußte, daß er es einmal sogar abgelehnt hatte, ihn dem Herzog für fünfzehn Mark Silber zu verkaufen. »Was ist Eurem Hund passiert?« fragte Tiher. »Ich hoffe, die Räuber haben Eure scheckige Lymer-Hündin nicht getötet?« »Hab' sie zu Hause gelassen«, sagte Tiarnán kurz. »Läufig.« Er ließ die Zügel des Pferdes los und wischte sich die Hände an seinem fleckigen grünen Rock. »Meine Herren, da Ihr hier seid, um die Verantwortung für Dame Maries Geleit zu übernehmen, werde ich Euch verlassen. Ich hatte die Absicht, heute morgen nach Hause zurückzukehren.« Bei diesen Worten setzten sich Alain und Marie plötzlich gerade auf. Alain hoffnungsvoll, Marie bestürzt. »Ihr kommt nicht mit uns nach Rennes?« fragte Alain mit unziemlichem Eifer. »Nein. Warum sollte ich Euch im Licht stehen?« »Ihr sagtet, Ihr hättet in Rennes zu tun«, sagte Marie vorwurfsvoll. »Und das habe ich auch«, erwiderte Tiarnán. »Aber ich kann nicht in dieser Kleidung am Hof erscheinen. Ich muß erst nach Hause gehen und mich umziehen. Ich werde Euch in Rennes sehen, Dame Marie.« Sie führte die Hand an den Mund, zog sie wieder zurück. Ihr war, als verlöre sie den letzten Halt auf einer steilen Klippe. Er hatte schließlich doch Anteil an dem schmutzigen Geschäft. Sie hatte keine Verbündeten, nichts konnte verhindern, daß sie ihrem Schicksal schutzlos ausgeliefert wurde. Sie war entschlossen, keinen von Hoels Gefolgsleuten zum Herrn auf Chalandrey zu machen, aber es gab Dutzende von Wegen, eine Frau in die Ehe zu zwingen: durch Hunger, Schläge, Vergewaltigung. Sie war jetzt bereits erschöpft. Sie wußte nicht, wieviel sie aushalten konnte. »Warum habt Ihr Euch die Mühe gemacht, mir zu helfen?« rief sie Tiarnán verbittert zu. »Warum mich erst vor Éon retten und mich dann im Stich lassen? Wenn Éon mich vergewaltigt hätte, würde er mich nachher in Ruhe gelassen haben. Jetzt wird man mich irgendeinem adligen Rohling aushändigen, der mich vergewaltigen und dadurch zu seiner Frau machen wird, für das ganze Leben! Gott sei mir gnädig! Es wäre besser für mich, tot zu sein!« Tiarnán faßte ihren Steigbügel. »Niemand wird Euch etwas antun, Dame Marie«, sagte er mit sehr ernster Stimme. »Ich werde mich selbst dafür verbürgen.« »Ich werde nicht einwilligen, einen Lehnsmann des Herzogs der Bretagne zu heiraten!« erklärte Marie heftig. Ihr Vater hatte immer gesagt, daß ihre Familienehre davon abhänge, nie wieder ihr Lehnsverhältnis zu ändern. Marie würde nicht die Familienehre verletzen. Nein. Niemals. »Bedeutet das, was Ihr sagt, daß Herzog Hoel diese Bedingung akzeptieren wird? Nach all der Mühe, die es gekostet hat, mich herzubringen?« »Ja«, sagte Tiarnán gelassen. Als sie ihn ungläubig anstarrte, fuhr er fort: »Herzog Hoel ist ein besserer Mann als Herzog Robert. Er wird Euch Vorschläge für die Wahl eines Ehemanns machen, und wenn Ihr sie ablehnt, wird niemand Euch zwingen. Das würde gegen die Gesetze der Kirche verstoßen, die der Herzog achtet. Dazu kommt, daß Ihr eine Verwandte seiner Gemahlin und daher unantastbar seid. Ich bin sein Lehnsmann, und ich kenne ihn.« Sie schaute in sein dunkles, ernstes Gesicht und glaubte ihm. Mit seinem Bürgschaftsangebot versprach er ihr, persönlich ihre Sicherheit zu garantieren – notfalls indem er gegen jeden kämpfte, der sie bedrohte. Er würde dieses Angebot nicht machen, wenn er nicht sicher wäre, daß es ihn nicht in Gegensatz zu seinem Lehnsherrn bringen würde. Ein großer Teil ihrer krankhaften Erschöpfung war mit einemmal verschwunden, sie wurde sich bewußt, wie tief sie den Kampf um ihre Rechte gefürchtet hatte. »Wenn ich Herzog Hoel sage, daß ich keinen seiner Männer heiraten werde, wird er mich dann nach Hause gehen lassen?« fragte sie zögernd, heiser vor Erleichterung und Erregung. Tiarnán schüttelte den Kopf. »Er wird Euch an seinem Hof behalten und hoffen, daß Ihr irgendwann Eure Meinung ändert.« »Aber er wird mich nicht zwingen, gegen meinen Willen zu heiraten? Ihr verbürgt Euch dafür?« »Meine Hand darauf«, sagte er feierlich und reichte ihr die Hand hinüber. Marie nahm sie in ihre beiden Hände und besiegelte so den Pakt vor Zeugen. Sie war schmal und sehnig, fleckig von Gras und Leder. Die Hand drückte ihre Finger leicht, und sie spürte die Kraft in ihr. Ihr Gesicht wurde heiß. Sie fühlte, wie die Tränen in ihren Augen brannten. Ihr Herz schmerzte. »Ich danke Euch«, sagte sie mit unsicherer Stimme. »Ich werde mich an Euch wenden, wenn Ihr nicht recht habt.« »Ihr werdet es nicht nötig haben.« Tiarnán zog seine Hand zurück und warf einen Blick in die Runde. Seine Augen blieben eine Weile auf Alain haften, und seine Selbstbeherrschung kam ein wenig ins Wanken. »Alain de Fougères …«, begann er, dann folgte eine verlegene Pause. »Ihr erwartet, daß ich vor dem Herzog Euren Anteil an dieser Sache hervorhebe?« fragte Alain verdrießlich. Tiarnán schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich möchte, daß Ihr wißt, weshalb ich nach Rennes gehe. Ich werde meinem Lehnsherrn berichten, daß ich die Absicht habe, Eline, die Tochter des Ritters Hervé de Comper, zu heiraten.« Alain wurde weiß und starrte ihn wortlos an. Er zog die Zügel seines Pferdes so scharf an, daß das Tier schnaubte und die Ohren zurücklegte. Tiarnán sah ihn gelassen an, nur seine Augen glitzerten. Triumph? fragte sich Tiher. Nein – eher Mitleid. »Eine angenehme Reise dann«, sagte Tiarnán. »Wir sehen uns in ein paar Tagen in Rennes.« Er ging rasch am Rand der Straße in Richtung Wald. »Ich wünsche Euch Glück!« rief Tiher ihm nach. Tiarnán blieb stehen, und als er zurückblickte, lächelte er und strahlte übers ganze Gesicht. »Ich denke, das habe ich«, antwortete er und ging weiter. Alain und Marie saßen ganz still und blickten ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen war. Dann gab Alain seinem Pferd die Sporen und ritt in vollem Galopp die Straße hinunter, den Kopf gesenkt, ohne zurückzublicken. Tiher sah ihm mit aufrichtigem Mitleid nach. Alain liebte Eline de Comper seit Jahren, und ein paar Monate lang hatte es so ausgesehen, als ob es ihm gelingen könnte, allein durch die Kraft seiner Leidenschaft alle Hindernisse hinwegzufegen; er hatte sogar seinem Vater eine widerwillige Heiratserlaubnis abgerungen. Dann hatte Tiarnán sein Interesse an dem Mädchen gezeigt. Das Ergebnis war von diesem Augenblick an unvermeidlich – aber Alain hatte gegen alle Hoffnung weiter gehofft, bis jetzt. Er mußte einfach, dachte Tiher, eine Weile allein sein. Dann allerdings würde er zweifellos die ganze Nacht reden. Tiher seufzte, lehnte sich hinüber und nahm Maries Zügel in die Hand. »Wir sollten besser nach Bonne Fontaine zurückkehren, Dame Marie«, sagte er. »Es ist später Nachmittag, und Ihr braucht sicherlich Ruhe.« Marie nickte und verflocht ihre Finger in die Mähne des Pferdes. Sie hatte nicht allem folgen können, was eben gesagt worden war, da waren zu viele Dinge gewesen, die sie nicht gewußt hatte. Sie ritten schweigend, während sie versuchte, das Puzzle zusammenzusetzen. Tiarnán würde eine Tochter des Ritters Hervé de Comper heiraten. Das hatte sie wie ein Stich ins Herz getroffen, ein bohrender Schmerz, stärker als alle anderen Schmerzen. Aber warum sollte er nicht heiraten? Sie konnte ihn nicht heiraten; er war ein loyaler Lehnsmann des Herzogs Hoel und damit ein Feind ihres Hauses. Und sie wußte ja auch fast nichts von ihm. Der Grund, weshalb du dich in ihn verliebt hast, redete sie sich ein, ist, daß er dich gerettet hat. Du kannst ihn nicht haben, das weißt du, es ist nun einmal unmöglich. Tiarnán wird die Tochter des Ritters Hervé de Comper heiraten, sagte sie sich noch einmal fest. Es ist bereits beschlossen. Er hat dich kaum beachtet. Warum sollte er auch, wenn er sich gerade mit einer anderen verlobt hat? Und als Alain de Fougères es hörte, wurde er kreideweiß und ritt wütend davon. Sie blickte auf und sah Tiher an, der neben ihr ritt, die Zügel ihres Pferdes um sein Handgelenk geschlungen. »Wünschte Ritter Alain diese Frau zu heiraten, die mit Ritter Tiarnán verlobt ist?« fragte sie. Tiher sah sie erstaunt und anerkennend an. Ihr Verstand arbeitete rasch und genau. Wenn sie auf dem Weg von Mont St-Michel nach Bonne Fontaine mehr geredet hätte, würden sie ihr Zimmer nicht unbewacht gelassen haben, verschlossen oder nicht. »Ihr habt den Kern der Sache erfaßt«, sagte er. »Und ich fürchte, Alain wird den Rest des Weges zu einem wahren Fegefeuer für mich machen. Er kann nie im stillen leiden, und leiden wird er ganz zweifellos.« Eine der Entschädigungen, die Tiher sich für seine Rolle als Alains Berater und Vertrauter gönnte, war das Recht, schneidende Bemerkungen über seinen Vetter zu machen. Leute, die ihn nicht gut kannten, schlossen manchmal daraus, daß er neidisch auf seinen gutaussehenden und besser situierten Verwandten war – eine Schlußfolgerung, die völlig irrig war. Marie beobachtete ihren Begleiter eine Weile. Er sah nach wie vor wie ein Frosch aus, aber sein sardonisches Grinsen hatte irgendwie etwas Sympathisches. Und er war überraschend freundlich zu ihr. Sie hatte ihn gar nicht richtig bemerkt, als sie von Mont St-Michel herüberritten. Alain hatte meistens geredet, und er fiel sowieso mehr ins Auge mit seinem guten Aussehen und der kostbaren Kleidung. »Ist sie sehr schön?« fragte sie Tiher. »Natürlich«, antwortete er. Ihre Neugier überraschte ihn nicht. Wenn sich ein ähnliches Drama vor seinen Augen abgespielt hätte, würde auch er voller Fragen gewesen sein. Und er freute sich über die Chance, Marie zum Reden zu bringen. »Andernfalls wäre Alain nicht in sie verliebt. Er würde ein Mädchen nicht wegen ihrer Intelligenz lieben, denn auf dem Gebiet sticht er auch nicht gerade hervor. Eline de Comper, die unvergleichliche Eline. Sie singt sehr lieblich, kann die Laute und die Viole spielen und tanzt so leicht wie ein Blatt im Wind. Sie und Alain geben ein sehr hübsches Paar ab. Aber sie hat zwei ältere Brüder und ein paar Schwestern, daher bringt sie ihrem Gatten nicht genug Mitgift, daß ein Edelmann mit Familie davon leben kann. Und mein Onkel Juhel, Alains Vater, denkt nicht daran, seine Güter um Alains willen anzutasten. Er gibt ihm einen Zuschuß zum Leben, das ist alles. Sie hätten keine materielle Grundlage zum Heiraten. Talensac mag nicht so groß oder nicht so bedeutend sein wie Fougères, aber es ist ein schönes Gut, und Tiarnán ist sein einziger Herr, seit er großjährig wurde. Der arme Alain hatte nie eine Chance.« Marie ritt eine Zeitlang schweigend weiter und dachte über diese Dinge nach. Sie hatte ihr ganzes Leben lang von ähnlichen Geschichten gehört und sich nie Gedanken darüber gemacht. Alles, was mit Heirat und Ehe zusammenhing, war fremdes Land für sie gewesen, vor dem sie immer zurückgescheut war. Jetzt hatte der plötzliche Schmerz in ihrem Herzen ihr gezeigt, wie schlimm eine solche Situation für den Betroffenen sein mußte. »Was dachte … Dame Eline … in der Sache?« fragte sie schließlich zögernd. »Ich denke, sie pflichtete ihrem Vater bei«, sagte Tiher. »Sie wäre eine Närrin, wenn sie das nicht täte. Natürlich konnte ich sie nicht fragen.« Er grinste. Marie sah ihn intensiver prüfend an. »Und was ist Eure Meinung? Glaubt Ihr, daß Euer Vetter ein Narr war, auf etwas anderes zu hoffen, wenn doch Besitz von Ländereien so viel wichtiger ist als Liebe?« Er zuckte die Achseln. Es war unmöglich zu erklären, wieso er besonderes Mitgefühl für Alain empfand, wenn dieser sich völlig idiotisch verhielt. »Ich denke, daß Liebe eine Pflanze ist, die reichen Boden liebt«, wich er aus. »Und wenn sie noch auf kargem, sandigem Heideland überlebt, wer würde wohl seiner Liebsten ein so trauriges Leben zumuten wollen? Nein, erwerbt zuerst guten Boden, und wenn ihr ihn ordentlich kultiviert habt, dann bringt er euch alles, was ihr braucht.« Er grinste wieder. »Ich selbst habe übrigens überhaupt kein Land.« »Ritter Tiarnán jedoch, nach dem, was Ihr sagt, heiratet aus Liebe.« »Das tut er. Ein glücklicher Mann. Aber er kann es sich leisten. Nicht viele junge Männer sind ihre eigenen Herren und haben die Freiheit zu wählen. Wir übrigen müssen uns mit den armseligen Brocken Glück begnügen, die wir finden.« Er fühlte sich plötzlich unbeschwert und von Freude durchdrungen. O Gott, ich möchte sie küssen, dachte er. Aber auch so ist es ein ordentlicher Brocken Glück: ein schöner Maiabend, die Hecken weiß von Blüten, mein Pferd unter mir und neben mir ein hübsches Mädchen, das mit mir über Liebe spricht. »Ihr könnt Euch jetzt selbst glücklich schätzen«, erklärte er Marie. »Wenn es wahr ist, was Tiarnán sagte – und ich bin sicher, daß es wahr ist –, dann wird der Herzog Euch selbst einen Ehemann wählen lassen, und auch Ihr werdet den Luxus haben, aus Liebe zu heiraten.« »Ich werde keinen von den Männern des Herzogs heiraten«, sagte Marie mit ausdrucksloser Stimme. »Mein Vater schuldet Herzog Robert Lehnstreue – und nur ihm. Ich werde die Ehre meiner Familie nicht verraten.« Es laut auszusprechen war eine Erleichterung. Es schien zu bekräftigen, daß sie unverändert das war, was sie immer gewesen war, und daß der Schmerz in ihrem Herzen daran im Grunde nichts geändert hatte. Tiher hob die Augenbrauen. »Ich kann nicht verstehen, wie Ihr das denken könnt. Euer Großvater hat der Bretagne gedient, bis er entschied, es sei nutzbringender, den Normannen zu folgen. Ihr würdet die Familienehre wiederherstellen, nicht sie verraten.« »Ich bin nicht verantwortlich für das, was mein Großvater getan hat«, erwiderte Marie. »Wenn jedermann zurückginge bis zu den ursprünglichen Loyalitäten seiner Vorfahren, würden wir alle dem Kaiser in Konstantinopel Lehnstreue schulden. Mein Vater ist Herzog Roberts Lehnsmann; wenn ich mir also einen anderen Lehnsherrn wähle, ist das Verrat. Ich werde es nicht tun.« Tiher lachte nur. »Ich wünschte, Euer Großvater hätte ebenso gedacht. Übrigens, das würde ich brennend gern wissen: Wie habt Ihr es geschafft, durch eine verschlossene Tür aus Bonne Fontaine zu fliehen? Wir konnten es uns einfach nicht erklären.« Marie sah ihn skeptisch an. Aber sie wußte bereits, daß sie nicht noch einmal einen Fluchtversuch unternehmen würde. Sie hätte nach allem, was beim ersten Mal passiert war, nicht mehr genügend Kraft und Selbstvertrauen – und Tiarnán hatte sich ja für ihre Sicherheit verbürgt. »Ich habe die Tür mit meinem Schleier blockiert, so daß sie nicht richtig schloß«, erklärte sie Tiher. Er lachte lauthals. »Ich schwöre bei allen Heiligen, ich bin Tiarnán dankbar, trotz allem, was er meinem Vetter angetan hat, und obwohl es mich eine Menge Geld gekostet hat.« Sie blickte ihn stirnrunzelnd an. Ihm gefiel die Art, wie sich ihre Stirn kräuselte. Bevor wir die Burg von Rennes erreichen, gelobte er sich im stillen, werde ich dich zum Lachen bringen. Wenn das alles an Glück ist, was für mich bei dieser Reise herausspringt, will ich zufrieden sein. »Ich habe dem heiligen Michael hundert Kerzen versprochen, wenn Ihr sicher aufgefunden würdet«, erklärte er. »Nun, das Geld hat sich wirklich gelohnt.« »Michael ist ein sehr großer Heiliger und sehr mächtig gegen das Böse«, erwiderte Marie ernst und bekreuzigte sich. »Amen«, sagte Tiher fröhlich. »Und da er ein Erzengel ist, bewegt er sich rasch.« Als sie einige Zeit später in Bonne Fontaine eintrafen, entdeckten sie, daß der Trupp seinen Führer verloren hatte. Alain de Fougères, der im Galopp davongeprescht war, war nicht aufzufinden, weder im Kloster noch sonstwo. Tiher war zwischen Wut und Besorgnis hin- und hergerissen. Er hatte eine sehr gute Vorstellung davon, wohin Alain geritten war, und es schien ihm eine Expedition zu sein, die nur ein Wahnsinniger unternehmen konnte. Wenn Alain sein wahrscheinliches Ziel verfehlte, würde er an den Hof des Herzogs zurückkommen müssen, mit Schande bedeckt, weil er seine Gefolgsleute im Stich gelassen hatte, und er hätte seinen Vater gegen sich aufgebracht. Aber wenn er Erfolg hatte, würde er noch schlimmer dran sein – er würde das Land verlassen und sein Glück außerhalb der Bretagne suchen müssen, von dem leben, was er als Söldner verdienen konnte, und seine Frau von dem ernähren, was vom Tisch seines Herrn abfallen würde; das heißt, wenn er nicht während der Entführung schon getötet wurde. Denn eine Entführung war sicherlich das Ziel, zu dem er losgaloppiert war, und der anerkannte Bewerber um Elines Hand würde das bestimmt nicht ruhig hinnehmen. Tiarnán de Talensac war nicht der Mann, den Tiher sich als Feind wünschen würde. Er mochte friedfertig genug sein, wenn es nicht um Kampf und Fehde ging, aber Tiher hatte ihn bei Waffenübungen beobachtet: ein Angriff mit dem Schwert von erschreckender Wildheit und gleichzeitig größter Treffsicherheit, der eine Reihe zersplitterter Speere und zerschmetterter Schilde zurückließ. Kein Wunder, daß abgebrühte Räuber die Flucht ergriffen, wenn sie ihm begegneten. Tiher beruhigte sich bei dem Gedanken, daß ein Fehlschlag das wahrscheinlichste Ergebnis war. Hervé de Comper würde Alain kaum in seinem Haus willkommen heißen, und es stand zu erwarten, daß Dame Eline genug Verstand hatte, um sich den Wünschen ihres Vaters nicht zu widersetzen. Sie würde nicht mit einem Mann davonlaufen, der nicht die Mittel besaß, ihr ein standesgemäßes Leben zu bieten – selbst wenn sie ihn Tiarnán vorzog, was Tiher keineswegs als so sicher ansah, wie es Alain zu tun schien. Doch was immer Alain zustieß oder zustoßen würde, für Tiher gab es keine Möglichkeit, es zu verhindern. Das Äußerste, was er tun konnte, war, Entschuldigungen für seinen Vetter zu finden, wenn sie ohne ihn in Rennes ankamen. In der Zwischenzeit gedachte Tiher so viel an Glück aus dem Rest der Reise herauszuholen, wie möglich war. Es war ein Tagesritt von Bonne Fontaine nach Rennes, ein angenehmer Ritt durch Felder und Waldland an einem weiteren goldenen Frühlingstag. Sogar die Stute Dahut war zu einem ruhigen Gang gezwungen, denn Tiher band sie am kurzen Zügel zwischen seinem und Guyomards Pferd fest. Sie kamen am Abend in der Stadt an. Rennes war in alter Zeit mit einer Mauer umgeben worden, die römischen Steine schlossen die Stadt noch immer ein, ergänzt hier und dort durch einen Turm oder ein Tor aus neuerer Zeit. Die abendlichen Feuer waren angezündet worden, die untergehende Sonne beleuchtete den Dunstschleier von Holzrauch, der über den Reetdächern aufstieg, so daß die Stadt in einer goldenen Wolke zu schweben schien. Marie war nie in einer Stadt gewesen, und trotz aller Angst vor der Gefangenschaft und aller Entschlossenheit, ihren Entführern keine Zugeständnisse zu machen, klopfte ihr Herz hart vor Aufregung. Eine unbekannte Welt lag vor ihr und wartete darauf, von ihr entdeckt zu werden. Das Stadttor war noch nicht für die Nacht geschlossen worden, und die drei Reiter passierten ungehindert. Die Straße hinter dem Tor allerdings war dazu angetan, die goldene Illusion zu zerstören, welche die Stadt eingehüllt hatte: ungepflastert, mit tiefen Fahrrinnen und stinkenden Abwässern, schlängelte sie sich zwischen Reihen von Häusern aus Lehm und Flechtwerk hindurch. Die Häuserreihen wiesen große Lücken auf, denn Rennes hatte noch längst nicht die Bevölkerungszahl wieder erreicht, die es zur Zeit des Mauerbaus gehabt hatte. Hühner pickten in dem Abfall herum, der auf die Straße gekippt wurde, und trippelten unaufgeregt aus dem Weg, als die Reiter vorbeikamen; Schweine, eingepfercht zwischen den Häusern, schauten über die Zäune und grunzten. Ein Ginsterbusch, über einer Tür aufgehängt, zeigte an, daß hier ein Wirtshaus war; ein paar Läden priesen ihre Waren durch Muster an, die von Pfosten herabhingen: hier ein Paar Schuhe, dort ein Besen, gegenüber ein Satz Löffel, aus Horn geschnitzt. Dann machte die Straße eine Biegung nach rechts, und vor ihnen, viel früher, als Marie erwartet hatte, türmte sich die Burg von Rennes auf. Es war eine neue Burg, die Mauern waren aus Stein, nicht aus dem altmodischen Holz – allerdings war auf den ersten Blick zu erkennen, daß sie dem traditionellen Bauschema folgte, mit einem hohen Donjon auf einem künstlich aufgeschütteten Erdhügel, einer Motte, und einem eingefriedeten Innenhof; das Ganze umgeben von einer hohen Ringmauer. Tiher wandte sich nach links und ritt um die Außenseite des trockenen Grabens, der sich an die Ringmauer anschloß. Marie drehte den Kopf und betrachtete die Mauern des Donjons, die deutlich über der äußeren Ringmauer zu erkennen waren. Ein großes rotes Banner flatterte in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne auf der Spitze des Donjons – das Zeichen, daß der Herzog in seiner Residenz war. »Wie ist der Herzog?« fragte Marie Tiher. Sie hatten den ganzen Tag unbefangen miteinander gesprochen, und sie hatte fast vergessen, daß er ihr Feind war. Tiher dachte eine Weile nach. »Mögt Ihr Hunde?« fragte er schließlich, als sie um eine Biegung ritten und das Burgtor vor sich sahen. »Ich mag manche Hunde«, sagte Marie, die sich fragte, welcher Zusammenhang da wohl bestand. »Das ist gut gesagt, denn es gibt so viele Arten von Hunden, wie es Arten von Menschen gibt, und man könnte manche Entsprechungen zwischen beiden finden. Windhunde zum Beispiel sind edel und schnell und schön – wie Ihr selbst, meine Dame! Schweißhunde, Bracken und Apportierhunde, die tapfer und klug sein müssen, um das Wild zu jagen und zu stellen, könnte man mit den Rittern vergleichen. Und dann gibt es die schwänzelnden Spaniels, um einem Herrn aufzuwarten, und die Bulldoggen, um ihn zu bewachen.« »Und der oberste Herr in Eurer Allegorie, der Herzog – der ist ein Löwe?« fragte Marie, lächelnd über diese Vorstellung. »Nein«, sagte Tiher mit zufriedenem Grinsen. »Herzog Hoel ist wie ein Terrier. Aber ein sehr edler.« Marie lachte, und Tiher grinste bis über die Ohren. Er hatte sie zum Lachen gebracht, gerade vor der Burg von Rennes – auch wenn es zum Teil wohl auf Nervosität zurückzuführen war. Ein schönes Lachen übrigens, weich und kehlig. Er mochte Frauen, die lachten. Sie ritten zur Zugbrücke hoch, und Tiher winkte dem Wächter, sie durchzulassen. Innerhalb der Einfriedung übernahmen Knechte die Pferde und führten sie zu den Stallungen. In den Küchen, die an die Innenseite der Steinmauer gebaut waren, rauchten die Feuer, und man roch den Duft von gebratenem Fleisch. Tiher und Guyomard geleiteten Marie die Steintreppe zum Donjon hoch; noch bevor sie die großen Doppeltüren passiert hatten, rollte eine Geräuschwelle über sie hin. Der Speisengeruch wurde stärker. Es war inzwischen dämmerig geworden, im Wachraum wurden Fackeln angezündet und in Halter an der Wand gesteckt. Die Wachen grüßten Tiher freundschaftlich und fragten ihn, wo Alain sei. »Dauert zu lang, das zu erklären!« erwiderte Tiher, dessen Sporen auf dem Steinboden klirrten. Er führte Marie eine weitere kurze Treppe hoch in die große Halle. Die Halle füllte den ganzen ersten Stock des Wohnturms aus. Der Holzfußboden war mit Binsen belegt. Auch hier brannten Fackeln. An langen Tischen setzte sich gerade eine große Gesellschaft zum Abendessen nieder. Die Menge, die sich auf den Bänken geräuschvoll unterhielt, bestand zum größten Teil aus Männern. Nur an dem erhöhten Tisch am oberen Ende der Halle sah man einige Frauen. Ansonsten bestand die Tischgesellschaft aus Rittern, die zur Hofhaltung des Herzogs oder zur Burgbesatzung gehörten, aus Priestern, Mönchen, Besuchern – alles Männer. Wohlhabend offenbar auch. Überall, wohin das rote Licht fiel, glänzte und funkelte es, hier an einer silbernen Platte, dort an einem Schwertgriff, drüben an einem juwelengeschmückten Finger oder Hals. Reiche Seiden- und in leuchtenden Tönen gefärbte Wollgewänder füllten die Schatten mit Gold, Mitternachtsblau und tiefem Karmesinrot. Sogar die Hunde, die sich unter den Tischen rekelten, trugen Halsbänder, die glitzerten, wenn sie sich bewegten. Marie fühlte sich gewöhnlicher, ärmlicher und schmutziger mit jedem Schritt, den sie tat. Tiher bahnte sich seinen Weg zwischen den Tischen hindurch zum oberen Ende der Halle, wo auf einem Podium der Tisch des Herzogs stand. Die Unterhaltung verstummte, wo er vorbeiging, und als er schließlich den Tisch des Herzogs erreichte, herrschte Stille in der Halle. Marie, die hinter ihm ging, mußte sich zwingen, den Kopf hochzuhalten, so sehr irritierte sie das neugierige Starren der Männer. Tiher blieb vor der Mitte des Podiums stehen und beugte klirrend ein Knie. »Gott segne Euch, erlauchter Herr!« sagte er mit bemüht heiterer Stimme. »Hier ist die Dame Marie Penthièvre de Chalandrey, deren Gesellschaft Ihr wünschtet.« Marie zwang sich, ihre Augen zu dem Mann zu erheben, der in der Mitte des erhöhten Tisches saß. Hoel, Graf von Cornouaille, Graf von Nantes und durch Heirat Graf von Rennes und Herzog der Bretagne, war untersetzt und neigte zu Kahlheit. Marie schätzte sein Alter irgendwo zwischen fünfzig und sechzig. Er trug ein gutsitzendes, pelzbesetztes Obergewand. Die Augen in dem rundlichen roten Gesicht waren leicht vorgewölbt. Seine Augenbrauen waren zornig gerunzelt. »Was ist mit Eurem Vetter passiert?« fragte er mit hoher, kläffender Stimme. Großer Gott, dachte Marie, er ist wirklich wie ein Terrier. »Hoel!« protestierte die Dame, die neben dem Herzog saß. Sie war eine korpulente Frau von etwa fünfundvierzig Jahren, mit höchster Eleganz gekleidet und mit Juwelen reich geschmückt. »Das arme Mädchen steht hier wie ein verlorenes Lamm. Begrüße sie, bevor du dich mit den Fougères befaßt.« Sie lächelte Marie zu. Das Lächeln und die harten, klaren Linien ihres Gesichts waren Marie merkwürdig vertraut, aber sie kam nicht gleich darauf, woher. Dann wurde ihr klar, daß sie Havoise, Herzogin der Bretagne, sein mußte, eine Halbschwester der Priorin Constance – und eine Penthièvre vom alten Stamm, der seit langer Zeit ununterbrochen über die Bretagne herrschte. Zweige von ihnen waren allerdings auch unter dem Adel der Normandie und Englands zu finden. In ihrem eigenen Spiegel hatte Marie die gleichen langen Gesichtsknochen gesehen. »Ihr seid sehr willkommen hier, meine Liebe«, sagte die Herzogin. Marie holte tief Atem. Sie würde sich von dem, was sie zu tun beabsichtigte, nicht abbringen lassen, nur weil ihr Gewand schäbig war oder weil die Herzogin sich herabließ, freundlich zu ihr zu sein. »Ich bin nicht hier aus freiem Willen«, erklärte sie stolz mit klarer, hell ertönender Stimme, die bis in die fernen Ecken der Halle zu hören war. »Ich wurde aus meinem Kloster durch Verrat und Täuschung hergebracht und an der Rückkehr mit Gewalt gehindert. Mein Vater schuldet der Bretagne keine Lehnstreue, und ich werde sein Haus und seine Ländereien niemals irgendeinem Mann verräterisch ausliefern. Bei Gott und bei meiner unsterblichen Seele« – Marie bekreuzigte sich herausfordernd –, »ich werde eher bei der Verteidigung meiner Ehre sterben als ihrer beraubt leben.« Einen Augenblick herrschte gespannte Stille. Marie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen und das Knistern der Fackeln. Dann schnaubte Herzog Hoel. Er wandte sich der Herzogin zu. »Sie ist echtes Blut von deinem, wahrhaftig«, sagte er. »Natürlich ist sie das«, antwortete Havoise gelassen. »Eine Enkelin des zweiten Sohnes des Halbbruders meines Vaters. Wir haben es überprüft, erinnerst du dich?« »Kind«, wandte sie sich an Marie, »Chalandrey ist ein Lehen, das dem Herzogtum Bretagne gehört, nicht Privateigentum Eures Hauses. Euer Großvater erhielt es von meinem Vater. Er hatte kein Recht, es der Normandie zu geben. Er hatte kein Verfügungsrecht darüber. Mein Gemahl ist Euer wahrer und rechtmäßiger Landesherr, und er war völlig im Recht, Euch hierherbringen zu lassen.« »Ich sage, er ist es nicht«, entgegnete Marie ruhig, obwohl ihr Atem hart ging und ihr Magen sich vor Angst zusammenpreßte. »Und ich sage ferner, daß ich keinen Diener der Feinde meines Vaters heiraten werde. Tiarnán de Talensac, ein Ritter in Euren Diensten, erlauchter Herzog, hat sich dafür verbürgt, daß niemand mich zwingen wird.« »Was hat Tiarnán mit dieser Sache zu tun?« fragte Hoel verwirrt. Havoise runzelte plötzlich die Stirn und sah prüfend in Maries Gesicht. Maries herausforderndes Auftreten hatte von ihrer äußeren Erscheinung abgelenkt, und in dem roten Fackellicht hatte bisher niemand die Verletzungen bemerkt, die der weiße Schleier auch zum Teil verbarg. »Hoel«, sagte die Herzogin jetzt drängend, »das Mädchen ist geschlagen worden.« Darauf – wie Tiher seinem Vetter später erklärte – folgten Toben, Wut und Bestürzung, und Herzog Hoel stellte wieder zornig die Frage, was mit Alain de Fougères sei. Und dann mußte natürlich die ganze Sache herauskommen – »obwohl ich mein Bestes tat, die Geschichte möglichst schonend darzustellen«, sagte Tiher. Marie wurde von der Herzogin fortgeführt, um von ihren Frauen die Schwellungen und Prellungen mit Umschlägen von Borretschblättern behandeln zu lassen. Tiher bekam eine Predigt über die Dummheit seines Vetters zu hören. »Und, Vetter«, sagte er, »er war aufgebracht. Er erklärte mir, daß man niemals, nirgendwo und bei keiner Gelegenheit einem oder einer Penthièvre eine Möglichkeit geben darf, anzugreifen oder zu fliehen; jeder Narr wisse schließlich, daß sie ihre Chance sofort ergriffen. Die Penthièvres seien eine für ihren Stolz und ihre Kühnheit berühmte Familie. Ferner: daß niemand, unter welchen Umständen auch immer, zulassen dürfe, daß eine Verwandte der Herzogin, die unter seinem Schutz stehe, zu Schaden kommt. Und schließlich: daß ein Mann, der von seinem Landesherrn mit einer Mission betraut sei und sie nicht vollende, nichts anderes verdiene, als an die Burgmauer gestellt und als Übungsziel fürs Lanzenstechen benutzt zu werden. – Ich schwöre dir, Vetter, ich weiß jetzt, wie einer Ratte zumute ist, wenn der Terrier sie im Nacken gepackt hat.« Aber das alles war Tage später. 3. KAPITEL Zwei Tage nachdem er Marie auf der Straße nach Rennes in die Obhut Alains gegeben hatte, erreichte Tiarnán am Morgen Talensac. Er wäre schon am Abend zuvor angekommen, doch er hatte sich entschlossen, erst seinen Beichtvater aufzusuchen. Das war ein Eremit, der allein bei einer kleinen Kapelle in der Tiefe des Waldes lebte, ungefähr fünfzehn Meilen südwestlich von Talensac. Für Tiarnán bedeutete dies einen Umweg von mindestens fünf Stunden, aber da er gern im Wald herumwanderte, nahm er den weiteren Weg gern in Kauf. Er liebte den Wald. Was für Marie ein riesiges, geheimnisvolles Schattenreich war, war für ihn ein klares, präzise bestimmtes Nebeneinander von genau bekannten und völlig unterschiedlichen Arealen. Es gab Torfmoore, in denen viele Erlen wuchsen, und dichte alte Buchen- und Eichenwälder; es gab große, mit Kiefernzwergholz bedeckte Flächen und hohe kahle Heidegebiete. Dazwischen lagen die den Elben geweihten Quellen und Erdhügel. Manchmal stieß man auf kleine verfallene Kapellen, die vor langer Zeit von Einsiedlern erbaut worden waren. In schwarzen verkommenen Hütten verkauften alte Bauernweiber Liebeszauber und Hexenflüche an Besucher, die schuldbewußt zur Tür geschlichen kamen. Jeder Bereich, auch der wildeste, hatte ein kompliziertes Gewebe von Eigentümern und Nutzern. Die Zeit, als Brocéliande die ganze Bretagne bedeckte, war schon lange vorbei. Es gab nicht einen Wald, sondern viele Wälder, Inseln der Wildnis in einem Meer von bebauten Ländereien. Manchmal schlängelten sich schmale Stränge Grün zwischen den urbar gemachten Feldern, manchmal breiteten sich geschlossene Wälder über große Gebiete aus. Es gab herzogliche Jagdreservate und Jagdreservate des Adels. Der eine Mann besaß das Recht, in einem bestimmten Waldstück Holz zu sammeln, ein anderer durfte dort seine Schweine nach Eicheln stöbern lassen und ein dritter Holzkohle brennen. Tiarnán kannte jeden Teil des Waldes, und er liebte Brocéliande in all seinen Stimmungen, vom bitteren Winter bis zum warmen, duftenden Sommer, von wilden Stürmen bis zur verträumten sonnigen Stille. Aber am lieblichsten war es im Mai, wenn die Luft frisch war, die Erde herrlich duftete von Blumen und die Tiere an schattigen Plätzen ihre Jungen bewachten. Tiarnán ging mit raschen, leichten Schritten unter den Zweigen hindurch und atmete tief die seidige Luft ein. Bei allem Ergötzen jedoch blieb er achtsam. Brocéliande mochte für ihn lieblich sein, aber es selbst kannte keine Liebe, und unter seinen Blättern lauerten tausend Arten von Tod. Der Räuber Éon war nur eine Gefahr unter vielen, nicht schlimmer als die Hauer des Wildschweins oder die tausend saugenden Münder des Torfmoors. Es war noch früh am Morgen, als er die Grenze seines eigenen Reiches erreichte. Zum Gut Talensac gehörten gut fünfzehn Quadratmeilen Waldland, die alle mit benachbarten Waldungen verbunden waren, aber Tiarnán wußte fast sofort, daß er auf sein eigenes Gebiet gekommen war. In seinem Waldland konnte er in der Wachsamkeit nachlassen, und er fing laut zu singen an, ein Lied, das ihm seit einigen Tagen im Kopf herumging, ein einfaches kleines Lied, das die Bauern auf dem Feld sangen. Freudig, freudig würd' ich gehen, wüßte ich, mein Lieb wär' dort; freudig, freudig würd' ich geben mein' Arm zum Kissen für ihr Haar. Ach die große lange Straße, die ich wandern, und der steile, steile Hang, den ich erklettern mußt'. Tiarnán hörte auf zu singen, als er merkte, daß er wie üblich aus der Tonart kam. Er seufzte, brach einen Brombeerschößling ab und begann ihn zu kauen; dann spuckte er ihn schuldbewußt wieder aus. Judicaël, sein Beichtvater, hatte ihm aufgegeben, als Buße für die Tötung der beiden Räuber bei Nimuës Quelle zu fasten. Es war eine schwere Sünde, hatte er gesagt, ohne Warnung zwei Menschenleben auszulöschen. Vielleicht war es zwar wahr, daß die beiden getöteten Männer Mörder und in dem Augenblick dabei waren, ein schändliches Verbrechen zu begehen; vielleicht stimmte es auch, daß eine Warnung sowohl das Opfer als auch Tiarnán selbst gefährdet hätte – aber zwei Menschenleben waren zwei Menschenleben, die blutig und ohne Möglichkeit der Reue ausgelöscht worden waren. Wenn Tiarnán seine eigene Seele lebendig erhalten wollte, würde er fasten und über den Wert des menschlichen Lebens und seine eigene anmaßende Arroganz nachdenken müssen. Tiarnán fastete, aber seine Gedanken beschäftigten sich mehr mit dem Wert von Eline de Comper und seinem Glück, daß sie sich mit ihm verlobt hatte. Er hatte schon früher Menschen getötet, wenn er in den Kriegen des Herzogs gekämpft hatte. Die beiden Räuber belasteten sein Gewissen kaum, und im Grunde bedauerte er, nicht alle drei getötet zu haben. Er hoffte lebhaft, noch einmal Éon zu begegnen und den Mann endgültig zu erledigen. Er hatte mit den Mönchen von Bonne Fontaine vereinbart, daß sie die beiden Toten begruben, und er hatte für eine Totenmesse und Gebete an ihrem Grab bezahlt, doch mehr, um Judicaël zu besänftigen, als aus Sorge um das Seelenheil der Räuber. Er hatte gewußt, daß Judicaël ärgerlich über ihn sein würde, und er hatte mit der scharfen Bußpredigt und der harten Buße des Eremiten gerechnet. Eigentlich war er sogar froh darüber, daß Judicaëls Aufmerksamkeit auf diese Weise von der Nachricht über seine Verlobung abgelenkt worden war. Natürlich betrachtete der Eremit seine Beziehung zu Eline nicht als Sünde – aber er hielt sie für einen Fehler. Freudig, freudig würd' ich gehen, wüßte ich, mein Lieb wär' dort … Elines Bild vor Augen, wanderte Tiarnán lächelnd durch den Wald. Sie war schön, ja, aber das allein war es nicht, weshalb er sie liebte. Sie strahlte eine unbefangene Freude aus, als wäre das Leben ein neues Seidenkleid, das man ihr gerade geschenkt hatte. Alles entzückte sie, alles in ihr war frisch und neu und in Einklang mit ihr. Ach die große lange Straße, die ich wandern, und der steile, steile Hang, den ich erklettern mußt'. Nicht rasten konnte ich, ein Weilchen auszuruhn, so drängte der Gedanke an mein Liebchen mich. Sie ist süßer als das Lied der Amsel oder der Nachtigall auf dem Weidenbaum, süßer als der Tau auf der Rosenblüte. Und am süßesten von allem ist ihr Kuß. Und alles war arrangiert; sie würde ihn heiraten. Bald. Es war nicht mehr als Höflichkeit, Herzog Hoel zu informieren, bevor das Datum festgesetzt wurde. Hoel war der eigentliche Eigentümer des Lehnsgutes Talensac; Tiarnán ›hielt‹ es nur. Sein Vater, Großvater und Urgroßvater hatten es vor ihm gehalten, und seine Söhne würden es in seiner Nachfolge halten. So Gott wollte. Aber erst nachdem sie dem Herzog den Lehnseid geschworen hatten. Wenn dieser Eid geschworen war, konnte der Herzog das Lehen nicht wegnehmen, es sei denn, der Eid würde gebrochen. In diesem Zeitalter war der Feudalvertrag noch nicht endgültig festgelegt, viele Details mußten noch bestimmt werden. Aber über die Grundregeln bestand klares Einverständnis. Tiarnán würde für den Herzog kämpfen, wenn er dazu aufgerufen wurde, er würde allen rechtmäßigen Befehlen gehorchen, er würde Rat geben, wenn es von ihm verlangt wurde – und aus Höflichkeit würde er den Herzog von wichtigen Ereignissen, wie jetzt seiner Heirat, unterrichten. Als Gegenleistung hielt er das Gut und alles, was zu ihm gehörte. Als er aus dem Wald auf die Hauptstraße trat und seine Felder vor sich liegen sah, blieb er einen Augenblick stehen, wie er das immer tat – mit einem kleinen unwillkürlichen Ruck der Schultern, als ob er den Platz wie einen Mantel um sich zöge. Die Felder fielen allmählich hinab zu einem kleinen Bach, der sich in nördlicher Richtung schlängelte. In der Mitte des Tals erhob sich der hölzerne Turm der Dorfkirche. Strohgedeckte Häuser, aus der Ferne winzig erscheinend, lagen verstreut entlang der Straße; aus einigen stoben kleine Rauchfedern von Kochfeuern in die klare Morgenluft. Jenseits des Baches auf einem Hügel, von einer schützenden Palisade umgeben, stand Tiarnáns Gutshaus. Die Mühle war nicht zu sehen, sie lag stromaufwärts hinter einer Biegung des Baches, aber Tiarnán brauchte sie nicht zu sehen, um zu wissen, daß sie da war. In Talensac war alles sicher und in Ordnung. Er ging weiter, mit dem festen Schritt der Zufriedenheit. Daheim. Er war hier geboren, und er hatte seinen Namen von diesem Gut. Es war ein Teil von ihm. Er war in den letzten beiden Tagen über sechzig Meilen gewandert, und er war müde – angenehm müde –, und jetzt freute er sich darauf, sich in seinem eigenen Haus auszuruhen. Das erste Haus im Dorf gehörte Glevian, dem Schmied. Es hatte einen Brunnen, denn um Eisen zu schmieden, brauchte man Wasser. Tiarnán blieb stehen, um einen Schluck zu trinken. Er hob die hölzerne Abdeckung auf und ließ den Eimer hinab, der immer bereitstand. Während er ihn hochzog, kam die Frau des Hauses, die das Geräusch gehört hatte, heraus und wischte sich die Hände an der Schürze. »Seid gegrüßt, Machtiern«, sagte sie, als sie Tiarnán sah. Talensac nannte seinen Herrn mit dem Titel ›Machtiern‹. Diese Bezeichnung war nicht ganz exakt: Machtierns waren früher die beamteten Richter gewesen, die in den bretonischen Dörfern Recht sprachen. Es gab sie schon lange nicht mehr. Tiarnán war ein Feudalherr. Er war für die Rechtsprechung verantwortlich, sicherlich, aber er hatte auch Machtbefugnis über alle, die auf seinen Ländereien lebten. Einige der Bauern waren Leibeigene, die an sein Gut gebunden waren, praktisch Sklaven; die übrigen zahlten ihm Pacht und verschiedene Abgaben. Sie zahlten, wenn sie Holz in seinem Wald sammelten; sie zahlten, um ihre Schweine im Wald nach Nahrung stöbern zu lassen; sie zahlten, um ihr Getreide in seiner Mühle mahlen zu lassen – zu deren Benutzung sie verpflichtet waren –, und sie schuldeten ihm außerdem Arbeitstage in seinem Gutshaus oder auf seinen Ländereien. Sie nannten ihn trotzdem Machtiern. »Seid gegrüßt, Judith, Conwals Tochter«, erwiderte Tiarnán. Judith blieb auf der Türschwelle stehen. Sie wischte sich immer noch nervös die Hände an ihrer Schürze. Tiarnán, der aus dem Eimer geschöpft hatte, stellte ihn wieder an seinen Platz und legte die Holzplatte auf den Brunnen. »Es ist ein heißer Tag für die Jahreszeit«, sagte Judith. Tiarnán nickte. Er fragte sich, was während der sechs Tage seiner Abwesenheit passiert sein mochte, daß sie so herumdruckste. Offensichtlich brannte sie darauf, ihm etwas zu erzählen. »War im Dorf alles in Ordnung?« fragte er, um ihr einen Anstoß zu geben. Erleichtert warf Judith die Hände hoch. »Oh, Machtiern, mein Bruder Justin …« »Was hat er jetzt angestellt?« fragte Tiarnán resigniert. Das Gefühl zufriedenen Wohlbehagens war dahin. Judiths Bruder Justin war der Unruhestifter des Dorfes. Der grobknochige, ungewöhnlich große junge Mann mit einem Schopf sandfarbenen Haars hatte die Gewohnheit, in Schenken Streit vom Zaune zu brechen und allen Schürzen nachzujagen. Bei diesem letzten Zwischenfall hatte er anscheinend beides kombiniert. Skandalöserweise hatte er die Schwester eines freien Mannes aus dem Nachbarort Montfort in eine Schenke geführt und sich dann mit ihrem entrüsteten Bruder geprügelt. Der Bruder hatte Kiefer und Schlüsselbein gebrochen, und der Schankwirt, der versucht hatte zu schlichten, hatte Prellungen und Quetschungen erlitten sowie zwei zertrümmerte Fäßchen Bier und einen zerbrochenen Fensterladen zu beklagen. Der Gutsverwalter des Herrn von Montfort war nach Talensac gekommen, um sich zu beschweren, und Justin war in den Stock gelegt worden. »Aber es war nicht seine Schuld«, beteuerte Justins Schwester, mehr aus Loyalität als aus Überzeugung. »Es war der andere Kerl, der angefangen hat.« »Es hat nie eine Schlägerei mit Justin gegeben, die er nicht angefangen hat«, entgegnete Tiarnán. »Dann hat Kenmarcoc ihn also in den Stock gelegt?« Kenmarcoc war Tiarnáns Verwalter, der bei seiner Abwesenheit die Verantwortung für das Gut hatte. »Ja, Machtiern«, sagte Judith, die es aufgab, sich für die Unschuld ihres Bruders einzusetzen, an die sie ebensowenig glaubte wie ihr Herr. »Gestern nachmittag war das. Und der Verwalter von Montfort verlangt, daß er ausgepeitscht wird. Und er sagt, Justin müsse für den Schaden in der Schenke aufkommen und auch noch ein Bußgeld zahlen.« Tiarnán seufzte. In Talensac wurden die Leute nicht ausgepeitscht. Es gab nicht einmal eine Staupsäule, einen Schandpfahl, an den sie gekettet werden konnten. Kleinere Vergehen, etwa Grenzsteine zu versetzen oder anderer Leute Feuerholz zu nehmen, wurden mit Geldbußen und dem Stock geahndet. Ein Wilderer oder ein Dieb wurde mit Schlägen von Haselruten rund um den Kirchhof gejagt; außerdem hatten sie ein Bußgeld zu bezahlen und wurden in den Stock gelegt. Andererseits durfte man nicht vergessen, daß der Burgherr von Montfort ein mächtiger Mann war, dem mehrere Güter gehörten, und daß er nicht dulden würde, wenn sein Eigentum und seine Bauern geschädigt wurden. Wenn er ernstlich verärgert war, würde er vielleicht einen Trupp Männer nach Talensac schicken, um Justin zu ergreifen und das Auspeitschen selbst zu übernehmen. Wann würde dieser verdammte Justin endlich lernen, sich zu benehmen? »Lauf zum Lis hoch und hol Kenmarcoc«, befahl er Judith. Talensac nannte das Gutshaus ebenso anachronistisch den Lis, den ›Hof‹, wie es seinen Herrn Machtiern nannte. Judith raffte ihre Röcke und lief die morastige Straße entlang, um Kenmarcoc zu suchen. Tiarnán folgte ihr mit seinem üblichen raschen Schritt. Der Schmied Glevian, der im Küchengarten gearbeitet hatte, ging hinterher, und mehrere Männer, die Tiarnán hatten ankommen sehen, während sie auf den Feldern arbeiteten, schlossen sich an, neugierig, was er wegen Justin unternehmen werde. Frauen, die bei offenen Türen in den niedrigen Häusern aus Lehm und Flechtwerk beim Spinnen waren oder in der Küche oder im Garten arbeiteten, beeilten sich, ihnen zu folgen. Kinder liefen herbei und riefen Tiarnán zu, daß Justin im Stock lag, weil er in Montfort eine Schenke zertrümmert hatte. »Ich weiß«, rief Tiarnán zurück, ohne anzuhalten, bis er den Mittelpunkt des Dorfes erreichte, den begrünten Platz vor der Kirche, wo der Stock stand. Von dort aus führte die Straße auf einer Holzbrücke über den Bach und weiter zum Tor des Gutshauses. Justin saß auf einem umgedrehten Eimer, Hände und Füße sicher in den Stock geschlossen. Er hatte ein auffallendes blaues Auge und eine gesprungene Lippe, aus der das Blut in seinen sandfarbenen Bart gelaufen war, aber das war wohl von der Schlägerei in der Schenke. Es war üblich, Leute, die im Stock lagen, mit allen möglichen Dingen zu bewerfen, aber niemand warf je etwas in Justins Gesicht, er würde ja sehen, wer das tat. Seine Feinde aus dem Dorf zollten seiner Kraft und Wildheit Respekt, indem sie Dreck und Abfälle hinter seinem Rücken auf ihn warfen. Er blickte mürrisch auf Tiarnán und die versammelte Menge von Dorfbewohnern. Tiarnán ging zu einem der Weidenbäume am Bach und schnitt mit seinem Jagdmesser eine daumendicke Gerte ab. Mit ausdruckslosem Gesicht sah er Justin an, während er Rinde und Blätter abschälte. Obwohl Tiarnán im Herrenhaus geboren war, hatte er einen großen Teil seiner Kindheit im Dorf verbracht. Seine standesbewußten Eltern waren gestorben, als er noch im frühen Kindesalter war, und eine Reihe bäuerlicher Kinderfrauen zogen ihn unter Aufsicht des Dorfpriesters auf; als er acht Jahre alt war, wurde er als Page an den Hof des Herzogs geschickt. In vielen Dingen fühlte er aber noch immer wie ein Bauer aus Talensac. Man mußte ihm nicht sagen, daß das Dorf sich durch Justin verletzt fühlte, daß es ihm jedoch widerstrebte, sich den Forderungen des Verwalters von Montfort zu beugen. Justin räusperte sich, beunruhigt durch das finstere Aussehen seines Herrn. »So, Machtiern, Ihr seid also zurück«, sagte er. »Ja«, erwiderte Tiarnán, der noch dabei war, die Weidenrinde abzuschälen. »Und ich finde dich hier, wie es scheint.« »Es war nicht meine Schuld, daß es eine Schlägerei gab«, sagte Justin zu seiner Verteidigung. »Ich hab das Mädchen bloß mit in die Schenke genommen, um etwas Spaß mit ihr zu haben. Ihr Bruder brauchte nicht solch ein Aufhebens davon zu machen.« Ein verächtliches Schnauben der Umstehenden war zu hören. Anständige Mädchen gingen nicht in Bierschenken, und jeder Bruder, der seine Schwester an einem solchen Ort fand und keinen Krach schlug, gab so gut wie zu, daß seine Schwester eine Hure war. »Justin«, sagte Tiarnán betont langsam, »du bist ein Trunkenbold und ein Raufbold und eine Schande für das Dorf. Willst du, daß man in Montfort sagt, die Männer von Talensac sind Hurenböcke?« Die Leute von Talensac murmelten zustimmend; einige der Älteren nickten beifällig. »Montfort braucht keine Hurenböcke«, sagte Justin grollend. »Die Mädchen sind dort alle Huren. Machtiern, Ihr könnt mich nicht rügen, daß ich kämpfe. Ich bin ein kämpferischer Mann. Ich habe gut für Euch gekämpft, wie niemand besser weiß als Ihr selbst.« Das war richtig. Wenn Tiarnán zu den Kriegen des Herzogs aufgerufen wurde, brachte er einen Trupp junger, körperlich tüchtiger Männer von seinem Gut mit, bewaffnet mit Speeren, Schleudern und was sie sonst an Waffen auftreiben konnten. Justin hatte wie ein Tiger für Tiarnán und den Herzog gekämpft. Aber leider kämpfte er so auch zu Hause. »Schenken«, sagte Tiarnán verächtlich, »sind nicht der Ort, wo Schlachten gewonnen werden.« »Ich bin in die Schenke gegangen, um ein bißchen Spaß zu haben«, erwiderte Justin herausfordernd. »Ein Mann kann sich nicht dauernd auf den Feldern abplagen. Und ich kann es mir nicht leisten, fast jede Woche drei Tage im Wald zu verschwinden.« Abrupte Stille war die Reaktion der Zuhörer auf diese Worte. Talensacs Machtiern war tatsächlich sehr häufig abwesend, und man hatte im Dorf viele Theorien darüber, was er während dieser Zeit tat. Daß er einfach jagen ging, war die bei weitem uninteressanteste. Aber es war unverschämt und in höchstem Maße ungehörig für einen Bauern, das dem Herrn ins Gesicht zu sagen, und sogar Justin hatte das Gefühl, zu weit gegangen zu sein. Aber er blieb bei seiner herausfordernden Haltung und machte keinen Versuch, seine Worte zurückzunehmen. Tiarnán trat an den Stock heran und sah Justin ironisch an. Mit dem Ende seiner Weidengerte schlug er leicht an den hölzernen Rahmen. »Du bist es, der sich hier befindet, Justin«, sagte er gelassen, und die Anspannung wich von den Zuhörern. Tiarnáns brauner, weißgefleckter Spürhund Mirre kam vom Lis angerannt, sprang über die Brücke und preßte schwanzwedelnd die Nase in die Hand seines Herrn. Der Verwalter Kenmarcoc eilte den Hügel herab hinter ihm her, gefolgt von Justins Schwester und einer Menge Leute aus dem Gutshaus. Kenmarcoc war ein dunkler, pferdegesichtiger, geschwätziger Mann mit schlechten Zähnen. Er war Priester und hatte sowohl das Amt des Hauskaplans wie des Verwalters inne, erhob aber keinerlei Ansprüche auf Heiligkeit. Ursprünglich war er nach dem Tod von Tiarnáns Vater nach Talensac gekommen, um das Gut für den Herzog zu verwalten, aber er hatte ein Mädchen aus dem Dorf geheiratet – damals dachte niemand daran, dem weltlichen Klerus den Zölibat aufzuerlegen. Als Tiarnán großjährig wurde und das Gut übernahm, schlug er Kenmarcoc vor, als Verwalter zu bleiben. Er mochte den Mann und vertraute ihm. »Seid gegrüßt, Herr!« rief Kenmarcoc, bevor er noch die Brücke überschritten hatte. Ohne den Gegengruß abzuwarten, sprudelte er schwer atmend die Geschichte von Justin, der Schenke und dem Mädchen hervor, und er fügte die Information hinzu, daß der Mann mit dem gebrochenen Schlüsselbein einen Monat lang nicht fähig sein werde zu arbeiten und daß das Bier und der Fensterladen einen Sou wert gewesen seien. »Vier Sous würden also die Kosten der Beschädigung decken und den Lohnausfall des Mannes ersetzen, bis er wieder gesund ist?« fragte Tiarnán. »Ja, Herr«, sagte Kenmarcoc, »aber der Verwalter von Montfort – der Teufel soll ihn holen – verlangt zehn. Auch fordert er, daß Justin bestraft wird.« »Ich bin bestraft worden!« warf Justin klagend ein. »Ich habe einen steifen Rücken, meine Füße sind taub, als wären sie abgestorben, mein Haar ist voll von Dreck und Unrat, und ich habe letzte Nacht nicht einen Augenblick geschlafen, eingeschlossen in meinem eigenen Gestank. Laßt mich raus, Kenmarcoc!« »Der Stock kann dich bestrafen für den Fensterladen«, fuhr Kenmarcoc ihn an, »aber nicht für das Schlüsselbein des Mannes oder die Ehre seiner Schwester.« »So was hab ich nie bei ihr gefunden«, murrte Justin, »und sie hat mir jede Möglichkeit gegeben nachzuschauen.« Eine Frau in der Menge rief empört: »Schamlos!« Kenmarcoc sah Tiarnán an, und dieser deutete mit dem Kopf zum Stock. Der Verwalter seufzte, nahm den Schlüssel für den Stock von dem Ring an seinem Gürtel und schloß ihn auf, oben und unten. Justin stand schwankend auf, unterstützt von seinem Schwager, dem Schmied, und seinem Freund und Saufkumpan Rinan. Er stampfte mit seinen tauben Füßen auf den Lehmboden, schüttelte die Arme, streckte den schmerzenden Rücken und sah besorgt zu Tiarnán hinüber. Er argwöhnte, daß seine Strafe noch nicht erledigt war – und er hatte recht. »Zieh deinen Kittel aus«, befahl Tiarnán, während er bedeutungsvoll die Weidengerte leicht gegen die Handfläche schlug. Justin stöhnte, zog aber den verschmutzten Hanffaserkittel aus, wandte sich zu seinem Herrn um und sah ihn mit einem halb empörten, halb flehenden Blick an. Die nackte Brust war imponierend muskulös, die Haut auf den Schultern von der Feldarbeit in der Hitze des Jahres rosa verbrannt. Er überragte Tiarnán um einen halben Kopf. Tiarnán legte die Gerte hin und zog seinen grünen Rock aus, unter dem er ein leinenes Hemd trug. Dann nahm er die Gerte wieder auf und deutete mit ihr auf die Tore des Friedhofs hinter der Kirche. »Dort ist Asyl«, sagte er. Justin schaute ihn an, begann sich umzudrehen, und Tiarnán fiel über ihn her wie ein Falke, der einen Hasen schlägt. Die Weidengerte pfiff durch die Luft und traf knallend auf den Rücken des Opfers. Dann rannte Justin los, Tiarnán, wild zuschlagend, immer neben ihm. Eine Minute später war alles vorbei, und Justin war auf der anderen Seite des Kirchhoftores, an das er sich mit beiden Händen klammerte. Er keuchte schwer, von harten Schluchzern geschüttelt. Rücken und Schultern waren mit blutigen Striemen bedeckt. Tiarnán brachte die blutgerötete Gerte ein letztes Mal nieder, harmlos auf den Zaun, und ging zum Stock zurück. Sein Atem ging schnell, und die Hand, mit der er zugeschlagen hatte, schmerzte. »Ihr könnt dem Verwalter des Herrn von Montfort mitteilen«, sagte er zu Kenmarcoc, »daß Justin ausgepeitscht worden ist.« Er spürte, wie eine Bewegung durch die Zuschauer ging, wie das Aufplustern von Federn in einem Vogelschwarm. Die Zufriedenheit, die das Auspeitschen in ihm gestört hatte, kam zurück. Er hatte das Gleichgewicht wiederhergestellt. Montfort würde das Auspeitschen akzeptieren, aber Talensac wußte, daß eine Weidengerte, wenn sie auch noch so heftig geschlagen wurde, nicht das gleiche war wie eine Peitsche aus Leder mit Metallspitzen, und ein rennendes Opfer war etwas anderes als ein schändlich an den Pfahl gekettetes. Justin hatte nicht mehr und nicht weniger bekommen, als er nach Meinung des Dorfes verdiente, und was das Dorf dachte, war wichtig für Tiarnán. Er würde das nie zugeben – schließlich war er der Gutsherr und brauchte von niemandem Rat einzuholen, was er auf seinem eigenen Gut tat –, doch ohne Talensacs Billigung würde er sich seiner Autorität beraubt fühlen. Er warf die Gerte in den Bach und sagte: »Justin wird für das Bier und den Fensterladen bezahlen, aber ich übernehme den Rest des Schadens und das Bußgeld selbst.« Justin hob den Kopf. »Ich brauche keine Mildtätigkeit von Euch, Machtiern!« erklärte er stolz. »Du verdienst sie auch nicht«, erwiderte Tiarnán. »Ich werde es trotzdem bezahlen, so daß das Gut von allen Schulden frei sein kann, wenn ich heirate, was bald sein wird.« Die Menge reagierte mit einem zufriedenen »Ahhh!« Die Leute riefen: »Gottes Segen auf Eure Heirat, Machtiern! Sie soll Euch Freude bringen!« Niemand fragte, wen er heiraten würde; sie hatten seit Wochen auf die Ankündigung gewartet. Und sie waren froh darüber. Eine Hochzeit war immer etwas, worauf man sich freute, aber vor allem wünschten sie, daß ihr Herr Söhne zeugen würde, damit das Gut sicher auf eine neue Generation der angestammten Herren übergehen konnte und nicht, was Gott verhüten möge, einem Fremden übergeben wurde, der vielleicht alles ändern wollte. Tiarnán nickte kurz seinen Dank für die Glückwünsche, dann nahm er seinen Rock auf, warf ihn über die Schulter und ging über die Brücke und den Hügel hoch zum Gutshaus, begleitet von seinem Hund, der glücklich hinter ihm hertrottete. Justin ließ das Kirchhoftor los, schwankte zum Bach hinüber und begann, sich das Blut abzuwaschen, während sich die Menge verlief. Seine Schwester kam herüber, um ihm zu helfen. »Das war ein grausames Schlagen«, sagte sie mitfühlend, tauchte einen Zipfel ihrer Schürze in den Bach und wischte vorsichtig über die Striemen. »Halt den Mund!« knurrte ihr Bruder, vor Schmerzen zusammenzuckend. »Bring mir meinen Kittel, wenn du schon helfen willst.« Er tauchte den verschmierten Kopf in das fließende Wasser. Judith brachte den Kittel und wusch ihn im Bach aus. Justin lehnte sich auf die Fersen zurück und streckte die Arme nach vorn aus; die gequälten Muskeln zitterten. »Christus soll mein Zeuge sein, der Mann hat einen Arm wie Eisen«, sagte er. »Verdammt, das schmerzt!« »Ich dachte nicht, daß er es tun würde«, sagte sein Freund Rinan. »Nicht für den Verwalter von Montfort.« Justin gab ihm einen Blick voll tiefer Verachtung. »Denkst du, unser Machtiern würde das für einen Haufen Hundescheiße wie den Verwalter von Montfort tun?« fragte er. »Was, meinst du, kümmert ihn der Verwalter von Montfort – oder der Herr von Montfort meinetwegen? Ist er nicht der großartigste Kämpfer der ganzen Bretagne? Habe ich nicht selbst gesehen, wie er sein Schwert durch den Helm eines Mannes hindurch eine Handbreit tief in seinen Schädel hineinhieb? Ein solcher Mann läßt sich nicht einschüchtern von einem bartlosen Dummkopf aus Montfort. Er hat mich ausgepeitscht, weil er es wollte, und er ist der einzige, der das Recht hat, in dieser Sache zu entscheiden.« Rinan war verblüfft. »Ich meinte nur …«, begann er. »Du weißt nicht, was du meinst«, höhnte Justin. »Montfort könnte unserem Machtiern nicht so viel wie einen Flohfurz sagen.« Weiter würde er sich nicht äußern, denn er schämte sich, einem Mann dankbar zu sein, der ihn gerade geschlagen hatte. Doch er fühlte sich dankbar. Justin hatte sein ganzes Leben lang Horror davor gehabt, hilflos zu sein. Sein immer wiederkehrender Alptraum war, in einem Netz verheddert oder am Boden festgenagelt zu sein und hilflos zusehen zu müssen, wie irgendein todbringendes Untier auf ihn zukam. Als er gehört hatte, was der Verwalter von Montfort verlangte, war er krank vor Angst gewesen, wenn auch zu stolz, es zu zeigen. Es war nicht der Gedanke an Schmerzen, der ihn ängstigte – Kämpfen schmerzte auch, und es machte ihm trotzdem Spaß –, sondern der Gedanke, es hilflos über sich ergehen lassen zu müssen. Mit einem Schandpfahl konfrontiert, wäre er vielleicht sogar zusammengebrochen und hätte um Gnade gebettelt. Eine unsägliche Schande! »Dort ist Asyl«, hatte Tiarnán gesagt, und damit war der Schmerz in seine Macht gegeben, er konnte ihn beenden, indem er das Tor erreichte. Judith schnaubte verächtlich und warf ihrem Bruder den feuchten Kittel hin. »Denkst du nur gut von Menschen, die dich schlagen können?« fragte sie. »Warum soll ich gut von Menschen denken, die ich selbst schlagen kann?« antwortete Justin, hochmütig grinsend. An demselben sonnigen Morgen saß Eline de Comper auf ihrem Bett und betrachtete sich in einem silbernen Handspiegel. Es war ein großer Spiegel, und sie konnte Gesicht und Schultern zugleich in ihm sehen. Sie prüfte, ob ihr neuer Schleier richtig saß. Wie schön er war! Sie drehte den Kopf hin und her und bewunderte die Wirkung von allen Seiten, dann legte sie den Spiegel hin und nahm den Schleier ab, um ihn noch einmal genau anzusehen. Er war vergißmeinnichtblau, an den Rändern mit winzigen goldenen Blumen bestickt, und er war aus reiner Seide. Tiarnán hatte ihn ihr als Verlobungsgeschenk gegeben. Eline hielt den Schleier in beiden Händen und ließ sich rückwärts auf das Bett fallen. Sie drückte das Seidentuch an ihr Herz und sah strahlend zur Zimmerdecke hoch. Eline war sechzehn Jahre alt, und sie würde bald heiraten. Sie schloß die Augen, es schien immer noch zu wunderbar, um wahr zu sein. Sie konnte ihrem Ehemann keine große Mitgift bringen, aber das spielte keine Rolle: Er liebte sie, und sie würde seine Frau sein. Herrin eines Ritterguts und Frau des glänzendsten Ritters in der Bretagne! Eline war Hervé de Compers jüngstes Kind, das verhätschelte Baby einer großen Familie. Ihre beiden älteren Schwestern hatten schon vor Jahren geheiratet; die Frauen ihrer beiden Brüder füllten das Herrenhaus von Comper eifrig mit Kindern. Eline war der Liebling ihres Vaters, sein letztes und schönstes Küken. Sie liebte ihn innig, doch manchmal hatte sie befürchtet, er würde sie nie heiraten lassen und sie müßte diese kleine Kammer mit ihrer Cousine und ihren Nichten teilen, für ihren Vater sorgen und im Haushalt helfen, bis sie eine alte Frau von zwanzig war und – welche Schande – rasch an den ersten besten verheiratet werden mußte. Und jetzt war sie mit Tiarnán verlobt. Es war die beste Partie, die jemand aus ihrer Familie gemacht hatte. Hervé stammte aus einem nicht durch besondere Ruhmestaten hervorgetretenen Rittergeschlecht, und sein bescheidenes Gut konnte nur mit Mühe den standesgemäßen Unterhalt für die große Familie erwirtschaften. Tiarnán hatte nicht nur Talensac – ein ertragreiches Gut, kaum einen Nachmittagsritt von Comper entfernt –, er stand auch hoch in Herzog Hoels Gunst. Die ganze Bretagne wußte, daß der Herzog einmal erklärt hatte, er würde lieber einen zweiten Ritter wie Tiarnán haben als eine ganze Truppe Soldaten. Ritter, die sich der Gunst ihres Lehnsherrn erfreuten, konnten damit rechnen, daß ihre Ländereien wuchsen. Wie wunderbar, wie herrlich, daß ein solcher Mann sie zu heiraten wünschte! Eline setzte sich wieder auf und küßte den Schleier, dann legte sie ihn auf das Bett und schaute noch einmal in den Spiegel. Ihr Haar war glatt, deshalb hatte sie das Gefühl gehabt, der Schleier säße nicht richtig. Sie hatte geübt, das Haar wie eine verheiratete Frau aufzustecken, statt es lose oder in Flechten fallen zu lassen, wie Mädchen es taten. Sie würde noch lernen müssen, es richtig zu machen. Sie lächelte bei dem Gedanken, und ihr Spiegelbild in dem glänzenden Silber lächelte strahlend zurück. Der Anblick machte sie noch glücklicher. Es war ein schönes Gesicht. War es sündhaft, darauf stolz zu sein? Sicherlich nicht. Es konnte nicht sündhaft sein, wenn man sich freute, daß man Menschen gefiel. Ihr Vater sagte, er müsse lächeln, wenn er sie nur anschaue. Und wenn Tiarnán sie betrachtete, sah sie ein solches Entzücken in seinen Augen, daß sie jauchzen und singen mochte. Schönheit war das Geschenk, daß sie für ihn hatte, ihre Gegengabe für Talensac, und sie war froh, daß sie es geben konnte. Sie lächelte wieder ihr Spiegelbild an: rosa Lippen, helle Haut, kleine, gerade Nase, lebhafte, blauviolette Augen unter schwarzen Wimpern, hohe Stirn – ihr Ehemann würde bestimmt stolz auf sie sein. Sie würde am Hof des Herzogs in einem blauen seidenen Gewand erscheinen, und alle Höflinge würden einander zuflüstern: »Das ist Ritter Tiarnáns Frau!« Sie würde ihm Ehre machen. Sie hatte den Haaransatz ein wenig abrasiert, um die Stirn noch höher erscheinen zu lassen, und die Augenbrauen zu einem schön geschwungenen Bogen gezupft – daran war nichts Unrechtes. Auch ihr Haar war sehr schön, weißblond und glänzend. Sie band die Enden ihrer Flechten los und begann sie zu lösen. Wenn sie die Herrin von Talensac war, würde sie eine Zofe haben, die ihr das Haar aufsteckte. Sie würde sich eine der Leibeigenen ihres Mannes aussuchen, ein hübsches Ding natürlich, jünger als sie selbst, dreizehn vielleicht, und sie würde ihr beibringen, wie sie alles haben wollte. Tante Godildis sagte, man müsse sie sich jung erziehen; wenn sie schon eine andere Herrin gehabt hatten, meinten sie immer, es sei besser, wie die andere die Dinge getan hatte. Eline nahm ihren Kamm aus einer Schachtel auf dem Toilettentisch, den sie mit den anderen Bewohnerinnen der Kammer teilte. Als sie das Haar ausgekämmt hatte, schaute sie noch einmal in den Spiegel und bewunderte seinen Glanz. Sie hörte ein Geräusch am Fenster und drehte sich um: Alain de Fougères saß rittlings auf dem Fensterbrett. Einen Augenblick saß Eline wie erstarrt da. Später fiel ihr ein, daß sie hätte schreien sollen, aber es kam ihr nicht in den Sinn, wegen Alain zu schreien. Sie kannte ihn schon, als sie noch nicht ganz fünfzehn gewesen war und sie sich am Fest des heiligen Petrus in der Kathedrale von Rennes begegnet waren. Er war danach oft nach Comper gekommen, und ihr Vater hatte ihn eigentlich nicht entmutigt – nicht bevor Tiarnán als Bewerber auftrat. Sie war nie zuvor allein mit ihm gewesen, natürlich nicht. Kein unverheiratetes Mädchen, das auf sich hielt, würde sich jemals allein mit einem Mann treffen. Er hatte sich im Hause ihres Vaters immer als wohlerzogener Edelmann verhalten. Alain legte den Finger auf die Lippen und sprang ins Zimmer. Er sah hager und erschöpft aus und hatte sich seit Tagen nicht rasiert. Die Ärmel seines feinen roten Rocks waren verschmutzt, und darüber hatte er ein gepolstertes Lederwams, wie es gewöhnlich unter der Rüstung getragen wird. »Was tust du hier?« fragte Eline mit vor Aufregung quiekender Stimme. »Ich wollte dich sehen«, sagte Alain. »Ich mußte es. Ich habe gerade gehört, daß du Tiarnán heiraten wirst. Süße Eline, das kannst du nicht wollen.« Eline kroch auf der entgegengesetzten Seite aus dem Bett und starrte ihn aus sicherer Entfernung an. »Wie bist du hereingekommen?« fragte sie. »Weiß Vater, daß du hier bist?« Er schüttelte den Kopf. Tatsächlich hatte er Hervés Torwächter – einem einfältigen alten Mann, der dazu neigte, jedem zu trauen, den er kannte – gesagt, daß er Ritter Hervé sehen möchte. Dann war er heimlich um die Rückseite des Hauses geschlichen und an einem Gitter hochgeklettert, um Elines Zimmer zu erreichen. Das alles hörte sich jedoch zu würdelos an, um es zu erwähnen. »Eline«, sagte er statt dessen, »ich mußte dich sehen. Ich sollte jetzt eigentlich in Rennes sein. Ich hatte einen Auftrag für den Herzog auszuführen, aber als ich hörte, du würdest Tiarnán heiraten, war ich außer mir. Ich habe meine Gefolgsleute und das Mädchen, das ich zum Herzog bringen sollte, auf der Straße verlassen und bin direkt hierhergekommen. Wir können doch nicht zulassen, daß sie uns trennen! Du weißt, wie sehr ich dich liebe. Wenn ich dich habe, kümmert mich sonst nichts auf der Welt. Bitte, Eline, komm mit mir, jetzt gleich!« Er ging einen Schritt auf sie zu, Eline wich zurück. »Komm ja nicht näher!« fuhr sie ihn an. »Geh jetzt, oder ich schreie.« Er blieb stehen und starrte sie verblüfft an. Sie mußte unwillkürlich denken, wie gut er aussah, selbst in diesem Zustand. So blond und breitschultrig und blauäugig, besser noch als Tiarnán – aber sie unterdrückte diesen illoyalen Gedanken sofort. »Wie konntest du auf die Idee kommen, ich würde mit dir weggehen?« fragte sie ärgerlich. »Ich liebe dich«, antwortete er aus ganzem Herzen. »Ich will dich heiraten.« »Auch Tiarnán liebt mich und will mich heiraten. Wieso denkst du, ich würde dich ihm vorziehen?« Er sah sie ungläubig an, wie vor den Kopf gestoßen. Seine Leidenschaft hatte sein Wesen so völlig durchdrungen, daß er gar nicht auf den Gedanken gekommen war, sie könnte nicht erwidert werden. »Eline!« rief er verzweifelt aus. »Oh, ich mag dich, Alain«, schwächte sie ihre Worte ein wenig ab. Sie erinnerte sich, wie er vor einem Jahr mit ihrer Familie zur Kirche geritten war und auf dem Weg eins der Troubadourlieder gesungen hatte, die der Herzog von Aquitanien für seine Dame geschrieben hatte, eine neue Art Lied, von einer neuen, leidenschaftlichen Art von Empfindung geprägt. Sie hatte gewußt, daß er es für sie sang. »Wenn es nicht wegen Tiarnán wäre, würde ich dich sehr gern heiraten«, räumte sie ein. »Aber er ist ein besserer Mann als du, und jeder weiß das.« »Weil er Land besitzt!« Alains Stimme war von Verachtung erstickt – nur ein heiserer Flüstern. »Anbetungswürdiges Land! Du sprichst wie mein Vetter Tiher! Was kümmert uns Land? Ist Liebe nicht wichtiger?« In Gedanken hatte er dieses Gespräch viele Male geführt, und sie hatte ihm natürlich immer zugestimmt. Dabei hatte er fast vergessen, daß er es nie wagen würde, so etwas vor ihrem Vater auszusprechen. »Warum sollte ich nicht die Herrin eines Ritterguts sein?« sagte Eline. Dann errötete sie, weil es sich so käuflich anhörte. »Und jedermann weiß, wie tapfer Tiarnán ist und welch ein geschickter Fechter. Er hat Robert de Bellêmes Bruder Geoffroy im Zweikampf getötet. Jeder hat davon gehört. Und er ist wohlhabend und jung und sieht gut aus – und er liebt mich sehr. Wie konntest du glauben, ich würde einverstanden sein, mit dir fortzulaufen?« »Er wird dich nie so sehr lieben, wie ich es tue.« Alain mußte gegen eine Panik ankämpfen. »Niemand könnte dich so sehr lieben, wie ich dich liebe, am wenigsten Tiarnán. Er ist ein kalter schwarzer Teufel. Alles, was ihn wirklich interessiert, ist Töten. Ich habe ihn kämpfen sehen, er ist wie ein Wahnsinniger. Die Leute denken gut von ihm, weil alle Männer, die er bisher getötet hat, Feinde des Herzogs waren. Aber er wütet wie ein blutdürstiges Wiesel in einem Hühnerhof. Wenn es keine Männer zu töten gibt, tötet er Tiere. Ich habe ihn auf dem Weg nach Rennes getroffen und von ihm erfahren, daß er dich heiraten wird. Er war auf der Jagd gewesen – zu Fuß, in diesem alten grünen Jagdanzug, ganz allein, sogar ohne Hund! Was für eine gemeine Art zu jagen! Er hat gerade dein Wort bekommen, daß du ihn heiraten wirst, und er geht jagen! Bleibt nicht bei dir, geht nicht direkt zum Hof, um jedermann die gute Nachricht zu erzählen, nein, er geht einfach in den Wald, allein.« Alain holte tief Luft, dann redete er zusammenhanglos weiter: »Aber er geht jetzt oft allein los, das ist allgemein bekannt. Drei Tage fast jede Woche. Jagen, sagt er. Allein, immer allein. Niemand darf mit ihm kommen. Er läßt sein Pferd zu Hause. Er nimmt niemals einen Falken mit. Als ich ihn traf, war er sogar ohne Hund. Wie konnte er ohne Hund jagen? Wohin, meinst du, geht er wirklich? Jagen? Oder zu einer Frau?« »Sei still!« kreischte Eline wütend. »Du bist ja nur eifersüchtig. Mach, daß du fortkommst. Hinaus!« Alain hörte plötzlich ein Geräusch von Tritten, die die Treppe hochkamen. »Eline!« flehte er verzweifelt. »Komm mit mir!« »Hinaus!« schrie Eline. Sie sprang über das Bett und schob ihn auf das Fenster zu. »Wenn du nicht das Gut verlassen hast, bevor mein Vater erfährt, daß du hier warst, wird er dich in den Stock legen lassen. Du kannst es mir glauben. Hinaus!« Halb sprang, halb fiel Alain aus dem Fenster und rutschte das Gitter hinunter. Es war ein Rosengitter, und als er auf dem Boden ankam, waren Gesicht und Hände von Dornen zerkratzt. Er stand einen Augenblick regungslos da, von Schmerzen gepeinigt, und sah zu dem Fenster hoch, aus dem Stimmen zu hören waren, eine fragend, die andere spöttisch antwortend. Dann drehte er sich um und rannte stolpernd davon. Er war auf halbem Wege zum befestigten Tor des Gutshofes, bevor ihm einfiel, daß er Panzerhemd, Schwert und Helm unter einem Apfelbaum zurückgelassen hatte. Dort hatte er sie abgelegt, um das Gitter hochzuklettern. Fast wäre er zurückgelaufen, um sie zu holen – dann dachte er an den Stock und lief weiter. Zum Glück hatte der alte Torwächter noch nicht erfahren, daß er sich den Zutritt erschlichen hatte, und ließ ihn durch. Alain holte sein Pferd, das er außerhalb des Tors angebunden hatte, und ritt im Galopp von Comper fort. Erst als das Dorf weit hinter ihm lag, erlaubte er dem müden Tier, im Schritt zu gehen, und vergrub das Gesicht in der Mähne, hilflos weinend. Er ritt ziellos den ganzen Nachmittag umher; bei Anbruch der Nacht sah er vor sich das Städtchen Montfort, vierzehn Meilen östlich von Comper. Dort gab es nicht nur eine Bierschenke, sondern auch einen Gasthof, in dem er sich für die Nacht einquartierte. Als er am nächsten Morgen aufstand, war er sich nicht klar darüber, welchen Weg er nehmen sollte. Er mußte unbedingt sein Schwert und seine Rüstung zurückholen. Rüstungen waren teuer. Man würde die gesamten jährlichen Pachtgelder eines kleinen Dorfes brauchen, um das zu bezahlen, was er unter dem Apfelbaum zurückgelassen hatte. Doch sehr wahrscheinlich hatte Eline recht, und wenn er sich jetzt in Comper blicken ließe, würde man ihn in den Stock legen. Der Stock, öffentliches Auspeitschen und ähnliche Demütigungen waren normalerweise Angehörigen der niederen Stände vorbehalten, und Alain konnte den Gedanken daran nicht ertragen – die Erniedrigung und der unvermeidlich folgende Spott! Wenn Eline gesagt hätte: »Vater wird dich umbringen«, hätte er es eher gewagt, nach Comper zurückzukehren. Besser würde es wohl sein, zunächst nach Fougères zu reiten und von dort einen Pagen zu schicken, um Schwert und Rüstung zu holen. Allerdings würde Hervé de Comper sie wahrscheinlich ohne Lösegeld nicht zurückgeben. Dann würde Alain seinen Vater um das Geld bitten und ihm erklären müssen, wo er gewesen war und was er getan hatte. Bei dem Gedanken seufzte er laut. Vielleicht sollte er doch besser zuerst nach Rennes gehen. Tiher würde sich Sorgen um ihn machen. Doch dann mußte er dem Herzog gegenübertreten und ihm erklären, warum er seinen Auftrag nicht zu Ende geführt hatte. Auch würde er zu erklären haben, wieso Tiarnán das Mädchen gerettet hatte, das er, Alain, sicher nach Rennes bringen sollte. Er seufzte wieder. Alles hatte sich gegen ihn verschworen, und als Gegenleistung für seine treue Liebe erhielt er von allen Seiten nur Demütigungen. Er hätte dem Einfall, nach Comper zu galoppieren, niemals nachgeben dürfen. Aber vielleicht wäre Eline doch einverstanden gewesen, mit ihm fortzugehen, und dann wäre alles andere ohne Bedeutung gewesen. Schließlich sattelte er sein Pferd und ritt von Montfort in Richtung Osten, sehr langsam, denn er hoffte, es würde ihm eine andere Lösung einfallen, bevor er in Rennes ankam. Das einzige, was ihm in den Sinn kam, war, sich dem Kreuzzug anzuschließen. Die Idee sagte ihm zu: Aus Liebe zum Exil gezwungen, würde er entweder bei der Befreiung der heiligen Stätten von den Türken einen ritterlichen Tod erleiden oder als Held in die Heimat zurückkehren. Doch auch bei diesem Plan gab es praktische Schwierigkeiten. Nach den letzten Nachrichten belagerten die christlichen Heere Antiochia, und Antiochia war sehr, sehr weit entfernt. Es würde eine Menge Geld kosten, es zu erreichen, und er wußte, sein Vater würde es ihm nicht geben. Außerdem – und das härteste seiner Probleme kam wie ein Rad auf ihn zurückgerollt – hatte er sein Schwert und seine Rüstung nicht. Er ritt mit gesenktem Kopf, so intensiv mit der Frage befaßt, wie er heimlich in Comper eindringen und seine Ausrüstung zurückholen könnte, daß er die Hufschläge hinter sich nicht hörte, bis sie langsamer wurden. Da sah er auf und stellte fest, daß Tiarnán neben ihm ritt. Tiarnán hatte Talensac am Morgen in besorgter und gereizter Stimmung verlassen. Zum Teil kam das daher, daß er hungrig war. Er fastete noch gewissenhaft als Buße für die Tötung der beiden Räuber. Für die Dauer der Buße durfte er nur Brot und Salz essen und nur Wasser trinken. Wenn er eine oder zwei kurze Wallfahrten machte – zum Beispiel zum Schrein des heiligen Samson in Dol und des heiligen Mailon in St-Malo – oder wenn er Almosen für die Armen gab, konnte er die Dauer der Buße abkürzen, aber sie nicht aufheben. Es war natürlich möglich, Bußen unbegrenzt aufzuschieben – sie konnten sogar nach dem Tod geleistet werden, im Fegefeuer –, aber Tiarnán wollte im Zustand der Gnade heiraten, wenn alle vergangenen Sünden gesühnt waren. Daher war er hungrig. Die von dem Eremiten Judicaël auferlegten Bußen waren für diese Zeit sehr streng. Eine Generation vorher würden die meisten Priester ähnlich strenge Bußen verhängt haben, aber die neue Ära war laxer. Viele Beichtväter hätten die Tötung von zwei Räubern überhaupt nicht als Sünde angesehen. Doch Tiarnán kam es gar nicht in den Sinn, sich nach einem anderen Beichtvater umzusehen. Er teilte die allgemeine Überzeugung von Talensac, daß Vater Judicaël ein sehr gottgefälliger Mann war, ein Heiliger, wenn auch noch nicht von der Kirche anerkannt. Aber das war der geringste der Gründe für seine Anhänglichkeit. Bevor Judicaël in seine Einsiedelei ging, war er der Gemeindepriester von Talensac gewesen. Als Tiarnán Waise wurde, hatte Judicaël sich um seine Betreuung gekümmert. Er hatte dem Jungen das Beten beigebracht und ihn das Schreiben und Lesen gelehrt. Er war mit ihm durch den Wald gewandert, hatte ihn auf den Schultern getragen, wenn er müde wurde, und hatte ihm die Pflanzen und die Tiere gezeigt, ihre Namen genannt und ihre Lebensweise erklärt. Seine Maßstäbe waren es, an denen alles gemessen werden mußte, und keine Absolution von jemand anderem zählte. Das war auch ein weiterer Grund für Tiarnán, besorgt zu sein. Judicaël war der Meinung, er solle Eline nicht heiraten. Der Eremit war von Anfang an über diesen Heiratsplan unglücklich gewesen. »Sie wird dich nicht verstehen, und du wirst sie nicht verstehen«, hatte er gesagt. »Ihr werdet euch gegenseitig Schaden zufügen. Wie du sagst, gibt es einen anderen Mann, der sie zuerst geliebt hat, einen Mann, der vielleicht besser zu ihr paßt. Wenn sie ihn liebt, ist es dann richtig, sich einzumischen?« Die Autorität des Eremiten war so groß, daß sein Pflegesohn sich zurückgezogen hatte – für eine kleine Weile. Aber Elines Vater hatte ihn nach Comper eingeladen, und dort hatte sein Begehren über die Skrupel gesiegt. Er sagte sich, daß Judicaël Eline nie getroffen hatte und nicht beurteilen konnte, ob sie ihn verstehen würde. Er aber liebte Eline; Liebe würde ihm Verständnis geben. Eine Zeitlang hatte dieses Argument ihn zufriedengestellt, doch jetzt, in seiner Gereiztheit durch den Hunger, schlichen sich Zweifel ein. Er liebte Eline, aber liebte sie ihn? Er wußte sehr gut, daß er von Hervé nur deshalb bevorzugt worden war, weil er der Herr eines Rittergutes war. Hatte er Eline vielleicht zu der Heirat mit ihm gezwungen, obwohl sie Alain de Fougères ihm vorzog? Er dachte über Alain de Fougères nach, als er sich heute morgen auf den Weg nach Rennes machte. Alain war ein echter Ritter, edel geboren und aufgezogen. Er sah gut aus. Er konnte all die neuen Lieder aus dem Süden singen und sich dazu auf der Laute begleiten. Er konnte tanzen; er konnte Schach spielen. Gekleidet war er immer nach der neuesten Mode. Ihn würde man nie zu Fuß in einem alten grünen Rock herumwandern sehen. Er schien nie das Bedürfnis zu haben, etwas für einen Ritter Unschickliches zu tun. An ihm war keine Spur von bäuerlicher Art zu finden. Und er liebte Eline offenbar aufrichtig. Je mehr Tiarnán über seinen Rivalen nachdachte, um so besorgter wurde er. Tiarnán war sich seiner Unzulänglichkeiten peinlich bewußt – seine bäuerliche Erziehung, sein einfacher Geschmack, sein Mangel an Kultiviertheit und feinen Sitten, an gentilesse. Als er mit acht Jahren als Page an den Hof gekommen war, hatte man ihn wegen dieser Schwächen verspottet. Judicaëls Erziehung hatte Tischmanieren, Etikette, Heraldik, Falkenkunde, Tanzen und ein Dutzend anderer Dinge nicht eingeschlossen, die, wie er damals entdeckt hatte, jeder, der sich adlig nannte, wissen und können mußte. Einige der älteren Pagen hatten es auf sich genommen, diesem ungehobelten bretonischen Bauern Manieren beizubringen, und sie hatten das so ausdauernd und mit so brutaler Erfindungsgabe getan, daß Tiarnán eine Zeitlang um seinen Tod gebetet hatte. Dann hatte er gelernt zu kämpfen. Er kämpfte noch immer auf die Weise, die er damals gelernt hatte, mit der rasenden Wildheit des Kindes, dem es egal ist, was ihm selbst passiert, wenn es nur seinen Folterern das Unrecht heimzahlen kann. Jetzt als Mann hatte er diese Wildheit unter Kontrolle. Auch in der größten Kampfeshitze konnte er seine Waffen mit höchster Exaktheit führen, und er behielt immer einen klaren Kopf. Diese Art des Kämpfens war sehr wirkungsvoll, und er wußte, daß man ihn deshalb fürchtete. Es befriedigte ihn – gut zu kämpfen war der Hauptruhm eines Ritters, es brachte ihm Ehre von seinem Landesherrn und Respekt von seinesgleichen. Aber es war eine brutale Kunst, und im Wettbewerb mit einem Rivalen wie Alain hätte er sich Anmut, Witz, feine Lebensart, kurz alles gewünscht, was ihm fehlte, um Eline zu gefallen. Als er den langsam reitenden Alain vor sich auftauchen sah, glaubte er, seine Phantasie spiele ihm einen Streich. Aber als er näher kam und die Identifizierung immer sicherer wurde, erfaßte ihn eine sich mehr und mehr steigernde Wut. Dies war sein gewöhnlicher Weg von Talensac aus, Alain dagegen würde ihn nur benutzen, wenn er von Comper kam. Alain wollte ihn zum Narren halten. Er würde es bedauern. Tiarnán holte in gespannter Ruhe hinter Alain auf, dann ließ er sein Pferd langsam gehen und sah dem anderen zornig in die Augen. Alain schien es, nach dem ersten Schock, wie zwangsläufig, daß er Tiarnán begegnen mußte. Das Schicksalsrad stürzte Alain in die Tiefen des Elends hinab; was war da natürlicher, als daß es seinen Rivalen herbrachte, damit dieser sich an seinem Unglück weiden konnte. In dem Kontrast zwischen ihnen lag sogar eine bittere Genugtuung. Als sie sich das letztemal begegnet waren, hatte Alain eine prächtige Rüstung getragen und einen feurigen Braunen geritten, während Tiarnán in gewöhnlicher Jagdkleidung und zu Fuß gewesen war. Jetzt hatte die Liebe sie beide verwandelt. Alain war abgespannt und unrasiert, von Dornen zerkratzt, ohne Rüstung, bekleidet mit einem schmutzigen Rock und einer schmutzigen Hose und einem ausgepolsterten Lederwams; sein Pferd war nach Tagen scharfen Reitens schlapp und ließ den Kopf hängen – während Tiarnán in prächtiger Aufmachung für den Besuch am herzoglichen Hof daherkam. Seit er Talensac geerbt hatte, war er nie an den Hof gegangen, ohne sich – in Erinnerung an die Qualen seiner Pagenzeit – alle Mühe zu geben, als vornehmer Ritter aufzutreten. Der fleckige grüne Jagdrock war ersetzt durch ein scharlachrot gefärbtes Obergewand mit Kragen und Aufschlägen in Goldbrokat; darüber trug er einen roten, mit Marderpelz besetzten kurzen Mantel, den er wegen der Hitze lose übergehängt hatte. Die Scheide des Schwertes an seiner Seite war mit Gold ziseliert. Der edle braune Hengst, den er ritt, hatte eine karmesinrote Schabracke. Vier oder fünf Knechte und Diener ritten hinter ihm, sie führten zusätzliche Pferde und Maulesel für das Gepäck mit. Das Gesicht, das er Alain zuwandte, war so undurchdringlich wie gewöhnlich, aber um seine Augen lag ein bösartiger und gefährlicher Zug. »Was wünscht Ihr?« fragte Alain aggressiv. »Ich bin überrascht, Euch hier zu sehen, Alain de Fougères«, erwiderte Tiarnán in ruhigem Ton. »Ich nahm an, Ihr wäret in Rennes.« Er sprach Bretonisch, nicht Französisch, wie er es aus Höflichkeit bei ihrer letzten Begegnung getan hatte. Alains Sprache war das Französisch der Bretonischen Mark, aber an Hoels Hof wurde oft Bretonisch gesprochen, und er sprach es einigermaßen flüssig. »Ich bin es nicht«, entgegnete Alain betont lässig. »Das sehe ich.« »Tiher bringt Dame Marie nach Rennes. Wenn Ihr auf dem Weg nach Rennes seid, dann ist dies Eure Straße. Ihr werdet mich entschuldigen, im Augenblick behagt mir Eure Gesellschaft nicht.« Tiarnán reagierte nicht darauf. Er hielt sein Pferd neben dem Alains an und sah ihn auf eine Weise an, die Alains Nerven aufs äußerste strapazierte. Die Pupillen seiner Augen waren verengt, und die Ausdrucksleere seines Gesichts machte den konzentrierten Zorn in diesen Augen noch alarmierender. »Ihr solltet einen Auftrag, den Euch Euer Lehnsherr gegeben hat, nicht anderen überlassen«, sagte er schließlich sehr ruhig. »Und Ihr solltet den Damen anderer Männer nicht hinter ihrem Rücken den Hof machen.« »Sie hat immer mir gehört«, fuhr Alain wütend auf. Seine Hand griff dahin, wo das Heft des Schwertes hätte sein müssen, und faßte ins Leere. Tiarnáns Augen waren der Bewegung gefolgt. »Wo ist Euer Schwert?« fragte er. Kalter schwarzer Teufel, dachte Alain, ihn wütend anstarrend. Aber in seiner Magengrube saß ein Klumpen, der ihm Übelkeit verursachte. An eins hatte er nicht gedacht, als er nach Comper losgaloppierte – daß er deshalb vielleicht mit Tiarnán kämpfen müßte. Nicht daß es den geringsten Unterschied gemacht hätte, ein Ritter de Fougères würde vor niemandem feige zurückweichen; aber er hätte daran denken sollen. Schließlich würde jeder Bauer sich mit einem Mann schlagen, der seine Frau hinter seinem Rücken traf, und Tiarnán ist ein Ritter. Wie er Eline gesagt hatte, hatte er Tiarnán kämpfen sehen, bei Waffenübungen und Turnierkämpfen, und er wußte, daß der Ruf des Mannes verdient war. Er selbst war nur ein durchschnittlicher Fechter. Aber ein ehrenhafter Rückzug war ausgeschlossen. »Mein Schwert ist in Comper«, erklärte er und versuchte, die Angst aus seiner Stimme herauszuhalten. »Und meine Rüstung. Ich … kann sie jetzt nicht selbst holen, aber wenn Ihr wollt, könnt Ihr einen Eurer Männer schicken und sie holen lassen.« Eine Weile herrschte Stille, als Tiarnán darüber nachdachte. Dann wurde der Ausdruck der braunen Augen weniger tödlich. »Warum könnt Ihr sie nicht selbst holen?« fragte er. Alain wurde rot. »Das spielt keine Rolle«, sagte er. »Hervé würde sie Euch geben.« Tiarnán sah ihn genauer an, und jetzt bemerkte er auch die Kratzwunden, den Schmutz, den allgemeinen Eindruck von Niedergeschlagenheit. Langsam wurde ihm die ganze Wahrheit klar, und sein Zorn und seine Betroffenheit verflogen. »Ihr habt sie abgelegt, um das Gitter hochzusteigen, stimmt's?« sagte er. »Daher stammen diese Kratzwunden. Und Ihr habt das Gut in großer Eile verlassen und hattet keine Zeit, die Rüstung wieder anzulegen. Und Ihr wagt nicht, zurückzureiten und sie zu holen. Aber Hervé hat Euch nicht erwischt; Ihr würdet sonst nicht hier sein. Ihr saht, wie Ihr daherrittet, so trübsinnig aus wie eine Eule in der Mauser, und Euch behagt meine Gesellschaft nicht. Eline selbst hat Euch fortgeschickt, nicht wahr?« Alain hatte nie in seinem Leben jemanden so abgrundtief gehaßt, wie er in diesem Augenblick Tiarnán haßte. Die Angst war weg, aufgeschluckt von höchstem Abscheu vor dieser überheblichen Selbstgefälligkeit. Er würde mit Freuden gegen ihn kämpfen. Er mochte am Ende sogar gewinnen. Jemand mußte diesem Bastard einmal eine Lektion erteilen. Alains wortloses Starren, der Abscheu in seinem Blick, das war alles, was Tiarnán an Bestätigung brauchte. Eline liebte Alain nicht. Sein Herz begann wieder zu singen, und der Rest seines Zorns auf den Rivalen verschwand. Es war verständlich, daß Alain Eline liebte, aber sie liebte ihn nicht wieder – armer Teufel! Sie hatte sich für Tiarnán entschieden. Tiarnán zeigte sein Entzücken jedoch nicht offen. Auch das hatte er von den rohen Pagen gelernt, daß man nie seine wahren Gefühle zeigen, sondern sie möglichst verbergen sollte. Glück und Schmerz, beide luden zur Bestrafung ein. So zeigte er nur sein ironisches einseitiges Lächeln und wandte sich an einen der Diener. »Donoal«, sagte er, »reite nach Comper. Richte Ritter Hervé meine Grüße aus, und bitte ihn um Ritter Alains Schwert und Rüstung, die – gestern, Herr Alain? – gestern dort zurückgelassen worden sind. Sag ihm, ich bitte ihn, als besondere Gunst, sie Ritter Alain zurückzugeben. Wollt Ihr, daß sie nach Rennes gebracht werden, mein Herr? Oder nach Fougères?« Alain schluckte. Der Klumpen war wieder da. »Wo würdet Ihr vorziehen zu kämpfen?« Er hoffte, es klang so, als wäre es ihm gleichgültig. »Ich wünsche keinen Kampf«, erwiderte Tiarnán zufrieden. »Ich habe diese Woche bereits für zwei Leichen Buße zu tun. Und warum sollte ich gegen Euch kämpfen? Ihr habt mir einen Dienst erwiesen. Ich wußte nicht, ob Eline sich etwas aus mir macht oder ob sie nur aus Pflichtgefühl der Wahl ihres Vaters folgte. Ihr habt viele adlige Fähigkeiten und Talente, die mir fehlen – denkt nicht, ich hätte das nicht bemerkt. Ich wußte nicht, wen von uns beiden sie von sich aus wählen würde, bis Ihr sie auf die Probe gestellt habt. Gesteht mir das Privileg des Siegers zu, einem edlen Gegner gegenüber großzügig zu sein. Wollt Ihr die Rüstung nach Fougères oder nach Rennes geschickt haben?« Alain hätte ihm gern gesagt, er solle damit zur Hölle fahren, aber er konnte es nicht über sich bringen. Er war froh, daß er nicht mit dem Mann kämpfen mußte, aber er fragte sich, ob er nicht ablehnen sollte, sich seine Rüstung von ihm wiederbeschaffen zu lassen. – Sein Vater würde wütend sein. Ein Ringelpanzer von bester Qualität! Monate Arbeit für den Schmied! Du hast ihn unter einem Baum liegengelassen? Mutter Gottes! Und das Schwert, das ich dir in Tours für zwölf Mark Silber gekauft habe? Du Idiot! Es würde viel leichter sein, seinem Vater gegenüberzutreten, wenn er wenigstens seine Rüstung und sein Schwert unversehrt hatte. »Laßt sie nach Rennes schicken«, murmelte er. Tiarnán gab dem Diener die Instruktion, der sogleich losgaloppierte. Alain blickte ihm nach, dann sah er Tiarnán düster an. »Das Rad des Schicksals hört nie auf, sich zu drehen«, sagte er. »Wenn es mich nach unten gebracht hat, wird es mich eines Tages auch wieder nach oben bringen. Ihr seid jetzt auf dem Gipfel, doch das bedeutet lediglich, daß es für Euch in keine andere Richtung als abwärts gehen kann.« »Ich glaube nicht, daß die Dinge so einfach sind«, erwiderte Tiarnán gleichmütig. »Unsere Schicksale sind fast immer gemischt.« Er sah Alain ironisch an. »Fortuna hat es gut mit Euch gemeint, trotz aller Eurer scharfen Worte über sie. Ihr seid nach Comper hineingekommen und habt es wieder verlassen, ohne erwischt zu werden, und Ihr bekommt sogar Euer Schwert und Eure Rüstung zurück. Solltet Ihr jemals etwas Ähnliches in Talensac versuchen, das verspreche ich Euch heute, werdet Ihr nicht so glücklich sein.« Alain biß wütend die Zähne zusammen und zog die Zügel seines Pferdes an. Diesmal nickte Tiarnán ihm kurz zu und ritt los. Alain sah ihm nach. Eline konnte niemals einen eiskalten, gefährlichen Mann wie diesen wirklich lieben, sagte er sich. Ein solcher Mann konnte sie nicht glücklich machen. Nach ein paar Monaten würde er sie vernachlässigen, wieder seine Jagdausflüge aufnehmen und sie allein in seinem Herrenhaus lassen, ohne andere Gesellschaft als die Dienerschaft. Wenn sie sich beklagte, würde er ärgerlich werden. Vielleicht würde er sie sogar schlagen. Ein Vorfall auf dem Turnierfeld kam ihm plötzlich in Erinnerung: Tiarnán, der sich vom Pferd herab auf einen Ritter stürzt, den er gerade zu Fall gebracht hat, und das hölzerne Übungsschwert immer wieder auf ihn hinunterbringt, so wütend, daß das Schwert zerbricht und der Gegner, dem das Blut aus der Nase strömt, betäubt liegenbleibt. Ein Mann wie Tiarnán ist zu allem fähig. Alains Lebensgeister erwachten wieder. Er würde sich von Tiarnáns Drohungen nicht einschüchtern lassen. Auf irgendeinem Weg würde er Eline wissen lassen, daß er trotz allem, was geschehen war, immer noch ihr treuer Liebhaber war, und wenn sie ihn brauchte, würde er zur Stelle sein. Er brauchte nichts anderes zu tun, als zu warten. Tiher saß an diesem Abend in der großen Halle des herzoglichen Palastes, als Alain hereinkam. Er war dabei, sein Kettenhemd zu reinigen; er ließ die Rüstung klirrend zu Boden fallen, sprang auf und lief ihm entgegen. »Alain!« rief er und packte seinen Vetter bei den Schultern. »Gott sei Dank! Eine Zeitlang habe ich gedacht, du wärest von Tiarnán de Talensac in kleine Stücke zerhackt worden.« Alain brummte, obwohl er die Begrüßung ermutigend fand. Tiher war gewöhnlich ein stachliger Bursche, nicht zu mitfühlenden Umarmungen seines Vetters geneigt. Diese warme Begrüßung schien ihm Ausdruck bewundernder Anerkennung für sein kühnes Unternehmen zu sein. »Du siehst schrecklich aus«, sagte Tiher, faßte ihn beim Ellbogen und führte ihn zu der Bank, auf der er gesessen hatte. »Komm, setz dich hierher. Du brauchst etwas zu trinken. Diener! Einen Becher Wein für meinen Vetter. – Herr Jesus, Alain, du warst ein Narr, nach Comper zu gehen!« »Ich mußte es tun«, entgegnete Alain mit einer geheimen Befriedigung über sein Wagnis. Richtig betrachtet – sich in einen befestigten Gutshof einzuschleichen, sich eine private Unterredung mit seiner Geliebten direkt unter der Nase ihres Vaters zu verschaffen und danach kühn ihrem Verlobten auf der Straße entgegenzutreten, das war schon eine heroische Sache. Er stürzte sich sofort in einen Bericht über die Ereignisse. Von dem, was Eline zu ihm gesagt hatte, erwähnte er nur, daß sie tatsächlich in die von ihrem Vater arrangierte Heirat eingewilligt hatte und daß sie ihn gedrängt hatte zu gehen, bevor ihr Vater ihn fände. Er unterschlug auch das, was Tiarnán auf der Straße gesagt hatte, und erzählte nur, daß sein Rivale ihn um das Privileg gebeten habe, die Rüstung eines so edlen Gegners wiederzubeschaffen. »Das war sehr großzügig von ihm«, warf Tiher ein. »Aber ich nehme an, du kannst großzügig sein, wenn die Dame deines Herzens deinen Rivalen mit ihren eigenen hübschen Händen aus dem Fenster geworfen hat.« Alain starrte seinen Vetter empört an. »Schau, Alain«, fuhr Tiher fort und wischte allen Heroismus beiseite, »ich habe für dich beim Herzog alle Entschuldigungen vorgebracht, die ich mir ausdenken konnte, und die Herzogin, die ein weiches Herz für Liebende hat, sprach auch ein paar gute Worte für dich. Als wir hier eintrafen und man bemerkte, daß die Dame Marie grob behandelt worden war und daß du nicht da warst, da hättest du den Tumult, die Wut und die Verwirrung sehen sollen.« »Denkst du, mich kümmert das?« fragte Alain. »Ich habe das einzige Wesen in der Welt verloren, das ich über alles begehrte. Was macht es mir da aus, daß der Herzog verärgert ist?« Tiher rollte die Augen himmelwärts und bekreuzigte sich. »Jesus, Maria und Josef!« rief er aus. »Möchtest du, daß Herzog Hoel dich in Ungnade entläßt und nach Fougères zurückschickt? Ich jedenfalls möchte deinem Vater nicht erklären, daß dein Lehnsherr dich wegen Ungehorsams und Vernachlässigung deiner Pflicht davongeschickt hat. Aber wenn du das auf dich nehmen willst, dann tu es nur. Ich wünsche dir Glück.« Alain sah ihn ungläubig an. Der Diener kam mit dem Becher Wein, und er nahm ihn stumm entgegen. »Der Herzog könnte mich doch nicht wirklich wegschicken?« fragte er Tiher. Tiher schüttelte den Kopf über die Naivität seines Vetters. Natürlich hatte Alain keine große Erfahrung mit dem herzoglichen Hof. Er hatte seinen Pagendienst auf Châteaubriant gemacht, der Burg eines Freundes seines Vaters. Tiher war auch dorthin gekommen, nachdem er die Mönchsschule von Bonne Fontaine besucht hatte. Niemand auf Châteaubriant hätte auch nur im Traum daran gedacht, den Sohn des mächtigen Burgherrn von Fougères wegzuschicken. Auf Châteaubriant waren verschiedene Güter gefolgt, die zur Burg Fougères gehörten, ein paar Monate auch Fougères selbst. Erst in den letzten ein bis zwei Jahren hatten Tiher und Alain einige Zeit am Hof verbracht. Alain schien noch nicht begriffen zu haben, daß der zweite Sohn eines Herrn aus der Mark keine Person von Bedeutung außerhalb der Einflußsphäre seines Vaters war. »Der Herzog ist völlig berechtigt, dich fortzujagen«, erklärte Tiher. »Du hattest den Auftrag, Dame Marie hierherzubringen, und du hast es nicht getan. Und, Vetter, er war ärgerlich …« Er berichtete Alain von der wütenden Strafpredigt des Herzogs. »Und es macht die Sache nicht besser«, schloß er, »daß du, statt hierherzukommen, versucht hast, die Verlobte eines Favoriten des Herzogs zu entführen. Aber wie gesagt, ich habe es beschönigt, so gut ich konnte, und ich denke, der Herzog wird dir vergeben. Ich habe Entschuldigungen für dich vorgebracht, die Herzogin hat sich für dich verwendet, und als Tiarnán heute nachmittag hier eintraf, hat er sich sehr anständig verhalten. Er hat erzählt, daß er dich auf der Straße bei Montfort getroffen hat, du hättest trübselig ausgesehen wie eine Eule in der Mauser, weil die Dame Eline dich aus dem Fenster geworfen habe. Du würdest hier erscheinen, sobald es möglich sei, aber dein Pferd sei von den Galoppritten des Liebhabers so erschöpft, daß es nur langsam vorwärts komme. Hoel amüsierte sich darüber, er und die Herzogin lachten. Wenn du den Wein getrunken hast, gehst du besser zu ihm und entschuldigst dich. Sag ihm, daß du überzeugt warst, die Dame Marie würde nach ihren schrecklichen Erlebnissen keinen weiteren Fluchtversuch machen; daß du angenommen hättest, er würde nichts dagegen haben, wenn du es mir überließest, ihr auf der letzten Etappe des Weges das Geleit zu geben; und daß du wahnsinnig vor Liebe und Verzweiflung warst. Ich denke, er wird bereit sein, dich anzuhören, und wird dir Pardon geben.« Alain nahm einen Schluck Wein. »Tiarnán traf heute nachmittag ein?« fragte er unglücklich. »Dann hat der Herzog bereits erfahren, daß er Eline heiraten wird?« »Was hast du erwartet? Hoel hatte es auch schon von uns gehört, ich mußte ihm schließlich erklären, warum du nicht hier warst. Er schien zwar ein bißchen enttäuscht zu sein, aber er gratulierte Tiarnán und schlug vor, die Ehe in der Kathedrale von Rennes zu schließen.« »Hoel war enttäuscht?« fragte Alain mißtrauisch. »Wieso?« Tiher zuckte die Achseln. Er war ziemlich sicher, daß Hoel gehofft hatte, Tiarnán werde Marie Penthièvre heiraten und damit Chalandrey für die Bretagne sichern. Es war klar genug: Wenn irgend jemand in der Bretagne für Marie akzeptabel sein konnte, dann war das Tiarnán. Sie hatte vor dem Herzog und der Herzogin Lob- und Ruhmeslieder auf ihn gesungen, und sie hatte ihnen mit glänzenden Augen zugehört, wenn sie sich über ihn unterhielten. Na ja, Maries Enthusiasmus war nur allzu verständlich. Er hatte sie schließlich gerettet. Aber ebenso war es völlig klar, daß Tiarnán nicht das geringste Interesse an dem Mädchen zeigte, das er gerettet hatte, und daß er es tatsächlich fast vergessen hatte. Als er in Rennes eintraf, schien er überrascht zu sein, daß der Herzog und die Herzogin ihm für die Dienste dankten, die er der Verwandten der Herzogin erwiesen hatte – »Wieso? Oh, Ihr meint Dame Marie« –, und hatte sofort angefangen, über seine bevorstehende Heirat zu sprechen. Marie war in die große Halle gekommen, während er sprach, und er hatte das Gespräch kurz unterbrochen, um sie höflich zu begrüßen und nach ihrem Befinden zu fragen. Marie hatte ihn angeschaut und ihm kurze Zeit zugehört, dann war sie schweigend nach oben in die Gemächer der Herzogin gegangen. Und sobald die Arrangements für die Hochzeit festgelegt waren, hatte Tiarnán den Hof verlassen, ohne auch nur das Abendessen abzuwarten. Er habe Buße zu tun, hatte er gesagt, um frei zu sein, bei der Hochzeitsmesse das Sakrament zu empfangen. Deshalb sei er keine passende Gesellschaft für einen edlen Hof. In einem Monat werde er zur Hochzeit zurückkommen. Tiher war erleichtert gewesen, als er entdeckte, daß Maries Retter so wenig Interesse an der Geretteten zeigte. Allerdings war er auch Maries wegen gekränkt; eine Dame wie sie verdiente mehr Aufmerksamkeit! Doch es war absolut zwecklos, über solche Dinge mit Alain zu sprechen, der im Augenblick nur an seinen eigenen Kummer dachte und für nichts anderes Ohren hatte. »Hoel würde es vorziehen, wenn ein Mann von erwiesener Loyalität Land heiratet«, sagte er statt dessen. »Tiarnán würde er jederzeit eine Erbin vermittelt haben, der hätte nur den Wunsch zu äußern brauchen. Aber natürlich wollte der Herzog Tiarnán und Hervé nicht beleidigen, und er hatte keinen Grund, sich in die Angelegenheit einzumischen, also segnete er sie ab. Die Trauung wird am Mittsommertag in der Kathedrale von Rennes sein.« Es war ein Zeichen der Hochschätzung des Herzogs für Tiarnán, daß die Hochzeitsfeier am Hof stattfinden sollte; ein Angehöriger des niederen Adels heiratete normalerweise zu Hause. Alain nahm dieses weitere Zeichen der Ehrung seines Rivalen und der eigenen schändlichen Zurücksetzung mit kummervollem Blinzeln zur Kenntnis. Er setzte den Becher Wein ab und preßte den Kopf in die Hände. O Gott, er suhlt sich geradezu in seinem Gram, dachte Tiher. »Ich bin sehr erleichtert, daß du unversehrt zurückgekommen bist«, sagte er laut. »Ich wüßte nicht, was ich deinem Vater hätte sagen sollen. Mein Gott, Mann, du warst ein Narr! Eline könnte dich gar nicht rechtmäßig heiraten, selbst wenn sie es wollte; sie untersteht der Gewalt ihres Vaters. Und Hervé hatte das Recht, ziemlich alles mit dir zu tun, wenn er dich in seinem eigenen Haus – und wie es scheint, in der Kammer seiner Tochter! – gefunden hätte. Und was Tiarnán betrifft, er ist der letzte Mann in der Bretagne, gegen den ich kämpfen möchte. Du hast sehr viel Glück gehabt, daß du so glimpflich aus dieser Geschichte herausgekommen bist.« »Glück?« fragte Alain gramvoll. »Meine Dame zu verlieren und dann zum Herzog zu kriechen und mich dafür entschuldigen zu müssen, daß ich versucht habe, sie wiederzubekommen? Glücklich werde ich mich nur dann schätzen, wenn Tiarnán sich den Hals bricht.« Tiher hob die Augenbrauen. Tiarnán, deine Großherzigkeit ist nutzlos vergeudet, dachte er. Aber vermutlich macht Großherzigkeit nur Sinn, wenn man sie vergeudet. »Gott sei Dank gibt es noch andere Damen auf der Welt«, sagte er. »Keine, die so lieblich ist wie Eline.« Tiher zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Es heißt, im Dunkeln sind sie alle lieblich. Und, um offen zu sein, es gibt manche, die ich bei hellem Tageslicht Eline vorziehen würde.« Alain hob schockiert den Kopf. »Da ist zum Beispiel die Dame Marie.« Tiher konnte nicht widerstehen, Alain ein bißchen zu reizen. »Die!« rief Alain angewidert aus. »Wie kannst du die mit Eline vergleichen? Das ist, als ob du einen Schwan mit … mit einer Elster vergleichst!« »Diese Elster ist ein tapferer Vogel, Vetter. Du wirst feststellen, daß der ganze Hof sie einmütig rühmt. Als sie hier hereinkam, erklärte sie offen, daß sie keinen Diener eines Feindes ihres Vaters heiraten werde und eher bei der Verteidigung ihrer Ehre sterben als ihrer beraubt leben wolle. Sie sah so heldenhaft aus wie Graf Roland bei der Verteidigung des Passes, nur viel hübscher. Jetzt hat Herzog Hoel gesagt, sie könne unter allen seinen Rittern frei wählen, wen sie heiraten wolle, vorausgesetzt, der Mann ist edlen Geschlechts, loyal zu ihm, seinem Lehnsherrn, und selbst gewillt, sie zu nehmen. Natürlich haben wir alle unsere freudige Bereitwilligkeit erklärt, alle von uns, die nicht schon verheiratet sind. Aber sie hat uns sämtlich abgewiesen und wieder einmal verkündet, Tiarnán bürge dafür, daß niemand sie zwingen werde. Es ist ein trauriger Kommentar zu der Art und Weise, wie man in der Normandie solche Dinge handhabt, daß sie dachte, unser Herzog würde zulassen, daß man sie zwingt. Herzogin Havoise hat sie zu einer ihrer Hofdamen gemacht. Sie sind Cousinen irgendwelchen Grades.« Alain hatte keinerlei Interesse an irgendeinem Zweig des Penthièvre-Clans. Er trank seinen Wein aus und ließ den Becher auf den Tisch fallen. »Der Hof kann jede alberne Elster rühmen, wie es ihm beliebt«, sagte er verächtlich. »Ich werde es nicht tun.« »Gut«, gab Tiher zurück. »Um so mehr Chancen für uns.« Alain starrte ihn an. »Du bewunderst tatsächlich dieses Penthièvre-Mädchen?« rief er überrascht aus. »Oh, ja«, sagte Tiher warm. »Sie und Chalandrey. Ohne Hoffnung, Vetter, ohne die geringste Hoffnung. Aber ich beabsichtige, mich an der Bewunderung zu laben. Es ist ein guter Zeitvertreib. Und du geh jetzt zum Herzog und entschuldige dich. Wenn deine Rüstung kommt, werde ich mich um sie kümmern.« 4. KAPITEL Zur Mittsommerzeit war das herrliche Wetter, das die letzten Maitage vergoldet hatte, nur noch eine schwache Erinnerung. Der Juni begann mit Regen, und es regnete mehr und mehr. Der Damm des Burggrabens in Rennes konnte nicht mehr als Reitweg benutzt werden. Eine glitschige Böschung führte in morastiges, tiefes Wasser voller Unrat. Bäche flossen durch die Straßen der Stadt und spülten den Schmutz in den braunen, angeschwollenen Fluß Vilaine. Die Hochzeitsgesellschaft brach in der Morgendämmerung des neunzehnten Juni von Comper auf. Die Reise zum Hof war fürchterlich. Es schüttete den ganzen Weg, und die Straßen waren zu einem tiefen Morast aufgeweicht. Der Gepäckwagen blieb zwölfmal stecken und mußte mit starken Ästen, die man von den Bäumen brach, herausgestemmt werden. Die Pferde waren bis zu den Schultern mit Schlamm bedeckt. Als sie endlich am späten Nachmittag in Rennes eintrafen, ließ Ritter Hervé die Knechte bei den Stallungen, wo sie sich um die erschöpften Pferde kümmern konnten, und eilte mit seiner durchnäßten und durchfrorenen Tochter über den schlammigen Hof und die Steintreppen zum Donjon hinauf. Hier erfuhr er, daß Herzog Hoel bei den Hundezwingern war und die Jagdmeute inspizierte. Nach Klärung einiger Fragen im Wachraum entfernte sich Hervé, um seinen Lehnsherrn zu begrüßen; Eline wurde vom Haushofmeister zu Herzogin Havoise geführt, die mit ihren Damen im ›Solar‹ saß, dem wegen seiner zahlreichen und etwas größeren Fenster relativ sonnigen Tagesraum über der großen Halle. Die Herzogin und die Hofdamen waren mit Weben, Spinnen, dem Besticken von Gewändern und, vor allem, mit Reden beschäftigt. Marie, für die das ganz ungewohnt war, hatte größte Mühe, den Gesprächen zu folgen. Überhaupt schien man in Rennes ununterbrochen zu palavern und zu diskutieren. Und das war nicht das einzige, was Marie irritierte. Da war zum Beispiel das ständige Kommen und Gehen am Hofe. Die herzogliche Familie mit ihrem Gefolge, die Hofbeamten, die Dienerschaft und die etwa dreißig Ritter, die zur herzoglichen Hofhaltung gehörten, waren ständig da, aber die übrigen Gesichter wechselten mit unglaublicher Schnelligkeit – Ritter kamen, um ihrem Lehnsherrn den geschuldeten Waffendienst zu leisten; sie gingen, wenn sie dem Herzog ihre Aufwartung gemacht hatten, zu den ihnen zugewiesenen Kommandos weiter oder blieben in der Garnison Rennes. Pächter und Verwalter der herzoglichen Güter kamen mit Berichten und gingen mit Instruktionen. Barone, die um eine Vergünstigung nachsuchten oder wegen Übergriffen ihrer Nachbarn Klage führten, verließen den Hof erfreut oder verärgert. Bischöfe und Äbte, die über die Gewährung und Ausstattung von Pfründen feilschten, kamen mit vielen Knechten und Dienern und zogen, hinausgeleitet von Prozessionen der örtlichen Geistlichkeit, in ihre Sprengel und Klöster zurück. Dabei galt dieser Sommer als besonders ruhig. Der Sohn des Herzogs und viele Angehörige des Adels nahmen am Kreuzzug teil. Marie, die an kleine Gemeinschaften gewohnt war, in denen schon das Erscheinen eines Fremden ein Ereignis war, fand das atemberaubend. Und alle diese Leute redeten unaufhörlich. Sogar die Sprache, in der sie sich unterhielten, wechselte dauernd. Ein Gespräch konnte in bretonisch beginnen und in französisch enden, und dazwischen sprach man noch Latein. Der Herzog zog es vor, Bretonisch zu sprechen – er stammte aus Quimper, tief in der bretonischsprachigen Westbretagne –, daher sprachen auch die meisten Ritter Bretonisch. Marie hatte eine der Damen der Herzogin gebeten, sie in dieser Sprache zu unterrichten. Im allgemeinen konnte sie jedoch mit ihrer französischen Muttersprache zurechtkommen. Die Herzogin, die in der Markstadt Rennes geboren und aufgewachsen war, sprach vorzugsweise Französisch, und ihr Gefolge tat es ihr natürlich nach. Marie hatte versucht, sich gegen Havoise abweisend zu verhalten, doch das war ihr nicht gelungen. Die Herzogin war sehr energisch, gebieterisch, aber gutmütig, sentimental, listig und überraschend derb; sie hatte ein unbändiges Interesse an anderen Menschen und eine unerschütterliche Lebensfreude. Und sie war gütig; Marie würde nicht so schnell den Umschlag mit Borretschblättern in ihrer ersten Nacht in Rennes vergessen, oder den Wirbel, den die Herzogin veranstaltet hatte, um neue Kleider für sie zu finden, wobei sie entrüstet erklärte, daß es absoluter Unsinn sei, wenn Marie sich fürchte; niemand würde ihrer Cousine etwas zuleide tun. Es war völlig unmöglich gewesen, die neuen Kleider abzulehnen. »Kind, Ihr könnt nicht, Ihr könnt absolut nicht dieses schwarze Ding am Hofe tragen. Ich verbiete es strikt.« Da Marie, abgesehen von diesem ›schwarzen Ding‹, nur ein paar ältere Kleider aus Chalandrey besaß, die ihr nicht mehr richtig paßten, hatte sie das Angebot der Herzogin annehmen müssen, allerdings hatte sie nur die einfachsten der ihr gezeigten Kleider genommen. Und mit Festigkeit und Güte hatte die Herzogin sogar erreicht, daß sie ihr unter Eid versprach, keinen Versuch zu machen, aus ihrer milden Gefangenschaft zu entfliehen – vorausgesetzt, sie würde nicht zu einer Heirat gezwungen. Als Eline den Raum betrat, war gerade eine lebhafte Diskussion über das zur Zeit wichtigste Thema im Gange, den Regen. Die Ankunft der schniefenden und triefenden Braut bot das beste Anschauungsmaterial zu diesem Thema. »Bei der heiligen Anna, Kind, Ihr seid ja völlig durchnäßt!« rief die Herzogin aus, als der Haushofmeister Eline hereinführte. »Nehmt dieses nasse Cape ab. Sybille, hol dem Mädchen eine Decke. Ich kann mich nicht erinnern, jemals ein so widerliches Juniwetter gesehen zu haben.« »Wenn es weiter so herunterschüttet«, sagte Sybille, die Frau des Stallmeisters und Havoises engste Vertraute, »werden sie die Eröffnung der Hirschjagd abblasen müssen. O Gott, wenn ich daran denke, was die Männer dazu sagen werden! – Es sind keine Decken mehr in der Truhe hier, Herrin.« »Dann geh und nimm eine von einem Bett!« befahl Havoise. »Und Ihr, Corentin«, wandte sie sich an den Haushofmeister, »laßt etwas gewürzten heißen Wein für das Mädchen heraufschicken. Und – warum nicht? – für uns anderen auch.« Er verneigte sich und ging. »Ich werde meine Decke holen«, bot Marie an. Als sie sie brachte, saß Eline auf Sybilles Stuhl neben der Herzogin, Sybille hatte sich auf die Truhe gesetzt. Eline hatte ihre kalten Füße unter sich gezogen. In der behaglichen Wärme des Raums waren Kälte und Regen schon fast vergessen. Zart, blond und strahlend leuchtete sie in dem regendämmrigen Solar wie ein Büschel weißer Veilchen in einem dunklen Wald. Marie betrachtete sie mit Erleichterung. Sie hatte gehofft, daß Eline außerordentlich schön sein würde, und sie wurde nicht enttäuscht. Kein Wunder, sagte sie sich erleichtert, daß Tiarnán so wenig Interesse für die Frau zeigte, die er gerettet hatte. Sie spürte immer noch den Stich im Herzen, wenn sie an Tiarnán dachte, und alle Versuche, diese absurde Reaktion zu unterdrücken, waren vergeblich gewesen. Marie legte die Decke sorgfältig um Elines schlanke Schultern, und diese sah mit einem reizenden Dankeslächeln zu ihr hoch. »Ich hoffe, daß zu Eurer Hochzeit die Sonne scheint, Dame Eline«, sagte die Herzogin. »In der Zwischenzeit seid Ihr hier sehr willkommen. Die Burg ist leider im Augenblick ziemlich überfüllt, und Ihr werdet bis zur Hochzeit ein Bett teilen müssen.« »Danach auch«, warf Sybille trocken ein. Die Herzogin hatte den Scherz zweifellos erwartet, lachte aber herzlich darüber. Elines Gesicht lief rosig an. Daß Besucher ein Bett teilen mußten, konnte auf jeder Burg vorkommen. In Rennes aber war es keine Seltenheit. Es gab nie genug Mobiliar für die privaten Räume. Der Herzogshof der Bretagne residierte, wie die meisten Fürstenhöfe dieser Zeit, nicht an einem Ort, sondern zog zwischen den verschiedenen Burgen und Residenzen des Herzogs hin und her – Nantes, Rennes, Quimper, Ploërmel und einige andere weniger bedeutende. Damit verteilte sich die Last, den Hof zu versorgen, auf eine größere Anzahl herzoglicher Ländereien, und es half auch, die Luft in den Burgen und in ihrer Umgebung frisch zu halten. Wenn der ganze Hof ein paar Monate auf einer Burg gelebt hatte, wurde der Geruch aus den überfüllten Gräben und von den Müllhaufen übermächtig, denn eine ordentliche Kanalisation gab es nicht. Wenn der Hof weiterzog, führte er einen Teil des Mobiliars in einer langen Kolonne von Gepäckwagen mit, der größte Teil der Einrichtung aber wurde in den Räumen zurückgelassen und von der regulären Garnison der Burg bewacht. Rennes war eine so neue Burg, daß dort noch nicht viel an Einrichtung vorhanden war. Die Wände waren zum größten Teil kahl, nur wenige Wandteppiche und Vorhänge hingen auf den großen Steinflächen. Die Trennwände zur Aufteilung der Räume waren für kleinere Residenzen angefertigt und reichten nie ganz von Wand zu Wand. Wenn man zum Solar ging, mußte man daran denken, einen Schemel mitzunehmen, sonst saß man auf dem Boden oder auf der Truhe wie Sybille. »Dame Eline kann das Bett mit mir teilen«, sagte Marie, »wenn es ihr recht ist.« Eline lächelte ihr wieder zu, diesmal ein wenig verwirrt. »Sind wir uns schon begegnet, Dame …?« »Marie. Wir kennen uns noch nicht, aber Euer zukünftiger Gemahl hat mir einen großen Dienst erwiesen, und ich freue mich über jede Gelegenheit, mich dafür ein wenig erkenntlich zu zeigen.« »Oh!« rief Eline und sprang auf. »Ihr seid Marie Penthièvre! Ich habe so viel von Euch gehört.« Sie begrüßte Marie mit strahlendem Lächeln. Sie fühlte sich erleichtert. Ein wenig eifersüchtig und besorgt war sie doch wegen der aus der Gefangenschaft entflohenen Erbin, die Tiarnán gerettet hatte, zumal einer ihrer Brüder ihr erzählt hatte, daß der ganze Hof in die Unbekannte verliebt sei. Doch offenbar bestand kein Grund, sich Sorgen zu machen. Marie war recht hübsch, aber keine Schönheit. Sie trug ein einfaches blaugraues Kleid und war schon ziemlich alt, um noch zu heiraten. Eline gefiel die offene und freundliche Art, wie Marie von ›Eurem zukünftigen Gemahl‹ gesprochen hatte. Hier war keine Gefahr. »Ich bin Euch sehr dankbar für das Angebot«, sagte sie. »Ich nehme es gern an.« »Das wäre dann geklärt«, sagte die Herzogin zufrieden. »Ihr beide werdet das beneidenswerteste Bett in der Burg haben.« Sie brauchte nicht lange auf die provozierte Erläuterung zu warten. »Weil«, sagte Sybille prompt, »jeder junge Edelmann in Rennes sich danach sehnt, es mit der einen oder anderen der beiden zu teilen.« Die Herzogin lachte, die anderen Damen kicherten, und Elines Gesicht färbte sich wieder rosig. Marie lächelte nur, setzte sich wieder auf ihren Platz an dem großen Webstuhl und nahm das Schiffchen auf. Solche Scherze hatten sie am Anfang irritiert, inzwischen war sie daran gewöhnt. Hoel hatte gesagt, sie könne wählen, welchen seiner loyalen Ritter sie heiraten wolle, und die loyalen Ritter hatten das als eine Herausforderung angesehen, als einen lohnenden Wettbewerb, bei dem ihre Hand und das Rittergut Chalandrey als Preis winkten. Sie umwarben sie ständig mit neckenden, scherzenden, überschwenglichen Beteuerungen ihrer Liebe, entsprechend der neuen Mode aus dem Süden: der höfischen Liebe. Das war ein Spiel mit exakt definierten Regeln. Die Geliebte durfte mehr als einen Liebhaber haben, der Liebhaber aber nur eine Geliebte. Liebhaber sollten empfindsam sein, in Gegenwart ihrer Geliebten erblassen; der Liebeswerbung waren keine Schranken gesetzt, aber gegen den Wunsch der Geliebten sich etwas herauszunehmen war strengstens verpönt. Die Bretagne erfreute sich eines friedlichen Sommers, und die jungen Männer, meist landlos und vom niederen Adel, hatten viel überschüssige Zeit und Energie. Die höfische Liebe ihrer Lieder war zwar gewöhnlich an eine verheiratete Dame gerichtet, die stolze und unerreichbare Dame eines hohen und mächtigen Herrn. Doch eine unverheiratete Dame, die die Erlaubnis ihres Landesherrn besaß, einen Ritter zu wählen, der ihr gefiel, und ihm als Mitgift ein ansehnliches Gut zu bringen – eine solche Dame war ein Gottesgeschenk. Für die Ritter war das ein ergötzlicher Sport. Und nach ein paar Wochen begann auch Marie, das Spiel zu genießen. Sie hatte nie gedacht, daß das Leben so viel Freude machen konnte. Die Marie, die erst vor wenigen Wochen in Rennes angekommen war, kam ihr jetzt plump und naiv vor. Die Tür des Solars öffnete sich, und einer der Pagen, ein Junge von neun Jahren, erschien mit einem großen Krug dampfenden Weins, den er vorsichtig mit beiden Händen trug. Ihm folgten einige Ritter der Burgwache; Tiher war einer von ihnen. Marie lächelte und konzentrierte sich auf die Weberei. »Unsere besten Grüße an die Damen!« sagte Tiher. »Wir dachten, der junge Howen brauche etwas Hilfe, deshalb haben wir die Becher gebracht. Dürfen wir Euch Gesellschaft leisten, edle Damen?« »Unbedingt«, sagte die Herzogin. »Es ist ein grauer, häßlicher Tag. Und etwas Aufmunterung können wir brauchen.« Als Tiher und ein anderer Ritter namens Morvan gleichzeitig versuchten, Marie einen Becher zu reichen, waren ihre Hände eifrig am Webstuhl tätig, und sie konnte nur durch ein Kopfnicken andeuten, man solle den Becher neben ihre Füße auf den Boden stellen. Der enttäuschte Morvan setzte den Becher, den er in der Hand hielt, auf den Boden und tat sein Bestes, blaß und empfindsam auszusehen. Tiher setzte sich ungerührt gleich neben den Webstuhl und trank aus seinem Becher selbst. »So«, sagte er mit einem prüfenden Blick durch den Raum, »die halbe Hochzeitsgesellschaft ist angekommen! Gute Gesundheit Euch, Dame Eline. Ich bin sicher, daß mein Vetter Alain zu Eurer Begrüßung herbeieilen würde, aber er ist nach Fougères zurückgeritten, um sein gebrochenes Herz zu pflegen.« (Daß der Herzog ihn nach Hause geschickt und ihm gesagt hatte, es sei besser, wenn er in der Einsamkeit schmolle, bis die Hochzeit vorüber sei, das mußte Tiher Eline gegenüber ja nicht erwähnen.) »Wann kommt der Bräutigam denn?« Eline hatte die Anspielung auf Alain ein wenig aus der Fassung gebracht, aber sie fing sich rasch wieder. »Tiarnán soll morgen eintreffen«, antwortete sie. »So hat er meinem Vater gesagt. Doch mir ist nicht erlaubt, ihn vor dem übernächsten Tag zu sehen.« Bei dem Gedanken, daß dies ihr Hochzeitstag war, lächelte sie. Tiher grinste zurück, aber ihr Lächeln war schon verschwunden. Seltsam, daß er so häßlich war, wo doch sein Vetter so gut aussah. Noch seltsamer, daß sie sich trotzdem so ähnlich sahen. »Vermutlich wird Euer Bräutigam heute noch eine Menge zu tun haben, damit alles für den Einzug seiner Braut bereit ist«, sagte Havoise in einem Anflug von Sentimentalität. »Ich würde wetten, daß er auf die Jagd gegangen ist«, widersprach Sybille. Eline sah plötzlich unsicher und ängstlich aus, und Tiher lachte. »Eure Wette ist gewonnen, Dame Sybille. Tiarnán stapft zweifellos bei dem strömenden Regen im Wald umher und sucht den großen Hirsch, den er mit dem Herzog am letzten Kreuzauffindungstag gejagt hat. Die Hirschjagd beginnt an seinem Hochzeitstag. Ich frage mich, ob ihm der Termin nicht leid tut.« »Unsinn!« sagte die Herzogin. »Ich bin sicher, der junge Mann hat das Gefühl, etwas tun zu müssen, um das Warten zu verkürzen. Und bestimmt wird die Dienerschaft ihn drängen hinauszugehen. In einer solchen Zeit will kein Diener seinen Herrn im Hause haben. Er stört nur.« »Trotzdem wünschte ich, er wäre nicht gegangen«, sagte Eline betrübt. »Oder er würde jemanden mit sich nehmen. Der Gedanke gefällt mir nicht, daß er allein im Wald herumwandert. Man sagt, daß der Räuber Éon von Moncontour geschworen hat, ihn zu töten.« Eine unbehagliche Stille trat ein. Tiher warf einen verstohlenen Blick auf Marie. »Wie ich hörte, hat Éon letzte Woche einen Pfarrpriester in Ploërmel ausgeraubt«, sagte Morvan. »Brach in das Haus ein, während der Mann schlief, fesselte ihn und plünderte das Haus.« »Es tut mir sehr leid, das zu hören«, sagte Marie ruhig. Sie blickte auf ihre Hände, die jetzt regungslos auf dem Webstuhl lagen, und dachte wieder, daß Tiarnán Éon hätte töten können, wenn er sie nicht hätte schützen müssen. Dann wäre der Priester in Ploërmel verschont geblieben, und Tiarnán könnte ohne Gefahr im Wald herumwandern. »Dieser Éon ist ein erstaunlicher Bursche«, sagte Tiher leichthin, obwohl er innerlich Eline und Morvan verfluchte, weil sie Marie an ihr schreckliches Erlebnis erinnerten. »Er streift im Wald umher wie ein Wolf, ausgestoßen und vogelfrei, von aller Welt gehaßt. Er stiehlt nachts Brot aus Häusern und schläft in Dickichten. Als er Ritter Tiarnán das letztemal begegnete, rannte er in großer Eile davon. Aber er bringt es fertig, das Gerücht in die Welt zu setzen, daß er die Absicht hat, einen Gutsherrn zu töten, und man glaubt ihm das. Wie sollte er das wohl ausführen? Er kann es nicht wagen, jemandem zu vertrauen.« »Oh, das stimmt nicht«, sagte Havoise. »Es gibt Bauern, die ihm helfen. Wenn das nicht so wäre, hätte man ihn längst gefaßt.« »Warum sollte jemand einem solchen Verbrecher helfen?« fragte Eline empört. »Weil er ein Leibeigener ist, der es wagt, Priester und Gutsherren zu berauben«, erwiderte die Herzogin trocken. »Andere Leibeigene bewundern das, selbst wenn er auch sie beraubt.« »Er tötete den Verwalter meines Herrn von Moncontour«, warf eine Dame ein. Sie war die Frau eines Vasallen des Burgherrn von Moncontour, erinnerte Marie sich. Der Ritter, ihr Mann, war vorübergehend der Garnison Rennes zugeteilt, wo er stellvertretend für seinen Lehnsherrn Waffendienst leistete. Dieser hieß Raoul Penthièvre, war also ebenfalls ein Angehöriger dieses großen Clans, und der Ritter nannte sich Branco, der Name der Dame fiel ihr nicht gleich ein – Ducocan, erinnerte sie sich schließlich. Ausrufe des Entsetzens und des Abscheus waren zu hören. »Jemand sagte, daß er ein entlaufener Leibeigener von Moncontour war«, sagte Havoise, »aber nicht, daß er den Verwalter getötet hat. Wie konnte er das?« Ducocan zögerte. Sie war die Tochter eines wohlhabenden Bauern und hatte bisher zu große Scheu gehabt, um in Gegenwart der Herzogin zu sprechen. Aber sie wußte, hier hatte sie eine gute Geschichte zu erzählen, die anscheinend noch niemand kannte. Aufregende und gruselige Geschichten hörte man in allen Gesellschaftskreisen gern, ihre Unkenntnis höfischer Sitten brauchte sie also keineswegs zu hindern. »Also, das war so«, begann Ducocan, und ihre Stimme fiel in den typischen Singsang des Geschichtenerzählers, der Ereignissen der Gegenwart den Anstrich alter Sagen zu geben versucht. »Dieser Éon war Leibeigener in Tredaniel, einem Gut, das Herrn Raoul gehörte, nicht weit von seiner Burg Moncontour gelegen. Es ist ein kleines Dorf, ganz von Wald umgeben; möge Gott es vor Unheil bewahren! Éon verliebte sich in ein hübsches Mädchen aus demselben Dorf, ebenfalls eine Leibeigene, und er wünschte sie zu heiraten. Er ging also zu Herrn Raouls Verwalter und bat ihn, die Erlaubnis des Herrn für ihre Heirat einzuholen. Nun war der Verwalter, ein Mann namens Ritgen mab Encar, ein harter und habgieriger Mensch. Er verlangte ein Bestechungsgeld, bevor er sich darum kümmern würde, die Erlaubnis des Herrn für die Heirat zu besorgen. Éon besaß natürlich kein Geld, also erklärte er sich bereit, zehn Tage Arbeit auf Ritgens eigenem Land zu leisten. Da er aber den ganzen Tag auf dem Land des Herrn arbeitete, konnte er die zehn Tage für Ritgen nur an den Abenden oder in mondhellen Nächten verrichten. Während Éon für Ritgen arbeitete, suchte dieser das Mädchen auf. Wahrscheinlich hatte er die Absicht, auch von ihm Extraarbeit zu verlangen, aber er sah, daß es weiß und rosig war wie die Blüte eines Apfelbaums und süß wie seine Frucht, und der schwarze Teufel kam in sein Herz, so daß es ihn verlangte, mit ihm zu schlafen. Zweimal weigerte es sich, und auch ein drittes Mal, aber er war der Verwalter des Herrn, und sie war eine Leibeigene. Er drohte, sie und ihre Familie und ihren Geliebten Éon zugrunde zu richten, und schließlich willigte sie ein. Nun war Ritgen bereits ein verheirateter Mann, konnte sie also nicht in sein Haus mitnehmen, und das Mädchen teilte seine Hütte mit den Eltern, den Brüdern und einer Schwester. Er brachte es daher zu Éons Hütte, die leer stand, während er auf dem Land des Verwalters arbeitete. Das ganze Dorf wußte davon, doch niemand sagte etwas. Éon, obwohl ein Leibeigener, war als kühner Mann bekannt, und die Leute fürchteten sich davor, was er tun könnte, wenn er davon erfuhr. Eines Abends suchte doch jemand Éon auf dem Feld auf und machte ihn darauf aufmerksam, daß in seiner Hütte ein Feuer brenne. Éon ließ die Hacke fallen und lief heim, und da fand er Ritgen und das Mädchen in seinem eigenen Bett liegen. Er packte den Mann bei den Haaren, schleppte ihn auf den Hof und schlug auf ihn ein, bis er um Gnade winselte, aber er bekam keine Gnade von Éon. Der hörte nicht auf zu schlagen, bis die Nachbarn kamen und ihn fortzerrten, und das halbe Dorf war dazu nötig. Er war ein sehr starker Mann. Ritgen führte dem Herrn seine Verletzungen vor, und der Herr nahm seinen Verwalter in Schutz, wie das wohl selbstverständlich ist, obwohl er Ritgen unter vier Augen den Vorwurf machte, diese unangenehme Geschichte selbst provoziert zu haben. Éon wurde ausgepeitscht und in den Stock gelegt, weil er den Verwalter geschlagen hatte, und als er aus dem Stock herauskam, wieder ausgepeitscht und schließlich mit Beinschellen aufs Feld zurückgeschickt. Ritgen jedoch genügte das alles nicht. Ständig hatte er an Éons Arbeit etwas auszusetzen, er provozierte ihn, um ihn bestrafen zu können, und Éon lag die halbe Zeit im Stock. Die anderen Dorfbewohner haßten Ritgen für das, was er Éon antat, und sie versuchten, so gut sie konnten, Éon zu helfen, vor allem das Mädchen, das nachts zum Stock schlich und seinem Liebsten zu essen und zu trinken gab. Als Ritgen, der wußte, daß ganz Tredaniel ihn verurteilte, das sah, erklärte er dem Herrn, das Mädchen störe den Frieden im Dorf, es sei besser, es anderswohin zu schicken. Herr Raoul arrangierte nun eine Heirat für es mit einem Leibeigenen in Plémy – meinem Dorf, möge Gott es behüten! –, das nördlich von Tredaniel liegt, etwa drei Meilen entfernt. Ich kenne den Mann, den er für sie auswählte, ein ordentlicher, zuverlässiger junger Witwer. Er war eine gute Partie für sie. Aber als Ritgen ihr die Nachricht brachte, erklärte sie, sie werde nicht gehen und sie werde niemanden als Éon heiraten. Sie schwor, sich von ihrer Weigerung nicht abbringen zu lassen, weder durch den Stock noch durch alles andere, was Ritgen ihr androhen mochte. Also ging Ritgen zum Herrn und sagte ihm, daß seine Leibeigene sich weigere, seinen Befehlen zu gehorchen, und bat, ihm Männer zur Verfügung zu stellen, um sie mit Gewalt fortzubringen. Herr Raoul schickte zwei bewaffnete Männer, und sie schleppten das schreiende und weinende Mädchen aus seinem Haus, fesselten es und setzten es auf ein Pferd. Als Éon seine Schreie hörte, kam er, so schnell die Beinschellen es zuließen, vom Feld, und er schlug einen der Männer so hart mit der Faust, daß er das Nasenbein brach und bewußtlos zu Boden stürzte. Darauf stürzten sich Ritgen und der andere Mann auf Éon und schlugen ihn bewußtlos. Dann brachten sie ihn zum Haus des Verwalters und schlossen ihn im Schuppen ein. Ritgens Absicht war, ihn am nächsten Tag vor dem Herrn anzuklagen und zu beantragen, daß ihm eine Hand abgeschlagen und die Ohren abgeschnitten würden oder er kastriert würde. Das war es, was Ritgen wirklich wünschte. Aber in dieser Nacht entfloh Éon. Die Beinschellen wurden außerhalb des Schuppens gefunden. Er hatte sie dort zurückgelassen, nachdem er sie dazu benutzt hatte, die Tür aufzustemmen. Éon ging in das Haus des Verwalters, wo er Ritgen neben seiner Frau schlafend fand. Er erwürgte den Mann mit bloßen Händen. Dann lief er fort. Herr Raoul schickte Männer hinter ihm her, aber sie haben ihn nie gefunden, und seither lebt er als Räuber in den Wäldern. Wegen seiner Kraft und seiner Schlauheit akzeptieren ihn andere entlaufene Leibeigene und Verbrecher als Anführer.« Ducocan machte eine kurze Pause, dann fuhr sie mit gesenkter Stimme fort: »Jedermann in Moncontour kann sich für diesen Teil der Geschichte verbürgen. Doch es gibt noch eine andere Geschichte, die man von Éon erzählt, und viele Leute glauben sie. Man sagt, daß er einmal, als er ausgepeitscht worden war, gegen Tagesende allein auf dem Feld arbeitete. Ein Fremder mit einem grünen Umhang kam aus dem Wald und sagte zu ihm: ›Warum störst du uns, indem du Eisen so nahe an den Wald bringst? Was hast du getan, daß man dir Beinschellen angelegt hat?‹ Éon erzählte dem Mann verbittert alles, was ihm geschehen war. Daraufhin gab der Fremde Éon einen Mantel, der aus dem Fell eines Wolfs gemacht war. ›Trag dies‹, sagte er, ›und es wird dich gut schützen.‹ Éon nahm den Mantel, und im selben Augenblick war der Fremde verschwunden. Man sagt, daß der Mann einer von den Elben war, denn sie fürchten die Berührung von kaltem Eisen. Und man sagt, daß Éon, als er den Mantel nahm, ein Bisclavret wurde. Das war der Grund, weshalb er sich von den Beinschellen befreien und den Verwalter töten und allen seinen Verfolgern entkommen konnte, damals – und bis heute.« Marie beugte sich vor. »Was bedeutet Bisclavret?« fragte sie flüsternd; sie erinnerte sich plötzlich an das Wort, und wie ein Schatten zog all das Schreckliche, das geschehen war, vor ihren Augen vorüber. Ducocan bekreuzigte sich. »Bisclavret bedeutet … Ich kenne keine andere Bezeichnung als dieses bretonische Wort, Dame Marie.« »Werwolf«, sagte Havoise. Sie sprach mit normaler Stimme, und alle zuckten zusammen. »Ein Wolf, der sich von Menschenfleisch ernährt?« fragte Marie. »Ich denke, das ist eine gute Beschreibung eines Räubers.« »Nein, nein«, sagte Ducocan. »Das nicht.« Sie senkte wieder ihre Stimme. »Ein Bisclavret ist ein Mann, der die Gestalt eines Wolfs annehmen kann. Man sagt, solche Geschöpfe hätten übermenschliche Kraft und könnten alle vernichten, die sich ihnen entgegenstellen.« Marie hatte das Gefühl, ein kalter Hauch laufe über ihre Haut. »Aber ich träumte das!« rief sie aus. »In dem Wald! Da war ein Wolf, der an der Quelle lag, bevor Éon auftauchte, und ich träumte, daß er ein Mann wurde. Als ich aufwachte, stand da Éon, über mich gebeugt, in einem Wolfspelzmantel.« Ducocan rief etwas in bretonisch und bekreuzigte sich. »Christus sei zwischen uns und dem Übel!« sagte die Herzogin und bekreuzigte sich ebenfalls. »Ihr seid, zu allem anderen, auch noch einem Wolf im Wald begegnet?« fragte Tiher. »Ihr habt das bisher nie erwähnt.« »Éon hatte alles andere aus meiner Erinnerung verdrängt«, entgegnete Marie. Aber sie erinnerte sich jetzt ganz klar an den Wolf, die schwarz umränderten Augen, die Fänge und die heraushängende Zunge. Ein Schauer lief ihr über den Rücken. »Ich schwenkte einen Stock gegen ihn, und er lief davon.« Tiher verfluchte im stillen Brancos abergläubische Frau und ihre Geistergeschichte. Sie hätte daran denken sollen, wie qualvoll ihre Geschichte für jemanden sein mußte, der von Éon bedroht und mißhandelt worden war. Er bemühte sich, den Schatten zu vertreiben. »Natürlich lief er weg«, sagte er fest. »Wölfe sind von Natur feige. Wenn sie gejagt werden, setzen sie sich niemals gegen die Verfolger zur Wehr, sie laufen einfach bis zur Erschöpfung und werden dann eine leichte Beute für die verfolgenden Hunde. Sie scheuen die Menschen, mehr noch als das furchtsame Reh – Räuber verhalten sich übrigens genauso, auch dieser Éon. Ritter Brancos Frau hat uns eine großartige Geschichte erzählt über ihn, letzten Endes muß ich den Burschen jedoch eher bedauern als fürchten. Alles in allem ist er nichts als ein Leibeigener, der zu weit getrieben wurde, durchdrehte, den Verantwortlichen tötete und weglief. Mit Tiarnán konfrontiert, lief er ebenfalls weg. Vermutlich will der arme Tropf nichts anderes als in Ruhe gelassen werden.« »Aber wenn die Geschichte stimmt, die man erzählt«, widersprach Ducocan, »dann ist es klar, warum Éon an Dame Nimuës Quelle fortgelaufen ist. Er wollte die Elbin, der sie gehört, nicht beleidigen.« Marie erschien das einleuchtend. Die Dame Nimuë, von der die Quelle ihren Namen hatte, kam in vielen Geschichten vor. Marie hatte nicht vergessen, wie Tiarnán seinen Kranz von Eichenblättern und das von Éon gestohlene Geld in den Quelltümpel geworfen hatte. Und jemand, der den Elben eine übermenschliche Kraft verdankte, würde sich noch mehr hüten, sie zu beleidigen. Normalerweise hätte Marie über eine Geschichte wie die Ducocans spöttisch gelacht. Aber durch Spott ließ sich das Entsetzen ihres eigenen Traums nicht aus der Welt schaffen. Sie war aufgewacht und hatte gesehen, daß er Wirklichkeit war, und sie konnte das Gefühl nicht loswerden, daß seine Wahrheit, wie ein unterirdischer Fluß, unter dem festen Grund alltäglicher Ereignisse ihren eigenen Lauf nahm. Tiarnán hatte sich einen furchtbaren Mann zum Feind gemacht. Sie erinnerte sich, wie Éon etwas über einen Bisclavret rief und zum Wald hinüber winkte – hatte er Tiarnán gedroht, er würde ihn doch noch umbringen, wenn er auch hier bei der Quelle nicht kämpfen könne? Tiarnán schien ziemlich sicher gewesen zu sein, daß der Räuber irgendwann versuchen würde, ihn zu töten. Sie saß regungslos am Webstuhl und starrte auf das Schiffchen in ihrer eiskalten Hand. Tiher, der sie ansah, verbannte Ducocan im Geiste in die tiefsten Tiefen der Hölle. Er warf einen kurzen Blick auf Eline, die mit weit aufgerissenen Augen und bleich vor Angst auf ihrem Stuhl saß. Er suchte nach einem Weg, die beiden jungen Frauen zu beruhigen, und fand zu seiner Befriedigung, daß er das Mittel bereits besaß. »Wenn die Geschichte stimmt, die man erzählt, nicht wahr, Dame Ducocan? Sicherlich würde das zutreffen, wenn sie stimmte. Aber Eure Bedingung steht im Widerspruch zu den Tatsachen, meine Dame. Wenn die Geschichte nämlich stimmte, dann würde Éon nicht länger ein Bisclavret sein, denn er hat seinen Wolfspelzmantel an Dame Nimuës Quelle zurückgelassen.« Zu Tihers Erleichterung schaute Marie auf. »Ich hörte davon durch Freunde in Bonne Fontaine«, fuhr er fort. Er sprach jetzt direkt zu ihr. »Die Brüder gingen zu der Quelle, um die Leichen der Räuber zu holen, die Ritter Tiarnán getötet hatte, denn er hatte sie gebeten, für das Begräbnis zu sorgen, und ihnen das Geld für eine Totenmesse gegeben. Sie fanden die Leichen unberührt unter den Bäumen liegen, und der Wolfspelzmantel lag etwas abseits im Sonnenschein. Einer der Brüder nahm ihn mit, um ihn als Bettvorleger zu benutzen; er entschloß sich dann aber, ihn zu verbrennen, weil er voller Flöhe war. Mir scheint, Éons magischer Wolfspelz war nichts weiter als ein räudiges altes Fell, so wertlos, daß er sich nicht einmal die Mühe machte, zurückzukommen und ihn zu holen. Er kam auch nie zurück, um die Leichen seiner Spießgesellen zu begraben oder sie wenigstens gegen den Zugriff wilder Tiere zu sichern. Er hatte zuviel Angst. Und ich bezweifle, daß es die Elbin Nimuë war, vor der er sich fürchtete. Er scheint keinen Gedanken an sie verschwendet zu haben, als er Euch angriff, Dame Marie. Nein, er hatte Angst, ein Ritter würde ihn töten, wenn er nicht so schnell, wie seine Füße es zuließen, aus dieser Gegend verschwand.« Havoise, die ihre eigenen vagen Befürchtungen resolut abgeschüttelt hatte, als sie merkte, daß zwei ihrer Damen Trost brauchten, lachte. »Ich bin sicher, daß Ihr recht habt, Herr Tiher«, sagte sie. »Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, Dame Eline. Euer Bräutigam wird morgen unversehrt hier erscheinen.« Während des Abendessens machte Eline einen gelösten und heiteren Eindruck; sie unterhielt sich angeregt und schien ihre Befürchtungen vergessen zu haben. Aber als sich alles anschickte, zu Bett zu gehen, entdeckte Marie sie in einer Fensternische des Solars, wo sie, gegen die Wand gelehnt, zum Wald hinüberblickte. Die späte Mittsommerdämmerung ließ langsam das letzte schwache graue Licht verlöschen, und der Regen strömte noch immer unablässig vom Himmel. »Soll ich Euch unser Bett zeigen, Dame Eline?« fragte Marie. Eline seufzte tief auf. Marie trat näher und stellte sich neben sie. Der Raum war dunkel, denn um diese Zeit zündete man abends keine Kerzen an, aber bei dem schwachen Licht vom Fenster sah Marie, daß Eline weinte. Einen Augenblick zögerte Marie verlegen, dann legte sie ihr die Hand auf die Schulter. »Was ist los?« fragte sie sanft. »Ich muß immer denken, ob nicht Tiarnán jetzt dort draußen ist, ganz allein. Vielleicht sitzt er irgendwo in einer verlassenen Köhlerhütte, auf die der Regen herunterprasselt, und dieser entsetzliche Räuber Éon streift im Dunkel herum. Es wäre so schrecklich, wenn er morgen nicht käme – wenn ich hier wäre und auf ihn wartete und wartete und er niemals käme. Ich wünschte, er würde nicht soviel jagen gehen!« »Hat er das immer schon getan?« fragte Marie, um sie abzulenken. Eline rieb sich die Augen. »Ich nehme es an.« Sie hatte von Tiarnáns Ruf als Jäger gehört, noch bevor sie ihm begegnete. Talensacs Waldungen grenzten an die von Comper, und immer, wenn ihr Vater und ihre Brüder darüber diskutierten, ob man eine Jagd ansetzen solle, bemerkte unweigerlich einer von ihnen: »Tiarnán von Talensac sagt, daß es einen prächtigen Hirsch – oder ein Wildschwein oder ein Rudel Hindinnen – an der und der Stelle gibt.« Und dann sagten die anderen meist: »So? Na, dann wollen wir uns das mal ansehen.« Ihre erste Begegnung mit Tiarnán war ebenfalls durch die Jagd zustande gekommen. Er hatte ein Wildschwein gejagt, das auf das Land ihres Vaters hinübergelaufen war. Das war kurz nach Weihnachten gewesen. Ein einzelner Reiter kam damals durch den Schnee im Galopp auf Comper zugeritten. Vor der Tür war er abgesprungen und in einem Wirbel von Weiß in die Halle geeilt, hatte ihren Vater kurz begrüßt und ihm gesagt, daß ein großer Keiler zu haben sei, wenn er sofort mitkäme. Hervé war in einer Minute fertig gewesen und mit ihm losgeprescht, alle anderen Männer seines Hauses ihm nach; sie hatten sich mit der Jagdgesellschaft von Talensac zusammengetan, den Keiler bis zur Dämmerung gejagt und ihn zur Strecke gebracht. Dann waren sie alle zusammen nach Comper zurückgekommen, hatten am Feuer gesessen und getrunken und über die Jagd geredet. Welcher von den Gästen Tiarnán war, hatte sie gewußt, noch bevor es ihr jemand sagte: der Reiter, der allein durch den Schnee zu ihrem Haus galoppiert war. Jetzt saß er unter den anderen, schlank und dunkel, lächelte gelegentlich, sprach aber sehr wenig. Doch als sie für die Gesellschaft ein hübsches altes Lied über das Jagen im Wald gesungen hatte, blickte er zu ihr auf, und sie sah in seinen Augen einen Funken aufblitzen. Ja, sie wußte, daß er immer auf die Jagd gegangen war. »Oh, ich habe eigentlich nichts gegen das Jagen«, sagte sie jetzt zu Marie. »Aber ich wünschte, er würde nicht allein auf die Jagd gehen! Es … es ist so würdelos und so unritterlich. Die Leute sagen dumme Sachen darüber.« Alains Worte hatten offenbar ihr Ziel erreicht. »Ich denke, es gefällt ihm am besten so«, sagte Marie. Eline sah sie überrascht an. »Wieso sagt Ihr das?« fragte sie mißtrauisch. Marie war sich nicht sicher und antwortete nicht gleich. Sie erinnerte sich lebhaft, wie Tiarnán durch die Finsternis des Waldes gegangen war, völlig sicher und selbstverständlich, wie ein Mann in seinem eigenen Haus herumgeht. »Er würde nicht so oft allein gehen, wenn es ihm nicht gefiele«, sagte sie schließlich. »Ich wünschte, er würde es nicht jetzt tun. Glaubt Ihr, diese entsetzliche Kreatur Éon könnte ihn wirklich töten? Ihr habt den Mann gesehen.« Marie zögerte wieder. Sie fürchtete sich selbst vor ›dieser entsetzlichen Kreatur‹, aber sie hatte das Gefühl, daß Eline Trost brauchte. »Ich bin sicher, daß Tiher die Wahrheit über den Wolfspelz gesagt hat«, erwiderte sie. »Diese Elbengeschichte von Ducocan hat jemand erfunden, um zu erklären, wie ein Leibeigener den Verwalter eines Burgherrn töten und entkommen konnte. Tiarnán hatte keine Angst vor Éon, als sie sich begegneten, aber Éon fürchtete sich vor ihm. Trotz all meiner eigenen Angst konnte ich das sehen. Tiarnán war besorgt und drängte darauf, die Lichtung zu verlassen, wo man uns aus der Deckung heraus hätte erschießen können, doch er war nicht besorgt über seine Begegnung mit Éon selbst. Wenn Éon damals oder später Drohungen ausstieß, hoffte er damit vielleicht zu erreichen, daß Tiarnán sich von ihm fernhielt. Es kann für einen entlaufenen Sklaven nicht leicht sein, einem Ritter gegenüberzutreten.« »Vor allem nicht einem Ritter wie Tiarnán.« Eline lebte etwas auf. Dann runzelte sie wieder die Stirn. »Wieso wußte er, wer Tiarnán war?« »Er erkannte ihn. Tiarnán sagte, sie wären sich schon früher über den Weg gelaufen.« »So, sagte er das? Mir hat er das nie erzählt. Aber vermutlich gibt es viele Dinge, die er mir nie erzählt hat. Er ist nicht sehr gesprächig.« »Dann wünsche ich Euch, daß Ihr viele Dinge, die er Euch nicht erzählt hat, in der nächsten Zeit erfahren werdet und daß Ihr viel Freude daran haben möget.« Eline lächelte. »Das ist ein guter Wunsch, Dame Marie. Danke.« Sie seufzte und zog ihren Schleier zurecht. »Ich bin müde.« »Dann werde ich Euch das Bett zeigen.« Maries Bett befand sich in dem Raum neben der herzoglichen Schlafkammer, einem großen Raum, der durch Trennwände unterteilt war. Sie tasteten sich vorsichtig durch das Dunkel. Die abgeteilte Kammer neben der ihren war von einigen Pagen belegt. Sie konnten das leise, rasche Atmen der schlafenden Kinder und, über ihnen, das endlose Trommeln des Regens auf das Dach hören. Sie legten die Kleidung bis auf das Hemd ab und streckten sich auf dem niedrigen Bett aus. »Ihr seid sehr freundlich, Marie«, sagte Eline, als sie die Laken glattstrich. »Darf ich Euch etwas fragen?« »Wenn Ihr möchtet.« »Man sagt, daß alle Ritter hier am herzoglichen Hof Euch heiraten möchten. Wißt Ihr, welchen Ihr wählen werdet?« Marie seufzte und wiederholte resigniert ihre Standardverteidigung. »Ich werde niemanden ohne den Segen meines Vaters heiraten. Und mein Vater, dessen bin ich sicher, wird seinen Segen keinem Diener des Herzogs Hoel geben.« »Aber ich dachte … Ich meine, ich habe gehört, daß Ihr auf dem Weg nach Rennes zu fliehen versuchtet, doch Ihr scheint hier so sehr zu Hause zu sein, daß ich dachte, unser Herzog müsse Euch auf seine Seite gezogen haben.« Marie schwieg eine Weile. »Ich habe der Herzogin einen Eid geschworen, daß ich keinen Fluchtversuch machen werde, solange man mich nicht zu einer Heirat zwingt«, räumte sie ein. »Und alle sind hier sehr freundlich gewesen und haben mich wie einen Gast behandelt … oder noch besser« (sie spürte, wie ihr Gesicht rot wurde), »so, daß ich mich wirklich wie zu Hause fühle. Meine Loyalitäten haben sich jedoch nicht geändert.« Sie fragte sich, als sie das sagte, ob es wirklich ganz wahr sei. Ihr Entschluß, die Loyalitäten ihrer Familie nicht zu verraten, hatte sich nicht geändert, doch es war kaum zu vermeiden gewesen, daß daneben neue Loyalitäten entstanden. Sie mochte Herzog Hoel – ein edler Terrier fürwahr, temperamentvoll, laut, ohne Umschweife, ein Freund derber Späße und ein Liebhaber der Jagd. Sie mochte die listige, sentimentale Herzogin, die sie so herzlich aufgenommen hatte. Und sie mochte die jungen Ritter der herzoglichen Hofhaltung, ihre Verehrung, ihre Scherze und ihre Aufmerksamkeiten. Sie schämte sich fast ein wenig, wie sehr ihr das alles gefiel. Das Mädchen, das sie in Chalandrey gewesen war, die angehende Novizin von St-Michel, sie schienen ihr sehr langweilige Geschöpfe zu sein im Vergleich zu der Frau, die Rennes aus ihr gemacht hatte. »Man hat mich wegen Chalandrey hierhergebracht«, erinnerte sie sich laut. »Nicht wegen irgend etwas, das ich persönlich bin, sondern nur, weil ich seine Erbin bin.« Sie sah sich plötzlich in die heimische Umgebung ihrer Kindheit versetzt: das Haus; das Zimmer, in dem ihre Mutter gestorben war; die Stufe der Treppe, die immer knarrte; die Ysophecke im Küchengarten; die verwitterten Pfosten in der Palisade, die das Herrenhaus schützte; das Dorf und die Felder, die sich bis zum Fluß hinunter erstreckten. Chalandreys Fluß war der Couesnon. Das war der Grund, dachte sie, weshalb dem Herzog soviel daran gelegen war. Es war kein besonders ertragreiches Gut, aber es lag an der Grenze, mitten auf dem Weg, den die Normannen entlangritten, wenn sie das Herzogtum Bretagne angriffen. Wenn es im Besitz des Herzogs war, würde er dort vielleicht eine Burg errichten, um die Verteidigungslinie der Mark zu vervollständigen: Châteaubriant, La Guerche, Vitré, Fougères – und Chalandrey. »Aber Chalandreys Lehnsherr ist Herzog Robert der Normandie«, schloß Marie entschieden, »und es ihm zu stehlen würde gemeiner Verrat von mir sein.« »Aber Chalandrey ist ein Penthièvre-Gut«, sagte Eline und wiederholte, was alle anderen gesagt hatten. »Der Herzog der Normandie hatte von Anfang an keinerlei Recht darauf.« »Ich habe darüber mit ganz Rennes diskutiert«, sagte Marie ungeduldig. »Ich bin nicht verantwortlich für das, was andere in der Vergangenheit getan haben. Vielleicht war mein Großvater im Unrecht, als er sich auf die Seite der Normannen schlug, aber das bedeutet nicht, daß ich das rückgängig machen kann, ohne die Ehre meiner Familie zu beflecken. Loyalität beginnt da, wo man sich selbst befindet. Nein! Ich werde mich weiter weigern zu heiraten, und schließlich wird man einsehen, daß ich es ernst meine. Und eines Tages werden mein Vater und Herzog Robert vom Kreuzzug zurückkehren, und dann wird Herzog Hoel mich wohl ins Kloster zurückkehren lassen – vor allem, wenn ich verspreche, dort zu bleiben und nach meines Vaters Tod Chalandrey dem Kloster St-Michel zu vermachen.« »Ihr wollt wirklich Nonne werden?« fragte Eline überrascht. »Warum?« Marie war froh, daß die Dunkelheit ihr Gesicht verbarg. Sie hatte früher Nonne werden wollen. Aber es graute ihr davor, ins Kloster zurückzugehen. »Ich wollte Nonne werden«, wich sie aus, und sie hoffte, Eline würde die Änderung der Zeitform nicht bemerken, nicht begreifen, daß das Verlangen, das einst so stark gewesen war, nun Vergangenheit war. »Ich … ich wollte die Waffen gegen den Teufel erheben und die Welt durch die Macht des Gebets verteidigen.« Ich war arrogant, fügte sie im stillen hinzu. Ich schmeichelte mir, daß ich zu einer spirituellen Elite gehörte und daß es für mich keine Rolle spielte, nicht schön und vollkommen zu sein, oder daß mein Vater und mein Bruder von meiner Existenz kaum Notiz nahmen. Ich war über solche weltlichen Dinge erhaben. Doch jetzt, wo man mich beachtet und umwirbt, finde ich, daß ich überhaupt nicht spirituell bin, und die Welt sieht längst nicht so wertlos und böse aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich war eine scheinheilige kleine Närrin. O Gott, wenn ich in das Kloster zurückgehe, hilf mir, ehrlich zu sein, und was ich auch tue, gib mir Demut! »Das ist sehr edel«, sagte Eline beeindruckt. »Ich habe nie etwas anderes gewollt, als einen Ritter zu heiraten und Kinder zu haben.« »Ich bin nicht edel«, erwiderte Marie schuldbewußt. »Ich würde, denke ich, genau dasselbe wollen wie Ihr, wenn ich es auf ehrenhafte Weise haben könnte.« Eline legte plötzlich die Arme um Marie, wie sie es bei einer ihrer Schwestern getan hätte, und drückte sie an sich. »Ich bete darum, daß Ihr es könnt!« sagte sie herzlich. »Bei meinem Gebet vor der Hochzeit werde ich die heilige Agnes und die Muttergottes bitten, einen Ehemann für Euch zu finden, den beide, Euer Vater und der Herzog, akzeptieren, damit Ihr so glücklich werden könnt, wie ich es jetzt bin.« 5. KAPITEL Der Regen ließ am nächsten Morgen nach und hörte am Nachmittag ganz auf. Um die Vesperzeit ging der gesamte Hof nach draußen, um das langsam stärker werdende Sonnenlicht zu genießen. Der Herzog und die Herzogin schlenderten Hand in Hand über den Burghof, die Damen und Ritter folgten ihnen, und auch die Bediensteten ließen die Arbeit ruhen und kamen heraus, um sich an der frischen Luft zu laben. Alles glänzte vor Feuchtigkeit, die glatten Steinmauern warfen goldene Spiegelungen der Nachmittagssonne zurück, und das Gras schien sich von innen zu erhellen wie der Hornschirm einer Laterne. Um dem Morast zu entgehen, stieg die adlige Gesellschaft zu den Brustwehren der großen Burgmauer hinauf und schaute zur Stadt Rennes hinüber. Die Kathedrale, deren Fassade im Sonnenlicht schimmerte, türmte sich über dem Gewirr strohgedeckter Häuser neben dem braunen Strom der Vilaine empor. Ein paar abendliche Kochfeuer brannten schon, und Wolken von Rauch, dicht und blau vor Feuchtigkeit, färbten an manchen Stellen die klare Luft und hoben sich dunkel gegen das hellere Blau des Himmels ab. Ein Trupp von etwa einem Dutzend Reitern kam auf das Burgtor zugeritten. Ihre Pferde und auch ihre Umhänge und Stiefel waren mit Schlamm bespritzt, aber sie hatten die Kapuzen zurückgeworfen, um Kopf und Gesicht in der Sonne zu baden. Marie stand neben Eline, und sie spürte, wie die jüngere Frau erstarrte und intensiv zu den Reitern hinunterspähte. Als der Trupp näher kam, konnte man erkennen, daß der Anführer dunkelhaarig war, einen Bart trug und einen hohen, starken Braunen ritt. Eline entspannte sich, und ihr Gesicht blühte in einem strahlenden Lächeln auf. Tiarnán war rechtzeitig angekommen. Als der Ritter kurz vor dem Tor war, rief Herzog Hoel ihm einen Gruß auf bretonisch zu, und Tiarnán schaute auf, lächelte und rief einen Gruß zurück. Tiarnán war ein Mann des Herzogs Hoel. Feudalrechtlich gesehen bedeutete diese Aussage nichts anderes, als daß er sein Rittergut direkt vom Herzog zu Lehen hielt, also nicht einem Vasallen des Herzogs, einem Grafen oder Baron, die Lehnspflicht schuldete. In Tiarnáns Fall jedoch hatte diese Aussage ein größeres Gewicht: Er war Hoel rückhaltlos ergeben und leistete ihm freudig Gehorsam. Das war keineswegs selbstverständlich. Tiarnáns Verhältnis zu Hoels Vorgänger, Herzog Conan II., dem Bruder der Herzogin Havoise, hätte nie mehr als eine pflichtbewußte und korrekte Loyalität sein können. Als Tiarnán durch den Tod seines Vaters ein Mündel des Herzogs geworden war, hatte der Hof sich nicht um ihn gekümmert, man hatte ihn einfach wie ein Bauernkind im Dorf Talensac aufwachsen lassen. Mit acht Jahren war er dann an den Hof gebracht worden, wo ihn die alptraumhaften ersten Jahre seiner Pagenzeit an den Rand der Verzweiflung brachten. Herzog Conan war noch sehr jung, als Tiarnán an den Hof kam, und er hatte seine Freunde unter den Pagen und Knappen, die Tiarnáns Folterer waren. Geschliffene Umgangsformen und eine übertriebene Eleganz wurden damals am Hofe höher geschätzt als echte ritterliche Tugenden. Tiarnán hatte die Loyalität des Vasallen gegenüber seinem Lehnsherrn nie vermissen lassen, aber das Verhältnis war auf beiden Seiten von kühler Distanziertheit bestimmt gewesen. Der einzige bretonische Pair am Hofe, den Tiarnán wirklich gemocht hatte, war der Graf von Nantes und Cornouaille gewesen, Herzog Conans Schwager Hoel. Hoel hatte sich wenig aus höfischer Etikette und verfeinerten höfischen Sitten gemacht. Er sagte, was er meinte, und die Meinung war meistens freundlich, und er sagte sie auf bretonisch. Im Krieg war er ein draufgängerischer und ausdauernder Kämpfer und im Frieden ein passionierter Jäger. Als er bemerkte, daß der junge Knappe Tiarnán seine Leidenschaft teilte, hatte er ihn öfter zur Jagd in den Wald mitgenommen. Das waren die einzigen angenehmen Erinnerungen, die Tiarnán an seine Zeit an Conans Hof hatte: die Tage der Jagd, wenn die Hunde das Wild hetzten und Hoel das Jagdhorn blies, und die Abende danach, wenn die Jagdgesellschaft unter den Bäumen an einem Lagerfeuer saß und erzählt und gelacht wurde. Alles andere in dieser Zeit war Kummer und unterdrückte Wut. – Herzog Conan war in der Schlacht gefallen, in der Blüte seiner Jugend und noch unverheiratet. Der Titel ging an Hoel über, und Tiarnáns offizielle Loyalitäten standen nicht länger im Widerspruch zu seinen persönlichen. Ein Ritter sollte seinen Lehnsherrn lieben, wie ein Sohn seinen Vater liebt – so lehrte man die Knappen. Tiarnán hatte seinen Vater nicht gekannt, aber er liebte Herzog Hoel. Sobald sein Pferd die Zugbrücke überquert hatte, sprang er ab, warf einem Knecht die Zügel zu und lief durch das Torwächterhaus, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, zu den Brustwehren der Burgmauer hoch. Er beugte das Knie vor dem Herzog und küßte ihm die Hand; Hoel zog ihn hoch und umarmte ihn. »Ihr seid also hier«, sagte er auf bretonisch. »Habt Euer Bußfasten beendet und seid bereit für die Hochzeit.« »So ist es, mein hoher Herr«, antwortete Tiarnán lächelnd. Als der Herzog ihm angeboten hatte, in der Kathedrale von Rennes zu heiraten, war ihm das gar nicht recht gewesen. Er wußte, daß Hoel ihm damit eine Ehre erweisen wollte und daß er es nicht zurückweisen konnte, ohne undankbar zu erscheinen. Er hätte die Hochzeit lieber in Talensac gefeiert, unter seinen eigenen Leuten. Jetzt hatte er sich damit abgefunden und freute sich, daß der Herzog anwesend sein würde. Sie sprachen ein paar Minuten angeregt miteinander – über die Reise, das Wetter, die Aussichten für eine Jagd –, dann schlug Hoel seinem Lehnsmann auf die Schulter und entließ ihn zur Begrüßung der Herzogin. »Gott segne Euch, Tiarnán!« sagte Havoise auf französisch und hielt ihm die Hand hin. Tiarnán beugte sich tief darüber und küßte sie. Er hatte für die Herzogin immer die gleiche Zuneigung empfunden wie für ihren Gemahl. »Ihr kommt spät. Die Dame Eline fürchtete schon, Ihr würdet Eure Hochzeit versäumen.« Seine Augen glitten über die Damen hinter der Herzogin und fanden den blauen Seidenschleier, nach dem sie Ausschau hielten. Er hatte erwartet, daß sie da war, aber sein Herz machte einen Sprung. Lächelnd wandte er sich wieder der Herzogin zu. »Nicht, solange ein Funken Leben in mir ist«, erwiderte er. »Wenn die Straßen besser gewesen wären, würde ich früher eingetroffen sein.« Wieder suchten seine Augen, und diesmal fanden sie Elines strahlendes Gesicht und blieben dort haften. Sie ist süßer als das Lied der Amsel oder der Nachtigall auf dem Weidenbaum, süßer als der Tau auf der Rosenblüte. Und am süßesten von allem ist ihr Kuß. »Ach ja, das Wetter war schrecklich«, stimmte die Herzogin zu. »Aber Ihr scheint ja die Sonne mitgebracht zu haben. Habt Ihr auch Eure scheckige Lymer-Hündin dabei? Der Herzog hat große Pläne für eine Hirschjagd am Tag nach der Hochzeit, und er schwört auf diesen Spürhund.« Tiarnán riß seine Augen von Eline los und blickte hinunter auf die Gruppe seiner Begleiter am Burgtor. »Da ist Mirre«, sagte er und zeigte auf sie. Die Hündin wartete am Fuß der Steintreppe, die zu den Brustwehren führte. Sie würde niemals irgendwo Stufen hinauflaufen, weil ihr das in Talensac nicht erlaubt war. Adlige Jagdgesellschaften gingen nicht einfach aufs Geratewohl hinaus in den Wald und jagten, was sie finden konnten. Ein angemessen großes Wildaufkommen wurde immer von einem professionellen Jäger vorher mit einem guten Spürhund ausfindig gemacht. Tiarnán übernahm diese Rolle im allgemeinen selbst mit Mirre, obwohl es bedeutete, vor Tagesbeginn aufzustehen. »Der Jäger des Herzogs wird sie allerdings diesmal führen müssen«, sagte er zur Herzogin. »Ein feiner Bräutigam wärt Ihr, wenn Ihr das selbst tätet!« rief Havoise und lachte schallend. »Ich bin mir völlig sicher, daß Ihr nicht zu den Laudes aufstehen werdet. Und ebenso sicher bin ich, daß Ihr anderes Wild im Sinn habt als Hirsche. Ihr könnt von Glück reden, wenn Ihr zur Terz auf seid!« Tiarnán war auf diese Neckerei am Hofe gefaßt. Es war auch ein Grund, weshalb es ihm lieber gewesen wäre, in Talensac zu heiraten. Aber er lächelte höflich. Die Herzogin lächelte zurück, doch dann plötzlich umarmte sie ihn und küßte ihn auf beide Wangen. »Ich freue mich für Euch, mein Lieber, ich freue mich sehr«, sagte sie mit einer Zartheit, die ihn überraschte. – »Aber Ihr solltet nicht hier stehen und Eure Braut am Tage vor der Hochzeit anstarren. Fort mit Euch, eom de'i! Kümmert Euch um Euer Pferd.« Tiarnán winkte den übrigen Damen und Herren der Gesellschaft einen Gruß zu und ging die Treppe wieder hinunter, um sein Pferd in den Stall zu bringen und zu versorgen. Mirre folgte ihm auf dem Fuße, mit dem braunen, weiß gefleckten Schwanz wedelnd. Havoise sah Tiarnán liebevoll nach, dann wandte sie sich an Eline. »Meine Liebe«, sagte sie, »das Schicksal meint es gut mit Euch. Ich bin sicher, Ihr beide werdet sehr glücklich werden.« Marie, die die ganze Szene beobachtet hatte, spürte, wie ein Stich durch ihr Herz ging. Auch sie war sicher, daß Elines Ehe mit Tiarnán sehr glücklich sein würde. Eline war den Rest des Abends blaß vor Aufregung, und beim Abendessen in der großen Halle konnte sie kaum einen Bissen herunterbringen. Der ganze Hof schien von ihrer Unruhe angesteckt zu sein. Irgendwie herrschte eine Stimmung, als würde der nächste Tag ein großer Festtag sein und nicht nur der Hochzeitstag eines Ritters aus dem niederen Adel. Herve de Comper setzte sich zu seinem zukünftigen Schwiegersohn an den Tisch der jungen Ritter, und schon bald unterbrach tosendes Gelächter aus dieser Gruppe die ruhigeren Gespräche an den anderen Tischen. Tiarnán saß gelassen da und ließ die Witze und Anspielungen mit Humor über sich ergehen. Maries Augen wanderten immer wieder zu ihm hinüber. Sie hatte den Eindruck, daß er inmitten dieses ganzen Wirbels seine innere Stille bewahrte. Sie hatte sich geirrt, als sie annahm, er würde am Hof ein anderer Mensch sein, als er im Wald gewesen war. Die Damen verließen die Halle früh, als der lange Mittsommerabend noch hell war. Havoise ließ in ihrem eigenen Schlafzimmer ein Bad für die Braut bereiten und das Wasser mit Rosenblüten bestreuen. Während Mägde dampfende Kessel aus der Küche herübertrugen, um den großen Holzzuber zu füllen, drängten sich die Damen, um das Kleid zu bewundern, das Eline zur Hochzeit tragen würde. Es war aus blauem Arras-Stoff und hatte die seit neuestem in Mode gekommenen langen Ärmel, die über das Handgelenk bis zur Handmitte reichten. Halsausschnitt und Aufschläge waren mit winzigen Perlen bestickt. Nach dem Bad zog Eline es über; sie tanzte im Zimmer der Herzogin herum wie ein Kind am Meeresstrand, stampfend und wirbelnd und mit wehendem feuchten Haar. Die Damen klatschten. Lachend machte Eline einen tiefen Knicks vor der Herzogin. »Reizend, meine Liebe«, sagte Havoise lächelnd. »Aber jetzt müßt Ihr zu Bett gehen und etwas Schlaf bekommen.« »Weil Ihr ihn morgen nacht entbehren werdet«, ergänzte Sybille, und sie und die Herzogin lachten. Die Damen zogen sich zurück. Marie entfernte sich gemeinsam mit Eline, doch die Herzogin rief sie zurück. »Das Badewasser ist noch fast heiß«, sagte sie. »Warum nutzt Ihr nicht die Gelegenheit, Marie? Dieser ganze Aufwand für nur eine Person wäre Verschwendung, und ich habe erst vorletzte Woche ein Bad genommen; ich möchte jetzt keins.« Marie war ein wenig verwirrt, aber es war wirklich eine Schande, heißes Wasser zu vergeuden. Sybille war als letzte der Damen der Herzogin noch im Zimmer und wartete ungeduldig an der Tür. Havoise nickte ihr zu, und sie ging. Marie und die Herzogin waren allein. Havoise nahm eine Handvoll Rosenblüten aus dem Korb, den die Dienerinnen zurückgelassen hatten, und streute sie in das Badewasser. Die lange, nur langsam fortschreitende Dämmerung vertiefte sich allmählich, und nach all dem Lärm und der Aufregung wurde es ruhig in der Burg. Schweigend streifte Marie Kleid und Hemd ab und stieg in den hüfthohen Zuber. Sie kniete sich auf das rauhe Holz und begann die Flechten ihres Haars zu lösen. »Tiarnán wird also morgen verheiratet sein«, sagte die Herzogin sinnend. »Oh, es läßt mich mein Alter fühlen. Ich erinnere mich, wie er das erste Mal zu Hof geritten kam; er saß hinter dem Gemeindepriester von Talensac auf einem alten Bauerngaul – sechzehn Jahre müßte das her sein, nein, siebzehn. Er war ein magerer kleiner Bursche, ganz und gar unbeleckt von jeder adligen Erziehung, und er sprach kein Wort Französisch. Und schaut ihn Euch jetzt an! Der ausgezeichnetste Ritter in der Bretagne, so sagt man.« »So sagt man?« fragte Marie lächelnd, während sie mit den Fingern ihr Haar lockerte. Havoise lachte. »Oh, ich werde keinen Zweifel auf Euren Champion werfen! Aber man sagt dasselbe von zwei oder drei anderen, und man hat es vor ihnen von wieder anderen gesagt. Man hat es seinerzeit von meinem armen Bruder gesagt – Gott gebe seiner Seele Frieden –, obwohl ich denke, man hätte es nicht getan, wenn er nicht Herzog gewesen wäre. Tiarnán verdient es mehr als die meisten. Er ist ein gefürchteter Kämpfer und ein friedlicher Nachbar, und was mehr verlangt die Welt von einem Ritter? – Ich habe ihn immer gemocht«, fuhr die Herzogin nachdenklich fort. »Gott weiß, warum, denn ich war eine impulsive, temperamentvolle junge Frau, und er war ein schweigsames Kind und ein ernster junger Mann. Ich empfinde fast wie eine Mutter für ihn. Und jetzt wird er heiraten! Nun, wie ich sagte, sie werden wohl glücklich werden. Sie ist ein reizendes Mädchen und gutherzig. Sie wird ihn nie verstehen, aber vermutlich spielt das keine so sehr große Rolle.« Marie wußte nicht, was sie darauf antworten sollte. Sie tauchte den Kopf unter das Wasser und schüttelte ihr Haar in dem weichen, nach Rosen duftenden Wasser aus. »Sie liebt ihn«, sagte sie, als sie den Kopf wieder hob. »Ich denke, deshalb wird sie ihn auch verstehen.« Havoise schüttelte den Kopf. »Eline liebt Tiarnán nicht. Sie wird ihr Bestes tun, ihm eine gute Frau zu sein, und eines Tages wird sie ihn vielleicht lieben, aber jetzt … jetzt ist sie einfach entzückt von der Idee, mit einem berühmten Ritter verheiratet und Herrin eines schönen Guts zu sein. Sie ist ein unkompliziertes Geschöpf. Ein kurzes Gespräch mit ihr reicht, um zu wissen, wie und was sie denkt. Tiarnán ist ganz anders. Da ist tieferes Wasser, als ich ausloten kann, und ich habe ihn eine lange Zeit gekannt. Liebt er sie, oder handelt es sich nur um eine sinnliche Leidenschaft, eine Erregung des Blutes? Ich kann es nicht sagen.« Maries Herz begann wieder einmal seinen hartnäckigen Kampf gegen die Vernunft. Sie nahm eine Handvoll von der Schmierseife aus Talg und Holzasche und rieb sich damit den Kopf ein. »Das ist es nicht«, sagte sie fest. »Sie ist so offenherzig und zartfühlend, und ihr Charme ist wie heller Sonnenschein. Das bezaubert ihn – denn er hat dunkle Stellen, tiefe Wasser, in seiner eigenen Seele.« Havoise betrachtete sie lange nachdenklich, dann senkte sie die Augen. »Nun, woher wißt Ihr das?« fragte sie. Marie spürte, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Sie konnte das nicht wissen. Sie kannte Tiarnán kaum, und es schickte sich nicht für sie, so über ihn zu sprechen. Sie tauchte wieder unter das Wasser, um einer Antwort auszuweichen, und spülte die Seife aus dem Haar. Als sie wieder hochkam, sah die Herzogin sie an. »Ich könnte wünschen, Marie, meine Liebe«, sagte Havoise leise, »Ihr wäret es, die er heiratet. Und ich denke, wenn er der Mann wäre, der um Eure Hand anhielte, dann würdet Ihr nicht mit diesem kleinen bescheidenen Lächeln ablehnen, wie Ihr das bei all den anderen tut.« »Warum sagt Ihr das?« fragte Marie, ein wenig schärfer, als es der Höflichkeit entsprach. »Ich bin Tiarnán bestimmt dankbar, daß er mich gerettet hat, aber ich bin nicht gottlos oder dumm genug, mich Liebesgefühlen für einen Mann hinzugeben, der morgen eine andere heiratet.« Der Blick, den Havoise ihr zuwarf, war so verschlagen wie liebevoll. »Ich habe Euch beobachtet, während ich von ihm sprach. Man kann immer feststellen, was ein junges Mädchen für einen Mann empfindet, indem man es beobachtet, wenn von ihm gesprochen wird – besonders wenn es unbekleidet ist.« Die Herzogin lachte leise, sprach aber rasch weiter: »Seid nicht ärgerlich, meine Liebe. Ich weiß, Ihr seid ehrlich, und ich bin sicher, Ihr gebt Euch keinen unlauteren Gefühlen hin. Ich bin es, die sich heute abend ihrer Neugier hingegeben hat. Ich habe mein ganzes Leben am Hofe verbracht, und nichts fasziniert mich so sehr wie Menschen. Sie beobachten, einfach den Tanz beobachten. Ich habe Tiarnán gekannt, seit er ein Kind war, und er ist mir lieber gewesen als die meisten anderen – Euch, um auch das auszusprechen, mag ich ebenfalls. Auch Ihr seid eine komplizierte Natur. Doch macht Euch keine Sorgen, ich weiß, es ist Eline, die tanzt, und Ihr seid entschlossen, an der Wand zu sitzen. Es ist bloß, daß ein Tanz zwischen Euch und Tiarnán – na ja, das wäre etwas Ungewöhnliches, und vielleicht Wundervolles, gewesen. Es hat mich interessiert, es war nicht böse gemeint. Ihr müßt die impertinente Neugier einer älteren Frau verzeihen.« Marie stieg aus dem Zuber und wickelte sich in Elines feuchtes Handtuch. »Ich habe keine andere Wahl, als die impertinente Neugier einer Herzogin zu verzeihen«, sagte sie etwas bitter. Sie hatte sich von den unvernünftigen Regungen ihres Herzens nie etwas anmerken lassen, und jetzt fühlte sie sich beschämt und bloßgestellt. Aber Havoise lachte nur leise vor sich hin. »Ja. Es hat seine Vorteile, eine Herzogin zu sein.« Trotz ihres Ärgers mußte Marie lachen. Marie träumte, sie ginge einen schmalen Pfad im Wald entlang. Die Vögel flogen unruhig zwitschernd hin und her, und die Blätter wisperten miteinander. Sie kam zu einer Lichtung und fand dort einen langen Erdhügel zwischen Holunderbäumen. Roter Mohn wuchs in dem grünen Gras, das ihn bedeckte, auch wilder Schierling und Büsche von purpurblütigem bittersüßen Nachtschatten. Am Ende des Hügels standen zwei große graue Steine, im Boden befestigt, im Abstand etwa der Pfosten eines Türrahmens. Marie stieg hinauf und stützte sich mit der Hand auf einen der beiden Steine, und bei der Berührung des kalten Steins verstand sie plötzlich, daß es wirklich eine Tür war und daß hinter ihr etwas Schreckliches oder aber Wundervolles lag, das ihr Leben für immer verändert hätte; doch sie war zu spät gekommen oder zu früh, und die Tür war verschlossen. Enttäuscht wandte sie sich ab. Ein Wolf saß unter den Bäumen hinter ihr und beobachtete sie, und sie sah ihm ohne Angst in die schwarz umränderten Augen. Sie wachte auf und sah, daß es Morgen war. Eline, die sich einen großen Teil der Nacht unruhig hin- und hergeworfen hatte, lag ganz still und friedlich da. Marie drehte sich auf den Rücken und blickte regungslos zur Decke hoch. In ihrem Herzen war eine seltsame Taubheit. Sie empfand keine Eifersucht auf Eline. Dazu fehlte auch jede Voraussetzung. Sie wußte ja, daß sie niemals einen Platz in Tiarnáns Herzen gehabt hatte. Es war vielmehr das Gefühl des Traums, etwas von überwältigender Wichtigkeit versäumt zu haben, das wie ein dicker Nebel über allem lag. Sie seufzte, stand auf, machte das Kreuzzeichen und kniete sich hin, um ihr Morgengebet zu sprechen. Eline erwachte, während sie betete, und kniete sich neben sie. Als sie das ›Amen‹ gesprochen hatten, strahlte Eline Marie an. »Danke, Dame Marie«, sagte sie glücklich. »Ich denke, einen besseren Beginn meines Hochzeitstages hätte es nicht geben können.« Marie lächelte zurück. Eline eilte schon zur Kleidertruhe, auf der das frische Hemd und das blaue Hochzeitskleid bereitgelegt waren. Der größte Teil des Vormittags lag für Marie wie unter einem Nebelschleier. Sie ritt mit dem Hof von der Burg zur Kathedrale, wo die Hochzeitsmesse zelebriert wurde. Später wurde ihr bewußt, daß sie von der Trauung fast nichts in Erinnerung behalten hatte, nicht einmal den Gesichtsausdruck der Brautleute. Als sie zur Burg zurückgekehrt waren, kam Tiher herüber, um ihr Pferd zu halten, während sie absaß. Sie sah auf sein Froschgesicht hinunter, das über einen Scherz lachte, den sie nicht einmal gehört hatte, und es wurde ihr plötzlich klar, daß es höchste Zeit war, sich zusammenzunehmen, wenn sie nicht dem ganzen Hof Anlaß zu Spekulationen geben wollte. Sie zwang sich zu einem Lächeln, glitt aus dem Sattel und stützte sich auf die hilfreich angebotene Hand. »Ein schöner Tag für ein solches Fest«, sagte sie aufs Geratewohl, denn sie hatte nicht einmal bemerkt, ob die Sonne schien oder nicht. Erst jetzt sah sie, daß das Wetter wirklich herrlich war. »Ich bete darum, daß es für die morgige Jagd so bleibt!« erwiderte Tiher. »Ich habe noch nie eine Hirschjagd mitgemacht«, sagte Marie. »Tatsächlich? Dann müßt Ihr morgen mitkommen. Ihr könnt mit mir reiten.« Morvan de Hennebont erschien an ihrer anderen Seite. »Ihr werdet nicht auf diesem Klepper von Tiher reiten wollen«, sagte er. »Er hat einen Rücken wie eine Schafhürde und spreizt die Beine beim Gehen wie ein Hahn. Mein Pferd ist ein Zelter und geht sanft. Ihr könnt mit mir reiten, Dame Marie.« »Wenn ich mitkomme, dann werde ich mein eigenes Pferd reiten«, erwiderte Marie lächelnd. »Es braucht Übung.« Herzog Hoel hatte ein großes offizielles Fest angeordnet – wie die Trauung in der Kathedrale ein Zeichen der Anerkennung für einen besonders geschätzten Ritter –, und bei der Sitzeinteilung wurde auf die Einhaltung der Rangordnung stärker geachtet, als es sonst üblich war. Die wichtigsten Gäste saßen an dem erhöhten Tisch beim Herzog und der Herzogin. Der Rangfolge der übrigen Gäste wurde durch den Abstand der Tische vom Sitz des Herzogs Rechnung getragen. Marie saß als Verwandte der Herzogin an dem erhöhten Tisch, neben dem Bischof von Rennes, nicht weit von dem Bräutigam, der den Ehrenplatz zur Rechten der Herzogin hatte. Tiher und Morvan hatten als landlose Ritter ihre Plätze am siebten Tisch, ganz am Ende der Halle. Aber beide geleiteten Marie zu ihrem Platz, bevor sie ihren eigenen einnahmen. »Manche Leute sagen, der Hirsch sollte mit Netzen gejagt werden«, sagte Tiher gerade, als sie das Podium mit dem Tisch des Herzogs erreichten, »aber ich meine, die arme Kreatur ist schon so genügend verwirrt und verstrickt. Wenn der Hirsch die Jagd hinter sich herkommen sieht und den Schall der Hörner und das Gebell der Hunde hört und merkt, daß er der Auserwählte ist – also, er würde schon vor Angst sterben, wenn Gott ihm nicht ein so unempfindliches Herz gegeben hätte.« »Was war das?« Herzog Hoel, der hinter seinem Platz in der Mitte des Tisches stand, blickte zu ihnen hinüber. »Dame Marie dachte daran, mitzukommen und den Hirsch zu jagen«, sagte Tiher. »Ah!« rief Hoel strahlend. »Eine ausgezeichnete Idee. Dame Marie könnte ein Einhorn jagen, ganz zu schweigen von einem Hirsch.« »Vielleicht werde ich es tun«, sagte Marie. »Mir gefällt allerdings der Gedanke nicht, einem armen Hirsch solchen Schrecken zu bereiten.« »Oh, aber es würde ein köstlicher Schrecken für ihn sein, wenn er von einer Jägerin wie Euch käme«, versuchte Tiher sich in höfischer Schmeichelei. Havoise lachte. »Warum sollte es einen Hirsch kümmern, wer sein Schwert in ihn steckt, he?« fragte sie und scheuchte Tiher und Morvan von dem Ehrentisch fort. Hoel und die Herzogin nahmen ihre Plätze ein; die anderen folgten ihnen, und das Fest begann. Zu Beginn wurden Rindsröllchen gereicht, mit Eiern und Zwiebeln gefülltes Huhn und Kalbspastete. Dann wurde unter Trompetengeschmetter ein gebratener Schwan hereingetragen, mit seinem eigenen weißen Federkleid drapiert. Anschließend servierte man große Platten mit Lamm- und Schweinebraten, auf Rosmarinfeuer gebraten. Es folgten in Cidre gedünstete Tauben und junge Reiher sowie mit Honig glasierte Schwarzdrosseln. Wildbret kam nicht auf den Tisch, denn die Jagd auf Wildschweine und Hindinnen war schon lange vorbei, und die Hirschjagd sollte gerade erst beginnen. Zum Abschluß gab es Markknochenpastete und Käsekuchen. Prächtig gekleidete Angehörige des herzoglichen Hofstaats, weiße Servietten über der Schulter drapiert, legten am Tisch des Herzogs die Speisen von Silberplatten vor, und der Haushofmeister Corentin, assistiert von einigen Pagen, schenkte dazu weißen Loirewein und roten Bordeaux ein. Die Sonne schien durch die schmalen hohen Fenster herein. Es wurde viel gelacht, und die Gespräche drehten sich vor allem um die für den nächsten Tag angesetzte Jagd. »Ich werde heute abend meinen Jäger vorbeischicken, um Eure Lymer-Hündin auszuleihen«, sagte Herzog Hoel zu Tiarnán. »Wo ist sie?« Tiarnán lächelte und deutete unter den Tisch, wo Mirres Kopf mit den Hängebacken und den langen Schlappohren unter der Tischdecke zum Vorschein kam. Sie wedelte mit dem Schwanz, als sie bemerkt wurde, und Herzog Hoel lachte. »Ich habe sie gar nicht hereinkommen sehen! Hier, Mirre!« Er warf ihr ein Stück knorpeliges Reiherfleisch zu, das sie aufschnappte. »Der beste Spürhund auf der ganzen Welt«, vertraute Hoel dem Bischof, Guillaume de la Guerche, an. »Für ein Pfund Gold würdet Ihr keinen so guten bekommen. Wir werden sehen, was sie morgen für uns ausschnüffeln kann, he?« Tiarnán tätschelte Mirre den Kopf, und sie leckte ihm die Hand. »Einen prächtigen Hirsch, einen Sechzehnender, gibt es im Wald bei Châllier«, berichtete er dem Herzog. »Ich denke, es ist dasselbe Tier, das wir am letzten Kreuzauffindungstag verloren haben.« »Zu weit«, erwiderte der Herzog. »Euch sollte ich das doch nicht sagen müssen! Ich kann mir nicht vorstellen, daß Ihr die morgige Nacht fern von Eurer Frau verbringen möchtet. Wir wollen den Damen nicht mehr als einen bequemen Tagesausflug zumuten. Es gibt im Wald von Rennes Zehnender. Wir könnten so losreiten, daß wir uns um die Mitte des Vormittags bei Gaudrier sammeln; dann gehen wir jagen, und vor der Dämmerung können wir wieder zurück sein.« »Es dürfte eigentlich nicht schwierig sein, mit den Damen bei Châllier jagen zu gehen«, versuchte Tiarnán noch einmal, seinen Vorschlag durchzusetzen. »Der größte Teil der Jagdgesellschaft würde in der Burg dort Unterkunft finden, und für die übrigen könnten wir Zelte mitnehmen. Das Wetter ist gut.« Er stellte sich vor, wie er mit Eline in einem Zelt kampierte – im hochsommerlichen Wald mit seinem dichten Laub und dem reichen Duft; er stellte sich vor, wie er neben ihr lag und das helle Licht des Mittsommermonds auf ihr blondes Haar und ihre weiße Haut schien. Ein Schauer des Entzückens durchlief seinen Körper. Er sah zu ihr hinüber, sie saß rechts neben dem Herzog, wunderbar schön; das blonde Haar fiel ihr jungfräulich lose über die Schultern, auf dem Kopf trug sie einen Kranz aus Rosen. Havoise lachte. »Aber möchte Eline die ersten Tage ihrer Ehe in einem Wald kampieren?« fragte sie, und Elines Gesicht wurde rosig wie die Rosen in ihrem Haar. »Möchtest du das nicht?« fragte Tiarnán überrascht. Eline hatte einmal bei einem der Jagdausflüge ihres Vaters über Nacht im Wald kampiert. Sie dachte an die unheimlich aussehenden schwarzen Bäume, die Moskitos und die seltsamen Geräusche in der Dunkelheit. »Wenn wir Rennes verlassen«, sagte sie zögernd mit etwas kleinlauter Stimme, »würde ich lieber direkt mit dir nach Talensac gehen, Tiarnán.« »Oh«, sagte Tiarnán enttäuscht, und Havoise lachte wieder. »Sie hat sich nämlich schon Sorgen über Eure Jagdausflüge gemacht«, erklärte sie ihm. »Sie hat Angst, daß ihrem Liebsten etwas zustoßen könnte.« »Ich habe mir wegen dieses Räubers Éon von Moncontour Sorgen gemacht«, ergänzte Eline. »Man sagt, er habe geschworen, dich umzubringen. Und Ritter Brancos Frau hat uns eine ganz schreckliche Geschichte über ihn erzählt.« »Welche? Wie er den Verwalter des Herrn von Moncontour getötet hat?« fragte Tiarnán mit ironischem Lächeln. Er war mehr oder weniger entschlossen, Jagd auf Éon zu machen, sobald er Zeit dazu fand; er bedauerte es immer noch, daß er den Burschen hatte entwischen lassen. Aber er hatte keinen Grund dazu gesehen, dies irgend jemandem gegenüber zu erwähnen. Es würde besser sein, damit zu warten, bis der Mann tot war. »Es gab da eine Geschichte, er wäre ein Bisclavret«, sagte Eline. »Ich hatte große Angst.« Tiarnáns Lächeln verschwand. »Das ist Unsinn«, fuhr er sie ungeduldig an. »Er ist nichts dergleichen.« »Pscht!« versuchte die Herzogin zu beschwichtigen, während Eline bei dieser ersten Erfahrung ehemännlichen Aufbrausens zusammenzuckte. »Was kann sie dafür?« »Du brauchst dich nicht zu fürchten«, sagte Tiarnán, dem es leid tat, daß er an ihrem Hochzeitstag so schroff zu seiner Frau gesprochen hatte. »Ganz bestimmt ist die Geschichte, die du gehört hast, unwahr, mein furchtsames Herz. Aber selbst wenn sie wahr wäre, warum sollte es dich beunruhigen? Ich habe weder Angst vor Éon noch vor einem Wolf. Warum sollte ich also beide zusammen fürchten?« Der Herzog lachte. »Gut gesagt! Doch jeder würde sich vor einem richtigen Werwolf fürchten.« »Warum?« insistierte Tiarnán. »Wölfe sind keine bösartigen Tiere. Sie töten nur, um zu fressen, und sie kämpfen nur, wenn sie in die Enge getrieben werden. Wenn sie einen Feind sehen, ziehen sie es immer vor, ihm aus dem Weg zu gehen. Sie sind besser als ihr Ruf. Ein Wildschwein ist viel gefährlicher, wie jeder Jäger weiß. Was Éon betrifft, so habe ich an Dame Nimuës Quelle mit ihm gekämpft, und ich habe ihn besiegt. Er besitzt keine außergewöhnlichen Kräfte. Falls er die Ursache dafür ist, daß meine Frau sich jedesmal Sorgen macht, wenn ich spät von der Jagd heimkomme, tut es mir doppelt leid, daß ich ihn damals nicht getötet habe – obwohl ich dann vielleicht die Hochzeit hätte verschieben müssen.« »Die Hochzeit verschieben, weil Ihr einen gefährlichen Räuber getötet hättet?« fragte Herzog Hoel. »Wieso das?« »Ich habe gerade die Buße zu Ende gebracht, die mir für die Tötung der beiden Spießgesellen Éons auferlegt worden war«, antwortete Tiarnán. »Hätte ich noch für einen weiteren Toten Buße zu leisten, würde ich es nicht geschafft haben, das alles rechtzeitig zu erledigen.« Bischof Guillaume legte die glasierte Schwarzdrossel auf seinen Teller zurück, wischte sich mit einem Stück Brot das Fett von den Fingern und sah Tiarnán mit professionellem Interesse an. »Wieviel Buße hat Euer Beichtvater Euch für die Tötung dieser beiden Räuber aufgegeben?« fragte er. »Dreißig Tage Fasten für jeden Mann. Ich habe Almosen gegeben und zwei Wallfahrten gemacht und es damit abgekürzt.« »Ein sehr strenger Beichtvater!« rief der Bischof bewundernd aus. »Das ist die echte alte Art, fürwahr. Wie mein Vater immer sagte: ›Wenn man die Buße leichtmacht, denken die Menschen, auch die Sünde sei leicht.‹ Er pflegte vierzig Tage Bußfasten für jeden Mann zu verordnen, der in einer Schlacht getötet wurde, sogar wenn er selbst die Standarte geweiht hatte.« »Ich bin froh, daß nicht alle Kirchenmänner so streng sind«, sagte Hoel lächelnd, »sonst würde ich mich schwertun, Männer zu finden, die für mich kämpfen.« Der Bischof schüttelte mit würdevollem Ernst den Kopf. »Mein Herr Herzog, Ihr wißt sehr gut, daß unsere Mutter die Kirche sich sehr bemüht hat, den Blutdurst der Ritter zu zügeln, und daß sie damit gescheitert ist. Kein Gottesfrieden zum Schutz heiliger Zeiten, keine Immunität für die Armen und Verfolgten, die wir durchzusetzen versuchen, bewirkten irgend etwas, wenn ein Angehöriger des Adels das Schwert in die Hand nimmt. Und jetzt hat die heilige Kirche selbst einen nach meiner Meinung sehr gefährlichen Weg eingeschlagen mit dieser neuen Mode, einem Ritter Nachsicht für den Gebrauch der Waffen zu gewähren. Sie hat sogar erklärt, daß er unter Umständen nicht nur keine Sünde begeht, wenn er tötet, sondern daß ihm auch alle Bußen aus früherer Zeit, die er vielleicht noch nicht abgeleistet hat, erlassen werden. Ich meine, daß der Heilige Vater das niemals hätte tun sollen, selbst wenn es für die heilige Sache des Kreuzzugs war. Diese neuen Bewegungen in der Kirche, diese Abwendung von den bewährten alten Wegen … Ich weiß nicht, wohin das führen wird.« Es wird dazu führen, daß es keine Bischöfe aus der Guerche-Familie mehr in Rennes geben wird, dachte Marie ketzerisch. Die Familie hatte das Bischofsamt von Rennes fast ein Jahrhundert lang vom Vater auf den Sohn weitergegeben, und es war bekannt, daß Guillaume die ›Abwendung von den bewährten alten Wegen‹ besonders hinsichtlich der neuen Bestimmung des kanonischen Rechts beklagte, die die Heirat von Klerikern mit dem Bann belegte. Ihre Augen begegneten denen der Herzogin, und Havoise lächelte. »So, und wer ist dieser Beichtvater, der Euch so strenge Bußen auferlegt?« fragte der Bischof, als er nach seinem Sermon Atem geschöpft hatte. »Der Eremit Judicaël«, sagte Tiarnán, dessen Augen vor unterdrücktem Triumph funkelten. Er freute sich, daß er den Bischof überlistet hatte, sich anerkennend über den Eremiten zu äußern. Die kirchliche Hierarchie hatte große Vorbehalte gegen solche individuellen, ungeregelten Formen heiligmäßigen Lebens. Es mochte für einen Mönch akzeptabel sein, Eremit zu werden; er führte ohnehin ein kontemplatives Leben und blieb wahrscheinlich unter der Aufsicht seines Abtes. Wenn jedoch ein Gemeindepriester alles aufgab und sich in den Wald zurückzog? Es ließ Kritik an der Kirche durchblicken; es roch nach Häresie. Tiarnán war empfindlich, was den guten Ruf seines Beichtvaters betraf, und immer darauf bedacht, ihn zu verteidigen. Ihm wäre es viel lieber gewesen, der Eremit hätte seine Hochzeitsmesse zelebriert statt dieser elegante aristokratische Prälat aus Rennes. Bischof Guillaumes Enthusiasmus verschwand abrupt, als er begriff, wessen Strenge er da gepriesen hatte. »Was?« fragte er scharf. »Ist das der, der bei St-Mailons Kapelle lebt? Ich habe Beschwerden über ihn bekommen. Man behauptet, daß er Feuer segnet.« Auf dem Land war der Brauch noch verbreitet, an bestimmten Tagen bei alten Bäumen und Steinmalen zu Ehren der Elben Feuer anzuzünden. Die Kirche verurteilte diese Praxis als Dämonenverehrung und sah darin eine große Gefahr für die Seelen derjenigen, die sich daran beteiligten. Ein Priester, der das duldete oder sogar solche Feuer segnete, konnte vor einem bischöflichen Gerichtshof wegen Häresie angeklagt werden. Tiarnán verteidigte seinen Beichtvater vehement. »Vater Judicaël ist ein sehr frommer Mann«, sagte er empört. »Wenn er Feuer gesegnet hat, dann nur kirchlich erlaubte. Wenn Priester sich beschwert haben, dann können das nur solche aus weiter entfernten Dörfern sein, die eine entstellte Geschichte gehört haben. Alle Priester der Nachbargemeinden schätzen und respektieren ihn.« »Das stimmt!« bestätigte Herve de Comper mit kräftigem Kopfnicken, und Eline fügte hinzu: »Er ist ein sehr frommer Mann, mein Herr Bischof.« Comper war eine der Gemeinden, in denen Judicaël hohes Ansehen genoß. Den Kirchenoberen mochten Eremiten suspekt sein, aber das Laienvolk bewunderte und verehrte sie sehr. Ihre Präsenz im Wald war wie ein beruhigendes Licht in der schreckenerregenden Weite der Dunkelheit; die geheimnisvollen und gefährlichen Wesen, die in der Wildnis ihr Unwesen trieben, wurden durch ihre Gebete ferngehalten. Sie waren ein Glück. Guillaume entspannte sich ein wenig und nahm seine Schwarzdrossel wieder auf. »Ich hoffe, es ist so!« sagte er. »Geschichten werden beim Weitererzählen häufig verzerrt.« Sein Argwohn gegen den Eremiten Judicaël war aber offensichtlich nicht ausgeräumt. Marie, die aufmerksam zugehört hatte, war nicht im geringsten überrascht, daß Tiarnán einen Eremiten zum Beichtvater hatte. Natürlich, es paßte zu ihm, Meilen durch den Wald zu einer kleinen Kapelle unter den Bäumen zu wandern, zu den Füßen des alten Mannes zu sitzen, der dort lebte, und die von ihm auferlegten strengen Bußen demütig anzunehmen. Ein Beichtvater hatte die ihm anvertrauten Seelen zu führen und zu lenken. Tiarnáns Seele war in erheblichem Maße durch den Wald Brocéliande geprägt worden. Nur ein Priester, der selbst eine starke Beziehung zu den Geheimnissen Brocéliandes hatte, konnte sie lenken. Seltsam, daß ihr solche Dinge vertraut waren, obwohl sie doch so wenig von ihm wußte. Es war, als ob sich ihr auf diesem Weg von Nimuës Quelle zu den Schweinezüchtern von Bonne Fontaine durch die Berührung ihrer Finger mit seinem Rücken sein Wesen mitgeteilt hätte oder als ob es aus den Schatten der Nacht, die sie umgeben hatten, in sie eingedrungen wäre. Phantasievoller Unsinn, sagte sie sich irritiert. Niemand kann auf solche Weise das Wesen eines Menschen kennenlernen. Aber sie fühlte, daß sie ihn kannte, tief in ihrem Inneren, auf einer Ebene, die dem Verstand nicht zugänglich war. Es war, als hätte das, was sie an der Quelle gelitten hatte, ihre Seele überempfindlich gemacht. Und in diesen wenigen Stunden des Zusammenseins mit Tiarnán mußte sich ihr ein Bild von seiner Natur eingeprägt haben, das ihr Bewußtsein nicht zu erklären vermochte. Das Fest ging bis zum Abend weiter, und Marie versuchte, es zu genießen. Nach dem Festmahl wurden die Tische an die Wand geschoben. Spielleute trugen ihre Gesänge vor, Jongleure zeigten ihre Geschicklichkeit, Musikanten spielten auf der Schalmei, der Viole und dem Tamburin. Und dann wurde getanzt. Marie war von jungen Männern umringt, und sie schlug keinen Tanz aus. Sie tanzte, bis sie außer Atem war und ihr Gesicht glühte. Dann setzte sie sich, trank ein Glas Wasser und plauderte mit einigen Verehrern, und wenn sie sich erholt hatte, tanzte sie weiter. Beim Abendessen in zwanglosem Rahmen wurde viel gescherzt und gelacht, und danach gab es wieder Musik und Tanz. Schließlich hielt die späte mittsommerliche Dämmerung Einzug in die Halle, und die Diener steckten Binsenlichter in die eisernen Halter an den Wänden. Marie, die gerade nicht tanzte, beobachtete, wie das Licht sich allmählich über die Halle ausbreitete, und sah plötzlich Braut und Bräutigam Hand in Hand unter einem der Lichter stehen. Elines Haar fiel wie eine leuchtende Wolke um ihr lächelndes Gesicht. Der Rosenkranz in ihrem Haar war verrutscht; sie blickte mit strahlenden Augen zu dem ihr heute angetrauten Mann auf. Tiarnáns dunkles Gesicht zeigte einen Ausdruck ernster Freude; er schaute sie ebenfalls an, und seine Hände hielten die ihren, als wäre sie eine Schwalbe, die jeden Augenblick davonfliegen könnte. Bei diesem Anblick verschwanden endgültig die Stiche in Maries Herzen, sie ließen nur einen leichten Schmerz der Erleichterung zurück. O Gott, betete sie still, laß sie für alle Zeit das Glück bewahren, das sie jetzt besitzen. Plötzlich wurde in ihr die Erinnerung wieder wach, wie ihre Mutter gestorben war – es war das erstemal, seit sie nach Rennes gekommen war, daß dieses quälende Bild sie heimsuchte. Aber diesmal brachte die Erinnerung kein Entsetzen, kein Gefühl des Ekels mit sich – nur Kummer und eine stille Resignation. Das war das Risiko, das Frauen eingingen, wenn sie heirateten. Vielleicht würde Eline diese Schmerzen nie kennenlernen, und wenn doch, so konnten sie ihr jetzt nichts anhaben. Das Licht mochte Schatten werfen, aber in sich war es klar. Marie empfand mit einemmal voll die Freude, die sie den ganzen Tag nur vorgeschützt hatte. Ihre Mutter hatte endlich Ruhe gefunden. Requiem aeternam dona eae Domine, et lux perpetua luceat eae. Und Marie war frei, sich vom Grab abzuwenden; sie war frei für das Leben. Dafür allein würde sie Tiarnán ihr Leben lang Dank schulden. Bald darauf war es Zeit für die Damen, die Halle zu verlassen und die Braut zum Schlafgemach zu geleiten, das den Neuvermählten für die Nacht zur Verfügung gestellt worden war. Elines Gesicht war ganz rosig, weniger vom Wein als von der Aufregung und vom Tanzen. Als sie das Zimmer erreichten, tanzte sie hin und her über die Binsen und ließ sich dann lachend auf das Bett fallen. »Oh!« rief sie. »Oh, niemand hat jemals eine schönere Hochzeit gehabt! Oh, was für ein wundervoller Tag!« »Er wird bestimmt nichts sein im Vergleich zur Nacht«, sagte Havoise und küßte sie auf die Stirn, bevor sie das Zimmer verließ. Jetzt war die Braut endlich allein und sah mit sehnsüchtiger Erwartung der Vollendung ihres Glücks entgegen. 6. KAPITEL Talensac war sich, wie sein Herr, der Ehre bewußt, daß die Trauung in der Kathedrale von Rennes stattfand, und hätte es doch, wie sein Herr, vorgezogen, wenn sie daheim begangen worden wäre. Aber wenn das Dorf auch um die Zeremonie betrogen war, die Feier ließ es sich nicht nehmen. Am Tag nach der Hirschjagd des Herzogs brachte Tiarnán seine junge Frau heim und fand ein weiteres Fest vorbereitet. Als die Hochzeitsgesellschaft durch das Tor zum Gutshaus von Talensac einritt, bot sich ihr als erstes der Anblick von mit Speisen beladenen Schragentischen; sie waren rings in der großen Hofrunde aufgestellt. Ein Ochse drehte sich am Spieß über dem Feuer, das in der Mitte des Hofes brannte, und vor der Hauswand stapelten sich Bier- und Weinfässer. Die Dienerschaft des Gutshauses hatte seit dem Augenblick, als Tiarnán nach Rennes aufbrach, in den Küchen geschwitzt, um alles vorzubereiten, und als die Neuvermählten sich auf den Heimweg nach Talensac machten, war einer der Begleiter vorausgeritten, um es zu melden und zu sagen, sie sollten die Feuer anzünden. Wenn auch nicht darüber gesprochen worden war, hatte Tiarnán es doch erwartet. Jeder Bauer gab bei seiner Hochzeit ein Fest mit Essen, Trinken und Tanz für alle Dorfbewohner, also war es selbstverständlich, daß die Hochzeit des Herrn mit einem entsprechend größeren Fest gefeiert wurde. Tiarnán half Eline vom Pferd, dann führte er sie zum Haus, vor dessen Eingang sich die Dienerschaft zur Begrüßung der neuen Herrin versammelt hatte. Nachdem Kenmarcoc ihr feierlich die Schlüssel überreicht hatte, ging es zurück zum Tor, vor dem sich inzwischen die Dorfbewohner eingefunden hatten, einige von ihnen mit Pfeifen, Tamburins und Trommeln. Tiarnán ließ sie ein, und er führte mit Eline den ersten Tanz an. Das Fest dauerte drei Tage, zur großen Befriedigung der Dorfbewohner. Berge von Speisen wurden verzehrt, Wein und Bier flossen in Strömen, und getanzt wurde jeden Abend, bis der Mond hoch am Himmel stand. Justin versäumte den größten Teil des dritten Tages. Er hatte sich mit dem Vater und dem Onkel eines Mädchens geprügelt, das er belästigt hatte, und war wieder einmal im Stock gelandet. Sein Freund Rinan kam am Abend herüber, setzte sich zu ihm und flößte ihm aus einer Flasche, die er aus einem der Fässer im Hof des Gutshauses gefüllt hatte, Wein ein. Die Sonne ging unter, und bald darauf stieg der Mond auf, halb von einer Wolke verhüllt; vom Gutshaus hallte die Musik zu ihnen herunter; die Pfeifen klangen etwas matt, aber die Trommeln schlugen den Takt tief und stetig. »Was hältst du von der Frau des Machtiern?« fragte Rinan seinen Freund. Justin ließ den Wein nachdenklich über die Zunge rollen, bevor er ihn hinunterschluckte. »Hm, sie ist eine schöne Dame«, sagte er. »Ich hätte nichts dagegen, eine solche Dame als Hausfrau zu haben, wenn ich ein Herr wäre.« »Ich auch nicht«, stimmte Rinan eifrig zu. »Sie ist weißer als die Lilie und lieblicher als der Gesang der Harfe.« »Sie ist eine schöne Dame«, wiederholte Justin anerkennend. »Aber für sie ist es auch ein Glück, die Herrin von Talensac zu sein. Comper ist kein besonders großartiger Platz nach dem, was ich gesehen und gehört habe.« »Ja, das ist wohl wahr«, sagte Rinan und setzte seinem Freund wieder die Weinflasche an die Lippen, bevor er selbst einen Schluck nahm. Sie schwiegen beide ein paar Minuten, hörten auf die Musik und beobachteten, wie die Wolke vor dem Mond vorbeizog. Dann sagte Justin leise: »Ich möchte wissen, was sie tun wird, wenn der Machtiern allein in den Wald geht.« Rinan blickte sich unbehaglich um, als fürchtete er, der Wald könnte Ohren haben. »Denkst du, er wird es tun?« fragte er flüsternd. »Jetzt, wo er eine Frau hat?« »Ich denke, er wird«, antwortete Justin. »Ein Mann wie der Machtiern wird sich niemals von einer Frau regieren lassen. Ich denke, er wird wie bisher in den Wald gehen, und ich frage mich, was sie dann tun wird.« Rinan dachte eine Minute darüber nach, dann zuckte er die Achseln. »Sich daran gewöhnen, vermutlich«, sagte er. Eline genoß es, eine verheiratete Frau zu sein, jedenfalls zu Anfang. Ihr hatte das große Fest am Hof in Rennes gefallen; ihr gefielen die ländlichen Feiern in Talensac noch mehr. Sie mochte die Menschen hier. Gutherzige, einfache Menschen, dachte sie. Wie ergeben sie Tiarnán waren! Enttäuscht war sie nur von ihrer Zofe. Kenmarcoc hatte ihr seine älteste Tochter für diese Stelle angeboten, und natürlich konnte sie das Angebot nicht zurückweisen, ohne ihn zu beleidigen. Driken war ein trauriger Ersatz für die hübsche junge Leibeigene, von der Eline geträumt hatte; sie hatte eine eigene Meinung, mit der sie nicht zurückhielt, und sie war schon vierzehn, dünn und dunkelhaarig und hatte ein Pferdegesicht wie ihr Vater; wenn ihre Zähne besser waren als seine, ihre Pickel waren um so schlimmer. Aber Eline versuchte trotzdem, das Mädchen zu mögen. Es war unsinnig, sich über diese Unannehmlichkeit zu beklagen, wenn sie soviel anderes Wundervolles hatte. Ihren Mann zum Beispiel. Sie genoß die zärtliche Verehrung, die Leidenschaft und das Entzücken, wenn er sie jede Nacht in die Arme nahm. Ihre Tante Godildis hatte ihr gesagt, daß eine Frau nie anders als mit Scham und stillem Dulden in das Ehebett ging. Sie konnte sich nur vorstellen, daß Onkel Marrec ein noch ungehobelterer Bauer sein mußte, als sie gedacht hatte. Als die Festtage vorüber waren, ging Eline freudig daran, sich in ihre neue Rolle als Gutsherrin einzuarbeiten. Das war eine komplizierte Sache. Das Gut braute sein eigenes Bier und stellte seinen eigenen Wein für den täglichen Bedarf her, es backte Brot, machte Butter und Käse, räucherte und pökelte Fleisch und Fische und lagerte die Produkte von Feld und Obstgarten ein. Wollstoffe wurden aus den Vliesen der eigenen Schafe, Leinen und Hanffasern aus dem Flachs und Hanf hergestellt, die auf den Feldern der Domäne wuchsen. Färbstoffe wurden aus allen erreichbaren Quellen gewonnen: Färberginster, Färberwaid, Galläpfel, Maulbeeren. Häute von allen auf dem Gut geschlachteten Tieren wurden geschabt und eingeweicht, bevor sie zum Gerber nach Montfort gebracht wurden. Hufe und Hörner und manchmal auch Knochen wurden gereinigt und an die Handwerker verkauft, die sie brauchten. Das im Wald geschlagene Holz wurde gelagert – entweder als Brennholz oder zum Gebrauch für den Gutstischler und -zimmermann. Kerzen aus Talg und Bienenwachs wurden hergestellt und einfache Arzneien aus Kräutern bereitet, die im Küchengarten angepflanzt wurden. All dies wurde zusätzlich zu den üblichen regelmäßigen Arbeiten in einem Gutshaushalt geleistet, der mehr als dreißig Leute zählte – von den Hunden, Kühen, Schafen, Pferden und Schweinen nicht zu reden. Feldwirtschaft und Viehhaltung waren grundsätzlich Sache des Verwalters Kenmarcoc, aber es war die Aufgabe der Gutsherrin, den Haushalt zu führen und den Bediensteten die ›Hausarbeit‹ zuzuteilen. Eline stürzte sich mit fröhlichem Eifer in ihre neue Aufgabe, stolperte über eine Menge unvorhergesehener Details und wurde von Kenmarcocs Frau Lanthildis, die seit vielen Jahren den Gutshaushalt leitete, sanft wieder auf die Füße gestellt. Lanthildis schaffte es, ihre Arbeit ruhig und gelassen weiterzuführen, auch wenn ihr der unkundige Enthusiasmus ihrer neuen Herrin ›assistierte‹. Als Eline zwei Wochen in Talensac war und Zeit gehabt hatte, das Haus und die Dienerschaft kennenzulernen, erklärte Tiarnán sich einverstanden, ihre Familie und einige Freunde und Nachbarn ihrer Familie auf das Gut einzuladen. Das war für Eline der Höhepunkt ihres neuen Lebens. Es war berauschend, als Herrin von Talensac die Familie und alle ihre Freundinnen zu begrüßen, ihnen ihre Plätze an den Tischen in der Halle zuzuteilen und der Dienerschaft Anweisung zu geben, Speisen und Getränke zu servieren. Am Abend, nachdem die letzten Gäste aufgebrochen waren, glühte Eline noch vor Entzücken über diesen wunderbaren Tag, bis Tiarnán ihr Haar zerzauste und sie nach oben ins Bett trug, um sie mit weiteren Wundern zu entzücken. Das Unbehagen und die Unruhe begannen kurze Zeit danach. Als der Reiz der Neuheit des Ehelebens verflogen war, begann Tiarnán rastlos zu werden. Er hatte in diesem Sommer keinen Dienst am Hofe, es gab keine Kriege, die ihn von zu Hause fortgerufen hätten, und von einem frischgebackenen Ehemann wurde erwartet, daß er zu Hause blieb – aber er schien unfähig zu sein, sich in einem häuslichen Leben einzurichten. Er warf sich mit Elan auf die Arbeit. Er ging alle Geschäftsbücher mit Kenmarcoc durch; er rief die Dorfältesten zusammen und regelte ein paar Grenzstreitigkeiten; er trieb die unerledigten Reparaturen an der Mühle, am Gutshaus, an den Scheuern und Schafhürden voran. Er stellte eine Stechpuppe und Zielscheiben auf und übte mit seinen Waffen, wobei er Holzschwerter und Trainingsspeere zu Dutzenden zersplitterte. Er brachte seinem Streitroß neue Manöver bei und übte sie so lange, bis er und das Pferd ins Schwitzen kamen. Aber trotz all dieser furiosen Aktivität pflegte er zwei- oder dreimal am Tag zum Tor hinunterzugehen und dann mit leeren Händen zurückzukommen, als hätte er vergessen, was er dort tun wollte. Von Tag zu Tag machte er einen angespannteren und unbefriedigteren Eindruck. Er ging ein paarmal mit Mirre jagen, brach bei Tagesanbruch auf und kam am Nachmittag zurück. Aber es schien ihm nicht zu gefallen. Es spielte keine Rolle, ob er etwas erbeutet hatte oder nicht; hinter der wohlbewachten Fassade seines Gesichts verbarg sich immer die gleiche Niedergeschlagenheit. Er schlug Eline einmal vor, mit ihm auf die Jagd zu gehen, doch sie fürchtete sich, das Haus im Dunkeln zu verlassen, und sie haßte den Gedanken, zu Fuß im Wald herumzustreifen. Sie schlug statt dessen einen Jagdausflug mit einem Nachbarn vor, aber er sagte mit seinem einseitigen Lächeln, sie hätten in letzter Zeit eine Menge Gesellschaft gehabt und brauchten jetzt einmal Ruhe. Nichts von alledem beunruhigte Eline wirklich. Es tat ihr leid, ihren Ehemann so unstet zu sehen, aber sie vermutete, daß ihm nur die Umgewöhnung an das Eheleben zu schaffen machte. Sie hatte gehört, daß verheiratete Männer manchmal der Freiheit ihrer Junggesellentage nachtrauerten. Dann, an einem Abend Mitte Juli, sah sie ihn in der Tür des Gutshauses stehen, wie er zum zunehmenden Mond hochblickte. Er stand so still und regungslos da, daß es ihr unnatürlich erschien, und sie bekam Angst, er könnte verletzt oder krank sein. Sie eilte zu ihm und legte ihm die Hand auf die Schulter. Er zuckte heftig zusammen und wirbelte herum, und seine Augen waren so seltsam, daß sie zurückwich. Sie standen einen Augenblick da, und jeder sah den anderen an, als habe er ihn nie gekannt, und dann erklärte Tiarnán abrupt: »Ich gehe morgen auf die Jagd.« Nach einer Weile fügte er in normalerem Ton und mit seinem einseitigen Lächeln hinzu: »Ich brauche Zeit für mich selbst, mein Herz.« Am nächsten Tag stand er vor der Dämmerung auf und ging allein fort. Er blieb drei Tage weg. Eline war am ersten Tag unbesorgt, am zweiten ängstlich und am dritten verzweifelt. Sie dachte an den Räuber, der im Wald lauerte, und sie konnte nichts gegen die Angst tun, die sie würgte. Und es gab noch eine andere Sache, die sie quälte, eine Sache, die zuerst unbedeutend zu sein schien, nach und nach aber immer drohendere Ausmaße annahm, bis sie fast die Sorge auslöschte: Er hatte seinen Hund nicht mitgenommen. Um Mirres Fähigkeiten als Spürhund wurde Tiarnán am Hof sehr beneidet. Und Mirre hatte mit ihrem Herrn gehen wollen, sie kratzte an der Tür, als er das Haus verließ, und als er fort war, trottete sie unglücklich im Haus umher und spitzte jedesmal die Ohren, wenn sich die Tür öffnete; sie wartete von Stunde zu Stunde auf seine Heimkehr. Warum? Warum hat er sie nicht mitgenommen? Ihre Gedanken kreisten unentwegt um den einen Punkt: die Sinnlosigkeit dieses Verhaltens. Die Dienerschaft war keine Hilfe. Sie versicherten ihr in aller Ruhe, daß der Herr oft für so lange Zeit fort war, es war nichts Ungewöhnliches, sie könne sich darauf verlassen, daß er bald zurück sein werde. »Ihr werdet Euch daran gewöhnen, Herrin«, sagten sie beruhigend. Aber sie sprachen, schien ihr, mit einem sonderbar wissenden Ausdruck, und sie fing Blicke auf, die sie austauschten, wenn sie sich unbeobachtet glaubten. Mitleidige Blicke. Warum bemitleideten sie sie? Wenn sie wissen wollte, wohin Tiarnán gegangen war, bekam sie immer die gleiche Antwort: »Jagen, Herrin.« Zum erstenmal seit ihrer Ankunft in Talensac spürte sie, wie sehr sie hier Außenseiterin war. Der Dienerschaft und den Dorfbewohnern gefiel sie, weil sie jung und hübsch war, aber Tiarnán war der Machtiern – ihr Machtiern, in Talensac geboren und Erbe von Generationen Talensac-Herren. Sein Ansehen am Hofe freute sie, doch in ihrem Herzen glaubten sie, daß es ihm als dem Herrn des schönsten aller Dörfer von Natur aus zustand. Sie liebten ihn und achteten ihn, wie sie sich selbst liebten und achteten, und im Vergleich dazu bedeutete sie nichts. Sie wollten ihr nicht einmal die Wahrheit sagen. Alain hatte sie in Comper gefragt: Wie könnte er ohne Hund jagen? Was meinst du, wohin er wirklich geht? Jagen? Oder in das Bett einer Frau? Warum sonst sollte die Dienerschaft sie bemitleiden? In der dritten Nacht von Tiarnáns Abwesenheit war sie zu nervös um schlafen zu können. Sie saß auf der Treppe, flocht ihre Haare und löste sie wieder; Mirre saß zu ihren Füßen. Es war fast Mitternacht, als Mirre den Kopf hob, winselte und zur Tür lief; ein rasches Klopfen von außen, einer der Diener entriegelte die Tür, und Tiarnán kam herein, staubig, glücklich, entspannt. Er gab dem Hund einen Klaps, schlug dem Diener auf die Schulter und ging durch die Halle zur Treppe – dort blieb er erstaunt stehen. »Eline!« rief er, lief die Stufen hoch und ergriff ihre beiden Hände. »Wieso bist du um diese Nachtzeit auf? Ist dir nicht gut?« »Ich habe mir Sorgen um dich gemacht«, sagte sie und brach in Tränen aus. Es war nutzlos. Er war lieb zu ihr, küßte ihre Hände und ihr Gesicht, trug sie ins Bett und liebte sie sehr zärtlich, aber er konnte nicht verstehen, warum sie sich Sorgen gemacht hatte. Anspielungen auf Éon von Moncontour ärgerten ihn nur, und jetzt, wo er zurück war, schämte sie sich, ihre andere Sorge zu erwähnen. Er erklärte ihr nochmals, daß er keinen Grund sah, sich wegen eines Räubers zu ängstigen; es war dumm von ihr, das zu tun. »Er könnte dich aus dem Hinterhalt erschießen!« protestierte Eline weinend. »Er kann nicht einfach jeden Jäger erschießen, dem er begegnet«, erwiderte Tiarnán, der allmählich die Geduld verlor, »und wenn er nahe genug herankäme, um mich zu erkennen, würde ich ihn sehen. Er ist nicht eine Träne von dir wert, mein Herz, und schon gar nicht solche Fluten.« Nein, er würde seine einsamen Jagdausflüge nicht aus Angst vor Éon aufgeben und auch nicht, so schien es, weil seine junge Frau sich Sorgen machte. Ein paar Wochen später war er wieder gegangen – und ein paar Wochen darauf ebenfalls. Am Nachmittag des dritten Tages seiner dritten Abwesenheit hatte Eline das Gefühl, die Ungewißheit nicht länger ertragen zu können. Sie verließ das Gutshaus und schlug die Tür hinter sich zu. Der Hof innerhalb seiner Einfriedung lag in der Backofenhitze des August menschenleer da. Nur der Zimmermann Mailon, der einen Balken für die Reparatur der Scheunen glatthobelte, blickte beim Geräusch der zuschlagenden Tür in seiner Werkstatt auf und konzentrierte sich dann eilends wieder auf seine Arbeit. Eline bemerkte die Eile, und es machte sie noch ärgerlicher. Er wußte, die ganze Dienerschaft wußte, daß sie ärgerlich war – aber sie ignorierten es, so gut sie konnten. Ein Jammer, daß die neue Herrin so aufgebracht ist, sagten sie wahrscheinlich unter sich; doch am besten läßt man sie in Ruhe, um so schneller wird sie darüber hinwegkommen. Sie wird sich daran gewöhnen, daß der Herr öfter fortgeht, und sie wird sich freuen, wenn er heimkommt. – Aber noch war sie nicht darüber hinweggekommen, und noch hatte sie sich nicht daran gewöhnt. Ärgerlich schaute Eline sich auf dem leeren Hof um. Das Gutshaus war ein quadratischer Donjon aus Holz, der auf einem künstlichen kleinen Erdhügel, einer Motte, errichtet war. Haus und Hof waren umgeben von einer Holzpalisade und einem Graben. Eine Anzahl von Nebengebäuden war rund um die Innenseite der Palisaden angeordnet – Ställe, Hundezwinger, Werkstatt, Lagerhaus, Molkerei, Küchen. Hinter dem Haus war ein Garten, wie es ihn auch in Comper gab, und der ganze eingefriedete Raum wurde vom Pförtnerhaus bewacht. Das Tor stand die meiste Zeit offen, und morgens und abends ging es auf dem Hof recht geschäftig zu, wenn Bauern aus dem Dorf sich unter die Bediensteten mischten. Jetzt war nur der Zimmermann Mailon da, der so tat, als habe er sie nicht gesehen. Eline zögerte einen Augenblick, dann ging sie quer über den Hof zur Werkstatt des Zimmermanns. Sie war entschlossen, Fragen zu stellen, bis sie eine Antwort bekam. Sie konnte die bohrenden Gedanken über Tiarnáns geheimnisvolle Exkursionen nicht länger ertragen. »Mailon«, fragte sie, »wo ist mein Mann?« Widerwillig legte Mailon den Hobel hin und richtete sich auf. Er hatte zum Arbeiten den Oberkörper frei gemacht, und um so zu tun, als sähe er sie nicht, hatte er so kräftig gearbeitet, daß sein brauner Oberkörper vor Schweiß glänzte. »Jagen, Herrin«, sagte er, ohne sie anzusehen. »Warum hat er dann Mirre nicht mitgenommen?« fragte Eline wütend. »Wie kann er ohne Hund jagen?« »Ich weiß es nicht, Herrin«, murmelte Mailon, »aber er wird bald zurück sein.« Eline kreuzte die Arme und wiegte sich vor Wut vor und zurück. »Wo ist Kenmarcoc?« fragte sie. »Oh, er ist bei der alten Scheune«, sagte Mailon, erleichtert über eine Frage, die er beantworten konnte. »Er sieht nach dem Lehm für den neuen Dreschboden.« Nach einer Weile fügte er hinzu: »Kann ich Euch sonst irgendwie behilflich sein, Herrin?« Eline biß sich auf die Lippen. »Ja«, sagte sie. »Nimm ein Pferd und hol Kenmarcoc her. Ich möchte mit ihm sprechen.« »Äh, Herrin, ist es so dringend?« fragte Mailon mit einem Blick auf seine unterbrochene Arbeit. »Keine Widerrede!« fuhr Eline ihn an. »Tu, was ich dir sage!« Sie drehte sich um und ging mit erhobenem Kopf zum Haus zurück. Ohne zurückzuschauen, wußte sie, daß Mailon den Kopf schüttelte, dann die Schultern zuckte und seinen Kittel aufnahm. Wieder schlug Eline die Haustür hinter sich zu. Die Halle nahm das ganze Erdgeschoß des Gutshauses ein. Es war ein immens großer Raum, der von schmalen Fenstern nahe der hohen Decke erleuchtet wurde. Sie war der Hauptraum des Hauses, nicht nur seiner Größe nach. Der Haushalt nahm hier die Mahlzeiten ein, und hier wurde auch ein großer Teil der Arbeiten verrichtet. Die meisten Bediensteten schliefen hier. Kenmarcoc hatte sich am Ende der Halle Wohnräume für seine Familie abgeteilt. Der Fußboden bestand aus gestampftem Lehm, der mit Binsen belegt war. Ein gemauerter Kamin nahm die Mitte der Halle ein. Über ihm waren in die Fußböden der oberen Geschosse Löcher gebohrt, durch die der Rauch abziehen konnte. Rings um den Kamin waren drei lange Tische aus dunklem Eichenholz in Hufeisenform so angeordnet, daß die offene Seite der Tür gegenüberlag. Um die Tische standen Eichenbänke, und vor der Mitte des mittleren Tisches stand ein Lehnstuhl, der für den Herrn des Hauses reserviert war. Die Wände waren mit Teppichen behängt, die Szenen von einer Hirschjagd zeigten. An einer Seite der Halle führte eine Holztreppe zu den oberen Stockwerken. Driken und Lanthildis saßen im hinteren Teil der Halle und arbeiteten an ihren Webstühlen. Eline warf sich wütend auf den Sitz an ihrem eigenen Webstuhl und ergriff das Schiffchen wie einen Dolch. Die beiden anderen tauschten mitleidige Blicke aus, und Eline verlor die Nerven; sie schrie die beiden kreischend an, sie sollten verschwinden und sie allein lassen. Drikens Gesicht lief vor Ärger rot an, aber ihre Mutter legte ohne ein Wort ihr Schiffchen ab, nahm ihre Tochter beim Arm und ging hinaus, um eine andere Arbeit zu tun. Eline versuchte zu weben, aber sie war so aufgebracht, daß sie sich immer wieder verhedderte. Als Kenmarcoc nach mehr als einer Stunde kam, weinte sie vor Verzweiflung. Der Verwalter klopfte höflich an die Haustür, trat aber ein, ohne eine Antwort abzuwarten. »Ihr wünschtet mich zu sehen, meine Dame?« fragte er beim Hereinkommen. Innerlich verfluchte er die junge Frau, daß sie ihn von seiner Arbeit weggeholt hatte. Es war ja verständlich, daß sie über die häufige Abwesenheit ihres Mannes aufgebracht war, mußte sie diese Tatsache aber vor dem ganzen Haushalt ausposaunen? Eline legte das Schiffchen mit Erleichterung aus der Hand. Denk daran, sagte sie sich, daß du die Herrin des Gutes bist; du hast ein Recht, dem Verwalter deines Mannes Befehle zu erteilen. »Kenmarcoc«, fragte sie hitzig, »wo ist mein Mann?« »Fort zum Jagen«, antwortete Kenmarcoc geduldig. Er setzte sich an den nächsten Tisch, nahm einen frühen Apfel aus einer Schale. »Fort zum Jagen? Ohne Mirre?« fragte Eline weiter. Kenmarcoc biß in den Apfel. Eline sah angewidert weg; man hatte ihr beigebracht, daß roh gegessene Äpfel Blähungen verursachen. »Er geht oft ohne den Hund aus«, sagte der Verwalter mit vollem Mund. »Ich weiß, daß er es tut! Ich habe es gesehen, dreimal bis jetzt. Aber warum? Er bringt nie irgendein Wild mit. Wohin geht er wirklich?« »Er sagt, er geht jagen, meine Dame«, antwortete Kenmarcoc. »Warum sollte er lügen?« Eline biß sich wieder auf die Lippen. »Weil er eine andere Frau besucht«, sagte sie mit bebender Stimme. Sie vergaß, daß man von ihr, der Herrin eines Ritterguts, Haltung und Distanz erwartete, und sah Kenmarcoc aus ihren großen, blauvioletten Augen, die in Tränen schwammen, flehend an. »Bitte, Kenmarcoc, sagt mir die Wahrheit!« Kenmarcocs Unmut legte sich. Das Mädchen war ja noch so jung – nicht viel älter als seine eigene Tochter. Tiarnáns tagelange Ausflüge waren sonderbar, und die Erklärung, die er dafür gab, war unzulänglich. Jede Ehefrau würde sich darüber Sorgen machen. Dabei war Eline am Anfang ein so liebliches, sonniges Geschöpf gewesen. Er legte den Apfel auf den Tisch, ging zu ihr hinüber und klopfte ihr väterlich den Rücken. »Schlagt Euch diesen Gedanken aus Eurem hübschen Köpfchen«, sagte er. »Er hat keine Augen für eine andere Frau gehabt, seit er Euch kennengelernt hat. Warum hätte er Euch sonst geheiratet? Laßt Euch von keinem Geschwätz irritieren. Niemand in Talensac weiß, wohin er geht, wenn er tagelang fort ist, doch es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, daß er nicht einfach jagen geht. Und er ist in den letzten beiden Monaten weniger oft in den Wald gegangen als sonst in der ganzen Zeit, seit ich ihn kenne. Ich für meinen Teil nehme an, daß das Jagen nur eine Ausrede ist. Er ist einfach ein Mann, der Zeit für sich selbst braucht. Wenn er den Hund dabeihätte, müßte er für sein Futter sorgen und sich um ihn kümmern, und er mag sich damit nicht befassen.« »Was meint Ihr damit, daß niemand weiß, wohin er geht?« fragte Eline verwirrt. Sie prüfte mißtrauisch das Gesicht des Verwalters, aber hier sah sie kein Ausweichen, keinen Ausdruck überlegenen Wissens. Kenmarcoc sah, daß er mehr preisgegeben hatte, als es seine Absicht gewesen war. Er schwieg einen Augenblick verlegen. »Nun ja«, gab er schließlich zu, »die Wahrheit ist, daß er nie jemandem sagt, wohin er geht, oder jemandem erlaubt, mit ihm zu gehen. So kann es natürlich nicht ausbleiben, daß irgendwelche Klatschmäuler unsinnige Geschichten erfinden.« »Ich glaube Euch nicht. Irgend jemand muß Bescheid wissen. Er muß es Euch sagen.« »Er tut es nicht«, entgegnete Kenmarcoc widerstrebend, »und ich habe gefragt.« »Aber was ist, wenn Ihr ihn in einer dringenden Angelegenheit erreichen müßt?« »Meine liebe Dame, ich rufe Christus zum Zeugen an, daß ich nicht weiß, wo er ist. Ich habe ihn einmal gedrängt, gerade als er dabei war zu gehen – damals stand eine geschäftliche Angelegenheit an, die ich nicht entscheiden konnte, ohne ihn um Rat zu fragen –, aber er antwortete nicht. Ich drängte stärker, vielleicht wurde ich auch ein bißchen zu vertraulich, er drehte sich blitzschnell um, schlug mir ins Gesicht und sagte, er lasse sich nicht von seinen eigenen Dienern verhören. Es ist zwecklos zu fragen, er wird nicht antworten.« Eline war verblüfft. Der eigentliche Kern ihres Ärgers war das Gefühl gewesen, daß jedermann wußte, wo Tiarnán wirklich war, außer ihr. Es gab keinen Zweifel, daß Kenmarcoc die Wahrheit sagte. Talensac hatte seit Jahren mit einem Geheimnis gelebt, und die wissenden Blicke waren auf nichts weiter als Mutmaßungen gegründet. »Ihr braucht Euch wirklich keine Sorgen zu machen, liebe Dame«, sagte Kenmarcoc mit bemühter Herzhaftigkeit. »Ich bin sicher, er tut nichts, als nach Wild Ausschau zu halten. Was das betrifft, daß er nie Wild mitbringt – überlegt doch selbst, es wäre ja Wilddieberei, wenn er es täte. Er wandert Meilen und Meilen, und natürlich nicht nur auf seinem eigenen Land; er wird vielleicht erzählen, daß er einen großen Keiler in der Nähe von Carhaix gesehen hat und einen prächtigen Hirsch bei Redon. Ihr müßt selbst wissen, daß jeder, der eine Jagd organisieren will, ihn um Rat fragt, weil er immer weiß, wo sich das Wild aufhält. Wenn er die ganze Zeit bei einer Frau zubrächte, könnte er das nicht wissen. Ist es nicht so? Achtet nicht auf die albernen Geschichten, die man im Dorf erzählt.« »Was für alberne Geschichten?« fragte Eline beunruhigt. Kenmarcoc zögerte wieder unbehaglich, dann raffte er sich auf und sagte: »Nun, vermutlich ist es besser, Ihr hört es von mir als von jemandem, der an den Unsinn glaubt. Einige der Dorfleute sagen, er geht in die hohlen Erdhügel, andere, er trifft eine Nymphe an ihrer Quelle. Ihr kennt unsere Bauern, sie sind versessen auf phantastische Geschichten.« Eline erinnerte sich an den seltsamen Blick in Tiarnáns Augen an dem Abend, bevor er zum erstenmal fortging. Ein entrückter, wilder Blick; ein Blick der Verzauberung. Sie selbst glaubte ohne jeden Zweifel an die elbischen Wesen. Sie waren ebensosehr ein Teil des Landes, in dem sie lebte, wie der Wald selbst. Die meisten bretonischen Bauern konnten für sich in Anspruch nehmen, ihre Musik gehört zu haben, und in jedem Dorf wußte man eine Geschichte von einer Begegnung mit ihnen zu erzählen, die noch nicht lange zurücklag. Kenmarcoc versuchte weiter, sie zu beruhigen. Schließlich klopfte er ihr auf die Schulter und ging zurück an die unterbrochene Arbeit. Eline blieb mit ihren Gedanken allein. Eline ging an diesem Abend früh zu Bett, konnte aber nicht schlafen. Der Mond, fast noch voll, schickte seine Strahlen kreuz und quer durch das Flechtwerk der Fensterläden und ließ das Zimmer hell und dunkel gesprenkelt erscheinen. Im Garten zirpten die Grillen, und der Duft der Rosen erfüllte die Nachtluft. Es war wie Comper – aber es war nicht Comper, und plötzlich wünschte Eline verzweifelt, daß sie daheim wäre, wo alles so einfach und vertraut war und sie wußte, was sie von den Menschen zu halten hatte. Der Mann, den sie geheiratet hatte, hatte ein Geheimnis, und jeder Versuch, es zu erforschen, stieß auf Schweigen oder Zorn. Sie konnte nicht glauben, daß er nur jagte. Wenn er nichts anderes täte als das, warum sagte er dann Kenmarcoc nicht wenigstens die Richtung, in die er ging, und warum nahm er den Hund nicht mit, zumindest gelegentlich? Nein, entweder hatte Alain recht, er hatte eine Geliebte, oder etwas noch Schlimmeres hatte ihn umstrickt, etwas nicht Menschliches, das ihn durch seinen süßen Gesang verzaubert hatte. Ihr fielen Geschichten von Elben ein, die im Land des Schattens in den nahen Erdhügeln hausten. Ein Mädchen hatte einst einen Mann geliebt; er war auf dem Weg zu einem Rendezvous mit ihm, als er auf die im Mondlicht tanzenden Elben traf. Das Mädchen wartete auf dem Hügel, wo sie verabredet waren, doch er kam nicht. Jahr für Jahr ging sie täglich zur verabredeten Zeit den Hügel zu ihrem Treffpunkt hinauf, bis sie alt wurde und starb und dort beerdigt wurde. Und dann, lange nach ihrem Hinscheiden, kam er zurück. Er glaubte, nur eine Nacht lang getanzt zu haben. Aber statt der wartenden Geliebten fand er ihr von hohem Gras überwuchertes Grab. Er legte sich weinend darauf, und in dem Augenblick, als er die Erde berührte, zerfiel er zu Staub. – Eline dachte an Tiarnáns zärtliche Leidenschaft und an sein Lächeln, als er ihr das Land zeigte, zu dessen Herrin er sie gemacht hatte, und sie weinte in ihr Kopfkissen. Als Tiarnán heimkam, wieder um Mitternacht, war sie noch wach. Sie lag mit geschlossenen Augen still da und horchte, als er leise ins Zimmer kam. Er stand eine Minute lang über das Bett gebeugt und schaute sie an, dann setzte er sich und begann sich auszuziehen. Nackt schlüpfte er unter die Decken und legte sich neben sie. Sein Körper war noch kalt von der Frische der Nacht, und er roch nach dem Laub von Bäumen. Er küßte sie auf die Wange und streichelte ihr Haar so leicht, daß sie wußte, er wollte sie nicht aufwecken. Sie fing wieder an zu weinen. »Eline!« sagte er überrascht. »Du bist wach?« »Ja.« Wie immer, wenn er von seinen privaten Exkursionen aus dem Wald zurückkam, fühlte Tiarnán sich erfrischt und glücklich und angenehm müde. Er war mit einer Empfindung vollkommener Zufriedenheit durch das schlafende Dorf gewandert; er kam heim, nicht nur zu dem Platz, den er liebte, sondern auch zu seiner schönen jungen Frau. Als er das Gutshaus erreichte und alles schlafend fand – kein blasses junges Mädchen wartete auf der Treppe auf ihn –, hatte seine Zufriedenheit noch zugenommen. Sie fing an, sich an seine gelegentliche längere Abwesenheit zu gewöhnen; bald würde sie sich darüber keine Sorgen mehr machen, und sie würde es so ruhig akzeptieren, wie das alle anderen taten. Und als er ins Schlafzimmer gegangen war und sie im Bett liegen sah, Gesicht und Haar eingesponnen in ein Netz sich wirr kreuzender Mondstrahlen, da war es, als öffnete sich sein innerstes Wesen, wie Wolken nach dem Regen aufbrachen. Er hatte alles, was ein Mann sich wünschen konnte: das Land des Schattens, das er gerade verlassen hatte, und dieses liebliche Geschöpf hier vor ihm. Einen Augenblick war er vor Freude unfähig gewesen, sich zu bewegen. Und jetzt schien es, daß sie immer noch unglücklich war. Ihr Kummer betrübte ihn sehr, aber er konnte den Grund nicht erkennen. Er legte die Arme um ihre Schultern und küßte sie; Lippen und Wangen hatten den salzigen Geschmack der Tränen. »Was ist, mein Herz?« fragte er zärtlich. »Machst du dir immer noch Sorgen wegen des Räubers Éon von Moncontour?« »Ich möchte dich etwas fragen, aber man hat mir gesagt, daß es zwecklos ist, daß es dich nur ärgerlich macht. Ich bin ganz allein hier, und ich könnte es nicht ertragen, wenn du ärgerlich mit mir wärst.« »Mein teurer Liebling! Ich könnte nie ärgerlich mit dir sein. Es gibt keine Frage, auf die ich nicht antworten würde. Frag nur, was du willst.« Sie legte die Arme um ihn. Seine Rücken- und Schultermuskeln waren glatt und entspannt, und als sie über sein Haar strich, spürte sie den Wirbel gleich über dem Ansatz des Nackens, den ›Drachenschwanz‹, der nie flach liegen wollte. Er hatte sich nicht verändert, er liebte sie nicht weniger als in der Hochzeitsnacht. Es gab keinen Grund, Angst zu haben. Er liebte sie, und er würde ihr erzählen, was das Geheimnis war, und dann würden sie beide über alle ihre albernen Befürchtungen lachen. »Tiarnán«, seufzte sie, sich entspannend, »bitte erzähl mir, wo du die letzten Tage gewesen bist.« Sofort verschloß sich sein Gesicht. Er hätte wissen müssen, daß sie ihn danach fragen würde. Es war ein Fehler gewesen, ein so umfassendes Versprechen zu geben, das wurde ihm jetzt, wo es zu spät war, klar. »Ich war im Wald jagen«, sagte er und hoffte, das würde ihr genügen. Die Wiederholung derselben Phrase, die sie von allen anderen zu hören bekommen hatte, war eine bittere Enttäuschung. Sie hatte so sehr gehofft, er würde alles wieder klar und einfach machen. Sie drehte sich von ihm weg, rollte sich auf ihrer Seite zusammen und brach in Tränen aus. »Eline!« protestierte er hilflos. »Weine nicht. Es gibt keinen Grund zu weinen.« »Aber du sagst mir nicht die Wahrheit!« schluchzte sie. »Du gehst fort und willst niemandem sagen, wohin. Und du nimmst Mirre nicht mit. Wenn du nichts anderes tust als jagen, warum darf dann Mirre nicht mitgehen?« »Was sollte ich wohl sonst tun als jagen?« sagte er in einem schwachen Versuch auszuweichen. Der Versuch scheiterte so kläglich, wie er es verdiente. »Alain de Fougères behauptete, du gingest zu einer Frau«, sagte sie weinend. Tiarnán war völlig sprachlos. Wut auf Alain de Fougères, Entrüstung über die Verleumdung und Mitleid mit Eline wegen ihres Kummers, alles drängte sich auf seine Zunge, aber dort blieb es stecken. Dienerschaft und Dorfleute hatten keine andere Wahl, als jede Antwort zu akzeptieren, die er ihnen gab. Eline aber hatte ein Recht darauf, die Wahrheit zu wissen. Sie war seine Frau. Schließlich zog er ihre heftig bebenden Schultern an sich, küßte sie aufs Ohr und schwor ihr, daß es auf der ganzen Welt keine andere Frau für ihn gebe als sie. Es war wirkungsvoll genug, daß sie sich zu ihm umdrehte und sich in seine Arme warf. Doch die Tränen hörten nicht auf; statt in ihr Kopfkissen weinte sie jetzt auf seine Schulter. »Warum gehst du dann fort?« fragte sie mit gebrochener Stimme. »Du bist so oft und so lange fort! Und Kenmarcoc sagt, du wärest vorher noch öfter fortgegangen. Und er sagt, als er dich ein einziges Mal wegen einer Antwort bedrängte, hast du ihn geschlagen. Ich habe dich nie einen Bediensteten schlagen sehen, geschweige denn Kenmarcoc. Und du weißt, ich mache mir Sorgen wegen dieses Räubers, aber du gehst trotzdem fort und läßt mich ganz allein …« Er versuchte, sie mit Liebkosungen und gütigen Worten zu besänftigen, sie weinte nur noch stärker. Die Heftigkeit ihres Schmerzes bedrückte ihn, er hatte ihr niemals Kummer bereiten wollen. Es ging ihm durch den Kopf, ihr irgendeine beruhigende Lüge zu erzählen, aber lügen war seiner Natur fremd, und er würde damit alles nur noch schlimmer machen. »Eline, Eline, weine doch nicht«, bat er statt dessen inständig. »Was um alles in der Welt habe ich denn getan? Ich habe dir gesagt, es gibt keine andere Frau.« Sie sah kläglich zu seinem Gesicht auf. »Oh, Tiarnán«, schluchzte sie. »Versprich mir … daß du, daß es nichts zu tun hat mit … mit den Elben.« Die Bitte versetzte ihm einen Schock. Sie rührte schmerzlich nahe an Dinge, die er für immer weggeschlossen hatte, kostbare Dinge, die nichts mit dem Leben zu Hause oder am Hof zu tun hatten und allein im Wald von Bedeutung waren. »Warum sagst du das?« fragte er gereizt. »Die Leute im Dorf sagen, du gehst in die hohlen Erdhügel oder suchst die Dame einer Quelle auf«, flüsterte Eline; sie hatte aufgehört zu weinen. Er hatte nicht gewußt, daß sie das sagten, und die Tatsache, daß sie es taten, löste Befremden und Empörung in ihm aus. Sie mußten Mutmaßungen über ihn angestellt haben. Es erschien ihm als grobe Einmischung in seine privaten Angelegenheiten. »Es ist ganz falsch, eine abscheuliche Unterstellung!« erklärte er zornig. »Niemand hat mir je so etwas ins Gesicht gesagt; ich hätte ihm sonst beigebracht, keine Lügen zu erzählen. Wer hat dir das gesagt?« »Niemand«, flüsterte Eline; sie begann sich zu entspannen. Er war so empört, daß es nicht wahr sein konnte. »Kenmarcoc sagte, das sei es, was sie sich im Dorf erzählen, ich solle nicht darauf achten. Aber die Leute reden dummes Zeug, wenn es ein Geheimnis gibt! Und ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich kann es nicht ertragen. Bitte, sag mir die Wahrheit!« Tiarnán schwieg. Irgendwie hatte sich das, was er allein auf den Wald beschränken und aus seinem sonstigen Leben heraushalten wollte, zwischen ihn und seine Frau gedrängt. Und schuldbewußt erkannte er, daß es falsch war zu behaupten, es existiere nicht. Töricht noch dazu, wenn seine Existenz so klar zutage lag, daß sogar die Leute im Dorf darüber spekulierten. Aber wie konnte er es Eline sagen? Er war nie ein mitteilsamer Mensch gewesen. Seit seiner Kindheit hatte er Worte als schlüpfrig und gefährlich betrachtet; man konnte ihnen nie ganz trauen. Er fühlte instinktiv, daß es falsch war, über heikle, so intim persönliche Dinge, die nur aus seiner Beziehung zum Wald zu verstehen waren, mit jemandem zu sprechen, dem der Wald nichts bedeutete. Elines Hoffnungsschimmer verblaßte. Sie vergrub ihr Gesicht in den Armen und fing wieder an zu weinen. Er würde es ihr nicht sagen; er liebte sie nicht wirklich. »Teures Herz, weine nicht!« sagte Tiarnán liebevoll. »Was du wissen willst … ich kann dir das nicht sagen.« »Aber warum?« Eline hob den Kopf und starrte ihn an. »Warum?« Er antwortete, ohne zu überlegen und mit fataler Aufrichtigkeit: »Ich fürchte, wenn ich es dir sage, werde ich deine Liebe verlieren, und vielleicht mein eigenes Selbst dazu.« Als es ausgesprochen war, wußte er, daß er hätte schweigen sollen. Die Worte waren zu starr, zu kraß: wenn ich es dir sage, werde ich deine Liebe verlieren. Glaubte er, daß das, was er ihr nicht sagen konnte, so schrecklich war, daß sie ihn hassen würde? Wäre das der Fall, so mußte es ein Fehler gewesen sein, sie zu heiraten. Wenn ein Bauer einen Ochsen verkaufte, der einen verborgenen Fehler hatte, und dem Käufer die Tatsache verschwieg, wurde er verurteilt, das Geld zurückzuzahlen, und zusätzlich drohte ihm auch noch der Stock. Ein Ritter, der eine lasterhafte Gewohnheit hatte und trotzdem ein unschuldiges Mädchen zur Frau nahm, mußte weit schuldiger sein. Sie hatte einen anderen Bewerber um ihre Hand gehabt, einen, der von dunklen Geheimnissen frei war. Ein Mann, der sie aufrichtig liebte, würde ihr entweder die Wahrheit gesagt oder sich nicht um ihre Hand beworben haben. Aber er hatte ja nicht das Gefühl, daß sein Geheimnis schrecklich war, nur daß es etwas war, was sie nicht verstehen würde. Es war etwas so Seltsames und so Mysteriöses, daß er selbst es nicht völlig begriff. Vater Judicaël hatte ihm gesagt, sie würde es nicht verstehen und sie beide würden sich gegenseitig Schaden zufügen. Die Antwort, die er sich selbst gegeben hatte, war: Liebe kann alles verstehen. Doch nun stellte er fest, daß er das Risiko fürchtete, unrecht zu haben. Sie war vollkommen glücklich mit ihm gewesen, bevor sie die Existenz des Geheimnisses argwöhnte. Sicherlich würde sie, wenn sie die Sache vergaß, wieder glücklich sein? Es war ja nicht etwas, das jemals in dieses Haus oder ihr Leben in ihm eindringen würde. Aber sie war so unglücklich jetzt, und er wünschte so sehr, sie zu trösten. Und würde sie es vergessen? Mußte nicht sein Schweigen einen langen Schatten über ihr gemeinsames Leben werfen und Elines Gedanken mit Argwohn gegen ihn vergiften? Eline hatten diese schrecklichen Worte einen Schock versetzt. Sie wandte sich um und drehte ihm wieder den Rücken zu. Ihr Schluchzen erstickte sie in dem tränennassen Kopfkissen. Tiarnán empfand grenzenloses Mitleid mit ihr; sie war so jung und schön und verletzlich. Immerhin war sie seine Frau und hatte mehr Recht auf ihn als jedes andere Wesen. Bei ihrer Trauung hatte sie geschworen, ihn zu lieben und zu ehren, und in der Hochzeitsnacht hatte sie sich nach altem Brauch vor ihm als ihrem Herrn und Meister hingekniet. Warum sollte er argwöhnen, sie würde ihren Eid brechen? War es nicht feige von ihm, zu schweigen, und beleidigend für sie, ihr nicht zu vertrauen? Das Geheimnis war im Grunde eine harmlose Sache. Er hatte dadurch nie jemanden verletzt. Sie würde das doch verstehen, da sie ihn liebte? Sicherlich war es besser, daß sie es kannte, als daß sie ihn der Dämonenverehrung oder des Ehebruchs verdächtigte. »Meine über alles geliebte Frau«, flüsterte Tiarnán und legte eine Hand auf ihre Schulter. »Weine nicht, ich werde es dir sagen, wenn es dir so wichtig ist, es zu wissen.« »Oh!« rief sie aus, wandte sich ihm zu und umarmte ihn, ganz feucht von Tränen. »Oh! Ich wußte, daß du mich liebst. Und ich verspreche dir, ich werde dich lieben, was immer es ist.« Sie küßte ihn zärtlich. »Ich kann es nur nicht ertragen, es nicht zu wissen.« Sie lehnte den Kopf an seine Schulter, ganz ruhig jetzt. All die stürmischen Tränenströme, die sie den Tag und die Nacht hindurch vergossen hatte, wichen jetzt einem Gefühl unermeßlicher Ruhe. Was es auch sein mag, dachte sie, Gott wird mir Kraft geben, damit fertig zu werden. Eine andere Elbengeschichte kam ihr in Erinnerung: die Geschichte von einem Mädchen, dessen mutige Hartnäckigkeit seinen Geliebten aus den Schlingen der Königin des Feenlandes rettete und ihn sicher heimbrachte. Vielleicht würde sie es sein, die Tiarnán aus den Fallen befreite, die der Wald für seine Seele gelegt hatte. Tiarnán schwieg lange. Ja, er wollte es ihr sagen, aber alle Worte, die er für sein Geheimnis finden konnte, klangen falsch, häßlich und erschreckend. Die Wirklichkeit war anders, unschuldig und heiter. Wie konnte er sie in die Enge der Worte pressen, ohne daß Eline erschrak? Schließlich bewegte Eline sich in seinen Armen und flüsterte ihm zu, er solle anfangen. »Vor Jahren«, begann Tiarnán zögernd – die plötzliche Erkenntnis, daß er dabei war, sich preiszugeben, gab den Worten etwas Unwiderrufliches, das ihm angst machte, er mußte einhalten und tief durchatmen, bevor er fortfahren konnte –, »als ich sechzehn war, Herzog Hoel hatte gerade das Herzogtum übernommen, und es fanden Feiern am Hof statt. Wir gingen alle jagen …« Er erinnerte sich gut an diese Zeit. Herzog Conan war bei einem Feldzug gegen das Herzogtum Anjou gefallen, seine Männer waren geschlagen und ohne Führung zurückgeblieben. Als Hoel die Nachricht erhielt, ließ er alle kampffähigen Männer am Hof zusammenziehen – sogar die jungen Knappen und die alten Männer nahm er mit – und ritt wie ein Rasender los, um die Überlebenden herauszuholen. Es war Tiarnáns erste Schlacht gewesen, und er hatte sich durch Tapferkeit ausgezeichnet. Hoel hatte ihn auf dem Schlachtfeld mit einem Schwert, das noch rot von dem im Kampf vergossenen Blut war, zum Ritter geschlagen. Er hatte ihm erlaubt, den Lehnseid für das Land seines Vaters zu leisten. Für Tiarnán hatte dieser Akt bedeutet, daß er nicht länger ein Mündel des Herzogs war, dessen väterliches Erbe von Beamten des Herzogs verwaltet wurde, sondern ein Gutsherr aus eigenem Recht. Es hatte Ehre und Ansehen bedeutet – vor allem aber hatte es bedeutet, daß er den Hof verlassen und nach Talensac zurückkehren konnte. Er hatte ungeduldig darauf gewartet, daß die Feierlichkeiten am Hof zu Ende gingen und er heimkehren konnte; zugleich aber war er sich seiner nicht sicher gewesen. Acht Jahre am Hof, acht Jahre harte Mühe, sich die verfeinerten höfischen Sitten anzueignen; acht Jahre Qual und Kummer, Gewalt und schließlich Gegenwehr – das alles hinterließ einen bitteren Geschmack. Wie konnte er danach heimgehen? Und dann war die Jagd gekommen und das, was während der Jagd geschehen war. »Wir machten Jagd auf einen Hirsch«, fuhr Tiarnán fort. »Ich und ein paar andere warteten mit einer frischen Meute Hunde auf den Hirsch, um uns dann an der Jagd zu beteiligen. Als wir die Hörner in der Nähe hörten, ließen wir die Hunde von der Koppel los, und sie rannten bellend in den Wald. Wir galoppierten hinter ihnen her. Ich hörte die Hörner rechts von mir, aber mein Hund Ravault bellte zur Linken. Ich drehte ab, um ihm zu folgen, und entfernte mich immer mehr von den anderen. Als der Klang der Hörner kaum noch zu hören war, wurde mir klar, daß er ein anderes Wild aufgestöbert hatte und es allein verfolgte. Ich sah keinen Grund, deshalb anzuhalten, ich hätte nie rechtzeitig die Hauptjagd erreichen können, um den Hirsch mit zur Strecke zu bringen. Ich entschloß mich, meinem Hund weiter zu folgen und zu sehen, was er für mich aufgestöbert hatte. Schon damals war ich am liebsten allein.« Tiarnán schwieg eine Weile. Eline lag regungslos in seinen Armen, sie spürte, daß er sich zögernd und vorsichtig an das Geheimnis selbst herantastete. »Der Hund führte mich zu einem von heiligen Steinen bewachten Erdhügel«, nahm er die Erzählung wieder auf, »und dort fand ich ihn im Kampf mit einem Wolf. Selbst als ich den Erdhügel hinaufpreschte, ließ der Wolf nicht von Ravault ab, den er an der Gurgel gepackt hatte. Ich sprang vom Pferd und stürzte auf den Wolf los, um ihn mit dem Schwert zu töten. Als ich ihn erledigt hatte, war es schon zu spät für den Hund – auch er war tot.« Er erinnerte sich gut an den Hund, einen braunen Alaunt mit der mächtigen Schnauze und dem schlaksigen Körper dieser Rasse, dessen grinsender Gesichtsausdruck und das ständige Schlagen des Schwanzes aber den Bastard verrieten. Tiarnán hatte die Ohren seines toten Jagdhunds gekrault und das Gesicht gegen seine noch warme Flanke gepreßt, bevor er für ihn ein Loch in die Erde des Waldes gegraben und es nach der Auffüllung mit einer Grasnarbe abgedeckt hatte, die er mit seinem Jagdmesser aus dem Hügel gestochen hatte. Es war dämmrig geworden, als er damit fertig war, und hatte zu regnen begonnen. Der tote Wolf hatte grau und weiß zwischen den beiden Steinen gelegen, und er hatte zum erstenmal bemerkt, daß sie wie die Pfosten einer Tür aussahen, die in den hohlen Erdhügel führte, das Reich der Elben. Er war auch nie sicher gewesen, ob er gewußt hatte, was er tat, als er sich entschloß, hier die Nacht zu verbringen – an einem heiligen Ort, an dem seit uralter Zeit mächtige und launenhafte Elben hausten. »Mein Pferd war von der Anstrengung der Jagd erschöpft«, erzählte er weiter, »und auch ich war sehr müde. Ich nahm dem Pferd den Sattel ab, band es an und versorgte es, so gut es ging. Dann machte ich mir ein Lager zwischen den Steinen. Ich balgte den Wolf ab, spannte sein Fell als Zelt über mich, rollte mich in meinen Mantel und legte mich schlafen.« Er erinnerte sich, wie er aufgewacht war. Der Mond war aufgegangen, und alles hatte sich verändert. Es war gewesen, als käme man aus dichtem Nebel in klare Luft. Alle Sinne waren so lebendig, daß man meinen konnte, sie wären vorher in Wolle eingehüllt gewesen. Er hatte die Wühlmäuse im Gras quieken hören und die Fledermäuse in der Luft; er hatte den Regen gerochen, der mit den Wolken langsam nach Osten abzog, und er hatte auch den Wald gerochen, seinen ganzen Reichtum an Düften – er hatte vorher nie gewußt, wie lebendig er war, wie jeder Atemzug in seiner Luft von tausend Botschaften summte. Er war aufgestanden und fand sich in seinen eigenen Kleidern verheddert. Das Denken war seltsam geworden, wortlos und unklar; er kämpfte mit seinem Jagdrock und seiner Hose, zerrte an ihnen mit den Zähnen, bis er von aller Kleidung frei war. Und dann hatte er sich im Mondlicht in dem feuchten Gras gewälzt, und es war so herrlich, daß es auf der Welt nichts Vergleichbares gab. Die Bitterkeit der Gewalt, die Scham und die Wut der Vergangenheit, die Ängste wegen der Zukunft – das alles war verschwunden, aufgesogen von diesem großartigen Jetzt aus Nacht, Regen und Mondschein – ein reines, unschuldiges und überwältigendes Erlebnis. Eline hob den Kopf und sah ihm ins Gesicht. Mondschein und Schatten kreuzten sich darauf, seine Augen waren in einem Flecken Licht, es waren die leuchtenden, fremdartigen Augen eines wilden Tieres. »Was geschah?« flüsterte sie; sie spürte, wie sich ihr der Magen zusammenzog. »Als ich aufwachte …«, sagte er, nach Worten suchend – ohne Erfolg, Worte konnten dieses gewaltige stumme Erlebnis nicht übermitteln –, »das Wolfsfell … ich … war in ihm.« »Was willst du damit sagen?« fragte sie, von Entsetzen ergriffen. »Ich hatte die Gestalt des Wolfs angenommen.« Sie schwiegen beide eine lange Zeit. Tiarnán lag jetzt warm in Elines Armen, aber sie hatte das Gefühl, aus Eis zu sein. Sie stellte sich vor, wie die Arme, die sie umfaßt hielten, die Beine eines Wolfs wurden und wie das Gesicht unter den seltsamen Augen sich zu Fängen veränderte. Sie begann heftig zu zittern. »Eline«, sagte er und zog sie näher an sich, »ich tue damit nichts Böses.« Sie konnte nicht sprechen. Sie würgte, zitterte und schüttelte den Kopf. »Ich habe in jener Gestalt niemals einen Menschen getötet oder irgendeinem menschlichen Wesen ein Leid angetan. Alle meine Sünden habe ich als Mensch begangen.« »Das passiert dir jedesmal, wenn du fortgehst? Jedesmal, wenn du mich verläßt … verwandelst du dich?« fragte Eline mit erstickter Stimme. »Nicht jedesmal. Nur wenn ich ohne Mirre auf die Jagd gehe.« Dreimal, seit sie ihn geheiratet hatte. Dreimal hatte der Körper, den sie in den Armen hielt, der in ihren eigenen Körper eingedrungen war, sich verwandelt und war der Körper einer Bestie geworden. Abrupt setzte Eline sich auf und schwang die Beine aus dem Bett. Sie beugte sich vor und krümmte sich. Tiarnán kniete im Bett hinter ihr. Er legte die Hände auf ihre Schultern; sie fuhr zusammen, und er nahm sie zurück. Sie hatte Angst, ihn anzusehen; sie wußte, wenn sie das tat, würde sie sehen, wie er sich in eine Bestie verwandelte, und dann würde sie schreien. »Wie können wir das abstellen?« fragte sie wild. »Wie brechen wir den Fluch?« »Du verstehst nicht!« rief er ungeduldig. »Ich denke nicht daran, es aufzugeben. Ich habe dir gesagt, daß ich damit niemandem Böses antue. Es ist nichts Schlechtes, und es gibt auch keinen Fluch. Es ist das wundervollste Geschenk!« Geschüttelt von einem krampfhaften, heftigen Stöhnen, hielt Eline sich die Hände vor die Ohren. Er beugte sich wieder zu ihr hinüber, um sie zu trösten, aber wie eine Wahnsinnige warf sie sich aus dem Bett. Er akzeptierte also aus freiem Willen, daß er zum Monster geworden war; er freute sich darüber, es machte ihm Spaß. Das grauenhafte Bild ließ sie nicht los, wie ein Wolf in ihren Körper eindrang, und sie wußte, daß ihr gleich übel werden würde. Sie fand den Nachttopf unter dem Bett gerade noch rechtzeitig. »Eline!« flüsterte Tiarnán entsetzt, als sie düster in das Erbrochene starrte. »Es ist doch nichts Schlimmes daran.« »Gib mir Zeit«, sagte sie mit erstickter Stimme. Sie wird sich daran gewöhnen, sie wird darüber hinwegkommen, hörte sie Stimmen in ihrem Hinterkopf wispern, aber sie war sich bereits sicher, daß sie das nicht konnte. Der Gedanke, jemals wieder mit Tiarnán zu schlafen, machte ihr eine Gänsehaut. Allein die Tatsache, daß sie mit ihm geschlafen hatte, gab ihr das Gefühl, unrein zu sein. Ich kann nicht, dachte sie. Ich kann es nicht, und ich werde es nie wieder tun. Gott helfe mir. Etwa eine Woche lang ging Eline nach der Enthüllung wie betäubt in ihrem Haus herum. Jeden Morgen, wenn sie aufwachte, schaute sie in das Gesicht ihres Mannes, und einen Augenblick lang dachte sie dann, das ganze mitternächtliche Gespräch wäre ein Alptraum gewesen. Es war das gleiche Gesicht, das sie mit solcher Freude an ihrem Hochzeitstag angeschaut hatte, die gleiche schmale Form, der gleiche gestutzte schwarze Bart – nur der schmerzliche Blick in den Augen war damals nicht dagewesen. Doch dann glaubte sie einen früher nicht wahrgenommenen wölfischen Ausdruck in ihnen zu entdecken, und da wußte sie, daß es Wirklichkeit war. Die Behaarung seines Körpers erinnerte sie jetzt unausweichlich an die eines Tieres. Nachts lag sie steif am äußersten Rand auf der Bettkante, die Arme an den Körper gepreßt, um ihn nicht zu berühren, und wenn ihre Hände sich am Tage zufällig streiften, wischte sie ihre ängstlich an ihrem Gewand ab. Die Dienerschaft des Gutshauses begann, heimlich über ihr seltsames Verhalten zu tuscheln, und wenn sie ins Dorf kam, begegnete sie neugierigen und feindseligen Blicken, die sie zu ignorieren versuchte. Sie vermied es, ihren Mann zu berühren, aber wie eine Besessene überhäufte sie ihn ständig mit Fragen: Wie machte er das? Konnte er sich jederzeit selbst verwandeln, oder passierte es einfach? Wohin ging er, wenn er verwandelt war? Was tat er? Was aß er? Die Details, die sie aus seinen mit unglücklichem Gesicht gegebenen Antworten herausholte, häufte sie zusammen, um sie dann fieberhaft zu einem Puzzle zusammenzufügen. Sie stießen sie ab und faszinierten sie gleichzeitig. Eine obszöne Situation! Sie erklärte Tiarnán, sie suche zu verstehen, könne aber, ohne diese Dinge zu wissen, niemals begreifen, was es ihm bedeute. Zunächst glaubte sie das auch, aber allmählich wurde aus dem Zu-verstehen-Suchen etwas anderes, nämlich das Suchen, dem allem ein Ende zu machen, und schließlich, unvermeidlich, das Suchen, wie sie von ihm frei werden könnte. Das Wort ›Werwolf‹, das er nie ausgesprochen hatte, ging ihr ständig im Kopf herum und erschien ihr von Tag zu Tag furchtbarer. Sie wagte nicht, mit jemandem über das zu sprechen, was er ihr gesagt hatte, zum einen, weil jeder in ihrer Umgebung in seinen Diensten stand, zum anderen – und das war wichtiger –, weil sie selbst in sein Geheimnis verstrickt war. Wenn bekannt würde, was er war, würde er auf dem Scheiterhaufen verbrannt werden, aber sie selbst würde am Pranger stehen, angeglotzt von aller Welt als ›die Frau des Werwolfs‹. Außerdem, wer würde ihr glauben? Die Leute von Talensac würden schwören, daß schwarz weiß ist, wenn ihr Machtiern in Gefahr war, und jedermann wußte, daß er ein Favorit des Herzogs war. Was konnte Elines bloßes Wort dagegen ausrichten? Ihn zu verraten wäre nur eine Einladung zu einer schrecklichen Vergeltung. Tiarnán beantwortete ihre Fragen gequält, aber offen. Die Vehemenz ihres Abscheus bestürzte und verletzte ihn. Er war kein anderer Mensch als vorher, und doch schauderte Eline vor ihm zurück. Er war tief beschämt über seine Schwäche, sich ihr anzuvertrauen. Ein Mann von Charakter würde niemals den Bitten und Tränen einer Frau nachgeben – darin waren sich alle Männer, Ritter wie Bauern, einig. Doch er hatte es getan, weil er sie liebte, weil er ihr vertrauen und sie trösten wollte. Er sagte sich, dieser unbegreifliche Abscheu könne nur daher kommen, daß sie scheußliche Geschichten gehört hatte über das, was er war. (Selbst in Gedanken vermied er das häßliche Wort, das sie so quälte. Er hatte nie wirklich geglaubt, daß es auf ihn zutraf.) Sie mußte wohl glauben, daß er Kinder im Wald fraß oder Babys aus ihrer Wiege raubte. Wenn sie verstand, daß er wirklich nichts anderes tat, als durch den Wald zu streifen, dann würde sie sich wieder mit ihm versöhnen. Aber mit jedem Wort der Erklärung schien die Sache selbst bizarrer und schwerer begreifbar zu werden, als ob sie sich veränderte und ungeheuerlich würde, wenn sie sich von seinen Lippen zu Elines entsetztem Blick übertrug. »Weiß das irgend jemand sonst?« fragte Eline. Tiarnán erinnerte sich mit Bitterkeit an das einzige andere Mal, daß er sein Geheimnis erzählt hatte: als er es Judicaël gebeichtet hatte. Judicaël war nicht entsetzt zurückgeschaudert. Die Beichte hatte ihn bedrückt; er war aus seiner Eremitenzelle hinaus in den Garten gegangen, wo er ein Beet mit Zwiebeln wie wild mit der Hacke attackiert hatte – aber Judicaël hatte sofort begriffen, warum es Tiarnán so sehr faszinieren mußte. Er wisse nicht, hatte er gesagt, ob es Sünde sei. Es war ungesucht gekommen, und kein Verbrechen war dadurch begangen worden. Er hatte Tiarnán wiederholt gedrängt, es aufzugeben, aber er hatte ihm keine Buße auferlegt, denn, so sagte er, wenn Tiarnán keine Sünde begangen hatte, konnte er ihm keine Absolution erteilen und keine Buße auferlegen. Wenn aber etwas Sündhaftes daran war, dann mußten sie warten, daß Gott ihnen offenbarte, wie es zu sühnen war. – Vielleicht konnte Judicaël bei Eline Verständnis wecken. Eline reagierte auf Tiarnáns Drängen, den Eremiten zu besuchen, mit Unverständnis und strich Judicaël von ihrer Liste möglicher Verbündeter mit Abscheu und Entrüstung. Kein rechter Priester konnte eine solche Scheußlichkeit vergeben. Der Ruf der Heiligkeit, in dem der Eremit stand, war nichts als Wind. Wahrscheinlich segnete er wirklich Feuer, die zur Dämonenverehrung entzündet wurden. Nach einer Woche obsessiven Fragens und unerträglicher Nähe bat Eline Tiarnán, ihr zu erlauben, daß sie Talensac für eine kurze Zeit verließ und ihre verheiratete Schwester in Iffendic besuchte. »Ich brauche Zeit«, sagte sie. »Ich versuche zu verstehen, wirklich. Aber … ich … ich muß von hier fort.« Innerlich war er erleichtert. Ihre Fragen hatten ihm das Gefühl gegeben, wie ein Verbrecher verhört zu werden, und ihr weißes Gesicht und die entsetzten Augen zerrissen ihm jedesmal das Herz, wenn er sie auf sich gerichtet sah. Eine Zeitlang von ihm und von Talensac getrennt zu sein, würde ihr Gelegenheit geben, zur Ruhe zu kommen und die Situation objektiv zu beurteilen. Er gab ihr bereitwillig die Erlaubnis und schickte sie mit einem Gefolge von Bediensteten und mit der Begründung fort, sie müsse sich in der Haushaltführung weiterbilden. Sobald sie fort war, ging er für mehrere Tage in den Wald. In dem schattigen Reich von Brocéliande konnten Vergangenheit und Zukunft in weite Ferne rücken, und diese gegenwärtige Qual würde sich in den Düften des Waldes auflösen und vom Wind fortgetragen werden. 7. KAPITEL Der herzogliche Hof verließ Rennes in den ersten Tagen des Juli und zog in das im Süden des Landes gelegene Nantes um. Die Dienerschaft brach einen Tag früher auf, um die Burg empfangsbereit zu machen. Der Hof selbst brauchte fünf Tage für die Reise, weil man einen Zwischenaufenthalt einlegte, um ein bißchen zu jagen. Schließlich aber hatte sich alles in der Burg Nantes häuslich eingerichtet, und das gewohnte Leben ging weiter, als wäre es nie unterbrochen worden. Nantes war eine größere Stadt als Rennes, ein Hafen, der den gesamten Schiffsverkehr auf der Loire abwickelte. Stromabwärts kamen Schiffe von Tours und Orléans, stromaufwärts fuhren Schiffe aus allen Häfen der Welt. Die Burg allerdings war kleiner als die von Rennes; sie war für Hoel erbaut worden, als er nur Graf von Nantes war. Der herzogliche Hof mußte eng zusammenrücken, damit alle Platz fanden. Die zur Hofhaltung gehörenden Ritter verbrachten einen großen Teil ihrer Zeit in der Stadt oder übten mit ihren Waffen auf den Feldern im Norden der Burg. »Es ist ein Brief für Euch gekommen«, sagte einer der Pagen zu Alain de Fougères, als dieser an einem Tag Mitte September um die Mittagszeit von einer solchen Waffenübung hereinkam. »Ein Mann hat ihn am Vormittag gebracht. Ich habe ihn dort auf den Tisch gelegt.« »Ein Mann?« fragte Alain, nahm den Brief von dem Tisch in der großen Halle und drehte ihn mißtrauisch in den Händen. Es war ein einzelnes zusammengefaltetes Blatt Pergament, und das Siegel war blank. Er fragte sich, ob es um eine Schuld ging, die er nicht bezahlt hatte. Briefe waren nichts Alltägliches, auch nicht für einen Ritter wie ihn, der ein wenig lesen konnte. »Was war das für ein Mann?« »Ein Bauer von … Iffendic, glaube ich. Er sagte« – der Page grinste –, »eine Dame habe ihm den Brief für Euch gegeben.« Alain erinnerte sich plötzlich, daß eine Schwester Elines den Bruder des Gutsherrn von Iffendic geheiratet hatte. Fast hätte er den Brief auf der Stelle aufgerissen – dann entschloß er sich, das an einem privateren Platz zu tun. Er war an den Hof zurückbeordert worden, als dieser nach Nantes umzog, er hatte jedoch noch immer das Gefühl, direkt unter einer Gewitterwolke zu stehen. Sein Vater hatte einen Wutanfall bekommen, als er herausfand, daß Alain eine heikle Mission, die ihm der Herzog selbst übertragen hatte, nicht zu Ende geführt hatte, um, wie er sich ausdrückte, ›irgendeiner aufgetakelten weißhaarigen Schlampe von Kind‹ nachzulaufen. Alain hatte als Ritter der herzoglichen Hofhaltung die Aufgabe, die Loyalität des Burgherrn Juhel de Fougères gegenüber seinem Lehnsherrn zu repräsentieren. Seine Pflichtvergessenheit hatte ein schlechtes Licht auf seinen Vater geworfen, und Alain wurde bei der Erinnerung an einige Dinge, die dieser gesagt hatte, noch heute blaß. Es wäre ein unverzeihlicher Fehler, mit einem Brief von Eline entdeckt zu werden. Im Garten der Burg brach er einige Minuten später das Siegel auf und entfaltete den Brief. Er enthielt eine einzelne weißblonde Haarlocke, um die ein vergißmeinnichtblauer Faden gewickelt war. Auf dem Pergament standen, von einer geübten Hand geschrieben, die Worte: »Kapelle St-Maugan. Iffendic. Drei Tage vor dem Fest des heiligen Michael. Non.« Er nahm mit zitternden Händen die Haarlocke heraus und hielt sie gegen das Licht, sie schien wie Wasser zu glänzen. Er erinnerte sich, wie Eline in ihrer Schlafkammer in Comper das Haar lose über die Schulter gefallen war. Ich habe es gewußt, sagte er sich freudig erregt, daß sie eines Tages nach mir schicken wird. Tiarnán mußte einmal zu oft jagen gegangen sein, und in ihrer Einsamkeit war ihr klargeworden, daß sie in Wirklichkeit immer nur Alain geliebt hatte. Sie wollte ihm eine Nachricht zukommen lassen, sie selbst aber konnte nicht schreiben und wagte nicht, einen Boten zu schicken. Daher hatte sie unter einem Vorwand von einem Schreibkundigen Zeit und Ort auf ein Blatt Pergament schreiben lassen und als Unterschrift und Siegel die Haarlocke beigelegt; sie wußte, daß Alain verstehen würde. Er führte die Haarlocke an die Lippen. Drei Tage vor dem Fest des heiligen Michael, also am 26. September. Das ließ ihm eine Woche Zeit. Er gab am Hof an, er wolle nach St-Malo reiten, um von einem Schiff, das dort aus Norwegen eingetroffen sein sollte, einen Falken zu kaufen. Der Herzog akzeptierte das ohne Kommentar. Bei dem überfüllten Hof bedeutete ein abwesender Ritter mehr Platz für die anderen. Tiher jedoch wurde mißtrauisch, als Alain sein Angebot, ihn zu begleiten, ausschlug. »Du gehst nicht nach Talensac?« fragte er, als Alain packte. »Nein«, antwortete Alain kühl. »Gut«, sagte Tiher, noch immer mißtrauisch. »Es wäre auch nicht ratsam, Vetter, denn Tiarnán könnte drei Männer wie dich vor dem Frühstück töten, und wenn er herausfände, daß du seine Frau besuchst, würde er dich auf der Stelle umbringen. Es war bei der Hochzeit klar genug zu sehen, daß er in sie vernarrt ist.« »Ich gehe nicht nach Talensac«, beteuerte Alain. Er nahm das goldene Kruzifix, das er an einer Kette um den Hals trug, und hielt es in der Hand hoch. »Ich schwöre es bei diesem Kreuz.« Er ließ das Kruzifix wieder fallen und bekreuzigte sich fromm. Tiher hob die Augenbrauen. »Gut. Wenn du einen Händler mit Falken triffst, bring mir einen mit. Aber keinen Geierfalken, die sind zu teuer.« Am Abend des vierten Tages vor dem Fest des heiligen Michael war Alain im Gasthof von Montfort, einem Ort unerfreulicher Erinnerungen, die er jetzt mit neuer Hoffnung zu vertreiben versuchte. Am nächsten Morgen kleidete er sich, nachdem er sich gewaschen und rasiert hatte, mit großer Sorgfalt an: eine geschlitzte Reitjacke aus rotem Samt mit modischen weiten Ärmeln und dazu eine gestreifte Hose. Diesmal hatte er seine Rüstung in Nantes gelassen. Für den erfundenen Ausflug nach St-Malo zum Kauf eines Falken brauchte er sie nicht, und sie noch einmal zu verlieren, konnte er sich wahrlich nicht leisten. Er schnallte sein Schwert um, saß auf seinem braunen Hengst auf und ritt mit trockenem Mund und feuchten Handflächen los. Bis zur Kapelle von St-Maugan, die auf der entgegengesetzten Seite von Iffendic lag, waren es ungefähr acht Meilen. Er hatte sich erkundigen müssen, wo die Kapelle lag; er traf schon kurz nach Mittag dort ein, fast drei Stunden zu früh. Die Kapelle war in Wirklichkeit die Pfarrkirche eines kleinen Dorfes, und bei seinem Eintreffen fand er den Kirchplatz voll von Frauen, die Wasser aus dem Brunnen schöpften und schwatzten. Nachdem er ein paar peinliche Minuten unter ihren neugierigen Blicken gewartet hatte, saß er wieder auf und ritt zurück in Richtung Iffendic. Sie mußte diese Straße entlangkommen; er würde einen ruhigen, einsamen Platz für ihr Treffen finden. Ungefähr eine halbe Stunde vor der Non kam sie. Sie war allein und ritt ein wohlgenährtes weißes Pony, den Kopf hielt sie wie im Kummer gesenkt. Alain, der in einem Apfelhain gleich neben der Straße wartete, klopfte das Herz so stark, daß er nicht sprechen konnte, und beinahe hätte er sie vorbeireiten lassen. Aber sie hob den Kopf, gerade als sie auf seiner Höhe war, und schaute auf den Kirchturm vor ihr, und beim Anblick des blassen Gesichts fand er seine Sprache wieder und rief: »Eline!« Eline hatte sich vorgenommen, vernünftig mit ihm zu reden, ihm zu erklären, daß ihr Mann sie durch Verschweigen eines schrecklichen Geheimnisses zu der Ehe überlistet hatte und daß sie die Ehegelöbnisse, die sie in Unkenntnis dieses Geheimnisses abgegeben hatte, als ungültig betrachtete. Doch als sie Alain ihren Namen rufen hörte, war das alles vergessen. Jetzt, wo sie sicher in Iffendic war, fort von der beunruhigenden Gegenwart ihres Mannes, war jede noch verbliebene Ambivalenz in ihren Gefühlen ihm gegenüber weggefegt. Sie hatte mit einer Bestie geschlafen, und sie fühlte sich unsagbar beschmutzt. Als sie Alain unter den Apfelbäumen stehen sah, glatt rasiert und elegant, leidenschaftlich und hoffnungsvoll und ein Mensch, ließ sie das Pony von der Straße abbiegen, galoppierte auf ihn zu und sprang vom Rücken des Pferdes direkt in seine Arme. Nach einem Augenblick ungläubiger Überraschung schloß er die Arme um sie und küßte sie leidenschaftlich. Bei seiner Berührung schien das alptraumhafte Gefühl, daß an ihrer Haut verfilztes Wolfsfell klebte, wie weggewischt, und sie lehnte sich, schluchzend vor Erleichterung, an ihn. Sie hatte befürchtet, er käme nicht und sie müsse für immer in diesem schrecklichen Alptraum gefangen bleiben. »Mein Liebling!« sagte Alain und küßte ihr die Tränen weg. »Was ist denn geschehen? – Komm, wir dürfen nicht gesehen werden, laß uns unter die Bäume gehen.« Unter den Bäumen war Schatten; das Laub der Apfelbäume, von denen vor kurzer Zeit die Früchte abgeerntet worden waren, hatte sich zum Teil schon herbstlich verfärbt. Sie stolperte über das Fallobst, von überallher kam der Geruch faulender Äpfel und das Summen trunkener Wespen. Sie blieben in einer Lichtung stehen, in die die Sonne fiel, weit genug von der Straße, wandten sich einander zu und sahen sich an. Alains Haar war golden wie das Apfellaub, und in seinen weit aufgerissenen Augen las sie Verwunderung und Besorgnis. Sie legte ihm die Arme um den Hals und küßte ihn wie wahnsinnig. »Du bist gekommen«, war alles, was sie sagen konnte. »Oh, Gott sei Dank!« »Natürlich bin ich gekommen. Für dich würde ich zum Ende der Erde kommen. Was ist denn nur passiert?« Sie dachte daran, wie sie ihn beim letztenmal aus dem Fenster gestoßen hatte, und fing an zu weinen. Sie murmelte unverständliche Entschuldigungen, unterbrochen von Küssen, dann, entsetzt über das, was sie tat, löste sie sich wieder aus seinen Armen und preßte die zitternden Hände gegen ihre Kehle. »Oh, Alain! Es tut mir so leid!« stieß sie hervor. »Ich kann es nicht sagen … schwöre, daß du mir helfen wirst, daß du mich nicht verraten wirst!« Er nahm das Kruzifix ab, das um seinen Hals hing, löste ihre vor Angst verkrampften Hände und legte es zwischen sie. Dann kniete er sich in das hohe Gras und legte seine Hände zwischen die ihren. Das war der Akt des Lehnseides, die Geste, mit der ein Ritter seinem Lehnsherrn die Treue schwor. »Ich schwöre bei diesem Kreuz und bei deinen weißen Händen«, versprach er feierlich, »daß ich eher den letzten Tropfen meines Blutes vergießen werde, als dich zu verraten, Eline. Ich bin dein Lehnsmann für immer!« »O mein Liebster!« schluchzte Eline; sie fiel auf die Knie, um ihn ansehen zu können. Ihr Gesicht brannte vor Scham: solcher Edelmut, nachdem sie ihn so schändlich behandelt hatte. »Ich verdiene das nicht von dir!« rief sie leidenschaftlich. »Ich bin nicht deine Herrin, sondern deine ergebene Sklavin. Verlang von mir, was du willst, es gehört dir.« Er wagte noch kaum, es zu glauben, er legte die Arme um sie und küßte sie wieder. Sie antwortete ihm nicht mit der süßen, hingebungsvollen Wärme, von der er manchmal geträumt hatte, sondern mit Verzweiflung. Zorn begann sich bei aller Verzückung in ihm zu regen. Was hatte Tiarnán ihr angetan? Was immer Tiarnán getan hatte, es hatte kein Mal an ihrem Körper hinterlassen. Als sie sich ausgezogen hatte und nackt unter den schattigen Bäumen stand, war sie mit ihrer weißen glatten Haut lieblicher, als er sie je im Traum gesehen hatte. Er nahm sie in die Arme, und es war, als halte er den Frühling selbst umfaßt. Er hatte sich einen solchen Rausch des Entzückens niemals vorstellen können, eine so überwältigende Glückseligkeit. Auf dem Höhepunkt der Ekstase weinten sie beide. Später lagen sie nebeneinander auf ihren ausgebreiteten Kleidern, und sie legte den Kopf an seine Brust und flüsterte: »Oh, mein Liebling!« Er streichelte ihr zerzaustes Haar und wußte, daß er alles besaß, was er sich auf Erden wünschte. Nun mußte er es auch behalten! »Jetzt«, sagte er bestimmt, »erzähl mir, was geschehen ist.« Eline erzählte ihre Geschichte mit sich überstürzender Eile: Tiarnáns Jagdausflüge ohne den Hund; die Unwissenheit der Dienerschaft über die Art der Ausflüge; ihre eigenen verzweifelten Fragen und Tiarnáns schließliche widerstrebende Antwort. Alain hörte ihr mit wachsendem Erstaunen und, gegen seinen Willen, Unglauben zu. Als Eline geendet hatte, war seine erste Frage: »Bist du sicher, daß er nicht … hm, eine Art von grausamem Scherz machte? Vielleicht um dich dafür zu bestrafen, daß du dir über seine häufige Abwesenheit solche Sorgen machtest?« »Ein Scherz?« wiederholte Eline. »Nein, es ist wahr. Ich weiß, daß es wahr ist.« Sie dachte an Tiarnáns Augen im Mondlicht und schauderte. Plötzlich bekam sie Angst, hier zu sein, mit ihrem Liebhaber unter den Bäumen zu liegen. Jetzt hatte sie Tiarnán betrogen, und vielleicht konnte er es irgendwie herausfinden. Sie setzte sich auf und sah sich nach ihrem Hemd um. »Ja, aber …«, begann Alain, und seine Stimme verlor sich in Ratlosigkeit. Er war über ein Jahr am Hof des Herzogs gewesen und hatte oft am Tisch mit Tiarnán gesessen. Er hatte neben ihm in der großen Halle der Burg geschlafen, dieselbe Latrine benutzt, auf demselben Turnierfeld mit den Waffen geübt und im selben Stall Pferde gepflegt. Er hatte den Mann nie gemocht, aber ein Werwolf? Es erschien ihm unmöglich. Eline war aufgestanden und hatte ihr Hemd angezogen; sie bemerkte Alains zweifelnden Gesichtsausdruck nicht. »Er hat mir … alles erzählt«, flüsterte sie – und sah sich wieder besorgt nach allen Seiten um. »Er hat mir gesagt, wohin er geht, wenn er … wenn er sich verwandelt. Meist geht er zu St-Mailons Kapelle im Wald und läßt seine Kleider unter einem hohlen Stein. Er muß zu ihnen zurückkehren, sagt er, und – irgend etwas – an sich nehmen, das er bei ihnen zurückläßt, bevor er wieder ein Mensch werden kann.« Sie erinnerte sich an dieses Eingeständnis, an Tiarnáns leise und verlegene Stimme, als er es sagte, und seine unruhigen Augen, die sie beobachteten. Aber was ist dieses Ding, das du zurückläßt? hatte sie gefragt, und er hatte ungeduldig geantwortet: Ich weiß es nicht. Ich spüre es nur. Es muß ein Teil meiner Seele sein, das mich zum Menschen macht. – Sie hatte diese Antwort ihrer Sammlung von Details hinzugefügt und weiter gefragt: Wie ließ er es zurück? War es sichtbar? Wie konnte er ein Teil aus seiner Seele aussondern? – Bis Tiarnán verwirrt und ärgerlich den Kopf geschüttelt und den Raum verlassen hatte. Sie hatte sich diese seltsame Geschichte immer wieder durch den Kopf gehen lassen, und dabei war ihr klargeworden, daß sie die Chance bot, frei zu werden. Ihr erster Gedanke war gewesen, die Information selbst zu nutzen – aber das war unmöglich. Für eine junge Frau aus dem Adelsstand war es undenkbar, ohne Begleitung auszugehen – selbst der kurze Weg vom Gut Iffendic zum benachbarten Weiler bei der Kapelle von St-Maugan hatte eine komplizierte Planung erfordert –, und auf der Straße durch den Wald zur Kapelle St-Mailon zu reiten war gefährlich und würde niemals erlaubt werden. Außerdem hatte sie Angst. Je länger sie von ihrem Mann fort war, um so größer und schrecklicher war der Schatten, den er über sie warf. So hatte sie sich schließlich an Alain gewandt, den einzigen Mann, der, wie sie hoffte, bereit sein würde, das Risiko für sie einzugehen. »Hör mir zu«, sagte sie jetzt drängend zu ihm. »Wenn jemand zur Kapelle von St-Mailon gehen, dort warten würde, bis er ein Wolf wird, und dann die Kleider und das ominöse Ding, das er bei ihnen zurückläßt, stehlen würde – dann könnte er nicht zurückkommen. Er würde in seiner Bestiengestalt wie in einer Falle festsitzen. Und ich brauchte ihn nie mehr zu ertragen.« »Ja, aber …« Alains Stimme verlor sich wieder in Zweifel und Ratlosigkeit. Eline hatte nicht behauptet, daß sie irgend etwas von all dem wirklich gesehen hatte. Es waren alles nur Dinge, die Tiarnán ihr erzählt hatte. Es brauchte nicht mehr als ein grausamer Scherz zu sein. Eline starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. Er zögerte, er hatte Angst. Oder vielleicht liebte er sie nicht mehr, jetzt, wo sie ihm gegeben hatte, was er begehrte. Vielleicht war sie in seinen Augen jetzt nichts anderes als eine billige Hure. »Wirst du mir nicht helfen?« rief sie, von Angst gequält. Alain sprang auf, nackt wie er war, und zog sie an sich. »Ja! Ja!« protestierte er. »Natürlich. Aber …« Es gab kein Aber mehr. Es gab nur noch ihre Lippen und den Körper, der sich an seinen preßte. Er vergaß, was er hatte sagen wollen. Was spielte es für eine Rolle, wenn sie unrecht hatte? Sie bat ihn nicht, gegen Tiarnán zu kämpfen, sondern lediglich, irgendeinen Unsinn über einen hohlen Stein bei einer Kapelle zu prüfen. »Was genau soll ich also tun?« fragte er. Sie seufzte tief und legte den Kopf zurück, um ihm in die Augen zu sehen. Alain, o Alain, dachte sie, warum habe ich nicht dich geheiratet? »Tiarnán hat mir gesagt, daß er vor allem bei Vollmond den Drang verspürt, in den Wald zu gehen. Er verläßt dann das Haus vor dem ersten Hahnenschrei, also muß er St-Mailon etwa eine Stunde nach Tagesanbruch erreichen. Wenn du zur Kapelle von St-Mailon in der Nacht vor dem Vollmond reitest, könntest du am Morgen den Glockenturm besteigen und von dort Ausschau halten, bis Tiarnán kommt …« »Und wenn er nicht kommt?« »Dann versuchst du es beim nächsten Vollmond wieder. Aber ich glaube, er wird kommen. Er hat gesagt, er geht bei Vollmond gewöhnlich in den Wald.« Alain schwieg eine Zeitlang und dachte nach. Er hatte immer noch starke Zweifel an Elines Geschichte. Andererseits bestand keine große Gefahr, wenn er die Nacht bei der Kapelle von St-Mailon zubrachte. Selbst wenn Tiarnán zu einem Besuch beim Eremiten auftauchen sollte, konnte er mit irgendeiner Ausrede beruhigt werden. – Ach ja, ich war auf dem Rückweg von St-Malo, und es fiel mir ein, daß ich einmal ein Gelübde getan hatte, eine Vigil für den Heiligen zu halten, und damals keine Gelegenheit dazu gefunden hatte. Ich bog also von der Straße ab und kam hierher. Nein, ich bin nicht in Talensac gewesen, ich schwöre es. Es ist Euer Gut, Ihr hättet es erfahren, wenn ich dagewesen wäre. Eline ist in Iffendic? Nun, ich bin auch dort nicht gewesen. – Ja, Tiarnán würde das akzeptieren müssen. Und wenn Tiarnán am Morgen nicht auftauchen sollte, würde Eline einsehen müssen, daß ihr Mann, dieser eiskalte Teufel, sich mit ihr einen üblen Scherz erlaubt hatte, vielleicht zu keinem anderen Zweck, als um sie zu quälen und zum Weinen zu bringen. Und das, dachte Alain mit Befriedigung, war Tiarnán durch die Hörner, die ihm verdientermaßen aufgesetzt worden waren, bereits voll heimgezahlt worden. »Also gut«, erklärte er Eline, »ich werde genau das tun, was du gesagt hast, und in der Nacht vor dem nächsten Vollmond zur Kapelle von St-Mailon reiten. Ich schwöre es dir.« Sie warf ihm die Arme um den Hals. »Oh, danke, Alain! Bitte, bitte, sei vorsichtig!« »Wir müssen es irgendwie arrangieren, daß wir uns hinterher treffen«, sagte er, »ob Tiarnán kommt oder nicht.« Dann lächelte er und fügte hinzu: »Zu der Zeit werden wir etwas Wärmeres brauchen als dies hier.« Er war entzückt über den rosigen Schimmer, der sich über ihr Gesicht ausbreitete. Es war nicht schwierig, eine Ausrede zu finden, um die Nacht vor dem Vollmond bei St-Mailons Kapelle verbringen zu können. Als Alain von seinem Ausflug nach St-Malo zurückgekehrt war, hatte er am Hof erzählt, daß das Schiff, von dem er gehört hatte, nicht eingetroffen war. Daher erschien es ganz natürlich, als er sagte, er habe gehört, daß es jetzt im Hafen angelegt habe, und wolle es noch einmal versuchen. Tiher war wieder mißtrauisch, doch auch jetzt konnte Alain ihn mit einem irreführenden Eid beschwichtigen. Die Kapelle zu finden war nicht so einfach. Sie lag abseits der Straße, die von Iffendic nach Comper führt, zwei volle Tagesritte von Nantes, wenn man ein scharfes Tempo anschlug. Die Straße war eher ein schmaler Weg, und den größten Teil der Strecke führte sie durch dichten Wald. Er übersah die Abzweigung und ritt weiter bis zum Rand des bebauten Landes in der Nähe von Comper, bevor er seinen Irrtum bemerkte, und er mußte ein großes Stück Weg zurückreiten. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, als er den Platz fand. Nur die Spitze des Glockenturms schaute über die Bäume, sie zeichnete sich schwarz und scharf gegen den Abendhimmel ab. Er bog in den schmalen Pfad ein, der zu der Kapelle führte, mußte aber absteigen und das Pferd führen. Die Zweige der jungen Eichen hingen tief über den Pfad herunter und machten das Reiten unmöglich. Diesmal hatte er zur Vorsicht die Rüstung angelegt, für den Fall, daß er Tiarnán begegnete und dieser nicht zu beschwichtigen war. Das Kettenhemd drückte schwer auf seine gekrümmten Schultern, und das Schwert, das beim Reiten so bequem an der Seite hing, verhedderte sich zwischen seinen Beinen, als er mühsam zu Fuß unter den Bäumen dem engen Pfad folgte. Gereizt und außer Atem, führte er sein Pferd schließlich auf eine Lichtung vor der Kapelle. Die Kapelle von St-Mailon war klein, kaum größer als eine Bauernkate, ein niedriger grauer Bau, dem sogar das Glas für die Fenster fehlte. Man hatte sich statt dessen mit Flechtwerkgittern begnügen müssen wie bei einem gewöhnlichen Haus. Mücken tanzten in dem schwindenden Licht des gerodeten Platzes vor der Kapelle, während unter den Zweigen der umgebenden Bäume bereits tiefe Nacht einzufallen begann. Der Mond war hinter dem Wald verborgen. Eine Fledermaus flatterte vorbei wie ein fallendes Blatt, aber nichts Größeres rührte sich. Alain hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, und sah um sich, die Hand am Schwertgriff – niemand war da. Nicht einmal ein Rascheln im Unterholz war zu hören, alles war still. Und doch war es nicht friedlich. Es war, als ob der ganze Wald aufgewacht wäre, als ob er seine Gegenwart wahrnähme und ihn voller Haß anstarrte. Die Geschichte, die er in dem Apfelhain nicht geglaubt hatte, erschien ihm hier nicht mehr so unmöglich; er schluckte und bekreuzigte sich. Dann fiel ihm ein, daß er auf heiligem Grund stand und nichts weiter zu tun hatte, als die Nacht in der Kapelle zu verbringen und morgen früh auf den Glockenturm zu steigen und Ausschau zu halten. Wenn die Geschichte stimmte, dann war Eline mit einem Monster verheiratet, und es war seine Pflicht, sie zu befreien. Sie von einem Werwolf zu befreien! Das war eine Tat für einen Helden. Sein müdes Pferd stupste ihn mit den Nüstern an. Er mußte einen Platz finden, wo er es lassen konnte, sonst würde es seine Anwesenheit jedem Besucher der Kapelle verraten. Er führte das Tier um die Kapelle und stellte fest, daß der Pfad weiterlief. Er folgte ihm durch den Wald entlang dem Hügelkamm und dann hinab zu einem kleinen Bach. Hier gab es Gras und Gebüsch; er band das Pferd an und ließ es zum Grasen da. Er hoffte nur, daß kein diebischer Bauer des Weges kommen und sich mit ihm davonmachen würde. Nach seiner Erinnerung mußte der Eremit Judicaël in der Nähe eine Hütte haben, und als er den Pfad zurück zur Kapelle hinaufging, hielt er danach Ausschau, sah sie aber nicht. Inzwischen war es allerdings dunkel geworden, der dichte Wald war wie eine schwarze Mauer. Ein ganzes Dorf konnte nur wenige Meter entfernt liegen, ohne daß man etwas davon bemerken würde. Außerdem hatte er von dem Eremiten keinen Ärger zu befürchten. Wenn er ihm begegnen sollte, brauchte er nur zu sagen, daß er eine Vigil zu Ehren des heiligen Mailon halten wolle, und der Priester würde ihm wahrscheinlich sogar ein Frühstück anbieten. Der Gedanke beruhigte ihn. Der Mond erschien jetzt über den Bäumen und warf ein kaltes graues Licht auf den Pfad vor ihm, die Blätter raschelten seltsam. Die Vorstellung, ganz allein hier im Wald zu sein, war ihm unbehaglich. Die Kapelle war unverschlossen und leer; er ging hinein, setzte sich in der Nähe der Tür auf eine Bank und aß im Dunkeln von dem Brot, das er mitgenommen hatte. Eine Eule schrie draußen mehrere Male. Das Gefühl, beobachtet zu werden, ließ ihn nicht los. Er schloß die Tür und ging weiter in die Kapelle hinein, doch das Gefühl wurde nicht schwächer. Während er in der Finsternis saß, wuchs seine Angst immer mehr. Wenn er die Tür öffnete, würde er sehen, wie Teufel um die Kapelle tanzten, schwarz und scheußlich mit heraushängenden roten Zungen; in ihren Krallenhänden schwenkten sie Menschenknochen. Oder vielleicht ritt gerade die Elbenjagd vorbei, prächtig und zauberhaft auf weißen Pferden, die Zügel mit Glöckchen geschmückt – aber wer sie sah, dem war der Tod bestimmt. Er wurde von Panik ergriffen, fürchtete, daß er aus irgendeinem Grund die Tür öffnen würde, ja, daß diese Furcht selbst ihn zwingen würde, sie zu öffnen – und dann würde er sterben. Schließlich zog er das Schwert, ging zum Altar vor und kniete nieder, legte die Finger um die Klinge und sagte alle Gebete her, die er kannte. Er sagte sich selbst, daß seine Angst irrational war, daß er in einer kleinen Kirche kniete, keine drei Meilen von einem Gutshaus entfernt, das er gut kannte, und daß es hier einen Eremiten gab, einen heiligmäßigen Mann, der in einer Hütte gleich in der Nähe hauste. Nach einiger Zeit ebbte die Angst ab. Er legte sich auf die Binsen vor dem Altar und schlief ein; seine Hände hielten den Schwertgriff umfaßt. Er wachte vor Beginn der Morgendämmerung auf, kalt und steif; er rollte sich auf die andere Seite und versuchte weiterzuschlafen. Es gelang ihm nicht, und er stand auf. Die Angst, die er am Abend verspürt hatte, erschien ihm jetzt lächerlich. Er ging zur Tür vor und öffnete sie. Die Lichtung lag grau und still im Licht des untergehenden Mondes. Es war jetzt Mitte Oktober, und das Gras funkelte hier und dort von leichtem Frost. Anscheinend war die Zeit des ersten Hahnenschreis vorbei. Alain ging mit ausgreifenden Schritten ein paarmal um die Kapelle, stampfte mit den Füßen und streckte die Arme; das Schlafen in der Rüstung hatte die Glieder steif gemacht. Dann ging er wieder hinein und döste noch eine Stunde vor sich hin. Der morgendliche Chor der Waldvögel weckte ihn erneut. Eline hatte gesagt, daß Tiarnán, falls er käme, ungefähr eine Stunde nach Tagesanbruch eintreffen müßte. Widerwillig – denn nun war er wieder überzeugt, daß seine Anwesenheit hier ohne Sinn war – sah Alain sich nach dem Eingang zum Glockenturm um. Er fand ihn rechts neben dem Altar, hätte sich aber beinahe entschlossen, den Turm nicht zu besteigen. Er war zwar stabil genug – wie die Kapelle aus Stein und ziemlich niedrig –, aber im Innern gab es nichts als eine Leiter, die zu der einzigen Glocke hinaufführte, von der ein Seil herabhing. Keine Plattform, auf der man während des Wartens sitzen konnte – nicht einmal eine Treppe. Schließlich kletterte er jedoch die Leiter hinauf und stützte sich oben gegen die Mauer ab; von dort hatte er durch das Flechtwerk, das die Maueröffnung für die Glocke abdeckte, Sicht nach draußen. Wenn er sich zur Seite drehte und nach links und rechts schaute, konnte er den ganzen Umkreis der Lichtung einsehen. Er aß noch etwas von seinem Reisebrot und trank einen Schluck von dem mit Wasser verdünnten Wein aus seiner Reiseflasche. Er hatte nur eine halbe Stunde Ausschau gehalten, als er eine Bewegung auf dem Pfad wahrnahm, der zur Straße führte, und dann trat Tiarnán auf die Lichtung. Er trug seine gewöhnliche grüne Jagdkleidung und hatte zum Schutz gegen die Kühle des Herbstmorgens die Kapuze über den Kopf gezogen, aber sein rascher, federnder Schritt war unverkennbar. Alain hielt den Atem an, so unerwartet war für ihn Tiarnáns Erscheinen. Dieser ging um die Ecke zur Seite der Kapelle, hielt an und ging zurück auf die Kirchentür zu; im Schatten der Mauer verschwand er aus Alains Sicht. Eine kleine Glocke hing neben der Tür, sie läutete einen Augenblick mit einem feinen, hellen Klang. Alain erwartete, daß sein Rivale wieder auf die Lichtung hinauskommen würde, aber plötzlich hörte er unter sich seine Schritte in der Kapelle. Tiarnán war offenbar gekommen, um sich bei dem Eremiten, seinem Beichtvater, Rat zu holen. Alain preßte das Schwert an sich und wagte nicht, sich zu bewegen. Er versuchte sich zu erinnern, wo er seinen Helm zurückgelassen hatte – war es hinter der Tür oder direkt beim Altar, für jedermann sichtbar? Er versuchte sich eine Erklärung zurechtzulegen, was er auf dem Glockenturm von St-Mailon zu tun hatte. Das schlimmste war, daß Tiarnán, wenn er ihn entdeckte, das wahrscheinlich komisch finden würde. – Habt Ihr so große Angst vor mir, Alain de Fougères? würde er wahrscheinlich sagen, mit diesem überheblichen Lächeln, und Alain würde wieder einmal als jämmerlicher Tropf dastehen, der sich auf einer Leiter in Sicherheit brachte, als er seinen Rivalen sah. Er biß die Zähne zusammen und betete verzweifelt zum heiligen Mailon, daß niemand versuchen möge, die Glocke zu läuten. Eine Minute später trat ein großer Mann in einer einfachen braunen Kutte von demselben Pfad auf die Lichtung heraus. Alain konnte von seinem erhöhten Standort deutlich die sauber ausgeschnittene Klerikertonsur in dem graumelierten schwarzen Haar erkennen. Judicaël der Eremit – ein jüngerer Mann, als Alain erwartet hatte. Er ging in die Kapelle, und einen Augenblick später hörte Alain seine Stimme nah und deutlich. »Ich dachte mir, daß du es bist«, sagte der Eremit. »Gott mit Euch, Vater«, erwiderte Tiarnán mit leiser Stimme. »Habt Ihr Zeit für mich?« Alain hörte ein Seufzen und ein Geräusch, als ob sich jemand auf die Knie niederließe. »Du weißt, daß ich Zeit für dich habe. Also: Dominus tecum, mein Sohn.« »Et cum spiritu tuo, Vater.« Alain biß sich verlegen die Fingerknöchel. Er hatte weiß Gott nicht den Wunsch, in die Vertraulichkeit der Beichte einzudringen. Aber er konnte es nicht wagen, seinen Beobachtungsplatz zu verlassen. Er preßte die Hände gegen die Ohren und versuchte, nicht hinzuhören. Aber die Stimmen waren in unmittelbarer Nähe, und eine unedle, jedoch unwiderstehliche Neugier sorgte dafür, daß er alles hörte. Tiarnán beichtete mit ernster Stimme einige läßliche Sünden: ungerechte Zurechtweisung eines Bediensteten; Zornausbruch bei irgendeinem Gerichtsverfahren; Verzehr von Fleischbrühe an einem Abstinenztag. Der Priester hörte geduldig zu, legte ihm Gebete zur Buße auf und erteilte ihm die Absolution. Nach langer Stille sagte der Eremit: »Deine Frau ist also nicht zu dir zurückgekommen?« »Nein«, antwortete Tiarnán. Die leise Stimme klang unerwartet deprimiert. »Wird sie hierherkommen, um mit mir zu sprechen?« »Sie sagte, vielleicht. Aber ich glaube nicht, daß sie es tun wird.« »Dann hast du sie also letzte Woche gesehen?« »Ich bin letzten Dienstag nach Iffendic geritten. Sie hat mich angestarrt, als wäre ich ein Monster. Sogar ihre Schwester hat schließlich bemerkt, daß zwischen uns nicht alles in Ordnung ist. Als es Zeit war, schlafen zu gehen, hat Eline … Wir konnten nicht einmal das Bett miteinander teilen. Ich habe mich zum Schlafen auf den Fußboden gelegt, aber sie kauerte wach im Bett, und jedesmal, wenn ich mich rührte, schrak sie zusammen und keuchte. Ich konnte es nicht ertragen. Ich bin mitten in der Nacht heimgeritten.« Wieder trat Stille ein. »Ich hätte es ihr nicht sagen sollen, ich weiß!« rief Tiarnán heftig. »Sicherlich hätte ich es ihr nicht so bald sagen sollen. Sie liebte mich. Wenn wir wenigstens ein ganzes Jahr zusammengewesen wären, hätte sie mich nicht so zurückweisen können. Sie hatte versprochen, sie würde versuchen, damit fertig zu werden.« »Was du ihr erzählt hast, damit würden die meisten Menschen nicht fertig werden, denke ich«, sagte der Priester trocken. »Tiarnán, mein Sohn, Gott hat dir auferlegt, Sühne zu leisten für das, was du bist. Wenn du es mit Demut und Tapferkeit trägst, wird er dir seine Gnade nicht versagen.« »Ich habe es demütig getragen! Ich habe ihr gegeben, was sie wünschte – Zeit, die Freiheit, getrennt von mir in Ruhe nachzudenken, Geld. Alles, worum sie mich gebeten hat. Ich nehme es auf mich, sie bei ihrer Schwester zu besuchen, wie ein Büßer mit gesenktem Kopf. Ihre Antwort darauf ist, daß sie mich noch mehr verabscheut als vorher. Als sie nach Iffendic ging, dachte ich, es würde für eine Woche oder vierzehn Tage sein, aber sie ist jetzt schon über einen Monat dort, und es gibt keinerlei Anzeichen, daß sie heimzukommen gedenkt. Was soll ich tun?« Nach einer Weile sagte der Eremit zögernd: »Erinnere ich mich richtig, daß deine Mutter eine Cousine ihres Großvaters war?« »Ihr meint«, sagte Tiarnán mit rauher Stimme, »ich sollte die Ehe aufgrund von Blutsverwandtschaft für ungültig erklären lassen?« »Die Voraussetzungen wären also gegeben?« »Ja. Aber sie hat mich nicht darum gebeten, es zu tun.« »Hast du es angeboten?« »Sie hat nicht darum gebeten! Und von mir aus werde ich es nicht anbieten. Ich habe sie geheiratet, weil ihr der beste Teil meines Herzens gehörte, und er gehört ihr immer noch. Sie hat nicht darum gebeten, Judicaël, und sie muß sich darüber klar sein, daß die Möglichkeit besteht.« »Sie kann als Frau selbst keinen Prozeß vor den Gerichten führen. Vielleicht hat sie nicht daran gedacht, daß sie dich darum bitten könnte.« Nach einer langen Pause entgegnete Tiarnán: »Sie sagt immer wieder: Gib mir Zeit, ich versuche zu verstehen, gib mir Zeit. Sie muß den Wunsch haben, zu verstehen und heimzukommen. Und es ist eine so harmlose Sache!« »Nein«, antwortete der Eremit scharf. »Das ist es nicht. Es hat bereits Schaden angerichtet, für sie und für dich. Es ist grausam, einem blutenden Opfer zu sagen: Ich habe dich gewarnt, aber ich wünschte, Kind, du hättest vor Jahren damit Schluß gemacht.« »Das kann ich nicht. Ich brauche es. Ich hasse den Geruch meiner eigenen Haut, wenn ich ein paar Wochen nicht draußen gewesen bin, und alle müssen unter meiner Gereiztheit leiden.« »Das wäre das geringste Problem – aber der Schaden ist nun einmal da. Also gut, wenn weder sie noch du die Auflösung der Ehe wünscht, dann solltest du sie vielleicht nach Hause zurückholen. Da ihre Schwester jetzt weiß, daß etwas nicht in Ordnung ist, wäre es wahrscheinlich für alle Beteiligten einfacher, sie käme nach Talensac zurück. Wenn sie zu verstehen versucht, wird es ihr dort leichter fallen, wo sie dich sehen kann, auch wenn du in einem anderen Zimmer schläfst. Die Phantasie kann sich im Dunkeln leichter Teufel schaffen, als wenn sie sich bei Tageslicht von wirklichen Gestalten nähren muß.« »Ja«, sagte Tiarnán hoffnungsvoll. »Ja, ich werde sie nach Hause zurückholen. Sie wird dann einsehen, daß ich kein Ungeheuer bin.« »Du wirst sie … morgen holen?« sagte der Priester, der über die Bedeutung des Wortes keinen Zweifel ließ. Die Antwort war Schweigen. »Du kommst nie so früh hierher, nur um mich zu besuchen«, sagte der Eremit resigniert. »Ich weiß, warum du wirklich herausgekommen ist. Du hättest es nicht tun dürfen. Schon vor Jahren hättest du damit aufhören müssen, aber bestimmt solltest du jetzt endgültig damit Schluß machen.« »Ich brauche es«, verteidigte Tiarnán sich. »Jetzt besonders.« »Du solltest Hilfe für deine Schwierigkeiten bei Gott suchen, nicht beim Wald Brocéliande! Du kommst hierher in dieser Kleidung, mit diesem Blick in den Augen, und ich weiß, wo deine Gedanken sind, sogar wenn du deine Sünden vor unserem Herrn und Heiland Jesus Christus bekennst. Ich weiß es! Ich bin selbst oft trunken gewesen von der Schönheit der Schöpfung, wenn auch nie so tief wie du. Aber Trunkenheit jeder Art ist Sünde, und am Schluß meist eine Falle, aus der es kein Entrinnen gibt. Geh nach Hause, Tiarnán. Unglück wird kommen, wenn du heute in den Wald gehst. Ich spüre es. Du bist letzte Nacht plötzlich in meine Gebete gekommen, und ich habe mich deinetwegen geängstigt. Bitte, bete hier, und geh dann heim.« Schweigen. »Nun ja«, sagte der Priester seufzend, als er aufstand. »Dann werde ich zu meinem Gemüsegarten und zu meinen Gebeten zurückgehen und mich aus dieser ganzen Geschichte heraushalten.« »Gott sei mit Euch, Vater«, sagte Tiarnán. »Ach, Kind!« klagte der Eremit schmerzlich. »Von allen Menschen auf Erden bist du meinem Herzen am nächsten – und deswegen habe ich dich sehr schlecht beraten. Ich wußte ganz genau, was die Welt und die Kirche dazu sagen würden, und ich hätte vor Jahren strenger mit dir sein müssen. Gott und seine Heiligen mögen dich beschützen.« Der Priester verließ die Kapelle und ging, ohne zurückzublicken, mit langen Schritten über die Lichtung auf den Pfad zurück, auf dem er gekommen war. Alain kaute auf seinen Fingerknöcheln und versuchte zu begreifen, was er gehört hatte. Es schien eine lange Zeit zu vergehen, bis auch Tiarnán aus der Kapelle kam. Alain wagte kaum zu atmen, als er beobachtete, wie die Gestalt in der grünen Jagdkleidung langsam über den Kirchhof ging. Sie blickte zurück auf den Pfad, der zur Straße führte – dann nahm sie entschlossen den Weg, der hinter der Kapelle in den Wald führte. Am Rand des Waldes, wo das Unterholz dicht war, blieb Tiarnán stehen. Er kniete sich hin und hob einen der Grenzsteine hoch, einen großen, oben abgerundeten Stein, der zum Teil durch einen Busch verdeckt war. Sorgfältig stützte er den Stein an einer Kante mit einem Stock ab. Dann zog er den Rock aus, faltete ihn zusammen und legte ihn in die Höhlung unter dem Stein. Alain stieß ungläubig den Atem zischend aus. Fast als hätte er es gehört, hob Tiarnán den Kopf und schaute sich um. Alain duckte sich automatisch, dann sagte er sich, daß das Flechtwerkgitter, das die Glocke vor dem Regen schützen sollte, aus der Entfernung wie eine massive Wand aussehen mußte. Tiarnán stand einen Augenblick still da, sein Hemd leuchtete weiß vor dem goldgesprenkelten Braun der Oktoberbäume. Er trat tiefer in das Unterholz und fuhr fort, sich auszuziehen. Alains Herz klopfte stärker und stärker, es klang dumpf in seinen Ohren und machte ihn schwindlig. Er hatte das Gefühl, Zeuge von etwas zu sein, das niemals gesehen werden durfte, eine Schändung der Natur – aber er starrte so gebannt hin, daß seine Augen brannten. Tiarnán setzte sich, um Stiefel und Hose auszuziehen; dann stand er auf, seine Nacktheit war von den Büschen halb verdeckt; er wandte sich der Kapelle zu und neigte einen Augenblick den Kopf, die Hände über der Brust gekreuzt. Alain fragte sich ungläubig, ob er betete – aber da bemerkte er eine Bewegung der Hände, als ob sie irgend etwas vom Herzen losrissen. Tiarnán hielt dieses Etwas, was immer es sein mochte, einen Augenblick ausgestreckt vor sich, dann bückte er sich und legte es oben auf seine Kleider. Es ging keine langsame Verwandlung vor sich. In einem Augenblick stand ein Mann unter den Bäumen, im nächsten stand da ein Wolf. Es war, als hätte die Phantasie dem Auge des Beobachters einen Streich gespielt. Der Wolf hob den Kopf und witterte. Er schien unruhig zu sein. Er lief ein paar Schritte in die Lichtung hinein, die Ohren flach an den Kopf gelegt – dann schüttelte er sich und kehrte um. Mit der Vorderpfote stieß er den Stock weg, der den Stein abstützte, und der Stein fiel mit einem dumpfen Aufschlag auf seinen Platz zurück. Der Wolf beschnüffelte ihn, dann verschwand er lautlos unter den Bäumen. Alain blieb noch lange oben auf der Leiter. Die Beine zitterten ihm, er traute sich nicht hinabzusteigen. Er fing an zu weinen, aber er hätte nicht sagen können, ob die Tränen Abscheu, Entsetzen oder einem Schock entsprangen. Schließlich glitt er unsicher die Leiter hinab und stolperte in die Kapelle zurück. Sein Helm lag auf dem Boden, nur zu einem Teil von der halboffenen Tür verdeckt. Es war ein glücklicher Zufall, daß die anderen ihn nicht bemerkt hatten. Er setzte ihn auf und zog den Riemen fest, dann verließ er die Kapelle. Der Kirchhof lag friedlich und verlassen da, es war erst gegen zehn Uhr, obwohl Alain den Eindruck hatte, es wären Tage seit seinem Aufwachen vergangen. Er zog das Schwert, holte tief Atem und ging mit vor Angst steifen Beinen zu dem Grenzstein hinüber. Als er den Stein hochhob, sah er unter ihm die Kleider in einer mit trockenen Blättern ausgeschlagenen Vertiefung liegen. Das andere, was Tiarnán dort zurückgelassen hatte, dieses Ding, das er mit gekreuzten Händen aus sich selbst herausgerissen hatte, war nicht zu sehen. Aber Eline hatte ihm schon gesagt, es sei wahrscheinlich unsichtbar. Irgend etwas sträubte Alain die Haare der Unterarme, und er hatte keinen Zweifel, daß dieses ›Ding‹ da war. Er kniete sich auf den Boden und stützte den Stein mit demselben Stock ab, den Tiarnán benutzt hatte. Er mußte dazu das Schwert hinlegen, und er warf besorgte Blicke um sich und horchte auf jedes Rascheln, das ihn warnen konnte, der Wolf käme zurück. Aber es waren nur die üblichen Geräusche des Waldes zu hören: das Zwitschern der Vögel und das Fallen der Blätter. Mit ungeschickten Händen rollte Alain die Kleider zu einem Bündel zusammen und nahm sie aus der Vertiefung. Er versuchte, sie in seinen Verpflegungsbeutel zu stecken, aber es waren dicke Gewebe für die kalten Nächte des Frühherbstes und zu umfangreich. Er wagte es nicht, Tiarnáns Kleider offen in der Hand zu tragen. Jeder, der das sah, würde ihn als Mörder verdächtigen können. Mit zitternden Händen schnitt er den Beutel auf, wickelte das Leder um die Kleider und band sie mit dem Gurt zu einer Rolle zusammen. Dann nahm er sein Schwert auf und ging rasch den Pfad hinunter zum Bach, wo er sein Pferd gelassen hatte. Als er den halben Weg hinter sich hatte, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, den Stein zurückzulegen – aber er hatte Angst umzukehren. Sein brauner Hengst graste friedlich neben dem Bach. Er sattelte und zäumte ihn eilends und schob das Lederbündel in die Satteltasche. Es war zu groß, um richtig hineinzupassen, er lockerte die Schnallen an der Satteltasche und zwängte es hinein. Wegen der herabhängenden Zweige führte er das Pferd den Pfad hinauf, die Klinge des Schwertes schwankte in seiner freien Hand, während er immer wieder über die Scheide stolperte. So kam er schließlich zur Kapelle und um ihre Rückseite herum auf den Pfad, der ihn zur Straße bringen sollte. Er war fast dort angelangt, als er etwas Braunes durch das Unterholz schimmern sah und mit wild klopfendem Herzen stehenblieb, das Schwert vor sich haltend. Judicaël kam von einem Seitenpfad, den Alain im Dämmerlicht des vorigen Abends nicht bemerkt hatte. Jetzt, wo der Eremit auf gleicher Höhe mit ihm war, sah Alain, daß er ein langes, schmales Gesicht hatte, das von einem Paar durchdringender schwarzer Augen beherrscht wurde. Er trug einen Eimer Wasser, den er fallen ließ, als er den bewaffneten Ritter plötzlich vor sich auftauchen sah. »Herr, sei uns gnädig!« rief er aus und schaute von Alains Gesicht zu dem Schwert in seiner Hand. »Wozu seid Ihr hierhergekommen?« Alain steckte das Schwert in die Scheide. »Ich bin gekommen, um in der Kapelle zu beten«, sagte er. »Tut mir leid, daß ich Euch erschreckt habe, Vater. Ich hatte mein Schwert heraus, weil ich einen Wolf im Wald gesehen habe.« Er war selbst erstaunt über seine Gelassenheit. Judicaël bückte sich langsam, um seinen Eimer aufzuheben. »Ich habe Euch nicht kommen hören. Ich bin der Priester, dem dieser Platz anvertraut ist. Wolltet Ihr mit mir sprechen?« »Ich war nur von der Straße abgebogen, um dem Heiligen meine Ehrerbietung zu erweisen«, erwiderte Alain. »Ich bin dabei, meinen Weg fortzusetzen.« »Etwas hat Euch angst gemacht«, erklärte Judicaël rundheraus. »Euer Gesicht ist noch weiß. Was war es?« Seine forschenden, skeptischen Augen erinnerten Alain plötzlich in unangenehmer Weise an Tiher. »Der Wolf hat mich erschreckt«, antwortete er hochmütig, »aber Ihr irrt Euch, Vater; angst hat er mir nicht gemacht. Ich bin ein Sohn des Burgherrn von Fougères und fürchte mich vor keinem Tier, und sei es noch so wild. – Ich wünsche Euch einen guten Tag.« Aber Judicaël war ihm in den Weg getreten. »Ihr seid Alain de Fougères? Ich habe von Euch gehört. Wann seid Ihr gekommen? Und warum?« »Ich kam, um in Eurer Kapelle zu beten, Vater«, sagte Alain von oben herab. »Wenn Euch das nicht recht ist, werde ich in Zukunft wegbleiben. Jetzt geht mir aus dem Weg. Ich werde am Hof zurückerwartet und muß mich beeilen.« Judicaël rührte sich nicht. Er war totenblaß geworden. Alain begriff, daß der Priester geahnt hatte, welcher Sohn des Burgherrn von Fougères er war. Er mußte den Namen im Zusammenhang mit Eline von Tiarnán gehört haben. Vermutlich argwöhnte er, daß sie beide ein Komplott gegen Tiarnán ausgeheckt hatten. Aber, darüber war sich Alain klar, es spielte überhaupt keine Rolle. Es gab nichts, was Judicaël tun konnte. Er würde nicht einmal wagen zuzugeben, daß er wußte, was Tiarnán war; der Bischof von Rennes war bereits mißtrauisch gegen den Eremiten, und wenn Judicaël eingestand, daß er magische Praktiken eines Mitglieds seiner Gemeinde geduldet hatte, würde er mit Sicherheit seines Priesteramts enthoben werden und vielleicht sogar das Leben verlieren. Judicaël konnte nicht wissen, was Alain in seiner Satteltasche hatte, und selbst wenn er es wüßte und sich seiner Bedeutung bewußt wäre, er könnte es einem bewaffneten Ritter nicht mit Gewalt abnehmen. Tiarnáns einziger Beschützer hatte bereits den Kampf verloren. Plötzlich war die Angst, die Alain gequält hatte, verschwunden, von einem Sturm der Freude und des Triumphes hinweggefegt. Tiarnán hatte tatsächlich verloren – den Wettbewerb mit dem Rivalen, die Frau, alles. Alain war der Gewinner. Fortunas Rad hatte seine Drehung vollendet. Eline und Talensac würden jetzt einen neuen Herrn bekommen, und dieser Herr würde Alain sein. Es war töricht gewesen, sich vor dem Wolf zu fürchten. Was konnte ein Wolf einem bewaffneten Ritter in voller Rüstung anhaben? Tiarnán hatte nicht einmal eine Stimme, mit der er sich beklagen konnte. Er mußte seinen Verlust zum Mond heulen. Alain lachte laut bei diesem Gedanken. Er zog die Zügel seines Pferdes an und zwängte sich an dem Eremiten vorbei. Judicaël wurde zur Seite gestoßen und taumelte gegen einen Baum. Als er sich gefangen hatte, eilte er bis zur Straße hinter Alain her. Außer sich vor Freude, sprang Alain in den Sattel und nahm die Zügel auf. »Wartet«, rief Judicaël heiser. »Wartet – was Ihr tut, ist Unrecht. Es ist der falsche Weg. Nur Kummer und Elend werden daraus entstehen.« »Ich weiß nicht, wovon Ihr redet!« rief Alain zurück und galoppierte mit triumphierendem Lachen davon. 8. KAPITEL Der Wolf kehrte erst drei Tage später am Abend zur Kapelle zurück. Wie immer näherte er sich ihr vorsichtig im großen Bogen gegen den Wind und blieb häufig stehen, um die Witterung aufzunehmen. Er nahm keine fremden Gerüche war, nur die erwarteten: vermodernde Blätter; Erde; ein Kaninchen, das sich in seine Höhle geflüchtet hatte; die Gerüche des Eremiten Judicaël und der Ziege, die er sich wegen der Milch hielt; Holzrauch, schon Stunden alt; schwache menschliche Gerüche, noch älter; die Frische der Kräuter im Garten des Eremiten. Der Geruch des Menschen war gefährlich und mußte nach Möglichkeit gemieden werden – aber dieser kam von der Klause am Bach nahe der Straße und nicht von der Kapelle. Beruhigt trottete der Wolf durch das dichte Unterholz auf den Grenzstein hinter der Kirche zu. Schon bevor er ihn erreichte, war ihm klar, daß etwas nicht stimmte. Das übliche Gefühl beim Näherkommen, daß sich alles in ihm auf die Verwandlung umzustellen begann, das Kribbeln in jedem Haar, das Erwachen des Geistes – das war nicht da. Er lief auf den Stein zu und blieb vor ihm stehen. Der Stein lag noch immer abgestützt auf der Kante, und die Vertiefung unter ihm war leer. Die geistigen Kräfte des Wolfs entsprachen mehr seinem tierischen als dem menschlichen Wesen. Er brauchte einige Zeit, um zu begreifen, was geschehen war. Er beschnupperte das leere Loch und scharrte mit den Pfoten darin, dann stieß er den Stock weg und ließ den Stein fallen. Er lief den Weg zurück, den er gekommen war, und näherte sich wieder. Erst als das Loch leer blieb und seine Pfote wieder vergeblich versucht hatte, das Ding unter dem Stein herauszuziehen, das nicht da war, begann er zu verstehen. Winselnd suchte er nach einer Witterung. Es hatte während seiner Abwesenheit geregnet, und von dem Eindringling waren nicht mehr viele Spuren zu entdecken, aber hier und da – unter dem Busch, der den Stein teilweise verdeckte, an dem Stock, an der Seite des Steins selbst – fing er einen Hauch von einem fremden, mit Angstschweiß durchsetzten menschlichen Geruch auf. Er spürte ihm im weiteren Umkreis nach und fand ihn auch an mehreren Stellen wieder, doch es reichte nicht, um der Spur zu folgen. Er setzte sich, stand wieder auf, lief zwischen den Bäumen hin und her – und schließlich kauerte er sich zitternd zusammen, die Ohren flach an den Kopf gelegt. Nach einiger Zeit tauchte ein einziges menschliches Wort in seinem Geist auf: Hilfe. Er wandte sich von dem Stein ab und lief langsam durch den Wald auf die kleine runde Klause neben dem Bach zu. Es dauerte lange, bis er die Hemmung überwand, sich ihr zu nähern. Er war nie als Wolf zu Judicaël gegangen, immer nur als Mensch. Es verstieß gegen alle Instinkte, sich Menschen zu nähern; ihre Gestalt und ihr Geruch signalisierten Todeswarnungen. Er hockte sich zitternd außerhalb des kleinen Gartens hin und lauschte der Stimme des Priesters, die das Stundengebet zur Komplet sprach, unverständlich für seine Wolfsohren. Schließlich, als die Stimme verstummte, zwang ihn der menschliche Teil seines Wesens, durch den Garten auf die Klause zuzulaufen und an der hölzernen Tür zu kratzen. Judicaël hatte sich zum Schlafen niedergelegt, als das Kratzen kam. Er war benommen vor Erschöpfung; seit er Alain getroffen hatte, hatte er jede Nacht mehrere Stunden kniend gewacht und sich im Gebet darauf vorbereitet, der Schande und möglicherweise dem Tod gegenüberzutreten. Er wußte nichts von dem ›Ding‹, das Alain gestohlen hatte. Er hatte nie im einzelnen wissen wollen, wie Tiarnán sich verwandelte. Er hatte geahnt, daß Tiarnáns Frau ihren früheren Freier zur Kapelle geschickt hatte, aber er hatte vermutet, daß Alain die Verwandlung gesehen hatte und nun dabei war, die kirchliche Obrigkeit darüber zu informieren. Schon bald, nahm er an, würden Männer vom bischöflichen Gerichtshof kommen, um ihn wegen des Werwolfs zu verhören und diesem eine Falle zu stellen. Dann würde für sie beide ein langer Alptraum von Gerichts-Verhandlungen, öffentlichen Demütigungen und schmerzlicher Bestürzung von Freunden folgen. Für Tiarnán würde es unausweichlich mit einem langsamen und qualvollen Tod enden, und für ihn … Wer konnte sagen, was die Kirche entscheiden würde? Er konnte nichts anderes tun, als sich und Tiarnán der Barmherzigkeit Gottes zu empfehlen. Als er das Kratzen an der Tür hörte, war sein erster Gedanke, der Teufel sei gekommen, um ihn mit falschen Versprechungen von Sicherheit zum Lügen zu verführen. Judicaël setzte sich auf und bekreuzigte sich. Seine fensterlose Klause war völlig dunkel. Er hatte sich nicht einmal darum gekümmert, das Feuer während des Abends zu unterhalten, und die letzten Funken in der Asche des Herds glühten nur noch ganz schwach. Das Kratzen kam wieder. Judicaël sprach leise ein Gebet zum heiligen Mailon und tastete nach seinem Brevier auf dem Tisch neben dem Bett. Der Ledereinband, weich an den Rändern von der häufigen Benutzung, gab ihm Trost und Mut. Er umklammerte es fest mit der Hand, ging zur Tür und riß sie auf. Der Wolf im Mondlicht draußen sprang zurück und lief zum Rand des Gartens – dann blieb er zitternd stehen, den Schwanz zwischen den Beinen. Judicaël starrte ihn einen Augenblick an, dann ließ er das Brevier sinken. Der Wolf kam winselnd näher, blieb plötzlich stehen, den Kopf gesenkt. Im Mondlicht schimmerten seine Augen grün. Judicaël machte einen Schritt vorwärts. Der Wolf bewegte sich nicht. Der Eremit ging noch näher und ließ sich schließlich direkt vor dem Wolf auf die Knie nieder. »Tiarnán?« flüsterte er. Der Wolf winselte. Judicaël hielt ihm das Brevier entgegen, und der Wolf schnupperte an dem Buch, dann winselte er wieder und leckte dem Eremiten die Hand. Seit der Zeit, als Tiarnán Waise geworden war, hatte Judicaël ihn als Pflegesohn betrachtet, als das Kind, das er als sein eigen Fleisch und Blut niemals haben würde. Er hatte immer geglaubt, es würde ihm Grauen einflößen, den Menschen, den er am meisten liebte, in ein Tier verwandelt zu sehen. Aber diesem wilden Tier gegenüber, das sich voller Angst an den Boden drückte, empfand er nur Mitleid. Der stolze, selbstbeherrschte Tiarnán, zu diesem Bild des Jammers entwürdigt! Er streichelte das Fell des Wolfs und sprach gütig und sanft zu ihm, und das Tier winselte erbärmlich in einer Qual, die nur ein Mensch empfinden konnte. Nach einiger Zeit zerrte der Wolf an seinem Ärmel, und als Judicaël dem Drängen folgte, führte der Wolf ihn auf den Hügel und zu einem hohlen Stein hinter der Kapelle, unter dem eine leere Vertiefung im Erdboden war. Jetzt begriff Judicaël, was Alain de Fougères wirklich getan hatte, und sein Entsetzen war weit größer, als vorher seine Furcht gewesen war. Am Abend des zwanzigsten Oktober wurde an die Tür des Gutshauses von Talensac geklopft, und als der Verwalter Kenmarcoc öffnete, sah er draußen im Dämmerlicht Judicaël stehen. Der Verwalter starrte verblüfft. Er kannte Judicaël und bewunderte ihn. Aber von Eremiten erwartete man nicht, daß sie ihre Einsiedelei verließen. Manche entsagten der Welt so vollständig, daß sie sich unter Zelebrierung des Totenamtes in ihre Zelle einmauern ließen. Judicaël hatte St-Mailon nicht mehr verlassen, seit er sich vor elf Jahren dorthin zurückgezogen hatte. »Christus und seine Heiligen mögen uns gnädig sein!« rief Kenmarcoc aus und bekreuzigte sich. »Vater Judicaël! Ich hoffe, es sind keine schlechten Nachrichten vom Machtiern, die Euch hierherbringen.« Das alte Wort ›Machtiern‹ berührte Judicaël mit schmerzlichem Stolz. Das hielten die Leute von Talensac von dem Jungen, den er für sie aufgezogen hatte. Nicht ›Herr‹ oder ›Meister‹ nannten sie ihn, sondern ›Hüter des Rechts‹. Er beantwortete die Frage mit einem irreführenden Kopfschütteln. »Ich sah Tiarnán vor vier Tagen«, sagte er. »Er bat mich, für ihn mit seiner Frau zu sprechen. Er sagte, sie sei in Iffendic, und ich bin heute morgen dorthin gegangen, aber wie es scheint, ist sie heimgekommen.« Die Erklärung war ganz natürlich – ein Eremit mochte durchaus seine einsame Klause in der Wildnis zu dem Zweck verlassen, einen ihm besonders lieben Menschen und seine Frau miteinander zu versöhnen. Trotzdem beunruhigte Judicaëls Anwesenheit Kenmarcoc. Er glaubte fest, daß ein heiligmäßiger Eremit weit über einem fleischlich gesinnten gescheiterten Priester wie ihm stand, und Judicaël auf seiner Türschwelle zu sehen brachte ihn mehr aus der Fassung, als wenn es der Herzog selbst gewesen wäre. Stotternd bestätigte er, ja, die Herrin war gestern nach Talensac zurückgekehrt – dann besann er sich auf seine Pflichten dem Gast gegenüber, bat Judicaël einzutreten und rief seiner Frau zu, eine Erfrischung für den Eremiten zu bringen. »Werdet Ihr uns die Ehre erweisen, das Abendessen mit uns einzunehmen und die Nacht unter unserem Dach zu verbringen?« fragte er ängstlich, während von allen Seiten Kinder und Bedienstete herbeiliefen, um den heiligen Mann zu bestaunen. »Das wird von der Dame des Hauses abhängen, denke ich«, antwortete Judicaël. Er trat ein und setzte sich in der Nähe des Feuers an einen Tisch. Der Weg von St-Mailon nach Talensac mit dem Umweg über Iffendic betrug mehr als fünfzehn Meilen; sein ganzer Körper schmerzte vor Müdigkeit. Auch sein Herz schmerzte. Er hatte den Wolf in der Nähe seiner Klause im Wald zurückgelassen. In seinen Augen hatte er menschliche Hoffnung aufblitzen sehen, als er sich entfernte, aber er wußte, daß es keine Hoffnung für Tiarnán gab, wenn seine Mission scheiterte. Und die Zeichen waren nicht ermutigend. »Die Dame wird Euch sicherlich mit Freude willkommen heißen«, sagte Kenmarcoc, als seine Frau Lanthildis mit einem Krug Wein und einem Becher hereinkam. »Wie ich schon sagte, sie kam gestern von ihrer Schwester zurück. Wenn Tiarnán Euch gebeten hat, mit ihr zu sprechen, werdet Ihr Bescheid wissen, daß sie sich gestritten haben. Das alberne Mädchen nahm Anstoß an seinen Jagdausflügen. Ich weiß nicht, wieso sie erwartete, daß ihr Ehemann jede Stunde des Tages und der Nacht bei ihr blieb, und als er das nicht tat, fühlte sie sich schlecht behandelt und machte sich davon zu ihrer Schwester, wobei sie als Entschuldigung angab, sie müsse die Haushaltführung lernen. Nun, das mußte sie wohl, aber sie hätte das besser von meiner Lanthildis lernen können als von irgend jemandem in Iffendic, nach dem, was ich gehört habe. Meine Tochter Driken ging als Zofe mit ihr, armes Ding, ihr gefiel es in Iffendic gar nicht, und sie weinte jede Nacht vor Heimweh. Sie sagte, es war ein Skandal, wie die Dame den Machtiern behandelt hat, als er sie dort besuchte. Tat so, als wäre sie zu fein, um drei Worte mit ihm zu sprechen, und ließ ihn auf dem Fußboden schlafen. Ich hätte ihr eine Tracht Prügel gegeben und sie an den Haaren nach Hause geschleift, aber er war ruhig und geduldig, und das scheint ja auch seine Wirkung getan zu haben. Jedenfalls, sie ist wieder daheim, und wie sie sagt, ist sie entschlossen, ihn freundlich zu empfangen, wenn er zurückkommt. Sie ist jetzt drüben in der Milchkammer. Soll ich ihr sagen, daß Ihr gekommen seid, Vater?« »Laßt mich erst ein wenig zu Atem kommen«, sagte Judicaël. Er hatte den Wein ausgeschlagen, den Lanthildis ihm gebracht hatte, und die Frau war jetzt mit einem Krug Wasser zurückgekommen und schenkte ihm ein. Die Bediensteten, die sich in der Halle um ihn drängten, flüsterten sich gegenseitig zu, daß die Gebete des Eremiten das Herz der Herrin erreicht hatten. Gott würde einen so heiligen Mann erhören. Judicaël trank langsam das Wasser. Die geräuschvollen Bekundungen der Bewunderung störten ihn, und er wünschte, er wäre wieder im Wald und könnte dem Gesang der Vögel lauschen. »Der Machtiern ist noch auf der Jagd«, fuhr Kenmarcoc fort. »Ich nehme an, Ihr habt das bereits vermutet.« »Ja«, sagte Judicaël, dann schwieg er. Kenmarcoc empfand das Schweigen als Zurechtweisung. »Ich habe schon zuviel über die Angelegenheiten meiner Herrschaft geredet«, sagte er mit zerknirschtem Gesicht. Judicaël lächelte. Er hatte ein besonders freundliches und sanftes Lächeln, wie man es in einem so strengen, asketischen Gesicht nicht erwartete. »Ihr habt ehrlich gesprochen«, sagte er. »So, Eure Tochter Driken ist die Zofe der Dame? Wie ich sie in Erinnerung habe, reichte sie kaum bis an mein Knie.« Driken schob sich scheu durch die Menge um den Eremiten und kniete sich nieder, um seinen Segen zu empfangen. Judicaël machte das Zeichen des Kreuzes über ihren Kopf, dann beugte er sich vor, um sie auf die Stirn zu küssen. Die Tür öffnete sich, und Eline kam herein; sie sah bleich aus in dem schwachen Licht und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Sie blieb verwirrt stehen – dann erkannte sie Judicaël, den sie bei einem Besuch der Kapelle von St-Mailon mit ihrem Vater gesehen hatte. Die Verwirrung wechselte sofort zu Unmut und Feindseligkeit. Judicaël erhob sich langsam auf die schmerzenden Beine. »Gott beschütze Euch, Dame«, sagte er. »Euer Gemahl hat mich gebeten, in seinem Namen mit Euch zu sprechen. Können wir privat miteinander reden?« Eline zögerte. Sie hatte nicht im geringsten den Wunsch, mit Tiarnáns so überaus tolerantem Beichtvater zu sprechen, und war versucht, das auch zu sagen. Aber das würde seine zahlreichen Bewunderer hier in der Halle schockieren. Sie mußte den Anschein aufrechterhalten, daß sie mit Tiarnán versöhnt war und auf seine Rückkehr wartete, um Frieden mit ihm zu machen. So hatte sie es mit Alain vereinbart. Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Natürlich, Vater«, sagte sie. »Es ist eine Ehre für mich, daß Ihr den weiten Weg hierher gemacht habt. Ich nehme an, man hat Euch gesagt, daß Tiarnán noch nicht zurück ist. Kann ich Euch eine Erfrischung anbieten?« »Laßt uns zuerst miteinander sprechen«, sagte Judicaël. »Die Kapelle dürfte der beste Platz sein.« Die Kapelle war ein kleiner Holzbau, kaum mehr als ein Schuppen, gleich neben der Halle. Judicaël hatte gelegentlich in ihr Gottesdienst gehalten, als er noch Gemeindepriester von Talensac war, und es irritierte ihn, wie vertraut sie ihm war. Als seine Hand unwillkürlich in den Bronzekasten neben der Tür griff, wo die Kerzen – zum Schutz vor den Mäusen – aufbewahrt wurden, und sie dort bereitliegen fand, fühlte er sich in eine andere Zeit zurückversetzt. Er erinnerte sich, wie er vor diesem selben Altar seine Gebete sprach und wie Tiarnán, ein kleiner, großäugiger Junge, ihn mit feierlichem Gesicht beobachtete. Die Erinnerung war seltsam schmerzlich, und er mußte einen Augenblick still stehenbleiben. Kenmarcoc war Eline und dem Eremiten mit einem Binsenlicht aus der Halle gefolgt. Er zündete zwei Kerzen an, steckte sie in die Leuchter auf dem Altar und verließ die Kapelle. Judicaël bekreuzigte sich und kniete vor dem Altar nieder, den Kopf gesenkt. Elines falsches Lächeln und ihre hinterhältige Antwort hatten eine Welle des Zorns in ihm aufsteigen lassen, der an Haß grenzte, und er mußte hart dagegen ankämpfen, um nicht die Selbstbeherrschung zu verlieren. Das Mädchen war jung und unerfahren, sagte er sich, es war getäuscht worden, als es die Ehe einging, und es hatte sehr große Angst. Gott hatte es erschaffen, und Tiarnán hatte es geliebt: zwei Gründe, weshalb er, Judicaël, ihm Achtung und Güte entgegenbringen sollte. Er war nicht gekommen, um es zu verdammen, sondern um ihm zu helfen. Er war sicher, daß das, was es getan hatte, sein Leben und seine unsterbliche Seele verderben mußte, es sei denn, sie handelte sofort, um es rückgängig zu machen. Er mußte aus dieser Einsicht und aus Liebe sprechen, nicht aus einer Anwandlung von Zorn. O Gott, o mein lieber Herr Jesus Christus, betete Judicaël leidenschaftlich, erweiche ihr Herz, und laß sie auf mich hören! Eline hatte sich ebenfalls vor den Altar gekniet, allerdings an der Seite. Sie beobachtete den Eremiten ungeduldig durch die Wimpern. Alain hatte ihr erzählt, wie er Judicaël begegnet war, als er gerade St-Mailon verließ. Dies war Heuchelei, dachte sie ärgerlich. So zu tun, als ob er betete, wo sie doch beide wußten, daß der Zweck seines Kommens allein war, sie um die Tolerierung der abscheulichen Praktiken Tiarnáns zu bitten. Nach langer Zeit bekreuzigte sich Judicaël wieder und wandte sich Eline zu: »Darf ich offen sprechen, Dame?« fragte er. »Es wäre zwecklos, überhaupt miteinander zu sprechen, wenn wir nicht offen sprächen, Vater Judicaël«, antwortete sie. Judicaël nickte. »Ja, Dame. Ich weiß, daß Ihr Euch mit Eurem Gemahl gestritten habt, und warum. Ich bin nicht hergekommen, um mit Euch über Recht und Unrecht in dieser Angelegenheit zu diskutieren, sondern um Euch zu helfen, von der Angst frei zu werden und gerecht zu handeln. Wie immer die Situation in den Augen Gottes erscheint – daß Ihr Euch mit einem Liebhaber verschwört, um Euren Ehemann zu verraten, wird sie nur noch schlimmer machen.« »Wie immer die Situation in den Augen Gottes erscheint?« wiederholte Eline sarkastisch. »Wie denkt Ihr denn, daß sie erscheint, Vater? Tiarnán hat mir gesagt, Ihr wäret nicht sicher, ob er eine Sünde begeht oder nicht. Ich bin mir sicher« – in ihre Stimme kam ein wilder, grausamer Ton –, »daß es keinen Zweifel gibt, wie die Situation in den Augen unserer Mutter Kirche erscheinen würde. Das einzige, was er an Milde zu erwarten hätte, wäre die Möglichkeit zu bereuen, bevor er auf dem Scheiterhaufen verbrannt würde.« Judicaël zuckte zusammen, antwortete aber mit ruhiger Stimme: »Das ist der Grund, warum ich bereue, ihn nicht besser beraten zu haben. Ihr braucht mir nicht zu sagen, daß Gott von mir Rechenschaft verlangen wird über das, was ich in meiner Verantwortung für Tiarnán gefehlt habe. Aber Ihr habt ihn nicht auf den Scheiterhaufen geschickt, Dame. Und deswegen bin ich gekommen.« »Wir haben gesagt, wir wollen offen sprechen«, sagte Eline. »Was also wollt Ihr von mir?« »Euer Ritter de Fougères hat etwas an sich genommen, etwas, das Tiarnán gehört. Ich bin gekommen, um Euch zu bitten, es zurückzugeben, um des Heiles Eurer Seele willen ebenso wie der Eures Ehemannes.« »Ist mein Mann also zu Euch gekommen? Er kam zu Euch gelaufen, nicht wahr? Kam auf vier Beinen gelaufen und hat an Eurer Tür gekratzt wie ein Hund, hat Euch winselnd angefleht, sein Menschentum zu finden, das er so unvorsichtig unter einem Stein zurückgelassen hat?« Judicaëls Gesicht veränderte sich. Im Kerzenlicht schien es schmaler und blasser zu werden, und seine dunklen Augen funkelten vor Zorn. Er dachte an den Wolf, der im Mondlicht vor seiner Tür kauerte. Konnte diese schöne junge Frau wirklich einen Mann, der sie über alles geliebt hatte, mit einer so kalten Verachtung ins Verderben stürzen? Er zwang sich, ruhig zu antworten. »Ja. Wenn Ihr es jetzt zurückgebt, kann er noch zurückkommen, ohne daß es einen Skandal gibt. Die Leute werden sagen, diesmal hat sein Jagdausflug etwas länger gedauert als gewöhnlich, und damit ist die Sache erledigt. Jeder weitere Tag wird es schwieriger machen, seine Abwesenheit zu erklären, schwieriger, ihn zurückzubringen. Schwieriger auch für Euch zu bereuen.« »Was habe ich zu bereuen?« fragte Eline ärgerlich. »Ich wurde durch Täuschung dazu gebracht, die Ehe mit einem Monster zu schließen. Ich habe mich auf die einzige Weise aus dieser Situation befreit, die mir offenstand.« Judicaëls Geduld zerbrach. »Seht Ihr nicht, was Ihr tut, Dame?« sagte er heftig. »Ihr wolltet Euch nicht der Schande eines öffentlichen Prozesses aussetzen, daher habt Ihr Euren Ehemann durch heimlichen Verrat zu einer schrecklichen Verbannung verurteilt. Gleichzeitig täuscht Ihr vor, seine liebende Gattin – und bald, schätze ich, seine trauernde Witwe – zu sein, so daß Ihr alle seine Ländereien und Besitztümer erben könnt. Und wie ich vermute, habt Ihr die Absicht, einen neuen Ehemann zu nehmen, während der alte noch lebt. Wie denn, glaubt Ihr, kann aus solchen Lügen und Sünden Gutes entstehen? Alles, was Ihr durch sie bekommt, wird sich Euch in Bitterkeit verkehren, und die Angst, die aus der bösen Tat entspringt, wird alles vergiften, was Ihr anrührt. Ihr habt eben gesagt, Ihr wäret durch Täuschung dazu gebracht worden, die Ehe zu schließen, und Ihr hättet Euch auf die einzige Weise aus der Situation befreit, die Euch offenstand – aber es gibt drei andere Wege, die Ihr hättet wählen können, alle besser als der, für den Ihr Euch entschieden habt. Der erste war, die ganze Sache den kirchlichen Gerichten zur Entscheidung vorzulegen. Weder Ihr noch wir halten ein Urteil dieser Gerichte für wünschenswert, doch wir hätten uns ihm alle unterwerfen müssen. Der zweite Weg war, Euch mit Einbringung Eurer Mitgift und einer Schenkung Eures Ehemannes in ein Koster zurückzuziehen. Ich vermute, daß dieser Weg Euch nicht zusagen würde. Und der dritte Weg: Als Euer Ehemann kürzlich um Rat zu mir kam, schlug ich vor, er solle Euch anbieten, die Ehe annullieren zu lassen. Es wäre möglich, und ich kann Euch versprechen, daß Tiarnán sich jetzt einverstanden erklären wird. Gebt zurück, was Euer Liebhaber bei der Kapelle St-Mailon entwendet hat. Verlaßt Euren Ehemann auf ehrenhafte Weise, und heiratet dann Euren Liebhaber.« Eline schwieg längere Zeit, den Kopf hielt sie gesenkt. »Ihr Männer der Kirche predigt den Frauen immer, daß sie ihrem Ehemann treu ergeben sein müssen«, sagte sie schließlich. »Wenn er grob zu dir ist und dich vernachlässigt, trage es mit Geduld. Wenn er dich schlägt, nimm es in Demut hin. Wenn er ein Verhältnis mit einer anderen Frau hat, versuche freundlich zu sein und dich nicht zu beklagen. Dein Ehemann, Frau, so sagen alle geistlichen und weltlichen Herren, ist dein Herr und Meister, und du mußt ihm folgen wie ein braver Hund. Eins jedoch habe ich von ihnen nie gehört, nämlich, daß eine Ehefrau verpflichtet ist, für einen Mann, der eines schändlichen Verbrechens schuldig ist, die Schande auf sich zu nehmen.« Sie sah auf, und ihre Augen begegneten denen des Eremiten. »Ich weiß Bescheid über diese Annullierungen. Jeder Ehemann, der seiner Frau überdrüssig ist, entdeckt plötzlich, daß er mit ihr verwandt ist, und bringt Zeugen herbei, die das beweisen sollen. Es gibt dann immer eine Menge Leute, die über die Frau lachen und sagen: Ich wäre sie auch leid gewesen. Ich weiß, wie man jetzt schon von mir spricht. Albernes Weib, sagen die Leute, ein solches Theater zu machen, nur weil ihr Mann auf die Jagd geht! Wenn Tiarnán seine Annullierung bekäme, würde man mich mit Spott überhäufen. Ich könnte wahrscheinlich nicht meine ganze Mitgift zurückbekommen. Und was meine Jungfräulichkeit betrifft, die kann mir niemand zurückgeben. Wenn Alain tapfer genug sein sollte, mir treu zu bleiben und mich trotz all dem zu heiraten, würde der ganze Hof sich das Maul zerreißen und sagen, daß dies der Grund ist, warum Tiarnán plötzlich entdeckt hat, daß wir verwandt sind: weil ich ihm untreu gewesen bin. Es ist immer die Schuld der Frau. Alain und ich würden verarmt, verhöhnt und mit Schande bedeckt uns mühsam mit dem durchschlagen, was Alains Vater uns gnädig zukommen ließe – und ich kenne Juhel de Fougères, er ist ein harter Mann. Tiarnán dagegen würde Talensac haben, er wäre völlig frei, wieder zu heiraten, wahrscheinlich eine reiche Erbin – dieses fromme Penthièvre-Mädchen vielleicht –, und wenn er es täte, würde er, dessen könnt Ihr gewiß sein, den Mund fest verschlossen halten über das, was er tut, wenn er auf die Jagd geht. Und seine neue Frau würde, wie ich, mit einem Tier verheiratet sein, einem ekelhaften, wilden Ungeheuer«, ihre Stimme überschlug sich hysterisch, »aber im Gegensatz zu mir würde sie es nie herausfinden. Nicht, bis es zu spät wäre. Dann, am Tage des Jüngsten Gerichts, wenn sie vor den Thron Gottes gerufen wird, würde der Engel, der die guten und bösen Taten der Menschen aufschreibt, zu ihr sagen: Wir gaben dir einen schönen Leib, der ein Tempel des Heiligen Geistes sein sollte, aber du hast ihn einem Wolf hingegeben, hast mit einem wilden Tier geschlafen. Und der Richter würde sagen: Weiche von mir, du Übeltäterin, und sei für alle Ewigkeit verflucht.« Eline zog den Atem scharf ein und rief mit lauter Stimme: »Nein! Nein! Ich werde mich nicht einverstanden erklären, die demütige, unterwürfige Ehefrau zu sein, und ich werde auch nicht zulassen, daß er eine andere mit sich in die Verdammnis zieht! Ich war eine unschuldige Jungfrau, als ich Tiarnán heiratete, und ich habe ihn nie betrogen. Er war es, der mich betrogen hat. Ich werde nicht eine Annullierung akzeptieren und ruhig in Armut und Schande absteigen, während er in Reichtum und Ehre lebt! Ich werde Talensac behalten. Er schuldet es mir nach allem, was ich durch ihn gelitten habe!« Judicaël starrte sie an. »Aber das ist nicht so«, sagte er. »Ihr habt kein Tier geheiratet! Kein Richter wird Euch für eine Scheußlichkeit bestrafen, deren Ihr Euch niemals schuldig gemacht habt.« »Ihr habt kein Recht, mir Rat zu geben!« sagte Eline heftig. »Ihr habt selbst zugegeben, ihn schlecht beraten zu haben. Ihr könnt nicht hierherkommen und mir eine Moralpredigt halten. Der Bischof von Rennes hat bereits Beschwerden über Euch bekommen. Ohne Tiarnáns Protektion hätte man Euch wahrscheinlich schon längst zur Rechenschaft gezogen. Aber erwartet jetzt keine Protektion von den Gutsherren von Talensac mehr! Wenn Ihr Eures Priesteramtes verlustig geht, ist das weniger, als Ihr verdient. Was Tiarnán angeht, er hat selbst gewählt, was er jetzt ist. Soll er das bleiben. Ich werde nichts zurückgeben.« Eline stand hochmütig auf und griff nach einem der Kerzenleuchter, die andere Kerze blies sie aus. Sie ging zur Tür, dort blieb sie stehen, mit einer Hand auf dem Türgriff. »Und wenn Ihr hierüber zu irgend jemand anderem etwas sagt, werde ich es einfach ableugnen. Mir wird es nicht weh tun, und Tiarnán wird es nicht helfen. Euch aber wird es Ärger bringen.« Sie riß die Tür auf und verließ die Kapelle mit hoch erhobenem Haupt. Judicaël blieb einen Augenblick in der Tür der Kapelle stehen. Er hatte versagt, absolut und endgültig. Dieser Fehlschlag lastete so schwer auf ihm, daß er kaum atmen konnte. Er hatte nicht die richtigen Worte gefunden und jede Chance vertan, zu ihrem Herzen durchzudringen. Er hatte nicht begriffen, wie tief die Bitterkeit des Mädchens war, wie hysterisch sein Gefühl, beschmutzt und geschändet zu sein. Er hatte es verletzt, wo er doch helfen sollte, und es würde ihn nie wieder anhören. Er würde zu seiner Einsiedelei zurückgehen müssen, und der Wolf … er mußte bis zu seinem Tod ein Gefängnis für die Seele eines Mannes bleiben, den Judicaël wie einen Sohn liebte. Für einen Augenblick tödlicher Angst glaubte er, die Last nicht tragen zu können. Er drehte sich um und ging in das dunkle Innere der Kapelle zurück. Das Kreuz schimmerte schwach auf dem unbeleuchteten Altar. Das war einst auch jemandem zu schwer erschienen, um es tragen zu können: Mein Vater, ist's möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber. Judicaël kniete nieder und beugte das Haupt. Kenmarcoc und seine Frau kamen ein paar Minuten später besorgt herbeigeeilt. Eline war in die Halle gestürmt, hatte den Kerzenleuchter auf den Tisch geknallt und war in Tränen nach oben gegangen. Es war offensichtlich, daß Judicaëls Rat ihr nicht gefallen hatte. Lanthildis lächelte nervös. »Werdet Ihr zum Abendessen bleiben, Vater Judicaël?« fragte sie. »Nein«, sagte Judicaël und stand mühsam auf. »Ich werde ins Dorf zu meinem alten Haus gehen und bei Vater Corentin bleiben. Es ist lange her, seit ich das letztemal in Talensac gewesen bin. Und wer weißt, ob ich je wieder hierherkommen werde.« Als Tiarnán nach einer Woche nicht zurück war, schickte Eline Männer aus dem Dorf zu allen benachbarten Gütern, um fragen zu lassen, ob man etwas von ihm gehört oder gesehen hatte. Nach zehn Tagen wurde eine Botschaft an den Herzog geschickt und eine weiträumige Suche eingeleitet. Von Tag zu Tag schwand die Hoffnung mehr, ihn lebend zu finden. Alle Welt wußte von Tiarnáns Gewohnheit, oft mehrere Tage allein in den Wald zu gehen, und dieser Wald war riesig, voll von dunklen Torfmooren und gefährlichen Tieren. Es war unmöglich, eine gründliche Suche nach einem Mann durchzuführen, der irgendwo in den unermeßlichen Wäldern Brocéliandes sein konnte. Die Bauern von Talensac flüsterten untereinander, daß der Machtiern aus Kummer über den Streit mit seiner Frau zu den hohlen Erdhügeln geritten sei oder seine Quellnymphe geheiratet habe und niemals zurückkehren werde. In Moncontour und den umliegenden Dörfern munkelte man, er sei von Éon, dem Werwolf, ermordet worden. In realistischer denkenden Gemeinden schüttelte man den Kopf über Tiarnáns Leichtsinn, allein im Wald jagen zu gehen. Hoel wartete einen Monat mit immer geringer werdender Hoffnung und ließ dann Tiarnán offiziell für tot erklären. Er schickte einen seiner Beamten nach Talensac, der die Leitung des Gutes übernahm, während die Witwe des Gutsherrn sich an den Hof begab, um den Lehnseid für die Übernahme der Ländereien ihres verstorbenen Mannes zu leisten. Der herzogliche Hof war inzwischen auf die Burg Ploërmel umgezogen, die im Wald lag, einen Tagesritt südwestlich von Rennes und bloß einen Halbtagesritt von Talensac entfernt. Ploërmel war nur ein Dorf, und die altmodische Holzburg breitete sich behaglich zwischen den Bauernhäusern aus, eher Jagdhaus als Festung. Die ausgedehnten Gärten waren sehr schön angelegt und gut gepflegt. Marie saß auf einer Bank in einem der Gärten, als Eline eintraf. Es war ein kalter, feuchter Tag Ende November, eigentlich zu kalt, um draußen zu sitzen, aber sie hatte allein sein wollen. Sie saß in dem menschenleeren Garten unter einem grauen Nachmittagshimmel. Sie hatte ein Buch mitgenommen, aber nachdem sie drei Seiten gelesen hatte, stellte sie fest, daß sie nicht ein einziges Wort aufgenommen hatte. Sie legte das Buch neben sich auf die Bank und saß einfach da und sah den Spatzen zu, die zwischen den Zweigen des Rosenbaums über ihr hin und her hüpften. Plötzlich hörte sie Gelächter und Grußworte aus der großen Halle der Burg, und sie ahnte, wer da gekommen war. Sie ging nicht hinein; es widerstrebte ihr, in einer großen, lauten Gesellschaft Beileidsworte zu sagen. Ein wenig später fing ein Mann zu singen an. Melancholisch begann das Lied, das die schwere, feuchte Luft herübertrug. Die Blätter fallen von den Bäumen, was grün war, ist nun alles tot. Die Wärme ist der Erd' entflohen, die Sonne hat sich abgewandt. Kein Fluß, der nicht über die Ufer tritt, keine Wiesenblumen fangen das Licht. Die goldene Sonne hat sich verhüllt, auf frostige Nacht folgt Schnee am Tag. Nun ist alles, was lebt, in Frost erstarrt, nur ich allein bin von Hitze durchglüht. Das Herz in mir brennt lichterloh, entfacht von dem Mädchen, für das es schlägt. Von Küssen wird das Feuer genährt, und von meines Mädchens scheuer Umarmung. In ihren Augen leuchtet sein Licht, ein helleres gibt's auf der Erde nicht. Marie erinnerte sich, wie Tiarnán in seiner grünen Jagdkleidung sie im Frühjahr sicher durch das unheimliche Dunkel des Waldes geführt hatte. Sie erinnerte sich, wie er in der großen Halle der Burg Rennes mit dem Ausdruck ernster Freude seine Braut angesehen hatte. Die Blätter fallen von den Bäumen, was grün war, ist nun alles tot. Plötzlich bemerkte sie, daß sie weinte. Die Blätter würden in den Wald zurückkehren, aber Tiarnán war für immer gegangen, kein neuer Frühling würde wiederbringen, was sie verloren hatte. Marie neigte den Kopf und flüsterte ein Gebet für den Toten. Das Knirschen von Schritten auf dem Kiesweg ließ sie aufsehen. Tiher kam auf sie zu. Rasch wischte sie sich die Augen. Tiher versuchte, sie mit kritischen Augen zu betrachten. Unförmig eingehüllt in einen einfachen, mit Kaninchenfell besetzten grünen Mantel, auf der Bank zusammengekauert, Nase und Wangen rot von der Kälte und die Augen vom Weinen – warum sollte sie das Herz eines Mannes in Aufruhr bringen? Es nützte nichts: Sein Herz fand den ihr eigenen Zauber heraus – die Art, wie sich ein Arm anmutig gegen die Bank lehnte; die natürliche, ungezwungene Bewegung der schönen Augen, als sie zu ihm aufblickten. Offenbar war sein Herz in letzter Zeit allzu erregbar. Er mußte etwas dagegen tun. »Ihr weint um Tiarnán?« fragte er und setzte sich neben sie auf die Bank. Es war zwecklos, das abzuleugnen. Marie nickte. »Ich habe ein Recht, um ihn zu trauern«, verteidigte sie sich. »Er hat mich aus den Händen des Räubers Éon von Moncontour gerettet.« Tiher scharrte mit den Füßen den Kies hin und her. Er war in der Halle gewesen, als Eline hereinkam, war aber hinausgegangen, als Alain anfing, Liebeslieder für sie zu singen. Die fieberhaft erregte, kaum verhüllte Art, mit der sein Vetter die junge Witwe umwarb, mißfiel ihm; er hätte gewünscht, Alain würde weniger offenkundig seine Hoffnungen zeigen, und Elines unverhohlene Ermunterung ihres alten Freiers widerte ihn an. Natürlich hatte auch er selbst gehofft, Alain könnte jetzt die Frau heiraten, die er so sehr liebte, aber das war zu bald, zu plump, kam zu gelegen! Vielleicht hatte Alain recht, daß Eline ihn immer Tiarnán vorgezogen und diesen nur Talensacs wegen geheiratet hatte. Jedoch so hemmungslos ihre Leidenschaft für einen anderen Mann zu zeigen, nachdem sie gerade erst durch ein tragisches Ereignis in den Besitz des Landes gekommen war, das sie so sehr begehrte, das erschien ihm als Verhöhnung des Toten. Welcher Gegensatz zu Marie, die Tiarnán den Tribut ihrer Tränen zollte, obwohl sie weit weniger Grund dazu hatte. Tiher warf wieder einen Blick auf die geröteten Augen und seufzte. Alains kostbarer Schwan war eine billige Kreatur, verglichen mit Marie. »Wenn ich Euch rettete«, sagte er, »würdet Ihr dann Euren Sinn ändern und mich akzeptieren? Ich könnte eine Bande von Schurken anheuern und ihnen den Auftrag geben, Euch zu entführen und mit drohenden Gesten zu ängstigen, bis ich käme, um Euch zu befreien.« Marie hatte sich inzwischen gefaßt und sah ihn aus großen Augen mit gespielter Bestürzung an. »Keine echten Schurken, bitte. Warum heuert Ihr nicht ein paar Leute von den Ländereien Eures Onkels an und staffiert sie entsprechend aus? Ach ja, und borgt Euch einen ruhigen Zelter für den Abtransport. Etwas bequem sollte ich es schon bei der Entführung haben.« »Ich bin mir nicht sicher, daß das überzeugend genug wäre. Ich kann mir Paul, einen biederen Mann vom Gut meines Onkels, in der Rolle des Schurken lebhaft vorstellen: ›Dann werde ich Euch erwürgen, mir Eurer gnädigen Erlaubnis. Oh, Vorsicht mit dem Pferd! Fünfzehn Mark Silber hat es meinen Herrn beim letzten Michaelsmarkt gekostet!‹ – Nein, das würde nicht klappen.« Marie lachte ihr weiches, kehliges Lachen, und Tiher grinste. »Es würde auch mit echten Schurken nicht klappen«, sagte sie. »Nein, ich glaube es auch nicht«, erwiderte Tiher, und das Lächeln verschwand aus seinem Gesicht. »Was war Tiarnáns Geheimnis? Ich hatte immer das Gefühl, wenn er es gewollt hätte, er hätte Eure Festung im Sturm nehmen können.« Marie starrte einen Augenblick überrascht. Tiher war im allgemeinen zu feinfühlig, um sich über wirklichen Kummer lustig zu machen. Sein Gesicht war auch jetzt ungewöhnlich ernst. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie, nun ebenfalls ernst. »Doch selbst wenn er frei gewesen wäre und mich gebeten hätte, ihn zu heiraten, und ich eingewilligt hätte – selbst dann wäre es ein Fehler gewesen. Ich hätte meinen Vater betrügen müssen, um ihn zu heiraten.« »Euer Vater hat nach allem, was ich gehört habe, nie auch nur einen Gedanken an Euer Glück verschwendet, von dem Augenblick Eurer Geburt an. Er konnte nicht damit belästigt werden, eine Heirat für Euch zu arrangieren, bevor er zum Kreuzzug aufbrach. Er schob Euch in ein Kloster ab, verweigerte Euch aber die Erlaubnis, die Gelübde abzulegen, für den Fall, daß er Euch später brauchen würde, um durch die Verheiratung vorteilhafte verwandtschaftliche Beziehungen zu erwerben. Eures Vaters Lehnsherr Robert ist ein eidbrüchiger, gewalttätiger, gottloser Mann, wenig besser als ein Bandit – nein, schlimmer! Was hat einer der beiden jemals getan, um Eure Loyalität zu verdienen?« Marie funkelte Tiher zornig an. »Jeder weiß, daß mein Vater ein tapferer und ehrenhafter Ritter ist!« sagte sie ärgerlich. »Und Loyalität muß nicht verdient werden. Wenn Herzog Hoel seine Verpflichtungen Euch gegenüber erfüllt, dann seid Ihr gebunden, sein Lehnsmann zu sein, ob er sich um Euer Glück kümmert oder nicht. Ich kann nicht einfach eine Loyalität aufkündigen, in die ich hineingeboren wurde.« »Ihr werdet tatsächlich niemanden von uns heiraten?« fragte Tiher nachdenklich. Sie sah ihn an und bemerkte, wie traurig seine Augen waren. »Nein«, antwortete sie ruhig, ihr Ärger war verschwunden. »Ich werde tatsächlich keinen Lehnsmann Herzog Hoels heiraten. Das habe ich immer gesagt.« »Man sollte Euer Bild, in Holz geschnitzt oder in Stein gehauen, über den Pforten der Klöster anbringen«, sagte Tiher. »Als Allegorie: Triumph der Tugend oder Ehre über Liebe. Man könnte mich als eine der armen verlorenen Seelen hineinbringen, die zermalmt unter Eurem Triumphwagen liegen.« Die ironische Leichtheit der Worte konnte über die Bitterkeit des Tons nicht hinwegtäuschen. »Oh, Tiher!« sagte Marie mit sanfter, liebevoller Stimme. »Ihr wißt sehr gut, daß wir alle, Ihr und ich und der ganze Hof, uns in diesem Sommer mit dem köstlichen Spiel höfischer Liebeständeleien prächtig amüsiert haben. Wir haben es alle sehr genossen und sind glücklich gewesen. Ihr könnt nicht ernstlich von mir erwarten, daß ich glaube, ausgerechnet Ihr würdet an gebrochenem Herzen sterben, nur weil Ihr endlich begriffen habt, daß ich meine, was ich sage. Ihr habt mir einmal gesagt, wenn man guten Boden hat und ihn ordentlich kultiviert, dann bringt er einem alles, was man braucht. Aber auch magerer Boden wird etwas hervorbringen, wenn man ihn gut bearbeitet. Wir müssen uns, das waren ebenfalls Eure Worte, mit den armseligen Brocken Glück begnügen, die wir finden.« Tiher ergriff ihre Hand. Sie hatte kleine, weiche Hände, wie die eines Kindes. In ihnen fand man keinen Hinweis auf die Stärke ihres Willens. »Ich glaube, ich hätte sehr glücklich mit Euch werden können«, sagte er, »selbst wenn Ihr Chalandrey nicht hättet.« Dann schloß er sie in seine Arme und küßte sie. Als er sie losließ, rutschte sie ans Ende der Bank und starrte ihn errötend an. Tiher lächelte verschmitzt. »Ich habe mich immer danach gesehnt, das zu tun, seit wir Euch auf der Straße nach Bonne Fontaine wiederfanden«, sagte er. »Seid unbesorgt, ich werde es nicht wieder tun. Aber einmal mußte ich es tun. Meine süße weiße Hindin, du unerreichbare, ich gebe die Jagd auf. Mein Herz hat sich zu sehr eingemischt, es macht keinen Spaß mehr. Laßt mich noch eins sagen: Nachdem Ihr Euren Beschützer verloren habt, werde ich Euch Sicherheit gegen eine erzwungene Heirat geben. Natürlich will der Herzog Euch zu nichts zwingen, und die Herzogin würde es nicht zulassen, wenn er es wollte – aber einige der mächtigen Herren aus der Mark haben ihn gedrängt, Chalandrey dem Herzogtum Bretagne zu sichern, und wenn Ihr einen Beschützer am Hof habt, ist es für den Herzog eine gute Entschuldigung, nichts zu tun.« Marie errötete noch stärker. Sie versuchte, sich den scharfen Schmerz nicht anmerken zu lassen, der ihr plötzlich das Herz zusammenpreßte. »Danke, Tiher«, flüsterte sie mit nicht ganz sicherer Stimme. »Natürlich bin ich kein Kämpfer wie Tiarnán«, sagte er in seiner wiedergewonnenen lockeren Art. »Bei dem Gedanken, gegen ihn auf dem Übungsplatz anzutreten, brach uns anderen immer der kalte Schweiß aus. Aber um dem Herzog einen Entschuldigungsgrund zu geben, müßte ich reichen.« Er grinste. »Besser sogar als Tiarnán. Es ist nämlich mein Onkel Juhel, der Hoel am härtesten bedrängt hat.« Er stand auf. »Tiher«, sagte sie. Er blieb stehen und sah sie fragend an. »Ich denke, auch ich hätte mit Euch sehr glücklich werden können«, sagte sie ruhig. »Wenn ich wirklich frei gewesen wäre, einen Ritter an diesem Hof zu heiraten, dann hätte ich Euch gewählt. Darüber bin ich mir schon seit langer Zeit klar.« Es dauerte eine Weile, bis er begriffen hatte. Dann beugte er sich strahlend über sie, eine Hand gegen den Rosenbaum gestützt. »Tatsächlich? Ich bin also ein Narr, daß ich jetzt aussteige?« »Nein. Ich heirate niemanden. Aber Ihr seid derjenige, den ich am liebsten mag.« Sie sah zu seinem vertrauten häßlichen Gesicht auf, und plötzlich stieg eine Flut von Glück in ihr auf, einfach weil er der war, der er war, und sie sich so nahe waren. »Und der Kuß hat mir auch gefallen.« »Ich werde Euch noch einen …« »Nein, nein! In Wirklichkeit …« Sie sprang auf, schlang die Arme um ihn und küßte ihn herzhaft. »So. Ich habe Euch den Kuß zurückgegeben. Jetzt sind wir quitt. Und dabei wollen wir es lassen.« »Ich denke«, sagte er und lächelte sie an, »das ist ein guter Brocken Glück.« 9. KAPITEL Der Hof war im November weniger überfüllt, als er es im Juni gewesen war, aber wenn jetzt auch Betten genug da waren, so fehlte es doch an Decken. Die Herzogin nahm an, daß Marie und Eline wieder ein Bett teilen würden. Eline schien mit dieser Regelung unzufrieden zu sein, und Marie erklärte der Herzogin ruhig, die Witwe würde sicher lieber allein sein. Es war Eline deutlich anzusehen, daß sie in den letzten Monaten viel gelitten hatte. Sie war vorher schlank gewesen, jetzt war sie dünn, das Schlüsselbein stand heraus, und das Kinn war spitz geworden. Ihre Augen waren tief umschattet und bewegten sich unruhig hin und her, vermieden es, die Person anzusehen, mit der sie sprach. Hinzu kam eine depressive Reizbarkeit, die in krassem Gegensatz zu ihrer früheren glücklichen und offenen Impulsivität stand. Sie war jedoch noch immer außergewöhnlich schön. Schwarz paßte sehr gut zu ihrem hellen Teint und dem weißblonden Haar. »Natürlich!« sagte Havoise. »Sicherlich ruft es schmerzliche Erinnerungen wach, hier zu sein. Natürlich wollt Ihr lieber allein sein. Laßt mich überlegen – ich nehme an, in den Ställen werden reichlich Decken sein, Pferdedecken, aber völlig sauber und durchaus brauchbar. Wenn wir Euch in …« »Schon gut«, unterbrach Eline sie mit einer Ungeduld, die nur der Kummer der jungen Frau entschuldigen konnte. »Ich werde das Bett mit Dame Marie teilen.« »Ich teile es sehr gern mit Euch, Dame Eline. Aber sagt es bitte, wenn Ihr lieber allein sein möchtet.« Marie sah sie an. Mit einem schwachen Lächeln erwiderte Eline: »Ich möchte lieber nicht allein sein, Dame Marie.« Als sie diese Nacht Seite an Seite unter den Decken in der kalten Finsternis der Burg lagen, fand Marie endlich die Kraft zu flüstern: »Ich bin sehr traurig über Euren Verlust, Dame Eline.« Eline schwieg lange. Sie atmete flach und schnell. »Erinnert Ihr Euch«, sagte sie schließlich, »als ich das letztemal am Hof war, wie Ihr mir Freude bei der Entdeckung all der vielen Dinge wünschtet, die Tiarnán mir nie von sich erzählt hatte?« »Ja, es tut mir leid, daß Ihr nun nicht mehr die Möglichkeit haben werdet, sie zu erfahren.« Eline schüttelte den Kopf. Marie konnte die Bewegung nicht sehen, aber sie spürte sie am Ohr durch das Kratzen der rauhen Wolle der Decke. »Nein«, flüsterte Eline mit schrecklich trostloser Stimme. »Ich habe eines von ihnen erfahren, und es war gar nicht erfreulich. Ich bin froh, daß ich nicht die Möglichkeit hatte, noch mehr zu erfahren.« Marie lag still da, so schockiert, daß ihr die Worte fehlten. »Ich werde nichts weiter darüber sagen«, fuhr Eline abrupt fort. »Er ist von uns gegangen; ich werde über den Toten nichts Schlechtes reden. Aber ihn zu heiraten war der größte Fehler, den ich je gemacht habe, und ich bin froh, daß ich von ihm frei bin.« »Ich … ich kann es nicht glauben«, stammelte Marie. »Was immer Ihr entdeckt habt, es kann nicht …« »Ihr habt eine gute Meinung von ihm, weil er Euch vor Éon von Moncontour gerettet hat«, sagte Eline ungeduldig. »Ihr habt ihn nicht gekannt. Er war schlimmer als der Räuber, aus dessen Händen er Euch befreit hat. Ich werde darüber nicht mehr sagen! Doch braucht Ihr meinetwegen nicht traurig zu sein, nicht jetzt.« Marie biß sich auf die Lippen, so sehr kämpfte sie darum, ruhig zu blieben. Was hätte sie dazu sagen können? Sie hatte Tiarnán kaum gekannt. Vielleicht war er wirklich im privaten Leben ein Scheusal gewesen, hatte irgendeiner Perversion gefrönt. Sie konnte es nicht glauben, sie glaubte es nicht. Nicht daß sie etwas gewußt hätte, das sie von der Unrichtigkeit eines so schrecklichen Vorwurfs überzeugte, nein, einfach, weil ihr Herz und ihr Verstand sich dagegen auflehnten. Eline mußte an irgendwelchem Klatsch Anstoß genommen und sich ohne wirklichen Grund bitter mit ihrem Mann gestritten haben. Aber es war sehr unfair gegenüber diesem verletzten Mädchen, das zu denken, ohne wirklich etwas zu wissen. »Ich werde für Euch beten«, sagte Marie schließlich ernst. »Für Euch und für die Seele Eures verstorbenen Mannes.« »Danke«, erwiderte Eline, jetzt wieder ruhig geworden. »Ich weiß Eure Gebete zu schätzen, Marie.« Marie betete den größten Teil dieser Nacht. Die Andeutung, Tiarnán sei schlimmer gewesen als ein Räuber, quälte sie schrecklich, aber sie weigerte sich strikt, es zu glauben. Sie hatte seine Heirat akzeptiert und seinen Tod mit tiefer Trauer ertragen, die Zerstörung ihres Bildes von ihm konnte sie nicht hinnehmen. Wenn sie es täte, würde ein Teil ihrer selbst zerstört werden. In den frühen Morgenstunden fiel sie endlich in einen Schlaf der Erschöpfung. Fast sofort träumte sie. Sie wanderte wieder mit Tiarnán durch den Wald und hielt sich an seinem Gürtel fest, um nicht zu stolpern. Die Bäume türmten sich über ihnen auf, ihre Blätter wisperten geheimnisvoll. Eulen schrien, Fledermäuse flatterten über ihre Köpfe weg, und von irgendwo in der Nähe kam das Geräusch heulender Wölfe. »Fürchtest du dich, Marie?« fragte Tiarnáns leise Stimme aus der Dunkelheit. »Nein«, flüsterte sie und ging in einem vollkommenen, traumhaften Frieden weiter, Körper und Seele in völligem Einklang. »Gut. Es gibt keinen Grund, sich zu fürchten. Wölfe sind freundlichere Tiere, als man von ihnen annimmt. Sieh her, wir sind da!« Er blieb stehen, und sie sah, daß sie einen Erdhügel in einer Lichtung erreicht hatten und vor ihnen zwei schmale, senkrechte Steine standen, die wie die Pfosten einer Tür aussahen. Irgendwie war es wieder Tag geworden, und sie konnte alles deutlich sehen. Eingerahmt war der Hügel von Holunderbäumen und purpurn blühendem Bittersüß, und in dem Gras, das ihn bedeckte, leuchtete dunkelroter Mohn. »Das ist nicht der Platz der Schweinezüchter!« protestierte sie, und Tiarnán lächelte dieses Lächeln, an das sie sich so lebhaft erinnerte – eine Seite des Mundes zog sich nach oben, die andere blieb unbewegt, und die warmen braunen Augen lachten. »Möchtest du denn, daß er das wäre?« fragte er. Er nahm ihr Gesicht sanft zwischen seine beiden Hände, und mit einem Gefühl des Entzückens begriff sie, daß er sie küssen wollte. Ein plötzlicher Donnerschlag, ein Wolkenbruch – er war fort. Sie war allein, in Tränen aufgelöst, in einer grauen und nassen Winterlandschaft. Sie erwachte und stellte fest, daß sie verschlafen hatte und Eline schon auf war. Sie setzte sich langsam hoch, bekreuzigte sich, sprach ein Gebet für den Toten und stand mit schweren Gliedern auf, um sich dem unwillkommenen Tag zu stellen. Es war Sonntag. Nach dem Besuch der Messe in der Burgkapelle versammelte sich der Hof in der großen Halle. Eline sollte den Lehnseid ablegen und mit dem Gut Talensac belehnt werden. Die Halle von Ploërmel war größer als die von Rennes, und da sie älter und in einfacherem Stil erbaut war, wirkte sie irgendwie heller. Die Holzwände waren verputzt und weiß getüncht, der Fußboden aus gestampftem Lehm war mit Binsen bestreut – blaßgelben in dieser Jahreszeit. Die Wände waren behängt mit bestickten hellen Leinenbahnen, die Szenen mit wilden Tieren oder mit Fabeltieren zeigten. Der Rauch von dem zentralen offenen Herd stieg blau zu der hohen Decke auf, und der weiße Schein der Wintersonne, der durch die schmalen Fenster fiel, warf Streifen von Licht auf die Eichentische und die Menschen, die an ihnen saßen. Rüstungen, blaue und scharlachrote Kleider, goldene Borten und Pelzbesatz leuchteten wie bunte Kleckse in dem dämmerigen Licht. Der Herzog nahm Platz auf seinem erhöhten Sitz am oberen Ende der Halle. Langsam schritt Eline durch die Halle auf ihn zu; sie sah sehr klein und zerbrechlich aus, ihr schwarzes Trauergewand hob sich kraß gegen den glänzenden Prunk der Umgebung ab. An einer Leine aus karmesinrotem Leder führte sie die Hündin Mirre. Mit Tiarnáns Todeserklärung war das Lehen Talensac an Hoel zurückgefallen und Eline als Witwe eines Lehnsmannes des Herzogs Mündel des Herzogs geworden. Es war ein Zeichen der außergewöhnlichen Zuneigung des Herzogs für Tiarnán, daß Hoel dessen Witwe eingeladen hatte, ihm den Lehnseid zu leisten und die Herrschaft über das Gut zu übernehmen. Eline war sich bewußt – und darüber war sie gar nicht glücklich –, daß der Herzog mit dieser noch einen anderen Zweck verfolgte. Sie schied aus dem Kreis der ehemündigen Erbinnen aus, die der Vormundschaft des Herzogs unterstanden und deren Verheiratung beziehungsweise Wiederverheiratung ihm oblag. Er erwartete offenbar von ihr, daß sie sehr lange um Tiarnán trauerte. Hoel würde es gar nicht gefallen, wenn sie um seine Erlaubnis bat, sofort wieder zu heiraten. Der ganze Hof würde diesen Verstoß gegen die Etikette verurteilen. Jetzt bereits hatte die Art, wie sie auf Alains werbende Blicke reagierte, mißbilligendes Stirnrunzeln und schockierte Blicke hervorgerufen. Aber sie brauchte dringend die Nähe Alains und konnte den Gedanken nicht ertragen, für Monate und Jahre dieses Leben in Talensac weiterzuführen, wo sich die ›einfachen, ehrlichen, gutherzigen Bauern‹ gegen sie gewandt hatten. Sie wagten es nicht, ihr den Gehorsam zu verweigern, weil sie die Gutsherrin war, doch wohin sie auch kam, überall konnte sie ihr bitteres Urteil spüren. Sie hatte sich mit dem Machtiern gestritten. Ihretwegen war er verschwunden. Der einzige Mensch in Talensac, der vorurteilsfrei mit ihr sprach, war Grallon, der Beamte, der im Auftrag des Herzogs das Gut leitete. Wenn sie in einen Raum kam, verließ ihn jeder, der nicht unbedingt dort bleiben mußte. Für Eline, die in ihrem Leben bisher nichts als Liebe und Bewunderung gekannt hatte, war diese Situation fast unerträglich. Sie war hin- und hergerissen zwischen Wut und hilfloser Verwirrung. Alains Liebe, seine bewundernden Blicke und beruhigenden Worte waren Balsam für ihre verwundete Seele. Sie brauchte sie, und um sie zu bekommen, war sie entschlossen, den Hof zu schockieren und den Herzog herauszufordern. Aber sie hatte Angst davor. Sie blieb vor dem Herzog stehen und machte einen graziösen tiefen Knicks. Dann trat sie einen Schritt vor und reichte ihm Mirres Leine. »Erlauchter Herzog«, sagte sie mit scheuer Stimme, »als Ihr die Güte hattet, mich an den Hof zu laden, überlegte ich lange, was ich Euch als Gastgeschenk überreichen könnte. Ich kam zu dem Schluß, daß Euch nichts mehr gefallen würde als dieser feine Spürhund, dessen Qualitäten Ihr ja kennt. Mirre hat sich um ihren Herrn sehr gegrämt. Ich bitte Euch, sie anzunehmen und ihr auf der Jagd neue Lebensfreude zu geben.« Hoel wurde vor Freude bis über die Stirn rot. Er nahm die Leine begierig in die Hand. »Dame Eline«, sagte er strahlend, »Ihr habt sehr richtig geurteilt. Ihr hättet mir wirklich mit keinem Geschenk größere Freude machen können. Ich danke Euch. – Komm her, Mirre! Braves Mädchen!« Er schnipste mit den Fingern, und als sie artig näher kam, kraulte er ihr den Kopf und die langen Ohren und tätschelte sie liebevoll. Eline war froh. Die offensichtliche Freude des Herzogs würde es ihm erschweren, die Zustimmung zu ihrer zweiten Heirat zu verweigern. Sie hatte die Lymer-Hündin sowieso nicht behalten wollen. Mirre war allein Tiarnáns Hund gewesen; seit seinem Verschwinden war sie mit hängendem Kopf im Haus herumgeschlichen und hatte bei jedem Öffnen der Tür hoffnungsvoll den Kopf gehoben. Eline hatte den Hund schließlich gehaßt. Es war ein vorzüglicher Einfall gewesen, ihn Hoel zu schenken. Hoel legte Mirres Leine nieder und erhob sich, um die Zeremonie der Belehnung nach dem vorgeschriebenen Ritual vor den Angehörigen des Hofes als Zeugen vorzunehmen. Ein erwartungsvolles Raunen ging durch die Reihen, dann wurde es in der Halle still. »Habt Ihr den Wunsch, ganz mein Vasall zu werden?« fragte der Herzog Eline feierlich mit lauter Stimme, so daß der ganze Hof es hören konnte. »Ich habe diesen Wunsch«, antwortete Eline so leise, daß die Zeugen sich sehr anstrengen mußten, ihre Worte zu verstehen. Sie kniete vor dem Herzog nieder und erhob beide Hände, die Handflächen zusammengelegt; der Herzog nahm ihre Hände zwischen seine Hände. »Ich verspreche aufrichtig«, sagte sie ernst, »daß ich treu zu Herzog Hoel stehen und in allen meinen Handlungen an dem Lehnseid festhalten werde, den ich ihm in Redlichkeit und ohne verräterische Hinterlist leiste.« Der Herzog faßte sie am Ellbogen, und sie stand auf, dann umarmte und küßte er sie zeremoniell. Er nahm wieder Platz, und einer der Hofleute übergab ihm eine Gerte aus Buchenholz als Symbol für das Lehen Talensac. Er nahm sie in beide Hände und übergab sie Eline. Eline nahm sie entgegen, dann kniete sie sich auf den Boden und neigte den Kopf. Als sie aufstand, applaudierte die Gesellschaft. Der Akt der Belehnung war vollendet: Talensac gehörte ihr. Üblicherweise hätte sie sich jetzt entfernen und in der Halle die Glückwünsche ihrer Freunde und Bekannten entgegennehmen sollen. Hoel wandte seine Aufmerksamkeit wieder Mirre zu, die Ordnung in der Halle löste sich auf; es bildeten sich Gruppen, in denen diskutiert und gelacht wurde, und die Dienerschaft schickte sich an, den großen Tisch, den man für die Zeremonie entfernt hatte, für den Herzog und seine Ehrengäste zum Mittagessen aufzustellen. Als Eline wieder niederkniete, breitete sich eine Welle der Überraschung aus; die Dienerschaft unterbrach ihre Arbeit, die Gespräche verstummten, und Hoel wandte sich Eline überrascht mit fragendem Blick zu. »Mein hoher Lehnsherr«, sagte Eline, die ihren ganzen Mut zusammenraffte und in der Aufregung viel lauter sprach als beim Ablegen des Lehnseids, »Ihr habt Euch großherzig gezeigt, als Ihr mir, einer Frau, erlaubtet, Euch den Lehnseid zu leisten. Ich bin mir aber darüber klar, daß ein Gut besser von einem Ritter geführt wird. Ich kann Talensac nicht selbst leiten. Ich habe weder die Kenntnisse noch die Kraft. Ich bin jung, ich habe einen schweren Verlust erlitten, und ich bin verwirrt; ich brauche einen starken Arm, auf den ich mich stützen kann. Bitte, mein hoher Herr – und auch Ihr alle, Damen und Herren des Hofes –, haltet mich nicht für wankelmütig und unbeständig, weil ich den Wunsch habe, schon jetzt wieder zu heiraten. Ich war meinem Ehemann treu, solange er lebte, aber er ist von mir gegangen, all mein Suchen hat ihn nicht zurückgebracht, und ich kann seinen Platz in Talensac nicht allein ausfüllen. Ein ehemaliger Bewerber, der mich viele Jahre lang geliebt hat, hat sich mir als Helfer angeboten. Ich bitte Euch, erlauchter Herzog, mir zu erlauben, ihn zu heiraten und ihm das Lehnsgut zu übertragen, das Ihr mir soeben verliehen habt.« Hoel runzelte konsterniert die Stirn. Ein Gemurmel lief durch die Halle. Eline änderte ihre Haltung nicht; klein und zart kniete sie in ihrer schwarzen Trauerkleidung vor dem Herzog. Hoel warf einen raschen Blick zu Alain hinüber, der unter den Rittern der Hofgarde in diskreter Entfernung stand. Seine Freunde starrten ihn schockiert und bewundernd an. Unglaublich – dieser Alain gewinnt ein Rittergut, ein feines, ertragreiches Gut, und eine junge Witwe, deren heißes Blut nach diesem überstürzten Gesuch für jedermann außer Zweifel stand. »Dame Eline«, sagte Hoel warnend, »überlegt sorgfältig. Ihr habt einen Ehemann verloren, der als der vortrefflichste Ritter in der Bretagne galt. So bald nach seinem Tod einen anderen zu nehmen würde Euch der Kritik und der üblen Nachrede aussetzen.« »Ich habe sorgfältig überlegt«, erwiderte Eline mit schwacher Stimme. »Aber, erlauchter Herr, ich kann nicht allein auf Talensac bleiben. Und ein Gut ist von größerem Nutzen, wenn es einen Ritter unterhält, der für Euch kämpft, als eine einzelne schwache Frau, die es nicht einmal zu führen versteht. Alain ist von adliger Herkunft und Euer eigener Lehnsmann. Und, erlauchter Herzog, als Witwe und adlige Dame habe ich das Recht zu wählen.« Der Herzog mußte sich geschlagen geben. Er hatte Eline gerade aus der Vormundschaft entlassen, er konnte seine Rechte nicht mehr geltend machen. Hinzu kam, daß er auf keinen Fall Alains Vater vor den Kopf stoßen durfte. Ritter Juhel, der Burgherr von Fougères, würde zweifellos höchst erfreut sein, seinen jüngeren Sohn ohne eigene Kosten auf einem Gut etabliert zu sehen. Er würde Alains Sache mit aller Härte verfechten. Hoels Anspruch auf das Herzogtum Bretagne beruhte auf dem Erbrecht seiner Ehefrau. Er war seit längerer Zeit der erste Angehörige des bretonischsprachigen, in der inneren Bretagne ansässigen Hochadels, der diesen Titel trug, und er war sich durchaus bewußt, daß viele der mächtigen Familien der Mark ihn nicht mochten. Er konnte es nicht wagen, sie herauszufordern; das Risiko, ihre Loyalität, und vielleicht sogar ihre Lehen zu verlieren, war zu groß. Hoel ließ also Alain nach vorn rufen, und Eline und Alain wurden offiziell miteinander verlobt. Aber er ließ sie sehr deutlich und mit betonter Kühle seine Mißbilligung spüren. Da der Advent gerade begann und während der ›stillen Zeit‹, die der Buße und der Vorbereitung auf das Fest gewidmet war, Hochzeitsfeiern unangebracht waren, wurde der Termin auf Weihnachten festgesetzt. »Sie hätte ihn sogar noch früher genommen, wenn es möglich gewesen wäre«, sagte Herzog Hoel verdrießlich, als sie beim Mittagessen saßen. »Sechs Monate hätte sie aus Achtung vor dem Toten doch wohl warten können. Sie brauchte ja nicht allein in Talensac zu bleiben. Mein Mann Grallon hat die Dinge dort völlig im Griff, sie hätte nach Comper zurückkehren oder sich eine Zeitlang in ein Kloster zurückziehen können. Diesen Idioten Fougères zu nehmen, nach einem Mann wie Tiarnán! Ich verstehe nicht, wie sie den Burschen ertragen kann.« »Er sieht sehr gut aus, und er liebt sie offensichtlich«, versuchte die Herzogin ihn zu besänftigen. »Er war ihr Verehrer vor der Hochzeit. Sie geben ein sehr hübsches Paar ab.« Alle Gäste am Tisch des Herzogs blickten zu Eline und Alain hinüber, die am zweiten Tisch der Halle saßen: Alain groß, breitschultrig, offensichtlich glücklich, in einem neuen safrangelben, mit Fuchspelz besetzten Obergewand; Eline schmal, blaß, mit feucht schimmernden Augen, ganz in Schwarz, ihn anlächelnd. Eigentlich hätte Eline am Ehrentisch sitzen sollen, aber als Zeichen seines Mißfallens hatte ihr Lehnsherr sie an einen weniger ehrenvollen Platz setzen lassen. Es schien sie nicht zu stören. »Er ist ein oberflächlicher, weichlicher, aufgeblasener Geck!« erwiderte der Herzog barsch. »Tiarnán war ein Mann, auf den man sich verlassen konnte.« Verstimmt glitt sein Blick über die Tischrunde. »Ich habe diese Geschichte schon früher erzählt, doch ihm zu Ehren werde ich sie noch einmal erzählen«, erklärte er. »Als Robert de Bellême vor fünf Jahren in unser Land einfiel, traf mich das völlig unvorbereitet.« Die Tischrunde wurde still, alle richteten sich auf und hörten aufmerksam zu. Die meisten hatten die Geschichte schon gehört, aber sie hörten sie gern noch einmal. Robert de Bellême, Sohn eines berüchtigten Giftmörders, illoyaler Vasall gleichzeitig des Königs von Frankreich, des Herzogs der Normandie und des Königs von England, war einer der wildesten und brutalsten Männer eines wilden und brutalen Zeitalters. Er war der Schrecken derer, die das Pech hatten, in der Nähe einer seiner vierunddreißig Burgen zu leben – und Domfront, eine der bedeutendsten dieser Burgen, lag in der Nähe der Grenze zur Bretonischen Mark. Robert de Bellême und seine Schandtaten waren ein häufiges Thema am Tisch des Herzogs der Bretagne; die Erzählung von seiner Niederlage war daher sehr willkommen. »Ein Freitag in der Fastenzeit war es, ein klarer Verstoß gegen den Gottesfrieden«, fuhr Hoel fort, »aber was kümmert Robert sich um Gott oder Menschen? Er überschritt den Couesnon bei Pontorson und begann zu wüten wie ein ausgehungerter Wolf; seine Horden schwärmten tötend und plündernd nach allen Seiten aus. Ich war in Rennes, als man mir die Nachricht brachte, und ich ritt sofort los, um ihm entgegenzutreten. Ich hatte nur die Ritter der Hofgarde bei mir. Ich schickte Boten los, die im Galopp meine Vasallen im weiten Umkreis alarmieren sollten, aber ich rechnete nicht damit, daß viele von ihnen uns rechtzeitig erreichen würden, um noch in den Kampf eingreifen zu können. Als ich aber an den Fluß Rance kam, war da Tiarnán mit einem Dutzend Männern aus seinem Dorf und drei oder vier Rittern, die er unterwegs getroffen und zum Mitkommen überredet hatte. Er hatte nicht gewartet, bis er gerufen wurde, sondern war losgeritten, sobald er von dem Überfall erfuhr. Und er hatte keine Zeit damit verschwendet, sich in Rennes Anweisungen zu holen. Nein, er hatte sich gesagt, daß ich auf jeden Fall den Weg zur Rance nehmen würde, und war direkt dorthin geritten. Seine Männer waren alle gut gerüstet, und alle waren bereitwillig dem Aufruf ihres Führers gefolgt – keine Selbstverständlichkeit, wie Ihr wißt, wenn Männer in einer heiligen Zeit wie der österlichen Fastenzeit kämpfen müssen. Wir folgten der Rance stromabwärts, denn wir hatten gehört, daß Robert das Land um Dinard verwüstete – Géré de Dinard lag aus irgendeinem Grund in Fehde mit ihm. Als wir uns der Stadt näherten, erfuhren wir, daß Roberts Halbbruder Geoffroy sich vom Haupttrupp der Invasoren getrennt hatte und mit seinen Männern irgendwo weiter östlich war, um die Straße zu sichern und ein bißchen auf eigene Rechnung zu plündern. Geoffroy hatte einen ebenso üblen Ruf wie Robert, wie Ihr alle wißt. Er hat einmal einem Bauern mit einem Schwerthieb beide Beine abgehackt, weil der arme Teufel nicht schnell genug lief. Ich mußte verhindern, daß Geoffroy mir in den Rücken fiel, während ich Robert angriff. Daher wandte ich mich an Tiarnán und sagte: ›Seht zu, daß der Bursche uns nicht in die Quere kommt.‹ Tiarnán, der nie große Worte machte, sagte nur: ›Ja, mein Herzog‹, nahm seine Männer und machte sich auf den Weg, Geoffroy aufzuspüren. Wir anderen ritten weiter auf Dinard zu. Wir trafen etwa zwei Meilen vor der Stadt auf Robert und griffen ihn sofort an. Christus sei mein Zeuge, es war ein wilder Kampf! Als wir alle blutend am Ende unserer Kräfte waren, setzte Robert sich ab und bot mir einen Waffenstillstand an. Er schlug vor, wir sollten uns zurückziehen, auch er würde mit seinen Leuten nach Hause abziehen. Er bot nicht an, die Beute zurückzugeben oder auch nur auf weitere Plünderungen während des Rückzugs zu verzichten. Er würde einfach seinen erfolgreichen Raubzug etwas früher als ursprünglich geplant beenden. Mir gefielen die Bedingungen nicht, aber ich war mir nicht sicher, ob es klug wäre, auf mehr zu dringen, da ich nur die Ritter meiner Hofgarde zur Verfügung hatte. Géré de Dinard übrigens, der den Streit mit Robert ausgelöst hatte, war nirgendwo zu sehen. Er hatte sich in seiner Stadt eingeschlossen, und dort blieb er. Später behauptete er, nicht gewußt zu haben, daß ich mit Robert kämpfte. So stand ich also da und verhandelte mit diesem Wolf von Bellême, unschlüssig, ob ich es wagen sollte, Gerechtigkeit zu verlangen. Da hörten wir plötzlich Bewegung, wir blickten uns um und sahen Tiarnán und seine Männer auf uns zureiten. Sie führten ein Streitroß am Zügel. Direkt auf uns zu ritt er, und als er vor mir hielt, neigte er den Kopf und sagte: ›Mein Herzog, der Bursche ist aus dem Weg.‹ Dann gab er seinen Männern ein Zeichen, das am Zügel geführte Pferd zu Robert zu bringen. Es war Geoffroys Pferd, und Geoffroys Leiche war über den Sattel gelegt und festgebunden. Sein Kopf war durch den Helm hindurch aufgespalten und das Metall ins Gehirn getrieben. Herrgott, was für ein Hieb! ›Ich gebe Euch die Leiche Eures Bruders. Begrabt ihn zu Hause‹, sagte Tiarnán zu Robert. ›Er war ein Ritter und ein ausgezeichneter Kämpfer, ich verlange kein Lösegeld für seine Leiche.‹ Robert war aschgrau im Gesicht. Geoffroy hatte den Ruf, der beste Ritter in seinen Diensten zu sein. ›Wie ist er zu Tode gekommen?‹ fragte er Tiarnán, und Tiarnán sagte: ›Tapfer, im Einzelkampf. Fünf seiner Männer sind tot, die übrigen bringen die Leichen heim.‹ ›Wer hat ihn getötet?‹ fragte Robert. Er nahm nicht an, seht Ihr, es könnte Tiarnán gewesen sein. Tiarnán war damals erst zwanzig, und er saß auf seinem Pferd so steif und unbeteiligt wie eine Nonne in einer Bierschenke, so als ob die blutige Leiche auf dem Sattel nichts mit ihm zu tun hätte. Geoffroy war ein großer, kräftiger Mann gewesen, im besten Alter, und wir alle konnten die Wucht des Hiebs sehen, der ihn getötet hatte. Tiarnán antwortete ruhig: ›Ich habe ihn getötet.‹ Und in seiner Stimme war etwas, das jeden von ihnen überzeugte, daß es die Wahrheit war. Robert sah mich an; ich dankte Gott und sagte: ›Dies ist mein Lehnsmann Tiarnán de Talensac, einer der besten Ritter in der Bretagne, und ich hätte lieber einen zweiten Mann wie ihn als einen ganzen Trupp Fußsoldaten. Aber ich danke Gott, daß ich viele tapfere Männer in meinen Diensten habe, die auf dem Weg sind, mir Hilfe zu bringen. Jetzt wünsche ich, daß Ihr die Beute zurückgebt, die Ihr genommen habt, und Eure Waffen übergebt und auf schnellstem Weg mein Land verlaßt.‹ – Und Robert tat, was ich verlangte.« Hoel schaute in die Halle hinunter und warf einen verächtlichen Blick auf Alain. »Ich hatte noch viele andere Gründe, Tiarnán zu schätzen. Es gab nie Schwierigkeiten mit ihm. Für ihn spielte es keine Rolle, an welchem Tisch er saß und wer einen höheren Platz hatte als er oder welches Stück Fleisch die Diener ihm vorlegten. Er war nicht beleidigt, wie manche das sind, wenn ich andere besonders auszeichne. Er fügte seinen Nachbarn nie Schaden zu, er war höflich und zuvorkommend im Umgang mit allen Menschen. Und was die Jagd betrifft: Er kannte die Gewohnheiten jedes Waldtiers so genau, als wäre es sein Vetter. Ich habe ihn beobachtet, wie er ein Fuchsjunges aus seinem Bau lockte und es zutraulich zu ihm kam. Ich habe nie einen Mann gekannt, der so schrecklich auf dem Schlachtfeld war und so sanft, wenn er nicht kämpfen mußte. Ich glaube gern, daß die Dame Eline nicht glücklich ist, allein auf Talensac zu leben. Sie hatte sich mit ihrem Mann, dem Herrn des Gutes, gestritten, und es wird eine lange Zeit vergehen, bevor seine Leute ihr das vergeben. Und sie werden auch nicht glücklicher sein, wenn sie diesen angeberischen Schönling an seine Stelle setzen wird. Verdammt!« Hoel wischte sich plötzlich mit dem Handrücken über die Augen. »Er hat sie angebetet. Sie hätte zum mindesten sechs Monate warten sollen.« Alles war still. Die Herzogin versuchte, mit heftigem Blinzeln die Tränen zurückzudrängen. Marie dachte an das, was Eline ihr letzte Nacht gesagt hatte, und schämte sich ein wenig, daß ihr Herz so enthusiastisch den Worten Hoels zugestimmt hatte. »Urteilt nicht zu hart über sie, erlauchter Herr«, sagte sie. »Wenn Tiarnán auf sie gehört hätte, wäre er noch am Leben. Sie hat ihn angefleht, nicht allein jagen zu gehen.« Hoel schnaubte. »Möglich«, sagte er. »Ja, ich denke, hm, Ihr habt recht. Und er betete sie an, und er würde wünschen, daß ich ihr seine Ländereien gebe und sie glücklich mache. Nun ja – wenn ich jemals dieses Ungeheuer Éon von Moncontour in die Hände kriege und es stellt sich heraus, daß er es war, der Tiarnán getötet hat, dann lasse ich ihm die Eingeweide herausreißen und ihn bei lebendigem Leibe verbrennen. Hängen ist zu gut für diese Kreatur.« Er schob sein Speisebrett mit Wild zur Seite, tauchte die Finger in die silberne Wasserschale und trocknete sie mit dem Tuch, das ein Diener eilends herbeibrachte. Er warf einen Blick auf die Tischrunde. An den Seiten saßen die Beamten der Hofverwaltung – Kanzler, Haushofmeister, Burgvogt – mit ihren Frauen, und auf jedem der Gesichter sah er seinen eigenen Groll und Unwillen sich widerspiegeln. Er sah sich weiter um, suchte nach einem Weg, die Atmosphäre zu entspannen, und diesmal fielen seine Augen auf Marie. »Ihr seht müde aus, Dame Marie«, lenkte er das Gespräch in eine geselligere Richtung. »Hat die Tatsache, daß Euer treuester Verehrer die Hoffnung aufgegeben hat, Euch den Schlaf geraubt?« scherzte er. Tiher hatte vor dem Mittagessen in der Halle seine Absicht angekündigt, ›die Jagd aufzugeben‹ und sich in Zukunft als Maries Beschützer zu betrachten. »Es wäre kein Wunder«, erwiderte Marie leichthin. Sie hatte augenblicklich verstanden, was die Frage des Herzogs bezweckte. »Von denen, die mir den Hof machen, würde er das am ehesten verdienen.« Hoel warf einen flüchtigen Blick auf den Tisch der Ritter, an dem Tiher sich angeregt mit seinen Freunden unterhielt. »Meint Ihr das wirklich?« fragte er. »Für mich waren er und sein Vetter immer ein Gespann. Der eine spielt mit seinem Gesicht und seiner Kleidung den Pfau, der andere mit seiner scharfen Zunge. Aber an Tiher ist mehr, denkt Ihr?« »Ja«, bekräftigte Marie von Herzen. »Tatsächlich denke ich, mein hoher Herr, daß Ihr die Möglichkeiten nicht nutzt, die sich für seine Verwendung anbieten. Er ist so ehrlich wie intelligent, und sein Wesen ist erheblich sanfter und freundlicher als seine Zunge – die, das gebe ich zu, eine schneidende Schärfe hat. Er ist loyal und treu und setzt sich engagiert ein, aber er schaut immer genau hin, bevor er springt. Außerdem kann er sehr gut lesen und schreiben und hat Latein gelernt. Er ist in der Abtei Bonne Fontaine zur Schule gegangen. Er ist ein Mann, der Euch wertvolle Dienste leisten könnte.« Hoel sah nachdenklich zu Tiher hinüber. Es wäre nie in Frage gekommen, einem Fougères-Neffen eine höhere Position zu geben als einem Fougères-Sohn; das würde den mächtigen Burgherrn Juhel beleidigt haben. Aber wenn Alain Herr eines Ritterguts wurde, verließ er die Hofgarde, und ein Amt in der Hofverwaltung für Tiher würde statt eines Affronts eine Auszeichnung für die Familie sein. Havoise schaute ebenfalls nachdenklich zu Tiher hinüber, der ahnungslos gerade einen Witz erzählte, über den die Runde lachte. »Weißt du, mein Lieber«, sagte die sentimentale Herzogin, »Marie hat recht. Sie hat ein gutes Urteil, was Liebhaber angeht.« Der Herzog grinste und sah Marie von der Seite an. »Tiher hatte also unrecht, seine Bewerbung zurückzuziehen?« fragte er. »Nein, hoher Herr«, erwiderte Marie fest. »Ich würde weder ihn noch einen anderen Mann hier ohne Zustimmung meines Vaters heiraten.« »Das alte Lied!« »Ich bin es selbst leid, es zu singen.« Hoel brummte: »Warum hat Euer neuer Fürsprecher geschworen, Euch vor einer erzwungenen Heirat zu schützen, frage ich mich, wenn er wirklich die Jagd aufgegeben hat? Er weiß, daß keine derartige Gefahr besteht. Havoise würde mich im Schlaf erdrosseln, wenn ich so etwas auch nur andeutete.« »Pfui!« sagte Havoise mißbilligend. »Ich würde niemals einen Mann im Schlaf erdrosseln. Ich würde es tun, wenn du wach wärst, mein Lieber.« Hoel lächelte ihr zu und küßte ihren kleinen Finger. Marie beugte sich zu Hoel hinüber und flüsterte: »Er sagte, es würde eine gute Entschuldigung für Euch sein, nichts zu tun, wenn sein Onkel Euch wegen Chalandrey drängt.« Hoel starrte einen Augenblick verständnislos, dann brach er in ein lautes Gelächter aus. »Hat er das wirklich gesagt? Der Bursche hat Grips. Bei Gott, er verdient es, befördert zu werden.« Eline blieb noch drei Tage in Ploërmel, und obwohl der Hof sie deutlich spüren ließ, wie sehr man diese übereilte neue Verlobung mißbilligte, machte sie sich nur widerwillig auf den Heimweg nach Talensac. Die Mißbilligung des Hofes drückte sich immerhin zurückhaltend aus, und Alain war da; in Talensac empfand sie die kalte Ablehnung der Dienerschaft wie einen eisigen Wind, der das Blut in den Adern gefrieren ließ, und dort hatte sie niemanden, der sie beschützte. Sie hatte daran gedacht, bis zur Hochzeit nach Comper zurückzugehen, aber sie fürchtete sich davor. Es war eine zu tiefe Kluft zwischen dem glücklichen Mädchen, das sie dort gewesen war, und der verbitterten Frau, die sie jetzt war. Ihr Vater würde sie in einer Weise verhätscheln, die ihr heute kindisch und albern vorkommen mußte, und er würde ihr Vorschriften machen, als ob sie noch unter seiner Gewalt stünde. Sie würde die Geduld verlieren und aufbrausen und ihn dadurch verletzen und erzürnen. Es paßte ihm ohnehin nicht, daß sie Alain heiraten wollte. Sie könnte es nicht ertragen, wenn auch ihr liebevoller Vater mit ihr stritt. Es mußte also Talensac sein, trotz der Kälte der Dienerschaft und der mürrischen Verdrossenheit der Bauern. Zum mindesten, das gab ihr ein wenig Hoffnung, würde der Beauftragte des Herzogs dort sein; er sollte so lange bleiben, bis Alain kam, um sie zu heiraten. Es war ein Halbtagesritt von Ploërmel nach Talensac. Sie brach um die Mittagszeit auf; die Wintertage waren kurz, und sie kam erst nach Einbruch der Dunkelheit auf dem Gut an. Sie saß vor der Tür des Herrenhauses ab und schickte die Diener, die ihr das Geleit gegeben hatten, zu den Stallungen, um die Pferde zu versorgen. Die Haustür war verriegelt, sie klopfte ungeduldig. Niemand antwortete. Sie klopfte noch einmal, rief und trat mit dem Fuß gegen die Tür. Nachdem sie eine weitere Minute in der Kälte gewartet hatte, wurde der Riegel endlich zurückgeschoben. Kenmarcoc öffnete die Tür und starrte sie an. Er trat nicht beiseite, Eline mußte sich mit dem Ellbogen Platz schaffen, um vorbeizukommen. Verärgert wollte sie Kenmarcoc zur Rede stellen, aber die Worte erstarben ihr auf den Lippen. In der Halle, die von der roten Glut des Kaminfeuers und einer einzigen Kerze auf dem mittleren Tisch schwach beleuchtet war, sah es wüst aus. Berge von Wäsche waren in den Ecken gestapelt, Kästen und Truhen, wahllos aufeinandergesetzt, offen und halb entleert, im ganzen Raum verstreut. Die Binsen waren vom Fußboden entfernt worden, und der gestampfte Lehm war voller Furchen und Rillen vom Hin- und Herschieben der Möbel. Es stank nach Schmutz und nach verschüttetem Wein. Ein großer Krug stand auf dem Tisch, ein umgestürzter Becher lag daneben, und als Eline sich wutentbrannt zu Kenmarcoc umwandte, stellte sie fest, daß sein Atem nach Wein roch. »Was zum Teufel geht hier vor?« fragte sie. »Ich bin beim Weggehen«, antwortete Kenmarcoc. »Weggehen? Wo weggehen?« »Zu Hause. Hier. Ich weiß. Ihr würdet mich sowieso wegschicken, sobald Euer neuer Freund hier ankommt und jemanden findet, der nicht so widerborstig ist wie ich, und das warte ich nicht ab. Aber ich würde auch nicht bleiben, wenn Ihr mich darum bätet. Ich will nicht diesen Fougères-Kerl auf dem Platz des Machtiern sitzen sehen. Wir haben heute den ganzen Tag gepackt. Morgen früh werden wir die Halle säubern und aufräumen, bevor wir gehen.« »Ihr seid betrunken«, sagte Eline angewidert. »Wohin werdet Ihr gehen?« »Es gibt eine Menge Plätze«, erwiderte Kenmarcoc. »Ich bin ein guter Verwalter. Ich habe einen Brief vom Machtiern, darin steht es.« Er ging mit den steifen Schritten eines Mannes, der seinem Gleichgewicht nicht traut, hinüber zu einer der halb geleerten Truhen und suchte in einem Stoß Pergamentblätter herum. Einige fielen zu Boden. Kenmarcoc beachtete sie nicht und stöberte weiter, bis er das gesuchte Blatt gefunden hatte. Er schwenkte es über dem Kopf, dann stelzte er zurück, legte es vor der Kerze auf den Tisch und las triumphierend mit rauher Stimme: »Kenmarcoc, Sohn des Alfret, ist ein Mann, den ich sehr schätze, denn kein Gutsherr hatte je einen zuverlässigeren und ehrlicheren Verwalter. Jeder Mann, bei dem er um Dienst ansucht, sollte sich freuen, einen so loyalen Diener zu bekommen.« Kenmarcoc hielt Eline den Brief unter die Nase. »Seht Ihr? Es ist sein Siegel. Das ist es, was er gesagt hat. Er hat ihn mir seinerzeit gegeben, als er in einen Krieg zog – für den Fall, daß er nicht zurückkommen würde. Er hat an solche Dinge gedacht. Und er hat mir alle Betten der Familie gegeben und die Wäsche dazu und eine Truhe voll von Tischbestecken und Pfannen und fünf Ballen guten Wollstoff und mein Pferd und den braunen Maulesel. Wir haben es den ganzen Tag aussortiert; wir werden nichts mitnehmen, was uns nicht gehört.« Er setzte sich an den Tisch, stellte den Becher mit unsicheren Händen auf und schenkte sich aus dem Krug Wein nach. Eline starrte ihn wortlos an. Sie hatte am Vortag einen der Diener aus ihrem Geleit nach Talensac vorausgeschickt, um ihre Rückkehr anzukündigen – dies war offensichtlich das Ergebnis. Sie und Alain hatten tatsächlich beschlossen, einen neuen Verwalter für das Gut zu suchen, ihr Plan sah aber nicht vor, Kenmarcoc sofort zu entlassen, sondern ihm zuerst eine neue Stelle zu besorgen. Es war ihr peinlich, ihn in ihrem Haus zu haben – er war ein zu scharfsichtiger Zeuge –, doch sie hatte gehofft, ihn ohne zuviel Verbitterung und Groll loszuwerden. »Ich habe einen Karren gekauft«, sagte Kenmarcoc und trank einen großen Schluck Wein. »Wir gehen morgen.« Er nahm noch einen Schluck. »Es gibt keinen Grund, so plötzlich zu gehen«, sagte Eline steif. »Ich werde Euch gern vorher eine neue Stelle besorgen.« »Ich bleibe nicht unter einem Dach mit Euch«, erklärte er. Seine vom Trinken geröteten Augen starrten sie mit einem Ausdruck von Verachtung und Haß an. »Euretwegen ist der Machtiern fortgegangen. Der glänzendste Ritter in der ganzen Bretagne und der beste Herr. Ihr habt mit ihm gestritten und ihn aus dem Haus getrieben.« »Ihr habt kein Recht, so mit mir zu sprechen«, schrie Eline ihn an. Plötzlich zog sich ihr die Kehle zusammen, und ihre Augen schwammen in Tränen. Es war alles so verletzend, die höhnischen Bemerkungen und mißbilligenden Blicke am Hof und die unverhohlene Verbitterung und Ablehnung auf dem Gut. Euer wundervoller Machtiern ist ein Monster. Wenn Ihr ihn zurückhaben wollt, dann geht in den Wald und holt ihn euch. Diese Worte auch nur in Gedanken zu bilden ließ ihr die Kehle zu Eis gefrieren. »Ihr seid nur ein Diener!« keuchte sie. »Ich war seine Frau. Und ich habe ihn nicht aus dem Haus getrieben! Ich habe ihn angefleht, nicht zu gehen!« »Ich weiß, was Ihr getan habt!« zischte Kenmarcoc mit vor Haß erstickter Stimme. Auf seinem Gesicht lag ein Ausdruck so tückischer Bosheit, daß ihr übel wurde und sie einen Schritt zurückwich. »Ihr habt ihn bedrängt, Euch zu sagen, wohin er geht, wenn er allein auf die Jagd geht, und er liebte Euch so sehr, daß er es getan hat. Ihr habt ihn danach behandelt, als ob er Dreck wäre. Meine Tochter hat mir erzählt, wie es in Iffendic war. Mir ist es egal, was das Geheimnis war! Mich kümmert es nicht, ob er mit den Leuten von den Erdhügeln jagen ging oder irgendeine Dame von einer Quelle besuchte. Ein seelenloses Geschöpf von den Hügeln würde ihm eine bessere Frau gewesen sein, als Ihr es wart!« »Ihr könnt nicht so mit mir sprechen!« kreischte Eline. Eine Tür öffnete sich quietschend oben im Treppenhaus; Grallon, der Beauftragte des Herzogs, erschien auf dem Treppenabsatz und blickte verwirrt in die Halle hinunter. »Ich kann sagen, was ich will, jetzt, wo ich gehe!« brüllte Kenmarcoc zurück. »Vierundzwanzig Jahre habe ich in Talensac gelebt und gearbeitet. Den besten Teil meines Lebens! Aber ich bleibe nicht, nicht jetzt.« Er fing an zu weinen. »Ich bleibe nicht hier, um zu sehen, wie dieser prahlende Minnesänger, dieser Lautenschläger, den Platz meines Herrn Tiarnán einnimmt.« Eline stampfte hilflos mit dem Fuß auf. »Aufhören!« kreischte sie. »Hört sofort auf, so mit mir zu sprechen, oder ich lasse Euch dafür bestrafen.« Kenmarcoc starrte Eline haßerfüllt an, das Gesicht rot vom Trinken und feucht von Tränen. »Hure!« rief er verbittert aus. »Ihr wart es nicht wert, daß er seine Stiefel an Euch abputzte.« Eline brach in Tränen aus und schlug ihn ins Gesicht. Er grunzte, war aber zu betrunken aufzustehen. Draußen waren Schritte zu hören; Eline war erleichtert, offenbar kamen ihre Begleiter von den Ställen zurück. »Nehmt Kenmarcoc und legt ihn in den Stock!« rief sie den Eintretenden zu. Die drei Diener, die sie als Geleit zum Hof begleitet hatten, starrten Kenmarcoc bestürzt an. Der Beauftragte des Herzogs kam eilends die Treppe herunter. »Dame Eline!« rief er. »Ich wußte nicht, daß Ihr zurückgekommen seid.« »Kenmarcoc ist betrunken«, schluchzte sie, während sie sich zu ihm umwandte. »Ich sagte ihm, er solle aufhören, mich zu beschimpfen. Er nannte mich eine Hure. Laßt ihn in den Stock legen!« Grallon öffnete den Mund, schloß ihn wieder. Er nickte den Dienern zu. Sie rührten sich nicht, starrten Kenmarcoc an, der betrunken zurückglotzte. »Er hat Eure Herrin mit großer Respektlosigkeit behandelt«, sagte Grallon zu ihnen. »Ich habe es gehört. Legt ihn in den Stock.« »Ich lege Kenmarcoc nicht in den Stock«, widersetzte sich der Zimmermann Mailon, einer der drei Diener. Er drehte sich um und ging zurück zur Tür. Am nächsten Tag war er im Haus seiner Mutter im Dorf und bereitete sich darauf vor, gemeinsam mit seinem Bruder auf den Feldern zu arbeiten. Er würde, sagte er, nicht mehr für Dame Eline arbeiten. Yann Ruz und Donoal, die beiden anderen Diener, solide, verantwortungsbewußte Stallburschen, die Tiarnán zum Dienst im Herrenhaus hatte ausbilden lassen, sahen sich unschlüssig an. »Soll sie mich in den Stock legen lassen!« brüllte Kenmarcoc und taumelte auf die Füße. »Soll das ganze Dorf mich im Stock sehen! Laßt alle wissen, was sie zu erwarten haben, jetzt, wo der Machtiern fortgegangen ist. Ich bin in Sicherheit, ich verlasse Talensac morgen. Ihr anderen seid es, die sich Sorgen machen müssen!« Yann Ruz faßte seinen Arm, um ihn zu stützen. Kenmarcoc nahm den Krug Wein und torkelte mit Hilfe Yanns zur Tür. Donoal sah nervös zu Grallon hinüber, dann ging er zu einer der Truhen, nahm einen Armvoll dicke Decken heraus und folgte ihnen. Eline stand in der Mitte der halbdunklen Halle und weinte trostlos. Sie, die doch immer so freundlich und gütig gewesen war, hatte sich dazu hinreißen lassen, einen Menschen in den Stock legen zu lassen, und das mitten im Winter. Grallon sah sie mitleidig an. »Ihr solltet Euch ausruhen, Dame Eline«, sagte er. »Nehmt Euch nicht zu Herzen, was er gesagt hat; er ist betrunken.« »Nein«, sagte sie und ging, immer noch weinend, nach ihm die Treppe hinauf und begab sich in ihr Zimmer. Donoal und Yann Ruz legten Kenmarcoc sehr vorsichtig in den Stock, wickelten ein paar Decken um ihn, machten ein gutes Feuer mit Holz, das sie aus dem Pförtnerhaus holten, und setzten sich zu ihm, um den Krug Wein gemeinsam mit ihm zu leeren. Im Dorf schlief alles, aber nach einiger Zeit kamen Justin und Rinan die Straße hoch, nicht ganz sicher auf den Beinen nach einem ausgedehnten Trinkgelage in der Bierschenke an der Straße nach Rennes. Sie brüllten vor Vergnügen, als sie sahen, daß der Stock belegt war; es war eine angenehme Aussicht, zum Abschluß ihrer Sauftour irgendeinen Freund oder Feind kräftig anpissen zu können. Als sie näher kamen und sahen, wer da im Stock lag, blieben sie wie gelähmt stehen. Kenmarcoc hatte Justin bei zahllosen Gelegenheiten in den Stock gelegt, und Rinan auch etliche Male; der plötzliche Sturz des Verwalters rief bei ihnen jedoch eher Schock und tiefes Unbehagen hervor als Triumph. Justin gefiel sich außerordentlich in seiner Rolle als der ›böse Mann des Dorfes‹, eine ständige Bedrohung der guten Ordnung und der Tugend anständiger Frauen. Doch wenn die gute Ordnung an Händen und Füßen gebunden in eine kalte Winternacht hinausgestoßen wurde, was würde dann aus Justin werden? »Was ist hier passiert?« fragte er ängstlich. Es war Donoal, der antwortete: »Er hat die Herrin eine Hure genannt.« Kenmarcocs Wut hatte Zeit gehabt, sich abzukühlen. Mit schwerer Zunge wiederholte er noch einmal, daß Eline eine Hure sei, aber dann fing er an, über den bevorstehenden Abschied von Talensac zu jammern. »Vierundzwanzig Jahre habe ich hier gelebt«, klagte er. »Vierundzwanzig Jahre, o Gott! Und meine Kinder sind alle in diesem Haus geboren. Und auf diese Weise wegzugehen!« Justin war erschüttert. Er hatte gehört, daß Eline wieder heiraten würde – die Nachricht, die der vorausgeschickte Diener am Vortag mitgebracht hatte, hatte sich wie ein Lauffeuer durch das ganze Dorf verbreitet –, und wie alle Dorfbewohner war er entsetzt gewesen. Sie haßten Eline, aber sie war wenigstens nicht stark genug, eine wirkliche Bedrohung zu sein, und sie kannten den Ort, woher sie kam. Comper lag in Reichweite von Talensac. Es war vielleicht ›kein sehr feiner Platz‹, aber er war ein Teil derselben Welt. Fougères lag in einem anderen Land, wo man eine andere Sprache sprach. Wie konnte ein Fremder Talensac verstehen? Und wie würde dieser fremde Ritter, Sohn eines mächtigen Herrn, mit den Bauern umgehen, die so widerstrebend unter seine Gewalt gekommen waren? Der einzige Trost, den Justin hatte finden können, war gewesen, daß Kenmarcoc zwischen ihnen und dem neuen Mann stand. Jetzt ging Kenmarcoc fort. Der betrunkene Justin kniete vor Kenmarcoc nieder. »Onkel!« sagte er, von Selbstmitleid überwältigt, mit weinerlicher Stimme. »Geh nicht, bitte! Wir haben den Machtiern verloren, verlaß du uns nicht auch.« »Ich muß, ich muß«, jammerte Kenmarcoc. »Wenn ich nicht gehe, wird man mich fortschicken, und zwar schon bald. Ich will nicht, daß die Hure und ihr Liebhaber mich entlassen.« Daraufhin begann Justin zu fluchen, und Donoal und Yann Ruz und Rinan taten es ihm nach. Die anständigen Diener des Gutshauses und die übelsten Subjekte des Dorfes, gemeinsam um den Stock versammelt, weinten über die verlorene Vergangenheit und verfluchten die schrecklichen Aussichten der Zukunft. Kenmarcoc wurde am nächsten Morgen aus dem Stock befreit, so früh, daß die Dorfbewohner nicht länger als unbedingt nötig durch seinen Anblick verletzt und gereizt wurden. Er kehrte blaß und wortlos in das Gutshaus zurück und half seiner Frau und den Kindern, das Packen zu Ende zu bringen. Es wurde Nachmittag, bis ihre ganze Habe auf dem Karren verladen und sicher befestigt war. Lanthildis und die älteren Kinder weinten, als sie zu Fuß hinter dem Karren hergingen, die jüngeren Kinder auf dem Karren heulten zum Erbarmen. Eline hörte sie in ihrem Zimmer, das sie den ganzen Tag nicht verlassen hatte, und sie kam erst heraus, als das Klagen sich in der Ferne verlor. Als sie herunterkam, sah sie, daß die Halle sauber gefegt war und ein Viertel des Mobiliars fehlte. Grallon stand in der geöffneten Tür und schaute mit seltsam besorgtem Gesichtsausdruck in die graue, trübe Nachmittagslandschaft hinaus. Sie ging auf den Beamten zu, der jäh zusammenfuhr und sich zu ihr umwandte. »Ich hätte Kenmarcoc eine andere Stelle besorgt, wenn er mir dazu Gelegenheit gegeben hätte«, sagte Eline bitter. Grallon enthielt sich eines Kommentars. »Er wird selbst ohne viel Mühe eine Stellung finden«, sagte er. »Er beabsichtigt, an den Hof zu gehen. Er hat ursprünglich für die herzogliche Kanzlei gearbeitet, wißt Ihr. Und er hat einen Empfehlungsbrief, der ihm die meisten Türen öffnet. Ich bin sicher, daß der Herzog Arbeit für ihn finden wird.« Er zögerte ein wenig, dann fuhr er fort: »Kenmarcoc sagte, daß letzte Nacht ein Wolf im Dorf war.« Eline spürte, wie sich ihr der Magen zusammenkrampfte. »Ein Wolf?« flüsterte sie. »Ja. Er sagte es mir unmittelbar vor seinem Fortgehen. Als der Mond unterging, kam ein Wolf bis auf den Dorfplatz. Kenmarcoc dachte zuerst, es wäre ein Hund, aber er kam nahe an ihn heran, und da erkannte er, daß es ein Wolf war. Kenmarcoc schrie um Hilfe, und der Wolf lief weg. Die Diener, die Kenmarcoc in den Stock geschlossen hatten, und einige Dorfleute waren bei ihm geblieben. Sie wachten auf, als er schrie; sie sahen den Wolf auch.« Grallon sah Eline fragend an. »Ich habe nie gehört, daß ein Wolf jemals direkt ins Dorf gekommen ist«, sagte sie. Ihr war übel, und sie fürchtete, ohnmächtig zu werden. »Nein«, sagte Grallon. »Auch Kenmarcoc nicht. Er hielt es für ein böses Omen.« Er bekreuzigte sich. »Hoffentlich bedeutet es nicht einen harten Winter und Hungersnot.« Die Phantasie gaukelte Eline vor, daß der Wolf die schmale Dorfstraße heraufkam, die Augen funkelten grün, Geifer lief aus dem weit aufgerissenen Rachen. Er war auf dem Weg zu ihr, daran gab es keinen Zweifel. Konnte er in den Hof des Gutshauses eindringen? Sie schauderte. Sie dachte an Alain und daß noch eine lange Zeit bis Weihnachten war. »Wir sollten Wolfsfallen aufstellen«, sagte sie. Grallon nickte. »Ich werde es noch heute veranlassen«, sagte er. Die Aussicht beruhigte ihn, sie machte den Wolf weniger ominös, irgendwie gewöhnlicher. Er hatte gehört, daß Wölfe, die außerhalb des Rudels lebten, besonders gefährlich seien. Es hieß, wenn der Leitwolf eines Rudels von einem jüngeren Tier verdrängt wurde, verlor er in seiner Raserei alle Vorsicht und holte sich Schafe aus dem Pferch oder raubte sogar Kinder aus Wagen, die unbeaufsichtigt im Garten standen. »Wir werden die Fallen so lange aufstellen, bis wir die Bestie gefangen haben«, sagte er. »Es wird auch den Bauern Auftrieb geben, einen Wolf zu töten.« Das, dachte er, war wirklich nötig; eine so mürrische und trübselige Gesellschaft wie die Leute dieses Dorfes hatte er selten gesehen. Ein grausiges Bild erschien plötzlich vor Elines Augen: Dem von den Bauern gefangenen und getöteten Wolf wird das Fell abgezogen, und Tiarnáns Körper kommt zum Vorschein. Sie preßte die Hand gegen den Mund, um die Übelkeit, die sie würgte, zurückzudrängen. Tiarnán hatte das, was ihn zum Menschen machte, unter dem Stein zurückgelassen, sagte ihr der Verstand; er würde auch nicht in einen Menschen zurückverwandelt werden, wenn er tot war. Das war unmöglich. Und der Wolf konnte auch nicht in das Gutshaus gelangen. Die Palisade war hoch und hatte gute, tiefe Fundamente, und das Tor am Pförtnerhaus war wie die Haustür bei Nacht verschlossen. »Ist Euch nicht gut, Dame Eline?« fragte Grallon. »Ich habe Angst vor Wölfen«, flüsterte Eline. »Seid unbesorgt, wir werden ihn fangen.« Seine eigenen Befürchtungen waren inzwischen vergessen. »Ich werde zusätzlich von den Bauern eine Fallgrube ausheben und mit Ködern versehen lassen. Sie alle hassen Wölfe, sie werden das mit Begeisterung tun. Es ist eigentlich ein Glücksfall, daß die Bestie aufgetaucht ist, Dame Eline; sie werden ihre Sorgen über der Aufregung, einen Wolf zu fangen und zu töten, vergessen.« »Ich bin … ich bin froh darüber«, flüsterte Eline. »Sagt ihnen, daß ich dem Mann, der ihn tötet, eine Belohnung zahlen werde. Ich … ich fühle mich nicht wohl, ich werde mich hinlegen. Laßt Driken mir etwas zu essen auf mein Zimmer bringen.« »Driken ist mit ihrem Vater gegangen.« Eline biß sich auf die Lippen; sie hatte das völlig vergessen. Um Driken war es nicht schade, aber sie konnte den Gedanken nicht ertragen, sich ein anderes Mädchen aus dem Dorf suchen zu müssen. Der Abscheu vor den mürrischen Blicken der Dorfleute verschmolz plötzlich mit der Furcht vor dem herumschleichenden Wolf. Nein, sie konnte nicht in Talensac bleiben, jetzt nicht mehr. Sie würde heimgehen nach Comper, mochte ihr Vater denken, was er wollte. Zur Weihnachtszeit würde sie dann nach Fougères reiten und dort Alain heiraten. Sie haßte Talensac. Sie konnte hier nicht leben, nicht ohne Alain. Durch ihre verworrenen Gedanken drang plötzlich Judicaëls Stimme: Alles, was Ihr durch Eure Lügen bekommt, wird sich Euch in Bitterkeit verkehren, und die Angst, die aus der bösen Tat entspringt, wird alles vergiften, was Ihr anrührt. Aber sie redete sich ein, alles würde sich wieder zum Guten wenden, wenn sie erst mit Alain verheiratet war. 10. KAPITEL Der Wolf verließ vorsichtig den Wald, blieb stehen und witterte. Er war noch ein paar Meilen vom Dorf Talensac entfernt, aber das offene, nur wenig Deckung bietende Ackerland war ihm nicht geheuer, selbst jetzt bei der Nacht nicht. Der Geruch von Holzrauch, Menschenkot und Abfällen menschlicher Behausungen, den der Wind mit sich führte, alarmierte seine Instinkte. Diese Instinkte waren stark, sie bestimmten fast alles, was er tat. Das menschliche Ich, das sie überdeckten, versuchte jetzt, sich gegen sie durchzusetzen, doch das war ein harter, durch die eigene Verwirrung dieses Ich zusätzlich erschwerter Kampf. Benommen, wie betrunken, tappte es in einer Welt fremder Empfindungen und Begierden umher. Denken fiel schwer, Wörter enthüllten ihren Sinn nur langsam. Bilder und Erinnerungen stellten sich leichter ein, aber auch sie waren verwirrend. Es war schwer, die erinnerte Welt mit der Welt in Einklang zu bringen, wie sie sich ihm jetzt darstellte. Geräusche und Gerüche waren anders; farbige Erinnerungen verwirrten Augen, die nur Bilder in Grau sahen. Beunruhigt über den Geruch, den der Wind herübertrug, blickte der Wolf ängstlich winselnd auf den schützenden Wald zurück. Dann jagte er mit gesenktem Kopf über eine Ecke des Feldes auf einen Grenzgraben zu. Der Graben war besser, er roch nach feuchten, verrottenden Blättern und Pflanzen mit einer Spur Kaninchen. Die Instinkte des Wolfs erzwangen eine Pause, um dem Kaninchengeruch zu folgen, und das Ich hatte Mühe, ihn zurückzuholen. Der Hunger war nicht so heftig, nicht so schmerzhaft wie das quälende Gefühl des Verlustes und das Bedürfnis heimzukehren. Der Wolf lief schnell den Graben entlang, platschte durch einen Bach und fand einen anderen Graben, der ihn weiterbrachte. Ungefähr eine Meile vor dem Dorf traf er auf die Mühle. Er lief im weiten Bogen auf der windabgekehrten Seite an ihr vorbei, dann schlich er langsam zurück und auf sie zu; der Widerstreit zwischen der Entscheidung des Ich, sich der Mühle zu nähern, und dem Instinkt wegzulaufen, war so stark, daß er am ganzen Leib zitterte. Der strenge, stickige Geruch des Mehls traf seine Nase zuerst, dann kamen die Gerüche von Schweinen, Kühen und Rauch, von Menschen und Hunden. Dann folgte ein Geräusch: Stimmen. Sie erschreckten ihn, aber er schlich noch näher heran. Dann duckte er sich und horchte. Es war schwierig, den Sinn der aus dem Mühlhaus herüber dringenden Worte zu erfassen; dem Wolf klangen Laute der menschlichen Sprache anders, als sie in der Erinnerung des Ich aufbewahrt waren. Jetzt drehte sich der Wind leicht, ein Hund im Haus nahm den Wolfsgeruch auf und begann laut zu bellen. »Was … Junge …?« erfaßte der Wolf von dem, was eine schrille Stimme rief. Der Hund bellte wütender. »Ist … Wolf?« rief die Stimme. Eine Tür öffnete sich, und ein Hund schoß heraus, blieb abrupt stehen, knurrte grollend und bellte dann wie verrückt. Ein Mann kam heraus, er hielt ein Feuerholz als Fackel in der Hand. Die Gegenwart des Mannes machte den Hund mutiger; er lief zwei Schritte auf den Wolf zu und sprang mit rasendem Gebell auf und ab. Der Wolf knurrte drohend zurück, und der Mann sah ihn. »… Wolf!« schrie er gellend. »… Wolf!« Er schwang seine Fackel durch die Luft, so daß das Feuer aufflammte. Das heiße Prasseln erschreckte den Wolf, er rannte davon. Weder der Mann noch der Hund folgten ihm, aber er konnte jetzt weitere Stimmen aus dem Haus rufen hören. Er sprang in den Bach unterhalb des Mühlteichs und lief ein kurzes Stück in ihm weiter, dann kletterte er am selben Ufer heraus, lief stromabwärts, machte kehrt und lief in seiner Spur zurück, ging wieder ins Wasser, lief ein paar Schritte stromaufwärts und kletterte am anderen Ufer heraus. Er schüttelte sich und kroch unter einen Busch. Es gab immer noch keine Anzeichen für eine Verfolgung. Er legte den Kopf auf die Pfoten und mühte sich wieder ab, den Sinn dessen, was er gehört hatte, zu begreifen. Der Mann hatte »Der Wolf!« gerufen, aber er hatte auch schon vorher, im Haus, das Wort ›Wolf‹ gesagt. »Ist es der Wolf?« hatte er den Hund gefragt. Die Menschen in der Mühle wußten, daß er schon früher hier gewesen war. Sie erwarteten ihn. Und sie würden ihn ohne Zögern angreifen. Gefahr! schrien seine Instinkte. Lauf! Aber die Erinnerung des Ich an Elines von dem blauen Seidenschleier eingerahmtes Gesicht, an ihr betörendes Lächeln war übermächtig, das Verlangen, über die Erinnerung zu weinen, unerträglich quälend – aber Tränen waren dem Wolf versagt. Gewiß, wenn sie ihn sehen konnte, wenn sie begriff, was sie ihm angetan hatte – sie würde Mitleid mit ihm haben und zurückgeben, was sie ihm gestohlen hatte. Sie hatte ihn geliebt. Es gab keinen Zweifel, daß sie ihn geliebt hatte. Auch wenn sie jetzt unbedingt von ihm frei sein wollte – es konnte doch nicht ihre Absicht sein, ihn für alle Zeit seiner menschlichen Existenz zu berauben? Er schlüpfte nach hinten aus dem Busch heraus, lief am Ufer entlang und fand einen anderen Grenzgraben, der auf das Dorf zuführte. Er war nervös und setzte seinen Weg zögernd und mit großer Vorsicht fort, so daß er die erste Wolfsfalle rechtzeitig bemerkte. Sie lag auf dem schmalen Weg, der von den Feldern zu der morastigen Dorfstraße führte. Sie sah aus wie ein gewöhnliches, mit feuchten Blättern und Mist bedecktes Brett. Beinahe wäre er darüber gelaufen – aber er war mißtrauisch und blieb stehen. Jetzt bemerkte er die drei kleinen, flachen Erhebungen auf dem Brett, und dieses Muster verknüpfte sich plötzlich mit einem Bild. Eine schmale Holzkiste, zum Teil in die Erde eingegraben, auf dem Deckel drei kleine Falltüren, die bei Druck nachgaben. Innen waren neben den Türen nach unten gebogene Eisenspitzen angebracht, die jeden eingedrungenen Fuß festhielten und sich bei dem Versuch, ihn zu befreien, in ihn hineinbohrten und ihn aufrissen. Eine Erinnerung tauchte auf, wie der Zimmermann Mailon eine solche Falle baute. Er lief zurück und versuchte, auf einem anderen Weg ins Dorf zu kommen, aber jeder Zugang, selbst der kleinste Pfad, war für ihn präpariert. Schließlich war er gezwungen, auf der Straße in das Dorf einzudringen. Der Wind kam von der Seite. In einem Haus bellte ein Hund, als er vorbeikam. Angst sträubte ihm die Nackenhaare, und er lief jetzt schnell, beobachtete dabei dennoch genau den Boden. Seine Nase fing einen neuen Geruch auf: frisches Fleisch. Der Kopf eines kürzlich geschlachteten Schweins, von dem Blut tropfte, hing von einem Baumast herab. Er blieb stehen, starrte ihn hungrig an. Jetzt erwachte eine andere Erinnerung: eine mit Zweigen abgedeckte Grube, über der ein Köder hing. Und in der Tat sah er auf dem Boden direkt unter dem Schweinekopf Zweige liegen. Das Herz hämmerte in seiner Brust, als er seitlich vorbeilief und auf den Vorplatz der Kirche kam. Erleichtert stellte der Wolf fest, daß diese Nacht der Stock leer war. In der vorigen Nacht hatte er ein paar Minuten gebraucht, um Kenmarcoc zu erkennen und zu begreifen, daß dieser im Stock lag. Dann hatte dessen Schreckensschrei ihn verjagt, bevor er sein Ziel erreicht hatte. Heute lief er weiter, durch den Bach und den Hügel hinauf auf das Gutshaus zu. Ein zweiter Hund hatte angefangen zu bellen. Er mußte sich beeilen. Über den trockenen Graben außerhalb des Tors führte eine Brücke. Seine Instinkte schlugen Alarm, er blieb abrupt vor ihr stehen. Er kämpfte mit sich, zwang sich, den Fuß aufzusetzen, dann jagte er hinüber – und prallte fast gegen das geschlossene Tor. Er legte die Ohren zurück und duckte sich vor das Tor. Es war alles vergeblich gewesen. Er war der Erinnerung gefolgt, wie er von seinen Ausflügen nach Talensac zurückkehrte, und das hatte ihn irregeführt. Das Tor, das sich dem Menschen bereitwillig geöffnet hatte, war dem Wolf verschlossen. Er konnte nicht hineinkommen. Er war hier nicht einmal im Windschatten des Hauses. Im selben Augenblick schlugen die Hunde an. Die Jagdhunde, die ihm einst gehört hatten, lechzten jetzt nach seinem Blut. Rufe waren aus dem Pförtnerhaus neben dem Tor zu hören. ›Wolf‹, verstand er wieder, und einige andere Wörter: ›fangen‹ und ›Dame‹ und ›Belohnung‹. Fangt den Wolf, und die Dame zahlt euch eine Belohnung. Erbarmen, schrie sein Herz verzweifelt. Hab Erbarmen, Eline. O Gott. Aber er begriff, daß es kein Erbarmen für ihn geben würde. Es war nicht genug, ihm sein Haus zu nehmen, seine Ländereien, seine menschliche Existenz – sie wollte auch seinen Tod. Der Schmerz war so heftig, daß er wie gelähmt war. Die Leute, die im Pförtnerhaus gesprochen hatten, würden bald herauskommen, das wußte er. Und sie würden diese bellende Meute in den Zwingern hinter der Mauer auf ihn loslassen. Er hatte Erinnerungen an Hunde: wie sie hinter einer Beute herjagten, sie niederrissen, sie mit kräftigen Zähnen zerfleischten. Er machte kehrt und lief über die Brücke zurück, raste mit dem Wind den Hügel hinab und lief verzweifelt auf den schützenden Wald zu. Das Gebell der Jagdmeute in der Nacht weckte Eline, sie lag danach noch lange wach. Sie stellte sich vor, wie der Wolf hinter der Einfriedung des Gutshauses herumschlich. Er wartete auf sie, das war sicher. In ihrer Phantasie war er groß wie ein Pferd, schwarz, mit glühenden Augen, von wütendem Haß getrieben. Er wartete auf sie, um sie zu töten. Sie weinte vor Elend und Entsetzen. Wenn der Wolf doch endlich tot wäre! Wenn doch endlich die befreiende Nachricht käme, daß die Bauern ihn gefangen und getötet hatten! Aber dann kam die Angst, was weiter geschehen könnte. Die Vorstellung von der unter dem Wolfspelz verborgenen Leiche Tiarnáns ließ sich nicht abschütteln. Wie würden die Dorfleute reagieren, wenn sie entdeckten, was sie getan hatte? Würde die mürrische Verachtung auf ihren Gesichtern in bestialische Wut umschlagen? Wenn sie wußten, was Tiarnán war, würden sie doch einsehen müssen, daß sie richtig gehandelt hatte. Doch Elines Herz war nicht überzeugt. Mir ist es egal, was das Geheimnis war, hatte Kenmarcoc gesagt. Ihr wart es nicht wert, daß er seine Stiefel an Euch abputzte. Am Morgen, als sie erfuhr, daß die Fallen leer geblieben waren, wußte sie nicht, sollte sie enttäuscht oder erleichtert sein. Am selben Tag noch brach sie nach Comper auf. Aus Angst vor dem Wolf nahm sie eine Eskorte von vier mit Bogen bewaffneten Dienern mit. Sie blieb dort bis zum letzten Sonntag im Advent. Die Auseinandersetzung mit ihrem Vater verlief genau so, wie sie es vorhergesehen hatte, und schmerzte auch so sehr, wie sie erwartet hatte – aber wenigstens gab es in Comper keine Wölfe. In der Woche vor Weihnachten schien die lange Nacht des Elends endlich weichen zu wollen. Sie ritt mit ihrer Eskorte nach Fougères, und ihr Vater lenkte so weit ein, daß er mitkam. Juhel des Fougères empfing sie beide sehr freundlich. Er war durchaus gewillt zu vergessen, daß er Eline einmal eine ›aufgetakelte weißhaarige Schlampe von Kind‹ genannt hatte, jetzt, wo sie seinem jüngeren Sohn Land brachte – ›ein sehr hübsches Gut übrigens, mit einem der besten Jagdreviere in der Bretagne‹. Dieser warme Empfang durch den mächtigen Burgherrn von Fougères taute den Rest von Hervés Verstimmung weg. Alain begrüßte Eline mit so zärtlicher Freude, daß ihr Tränen in die Augen traten. Fougères war ein sehr eindrucksvoller Besitz, viel größer und schöner als Comper oder Talensac. Es war eine aus Stein erbaute Burg in der Bretonischen Mark, die dazugehörigen Ländereien erstreckten sich über ein Gebiet von vierzig Quadratmeilen. Auf Fougères wurden Weihnachten und Hochzeit mit einem Prunk gefeiert, der sich mit dem des herzoglichen Hofes durchaus messen konnte. Sie persönlich, dachte Eline während der Feierlichkeiten am Weihnachtstag, würde Fougères sogar dem Hof vorziehen. Dort war ihre Hochzeitsfeier nur eins von vielen Festen gewesen, während diese Feier in Fougères ein einmaliges Ereignis war. Und hier heiratete sie ihre wahre Liebe – und brachte ihm als Mitgift nicht nur die paar Morgen Land, die sie Tiarnán gebracht hatte, sondern das ganze Talensac. Sie saßen beim weihnachtlichen Festmahl – die Diener trugen gerade Wildschweinkopf und Markpastete auf –, und sie blickte über den Tisch zu Alain hinüber. Er sah unglaublich gut aus: das goldene Haar, die blauen Augen, die breiten Schultern, die in dem neuen Obergewand aus karmesinrotem, mit Luchspelz besetztem Samt besonders gut zur Geltung kamen. Ein Schauer der Erregung überlief sie, und sie stellte ihren Fuß unter dem Tisch auf seinen. Lächelnd küßte er ihr die Hand. Ritter Juhel bemerkte den Handkuß und lachte. »Weihnachten ist eine bessere Zeit zum Heiraten als Mittsommer, Dame Eline, habe ich recht?« scherzte er. »Das letzte, was frischgebackene Eheleute wünschen, ist eine kurze Nacht.« Eline warf einen unglücklichen Blick zu ihm hinüber. Das letzte, was sie wünschte, war, an ihre erste Hochzeit erinnert zu werden. Aber Alain küßte ihr noch einmal die Hand. »Jede Nacht mit dir würde zu kurz sein«, flüsterte er. Als diese lange Nacht jedoch kaum begonnen hatte, erinnerte sie sich an die Mittsommernacht und an Tiarnáns Zärtlichkeit. Der Mensch, der sie damals gewesen war, erschien ihr heute so fern, daß sie das Gefühl hatte, dies müsse einer anderen Person geschehen sein; für einen Augenblick vergaß sie, was Tiarnán war, dachte sie nur an das süße Entzücken, in dem sie ihre Jungfräulichkeit verloren hatte. Dann aber kam die Erinnerung zurück, und sie war befleckt mit Ekel und Abscheu. Eline erstarrte in den Armen ihres neuen Gatten. Es dauerte lange, ehe Alains Liebkosungen sie aus der Erstarrung lösen konnten. Alain wollte möglichst rasch nach Talensac aufbrechen, Eline zögerte. Sie sprachen darüber am Morgen des Festes der Unschuldigen Kinder, während sie sich ankleideten. »Ich habe das Gut noch nicht einmal gesehen«, sagte Alain. »Und es gehört mir jetzt. Ich möchte es möglichst bald überprüfen und werde dann sofort damit beginnen, es in Ordnung zu bringen.« »Es ist in Ordnung«, protestierte Eline. »Und Grallon, der Beauftragte des Herzogs, ist noch dort und sammelt das Lehngeld ein.« Alain verzog das Gesicht. Das ›Lehngeld‹ war die Summe, die der neue Herr eines Lehnsgutes seinem Lehnsherrn bei der Übernahme zu zahlen hatte. Es belief sich gewöhnlich auf ein Jahreseinkommen aus dem Gut. Ein Lehnsherr, der dringend Geld benötigte, verlangte vielleicht mehr, und ein schlechter Lehnsherr zögerte wohl die Entgegennahme des Lehnseides immer wieder hinaus und plünderte das Gut aus, solange es unter seiner Kontrolle war. Hoel war ein guter Lehnsherr, und Grallon achtete sorgfältig darauf, nicht mehr einzusammeln, als was üblicherweise geschuldet war. Tiarnán hatte immer eine ausreichende Reserve in seiner Geldtruhe gehalten, und wenn sie durch die Hochzeit und die großen Reparaturen der letzten Zeit auch etwas zusammengeschmolzen war, so war doch genügend übriggeblieben, um den größten Teil des Lehngeldes daraus zu bezahlen. Grallon brauchte für den Rest nur die Abgaben für das Weihnachtsquartal einzusammeln. Aber auch das schien Alain eine sehr große Summe zu sein. Er hatte bisher nie eigenes Geld besessen, sein Vater hatte ihm lediglich einen Zuschuß für den standesgemäßen Unterhalt gewährt – und nie ein Hehl daraus gemacht, daß er die Art, wie Alain darüber verfügte, mißbilligte. »Glaubst du«, sagte Alain, »daß der Herzog bereit sein würde, das Lehngeld herabzusetzen, wenn …« »Alain!« fiel sie ihm alarmiert ins Wort. »Herzog Hoel hätte sich weigern können, mich als Erbin anzuerkennen; er wäre durchaus berechtigt gewesen, das Lehen jemand anderem zu geben. Daß ich es behalten durfte, verdanke ich nur der Tatsache, daß er Tiarnán so sehr schätzte. Und jetzt ist er auch noch über uns verärgert, weil wir so bald geheiratet haben. Wir können ihn nicht bitten, das Lehngeld herabzusetzen.« Enttäuscht ließ Alain das Thema fallen. »Na schön. Also kein Geld aus dem Gut bis nach Ostern. Gott sei Dank habe ich noch fünfzehn Mark von dem, was ich geliehen habe; das wird uns bis dahin reichen.« »Geliehen?« fragte Eline überrascht. Dann biß sie sich auf die Zunge. Natürlich, sie würden einiges an barem Geld benötigen, um das Haus nach ihren Vorstellungen einzurichten. Unverständlich, daß sie daran nicht gedacht hatte. Aber fünfzehn Mark, das war eine Menge Geld. »Ich habe fünfzig Mark Silber von einem Juden in Nantes geborgt«, sagte Alain lässig. »Er hat sie mir aufgrund der Ertragskraft des Gutes Talensac anstandslos geliehen. Aber er verlangt ruinöse Wucherzinsen, und ich hatte gehofft, ihm die Summe dieses Jahr zurückzahlen zu können. Macht nichts, nächstes Jahr reicht auch.« Eline starrte ihn ungläubig an. Sie konnte nicht lesen, und sie war nicht gut im Rechnen, aber sie wußte, daß fünfzig Mark Silber mehr Geld waren, als Talensac in einem Jahr einbrachte. Fünfzig Mark waren – zwei Jahreseinkünfte des Gutes? Mehr als zwei? Und auf diese enorme Summe waren Zinsen zu zahlen. Sehr hohe Zinsen. »Aber …«, stammelte sie ratlos, »aber … warum mußtest du so viel Geld borgen?« Alain grinste. Er ging zu seiner Kleidertruhe und holte von ganz unten ein kleines Kästchen aus poliertem Rosenholz hervor. Er trug es zum Bett hinüber, setzte sich neben Eline und legte es ihr in den Schoß. »Öffne es!« Atemlos öffnete sie das Kästchen. Es war mit weißer Seide ausgeschlagen, und auf der Seide lag ein Halsband: ein großer Saphir an einer mit Perlen verzierten Silberkette. »Oh, Alain!« flüsterte Eline und hob das Halsband vorsichtig aus dem Kästchen. »O wie schön! Es ist das Schönste, was ich jemals gesehen habe!« Alain nahm es ihr sanft aus den Händen, legte es um ihren Hals und verschloß die Kette. Der Saphir leuchtete gegen ihr himmelblaues Kleid, aber noch intensiver und noch strahlender leuchteten ihre Augen. »Du bist das Schönste, was ich jemals gesehen habe«, flüsterte er. Er legte den Stein zurecht, dann glitt seine Hand auf ihre Brust. »Ich wollte dir ein Geschenk machen, das deiner wert ist.« »Oh, Liebster!« Sie schlang die Arme um seinen Hals und küßte ihn. »Oh, ich bete dich an!« Kein Wort mehr wurde über die Schuld von fünfzig Mark verloren, auch später nicht, als sich herausstellte, daß das Halsband nur sechs Mark gekostet hatte und Alain die restlichen neunundzwanzig Mark für ein neues Streitroß, einen Zelter für Eline, einen Geierfalken, sein neues rotes Samtgewand und ein Sortiment von Weinen zur Bestückung seines neuen Kellers ausgegeben hatte. Wie konnte sie sich über irgend etwas beklagen, was er tat, wenn er sie so sehr liebte? Sie willigte auch ein, zum neuen Jahr nach Talensac zurückzukehren. Alain fand einen Verwalter als Ersatz für Kenmarcoc, und am dreißigsten Dezember brachen sie mit ihrer Eskorte zum Gut Talensac auf, wo sie am ersten Januar eintrafen. Talensacs neuer Verwalter war der Sohn eines Verwalters von Alains Vater, ein kleiner, mürrischer, ungeduldiger Mann mit Namen Gilbert. Er war froh, Fougères verlassen zu können, wo es für ihn keine Aussichten gab. Daß er kein Bretonisch sprach, hatte Alain nicht gestört. Sie kamen um die Mitte des Nachmittags an. Es war ein kalter Nebeltag, man sah kaum weiter als dreißig Fuß. Sie begegneten keinem Menschen, als sie durch das Dorf ritten, aber das war nur natürlich bei diesem Wetter. In der Halle des Herrenhauses brannte ein gutes Feuer, alles befand sich in bester Ordnung. Die Diener verbeugten sich korrekt, der Beauftragte des Herzogs begrüßte sie herzlich und gratulierte ihnen zur Vermählung. Er hieß auch Gilbert willkommen – und mußte seine Worte auf französisch wiederholen. Während er den neuen Verwalter in sein Aufgabengebiet einwies, zeigte Eline das Gut Talensac seinem neuen Herrn: die Pferde in den Ställen, die Jagdhunde in den Zwingern, Tiarnáns Hühnerhabicht und Merlinfalken in ihren Mauserkäfigen; das Haus und die Küchen und Vorratsräume und die Bediensteten, die sich um das alles kümmerten. Alain war überwältigt und begeistert, so wie sie es gewesen war, als Tiarnán es ihr gezeigt hatte. Für ein paar Stunden war es möglich zu glauben, daß sie hier glücklich sein konnten. Beim Abendessen dämpfte Grallon die Begeisterung. »Der Wolf scheint uns verlassen zu haben«, sagte er, als sie Platz nahmen. »Wolf?« fragte Alain scharf. Eline hatte ihm nicht von dem Wolf erzählt, als sie in Fougères waren. Sie war zu sehr damit beschäftigt gewesen, glücklich zu sein. »Hat Eure Dame es Euch nicht gesagt?« fragte Grallon erstaunt. »Bevor sie abreiste, hatten wir einen großen Wolf hier, der in das Dorf und bis zum Herrenhaus kam. Er ließ sich von keiner unserer Fallen täuschen und brachte mit seinen Tricks alle unsere Hunde von seiner Fährte ab. Wir konnten die Bestie nicht erwischen, aber es scheint, daß wir sie vertrieben haben.« »Wohin hat er sich verzogen?« fragte Alain. »Denkt Ihr daran, selbst Euer Glück zu versuchen, Ritter Alain? Der Stallknecht Donoal hat seine Fährte bis in den Wald westlich von hier, in Richtung Tremelin verfolgt.« »Das gehört noch zu meinem Land, nicht wahr?« sagte Alain. »Und Tiarnán hatte eine gute Meute Hunde, soviel ich gehört und gesehen habe.« Wieder einmal war er über seine eigene Kaltblütigkeit überrascht. »Ja, ich denke, ich werde einen Versuch machen.« »Tu es nicht«, sagte Eline. Sie saß wie erstarrt da, ganz weiß im Gesicht. Bei der bloßen Erwähnung des Wolfs wäre sie beinahe ohnmächtig geworden. Sie wollte nichts mit dieser Kreatur zu tun haben. Er hatte ihr Bett geteilt, und jetzt wartete er auf sie in der Dunkelheit, voller Haß. Es machte sie krank und elend, auch nur daran zu denken. Alain sah ärgerlich zu ihr hinüber. »Warum nicht?« Sie senkte den Kopf. »Ich habe Angst vor der Bestie. Sie könnte dich verletzen.« Alain lächelte. Einen Augenblick hatte er gedacht, sie könnte Angst um die Bestie haben. »Fürchte dich nicht«, sagte er sanft. »Er ist nur ein Tier.« Aber in der Nacht, als sie zusammen in dem Bett lagen, das sie einst mit Tiarnán geteilt hatte, flüsterte sie: »Du darfst nicht Jagd auf den Wolf machen, Alain! Du weißt, was er wirklich ist. Er ist gefährlich.« »Er ist nur ein Tier«, wiederholte Alain fest. »Aber du hast recht, er ist gefährlich. Zu gefährlich, um ihn am Leben zu lassen.« Er verstand jetzt, warum sie so gezögert hatte, nach Talensac zurückzukehren. Welche Frau würde sich nicht fürchten, wenn diese unheimliche Kreatur um ihr Haus herumstreifte? Er hätte den Wolf schon früher töten sollen; damals in St-Mailon hätte er ihn in die Wälder verfolgen und erledigen sollen. Nur wenn das Ungeheuer tot war, würde sie völlig sicher sein und ganz ihm gehören. Eline lag still da und starrte in die Finsternis. Die Luft im Schlafzimmer war feucht und kalt, schwer vom Nebel draußen. Kein Licht fiel in dieser Nacht durch das Flechtwerk der Fensterläden. Geräusche und Gefühle schienen gleichermaßen seltsam gedämpft. »Alain«, flüsterte sie, »ich hatte einen ganz schrecklichen Gedanken. Was ist, wenn sie ihn töten und abbalgen – und finden Tiarnán in dem Wolfsfell?« Alain schwieg lange. Tiarnáns Verwandlung – die Erinnerung daran war von einer seltsam distanzierten Klarheit, wie etwas, das man im Traum sieht – hatte sich in einem einzigen Augenblick vollzogen. In diesem Wolfsfell gab es keinen Menschen. »Das ist nicht so«, sagte er schließlich. »Er hat dieses Teil von sich unter dem Stein bei St-Mailon zurückgelassen. Im übrigen, wenn ich ihn mit den Hunden zur Strecke bringe, wird er nicht abgebalgt werden. Da wird nicht genug Fell heil bleiben, daß es sich lohnt.« Eline schauderte. Das entsetzliche Bild, das sie verfolgte, verwandelte sich: Tiarnáns Hunde, die vor Entsetzen heulen, als sie merken, daß der Körper, den sie zerreißen, der ihres Herrn ist. Sie empfand kein Mitleid für den Wolf – dazu war die Angst vor ihm zu groß –, aber sie fürchtete sich vor Entdeckung und vor der Reaktion der Bauern. »Vielleicht sollten wir seine Sachen verbrennen«, flüsterte sie. Als sie noch in Fougères waren, hatte Alain ihr heimlich das Bündel mit Tiarnáns Jagdkleidung gezeigt. Er hatte es unverändert so gelassen, wie er es in St-Mailon verschnürt hatte, aber er hatte eine alte Altardecke gekauft, das Bündel darin eingehüllt und als Vorsichtsmaßnahme mit Weihwasser besprengt. Das Paket bewahrte er in seiner Kleidertruhe unter einem doppelten Boden auf, um es vor den Augen der Diener zu verbergen. Sie hatten schon früher darüber diskutiert, ob sie es verbrennen sollten. Als sie sich nach St-Mailon das erstemal heimlich trafen, hatte Alain darauf gedrängt, die Kleider zu verbrennen, denn er fürchtete, man würde ihn des Mordes anklagen, wenn man die Sachen seines Rivalen bei ihm fand. Eline hatte ihn davon abgebracht. Wenn die Kleider verbrannt wurden, wer konnte sagen, was dann mit dem Ding passieren würde, das Tiarnán bei ihnen zurückgelassen hatte? Vielleicht flog es zu seinem Eigentümer zurück oder trieb mit dem Rauch davon und wurde von ihm gefunden. Es war äußerst unwahrscheinlich, daß Feuer etwas zerstörte, das weder Gewicht noch Form besaß. »Du hast damals gesagt, wir sollten es nicht tun«, sagte Alain ungeduldig. »Schließlich wissen wir, daß es jetzt funktioniert, daß er sich unter den jetzigen Bedingungen nicht zurückverwandeln kann. Wir wissen nicht, was passieren würde, wenn wir die Dinge änderten.« »Ja«, flüsterte sie unglücklich. »Vermutlich hast du recht.« »Ich werde ihn töten«, versprach Alain. »Ich werde ihn zur Strecke bringen, wohin er auch geht. Hab keine Angst. Jetzt kann er es mit mir nicht mehr aufnehmen.« Sie klammerte sich leidenschaftlich an ihn. »Sei vorsichtig, Liebster. Oh, bitte, bitte sei vorsichtig!« Talensac, das besorgt beobachtete, wie sein neuer Herr sich anließ, stellte zunächst einmal beruhigt fest, daß er für nichts Interesse zeigte als für die Wolfsjagd. Die düsteren Erwartungen in der Nacht, als Kenmarcoc in den Stock gelegt wurde, schienen sich nicht zu erfüllen. Alain versuchte nicht einmal, sich die Namen der Dorfbewohner zu merken, und schon gar nicht kümmerte er sich um das, was sie taten. Der neue, fremde Verwalter jedoch, das zeigte sich schon bald, war ein gemeiner Kerl. Er bestand darauf, daß man Französisch mit ihm sprach, und jedem, der ihn auf bretonisch anredete, versetzte er einen Hieb mit der kleinen Reitpeitsche, die er immer bei sich trug. Kaum einer der Bewohner von Talensac jedoch konnte Französisch. Außerdem war er habgierig. Wenn ein Bauer zum Beispiel an der Hochzeitsfeier eines Vetters teilnehmen wollte oder einen Marktbesuch plante, wartete er bis zu dem Termin und verlangte dann plötzlich von ihm, einen der geschuldeten Arbeitstage auf dem Herrengut abzuleisten. Worauf diesem, um freigestellt zu werden, nichts anderes übrigblieb, als den hämisch grinsenden Verwalter zu bestechen. Selbst Justin ging vorsichtig mit Gilbert um, denn wenn jemand sich auch nur das Geringste zuschulden kommen ließ, legte der Verwalter ihm eine sehr harte Strafe auf und nahm dann Geld, um sie herabzusetzen: ein gemeiner Kerl. Immerhin, es hätte schlimmer kommen können. Talensac war mit Alains Jagdeifer sehr einverstanden. »Dabei ist der Herr überhaupt kein Jäger, weißt du«, vertraute Donoal Justin bei einem Becher Bier an. Die verschwörerische Einmütigkeit an Kenmarcocs Stock hatte zu einer Art Freundschaft dieser konträren Charaktere geführt, und der verantwortungsbewußte Stallknecht hatte angefangen, Vorfälle im Herrenhaus dem Schrecken des Dorfes und dessen Freunden zu berichten. »Er kann kaum die Spuren eines Wolfes von denen eines Jagdhundes unterscheiden, selbst wenn sie nebeneinander in morastigem Boden eingedrückt sind. Und er verliert die Geduld, wenn irgendwas schiefgeht.« Geduld war eine Kardinaltugend bei Jägern, denn bei der Jagd ging immer etwas schief. Donoal liebte die Jagd, und er hatte kein Verständnis für Unbeherrschtheit – deshalb hatte er auch früher Justin verachtet. »Ritter Goldhaar weiß nicht mal, wie man im Wald scheißt«, war Justins Kommentar. Donoal hielt das für sehr witzig und lachte in seinen Becher. Alain tötete in den nächsten Monaten mehrere Wölfe. Anfangs wandte er die gewöhnliche Taktik des Wolfsjägers an. Ein Tierkadaver wurde in ein kleines Gehölz gelegt, das etwas abseits vom Hauptwald lag. Hatten Wölfe den Kadaver gefunden und gefressen, wurde er drei Nächte hintereinander durch einen frischen ersetzt. In der vierten Nacht hängte man den Kadaver dann in einem Baum auf und streute unter ihm nur ein paar Knochen am Boden aus. Die Wölfe wurden auf diese Weise dazu verlockt, in den Stunden der Dunkelheit in dem Gehölz zu warten, hungrig die Knochen zu kauen und auf das Mahl zu hoffen, dessen Geruch ihnen so verführerisch in die Nase stach. Kurz vor Tagesanbruch ging Donoal, der als Alains Jagdgehilfe fungierte, in das Gehölz und schnitt den Kadaver ab. Die Wölfe sammelten sich und fraßen, dann blieben sie in dem Gehölz, da sie sich fürchteten, bei Tageslicht über die offenen Felder in den Hauptwald zurückzukehren. Wenn Alain am Morgen mit den Hunden kam, gab es dort immer einige Tiere zu jagen. Aber er war sicher, daß sie nichts anderes als Tiere waren. »Dies ist nicht der Königswolf«, sagte Donoal, der nach der Jagd einen Wolfskadaver untersuchte. »Nicht der, der nach Talensac kam. Er war aber hier in den Nächten, in denen wir die Kadaver auslegten, da bin ich ganz sicher. Ich habe seine Fährte gesehen – ein großer, männlicher Wolf, der aus einer anderen Richtung kommt als die übrigen, sich sein Fleisch schnappt und damit fortläuft. Er bleibt nie, frißt nie mit dem Rudel, und wenn er die Knochen sieht, verschwindet er offensichtlich sofort. Ein ganz schlaues Tier, ein Einzelgänger.« Alain sah den Burschen prüfend an. »Du bist gut im Spurenlesen, stimmt's?« Donoal zuckte die Schultern. »Mir gefällt es«, sagte er zurückhaltend. Er hatte es immer gern getan. Tiarnán hatte ihm die Erlaubnis gegeben, überall auf dem Gutsland Kaninchen zu jagen, und hatte alle Waldarbeit Donoal oder dem Schweinehirten Sulmin zugeteilt, weil er wußte, daß sie Freude daran hatten. Manchmal waren sie zu dritt auf Kaninchenjagd gegangen, manchmal hatten die beiden Knechte ihren Herrn bei einer richtigen, dem Adel vorbehaltenen Jagd auf Hirsch oder Wildschwein begleitet. Sie hatten das Vergnügen der Jagd miteinander geteilt und sich nach der Heimkehr am Kaminfeuer in der Halle des Herrenhauses beim Wein darüber unterhalten. Ungezwungene, fröhliche Gespräche – bevor der Machtiern sich entschlossen hatte zu heiraten. Tiarnán war ja mit den Dorfjungen aufgewachsen, bis er acht Jahre alt war. Sie hatten in heißen Sommern in den Fischweihern geschwommen, hatten Ringkämpfe ausgetragen, heimliche Streifzüge in Obstgärten unternommen und unerlaubte Feuer an heiligen Steinen angezündet. Tiarnán war im Herrenhaus geboren und zum Ritter und Gutsherrn bestimmt; in Talensac war man sich immer dessen bewußt gewesen, doch der Status hatte nie soviel bedeutet wie die Zugehörigkeit zum selben Dorf. Donoals wertvollster Besitz war ein Spürhund, eines von Mirres Jungen, das der Machtiern ihm gegeben hatte. Donoal wußte, daß er für den neuen Herrn von Talensac nie mehr als ein folgsamer und brauchbarer Diener sein würde. So war die Welt nun mal: Die Guten starben, und Veränderung bedeutete immer Verschlechterung. Er sah Alain mit ausdruckslosem Gesicht an. »Ich wünsche, daß du diesen Wolf für mich aufspürst«, sagte Alain. »Du wirst von deiner Arbeit freigestellt, und ich werde dir drei Sous geben, wenn du ihn findest.« Donoal war beeindruckt und mißtrauisch. Drei Sous waren fast zwei Monatslöhne, eine Menge Geld für einen Wolf, auch für ein so schlaues Tier. Der neue Herr war ein unzuverlässiger, ungeduldiger Mensch, dem zuzutrauen war, daß er Versprechungen machte und sie dann vergaß – nicht so wie der Machtiern. Und da war auch noch der habgierige Gilbert. Wenn der Herr drei Sous versprach, konnte man sicher sein, daß der Verwalter bei der Auszahlung einen Sou für sich behielt. Trotzdem, jagen im Wald war besser als Ställe ausmisten, und auch zwei Sous waren eine Menge Geld. »Ich werde mein Bestes tun, ihn für Euch zu finden, Herr«, sagte Donoal. Er suchte nach dem Königswolf im harten Frost Ende Januar und im nassen Schnee des Februar. Er fand seine Spur mehrere Male – der Wolf schien im Wald westlich von Talensac zu hausen, manchmal in der Nähe von Montfort, manchmal nahe Comper und St-Mailon, aber nie zu weit weg –, sein Herr kam dann jeweils und jagte ihn mit den Hunden. Jedesmal entwischte er der Meute, die enttäuscht und entmutigt zurückblieb, gewöhnlich auf fremdem Land. Beim drittenmal war es das Land des Herrn von Montfort. Als Raoul de Montfort das herausfand, beschuldigte er Alain wütend der Wilddieberei. Er war der mächtigste Burgherr in diesem Bezirk, und es war nicht gut, ihn zum Feind zu haben. Alain war zu einer demütigenden Entschuldigung gezwungen. Das nächstemal fand Donoal die Fährte des Königswolfs am Rande des herzoglichen Waldes von Treffendel. Alain wagte es nicht, dem Wolf auf das Land des Herzogs zu folgen. Er wollte nicht noch einmal der Wilddieberei bezichtigt werden, am wenigsten von Hoel. Es fiel ihm etwas anderes ein, das er versuchen konnte. Weihnachten war Tiher zum herzoglichen Jagdmeister ernannt worden. Alain hatte sich gekränkt gefühlt, als er davon erfuhr. Die Stellung war ein festbesoldetes Hofamt von nicht geringem Einfluß an einem jagdliebenden Hof. Eine so gute Stellung hatte man ihm nie angeboten. Immerhin mochte es sich jetzt als nützlich erweisen. Was konnte natürlicher sein, als daß er einen Brief an seinen Vetter Tiher schrieb und den Herzog zu einer Wolfsjagd einlud? Und das, dachte Alain mit Genugtuung, würde der Bestie wohl endlich den Garaus machen. Für das Monster würde es nicht so leicht sein, einer Jagdpartie des Hofes zu entwischen, wie es ihm mit Alain und seinen Hunden geglückt war. Der Herzog hatte Hunderte von Hunden zur Verfügung, und er hatte die besten Jäger in der Bretagne. Und er hatte auch die Lymer-Hündin Mirre. Immer, wenn Alains Hunde die Spur des Wolfs verloren hatten, war Donoals Reaktion gewesen: »Mirre hätte ihn vielleicht aufgespürt.« Alain mußte sich zurückhalten, um Eline keine Vorwürfe zu machen, weil sie den Hund weggegeben hatte. Zu dieser Zeit war der herzogliche Hof zurück nach Rennes gezogen. An einem Sonntag nach dem Mittagessen las Tiher dem Herzog in der großen Halle der Burg Rennes einen Brief vor, den er von seinem Vetter erhalten hatte. »Mein lieber Vetter«, las er, »glaubst du, unser Herr der Herzog würde an einer Wolfsjagd interessiert sein? Hier in der Nähe haben wir ein unglaublich schlaues Tier, das auf herzogliches Land übergewechselt ist. Ich habe es selbst gejagt, als es sich auf meinem Land aufhielt, und einmal bin ich ihm in den Wald des Herrn von Montfort gefolgt – ich war nicht hinter einem Wildschwein her, wie er es behauptet –, aber der Wolf ist mir immer entwischt. Die Leute hier nennen ihn den Königswolf. Es ist ein großes, starkes Tier, im richtigen Alter; unser Herr würde sicher seine Freude daran haben, es zu jagen.« Hoel nahm den Brief und sah ihn stirnrunzelnd, aber interessiert an. »In welchem Wald soll sich dieses Tier aufhalten?« fragte er. »Nach dem, was Alain schreibt, müßte es Treffendel sein«, antwortete Tiher. »Das ist der einzige herzogliche Wald, der an Talensac grenzt.« Hoel nickte nachdenklich. Er besaß ein großes Jagdhaus im Wald von Treffendel. Zwar hatte er es seit Jahren nicht benutzt, aber sein dortiger Revierförster und dessen Familie würden das Haus in Ordnung gehalten haben. Es bot nicht genügend Platz für den ganzen Hof, doch war es groß genug, um eine illustre Jagdgesellschaft aufzunehmen, und hatte Zwinger für alle Hunde. »Willst du wirklich auf Wolfsjagd gehen?« fragte die Herzogin resigniert. Sie konnte nie begreifen, warum man ein Tier jagte, das man nicht essen konnte. Wenn ein Wolf oder ein Fuchs oder ein Otter lästig wurde, war es viel einfacher, Fallen aufzustellen, als mit vielleicht hundert Hunden und zig Reitern hinter ihm herzujagen. Herzog Hoel grinste. »Aber es ist ein großartiger Sport, meine Liebe! Es gibt kein Jagdwild, das so voll von Tricks steckt wie ein schlauer alter Wolf. Wir haben einen grauen, trostlosen Monat hinter uns, und nächsten Monat ist Fastenzeit, wo wir alle unsere Sünden bereuen: Miserere nobis, Domine! Warum gehen wir nicht vorher für eine vergnügliche Woche nach Treffendel?« Havoise zögerte. »Ich sehe kein Vergnügen darin, am Ende des Winters durch einen morastigen, traufenden Wald hinter Wölfen herzugaloppieren. Besten Dank! – Aber es war wirklich ein grauer, trostloser Monat, und ich bin diese graue, trostlose Burg herzlich leid. Ja, laß uns nach Treffendel gehen! Ich werde am Kaminfeuer sitzen und meine Zehen rösten und dafür sorgen, daß ihr einen heißen gewürzten Wein bekommt, wenn ihr verfroren und mit leeren Händen von der Jagd nach diesem ›unglaublich schlauen‹ Wolf zurückkommt. Wieso eigentlich ist Alain des Fougères so großzügig mit seinem Jagdwild, was meinst du?« »Selbstgerechtigkeit«, antwortete der Herzog prompt. »Raoul de Montfort hat ihn der Wilddieberei bezichtigt. Wenn ich seinen Wolf erwische, ist er rehabilitiert.« Havoise lachte. Am Tisch des Herzogs ging man sogleich eifrig daran, die Vorbereitungen für die Jagdgesellschaft zu treffen: Wer vom Hof mitkam und wer nicht; welche adligen Herren der Region eingeladen werden sollten und welche nicht – eine Wolfsjagd um diese Jahreszeit war nicht jedermanns Sache. Alain mußte natürlich eingeladen werden, er sollte aber nicht im Jagdhaus wohnen. »Er kann morgens von Talensac herüberreiten«, sagte Hoel. »Treffendel ist nicht groß genug, um jeden Ritter der Region aufzunehmen.« Was durchaus richtig war, obwohl niemand zweifelte, daß der Herzog für Tiarnán Platz gehabt hätte, wenn dieser noch der Herr von Talensac wäre. Marie rechnete darauf, daß sie im Gefolge der Herzogin mitkommen würde, und sie wurde nicht enttäuscht. »Aber Ihr solltet nicht in Treffendel am Kaminfeuer sitzen«, sagte Tiher. »Ihr müßt auf die Wolfsjagd mitkommen und mir Glück bringen.« Tiher war für die Organisation der Jagd verantwortlich, und er wußte, er würde Glück brauchen. Seit der Übernahme des Amtes eines herzoglichen Jagdmeisters zu Weihnachten hatte er ein paar Wildschweinjagden im Forst von Rennes organisiert, aber diese Wolfsjagd würde natürlich eine größere Sache sein. Wenn der Herzog und die Herzogin und eine große Gruppe vom Hof für eine Woche in das Jagdhaus übersiedelten und der größte Teil des Adels der Region an der Jagd teilnahm, dann durfte es keine schlimme Panne in der Durchführung geben; andernfalls würde sich der neue Jagdmeister bald als einfacher Ritter der Hofgarde wiederfinden. Und Wölfe waren schwierig zu jagen, da sie scheu und so schlau und trickreich waren, daß nur die besten Hunde sich nicht von ihnen täuschen ließen. Eine Wolfsjagd mußte sorgfältig geplant werden wie eine Schlacht: Frische Meuten mußten an strategischen Punkten stationiert werden, die Formation des Geländes durfte ebensowenig außer acht gelassen werden wie die Windrichtung. Tiher war überzeugt, daß er die Organisation in den Griff bekommen würde, doch eine Laune des Schicksals konnte die ganze Planung über den Haufen werfen – wenn zum Beispiel das Jagdwild zur Zeit des Jagdbeginns das Revier verlassen hatte. Tiher bekreuzigte sich bei diesem Gedanken. Schließlich konnte auch ein Übermaß an Organisation unhöflich gegenüber einem Jagdherrn sein, der gern Einfluß auf den Ablauf der Jagd zu nehmen pflegte. »Ich hoffe, mein Herr der Herzog wird Mitleid mit einem armen Neuling wie mir haben«, sagte Tiher vorsichtig, »und soweit es ihm möglich ist, die Sache in seine eigenen erfahrenen Hände nehmen.« Hoel lachte. »Hübsch gesagt! Ihr wißt genau, daß ich mich niemals aus der Sache heraushalten würde, und versucht, aus der Not eine Tugend zu machen. Aber den ersten Teil dieser Schlacht werde ich Euch überlassen. Nehmt Euch einige der Diener und brecht heute nach Treffendel auf. Sie sollen das Jagdhaus bezugsfertig machen, während Ihr Euch mit meinem Revierförster und Herrn Alain Klarheit darüber verschafft, wo dieser ›unglaublich schlaue‹ Wolf sich aufhält. – Ach ja, und nehmt die Lymer-Hündin Mirre mit. Sie wird Euch das Tier aufspüren. Wir anderen folgen Euch morgen.« Der Wolf ahnte von all dem nichts. Er lebte seit zwei Wochen im Wald von Treffendel, jagte bei Nacht und schlief während des Tages zusammengerollt auf den trockenen Blättern unter einem Brombeerstrauch. Er hatte sich entschlossen, eine Zeitlang in der Nähe von Treffendel zu bleiben. Er erinnerte sich an den Wald und wußte, daß der Mann, der Jagd auf ihn gemacht hatte, nicht dorthin kommen konnte. Er war erschöpft, sehr erschöpft. Seit Monaten, so schien es ihm, war er ständig auf der Flucht. Hunger, Angst und Kälte waren seine einzige Gesellschaft. Das Schlimmste war für ihn die Einsamkeit. Wölfe sind, wie Menschen, gesellige Geschöpfe, sie sind am glücklichsten, wenn sie mit anderen ihrer Art zusammen sind. Aber dieser Wolf hatte keine Artgenossen. Tierischer Instinkt und menschliche Erinnerung stimmten in der Sehnsucht nach Gesellschaft überein, doch Wölfe wie Menschen begegneten ihm mit Furcht und Abscheu. Von Zeit zu Zeit traf er im Wald andere Wölfe, und sie spürten immer sofort, daß er nicht zu ihnen gehörte. Knurrend und zähnefletschend wichen sie zunächst vor ihm zurück. Wenn er sich aber weigerte, das Feld zu räumen, griffen sie an. Manchmal suchte er St-Mailon auf, jedoch nur, wenn er die Einsamkeit nicht mehr aushielt, wenn die unermeßliche Weite des Waldes ihn zu erdrücken drohte und der Schmerz der Sehnsucht nach dem, was er verloren hatte, unerträglich geworden war. Es war eine ungeheure Erleichterung, an der Tür von Judicaëls Klause zu kratzen und freundliche Aufnahme zu finden. Er lag dann am Feuer, der Eremit sprach zu ihm und strich ihm tröstend über den Kopf. Judicaël gab ihm auch zu fressen: in Ziegenmilch getränktes Brot; er nahm es dankbar an, wenn ihm auch hinterher der Magen weh tat. Wärme und Nahrung und Gesellschaft – es war ein Paradies. Aber er wagte es nie, länger als eine Nacht zu bleiben. Es war ihm klar, warum man Jagd auf ihn machte, und wenn er zu oft nach St-Mailon ging, würde der Weg bald mit Fallen und Gruben gespickt sein. Außerdem bestand immer die Gefahr, dort einem Fremden zu begegnen. Judicaël genoß hohes Ansehen, und die Leute aus der Gegend kamen oft zu ihm, um sich Rat zu holen. Die Instinkte des Wolfs scheuten unbekannte Menschen, und der Verstand des Ich fürchtete für die Sicherheit seines einzigen Freundes. Hinzu kam, daß Judicaël von der Mildtätigkeit der Menschen lebte und es immer abgelehnt hatte, mehr anzunehmen, als er zum Leben brauchte. Wenn er den Wolf fütterte, bedeutete das gewöhnlich, daß er selbst hungern mußte. Aus all diesen Gründen ging der Wolf nur selten nach St-Mailon; er kam dann immer nach Einbruch der Dunkelheit und verließ die Klause rechtzeitig vor Beginn der Morgendämmerung. Hunger war sein ständiger Begleiter. Er folgte ihm wie ein Schatten. Für ein ganzes Wolfsrudel ist es schon schwierig, eine gesunde Hirschkuh niederzubringen, geschweige denn einen Hirsch. Ein Einzelgänger muß sich mit kleinerem Wild begnügen. Kleinwild ist im Winter knapp. Der Wolf jagte Kaninchen, Feld- und Wühlmäuse. Er schnappte in der Dunkelheit schlafende Vögel von Büschen, fraß Ratten, die er in der Nähe von Bauernhöfen fing, Frösche, Käfer, die er aus der gefrorenen Erde grub. Manchmal wurden Schafe über Nacht auf den Weiden gelassen, aber er wagte sich nur selten an sie heran. Die Tierkadaver, die man als Köder für ihn ausgelegt hatte, waren ein willkommenes Festmahl gewesen. Andere Wölfe waren zwar immer vor ihm da, doch er machte sich ihre Angst zunutze, um sich ein gutes Stück vom Kadaver zu schnappen und damit fortzulaufen. Er kannte alle Tricks des Wolfsjägers und blieb nie bis zum Morgen in der Nähe eines mit Ködern präparierten Waldstücks. Die Angst war kein ständiger Begleiter, aber ein häufiger Besucher. Wenn er in der Morgenluft den Geruch von Menschen und Hunden auffing oder in der Ferne die Jagdhörner hörte, dann lief er um sein Leben. Entmutigt und erschöpft von der nächtlichen Jagd, strengte er seine Kräfte bis zum äußersten an, um zu entkommen, und setzte alle Tricks ein, um die Hunde zu überlisten. Aber auch wenn er wieder einmal der Gefahr entkommen war, blieben die Sorgen. Das ständige Gejagtwerden erschöpfte ihn, machte es immer schwerer, Nahrung zu finden. Er wußte, wer ihm nachstellte. Judicaël hatte es ihm gesagt. Er verstand nur die Hälfte von dem, was Judicaël sagte, aber das hatte er verstanden. Eline hatte seinen einstigen Rivalen geheiratet, und die beiden wollten ihn töten. Wenn er daran dachte, wurde er von einer so schrecklichen Angst und einer so hilflosen Wut erfaßt, daß er versuchte, die Vergangenheit endgültig zu begraben. Es war sinnlos, sich zu erinnern, daß er jemals ein Mensch gewesen war; es würde viel besser sein zu vergessen, den Überlebenskampf des Ich aufzugeben und ganz Wolf zu werden, aber das Ich weigerte sich, es kämpfte weiter, manchmal völlig verschüttet, dann wieder schrecklich wach, sich seiner ausweglosen Situation voll bewußt. Er haßte es, weil es ihn so sehr quälte, aber er konnte es nicht loswerden. Anfangs hatte es ihm widerstrebt, sich in den Wald von Treffendel abzusetzen. In seiner unerträglichen Einsamkeit war es ein gewisser Trost gewesen, wenigstens in einer Gegend zu sein, die er kannte, die er als Mensch geliebt hatte und mit der ihn viele schöne Erinnerungen verbanden. Aber jetzt, wo er sie endgültig verlassen hatte, war es eine Erleichterung. Dieser Wald war etwas weiter vom bebauten Land entfernt, und er wurde vom Revierförster des Herzogs gegen wilddiebende Bauern geschützt, so daß es hier mehr Kleinwild gab, das Nahrungsangebot für ihn also reichlicher war. Der Hunger, sein ständiger Begleiter, fiel einen Schritt zurück. Es war jetzt Anfang März, und sein anderer anhänglicher Begleiter, die Kälte, zog sich ebenfalls zurück. Und was das beste war, in der ganzen Zeit, seit er in Treffendel hauste, hatte niemand Jagd auf ihn gemacht. Er fing an, sich zu entspannen, die Angst hatte es vorerst aufgegeben, ihn zu besuchen. Es war ein lähmender Schock, als ihn im frühen Tageslicht plötzlich ein Geräusch von Stiefeln weckte, die krachend durch das Unterholz auf ihn zukamen, und er den Geruch von Hunden witterte. Er sprang auf und flüchtete, schlängelte sich durch das tiefste Dickicht von Brombeersträuchern und wilden Rosen. Dicht hinter ihm begannen jetzt die Hörner zu blasen, ein rasches, hämmerndes Signal: Das Wild war gesichtet worden. Unmittelbar auf das Hornsignal folgte das Gebell der Hunde, die Witterung genommen hatten. Der Wolf hatte sein Lager sorgfältig ausgewählt, einen Platz mit undurchdringlichem Dickicht, in der Nähe eines Baches, der nach Süden floß und in den Fluß Chèze mündete. Erleichtert sprang er in den Bach und lief stromaufwärts, mit dem Wind, um den Hunden die Witterung zu nehmen. Wo der Bach eine Biegung machte, sprang er hinaus und lief mit dem Wind durch den Wald weiter. Das Gebell der Hunde wechselte seinen Klang. Nach dem kräftigen, hitzigen Bellen bei der Verfolgung der Fährte zeigte nun ein unregelmäßiges, zorniges Kläffen an, daß sie die Fährte verloren hatten. Der Wolf streckte sich und rannte, so schnell er konnte. Das Rätsel war einfach zu lösen, es würde die Verfolger nicht lange aufhalten; während dieser Zeit mußte er Abstand gewinnen. Nach wenigen Minuten hatten die Hunde die Witterung wieder aufgenommen, aber diese Minuten hatten ihm gereicht. Er hatte nun genügend Raum, um sie irrezuführen. Er lief durch ein Dickicht, machte kehrt und lief in seiner Spur zurück, dann sprang er mit einem Riesensatz zur Seite. Er lief weiter, stieß auf einen Baum, der bei einem Sturm in der Hälfte auseinandergebrochen war, so daß der obere Teil des Stammes mit der Krone von der Bruchstelle schräg zum Boden herabhing. Er kletterte durch die Zweige bis oben, lief ein Stück zurück und sprang ab. Er folgte der eigenen Fährte zurück, dann lief er wieder mit dem Wind, aber langsamer jetzt. Das alles würde sie eine Weile aufhalten. Er mußte einen Bogen schlagen und eine gute Stelle finden, um sie endgültig abzuschütteln. Hatte der Wolf bisher allein instinktiv auf den plötzlichen Angriff reagiert, fand nun auch der menschliche Verstand Zeit, die Situation zu beurteilen. Er war entsetzt, daß die Verfolger unbemerkt so nahe herangekommen waren. Das hätte nicht passieren dürfen. Er war leichtsinnig gewesen. Aber wie kam sein gnadenloser Feind dazu, im herzoglichen Forst zu jagen? Die Hörner schmetterten wieder: »Da-da ta ta ta ta, da-da ta ta ta ta« – das Signal zum Suchen, wenn die Hunde von der Fährte abgekommen waren. Das Gebell hatte sich geteilt. Zu viele Hunde, wurde ihm plötzlich klar, zu viele Hörner. Dies war nicht der eine Mann mit seinen Gehilfen, nicht die Meute, an die er sich erinnerte. Dies war eine große Jagdgesellschaft. Er erkannte jetzt, daß die Gefahr viel größer war, als er bisher angenommen hatte. Es würden noch mehr Hunde dasein, frische, die irgendwo anders im Wald warteten, Spürhunde und Treiber. Erbarmen!, rief eine verzweifelte Stimme in ihm. O Gott, hab Erbarmen! Kein Erbarmen für ihn, jetzt so wenig wie bei seinem letzten Hilfeschrei. Das Verwirrspiel, mit dem er sie irregeführt hatte, hielt sie nicht so lange auf, wie er gehofft hatte. Nur wenige Minuten später setzte das kräftige, hitzige Gebell wieder ein, und die Hörner bliesen zur Fortsetzung der Jagd. Er senkte den Kopf und rannte. Er versuchte jeden Trick, jede Täuschung, jede List, die er kannte. Er machte kehrt, noch mal kehrt, durchquerte Bäche hin und her, flüchtete durch weite Flächen eisigen Wassers, die sich durch den schmelzenden Schnee in Senken gebildet hatten, und durch fast undurchdringliches Gewirr von Dornbüschen. Er baute einen Trick in einen anderen ein. Mehrere Male glaubte er, seine Verfolger abgeschüttelt zu haben, aber es dauerte nie lange, bis die Hörner erneut zur Jagd bliesen. Die Verfolger kamen immer näher, er konnte seine einzige Chance nicht nutzen, durch eine weite Kehre das Sumpfgebiet oder den See zu erreichen, wo er sie mit Sicherheit hätte abschütteln können. Statt dessen wurde er immer weiter nach Nordosten abgedrängt. Wie er befürchtet hatte, standen in dieser Richtung frische Meuten bereit; er hörte ihr aufgeregtes Gebell, als sie die Führung übernahmen. Es wurde Mittag, es wurde Nachmittag, die Verfolger ließen sich nicht abschütteln. Die Beine zitterten ihm jetzt, die Lunge schmerzte. Wie blind lief er weiter. Plötzlich kam er aus den Bäumen auf eine Straße heraus. Er erkannte sie, es war die Straße von Montfort nach Plélan, die Grenze zwischen dem Wald von Tremelin, der zu Talensac gehörte, und dem herzoglichen Forst Treffendel. Keuchend blieb er stehen. Es war jetzt später Nachmittag, er wußte, er würde die Nacht nicht erleben. Das menschliche Ich erwachte mit einemmal zu klarem Bewußtsein: Der Tod folgte ihm auf den Fersen, der Jäger, dem niemand auf Dauer entfliehen kann. Er würde ihm tapfer entgegentreten. Niemand würde den Mut eines Wolfs rühmen, sein Körper würde von den Hunden zerrissen werden – aber er würde trotzdem tapfer sterben, das war er seiner Selbstachtung schuldig. Er begann langsam die Straße entlangzutrotten; er floh nicht mehr, er bewegte sich nur, um einen Kollaps zu vermeiden. Der Wald zog sich zu beiden Seiten hin, feucht und grau, das Gras an seinen Rändern war grün. Frühe Schneeglöckchen blühten im Schatten, und die Sonne zog golden ihre Bahn durch windgepeitschte Wolken. Er hörte, wie hinter ihm die bellende Meute der Hunde aus dem Wald stürmte, gefolgt von den Reitern. Die Hörner schwiegen, die Jäger waren zu erschöpft, um Atem für unnötiges Blasen zu vergeuden. Der Wolf machte mitten auf der Straße kehrt, bereit, sein Leben teuer zu verkaufen, und plötzlich waren die Hörner wieder da: »Ta da-da ta da-da ta da-da ta da-da taaa« – das Wild ist gestellt. Es waren nicht so viele, wie er erwartet hatte, nur etwa zwanzig Hunde und eine Handvoll Reiter. Die übrigen mußten bei der wilden Jagd durch das schwierige Waldgelände zurückgeblieben sein. Mit einer Aufwallung wilder Freude sah er, daß er eine Chance hatte, Rache zu nehmen, bevor er getötet wurde. Er wartete, bis die Hunde nahe heran waren, dann senkte er den Kopf, raffte seine ganze Kraft zusammen und raste auf sie los. Er stürzte sich mitten in die Meute, biß und schnappte nach beiden Seiten, und sie wichen knurrend, jaulend und aufheulend zurück. Aber er verschwendete keine Zeit mit ihnen; mit Riesensätzen raste er hindurch und mitten zwischen die verblüfften Reiter. Wilde, entsetzte Schreie empfingen den tollkühnen Wolf; Pferde bäumten sich; weiße Gesichter starrten auf ihn herab. Keines von ihnen jedoch war das Gesicht, nach dem er suchte: das Gesicht seines Feindes. Verwirrung ergriff ihn, da erkannte er plötzlich eines der weißen Gesichter, die ihn anstarrten. Mein Herr, dachte er mit einem Aufflammen unsinniger Hoffnung, sprang vor, stellte sich auf die Hinterläufe, schob eine Vorderpfote in den Steigbügel des Reiters und beugte den Kopf, um dem Reiter den Fuß zu lecken. Herzog Hoel schrie auf, als der Wolf gegen sein Pferd ansprang, seine Begleiter waren starr vor Entsetzen. Niemand hatte das Schwert gezogen. Wölfe griffen nie an, wenn sie in die Enge getrieben waren; daher hatten sie erwartet, daß auch dieser schlaue Wolf schließlich von den Hunden getötet wurde. Hoels Pferd bäumte sich in tödlicher Angst, und endlose Sekunden lang mußte der Herzog kämpfen, um sein Schwert aus der Scheide zu ziehen. Seine Begleiter drängten und stießen sich gegenseitig, als sie versuchten, ihrem Herrn mit ihren Schwertern zu Hilfe zu kommen. Die Sekunden waren lang genug, daß Hoel dies alles bemerkte – aber erst als er endlich sein Schwert in der Hand hatte, wurde ihm bewußt, daß der Wolf ihm nicht die Fänge ins Bein geschlagen hatte und ihn vom Pferd zerrte, daß er ihm vielmehr den Fuß leckte. Er saß mit erhobenem Schwert wie eine Reiterstatue da und starrte verblüfft auf den Wolf. Sein Pferd stellte die Vorderbeine wieder auf die Erde, zitternd und mit zurückgelegten Ohren. Als die anderen Jäger endlich nahe genug heran waren, um einzugreifen, rief Hoel ihnen »Halt!« zu. »Seid Ihr verletzt, Herr?« rief Tiher, der den ganzen Tag an der rechten Seite des Herzogs geritten war. Er war kreidebleich. »Nein«, sagte der Herzog. »Schaut Euch das an.« Sie alle schauten hin: Da war der Wolf, den sie den ganzen Tag gehetzt hatten, balancierte auf seinen Hinterläufen und leckte dem Herzog den Fuß. Er hob den Kopf, blickte zu Hoel hoch und winselte, dann leckte er ihm wieder den Fuß. »Er bittet mich um Gnade«, sagte Hoel langsam. »Bei Gott, ich glaube, er bittet mich wirklich um Gnade.« Er fing an zu lachen. »Diese gerissene Kreatur!« »Hoher Herr, tötet ihn rasch«, drängte Tiher. »Wölfe sind heimtückische Bestien und gefährlich. Dies ist nur ein weiterer Trick.« »Nein!« sagte Hoel fest. »Er bittet mich, sein Leben zu schonen – und ich tue es. Haltet die Hunde zurück! Tiher, besorgt ein Halsband und einen Maulkorb. Wir werden ihn lebendig mit nach Hause nehmen.« 11. KAPITEL Tiher war über die Entscheidung des Herzogs entsetzt. Er würde Einwendungen gemacht haben, aber in diesem Augenblick stürmten die Hunde zwischen die Reiter, und diese hatten alle Hände voll zu tun, sie zurückzuhalten. Als er den Wolf das nächstemal sah, kauerte der geduckt neben dem Pferd des Herzogs auf der Straße. Er zitterte vor Angst und Erschöpfung und sah nicht sonderlich gefährlich aus. Trotzdem traute Tiher ihm nicht. Mehr Hunde und Reiter kamen aus dem Wald auf die Straße heraus. Tiher war froh, daß der Hundemeister unter ihnen war, der die Hunde rasch unter Kontrolle brachte. Von ihm lieh er sich ein starkes Hundehalsband, eine feste Leine und einen Maulkorb. Er saß ab und näherte sich mißtrauisch dem Wolf. Raoul de Montfort, einer von nur vier Reitern, die bis zum Ende mit dem Herzog mitgehalten hatten, sprang von seinem Pferd und kam mit gezogenem Schwert herüber. Er warf einen Blick auf das Halsband in Tihers Hand, auf den Wolf und schließlich auf den Herzog, der noch auf seinem schweißgebadeten Pferd saß. »Erwartet Ihr, daß Euer Mann dieser Bestie Halsband und Maulkorb anlegt?« fragte er barsch. »Nein«, sagte der Herzog lächelnd. Er saß ab, unmittelbar neben dem Wolf. »Gebt mir das Halsband, Tiher. Ich werde es ihm selbst anlegen.« »Nein, hoher Herr«, sagte Tiher fest. »Das werde ich nicht erlauben.« »Es steht Euch nicht zu, mir etwas zu erlauben oder zu verbieten«, erwiderte Hoel unwillig. »Und Euch, hoher Herr, steht es nicht zu, törichte Risiken einzugehen.« Tiher kniete sich neben dem Wolf auf die Straße und legte ihm das Halsband an, wobei er versuchte, nicht an das törichte Risiko zu denken, das er jetzt selbst einging. Aber das Tier rührte sich nicht. Er schnallte das Halsband ordentlich fest und hängte die Leine an, dann stand er auf und gab sie dem Herzog in die Hand. »Euer Wolf, hoher Herr.« Hoel lächelte. »Törichte Risiken?« »Ja, hoher Herr. Es ist kein Ruhm für den Herzog der Bretagne, von einem wilden Tier getötet zu werden.« Der Wolf winselte und sah hoch. Er leckte Herzog Hoel erneut den Fuß. »Er hat Euch gehört, Tiher. Seht Euch das an! Er versucht mir zu sagen, daß er mir nichts tun wird.« Tiher seufzte resigniert. Er kniete sich hin und befestigte zitternd den Maulkorb über der Nase des Wolfs. Er war darauf gefaßt, daß er ihm plötzlich an die Kehle springen würde, und hoffte nur, daß Raoul de Montfort, der noch immer mit gezogenem Schwert dastand, schnell genug zuschlagen konnte. Doch auch jetzt wehrte der Wolf sich nicht. Der Maulkorb war für einen Alaunt eingestellt, einen Jagdhund mit viel stärkeren Kinnbacken als ein Wolf. Tiher mußte endlos mit den Schnallen herumprobieren. Der Wolf winselte wieder und versuchte, durch die Ledermaschen Tihers Hand zu lecken, er machte keinerlei Anstalten zu beißen. Als der Maulkorb endlich sicher saß, lehnte Tiher sich auf die Hacken zurück und sah den Wolf an. Der Wolf sah ihn ebenfalls an, dann senkte er den Kopf, betastete nervös mit der Pfote den Maulkorb und winselte erneut. »Großer Gott!« rief Tiher aus. »Er ist zahm wie ein Hund.« »Als ich ein Junge in Quimper war«, sagte Herzog Hoel, »habe ich einmal versucht, ein Wolfsjunges zu zähmen. Ich habe von anderen gehört, die das ebenfalls versucht haben. Ritter Alain sagte, sein Wolf sei bis mitten in das Dorf Talensac gekommen, aber er hat nicht gesagt, daß er dort irgendwelchen Schaden angerichtet hätte. Ich denke, das Tier muß als Junges gezähmt worden sein und suchte die Gesellschaft von Menschen, weil es einsam war.« »Es sind bösartige Geschöpfe«, sagte Raoul de Montfort kopfschüttelnd. »Ja, auch ich habe von Menschen gehört, die die Jungen zu zähmen versuchten. Aber ich habe nie von jemandem gehört, der einen ausgewachsenen zahmen Wolf besitzt. Die natürliche Wildheit der Bestie bricht immer durch, bevor er erwachsen ist. Er richtet eine Menge Schaden an und muß getötet werden, oder er läuft fort zu seinen Artgenossen.« »Genau das hat mein Vater gesagt, als mein Wolfsjunges in den Hühnerhof eindrang«, sagte Hoel grinsend. »Und es wurde getötet, armes Tier. Ihr habt recht, auch ich habe nie von jemandem gehört, der einen ausgewachsenen Wolf als Haushund besitzt. Um so mehr Ehre für mich, wenn ich es schaffe, was?« Er beugte sich hinüber und schlug dem Wolf herausfordernd auf die Schulter. Der Wolf zuckte zusammen und duckte sich. Immer noch kamen Hunde und Jäger aus dem Wald. Der Förster des Herzogs führte die Lymer-Hündin Mirre an der Leine. Die weiß gefleckte braune Hündin hatte seit Beginn der Jagd immer als erste die Täuschungsmanöver des Wolfs entdeckt, jetzt war sie völlig erschöpft. Hoel rief dem Förster zu, er solle sie zu ihm bringen. Als Mirre nahe genug war, um den Wolf zu wittern, blieb sie plötzlich stehen. Mit gesträubtem Fell stand sie einen Augenblick bewegungslos da, die schwarzen Nüstern gebläht. Dann bellte sie einmal kurz und scharf. Gute Spürhunde sind durch Zucht und Training darauf abgerichtet, nie Laut zu geben. Der Förster gab Mirre einen Klaps und schalt sie aus. Die Hündin sah verlegen und beschämt zu Boden. »Oh, seid nicht so streng mit ihr!« rief der Herzog. »Sie hat heute hart und gut gearbeitet.« Er gab Tiher die Leine des Wolfs und ging hinüber, um Mirre den Kopf zu kraulen und die langen Ohren zu streicheln. In Gruppen von zwei und drei kamen weitere Jäger aus dem Wald. Die Hunde wurden für ihre Arbeit mit einer Mischung aus zerkleinertem Hammelfleisch und Brot belohnt, die man für diesen Zweck mitgebracht hatte. Tiher ließ die Hörner den Appel de gens blasen, um einzelne Versprengte zu sammeln, und die Retraite, um sie zu verständigen, daß die Gesellschaft zum Jagdhaus zurückkehrte. »Laßt auch die Prise blasen«, befahl Hoel. »Aber wir haben das Wild nicht erlegt!« protestierte Tiher. »Nein – aber wir haben es gefangen.« Der Herzog hatte die Leine des Wolfs wieder übernommen, er beugte sich hinüber und strich ihm stolz über den zottigen Pelz. Das Signal wurde den beiden anderen nachgeschickt, und die ganze Gesellschaft begab sich auf den Heimweg. Raoul de Montfort ritt mit seinen Leuten zum Gut Montfort zurück; er konnte sich immer noch nicht über die verrückte Idee beruhigen, einen ausgewachsenen Wolf am Leben zu lassen und ihn wie einen Hund an der Leine zu führen. Die anderen Ritter aus der Nachbarschaft kehrten ebenfalls zu ihren Gütern zurück. Die Jagdgesellschaft des Herzogs machte sich auf den langen Weg durch den Wald zum Jagdhaus Treffendel. Von Zeit zu Zeit bliesen sie die Hörner, um versprengten Jagdgefährten und aller Welt den erfolgreichen Abschluß der Jagd zu verkünden. Alain de Fougères war einer dieser Versprengten. Er führte sein Pferd am Zügel in Richtung Norden, auf Talensac zu, als er die Hornsignale in der Ferne hörte. Sein Pferd hatte kurz vor Mittag zu lahmen begonnen. Er war noch eine Zeitlang weitergeritten, hatte das Pferd mit der Reitpeitsche vorwärts getrieben, aber schließlich einsehen müssen, daß es sinnlos war. Es konnte ihn nicht mehr tragen, und die Jagd hatte ihn weit abgehängt. Er hielt jetzt unter den kahlen grauen Zweigen und horchte gespannt. Der Apel de gens, die Retraite, die Prise. Sein Herz schien einen Augenblick lang stillzustehen, und er horchte angestrengt in der Hoffnung, daß die Signale wiederholt würden. Klar und deutlich kam es noch einmal herüber: die Prise. Er bekreuzigte sich, dann kniete er auf den Waldboden nieder und dankte Gott. Das Monster war endgültig tot. Und diesmal war es der richtige Wolf, daran gab es keinen Zweifel. Er hatte es gespürt, von dem Augenblick an, als der Wolf von seinem Lager aufgescheucht worden war, und jedes Ablenkungsmanöver, jeder raffinierte Trick hatten ihn in seiner Überzeugung bestärkt. Der Schatten, der um das Gutshaus geschlichen war, der seine Frau in der Nacht zur Verzweiflung getrieben hatte, existierte nicht mehr. Es war ein Jammer, daß er seinen Tod nicht selbst miterlebt hatte, aber er konnte jetzt zufrieden nach Talensac zurückkehren und Eline sagen, daß sie endlich frei war, daß sie nichts mehr zu befürchten hatte. Und nichts war entdeckt worden. Sie hätten kaum die Prise so fröhlich geblasen, wenn sie wüßten, was sie da getötet hatten. Er wäre gern nach Treffendel gegangen, um sich selbst zu überzeugen, daß alles wirklich so gut war, wie es sich anhörte – doch es war ein weiter Weg zum Jagdhaus, er war nicht eingeladen worden, dort über Nacht zu bleiben, und die Ritter der Hofgarde würden wenig erfreut sein, wenn er sich selbst einlud. Der Heimweg zu Fuß nach Talensac war schon weit genug, er würde das Gut erst in der Dunkelheit erreichen. Und Eline wartete angsterfüllt auf seinen Bericht. Er stand auf, klopfte sich die Blätter von den Knien und zog lächelnd weiter in Richtung Talensac. Marie hatte fast die Straße erreicht, als die Jagdgesellschaft des Herzogs in den Wald zurückkehrte. Sie ritt ihre eigene Stute, und das war der Grund, weshalb sie zurückgefallen war. Die übellaunige Dahut hatte gegen Mittag entschieden, daß sie für einen Tag genug in schlechtem Gelände herumgaloppiert war, und seitdem hatte Marie hart zu kämpfen gehabt, um sie überhaupt dazu zu bringen, sich zu bewegen. Einer der Ritter der Hofgarde war bei ihr geblieben, um sie zu beschützen, aber er war nicht gerade einer ihrer Favoriten. Brient de Poher, so sein Name, war ein magerer, linkischer, schweigsamer junger Mann, dessen Vorstellung, wie man einer Dame den Hof macht, offenbar darin bestand, eine gemütliche Siesta zu zweit zu halten und ein bißchen zu knutschen. Sie hatte zwei Kämpfe zu gleicher Zeit zu führen: den einen mit dem störrischen Pferd, den anderen mit Brients Beistandsangeboten. Es war eine Erleichterung, als die Gesellschaft am Waldrand auftauchte und auf sie zukam. »Herzlichen Glückwunsch!« rief sie Tiher zu, der neben dem Herzog an der Spitze des Zuges ritt. Sie sprach Bretonisch, wie es bei Jagden des Herzogs üblich war. Es kam ihr inzwischen ganz natürlich vor, zwischen Bretonisch und Französisch hin und her zu wechseln, obwohl sie doch vor einem Jahr noch kein einziges Wort dieser Sprache gekannt hatte. »Ich entnehme den Hornsignalen, daß Euer Schlachtplan funktioniert hat.« »Herzog Hoels Schlachtplan!« stellte Tiher klar. »Ja, wir haben gesiegt, und wir bringen den Feind gefangen im Triumphzug nach Hause. Seht selbst!« Maries Augen folgten der Bewegung seiner Hand. Sie sah den Wolf mit dem Maulkorb, der an seiner Leine links hinter dem Pferd des Herzogs herlief. Sie war entsetzt und wußte nicht, was sie sagen sollte. Also sagte sie nichts. Sie ließ Dahut neben Tihers Pferd einschwenken. Brient setzte sich verärgert hinter sie. Hoel lachte. »Dame Marie, dieser Blick sagte mehr als alle Schelte, mit der die anderen mich überhäuft haben. Christus und Sankt Michael! sagte er, was tut er mit einer solchen bösartigen, stinkenden Bestie?« »Erlauchter Herr«, erwiderte sie, »Ihr jagt in Eurem eigenen Wald. Ihr habt das Recht, mit diesem Tier, das Ihr gefangen habt, zu tun, was Ihr wollt.« »Gut gesagt! Hört Ihr das, Tiher? Dame Marie mag Wölfe ebensowenig wie Ihr, aber von ihr höre ich nichts von diesem ›Das werde ich nicht erlauben‹, nichts von Herrn Raouls ›Es sind heimtückische Bestien‹ und nichts von dieser Nörgelei, daß die armen erschöpften Hunde um ihre Belohnung gebracht werden. Ich habe das Recht, mit einem Tier, das ich gefangen habe, zu tun, was ich will. Das ist die richtige Einstellung.« Tiher sah aufgebracht aus, hielt sich aber im Zaum. »Als der Wolf in die Enge getrieben war, rannte er durch die Hundemeute hindurch auf Herzog Hoel zu, sprang hoch und leckte ihm den Fuß«, erklärte er Marie. »Der Herzog ist der Meinung, daß er als junges Tier gezähmt worden ist. Er scheint zahm zu sein, aber mir wäre wohler, wenn ich wüßte, was aus dem Mann geworden ist, der ihn gezähmt hat.« »Wenn ein Mann von einem Wolf getötet worden wäre, den er aufgezogen hat, würden wir davon gehört haben«, entgegnete der Herzog überzeugt. »Würden wir davon gehört haben, wenn ein Mann dieses zahme Wolfsjunge verloren hätte?« fragte Tiher. »In der Tat, das würden wir nicht«, antwortete Hoel. »Wenn der zahme Wolf eines Mannes fortläuft, wird jeder seiner Nachbarn, dem danach eins seiner Tiere von irgendeinem Wolf oder auch von einem streunenden Hund oder einem Fuchs gerissen wird, mit Sicherheit diesem Wolf die Schuld geben. Nein, ein Mann, der einen Wolf verloren hat, wird bestimmt den Mund halten. Aber ich werde dich nicht verlieren, was, Wolf?« Hoel warf einen aufmunternden Blick auf den Wolf, der niedergeschlagen hinter seinem Pferd hertrabte. »Du bist ein feines Tier. Ich glaube, Tiher, er ist das schlaueste Geschöpf, das ich je gejagt habe. Hätten wir nicht das Glück gehabt, ihn heute morgen zu überraschen, und hätte uns diese wundervolle Lymer-Hündin nicht so sehr geholfen, er wäre uns glatt entkommen. Das war eine Jagd, an die wir uns erinnern werden! Und an dieses Ende auch! Aber was habt Ihr Euch eigentlich dabei gedacht, mir zu sagen, Ihr würdet es nicht erlauben? – Marie, ich sagte, er solle mir das Halsband geben, ich würde es dem Wolf anlegen. Er weigerte sich und sagte, er werde mir nicht erlauben, törichte Risiken einzugehen!« Tiher biß die Zähne zusammen. Dann sagte er: »Erlauchter Herzog, wie könnte irgendeiner Eurer Lehnsleute erlauben, daß Ihr Euer Leben in einer so banalen Sache aufs Spiel setzt?« »Pah!« sagte der Herzog wegwerfend und sah den Wolf strahlend an. Marie war es völlig klar, daß Hoel sehr zufrieden mit Tiher war. Seltsam, daß Tiher das nicht erkannte. Sie lächelte vor sich hin. Hoel bemerkte das Lächeln. »Worüber amüsiert Ihr Euch, Frau Katze?« »Ich dachte an ein Kompliment, das die Herzogin einmal meinem Urteil machte«, sagte Marie mit einem vielsagenden Blick auf Tiher. Um Hoels Mund zuckte es. »Ihr habt Glück, daß ich schlagfertige Frauen mag. Was meint Ihr, wie soll ich meinen Wolf nennen?« »Wie nennt man einen Wolf? Isegrim?« »Wie in der Fabel«, sagte Tiher. »Reineke Fuchs und Herr Isegrim, der Wolf! Ein sehr böser Herr, wenn ich mich richtig erinnere, so eine Art normannischer Baron.« »Dieser Wolf ist ein guter bretonischer Wolf«, sagte der Herzog vorwurfsvoll. »Aber der Name … hm … ja, er gefällt mir. Ich nannte mein Wolfsjunges ›Wolf‹, aber ›Isegrim‹ ist irgendwie imposanter. Hast du gehört, Wolf? Dein Name ist Isegrim. Guter Junge, Isegrim, guter Wolf.« Der Wolf trabte hinter ihm her, er sah niedergeschlagener aus als je zuvor. Es war dunkel, als sie das Jagdhaus erreichten, und der Wind, der den ganzen Tag schon ziemlich kräftig geweht hatte, war so stark geworden, daß er die kahlen Zweige der Bäume peitschte. Es begann zu regnen, den kalten, nadelscharfen Regen des frühen März, und die Jagdgesellschaft war froh, ins Haus zu kommen und sich am prasselnden Kaminfeuer zu wärmen. Aber noch mußten sie eine Zeitlang draußen herumstehen, bis geklärt war, was mit Isegrim geschehen sollte. Der Hundemeister weigerte sich, den Wolf in einen der Zwinger aufzunehmen. »Er würde die Hunde unruhig machen.« Herzogin Havoise, die zur Begrüßung ihres Gemahls herausgekommen war und zur Beratung hinzugezogen wurde, weigerte sich strikt, die Bestie im Haus zu haben. »Ich bin sicher, sie ist nicht stubenrein.« Schließlich wurde entschieden, den Wolf in einem Schuppen neben der Küche anzuketten, der nur zum Schlachten und Verarbeiten erlegter Wildschweine benutzt wurde und außerhalb der Saison leerstand. Als man eine passende Kette gefunden, sie am Halsband des Wolfs befestigt und am Fuß des großen Kochkessels angeschlossen hatte, besorgte der Hundemeister widerwillig einen mit einer Mischung aus Brot und Fleischabfällen gefüllten Napf und eine Schüssel mit Wasser. Ein gegabelter Ast, den der Förster brachte, wurde über den Nacken des Wolfs gelegt und in die Erde gerammt, so daß der Maulkorb ohne Risiko abgenommen werden konnte. Isegrim ließ alles apathisch mit sich geschehen. Er lag zusammengekauert auf dem Boden, als sie ihn verließen. Marie hatte nicht gegen die Entscheidung des Herzogs protestiert, den Wolf am Leben zu lassen und ihn bei sich zu behalten, aber sie hatte schreckliche Angst vor ihm. Wölfe waren für sie unentwirrbar verknüpft mit dem, was ihr im Wald bei Bonne Fontaine zugestoßen war. Eine gesunde Müdigkeit nach den Strapazen der Jagd sorgte dafür, daß sie am Abend schnell einschlief, doch bevor der Morgen anbrach, warf sie sich im Alptraum unruhig hin und her. Sie war wieder in dem Wald, und ein Wolf verfolgte sie. Sie rannte, ihr Gesicht wurde von niedrig hängenden Zweigen gepeitscht, ihre Kleider waren von Dornen zerrissen. Der sumpfige Moorboden hielt ihre Füße fest, und der eisige Regen stach ihr ins Gesicht wie Nadeln. Schließlich stolperte sie und fiel hin. Sofort war der Wolf über ihr, er knurrte drohend, seine Zähne gruben sich in ihre Schulter. Sie mühte sich ab, auf die Beine zu kommen und fortzulaufen, und sie hörte ein Reißen und sah die roten Augen des Wolfs funkeln, als er einen langen blutigen Streifen Fleisch aus ihrem Rücken riß. Schweißgebadet und um sich schlagend, wachte sie auf. Eine Minute lang lag sie still da, ihr Herz hämmerte. Sie war allein; da die anderen Hofdamen, die Havoise in das Jagdhaus mitgenommen hatte, alle verheiratet waren, hatte man Marie eine eigene, durch Trennwände abgeteilte Schlafkammer gegeben. Sie war an die Seitenwand des Bettes gerollt und mit der Schulter gegen den Pfosten gestoßen. Sie setzte sich auf, preßte die Hände gegen das Gesicht und sprach einige Gebete, um sich zu beruhigen. Ihre Kammer befand sich in einer Ecke der Halle, und die gleichmäßigen Atemgeräusche, die sie durch die dünnen Trennwände hörte, zeigten an, daß alles noch schlief. Sie hatte Angst, daß der Alptraum weitergehen würde, wenn sie sich wieder schlafen legte. Das beste Mittel gegen solche Alpträume würde sein, sich ihnen zu stellen, sagte sie sich. Im Traum hatte der Wolf sie gejagt, in Wirklichkeit war er der Gejagte gewesen. Er war ein armes, verängstigtes Geschöpf, sicher angekettet, und wenn sie ihn von nahem sah, würde sie sich nicht mehr zu fürchten brauchen. Sie zog Kleid und Umhang über, schlüpfte mit bloßen Füßen in die Schuhe und tastete sich vorsichtig durch die Halle zur Tür. Als sie sie öffnete, kam die Lymer-Hündin aus irgendeiner Ecke angelaufen – als Lieblingshund des Herzogs hatte sie das Privileg, sich im Haus aufhalten zu dürfen. Marie strich ihr über den Kopf und erlaubte ihr, sie nach draußen zu begleiten. Die Luft war kalt, der Himmel klar, und die Pfützen auf der regennassen Erde waren mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Die Sonne war noch nicht aufgegangen, aber die Sterne verblaßten, und im Osten zeigte sich ein leichter Schimmer. Die Dienerschaft begann sich zu rühren, Marie hörte schläfrige Stimmen aus den Küchen und das Platschen von Wasser, das in einen Eimer gefüllt wurde. Sie zog den Umhang fester um sich und ging langsam auf den Schuppen zu. Der Wolf lag zusammengerollt in der Mitte des Schuppens auf dem Boden. Er hatte die Schüssel mit Wasser völlig geleert, den Freßnapf aber nicht angerührt. Der tierische Teil seines Wesens war von Entsetzen wie gelähmt, der menschliche Teil von Scham durchdrungen. Er hätte niemals um Gnade bitten dürfen. Zweimal hatte er es in Gedanken getan und keine Gnade gefunden. Er hätte nicht auch noch ein drittes Mal, und dazu mit einer so erniedrigenden Geste, um ein Leben flehen dürfen, das nicht lebenswert war. Er war entschlossen gewesen, tapfer zu sterben. In seiner Verwirrung hatte er einen Augenblick vergessen, was er war, und sich hoffnungsvoll an seinen Herrn gewandt. Gegen alle Wahrscheinlichkeit war ihm diesmal Gnade gewährt worden – doch woraus bestand diese Gnade? Maulkörbe und Ketten und herablassendes Wohlwollen oder tiefer Abscheu von denen, die ihn als Menschen respektiert hatten. Guter Wolf, guter Junge! Selbst in seinem Zustand sprachloser Verwirrtheit drückte ihm die Scham über diese Lage das Herz ab, und er wünschte, er wäre tot. Er hob den Kopf, als Marie die Tür öffnete, rührte sich aber sonst nicht. Er erkannte sie sofort; sie gehörte zu den wenigen Angehörigen des herzoglichen Hofes, die er in seiner jetzigen Gestalt gesehen hatte. Sie hatte einmal im Wald einen Stock gegen ihn geschwungen und gerufen: »Weg! Weg!« Das war kurze Zeit nach seiner Verlobung mit Eline gewesen. Er war – als Mensch – in den Wald hinausgegangen und ziellos herumgewandert; seine Freude war so groß gewesen, daß er sie eine Zeitlang für sich selbst behalten wollte, bevor er sie mit anderen teilte. Mitten im Wald hatte ihn dann das Verlangen überwältigt, sich in der süßen Trunkenheit Brocéliandes zur Frühlingszeit ganz zu verlieren. Gelegentlich hatte er seine Kleider und das, was ihn verwandelte, nicht bei St-Mailon, sondern an einer anderen Stelle im Wald zurückgelassen – ein Leichtsinn, wie es ihm jetzt schien, der schon fast verbrecherisch war. Das hatte er auch damals getan, und als Wolf hatte er das Mädchen gesehen. Als er die Räuber in der Nähe witterte, war ihm klar, daß er notgedrungen einschreiten mußte. Die Erinnerung daran, in welcher Situation sie sich befand, als er zurückkam, hatte sich seinem Gedächtnis tief eingeprägt; der eine Räuber saß auf ihren Füßen, während die beiden anderen ihr die Kleider auszogen. Er hatte gesehen, wie schön ihr Körper war; es hatte ihn angerührt und Mitleid und Zorn in ihm geweckt, sie so mißhandelt zu sehen. Er hatte sie gerettet und in Sicherheit gebracht, und sie hatte ihn geehrt und ihm Dankbarkeit bezeigt. Und was war aus dieser Ehre und Dankbarkeit jetzt geworden? Er war nur eine Bestie, vor der die Frau zurückschauderte. Er roch die Angst, die sie erfüllte, und er hatte sie auch am Abend zuvor gerochen. Sie hatte einen Hund bei sich, eine Hündin, an deren Fell der Geruch von Menschen und Rauch haftete. Sie stand mit gesenktem Kopf, die Haare gesträubt, und gab ein leises, kehliges Geräusch von sich, das halb Winseln, halb Knurren war. Er knurrte nicht zurück, sah beide nur teilnahmslos an. Die Hündin hörte auf zu knurren, schüttelte sich und gab ein leises, verdutztes »Wuff!« von sich. Sie kam einen Schritt näher, die Nüstern gebläht. Er konnte ihre Qual und Verwirrung riechen, es gab ihm Rätsel auf. Alle anderen Hunde hatten ihn gehaßt. Sie würden jeden Wolf hassen, aber ihn haßten sie ganz besonders, weil sie spürten, daß er etwas Fremdes, Unnatürliches an sich hatte. Dieser Hund war anders. Er war derselbe, der ihn am Vortag angebellt hatte; es hatte sich wie ein Gruß angehört, nicht wie eine Herausforderung. Eine Lymer-Hündin war es gewesen, fiel ihm ein. Er hatte früher eine besessen, die er ganz besonders geschätzt hatte. Mirre, dachte er, es ist Mirre. Jetzt begriff er plötzlich, daß sie ihn wiedererkannt hatte, daß sie unter all den anderen Gerüchen den ihres früheren Herrn erkannt hatte und verwirrt war, unter welcher Gestalt sie ihn fand. Er stand auf, von Freude erfüllt. Jemand hatte ihn erkannt! Auch wenn es nur ein Hund war. In seinem Winseln waren Jammer und Freude gepaart. Mirre gab es auf, begreifen zu wollen, was mit ihrem Herrn geschehen war, und sprang auf ihn zu. Sie leckte ihm Gesicht und Pfoten und wedelte so stark mit dem Schwanz, daß ihr Hinterteil mit dem kratzenden Geräusch der Krallen vor und zurück über den Boden rutschte. Hier war der Herr. Er hatte sich aus irgendeinem Grund als Wolf verkleidet, aber er war es. Marie hatte nicht erwartet, daß Mirre den Wolf anspringen würde. Lymer hatten die Aufgabe, ein Wild aufzuspüren, nicht, es anzugreifen. Entsetzt schrie sie auf, dann starrte sie ungläubig auf das Schauspiel, wie die schwanzwedelnde Lymer-Hündin dem Wolf das Gesicht leckte. »Mirre!« rief sie scharf. »Hierher, Mirre!« Mirre winselte und sah den Wolf an. Er leckte ihr sanft die Ohren. Sie ignorierte Marie und legte sich vor ihn auf den Boden. Auch Isegrim legte sich und stützte das Kinn auf den Rücken der Hündin; dabei sah er Marie herausfordernd an. Sie erinnerte sich plötzlich, wie Tiarnán bei seiner Hochzeit sagte, er habe keine Angst vor Werwölfen, denn ›Wölfe sind besser als ihr Ruf‹. Sie kniete sich auf den Boden, direkt vor den Wolf, und blickte in seine hellbraunen, schwarz umränderten Augen. Sie waren unerreichbar fremd, aber weder Bosheit noch Haß konnte sie in ihnen sehen. Wölfe waren gefährlich, sie rissen Schafe, und wenn man den Gruselgeschichten glauben konnte, töteten sie gelegentlich sogar Kinder; sie folgten den Heereszügen und fielen auf den Schlachtfeldern Gefallene und Verwundete an. Alles in allem jedoch waren sie weit weniger gefährlich als Menschen. Ohne zu zögern streckte sie die Hand gegen den Wolf aus; noch bevor sie die Geste vollendet hatte, wurde ihr klar, daß es Wahnsinn war, ein so gefährliches Raubtier zu berühren, das nicht einmal einen Maulkorb trug. Isegrim beschnüffelte nur höflich ihre Hand. Marie hielt den Atem an und kraulte ihn hinter den Ohren. Der Pelz in seinem Nacken war unerwartet weich und warm. Langsam zog sie die Hand zurück, setzte sich auf die Fersen und blickte den Wolf prüfend an. Der Wolf erwiderte den Blick, ohne zu blinzeln. Er ist wirklich ein schönes Tier, dachte sie. »Deinetwegen werde ich keine Alpträume mehr haben«, sagte sie laut. Sie stand auf und ging zum Haus zurück. Sie fühlte sich glücklich, ohne zu wissen, warum. Isegrim sah ihr nach. Auch er fühlte sich glücklich. Der Hund hatte ihn erkannt, und die Frau war nicht vor ihm zurückgeschreckt. Vielleicht war es doch möglich weiterzuleben. Alain de Fougères traf kurz nach Mittag im Jagdhaus ein und fand Herzog Hoel im Gespräch mit dem Förster, der ihm über das Revier Treffendel Bericht erstattete. Der Herzog stand auf, als er Alain sah, und schüttelte ihm kräftig die Hand. »Da seid Ihr ja!« sagte er. »Ich freue mich, daß Ihr gekommen seid; ich möchte Euch für Eure Einladung danken. Das war eine Jagd, was? Das gerissenste Biest, das ich je gejagt habe.« »In der Tat, hoher Herr«, sagte Alain geschmeichelt. »Ich habe es bedauert, daß ich seinen Tod nicht miterlebte. Mein Pferd lahmte. Das Beste habe ich verpaßt.« »Ah, das war wirklich schade! Ihr habt ein sehr schönes Schauspiel verpaßt, wirklich ein sehenswertes Schauspiel.« Hoel lachte. »Aber den Anblick seines Todes habt Ihr nicht verpaßt.« Alain starrte ihn an. »Ich verstehe nicht, hoher Herr.« »Euer Wolf war zahm«, sagte Hoel. »Als er gestellt wurde, brach er durch die Meute, sprang hoch und leckte mir den Fuß. Ich konnte es danach nicht über mich bringen, ihn zu töten. Wir haben ihn im Schlachtschuppen angekettet. Er ist ein prächtiges Tier.« Die Katastrophe war so entsetzlich, daß Alain ihr Ausmaß nicht sofort begriff und den Herzog wie betäubt anstarrte. Eine eisige Kälte kroch aus Händen und Magengrube hoch, bis sie seinen ganzen Körper erfaßt hatte und ihn wie eine unsichtbare Mauer aus Eis von der Außenwelt abschnitt. Er dachte, ihm würde gleich schlecht werden. Der Wolf lebte noch! Er lebte und stand unter Hoels Schutz. Eline hatte sich so sehr gefreut, als er ihr die gute Nachricht brachte. Sie hatte ihn heute morgen lächelnd mit vielen Küssen verabschiedet, als er zum Jagdhaus aufbrach, um Einzelheiten über den Tod des Wolfs in Erfahrung zu bringen. Und jetzt? Gott im Himmel! Was sollte er jetzt nur tun? »Seid Ihr in Ordnung?« fragte Hoel besorgt. »Ihr seht krank aus.« Er führte Alain zu dem Lehnstuhl, auf dem er selbst gesessen hatte. »Ich … mir war nicht gut heute morgen«, murmelte Alain. »Habe gestern wohl schlechtes Wasser getrunken, nehme ich an.« »Dann hättet Ihr heute nicht herüberreiten sollen«, sagte Hoel kopfschüttelnd. »Ich dachte, es würde vorübergehen. Und … und ich war schockiert über das, was Ihr gesagt habt. Die Kreatur rannte durch die Hundemeute und sprang Euch an? Hoher Herr, Ihr könnt nicht wirklich die Absicht haben, einen Wolf als Haushund zu behalten. Ein so heimtückisches Tier würde –« »Ich habe das Recht, mit einem Tier, das ich in meinem eigenen Wald gefangen habe, zu tun, was ich will«, unterbrach Hoel ihn selbstgefällig. »Er ist ein prächtiges Tier und benimmt sich sehr gut. Meine Lymer-Hündin scheint ihn ins Herz geschlossen zu haben, sie weicht ihm nicht von der Seite. Ich nenne ihn Isegrim.« Verzweifelt machte Alain noch einen Versuch. »Hoher Herr, Ihr könnt –« »Genug davon! Jedenfalls danke ich Euch für die Einladung, den Wolf zu jagen, und ich bin sehr zufrieden, daß ich ihn habe.« Alain hörte nichts mehr. Sein Herz hämmerte, ihm drehte sich alles vor den Augen. Hoel sagte etwas zu ihm, und er kam wieder zu sich. Er fragte: »Hoher Herr?« »Ihr seht krank aus«, wiederholte Hoel. »Soll ich Euch einen gewürzten Wein kommen lassen – wir haben einen Hippocras da, der bei Magenverstimmungen sehr heilsam ist – oder vielleicht etwas Gerstensuppe?« »Nein, hoher Herr«, sagte Alain, der alle Kraft aufbot, um sich wieder zu fangen. »Nein, es geht schon vorüber. In einer Minute werde ich wieder in Ordnung sein.« Hoel ließ ihn am Feuer sitzen und ging hinaus, um einen Blick auf seinen Wolf zu werfen. Isegrim stand auf, als der Herzog erschien, und wedelte artig mit dem Schwanz. Hoel war entzückt. Wie viele passionierte Jäger hegte er eine echte Zuneigung und Bewunderung für die Tiere, die er jagte, und für die schlauen, listenreichen Wölfe hatte er seit jeher eine besondere Vorliebe. Er ließ Isegrim den Maulkorb anlegen und setzte sich neben ihn; er sprach eine Weile zu ihm, kraulte ihn von Zeit zu Zeit hinter den Ohren und strich ihm über den weichen Pelz, um ihn an seinen Herrn zu gewöhnen. Isegrim beobachtete ihn aufmerksam, zuckte immer seltener vor der Berührung zurück und schien auch nicht mehr so große Angst zu haben wie am Vortag. Hoel fragte sich, ob der Maulkorb überhaupt nötig sei. Als der Herzog ins Haus zurückkehrte, saß Alain noch am Feuer, aber sein Gesicht hatte wieder Farbe bekommen. Er sprang auf, als Hoel hereinkam, und antwortete auf die Frage nach seinem Befinden, daß es ihm jetzt viel besser gehe. »Gut«, sagte Hoel herzlich, dann zögerte er. Er hatte sich vorgenommen, mit diesem Ritter de Fougères noch ein paar ernste Worte zu reden, und es war schwierig, sie so zu formulieren, daß sie nicht als beleidigend empfunden wurden – das wollte er gerade jetzt unbedingt vermeiden. Sein Beauftragter Grallon hatte sich besorgt über den Zustand der Dinge in Talensac gezeigt. Er hatte Hoel einen vollständigen Bericht über die Situation des Gutes gegeben, und Hoel war sehr unzufrieden mit seinem neuen Lehnsmann. »Mein Mann Grallon«, begann er, »hat mir berichtet, daß Ihr die Pachtgelder auf Euren Ländereien erhöhen möchtet. Er meinte, es gäbe da ein Problem mit der Rückzahlung einer Schuld an einen Juden in Nantes.« Alain sah unbehaglich zu Boden. Er hatte Grallon wegen der Pachtgelder um Rat gefragt, bevor dieser an den Hof zurückkehrte. Er hatte auch wegen einer Reduzierung des Lehngeldes vorgefühlt, obwohl Eline ihn in Fougères so dringend davor gewarnt hatte; es schien ihm zumindest einen Versuch wert zu sein. Je länger er in Talensac war, um so drängender war sein Verlangen nach mehr Geld geworden. Er war es leid, in Tiarnáns Bett zwischen Tiarnáns Laken zu schlafen, in Tiarnáns Lehnstuhl zu sitzen, von seinen Tellern zu essen, auf Wandteppiche mit Jagdszenen zu blicken, die er ausgewählt hatte. Eline hatte Alpträume in diesem Haus, das sie mit dem Werwolf geteilt hatte. Alain wünschte, eine völlig neue Einrichtung kaufen zu können. Er sah in diesem Wunsch nichts Verwerfliches, aber es war demütigend, auf einem Gut Schulden zu haben, auf dem der vorige Besitzer immer Gewinne erwirtschaftet hatte. Und Alain wußte, daß Hoel ihn auch nicht schätzte. »Nun ja«, begann er mit unglücklichem Gesicht, doch dann wurde ihm klar, daß er sich nicht herausreden konnte. »Das stimmt, hoher Herr.« »Was stimmt? Daß Ihr Schulden bei diesem Juden habt?« »Ja«, gab Alain zu. »Aber es ist nicht … ich meine, Talensac gehört mir, nicht wahr?« »Nein«, entgegnete Hoel kühl. »Es gehört mir. Ich habe es Tiarnán in Anerkennung seiner Verdienste zu Lehen gegeben, und ich habe aus diesem Grunde auch seiner Witwe erlaubt, den Lehnseid für das Gut zu leisten. Da sie Euch geheiratet hat, seid Ihr der Herr auf Talensac, aber das Gut gehört nach wie vor mir.« Mit einer Handbewegung forderte er Alain auf, auf einer der Bänke Platz zu nehmen, und setzte sich auf seinen Stuhl. »Ihr braucht keine Angst zu haben, daß ich es Euch wegnehme«, fuhr er in freundlicherem Ton fort. »Ich erkenne Eure Rechte auf das Gut an. – Ihr habt also Schulden. Nun, Euer Vater ist weiß Gott ein harter Mann und sehr streng. Ihr seid nicht dazu erzogen worden, ein Gut zu bewirtschaften. Ich kann verstehen, daß es Euch in den Kopf gestiegen ist. Aber hört mir gut zu: Diese Sache mit der Erhöhung der Pachtgelder muß unterbleiben.« Das gleiche hatte Grallon gesagt, es hatte Alain nicht überzeugt. »Mein Verwalter sagt, sie sind niedrig. Er sagt, mein Vater verlangt doppelt so viel.« »In der Mark sind die Pachten immer höher gewesen als in der übrigen Bretagne«, erwiderte der Herzog. »Eures Vaters Bauern sind daran gewöhnt. Eure nicht. Ich werde Euch einen guten Rat geben, und Ihr solltet ihn nicht in den Wind schlagen. Ihr habt das Gut eines Mannes übernommen, der bei seinen Leuten außergewöhnlich beliebt war. Zusätzlich wird Eure Position dadurch erschwert, daß Ihr für sie ein Fremder seid und eine fremde Sprache sprecht. Ich weiß, ich weiß, Ihr seid ein Ritter aus der Mark und hört dies nicht gern von einem Mann, der aus der Wildnis von Cornouaille stammt und Bretonisch spricht; aber es ist eine Tatsache, daß jeder, der östlich von Rennes geboren ist, für Talensac ein Fremder ist. Euer Vorgänger entstammte einer Familie, die dieses Gut seit Generationen zu Lehen hatte. Wenn Ihr Erfolg in Talensac haben wollt, werdet Ihr viel Fingerspitzengefühl und Verständnis für Eure Bauern brauchen.« Alain reagierte ärgerlich. »Glaubt Ihr etwa, ich mache mir etwas daraus, ob Bauern eine gute Meinung von mir haben?« »Ihr seid ein Narr, wenn Ihr das nicht tut«, sagte der Herzog. »Alles hängt von ihnen ab, sie können ein Gut ertragreich machen oder es ruinieren. Hofft Ihr, zusätzliches Geld zu verdienen durch den Verkauf von Holz aus Eurem Wald oder von Äpfeln und Bier aus Euren Obstgärten und Feldern? Erwartet Ihr, mit Holzkohle oder mit dem Überschuß an Schweinefleisch Geld zu machen? Wenn Eure Bauern Euch hassen, werdet Ihr nicht einen Sou mehr einnehmen als die geschuldeten Pachtgelder, das könnt Ihr mir glauben. Herr, werden sie sagen, die für Bauholz geeigneten Bäume sind dieses Jahr alle bei einem Sturm geknickt worden; die Schweine haben weniger Ferkel geworfen, als wir gehofft haben; die Apfelblüte ist erfroren, und die Gerste ist auf dem Halm verfault. Mehr als die Ablieferungsquote, die wir Euch schulden, ist uns nicht übriggeblieben. Sie werden die Überschüsse eher selbst vernichten, als Euch davon profitieren zu lassen. Und sogar die Pachtgelder sind Euch nicht sicher. Wenn ein Bauer zu Euch kommt und sagt: Ich kann dieses Jahr nicht die ganze Summe zahlen – was werdet Ihr dann tun? Ihn auspeitschen und in den Stock legen lassen, wenn das Eure Art ist? Er wird das Geld nicht beibringen, seine Freunde werden sich um ihn kümmern, und Ihr werdet ihn zur Arbeit freilassen müssen. Ihn aus seiner Hütte ausweisen? Wer soll seinen Platz einnehmen? Kein Bauer zieht in ein Dorf, wo der Gutsherr einen schlechten Ruf hat. Ihr werdet niemanden finden, der seine Äcker bestellt, und im folgenden Jahr werdet Ihr aus seinem Land überhaupt kein Pachtgeld erzielen. Und hinzu kommt, daß ein Landgut, wenn die Leute ihren Herrn hassen, kein angenehmer Platz ist, um dort mit einer jungen Frau ansässig zu werden und eine Familie zu gründen. Ich habe Männer gesehen, die das geschafft haben, aber sie waren viel stärker und grausamer, als Ihr es seid, und selbst sie waren nicht glücklich. Ich sage das alles nicht, um Euch zu kränken, Herr Alain. Nehmt einen Rat von jemandem, der viele Güter gesehen hat, die florierten, und andere, die von ihren Besitzern ruiniert wurden. Wenn Euer Gläubiger Euch drängt, verkauft einige Pferde und Jagdhunde. Ich bin sogar bereit, selbst zu helfen, wenn Ihr das Geld wirklich nicht beschaffen könnt. Aber treibt Eure Leute nicht ins Elend, oder sie werden Euch mit hineinziehen. Wenn Ihr ein paar Jahre lang gerecht und freundlich mit den Bauern umgeht, werden sie sich an Euch gewöhnen und allmählich ihren früheren Herrn vergessen. Es würde hilfreich sein, wenn Ihr zum Beispiel diesen Verwalter aus der Mark loswerden könntet. Grallon sagte mir, daß er sich bereits sehr unbeliebt gemacht hat, weil er darauf besteht, Französisch mit den Leuten zu sprechen. Wenn Ihr wollt, kann ich Euch einen zuverlässigen Mann besorgen, der Bretonisch spricht.« Alain erinnerte sich an die vielen bissigen Kommentare seines Vaters zu den Verhältnissen in der bretonischsprachigen Bretagne: die Laxheit, der Mangel an Disziplin und kultivierter Lebensart, die Armut des Adels und die Überheblichkeit der Bauern. »Ich würde lieber Gilbert behalten«, murmelte er gereizt. Niemand, nicht einmal der Lehnsherr, konnte einem Mann die Machtbefugnis über seine Untertanen wegnehmen. »Wie Ihr wollt«, sagte Hoel. »Es ist Euer Verwalter, und es ist Euer Gut.« Er beugte sich zu Alain vor: »Ihr könnt Euch ruinieren«, sagte er ernst. »Das ist nicht etwas, was bloß anderen Leuten passiert. Und ich möchte Euch helfen, das zu vermeiden; um Euretwillen, um Eurer Frau willen und auch um des Gutes willen.« Er sah Alain noch eine Minute lang ruhig an, dann schlug er mit den Händen auf die Armlehnen seines Stuhls und stand auf. »Genug der Schelte! Ich wollte Euch vor allem für eine so großartige Jagd danken. Möchtet Ihr Euren Wolf sehen?« Alain wollte den Wolf sehen und wollte es auch wieder nicht. Der Gedanke an dessen Anwesenheit hier im Jagdhaus des Herzogs übte eine morbide, von Entsetzen und Abscheu geprägte Faszination auf ihn aus. Er folgte dem Herzog zu dem Schlachtschuppen. Der Wolf schüttelte sich und stand höflich auf, als sie näher kamen, dann, als sie vor ihm stehenblieben, legten sich seine schwarzen Ohren flach an den Kopf, und er knurrte grollend – ein schrecklicher Laut, leise, aber von tödlichem Haß erfüllt. Alain wich einen Schritt zurück, und im selben Augenblick sprang der Wolf – nicht bellend und knurrend wie ein wütender Hund, sondern ohne einen Laut, mit der ganzen Wildheit und Schnelligkeit eines Tieres, das tötet, um zu leben. Mitten im Sprung spannte sich die Kette gegen das Halsband und riß ihn zurück. Einen Augenblick stand er auf den Hinterläufen, mannshoch, mit gefletschten Zähnen und vor Haß glühenden Augen. Alain stieß einen Schrei des Entsetzens aus und zog das Schwert. Im nächsten Augenblick kauerte der Wolf geduckt auf allen vieren, die Haare gesträubt, die Augen in tödlicher Begierde auf Alains Kehle fixiert. Mit einem Satz nach rechts wich er Alains Schwerthand aus. Alain versuchte ihm zu folgen, aber Hoel packte seinen Arm. »Steckt das Schwert weg!« fuhr er ihn an. »Der Wolf ist angekettet, er kann Euch nichts tun. Isegrim! Böser Wolf! Nein!« Isegrim stand auf. Er sah den Herzog an, und seine Ohren schnellten nach vorn. Dann sah er wieder Alain an, und sie legten sich flach an den Kopf. Seine Augen bohrten sich in Alains Augen. Schaudernd erkannte Alain in den Augen des Wolfs die Augen seines Todfeindes. Deutlich sah er in ihnen die schreckliche Wut und Bitterkeit des Menschen, dem er die Möglichkeit der Rückkehr in seine menschliche Existenz genommen hatte. Tiarnán wußte alles, was er getan hatte. Er lebte, und er würde ihn bei der ersten Chance, die ihm geboten wurde, töten. Das Bewußtsein von der Identität des Wolfs war so stark, daß Alain mit Grauen zu Hoel hinüberblickte, überzeugt, daß der Herzog es ebenfalls gespürt und Verdacht geschöpft haben mußte. Aber Hoel sah nur verwirrt aus. »Hoher Herr«, sagte Alain mit schwerer Zunge, »das ist ein bösartiges, wildes Geschöpf. Ich bitte Euch, laßt ihn töten.« Der Wolf knurrte. »Heute morgen war er völlig zahm«, sagte der Herzog verdutzt. »Vermutlich ist es zuviel, zu erwarten, daß ein wildes Tier sich an einem Tag an so viele Menschen gewöhnt. Ich hoffe, er wird sich wieder beruhigen. Aber ich habe den Eindruck, daß er aus irgendeinem Grunde Euch nicht mag. Vielleicht hat er den Mann wiedererkannt, der ihn so lange gejagt hat. Verlaßt jetzt den Schuppen. Ihr regt ihn auf.« Auf dem Heimweg nach Talensac brach Alain in Tränen aus. Die Vorwürfe des Herzogs hatten ihn tief getroffen, sein furchtbarer Feind war noch am Leben, und er wußte nicht, was er Eline sagen sollte. 12. KAPITEL Die Jagdgesellschaft des Herzogs verließ Treffendel am folgenden Morgen. Isegrim, der wieder den Maulkorb trug, lief an seiner Leine hinter dem Pferd des Herzogs her, begleitet von der glücklichen Mirre, die nicht von seiner Seite wich. Die Hofleute lachten über das seltsame Paar: der magere, dunkle, gefährliche Wolf und die schwanzwedelnde Lymer-Hündin mit den Schlappohren und dem griesgrämig wirkenden Gesicht. Die Herzogin lachte am lautesten. »Der arme Wolf!« rief sie. »Er mag es nicht, daß über ihn gelacht wird. Er ist so steif und förmlich geworden wie ein Bischof bei der Taufe eines Bastards. Mach dir nichts draus, Isegrim, wir lachen über den Hund, nicht über dich.« Isegrim warf ihr einen noch würdevolleren Blick zu, und sie lachte wieder. Marie lächelte, lachte aber nicht mit. Sie hatte erfahren, daß die Kapelle von St-Mailon nicht weit von Treffendel entfernt war, und entschloß sich plötzlich, sie zu besuchen. Seit einigen Wochen war der Wunsch, mit dem Eremiten zu sprechen, der Tiarnáns Beichtvater gewesen war, immer stärker geworden. Elines bittere Erklärung, daß ihr Ehemann schlimmer gewesen sei als ein Räuber, hatte Marie ständig gequält, und sie brannte darauf, von dem einzigen Menschen, der es wissen mußte, zu hören, daß sie falsch war. Mehrere Male hatte sie den Gedanken fallenlassen; es geziemte sich nicht für eine Frau, die keine Verwandte Tiarnáns gewesen war, seinem Beichtvater Fragen über ihn zu stellen. Aber die Idee ging ihr nicht aus dem Kopf. Sicher konnte es doch nicht schaden, nach St-Mailon zu gehen und zu fragen? Das Schlimmste, was passieren konnte, war, daß der Eremit ihre Fragen als Affront auffaßte und sie wegschickte. Vielleicht aber konnte er alle ihre Zweifel endgültig beseitigen. »Frau Herzogin«, sagte sie zögernd, »braucht Ihr mich sofort in Rennes?« »Warum fragt Ihr?« antwortete Havoise überrascht. »Ich würde gern diesen frommen Eremiten von St-Mailon sprechen, den alle Welt in dieser Gegend so lobt. Die Fastenzeit steht bevor, und ich dachte, vielleicht könnte er … einige geistliche Übungen für mich vorschlagen.« Die Herzogin sah sie listig an. »Mit ›alle Welt in dieser Gegend‹ meint Ihr Tiarnán.« »Auch andere loben ihn«, erwiderte Marie lächelnd. »Aber vermutlich war das die Meinung, auf die ich am meisten hörte.« »Natürlich könnt Ihr den Abstecher machen und den frommen Mann besuchen«, sagte Havoise. »Hoel, mein Lieber, Marie möchte den Eremiten von St-Mailon aufsuchen. Bitte gib ihr einen Ritter als Begleiter mit.« »Tiher!« rief der Herzog. »Begleitet Dame Marie nach St-Mailon, und bringt sie heute abend nach Rennes zurück.« »Mit Vergnügen«, sagte Tiher. Er gab seinem Pferd die Sporen, setzte sich an Maries Seite und verneigte sich tief im Sattel. »Denkt daran«, sagte Marie hastig, »Ihr habt die Jagd aufgegeben.« »Süße Dame«, protestierte er, ihr die Hand küssend. »Wie könnt Ihr etwas so Fastenmäßiges und Spielverderberisches sagen!« Judicaël kniete vor dem Altar in seiner Kapelle, als er draußen das Getrappel sich nähernder Pferde hörte. Kurz darauf erklang die kleine helle Glocke an der Tür der Kapelle. Er stand auf und wandte sich gerade um, als zwei Leute hereinkamen. Der Mann trug Schwert und Sporen eines Ritters, er war gut gekleidet, mit einem roten Obergewand und einem pelzbesetzten Umhang. Die Frau trug ein einfaches blaugraues Gewand, aber der Stoff war von guter Qualität, wie auch der ihres ebenfalls pelzbesetzten Umhangs. Vermutlich wollte die Frau sich für die Fastenzeit Ratschläge holen, und der Mann begleitete sie zum Schutz. Er seufzte innerlich, er fühlte sich im Augenblick völlig untauglich, anderen Rat zu geben; fromme junge Damen von Adel waren zudem zu allen Zeiten eine harte Prüfung. »Gott sei mit Euch«, sagte er schweren Herzens. »Ich bin der Priester hier; womit kann ich Euch dienen?« »Christus sei mit Euch, Vater«, sagte die Frau und bekreuzigte sich. »Es tut mir leid, daß ich Eure Gebete unterbreche. Ich habe von Eurem heiligmäßigen Leben hier gehört, und mein Wunsch ist es, Euch um einige Ratschläge für die bevorstehende Fastenzeit zu bitten. Habt Ihr Zeit für mich?« »Meine Zeit ist nicht kostbar«, sagte Judicaël. »Aber mein Rat wird Euch nicht mehr Nutzen bringen als der Eures Gemeindepriesters.« »Trotzdem würde ich es begrüßen, wenn Ihr ihn mir geben könntet.« Judicaël seufzte wieder, diesmal vernehmlich, und deutete mit der Hand auf die Binsen vor dem Altargitter. Der Mann berührte mit den Fingerspitzen die Schulter der Frau. »Ich werde mich um die Pferde kümmern und draußen warten«, sagte er. »Ruft, wenn Ihr mich wünscht.« Er nickte dem Priester höflich zu und verließ die Kapelle. Die Frau ging vor bis zum Altargitter, kniete und lehnte sich auf die Fersen zurück. Sie sah Judicaël einen Augenblick schweigend an, seine Gereiztheit legte sich. Sie hatte ein hübsches, intelligentes Gesicht, eine hohe Stirn und ruhige graue Augen. Ihre Haltung zeugte von Selbstbeherrschung und Entschlossenheit. Von ihr hatte er keine Frömmigkeitshysterie zu befürchten. Er kniete sich auf die andere Seite des Gitters, ihr gegenüber. »Christus sei mit Euch, Tochter«, sagte er. »Wie kann ich Euch helfen?« Marie hatte mit Judicaël sprechen wollen, weil er Tiarnán gekannt hatte. Als sie aber in die Kapelle kam und dem Eremiten persönlich gegenübertrat, wurde ihr bewußt, daß das, was sie vorhatte, der Versuch war, in Beichtgeheimnisse einzudringen. Was Tiarnán dem Eremiten anvertraut haben mochte, hatte er durch Vermittlung des Priesters Gott allein anvertraut. Hinzu kam, daß zwischen ihr und Tiarnán nicht einmal eine Verbindung bestand, die ihr Interesse rechtfertigen könnte: Sie war weder seine Schwester noch seine Geliebte. Judicaëls strenges, asketisches Gesicht und sein durchdringender Blick luden nicht zu Vertraulichkeiten ein. Würde er sie nicht bloß wegen Neugierde und unberechtigter Einmischung zurechtweisen und fortschicken? Aber sie sehnte sich so sehr danach zu hören, daß Eline unrecht hatte. Es war ihre Liebe zu Tiarnán, die den Geist ihrer Mutter zur Ruhe gebracht und sie selbst frei gemacht hatte; wenn Tiarnán keine Liebe verdiente, wo war dann ihre eigene Freiheit? Sie kniete schweigend eine lange Minute nach Judicaëls Frage und versuchte einen Weg zu finden, wie sie ihre Wißbegierde erklären könnte und wie sie ihre Frage stellen sollte, ohne vertrauliche Dinge zu berühren. »Ich hörte von Euch durch Ritter Tiarnán de Talensac«, sagte sie schließlich, »einem Mann, dem ich zu großem Dank verpflichtet war. Mein Name ist Marie, Marie Penthièvre de Chalandrey. Tiarnán rettete mich vor einem Räuber – ich nehme an, daß Ihr die Geschichte gehört habt.« Judicaëls Herz schlug heftig bei der Erwähnung des Namens Tiarnán. Der Wolf war seit einigen Wochen nicht mehr zu seiner Klause gekommen, und der Eremit war sich darüber klar, wie erbittert Alain ihn verfolgt hatte. Ständig hatte er für seinen Pflegesohn mit steigender Angst gebetet. »Er hat mir davon selbst erzählt«, sagte Judicaël, der Mühe hatte, seine Stimme ruhig zu halten. »Ich war sein Beichtvater.« »Das hatte ich gehört. Was ich wollte … ich weiß nicht, wie ich das sagen soll.« »Ihr braucht keine Indiskretion zu befürchten, Tochter«, versicherte Judicaël ihr. »Was hier gesprochen wird, ob unter dem Siegel des Beichtgeheimnisses oder nicht, erfährt kein Dritter.« »Danke«, sagte Marie und lächelte ihm nervös zu. »Also gut. Ich … ich empfand etwas für Tiarnán.« Sie spürte, wie Röte sich über ihr Gesicht ausbreitete, und sah zu Boden. Die Binsen vor dem Altar waren alt und dünn gestreut. Zwischen ihnen sah sie einen Flecken des grauen, gestampften Lehmbodens. Sie starrte darauf, als sie weitersprach. Es fiel ihr schwer, ihr Herz diesem Mann zu öffnen, der sie vielleicht verurteilen würde. Aber sie hatte keine Wahl, wenn sie nicht die einzige Chance verlieren wollte, die Wahrheit zu erfahren. »Nichts Unehrenhaftes ist zwischen uns vorgefallen, ich glaube nicht, daß er überhaupt bemerkt hat, was ich fühlte. Er bedeutete mir sehr viel.« Judicaël sah sie überrascht an. Sie kniete jetzt sehr still, der weite graue Umhang fiel in Falten von ihren geraden Schultern, den Kopf unter dem einfachen weißen Schleier hielt sie gesenkt. Ihre Wangen zeigten rote Flecken der Verlegenheit. Offensichtlich war es ihr nicht leichtgefallen, dieses Eingeständnis zu machen. Hatte Tiarnán gewußt, daß sie ihn liebte? Er hatte es nicht erwähnt, er hatte auch sie kaum erwähnt. Judicaël erinnerte sich dunkel an diese Geschichte: Sie war aus einem Kloster entführt worden und hatte versucht, ihren Entführern zu entkommen, als Tiarnán sie rettete. Unnachgiebig hatte sie sich geweigert, einen der Männer des Herzogs zu heiraten – aus Loyalität gegenüber der Lehnstreue ihres Vaters zum Herzog der Normandie. Zweifellos war sie eine Frau, die Charakter hatte. »Fahrt fort«, drängte er, sein Interesse war geweckt. »Als Tiarnán verschwand«, sagte Marie, die Augen weiter auf den Fußboden gerichtet, »kam seine Witwe nach Ploërmel, wo ich der Herzogin Havoise als Hofdame diente. Wir teilten ein Bett, während sie dort war, und als ich versuchte, ihr mein Mitgefühl wegen ihres Verlustes auszusprechen, sagte sie mir – unter vier Augen –, ich brauche sie nicht zu bemitleiden, ihr Mann habe ein schreckliches Geheimnis gehabt und sie sei froh, von ihm befreit zu sein. Sie sagte« – Marie brachte diese entsetzlichen Worte nur mühsam heraus –, »er sei schlimmer als der Räuber, vor dem er mich gerettet habe. Ich würde ihre Worte hier nicht wiederholen, wenn sie mich nicht ständig gequält hätten. Ich weiß, Vater, daß ich niemals einen Anspruch auf Tiarnán gehabt habe. Nur … was ich für ihn empfunden habe, habe ich für keinen anderen Mann empfunden, und daß ich es empfinden konnte, hat mich von schrecklichen Ängsten befreit, die mich lange gequält hatten. Wenn er ein Monster war und alles, was ich fühlte, auf Phantasie und Träumen beruhte, dann bin ich weiterhin in meinen Ängsten gefangen. Was Tiarnán Euch unter dem Siegel des Sakraments bekannt haben mag, ist heilig, und ich frage natürlich nicht danach. Es wäre für mich aber eine große Beruhigung, wenn Ihr mir nur eines sagen könntet: Hatte seine Frau einen wirklichen Grund, ihn zu hassen, oder nicht? Ich schwöre bei Gott und bei meiner unsterblichen Seele, daß ich, falls Ihr mir das sagt, es niemandem gegenüber erwähnen werde. Ich möchte es nur zu meiner eigenen Beruhigung wissen.« Judicaël war zutiefst betroffen. Er konnte seiner eigenen Antwort auf diese Frage nicht trauen. Er dachte an die hysterische junge Frau in Talensac. Konnte er wirklich erklären, daß ihre Qual und ihr Abscheu grundlos waren? Die Kirche, der er diente, würde ihre Partei ergreifen. Alles, was er selbst dagegen vorbringen konnte, war der Einwand, daß Tiarnán das, was er war, nicht mit Absicht geworden war und daß er nie bewußt dadurch jemandem Schaden zugefügt hatte – mit einem Wort, daß er, Judicaël, wußte, daß der Mann unschuldig war. Vor einem kirchlichen Gerichtshof würde er damit keinen Erfolg haben, warum also sollte es vor seinem eigenen Urteil so uneingeschränkt bestehen? »Tochter, was soll ich darauf antworten?« fragte er mit rauher Stimme. »Ich war Tiarnáns Beichtvater, aber ich war mehr als das. Als er ein Kind war, war ich Gemeindepriester in Talensac. Ich war fast wie ein Vater für ihn. Wir streiften häufig im Wald umher; wenn er müde wurde, trug ich ihn auf den Schultern. Ich habe immer den Wald und allen Reichtum der Natur geliebt. Sie geben mir viel Freude, und ich habe mein ganzes Leben lang Gott für ihre Schönheit gedankt und gepriesen. Tiarnán nahm diese Liebe begierig in sich auf, und zum großen Teil habe ich ihn zu dem gemacht, was er geworden ist. Wie kann ich also zwischen ihm und seiner Frau richten? Wenn er verdammt ist, bin auch ich es. Vielleicht war er ein Monster. Sie jedenfalls hält ihn dafür. Ich kann es nicht glauben, nein, niemals, nicht von einem Mann, den ich so sehr liebte. Aber auf mich ist in dieser Beziehung kein Verlaß. Ich habe Tiarnán gegenüber versagt, und ich könnte Euch gegenüber ebenfalls versagen.« Marie hob die Augen und sah ihn erstaunt an. Sie hatte eine beruhigende oder aber verdammende Antwort erwartet, nicht dies. »Wieso sagt Ihr, daß Ihr ihm gegenüber versagt habt?« »Weil ich ihm nie sagen konnte, ob das Geheimnis, dessentwegen seine Frau ihn verurteilte, Sünde war oder nicht. Wenn ich es verurteilt und ihm Bußen auferlegt hätte, wäre er vielleicht noch Herr auf Talensac.« Marie starrte ihn lange schweigend und verständnislos an. »Das bedeutet also«, sagte sie schließlich stockend, »daß Ihr mir die Antwort nicht geben könnt, weil Ihr sie nicht kennt.« »Ja«, sagte Judicaël erleichtert. »Kind, Ihr sagt, daß Eure Liebe zu meinem Pflegesohn Euch von alten Ängsten befreit hat. Wenn die Tür zu Eurem Gefängnis offen ist, spielt es dann eine Rolle, ob der Schlüssel, der sie geöffnet hat, echt oder gefälscht war?« Marie biß sich auf den Finger. Als sie seinerzeit zum Kloster St-Michel gekommen war, hatte sie geschworen, wie der Erzengel Michael gegen den Satan und seine Verbündeten, die Welt und das Fleisch, zu kämpfen. Sie hatte gedacht, sie verstände, was das bedeutete. Jetzt kam ihr ihre frühere ernste Frömmigkeit naiv, plump und fehlgeleitet vor. Eine Tür war tatsächlich geöffnet worden, und sie war hindurchgegangen. Aber wenn der Schlüssel gefälscht war, dann war, was außerhalb der Tür war, in Wirklichkeit vielleicht so schrecklich, wie sie immer gefürchtet hatte. Fleischliche Liebe hatte ihre Mutter getötet, fleischliche Begierde hatte sie selbst bei Nimuës Quelle beinahe getötet. Vielleicht würde sie solche Liebe nie kennenlernen; sie glaubte jetzt manchmal, daß ihre eigentliche Bestimmung das Kloster sein würde – dann aber war es um so wichtiger, ihren Wert oder Unwert zu verstehen. »Ich war in dieser Woche in Treffendel, mit einer Jagdgesellschaft des Herzogs«, sagte sie nach langem Schweigen. Die Ereignisse dort schienen ihr irgendeinen Zusammenhang mit ihrer Frage zu haben. »Er fing einen Wolf –« »Einen Wolf?« fragte Judicaël scharf. Sie sah ihn an, überrascht von der Furcht in seiner Stimme. »Ja«, sagte sie. Judicaël senkte den Kopf. Seine Hände umklammerten das Altargitter mit solcher Heftigkeit, daß die Fingerknöchel weiß wurden. Aber er sagte nichts. In dem Wald gab es viele Wölfe. Er hatte keinen realen Grund für die sofortige Gewißheit seines Herzens, daß dies der Wolf war, der ihm soviel bedeutete. Es konnte kein Begräbnis für ihn geben – nur persönliche Gebete für den Toten und persönliche Trauer. Marie starrte ihn verwirrt an und fuhr fort: »Herzog Hoel fing dieses Tier lebendig.« Judicaëls Kopf fuhr hoch, mit weit aufgerissenen Augen starrte er Marie an. »Er lief zu ihm hin, als er gestellt war, und leckte ihm den Fuß«, erklärte Marie, für die Judicaëls Reaktion unverständlich war. »Herzog Hoel verschonte ihn und nahm ihn mit zu seinem Jagdhaus. Er nimmt an, daß der Wolf als Junges gezähmt worden war. Was ist, Vater Judicaël?« Die dunklen Augen des Priesters glühten vor Erregung. »Nichts. Fahrt fort.« »Ich hatte Angst vor Wölfen. In der Frühe hatte ich einen Alptraum wegen dieses Tieres. Als ich aufwachte, ging ich hinaus, um mir den Wolf anzusehen und mich zu überzeugen, daß das, was ich geträumt hatte, nicht die Wahrheit war.« Sie hielt einen Augenblick inne. Sie erkannte jetzt, warum sie an den Wolf gedacht hatte. Der Alptraum von dem Wolf und seine Wirklichkeit waren das genaue Ebenbild ihrer alten Ängste. Das, wovor sie sich immer gefürchtet hatte, was tief in ihrem Unterbewußtsein begraben und immer wieder an die Oberfläche gekommen war, die schreckliche Erinnerung an den Tod ihrer Mutter, das war ebenfalls ein Alptraum, der allen Schrecken verlor, wenn man sich ihm stellte. Sie hatte sich ihm zweimal gestellt: einmal an Nimuës Quelle und dann an dem Tag, als Tiarnán heiratete. Es spielte keine Rolle, was Tiarnán gewesen war; nichts konnte jemals wieder Angst vor irdischer Liebe in ihr wecken. »Der Wolf, vor dem ich mich gefürchtet hatte, war nur ein verängstigtes Tier«, sagte sie langsam. »Und nicht anders ist es mit dem, was ich über Tiarnán erfahren habe. Ich habt recht, Vater. Ich brauche nicht zu wissen, was sein Geheimnis war. Und selbst wenn er so schuldig war, wie seine Frau glaubt: Was ich von ihm gelernt habe, ist immer noch wahr.« Judicaël hörte ihr gar nicht zu. »Was wird der Herzog mit diesem Wolf tun?« fragte er ungeduldig. Marie war gekränkt und verletzt, daß die Offenbarung, die für sie von so großer Bedeutung war, einfach beiseite gewischt wurde. Sie sah den Eremiten scharf an, aber dann kam ihr die Erleuchtung, und sie rief aus: »Es ist Euer Wolf!« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Aber … aber ich weiß, wem er gehört.« Trotz der kränkenden Mißachtung ihrer Offenbarung war Marie jetzt leicht belustigt. »Will er ihn zurückhaben? Der Herzog hat großen Gefallen an ihm gefunden. Er ist stolz darauf, den einzigen ausgewachsenen zahmen Wolf zu besitzen, der existiert.« »Er hat mehr Recht auf ihn als irgend jemand anderer«, sagte Judicaël überzeugt. Er schaute über die Schulter zu dem kleinen Kruzifix auf dem Altar zurück. »Es scheint … eine Fügung der Vorsehung zu sein, daß der Wolf zu ihm lief und er sich des Tieres erbarmte.« Auf seinem Gesicht breitete sich ein von Herzen kommendes Lächeln aus. Zum erstenmal seit seinem vergeblichen Besuch in Talensac hatte er Hoffnung. Tiarnán war in Sicherheit, er war von seinem alten Lehnsherrn angenommen worden. Angenommen zwar nur als Tier, aber zumindest war er jetzt wieder unter Menschen und vor der erbarmungslosen Verfolgung seines Feindes sicher. Das war ein so großes Wunder, daß Judicaël fast glauben mochte, eines Tages würde er wieder die Stimme seines Pflegesohnes hören. Sein ganzes Wesen war von leidenschaftlicher Dankbarkeit für Gottes Fügung erfüllt. »Er ist ein guter Wolf, nicht wahr?« fragte Marie und lächelte jetzt ebenfalls. »Wie kam es, daß sein Besitzer ihn verlor?« »Diebstahl«, sagte Judicaël. »Eine traurige Geschichte von Diebstahl und Verräterei. Ich bin sehr froh zu hören, daß die arme Kreatur in Sicherheit ist. Sein Eigentümer hat sich große Sorgen gemacht.« »Aber will er ihn denn nicht zurückhaben?« »Der Herzog hat ein Recht, ihn zu behalten. – Ich danke Euch, Tochter«, sagte Judicaël mit vor Freude strahlendem Lächeln. »Eure Nachricht ist eine Antwort auf meine Gebete.« »Und Ihr werdet keine Indiskretion begehen«, sagte Marie, sein Lächeln erwidernd. »Ich weiß.« Er bemerkte die leuchtende Wärme ihrer Augen, als sie den seinen begegneten, und empfand eine tiefe Zuneigung zu ihr. Er hatte gesehen, wie sehr sie kämpfte, um Klarheit über sich selbst zu finden, und es war nicht seine Absicht gewesen, die Offenbarung, die ihr zuteil geworden war, herabzusetzen. Er freute sich, daß sie ihm seine Nichtbeachtung verziehen hatte. Plötzlich ging ihm die Frage durch den Kopf, wie Marie sich wohl verhalten hätte, wenn ihr das Geheimnis enthüllt worden wäre, das so schreckliche Schatten auf Elines Geist geworfen hatte. Wäre sie entsetzt zurückgeschaudert wie Eline? Hätte sie kalt und unnachsichtig verdammt? Oder … war es möglich, daß diese Frau, die ihren Alpträumen Trotz bot, Verständnis gezeigt hätte? Judicaël ergriff über das Altargitter hinweg Maries Hand. Er wünschte sehr, er könnte eine – wenn auch unzulängliche – Antwort auf die Frage geben, die sie ihm gestellt hatte. Er war nicht so naiv zu glauben, ihre Akzeptanz des Nichtwissens könnte bedeuten, daß sie sich nicht mehr danach sehnte, die Wahrheit kennenzulernen. Sie liebte Tiarnán – liebte ihn tief, wenn Elines Worte sie so sehr beunruhigten. Er hatte plötzlich das Gefühl, daß er ihrem Urteil vertrauen konnte. »Tochter«, sagte er, »ich möchte, daß Ihr über das Geheimnis urteilt, von dem ich Euch erzählt habe.« Sie sah ihn stirnrunzelnd an. »Ich kann nicht über ein Geheimnis urteilen, das ich nicht teile«, sagte sie zögernd. »Urteilt über Eure eigenen schrecklichen Ängste und über die der Dame Eline, soweit Ihr sie kennt. Damit werdet Ihr ihm nahe genug kommen. Laßt es mich wissen, wenn Euer Urteil feststeht, denn ich würde Eure Entscheidung akzeptieren, wo ich meiner eigenen nicht trauen kann. In der Zwischenzeit werde ich zu unserem Herrn Jesus Christus beten, daß er Euch leiten möge.« »Nun, wie war der heilige Mann?« fragte Tiher, als sie wieder auf der Straße nach Rennes waren. Marie schwieg eine Weile, dann schüttelte sie den Kopf. »Sehr seltsam.« »Das müssen sie ja wohl sein, nicht wahr? Heilige Männer, meine ich. Man erwartet von ihnen, daß sie exzentrisch sind. Wenn sie nüchtern und solide wären, würde sie niemand ernst nehmen.« Sie lachte. »Ihr solltet ein Eremit werden.« »Vielleicht sollte ich das. Ich werde mir die Haare wild wachsen lassen; mein Bart wird bis zu den Knien herabhängen; ich werde mich in Lumpen hüllen und in einer Klause im Wald leben; ich werde jeden, der mir nahe kommt, als Sünder beschimpfen, vor allem Frauen, weil sie so charmant sind.« »Unfair! Vater Judicaël war glatt rasiert und sehr höflich. Er sagte auch, er würde meinem Urteil in einer bestimmten Sache mehr vertrauen als seinem eigenen.« »Hat er das wirklich gesagt? Ein vernünftiger Mann. Bei der heiligen Anna, er ist in meiner Achtung sehr gestiegen. Ich werde in der kommenden Fastenzeit Almosen nach St-Mailon bringen.« »Vater Judicaël sagte übrigens, er wisse, wer den Wolf des Herzogs gezähmt hat.« »Tatsächlich? Dann gibt es also einen Eigentümer, der voller Angst auf die Rückkehr des lieben kleinen Isegrim wartet?« »Es steckt eine Geschichte dahinter, die er mir nicht erzählen wollte. Isegrim wurde seinem Eigentümer durch eine Verräterei gestohlen. Der Eremit war aber der Meinung, der Herzog solle ihn jetzt behalten.« »Dann bleibt die Bestie also am Hof hängen?« »Ich meine, es ist ein sehr netter Wolf.« »Und ich meine, tot wäre er noch netter. Als er bei der Jagd auf den Herzog zusprang, war ich außer mir vor Angst. Die erste bedeutende Jagd, die ich für meinen Herrn organisiere, dachte ich, und er verdirbt mir die ganze Sache und läßt sich umbringen!« »Aber er hat es nicht getan.« »Nein, aber er fühlt sich durch mich beleidigt, wegen dieser ›Erlauben-Sache‹. Er erzählt allen Leuten, was ich gesagt habe. Ich wünschte, ich hätte den Ausdruck nicht gebraucht.« Marie lächelte. »Was soll dieses eitle Lächeln?« Sie lachte laut heraus. »Tiher, kapiert Ihr denn nicht, daß er entzückt darüber ist?« »Ist er das?« fragte Tiher überrascht. Er dachte eine Weile nach, dann grinste er. »Bei Gott, ich glaube, Ihr könntet recht haben.« Es war später Abend, als sie Rennes erreichten, und es hatte wieder angefangen zu regnen. Sie brachten die Pferde in den Stall und eilten die Stufen des Donjon hinauf und durch den Wachraum in die Halle. Der große Raum war dunkel, nur das Kaminfeuer in der Mitte gab etwas Licht. Sie suchten sich vorsichtig ihren Weg zwischen den schlafenden Rittern hindurch. Die Jagdgesellschaft war schon seit Stunden zurück. Marie sagte Tiher gute Nacht. Aus der Innentür der Halle erschien ein Diener und sagte ihr, der Herzog wünsche sie zu sprechen. Er erwarte sie in seinem Gemach. Verwirrt stieg sie die Treppen zu den privaten Gemächern des Herzogs und der Herzogin hoch und klopfte an die Tür. Hoel öffnete selbst und ließ sie eintreten. Der vordere Raum war zugleich Arbeits- und Ankleidezimmer des Herzogs. Marie war schon öfter hier gewesen. Havoise saß an dem Tisch beim Fenster. Drei Kerzen auf einem Ständer neben ihr gaben ein warmes Licht, das Feuer im Kamin war stark heruntergebrannt und glühte rot. Marie bemerkte belustigt, daß Isegrim, zur Sicherheit mit Maulkorb, in der hinteren Ecke des Raums neben einem großen mit Sand gefüllten Korb angekettet war. Mirre lag zusammengerollt neben ihm. Hoel und Havoise hatten sich auf einen Kompromiß wegen der Unterbringung des neuen Lieblingstiers des Herzogs geeinigt. »Marie, meine Liebe«, sagte Havoise und stand etwas schwerfällig auf. »Als wir heute nachmittag zurückkamen, fanden wir einen Brief vor, der leider eine schlechte Nachricht für Euch enthält.« Maries Belustigung war verflogen. Sie stand einen Augenblick wie erstarrt da und sah die Herzogin an. Dann bekreuzigte sie sich und senkte den Kopf. »Was … was ist geschehen?« fragte sie. Sie hatte das schreckliche Gefühl, daß sie es bereits wußte, daß sie schon früher einmal dieser Katastrophe gegenübergestanden hatte, aber damals war sie an ihr vorübergegangen – es war nur ihr Bruder gewesen. »Setzt Euch erst mal«, sagte Hoel, faßte sie beim Arm und führte sie zu dem anderen Stuhl am Tisch. »So ist's gut. Marie, ich muß Euch leider mitteilen, daß Euer Vater tot ist.« Sie wandte sich zur Seite und schaute auf den dunklen Fensterladen. Tot. Nein, diesmal war die Katastrophe wirklich eingetreten, ihre Befürchtungen hatten sich bewahrheitet – ihr Vater war tot. Niemals würde er auf sie stolz sein, niemals sich freuen, daß sie lebte. Von dem Augenblick ihrer Geburt an war diese Leere zwischen ihnen gewesen. Jetzt blieb nur diese Leere zurück; er war gegangen, für immer gegangen. Er würde niemals aus dem Heiligen Land zurückkehren, sein Leib würde in der Erde eines fernen Landes ruhen, das sie nicht besuchen konnte, um ihm Lebewohl zu sagen. Nicht einmal ein Grab würde es geben, das sie mit Blumen schmücken konnte. Es quälte sie, daß sie ihn nicht geliebt hatte. Sie hatte es immer gewünscht. Sie hatte immer so sehr gewünscht, ihm zu gefallen, und er hatte immer ungeduldig über ihren Kopf hinweg auf seinen Sohn geschaut. Ein wie unehrenhaftes Ding doch das Herz ist, dachte sie. Ich war froh, als Brian tot war, weil Vater mich schließlich doch noch beachten mußte. Und jetzt wird mir das heimgezahlt. Sie fühlte die Tränen aufsteigen und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Havoise trat hinter sie und legte ihr einen Arm um die Schultern; Marie wandte sich um, sprang mit einem Ungestüm auf, das den Stuhl gegen die Wand krachen ließ, warf sich der Herzogin in die Arme und vergrub ihr Gesicht an ihrer Schulter. »Ruhig, meine Liebe, ruhig«, sagte Havoise sanft und klopfte ihr leicht auf den Rücken. »Ich weiß, ich weiß. Er war dein einziger wahrer Herr, der Mann, dessen Zufriedenheit du erringen wolltest, selbst wenn du alle anderen enttäuschen müßtest; und nun kannst du es nicht mehr. Aber, meine Liebe, wenn du darum weinst, sei auch froh für ihn. Es ist ein gutes Ende, bei einem Kreuzzug zu sterben. Er ist jetzt im Paradies.« Sie ließen sie ein paar Minuten weinen, dann löste Havoise sich aus der Umarmung, und Marie setzte sich wieder auf ihren Stuhl. Hoel schenkte ihr ein Glas Wein ein, und sie trank gehorsam einen Schluck. »Wie ist er gestorben?« fragte sie. Nicht tapfer kämpfend in der Schlacht, wie er es sich gewünscht haben würde, so schien es. Hoels Brief war von seinem Sohn Alain Fergant, der ihm während des ganzen Kreuzzugs regelmäßig geschrieben hatte. Er gab ihn Marie zu lesen. Der Sohn des Herzogs schrieb, daß viele tapfere Ritter nach dem Verlassen von Antiochia an Fieber gestorben seien; der hervorragendste unter ihnen sei Guillaume Penthièvre de Chalandrey gewesen, ein Mann, der wegen seines Mutes und seines Kampfgeschicks allgemein geachtet war. Marie kam plötzlich der Gedanke, daß derselbe Schreiber vor fast einem Jahr Brian Penthièvres Tod bei der Belagerung von Nizäa berichtet haben mußte, was Hoel erlaubt hatte, ihre Entführung aus dem Kloster St-Michel rechtzeitig zu arrangieren. Und das erinnerte sie an ihre eigene Position. Sie vergaß jetzt meist, daß sie eine Gefangene war, die als Erbin des Gutes Chalandrey am Hof des Herzogs Hoel festgehalten wurde. Wenn sie sich daran erinnerte, schob sie den Gedanken mit einem jähen Gefühl der Angst beiseite. Eines Tages, das wußte sie, würde schließlich jeder glauben, daß sie die Ehre ihrer Familie nicht verraten würde – und dann würde dieses köstliche Leben am Hof vorbei sein und sie ins Kloster zurückkehren müssen. Zwei gegensätzliche Loyalitäten hatten sich ihr, wie sie befürchtet hatte, aufgezwungen – trotz all ihrer Bemühungen, das zu vermeiden. Wie konnte sie jetzt einen Normannen heiraten, wenn dieser vielleicht gegen die Bretagne kämpfen und einige der galanten, überschwenglichen jungen Männer, die ihr den Hof gemacht hatten, töten würde? Und wie konnte sie einen Bretonen heiraten, ihre Ehre verlieren und ihres Vaters Freunde und Gefolgsleute in Chalandrey verraten? Nein, sie konnte niemanden heiraten. Sie würde Hoel schwören müssen, daß sie niemals heiraten, sondern ihr Leben im Kloster verbringen würde. Und die Stunde für diesen Eid und diese Rückkehr ins Kloster kam mit Riesenschritten näher. Jetzt, wo ihr Vater tot war, konnte sie nicht viel länger aufgeschoben werden. Sie legte den Brief auf den Tisch und sah den Herzog und die Herzogin niedergeschlagen an. »Der Herr von Chalandrey ist also tot«, sagte sie. »Das ändert die Dinge, nicht wahr?« »Meine Liebe, wir hatten nicht die Absicht, dies heute abend mit Euch zu erörtern«, sagte die Herzogin. »Niemand wird Euch drängen, in einem Zustand des Schocks Entscheidungen zu treffen.« »Aber es ändert die Dinge, nicht wahr?« beharrte sie. »Das Gut ist jetzt von Rechts wegen an seinen Lehnsherrn zurückgefallen. Als Erbin muß ich ihm den Lehnseid leisten, um es zu erhalten. Nur ist nicht klar, wer der Lehnsherr ist.« Havoise seufzte, aber Hoel reckte kämpferisch die Schultern. »Ich bin der rechtmäßige Lehnsherr«, sagte er fest. »Ich habe Dokumente, die das jedem unparteiischen Gerichtshof beweisen werden. Sie müßten sogar den parteiischen Hof überzeugen, dem ich sie vorlegen werde.« Marie sah ihn verständnislos an. Was hatten Gerichtshöfe damit zu tun? »Wir wollen heute abend nicht darüber diskutieren!« sagte Havoise entschieden. »Marie, trinkt Euren Wein aus und geht zu Bett.« »Nein! Bitte! Was meint Ihr damit, wenn Ihr von einem Gerichtshof sprecht?« fragte Marie, die vom Herzog zur Herzogin und wieder zurück schaute. »Ich dachte, Ihr rechnet darauf, daß ich Euch Chalandrey bringe. Ich dachte –« »Meine Liebe«, sagte die Herzogin, »ich habe seit längerer Zeit gesehen, daß Ihr keinen unserer Männer heiraten werdet, nicht einmal den armen Tiher, und ich habe es dem Herzog gesagt. Tiarnán hätte ihren Entschluß vielleicht ändern können, sagte ich, aber er ist verheiratet – und dann natürlich war er von uns gegangen. Was die anderen Ritter der Hofgarde betrifft, die armen Kerle hatten mehr Chancen, den Mont St-Michel zu stürmen, diese uneinnehmbare Festung, als Euren Entschluß ins Wanken zu bringen. Sie geben auf. Der Mut hat sie verlassen, seit Tiher sich zurückgezogen hat. Sie machen weiter um des Spieles willen, aber niemand erwartet jetzt noch, daß Ihr nachgebt. Nein, Hoel und ich haben schon seit einiger Zeit nichts mehr von Euch erwartet. Was wir statt dessen planen, ist, die Sache vor den Hof zu bringen.« »Aber welcher Hof könnte über einen Streit zwischen der Bretagne und der Normandie entscheiden?« fragte Marie ungläubig. »Es gibt immerhin den König von Frankreich«, sagte Hoel. »Ich gebe zu, er ist ein fetter alter Mann, der nicht viel taugt, und er hat Todesangst vor Robert von der Normandie – aber er ist dem Gesetz nach Roberts Lehnsherr ebenso wie meiner und hat das Recht, Streitigkeiten zwischen uns zu entscheiden. Und Robert befindet sich, wie Ihr ja wohl wißt, im Heiligen Land, ich hingegen nicht. Ich habe eine gute Chance zu gewinnen. Ihr seht also, mein Mädchen, ich bin nicht darauf angewiesen, daß Ihr mir Chalandrey gebt. Ihr könnt es nicht einmal, weil Chalandrey rechtmäßig schon mir gehört.« Sie starrte ihn wie betäubt an, dann wurde sie tiefrot. So war denn alles – ihr Entschluß, ihre Festigkeit, ihre Ehre – irrelevant geworden, und über das Schicksal Chalandreys würde ein Gerichtshof im fernen Paris nüchtern und gleichgültig entscheiden? »Hoel, das reicht«, sagte die Herzogin. »Wie kannst du da stehen und ihr einen solchen Vortrag halten, wenn sie gerade die Nachricht vom Tode ihres Vaters erhalten hat? Marie, kommt, geht schlafen.« Havoise ergriff Maries Arm und half ihr aufzustehen. »Tut mir leid«, sagte Hoel und ergriff ihren anderen Arm. »Aber Ihr habt danach gefragt.« Sie brauchten sie nicht als Gefangene, sie erwarteten nichts von ihr – und doch waren sie so gütig zu ihr. Wo ihr eigener Vater ihr nur Gleichgültigkeit und Leere gegeben hatte, gaben diese beiden ihr Liebe. Marie begann wieder zu weinen. »Wenn der Gerichtshof wirklich entscheidet, daß Ihr das Anrecht auf Chalandrey besitzt«, brachte sie schluchzend heraus, »wäre niemand glücklicher darüber als ich.« Havoise küßte sie auf die Wange. »Meine Liebe«, warnte sie, »sagt jetzt nicht etwas, was Ihr später bereuen könntet. Schlaft erst einmal, meine Liebe, schlaft Euch richtig aus.« Als Marie sich entfernt hatte und der Herzog und die Herzogin ihre Schlafgemächer aufgesucht hatten, lag der Wolf wach in seiner Ecke und versuchte zu verstehen, was gesagt worden war. Sie hatten den Namen ausgesprochen, der ihm gehört hatte. Er hatte die Szene beobachtet, hatte zu begreifen versucht, warum die Frau, die nicht vor ihm zurückgewichen war, so betrübt war, und dann hatte er seinen Namen gehört. Jetzt lag er still da, versuchte seine Geisteskräfte zu konzentrieren und zusammenzustückeln, was sie gesagt hatten. Der schlecht sitzende Maulkorb tat seinen Ohren weh, und die vielerlei menschlichen Gerüche hielten seine Instinkte in höchster Spannung, während die Scham darüber, zur Sprachlosigkeit verdammt und im Haus eines Mannes angekettet zu sein, der ihn einst mit Achtung und Anerkennung behandelt hatte, ihn so sehr quälte, daß er nicht schlafen konnte. Da war es besser, seinen von den tierischen Instinkten und Wahrnehmungen überdeckten Verstand zu strapazieren und zu versuchen, das, was um ihn herum geschah, zu begreifen; es würde ihn zumindest ablenken. Er dachte also angestrengt nach, schob schwerfällig Worte und Begriffe wie die Teile eines Puzzles hin und her. Es waren schlechte Nachrichten in dem Brief für Marie, das war klar. Marie hatte erwartet, daß etwas anderes Schlimmes geschehen würde, und Hoel hatte ein Wort gesagt, das sie überraschte – ›Hof‹. Sollte Marie den Hof verlassen? Am Hof bleiben? Was war es? Dann hatte die Herzogin einige Worte gesagt, unter denen auch sein Name war. ›Heiraten‹, hatte sie gesagt. Er hatte einst die Garantie übernommen, daß niemand Marie zu einer Heirat zwingen würde. Und dieser öfter wiederholte andere Name war ›Chalandrey‹ gewesen. Die schlechte Nachricht in dem Brief mußte sein: Ihr Vater war tot. Das war der Grund, weshalb sie geweint hatte. Und dann war ihr klargeworden, daß das Gut ihres Vaters jetzt ihres war, und das hatte ihr angst gemacht. Angst, daß sie gezwungen würde zu heiraten? Dann das Rätsel mit dem Hof; und dann hatte die Herzogin Marie versichert, daß sie sie nicht zwingen würden zu heiraten … nein, das war es nicht gewesen, was sie gesagt hatte. Die Herzogin hatte zu Marie gesagt, sie wüßten, daß sie nicht heiraten würde. Das gab den Worten, die er verstanden hatte, einen besseren Sinn. Und dann sein Name: Tiarnán … Entschluß … vielleicht … ändern. Wieso hätte er ihren Entschluß ändern können? Er versuchte lange und mühevoll, den Sinn dieser ganzen Szene zu begreifen. Schließlich glaubte er zu verstehen, daß Marie ihn geliebt hatte und daß sie vielleicht einverstanden gewesen wäre, ihn zu heiraten, obwohl sie jeden anderen abwies. Er traute dieser mühsam errungenen Interpretation nicht ganz, doch die Möglichkeit, daß er recht hatte, stürzte ihn in qualvolle Verzweiflung. Er erinnerte sich wieder, wie er sie bei Nimuës Quelle gesehen hatte, als sie nackt im Gras lag, von den Räubern zu Boden gedrückt. Und wie sie später mit lose herabhängendem Haar im Hemd dagestanden und sich auf den Finger gebissen hatte. Sie war eine schöne Frau, und sie war tapfer und loyal. Er schätzte Loyalität jetzt viel mehr als zu der Zeit, bevor er Verrat kennengelernt hatte. Doch was bedeutete die Schönheit einer Frau heute für ihn? Nichts. Niemals wieder würde eine Frau für ihn dasein. Sein Körper reagierte jetzt manchmal mit unwillkürlicher Begierde auf eine läufige Wölfin, obwohl sein menschliches Ich mit Ekel und Abscheu vor dieser Erregung zurückschauderte. Der Gedanke, daß er einst von Marie hätte geliebt werden können, machte ihm seine Erniedrigung stärker bewußt, als Maulkorb und Ketten es vermocht hatten. Leise begann er in der Dunkelheit zu winseln. Er zerrte mit den Krallen an dem entwürdigenden Maulkorb und scheuerte ihn vor und zurück über den Boden. Mirre wachte auf und leckte ihm das Ohr, und er zwang sich zur Ruhe. Es mußte durchgestanden werden. Er erinnerte sich, wie Alain ihn in dem Schlachtschuppen in Treffendel angesehen hatte. Alain, elegant wie immer, aber mit demselben scharfen Geruch der Angst, der an dem Stein bei St-Mailon gehaftet hatte. Alain, der wußte, wer er war, und der Hoel gedrängt hatte, ihn zu töten. Und er selbst war nicht fähig gewesen, etwas zu tun, er hatte es so hilflos ertragen müssen, wie er alles andere ertragen hatte, was Alain und Eline ihm gemeinsam angetan hatten. Er hatte alle Hoffnung aufgegeben, jemals in menschliche Gestalt zurückkehren zu können; er hielt es für wahrscheinlich, daß dieses Teil von ihm für immer zerstört worden war, und selbst wenn es nur unerreichbar versteckt sein sollte, gab es für ihn keine Möglichkeit, seine Feinde zur Rückgabe zu zwingen. Aber eines Tages vielleicht, wenn er lange genug durchhielt, würde er die Chance haben, es ihnen heimzuzahlen, sie zu vernichten, wie sie ihn vernichtet hatten. Wenn er sich sanft und geduldig zeigte, würde ihm der Maulkorb abgenommen werden – und irgendwann mußte Alain wieder einmal am Hof erscheinen. Judicaël würde das nicht gutheißen. Judicaël hatte es nie gebilligt, daß er, aus welchem Grund auch immer, einen Menschen tötete, nicht einmal zur Selbstverteidigung. Aber welchen anderen Grund hatte er jetzt noch, am Leben zu bleiben? Der Hof blieb während der Fastenzeit in Rennes. Nur wenige Leute reisten in der Bußzeit, der Herzog konnte seine Besucher an den Fingern einer Hand abzählen. Er hatte nicht einmal die Möglichkeit, auf die Jagd zu gehen. Nicht nur war der Fleischgenuß verboten, dem Wild mußte auch Gelegenheit gegeben werden, in Ruhe seine Jungen aufzuziehen. Der Wald war daher für die Hunde geschlossen. Hoels häufigster Zeitvertreib war jetzt sein Wolf. Nach etwa einer Woche wurde der Maulkorb stillschweigend beiseite gelegt, und lange vor Ostern folgte ihm auch die Kette. Sogar Tiher räumte ein, wenn auch widerwillig, daß Isegrim sich einwandfrei verhielt, besser als die meisten Hunde. Er ließ keine Neigung erkennen, jemanden zu beißen, er bellte oder heulte nicht, stahl nie etwas vom Tisch und war von Anfang an völlig stubenrein. Wenn die Hunde ihn anbellten, war seine einzige Reaktion, mit einer solchen Miene der Verachtung wegzugehen, daß er die Herzogin mit seinem würdevollen Gehabe zum Lachen brachte. Hoel richtete ihn ab; an einem einzigen Vormittag lernte er die Kommandos Hierher, bei Fuß, Sitzen, Stehen und Apportieren richtig auszuführen. »Erstaunlich intelligentes Tier!« sagte Hoel und streichelte Isegrims Ohren. »Aber ich ahnte das schon, als ich dich jagte, weißt du.« Isegrim verstand ihn. Die Anzahl der Wörter, deren Bedeutung er auf Anhieb erkannte, wuchs mit jedem Tag. Manchmal konnte er sogar einem Gespräch folgen – allerdings verlangte das jedesmal eine starke Konzentration, so als versuchte er, eine ehemals vertraute fremde Sprache zu verstehen, die jetzt halb vergessen war. Da er ständig in einem Milieu menschlichen Redens, menschlicher Empfindungen und Wünsche lebte, tauchte sein menschliches Wesen allmählich aus der Tiefe auf, als hätte es einen Strand erreicht, auf dem es keuchend nach Luft rang, noch benetzt von dem Meer tierischer Instinkte, aber nicht mehr ständig in seine Tiefe absinkend. Er war es zufrieden, Hoel zu dienen. Der Herzog war immer ein Lehnsherr gewesen, wie er ihn sich wünschte, es war keine Schande, ihm auch in dieser Gestalt zu dienen. Seine gelegentliche kindische Art, wenn er zu ihm sagte: Guter Junge! Heute gibt's einen besonderen Leckerbissen!, erfüllte ihn anfangs mit Scham, nun störte sie ihn nicht mehr besonders, da er sich daran gewöhnt hatte. Wie sollte der Herzog anders zu einem Tier sprechen? Er war sehr froh, als Maulkorb und Kette verschwanden, und achtete sorgfältig darauf, nichts zu tun, was sie zurückbringen würde. Es war verführerisch, nach einem Hund zu schnappen, der ihn anbellte; es reizte ihn, einen der Pagen zu zwicken, die ihn gelegentlich foppten und stolz auf ihren Wagemut waren – aber diesen Versuchungen konnte er widerstehen. Und wenn er sich in der Nähe des Herzogs hielt, beschützte dieser ihn. Der Hof gewöhnte sich daran, den Wolf ruhig hinter seinem Herrn herlaufen oder bei Tisch neben seinem Knie sitzen zu sehen. Als zur Karwoche der Strom der Besucher wieder einsetzte, machten die Hofleute sie mit Stolz auf den Wolf aufmerksam. »Das ist des Herzogs Wolf Isegrim«, sagten sie. »Ein prächtiges Tier, findet Ihr nicht? Ihr braucht keine Angst vor ihm zu haben, er ist zahm, und Ihr seht ja, wie er seinen Herrn liebt.« Man bemerkte übrigens bald, daß der Wolf nicht nur seinen Herrn liebte, sondern auch die Herzogin und Marie. Wenn sie den Raum betraten, ging er zu ihnen hinüber und begrüßte sie, indem er die Nase in ihre Hände preßte, er folgte ihnen, wenn sie durch die Burg gingen, oder lag zu ihren Füßen. Zu anderen war er bloß höflich. Gelegentliche Bemerkungen hatten Isegrims Interpretation bestätigt, daß Marie den Mann, der er einst gewesen war, geliebt hatte. Ein bittersüßer Schmerz ergriff ihn jedesmal, wenn er sie beobachtete. Er konnte ihren Geruch aus einem Bündel anderer Gerüche herausfinden, und immer häufiger suchte er nach ihm. Er mochte die Art, wie sie sich bewegte, die gelassene Sicherheit ihrer Haltung. Ihre Stimme war nie schrill, vielmehr leise und angenehm, und sie lachte gern, warf den Kopf bei den Scherzen ihrer Verehrer zurück und erwiderte sie fröhlich. Wenn er ihre Hand leckte, fand er, daß ihre Haut einen ganz eigenen, süßen Duft ausströmte. Er hatte keine deutliche Erinnerung daran, wie sie für menschliche Augen aussah. An ihren Körper im Gras bei Nimuës Quelle, ja, daran erinnerte er sich, auch wie sie hinterher dastand, mit ihrem reichen braunen Haar, das in wirren Strähnen über ihre Schultern hing. An die Farbe ihrer Augen aber konnte er sich zum Beispiel nicht erinnern. Er hatte als Mann ihren Augen keine Bedeutung geschenkt, und für den Wolf hatte die Welt keine Farben. Er wußte – und das war eine bittere Einsicht –, daß er sich als Mann nie für sie interessiert hatte, weil er in Eline verliebt gewesen war: die süße, schöne Eline, die ihn so skrupellos und so abgrundtief verraten hatte. Er dachte nicht gern an Eline und bemühte sich, sie aus seiner Erinnerung zu tilgen. Er träumte nicht davon, sie zu töten, so wie er immer davon träumte, Alain zu töten; er wäre froh, wenn er sie nie mehr sehen müßte, wenn sie tot und begraben wäre. Lieber dachte er über Marie nach – diese Gedanken waren voller Qual und Pein, aber es war eine Pein voller Süße. Wenn jene Szene an Nimuës Quelle sich ein Jahr früher ereignet hätte, dann hätte er vielleicht Marie geheiratet, und Eline wäre für ihn niemals mehr als die Tochter eines benachbarten Gutsherrn gewesen. Er wäre nie so gleichgültig gegenüber Maries stolzem Mut gewesen, hätte Eline sich nicht schon in seinem Herzen eingenistet gehabt. Marie, dessen war er sich sicher, würde ihm nie mit Tränen zugesetzt haben, ihr sein Geheimnis zu erzählen. Und selbst wenn er es ihr gesagt hätte, sie würde ihn nicht verraten haben. Vielleicht hätte sie ihn verlassen und wäre in ein Kloster gegangen. Verrat war etwas Unehrenhaftes, zu dem sie niemals fähig gewesen wäre. Wenn er Marie geheiratet hätte, würde er noch ein Mensch sein und glücklich und in Frieden mit seiner Frau auf seinem Gut leben. Welch süße Qual, sich das vorzustellen! Kenmarcoc, der eine Stellung in der herzoglichen Kanzlei bekommen hatte, zeigte ein besonderes Interesse an Isegrim. Als er ihn das erstemal sah, war er verblüfft. Der Wolf, damals noch mit Maulkorb und an der Kette, sprang auf und sah den Kanzleischreiber mit seinen funkelnden Augen an. Es war an einem Sonntag nach der Messe, der Herzog besprach dienstliche Angelegenheiten mit seinen Beamten in der Halle, und Kenmarcoc brachte einige Abrechnungen herein. Marie saß in der Nähe bei der Herzogin. Kenmarcoc näherte sich vorsichtig dem Wolf und hielt ihm die Hand zum Beschnüffeln hin. Isegrim berührte sie mit dem Maulkorb und setzte sich wieder, ließ den ehemaligen Verwalter aber nicht aus den Augen. »Dies ist der Wolf, den ich in meiner letzten Nacht in Talensac gesehen habe, als ich in den Stock geschlossen war!« rief Kenmarcoc aus. »Scheint, ich hätte mich nicht so vor ihm fürchten müssen.« »Wie könnt Ihr wissen, daß er derselbe ist?« fragte Tiher skeptisch. Als Jagdmeister war er unter den Hofbeamten, mit denen der Herzog sich beriet. »Er sah genauso aus wie dieser«, sagte Kenmarcoc, »und ich werde nicht so bald vergessen, wie ich ihn zu Gesicht bekam. Er kam aus dem Schatten direkt auf mich zu; zuerst dachte ich, es wäre ein streunender Hund, aber als er nur noch ein paar Schritte von mir entfernt war, sah ich, daß es ein Wolf war. Seine Augen funkelten grün im Mondlicht. Ich war in den Stock geschlossen und konnte mich nicht bewegen. Ich dachte, er würde mich töten.« »Wieso wart Ihr im Stock?« fragte Hoel interessiert. Ein Verwalter blieb von solchen Strafen im allgemeinen verschont. »Ich sagte etwas zu der Herrin des Gutes, das ich nicht hätte sagen sollen, hoher Herr. Ich möchte es hier nicht wiederholen. Ich war aufgebracht, weil ich von Talensac fortging, und ich hatte ein paar Becher Wein getrunken, um mich zu trösten. Nun ja, ich bin zu weit gegangen, ich sehe das jetzt ein. Ich hatte mich aufgeregt; sie hatte mit dem Machtiern – Ritter Tiarnán meine ich – gestritten, und ich bin nach wie vor überzeugt, daß sie die Schuld an seinem Tod trägt. Er grämte sich so sehr über diesen Streit, daß er, als er zum letztenmal in den Wald ging, nach meiner Überzeugung nicht die Absicht hatte zurückzukommen. Und auch, als sie nach ihrem langen Aufenthalt bei ihrer Schwester in Iffendic schließlich nach Talensac zurückgekehrt war und behauptete, sie sei entschlossen, ihn herzlich zu empfangen, wenn er von der Jagd heimkomme – auch da wollte sie nicht zugeben, daß sie die Schuld trug. Vater Judicaël kam von St-Mailon herüber, um sie mit ihrem Ehemann zu versöhnen, aber sie stritt auch mit ihm. Und Vater Judicaël, hoher Herr, ist ein so frommer Mann, daß die Leute in der ganzen Region Gott danken, weil er uns einen seiner Heiligen gegeben hat. Tiarnán – nun, ich war sein Mann. Ich war seinetwegen wütend, besonders als seine Witwe es so eilig hatte, diesen Burschen de Fougères zu heiraten.« »Meinen Vetter, meint Ihr«, sagte Tiher trocken. »Verzeiht, Herr Ritter«, sagte Kenmarcoc. »Ich rede zuviel.« Marie konnte nicht sagen, warum das, was der Kanzleischreiber gesagt hatte, sie so beunruhigte. Sie ließ sich später alles noch einmal durch den Kopf gehen, immer mit dem Gefühl, daß sie sich nicht genau erinnerte, daß noch irgend etwas anderes gesagt worden war, etwas, was ihr entfallen war. Aber dieses fehlende Glied entzog sich hartnäckig ihrer Erinnerung, und schließlich schob sie das Problem beiseite und konzentrierte sich auf ihre Bußübungen. Am Abend des Palmsonntags wimmelte es in der Burg von Besuchern. Aus allen Gegenden der Bretagne kamen Hoels Vasallen, um ihrem Lehnsherrn ihre Aufwartung zu machen und an den feierlichen Gottesdiensten der Karwoche in der Kathedrale von Rennes teilzunehmen. Marie war überrascht, daß die Herzogin sich bei den vielen gesellschaftlichen Verpflichtungen die Zeit nahm, sie zu sich zu rufen. Noch überraschter war sie, Havoise in eifriger Beratung mit Sybille und mit ihrer Schneiderin anzutreffen. »So, da seid Ihr ja, meine Liebe«, sagte Havoise bei ihrem Eintritt. »Ich möchte, daß Ihr dieses Kleid anprobiert.« Sie nahm es auf, ein schönes dunkelgrünes Gewand. Marie betrachtete es erstaunt. Das Oberteil und die langen, bauschigen Ärmel vom Ellbogen bis zur Handmitte waren mit Goldstickerei verziert, an den Seiten wurde es mit goldenen Spangen zusammengehalten. »Das ist viel zu prächtig für mich«, sagte sie. »Und ich bin in Trauer.« Sie trug in der Tat wieder ihr altes schwarzes Gewand, in dem sie aus dem Kloster gekommen war. Selbst die Herzogin konnte nichts dagegen haben, wenn es in Trauer um den verstorbenen Vater getragen wurde. »Marie«, sagte die Herzogin streng, »Ihr werdet nicht in diesem schrecklichen alten schwarzen Kleid nach Paris gehen. Ich verbiete es. Ihr seid die Erbin eines Gutes, für das der Herzog und ich eine Menge Mühe und Kosten auf uns nehmen. Ihr werdet durch Euer Aussehen zeigen, daß Ihr es wert seid, oder Ihr werdet überhaupt nicht mitkommen.« »Nach Paris mitkommen?« fragte Marie. »Nach Paris, um den König zu sehen«, bestätigte die Herzogin. »Hoel hat an König Philippe geschrieben, und er hat geantwortet, uns und Herzog Roberts Statthalter, daß er bereit ist, über den Streitfall zu verhandeln. Wir werden zum Pfingstfest in Paris erwartet. Aber Ihr werdet nicht in dem alten schwarzen Ding mitkommen. Ihr werdet dieses hier am Hof tragen, und für die Reise habe ich einige andere Kleider ausgesucht, die Ihr auch anprobieren könnt. Emma kann alle Änderungen vornehmen, die nötig sind.« Sybille kicherte. »Schaut, wie sie versucht, nein zu sagen.« »Ja«, sagte Marie errötend und lachte. Ihr Herz flatterte vor Erregung. Nach Paris reisen, den König von Frankreich sehen! Sie hatte nie in ihrem Leben die Mark und die Bretagne verlassen; nach Paris reisen zum König von Frankreich, das war wie ein Märchen. »Oh, meine Herrin, ich danke Euch!« »Ganz wie ein normales Mädchen manchmal, ist's nicht so?« sagte Sybille. »Wirklich«, stimmte die Herzogin zu. »Gelegentlich schon.« Sie lachte. 13. KAPITEL Judicaël betete am Abend des Ostersonntags in der Kapelle von St-Mailon, als das Glöckchen an der Tür läutete. Die Fastenzeit hatte ihm eine harte Prüfung auferlegt. Einige Männer waren im Auftrag des Bischofs von Rennes bei ihm erschienen und hatten ihn eingehend über seine Haltung zu rituellen Feuern und anderen Manifestationen von Dämonenverehrung befragt. Es stimmte, daß er diesen Dingen gegenüber nie den gleichen Abscheu gezeigt hatte wie die kirchlichen Autoritäten; er hatte in ihnen eher Bekundungen einer traditionellen Verbundenheit mit den ursprünglichen Bewohnern des Landes gesehen, nicht Werke des Teufels. Er konnte schwören, daß er nie ein Feuer zu Ehren eines elbischen Wesens gesegnet hatte, aber er zweifelte, ob das genügte, den Bischof zufriedenzustellen. Seit Tiarnán dieses schreckliche Schicksal getroffen hatte, hatte er kein Zutrauen mehr zu seinem eigenen Urteil, und er fand es fast unmöglich, die trockenen, ungeduldigen Fragen der Abgesandten des Bischofs zu beantworten. Es konnte leicht sein, daß dieses Osterfest sein letztes in St-Mailon sein würde, daß er von der Kapelle und seiner Klause vertrieben wurde und man ihm irgendeine untergeordnete Stellung in einem Kloster übertrug, wo er unter ständiger Aufsicht war. Möglich war sogar, daß er seines Priesteramts enthoben wurde. Und vielleicht war es in der Tat das, was er verdiente. Trotzdem war das Osterfest besonders reich und schön gewesen. Er hatte die Ostervigil gehalten, und um Mitternacht hatte er, ganz allein in der Kapelle, die Osterkerze angezündet und das Exsultet gesungen, den Hymnus der Freude über den Augenblick, wo alle dunkle Unausweichlichkeit von Alter, Tod und Schuld aufgehoben und die Mächte des Bösen vertrieben wurden. Als die Sonne am Morgen aufging, hatte er in der Lichtung gestanden. Primeln, Buschwindröschen, Scharbockskraut und auch die lieblich duftenden Veilchen blühten, die Bäume begannen auszuschlagen, und die Vögel sangen sich gegenseitig zu. Hier hatte er seinen Seelenfrieden wiedergefunden. Was immer ihm geschehen würde, wie unrecht er gehandelt haben mochte, er konnte auf Gott vertrauen, der all dies aus Liebe zu seiner Schöpfung gemacht hatte. Eine kleine Gemeinde, hauptsächlich Menschen, die im Laufe des Jahres zu ihm gekommen waren, versammelte sich zum Gottesdienst am Ostermorgen, und er feierte mit ihnen glücklich die Messe und reichte ihnen das Sakrament. Manche der Besucher hatten Speisen mitgebracht, die er segnete, und nach dem Gottesdienst saßen alle zusammen im Gras der Lichtung, und sie aßen und tranken und redeten und lachten, weil die Fastenzeit vorbei war und sie wieder Eier und Fleisch essen durften. Judicaël steuerte Ziegenmilch und Käse und den Rest des Honigs vom letzten Sommer bei. Jetzt, am Osterabend, war er angenehm müde und freute sich auf sein Bett. Als das Glöckchen klingelte, nahm er an, es sei ein verspäteter Besucher, der dem heiligen Mailon seine Verehrung erweisen wollte, und er wandte sich mit einem Lächeln der Begrüßung um. Wenn es ein solcher Besucher war, dann keiner, den er kannte: eine erschöpft und ängstlich aussehende Bauersfrau, die ein kleines, in eine Decke eingeschlagenes Kind auf dem Arm trug. »Gott sei mit dir, meine Tochter«, sagte Judicaël. »Was ist dein Wunsch?« Sie kam nach vorn und kniete sich hin. »Seid Ihr Judicaël, der Eremit?« fragte sie. Als er nickte, sagte sie: »Im Wald nicht weit von hier liegt ein Mann im Sterben, Vater. Ich bitte Euch um Christi Barmherzigkeit willen, kommt mit mir, und tut für ihn, was Ihr könnt.« Judicaël holte eine Laterne aus seiner Klause und einen Beutel für Brot, Wein und geweihtes Öl; als sich herausstellte, daß die Frau den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte, gab er ihr die Reste des Picknicks vom Vormittag. Dann gingen sie zusammen in den Wald. »Ist dieser Mann dir bekannt, Tochter, oder hast du ihn zufällig gefunden?« fragte Judicaël. »Ich habe nach ihm gesucht«, antwortete sie. »Er ist … ein Freund. Ich wollte ihn einmal heiraten.« »Aber du hast es nicht getan.« Er warf einen Blick auf das Baby, das sie auf dem Arm trug. Nur ein Teil seines Gesichts war zu sehen, es schien nicht älter als drei Monate zu sein. »Nein«, sagte sie. »Ich … wurde daran gehindert. Ich heiratete jemand anderen.« Das Baby fing an zu wimmern, und sie wiegte es leicht an ihrer Schulter und summte ein Schlaflied. Judicaël hatte den Eindruck, daß sie erleichtert war, keine weiteren Fragen über den sterbenden Freund beantworten zu müssen. Vermutlich, so schloß er daraus, war der Mann ein entlaufener Leibeigener oder ein Verbrecher. Der Mann befand sich im tiefen Wald ungefähr zwei Meilen südwestlich von St-Mailon. Er lag unter einem aus Strauchwerk und Stöcken notdürftig errichteten Dach auf einem Hirschfell, das von Flöhen wimmelte; ein anderes zerlumptes Fell diente ihm als Decke. Er war schmutzig, das Haar verfilzt, als Kleidung trug er nur ein mit Flicken besetztes Hemd. Ein Feuer brannte vor dem Schutzdach, neben ihm stand ein Krug mit frischem Wasser, und eine Hose, noch feucht vom Waschen, hing über einem Strauch. Judicaël schätzte, daß er all diese Fürsorge erst vor kurzer Zeit von der Frau erhalten hatte. Vorher mußte der Kranke längere Zeit ohne Hilfe dagelegen haben. Sein Gesicht war ausgezehrt und verfallen, Unterernährung und Krankheit hatten rund um den Mund Entzündungen hervorgerufen, der Bauch war vom Hunger aufgebläht. Er schlief, als sie ankamen; als aber das Licht der Laterne auf seine Augen fiel, öffnete er sie. Sie glühten dunkel aus den verfilzten langen Strähnen, die ihm ins Gesicht hingen. »Wer ist das?« fragte er die Frau. Sie legte das Baby vorsichtig in der Nähe des wärmenden Feuers hin und kniete sich neben den Mann auf die Erde. »Es ist ein Priester«, sagte sie. »Ich habe ihn von St-Mailon geholt. Bitte sprich mit ihm.« Der Mann richtete seine heißen Augen auf Judicaël. »Geht fort!« befahl er. Judicaël kniete sich auf die andere Seite und legte die Hand auf die Stirn des Mannes. Sie war, wie er erwartet hatte, glühend heiß vom Fieber. »Bist du hungrig?« fragte er ruhig. »Nein«, sagte der Mann. »Darüber bin ich längst hinaus. Ich will Euch nicht, geht nach Hause.« »Ich nehme an, daß dein Name Éon ist«, sagte Judicaël. »Wie lange bist du schon krank?« »Zu lange«, antwortete Éon triumphierend. »Selbst wenn Ihr jetzt zum nächsten Gutshof lauft und sagt, daß Ihr den Räuber endlich gefaßt habt, ist es zu spät. Bis sie mich holen kommen, werde ich längst gegangen sein. Ich sterbe, und ich gehe zur Hölle, aber ich gehe zu meiner eigenen Zeit, nicht zu der des Herzogs.« »Ich laufe nirgendwohin«, sagte Judicaël. »Daß ich dich hier gesehen habe, ist eine Sache zwischen dir, mir und Gott. Aber du hast eine gute Freundin hier, die sich viel Mühe gegeben hat, um mich herzuholen. Aus Höflichkeit ihr gegenüber solltest du wenigstens mit mir sprechen, bevor du mich wegschickst.« Éon zögerte und sah zu der Frau hinüber. Sie nickte ernst, und er seufzte. »Es macht überhaupt keinen Unterschied«, sagte er zu ihr. »Aber dir zu Gefallen …« Sie lächelte und küßte ihn auf die Stirn, dann ging sie zum Feuer zurück und nahm das Baby auf, das wieder zu weinen angefangen hatte. Sie setzte sich etwas entfernt von den beiden und legte es an die Brust. Éon folgte ihr mit den Augen. »Das Kind ist nicht meins«, sagte er abrupt. »Ich habe sie nicht anrühren dürfen, seit sie mit diesem Burschen in Plémy verheiratet ist. Sie hat ihm gesagt, daß sie an diesem Osterfest auf eine Wallfahrt gehen wolle und ist hierher gekommen, um mich zu suchen, weil sie sich Sorgen um mich machte – aber sie hat ihn in keiner anderen Weise getäuscht. Das ist die Wahrheit, ich schwöre es bei Gott.« »Ich glaube dir«, sagte Judicaël. »Ich bete zu Gott, daß er sie für ihre Treue ihm und dir gegenüber belohnen möge.« »Ja«, sagte Éon mit dem Anflug eines Lächelns. »Was dich angeht …«, Judicaël hielt inne und betete schweigend um Gottes Führung; dann fuhr er fort: »Ich glaube, du hast es eiliger damit, dich zur Hölle zu verdammen, als Gott es hat.« Éon starrte ihn an. »Jetzt kommt die Predigt«, sagte er bitter. »Gottloser Mensch, bereue! Räuber, Mörder, Aufrührer gegen deinen Herrn, entlaufener Leibeigener, Werwolf – krieche auf dem Bauch wie ein Wurm und bettle um Gnade, vielleicht wirst du dann mit Prügeln und Fegefeuer davonkommen. Ich ziehe es vor, wie ein Mann zu sterben.« »Du bist kein Werwolf«, sagte Judicaël. »Nein, aber ich werde Euch sagen, wer der Werwolf ist«, erklärte Éon barsch. »Dieser Herr von Talensac, dessen Ermordung man mir vorwirft. Weil er ein Herr von Adel ist, steht er in hohem Ansehen. Ich bin als Leibeigener geboren, und jeder Dreck, mit dem man mich bewirft, bleibt an mir hängen.« »Woher weißt du, daß er ein Werwolf ist?« »Hab ihn gesehen. In der Nähe von Carhaix, vorletzten Herbst. Ich sah ihn die Straße entlangreiten und dachte, es lohne sich, ihn auszurauben. Ich wußte nicht, wer er war, aber er hatte ein gutes Pferd, und damals hatte ich drei Männer bei mir, konnte also daran denken, auch bewaffnete Reiter zu überfallen. Wir folgten ihm und hielten Ausschau nach einem geeigneten Platz für den Überfall. Er ließ sein Pferd auf einem Bauernhof zurück und ging zu Fuß in den Wald, als wollte er jagen. Noch besser, dachten wir. Er blieb stehen. Wir schlichen uns an ihm vorbei nach vorn, um ihm einen Hinterhalt zu legen, und warteten. Aber er kam nicht dorthin. Nach einer Weile gingen wir zurück und verfolgten seine Spur. Die Spur eines Mannes führte zu einem hohlen Baum in einem engen Tal, doch nur die Spur eines Wolfs führte von da weiter. Die Kleider befanden sich in dem Baum. Wir rührten sie nicht an. Wir hatten Angst, das zu tun. Als ich ihn das nächstemal sah, tötete er zwei meiner Leute – arme Kerle, denen von ihrem Herrn Unrecht geschehen war und die wie ich von ihrem Land verjagt worden waren. Und mich hätte er auch fast getötet. Aber die Geschichte, die die Welt zu hören bekam, war, daß ein edler Ritter von Talensac einem schlimmen Räuber begegnet war und ihn besiegt hatte. Die adligen Herren können tun, was sie wollen, wenn ein armer Mann jedoch die Hand hebt, um sich zu verteidigen, ist er verdammt.« »Gott hat über Tiarnán de Talensac sein eigenes Urteil gesprochen«, sagte Judicaël ruhig. »Du trägst Verantwortung für deine eigene Seele, nicht für seine. Denkst du, Gott weiß nicht, was du gelitten hast? Ich habe die Geschichte gehört, wie du dazu gekommen bist, ein Räuber zu werden. Es war eine große Ungerechtigkeit, die dir zugefügt worden ist. Für Gott, der das endgültige Urteil in dieser Sache spricht, gibt es weder Reiche noch Arme, weder Herren noch Leibeigene, alle Menschen sind vor ihm gleich. Verantworte dich vor Gott für dich selbst, Éon, und er wird dich anhören. Christus ist dein Freund und Verteidiger, er wird deinen Fall selbst vertreten. Aber du mußt bereuen und seine Hilfe annehmen. Als deine beiden Kumpane getötet wurden, saßt ihr nicht unschuldig im Wald; ihr wart dabei, eine junge Frau zu vergewaltigen.« »Und ich wünschte, wir hätten es zur Ende gebracht!« erwiderte Éon wild. »Sie war eine vornehme Dame, eine Verwandte meines Herrn von Moncontour. Ich wünschte, ich hätte das damals gewußt, und ich wünschte, ich hätte die Chance gehabt, mich an ihr zu vergnügen.« »So wie Ritgen mab Encar sich an deiner Freundin hier vergnügt hat?« fragte Judicaël. Es war ein Tiefschlag. Éon schwieg betroffen. »Gott macht keinen Unterschied zwischen Hoch und Niedrig«, setzte Judicaël rasch nach. »Wenn es gut ist, eine junge Frau von Adel, der du im Wald begegnest, zu vergewaltigen, dann ist es auch gut, wenn ein Verwalter eine Leibeigene seines Herrn in der Hütte ihres Geliebten vergewaltigt. Es gibt da keine Unterschiede: Beide Frauen leiden. Wie ich sagte, es ist mein Glaube, daß Gott die Rechnung ausgleichen wird. Zu dem Verwalter wird er sagen: Dir war Macht anvertraut, und du hast sie mißbraucht. Und zu dem entlaufenen Leibeigenen: Du wurdest von anderen zu Unrecht mißhandelt. – Aber du weißt, Éon, daß die meisten Menschen, die du ausgeraubt hast, so arm waren wie du selbst – Bauern, die im Wald arbeiteten; arme Pächter, die eine Wallfahrt machten; Gemeindepriester mit kleinen Gaben von ihren Gläubigen. Bauersfrauen vielleicht, die das Unglück hatten, deinen Weg zu kreuzen.« »Nein«, sagte Éon mürrisch. »Nur Huren, oder solche, die es selbst wollten. Ein Mann braucht Frauen. Ich dachte, das Penthièvre-Mädchen wäre eine Hure.« »Dachtest du? Als sie mit dir kämpfte?« »Nein, aber was hatte sie dort allein zu suchen, wenn sie keine Hure war? Sie verdiente es.« »Wirklich? Und der Mann, den du und deine Freunde vor zwei Jahren in der Nähe von Paimpont beraubt habt, als er die Ersparnisse seines Lebens dem heiligen Main für die Genesung seines kranken Sohnes opfern wollte, und den ihr blind, mit gebrochenen Rippen und ohne einen Sou liegen ließt – verdiente er das auch?« »Wir wußten nicht, was für Geld das war! Wir wurden wütend, als er versuchte, uns zu hindern, es zu nehmen. Wir mußten rauben. Wir hatten keine andere Möglichkeit zu leben.« »Hast du jemals versucht, deinen Lebensunterhalt auf andere Weise zu beschaffen? Du hättest in eine Stadt gehen können, irgendwohin, wo dich niemand kannte, und hättest ein Gewerbe erlernen können. Du warst ein kräftiger Mann, du hättest Arbeit finden können. Oder du hättest auf einem Schiff anheuern und in ein anderes Land gehen können. Es gibt immer andere Möglichkeiten, als auf Kosten der Mitmenschen zu leben.« »So ist es recht! Ich bin verdammt, was ich auch tue. Jagt einen Mann in die Wildnis hinaus wie ein Tier, und verachtet ihn dann, wenn er eins wird. Laßt mich allein, und laßt mich zur Hölle gehen!« »Éon, hätte ich heute nacht wohl den weiten Weg hierher gemacht, wenn ich nichts anderes wollte, als dich zu verdammen? Das hätte ich auch daheim in meiner Zelle tun können. Ich bin gekommen, um dir die Absolution anzubieten. Das ist meine Aufgabe und Gottes dringender Wunsch. Alles, was du tun mußt, um sie zu erhalten, ist, die Hand auszustrecken. Wir sind alle Sünder; ich habe selbst Dinge getan, die ich bitter bereue, und alles, was ich tun kann, ist, Gott zu bitten, mir gnädig zu sein. Tut es dir leid, daß du den Mann aus Paimpont zum Krüppel geschlagen hast?« Éon schwieg lange, dann führte er eine schwache Hand an seine brennenden Augen. »Ja«, murmelte er und fing an zu weinen. »Mir ekelte vor mir selbst, als ich die Geschichte hörte.« »Dann möge Christus dir vergeben, mein Sohn, der durch seinen Tod und seine Auferstehung, die wir heute gefeiert haben, uns erlöst hat. Gibt es andere Missetaten, die du bereust?« Er bereute sie schließlich alle, sogar daß er Ritgen mab Encar erdrosselt hatte, als er neben seiner Frau schlief. Judicaël erteilte ihm die Absolution und gab ihm die Letzte Ölung. Dann konsekrierte er das Brot und den Wein und reichte beiden, dem Mann und der Frau, die Osterkommunion. Als das beendet war, schlief Éon ein, befriedigt lächelnd wie das Baby. »Was wirst du jetzt tun?« fragte Judicaël die Frau, als er das Öl und den Wein in seinen Beutel packte. »Ich werde hier bleiben, bis er verschieden ist«, antwortete sie einfach. »Dann werde ich nach Hause gehen.« »Komm zu mir, wenn du etwas brauchst«, sagte er. »Mit dem Kleinen mußt du genügend essen, um bei Kräften zu bleiben. Und wenn der Mann tot ist, sag es mir, damit ich dir helfen kann, ihn zu begraben.« »Ich denke, es wird jetzt nicht mehr lange dauern«, sagte sie mit einem Blick auf Éon. »Er ist sehr schwach. Er hat lange hier allein gelegen. Und er hat jetzt aufgehört, sich zu wehren. Er hatte Angst vor der Hölle, aber jetzt wird er ein gutes Ende haben.« Sie sah Judicaël mit Tränen in den Augen an, dann nahm sie seine Hand und beugte den Kopf über sie. »Danke, Vater«, sagte sie ruhig. »Möge Gott es Euch lohnen!« »Was ich durch seine Gnade für deinen Freund tun konnte, ist Belohnung genug«, erwiderte Judicaël. »Aber darf ich dich um einen Gefallen bitten, meine Tochter? Er hat dir, nehme ich an, von dem Gutsherrn von Talensac erzählt?« Sie nickte überrascht, und Judicaël fuhr fort: »Dann bitte ich dich, nicht weiterzuerzählen, was er dir gesagt hat. Ich war der Beichtvater dieses Ritters.« Das kleine Täuschungsmanöver gelang. Sie glaubte sofort, daß er fürchtete, die Geschichte über Tiarnán würde seinem eigenen Ruf schaden. Sie hätte die Geschichte sonst zweifellos anderen erzählt. Wenn ein Gerücht über Lasterhaftigkeit das Ansehen eines Edelmanns ruinierte, der ihrem Freund Schaden zugefügt hatte, um so besser! Aber um Judicaëls willen würde die Geschichte mit Éon unter dem Waldboden begraben bleiben. Judicaël fühlte leichte Gewissensbisse wegen der Täuschung, doch wem konnte es nutzen, wenn die Erinnerung an Tiarnán durch den Schmutz gezogen wurde? »Natürlich, Vater«, sagte die Frau. »Und nochmals, danke. Manche Priester würden gar nicht gekommen sein, und die meisten wären auf der Stelle umgekehrt, wenn sie gesehen hätten, zu wem sie gekommen waren. Sein ganzes Leben ist er wie ein wildes Tier behandelt worden, aber Ihr habt ihn als einen Menschen akzeptiert. Ihr habt ihn gerettet.« »Nein«, erwiderte er. »Das hast du getan.« Auf dem Weg zurück zu seiner Klause ließ er sich Zeit. Er wanderte gemächlich durch den Wald, spürte ihn ringsum in der Dunkelheit atmen. Was gerade geschehen war, erschien ihm wie ein Geschenk Gottes, Rechtfertigung genug für das Leben eines Eremiten, und er war aus tiefstem Herzen dankbar und glücklich. Aber er fragte sich auch, was er tun würde, wenn ihm das Priesteramt entzogen werden sollte. Ohne die Möglichkeit priesterlichen Wirkens, ohne seine Kapelle und seine Klause, fern von dem Wald mit seiner unendlichen Vielfalt an Leben, seinen Stimmen, dem ständigen Wandel seines Gesichts, eingeschlossen in einem Kloster, wo er Manuskripte kopieren mußte, der Ketzerei verdächtigt und argwöhnisch belauert – was würde er tun? Es gibt immer etwas, was man tun kann, sagte er zu sich. Ich habe es zu Éon gesagt, und es ist wahr. Und Gottes Wege sind wunderbar und geheimnisvoll, meinem Vorstellungsvermögen entzogen. Mein Vertrauen setze ich auf dich, du Herr über mein Leben. Schließlich erreichte er seine Klause, blies die Laterne aus und schlief friedlich ein. Herzog Hoel verließ mit seiner Reisegesellschaft Rennes am sechsundzwanzigsten April und traf am zehnten Mai in Paris ein. Es war eine gemächliche Reise, die die Pferde schonte; man übernachtete in Gästehäusern von Klöstern oder auf Burgen von Freunden und Vasallen. Man besichtigte Sehenswürdigkeiten, freute sich an den Schönheiten der wechselnden Landschaften und unterhielt sich bei Festlichkeiten, die zu Ehren der illustren Gäste veranstaltet wurden. Für Marie war das alles neu und eine Quelle ständigen Entzückens. Es war das letzte Frühjahr eines ausgehenden Jahrhunderts, schön und sprühend von Leben. Überall, wo sie vorbeizogen, wurden die Felder bestellt, überall sproßte frisches Grün. Pferde zogen den Pflug, Schafe grasten auf den Wiesen, Schweine stöberten in den Wäldern. Männer und Frauen unterbrachen ihre Arbeit, Kinder liefen auf die Straße, um den Herzog der Bretagne vorbeireiten zu sehen. Überall waren Maurer eifrig bei der Arbeit: Neue Burgen wurden errichtet, Klöster bauten neue Kapellen, neue Gästehäuser oder neue Refektorien. In fast allen Städten wurden neue Kirchen erbaut. Die ganze Welt schien von neuer Freude und neuer Kraft erfüllt. Die Reisegesellschaft lachte und scherzte viel. Hoel war entschlossen, einen guten Eindruck am königlichen Hof zu machen; deshalb hatte er alle Ritter der Hofgarde mitgenommen, dazu noch zwanzig weitere Ritter, die turnusmäßig ihren Waffendienst leisteten. Ferner gehörten zu der Gesellschaft Trompeter, Spielleute, der Herold des Herzogs, sein Kaplan, sein Leibarzt und sein Sekretär. Die anderen Beamten des Hofes, darunter auch zu Maries Enttäuschung Tiher, waren in Rennes geblieben. Havoise wurde von einem Dutzend Hofdamen begleitet, und dieses ganze herzogliche Gefolge betreuten sechzig Bedienstete, die sich auch um das auf Mauleseln und Packpferden verladene Gepäck, um die Hunde und Falken zu kümmern hatten. Mirre war, wie die meisten Jagdhunde, zurückgelassen worden. Es war keine Saison für die Jagd mit Hunden. Aber Isegrim war dabei; mit einem neuen, silberbeschlagenen Halsband trottete er hinter dem Pferd des Herzogs her. Ein paar besonders ansehnliche Alaunts und Windhunde waren wegen ihres Schaueffekts ebenfalls mit von der Partie. Nur große Klöster konnten diese Reisegesellschaft beherbergen und verpflegen. Isegrim war enorm erleichtert, daß die Jagdhunde daheim geblieben waren. Mirre war läufig geworden, und ihr scharfer Geschlechtsgeruch war ihm fast unerträglich gewesen. Die Vorstellung, sich mit einer Hündin zu paaren und vielleicht Junge zu zeugen, die etwas von einer menschlichen Seele in sich trügen, war unaussprechlich monströs. Und doch war der Geruch so aufreizend, daß er sich fürchtete, Mirre in seiner Nähe zu haben. Sie war gewohnt, ihm zu folgen, und daß er sie plötzlich anknurrte und fortjagte, verwirrte und verletzte sie. Noch schlimmer war es für den armen Isegrim, daß Hoel und die Herzogin das Schauspiel so spaßig fanden, wie ein Wolf eine verliebte Hündin fortjagte. Es war viel besser, auf der Straße nach Paris unterwegs zu sein. Paris, das sie am Nachmittag des zehnten Mai erreichten, war nicht sehr viel größer als Nantes. Sie ritten an der großen Abtei St-Germain-des Prés vorbei und durch die grünen Weingärten zum linken Ufer der Seine hinab. Mitten in dem breiten braunen Strom lag die Ile de la Cité; statt der klaren Frühlingsluft lag über den alten Mauern ein grauer Dunst vom Rauch vieler Herdfeuer. Sie klapperten über den Pont St-Michel und durch die Stadttore in einen Gestank von Abwässern und verfaulenden Speiseresten. Die meisten Einwohner von Paris lebten auf der Insel, allerdings waren auch manche in den weniger überfüllten Flußhafen am rechten Ufer gezogen. Hier dagegen, im Herzen der alten Stadt, waren die Häuser eins auf das andere getürmt, und der Lärm und der Schmutz übertrafen bei weitem das, was sie von Rennes gewohnt waren. Der Hauptmarkt schien sich übrigens auf der Straße abzuspielen. Straßenverkäufer schrien ihre Waren aus, die Käufer handelten mit ihnen, und alle fluchten, als die Ritter des Herzogs den Weg für ihren Herrn frei machten. Die Hunde des Herzogs bellten die Katzen an, die in den schmalen Gassen herumstreunten, und die Stadthunde bellten die Hunde und den Wolf des Herzogs an. Der Zug beeilte sich, durch das Tohuwabohu hindurchzukommen, bog nach links auf den Marktplatz ein und erreichte schließlich den Palast König Philippes von Frankreich, wo sie erwartet und begrüßt wurden. Die Bretonen hatten hart gearbeitet und geprobt, um einen möglichst glanzvollen Eindruck bei ihrem Eintreffen zu machen. Die Hunde und der Wolf waren am Morgen gewaschen und so gebürstet worden, daß ihr Fell sich wie eine weiche Krause um den Hals legte. Die Pferde waren gestriegelt worden, bis jedes Haar glänzte, und die Hufe hatte man mit eine Mischung aus Öl und Holzkohle geschwärzt – doch der Staub der Straßen hatte sich wieder darüber gelegt. Die fünfzig Ritter hatten ihre Rüstungen geölt und poliert, bis sie, wie Hoel sagte, wie frische Sardinen schimmerten. Der Herzog trug ein neues, mit Hermelin besetztes scharlachrotes Obergewand mit einem goldbestickten Gürtel. Die Herzogin war noch prächtiger gekleidet; sie trug ein Gewand aus burgunderfarbener Seide und reichen Schmuck. Maries grünes, goldbesticktes Gewand sah im Vergleich dazu einfach und schlicht aus. Unter Trompetengeschmetter ritten sie durch die Tore des Palastes auf den gepflasterten Innenhof, die fünfzig Ritter schwärmten fächerförmig über den Hof aus, dann saßen alle gleichzeitig mit klirrender Rüstung ab und beugten das Knie, als der Herzog von seinem weißen Streitroß abstieg. Für Marie war es das großartigste Schauspiel, das sie je gesehen hatte. Auf den königlichen Hof jedoch machte Hoels prachtvoller Auftritt überhaupt keinen Eindruck. Philippe mochte ein fetter alter Mann sein, der nicht viel taugte, aber alle großen Herren Frankreichs fanden es trotzdem gelegentlich nützlich, ihm ihre Aufwartung zu machen. Was bedeutete Hoel im Vergleich zu dem märchenhaft reichen Grafen von Flandern oder den mächtigen Herzögen der Normandie und von Anjou oder des hochgebildeten Herzogs Guillaume von Aquitanien? Die Bretagne war eines der ärmsten und abgelegensten Länder des Königreichs und von geringem Interesse für die Pariser. Der Seneschall des Königs, Guy de Rochefort, der zur Begrüßung der Gäste auf den Hof hinausgekommen war, lächelte nur höflich zu diesem Schauspiel und winkte den Dienern, die Pferde der Bretonen in die Ställe zu führen. Was jedoch Eindruck machte, war Isegrim; ein zahmer Wolf war etwas viel Selteneres als ein Herzog. Als Hoel die große Halle des Königspalastes betrat, den Wolf an einer Leine aus roter Seide führend, stießen die Hofleute sich gegenseitig an und flüsterten. Sogar König Philippe, ein verschlagener, träger Mann, richtete sich auf seinem erhöhten Sitz auf, zupfte seine Hermelinrobe zurecht und rülpste. Hoel beugte das Knie und erwies als Kronvasall seinem Herrn die Huldigung. Der König streckte ihm die Arme entgegen und zog ihn hoch; dann küßte er ihn ziemlich flüchtig auf beide Wangen und fragte: »Ist das wirklich ein Wolf?« »Ja, Sire«, sagte Hoel mit sichtlicher Befriedigung und klopfte Isegrim auf die Schulter. Isegrim leckte ihm die Hand. »Hm«, sagte Philippe zweifelnd. »Er scheint sehr zahm zu sein.« »Er ist ein wohlerzogenes Tier, Sire, und viel intelligenter als ein Hund. Isegrim! Erweise dem König deine Reverenz!« Isegrim war dieses Kunststück während der Reise beigebracht worden. Er trat vor, spreizte die Vorderbeine und beugte den Kopf bis zum Boden, Schwanz gestreckt, und berührte mit der Nase den Schuh des Königs. Philippe zog den Fuß hastig zurück, dann lächelte er. Die Hofleute applaudierten. Isegrim stand wieder auf und ging auf seinen Platz an Hoels Seite zurück. »Ein respektvolles Tier«, sagte der König. »Sehr schön. Ich heiße Euch, mein Herzog der Bretagne, in Paris willkommen.« Den Frauen und den höherrangigen Männern der bretonischen Delegation war eine Zimmerflucht im Nordflügel des Palastes reserviert worden. Die Ritter mußten die Halle mit den Männern des Königs und den Rittern der normannischen Delegation teilen, die schon vorher eingetroffen war. Die Halle war groß genug, um sie alle aufzunehmen. Sie war verhältnismäßig neu und wie der ganze Palast von Philippes Großvater Robert dem Frommen umgebaut und erweitert worden. Am Abend fand dort ein Bankett zur Begrüßung der Normannen und der Bretonen statt. Noch bevor Marie an diesem Abend die riesige Halle betrat, fiel ihr der überwältigende süße Duft auf, und als sie der Herzogin durch die niedrige Tür folgte, sah sie, daß die Halle in blendendes Weiß getaucht war. Frische Weißdornblüten bedeckten dicht die Binsen des Fußbodens, die Tische waren mit Tüchern aus gebleichtem Leinen ausgelegt und mit silbernem Geschirr bedeckt. In den Halterungen an den Wänden brannten Kerzen, die den ganzen Raum in ein sanftes Licht tauchten. Die prächtige Kleidung sowohl der Hofleute wie der Besucher hob sich in allen Farben des Regenbogens gegen das Weiß ab: ein Pendant zu den farbenprächtigen Wandteppichen, die alle Wände des Palastes schmückten. Wieder einmal hatte Marie das Gefühl, daß diese Reise Teil eines Märchens oder eines Traums war, aus dem sie in der eintönigen Freudlosigkeit des Klosters St-Michel erwachen würde. Der Seneschall des Königs hatte sorgsam die Rangfolge der Würdenträger abwägen müssen, bevor die Plätze an den Tischen endgültig zugeteilt wurden. Der Sohn des Königs, Prinz Louis, war abwesend; er führte eine Strafexpedition gegen einen aufrührerischen Vasallen an – ein Glück, für das Herr de Rochefort Gott dankte, denn die Gemahlin des Königs war anwesend, und sie und der Prinz haßten einander. (Königin Bertrada war die zweite Frau des Königs. Seine erste Gemahlin, Bertha von Friesland, die Mutter des Prinzen Louis, lebte noch, ebenso wie Bertradas erster Mann. Ihre Flucht mit dem König war der Skandal des Zeitalters und hatte zur Exkommunikation Philippes durch den Papst geführt, die alle Welt ignorierte.) Ein Glück war auch – aus der Sicht des Seneschalls, daß Herzog Robert der Normandie nicht anwesend war, so daß niemand Hoel den Platz zur Rechten des Königs streitig machen konnte, während Herzog Roberts Statthalter, Graf Ranulf von Bayeux, unbestritten den Platz zur Rechten der Königin einnehmen konnte. An den unteren Tischen allerdings gab es heiße Dispute. Marie hatte ihren Platz an dem erhöhten Tisch – einmal, weil sie eine Verwandte der Herzogin war, aber vor allem, wie sie vermutete, weil den wenigen Damen, die an dem Bankett teilnahmen, die praktische Funktion zukam, ein besseres Jonglieren mit den umstrittenen Sitzen zu ermöglichen. Man hatte sie zwischen den Konnetabel des Königs und einen Normannen gesetzt, den sie kannte: Hoels alten Widersacher Robert de Bellême, der einmal ihren Vater in Chalandrey besucht hatte. Robert war ein großer, kräftig gebauter Mann mit grausamen Gesichtszügen. Sein graues Haar war sehr gepflegt, seine Kleidung von erlesener Pracht. Er klopfte ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch, während die Gesellschaft stehend auf den König wartete. Endlich kündigten Fanfarenstöße das Eintreffen des Königs und der Königin an, die im Glanz ihrer juwelengeschmückten, goldglänzenden Gewänder die Halle betraten. Sie nahmen ihre Plätze in der Mitte des erhöhten Tisches ein, die Tischgesellschaft konnte sich nun setzen. Dann erklangen wieder die Fanfaren, und der erste Gang, Lammbraten und im Bratenfett gebackene Pasteten, wurde auf einem silbernen Tablett hereingebracht; es war so schwer, daß zwei Männer es tragen mußten. Robert schnaubte und trommelte wieder mit den Fingern auf den Tisch. Bevor das allgemeine Servieren beginnen konnte, mußte der königliche Seneschall feierlich den Braten tranchieren, das Fleisch selbst kosten und schließlich mit vielen Verbeugungen unter erneuten Fanfarenstößen dem König vorlegen. Die gleiche Zeremonie wurde mit dem Wein wiederholt. Als das Ritual endlich beendet war, begannen die Diener den Gästen zu servieren. Das Essen war vorzüglich: Philippe war ein Kenner und Genießer der Tafelfreuden – seine Beleibtheit legte davon Zeugnis ab. Robert de Bellême wandte sich mit einem anzüglichen Blick Marie zu. »Gott segne Euch, Dame«, sagte er. »Ich muß wohl etwas Rechtschaffenes getan haben, daß man mich neben eine schöne Dame gesetzt hat. Ihr gehört zu der bretonischen Delegation, nehme ich an. Aber Ihr seid zu hübsch, um eine Tochter von Hoel zu sein. Wie ist Euer Name?« »Ihr kennt mich, Herr Robert«, sagte sie. »Marie, Guillaume Penthièvres Tochter.« Er musterte sie erstaunt. »Bei Gott und dem heiligen Jakobus!« rief er. »So ist das? Ich hätte es nie geglaubt. Die dicke, kleine, gelehrte Marie hat sich in eine solche Schönheit verwandelt. Die Gefangenschaft muß Euch bekommen.« Marie war der Herzogin sehr dankbar für das Kleid, das durch die Kunst der Schneiderin hervorragend saß, und für den Schmuck, den sie ihr geliehen hatte. »Nicht direkt Gefangenschaft, Herr Robert«, sagte sie, ohne nachzudenken. »Aber ich habe doch gehört, daß Hoel Euch aus einem Kloster entführen ließ und Euch an seinem Hof gefangenhält, bis Ihr Euch einverstanden erklärt, einen seiner Männer zu heiraten.« »Wie Ihr seht, werde ich nicht gefangengehalten«, erwiderte sie lächelnd. »Ich schwor Herzogin Havoise einen Eid, daß ich nicht versuchen würde zu fliehen, es sei denn, ich würde zu einer Heirat gezwungen. Sie machte mich zu einer ihrer Hofdamen. Sie und Herzog Hoel haben mich nur mit Güte behandelt.« Robert runzelte die Stirn. »Güte? Euch entführen und mit Gewalt festhalten?« »Ich habe mich geweigert zu tun, was sie von mir wünschten, und doch behandeln sie mich als Freundin und Verwandte. Ja, Güte.« Roberts Stirn war noch immer gerunzelt, und sie erinnerte sich plötzlich, daß jemand an ihrem ersten Tag am Hof zu ihr gesagt hatte: »Was Ihr von uns befürchtet, zeigt, wie die Normannen sind.« Jetzt konnte sie feststellen, daß es der Wahrheit entsprach. Robert hätte ihr keine Freiheit und keine Wahl gelassen, wenn sie sich seinen Plänen widersetzt hätte. Robert hätte sie von einem seiner Männer vergewaltigen lassen. Für ihn war es schwer zu verstehen, warum Hoel nicht ebenso gehandelt hatte. »Ihr habt die Bewerber, die sie für Euch ausgewählt hatten, abgewiesen?« fragte er. Sie nickte, und Robert brummte zufrieden. »Ich habe von Eurer Loyalität gehört«, sagte er. »Ich hoffe, der König berücksichtigt das, wenn über die Zukunft des Lehens entschieden wird.« Marie biß sich auf die Lippen. Wie konnte sie dem Normannen gegenüber zugeben, daß sie das Gegenteil hoffte? Es blieb ihr erspart, sich dazu äußern zu müssen, denn in diesem Augenblick kam von der Mitte des Tisches, wo Hoel neben dem König saß, ein ungewöhnliches Geräusch. Sie blickte auf und sah, wie der Herzog sich zu seinem Wolf hinabbeugte und ein Wolfsgeheul imitierte. Isegrim sah verlegen aus. »Was zum Teufel macht er da?« fragte Robert den Konnetabel des Königs. Der Konnetabel hatte gerade seinen Nachbarn das gleiche gefragt; er wandte sich zurück und sagte: »Der König scheint den Wunsch zu haben, den Wolf heulen zu hören.« Der Kanzler des Königs und mehrere Hofleute begannen jetzt auch zu heulen, wie der Herzog mit Unterbrechungen, um Isegrim zu ermutigen, das gleiche zu tun. Isegrim schnellte die Ohren vor und zurück, schaute in eine andere Richtung und tat so, als verstünde er nicht, was das sollte. Marie fing einen Blick der Herzogin Havoise auf und mußte die Hand vor den Mund halten, um nicht zu kichern. Der König klopfte ungeduldig mit den Hacken auf den Boden, und seine Hofleute heulten noch lauter. Schließlich hob Isegrim mit einem Ausdruck der Verachtung den Kopf und heulte. Es begann mit einem halb schluchzenden Laut und stieg dann an bis zu dem langen, hohen, verwehenden Ende, einsam, bedrückend, schmerzvoll, traurig – völlig anders als das, was seine Imitatoren hervorgebracht hatten. Einen Augenblick lang herrschte in der Halle absolute Stille. Dann fingen alle Hunde – und es gab viele hier, von den weißen Windhunden des Königs bis zu den Schoßhündchen der Damen – zu bellen an. Isegrim senkte den Kopf und ließ sich auf sein Lager hinter dem Stuhl des Herzogs zurückfallen. »Wie ist Herzog Hoel an diesen Wolf gekommen?« fragte Robert Marie bewundernd. »Ich würde ein Pfund Gold für eine solche Bestie zahlen.« Nach dem Bankett stellte sich heraus, daß der König drei Pfund Gold für Isegrim geboten und, als Hoel ablehnte, das Gebot auf fünf Pfund erhöht hatte. Hoel frohlockte. »Ich sagte, ich würde ihn nicht für hundert Pfund Gold verkaufen!« erzählte er, während er mit beiden Händen den Nackenpelz des Wolfs streichelte. »Und ich würde es auch nicht tun. Niemand an diesem Hof hat je zuvor einen Pfifferling für etwas gegeben, was mir gehörte. Du hast deinem Herrn Ehre gebracht, was, Isegrim? Der ganze Hof beneidet mich. Brav, brav, mein guter Wolf.« Der Wolf grinste ihn an und fuhr ihm kurz mit der Zunge über das Gesicht. »Du bist dir doch klar, daß er nur geheult hat, um dich zum Schweigen zu bringen«, sagte Havoise. »Wirklich, Hoel, ich dachte, ich würde zerplatzen, so sehr mußte ich an mich halten, um nicht laut über dich zu lachen.« »Die Männer des Königs haben auch geheult«, antwortete Hoel und imitierte ihren Pariser Ton. Havoise lachte lauthals. »Aber was willst du in der anderen Sache tun, die der König zu sehen wünscht?« fragte sie, nachdem sie sich gefaßt und sich die Tränen abgewischt hatte. Diese andere Sache war, so schien es, ein Kampf zwischen dem Wolf und ein paar Jagdhunden. Der Führer der normannischen Delegation, Ranulf von Bayeux, hatte angeboten, seine beiden besten Jagdhunde gegen den Wolf antreten zu lassen, und der König war von der Idee sehr angetan. Hoel zuckte die Achseln. »Wenn wir das irgendwie vermeiden können, werden wir es tun. Wie ich zum König gesagt habe: Ranulf kann leicht an neue Hunde kommen, wenn Isegrim sie tötet oder verstümmelt, aber woher könnte ich einen anderen Wolf bekommen? Obwohl ich jede Wette eingehe, daß du die normannischen Hunde schlagen würdest. Stimmt's, Isegrim?« Marie gefiel der Ton nicht, mit dem Hoel das sagte. Er machte einen Kampf für den Wolf eher wahrscheinlich. Isegrim war ihr ans Herz gewachsen, sie freute sich über die etwas gravitätische Art, mit der er sie begrüßte, wenn sie in ein Zimmer kam, und über die Art, wie seine glänzenden Augen, in denen sie nicht zu lesen vermochte, ihr folgten. Havoise teilte offenbar ihre Befürchtungen. »Hoel«, sagte sie, »du weißt nicht einmal, ob er kämpfen kann. Er ist ein so sanftes Geschöpf. Er läßt sich nicht einmal von den Hunden provozieren.« »Ich bin sicher, er kann kämpfen, wenn er will«, erwiderte Hoel. »Ich habe ein einziges Mal gesehen, wie er jemanden anzugreifen versuchte, und da war er wirklich furchtbar. Das war an dem Tag, nachdem er sich ergeben hatte. Ich hatte den Burschen Fougères bei mir, der ihn sehen wollte. Wenn er nicht angekettet gewesen wäre, ich glaube, er hätte den Mann getötet. Alain de Fougères wurde kreidebleich und verlangte, daß ich Isegrim töten lasse.« »Wirklich? Ich habe nie erlebt, daß er sich schlecht benahm.« »Ich seitdem auch nicht. Er ist ein intelligentes Tier; ich vermute, er hat Alain als den Mann wiedererkannt, der ihn so gnadenlos gehetzt hatte. Ich bin sicher, er könnte wie der Teufel kämpfen, wenn er Grund dazu hätte.« Auch das hörte sich nicht beruhigend an. Der König ließ sich Zeit, den Streit über Chalandrey zu verhandeln. Die königliche Würde verlangte, daß er seinen Kronvasallen Zerstreuung und Unterhaltung bot, wenn sie seinen Hof besuchten. Daher wurden die beiden Parteien, Bretonen und Normannen, für die nächsten Tage zur Beizjagd im königlichen Forst Rouvre eingeladen – getrennt – und mit Tanz und Musik in Paris unterhalten – getrennt. Die Herzogin machte mit Begeisterung in Paris Einkäufe – von flandrischem Tuch über Gewürze bis zu Färbstoffen für die Vorhänge der Burg. Marie begleitete sie. Sie versah weiter ihren Dienst als Hofdame, obwohl sie beunruhigt feststellte, daß die normannische Partei dies als unpassend betrachtete und vom König verlangte, sie ihnen zu überstellen. Am Morgen des zweiten Tages nach ihrer Ankunft ließ König Philippe sie zu sich rufen und fragte sie, ob sie lieber bei den Normannen oder bei den Bretonen sein wolle oder ob sie sich bis zum Schiedsspruch unter die Obhut seines Hofes begeben möchte. Sie erklärte stotternd, daß sie es vorzöge, bei ihrer Cousine, der Herzogin der Bretagne, zu bleiben. Der König hob spöttisch eine Augenbraue, dann zuckte er die Achseln und schickte sie zu Havoise zurück. An diesem Abend fand ein weiteres offizielles Bankett statt, und Marie hatte ihren Platz wieder neben Robert de Bellême. Er begann sofort, sich zu beschweren. »Was soll das bedeuten, daß Ihr dem König sagt, Ihr würdet lieber bei der Herzogin bleiben?« fragte er. »Wir hatten alle in der Normandie gehört, daß Ihr Euch geweigert habt, Herzog Hoels Forderung nachzugeben, und wir haben Eure Loyalität bewundert. Aber seit Ihr hier in Paris angekommen seid, führt Ihr Euch wie ein Mitglied der bretonischen Delegation auf.« »Das bin ich auch«, antwortete sie ruhig. »Ich bin mit ihnen hergekommen als ihr Gast. Herzogin Havoise ist meine Verwandte. Mein Herr von Bellême, abgesehen von manchen anderen Erwägungen: Weder Ihr noch Graf Ranulf habt Eure Gemahlin mitgebracht. Es würde sich für mich nicht schicken, als unverheiratete Frau allein in Eurer Gesellschaft zu sein.« Robert schnaubte ungeduldig. »Wir können Euch eine Gesellschafterin besorgen, um der Etikette Genüge zu tun. Wir beabsichtigen, Euch in die Normandie mitzunehmen, sobald der König den Fall entschieden hat, und Euch einen Ehemann zu besorgen. Ihr seid etwas alt, um noch unverheiratet zu sein.« Nach all diesen Monaten des Hinauszögerns war das Unvermeidliche schließlich doch eingetreten – nicht in der Bretagne, aber hier; nicht durch Hoel oder Havoise, sondern durch diesen brutalen Verbündeten ihres Vaters. Marie sah auf den Korb mit Brot, der vor ihr auf dem Tisch stand, dann hob sie entschlossen die Augen und sah ihren Tischnachbarn fest an. »Herr Robert«, sagte sie ruhig und klar, »ich habe nicht die Absicht zu heiraten.« Seine wulstigen schwarzen Augenbrauen verdeckten fast die kalten Augen. »Was?« rief er ungläubig. »Ich werde nicht heiraten. Ich bin meinem Vater und seinem Lehnsherrn gegenüber loyal gewesen und habe mich geweigert, einen von Herzog Hoels Rittern zu heiraten. Aber ich stehe in der Schuld des Herzogs und der Herzogin für all ihre Güte, die sie mir erwiesen haben. Das mindeste, was ich tun kann, um meine Dankbarkeit zu zeigen, ist, mich zu weigern, einen der Männer Herzog Roberts zu heiraten. Es ist meine feste Absicht, die Gelübde als Nonne abzulegen und alle Ländereien meines Vaters der Priorei St-Michel zu schenken.« Robert starrte sie lange an, der Ausdruck seines Gesichts wechselte langsam von Verblüffung zu Wut. Als unbeschränkter Herr auf seinen Gütern war er nicht gewohnt, Widerspruch zu dulden, und er verlor jetzt die Beherrschung. »Kleine Schlange!« rief er wütend. »Hoel hat Euch viel zu viel Freiheit gelassen, und Ihr habt Euch in den Kopf gesetzt, Ihr könntet tun, was Ihr wollt. Ihr werdet heiraten, wen man Euch bestimmt und wann man es Euch sagt.« »Eure Meinung steht im Widerspruch zum kanonischen Recht, Herr Robert«, sagte Marie kalt. »Es ist mir erlaubt, die Heirat abzulehnen.« »Dann verstößt das kanonische Recht klar gegen die Gesetze der Natur!« Roberts Stimme steigerte sich fast zu einem Brüllen, und die Tischgenossen sahen erstaunt zu ihm hinüber. »Eine Frau hat zu tun, was ihr Herr ihr sagt, und wenn sie das nicht tut, verdient sie Prügel wie jeder störrische Esel. Verräterin!« Dieses Wort brachte Marie aus der Fassung. Sie spürte, wie ihre Wangen zu glühen anfingen. Sie hob den Kopf und sah Robert stolz in die Augen. »Ich habe niemanden verraten!« rief sie mit klarer Stimme, die deutlich bis zum Ende des Tisches zu verstehen war. »Niemals in meinem ganzen Leben! Und ich werde es auch nicht tun, nicht für die Normandie, nicht für die Bretagne, nicht für die ganze Welt! Ich würde eher sterben als mich einer solchen Ehrlosigkeit schuldig machen!« Robert schlug ihr mit dem Handrücken übers Gesicht. Der Schlag war so heftig, daß sie vom Stuhl geschleudert wurde und hart mit dem Kopf auf dem Fußboden aufschlug. Jemand weiter oben am Tisch stieß einen Schrei des Protestes aus, und im selben Augenblick hörte sie über sich ein Knurren. Isegrim stand beschützend über ihr, die Zähne gegen Robert de Bellême fletschend. Robert war aufgestanden und starrte wütend. Als er das Knurren des Wolfs hörte, zog er sein Schwert, das zischend aus der Scheide fuhr. Marie spürte, wie der Wolf das Gewicht verlagerte, und sah, daß seine Augen auf den linken Arm des Mannes fixiert waren – mit tödlicher Konzentration, die nichts Tierisches an sich hatte und ihr irgendwie vertraut war. »Herr Robert!« rief König Philippe, der trotz seiner Beleibtheit im Nu auf den Beinen war und herübereilte. »Hört sofort auf!« Hinter ihm kam Hoel, rot vor Wut, gefolgt vom Statthalter Herzog Roberts, dessen finsterer Blick seine Verärgerung über den Zwischenfall zeigte. Schnaufend von der Anstrengung und zornig, trat der König Robert gegenüber, der sein Schwert senkte. Marie konnte fühlen, daß der Wolf sich entspannte, obwohl er weiter angriffslustig über ihr stand. Der König rülpste gequält und rieb sich den Magen. »Was soll das bedeuten?« fragte er. »Die kleine Schlange sagt, sie wird keinen Normannen heiraten, ganz gleich, wie Ihr den Fall entscheidet, Sire!« sagte Robert erbost. »Ihr hattet kein Recht, sie zu schlagen, was immer sie gesagt hat!« rief Hoel. »Marie, meine Liebe, seid Ihr in Ordnung?« Er streckte die Hand aus, und Marie ergriff sie. Isegrim rückte zögernd zur Seite, und Marie stand mühsam auf. Havoise drängte sich am Kämmerer des Königs vorbei und legte den Arm um sie. Marie hatte eine sehr schmerzhafte Beule am Kopf, sie hatte sich in die Wange gebissen, ihr Mund war voll Blut, und die Haut brannte von dem brutalen Schlag. Sie schluckte mehrmals. Isegrim leckte ihr die Hand, dann sah er mit einem leisen, dumpfen Grollen aus der Tiefe des Rachens zu Robert hinüber. »Ihr hattet kein Recht, sie zu schlagen«, sagte auch Graf Ranulf, der Robert de Bellême ärgerlich anstarrte. »Entschuldigt Euch. Und steckt das verdammte Schwert weg.« »Das Schwert war für den Wolf!« protestierte Robert, als er es in die Scheide zurücksteckte. »Der Wolf hat verteidigt, was mir gehört!« brüllte Hoel. »Euch?« brüllte Robert zurück. »Sie gehört nicht Euch. Sie gehört Herzog Robert, zusammen mit all dem Land, das sie mitbringt!« »Sie ist die Cousine meiner Gemahlin und ein Mitglied meines Hofes«, erwiderte Hoel wütend. »Und wenn sie wirklich gesagt hat, daß sie keinen Normannen heiraten wird, dann deshalb, weil sie endlich begriffen hat, was für eine Sorte Menschen ihr seid.« »Ich habe gesagt, ich würde keinen Normannen heiraten«, sagte Marie und wischte sich Blut vom Kinn. Sie schob Havoises stützenden Arm weg und stand hoch aufgerichtet da. »Aber das war nicht der Grund.« Sie fühlte in ihrem Inneren die unumstößliche Überzeugung, daß sie weder Herzog Robert noch Herzog Hoel, noch irgend jemand anderem gehörte, sondern nur sich selbst und Gott; daß alle diese Menschen, die sich um sie drängten, schützend oder aggressiv feindselig, ins Leere argumentierten. Sie wandte sich an König Philippe: »Sire, Ihr wißt selbst, daß beide Parteien starke Argumente für ihren Anspruch auf Chalandrey geltend machen. Wenn die Angelegenheit klar und unkompliziert wäre, warum würden wir dann alle hier auf Euer Urteil warten? Herzog Hoel sagt, er kann seinen Rechtsanspruch beweisen; Herzog Robert ist vierzig Jahre lang der anerkannte Lehnsherr gewesen. Ich bin gehalten, meines Vaters Loyalitäten zu respektieren, und ich habe das getan. Aber ich muß auch Herzog Hoels Anspruch respektieren, und zudem bin ich ihm und Herzogin Havoise zu Dank verpflichtet für die große Güte, die sie mir erwiesen haben. Ich habe zu Herrn Robert hier gesagt, und ich wiederhole es jetzt Euch gegenüber, daß ich weder die Loyalität gegenüber Herzog Robert noch die gegenüber Herzog Hoel verraten werde. Wenn es mir nicht erlaubt wird, einen Ehemann zu wählen, dann gestatten das kanonische Recht und der Brauch mir, die Heirat zu verweigern. Und ich erkläre jetzt, daß ich mich weigern werde, Chalandrey jemand anderem als Gott und der Priorei St-Michel zu geben. Jeder andere, der es in Besitz nimmt, muß mich zuvor enterben.« Verblüfftes Schweigen war die allgemeine Reaktion. Jeder starrte sie an. Dann lächelte König Philippe. »Dann müssen meine beiden Herzöge also mit einem Erzengel um dieses Gut streiten«, sagte er maliziös. »Aber, meine liebe Dame Marie, noch ist der Fall nicht verhandelt worden; es wäre besser, solche Erklärungen zu unterlassen, bevor das geschehen ist.« Mit einem tiefen Knicks sagte Marie: »Vergebt mir, Sire!« Der König war ein großer Bewunderer hübscher, temperamentvoller Frauen. Er schenkte Marie ein warmes Lächeln. »Meine Dame«, sagte er galant, »ich denke, ich könnte einer Frau wie Euch fast alles vergeben. Was Euch betrifft, Herr von Bellême«, wandte er sich diesem zu, »Ihr habt einen meiner Gäste an meinem eigenen Tisch geschlagen und in meiner Halle das Schwert gezogen. Ihr werdet mir Euer Schwert übergeben, niederknien und Euch entschuldigen, bei mir und bei dieser Dame, oder Ihr werdet diesen Hof heute nacht verlassen und ihn nie wieder betreten.« Roberts Wut war offensichtlich. Ranulf von Bayeux sah ihn fest an. »Entschuldigt Euch!« befahl er. »Oder ich werde in Herzog Roberts Namen den gleichen Befehl geben.« Nicht einmal ein so aufsässiger Vasall wie Robert de Bellême konnte es sich leisten, seinen König und seinen Herzog herauszufordern. Steif und unwillig kniete er nieder und knirschte eine Entschuldigung heraus, zuerst an den König, dann, noch unwilliger, an Marie. Er schnallte das Schwert ab und händigte es Philippe aus. Hoel lachte. »Das ist das zweite Mal, daß ich sehe, wie Ihr Euer Schwert übergebt, mein Herr von Bellême«, sagte er. »Das erste Mal an mich, jetzt an den König. Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich Euch zehn Mark Silber bezahlen lassen, um es zurückzugeben. Ich hoffe, diesmal wird es teurer.« Robert sah ihn finster an. »Wenn wir uns das nächste Mal begegnen, dann werde ich für mein Schwert eine bessere Stelle finden als Eure Hände«, sagte er. »Glaubt Ihr, Ihr könnt besser mit mir fertig werden, als das Euer Bruder Geoffroy geschafft hat?« spottete Hoel. Roberts Blick wurde noch grausamer. »Ich stelle fest, daß der Ritter, der meinen Bruder getötet hat, nicht hier ist«, sagte er. »Wie ich hörte, ist er im Wald durch einen Unfall zu Tode gekommen. Ich hoffe, er starb langsam und qualvoll, und ich bete zu Gott, daß er alle Eure Ritter mit einem solchen Ende belohnt.« »Es stimmt, daß ich der Dienste Tiarnán de Talensacs beraubt bin, aber Gott hat mir viele andere tapfere Männer gegeben, die für mich kämpfen«, erwiderte Hoel stolz. »Und wenn er auch einen meiner Besten genommen hat, er hat mir aus dem gleichen Wald, in dem Tiarnán umgekommen ist, einen anderen Diener gegeben.« Er legte die Hand auf Isegrims Kopf. »Selbst dieses Tier hat das verteidigt, was mir gehört.« »Trotzdem habt Ihr Angst, den Wolf kämpfen zu lassen«, warf Ranulf rasch ein. »Oder Ihr fürchtet Euch, ihn gegen normannische Tiere kämpfen zu lassen.« »Davor fürchte ich mich weiß Gott nicht!« rief Hoel aus. »Ich habe mich nicht gefürchtet, als dieser Herr von Bellême in mein Land einfiel, und ich fürchte mich nicht, einen guten bretonischen Wolf gegen ein paar normannische Hunde kämpfen zu lassen. Bringt sie nur her, mein Herr, bringt sie her. Isegrim wird ihnen den Garaus machen, was, mein Junge? Bringt Eure beiden Hunde morgen früh her, Graf Ranulf, Isegrim wird sie beide töten.« 14. KAPITEL Isegrim lag in einer Ecke von Hoels Zimmer und beobachtete, wie Havoise Maries Verletzungen behandelte. Hoel saß neben ihm in einem Lehnstuhl; eine Hand spielte mit dem Nackenpelz des Wolfs. »Ach, Hoel«, seufzte die Herzogin, »ich wünschte, du hättest das nicht gesagt.« Der Wolf verstand ihre Worte mühelos. Er konnte jetzt, wenn er sich konzentrierte, den meisten Unterhaltungen folgen. »Isegrim kann Ranulfs Hunde töten – hab ich nicht recht, Isegrim? – Hast du gesehen, welchen Schrecken er Robert eingejagt hat, als er sprungbereit die Zähne gegen ihn fletschte?« »Davon rede ich nicht«, sagte Havoise ungeduldig. »Weiß Gott, es würde mir sehr leid tun, wenn das Tier getötet oder verstümmelt würde – aber mir macht mehr Sorge, daß Robert de Bellême sich rächen und wieder in das Land einfallen wird. Du hast ihn praktisch dazu eingeladen, es zu versuchen.« Hoels Hand packte einen Augenblick hart in Isegrims Pelz, dann lag sie ruhig. »Havoise«, sagte er, »ich bin Herzog, ich muß meinen Rang verteidigen – zur Ehre der Bretagne.« »Du warst einfach wütend und konntest deinen Stolz und deine Zunge nicht beherrschen. – Marie, Ihr solltet Euch jetzt besser hinlegen. Ich werde Euch eine frische Kompresse von Borretschblättern machen, sie wird die Prellungen lindern.« »Nun ja, ich war wütend«, gab Hoel zu. »Es war eine gemeine, frevelhafte Tat.« »Ja, aber er ist dafür vom Statthalter seines Landesherrn und vom König von Frankreich zurechtgewiesen worden! Du mußtest ihn nicht provozieren. Du kamst mir vor wie ein Terrier, der einen Stier ankläfft, wenn dieser am Nasenring abgeführt wird. Du weißt, wie der Stier auf ein rotes Tuch reagiert. Warum ihn also provozieren?« »Wenn er wieder in unser Land einfällt, wird er die gleiche Antwort bekommen wie beim letztenmal. Man kann nicht erwarten, mit einem solchen Nachbarn Frieden zu haben, und Robert von der Normandie hat nie etwas getan, um ihn in Schach zu halten.« »Hoel, mein Lieber, wir wissen beide, daß die Normannen stärker sind als wir. Provoziere sie nicht!« sagte die Herzogin aufgebracht. »Oh, ich weiß«, sagte Hoel resigniert. »Ich weiß, wir haben auch nicht viel Aussicht, daß uns Chalandrey zugesprochen wird. Ich sah das schon an dem Abend nach unserem Eintreffen, als an dem Ehrentisch mehr Normannen als Bretonen saßen.« Er streichelte wieder den Pelz des Wolfs. »Um so mehr Grund, ihnen einmal zu zeigen, was kämpfen heißt. Was, Isegrim?« »Es tut mir leid«, sagte Marie, die sich abrupt aufsetzte, die Kompresse an das Gesicht drückend. »Ich wünschte, ich hätte Euch Chalandrey gegeben. Robert wird es als Basis für seine Einfälle in die Bretagne nutzen, nicht wahr?« »Meine Liebe«, antwortete Havoise, »ich glaube nicht, daß er dazu in der Lage sein wird. König Philippe wird es wahrscheinlich auch Herzog Robert nicht geben. Macht Euch keine Sorgen. Niemand hat sich bei dem Disput so gut geschlagen wie Ihr. Ich war heute abend so stolz auf Euch. Da waren alle diese Männer und redeten von Land, Land, Land, vielleicht mit einer Erbin als Anhängsel – und dann seid Ihr aufgestanden und habt ihnen klargemacht, daß keiner von ihnen über Euch und Euer Land verfügen wird. Gott, habt Ihr sie überrascht! Habt Ihr gesehen, wie Ranulfs Kinn herabfiel? Er sah aus wie ein Karpfen. Ich hätte nicht stolzer auf Euch sein können, wenn Ihr meine eigene Tochter wärt.« Hoel brummte: »Sie hat die kleine Chance, die wir noch hatten, das Gut zu bekommen, zunichte gemacht. König Philippe wird sich eine solche Gelegenheit nicht entgehen lassen. Wenn zwei Herzöge und ein Erzengel Anspruch auf ein Gut erheben und jeder der beiden Herzöge beleidigt wäre, wenn er es an den anderen verliert, ist es nicht schwer zu erraten, daß der Erzengel den Sieg davontragen wird.« Havoise lächelte. »Und würdest du das so schlimm finden?« Hoel sah sie einen Augenblick an. Dann stand er auf, ging zu ihr hinüber und küßte sie. »Na ja, es war sowieso nie eine Frage der Rentabilität. Wenn der heilige Michael es besitzt, wird er zumindest die Grenze sicherer machen.« Marie verglich in Gedanken die Art, wie sie vermieden, ihr auch nur einen kleinen Vorwurf zu machen, mit Robert de Bellêmes brutalem Verhalten und bedauerte bitter ihre stolze Aufopferung für die Ehre. Sie hätte ihnen Chalandrey geben sollen. Sie hätte Tiher heiraten und Chalandrey der Bretagne bringen sollen. Aber es war zu spät jetzt. Der König würde es dem heiligen Michael zusprechen, und ihr blieb keine Wahl, als ins Kloster zurückzukehren. Der kalten Ehre würde Genüge getan sein – nutzlos. Sie begann still zu weinen. Die Tränen waren hinter der Kompresse nicht zu sehen, doch Isegrim roch sie. Er kam herüber und preßte seine Nase in Maries Hand, dann leckte er ihr das Kinn. Auch unter der Schärfe der Borretschblätter und dem Salz der Tränen behielt die Haut ihren süßen Duft. Einen schmerzlichen Augenblick lang sah er sich als Mann, wie er ihr das Haar zurückstrich, ihr die Kompresse abnahm, ihr zuredete, nicht zu weinen. Er konnte sich fast vorstellen, wie ihre Augen den seinen begegneten, wie ihre Lippen sich öffneten, als er sich hinabbeugte, um sie zu küssen – aber er konnte sich nicht an die Farbe ihrer Augen erinnern. Er war kein Mann. Er war nur ein Tier, und was er ihr an Trost geben konnte, war sehr beschränkt. Er war ihr an diesem Abend zu Hilfe geeilt, hatte sie unter Einsatz seiner ganzen wölfischen Wildheit beschützt, aber er war sich mit grenzenlosem Kummer bewußt, daß sein Schutz, wie seine Liebe, die unzulängliche Gabe eines niederen Lebewesens war. Trotzdem war seine unbeholfene Zärtlichkeit so groß, daß Marie die Arme um seinen Nacken schlang und in sein Fell weinte. »Ach, Isegrim«, sagte sie nach einer Weile, setzte sich wieder aufrecht hin und kraulte ihm den Kopf. »Ich wünschte, du würdest morgen nicht kämpfen.« Isegrim leckte ihr die Hand. Er hatte überhaupt nichts dagegen, morgen zu kämpfen; im Gegenteil, er freute sich darauf. Er hatte als Mann nie gezögert, für Hoel zu kämpfen, er war nicht weniger gewillt, es als Wolf zu tun. Schade nur, daß seine Gegner Hunde sein würden, nicht Männer. Er hätte gern gegen Robert de Bellême gekämpft. Es wäre an diesem Abend leicht gewesen, den Mann zu töten – scharf links an ihm vorbei zu springen, sich gegen die Bank abzufedern und von hinten seinen Schwertarm anzuspringen. Robert würde diese Taktik nicht von einem Tier erwartet haben. Und wenn er ihn gezwungen hätte, das Schwert fallen zu lassen, wäre es eine Sache von Sekunden gewesen, ihm die Kehle aufzureißen. Er selbst hätte hinterher ebenfalls sterben müssen – natürlich: Ein Tier, das einen Menschen umgebracht hatte, wäre zweifellos getötet worden. Aber Hoels erbitterter Feind würde tot, die Beleidigung Maries gerächt sein – für einen Wolf wäre das immerhin eine bemerkenswerte Tat gewesen und ein ruhmvolles Ende. Ein paar Hunde zu töten würde weit weniger befriedigend sein. Andererseits konnte ihm kein Schaden daraus erwachsen, wenn er Hunde tötete, und es würde seinem Lehnsherrn Ehre einbringen und Ranulf von Bayeux in Gegenwart des Königs beschämen – das war ebenfalls der Mühe wert. Tiarnán war einmal hinter dem Herzog zu einem Treffen mit dem König und Herzog Robert der Normandie geritten, und Isegrim erinnerte sich noch voller Zorn an die beleidigende Mißachtung, mit der der Herzog der Bretagne behandelt worden war. Er freute sich darauf, seinem Herrn bei diesem Besuch Ehre einzutragen. Was die Hunde betraf, so zweifelte er nicht, daß er es mit ihnen aufnehmen konnte. Zwei Hunde waren für einen gewöhnlichen Wolf ebenbürtige Gegner, und Isegrim war zuversichtlich, daß seine Fähigkeit zu kämpfen mehr als gewöhnlich war. Er erhielt an diesem Abend ein gutes und reichliches Mahl, schlief schnell ein und hatte einen ruhigen Schlaf. Als er am Morgen nur Wasser bekam, protestierten seine Instinkte, aber er setzte sich ohne Schwierigkeiten über sie hinweg; es war besser, mit nüchternem Magen zu kämpfen. Er ließ sich ruhig die Leine anlegen und folgte dem Herzog in die Halle des Palastes. Der Hof war gespannt auf den Kampf; es wurden eifrig Wetten abgeschlossen, die meisten zugunsten des Wolfs. Isegrim stand regungslos in einer Menge von Bewunderern, während Hoel sich vergewisserte, wo der Kampf stattfinden sollte. Es gab im Palastgarten eine Grube für die Bärenhatz, und es stellte sich heraus, daß der König bereits mit Graf Ranulf dorthin gegangen war, um ihre Eignung für den Kampf zwischen dem Wolf und den Hunden zu prüfen. Hoel folgte ihnen nun mit den Hofleuten durch das Labyrinth des Palastes in den Garten. Der königliche Garten lag genau an der Stelle, wo die Ile de la Cité wie ein Schiffsbug in den Fluß vorsprang, stromabwärts in Richtung des fernen Meeres. Sie stiegen auf knirschenden Kieswegen hinunter, an Kräuterbeeten und einem frisch begrünten Rosenbaum vorbei, und fanden die Bärengrube. Sie war etwas über Mannsgröße tief, der Wall und der Boden waren mit Schottersteinen in billigem Mörtel befestigt. Rings um die Grube waren Sitzreihen für die Zuschauer. König Philippe stand am Eingang im Gespräch mit Ranulf. Beide wandten sich um, als Hoel erschien, und begrüßten ihn freundlich. »Wie wär's hiermit?« fragte Philippe und deutete mit der Hand auf die Bärengrube. »Wäre das ein geeigneter Platz? Was meint Ihr?« »Er ist etwas klein«, sagte Hoel, als er an die Grube herangetreten war. »Ein beschränkter Raum begünstigt die Hunde, Sire. Aber die Hunde des Herrn Ranulf brauchen wahrscheinlich einen Vorteil. Ja, er wird geeignet sein.« Ranulf grinste. »Ihr scheint Euch Eures Wolfs sehr sicher zu sein, Herr Hoel.« »Er ist ein guter Wolf«, erwiderte Hoel und klopfte Isegrim auf den Rücken. »Ich setze zwanzig Mark Silber auf ihn gegen Eure Hunde.« »Angenommen«, sagte Ranulf sofort und bekräftigte die Wette durch Handschlag. König Philippe sah unbehaglich aus. »Wie steht's mit Euch, Sire?« wandte Ranulf sich an ihn. »Wollt Ihr auch eine Wette plazieren?« Philippe zögerte verlegen. »Ich glaube, ich werde auf Eure Hunde setzen, Herr Ranulf«, sagte er langsam. »Aber ich denke, Herzog Hoel sollte sie sehen, bevor er die Wette annimmt.« Ranulf gab einem seiner Männer ein Zeichen; kurz darauf wurden die beiden Hunde hergeführt. Isegrim hatte ein Paar Alaunts erwartet, die gewöhnlich für die Hetze von gefährlichem Wild wie Wolf oder Bär eingesetzt wurden – große, stattliche Hunde von ungefähr seiner Höhe. Das hier waren Bohemonds-Hunde, gut vier Zoll höher in der Schulter als er – dichtbehaarte Bestien mit breitem, kräftigem Brustkorb und den wuchtigen Kinnbacken eines Mastiffs. Ihre Ohren legten sich flach an den Kopf, als sie ihn witterten, ihre Rücken- und Nackenhaare stellten sich auf. Sie senkten die mächtigen Köpfe und begannen dumpf zu knurren. Er konnte ihren Haß riechen. Einer von ihnen würde ein fairer Gegner für ihn sein: Zwei von ihnen – zwei von ihnen konnten jeden Wolf töten. Isegrim war von dem Schock wie betäubt. Er hörte, wie der Herzog protestierte und Ranulf höhnisch spottete: »Ihr habt die Hunderasse nicht spezifiziert, Herr Herzog der Bretagne. Dies sind Wolfshunde, ein Geschenk meines Vetters in England. Habt Ihr Angst um Euren guten bretonischen Wolf?« Der Wolf spürte den Ärger und die Entrüstung des Herzogs und wie sein Bein, das sich gegen seine Flanke preßte, zu zittern begann. Isegrim war es klar, daß Hoel nach all der Großtuerei nicht zurückkonnte. Eher als aufzugeben, würde er zulassen, daß sein Wolf vor seinen Augen in Stücke gerissen wurde. Isegrim warf einen Blick auf die anderen Angehörigen der bretonischen Partei. Havoises Geruch war scharf vor Ärger, und Marie, deren Prellungen und Wunden noch nicht ganz verheilt waren, roch schwach nach Borretsch und salzig nach unterdrückten Tränen. Isegrim warf einen weiteren Blick auf die Wolfshunde. Das menschliche Ich kämpfte in seinem Innern gegen die Instinkte des Wolfs und setzte sich durch. Wenn ich ein Mann bin, sagte er sich, bin ich diesen Hunden mehr als gewachsen. Bin ich es nicht, hätte ich schon früher sterben sollen. Und wenn ich jetzt im Kampf für meinen Lehnsherrn sterbe, ist es ein gutes Ende. Er leckte Hoel die Hand, und der Herzog, das Gesicht vor Zorn gerötet, sah zu ihm hinunter. Dann lief Isegrim bis zum Ende der Leine vor und knurrte die beiden Wolfshunde provozierend an. Beide stürzten sofort auf ihn los, mit einer solchen Wucht, daß sie ihre Führer fast umwarfen. Sie rissen an ihren Halsbändern, daß sie sich beinahe erwürgten, knurrten und bellten voller Wut. Isegrim setzte sich knapp außerhalb ihrer Reichweite und blickte zu Hoel zurück. Ich werde kämpfen, versuchte er ihm mit den Augen zu sagen. Ich werde dir keine Schande machen. Alle, sogar Ranulf, spendeten seinem Mut Beifall. Hoel verwünschte den König, nahm aber dessen Wette an. In seinen Augen standen Tränen, als er Isegrim zu dem verriegelten Tor am Ende des unterirdischen Ganges führte, dem Eingang des Bären zur Grube. Ein Mann des Königs öffnete das Tor, und Hoel löste die Leine; dann kniete er sich hin, legte einen Arm um den Wolf und kraulte ihm die Ohren. »Du bist ein tapferes Tier«, sagte er auf bretonisch. »Das beste, das ich je besessen habe. Bei Gott, du hast mir viel Freude gemacht.« Er küßte den Wolf auf den Kopf. Dann stand er auf. »Töte sie beide für mich, Isegrim!« rief er auf französisch, damit die Hofleute ihn verstanden. »Töte sie beide!« Isegrim sah ihn beruhigend an und trottete in die runde Grube, das Tor schloß sich hinter ihm. Die Hunde waren noch hinter ihrem Tor, dem Zugang vom Zwinger zur Bärengrube. Isegrim setzte sich in die Mitte der Grube und versuchte, sich für den Kampf zu sammeln. Er mußte mit dem Tod rechnen, aber er hoffte zu leben. Die Hunde waren größer und schwerer als er. Sie waren stärker und konnten weiter auslangen. Ihre wuchtigen Kinnladen waren schrecklich. Ein Biß an der falschen Stelle, und er würde ein Krüppel sein und in Stücke gerissen werden. Sie würden kämpfen, wie es Mastiffs tun: Wenn sie einmal zugepackt hatten, ließen sie nicht mehr los. Er seinerseits war wahrscheinlich schneller als sie und wendiger, diese Eigenschaften konnte er aber in der verhältnismäßig kleinen Grube mit dem steilen Wall nicht voll nutzen. Und auch wenn er es irgendwie schaffen sollte, die Hunde zu töten oder kampfunfähig zu machen, er selbst aber bei dem Kampf verkrüppelt wurde, würde er sterben. Hoel mochte seinen Wolf noch so sehr schätzen, er würde ihn töten lassen, wenn er verstümmelt war. Ja, die Wetter oben, die sich jetzt beeilten, ihre Einsätze zugunsten der Hunde zu korrigieren, hatten recht. Die Chancen eines Wolfs standen hier schlecht. Aber er hatte einen anderen Vorteil, einen, von dem keiner der Wetter etwas wußte. Er formte es im Geist, zwang sich, es in Worte zu fassen: Ich bin kein Wolf. Er warf einen Blick nach oben auf die Gesichter der Zuschauer, roch die Erregung, die Gier nach dem blutigen Schauspiel. Ich bin einer von ihnen, sagte er sich. So sehr sein Verstand auch gelähmt war, er besaß immer noch mehr Klugheit, Scharfsinn und Täuschungsvermögen als ein Tier. Und hatte er nicht einst als einer der besten Kämpfer in der Bretagne gegolten? Wenn er als erster zuschlagen konnte, schnell und hart, konnte er gewinnen. Das gegenüberliegende Tor wurde jetzt entriegelt, und er stand auf. Als das Tor sich öffnete und er das dumpfe Bellen der Wolfshunde hörte, heulte er. Heulen war – für Hunde wie für Wölfe – ein Ruf zum Sammeln des Rudels und zur gegenseitigen Verständigung nach der Erlegung einer Beute. Es war keine Erwiderung auf ein blutdürstiges Bellen. Die beiden Hunde, die in die Grube stürmten, waren einen Augenblick lang verwirrt, und diesen Augenblick nutzte Isegrim, um anzugreifen. Er mußte mindestens einen von ihnen sofort verkrüppeln, sonst hatte er keine Chance, den Kampf zu überleben. Er sprang an den verspätet aufblitzenden Zähnen des nächsten der beiden vorbei und schlug die Fänge tief in das Mittelgelenk seines Hinterlaufs. Er schmeckte Blut und spürte, wie der Knochen brach. Der Wolfshund jaulte vor Schmerzen auf und schnappte nach ihm, aber er war schon weg. Er sprang gegen den Wall und nutzte die Kraft des Rückpralls zu einer Drehung, deren Schwung ihn an die Seite des zweiten Hundes niederbrachte; im Vorbeilaufen riß er ihm die Schnauze von der Nase über das Auge bis zum Ohr auf. Das linke Auge war blind. Dann sprang er weg und leckte sich das Blut von den Lippen. Gut, gut, gut! gellte eine Stimme in seinem Innern. Er konnte die Zuschauer schreien hören, achtete aber nicht darauf. Er durfte sich nicht ablenken lassen, der Kampf erforderte höchste Konzentration. Er erinnerte sich an den Grundsatz für den Waffengebrauch, den man ihnen als Knappen immer eingeschärft hatte: Schlag schnell zu, schlag hart zu, schlag zu, bevor der Gegner sich wieder gefangen hat. Aber, fügte er jetzt hinzu, schlag nicht wie ein Wolf zu, verwirre und überliste sie. Beide Hunde stürmten jetzt heran, aber der eine, den er verkrüppelt hatte, war langsamer. Er drehte sich um, als wollte er fliehen, dann sprang er den Wall der Grube an, nutzte wieder den Rückprall zu einer Richtungsänderung und landete diesmal direkt auf dem Rücken des halbblinden Hundes. Zusammen fielen sie zu Boden. Der Hund reckte den Kopf und versuchte, den Wolf zu beißen; der schnappte nach seiner Gurgel, bekam aber nur das schwere Halsband zu fassen. Inzwischen hatte der zweite Wolfshund aufgeholt. Er warf sich knurrend und jaulend gegen Isegrims Rücken und packte mit den wuchtigen Kinnladen dessen Schwanzansatz. Isegrimm ließ den ersten Hund los und wandte sich dem anderen zu. Seine Instinkte trieben ihn, sich loszureißen, aber er setzte sich über sie hinweg; er wußte ja, daß Mastiffs nicht abzuschütteln waren. Statt dessen schlug er seine Fänge in die Nase des Hundes. Erstickt von seinem eigenen Blut, ließ dieser los, und Isegrim sprang weg. Sein Schwanz schmerzte entsetzlich, vielleicht war er gebrochen, aber zum Kämpfen wurde er nicht gebraucht. Schlag zu, bevor die Gegner sich wieder gefangen haben! Er stürzte sich erneut auf den halbblinden Hund – auf die linke, blinde Seite – und zerrte wild an dessen Vorderpfote. Dann lief er um beide Hunde herum auf die entferntere Seite der Grube, wo er sich niederduckte, um zu verschnaufen. Er hatte den Zustand erreicht, den er manchmal in der Schlacht gefunden hatte, wenn der Lärm und der Haß und das Drauflosschlagen einer großen, erfrischenden Klarheit wich. Trotz des starken Schmerzes in seinem Schwanz fühlte er sich unverwundbar. Die Wolfshunde, die jetzt beide hinkten, kamen langsam auf ihn zu. Sie bellten und knurrten ihn noch immer an, aber zögernder. Sie begannen sich vor ihm zu fürchten. Er heulte höhnisch und legte sich auf die Seite, als ob er überhaupt nicht in Gefahr wäre und sich ausruhen wollte. Es irritierte sie, und wieder nutzte er diesen Augenblick, um zuzuschlagen. Er sprang auf und schoß diagonal auf die linke Seite des halbblinden Hundes zu; diesmal packte er den Hinterlauf; wieder der süße, salzige Geschmack von Blut. Er rannte zum anderen Ende der Grube, sprang und wendete und jagte zurück, um erneut anzugreifen. Der halbblinde Hund kauerte mutlos auf seinem Platz. Der weniger schwer verletzte Hund hatte sich umgedreht und erwartete den Angriff des Wolfs. Einen Augenblick duckte Isegrim sich knurrend vor ihn, Schnauze gegen Schnauze, dann machte er einen Scheinangriff auf seine verletzte Nase. Der Hund zuckte zusammen, und Isegrim drehte und zerrte an seinem Vorderlauf. Dann tänzelte er weg. Die Wolfshunde, beide mit je einem lahmen Vorder- und Hinterlauf, die Schnauze aufgerissen und blutend, kauerten jetzt auf ihren Plätzen, die Rücken- und Nackenhaare standen hoch, der Schwanz war gesenkt. Die Zuschauer riefen und schrien. Isegrim konnte die Stimme des Grafen von Bayeux heraushören, die sie zum Angreifen ermunterte. Aber die Wolfshunde hatten Angst. Diese Kreatur roch wie ein Wolf, aber sie verhielt sich nicht wie ein Wolf. Es war etwas Seltsames, Fremdartiges an diesem Gegner; auch der Geruch hatte noch etwas Fremdes, das Wölfe sonst nicht hatten. Sie waren darauf dressiert, Wölfe zu töten, dies aber war eine unnatürliche, todbringende Kreatur. Sie hatten nur das eine Verlangen, wegzulaufen. Isegrim ging langsam am Wall der Grube entlang auf sie zu, und sie wichen zurück. Er blieb stehen und starrte sie herausfordernd an, dann drehte er ihnen den Rücken zu und ging den gleichen Weg zurück. Einer der Wolfshunde nahm bei diesem scheinbaren Rückzug ihres Gegners allen Mut zusammen und machte einen unsicheren Satz auf ihn zu. Sofort sprang der Wolf gegen den Wall, drehte sich und kam im Rücksprung auf den lahmen, halbblinden Hund herunter. Der schaffte es, den Kopf hochzuhalten, und riß dem landenden Wolf mit den Fangzähnen das Gesicht und den Kiefer auf. Im selben Augenblick drückte Isegrim ihn mit seinem Gewicht zu Boden und bekam das schwere Halsband zu fassen. Er riß den Kopf hoch und zerrte und drehte das Halsband. Der Hund jaulte und wand sich, konnte aber den Wolf nicht abschütteln. Der warf sein ganzes Gewicht wiederholt gegen die Schultern des Hundes, stieß ihm den Kopf wieder und wieder gegen den Boden und drehte dabei das Halsband immer enger zu. Der andere Hund kam jetzt, jaulend und bellend, um sich Mut zu machen, näher, zögerte jedoch, den Wolf anzugreifen. Die Gegenwehr seines Kampfgefährten wurde immer schwächer. Isegrim hörte auf, ihn niederzustoßen, und wandte den Blick dem anderen zu, starrte ihn grimmig an, während er den Gefährten würgte. Winselnd und jaulend stand der andere wie gebannt da, bis sein Gefährte reglos dalag. Jetzt ließ Isegrim das Halsband los und stand auf. Der andere Gegner wich zurück. Er zog den Schwanz ein, lief auf das Tor zum Zwinger zu und kauerte sich, kläglich winselnd, davor. Isegrim stand in der Mitte der Grube, Gesicht und Schwanz blutend, und sah ihn an. Seine Kampfeswut, nun nicht mehr vonnöten, ebbte ab. Armes Tier, dachte er. Die Zuschauer schrien und brüllten ringsum. Töte sie beide, hatte der Herzog gesagt. Aber welche Ehre lag darin, ein verängstigtes Tier zu töten? Er sah hoch, seine Augen suchten Hoel. Der Herzog war neben dem König in der vordersten Reihe der Zuschauer. Er beugte sich strahlend über das Geländer und schlug mit den Fäusten dagegen. »Guter Wolf, Isegrim!« rief er, als seine Augen denen des Wolfs begegneten. »Guter Junge! Du hast es geschafft, du tapferer Kämpfer. Er hat sich ergeben, verschone ihn!« Isegrim grinste den Herzog an, drehte dem zusammengekauerten Wolfshund den Rücken zu und setzte sich auf der entgegengesetzten Seite der Grube hin. Hoel schwang sich über das Geländer und sprang in die Grube. Er umarmte den blutenden Wolf, dann schaute er zum König und zum Grafen von Bayeux hoch. »Nun, Herr Ranulf?« sagte er mit leichtem Spott. »Mein Wolf möchte Eurem Köter das Leben schenken. Wollt Ihr ihn herausholen lassen, oder soll ich Isegrim befehlen, ihm den Rest zu geben?« Der halbblinde Hund mußte getötet werden, der andere würde vielleicht wieder gesund werden; der Graf von Bayeux ließ ihn herausholen. Der Herzog der Bretagne befestigte die Leine wieder am Halsband des Wolfs und führte ihn im Triumph aus dem Ring. Die Hofleute, die Wetten auf den Wolf abgeschlossen hatten und sie nicht mehr hatten zurückziehen können, als sie die Hunde sahen, liefen eilends herbei und gratulierten. Die Normannen kamen langsamer und blickten finster und enttäuscht. »Ihr schuldet mir zwanzig Mark!« rief Hoel Ranulf triumphierend zu. »Die Bestie ist eine Hexe!« erwiderte der Graf barsch. »Sie hat nicht wie ein natürliches Geschöpf gekämpft.« »So? Ich habe immer gesagt, daß er ein intelligentes Tier ist, viel raffinierter als jeder Hund. Ihr Normannen vertraut zu sehr auf körperliche Stärke. Gewandtheit und Klugheit zählen auch. Zwanzig Mark Silber, Graf – oder wollt Ihr Eure Wette nicht einlösen?« Der König kam hinzu und stellte sich neben den Grafen. »Ich schulde Euch ebenfalls zwanzig Mark, Herr Hoel«, sagte er. »Und ich werde den Betrag gern zahlen und das Fünffache dazu, wenn Ihr mir den Wolf gebt.« »Nicht für hundert Mark und nicht für tausend!« erklärte Hoel. »Sire, wenn Ihr an meiner Stelle wärt, würdet Ihr ihn verkaufen?« »Wenn ich an Eurer Stelle wäre, würde ich Gott danken und ihn behalten«, antwortete Philippe lächelnd. »Na schön. Ihr solltet ihn jetzt besser fortbringen und seine Verletzungen behandeln lassen.« Die bretonische Partei wußte dem Wolf des Herzogs nicht Gutes genug zu tun. Die meisten von ihnen hatten gewettet, daß er die Hunde besiegen werde, und heimsten nun von den Parisern und, mit besonderem Vergnügen, von den Normannen ihre Gewinne ein, die sie größtenteils in den Tavernen von Paris vertranken. Isegrims arg zugerichteter Schwanz wurde verbunden und in Seide gewickelt. Er wurde mit bestem Filetfleisch gefüttert, das man wegen der Fäden, mit denen sein Kiefer genäht war, ganz fein zerkleinerte. Der Wolf für seinen Teil war froh, die Normannen beschämt und seinem Herrn Ehre gemacht zu haben. Seine größte Genugtuung aber war doch, daß er mit den Tricks eines Menschen gegen die Bestien gekämpft und gewonnen hatte. Am folgenden Tag verhandelte der Gerichtshof unter Vorsitz des Königs den Fall der strittigen Ansprüche auf das Gut Chalandrey. Justiz war Männersache, und Marie wartete mit der Herzogin in deren Gemach im Palast auf die Entscheidung. Sie hatte von Havoises Einkaufsexpeditionen profitiert und sich ein paar Bücher gekauft. Sie las der Herzogin und ihren Damen eine Zeitlang aus einem dieser Bücher vor, dann beteiligte sie sich an einer Diskussion der Herzogin und Sybilles über die beste Verwendung der eingekauften Stoffe. Innerlich war sie bedrückt, und die Spannung des Wartens machte sie nervös. Sie bedauerte, daß sie dem König ihre Absichten angekündigt hatte. Vielleicht hatte sie damit verhindert, daß Hoel aufgrund seines Beweismaterials Chalandrey zugesprochen wurde. Der Gerichtshof unterbrach mittags die Verhandlung, und Hoel kam zurück, um ein kleines Mahl einzunehmen. Nein, erklärte er ihnen, es sei noch keine Entscheidung gefallen. Er hatte dem König sein Beweismaterial vorgelegt und seine Argumente vorgetragen. Jetzt waren die Normannen an der Reihe, ihre Ansprüche zu begründen. Dann konnten beide Parteien ihre Argumente noch einmal kurz zusammenfassen, und schließlich würde der König dann die Entscheidung verkünden. Er küßte Havoise und ging in den Gerichtssaal zurück. Marie setzte sich neben Isegrim auf den mit Binsen belegten Fußboden und kraulte dem Wolf die Ohren. Er legte den Kopf in ihren Schoß, auf eine Seite, um den verletzten Kiefer nicht zu belasten. Es war ein tiefer Schnitt, der von der unteren Lefze bis zur Mitte des Halses reichte, und er war entzündet und schmerzte stark. Marie bemerkte die Entzündung und holte eine Schüssel mit Salzwasser und einen Schwamm, um die Wunde zu baden. »Guter Wolf«, flüsterte sie, während sie behutsam über die Wunde strich. Seine hellbraunen Augen sahen vertrauensvoll zu ihr hoch. Während sie so dasaß, die Wunde des Wolfs badete und versuchte, an alles mögliche, nur nicht an die Gerichtsverhandlung zu denken, kam ihr plötzlich Kenmarcocs Geschichte über seine Nacht im Stock in den Sinn, und ihr wurde endlich klar, warum sie die Sache so beunruhigt hatte. So wie der Kanzlist den Hergang geschildert hatte, war Eline nach Talensac zurückgekehrt, nachdem ihr Mann zum letztenmal fortgegangen war, aber bevor jemand ihn für vermißt hielt. Und doch hatte sie nicht die Absicht gehabt, sich mit ihm zu versöhnen. Sie hatte sich mit Judicaël gestritten, als dieser gekommen war, um die Versöhnung herbeizuführen, und Marie hatte nicht den Eindruck, daß Judicaël ein streitsüchtiger Mensch war. Und auf der Burg Ploërmel hatten Elines Worte sich nicht so angehört, als ob sie es bedauerte, die Gelegenheit zur Versöhnung versäumt zu haben. Marie erinnerte sich genau an diese Stimme in der Dunkelheit: Ihn zu heiraten war der größte Fehler, den ich je gemacht habe, und ich bin froh, daß ich von ihm los bin. Wenn Eline aber nicht die Absicht gehabt hatte, sich mit Tiarnán zu versöhnen, warum war sie dann nach Talensac zurückgekehrt? Weil sie wußte, daß ihr Ehemann bereits tot war, und sie nicht mit seiner Ermordung in Verbindung gebracht werden wollte. Maries Hand hielt mitten in der Bewegung ein. Sie wich vor dieser Folgerung zurück. Es war tragisch, daß Eline sich so spät entschlossen hatte, die Versöhnung zu suchen. Tragisch, nicht verdächtig. Aber Alain, der Eline schon immer geliebt hatte, hatte Nantes kurz vor Tiarnáns Verschwinden verlassen. Marie konnte sich jetzt erinnern: die beiden Reisen, um in St-Malo Falken zu kaufen. Beide Male war er ohne Falken zurückgekommen, und Tiher hatte sarkastische Bemerkungen darüber gemacht. War das wirklich genau zu der Zeit gewesen, als Tiarnán verschwand? Oder täuschte sie die Erinnerung? Als Alain das erste Mal nach St-Malo reiste, war es etwa die Zeit des Michaelsfestes gewesen. Dieser Tag war für sie immer ein besonderer Festtag, und sie konnte sich erinnern, daß Alain an diesem Tag nicht dagewesen war. Und das zweite Mal? Ein paar Wochen später. Da war er bewaffnet gewesen. Tiher hatte auch dazu seinen Kommentar abgegeben, er hatte über die Absurdität gespottet, volle Rüstung anzulegen, nur um einen Falken zu kaufen. Wenn es auch keine Gewißheit gab, daß der Zeitpunkt genau übereinstimmte, nahe daran war er auf jeden Fall. Erschreckend nahe. Die erste Reise könnte dazu bestimmt gewesen sein, Eline zu treffen, die ihn mit ihrem Verlangen nach Freiheit bestürmte. Und die zweite Reise, seinen Rivalen zu ermorden, der, nur leicht bewaffnet, im Wald jagte. Isegrim winselte. Sie hatte den Schwamm auf seine Wunde gedrückt. Sie streichelte ihm schuldbewußt den Kopf, drückte den Schwamm aus, tauchte ihn wieder in das Salzwasser und bestrich sanft die Schnittwunde. Die Möglichkeit, die ihr eben durch den Kopf gegangen war, war ungeheuerlich, und es verbot sich absolut, irgend jemandem auch nur die leiseste Andeutung über den Verdacht zu machen – vorerst jedenfalls. Sie mußte zunächst einige der Details nachprüfen. Sie konnte mit Kenmarcoc sprechen, um herauszufinden, wann genau Tiarnán verschwunden war. Vielleicht konnte er ihr auch mehr über seinen früheren Herrn und dessen Jagdausflüge sagen. Das müßte einfach sein. Kenmarcoc war ein redseliger Mann, und besonders gern erzählte er von seinem ›Machtiern‹ und von Talensac im allgemeinen. Die andere Sache, die nachgeprüft werden konnte, würde größere Schwierigkeiten bereiten. Sie mußte wissen, ob jemand Alain eine Nachricht geschickt hatte, bevor er nach St-Malo ritt. Vielleicht konnte Tiher ihr weiterhelfen. Sie würde ihn über Schiffe befragen: wie man erfuhr, welche Schiffe einliefen, woher Alain von dem Schiff mit den Falken wußte. Judicaël wußte wahrscheinlich mehr. Aber sie war sich bereits sicher, daß der Eremit keine Geheimnisse preisgeben würde. Jetzt fiel ihr jedoch seine rätselhafte Bemerkung wieder ein, sie solle ihn verständigen, wenn ihr Urteil feststehe. Es gab da etwas, was sie, wie er hoffte, entscheiden konnte – eine Angelegenheit, in der er selbst sich für zu parteiisch hielt, um ein Urteil zu fällen: Elines Schuld. War es wirklich ihre Sache, das zu entscheiden? Nein. War es gut, auch um Tiarnáns willen, die Angelegenheit weiter zu verfolgen? Er hatte ein Geheimnis gehabt. Eline hatte es gesagt, und Judicaël hatte es bestätigt. Wenn sie die Tatsachen feststellte, die Aufschluß über sein Verschwinden gaben, würde möglicherweise sein Geheimnis offenbar. Ob Eline nun unschuldig oder schuldig war, ihr nachzuspüren könnte das einzige zerstören, was von Tiarnán auf Erden zurückgeblieben war: sein Ruf. Falls Tiarnán jedoch von seiner Frau verraten und von ihrem Liebhaber ermordet worden war, dann war Gerechtigkeit gefordert. Nach ihrer festen Überzeugung war es ein Irrtum zu glauben, ein Verbrechen könne einfach begraben werden und verwesen, ohne jemanden zu vergiften. Die Gerechtigkeit mochte schwerfüßig sein und hinken, am Ende aber, auf Erden oder im Himmel, war sie so unausweichlich wie der Tod. Wenn es wirklich einen Fall Tiarnán gab, würde sie ihn Herzog Hoel vorlegen, und er würde Sorge tragen, daß Gerechtigkeit geschah. Die Tür wurde aufgerissen, und Hoel kam steifbeinig herein, das Gesicht puterrot. Er warf sich in den Lehnstuhl und starrte Marie aufgebracht an. »Jetzt haben wir's«, sagte er. »Der Erzengel hat gewonnen!« »Nun, wenigstens haben es die Normannen nicht geschafft«, beschwichtigte Havoise, die aufgesprungen war und zu ihm hinüberging. »Mein Lieber, trink erst mal etwas; der Tag ist viel zu heiß, um mit trockener Kehle über Rechtsgeschichten zu sprechen.« Sie nickte Sybille zu, die eilends einen Krug mit Wasser verdünnten Wein und einen Becher brachte. Hoel stürzte den Wein durstig herunter, dann warf er den Becher in den Kamin, wo er zersprang. Isegrim stand auf und drückte seine Nase in die Hand des Herzogs. Hoel beruhigte sich bei der Berührung und kraulte dem Wolf den Kopf. »Der Erzengel hat gewonnen«, wiederholte er müde. »König Philippe hörte sich alle Argumente an, und dann sagte er mit hinterhältigem Lächeln, die Sache sei zu kompliziert, um sie einfach zugunsten der einen oder der anderen Partei zu entscheiden; aber da die rechtmäßige Erbin des Gutes ihre Absicht verkündet habe, alle ihre Ländereien dem Kloster St-Michel zu geben, und da dies eine fromme und gottgefällige Absicht sei und die Gebete der Mönche und Nonnen dem Frieden dienten, sollte zu unser aller Nutz und Frommen das Land dem Kloster zugesprochen werden. Wenn Marie es wünscht, sollen wir sie in das Kloster St-Michel eintreten und die Gelübde ablegen lassen. Wenn sie es nicht wünscht, soll das Land an das Kloster gehen, aber sie darf alles bewegliche Vermögen, das sich im Gutshaus befindet, behalten und für ihre Mitgift verwenden. Wenn sie es ablehnt, das Land dem Kloster St-Michel zu geben, fällt das gesamte Gut an die Krone! Welches Recht der König auf Chalandrey hat, das würde ich gern wissen!« »Mein Lieber«, sagte Havoise nach kurzer Überlegung, »ich glaube, wenn der Erzengel nicht in die Auseinandersetzung eingetreten wäre, hätte die Krone das Ganze beansprucht.« Hoel schnaubte wütend. »Damit wäre Philippe niemals durchgekommen. Es ist nie ein Krongut gewesen, nie!« »Was wahrscheinlich der Grund ist, weshalb er zugunsten des Erzengels entschieden hat.« Hoel lachte etwas reumütig und wischte mit der Hand über die kahle Stelle auf seinem Kopf. Marie starrte ihn verwirrt an. Ihr Herz schlug schnell, weil ihr etwas, was der Herzog gesagt hatte, Hoffnung zu machen schien – doch sie konnte nicht glauben, daß es diese Hoffnung für sie gab. »Der König hat vorgeschlagen, daß ich das Gut Chalandrey weggebe, aber das, was sich im Haus befindet, behalte?« fragte sie zögernd. Das Haus enthielt, wie sie wußte, eine stattliche Menge an Silber, Tafelgeschirr und Juwelen – Beutestücke aus England, bei dessen Eroberung ihr Großvater unter Herzog Wilhelm mitgekämpft hatte. Sie war nie auf den Gedanken gekommen, daß das bewegliche Vermögen vom Haus oder vom Land getrennt werden könnte. Wie die leibeigenen Bauern, die das Gutsland bestellten, war das Vermögen ihres Großvaters ein Teil von Chalandrey gewesen, eine Reserve, auf die sein Herr im Notfall zurückgreifen konnte. Jetzt schien es, als sei es etwas Unabhängiges, etwas, das man vom Gut wegnehmen konnte und das eine ansehnliche Mitgift für sie darstellen würde. Hoel grinste über die Frage. »Das war ein nobler Gedanke des Königs, nicht wahr? Er wünscht nicht, daß Ihr Eurem Land ins Kloster folgt, ebensowenig, wie ich das wünsche.« Marie sah ihn hilflos an – wie ein Kind, das die Meinung der Erwachsenen nicht versteht. »Wollt Ihr damit sagen«, fragte sie langsam, »daß Ihr nicht wünscht, daß ich ins Kloster St-Michel zurückgehe, wenn wir in die Bretagne heimkehren?« »Natürlich nicht«, sagte Hoel und hob überrascht die Augenbrauen. »Warum sollte ich das wünschen?« Havoise sah Maries verdutztes Gesicht und lachte. »Meine Liebe«, sagte sie, »ist es wirklich so überraschend, daß wir Euch gern haben? Und Ihr wißt, wie der Hof ist. Er ist zum Bersten voll mit Männern, jungen und lauten Männern vor allem. Es ist kein Vergnügen, die ganze Zeit in einem Militärlager zu leben. Selbst die Männer mögen das nicht. Eine hübsche, kluge junge Frau wie Ihr bringt Fröhlichkeit in das Hofleben. Ihr seid fürwahr immer eine Freude für mich gewesen, seit Ihr zu uns gekommen seid. Bleibt noch eine kleine Weile länger bei uns, mindestens das, und denkt in Ruhe darüber nach, ob Ihr Nonne werden wollt oder nicht. Ihr habt jetzt eine Mitgift, und ich kenne wenigstens einen Hofbeamten, der Euch auch ohne einen Sou gern geheiratet hätte.« »Tiher wünscht sich Land«, stammelte Marie errötend. »Tiher wird sowieso Land haben«, sagte Hoel. »Sobald einer meiner Vasallen ohne Erben stirbt – und es gibt zwei oder drei, bei denen jederzeit damit zu rechnen ist. Ich werde nicht einen Mann wie Tiher leer ausgehen lassen, wenn Idioten wie sein Vetter Land besitzen. Laßt mich Tiher ein Gut geben, und seht dann, ob er sich nicht entschließt, die Jagd wiederaufzunehmen. – Doch was Ihr auch tut, bleibt noch eine Weile bei uns.« Marie schaute verwirrt von ihm zu Havoise hinüber, und die Herzogin lachte leise. »Es gibt nichts, was ich lieber täte!« rief Marie und lief zu ihr hinüber, um sie zu küssen. 15. KAPITEL Herzog Hoel kehrte in der ersten Juniwoche in die Bretagne zurück. Der Hof war inzwischen auf die Burg Quimper im Westen des Herzogtums umgezogen. Talensac, das der Reise des Herzogs nach Paris wenig Beachtung geschenkt hatte, brachte für seine Rückkehr noch weniger Interesse auf: Für Talensac würde dieser Juni in Erinnerung bleiben als der Monat, in dem Alain die Mahlpreise der Gutsmühle verdoppelte. Seit Ostern war Alains Geldbedarf immer dringender geworden. Als er nach der verhängnisvollen Wolfsjagd im Forst Treffendel heimgekommen war, hatte er sich, um den Kummer seiner Frau zu lindern, entschlossen, im Gutshaus jede Spur seines früheren Eigentümers zu tilgen. Das ganze Mobiliar wurde rigoros entfernt, was nicht zu verkaufen war, verbrannt. Die neue Einrichtung, die er bestellte, war von bester handwerklicher Qualität und entsprach dem neuesten Stil. Er hatte Tiarnáns Wandteppiche mit den Jagdszenen entfernt, sie mit Tiarnáns gesamter Kleidung, seiner Rüstung, den Bogen, Speeren und dem Schwert, das einst Geoffroy de Bellêmes Helm durchschlagen hatte und eine Handbreit in seinen Schädel eingedrungen war, zusammengepackt und sie ebenso wie das braune Streitroß nach Nantes gebracht und dem Juden als Teilzahlung auf seine Schulden angeboten. Der Jude war eigentlich nicht daran interessiert. Allen Angehörigen des jüdischen Glaubens war es durch Gesetz verboten, Waffen zu tragen oder Reitpferde zu halten, außerdem war er Geldverleiher, kein Händler. Er wollte seinen Schuldner jedoch nicht beleidigen, und er kannte die enormen Preise, die man für Streitrosse und Rüstungen bezahlte; er nahm die Sachen daher an und lagerte sie bei einem nichtjüdischen Geschäftsfreund, bis sie verkauft werden konnten. Mit den fünfzehn Mark, die von der entliehenen Summe noch übrig waren, kaufte Alain neue Bettwäsche und Decken, einen neuen Geschirrschrank und einen neuen Wandteppich … das Geld war schnell verbraucht, so daß er den Rest des bestellten Mobiliars nicht abnehmen konnte. Er hatte gehofft, die am Ostermontag fällige vierteljährliche Pachtrate würde ihn wieder flüssigmachen. Der Betrag war jedoch enttäuschend, und die Haushaltsausgaben waren inzwischen alarmierend gestiegen. Die Ausräumaktion hatte die Dienerschaft des Gutshauses entsetzt. Das Haus war auch ihr Heim. Die Eichentische in der Halle stammten aus der Zeit von Tiarnáns Großvater. Sie waren für ein normales Haus zu groß und konnten nicht verkauft werden; sie wurden verbrannt. Einige der weiblichen Bediensteten weinten, als sie sahen, wie die Flammen das dunkle Holz verzehrten, das sie, ihre Eltern und Großeltern poliert hatten. Der Verwalter Gilbert fluchte und schlug mehrere von ihnen mit seiner kleinen Reitpeitsche. Einige der männlichen Bediensteten, so auch Donoal, hatten sehr lebendige Erinnerungen an die Kriege des Herzogs, sie beobachteten den Abtransport der Waffen und des Streitrosses ihres ehemaligen Herrn mit Zorn und Bitterkeit. Als Alain mit seinen Einkäufen von Nantes zurückkehrte, mußte er feststellen, daß ein Dutzend seiner Bediensteten das Haus verlassen hatte. Geblieben waren lediglich die Leibeigenen, die nicht die Freiheit besaßen fortzugehen. Einige der freien Männer und Frauen, die gegangen waren, hatten Unterkunft bei Freunden oder Verwandten im Dorf gefunden, andere hatten Talensac ganz verlassen, um in Städten Arbeit zu suchen. »Sie werden mit eingezogenem Schwanz zurückgekrochen kommen«, sagte Gilbert verächtlich. »In den Städten werden sie keine so gute Arbeit und Entlohnung finden wie hier.« Vielleicht – in der Zwischenzeit aber fehlte es an Arbeitskräften. Alain ging zu einigen der Bediensteten, die in das Dorf gezogen waren, und versuchte, sie mit Versprechungen zurückzuholen. Nicht einer wollte kommen. Es wunderte ihn: Niemand von diesen Leuten besaß ein eigenes Haus und eigenes Land. Sie hatten alle ihren Lebensunterhalt durch Arbeit auf dem Gutsland und im Gutshaus verdient; jetzt waren sie wurzellos und ohne sicheres Einkommen – doch sie weigerten sich hartnäckig, an den einzigen Platz zurückzukehren, der ihnen Sicherheit bot. Ihre stereotype Antwort auf sein Angebot war ein mürrisches, dumpfes Starren. Besonders wütend war Alain über den Stallknecht Donoal; seit der Zeit ihrer gemeinsamen Jagd auf den Wolf hatte er Donoal gut zu kennen geglaubt und ihm eine bevorzugte Stellung eingeräumt. Aber Donoal war ebenfalls fortgegangen, nur den Hügel hinunter und über den Bach zum Haus des Schmieds Glevian, wo er Unterkunft fand. Er half seinem Freund Justin bei der Feldarbeit. Alain schüttelte den Kopf, als er das hörte. Donoal war zu schade für die Feldarbeit, er war ein ausgezeichneter Jäger und konnte gut mit Pferden umgehen. Alain ging zu Glevians Haus und bot Donoal einen höheren Lohn an, wenn er zurückkäme. Donoal lehnte ebenso ab wie die anderen. »Was ist los mit dir?« fragte Alain ihn wütend. »Bist du verärgert, weil ich ein paar Möbel verkauft habe?« Donoal sah ihn teilnahmslos an. »Gott ja«, sagte er, »das Haus gehört Euch. Ihr könnt damit tun, was Ihr wollt.« »Und warum bist du dann fortgegangen?« fragte Alain. »Gott ja«, antwortete Donoal im Ton tiefsten Stumpfsinns. »Ich habe in dem Lis gelebt, als der Machtiern hier war. Jetzt ist er Euer Haus.« Alain tobte, bekam aber keine andere Antwort. Als der Gutsherr wütend fortgestampft war, schlüpfte Justin vom Garten herein, wo er gehorcht hatte. »Aber warum bist du dann fortgegangen?« imitierte er Alains affektiertes Bretonisch mit märkischem Akzent. Donoal grinste böse. »Gott ja«, sagte er, »ich bin nicht daran interessiert, für eine Hure, für den Liebling einer Hure und einen diebischen Verwalter zu arbeiten, die mir das Haus, in dem ich lebe, auseinanderreißen und mich verprügeln, wenn ich mich darüber beschwere. Ihr seid nicht halb der Mann, der Euer Vorgänger war, Ritter Goldlocke, und wenn Ihr glaubt, Ihr könnt die Leute das vergessen machen, indem Ihr jede Spur von ihm tilgt, dann irrt Ihr Euch!« »Mögen sie alle in der Hölle schmoren!« stimmte Justin zu. »Und mögen sie bald hinabfahren!« Alain ritt kurz darauf nach Fougères, wo er in den Dörfern seines Vaters um neue Bedienstete warb. Er mußte ihnen jedoch hohe Löhne anbieten, um sie dazu zu bringen, ihre Heimat aufzugeben und unter den wilden Waldleuten zu leben. Und als sie in Talensac eintrafen und sahen, wie die Menschen dort sie haßten, mußte er ihnen noch mehr zahlen, damit sie blieben. Auch deshalb brauchte er mehr Geld. Er dachte immer wieder daran, die Pachtgelder zu erhöhen, aber nach dem, was der Herzog ihm in Treffendel gesagt hatte, wagte er es nicht. Er sah sich also nach anderen Einkunftsquellen um. Die nächstliegende war die Mühle. Sie gehörte ihm, und die Dorfleute waren verpflichtet, ihr ganzes Getreide dort mahlen zu lassen. Er verdoppelte die Preise. Für die Dorfbewohner war das grobe Brot, das sie aus dem Mehl ihres in der Gutsmühle gemahlenen Buchweizens backten, die Hauptgrundlage ihrer Ernährung. Alain hätte ihnen keinen verheerenderen Schlag versetzen können. Mußte das Dorf das Doppelte für seinen Lebensunterhalt zahlen, weil der Gutsherr neue Möbel haben wollte? An dem Tag, an dem die Preise erhöht wurden, fand eine erregte Versammlung auf dem Kirchplatz statt. Ganz Talensac, einig in seiner Empörung, schwor, es werde die grausamen und ungerechten Preise nicht zahlen. Und so kam es, daß der Juni und der anschließende Sommer für Talensacs Menschen bis an ihr Lebensende unvergeßlich bleiben sollten. Marie verbrachte den ersten Teil des Juni damit, sorgfältig zu überprüfen, ob ihr Verdacht gegen Alain und Eline gerechtfertigt war. Zunächst befragte sie Kenmarcoc. Er war wie immer gern bereit zu erzählen und fand an ihren Fragen nichts Ungewöhnliches. Alles, was Talensac betraf, war von Natur aus so interessant, daß es ihn höchstens erstaunte, warum nicht mehr Leute danach fragten. Ja, die Dame Eline hatte sich, kurz nachdem ihr Ehemann zum letztenmal fortgegangen war, entschlossen, sich mit ihm zu versöhnen. Sie war zwei Tage nach seinem Aufbruch zu diesem letzten Jagdausflug von Iffendic zurückgekommen. Wann war das? Oh, um die Mitte des Oktober. Ja, Mitte Oktober. Kenmarcoc erinnerte sich, daß sie beim Licht des Herbstvollmonds mit dem Dreschen fertig geworden waren; in dieser Nacht war der Herr fortgegangen. Worüber hatten Tiarnán und seine Frau sich gestritten? Nun ja, der Herr hatte die Gewohnheit, allein auf die Jagd zu gehen, sogar ohne den Hund, und die Dame hatte es sich in den Kopf gesetzt, daß er eine andere Frau besuchte. Das war völliger Unsinn, er hatte sie angebetet. Kenmarcoc konnte sich genau an den Streit erinnern. Die Dame hatte geweint, und das war den ganzen Tag so weitergegangen, und spät in der Nacht war der Machtiern zurückgekommen. Am folgenden Morgen befand sich die Dame in einem schrecklichen Zustand, und kurz darauf reiste sie nach Iffendic zu ihrer Schwester. Es mußte in dieser Nacht etwas gesagt worden sein, das zu diesem plötzlichen Entschluß führte, aber was, darüber konnte man nur spekulieren. Der Machtiern hatte sein Privatleben immer für sich behalten. Er steckte seine Nase nicht in die Angelegenheiten anderer Leute und erwartete von ihnen die gleiche Rücksicht. Warum ging der Machtiern ohne den Hund jagen? Bei dieser Frage wurde Kenmarcoc plötzlich verlegen und reserviert … Nun, es gab da alberne Gerüchte – in Wirklichkeit aber, das war seine Vermutung, hatte der Machtiern einfach hin und wieder das Bedürfnis gehabt, allein durch den Wald zu streifen, und wollte sich dann auch nicht um einen Hund kümmern müssen. Marie erkannte resigniert, daß sie wieder an die undurchdringliche Mauer von Tiarnáns Geheimnis gekommen war. Sie bezweifelte, daß Kenmarcoc wußte, was dieses Geheimnis war. Aber es kam ihr durchaus wahrscheinlich vor, daß es Eline am Abend nach dem Streit enthüllt worden war und daß sie daraufhin nach Iffendic gegangen war. Sie war erst im Oktober zurückgekehrt, kurz nach dem Vollmond – der Zeit von Alains zweitem erfolglosen Versuch, in St-Malo einen Falken zu kaufen. Der zweite Teil ihrer Untersuchung war, wie sie vorausgesehen hatte, schwieriger. Tatsächlich erwies es sich als unmöglich, ihn auszuführen. Tiher war zu scharfsichtig, um sich von der Beiläufigkeit ihrer Frage täuschen zu lassen, woher Alain gewußt habe, daß ein Schiff mit Falken in St-Malo eingetroffen war. »Onkel Juhel hat einen Schiffsagenten in der Stadt«, sagte er. »Wieso interessiert Ihr Euch dafür, liebliche Dame? Wenn Ihr die Falkenjagd aufnehmen wollt, braucht Ihr nicht auf ein Schiff zu warten. Ich werde Euch morgen einen Merlinfalken kaufen.« Marie lächelte. »Ihr braucht mir keinen Falken zu kaufen. Ich werde eine Menge Geld haben, wenn Chalandrey der Priorei übergeben worden ist. – Dann hat der Agent Eures Vaters ihm also einen Brief geschickt?« »Euer Vater muß Falken in Chalandrey haben. Er wird sie nicht mit ins Heilige Land genommen haben«, sagte Tiher spöttisch. »Er muß einen Mauserkäfig haben und Männer, die sich um die Vögel kümmern. Ihr braucht keine Falken zu kaufen.« Er sah sie mit unverhüllter Neugier an. »Warum dieses Interesse am Agenten meines Onkels in St-Malo?« »Ich habe mich bloß gefragt, woher Alain wußte, wann er nach St-Malo reisen mußte.« Tiher starrte sie lange an, seine Belustigung verschwand. »Ihr seid überhaupt nicht an Schiffen interessiert, hab ich recht? Ihr interessiert Euch dafür, ob Alain zu dieser Zeit wirklich nach St-Malo geritten ist.« Tiher war damals mißtrauisch wegen dieser Reisen gewesen. Alain war durchaus zu der plötzlichen Entscheidung fähig, daß er unbedingt einen Geierfalken haben mußte, und auch dazu, einem Schiff der Küste der Bretagne entlang nachzujagen, das nach einem Gerücht einen solchen Falken an Bord hatte – aber es war höchst ungewöhnlich von Alain gewesen, seine Begleitung bei diesem Ausflug abzulehnen. Und er hatte bei seinem Aufbruch diesen selbstzufriedenen Gesichtsausdruck gehabt, der nach Tihers Erfahrung gewöhnlich Vorbote einer Katastrophe und eines ängstlichen Rufs um Hilfe war. Es gab nicht viel zu rätseln, mit welcher Art von Feuer Alain damals gespielt haben mochte: Alain war verrückt nach Eline. »Aber er hat mir geschworen«, sagte Tiher laut, »auf das heilige Kreuz hat er geschworen, daß er nicht nach Talensac gehen würde.« Marie zögerte, dann erwiderte sie ruhig: »Ich glaube, daß Dame Eline zu der Zeit bei ihrer Schwester in Iffendic war.« »Christus und Sankt Michael!« Die selbstzufriedene Miene; das Lächeln nach dem Eid. In Tihers Augen trat ein Ausdruck von Anspannung. Sie konnte direkt sehen, wie er die Daten der beiden Ausflüge seines Vetters im Geiste nachprüfte, sie mit dem eines anderen Ereignisses verglich – und zurückschreckte. »Habt Ihr darüber etwas zum Herzog gesagt?« fragte er scharf. »Nein«, sagte Marie. »Ich werde zu niemandem etwas darüber sagen. Nicht, solange es nicht gewichtige Gründe gibt, zu glauben, daß es wahr ist.« »Ich werde es herausfinden«, versprach Tiher grimmig. Du Narr, du Narr, du Narr! beschimpfte er in Gedanken Alain. Es gab absolut keinen Zweifel, daß Alain sofort losgeritten wäre, um Eline zu treffen, wenn sie ihn gerufen hätte; es gab keinen Zweifel, daß er Tiarnán gehaßt hatte und Eline zuliebe bereit gewesen wäre, seinen Rivalen zu töten. Und doch … Wie hätte Alain jemals einen Ritter wie Tiarnán besiegen können, selbst wenn Tiarnán nur einen Bogen und ein Jagdmesser bei sich gehabt hätte, während Alain die volle Rüstung trug? Tiarnán war ein hervorragender Jäger gewesen, und Alain in voller Rüstung hätte niemals eine Chance gehabt, in seine Nähe zu kommen, es sei denn, er hätte vorgegeben, ihm eine Nachricht zu bringen, oder Tiarnán hätte geschlafen. Aber in einem solchen Fall hätte Alain ihn nicht töten können – er hätte es einfach nicht fertiggebracht, seinen Rivalen umzubringen, ohne ihm zuerst eine lange Rede zu halten. Er war nicht der Typ, der einen Mann hinterrücks niedersticht. Er würde nach einem ruhmvollen Einzelkampf lechzen, und er würde dort unter den Bäumen stehen, das Schwert schwingen und bombastisch daherreden, während Tiarnán in die Büsche verschwand, um ihn totzuschießen. Das lächerliche Bild beruhigte Tiher. Aber es war offenkundig, daß Marie triftige Gründe für ihren Verdacht hatte, und es würde schwierig sein, sie zu entkräften. Tiher mußte die Wahrheit herausfinden, zu Alains eigenem Schutz. Tiher machte also seine eigenen vorsichtigen Nachforschungen am Hof. Einer der Pagen erinnerte sich, daß Alain im vorigen Herbst einen Brief bekommen hatte – aber das lag fast ein Jahr zurück, und ein Jahr ist eine lange Zeit für einen zehnjährigen Jungen, dessen Geist und Körper voll davon beansprucht sind, zu lernen, wie man ein Ritter wird. Die Einzelheiten waren alle vergessen. Tiher versuchte einen anderen Weg. Er schrieb an den Agenten seines Onkels in St-Malo und erkundigte sich nach dem Schiff, das im vorigen Herbst mit einer Ladung Falken dort angelegt haben sollte. Anfang Juli kam die Antwort des verwunderten Agenten, daß ein solches Schiff nie existiert hatte. Als dieser Brief eintraf, befand sich Marie nicht am Hof; sie wurde nicht vor dem Fest des heiligen Jakobus am fünfundzwanzigsten des Monats zurückerwartet. Sie war mit Herzog Hoels Beauftragtem Grallon nach Chalandrey geritten, um ein Inventar der beweglichen Habe des Gutshauses aufzunehmen. Anschließend führte sie der Weg nach St-Michel, um ihre Ländereien formell der Priorei zu vermachen. Alain hatte über das Ziel seiner Reise gelogen, und er war nicht am herzoglichen Hof gewesen, als Tiarnán verschwand. Alain hatte durch Tiarnáns Tod eine Frau und ein Gut gewonnen. Tiher fand die sich aufdrängende Vermutung eines Zusammenhangs äußerst bedrückend. Er konnte noch immer nicht glauben, daß sein Vetter sich mit einem freundlichen Gruß einem Menschen genähert und ihm dann den Dolch ins Herz gestoßen haben könnte – aber er konnte die Zweifel nicht abschütteln, daß Alain, um Eline zu gewinnen, sogar dazu imstande gewesen wäre. Die Vorstellung, wie sein törichter, impulsiver junger Vetter, dessen Überschwang er immer zu dämpfen versucht hatte, heimlich die Leiche seines Opfers im Wald vergrub, bereitete ihm Übelkeit. Hatte er sich immer wieder geduldig Alains Probleme angehört, ihn aus allen Gruben herausgeholt, die er sich selbst gegraben hatte, nur um zu erleben, wie er zum Mörder wurde? Tiher wollte nicht einmal darüber nachdenken – nicht bis Maries Rückkehr es unausweichlich machen würde. Er stürzte sich in die Arbeit, um sich abzulenken. Die Saison für die Hirschjagd hatte begonnen, und es gab viel für ihn zu tun. Der Hof war inzwischen nach Ploërmel umgezogen, und der Herzog nutzte die Nähe des Waldes, um häufig auf die Jagd zu gehen. Tiher mußte geeignetes Wild ausfindig machen, Jagdhütten und Dienerschaft bereitstellen, wenn Jagdgäste eingeladen waren. Überdies war eine besonders großartige Jagd für die letzte Juliwoche zu organisieren, in der Bischof Quiriac von Nantes zu einem Besuch am Hof erwartet wurde. Der Bischof war Hoels Bruder und teilte dessen Begeisterung für die Jagd. Tiher hatte für ihn einen prächtigen Hirsch vorgesehen, einen Sechzehnender, der im Forst Treffendel ausgemacht worden war. Hoel war von dem Vorschlag sehr angetan. »Ich hatte im März in Treffendel ganz besonderes Glück«, sagte er mit einem liebevollen Blick auf Isegrim, der wie gewöhnlich neben seinen Füßen lag. »Ja, schickt eine Botschaft an den Förster, daß wir am Tag nach dem Fest des heiligen Jakobus abends ankommen werden. Und trefft die notwendigen Vorkehrungen, damit auch die Damen an dem Jagdausflug teilnehmen können. Quiriac liebt die Gesellschaft von Damen, und er bekommt in seinem Palast nur wenig von ihnen zu sehen, der arme Kerl.« Wenn der Herzog am Abend des Tages nach dem Jakobsfest eintreffen wollte, dann mußten Tiher und die Bediensteten des Hofes am Festtag selbst ankommen, um das Jagdhaus bezugsfertig zu machen und den Standort des Wilds festzustellen. Aber Tiher war der Meinung, die Dienerschaft habe ihre Feiertagsruhe verdient, und entschied sich, einen Tag früher aufzubrechen. Erst nachdem er diese Entscheidung getroffen hatte, fiel ihm ein, daß der zusätzliche Tag ihm Zeit für einen Besuch seines Vetters in Talensac geben würde. Er nahm die Gelegenheit mit gemischten Gefühlen wahr. Er hatte nie eine hohe Meinung von Alains Verstand und Urteilsvermögen gehabt, aber sie beide waren zusammen aufgewachsen, und der Verdacht, daß sein Vetter ein Mörder sein könnte, war seinem Herzen unerträglich. Er war noch nie in Talensac gewesen, aber er erinnerte sich, daß man immer die schöne Lage und die Ertragskraft des Gutes gerühmt hatte. Die Lage war tatsächlich reizvoll. Er ritt aus dem grünen Wald in weite Felder hinaus; das Gold der erntereifen Ähren, das helle Grün des Weinlaubs, das satte Grün der Wiesen mit den silbergrünen Tupfern weidender Rinder und Schafe – eine freundliche, abwechslungsreiche Landschaft. Ein hoher hölzerner Kirchturm ragte vor ihm aus der Talsenke auf, und die Landstraße wurde zur Hauptstraße eines Dorfes mit solide gebauten, sauberen Häusern in gepflegten Gärten. Aber die Bauern, die auf den Feldern arbeiteten, starrten ihn mürrisch an, als er vorbeiritt, und als er in das Dorf kam, war die Straße menschenleer, nur argwöhnische Gesichter spähten aus Torwegen und Fenstern. Niemand rief ihm, wie es auf dem Lande üblich ist, einen Gruß zu. Niemand fragte ihn, wohin er wolle. Im Stock auf dem Platz vor der Kirche hing eine Elendsgestalt mit blutigem Rücken, offenbar war der Mann ausgepeitscht worden. Neben ihm hockten zwei andere Männer, an Armen und Beinen gefesselt, auf den Schultern ein Joch. Sie schauten Tiher finster an. Gleich daneben stand ein Pfahl aus rauhem neuen Holz, an dem ein Paar Handschellen baumelten. Er war mit Blut besudelt, teils frischem, teils dunkelbraunem. Talensac hatte offensichtlich in letzter Zeit mehr als eine Auspeitschung gesehen. Das Tor zum Gutshausbereich war geschlossen und verriegelt. Auf Tihers Klopfen spähte ein Auge durch einen Schlitz des Fensterladens, dann rief eine Stimme hinunter: »Was wünscht Ihr?« »Mein Name ist Tiher de Fougères!« rief Tiher zurück. »Ich bin gekommen, um meinen Vetter Alain zu besuchen.« Einen Augenblick später wurde der Riegel zurückgeschoben, und das Tor öffnete sich krachend. »Kommt herein, Herr«, sagte ein nervöser Bauer. Das Gesicht des Mannes kam Tiher vage bekannt vor, er sprach Französisch mit märkischem Dialekt. Alain hatte jemanden aus Fougères als Pförtner eingestellt, anscheinend traute er den eigenen Leuten diese Aufgabe nicht zu. Sobald Tiher hindurchgeritten war, schlug das Tor hinter ihm zu. Tiher fragte sich, ob dieser Besuch eine gute Idee gewesen war. »Ich werde dem Herrn Eure Ankunft melden«, sagte der Pförtner. »Könnt Ihr Euer Pferd selbst in den Stall bringen? Tut mir leid, Euch darum bitten zu müssen, aber wir sind ein bißchen knapp an Personal.« Tiher runzelte erstaunt die Stirn, führte sein Pferd aber kommentarlos zu den Ställen. Er war noch dabei, das Tier zu versorgen, als Alain erschien und ihn sehr herzlich begrüßte. Nachdem Tiher sich für den unangemeldeten Besuch entschuldigt und Alain ihn überschwenglich willkommen geheißen hatte, gingen sie zum Haus hinüber. Eline wartete vor der Tür. Auch sie begrüßte ihn sehr herzlich, aber ihr schönes Gesicht war blaß, schmal und wirkte angespannt, und ihre Augen waren gerötet. Wenn die Menschen im Dorf einen nervösen, mürrischen Eindruck gemacht hatten, so wirkten die wenigen bretonischen Bediensteten des Gutshauses verängstigt und verschüchtert, während die große Gruppe der Dienerschaft aus Fougères laut und aufdringlich den Ton angab. Das Haus machte einen verwahrlosten Eindruck. Die Binsen auf dem Fußboden waren längere Zeit nicht ausgewechselt worden, alles war an den Rändern leicht schmutzig, als habe man es von Zeit zu Zeit abgewischt, aber nicht ordentlich abgewaschen. Das Mobiliar war neu und elegant, doch es reichte nicht aus. Das Bettzeug der Dienerschaft lag in unordentlichen Bündeln in den Ecken der Halle, statt in Truhen und Kästen aufbewahrt zu werden. Eine Wand der Halle war teilweise von einer Stickarbeit bedeckt, die in künstlerisch anspruchsloser Weise das Leben des heiligen Martin darstellte. Die anderen Wände waren kahl. Tiher war so rechtzeitig von Treffendel weggeritten, daß der Küche bei den Vorbereitungen zum Abendessen zeitlich genügend Spielraum blieb, sich auf den Gast einzustellen. Das Abendessen ließ lange auf sich warten. Sie unterhielten sich über das Leben am Hof, über die Jagdgesellschaft für Bischof Quiriac und ähnliche Belanglosigkeiten, bis schließlich einer der Diener kam und Alain zuflüsterte, daß das Abendessen fertig sei. Doch das Fleisch war angebrannt, die Kaninchenpastete nicht gar – die Personalknappheit erstreckte sich offenbar auch auf die Küche. Die Dienerinnen, die das Essen auftrugen, huschten aufgeregt und ängstlich hin und her. Alain kümmerte das alles nicht, er trank heftig. Eine Weinknappheit gab es wohl nicht. »Hast du hier Probleme mit den Dorfleuten?« fragte Tiher, als genügend Zeit verstrichen war, um die Frage nicht beleidigend klingen zu lassen. »Du hast drei Männer im Stock, und daneben steht ein Auspeitschungspfahl, der in letzter Zeit öfter benutzt worden ist.« »Ich habe heute morgen einen Mann auspeitschen lassen, weil er sein Getreide zur Mühle in Montfort gebracht hat«, antwortete Alain, dessen Gesicht vor Zorn rot angelaufen war. »Die beiden anderen, die im Stock liegen, haben sich des gleichen Vergehens schuldig gemacht, aber es war das erste Mal, das erste Mal, daß ich sie dabei erwischt habe. Wahrscheinlich haben sie es ohne mein Wissen schon öfter getan.« »Wieso bringen sie ihr Getreide nach Montfort? Was ist mit deiner eigenen Mühle nicht in Ordnung?« »Nichts! Überhaupt nichts! Sie steht jedoch seit Wochen still, weil die sturen, habgierigen Idioten nach Montfort fahren oder ihr Getreide zu Hause mahlen oder sich nur von Suppen aus ungemahlener Gerste ernähren. Ich habe die Mahlpreise erhöht, und sie weigern sich, die neuen Preise zu bezahlen.« Tiher sah seinen Vetter forschend an. Alains Augen hatten einen hektischen, fiebrigen Glanz, der nicht nur auf den Wein zurückzuführen war. Dieser Narr Alain hat sich in eine neue Katastrophe manövriert, dachte Tiher – eine schlimmere als je zuvor, wie es aussieht. »Nun, was erwartest du, wenn die Mühle in Montfort billiger ist?« fragte er schroff. »Sie sind meine Pächter, sie sind verpflichtet, meine Mühle zu benutzen! Ich habe das Recht, die Preise zu erhöhen, wenn ich das will. Und ich will es.« »Warum?« Alains Ärger flaute ab, und er sah zu Boden. »Ich habe letzten November in Nantes Geld geborgt«, murmelte er. »Die Wucherzinsen sind ruinös, und ich möchte das Geld so schnell wie möglich zurückzahlen. Herzog Hoel hat mir entschieden klargemacht, daß ich die Pachtgelder nicht erhöhen soll, und ich möchte mich nicht darüber hinwegsetzen. Ich dachte, es würde nicht schaden, statt dessen die Mahlgelder anzuheben.« Er sah verlegen aus, als er das sagte. Der Jude in Nantes drängte keineswegs auf Rückzahlung. Er war vollkommen zufrieden damit, seine Zinsen zu kassieren und abzuwarten. Jeder Jude ging ein Risiko ein, wenn er einem christlichen Adligen Geld lieh, denn bei Angehörigen dieses Standes mußte er immer damit rechnen, daß sie, ohne sich dessen im geringsten zu schämen, ihren Zahlungsverpflichtungen nicht nachkamen. Die Zinssätze auf diese Gelder waren entsprechend hoch – aber der Zinssatz, den Alain für seine fünfzig Mark Silber zu zahlen hatte, war durchaus normal für eine solche Transaktion. Und außerdem hatte er ja mit dem Verkauf von Tiarnáns Sachen die Hälfte der Schuld bereits zurückgezahlt. Aber er brauchte mehr Geld, und sofort. Als die Bauern sich weigerten, die Mühle zu benutzen, war er wieder nach Fougères geritten und hatte vier bewaffnete Männer zur Bewachung des Hauses eingestellt. Deren Löhne waren sogar noch höher als die der Diener. Und es kam immer häufiger vor, daß Sachen verlorengingen oder zerbrochen wurden; einige der Leibeigenen hatten versucht wegzulaufen, so daß man Männer zu ihrer Verfolgung ausschicken und Belohnungen für ihre Ergreifung aussetzen mußte. Außerdem brauchte er mehr Mobiliar und Wandteppiche und vieles andere. Er würde sich wieder Geld geliehen haben, aber niemand war bereit, ihm Geld zu den gleichen Bedingungen zu leihen, solange die erste Schuld nicht ganz zurückgezahlt war. Tiher ließ sich nicht täuschen. Er saß lange in frostigem Schweigen da. »Ich verstehe«, sagte er schließlich. »Aber es hört sich so an, als hätte die Erhöhung der Mahlpreise geschadet und als hättest du kein zusätzliches Geld bekommen.« »Nein«, sagte Alain, der wieder zornig wurde. »Und nur wegen der Halsstarrigkeit der Menschen hier. Sie könnten es sich leisten zu zahlen – die Pachtzinsen sind hier halb so hoch wie in Fougères, Tiher, aber sie glauben, sie haben ein Recht darauf, daß ihr Getreide zum alten Preis gemahlen wird. Sie würden sich eher ohne Mehl behelfen, als auch nur einen Heller mehr für ihr Brot zu bezahlen.« Tiher schlug aufgebracht die Hände auf den Tisch. Er hatte selbst niemals ein Gut geleitet, aber er wußte, daß vom überwiegenden Teil der Dorfbevölkerung kein anderes Verhalten zu erwarten war, als es der Unvernunft und dem Beharrungstrieb der menschlichen Natur entsprach. »Um Gottes willen, Alain, was hast du denn sonst erwartet?« fragte er verzweifelt. »Würdest du es denn brav hinnehmen, daß du für die gleiche alte Sache mehr bezahlen sollst, wenn du nur eine Meile weiter fahren mußt, um sie für den alten Preis zu bekommen? Und wenn du ausgerechnet den Brotpreis erhöhst, dann ist es doch nur natürlich, daß dich die Bauern hassen! Du hast nie einen Funken Verstand gehabt. Jeder vernünftige Mensch hätte dir sagen können, daß das böses Blut machen würde.« »Ich kann jetzt keinen Rückzieher machen!« protestierte Alain. »Die Leute hier hassen mich alle. Wenn sie glauben, sie können sich mir widersetzen, und ich lasse das zu, dann weiß ich nicht, wie das enden wird.« Eline, die seit Tihers Ankunft kaum ein Wort gesagt hatte, sprang plötzlich auf und lief aus dem Zimmer. Sie taumelte die Treppen hoch und warf sich auf ihr prächtiges neues Bett. Nur Gott wußte, wo das enden sollte. Manchmal befürchtete sie, es würde nie enden, es würde einfach so weiter und weiter gehen und immer schlimmer werden. Aber manchmal dachte sie, daß der Haß der Dorfleute wie ein giftiger Nebel war, der sie bald ersticken würde. Auch Alain war ihr kein Trost und keine Hilfe. Er verlor in letzter Zeit immer häufiger die Beherrschung – niemals ihr gegenüber, das mußte sie zugeben, aber er schien ständig auf jemanden wütend zu sein. Und er war jeden Abend betrunken. Sie war von nichts als Bitterkeit und Haß umgeben. Sie wagte nicht einmal, das Gutshaus zu verlassen. Vor einer Woche hatte jemand einen Stein nach ihr geworfen, als sie durch das Dorf ritt. Sie hatte es Alain nicht gesagt, weil sie seine Wutanfälle einfach nicht mehr ertragen konnte – und sie glaubte auch, daß der Steinwerfer nur ein Kind gewesen war. Sogar die Kinder von Talensac haßten sie. Und sie erwartete selbst ein Kind – ein Kind, das statt Spielkameraden nur Steine zu erwarten hatte. Eline fing an zu weinen, still und ohne die Hoffnung, daß es ihr Erleichterung bringen werde. In der großen Halle sah Alain seinen Vetter vorwurfsvoll an. »Du hast sie aufgeregt«, sagte er. »Ich? Wodurch?« »Durch das, was du über böses Blut gesagt hast. Sie hat sich darüber große Sorgen gemacht. Die Dienerschaft läuft uns davon, und die Leute rufen ihr Beschimpfungen nach. Ich habe versucht, die Übeltäter zu bestrafen, aber sie sind schwer zu fassen. Und Eline ist … Sie sollte gerade jetzt nicht aufgeregt werden. Sie wird ein Kind bekommen, Tiher.« »Oh!« rief Tiher, von Mitleid mit dieser bleichen, unglücklichen, verängstigten Siebzehnjährigen ergriffen, die eben aus dem Raum geflohen war. Er sprach die konventionellen Glückwünsche ohne innere Überzeugung aus. »Ich bitte Gott, das Kind möge Euch Freude machen.« Alain schüttelte den Kopf, dann ließ er ihn sinken. »Ich bitte Gott, daß er uns Freude schickt, denn bisher haben wir uns darüber nicht freuen können. Tiher, es sollte uns so glücklich machen, im Augenblick aber ist es nur etwas, was uns zusätzlichen Kummer bereitet. Eline ist in den letzten Monaten so elend und deprimiert gewesen, daß ich Angst um sie habe. Ich möchte sie von hier fortbringen. Sie braucht Frieden – aber ich habe niemanden, dem ich trauen könnte, das Gut in meiner Abwesenheit zu leiten. Dieser Gilbert, mein Verwalter, ist ein Dieb, die Leute hier hassen ihn noch mehr als mich. Außerdem kann ich es mir auch nicht leisten, ihr ein Haus zu kaufen, nicht bei dieser Schuldenlast.« Er sah mit dem alten, vertrauten flehenden Blick seiner blauen Augen zu Tiher auf. »Ich bin so froh, daß du gekommen bist«, sagte er. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Tiher! Die Leute hier haben mich schon gehaßt, bevor ich herkam, und alles, was ich tue, scheint es nur noch schlimmer zu machen. Sie vergleichen mich ständig mit ihrem Machtiern. Wenn sie wüßten, was ihr prächtiger Machtiern wirklich war, würden sie ihn nicht zurückhaben wollen! Gott helfe mir! Ich habe den Burschen schon früher gehaßt, aber nicht annähernd so sehr, wie ich ihn jetzt hasse. Ich habe das Gefühl, das Haus mit seinem Geist zu teilen – und es ist ein bösartiger, finsterer, todbringender Geist. Ich weiß nicht, wie ich das länger ertragen soll. Tiher, du bist klug, und du hast das Wohlwollen des Herzogs. Hilf mir, bitte!« Alain, du warst immer ein Dummkopf, dachte Tiher, und ein Narr! Du warst es als landloser Ritter, und jetzt, wo du Herr eines Gutes bist, bist du ein noch ärgerer Narr. Und ich muß ebenfalls ein Narr sein, sonst würde ich nicht immer, wenn du in der Patsche sitzt und um Hilfe schreist, nachgeben und dir helfen. Warum bloß hast du dir Geld geliehen? Dein bösartiger, todbringender Geist ist nichts anderes als deine eigene Dummheit – und vielleicht dein Schuldbewußtsein. Ich wünsche – Gott, wie ich das wünsche! –, ich wüßte, wohin du geritten bist, als du behauptetest, nach St-Malo zu wollen. Aber das war eine Frage, die er nicht zu stellen wagte, nicht jetzt, wo Alain ängstlich auf Hoffnung wartete, auf die Hilfe, die, wie er überzeugt war, sein älterer Vetter ihm trotz aller Gereiztheit nicht vorenthalten würde. »Also hör zu«, sagte Tiher nach langem Schweigen. »Herzog Hoel besitzt überall in der Bretagne Häuser. Vielleicht würde er dir um Elines willen eins zu einem nominellen Mietpreis überlassen, wenn er weiß, wie die Dinge hier stehen und in welchem Zustand deine Frau sich befindet. Wenn du willst, kann ich ihm den Vorschlag machen. Aber du wirst eingestehen müssen, daß du versagt hast, daß Talensac völlig heruntergewirtschaftet ist, und du mußt etwas unternehmen, damit das Gut in Ordnung kommt. Wenn du weißt, daß dein Verwalter ein Dieb ist, schick ihn weg, und such dir einen anderen.« »Das ist unmöglich!« jammerte Alain. »Ich hab dir gesagt, die Leute hier hassen mich alle. Ich wage es nicht, jemandem aus Talensac als Verwalter zu vertrauen.« »Dann bitte den Herzog, dir einen vertrauenswürdigen Mann zu vermitteln.« »Das kann ich nicht. Er hat es mir im März angeboten, als er in Treffendel war. Er verlangte, ich solle einen Mann aus der Umgebung, der Bretonisch spricht, nehmen. Ich habe ihm gesagt, ich würde lieber Gilbert behalten.« Tiher starrte Alain ungläubig an. Die Vorstellung, daß Hoel Alain Hilfe und Rat angeboten und Alain sie abgelehnt hatte, war unfaßbar. Er sollte sich besser aus der Sache heraushalten. Alain war neben aller Dummheit auch noch so stur und borniert, daß ihm nicht zu helfen war. Aber natürlich konnte er seinen Vetter, der so verzweifelt auf den Hoffnungsschimmer am Horizont starrte, jetzt nicht im Stich lassen. Er mußte sich damit begnügen, ihm hart und schonungslos die Meinung zu sagen. »Jesus, Maria und Josef!« rief er ärgerlich. »Du hast dir das selbst eingebrockt. Dir und deiner Frau. Du bekommst ein höchst ansehnliches Gut, dein Lehnsherr gibt dir Ratschläge, wie du es führen sollst, und du kümmerst dich keinen Deut um seinen Rat und fährst den Karren einfach in den Dreck. Alain, was willst du tun? Hier bleiben und gehaßt werden oder einen zuverlässigen Verwalter einstellen und in ein behagliches Haus in Nantes oder Vannes ziehen, bis sich alles beruhigt hat?« Alain hatte während Tihers Strafpredigt schuldbewußt die Augen gesenkt. Jetzt blickte er wieder auf. Für einmal machte er keinen Versuch, sich zu rechtfertigen. »Ich will weggehen«, sagte er statt dessen. »Elines und des Kindes wegen muß ich gehen.« »In diesem Fall wirst du den Herzog aufsuchen und um Hilfe bitten müssen. Du wirst sehen, daß er nichts Schlimmeres tun wird, als dir zu sagen: Ich habe Euch gewarnt. Und wenn ich vorher ein paar Entschuldigungen für dich vorbringe, wird er das nicht einmal sehr laut sagen. Du solltest die Gelegenheit nutzen und nach Treffendel kommen, um an der Hirschjagd teilzunehmen. Dann kannst du am ehesten den richtigen Augenblick erwischen, um mit ihm zu sprechen. Ich lade dich jetzt im Namen des Herzogs ein, und Eline ebenfalls. Die Herzogin und ihre Damen werden dort sein, es wird also ganz natürlich erscheinen, daß sie mitkommt, und wenn sie sie sehen, werden sie ihr bestimmt helfen wollen. Hoel hat nicht vergessen, wie sehr Tiarnán sie geliebt hat. Er wird ihr um seinetwillen Hilfe nicht versagen, auch wenn du ihn durch die Ignorierung seiner Ratschläge schwer gekränkt hast.« Tiher sah, wie Alain bei der Erwähnung seines Rivalen zusammenzuckte. Er sehnte den Morgen herbei, damit er diesen Ort verlassen konnte. Talensac wurde vielleicht nicht von Geistern heimgesucht, aber Alain sicher, und ein plötzlicher Stich in seinem Herzen erinnerte Tiher daran, daß der Geist eines Ermordeten seinem Mörder keine Ruhe läßt. Als zwei Abende später die Jagdgesellschaft des Herzogs in Treffendel eintraf, war Marie mit dabei. Der Anblick, wie sie auf ihrer übellaunigen Stute hinter der Herzogin ritt, war für Tiher wie Regen auf dürren Grund. Er hatte zwar gehofft, sie zu sehen, aber irgend etwas hätte sie aufhalten können, so daß sie nicht rechtzeitig zurück gewesen wäre. Er trug den Brief des Schiffsagenten seines Onkels bei sich, um ihn ihr so bald wie möglich zu zeigen. Er mußte endlich Klarheit haben, so oder so, die Ungewißheit machte ihn krank. Er wartete, bis er Marie in den Garten hinausgehen sah, und folgte ihr. Sie war allein. Schweigend reichte er ihr den Brief. Sie las ihn rasch, dann stand sie lange regungslos da. Schließlich seufzte sie, bekreuzigte sich und gab ihm den Brief zurück. »Alain hat gelogen, als er sagte, er ritte nach St-Malo«, sagte Tiher mit ausdrucksloser Stimme. »Gehen wir zum Herzog?« »Ihr braucht mich das nicht zu fragen«, antwortete Marie ruhig. »Ihr wißt selbst, daß uns keine Wahl bleibt. Aber laßt uns privat mit ihm sprechen.« Tiher nickte bedrückt. Prozesse gegen Vasallen des Herzogs wurden vor dem herzoglichen Gerichtshof geführt. Wenn das Problem dem Herzog privat vorgetragen wurde, konnte er Alain privat befragen und hören, ob er eine harmlose Erklärung für seine Lügen hatte, bevor der ganze Fall sich zu der Schande einer öffentlichen Gerichtsverhandlung ausweitete. Tiher hoffte immer noch, daß Alain seine Unschuld beweisen konnte, aber die Umstände gaben ihm wenig Grund zu dieser Hoffnung. Eline hatte sich im August mit ihrem Mann gestritten. Im September hatte Alain einen Brief erhalten, der ihn bewog, eine Reise zu unternehmen. Er tischte dem Hof eine Lüge über das Ziel seiner Reise auf. Zwei Wochen später ritt er wieder unter Vortäuschung des gleichen Ziels fort, diesmal aber in voller Rüstung, die er nicht gebraucht hätte, um einen Falken zu kaufen. Zur gleichen Zeit verschwand Elines Ehemann. Dann kehrte Eline nach Talensac zurück, bevor jemand dort ahnte, daß Tiarnán vermißt wurde, ließ eine große Suchaktion durchführen, um seinen Tod zu beweisen, und heiratete Alain so rasch, daß der ganze Hof schockiert war. »Es tut mir leid, Tiher«, sagte Marie leise. »Ich hätte Euch nicht hineinziehen sollen; er ist Euer Vetter.« »Ihr habt mich nicht hineingezogen«, stellte Tiher klar. »Ich ahnte, was Ihr tatet, und mischte mich selbst ein. Es ist gut, daß jemand von Alains Familie über den Verdacht informiert ist. Schon um ihm helfen zu können, sich zu verteidigen.« Das war richtig, aber Marie bekümmerte es doch. Tihers Sorge um seinen Vetter war nur zu offensichtlich. Und nach dem, was Tiher wußte, war der Mord, wenn es einen gab, aus Lüsternheit und Habgier begangen worden. Sie aber wußte, daß es noch ein ganz anderes, schwerer wiegendes Motiv gab, das vielleicht der eigentliche Kern der Sache war: ein Geheimnis, so alarmierend, daß es Eline zum Haß gegen ihren Mann und möglicherweise ihren Liebhaber um Elines willen zu der Gewalttat getrieben hatte. Vielleicht würde es Tihers Schmerz ein wenig lindern, wenn er von diesem anderen Motiv wußte. Außerdem hatte sie das Gefühl, ihm die ganze Wahrheit schuldig zu sein. Daher entschloß sie sich, ihm alles zu erzählen, was sie wußte. Tihers Reaktion war ungläubige Verblüffung. »Seid Ihr sicher, daß Ihr da nicht irgendwelchen Hirngespinsten nachjagt?« fragte er. »Der Mann war verrückt auf die Jagd; man braucht kein schreckliches Geheimnis, um das zu erklären.« »Es gab ein Geheimnis«, sagte sie deprimiert. »Sein Beichtvater hat es so gut wie zugegeben. Und wenn wir Alain und seine Frau zu hart bedrängen, wird es wahrscheinlich herauskommen. Ein weiterer Grund, sicherzustellen, daß der Herzog privat mit Alain spricht. Ich möchte nicht den Ruf der Lebenden oder des Toten beflecken. Wir sollten uns einen plausiblen Vorwand für Hoel ausdenken, Alain herkommen zu lassen, ohne daß jemand merkt, daß überhaupt etwas im Gange ist.« »Das erübrigt sich. Alain und seine Frau werden morgen hier erscheinen.« Tiher berichtete Marie von seinem Besuch in Talensac. Es war eine Erleichterung, sich ihr anzuvertrauen. Die Erinnerung an die Menschen, die ihn aus dem Stock anstarrten, an Elines krankes, weißes Gesicht und an Alains fiebrige Hektik hatte ihn nicht losgelassen, seit er von Talensac fortgeritten war. »Arme Eline«, sagte Marie. »Und armer Alain, und armes Talensac. Weiß Gott, es gehört nicht viel dazu, Menschen elend zu machen.« Er stand einen Augenblick schweigend da und schaute sie an. Sie trug eines der Kleider, die Havoise ihr für die Reise nach Paris hatte anfertigen lassen, aus feinem, gelbbraunem Stoff, dazu eine Halskette aus Rubinen, die er noch nicht gesehen hatte. Die vornehme Eleganz paßte zu ihr, sie verstärkte noch die Ausstrahlung einer ruhigen, beherrschten Gelassenheit. Aber ihr Gesicht war verwundbar und zeigte ihren Kummer. Tiher hatte plötzlich das Verlangen, sie zu küssen, doch er hielt sich zurück. »Gehen wir also heute abend zu Herzog Hoel?« fragte er. »Oder morgen?« »Morgen«, entschied Marie. »Nach der Jagd. Lassen wir Herzog Hoel erst diesen Tag mit seinem Bruder genießen.« »Wie Ihr meint.« Tiher sah sie ruhig an. »Ich hätte fast vergessen zu fragen«, sagte er, sich zu einem Lächeln zwingend. »Wie war Chalandrey? Und Euer Kloster?« Sie lächelte zurück, auch ein bißchen gezwungen. »Verwirrend«, antwortete sie. »Sie waren noch dieselben, ich war es nicht.« Er reichte ihr den Arm, und sie gingen langsam zum Jagdhaus zurück. »Chalandrey war verblüfft, Euch so verändert zu sehen?« fragte er. Ihr Lächeln wurde natürlicher. »Sie waren überhaupt verblüfft. Sie wußten nicht, was sie von einem Erzengel als ihrem zukünftigen Herrn halten sollten.« »Vom Normannenherzog Robert würden sie nicht viel nützliche Erfahrung über die Wege von Engeln gewonnen haben.« »Nein«, stimmte Marie ernst zu. »Aber sie waren immerhin darauf vorbereitet, einen normannischen Herrn zu bekommen. Tatsächlich waren sie erleichtert über diese Wendung der Dinge. Die verantwortlichen Leute und die Dienerschaft des Gutes hatten befürchtet, Hoel würde das Gut zugesprochen und sie würden alle ihre Stellung verlieren; die Bauern, die Gutsland in Pacht haben, hatten befürchtet, daß ihr Pachtzins erhöht würde. Sie waren alle froh, daß es so weitergehen wird wie bisher, nur daß die Pachtgelder an das Kloster St-Michel abzuführen sind. Ich hatte Angst, sie würden alle ärgerlich über mich sein. Wie es war …?« Sie zuckte die Achseln. Als sie nach Chalandrey gekommen war, hatte sie sofort gesehen, daß sie recht gehabt hatte, an ihrer Ehre festzuhalten. Die Zukunft so vieler Menschen war davon abhängig gewesen. Sie hätte nicht in diesem Hause leben können, wenn sie die vertrauten alten Gesichter aus ihrer Kindheit hätte opfern müssen, um es zu bekommen. Aber es war äußerst seltsam gewesen, an einen noch immer so vertrauten Ort zurückzukehren und sich selbst so verändert zu finden. Der Verwalter ihres Vaters hatte zunächst versucht, sie etwas von oben herab zu belehren; der alte Kaplan, der ihr das Lesen und Schreiben beigebracht hatte, hatte ebenfalls versucht, ihr Ratschläge zu erteilen, und die Bediensteten des Gutshauses hatten versucht, sie mit gönnerhafter Freundlichkeit zu behandeln, wie sie das in der Vergangenheit getan hatten, als sie ein pummeliges, ernstes, bildungsbeflissenes Mädchen gewesen war. Nach einer kleinen Weile war ihnen klargeworden, daß der Mensch, zu dem sie zu sprechen glaubten, nicht mehr existierte. Sie hatten sie verwirrt angeschaut und angefangen, ihr mit dem Respekt zu begegnen, welcher der Herrin des Gutes gebührte. Und doch waren nur vier Jahre vergangen, seit sie von Chalandrey fortgegangen war. Alle Zimmer waren noch genau so gewesen, wie sie sie in Erinnerung hatte; auch die Gesichter der Leute hatten sich kaum verändert. Sie hatte gewußt, daß sie selbst sich verändert hatte – aber so sehr? Es war verwirrend und berührte sie unangenehm, daß sie ihrem Vaterhaus so fremd geworden war. Gemeinsam mit Grallon hatte sie eine Bestandsaufnahme des beweglichen Vermögens durchgeführt. Das Geld, den Schmuck ihrer Mutter und einige andere Wertgegenstände hatte sie mitgenommen und war dann nach Mont St-Michel weitergereist. Sie würde wohl nie wieder nach Chalandrey zurückkommen, hatte sie sich ein wenig melancholisch gesagt. In St-Michel war es ihr ähnlich ergangen wie in Chalandrey. Als Dame Constance sie an der Klosterpforte begrüßte, hatte sie sie ›Marie, mein liebes Kind‹ genannt und ihre fromme Absicht gelobt, ein so schönes Gut der Priorei zu vermachen. Aber auch sie hatte schließlich verwirrt bemerkt, daß Marie nicht die ernste Schülerin mehr war, die sie gekannt hatte. Marie fand ein Verhältnis zu der Priorin, das sie nicht erwartet hatte. Es war nicht der ernste Respekt, den sie ihr am Anfang ihres Aufenthalts im Kloster entgegengebracht hatte. Auch nicht die Mischung aus pflichtbewußtem Gehorsam und geheimer Verachtung, die sie in der Zeit empfunden hatte, als sie das Kloster verließ. Ihr war aufgefallen, wie sehr Constance ihrer Halbschwester Havoise glich, und sie fand einen leichten, ungezwungenen Ton, auf den die Priorin mit einer angenehmen, weltlichen Offenheit einging. Natürlich besaß Constance nicht die Aufrichtigkeit und Redlichkeit Havoises – wer wußte das besser als Marie selbst –, aber auch sie war eine freundliche, gütige Frau, und diesmal hatte Marie sie wirklich gern gehabt. Als der feierliche Akt der Landschenkung besiegelt und der Verwalter von Chalandrey in seinem Amt bestätigt worden war, machte Marie sich auf den Heimweg. Beim Abschied umarmte Constance sie plötzlich und sagte: »Ihr werdet zurückkommen, meine Liebe, nicht wahr? Ich weiß, Ihr wolltet damals hierbleiben, und ich würde mich sehr freuen, wenn Ihr es tätet.« Vielleicht, dachte Marie jetzt, vielleicht. Es wäre nicht das schlimmste Los. Ich könnte die Klosterbibliothek übernehmen und herumreisen, um Bücher zu kaufen. Ich könnte im Hospital arbeiten oder in der Schule. Und abends vor der Komplet könnte ich im Garten sitzen und den Duft der Blumen und Kräuter genießen. Und ich könnte beten und Frieden haben. Daß ich mich damals dort unglücklich gefühlt habe, war nicht die Schuld des Klosters, sondern meine eigene. Ja, ich könnte dort trotz allem glücklich sein. So wie ich mit Tiher glücklich sein könnte, wenn der Herzog ihm ein Gut zu Lehen gibt, das uns ernähren kann. Aber wird er mich dann noch heiraten wollen? Es ist falsch, auf ihn zu zählen. Ich kann es nicht wagen, seine Liebe als selbstverständlich vorauszusetzen. Er braucht nur einem hübschen Mädchen zu begegnen, einem lebhafteren, als ich es bin, das sich in ihn verliebt, weil es gern lacht – und er wird es nehmen und Gott für es danken. Ich habe ihm keine Veranlassung gegeben, mir treu zu sein. Ich kenne noch nicht einmal mein eigenes Herz, geschweige denn seines. Warten wir ab. Die Entscheidung hat keine Eile. »Dann habt Ihr also alle Welt in Erstaunen versetzt«, sagte Tiher und grinste. Sie sah ihn von der Seite an und lächelte zurück. »Und Ihr habt Euch ordnungsgemäß enterbt?« »Ich habe mich ordnungsgemäß meines Grundbesitzes entledigt und bin jetzt so landlos, wie Ihr es seid.« Sie waren vor der Tür zum Jagdhaus angekommen. Er blieb stehen und nahm ihre beiden Hände. »Warum laufen wir nicht weg und heiraten heute nacht?« »Ihr habt zweifellos eine genaue Vorstellung, wovon wir leben würden?« »Wie heißt es doch? ›Sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das Seine sorgen. Es ist genug, daß jeder Tag seine eigene Plage hat.‹« »Aha, dann plant Ihr noch immer, ein frommer Einsiedler zu werden, der keine Gedanken an weltliche Dinge verschwendet? Sehr lobenswert. Vielleicht werde auch ich Einsiedlerin werden und Euch begleiten. Wir werden in einer Klause auf einer Waldlichtung leben, Nüsse und Beeren essen und frisches Quellwasser trinken. Aber tugendhafte Eremiten heiraten nicht. Wir werden als Bruder und Schwester zusammenleben.« »Euer Bruder hat ein böses, inzestuöses Herz«, sagte Tiher und lächelte etwas wehmütig. Er ließ ihre Hände los, um die Tür zu öffnen. »Aber ständig Nüsse und Beeren zu essen reizt mich nicht sonderlich. Auf dem Speiseplan für heute abend stehen Markknochenpastete und Tauben in Rotwein. Vielleicht sollten wir doch nicht weglaufen.« Der folgende Morgen versprach einen schönen, strahlenden Sommertag. Eine weiße Sonne war zitternd aus dem rosa schimmernden Dunst aufgestiegen. Die Luft war warm, fast windstill, und der große Wald um Treffendel schien tief Atem zu holen. Alain traf früh am Jagdhaus ein. Eline saß hinter ihm auf dem grauen Zelter, den Arm um seine Taille gelegt; zwei Diener folgten ihnen mit einigen Jagdhunden. Elines Gesicht hatte wieder ein wenig Farbe bekommen, und sie lächelte. Die Aussicht, von Talensac wegzukommen und einen Tag mit dem Hof zu verbringen, hatte ihre Tränen sofort versiegen lassen, als Alain ihr den Vorschlag machte – und die Möglichkeit, Talensac vielleicht ganz zu verlassen und in ein Haus in Nantes zu ziehen, hatte ihr zum erstenmal seit Monaten Hoffnung gegeben. Im Hof des Jagdhauses herrschte Hochbetrieb. Pferde wurden für die Jagd gesattelt; koppelweise zusammengebundene Hunde liefen aufgeregt hin und her und bellten sich an, Männer und Frauen bliesen ihre Jagdhörner und bewunderten gegenseitig ihre Jagdausrüstung. Alain entdeckte Tiher, der mit dem herzoglichen Förster und Bischof Quiriac von Nantes über Hirschlosung diskutierte. Er hielt neben seinem Vetter an, saß ab und hob Eline vom Pferd. Wie Alain erwartet hatte, brach Tiher das Gespräch ab, um sie zu begrüßen. »Gott segne dich, Vetter!« rief er fröhlich. »Seid gegrüßt, meine Dame! Herzog Hoel ist noch im Jagdhaus bei der Herzogin. Sie hat eine Magenverstimmung und geht heute nicht mit auf die Jagd. Vielleicht ist es das beste, wenn Ihr bei ihr bleibt, Dame Eline. Wie ich hörte, solltet Ihr Euch nicht anstrengen.« Eline lächelte. Sie hatte selbst Bedenken gehabt, daß eine ganztägige Jagd bei ihrem Zustand angebracht war, und war ganz froh, bequem im Jagdhaus bei der Herzogin bleiben zu können. Alain dankte Tiher für den Vorschlag, übergab den Dienern sein Pferd und begleitete Eline ins Haus. Hoel stand in der Haupthalle des Jagdhauses neben dem Kamin und sprach mit Havoise, die etwas blaß in ihrem Lehnstuhl im Schatten saß. Marie, die für die Herzogin sorgte und sie pflegte, sah, wie die Neuankömmlinge eintraten, sich suchend umschauten und dann lächelnd auf den Herzog zugingen. Im nächsten Augenblick war alles verändert. Eline schreckte auf halbem Weg plötzlich zurück und wurde kreideweiß. Alain blieb mit einem Fluch neben ihr stehen. Havoise starrte überrascht, und Hoel drehte den Kopf, um zu sehen, wohin sie starrte. Isegrim, der neben dem Herzog gelegen hatte, war aufgestanden und ging zielbewußt auf das Paar zu, den Kopf gesenkt, die Nackenhaare aufgestellt, tödliche Entschlossenheit in den triumphierend funkelnden Augen. Eline schrie – es war ein schrecklich langer, klagender Schrei des Entsetzens. Alle Anwesenden wandten den Kopf, und sogar der Lärm draußen verstummte. Alain griff nach dem Schwert. Der Wolf stürmte jetzt heran und sprang ihn an. Im nächsten Augenblick wälzte Alain sich schreiend auf dem Boden. Isegrim hatte die Zähne in seine Schwerthand geschlagen, Eline kreischte hilflos: »Tötet ihn doch, tötet ihn! Tötet ihn!« Keiner der Zuschauer rührte sich, alle waren vor Entsetzen wie gelähmt. Der Wolf ließ Alains zerfleischte Hand los und machte einen Satz nach seiner Kehle. Alain bekam den Kopf des Wolfs mit der linken Hand zu fassen und hielt die blutroten Kiefer Zentimeter von seinem Hals entfernt. Isegrim knurrte drohend und drängte vorwärts, die Pfoten krallten sich an Alains Körper fest, während er sein ganzes Gewicht gegen diese linke zitternde Hand drückte – und die Hand knickte ein, die Kiefer kamen unerbittlich näher; von den Fangzähnen tropften Blut und Speichel auf Alains Gesicht. Eline, die noch immer kreischte, ergriff das Halsband des Wolfs mit beiden Händen und versuchte, ihn wegzuzerren. Der große dunkle Kopf fuhr herum, und einen Augenblick lang starrten menschliche Augen mit leidenschaftlichem Haß direkt in ihre Augen. Sie ließ das Halsband los und schlug mit der Hand in das Gesicht des Tieres, wobei sie unartikulierte Laute und Schreie des Abscheus und der Verachtung ausstieß. Isegrim ließ von Alain ab und wandte sich ihr zu. Ihre Schreie wurden schrill vor Angst, die Kiefer des Wolfs schnappten nach ihrem Gesicht. »Isegrim!« brüllte Hoel entsetzt und stürzte endlich auf den Wolf zu, packte das Halsband und riß ihn zurück. Eline brach neben Alain zusammen, das Gesicht blutüberströmt. Sie fuhr mit den Händen abwehrend durch die Luft und stieß hohe, spitze Schreie des Entsetzens aus. Alain war auf den Knien und zog mit der linken Hand das Schwert. »Monster!« schrie er. »Diesmal bringe ich dich um!« Isegrim knurrte und versuchte erneut, Alain anzuspringen, so daß der Herzog ihn nur mit Mühe festhalten konnte. »Runter mit dem Schwert«, brüllte Hoel. »Fougères, kümmert Euch um Eure Frau! Knappe, lauf und hol meinen Arzt für die Dame! – Isegrim, was ist in dich gefahren?« Er zerrte den Wolf zum Kamin, nahm seine Reitpeitsche mit dem silbernen Griff vom Stuhl und schlug wild auf den Wolf ein. Isegrim duckte sich widerstandslos unter den Schlägen, aber seine Augen blieben mit tödlicher Gier auf Alain gerichtet. Für Marie, die neben dem Kamin stand, schien die Szene plötzlich zu einem Bild zu erstarren: Eline, die auf dem Boden liegt; Alain, über sie gebeugt, aber mit haß verzerrtem Gesicht zum Wolf hinüberblickend; und der Wolf, der unter den Schlägen von Hoels Reitpeitsche Alain nicht aus den Augen läßt. In diesem Augenblick fügte sich alles zusammen – und sie wußte. Vor Schock und Entsetzen fast ohnmächtig, stützte sie sich mit einer Hand gegen die Wand. »Hoher Herr!« rief Alain. »Seht Euch an, was diese Kreatur meiner Frau angetan hat! Laßt mich die Bestie töten!« »Es ist mein Wolf«, sagte Hoel. »Und er hat noch nie jemanden verletzt. Isegrim! Was ist los mit dir? Bist du verrückt geworden?« Von draußen kamen Leute herein. Tiher erschien, gefolgt von Bischof Quiriac. Havoise kniete jetzt neben Eline und versuchte, mit einem Tuch, das sie ihr ans Gesicht drückte, das Bluten zu stillen. »Mutter Gottes!« rief der Bischof aus. »Hat dein Wolf das getan, Hoel? Und ich dachte, du hättest gesagt, er sei zahm!« »Das ist er auch«, sagte Hoel und warf die Reitpeitsche angewidert zu Boden. »Er hat das noch nie getan.« »Er ist eine bösartige Bestie!« rief Alain. »Ein stinkendes, übles, wildes Monster! Seht doch, was er meiner Frau angetan hat! Und mir!« Er hielt die zerfleischte, bluttriefende Schwerthand hoch, damit jeder sie sehen konnte. »Und meine Frau erwartet ein Kind; jetzt wird es vielleicht sterben müssen, bevor es noch geboren wurde. Ich bitte Euch, tötet die Bestie. Tötet sie jetzt, bevor sie noch jemand anderem etwas antun kann!« Hoel blickte zu seinem Wolf hinunter, seinem guten bretonischen Wolf, dem einzigen zahmen Wolf auf der Welt, dem tapfersten Tier, das er je besessen hatte. Kein gesundes Tier würde mit einer solchen rasenden Wildheit Menschen angreifen. Alain hatte recht: Ein solches Tier zu halten war verantwortungslos, es mußte getötet werden. »Hoher Herr«, sagte Marie, die in seiner Nähe stand, zaghaft. »Ich glaube, ich verstehe, warum Isegrim diese beiden Menschen angegriffen hat.« Hoel blickte auf und sah sie scharf an. »Was heißt das, Marie?« fragte er eifrig, Hoffnung in den Augen. »Hoher Herr«, antwortete sie mit unsicherer Stimme, »das Wichtigste ist jetzt, sich um Dame Eline zu kümmern. Sie braucht einen Arzt und muß unbedingt in einen ruhigeren Raum gebracht werden. Ihr Mann sollte bei ihr bleiben, um sie zu beruhigen. Wir können später diskutieren, was mit dem Wolf geschehen soll.« »Sehr gut, Marie!« rief Herzogin Havoise zustimmend. »Dame Eline braucht Hilfe. Herr Alain, wollt Ihr bitte das Schwert wegstecken und Euch um Eure Frau kümmern!« Alain sah Eline an, dann schob er das Schwert in die Scheide zurück, kniete sich neben Eline auf den Boden und legte die Arme um sie, unbeholfen wegen der verletzten Hand. Sie schrie noch einmal vor Entsetzen auf, dann schlang sie die Arme um ihn und fing an zu weinen. Der Arzt des Herzogs kam herein, und Eline, die sich an ihren Mann klammerte, wurde von einigen Helfern aus der Halle in ein ruhiges Zimmer getragen, wo der Arzt sie auf ein Bett legen ließ, um sie zu untersuchen und ihre Verletzungen zu behandeln. Die Jagdgesellschaft stand in der Halle herum, unterhielt sich flüsternd und sah kopfschüttelnd zu dem Wolf hinüber, der noch immer mit blutiger Schnauze geduckt zu Füßen des Herzogs kauerte. Der Förster schob sich durch die Menge nach vorn. »Werdet Ihr auf die Jagd gehen, edler Herr?« fragte er respektvoll. »Oder wünscht Ihr, daß ich die Jagd abblase, nach dem, was passiert ist?« Hoel sah seinen Bruder an. »Geh du, Quiriac, wenn du magst«, sagte er. »Es wäre schade, wenn diese ganzen Vorbereitungen vergebens gewesen wären.« »Du kommst nicht mit?« fragte der Bischof. »Mir ist nicht danach zumute. Ich habe nie ein Tier so geschätzt wie Isegrim. Ich wünschte, du hättest sehen können, wie er gegen die Wolfshunde des Grafen von Bayeux gekämpft hat. Es hätte dir gefallen.« »Mehr, als dies hier zu sehen, das ist sicher«, sagte Quiriac, mit dem Fuß auf einen Blutfleck auf den Binsen deutend. »Du wirst nicht anders können, als das Tier töten zu lassen, Hoel. Und offen gesagt, so leid es mir tut, daß du dein Lieblingsspielzeug verlieren wirst, mir tut diese schöne Dame mehr leid. Nun ja, wenn dir nicht danach zumute ist, den Hirsch zu jagen, mir schon. Komm nach und folge den Hörnern, wenn du deine Meinung ändern solltest.« Der Bischof verließ mit dem Förster die Halle. Die meisten der Anwesenden folgten ihnen. Tiher machte ein paar Schritte auf die Tür zu, dann sah er Marie an und kam zurück. Havoise, die sich um Eline gekümmert hatte, kehrte in die Halle zurück und trat zu Hoel. »Sie ist jetzt ruhig«, berichtete sie. »Der Arzt sagt, Narben werden bleiben, aber es besteht kein Grund zu der Befürchtung, daß sie das Kind verlieren wird. Gott sei Dank.« »Ja, wirklich, Gott sei Dank«, sagte Hoel ernst. »Was Isegrim getan hat, ist schrecklich genug, ohne daß es ein Leben kostet. – Also, Marie, warum hat er Dame Eline angegriffen?« »Hoher Herr …«, sagte sie. Sie mußte schlucken, denn ihre Stimme war noch immer unsicher von dem Schock. »Ich denke, wir sollten das besser privat, ohne Zeugen, besprechen. Können wir Euer Zimmer benutzen?« 16. KAPITEL Im überfüllten Jagdhaus Treffendel war das Zimmer des Herzogs der größte und schönste Raum und auch der ungestörteste. Er befand sich über der großen Halle und war in einen Wohnraum und eine kleinere Schlafkammer unterteilt. Sie stiegen zu dem Zimmer hoch: Hoel, Havoise, Marie und, auf Maries Wunsch, Tiher. Hoel befestigte die Leine an Isegrims Halsband und nahm den Wolf mit nach oben. Im Zimmer band er ihn an einer Truhe fest. Isegrim legte sich hin, den Kopf auf die Vorderläufe gestützt, und beobachtete, wie die vier Menschen ihre Plätze einnahmen: Hoel und Havoise auf Lehnstühlen, Tiher auf einer Kleidertruhe, Marie blieb stehen und lehnte sich gegen den Kamin. Isegrims Schnauze war noch feucht von Blut. Sein Geschmack füllte den Mund, und sein süßlicher, schwerer Geruch überlagerte jeden anderen Geruch. Es war überwiegend Elines Blut. Er hatte nicht vorgehabt, sie anzugreifen. Er hatte Alain töten wollen. In beiden Fällen hatte er versagt, und er wußte nur zu gut, daß er den Tod zu erwarten hatte. Hoel würde ihn in den Wald führen, ihm noch einmal den Kopf kraulen, dann würde er sein Schwert ziehen und ihn durch einen sorgfältig gezielten Stich ins Herz töten. Isegrim hatte sich bereits vorgenommen, so zu tun, als verstünde er nicht, was der Herzog vorhatte. Einmal hatte er um Gnade gebettelt, er würde es nicht ein zweites Mal tun. Das Leben, das er hatte, war es nicht wert, erhalten zu werden. Wenn es ihm wenigstens gelungen wäre, Alain zu töten! Es war bitter, wie ein Tier zu sterben, ohne sich an denen gerächt zu haben, die ihn dazu gemacht hatten. Aber nein – er hatte nicht vorgehabt, Eline zur Rechenschaft zu ziehen. Er sah Marie an. Sie stand mit dem Rücken zum Kamin, so straff und angespannt, als müsse sie allen Mut zusammennehmen, um ins eiskalte Wasser zu springen. Er hatte keine Ahnung, was sie zu seinen Gunsten vorbringen könnte, aber er war ihr dankbar, daß sie versuchte, ihm zu helfen. Er war stolz darauf, ihre Zuneigung gewonnen zu haben, und bedauerte zutiefst, in seinem vorigen Leben die Auszeichnung, von ihr geliebt zu werden, nicht einmal bemerkt zu haben. Marie versuchte, ihr Zittern zu unterdrücken. Ihr Mund war trocken, in ihrer Kehle schien ein Kloß zu stecken, und sie schluckte mehrmals. »Also, Marie«, sagte Hoel. »Ihr wißt, warum Isegrim sich so schändlich verhalten hat?« »Erlauchter Herzog, erlauchte Herzogin«, begann Marie förmlich, »ich hoffe, Ihr werdet mir gestatten, daß ich zuerst von etwas anderem spreche. Es steht mit Isegrims Verhalten in Verbindung, auch wenn es nicht so scheinen mag. Ritter Tiher und ich hatten uns vorgenommen, heute mit Euch über eben diese Menschen zu sprechen, die Isegrim angegriffen hat.« Der Herzog warf einen kurzen Blick auf Tiher, der etwas steif, aber zustimmend nickte. »Haben sie Ärger in Talensac?« fragte Hoel. »Ja«, sagte Tiher. »Aber das war es nicht, worüber wir mit Euch sprechen wollten.« Langsam und mit bedrückter Stimme trug er den Verdacht gegen seinen Vetter vor. Hoel hörte zu, anfangs etwas ungeduldig, dann aber mit wachsender Aufmerksamkeit und finsterem, zornigem Gesichtsausdruck, als ihm die Zusammenhänge klar wurden. »Das ist eine sehr üble Geschichte«, sagte er. »Ich hätte selbst an eine solche Möglichkeit denken müssen.« »Jeder wußte, daß Tiarnán gern allein auf die Jagd ging«, sagte Havoise ruhig. »Jeder weiß, daß es gefährlich ist, das zu tun. Und jeder wußte, daß dieser Kerl Éon geschworen hatte, ihn zu töten. Wir waren zu jener Zeit alle sehr besorgt wegen dieses Räubers; allerdings habe ich seit Monaten nichts mehr über ihn gehört.« »Ich hörte kürzlich ein Gerücht, daß er im April gestorben sei«, sagte der Herzog. »Den letzten Bericht, daß er jemanden beraubt hat, erhielt ich im März. Aber du hast recht, jeder Mordverdacht fiel auf ihn und nicht auf die Menschen, die in einer näheren Beziehung zu Tiarnán standen und ein stärkeres Motiv hatten.« Tiher straffte die Schultern. Das Problem, ob sein Vetter ein Mörder war, mochte ihn noch so sehr gequält haben, hier, vor dem Herzog, oblag es ihm, die Rolle des Verteidigers zu spielen, die er immer spielte, und Alain ein weiteres Mal zu verteidigen. »Hoher Herr«, erklärte er fest, »ich glaube, daß Alain unschuldig ist – oder zumindest kein Mörder ist. Gewiß, er liebte Eline, und vielleicht hat er sie getroffen, als er uns erzählte, er ritte nach St-Malo – doch das beweist keineswegs, daß Ritter Tiarnáns Tod nicht ein Unfall war. Hoher Herr, Ihr kennt meinen Vetter, er ist immer mehr Weiberheld als Kriegsheld gewesen. Wahrscheinlich hat er einfach die Dame besucht und ihr von seiner unvergänglichen Liebe vorgeschwärmt, und sie war verwirrt und aufgeregt, hat sich vielleicht auch über ihren Mann beklagt; mehr dürfte nicht gewesen sein. Ich weiß, daß Ihr ihn befragen müßt, um die Angelegenheit aufzuklären, aber ich glaube fest, daß er Ritter Tiarnán nicht ermordet hat.« »Und Ihr, Marie?« fragte Havoise. »Tiher verteidigt seinen Vetter, übernehmt Ihr die Rolle des Anklägers?« »Ich glaube nicht, daß Alain Tiarnán ermordet hat«, antwortete Marie, selbst überrascht von der Festigkeit ihrer Stimme. »Ich bin vielmehr vorhin in der Halle zu der Überzeugung gekommen, daß Tiarnán noch lebt.« Sie sah die Überraschung in den drei Gesichtern und warf einen kurzen Blick auf das vierte Gesicht, das des Wolfs, der sie aus seiner Ecke intensiv beobachtete. Sie sah schnell wieder weg, plötzlich hatte sie Angst davor, was sie in diesen schwarzumränderten Augen entdecken könnte. Sie verschränkte die Hände hinter dem Rücken, um sie still zu halten. »Tiarnán hatte ein Geheimnis«, fuhr sie ruhig fort. »Ich bitte Euch, daran zu denken, denn hier liegt der Kern der ganzen Sache. Kenmarcoc, sein Verwalter, sagte, daß sein Herr häufiger für drei oder vier Tage allein in den Wald ging, niemals einen Begleiter duldete und sogar seinen Hund zu Hause ließ. Was er dort tat, entsetzte seine Frau, als sie es erfuhr, so sehr, daß sie zu ihrer Schwester nach Iffendic floh. Sie hat mir erzählt, daß er schlimmer sei als der Räuber, vor dem er mich gerettet hat, und daß sie froh sei, ihn los zu sein. Sein Beichtvater, der das Geheimnis kannte, war sich nicht sicher, ob das, was Tiarnán tat, Sünde war oder nicht; allerdings machte er sich in meiner Gegenwart Vorwürfe, daß er es nicht verurteilt hatte, weil dadurch die schrecklichen Folgen vielleicht hätten verhindert werden können. Er sagte, daß Tiarnáns Frau ihren Ehemann für ein Monster halte, daß er selbst das nicht glaube, daß er aber parteiisch sei und nicht zwischen ihm und ihr richten könne.« Marie holte tief Atem. Sie hatte Vertrauen gebrochen und private Dinge ans Licht gezerrt, die sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit erfahren hatte. Und sie mußte diesen Weg weitergehen. Alles mußte offengelegt und dem Urteil des Herzogs unterworfen werden. Wie er urteilen würde, war ungewiß. »Hoher Herr«, fuhr sie, den Kopf hebend, fort, »der Eremit hat mir noch etwas anderes gesagt, nämlich daß er wisse, wer der frühere Besitzer Eures Wolfs Isegrim sei. Er habe ihn, so sagte er, durch Diebstahl und Verräterei verloren. Und der Eremit nannte es eine Fügung der Vorsehung, daß der Wolf sich Euch ergeben und Ihr Euch seiner erbarmt habt. Ich konnte nicht verstehen, warum die Tatsache, daß Ihr einen Wolf nicht getötet hattet, dem Eremiten soviel Freude bereitete – bis vor wenigen Augenblicken. Als ich seinerzeit aus dem Kloster St-Michel nach Rennes gebracht wurde und unterwegs meinen Bewachern entfloh, begegnete ich in dem Wald zuerst einem Wolf und dann dem Räuber Éon. Dieser riß mich brutal aus dem Schlaf, in dem ich von einem Werwolf geträumt hatte. Später, als ich Éons Geschichte hörte, dachte ich, er sei dieser Werwolf. Aber als Éon damals Tiarnán erblickte, erkannte er ihn und rief: ›Bisclavret!‹ Ich wußte nicht, was dieses bretonische Wort bedeutete. Als ich es erfuhr, nahm ich an, daß Éon Tiarnán gedroht hatte: Ich bin ein Werwolf, und wenn du mich angreifst, wirst du es bereuen. Aber ich weiß jetzt, daß er Tiarnán Bisclavret nannte. Da ich immer gehört hatte, daß Wölfe bösartige, wilde Geschöpfe seien, übertrug ich den Namen Werwolf von dem Mann, der gekommen war, mir zu helfen, auf den Mann, der mich angriff. Ich irrte mich. Éon war es nicht – Tiarnán ist der Werwolf.« Auf den Gesichtern der drei Menschen spiegelte sich ungläubige Überraschung. Niemand sprach ein Wort. Marie wagte nicht, den Wolf anzusehen. Sie hatte sein Geheimnis verraten. Sie konnte nur beten, daß ihre Zuhörer, die den Wolf ebenso wie den Mann kannten, ihn nicht hassen würden, wenn an der Wahrheit nicht mehr zu zweifeln war. »Laßt mich mein Urteil begründen«, fuhr sie fort. »Ein Mann verschwindet, während er im Wald jagt, und ein Wolf taucht auf der Hauptstraße von Talensac auf. Ein erstaunlich kluges, listiges Tier, viel intelligenter als ein Hund, wie Ihr viele Male gesagt habt, hoher Herr. Intelligenter in der Tat, als die Natur es irgendeinem Tier zugesteht. Wie hätte ein in die Enge getriebener Wolf wissen können, wie man um Gnade bittet? Was sagte Graf Ranulf, nachdem Isegrim seine Wolfshunde geschlagen hatte? Die Bestie sei eine Hexe, sie habe nicht wie ein natürliches Geschöpf gekämpft. – Wir alle wissen, daß es so war. Isegrim hat gekämpft wie ein Mann, mit dem Mut eines Mannes, mit der Schlauheit eines Mannes, der Barmherzigkeit eines Mannes, der den besiegten Gegner schont. Und, hoher Herr, Ihr habt es eben unten in der Halle gesehen: Isegrim weiß genau, daß er das Schwert eines Mannes kampfuntauglich machen muß, bevor er ihn töten kann. Wie sollte ein Wolf das wissen? Es gibt noch weitere Anhaltspunkte. Die Lymer-Hündin Mirre, die sehr an ihrem Herrn Tiarnán hing, bellte – entgegen allen Regeln für einen Spürhund – zur Begrüßung und wedelte mit dem Schwanz, als sie Isegrim sah. Er erwiderte die Zuneigung, und nur als sie läufig wurde, jagte er sie fort. Welches Tier würde sich so verhalten? Isegrim hat sich gegen alle Menschen sanft und freundlich gezeigt, außer gegen zwei. Als er kurz nach seiner Gefangennahme Alain sah, versuchte er, sich auf ihn zu stürzen. Als er ihn heute mit Dame Eline die Halle betreten sah, griff er beide an. – Und die Feindschaft zwischen diesen beiden Menschen und dem Wolf war gegenseitig. Als wir im März hierherkamen, hörten wir alle, wie erbittert Alain den Wolf gehetzt hatte, wie viele Belohnungen er und seine Frau ausgesetzt und wie viele Fallen sie für ihn hatten aufstellen lassen. Und was hat Alain unten in der Halle gesagt? ›Monster! Diesmal bringe ich dich um!‹« Tiher rührte sich plötzlich. »Er sagte gestern abend in Talensac, wenn die Leute dort wüßten, was ihr Machtiern wirklich war, würden sie ihn nicht zurückhaben wollen.« »Als ich ihm im März sagte, daß wir seinen Wolf lebend gefangen haben«, sagte Hoel langsam, »wurde er grau im Gesicht, und ich dachte, ihm würde schlecht werden. Er sagte, er habe verunreinigtes Wasser getrunken. Und er bat mich, meinen Wolf zu töten. Er bat mich wieder darum, als er den Wolf sah – und er bat mich eben erneut.« Hoel wandte sich um und sah den Wolf an, der regungslos dalag, den Kopf auf den Pfoten. Die glänzenden Augen des Tieres schienen jetzt einen so menschlichen Ausdruck zu haben, daß Hoel schockiert war; er mußte blind gewesen sein, um nicht zu ahnen, daß dies kein gewöhnliches Tier war. »Tiarnán!« rief er, und sie sahen alle, wie der Kopf des Wolfes sich hob und die Ohren nach vorn schnellten. Sofort aber legte er die Ohren wieder flach an und den Kopf auf die Pfoten. Ausdruckslos sah er Hoel an – er hat Angst, wurde Marie klar, und er schämt sich schrecklich. »Mein Gott«, flüsterte Hoel. »Marie, Ihr habt recht.« »Alles, was ich gesagt habe, sind Vermutungen«, erwiderte sie. »Aber in diesem Haus sind zwei Menschen, die wissen.« »Und sie werden sprechen«, sagte Hoel hart. Er ging zur Tür und rief den Befehl hinunter, Ritter Alain und Dame Eline zu ihm zu bringen. »Hoel, nicht die Frau!« protestierte Havoise. »Sie ist verletzt, und sie ist schwanger.« »Auch sie muß antworten«, sagte Hoel entschieden. »Wenn dies wirklich stimmt – und bei Gott, ich glaube, es ist die Wahrheit! –, dann hat sie ihren Ehemann betrogen und seine Ländereien und seine Leute ihrem Liebhaber zugeschanzt. Und sie hat obendrein einen Preis auf den Kopf ihres Mannes ausgesetzt. Wir werden Rücksicht auf das ungeborene Kind nehmen; sie kann in einer Sänfte heraufgetragen werden. Tiher, veranlaßt das!« Alain und Eline waren nicht beunruhigt, als die Diener des Herzogs kamen, um sie zu holen. Sie erwarteten Entschuldigungen und das Versprechen des Herzogs, daß der Wolf nun endlich getötet würde. Sie erschienen zuversichtlich im Zimmer des Herzogs, Alain mit der verbundenen Schwerthand in einer Schlinge, Eline in einer von vier Bediensteten getragenen Sänfte, das Gesicht von den Augen bis zur Oberlippe verbunden. Der Arzt hatte ihr ein Mittel gegeben, um die Schmerzen zu lindern, und sie hatte das Gefühl, auf grauen Wellen zu treiben. Aber sie sah den Wolf angebunden in der Ecke liegen und wandte schaudernd den Blick ab. Alain nahm ihre Hand und küßte sie auf die Stirn, und sie preßte sich an ihn. Er starrte auf den Wolf, dann sah er Hoel herausfordernd an. Hoel winkte den Dienern, das Zimmer zu verlassen. Sie gingen und schlossen hinter sich die Tür. Alains herausfordernder Blick wurde unsicher, als er Hoels finsteres Gesicht sah. »Warum hat mein Wolf Euch angegriffen?« fragte Hoel. »Weil er eine bösartige Bestie ist«, antwortete Alain. »Wie alle Wölfe.« »Nein«, sagte Hoel. »Nicht dieser hier. Er hat einen Grund, Euch zu hassen. Welchen?« »Erlauchter Herr«, sagte Alain betroffen, aber noch zuversichtlich, »so etwas wie einen zahmen Wolf gibt es nicht.« Er wurde ärgerlich. »Diese Kreatur hat mich angegriffen und meine Frau verletzt. Wieso fragt Ihr mich, was ich getan habe? Ein wildes Ungeheuer hat eine schöne Dame angegriffen, und Ihr scheint der Meinung zu sein, daß sie daran schuld ist. Es ist grotesk.« »Ist sie nicht daran schuld?« fragte Hoel ruhig. »Dame Eline, was ist meinem Lehnsmann Tiarnán zugestoßen, Eurem ersten Ehemann?« Elines Kopf fuhr mit einem Ruck hoch. Sie starrte den Herzog aus weit aufgerissenen Augen von einem so undurchdringlichen Blau an, daß es schien, als habe die Frage sie geblendet. Alain blieb kühler. »Niemand weiß das, hoher Herr«, sagte er ungeduldig. »Warum fragt Ihr uns?« »Weil zu der Zeit, als er verschwand, Ihr in voller Rüstung fortgeritten seid, angeblich um ein Schiff mit einer Ladung Falken aufzusuchen, das in St-Malo angelegt hatte – ein solches Schiff existierte aber nicht. Und die Dame dort, die Ihr seit langer Zeit liebtet, hatte sich mit ihrem Ehemann gestritten und war zu ihrer Schwester geflohen. Wohin seid Ihr wirklich geritten, Alain de Fougères, als Ihr behauptetet, nach St-Malo zu wollen? Und was habt Ihr getan, als Ihr dort wart?« Der Schock traf Alain unerwartet. Er wurde kreideweiß. Hilfesuchend sah er Tiher an. »Alain«, sagte Tiher, »wir wissen, daß du gelogen hast. Sag uns die Wahrheit, bitte! Sie kann nicht schlimmer sein als das, wessen du verdächtigt wirst.« Alain öffnete den Mund, schloß ihn wieder. Er schüttelte den Kopf. »Tiher«, sagte er flehend und fuhr mit der Zunge über seine trockenen Lippen. »Mein Gott, Alain! Glaubst du, ich möchte dir nicht helfen?« rief Tiher, dessen Stimme plötzlich rauh vor Schmerz war. »Aber diesmal hast du dir selbst eine solch tiefe Grube gegraben, daß niemand dich herausziehen kann. Was hast du getan? Sag es uns!« »Alain ist ein Held!« rief Eline plötzlich, deren halb betäubtes Gehirn nur die Gefahr sah, daß ihr Ehemann des Mordes beschuldigt werden könnte. Tiarnáns Kleider, unter dem doppelten Boden von Alains Kleidertruhe versteckt, würden ein hinreichender Beweis sein, wenn sie gefunden wurden. Die Wahrheit würde Schande über sie bringen, aber Alain konnte dafür nicht mit dem Tod bestraft werden. »Er war tapfer und gütig und kam, um mir zu helfen. Ihr habt kein Recht, in dieser Weise zu ihm zu sprechen! Ihr wißt nicht, was er um meinetwillen durchgemacht hat!« Sie stieg aus der Sänfte und stand schwankend auf den Füßen. Voller Abscheu deutete sie auf den Wolf in der Ecke des Zimmers und schrie: »Dort ist er! Das ist Euer Tiarnán! Seht ihn Euch an! Ein widerliches, stinkendes, wildes Tier! Durch List wurde ich dazu gebracht, es zu heiraten, ein Monster, einen Werwolf, eine Ausgeburt der Hölle! Sollte ich es vielleicht in mein Bett nehmen und es lieben? Alain hat mich von ihm befreit, und Ihr solltet ihm dankbar sein und ihn für seinen Mut loben, nicht ihn anklagen!« Von Schluchzen geschüttelt, brach sie über der Sänfte zusammen. Alain legte beschützend den Arm um sie. Der naiv-blasierte Ausdruck seines Gesichts war mit einemmal wie weggewischt, es war brutal und eiskalt. »Was sie gesagt hat, ist wahr«, sagte er mit einer Stimme, in der keine Spur von Emotion zu erkennen war. »Euer Favorit, erlauchter Herzog, ist ein Werwolf. Ich habe ihn nicht ermordet, aber wenn ich es getan hätte, wäre es ein leichterer Tod gewesen als der, zu dem ihn das Gericht verurteilen würde. Verschont ihn, und Ihr seid der Ketzerei schuldig!« Tiher wandte den Blick von diesem ihm plötzlich fremd gewordenen Gesicht ab. Lange betrachtete er forschend den Wolf. Er wünschte fast, Alain hätte sich eines gewöhnlichen Mordes schuldig gemacht. Dies hier war viel, viel schlimmer. Einen tapferen Mann zu diesem Tier zu erniedrigen, das zusammengekauert in der Ecke lag, und dann seinen Lehnsherrn, der so großen Kummer über den vermeintlichen Tod des Mannes empfunden hatte, zu drängen, diesen Tod selbst herbeizuführen: Mein lieber Vetter, glaubst du, unser Herr der Herzog würde an einer Wolfsjagd interessiert sein? Hier in der Nähe haben wir ein unglaublich schlaues Tier. Unser Herr würde sicher seine Freude daran haben, ihn zu jagen. Und offensichtlich fühlte Alain keine Gewissensbisse, er war sich nicht einmal bewußt, etwas Schlechtes getan zu haben. Er hatte diesen unmenschlichen Brief geschrieben und empfand lediglich Befriedigung über seine eigene Gerissenheit. Tiher wandte den Blick zurück auf Alains Gesicht, und er wußte, daß er alles verloren hatte, was sie beide miteinander verbunden hatte. Das Vertrauen, das sie seit ihrer Kindheit zueinander gehabt hatten, war in diesem Augenblick für immer zerstört worden. Er schob sich weiter zurück auf der Kleidertruhe, legte die Hände zwischen die Knie und schwieg von nun an. Er nahm keinen Anteil mehr an diesem Verhör; er wünschte lediglich, es wäre bald vorbei. Alain warf nicht einmal einen flüchtigen Blick zu seinem Vetter hinüber. Es war ihm klar, daß Tiher nichts mehr für ihn tun konnte. »Was habt Ihr mit Tiarnán gemacht?« fragte Hoel drohend. »Mit welchem Trick habt Ihr erreicht, daß er in dieser Gestalt gefangen ist?« »Wen kümmert es?« rief Alain triumphierend. »Ihr könnt ihn nicht schützen. Er kann entweder als Wolf getötet oder als Hexe verbrannt werden.« »Und Ihr könnt als Ehebrecher ausgepeitscht oder als Verräter geköpft werden!« brüllte Hoel. »Widerlicher, arroganter Kerl! Tiarnán war der beste meiner Ritter und hat nie jemandem etwas Böses getan. Ausgerechnet Euch hat er sogar mit mehr Hochherzigkeit behandelt, als Ihr es jemals verdientet. Ihr habt es ihm vergolten, indem Ihr ihn durch Verräterei überwältigt, seine Frau gestohlen, seine Ländereien gestohlen, seine Bediensteten tyrannisiert, sein Gut ruiniert und ihn gejagt habt, ihn gnadenlos gehetzt habt, mit seinen eigenen Hunden! Schlimmer noch, Ihr habt mich durch einen üblen Trick dazu gebracht, ihn selbst zu jagen! Ihr wißt genau, daß Ihr es nicht wagen würdet, auch nur ein einziges Wort von dem verlauten zu lassen, was Ihr getan habt. Ihr würdet von allen Seiten verurteilt werden – beide!« Und zu Eline gewandt: »Verräterische kleine Hure, er betete Euch an!« »Er ist ein Monster!« kreischte Eline. »Seht ihn doch an!« Der Wolf war weiter gegen die Wand zurückgeglitten und lag zusammengekauert da, von Aggressivität war nichts mehr zu spüren. Hoel warf nur einen kurzen Blick auf ihn, dann wandte er sich wieder den beiden zu. »Ihr seid die Monster«, sagte er. »Er ist ein Wolf, der mir treu gedient und tapfer für mich gekämpft hat, genauso, wie er es als Mann getan hat. Jeder am Hof kann das bezeugen. Was habt Ihr mit ihm gemacht?« »Er ist ein Geschöpf der Hölle!« »Das ist er nicht, Dame Eline«, sagte Marie ruhig. »Was immer ihn zu dem gemacht hat, was er ist – es hat nichts mit dem Teufel zu tun. Tiarnán war kein böser Mensch, und der Wolf ist kein böses Tier. Das Monster, vor dem Ihr Euch fürchtet, ist ein Phantom, das nur in Eurem Geist existiert. Folgt Eurem eigenen Rat: Seht ihn Euch an! Könnt Ihr es nicht erkennen? Habt Ihr ihn je zuvor in dieser Gestalt gesehen?« »Ich habe ihn heute morgen gesehen, und er hat mich angegriffen«, schluchzte Eline. »Er ist bösartig.« Aber sie sah den Wolf nicht an, als sie das sagte. »Und habt Ihr uns heute morgen nicht zugeschrien: ›Tötet ihn doch, tötet ihn, tötet ihn!‹?« Hoels Stimme klang scharf. »Obwohl Ihr doch wußtet, daß unter dieser Tiergestalt ein Mann verborgen war, der Euch geliebt hat und dessen Haus und Gut Ihr gestohlen habt! Kaltblütige, niederträchtige Hure!« »Ich hasse sein Haus«, erklärte Eline heftig. »Judicaël hatte recht, es ist alles Bitterkeit. Ich wünschte, ich hätte sein Angebot angenommen, die Ehe mit dem Monster annullieren zu lassen und Alain ehrenhaft zu heiraten.« »Er hat Euch das angeboten?« fragte Havoise verblüfft. Es war das erste Mal, das sie bei diesem Verhör das Wort ergriff. Eline sah sie an, Panik in den Augen, und schluchzte laut. »Was habt Ihr mit Tiarnán gemacht?« wiederholte Hoel seine Frage. »Warum kann er sich nicht in einen Menschen zurückverwandeln?« »Wir werden es Euch nicht sagen«, erklärte Alain, dessen eiskalte Arroganz von einer hitzigen Erregung verdrängt worden war. »Ihr könnt uns nicht zwingen. Ihr wagt es nicht, ein Wort darüber verlauten zu lassen.« »Ich würde kein größeres Wagnis eingehen als Ihr!« erwiderte Hoel heftig. »Wenn diese Sache vor Gericht kommt, habt Ihr fast ebensoviel zu verlieren wie Tiarnán. Ihr beiden würdet jeden Heller verlieren, den Ihr ihm gestohlen habt, Ihr würdet Euch selbst des Ehebruchs und der Bigamie bezichtigen und Euer ungeborenes Kind zum Bastard machen. Und ich denke, sogar die Kirche würde darauf bestehen, daß dem Werwolf erlaubt wird, sich zu verteidigen. Ihr werdet mir sagen, was Ihr getan habt, oder – bei Gott – ich werde den Fall vor Gericht bringen und Euch beide einem peinlichen Verhör unterziehen lassen!« Havoise bewegte sich und wollte protestieren, doch die Drohung hatte Alains Widerstand bereits gebrochen. Die Folter wurde bei Verhören in Strafverfahren routinemäßig angewendet, und er wußte, wie man dabei vorging. »Nein!« rief er verzweifelt. »Ich werde es Euch sagen. Niemand soll sie anrühren, sie ist schwanger, und sie hat schon zuviel gelitten! Sie darf nicht noch mehr verletzt werden!« Hoels Augen funkelten triumphierend. »Dann sprecht jetzt!« befahl er. Alain sah auf Elines gesenkten Kopf hinunter. »Mach dir keine Sorgen, Liebste«, sagte er zärtlich. »Ich werde nicht zulassen, daß sie dich anrühren. Alles wird gut werden.« Eline schluchzte, und er legte seine verbundene Hand auf ihr Haar. »Sprecht!« wiederholte Hoel ungeduldig. »Tiarnán hat ein Teil von sich bei seinen Kleidern zurückgelassen, als er sich in die Kreatur verwandelte, die er jetzt ist«, sagte Alain schließlich in einem Ton mürrischer Gehässigkeit. »Ohne dieses Teil von sich kann er nicht in seine menschliche Existenz zurückkehren. Eline sagte mir, wohin er gehen würde, um sich zu verwandeln; ich begab mich zu diesem Platz, versteckte mich und wartete auf ihn. Als er im Wald verschwunden war, stahl ich die Kleider und dieses Ding mit ihnen und nahm sie mit nach Hause.« Der Herzog stieß mit einem langen Seufzer den Atem aus. Er lehnte sich zurück und sah die beiden forschend an. »Und wo sind die Kleider jetzt?« fragte er. »In meiner Kleidertruhe in Talensac«, antwortete Alain. »Unter einem doppelten Boden. Ich habe sie mit Weihwasser besprengt und in ein Altartuch gewickelt, weil ich Angst vor diesem Ding hatte. Das ist die Wahrheit.« Hoel saß eine Weile schweigend da und fixierte Alain. Eline schluchzte immer noch, jetzt aber leise und ruhiger. »Tiher«, sagte der Herzog, »reitet sofort nach Talensac und bringt die Sachen her. Schont Euer Pferd nicht, laßt Euch auf dem Gut ein frisches geben. Beeilt Euch!« Tiher verneigte sich stumm und verließ das Zimmer. Hoel beugte sich vor und blickte beide, Alain und Eline, mit harten Augen an. »Ihr habt recht«, sagte er ruhig. »Ich wünsche nicht, daß diese Geschichte bekannt wird. Ich liebte Tiarnán, ich schätzte Isegrim, und ich fand an beiden kein Arg. Mann oder Wolf, ich wünsche ihn in meinem Dienst zu behalten. Ihr, Dame, sagt, daß Euch eine Annullierung Eurer ersten Ehe vorgeschlagen worden ist. Gut, wir können sie bekommen. Wenn Ihr sie habt, müßte das zweite Ehesakrament als gültig angesehen werden; Ihr werdet nicht der Bigamie schuldig sein, und Euer Kind wird nicht als Bastard zur Welt kommen. Ich weiß, Alain de Fougères, daß Ihr verschuldet seid. Ich kann auch das regeln. Und ich werde Euch noch Geld zur Verfügung stellen, das Euch erlaubt, von hier fortzugehen. Der Kreuzzug ist, wie man hört, erfolgreich, man erwartet, daß er ein Königreich im Heiligen Land errichten wird. Wenn das der Fall ist, wird es dort viele Möglichkeiten für landlose Ritter geben; vielleicht wird man sogar Lehnsgüter vergeben. Ich werde Euch beiden die Mittel für die Reise zur Verfügung stellen, wenn Ihr in aller Stille fortgeht. Was ihr dort macht, ist Eure eigene Sache; Ihr werdet die Gelegenheit haben, Euch ein neues Leben aufzubauen. Die Alternative wäre, die Sache vor Gericht zu bringen, aller Welt die Wahrheit über Tiarnán zu berichten – und auch die Konsequenzen für Euch selbst zu tragen. Ihr habt beide viel darüber zu sagen gehabt, was für ein Monster er sei, aber ich denke, Ihr wißt, wie man Euer eigenes Verhalten beurteilen würde. Daß Ihr Euch so sehr bemüht habt, die Sache geheimzuhalten, zeigt das deutlich genug. Ich hoffe, Ihr werdet gründlich über Eure Position nachdenken. Ihr könnt jetzt nach unten gehen und Euch ausruhen und pflegen. Ich wünsche, daß Ihr dieses Jagdhaus nicht verlaßt, bevor ich es Euch ausdrücklich erlaube. Im übrigen steht es Euch frei, zu tun, was Ihr wollt. Ich werde wieder mit Euch sprechen, wenn ich Tiarnán gehört habe.« Alain nahm Eline sanft auf die Arme und trug sie zur Tür. Marie lief hin und öffnete sie. Alain warf noch einen Blick hochmütiger Selbstgerechtigkeit auf den Herzog, dann trug er schweigend seine Frau aus dem Zimmer und die Treppe hinab. »Sie werden niemandem die Wahrheit erzählen«, sagte Havoise. »Nein«, sagte Hoel und lehnte sich entspannt zurück. »Wenn sie vorher zuviel Angst hatten, es zu tun, dann werden sie es jetzt erst recht nicht wagen. Was sie getan haben, ist widerwärtig und abscheulich. Sie können es nicht einmal sich selbst eingestehen. Sie werden es bestimmt nicht öffentlich ausposaunen. Sie würden die Wahrheit nur dann aus Gehässigkeit erzählen, wenn sie in die Enge getrieben würden und keinen Ausweg für sich sähen, aber ich habe ihnen einen Weg gezeigt, der ihnen zusagen wird. Es ist ein besseres Los, als sie verdienen.« »Ihr seid zu streng, erlauchter Herr«, sagte Marie. »Sie hatten Angst. Eline im besonderen war krank vor Angst und Entsetzen. Ich verstehe sie; ich verstehe sie sehr gut. Tiarnáns Verhalten ihr gegenüber verdient schärfsten Tadel. Er hätte sie nicht heiraten dürfen, es hätte ihm klar sein müssen, wie schrecklich sie das finden mußte, was er war. Ihr beurteilt sie viel zu streng.« »Ihre Angst kann ich verstehen«, sagte Hoel. »Wenn ich nicht beide, den Wolf wie den Mann, so gut gekannt hätte, wäre ich selbst entsetzt gewesen über das, was ich heute erfahren habe. Aber ich verzeihe ihr nicht, daß sie den Mann zurückgewiesen, sein Gut jedoch behalten hat.« Eine Weile herrschte Schweigen, dann sahen alle, mitleidig und zugleich fasziniert, auf den Wolf, der noch immer regungslos in seiner Ecke kauerte. Marie ging hinüber und kniete sich neben ihn; die hellbraunen Augen sahen mit dem gleichen Ausdruck freundlicher Reserviertheit und selbstsicherer Gelassenheit zu ihr auf, die sie von Tiarnáns Gesicht in so deutlicher Erinnerung hatte. »Wir werden Euch zurückbringen«, sagte sie leise. »Versteht Ihr mich? Wir werden Euch zurückbringen.« Der Wolf ließ keine Reaktion erkennen. Sie hatte plötzlich Angst, daß er nicht zurückkommen könnte, daß jenes ominöse Teil seines menschlichen Wesens in seiner langen Isolation unwirksam geworden war, daß er dieses unnatürliche Tier bleiben würde, für immer in seiner Erniedrigung gefangen. Sie wagte nicht, ihre Angst zu erwähnen; ein Unheil auszusprechen könnte es herbeiziehen. »Was werden wir den Leuten erzählen?« fragte Havoise. »Wo ist er gewesen?« Hoel zuckte die Achseln. »Er war bedrückt über den Streit mit seiner Frau und entschloß sich aus einer plötzlichen Eingebung zu einer Pilgerreise. Wenn wir ihn zurückbringen können, werden wir auch Erklärungen für seine lange Abwesenheit finden. Seine Leute in Talensac werden wahrscheinlich so froh sein, ihn zurückzuhaben, daß sie nicht wagen werden, ihr Glück durch Neugier zu gefährden.« Schweigend und in Gedanken versunken, saßen sie eine Zeitlang wartend da. Schließlich schlug der Herzog ungeduldig auf die Armlehne seines Stuhls. »Es ist sinnlos, hier herumzusitzen und auf Tiher zu warten. Es sind gut acht Meilen bis Talensac; selbst bei größter Eile kann er frühestens nach dem Mittagessen zurück sein. Havoise, meine Liebe, ich kann nicht stillsitzen, ich mag den Hof nicht um mich haben, aber ich will auch nicht allein sein. Komm mit zu einem Spaziergang in den Wald.« Der Herzog und die Herzogin verließen zusammen das Zimmer. Marie holte eine Schale mit Wasser für den Wolf und blieb einen Augenblick bei ihm stehen und sah ihn an. Er blickte zurück, seine Augen waren wieder fremd und unergründlich. Heute morgen noch würde sie sich neben ihn gekniet und seinen Kopf gekrault haben – jetzt, wo sie wußte, wer er war, war es ihr unmöglich. Sie dachte daran, wie er mit Eline am Hochzeitsabend unter dem Binsenlicht gestanden hatte, und die Tränen brannten ihr in den Augen. Dann fiel ihr Tihers schmerzliches Schweigen ein, als er begriff, was sein Vetter getan hatte, und sie wünschte, sie hätte ihn nicht mit hineingezogen. Sie hatten es für richtig gehalten, daß jemand aus Alains Familie eingeweiht sein sollte, um ihn zu verteidigen; erst jetzt begriff sie, wie sehr Tiher darunter gelitten hatte. Sie hatte eine an sich schon phantastische und unvorhersehbare Situation zusätzlich kompliziert und eine andere Seele mit einem gefährlichen Geheimnis belastet. Und warum? Für Tiarnán, weil sie ihn geliebt hatte? Oder aus einem abstrakten Rechtsbewußtsein, das die begangene Verräterei verdammte und einer Wahrheit Geltung zu verschaffen suchte, die doch nur wieder unterdrückt werden würde? Beides, beides. Sie bekreuzigte sich und ging in die Hauskapelle, um für sie alle zu beten. Isegrim lag in der Ecke, verstört vor Entsetzen und Scham. In seinem benommenen Gehirn kreisten unaufhörlich die Worte, die heute morgen gesprochen worden waren. Sie entzogen sich jedem Versuch, sie festzuhalten. Nur zwei Dinge waren ihm voll gegenwärtig: der Geschmack von Elines Blut in seinem Mund und die Erinnerung an die Zärtlichkeit ihrer Umarmung in der Hochzeitsnacht. Sie war ihm damals so nahe gewesen, so glücklich, so liebend und so geliebt. Er war es, der sie zu diesem tief verwundeten Geschöpf gemacht hatte, das heute morgen weinend in der Sänfte gesessen hatte. Er hatte nicht begriffen, wie schrecklich die Angst war, die er ihr einflößte, bis er ihr Entsetzen roch, ein Geruch, stärker noch als der des Blutes. Der Biß in ihr Gesicht war nur die letzte Wunde gewesen, die er ihr zugefügt hatte. Er sah das jetzt. Er hatte kein Recht gehabt, sie anzugreifen. Er hatte sie schon mehr verletzt, als sie verdiente. Aber als sie ihn mit einem solchen Abscheu angesehen und ins Gesicht geschlagen hatte, war er vor Zorn und Kummer außer sich gewesen. Marie hatte sein Verhalten ihr gegenüber schärfstens getadelt. Marie hatte recht. Und doch versuchte Marie, ihm zu helfen. Wir werden Euch zurückbringen, hatte sie gesagt. Aber wünschte sie ihn überhaupt zurück? Sie hatte die Hände vor Schmerz zusammengepreßt, als sie ihn ansah. Auch sie verletzte es, zu wissen, was er war. Er hatte den Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht deuten können, als sie ihm die Schale mit Wasser hinstellte und ihn ansah, bevor sie das Zimmer verließ; aber er hatte ihren Kummer gerochen. Was hatte sie, was hatten die anderen empfunden, als sie ihn anschauten? Abscheu? Verachtung? Das Äußerste, worauf er hoffen konnte, war Mitleid. Monster, hatte Eline ihn genannt, wieder und wieder. Widerliches, stinkendes, wildes Tier. Ausgeburt der Hölle. Werwolf. Er sah sich selbst in ihren entsetzten Augen, dem Zurückschrecken ihres angstbleichen Gesichts. Das war die normale menschliche Reaktion auf das, was er war. Sein eigenes Bewußtsein von sich als einem immer noch natürlichen und menschlichen Wesen hatte nur so lange Bestand haben können, wie er sein Geheimnis bewahrte. Er hatte es Eline erzählt, und sie hatte sein Menschsein zerstört. Jetzt hatte Marie es geahnt und es dem Herzog, der Herzogin und dem Mann mitgeteilt, der sie liebte. Was würde nun aus ihm werden? Das Verlangen, wieder Mensch zu sein, war übermächtig. Was aber würde ihn in einer menschlichen Welt erwarten, für die er ein Monster war? Gegen Mittag setzte Isegrim sich plötzlich gerade auf. Alles in seinem Innern hatte sich gedreht wie eine Wetterfahne bei einem Windstoß, hatte sich auf eine bestimmte Richtung fixiert. Er kannte dieses Gefühl. Er hatte es früher gespürt, wenn er zu dem Teil seines Ich zurückkam, das er bei seiner Verwandlung mit den Kleidern zurückgelassen hatte. Er hatte nicht erwartet, es jemals wieder zu spüren. Die Tür des Zimmers wurde aufgerissen, und Hoel und Havoise traten ein, gefolgt von Marie, die so ruhig und beherrscht aussah wie immer, und von Tiher, staubig und mit gerötetem Gesicht von seinem Gewaltritt. Tiher trug ein Leinenbündel unter dem Arm und legte es auf den Tisch. »Es war da, wo es nach Alains Beschreibung sein sollte«, sagte er zu den anderen. Er wickelte die gemusterte Altardecke ab und schlug sie zurück, dann löste er einen Lederriemen von einer Lederhülle, und vor ihnen lag, sorgfältig zusammengefaltet, Tiarnáns vollständige Jagdkleidung, an der noch ein paar trockene Blätter aus der Höhlung unter dem Stein hafteten. Isegrim wandte den Kopf ab. Die anderen betrachteten die Kleider; er konnte ihre Erschütterung riechen, als dieser Anblick ihnen wieder zu Bewußtsein brachte, was er war. Er hörte nicht zu, was sie sagten. Scham und Angst wallten in ihm auf, er sehnte sich danach, weit weg zu sein, draußen im Wald, nur vom Geruch der Bäume eingehüllt. Hoel kam zu ihm herüber und löste die Leine von seinem Halsband. Havoise legte die Sachen auf den Boden, wo er sie sehen konnte. Aber er wandte den Kopf wieder ab, obwohl er ein Zittern in jedem Muskel spürte, so groß war das Verlangen, sie zu berühren. Er hatte sich nie in Gegenwart eines Menschen verwandelt – nicht wissentlich. Es war ein so intimer Vorgang. Wie konnte er das in Gegenwart dieser vier Menschen tun? Er würde in ihren Augen noch monströser erscheinen. »Irgend etwas stimmt nicht«, sagte Hoel besorgt. »Irgend etwas ist verlorengegangen.« Isegrim sah flehend zu Marie auf, und sie verstand. »Er schämt sich«, sagte sie. »Er möchte sich nicht in unserer Gegenwart verwandeln.« Havoise lachte befreit. »Natürlich!« rief sie aus. »Er wird völlig nackt sein. Mann oder Tier, er war immer sehr auf seine Würde bedacht. Gut, gut, wir können ihm diese Verlegenheit ersparen.« Sie nahm die Kleider wieder auf, ging in die Schlafkammer, die sie mit Hoel teilte, und legte sie auf das Bett. »So«, sagte sie, drehte sich um und sagte zu Isegrim: »Hier seid Ihr ungestört.« Ruhig, doch innerlich bebend, ging Isegrim durch die Tür, und Havoise schloß sie hinter ihm. Er konnte jetzt das Ding riechen, das er bei den Kleidern zurückgelassen hatte, den unstofflichen und durchdringenden, zugleich fremden und vertrauten Geruch seiner eigenen menschlichen Natur. Zwischen Hoffnung und schrecklicher Angst hin- und hergerissen, blieb er lange regungslos stehen. Dann, die Augen geschlossen, allein vom Geruch geführt, ging er auf das Bett zu und nahm die Kleider auf, die er vor so langer Zeit abgelegt hatte. Im selben Augenblick war dieser Geruch, waren alle Gerüche verschwunden; die Geräusche aus dem Jagdhaus klangen so gedämpft, als kämen sie aus weiter Entfernung. Aber in seinem Inneren stieg die so lange versunkene Welt des Wortes mit einemmal strahlend aus dem Ozean des Sinnes auf. Was schwierig und mühsam gewesen war und eine enorme Willenskraft und Konzentration erfordert hatte, wurde plötzlich so leicht, wie ein Auge zu öffnen oder eine Hand zu heben, so selbstverständlich, daß er sich dessen gar nicht bewußt war. Er konnte wieder denken, er war wieder ein vernunftbegabter Mensch. Es war, als sei er plötzlich von einer Lähmung genesen. Er öffnete die Augen – und es waren Farben da. Er kauerte nackt auf allen vieren, das Kinn ruhte auf seinen alten grünen Jagdkleidern. Er begann zu weinen, lautlos, am ganzen Körper zitternd. Er setzte sich auf die Fersen zurück und wischte sich mit der Hand die Tränen aus dem Gesicht. Dann streckte er die Arme vor sich aus und beobachtete, wie die Hände sich öffneten und sich schlossen. Er sprang auf und betrachtete seinen Körper, der hart und sehnig und mager war und ganz so, wie er ihn in Erinnerung hatte. Mensch sein: kostbarer als alles andere auf der Welt. Mensch sein. Der Herzog wartete auf ihn! Mit ungeschickten Händen zog er sich an. Er weinte immer noch, als er mit dem Ankleiden fertig war. Er setzte sich auf das Bett und versuchte, ruhiger zu werden. Es gelang ihm nicht. All die Tränen, die dem Tier versagt gewesen waren, strömten ihm jetzt aus den Augen. Er dachte daran, wie er nach St-Mailon zurückgekommen war und die Vertiefung unter dem Stein leer vorgefunden hatte. Er erinnerte sich, wie Kenmarcoc im Stock geschrien hatte, als er ihn auf sich zukommen sah; er erinnerte sich an die Nacht der Wolfsfallen, an die Kälte im Winter, an das Gebell der Jagdhunde, an den Maulkorb und die Ketten. Er legte sich auf den Rücken und versuchte, die Tränenflut zu stoppen. Schließlich gelang es ihm; er lag still, sah zu dem Licht an der Decke hoch, und sein Atem ging ruhiger. Ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit durchdrang sein ganzes Wesen, er war plötzlich unendlich müde. Er schloß die Augen und schlief. Die anderen saßen im Nebenzimmer und unterhielten sich ruhig. Sie sprachen darüber, wie Tiarnán am besten in die Welt der Menschen zurückgeführt werden könnte, wie Alain und Eline sich wohl entscheiden würden, über die Verhältnisse in Talensac – und über die Chancen für Bischof Quiriac, den Sechzehnender zur Strecke zu bringen. Der Gesprächsstoff ging ihnen aus; sie saßen schweigend da und sahen sich ein wenig besorgt an. Schließlich stand Hoel auf. »Er ist jetzt lange genug darin, um sich einen Vollbart wachsen zu lassen und nicht nur sich anzuziehen«, erklärte er. »Laßt uns das Schlimmste erfahren.« Er ging zur Tür der Schlafkammer und öffnete sie. Einen schrecklichen Augenblick lang dachte Marie, die ihm auf den Fersen folgte, das Zimmer wäre leer. Dann sah sie den auf dem Bett liegenden Körper, eine lange, schlaffe, dunkelhaarige Gestalt in Grün. Hoel stand bewegungslos in der Tür und starrte auf die Gestalt, nicht sicher, ob es sich um einen Lebenden oder einen Toten handelte. Marie schlüpfte an ihm vorbei und trat an das Bett. Dort war das Gesicht, das sie eine so lange Zeit nur in ihren Träumen gesehen hatte – die geschwungenen Augenbrauen und das schmale Kinn unter dem kurzgestutzten Bart. Die einzige Änderung war ein schmaler Streifen weißer Haut, der von der Unterlippe über das Kinn bis zur Mitte der Kehle lief – an der Stelle, wo ein Wolf im Kampf mit Hunden verletzt worden war. Sie berührte seine Brust und spürte, wie das Herz unter ihren Fingern schlug; er schlief. Aber bei der Berührung öffneten sich seine Augen, und ihre Blicke begegneten sich; er setzte sich auf und sah sie prüfend an. »Eure Augen sind grau«, sagte er. Die Stimme klang unsicher, ein heiseres Flüstern. »Ja«, sagte Marie. »Aber Ihr wußtet das.« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Ich konnte mich nicht erinnern.« Sehr leicht berührte er ihre Wange, zog die Hand sofort wieder zurück. Seine Augen waren zu Hoel weitergewandert, der noch immer regungslos in der Tür stand. Er sprang auf, beugte das Knie vor dem Herzog und neigte den Kopf. »Mein hoher Herr«, flüsterte er, »ich danke Euch.« Hoel zog scharf den Atem ein, es hörte sich fast wie Schluchzen an. »Tiarnán«, sagte er. »Oh, verdammt!« Er zog seinen Lehnsmann hoch, umarmte ihn und schlug ihm kräftig auf den Rücken. »Verdammt!« sagte er noch einmal. »Oh, Gott sei Dank!« Er hielt Tiarnán auf Armeslänge von sich ab und sah ihn an, dann schüttelte er ihn und umarmte ihn wieder. »Tiarnán, mein Lieber!« rief Havoise, zog ihn von ihrem Mann fort und führte ihn in das Wohnzimmer. Dann umarmte auch sie ihn und küßte ihn auf beide Wangen. »Ach, mein Lieber, es ist gut, Euch wiederzusehen.« Tiarnán stand regungslos da, nachdem das herzogliche Paar beiseite getreten war. Er sah verwirrt aus. Er schaute sich in dem Zimmer um. Sein Blick fiel zuerst auf Marie, die in der geöffneten Tür zur Schlafkammer stand, dann auf Tiher, der auf der entgegengesetzten Seite stand, vor der geschlossenen Tür, die zu den übrigen Räumen des Jagdhauses führte. Tiher erwiderte seinen Blick ruhig, dann sagte er: »Ihr solltet besser das Ding abnehmen, das um Euren Hals ist.« Tiarnán griff an seinen Hals und faßte Isegrims silberbeschlagenes Halsband. Sein Gesicht wurde ausdruckslos. Er öffnete die Schnalle und legte das Halsband auf den Tisch. Er sah so sehr wie Isegrim aus, als dieser den Kopf vor dem Kleiderbündel abwandte, daß Marie sich fragte, wieso sie nicht von Anfang an die Identität der beiden gekannt hatte, deren Eigenheiten sich so ähnlich waren. »Danke«, sagte Tiarnán leise. Tiher hob die Augenbrauen und zuckte die Achseln. »Keine Ursache«, sagte er. »Für den Fall, daß Ihr Euch das fragt: Nein, ich werde niemandem sagen, wo Ihr das letzte Jahr gewesen seid, oder etwas von dem weitergeben, was heute in diesem Zimmer gesagt und getan wurde. Was mich betrifft, ich war nicht hier und weiß von nichts. Und es dürfte gut sein, wenn Ihr das auch so hieltet.« Tiarnán nickte, dann sah er sich wieder in dem Zimmer um. »In diesem Raum allerdings muß das anders sein«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ihr alle wißt, was ich bin. Es tut mir leid.« »Wieso?« fragte Hoel. Tiarnán sah ihn fest an. »Es könnte als eine Schande angesehen werden, der Lehnsherr eines Werwolfs zu sein.« »Ihr habt mir Ehre eingebracht, als Mann und auch als Wolf. Ich hätte eher Grund, mir Vorwürfe zu machen.« Tiarnán schüttelte den Kopf. »Mein edler Herr, Ihr habt mir niemals Anlaß gegeben, Euch etwas vorzuwerfen, seit dem Tag, da ich Euer Lehnsmann wurde.« Hoel trat näher und berührte die Narbe auf Tiarnáns Kinn. »Das Leben eines Mannes würde ich in einem solchen Fall wie dem Wolfskampf nicht aufs Spiel gesetzt haben«, sagte er ruhig. »Es war nichts als Großtuerei, darauf einzugehen. Ich hatte Glück, daß Ihr nicht getötet wurdet. Und es hat noch schlimmere Dinge gegeben – den Maulkorb und die Ketten, und dieses ›Guter Junge‹- ›Böser Wolf‹-Getue. Es war nicht verwunderlich, daß Ihr so hart versuchtet, Eure Würde zu wahren; ich habe Euch wenig Spielraum dafür gelassen.« »Ihr wart ein guter Herr, für Mann wie Tier«, erwiderte Tiarnán. »Wer könnte Euch einen Vorwurf daraus machen, daß Ihr einen Wolf als Tier behandelt? Mein edler Herr, Ihr habt mir Gnade gewährt, wo die meisten Männer mich getötet hätten – habt sie zweimal gewährt: einmal auf der Straße nördlich von hier, und heute wieder. Ich schulde Euch mehr, als ich jemals zurückzahlen kann.« »Ihr verdankt auch Marie etwas«, sagte Havoise trocken. Tiarnán sah Marie an, und der Atem stockte ihr. »Ich verdanke Marie alles«, sagte er mit zögerndem Lächeln. Es war dieses für ihn so typische Lächeln, das noch einmal zu sehen sie niemals erwartet hätte: die eine Seite des Mundes nach oben gebogen, während die andere unbewegt blieb und die Augen funkelten. Sie fühlte sich schwach und benommen. Tiarnán wandte sich wieder an Hoel. »Mein edler Herr, Ihr habt Ritter Alain und Dame Eline heute morgen gesagt, Ihr würdet wieder mit ihnen sprechen, wenn Ihr mich gehört habt. Ich bin hier und durch Gottes Gnade und dank Euch und Dame Marie fähig zu sprechen. Ich bin bereit, mich Euren Fragen zu stellen.« 17. KAPITEL Der Herzog und die Herzogin stellten nicht viele Fragen. Sie wünschten zu wissen, wie Tiarnán zu dem geworden war, was er war, um sicher zu sein, daß ein Verdacht auf Dämonenverehrung unbegründet war. Außerdem wollten sie sich vergewissern, daß er eine Annullierung seiner Ehe erreichen konnte. Als diese Punkte geklärt waren, kam man überein, daß Tiarnán sofort das Jagdhaus heimlich durch eine der Türen auf der Rückseite verlassen sollte, bevor die Jagdgesellschaft zurückkehrte. Hoel würde dem Hof berichten, daß er Isegrim getötet und im Wald begraben hatte. Da jeder das erwartete, würde es keine Überraschung hervorrufen. Tiarnáns Wiederkehr von den Toten hingegen mußte große Überraschung auslösen, und es war äußerst wichtig, daß niemand eine Verbindung mit Isegrim vermutete. Er mußte also zuerst auf seinem eigenen Gut auftauchen, und bei etwas Glück würde sogar verborgen bleiben, daß er am selben Tag zurückgekommen war, an dem der Wolf des Herzogs starb. »Kommt zur mir an den Hof, wenn in Talensac alles in Ordnung ist«, befahl Hoel und drängte seinen Lehnsmann zum Aufbruch. So wanderte Tiarnán denn in der Hitze eines frühen Julinachmittags durch den Wald von Treffendel, noch immer etwas benommen und verwirrt von der plötzlichen Wiedergewinnung seines Menschseins. Niemand hatte ihn das Jagdhaus verlassen sehen. Die Blätter hingen schlaff an den Bäumen, und die Luft war erfüllt vom Sirren der Mücken und Moskitos. Er schwitzte in der dicken Jagdkleidung, die er für den vorigen Oktober gewählt hatte, zog den grünen Rock aus und hängte ihn über die Schulter. Diese simple menschliche Handlung verwirrte ihn wieder. Sein Herz schlug heftig, und ein Schauer lief ihm über den Rücken. Sein Menschsein war noch so neu, seine Existenz als Wolf noch so nahe, daß er sich unsicher fühlte, als wäre sein Geist ein zerbrochenes Glas, das jemand zusammengekittet hatte und das Zeit brauchte, wieder eine Einheit zu werden. Als sein Herzschlag sich beruhigt hatte, schaute er herum, um sich zu orientieren. Er hatte den Wald Brocéliande nicht vergessen, in keiner Weise. Er schritt rasch aus, nach Nordosten, auf Talensac zu. Er traf in Talensac zu der Zeit ein, als die Bauern von der Feldarbeit heimgegangen waren und die Tiere auf dem Hof versorgten. Er war rüstig ausgeschritten, weil er es kaum erwarten konnte, sein Gutshaus wieder in Besitz zu nehmen; aber als er aus dem Wald von Treffendel auf sein eigenes Land hinaustrat, wurden seine Schritte langsamer. Die lange Wanderung hatte ihm Zeit gegeben, sich zu sammeln, doch er fühlte sich immer noch unsicher und verletzlich, den Meinungen anderer preisgegeben – ein Zustand, den er seit der Pagenzeit am Hof nicht mehr gekannt hatte. Er hatte keine der Diskussionen über die Ereignisse in Talensac gehört und teilte keineswegs die Gewißheit des Herzogs, daß er hier willkommen sein werde. Was konnte er den Leuten sagen? Was würden sie von seinem plötzlichen Wiedererscheinen halten? Er war sich von jeher bewußt gewesen, daß auf seinem Gut alles hervorragend funktionierte und daß seine Leute ihm ergeben waren, aber er hatte das für selbstverständlich gehalten. So war Talensac nun einmal. Als er unter Herzog Conan als Page an den Hof gekommen war, hatte er schreckliches Heimweh gehabt. Als er mit sechzehn als Herr nach Talensac zurückgekehrt war, hatte er darauf vertraut, daß nicht viel Führung von ihm verlangt wurde, denn die Art und Weise, wie man die Dinge in Talensac tat, war richtig und zweckmäßig. Er hatte aber seine Verantwortung, Recht zu sprechen und Streitigkeiten mit Nachbarn friedlich beizulegen, sehr ernst genommen; Judicaël hatte ihn gelehrt, daß dies seine wichtigste Aufgabe war. Talensac, dachte er jetzt, als er durch den lichter werdenden Wald auf die Weiden und Felder zuwanderte – Talensac war ein Paradies, und er hatte sich nie Gedanken über sein eigenes unverdientes Glück gemacht, bis er aus ihm vertrieben wurde. Er blieb am Waldrand stehen und sah es dort in der Senke vor sich liegen: sein ganzes Reich – Felder, Äcker, Gehölze, Kirche, Dorf und Gutshaus –, eingehüllt in den silbrigen Dunst eines sommerlichen Spätnachmittags. Dort lag ein Teil von ihm selbst, das er mit der gleichen unbekümmerten Vertrauensseligkeit hinter sich gelassen hatte, mit der er ein anderes Teil seiner Seele unter den Stein gelegt hatte. Beides hatte er auf die gleiche verhängnisvolle Weise verloren. Konnte er Talensac zurückgewinnen? Er erinnerte sich, wie Tiher Alains Ausspruch berichtet hatte – die Leute hier würden ihn nicht zurückhaben wollen, wenn sie wüßten, was ihr Machtiern wirklich war. Monster, Ausgeburt der Hölle, Werwolf. Er straffte die Schultern und wanderte weiter. Es gab keinen anderen Platz für ihn. Als er das Haus des Schmieds am Rande des Dorfes erreichte, erinnerte alte Gewohnheit ihn daran, daß er von der Wanderung erhitzt und durstig war. Er blieb stehen, um sich einen Trunk Wasser aus dem Brunnen zu holen. Er setzte gerade den Eimer ab, als die Frau des Schmieds, an jeder Hand einen Eimer, aus dem Haus kam, um Wasser zu schöpfen. Sie blieb wie vom Blitz getroffen stehen, als sie ihn am Brunnen knien sah; ihr Gesicht wurde kreideweiß. Dann ließ sie die Eimer fallen und schrie. Sie wich rasch zurück und bekreuzigte sich, immer noch schreiend. Tiarnán stand auf. Wieder lief ihm ein kalter Schauer über den Rücken. Er wußte nicht, was er tun sollte. Anscheinend hatte sie Gerüchte gehört, was er war. Doch er war entschlossen, sich als Mensch nicht so leicht vertreiben zu lassen, wie er das als Wolf hatte hinnehmen müssen. »Judith, Tochter Conwals«, sagte er scharf, »warum schreist du?« Sie hörte auf zu schreien, und im gleichen Augenblick kamen ihr Mann und ihr Bruder um die Hausecke gerannt, um zu sehen, was passiert war. Auch sie blieben wie angewurzelt stehen. Donoal kam hinter ihnen und krachte gegen Justin. »Oh, Machtiern!« rief Judith. »Seid Ihr es?« »Was soll die Frage?« »Machtiern!« sagte Justin, der auf ihn zulief und mit einem zaghaften Ausdruck auf dem grobknochigen Gesicht, den Tiarnán bei ihm nie zuvor gesehen hatte, vor ihm stehenblieb. »Seid Ihr es wirklich?« »Warum fragt Ihr das alle? Sehe ich wie jemand anderer aus?« Judiths Mann, Glevian, starrte ihn mit offenem Mund an. »Ihr seid nicht … tot?« »Würde ich Wasser aus deinem Brunnen trinken, wenn ich tot wäre?« fragte Tiarnán ungeduldig. Auf den vier Gesichtern erschien plötzlich ein entzücktes Lächeln. Aus den benachbarten Häusern eilten jetzt die Menschen herbei. »Es ist der Machtiern!« rief einer dem anderen in ungläubiger Freude zu. »Oh, mein Gott!« rief Judith lachend und weinend und schlug vor Glück die Hände zusammen. »Ich dachte, Ihr wärt ein Geist!« »Kommt Ihr zurück?« fragte Justin mit ungewohnter Schüchternheit. »Ist dies nicht Talensac? Und ist dies nicht mein Heim?« Justin brach in ein Freudengeheul aus. »Gott sei Dank!« rief er und fiel vor Tiarnán auf die Knie und küßte ihm beide Hände. Justin hatte das Handküssen immer verachtet. Es war etwas für Leibeigene, Frauen und Fremde. Tiarnán zog erstaunt die Hände zurück. Justin strahlte ihn an und schlug in sprachloser Freude immer wieder seine Faust mit aller Wucht auf die Erde. Er war ausgepeitscht worden, weil er Getreide nach Montfort gebracht hatte, der erste Mann im Dorf, der diese Strafe erlitten hatte. Er war an den neuen Pfahl auf dem Dorfplatz gefesselt worden, und einer von Alains Söldlingen aus Fougères hatte ihm zwanzig Peitschenhiebe versetzt, die er laut auf französisch zählte. Mit dem Gesicht zum Pfahl gefesselt, ohne sich rühren zu können, ohne die Schläge kommen zu sehen, hatte er hilflos die Hiebe über sich ergehen lassen müssen. Bei ›neun‹ hatte er geschrien, bei ›sechzehn‹ geweint und bei ›achtzehn‹ um Gnade gewinselt. Er würde das bis zu seinem Lebensende nicht vergessen. Und jetzt war der Machtiern zurück, der Alptraum war vorbei, er konnte in einer Welt leben, die so war, wie sie sein sollte. Donoal stand hinter Justin, er strahlte so, daß ihm das Gesicht weh tat. »Machtiern«, sagte er, »Gott sei Dank! Wir alle dachten, Ihr wäret tot. Es ist fast ein Jahr …« Er fragte sich, als er das sagte, ob Tiarnán sich darüber klar war, daß fast ein Jahr vergangen war. Der Machtiern stand vor ihnen in derselben grünen Jagdkleidung, die er getragen hatte, als er Talensac im vorigen Herbst verließ, und der Ausdruck seines normalerweise reservierten Gesichts zeigte höchste Verblüffung. Man sagte immer, daß in den hohlen Erdhügeln die Zeit anders war, daß ein Mensch einen einzigen Tag dort verbracht zu haben glaubte und bei seiner Rückkehr feststellte, daß sieben Jahre oder ein ganzes Jahrhundert vergangen waren. Donoal hatte schon seit langer Zeit das Gefühl gehabt, wenn jemals ein Sterblicher mit der wilden Jagd der Elben reiten durfte, dann würde das Tiarnán sein, dessen Kenntnis des Waldes ihm immer als übermenschlich vorgekommen war. Sein Blick fiel auf die weiße Narbe, die über das Kinn seines Herrn lief, und seine Vermutungen waren mit einemmal bestätigt. Das war keine Narbe, sondern die Art von Entfärbung, die man Elbenmal zu nennen pflegte und die irgendeiner übernatürlichen Waffe der Elben zugeschrieben wurde. Tiarnán war in den hohlen Erdhügeln gewesen, und die elbischen Wesen dort hatten versucht, seine Rückkehr zu den Menschen zu verhindern. Das durfte man jedoch nicht laut aussprechen, sonst würden sich die Wesen in den Erdhügeln daran erinnern, und sie würden kommen und den Flüchtling zurückholen. Donoal ergriff Tiarnáns Hand, als müßte er ihn berühren, um ihn in der menschlichen Welt zu halten. »Mein lieber Herr, willkommen!« sagte er. »Willkommen daheim!« Immer mehr Leute kamen hinzu, alle strahlten, schlugen vor Freude die Hände zusammen und begrüßten Tiarnán mit begeisterten Zurufen. Der Aufruhr und die Begeisterung der Menschen waren Tiarnán unverständlich, er konnte sie in seinem noch sehr erregten Zustand schwer ertragen. Verwirrt schüttelte er den Kopf und ging weiter ins Dorf hinein. Alle folgten ihm, riefen den Neuankömmlingen zu: »Es ist der Machtiern! Er ist am Leben!« Gleichzeitig sprachen sie auf ihn ein, erklärten ihm, daß seine Frau wieder verheiratet sei, daß sie dem Herzog den Lehnseid für das Gut geleistet und dann einen Fremden aus Fougères geheiratet habe, der grausame fremdländische Sitten hatte und einen widerlichen, habgierigen, fremden Verwalter mitgebracht hatte. »Frag ihn um Gottes willen nicht, wo er gewesen ist«, flüsterte Donoal Justin zu, während sie hinter den anderen herliefen. »Hältst du mich für verrückt?« knurrte Justin zurück. »Hast du das Zeichen an seinem Kinn gesehen? Sie wollten ihn nicht fortlassen.« Noch bevor Tiarnán den Bach erreichte, war jemand in den Kirchturm gelaufen und hatte angefangen, die Glocke zu läuten. Auch der Rest der Dorfbevölkerung strömte jetzt auf dem Platz vor der Kirche zusammen. Tiarnán war entsetzt, als er zwei seiner Leibeigenen in Beinschellen hinter den anderen herschlurfen sah. Dann entdeckte er die im Stock liegenden Männer und den blutbefleckten Auspeitschungspfahl und blieb abrupt stehen. Der Anblick des neuen Marterinstruments empörte ihn. »Was ist das?« fragte er, auf den Pfahl zeigend. »Der neue Herr hat ihn machen lassen«, sagte Glevian. »Ich wollte nicht die Ketten dafür schmieden, Machtiern, und Mailon wollte nicht das Holz zuschneiden, aber wir mußten es tun. Er gab uns den Befehl, und wir mußten gehorchen. Wir dachten nicht, Ihr würdet jemals zurückkommen, wißt Ihr.« »Und ist das Ding benutzt worden?« »O ja, Machtiern. Seit der fremde Herr die Preise der Mühle verdoppelt hat, ist er häufig benutzt worden. Justin war der erste, der an ihm ausgepeitscht wurde, und dann kamen Rinan und Guerech und Géré und Gourmaelon …« Tiarnán warf einen raschen Blick auf Justin. Jetzt endlich verstand er, was diesen so furchtlosen Mann zerbrochen hatte. Jetzt verstand er auch den Begeisterungstaumel, mit dem das Dorf ihn willkommen hieß. Glühender Zorn erfaßte ihn, sein Gesicht lief purpurrot an. Er wünschte leidenschaftlich, der Wolf hätte an diesem Morgen seine Fänge in Alains Kehle schlagen können und den verhaßten Feind getötet. Wie hatte er – Gott im Himmel! – es wagen können, sein Talensac so brutal zu behandeln! »Legt den Pfahl um!« befahl Tiarnán durch die zusammengebissenen Zähne. »Verbrennt ihn. Nimm vorher die Eisen ab, Glevian, und schmiede sie in etwas Nützliches um. Wer hat den Schlüssel zum Stock?« Alains Verwalter Gilbert kam ein paar Minuten später ins Dorf hinunter, um zu sehen, weshalb die Glocke läutete. Er brachte die vier Bewaffneten mit, die Alain aus Fougères geholt hatte. Er sah, daß auf dem Dorfplatz ein Freudenfeuer brannte, auf dem zuoberst der Auspeitschungspfahl lag, und daß das ganze Dorf um das Feuer versammelt war. Einen Augenblick dachte er daran, sich ins Gutshaus zurückzuziehen, aber dann fiel ihm ein, daß der Herzog sich in Treffendel aufhielt, nur ein paar Stunden von hier entfernt, und auf einen Notruf rasch Hilfe schicken würde. Er ging weiter. Die Dorfleute wurden still, als er näher kam; sie grinsten und stießen sich gegenseitig an. In der Mitte stand ein Mann, den er nicht kannte, ein schlanker, dunkelhaariger Mann in einem verschwitzten weißen Hemd und grüner Hose. Er sprach mit dem Gemeindepriester und dem Schmied. Der Fremde wandte sich um und sah ihn an; der Priester und der Schmied flüsterten ihm etwas zu. Bevor Gilbert ein Wort sagen konnte, rief der Fremde ihm auf bretonisch etwas zu. »Sprich gefälligst Französisch, wenn du mit mir redest!« fuhr Gilbert ihn ärgerlich an. »Bist du für diese Ruhestörung verantwortlich?« Die Leute lachten und stampften mit den Füßen, als hätte er etwas Spaßiges gesagt. Es brachte ihn aus der Fassung. Der Fremde warf Gilbert einen Blick zu, der diesen einen Schritt zurückweichen ließ. Seine Augen funkelten vor unterdrückter Wut. »Ich habe nach dem Schlüssel für den Stock gefragt«, sagte der Fremde, diesmal auf französisch. »Man sagt mir, daß Ihr ihn habt.« »Ich habe ihn«, sagte Gilbert, der wieder Mut faßte. »Und wie es scheint, werde ich ihn brauchen, um dich hineinzutun. Wie kannst du es wagen, in das Dorf meines Herrn zu kommen und Unruhe zu stiften?« Die Dorfbewohner brüllten vor Vergnügen. »Wie ist dein Name, woher kommst du, und was machst du hier?« rief Gilbert mit zorngerötetem Gesicht. Der Fremde sah ihn verächtlich an. »Mein Name ist Tiarnán, Sohn des Maencomin«, sagte er gelassen. »Ich bin der Herr von Talensac, und ich bin eben heimgekommen. Jetzt wißt Ihr es. Ihr werdet augenblicklich meine Leute aus dem Stock befreien, oder ich lasse Euch die Zunge aufschlitzen, um sie Höflichkeit zu lehren, und die Hand abhauen, um sie vom Geld anderer Leute fernzuhalten, bevor ich Euch zu Eurem Herrn zurückschicke.« Als Tiher am nächsten Morgen nach Talensac kam, hörte er die Bauern bei der Arbeit auf den Feldern singen, auf dem Dorfplatz sah er die Überreste eines Freudenfeuers und eines Festes, und der Verwalter Gilbert lag im Stock, bewacht von vier mürrischen Bewaffneten. Die Wachen waren vermutlich aufgestellt worden, um den Verwalter davor zu schützen, von den aufgebrachten Dorfleuten gesteinigt zu werden. Jedenfalls schien Gilbert nicht verletzt zu sein. Es wunderte Tiher, denn eigentlich hätte er nach der Stimmung des Dorfes bei seinem ersten Besuch erwartet, die Leute würden mit allen Mitteln versuchen, den Mann umzubringen. Allerdings war ihnen erlaubt worden, ihrer Meinung über Gilbert sehr deutlichen Ausdruck zu geben: Tiher hatte nie einen Menschen gesehen, der so über und über mit Unrat und Schmutz bedeckt war. Er pfiff anerkennend und ritt weiter über den Bach zum Gutshof hoch. Diesmal stand das Tor weit offen. Der Pförtner aus Fougères war verschwunden, und nach dem vor dem Pförtnerhaus aufgestapelten Gepäck zu urteilen, zog wieder ein Mann aus Talensac mit seiner Familie ein. Als Tiher am Tag zuvor in vollem Galopp nach Talensac geritten war, hatte er den Dienern gesagt, Alain und Eline seien von dem Wolf des Herzogs angegriffen worden, und er sei gekommen, um ein paar Sachen für sie zu holen, denn wegen ihrer Verletzungen müßten sie die Nacht über in Treffendel bleiben. Jetzt war er zurückgekehrt, um sein Pferd zu holen, das er nach dem furiosen Ritt völlig erschöpft hier zurückgelassen und gegen ein frisches ausgetauscht hatte. Er stellte sich dem Pförtner gegenüber völlig unwissend, fragte ihn, was denn seit dem vorigen Mittag geschehen sei, und zeigte sich erstaunt über die Antwort. Der Pförtner machte aus seiner Schadenfreude kein Hehl und gab Tiher den hämischen Rat, seinem Vetter und der Hure seines Vetters zu sagen, sie sollten es nicht wagen, nach Talensac zurückzukommen. Tiher konnte darauf nichts erwidern. Er war sich bitter bewußt, daß der Haß des Pförtners berechtigt war. Der Pförtner wollte ihm verwehren, den Gutsherrn zu sehen, aber Tiher berief sich auf Herzog Hoel und konnte zum Gutshaus weiterreiten. Ein Tisch war aus der Halle nach draußen in die Sonne gebracht worden; Tiarnán und der Gemeindepriester saßen an ihm und gingen die Abrechnungsbücher des Gutes durch. Eine Anzahl von Bediensteten stand herum und beobachtete sie, andere trugen Sachen ins Haus oder aus dem Haus. Die Diener aus Fougères packten ihre Habseligkeiten zusammen, um heimzukehren, während Talensac glücklich sein Eigentum zurückforderte. »Gott segne Euch, Tiarnán de Talensac«, rief Tiher aus und saß ab. »Herzog Hoel wird überglücklich sein zu hören, daß Ihr lebt. Ich wünsche Euch alles Glück.« Tiarnán hatte nicht erwartet, Tiher so bald wiederzusehen. Das plötzliche Auftreten eines Mannes, der sein Geheimnis kannte, machte ihn unsicher und verwirrte ihn. Aber er stand höflich auf. »Gott segne Euch, Tiher de Fougères«, erwiderte er. »Seid willkommen in Talensac. Was führt Euch her?« »Ich bin gekommen, mein Pferd zu holen«, antwortete Tiher. »Ich habe es gestern hiergelassen, als ich herüberkam, um ein paar Sachen für meinen Vetter Alain zu holen. Ich nehme an, man hat Euch erzählt, daß er in Treffendel beim Herzog ist, um sich von einer Verletzung zu erholen.« Tiarnán senkte die Augen. Diese gewandte Heuchelei war etwas, dem er sich nicht gewachsen fühlte. Er mußte allein mit Tiher sprechen, offen und ehrlich. Er war begierig zu erfahren, was Alain und Eline beschlossen hatten. »Bitte entschuldigt uns für einige Zeit«, sagte er zu dem Priester. »Ich muß mit Ritter Tiher sprechen, um zu hören, wie die Dinge bei meinem Herrn dem Herzog stehen.« Ein völlig legitimer Grund für ein Gespräch unter vier Augen, und zudem wahr. Der Priester verneigte sich lächelnd, und Tiarnán führte seinen Besucher ins Haus. Tiher fand, daß die Unruhe des Umbruchs in der großen Halle stark zu spüren war. Alains Wandteppich mit dem Bild des heiligen Martin war mit der Rückseite nach oben über die neuen Tische ausgebreitet, und darauf lag Alains neue Bettwäsche gestapelt. Überall waren Leute beim Ein- und Auspacken. Die Gruppe der Bediensteten aus Fougères bildete einen schweigsamen Fremdkörper in der lauten, fröhlichen, lachenden Menge aus Talensac. Die Diener, die draußen in Tiarnáns Nähe herumgestanden hatten, folgten ihm in die Halle. Tiarnán gab einem von ihnen den Auftrag, Wein für den Gast zu bringen; dann sagte er ungeduldig zu den übrigen, sie könnten sich, soweit sie nicht speziell mit den Angelegenheiten des Herzogs befaßt seien, wieder um ihre Arbeit kümmern. Widerstrebend sahen sie mit argwöhnischen Blicken zu, wie ihr Herr mit dem Gast zu seinem Schlafgemach hinaufging. Alains neues großes Bett war seitlich gegen die Wand gelehnt worden. Die Kleidertruhe mit dem doppelten Boden stand nicht mehr in dem Zimmer, wie Tiher bemerkte. Das Licht fiel schräg durch das offene Fenster auf nackte Dielen und verstreut herumliegende Binsen eines sonst leeren Raums. Tiarnán zögerte einen Augenblick, dann trat er auf den Treppenabsatz hinaus und rief den Dienern zu, sie sollten mit dem Wein auch ein paar Schemel hinaufbringen. Tiher lachte, und Tiarnáns Gesicht verschloß sich. Als die Diener den Wein und die Schemel heraufgebracht hatten, blieben sie oben auf dem Treppenabsatz stehen, bis ihr Herr sie von dort verscheuchte. »Sie haben Angst, Euch aus den Augen zu lassen«, stellte Tiher fest. »Vielleicht könntet Ihr mir gelegentlich ein paar Lektionen über die Führung eines Gutes geben. Ich würde gern ebenso beliebt sein.« Sie setzten sich. »Euer Vetter hat ihnen übel mitgespielt«, sagte Tiarnán. »Sie haben immer noch Angst, er könnte zurückkommen. Ich hoffe, sie werden bald begreifen, daß er es nicht kann, und werden dann aufhören, sich wie Kletten an mich zu hängen.« Er schenkte zwei Becher Wein ein und reichte Tiher einen hinüber, dann stellte er den Krug vorsichtig auf den etwas unebenen Boden. Sie tranken sich zu. Tiher stellte fest, daß dies nicht der erstklassige Bordeaux war, den Alain ihm vorgesetzt hatte, sondern Talensacs Eigenerzeugnis, dünn und sauer. Offenbar war Tiarnán entschlossen, nichts von Alains Sachen anzurühren, weder Wandteppich noch Wäsche, Bett oder Wein. Nun, um so besser, denn Alain hatte Tiher an diesem Morgen gebeten, sicherzustellen, daß sein ganzes Eigentum ausgesondert und ihm zugestellt würde. Er habe diese Sachen mit seinem eigenen Geld gekauft, das Monster habe kein Anrecht darauf. – Keine Spur von Scham oder Gewissensbissen, obwohl sein ›eigenes Geld‹ in Nantes geliehen war, und zwar aufgrund der Ertragskraft des Gutes Talensac, auf das er nicht den geringsten Anspruch hatte. Die Gewissensbisse blieben Tiher überlassen, und wirklich schämte er sich seines Vetters bitter. Vielleicht sollte er ja versuchen, die Situation mit Alains Augen zu sehen, den Mann, dessen Wein er trank, als ein unnatürliches Monster und somit Alains Handlungsweise als gerechtfertigt betrachten … Aber er glaubte nicht, das Alain zu diesen schändlichen Dingen berechtigt gewesen war, die er Tiarnán angetan hatte. Und sein Verhalten gegen die Menschen in Talensac und die Art, wie er versucht hatte, den Herzog für seine Ziele einzuspannen, waren noch weniger entschuldbar. Es war, wie Marie gesagt hatte: Der Mann, der ihm gegenübersaß, war nicht böse, und auch der Wolf war nicht böse gewesen. Das war keine Sache des Glaubens, sondern einfacher Erfahrung. Tiher sah seinen Rivalen einen Augenblick nachdenklich an. Tiarnán saß aufrecht und selbstbeherrscht da, den Becher auf dem Knie, sein Gesicht trug den gewohnten Ausdruck reservierter Höflichkeit. Der Gedanke, daß dieser menschliche Körper sich in den eines Tieres verwandeln konnte, war beunruhigend und unangenehm, machte Tiher aber auch neugierig. Er war versucht zu fragen: Wie ist das, ein Wolf zu sein? Kann man Dinge wahrnehmen, die Menschen verborgen sind? Seid Ihr jemals den Elben begegnet, die in den Erdhügeln hausen? Seid Ihr gezwungen, Euch hin und wieder zu verwandeln, oder tut Ihr das nur, weil es Euch Spaß macht? Werdet Ihr das auch weiterhin tun? Die Fragen sollten besser nicht gestellt werden. Tiarnán war ein menschliches Wesen, war es im Herzen sogar als Wolf geblieben, und zu tief in seine persönlichen Geheimnisse einzudringen würde nur Monster schaffen, wo es keine gab. »Mein Vetter wird nicht hierher zurückkommen«, versicherte Tiher. »Er hat sich entschlossen, das Angebot des Herzogs anzunehmen: freie Passage für ihn und seine Frau ins Heilige Land.« Tiarnán, der bei Tihers Erklärung den Atem angehalten hatte, stieß ihn jetzt langsam und erleichtert aus. »Richtet ihm aus«, sagte er ruhig, aber mit bitter klingender Stimme, »er soll mir nicht in den Weg kommen, bis er abreist. Aus Rücksicht auf den Herzog wünsche ich das Leben Eures Vetters zu schonen; sollte er jedoch meinen Weg kreuzen, werde ich ihn töten. Ich habe nie Grund gehabt, einen Menschen so sehr zu hassen wie ihn.« Sein Gesicht war ausdruckslos, aber die Pupillen der Augen hatten sich zu einem Punkt zusammengezogen, der tödlich schien wie die Spitze eines Speers. Tiher erinnerte sich bei diesem Anblick, wie der Wolf einen Satz auf Alains Kehle gemacht hatte, und ihn fröstelte. »Er hat nicht die Absicht, Euch zu begegnen«, sagte er. »Gut«, sagte Tiarnán und trank einen Schluck Wein. Tiher räusperte sich. »Herzog Hoel wird Euer Gesuch um Annullierung der Ehe aufsetzen und beurkunden lassen, sobald er offiziell informiert worden ist, daß Ihr zurück seid und daß dies Euer Wunsch ist – was gleich geschehen wird, wenn ich wieder in Treffendel bin. Ich habe heute morgen mit Alain gesprochen. Er wollte mir unbedingt Instruktionen für seine Diener hier mitgeben; sie sollten sicherstellen, daß alles, was er während seiner Zeit hier gekauft hat, ausgesondert und ihm zurückgegeben wird. Ich habe ihm gesagt, daß ich nichts dergleichen tun kann, bevor er nicht offiziell erfahren hat, daß Ihr zurück seid. Ich dachte, ich sollte Euch vorwarnen, daß er Euch wahrscheinlich eine lange Liste schicken wird. Der Herzog wird ihm und Eline ein Haus in Rennes zur Verfügung stellen, bis alle Formalitäten erledigt sind, und Alain wünscht, daß alles dorthin geschickt wird – Rüstung, Kleidung, Möbel, Wäsche, Pferde, Falken, der Wein, alles. Ach ja, und ein Betrag in bar als Ersatz für Elines Mitgift.« Tiarnáns Gesicht blieb ausdruckslos, doch seine Augen funkelten vor unterdrückter Wut. »Er wird seine eigenen Sachen zurückbekommen, aber er hat die gesamten Einkünfte des Gutes und sämtliche Geldreserven bis auf den letzten Heller ausgegeben. Es ist also kein Geld da, das ich ihm geben könnte – wie er selbst am besten weiß. Ich hoffe, etwas von seinem diebischen Verwalter zurückzubekommen, auf dieses Raubgut haben jedoch andere einen bevorzugten Anspruch. Und da Euer Vetter meine Rüstung, meine Waffen, mein Streitroß ebenso verkauft hat wie meine Kleider und meine Falken und die gesamte Einrichtung von Haus und Halle, ist nichts da, was ich verkaufen könnte, um das Geld aufzubringen. Ich werde sogar Geld leihen müssen, um mein Pferd, meine Rüstung und die Waffen zurückzubekommen, die ich im Dienst des Herzogs brauche.« »Sogar Eure Kleider?« fragte Tiher. Er betrachtete den einfachen blauen Rock und die braune Hose, die Tiarnán trug, und bemerkte erst jetzt, daß die Ärmel zu kurz waren. »Meine Kleider auch. Was ich anhabe, habe ich mir von einem meiner Diener geborgt.« Der blaue Rock war Donoals bester Sonntagsrock. »Alain war gründlich, wie es scheint«, versuchte Tiher mit saloppem Zynismus seine Scham über die unglaubliche Gefühllosigkeit seines Vetters zu überspielen. »Es tut mir sehr leid. Es sollte möglich sein, Euer Pferd, die Waffen und das übrige von dem Mann in Nantes zurückzubekommen, wenn der Herzog Alains Schulden bezahlt. Und wenn Ihr Herzog Hoel darum bittet, wird er Euch sicherlich gern helfen, auch die Mitgift zurückzubezahlen.« Tiarnán schüttelte ungeduldig den Kopf. Er hatte das Gefühl, Hoel schon zuviel Kosten verursacht zu haben. Es widerstrebte ihm sogar, um die Erstattung des Lehngeldes zu bitten, obwohl er berechtigt war, sie zu verlangen, schließlich hatte es ja keine Lehnsfolge in Talensac gegeben. Und nun diese Rückforderung von Elines Mitgift! Es war überhaupt kein bares Geld bezahlt worden, die ganze Mitgift hatte aus der Übertragung von Forstrechten bestanden, die Hervé und er einverständlich ausgehandelt hatten. Im Grund allerdings traf es zu: Wenn eine Ehe annulliert wurde, hatte die Frau das Recht, ihre Mitgift zurückzuverlangen. Tiarnán war entschlossen, Eline oder Alain keine berechtigte Forderung schuldig zu bleiben. »Worauf Eline Anspruch hat«, erklärte er Tiher, »das wird sie bekommen – irgendwie. Sagt Eurem Vetter, daß ich ehrenhaft abrechnen und nichts behalten werde, was mir nicht gehört.« Tiher dachte daran, wie Tiarnán Alain das Schwert und die Rüstung, die er in Comper zurückgelassen hatte, wiederbeschafft hatte. Heute würde wie damals seine Großherzigkeit verschwendet sein. Er schüttelte den Kopf. »Das wird bei ihm nicht das geringste Gefühl von Scham über das auslösen, was er Euch angetan hat«, sagte er. »Er glaubt ein Recht auf alles zu haben, was er gestohlen hat, und ist empört über die Art und Weise, wie er behandelt wird.« Tiarnáns Augen zeigten jetzt unverhohlene Verachtung. »Trotzdem werde ich ihm gegenüber ehrenhaft handeln.« Tiher seufzte. »Na ja, zumindest werdet Ihr die Genugtuung haben, Euch ihm moralisch überlegen zu fühlen.« Tiarnáns Augen funkelten. »Warum nicht? Es ist die einzige Genugtuung, die ich von ihm bekommen werde.« Tiher hatte die hintergründige Ironie Tiarnáns vergessen, die sich hinter einem unbewegten Gesicht verbarg. Er starrte ihn überrascht an. Ihre Blicke begegneten sich, und mit einemmal war die Bitterkeit, die dieses Treffen beherrscht hatte, verschwunden. Was zwischen Alain und Tiarnán war, betraf Tiher nicht. Er hatte nichts damit zu tun gehabt. Warum sollte er sich stellvertretend für seinen Vetter schämen? Tiher lehnte sich entspannt zurück und trank einen kräftigen Schluck Wein. »Eure Leute würden Alain gern die gleiche Behandlung angedeihen lassen, die sein Verwalter für sich ergehen lassen muß«, sagte er. »Ihr könnt Gilbert seinem Herrn zurückbringen, wenn Ihr heimreitet.« »In dem höchst anrüchigen Zustand, in dem er sich befindet? Nein, besten Dank. Schickt ihn zu Fuß zurück, damit er sich ordentlich auslüften kann.« Tiarnán lächelte. Er hatte befürchtet, daß diese Begegnung sehr viel schwieriger verlaufen würde. Das Bewußtsein, daß Tiher sein Geheimnis kannte, hatte ihn beunruhigt und deprimiert. Tiher verhielt sich jedoch, als ob dieses Geheimnis völlig belanglos sei. Er war ihm dafür dankbar. Tiher ist immer ein ehrenhafter Mann gewesen, dachte er – im Gegensatz zu seinem Vetter. Er würde Marie wahrscheinlich sehr glücklich machen. Die Erinnerungen aus dem Wolfsleben waren Tiarnán stets sehr lebendig und intensiv erschienen, doch seltsam unscharf, halb wortlos, wie Erinnerungen aus der frühen Kindheit. Sein menschlicher Geist hatte eben erst begonnen, Isegrims Erlebnisse zu verarbeiten, sie nach seinen eigenen Denkkategorien zu interpretieren. Aber er wußte bereits, daß das, was er als Wolf für Marie zu empfinden begonnen hatte, als leidenschaftliche menschliche Liebe zu deuten war. Als er sich letzte Nacht schlafen gelegt hatte, hatte er sich elend gefühlt vor Angst und Verwirrung. Sie hatte ihn einst geliebt, jetzt aber wußte sie, was er war, und sein Anblick bereitete ihr Qual. Er konnte nicht vergessen, wie sie die Hände vor Schmerz zusammenpreßte, als sie ihn ansah, und er konnte auch den Geruch ihres Kummers nicht vergessen. Er sehnte sich danach, sie wiederzusehen, und doch hatte er Angst davor. Der Geruchssinn des Wolfs hatte erkannt, was Eline für ihn empfand, er wollte nicht diesen gleichen Abscheu auf Maries Gesicht entdecken. Sie hatte gesagt, daß sie Eline sehr gut verstehe. Marie hatte ihn vor dem sicheren Tod gerettet und ihm ein lebenswertes Leben zurückgegeben, aber über ihre Motive für ihre Handlungsweise konnte er nur Vermutungen anstellen. Wahrheitsliebe hauptsächlich, dachte er, und ein abstrakter Gerechtigkeitssinn. Er wagte es nicht, sich durch die Hoffnung, daß sie ihn noch ein wenig liebte, der Gefahr einer neuen Katastrophe auszusetzen. All sein Selbstvertrauen war durch die ungeheure Last seiner Demütigungen zerstört worden. Er fürchtete sich, ihr wieder zu begegnen. Diese Bitterkeit, von einer Frau, die er liebte, als Monster angesehen zu werden, hatte er bereits gekostet, er würde das nicht noch einmal ertragen können. Soll Tiher Marie heiraten und sie glücklich machen. Wenn sie glücklich verheiratet war, würde der Sturm der Gefühle, der ihn jetzt folterte, zur Ruhe kommen. »Wenn Ihr Euer Gut erbt«, sagte er mit voller Absicht zu Tiher, »werdet Ihr besser wirtschaften, als Euer Vater das getan hat, Tiher de Fougères.« »Das will ich hoffen, oder ich würde es nicht lange behalten!« erwiderte Tiher grinsend. »Aber ich habe leider keine Aussicht auf ein solches Erbe.« Tiarnán sah ihn ruhig an, dann sagte er leise: »Herzog Hoel hat zu Dame Marie gesagt, Ihr würdet Land bekommen, sobald der nächste seiner Vasallen ohne Erben stirbt. Er sagte, er würde einen Mann wie Euch nicht leer ausgehen lassen. Er drängte Marie, Euch zu heiraten.« Tiher war vor Überraschung wie betäubt. Er stellte seinen Becher auf den Boden und starrte Tiarnán ungläubig an. Tiarnán starrte zurück, seine Augen waren plötzlich wieder so unergründlich wie die Isegrims. »Wann hat der Herzog das gesagt?« fragte Tiher. »Als wir in Paris waren.« Tiher hielt den Atem an. Natürlich, der Wolf war mit in Paris gewesen, aber … »Ihr habt das Gespräch gehört?« fragte er. »Ihr konntet verstehen?« Tiarnán senkte die Augen, blickte auf den Becher Wein, den er in der Hand hielt. »Wenn ich mich konzentrierte, konnte ich verstehen, was gesagt wurde. Es war nicht leicht, aber damals hörte ich genau zu. Und ich erinnere mich besonders klar, eben weil ich mich konzentrieren mußte. Wenn der Herzog zu Euch nichts davon gesagt hat, dann wahrscheinlich deshalb, weil er Euch überraschen will. Ihr seid einer seiner Favoriten.« »Ich?« »Seit Ihr ihm nicht ›erlauben‹ wolltet, sein Leben aufs Spiel zu setzen.« Tiarnáns Stimme klang trocken. Tiher erinnerte sich plötzlich lebhaft an die Situation: der erschöpfte Wolf, der zitternd neben dem Pferd des Herzogs kauerte, und er selbst, der ihm das Halsband und den Maulkorb anlegte. »Mein Gott«, flüsterte Tiher. Er schwieg eine Weile nachdenklich, dann fragte er heiser: »Warum erzählt Ihr mir das?« Tiarnán blickte in seinen Becher, als wollte er auf dem Grund sein Schicksal lesen. »Ihr seid an einer gewissen Dame interessiert. Ich dachte mir, Ihr solltet wissen, daß Ihr sie ernähren könntet, wenn Ihr sie heiraten wollt.« »Soll das heißen, daß Ihr kein Interesse an der Dame habt?« fragte er ungläubig. Was Marie für Tiarnán empfand, war ihm gestern völlig klargeworden, und daß Tiarnán ihr gegenüber gleichgültig sein könnte, diese Hoffnung schien ihm doch zu unrealistisch. Tiarnáns Kopf fuhr hoch. »Um Christi willen!« flüsterte er leidenschaftlich. »Hört auf, so zu tun, als wüßtest Ihr nicht, was ich bin! Wie kann ich mich mit solchen Gedanken einer Dame nähern, wenn sie weiß, ich … Ihr habt gesehen, was es Eline angetan hat.« »Aber …«, begann Tiher, dann hielt er inne. Er kämpfte mit sich. Tiarnáns Ausbruch hatte klargemacht, daß er gegen Marie ungefähr so gleichgültig war, wie Zunder gegen Feuer ist. Doch er sah keine Hoffnung für sich. Tiher schossen die widersprüchlichsten Gedanken durch den Kopf. Er liebte Marie, und wenn Tiarnán als Bewerber auftrat, waren seine eigenen Chancen, sie zu gewinnen, sehr gering. Und außerdem hatte Marie an dem Abend in Treffendel, als er seinen halb ernsten, halb spöttischen Antrag vorbrachte, gewußt, daß er Aussichten auf Landbesitz hatte – und sie hatte nichts gesagt und die Sache als Scherz abgetan. Wenn es ihr da schon so widerstrebte, seinen Antrag in Erwägung zu ziehen, als sie Tiarnán für tot hielt, welche Chance hatte er jetzt bei ihr, wo sie wußte, daß sein Rivale lebte? Überdies hatte Tiarnán ihm gerade großherzig neue Gründe zur Hoffnung gezeigt. Wie konnte Tihers Antwort darauf sein, daß er ihn durch ein falsches Spiel in Verzweiflung stürzte? Das war die Art von Trick, die er von Alain erwarten würde. »Es ist richtig, daß Marie weiß, was Ihr seid«, sagte Tiher in ungezwungenem Ton, der nichts von dem stechenden Schmerz in seinem Herzen verriet. »Doch es scheint ihr nicht viel auszumachen.« Tiarnán starrte ebenso ungläubig, wie Tiher es vor wenigen Minuten getan hatte. »Aber ich konnte riechen …«, begann er – hielt abrupt ein und blickte zur Seite. Was er als Wolf wahrgenommen hatte, davon durfte nicht gesprochen werden; es würde ihn nur noch monströser erscheinen lassen. Tiher sah ihn nachdenklich forschend an, dann zuckte er die Schultern. »Wie dem auch sei, ich betrachte Euch jedenfalls als meinen gefährlichsten Rivalen.« Tiarnáns Augen leuchteten in skeptischer Hoffnung auf. »Ihr seid ein ehrenhafterer Rivale als Euer Vetter«, sagte er und lächelte. »Blöd von mir, was?« sagte Tiher und grinste. Bei sich dachte er: Ich weiß nicht, warum ich den Burschen mag. Wenn er sich entschließt, um Marie zu werben, kann ich meine Chancen in den Schornstein schreiben. So wie sie ihn gestern angesehen hat, ist daran nicht zu zweifeln. Und er ist ein Werwolf, das unmöglichste aller unmöglichen Dinge! Ich müßte ihn verabscheuen. Statt dessen sitzen wir hier und grinsen uns gegenseitig an. Nun, Marie liebt ihn, und er wird sie verehren, als wäre sie die Muttergottes. Was mich angeht, ich werde mein Glück bei ihr versuchen, solange ich kann, und dann werde ich an Glück zusammenkratzen, was ich finden kann. Mit einem eigenen Gut sollte das eine ganze Menge sein. Er nahm den Becher, leerte ihn und stellte ihn auf den Boden zurück. »Danke für den Wein«, sagte er. »Ich muß jetzt mein Pferd holen und nach Treffendel zurückreiten.« »Natürlich«, sagte Tiarnán. »Ich begleite Euch zu den Ställen.« Als Tiher aufsaß, fragte Tiarnán plötzlich: »Ist Eline schlimm verletzt?« Tiher setzte sich im Sattel zurecht und sah zu Tiarnán hinunter. »Die rechte Seite der Nase ist aufgerissen, und auf beiden Wangen sind Kratzwunden«, antwortete er ruhig. »Nach Auskunft des Arztes sind die Wunden sauber und müßten gut verheilen. Aber sie wird die Narben ihr Leben lang behalten.« »Oh«, sagte Tiarnán und senkte die Augen. »Sagt Ihr, daß es mir leid tut.« Drei Tage später, als der Herzog Treffendel verließ, um seinen Bruder nach Nantes zu begleiten, bat Marie die Herzogin, einen Besuch in St-Mailon machen zu dürfen. Tiher bot ihr seine Begleitung an, aber sie lehnte ab. Sie brauchte Abstand, um nachzudenken und sich über ihre Situation klarzuwerden, und Tiher machte kein Hehl mehr daraus, daß er die Jagd nicht aufgegeben hatte. Ein Mann aus der Kanzlei des Herzogs, der etwas auf einem Gut in derselben Gegend zu erledigen hatte, erklärte sich einverstanden, sie zu der Einsiedelei zu begleiten und auf seinem Rückweg ein paar Stunden später wieder abzuholen. Während des Rittes hörte sie dem Mann zerstreut zu, der ihr weitschweifig von seinem Auftrag erzählte, und an der Abzweigung zur Lichtung verabschiedete sie sich höflich und erleichtert von ihm. Mit dem Gefühl, einen Ort friedlicher Ruhe erreicht zu haben, zog sie die Schnur der kleinen hellen Glocke über der Kirchentür und ging hinein. Die Kapelle war dämmerig und leer. Eine Handvoll Waldblumen lag auf dem Altar, das Sonnenlicht fiel kreuz und quer durch die Fenstergitter und warf ein bizarres Lichtgebilde auf die Blumen. Plötzlich fühlte Marie sich glücklich. Seit dem Augenblick, als ihr Tiarnáns Geheimnis klar wurde, war sie von Unruhe und Angst erfüllt gewesen, und es war nur noch schlimmer geworden, als keine der Katastrophen, die sie befürchtet hatte, eintrat. Hier endlich war Frieden. Sie kniete vor dem Altar nieder und begann zu beten. Als der Eremit ein paar Minuten später hereinkam, war das Lichtgebilde vom Altar auf den Boden gewandert und lag dort vor Marie wie ein kleiner Schatz von Juwelen. Judicaël sah sie vor dem Altar knien in ihrem gelbbraunen Kleid, so gerade und schlank wie ein junger Baum, den gebeugten Kopf in einen dunkelgoldenen Schleier gehüllt; er blieb einen Augenblick in der Tür stehen und beobachtete sie. Tiarnán hatte ihm aus Talensac einen Brief gesandt, er wußte also, was Marie getan hatte. Seine Freude und seine Dankbarkeit waren so groß, daß er sie nicht in Worte fassen konnte. Die Zeit mochte noch viele Probleme mit sich bringen, aber in einigen Tagen war die Fülle von Gottes Gnade offenbar geworden. »Gott sei mit Euch, Tochter«, sagte er nach einer Weile. Sie wandte sich um, sah ihn mit leuchtenden Augen an und lächelte. »Gott sei mit Euch, Vater. Ihr habt mich gebeten wiederzukommen, wenn mein Urteil feststeht.« Er kam langsam nach vorn, verbeugte sich vor dem Altar und kniete ihr gegenüber hinter dem Gitter nieder. »Ich habe vor zwei Tagen einen Brief von meinem Pflegesohn erhalten«, sagte er ruhig. »Er schrieb, daß er tief in Eurer Schuld steht. Ich bin dankbar, mehr, als ich sagen kann.« Sie errötete und blickte zu Boden. »Ich bin einigen Mutmaßungen nachgegangen.« »Die Ihr nicht hättet haben können, wenn Ihr Euch damit begnügt hättet, die Welt mit den Augen der Welt zu sehen. – So, Euer Urteil steht nun fest?« Sie zuckte die Schultern. »Fest? Ich weiß es nicht. Wer außer Gott kann in einer solchen Sache ein endgültiges Urteil sprechen? Und Ihr kennt Tiarnán besser als ich. Aber nach allem, was ich sehen oder erkennen oder fühlen kann, glaube ich mit Euch, daß er kein Monster ist. Die Welt, die Gott geschaffen hat, ist nicht monströs. Und für das, was wir von Natur aus sind, wie immer wir dazu gekommen sein mögen, können wir nicht verantwortlich gemacht werden – unsere Schuld liegt allein in den Gedanken unseres Herzens und den Taten, die aus ihnen entspringen. Ich glaube daher, daß Tiarnáns Frau sich vor Phantomen fürchtete und daß Ihr in Gottes Augen recht gehabt habt, Tiarnán keine Buße aufzuerlegen für das, was er war. Zwar wäre es aus weltlicher Sicht sicherer gewesen, wenn Ihr es getan hättet, dennoch: Jemand muß die Welt mit Gottes Augen sehen – mit Liebe und nicht mit Furcht.« Judicaël stieß einen langen Seufzer aus und beugte den Kopf. »Ihr habt mir mehr gegeben, als ich erwartete«, sagte er nach langem Schweigen. »Es ist nur meine Meinung«, sagte Marie lächelnd. »Auf sie ist kein Verlaß.« Sie sprachen gelassen miteinander, als die kleine Glocke der Kapelle wieder ertönte. Sie wandten sich beide um und sahen Tiarnán eintreten. Er blieb, als er sie erblickte, abrupt stehen; Bestürzung und Überraschung zeigten sich auf seinem Gesicht. Marie sah ihn ebenso überrascht an und wurde rot. Judicaël sprang mit einem Satz über das Altargitter, lief Tiarnán entgegen und umarmte ihn leidenschaftlich. »Gott sei Dank, wir haben dich in deiner richtigen Gestalt wieder!« sagte er heftig, hielt ihn bei den Schultern und schüttelte ihn. »Gott sei Dank!« Dann trat er einen Schritt zurück und schaute Tiarnán argwöhnisch an. »Wieso bist du in diesen Kleidern?« fragte er. Tiarnán trug wieder seinen grünen Jagdanzug. »Meine anderen sind alle verkauft worden«, antwortete Tiarnán mit seinem einseitigen Lächeln. »Ihr braucht Euch keine Sorgen zu machen, ich bin heute nicht mal allein. Ich habe zwei Männer draußen, und ich habe noch Glück gehabt, daß es nicht mehr sind. Ganz Talensac schwirrt ständig um mich herum und läßt mich nicht aus den Augen. Ich komme mir vor wie ein neugeborenes Baby.« »Gut«, sagte Judicaël streng. »Vielleicht werden sie dich vor Eskapaden bewahren.« »Ich bin gekommen, um Euch zu besuchen, Vater«, sagte Tiarnán zögernd. »Ich erwartete nicht, Dame Marie hier anzutreffen. Gott segne Euch, Dame. Ihr seid nicht allein hergeritten?« »Der Mann, der mich hierher begleitet hat, wird mich in ein paar Stunden abholen«, sagte Marie. Aus Ärger über die steife Sprödigkeit ihrer Stimme biß sie sich auf die Lippe. Der stechende Schmerz in ihrem Herzen war wieder da, seit er in Treffendel ihr Gesicht berührt und gesagt hatte: Eure Augen sind grau. Sie hatte nicht damit gerechnet, daß sie diese Art von Schmerz noch einmal empfinden würde. Am Abend seines Hochzeitstages hatte sie alle Hoffnung, ihn selbst einmal zu heiraten, endgültig aufgegeben. Die Möglichkeit, daß diese Ehe annulliert werden könnte, war ihr nie in den Sinn gekommen, bis Eline sie erwähnt hatte. Jetzt hatte sie Angst vor diesem Schmerz, Angst vor Tiarnáns Dankbarkeit. Sie hatte nicht vorgehabt, ihn zu sehen, bevor er nach Nantes an den Hof kommen würde. »Könnte ich seinen Platz übernehmen?« bot Tiarnán rasch an. »Den ganzen Weg nach Nantes, Herr Tiarnán? Ich habe gehört, daß Talensac Euch ein hohes Maß an persönlichem Einsatz abverlangt, und ich bin sicher, daß Ihr es vorziehen würdet, es vorerst nicht allein zu lassen.« »Mein Verwalter Kenmarcoc ist gestern abend zurückgekommen; ich bin daher weniger angebunden und könnte einen kurzen Besuch am Hof machen. Ich müßte sowieso in ein paar Tagen nach Nantes reiten, um zu sehen, ob ich mein Pferd und meine Rüstung auslösen kann. Dame Marie, wenn ich Euch in irgendeiner Weise zu Diensten sein kann, würde ich mich sehr freuen. Ich weiß, wie tief ich in Eurer Schuld stehe.« Marie stockte wieder einmal der Atem. »Herr Tiarnán, ich bin Euch ebenfalls zu großem Dank verpflichtet für einen Dienst, den Ihr mir einst erwiesen habt. Sagen wir, wir schulden einander nichts mehr.« Judicaël hatte von Marie zu Tiarnán geschaut und von Tiarnán zu Marie, und sein Gesicht entspannte sich zu einem heiteren Lächeln. »Vielleicht, mein Sohn«, sagte er fröhlich, »könnten wir alle zu meiner Klause hinübergehen und gemeinsam das Mittagessen einnehmen – das heißt, wenn du es nicht zu eilig hast, mir deine Sünden zu beichten. Es ist Mittagszeit.« Als sie aus der Kapelle traten, kamen die beiden Begleiter Tiarnáns wie ängstliche Kindermädchen herbeigeeilt. Tiarnán warf ihnen einen Blick höchsten Mißfallens zu, und Marie mußte ein Kichern unterdrücken. Die beiden kamen ebenfalls mit zu Judicaëls Klause, Proviant brachten sie mit. Der Eremit und seine Gäste setzten sich auf eine Bank in dem von Kräuter- und Blumenduft erfüllten Garten. Sie aßen Brot und Käse und Kirschen und tranken dazu Ziegenmilch und Bier. Dann sagte Tiarnán zu seinen Dienern, sie sollten jetzt gehen und nach den Pferden sehen. »Kümmert Euch auch um Dame Maries Pferd, die Rotschimmelstute, die an einem Baum im Schatten angebunden ist. Führt sie alle zum Bach hinunter, laßt sie trinken und versorgt sie gut.« »Ihr werdet bei Vater Judicaël und der fremden Dame bleiben?« fragte einer der beiden mißtrauisch. »Die ›fremde Dame‹ heißt Dame Marie Penthièvre und ist eine Verwandte der Herzogin; der Herzog selbst ehrt sie wegen ihrer Weisheit, und du, Donoal, solltest nicht so respektlos von ihr sprechen. Was soll die Frage überhaupt? Denkst du, ich werde euch verlorengehen? Geht und kümmert euch um die Pferde. Ich habe euch nicht gebeten, mich zu begleiten; beklagt euch also nicht, wenn ihr es langweilig findet.« Die beiden entfernten sich, warfen aber mehrmals ängstliche Blicke zurück. Tiarnán schnippte gereizt einen Kirschkern in ihre Richtung. »Ich weiß nicht, was mit den beiden los ist. Sie denken offenbar, es könnte etwas passieren, wenn sie mich aus den Augen lassen«, sagte er ärgerlich. »Du bist von diesem Platz schon einmal plötzlich verschwunden«, sagte Judicaël scharf. »Und sie waren wehrlos Menschen ausgeliefert, die sie nicht verstanden und die sie mit Verachtung behandelten. Natürlich haben sie Angst, dich hier wieder allein zu lassen. Was dir zustößt, zieht sie in Mitleidenschaft. Du solltest daran denken, Tiarnán.« Tiarnáns Ärger war mit einemmal verflogen. Er sah Judicaël ernst an. »Ich kann das wohl kaum mehr vergessen. Justin, Conwals Sohn, ist ausgepeitscht worden; wußtet Ihr das? Man hat mir berichtet, daß er weinte und um Gnade bettelte. Justin, der sich nie vor einem Menschen gefürchtet hat! An einen Pfahl gekettet und von einem der Fougères-Männer ausgepeitscht, weil er sein Getreide nach Montfort gefahren und dort hat mahlen lassen. Und er war nur der erste.« »Ich weiß, was sich in Talensac zugetragen hat«, erwiderte Judicaël ruhig. »Den ganzen Sommer über ist der Strom der Menschen von dort nicht abgerissen, die um Hilfe und Rat baten. Was ich wissen möchte, ist: Wirst du sie wieder im Stich lassen?« Langes Schweigen. »Ich weiß es nicht«, antwortete Tiarnán schließlich mit bedrückter Stimme. »Ich will es nicht.« Er war sich in diesem Augenblick ganz sicher, daß ihn nie wieder das Verlangen überkommen würde, sein Menschsein zu verlassen. Was er früher im Wald getan hatte, war, so schien es ihm jetzt, nichts gewesen als ein Spiel: das Spiel, ein wildes Tier zu sein. Nachdem er ein paar Tage als Wolf durch den Wald gestreift war, war er heimgegangen zu seinem behaglichen Gutshaus, hatte sich von den Strapazen ausgeruht und gut und reichlich gegessen. Die Wirklichkeit war anders, das hatte er später erfahren: Kälte und Hunger, ohne Hoffnung, ihnen zu entkommen, verzweifelte Einsamkeit und ständige Gefahr. Er würde es nie vergessen können, und er hatte kein Verlangen danach, diese Art von Leben noch einmal zu kosten. Aber er hatte früher mehrere Male auf Judicaëls Drängen versucht, seine Verwandlungen aufzugeben, und immer war das Verlangen so mächtig geworden, daß es alle Skrupel überwand. »Ich wäre froh, wenn ich davon loskommen könnte«, sagt er leise zu Judicaël. »Auch andere Menschen haben starke und drängende Triebe, beherrschen sie aber«, sagte Judicaël streng. »Um der Menschen willen, die von dir abhängig sind, und auch um deinetwillen mußt du sie ebenfalls beherrschen. Es war früher gefährlich – aber nun bist du fast ein Jahr lang spurlos verschwunden gewesen, und du bist zurückgekehrt, nachdem man dich für tot gehalten hatte. Es wird dir in Zukunft nicht mehr möglich sein, dich einfach fortzustehlen. Man wird dein Kommen und Gehen jetzt sehr genau verfolgen. Du würdest ein viel größeres Risiko eingehen. Wenn du es wieder einmal tun solltest, ich warne dich jetzt, werde ich dir eine Buße auferlegen – nicht für die Sache selbst, aber dafür, daß du ein dummes und unnötiges Risiko eingehst, das dein Leben und die Sicherheit der von dir abhängigen Menschen gefährdet.« Tiarnán senkte den Kopf. »Ich würde es verdienen.« Marie stellte sich vor, wie er fastete, nur Brot aß und Wasser trank und demütig seine Vaterunser sprach. Sie mußte sich zusammennehmen, um nicht herauszuplatzen. Ich bin albern, ermahnte sie sich. Die Sache ist überhaupt nicht lächerlich. Tiarnán hatte anscheinend etwas bemerkt. Er schaute zu ihr herüber, und ihre Blicke begegneten sich; seine Augen leuchteten auf, und das Lachen war ihr plötzlich vergangen. Sie hatte das heftige Verlangen, sein Gesicht zu berühren, die weiße Narbe auf seinem Kinn zu streicheln und ihn zu küssen. Sie zwang sich, die Augen abzuwenden. Tiarnán schaute auf ihren sittsam gesenkten Kopf und dachte daran, wie er bei Nimuës Quelle ihren Kopf gesehen hatte, weiß schimmernd gegen das Grün des Grases. Seit Tihers Besuch hatte er oft an sie gedacht. Er war sich nicht sicher, ob er sich auf das, was Tiher gesagt hatte, verlassen konnte. Seit seiner Ankunft in St-Mailon hatte er sie verstohlen betrachtet, hatte ängstlich nach Anzeichen von Abscheu gesucht – aber da war nichts Derartiges gewesen, vielmehr eine Ungezwungenheit, die, so mußte er sich eingestehen, an ein Wunder grenzte. Er hatte das Lachen in ihren Augen bemerkt, als Judicaël ihm mit Bußen drohte. Daß es plötzlich erlosch, als sich ihre Augen begegneten, verwirrte und beunruhigte ihn. Er wußte nicht, wie er vorgehen sollte, ob er überhaupt versuchen sollte, ihr näherzukommen. Sie war ganz und gar nicht wie Eline, und was er für sie empfand, war etwas völlig anderes. Aber er wollte nicht aufgeben, er wollte das Lachen in diese Augen unter den langen dunklen Wimpern zurückbringen, wollte sehen, wie sie ihn anlächelte. Er fand bei aller Unrast Frieden in ihrer Gegenwart, er wollte sie nicht gleich wieder verlassen, ohne daß etwas geklärt, ja ohne daß etwas ausgesprochen worden war. »Meine Dame«, sagte er, »wann wird Euer Begleiter kommen?« »Er sagte, er würde nicht später als zur Non zurück sein«, antwortete sie und schaute hoch. »Wir sollen den Herzog in Redon einholen, und wenn der Mann später als zur Zeit der Non kommt, werden wir erst lange nach Dunkelwerden dort eintreffen.« Tiarnán nickte. Der Hof legte auf dem Weg von einer Burg zur anderen gewöhnlich einen Zwischenaufenthalt in dem großen Kloster Redon ein. »Werdet Ihr mit dem Hof in Nantes bleiben?« fragte er vorsichtig. »Oder plant Ihr, Euren Ländereien zum Kloster St-Michel zu folgen?« »Darüber habe ich noch nicht entschieden, Herr Tiarnán.« Sie wandte ihre Augen von ihm ab, senkte sie wieder. Er betrachtete ihr Profil, die hohe Stirn, die starken Wangenknochen und die Linie des Halses, der sich blaß und weich vom Gold des Schleiers abhob. »Ich weiß, daß Ritter Tiher noch immer hofft, daß Ihr ihn heiraten werdet, und daß Herzog Hoel beabsichtigt, ihm ein Lehnsgut zu geben«, sagte er, ihre Reaktion herausfordernd. Doch kaum ein Blinken. »Ich nehme an, Ihr habt das Gespräch gehört?« erwiderte sie ruhig. »Auch darüber habe ich noch keine Entscheidung getroffen, Herr Tiarnán.« »Dame Marie«, begann er ernst – er war sich nicht sicher, wieviel oder was er sagen wollte, aber er wußte, daß er etwas sagen mußte; vielleicht würde sie sonst denken, es gäbe nicht noch anderes zu entscheiden –, »als Ritter Tiher nach Talensac kam, am Tag nach meiner Rückkehr, waren wir uns darüber einig, daß wir Rivalen sind. Verzeiht, wenn das, was ich jetzt sage, Euch unwillkommen ist – aber Tiher selbst deutete an, daß meine Sache nicht ganz aussichtslos sei. Ich weiß, daß er ein ehrenhafter und schätzenswerter Mann ist, und ich weiß, daß ich ein …« Er zögerte, suchte nach Worten, diesen scharfen und schlüpfrigen Dingern, die für ihn nie etwas von Bedeutung ausgedrückt hatten. Sie hatte ihm ihr Gesicht zugewandt, und ihre Augen, klar, vor Überraschung weit aufgerissen, aber immer noch ohne jede Spur von Abscheu, gaben ihm den Mut, sich weiter abzuquälen. »Ich weiß, daß ich ein … ein Mann bin, der sich als sehr schlechter Ehemann für eine Frau erwiesen hat, und ein …«, er stockte wieder, konfrontiert mit der brutalen Deutlichkeit eines häßlichen Wortes, das er noch immer, auf sich selbst bezogen, für falsch hielt. »Ich weiß, was Ihr seid«, sagte Marie, ruhig und ohne Anzeichen von Grauen oder Mitleid. Er holte tief Atem und plagte sich weiter. »Vielleicht verachtet Ihr mich dafür. Ihr habt gesagt, Ihr verständet, was Eline empfand. Wenn Ihr mich verachtet und nicht wünscht, daß ich Euch weiter behellige, dann sagt es jetzt, und ich werde es selbstverständlich respektieren. Wenn Ihr es aber könnt, dann erlaubt, daß meine Liebe wie die Tihers und wie das Angebot des heiligen Michael in Eure Entscheidung einbezogen wird.« Maries Gesicht brannte, sie schaute zu Boden. Sie dachte daran, ihm zu sagen, daß er dies wirklich nicht hätte aussprechen dürfen, solange seine erste Ehe nicht annulliert war – aber sie wußte, daß sie das nicht über sich bringen konnte. Eline hatte ihn tiefer verletzt, als sie geglaubt hatte, wenn die gelassene Selbstsicherheit dieses Mannes so sehr ins Wanken geraten war, daß er sich demütig entschuldigte, weil er sie liebte. Nein, sie könnte nicht auch noch in diese Wunde stoßen, selbst wenn es nicht so ungeheuer wichtig für sie wäre, nichts zu tun, was ihn entmutigen konnte. Sie blickte auf und stellte fest, daß er sie ängstlich beobachtete. »Herr Tiarnán«, sagte sie leise, »Ihr könnt versichert sein, daß ich weder Grauen noch Verachtung für Euch empfinde. Wenn ich Elines Gefühle verstehe, dann bedeutet das, daß ich sie bemitleide, aber nicht, daß ich ihr Verhalten gutheiße. Was sie Euch angetan hat, war abscheulich. Was mich selbst betrifft, ich …« Sie hielt inne, sie wußte nicht, wie sie den Satz zu Ende bringen sollte. Aber wie es schien, war das auch nicht nötig. Tiarnáns Gesicht war aufgeleuchtet wie eine Flamme. Judicaël stand auf. »Ich muß mich um meinen Garten kümmern«, sagte er. Er holte sich eine Hacke und ging zum Ende des Gartens hinunter. Tiarnán sah ihm überrascht nach, dann schaute er wieder Marie an, und über sein Gesicht breitete sich das bei ihm so seltene volle Lächeln aus. »Das war sein Segen«, erklärte er ihr. »Mehr als das wird er nicht sagen, es könnte ja als Einmischung ausgelegt werden.« Und dann rutschte er auf der Bank nahe an sie heran, nahm ihr Gesicht leicht zwischen seine Hände – ganz wie in ihrem Traum – und küßte sie. Sie hatte das Gefühl, als würde ihr Herz einen Wasserfall hinuntergerissen. Als er den Kopf wieder hob, lächelte sie in seine Augen, und dann warf sie die Arme um ihn, hielt seine Gestalt und seine Wärme eng an sich. Sie barg die Seite seines Gesichts in ihrer Hand und berührte die weiße Linie an seinem Kinn, und es schien irgendeine tiefe Sehnsucht zu erfüllen, mit der sie ihr ganzes Leben lang gelebt hatte. Als seine Arme sich um sie schlossen, wußte sie: Alles war gut. Körper und Seele waren im Gleichgewicht. »… ich liebe dich«, sagte sie und brachte ihren Satz so doch noch zu Ende. HISTORISCHER EPILOG Der Handlung dieses Buches liegt das Lai de Bisclavret zugrunde, eine Versnovelle der französischen Dichterin Marie de France aus dem zwölften Jahrhundert. Die Erzählung ist interessant, gut aufgebaut, aber sehr kurz. Keine der handelnden Personen wird mit Namen genannt: sie sind einfach ›der Ritter‹, ›die Dame‹ und so weiter. ›Der Herzog‹ kommt nicht vor, statt dessen gibt es einen ›König‹ der Bretagne. Das hat mir einige Schwierigkeiten bereitet, als ich der entliehenen Handlung einen exakten historischen Hintergrund zu geben versuchte. Die Welt, die den Schauplatz dieser Dichtung bildet, trägt alle Züge der zivilisatorischen Verfeinerung und des Fortschrittswillens eines entwickelten Feudalsystems, das erst mehr als ein Jahrhundert nach dem Tode des letzten Königs der Bretagne entstand. Das störte einen mittelalterlichen Erzähler nicht, der keinen solchen Begriff wie ›Anachronismus‹ kannte, ein moderner Autor historischer Romane dagegen steht in einer anderen Tradition und muß nach deren Methoden arbeiten. Aber nicht nur der Hintergrund, auch die Geschichte selbst konnte meines Erachtens unmöglich dem Zeitalter zugeordnet werden, in dem die Bretagne Könige hatte. Wie die meisten mittelalterlichen Verserzählungen handelt sie von den widerstreitenden Loyalitäten und Gefühlen von Individuen – ein Thema, das dem überragenden Interesse des frühen Mittelalters am Fortbestand und an der Entwicklung des Gemeinwesens im Grunde völlig fremd war. So wurde denn aus dem König ein Herzog und aus seinem Königreich das historische Herzogtum. Allerdings entschied ich mich für eine möglichst frühe Zeit in der Geschichte des Herzogtums Bretagne, als es den anderen Gewalten Frankreichs noch nicht zu sehr untergeordnet war, so daß der Herzog so unabhängig und einem König so ähnlich wie möglich blieb. Es sollte auch eine Zeit sein, in der im Herzogtum Frieden herrschte, damit die Beziehungen zwischen den Hauptpersonen des Buches nicht durch Umwälzungen eines Krieges kompliziert würden. Und außerdem wollte ich im Hintergrund ein Ereignis haben, von dem auch ein geschichtlich weniger bewanderter Leser gehört hatte, um einen Bezugspunkt in einer ziemlich unvertrauten Welt zu schaffen. Ich konnte kein Jahr finden, das allen gewünschten Bedingungen genügte. Am Ende machte ich es wie Aschenbrödels Schwestern: Ich schnitt den Fuß zurecht, damit er in den Schuh paßte; das heißt, ich manipulierte einige historische Daten, damit sie den Erfordernissen meines Buches entsprachen. Das Ereignis, das ich als Bezugspunkt wählte, ist der Erste Kreuzzug – aber Hoel war nicht Herzog der Bretagne, als er stattfand, und sein Sohn Alain IV. Fergant nahm nicht an ihm teil. Hoel starb ein paar Jahre vor Beginn des Kreuzzugs, und sein Sohn war viel zu sehr damit beschäftigt, den Besitz des Herzogtums gegen seine Penthièvre-Vettern zu verteidigen, um die Bretagne zu verlassen und ins Heilige Land ziehen zu können. Solche kleinen Mogeleien sind nicht schön, aber ich hielt es für kaum wahrscheinlich, daß die wenigen Leute, die die exakten Daten der Regierungszeiten der frühen mittelalterlichen Herzöge der Bretagne kennen, ein Buch über einen Werwolf lesen würden – und die Manipulation betrifft ja nur Jahre, nicht Jahrzehnte. Das ist die schlimmste meiner Sünden gegen die historische Genauigkeit (das phantastische Element der Handlung geht nicht auf mein Konto), ich habe mich aber auch eines gewissen Ausmaßes von Vereinfachung schuldig gemacht. Feudale Beziehungen konnten verteufelt kompliziert sein, und Westeuropa befand sich um die Wende vom elften zum zwölften Jahrhundert mitten in einer Periode radikalen kulturellen Wandels, bei dem die Bretagne in den meisten Bereichen zurückgeblieben, in anderen wieder fortgeschritten war. Um jedes Detail adäquat zu berücksichtigen, müßte man ein wissenschaftliches Werk schreiben, nicht einen Roman, und selbst das würde zur Hälfte Mutmaßung sein. Bleibt zu erwähnen, daß das ›bretonische Volkslied‹ in Kapitel 3 meine eigene Variation über Themen aus einer Anzahl keltischer Liebeslieder ist und daß ›Die Blätter fallen von den Bäumen‹ in Kapitel 8 eine Übersetzung von ›De ramis cadunt folia‹ ist, einem lateinischen Lied des dreizehnten Jahrhunderts – falsche Zeit, falsche Sprache, aber ein sehr schönes Gedicht, das der Stimmung, die ich zu schaffen versuchte, angemessen zu sein schien.