Torkil Damhaug Die Netzhaut Thriller Aus dem Norwegischen von Knut Krüger Buchnavigation > Buch lesen > Titel > Informationen zu Torkil Damhaug > Informationen zum Buch > Impressum > Hinweise des Verlags Vielen Dank, Helen, für deine Unterstützung. September 1996 M ittlere Gefahrenstufe. Die gelbe Flagge ist gehisst. Die Brandung schlägt hoch an den Strand, obwohl es erst zwölf ist. Er wirft das Handtuch in den Sand und läuft ins Wasser, behält das gelbe T-Shirt an. Das Wasser reicht ihm bis zum Nabel. Er macht ein paar Schwimmzüge, wirft sich in die sich brechenden Wellen, krault zu den Bojen und zieht an ihnen vorbei. Er spürt ein unheilvolles Kribbeln und Brausen in der Brust, doch selbst wenn sie die rote Flagge gehisst hätten, wäre er ins Wasser gegangen. Rote Flagge bedeutet höchste Gefahr. Niemand schwimmt heute so weit hinaus wie er. Er dreht sich zum Strand um. Wie ihm aufgetragen worden ist, hält Truls Nini an der Hand. Hier, jenseits der Bojen, kann er gerade noch hören, wie sie jedes Mal quiekt, wenn die Ausläufer einer Welle über ihre Füße schwappen. Weiter draußen werden die Wellentäler tiefer. Plötzlich öffnen sie sich, und er fällt nach unten, wird emporgehoben und stürzt über den nächsten Wellenkamm wieder hinab. Er muss sich anstrengen, um sich an der Oberfläche zu halten und nicht nach unten gezogen zu werden. Er prustet und schnaubt, wird hinaufgetragen und nach unten gedrückt. Die Wellen folgen dicht aufeinander, und wenn er sich auf der Krone befindet, kann er die Linie am Horizont erkennen, an der sich Himmel und graublaues Wasser berühren. Er weiß, dass sich das Wasser hinter dieser Linie bis nach Afrika erstreckt. Wie weit würde er kommen, wenn er auf diese unsichtbare Küste zuschwimmen würde? Jede Welle, die ihn hinabzieht und emporträgt, beantwortet er mit einer Bewegung seines Oberkörpers, die ihm das Gefühl gibt, der Stärkere zu sein. Wie lange wird er durchhalten, ehe er aufgeben und sich dem Willen der Wellen beugen muss? Nicht einmal heute Vormittag, als sie bei bestem Wetter zur Landung ansetzten, hatte er das Land auf der anderen Seite erkennen können. Er hatte sich zu seiner Mutter umgedreht, die in der Mitte saß, um sie zu fragen, wie viele Kilometer ihrer Meinung nach zwischen den beiden Küsten lagen. Doch er sah ihren Augen an, dass sie nicht mehr in der Lage war, solche Fragen zu beantworten. Hatte es bereits am frühen Morgen gemerkt, bevor sie das Flugzeug bestiegen. Direkt neben Gate 1 hatten sie im Café gesessen. Um drei Uhr nachts waren sie aufgestanden, um rechtzeitig am Flughafen zu sein. Nini lag in ihrem Buggy und schlief. Truls hatte sich auf seinem Stuhl zusammengerollt und war ebenfalls eingeschlafen. Er selbst starrte auf das Rollfeld. »Willst du was zu trinken, Jo?«, fragte Arne und zwinkerte ihm kumpelhaft zu, was bedeutete, dass Jo eine Cola haben konnte. Er wusste, dass hinter dieser Frage etwas anderes steckte. Und richtig: Kurz darauf kam Arne mit einer Cola, Kartoffelchips und einem Stück Kuchen zurück. Auch gut. Dass er sich selbst ein Bier gekauft hatte, war Jo egal. Arne konnte trinken, was er wollte. Aber der Mutter Rotwein mitzubringen war definitiv eine schlechte Idee. Es ist Viertel vor sechs am Morgen, und deine Mutter trinkt Wein. Kein normaler Erwachsener tut das. Sie hatte seit Tagen keinen Tropfen mehr angerührt, und Jo hatte gedacht, dass sie es auf dieser Reise – mit Sonne, Strand und all dem, wonach sie sich immer gesehnt hatte – vielleicht nicht nötig haben würde zu trinken. Doch noch bevor sie an Bord gingen, hatte sie drei Gläser geleert. Sie wollte Jo gar nicht mehr loslassen, fuhr ihm ständig durch die Haare und sagte nicht mehr »Flugzeug«, sondern »Flugseuch«, und auf einmal waren sogar Arnes Witze so wahnsinnig komisch, dass sie den Kopf zurückwarf und hickste. Als sie dann im »Flugseuch« saßen und die Flugbegleiterinnen mit ihren blau-weißen Uniformen ihre Servierwagen hinter sich herzogen, bestellte Arne einen Cognac für sie, obwohl er wusste, wie das enden würde. Vielleicht tat er es deshalb. Jo lehnte sich gegen die Scheibe und tat so, als schliefe er. Er hätte am liebsten einen Fallschirm gehabt und den Notausgang geöffnet, um über Deutschland oder Polen oder wo auch immer abzuspringen und in einem fremden Land zu landen, wo ihn niemand kannte und niemand etwas von Mutter oder Arne, dem Wichser, wusste. Ein paar Stunden später lagen sie mit einem Drink in ihren Liegestühlen am Pool, und seine Mutter ließ ihr Glas fallen, das auf den Steinfliesen zersprang. Da hielt es Jo nicht länger aus, stand auf und lief zum Strand hinunter. »Nimm Truls und Nini mit!«, befahl Arne. Gemeinsam mit seinem kleinen Bruder trottete Jo den steilen, steinigen Abhang hinunter. Seine kleine Schwester lag in ihrem Buggy. Eine kleine Familie. Wenn er nun einfach mit Truls und Nini abhaute und wieder nach Hause fuhr? Nein, nicht nach Hause. Lieber an einen anderen Ort, an dem er sich einen Job beschaffen und für ihren Unterhalt sorgen konnte. Dann mussten sie Arne nicht mehr sehen und bekamen nicht mehr mit, wie sich die Mutter um den Verstand soff, Gläser zerbrach und sich vor fremden Menschen danebenbenahm. Aber das war noch lange nicht das Schlimmste, was an ihrem ersten Ferientag geschah. Das geschah am Abend. Jo bringt Nini ins Bett, nachdem er ihr die Allergiemedizin und das Schlafmittel gegeben hat. Flößt es ihr mit sanfter Gewalt ein, obwohl sie protestiert. Die Mutter hat ihm ein ums andere Mal gesagt, dass er nicht vergessen darf, ihr alle vier Tabletten zu geben, bevor er sie ins Bett bringt. Und dann erzählt Truls ihm plötzlich, dass ihre Mutter Nini die Tabletten schon gegeben hat, bevor sie hinausging. Sie hat vergessen, es Jo zu sagen. Also hat Nini heute die doppelte Dosis bekommen. Kein Wunder, dass sie jetzt schläft wie ein Stein. Liegt da, ohne sich zu rühren. Jo bleibt eine Zeitlang bei ihnen sitzen. Truls hat einen Stapel Phantom-Comics neben sich, die er von Arne bekommen hat. Truls sagt, Arne sei cool, weil er ihm seine alten Comics überlasse. Das geht nur die beiden etwas an. Arne hat die Comics seit seiner Kindheit gesammelt. Er war Mitglied des Phantom-Klubs und besaß den berühmten Siegelring des Helden. Auch den hat Truls übernommen. Jo nimmt von Arne schon lange nichts mehr an. Und wenn, dann stopft er es tief in seinen Kleiderschrank und kümmert sich nicht mehr darum. Ob es nun ein ManU-Trikot ist oder die Eintrittskarte zu einem Fußballspiel. Ein weiteres Mal beugt er sich zu Nini hinab, um sich zu vergewissern, dass sie atmet. Ihre Atemzüge sind langsam und tief, also haben ihr die zusätzlichen Pillen offenbar keinen Schaden zugefügt. Dennoch nimmt er sich vor, ins Restaurant zu gehen und seine Mutter zu fragen. Sicherheitshalber. Obwohl ihm allein der Gedanke, ihr in ihrem jetzigen Zustand gegenüberzutreten, Übelkeit bereitet. Aus den Lautsprechern, die sich auf der Bühne befinden, dröhnt ihm Musik entgegen. Irgend so ein Discozeugs. Weder die Mutter noch Arne ertragen es, wenn er zu Hause die Musik aufdreht, doch hier gelten andere Regeln. So ist das eben in den Ferien. Regeln werden geändert oder fallengelassen. Er sieht nur fremde Gesichter, als er sich im Restaurant umsieht. Hofft, dass seine Mutter und Arne nicht da sind. Dass sie vielleicht spazieren oder woanders hingegangen sind, oder vielleicht sind sie schon wieder zurück in der Wohnung … Da entdeckt er seine Mutter an einem Tisch im hintersten Winkel des Raumes. Ihr Kopf lehnt an der Schulter eines Mannes, den Jo noch nie gesehen hat. Arne vergnügt sich auf der Tanzfläche. Er und der Typ, an dem die Mutter klebt, haben offenbar die Frauen getauscht. Und Arne knutscht jetzt mit einer Schmalen, Dunkelhaarigen auf der Tanzfläche herum. Er steht auf schlanke Frauen und grinst immer, wenn er Mutter am Bauch packt und ihre Speckrollen über den Hosenbund zieht. Jo bleibt an der Terrassentür stehen. Er spürt immer noch das Meer in seinem Körper. Er könnte hinunterschleichen, ehe die Erwachsenen ihn entdecken, und sich erneut in die Brandung werfen, ohne die Wellen zu sehen, die im Dunkeln heranrollen. Einfach spüren, wie sie ihn hinabziehen und hin und her schleudern. Doch wenn er nicht in der Bar bleibt, könnte der Mutter etwas zustoßen. Sie könnte die Treppe runterfallen, vergewaltigt werden oder im Swimmingpool ertrinken. Arne kümmert sich sowieso nicht. Plötzlich steht die Mutter schwankend auf und fällt nach vorne. Der fremde Mann fängt sie auf, ehe sie den Tisch umreißen kann. Zwei, drei Gläser kippen über die Kante. Alle drehen sich um und glotzen in ihre Richtung. Die Frau, mit der Arne tanzt, eilt an den Tisch. Sie schlingt die Arme um Mutters Taille und ruft ihr etwas zu. Sie und der Fremde helfen ihr den Absatz hinauf, der zur Theke führt. Sie gehen direkt an Jo vorbei. Die Mutter ist leichenblass und scheint ihn nicht zu erkennen. Ihr Rock ist nach oben gerutscht und gibt ihren Slip frei. Sie torkelt weiter, gestützt von der schmalen Frau. Als sie auf die Toilette verschwinden, folgt ihnen Jo und wartet vor der Tür. Er hört merkwürdige Geräusche, dann einen Schrei seiner Mutter. Er hat sie schon früher betrunken erlebt, aber noch nie so schreien gehört. Als sei sie dem Tode nahe. Er fasst um die Türklinke. Da spürte er eine Hand auf seiner Schulter. »Geh da nicht rein.« Jo windet sich, er will die Hand abschütteln. Zuerst hat er geglaubt, es sei der Mann von Mutters Tisch, aber es ist ein Fremder. »Jemand ist bei deiner Mutter. Du brauchst nicht auf sie aufzupassen.« Irgendetwas veranlasst Jo, die Türklinke loszulassen. Vielleicht ist es die Stimme, die ihm bekannt vorkommt. Er blickt zu dem Fremden auf. Es ist ein Mann in Arnes Alter. Er ist unrasiert und hat die Sonnenbrille auf den Kopf geschoben. »Das geht Sie nichts an«, brummt Jo, aber er ist nicht böse. »Kann schon sein«, entgegnet der Mann. Und trotzdem hat er sich eingemischt. »Komm mit«, sagt er. »Ich spendiere dir eine Cola.« Er geht auf die Terrasse voraus, ohne sich umzudrehen. Er trägt eine Shorts und ein schwarzes kurzärmliges Hemd. Sein halblanges Haar ist nach hinten gestrichen und reicht ihm über den Hemdkragen. Jo hört seine Mutter nicht mehr schreien, steht zögerlich da. Dann trottet er dem Mann hinterher. Sie setzen sich an einen Tisch am Ende der Terrasse. Tief unter ihnen schlägt das Meer an die Felsen. Die Brandung scheint stärker geworden zu sein, und Jo denkt immer noch daran, wie es wäre, nach unten zu laufen und sich in die Fluten zu stürzen. Die Dunkelheit färbt das Wasser schwarz, es ist sicher noch warm. Auch der fremde Mann trinkt eine Cola. Und jetzt fällt Jo ein, woher er seine Stimme kennt. Aus dem Fernsehen. Vor kurzem war er auch auf der Titelseite der Aftenposten. »Ich hab Sie in der Zeitung gesehen«, sagt er. »Und im Fernsehen.« »Das ist gut möglich.« »Werden Sie von vielen Leuten erkannt?« »Ja, von ziemlich vielen. Die meisten Leute glotzen einen an, als könnten sie nicht fassen, dass ich, obwohl ich schon mal im Fernsehen war, ein Mensch aus Fleisch und Blut bin, der zu Mittag isst und aufs Klo muss.« Der fremde Mann lächelt. »Aber Norweger sind höfliche Leute. Wenn sie dich genug angeglotzt haben, lassen sie dich in der Regel in Ruhe. Eigentlich sind alle befangen und haben Angst, sich zu blamieren, genau wie du und ich.« Jo trinkt einen Schluck von seiner Cola und wirft einen Blick ins Restaurant. »Nicht meine Mutter. Die benimmt sich ständig daneben.« Der Mann lehnt sich zurück. »Sie ist betrunken«, stellt er fest. »Alle verändern sich, wenn sie trinken.« Jo versucht, von seiner Mutter abzulenken. »Trinken Sie denn gar nicht?« Er zeigt auf das Colaglas. »Ich meine, Wein oder Schnaps oder so was?« »Nur wenn ich muss. Du heißt Jo, stimmt’s?« »Woher wissen Sie das?« »Ich habe gehört, wie dein Vater nach dir gerufen hat, als wir aus dem Flugzeug stiegen.« »Arne ist nicht mein Vater.« »Verstehe. Du weißt nicht, wie ich heiße?« »Hab den Namen bestimmt schon gehört. Aber ich kann mich nicht erinnern.« Der Mann klopft sich auf die Brusttaschen und zieht eine flach gedrückte Zigarettenschachtel hervor. »Kannst mich übrigens duzen. Sag einfach Jakka zu mir.« »Jakka? Komischer Name …« Der Mann steckt sich die Zigarette an. »So wurde ich genannt, als ich in deinem Alter war. Wie alt bist du? Dreizehn, vierzehn?« »Zwölf«, antwortet Jo und ist ein bisschen stolz. »Ein paar Freunde nennen mich immer noch so, wenn wir uns treffen«, erklärt der Mann. »Gefällt dir das?«, fragt Jo lächelnd. »Dass sie dich Jakka nennen?« Jakka streicht sich über sein unrasiertes Kinn. »Da, wo ich herkomme, haben alle einen Spitznamen, der hat oft was mit dem Beruf des Vaters zu tun. Mein Vater hatte einen Klamottenladen beziehungsweise einen Konfektionshandel, wie das damals hieß, und Jakka fand ich vollkommen okay. Heute gefällt mir der Name eigentlich noch besser. War in jedem Fall cooler als Hobel oder Locke. Ganz zu schweigen von Schnitzel.« Er lacht, und Jo muss auch lachen. »Ich heiße auch nicht wirklich Jo, das sind nur die Anfangsbuchstaben von meinem Namen.« »Ach so?« »Wenn jemand meinen vollständigen Namen ausspricht, dann erwürge ich ihn!« »Ups, also dann bleibe ich auch lieber bei Jo.« »Das ist kein Witz. In der Schule haben mal Leute versucht, mir einen Spitznamen zu verpassen. Die bereuen das noch heute.« Jakka zieht an seiner Zigarette. »Ganz deiner Meinung, Jo. Man muss sich Respekt verschaffen.« Arne ist aufgestanden. Er ist mürrisch, das ist gut, denn dann sagt er nicht viel, und Jo hat seine Ruhe. Und seine Mutter wird er für einige Zeit, vielleicht den ganzen Tag, nicht zu Gesicht bekommen. Er hört sie leise wimmern, als er sich an der Schlafzimmertür vorbeischleicht. Noch in der Küche nimmt er den säuerlichen Geruch wahr. Draußen glüht die weiße Sonne. Die Steinfliesen brennen unter den Fußsohlen. Soll er umkehren und seine Sandalen holen? Dann müsste er anklopfen. Er geht auf dem schmalen Schattenstreifen direkt an der Hauswand entlang. Das sieht bestimmt blödsinnig aus. Vielleicht hält man ihn sogar für einen Einbrecher. Das letzte Stück läuft er, vorbei an der Bar, die Treppe hinauf bis zum Pool. Die meisten Liegestühle sind schon besetzt. Er spürt, dass die Leute ihn anstarren. Fast kann er sie flüstern hören, als er näher kommt: Das ist doch der Sohn von dieser … Am Beckenrand sitzen zwei Mädchen. Die eine war Jo schon im Flugzeug aufgefallen. Sie ist nach ihm aufs Klo gegangen. Sie ist schlank, hat eine spitze Nase und braune Haare, die ihr nass auf dem Rücken kleben. Wahrscheinlich ist sie älter als er. Sie hat schon richtige Brüste. Kein einziges Mädchen in seiner Klasse hat so große Brüste. Sie trägt einen weißen Bikini mit dunkelroten Herzen. Als er an ihr vorbeigeht, schaut er woandershin. Ohne sein gelbes T-Shirt auszuziehen, springt er von der langen Seite des Beckens aus kopfüber ins Wasser, obwohl auf einem Schild »Springen verboten« steht. Kopfsprünge sind seine Spezialität. Er hat schon mal einen vom Fünfmeterbrett gemacht. Jo krault ein paar Bahnen hin und her. Dann taucht er und gleitet unter Wasser an den beiden Mädchen vorbei. Tauchen kann er besser als alle anderen Jungs seiner Schule. Er spürt, wie sie ihn beobachten. Sie fragen sich bestimmt erstaunt, ob er nicht bald auftauchen muss. Er kommt erst an die Oberfläche, nachdem er auf der anderen Seite des Beckens angeschlagen hat. Er hievt sich auf den Beckenrand, bleibt ein Stück von den Mädchen entfernt sitzen und lässt das Wasser abtropfen. Sieht sie nicht an und ist sich sicher, dass die eine von ihnen mindestens zweimal zu ihm herübergeschaut hat. Nicht die kleine Stämmige, sondern die Dunkelhaarige mit den Brüsten. Die Hitze ist drückend und verursacht ein dumpfes Pochen in seinem Kopf. Wenn er länger sitzen bleibt, wird das Pochen noch stärker werden, und er weiß nicht, was dann geschieht. Im Nu ist er auf den Beinen. Seine Fußsohlen sind wund. Sie fühlen sich an, als seien sie voller Blasen. Er geht an den Mädchen vorbei, die vielleicht gemerkt haben, dass etwas mit ihm nicht stimmt, biegt um die Ecke und geht hastig die Stufen hinunter. Als er außer Sichtweite ist, beginnt er zu laufen und bleibt erst stehen, als er den kleinen Spielplatz mit dem Schaukelgerüst und der Rutsche erreicht hat. Er ist außer Atem, es brennt in seiner Kehle, und dennoch spürt er immer noch dieses Pochen, als stehe jemand im Dunkeln und schwinge einen Vorschlaghammer. Er lässt sich auf die Schaukel fallen. Überall sind Katzen. Er zählt sechs Stück, die zwischen den Büschen umherlaufen. Er zählt sie erneut. Katzen hat er noch nie gemocht. Sie schleichen herum und tauchen lautlos irgendwo auf, und man weiß nie, woran man bei ihnen ist. Eine der kleinsten, ein Katzenjunges, hat ein Auge verloren. Er hatte es bereits gestern gesehen, am Tag ihrer Ankunft. Es saß vor ihrer Tür und maunzte. Graubraun und so dünn wie ein Regenwurm. Dort, wo das Auge war, hängt nur noch ein schmaler Lidfetzen. Als er das Tor öffnet, folgt ihm das Kätzchen zur Wohnung. Ihre Vormieter haben es sicher gefüttert. Das ausgehungerte Tier mit dem einen Auge hätte ohne fremde Hilfe bestimmt nicht lange überlebt. Haben denn alle Kreaturen ein Recht zu leben? Jo dreht sich rasch um und stößt einen schrillen Laut aus. Das Tier zuckt zusammen und flüchtet ins Gebüsch. Natürlich ist es Arne, der die Tür öffnet. Er blickt ihn missmutig an und verschwindet aufs Klo. Bevor Jo seine Sandalen angezogen hat, streckt Arne sein mit Rasierschaum eingeseiftes Gesicht aus dem Badezimmer und schimpft: »Wenn du das nächste Mal weggehst, nimmst du gefälligst die Kinder mit.« »Die haben doch noch gar nichts gegessen«, protestiert Jo. Aber Truls klammert sich bereits an ihn. Jo hat nicht die geringste Lust, ihn mitzuschleppen, aber besser Truls ist nicht in der Wohnung, wenn seine Mutter aufwacht. Dann muss er nicht miterleben, wie sie sich ins Bad schleppt und erneut übergibt. Das hat sie schon die ganze Nacht gemacht, doch Truls hat tief und fest geschlafen. Nini natürlich auch, nach ihrer doppelten Dosis Schlafmittel. Es dauert eine halbe Stunde, bis die kleine Schwester ihre Cheerios und einen Joghurt gegessen hat. Arne stapft missmutig umher, sagt aber nichts, solange sich Jo um die Kleinen kümmert. Dann stopft er Schwimmflügel, einen Badeball und Truls’ Taucherbrille in eine Plastiktüte, drückt sie Jo in die Hand und scheucht sie aus der Wohnung. »Heiß!«, schreit Nini und trippelt hin und her, als stünde sie auf einer Kochplatte. Jo muss sie in den Buggy verfrachten, noch mal hineingehen und ihre Sandalen holen. Am Pool stellt er den Buggy neben einem freien Liegestuhl ab und zieht Nini die Schwimmflügel über die kreideweißen Arme. Sonnencreme!, fällt ihm ein, aber er hat keine Lust, noch mal zur Wohnung zurückzugehen. »Jetzt musst du gut aufpassen!«, ermahnt er Truls. »Wo willst du hin?« »Kurz runter an den Strand.« »Ich komm mit!« »Auf keinen Fall! Du bleibst hier und passt auf Nini auf. Glaubst du etwa, du bist hier im Urlaub?« Truls bekommt den traurigen Dackelblick, den Jo nicht ausstehen kann. »Komm schon, Kleiner. Wirst doch wohl einen Spaß vertragen. Ich bleib auch nicht lange. Pass auf, dass sie die Schwimmflügel ordentlich anhat.« Er schnappt sich sein Handtuch und setzt sich in Bewegung, dann dreht er sich noch einmal um: »Blas die Schwimmflügel gut auf. Wenn sie ertrinkt, ist es deine Schuld!« Er läuft die Treppe hinunter. Die Sonne sticht wie verrückt. Er hasst die Hitze. Hockt sich am Ende des Strands in den Schatten eines Felsens. Aber selbst dort brennt der Sand unter den Füßen. Er will einfach so dasitzen, bis er überkocht. Bis er es nicht mehr aushält und sich ins Meer stürzt. Heute ist grün geflaggt. Das Meer liegt unbeweglich da. Jungen in seinem Alter spielen Volleyball. Er sieht, dass sie ziemlich gut sind, vor allem ein großgewachsener Junge mit blonden Locken. Er schaut ihnen zu. Der große Junge bemerkt ihn und winkt. Jo versteht nicht gleich, dass er gemeint ist. Er schiebt sich aus dem Schatten und macht ein paar Schritte im glühenden Sand. »Willst du mitspielen?«, ruft der Junge auf Norwegisch. Jo weiß nicht recht. Er spielt nicht besonders gut Volleyball. Fußball spielen kann er viel besser. »Hast du keine Kappe oder so was?«, fragt der Junge. »Da wird dir gleich das Gehirn kochen!« »Hab mein Basecap vergessen.« Der andere sieht sich um. »Warte mal.« Er spurtet bis zur ersten Reihe der Strohschirme, spricht mit ein paar Erwachsenen, die dort liegen, und kommt mit einem weißen Kopftuch mit Goldrand zurück. »Hier! Dann hältst du’s länger aus.« Jo blickt dem anderen ins Gesicht. Er kann sich nicht erinnern, ihn im Flugzeug oder im Restaurant gesehen zu haben. Aber er hat bestimmt mitbekommen, dass Jos Mutter sich besoffen und am Pool ein Glas kaputt gemacht und auf dem Klo in der Bar gekotzt hat. Dennoch sieht er weder spöttisch noch mitfühlend aus. Jo weiß nicht, was er mehr hasst. »Du spielst in unserer Mannschaft. Ich heiße Daniel.« Er sagt auch die Namen der anderen. Zwei schwedische Jungen und einer, dessen Name finnisch klingt. Sie gewinnen drei Sätze. Vor allem, weil Daniel an die schwierigsten Bälle herankommt und einen wahnsinnig harten Schmetterschlag hat. »Spielst du im Verein?«, fragt Jo. Daniel rümpft die Nase. Offenbar ist das kein Thema, über das er gern spricht. Er wirft T-Shirt und Schuhe von sich und rennt ins Meer hinein, dass es nur so spritzt. Die anderen folgen ihm, Jo auch. Alle Jungen scheinen schon länger hier zu sein. Sie sind ziemlich braun. Jos Körper hat seit Monaten keine Sonne mehr abbekommen. Er behält das gelbe T-Shirt an. »Zu den Bojen!«, ruft Daniel. Jo reagiert blitzschnell, wirft sich ins Wasser und krault, was das Zeug hält. Auf halbem Weg sieht er neben sich einen Schatten wie von einem Delphin oder einem Hai. Der Schatten zieht an ihm vorbei und ist verschwunden. Jo erreicht die Bojen eine Weile vor den anderen Jungen. »Du schwimmst gut!«, lobt Daniel, der sich entspannt an einer Boje festhält und überhaupt nicht erschöpft wirkt. »Bin unter Wasser am besten«, keucht Jo irritiert. Er hängt sich an dieselbe Boje wie Daniel, sodass sich ihre Gesichter fast berühren. »Okay, dann tauchen wir zurück«, schlägt Daniel vor. Jo spuckt aus. »Nein, weiter raus, nicht zurück.« Daniel späht zum Horizont, dann lacht er. »Sag Bescheid, wenn du so weit bist.« Jo spürt seinen Atem und wartet, bis er sich beruhigt hat. Dann holt er ein paarmal tief Luft und gibt ein Handzeichen. Sie tauchen. Er lässt Daniel vorausschwimmen und hat das Gefühl, durch einen Raum aus geschmolzenem Glas zu gleiten. Das flirrende türkisfarbene Licht wird gebündelt und verschwindet im Dunkel. Er schwimmt mit ruhigen, gleichmäßigen Zügen. Will nicht zu viel Kraft vergeuden. In der Schule haben sie die Zeit gestoppt, um herauszubekommen, wer am längsten die Luft anhalten kann. Niemand kam nur annähernd an seinen Rekord heran. Über zwei Minuten. Einer, der an seiner Zeit zweifelte, hielt ihm die Hand vor Mund und Nase, um zu überprüfen, ob er schummelte. Aber er schummelte nicht. Er hörte ganz einfach auf zu atmen. Könnte für immer aufhören, wenn es sein müsste … Daniel liegt ein Stück vor ihm. Zwischen Säulen aus Licht sieht Jo seine Füße schlagen. Er gleitet durch kalte Strömungen, stößt noch tiefer hinab, sieht einen Schwarm winziger schwarzer Fische und spürt das Blut in seinem Schädel pochen. Dabei kann eine Ader im Gehirn platzen, hatte seine Mutter einst gerufen, als er wieder an die Oberfläche kam, und jetzt denkt er an dieses Blut, das aus seinem Gehirn herausschießt und es wie ein warmer Lappen umhüllt. Ihn schwindelt. Ich brauche Luft, durchzuckt es ihn, doch er taucht einfach weiter, und dieser Wille hat nichts mit ihm zu tun, kommt von woandersher und drängt in ihm an die Oberfläche … in weiter Ferne: Daniels Füße. Sie zeigen direkt nach unten, also muss er aufgegeben haben. Du musst hochkommen, sonst platzt dein Gehirn, hört er seine Mutter schreien, aber er kommt nicht hoch. Er erreicht Daniels Füße und taucht einfach weiter, immer weiter, bis die Lichtsäulen um ihn her verlöschen. Erst da schießt er nach oben und wirft seinen Kopf über die Wasseroberfläche. »Du bist ja total verrückt!«, ruft Daniel ihm zu. Seine Stimme klingt fern, als befinde er sich auf der anderen Seite einer Wand. Jo ist nicht in der Lage zu antworten. Kleine schwarze Fische schwimmen immer noch im hellen Licht, und ihm wird schlecht. Er lässt sich in Daniels Richtung treiben und kann kaum die Arme bewegen. Zwingt sich zu einem Lächeln, als wolle er ihm recht geben: Stimmt, ich bin total verrückt. * Seine Mutter und Arne sind nicht da, als er in die Wohnung zurückkehrt. Sie müssen Nini und Truls mitgenommen haben, denn am Pool waren sie auch nicht, als Jo dort vorbeilief. Sie sind gerade erst weg, stellt Jo fest, denn auf der Toilette hängt immer noch ein säuerlicher Geruch in der Luft. Er zieht sich rasch um und geht ins Wohnzimmer, das ihm, Truls und Nini auch als Schlafzimmer dient. Das Sofa ist nicht gemacht, die Matratzen liegen auf dem Boden. Er stellt die Klimaanlage an und schaltet den Fernseher ein. Griechische Nachrichten. Ein Busunfall. Leute, die aus einem geborstenen Fenster krabbeln, manche mit blutigen Gesichtern. Er wirft das Bettzeug zur Seite und legt sich aufs Sofa. Sein ganzer Körper schmerzt, weil er Daniel im Wetttauchen geschlagen hat. Im nächsten Moment ist er eingeschlafen und wird durch ein Geräusch wieder wach. Eine Zeichentrickserie im Fernsehen. Er schaltet den Fernseher aus und stakst auf den Balkon. Backofenhitze. Die Sonne steht direkt über dem Dach. Er findet die dünne, graue Linie, die Himmel und Meer trennt. Wenn er immer weiter in diese Richtung schwimmt, kommt er nach Afrika. Wird von Kriegern auf Kamelen in Empfang genommen und in weiße Kleider gehüllt, damit er gegen den Sandsturm geschützt ist. Er beugt sich vor und blickt auf den Nachbarbalkon, der genau wie ihrer aussieht. Ein Plastiktisch und vier Stühle. Nur die zum Trocknen aufgehängten Kleider sehen anders aus. Ein Hemd, ein grünes Handtuch und ein Bikinihöschen. Das muss ihr gehören. Weiß mit dunkelroten Herzen. Es tropft. Das Mädchen vom Beckenrand wohnt nebenan. Die Balkontür ist angelehnt. Vielleicht ist sie auch allein in der Wohnung. Was sie wohl anhat, wenn der Bikini hier draußen hängt? Vielleicht steht sie auch unter der Dusche … Er horcht angestrengt, ob er rauschendes Wasser hört. Fehlanzeige. Vielleicht sollte er einfach rübergehen, klopfen und sich irgendwas ausleihen. Streichhölzer zum Beispiel. Was soll er mitten am Tag mit Streichhölzern? Seiner Mutter Zigaretten klauen. Auf dem Nachttisch liegen die zwei Stangen Zigaretten, die sie sich vor dem Abflug im Tax-Free-Shop gekauft hat. Sie wird nicht merken, wenn eine Schachtel fehlt. Er könnte das Nachbarmädchen fragen, ob sie eine haben will. Auf der anderen Seite schlägt eine Tür. Er hastet durchs Zimmer, öffnet die Wohnungstür und streckt den Kopf hinaus. Da ist sie, auf dem Weg zum Pool. Sie trägt einen kurzen Rock und ein Top. Wäre er nur ein bisschen schneller gewesen … Der Speisesaal ist brechend voll. Er muss lange suchen, ehe er den Tisch findet. Sie sitzen nahe der Bühne. Auf dem Tisch eine Flasche Rotwein, halb voll. Arne trinkt Bier, also hat seine Mutter die halbe Flasche auf dem Gewissen. Obwohl er nur ihren Rücken sieht, erkennt er, dass sie schon beschwipst ist. Ihr Kopf hängt ein wenig schräg und neigt sich immer mehr zur Seite, je mehr sie trinkt. Nini ist auf ihrem Kinderstuhl eingeschlafen, und Truls kaut an einem Würstchen. Sein Gesicht leuchtet auf, als er seinen großen Bruder sieht. In diesem Augenblick erblickt Jo zwei Tische weiter das Mädchen aus der Nachbarwohnung. So wie sich seine Mutter und Arne benehmen, möchte Jo nicht zusammen mit ihnen gesehen werden und bleibt ein paar Meter von ihnen entfernt stehen. Glücklicherweise hat ihn das Mädchen noch nicht bemerkt. »Willsu dir nichs nehmen?«, fragt die Mutter, sie ist schon betrunkener, als er gedacht hat. »Bin nicht hungrig. Hab vorhin ein Würstchen gegessen.« Was der Wahrheit entspricht. Außer das mit dem Würstchen. Sein Bauch, der Kopf, der ganze Körper schmerzen immer noch, als sei er halb bis nach Afrika getaucht. »So ein Unsinn«, sagt Arne. »Lassin doch selbs bestimmen«, verteidigt ihn die Mutter, als ob das helfen würde. »Ich treff mich mit ein paar Freunden.« »Okay«, sagt die Mutter und winkt. »Du kommst aber bald wieder und nimmst Truls und Nini mit!«, sagt Arne in einem Befehlston. Die Mutter bemüht sich um ein Lächeln. »Pass einfach ’n bisschen auf sie auf, damit Arne un ich mal freihaben. Is doch schließlich unser Urlaub.« »Frei, um sich volllaufen zu lassen«, murmelt Jo. »Hast du was gesagt?«, knurrt Arne. Jo blickt verstohlen zum Tisch mit dem Mädchen hinüber. Die stämmige Blonde sitzt auch mit am Tisch, zusammen mit zwei Erwachsenen. Sie sind mit ihrem Essen beschäftigt. Im Saal ist es viel zu warm. Jo hat die Wärme noch nie gemocht. Er spürt, dass irgendwas in der Luft liegt. Schließt er die Augen, wird es stockdunkel. Wenn er sie wieder öffnet, tauchen Schatten auf. Sie tragen etwas, das wie ein Vorschlaghammer aussieht … Er dreht sich um und geht, ehe andere dies bemerken. »Hey, Joe.« Jo bleibt am Beckenrand stehen und sieht sich um. In einem der Liegestühle an der Mauer entdeckt er den Mann, mit dem er gestern Abend gesprochen hat. Er, der wollte, dass Jo ihn Jakka nennt. Auf dem Tisch neben ihm brennt eine Kerze. Er liest ein Buch. »Hei«, sagt Jo und spürt, dass sein Atem hier draußen in der Dunkelheit zur Ruhe kommt. »Busy?«, fragt der Mann, der offenbar auch heute mit ihm reden will. Jo macht ein paar Schritte auf ihn zu. Jakka trägt immer noch eine kurze Hose und ein schwarzes kurzärmliges Hemd. »Und, hat sich alles geregelt? Ich meine, mit deiner Mutter und so?« Jo antwortet nicht. »Willst du dich für ein paar Minuten zu mir setzen?« Jakka macht eine einladende Geste in Richtung Nachbarliege. Jo setzt sich auf die Kante. »Was liest du da?«, fragt er, um irgendwas zu sagen. Jakka hält ein dünnes Buch hoch. »Ein langes Gedicht.« »Ein Gedicht?« »Eigentlich ist es eine Geschichte. Eine Wanderung durch eine tote Welt. Oder eine Welt von Toten.« »Eine Spukgeschichte«? »Ganz genau!«, sagt Jakka. »Hab sie schon oft gelesen. Trotzdem verstehe ich sie immer noch nicht richtig.« Jo fragt sich, was er damit meint. »Der Teil, den ich gerade lese, heißt ›Death by water‹.« »Handelt die vom Ertrinken?«, fragt Jo vorsichtig. »Ja, ein junger Mann, ein Phönizier.« »Phönizier?«, unterbricht ihn Jo. »Meinst du die Leute, die vor mehreren tausend Jahren in dieser Gegend lebten?« Jakkas Augenbrauen ziehen sich nach oben und bilden zwei hohe Bögen. »Respekt, Jo, du scheinst ja gut aufzupassen in der Schule.« Das tut er, wenngleich sich sein Ehrgeiz in Grenzen hält. »Dieser Phönizier ertrinkt also«, stellt Jo fest und gibt seiner Stimme einen gleichgültigen Klang. »Vielleicht ein Soldat?« »Wohl eher ein Handelsreisender. Er treibt schon seit vierzehn Tagen im Meer. Ist nicht mehr viel übrig von ihm außer den Knochen. Haut und Muskeln sind größtenteils verschwunden. Er war ziemlich reich, aber was hat er jetzt davon? Jetzt befindet er sich in einer anderen Welt und hört nicht mal mehr das Schreien der Möwen.« Plötzlich ist Jo leichter ums Herz. Anscheinend redet Jakka wirklich gerne mit ihm und tut nicht nur so. »Gute Art zu sterben«, versucht er sich und wirft dem Mann im flackernden Kerzenlicht einen verstohlenen Blick zu. Jakka sitzt da und studiert sein Gesicht. »Ich habe über das Gespräch von gestern Abend nachgedacht«, sagt er schließlich. Dieser Mann war schon mehrmals im Fernsehen, und jetzt sitzt er leibhaftig einen Meter von Jo entfernt und denkt über etwas nach, das ein Zwölfjähriger zu ihm gesagt hat. Plötzlich ist Jo auf der Hut. »Gab es da … so viel nachzudenken?« Jakka zündet sich eine Zigarette an. »Hast du auch eine für mich?« »Was glaubst du, was deine Mutter dazu sagt, wenn ein fremder Mann dich zum Rauchen verführt?« Jo schnaubt verächtlich. »Damit hat sie nichts zu tun. Wird sie sowieso nicht rauskriegen. Und wenn sie’s rauskriegt, ist es ihr scheißegal. Außerdem hab ich schon oft geraucht.« Jakka gibt ihm seine Zigarette. »Du musst dich mit einem Zug begnügen. Wenn du was erzählst, kriege ich Ärger. Es muss nicht viel passieren, und ich lande auf der Titelseite von VG, Dagbladet, Se og Hør und so weiter.« Jo grinst. »Da würde ich wohl ziemlich viel Geld für die Story kriegen.« »Stimmt«, sagt Jakka. »›Prominenter verführt Jungen im Urlaub mit Zigaretten‹.« Jetzt muss Jo lachen. Er zieht lange und intensiv an der Zigarette und spürt sofort, wie der herrliche Schwindel einsetzt. »Ich sehe dich immer alleine hier«, sagt er, nachdem er einen weiteren Zug genommen hat. »Ich bin alleine.« »Fährst du alleine in Urlaub? Hast du keine Familie oder so was?« Erneut wirft ihm Jakka einen langen Blick zu. »Ich musste einfach weg von zu Hause«, antwortet er und lehnt sich zurück. »Hab mich spontan entschieden, bin in das nächstbeste Flugzeug gestiegen und zufällig hier gelandet. Überraschend schöner Ort. Vielleicht werde ich hier ein Haus kaufen.« Es gibt nicht viele Erwachsene, die ein solches Leben führen. Die sich von heute auf morgen ins Flugzeug setzen und ein Haus auf Kreta kaufen, wenn sie Lust dazu haben. »Die Sache mit deiner Mutter hat sich also nicht geklärt?« Aus irgendeinem Grund kehrt Jakka zu dem Thema zurück, über das Jo am allerwenigsten reden will. Er antwortet nicht, und Jakka scheint endlich zu verstehen. Jedenfalls lässt er das Thema auf sich beruhen. Stattdessen beginnt Jo von dem Mädchen in der Nachbarwohnung zu erzählen. Sie hat lange Beine und richtige Brüste, sieht einfach gut aus. Ein bisschen hochnäsig vielleicht, eine Prinzessin eben. »Und was willst du jetzt tun?«, will Jakka wissen und reicht ihm erneut seine Zigarette. »Tun?« »Na, um Kontakt zu ihr aufzunehmen. Du willst doch wohl nicht weiter einfach nur rumsitzen und von ihr fantasieren.« Jo hat keine bestimmten Pläne, nimmt aber gern Tipps von jemand entgegen, der in dieser Hinsicht bestimmt sehr erfahren ist. »Wie heißt sie?« Jo zuckt die Schultern. »Das solltest du erst mal rausfinden«, sagt Jakka. »Wenn du ihren Namen kennst, verschafft dir das einen Vorteil. In welchem Appartement wohnst du?« »1206.« »Na also, warte mal kurz.« Jakka steht auf und verschwindet im Inneren des Hotels. Hier zu sitzen, nachdem er fort ist, tut Jo gut. Auf der anderen Seite der Mauer, weit unterhalb der Terrasse, hört er die Wellen schlagen. Ein blinkendes Licht in der Dunkelheit, ein Schiff auf dem Weg durch die Nacht. Und legt Jo den Kopf in den Nacken, sieht er Sternbilder, die er nicht kennt, sowie einen Satelliten, der sich dazwischen hin und her bewegt. Vier, fünf Minuten später ist Jakka zurück. Er hat zwei Cola in der Hand, gibt Jo eine und lässt sich wieder auf dem Liegestuhl nieder. »Sie heißt Ylva.« »Wer?« Jakka grinst. »Das Mädchen, von dem du mir erzählt hast. Sie heißt Ylva Richter. Hat mich nur eine Frage an der Rezeption gekostet.« Jos Augen werden zu schmalen Strichen. »Dachte, ich könnte dir ein bisschen Starthilfe geben«, sagt Jakka in verändertem Tonfall. Vielleicht hat er Jos Unruhe bemerkt. »Ein gesundes Interesse an Mädchen zu haben ist allemal besser, als Pfadfinder zu werden, Sport zu treiben oder Hausaufgaben zu machen.« Jo amüsiert sich. Jakka ist echt ein cooler Typ. Kaum zu glauben, dass er sich mit ihm abgibt, Lust hat, mit einem Zwölfjährigen zu reden, und zwar nicht nur über belangloses Zeug, sondern über wirklich wichtige Dinge. Jo braucht nicht mehr daran zu denken, dass seine Mutter und Arne dort drin im Restaurant sind, die Sau rauslassen und sich lächerlich machen. Die können machen, was sie wollen. Mit denen ist er fertig. * Er geht durch den Sand. Er brennt, aber er spürt es nicht. Das weiße Licht durchdringt alles. Ylva Richter geht neben ihm. Sie trägt ihren Bikini mit den roten Herzen. Ich kenne einen Ort, wo uns niemand sieht, sagt sie. Eine Höhle, in der wir ganz allein sein können. Sie gehen bis ans Ende des Strands. Um sie herum wachsen Blumen direkt aus dem Sand. »Wie kann nur etwas an solch einem Ort wachsen?«, fragt Ylva. Darauf hat Jo keine Antwort, also fragt sie vielleicht doch nicht, sondern schmiegt sich einfach an ihn, während er seinen Arm um ihre nackten Schultern legt. In diesem Moment hört er das Klappern von Schlüsseln vor der Tür. Er schnappt sich ein Handtuch und bedeckt sich damit. Vor ihm steht seine Mutter. Sie stützt sich am Türrahmen ab. »Hallo, mein Schatz«, sagt sie lächelnd und blinzelt in seine Richtung. Etwas Rotes ist über die Träger ihres Kleids gelaufen. »Sitzt du hier im Dunkeln?« Als Antwort verzieht er nur das Gesicht. »Ich glaube, ich bin ein bisschen müde«, erklärt sie und zerrt sich die hochhackigen Schuhe von den Füßen. Sie nimmt eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank, füllt ein Glas und trinkt. Das Wasser läuft aus ihren Mundwinkeln in den sonnenverbrannten Spalt zwischen ihren Brüsten. Danach kommt sie ins Wohnzimmer, streicht ihm im Vorbeigehen über die Haare, beugt sich zu Nini hinunter und lauscht auf ihren Atem. Sie dreht sich wieder um und steht jetzt dicht vor ihm. »Schön, so einen tollen großen Bruder zu haben.« Ihre Stimme ist ein bisschen wackelig und unsicher, doch sie ist nicht betrunken. Sie umarmt ihn und küsst ihn auf die Wange. Ihr Atem riecht nach Wein, ihr Parfüm erinnert an Flieder. Er windet sich, dreht den Kopf jedoch nicht weg. Sie geht aufs Klo, pinkelt lange, spült und wäscht sich die Hände. Dann taucht sie im Türrahmen auf. »Willst du etwa den ganzen Abend im Dunkeln sitzen?« Er zuckt die Schultern. »Gibt ja nicht mehr Zimmer hier.« »Komm mal rüber zu mir. Ab und zu müssen wir doch miteinander reden.« Er folgt ihr. Sie räumt die Kleider vom Doppelbett, Slips, Unterhemden und einen nassen Bikini, hängt sie über den Deckel des Koffers, der in der Ecke steht, und legt sich auf die Bettdecke. Jo lehnt sich an die Wand. »Setz dich zu mir«, sagt sie und klopft auf den Rand der Matratze. Er tut, was sie sagt. Will ihr nicht erzählen, was er davon hält, dass sie so viel trinkt und sich vor allen Leuten zum Gespött macht. »Du bist ein guter Junge, Jo«, sagt sie. Am liebsten würde er sie bitten, die Schnauze zu halten oder genau zu erklären, was sie damit meint. »Du weißt ja, dass es in letzter Zeit nicht so einfach war«, fährt sie fort. Das weiß er nur zu genau. Und versteht es trotzdem nicht. Will es auch gar nicht verstehen. Er hat Angst, was geschieht, wenn sie darüber zu sprechen beginnt. »Ich hab’s auch nicht immer leicht«, murmelt sie, und Jo will am liebsten aufstehen und gehen. Er hört ihrer Stimme an, dass sie den Tränen nahe ist. »Es gibt vieles, was du nicht weißt, Jo.« Sie streicht ihm über den Hinterkopf. »Ich brauche jemand, der mich mal richtig in den Arm nimmt.« Der Gedanke, sich über sie zu beugen, ist unerträglich. Jetzt hört er, dass sie still in sich hineinweint. Er versucht aufzustehen. Sie glaubt, dass er sich zu ihr umdreht, und zieht ihn zu sich heran. Sein eines Bein bleibt auf dem Boden, das andere liegt auf dem Bett. »Du warst doch immer mein lieber Junge. Ich werde auf dich aufpassen.« Sie lügt, denkt er. Der Fliedergeruch ist jetzt so stark, dass ihm speiübel wird. Und dahinter nimmt er den Geruch ihrer Haut wahr, nach Schweiß und Zwiebeln und etwas, das ihn an den Küchenlappen denken lässt, wenn er seit Tagen nicht ausgewrungen wurde und er ihn unter den Tellern in der Spüle findet. Sein eines Bein tut weh, sodass er es auch aufs Bett ziehen muss. Nun liegt er der Länge nach neben ihr. Sie hat einen Arm um ihn gelegt. Der andere Arm liegt an seinem Oberschenkel. Er spürt, dass dort unten etwas geschieht, etwas, das sie nicht merken darf, aber er schafft es nicht, sich von ihr wegzudrehen, weil sie ihn immer enger an sich drückt. »Du bist ein lieber Junge, Jo. Du bist so lieb … so lieb.« Die Mutter winselt im Schlafzimmer, übertönt von Arnes Schnarchen. Jo hat im Fernsehen einen Bericht darüber gesehen. Wer schnarcht, stirbt früher oder bekommt Herzprobleme. »Ich hab Hunger!«, quengelt Nini. »Ich finde was für dich.« »Nein, ich will Mama.« »Die schläft.« »Mama!« »Dann mach’s halt selber«, faucht Jo. »Im Kühlschrank ist Joghurt.« Sie hat Tränen in den Augen. »Mag keinen Joghurt.« Er hat Lust, ihr eine zu scheuern, der plärrenden Göre. Oder die Schlafzimmertür aufzureißen und seine Mutter an den Haaren aus dem Bett zu zerren. Nini hat Hunger, kapierst du das nicht, du alte Schlampe? Sie ist drei Jahre alt und hat Hunger! Wenn Arne aufsteht und den dicken Macker markiert, wird er eine Bierdose aus dem Kühlschrank nehmen und sie in seine verdammte verschlafene Fresse schleudern. »Wir gehen einfach frühstücken«, schlägt Truls vor und zieht seine Shorts an. »Dann nehmen wir Nini hinterher mit zum Strand.« Jo fährt herum und hebt die Hand, um ihm eine zu knallen. Truls springt zurück, und Jo lässt ihn in Ruhe. Sein kleiner Bruder kommt ständig mit Vorschlägen. Das nervt, aber er meint es ja nicht böse. »Okay.« Jos Zorn lässt nach. »Hilf Nini aufs Klo. Ich geh schon vor und halte einen Tisch frei.« Es ist halb neun. Der Speisesaal ist wie immer voller Leute. Er bleibt am Eingang stehen und sondiert die Lage. Zum Glück sind alle mit sich selbst beschäftigt. Nur ein paar Alte, die der Tür am nächsten sitzen, starren ihn an. Eine Frau, die ein weißes Stirnband um die grauen Haare trägt, flüstert ihrem Nebenmann etwas zu. Jo ist sicher, dass es um ihn geht. Um Mutter und Arne. Er dreht sich wieder um und will gehen, als jemand seinen Namen ruft. Daniel steht von seinem Stuhl auf der Terrasse auf und winkt ihm zu. Als Jo nicht reagiert, kommt er zu ihm. »Möchtest du nicht bei uns sitzen?« Daniel trägt ein Metallica-T-Shirt, dunkelrote Shorts und eine Sonnenbrille, die ziemlich cool und teuer aussieht. »Bei uns ist noch Platz.« Jo wirft einen Blick hinüber. Mit dem Rücken zu ihm sitzt eine Frau in einem dünnen Kleid, deren Haare dunkler als Motoröl sind. Neben ihr ein kräftiger Mann, und am Tischende ein Junge in Ninis Alter. Eine Familie, die gemeinsam am Frühstückstisch sitzt. Sie haben noch einen freien Platz auf der glühend heißen Terrasse. Jemand könnte zu ihnen an den Tisch gehen und alles mit einem riesigen Hammer kurz und klein schlagen. »Die anderen kommen gleich«, sagt Jo. »Ich muss einen Platz für uns alle finden.« »Bist du nachher beim Strandfußball dabei?« Daniel gibt nicht auf, wartet auf eine Antwort. Es darf jetzt nichts geschehen, durchzuckt es ihn. Nicht vor Daniel, seiner Familie und all den anderen Leuten. Er erblickt einen freien Tisch und geht dorthin. Er ist noch nicht abgeräumt worden. Teller, an denen noch Reste von Rührei und gebratenem Speck kleben. Ein paar Traubenkerne in einer Serviette, Kaffeepfützen in den Tassen. Truls taucht auf und zieht Nini hinter sich her. Jo sagt ihm, er soll den Tisch abräumen. Für Nini holt er eine große Schale mit Cornflakes. »Ich will Honni-Korn!«, protestiert sie. »Du isst das, was da ist!«, knurrt er, und dieses eine Mal versteht sie, dass es keinen Zweck hat, länger zu quengeln. »Schau her, vier Löffel Zucker, das wird dir schmecken.« Truls lacht laut. Er hat sich selbst mit Bratwürstchen, gebratenem Speck und jeder Menge Ketchup versorgt. »Super hier!«, kräht er. Jo isst lustlos ein Brot mit Marmelade, während er den Tisch beobachtet, an dem Daniels Familie sitzt. Die Mutter steht auf und geht zum Ausgang. Sie ist schlank und ihr schwarzes Kleid eng geschnitten. Auch der Vater hat sein Frühstück beendet, bleibt jedoch sitzen und hört Daniel zu, der ihm irgendwas erzählt. Seine Haare kräuseln sich im Nacken, und er sieht aus, als hätte er viel Krafttraining gemacht. Sie, auf die er gewartet hat, betritt den Raum, gefolgt von dem dicken, blonden Mädchen. An einem Tisch, unweit von Daniel direkt hinter der Schiebetür, legen sie ihre Badehandtücher ab. Weniger als zwei Meter von ihm entfernt gehen sie an ihm vorbei zum Büfett. Jo sieht sie nicht an, ist aber sicher, dass sie ihn anschaut. Jakka hat ihm geraten, nicht allzu viel Interesse zu zeigen – um plötzlich zuzuschlagen. Jo ist heilfroh, dass er allein mit Truls und Nini ist. Vielleicht hat ihn dieses Mädchen noch nie zusammen mit Mutter und Arne gesehen. Vielleicht muss sie überhaupt nicht von ihnen erfahren. Weniger als drei Minuten später kommt sie mit einem Tablett zurück. Sie hat gerade gebadet, denn der Bikini zeichnet sich feucht über ihrem Po ab. Durch den dünnen, gelben Rock hindurch sieht Jo, dass es der mit den Herzen ist, der gestern auf dem Balkon zum Trocknen hing. Ylva heißt sie. Ylva Richter. Ob er Jakka vertrauen kann? Warum sollte er ihm nicht vertrauen? Er ist nicht nur prominent, sondern auch unterhaltsam. Und aus irgendeinem Grund interessiert er sich dafür, was Jo gerade beschäftigt. Jo blickt sich um, ob Jakka in der Nähe ist. Doch Jakka ist nicht der Typ, der so früh schon auf den Beinen ist, denkt er. Eher der Typ, der die ganze Nacht aufbleibt, raucht und Gedichte über ertrunkene Phönizier liest. Bevor Jo mit dem Frühstück fertig ist, steht Ylva auf. Zwischen dem gelben Rock und dem noch kürzeren Oberteil sieht man ihren Bauch. Sie trägt einen Ring im Nabel. So was hat Jo noch nie gesehen. Er kann es nicht lassen, ihn anzustarren. Wenn sie geht, wippen ihre Brüste unter dem Oberteil. Er zwingt sich wegzuschauen. Mädchen mögen es nicht, so angeglotzt zu werden, würde Jakka vielleicht sagen. Während sie um die Ecke verschwindet, steht Jo auf. »Bleib hier mit Nini.« »Wo willst du hin?« »Aufs Klo. Ihr geht nirgendwohin, verstanden?« Truls kaut auf einem Würstchenstummel herum und scheint es überhaupt nicht eilig zu haben. »Bin in ein paar Minuten wieder da«, ruft Jo über die Schulter. Er beugt sich vor und wirft einen Blick auf den Nachbarbalkon. Die Tür ist geschlossen und die Gardine vorgezogen. Doch er zweifelt nicht einen Augenblick daran, dass sie dort drin ist. Im Schlafzimmer ist es still. Nicht mal Arnes Schnarchen ist zu hören. Vielleicht ist sein Herz stehengeblieben, und er liegt mit blau angelaufenem Gesicht im Bett, während ihm die schwarze Zunge aus dem Mund hängt. Oder er hat sich im Suff auf die Mutter gewälzt und sie erstickt, sodass sie beide nicht mehr am Leben sind. Dann wird er einfach mit Truls und Nina abhauen. Im Flugzeug neben Ylva sitzen. Du kannst bei mir wohnen, sagt sie. Was ist mit Truls und Nini?, fragt er. Ich muss mich um sie kümmern. Sie haben doch nur mich. Sie beugt sich zu ihm vor. Meine Eltern können sie adoptieren. Sie werden es gut bei uns haben. Er tut es, ohne weiter darüber nachzudenken. Schleicht sich nach draußen, zur Tür der Nachbarn und klopft an. Keine Reaktion. Ging es nicht darum, sie endlich kennenzulernen? Er klopft noch einmal. Plötzlich schlurfende Schritte von innen. »Wer ist da?« Ylvas Stimme. Jetzt wird ihm etwas klar, das er bereits gestern am Pool bemerkt hat. Sie hat eine Aussprache wie die Leute in Südnorwegen oder in Bergen. Er hat Lust, ihren Namen auszusprechen, reißt sich aber zusammen. »Ich bin’s … ich wohne nebenan.« Sie öffnet die Tür. Sie trägt Unterhemd und Shorts. Um den Kopf hat sie ein Handtuch wie einen Turban geschlungen. »Hei«, sagt Jo. »Hei.« »Ich wohne nebenan«, wiederholt er. »Ah …« Sie spricht dieses Ah aus, als hätte sie ihn noch nie gesehen. Ich wohne nebenan, hätte er fast zum dritten Mal gesagt. Darf ich reinkommen? Auf ihrem Sofa sitzen. Ihre Hand halten. Doch ihr Blick verheißt nichts dergleichen. »Könnt ihr mir einen Dosenöffner leihen?«, rettet er sich aus der Situation, erleichtert darüber, wie natürlich er klingt. Einen Dosenöffner kann jeder einmal brauchen. Völlig normal, sich so etwas von seinem Nachbarn auszuleihen. »Einen Dosenöffner?« Sie wirft einen Blick in die Küche. »Mal sehen, ob wir so was haben.« Sie schließt die Tür von innen. Bittet ihn nicht herein. Kein Wunder, er hat sie ja auch überrumpelt. Kurz darauf ist sie zurück und hält ihm einen Metallgegenstand hin. Flaschenöffner, Dosenöffner und ausklappbarer Korkenzieher in einem. Genau den gleichen hat er in ihrer Küchenschublade entdeckt, als sie ankamen, und nun liegt er auf dem Nachttisch seiner Mutter. Plötzlich fühlt er sich mutig. Sieht ihr lange in die Augen. Sie sind braun, mit ein paar schwarzen Einsprengseln. »Bin gleich wieder da«, sagt er und dreht sich um. »Kein Problem«, entgegnet Ylva. »Kannst ihn ruhig später zurückbringen.« Er bleibt in der schummrigen Küche stehen und schließt die Hand um den Öffner. Er drückt seine Handfläche so hart gegen die kleine Spitze, dass sie durch die Haut dringt und er den Schmerz bis in die Finger spürt. Da hört er die Stimme seiner Mutter im Schlafzimmer. Belegt und verschlafen. Im nächsten Moment kommt sie splitternackt aus der Tür und geht aufs Klo. Er schleicht sich wieder hinaus ins Licht. Das kleine Badezimmerfenster steht offen. Vielleicht steht Ylva vor dem Spiegel und kämmt ihre langen, feuchten Haare. Er klopft erneut. Diesmal öffnet sie sofort, ohne zu fragen, wer da ist. »Schon fertig?«, fragt sie und lächelt verhalten. »Thunfisch«, erklärt er, etwas anderes fällt ihm nicht ein. »Schön hier«, fügt er rasch hinzu, denn es sieht so aus, als wolle sie die Tür wieder schließen. »Ja«, sagt sie. »Schöner Strand«, sagt er. Sie nickt. »Ich geh gleich hin. Muss mich nur erst fertig machen.« Es prickelt in seinem Gesicht. Was sie sagt, klingt so wie: Wollen wir uns am Strand treffen? Er hebt die Hand, um sie zu berühren, traut sich nicht und streicht sich stattdessen über die Lippen. »Dann sehen wir uns später«, sagt er. Sie hebt die Brauen, die rechte ein wenig höher, wie er bemerkt. »Äh, ja …«, sagt sie und schließt die Tür. Er steht unbeweglich da und bemerkt, dass er vergessen hat, ihr den Dosenöffner zurückzugeben. Sie hat es offenbar auch vergessen. War anscheinend zu sehr in das Gespräch mit ihm vertieft. Aber noch mal zu klopfen wäre ein Fehler. Jakka hätte ihn davor gewarnt, da ist Jo sicher. Stattdessen steckt er den Öffner in die Tasche. Das gibt ihm Gelegenheit, später noch einmal vorbeizuschauen. Er läuft hinauf in den kleinen Park mit den Spielgeräten, wo immer so viele Katzen sind. Einige streichen umher, andere klettern in den Bäumen. Auch das einäugige Kätzchen ist da, dort drüben am Zaun. Jo macht die Pforte auf. Das Kätzchen erkennt ihn wieder, kommt langsam auf ihn zu und streicht um seine nackten Beine. Obwohl sein Fell zerzaust ist, fühlt es sich weich an. Das kleine Tier schaut mit dem einen Auge zu ihm auf und gibt einen klagenden Laut von sich. Vielleicht will es etwas von ihm. Er weiß es nicht. Vielleicht sollte er es hochheben und das Fell an die Wange drücken. Mit den Fingern die leere Augenhöhle ertasten. Das Kätzchen so lange zusammenquetschen, bis es aufhört zu jammern. Doch er begnügt sich mit einem Fußtritt, damit es ihm nicht folgt, wenn er durch die Pforte geht. * Unterhalb des Kiosks bleibt er stehen und lässt seinen Blick über den Strand schweifen. Er schleicht sich zu dem großen Baum. Irgendwo an diesem Strand muss sie sein, Ylva, denn am anderen Strand, der ein paar hundert Meter entfernt liegt, ist er schon gewesen. In diesem Moment erblickt er sie. In ihrem Bikini mit den dunkelroten Herzen kommt sie aus dem Wasser. Sie bündelt ihre Haare, dreht sie ein paarmal und wirft sie sich auf den Rücken. Die kleine Blonde watschelt hinter ihr her wie ein pummeliges Haustier, denkt Jo grinsend und folgt Ylva mit dem Blick. Sie geht zu einem Sonnenschirm in der zweiten Reihe, nimmt ein Handtuch, trocknet Gesicht und Oberschenkel ab, hängt es wieder auf und legt sich in die Sonne. Geh zu ihr, Jo, hört er Jakka sagen. Warte, bis sie wieder baden geht, folge ihr ins Wasser und verwickele sie in ein Gespräch. Kein Problem, ein Gesprächsthema zu finden, wenn die Wellen sich vor ihr auftürmen und sie umzuwerfen drohen. Er hält sich an den ersten Vorschlag, will nicht länger warten. Schleicht sich näher an sie am Ende des Strands heran. Er erkennt die Erwachsenen wieder, mit denen sie auch im Speisesaal saß. Der Mann, bestimmt ihr Vater, hat graue Haare. Und die Mutter sieht Ylva überhaupt nicht ähnlich. Sie ist klein und hat einen dickeren Bauch als Jos Mutter. Zwei Sonnenschirme weiter sitzt Arne. Jo bleibt abrupt stehen. Seine Mutter ist natürlich auch da. Und die beiden, mit denen sie am ersten Abend getanzt und rumgemacht haben. Seine Mutter hat ihren rosa Bikini an und liegt flach auf dem Liegestuhl, den Strohhut über dem Gesicht. Neben ihr im Sand stehen zwei große grüne Bierflaschen. Arne hat ihr den Rücken zugekehrt und spricht mit den beiden anderen. Er hat ihn noch nicht entdeckt. Jo dreht sich um und flüchtet sich unter einen Baum. Ohne sich noch einmal umzuwenden, rennt er den Hügel hinauf, an den Appartements vorbei und hinunter zum anderen Strand. Dort sind weniger Menschen. Inmitten einer Gruppe von Jungs sieht er Daniel und läuft auf ihn zu. »Klar zum Fußball?« »Wo?«, fragt Jo. »Im Schatten natürlich. Wenn du dir nicht die Beine verbrennen willst.« Daniel ist anscheinend immer von einem Haufen Freunde umgeben. Ist ja auch ein cooler Typ, muss Jo zugeben. Und er sieht gut aus. Gestern Abend saß er am Pool und quatschte mit ein paar Mädchen, die mehrere Jahre älter aussahen als er. Weitere Jungen schließen sich ihnen an, während sie das Spielfeld markieren und Handtücher als Pfosten hinlegen. Sie sind zu siebt, einschließlich der beiden Schweden, die sie gestern im Volleyball geschlagen haben, und drei anderen, mit denen Daniel englisch spricht. »Ich frag Papa, ob er mitspielt«, sagt er, »dann wären wir vier in jeder Mannschaft.« Jo muss insgeheim darüber lächeln, dass Daniel »Papa« sagt. Daniel sprintet zu einem Sonnenschirm an der Steintreppe. Jo sieht, dass sein Vater die Zeitung hinlegt, aufsteht und langsam zu ihnen herüberkommt. Als er sie erreicht, streckt er die Hand aus und begrüßt sie der Reihe nach. »Ich muss ja schließlich wissen, mit wem ich zusammenspiele«, sagt er mit breitem Grinsen. Er ist sehr groß und muskulös und sieht mit seinen halblangen Haaren wie Obi-Wan aus Star Wars aus. Sie bekommen einen der Schweden in ihre Mannschaft. Er heißt Pontus. Er ist klein, dünn und schnell. Ein typischer Flügelstürmer. Jo spielt am liebsten zentral. Er hat einen guten Schuss, und sein Trainer lobt ihn ständig dafür, dass er beim Spiel den Überblick behält. Ist ihm recht, wenn Daniel in die Spitze geht. Sein Vater bleibt hinten und erklärt sich selbst zum spielenden Keeper. Daniel ist natürlich gut, erschreckend gut. Eine rasche Finte und einen erbarmungslosen Schuss. Einmal nimmt er den Ball volley. Unhaltbar. Erinnert an Marco van Basten. Aber er konzentriert sich beim Spielen nicht auf sich, sondern hat stets einen Blick für den Nebenmann. Bietet sich ständig an und will Doppelpass spielen. »Guter Ball!«, ruft er Jo nach einer weiten Flanke zu. Und nachdem Daniel durch eine geschickte Körpertäuschung einen Verteidiger und den gegnerischen Torwart hat ins Leere laufen und den Ball lässig über die Linie rollen lassen, bedankt er sich bei Jo mit erhobenem Daumen für seinen tollen Pass. Auch sein Vater gehört zu den Typen, die ihre Mitspieler ständig aufmuntern und anfeuern. »Super, Jo!«, ruft er, als Jo einen Diagonalpass abfängt. »Der hätte mich ganz schön in Schwierigkeiten gebracht.« Nach dem Match sagt Daniel: »Komm mit rüber zu uns. Wir haben eine Kühltasche mit Saft. Allerdings keine Cola. Meine Mutter ist eine Gesundheitsfanatikerin. Viel schlimmer als Papa, obwohl der Arzt ist.« Jo zögert. Warum wird er ständig eingeladen? Es muss etwas dahinterstecken, aber er weiß nicht, was. Die ganze Zeit wartet er darauf, dass Daniel eine verräterische Bemerkung macht, zu erkennen gibt, dass er über ihn lacht. Aber nichts dergleichen geschieht. Gibt es tatsächlich Leute, die seine Mutter noch nicht stockbesoffen auf der Tanzfläche gesehen haben? »Wir brauchen mindestens zehn Liter Saft, so viel haben wir geschwitzt«, sagt Jo zu seiner Mutter. »Und Jo ist bestimmt doppelt so viel gelaufen wie ich.« Seine Mutter liegt auf dem Bauch und liest ein Buch. Sie trägt nur ein weißes Bikinihöschen, auf der einen Seite ist ein großes Blatt zu sehen. Sie wirft ihnen einen Blick zu. »Hallo, Jo«, sagt sie mit ziemlich tiefer Stimme und liest weiter. Erst jetzt sieht Jo sie aus der Nähe. Sie hat fast gar keine Falten und sieht viel jünger aus als seine eigene Mutter. »Nehmt euch selbst«, sagt sie gähnend. »Die Tasche steht da drüben.« Daniels Vater hat sich ein großes Handtuch um die Hüften geschlungen und Badeshorts angezogen. Jo kann sich nicht beherrschen und wirft einen kurzen Blick auf seinen Schritt, doch glücklicherweise sind die Shorts genauso groß und weit wie seine eigenen und die von Daniel. Mit Brustzügen schwimmen sie hinaus. Jo behält sein gelbes T-Shirt an. Ihm wird klar, dass er sich auch für den Rest der Ferien nicht mehr mit nacktem Oberkörper zeigen wird. Er hätte das Hemd am ersten Tag ausziehen können. Jetzt ist es zu spät. Aber Daniel sagt nichts dazu. »Lass dich ja nicht auf ein Wettschwimmen mit dem da ein«, warnt er seinen Vater und macht eine Kopfbewegung in Jos Richtung. »Vor allem nicht unter Wasser.« »Ach so?« »Der ist gestern bestimmt fünfzig Meter weit getaucht. Gegen die Strömung. Total verrückt.« Diese Worte hatte er auch gestern benutzt, obgleich er sie heute betont, als wolle er ihn aufziehen. Doch Jo scheint sich wirklich Respekt verschafft zu haben. »Ist das wahr, Jo?« »So ziemlich.« »Da musst du wirklich ein riesiges Lungenvolumen haben«, sagt der Vater beeindruckt. »Das habe ich übrigens auch beim Fußball gemerkt. Du hast die anderen schier in Grund und Boden gerannt.« »Wo kommt man hin, wenn man einfach immer weiterschwimmt?«, fragt Jo, um das Thema zu wechseln. »Immer weiter?« Daniels Vater blickt zum Horizont. »Also irgendwann kommt man nach Afrika.« »Ich meine, wo in Afrika?« »Vielleicht Ägypten oder Libyen. Kommt drauf an, ob du direkten Kurs halten kannst. Ich schlage vor, wir begnügen uns damit, zu den Bojen zu schwimmen.« Bis dorthin sind es noch zwanzig, maximal dreißig Meter. Jo schießt nach unten, bis er den Sandboden erreicht, folgt ihm, als er sich ins Dunkle hinabsenkt. Es sticht in den Ohren, denn er ist bestimmt drei Meter unter Wasser. Weit über ihm sieht er, wie die Beine der anderen die zerbrechliche Oberfläche durchstoßen. Es pocht dumpf in seinem Kopf, als stünde dort jemand und würde gegen das Innere seines Schädels schlagen. Wenn ich nicht auftauche, schießt es ihm durch den Kopf, sondern so lange hier unten bleibe, bis ich fort bin, dann übernimmt er das Kommando, der dort mit seinem Vorschlaghammer im Dunkeln steht. In diesem Moment erblickt er über sich die leuchtende Boje, fährt herum, schießt nach oben und durchstößt die Oberfläche, unmittelbar bevor Daniel und sein Vater bei ihm sind. * Die Sonne ist schon halb hinter den Berggipfeln im Westen verschwunden. »Hast du gemerkt, wie schnell es hier dunkel wird?«, fragt Jo. Er zeichnet eine steil abfallende Kurve an den Himmel. »Die Sonne steht direkt über dir, und dann fällt sie. So.« Daniel ist ganz seiner Meinung. »Aber das ist nichts gegen Tansania.« »Warst du schon mal in Afrika?« »Ja. Da musst du dich wirklich beeilen, wenn es Abend wird. Es gibt überhaupt keine Dämmerung. Als würde jemand plötzlich das Licht ausschalten. Alles ist dunkel. Keine einzige Straßenlaterne. Echt cool.« Die Steinplatten sind immer noch warm, aber sie brennen nicht mehr unter den Füßen und verursachen Blasen. Sie gehen barfuß, das Handtuch über die Schulter geworfen, und folgen ihren Schatten. Wenn Jo ein Stück vorausgeht, sind sie gleich lang. Die Leute sind schon auf dem Weg ins Restaurant. Er denkt, dass er irgendwas essen muss, aber er will auf keinen Fall zusammen mit Mutter und Arne gesehen werden. Ein paar Süßigkeiten müssen reichen. Er geht zum Kiosk. »Ich warte am Pool«, sagt Daniel. »Dort treffen wir uns immer vor dem Essen.« Als Jo wiederkommt und ein Schokoladeneis isst, sitzt die Clique am Schwimmbecken. Auch sie ist da. Sie hat es sich auf einem Liegestuhl bequem gemacht, mit dem Rücken zu ihm. Die dicke Blonde sitzt auf dem Stuhl daneben. »Nachtisch vor dem Essen? Gute Idee!«, meint Daniel. »Wir wollen nachher noch was unternehmen.« Ylva dreht sich um und wirft Jo einen Blick zu. Er wirft das halb gegessene Eis in den Mülleimer. »Wo wollt ihr hin?« »Erst mal rauf zur Minigolfbahn.« Daniel dämpft seine Stimme, als er fortfährt: »Und vielleicht später zu der Bar, die weiter hinten an der Straße liegt. Du musst unbedingt mitkommen.« Die kleine Dicke kichert. Ylva wirft ihr einen kurzen Blick zu. Die beiden gehen offenbar auch mit. Jo stellt sich vor Ylvas Liegestuhl, und aus dem Augenwinkel hinter seiner Sonnenbrille sieht er, dass sie den Kopf hebt und ihn mustert. In diesem Moment wird ihm klar, dass Ylva vorgeschlagen hat, dass er mitkommen soll. »Klar, ich bin dabei«, sagt er zu Daniel und achtet darauf, wie sie reagiert. Sie lächelt und sieht zufrieden aus … Den ganzen Tag schon hat sich die Wärme in ihm aufgestaut. Er hasst diese Wärme. Er könnte sich zu ihr hinunterbeugen, ihren Kopf in beide Hände nehmen, sich zu etwas hinreißen lassen. Er wirft einen Blick auf die Uhr, murmelt, dass er nach Hause muss, und geht mit ruhigen Schritten zur Treppe. Erst als er die Bar hinter sich gelassen hat und sie ihn nicht mehr sehen können, beginnt er zu laufen. Eilt am Appartement vorbei, biegt beim letzten Gebäude um die Ecke, rennt zum Strand hinunter und bleibt erst an der Wasserkante stehen. Im Schatten holt jemand mit einem riesigen Hammer zum Schlag aus, doch wird er von den Wellen übertönt, die schäumend Jos Füße umspülen. An der Wohnungstür stößt er auf Arne. »Ach, ist ja interessant. Lässt sich der junge Herr auch mal wieder blicken.« »War mit einem anderen Jungen zusammen«, weicht Jo aus. »Du hast uns Bescheid zu sagen, wo du bist. Meinst du etwa, wir können uns hier erholen, wenn wir die ganze Zeit nach dir suchen müssen?« Die Frage bleibt für ein paar Sekunden in der Luft hängen. »Nini ist krank!«, knurrt Arne, als wäre das eine Neuigkeit. Nini ist immer krank. Ohrenentzündung, Atemprobleme. Immer verträgt sie irgendetwas nicht, vielleicht liegt es einfach an der Hitze und der Klimaanlage, dass sie nicht richtig Luft bekommt. Oder das Kinderschwimmbecken ist nicht sauber genug. Alles Dinge, über die seine Mutter sich beklagt, ohne einen damned shit dagegen zu unternehmen. »Du passt auf sie auf, während wir beim Essen sind.« »Okay«, sagt Jo und ist erleichtert darüber, dass er beim Essen nicht mit ihnen zusammensitzen muss. Dass Jo sofort einwilligt, stimmt Arne ein wenig milder. »Wir bringen dir was zu essen mit. Falls du nicht nachher alleine essen willst.« »Ist okay«, wiederholt Jo. »Cola steht im Kühlschrank«, sagt Arne, fast gutmütig. »Aber rühr die anderen Flaschen nicht an«, fügt er grinsend hinzu und schlägt Jo kumpelhaft mit der Faust auf die Schulter. Er stopft Nini, die auf dem Sofa sitzt, ein paar Kissen in den Rücken. Sie atmet so schwer, dass sie nicht viel reden kann. Aber sie verfolgt einen Zeichentrickfilm im Fernsehen. Mutter hat den Luftbefeuchter eingeschaltet. Er könne sie jederzeit holen, wenn sich Ninis Zustand verschlechtere, sagt sie. Glaubt sie etwa, er würde sich im Speisesaal zusammen mit ihnen blicken lassen? Eher würde er zur Rezeption laufen und den Notarzt holen, oder den Vater von Daniel. Nach einer halben Stunde kommt Truls. In einer Tüte sind zwei Plastikbecher. Lasagne und Fleischklößchen mit Soße. »Mama und Papa kommen gleich«, verkündet er. Jo pfeift darauf. »Und das glaubst du?« »Sie wollten nur fertigessen.« Truls ist acht und hat noch keinen Schimmer vom wirklichen Leben. Jo lacht derb und will seinem Bruder am liebsten sagen, was Sache ist, verkneift es sich aber. Soll der ruhig noch eine Weile an den Weihnachtsmann glauben, denkt er und fühlt sich als guter großer Bruder. Erneut dieser Gedanke, mit Truls und Nini abzuhauen. Er und Ylva, denn es kann gut sein, dass sie mitkommt, nachdem sie in der Höhle waren, die sie ihm zeigen will. Plötzlich ist er stinkwütend auf seine Mutter und Arne, besonders auf seine Mutter. Niemand hat ihn gefragt, ob er sich vorstellen kann, den ganzen Abend im Appartement zu bleiben. Das wird er auch nicht tun. Er wird abwarten, bis Nini schläft, vielleicht auch bis Truls eingeschlafen ist, was meist nicht lange dauert. Er will raus, egal wie schlecht es Nini geht. Wenn sie zu atmen aufhört und morgen früh leblos und mit blauem Gesicht gefunden wird, haben sie selber Schuld. Im Bad zieht er sich aus. Steht eine Weile vor dem Spiegel, beugt sich vor und blickt an seinem Körper hinab bis zum Nabel. Schließt er die Augen, sieht er Ylva vor sich. Sie trägt einen Bikini, ihre nackten Schultern sind warm. Wenn er will, kann er sie dazu bringen, die Hand vorne auf seine Shorts zu legen. Ich kenne einen Ort, sagt sie sehr leise, damit niemand sie versteht. Sie erreichen das Ende des Strands und klettern über die schroffen Felsen. Nein, sie gehen um die Felsen herum, waten durch das warme Wasser, bis sie die Bucht auf der anderen Seite erreichen. Ich kenne eine Höhle, sagt Ylva, und sie spürt, was sich unter seinen Shorts abspielt, bleibt stehen und dreht sich zu ihm um. Dann küssen sie sich. Da ist jemand an der Wohnungstür. Jo zuckt zusammen, huscht unter die Dusche, dreht den Hahn auf. Das kochend heiße Wasser lässt ihn vor Schmerz aufstöhnen. »Jo?« »Ich bin unter der Dusche!«, ruft er und stellt den Hebel ganz auf Blau. »Findest du es nicht ein bisschen spät zum Duschen?«, fragt seine Mutter. »Ich dachte, du hast dich schon hingelegt.« Er hört, dass sie sich auf die Klobrille setzt. Sieht ihre Konturen durch den dünnen Vorhang. »Willst du nicht noch mal weg?«, fragt er. »Nicht solange es Nini nicht gutgeht, weißt du.« Sie ist fertig und spült. Er hört ihrer Stimme an, dass sie bald schlafen wird. Er dreht sich zur Wand, lässt das kalte Wasser aus dem Duschkopf schießen. Hört, dass der Vorhang zur Seite gezogen wird. »Ich dusche!«, wiederholt er, jetzt ziemlich gereizt. »Ach, das macht mir nichts aus, Jo. Früher haben wir immer zusammen geduscht.« Sie geht in die Duschkabine und stellt sich hinter ihn. Er weiß, dass sie sich ganz ausgezogen hat. »Aber das ist ja eiskalt! Willst du etwa erfrieren?« Er dreht den Hebel weiter in die Mitte. Es dauert ein bisschen, ehe das Wasser wärmer wird. »Du brauchst dich nicht zu genieren, Jo. Ich bin doch deine Mutter, oder etwa nicht? Früher hab ich dich immer eingeseift, gewaschen und abgetrocknet.« Sie nimmt etwas Duschgel und seift ihm die Schultern ein. »Jetzt komm schon, Jo. Nackt sein ist was ganz Natürliches.« Sie steht immer noch hinter ihm, legt die Arme um seine Brust und seift ihm den Bauch ein. Plötzlich beugt sie sich vor und küsst seinen Nacken. »Jo«, sagt sie und verteilt weiter das geschmeidige, nach Flieder duftende Duschgel auf seiner Haut. Er kann Flieder nicht ausstehen, doch da steht irgendwo ein anderer im Schatten und schwingt seinen Hammer; einer, der zum Vorschein kommt, wenn dies geschieht; einer, der ihm das Gefühl gibt, nicht Jo zu sein, sondern dieser andere, dem alles zuzutrauen ist. »Du bist ein lieber Junge, Jo. Du bist so lieb … so lieb.« »Ich bin nicht Jo«, murmelt er und hebt das Gesicht zum Wasserstrahl. * Die Uhr zeigt fast halb elf, als er seine Schuhe anzieht. Die Mutter liegt im Bett und wimmert im Schlaf, nackt und immer noch nass, weil sie es nicht geschafft hat, sich richtig abzutrocknen. Jo schleicht sich erneut ins Bad und reibt sich noch einmal mit einem Handtuch ab. Nimmt die Flasche mit Rasierwasser von der Ablage. Es riecht nach Arne, er rümpft die Nase, schüttet sich aber trotzdem ein wenig in seine Handfläche und verteilt es am Hals auf beiden Seiten. Es prickelt eiskalt auf der Haut. Er nimmt einen Schluck von der hellblauen Flüssigkeit. Ein Geschmack nach Seife und Blumen. Fast kommt es ihm wieder hoch. Als er schon die Wohnung verlassen will, fällt ihm etwas ein. Er öffnet die Küchenschublade und nimmt das heraus, was er von Ylva geliehen hat: den Dosenöffner. Nimm ihn mit und gib ihn ihr. Noch ist es nicht zu spät, zu ihr zu gehen. Sie ist in dieser Bar an der Hauptstraße. Gute Gelegenheit, um mit ihr ins Gespräch zu kommen. Er kann sie angrinsen und behaupten, dass er gestern Vormittag mit dem Öffner eine Flasche Bier oder Wein aufmachen wollte, aber bestimmt keine Dose Thunfisch. Und sie wird über die Sache mit dem Thunfisch lachen, und darüber, dass er vergaß, ihr den Öffner zurückzugeben. Und während sie lacht, wird sie seinen Arm drücken, was ihm Gelegenheit gibt, ihr den Arm um die Taille zu legen. Ungefähr so, wie sich Jakka das gedacht hat. Daniel und die anderen sind nicht mehr am Pool. Es sind auch keine Erwachsenen mehr da, doch von der höher gelegenen Terrasse dringt Gelächter herüber. Jo glaubt, Arnes Stimme zu hören. Arne, der Witze erzählt, mit denen er die dürre Frau zum Lachen bringt. Im Schatten der Treppe läuft Jo zur erleuchteten Minigolfbahn. Dort erblickt er den schwedischen Jungen, der beim Fußball in ihrer Mannschaft war. Pontus hat fast weiße Haare und trägt einen Ohrring. Pontus Pilatus, denkt Jo … Aber sie ist nicht da. Auch nicht ihre Freundin und Daniel. Er geht näher heran. Zwei andere Jungen, ebenfalls Schweden, schauen zu, während Pontus sich auf das neunte Loch konzentriert. Sie grüßen ihn flüchtig und scheinen sich nicht mit ihm unterhalten zu wollen. Aber deshalb ist er schließlich auch nicht hier. »Wo sind die anderen?« Pontus Pilatus zögert. »In irgend so ’ner Bar.« Er macht eine Kopfbewegung in Richtung Straße. Jo läuft hastig die Hauptstraße hinunter. Ist plötzlich außer sich vor Wut auf Arne, der ihn gezwungen hat, auf seine Geschwister aufzupassen, während er eigentlich bei Ylva sein sollte. Auf seine Mutter ist er auch wütend, weil sie nach Hause kam, ehe er sich aus dem Staub machen konnte. Zwei Mopeds knattern vorbei. Aus einer Bar dringt Musik. Typisch griechisches Gitarrengezupfe, das immer schneller wird, wie ein Karussell. Er flucht erneut, weil er Daniel nicht nach dem Namen der Bar gefragt hat. Er dreht um und geht wieder zurück. Beschließt, am Eingang des Hotelgeländes zu warten. Früher oder später müssen sie dort vorbeikommen. Er geht an einem Park vorbei, der sich auf der anderen Straßenseite befindet. Plötzlich erhascht er einen Blick auf zwei Gestalten, die zwischen den Büschen verschwinden. Da sind sie. Jo will rufen, doch kein Laut kommt ihm über die Lippen. Daniel hält sie an der Hand. Sie sind allein und verschwinden im Dunkeln. Er irrt weiter, hastet um die nächste Ecke. Auf der Rückseite des Gebäudes bleibt er stehen und hält sich an einem Container fest. Er muss sich vergewissern, dass er sich nicht geirrt hat. Er klettert über einen Zaun, nähert sich dem Park von hinten. Schleicht in gebückter Haltung an der Hecke entlang. Sie sitzen zwischen zwei Büschen. Das Licht der Bar auf der anderen Seite lässt ihre Silhouetten hervortreten. Sie knutschen. Er kriecht noch näher heran, so nah, dass er sie flüstern hört. Daniel hat eine Hand unter ihr Hemd geschoben. Ihre Hände sieht er nicht. Bestimmt sind sie in seiner Hose. Nicht sie hat er gesehen, nicht Ylva und Daniel. Es war viel zu dunkel, um zu erkennen, wer das war. Sie haben auch nicht geflüstert. Er muss zu ihrem Appartement gehen und an der Tür klopfen. Wenn sie zu Hause ist, dann war es definitiv ein anderes Mädchen dort zwischen den Büschen. Wenn sie nicht zu Hause ist, wird er ihrem Vater erzählen, wo sie ist. Dann kann er sie auf frischer Tat ertappen, wie sie dort im Gras liegen. Ihr kurzer Rock ist bis zum Bauch hochgeschoben, und ihr Slip hängt ihr um ein Fußgelenk. Und auf ihr liegt Daniel, denn niemand in der Welt kann daran zweifeln, wer es da im Park miteinander treibt. »Ylva«, sagt er laut. Wiederholt den Namen ein paarmal und nimmt ihn dann nie wieder in den Mund. Er hat etwas in der Tasche. Den Dosenöffner. Er zieht ihn hervor, klappt den Korkenzieher heraus. Er ist spitz und lässt es in allen Fingern prickeln, während er sich mehrmals in den Unterarm sticht. Am Spielplatz geht er zu einem Baum. Mit der Spitze des Dosenöffners ritzt er etwas hinein. Worte, die ein letztes Mal hinausmüssen, nicht Ylva, sondern scheiß Ylva. Sie soll verflucht sein, nicht Daniel, der nichts von der Sache mit ihm und Ylva weiß. Er ritzt weiter im Stamm herum, reißt ganze Streifen Rinde herunter, sodass der Baum nicht überleben wird. Da spürt er etwas Weiches an seinem Bein. Er zuckt zusammen. Es ist das einäugige Kätzchen. Er packt es im Nacken. Ja, jetzt kann es jammern, das elende Katzenvieh, das immer ankommt und sich seinen Hintern an ihm reibt. Das Kätzchen windet sich und versucht ihn zu kratzen, was Jo erst richtig aggressiv macht. Es ist klein, kaum größer als einer von Arnes Schuhen, und dieser Gedanke macht ihn rasend vor Wut. Er drückt das Katzenvieh mit einer Hand gegen den Baum und reißt mit der anderen Hand den Gürtel aus der Hose. Er schlingt ihn um den Hals des Kätzchens und zieht die Schlaufe zusammen. Da hängt es nun und zappelt in der Luft. Er befestigt das andere Ende des Gürtels an einem Ast und starrt das Kätzchen an, richtet all seinen Hass auf die kleine Kreatur, die nur noch ein beschissenes Auge hat, aber ein Auge zu viel, denkt er. Es ist nicht Jo, der dies denkt, sondern der andere, der mit seinem Vorschlaghammer im Dunkeln steht und ruft: Das Vieh darf mich nicht sehen! Niemand darf mich sehen! Jos Hand hat sich eisern um den Hals des Kätzchens geschlossen. Sein Arm ist gestreckt, damit es ihn nicht kratzen kann. Sie zischen und fauchen um die Wette, er drückt noch fester zu, bis eine grünliche Flüssigkeit aus dem Katzenmäulchen läuft. Spuckst du mich jetzt auch noch an, du Scheißvieh? Er greift mit den Fingern an das gesunde Auge, zwingt es auf und stößt mit dem Korkenzieher zu. Das Geräusch des Kätzchens erinnert an einen Säugling, jedenfalls an Nini, als sie nächtelang geschrien hat. Er dreht das Gewinde weiter hinein, bis das Auge nachgibt und etwas Feuchtes auf seinen Handrücken tröpfelt. Er dreht noch ein bisschen weiter und reißt den Korkenzieher dann mit aller Kraft heraus. Das Katzenfell in seiner Hand erschlafft. Er zieht den Gürtel so stramm, dass der dünne Hals fast durchtrennt wird. Aber die Kreatur ist immer noch nicht tot. Er lässt sie hängen, geht zur Schaukel und findet dort einen schweren, spitzen Stein. Er schleudert den schlaffen Tierleib zu Boden, beugt sich darüber und schlägt auf den weichen Kopf ein, bis er wie ein trockener Ast entzweibricht und das winzige Ohr sich mit Blut füllt. Irgendwann später löst er den Gürtel und wirft das Fellbündel zwischen die Büsche. Hört Stimmen, die sich nähern, irgendwo zwischen Rutsche und Schaukel. Kein Wunder, dass bei dem Lärm jemand kommt. Doch sie gehen weiter und verschwinden die Treppe hinunter. Er schleicht zur Pforte und öffnet sie. Eine Schnur hängt daran, vermutlich von einem Kapuzenpullover. Er greift zwischen die Büsche, zieht den klebrigen Tierleib hervor und knüpft die Schnur um den Hals. Du weißt genau, was du damit machst, flüstert es in seinem Ohr. An welche verdammte Tür du ihn hängst. Nachdem er den Auftrag ausgeführt hat, kommt er zur Ruhe. Geht zurück zum Spielplatz und setzt sich auf eine Schaukel. Er ist zu groß und schwer, das ganze Gerüst schwankt, und dieser Ruhe ist nicht zu trauen, denn es brennt immer noch in seinem Magen und will nicht aufhören. Als Daniel und er am Nachmittag den Strand verließen, wurde erneut die gelbe Flagge gehisst. Sicher weht sie dort immer noch. »So ist es jetzt«, murmelt er. Nicht mehr mittlere Gefahrenstufe. Geräuschlos schließt er die Tür auf. Im Wohnzimmer brennt Licht. Wahrscheinlich ist Truls aufgewacht und hat es eingeschaltet. Jetzt liegt er neben Nini auf dem Sofa. Die Decke ist halb heruntergerutscht. Jo bleibt stehen und schaut auf die schlafenden Körper. Truls wird ihn vermissen. Truls braucht dich, Jo. Mutter wird ein schlechtes Gewissen haben und weinen. Sie wird sich selbst schrecklich bemitleiden. Nini ist zu klein, um etwas zu verstehen. Nur Truls wird ihn vermissen. Er hebt die Decke auf und breitet sie über die Geschwister. Sein ganzer Unterarm ist voll von grünem Schleim und blutigen Kratzern. Er schleicht sich ins Bad und macht sich sauber. Aus dem Schlafzimmer dringen keine Geräusche. Mutter braucht Schlaf. Arne ist noch nicht nach Hause gekommen. Das könnte er tun: in die Bar gehen. Sicherlich ist Arne dort und schmeißt sich gerade an die dürre Frau des anderen Typen ran. Er könnte sich von irgendeinem Tisch ein Messer oder einen Flaschenöffner schnappen und ihm den Gegenstand in den Hals rammen, sodass Arne, dem Wichser, das Blut aus dem Mund schießt wie aus einem Gartenschlauch. Dann würde er seine Mutter wach rütteln, sie gemeinsam mit Truls und Nini in ein Taxi verfrachten und zum Flughafen fahren. Hier sind wir fertig, Mama, verstehst du? Wir werden nie mehr hierher zurückkommen! Währenddessen liegt Arne in der Bar auf dem Boden und verblutet. Im Flugzeug rührt sie keinen Tropfen an. Auch nicht, als sie nach Hause kommen. Sie macht die Pausenbrote für Truls und Nini fertig und fährt zur Arbeit, denn der Chef des Krankenhauses hat angerufen und gesagt, dass sie wiederkommen soll. Nie mehr wird sie tagsüber im Bett liegen. Stattdessen wird es nach gebratenem Fleisch und frisch gebackenem Brot riechen, wenn Jo von der Schule nach Hause kommt, und sie wird an der Treppe stehen und ihn lächelnd in Empfang nehmen. So wird es sein, Mama, wenn Arne, der Wichser, ein für alle Mal verschwunden ist. Oben auf dem Kühlschrank findet er einen Briefumschlag und reißt die Rückseite ab. Dann nimmt er einen von Ninis Farbstiften, einen hellgrünen. Wie soll er anfangen? Hasse euch? Nein, nichts dergleichen. Als er fertig ist, stehen nur zwei Wörter da: Vergesst mich. Vom oberen Treppenabsatz sehen die Wellen wie große Katzenjungen aus, die Milch schlecken. Auf der untersten Stufe zieht er seine Joggingschuhe aus, geht barfuß durch den Sand. Es ist kühl geworden. Weiter unten kommt er an den zusammengeschobenen Liegestühlen vorbei. Aus dem Augenwinkel meint er dort jemand sitzen zu sehen, doch er schaut nicht näher hin. Er kommt zu der Stelle, wo das schäumende Wasser aufgeben muss und sich wieder zurückzieht, und folgt dem Schaumrand. Hier ist der Sand hart und gibt unter den Füßen kaum nach. Er geht bis zu einem bestimmten Punkt in der Mitte des Strands, den er sich unwissentlich schon vor mehreren Tagen ausgesucht hat. Einfach hinausschwimmen. Die Bojen hinter sich lassen in dem schwarzen, warmen Wasser. Richtung Afrika. Doch wird er dort nie ankommen, weil er ermüden wird. Vielleicht auch weil er Angst hat, aber vor allem, weil ihn seine Kräfte verlassen. Er wird schwimmen, bis er nicht mehr kann. Das dunkle, warme Wasser wird ihn umschließen … Plötzlich fühlt er sich leicht. Ist kaum noch wütend, nur noch froh. Sein Verschwinden wird für die Mutter ein Signal sein. Das Signal, Arne zu verlassen. Truls und Nini werden es besser haben. Er muss nur losschwimmen. Ylva wird nie erfahren, dass es etwas mit ihr zu tun hat. Aber vielleicht versteht sie es, wenn sie nach Hause kommt und sieht, was an ihrer Tür hängt. Er zieht Hose und Unterhose aus und behält das gelbe T-Shirt an. Den Zettel mit der Nachricht, den er in der Küche geschrieben hat, steckt er hinter die Lasche des einen Joggingschuhs. Er steht genau dort, wo die Wellen sich zurückziehen. Schäumend umspülen sie seine Zehen, während die kleinen Blasen zischend zerplatzen. Sie kommen nicht, um etwas zurückzulassen, denkt er. Sie kommen, um etwas zu holen. Er beginnt hinauszuwaten. »Hey, Joe.« Er bleibt stehen, dreht sich jedoch nicht um. Versucht sich einzureden, dass er fantasiert. Aber das stimmt nicht, Jakka steht hinter ihm im Sand. »Ist es nicht etwas spät, um zu baden?« Niemand kann ihn daran hindern, das fortzusetzen, was er begonnen hat. Es vielleicht verzögern, aber nicht verhindern. Er hat ein Versprechen gegeben. Aber wem? Wohl dem, der im Dunkeln seinen Hammer schwingt. Und es gibt niemand, der ihn dazu bringen kann, sein Versprechen zu brechen. Er dreht sich halb herum. Jakka trägt immer noch dieselben dunklen Kleider. Seine Haare sind fettig und ungekämmt. In einer Hand hält er eine Zigarette. In der anderen den Joggingschuh von Jo – und den Zettel. »Es wird eine lange Nacht, Joe«, sagt Jakka und wirkt nicht im mindesten besorgt. »Du hast noch viel Zeit.« Er zieht an seiner Zigarette und gibt sie ihm. »Komm, wir setzen uns und reden ein bisschen. Außerdem hast du mir noch gar nicht erzählt, wie es mit dir und Ylva Richter läuft.« Liebe Liss, wenn Du diesen Brief bekommst, gibt es mich nicht mehr. Ich sitze hier und sehe, wie der Staub sich im grauen Licht, das durchs Fenster fällt, langsam zu Boden senkt. Draußen wirbelt der Wind das Herbstlaub auf, das schließlich auf dem Schnee liegen bleibt. Selbst jetzt ist es ein seltsamer Gedanke. Nicht mehr zu existieren. Diesen Entschluss habe ich nicht in den letzten Minuten getroffen. Ich habe diesen Gedanken viele Jahre mit mir herumgetragen, und jetzt habe ich mich entschieden. Es hängt von Deinem Verhalten ab, ob ich Dir diese Zeilen schicke oder sie im Kamin verbrenne und noch eine Weile meinen Weg fortsetze. Ich werde keinen Kontakt zu Dir aufnehmen, keinen Finger rühren, um Dich zu beeinflussen. Es ist beinahe eine Erleichterung, dass die Entscheidung in Deinen Händen liegt, nicht in meinen. Und mit dieser Erleichterung verbunden ist ein anderer Gedanke: Wenn Du diesen Brief bekommst, wirst Du erfahren, was damals geschehen ist. Ich habe ihn zum ersten Mal im Flugzeug gesehen. Auf dem Weg zur Toilette ging er an mir vorbei. Ich blickte von meiner Lektüre auf – die einzige, die ich auf dieser Reise dabeihatte. Sein Blick streifte mich, aber ich glaube nicht, dass er mich wahrgenommen hat. Ich erinnere mich immer noch an die Strophe, die ich, dort am Fenster, ein ums andere Mal gelesen habe: »Wer ist der Dritte, der stets neben dir geht? Wenn ich zähle, sind es nur du und ich, doch wenn ich den Blick hebe, den weißen Weg entlang, ist stets noch jemand an deiner Seite, in braunem Mantel, den Kopf unter der Kapuze verborgen, ist es ein Mann oder eine Frau? Doch wer, wer ist auf deiner anderen Seite?« Ich könnte vieles über Jo und Jakka schreiben. Ich könnte im Detail über unser erstes Treffen in Makrygialos damals im Herbst berichten. Wie ich ihn davor bewahrte, sich zu ertränken. Wie er mich rettete. Nicht weil ich etwas zu gestehen hätte, Liss, sondern weil Du verstehen sollst, wofür Du mich verurteilst … TEIL I November – Dezember 2008 1 Freitag, 28. November A bschminken. Streifen hellroter Gesichtshaut werden im scharfen Licht sichtbar. Der Fotograf hatte darauf bestanden, dass sie diese dicke, weiße Maske auftrug. Irgendetwas wollte er damit zeigen. Etwas Erstarrtes, das im Kontrast zum fast nackten Körper steht. Sie löste die Klammer und ließ das Haar über ihren Rücken fallen. Es wirkte dunkler als sonst, hatte aber immer noch einen rötlichen Schimmer. Sie blieb eine Zeitlang sitzen und betrachtete das, was sie im Spiegel sah. Die sich wölbende Stirn, die Augenbrauen, die sie ziemlich breit gelassen hatte, und die Augen, die zu weit auseinanderstanden. Das hatte schon immer merkwürdig ausgesehen, doch einigen Fotografen gefiel es so. Und Wim, mit dem sie an diesem Tag zusammengearbeitet hatte, behauptete mit einem Lächeln, dass sie wie eine Elfe aussehe. Langsam zog sie die Bürste durch ihre welligen Haare. Sie blieb in einem Knoten hängen, es schmerzte am Haaransatz, als sie mit Gewalt darüber hinwegging. Das Stechen erinnerte sie daran, dass sie nicht mehr lange in diesem abwesenden Zustand bleiben konnte. Ein Teil von ihr verspürte den Drang, sich in eine dunkle Höhle zurückzuziehen und mindestens ein, zwei Tage lang durchzuschlafen. Doch ihr Puls war viel zu hart und schnell. Das Handy vibrierte auf der Spiegelablage. Sie warf einen Blick auf die Nummer, kannte sie nicht, legte das Handy wieder hin und fuhr fort, ihr dichtes, widerspenstiges Haar zu bürsten. Vermutlich hatte sie es von ihrer Großmutter väterlicherseits geerbt. Sie hatte es noch nie gemocht. Zako bezeichnete es als Flammenmeer, wenn er in melodramatischer Stimmung war. Und vor einer weißen Wand oder vor einem blauen Himmel leuchtete es so spektakulär, dass es zwangsläufig den Blick des Betrachters auf sich zog, der danach unweigerlich zu ihren grünen Augen wanderte, die den Eindruck erweckten, sie hätte einen leichten Silberblick. Sie streckte den Rücken, sodass ihre Brüste im Spiegel zu sehen waren. Sie waren zu klein, doch Zako wollte keine Brustvergrößerung, zumindest vorläufig nicht. Er meinte, sie passten zu ihrem mädchenhaften Typ. Wie aus einem Roman von Jane Austen, meinte er. Zako hatte nie etwas von Jane Austen gelesen. Sie übrigens auch nicht. Das Handy vibrierte erneut. Eine SMS von Rikke: Sitzen im Café Alto. Coole Musik. Zako hat nach dir gefragt. Zorn flammte in Liss auf. Jetzt benutzte er schon Rikke, um ihr Nachrichten zukommen zu lassen. Glaubte wohl, sie wisse immer noch nicht, dass er mit Rikke schlief. Rikke hatte sich eines Morgens vor ungefähr einer Woche verraten. Sie konnte Rikke lesen, so wie die meisten Menschen. Ihr Blick war an diesem Morgen anders gewesen. Ihr Lachen einen Ton höher als sonst. Sie ließ das Brotmesser auf den Boden fallen, als Liss fragte, was in der Nacht eigentlich vorgefallen war. Gestand sofort alles. Als wenn ein Geständnis nötig gewesen wäre. Und wenn schon, war Liss’ Kommentar gewesen, nachdem Rikke alles erzählt hatte. Rikke hatte erwartet, dass Liss ihr eine Riesenszene machen würde. Als die ausblieb, erklärte sie Liss zur besten Freundin, die sie je gehabt habe. Sie lasse es auch nicht mehr zu, fügte sie hinzu, dass Zako auf ihr herumhacke. Doch wie wollte sie das verhindern? Zako hatte seine Sache wirklich gut gemacht. Hatte Rikke so genommen, dass sie noch tagelang daran dachte und sich danach sehnte, dass er es wieder auf dieselbe Art und Weise tat. Sie gab sich Tagträumen hin und war völlig vernarrt in ihn. Zako hatte sie in der Hand, dachte Liss und registrierte ein Lächeln ihres ungeschminkten Spiegelbilds. Sie hatte es sofort kapiert, als Rikke ihm plötzlich kleine Gefälligkeiten erwies. Ihm Koks besorgte, wenn er vor einer Party nichts mehr auf Lager hatte, und ihm ein Taxi bestellte, wenn er nach Hause wollte. Sie rieb ihren knackigen Hintern an seinem Schritt, sobald sie die Gelegenheit dazu hatte. Liss lachte im Stillen über sie. Der Anblick ihrer hündischen Ergebenheit hatte etwas Befreiendes. Vermutlich weil sie wusste, dass Zako sie niemals so weit kriegen würde. Liss brauchte ihn nicht und hatte keine Angst, ihm das zu sagen, auch wenn er sich dann von seiner groben, bedrohlichen Seite zeigte. Meistens kam er damit, dass sie ihm Geld schulde. Und bezahlte er nicht auch die Wohnung, die sie sich mit Rikke teilte? Darauf erwiderte sie, dass er viel zu viel Geld von dem behalte, was sie mit den Fotojobs verdienen würde, die er ihr besorgte. Bald hatte sie genügend eigene gute Kontakte, um die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Man musste ja schließlich nicht promoviert haben, um Telefongespräche zu führen und ein paar Verträge durchzulesen. Sie schulde ihm noch Koks, brummte er. »Willst du jetzt etwa wegen ein paar tausend Euro so ein Theater machen? Kannst die Kohle auch sofort haben«, sagte Liss. »Verdammt, pass bloß auf, Liss!«, fauchte er, war aber schon in die Defensive geraten und weit auf sein eigenes Territorium zurückgedrängt worden. Eines Vormittags, es war in der kleinen Küche ihrer Wohnung, hatte er ihr beide Arme auf den Rücken gedreht und sie gegen den Kühlschrank gedrückt. Es tat weh, die blauen Flecke hatte sie noch Tage später, doch sie sah ihm fest in die Augen, ohne den Schmerz im Geringsten zu zeigen. Er hätte sie schlagen oder ihr auf andere Weise physisch zusetzen können, aber sie hatte keine Angst vor ihm. Auf seine Drohungen reagierte sie mit Verachtung. Das unterschied sie von den anderen Mädchen, mit denen er zu tun hatte. Sie brauchte ihn nicht. Er brauchte sie. Das hatte er zwar längst begriffen, hing aber immer noch der irrigen Meinung an, dass sie die Lage nicht richtig einschätzte. Er hatte ein paar Kontakte für sie hergestellt. Die meisten waren völlig unnütz, weil das Pornogeschäft für sie nicht infrage kam. Und nur wenige Fotografen, die er kannte, hatten andere Ambitionen. Sie wollte sie ausprobieren. Sich nicht binden und durch leere Versprechungen blenden lassen. Zako wollte, dass sie in der Designerklasse aufhörte, weil er meinte, es koste sie zu viel Zeit. Doch sie wollte nicht aufhören. Sie hatte genug Talent, um eines Tages Kapital daraus zu schlagen. Die Modelljobs hingegen machte sie nur, um Erfahrung zu sammeln. Wie wirkten ihre Fotos auf andere? Wie kam diese Wirkung zustande? Was konnte man aus diesen Fotos machen? Wie weit konnte sie sich von der Person lösen, die sie war oder früher einmal gewesen war? Mit Zako war sie fertig. Sie hatte bereits begonnen, sich nach einer neuen Wohnung umzusehen, und würde auch keine Schwierigkeiten haben, ihre Schulden zu begleichen. Notfalls konnte sie ihre Familie anpumpen. Natürlich nicht ihre Mutter, aber Mailin, die ihr das Geld noch am selben Tag schicken würde, ohne Fragen zu stellen … Der Gedanke an ihre Schwester ließ sie innehalten. Sie quetschte die Bürste in ihrer Hand zusammen und starrte ihr Spiegelbild an. Etwas war passiert. Es war jetzt drei Tage her. Zako hatte mal wieder darauf bestanden, dass sie mit Geschäftsleuten ausging. Er hatte drei oder vier Mädchen, die für ihn auf diese Weise Geld verdienten. Er vermittelte die Treffen, sie verdienten gut, und er ließ sie einen ordentlichen Batzen behalten. Sie brauchten nicht mit den Geschäftsleuten zu schlafen, sondern begleiteten sie nur auf Empfänge und in Nachtklubs. Mit unbegrenztem Zugang zu Koks und den besten Restaurants der Stadt, lockte Zako sie. Rikke war kurz davor anzubeißen. Leicht verdientes Geld, versicherte er. Sein Tonfall erinnerte an einen Autoverkäufer, was Liss zum Lachen brachte. Er fragte, was daran so komisch sei. Und sie deutete an, dass sie nicht mehr für ihn arbeiten wolle. Seine Augen wurden schwarz. »Kann ja sein, dass es dir egal ist, was aus dir wird«, knurrte er. »Aber es gibt bestimmt Menschen, die dir nicht egal sind.« »Was meinst du damit?«, fragte sie und versuchte, ihre plötzlich aufkommende Unsicherheit zu überspielen. »Du hast doch eine Schwester …« Da geschah etwas, was lange nicht passiert war. Das Licht im Raum veränderte sich. Es wurde stärker und schien sich gleichzeitig zurückzuziehen. Bin ich nicht hier?, durchfuhr es sie. In diesem Moment hämmerte es in ihrer Brust, dass sie kaum noch atmen konnte. Und zugleich der andere Gedanke: Er darf nicht sehen, was mit mir geschieht. Sie hielt sich an der Tischkante fest. Er grinste. Sagte kein Wort, nur dieses Grinsen, als wolle er zeigen, dass er sie jetzt unter Kontrolle hatte. Sie legte die Haarbürste hin, zog Hemd und Hose an. Zako hatte nicht kapiert, was für ein Idiot er war, ihre Schwester da mit hineinzuziehen. Das Maß war voll. Das würde sie ihm sehr deutlich zu verstehen geben. Sie trug ein bisschen Mascara auf und holte den Eyeliner heraus. In diesem Moment sah sie Mailin vor sich. Sie steht vor dem Bett und trägt einen Pyjama. Trotz der Dunkelheit im Zimmer weiß Liss, dass er hellblau ist. Die Haare ihrer Schwester sind zu zwei Zöpfen geflochten. Als Kind hatte sie immer Zöpfe gehabt. Sie sagt irgendetwas. Liss verstaute die Schminksachen in ihrer Handtasche, nahm die Lederjacke vom Haken und verließ die Garderobe. In der Küche hörte sie Wim mit einem der anderen Fotografen reden, mit denen er sich das Atelier teilte. Niemand bemerkte, als sie leise hinausschlich. Es war fast Mitternacht. Das Café Alto war brechend voll. Das Quartett auf der Bühne des engen Lokals setzte zu einem Stück mit dem Titel »Before I met you« an, das der Pianist zuvor angekündigt hatte. Liss kannte ihn. Ein Amerikaner, der mit ein paar Mädchen aus ihrer Designerklasse zusammen gewesen war. Jetzt saß er gebeugt im Halbdunkel und schien fast verblüfft auf seine Hände zu starren, die über die Tasten liefen. Rikke winkte vom Tisch neben der Treppe und rutschte auf der Bank zur Seite, um Platz zu machen. Zako saß mit dem Rücken zu ihr und redete mit einem Typ am Nebentisch. Nachdem Liss sich hineingeschlängelt hatte, beugte sich Rikke zu ihr vor. »Zako glaubt, dass du ihm aus dem Weg gehst«, flüsterte sie ihr ins Ohr. Liss musste lachen. Hatte Rikke jetzt auch noch damit begonnen, für ihn zu sprechen? Denn erst jetzt drehte Zako sich um. Seine Augen glänzten. Es hätte den Anschein haben können, als amüsiere er sich, aber sie kannte ihn. Er lehnte sich über den Tisch, legte ihr die Hand auf den Arm und blickte sie durchdringend an. »… bis jetzt gearbeitet?«, nahm sie durch die Musik hindurch wahr. Zako war stets auf der Hut, auch wenn er high war. Stellte immer dieselben Fragen, um zu prüfen, was sie getan hatte und mit wem sie zusammen gewesen war. Sie war hungrig. Hatte seit dem frühen Nachmittag nichts gegessen. Sie zog eine Marlboro aus der Schachtel, steckte sie an und lehnte sich an die Wand. Zako saß immer noch da und studierte ihr Gesicht, als sähe er sie zum ersten Mal. Auf der Bühne spielte der Bassist, den Liss ebenfalls von der Schule her kannte, sein Solo, wobei sein Kopf die ganze Zeit in Bewegung war. Es sah aus, als hätte er eine Angelschnur zwischen den Zähnen, mit deren Hilfe er die Töne aus dem schwarzen Kasten hervorzauberte. Ein süß und klebrig riechender Joint machte die Runde. Liss ließ ihn weiter zu Rikke wandern, die ihren Kopf vertraulich an Liss’ Schulter gelehnt hatte. »Ich brauch was anderes als diese Kamelscheiße.« »Stimmt. Komm mit!« Rikke ging vor ihr die Treppe hinauf. Liss spürte Zakos Blick auf ihrem Rücken, direkt unterhalb ihres Nackens. Sie schlossen sich auf der Toilette ein. Rikke fischte einen Umschlag, einen Spiegel und ein Röhrchen aus ihrer Handtasche und gab alles Liss. »Ich muss mal«, sagte sie, hob ihren kurzen Rock, zog die Strumpfhose nach unten und setzte sich hin. Liss zog eine Linie. Umfasste ihr Haar mit einer Hand. Rikke hielt das Röhrchen für sie. Liss beugte den Kopf und zog das Pulver entlang dem Spiegel so tief ein, wie sie konnte. Ihr Mund verschwand dabei fast in ihrem Ausschnitt. Eine neue Linie für das andere Nasenloch. »Was sollte ich ohne dich tun?«, sagte sie, nachdem sie die Plätze getauscht hatten. Rikke zog sich ihre beiden Linien rein, blieb an der Toilettentür stehen und beobachtete, wie Liss sich abwischte. »Mein Gott, Liss, weißt du eigentlich, wie hübsch du bist?« Liss mochte es, wenn Rikke das sagte, obwohl sie wusste, dass sie nie richtig hübsch sein würde. Sie stand auf und küsste Rikke lange auf den Mund, bevor sie sich die Hose hochzog. Zako stand draußen, als sie rauskamen. »Was ist los mit euch?« Er starrte Liss an. Rikke legte einen Finger an die Lippen und verschwand die Treppe hinunter. »Warum bist du gestern nicht gekommen?«, wollte er wissen. »Hatte ich gesagt, dass ich kommen will?« Er packte sie am Arm, aber nicht besonders hart. »Ich verstehe ja, dass du sauer bist wegen der Sache mit Rikke.« Sie verdrehte die Augen. »Warum sollte ich denn sauer sein? Ihr könnt vögeln, soviel ihr wollt. Viel Spaß dabei!« Jetzt grinste er. »Du bist sauer, ich kenne dich doch.« »Beides falsch«, entgegnete sie ebenfalls grinsend und befreite sich aus seinem Griff. Er drückte sie an die Wand und starrte von oben auf sie herab. Seine Pupillen waren Stecknadelköpfe, dennoch sahen seine Augen schwarz aus. Sie fragte sich, was er genommen hatte. »Ich lasse sie fallen.« »Wen?« »Rikke. Ich geb ihr den Laufpass.« Liss konnte sich ihr Lachen nicht verkneifen. »Ich dachte, da wäre nichts zwischen euch. Und jetzt willst du ihr den Laufpass geben?« Er machte eine Grimasse, mit der er anscheinend versuchte, seinen eigenen Widerspruch ins Lächerliche zu ziehen. »Sorry!«, sagte er. »Wofür?« »Ich habe dich nicht gut behandelt. Das wird sich ändern.« Sie stutzte. Sie hatte von Zako noch nie so etwas wie ein Eingeständnis gehört. Sein Stolz hatte sie angezogen, dass er es nicht nötig hatte, sich kleinzumachen. Und nun entschuldigte er sich sogar. Er meinte das natürlich nicht ernst. Aber als Taktik war es nicht schlecht. »Mit Rikke hat das nichts zu tun«, sagte sie. »Oder mit anderen Mädchen. Ich brauche dich nicht, Zako.« Das Herz schlug ihr bis zum Hals, als sie das sagte, und ihr Kopf füllte sich mit einem sprudelnden Gas. Alles konnte jetzt geschehen. Aber sie ließ sich nicht unterkriegen. »Wir haben eine Abmachung«, sagte er ruhig, doch seine Stimme hatte einen Unterton, der von verhaltener Wut zeugte. »Eine Abmachung?« »Hör zu, Liss.« Er machte eine kurze Pause. Vermutlich, um seinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen. »Ich habe dir alle deine Fotoshootings besorgt. Wenn mehr daraus werden soll, brauchst du die richtigen Kontakte. Was Fashion angeht, ist Amsterdam tiefste Provinz. Ich kenne auch woanders haufenweise Leute, wichtige Leute. Du sollst nicht so enden wie Wim, Ferdinand und die anderen Loser.« »Ich bin dir zu großem Dank verpflichtet«, sagte sie mit Betonung auf »großem«. »Aber um meine Zukunft musst du dir keine Sorgen machen. Du musst nie wieder wegen mir nächtelang aufbleiben.« Sein Blick verhärtete sich. »Die Wohnung …«, sagte er. »Du wohnst in meiner Wohnung.« Das stimmte nicht. Er hatte sie ihr besorgt, aber sie gehörte ihm nicht. »Nächste Woche ziehe ich aus«, entgegnete sie. »Hab schon etwas anderes gefunden.« Vielleicht begriff er, dass auch das gelogen war. Doch nichts konnte sie aufhalten. Sie ging bereits die Stufen hinunter. »Warte!«, fauchte er hinter ihr her. Sie blieb stehen und drehte sich um. Es kostete sie nichts, sich anzuhören, was er zu sagen hatte. Seine Hand verschwand in der Innentasche, und für einen Augenblick dachte sie, er habe eine Waffe, ein Messer oder einen Revolver. Doch nicht einmal dieser Gedanke erschreckte sie. Es war keine Waffe, die er in der Hand hielt, sondern ein Foto. Und im selben Augenblick wusste sie, dass das Spiel sich gedreht hatte. Er stand auf dem oberen Treppenabsatz, aber sie wollte nicht wieder zu ihm hinaufgehen. Sie wartete, bis er die vier Stufen zu ihr nach unten kam. »Kennst du diese Frau?«, fragte er und hielt das Foto schräg unter das Deckenlicht. Vor drei Tagen hatte Zako die Bemerkung mit Liss’ Schwester gemacht. Zunächst hatte sie geglaubt, er habe aufs Geratewohl einen Versuch unternommen, musste jedoch immer wieder an seine Andeutung denken … Das Foto war an einer Bushaltestelle aufgenommen worden. Mailin lehnte an einer Wand und schien ihren Blick auf etwas gerichtet zu haben, das auf dem Bild nicht zu sehen war. Die Aufnahme war aus einiger Entfernung von der Seite gemacht worden. Mailin hatte offenbar nicht bemerkt, dass sie fotografiert wurde. Liss hielt sich am Treppengeländer fest. Das Licht änderte sich, zog sich zurück, wurde jedoch stärker. Als würde nicht sie da stehen. Und wenn es nicht sie war, konnte alles geschehen. Es stach in ihren Lungen, vielleicht hielt sie die Luft an, und im starken, fernen Licht tauchten schwarze Punkte auf. Sie durfte nicht darauf eingehen. So war Zako eben. Er spielte und spielte und begriff nie, wenn er zu weit gegangen war … Die meisten seiner Spielchen kannte Liss bereits. Sie hatten sie nicht abgeschreckt. Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht dass er jemand auf Mailin ansetzen würde. Plötzlich war ihr übel. Sie hatte seit Stunden nichts gegessen. Sie musste sich etwas zu essen besorgen, musste von hier verschwinden. »Wo hast du das Foto her?« Er lächelte nicht mehr. »Warum zeigst du mir das?«, fuhr sie so beherrscht wie möglich fort. »Glaubst du, das ändert irgendwas?« Erneut sah er sie forschend an. Wenn sie jetzt so stehen blieb, gab ihm das die Möglichkeit, sie Schicht für Schicht zu entblättern, bis sie vollkommen nackt war und jede noch so kleine Bewegung ihre Gedanken enthüllte. Sie drehte sich um, ging die Treppe hinunter und setzte sich dicht neben Rikke. Wie zum Schutz legte sie ihr den Arm um die Schultern. * Sie träumte, sie würde eine Bohrmaschine in der Hand halten, doch sie funktionierte nicht. Sie drückte den Knopf ganz herunter. Plötzlich sprang sie so heftig an, dass ihre Hände die Maschine kaum halten konnten. Sie ließ den Knopf los, doch die Maschine ging nicht aus. Als sie erwachte, schien der ganze Raum – das Bett, in dem sie lag, die Wände – immer noch zu vibrieren. Dann beruhigte sich alles allmählich. Die Straßenbahn war vorbeigefahren. Ihr fiel ein, wo sie sich befand. Spät in der Nacht hatte sie das Café Alto verlassen. Konnte den Gedanken nicht ertragen, nach Hause in ihre Wohnung zu fahren. Vielleicht würde sich Zako an ihre Fersen heften oder bei ihnen auftauchen, nachdem Rikke und sie sich hingelegt hatten. So etwas tat er, wann immer es ihm passte. Sie war einfach abgehauen, ohne etwas zu sagen, und hatte in einem Hotel in der Leidsestraat eingecheckt. Durch einen Spalt unter der Gardine sickerte das Licht. Sie blieb liegen und studierte das Muster der Tapete. Kleine Apfelblüten, die sich auf die Decke zubewegten, als würde jemand einen Film abspulen. Und irgendwo dazwischen tauchte unablässig Mailins Gesicht auf. In ihrem blauen Pyjama steht sie vor dem Bett. Liss setzt sich auf. Was ist das? Mailin hält sich den Finger vor die Lippen. Dann dreht sie sich um und schließt die Tür. Sag mir, was los ist, Mailin. Die Schwester steht im Dunkeln und lauscht. Dann schlüpft sie zu Liss unter die Decke und legt den Arm um sie. Ich werde auf dich aufpassen, Liss. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas Böses geschieht. Sie stand auf und ging ins Bad. Steckte sich den Finger in den Hals. Es kam nicht viel heraus, ihr Magen war so gut wie leer. Sie legte sich wieder hin und wickelte sich in die Decke ein. Das Foto von Mailin an der Haltestelle, sicher irgendwo in Oslo und vermutlich erst kürzlich aufgenommen. Von wem? Das konnte sie Zako nicht fragen. Er begriff, dass dies der schwache Punkt war, nach dem er gesucht hatte. Wusste er, wie anfällig sie war? Wenn sie dies offenbarte, würde sie die Kontrolle verlieren. Und wenn sie erst einmal Angst bekam, würde sie davon vollkommen überwältigt werden. Sie setzte sich ruckartig auf, fand das Handy in der Tasche, die über der Stuhllehne hing, ließ sich unterhalb des Fensters auf den Boden gleiten und tippte die Nummer ein. Es klingelte drei Mal, ehe jemand abnahm. »Liss?« Mailins Stimme war verschlafen. »Ist was passiert?« Liss atmete schwer. »Nein …« Sie blickte auf die Uhr, die sich am Fernseher befand. Sie zeigte 6:20. »Entschuldige, ich hab gar nicht gemerkt, wie früh es ist. Ich ruf dich später an.« »Egal, jetzt bin ich sowieso wach. Wollte eh früh aufstehen. Gutes Skiwetter heute.« Liss sah die gespurten Loipen vor sich, die sich zwischen den Kiefern dahinzogen. Wind in den Baumkronen. Sonst war alles ruhig. »Ich würde gern mitkommen zum Skilaufen.« Mailin gähnte. »Du kommst doch Weihnachten nach Hause, oder?« »Glaub nicht …« »Kannst du dir denn nicht mal eine kleine Pause gönnen, Liss?« Mailin traf den Nagel erschreckend oft auf den Kopf. »Pause? Das ist nicht gerade das, was ich brauche.« Das stimmte nicht, sie brauchte tatsächlich eine Auszeit, wusste jedoch nicht, wo. Jedenfalls nicht in Norwegen. Das war nicht mehr ihr Zuhause und würde es nie wieder sein. »Versuch nicht, mich zu überreden, Mailin.« Sie hörte ein Grummeln im Hintergrund, eine männliche Stimme. »Ist dein Freund da?« Mailin lachte kurz. »Du willst wohl wissen, ob es noch einen anderen gibt. Einen Lover, einen neuen Mann in meinem Leben.« »Und?« »Du weißt doch, wie langweilig ich bin. Der Mann, der neben mir liegt, heißt immer noch Viljam, und das schon seit zwei Jahren …« »Neben dir?« »Haha. Du rufst ja wohl nicht in aller Herrgottsfrühe an, um schlechte Witze zu machen. Sag mir lieber, was los ist.« Sie hatte die halbe Nacht wach gelegen, ohne den Gedanken daran abschütteln zu können, dass jemand ihre Schwester bedrohte. Jemand, der mit Zako und diesem Foto zu tun hatte … Erschöpft und erregt, zitternd wie eine Hochspannungsleitung, war sie schließlich ganz sicher gewesen, dass Mailin etwas Furchtbares zugestoßen war. Sie hatte sie gleich anrufen wollen, zwang sich aber zu warten. »Ich wollte einfach hören, wie es dir geht.« Deine Stimme hören, dachte sie. »Ob bei dir alles in Ordnung ist.« »Wieso sollte nicht alles in Ordnung sein?« »Ach, ich weiß auch nicht … ich habe nur das Gefühl, dass du dir manchmal zu viel Arbeit aufbürdest. All die Leute, um die du dich kümmerst.« »Irgendwas ist doch mit dir, Liss. Sag mir, was los ist!« Ehe sie es sich anders überlegen konnte, fragte Liss: »Warum kann ich mich eigentlich nicht an meine Kindheit erinnern?« Mailin antwortete nicht. »Manchmal tauchen irgendwelche Bilder auf«, fuhr Liss fort. »Vorhin, zum Beispiel, habe ich gesehen, wie du in mein Zimmer gekommen bist. Du hast die Tür abgeschlossen, dich neben mich aufs Bett gesetzt und mich umarmt. Und jetzt kommt es mir so vor, als sei das wirklich passiert.« »Das ist wirklich passiert«, sagte Mailin. »Zu Hause in Lørenskog.« »Davon hast du nie etwas erzählt!«, wunderte sich Liss. Es dauerte ein wenig, ehe Mailin antwortete. »Vielleicht wollte ich warten, bis du danach fragst. Man muss nicht alles wissen.« Liss war übel. Sie musste aufstehen und sich übergeben. »Ruf dich nachher wieder an«, brachte sie noch heraus und legte auf. 2 Freitag, 5. Dezember L iss tappte nackt durch die Wohnung und schaute nach, ob der Efeu Wasser brauchte. Dann machte sie sich einen weiteren Espresso, setzte sich ans Küchenfenster und schaute hinaus. Die Weihnachtsdekoration am Haarlemmerdijk bestand aus Tannengirlanden, an denen kleine Lichter hingen. Wie die Zitzen einer trächtigen Hündin, dachte sie. Ein großer, sechseckiger Stern hing mitten über der Straße. Darin ein Herz mit roten Glühbirnen. Sie hatte die Wohnung für sich allein. Ein Mädchen aus ihrer Klasse, das sie kaum kannte, hatte gesagt, Liss könne bei ihr wohnen, bis sie etwas anderes gefunden habe. Jetzt war das Mädchen nach Venlo gefahren, um das Wochenende bei ihrer Familie zu verbringen. Das mussten wohlhabende Leute sein, wenn sie genug Geld hatten, ihrer Tochter eine Dreizimmerwohnung im schicken Jordaan – dem ehemaligen Armeleuteviertel, in dem einst die Hugenotten gelebt hatten – zu bezahlen. Hier waren die Fassaden frisch renoviert, und es gab keine Straßenbahnen oder Lastwagen, die Tag und Nacht vorbeidonnerten. Liss nahm die Kaffeetasse mit ins Bad und stellte sich vor den Spiegel. Sie brauchte sich nicht zu schminken. Ihre Haut war weich und glatt. Doch es tat gut, eine Maske aufzutragen. Wenn sie doch nur ihren ganzen Körper mit einem dünnen Film bedecken könnte … etwas, das sie auflegen konnte, wenn sie aus dem Haus ging, und wieder ablegte, wenn sie zurückkam. Etwas, das die Haut unberührt ließ. Dasselbe mit den Augen. Nicht nur Brauen und Wimpern, nein, den Augapfel selber wollte sie bedecken. Alles bedecken, was sie verraten konnte. Sich Linsen kaufen, obwohl ihre Augen völlig in Ordnung waren. Linsen in einer anderen Farbe, schwarz oder braun. Ihr Handy gab zwei schwache Signale von sich. Eine Meldung von Mailin: Hab nichts gehört von dir. Gerade ist etwas passiert, das mit dem zu tun hat, wonach du mich heute Morgen gefragt hast. Ihre Schwester hatte am Abend zuvor angerufen. Liss war mitten in einem Fotoshooting und sagte, sie rufe zurück, ließ es jedoch bleiben. Sie ärgerte sich darüber, dass sie ihrer Schwester von der alten Erinnerung erzählt hatte. Eigentlich war mit ihrem Gedächtnis alles in Ordnung. Von Tag zu Tag und Woche zu Woche hatte sie keine Schwierigkeiten, sich zu erinnern. Nur was lange zurücklag, war verschwunden. Andere wie Rikke schienen eine komplette Übersicht über ihr Leben zu haben, von dem Tag an, als sie ihr erstes Paar Schuhe bekamen. Rikke konnte ihre Erinnerung beliebig zurückspulen, wie einen Film, den sie sich ansehen konnte, wann immer sie wollte. Doch Liss funktionierte nicht so. Sie konnte sich noch an die Tage in der Hütte erinnern, doch erst ab dem zehnten oder zwölften Lebensjahr. Jeden Sommer und Winter hatten sie mehrere Wochen im Umland von Oslo verbracht. Die Wochenenden und Ferien. Hatten das Auto bei Bysetermosan abgestellt und von dort aus einen vollbeladenen Schlitten bis nach Vangen gezogen, ehe sie ihn über den schmalen Pfad nach Morrvann transportieren mussten. Oder sie und Mailin gingen von Losby aus mit ihren Skiern los. Als sie alt genug waren, auch ohne die Begleitung eines Erwachsenen. Manchmal abends im Mondlicht, über Geitsjøen und Røirivann. Mit Rucksäcken durch den dunklen Wald. Aufgekratzt und gleichzeitig andächtig angesichts der vollkommenen Stille. An mehr brauchte sie sich nicht zu erinnern. Mailin glaubte vielleicht, sie habe die vage Erinnerung aus dem Schlafzimmer in Lørenskog deshalb erwähnt, weil sie darunter leide. Doch in dem Fall irrte sie sich. Das wollte Liss ihr sagen, wenn sie das nächste Mal anrief … Sie hatte ihre Schwester vor einem halben Jahr das letzte Mal gesehen. Im Frühsommer hatte Mailin sie in Amsterdam besucht. Liss hatte sie auf eine Konferenz begleitet, auf der es um Missbrauch von Kindern ging. Mailin forschte auf diesem Gebiet und hatte ebenfalls einen kurzen Vortrag gehalten. Danach war sie noch für mehrere Tage geblieben. Liss hatte ihr die Stadt gezeigt, sie zur Hochschule und zu einem Fotostudio mitgenommen, in dem sie mehrmals gearbeitet hatte. Das meiste hielt sie vor ihrer großen Schwester jedoch geheim. Kein Wort über die Partys und das Koks. Außerdem hatte sie darauf geachtet, dass Zako nicht plötzlich auf der Bildfläche erschien. Ihm sollte Mailin keinesfalls begegnen. Das waren zwei Welten, die sie strikt voneinander getrennt halten musste. Sie gehörten nicht zusammen, konnten nicht gleichzeitig existieren. Dennoch kam diese Frage von Mailin, als Liss sie zum Flughafen fuhr. Was soll nur aus dir werden, Liss? Das traf sie so hart, dass sie nicht einmal böse wurde. Gar nichts soll aus mir werden, hätte sie antworten können. Das war ihr Triumph, denn von all diesen Dingen hatte sie sich gelöst. Von dem Leben, das sie nie hatte leben wollen. Aber Mailin ließ nicht locker. Kannst du dich noch an meine Worte erinnern, als ich dich das letzte Mal vom Polizeipräsidium abgeholt habe? In den letzten Jahren vor ihrer Abreise hatte sie mehrmals unliebsame Bekanntschaft mit der Polizei gemacht. Mailin lehnte den Irakkrieg ebenso ab wie sie und hatte ein paarmal an den genehmigten Demonstrationen teilgenommen, wo alles ruhig und ordentlich vonstattenging. Aber Liss war das nicht genug. Sie war Mitglied einer Gruppe, die aktiven Widerstand leistete. Sie marschierten zur amerikanischen Botschaft und ließen sich nicht von den Polizisten verscheuchen, sondern warfen mit Flaschen und Steinen nach ihnen. Viele Mitglieder der Gruppe wollten noch weitergehen und massiven bewaffneten Widerstand leisten. »Glaubst du etwa, das bringt mehr als friedliche Proteste?«, fragte Mailin. Sie selbst arbeite schließlich auch »auf der anderen Seite«, behauptete sie, und da könne Liss eigentlich ebenso wütend auf sie sein. Auf der anderen Seite, meinte Liss, werde man zu einem Teil der Macht und sei bestenfalls ein nützlicher Idiot. Doch Mailin ließ sich nicht beirren: »Wer sich Straßenkämpfe mit der Polizei liefert, sucht sich einen übermächtigen Gegner und will nur bestätigt bekommen, wie schrecklich alles ist.« Liss sagte ein ums andere Mal, Mailin solle sich keine Sorgen machen. Doch Mailin würde sich immer für sie verantwortlich fühlen. Auf dem Weg nach Schiphol sagte sie: »Ich habe Angst, dass du immer noch dieselben Dinge tust wie damals, als du dich auf die Straße gesetzt und gewartet hast, dass die Polizei euch angreift. Ich habe Angst, dass du jemand findest, der so brutal und rücksichtslos ist, dass du dich von ihm verprügeln lässt.« »Du hast ihn doch gar nicht kennengelernt«, protestierte Liss. Es war ihr zwar gelungen, Zako von ihr fernzuhalten, doch Mailin hatte lange mit Rikke gesprochen. Und Mailin musste nicht viel erfahren, um sich ein eigenes Bild zu machen. »Rikke redet viel, wenn der Tag lang ist«, stellte Liss fest. »Die würde alles tun, um ihn ins Bett zu kriegen.« Mailin sagte nichts mehr. Den gesamten Herbst hindurch telefonierten sie einmal pro Woche, doch Mailin erkundigte sich nie nach Zako oder ihrem Leben in Amsterdam. Vermutlich wartete sie, bis Liss von sich aus darauf zu sprechen kam. So war es immer gewesen. Was soll nur aus dir werden, Liss? * Es war Viertel nach vier, als Liss im Bad fertig war. Sie verließ die Wohnung, um etwas zu essen. Hatte sowieso nichts mehr zu Hause. Sie schloss ihr Fahrrad auf, das in einer Ecke unter der Kellertreppe stand, und trug es auf die Straße. Aus der Bäckerei an der Ecke duftete es nach frischem Brot. Im Schaufenster türmten sich Käsekuchen, Brezeln und Berliner. Sie blieb für einen Augenblick stehen und sog den Duft ein, zufrieden damit, dass sie sich nicht verführen ließ, etwas zu kaufen und dem Drang nachzugeben, den Mund mit einem weichen Schmalzgebäck zu füllen. Sie folgte dem Haarlemmerdijk eine Weile und bog dann in die Prinsengracht ein. Nachdem der peitschende Regen mehrere Tage aus nördlicher Richtung über das Meer gekommen war, zeigten sich an diesem Dezembernachmittag die ersten Risse in der Wolkendecke, durch die ein scharfes blaues Licht fiel. Der Himmel veränderte sich ständig, es klarte zusehends auf, und aus den Schornsteinen der Hausboote entlang dem Kanal stieg Rauch auf. Plötzlich wurde sie von einem seltsamen, rauschhaften Gefühl ergriffen. Sie trat schneller in die Pedale. Sie hätte stehen bleiben und die Zeit anhalten können, um dieses Bild der verwelkten Blumen in den Töpfen am Ufer, die treibenden Wolken über ihrem Kopf und die Silhouette der Westerkerk, die hoch in den Himmel ragte, für immer in sich aufzunehmen. Eines Tages würde sie vielleicht an diese Fahrradfahrt zurückdenken, an diesen Schimmer, der sie umgab und doch außer Reichweite war. Andererseits konnte sie sich kaum vorstellen, dass sie je alt genug sein würde, um zurückzublicken. Sie hatte längst entschieden, dass sie für ein kurzes Leben geschaffen war. Trieb gern ihre Scherze mit dieser Idee. Dann bezeichnete Rikke sie als Melancholikerin, aber das stimmte nicht, denn bei ihr hielt keine Stimmung so lange an, als dass man sie als das eine oder andere bezeichnen konnte. Dennoch hatte sie eine klare Vorstellung von ihrem eigenen Tod. Sie würde zur Hütte fahren, an den einzigen Ort in Norwegen, den sie vermisste. Hinaus in den Wald, hinunter zum See, der sich Morrvann nannte. Es ist Winter. Der trockene Schnee knirscht unter den Stiefeln. Sie geht an dem Fels vorbei, von dem aus sie im Sommer immer ins Wasser gesprungen sind, und folgt dem Ufer des zugefrorenen Sees. Dann biegt sie ab, hinunter ins Moor. Findet den Platz, an dem sie sich hinlegen wird. Der Himmel zwischen den Baumwipfeln ist klar und schwarz wie farbiges Glas. Einfach loslassen und in die Kälte gleiten, die sie umschließt … Dieser Gedanke tröstete sie, wenn sie Trost brauchte. Sie hatte mit sich selbst verabredet, wie das Ende sein würde. Daraus erwuchs ihre Stärke. Sie spürte einen Anflug von Trauer, wenn sie daran dachte. Beim Saloon sprang sie vom Fahrrad, stellte es an die Wand und setzte sich an den Tisch, der dem Kanal am nächsten stand. Mehrere Leuchtbuchstaben des Schriftzugs waren erloschen, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Tobi kam mit einem leeren Tablett. Er beugte sich hinunter und ließ sich je einmal auf jede Wange küssen. »Kaffeezeit«, gab sie bekannt. Sie hätte einen Drink gebrauchen können, etwas, das sie runterbrachte, bestellte jedoch einen doppelten Espresso. Dann zog sie das Handy und eine Schachtel Marlboro aus der Tasche. »Hab dich auf einem Plakat in Nieuwe Zijde gesehen«, sagte Tobi und zwinkerte ihr zu. »Sah echt klasse aus.« Rikke kam mit dem Taxi. »Also hier draußen kann ich nicht sitzen«, sagte sie. »Bin ja nicht so eine Eisprinzessin wie du.« Sie fanden drinnen einen freien Tisch. »Er will nicht, dass ich mit dir zusammen bin«, sagte sie. Liss verdrehte die Augen. »Und was willst du tun?« Rikke schnappte sich die Speisekarte. »Natürlich lasse ich mich nicht auf diese Weise bevormunden. Es gibt schließlich Grenzen.« »Hast du mit diesem Escort-Service angefangen?« Rikkes Handy gab in diesem Moment tropische Urwaldgeräusche von sich. Sie las die SMS und tippte eine Antwort. »Ich hab’s am Wochenende mal ausprobiert«, sagte sie, als sie fertig war. »War so eine Party für steinreiche Geschäftsleute. Ohne die Russen wäre alles okay gewesen.« Liss steckte sich eine Zigarette an, und Rauch breitete sich zwischen ihnen aus. »Erwarten die, dass du mit ihnen ins Bett gehst?« Rikke zögerte. »Keiner zwingt dich dazu.« Liss beugte sich vor. »Ich kenne Zako jetzt seit über einem Jahr«, sagte sie. »Zuerst sollte ich glauben, er sei wirklich verliebt in mich und es ginge ihm um eine echte Beziehung. Mein Gott, hat der sich ins Zeug gelegt. Es dauerte ein bisschen, bis mir klar wurde, was er wirklich wollte.« »Du übertreibst«, entgegnete Rikke. »Er überlässt dir die Entscheidung.« Liss lachte freudlos. »Solange du dich für ihn entscheidest.« »Das sagst du nur, weil du sauer auf ihn bist.« »Komm schon, Rikke. Er hat dich genau da, wo er dich haben will. Und bald kommst du nicht mehr von ihm los. Schuldest du ihm Geld?« »Nicht viel.« »Mehr als tausend?« Rikke blickte sich um. »Weniger als zehntausend … glaube ich.« »Herrgott, wie kann man nur so naiv sein!« Rikke drückte den Zigarettenstummel im Aschenbecher aus. Das Geräusch erinnerte an Schritte in pappigem Schnee. »Er redet immer noch von dir«, sagte sie. »Er will dich unbedingt zurückhaben. Der scheint wirklich völlig besessen von dir zu sein.« Liss begriff zwei Dinge. Zum einen, dass Rikke von Zako geschickt worden war. Zum anderen, dass sie ihm jedes verdammte Wort, das sie sprachen, erzählen würde. Deshalb entgegnete sie: »Wahrscheinlich hast du recht. Leute wie Zako gebärden sich wie tollwütige Hunde, wenn sie nicht kriegen, was ihnen ihrer Meinung nach zusteht. Ich werde ihm sagen müssen, dass er sich mit all seinen Dingen zum Teufel scheren soll.« Ohne zu zögern, fügte sie hinzu: »Das ist die einzige Sprache, die er versteht.« 3 Freitag, 12. Dezember I m Atelier war es kalt. Sie hatte das sofort nach ihrer Ankunft gesagt, doch Wim meinte, das müsse so sein. Damit ihre Brustwarzen unter dem dünnen BH hart würden. Er selbst trug eine gefütterte Lederjacke. Liss überkreuzte die Beine und beugte sich in Richtung Kamera. »Doch nicht so«, stöhnte Wim. »Das sieht aus, als ob du aufs Klo musst.« »Muss ich auch«, entgegnete sie, ohne die Miene zu verziehen. »Bleib so, ja, schieb die eine Hüfte vor. Jetzt lass den BH-Träger über die Schulter gleiten, ach Shit!« Obwohl ihre Hose zusammengeknüllt an der Wand lag, hörte sie bereits zum dritten Mal das Handy in ihrer Hosentasche vibrieren. Wim hatte verlangt, dass sie während des Shootings den Ton ausstellte. Ein echter Künstler, dachte sie spöttisch. »Hallo!«, rief Wim. »Was ist los mit dir? Konzentrier dich, Mensch! Die Hüfte vor. Ich will den Rand deines Slips sehen, nicht deinen Hüftknochen. Komm hier rüber, ja, Hände in die Hüften, jetzt komm! Tu so, als wolltest du mich fertigmachen. Du hast doch gesagt, dass du pissen musst. Dann stell dir vor, du stehst über mir und pisst auf mich rauf. Ich will den Hass in deinem Blick sehen, ja, gut so, das ist endlich der Blick, auf den ich den ganzen Tag gewartet habe. Ich liege zu deinen Füßen und bin dir total ausgeliefert. Na, turnt dich das an?« Ihr schauderte bei dem Gedanken, dass Wim vor ihr auf dem Boden lag. Dass er seine Lederhose auszog und sein Schwanz in die Höhe zeigte. Und dieser Gedanke sollte sie also scharfmachen. Das Einzige, was sie spürte, war, dass sie dringend aufs Klo musste. »Gib mir eine Minute«, sagte sie und richtete sich auf. »Das darf doch nicht wahr sein! Du musst ja eine Blase haben wie eine Maus.« Er wieherte vor Lachen. Es gefiel ihm, über ihren Körper zu sprechen. Am liebsten von dem, was sich innen befand. Aber er war der Beste, mit dem sie bis jetzt zusammengearbeitet hatte. Und er würde sich niemals an sie heranmachen. Obwohl sie keinen Kontakt mehr zu Zako hatte, wusste Wim, dass er geliefert war, wenn er es auch nur einmal wagte, sie anzufassen. Sie schnappte sich im Vorbeigehen ihre Jeans, ging aufs Klo und stöhnte vor Erleichterung, als sie pinkelte. Bestimmt drei Liter. Danach zog sie das Handy aus ihrer Tasche. Sie zuckte zusammen, als es in diesem Moment erneut vibrierte, wie ein kleines Tier, das durch ihre Berührung erwachte. Zum dritten Mal an diesem Tag leuchtete die unbekannte Nummer auf dem Display. Sie begann mit 0047. Sie gab sich einen Ruck und ging ran. »Liss? Hier ist Viljam.« »Viljam?«, fragte sie unwillig, obwohl sie wusste, wer er war. »Wir haben uns ja noch nicht kennengelernt«, stellte er fest. »Aber Mailin hat sicher von uns gesprochen.« Natürlich hatte Mailin von ihm erzählt. Sie waren seit über zwei Jahren ein Paar. Liss hatte seinen Namen schon oft gehört, ohne weiter darüber nachzudenken. Aus irgendeinem Grund gefiel ihr der Gedanke nicht, dass ihre Schwester mit jemand zusammenlebte. »Bist du in Amsterdam?« Er sprach ein vornehmes Norwegisch wie die Leute aus dem Westen Oslos. Liss wusste, dass er Jura studierte und ungefähr in ihrem Alter war. »Wieso fragst du?« Sie hatte keine Lust, das Gespräch fortzusetzen, begriff aber, dass der Anruf dieses Typen einen Grund haben musste. Zum ersten Mal hatte er es um sechs Uhr morgens versucht. Plötzlich fühlte sie sich klamm am ganzen Körper. Sie betrachtete sich im Spiegel. Ihre Pupillen hatten sich geweitet. Du hast keine Angst, dachte sie. Du kennst keine Angst, Liss Bjerke. »Hast du heute früh schon mal angerufen? Ist etwas mit Mailin?« Viljam antwortete nicht gleich. Ihre Beklemmung nahm zu. Sie ließ sich auf die Klobrille sinken. Gestern Nachmittag hatte sie eine SMS von ihrer Schwester bekommen, deren Inhalt sie nicht verstand oder verstehen wollte, und hatte nicht zurückgerufen. »Ich weiß nicht«, antwortete er schließlich. »Sie wollte sich gestern bei dir melden. Sie wollte dich irgendwas fragen.« »Was meinst du damit?« Liss hörte, dass ihre Stimme zornig klang. Sie begann zu zittern. Sie wollte nicht hören, was er jetzt sagen würde. Alles andere konnte sie ertragen. Nur das nicht. »Sie ist nicht nach Hause gekommen«, sagte er. Er sprach immer noch zögerlich. »Sie ist seit gestern Abend verschwunden.« Dann hat sie wohl Schluss gemacht, dachte Liss und hätte es fast laut ausgesprochen, aber so war Mailin nicht. Sie selbst hätte sich ohne ein Wort aus dem Staub machen können, wenn sie jemand gründlich satthatte, doch nicht Mailin. »Wir haben uns nicht gestritten«, sagte Viljam, der ihre Gedanken zu erraten schien. Sie hörte ihm an, dass es ihn Mühe kostete, mit ruhiger Stimme zu sprechen. »Unsere Beziehung ist besser als je zuvor.« Liss las noch einmal die SMS, die sie gestern von ihrer Schwester bekommen hatte: Bin auf dem Rückweg von der Hütte. Denke immer an dich, wenn ich da draußen bin. Dann rätselhaft: Halte dir Mittsommer nächstes Jahr frei. Rufe dich morgen an. »Mailin war auf der Hütte«, sagte sie. »Vielleicht ist sie noch mal hingefahren.« In Gedanken sah Liss ihre Schwester vor sich, wie sie auf den Stufen zur Hütte saß und auf den Morrvann hinunterblickte. Das war ihr gemeinsamer Ort. Ihr Vater wollte, dass er ihnen gehörte und niemand sonst. Es war das Einzige, das sie von ihm noch hatten. »Dort haben wir schon nach ihr geschaut«, sagte Viljam. »Sie war nicht mehr da. Gestern Abend sollte sie an einer Fernsehsendung teilnehmen, aber auch dort hat sie niemand gesehen …« Zako ist ein Scheißkerl, durchfuhr es sie. Aber so etwas kann er nicht getan haben. Ich bringe ihn um. »Was soll ich denn tun?«, stieß sie hervor. »Ich bin über tausend Kilometer weit weg.« Sie fummelte an den Tasten herum, um die Verbindung zu beenden. Sie musste einen Platz finden, an dem sie allein sein konnte. Der Freund ihrer Schwester atmete schwer. »Wir haben in der Nacht die Polizei verständigt. Ich muss eine Aussage machen. Wollte aber zuerst hören, ob sie sich bei dir gemeldet hat. Das hatte sie vor.« Das Licht in dem winzigen Raum, in dem Liss saß, veränderte sich. Es drang in Waschbecken und Spiegel ein und zog sich von ihr zurück. »Wenn Mailin verschwindet, verschwinde ich auch«, murmelte sie. Wim sprach in sein Handy, als Liss von der Toilette kam. Er zeigte auf eine Stelle unterhalb des Dachfensters, an der sie offenbar stehen sollte. Sie verharrte in der Türöffnung und ging die Anrufliste ihres Handys durch. Fand keinen Anruf von Mailin. Nur die drei Anrufe von ihrer Mutter, auf die sie nicht reagiert hatte. Sie ließ sich an der rauhen Wand hinabgleiten, die ihrem nackten Rücken einige Kratzer zufügte. Blieb sitzen und kaute auf einer Zigarette herum. Ihre Mutter hatte zwei Nachrichten hinterlassen. Sie hörte die Mailbox ab. Erste Nachricht: Hallo, Liss, hier ist Mama. Es ist Donnerstagabend, 23:43 Uhr. Kannst du mich bitte anrufen, wenn du diese Nachricht gehört hast. Es ist wichtig. Sachlich wie immer. Doch ihre Stimme klang dünn. Liss brachte es kaum übers Herz, sich die zweite Nachricht anzuhören, zwang sich jedoch dazu. Sie stammte von heute Morgen. Hallo, Liss. Mama noch mal. Ruf mich bitte an. Es geht um Mailin. Sie hatte den Filter durchgebissen. Wim stand über ihr und redete auf sie ein. Irgendetwas über seine knappe Zeit und Dankbarkeit und dass er nicht billig sei und so weiter. Sie zog sich an und murmelte etwas von einem Unglück. Offenbar glaubte er ihr, denn plötzlich hielt er die Klappe und begnügte sich damit, den Kopf zu schütteln. »Morgen bist du topfit, und keine Zicken mehr!«, rief er ihr nach, als sie verschwand. Der Dezembervormittag war durchzogen von eisiger Feuchtigkeit, die die Lijnbaansgracht heraufkroch und von Liss Besitz ergriff. Schicht um Schicht schien sie von flüssigem Eis eingehüllt zu werden. Obwohl der Weg glatt war, radelte sie so schnell wie möglich am Kanal entlang. Eine Frau mit Mantel und breitkrempigem Hut stand rauchend an der Reling eines der Hausboote, drehte sich um und winkte, als Liss vorbeifuhr. Sie trat noch heftiger in die Pedale. Auf einer Kanalbrücke standen zwei alte Männer und angelten. Einer von ihnen trug eine Schirmmütze und spuckte ins Wasser. Plötzlich hielt sie an, lehnte ihr Fahrrad ans Geländer und zog ihr Handy aus der Tasche. »Ich bin’s, Liss.« Ein Geräusch am anderen Ende. Erst wusste sie nicht, was es war. Die Mutter weinte. Liss hatte sie noch nie weinen gehört. Eigentlich konnte sie wieder auflegen. Sie wusste, was sie wissen wollte: Dass Mailin etwas passiert war. Dass etwas anders war als zuvor und nie wieder so sein würde wie früher. Und inmitten all der verschwommenen Dinge, die sie nicht zu berühren wagte, ein Anflug von Erleichterung. »Wie lange ist sie schon fort?«, hörte sie sich fragen. Der konfusen Antwort ihrer Mutter konnte sie entnehmen, dass Mailin seit fast vierundzwanzig Stunden verschwunden war. Das stimmte mit dem überein, was ihr Freund gesagt hatte. »Was sollen wir jetzt machen, Liss?« Solche Fragen stellte die Mutter sonst nie, zumindest nicht ihr. Normalerweise wusste sie auf solche Fragen stets eine Antwort und sagte, was zu tun war. Behielt einen klaren Kopf, war den Geschehnissen immer einen Schritt voraus und bis ins kleinste Detail vorbereitet. Doch jetzt konnte sie nicht mal mehr deutlich sprechen, sondern stammelte immerzu: »Was sollen wir jetzt machen? Was sollen wir jetzt machen?« »Ich ruf dich später an«, sagte Liss und beendete das Gespräch. Eigentlich war es kein Gespräch, sondern ein klaffendes Loch am helllichten Tag gewesen. Als ein Auto hupte, kam sie wieder zu sich. Sie radelte die Marnixstraat entlang. Der Verkehr war dichter geworden. Die Temperatur war gesunken, frostiger Atem stand wie eine Wolke vor ihrem Mund. Sie tauchte in sie ein und wieder heraus. Sie fuhr an einem Jamin-Süßwarengeschäft vorbei, hielt an und ging hinein. Redete mit niemand, wollte nur etwas kaufen. Sie dachte nicht nach, sondern folgte einem fast vergessenen Muster. Kaufte eine Packung Eis, anderthalb Liter, Vanille ohne Nüsse oder Schokolade. Außerdem schnappte sie sich rasch noch eine Pepsi Max und einen Plastiklöffel. Die Dämmerung hatte eingesetzt. Sie war im Kreis gefahren, war im Vondelpark gewesen und wusste nicht, wo der Tag geblieben war. Spürte nur, dass es in gewisser Weise der letzte war und der erste von etwas anderem. Mit Eis und Pepsi in der Tüte rollte sie die Marnixkade entlang und war plötzlich vor der Wohnung, die sie sich mit Rikke geteilt hatte. Ein diffuser Gedanke: Vielleicht sollte sie Rikke überreden, Zako zu bezirzen und aus ihm herauszukitzeln, ob er etwas über Mailins Verschwinden wusste. Aber zu so etwas war Rikke nicht in der Lage. Sie passierte den Asphaltplatz, auf dem ein paar Jungen in der Dunkelheit Basketball spielten. Sie riefen ihr nach, machten ihr Angebote. Sie fuhr ein Stück auf die Landzunge hinaus, ließ sich im matten Schein einer Laterne auf eine Parkbank sinken. Dort hatte sie schon oft gesessen. Die Bank war mit einer dünnen Eisschicht überzogen. Die Kälte kroch ihr den Rücken hinauf. Der Frost half ihr. Er verlangsamte die Gedanken. So konnte sie sich auf das metallene Geräusch konzentrieren, das jedes Mal zu hören war, wenn ein Auto über die Brücke auf der anderen Seite des Kanals fuhr. Konnte die Züge in der Ferne beobachten, die den Hauptbahnhof ansteuerten oder von dort losfuhren. Da tauchten die Bilder wieder auf. Mailin im hellblauen Pyjama. Sie dreht sich um und schließt die Tür. Schlüpft zu ihr unter die Decke und legt die Arme um sie. Ein Geräusch ist zu hören. Es gehört mit zu diesem Bild. Schritte, die vor der Tür stehen bleiben. Die Klinke, die sich bewegt. Ein lauter werdendes Klopfen, das schließlich zu einem Hämmern wird. Mailin, die sie an sich drückt. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas Böses geschieht, Liss. Plötzlich riss sie das Vanilleeis aus der Tüte und machte den Deckel auf. Es war so hart gefroren, dass der Löffel abbrach. Mit dem Schaft hieb sie auf die harte Fläche ein und stopfte sich die herausgemeißelten Stücke in den Mund. Die Kälte breitete sich in ihrem Bauch aus. Sie holte ein Feuerzeug hervor und bewegte die Flamme unter dem Boden der Packung hin und her. Bald lösten sich größere Stücke der vanillesüßen Masse. Je mehr sie aß, desto hungriger wurde sie, und benötigte nur ein paar Minuten, um alles aufzuessen. Sie drückte die leere Packung zusammen und stopfte sie auf der anderen Seite des Schotterwegs in einen Mülleimer. Hockte sich zwischen die Büsche und erleichterte sich. Sie hatte immer noch den Vanillegeschmack im Mund. Danach fühlte sie sich nicht besser. Irgendwo in ihrem Magen war noch etwas, das sie nicht loswurde. Sie blieb stehen und lehnte den Kopf an einen Baum. Vielleicht war es eine Eiche, denn die Rinde war voller Scharten, gegen die sie sich drücken konnte. Ihre Gedanken trieben nicht mehr ziellos umher. Sie sammelten sich und ließen sich sorgsam voneinander trennen. Mailin verschwunden. Mailin finden, bevor es zu spät ist. Zako hat jemand beauftragt, das Foto von ihr zu machen … Liss schwang sich mit Mühe aufs Fahrrad. Sie wusste, was sie nun tun musste. Sie fror immer noch. Die Kälte, die aus dem Bauch kam, hielt die Gedanken in Schach. Sie radelte die Lijnbaansgracht entlang. Es musste nach Mitternacht sein. Die Hausboote lagen im Dunkeln. Einige Schwäne trieben auf dem dunklen Kanal. Auch sein Küchenfenster, das auf die Bloemstraat hinausging, lag im Dunkeln. Sie konnte ihn anrufen oder ihm eine SMS schicken, aber sie entschied sich, zu warten, und stellte sich auf der anderen Seite in den Hauseingang. Jetzt fror sie noch stärker. Sie brauchte diese Kälte. Der Gedanke an Mailins Verschwinden entglitt ihr immer wieder. Nur die Erinnerung daran blieb in ihr zurück. Die Stimme ihrer Mutter, die drauf und dran war, sich aufzulösen. Dabei sollte sie, Liss, diejenige sein, die verschwand. Ihr konnte alles Mögliche zustoßen. Sie bewegte sich auf einem Grund, der jederzeit nachgeben konnte. Sie lebte an Orten, wo Leute verschwanden, einfach abhauten oder zugrunde gingen. Wenn jemand die Mutter anrief, um ihr zu sagen, dass Liss verschwunden sei, wäre dies schlimm für sie, käme aber nicht unerwartet. Ein Teil der Trauer hatte bereits im Vorfeld stattgefunden. Doch wenn etwas mit Mailin geschähe, würde es sie in Stücke reißen. Mindestens eine Stunde war vergangen, als sie ein Motorrad hörte, das von der Brücke an der Prinsengracht heranbrauste. Wenige Sekunden später hielt es vor dem Eingangstor. Er war allein. Sie musste sich gewaltig zusammenreißen, um nicht sogleich über die Straße zu rennen und ihn an seiner Jacke zu packen. Sie wartete, bis er verschwunden war und das Licht in der Küche anging. Ein paar Minuten später rief sie ihn an. »Was willst du?«, fragte er schroff. »Bin in der Nähe. Auf dem Weg nach Hause. Dachte, ich schau kurz bei dir vorbei.« Zako grunzte und legte auf. Zweieinhalb Minuten später klingelte sie bei ihm. Er ließ sie herein. Die Tür im zweiten Stock war angelehnt. Der Eingangsbereich roch frisch geputzt. Er hatte ständig Mädchen, die bei ihm sauber machten, ohne dass er auch nur einen Cent bezahlte. Mitten im Wohnzimmer blieb sie stehen. Er saß auf dem Sofa, hatte eine Dose Amstel in der Hand und wandte seinen Blick nicht vom Bildschirm ab, auf dem ein paar Fußballer zu sehen waren, die sich gegenseitig anschnauzten. Unaufgefordert setzte sie sich hin. Er hatte offenbar keine Lust zu fragen, was sie von ihm wollte, und nahm es als selbstverständlich hin, dass sie irgendwann wieder auftauchte. »Ich bin hier, weil du mir eine Erklärung schuldig bist. Vor einer Woche hast du mir im Alto dieses Foto von meiner Schwester gezeigt.« Er ließ sich tiefer in die Kissen sinken und legte die Beine auf den Tisch. Schließlich sah er sie an. Seine schmalen Lippen zuckten, als würde er ein Lächeln zurückhalten. »Deine Schwester …«, wiederholte er unbeteiligt. Sie konnte in die Küche rasen, sich ein Brotmesser schnappen und es ihm an die Kehle halten, doch sie zwang sich zur Ruhe. Die Kälte in ihrem immer noch leeren Magen ließ sie ruhig werden. Lass ihn bloß nicht die Oberhand gewinnen. Wenn er die Oberhand gewinnt, hat er dich für immer in der Hand. »Hast du … hast du noch mehr Fotos von ihr?« »Natürlich«, antwortete er grinsend. »Wer hat die gemacht?« Er pfiff leise durch die Zähne. »Das willst du nicht wissen, Liss. Je weniger du weißt, umso besser.« »Du bluffst doch nur, Zako. Das hast du schon immer getan, anderen Leuten was vorgespielt.« Das lockte ihn aus der Reserve. »Man hört dir an, dass du schon länger nicht mehr richtig durchgefickt worden bist. Bist du deshalb hier?« »Kann schon sein.« Sie tat so, als dächte sie darüber nach. »Aber zuerst musst du mir von den Fotos erzählen.« Er setzte sich auf und fischte eine Schachtel aus seiner Jackentasche. »Erst mal eine Linie für jeden. Dann sehen wir weiter.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. Eine Linie und ein Fick. So einfach konnte die Welt sein. Sie zog Jacke und Pullover aus. Ließ ihren Rock fallen, stand in schwarzer Strumpfhose und dünner Bluse vor ihm, wusste, dass ihm das gefiel. »Du bist störrisch wie eine Ziege«, brummte er. »Ich wusste nicht, dass du was gegen Ziegen hast.« Jetzt lachte er. »Wer hat das Foto gemacht?«, versuchte sie es erneut. »Ein Bekannter von mir.« Er streute das weiße Pulver auf den Tisch. »Jemand, der mir noch einen Gefallen schuldete.« »Wohnt er in Oslo?« Er zog mit seiner Visakarte drei Linien. »Nicht dass ich wüsste.« Eine Formulierung, die er benutzte, wenn er log. »Warum schickst du Leute nach Oslo, um Fotos von meiner Schwester zu machen?« Er blickte zu ihr auf. »Was soll das werden, ein Verhör?« »Ich glaube dir nicht, Mr. Bluff.« Er nahm einen Zettel aus der Kartenhülle und rollte ihn zusammen. »Glaub, was du willst.« »Gib mir einen Beweis, dass du jemand beauftragt hast, diese Fotos zu machen. Dann zweifle ich nie mehr an dir.« Er schaute sie lange an. Am liebsten würde sie ihn anschreien und ihm direkt auf den Kopf zusagen, dass Mailin verschwunden sei, dass er ihr sagen müsse, was er wisse, sonst zeige sie ihn an. Stattdessen schloss sie die Augen und schüttelte resigniert den Kopf. »Du hast immer so viele Pläne, Zako. Wie soll ich glauben, dass du je einen davon in die Tat umsetzt?« Ruckartig stand er auf und nahm sein Handy. Tippte darauf herum und zeigte ihr das Display. »Die Fotos sind mir aus Oslo geschickt worden, verstehst du? Ich meine es ernst.« Liss wandte sich zum Fenster und biss sich auf die Lippen. Ich kenne ihn, sagte sie sich im Stillen. Zako konnte sehr weit gehen, um sie zu verunsichern. Aber Mailin entführen? Was wusste sie eigentlich von ihm? Begriff sie irgendetwas von dem, was um sie herum geschah? Hatte sie je etwas von der Welt begriffen, in der sie lebte? Wieder dieses Bild: In den Wald gehen, es ist Nacht, sich in den Schnee legen, zwischen den Kiefernwipfeln in den Himmel schauen, ins Grauschwarze hinabgleiten, sich fallen lassen und schlafen, für immer. »Warum hast du das getan?«, fragte sie, ohne sich umzudrehen. Sie hörte, wie Zako die Bierflasche auf den Tisch stellte. »Du brauchst mich, Liss«, sagte er, fast freundlich. »Verdammt, denk doch nur daran, was wir erreichen können – zusammen!« Er schniefte die beiden Linien. »Die dritte ist für dich.« Sie setzte sich neben ihn, nahm das Röhrchen und zog sich die Linie rein. Sie sah, wie das letzte Körnchen verschwand, und spürte, wie es oben in ihrem Nasenloch brannte. Klare Gedanken, dachte sie. Noch eine Weile die Ruhe bewahren. Zako griff nach ihrer Hand und drückte sie zwischen seine Beine. Hinter dem glatten Hosenstoff spürte sie etwas anschwellen. Wie ein aufgehender Brotteig, kam es ihr in den Sinn. »Ich muss mal.« »Aber beeil dich«, knurrte er. »Und bring ein Amstel aus dem Kühlschrank mit.« Nachdem sie auf der Toilette gewesen war, ließ sie kaltes Wasser über ihre Hände laufen. »Liss«, murmelte sie vor sich hin. Es hörte sich traurig an. Sie öffnete den Hängeschrank über dem Waschbecken. In einem Umschlag fand sie kleine, hellblaue Tabletten. Sie riss einen Streifen Toilettenpapier ab, legte sechs Tabletten darauf und zerstieß sie auf dem Waschbecken mit dem Boden des Zahnputzglases. Dann wickelte sie das feine Pulver in das Papier ein. In der Küche nahm sie ein Bier aus dem Kühlschrank und öffnete es, schüttete das Pulver hinein, wischte ein paar Körnchen vom Flaschenhals und schüttelte es vorsichtig. »Wo bleibst du denn?« Sie ging ins Wohnzimmer und stellte die Flasche vor ihm auf den Tisch. »Scheißspiel«, sagte er mit Blick auf den Bildschirm. »Hab auch Lust auf ein Bier«, sagte sie, holte ein zweites Amstel aus der Küche und setzte sich dicht neben ihn. Er öffnete seinen Hosenschlitz und zeigte ihr, was er zu bieten hatte. »Prost«, sagte sie und hielt die eiskalte Flasche an seinen steifen Schwanz. »Glaubst du etwa, der klappt gleich zusammen?«, fragte er grinsend und leerte die halbe Flasche in einem Zug. Es dauerte nicht mehr als ein paar Minuten, bis er Schwierigkeiten bekam, den Kopf aufrecht zu halten. Er packte den Bund ihrer Strumpfhose und versuchte, sie ihr über die Hüften zu ziehen. »Ich helf dir«, sagte sie und streifte sie langsam ab. Danach knöpfte sie ihre Bluse auf. Stand neben ihm und hatte nur noch ihren Tanga an. Er hob den Arm, um ihn auszuziehen. »Was ist hier los?«, nuschelte er, musste den Versuch aufgeben und sank mit geschlossenen Augen in die Kissen zurück. Sie nahm sein Handy, schaltete die Tastensperre aus und fand die Fotos von Mailin. Auf dem ersten kam sie gerade aus einer Toreinfahrt, zusammen mit einem Typen, der Viljam sein musste. Er war groß und kräftig, hatte blonde Haare und etwas schräge Augen. Danach kam eine Serie von elf Aufnahmen, von denen Zako ihr eine im Café Alto gezeigt hatte. Der blonde Typ war auf mehreren Fotos zu erkennen. Die MMS war von einer Nummer aus geschickt worden, die mit 0047 begann. Seltsam, dass Zako die Nachricht nicht gelöscht hatte, ging es ihr durch den Kopf. Falls er wirklich jemand auf Mailin angesetzt hatte, behielt er dessen Nummer doch nicht auf seinem Handy. Zako war zwar ein Dreckskerl, aber kein Idiot. Sie notierte die Ziffern unten auf einer Zeitung, die auf dem Tisch lag, riss einen Streifen ab und steckte ihn in die Jackentasche, holte ihn wieder hervor und kritzelte das Datum dazu, an dem die Nachricht verschickt worden war. Dann durchwühlte sie die Schreibtischschubladen. In der untersten lag das, wonach sie suchte, das Foto von Mailin. Sie steckte es ebenfalls in die Jackentasche. Weitere Ausdrucke fand sie nicht. In rasender Eile zog sie sich wieder an. Zakos Kopf war zwischen Kissen und Sofalehne gesunken. Sie fasste ihn unter den Armen und richtete seinen Oberkörper auf, das erschien ihr sicherer. Die fast leere Flasche trug sie in die Küche, goss den Rest weg und spülte sie gründlich aus. Wenn er aufwachte, durfte er nicht herauskriegen, was passiert war. Auch ihre eigene Flasche spülte sie aus und trocknete sie ab. Warum eigentlich?, fragte sie sich, bemühte sich aber nicht um eine Antwort. Zako saß immer noch wie ein zuammengesunkener Sack auf dem Sofa und schnarchte. Bevor sie ging, legte sie seinen Kopf in den Nacken, stopfte ihm sein gutes Stück in die Hose zurück und zog den Reißverschluss zu. Zurück in der Wohnung am Haarlemmerdijk. Immer noch stoned, aber das würde bald vorübergehen. In ihrer Nachttischschublade lag noch ein Umschlag mit Koks. Wenn sie jetzt noch etwas nahm, würde das Gefühl der Unverwundbarkeit andauern. Sie war allein. Es war Nacht. Draußen auf der Straße war alles still. Mailin war verschwunden. Du musst runterkommen, Liss. Sie setzte sich an den PC, googelte das norwegische Telefonbuch und suchte die Nummer, die sie auf dem Streifen Zeitungspapier notiert hatte. Judith van Ravens war der Name, den sie fand, wohnhaft am Ekebergveien in Oslo. Es war nach halb drei. Sie entschloss sich, bis zum Morgen zu warten, und zog mit zwei Bewegungen ihre Kleider aus. Sie ließ sie auf den Boden fallen und rollte sich im Bett zusammen. Sie ist in der Hütte. Auch Mailin ist da. Sie gehen zum Wasser hinunter. Es ist Sommer, denn beide haben ein Badehandtuch dabei. Liss läuft auf den Felsen hinauf, von dem sie immer ins Wasser springen. Es geht steil nach unten. Als sie sich gerade ins Wasser stürzen will, entdeckt sie, dass es mit Eis bedeckt ist. Sie wachte auf. Ihr war kalt. Graues Licht sickerte durch das Fenster, das zum Hinterhof hinausging. Liss streckte die Hand nach dem Handy aus. Sie hatte zwölf Stunden am Stück geschlafen. Ruckartig setzte sie sich auf. Sie war durstig, schwankte ins Bad und hielt den Mund unter den Wasserhahn. Trank lange. Dann setzte sie sich aufs Klo und pinkelte. Sie betrachtete ihr Gesicht im Spiegel. »Mailin«, murmelte sie. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas Böses geschieht, Liss. Danach rief sie Viljam an. War sich für einen Moment ganz sicher, dass alles so war wie immer, dass ihre Schwester zurückgekommen war. Sie war nicht zurückgekommen. »Sie ist seit fast zwei Tagen verschwunden.« »Was tut man in so einem Fall?«, fragte Liss verzweifelt. »Was meint die Polizei?« »Sie wurde bereits als vermisst gemeldet. Sie waren ein paarmal hier. Außerdem war ich auf dem Präsidium. Fragen über Fragen, ob wir uns gestritten haben und so weiter. Ob sie vielleicht Depressionen hatte und sich das Leben nehmen wollte.« »Doch nicht Mailin.« »Nein, niemand von uns kann sich so was vorstellen.« »Aber irgendjemand muss doch irgendwas unternehmen!« »Im Moment haben sie keine Spur, der sie nachgehen können. Tage und ich sind zur Hütte gefahren. Auch die Polizei hat dort gesucht. Ich weiß nicht mehr weiter.« Liss blieb stehen und schaute auf den Haarlemmerdijk hinunter. Der Inhaber des Cafés auf der anderen Straßenseite hing ein Weihnachtsglöckchen über der Tür auf. »Irgendjemand muss irgendwas unternehmen«, wiederholte sie, während sie regungslos dastand. In diesem Moment erinnerte sie sich an die Handynummer. Es meldete sich ein Anrufbeantworter. Eine Frauenstimme sprach erst niederländisch, dann englisch: »Hier spricht Judith van Ravens. Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht …« Sie duschte, zog sich an und schminkte sich. Alles, was sie sonst auch tat. Sie lief die Treppe hinunter, verließ das Haus, ging quer über die Straße und betrat das Café. Der Besitzer lächelte ihr von der obersten Stufe einer Trittleiter aus zu. Er schien um die fünfzig zu sein, seine rosafarbene Glatze war von einem Kranz grauer Locken umgeben. Die Trittleiter stand auf einem Tisch, eine schwarzgekleidete Frau mit weißblonden Haaren hielt sie fest, während er silberne und goldene Kugeln an der Decke befestigte. Von der Bar drang Musik herüber: »It’s gonna be a cold, cold Christmas.« Sie bestellte einen doppelten Espresso und setzte sich ans Fenster. Da sie allein am Tisch saß, beschloss sie, Zako anzurufen und ihn noch ein einziges Mal zu treffen. Dann würde sie ihn unverblümt fragen, ob er wisse, dass Mailin verschwunden sei. Sie würde ihm ansehen, ob er log oder nicht. Sie wählte seine Nummer. Nach dem fünften Klingeln meldete sich eine tiefe Männerstimme. »Ist Zako zu sprechen?« »Wer sind Sie?«, fragte die Stimme. Sie zögerte, ehe sie sagte: »Eine Freundin.« »Eine Freundin? Was wollen Sie von ihm?« »Ich will ihn persönlich sprechen«, entgegnete sie ungehalten. »Ist er da?« »Zako ist tot.« Sie hätte fast das Handy fallen lassen. »Erzählen Sie mir keinen Blödsinn. Wer sind Sie?« »Kriminalkommissar Wouters. Beantworten Sie bitte meine Frage.« Sie konnte sich nicht mehr an seine Frage erinnern. Am Haarlemmerdijk gingen die Lichter an. Der sechszackige Stern mit dem roten Herzen darin. Ein Fahrradfahrer fuhr vorbei. Ein kleiner Junge saß vor ihm im Kindersitz. »Wann haben Sie Zako das letzte Mal gesehen?«, fragte die Stimme. In weiter Ferne hörte sie sich antworten: »Vor ein paar Tagen, vielleicht einer Woche.« Es wurden ihr weitere Fragen gestellt. In was für einer Beziehung sie zu ihm gestanden habe. Welche Drogen er konsumiert habe. Ob sie es gemeinsam getan hätten. Sie musste ihren vollständigen Namen und ihre Adresse angeben, erklären, womit sie in Amsterdam ihren Lebensunterhalt verdiente. »Richten Sie sich darauf ein, dass Sie Ihre Aussage möglicherweise auf dem Präsidium wiederholen müssen.« »Ja, natürlich«, murmelte sie. »Ich werde kommen.« Danach blieb sie sitzen und starrte ihr Handy an. Es stach und kribbelte um ihren Mund herum. Das Kribbeln breitete sich auf den Wangen aus. Der Café-Inhaber hatte alle Kugeln aufgehängt und sie mit Tannenzweigen geschmückt. Vorsichtig kletterte er die wackelige Leiter herunter und lächelte sie an. »So, jetzt kann’s Weihnachten werden.« Von der Bar drang die Stimme John Lennons herüber: »War is over, if you want it.« Sie spürte, dass ihr eines Nasenloch lief, und hielt ein Taschentuch daran. Als sie es fortnahm, war es voller Blut. Sie drückte es sich erneut gegen die Nase und eilte auf die Toilette. »Alles in Ordnung?«, fragte der Inhaber. Sie schloss sich ein, hielt das Taschentuch unter eiskaltes Wasser und presste die Nasenlöcher damit zusammen. Verdünntes Blut lief ihr übers Kinn und tropfte auf das weiße Porzellan. Wieder am Tisch, rief sie Rikke an. Rikke war am Apparat, brachte jedoch kein Wort heraus. »Das kann doch nicht wahr sein!«, sagte Liss. »Sag mir, dass das nicht wahr ist!« Rikke unterbrach die Verbindung. Ein paar Minuten später rief sie zurück. »Sie haben ihn heute Morgen gefunden … zwei Cousins von ihm … auf dem Sofa … erstickt an seiner eigenen Kotze.« Sie legte wieder auf. Liss klemmte einen Geldschein unter die Kaffeetasse und taumelte auf die Straße. Als sie ziellos durch die Straßen des Jordaan-Viertels irrte, tauchte erneut dieses Bild auf: Sie verschwindet im Wald, geht hinunter zum Sumpfgebiet zwischen den Kiefern, das nur sie, nicht mal Mailin kennt. Sie hatte diesen Ort immer als ihren letzten Bestimmungsort betrachtet, darum beruhigte sie diese Vorstellung stets. Doch jetzt konnte sie gar nichts mehr beruhigen. Am Haarlemmerplein hielt sie ein Taxi an und krümmte sich auf dem Rücksitz zusammen. Der kahlköpfige Fahrer trug einen grauen Anzug und roch nach dem Rasierwasser, das Zako hin und wieder benutzt hatte. Sie wollte die Tür öffnen und aussteigen. »Wo möchte die junge Dame denn hin?« Sie sank in den Sitz zurück. Glaubte, sie habe ihm schon gesagt, wo sie hinwolle. »Schiphol«, murmelte sie und zog sich die dünne Lederjacke enger um die Schultern. Der Fahrer drehte sich wieder um und zwinkerte ihr im Rückspiegel zu. »Travelling light«, bemerkte er und bot ihr eine Zigarette an. Wenn ich dies schreibe, fällt mir alles ein, was ich Dir hätte sagen sollen, liebe Liss – wenn Du mich hättest erzählen lassen. Alles, was in jenem Frühjahr geschehen ist. Der April ist der grausamste aller Monate. Wie ich diesen Sommer durchgestanden habe und im Herbst, unter einer anderen Sonne, schließlich nach Kreta kam, doch die Schwärze in mir hatte sich nicht verändert. Unter Menschen, die aßen und tranken und sich paarten. Sie stritten, kotzten und überließen das Kind sich selbst. Dann habe ich Jo kennengelernt. Abends saß ich auf der Terrasse vor dem Restaurant und las bei Kerzenschein ein ums andere Mal dasselbe Gedicht. Ich denke, es handelt von den letzten Tagen, zumindest hatte ich das Gefühl, es handelte von meinen letzten Tagen, in denen ich durch eine verdorrte Welt irrte, ohne Wasser und ohne Sinn, blind, leer und tot. Was liest du da?, wollte Jo wissen, als er zu mir kam. Er war mir gegenüber genauso misstrauisch wie wohl allen Menschen gegenüber, denen er begegnete. Mehr als alles andere brauchte er einen Menschen, dem er vertrauen konnte. Ich habe ihm von dem Gedicht erzählt, von dem Teil, der »Death by water« heißt, habe ihm das Bild des toten Phöniziers auf dem Meeresgrund ausgemalt. Jo war damals zwölf Jahre alt und vollkommen sich selbst überlassen. Er wusste, wie es mir ging. TEIL II 1 Sonntag, 14. Dezember A ls der Pilot den Sinkflug einleitete und durchsagte, man nähere sich dem Osloer Flughafen, erwachte Liss aus einem Wust von Gedanken. Zwei davon ließen sie nicht los: Mailin ist verschwunden. Ich muss Mailin finden. Sonntagnachmittag, nach vier Uhr. Sie hatte die Nacht in einem Stuhl auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol verbracht und erst am nächsten Morgen einen Flug bekommen. Seit sie im Café am Haarlemmerdijk gesessen hatte, waren fast vierundzwanzig Stunden vergangen. Wouters hieß der Polizeibeamte, der am Telefon gewesen war, als sie in Zakos Wohnung angerufen hatte. War es möglich, diesen Namen zu vergessen? Es stimmt nicht, dass ich Zako vor einer Woche zum letzten Mal gesehen habe. Ich war dort in jener Nacht, unmittelbar vor seinem Tod … Sie musste diesen Gedanken in einen Raum einschließen und die Tür verriegeln. An der Tür ist ein Schild, auf dem Wouters steht. Sie darf nicht geöffnet werden. Kann man vergessen, dass sich jemand in diesem Raum befindet? Mit Wouters musste sie anfangen, musste seine Stimme und alles vergessen, was er gesagt hat. Dann kann sie auch vergessen, wo sie in der Nacht zum Samstag gewesen ist. Ich muss Mailin finden. Alles andere spielt keine Rolle. Die Frau, die neben ihr saß, hatte die Lektüre von VG beendet. Sie gab Liss die Zeitung, obwohl diese nicht darum gebeten hatte. Sie blätterte darin, ohne zu lesen. Dann blieb sie an einem großen Artikel hängen: »Vermisste Frau sollte Gast bei Tabu sein«. Es ging um Mailin. Ihr Freund hatte diese Fernsehsendung erwähnt. VG sprach in diesem Zusammenhang von einer »Skandal-Talkshow«, geleitet von einem gewissen Berger, einem Typen, dessen Namen Liss an Rockmusik aus längst vergangenen Zeiten erinnerte. Nun hatte er einen riesigen Erfolg mit seiner Talkshow, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, gesellschaftliche Tabus zu brechen. In der Sendung gestern war es offenbar um Sexualität gegangen. Berger hatte in den Raum gestellt, dass Sex mit Kindern unter gewissen Umständen völlig in Ordnung sei. Warum sollte Mailin, die sich stets sehr genau überlegte, worauf sie sich einließ, ausgerechnet an solch einer Talkshow teilnehmen? »Die 29-jährige Psychologin kam niemals im Studio von Kanal 6 in Nydalen an. Seit dem frühen Abend hat niemand mehr etwas von ihr gehört. Während der Sendung mutmaßte Berger mehrmals, sie habe womöglich kalte Füße bekommen. Später verweigerte er in dieser Angelegenheit jeden weiteren Kommentar.« Die Frau auf dem Nebensitz hielt die Augen geschlossen und die Armlehnen umklammert. Liss steckte die Zeitung in ihre Sitztasche und lehnte den Kopf gegen die Scheibe. Die Wolkendecke unter ihr war dünner geworden. Darunter konnte sie den Fjord und an dessen Mündung die Festung Akershus ausmachen. Als sie vor fast vier Jahren von dort aus aufgebrochen war, hatte sie gedacht, sie würde niemals zurückkehren. Was soll nur aus dir werden, Liss? * Sie hatte dem Taxifahrer den Ekebergveien, aber nicht die Hausnummer genannt. Als sie fast am Ziel waren, bat sie ihn anzuhalten, bezahlte mit ihrer Kreditkarte und stieg aus. Hier oben, über der Stadt, war es bitterkalt. Liss war für einen milderen Tag in Amsterdam gekleidet und zum Flughafen aufgebrochen, ohne daran zu denken, andere Kleider mitzunehmen. Die Temperaturanzeige im Taxi hatte minus 12 Grad angezeigt. Sie knöpfte die dünne Lederjacke bis zum Hals zu und versuchte, ihre Hände in die winzigen Taschen zu stecken. Sie fand die Adresse. Es war ein großer funktionalistischer Bungalow. Der Name am Briefkasten stimmte. Die roten Steinplatten der Auffahrt waren so glatt, dass sie wie eine alte Frau nur mit winzigen Schritten vorankam. Sie klingelte. Obwohl sie bereits von drinnen Geräusche hörte, drückte sie den Klingelknopf hastig ein zweites Mal. Die Tür öffnete sich einen Spaltbreit, worauf der Kopf einer Frau erschien. Dunkle Haare, die im Nacken zusammengefasst waren, sorgfältig geschminkt. Sie mochte vielleicht Mitte dreißig sein, etwa zehn Jahre älter als Liss. »Judith van Ravens?« Die Frau antwortete mit einem verhaltenen Lächeln. Liss sah, dass sie ein Bündel im Arm hielt, das in eine Häkeldecke gewickelt war. »Ich muss mit Ihnen reden«, fuhr sie auf Niederländisch fort und zeigte in den Flur. Die Augen der Frau nahmen einen feindseligen Ausdruck an. »In welcher Angelegenheit?« Liss versuchte, sich zu beherrschen. Sie fror an den Zehen. Eine Kälte, die ihr den Rücken bis zum Haaransatz hinaufkroch. Sie hatte seit über vierundzwanzig Stunden nicht geschlafen. Sie hatte einen Mann getötet. Doch in ihrem Kopf hatten nur zwei Gedanken Platz: Mailin ist verschwunden. Ich muss Mailin finden. »Wenn ich für einen Moment hereinkommen dürfte, dann werde ich Ihnen alles erklären.« Die Frau schüttelte energisch den Kopf, drückte das Bündel fester an sich und war drauf und dran, die Tür wieder zu schließen. Liss setzte ihren Fuß in den Spalt, zog rasch das Foto ihrer Schwester aus der Tasche und hielt es der fremden Frau unter die Nase, woraufhin diese nervös zwinkerte und den Türknauf losließ. Liss schob die Tür auf und drängte sich an ihr vorbei ins Haus. Das große Wohnzimmer machte einen fast unbewohnten Eindruck. Eine Sitzgruppe, wahrscheinlich von Ikea, in einer Ecke ein Esstisch, ein großes, blasses Ölgemälde an der Wand. »Wir wohnen hier nur vorübergehend«, entschuldigte sich die Frau. »Mein Mann arbeitet für Statoil in Stavanger, aber da will ich nicht wohnen.« Ihre Unsicherheit machte sie offenbar gesprächig. Oder sie hatte das Wort »Statoil« fallenlassen, um dem ungebetenen Gast zu zeigen, welch mächtigen Konzern sie im Rücken hatte. Sie drückte immer noch das Bündel an ihre Schulter. Eine Kinderwagentasche stand auf dem Sofa, aber vielleicht wagte sie nicht, das schlafende Kind dort hineinzulegen. Liss blieb mitten im Zimmer stehen. Die Frau machte keine Anstalten, ihr einen Platz anzubieten. »Was ist mit dem Foto?« »Das haben Sie aufgenommen«, stellte Liss fest und zwang sich, ruhig zu bleiben. »Habe ich das?« »Es wurde von Ihrem Handy an einen Empfänger in Amsterdam geschickt.« Die Frau hielt die Luft an, und Liss machte sich bereit. Jederzeit konnte ein hünenhafter Ehemann hier auftauchen, um sie hinauszuwerfen. Vielleicht würde er auch die Polizei rufen. Doch Liss würde sich festbeißen und dieses Haus erst wieder verlassen, wenn sie erfahren hatte, warum die Fotos von Mailin gemacht worden waren. Für einen Augenblick schoss ihr die Idee durch den Kopf, das kleine Bündel an sich zu reißen und damit zu drohen, den kleinen, dunklen Kopf gegen die Wand zu schleudern, falls ihr die Frau nicht erzählte, was sie wusste. Es schien, als würde diese bedrohliche Fantasie aus ihrem tiefsten Unterbewusstsein nach oben dringen und Judith van Ravens in irgendeiner Form erreichen, denn plötzlich nahm sie die Kindertasche und ging zur Tür. »Ich lege die Kleine nur eben hin. Bin gleich wieder da.« Liss fragte sich, ob sie die Gelegenheit nutzen würde, um ihren Mann, ihre Nachbarn oder die Polizei anzurufen, doch nichts dergleichen geschah. Liss wusste, dass sie am richtigen Ort war. Kurz darauf kam Judith van Ravens ins Wohnzimmer zurück. »Es stimmt!«, brach es aus ihr heraus, ehe Liss etwas sagen konnte. »Ich habe dieses Foto gemacht, aber das gibt Ihnen noch lange nicht das Recht, in mein Haus einzudringen. Ich muss meine Tochter gleich stillen und wickeln. Ich habe noch hundert andere Dinge zu tun. Außerdem erwarte ich Gäste …« »Die Frau, von der Sie das Foto gemacht haben, ist verschwunden.« Judith van Ravens starrte sie an. »Wie meinen Sie das?« Liss zog die Zeitung aus dem Flugzeug aus der Tasche und legte sie aufgeschlagen auf den Tisch. Judith van Ravens las, blickte sie an und las weiter. »Woher wissen Sie …?« »Meine Schwester«, antwortete Liss tonlos. »Meine Schwester ist verschwunden. Und ich werde Sie erst in Ruhe lassen, nachdem Sie mir alles über diese Fotos erzählt haben. Danach werde ich zur Polizei gehen.« »Zur Polizei? Muss das sein?« »Das entscheide ich selbst«, erklärte Liss. Judith van Ravens stellte sich ans Fenster. »Ich habe nichts Unrechtes getan«, sagte sie und klang plötzlich wie ein Schulkind, das zum Direktor zitiert worden war, weil es etwas ausgefressen hatte. »Ich will nur, dass mein Mann nichts davon erfährt …« Sie blickte verstohlen zu Liss hinüber. »Es stimmt, dass ich ein paar Fotos von dieser Frau an einen Bekannten in Amsterdam geschickt habe.« »Zako.« »Sie kennen Zako?« Liss zuckte die Schultern. »Warum haben Sie das getan?« Judith van Ravens strich sich übers Gesicht. »Ich … ich kenne Zako von früher … das ist viele Jahre her. Wir sind Freunde.« Liss verkniff sich die Bemerkung, dass Zako keine weiblichen Freunde hatte. In diesem Moment sah sie ihn vor sich, wie er auf dem Sofa lag, sein Mund mit Erbrochenem verschmiert. Sie hörte die Stimme von Wouters, der darauf wartete, dass sie ihm erklärte, was in jener Nacht passiert war. »Ab und zu telefonieren wir«, fuhr Judith van Ravens fort. »Und wenn ich in Amsterdam bin, dann treffen wir uns manchmal.« Sie war schlank und relativ klein, mit runden Hüften und nicht allzu großen Brüsten, obwohl sie stillte. Nicht gerade Zakos Typ, dachte Liss. »Und davon darf Ihr Mann nichts erfahren«, sagte Liss mit einem Anflug von Verachtung. »Eigentlich passiert nichts zwischen uns, wenn wir uns treffen«, beteuerte Judith van Ravens. »So gut wie nichts«, korrigierte sie sich. »Aber mein Mann muss nicht alles wissen. Er ist sowieso von Grund auf misstrauisch.« »Was ist mit dem Foto?« Judith van Ravens strich sich erneut über das Gesicht und dann über die glatten Haare. »Zako hat mich vor ein paar Wochen angerufen und um einen Gefallen gebeten. Er wollte eine Freundin überraschen, nur so zum Spaß, sagte er. Vielleicht waren Sie das ja.« »Reden Sie weiter!« »Ich sollte ein paar Fotos von einer Frau machen, ohne dass sie es bemerkt. Ich bekam ihren Namen und die Adresse eines Büros. Ich habe dann im Auto gewartet, bis sie aus der Tür kam, und bin ihr zu einer Straßenbahnhaltestelle gefolgt. Sie wurde von einem Mann begleitet … aber es sollte wirklich alles nur ein Scherz sein!« »Wann war das?« Judith van Ravens schien nachzudenken. »Ungefähr vor drei Wochen, Ende des letzten Monats. Wir sind eine Woche darauf nach Houston geflogen.« Drei Wochen. Das stimmte mit dem Datum überein, das Liss sich in Zakos Wohnung notiert hatte. »Wie lange waren Sie in den USA?« »Wir sind Freitagabend zurückgekommen. Ich spüre immer noch den Jetlag.« Judith van Ravens schloss die Augen. »Ich war ihm einen Gefallen schuldig. Dass diese Frau, Ihre Schwester, verschwunden ist, kann nicht das Geringste mit diesen Fotos zu tun haben. Zako und ich waren gemeinsam auf der Filmhochschule. Er ist eben ein besonderer Typ, der oft merkwürdige Ideen hat, aber mit Entführungen oder so was hat er mit Sicherheit nichts zu tun.« »Zako ist tot.« Die Frau am Fenster erstarrte und wurde kreidebleich. »Ein Unglück«, fuhr Liss fort. Es tröstete sie, das auszusprechen. Wenn sie es oft genug tat, würde sie irgendwann selbst daran glauben. »Wie …?« Liss setzte sich in einen Sessel der Sitzgruppe. »Eine Überdosis, offenbar eine Mischung verschiedener Drogen. Er schlief ein, musste sich übergeben und ist daran erstickt.« Judith van Ravens ließ sich auf das Sofa sinken. »Aber das kann doch nicht sein, nicht Zako … Er hat immer alles unter Kontrolle.« Liss entgegnete nichts. Für eine Weile saßen sie beide schweigend da. In einem anderen Zimmer klingelte ein Handy. Judith van Ravens reagierte nicht. Vornübergebeugt, die Beine übereinandergeschlagen, starrte sie auf die Tischplatte. Plötzlich sagte sie: »Wir müssen zur Polizei gehen. Es wird die Hölle für mich, aber es muss sein.« »Warum?« Sie hob den Blick. »Weil das mit den Fotos kein Zufall sein kann. Vielleicht hat sich Zako da auf irgendwas eingelassen, und jemand wollte es wie einen Unfall aussehen las…« »Sie haben bestimmt recht, dass es ein Scherz sein sollte«, unterbrach Liss sie. Judith van Ravens schaute überrascht auf. »Meinen Sie wirklich?« Liss nickte entschieden. »Ja, nachdem ich mit Ihnen gesprochen habe, ist die Sache für mich klar.« »Hatten Sie … ein Verhältnis?« Liss überhörte die Frage. »Zako wollte mich bestimmt überraschen. Das hat nichts zu bedeuten. Dass meine Schwester verschwunden ist, nachdem Sie die Fotos gemacht haben, kann nur ein Zufall sein.« Das verschaffte ihr einen Moment der Erleichterung. Was immer Mailin auch zugestoßen sein mochte, es hatte nichts mit ihr zu tun. Doch nach wenigen Sekunden kehrten die Zweifel zurück. »Haben Sie die Fotos noch?« Judith van Ravens stand auf, ging ins Nebenzimmer und kam mit einem Handy zurück. »Ich habe sie nicht gelöscht«, sagte sie und zeigte Liss die MMS. »Ich hatte die Sache schon ganz vergessen.« In diesem Moment begann das Baby in einem anderen Zimmer zu schreien. »Sie meinen also, es ist nicht nötig, dass ich zur Polizei gehe?« Liss wartete ein paar Sekunden, ehe sie antwortete: »Soweit ich weiß, gibt es niemand, der daran zweifelt, dass es sich bei Zakos Tod um einen Unfall gehandelt hat.« 2 S ie musste zu Fuß gehen und folgte dem Kongsveien in Richtung Stadt. Es hatte kräftig geschneit, und die Bürgersteige waren noch nicht geräumt. Ihre dünnen Stiefeletten waren steif vor Kälte. Immer wieder rutschte sie auf der vereisten Schneefläche aus. Plötzlich klingelte ihr Handy. Sie dachte an Kommissar Wouters. Früher oder später finden sie es heraus, Liss. Dass jemand in der Nacht bei ihm war. Und zwar eine großgewachsene, viel zu dünne Frau mit rötlichen Haaren, Mitte zwanzig. Sie brauchen gar nicht lange nach ihr zu fahnden. Jeder, der Zako kennt, wird automatisch auf sie stoßen … Es war Rikke, die angerufen hatte. Kurz darauf erhielt sie eine SMS von ihr: Wo bist du? Ich muss mit dir reden. Es dauerte fast eine Stunde, bis sie den Harald Hardrådes plass erreichte. An einem Kiosk kaufte sie eine Schachtel Marlboro und eine Flasche Wasser. Steckte sich sofort eine Zigarette an. Weiter oben in der Schweigaardsgate befand sich die Wohngemeinschaft, in der sie gewohnt hatte, bis sie Oslo verließ. Die gab es bestimmt immer noch, nur mit neuen Bewohnern. Catrine schickte ihr weiterhin ab und zu eine SMS, hatte sie sogar ein paarmal in Amsterdam besucht. Vielleicht konnte man sie am ehesten als Liss’ beste Freundin bezeichnen. Liss zog das Handy aus der Tasche, um sie anzurufen. Catrine wohnte zurzeit im Studentenwohnheim. Auch sie hatte aufgehört, bewaffneten Polizisten Steine und Flaschen entgegenzuschleudern. Vor zwei Jahren hatte sie ihr Politologiestudium in Blindern, an der Universität von Oslo, aufgenommen und erklärt, sie habe bessere Möglichkeiten kennengelernt, um Widerstand zu leisten. Für Liss hatte es nicht ausgereicht, ans andere Ende der Stadt zu ziehen. Sie musste weiter weg. Da sie nicht gleich jemand erreichte, steckte sie das Handy wieder in die Tasche und setzte ihren Weg in Richtung Grønlandsleiret fort. Sie blieb stehen und blickte an der Fassade des Betonklotzes empor, in dem sich das Osloer Polizeipräsidium befand. Auf der Rückseite war der Trakt mit den Gefängniszellen, in denen sie etliche Stunden verbracht hatte. Es gab nichts Schlimmeres als das Geräusch der Zellentür, die hinter einem zuschlug. Das Bewusstsein, eingesperrt zu sein. Nicht zu wissen, für wie lange … Zur Rechten des Präsidiums die Allee, die zum Gefängnis hinaufführte. Wie hoch war die Strafe für Mord? Oder für fahrlässige Tötung, wenn sie ihrer Version Glauben schenkten? Sie würde an die Niederlande ausgeliefert und dort vor Gericht gestellt werden. Waren die Gesetze dort strenger? Fünf Jahre? Zehn oder fünfzehn? Vielleicht würde sie zum Zeitpunkt ihrer Entlassung schon über vierzig sein. Sie würden sie einsperren, nicht für wenige Stunden oder eine Nacht, sondern für Monate und Jahre. Das machte ihr wirklich Angst. Ruhelos durch einen winzigen, verschlossenen Raum zu tigern. Am Gitter zu rütteln und an den Wänden zu kratzen. Auf Schritte im Gang zu warten, auf das Klirren der Schlüssel. Genau bemessene Zeit für Spaziergänge an der frischen Luft. Zu wissen, dass es immer so weiterging, bis man alt war. Es geht nicht um dich, Liss, versuchte sie sich zu sagen, ich muss Mailin finden. Alles andere spielt keine Rolle. Mit zögerlichen Schritten ging sie auf den Eingang des Präsidiums zu. Was hättest du gesagt, Mailin? Sie versuchte, sich die Stimme ihrer Schwester ins Gedächtnis zu rufen. Diese Entscheidung kann dir niemand abnehmen, Liss. Das war keine große Hilfe. Sie versuchte es erneut. Ich will nicht, dass es dir schlechtgeht, Liss. Niemand auf der Welt ist mir so wichtig wie du. Sie zog an der schweren Tür, doch sie bewegte sich nicht. Das ist ein Zeichen, sagte sie sich. Sie wollen dich nicht reinlassen. Doch die Nebentür ließ sich öffnen, worauf sie die große Eingangshalle betrat. Eine Frau in ihrem Alter saß an der Rezeption. Sie trug die Uniform eines Sicherheitsdienstes. Zwei dünne, bleiche Zöpfe hingen ihr über den Hemdkragen. Das Schminken hatte sie offenbar in einem Kindertheater gelernt. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie mürrisch. Liss blickte zur Galerie mit den vielen Treppen hinauf. Die jeweiligen Abteilungen waren offenbar in verschiedenen Farben gehalten, in Rot, Blau und Gelb. »Ich bin wegen meiner Schwester gekommen. Sie ist verschwunden.« »Aha«, entgegnete die Blonde mit unbeweglichem Gesichtsausdruck. »Wollen Sie eine Vermisstenanzeige aufgeben?« Liss schüttelte den Kopf. »Sie suchen bereits seit fünf Tagen nach ihr.« Sie wollte dieser Person, die gelangweilt Kaugummi kaute, nicht mehr erzählen. »Die zuständigen Beamten sind doch bestimmt interessiert daran, mit mir zu sprechen.« »Wie heißt Ihre Schwester?« »Mailin. Mailin Synnøve Bjerke.« »Nehmen Sie da vorne Platz und warten Sie.« Ein paar Minuten später wurde Liss wieder an die Rezeption gewunken. »Von den zuständigen Beamten kann jetzt niemand mit Ihnen reden. Schreiben Sie Namen und Telefonnummer auf diesen Zettel, dann werden sie sich bei Ihnen melden.« 3 Montag, 15. Dezember D er Taxifahrer gab Liss die Kreditkarte zurück, mit der sie in letzter Zeit immer gezahlt hatte. Sie wusste nicht, wie hoch sie sie noch belasten konnte, hatte aber keine Lust, es herauszufinden. Sie stieg aus und stand plötzlich im Schneematsch. Seit gestern Abend waren die Temperaturen gestiegen. Den Großteil der Nacht hatte sie an einem Hotelfenster am Parkveien verbracht und hinaus in den Regen geschaut. Sie stakste die Auffahrt hinauf und versuchte, die vielen Pfützen zu umgehen. Es war ungefähr vier Jahre her, seit sie das letzte Mal hier gewesen war. Unmittelbar nachdem sie geklingelt hatte, wurde die Tür vorsichtig geöffnet, und Tages Kopf kam zum Vorschein. »Liss!«, rief er aus und griff sich an die Stirn. Er hatte sich inzwischen einen grauen, dichten Vollbart wachsen lassen. Auf seinem Kopf waren kaum noch Haare. Und seine Augen hinter den runden Brillengläsern waren kleiner geworden. Sie fühlte sich fast erleichtert, als sie ihn sah. Vielleicht weil ihr nicht die Mutter geöffnet hatte. Für einen Augenblick sah es so aus, als wolle er sie umarmen, doch glücklicherweise ließ er es bleiben. »Wie in aller Welt … aber komm doch erst mal rein.« Er rief ins Innere des Hauses: »Ragnhild!« Tage sprach ihren Namen immer noch auf diese seltsame schwedische Weise aus. Daran hatten sie sich nie gewöhnen können. Sie konnte sich noch genau daran erinnern, was sie an dem Tag vor fünfzehn Jahren, als er das erste Mal zu ihnen nach Hause gekommen war, gedacht hatte: Jemand, der den Namen meiner Mutter so ausspricht, wird auf keinen Fall bei uns einziehen. Geändert hatte dies allerdings nichts. Da Tage keine Antwort erhielt, rief er noch mal und fügte hinzu: »Liss ist da!« Liss hörte ein Geräusch aus dem Wohnzimmer. Im nächsten Moment stand ihre Mutter in der Tür. Sie war ungeschminkt und sah sehr mitgenommen aus. Ihr starrer Blick ging ins Leere. »Liss«, murmelte sie und blieb stehen. Liss zog rasch ihre Stiefeletten aus und trat über die Schwelle. Eigentlich hatte sie sich vorgenommen, ihre Mutter zu umarmen, doch nun wurde nichts daraus. »Du bist hier.« Die Mutter kam zu ihr und fasste sie am Arm, als wolle sie sich versichern, dass sie nicht träumte. »Da siehst du’s, Tage. Sie ist gekommen.« »Ich habe auch nie etwas anderes behauptet«, beteuerte Tage und blickte sich im Flur um. »Wo ist dein Gepäck?« »Welches Gepäck?« »Na, ein Koffer oder eine Tasche.« »Ich bin einfach so gekommen.« »Ach so …« Tage war wissenschaftlicher Assistent an der soziologischen Fakultät, falls er nicht inzwischen die Professorenstelle bekleidete, um die er sich bestimmt hundert Mal beworben hatte. Er stellte gerne vorschnelle Behauptungen auf, ohne sich zu vergewissern, ob sie auch zutrafen. Sie saßen im Wohnzimmer. Es wurde nicht viel gesprochen. Liss sagte irgendetwas darüber, dass sie es nicht ausgehalten habe, untätig in Amsterdam zu sitzen. Ihre Mutter nickte meist mit dem Kopf, schien aber nicht richtig zuzuhören. Sie wirkte noch geistesabwesender als bei Liss’ Ankunft. Wahrscheinlich hatte sie irgendwelche Beruhigungspillen eingenommen, was nicht zu ihr passte, denn eigentlich nahm sie nie irgendwelche Medikamente. Doch nun waren ihre Lider schwer und ihre Pupillen klein. Tage verzog sich in die Küche, um ein paar Reste aufzuwärmen, obwohl Liss zunächst dankend abgelehnt hatte. Er wollte die Mahlzeit im Wohnzimmer servieren, doch sie zog es vor, am Küchentisch zu essen. Er setzte sich zu ihr. Die Mutter blieb auf dem Sofa sitzen. Liss hörte, wie sie in einer Zeitschrift blätterte. »Wie lange bleibst du?«, wollte Tage wissen. Als ob sie darauf eine Antwort wusste. »Kommt drauf an.« Er nickte und wusste sicherlich, was sie damit meinte. »Erzähl mir alles, was du über Mailin weißt«, bat sie ihn. Seit ihrer Ankunft war es das erste Mal, dass sie sich traute, ihren Namen auszusprechen. In dieser Küche, in der sie und Mailin von frühester Kindheit an so oft zusammengesessen hatten. Obwohl Liss nicht mehr unterscheiden konnte, woran sie sich erinnerte und was sie von alten Fotos kannte, sah sie vor sich, wie sie an diesem Kieferntisch gesessen, gemeinsam gefrühstückt und zu Abend gegessen, gebastelt und gespielt hatten. »Sie ist am Donnerstag verschwunden, nicht wahr?« Tage rieb sich die Nasenspitze. »Soviel wir wissen, hat sie seit Mittwoch keiner mehr gesehen.« »Was meinst du damit?« Er schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung, Liss. Ich traue mir überhaupt keine Meinung mehr zu.« »Ich muss alles wissen.« Ihre Stimme hörte sich verbissen an. Tage nahm seine Brille ab und reinigte sie mit dem Taschentuch. Er bekam das Fett, das aus der Pfanne gespritzt war, nicht von den Gläsern ab. Es bildete einen dünnen Film. Er hauchte die Gläser an, sodass sie beschlugen, versuchte es erneut, doch ohne Erfolg. »Sie ist zur Hütte gefahren«, sagte er, nachdem er aufgegeben und die Brille wieder aufgesetzt hatte. »Das war am Mittwochabend. Du weißt ja, dass sie ständig dorthin fährt, wenn sie an schwierigen Projekten arbeitet.« Das wusste Liss. »Sie hat dort übernachtet und ist offenbar am nächsten Nachmittag wieder weggefahren. Leute, die zu diesem Café im Wald …« »Vangen«, sagte Liss. »Genau, Vangen. Also Leute, die ihr Auto an dem Parkplatz in der Nähe …« »Bysetermosan.« »Sie haben das Auto am Mittwoch und am Morgen danach gesehen … Am Nachmittag war es dann verschwunden.« »Sie ist doch wohl nicht noch woanders hingefahren?« Mit einem Mal hatte sie vor Augen, wie Mailin, eingeklemmt in einem Autowrack, in einem tiefen Graben lag, oder unterhalb eines Bergabhangs. Liss suchte in Gedanken den Weg ab, den sie so gut kannte. »Wir haben ihr Auto gefunden«, erklärte Tage. »Es stand in der Welhavens gate, wo sie ihre Praxis hat. Sie muss am Donnerstagnachmittag dorthin gefahren sein. Sie wollte ja abends an der Talkshow teilnehmen.« »Ja, das habe ich in der Zeitung gelesen. Bei Berger, der alten Rocklegende, der jetzt diese Sendung macht.« Tage räusperte sich. »Keiner von uns hat verstanden, was sie da wollte. Der Mann ist zweifellos ein geschmackloser Dreckskerl.« Liss zuckte die Schultern. »Der will doch nur ein paar Tabus brechen. Ist das denn so schlimm?« »Liebe Liss. Berger und seine Jünger sind die Schmarotzer der freien Gedanken«, erklärte Tage. »Aber niemand traut sich, das laut zu sagen. Die Angst, als politisch korrekter Spießer zu gelten, ist eine effektivere Zensur, als sie eine Diktatur je ausüben könnte.« Offensichtlich hatte sie ihn auf eines seiner Lieblingsthemen angesprochen. Er ging zum Kühlschrank, nahm ein Bier heraus und teilte es auf zwei Gläser auf. »Unter dem Vorwand, mit alten Vorurteilen aufzuräumen, etabliert er neue, die noch viel schlimmer sind.« Tage wirkte für seine Verhältnisse außerordentlich aggressiv. Zwar konnte er wortkarg und mürrisch sein, hatte jedoch stets Schwierigkeiten gehabt, Wut offen zu zeigen. »Das Schlimmste daran ist doch, dass er von den jungen Leuten regelrecht verehrt wird. Selbst die reflektiertesten unter meinen Studenten betrachten ihn als Revolutionär. Und jetzt denkst du bestimmt, dass ich ein alter Sack bin, der sich neuen Gedanken verschließt oder, was noch schlimmer wäre, der keinen Humor hat.« Eigentlich hatte sie ihn schon immer als »alten Sack« betrachtet, wenngleich sie ihm einen eigenwilligen, intellektuellen Humor zubilligte. Mit seinen Wortspielen konnte er sie manchmal sogar zum Lachen bringen. Er war überhaupt ein anständiger Mensch. Nur hatte sie ihn eben nie gemocht. »Berger kokettiert mit Heroinabhängigkeit, Pädophilie und Satanismus. Er tut so, als könne man in diesen Dingen dieser oder jener Ansicht sein. Aber ich sage meinen Studenten, dass man eine große Verantwortung hat, wenn man öffentliche Meinungsmache betreibt. Öffentliche Handlungen ziehen andere Konsequenzen nach sich als die Frage, welche Klamotten ich heute anziehe.« »Trotzdem wollte Mailin an seiner Talkshow teilnehmen«, entgegnete Liss. Tage seufzte. »Sie hatte sicher die besten Absichten. Doch Berger macht die Leute glauben, man dürfe ruhig ein verantwortungsloser Mistkerl sein, solange man sein Publikum damit unterhält. Und ich glaube nicht, dass Mailin daran etwas hätte ändern können.« Er schien sich eine lange aufgestaute Verärgerung von der Seele zu reden. Doch wer sich von der Privatmeinung eines alten, verlebten Rockers provozieren ließ, musste schon ziemlich naiv sein, dachte Liss, oder zumindest Norweger. In den Niederlanden hätte eine solche Talkshow keine große Resonanz. Sie ließ ihn weiterreden, während sie ein paar Bissen aß. Dann unterbrach sie ihn: »Du sagtest, dass ihr Auto unmittelbar vor ihrer Praxis stand?« Tage strich sich durch den Bart. »Anscheinend ist sie noch mal dort vorbeigefahren, bevor sie zum Fernsehstudio wollte. Wir wollten uns die Talkshow ansehen, aber als die Sendung anfing, war sie nicht mit dabei. Und der Scheißkerl machte auch noch Witze auf ihre Kosten. Dass sie wohl doch zu feige sei und einen Rückzieher gemacht habe und ähnliche Unverschämtheiten.« »Und seit diesem Nachmittag hat sie niemand mehr gesehen?« Liss hörte, wie ihre Mutter vom Sofa aufstand. Kurz darauf kam sie zu ihnen in die Küche geschlurft. »So … hast du etwas zu essen bekommen«, sagte sie tonlos und legte Liss die Hand auf die Schulter. »Ich leg mich ein bisschen hin.« Damit verschwand sie aus der Küche und schleppte sich die Treppe hinauf. Tage blickte ihr nach. »Ich weiß nicht, ob sie es verkraftet, sollte Mailin wirklich etwas passiert sein.« Wirklich etwas passiert! Liss wäre fast in die Luft gegangen. Es waren mindestens vier Tage vergangen, seit Mailin das letzte Mal gesehen worden war. Sie nahm sich zusammen, stocherte lustlos in ihren Spaghetti und aß ein wenig von der Fleischsoße. Doch sie schmeckte nichts. Sie hatte seit vierundzwanzig Stunden nichts gegessen und nicht den geringsten Hunger. Sie leerte ihr Bierglas. »Was ist mit der Polizei?« Tage schenkte ihr nach. »Die haben uns Löcher in den Bauch gefragt, wollten alles wissen. Ob sie Depressionen hatte, früher schon mal verschwunden war und so weiter. Wie ihr Verhältnis zu Viljam ist.« »Und, was glaubst du?« Er kratzte sich mit einem Finger seinen mit Leberflecken übersäten Kopf. »Was soll man schon glauben? Möglich ist alles … wir stehen doch alle unter Schock, Liss, genau wie du.« Stand sie unter Schock? Sie hatte das Gefühl, dass sich ihr Zustand ständig veränderte. Sie war nicht richtig bei sich. Dachte hin und wieder, es werde sie in Stücke reißen. Dann verspürte sie Erleichterung bei dem Gedanken, dass irgendwann ohnehin alles ein Ende nahm. Und im nächsten Moment wurde sie in ein riesiges schwarzes Loch gezogen und fühlte sich vollkommen gelähmt. Sie hatte jemand umgebracht. In ihrer Jackentasche war das Foto von Mailin. Sie konnte es vor Tage auf den Tisch werfen: Nimm mich mit zur Polizei. Sperrt mich ein. Aber ich schaffe es nicht, darüber zu reden. Er tätschelte ihr sanft den Arm. »Klar, dass die Polizei in alle Richtungen ermitteln muss. In einer Beziehung kann es manchmal zu heftigen Auseinandersetzungen kommen und …« Er hielt inne und räusperte sich. »Bist du Viljam eigentlich schon mal begegnet?« Sie schüttelte den Kopf. »Vor drei Tagen habe ich zum ersten Mal mit ihm telefoniert, das ist alles.« Mailin hatte nie viel von Viljam erzählt, aber bei früheren Beziehungen war das auch nicht anders gewesen, und Liss hatte nie viel nachgefragt. Sie erinnerte sich an die SMS, die sie bekommen hatte: Halte dir Mittsommer nächstes Jahr frei. »Er studiert doch Jura, oder?« »Ja, das stimmt«, bestätigte Tage. »Sie sind schon über zwei Jahre zusammen. Scheint ein sympathischer junger Mann zu sein. In Ragnhilds Augen ist er natürlich nicht der Richtige für Mailin, aber du weißt ja, wie das ist …« Er blickte zur Tür, durch die seine Frau eben verschwunden war. »Ragnhild meint, sie habe so ein komisches Gefühl bei ihm. Sie kommt einfach nicht an ihn ran.« Liss spürte, wie sich eine alte Irritation wieder bemerkbar machte. In den Augen ihrer Mutter war keiner von Mailins Freunden je gut genug für sie gewesen. Zum einen hatte sie immer betont, dass ihre Töchter sich frei und selbständig entscheiden müssten, zum anderen aber keinen Zweifel daran gelassen, was sie ihrer Meinung nach tun sollten. Und in der Regel gab sie erst Ruhe, wenn sie ihren Willen bekommen hatte. »Glaubt die Polizei denn, dass Viljam … etwas mit der Sache zu tun haben könnte?« Tage wiegte den Oberkörper vor und zurück. »Sie haben ihn zwei Mal vernommen. An dem Nachmittag, an dem Mailin verschwand, war er mit anderen Studenten zusammen. Ich habe ihn selbst abgeholt, weil er sich mit uns zusammen die Talkshow ansehen wollte. Nach der Sendung wollte Mailin zu uns stoßen … Viljam und ich sind die ganze Nacht herumgefahren und haben nach ihr gesucht. Am nächsten Morgen sind wir noch zur Hütte rauf, wir dachten, vielleicht ist sie dort. Viljam ist genauso am Boden zerstört wie wir.« »Warum seid ihr überhaupt zur Hütte gefahren? Hast du nicht gesagt, ihr Auto hätte in der Stadt gestanden?« »Wir wussten nicht, was wir tun sollten. Wir mussten doch alles versuchen.« »Und wenn sie nun einfach verreist ist?« Sie hörte selbst, wie unwahrscheinlich das klang, doch sie musste diese Frage stellen, um ihr Gespräch irgendwie am Laufen zu halten. Um zu verhindern, dass sie einfach in dieses schwarze Loch gezogen wurde und verschwand … Natürlich war Mailin nicht einfach verreist, ohne jemand Bescheid zu sagen. Es passte nicht zu ihr, andere Menschen im Ungewissen zu lassen. Liss wäre es zuzutrauen, dass sie einfach abhaute. Doch Mailin wollte immer, dass sich andere auf sie verlassen konnten. »Wir haben uns alle möglichen Fragen gestellt«, sagte Tage in diesem trägen Ton, der stets in seiner Stimme lag und vielleicht Ausdruck einer gewissen inneren Ruhe war. »Aber wo sollte sie hingefahren sein und warum? Ragnhild hat sogar in Kanada angerufen, um deinen Vater zu fragen, ob Mailin bei ihm aufgetaucht ist. Eigentlich ein absurder Gedanke, aber man kann ja nie wissen …« Ragnhild hatte ihren Vater angerufen. Liss wusste, dass sie seit vielen Jahren – fünfzehn, zwanzig? – nicht mehr miteinander gesprochen hatten. »Was hat er gesagt?«, wollte sie wissen. »Sie hat ihn nicht erreicht. Der ist wohl irgendwo unterwegs.« Tage sagte das so beiläufig wie möglich. Er war stets klug genug gewesen, jede versteckte Andeutung zu vermeiden, die sich auch nur im mindesten nach einer Kritik ihres Vaters anhören könnte. Plötzlich fühlte sich Liss völlig kraftlos. Sie ging in das Zimmer, das einst Mailin bewohnt hatte, und legte sich auf ihr Bett. Sie war zu erschöpft, um zu schlafen. Der Puls schlug ihr bis zum Hals. Seit sie mit der Schule fertig war, hatte sie nicht mehr in diesem Haus übernachtet. Immer wieder musste sie aufstehen, um die paar Schritte zwischen Tür und Fenster hin und her zugehen. Sie machte das Licht an und setzte sich frierend an den Schreibtisch. Auf dem Regal darüber standen immer noch die alten Fotos. Ein Bild von Mailin mit der roten Abiturientenmütze. Die blonden Haare und ihre hellen Augen, die denen ihrer Mutter glichen, aber fröhlicher aussahen. Ein weiteres Bild von Mailin und ihr selbst. Sie musste damals ungefähr acht Jahre alt gewesen sein, demnach wäre Mailin also zwölf gewesen. Sie stehen auf dem Fels unterhalb der Hütte, von dem aus sie immer kopfüber in das Wasser des Morrvann gesprungen waren. Liss rudert mit den Armen. Es sieht aus, als würde sie gerade ihr Gleichgewicht verlieren. Mailin hat die Arme um sie geschlungen und hält sie fest. Sie nahm das Foto und studierte jedes Detail. Die Tanne neben dem Fels. Das Licht, das eine Ellipse auf das Wasser warf. Mailins erschrockenes Gesicht. Was soll nur aus dir werden, Liss? Sie konnte sich nicht daran erinnern, wer dieses Foto gemacht hatte, wusste aber noch genau, wie es sich anfühlte, zu schwanken und festgehalten zu werden. »Ich werde nie jemand so nah sein wie dir«, murmelte sie. »Ich muss dich finden, Mailin.« 4 Dienstag, 16. Dezember S ie nahm die U-Bahn vom Jernbanetorget. Zwischen Sitz und Wand klemmte eine Ausgabe des Dagbladet, die schon ein paar Tage alt war. Darin eine Notiz auf Seite 8: »Frau (29) in Oslo verschwunden. Seit Donnerstag nicht mehr gesehen«, las sie. »Polizei ist sich nicht sicher, ob es sich um ein Verbrechen handelt.« Sieben Zeilen, ohne Namen oder Foto. Sie blätterte weiter. Vor einem halben Jahr hatte das Magazin des Dagbladet über sie berichtet. Liss hatte an einem Werbespot mitgewirkt, der in den Niederlanden im Kino gezeigt worden war. Wie das Dagbladet davon Wind bekommen hatte, wusste sie nicht. Doch eines Tages standen ein Journalist und ein Fotograf bei ihr in der Marnixkade auf der Matte. Zako behauptete, er habe der Zeitung den Tipp gegeben. Sie wollten eine Homestory machen: Junge Norwegerin auf der Schwelle zur Modelkarriere. Sie verdrehten und verfälschten den Sachverhalt, machten Fotos von ihr, die eine andere Frau zeigten. »Ist es nicht aufregend für eine junge Frau, so viele Blicke auf sich zu ziehen?« Dann die Standardfrage: »Glauben Sie nicht, dass Sie ein schlechtes Vorbild für die vielen magersüchtigen Mädchen sind?« Der Journalist wollte den Glamour einer Branche einfangen und dennoch politisch korrekt sein. »Man muss wissen, was man will«, hatte Liss geantwortet. »Es ist wichtig, dass man die Kontrolle über sein Leben behält.« »Glauben Sie nicht, dass die Frau in Ihrem Beruf zum Objekt des Mannes degradiert wird?« Allmählich hatte sie von dem Interview genug. »Ich habe nichts dagegen, Objekt zu sein«, hatte sie geantwortet und gemerkt, dass sie es ernst meinte. Sie hätte das Ganze natürlich noch präzisieren und vertiefen, es allgemein verträglich formulieren können, hatte aber keine Lust dazu. Hingegen ließ sie sich zu überspitzten Aussagen verleiten, um sich interessant zu machen. Die Zeitung brachte das Interview schließlich als Beispiel für die veränderte Lebenseinstellung der Frauen von heute. Frauen, die all die Errungenschaften genossen, für die andere Frauen so hart gekämpft hatten, sie jedoch nur in Anspruch nahmen, wenn es ihnen passte. Sie genossen das Leben und sich selbst. Nachdem Mailin das Interview gelesen hatte, rief sie Liss an und gratulierte ihr, obwohl sie gleichzeitig skeptisch gegenüber der Botschaft war. Von ihrer Mutter hatte Liss nie etwas gehört. Sie blickte auf und stellte fest, dass der Zug am Carl Berners plass angehalten hatte. Sie schaffte es gerade noch, durch die geöffneten Türen zu schlüpfen, ehe sie sich wieder schlossen. Sie eilte die Stufen hinauf, ins Licht. Ihre Stiefeletten waren wieder trocken, doch hatte die Feuchtigkeit an den Außenseiten einen schmutzigen Rand hinterlassen. Vor ein paar Tagen hätte sie sich darüber geärgert, jeder Schönheitsmakel war von Bedeutung gewesen. Doch das kümmerte sie nicht länger, nicht hier, in dieser wintergrauen Stadt. Sie war mit Mailins Freund verabredet. Als sie an einem Postamt vorbeikam, musste sie auf einmal an Wouters denken. Stellte sich den Namen des Polizisten auf einem Türschild vor. Sie steht vor dieser Tür und hält einen Brief in der Hand. Einen Brief, in dem sie genau beschreibt, was in jener Nacht in Zakos Wohnung vorgefallen ist. Wie sie das Rohypnol in seiner Bierflasche aufgelöst und beobachtet hat, wie er das Bewusstsein verlor. Wie sie einfach weggegangen und ihn an seinem Erbrochenen hatte ersticken lassen. Aber Mailin ist verschwunden!, protestierte sie im Stillen. Ich kann nichts für sie tun, wenn ich diesen Brief schreibe. Sie setzte ihren Weg nach Rodeløkka fort. Mailins Freunde hatten stets etwas Sonderbares an sich gehabt. Früher war Liss besessen davon gewesen, ihren Code zu knacken, herauszufinden, was es mit ihnen auf sich hatte. Als läge darin die Antwort auf Fragen, die sie selbst nicht beantworten konnte. Im Bemühen, diesen Code zu entschlüsseln, war sie einmal sehr weit gegangen. Danach hatte sie lieber nichts vom Liebesleben ihrer Schwester wissen wollen. Das Haus lag in der Langgata. Sie klingelte, wartete kurz, klingelte erneut. Die Haustür war nicht abgeschlossen. Sie öffnete und warf einen Blick in den Eingangsbereich. Im Flur und auf der Treppe zur Rechten brannte Licht. »Hallo?« Oben hörte sie das Geräusch einer Tür. Im nächsten Moment tauchte er auf dem oberen Treppenabsatz auf. Dann kam er herunter. »Entschuldige, ich war im Bad.« Er blieb stehen, bevor er die unterste Stufe erreicht hatte. Große Augen, hohe Wangenknochen. Seine halblangen dunklen Haare waren zurückgekämmt. Er lächelte flüchtig, ging die letzte Stufe hinunter und gab ihr die Hand. »Viljam.« Er war ein Stückchen größer als sie, doch nicht sehr kräftig gebaut. Sie war überrascht. Sie hatte gedacht, dass er derjenige auf dem abgespeicherten Foto auf Zakos Handy war. Aber nicht er war neben Mailin aus der Toreinfahrt gekommen. Fast beiläufig gab er ihr die Hand und ließ sie sogleich wieder los. Obwohl er unrasiert war, führte sein Kinnbart auf beiden Seiten gleichmäßig nach unten. Er sieht besser aus als ihre früheren Freunde, schoss es ihr durch den Kopf. Er machte einen ruhigen Eindruck. Vielleicht bemühte er sich darum, diese Ruhe zu bewahren. Bei anderen Menschen traute sie nie ihrem ersten Eindruck, der allzu oft in die Irre führte. Meist empfing sie eine Fülle widersprüchlicher Signale und verborgener Andeutungen. Vorbereiten konnte man sich darauf ohnehin nicht, dachte sie, während sie Viljam durch den Flur folgte. Das meiste konnte sie erst sortieren, nachdem die Begegnung vorüber war, und oft nicht einmal dann. Liss sah sich im Wohnzimmer um. Die Decke war hoch, und das Gemälde an der Wand stellte wohl eine Winterlandschaft dar: Schnee zwischen schwarzen Bäumen unter einem grauen Himmel. Es strahlte ein gedämpftes, aber allumfassendes Licht aus. »Ist das euer Haus?«, fragte sie, obwohl sie es besser wusste. »Nein, aber die Miete ist sehr günstig«, erklärte Viljam. »Ein Freund von Linne arbeitet für unbestimmte Zeit in den USA. Es ist nicht sicher, ob er überhaupt zurückkommt. Wenn nicht, kaufen wir das Haus vielleicht.« Er nannte sie Linne. Das hatte Liss auch getan, als sie jünger war. Viljam zeigte ihr das Obergeschoss. Das Schlafzimmer war in hellen Farben gehalten. In der Mitte stand ein solides Doppelbett aus Eiche. Im Arbeitszimmer gab es ein Gästebett. Liss versuchte alle Gegenstände zu identifizieren, die Mailin gehörten. Das Bett und die dunkelbraunen Ledermöbel, die Orchidee auf dem Fensterbrett, das Gemälde, das Klavier. Danach setzten sie sich in der Küche an die Theke, die zugleich als Raumteiler fungierte. Viljam schenkte ihnen Kaffee aus einer Presskanne ein. »Ich warte jeden Moment darauf, dass sie zur Tür hereinkommt«, sagte er. »Und sich am Türrahmen den Schnee von den Stiefeln klopft.« Er nippte an seiner Tasse und wandte den Kopf ab. Liss betrachtete seine Hände. Die Finger waren lang und schmal. Dann studierte sie sein Profil im Nachmittagslicht, das durchs Fenster fiel, und dachte daran, was Tage über Ragnhilds Reaktion auf Viljam erzählt hatte. Dass sie so ein komisches Gefühl habe. Die Mutter hatte mit ihren Gefühlen schon immer ihre Umgebung auf subtile Art beeinflusst, und Liss wusste nur allzu gut, warum sie damals ausgezogen war und niemals wiederkommen wollte. »Mailin hat mir erzählt, dass du Jura studierst und nebenher arbeitest.« Er nickte. »Stimmt. Als freier Rechtsberater für Leute, die sich keinen Anwalt leisten können.« Versuchte er, etwas zu verbergen? Tage zufolge war Viljam mit mehreren Kommilitonen zusammen bei der Arbeit gewesen, als Mailin verschwand. Den Rest des Abends, die Nacht und den folgenden Tag hatte er bei ihnen im Haus in Lørenskog verbracht. Sie trank einen Schluck Kaffee. Er war genauso schwarz und bitter, wie sie ihn mochte. »Am Telefon hast du gesagt, dass Mailin mich anrufen wollte.« Selbst im Licht, das durch das Fenster fiel, waren seine Augen dunkelblau. Sie wusste immer noch nicht, was sie von ihm halten sollte. Abgesehen davon, dass er auf eine fast feminine Art hübsch war und damit Mailins Männergeschmack entsprach. »Sie wollte mit dir über irgendwas reden«, sagte er. »Ich weiß aber nicht, worum es ging. Dann ist sie zur Hütte gefahren.« »Nur für einen Tag?« Liss hörte, dass ihre Stimme skeptisch klang. »In letzter Zeit ist sie oft dort gewesen. Sie arbeitet gerade an einem schwierigen Projekt, das Teil ihrer Habilitation ist. Sie meint, da draußen könne sie sich besser konzentrieren. Niemand, der einen stört. Und am Donnerstag wollte sie ja an Tabu teilnehmen.« Liss sah Mailin vor sich, wie sie vor den großen Fenstertüren der Hütte saß und einen Blick auf den Morrvann warf, der durch die Bäume schimmerte. »Berger, der alte Rocker, ist also zum Talkmaster aufgestiegen«, meinte sie. »Hast du etwa noch nie Tabu gesehen? Um die Sendung wird ein riesiger Hype gemacht.« »Ich habe seit Jahren kein norwegisches Fernsehen mehr geschaut. Da scheine ich ja was verpasst zu haben.« Viljam trank seinen Kaffee aus und schenkte ihnen nach. »Ich habe im Flugzeug etwas darüber gelesen«, fügte sie hinzu. »Der nimmt sich anscheinend jede Woche ein neues Tabu vor, von dem die Gesellschaft sich seiner Meinung nach befreien sollte. Cleveres Konzept.« Nach kurzem Nachdenken sagte Viljam: »Berger ist ein verantwortungsloser Typ, der herausgefunden hat, dass man die größte Aufmerksamkeit erzielt, wenn man eine öffentliche Schlammschlacht inszeniert.« Liss war sich nicht sicher, ob sie bei ihm echten Zorn heraushörte. »Am Anfang wurde er nur mit Hohn und Spott bedacht. Doch inzwischen ist er eine feste Größe geworden und gilt als unheimlich cool. Alle, die ausschließlich von ihrer Medienpräsenz leben, geben sich bei ihm die Klinke in die Hand.« »Damit kannst du ja nicht Mailin meinen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich war total überrascht, als sie ihre Teilnahme an der Sendung zugesagt hat. Doch dann verstand ich, dass sie eine bestimmte Absicht damit verband. Sie hat sogar einen Essay über seine Talkshow geschrieben.« Er nahm einen Zeitungsausschnitt von einer Korktafel: »Berger – ein Held unserer Zeit«, aus Aftenposten vom 1. Dezember. »Darin analysiert sie seine Methode und entlarvt ihn als beschränkten Idioten.« Liss las die Einleitung. So gnadenlos konnte Mailin sein, wenn sie etwas bekämpfte. »Sie hat sich so viele Jahre mit Inzest und Kindesmissbrauch beschäftigt«, fuhr Viljam fort. »Du weißt doch bestimmt, dass dies auch das Thema ihrer Habilitation ist. In der Sendung vom letzten Donnerstag hat Berger erklärt, dass er als Kind ein Verhältnis zu einem älteren Mann gehabt und ihm dies überhaupt nicht geschadet habe. Er hat sogar behauptet, dass Kinder von solch einer Beziehung profitieren könnten.« »Hab ich in VG gesehen. Es hat eine Reihe aufgebrachter Leserbriefe gegeben.« »Vor einigen Wochen hat Berger Kontakt zu Mailin aufgenommen. Sie haben sich daraufhin mehrmals getroffen. Er vertritt die Meinung, dass die bestehenden Tabus in Bezug auf Pädophilie uns an der freien Entfaltung unserer Persönlichkeit hindern. Er hat etwas Missionarisches. Dabei ist doch allen klar, dass er nur von der Sensationslüsternheit des Publikums lebt. Je größer der Skandal – und selbst die Morddrohungen gegen ihn gehören bestimmt zu seinem Konzept –, desto höher die Einschaltquote.« Viljam stand auf und nahm etwas aus dem Eisfach. »Ich taue ein paar Brötchen auf.« »Von so jemand würde Mailin sich nie benutzen lassen«, sagte Liss. »Dazu ist sie viel zu intelligent.« Viljam schnitt die Tüte mit einem dünnen, säbelförmigen Messer auf. »Ganz deiner Meinung. Sie wollte ihn benutzen.« Er legte die Brötchen in die Mikrowelle. »Sie nimmt ihre Schweigepflicht immer sehr ernst. Doch am Tag vor der Talkshow erzählte sie mir, sie habe eine spannende Entdeckung gemacht. Ich weiß nicht, worum es ging, aber sie hatte offenbar etwas herausgefunden, das sie in der Livesendung enthüllen wollte.« »Und Berger hat davon nichts gewusst?«, fragte Liss. »Sie hat zu mir gesagt, sie wolle ihm eine faire Chance geben und ein weiteres Treffen mit ihm vereinbaren. Direkt vor der Sendung wollte sie noch mal mit ihm reden, damit er die Möglichkeit hat, die Sendung kurzfristig abzusagen.« »Was er aber nicht getan hat.« »Im Gegenteil. Er hat sich darüber lustig gemacht, dass sie angeblich kalte Füße bekommen habe. Hat den größten Quatsch erzählt, aber kein Wort über den wirklichen Grund verloren, warum sie nicht gekommen ist.« »Den kannte Berger ja wohl nicht.« Viljam zuckte die Schultern. »Zuerst dachte ich auch, dass sie es sich anders überlegt hätte und Berger keine Bühne für seine unsäglichen Thesen verschaffen wollte. Aber alle, die Mailin kennen, wissen, dass sie nicht kurzfristig kneift.« Er nahm die aufgebackenen Brötchen aus der Mikrowelle, legte sie in einen Korb und stellte Käse und Marmelade auf den Tisch. »Nach dem Ende der Talkshow war ich sicher, dass sie in Lørenskog auftauchen würde. Wir haben dort auf sie gewartet, Tage, Ragnhild und ich. Dann haben wir herumtelefoniert. Mitten in der Nacht habe ich schließlich die Polizei angerufen, aber die wollten vorerst nichts unternehmen. Ich sollte am nächsten Tag wieder anrufen, und als ich das tat, haben sie mich gebeten, vorbeizukommen und eine Aussage zu machen.« Liss beugte sich über den Tisch. »Hast du ihnen von Berger und dem Gespräch erzählt, das sie mit ihm führen wollte?« Viljam ließ sich wieder auf seinen Stuhl sinken. »Natürlich. Aber sie waren mehr daran interessiert, was ich in den letzten vierundzwanzig Stunden getrieben habe.« Sie bemerkte plötzlich Angst in seinen Augen. Der erste Verdacht fällt immer auf den Partner, dachte sie. War Viljam so etwas zuzutrauen? Was war so etwas? Dann begriff sie, dass sie ihn nicht weniger furchtsam anblickte. Sie entschuldigte sich, schob ihren Teller mit dem dampfenden Brötchen beiseite und lief aus der Küche. Als sie über der Toilettenschüssel hing, sah sie Mailins nackten Körper im Dunkeln vor sich. »Sie ist tot«, murmelte sie. »Mailin ist tot.« 5 S ie folgte dem Verlauf der Sannergata. Die Autos kamen ihr entgegen und umhüllten sie mit einer Schicht aus Staub und Lärm. An der Brücke bog sie ab und ging auf dem Fußweg am Fluss entlang. Blieb an einer Bank stehen, ohne sich hinzusetzen. Es schneite leicht, auf dem vergilbten Rasen jagten zwei Jungen hinter einem Ball her. Eine Frau mit türkisfarbenem Gewand und Kopftuch rief ihnen in einer Sprache etwas zu, die Liss nicht verstand. Ihre Stimme war scharf und schneidend. Doch die Jungen reagierten nicht, sondern stürmten hinunter in Richtung Ufer. Was hatte Viljam an sich, das bei Ragnild so ein komisches Gefühl auslöste? War es nicht einfach eine Form von Eifersucht, weil Mailin ihn sich ausgesucht hatte? Viljam ist mehr als nur verzweifelt, dachte sie. Da ist mehr als reine Angst. Oder bildete sie sich das bloß ein? Manchmal war sie ganz sicher, dass sie merkte, wenn sie belogen wurde. Oder war auch das nur Einbildung? Als sie weiterging, hörte es auf zu schneien. Lichtkegel trieben zwischen den Wolken vorbei, als sei die Sonne auf der Flucht. Sie ging weiter in Richtung Erlöserfriedhof. Ihr Handy vibrierte. Sie sah, dass es Rikke war, und ging ran. »Wo bist du denn, Liss? Ich habe schon seit Tagen versucht, dich zu erreichen.« »Ich bin in Oslo.« Bevor Rikke fragen konnte, erzählte sie von Mailin. In wenigen Worten. Am anderen Ende wurde es still. »Ich musste einfach nach Hause fahren.« »Erst Zako und jetzt deine Schwester. Das ist doch Wahnsinn.« »Haben sie schon herausgefunden, woran Zako gestorben ist?« »Die Polizei hat mich vernommen. Zako war in meiner Wohnung, bevor er nach Hause fuhr.« Offenbar hatte sie Angst, dass Liss sie fragte, was sie bei ihr getrieben hatten. »Ist schon gut, Rikke. Du brauchst mir nicht alles zu erzählen.« Ein gequälter Laut am anderen Ende. »Ich hab mich abscheulich benommen. Kann verstehen, dass du wütend auf mich bist, Liss.« »Ich bin nicht wütend. Was hat die Polizei gesagt?« »Sie haben mich nach allem Möglichen gefragt. Wann er weggefahren ist. Was wir genommen hatten. Ob wir Sex hatten. Danach bin ich zu ihm nach Hause gefahren. Das war echt unheimlich. Ich kann doch nichts dafür, dass er zu viel genommen hat. Sie haben auch nach dir gefragt.« »Was hast du gesagt?« »Was hätte ich schon sagen sollen? Du hattest ihn ja seit über einer Woche nicht gesehen. Stimmt doch?« »Klar.« »Wann kommst du zurück?« »Weiß nicht.« »Verstehe.« »Was verstehst du?« »Dass es dir furchtbar geht.« Die Eingangstür war verschlossen. Sie schaute auf die Namen neben den Klingeln und entdeckte den von Mailin. Darunter ein weiterer Name, den sie kannte. Als sie den Zusammenhang begriff, machte sie auf dem Absatz kehrt, überlegte es sich anders, drehte sich wieder um und drückte auf eine Klingel, die mit dem Namen T. Gabrielsen versehen war. Über die Gegensprechanlage meldete sich eine Frauenstimme, die fragte, worum es ging. Liss nannte ihren Namen, worauf summend das Schloss aufsprang. Im Treppenhaus roch es nach Schimmel. Die Holztäfelung war verschlissen, der Putz bröckelte von den Wänden. Im ersten Stock öffnete sich eine Tür. »Du bist also Liss«, sagte die Frau. »Mailin hat viel von dir erzählt. Ich bin Torunn. Es ist schrecklich, dass wir uns unter diesen Umständen … du weißt, was ich meine.« Liss entgegnete nichts. Torunn, die bestimmt Gabrielsen mit Nachnamen hieß, musste ungefähr Mitte dreißig sein. Sie reichte Liss bis zum Kinn und war ziemlich füllig. Sie hatte schulterlange rabenschwarze Haare, aber der Haaransatz verriet den ursprünglichen Grauton. »Mailins Praxis liegt im zweiten Stock. Hast du einen Schlüssel? Ich muss mich jetzt um einen Patienten kümmern. Sag Bescheid, wenn du irgendwie Hilfe brauchst.« Als Liss die Treppe schon halb hinaufgegangen war, fuhr Torunn fort: »Suchst du eigentlich was Bestimmtes? Die Polizei ist schon da gewesen.« »Nein, nein«, antwortete Liss. »Ich wollte mir nur ihre Praxis ansehen.« Im zweiten Stock schloss Liss die Tür auf und betrat einen Raum, der als Wartezimmer eingerichtet war. Ein Sofa, einige Stühle, auf einem Tisch in der Ecke ein Radio, Kunstplakate an den Wänden. Von hier gingen zwei Türen ab. Auf der einen stand »Pål Øvreby, Psychologe«. Erneut spürte sie den Drang, kehrtzumachen. Ein leichtes Ziehen im Magen, das sich in den Unterleib fortsetzte. Pål Øvreby soll nicht darüber entscheiden, was ich tue und lasse, dachte sie und wandte sich von seiner Tür ab. Auf der anderen Tür war ein Messingschild mit Mailins Namen angebracht. Liss betrachtete den Schlüsselbund, den Viljam ihr gegeben hatte, entschied sich für den größten Schlüssel und schloss die Tür auf. Das Behandlungszimmer war nicht groß, hatte aber eine ebenso hohe Decke wie sicherlich alle Räume in diesem alten Gebäude. Auch hier blätterte bereits die Farbe ab, doch wurde der Verfall teils von einem großen Wandteppich überdeckt, auf dem sich zwei Kinder der Sonne entgegenstreckten. Der rote, dicke Teppich erzeugte beim Gehen ein weiches Gefühl unter den Füßen. Liss erkannte den Schreibtisch wieder, er war ein Erbstück ihrer Großmutter mütterlicherseits. Mit seinem dunklen, massiven Holz wirkte er viel zu groß und prächtig für dieses Büro. Darüber befanden sich drei Regale mit Büchern und Aktenordnern. Sie setzte sich auf den Drehstuhl und beugte sich über den Tisch. Sie konnte einen Teil der Straße, die Oberleitung der Tram und eine Ampel erkennen. Irgendwo in diesem leeren Büro war Mailins Stimme. Liss schloss die Augen und stellte sie sich vor. Was soll nur aus dir werden, Liss? Mailin hatte sich entschieden, denjenigen zu helfen, die am hilfsbedürftigsten waren. Sie nahm sich der Menschen an, die das Schlimmste erlebt hatten, was man sich vorstellen konnte: sexuelle Gewalt, Inzest. Menschen, die aus gutem Grund in eine Lebenskrise gerieten, dachte Liss. Nicht so Leute wie ich, die alle Möglichkeiten haben und sie einfach wegwerfen. Sie ließ ihren Blick über die Aktenordner im Regal wandern. Mailin hatte ihre Rücken beschriftet, teils mit bekannten Namen: Freud, Jung, Reich. Von anderen hatte sie noch nie gehört: Igra, Bion, Ferenczi, Kohout. Mitunter hatte Liss dieselbe Neugier verspürt wie ihre Schwester. Wollte verstehen, was die Welt zusammenhält. Wie sehr uns die Sprache formt. Wie wir Erinnerungen speichern und wieder loswerden. Doch hatte sie nie Mailins Ruhe gehabt. Sie schaffte es einfach nicht, sich stundenlang in ein Buch zu vertiefen und mit nichts anderem als Wörtern zu beschäftigen. Sie brauchte Geräusche und Bilder, etwas, das in Bewegung war. Neben dem Regal hing eine Korktafel an der Wand, an die unter anderem zwei Zeitungsausschnitte gepinnt waren. Bei dem einen handelte es sich um ein Interview mit Berger. Liss knipste die Schreibtischlampe an und las das, was Mailin unterstrichen hatte: »Nichts ödet mich mehr an als diese emanzipierten Fotzen.« Auch eine Postkarte hing dort. Sie zeigte den Blumenmarkt von Amsterdam. Liss erkannte sie wieder. Sie hatte ihr die Karte circa vor einem Jahr geschickt, und immer noch hing sie hier an der Tafel. Weiter unten entdeckte sie ein Post-it mit einer winzig kleinen Schrift. Liss musste die Lampe drehen, um sie zu entziffern. Eine gut lesbare Handschrift gehörte zu den wenigen Dingen, die Liss ihrer Schwester voraushatte. »Frag ihn nach Death by water«, stand da in Mailins Klaue. Liss drehte sich zu dem aufgeräumten Schreibtisch um. Ein paar Dokumente ruhten in einer Ablage. Sie öffnete die oberste Schublade, fand einen Tacker, mehrere Stifte und eine Schachtel mit Büroklammern. Die Schublade darunter war abgeschlossen. Der kleinste Schlüssel passte. Darin lag ein kleines Buch mit weinrotem Umschlag. Sie ließ ihre Finger über den weichen, plüschartigen Stoff gleiten. »Mailin S. Bjerke« stand auf der Innenseite. Ansonsten waren alle Seiten leer. Womit wolltest du sie füllen, Mailin? Mit Notizen über deine Patienten? Deinen eigenen Gedanken? Liss steckte das Buch in ihre Umhängetasche. Weiter hinten in der Schublade entdeckte sie einen Kalender. Zu verschiedenen Uhrzeiten waren Initialen notiert. Sie betrafen sicher Patienten, die bei Mailin in Therapie waren. Jeden Tag sechs, sieben Personen, an manchen Tagen auch acht. Alle kamen mit ihren persönlichen Geschichten zu ihr. Ihnen allen musste sie zuhören, sich ihrer annehmen, sie von ihren Leiden befreien. Zu jeder vollen Stunde trat ein neuer Patient über die Schwelle, um sein Innerstes nach außen zu kehren, und Mailin öffnete sich und nahm alles in sich auf, bis ihr schwindelig wurde … Liss blätterte vor, bis sie das Ende des Jahres erreichte. Am Donnerstag, dem 11. Dezember, waren keine Termine eingetragen, doch ganz unten auf der Seite stand: »17 Uhr JH.« Sie musste auf die Toilette und ging auf den Flur, an dessen Ende ein enger Raum mit einer Toilette und einem Waschbecken war. Nachdem sie abgeschlossen und sich hingesetzt hatte, hörte sie draußen eine Tür knarren. Ein paar Schritte, dann war es still. Wahrscheinlich war jemand ins Wartezimmer gegangen. Sie bildete sich ein, Pål Øvreby könne jeden Moment den Flur hinuntergehen, die Tür zur Toilette aufreißen und sie hier vorfinden. Sie beeilte sich und huschte zum Behandlungszimmer zurück. Die Tür war angelehnt. Ein Mann beugte sich über Mailins Schreibtisch. Er fuhr herum, als er sie hörte. »Ich schau nur was nach«, sagte er und sah sich verwirrt um. »Ist Mailin nicht …?« Liss blieb in der Tür stehen. »Sie ist nicht da.« Der Mann schien kaum älter als sie selbst zu sein. Er war groß, schlaksig und trug eine Matrosenjacke mit hochgeschlagenem Kragen. Die Brusttasche zierte ein Anker. »Das sehe ich«, sagte er. »Dass sie nicht da ist. Wer sind Sie?« Liss fand, dass ihn das nichts anging. Sie zog hinter sich die Tür zu. »Haben Sie einen Termin?«, fragte sie ohne Umschweife. Der Mann warf einen Blick aus dem Fenster. Seine schmalzigen, schwarzen Locken hingen ihm in einer Welle seitlich über die Stirn. »Heute nicht … ist schon eine Weile her. Bin ausgestiegen. Hab versucht, einen neuen Termin auszumachen, aber ich konnte sie nicht erreichen. Deswegen bin ich kurz mal vorbei … Kommt sie später noch?« »Ich weiß nicht, wann sie kommt«, antwortete Liss. Ob sie überhaupt jemals kommt. Mailin kommt nie mehr. »Ich werde aufschreiben, dass Sie da waren. Wie heißen Sie?« Die Augen des Mannes huschten unsicher durch das Zimmer und wanderten über den Wandteppich. Dann blickte er erneut aus dem Fenster. Er hatte so viel Gel im Haar, dass Liss an einen Seevogel mit ölverklebten Federn denken musste. »Ist nicht so wichtig«, murmelte er. »Ich melde mich später noch mal.« Er drängte sich an ihr vorbei in Richtung Tür. »Ich bin auch wegen Mailin gekommen«, sagte Liss. Er blieb auf der Schwelle stehen und wippte auf den Fußsohlen. »Warten Sie etwa auf sie?« Sie schloss die Augen. Was soll ich sonst tun? »Ich muss los«, nuschelte der junge Mann und verschwand. Liss ließ sich erneut auf den Drehstuhl sinken und bemerkte in diesem Moment, dass das Notizbuch mit den Patiententerminen, das sie auf dem Tisch hatte liegen lassen, verschwunden war. Sie machte die Schublade auf, nahm es heraus und schlug es auf. Die Seite des 11. Dezember war herausgerissen. Sie sprang auf und lief auf den Flur. Im Erdgeschoss schlug die Haustür zu. 6 G roße Schneeflocken landeten in ihren Haaren. Sie war schon vollkommen durchnässt und wollte gerade aufgeben, als Viljam die Tür öffnete. Sein verhangener Blick und die Streifen auf seiner bleichen Wange verrieten, was er getan hatte, seit sie vor ein paar Stunden aufgebrochen war. »Wollte den nur wieder abliefern.« Sie streckte ihm den Schlüsselbund entgegen. »Tut mir leid, wenn ich dich geweckt habe.« Er blinzelte ein paarmal im Nachmittagslicht. »Macht nichts, komm rein. Noch einen Kaffee?« Sie zog die triefend nassen Stiefeletten aus. »Musst du nicht zur Vorlesung?« »Wie du siehst …« In der Küche fügte er hinzu: »Kann mich sowieso nicht konzentrieren. Kriege nachts kaum ein Auge zu.« Liss legte die Schlüssel auf den Tisch und beschloss, ihm von dem Patienten zu erzählen, der plötzlich aufgetaucht und wieder abgehauen war. »Er hat eine Seite aus dem Notizbuch gerissen?«, vergewisserte sich Viljam. »Ja, und zwar genau die Seite von dem Tag, als Mailin verschwunden ist.« »Hast du die Polizei verständigt?« Sie hatte angerufen. Doch nach wie vor konnte sie niemand erreichen, der für den Fall zuständig war. Ihre Nachricht war notiert worden. »Die rühren doch keinen Finger«, brummte sie. Er ging nicht darauf ein, aber als er die Brötchen von vorhin wieder auf den Tisch stellte, fragte er: »Wie sah der Kerl aus?« Sie beschrieb ihn. Schwarze, lockige Haare, ungepflegt. Narben von einer früheren Akne, flackernder Blick. »Ich hatte das Gefühl, dass er irgendwie unter Drogen stand.« Aus einer grauen Tüte schüttete Viljam reichlich Kaffeepulver in die Presskanne. »Mehrere Patienten von Mailin nehmen Drogen. Ich habe sie gefragt, ob sie nicht lieber irgendein Alarmsystem in ihrer Praxis installieren möchte. Aber davon will sie nichts wissen.« Liss betrachtete verstohlen seine dunkelblauen Augen, während er auf einer trockenen Brötchenhälfte herumkaute. Er hatte einen kräftigen Bartwuchs und war immer noch unrasiert. Andererseits betonten die schmale Nase und die vollen Lippen sein fast feminines, hübsches Gesicht. Kein Wunder, dass Mailin sich von ihm angezogen fühlte, wenngleich sie normalerweise mehr an dem interessiert war, was sich hinter der Fassade eines Mannes verbarg. Sie wollte schon immer das erforschen, was jenseits des Sichtbaren existierte. Liss hingegen war immer von der Oberfläche eines Menschen fasziniert gewesen, ohne sich allzu sehr zu bemühen, hinter seine Maske zu blicken. Doch auch sie verließ sich auf ihre Intuition, wenn sie sich fragte, ob sie jemand vertrauen konnte oder nicht. Was Viljam anging, hatte sie sich noch nicht entschieden. »Hast du gefunden, was du in ihrem Büro gesucht hast?« Sie wusste nicht, wonach sie gesucht hatte. Wenn sie sagte, sie habe nach Mailin gesucht, würde er vielleicht aufhören zu fragen. »Ich habe einen Abend bei meiner Mutter verbracht«, sagte sie stattdessen. »Sie ist wie gelähmt und bringt kaum ein Wort heraus. Man kann förmlich zusehen, wie sie immer weniger wird.« Sie strich sich mit den Fingern durch die Haare. Sie blieben in einem Knoten hängen, den sie aufzwirbelte. »Ich muss irgendetwas unternehmen, alles genau rekonstruieren, was sie in letzter Zeit getan hat, und dorthin fahren, wo sie gewesen ist. Alles ist besser, als untätig rumzusitzen.« Er starrte schweigend auf die Tischplatte. »Was ist mit der Studie, an der sie gerade arbeitet?«, fragte sie. »Kann ich die Unterlagen irgendwo einsehen?« Er trank einen Schluck Kaffee. »Ihr Laptop ist verschwunden. Er war jedenfalls nicht im Auto. Und in ihrer Praxis und in der Hütte ist er auch nicht. Seltsam.« Liss dachte darüber nach. »Wozu hat sie ihn noch benutzt?« »Um ihre Patientenakten zu speichern.« »Die wird es doch wohl auch in Papierform geben?« »Ich denke, schon. Wir können oben in ihrem Arbeitszimmer nachschauen.« Er ging vor ihr die Treppe hinauf und betrat das kleine Zimmer mit dem Schreibtisch und dem Schlafsofa. An der Decke hing das Modell einer Möwe, der Luftzug der sich öffnenden Tür reichte aus, um ihre Flügel in Bewegung zu setzen. »Sie ist sehr penibel mit ihren Unterlagen«, betonte Viljam. »Die fliegen natürlich nicht irgendwo herum. Ich habe ihr sogar geholfen, einen feuerfesten Aktenschrank in die Praxis zu schleppen. Den teilt sie sich mit ihren Kollegen.« Sie durchforsteten die Schubladen, fanden aber nichts von Interesse. »Wonach suchst du eigentlich?«, wollte Viljam wissen. »Ach, ich weiß nicht. Muss mir erst mal einen Überblick verschaffen.« Als sie die Treppe wieder hinuntergehen wollten, sagte Liss: »Ich bin am Sonntag einfach ins nächstbeste Flugzeug gestiegen und hab überhaupt keine Klamotten mitgenommen. Vielleicht kann ich mir ja irgendwas Trockenes von Mailin ausleihen.« Viljam warf ihr einen erstaunten Blick zu. Offenbar registrierte er erst jetzt ihre nassen Haare und die feuchten Flecken auf ihrer Jacke, die sich von den Schultern über die Brust zogen. Er öffnete die Tür zum Schlafzimmer. »Der hintere Schrank ist ihrer.« Er ging ins Bad und kam mit einem Handtuch zurück. »Tut mir leid, dass ich nicht früher daran gedacht habe«, sagte er und ging die Treppe hinunter. Im Kleiderschrank fand Liss, was sie suchte. Sie zog einen sauberen Slip an, allerdings waren Mailins BHs zwei Nummern zu groß, also ließ sie es bleiben. Sie nahm Unterwäsche, zwei Pullover und eine flaschengrüne Strickjacke aus Kaschmir mit. Mailins Hosen hatten zu kurze Beine. »Ich habe schon viel von dir gehört«, sagte Viljam, als sie wieder nach unten kam. »Mailin hat gerne von dir erzählt.« »Na, dann musst du ja einen tollen Eindruck von mir haben.« »Wieso? Ganz im Gegenteil. Aber dass du ohne Gepäck nach Norwegen kommst und dich sogleich aus ihrem Kleiderschrank bedienst, das passt zu ihrer Beschreibung.« In seinem Gesicht war der Anflug eines Lächelns zu erkennen. Sie war erleichtert, dass er es mit Humor nahm. »Hat sie immer noch denselben Betreuer wie früher?«, fragte sie, während sie ihre Füße wieder in die nassen Stiefeletten zwang. »Geht sie immer noch zu Dahlstrøm?« »Dahlstrøm? Kennst du ihn etwa?«, fragte Viljam überrascht. »Ich habe ihn im Sommer auf dem Kongress in Amsterdam kennengelernt, den er zusammen mit Mailin besucht hat. Mit ihm möchte ich gerne reden.« Sie warf einen Blick auf die Uhr. »Ich habe in Mailins Praxis übrigens eine Kollegin von ihr getroffen. Sie hat mich hereingelassen. Torunn Gabrielsen. Kennst du sie?« »Oberflächlich.« Eigentlich hatte sie sich nach dem anderen Kollegen erkundigen wollen. Wie war Mailin nur in der Lage, sich das Wartezimmer mit ihm zu teilen? Sie fragte sich, ob Viljam wusste, dass Pål Øvreby und Mailin mal ein Paar gewesen waren. Der Gedanke erfüllte sie mit neuer Unruhe, also fragte sie nicht mehr. * Der Schneeregen hatte aufgehört. Die Straßen sahen aus wie in Öl gebadet. Ziellos irrte sie umher. Durchquerte einen Park. Ging eine schmale Straße entlang, an deren Ende ein Café lag. Sie warf einen Blick hinein. Nur zwei Gäste saßen im Halbdunkel, ein älteres Paar, je einen halben Liter Bier vor sich. Sie entschied sich für einen Tisch am Fenster. Mit Blick auf ein Fabriktor und einen Verkehrskreisel. Auf dem Bürgersteig hingen in einem Busch grelle Weihnachtslichter. Ihr Handy klingelte. Sie hatten es herausgefunden. Bald würden sie hier sein, um sie festzunehmen. »Liss Bjerke? Hier ist Judith van Ravens.« »Wie haben Sie meine Nummer herausbekommen?« »Über die Anruferliste. Sie haben es mehrmals bei mir probiert, ehe Sie hierherkamen.« Alles, was mit Zako zu tun hatte, war hinter einer Tür verborgen. Liss hatte versucht, sich von dieser Tür fernzuhalten. Doch jetzt war sie weit aufgestoßen worden, sodass alles aufwirbelte, was sich dahinter befand. Mit einem Mal erfasste sie ein gewaltiger Zorn. Warum hatte sie sie nicht von der Liste gelöscht?. »Ich habe lange nachgedacht«, kam es vom anderen Ende. »Und jetzt rufen Sie mich an, um sich mir anzuvertrauen?« Judith van Ravens seufzte. »Ich musste es herausfinden.« »Was?« »Wozu Zako das Foto von Ihrer Schwester brauchte. Ich habe kein Auge mehr zugemacht, seit Sie hier waren. Ich habe ein paar Freunde in Amsterdam angerufen. Die Polizei glaubt, dass Zako versehentlich ums Leben kam.« »Das habe ich Ihnen doch gesagt.« »Ich sollte ihnen wohl trotzdem die Fotos zeigen, meinen Sie nicht?« Liss schwieg für eine Weile. In ihrem Kopf drehte sich alles. Das Bild von Zako auf dem Sofa. Hände unter einem Wasserhahn, die seine Flasche ausspülen. Es sind ihre Hände. »Nein, das denke ich nicht.« »Warum nicht?« Judith van Ravens’ Stimme war schärfer geworden, als könne ihr Zweifel jederzeit in Misstrauen umschlagen. »Ich will, dass die Polizei meine Schwester findet. Das ist das Einzige, was zählt. Wenn sie einen Haufen verwirrender Informationen bekommt, wird das die Ermittlungen nur verzögern, und am Ende ist es vielleicht zu spät. Das verstehen Sie doch.« Sie leerte den Rest ihrer Kaffeetasse, die man ihr gebracht hatte. Eigentlich wollte sie nicht länger sitzen bleiben, aber sie wusste nicht, wohin. Sie steckte die Hand in die Tasche, um eine Schachtel Zigaretten herauszuziehen, entschied sich jedoch anders. Sie holte das Notizbuch heraus, das sie aus Mailins Behandlungszimmer mitgenommen hatte und starrte auf Mailins handgeschriebenen Namen auf der Innenseite des Umschlags. Dann schrieb sie ihren Namen darunter, in schön geformten Buchstaben. Mailin war ihr stets überlegen gewesen, wenn es galt, den Kopf zu benutzen. Sie war stärker und ausdauernder, doch ihre Hände schienen einer anderen Welt anzugehören. Liss. Sie betrachtete lange diese vier Buchstaben. Liss ist Mailins Schwester, schrieb sie weiter. Liss Bjerke. Liss Bjerke verständigt die Polizei. Sie hat nichts von ihnen gehört. Weiß sie etwas, das ihnen hilft, Mailin zu finden? Verabredung am 11. Dezember, dem Nachmittag, an dem sie verschwand. JH. Das Bild des auf dem Sofa liegenden Zako verblasste, während sie schrieb. Löste sich nicht völlig auf, trennte sich aber von den anderen Gedanken. Es hilft, an dich zu denken, Mailin. Was wolltest du Berger vor Beginn der Sendung erzählen? Viljam weiß es. Muss ihn dazu bringen, es zu verraten. Sie wusste nicht, wie sie darauf kam. Sie bestellte einen weiteren Espresso. Der Kellner schien aus dem Mittleren Osten oder aus Pakistan zu kommen. Die Blicke, die er ihr zuwarf, waren nicht misszuverstehen. Er wollte ihren Körper, ohne etwas von ihr zu wissen. Eine unkomplizierte Sache, die eine bestimmte Reaktion in ihr auslöste. Eine Reaktion, die sich kontrollieren ließ. Sie hielt seinem Blick so lange stand, bis er schließlich wegschauen musste. Er kam zu ihr, stellte den Kaffee auf den Tisch und blieb stehen, als warte er auf irgendetwas. »Soll ich gleich bezahlen?« »Bezahl, wenn du gehst.« Er beugte sich ein Stück vor. Er hatte volle Haare und dichte Augenbrauen. Der Geruch nach Salz und Fett, den er verströmte, war so widerlich, dass er für einen Moment ihre Gedanken betäubte. Als er zur Theke ging, sah sie ihm nach und starrte dabei so angestrengt auf seinen breiten Rücken und seine schmalen Hüften, dass er es spüren musste. Sie nahm sich wieder das Notizbuch vor. Alles Mailin erzählen, was in der Bloemstraat geschah. Zako ist erstickt. Jemand hat ihm Schlaftabletten ins Bier getan. Was sagst du dazu, Mailin? Du würdest mich bitten, mit jemand anders darüber zu reden. Dahlstrøm anrufen. Eine Zeitlang drückte sie ihren Stift gegen die Stirn. Du darfst nicht verschwinden, Mailin. Ich brauche dich. 7 Mittwoch, 17. Dezember T ormod Dahlstrøm nahm ihre Hand und hielt sie fest. Bestimmt wollte er dadurch sein Mitgefühl zum Ausdruck bringen. Sie wusste, das er ungefähr Mitte fünfzig war, doch er hatte etwas an sich, das ihn jünger wirken ließ. Es war nicht sein hervorstehendes Kinn oder die Kontur seines fast kahlen Schädels, der von einem hellen Kranz blonder Haare umgeben war. Vielleicht waren es seine tiefliegenden hellblauen Augen, dachte sie. Vor vier Jahren war sie ihm das erste Mal begegnet. Das zweite Mal vor einem halben Jahr, als er gemeinsam mit Mailin an dem Kongress in Amsterdam teilgenommen hatte. Mailin hatte damals geprahlt, er würde einen der wichtigsten Vorträge halten, und darauf insistiert, dass Liss ihnen später ein ausgefallenes Restaurant zeigte. Liss hatte einen konkreten Verdacht, warum sich ihre Schwester so sehr ins Zeug legte, ließ sich jedoch darauf ein. Dahlstrøm hatte seit Jahren eine feste Spalte im Dagbladet, in der er Leserbriefe beantwortete, die sich um Eheprobleme, Spielsucht, Drogenabhängigkeit, Untreue, Frigidität und nicht zuletzt um Essstörungen drehten. Zu diesem Thema hatte er mehrere Bücher veröffentlicht, wie Mailin ihr mitteilte. Die Praxis von Dahlstrøm lag im Souterrain seiner Villa, mit Blick auf den Garten und ein paar Tannen eines Wäldchens am Frognerseterveien. »Geht sie immer noch zu dir?«, fragte Liss, nachdem sie in dem weichen Ledersessel Platz genommen hatte. »Das weißt du?« Er wirkte überrascht. »Eigentlich spricht Mailin nicht darüber.« »Sie vertraut mir.« »So war das nicht gemeint«, versicherte Dahlstrøm. So hatte sie das auch nicht verstanden. Doch sie beschlich das beklemmende Gefühl, dass Mailin mit ihm über sie gesprochen hatte und er sich denken konnte, was in ihrem Kopf vor sich ging. Er probierte den Kaffee aus einer Thermoskanne, verzog das Gesicht und bot an, neuen zu kochen. Sie lehnte dankend ab. Im Zimmer nebenan wartete bereits eine Frau in ihrem Alter. »Ich will deine Zeit nicht lange in Anspruch nehmen. Ich weiß ja, dass du beschäftigt bist.« »Ich freue mich, dass du mit mir reden willst«, entgegnete er. Liss war stets auf der Hut gewesen, wenn sie mit Mailins Kollegen sprach. Als sie noch jünger war und Mailin sie mit irgendwelchen Kommilitonen bekannt gemacht hatte, war sie davon überzeugt gewesen, diese könnten durch sie hindurchblicken oder würden sie bei der unauffälligsten Bemerkung oder Geste durchschauen. Nach und nach war ihr Glaube an diese magischen psychologischen Fähigkeiten verschwunden, doch stattdessen musste sie darauf achten, ihre Irritation zu unterdrücken, ihre Lust an der Provokation, die jeder Psychotherapeut bei ihr auslöste. Zwei Mal hatte sie eine Therapie begonnen und beide Male nach wenigen Stunden abgebrochen. Sie hatte sich geschworen, nie mehr einen Psychologen, schon gar keinen Psychiater aufzusuchen. Dahlstrøm war Psychiater. »Zurzeit finde ich es ziemlich anstrengend, meinen Alltag in den Griff zu kriegen«, fügte er hinzu. »Es fällt schwer, an etwas anderes als Mailin zu denken.« Sie glaubte ihm. Er fragte sie, wie es zu Hause in Lørenskog lief, und es machte ihr nichts aus, vom Zustand ihrer Mutter oder von Tages gutgemeinten, aber hilflosen Versuchen zu sprechen, sie zu trösten. Doch Dahlstrøm wollte auch wissen, wie es ihr selbst ging. »Was hältst du von der Talkshow, an der Mailin teilnehmen wollte?«, wich sie aus. Er strich sich mit einem Finger über seinen schiefen Nasenrücken. Wahrscheinlich hatte er sich einmal die Nase gebrochen. Als sie damals im Amsterdamer Restaurant Vermeer zusammensaßen, hatte er damit gescherzt, sich in jungen Jahren als Boxer versucht zu haben. »Ich berate Mailin bei der Behandlung ihrer Patienten«, entgegnete er. »Mit ihren anderen Aktivitäten habe ich nichts zu tun. Doch wenn sie mich gefragt hätte, hätte ich ihr abgeraten, sich in irgendeiner Form mit Berger einzulassen.« »Du scheinst ja auch zu den vielen Menschen zu gehören, die Berger nicht ausstehen können.« Dahlstrøm schien einen Moment nachzudenken. »Wenn jemand nur skrupellos genug ist und ein Minimum an Talent besitzt, kann er im Fernsehen heute eine große Karriere machen«, stellte er fest. »Es schadet doch nicht, ein bisschen über sich selbst zu lachen.« »Ganz im Gegenteil, Liss. Das ist sogar sehr gesund. Aber für uns, die wir mit den Opfern dieses Zynismus arbeiten, sieht die Welt ganz anders aus.« Er schlug die Beine übereinander und lehnte sich zurück. »Wir machen uns doch heute über alles lustig. Man kann überhaupt kein Tabu mehr brechen, ganz gleichgültig, wie man sich über Sex, Tod oder Gott äußert. Hauptsache, man tut es mit Ironie. Aber das eigentliche Tabu unserer Tage ist der Ernst. Das Tabu ist vom Inhalt auf die Form übergegangen.« Plötzlich sagte Lisa: »Mailin muss irgendwas über ihn herausgefunden haben. Irgendwas, das Berger getan hat. Sie wollte es an diesem Abend im Fernsehen enthüllen. Deswegen wollte sie ihn unmittelbar vor der Sendung noch treffen, um ihm die Chance zu geben, die Talkshow kurzfristig abzublasen.« »Wer hat das gesagt?« »Viljam, ihr Freund.« Aber ich weiß nicht, ob ich ihm vertrauen kann, hätte sie fast hinzugefügt. Dahlstrøm richtete sich auf und betrachtete sie. »Ist die Polizei darüber informiert?« »Viljam hat versucht, es ihnen zu sagen. Doch sie schienen nicht sonderlich interessiert zu sein. Das meinte er jedenfalls.« »Sie müssen sicherlich eine ganze Reihe von Hypothesen in Betracht ziehen.« »Ich habe das Gefühl, die legen einfach die Hände in den Schoß.« »Das tun sie bestimmt nicht«, entgegnete Dahlstrøm. »Aber ich kenne jemand auf dem Polizeipräsidium, den ich mal anrufen werde.« Liss bereitete sich auf das Ende ihres Gesprächs vor. Sie spürte, wie gut es ihr tat, mit diesem Mann zu reden, den Mailin bewunderte und dem sie vertraute. Wenn sie noch länger sitzen blieb, würde sie ihm womöglich Dinge anvertrauen, die er eigentlich nicht erfahren sollte. »Man kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass irgendjemand Mailin etwas antut.« Dahlstrøm nickte. »Mailin ist das, was ich als durch und durch guten Menschen bezeichnen würde. Zugleich ist sie mutig. Damit macht sie sich auch Feinde. Außerdem hat sie lange auf einem Gebiet gearbeitet, das gewissermaßen vermintes Gelände ist.« Er runzelte die Stirn und blickte aus dem Fenster. »Mir ist klar, dass du mir nichts über Mailins Patienten erzählen kannst«, sagte Liss. »Aber ich weiß, dass sie an ihrer Habilitationsschrift arbeitet, in der es auch um Inzest und solche Dinge geht. Das ist wohl kein Geheimnis.« Er zögerte ein wenig, ehe er antwortete: »Natürlich nicht. Sie soll ja veröffentlicht werden … Sie beschäftigt sich mit einer Gruppe von jungen Männern, die früher schweren Übergriffen ausgesetzt waren.« »Kann einer von ihnen Mailin etwas angetan haben?« Dahlstrøm hob seine Kaffeetasse, überlegte es sich anders und stellte sie wieder hin. »Als Mailin vor einigen Jahren mit dieser Studie begann, hat sie sich sieben Männer ausgesucht, deren Leben sie über einen längeren Zeitraum verfolgen wollte. Sie war sehr darauf bedacht, Opfer von Missbrauch und sexueller Gewalt zu finden, die später nicht selbst gewalttätig geworden waren. Denn das ist es, was sie vor allem erforschen will: Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein, damit ein Teufelskreis von sexueller Gewalt und tiefen Verletzungen durchbrochen werden kann? Wie kommt es, dass manche Menschen in der Lage sind, die ihnen zugefügten Demütigungen zu ertragen, ohne andere Unschuldige dafür leiden zu lassen?« Liss dachte darüber nach. »Aber ihr könnt doch nicht vollkommen sicher sein, dass diese Männer, mit denen sich Mailin beschäftigt, nicht irgendwann gewalttätig wurden«, wandte sie ein. »Auch wenn sie dies leugnen, wenn sie gefragt werden.« »Das ist richtig. Mailin muss ihnen in gewisser Weise Glauben schenken und sich darüber hinaus darauf verlassen, dass sie nicht vorbestraft sind. Aber jetzt haben wir wirklich die Grenze dessen erreicht, worüber ich mit dir reden kann, Liss. Ich hoffe, du verstehst das.« »Aber du würdest sicher die Polizei verständigen, falls Mailin von einem ihrer Patienten bedroht würde?« »Du kannst dich darauf verlassen, dass ich alles tun würde, um sie zu schützen …« »Aber sie ist schon seit sechs Tagen verschwunden!«, protestierte Liss. »Wir können doch nicht einfach nur untätig warten.« »Das tue ich auch nicht«, versicherte er. »Ich habe bereits mit der Polizei gesprochen und werde es wieder tun.« »Das muss ich auch …«, murmelte sie. Dahlstrøm schaute sie fragend an. Jetzt kannst du es sagen, durchfuhr es sie. Du hast einen Menschen getötet, Liss Bjerke. »Ich bin ihre Schwester«, fügte sie rasch hinzu. »Niemand kennt sie besser als ich.« Dahlstrøms Blick ruhte immer noch auf ihr. Ihm schien nichts zu entgehen. Er hätte genau gewusst, was sie tun sollte … Sie musste sofort von diesem Stuhl aufstehen, bevor sie zu erzählen begann und nicht mehr aufhören konnte. 8 A m Abend nahm sie den Bus nach Lørenskog. Wusste nicht, wohin sie sonst hätte fahren sollen. Tage hatte ihr einen Hausschlüssel mitgegeben. Er hatte nichts gesagt, sondern ihr ihn einfach in die Hand gedrückt, als sie gestern das Haus verließ. Sie schloss die Tür auf. »Tage, bist du’s?«, hörte sie die Stimme ihrer Mutter aus dem Wohnzimmer. Liss ging vorsichtig zu ihr hinein. Die Mutter saß auf dem Sofa, an exakt derselben Stelle, an der sie auch vor anderthalb Tagen gesessen hatte. Aber sie hatte das Licht eingeschaltet, vor ihr auf dem Tisch lag ein Stapel Zeitungen, und in der Hand hielt sie ein Buch. »Bist du hungrig, Liss? Soll ich etwas für dich aufwärmen?« Liss war nicht hungrig. Sie hatte einen halben Döner gegessen, bevor sie zum Bus ging. Nun wollte sie nur noch hinauf ins Zimmer und unter die Decke kriechen. Sie setzte sich auf einen Stuhl am Ende des Tisches. »Es tut mir leid«, sagte die Mutter. »Was …?« Sie legte das Buch weg. »Ich bin froh, dass du da bist, Liss!« Liss nickte rasch. »Aber im Moment ist es unmöglich, sich richtig über etwas zu freuen«, fügte sie hinzu. »Ich weiß.« »Dabei möchte ich dich so vieles fragen. Über Amsterdam und was du alles so machst.« Liss stand auf, ging in die Küche, stellte die Kaffeemaschine an und kam mit Tassen, Gläsern und einer Wasserkaraffe zurück. »Hast du neue Kleider? Sind die nicht von Mailin?« »Ich musste mir was von ihr ausleihen. Bin nicht dazu gekommen, etwas von zu Hause mitzunehmen.« Die Mutter hob die Hand und berührte die flaschengrüne Kaschmirjacke. Vielleicht war es der Anflug eines Lächelns, das sich auf ihrem Gesicht abzeichnete. »Wie lange kannst du bleiben?«, fragte sie. Liss schenkte ihnen Wasser ein. Es war eiskalt. Sie leerte ihr Glas in einem Zug. Der Schmerz schnitt durch ihre Kehle und fuhr in ihre Schulter. »Ich werde erst wieder abreisen, wenn wir Bescheid wissen.« Wenn Mailin gefunden wurde, fügte sie im Stillen hinzu. Um die Stille zu vermeiden, fragte sie: »Was liest du da?« Die Mutter nahm das Buch zur Hand. »Die Kartause von Parma.« Sie hielt das Buch in die Höhe, als wollte sie Liss beweisen, dass es tatsächlich ein Buch mit diesem Titel gab. »Stendhal«, erklärte sie. »Ich lese immer Stendhal, wenn ich einen Ort brauche, an dem ich allein sein kann.« Liss setzte sich in Tages Arbeitszimmer und schaltete den Computer ein. Er hatte ihr das Passwort verraten, um sich ins Internet einzuloggen. Sie öffnete Google und tippte »fahrlässige Tötung« und »Strafrahmen« ein. Löschte es und schrieb stattdessen »Death by water«, die Wörter, die Mailin auf das Post-it geschrieben hatte, das in ihrem Behandlungszimmer an der Korktafel hing. Erhielt 46 700 Treffer. Artikel über Wasservergiftung, Silicon Valley und Shakespeares Ophelia. Liss war zu ungeduldig, um sich in Ruhe einen Überblick zu verschaffen. Tippte »Berger + Tabu« ein. Über 12 000 Treffer. Sie klickte Wikipedia an. Eigentlich hieß der Talkmaster Elias Bergersen Frelsøi, bevor er den Namen Berger annahm. Er war ausgebildeter Theologe. Gründete 1976 die Rockgruppe Baal-zebub, machte später als Solist Karriere und hatte ein paar Hits in den 90er-Jahren. Danach machte er als Alleinunterhalter und Produzent umstrittener Fernsehformate auf sich aufmerksam. Liss fand zahlreiche Kommentare zur Talkshow Tabu, die seit dem Frühherbst von Kanal 6 ausgestrahlt wurde. In einem Artikel in der christlichen Zeitung Vårt Land mit der Überschrift »Bis hierher und nicht weiter« wurde Berger als Bestandteil eines internationalen Netzwerks bezeichnet, das es sich zum Ziel gesetzt habe, das Christentum zu vertreiben und stattdessen dem Satan zu huldigen. Das Magazinet forderte alle Christen zum Boykott aller Gesellschaften auf, die Bergers Talkshow unterstützten. Das Morgenbladet titelte »Berger – ein Kind seiner Zeit« und zollte dem Fernsehmann offenbar einen gewissen Respekt: »Nachdem sich das Fernsehen in den letzten zehn Jahren aus den Fängen der Political Correctness befreit hat, dümpeln viele Akteure ziellos umher. Nicht jedoch Berger, der zweifellos in einer eigenen Liga spielt. Er hält den Menschen erbarmungslos den Spiegel vor, sprengt die Grenzen des Unterhaltungsgenres und provoziert den schlummernden Kulturkonsumenten, indem er weit in unsere beklemmende Realität vordringt.« Liss hörte, wie der Wagen in der Garage geparkt wurde und Tage kurz darauf das Haus betrat. Es war fast Mitternacht. Sie schaltete den Computer aus und stapfte in die Küche. »Hallo, Liss. Hat Ragnhild sich schon hingelegt?« Sie bot ihm eine Tasse Kaffee an, als wäre sie hier zu Hause. »Ich vertrage das Koffein nicht mehr«, sagte er. »Vor allem nicht so spät am Abend.« Er nahm für sie beide ein Bier aus dem Kühlschrank und setzte sich an den Tisch. »Ich mache mir Sorgen um sie.« »Mailin?«, fragte Liss, die ihn willentlich missverstand. »Natürlich um Mailin, aber auch um Ragnhild. Ich weiß nicht, ob sie es verkraften würde, falls Mailin wirklich etwas zugestoßen sein sollte. Sie haben immer eine besondere Verbindung zueinander gehabt.« Er nahm seine Brille ab, rieb sich heftig die Augen und blinzelte sie an, kurzsichtig wie ein alter Maulwurf. »Weder du noch ich können je ihren Platz einnehmen.« Er setzte die Brille wieder auf die Nase und warf einen Blick zur Tür, ehe er fortfuhr: »Im Grunde habe ich immer gedacht, dass es etwas zu nah ist, jedenfalls von Ragnhild aus. Aber Mailin ist hervorragend damit zurechtgekommen. Sie wirkt so ungeheuer selbstsicher.« Er trank direkt aus der Flasche und leerte sie mit zwei langen Zügen. »Aber, liebe Liss, wenn ich irgendwas für dich tun kann …« Er tätschelte ihr den Arm. Sie blickte ihn verstohlen an und war auf der Hut, wie immer, wenn sie von jemand berührt wurde. Doch sie registrierte, dass es ihr nichts ausmachte. Nicht einmal sein anbiederndes »liebe Liss«, das sie stets verabscheut hatte, irritierte sie heute. Tage hatte sich von Anfang an darum bemüht, sie und Mailin richtig kennenzulernen. In all den Jahren, die sie unter einem Dach gelebt hatten, hatte er es ertragen, abgewiesen und lächerlich gemacht zu werden. So war das eben, dachte er bestimmt, wenn man als Ersatz für einen abwesenden Vater herhalten musste. Nach der Hochzeit hatte er ihren Namen angenommen, und seine Hingabe an Ragnhild war so tief, dass er sich mit allem abfand. Wie ein abgerichteter Hund, dachte Liss, musste aber für einen Moment ihre Verachtung, mit der sie ihm stets begegnet war, außen vor lassen und spürte sogar eine gewisse Dankbarkeit diesem Mann gegenüber, der seinen Platz in einem Haus von Frauen gefunden hatte, in dem er mehr geduldet als geliebt wurde. * Sie schloss sich in ihr früheres Zimmer ein. Es war sauber und aufgeräumt. Keine Plakate an den Wänden, die immer noch karmesinrot waren und sich von den schwarzen Türen und Türrahmen abhoben. Liss hatte diese Farben durchgesetzt, als sie sechzehn war. Die Mutter hatte ihren Widerstand schließlich aufgegeben und die Wände aus irgendeinem Grund – mehr als sieben Jahre nach Liss’ Auszug – so gelassen. Sie löschte das Licht, legte sich nackt unter die Decke und rieb die Füße aneinander. Immer noch frierend, glitt sie in einen Dämmerzustand hinüber. Sie hat einen Mann in langem Mantel vor Augen, der eine Treppe hinaufsteigt. Er heißt Wouters, Liss. Du wirst es nie vergessen können. Sie betritt das dunkle Wohnzimmer, beugt sich über Zako und lauscht auf seinen Atem. Er ist tief und unregelmäßig. Es klopft an der Tür. Nicht aufmachen, Liss. Du darfst nicht aufmachen. Dort steht Mailin, mitten im Zimmer. Statt ihres blauen Pyjamas trägt sie einen gelben, der in der Dunkelheit leuchtet. Sie hat sich die Haare geschnitten. Liss schreckte auf, sprang aus dem Bett, lauschte ins Dunkel. Sie war sicher, dass jemand an der Tür geklopft hatte. Ihr Rücken war klamm. Sie öffnete das Fenster und knipste das Licht an. Fand das Notizbuch in ihrer Handtasche und nahm es mit ins Bett. Lange strich sie über den Plüschumschlag, bevor sie es öffnete und zu schreiben begann: Geschah das öfter, Mailin, dass du zu mir kamst und die Tür von innen abgeschlossen hast? Dass du zu mir ins Bett gekrochen bist und mich umarmt hast? Mir die Ohren zugehalten hast, damit ich das Hämmern an der Tür nicht hörte? Damit ich nicht hörte, was die Stimme dort draußen uns zurief? 9 Donnerstag, 18. Dezember L iss schloss sich in Mailins Behandlungszimmer ein und schaltete das Deckenlicht an. Auch diesmal wusste sie nicht, wonach sie eigentlich suchte, hatte aber zumindest eine Idee, wo sie anfangen wollte. Sie ging zum Regal und nahm die drei Aktenordner herunter, auf denen »Habilitation« stand. Zwei davon enthielten großteils Artikel aus dem Internet. Sie legte sie beiseite und öffnete den dritten. Er enthielt Dokumente, die offenbar von Mailin selbst stammten. Sie waren fein säuberlich geordnet und numeriert. Auf der Titelseite stand: »Opfer und ihre Täter«. Eine Studie über acht junge Männer, die Opfer sexueller Gewalt geworden waren. Sie blätterte sich durch mehrere Seiten mit Notizen, einige davon handgeschrieben. Hinter dem nächsten Trennblatt stieß sie auf etwas, das wie ein Entwurf zu einem größeren Text wirkte: »Ausgehend von Ferenczis These (vergleiche Confusions of tongues between adult and child, 1933), sollen zunächst zwei Aspekte beleuchtet werden. 1) Das Suchen des Kindes nach Zärtlichkeit kann infantile erotische Elemente haben, doch auch diese sind auf Spiel, Sicherheit und Zufriedenheit gerichtet. Die leidenschaftliche Sexualität des Erwachsenen steht hingegen im Spannungsfeld zwischen Liebe und Hass. Der Trieb zur Grenzüberschreitung enthält Elemente der Zerstörung. 2) Sexueller Missbrauch geschieht dort, wo die Suche des Kindes nach Fürsorge und Zärtlichkeit auf die Leidenschaft des Erwachsenen trifft. Die Leidenschaft kann den Charakter sexueller Begierde haben. Sie kann aggressiv/strafend sein oder darin bestehen, dass dem Kind das Schuldgefühl des Erwachsenen aufgebürdet wird.« Liss blätterte bis zum dritten Trennblatt: »In diesem Kapitel will ich acht männliche Patienten vorstellen, die allesamt Opfer sexueller Übergriffe waren. Dass sie später selbst sexuelle Gewalt ausübten, kann weitestgehend ausgeschlossen werden. Mit allen acht Personen werde ich vor Beginn der Behandlung und dann innerhalb der nächsten drei Jahre alle sieben Monate ein Interview führen. Die Evaluierung von aggressivem Verhalten, Depressionen, Angst und genereller Lebensqualität werden …« Es folgten mehrere Seiten mit methodischen Darlegungen, aber Mailin verwahrte in diesem Ordner natürlich keine Einzelheiten zu den acht Patienten. Vielleicht befanden sich die entsprechenden Unterlagen in dem Aktenschrank, den sie sich mit ihren Praxiskollegen teilte. Liss blickte hinaus auf die Schneeflocken, die an der graugelben Fassade auf der anderen Seite der Welhavens gate schmolzen. Außerhalb der Stadt, in den Wäldern, war es sicher so kalt, dass der Schnee liegen blieb. Sie konnte den Bus nach Lørenskog nehmen, ihre Langlaufskier aus der Garage holen und mit ihnen so weit fahren, bis sie ganz von der Stille umfangen wurde. Sie entschloss sich, am nächsten Tag zur Hütte zu fahren. Erneut betrachtete sie die Postkarte vom Bloemenmarkt, die sie Mailin geschickt hatte. Widerstand der Versuchung, sie an sich zu nehmen, und empfand es wie immer als peinlich, etwas zu lesen, das sie selbst geschrieben hatte. Stattdessen steckte sie das Post-it ein, das darunterhing. »Frag ihn nach Death by water.« Offenbar hatte sich Mailin diese Notiz in aller Eile gemacht. Vielleicht war es ein flüchtiger Gedanke gewesen, während sie an etwas anderem gearbeitet hatte. Liss steckte den Zettel in das Notizbuch. Als sie das Behandlungszimmer verließ, öffnete sich die Tür am anderen Ende des Raumes. Der Mann, der herauskam, war mittelgroß und schmalschultrig, trug Sakko und Jeans. »Da bist du ja!«, rief er aus, blieb stehen und starrte sie an. Dann kam er auf sie zu und blieb irritierend nah vor ihr stehen. Sie trat einen Schritt zurück. Pål Øvreby war zwar gealtert und hatte sich einen schütteren Bart zugelegt, aber er hatte immer noch den gleichen Geruch an sich. Nicht nur nach seinem Calvin-Klein-Deo, sondern auch nach Tabak und etwas anderem, das an Gummi erinnerte. »Hab gehört, dass du vor ein paar Tagen schon mal da warst«, sagte er leise. »Ich wollte ihren Arbeitsplatz sehen«, brachte Liss mühselig über die Lippen. Pål Øvreby schüttelte den Kopf. »Das mit Mailin ist wirklich …« Er schien nach dem passenden Ausdruck zu suchen. »… nicht zu fassen.« Sie entgegnete nichts. Mailin war nur ein Vorwand, um sich ihr aufzudrängen. Doch Liss konnte sich nicht überwinden, die Arme auszustrecken und ihn wegzustoßen. In diesem Moment öffnete sich die Tür zum Wartezimmer. Pål Øvreby zuckte zusammen. Liss erkannte die Frau wieder, deren Kopf in der Türöffnung erschien. Es war Torunn Gabrielsen, die ein Stockwerk tiefer arbeitete. »Ich warte!«, sagte sie ungeduldig, und Liss entnahm ihrem Tonfall, dass sie Pål Øvreby offenbar als ihr Eigentum betrachtete. »Ach, du bist’s«, sagte sie, zu Liss gewandt, und ließ keinen Zweifel daran, wer hier das Sagen hatte. Erst jetzt spürte Liss, wie verärgert sie war. »Ich hab was gesucht, was ich hier letztes Mal vergessen hatte«, brummte sie. »Es ist so schrecklich!«, klagte Torunn Gabrielsen, deren misstrauischer Ton verschwunden war. »Einfach zu verschwinden, und man weiß so gar nichts … also ich kann nachts praktisch gar nicht mehr schlafen.« Man sah ihr allerdings nicht an, dass sie unter Schlafmangel litt. »Setz dich, Liss. Wir müssen reden.« »Aber wollten wir nicht …«?, fragte Pål Øvreby. »Liss macht jetzt eine schwere Zeit durch, Pål. Da ist es doch das Mindeste, dass wir uns anhören, wie es ihr geht.« »Das ist wirklich nicht nötig«, entgegnete Liss, ließ sich aber auf einem der Stühle nieder. »Ich komme schon zurecht.« Pål Øvreby blieb schräg hinter ihr stehen, was sie mit Unbehagen erfüllte. »Ich weiß, dass Mailin und du euch sehr nahesteht«, sagte Torunn und ließ sich auf das Sofa fallen. Liss hörte, wie sehr Torunn sich bemühte, ihrer Stimme einen mitfühlenden Klang zu geben, und versuchte, das Thema zu wechseln. »Arbeitet ihr zusammen?« Die beiden Psychologen wechselten einen Blick. Pål Øvreby sagte: »Wir haben ja denselben Aufenthaltsraum und machen oft zusammen Mittag.« Er hatte nach wie vor diesen lächerlichen amerikanischen Akzent, den Liss immer als künstlich empfunden hatte. »Mailin war am Donnerstagnachmittag hier. Habt ihr sie gesehen?« Erneut warfen sie sich einen Blick zu. Liss hatte den Eindruck, als verständigten sie sich stumm, wer wann antworten sollte. »Darüber haben wir schon mit der Polizei gesprochen, Liss«, antwortete Torunn Gabrielsen in einem mütterlichen Tonfall. »Ihr Auto war vor der Tür geparkt, doch niemand von uns war hier, als sie in die Praxis kam.« Sie blinzelte hinter ihren Brillengläsern. Vielleicht waren sie zu schwach. Das Gestell schien noch aus den 80er-Jahren zu stammen. »Wie viel Einblick habt ihr in Mailins Arbeit?«, wollte Liss wissen. »Ab und zu diskutieren wir beim Lunch über komplizierte Sachverhalte«, antwortete Pål Øvreby. »Es ist in unserem Beruf auch sehr wichtig, sich gegenseitig den Rücken zu stärken.« Er war mit Mailin zusammen gewesen. Das war jetzt fast zehn Jahre her. Liss konnte sich nicht vorstellen, dass Mailin es nötig hatte, sich von jemand wie ihm den Rücken stärken zu lassen. »Früher haben Mailin und ich ziemlich eng zusammengearbeitet«, erklärte Torunn Gabrielsen. »Wir haben gemeinsam mehrere Artikel geschrieben.« »Worüber?« »Sexuelle Gewalt gegen Frauen. Einschüchterung, Psychoterror, Vergewaltigung. Dass wir in einer Stadt leben wollen, in der sich alle sicher fühlen können, unabhängig von ihrem Geschlecht.« »Und inzwischen arbeitet ihr nicht mehr zusammen?« »Nicht mehr so viel.« Torunn Gabrielsen knöpfte ihre Jacke zu. »Sie können sich einfach nicht einigen«, warf Pål Øvreby schmunzelnd ein. »Und da muss es ja zum Streit kommen.« Sie warf ihm einen kühlen Blick zu. »Davon verstehst du nichts, Pål, und damit brauchst du Liss auch nicht zu behelligen. Sie hat im Moment andere Dinge im Kopf.« »An jenem Donnerstag wollte Mailin um fünf Uhr nachmittags einen Patienten treffen«, sagte Liss. »Seine Initialen sind JH. Habt ihr eine Idee, wer das sein könnte?« Sie spürte, wie ihre Blicke sich von beiden Seiten in sie bohrten. »Hört sich ganz so an, als würdest du hier Ermittlungen anstellen«, bemerkte Pål Øvreby. Er lächelte sie auf eine Weise an, als glaubte er, Liss sei wegen ihm hierhergekommen. »Lass das, Pål«, wies ihn Torunn Gabrielsen zurecht. »Selbst dir ist ja wohl klar, warum Liss wissen will, was passiert ist.« Sie wandte sich wieder an Liss: »Ich weiß nicht, mit wem sich Mailin an diesem Tag verabredet hatte. Wir kennen die Patienten des anderen nicht.« Sie schien sich zusammenzureißen, um betont ruhig zu sprechen, und Liss ahnte, was sie so zornig machte. »Aber ihr habt doch einen gemeinsamen Aktenschrank.« Torunn Gabrielsen stand auf. »Zu Mailins Akten haben wir keinen Zugang. Sie hat eigene Schubladen, und die sind abgeschlossen.« 10 T orunn Gabrielsen verabschiedete sich von ihrem letzten Patienten. Den ganzen Nachmittag hindurch war sie zerstreut und unkonzentriert gewesen. Ihre Gedanken kreisten um das, was am heutigen Tag geschehen war, als sie das Wartezimmer im zweiten Stock betreten und Pål dabei beobachtet hatte, wie er sich an Liss Bjerke ranschmiss. Torunn war vor ein paar Monaten im Magazin des Dagbladet auf Liss’ Fotos gestoßen. Sie sah vollkommen anders aus als ihre Schwester. Liss war auf eine sehr eigene Weise attraktiv, und selbst ihre idiotischen Äußerungen, was es heiße, eine junge Frau zu sein, konnten diesen Eindruck nicht zunichtemachen. In der Realität besaß ihr Gesicht eine noch stärkere Ausstrahlung als auf den Bildern. Es war diese verwirrende Mischung aus Naivität und Selbstbewusstsein. Torunn war diese Liss als eine Art Pilgerin erschienen, die sich auf einer gefährlichen Reise durch die Welt befand. Doch die Geschichte von der zarten, gefährdeten kleinen Schwester hatte sie nicht besonders interessiert. Bis sie das mit Pål und Liss erfahren hatte. Sie zog ihr Handy aus ihrer Handtasche hervor, die unter dem Tisch stand. Sie musste mit jemandem reden. Es war fast ein Jahr her, seit sie Kontakt mit Tormod Dahlstrøm gehabt hatte. Sie hatte selbst vorgeschlagen, ihre Treffen zu beenden. Zwar hatte sie gehofft, dass er protestieren und versuchen würde, sie zur Fortsetzung ihrer Gespräche zu überreden, doch nichts dergleichen war geschehen. Er hatte sofort ihre Gründe akzeptiert, obwohl er sich wahrscheinlich seinen Teil dachte, und das hatte ihren Zorn entfacht. Statt ihn anzurufen, vervollständigte sie eine Patientenakte und warf ein paar Dokumente in die Schublade, schloss sie ab und stapfte die Treppe hinauf. Die Tür zu Påls Behandlungszimmer war angelehnt, so wie immer, wenn er keinen Patienten hatte. Sie klopfte ein Mal, stieß die Tür sperrangelweit auf und trat ein. Er hackte auf die Tastatur seines Computers ein und ließ sich nicht stören. Sie schlug die Tür hinter sich zu. »Was wollte sie von dir?«, fragte sie gereizt. Er runzelte die Stirn und schaute sie an, als wisse er nicht, worauf sie hinauswollte. »Meinst du etwa Liss? Liss Bjerke?« Sie verzichtete darauf, seine Frage zu beantworten. Sie wusste nur zu gut, wann er log und in welcher Situation er versuchte, sie zu hintergehen. Sie kannte jeden Zug in seinem Gesicht und konnte darin lesen wie in einem Kinderbuch. Also gab er das Spiel auf, bevor es richtig begonnen hatte. »Du hast es doch selbst gehört. Sie will herausfinden, was mit Mailin geschehen ist. Es reagieren eben nicht alle mit Gleichgültigkeit, wenn jemand vermisst wird, der ihnen nahesteht.« Hatte er sie provozieren wollen, so war ihm dies gründlich misslungen. Sie kam ein paar Schritte auf ihn zu. »Ich will, dass du dich von ihr fernhältst!«, sagte sie schroff. Er runzelte erneut die Stirn und sah nun wirklich erstaunt aus. »Herrgott, ich habe nur gehört, wie sich jemand in Mailins Praxis zu schaffen machte, also habe ich nachgeschaut. Konnte ja schließlich nicht ahnen, dass es ihre kleine Schwester war.« Torunn hasste es, wenn er »kleine Schwester« sagte. »Und ich sage, du sollst sie in Ruhe lassen!« Sie sah ihm an, dass er langsam wütend wurde. Es war die Art, wie er den Hals vorstreckte, bevor seine Augen zornig zu funkeln begannen. »Und falls ich es gewesen wäre, der sie hierher bestellt hätte, dann ginge dich das einen feuchten Kehricht an, Gabrielsen!« Sie machte einen weiteren Schritt auf ihn zu. »Ich habe bei der Polizei für dich gelogen«, zischte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Das hast du hoffentlich nicht vergessen. Ich habe eine Falschaussage gemacht. Das ist eine strafbare Handlung. Ich könnte meine Aussage jederzeit widerrufen, mein Lieber, und ihnen die Wahrheit sagen: dass du nämlich an dem Tag, an dem Mailin verschwand, um sechs Uhr nicht da warst und erst um neun Uhr hier aufgetaucht bist und völlig von der Rolle warst. Und dafür war keiner deiner Patienten verantwortlich, wie du mir einreden wolltest.« »Das habe ich mit Rücksicht auf dich behauptet.« »Ach, du wolltest mich schonen … erspare mir deine Heuchelei, die widert mich an!« Wie immer gab er nach. Er konnte ihr im Zorn etwas an den Kopf werfen, sie beleidigen oder provozieren, aber dann zog er sich wieder zurück. Er hatte einfach nicht die Kraft, etwas konsequent durchzustehen, ob im Streit oder in anderen Dingen. »Ich hab noch einiges zu tun«, sagte er erschöpft. »Muss mit dem Kram hier fertig werden.« Er ließ seinen Zeigefinger über den Papieren kreisen, die vor ihm auf dem Tisch lagen, doch sie glaubte ihm nicht. Er hasste jede Form von Schreibarbeiten, vernachlässigte seine Patientenakten und schickte notwendige Unterlagen stets zu spät los. »Oder willst du Oda selbst abholen?« Darauf hatte sie gewartet, dass er schließlich ihre Tochter ins Spiel bringen würde. »Du holst sie ab«, entgegnete sie so kühl wie möglich. »Oder hatten wir etwas anderes verabredet?« Er zuckte die Schultern. »Dann lass mich hier meine Arbeit machen.« Seine Arroganz ließ ihre Wut erneut aufflammen. »Sie hat es damals erfahren … die Sache mit dir und Liss!« »Wer hat was erfahren?« Sie hörte, dass sie ihn überrumpelt hatte und ihm gerade klar wurde, wovon sie redete. »Na und?«, gab er gelassen zurück, doch sie sah, wie sein Nacken sich krümmte. Entweder würde er im nächsten Moment erregt aufspringen oder zu schluchzen anfangen. Jetzt hatte sie ihn in der Hand und ließ nicht locker: »Ich habe es damals Mailin erzählt.« »Mach, dass du rauskommst!«, fauchte er und hackte wieder auf die Tastatur ein. Als sie zurück in ihrer Praxis war, nahm sie ihr Handy und öffnete den Menüpunkt »Kontakte«. Sie hatte Mailin selbst vorgeschlagen, sich an Tormod Dahlstrøm zu wenden, als sie vor drei Jahren einen neuen Betreuer brauchte. Und Dahlstrøm gegenüber hatte sie ihre Freundin als kompetent und gewissenhaft beschrieben. Hätte sie geahnt, dass ihn Mailin derart in Beschlag nehmen, ja ihn sogar überreden würde, ihr Forschungsprojekt zu betreuen, hätte sie die beiden nie zusammengebracht. Dahlstrøm hatte eigentlich nur wenig Zeit und es unter anderem abgelehnt, Torunns eigenes Projekt zu begleiten, als sie ihn im Jahr zuvor gefragt hatte. Sie hatte ihren Zorn längst analysiert und herausgefunden, dass er auf Eifersucht zurückzuführen war, ohne dass diese Erkenntnis ihre Wut auch nur im mindesten besänftigt hätte. Es wurde auch nicht besser, als Dahlstrøm sich bei fachlichen Auseinandersetzungen auf Mailins Seite schlug. Doch nach den jüngsten Ereignissen bestand vielleicht die Chance, die Vergangenheit ruhenzulassen und nach vorne zu blicken. Sie blieb sitzen und starrte auf ihren Monitor. Fragte sich, was Oda wohl gerade machte. Vermutlich hatten sie im Kindergarten bereits gegessen und spielten jetzt draußen … Sie musste die Sache mit Pål aus der Welt schaffen und ihn dazu bringen, ihr zu erzählen, was an jenem Abend, als Mailin verschwand, vorgefallen war. Sie konnte diese Ungewissheit nicht länger ertragen. Sie stand auf und ging zur Tür, blieb mit der Hand auf der Klinke stehen. Torunn begriff, dass sie warten musste, bis er sich wieder beruhigt hatte. Dann würde sie ihm über die Haare streichen. Wenn er gereizt war, kam sie nicht an ihn heran. Er wurde selbstdestruktiv. In letzter Zeit hatte er viel getrunken. Erinnerte sie ständig daran, dass er immerhin fast drei Jahre mit Mailin zusammen gewesen war, und setzte sie unter Druck. Wie Mailin als Person war und wie sie niemals sein würde. Torunn überhörte dieses Gerede. Sie wollte keine Schwäche zeigen. Während eines Streits vor ein paar Wochen hatte er sich erst über Mailin und dann über Liss ausgelassen. Torunn hatte so getan, als interessiere sie das alles nicht. Doch später war ihr übel vor Wut geworden, als sie begriff, worüber er die ganze Zeit gefaselt hatte. Schließlich sorgte sie dafür, dass er ihr auch den Rest erzählte. Nachher spielte er alles herunter. Entschuldigte sich damit, dass er zu viel getrunken hatte. Wenn er trank, sagte er manchmal die ungeheuerlichsten Dinge, allerdings nicht vergleichbar mit dem, was er über Liss gesagt hatte. Vor gut einer Woche hatten Torunn und Mailin zusammen Mittagspause gemacht, was nur noch selten vorkam. Nach all den Auseinandersetzungen über Mailins Artikel hatte sich ihr Verhältnis verkrampft. Ein weiteres Mal hatte Mailin ihre Besorgnis über ihre kleine Schwester zum Ausdruck gebracht, die angeblich wieder in gefährliches Fahrwasser geraten war. Vielleicht hatte sie dieses Thema nur deshalb angeschnitten, weil es nichts mit den fachlichen Konflikten zu tun hatte, die ihre Beziehung belasteten. Torunn hatte die Gelegenheit benutzt, um mehr über Liss zu erfahren, und Mailin schien erleichtert zu sein, dass Torunn ein echtes Interesse zeigte. Behutsam brachte Torunn das Gespräch auf die Zeit vor neun oder zehn Jahren. Damals waren Pål und Mailin ein Paar gewesen. Auf diese Weise bestätigte sich das, was sie nicht hatte wissen wollen. 11 L iss saß im Café gegenüber dem Fabriktor. Auf dem Tisch vor ihr lagen mehrere Zeitungen. Es war Donnerstag, Mailin war seit einer Woche verschwunden und hatte es auf die Titelseiten von Dagbladet und VG geschafft. Gestern hatte sich die Polizei an ihre Mutter gewandt. Sie wollten mit der Fahndung an die Öffentlichkeit gehen, mit Namen und Foto, in der Hoffnung, irgendwelche Tipps aus der Bevölkerung zu bekommen. Ihre Mutter hatte Liss gefragt, was sie davon halte, obwohl sie offenbar mit der Entscheidung der Polizei einverstanden war. Liss hatte sich bis jetzt nicht überwinden können, einen Blick in die Zeitungen zu werfen, doch das Foto von Mailin begegnete ihr an jedem Kiosk und Lebensmittelgeschäft. Es half nicht, den Kopf abzuwenden. In VG entdeckte sie einen Artikel über Berger, der die Überschrift trug: »Bereue nichts«. Der Talkmaster ließ keinen Zweifel daran, dass er es völlig in Ordnung fand, sich über einen abwesenden Gast lustig zu machen, der es offenbar nicht für nötig befunden hatte abzusagen. Ein Kommentar aus seiner Talkshow wurde wörtlich zitiert: »Tja, es sieht nicht so aus, als wollte uns die junge Psychologin mit ihrem Besuch beehren. Wahrscheinlich wurde sie im letzten Moment von ihrer feministischen Fotzenvereinigung davon abgehalten.« Das Dagbladet leuchtete ihren beruflichen Hintergrund aus, beschrieb ihre Beschäftigung mit früheren Opfern sexueller Gewalt und ließ zwei ehemalige Patienten von Mailin zu Wort kommen. Auf der nächsten Seite war ein Interview mit Tormod Dahlstrøm abgedruckt, der sich sehr positiv zu Mailins Forschungsarbeit äußerte. Unter der Überschrift »Kollegen geschockt« waren Fotos von Torunn Gabrielsen und Pål Øvreby zu sehen. Sie schienen im selben Wartezimmer aufgenommen worden zu sein, in dem Liss mit ihnen vor wenigen Stunden gesprochen hatte. Sie blickte aus dem Fenster und betrachtete den kleinen Weihnachtsbaum mit den bunten Lichtern. Die Leute liefen mit vollen Einkaufstüten daran vorbei. Kauften Weihnachtsgeschenke, als sei nichts geschehen, als sei ihnen Mailins Gesicht auf den Titelseiten der Zeitungen vollkommen gleichgültig. Dagbladet und VG hatten ein Foto von Mailin veröffentlicht, das Liss noch nie gesehen hatte. Wahrscheinlich war es erst vor kurzer Zeit aufgenommen worden. Irgendwo in ihrem ruhigen Blick konnte Liss einen Hilferuf erkennen. Sie faltete die Zeitungen zusammen und warf sie auf den Tisch. Im selben Moment stand der Kellner neben ihr. Es war offensichtlich, dass er sie wiedererkannte. »Espresso?«, fragte er. »Ja, einen doppelten.« »Noch etwas?« Nein. Dann hatte sie eine Eingebung. Sie konnte ihn bitten, sich zu ihr zu setzen und seine großen Hände auf ihre zu legen. Seine Handrücken waren mit kurzen, schwarzen Haaren bedeckt. Sie erinnerten an Zakos Hände. Kurz darauf war er mit dem Espresso zurück. Hatte ein kleines Schokoladentäfelchen auf die Untertasse gelegt. »Bald ist Weihnachten«, sagte er mit dem Anflug eines Lächelns in seinen Augen. Sie schlug das rote Notizbuch auf und betrachtete Mailins Buchstaben. Sie beugten sich zur Seite und waren unterschiedlich groß. Fast eine Kinderschrift. Mailin hatte tatsächlich etwas Kindliches an sich. Sie, die stets gewusst hatte, was sie tun sollte. Liss schrieb: Fast alles, was ich weiß, habe ich von Mailin gelernt. Aber nicht, wie ich davon Gebrauch machen soll. Leidenschaft ist Liebe und Hass. Das Kind, das Liebe sucht und auf Begierde trifft. War Mailin an jenem Abend in ihrer Praxis? Torunn Gabrielsen. Eifersucht. Dahlstrøm fragen, was zwischen ihr und Mailin vorgefallen ist. Påls Hände sind immer kalt und klamm. Mailin: Mittwochnachmittag zur Hütte. Hat Viljam angerufen. Noch jemand? Hat mir Donnerstag SMS geschickt. Kontakt zu Berger aufgenommen. Hat sie ihn getroffen? Tabus. Wir brauchen Tabus. Der Patient, mit dem sie verabredet war: JH. Hat sie ihn getroffen? Death by water. Muss irgendein Titel sein. Ein Film? Kann man sterben, wenn man zu viel Wasser trinkt? Ophelia. Was ist mit Viljam? Hat Mailin gesehen, wem er ähnelt? Sie hielt inne und las den letzten Satz. Hatte selbst nicht an diese Ähnlichkeit gedacht, ehe sie ihn niederschrieb. Seine Art zu sprechen. Teils auch die Mimik. Wann haben wir zum letzten Mal von ihm gehört? Papa. Sie steckte das Notizbuch wieder in die Tasche. Ein gutes Gefühl, es dort zu wissen. Mailins Notizbuch. Jetzt gehörte es ihr. Vielleicht wollte Mailin, dass sie es weiterführte. Dieser Gedanke brachte sie dazu, es wieder hervorzuziehen. Warum kann ich mich fast an nichts aus meiner Kindheit erinnern? Ich erinnere mich an den Schulweg, an ein paar Lehrer, die Namen einiger Mitschüler. Ich erinnere mich daran, wie Tage zu uns nach Hause kam und dass wir es hassten, wenn er da war. Ich erinnere mich, dass wir auf dem Sofa saßen und Papa im Fernsehen sahen und Mama hinausging, weil sie diese Situation nicht ertrug. Aber nach all dem anderen hätte ich dich fragen sollen, Mailin. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wie Papa war, bevor er gegangen ist. Trotzdem sehe ich ihn ganz deutlich vor mir. Wo sind nur meine Erinnerungen geblieben? Sind sie verschwunden oder nur in Kisten verstaut, die sich nicht mehr öffnen lassen? Wouters hieß der Polizist aus Amsterdam. Ich habe versucht, seinen Namen zu vergessen. Falls es mir doch noch gelingt, kann ich vielleicht auch vergessen, was dort geschehen ist. Kann mir eine andere Geschichte über die Nacht in der Bloemstraat zurechtlegen, sie mir immer wieder erzählen. So oft, bis sie zu einer Erinnerung wird und das verdrängt, was ich jetzt vor mir sehe. Sie nahm die Straßenbahn zum Jernbanetorget, ging die Stufen zum Hauptbahnhof hinauf. In einer halben Stunde fuhr der Bus nach Lørenskog ab. Sie sträubte sich gegen diese Fahrt. Ihre Mutter hatte versucht, das Haus ein wenig zu schmücken, und einen Stern ins Wohnzimmerfenster gehängt. Hatte den Stall mit der Krippe hervorgekramt, der während der Adventszeit stets im Regal stand. Früher hatten Liss und Mailin an jedem Tag eine neue Figur hinzugefügt. Maria und Josef, die drei Könige aus dem Morgenland, Hirten und Engel. Das Jesuskind wurde erst am Weihnachtsmorgen in die Krippe gelegt. Die Mutter hatte, auch nachdem sie beide ausgezogen waren, an diesem Ritual festgehalten. Keinen Augenblick ihres Lebens hatte sie daran geglaubt, was sich angeblich in dem Stall ereignet hatte. Aber die Figuren wurden dennoch hineingestellt, Jahr für Jahr dieselbe Zeremonie. Und jetzt schien es fast so, als sollten die Figuren aufgestellt werden, um Mailin an Weihnachten nach Hause zu locken, denn sie kam immer, wenn alle Figuren an ihrem Platz waren. Liss schlenderte gemächlich über die Brücke zum Busbahnhof und kehrte auf halbem Weg um. Sie ertrug den Gedanken nicht, die Nacht im Haus in Lørenskog zu verbringen. Also ging sie wieder zur Bahnhofshalle zurück. In diesem Moment erblickte sie am Presseshop eine Gestalt. Knochig, mager, strubbelige schwarze Haare. Liss erkannte sofort, dass es der Typ war, den sie in Mailins Behandlungszimmer überrascht hatte. Er trug dieselbe Matrosenjacke mit dem Anker auf der Brusttasche. Jetzt redete er mit einem Mädchen, das einen kurzen Anorak und eine schmutzige Jeans trug. Liss ging direkt auf ihn zu. »Kennen Sie mich noch?« Der Mann warf ihr einen Blick zu. Auf der Stirn, unter dem Pony, hatte er eine auffällige Narbe. »Sollte ich?«, fragte er desinteressiert. »Wie sind uns vorgestern begegnet. In der Praxis von Mailin Bjerke.« Im Gegensatz zum letzten Mal wirkte er vollkommen beherrscht. »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.« Doch Liss konnte sich stets an Gesichter erinnern. »Ich weiß, dass Sie es waren. Sie haben etwas von dort mitgenommen. Wie heißen Sie?« Er drehte sich um und rannte mit dem Mädchen im Anorak davon. Liss lief hinter ihnen her. »Warum haben Sie eine Seite aus ihrem Notizbuch herausgerissen?« »Wovon reden Sie, verdammt?« »Ich habe es der Polizei erzählt. Die suchen Sie.« Er blieb stehen und trat einen Schritt auf sie zu. »Wenn du mich noch einmal blöd anquatschst, schlage ich dir die Fresse ein!« Er nahm das Mädchen an der Hand und verschwand mit ihr in Richtung Ausgang. 12 Freitag, 19. Dezember S ie rief Viljam an. Im Hintergrund hörte sie jemand rufen, als er sich meldete. Er verstand sie nicht, und sie musste es noch einmal wiederholen. »Ich bin auf einem Seminar«, entschuldigte er sich. »In einer Minute geht’s weiter. Was ist mit Mailins Auto?« »Ich muss es mir ausleihen.« »Ausleihen? Also ich weiß nicht recht …« »Warum nicht?« »Ich weiß nicht. Vielleicht wird es als Beweismaterial … ach, entschuldige, ich bin so durcheinander. Das ist sicher in Ordnung. Ich habe noch einen Ersatzschlüssel. Wann brauchst du ihn?« Sie hatte keine genauen Vorstellungen. »Ich fahre morgen Nachmittag zur Hütte. Dann komme ich vorher bei dir vorbei und hole den Schlüssel. Muss erst noch was erledigen.« * Der zierliche Mann, der die Tür öffnete, war Mitte vierzig und hatte dünne Haare mit ausgeprägten Geheimratsecken. Er trug einen Anzug und ein offenes weißes Hemd. »Liss Bjerke, nehme ich an«, sagte er mit leichtem Lispeln. Als sie dies bestätigte, ließ er sie herein. »Mein Name ist Odd. Ich bin der Butler.« Letzteres fügte er mit einer knappen Verbeugung hinzu, bevor er den mit Teppich ausgelegten Flur entlangging und eine Tür öffnete. »Ihr Besuch ist da, Herr Berger.« Liss vernahm ein Brummen. Der Mann, der Odd hieß, winkte sie heran. »Herr Berger empfängt Sie im Salon.« Die hochgestochene Formulierung hätte sie fast zum Lachen gebracht, doch sie nahm sich zusammen. Der helle Salon hatte eine hohe Decke, breite Fenster und einen Altan, der auf die Løvenskiolds gate hinausging. Der Mann, den sie von Zeitungsfotos und aus dem Fernsehen kannte, saß am Fenster hinter einem Schreibtisch und tippte mit zwei Fingern auf einer Computertastatur. In Wirklichkeit sah er überraschend alt aus, das Gesicht war fahl und eingesunken. »Setzen Sie sich«, sagte er, ohne aufzublicken. Sie blieb stehen. Sie hatte sich noch nie gern herumkommandieren lassen, schon gar nicht von älteren Männern. Endlich wandte sich Berger ihr zu. »Wie schön, dass Sie stehen geblieben sind«, sagte er lächelnd, während er sie von oben bis unten musterte. »Eine Frau wie Sie sollte sich erst setzen, wenn man ihr persönlich einen Platz anbietet.« Er zeigte auf ein Sofa, das an der gegenüberliegenden Wand stand. »Sie sehen Ihrer Schwester gar nicht ähnlich«, stellte er fest. »Ganz und gar nicht. Kaffee?« Er stand auf und füllte plötzlich den ganzen Raum aus. Auf seinem Schreibtisch stand eine Messingglocke. Er nahm sie und läutete. Im nächsten Augenblick stand Odd in der Tür. »Wir hätten gern einen Kaffee«, sagte Berger. Odd wandte sich an Liss. »Latte? Espresso, Cappuccino?« Sein Lispeln war jetzt deutlicher zu hören. Sie fragte sich, ob es nicht einstudiert war. »Gerne einen doppelten Espresso«, antwortete sie. Erneut diese kurze Verbeugung, bevor er verschwand. Das Ganze wirkte zunehmend lächerlich, und Liss fragte sich, welch eigentümlichem Schauspiel sie hier beiwohnte. »Er hat sich als Ihr Butler vorgestellt«, sagte sie und nahm zögerlich Platz. »Genau das ist er auch«, entgegnete Berger. »Er wurde an der besten Butlerakademie in London ausgebildet. Ich weiß gar nicht, was ich ohne diesen Mann täte.« »Ist bestimmt gut für Ihr Image«, bemerkte Liss. Berger hinkte zu einem Stuhl, der sich auf der anderen Seite des Tisches befand. »Selbstverständlich. Davon lebe ich ja schließlich. Das Jahresgehalt eines Butlers hält sich außerdem in Grenzen und macht sich mehr als bezahlt.« Er angelte eine Schachtel Gauloises aus seiner Tasche, bot ihr eine an und benutzte ein Feuerzeug, in das die Initialen EB eingraviert waren. »Das Geschenk eines Sponsors«, erklärte er lächelnd, als er sah, wie sie das Feuerzeug musterte. »Die Gnade meiner Sponsoren ist die größte Gnade, die ich im Leben erfahre. Ich lebe durch Gottes Gnade und von ihren Gnaden.« Die Tür glitt lautlos auf. Erneut erschien Odd, mit einem Tablett, auf dem eine Silberkanne, Tassen, Zucker und ein kleines Kännchen mit Milch standen. Er hatte dünne weiße Handschuhe angezogen, und diesmal konnte Liss ein kurzes Auflachen nicht unterdrücken. Niemand fragte, worüber sie lachte. Nachdem Odd eingeschenkt hatte, zog er sich genauso lautlos zurück, wie er gekommen war. »Wie Sie wissen, habe ich Ihre Schwester getroffen«, begann Berger, »aber nicht an dem Abend, an dem sie im Studio sein sollte.« Liss hatte den Eindruck, als sagte er das, um ihr zuvorzukommen. Er betrachtete sie. »Und jetzt wollen Sie wissen, was mit Ihrer Schwester geschehen ist. Sehr verständlich. Wie ich hörte, sind Sie gerade aus Amsterdam gekommen.« Er entblößte etwas, das wie winzige Milchzähne aussah. Sie verliehen seinem Lächeln eine kindliche Fröhlichkeit, die in Kontrast zu seinem erschöpften Gesicht und seiner mächtigen Gestalt stand. »Wie ich höre, verteidigen Sie den sexuellen Missbrauch an Kindern«, entgegnete sie und zog an der starken Zigarette. »Tue ich das?« Er gähnte. »Es gehört zu meinem Job, die Leute zu provozieren und das in den Raum zu stellen, was die Leute lieben und hassen. Sie kennen doch wohl die Einschaltquoten meiner Sendung, oder etwa nicht? Letztes Mal hatten wir über 900 000 Zuschauer und sind drauf und dran, die magische Grenze von einer Million zu knacken. Nach jeder Sendung müssen wir unsere Telefonzentrale wegen Überlastung schließen. Allein die Osloer Zeitungen haben nach der letzten Tabu-Talkshow auf über fünfundzwanzig Seiten berichtet. Aber lassen Sie uns lieber das Thema wechseln. Ich empfange nur selten Besuch, vor allem von unbekannten Frauen!« »Worüber sollten wir sonst reden?« »Über Sie, Frau Bjerke. Das scheint mir viel interessanter zu sein. Eine junge Frau, die nach Amsterdam geht, um Designerin zu werden, aber immer mehr Zeit in ihren Job als Fotomodell investiert, die zweifelhafte Aufträge annimmt, zumindest aus kleinbürgerlicher Sicht. Lassen Sie uns über Ihre ausschweifenden Partys und die Wahl Ihrer Lover sprechen.« Sie setzte ihre Tasse so rasch ab, dass der Kaffee überschwappte. Beinahe hätte sie ihn gefragt, woher zum Teufel er das wusste, zwang sich jedoch zu schweigen. Verscheuchte den Gedanken, dass jemand in Oslo nach ihr suchen könnte. Wouters!, zuckte es durch ihren Kopf. »Erzählen Sie von sich, Liss«, forderte Berger sie auf. »Ich habe eine Schwäche für gute Geschichten.« Sie zwinkerte ein paarmal und sammelte sich. Hatte Mailin diesem Kerl von ihr erzählt? Das passte eigentlich nicht zu ihr. Liss blickte zu ihm hinüber. Seine schwarzgefärbten Haare hingen ihm in die Stirn und betonten eher sein verlebtes Gesicht, das an ein Schlachtfeld erinnerte. Seine Augen hinter der eckigen Brille blickten jedoch sanft und wach. Im Internet hatte sie sich ein paar Ausschnitte aus Tabu angesehen. Berger sprach über Kinder und argumentierte, dass es in einer freien Marktwirtschaft unumgänglich sei, dass auch die kindliche Sexualität zu einer Ware werde. Doping im Leistungssport bezeichnete er als unverzichtbar, wenn weiterhin das Bedürfnis der Zuschauer befriedigt werden solle, dem Übermenschlichen zu huldigen. Heroin sei eine interessantere und reinere Droge als Alkohol, die nur erstaunlich wenige Menschen töte, behauptete er. Erst die Kriminalisierung mit all ihren Folgeerscheinungen mache aus dem Heroin eine tödliche Bedrohung. Man solle nur an verunreinigte Spritzen, ungeschützten Sex und Auftragsmorde im Drogenmilieu denken. »Ich habe wirklich eine Schwäche für gute Geschichten«, wiederholte er. »Vor allem über Leute wie Sie. Allerdings ist das Interesse an jungen, attraktiven Frauen mehr und mehr intellektueller Natur.« Er machte eine resignierte Handbewegung. »Diese Entwicklung ist nicht aufzuhalten«, seufzte er. »Aber genug davon. Erzählen Sie mir über sich. Im Gegenzug verspreche ich, Ihnen alles zu sagen, was ich weiß.« Darauf war Liss nicht vorbereitet gewesen. Für einen Augenblick war sie so verwirrt, dass sie sich wahrscheinlich wie ein kleines Mädchen auf seinen Schoß gesetzt hätte, hätte er dies vorgeschlagen. Sie beschloss, auf der Hut zu sein, und berichtete von ihrer Ausbildung zur Designerin. Hinter einer Gauloises-Wolke nahm sie sein Lächeln wahr, das sie dazu animierte, ihm von ihren Ambitionen als Fotomodell zu erzählen. Eigentlich sei ihr das Modeln nicht so wichtig, doch werde sie von anderen aus unerfindlichen Gründen immer wieder gedrängt, voll und ganz auf diese Karte zu setzen. »Sie brauchen nicht so zu tun, als wüssten Sie nicht, woran das liegt«, entgegnete Berger. »Es dürfte Ihnen nicht entgangen sein, welche Wirkung Sie auf andere ausüben. Vielleicht haben Sie es schon immer gewusst.« »Nicht immer«, rutschte es ihr heraus. »Ich bin eher das hässliche Entlein, das im falschen Nest gelandet ist. Im Kindergarten und in der Grundschule wollte niemand etwas mit mir zu tun haben.« »Das kann ich mir vorstellen«, entgegnete er und nickte. Sie hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen, plapperte jedoch immer weiter. Über das Leben in Amsterdam, ihre Fotoshootings, die Partys. Um ein Haar hätte sie Zakos Namen erwähnt, besann sich aber im letzten Augenblick. »Sie wollten mir doch erzählen, wie Sie Mailin kennengelernt haben«, erinnerte sie ihn. Erneut glitten seine Mundwinkel auseinander, und die kleinen Mäusezähne kamen zum Vorschein. Zweifellos war ihm nicht entgangen, wie abrupt sie das Thema gewechselt hatte. »Ich mag Mailin«, sagte er. »Ich mag Sie beide, egal wie unterschiedlich Sie sind.« »Warum wollten Sie Mailin als Gast in Ihrer Talkshow haben?« Er lehnte sich zurück und verzog leicht das Gesicht. Offenbar hatte er Rückenschmerzen. »Was ich tue, Liss, unterscheidet sich von diesem abgestandenen Reality-TV, das den Leuten längst zum Hals raushängt. Es passiert etwas, wenn ich im Fernsehen auftauche. Meine Sendung enthält ein unkontrollierbares Element, etwas Unheimliches und potenziell Gefährliches. In erster Linie benutze ich mich selbst, mein Leben. Meinen eigenen Missbrauch, mein Scheitern. Gewalt und Sex. Dann lade ich ein paar Einfaltspinsel und C-Promis ein, die mit allen Mitteln ins Fernsehen wollen. Am Anfang haben sie mich wie einen Aussätzigen behandelt, doch inzwischen schmücken sich Politiker und Medienparasiten mit meiner Nähe. Das wertet sie auf. Mit diesen Gästen kann ich tun und lassen, was ich will. Sie lassen sich von mir an der Nase herumführen und kommen sich wahnsinnig cool vor.« Er stieß ein hohles Lachen aus und begann zu husten. »Aber die anderen Gäste, die ich einlade, sollen auf Konfrontationskurs gehen«, fuhr er fort, als er wieder zu Atem gekommen war. »Ich habe ein paar Artikel von Mailin in der Zeitung gelesen und danach Kontakt zu ihr aufgenommen. Sie ist genauso scharfsinnig, wie ich sie mir vorgestellt habe, aber dennoch anders. Keine verbohrte Feministin. Jemand, der an der Realität interessiert ist, nicht an einer Ideologie.« »Haben Sie Mailin mehrmals getroffen?« »Drei Mal. Vor ein paar Wochen hat sie mich zu Hause besucht. Wir haben uns hier zusammengesetzt und gemeinsam die Talkshow geplant.« »Das glaube ich Ihnen nicht. Auf so etwas hätte sich Mailin niemals eingelassen.« Er lachte erneut. »Das werden wir nie erfahren. Bestimmt wären die Fetzen geflogen. Ich mag es, wenn die Leute kein Blatt vor den Mund nehmen. Aber sie ist ja leider nicht aufgetaucht.« »Sie hat sich aber noch bei Ihnen gemeldet.« »Einen Tag vor der Sendung hat sie mich angerufen«, bestätigte er. »Sie sagte, sie müsse mit mir etwas Dringendes besprechen, irgendetwas Organisatorisches, das vor der Talkshow noch geklärt werden müsse. Sie war fast übertrieben gründlich in ihrer Vorbereitung. Also haben wir verabredet, dass ich auf dem Weg ins Studio einen Abstecher zu ihrer Praxis mache. Was ich auch getan habe.« »Sie haben sie also an diesem Abend gesehen?« »Sie hat mich benachrichtigt, dass sie sich ein wenig verspäten würde, und mir den Code für das Türschloss mitgeteilt. Ich habe mich dann wie vereinbart ins Wartezimmer gesetzt. Aber sie ist nie erschienen.« »Sie saßen im Wartezimmer?« »Das habe ich alles schon der Polizei erzählt, Liss. Wenn Sie weiterfragen, hege ich langsam den Verdacht, dass Sie auch bei der Polizei sind.« Hinter dem ironischen Tonfall nahm sie etwas Drohendes wahr, eine Warnung. Sie drückte die Zigarette aus und entschied sich für eine andere Strategie. »Glauben Sie, dass wir ohne Tabus zurechtkommen?« Er nahm einen tiefen Zug und behielt den Rauch für einen Moment im Mund, ehe er ihn mit einem pfeifenden Laut durch die Zähne ausstieß. »Von einigen befreien wir uns, aber es kommen ständig neue hinzu. Ich arbeite daran, sie schneller zu überwinden, als neue entstehen können.« »Warum?« »Weil ich ein Revolutionär und Visionär bin, der etwas Wahres und Reines zutage fördern will, damit wir nicht an unserer Trashkultur ersticken.« Er schaute sie ernst an. Dann grinste er. »Gehen Sie mir nicht auf den Leim. Natürlich hat das nicht das Geringste mit Politik zu tun. Ich tue einfach das, was mir schon immer am meisten Spaß gemacht hat – zu provozieren. Verstehen Sie jetzt, warum ich die Theologie sausenlassen musste? Wenn man einem Kind ein Spielzeug gibt, beginnt es in der Regel sofort damit zu spielen. Doch gibt es auch Kinder, die das Spielzeug auseinandernehmen, um zu sehen, wie es zusammengesetzt ist. Danach werfen sie es weg. Ich bin ein solches Kind. Werde es immer sein. Das Schöne ist, dass ich damit auch noch einen Haufen Geld verdiene.« Erneut dieses hohle Lachen. »Aber jetzt habe ich beschlossen, aufzuhören.« »Mit dem Fernsehen?« »Mit allem … Die Talkshow an Silvester wird meine letzte sein. Wissen Sie, wovon die handeln wird?« Liss verneinte. »Vom Tod. Der Tod ist das absolute Tabu. Er entzieht sich allem, und man kann ihn nicht fassen.« »Eine Talkshow über den Tod? Das hat es doch schon öfter gegeben.« »Aber ich werde es anders machen.« »Jetzt machen Sie mich aber neugierig«, entgegnete Liss. »Sie wird gewissermaßen eine ironische Pointe haben«, sagte er lächelnd und sah stolz aus. »Dennoch wird sie todernst sein. Mehr verrate ich nicht. Sie haben mir schon zu viel entlockt.« 13 A m Frognerveien sprang sie in die Straßenbahn und stellte sich in den hintersten Wagen, ohne zu bezahlen. Sie schickte Viljam eine SMS. Er war immer noch auf dem Seminar, doch sie erhielt eine Antwort: Um eins im Per På Hjørnet? Um Viertel vor eins saß sie im Café und trank einen Espresso. Nachdem sie draußen in der Kälte eine Zigarette geraucht hatte, kaufte sie sich eine Zeitung und ging wieder hinein. Es war zwanzig nach eins, als er auftauchte. Dass er sich verspätete, ärgerte sie. »Bist du es nicht langsam leid, ständig Gesetzesparagrafen zu büffeln?«, begnügte sie sich, zu fragen. »Lass uns über was anderes reden«, entgegnete er. Er bestellte einen Caffè Latte, sie noch einen Espresso. Plötzlich spürte sie den Drang nach etwas, das sie munterer machte als Kaffee. »Es ist so dunkel in dieser Stadt. Das Licht verschwindet ständig.« »In Amsterdam muss es um diese Jahreszeit doch fast genauso dunkel sein«, meinte Viljam. Liss wollte nicht über Amsterdam sprechen. »Ich war heute bei Berger.« »Berger!«, rief er aus. »Was wolltest du da?« Sie antwortete nicht. Eine ältere Frau ging vorbei, sie hatte einen winzigen Hut auf. Viljam nippte an seiner Tasse. »War das unbedingt nötig?« Sie blickte ihn an. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. »Du hast gesagt, Mailin hätte irgendwas über Berger herausgefunden. Dass sie ihn vor der Sendung unter Druck gesetzt hat.« »Hast du ihn danach gefragt?« »Ich wollte mir erst mal einen Eindruck von ihm verschaffen. Nächstes Mal frage ich ihn vielleicht direkt.« Viljam schüttelte den Kopf. »Und was, meinst du, soll dabei herauskommen? Dass er auf die Knie fällt und alles zugibt?« Er wirkte ziemlich mutlos. »Du musst das der Polizei überlassen, Liss. Sonst behinderst du noch ihre Ermittlungen.« Er strich sich den langen Pony aus der Stirn. »Ich bin mit der Arbeit der Polizei ja auch unzufrieden«, fügte er leise hinzu. »Sie scheinen nicht zu verstehen, dass sich ihre Chancen mit jedem Tag verringern. Wenn nicht bald etwas geschieht …« Liss wartete. Das Ende des Satzes blieb irgendwo zwischen ihnen in der Luft hängen. Sie leerte die Tasse und schauderte. »Ich bin mir sicher, dass du weißt, was Mailin über ihn herausgefunden hat.« »Du hast recht«, entgegnete er und schwieg. Sie verlor die Geduld. »Ich will, dass du mir jetzt sagst, worum es ging.« Sie sah, wie seine Kaumuskeln arbeiteten. Dann stieß er hörbar die Luft aus. »Mailin hat wohl mit jemand über ihn gesprochen«, sagte er. »Jemand, den Berger vor vielen Jahren ›in die Geheimnisse der Erwachsenen‹ eingeführt hat. Das war es, was sie während der Sendung enthüllen wollte. Sie wollte direkt in die Kamera schauen und es erzählen.« Liss sperrte die Augen auf. »Sie wollte Berger während einer Livesendung als Pädophilen enttarnen?« Viljam begann die Papierserviette zu zerpflücken. »Sie wollte ihn dazu bringen, die Sendung abzusagen, und ihm damit zeigen, dass es eine Grenze gibt. Ich habe sie gefragt, ob sie sich darüber im Klaren sei, mit welchen Reaktionen sie zu rechnen habe. Sie behauptete, das wisse sie ganz genau, doch ich fürchte, sie hat sich geirrt.« Liss dachte erst nach, ehe sie sagte: »Berger zufolge ist sie zu ihrem verabredeten Treffen nicht erschienen.« Die Serviette riss in der Mitte durch. Viljam ließ die eine Hälfte auf den Boden fallen. »Kann doch sein, dass es stimmt, was er sagt.« Liss hatte das Gefühl, dass an den anderen Tischen die Gespräche verstummten. Er leidet, dachte sie. Du leidest, Liss. Sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Wollen wir ein bisschen spazieren gehen?« Sie überquerten den Rathausplatz und gingen am Kai entlang. In allen Fenstern leuchteten Weihnachtssterne. »Ihr wolltet im Sommer heiraten«, sagte sie wie aus heiterem Himmel. Viljam warf ihr einen erstaunten Blick zu. »Woher weißt du das?« »Mailin hatte mir eine SMS geschickt. Sie hat mich gebeten, mir nächstes Jahr an Mittsommer freizuhalten.« »Dabei wollten wir das eigentlich noch geheim halten und erst an Weihnachten bekanntgeben.« Er starrte vor sich hin. »Sie bewundert dich«, sagte er plötzlich. Liss zuckte zusammen. »Wer?« »Mailin sagt, dass du immer schon mutiger warst als sie. Nie vor irgendwas Angst hattest, immer als Erste die steilsten Abhängen hinaufgeklettert und von den höchsten Klippen gesprungen bist.« Liss holte tief Luft. »Du bist ja auch einfach nach Amsterdam gegangen«, fuhr er fort. »Mailin könnte das nicht. Sie ist viel zu sehr an ihre heimische Umgebung gebunden.« Was soll nur aus dir werden, Liss? »Was ist mit dir?«, fragte sie, um über etwas anderes zu reden. »Bist du mutig?« »Nur wenn es sein muss.« Sie standen an der Friedensfackel, am äußersten Punkt des Kais. Einige Boote dümpelten im kalten Fjord. Es hatte aufgefrischt. Kleine Schneeflocken trieben im Wind, sie blieben nicht liegen. »Wann fährst du zur Hütte?« »Heute Nachmittag.« Er zog einen Schlüsselbund aus der Tasche und entfernte einen Autoschlüssel. »Glaubst du, dass du dort etwas über Mailin herausfindest?« Sie schüttelte den Kopf. »Du und Tage seid ja schon dort gewesen. Und die Polizei ebenfalls.« Sie drehte sich zur Fackel um, die in dem blattförmigen Gefäß brannte, und streckte die Hand aus. Probierte aus, wie nah sie ihre Hand an die Flamme halten konnte, ohne sich zu verbrennen. 14 L iss parkte Mailins Auto bei Bysetermosan. Setzte ihren Weg zu Fuß fort und ging einen Waldweg entlang, hinein in die Stille. Eine Stille, die von den Geräuschen des Waldes durchbrochen wurde: dem Gezwitscher der Wintervögel, dem Wind in den Baumwipfeln. Sie vernahm ihre eigenen Schritte. Dann erreichte sie die Stelle, an der sie vom Weg abbiegen musste. Der Schnee war geschmolzen und wieder gefroren, weshalb sie keine Schneeschuhe brauchte. Zunächst ging es steil bergauf. Es war fast vier Jahre her, seit sie das letzte Mal hier gewesen war, doch sie konnte sich an jeden Baum und jeden steinigen Hügel erinnern. Wo auch immer sie war, wurde sie von dieser Landschaft begleitet. Als sie eine Hügelkuppe erreichte, sah sie das Dach der Hütte durch die Bäume schimmern. Sie blieb stehen und spähte in Richtung Morrvann und zu dem Bergrücken auf der anderen Seite des Sees. Erst bei Anbruch der Dämmerung nahm sie das letzte Stück in Angriff. Es roch intensiv nach der braunen Beize. Ihr fiel ein, dass Mailin im Herbst erwähnt hatte, dass sie und Viljam die Hütte neu streichen wollten. Sie hatte sogar gefragt, ob Liss sie nicht besuchen und helfen wolle. Liss strich mit der Hand über das rauhe Holz der Außenwand. Die Berührung beschwor Mailins Bild herauf. Sie schien ihr jetzt nahe zu sein, und es dauerte einen Moment, bis sie sich dazu überwand, die Hütte zu betreten. Sie zündete die Öllampe in der Küche an und nahm sie mit ins Wohnzimmer. Sah die verkohlten Holzscheite im Kamin. Mailin musste es eilig gehabt haben. Eigentlich verließ keiner von ihnen die Hütte, ohne vorher alles aufgeräumt zu haben. Auch die Asche im Kamin wurde entfernt, und neue Scheite wurden hineingelegt, damit der Nächste, der kam, nur ein Streichholz daran halten musste. Jetzt musste Liss den Kamin erst einmal sauber fegen und neues Holz von draußen holen. Viljam und Tage hatten neulich hier vorbeigeschaut, und die Polizei. Aber keiner von ihnen hatte wohl ein Feuer gemacht. Es passte nicht zu Mailin, die strengen Regeln zu brechen, die sie sich selbst auferlegt hatten. Danach schaltete Liss das Radio ein, fand einen Sender mit Klaviermusik, die ihr aber rasch zu viel wurde. Sie stellte das Radio wieder ab, musste den Raum von allen Geräuschen befreien. Sie stellte sich ans Fenster und spähte im Zwielicht zum Morrvann hinunter. Vor vielen Jahren, auch an einem Wintertag, hatte sie schon einmal so mit Mailin dagestanden. Die Sonne versank hinter dem Bergrücken, die Bäume voll leuchtender Nadeln. Diesen Ort werden wir niemals hergeben, Liss. Er gehört uns, dir und mir. Liss weinte. Begriff nicht, was geschah. Sie musste mit den Fingern ihre Wangen berühren. »Mailin«, murmelte sie. »Wenn das meine Schuld ist …« Es ist nicht deine Schuld. Du kannst nichts dafür, was geschehen ist. Ich muss mich stellen. Ich habe ihn getötet. Sie setzte sich die Stirnlampe auf, nahm die beiden Eimer und ging nach draußen. Stapfte unter den Tannen hindurch und folgte dem Verlauf des Bachs, bis sie zu dem großen Fels kam. Darunter ging es steil bergab, wie an einer Klippe. Im Sommer konnten sie sich von dort aus kopfüber ins Wasser stürzen. Doch sie mussten aufpassen, dass sie von dem Vorsprung aus weit genug nach vorne in die Tiefe sprangen. Denn direkt unter dem Fels befand sich ein Trampelpfad. Im Winter war die Eisschicht darauf wie hauchdünnes Glas. Die starke Strömung am Ablauf hingegen verhinderte, dass das Wasser im Winter gefror. In der Tiefe lagen alte Holzstämme und verströmten Gase, die ebenfalls die Eisbildung verhinderten. Am Seil ließ sie einen Zinkeimer hinab. Erst nach fast drei Metern platschte er ins Wasser. Sie zog ihn wieder nach oben, manövrierte ihn an der Felskante vorbei und wiederholte die Prozedur mit dem anderen Eimer. Etwas weiter links war eine kleine Bucht, ihr »Strand«, er war mit grobem Sand bedeckt und gerade groß genug, dass sie beide nebeneinander in der Sonne liegen konnten. Wenn sie allein waren, sonnten sie sich nackt. Ein Stück weiter oben, zwischen den Bäumen, lag ein altes Bootshaus, in dem sie ihr Ruderboot und ihr Kanu einlagerten. Sie ging Richtung Strand, setzte erst einen Fuß auf das Eis und stellte sich dann mit ihrem ganzen Gewicht darauf. Das Eis würde halten, wenn sie einfach geradeaus ging. Doch wenn sie den Weg nach rechts zu dem Fels und dem Ablauf des Sees einschlug, würde sie durch das Eis brechen und im eiskalten Wasser versinken. Death by water, dachte sie. Falls Mailin diesen Weg genommen hatte … aber das hatte sie nicht. Ihr Auto war in Oslo entdeckt worden. War jemand damit zurückgefahren? Sie machte Feuer im Holzofen und setzte Wasser für Kaffee und Suppe auf. Ging nach draußen auf die Treppe und zündete sich eine Zigarette an. Mailin wollte nicht, dass jemand drinnen rauchte. Das würde man noch Jahre später riechen, meinte sie, und Liss würde dieses Verbot niemals brechen. Nachdem sie eine Schüssel Minestrone gegessen hatte, inspizierte sie das Wohnzimmer, die Küche und die beiden Schlafzimmer. Sie warf einen Blick in die Schränke und leuchtete mit der Stirnlampe unter die Betten. Hob die obere Matratze des Etagenbetts hoch, wo Mailin meistens schlief. Doch abgesehen vom Kamin, sah alles so aus wie immer. Sie legte zwei Holzscheite in den Kamin, zog sich in die Sofaecke zurück und setzte sich im Schneidersitz hin. Ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Das riesige Geweih an der Wand, neben dem Barometer, musste von einem Monsterelch sein. Sie selbst hatte es einst gefunden. Unten am Børtervann, einem Seengebiet. Im Sommer trugen sie ihr Kanu von einem See zum anderen, bis sie die Biberdämme erreichten. Sie übernachteten unter freiem Himmel, erwachten im Morgengrauen und schlichen sich zum Balzplatz der Auerhühner. An all das erinnerte sie sich. Sie war zwölf und Mailin sechzehn. Doch von ihrer früheren Kindheit waren ihr nur ein paar unscharfe Bilder geblieben. Wenn Mailin von früher erzählte, war sie immer erstaunt darüber, an wie wenig sich Liss erinnerte. »Weißt du wirklich nicht mehr, wie du fast im Morrvann ertrunken wärst?« Nein, Liss erinnerte sich nicht. Du bist in die erste Klasse gegangen und dachtest, du könntest schon schwimmen. »Ich musste in meinen Kleidern hinter dir herspringen und dich aus dem Wasser ziehen.« Ihr Blick blieb an den Fotoalben hängen, die auf dem Regal standen. Sie hatten ihrem Vater gehört. Zu Hause in Lørenskog erinnerte nichts mehr an ihn, aber da die Hütte ihm gehört hatte, bevor er sie ihr und Mailin schenkte, waren die Alben hier gelandet. Sie nahm eines herunter. Hatte seit ihrem elften oder zwölften Lebensjahr nicht mehr darin geblättert. Sie hatte fast das Gefühl, etwas Verbotenes zu tun. Die Vergangenheit ihres Vaters. In gewisser Weise hatte über diesem Teil der Familie stets ein Geheimnis gelegen. Etwas, worüber nicht geredet wurde. An ihren Großvater väterlicherseits konnte sich Liss schemenhaft erinnern, an seine mächtige Gestalt und den weißen Bart. Mailin hatte erzählt, dass er stets einen Anzug trug und die Laute verschiedenster Vögel nachahmen konnte: Kuckuck, Krähe und Kohlmeise natürlich, aber komischerweise auch Geier, Kondor und Flamingo. Schwer zu sagen, woher gerade er das konnte, der niemals verreiste und kaum fernsah. Auf einem der Bilder schaute der Vater sie ernst an. Hoch aufgeschossen, blass und mit langen Haaren stand er vor seinem Elternhaus am Waldrand, das schon vor vielen Jahren abgerissen worden war. Jetzt befand sich dort ein Heim für schwererziehbare Jugendliche. Auf einem anderen Foto war der Vater irgendwo im Gebirge, trug einen Anorak, dessen Kapuze er sich über den Kopf gezogen hatte, und stapfte mit seinen Tourenskiern bergauf. Liss blätterte bis zu ihrem Lieblingsbild. Sie saß hoch oben auf seinen Schultern und hielt sich an seinen langen braunen Haaren fest, als wären es die Zügel eines Pferds. Sie spürte ein Ziehen im Bauch, als sie das Foto betrachtete. Und mit einem Mal kehrte die Erinnerung zurück. Er stolpert, sie schreit, sein Oberkörper kippt nach vorne, doch im letzten Moment richtet er sich wieder auf. Dann noch einmal. Sie juchzt und schreit, er soll aufhören und sie runterlassen, doch er weiß, dass sie genau das Gegenteil will. Das braune Fotoalbum ist noch älter. Es stammt aus seiner Kindheit. Er hatte auf einem der Höfe in der Umgebung ausgeholfen, Mailin hatte ihn ihr gezeigt. Ihr Vater hatte abends geholfen, die Kühe zusammenzutreiben, oder das Heu zum Trocknen aufgehängt. Er war lang und schlaksig, genau wie sie. In der Türöffnung stand sie, seine Mutter. Du gleichst ihr bis aufs Haar, Liss. Siehst du das? Es war die Stimme ihres Vater. Sie erinnerte sich an ihren Klang. Vielleicht saßen sie hier in der Hütte auf dem Sofa. Jedenfalls blättern sie in dem Album, als er es sagt – wie ein Geheimnis, das sie nicht weitererzählen darf … Das Foto ihrer Großmutter war in Schwarzweiß, doch Liss wusste, dass sie sich ähnelten. Eine große, magere Frau mit Bluse und langem Rock. Sie wirkt blass und hat einen sonderbaren Gesichtsausdruck, als ob sie halb träumte. Ihr Haar ist auf altmodische Weise hochgesteckt. Auf einem der Fotos steht sie lächelnd draußen auf der Treppe, und die Ähnlichkeit zwischen ihr und Liss ist noch deutlicher zu erkennen. Alles, was sie von ihr wusste, hatte sie von Ragnhild. Die Mutter ihres Vaters hatte ein eigenes Atelier gehabt, in dem sie tagein, tagaus gemalt hatte, ohne dass dabei etwas Besonderes entstanden wäre. Sie hatte die Familie verlassen, als der Vater zehn Jahre alt war, doch Liss wusste nicht, wo sie hingegangen war. Vielleicht hatte ihr Vater es auch nie erfahren. Ragnhild zufolge litt sie an irgendeiner Krankheit und starb in der psychiatrischen Klinik in Gaustad. Liss zog das Notizbuch heraus. Mailins Buch. Warum habe ich im Gegensatz zu dir alles vergessen, Mailin? Sie dachte eine Weile über diese Frage nach, ehe sie weiterschrieb. All das, was ich dich fragen will, wenn du zurückkommst. Viljam hat etwas im Blick, das an diese Fotos von Papa erinnert. Ist dir das aufgefallen? Etwas um die Stirn. Auch die Art zu sprechen. Aber der Mund ist anders. Ich vermisse dich, Mailin. Ich vermisse dich auch, Liss. Was soll nur aus dir werden? Warum hast du den Kamin nicht sauber gemacht, bevor du das letzte Mal von hier weggefahren bist? Darüber kann ich nicht sprechen. Noch fünf Tage bis Weihnachten. Ich will, dass du nach Hause kommst. Sie schrieb detailliert nieder, was Mailin an ihrem letzten Abend in der Hütte getan haben könnte: Essen gemacht, ein Glas Wein getrunken und ins Kaminfeuer gestarrt oder im Schein der Öllampe am Laptop gesessen und gearbeitet. Sie schrieb auf, was Mailin gedacht haben könnte, bevor sie einschlief. Wie sie am nächsten Tag ihre Sachen zusammenpackte. Vielleicht hatte sie es plötzlich eilig gehabt, jemand zu treffen, und keine Zeit mehr gefunden, den Kamin sauber zu machen. War durch den Wald zu ihrem Auto gehastet und losgefahren. Was danach geschehen war, konnte Liss sich nicht vorstellen. 15 Dienstag, 23. Dezember D ie Gemeinschaftsküche war sparsam ausgestattet. Kühlschrank, ein Tisch mit fünf Stühlen, kleiner Herd, Mikrowelle. Ein Poster an der Wand, Salvador Dalís zerlaufende Uhren. Ein Typ in Kapuzenpullover kam herein, warf Liss einen kurzen Blick zu und nahm eine Packung aus dem Kühlschrank, offenbar Leberwurst. Er schmierte sich eine Scheibe Brot und eilte damit wieder hinaus. In diesem Moment kam Catrine von der Toilette zurück. »Versprich mir, dass du nie in ein Studentenwohnheim ziehst«, sagte sie. »Sobald ich mir was anderes leisten kann, ziehe ich sofort aus.« Sie blickte zur Arbeitsplatte hinüber, auf der sich Essensreste und Geschirr stapelten. »Wenn du wüsstest, wie sehr mich das annervt, dass hier nie jemand was wegräumt. Der Typ, der gerade da war, ist eines der größten Dreckschweine, mit dem ich je die Küche teilen musste. Und das will wirklich was heißen.« Schon in ihrer Wohngemeinschaft in der Schweigaardsgate hatte sich Catrine über die meist männlichen Mitbewohner aufgeregt, die nie aufräumten. »Wenn ich je mit einem Typen zusammenziehe, dann nur mit einem Krankenpfleger«, erklärte sie. »Die achten zumindest auf Sauberkeit.« »Also du und ein Krankenpfleger, das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen«, entgegnete Liss. »Sag das nicht. Meinetwegen kann er ein Sensibelchen oder sogar schwul sein. Hauptsache, er räumt auf.« Es war über drei Jahre her, dass Liss sie zum letzten Mal gesehen hatte. Catrine hatte ihre Haare lang wachsen lassen und sie dunkel gefärbt. Auch ihr Kleidergeschmack hatte sich geändert. Von sackförmigen Pullovern zu eng sitzenden Tops, die so weit ausgeschnitten waren, dass man die Spitzen ihres Push-up-BH sah. Von weiten Unisex-Jeans zu Stretchhosen, die ihren wohlgeformten Hintern betonten. Als Liss nachfragte, räumte sie ein, seit einiger Zeit ein Fitnessstudio zu besuchen. Sie widmete sich zwar immer noch der Politik, doch war es mehrere Jahre her, dass sie an Hausbesetzungen und Straßenschlachten teilgenommen hatte. Inzwischen studierte sie Politologie und saß im Führungsgremium einer Studentenorganisation. »Wie geht’s bei dir zu Hause?« Liss sah das Haus in Lørenskog nicht als ihr Zuhause an, sagte aber nichts dazu. »Kannst dir bestimmt vorstellen, was da gerade los ist.« Catrine nickte. »Das kommt mir alles so unwirklich vor. Für euch muss es ja noch viel …« Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Eigentlich hatte Liss Catrine besucht, um einmal durchatmen zu können. Um nicht ständig über das reden zu müssen, was sie quälte. Offenbar hatte Catrine das jetzt verstanden. Sie stand auf, holte Kaffee, Apfelsaft und Cracker. »Du zählst immer noch Kalorien«, stellte Liss fest, als sie die Packung sah. »Stimmt.« »Und isst nach wie vor kein Fleisch?« »Doch, ab und zu. Aber nicht Wolf oder Bär.« Liss musste lächeln und fühlte sich für einen Moment leichter. Dann begannen die Gedanken wieder in ihrem Kopf zu kreisen. »Was verbindest du mit Death by Water«, fragte sie und schüttete je einen gehäuften Löffel Pulverkaffee in ihre Tassen. »Hab jede Menge Treffer bekommen, als ich es gegoogelt habe. Ich meine, es ist ein Filmtitel, oder aus einem Roman.« Catrine war belesener als sie und hatte immer etwas für eigenwillige Filme übriggehabt. »Kommt mir auch bekannt vor«, sagte sie. »Vielleicht der Name einer Rockgruppe?« Sie ging in ihr Zimmer und kam im nächsten Moment mit einem Laptop zurück. Sie schloss ihn an und loggte sich ins Internet ein. Kurz darauf rief sie: »Ach ja! The Waste Land von T. S. Eliot. Das hab ich sogar früher mal gelesen.« Liss sah ihr über die Schulter. »Phlebas the Phoenician, a fortnight dead, Forgot the cry of gulls, and the deep sea swell.« »Seit wann interessierst du dich denn für Gedichte?«, wunderte sich Catrine. »Du hast doch noch nie viel gelesen.« »Das ist mir einfach so untergekommen. Hört sich interessant an, ein ertrunkener Phönizier …« Sie las den Artikel zu Ende. Eine flüsternde Tiefseeströmung reinigt die Knochen des Ertrunkenen. Er liegt auf dem Meeresgrund, steigt empor und sinkt hinab, fließt durch Bilder hindurch und wird von einem Strudel erfasst. »Es könnte etwas mit Mailin zu tun haben«, sagte Liss. »An der Korktafel in ihrer Praxis hing ein Zettel. Darauf stand: ›Frag ihn nach Death by water.‹« Catrine klickte sich bis zu einem Kommentar und las laut: »Das Gedicht The Waste Land beschreibt die Wanderung durch eine kaleidoskopische Welt, die unter dem Fluch der Unfruchtbarkeit steht. Kaum jemand in diesem öden Land ist von Hoffnung erfüllt, fast alle sind mit Blindheit geschlagen.« Sie drehte sich zu Liss um. »Glaubst du, das hat etwas mit Mailins Verschwinden zu tun?« »Nein, wahrscheinlich nicht. Aber alles, was sie hinterlassen hat, ist für mich von Bedeutung. Alles, was darauf schließen lässt, was sie gedacht und getan hat.« Nach dem Kaffee holte Catrine eine Flasche Southern Comfort. Sie hatte süße Sachen schon immer gemocht. Nach ein paar Drinks fragte sie Liss, ob sie nicht in die Stadt mitkommen wolle. Liss wusste nicht, was sie antworten sollte. War sich nicht sicher, ob Catrine wirklich Lust hatte, mit ihr den Abend zu verbringen. Sie fühlte sich wie von einer dünnen Haut umgeben, die sie schützte, aber gleichzeitig unzugänglich machte. »Ich fürchte, in meiner Gesellschaft wirst du nicht viel Spaß haben«, sagte sie. »Willst du mich beleidigen?«, fragte Catrine und gab ihrer Stimme einen verärgerten Klang. »Wenn du glaubst, dass ich nur Spaß haben will …« »Ein bisschen Abwechslung täte mir schon gut«, unterbrach Liss sie und leerte ihr Glas. Der Gedanke, nach Lørenskog zu fahren und den Abend des 23. Dezember mit ihrer Mutter und Tage zu verbringen, war ihr unerträglich. Trotz ihrer recht bescheidenen Garderobe brauchte Catrine fast eine Stunde, um die richtigen Kleider zu finden. Liss fiel die Rolle der Stylistin zu, in der sie Catrine zufolge absolut überqualifiziert war. Die Freundin verwies augenzwinkernd auf einen Artikel im Magazin des Dagbladet, der Liss eine große Modelkarriere voraussagte. Liss sagte ihr nicht, dass sie vorhin weniger als zehn Minuten benötigt hatte, um sich zurechtzumachen. Sie hatte sich einen von Mailins Pullovern ausgesucht. Die Lederjacke war endlich getrocknet, hatte jedoch hässliche Flecken am Kragen zurückbehalten. Catrine entschied sich am Ende für ein kurzes, eng anliegendes Satinkleid. Sie legte sich auf den Boden, zog sich mühsam die durchsichtige Strumpfhose an, ließ den Slip jedoch weg. Sie war mit einer Kommilitonin verabredet, die ebenfalls Politologie studierte. Sie hieß Therese und hatte einen Fußballspieler an der Angel. »Der spielt in der ersten Liga«, erklärte Catrine, als sie die U-Bahn in Richtung Zentrum nahmen. »Beste Fleischqualität.« Therese stand vor dem Café Mono und tippte auf ihrem Handy herum. Sie war klein und dunkelhaarig, mit intensiven dunklen Augen. Zwischen den schmalen Lippen hing eine unangezündete Zigarette. »Was ist mit dem Filetstück?«, fragte Catrine. »Ist auf dem Weg.« Liss konnte ihrer Geheimsprache nicht viel abgewinnen. Doch lag Catrine offenbar viel daran, dass ihre Freundin sich an diesem Abend nicht ausgeschlossen fühlte. »Therese und ich haben ein Klassifizierungssystem für unsere Dates entwickelt«, erklärte sie. »Es ist ganz einfach«, ergänzte Therese. »Es sind dieselben Bezeichnungen, die an der Fleischtheke benutzt werden. Brust- und Schulterstücke kommen also nur im Notfall infrage.« »Innereien sind allerdings noch schlimmer«, meinte Catrine und verzog angewidert den Mund. »Leber kann ich echt nicht ausstehen.« »Stimmt«, bestätigte Therese. »Nackenkoteletts und Schinken sind dagegen ziemlich okay.« »Und dein Date heute Abend ist also ein Filetstück«, schob Liss ein, um zu zeigen, dass sie verstanden hatte. »Wie steht’s mit dem Haltbarkeitsdatum?« »Gute Idee!« Catrine war begeistert. »Das müssen wir unbedingt einführen. Am besten zu konsumieren vor dem …« »Haltbar bis …«, ergänzte Therese. Sie nahmen im hintersten Raum des Cafés auf einem altmodischen Sofa Platz. Catrine beugte sich zu Liss vor und rief ihr etwas zu, um die dröhnende Musik aus den Lautsprechern an der Decke zu übertönen. »Ich sage Therese, wer du bist, okay? … Das ist Liss, die Schwester von Mailin Bjerke.« Therese starrte sie an. Liss mochte ihre dunklen Augen. »Von der Frau, die … oh, verdammt, das tut mir echt leid.« Liss drückte ihr kurz den Arm. »Ist schon in Ordnung. Catrine hat mich mitgenommen, damit ich mal auf andere Gedanken komme. Erzähl mir lieber von deinem Fußballspieler.« Therese fing sich rasch wieder. »Sag mal, Catrine, ich wollte eigentlich nicht, dass gleich die ganze Stadt davon erfährt.« »Hab’s auch nur Liss erzählt. Ehrenwort! Auf sie kannst du dich total verlassen.« Liss hatte fast nichts gegessen und spürte bereits beim zweiten Bier, dass sie ziemlich schnell betrunken sein würde. »Von mir wird niemand etwas erfahren«, versprach sie und bekreuzigte sich. Der vertrauliche Tonfall hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. »Er ist so sexy, dass ich mir glatt ein Fußballspiel ansehen würde«, sagte Therese. »Eigentlich ist das ja meiner Meinung nach der größte Schwachsinn, aber ich würde ihn gern mal in so einer kurzen, engen Hose sehen …« »Fußballer tragen aber sehr große und weite Hosen«, klärte Catrine sie auf. »Die brauchen wahrscheinlich so viel Platz, um alles gut darin zu verstauen. Handballer tragen kurze, enge Hosen.« Liss musste grinsen. Catrine hatte sich schon immer für die männliche Anatomie interessiert und ihre Studien in natura betrieben. »Wie heißt denn das Filetstück?« »Jomar.« Catrine stand der Mund offen. »Willst du dich etwa mit einem Typ treffen, der Jomar heißt?« »Ganz genau.« »Du kannst ihn ja anders nennen«, schlug Liss vor, »wie wär’s mit Jay?« »Und Fußballwissen musst du dir natürlich auch aneignen«, frotzelte Catrine. »Immer schön den Sportteil der Zeitung lesen, die Tabellen der deutschen und belgischen Liga studieren.« Therese stellte ihr Glas ab. »Aber so ist er gar nicht. Mit Jomar kann man über viele Dinge reden. Außerdem studiert er.« »Auf der Sporthochschule«, erklärte Catrine und warf Liss einen vielsagenden Blick zu. »Könntest du dir etwa vorstellen, dich mit einem dieser Weicheier von unserem Fachbereich zu treffen?«, fragte Therese. »Pas du tout«, stellte Catrine fest. »Jedenfalls nicht, wenn ich auf Sex aus wäre.« »Und das bist du ja.« »Ich schleppe am Samstagabend doch keinen Typ ab, um mit ihm über den norwegischen Sozialstaat zu diskutieren, wenn du das meinst.« »Bad guys for fun«, sagte Therese, »good guys for …« »Kolloquien!«, ergänzte Catrine. Liss lachte. Die Haut, die sie umgab, war unsichtbar. Die anderen hatten sie vielleicht gar nicht bemerkt. Sie dachte, dass sie den Kontakt zu Catrine halten wollte. Und Therese mit den schwarzen Augen hätte sie am liebsten umarmt und an sich gedrückt. Es war schon nach halb zwei, als er erschien. Aus irgendeinem Grund wusste Liss sofort, dass es der Fußballer war, als er den Raum betrat. Er war groß, sodass sein Kopf aus der Menge der anderen Leute herausstach. Hatte zerzauste, helle Haare, die gebleicht aussahen. Als Therese ihn erblickte, winkte sie und rief ihm etwas zu. Zusammen mit einem anderen dunkelhäutigen Typ mit Rastazöpfen kam er an ihren Tisch. Therese machte alle miteinander bekannt. »Catrine, das ist Jomar Vindheim.« Er trug einen Anzug unter der Lederjacke, und um seinen Hals hing ein weißer Schal mit Goldfäden. Catrine lächelte ein wenig säuerlich, sicher wegen des bekannten Namens des Fußballers. »Jomar, das ist Catrine, und dies hier ist …« Er wandte sich Liss zu und nahm ihre Hand. Überrascht zog sie sie zurück, doch er hielt sie fest. Seine Augen waren auffallend schräg und sahen in dem gedämpften Licht grau aus. »Jomar«, sagte er. »Liss«, entgegnete sie und bekam ihre Hand frei. Sein Kumpel hieß Didier und war, wie sich herausstellte, ein neuer Mitspieler aus Kamerun. Plötzlich zeigten Catrine und Therese ein leidenschaftliches Interesse an Fußball, und beide wussten verdächtig viel. »Ihr spielt doch mit einer flachen Vier im Mittelfeld«, meinte Catrine zu wissen. »Eigentlich mit einer flachen Elf«, entgegnete Jomar und übersetzte für Didier, der sich vor Lachen schüttelte. »Bright girl«, sagte er und tätschelte ihr den Arm. »Bien sûr, comme une vache«, erwiderte sie mit ihrem strahlendsten Lächeln. Catrines Großmutter kam aus Belgien, und Liss hatte den Eindruck, dass ihr Französisch fließend war. Auch Didier war offenbar beeindruckt und schien ein leichtes Opfer zu sein. Auf der anderen Seite des Tisches schmiegte sich Therese bereits an ihr Filetstück. Sie hatte ihn vom ersten Augenblick mit Argusaugen betrachtet, hatte einen unsichtbaren, doch unverkennbaren weißen Kreis um ihn geschlagen und würde ihr Terrain notfalls mit Zähnen und Klauen verteidigen. Liss hatte sich in die äußerste Sofaecke zurückgezogen. Dort gefiel es ihr am besten, in der Rolle der stillen Beobachterin. 16 J omar Vindheim hatte seinen BMW direkt vor dem Café geparkt. Er wollte selbst fahren, hatte so gut wie nichts getrunken, wie er beteuerte. Therese sicherte sich den Beifahrersitz. Didier quetschte sich auf der Rückbank in die Mitte. Hin und wieder unterbrach er sein Gespräch mit Catrine auf Französisch und wandte sich in seinem afrikanischen Englisch an Liss. Er legte jeweils einen Arm um Liss und Catrine. Er roch nach einem Parfüm, das Liss unbekannt war. Ihr gefiel die Schwere seiner Hand um ihre Schulter. Sie jagten den Trondheimsveien in Richtung Carl Berners plass entlang. Jomar suchte nach einer Adresse in Sinsen. Es hatte leicht zu schneien begonnen, als sie ausstiegen. Schwere Flocken landeten auf dem Boden und schmolzen auf der Stelle. Musik drang aus einem offenen Fenster. Liss spürte den Rausch wie aus weiter Ferne. Sie kamen in eine große Wohnung im dritten Stock. Die Musik war so laut, dass sich Gespräche erübrigten. Also glitt sie durch die Räume und spürte die Blicke, die sich auf sie richteten, manche gelangweilt, andere interessiert. Sie setzte sich im dunkelsten Raum auf ein Sofa und schaute den anderen beim Tanzen zu. Ein Joint machte die Runde. Er roch süß. Sie nahm zwei tiefe Züge und reichte ihn weiter. Er war ziemlich stark, und sie spürte sofort, dass er seine Wirkung nicht verfehlen würde. Genau in diesem Moment wurde etwas aufgelegt, das sich wie Rai anhörte, jedenfalls wie eine Musik, die Zako immer gehört hatte. Sein Name durchzuckte sie. Er würde den Weg zu ihrem verschlossenen Raum finden. Hinter der Tür lag Zako immer noch auf seinem Sofa. Doch Liss öffnete sie nicht, sondern ließ sich von der Musik forttragen, die so zäh wie Cannabisöl war. Sie blickte zu Catrine hinüber, die sich mit Didier in den hintersten Winkel des Zimmers zurückgezogen hatte. Ihr Abend ist gerettet, dachte Liss und gab sich mit geschlossenen Augen der Musik hin. Schüttelte nur den Kopf, als jemand vor ihr stand und mit ihr tanzen wollte. »So schnell gebe ich nicht auf«, sagte er. Liss öffnete die Augen. Jomar Vindheim war vor ihr in die Knie gegangen. »Ich will tanzen, mit dir.« Sie schüttelte erneut den Kopf. Doch als er sie am Arm nach oben zog, leistete sie keinen Widerstand. Sie schaute sich nach Therese um, konnte sie jedoch nirgends entdecken. Er klammerte sich nicht an sie, bewegte sich allerdings nicht ganz im Rhythmus der Musik, aber Liss wollte ihn nicht unnötig aus dem Takt bringen. Der Raum wurde von der arabischen Stimme des Rai-Sängers erfüllt. Mit einem Mal befand sie sich in einem Garten mit hängenden Blumen, die einen schweren, süßlichen Duft verströmten. An diesem Ort konnte sie niemand erreichen. »Therese hat mir eine SMS geschickt, bevor ich euch im Mono getroffen habe. Sie sagte, dass du die Schwester von …« Sie drehte ihren Kopf weg, und er begriff, dass sie nicht darüber reden wollte. Er legte seine Hand auf ihre nackte Schulter und strich mit einem Finger an ihrem Haaransatz entlang. »Ich muss dich wiedersehen«, sagte er. »Ich mag Therese«, entgegnete sie. »Ich auch. Aber ich muss dich wiedersehen.« In diesem Moment stand Therese neben ihr. Liss machte sich frei, wankte zu ihrem Sofa zurück und versank wieder in ihrem imaginären Garten. Zwischen blühendem Mohn und Jasmin hindurch warf sie einen Blick auf die Tanzenden. Catrine trug eine Weihnachtsmannmütze mit blinkenden Lichtern und hatte ihre Arme um Didiers Hals geschlungen. Seine Hände hatten ihre strammen Pobacken sicher im Griff. Nicht weit von ihnen entfernt stellte sich Therese auf die Zehenspitzen und küsste ihr Filetstück auf die Wange. Er wandte den Kopf ab. Liss begegnete seinem Blick und schüttelte erneut den Kopf. Als sie von der Toilette kam, warf sie einen Blick in das hintere Schlafzimmer. Sie ahnte bereits, was dort vor sich ging. Es war ein ständiges Kommen und Gehen. Ein Typ in Jeansjacke, der nicht ansatzweise ein Haar auf dem Kopf hatte, saß vor einem Glastisch und streute den Schnee auf den Tisch. »Die erste Runde geht aufs Haus«, sagte er gähnend. Er zog drei Linien. Ein junger Typ, der neben Liss auf dem Sofa gesessen und es irgendwann aufgegeben hatte, mit ihr anzubändeln, holte ein Messingröhrchen aus der Tasche, zog sich eine Linie rein und gab ihr das Röhrchen. Er sah wie siebzehn aus. Sie beugte ihren Kopf und genehmigte sich die ganze Dosis auf einmal. Es brannte von der Nasenwurzel aufwärts bis unter die Schädeldecke. Eine plötzliche Freude flackerte in ihr auf. Das Bild der Hütte kam ihr in den Sinn. Im Moor zwischen den Bäumen zu liegen und in den schwarzen Himmel zu schauen … »Ich fahre morgen zurück«, sagte sie laut. Der junge Typ lehnte sich an sie. Er trug eine gelbe, eng anliegende Hose. Sie musste an das Gemälde eines Renaissanceprinzen denken. Allerdings hat er kein Suspensorium, dachte sie und musste lachen. »Wo willst du hin?«, fragte er, sichtlich ermutigt. »Never mind«, sagte sie. »Neverland?« Sie nickte. »Du bist cool. Ich mag dich.« Er legte den Arm um sie und ließ einen Finger in ihren Ausschnitt gleiten. Sie schob ihn weg, tätschelte ihm lächelnd den Kopf, stand auf und wollte ins Nebenzimmer gehen, blieb jedoch auf der Schwelle stehen. Denn in diesem Moment öffnete der Glatzkopf, der den Stoff spendiert hatte, die Wohnungstür. Draußen stand ein Mann mit schwarzen Locken und Matrosenjacke. Sie erkannte ihn sofort. Jomar tauchte neben ihm auf und sagte etwas zu ihm. »Das geht dich nichts an!«, knurrte der Typ mit der Matrosenjacke und drückte dem Dealer einen Beutel in die Hand. Er bekam im Gegenzug einen Umschlag, überprüfte den Inhalt und verschwand wieder. Liss rannte ins Treppenhaus, aber der Typ in der Matrosenjacke war schon eine Etage tiefer. »Hey!«, rief sie. Er reagierte nicht, sondern lief weiter die Stufen hinunter. Sie sprang hinter ihm her und holte ihn am Ausgang ein. »Hey, ich rede mit dir!«, keuchte sie und fühlte sich stärker als je zuvor. Der Kerl drehte sich mit demselben flackernden Blick zu ihr um, der ihr schon in Mailins Praxis aufgefallen war. »Was willst du von mir?« »Du weißt genau, was ich von dir will!«, fauchte sie. Er versuchte, sich durch den Türspalt zu pressen, doch sie hielt ihn am Arm fest. »Du bist damals in Mailins Praxis gewesen.« »Na und?« »Du wusstest, dass sie nicht da war, trotzdem hast du ihre Sachen durchsucht.« Er starrte sie an. »Du bist doch total stoned, du alte Schlampe!« »Warum hast du die Seite aus ihrem Notizbuch gerissen?« Plötzlich spürte sie eine unbändige Wut in sich aufsteigen, wollte auf ihn einprügeln, ihm an die Kehle springen. »Hast du ein Problem?«, rief er und schleuderte sie gegen die Wand. »Hau bloß ab, verdammte Fotze!« Seine Hand schloss sich um ihren Hals und drückte zu. Ihr wurde schwarz vor Augen. Dennoch verspürte sie eine gewisse Erleichterung. Alles konnte auch hier ein Ende nehmen, auf diese Weise … Weit entfernt hörte sie Schritte auf der Treppe, die näher kamen. Sie sackte zusammen. Jemand verpasste ihr ein paar Ohrfeigen und wiederholte immer wieder ihren Namen. Sie hob den Kopf und blickte in das Gesicht von Jomar Vindheim. Er sah wütend aus. »Wer zum Teufel hat das getan?« »Vergiss es«, hustete sie. »Es war meine Schuld.« * Als sie erwachte, stieg ihr ein süßlicher Geruch in die Nase, Aftershave. Sie war in der Wohnung eines Mannes und lag allein in einem breiten Bett. Sie bemerkte, dass sie angezogen war. Im Zimmer war es dunkel, doch unter der heruntergelassenen Jalousie sickerte Licht hindurch. Die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen würde ihr kein Vergnügen bereiten, doch sie musste herausfinden, was geschehen war, bevor sie in diesem Bett gelandet war. Sie musste versuchen, sich an die äußeren Umstände zu halten. Mit Catrine in der Stadt gewesen. Therese kennengelernt. Das Filetstück und der Afrikaner. Die Party in Sinsen. Der Typ, der bei Mailin in der Praxis gewesen war. Sie hatte ihn angegriffen. Jomar hatte sie auf den Rücksitz seines Autos verfrachtet. Als er vor der Ambulanz des Krankenhauses hielt, setzte sie sich auf und weigerte sich, hineinzugehen. Daraufhin hatte er sie zu sich nach Hause mitgenommen. Sie hatte keine Kraft mehr zu protestieren, erinnerte sich aber daran, dass sie während der Fahrt in einer Tour geredet hatte. Über Mailin. Über die Hütte am Morrvann. Auch über Amsterdam, glaubte sie. Hatte sie Zako erwähnt? … Als sie in seine Wohnung kamen, wurde ihr sofort schwarz vor Augen. Wie blöd konnte man eigentlich sein? Sich von einem fremden Mann abschleppen zu lassen, ohne sich unter Kontrolle zu haben … Er hatte sie nicht angerührt, das spürte sie. Hatte sie in dieses Bett gelegt und sich woanders schlafen gelegt. Sie schlich hinaus und kam ins Wohnzimmer. Die Uhr am Fernseher zeigte Viertel nach acht. Eine Tür führte in die Küche, eine weitere auf den Flur hinaus. Eine dritte Tür war angelehnt. Sie hörte seine tiefen, gleichmäßigen Atemzüge. Als sie die Wohnungstür öffnete, schlug ihr die Kälte entgegen. Sie trug nur einen dünnen Pullover von Mailin. Die Jacke hatte sie auf der Party vergessen. Sie ging wieder in den Flur zurück. An der Garderobe hingen eine Lederjacke von Marlboro, die Jomar gestern getragen hatte, zwei Anoraks, zwei Sakkos und ein Skianzug. Sie entschied sich für einen abgetragenen Anorak, nahm eine Kaugummipackung, ein paar Quittungen und eine Packung Kondome aus den Taschen und legte sie auf den Tisch im Eingangsbereich. Erneut öffnete sie die Tür und huschte leise die Treppe hinunter. 17 Mittwoch, 24. Dezember T ormod Dahlstrøm hatte immer noch einen Patienten, als sie sein Haus erreichte. Es musste sich um eine Frau handeln, denn an der Garderobe vor dem Wartezimmer hing ein Pelzmantel. Liss ließ sich auf einen der Lederstühle sinken und begann in der Vogue zu blättern, doch sie hatte weder Lust zu lesen noch sich die Fotos anzuschauen. Aus dem Behandlungszimmer konnte sie leise Stimmen vernehmen, unterbrochen von langen Pausen. Sie nahm das Magazin des Dagbladet. Auf dem Cover grinste sie Berger mit seinen Mäusezähnen an. Sie schlug das Interview auf. Er erzählte von seiner Kindheit. Von seinem Vater, der Pastor der Pfingstgemeinde gewesen war. Und wie froh er darüber sei, mit dieser klaren Unterscheidung zwischen Schwarz und Weiß, zwischen dem Reich Gottes und des Teufels aufgewachsen zu sein. Die Tür zu der Praxis glitt auf, und eine Frau mit einem dunkelgrünen Kostüm kam heraus. Sie war einige Jahre älter als Liss, hielt sich ein Taschentuch vor Mund und Nase und beachtete sie nicht. Daher dauerte es ein paar Sekunden, bis Liss die Frau erkannte, obwohl sie jahrelang die Titelseiten der Zeitschriften geziert hatte, auch in Amsterdam. Die Frau nahm ihren Mantel vom Bügel und ging langsam zum Ausgang, ohne ihn anzuziehen. Dahlstrøm tauchte in der Türöffnung auf. »Entschuldige, ich wusste nicht, dass du an Heiligabend arbeitest.« »Kein Problem«, versicherte er. »Jemand anders hat abgesagt. Schön, dich zu sehen«, fügte er hinzu. Sein Blick und sein Tonfall verrieten, dass er es ehrlich meinte. Liss versuchte, eine winzige Diskrepanz zu entdecken, etwas, das ihn der Lüge überführte, konnte aber nichts dergleichen feststellen. »Und was die Frau angeht, die gerade gegangen ist …«, Dahlstrøm hielt sich den Zeigefinger auf die schmalen Lippen, »so rechne ich mit deiner Diskretion.« »Aber natürlich«, entgegnete Liss. »Ich werde keinen Gedanken an all das Geld verschwenden, das ich verdienen könnte, wenn ich der Boulevardpresse einen Tipp gäbe.« »Da gehen dir sicher Millionen durch die Lappen«, bestätigte er und wies mit der Hand auf einen bequemen Ledersessel in seinem Büro. »Hast du noch mehr Patienten, die in ganz Europa berühmt sind?«, fragte sie. »Kein Kommentar.« Er lächelte, wodurch seine tiefsitzenden Augen ein wenig näher zu kommen schienen. »Da ich selbst einige Bücher geschrieben und ein paar Fernsehauftritte gehabt habe, denken manche Promis, dass ich mich gut in ihre Lage hineinversetzen kann.« Sein Gesicht wurde wieder ernst, die Augen glitten in ihre Höhlen zurück. Von dort aus betrachteten sie die Welt und bekamen alles mit. »Wie geht es deiner Mutter?« Liss zuckte die Schultern. »Ich bin seit ein paar Tagen nicht zu Hause gewesen.« »Du wohnst bei Freunden?« »Unterschiedlich.« Er sah ihr sicher die nächtlichen Eskapaden an, enthielt sich aber eines Kommentars. Sie hatte einen Grund für ihren Besuch gehabt, wollte mit ihm über eine bestimmte Sache reden, doch jetzt schwieg sie. »Mit jedem Tag schwindet unsere Hoffnung ein bisschen!«, brach es plötzlich aus ihm heraus. »Es vergeht keine Stunde, in der ich nicht Mailins Bild vor Augen habe. Mir geht es schlecht, Liss. Psychisch und physisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie vielleicht nie mehr zu mir kommen und an diese Tür klopfen wird … Immer denke ich, dass sie es ist.« Liss kam wieder zu sich. »Wenn Mailin verschwindet, verschwinde ich auch«, sagte sie. Dahlstrøm richtete sich in seinem Stuhl auf. »Verschwinden …?« Sie starrte auf die Tischplatte, spürte das Gewicht seines Blicks. »Im übertragenen Sinne. Ich meine, ohne Mailin werde ich nicht mehr dieselbe sein wie zuvor.« Er schien über ihre Worte nachzudenken. Dann sagte er: »Ich habe das Gefühl, dass dich etwas beschäftigt, das nicht nur mit Mailin zu tun hat.« Ihr Magen zog sich zusammen. Nichts an ihr entging ihm. Plötzlich fühlte sie sich nackt. Dennoch konnte sie mit ihm reden. Musste nur irgendeinen Anfang finden. Ihm von der Party in Sinsen und dem Mann mit der Matrosenjacke erzählen … An irgendetwas musste sie sich erinnern, etwas, das sie dort oben in der Wohnung gesehen hatte. Doch ihre Gedanken fegten alles beiseite und wirbelten einfach weiter: alles, was nach ihrer Ankunft in Oslo geschehen war, davor die Bloemstraat, Zako tot auf dem Sofa, das Foto von Mailin … Die vier Jahre in Amsterdam waren nur eine Flucht gewesen, davor der Auszug von zu Hause, die Wohngemeinschaft in der Schweigaardsgate, davor das gemeinsame Leben mit ihrer Mutter und Tage, davor die Zeit, als Mailin noch zu Hause gewohnt hatte. Mailin, die Gute, auf die ihre Mutter so stolz war, auf der alle Hoffnungen ruhten, aus der einmal etwas werden sollte. Und davor all das, was die Erinnerung ihr verweigerte … Woher kommst du, Liss? Sie nahm sich zusammen und schob den Drang beiseite, ihm all das zu erzählen. »Ich spüre, dass ich nach Mailin suchen muss«, sagte sie. »Ich weiß nur nicht, wo. Also habe ich begonnen, alles Mögliche aufzuschreiben.« Er schaute sie interessiert an. »Was hast du aufgeschrieben?« Sie wickelte eine Haarlocke um ihren Finger. »Gedanken und Fragen. Was mit ihr geschehen sein könnte. Wo sie wann war, wem sie begegnet ist. Solche Dinge.« »Dinge, um die sich auch die Polizei kümmert«, bemerkte er. »Ich habe mir übrigens ein paar Fragen notiert, die ich dir stellen möchte«, sagte sie. »Etwas über ihre Kollegen, mit denen sie in der Welhavens gate zusammenarbeitet. Kennst du sie?« »Ich kenne Torunn Gabrielsen.« »Pål Øvreby nicht?« Dahlstrøm strich sich über den blonden Flaum, der immer noch auf seinem Schädel wuchs. »Ich bin ihm ein paarmal begegnet. Ein Psychologe, der sich bei seiner Behandlung ziemlich unorthodoxer Mittel bedient. Warum fragst du?« Liss wusste keine Antwort. Sie hatte sich wohl eine Bestätigung ihres eigenen Eindrucks erhofft. »Torunn Gabrielsen und Pål Øvreby sind doch ein Paar, oder nicht? Sie schien immer noch eifersüchtig zu sein, weil Pål und Mailin früher mal zusammen waren.« »Davon weiß ich nichts«, entgegnete Dahlstrøm. »Aber ich glaube, dass Torunn Gabrielsen einen anderen Grund hat, um auf Mailin wütend zu sein.« Er schien einen Augenblick nachzudenken. »Eigentlich ist es nicht meine Art, vertrauliche Dinge über Kollegen auszuplaudern, aber das ist schließlich eine besondere Situation … Ich habe mich ja geweigert zu glauben, dass irgendjemand Mailin etwas angetan haben könnte. Diese Vorstellung ist unerträglich, nicht wahr? Erst wenn alle anderen Möglichkeiten ausscheiden …« Liss wusste genau, was er meinte. »Mailin und Torunn Gabrielsen saßen gemeinsam in der Redaktion von Stimen. Du kennst doch die Zeitschrift?« Sie hatte flüchtig in ein paar Exemplaren geblättert, die Mailin ihr geschickt hatte. »Du weißt sicherlich auch, dass die beiden gemeinsam ein Buch veröffentlicht haben«, fuhr er fort. »Irgendwann müssen sich ihre Ansichten auseinanderentwickelt haben. Mailin hat sich seit ihrer Studienzeit mit den Opfern sexueller Übergriffe beschäftigt. Ihre gegenwärtige Studie wird sicherlich viel Beachtung finden, eine hervorragende und gründliche Arbeit.« »Das Bedürfnis des Kindes nach Zärtlichkeit, das mit der Leidenschaft der Erwachsenen kollidiert?« Dahlstrøm lehnte sich auf der anderen Seite des niedrigen Glastischs zurück. »Mailin ist von einem ungarischen Psychoanalytiker namens Ferenczi fasziniert. Er war einer von Freuds engsten Mitarbeitern, ist aber immer noch sehr umstritten.« Liss hatte mehrere Bücher von ihm in Mailins Regal gesehen. »Ferenczi war davon überzeugt, dass es in allen Schichten der Gesellschaft ständig zu Übergriffen auf Kinder kommt. Freud hat ja letztendlich betont, dass diese Vorstellungen ein Resultat der kindlichen Fantasie und des Unterbewusstseins sind.« »Aber welcher Teil von Mailins Arbeit hat die anderen bei Stimen denn so provoziert?«, unterbrach ihn Liss. »Mailin ist davon überzeugt, dass sich die Opfer sexueller Übergriffe durch ein bestimmtes Verhalten einem erhöhten Risiko aussetzen«, antwortete Dahlstrøm. »Sie möchte zeigen, wie Menschen, sowohl Frauen als auch Männer, sich durch ihr eigenes Verhalten schützen und für ihr Wohlergehen Sorge tragen können. Sie hat genau beschrieben, was dazu führt, dass bestimmte Personen immer wieder in Situationen geraten, in denen sie zu Opfern sexueller Übergriffe werden. Die Schäden, die sie dabei erleiden, wirken in ihrem Inneren fort und tragen dazu bei, dass sich bestimmte Verhaltensmuster stets aufs Neue wiederholen. Torunn und ihre Kollegen sind offenbar der Meinung, dass dieser Blickwinkel allzu sehr diejenigen vernachlässigt, die für die Verbrechen verantwortlich sind. Manche haben Mailin sogar vorgeworfen, sexuelle Übergriffe auf Frauen legitimieren zu wollen.« Er strich mit einem Finger über seinen Nasenrücken. »Vor einem Monat hat Mailin im Dagbladet eine Antwort auf ihre Kritiker veröffentlicht. Sie kritisierte die Stimen-Redaktion dafür, das Verhalten der Opfer zu tabuisieren und ihnen daher die Möglichkeit zu nehmen, sich persönlich weiterzuentwickeln. Und zwar in aller Schärfe, wie es ihre Art ist, wenn sie von jemand provoziert wird.« Dahlstrøm stand auf, ging zur Kaffeemaschine, nahm die Kanne heraus und roch daran. »Torunn Gabrielsen arbeitet mit einer ganz anderen Methode. Bei ihr sollen sich die Opfer an jedes Detail der sexuellen Gewalttat erinnern, sie quasi noch einmal erleben. Durch diese Vergegenwärtigung soll der erlittene Schaden gewissermaßen neutralisiert werden. Doch Mailin steht dieser Methode zunehmend skeptisch gegenüber. Sie meint, dass man oft alles nur viel schlimmer macht, wenn man traumatische Erfahrungen wieder zum Leben erweckt. Das kann unter Umständen als neue erlittene Gewalt empfunden werden. Auch Torunn bezieht sich übrigens auf Ferenczi, doch Mailin interpretiert ihn auf eine andere Weise. Sie hat einen Artikel über seine Schriften verfasst, in dem sie hervorhebt, dass die Fähigkeit des Vergessens ebenso wichtig ist wie die des Erinnerns. Das ist eine ihrer Thesen im Zusammenhang mit den sieben jungen Männern, die Bestandteil ihrer Studie sind.« »Sieben?«, fragte Liss. »Sind es nicht acht? Ich habe mir in ihrem Behandlungszimmer einen Aktenordner angesehen. Dort war von acht Männern die Rede.« Dahlstrøm sah überrascht aus. »Ich muss schon sagen, dass du sehr gründlich zu Werke gehst, Liss. Es stimmt, dass es ursprünglich acht Personen waren. Doch einer von ihnen kam nicht in Betracht oder ist von sich aus abgesprungen. Das war noch in der Anfangsphase, vor über zwei Jahren.« Er füllte zwei Tassen und gab Liss eine davon. »Ich glaube, wir können es riskieren.« »Ist das immer noch derselbe wie beim letzten Mal?« »Schwer zu sagen«, entgegnete er. »Manchmal bin ich schon ein wenig zerstreut.« Er wirkte kein bisschen zerstreut, ganz im Gegenteil, sie war sicher, dass er noch die kleinste Bewegung von ihr registrierte. »Wie ist es, in Amsterdam zu leben? Das ist ja eine wunderschöne Stadt.« Liss zögerte. »Mailin hat erzählt, du hättest dort einen Freund.« Hatte Mailin mit Dahlstrøm über sie geredet? Über Zako? »Da muss sie etwas missverstanden haben. Ich habe keinen Freund.« Zako war nie dein Freund. Er hat dich benutzt. Du hast dich benutzen lassen. Zako ist tot. Du hast ihn umgebracht, Liss Bjerke. »Mit mir stimmt etwas nicht«, sagte sie. Der Himmel vor dem Fenster war dunkelgrau geworden. Plötzlich kam sie sich wie ein Sack vor, der jeden Moment platzen konnte. Ich hätte nicht hierherfahren dürfen, schoss es ihr durch den Kopf. »Tut mir leid. Da tauche ich einfach so bei dir auf und rede über meine persönlichen Probleme. Du bist ja schließlich nicht mein Therapeut.« »Daran solltest du nicht denken, Liss.« »Ich war nie so wie andere«, murmelte sie. »So denken viele, vielleicht sogar die meisten von uns.« »Ich komme von einem Ort, der weit, weit entfernt liegt. Ich habe keine Ahnung, wie ich hierhergekommen bin. Nur dass alles ein Missverständnis ist. Ich kenne niemand, der …« Es klopfte an der Tür. Dahlstrøm stand auf und öffnete sie einen Spaltbreit. »Zwei Minuten«, verkündete er und drehte sich wieder zu ihr um. »Ich bin froh, dass wir miteinander reden können, Liss. Ich möchte, dass du irgendwann wiederkommst.« Er fügte hinzu: »Aber dein Therapeut will ich nicht sein.« 18 E s schneite immer noch, als sie den Slemdalsveien hinunterstapfte. Es war kälter geworden, und der böige Wind wirbelte den Schnee auf dem Bürgersteig auf. Sie zog den Anorak, Größe XL, in den sie zweimal gepasst hätte, enger um sich und fragte sich, wann sie ihn je zurückgeben konnte. Seinem Besitzer wollte sie lieber nicht wieder begegnen. Die Bilder der Nacht tauchten vor ihr auf, doch nur schemenhaft, sodass sie ihre Gefühle nicht erneut in Bewegung setzten. Vielleicht hatte das Gespräch mit Dahlstrøm diese Wirkung auf sie. Allein der Gedanke, dass es einen Menschen gab, mit dem sie reden konnte, machte sie ruhiger. An der Riskirche trippelte ein Mann mit Weihnachtsmannkostüm und dünnen Schuhen über die Straße. Er hatte alle Mühe, auf dem glatten Untergrund sein Gleichgewicht zu halten. Über der Schulter trug er einen Leinensack. Als er den Bürgersteig erreichte, machte er ein paar zögerliche Schritte zwischen den Eisplatten, rutschte aus und fluchte. Der Anblick erinnerte sie daran, dass Weihnachten war. Es graute ihr davor, nach Lørenskog zu fahren, doch sie hatte fast nicht geschlafen, brauchte eine Dusche und etwas zu essen … Mit ansehen zu müssen, wie ihre Mutter sich allmählich auflöste und Tage vergeblich versuchte, die Stimmung hochzuhalten. Ein kurzes Signal ihres Handys. Sie warf einen Blick aufs Display. Bitch!, stand dort, nichts weiter. Sie kannte Thereses Nummer nicht, wusste aber, von wem die Nachricht stammte. Sie beschrieb, wie sie sich fühlte, als sie durch den Schnee stapfte. Viljam sah aus, als wäre er direkt aus der Dusche gekommen. Seine dunklen, halblangen Haare waren nass und glatt nach hinten gekämmt. Sie hätte nicht unbedingt persönlich erscheinen müssen, um ihm frohe Weihnachten zu wünschen. Eine SMS hätte es auch getan. »Ich zahle zehn Kronen für eine Dusche, saubere Kleider und eine Tasse Kaffee«, bot sie an. Zum ersten Mal erkannte sie ein fast fröhliches Blitzen in seinen dunkelblauen Augen. »Hat die Heilsarmee schon geschlossen?«, fragte er. »Da fahr ich später noch hin, um mir einen Teller Suppe zu holen.« Er hatte ihre Andeutung verstanden. Als sie frisch geduscht, mit duftenden Haaren und sauberer Unterwäsche aus Mailins Kleiderschrank nach unten kam, stand er in der Küche und rührte in einem Kochtopf. Sie schnupperte. »Mexikanische Tomatensuppe«, gab er bekannt. »Für eine Tütensuppe gar nicht so übel.« Er backte ein paar Brötchen auf, stellte Käse und eine Schale mit Äpfeln auf den Tisch. »Wie gut du zu einem alten Weiblein bist«, sagte sie mit einer zitternden Altweiberstimme wie aus einem Märchenfilm. Er lächelte. »Und eine neue Jacke hast du auch«, entgegnete er. »Du scheinst wirklich das Gute im Menschen zum Vorschein zu bringen.« Sie schlürfte ihre Suppe, hatte aber kein Verlangen, die Ereignisse des gestrigen Tages mit ihm zu teilen. »Was machst du heute Abend?«, fragte sie. Nach einer Weile antwortete er: »Eigentlich hatten wir ein Weihnachtsessen bei Ragnhild und Tage geplant, doch jetzt weiß ich nicht.« »Komm trotzdem mit«, bat sie, »dann muss ich nicht die ganze Zeit allein rumsitzen.« »Mal sehen … was ist eigentlich mit dir und deiner Mutter?« Sie war auf der Hut. »Was soll sein?« Er neigte den Kopf ein wenig zur Seite. »Es scheint mir so, als könntest du sie nicht ausstehen.« »So kann man das nicht sagen. Ich habe überhaupt kein Verhältnis zu ihr, weder ein gutes noch ein schlechtes.« »Zu deiner eigenen Mutter? Hört sich merkwürdig an. Mailin und Ragnhild scheinen sich ja ziemlich nahezustehen.« Sie konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. »Und jetzt glaubst du, dass ich die eifersüchtige kleine Schwester bin?« »Ich glaube gar nichts. Meinetwegen brauchen wir auch nicht weiter darüber zu reden.« »Mehr gibt es auch nicht zu sagen«, entgegnete sie. »Ragnhild ist eben so, wie sie ist. Man kann einfach nicht mit ihr zusammenleben, es sei denn, man besteht aus Gummi, so wie Tage. Sie hat zu allem eine feste Meinung, und wer andere Ansichten vertritt als sie, der ist eben dumm. Sie hat es unserem Vater unmöglich gemacht, weiter mit uns unter einem Dach zu wohnen. Sie hat ihn vertrieben.« Viljam schaute sie eine Weile an. »Mailin hat dazu eine andere Meinung.« Liss schob den Teller von sich weg. »Mailin passt sich eben an, im Gegensatz zu mir.« Sie blickte auf die Straße hinaus. Es schneite, und ein Mann mit festlich gekleideten Kindern im Schlepp eilte über die Straße. Ein Postauto hielt an. »Ich geh eine rauchen«, sagte sie und stand auf. Sie stellte sich auf die Außentreppe. Die Zigarette schmeckte nach Schafwolle, doch Liss brauchte das jetzt. Sie brauchte noch mehr. Etwas, das ihr half, diesen Tag irgendwie durchzustehen. Seit anderthalb Wochen war sie nun in Oslo. Hatte keine Pläne für ihre Rückkehr nach Amsterdam. Limbo. Irgendetwas musste geschehen. Sie schnippte die halb gerauchte Zigarette zwischen zwei parkende Autos, öffnete den Briefkasten und zog Briefe, Broschüren, die Aftenposten und ein kleines braunes Päckchen heraus. Sie legte alles auf den Küchentisch. »Weihnachtspost für dich!«, rief sie Viljam zu, der im Wohnzimmer verschwunden war. »Schön«, antwortete er ohne nennenswerten Enthusiasmus. Sie setzte sich wieder in die Küche und löffelte ihre Suppe weiter. Sie war nur noch lauwarm, schmeckte aber unwahrscheinlich gut. Sie warf einen Blick auf die Post. Plötzlich kam ihr eine Idee. Sie schaute alles rasch durch und entdeckte, dass das braune Päckchen an Mailin adressiert war. Ihr Name war mit schwarzer Tusche geschrieben. Kein Absender. »Viljam?« Er kam aus dem Wohnzimmer. »Wir sollten das hier öffnen«, sagte sie und zeigte auf das Päckchen. »Ja, vielleicht.« Es schien ihn nicht besonders zu interessieren. Sie umfasste den wattierten Umschlag und fühlte einen harten Gegenstand. In diesem Moment kam ihr ein Verdacht. »Das ist doch nicht möglich …« Sie riss den Umschlag auf, steckte die Hand hinein und zog ein Handy heraus. Viljam starrte es an. »Mailins?«, fragte sie. »Leg das zurück. Rühr es nicht an. Das müssen wir sofort der Polizei aushändigen.« »Meine Fingerabdrücke sind schon drauf.« Sie schaltete es ein. »Kennst du den PIN-Code?« »Das ist keine gute Idee, Liss.« »Ich will aber!«, entschied sie. Er setzte sich an den Tisch. »Manchmal benutzt sie ihr Geburtsdatum als Geheimnummer.« Liss gab die Ziffern ein, aber es funktionierte nicht. »Was ist mit deinem Geburtstag?« Er nannte das Datum, ebenfalls ohne Erfolg. »Okay, ich geb auf. Lass uns zum Polizeipräsidium fahren.« Sie unternahm einen letzten Versuch. Ihr eigener Geburtstag. Das Display begann zu blinken. »Es klappt!«, rief sie und hielt ihm das Handy hin. Das Telefon suchte nach einer Verbindung und zeigte an, dass der Akku fast leer war. Sie öffnete das Menü. »Lass das die Polizei machen, Liss.« Sie ignorierte ihn und öffnete die Telefonliste. Der letzte Anruf war am 11. Dezember um 19:03 Uhr registriert worden. Sie riss einen Stift von der Küchentafel und ein Blatt Papier an sich. »Was tust du da?« Ihre Erregung schien auf ihn übergegangen zu sein. »Ich muss die Anrufliste haben.« Sie öffnete den Menüpunkt »Nachrichten« und notierte sich etwas. Fand die SMS, die Mailin ihr geschickt hatte: Halte dir Mittsommer nächstes Jahr frei. Rufe dich morgen an. Als sie fertig war, hatte sie zwei Seiten vollgeschrieben. »Misstraust du etwa der Polizei?« »Bist du etwa von dem beeindruckt, was die bisher zustande gebracht haben?«, fragte sie und klickte sich zum Fotoalbum durch. »Sie hat nur selten Fotos mit dem Handy gemacht«, erklärte Viljam. »Erst im Sommer hat sie sich eine gute Digitalkamera gekauft, die sie fast immer bei sich hatte.« Das schien zu stimmen. Das letzte Foto war vor vierzehn Tagen aufgenommen worden, offenbar in einem Restaurant. Im schummrigen Licht war Viljams Gesicht zu erkennen. Viljam lächelte flüchtig. »Das war der Abend, an dem wir uns verlobt haben. Ich habe sie überrascht.« Liss öffnete die Liste mit den Videoclips. Dann blieb ihr der Mund offen stehen. »Was ist?« Viljam stand auf und ging um den Tisch herum. Sie zeigte auf das Display. Die letzte Aufnahme war am 12. Dezember um 05:35 Uhr gemacht worden. »Einen Tag nach ihrem Verschwinden …« »Hör zu, Liss. Wir sollten das jetzt sofort der Polizei übergeben.« Sie entgegnete nichts, sondern startete den Film. Schummriges Licht, kaum Details auszumachen. Ein Licht wird angeknipst. Wahrscheinlich von demjenigen, der die Aufnahme macht. Ein Fußboden wird sichtbar. Verstreute Zeitungen, ein paar Flaschen. Eine Gestalt liegt am Boden, gefesselt an einen Gegenstand. »Mailin!«, schrie Liss und biss sich unwissentlich auf die Lippe. Die Kamera zoomte sich heran. Der Lichtkegel richtete sich auf ihr Gesicht. Plötzlich Mailins Stimme. »Bist du da? Wo ist Licht?« »Was ist mit ihren Augen?«, flüsterte Liss. Die Augen der Schwester waren voller Blut, wund und blind starrten sie ins Licht, ohne zu zwinkern. »Was machst du da? Filmst du mich?« Ein Schwenk durch den Raum. Ein paar Kisten stapelten sich an der Wand, ein Autoreifen lag neben zwei Tonnen. Danach richtete sich die Kamera wieder auf Mailins Gesicht. »Wahr…« Sie sagte noch mehr, war aber nicht mehr zu verstehen. Dann rief sie: »Liss!« Danach ein anderes Bild. Der Ausschnitt eines Gebäudes. Als ich an jenem Abend am dunklen Strand saß und der Brandung lauschte, war ich drauf und dran, eine endgültige Entscheidung zu treffen. Hinauszuwaten und in der Dunkelheit zu verschwinden, mich umschließen und in die Tiefe ziehen zu lassen. Dorthin, wo der tote Phönizier und alle anderen ertrunkenen Körper sich aufgelöst hatten. Doch in diesem Moment tauchte eine Gestalt an der Steintreppe auf. Ich ahnte, dass es Jo war. Er ging an mir vorbei, ohne mich zu bemerken. Ich sah, dass er sich auszog. Der schmächtige, weiße Jungenkörper im kalten Mondlicht. Ich wartete, bis er ganz nackt war, ehe ich aufstand und gemächlich zu ihm hinüberschlenderte. Er starrte aufs Meer hinaus und nahm mich immer noch nicht wahr. In seinem einen Schuh steckte ein Zettel. Darauf stand so etwas wie Vergesst mich. Geschrieben mit großen, ungelenken Buchstaben. Er wollte sich ertränken. Ich habe ihn gerettet, Liss. Er hat mich gerettet. In jener Nacht am Strand, während die Wellen schäumend über unsere Füße schwappten, gaben wir uns ein stummes Versprechen. TEIL III Dezember 2008 – Januar 2009 1 Mittwoch, 24. Dezember J ennifer Plåterud stapfte über den Hof. Der Boden war von einer fünfzehn bis zwanzig Zentimeter dicken frischen Schneeschicht überzogen. Es war Heiligabend gegen 14 Uhr und immer noch nicht geräumt worden. Eigentlich war Trym, ihr ältester Sohn, mit dem Schneeschaufeln dran. Bevor sie zum Einkaufen fuhr, war sie extra noch in seinem Zimmer gewesen und hatte ihn daran erinnert. Jetzt überlegte sie in aller Eile, wie sie ihn am besten dazu bringen konnte, ohne dass die Weihnachtsstimmung darunter litt. Trym war ein phlegmatischer Typ. Diese Veranlagung hatte er nicht von ihr, ganz im Gegenteil, sondern von seinem Vater, allerdings noch ausgeprägter. Wahrscheinlich verstärkt sich so etwas von einer Generation zur nächsten, dachte sie schaudernd. Dass sich das Phlegma in der Familie ihres Mannes über Jahrhunderte hatte entwickeln und entfalten können, war ihr längst klar geworden. Hinzu kam ein melancholischer Zug. Als Gerichtsmedizinerin stellte Jennifer stets höchste wissenschaftliche Ansprüche und hatte, sofern es um Genetik oder Neurobiologie ging, für oberflächliche Betrachtungen und voreilige Schlüsse nur Verachtung übrig. In psychologischen Dingen war sie hingegen weitaus nachsichtiger und hing seltsamerweise der uralten Lehre von den vier Körpersäften an, deren Verteilung darüber entschied, welche der vier Charaktereigenschaften dominierte. Sie selbst war ausgeprägt sanguinisch, doch auch, wie sie sich eingestehen musste, ein wenig cholerisch veranlagt. Dass sie einst einem Mann mit diametral entgegengesetzten Eigenschaften – einem durch und durch soliden und wortkargen Teddybären von der anderen Seite des Planeten – verfallen und ihm in sein viel zu kaltes, winterdunkles Heimatland gefolgt war, zeigte vermutlich nur, wie sehr Gegensätze sich anzogen. Dies war nämlich eine andere Theorie, der sie hin und wieder anhing, obgleich auch diese in menschlich-psychologischer Hinsicht keiner wissenschaftlichen Überprüfung standhielt. Sie stellte die Einkaufstüten im Gang ab und zog ihre Stiefeletten aus, die aus Antilopenleder waren und hohe, dünne Absätze hatten. Dann rief sie nach ihrem ältesten Sohn. Sie bekam keine Antwort, was auch nicht verwunderlich war, weil der Basslautsprecher in seinem Zimmer so sehr dröhnte, dass die Decke über ihr vibrierte. Sie wollte gerade die Treppe hinauflaufen, um die fälligen Sanktionen zu verhängen, als ihr Handy sich meldete. Sie zog es aus der Jackentasche. »Flatland hier.« Sobald sie die ernste Stimme hörte, wusste Jennifer, dass sie sich erneut auf den Weg machen musste. Am Institut hatten sie darüber diskutiert, wer über die Weihnachtstage Bereitschaftsdienst haben würde, und Jennifer hatte sich freiwillig zur Verfügung gestellt. An einem Tag wie diesem war es normalerweise ziemlich ruhig. Es gab allenfalls ein paar Anfragen, die sich am Telefon klären ließen. Doch Flatland war ein erfahrener Kriminaltechniker, der niemals wegen Banalitäten anrief. Als sie auf der schneeglatten Straße an Skedsmokorset vorbeifuhr, warf sie einen Blick auf die Uhr und fragte sich, ob sie wohl zum Weihnachtsessen um 18 Uhr wieder zu Hause sein würde. Doch es machte ihr nichts aus, die lästigen Vorbereitungen zu verpassen. Ivar war für die Schweinerippchen, die Würste und das Sauerkraut zuständig. Er war ein engagierter und guter Koch, und an das traditionelle norwegische Weihnachtsessen würde sie sich nie richtig gewöhnen können. Sie selbst hatte ein paar australische Traditionen in ihre Familie eingeführt. Am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertags hingen mit Geschenken gefüllte Strümpfe über den Betten der Jungs. Und am Nachmittag gab es Truthahn, Yorkshirepudding, Mince Pie und Brandy-Butter. Dass ihre Familie eine Kerze am Grab ihres Schwiegervaters anzündete, würde sie ebenso verpassen wie den Besuch bei der Schwiegermutter, wo die Jungen nur wenige Stunden vor ihrem eigenen Festessen massenhaft Milchreis in sich hineinstopften, um die obligatorische Weihnachtsmandel zu finden. Außerdem wurde stets Punsch getrunken und Pfefferkuchen verzehrt bis zum Abwinken, während der Großvater seine üblichen Ermunterungen und Ermahnungen von sich gab. Ivars Geschwister mitsamt ihren Familien rückten natürlich ebenfalls an, und als Jennifer im Auto saß, verspürte sie Erleichterung darüber, alldem zu entgehen. Im Dunst tauchte Karihaugen vor ihr auf. Sie stellte das Radio an und fand einen Sender, der sie angenehm berieselte. Vor acht Tagen war sie untreu gewesen. Es war so unerwartet geschehen, dass sie jedes Mal die Augen zusammenkneifen musste, wenn sie daran dachte. Weniger aus Scham als aus Verblüffung. Sie hätte nicht im Traum daran gedacht, dass dieser Mann sie irgendwie anziehen könnte. Vielleicht tat er es auch gar nicht, weder vor noch nach dem Zwischenfall. Doch er hatte seit Jahren das erste Mal wieder die Leidenschaft in ihr entfacht. Seit Sean. Aber das war etwas ganz anderes. In Sean war sie verliebt gewesen. Mehr als das: Es war eine heillose und unheilvolle Besessenheit gewesen, seit er ihr im Labor das erste Mal seine Hand auf die Schulter gelegt hatte. Als er nach Dublin zurückkehrte, hätte sie nicht gezögert, sich ihm anzuschließen, falls er es vorgeschlagen hätte. Natürlich hätte sie gezögert. Doch wäre es durchaus möglich gewesen, dass sie ihre Jungs, den Hof und dieses winterkalte Land zurückgelassen hätte … Sean war eine Narbe, deren Berührung ihr immer noch einen süßen Schmerz verursachte. Die Sache vor acht Tagen war glücklicherweise etwas ganz anderes gewesen. Eine hitzige und herrliche Besinnungslosigkeit mit einem Anfang und einem Ende. Schon möglich, dass so etwas noch einmal geschah. Vielleicht nicht gerade mit ihm, doch der Impuls würde sich erneut bemerkbar machen. Als Erinnerung an den Teil von ihr, der alles in Gang hielt. Sie parkte in der Allee beim Polizeipräsidium und rief Flatland an. Ein paar Minuten später kam er in seinem silbergrauen Audi aus dem Eingangstor. Sie setzte sich auf den Beifahrersitz, der mit einer dicken Plastikplane abgedeckt war. Der Mann schien Flecken in seinem Auto mehr zu fürchten als alles andere. »Gut, dass Sie Bereitschaftsdienst haben«, stellte er fest, und sie zweifelte nicht daran, dass er es ernst meinte. Er war Mitte fünfzig, kaum mehr als zehn Jahre älter als sie, aber grau und sehnig wie ein alter Dingo. »Schießen Sie los!«, forderte sie ihn auf, als sie die Grønlandsleiret hinunterfuhren. »Sieht so aus, als hätten wir die Frau gefunden, die seit über einer Woche vermisst wird.« »Die Psychologin?« »Ja, wir sind ziemlich sicher.« »Und da ich dabei sein soll, kann die Frau uns offenbar nicht mehr selbst erzählen, was mit ihr geschehen ist.« Er warf ihr einen stummen Blick zu. »Wo fahren wir hin?« »Nach Hurum. Zu einer stillgelegten Fabrik.« Jennifer seufzte. »Ist kaum eine Stunde von hier«, stellte Fastland fest. »Wer hat sie gefunden?« »Eine Polizeistreife vor Ort.« »Was hat die denn an Heiligabend in einer stillgelegten Fabrik verloren?« Der Kriminaltechniker warf einen Blick über die Schulter, ehe er auf die E18 einbog. »Wir haben einen Tipp bekommen. Der Lebensgefährte und die Schwester der Vermissten sind mit ihrem Handy bei der Polizei aufgetaucht. Angeblich ist es ihnen mit der Post zugeschickt worden. Auf dem Handy war ein Videoclip zu sehen.« Er wechselte die Fahrbahn und drückte im Festungstunnel aufs Gaspedal. »Jemand hat die Vermisste gefilmt. Auf dem Film war auch ein Fabrikturm zu sehen. Ausgehend vom Poststempel des Päckchens, konnten wir den Ort innerhalb von einer Stunde identifizieren.« »Jemand hat sie gefilmt und ihrem Lebensgefährten den Film geschickt?«, brach es aus Jennifer heraus. »Reden wir denn von vorsätzlicher Tötung?« »Dazu kann ich nichts sagen.« Jennifer hatte schon mehrere Male mit Flatland zusammengearbeitet. Er gehörte zu den Leuten, die nicht mehr Worte machten als unbedingt nötig. Sie sah sich im Auto um. Nicht nur der Beifahrersitz, sondern auch alle anderen Sitze waren mit derselben dicken Plastikplane abgedeckt. Die reinste Zwangshandlung, dachte sie. In seinem Job war das sicher von Vorteil. Über dem Dach der Fabrik prangte immer noch ein Schild mit der Aufschrift »Icosand«. Am Eingangstor hing ein anderes Schild: »Bei rotem Signal stehen bleiben!« Es musste Jahre her sein, seit die geborstene Lampe überhaupt irgendein Signal von sich gegeben hatte. Eine großgewachsene Frau in Uniform stand jetzt dort und winkte sie herein. Unterhalb des Fabrikturms standen zwei Streifenwagen und ein Privatfahrzeug. Die Polizistin kam zu ihnen herüber. Sie wusste offenbar, mit wem sie es zu tun hatte, und stellte sich mit Namen, Titel und Dienstort vor. »Wir haben die gesamte Umgebung abgesperrt«, erklärte sie. »Und wir benutzen den Hintereingang.« Sie zeigte zum größten Gebäude hinüber, einem vierstöckigen Betonklotz. »Es ist am unwahrscheinlichsten, dass der oder die Täter diesen Eingang benutzt haben.« Jeder trug seinen Koffer, als sie zum hinteren Ende des Gebäudes gingen, wo sich eine rostige Tür befand, die angelehnt war und sich hinter ihnen nicht schließen ließ. Drinnen war es dunkel. Flatland holte eine Taschenlampe mit langem Griff aus seinem Koffer. Sie entdeckten eine Treppe, gingen auf Anweisung der Polizistin in den zweiten Stock und betraten einen Gang. Mehrere Fensterscheiben waren eingeschlagen, entlang der einen Wand lagen haufenweise Glasscherben. Dann betraten sie die Galerie einer großen Halle, die von zwei hellen Scheinwerfern erleuchtet wurde. Mitten im grellen Licht, an eine Betonsäule gelehnt, lag ein nackter Körper. Auch zwei weiße Gestalten waren dort zu erkennen, die eine beugte sich nach unten und richtete ihren Fotoapparat auf den Fußboden. Flatland holte zwei Overalls, Hauben und Schuhüberzüge aus seinem Koffer. Da Jennifer immer noch ihre hochhackigen Stiefeletten aus Antilopenleder trug, ließen sich die Überzüge nur schwer befestigen. Also nahm sie zwei unbenutzte Haargummis zu Hilfe, die sie in ihrer Manteltasche fand. Sie kletterten eine rostige Leiter hinunter, Flatland zuerst, um zu prüfen, ob sie auch stabil genug war. »Bitte hier entlang«, sagte der Techniker mit dem Fotoapparat und zeigte, welchen Weg sie nehmen sollten. Jennifer blieb ein paar Meter von dem nackten Körper entfernt stehen. Der Hals war mit einem Riemen an einem Haken an der Betonsäule fixiert. Vom Haaransatz war ein Streifen Blut über die eine Wange des bleichen Gesichts gelaufen. Ansonsten sah es unverletzt aus. Die Augen waren halb geöffnet. »Wann wurde sie gefunden?« »Der örtlichen Polizeibehörde zufolge betraten die Beamten das Gebäude circa um halb zwei, also vor knapp zwei Stunden.« Sein Atem hing wie Rauch in der Luft, als er antwortete. Die Temperatur in der Halle war nicht höher als draußen. »Ist ein anderer Arzt hier gewesen?«, fragte Jennifer. »Das war offenbar nicht nötig. Als sie sie gefunden haben, gingen sie sofort von einem Todesfall aus.« Jennifer runzelte die Stirn. Der Körper, der dort lag, war offenbar stark unterkühlt. In diesem Zustand musste man sehr vorsichtig mit einer Todesdiagnose sein. Erst als sie näher heranging, sah sie die Lache geronnenen Bluts, in der die Frau lag. Mittendrin war eine hellere Substanz zu erkennen. Jennifer beugte sich vor und beleuchtete den Hinterkopf. Unter den verklebten Haaren befand sich ein halbmondförmiges Loch in der Schädeldecke. Eine graue Masse war dort ausgetreten und ein Stück über den Nacken gelaufen. »Stimmt«, entgegnete sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Hier besteht kein Zweifel.« Dennoch zog sie das Stethoskop aus ihrem Koffer. Während sie Herz und Lunge abhorchte, gab sie darauf acht, die hellen Haarsträhnen nicht zu berühren, die zwischen zwei Blutflecken neben dem Nabel lagen und ganz offenbar nicht von der Toten stammten. Nachdem sie weder Puls noch Atmung feststellen konnte, untersuchte sie mit einer Diagnostiklampe die Pupillen. Ging in die Hocke und ließ sich viel Zeit dabei, die Augen der Frau zu studieren. Sie waren voller Blut, als hätte jemand mit einem spitzen Gegenstand in sie hineingestochen. Das eine Auge war fast vollständig aufgerissen. Nach der Untersuchung zog sie sich in einen Winkel der Halle zurück und sprach in ihr Diktiergerät. Flatland ging zu ihr und sagte kein Wort, bis sie fertig war. »Und?« Er bot ihr eine Lakritzpastille an. »Die Frau ist tot«, stellte Jennifer fest. Auf Flatlands Gesicht zeigte sich die Andeutung eines Lächelns. »Normalerweise halten Sie sich nicht so bedeckt.« »Das ist richtig«. Sie lächelte zurück. »Und da heute Heiligabend ist, werde ich Sie reich beschenken.« Unter seiner Lippe kam ein Stück Schnupftabak zum Vorschein. Sie hörte, wie seltsam ihr Dialog klang, und hoffte, dass er nicht zu geschmacklosen Witzen aufgelegt war. In einer anderen Situation hätte sie nichts dagegen gehabt, doch Flatland gehörte eigentlich nicht zu den Typen, die sich zu so etwas hinreißen ließen. »Die Haut ist kaum marmoriert«, beeilte sie sich zu sagen, »und nur geringe Blasenbildung. Wie Sie wissen, sind das frühe Verwesungsmerkmale, doch bei so niedrigen Temperaturen treten sie natürlich erst später auf.« »Sie meinen, die Leiche kann hier schon seit längerer Zeit liegen?« »Hier oder an einem anderen Ort, wo es kalt ist. Der Tod kann bereits vor mehreren Tagen, vielleicht sogar vor einer Woche eingetreten sein. Im Mastdarm und im Gehirn herrschte eine Temperatur von zwei Grad, und die Totenflecken auf Bauch und Unterleib sind heller als üblich.« »Todesursache?« »Wollen Sie eine vorläufige Antwort? Die Flecken am Hals deuten darauf hin, dass der Lederriemen hart zugezogen wurde.« »Erwürgt?« »Es sind eindeutige Würgemale, aber das muss nicht heißen, dass dies die Todesursache ist. Sie könnte noch am Leben gewesen sein, als ihr Schädel zertrümmert wurde.« Mit seiner Zungenspitze schob Flatland den Schnupftabak wieder an seinen Platz. »Da hinten an der Wand befindet sich eine weitere Blutlache.« Jennifer blickte in die dunkle Ecke, auf die er zeigte. »Sie ist also von der Wand zu der Säule gezerrt und ihr Hals dort mit dem Riemen fixiert worden. Die Augen weisen übrigens deutliche Stichverletzungen auf, die von einem spitzen Gegenstand stammen. Sagten Sie nicht, dass die Augen auf dem Videofilm bereits verletzt aussahen?« Flatland nickte kurz. »Bevor sie erwürgt und ihr der Schädel eingeschlagen wurde«, stellte Jennifer fest, »hat sie vielleicht stundenlang in der Kälte gesessen und blind vor sich hin gestarrt.« 2 Donnerstag, 25. Dezember D er Himmel über Oslo hatte sich in orangefarbene und gelblich graue Falten gelegt, doch über den Bergrücken im Norden war er fast pechschwarz. Jennifer Plåterud warf einen Blick auf die Armbanduhr, während sie die Tür des Rechtsmedizinischen Instituts aufschloss. Es war Viertel nach acht. Schon bevor die Leiche gefunden worden war, hatte es einen großen Medienrummel gegeben, der jetzt erst richtig losbrechen würde. Sie hasste es, im Zeitverzug zu sein und Resultate liefern zu müssen, ehe jemand danach fragte. Allerdings gab es noch einen anderen Grund für sie, am ersten Weihnachtsfeiertag in aller Herrgottsfrühe an ihrem Arbeitsplatz zu sein. Sie hing ihren Mantel an die Garderobe, fand saubere Sachen zum Wechseln und zog Hose, Hemd, Kittel, Kopfbedeckung und Mundschutz über. Drei Minuten später öffnete sie die Tür zum Obduktionssaal. Normalerweise war dies das Signal für sie, einen Teil ihrer Sinneswahrnehmung auszuschalten und eine andere Welt zu betreten. Doch an diesem Morgen verharrte sie zunächst im Dunkeln. Die Bilder aus der Fabrikhalle hatten sie durch die Heilige Nacht verfolgt und waren in ihren Halbschlaf eingedrungen, der sie hin und wieder übermannte. Das gestrige Weihnachtsessen hatte mit zweistündiger Verspätung begonnen, doch niemand schien sich daran zu stören oder stellte irgendwelche Fragen, was sie eigentlich getrieben hatte. Sie glaubte auch nicht, dass ihr jemand etwas anmerkte. Seit fünfundzwanzig Jahren, mehr als die Hälfte ihres Lebens, beschäftigte sie sich nun schon mit Medizin. Die letzten fünfzehn Jahre vorwiegend mit menschlichen Leichen. Das war ihr längst zur Routine geworden. Doch an diesen Tatort zu kommen, auf der Galerie der Fabrik zu stehen und den nackten, jungen Frauenkörper im grellen Licht zu sehen … Am Tisch hatte sie sich den Anschein gegeben, als äße sie mit gutem Appetit, und danach hatte alles seinen üblichen Verlauf genommen. Die Jungs taten so, als seien ihnen die Geschenke ziemlich gleichgültig und alles andere wichtiger als Weihnachten, und verbargen ihre Erwartung hinter demonstrativem Gähnen und dem Verschicken von SMS. Ivar hingegen platzte förmlich vor Stolz, als er Schweinerippchen und Würste servierte, und seine Laune wurde noch besser, als er sich mit einem Glas Cognac hinsetzte und die Geschenke austeilte. Er begleitete dies mit den üblichen Spekulationen, was wohl in den hübschen Päckchen sein mochte. »Vielleicht ein Klapprad«, sagte er dann, oder: »Ich tippe auf ein Feuerwehrauto.« Als er den Pullover auspackte, den er bei H&M vor ein paar Tagen selbst anprobiert hatte, kannte sein Erstaunen keine Grenzen. Sie gönnte ihm die kindliche Weihnachtsfreude. Mit kaum hörbarem Seufzen riss sie sich von ihren Gedanken los, schaltete das Licht im Obduktionssaal ein und machte sich an die Arbeit. Nach einem raschen Snack ging sie hinüber ins Büro und tippte den vorläufigen Obduktionsbericht. Während sie ihn durchlas, beschlich sie ein seltsames Gefühl. Als fehle etwas zwischen ihren akkuraten Fachbegriffen. Sie wurde den Gedanken nicht los, dass ihr etwas entgangen war. Alter der Frau neunundzwanzig, wiederholte sie im Stillen. Blonde Haare, ebenmäßige Züge. Sie wusste von der Toten nur das, was in der Zeitung gestanden hatte. Sie war eine fertig ausgebildete Psychologin, die trotz ihres geringen Alters kurz vor der Habilitation stand. Jennifer bemühte sich, etwas zu finden, das nicht mit ihrem Aussehen oder ihrem Lebenslauf zu tun hatte. Würgemale, dachte sie, dann erschlagen, die Augen … In diesem Moment wusste sie, was es war. Sie griff nach ihrem Handy und öffnete die Liste mit den gespeicherten Telefonnummern. * Jennifer glaubte nicht wirklich an die Typenlehre des Hippokrates. Natürlich hatte sie auch nie ernsthaft an die Existenz der vier Körpersäfte geglaubt, die für Temperament und Charakter des Menschen verantwortlich sein sollten. Doch machte sie sich gern einen Spaß daraus, zu behaupten, diese vorchristliche Theorie sei ebenso wissenschaftlich wie die nebulöse freudianische Rhetorik, der viele Psychiater auch heute noch anhingen. Sie hatte sogar herausgefunden, dass sich die von Hippokrates begründete, vom griechischen Arzt Galen und später von Medizinern der Renaissance weiterentwickelte Kategorisierung verblüffend gut auf die Menschen ihres persönlichen Umfelds anwenden ließ. Allerdings war die damit verbundene Ironie allmählich in den Hintergrund getreten, und so hatte sie sich schließlich eingestehen müssen, dass sie diese Theorie inzwischen ganz ernsthaft vertrat. Das Innenleben der Menschen ließ sich auf eine Art und Weise ordnen, die das Unübersichtliche übersichtlich machte. Und im Lauf der Jahre hatte sie ihre Kategorisierung zunehmend verfeinert. Sie ging nicht mehr davon aus, dass Charakter und Temperament einer Person ausschließlich von den vier Dimensionen bestimmt wurde. Als in erster Linie sanguinischer Typ genoss sie das Leben und nahm es nicht allzu schwer. Andererseits kam manchmal aufgrund ihrer gleichzeitig vorhandenen cholerischen Veranlagung die Raserei so unvermittelt über sie, dass sie das Gefühl hatte, von einem heimtückischen Hund angefallen zu werden. Das galt auch für die Tage, an denen sie keine hormonellen Schwankungen als Erklärung ins Feld führen konnte. Dann tröstete sie der Gedanke, einen Überschuss an grüner Galle für ihr Verhalten verantwortlich machen zu können, wenn auch im metaphorischen Sinn. Dass auch Kriminalkommissar Hans Magnus Viken vom Dezernat für Gewaltverbrechen ein Choleriker war, hatte sie längst herausgefunden. Doch war sie nicht sicher, ob sich das Cholerische in seinem Fall mit einer gewissen Melancholie verband, was für einen Norweger nicht untypisch war, oder eher mit einem Phlegma, was man als ebenso typisch betrachten konnte. Als er um zwei herum anrief, wusste sie sofort, was er wollte. Viken gehörte zu den Ermittlern, die sich niemals mit Berichten zufriedengaben, sondern sich stets einen eigenen Eindruck verschaffen wollten. Im Grunde eine positive Eigenschaft, wenngleich sie nicht unbedingt Wert auf seine Gesellschaft im Obduktionssaal legte. Eine gewisse Tüchtigkeit musste sie ihm zuerkennen, obwohl die sogenannten Bärenmorde im letzten Jahr sein Renommee ziemlich angekratzt hatten. Allerdings war er nicht der Einzige, dessen Karriere im Zuge dieser Geschichte einen Rückschlag erlitten hatte. Die Dezernatsleiterin hatte ihren Stuhl räumen müssen, und auch ein paar andere Kollegen waren ihren Job losgeworden. Viken hingegen ließ sich von so etwas nicht aus der Bahn werfen. Er hatte sich regelrecht festgebissen und würde so lange beim Dezernat für Gewaltverbrechen bleiben, dachte Jennifer, bis sie ihn eigenhändig hinaustrugen. Er war sogar dreist genug gewesen, sich nach dem berüchtigten Fall um die frei gewordene Stelle des Dezernatsleiters zu bewerben. Diese Hartnäckigkeit gefiel ihr viel besser als seine Besserwisserei. Er kam um zehn nach drei, stieß die Tür auf und marschierte in den Obduktionssaal. Der Kopfschutz thronte wie eine Krone auf seinem Kopf. Wahrscheinlich will er, dass es so aussieht, dachte sie noch, ehe sie bemerkte, wer ihn begleitete. Sie stieß einen stillen Fluch aus. Viken war das eine. Sie wusste einigermaßen, woran sie bei ihm war. Für einen Choleriker hatte er sich ziemlich gut im Griff. Außerdem war er für Schmeicheleien empfänglich und daher leicht zu entwaffnen. Doch den Mann, der hinter Viken in der Tür erschienen war, wollte sie unter keinen Umständen an ihrem Arbeitsplatz sehen. Er war bedeutend jünger als der Kriminalkommissar. Auch jünger als sie. Viel zu jung. Knapp fünfunddreißig. Sie spürte, wie sie errötete. Seit der Weihnachtsfeier hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Genauer gesagt, seit der Nacht nach der Weihnachtsfeier. Er hatte ihr mehrere SMS geschickt, eine sogar an Heiligabend. Sie wollte das Ganze am liebsten vergessen. Nun, vergessen war vielleicht übertrieben, doch musste sie dafür sorgen, Roar Horvath auf Distanz zu halten. Jedenfalls bei der Arbeit. »Ich habe deinen vorläufigen Bericht gelesen, Jenny«, sagte Viken jovial. Seit wann nennt er mich beim Vornamen?, fragte sie sich, während sie sein Lächeln erwiderte und Roar Horvath kurz zunickte. Er wiederum erlaubte es sich, ihr zuzuzwinkern. Aber das war schon in Ordnung, zeigte es doch, dass ihm die Sache zumindest nicht peinlich war. Offenbar wollte er auch weiterhin denselben charmanten Umgangston anschlagen, dem sie auf der Weihnachtsfeier erlegen war. Konzentration, ermahnte sie sich einige Male. »Hat sich die Todesursache bestätigt?«, wollte Viken wissen. »Es liegen drei, vier verschiedene Ursachen vor, von denen jede allein tödlich gewesen wäre«, begann sie und zeigte mit dem Skalpell auf die Kehle, die an zwei Stellen geöffnet war. »Der Riemen um den Hals der Toten hat Arterien und Venen abgeschnürt. Sonst wäre das Gesicht angeschwollen und nicht bleich gewesen. Dass der Riemen einen waagerechten Abdruck hinterlassen hat, deutet außerdem darauf hin, dass die Frau erwürgt wurde, ehe man sie in die Position brachte, in der sie gefunden wurde.« Sie hob den Hautlappen über einer der Kehlöffnungen an. »Hier sind Bruchstellen in Schilddrüse und Zungenbein zu sehen, was zeigt, wie heftig die Strangulierung war.« Die beiden Polizisten beugten sich über die klaffende Öffnung. Jennifer nahm eine Pinzette zur Hand und wies auf die Stellen, die sie meinte. »Unter der Haut hat sich das Blut in einer Linie an drei verschiedenen Stellen gesammelt. Es stammt vermutlich von dem Riemen, ebenso wie dieser tiefere Abdruck.« »Das bedeutet?« »Das könnte bedeuten, dass sie mehrmals stranguliert wurde. Es sieht so aus, als hätte der Täter zwischendurch den Riemen gelöst und ihn danach wieder zugezogen, jedes Mal ein bisschen stärker.« »Was für ein makaberes Spiel«, bemerkte Viken. »Sie meinen aber trotzdem, dass der Tod keine Folge der Strangulierung war?« Jennifer hob den Kopf der Toten an. »Sie hat vier oder fünf Schläge direkt von oben bekommen.« »Ich habe mal Verletzungen gesehen, die von einem Hammer stammten«, bemerkte Roar Horvath. »Die sahen genauso aus.« Jennifer schüttelte den Kopf. »Nein, diese Schläge müssen mit einem größeren und schwereren Gegenstand erfolgt sein.« »Vielleicht mit einem Stein?«, schlug Viken vor. »Schon möglich, aber dann müsste er eine glatte und sorgfältig zugespitzte Oberfläche gehabt haben. Außerdem könnte er an einem Griff befestigt gewesen sein.« Jennifer zeigte auf eine bestimmte Stelle. »Hier im Nacken erkennt man zusammenhängende, umlaufende Bruchlinien. Ein größeres, gleichmäßig gebogenes Fragment steckt in der Hirnrinde fest und hat massive Blutungen ausgelöst. Daraus lässt sich schließen, dass die Frau höchstwahrscheinlich noch am Leben war, als ihr die Schläge zugefügt wurden. Ich werde später den Schädel öffnen. Dann werden wir vermutlich erkennen, dass die Kraft der Schläge eine schwere Gehirnerschütterung ausgelöst hat. Das Opfer hat wahrscheinlich mit der rechten Schläfe auf dem Boden gelegen. Hier sieht man, wie die Schädeldecke aufgeschabt ist.« »Deshalb glauben Sie also, dass eine Waffe mit einem Griff benutzt wurde.« Viken senkte den Kopf ein wenig. Jennifer hatte bemerkt, dass er dies immer tat, wenn er seine Schlussfolgerungen zog. »Und die dritte mögliche Todesursache?« Sie trat zwei Schritte zur Seite. »Es finden sich zahlreiche punktförmige Blutungen der Magen-Darm-Schleimhaut.« Sie zeigte mit dem Skalpell auf den geöffneten Bauch. »Entsprechende Stellen sehen Sie hier.« Sie ließ das Skalpell zur Brusthöhle wandern und kratzte an einer Haut, die die Lunge umgab. »Das Blut ist ungewöhnlich hell, was wir bei Todesfällen durch Hypothermie kennen. Die Frage ist, ob sie ihren Verletzungen erlag oder schon vorher erfroren ist. In der Fabrikhalle herrschte sicherlich strenger Frost.« Sie richtete sich auf und blickte Viken in die Augen. »Ansonsten hat sie zwei Einstiche im Hals, die von einer Spritze stammen müssen. Sie hatte Heroin im Blut, das aber nicht intravenös verabreicht wurde. Weitere Einstiche durch eine Spritze finden sich nicht.« »Also wurde sie durch das Heroin gefügig gemacht oder betäubt«, schloss Viken. Jennifer hob eine Hand der Toten an. »Hier sind oberflächliche Striemen zu erkennen, die darauf hindeuten könnten, dass sie Handschellen trug, bevor sie getötet wurde.« Sie zeigte auf eine sichelförmige Linie an beiden Handgelenken. »Beachten Sie auch die Spitzen des rechten Daumens und Zeigefingers.« »Öl?«, fragte Horvath. »Nein, Ruß. Doch wurde in ihrer Nähe nichts entdeckt, was verschmort oder verbrannt war.« Sie ließ die Hand der Toten wieder sinken. »Und dann ist da die Sache mit den Augen, wie Sie dem Bericht entnehmen konnten.« Sie zog beide Augenlider der Toten nach oben. Die entblößten Augäpfel waren durch das geronnene Blut, das sich darin gesammelt hatte, fast schwarz geworden. Viken beugte sich nach vorne. Sie reichte ihm eine Lupe und eine Pupillenleuchte. Während er die durchstochenen Augen studierte, blickte sie verstohlen zu Roar Horvath hinüber. Er machte ein dem Anlass angemessenes ernstes Gesicht, und sie war froh darüber, dass er nicht so kindisch war, bei dieser Gelegenheit mit ihr zu flirten. In dem grünen Kittel und mit dem Papierkopfschutz über beiden Ohren bot er auch keinen sonderlich attraktiven Anblick. Das Gesicht wurde dadurch runder, und seine Nase trat deutlicher hervor. Doch er hatte dieses Grübchen am Kinn, das, ehe er sich den Mundschutz überzog, im grellen Licht der Deckenlampe noch markanter gewirkt hatte. Bei der Weihnachtsfeier war er unglaublich amüsant gewesen und hatte sie ständig zum Lachen gebracht. Darüber hinaus war sie schon mit weitaus schlimmeren Typen im Bett gelandet. Für einen Adonis hatte sie ihn auch an jenem Abend nicht gehalten. Schließlich war sie die ganze Zeit über stocknüchtern gewesen, woran sie sich mit Stolz und Scham zugleich erinnerte. Darum hatte sie auch angeboten, ihn nach Hause zu fahren, schließlich wohnten sie in derselben Richtung. Zumindest war die Richtung nicht vollkommen entgegengesetzt gewesen, wie sich herausstellte. Konzentrier dich, Jennifer!, ermahnte sie sich erneut. Jetzt bist du bei der Arbeit. »Ich fasse noch mal zusammen: Es ist anzunehmen, dass Mailin Bjerke an so umfassenden Gehirnverletzungen starb, dass das verlängerte Mark abgeklemmt wurde, was dazu führte, dass Atmung und Blutzirkulation zum Erliegen kamen. Außerdem ist sie mehrmals stranguliert worden, wenngleich vieles darauf hindeutet, dass dies nicht unmittelbar zum Tode führte. Wie Sie wissen, kann es bei dieser Art des Erwürgens bis zu fünf Minuten dauern, bis der Tod eintritt. Zum Todeszeitpunkt muss sie bereits stark unterkühlt gewesen sein, doch vermutlich ist sie auch nicht unmittelbar an Unterkühlung gestorben. Und die Heroinkonzentration in ihrem Blut war so gering, dass die Wirkung schon mehrere Stunden vor ihrem Tod aufgehört haben muss.« Viken gab Lupe und Pupillenleuchte an Roar Horvath weiter. »Stiche mit einem spitzen Gegenstand«, bemerkte er, während sein jüngerer Kollege die verletzten Augäpfel näher betrachtete. »Mehrere Male. Mit einem Gegenstand, der gröber als eine Spritze ist. Was für eine Absicht kann er damit verfolgt haben?« »Er wollte, dass das Opfer nichts sieht«, schlug Horvath vor. »Da wäre es doch einfacher gewesen, eine Augenbinde zu benutzen«, entgegnete Viken. Jennifer sagte: »Ich habe einige Informationen, die eventuell für Sie wichtig sein könnten.« In Vikens Blick lag wie immer etwas Prüfendes, das er nicht zu kaschieren versuchte. So wird man wahrscheinlich, wenn man seit Jahrzehnten ermittelt, dachte sie. Roar Horvath richtete sich auf und betrachtete sie ebenfalls, aber das machte ihr nichts aus. Sie hatte längst akzeptiert, dass sie nicht mehr die Figur einer Zwanzigjährigen hatte. Doch es hatte erstaunlich viele Vorteile, jenseits der vierzig zu sein, tröstete sie sich und spürte, dass ihre Wangen brannten, was wiederum nicht gerade als Pluspunkt zu verbuchen war. Nicht mal als junges Mädchen war sie so heftig errötet wie in letzter Zeit. »Vor fünf Jahren wurde ein neunzehnjähriges Mädchen in Bergen ermordet«, begann sie. »Sie wurde in einem südlich der Stadt gelegenen Waldstück gefunden. Der Fall wurde nie aufgeklärt.« »An diesen Fall können sich noch alle erinnern«, sagte Viken, dessen Stimme plötzlich ungeduldig klang. »Gott sei Dank leben wir in einem Land, in dem ein Mord nicht nach drei Tagen schon wieder vergessen ist.« Sie war sich nicht sicher, worauf er hinauswollte, entschied sich aber, seinen Kommentar zu überhören. »Das Mädchen wurde an einen Baum gefesselt gefunden. Sie trug Handschellen und war erfroren.« »So weit sind wir informiert«, brummte Viken. »Obwohl die Ermittler größte Diskretion an den Tag gelegt haben, was die Details betrifft.« »Was mir bei Mailin Bjerke sofort auffiel«, fuhr Jennifer fort, »waren ihre verletzten Augen. Das Mädchen in Bergen hatte ähnliche Augenverletzungen.« »Woher wollen Sie das wissen?« Sie erklärte es ihm. Wenige Monate, nachdem das Mädchen gefunden worden war, hatte sie an einem Seminar am Gades-Institut in Bergen teilgenommen. Ein Kollege, den sie gut kannte, hatte am Abend an der Hotelbar über den Fall des Mädchens gesprochen. Ganz im Vertrauen natürlich. »Ich habe mir erlaubt, diesen Kollegen heute anzurufen.« Sie machte eine Pause und nahm Vikens wachsende Irritation wahr. »Er fand die Ähnlichkeit der beiden Fälle frappierend«, sagte sie. »Die Augenlider blieben beide Male völlig unverletzt. Der Täter muss die Augen gewaltsam geöffnet und mit einer Nadel oder einem spitzen Gegenstand in die Pupillen gestochen haben. Eine der Wunden ist allerdings größer. Als Waffe kommt so etwas wie eine Schraube mit relativ großem Gewinde infrage. Jedenfalls wurde dieser Gegenstand mitten durch die Hornhaut geschraubt.« Sie ließ die Erklärung kurz auf ihre Zuhörer wirken. »Außerdem wurden beide Leichen an einem entlegenen Ort gefunden.« Zunächst blieb Viken stumm. Dann erwiderte er gereizt: »Sie geben hier Informationen an jemand weiter, der in unseren Fall nicht involviert ist!« Jennifers Zorn loderte auf. »Ich kann Ihnen garantieren, dass diese Informationen vertraulich behandelt werden«, sagte sie so beherrscht wie möglich. In diesem Moment wurde ihr klar, dass sie sich irgendeine Art der Anerkennung erwartet hatte. »Na gut, ich habe diesem Fall jedenfalls genug Aufmerksamkeit gewidmet«, entgegnete sie abschließend. »Sie können ja Kontakt mit Bergen aufnehmen, wenn Sie meinen, dass es von Interesse ist.« »Selbstverständlich«, erwiderte Viken säuerlich. »Alles ist von Interesse.« »Mailin Bjerke scheint ja mit Drogen betäubt worden zu sein«, schaltete sich Roar Horvath in versöhnlichem Ton ein. »Wie war das bei dem Mädchen in Bergen?« Jennifer erlaubte sich ein vages Lächeln, als ihre Blicke sich trafen. »Da muss ich Sie enttäuschen. Dieses Mädchen war völlig clean.« Er nickte verhalten, als wolle er zeigen, dass zumindest er an ihren Informationen interessiert war. 3 Freitag, 26. Dezember S ie saßen jeder auf einem Stuhl in der Eingangshalle. Der Mann mittleren Alters erblickte Jennifer zuerst und stand auf. Unter dem Mantel hatte er ein Cordsakko an, trug eine runde Brille und einen grauen Vollbart. Die andere Besucherin, eine Frau mit rötlichen Haaren, hatte ihr den Rücken zugedreht. Der Graubärtige streckte die Hand aus. »Tage Turén Bjerke«, stellte er sich vor. Sie erkannte sofort den schwedischen Akzent. Seine Handfläche war klamm, seine Lippen zitterten. »Sind Sie der Vater der Toten?« Er schüttelte den Kopf. »Ich bin mit ihrer Mutter verheiratet. Sie war nicht in der Lage, mich zu begleiten.« Jennifer wandte sich seiner weiblichen Begleitung zu. Die junge Frau war hochgewachsen und ungewöhnlich schlank, doch es waren ihre Augen, die sofort Jennifers Aufmerksamkeit fesselten. Groß und grün, vielleicht auch gelbbraun, und ihr Blick hatte etwas an sich, das es schwermachte, sich von ihm zu lösen. Schöne Frauen hatten Jennifer schon immer fasziniert. Sie hatte drei, vier Modezeitschriften abonniert, teils um auf dem Laufenden zu bleiben, was Kleidung und Make-up anging, aber vor allem, weil es ihr Spaß machte, sich durch die Fotos von stilisierter weiblicher Schönheit zu blättern. An diesem Morgen war sie allerdings auf etwas anderes vorbereitet gewesen. Sie hatte sich genau überlegt, was sie sagen und wie sie die Angehörigen zur Kapelle führen wollte, wie weit sie das Laken zurückziehen würde, das den Körper der Toten bedeckte. Doch der Anblick der jungen Frau brachte sie für einen Augenblick aus dem Konzept. Es waren nicht nur ihre Augen, sondern auch der Schwung ihrer Lippen und die Stirn unter dem kastanienbraunen Haar. »Liss Bjerke. Ich bin die Schwester von Mailin Bjerke.« Ihre Hand war kalt und trocken, die Haut wie Marmor. Jennifer nahm sich zusammen, stellte sich vor und fand den roten Faden wieder, den sie sich zurechtgesponnen hatte. Sie ging voran, als sie den Platz überquerten, und blieb vor der Tür der Kapelle stehen. »Ich weiß, wie schwer es Ihnen fällt, hier zu sein.« Die junge Frau nickte unmerklich. Der bärtige Mann zitterte noch stärker. Jennifer öffnete die Tür. Die Bahre mit der Toten stand mitten im Raum unter der Deckenlampe. Jennifer stellte sich daneben und gab ihnen ein Zeichen. Tage Bjerke blieb wie festgefroren an der Tür stehen und war offenbar nicht in der Lage, sich vom Fleck zu rühren. Doch die junge Frau kam langsam heran. Als sie neben der Bahre stehen blieb, wartete Jennifer ein paar Sekunden, ehe sie das Tuch anhob und behutsam bis zur Brust zurückzog. In diesem Augenblick war sie erleichtert darüber, dass es gelungen war, die schlimmsten Verletzungen des Körpers zu verbergen. Der Präparator hatte ein Tuch um den Kopf gelegt, das alle geschädigten Stellen verdeckte, und der Toten die Haare gewaschen. Das Haar war von Blutklumpen und der Masse durchsetzt gewesen, die aus dem Schädel gedrungen war. Jennifer konnte der Schwester ein Gesicht präsentieren, das der brutale Tod nicht in eine abscheuliche Maske verwandelt hatte. Es waren weder offene Kopfverletzungen noch ein Gesicht zu erkennen, dessen Haut in Stücke geschnitten oder verbrannt war. Ein schwacher Trost, zumindest für mich, dachte sie. Plötzlich beugte sich die junge Frau nach vorne, ergriff die Hand der toten Schwester und drückte sie an ihre Wange. Ihr Rücken zuckte zwei, drei Mal, während sie den Namen der Verstorbenen vor sich hin murmelte. Sie flüsterte noch etwas anderes, was Jennifer nicht verstand, weil sie ein paar Schritte zurückgetreten war und sich halb abgewandt hatte. Lange stand die Frau so da. So lange, dass Jennifer schon dachte, sie müsse ihr irgendein Zeichen geben. Doch ehe es so weit kam, richtete sich die Besucherin wieder auf. Ohne ihren Blick von der Toten abzuwenden, fragte sie: »Was ist mit ihren Augen?« Ihre Stimme klang unerwartet klar und deutlich. Jennifer betrachtete das Gesicht der Toten. Die Lider hatten sich nicht vollkommen schließen lassen. Darunter war ein Teil der zerstörten Haut sichtbar. Sie antwortete: »Die Verstorbene hat Verletzungen an beiden Augen davongetragen.« Die Frau drehte sich zu ihr um. Ihr Blick war verschleiert, was in diesem Moment eine umso stärkere Wirkung hatte. »Was für Verletzungen?« »Sie stammen von einem spitzen Gegenstand.« »War sie blind, als sie starb?« »Das ist schwer zu sagen. Vielleicht konnte sie immer noch etwas erkennen, zumindest das Licht.« Plötzlich hob die junge Frau die Hand, die sie immer noch festhielt. »Wo ist ihr Ring? Haben Sie ihn abgezogen?« Jennifer hatte bemerkt, dass am vierten Finger der linken Hand der Abdruck eines Rings zu erkennen war. »Sie trug keinen Ring, als wir sie gefunden haben. Wie sah er aus?« »Es war ein Hochzeitsring«, antwortete die Schwester der Toten. »Ein Erbstück unserer Großmutter.« Sie biss sich in die Unterlippe. »Woran ist sie gestorben?« »Das können wir immer noch nicht mit Sicherheit sagen«, antwortete Jennifer. »Wahrscheinlich an ihren Kopfverletzungen. Aber vermutlich war sie stark unterkühlt, als der Tod eintrat. Das kann die Schmerzen gelindert haben.« Eigentlich bestand keine gesicherte Grundlage für solch eine Aussage, doch Jennifer fühlte sich erleichtert. »Konnte immer noch Licht erkennen«, wiederholte Liss Bjerke leise. Sie hielt weiterhin die Hand ihrer toten Schwester. »Du hast gefroren, Mailin.« 4 Samstag, 27. Dezember R oar Horvath stieg vorsichtig die drei vereisten Stufen hinauf und drückte auf die Klingel. Sie hatten ihr Kommen nicht angekündigt. Damit riskierten sie zwar, dass ihr Besuch umsonst war, doch Kriminalkommissar Viken meinte, dass ein Versuch sich durchaus lohnen könne. In besonderen Fällen zog er Überraschungsbesuche vor. Manchmal führten sie zu Ergebnissen, die durch formelle Befragungen nicht zu erreichen waren. Von innen hörten sie Schritte, die Tür glitt auf. Der Mann, der ihnen gegenüberstand, war mittelgroß, hatte dunkle, halblange Haare und einen gepflegten Kinnbart. Sein Gesicht war bleich und ebenmäßig. Der klassische Typ des hübschen jungen Mannes, dachte Roar Horvath. Er stellte sich vor und zeigte seinen Polizeiausweis. Der junge Mann warf einen Blick darauf und schien mehr erleichtert als skeptisch zu sein. »Ich bin Viljam Vogt-Nielsen. Das wissen Sie ja bestimmt.« »Wir haben es uns gedacht«, entgegnete Horvath und stellte Kommissar Viken vor. Die beiden Ermittler folgten Viljam Vogt-Nielsen einen Flur entlang und dann eine Treppe hinunter, die zu einem Wohnzimmer führte, dessen große Fenster auf ein kleines Fleckchen Garten hinausgingen. Draußen erblickten sie einen gemauerten Holzkohlengrill und einen Geräteschuppen. Ein paar Büsche lagen halb unter dem Schnee verborgen. Das Wohnzimmer war nicht groß, hatte aber eine ungewöhnlich hohe Decke. In einer Ecke des Raumes befand sich ein offener Kamin. An der Wand hinter dem Sofa hing ein großes Gemälde, das Roar Horvath ziemlich leblos vorkam. Allerdings konnte er sich auch nicht gerade als Kenner moderner Kunst bezeichnen. »Schönes Haus«, kommentierte er. »Die Besitzer sind Architekten«, erklärte Viljam Vogt-Nielsen. »Wir haben es für zwei Jahre gemietet.« Roar Horvath setzte sich auf das Sofa. »Sie haben bereits eine polizeiliche Aussage gemacht«, begann er. »Aber da ging es um die Vermisstenanzeige. Jetzt ermitteln wir in einem Mordfall.« Viljam Vogt-Nielsen entgegnete nichts. Er ließ sich auf einen Stuhl nahe der Treppe sinken und blickte aus dem Fenster. Das verschaffte Roar Horvath die Gelegenheit, ihn ein bisschen genauer zu betrachten. Er hatte schon mehrere Personen vernommen, die später wegen Mordes verurteilt worden waren. Er war dabei schlechten Lügnern und guten Schauspielern begegnet. Viele waren in der Lage, einen sorgsam berechneten ersten Eindruck zu hinterlassen, doch sofern sie nur eine Rolle spielten, kam dahinter irgendwann ihr wahres Gesicht zum Vorschein. Er schaute kurz zu Viken hinüber, der sich in dem bequemen Sessel am anderen Ende des Tisches niedergelassen hatte. Der Kommissar hatte im Voraus festgelegt, dass sein Kollege das Wort führen sollte, während er selbst als stiller Beobachter agierte. Viken hatte von Anfang an keinen Zweifel daran gelassen, dass er gern mit Roar zusammenarbeitete. Es schien so, als habe er es sich stillschweigend zur Aufgabe gemacht, den neuen Kollegen unter seine Fittiche zu nehmen. Dadurch hatte Roar im Lauf des letzten Jahres Dinge gelernt – vor allem, was die Ermittlung schwerer Gewaltverbrechen betraf –, die er nie mitbekommen hätte, wäre er auf der Polizeiwache in Romerike geblieben. »Sie verstehen sicherlich, dass wir verschiedene Handlungsabläufe genau rekonstruieren müssen«, stellte er fest. »Das betrifft nicht nur Sie, sondern alle Beteiligten.« Letzteres betonte er, damit Viljam Vogt-Nielsen sich entspannte. Wer sich verdächtigt fühlt, wählt seine Worte mit Bedacht. Fehler unterlaufen vor allem dem, der sich sicher fühlt. »Aber natürlich«, entgegnete Viljam Vogt-Nielsen. »Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.« Er wirkte entspannt, und der Inhalt seiner Worte passte zu seiner Tonlage. Verzweiflung? Trauer? Schock? Erneut ließ Roar Horvath seinen Blick über das blasse Gesicht gleiten. Falls der junge Mann ihm etwas vorspielte, übertrieb er es jedenfalls nicht. »Beginnen Sie bitte mit Ihrer letzten Begegnung mit Mailin Bjerke.« Viljam Vogt-Nielsen schien etwas einzufallen. »Kaffee?«, fragte er. Roar Horvath lehnte dankend ab, während Viken keine Antwort gab, worauf der junge Mann wieder auf seinen Stuhl zurücksank. »Ich habe sie zum letzten Mal an dem Tag vor ihrem Verschwinden gesehen, also am Mittwoch, dem 10. Dezember. Es war kurz vor fünf, Viertel vor«, korrigierte er sich. »Sie stand draußen auf der Treppe und trug einen Rucksack. Wir haben uns umarmt. Dann habe ich die Tür geschlossen. Das war unsere letzte …« Seine Stimme geriet ins Wanken, und er brauchte ein paar Sekunden, ehe er fortfahren konnte. »Sie wollte zur Hütte fahren. Das tat sie oft, um in Ruhe zu arbeiten. Es ist ein stiller und schöner Ort, an dem man von niemand gestört wird. Nicht mal Handyempfang hat man dort.« »Worüber haben Sie geredet, bevor sie gefahren ist?«, wollte Roar Horvath wissen. Viljam Vogt-Nielsen musste kurz nachdenken. Danach war er bisher offenbar nicht gefragt worden. »Wir haben über die Talkshow Tabu gesprochen, an der sie am nächsten Tag teilnehmen wollte. Das wissen Sie ja sicherlich.« Der Polizist nickte kurz, wollte ihn nicht unterbrechen. »Wir hatten an den vergangenen Tagen viel darüber diskutiert. Mailin ist nicht unbedingt ein Fan von Berger. Ich fragte sie, ob sie nicht glaube, ihm mit ihrer Anwesenheit gewissermaßen ein seriöses Alibi zu verschaffen. Aber sie verfolgte mit ihrer Teilnahme wohl ein ganz bestimmtes Ziel.« Roar kannte eine fast identische Aussage bereits aus dem polizeilichen Vernehmungsprotokoll. »Können Sie uns Näheres darüber sagen?« »Sie hatte etwas über Berger erfahren. Ich glaube, es ging um einen früheren Patienten, der zu ihr Kontakt aufgenommen hat. Mailin war sehr aufgeregt. Es hörte sich so an, als hätte Berger früher mal Sex mit einem Minderjährigen gehabt.« »Kennen Sie den Namen?« Viljam Vogt-Nielsen schüttelte den Kopf. »Mailin hat ihre Schweigepflicht immer sehr ernst genommen, auch mir gegenüber.« »Und dennoch meinen Sie, dass sie diese Sache in der Livesendung zur Sprache bringen wollte?« »Mailin hat nicht genau gesagt, was sie vorhatte. Aber sie wollte ihm die närrische Clownsmaske vom Gesicht reißen. Sie wollte Berger einen Schock versetzen.« »Clownsmaske. Hat sie dieses Wort benutzt?« »Die närrische Clownsmaske. Mailin hatte Berger bereits ein paarmal zuvor getroffen, bevor gewisse Dinge aus seiner Vergangenheit ans Licht kamen. Sie wollte ihn noch vor der Sendung kontaktieren, um ihm die Chance zu geben, die Talkshow abzusagen.« Roar Horvath machte sich während des Gesprächs keine Notizen. Er vertraute auf sein Gedächtnis, das ihn normalerweise nicht im Stich ließ. »Das war das Letzte, worüber Sie beide gesprochen haben?« Viljam strich sich mit den Fingern ein paarmal über die Stirn, als versuche er sich genau zu erinnern. »Sie sagte, dass sie noch zur Post wolle, um etwas auf ihr Konto einzuzahlen.« »Eine Bareinzahlung?« »Einige ihrer Patienten bezahlten ihr die Stunden in bar. Ein Mal pro Woche hat sie diese Beträge auf ihr Konto eingezahlt.« »Das nächste Postamt ist am Carl Berners plass, richtig?« Roar warf einen Blick auf die Uhr. Dort würden sie noch vorbeischauen können, ehe es zumachte. »Was haben Sie an diesem Mittwoch gemacht, nachdem Mailin weggefahren ist?« »Am Nachmittag war ich zu Hause und habe gelesen. Um kurz vor halb neun bin ich dann zum Training gefahren. Mittwochs spiele ich immer mit ein paar Freunden. Gegen elf war ich wieder zu Hause und habe noch die Spätnachrichten im Fernsehen gesehen.« »Und am nächsten Tag?« »Am Nachmittag hatte ich eine Vorlesung. Danach war ich im Lesesaal. Circa um drei war ich kurz zu Hause, ehe ich zur Arbeit gefahren bin.« »Zur Arbeit?« »Ich beteilige mich an einer Studenteninitiative, sooft ich Zeit dazu habe. Wir bieten den Leuten eine kostenlose juristische Beratung an.« Ein junger Mann, der sich gewählt ausdrückte und sozial engagierte, dachte Roar. »War Mailin hier, während Sie am Donnerstag unterwegs waren?« »Ich glaub, nicht. Dann hätte sie bestimmt den Rucksack oder ihren Laptop hiergelassen. Aber ich habe mehrere SMS von ihr bekommen.« Er zeigte ihnen sein Handy. Erst jetzt zückte Roar sein Notizbuch und notierte sich die exakten Zeitpunkte der Textnachrichten. »Wir wollten uns bei ihren Eltern treffen. Ich wollte mir dort Tabu ansehen. Später wollte Mailin dann zu uns stoßen.« »Sie haben also am Donnerstag, dem 11. Dezember, den ganzen Abend über für diese Studenteninitiative gearbeitet?« »Ja, von halb vier bis halb neun. Dann hat Tage, ihr Stiefvater, mich abgeholt. Er arbeitet in Blindern.« »Haben Sie zwischen halb vier und halb neun wirklich ununterbrochen gearbeitet?« »Zwischendurch war ich mal kurz bei Deli de Luca an der Carl Johan gate, um etwas zu essen zu kaufen. Das hat vielleicht zehn oder fünfzehn Minuten gedauert, Sie können ja die anderen fragen. Davon abgesehen habe ich die ganze Zeit gearbeitet, bis Tage mich abgeholt hat. Wir sind dann nach Lørenskog gefahren und haben auf dem Weg noch bei Meny eingekauft.« Er sank auf seinem Stuhl ein wenig zusammen. »Als sie während der Talkshow nicht auftauchte, habe ich sofort versucht, sie anzurufen. Aber ihr Handy war abgeschaltet.« Etwas in ihm schien sich dagegen zu sträuben, noch mehr zu erzählen. »Was ist dann geschehen?« Viljam Vogt-Nielsen strich sich mit beiden Händen die Haare zurück. »Wir sind in die Stadt gefahren, Tage und ich. Haben uns vergewissert, dass sie in der Zwischenzeit nicht nach Hause gekommen war. Dann haben wir das Fernsehstudio aufgesucht, um mit Berger zu reden, aber der war angeblich schon weg. Ich habe alle möglichen Leute angerufen, doch niemand wusste etwas. Ich habe sogar versucht, Mailins Schwester in Amsterdam zu erreichen … Tage hat mich überredet, ihn nach Hause zu begleiten. Ragnhild war vollkommen außer sich vor Angst, und er musste sich um sie kümmern, während ich weiter herumtelefonierte. Früh am Morgen waren Tage und ich dann in der Hütte bei Morrvann und haben die ganze Gegend abgesucht. Wir wussten ja, dass sie nicht mehr dort war, doch irgendwas mussten wir schließlich tun. Gegen zwölf haben wir uns bei der Polizei gemeldet. Danach sind wir wieder nach Lørenskog gefahren. Erst in diesem Moment habe ich begriffen …« Roar Horvath enthielt sich eines tröstlichen Kommentars und wartete ab. Zum ersten Mal schaltete sich Viken ein: »Woher wussten Sie, dass sie die Hütte wieder verlassen hatte?« Viljam drehte sich zu ihm um und sah für einen Moment überrascht aus. Vielleicht hatte er die Gegenwart des Kommissars vollkommen vergessen. »Sie sagten, Sie hätten gewusst, dass Mailin nicht mehr in der Hütte war«, wiederholte Viken. »Wie konnten Sie das wissen?« Viljam zwinkerte ein paarmal. »Ihr Auto … es stand nicht unten auf dem Parkplatz. Später hat Tage es in der Stadt entdeckt, in dem Viertel, in dem sich auch ihre Praxis befindet.« Roar Horvath ließ den Motor an, während Viken in den Wagen stieg. »Keine Auffälligkeiten auf den ersten Blick«, bemerkte er. Viken entgegnete nichts. »Es dürfte jedenfalls kein Problem sein, seine Aussagen zu überprüfen«, fügte Roar hinzu. »Wir sollten mal mit den anderen Mitarbeitern dieser Studenteninitiative und dem Kassierer von Deli de Luca reden.« »Wann ist sie verschwunden?«, fragte Viken plötzlich. Roar manövrierte den Wagen aus der engen Parklücke. »Der Parkschein belegt, dass ihr Wagen am Donnerstag um 17:04 Uhr in der Welhavens gate abgestellt wurde.« »Das betrifft den Wagen, doch wann ist seine Besitzerin verschwunden?« Die enge Straße schien in dieser Woche nicht geräumt worden zu sein. »Es ist nicht unwahrscheinlich, dass sie von der Hütte direkt in ihre Praxis gefahren ist«, bemerkte Roar, während er vorsichtig an einem falsch geparkten Taxi vorbeisteuerte. »Wir sollten ihre Kollegen befragen, die im selben Haus arbeiten.« Als er in die weitaus breitere Gøteborggata einbog, fügte er hinzu: »Zumindest scheint ihr Lebensgefährte ein lückenloses Alibi zu haben.« Viken entgegnete: »Jedes Alibi sieht erst mal unangreifbar aus, jedes. Doch auch wenn jemand zum Tatzeitpunkt nachweislich auf einer Audienz beim König war, heißt das noch lange nicht, dass er mit der Sache nichts zu tun hat.« 5 Sonntag, 28. Dezember W ährend der Elcheintopf auf den Tisch gestellt wurde, ertönte plötzlich der Dreiklang von Jennifers Handy, der den Eingang einer SMS signalisierte. Noch zwei Mal drang das lustige Signal aus ihrer Handtasche, die über der Stuhllehne hing. Ivar knuffte sie in die Seite. »Du hast doch gesagt, dass du heute keinen Bereitschaftsdienst hast«, brummte er, doch nach zwanzigjähriger Partnerschaft hatte er sich daran gewöhnt, dass Jennifer niemals vollständig freihatte. Sie entschuldigte sich bei der Gastgeberin, ihrer Schwägerin, und zog sich ins Wohnzimmer zurück. Dort loderte ein Kaminfeuer, mitten im Zimmer stand der Weihnachtsbaum, und draußen hatte der Schnee dem Tauwetter widerstanden und lag wie ein klatschnasser Teppich auf dem Rasen. Bei Ivars Schwester roch immer alles so frisch geputzt. Man muss die Dinge »in Ordnung halten«, wie sie stets sagte. Jennifer hatte gehofft, dass Roar Horvath ihr keine weiteren SMS schicken würde, doch als sie den Absender las, musste sie sich eingestehen, dass sie auf das Gegenteil gehofft hatte. Sie lauschte dem Gespräch im Esszimmer. Offenbar ging es darum, wie wichtig ihr Job war und dass sie stets in Bereitschaft sein musste. Gleich würden sie über die tote Frau sprechen, die man auf einem verlassenen Fabrikgelände in Hurum gefunden hatte. Inzwischen wussten alle, dass Jennifer in diese Sache involviert war. Lust auf eine Tasse Kaffee?, las sie auf dem Display. Sich auf einer Weihnachtsfeier zu vergessen war das eine. In diesem Punkt war die Statistik auf ihrer Seite. Die meisten Menschen waren zu so etwas imstande. Man stieß vor dem kalten Büfett zufällig zusammen wie zwei Kugeln auf dem Billardtisch. Dann tanzte man miteinander, ein rascher Abschiedskuss im Auto, nur dass sich der Abschiedkuss in ihrem Fall ein wenig in die Länge gezogen hatte und in einem Bett geendet war, das sich Gott sei Dank als ziemlich stabil erwies. Nach solch einem Vorfall war es möglich, fast so miteinander umzugehen, als wäre nichts geschehen. Wenn man sich jedoch außerhalb des Jobs wiedertraf, überschritt man eine Grenze. Denn solch eine Begegnung wäre ja kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten Verabredung, bei der plötzlich andere Spielregeln galten. Spielregeln, die mit Anpassungen und Überschreitungen zu tun hatten. Man musste genau dosieren, wie sehr man sich auf diese Sache einließ, musste Begründungen und Ausreden finden, warum man von zu Hause fortging, musste seine Schuldgefühle bearbeiten, um nur einige Folgen zu nennen. Vor allem aber würde der Alltag erschüttert werden. Der Untergrund, auf dem man sich bewegte, würde einem weniger tragfähig erscheinen. Nach Seans Abreise hatte sie ein halbes Jahr gebraucht, um wieder zu sich selbst zu finden. Allerdings war Roar Horvath niemand, in den sie sich verliebte, und konnte deshalb als halbwegs sicheres Terrain für einen Seitensprung betrachtet werden. Außerdem war er fast zehn Jahre jünger als sie, seit nicht einmal einem Jahr geschieden und hatte eine Tochter, um die er sich an jedem zweiten Wochenende kümmerte. Sie hatte tatsächlich Lust auf eine Tasse Kaffee. Sie hatte Lust, ihn zu treffen. Als sie ihn damals nach Hause gefahren hatte, nach der Weihnachtsfeier, hatte er sie plötzlich hochgehoben und über die Schwelle seiner Wohnung direkt ins Schlafzimmer getragen, während er einfach weiterredete, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. Er brachte sie durch seine Einfälle zum Lachen, während er sie Schicht für Schicht entkleidete, ehe er sich seiner eigenen Kleider mit nur zwei Bewegungen entledigte, splitternackt vor ihr stand und es genoss, von ihr betrachtet zu werden. Auch dieses Mal küsste er sie im Flur, noch bevor sie ihren Mantel ausgezogen hatte. Sie war darauf genauso unvorbereitet wie damals, bemerkte, dass er den Kaffee, zu dem sie eingeladen war, bereits getrunken und zudem etwas Salziges gegessen hatte, vielleicht Räucherlachs. Außerdem hatte er Bier getrunken. Er küsste sie so heftig, dass der Gedanke an Räucherlachs, das ureigenste aller norwegischen Gerichte, sich ebenso schnell verflüchtigte, wie er aufgetaucht war. Er ließ seine Hand unter ihren Rock gleiten und zog ihr den Slip aus. Dann hob er sie hoch, öffnete seinen Gürtel, befreite sich ohne große Schwierigkeiten von seiner Hose und drang mit einem Stoß in sie ein. Obwohl sie versuchte, einen Schrei zu unterdrücken, stieß sie ihn aus, ohne es zu merken. Als sie kam und erschöpft an seinem Hals hing, ließ er sie nicht los, sondern schlang sich ihr eines Bein um die Hüfte und trug sie wie beim letzten Mal ins Schlafzimmer. An diese Eigenart hatte sie sich bereits gewöhnt. Als er schließlich den versprochenen Kaffee servierte, war sie seit über einer Stunde bei ihm. Mit immer noch wackligen Beinen und einer pulsierenden Empfindsamkeit im Unterleib ließ sie sich auf einen der Stühle am Küchentisch sinken. Vermutlich wollte er den Kaffee nicht im Wohnzimmer trinken, weil man von dort aus freie Sicht auf den gegenüberliegenden Wohnblock von Manglerud hatte. Sollte ihr recht sein. Ein Blick ins Wohnzimmer hatte ihr gezeigt, dass es so eingerichtet war, wie man es von einem frisch geschiedenen Mann Mitte dreißig erwarten durfte. Also lieber die Küche. »Und ich dachte schon, der Kaffee wäre nur ein Vorwand für den Sex gewesen«, seufzte sie und schnupperte an der dampfenden Tasse. »Umgekehrt«, entgegnete er mit dem provozierenden Lächeln, das ihr, wie sie sich eingestand, ziemlich gut gefiel. »Ich wusste, dass du nur mit mir Kaffee trinken würdest, wenn wir uns vorher miteinander vergnügen.« Sie nippte am Kaffee und unterließ es, die Nase zu rümpfen. »Mit diesem Kaffee bringst du eine Frau jedenfalls nicht dazu, an Weihnachten ihre Familie zu verlassen und über dreißig Kilometer mit dem Auto zu fahren.« »Ich rede auch gern mit dir«, erwiderte er und legte seine Hand auf ihre. Für einen Moment hatte sie den Eindruck, dass er es ernst meinte, was sie froh und nachdenklich zugleich machte. Sie wollte die gute Stimmung nicht durch Präzisierungen oder Abgrenzungen zerstören. Er war vierunddreißig und reif genug, einen gewissen Widerspruch zu ertragen, auch wenn er immer noch etwas Jungenhaftes an sich hatte. Glücklicherweise fügte er hinzu: »Als ich dich vorhin im Flur gesehen habe, konnte ich mich einfach nicht länger beherrschen.« »Geht dir das öfter so?«, fragte sie und bemühte sich um eine strenge Miene. »Ist schon eine Weile her.« »Hab ich gemerkt.« »Danke gleichfalls.« Er öffnete eine Flasche Bier. »Ich hab mich schon gefragt, wie ein Gespräch mit dir wohl verläuft, wenn keine Leiche in der Nähe ist.« Sie nahm einen tiefen Schluck und gab ihm die Flasche zurück. »Spielst du etwa auf Viken an?«, wunderte sie sich und wollte jede alberne Bemerkung über die junge Frau vermeiden, die vor zwei Tagen zwischen ihnen auf dem Obduktionstisch gelegen hatte. Er lächelte, enthielt sich aber eines Kommentars. »Bei euch ist sicher der Teufel los«, sagte sie nach einer Weile. Roar warf einen Blick aus dem Fenster. »Seit der Orderud-Sache habe ich so was nicht mehr erlebt.« »Du hättest mal letztes Jahr im Herbst bei den Ermittlungen zu den Bärenmorden dabei sein sollen«, entgegnete Jennifer. »Eigentlich komisch, dass Viken nicht ebenfalls seinen Hut nehmen musste.« Roar machte plötzlich ein mürrisches Gesicht. »Es gibt nur wenige Leute mit seiner Erfahrung«, erwiderte er. »Jedenfalls ist er der fähigste Ermittler, mit dem ich bis jetzt zusammengearbeitet habe.« Das hatte Jennifer schon von mehreren Leuten gehört. Trotz der damaligen Vorfälle. »Einige meinen, er hätte die Leitung des Dezernats übernehmen sollen«, bemerkte Roar. »Das war doch damals völlig unmöglich«, entgegnete sie. »Kann schon sein. Aber die Lösung, die sie stattdessen aus dem Hut gezaubert haben …« Er stieß die Luft durch seine zusammengepressten Lippen aus. »Ich hab nichts gegen Sigge Helgarson. Ich kenne ihn von früher, habe in Romerike mit ihm zusammengearbeitet. Dort hatte er auch eine Führungsposition inne. Aber das Dezernat für Gewaltverbrechen in Oslo zu leiten ist doch etwas ganz anderes. Er ist ja kaum älter als ich. Isländer. Und, um es mal vorsichtig auszudrücken, mit Viken liegt er nicht gerade auf einer Wellenlänge.« »Die können nicht jedes Mal Viken um Erlaubnis fragen, wenn jemand eingestellt werden soll«, sagte Jennifer. Als Roar nichts entgegnete, begriff sie, dass er nicht weiter über den Kriminalkommissar reden wollte. »Wie weit seid ihr denn mit euren Ermittlungen?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln. »Wir stochern immer noch ziemlich im Nebel«, antwortete Roar mit einem Gähnen. »Aber das wird schon. Wir brauchen noch ein paar Taktiker. Im Moment sind wir nur zu viert. Und du kannst dir ja denken, wie viel Material wir erst mal sichten müssen.« »Kommt auf die Prioritäten an«, entgegnete sie und hatte etwas Bestimmtes im Sinn. Roar leerte die Bierflasche und holte eine neue aus dem Kühlschrank. »Wir haben natürlich mit den engsten Angehörigen angefangen. Ihren Lebensgefährten haben wir bis jetzt drei Mal vernommen.« »Habt ihr etwas gegen ihn in der Hand?« »Er scheint ein brauchbares Alibi zu haben.« »Nur brauchbar?« »Bei Mordfällen gibt es keine wasserdichten Alibis«, erklärte Roar. »Selbst wenn jemand zum Tatzeitpunkt auf einer Audienz beim König war, heißt das noch lange nicht, dass er mit der Sache nichts zu tun hat.« »Vor allem, wenn der König ermordet wurde«, entgegnete Jennifer. Roar lächelte kurz. »Den meisten Morden gehen Konflikte zwischen Ehepartnern, Lebensgefährten und Familienmitgliedern voraus.« »Aber die Statistik hilft euch im Einzelfall nicht weiter, stimmt’s?« »Natürlich nicht. Doch der Ehemann oder Lebensgefährte steht auf der Liste der Verdächtigen zunächst ganz oben. Die Ermittlungen werden dann zeigen, ob er auf der Liste weiter nach unten rutscht oder als Verdächtiger vollkommen ausscheidet.« »Wundert mich kein bisschen, dass Viken so denkt«, entgegnete sie säuerlich. »Das bedeutet ja nicht, dass wir uns von Anfang an auf die falschen Leute versteifen«, versicherte Roar. »Die nächsten Angehörigen werden routinemäßig vernommen, das versteht sich doch von selbst. In diesem Fall auch ihr Stiefvater, die Mutter sowie der leibliche Vater, der angeblich in Kanada lebt. Danach werden wir uns ihren Kollegen und Patienten …« Er hielt inne. »Bist du dir nicht sicher, wie viel du mir erzählen darfst?« Er dachte einen Moment nach. »Du bist ja in gewisser Weise an den Ermittlungen beteiligt.« »In gewisser Weise? Was würdet ihr eigentlich tun, wenn ihr uns von der Pathologie nicht hättet?« Er gab ihr völlig recht. »Offenbar war Mailin Bjerke mit Berger in ihrer Praxis verabredet, und zwar an jenem Donnerstag, wenige Stunden vor Beginn der Livesendung«, verriet er. »Berger ist angeblich auch hingefahren, hat sie aber nicht angetroffen. Durch ihr Handy wissen wir, dass sie ihm gegen halb sechs eine SMS geschickt hat. Um kurz nach sieben hat sie ihn dann vergeblich versucht anzurufen und daraufhin eine weitere SMS geschickt.« »War das nicht ungefähr der Zeitpunkt ihres Verschwindens?« Roar dachte nach. »Das letzte Mal gesehen wurde sie am Tag zuvor, nachdem sie von zu Hause weggefahren war, auf dem Postamt am Carl Berners plass.« »Da seid ihr ganz sicher?« »Ja. Der Schalterbeamte hatte keinen Zweifel, als ich ihm das Foto gezeigt habe. Er konnte sich noch detailliert an alles erinnern. Sie hat ein Kundenterminal benutzt, sich Kontoauszüge ausgedruckt und eine Überweisung vorgenommen. Kurz darauf ist sie noch mal wiedergekommen, hat einen gefütterten Umschlag gekauft und ein Päckchen verschickt. Sie soll plötzlich ängstlich gewirkt haben, da ist sich der Postbeamte ganz sicher, aber wohin sie das Päckchen verschickt hat, wusste er beim besten Willen nicht mehr.« »Ängstlich wegen eines Päckchens?« »Das wissen wir nicht. Dass Zeugen die Vorgänge dramatisieren, ist normal. Vor allem, wenn es um einen Mord geht.« »Ich habe euch doch von diesem Fall erzählt«, sagte Jennifer. »Das Mädchen, das vor fünf Jahren in Bergen ermordet wurde.« »Wir haben gestern bei der Morgenbesprechung darüber diskutiert«, entgegnete Roar. »Und?« »Und was?« Jennifer runzelte die Stirn. »Was wollt ihr in dieser Sache unternehmen?« Roar schien sich über ihren fordernden Tonfall zu wundern. Vielleicht war es das, worauf sie die ganze Zeit hinauswollte. »Natürlich werden wir uns diesen Fall noch mal genau ansehen. Aber wir können nicht alles auf einmal machen.« Jennifers Irritation wuchs. »Das Mädchen in Bergen wurde nackt in einem entlegenen Wald gefunden. Sie war gefesselt, doch nichts deutete auf sexuellen Missbrauch hin. Es war November. Sie ist erfroren. Jemand hat ihr mehrere Male mit einem spitzen Gegenstand in die Augen gestochen. Jetzt vergleich das mal mit dem aktuellen Fall, und dann sag mir, warum die Suche nach einem Zusammenhang nicht absolute Priorität hat.« Roar hob beide Hände. »Bitte nicht schlagen«, bat er mit dünner Stimme. Jennifer spürte, wie ihr Zorn nachließ. »Ein paar Schläge auf den nackten Hintern würden dir nicht schaden«, entgegnete sie streng. »Einverstanden«, sagte Roar und stand auf. »Aber nur im Schlafzimmer. Ich will die Nachbarn da nicht mit reinziehen.« 6 Montag, 29. Dezember L eere Straßen. Es ist Nacht. Er hat seit dem frühen Morgen nichts gegessen. Es ist kälter geworden. Er hätte seine Jacke anziehen sollen. Hat sie in der Eile nicht gefunden. Er spurtet den Wergelandsveien hinunter. Läuft sich warm. Unten in der Stadt schlägt eine Uhr. Er zählt drei Schläge. Leere Straßen. Seit ein paar Wochen läuft er wieder. Jede Nacht. Er schießt um die Ecke, die Pilestredet entlang zum Ibsentunnel. Der Tunnel setzt ihm eine Frist. Er muss wieder heraus sein, bevor von hinten ein Auto kommt. Er wird auch den Festungstunnel ausprobieren, der ist länger. Und den Ekebergtunnel. Früher lief er auf der Aschenbahn vor vielen Zuschauern. Seinem Endspurt war niemand gewachsen. Er hielt sich anfangs immer zurück und wartete ab. Wenn sie in der letzten Kurve auf die Zielgerade einbogen, drehte er auf und ließ sie hinter sich. Sie begriffen gar nicht, wo er auf einmal herkam. Von einem anderen Planeten, rief er ihnen zu. Nicht vom Mars oder von der Venus, sondern von einem Planeten einer anderen Galaxie. Er war immer schon gelaufen. Wenn er lief, war er ruhiger, als wenn er stand oder saß. Für ein Comeback war es nie zu spät. Come back man. Er war schon früher zurückgekommen. Sie glaubten nicht mehr an ihn. Behaupteten, er habe genug Chancen bekommen. Zuerst das, was sie Fürsorge nannten. Der Sport hat ein großes Herz für diejenigen, die aus der Bahn geworfen werden. Lassen die Jungen nicht im Regen stehen, wenn sie ins Trockene wollen. Dann wurde er noch ein paarmal erwischt. Koks und Amphetamine. Er sagte, er sei fertig damit, meinte es aber nicht ernst. Unterschrieb einen neuen Vertrag. Sollte noch eine Chance bekommen, wenn er bereit war, sich behandeln zu lassen. Kein Wunder, dass sie auf ihn setzten. Niemand hatte so einen Endspurt wie er. Nicht mal Rodal in seinen besten Zeiten. Ich hätte ihn geschlagen, dachte er grinsend, während er lief. »Ich hätte Rodal in Atlanta geschlagen!«, rief er. Wäre es zwölf oder sechzehn Jahre später gewesen. Rodal war zu lahm. Ein träger Typ aus Tröndelag. Bei ihm jedoch war die Fähigkeit zum Sprinten angeboren. Sie lag ihm im Blut, in seinen Zellkernen. Als er sich dem Ausgang des Tunnels näherte, kam von hinten ein Taxi heran. Er gab alles, der Taxifahrer hupte. Er zeigte ihm den Mittelfinger, setzte zum Endspurt an, ließ das Taxi locker hinter sich und sprang schließlich auf den schmalen Bürgersteig. Er lief quer über die Verkehrsinsel und bog in die Schweigaardsgate ab. Eine lange, glatte Fläche, doch er hielt perfekt das Gleichgewicht, konnte es im Bruchteil einer Sekunde justieren. Sein Atem war warm und schmeckte nach Eisen. Seine Schulden waren zu hoch. Dreißig Riesen, meinte Karam. So viel konnte es doch nicht sein. Aber es hatte keinen Sinn, mit Karam zu streiten. Er habe zu wenig verkauft, meinte der Typ, und würde zu wenig Kohle reinbringen, was schlecht fürs Geschäft war. Dreißigtausend vor Mittwoch, meinte Karam, sonst wirst du nie mehr laufen, nicht einmal kriechen können. Karam kennt ihn so gut, dass er weiß, was das Schlimmste für ihn wäre. Das Schlimmste wäre nicht, im Fjord zu treiben und sich von den Makrelen auffressen zu lassen, bis nur noch Knochen übrig sind. Das Schlimmste wäre, für den Rest des Lebens an den Rollstuhl gefesselt zu sein, nie mehr laufen, nicht mal kriechen zu können. Karam hatte es ihm ausgemalt. Er würde nicht von den Makrelen, sondern von dem aufgefressen werden, was in ihm tobte. Mailin Bjerke war die Erste gewesen, die keine Forderungen gestellt hatte. Darum ertrug er es nicht, zu ihr zu gehen. Nur ein paarmal war er da gewesen, dann hatte er damit aufgehört. Weil sie diesen Blick hatte, einfach dasaß und ihm zuhörte, ohne irgendwelche Forderungen zu stellen. Das ließ ihn verzweifeln. Er hatte nichts zu sagen. Er hätte aufstehen und ihren Laptop gegen die Wand werfen können. Oder sie hochheben und auf den Tisch setzen, um zu sehen, wie ihre Augen schwarz wurden. Ihr endlich Angst machen, sie mit etwas konfrontieren, was sie nicht verstand. Wie wollte sie das, was in ihm vorging, kontrollieren? Doch sie gab nicht auf. Wollte, dass er wiederkam. Come back man. Manchmal hatte er ihr geglaubt. Hatte geglaubt, sie könne ihm wirklich helfen. Dass reden helfen würde. Sie drängte ihn wiederzukommen und bestand darauf, neue Termine zu machen. Wenn er nicht könne, solle er einfach eine SMS schreiben. Dann würden sie einen weiteren Termin verabreden. Sie habe fast immer Zeit und könne auch kurzfristig etwas ausmachen. Er vereinbarte einen Termin, kam aber nicht und sagte auch nicht ab. Doch sie gab nicht auf. Sie war naiv. Glaubte, mit all dem Gerede das aufhalten zu können, was in ihm wütete, was ihn dazu brachte, zu laufen und Drogen zu nehmen. Sie behauptete den Zusammenhang zu verstehen, zu begreifen, warum er nichts anderes im Kopf hatte, als bald wieder eine Linie zu ziehen oder eine Pille einzuwerfen. Warum der Gedanke daran, und das Laufen, ihm die Möglichkeit gaben, durchzuhalten. Sie schlug ihm Medikamente vor. Nicht dieses Dreckszeug, das die Leute fett und träge machte, sondern etwas Neues, das das Verlangen dämpfte. Falls sie etwas verstanden hatte, würde es ihm nicht viel nützen. »Mailin ist tot«!, rief er, als er am letzten Häuserblock vor Galgeberg zum ultimativen Endspurt ansetzte. Mailin war tot, und in ihrer Praxis war eine Frau aufgetaucht, die er noch nie gesehen hatte. Sie war lang und dünn und hatte einen seltsamen Blick. Bestimmt auch eine Patientin von ihr, so was kann man spüren. Aber dann war sie ihm plötzlich gefolgt, tauchte am Bahnhof und in Sinsen auf und stellte ihm neugierige Fragen. Stürzte sich auf ihn und versuchte ihn zu erwürgen. Er musste herausfinden, wer sie war. Er wusste, wen er danach fragen konnte. Der Einzige, auf den Verlass war. 7 S eit über zehn Jahren arbeitete Jennifer nun schon mit Professor Dr. med. Olav Korn zusammen. Dennoch war es ihr bisher nicht gelungen, ihn in das hippokratische Persönlichkeitssystem einzuordnen. Korn strahlte eine Ruhe aus, die sich auf seine Umgebung übertrug. Es lag nahe, ihn als Phlegmatiker zu bezeichnen. Doch bei der Arbeit war er sehr effektiv und erledigte rasch alle anfallenden Arbeiten, Obduktionsberichte wie Budgetfragen. Er hatte zu Themen wie dem plötzlichen Kindstod oder dem Einfluss von Alkohol und Drogenkonsum während der Schwangerschaft geforscht, publizierte in internationalen Fachzeitschriften und nahm an der gesellschaftlichen Diskussion über Biotechnologie und Ethik teil. Trotz seiner ausgedehnten Vortragstätigkeit auf der ganzen Welt erlebten ihn die Mitarbeiter des Rechtsmedizinischen Instituts als äußerst präsenten Chef. Ohne Korn wäre Jennifer niemals so lange am Institut geblieben, vielleicht nicht einmal Rechtsmedizinerin geworden. Sie war froh, dass bis zu seiner Pensionierung noch ein paar Jahre Zeit waren, obwohl er mehrmals darauf hingewiesen hatte, dass sie eine absolut geeignete Nachfolgerin als Direktorin sei. Korn telefonierte, als sie hereinkam, doch er winkte sie heran und gab ihr ein Zeichen, sich hinzusetzen. Während er sein Gespräch beendete, musterte sie ihn verstohlen. Er war zweiundsechzig und sah eigentlich auch nicht jünger aus, doch war etwas in seinem Blick, in seinen Bewegungen und seiner Mimik, das ihn jünger wirken ließ. Er hatte volles, metallgraues Haar und war glatt rasiert. Seine Augenbrauen wucherten nicht in alle Richtungen, und es wuchsen ihm auch keine Haarbüschel aus Nase und Ohren, wie es bei Ivar bereits der Fall war. Korn achtete auf sein Äußeres, ohne im mindesten eitel zu wirken. Jennifer hatte sich stets von älteren Männern angezogen gefühlt. Er legte auf und wandte sich ihr zu. »Es geht um die Frau, die in Hurum gefunden wurde«, sagte sie. »Wie ich hörte, ist Viken mit dem Fall betraut worden«, entgegnete er. Offenbar wollte er darauf hindeuten, dass sie schon öfter zu ihm gekommen war, um ihn hinsichtlich der Zusammenarbeit mit dem Kommissar um Rat zu fragen. »Damit komme ich schon klar«, entgegnete Jennifer. »Ich habe keine Probleme mehr mit ihm. Aber natürlich gefällt es ihm nicht, wenn ich mich in die Ermittlungen einmische.« Korn hob die Augenbrauen. »Tun Sie das denn?« Sie seufzte. »Er tauchte urplötzlich während der Sektion auf, und da habe ich versucht, ihn auf einen Fall aufmerksam zu machen, der für die jetzigen Ermittlungen von großer Bedeutung sein könnte.« Sie erzählte ihm von den Parallelen zum Mordfall in Bergen. »Die Polizei sollte sich glücklich schätzen, dass ausgerechnet Sie sich an Weihnachten zur Verfügung gestellt haben«, bemerkte Korn. »Es wäre weiß Gott nicht jeder Kollege bereit gewesen, den Weihnachtsmorgen in unserem Keller zu verbringen. Und was diesen von Ihnen erwähnten Fall betrifft, so sollte die Polizei keine Zeit verlieren und die Sache schleunigst überprüfen.« Sie lächelte. Er gehörte zu den wenigen Männern, die sie loben konnten, ohne dass sie irgendwelche Hintergedanken vermutete. »Ich frage mich, ob ich noch mehr tun kann. Ich habe mit einem Kollegen vom Gades-Institut telefoniert, der die Ähnlichkeiten der beiden Fälle ebenfalls bemerkenswert findet. Aber er kann uns ja nicht einfach ihr Material schicken.« »Natürlich nicht.« Dann kam sie unvermittelt auf den eigentlichen Grund ihres Besuchs zu sprechen: »Aber ich könnte natürlich dem Gades-Institut einen Besuch abstatten und unsere Fotos mitnehmen und dort einen Vergleich der Sektionsergebnisse durchführen, um Viken und seinen Leuten die Arbeit ein bisschen zu erleichtern.« Obwohl Korn nicht überrascht wirkte, dachte er für einen Moment nach, ehe er etwas erwiderte. »Ich habe Ihr Engagement stets zu schätzen gewusst, Jennifer. Auch die Tatsache, dass Sie sich nicht scheuen, anderen auf die Zehen zu treten, wenn Sie es für notwendig halten.« Sie spürte, dass sie errötete. Doch Korn gegenüber war das nicht schlimm. »Ich kann mich selbst noch gut an den Fall in Bergen erinnern«, sagte er und blickte, sicher aus Rücksichtnahme, aus dem Fenster. »Und die Augen der Frauen weisen dieselben Verletzungen auf?« Als Rechtsmediziner hatte er fünfzehn Jahre mehr Berufserfahrung als sie, doch schien sein Umgang mit dem Tod seine Fürsorge für die Lebenden zu fördern. Er beugte sich über den Tisch. »Ich halte es für keine gute Idee, nach Bergen zu fahren. Aber ich werde mit dem Chef des dortigen Dezernats für Gewaltverbrechen telefonieren. Wir sollten schließlich die richtigen Prioritäten setzen.« Jennifer sah bereits vor sich, wie Viken vom Dezernatsleiter Sigge Helgarson zum Rapport zitiert wurde. Sie hatte gehört, dass Helgarson von Viken stets mit Geringschätzung behandelt wurde, und konnte sich eine gewisse Schadenfreude nicht verkneifen. »Wie hieß noch mal dieses Mädchen in Bergen?«, fragte Korn und hatte bereits die Hand am Telefonhörer. »Richter«, antwortete sie. »Ylva Richter.« 8 Dienstag, 30. Dezember R oar Horvath drückte auf eine der Klingeln neben der Tür, auf der »T. Gabrielsen« stand. Keine Reaktion. Er begann sich zu ärgern, denn er war auf die Minute pünktlich. Aber die Branche, der sie angehörte, war nicht gerade bekannt dafür, mit der Zeit anderer Leute achtsam umzugehen. Endlich summte das Türschloss. Das Treppenhaus war heruntergekommen und stank nach Schimmel. Das ganze Haus sah aus wie ein Renovierungsobjekt. Als er den Treppenabsatz des ersten Stocks erreichte, steckte eine Frau mit rundem Gesicht ihren Kopf zur Tür heraus. »Warten Sie bitte kurz dort drüben«, sagte sie und zeigte auf eine Tür. »In einer halben Minute bin ich fertig.« Roar betrat eine Küche, die wohl auch als Aufenthaltsraum diente. Auf einem Tisch neben der Tür stand eine Kochplatte, daneben eine Kaffeemaschine. Ein winziger Kühlschrank stand unter dem Fenster, das auf den Hinterhof hinausging und an dem ein Flipchart lehnte. Der Hängeschrank enthielt eine Schachtel mit Kaffeefiltern, ein paar Tassen und Gläser, eine Kilopackung Salz und eine merkwürdige kleine Plastikkanne mit langer Tülle. In der Ecke zwischen Kühlschrank und Wand stand ein graulackierter Aktenschrank. Er hatte drei Schubladen, die alle verschlossen waren. Auf dem Flipchartblock hatte jemand mit blauem Stift mehrere Pfeile aufgezeichnet, daneben standen Wörter wie »Dilemma«, »Selbst-Entwicklung« oder »Verteidigung«. Er blätterte zurück und stieß auf weitere Zeichnungen und Erklärungen in verschiedenen Handschriften. Nach über zehn Minuten erschien endlich Torunn Gabrielsen. Schweigend setzte sie Kaffeewasser auf, äußerte kein Wort der Entschuldigung und überließ es ihrem Gast, ob er stehen oder sitzen wollte. Roar tippte, dass sie etwa in seinem Alter war, obwohl sie älter wirkte. Sie hatte halblange Haare. Ihr Gesicht war bleich und grobporig, ihre Augen gerötet. Sie trug zwar keine Brille, aber er konnte ihren Abdruck auf dem Nasenrücken erkennen. Außerdem blinzelte sie, als sie zu ihm aufblickte. Betrachtete er sie als Frau, würde er diplomatisch feststellen, dass sie nicht unbedingt seinem Geschmack entsprach. Nicht gerade viel Charisma, dachte er. Vielleicht war sie auch nur erschöpft. Reiß dich zusammen, Roar!, ermahnte er sich, als er merkte, wie seine Abneigung überhandnahm. »Ich freue mich, dass wir dieses Gespräch hier führen können«, sagte er. »Dann kann ich mir auch gleich das Behandlungszimmer von Mailin Bjerke ansehen.« »Wurde sie denn hier zuletzt gesehen?« »Das wissen wir nicht«, antwortete er. »Aber wenn ich richtig verstanden habe, hatte sie hier eine Verabredung und schaute noch mal in ihrer Praxis vorbei, nachdem sie in der Hütte gewesen war. Ihr Auto hat man doch ebenfalls vor der Tür gefunden.« Er begriff, dass diese Frau lieber Fragen stellte als Antworten gab. »Haben Sie das Auto gesehen, als Sie die Praxis verließen?« Sie schüttelte entschieden den Kopf. »Ich habe die andere Richtung eingeschlagen, hinunter zum Holbergs plass.« »Um welche Uhrzeit?« »Um circa halb vier. Die Straßenbahn geht um zehn nach halb. Das habe ich schon alles Ihren Kollegen erzählt.« »Sie müssen entschuldigen, dass wir manchmal mehr als einmal fragen«, entgegnete er in neutralem Ton und blickte zur Kaffeemaschine hinüber, die ein brodelndes Geräusch von sich gab. »Sie sind Mailin Bjerke an diesem Tag also gar nicht begegnet?« »Zum letzten Mal habe ich Mailin einen Tag vor ihrem Verschwinden gesehen. Sie hat um drei Uhr bei uns vorbeigeschaut, um eine Nachricht zu hinterlassen. Danach wollte sie zur Hütte fahren.« Das stimmte mit der Aussage von Viljam Vogt-Nielsen überein. Roar setzte sich hin. Im selben Moment löste sich der Stuhlrücken aus seiner Verankerung. Es schien so, als würde der ganze Stuhl bei der nächsten Bewegung zusammenbrechen. »Was war das für eine Nachricht?« Auch Torunn Gabrielsen nahm Platz und blickte in ihre Kaffeetasse. »Es ging um einen Patienten. Dazu kann ich Ihnen leider nur eine begrenzte Auskunft erteilen.« Roar wusste, was das hieß. Die Aufklärung unzähliger Fälle wurde verzögert oder verhindert aufgrund dieser verdammten Schweigepflicht, die oft nicht mehr als eine bequeme Ausrede war und mit dem Schutz der Persönlichkeit nur wenig zu tun hatte. Daher überraschte es ihn, als Torunn Gabrielsen fortfuhr: »Es war ein Patient, der kam und ging, wie es ihm passte. Manchmal tauchte er überraschend hier auf, andere Male hielt er seine Termine nicht ein. Mailin bat mich, sie zu informieren, wenn er hier gewesen war.« »Haben Sie das denn mitbekommen? Sie arbeiten doch eine Etage tiefer.« »Zumindest wenn ich eine Pause mache oder Papierarbeiten erledige, lasse ich die Tür offen stehen.« Sie stand auf, holte den Kaffee und zwei Becher. Roar bekam einen, auf dem stand: »Heute ist dein Tag«. Der Henkel war abgebrochen und der Rand abgestoßen. »Können Sie sich vorstellen, dass irgendjemand Mailin Bjerke schaden wollte?« Torunn Gabrielsen nahm einen Schluck und behielt ihn lange im Mund, ehe sie ihn hinunterschluckte. Seltsame Art, Kaffee zu trinken, dachte Roar und rechnete nicht mit einer Antwort auf seine Frage. Doch erneut wurde er überrascht. »Reden wir von jemand, der sich das vorstellen könnte, oder von jemand, der dazu imstande wäre?« »Beides«, antwortete er hoffungsvoll. Ein weiterer Schluck Kaffee und erneutes Grübeln, während sie ihren Mund mit Kaffee ausspülte. »Mailin war bei allen beliebt. Doch sie nahm kein Blatt vor den Mund.« »Das heißt?« »Dass sie ziemlich … direkt sein konnte. Es kam vor, dass sie andere verletzte. Es gibt eben Leute, die es nicht vertragen, wenn ihnen Dinge auf den Kopf zugesagt werden.« Roar wartete auf weitere Erklärungen und unterbrach sie nicht. »Doch in erster Linie reden wir natürlich über ihre Patienten. Sie wissen ja sicher, dass Mailin mit Menschen zusammenarbeitete, die Opfer sexueller Übergriffe waren. Manche wurden später selbst zu sexuellen Gewalttätern.« »Denken Sie an eine bestimmte Person?«, tastete Roar sich weiter vor. »Ja, schon.« Sie schenkte sich mehr Kaffee ein. »Vor ein paar Jahren hatte Mailin einen Patienten, der … Ich weiß nicht genau, was damals passiert ist. Ich glaube, er hat sie bedroht.« »Also ein männlicher Patient.« »Ja. Mailin hat nicht viel von ihm erzählt. Aber sie musste die Behandlung abbrechen. Eigentlich gab sie niemals auf und war unglaublich stur, wenn sich jemand als scheinbar hoffnungsloser Fall entpuppte.« »Und Sie wissen, dass dieser eine Patient sie bedroht hat?« »Also eigentlich wissen tue ich es nicht, aber ich hatte den Eindruck. Es muss sehr ernst gewesen sein, denn Mailin war völlig außer sich.« »Wann war das?« Torunn Gabrielsen schien nachzudenken. »Das war im Herbst vor zwei Jahren. Unmittelbar nachdem Pål hier sein eigenes Behandlungszimmer bekam.« »Sind Sie diesem Patienten einmal begegnet?« Da sie nicht antwortete, nahm er ihr Schweigen als Aufforderung fortzufahren. »Nun, wenn es nicht Ihr eigener Patient war, dann können Sie mir sicher etwas über seine Identität sagen.« Sie stieß einen Seufzer aus. »Ich bin ihm nie begegnet. Ich glaube, er kam immer am Abend. Und Mailin hat nie seinen Namen verraten. Er war wohl insgesamt nur ein paarmal hier. Später habe ich nichts mehr von ihm gehört.« Roar hakte nach. »Im Herbst vor zwei Jahren? August, September?« »Pål hat im September hier angefangen. Das war unmittelbar danach.« »Alle Patienten sind doch wohl bei der Krankenkasse registriert?« »Nein, nicht so viele. Die meisten kamen privat zu ihr.« Roar machte sich Notizen. In diesem Moment glitt die Tür auf. Der Mann, der auf der Schwelle stand, trug T-Shirt und Cordhose, war unrasiert und hatte strubbelige Haare. Für einen Augenblick dachte Roar, es handele sich um einen Patienten. »Tut mir leid«, sagte der Mann, als er den Polizisten erblickte. »Ich wusste nicht, dass das Gespräch so lange dauert.« »Kein Problem«, versicherte Roar, während ihm klar wurde, wer da vor ihm stand. »Sind Sie Pål Øvreby?« »Ja«, entgegnete er und streckte die Hand aus. Roar meinte einen schwachen amerikanischen Akzent auszumachen, obwohl der Name durch und durch norwegisch war. »Sie haben ja bereits am Donnerstag, dem 11. Dezember, eine Aussage gemacht«, stellte er fest. »Aber um Missverständnissen vorzubeugen, würde ich Ihnen gerne noch ein paar Fragen stellen.« »Sure.« »Sie arbeiten hier nachmittags?« »Ja, ich bin definitiv ein B-Mensch. Ich komme spät, aber dann laufe ich zur Hochform auf.« »Wie lange waren Sie an jenem Tag im Büro?« »Ich bin circa um fünf von hier weggefahren«, antwortete Pål Øvreby, ohne zu zögern. »Können Sie das noch ein bisschen präzisieren? War es zwei Minuten vor oder zwei Minuten nach fünf?« »Warum schaffen wir uns eigentlich keine Stempeluhr an?«, fragte Øvreby Torunn Gabrielsen in amüsiertem Tonfall. »Und auch Sie haben Mailin Bjerke an diesem Tag nicht gesehen?«, fuhr Roar unbeirrt fort. »Weder gehört noch gesehen.« »Wäre das möglich gewesen, ich meine, dass Sie sie gehört hätten?« Øvreby ließ sich Zeit mit der Antwort. »Kommt natürlich drauf an, was sie in ihrem Behandlungszimmer angestellt hätte.« Erneut schmunzelte er. »Aber ihr Auto stand ein Stück weiter oben an der Straße. Ich bin an ihm vorbeigegangen.« »Das haben Sie bereits ausgesagt. Und Sie sind sich absolut sicher, dass es ihr Wagen war?« »Ein weißer Japaner mit einer kleinen Delle auf der Beifahrerseite. Wenn Sie mich noch öfter danach fragen, fange ich vielleicht irgendwann an zu zweifeln.« »Der Parkschein im Auto von Frau Bjerke war um 17:04 Uhr abgestempelt worden«, erklärte Roar. »Ungefähr um diese Zeit müssen Sie an dem Fahrzeug vorbeigegangen sein. Hätten Sie Mailin gesehen, wenn sie im Auto gesessen hätte?« »Auf einen Meter Entfernung? Ich denke, schon.« Roar dachte kurz darüber nach, was das für die Ermittlungen bedeuten könnte, falls Øvreby die Wahrheit sagte. »Der Parkschein stammt aus dem Automaten am Hegdehaugsveien«, sagte er. »Weniger als fünfzig Meter von der Welhavens gate entfernt. Wäre es möglich, dass sie gerade vor dem Automaten stand, als Sie dort vorbeikamen?« Pål Øvreby schien darüber nachzudenken. Ein vages Lächeln umspielte noch immer seine Lippen. »Soweit ich mich erinnern kann, habe ich nicht in diese Richtung geschaut. Außerdem war es dunkel. Mit anderen Worten, ja, das ist durchaus möglich.« »Wohin sind Sie gefahren?« Er kratzte sich an der Nase. »Hat das etwas mit der Sache zu tun?« Roar wiegte zweimal den Kopf hin und her. »Alles kann wichtig sein.« »Alles und nichts«, bemerkte Øvreby, was auch immer er damit meinte. »Nun, ich bin ein bisschen durch die Gegend gefahren. Das mache ich manchmal nach einem anstrengenden Arbeitstag.« »War dieser Tag besonders anstrengend?« »Nicht schlimmer als die meisten anderen. Ich habe das Auto genommen und bin nach Høvikodden gefahren. Dort gehe ich öfter mit Lara spazieren.« Roar schaute ihn fragend an. »Mit meinem Hund. Was haben Sie denn gedacht?« Roar hatte keine Lust, darauf zu antworten. »Wann sind Sie nach Hause gekommen?« »War das nicht so gegen neun?« Øvreby warf Torunn Gabrielsen einen fragenden Blick zu. Sie antwortete nicht. »Ich habe übrigens einen ziemlichen Lärm gehört, als ich mein Büro verließ.« »Was für einen Lärm?« »Hörte sich so an, als würde unten jemand wie wild gegen die Haustür schlagen. Aber als ich nach unten kam, war niemand da. Ich glaube, das habe ich bei meiner ersten Aussage vergessen.« Roar machte sich Notizen. Nicht weil er es sonst vergessen hätte, sondern weil es auf Zeugen einen entschlossenen Eindruck machte, wenn man so etwas sofort aufschrieb. »Sie haben im Ausland gelebt?«, fragte er, ohne aufzublicken. »Ja, in Chicago, zwischen meinem fünften und zweiundzwanzigsten Lebensjahr.« Roar fragte sich, woran es lag, dass manche Leute Dialekte und Akzente nur so aufsogen, während andere ihr Leben lang an der Sprachfärbung festhielten, mit der sie aufgewachsen waren. Sicher eine interessante Frage für einen Psychologen. »Wie ich hörte, widmen Sie sich einer ganz speziellen Behandlungsform«, sagte er. »Wer hat das gesagt?« »Tut mir leid, aber in diesem Punkt muss ich mich an meine Schweigepflicht halten«, entgegnete Roar und versuchte vergeblich, ein Grinsen zu unterdrücken. »Vegetariertherapie, hieß es nicht so?« »Vegetotherapie«, verbesserte Øvreby und grinste zurück. »Was bedeutet das?« »Das ist mit wenigen Worten nur schwer zu erklären. Man könnte sie als körperorientierte Therapieform bezeichnen. Es geht darum, den Panzer aufzubrechen, mit dem wir uns umgeben. Wenn es gelingt, die Energie in den angespannten Muskeln freizusetzen, lösen sich auch psychische Verspannungen.« »Reden wir hier von Massage?« Øvreby gähnte. »Sehr viel effektiver. Ich kann Ihnen einen Link dazu mailen.« »Vielen Dank«, entgegnete Roar, dessen Interesse sich in Grenzen hielt. Er stand auf. »Ich würde mir jetzt gerne die Praxis von Mailin Bjerke ansehen. Hat einer von Ihnen den Schlüssel?« 9 T orunn hielt ihr Handy in der Hand und wollte gerade Dahlstrøm anrufen, als Pål, ohne anzuklopfen, zu ihr ins Zimmer stürzte. »Ging doch ganz gut«, sagte er und warf sich auf einen Stuhl. »Weder Hunde begraben noch ausgebuddelt.« Er gab oft solche Phrasen von sich, um sich interessant zu machen. Plötzlich empfand sie eine unbändige Wut auf ihn, ohne die genauen Gründe zu kennen. Abgesehen von den tausend Gründen, mit denen sie sich bereits irgendwie arrangiert hatte. »Ich arbeite«, sagte sie in aller Ruhe und fuhr fort, die Patientenakte zu vervollständigen. Pål überhörte sie. »Was für ein Schlaumeier«, fügte er hinzu, holte einen Zahnstocher hervor, bohrte ihn sich zwischen die Vorderzähne und ließ ihn dort stecken. »Also, wenn alle Bullen so sind wie der, dann werde ich mich auch bald dem allgemeinen Gejammer über die unzureichenden Ressourcen der Polizei anschließen.« Sie blickte von ihrer Patientenakte auf und drehte sich zu ihm um. »Wenn du wüsstest, wie sehr es allen zum Hals raushängt, dass du die ganze Welt mit deiner erbärmlichen Arroganz kontrollieren willst, würdest du vor Scham im Boden versinken.« Er zuckte zusammen und schmunzelte im nächsten Moment wieder. »Was du nicht sagst, meine Liebe. Ist das nun die Menstruation oder die Prämenstruation? Ich komme da nicht mehr mit.« Sein Kommentar ließ ihre Wut verfliegen. Er tat ihr leid. »Ich weiß, dass du es zurzeit nicht leicht hast, Pål.« Sie hörte, wie provozierend ihre Worte klangen, noch ehe er aufsprang. »Gib mir doch einen Termin!«, knurrte er. »Du müsstest ja genug Zeit haben, da die meisten deiner Patienten nicht wiederkommen.« Sie schüttelte betrübt den Kopf. »Ich glaube, es hat keinen Sinn mehr.« Er beruhigte sich ein wenig. »Mit deiner Behandlung?« »Mit uns.« Sie wollte das Thema jetzt eigentlich nicht anschneiden. Nicht solange die Sache mit Mailin so frisch war. Sie waren beide aus dem Gleichgewicht geraten. »Was ist mit uns?« Er drängte sie, es auszusprechen. »Ich will, dass du ausziehst.« Er zog den Zahnstocher heraus, betrachtete ihn für einen Augenblick und stocherte dann damit in seinem Oberkiefer herum. »Endlich mal was anderes als dein übliches Geschwätz«, sagte er. »Ich habe schon so lange darüber nachgedacht, dass ich es fast vergessen hätte.« »Lass uns darüber reden, wenn wir ein bisschen Abstand zu der Sache mit Mailin gewonnen haben«, entgegnete sie. »Ich will aber jetzt darüber reden!«, fauchte er. »Und zwar sofort! Du kannst nicht einfach solche Sachen raushauen und mich dann im Regen stehen lassen.« »Na gut«, sagte sie einlenkend. »Um gleich Nägel mit Köpfen zu machen: Wo soll Oda wohnen?« »Oda? Darüber diskutiere ich nicht.« Wieder dieses Schmunzeln. »Weil du glaubst, dass das sowieso klar ist«, sagte er mit ruhiger Stimme. »Aber du weißt genau, dass ich einiges zu sagen habe, wenn das Thema aufs Tapet kommt.« Sie sah ihm förmlich an, dass er glaubte, Oberwasser zu gewinnen. »Nein, weiß ich nicht. Keine Ahnung.« Er lehnte sich in aller Ruhe zurück. »Zwei Mal habe ich Oda zur Unfallambulanz gefahren. Ein Mal mit gebrochenem Arm, ein anderes Mal mit Brandwunden auf der Brust. Glaubst du etwa, die sind vollkommen blind und kriegen nichts mit?« Sie blieb mit halb geöffnetem Mund sitzen und wartete darauf, dass er beginnen würde zu lachen. Das war doch bloß wieder einer seiner geschmacklosen, makabren Witze. Doch weil er schwieg, musste sie zurückschlagen. »Ich werde niemals aussagen, dass du an dem Abend, als Mailin verschwand, mit Lara spazieren warst. Ist dir das klar? Ich bin nämlich an diesem Abend mit Lara spazieren gegangen. Und du bist erst nach elf nach Hause gekommen. Du riskierst, wegen einer Falschaussage aufs Präsidium zitiert zu werden, mein Lieber. Aber vielleicht willst du ja bei dieser Gelegenheit gleich das Sorgerecht beantragen.« Das saß. Er zog den Zahnstocher aus dem Mund, brach ihn in kleine Stücke und verteilte sie auf dem Tisch. »Du glaubst doch wohl nicht, ich hätte etwas mit Mailins Tod zu tun?« »Du hast keinen Schimmer, was ich glaube, Pål. Zuerst wirst du mir genau erzählen, was du an diesem Abend getan hast. Dann werde ich dir sagen, was ich glaube und was nicht.« Er rang sich ein gequältes Lächeln ab. Sie wusste, dass er sich charmant vorkam, wenn er dieses Lächeln aufsetzte. Nachgiebig und selbstsicher zugleich. Einst hatte sie dies selbst so empfunden. Jetzt war es nicht mehr als eine dämliche Fratze. Er wandte eine Therapie an, die den Leuten helfen sollte, aus ihrem eigenen Panzer auszubrechen. Doch er selbst zog sich mehr und mehr in eine Schale zurück. Sie hatte sich bemüht, in sein Inneres vorzudringen. Jetzt ekelte es sie davor, wenn sie sich vorstellte, auf was sie dort stoßen würde. »Das willst du nicht wissen«, entgegnete er. Sie spielte ihre letzte Karte aus. »Mailin hat herausgefunden, was du hier abends so treibst.« »Aha«, sagte er steif. »Sie hat mich gefragt, ob ich davon wüsste.« »Und was hast du gesagt?« »Ich habe ihr gesagt, dass ich alles wüsste, was in dir vorgeht. Das war einen Tag, bevor sie verschwunden ist. Das waren die letzten Worte, die ich von Mailin gehört habe, dass sie in dein Büro gehen und mit dir darüber sprechen wollte.« * Torunn glaubte, dass Tormod Dahlstrøm ihre Nummer immer noch gespeichert hatte. In diesem Fall würde ihr Name auf seinem Display erscheinen, wenn sie ihn anrief. Dann konnte er abheben oder zumindest später zurückrufen. Falls er es nicht tat, wäre das eine Bestätigung, dass sie ihm nichts mehr bedeutete. Dann hörte sie seine Stimme. »Tormod«, sagte er. Sie musste aufstehen und im Zimmer auf und ab gehen. Der Gedanke, dass er nach Mailins Tod wieder ihr Mentor werden würde, war grotesk. Deshalb schob sie ihn weit von sich. »Hallo, Tormod«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich bin’s, Torunn.« Sie ließ die beiden Namen ein bisschen aufeinander wirken. »Ich habe gesehen, dass du es bist«, entgegnete er und wirkte erleichtert. »Ich wollte dich auch schon anrufen.« Sie begriff, dass er die Wahrheit sagte, aber auch, warum er an sie gedacht hatte. »Es ist so furchtbar«, klagte sie. »So unwirklich. Ich kann es noch gar nicht glauben.« Es klang wie eine hohle Phrase, obwohl es der Wahrheit entsprach. Sie hatte viele Gründe, ihn anzurufen. Doch momentan konnte sie nur über einen einzigen mit ihm reden. »Ich habe über etwas nachgedacht, das Mailin zu mir gesagt hat. Ich muss deine Meinung dazu erfahren.« Sie hielt inne, er wartete ab. Sie hatte niemals einen besseren Betreuer als ihn gehabt und wusste, wie töricht sie damals gewesen war, sich einen anderen zu suchen. Sie hatte sich von ihrem Zorn leiten lassen und sich eingebildet, ihn damit treffen zu können. Und vielleicht hatte sie ihn wirklich ein wenig verletzt. »Vor ein paar Jahren hatte Mailin einen Patienten, mit dem sie nicht mehr weiter zusammenarbeiten wollte. Sie hat die Behandlung abrupt abgebrochen. Eigentlich hat sie ja nicht gekniffen, wenn es schwierig wurde. Doch damals schien sie richtig verängstigt gewesen zu sein.« »Hat sie dir Genaueres darüber erzählt?«, fragte Dahlstrøm. »Sie hatte ihn gerade in ihr Habilitationsprojekt aufgenommen, mit dem sie damals begann. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er sie bedroht hat.« »Hast du eine Ahnung, wer dieser Patient gewesen sein könnte?« »Ich bin ihm nie begegnet. Und Mailin hat auch nie seinen Namen verraten. Ich weiß nicht, ob er auf Anraten eines Arztes zu ihr gekommen war. Vielleicht lässt sich über die Krankenversicherung etwas herausfinden. Ich könnte noch ziemlich genau den Zeitpunkt ermitteln, wann er da war. Aber vielleicht hat sie dir gegenüber davon gesprochen.« Sie wusste, dass er sich scheuen würde, ihr etwas von den Gesprächen zu offenbaren, die er mit Mailin hinsichtlich ihres Habilitationsprojekts geführt hatte. »Ich glaube, ich weiß, worauf du anspielst«, entgegnete er. »Das ist schon mehrere Jahre her, und Mailin meinte, sie brauche in dieser Sache keinen Therapeuten, um darüber zu reden. Das könnte darauf hindeuten, dass sie die Sache selbst nicht als so wichtig einstufte, wie du es jetzt tust. Viele ihrer Patienten waren schließlich launisch und instabil.« »Die Polizei ist heute hier gewesen. Sie wollten sich Zugang zu ihrem Aktenschrank verschaffen. Aber ich glaube nicht, dass sie dort etwas finden werden. Er ist schließlich fast leer. Ein paar Unterlagen zu ihrer Habilitationsschrift, aber keine Namen. Ich weiß nicht, wo Mailin so etwas aufbewahrte.« Dahlstrøm schwieg für eine Weile. Dann sagte er: »Ich habe eine Liste der Patienten, die an dem Projekt beteiligt waren. Ich werde zu ihnen Kontakt aufnehmen und sie auffordern, sich an die Polizei zu wenden.« Seine Stimme hörte sich nicht überzeugend an. »Ich hätte dir das schon viel früher erzählen sollen«, brachte sie heraus. »Du hast getan, was du konntest, Torunn. Es ist leicht, sich selbst Vorwürfe zu machen. Wir sollten uns so gut wie möglich gegenseitig unterstützen.« Sein Trost war zu viel für sie. Es machte ihr nicht aus, dass er hörte, wie sie weinte, und beendete das Gespräch, ohne das Thema anzuschneiden, das ihr mehr als alles andere auf der Seele lag. 10 R oar Horvath benötigte eine Stunde, um sich vorzubereiten. Im Internet scrollte er sich durch zahllose Dokumente und druckte ein paar Artikel aus, unter anderem von einer obskuren Homepage namens baalzeebub.com. Elias Frelsøi, wie Berger eigentlich hieß, war in Oslo aufgewachsen und hatte zuerst die Kampen- und später die Hersleb-Schule besucht. Seine Familie gehörte der Pfingstbewegung an. Frelsøi brach mit ihr im Alter von achtzehn Jahren und nahm den Namen seiner Mutter, Bergersen, an. Er begann an der Theologischen Hochschule zu studieren, brach sein Studium jedoch ab. Engagierte sich im Milieu um die anarchistische Zeitung Gateavisa. Er war Mitglied in mehreren Punkgruppen, ehe er seine eigenen Bands mit den Namen Hell’s Razors und Baal-zebub gründete. Letztere bestand bis Ende der 80er-Jahre. Später startete er unter dem Namen Berger eine Solokarriere. In den 90er-Jahren hatte er mehrere Hits, die von Glauben und Begierde handelten, meist ruhige, akustische Songs. Zur selben Zeit schrieb er mehrere Soloprogramme, die eine Mischung aus Konzert und politischem Kabarett waren und sich durch beißende Gesellschaftskritik an den »norwegischen Zuständen« auszeichneten. Zu Beginn des neuen Jahrtausends bekam er erstmals eine eigene Show im norwegischen Fernsehen, die jedoch nach drei Sendungen, angeblich wegen mangelnden Zuschauerinteresses, wieder abgesetzt wurde. Auf TV 2 lief ein Jahr lang seine »Stand-up-Rock-und-Satire«-Sendung, die ebenfalls abgesetzt wurde, obwohl sie in aller Munde war. Im Frühherbst dieses Jahres wurde er schließlich vom neu gegründeten Kanal 6 engagiert. Im Lauf weniger Monate, vor Mailins Verschwinden, schaffte es seine Fernsehshow Tabu mehr als zehn Mal auf die Titelseite der Boulevardzeitungen. »Berger will Doping im Leistungssport legalisieren!« »Berger beschimpft Feministinnen!« »Berger isst ein Marzipanschwein in Gestalt des Propheten Mohammed!« »Berger spritzt sich Heroin!« »Ist Berger pädophil?« Roar fiel ein, dass einer seiner besten Freunde, der Journalist beim Romerikes Blad war, den berüchtigten Talkmaster vor mehreren Jahren interviewt hatte. Roar hinterließ eine Nachricht auf seinem Anrufbeantworter, ehe er in die Garage ging und seinen Dienstwagen in Bewegung setzte. Er fuhr gerade am Schlosspark vorbei, als sein Freund zurückrief. »Hallo, hier ist Dan-Levi.« Roar fummelte an seinem Headset herum und hätte fast die Straßenbahn übersehen, die in diesem Moment in die Henrik Ibsens gate einbog. »Du hast mich doch wohl nicht angerufen, um mir zu sagen, dass du immer noch fluchst und andere schwere Sünden begehst«, hörte er am anderen Ende seinen Freund sagen. Dan-Levi Jakobsen war seit der Grundschule Roars bester Freund gewesen. Als ältester Sohn eines Pastors der Pfingstgemeinde in Lillestrøm war er der geborene Außenseiter, vor allem in späteren Schuljahren. Roar selbst kultivierte als »halber Ungar« sein eigenes Außenseitertum. Erst im Nachhinein begriff er, dass sich fast jeder Schüler in Kjellervolla damals als Außenseiter betrachtete. Die meisten konnten dies überspielen, aber der Pastorensohn Dan-Levi hatte natürlich keine Chance, und auch Roar konnte seinen Nachnamen schließlich nicht leugnen. Also gründete sich ihre Verbundenheit auf einem Lebensgefühl, das sich in etwa mit »I’m black and I’m proud« beschreiben ließ. Im Grunde ihres Herzens hatten sie wohl mehr Angst davor, so zu sein wie alle anderen, als ausgestoßen zu werden. »Ich rufe dich aus zwei Gründen an«, begann Roar. »Erstens ist es über drei Jahre her, dass wir zusammen ein Bier getrunken haben.« In Wahrheit waren es ungefähr drei Monate. Mit Ironie versuchte Roar den vierfachen Familienvater, der eine unangreifbar glückliche Ehe mit seiner Jugendliebe Sara führte, von Anfang an in die Defensive zu drängen. Dass Sara eigentlich Roars Freundin gewesen war – jedenfalls die erste, mit der es zu mehr als ein bisschen Fummeln im Kino gekommen war –, gehörte zu den wenigen Dingen, über die sie niemals scherzten. »I’m ready when you are, señor«, entgegnete sein Kumpel. »Außerdem bist du es doch, der sich in dieses Drecksloch, das sie Hauptstadt nennen, zurückgezogen hat.« »Stimmt schon. Ich habe Heimweh, wenn ich nur an den Geruch des Nittelva denke.« Nachdem er vor anderthalb Jahren aus Lillestrøm fortgezogen war, eine kaputte Ehe und einen Haufen Freunde zurückgelassen hatte, die in gewisser Weise wählen mussten, zu welchem der Ex-Ehepartner sie Kontakt halten wollten, ließ auch Roar keine Gelegenheit aus, seine alte Heimat mit Schmutz zu bewerfen. Sie hatte sich den Status einer Stadt ermogelt. Das sogenannte Zentrum war eine einzige Baustelle. Das Fußballteam bestand aus einem Haufen zerstrittener Bauern und so weiter. Keines dieser Dinge ging ihm wirklich nahe, doch es war befreiend, sie auszusprechen. »Das war also der erste Grund«, sagte Dan-Levi, nachdem sie verabredet hatten, sich am Neujahrstag im Café Klimt zu treffen. »Und der zweite?« »Ich habe da an ein Interview gedacht, das du vor ein paar Jahren geführt hast. Aber du musst mir versprechen, dass die Sache unter uns bleibt.« Dan-Levi schwor es. Zwar konnte Roar nicht sehen, ob sein Journalistenfreund beim Schwur nicht doch die Finger abknickte, aber er wusste ganz genau, dass er sich auf Dan-Levi, der ihm in den Jahren auf dem Präsidium in Romerike manches Mal von Nutzen gewesen war, absolut verlassen konnte. Dan-Levi seinerseits kam hin und wieder in den Genuss geheimer Informationen, wodurch er den ein oder anderen journalistischen Coup landen konnte. »Ich bin gerade auf dem Weg zu Tabu-Berger«, verriet Roar, »und brauche ein paar Tipps.« »Willst du etwa andeuten, dass es eine Verbindung zwischen Berger und der toten Frau gibt, die in Hurum gefunden wurde?« »Kein Kommentar. Überlass die Fragen lieber mir. Ich will alles über Berger wissen, seine Schwachpunke, worauf man besonders achten muss und so weiter. Ich frage, weil du ihn damals interviewt hast und Berger tief in der Pfingstbewegung verwurzelt ist. Und wer das einmal war, kommt niemals richtig davon los. Du kennst doch bestimmt Leute, die etwas über seine Kindheit berichten können.« »Wahrscheinlich möchtest du hören, dass Berger schon als Kind psychopathische Züge hatte. Was springt für mich dabei heraus?« »Ein Bier, vielleicht auch zwei.« Schweigen. »Ich werde versuchen, bis Donnerstag etwas rauszukriegen«, sagte Dan-Levi schließlich. »Und noch was: Lass dir auf keinen Fall etwas über dich selbst aus der Nase ziehen, wenn du mit ihm sprichst. Mich hat er sofort auf die Pfingstbewegung angesprochen, nachdem ich mich vorgestellt hatte. Er behauptete, mein Name habe mich verraten. Von diesem Moment an hatte er mich in der Hand, nicht umgekehrt.« 11 B erger wohnte in der Løvenskiolds gate. Die Wohnung gehörte einem gewissen Odd Løkkemo, wie Roar herausgefunden hatte. Als die Tür von einem Mann mit rötlich-grauem Haarkranz geöffnet wurde, zeigte er seinen Polizeiausweis und sagte: »Odd Løkkemo, nehme ich an.« »Schon möglich«, entgegnete der Mann kurz angebunden. Seine Augen waren gerötet, als hätte er gerade geweint. Roar sagte, er sei mit Herrn Berger verabredet. Der Mann, der ihm die Tür geöffnet hatte, drehte seinen Kopf zur Seite und schrie: »Elias! Besuch für dich!« Die feminine Stimme sowie die wiegenden Hüften, als er nun den Flur entlangging, überzeugten Roar davon, dass er mit dem Fernsehstar mehr teilte als bloß die Küche. Doch niemand kam, um den Gast zu begrüßen. Um nicht unbeholfen herumzustehen, öffnete Roar die erste Tür und blickte in ein Badezimmer. Es schien frisch renoviert zu sein, hatte römisch anmutende Kacheln und einen großen Whirlpool. Noch immer war niemand zu sehen. Roar öffnete einen der Badezimmerschränke. In den Regalen stapelten sich Waschlappen und Handtücher. Daneben standen Tuben und Pillengläser. Die meisten waren mit »E. Berger« beschriftet. Paralgin forte, registrierte Roar. Temgesic. Morphintabletten. Er merkte sich den Namen des Arztes, der sie verschrieben hatte. Nicht dass er sich viel davon versprach, doch womöglich ging hier jemand allzu freigiebig mit Betäubungsmitteln um. Er probierte zwei, drei weitere Türen, entdeckte die Küche und eine Art Bibliothek. Hinter der vierten Tür verbarg sich ein riesiges Wohnzimmer. An einem Schreibtisch, mit dem Rücken zu Roar, saß ein Mann und beugte sich regungslos über die Tastatur eines Computers. Roar räusperte sich vernehmlich, doch der Mann reagierte nicht. Erst als er die Tür hinter sich zuwarf, drehte der Mann sich um, als sei er plötzlich zum Leben erwacht. Er blinzelte seinen Gast an. Seine langen Haare waren offensichtlich gefärbt und sahen im Kontrast zu der wächsernen, unreinen Gesichtshaut alles andere als natürlich aus. Roar bemerkte seine stecknadelgroßen Pupillen, obwohl es im Raum nicht besonders hell war. »Polizei? War das heute?«, fragte Berger, als er den Ausweis sah. Seine Überraschung schien echt zu sein, obwohl es nicht mal zwei Stunden her war, seit sie miteinander telefoniert hatten. Roar wollte ihn aufs Präsidium zitieren, doch Berger hatte erklärt, dass er keinesfalls dort erscheinen werde. »Wie war noch gleich Ihr Name, Horvath? Ach ja, wir hatten telefoniert. Sind Sie ungarischer Abstammung?« Roar dachte an Dan-Levis Bemerkung, dass Berger jede Gelegenheit nutzte, um die Kontrolle des Gesprächs an sich zu reißen. Roar begnügte sich mit einem vagen Nicken und entgegnete: »Ich hatte Ihnen ja bereits gesagt, dass wir noch Antworten auf gewisse Fragen brauchen.« »Ja, ja, natürlich«, erwiderte Berger mit dumpfer, nasaler Stimme. Er zeigte auf einen Stuhl an der Wand. »Sie müssen entschuldigen, dass ich Ihnen nichts anbieten kann, aber mein Butler hat heute Nachmittag frei.« Roar rang sich ein müdes Lächeln über den albernen Witz ab. »Worum ging es noch gleich?«, näselte Berger. »Seien Sie so gut und helfen Sie meinem Gedächtnis ein bisschen auf die Sprünge. Hatte es mit der letzten Talkshow zu tun?« Roar hatte am Telefon ganz genau erklärt, was er von ihm wollte, doch hütete er sich davor, auf Bergers närrisches Spiel einzugehen. Seine nasale Stimme und die winzigen Pupillen konnten jedoch darauf hindeuten, dass sein Gedächtnis tatsächlich außer Kraft gesetzt worden war. Was zum Teufel nimmt dieser Mann bloß?, fragte er sich. Jedenfalls nichts Aufputschendes. Er hatte ein paar Folgen von Tabu gesehen und konnte sich an die Sendung erinnern, in der es um Heroin gegangen war. Berger hatte sich ja wohl keinen Schuss gesetzt, ehe er von der Polizei vernommen wurde. »Mailin Bjerke«, sagte Roar in neutralem Tonfall. »Natürlich«, entgegnete Berger mit einem Stöhnen. »Tragisch, tragisch.« Er schnitt eine Grimasse. »Was für einen Status habe ich in dieser Angelegenheit? Gehöre ich zu den Verdächtigen? Sind Sie deswegen hierhergekommen, Herr Horvath? Um mir ein Geständnis zu entlocken?« »Haben Sie denn etwas zu gestehen?« Berger legte den Kopf in den Nacken, als wolle er lachen. Doch es war nur ein leises Krächzen zu hören. Roar überlegte, ob man ihn einliefern sollte. »Ihnen würde schwindelig werden, Herr Horvath, wenn ich alles gestehen würde, was ich auf dem Gewissen habe.« Er machte eine kurze Handbewegung. Dabei rutschte sein Ellbogen unbeabsichtigt von der Stuhllehne. »Sie haben den Status eines Zeugen«, erklärte Roar. »Sie waren am Abend des 11. Dezember mit Mailin Bjerke verabredet. Sie hat Ihnen eine SMS geschickt. Es war ihre letzte Textnachricht.« Berger beugte sich vor und knetete mit beiden Händen seine teigigen Wangen. »Eine SMS, sagen Sie?« Er steckte eine Hand in die Tasche seines verschlissenen Cordsakkos und zog ein Handy hervor. »Am 11. Dezember?« Er suchte eine Weile. »Sie haben recht, Herr Horvath. Was Sie alles wissen! ›Komme ein paar Minuten später‹, steht hier. ›Der Zahlencode für das Türschloss ist 1982. Die Tür zum Wartezimmer im ersten Stock ist offen. Muss mit Ihnen reden. M. Bjerke.‹« »Haben Sie im Wartezimmer gewartet?« »Was soll man denn sonst in einem Wartezimmer machen?«, näselte Berger. »Aber ja, Herr Kommissar. Ich war da. Nur Frau Bjerke hatte es offenbar nicht nötig, dort aufzutauchen. Ich wollte ins Studio. Hatte schon alle darüber informiert, dass Frau Bjerke in der Sendung zu Gast sein würde. Doch auch dort ist sie nicht erschienen.« »Inzwischen wissen Sie vermutlich auch, warum«, bemerkte Roar. »Wie lange haben Sie gewartet? Fünf Minuten? Zehn?« Berger blickte zur stuckverzierten Decke empor. »Ich laufe nicht mit einer Stoppuhr durch die Gegend. Aber ich war vor halb neun in Nydalen.« »Waren noch andere Leute im Wartezimmer?« »Keine Menschenseele. Das Licht war aus, als ich gekommen bin. Ich habe niemand gehört, niemand gesehen und niemand gerochen.« Berger richtete sich auf. Seine Stimme war ein wenig klarer geworden. »Habe eine Zigarette geraucht, danach eine Toilette auf dem Flur aufgesucht, habe sie genauso sauber wieder verlassen, wie ich sie vorgefunden hatte, und habe mich absentiert.« »Und Sie sind niemand begegnet?« »Das müssten Sie doch besser wissen als ich, Mr. Horvath. Ich gehe davon aus, dass Sie einen kompletten Überblick haben.« »Haben wir«, erklärte Roar. »Bis jetzt hat jedenfalls niemand bestätigt, dass Sie das Haus in der Welhavens gate betreten oder wieder verlassen haben. Niemand außer Ihnen selbst weiß, wo Sie vor zehn nach neun gewesen sind. Zu diesem Zeitpunkt kamen Sie atemlos und eine halbe Stunde später als sonst in die Maske, um sich für die Sendung schminken zu lassen.« Berger schloss die Augen und stützte seinen Kopf in eine Handfläche. »Da sehen Sie mal!«, entgegnete er so müde, als würde er jeden Moment einschlafen. »Sie wissen ja schon alles. Warum stellen Sie mir überhaupt diese Fragen?« »Weil wir wissen wollen, wie es kommt, dass Sie zwei Stunden brauchten, um bei normalem Verkehr von der Welhavens gate zum Fernsehstudio in Nydalen zu gelangen.« Berger ließ sich tiefer in seinen Bürostuhl sinken. »Das herauszufinden, überlasse ich Ihnen, Herr Horvath. Sollte für einen mäßig begabten Polizisten nicht allzu schwer sein.« Er machte eine schlappe Handbewegung. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie nicht hinausbegleite und dass mein Butler nicht zur Verfügung steht.« Roar stand auf und ging einen Schritt auf ihn zu. »Ich bin noch nicht fertig mit Ihnen, Herr Berger. Und das nächste Mal sollten Sie in der Lage sein, sich klar und verständlich auszudrücken. Wenn nicht, werde ich dafür sorgen, dass Sie ein, zwei Tage in Untersuchungshaft verbringen, vielleicht mit irgendeinem anderen Junkie.« Er wusste, dass es nicht besonders klug war, so etwas zu sagen. Doch es tat gut. 12 A ls Odd Løkkemo hörte, wie der Polizist die Wohnung verließ, setzte er sich in seinem Bett auf. Seine Migräne ließ langsam nach. Inzwischen hatte er sie einigermaßen im Griff, wusste genau, was er tun konnte und was er meiden musste. Am ersten Tag eines Anfalls war er so gut wie tot. Es kribbelte in der einen Körperhälfte, er sah alles doppelt, Farben tanzten an den weißen Wänden. Dann kamen die Lähmungserscheinungen. Der eine Mundwinkel hing herab, sein halbes Gesicht war gefühllos, er konnte seinen Arm nicht bewegen und das Bein nicht heben. Dann brach ein gewaltiger Schmerz wie eine riesige Flutwelle über ihn herein. Zwei Tage musste er in einem abgedunkelten Zimmer liegen, erbrach sich in einen Eimer und kroch über den Boden, um aufs Klo zu gelangen. Während Odd mehrere Tage im Dunkeln gelegen hatte und sich wie ein Folteropfer vorgekommen war, registrierte er, dass Elias die ganze Zeit über Besuch hatte. Sicher keiner ihrer gemeinsamen Freunde, denn derjenige wäre ins Schlafzimmer gekommen, um zu schauen, wie es ihm ging. Bestimmt ein Bewunderer. Darauf deutete die Musik hin, die aus Elias’ Arbeitszimmer drang. Gearbeitet wurde dort jedenfalls nicht. Odd stellte sich einen jungen Mann vor, denn er wusste, dass Frauen nichts anderes als die Erinnerungen seines Lebensgefährten in Gang setzten. Vor ein paar Stunden, nachdem Odd endlich hatte aufstehen können, fand er Elias nackt am Küchentisch vor. Odd merkte sofort, was mit ihm los war. Er bekam stets denselben verklärten Blick, wie ein unsterblich verliebter Teenager. Verdammter Mistkerl, dachte Odd, sagte jedoch kein Wort. Beim kleinsten Anzeichen eines Streits würde seine Migräne wieder aufflammen. Es hatte übrigens vor ein paar Wochen angefangen, während Odd in Lillehammer gewesen war. Schon am Tag seiner Rückkehr hatte Elias diesen verhangenen Blick gehabt, diesen Geruch jugendlicher Geilheit. Er tat sehr geheimnisvoll und machte eine Reihe von Andeutungen. Er wusste, wie sehr dies Odd verletzte, doch gerade darum tat er es ja, das hatte Odd längst begriffen. Elias liebte es, ihn eifersüchtig zu machen. Nicht um seine Macht zu demonstrieren, sondern weil er niemals das Gefühl missen wollte, dass jemand seinetwegen eifersüchtig war. Überhaupt liebte er es, bei Menschen Gefühle zu provozieren, die sie nicht unter Kontrolle hatten. Das machte sie interessanter, meinte er. »Selbst ein so durch und durch langweiliger Typ wie du, Odd, wird interessant, wenn diese herrlich unreife Wut an die Oberfläche kommt.« Oder er sagte: »Ich liebe dich eben, Odd, wenn du wütend bist und dich zu beherrschen versuchst, wenn du deine versteckte und gefährliche Seite zeigst. Ansonsten ist bei dir ja alles geradezu absurd vorhersehbar.« Dennoch hatte Elias immer an ihm festgehalten, oder gerade deshalb. Auch er brauchte etwas Vorhersehbares und Verlässliches an seiner Seite. Ohne mich wäre er völlig hilflos, dachte Odd. Und jetzt, nachdem diese Sache passiert war, braucht er mich mehr denn je … Für eine Weile hatte Elias versucht, es für sich zu behalten, doch schließlich hatte Odd es herausbekommen. Fand einen Brief, der nicht für seine Augen bestimmt gewesen war. Er war zwar vorhersehbar, doch hatte er die Gabe, Elias zu durchschauen und mehr über ihn zu wissen als jeder andere. Er tröstete sich mit diesem Gedanken, hegte und pflegte ihn jeden Tag. Elias Berger war tief in den Ohrensessel gesunken. Sein Kopf war nach hinten gefallen, sein Mund stand halb offen. Er atmete schwer und unregelmäßig. Odd legte ihm die Hand auf die Stirn. »Wie geht es dir?« Berger öffnete ein Auge. »Kannst du aufräumen?«, stöhnte er und machte eine müde Kopfbewegung in Richtung Schreibtisch. Odd ging dorthin und zog die oberste Schublade auf. Darin lagen ein Stauschlauch und eine Spritze, in deren Kanüle die Reste einer milchigen, mit Blut durchsetzten Flüssigkeit zu erkennen waren. »Sei so gut und warne mich das nächste Mal, bevor die Polizei zu Besuch kommt.« »Das hab ich doch getan!«, wehrte sich Odd. Berger winkte ärgerlich ab und starrte an die Decke. »Hat sich deine Migräne gebessert?«, fragte er freundlich. Odd kam erneut zu ihm und strich ihm über die Haare. »Danke für dein Mitgefühl, Elias.« Aus Bergers Kehle drang ein leises Grunzen. »Ich brauche das Haus heute Abend eine Zeitlang für mich allein«, sagte er. »Könntest du etwas unternehmen?« Odd zog seine Hand zurück und ließ sich auf den Couchtisch sinken. Er hätte jetzt zornig werden und ihn daran erinnern können, dass dies seine Wohnung war. Dass Elias hier nur wohnte, weil Odd es ihm erlaubte. Dass Elias irgendwo anders seine Toyboys empfangen sollte. Genau dieses Wort hätte er benutzen können. Er hätte ihm ins Gesicht schreien können, dass er ihn hasste. Aber damit konnte er Elias nicht treffen. Nach dem, was geschehen war, umso weniger. Es nutzte nichts, ihm diese Dinge zu sagen, denn Elias wohnte nicht dort, weil er musste, sondern weil Odd es so wollte. Er wollte ihn bei sich haben, wollte ihn genau so, wie er war. »Wie kann ich dir helfen, wenn du mich zurückweist?« Berger schaute ihn lange an. Sein Blick öffnete sich und war für einen Moment frei von jedem Spott. Dann berührte er Odds Hand, auf eine Art, nach der sich Odd die ganze Zeit gesehnt hatte. »Es wäre ein Zeichen tief empfundener Freundschaft, Odd, wenn du deinem Freund helfen würdest, eine Leiche zu vergraben.« »Nein!«, protestierte Odd, kam auf die Beine und setzte sich zu ihm auf die Armlehne. Elias hatte diesen Satz in den vergangenen Wochen öfter gesagt, und diesmal hatte Odd eine Antwort parat: »Es wäre ein Zeichen tief empfundener Freundschaft, wenn ich dir helfen würde, eine Leiche auszugraben.« Berger sank in seinen Stuhl zurück, sagte nichts mehr und starrte nur noch unverwandt an die Decke. Ihm helfen, dachte Odd. Das ist es, was ich tun sollte. Ihm helfen, diese Situation durchzustehen. Nicht an die Zukunft zu denken. Denn es gibt keine. 13 Mittwoch, 31. Dezember I m Aufzug, der ihn von der sechsten Etage des Präsidiums nach unten beförderte, dachte Roar Horvath an die Vernehmung, die er durchführen wollte. Er hatte sich wie immer ein klares Ziel gesetzt und eine Strategie zurechtgelegt. Natürlich war es notwendig, diese Strategie flexibel zu handhaben und keine wichtigen Aspekte zu vernachlässigen, die während der Vernehmung unerwartet auftauchen konnten. Er hatte den Morgen dazu verwendet, ein weiteres Mal den Stoß mit Vernehmungsprotokollen durchzugehen. Hatte sich den Bericht vorgenommen, den ein Ermittlungskollege über den privaten Hintergrund der ermordeten Frau angefertigt hatte, und ihn mit eigenen Kommentaren und Ergänzungen versehen. Er vergegenwärtigte sich die wichtigsten Fragen, die er Mailin Bjerkes Schwester stellen wollte. Er erblickte sie sofort, als er aus dem Aufzug kam. Sie stand ein paar Meter von der Rezeption entfernt, mitten in der Eingangshalle. Als er seine Hand ausstreckte und sich vorstellte, kam er sich mit einem Mal völlig unvorbereitet vor. Er musste sich anstrengen, um ihrem Blick standzuhalten, und bemerkte, dass er ihre Antwort nicht mitbekommen hatte. Er hatte schon viele junge Frauen vernommen. Hässliche und attraktive waren darunter gewesen, die meisten irgendwo dazwischen. Er sollte professionell genug sein, sich von so etwas nicht beeinflussen zu lassen. Er riss sich zusammen, als er sich umdrehte und vorausging. Aufgepasst, Roar, dachte er. Konzentrationsstufe fünf. »Herzliches Beileid«, sagte er plötzlich, als sie in der engen Kabine des Aufzugs standen. Sie war fast genauso groß wie er, ihre Haarfarbe irgendwo zwischen Rot und Braun. Ihre Augen sahen in dem grellen Licht unglaublich grün aus. Sie schlug schweigend den Blick nieder. »Das muss für die nächsten Angehörigen eine furchtbare Zeit sein.« Roar hielt sich eigentlich für überdurchschnittlich geschickt, wenn es darum ging, mit Menschen in schwierigen Situationen zu reden. Doch jetzt kam er sich wie ein Elefant vor. Er schloss die Bürotür hinter ihr und nahm den Hauch ihres Parfüms wahr. Pass auf, verdammt!, ermahnte er sich. Konzentrationsstufe acht! Stufe zehn war die höchste auf seiner Skala. Sie war normal gekleidet, bemerkte er, während er hinter seinem Schreibtisch Platz nahm. Einen Anorak, der zu groß aussah. Darunter einen grünen Wollpullover. Eine schwarze, nicht allzu enge Hose und hochhackige Stiefel. Sie schien nahezu ungeschminkt zu sein. Ihre Finger waren lang und schmal, die Nägel gepflegt. Roar wiederholte die Beschreibung im Stillen, das gab ihm das Gefühl, die Situation besser im Griff zu haben. »Wir haben seit mehreren Tagen versucht, Sie zu erreichen«, begann er. »Doch niemand wusste genau, wo Sie sich aufhalten.« »Wer ist niemand?«, fragte sie. Ihr Stimme war ruhig und ziemlich tief. »Ihre Eltern. Sie haben Sie seit Heiligabend nicht mehr gesehen.« Er hatte sich darüber gewundert, dass sie die ersten Tage nach dem Schock nicht gemeinsam mit ihren Angehörigen verbracht hatte. »Wann haben Sie Ihre Schwester das letzte Mal gesehen?«, wollte er wissen. »Im Sommer«, antwortete Liss Bjerke und schaute ihm direkt in die Augen. Inzwischen hatte er sich an ihren Blick gewöhnt. »Sie hatten kein besonders enges Verhältnis zueinander?« Lis Bjerke glättete die Wildlederhandschuhe auf ihren Oberschenkeln. »Warum glauben Sie das?« »Tja … es gibt doch wohl Unterschiede, wie eng das Verhältnis von Geschwistern sein kann.« »Haben Sie Geschwister?«, fragte sie. Die Vernehmung dauerte erst ein paar Minuten und hatte schon einen vollkommen anderen Verlauf genommen, als er geplant hatte. Doch anstatt ihrer Frage auszuweichen, antwortete er: »Eine Schwester und einen Bruder.« »Und Sie sind der Älteste?« »Gut geraten«, sagte er lächelnd. »Mailin bedeutete mir mehr als jeder andere Mensch auf der Welt«, sagte sie plötzlich. »Nach meinem Umzug nach Amsterdam habe ich sie nicht mehr so oft gesehen, aber unsere Beziehung hat darunter nicht gelitten.« »Verstehe«, entgegnete Roar, um etwas zu sagen. »Das muss schrecklich für Sie …« »Soviel ich weiß, sind Sie weder Pfarrer noch Psychologe«, unterbrach ihn Liss Bjerke in scharfem Ton. »Ich bin hierhergekommen, um Fragen zu beantworten, die Ihnen vielleicht helfen, die Tat aufzuklären.« Konzentrier dich, dachte er erneut und drehte sich zu seinem Computer um. Er nahm die Liste mit den vorbereiteten Fragen zur Hand. Das half. Es gelang ihm, sich einen Überblick über die Kontakte der beiden Schwestern in den letzten Monaten zu verschaffen. Mindestens ein Mal pro Woche hatten sie miteinander telefoniert und sich ständig SMS geschrieben. Liss Bjerke hatte ihm einige dieser Textmeldungen gezeigt. Mittlerweile hatte sie den tiefen, ruhigen Ton ihrer Stimme wiedergefunden. Roar war indes klar geworden, dass er äußerst behutsam vorgehen musste. Die letzte SMS der Schwester war am Nachmittag des 11. Dezember verschickt worden. Bin auf dem Rückweg von der Hütte. Denke immer an dich, wenn ich da draußen bin. Halte dir Mittsommer nächstes Jahr frei. Rufe dich morgen an. »Was bedeutet das mit Mittsommer?«, fragte Roar. Liss Bjerke schien einen Augenblick nachzudenken, ehe sie antwortete: »Sie wollte heiraten.« »Wen?«, entfuhr es ihm. »Sie wollen mir doch wohl nicht erzählen, dass Sie nicht wissen, wer ihr Lebensgefährte war?«, entgegnete Liss Bjerke ungeduldig. »Er ist doch mindestens drei Mal vernommen worden.« Die Gereiztheit war in ihre Stimme zurückgekehrt. »Also Viljam Vogt-Nielsen.« Roar nickte. »Es hätte nicht zu Mailin gepasst, mit einem Mann zusammenzuleben und mit einem anderen die Hochzeit zu planen«, sagte Liss Bjerke. Dieser Punkt geht zweifellos an sie, dachte Roar. An ihre Stimmungsumschwünge hatte er sich schon gewöhnt. Sie war ein wenig eigen, dachte er. Bei einer Frau mit ihrem Aussehen kein Wunder. Er begann sie über ihr Leben in Amsterdam zu befragen, doch stellte sich rasch heraus, dass sie kein Bedürfnis hatte, über sich zu reden, zumindest nicht mit ihm. »Kannten Sie Viljam Vogt-Nielsen von früher?«, fragte er stattdessen. Sie schaute ihn skeptisch, vielleicht sogar ein wenig herablassend an, als wolle sie auch diese Frage zerpflücken, aber dann antwortete sie: »Ich bin ihm direkt nach meiner Rückkehr zum ersten Mal begegnet. Das war vor vierzehn Tagen.« Bevor er nachhaken konnte, fügte sie hinzu: »Sie wollen von mir wissen, was ich von ihm halte, nicht wahr? Ob ich es für möglich halte, dass er das Mailin angetan hat?« »Halten Sie es für möglich?« »Obwohl er bei meinen Eltern war, als sie verschwand? Obwohl Mailin und er sich gut verstanden?« Ihr Wangen waren ein wenig errötet. Die Art, wie sie den Lebensgefährten ihrer Schwester in Schutz nimmt, dachte er. Überprüfen, ob sie sich wirklich nie zuvor begegnet sind. Es klopfte an der Tür, Viken streckte den Kopf herein. Als er Liss Bjerke erblickte, betrat er das Zimmer. Er war wie immer sorgfältig gekleidet, blaues Sakko und weißes Hemd. Man hätte ihn glatt für einen bekannten Schnulzensänger halten können. Für ein paar Sekunden blieb er schweigend stehen und betrachtete sie. »Viken, Kriminalkommissar.« Er gab der jungen Frau die Hand. »Mein aufrichtiges Beileid«, fügte er hinzu. »Danke.« Er fuhr mit ein paar wohlgesetzten Wendungen fort, die durchaus von einem Pfarrer hätten stammen können, dachte Roar, doch Viken entging den spitzen Kommentaren, mit denen sie ihn bedacht hatte. Ganz im Gegenteil, er glaubte in Liss Bjerkes Gesicht zu erkennen, dass Vikens Worte des Mitgefühls sie erreichten. »Es ist sehr gut, dass Sie gerade hier sind«, fuhr der Kommissar fort. »Ich habe vor ein paar Minuten die Sache mit dem Handy aufklären können.« Sie schaute ihn fragend an. »Mit Mailins Handy?« »Ja. Ein Experte hat sich den Handyfilm angesehen. Wir versuchen ihre Worte zu entschlüsseln.« »Ihre Worte sind sehr undeutlich«, entgegnete Liss mit plötzlichem Eifer. »Und ich habe es nicht übers Herz gebracht, mir den Film ein zweites Mal anzusehen.« »Das verstehe ich gut.« Viken schien unmittelbar den Ton getroffen zu haben, den Roar fast eine halbe Stunde lang vergeblich gesucht hatte. »Es ist ja auch nicht gesagt, dass Sie dann mehr verstanden hätten. Unsere Experten haben ihn sich wieder und wieder angehört und sind sich immer noch nicht hundertprozentig sicher.« Er nahm ein Blatt Papier aus der Jackentasche und faltete es auseinander. »Ihre Meinung ist für uns von größter Bedeutung, da der Ausschnitt damit endet, dass Mailin Ihren Namen ruft. Aber zunächst möchte ich Sie um eines bitten. Es ist für die Ermittlungen ungeheuer wichtig, dass nichts davon bekannt wird.« Liss Bjerke beugte sich vor und drehte sich eine Locke um den Zeigefinger. »Ich werde alles für mich behalten.« »Gut. Es hört sich so an, als würde Mailin, bevor sie Ihren Namen ruft, drei Wörter sagen, die sich anhören wie Sand, Ferien und Ski. Haben Sie das verstanden?« Liss wiederholte: »Sand, Ferien, Ski und Liss.« »Genau. Sagt Ihnen das was?« Viken setzte sich auf die Tischkante und wartete ab. Nach einer Weile entgegnete sie: »Kann ich länger darüber nachdenken?« »Aber natürlich, Liss. Nehmen Sie sich so viel Zeit, wie Sie brauchen.« Roar tippte auf der Tastatur. Er konnte sich nicht erinnern, dass Viken eine Zeugin schon mal beim Vornamen genannt hatte. Der Kommissar gab ihr seine Karte. »Rufen Sie mich sofort an, wenn Ihnen etwas einfällt. Egal, wann, auch mitten in der Nacht. Versprechen Sie mir das?« Sie blieb sitzen und fingerte an der Karte herum. »Haben Sie etwas über den Mann herausgefunden, der in ihrer Praxis war?«, fragte sie. Vikens buschige Augenbrauen zogen sich über seinem Nasenrücken zusammen. »Was meinen Sie?« »Ich habe zwei Mal bei der Polizei angerufen und erzählt, dass ein junger Typ in Mailins Praxis herumgeschnüffelt hat, als ich das erste Mal dort war. Er hat genau die Seite aus ihrem Terminplan gerissen, auf der stand, welche Termine sie am Tag ihres Verschwindens hatte.« Viken warf Roar einen fragenden Blick zu. In einem Bericht des Bereitschaftsdiensts war der Fremde erwähnt, doch von einem Terminplan war nicht die Rede. Roar runzelte die Stirn, um anzudeuten, dass ihm dieses Detail ebenfalls neu war. »Offenbar ist das bei unseren Kollegen nicht vollständig angekommen«, beschwichtigte er. »Erzählen Sie uns noch mal genau, was Sie gesehen haben.« Liss Bjerke warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, als hielte sie ihn für den Schuldigen, dass ihre Aussage nicht vollständig zu Protokoll genommen worden war. Er ließ sich nichts anmerken und begann, alles Wort für Wort einzutippen, was sie ihnen nun erzählte. »Und die Initialen waren JH?«, versicherte er sich. »Und Sie haben denselben Mann wenige Tage später am Hauptbahnhof gesehen?« »Auch auf einer Party in einer Wohnung in Sinsen.« »Wie heißt der Eigentümer der Wohnung?« Liss Bjerkes Finger spielten nicht mehr mit ihren rötlichen Haaren, sondern mit der Kette, die sie um den Hals trug. »Das kann ich herausbekommen.« »Mit wem hatten Sie Kontakt auf diesem Fest?«, wollte Viken wissen. Sie erwähnte die Namen von ein paar Freundinnen und einigen Fußballern der ersten Liga. Roar gewann den Eindruck, als sortiere sie zunächst alle Auskünfte, bevor sie diese weitergab. Er konnte sich vorstellen, was unter anderem in der Wohnung in Sinsen geschehen war. »Sie wohnen also in Amsterdam«, stellte Viken fest, nachdem sie alles aufgenommen hatten, was Liss Bjerke bereit war, ihnen zu erzählen. »Eine schöne Stadt.« Sie warf ihm einen verstohlenen Blick zu. »Hat das was mit der Sache zu tun?« Viken zuckte mit den Schultern. »Alles ist von Bedeutung. Was tun Sie dort?« Sie setzte sich auf und schlug die Beine übereinander. »Ich studiere Design.« »Ich habe mir sagen lassen, dass Sie auch als Modell arbeiten.« Roar bemerkte, wie ihre Augen sich weiteten. »Gehört das noch zur Vernehmung?« »Eigentlich nicht. Doch alle Zeugen haben mehr zu erzählen, als sie selbst wissen.« »Was wollen Sie damit sagen?« Sie sprang erregt auf. »Ich bin hier, damit Sie herausfinden, was mit meiner Schwester passiert ist. Was für ein Wahnsinniger das war, der sie gequält und getötet hat. Was ich in Amsterdam mache, hat damit nicht das Geringste zu tun.« Sie blieb stehen und schaute auf einen imaginären Punkt, irgendwo zwischen den beiden Polizisten. Dann machte sie auf dem Absatz kehrt und stürzte aus dem Zimmer, noch ehe sie etwas sagen konnten. Auf dem Boden neben dem Stuhl lag Vikens zusammengeknüllte Visitenkarte. Viken war immer noch da, als Roar nach einem vergeblichen Versuch, die Zeugin zurückzuholen, wieder in sein Zimmer kam. Er stand vor dem Computer und las das, was Roar geschrieben hatte. »Eine ziemlich labile junge Dame«, bemerkte Roar. »Als ich sie nach Amsterdam fragte, war es genauso. Sie hat sich vollkommen eingeigelt.« Viken dachte darüber nach. »Vergiss nicht, was sie durchmacht«, sagte er in versöhnlichem Ton. »Sie muss noch mal vorbeikommen, damit sie das Protokoll unterschreiben kann. Außerdem muss sie uns helfen, den Typ zu finden, der in Mailins Büro herumgeschnüffelt hat.« Roar setzte sich an den Schreibtisch und öffnete eine andere Datei. »Einer der Praxiskollegen von Mailin Bjerke hat ausgesagt, sie sei möglicherweise von einem Patienten bedroht worden. Wir müssen überprüfen, ob es da einen Zusammenhang mit der Aussage ihrer Schwester gibt.« Der Kommissar war im Begriff zu gehen, drehte sich auf der Schwelle aber noch einmal um. »Jetzt hätte ich doch fast vergessen, warum ich eigentlich gekommen bin. Ich wollte dir was erzählen.« Er zog die Tür wieder zu. »The Boss hat es für nötig befunden, seine Weihnachtsferien zu unterbrechen und uns mit seinem Besuch zu beehren«, erklärte er in feierlichem Ton. Viken sprach stets von »The Boss«, wenn er den vorläufigen Abteilungsleiter Sigge Helgarson meinte. Es war kein Geheimnis, dass ihr Verhältnis ziemlich angespannt war. »Du erinnerst dich doch bestimmt, dass Frau Plåterud einen Zusammenhang mit der Ylva-Sache in Bergen in den Raum gestellt hat.« Roar hatte diesen Morgen im Obduktionssaal noch genau in Erinnerung und begnügte sich mit einem Kopfnicken. »Nun hat die Dame Professor Korn dazu gebracht, mit dem Boss in Verbindung zu treten. Und der hat natürlich nichts anderes zu tun, als uns damit zu beauftragen, der Sache vor Ort auf den Grund zu gehen, und zwar sofort.« »Aha«, entgegnete Roar abwartend. »Ist doch eine wunderbare Idee, die Ermittlungen vom Rikshospital leiten zu lassen«, sagte Viken sarkastisch. »Der Boss war also persönlich hier und hat große Reden geschwungen, was nichts anderes bedeutet, als dass wir uns in Zukunft noch wärmer anziehen müssen. Für dich persönlich heißt das übrigens, dass du gleich mal eine Tour nach Bergen unternehmen darfst, du Glückspilz.« Viken schnippte irgendetwas von seinem Sakko weg. »Weiber!«, brummte er, ohne zu sagen, wen er damit meinte. 14 L iss legte ihr Notizbuch beiseite und blickte sich im Café um. Die männliche Bedienung verstand dies falsch, stand sogleich neben ihr und zog sie mit seinen Blicken aus. Er verströmte immer noch einen üblen Geruch. »Noch einen Kaffee?« Sie hatte bereits den ganzen Tag Kaffee getrunken, nickte aber, um ihn loszuwerden. Er trug eine eng sitzende Hose, sein Hintern war klein und muskulös. Sie mochte Männer mit so schmalen Hüften nicht. Plötzlich sah sie den kleinwüchsigen Kommissar mit der Adlernase und den buschigen Augenbrauen vor sich. Auf dem Präsidium hätte sie ihm fast erzählt, was in Amsterdam geschehen war. Sie schlug erneut ihr Notizbuch auf. Würde es ihr gelingen, eine andere Geschichte zu erfinden? Eine Geschichte, in der Zako und Rikke ein Paar wurden? Er hat seine Wohnung in der Bloemstraat aufgegeben und ist zu ihr in die Marnixkade gezogen. Nein, noch war es zu früh für diese Geschichte. Wo ist der Ring geblieben, Mailin?, kritzelte sie. Ihre Großmutter hatte Bücher über das Leben der Frauen geschrieben. Dadurch war sie bekannt geworden und bedeutete vielen etwas. Ragnhild bezeichnete sie als Pionier. Nach ihrem Tod hatte Mailin ihren Ehering bekommen. Als Zeichen, was in der Familie bewahrt werden sollte. Hat er ihn abgezogen, bevor er dich erschlagen hat? Sie hatte nicht bemerkt, dass der Kellner zurückgekommen war. Jetzt berührte er ihre Schulter und stellte die Tasse vor sie auf den Tisch. »Der ist gratis. Wegen Silvester.« Sie wollte protestieren, sich von diesem Mann nichts schenken lassen, auch nicht an Silvester. Auf den Straßen knallte es bereits, und die eine oder andere Rakete stieg in den trüben Nachmittagshimmel. Sie ertrug den Gedanken nicht, sich unter die jubelnde, feiernde Menschenmenge zu mischen. Sie musste die Stadt verlassen, sich weit genug aus ihr zurückziehen, wenn das Jahr zu Ende ging. Wenn du dich ganz auf die Trauer einlässt, saugt sie dich auf. Ist es das, was du willst? Niemals mehr ans Licht zu gelangen? Sie wusste nicht, woher diese Worte kamen und warum sie überhaupt in dieses Buch schrieb. Worte hatten ihr nie viel bedeutet. Doch jetzt waren sie da. Mailins Buch. Ich schreibe dir, Mailin. Mehr kann ich nicht tun. Was hättest du getan? Sie blätterte zu der Seite zurück, auf der sie die drei Wörter notiert hatte: Sand, Ferien, Ski. Las sie immer wieder. Sand hatte mit der Hütte zu tun. Im Sommer hatte Mailin einmal ein morsches Ruder gefunden, das an ihren Strand geschwemmt worden war. Dazu hatten sie sich eine Geschichte ausgedacht: Ein Mann rudert auf den See hinaus. Sein Boot kentert. Er ertrinkt, stirbt jedoch nicht. Nachts rudert er mit einem Ruder über den Morrvann. Eines Tages wird er ans Ufer kommen, um das andere Ruder zu holen. Findet er es nicht, wird er uns dafür mitnehmen. Sie hatten gelacht und sich abends diese Geschichte erzählt, während sie auf den Mann in dem Boot horchten. Hörst du ihn, Mailin? Mailin steht aus dem Bett auf und geht zum offenen Fenster. Die Nacht ist hellgrau. Ja, ich kann ihn hören. Er rudert heute Nacht. Er kommt näher. Liss verbirgt ihren Kopf unter dem Kissen. Mailin legt sich zu ihr und schließt sie in die Arme. Wenn er kommt, kann er mich mitnehmen. Ich lasse nicht zu, dass er dich anrührt, Liss. Im Auto dachte sie immer noch an die drei Wörter. Ski. An all die Skitouren, die sie durch die Wälder und über die zugefrorenen Seen unternommen hatten. Von Losby bis hinunter nach Flateby. Das war ihr Terrain. Ferien. Aber welche? Damit mussten irgendwelche Winter- oder Osterferien gemeint sein, denn Ski passte nicht zum Sommer. In Mailins letzten Schuljahren, vor Beginn ihres Studiums, waren sie nur zu zweit in der Hütte gewesen. Ihre Freunde hat Mailin nie dorthin mitgenommen. Bis sie Pål Øvreby kennenlernte. Er war der Erste, den sie auf die Hütte mitnahm. Da hatte sie schon das erste Semester hinter sich. Liss mochte Pål nicht. Vom ersten Augenblick an benahm er sich so, als gehörte die Hütte ihm. Wollte bestimmen, wer zu welchem Zeitpunkt Wasser und Brennholz holte. Früher hatten sie das nie verabredet. Liss sorgte ohnehin dafür, dass alles in Ordnung war. Stand stets als Erste auf, füllte die Eimer mit Wasser und entfachte das Feuer im Ofen. Auf einmal stritten sie sich über diese Dinge. Und zu allem Überfluss wollte Pål Øvreby ihnen beweisen, dass er nicht nur die Hütte, sondern auch Mailin besaß. In diesem Winter besuchte Liss die letzte Schulklasse. Sie waren zu dritt in der Hütte. Am Morgen ging sie in den Schuppen und setzte sich aufs Plumpsklo. Sie legte nicht den Haken vor die Tür. Auf einmal hörte sie Schritte. Es war nicht Mailin. Sie schaffte es nicht rechtzeitig, die Hose wieder hochzuziehen, bevor die Tür aufgerissen wurde. Doch Pål entschuldigte sich nicht, sondern glotzte sie schweigend an. Er kam zu ihr herein und stellte sich ganz dicht vor sie. Seine Hand glitt zwischen ihre Beine. »Du bist so schön.« Sie war wie festgefroren. Spürte einen Finger in sich. »Liss«, murmelte er und wollte sie küssen. Er stank nach Tabak und schimmeligem Käse, oder kam der Geruch von der Toilette? Dieser Geruch löste ihre Erstarrung. Sie drängte sich an ihm vorbei und stürzte aus der Tür. Warum behielt sie es für sich? Würde Mailin davon erfahren, wie Pål wirklich ist, wäre sie sehr traurig. Dadurch konnte sich ihr Verhältnis zu ihm nur noch verschlimmern, und diesen Gedanken ertrug Liss nicht. Kurz darauf hatte Mailin sowieso Schluss gemacht, und es gab keinen Grund mehr, ihr davon zu erzählen. * Jemand ist hier gewesen, dachte sie spontan, als sie über den Hügel kletterte und sich an der windgeschützten Seite des Hauses hinuntergleiten ließ. Sie blieb stehen und dachte darüber nach. Die Gardine! Sie hatte die Wohnzimmergardine auch an dieser Seite vorgezogen, tat dies immer, bevor sie die Hütte verließ. Jetzt war sie nicht mehr vorgezogen. Sie ging um die Ecke zur Veranda, nahm den Schlüssel vom Haken unter der Dachrinne und schloss die Tür auf. Kein Zeichen eines Einbruchs. Alles sah vollkommen unberührt aus. Abgesehen von der Gardine. Irrte sie sich vielleicht doch? Oder war Tage hier gewesen? Viljam? Ihre Mutter? Letzteres war ausgeschlossen. Ihre Mutter hatte das Haus seit Heiligabend nicht mehr verlassen. Liss nahm sich nacheinander jedes Zimmer vor, konnte aber nichts Außergewöhnliches entdecken. Danach ging sie noch einmal um die Hütte herum und schaute in den Schuppen. Dort stank es abgestanden nach Exkrementen. Als sie den Klodeckel anhob, stieg ihr ein Geruch in die Nase, der an Chlor erinnerte. Tote Fliegen auf dem Fensterbrett. Vielleicht waren sie noch nicht ganz tot, lagen einfach da und warteten auf wärmere Zeiten, um wieder zum Leben zu erwachen. Wenn Mailin nun gar nicht tot war … Wenn sie nur tiefgefroren war und man sie wieder auftauen konnte. Langsam den Mund bewegte, die Augen öffnete. Sie waren zerstört. Sie würde nie wieder sehen können. Wer kann nur wollen, dass Mailin nichts mehr sieht? Sie knallte den Deckel wieder zu und spürte mit einem Mal eine unbändige Wut, dieselbe Wut, die sie vor zehn Jahren dazu gebracht hatte, sich nicht vom Fleck zu rühren. Jetzt riss sie die Tür auf und schrie hinauf zu den Bergen hinter der Hütte. Es war fast dunkel, als sie die Eimer nahm und sich den Weg zu dem großen Fels hinunter bahnte. Das Eis war jetzt bestimmt tragfähiger als beim letzten Mal kurz vor Weihnachten. Doch der gefrorene Pfad folgte wie immer dem Verlauf des Bachs, bis ihr das schwarze Winterauge des Morrvann entgegenblickte. Sie bückte sich, knipste die Taschenlampe an und hielt sie nach unten. Der Lichtkegel brach durch das klare Eiswasser und verschwand in der Tiefe. Sand. Sie grub die Tür des Bootshauses aus. Das Boot lag mit dem Bauch nach oben und musste dringend abgedichtet werden. Sie roch daran. See und Fäulnis. Unter dem Dach hingen Angeln und ein paar Gegenstände, die an die Zeiten erinnerten, als man noch Holzskier benutzte. Lange bevor sie geboren wurde. Beide Ruder hingen dort. Sie nahm sie herunter, drehte sie um, leuchtete an ihnen entlang, studierte jeden Zentimeter des Holzes, jeden Riss, jede Einkerbung. Doch alles war wie immer. Ferien und Ski. Sie lag auf dem Sofa. Es roch nach Kiefernholz und Winterstaub. Stille. Kein anderes Geräusch als ihre Gedanken. Mailins Stimme: »Soll ich deine Skier wachsen, Liss?« Es war Ostern, ein paar Monate, nachdem Pål mit auf der Hütte gewesen war. Der Kommentar ihrer Mutter: »Sie wachst ihre Skier immer selbst.« Doch an diesem Morgen lag Liss auf dem Sofa. Ein paar Minuten zuvor hatte sie sich hinter dem Schuppen zusammengekrümmt, denn niemand durfte sehen, dass sie sich erbrach. Niemand außer Mailin durfte wissen, dass ihr die ganze Zeit übel war. Nicht dass ihre Mutter sie verurteilt hätte. Sie verurteilte niemanden. Doch sie hätte unbedingt wissen wollen, wie es passiert war, warum Liss nicht aufgepasst hatte und wer dafür zur Verantwortung gezogen werden musste. Die Skier waren fertig gewachst. Mailin wartete auf sie. Sie war nicht mehr so oft in der Hütte, sondern zog lieber mit ihren Kommilitonen in die Nordmarka oder büffelte fürs Examen. Vielleicht sind das unsere letzten gemeinsamen Ferien, hatte Liss gedacht. Ihr war übel. Sie hatte Angst. Angst vor dem, was da in ihr wuchs, sich gewaltsam einen Weg nach draußen bahnen und sie zu etwas anderem machen würde. Auch Mailin durfte nicht erfahren, mit wem sie zusammen gewesen war. Sie verstand nicht, warum Liss es ihr nicht sagen wollte, und gab schließlich auf. Draußen war es dunkel geworden. Liss zückte ihr Notizbuch. Ferien: Soll ich deine Skier wachsen, Liss? Und wenn du es herausgefunden hättest, Mailin. Du hättest mich gehasst. Sie rollte sich zusammen, spürte, dass sie bald einschlafen würde. Hier draußen wurde sie abends immer todmüde. Schlief tief und ungestört, als hätte der Wind ihre Unruhe fortgetragen, als hätten die Bäume sie gänzlich aufgesogen, sodass nur noch ein leichtes Kribbeln in ihrem Körper zurückblieb. Sie streckte die Hand aus und drehte die Flamme der Öllampe herunter, die auf dem Tisch stand. Die beiden auf dem Kamin ließ sie brennen. Sie gab den Gedanken auf, sich umzuziehen und ins Bett zu legen. Ließ sich einfach in den Schlaf gleiten. Ich könnte den ganzen Winter schlafen, war ihr letzter Gedanke, und erst im Frühjahr wieder erwachen. Sie steht am Strand und sieht Mailin heranrudern. Sie sitzt mit dem Rücken zu ihr im Boot. Rudert und rudert. Dreh dich um, Mailin, damit ich dich erkenne. Sie dreht sich um. Es ist nicht Mailin. Es ist ihre Großmutter. Sie trägt ein schwarzes Kleid. Die roten Haare liegen wie ein Schleier auf ihrem Rücken … Liss zuckt zusammen. Jemand kommt ins Wohnzimmer. Sie versucht aufzuwachen. Was ist mit meinen Augen geschehen? Ich kann nicht mehr klar sehen. Die alte Frau rührt sich nicht von der Stelle, steht vor dem Kamin und starrt sie an. Sie trägt eine Art Uniform und darüber einen langen, grünen Mantel. Ein Tuch ist um ihren Kopf gewunden, durchtränkt von Blut. Was willst du von mir? Wo ist Mailin? Sie wachte schreiend auf. Vor dem Wohnzimmerfenster nahm sie ein Gesicht wahr. »Du hast keine Angst, Liss«, murmelte sie. »Du wirst nie mehr Angst haben.« Sie stand auf. Der Schatten vor dem Fenster verschwand. Sie wankte in die Küche. Musste aufs Klo. Sie steckte die Hände in den Eimer und rieb ihre Wangen heftig mit Eiswasser ab. Nach draußen nahm sie die Taschenlampe mit. Der Schneefall war dichter geworden. Auf der Veranda vor dem Wohnzimmerfenster entdeckte sie Spuren. Sie richtete den Lichtkegel darauf. Es waren Stiefelabdrücke, größer als ihre eigenen, von der Tür zum Fenster und zur Ecke der Veranda. Sie ging wieder hinein, band sich die Stirnlampe um und zog den dicken Anorak an, den sie immer noch nicht zurückgegeben hatte. Von der Ecke der Veranda aus folgte sie den Spuren bis zum Schuppen. Auf dessen Rückseite verloren sie sich zwischen den Bäumen. Es schneite die ganze Nacht hindurch. Sie schlief nicht. Die Tür hatte sie abgeschlossen. Sie lag mit offenen Augen im Dunkeln und hatte eine leere Weinflasche neben das Bett gestellt. Wusste nicht, was sie damit eigentlich wollte. Vielleicht den Hals abbrechen und sie als Stichwaffe benutzen. »Ich habe keine Angst«, wiederholte sie. »Jetzt nicht mehr. Alles, was Mailin ertrug, kann auch ich ertragen.« Irgendwann musste sie doch eingeschlafen sein, denn plötzlich dämmerte es draußen. Sie stand auf und huschte hinaus, um zu pinkeln. Keine Spuren mehr auf der Veranda. Sie waren verwischt. Ich hätte sie fotografieren sollen, schoss es ihr durch den Kopf. Doch wem hätte sie die Fotos zeigen sollen? Mit der Polizei rede ich nicht mehr, entschied sie. Sie machte Feuer im Kamin und im Ofen. Kochte Wasser auf und rührte Kaffeepulver hinein. Sie schlang sich eine Decke um die Schultern, zündete sich eine Zigarette an. Dann setzte sie sich ans Fenster und sah zu, wie der Tag anbrach. Sie hatte nichts vor, dennoch dieses Gefühl, etwas unternehmen zu müssen, ehe es zu spät war. Sie schlug ihr Notizbuch auf. Spuren im Schnee. Winterstiefel. Viel größer als meine eigenen. Traum: Mailin rudert an Land, dreht sich um, doch es ist nicht Mailin. Großmutter steht im Wohnzimmer. Will mir etwas sagen. Sie rauchte die Zigarette fertig, spürte das Brennen tief in ihrer Brust. Sie musste etwas essen. Essen und kotzen. Doch sie hatte nichts zu essen da. Sie musste etwas zu sich nehmen, das sie stark, unüberwindbar und wütend machte, auch wenn es nur kurz andauern sollte. Aber so etwas hatte sie auch nicht. Ich will nie mehr von hier wegfahren. Du kannst nicht hierbleiben, Liss. Ich habe keinen anderen Platz. Du kannst dich nicht verstecken. Die Welt ist da, wo du bist. Sie schaute zum Sofa hinüber, auf dem sie die Nacht verbracht hatte. Eines der Kissen war auf den Boden gefallen. Als sie es aufhob, entdeckte sie, dass der Reißverschluss des Bezugs halb offen war. Auf der Innenseite fand sie ein zu einer Kugel zusammengeknülltes Blatt Papier. Liss faltete es auseinander. Es war ein Zeitungsausschnitt der Onlineausgabe von VG, datiert vom 21. November 2003. Doch der Ausdruck trug das Datum 10. Dezember 2008. Am nächsten Tag war Mailin verschwunden. »Vermisstes Mädchen (19) bei Bergen ermordet aufgefunden«, lautete die Überschrift. 15 Donnerstag, 1. Januar 2009 D as Café Klimt war an diesem Abend nur mäßig besucht, doch ein paar bekannte Gestalten hingen an der Bar über ihrem Bier, und an einem der Tische wurde immer noch das neue Jahr gefeiert. Roar Horvath wechselte ein paar Worte mit den Jungs hinter der Bar. Einen von ihnen hatte er nicht mehr gesehen, seit er mit ihm zusammen in der Verteidigung in der Jugendmannschaft des LSK gespielt hatte. Doch auch er hatte schon mitbekommen, dass Roar in dem Mord »an der Frau, die bei Tabu teilnehmen sollte«, ermittelte. Als Roar die neugierigen Fragen mit seinem ironischen »Kein Kommentar« beantwortete, prostete man ihm zu und klopfte ihm auf die Schulter. Und ehe er sich’s versah, hatte er das erste Bier geleert. In Lillestrøm auszugehen war trotzdem immer wie nach Hause kommen. Dan-Levi Jakobsen tauchte in der Tür auf, die zu den Toiletten hinunterführte. Roar glaubte zunächst, er sei beim Friseur gewesen, ehe er sah, dass der Freund seine dunklen Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Als Frisur nicht gerade der letzte Schrei, doch Dan-Levi würde sich niemals von seinen langen Locken trennen. Sie waren seine »freak flag«, um einen seiner Lieblingssongs zu zitieren. Sie setzten sich an einen Ecktisch, an dem sie ungestört reden konnten. Dan-Levi war wie immer brennend an Roars Junggesellendasein interessiert. Roar räumte schließlich ein, etwas »am Laufen« zu haben, und hoffte, dass die Neugier seines Freundes damit gestillt war. Doch das Gegenteil war der Fall. Dan-Levi sah aus wie jemand, der eine riesige Lachsforelle an der Angel hatte und sich nun bemühte, sie an Land zu ziehen. »Doch wohl keine Kollegin? Da sind die Statistiken ganz schlecht.« Natürlich gab es für diese Aussage keine wissenschaftliche Grundlage. Sie diente einzig und allein dazu, seinem Freund mehr harte Fakten aus der Nase zu ziehen. »Ja und nein«, versuchte sich Roar irgendwie aus der Affäre zu ziehen. Er wollte nicht mit dem vertrauten scherzhaften Ton brechen, der es ihnen stets ermöglicht hatte, ziemlich offen miteinander zu reden. Eine Offenheit, die ihnen beiden gutgetan hatte. Als seine Scheidung akut gewesen war, hatte sich Dan-Levi um ihn gekümmert, ihn immer wieder in die Stadt oder zum Angeln in die Østmarka eingeladen. Eigentlich trafen sie sich sowieso einmal im Jahr zum sogenannten »Jagdausflug«, auch wenn der letzte schon mehrere Jahre zurücklag. Was das Fliegenfischen betraf, war Dan-Levi zwar kein blutiger Anfänger, doch ein großer Jäger war er nicht gerade. Alles, was er im Herbst von Roars Scheidung erlegte, waren zwei Hasen, die sich bei näherer Betrachtung als Kaninchen erwiesen, die ein bedenkenloser Bauer hatte frei herumlaufen lassen. Roar wurde nicht müde, seinen Freund an diese Geschichte zu erinnern, und meist reichten zwei an Kaninchenohren erinnernde abgeknickte Finger, um diesem zu signalisieren, woran er dachte. Aber diese Geste schien Dan-Levis männlichen Stolz nicht im Geringsten zu verletzen. Im Romerikes Blad hatte er sogar eine kleine Glosse über diesen Vorfall veröffentlicht. Darin übertrieb er seine eigene Ungeschicklichkeit und behauptete, er habe nur knapp eine Kuh des besagten Bauern verfehlt, die freilich so groß gewesen sei, dass ihre Hörner an einen Elch erinnert hätten. »Was soll das heißen«, fragte Dan-Levi mit journalistischer Unerbittlichkeit. »Ja und nein. Ist sie nun Polizistin oder nicht?« Roar gab ihm ein paar Hinweise und erwähnte unglücklicherweise die Weihnachtsfeier, zu der auch einige Pathologen, wofür er freilich nichts könne, eingeladen gewesen seien. Er betonte, von einer Beziehung könne keine Rede sein. Diese Frau sei einfach zu alt für ihn, darüber hinaus zu klug und zu verheiratet. Dan-Levi schien zufrieden zu sein. Als er irgendwas von Mutterkomplex faselte, ging Roar vorsichtshalber noch zwei Bier holen. »Was ist mit Berger?«, wollte er wissen, als er zurückkam. »Haben deine Recherchen ausnahmsweise zum Erfolg geführt?« Dan-Levi nahm einen so tiefen Schluck, dass der Schaum in seinem getrimmten Kinnbart hängenblieb. »Ja und nein, wenn ich deine Ausdrucksweise übernehmen darf.« Er wartete so lange, bis sein Freund grinsend die Augen verdrehte. »Ich habe mit einem früheren Vorstandsmitglied von Filadelfia gesprochen, einem Freund meines Vaters. Er ist ein guter Bekannter der Familie Frelsøi und hat stets das Treiben von Berger oder Elias Frelsøi, wie er eigentlich heißt, mitverfolgt.« Er trank einen weiteren Schluck, nahm sich viel Zeit. »Und?« »Willst du hören, was er gesagt oder was er nicht gesagt hat?« »Schieß schon los.« »Bergers Vater war wie gesagt Pastor der Pfingstbewegung.« »Genau wie dein eigener Vater.« Dan-Levi schnitt eine Grimasse. »Diese beiden Väter sind grundverschieden. Der eine hat seine Kinder ganz im Geiste des Neuen Testaments erzogen, der andere orientierte sich am Alten Testament: Wen man liebt, den züchtigt man und so weiter. Der alte Frelsøi hätte seinem Sohn auf irgendeinem Felsen, ohne zu zögern, die Kehle durchgeschnitten, wenn er geglaubt hätte, dass Gott ein solches Opfer verlangte. Mehr wollte das Vorstandsmitglied nicht sagen, doch wurde deutlich, dass die Familie Bergersen Frelsøi auch in ihrem eigenen Umfeld für ziemliche Irritationen gesorgt hat, und wir sprechen hier von der Pfingstbewegung anno 1951.« »Missbrauch? Sexuelle Gewalt?« Dan-Levi dachte nach. »Mein Informant weigert sich, irgendjemand ans Messer zu liefern. Das gilt vor allem für tote Personen. Wenn du als polizeilicher Ermittler in Erscheinung trittst, wird er dir die Tür vor der Nase zuschlagen. Aber so war das schon immer. Alles sollte unter der Decke gehalten und intern geklärt werden, doch nie ist etwas geschehen. Selbst wenn es zum Schlimmsten kam, hat niemand eingegriffen. Unglaublich, wozu einige imstande sind, nachdem sie die Bibel Wort für Wort gelesen haben und auch wörtlich nehmen. ›Wenn dir aber dein rechtes Auge Ärgernis schafft, so reiß es aus und wirf’s von dir. Wenn dir deine rechte Hand Ärgernis schafft, so haue sie ab und wirf sie von dir. Denn es ist besser, dass eins deiner Glieder verderbe und nicht der ganze Leib in die Hölle fahre.‹ Und so weiter.« Roar knallte sein Glas auf den Tisch. »Was du da gerade zitiert hast, das mit dem Auge, steht so etwas in der Bibel?!« »Aber klar. Matthäus, 5. Kapitel, Verse 29 und 30.« Dan-Levi stammte aus einer Familie, in der nicht wortwörtlich nach der Heiligen Schrift gelebt wurde. Roar hatte sich bei ihm zu Hause immer sehr wohl gefühlt. Seine Eltern waren warmherzig und großzügig, und Dan-Levis Vater war weitaus weniger streng als sein eigener Vater, der als 18-jähriger Flüchtling aus Ungarn gekommen war, »mit nichts als zwei leeren Händen und einem eisernen Willen«, wie er oft genug betonte. Dennoch musste Dan-Levi die Bibel auswendig lernen, und Roar hatte ihn im Verdacht, diese Erziehung auch seinen eigenen Kindern angedeihen zu lassen. In diesem Moment klingelte sein Handy. Als er den Namen auf dem Display sah, ging er nach draußen. »Du kannst ganz beruhigt sein. Ich wollte mich heute Abend nicht zu dir nach Hause einladen.« Roar musste lachen und war überrascht, wie froh er war, den melodiösen australischen Akzent zu hören. Auf der Weihnachtsfeier hatte er Jennifer Plåterud zunächst für eine Amerikanerin gehalten, doch als er eine Andeutung machte, war sie richtig sauer geworden und hatte sofort erklärt, dass sie weniger amerikanisch wirke als er. »Wie schade«, entgegnete Roar. »Gegen einen Besuch hätte ich nicht das Geringste einzuwenden gehabt. Allerdings habe ich Emily bei mir und werde bei meiner Mutter übernachten. Da ist ein Besuch vielleicht keine so gute Idee.« Jennifer lachte ebenfalls, wenn auch ein wenig angestrengt, wie er fand. Die Vorstellung, seiner Familie vorgestellt zu werden, war wohl doch eine Zumutung, selbst wenn er es nur im Scherz gesagt hatte. »Ich rufe aus meinem Büro an«, sagte sie. »Arbeitest du immer so spät am Abend?« »Kommt öfter vor. Es gibt immer genug zu tun.« Ihre Arbeitskapazität machte ihn schwindelig. Auch in dieser Hinsicht war sie ihm offenbar überlegen, ohne dass sie eine große Nummer daraus machte. »Ich habe gerade einen Anruf von Liss Bjerke bekommen.« »Was?« Roar sammelte sich rasch wieder. »Sie hat dich angerufen?« »Hat sich so angehört, als wollte sie nichts mehr mit dir oder irgendwelchen Kollegen vom Polizeipräsidium zu tun haben. Leider habe ich nicht herausgefunden, woran das liegt. Sie scheint immer noch unter Schock zu stehen.« Roar erzählte ihr nicht, wie die gestrige Vernehmung verlaufen war. »Was wollte sie von dir?« Jennifer zögerte. »Anscheinend ist sie im Besitz gewisser Informationen, die sie lieber mir als euch anvertrauen möchte. Sie sagte, zu einer Medizinerin habe sie mehr Vertrauen.« »Was für Informationen?« »Es geht wohl um irgendein Dokument, das sie gefunden hat. Mehr wollte sie am Telefon nicht sagen. Wir haben verabredet, dass sie morgen früh hierherkommt. Ich habe natürlich versucht, sie zu überreden, dass sie sich an euch wendet, aber sie weigert sich.« Kommissar Viken unterstrich immer wieder, dass man ihn jederzeit anrufen könne. Er sei stets erreichbar. Roar fiel auf, wie wenig er von ihm wusste. Viken trug keinen Ring und sprach niemals von einer Familie oder über sich selbst. Als er seine Nummer wählte, um ihm von Jennifers Anruf zu erzählen, fühlte sich Roar wie ein übereifriger kleiner Junge, der seinem Papa unbedingt etwas Wichtiges erzählen musste. Der Kommissar fragte: »Warum hat sie dich angerufen?« »Wer, Plåterud?« Roar hörte, wie dumm seine Gegenfrage klang. »Warum hat sie dich angerufen?«, wiederholte Viken. Roar schaute sich um. Die Hauptstraße in Lillestrøm lag verlassen da. »Weiß nicht.« Er ging rasch zu den Neuigkeiten über, die er über Bergers privaten Hintergrund herausgefunden hatte, und dachte, dies würde Vikens psychologisches Interesse wecken. Der Kommissar am anderen Ende der Leitung schwieg. Dann sagte er: »Wir laden ihn vor. Ich kümmere mich darum. Heute Abend habe ich übrigens noch mal Kontakt zum Montreal Community Police Department aufgenommen.« Roar hatte angeboten, den Vater von Mailin Bjerke aufzuspüren, doch Viken war fest entschlossen, dies selbst zu tun. »Haben sie den Mann immer noch nicht gefunden?« Es hörte sich an, als nippe der Kommissar an etwas, vermutlich Kaffee, weil er, wie Roar wusste, keinen Alkohol trank. »Anscheinend ist er verreist, doch niemand weiß, wohin oder wie lange. Sie waren mehrmals in seiner Wohnung außerhalb von Montreal und haben mit Nachbarn und Bekannten gesprochen.« »Ist doch angeblich ein Künstler, oder?«, fragte Roar. »Solche Leute kommen und gehen, wie es ihnen passt.« Viken kommentierte diese Behauptung nicht. »Bisher wird intern nach ihm gefahndet«, sagte er. »Es liegt ganz bei uns, ob die Fahndung öffentlich ausgeschrieben wird. Fürs Erste sollten wir abwarten.« »Das ist ja schlimmer als bei uns Journalisten«, seufzte Dan-Levi, als Roar an ihren Tisch zurückkehrte. »Immer bei der Arbeit.« »Woher weißt du, dass es beruflich war?« »Kann natürlich auch deine neue Flamme gewesen sein, die Medizinerin«, schlug Dan-Levi vor. Roar blickte verstohlen über die Schulter. »Wenn das rauskommt, Dan, dann schrecke ich auch vor Mord nicht zurück. Nicht eine Sekunde.« »Tja, wenn das so ist … Eigentlich wollte ich gleich nach Hause gehen und einen Artikel über ehemalige Einwohner unserer Stadt schreiben, die jetzt in Oslo ein ausschweifendes Leben führen. Aber dann schreibe ich eben über die Beckhams. Wie wäre es zum Beispiel mit folgender Geschichte: David Beckham hat beschlossen, seine Karriere als Rechtsaußen von LSK zu beenden, und schickt schon mal die scharfe Vicky voraus, damit sie das Nachtleben in der City von Lillestrøm testen kann.« Doch Roar ließ sich nicht ablenken. Er wiederholte seine Drohung und unterstrich sie mit einer Geste, die eine durchschnittene Kehle andeutete. Dan-Levi zuckte mit den Schultern und senkte den Kopf. »Schaust du dir ab und zu Tabu an?«, wollte er plötzlich wissen. Roar nickte. Jetzt gehörte das ja genau genommen zu seinem Job. »Am Dienstag werden garantiert eine Million Leute zugucken«, schätzte Dan-Levi. »Hast du gestern in VG gelesen, was das Thema der letzten Sendung sein soll?« Roar hatte in den letzten Tagen kaum einen Blick in irgendeine Zeitung werfen können. »Der Titel der Sendung lautet ›Tod im Studio‹. Der Hype ist riesengroß. Die Leute erwarten sich eine Show, die alles Bisherige in den Schatten stellt.« Roar verzog missbilligend das Gesicht. »Ich hätte nicht gedacht, dass ihr Pfingstfreunde auf dem Sofa sitzt und euch an reiner Blasphemie ergötzt.« »Darum geht’s ja gerade!«, rief Dan-Levi. »Wäre Berger irgendein dahergelaufener Atheist, würde sich kein Schwein für ihn interessieren. Aber der Kerl behauptet ja steif und fest, dass er an seinen eigenen Gott glaubt.« »Meinst du etwa Baal oder so etwas?« »Baal Zebub, den Herrn der Fliegen. Ein Atheist kann heute niemand mehr provozieren, aber gegen einen Promi, der sich als Satanist outet, werden alle frommen Christen in unserem Land Sturm laufen.« »Cleverer Typ«, bemerkte Roar. 16 L iss schloss die Haustür in der Langgata auf und stellte sich Mailin vor, wie sie dasselbe getan hatte, wenn sie nach Hause kam. Wie sie ihre Stiefel auf die Ablage im Flur gestellt hatte, in die Küche gegangen war und einen Blick in die Spüle geworfen hatte, in der sich der Abwasch türmte. Viljam hatte ihr erzählt, dass sie abwechselnd Küchendienst hatten. Wäre Mailin dran gewesen, hätte sie bestimmt unverzüglich angefangen. Sie hatte sich immer zuerst die unangenehme Arbeit vom Hals geschafft, ehe sie ihr über den Kopf wachsen konnte. Danach hatte sie sich vielleicht an den Küchentisch gesetzt. Hatte sie auf das Geräusch der Haustür gelauscht und sich danach gesehnt, seine Stimme zu hören? Nach dem Abwasch setzte sich Liss auf die Stufen vor dem Haus und rauchte im kalten Winterabend eine Zigarette. Danach ging sie wieder hinein, setzte sich in eine Ecke des Sofas und zog eine Decke über sich. Sie blickte hinaus und konnte die Umrisse von Grill und Geräteschuppen im Dunkeln ausmachen. Sie hatte ihr Notizbuch auf den Couchtisch gelegt. Jetzt nahm sie es zur Hand. Was ich bisher herausgefunden habe: 10. Dezember, 16:45 Uhr: Du fährst von zu Hause weg. Erst Postamt, dann Morrvann. 20:09 Uhr: SMS an Viljam. 11. Dezember, Uhrzeit? Bist zur Hütte gefahren. 15:48 Uhr: SMS an mich. 16:10 Uhr: SMS an Viljam. 17:00 Uhr: Termin vereinbart mit JH. 17:04 Uhr: Auto in der Welhavens gate geparkt. 17:30 Uhr: SMS an Berger. 18:11 Uhr: SMS an Viljam. 19:00 Uhr: Du hast eine Verabredung mit Berger. 19:03 Uhr: Rufst Berger an, erreichst ihn nicht. 19:05 Uhr: SMS an Berger, dass du dich ein bisschen verspätest. (Berger sagt, du bist nicht gekommen.) 20:30 Uhr: Bist nicht im Fernsehstudio aufgetaucht. 12. Dezember: 05:35 Uhr: Ein Film wird von dir gemacht. Gefangen, nackt. Deine Augen. 24. Dezember: Ein Päckchen mit deinem Handy kommt hier an, einen Tag zuvor in Tofte aufgegeben. Sie las den Text noch einmal durch. Ohne nachzudenken, schrieb sie: Frag ihn nach Death by water. Sie warf einen Blick auf das Post-it, das sie auf der Korktafel in Mailins Büro entdeckt hatte. Wen wolltest du fragen, Mailin? Ein Phönizier. Seit vierzehn Tagen tot. Möwenschreie. Ein Wirbelsturm. Ich habe auch getötet. Sie betrachtete den letzten Satz und las ihn sich mehrmals lautlos vor. Sie spürte die Bewegungen ihrer Lippen. Etwas wird geschehen, Liss. Du kannst es nicht steuern. Sie stand auf, ging zum Fenster, öffnete es und spürte, wie ihr die kalte, graue Luft ins Gesicht schlug. Die Geräusche der Stadt waren überall. Du bist mitten in der Welt, doch niemand weiß, wer du bist oder was du getan hast. Sie warf sich die Jacke über, knallte die Haustür hinter sich zu und hastete die Langgata hinunter. Sie brauchte Zigaretten und irgendetwas zu essen. Entschied sich für Eis, aber der Kiosk, den sie entdeckte, war geschlossen. Sie war allerdings eher erleichtert als frustriert, weil sie spürte, dass sie sich bewegen musste. Erst gehen, dann essen und dann kotzen. Sich hinlegen und lange schlafen. Sie bog in die Sofienbergsgate ein, nahm die Gestalt nicht wahr, die an der Ecke zur Gøteborggata stehen geblieben war und ihr für ein paar Sekunden nachschaute, ehe sie Liss zwischen den Bäumen hindurch folgte. Zum ersten Mal, seit Mailin gefunden worden war, tauchten die Bilder von Zako in ihrer Erinnerung auf. Er lag auf dem Sofa. Schlief er? Konnte sie sich das einreden? Dass Zako in seiner Wohnung in der Bloemstraat wieder erwacht und ins Bad gegangen war? Dass er geduscht hatte und danach in die Stadt gefahren war? Dass er jetzt mit Rikke zusammen war, Liss nicht mehr brauchte und sie deshalb in Ruhe ließ? Als sie hinter sich Schritte im Schnee hörte, spürte sie, dass sie ihr folgten. Das Gefühl formte sich zu einem Gedanken: Wenn mich doch jemand packen und von hier fortreißen würde. Fort von allem, was mich daran hindert zu vergessen, was ich getan habe … Eine Art Hoffnung lag in diesem Gedanken, und der feste Griff um ihre Arme war wie eine Erfüllung. Sie leistete keinen Widerstand, ließ sich vom Bürgersteig wegzerren, hinein in den Schatten eines nackten Baumes. Er war nicht viel größer als sie, besaß jedoch starke Hände, die sie an den Stamm pressten. Wenn sie sich nicht wehrte, das wusste sie, würde es wieder geschehen, das mit dem Licht, das sich zurückzog und in alles einbrannte, was sie umgab. Und vielleicht würde alles verschwinden und nichts von dem, was an diesem Abend in diesem Park geschah, sie etwas angehen. »Hör auf, mir zu folgen!«, zischte er. Sein Mund roch nach überreifen Bananen. Im Dunkeln sah sie die Konturen von Zakos Gesicht, die hohen Wangenknochen und das spitze Kinn. »Okay«, murmelte sie, und plötzlich begriff sie, wer er war. Er hatte sie im Treppenhaus in Sinsen an der Kehle gepackt. Er wusste etwas darüber, was mit Mailin geschehen war. Sie zwang sich zu denken: Ich habe keine Angst. Egal, was er tut. Ich habe keine Angst mehr. »Du hast in Mailins Büro herumgeschnüffelt«, stieß sie hervor. Er beugte sich weiter zu ihr vor. »Ich habe nichts gestohlen.« Sie bemühte sich, ihre Stimme zu kontrollieren. »Was wolltest du da?« »Hab ich dir schon gesagt«, knurrte er. »Ich hatte einen Termin. Hab in ein paar Schubladen geguckt, aber ich hab nichts gefunden.« »Du hast eine Seite aus ihrem Terminkalender gerissen.« Der Griff um ihre Arme lockerte sich. »Mailin war okay«, sagte er. »Es gibt nicht viele, die wirklich helfen wollen. Viele tun nur so. Ich will in nichts reingezogen werden. Und ich will nicht, dass du mich verfolgst.« »Das war reiner Zufall«, versicherte sie, »dass wir uns ein paarmal über den Weg gelaufen sind. Aber ich muss herausfinden, was an diesem Tag passiert ist.« Er ließ sie los. »Von welchem Tag redest du?« »Donnerstag, 11. Dezember. Mailin ist nur zu ihrer Praxis gefahren, weil ihr einen Termin vereinbart hattet. Sie hat das Auto in der Straße geparkt. Dann ist sie verschwunden, und niemand hat sie gesehen.« Er trat einen Schritt zurück. »Das kann nicht sein.« »Was … was kann nicht sein?« Er schaute sich um. »Sie hat einen Kurs an der Sporthochschule gegeben. Ein paarmal hat sie mich danach in die Stadt mitgenommen. Ich kann mich gut an ihr Auto erinnern.« Er drehte sich wieder zu ihr um. »Außer mir müssen es doch auch andere Leute an diesem Tag gesehen haben.« Sie starrte in sein Gesicht. Immer noch war sie sich nicht sicher, wie sie ihn einschätzen sollte. Liss sah Mailins kreideweißes Gesicht vor sich, die halb geschlossenen Augen, die voll von geronnenem Blut waren. »Hat denn keiner was verstanden?«, murmelte er. Was verstanden?, wollte sie fragen, doch in diesem Moment drehte er sich abrupt um und ging davon. Sie fasste sich ein Herz und setzte ihm nach. »Wenn du was gesehen hast …«, rief sie. »Dann musst du es mir sagen.« Er beschleunigte das Tempo, begann zu laufen und verschwand im Dunkeln. * Sie schaltete das Licht im Wohnzimmer aus und ließ sich wieder auf das Sofa sinken. Hatte immer noch einen Vanillegeschmack im Mund. Magensäure brannte in ihrer Kehle. Ihr Magen fühlte sich kalt, gefühllos an. Die Haustür ging auf. Dann Viljams Stimme. »Bist du zu Hause, Liss?« Zu Hause? Sie hatte ein paarmal hier übernachtet, weil sie keine andere Bleibe hatte. Es war sein Vorschlag gewesen, und er hatte ihr Mailins Schlüssel gegeben. Hatte Mailin sich gefreut, wenn sie seine Stimme hörte? Vielleicht hatte sie ihm etwas Bestimmtes erzählt, worauf er seine Arme um sie gelegt hatte. »Sitzt du hier im Dunkeln?« Sie setzte sich auf, griff zum Feuerzeug und zündete eine Kerze an, die auf dem Tisch stand. »Mailin hat auch gern Kerzen angezündet«, sagte er und sank in einen Sessel. »Es gefällt mir hier.« »Ja, es ist ein schönes Haus«, antwortete er und nickte. »So friedlich. Mailin und ich …« Er stand abrupt auf. »Ich habe das ernst gemeint, was ich gestern sagte. Dass du gerne noch ein paar Tage bleiben kannst. Mailin hätte das bestimmt sehr gefreut.« Seltsam, so etwas zu sagen, dachte sie. Aber es stimmte wohl. Vieles, was er sagte, stimmte. Er trauerte genauso wie sie. Deshalb ertrug sie es, bei ihm zu sein. Er lief die Treppe hinauf, in die Küche. »Wie schön, dass du den Abwasch gemacht hast.« »Ist doch klar«, entgegnete sie. »War ich nicht dran heute?« Sie stellte sich vor, wie er über ihre Bemerkung schmunzelte. Fast hätte sie es auch getan. Für einen Moment war es ein gutes Gefühl, dort auf dem Sofa zu sitzen. Viljam hielt Distanz. Er zog sich nicht völlig zurück, ließ sie aber in Ruhe. Hatte vermutlich genug mit sich selbst zu tun. Über zwei Jahre waren Mailin und er ein Paar gewesen. Er vermisste sie, aber nicht so, wie sie Mailin vermisste. Mailin würde für ihn zu einer strahlenden Erinnerung werden, umgeben von Dunkelheit. Er würde darüber hinwegkommen und eine andere finden. Liss würde nie darüber hinwegkommen. Sie ging zu ihm in die Küche. Er stand am Fenster und blickte auf die beleuchtete Straße hinaus. »Einer deiner alten Freunde ist vorhin hier gewesen«, sagte er. Sie schaute ihn fragend an. »Er hat zumindest gesagt, er sei ein Freund von dir. Sah allerdings ziemlich fertig aus, der Typ.« Plötzlich schoss ihr ein Verdacht durch den Kopf. »Dunkle Locken, Narbe auf der Stirn, Matrosenjacke?« »Ganz genau. Zuerst hat er nach dir gefragt, wo du bist und wann du wiederkommst. Dann wollte er plötzlich wissen, ob Mailin hier gewohnt hat.« »Er ist kein Freund von mir.« Sie erzählte von Mailins Patient, wie sie ihm mehrmals zufällig begegnet war und er sie im Park verfolgt hatte. »Und erst jetzt hat die Polizei angefangen, sich für diesen Kerl zu interessieren?« Sie antwortete nicht, dachte an etwas anderes. »An der Korktafel in Mailins Praxis hing ein Zettel. Death by water stand darauf. Weißt du, woher sie den hatte?« »Death by water?« Er schien über die Frage nachzudenken. Dann schüttelte er den Kopf. »Hört sich nach einer typischen Mailin-Geschichte an. Irgendwas, womit sie sich gerade beschäftigt hat.« 17 Freitag, 2. Januar L iss hatte sich für zehn Uhr mit Jennifer Plåterud im Rechtsmedizinischen Institut verabredet, doch es war fast halb zwölf, als sie an der Rezeption ankam. Sie hatte am Abend zuvor drei Schlaftabletten genommen und war vor vierzig Minuten mit brummendem Schädel aufgewacht. »Tut mir leid, ich habe verschlafen«, sagte sie, als Jennifer Plåterud ihr entgegenkam. Sie war kleiner, als Liss sie in Erinnerung hatte, vermutlich kaum größer als ein Meter fünfzig. Selbst mit ihren hochhackigen Schuhen war die Pathologin mehr als einen halben Kopf kleiner als sie. Sie war stark und mit viel Geschick geschminkt. Die blauen Augen waren betont, und ihr Mund wirkte größer. Unter ihrem offenen Arztkittel trug sie ein kornblumenblaues Kostüm und um den Hals eine Kette mit Perlen, die echt aussahen. »Ist schon in Ordnung«, versicherte sie. »Ich habe hier nicht Däumchen gedreht.« Liss hatte vergessen, dass sie mit Akzent sprach. Er hörte sich amerikanisch an, was auch zum Vornamen passte. Jedenfalls besser, als in Norwegen Jennifer zu heißen, dachte sie. Ihr Büro war ziemlich groß, das Fenster ging auf den Vorplatz hinaus. Auf dem Schreibtisch stand das Foto eines Mannes in Ölzeug. Strahlend hielt er einen Riesenfisch in die Kamera. Ein anderes Foto zeigte zwei halbwüchsige Jungen auf einer Treppe, wobei der eine stand und der andere saß. »Hier wohne ich also«, sagte Jennifer Plåterud. »Übrigens habe ich im Internet im Magazin des Dagbladet einen Artikel über Sie gefunden. Ich wusste gar nicht, dass Sie als Fotomodell arbeiten.« Sie füllte Wasser in eine Kaffeemaschine, die in der Ecke stand. »Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich habe keine Nachforschungen angestellt. Ein Kollege hat mich darauf aufmerksam gemacht.« Die Versicherung war überflüssig. Die Medizinerin hatte etwas an sich, das Liss nicht misstrauisch machte. »Eine aufgeblasene Story«, entgegnete Liss. »Ich habe ein paar Jobs gehabt, nichts von Bedeutung. Ich glaube auch nicht, dass mehr daraus wird. Außerdem ist Amsterdam in dieser Hinsicht nicht gerade der Nabel der Welt.« »Aber Sie müssen nicht dort bleiben«, erwiderte Jennifer Plåterud energisch. »Eine junge Frau wie Sie kann genauso gut Paris, Mailand oder New York erobern. Die Topfotografen wollen doch nicht immer nur Glamour, sondern das Besondere, ich meine …« Sie errötete unter ihrem Make-up. »Wollen Sie vielleicht meine Agentin werden?«, fragte Liss und brachte die Pathologin zum Lachen. Sie hatte ein überraschend tiefes und durchdringendes Lachen. Ihr Eifer ließ darauf schließen, dass sie sich wirklich für die Modebranche interessierte. Und als sie sich kurz darauf über verschiedene Kollektionen und Fotografen ausließ, merkte Liss, dass sie wirklich Ahnung hatte. Plötzlich hielt sie inne: »Aber Sie sind ja bestimmt nicht hierhergekommen, um mit mir über Mode und Make-up zu diskutieren, Liss. Darf ich Liss zu Ihnen sagen? Ich heiße Jennifer.« Ihr freundschaftlicher Ton wirkte so spontan und echt, dass Liss keine Veranlassung sah, sich besonders in Acht zu nehmen. Jennifer bot ihr Kekse aus einer Dose an, und da sie seit gestern nichts gegessen hatte, brach sie sich ein Stück ab. Es schmeckte süßlich nach Kokos und hatte eine klebrige Konsistenz. »Selbst gebacken«, sagte Jennifer und steckte sich einen Keks in den Mund. »Die kann man in Norwegen nicht kaufen, deshalb muss ich sie selber backen. Das heißt, eigentlich backt sie mein Mann.« »Sind Sie Amerikanerin?« »Weit gefehlt!«, protestierte sie. »Ich komme aus Canberra.« Liss dachte nach. Könnte in Kanada sein. »Also aus …« »Richtig!«, kam ihr Jennifer zu Hilfe. »Die Hauptstadt von Australien.« Liss nahm ihr die Kaffeetasse ab. »Und was hat Sie hierher verschlagen?« Mit einem Anflug von Widerwillen stellte sie fest, dass sie sich auf den etwas zu vertrauten Ton eingelassen hatte. »Wissen Sie, was, Liss? Das frage ich mich auch. Und zwar jeden Tag, wenn ich aufstehe und meinen Blick über die Felder schweifen lasse. Dann denke ich immer: Was zum Teufel machst du hier eigentlich, Jennifer?« Sie tauchte ein Stück ihres Kekses in die Kaffeetasse. »Wissen Sie, in ein paar Jahren sind meine Jungs so groß, dass sie auf eigenen Füßen stehen.« Sie schaute zum Foto ihrer Söhne hinüber. »Ich habe vor, unter einem wärmeren Himmel als diesem alt zu werden.« »Und Ihr Mann, will er das auch?« »Kann ich mir nicht vorstellen«, antwortete Jennifer erstaunlich gleichmütig. »Er hat einen Hof in Sørum geerbt, auf dem wir leben. Er bewirtschaftet ihn zwar nicht, doch irgendwie ist er völlig mit ihm verwachsen. Den kriegt man da nicht weg. Aber jetzt müssen Sie mir erzählen, was Sie gefunden haben.« Liss kramte in ihrer Handtasche. »Es hat bestimmt nichts zu sagen …« Sie erzählte von ihrem Ausflug zur Hütte, faltete den Ausdruck auseinander, den sie im Sofakissen entdeckt hatte, und legte ihn auf den Tisch. Jennifer nahm ihn. Ihr Gesicht veränderte sich, die Pupillen wurden größer, und erneut stieg ihr die Röte ins Gesicht. Als sie zu Ende gelesen hatte, stand sie auf, ging zum Schreibtisch, öffnete eine Schublade und schloss sie wieder, ohne etwas herauszunehmen. »Es hat also doch was zu sagen«, stellte Liss fest. Jennifer zwinkerte ein paarmal und schien langsam wieder zu sich zu kommen. »Nicht unbedingt«, entgegnete sie. »Aber der Ausdruck ist vom 10. Dezember. Das heißt, dass Mailin ihn auf die Hütte mitgenommen hat. Das ist an sich schon eine wichtige Erkenntnis.« Sie setzte sich wieder hin. »Was ist mit den Spuren im Schnee, die Sie an Silvester gesehen haben? Könnten die möglicherweise schon vorher da gewesen sein?« Ausgeschlossen, meinte Liss. Sie habe nicht die geringsten Spuren gesehen, als sie gekommen sei. Außerdem habe es am Abend geschneit. »Da ist noch etwas anderes«, fuhr sie fort. Jennifer beugte sich vor und ließ Liss keine Sekunde aus den Augen, während diese von dem Patienten aus Mailins Praxis erzählte. Sie berichtete auch, was er im Park gesagt hatte. »Ich rate Ihnen dringend, sich damit an die Polizei zu wenden, Liss.« »Sie könnten es ihnen doch auch mitteilen.« »Ich bin nicht an den Ermittlungen beteiligt.« Liss kniff sich in die Unterlippe. »Ich werde nicht mehr aufs Präsidium gehen. Ich werde weder mit dem Idioten mit diesem ausländischen Namen noch mit dem schleimigen Kommissar reden. Ich habe der Polizei noch nie getraut. Hatte auch noch nie einen Grund dazu.« Jennifer protestierte nicht. Versuchte weder Liss umzustimmen noch ihr etwas zu entlocken, was sie lieber für sich behalten wollte. »Ich glaube nicht, dass der Typ, der in ihrem Büro war, das getan … Mailin umgebracht hat. Aber er weiß irgendwas. Wahrscheinlich hat er sie gesehen, unmittelbar bevor sie verschwunden ist. Ich werde herausfinden, wer er ist.« Jennifer richtete sich in ihrem Stuhl auf. »Das ist nicht Ihr Job«, sagte sie entschieden. »Die Polizei hat mehrere Wochen Zeit gehabt. Und was haben sie herausgefunden?« »Genau deshalb sind sie auf Ihre Hilfe angewiesen, Liss. Außerdem könnten Sie sich in Gefahr bringen, wenn Sie auf eigene Faust ermitteln.« Liss stand auf. »Ich habe keine Angst«, sagte sie. »Nie mehr.« 18 D er Himmel war wie blaugefärbtes Glas, als Roar Horvath in Bergen-Flesland aus dem Flugzeug stieg. Das Gras zwischen den Landebahnen war mit Rauhreif bedeckt, und die Berge am Horizont trugen weiße Kappen. Vor mehreren Jahren war er im Frühling schon einmal für ein paar Tage in Bergen gewesen. Auch damals derselbe blanke, wolkenlose Himmel, dasselbe scharfe Licht. Er begann daran zu zweifeln, ob Bergen wirklich so ein berüchtigtes Regenloch war. In der Ankunftshalle sah er sich nach der Kollegin um, die ihn abholen sollte. Sie hieß Nina Jebsen und hatte beim Dezernat für Gewaltverbrechen in Oslo aufgehört, wenige Wochen, nachdem er dort begonnen hatte. Er hatte sie dunkelhaarig und ein wenig füllig in Erinnerung. Doch die Frau, die ihm entgegenkam und die Hand ausstreckte, war schlank, und unter ihre aschblonden, schulterlangen Haare mischten sich ein paar helle Strähnen. »Schön, dich wiederzusehen«, sagte sie, vermutlich weil sie seine Unsicherheit bemerkte. »Hast du kein Gepäck?« Jetzt endlich begriff Roar, dass Nina Jebsen vor ihm stand. »Ich brauche doch nicht zwei Anzüge, wenn ich nicht mal übernachten will.« »Kommt drauf an, wie eitel du bist.« Sie warf einen Blick auf seinen Anorak. »Aber du bist ja eher unauffällig gekleidet«, fuhr sie fort, als sie im Auto saßen. Ihr Bergenser Dialekt war ausgeprägter, als er ihn in Erinnerung hatte. »Mein Chef hat sich übrigens geweigert, irgendjemand von deinem Besuch zu erzählen. Ich habe mich schon gefragt, ob auch der Geheimdienst eingeschaltet ist.« Er lächelte über ihren Scherz und mochte den Ton, den sie anschlug. »Wie schade, dass du nicht in Oslo geblieben bist«, entgegnete er und hörte seiner Stimme an, dass es persönlicher klang, als er beabsichtigt hatte. Sie zuckte die Schultern. »Einmal Bergenser, immer Bergenser.« Doch er wusste, dass noch etwas anderes dahintersteckte. Sie hatte bei der Aufklärung der sogenannten Bärenmorde eng mit Viken zusammengearbeitet und unmittelbar danach gekündigt. Roar ahnte, dass sie nicht mehr in der Lage gewesen war, weiter mit Viken zu arbeiten Der Kommissar hingegen war davon bestimmt nicht begeistert gewesen. Roar schob diese Gedanken beiseite. Er war schließlich nicht nach Bergen gekommen, um Salz in alte Wunden zu streuen. »Hast du schon damals hier gearbeitet, als der Fall Ylva aktuell war?«, fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Damals hatte ich gerade in Oslo angefangen. Und die Kollegen in Bergen haben alles getan, dass nichts durchsickert. Selbst heute gelingt es ihnen noch, das meiste unter der Decke zu halten.« »Respekt«, meinte Roar, »bei dem Medienrummel, der immer gleich veranstaltet wird.« »Vielleicht macht sich das jetzt bezahlt. Ich meine, falls es eine Verbindung zu eurem Fall geben sollte.« Er enthielt sich eines Kommentars. Viken schien von einer solchen Verbindung nicht überzeugt zu sein. Er war immer noch stinkwütend auf Jennifer, weil sie hinter seinem Rücken gehandelt hatte. Roar musste sich eingestehen, dass er mit Unbehagen daran dachte, dass seine besonderen Beziehungen zum Rechtsmedizinischen Institut eines Tages bekannt werden könnten. Doch es war das Risiko wert. Er hatte nach seiner Scheidung verschiedene Frauen kennengelernt und es zunächst ziemlich aufregend gefunden, ständig auszugehen. Es war wie eine Erinnerung an das Leben, das er vor zehn, fünfzehn Jahren geführt hatte. Doch nach und nach war sein Jagdinstinkt ermattet. Er hatte irgendwo gelesen, dass Männer weniger Geschlechtshormone produzierten, nachdem sie Väter geworden waren. Die Natur sorgte dafür, dass sie nicht verschwanden, bevor die Nachkommen dauerhaft und gut versorgt waren. Er nahm das Parfüm seiner Kollegin wahr, die neben ihm saß, und ließ seinen verstohlenen Blick kurz über ihre Brüste und ihre Oberschenkel unter der glatten Stretchhose gleiten. Waren seine Instinkte eingeschlafen gewesen, so erwachten sie gerade wieder zum Leben. Das ist nur gesund, Roar, sagte er sich. Und seine Gesundheit sollte man nicht vernachlässigen. Nina Jebsen fuhr mit Umsicht und nie mehr als zwei Kilometer über dem Tempolimit. Er lehnte sich zurück. »Was ich von der Ylva-Sache weiß, ist auf jeden Fall ein Flugticket wert. Außerdem ist es unheimlich schön hier.« Mit einem Blick auf die Berge, die die Stadt umgaben, fügte er hinzu: »Und nicht ein Tropfen Regen.« »Das Wetter wird doch in Zukunft überall ein Problem sein«, entgegnete sie. »Hier in der Stadt planen die Architekten bereits Bauwerke für einen Wasserpegel, der zwei Meter höher ist als heute.« Damit keiner der Kollegen neugierige Fragen stellte, machte Nina Jebsen ihn mit niemand bekannt. Sie führte Roar in den ersten Stock des Präsidiums und begleitete ihn in ein winziges Büro, das seinem eigenen zum Verwechseln ähnlich sah. Sie schloss die Tür hinter ihm. »Ich arbeite gerade an drei, vier Gewaltverbrechen. Niemand weiß, dass dies kein Verhör ist.« »Bin ich Zeuge oder Verdächtiger?« »Schwer zu sagen.« Sie reichte ihm eine Dokumentenmappe. »Eine Übersicht über den Ylva-Fall. Ich schlage vor, du liest das erst einmal durch.« Eine Dreiviertelstunde später war er mit den wesentlichen Fakten vertraut. Ylva Richter, neunzehn Jahre alt, aufgewachsen in Fana, südlich von Bergen. Der Vater Geschäftsanwalt, die Mutter Textilkünstlerin. Zwei jüngere Geschwister. Keine Hinweise auf Probleme in der Familie. Beide Eltern nicht vorbestraft. Beim Vater allerdings auffallend viele Bußgeldbescheide wegen Geschwindigkeitsüberschreitungen. Nach dem Abitur, das sie mit guten Noten abschloss, begann Ylva ein Studium an der Handelshochschule, wohnte aber weiterhin zu Hause. War Mitglied in einem Schwimmverein und schlug sich gut bei den norwegischen Jugendmeisterschaften. Sie schien allgemein beliebt zu sein und viele Freunde zu haben. Auf dem Gymnasium hatte sie einen festen Freund gehabt, war jedoch zur Zeit ihrer Ermordung Single. Ihr Umfeld wurde als konstruktiv und gesund bezeichnet, wenn auch nicht völlig frei von Partydrogen. Doch innerhalb des Freundeskreises war niemand vorbestraft. Einer der jungen Männer war wegen psychischer Probleme in Behandlung, galt allerdings nicht als labil. Am Abend des 15. November 2003 nahm Ylva Richter am Busbahnhof einen Bus ins Zentrum, nachdem sie mit Freundinnen in einer Kneipe gewesen war. Sie hatte zwar ein eigenes Auto, das sie an diesem Abend jedoch nicht benutzte, vermutlich wegen des Alkohols. Zuletzt wurde sie vom Busfahrer gesehen, als sie um circa 00:30 Uhr in der Nähe ihres Elternhauses aus dem Bus stieg. Andere Passagiere bestätigten dies. Sie kam nie zu Hause an. Um zwei Uhr wurde die Polizei alarmiert, nachdem ihr Vater vergeblich zur Bushaltestelle gegangen war, um nach seiner Tochter zu schauen. Ein Streifenwagen wurde geschickt, doch erst am nächsten Morgen eine Großfahndung eingeleitet. Fünf Tage später wurde sie, ungefähr zwanzig Kilometer nordöstlich von ihrem Wohnort entfernt, in einem Wald gefunden. Sie trug Handschellen, war an einen Baum gefesselt und geknebelt. Sie war nackt. Ihre Kleider wurden in der Nähe unter einem Haufen mit Heidekraut entdeckt. An der Schläfe hatte sie eine klaffende Wunde, als sei sie mit einem stumpfen, schweren Gegenstand, vielleicht mit einem Stein, geschlagen worden. Doch der Schlag war nicht tödlich gewesen. Vermutlich war er ihr zugefügt worden, bevor man sie in ein Auto gezerrt hatte. An dieser Stelle folgte eine ausführliche Beschreibung ihrer verletzten Augen. Mehrere Male waren sie von einem spitzen Gegenstand, vielleicht von einer Schraube, durchbohrt worden. Nichts deutete auf sexuelle Gewalt hin. Als Todesursache wurde Erfrieren angegeben. Die Ermittlungen waren sehr umfangreich gewesen. Über fünfhundert Zeugen waren verhört worden, von denen Nina Jebsen die interessantesten herausgesucht hatte. Eltern, Geschwister, Freunde, der Busfahrer, Passagiere. Einer Freundin zufolgte hatte Ylva von einer merkwürdigen Begebenheit erzählt, die ihr auf dem Hinweg passiert war. Ein unbekannter Mann hatte sich in der Fußgängerzone an sie gewandt und ihr einen Korkenzieher oder Dosenöffner in die Hand gedrückt. Das war einer der vielen Momente, die nie aufgeklärt worden waren, doch Roar merkte sich diesen Punkt und blätterte zurück zu der Beschreibung ihrer verletzten Augen. Die Polizei war das Register sämtlicher Gewalt- und Sexualverbrecher durchgegangen und hatte alle infrage kommenden Kandidaten verhört. Einige galten als verdächtig, in einem Fall wurde eine Untersuchungshaft in Erwägung gezogen, jedoch wieder verworfen. Der Fall war natürlich nicht zu den Akten gelegt worden, aber es war inzwischen höchst unwahrscheinlich, dass er noch aufgeklärt werden würde. Während Roar las, hatte Nina Jebsen sich in ihren PC eingeloggt und tippte ununterbrochen und in rasender Geschwindigkeit. Als er fertig war und die Dokumentenmappe auf ihren Schreibtisch legte, schloss sie die Datei und drehte sich zu ihm um. Bevor sie ihn nach seiner Meinung fragen konnte, sagte er: »Lass uns zuerst mit ihren Eltern reden, dann sehen wir weiter.« Das Haus der Familie Richter lag in einer Villengegend, südlich der Stadt. Der Mann, der die Tür öffnete und sich als Richard Richter vorstellte, war mittelgroß und hatte dünne, graue Haare, die mit Gel nach hinten gekämmt waren. Er verströmte einen leichten Schnapsgeruch, bemerkte Roar, als Nina Jebsen und er ins Wohnzimmer gelassen wurden. Anne Sofie Richter trug ein Tablett herein, auf dem eine Kaffeekanne und Tassen standen. Sie war schlank und sonnengebräunt, ihre Haare waren dunkel getönt. Mit raschen Bewegungen deckte sie den Tisch und machte einen lebhaften Eindruck. Roar war gut vorbereitet. Ehe sie sich setzten, sagte er: »Es tut mir sehr leid, wenn wir alte Wunden wieder aufreißen. Wir hätten Ihnen das gerne erspart.« Richard Richter blieb am Ende des Tisches stehen. »Horvath war Ihr Name, nicht wahr? Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Horvath. Diese Wunden verheilen nie, falls Sie das glauben sollten. Erst gestern habe ich an das letzte Gespräch mit meiner Tochter gedacht. Ich hatte sie an diesem Abend in die Stadt gefahren. Sie drehte sich noch einmal um und lächelte mir so zu, wie nur sie lächeln konnte. ›Tschüs, Papa‹, sagte sie, ›und vielen Dank.‹ Das war das Letzte, was ich von meiner Tochter gehört habe.« Er schwieg. »Alles andere existiert nur in meiner Fantasie«, fügte er mit beherrschter Stimme hinzu. »Wir sind zusammen mit ihr aus dem Bus gestiegen und an der Kreuzung, an der Sie abgebogen sind, den Hügel hinaufgegangen. Wir haben das Auto gesehen, das auf sie gewartet hat, und wir sind mit zu dem Ort gefahren, wo sie gefunden wurde.« Er schaute verstohlen zu seiner Frau hinüber. Sie lächelte so puppenhaft, wie sie es die ganze Zeit schon getan hatte. Hin und wieder nickte sie, während ihr Ehemann für sie beide sprach: »Ich übertreibe nicht, wenn ich Ihnen sage, dass wir jeden Tag damit konfrontiert sind. Wenn Sie uns also Ihre Fragen stellen, können Sie keine alten Wunden aufreißen, denn sie haben sich nie geschlossen.« Richard Richter schwieg erneut. Roar sagte: »Sie verstehen sicher, dass ich nicht grundlos aus Oslo hierhergekommen bin. Allerdings wollen wir Ihnen auch keine falschen Hoffnungen machen. Wir halten es für möglich, dass es einen Zusammenhang mit einem anderen Fall gibt, den wir gerade bearbeiten. Darum möchten wir uns, so gut es geht, mit der gründlichen Arbeit vertraut machen, die unsere Kollegen in Bergen im Fall von Ylva geleistet haben.« Er hatte ihren Namen nicht aussprechen wollen, doch jetzt war es geschehen. Keiner der Eltern reagierte darauf. Auch nicht auf das Lob, das er seinen Kollegen aus Bergen aussprach. »Wir müssen jeden Stein noch einmal umdrehen, nicht nur einmal, sondern viele Male.« Richard Richter räusperte sich. Roar hatte den Eindruck, als wolle er keine weiteren Phrasen hören. »Es geht um die Frau, die tot aufgefunden wurde, nicht wahr? In der Fabrik.« Roar atmete langsam aus. »Ich würde gerne in aller Offenheit mit Ihnen darüber reden, doch ich muss leider Rücksicht auf die Ermittlungen …« »Ist sie auch erfroren?«, wollte Anne Sofie Richter wissen. Ihre Stimme klang unbeschwert und verwundert, als bliebe sie bei einem Ausflug plötzlich am Wegesrand stehen und würde sich fragen, was für ein Vogel dort oben im Baum saß und so merkwürdig sang. Nina Jebsen, die bis jetzt schweigend auf dem Sofa gesessen und zugehört hatte, schaltete sich ein: »Wir sind sehr dankbar, dass es Menschen wie Sie gibt, die uns bei unserer Arbeit so sehr unterstützen. Wie ich bereits am Telefon erwähnte, ist es von größter Bedeutung, dass Sie mit niemand darüber reden, nicht einmal mit Nachbarn oder Freunden. Bisher hat noch kein Journalist herausgefunden, dass wir die Ermittlungen wiederaufgenommen haben.« »Wenn dieses Pack noch einmal vor unserer Tür steht, dann weiß ich nicht, was ich tue«, entgegnete Richard Richter. Er stand immer noch am Ende des Tisches, die Kaffeetasse in einer Hand, die andere in der Hosentasche. Roar konnte sehen, dass sie sich unter dem Stoff ballte und wieder öffnete. »Ich weiß, dass Sie danach schon früher gefragt wurden«, sagte er, »doch möchte ich Sie bitten, noch einmal gründlich nachzudenken. Ist irgendwann einmal etwas in Ylvas Freundes- oder Bekanntenkreis vorgefallen, das Sie stutzig gemacht hat?« Er hörte, dass die Frage sehr allgemein gestellt war, und präzisierte: »Dürfen wir Sie bitten, eine Liste zu erstellen, damit wir einen Überblick bekommen, mit wem sie sich in den letzten beiden Jahren getroffen und was sie alles unternommen hat?« Richard Richter gab ein Stöhnen von sich, doch seine Frau, deren Mund immer noch von diesem puppenhaften Lächeln umspielt wurde, erwiderte: »Das ist kein Problem. Ich habe ihre Schulkalender aufgehoben. Sie hat dort immer all ihre Verabredungen eingetragen. Vieles davon weiß die Polizei bereits, aber sicher nicht alles aus den letzten zwei Jahren.« »Schwimmunterricht, Schulausflüge, Ferienreisen und so weiter«, bestätigte Roar und nickte. »Auch alles, was sie zusammen mit Ihnen unternommen hat. Ich weiß, dass das enorm viel Arbeit ist.« Als sie im Flur standen und sich für den Kaffee bedankten, drehte Anne Sofie Richter sich um und verschwand in einem Nebenzimmer. Im nächsten Moment kam sie wieder heraus. »Sie haben bestimmt Fotos von Ylva gesehen«, sagte sie zu Roar. »Auch solche, die nach ihrem Tod entstanden sind.« Er enthielt sich einer Antwort. »Das hier ist aus der Zeit, als sie Abitur gemacht hat, also im Frühjahr des Jahres, in dem es passiert ist. Ich will, dass Sie sich das Foto ansehen, denn so war sie, unsere Tochter.« Sie gab ihm ein gerahmtes Foto. Er erkannte sie von den anderen Bildern wieder. Ihre braunen Haare quollen unter der roten Abiturientenmütze hervor. Ein ebenmäßiges Gesicht, braune Augen, volle Lippen. Ein hübsches Mädchen, hätte er fast gesagt, riss sich aber zusammen. Als er das Foto zurückgab, erkannte er eine vage Ähnlichkeit mit der Mutter, als lägen die Züge des Mädchens unter ihrem puppenartigen Gesicht verborgen. »Vielen Dank«, sagte er und gab ihr die Hand. Als sie im Auto saßen, kam ihm eine Idee. »Hast du noch Zeit? Dann könnten wir zu dem Ort fahren, wo sie gefunden wurde.« Nina schaute ihn fragend an. »Hast du denn noch genug Zeit?« Sein Rückflug ging erst in vier Stunden. Er wusste nicht, wie er darauf kam. »Du willst doch wohl nicht nach Spuren suchen? Fünf Jahre später, meine ich.« Er lächelte kurz. »Den Superspürnasen aus Oslo ist alles zuzutrauen.« Sie lächelte ebenfalls. »Pech für dich, dass ich die Gegend hier so gut kenne, da werde ich wohl kaum vor Bewunderung vor dir auf die Knie fallen.« Er mochte ihren ironischen Tonfall. Müsste er nicht am selben Abend zurückfliegen, hätte er sie auf ein Bier eingeladen. Er schaute auf ihre Finger, die sich um das Lenkrad schlossen. Sie trug mehrere Ringe, alle mit Steinen. »Hattest du etwa Probleme mit Viken?«, erdreistete er sich zu fragen. »Bist du deswegen nach Bergen gegangen?« Er spürte, dass diese Frage vertraulicher war, als es ihre vierstündige Bekanntschaft rechtfertigte, doch sie antwortete freimütig: »Es ging um etwas anderes. Ich weiß, dass viele ihre Probleme mit Viken haben. Bei mir war das nie der Fall. Ich mochte ihn sogar irgendwie.« Roar glaubte ihr. Wer Viken nicht hasste wie die Pest, der bewunderte ihn. Er ahnte, dass der Wechsel ihres Arbeitsplatzes irgendetwas mit den Bärenmorden zu tun gehabt hatte, wollte aber nicht zu aufdringlich sein. Sie hatte das Navigationsgerät programmiert und bog an der angezeigten Stelle von der Hauptstraße ab. »Ich weiß nicht ganz genau, wo es war.« Sie fuhr zwischen Feldern hindurch, bis sie ein Waldstück erreichten. »Dem Bericht zufolge muss es hier gewesen sein.« Als sie den Wagen abstellte, versank die Sonne hinter den Bergen im Südwesten. Der Himmel hatte eine tiefblaue Färbung angenommen, war dunkler geworden, ohne seine Klarheit zu verlieren. Sie stießen auf einen Pfad mit Schuhabdrücken, die sich auf dem weichen Waldboden abzeichneten. Roar ging voraus. Plötzlich blieb er stehen. Hinter ein paar kleineren Hügeln mit Heidekraut, an einem Baum, der sich unter einem Felsrücken befand, erspähte er etwas. Er stapfte durch die Heide. Eine Laterne stand dort, mit einer dicken, weißen Kerze. Sie hatte vermutlich bis vor kurzem gebrannt, denn daneben lag ein Blumenstrauß, und in einer Vase standen fünf frische Rosen. »Offenbar sind wir am richtigen Ort«, stellte Nina Jebsen fest, als sie sich neben ihn stellte. Für eine Weile blieben sie schweigend stehen. Roar erinnerte sich an das Gefühl, am Grab eines Menschen zu stehen, den man vermisste. In diesem Augenblick war er plötzlich sicher, dass zwischen den beiden Mordfällen ein Zusammenhang bestand. Als erzählte ihm dieser Ort davon, die Bäume, der Pfad, der sich fortsetzte, doch vor allem diese Blumen und diese Kerze. Er wusste, dass sich dieses Gefühl auf keinerlei Fakten stützte und ihn vermutlich eher in die Irre führte. Konzentration, sagte er sich. Stufe fünf. Als er Viken Stunden später vom Flughafen aus anrief, hatte er sich eine Reihe von Argumenten zurechtgelegt, die den Kommissar überzeugen sollten, die Sache in Bergen weiterzuverfolgen. Die verletzten Augen und der eingeschlagene Schädel des jungen Mädchens waren nur zwei davon. Doch ehe er auch nur ein einziges Argument vorbringen konnte, rief Viken: »Ich werde jetzt eine Mail mit Material an das Präsidium in Bergen schicken. Kannst du die noch abrufen, bevor du zurückkommst?« Roar klärte ihn darüber auf, dass er gerade im Begriff war, ins Flugzeug zu steigen. Viken fluchte. »Dann müssen wir wohl noch einmal nach Bergen. Es gibt eine neue Verbindung zu Ylva Richter.« Er erklärte, was Liss Bjerke in dem Kissenbezug in der Hütte der Familie gefunden hatte. »Und wenn du wieder hier bist, erzähle ich dir auch, wem sie den Zettel ausgehändigt hat!«, bellte er. Roar verkniff sich die Bemerkung, dass er es längst erraten hatte. 19 Samstag, 3. Januar L iss zog ihre Marlboroschachtel aus der Tasche. Sie war fast leer. Sie musste eine neue kaufen, außerdem brauchte sie Tampons und etwas zu trinken. Während sie in den Supermarkt hineinging, warf sie einen Blick auf ihr Handy. Eine Nachricht von Rikke und von diesem Fußballer, der ausgerechnet Jomar hieß. Sie trug immer noch seine Jacke. Rikke schrieb: Vater von Z hat auf der Beerdigung nach dir gefragt. Hab ihm deine norwegische Adresse gegeben. Hab ich letztes Mal ganz vergessen, dir zu sagen. Hoffe, das ist okay. Das ist nicht okay!, raste es durch ihren Kopf. Vielleicht sagte sie es auch laut. Es ist überhaupt nicht okay, dass Zakos Vater meine Adresse hat. Was soll er damit? Sie verscheuchte diesen Gedanken. Sie bildete sich ein, ihn aus sich herauszupressen, ihm Rabenflügel zu verleihen und ihn in die kalte Osloer Dunkelheit davonfliegen zu lassen. So hatte sie sich als Teenager von lästigen Gedanken befreit. Doch inzwischen funktionierte das nicht mehr so gut. Jomars SMS lautete: Ruf mich an. Muss mit dir reden. Als sie im Supermarkt vor der Gefriertruhe stand, war es plötzlich ein gutes Gefühl, dass er sich immer noch mit ihr treffen wollte. Sie wählte seine Nummer. Er schien nicht überrascht zu sein, ihre Stimme zu hören. Offenbar betrachtete er es als Selbstverständlichkeit. Das machte sie so zornig, dass sie am liebsten gleich wieder aufgelegt hätte. Doch sie nahm sich zusammen. Wollte nicht kindisch und unberechenbar wirken. »Was musst du mir denn unbedingt erzählen? Habt ihr ein Spiel gewonnen?« Sie war zufrieden mit ihrem Tonfall. Der Sarkasmus war wohl dosiert. »Versuch bloß nicht, mit mir über Fußball zu reden. Wenn wir uns treffen, erfährst du, worum es geht.« »Treffen wir uns denn?« »Ja.« »Wer hat das gesagt?« »Du.« »Du solltest dich an die Wahrheit halten.« Hinterher verfluchte sie ihre Nachgiebigkeit. An der Kasse war eine Schlange entstanden. Weiter vorne schien eine Diskussion im Gange zu sein. Liss stellte sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Eine große, korpulente Frau schimpfte mit dem pickeligen jungen Mann hinter der Kasse. In diesem Moment kam ein Angestellter hinzu. Er war um die vierzig, hatte dichte, schwarze Haare mit ein paar grauen Strähnen auf der einen Seite. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er in gebrochenem Norwegisch. »Sind Sie hier der Chef?« »Heute Abend ja.« Die Frau breitete die Arme aus. »Der Naseweis hier hindert mich daran, bei Ihnen einzukaufen.« Der angebliche Supermarktleiter schaute den jungen Mann an der Kasse überrascht an. Ehe dieser etwas erwidern konnte, plapperte die Frau weiter: »Er behauptet, dass man bei Ihnen nur eine bestimmte Menge Milch kaufen darf. Stimmt das?« Der Mann dachte nach. »Eigentlich nicht.« »Eigentlich? Gibt es in diesem Laden eine Beschränkung oder nicht? Sind Sie etwa von den Behörden angewiesen worden, Ihre Vorräte zu rationieren?« Sie wurde immer wütender. Liss bemerkte, dass sie drei Einkaufswagen festhielt, die alle bis oben hin voll mit Milchkartons waren. »Wir müssen auch Rücksicht auf unsere anderen Kunden nehmen«, sagte der Kassierer. »Was soll das heißen? Glauben Sie etwa, ich kann nicht bezahlen?« »Das habe ich nicht gesagt.« »Dann lassen Sie mich endlich bezahlen, damit ich ein für alle Mal aus diesem Saftladen verschwinden kann. So schlecht bin ich wirklich noch nie behandelt worden. Unverschämtes Pickelgesicht!« Sie begann, die Milchkartons auf das Laufband zu stapeln. »Wie wollen Sie denn das alles mitnehmen?« »Das lassen Sie nur meine Sorge sein, Herr Araber. Sehe ich etwa so hilflos aus? Antworten Sie mir. Bin ich etwa mongoloid oder kriegsversehrt?« Der Mann mit den schwarzen Haaren trat zwei Schritte zurück und gab dem Kassierer ein Zeichen, dass die Frau so viel Milch kaufen könne, wie sie wolle. Dann setzte er sich an die Kasse, die am weitesten entfernt war, und rief: »Kommen Sie bitte hier herüber!« Liss war zuerst da. »Sehe ich etwa aus wie ein Araber?«, murmelte der Mann kopfschüttelnd und blickte zu der korpulenten Frau hinüber. Liss bezahlte und verließ das Geschäft. * Sie setzte sich ihm gegenüber an den Bistrotisch. »Tut mir leid«, sagte sie und vergaß, ihren sarkastischen Ton aufrechtzuerhalten. Sie wusste auch gar nicht, was ihr leidtat. Vielleicht dass sie zwanzig Minuten zu spät gekommen oder mit seiner Jacke abgehauen war und auf seine SMS nicht reagiert hatte. Jomar Vindheim lächelte ironisch. »Ist schon in Ordnung. Egal, was dir leidtut, Liss, es ist okay.« »Deine Jacke«, sagte sie und stellte die Plastiktüte neben seinem Stuhl ab. »Ich wollte sie nicht behalten.« »Ich hab dich wegen Diebstahl angezeigt«, entgegnete er ernst. »Aber ich konnte nur eine schlechte Personenbeschreibung geben. Jetzt habe ich endlich die Gelegenheit, dich genauer anzusehen.« Er merkte sofort, dass er sie auf dieser Wellenlänge nicht erreichte. »Aber im Ernst, Liss. Mir tut es schrecklich leid … all das, was mit deiner Schwester passiert ist.« »All das?« Sie hatte keinen Vorrat mehr an spitzfindigen Bemerkungen und ließ ihren Kommentar einfach stehen. Er versuchte ja nur, rücksichtsvoll zu sein. »Ich kann gut verstehen, warum du nicht auf meine SMS geantwortet hast.« »Kannst du das?« »Du hattest sicher andere Sachen im Kopf als eine alte Jacke, Liss.« Er schien großen Gefallen daran zu finden, ihren Namen auszusprechen. Bildete er sich etwa ein, ihr durch den ständigen Gebrauch ihres Namens näherzukommen? »Ich habe sie sogar fast jeden Tag getragen«, entgegnete sie. Er grinste. »Du hättest sie auch aufschlagen und als Zelt benutzen können.« Sie betrachtete ihn. Seine schrägen Augen waren überraschenderweise hellblau. Hübsch war er nicht, hatte vielmehr etwas Grobschlächtiges und Unförmiges an sich, als wäre er noch in der Pubertät. Seine Proportionen schienen noch nicht die richtige Balance gefunden zu haben. Und er hatte Pickel auf der Stirn. Offenbar fühlten sich aber nicht nur Teenager von diesem Typus angezogen, sondern auch Therese. Und natürlich Catrine, aber die war ja immer auf der Jagd nach Sex. »Vielleicht möchtest du sie behalten?« Sie rümpfte die Nase. »Wenn ich eine eigene Wohnung hätte, würde ich sie mir an die Wand hängen, mit einem Autogramm von dir.« Er lachte und unternahm nicht den Versuch, etwas Schlagfertiges zu erwidern. Er hatte überraschend weiße, regelmäßige Zähne und wirkte überaus selbstsicher. Er spielte in der ersten Liga und bekam bestimmt über eine Million im Jahr, weil er so gut gegen einen Ball treten konnte. Außerdem war Therese bestimmt nicht die einzige Frau, die hinter ihm her war. Doch von dem Augenblick an, als er zu ihnen ins Café Mono gekommen war, hatte er vor allem sie ins Visier genommen. Und seit sie in seiner Wohnung ohnmächtig geworden und später mit der Lederjacke abgehauen war, hatte er ihr vier oder fünf SMS geschrieben. In diesem Moment fiel ihr etwas ein. »Du kennst ihn!«, rief sie plötzlich. Er schaute sie verblüfft an. »Du kennst den Typen, der mir an die Gurgel gegangen ist. Ich habe gesehen, wie du kurz vorher mit ihm geredet hast. Als er in der Tür stand und Dope verkauft hat.« Er trank einen Schluck von seiner Cola. »Warum hast du das nicht gleich gesagt?«, fuhr sie fort. Seine schrägen Augen zogen sich noch weiter zusammen. »Du hast mich ja nicht danach gefragt.« Er hatte recht. Er konnte schließlich nicht wissen, warum sie hinter dem Typ her war. »Es ist mir scheißegal, ob du mit ihm irgendwelche Drogengeschäfte machst. Ich will nur wissen, wer er ist.« »Glaubst du etwa, ich gebe mich mit irgendwelchen Dealern ab? Ich kenne ihn von der Sporthochschule.« »Ausgerechnet.« »Das stimmt!«, versicherte Jomar. »Aber es ist schon ein paar Jahre her. Wir haben zusammen dort angefangen.« »Wie heißt er?« »Jim Harris. Er war ein Riesentalent über 400 Meter. Über 800 Meter war sein Potenzial eigentlich noch größer. Er hätte ein Topläufer werden können, wenn er nicht so durchgeknallt wäre.« »Wie, durchgeknallt?« »Er bringt einfach nichts zu Ende, landet immer im Chaos und bringt sich in Schwierigkeiten. Früher hatte er noch Leute, die ihn angetrieben und ihm wieder auf die Beine geholfen haben, doch inzwischen haben sie wohl alle aufgegeben.« »Er war Mailins Patient.« »Ach wirklich?« Sie erzählte von ihrer Begegnung in Mailins Praxis. Jomar sagte: »Wenn Jimmy gesehen hat, dass die Tür offen stand, hat er bestimmt gleich nachgesehen, ob zufällig Geld in den Schubladen liegt. Der hat bei jedem Dealer dieser Stadt Schulden. Darum vertickt er das Zeug jetzt auch selbst. Eine Zeitlang habe ich versucht, ihm zu helfen. Habe ihm Geld geliehen, und er hat bei mir übernachtet.« »Ich bin sicher, dass er etwas anderes in der Praxis wollte«, sagte Liss. »Warum glaubst du das?« Sie berichtete ihm, was geschehen war, als er sie im Park angegriffen hatte. »Verdammt!« Jomars Gesicht nahm plötzlich einen merkwürdigen Ausdruck an. »Wusstest du davon?« Er schüttelte den Kopf. »Natürlich nicht. Aber Jimmy hat mich vor ein paar Tagen angerufen. Er sagte, er hätte dich auf dem Fest in Sinsen gesehen, und wollte wissen, ob ich dich kenne. Und ich war blöd genug, ihm zu erzählen, dass du die Schwester von … Ich glaube nicht, dass er dir etwas antun wollte. So ist er nicht.« »Aber verstehst du denn nicht, dass er mir im Treppenhaus die Luft abgedrückt hat?« Jomar fluchte erneut. »Ich habe dich gebeten, mir zu erzählen, was passiert ist.« Sie ging darauf nicht ein. »Als er mich im Park an den Baum gedrückt hat, da schien ihm plötzlich etwas durch den Kopf zu gehen. Er ist weggelaufen. Jim Harris heißt er, richtig? Das stimmt mit den Initialen in Mailins Terminkalender überein. Sie hatten einen Termin vereinbart. Er muss Mailin an diesem Nachmittag gesehen haben. Vielleicht war sie mit jemand zusammen. Verstehst du, was das bedeutet? Der Kerl hat gesehen, was passiert … Wo finde ich ihn?« »Von den Orten, wo der sich rumtreibt, solltest du dich lieber fernhalten.« Sie starrte auf die Tischplatte. »Ich will, dass du mir hilfst!«, sagte sie plötzlich. An den ersten Tagen, nachdem sie Mailin gefunden hatten, war sie zu nichts in der Lage gewesen. Konnte kaum denken. Doch jetzt wurde sie erneut von einer starken Unruhe erfasst, sie musste etwas unternehmen. In rasendem Tempo erzählte sie alles, was sie bisher herausgefunden hatte, und zeigte ihm die Uhrzeiten, die sie sich notiert hatte. Auch die Videoaufnahmen ließ sie nicht unerwähnt. »Mailin wurde am Morgen nach ihrem Verschwinden gefilmt.« Liss blätterte in ihrem Notizbuch. »Die Filme tragen das Datum 12. Dezember, 05:35 Uhr.« Es tat ihr gut, alle diese Details vor ihm auszubreiten. Fast hatte sie das Gefühl, es ginge gar nicht um Mailin, sondern um jemand anders. Er hörte aufmerksam zu, ohne sie zu unterbrechen. Sie kannte ihn nicht. Er war ein Außenstehender, war Mailin nie begegnet, und genau deshalb konnte sie dieses Wissen mit ihm teilen und auch mit ihm über das sprechen, was in der Hütte passiert war, über die Spuren im Schnee und den Ausdruck im Kissenbezug. Danach schaute sie in sein Gesicht. Widerwillig begriff sie, warum Therese so wütend auf sie gewesen war. Sie mochte sein Aussehen, aber noch mehr seine entspannte und bescheidene Art. Eigentlich hatte sie gar nicht so lange bleiben wollen. Wollte ihm nur die Jacke zurückgeben und sich auf die eine oder andere Art entschuldigen. Doch jetzt saßen sie schon fast eine Stunde beisammen. Sie stand auf. »Muss eine rauchen.« »Ich komm mit«, sagte er. Er blies den Rauch ins Licht über dem Eingang und betrachtete die bleifarbenen Schwaden, die sich rasch auflösten. »Wann sehe ich dich wieder?«, wollte Jomar wissen. Sie spürte seinen Blick wie ein Prickeln im Gesicht. Hatte nichts dagegen, dass er nicht müde wurde, sie anzusehen. Nur den Gedanken an all die Erklärungen, die erforderlich waren, ertrug sie nicht. Warum sie ihn nicht treffen konnte, kein Interesse an ihm hatte. Warum sie so war, wie sie war, und niemals wieder mit jemand zusammen sein konnte. Plötzlich sehnte sie sich nach der Hütte. Einfach nur am Fenster sitzen und in der Dämmerung auf den Morrvann hinabblicken, während die Dunkelheit sie allmählich umhüllt. Stille. 20 Sonntag, 4. Januar, nachts E s war schon fast ein Uhr, als sie Viljam hörte. Er hantierte in der Küche, betätigte die Toilettenspülung, ließ das Wasser im Badezimmer laufen. Das hatte bestimmt auch Mailin gehört, wenn ihr Freund spät nach Hause gekommen war. Das Lauschen auf Schritte auf der Treppe. Das Warten darauf, dass er die Tür aufmachte, zu ihr unter die Decke kroch und sich an sie schmiegte. Er brauchte nicht mit ihr zu schlafen oder zu reden. Einfach ruhig nebeneinanderliegen und langsam einschlafen. Seine Arme spüren, die sie umschlangen … Sie sitzen in einem Boot. Mailin rudert. Sie trägt einen langen, grauen Mantel. Auch ihre Haare sind grau, und die langen Strähnen hängen ihr über den Rücken. Sie flattern ein wenig im Wind. Doch nicht der Wind bewegt ihre Haare, es sind lange, weiße Würmer, die an ihrem Kopf nagen. Sie haben sich festgesaugt, und Liss vermag nicht, die Hand zu heben, um sie wegzureißen. Doch Mailin scheinen sie nicht zu stören. Sie rudert unerschütterlich Richtung Land auf ihren kleinen Strand zu. Dort wollen sie jemanden abholen. Doch sie können das Ufer nicht erreichen, denn ein Ruder fehlt, und das Boot dreht sich im Kreis. Dreh dich nicht um, Mailin, ich darf dein Gesicht nicht sehen. Doch Mailin hört nicht auf sie und dreht sich um. Liss erwachte mit einem Schrei. Sie spürte ihn in der Kehle, wusste aber nicht, ob sie ihn ausgestoßen hatte. Ferien, Ski. Sie drehte sich auf die Seite und griff nach ihrem Handy. Es war zehn nach halb zwei. Sie öffnete die Adressliste, fand seinen Namen und drückte auf die Anruftaste. »Dahlstrøm.« Sie hörte seiner Stimme an, dass sie ihn aus dem Tiefschlaf gerissen hatte. Stellte sich sein Schlafzimmer vor. Seine Frau, die wach neben ihm im Bett lag und teils verärgert, teils besorgt war. Liss wusste, dass Tormod Dahlstrøm vor ein paar Jahren ein zweites Mal geheiratet hatte. Die zweite Frau war Autorin und fast zwanzig Jahre jünger als er. »Entschuldige bitte, dass ich dich geweckt habe. Wie dumm von mir.« »Bist du’s, Liss?« Er klang nicht einmal überrascht. War es vermutlich gewohnt, dass ihn verzweifelte Patienten nachts anriefen. Menschen, die einfach seine Stimme hören mussten, um bis zum nächsten Morgen durchzuhalten. »Es tut mir leid«, wiederholte sie. »Warum denn?« »Weil es mitten in der Nacht ist.« Sie hörte seine Atemzüge. »Hast du mich etwa geweckt, um mir das zu sagen?« Selbst in diesem Moment scherzte er mit ihr. »Ich habe geträumt«, sagte sie, »von Mailin.« Er gab einen Laut von sich, der ein halb ersticktes Gähnen sein mochte. »Als ich neulich bei dir war, an Weihnachten, da haben wir doch über ihr Forschungsprojekt gesprochen, über sexuelle Gewalt. Wie hieß noch gleich dieser Psychologe, von dem sie so angetan war? Ich glaube, es war ein Ungar.« »Stimmt, Ferenczi. Ein ungarischer Psychoanalytiker.« »Spricht man so seinen Namen aus? Feren-schi?« »So ungefähr.« »Und wie heißt er noch?« »Mit Vornamen, meinst du? Sándor. Er heißt Sándor Ferenczi.« Liss war aufgestanden und stand jetzt nackt auf dem kalten Fußboden. Sie ging mit unsicheren Schritten ans Fenster, riss die Gardine zur Seite und betrachtete den braunen Nachthimmel über Rodeløkka. »Sand, Ferien, Ski«, murmelte sie, ohne zu merken, dass sie aufgelegt hatte. Es war fast halb drei, als sie den Zahlencode am Türschloss in der Welhavens gate eingab. Sie dachte daran, dass Jennifer Plåterud ihr gesagt hatte, sie könne jederzeit anrufen, auch nachts. Liss zog es in Erwägung, entschied sich aber dagegen. Sie öffnete die Tür und machte kein Licht im Treppenhaus. Der Schimmelgestank nahm mit jedem Stockwerk zu. In dem Raum, der als Wartezimmer fungierte, waren die Vorhänge zugezogen. Es war stockdunkel, und sie wusste nicht, wo sich der Lichtschalter befand. Sie tastete sich bis zur Tür von Mailins Praxis und schloss auf. Es war nicht mehr Mailins Praxis. Sobald ihre persönliche Habe verschwunden war, würde sie von jemand anders in Besitz genommen werden. Sie schloss die Tür hinter sich und schaltete das Licht an. Jemand war seit letztem Mal hier gewesen, vielleicht die Polizei, mehrere Aktenordner lagen auf dem Schreibtisch. Sie betrachtete die Bücher im Regal und entdeckte das Buch von Sándor Ferenczi, das sie schon bei ihrem ersten Besuch hier gesehen hatte. Es hieß Selected Writings. Sie zog es heraus und begann zu blättern. Ein paar Stellen hatte Mailin unterstrichen, manchmal auch einen Kommentar an den Rand geschrieben. Eine der Seiten hatte ein Eselsohr. Liss schlug sie auf. Es war das 33. Kapitel: »Confusion of tongues between adults and the child. The language of tenderness and of passion.« Unten auf der Seite hatte jemand mit Rotstift eine Notiz gemacht. Liss erkannte Mailins Handschrift: »Death by water – Jakkas Sprache.« In diesem Moment erlosch das Licht. Aus dem Wartezimmer drang ein Geräusch. Eine Tür wurde geöffnet. Sie schrak auf. Für ein paar Sekunden flackerte das Deckenlicht, schimmerte gräulich, blinkte zwei Mal und erlosch wieder. Du hast keine Angst, Liss Bjerke!, schrie es in ihr. Nie wieder. Sie schlich zur Tür und hielt ihr Ohr daran. Nichts, allenfalls ein leises Kratzen. Sie legte die Hand auf die Klinke. Sie bewegte sich. Es dauerte zwei Sekunden, ehe sie begriff, dass jemand die Tür von außen öffnete. Sie zuckte zurück und drückte sich an die Wand. Die Tür glitt auf. Im Dunkeln nahm sie eine Gestalt wahr. Eine Taschenlampe wurde angeknipst. Ihr Lichtkegel wanderte durch das Zimmer und verharrte dann auf ihrem Gesicht. »Liss Bjerke …« Ihr Name kam aus der Dunkelheit, während sie ihn gleichzeitig dachte. Als hätte der Gedanke sie verlassen und würde von der Türöffnung aus, hinter dem Licht, zu ihr sprechen. Doch es war nicht ihre Stimme, sie war hell und ziemlich heiser und hatte immer noch diesen amerikanischen Akzent, der einst interessant und jetzt nur noch affektiert und künstlich klang. »Was machst du hier?«, fragte sie. Sie hörte, wie er leise lachte. »Du warst schon immer dreist, Liss. Brichst einfach mitten in der Nacht in fremde Wohnungen ein und fragst dich, was die Leute dort tun, die dich überraschen.« Pål Øvreby kam einen Schritt näher. »Okay, ich werde es dir erklären. Es kommt manchmal vor, dass ich abends ziemlich lange in der Stadt bin. Statt ein Taxi nach Hause zu nehmen, gehe ich dann hierher und schlafe ein paar Stunden in meiner Praxis. Wie dir bekannt sein dürfte, habe ich diese Räume nämlich gemietet und bezahle jeden verdammten Monat 5250 Kronen dafür. Damit dürfte deine Frage hinreichend beantwortet sein. Kannst du mir jetzt vielleicht erklären, was du hier zu suchen hast?« Sie erkannte sein Gesicht nicht richtig, nahm aber seinen Geruch wahr. Er roch nach Tabak, Bier und nach Kleidern, die nach dem Waschen nicht richtig getrocknet worden waren. Dieser Geruch drang in sie ein und entfernte den Deckel von Behältern, die sie sorgsam verschlossen hielt. Sie waren voller kleiner Tiere. Jetzt begannen sie herumzukriechen, vom Kopf abwärts über ihren Körper. »Das ist Mailins Praxis. Niemand kann mir verbieten hierherzukommen.« Sie versuchte, ihrer Stimme einen zornigen Klang zu geben. Wenn ihr das gelang, konnte sie ihrer Wut freien Lauf lassen. »Du bist schon früher zu mir gekommen, Liss. Glaubst du, das weiß ich nicht mehr? Und es sollte mich auch nicht wundern, wenn du wüsstest, dass ich zurzeit hier übernachte. Bei mir zu Hause ist nämlich die Hölle los.« Er stand jetzt ganz dicht vor ihr. »Und das hat mit dir zu tun, Liss Bjerke«, flüsterte er. »Das hat viel mehr mit dir zu tun, als du ahnst.« Er legte die Hand unter ihr Kinn und drückte es nach oben, als sei sie ein kleines Mädchen, das sich weigerte, ihm in die Augen zu blicken. »Wir hatten doch so eine schöne Zeit zusammen, Liss. Glaub nicht, dass ich das vergessen habe.« Seine Finger glitten um ihr Ohr herum in ihren Nacken und zogen sie an sich. Sie riss ihm die Taschenlampe aus der Hand und leuchtete ihm ins Gesicht. »Glaubst du, Pål Øvreby, dass ich Angst habe zu töten?«, zischte sie und hörte, dass ihre Stimme so kalt wie eine Stahlsaite war. »Wenn du mich noch einmal anfasst, dann kannst du dich nie mehr sicher fühlen. Ich töte dich, sobald du eingeschlafen bist.« Er ließ die Hand sinken. Sie stieß ihm die Taschenlampe in den Bauch, drängte sich an ihm vorbei, hastete durchs Wartezimmer und die Treppe hinunter. Er lief ihr nicht nach. 21 J ennifer Plåterud saß in der Bingsfosshalle und fröstelte. Nach über fünf Jahren waren ihr die Handballregeln immer noch nicht vertraut, aber das machte ihr nichts aus. Sie jubelte, wenn die Mannschaft ihres jüngsten Sohnes Sigurd ein Tor warf, und schloss sich in ihren Beurteilungen ansonsten den Eltern an, die etwas von der Sache verstanden. Sie mochte diesen Sport, sah aber dennoch keinen Grund, sich näher mit seinen Regeln zu befassen. Die Jungen wurden körperlich abgehärtet, indem sie ständig zusammenstießen und einiges einstecken mussten. Immer wieder landeten sie auf dem Boden und sprangen sofort wieder auf, ohne lange zu lamentieren. Ihr älterer Sohn Trym hatte Fußball gespielt, und dort war es ganz anders zugegangen. Die Fußballer wälzten sich bei der geringsten Berührung mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Rasen. Beim Handball hingegen durfte man nicht zartbesaitet sein, was zu Sigurd passte, der viel widerstandsfähiger war als sein großer Bruder. Diese Widerstandsfähigkeit hatte er von ihr, während sie bei Trym, der zwei Jahre älter war, all die Trägheit und Nachgiebigkeit seines Vaters wiedererkannte, und noch mehr. In der Halbzeitpause ging sie nach draußen und zog ihr Handy aus der Tasche. Zum zweiten Mal innerhalb von zwölf Stunden rief sie Kommissar Viken an und freute sich über den mühsam beherrschten Zorn in seiner Stimme, als sie ihm sagte, worum es ging. »Und Sie tun weiterhin alles, um Liss Bjerke zu überreden, sich direkt an uns zu wenden«, sagte er gereizt. »Die Antwort erübrigt sich«, stellte sie fest. »Es ist ja nicht meine Schuld, dass sie null Vertrauen zu Ihnen hat.« Ich frage mich, wie ungeschickt Sie sich im Gespräch mit ihr angestellt haben, hätte sie hinzufügen können, legte aber keinen Wert auf einen offenen Streit mit dem Kommissar. »Ist doch zumindest besser, sie wendet sich an mich, als dass sie ihre Informationen für sich behält.« In diesem Punkt musste ihr der Kommissar widerwillig recht geben. »Es könnte sein, dass sie die Wörter identifiziert hat, die ihre Schwester auf dem Videoclip sagt«, fügte er in neutralem Ton hinzu. »Haben Sie schon mal was von diesem Ferenczi gehört?« Jennifer gelang es nicht, ein kurzes Auflachen zu unterdrücken. Kein anderes Fach der Medizin stand ihr so fern wie die Psychiatrie, die sie stets mit einer unklaren Terminologie und einer mangelhaften Methodik in Verbindung brachte, doch sie hatte den Namen Sándor Ferenczi inzwischen gegoogelt und über 112 000 Treffer erhalten. »Er hat viel über Kinder geschrieben, die Opfer von sexueller Gewalt wurden«, erklärte sie. »Liss zufolge hat ihre Schwester Ferenczis Theorien für ihre Habilitationsschrift verwendet. Wenn ich mir einen Vorschlag erlauben darf, dann sollten wir uns diese Arbeit mal näher ansehen. Mailin Bjerke hat offenbar junge Männer behandelt, die früher sexueller Gewalt ausgesetzt waren.« Während der zweiten Halbzeit rief Roar Horvath an. Aus irgendeinem Grund wusste sie, dass er es war, ehe sie auf das Display schaute. »Wart mal kurz«, sagte sie und bahnte sich einen Weg in Richtung Ausgang. »Ich muss mit dir sprechen, Jenny«, sagte er. Sie stand draußen im nasskalten Dunst, der vom Fluss Glomma aufstieg, und spürte, wie sie errötete. »War gestern in Bergen. Ich wollte dich anrufen, aber es war schon nach Mitternacht, als ich nach Hause kam.« Wenn es nur um die Reise nach Bergen ging, hätte er auch jemand anders anrufen können. »Du brauchst dir keine Entschuldigungen abzuringen, wenn du mich treffen willst«, entgegnete sie und schaute auf die Uhr. Sie konnte in wenigen Stunden in Manglerud sein, aber dann kam sie auf eine unwiderstehliche Idee. Ivar war das ganze Wochenende mit seinem Schwager auf einer Landwirtschaftsmesse, und die Jungen konnte sie problemlos über Nacht bei Freunden einquartieren. * Sie wippte mit ihrem Küchenstuhl, trank Bier und sah Roar dabei zu, wie er Eier und Milch verrührte, Speck briet, Tomaten und Gurken aufschnitt und würzte. Sie hatte sich eines seiner Hemden ausgeliehen, das so weit wie ein Umstandskleid war. Sie konnte sogar ihre Knie darunter verstecken. »Hast du schon mal gehört, wie jemand deinen Namen auf Englisch ausspricht?«, unterbrach sie den Bericht von seinem Ausflug nach Bergen. Er zog die Bratpfanne zur Seite. »Ja, natürlich. Als ich in England war, hatten die immer alle viel Spaß daran, mich ›Schreihals‹ zu nennen.« »Rory klingt gut«, meinte Jennifer. »Vielleicht sollte ich dich so nennen. Oder hast du noch einen zweiten Vornamen?« Er zögerte ein wenig. »Mihaly.« »Mihaly Horvath? Das klingt ja völlig unnorwegisch.« Er steckte seinen Kopf in den Kühlschrank und nahm mehrere Packungen mit geräuchertem Schinken heraus. »Mihaly ist der Name meines Vaters. Und Roar war der beste Name, der meiner Mutter einfiel. Sie wollte wahrscheinlich nicht, dass ich als angeblicher Zigeuner gemobbt werde.« »Dein zweiter Vorname wurde also nie benutzt?« Er tat das Rührei in eine Schüssel. »Mein Vater hat mich ab und zu Miska genannt.« »Wie süß. Und ich habe mir deinen Vater eigentlich sehr streng und unnahbar vorgestellt. War er das nicht?« Roar lächelte vage. »Er ist als 18-Jähriger nach Norwegen gekommen. Seine Eltern waren Opfer des Stalinismus. Er kannte hier niemand und musste bei null anfangen. ›Mit zwei leeren Händen und einem eisernen Willen‹, wie meine Mutter stets sagte.« Jennifer leerte ihr Bierglas. »Ich habe meinen Jungs auch einen zweiten Vornamen gegeben. Den ältesten wollte ich eigentlich nach meinem alten Vater nennen, aber dieses eine Mal hat mein Mann Protest eingelegt. Er wollte partout nicht, dass ein Sechsjähriger in Sørum an der Grundschule anfängt und Trym Donald heißt.« »Der Klügere gibt nach«, entgegnete Roar grinsend und deckte den Küchentisch. Sein Wohnzimmer kannte sie nach wie vor nicht, aber das war schon in Ordnung. »Was sagt denn Viken dazu?«, wollte sie wissen, als er eine Kerze anzündete und sich ihr gegenübersetzte. »Dass du versuchst, die Ermittlungen an dich zu reißen?« Sie schnaubte. »Wir hätten sofort auf die Gemeinsamkeiten mit dem Ylva-Fall reagieren sollen«, räumte er ein. Sie trank mehr Bier und versuchte sich nicht anmerken zu lassen, wie zufrieden sie mit dieser Aussage war, wie wohlig ermattet sie sich fühlte und wie sehr sie es genoss, dass er ihr ein Abendessen servierte, das er selbst zubereitet hatte. »Ich habe da übrigens noch eine Frage an die Pathologin.« »Du brauchst dich nicht zu scheuen, sie in ihrer Freizeit zu belästigen«, ermunterte sie ihn. »So ist das nun mal in dieser Branche. Man ist immer bei der Arbeit.« »Könnten die Augenverletzungen von Mailin Bjerke von einem Korkenzieher stammen?« Er schaute sie ruhig an. Dennoch dauerte es ein paar Sekunden, ehe ihr klar wurde, dass er es ernst meinte. Sie begriff sofort, dass dieser Gedanke nicht von der Hand zu weisen war. »Wir haben uns verschiedene Schrauben und andere Gegenstände angesehen«, dachte sie laut. »Mit einer Schraube allein hat man wenig Kraft … ein Korkenzieher wäre absolut denkbar. Wie kommst du darauf?« »Diese Möglichkeit ging mir durch den Kopf, als ich mir die Unterlagen zu dem Ylva-Fall angesehen habe. Eine von vielen Gemeinsamkeiten … Wir müssen alles dafür tun, dass die Verbindung der beiden Fälle nicht öffentlich bekannt wird. Ich denke dabei nicht nur an unsere Ermittlungen. Stell dir nur vor, was dann über die Eltern von Ylva hereinbrechen würde.« Das konnte Jennifer sich ohne Weiteres vorstellen. »Ich habe versucht, Liss davon zu überzeugen, dass der Ausdruck, den sie gefunden hat, nicht das Geringste mit Mailins Schicksal zu tun hat«, sagte sie. »Ich glaube nicht, dass sie die beiden Fälle miteinander in Verbindung bringt. Der Name Ylva Richter kam in dem Artikel auch nicht vor.« »Ich hoffe, du hast recht«, entgegnete Roar. Er runzelte die Stirn. »Wir haben die Fotos einiger Beteiligter nach Bergen geschickt«, verriet er. »Einer der dortigen Ermittler hat sie den Eltern gezeigt.« »Ohne Erfolg, deinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen. Habt ihr denn überhaupt einen begründeten Verdacht gegen ihren Lebensgefährten?« »Vorläufig nicht. Er hat nie in Bergen gewohnt, was natürlich nicht ausschließt, dass er sich dort aufgehalten hat.« »Und trotzdem ist Viljam Vogt-Nielsen immer noch ganz oben auf Vikens Liste?« Roar antwortete, während er kaute. »Viken geht es vor allem um die psychologische Komponente. Das Ausstechen der Augen betrachtet er als deutlichen Hinweis. Auch den gewaltigen Zorn, der den Schlägen zugrunde gelegen haben muss. Er meint, dass nur ein Täter infrage kommt, der zu seinem Opfer ein enges Verhältnis hatte.« Er spülte das Essen mit einem halben Glas Bier hinunter. »Außerdem fragen wir uns natürlich, warum ihr Handy mit der Post verschickt wurde.« »Vielleicht treibt jemand ein Spiel mit euch«, versuchte sich Jennifer. Roar verzog unmerklich das Gesicht. Offenbar hielt er nicht viel von dieser Idee. »Sicher nicht ausgeschlossen, aber wir glauben eher, dass dahinter eine pervertierte Art der Fürsorge für das Opfer steckt. Er bringt die Frau um, will aber nicht, dass ihre Leiche verwest.« Die Falten auf seiner Stirn wurden tiefer und glichen plötzlich drei Möwen auf der Flucht. Die eine, umgeben von zwei kleineren Exemplaren, hatte ihre Flügel weit ausgebreitet. »Wie dem auch sei, wir müssen uns weiter auf ihr engstes Umfeld konzentrieren. Natürlich auf ihren Lebensgefährten, aber auch auf ihren Stiefvater. Außerdem tun wir alles, um Kontakt zu ihrem leiblichen Vater herzustellen, der seine Familie angeblich seit fast zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hat. Er wohnt in Kanada, doch niemand weiß, wo er sich derzeit aufhält.« Jennifer erkannte in Roars Worten Vikens Denkweise wieder. Schließlich hatte sie den Kommissar oft genug über Signale, Signaturen und versteckte Botschaften reden gehört, wenn es darum ging, wie eine Tat ausgeführt worden war. Sie selbst betrachtete die Arbeit von Profilern als amerikanische Modeerscheinung. Da war es ebenso wissenschaftlich, seiner eigenen Nase zu trauen. »Ja, der Instinkt ist etwas sehr Nützliches«, bemerkte sie. »Vor allem für Hunde.« Als Roar sie fragend anschaute, fügte sie hinzu: »Ich halte Vikens Erkundungen der menschlichen Psyche eben nicht immer für überzeugend.« Roar manövrierte mehr Rührei auf sein Brot und schwieg. »Und wenn wir hier schon über Psychologie sprechen«, fuhr sie fort, »was ist dann mit Mailins Patienten? Zu denen hat sie doch sicher auch ein enges Verhältnis gehabt. Außerdem hast du ja selbst gesagt, dass sie von einem ihrer Patienten bedroht wurde.« Roar sah nachdenklich aus. Sie vermutete, dass er sich insgeheim fragte, ob er nicht schon zu viele Details verraten hatte. Sie musste lächeln bei dem Gedanken, was Viken wohl sagen würde, wenn er wüsste, dass sie gerade in der Küche eines seiner vertrauenswürdigsten Mitarbeiter saß, mit nichts anderem als einem Männerhemd bekleidet. Ihr Slip musste immer noch irgendwo im Schlafzimmer oder auf dem Flur liegen. »Einer unserer Mitarbeiter erstellt gerade eine Liste all ihrer Patienten der letzten Jahre«, sagte er und schob den Teller weg. »Das ist gar nicht so einfach, weil nur wenige Kassenpatienten darunter sind. Was die Teilnehmer ihres Habilitationsprojekts angeht, können wir anscheinend auf die Hilfe ihres Betreuers, Tormod Dahlstrøm, zählen.« »Dahlstrøm war ihr Betreuer?« Jennifer sah beeindruckt aus. Sogar sie hatte seine Fernsehserie über psychologische Aspekte bei kulturellen Konflikten verfolgt. Sie schob sich den Rest des geräucherten Schinkens in den Mund und war immer noch unbeschreiblich hungrig, wie sie verblüfft feststellte. »Was ist mit diesem Jim Harris? Liss ist davon überzeugt, dass er irgendwas gesehen hat. Vielleicht ist er der Patient, dessen Therapie sie abgebrochen hat, nachdem er sie bedroht hatte. Scheint mir ein unberechenbarer Typ zu sein.« »Wir versuchen ihn aufzuspüren«, erklärte Roar. »Ist aber schwierig. Vielleicht werden wir die Medien um Mithilfe bitten. Das entscheidet sich am Wochenende.« »Das muss für euch doch sehr wichtig sein. Mailin hatte schließlich einen Termin mit ihm, als sie verschwand.« Roar wiegte den Kopf hin und her. »Wir können immer noch nicht mit Sicherheit sagen, dass sie an diesem Tag in der Nähe ihrer Praxis war.« »Obwohl ihr Auto draußen stand? Ihr wisst doch ungefähr, wann sie die Hütte verlassen hat. Und der Parkschein gibt einen genauen Zeitpunkt an.« »Sie kann auch an vielen anderen Orten gewesen sein. Es gibt weder Zeugenbeobachtungen noch elektronische Spuren.« Jennifer dachte nach. »Was ist mit der Mautstation?«, fragte sie. »Alle Autos, die in diese Stadt hineinfahren, werden ja irgendwie registriert.« Roar grunzte. »Haben wir natürlich kontrolliert. Mailin Bjerke hat per SMS bezahlt. Das heißt, dass ihr Auto an der Mautstation fotografiert wurde. Aber diese Fotos werden nach wenigen Tagen vernichtet.« Jennifer konnte sich nicht beherrschen. »Ihr seid also mit anderen Worten ein bisschen spät dran gewesen.« Sie fügte mit ironischer Stimme hinzu: »Nur dieses eine Mal, versteht sich.« Der Versuch, ihn aufzuziehen, schien an ihm abzuprallen. Die drei Möwen auf seiner Stirn waren jedenfalls fast verschwunden. »Es gibt eben Grenzen, was man in den ersten Tagen in einer Vermisstensache erreichen kann«, entgegnete er gleichmütig. »Und das Auto war ja längst gefunden worden.« Er legte ihr den Rest des Rühreis auf den Teller. »Sehe ich so hungrig aus?«, wollte sie wissen. »Ist ja noch früh am Abend, nicht mal elf Uhr.« Er legte seine Hand auf ihre. »Und ich will, dass du bis morgen früh durchhältst.« Mit einem Seufzen, das keinen allzu heftigen Protest signalisierte, gab sie ihm zu verstehen, dass sie sich durchaus vorstellen konnte, die Nacht in einer Junggesellenwohnung in Manglerud zu verbringen. 22 Dienstag, 6. Januar A ls es an der Tür ihres Büros klopfte, sprang Jennifer auf und öffnete. Die Frau, die vor der Tür stand, war deutlich größer als sie. Sie war ungefähr Mitte fünfzig und hatte dunkle Haare, doch ihre nicht gefärbten Augenbrauen ließen darauf schließen, dass sie einst blond gewesen war. »Ragnhild Bjerke«, entgegnete sie, nachdem Jennifer sich vorgestellt hatte. »Freut mich.« Ihre Stimme klang flach und gepresst, und die Höflichkeitsphrase hatte wohl kaum ihre aufrichtigen Gefühle zum Ausdruck gebracht. Jennifer hielt ihr die Tür auf, doch Ragnhild Bjerke verharrte vor der Schwelle. »Wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich sie gerne sofort sehen.« Jennifer hatte vollstes Verständnis dafür, dass die Mutter von Mailin Bjerke das, was sie sich vorgenommen hatte, nicht aufschieben wollte. Während sie den Flur hinuntergingen, sagte Jennifer: »Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Angehörigen unsicher sind, ob sie die Verstorbene sehen möchten oder nicht.« Nachdem sie das Wort »Verstorbene« ausgesprochen hatte, warf sie Frau Bjerke einen verstohlenen Blick zu, deren Gesicht genauso starr und ausdruckslos war wie ihre Stimme. »Ich habe mir das bis jetzt nicht vorstellen können«, erwiderte sie. »Konnte überhaupt nicht daran denken. Mein Mann und meine Tochter waren an Weihnachten hier. Ich verstand nicht, wie sie dazu in der Lage waren. Aber jetzt muss ich sie sehen.« »Die meisten sind hinterher froh darüber«, ermutigte sie Jennifer. Der Präparator wartete vor der Kapelle. Er hieß Leif, und Jennifer hatte ihn darum gebeten, die Vorbereitungen zu übernehmen. Seit fünfundzwanzig Jahren arbeitete er nun schon am Institut und kannte alle Kniffe, die erforderlich waren, um einen obduzierten Körper so ansehnlich wie möglich aussehen zu lassen. Nachdem er sie beide hereingelassen hatte, entfernte er das Laken und zog sich lautlos zurück. Zögerlich trat Ragnhild Bjerke an die Bahre. Fast zehn Minuten lang stand sie regungslos da und betrachtete ihre tote Tochter mit den zerstörten Augen, der man die Hände auf der Brust gefaltet hatte. Jennifer brach die Stille, indem sie ein bisschen näher heranging. Das Klappern der hohen Absätze auf den Steinfliesen ließ Ragnhild Bjerke zusammenzucken, als erwache sie aus einer Trance. Sie drehte sich um und huschte zur Tür hinaus. Sie saßen an dem kleinen, schwarzen Tisch in Jennifers Büro. Während des Rückwegs von der Kapelle hatten sie kein Wort gewechselt. Das Gesicht von Ragnhild Bjerke war immer noch genauso unbeweglich wie zuvor. »Der Ring«, murmelte sie schließlich. Jennifer erinnerte sich, dass Liss dasselbe gesagt hatte. Es fehlte der Goldring, den Mailin stets getragen hatte. »Er war nicht da, als wir sie gefunden haben«, bekräftigte sie. »Jemand hat den Ring genommen«, murmelte Ragnhild Bjerke so leise, als spreche sie mit sich selbst. Jennifer wunderte sich darüber, dass Mailins Mutter gerade das aufgefallen war. »Es muss ein ganz besonderer Ring gewesen sein«, sagte sie vorsichtig. Es dauerte eine Weile, ehe ihr Gegenüber antwortete: »Sie hat ihn nie abgenommen. Mailin trägt den Namen ihrer Großmutter. Als sie achtzehn wurde, hat sie ihren Ehering geerbt.« »Dann trägt er sicher eine Inschrift.« Ragnhild Bjerke nickte unmerklich. »›Dein Aage‹ steht darin. Daneben das Hochzeitsdatum. So etwas kann doch niemand wegen eines Rings getan haben.« Jennifer entgegnete nichts. »Ich dachte, es würde etwas mit mir passieren«, fuhr Ragnhild Bjerke fort. Ihre Stimme klang immer noch hohl und monoton. »Ich dachte, es würde etwas in mir auslösen.« Ihr Blick war starr, doch dahinter lag ein Ausdruck, der an Panik erinnerte. »Ich verstehe das nicht. Ich spüre nichts.« Jennifer hätte viel dazu sagen können. Nach all den Gesprächen, die sie im Lauf der Jahre mit Angehörigen geführt hatte. Manchmal hatte sie sich selbst als Fährmann betrachtet, der die Hinterbliebenen der Toten über den Fluss und wieder zurückbrachte. Sie hätte ihr sagen können, dass es völlig normal sei, von einer Flut von Gefühlen mitgerissen zu werden, die man unmöglich meistern könne. Dass es ebenso normal sei, sich abzukapseln und nichts als Leere zu empfinden. Doch nichts von alldem brachte sie jetzt über die Lippen. Stattdessen streifte sie das erste Mal seit Jahren eine ganz bestimmte Empfindung: der starke Wunsch nach einer Tochter. Die Erkenntnis, dies nie zu erleben, war wie ein matter Widerschein der Trauer, von der die Mutter der Toten umgeben war. »Liss vertraut Ihnen«, sagte Ragnhild Bjerke. Wieder einmal spürte Jennifer, wie ihr die Wärme ins Gesicht stieg. »Sie ist ein hübsches Mädchen.« Ragnhild blickte auf den Parkplatz hinaus. »Sie hat sich vor mir zurückgezogen. In gewisser Weise habe ich sie zuerst verloren. Vor vielen Jahren.« »Es ist bestimmt nicht zu spät, etwas dagegen zu unternehmen.« Ohne ihren Blick vom Fenster abzuwenden, schüttelte Ragnhild Bjerke den Kopf. »Ich habe alles versucht. Eigentlich hat sie sich nie zu mir hingezogen gefühlt. Sie war immer ein Papakind.« »Aber sie hat ihren Vater doch seit Jahren nicht gesehen.« »Nicht mehr, seit sie sechs war.« Ragnhild Bjerke schluckte ein paarmal. »Sie wirft mir vor, dass er uns verlassen hat. Sie glaubt, dass ich ihn vertrieben habe.« »Können Sie nicht mit ihr darüber reden? Jetzt, wo sie erwachsen ist.« Jennifer ahnte, wie ähnlich die älteste Tochter ihrer Mutter gewesen war. Von Liss hingegen konnte sie nicht die geringsten Spuren in Ragnhild Bjerkes Gesicht oder Statur erkennen. »Vielleicht war es ein Fehler von mir, ihr nicht von Anfang an die Wahrheit zu sagen. Mailin wusste ja Bescheid, aber Liss … Sie war immer so zerbrechlich. Wahrscheinlich hatte ich Angst, dass sie zerbricht.« Jennifer bemühte sich, ihre eigene Neugier von dem Redebedürfnis ihrer Besucherin zu trennen. »Ist etwas mit Ihnen und Ihrem Mann geschehen?«, fragte sie vorsichtig. »Geschehen? Es geschah die ganze Zeit etwas. Er war Maler. Es ging ihm immer nur um seine Bilder … Nein, das ist ungerecht. Die Mädchen waren ihm wichtig, auf seine Weise, besonders Liss. Solange sie ihn nicht bei der Arbeit störten. Er besaß ein Atelier in der Stadt, doch wenn er zu Hause war, malte er meistens unten im Keller. Für mich war das in Ordnung. Ich war damals beruflich sehr eingespannt.« Jennifer wusste, dass Ragnhild Bjerke für eines der großen Verlagshäuser arbeitete. »Vor allem im Herbst war ich viel unterwegs, um die neuen Bücher zu promoten, oft auch über Nacht.« »Warum hat Ihr Mann Sie verlassen?« Jennifer hörte, dass diese Frage viel zu privat war. Sie wollte sich gerade dafür entschuldigen, als Ragnhild Bjerke antwortete: »Er schätzte sein eigenes Talent sehr hoch ein. Hielt sich für einen großen Künstler, dem nichts in die Quere kommen durfte. Damit stellte er sich selbst einen Freibrief aus, so zu leben, wie es ihm passte.« Jennifer fand die Antwort nicht allzu erhellend, hakte aber nicht nach. »Nachdem er uns verlassen hatte, führte er viele Jahre lang ein unstetes Leben. Plötzlich hörten wir, dass in Amsterdam eine große Ausstellung seiner Bilder stattfinden sollte. In den Zeitungen waren umfangreiche Artikel, und selbst das Fernsehen berichtete darüber. Alle sprachen davon, dass jetzt sein großer Durchbruch gekommen sei. Aber dann schlief alles wieder ein, ohne dass sich irgendetwas verändert hätte. Jetzt wohnt er in Montreal. Hat dort eine jüngere Frau kennengelernt. Doch inzwischen ist er wohl schon wieder seit mehreren Monaten unterwegs. Niemand kann ihn erreichen. Er weiß noch gar nicht, dass Mailin …« Jennifer versuchte sich vorzustellen, wie es war, so weit von seinen Kindern fortzuziehen. »Kanada ist weit weg«, sagte sie, um ihr Gegenüber zu animieren, mehr zu erzählen. Ragnhild Bjerke fixierte einen imaginären Punkt draußen vor dem Fenster. »Daran liegt es nicht, dass er die Mädchen seit so vielen Jahren nicht gesehen hat. Auch in seiner Kopenhagener Zeit hat er keinen Kontakt zu ihnen aufgenommen. Er wollte sie nicht mehr. Doch ich glaube, dass es auch eine Art Zwang war.« Sie zog ein Taschentuch hervor, presste es sich gegen die Nase, als müsste sie niesen, und nahm es wieder weg. »Er war ein gepeinigter Mann. Nicht damals, als wir uns kennenlernten und als die Kinder noch klein waren. Doch ein paar Jahre später ging es los. Ich wusste ja, dass seine Mutter unter einer schweren Nervenkrankheit gelitten hat, und machte mir Sorgen um ihn. Ich wollte, dass er zum Arzt ging, aber davon wollte er nichts wissen. In den Nächten tigerte er immer öfter ruhelos ums Haus oder stand am Fenster und redete vor sich hin.« »Halluzinationen?« »Das glaube ich nicht. Eher, als würde er mit offenen Augen schlafen. Danach konnte er sich nicht mal daran erinnern, dass ich mit ihm gesprochen habe.« Sie holte einen Fettstift hervor und fuhr sich damit über die trockenen Lippen. »Er hatte furchtbare Alpträume. Einmal habe ich ihn in Mailins Zimmer gefunden. Er stand an ihrem Bett und schrie. Es hat lange gedauert, bis er mich bemerkte. Er zitterte und war völlig außer sich. ›Ich habe sie nicht umgebracht!‹, rief er. Ich zerrte ihn aus dem Zimmer, ohne dass er richtig zu sich kam. ›Du hast niemand umgebracht, Lasse!‹, versicherte ich ihm. ›Ich habe es geträumt‹, rief er, ›und jetzt kann ich nicht aufwachen.‹ ›Wovon hast du geträumt?‹ ›Von den Mädchen‹, murmelte er. ›Ich habe geträumt, dass ich ihre Bäuche aufschlitze und ihre kleinen Körper aufesse.‹« Sie schloss die Augen. Jennifer war nicht imstande, etwas zu sagen. Das Gespräch hatte eine Wendung genommen, auf die sie nicht vorbereitet war. Roar hatte mehrmals erwähnt, dass die Polizei den Vater bisher nicht aufgespürt hatte. Was sie nun, in aller Vertraulichkeit, erfuhr, dürfte die Ermittler interessieren. Eigentlich hätte sie das Gespräch abbrechen und sich erkundigen sollen, ob sie es wirklich fortsetzen wollten. »Am nächsten Tag habe ich einen Arzt angerufen«, fuhr Ragnhild Bjerke fort, ehe Jennifer sich entscheiden konnte. »Doch Lasse weigerte sich, mich zu begleiten. Ein paar Wochen später ist er dann ausgezogen. Hat sich nicht mal von mir verabschiedet, auch nicht von Mailin. Doch Liss bildet sich ein, dass er mit ihr gesprochen hat.« Sie knöpfte die Tasche wieder zu und behielt sie auf ihrem Schoß. »Verstehen Sie, dass ich Liss nichts davon erzählt habe? Sie vergötterte ihren Vater. Verstehen Sie, dass es besser war, dass sie mir die Schuld für sein Verschwinden gibt und mich dafür hasst?« Jennifer wusste nicht, was sie antworten sollte. »Sie sagten ja, dass Sie beruflich viel unterwegs waren«, begann sie stattdessen. »Befürchten Sie vielleicht, dass er Mailin etwas angetan …« Ragnhild Bjerke riss die Augen auf. »Nein, das kann er nicht … ich meine, es war ja nur ein Alptraum.« Sie schüttelte lange den Kopf. »Das hätte ich gewusst. Mailin hat nie etwas in dieser Art angedeutet … Sie erzählt mir alles … hat sie immer getan.« Jennifer fühlte sich plötzlich hilflos und ärgerte sich, so weit gegangen zu sein. »Kann ich Ihnen etwas zu trinken anbieten? Einen Kaffee?« »Ein Glas Wasser vielleicht.« Als Jennifer das Glas auf den Tisch stellte, fügte Ragnhild Bjerke hinzu: »Ich verstehe, warum Liss hierhergekommen ist. Es tut gut, mit Ihnen zu sprechen.« Erneut stieg Jennifer die Wärme ins Gesicht. »Liss hat kein Vertrauen zur Polizei«, lenkte sie ab. »Das hatte sie noch nie. Nicht seitdem sie mehrfach auf harmlosen Demonstrationen festgenommen wurde. Und ich weiß auch nicht, aber solche Verhöre … sind nicht leicht. Wenn man nach den nebensächlichsten Dingen gefragt wird. Als würde man selbst verdächtigt, Mailin etwas angetan zu haben. Können Sie sich vorstellen, wie das ist? Verdächtigt zu werden, die eigene Tochter getötet zu haben?« Jennifer hörte, wie etwas mit ihrer Stimme geschah, wartete darauf, dass es ganz hervorbrach, doch im nächsten Moment sprach Ragnhild Bjerke wieder genauso monoton wie zuvor. »Und Tage? Er ist der zuverlässigste Mensch, den man sich nur vorstellen kann. Er kam zu uns und war den Mädchen der Vater, der ihnen fehlte und den sie brauchten. Doch nie hat er einen Dank dafür bekommen. Auch ich hätte ihm deutlicher sagen müssen, wie dankbar wir ihm alle sein sollten. Und dann all diese Fragen, wo er war, als Mailin verschwand, und wann er an diesem Abend nach Hause kam. Plötzlich fiel mir wieder ein, dass ich an diesem Abend mehrmals bei ihm angerufen habe. Er wollte ja Viljam mitnehmen, und ich wollte ihn daran erinnern, etwas zu essen mitzubringen. Eigentlich ist er immer zu erreichen, wenn er in seinem Büro am Schreibtisch sitzt, doch ausgerechnet an diesem Abend …« »Sie haben ihn nicht erreicht?« »Später sagte er, die Telefonanlage des Instituts sei gestört gewesen. Aber dann kamen all diese Fragen, und plötzlich ist da dieser Zweifel und frisst sich in einen hinein, und man traut sich nicht mehr, der Sache auf den Grund zu gehen.« »Haben Sie das mit dem Telefon der Polizei erzählt?« Sie antwortete nicht. Ein weiteres Mal dachte Jennifer daran, sie um Erlaubnis zu fragen, ob sie diese Informationen weitergeben durfte, doch als sie dem Blick von Mailins Mutter begegnete, ließ sie es dabei bewenden. Es gibt Steine, die man nicht umdrehen sollte, schoss es ihr durch den Kopf. Vielleicht später, falls es sich als wichtig erweist, doch fürs Erste sollte man diese Frau in Ruhe lassen. Selbst die Freude, Kommissar Viken anzurufen und ihn mit Informationen zu versorgen, die seine eigenen Ermittler nicht in Erfahrung gebracht hatten, verblasste, wenn man sie in diesem Licht betrachtete. 23 Mittwoch, 7. Januar, nachts J im Harris lief von Fagerborg hinunter, überquerte die Suhms gate und setzte seinen Lauf auf der Sorgenfrigata fort. Keine Autos auf der Straße, er hatte die ganze Fahrbahn für sich allein. Vor ein paar Jahren war er schneller gewesen, doch langsam kam er wieder in Form. Er hatte sich entschieden. Keiner glaubte mehr an ihn, keiner erwartete sich etwas. Doch er würde zurückkommen, sich aus der Krise herauslaufen. Die verdammten Schulden bezahlen, sich an der Sporthochschule einschreiben und mit dem Training beginnen. Auf einen eigenen Trainer würde er vorerst verzichten müssen. Denn niemand, der einen guten Namen hatte, wollte etwas mit ihm zu tun haben. Noch nicht. Aber das Blatt würde sich wenden. Erst einmal musste er die dreißigtausend bezahlen. Karam hatte nach ihm gefragt und noch einmal betont, dass er ihn zum Krüppel machen würde. Das war das Einzige, wovor Jim Angst hatte. Im Rollstuhl zu landen. Er hatte Karam eine Nachricht zukommen lassen. Noch vor Ende der Woche würde er das Geld bekommen. Er bog in den Bogstadsveien ein. Beschleunigte, obwohl der Asphalt dort glatter war. Er würde es allen beweisen, die ihm den Rücken gekehrt hatten. Auch denen, die ihn in den Dreck gestoßen hatten. Nur Mailin Bjerke hatte ihn nie aufgegeben. Doch sie machte ihn so schrecklich wütend. War eigentlich ziemlich rücksichtslos. Fand den wunden Punkt und stocherte darin herum. Trotzdem war er an jenem Donnerstag zu ihr gegangen. Zum ersten Mal war sie nicht da, als er kam. Hatte keine Nachricht für ihn hinterlassen. In ihrer Praxis war alles dunkel gewesen. Rasend vor Zorn, hatte er immer wieder gegen die Haustür getreten und war ein paarmal um den Block gegangen. Ihr Auto war doch da, verdammt, ein Hyundai mit einer Beule im Kotflügel. Den erkannte man leicht wieder. Doch erst als er um die Ecke biegen wollte und sich umdrehte, sah er, was geschah … Und jetzt war sie tot. Er hatte vor ein paar Tagen in der Zeitung davon gelesen. Trotzdem war er noch einmal hingefahren. Als würde sie immer noch in ihrem Büro sitzen und ihm versprechen, alles zu tun, um ihm zu helfen. Die Tür stand offen, also ging er hinein. Aus alter Gewohnheit öffnete er ein paar Schubladen. Die Leute ließen die verschiedensten Dinge herumliegen. Ihr Terminkalender lag auf dem Schreibtisch. Er schlug die Seite auf, auf der ihr heutiger Termin stand. Seine Initialen: »JH« und daneben die Zeit: »17 Uhr«. Offenbar war es ihr einziger Termin an diesem Nachmittag. Darunter stand: »BERGER, Kanal 6, Nydalen, 20 Uhr«. Und eine Notiz, die er nicht verstand, etwas mit »Jakka«. Er hatte die Seite herausgerissen. Oft fragte er sich, warum er so etwas tat. Wahrscheinlich, um nicht in irgendetwas hineingezogen zu werden. Die Frau, die ihn überraschte, war also ihre Schwester. Darauf wäre er nie im Leben gekommen. Sie sah Mailin überhaupt nicht ähnlich. Ein nervöses und seltsames Mädchen. Sie hätte aus einem Märchenbuch stammen können. Brüder Grimm, dachte er. Das Märchenbuch hatte in seiner Kindheit jahrelang unter seinem Bett gelegen. Diese Schwester wollte etwas von ihm, tauchte ständig in seiner Nähe auf. Sie war hinter ihm her, da bestand kein Zweifel. Darum hatte er sie im Park abgepasst. Aber dann sagte sie etwas, das ihm plötzlich Aufschluss darüber gab, was er an jenem Donnerstag in der Welhavens gate gesehen hatte. Jedenfalls verstand er genug, um die Chance zu ergreifen und einen Köder auszulegen. Volltreffer! Denn es gab jemand, der viel mehr Grund zur Nervosität hatte als er. Jim hatte sich entschlossen, fürs Erste nicht mehr als dreißigtausend von ihm zu fordern. Dann würde er mit fünf- oder zehntausend weitermachen und die Beträge langsam erhöhen. Das konnte ein hübscher Nebenverdienst werden. Vor Karam hatte er keine Angst mehr. Er lief. Würde sich aus allem herauslaufen. Überquerte den Verkehrskreisel hinter dem Nationaltheater und rannte den Munkedamsveien hinunter. Hier war es nicht glatt, die Schuhe fanden guten Halt. Mit ihnen war er zufrieden. Hatte sie in einem Einkaufszentrum mitgehen lassen. Zwar heulte die Alarmanlage los, doch der Ladendetektiv, der ihn einholte, musste erst noch geboren werden. Die Schuhe waren genauso leicht wie die besten Nike-Schuhe, die er besessen hatte, doch mit noch besseren Sohlen. Erst unten am Fjord verlangsamte er das Tempo. Hätte die ganze Nacht laufen können. Langsam näherte er sich der Form von 2003, seiner besten Saison, in der er im Juniorenbereich über 400 und 800 Meter neue Fabelrekorde aufgestellt hatte. 800 Meter ist der größte Spaß. Wenn er zu seinem gnadenlosen, unglaublichen, unmenschlichen Endspurt ansetzt, lässt er alle anderen einfach hinter sich. Alle Restaurants und Kneipen am Meer hatten längst geschlossen. Kein Mensch mehr auf Aker Brygge zu sehen. Der Egertorget wäre vielleicht besser gewesen. Dort waren selbst mitten in der Nacht noch Leute. Doch derjenige, mit dem er sich treffen wollte, hatte die Bedingung gestellt, dass sie nicht zusammen gesehen werden sollten. Jim wusste, dass in Zukunft er die Bedingungen diktieren würde, also war er darauf eingegangen. Am äußersten Ende des Kais, bei der brennenden Fackel, blieb er stehen. The Eternal Peace Flame. Ein paar Boote lagen vertäut am Kanal. Er betrat den Steg und ging auf die Skulpturen zu, die auf Stelzen im Wasser standen. Er warf einen Blick auf sein Handy, es war fünf nach halb zwei. Derjenige, mit dem er verabredet war, müsste jetzt hier sein. Plötzlich hörte er, wie etwas auf einem der Boote zu seiner Linken laut auf das Deck fiel, Metall knallte auf Metall. Er drehte sich um und spähte ins Halbdunkel. In diesem Moment begriff er, dass dieses Geräusch mit ihm zu tun hatte, mit seiner Verabredung, mit dem, was er an jenem Donnerstag vor Mailins Praxis beobachtet hatte, mit den dreißigtausend, die er bekommen sollte. Doch er hörte keine Schritte hinter sich. Etwas traf ihn am Hals, bohrte sich von der Seite in ihn hinein, und plötzlich wurde alles klar um ihn her und leuchtete wie am helllichten Tag. Er stand wie festgefroren in diesem gleißenden Licht, als sein Mund gesprengt wurde und etwas aus ihm heraussprudelte. 24 A m Mittwochmorgen wurde Liss von einer kreischenden Elster geweckt, die vor ihrem Fenster saß. Sie stand auf und schloss das Fenster. Jetzt konnte sie nicht mehr schlafen. Sie blieb für eine Weile auf der Bettkante sitzen, ihre nackten Füße auf dem kalten Fußboden. Was hatte sie heute Nacht bloß geträumt? Der Traum steckte noch in ihr, als hätte jemand in ihren Gedanken gewildert, sich die besten Stücke herausgepickt und kleine Löcher zurückgelassen. Sie zog sich Hemd und Hose über und stapfte auf den Flur hinaus. Hörte, dass Viljam unten war. Sie ging rasch aufs Klo und dann zu ihm hinunter. Er saß mit der Aftenposten am Küchentisch und hatte eine Tasse vor sich stehen. Erneut dieser Gedanke, dass er ebenso trauerte wie sie und am liebsten für sich allein war. Sie war versucht, ihm über die Haare zu streichen. Das geht nicht vorbei, Viljam, aber wir müssen nach vorne schauen. »Hast du schon mal daran gedacht, wie ähnlich eure Namen sind?« Er schaute zu ihr auf und lächelte kurz. »Mailin hat das auch gesagt, mir war es gar nicht aufgefallen. Viljam klingt fast wie Mailin rückwärts.« Das andere musste Mailin auch bemerkt haben. Die Ähnlichkeit mit ihrem Vater. Nicht so sehr die einzelnen Züge, aber etwas in seinem Blick. Seine Art, die Hände zu bewegen. Der Klang seiner Stimme. Dinge, an die Liss sich zu erinnern glaubte. Er faltete die Zeitung zusammen und legte sie auf die Fensterbank. »Wie lange bleibst du noch in Norwegen?« Sie wusste nicht, ob sie überhaupt nach Amsterdam zurückkehren würde. Mailin hatte sie mutig genannt. Vielleicht war es eher der Gedanke, dass es Mailin gab, der sie mutig hatte werden lassen. »Nach der Beerdigung werde ich weitersehen.« Sie goss sich Kaffee in einen Becher ein. Er war weiß mit einem großen, roten M darauf. »Meine Mutter hat immer noch nicht von der Polizei Bescheid bekommen, ob wir sie einäschern lassen können. Das hätte Mailin sich gewünscht.« Sollte Mailins Leichnam unter der Erde liegen? Plötzlich dieser Gedanke: Sie darf nicht frieren. Wir müssen sie warm anziehen, sie in Decken einwickeln. »Hast du Kontakt zu irgendwelchen Freunden hier?«, fragte Viljam, der offenbar über etwas anderes reden wollte. »Ich war einmal mit einer Freundin in der Stadt, direkt vor Weihnachten.« Sie erzählte von ihrem Abend mit Catrine. Von der Party, auf der sie gewesen war. Erwähnte auch den Fußballer, verschwieg jedoch, dass sie sich später noch einmal mit ihm getroffen hatte. »Und sein Name?« Den hatte sie bislang nicht erwähnt. Der tat hier nichts zur Sache. Sie drehte den Becher in ihrer Hand. »Jomar oder so ähnlich.« »Spielt der bei Lyn Oslo? Jomar Vindheim?« »Kann schon sein«, antwortete sie mit übertriebener Gleichgültigkeit. »Kennst du ihn etwa persönlich?« »Nein, aber alle, die sich ein bisschen für Fußball interessieren, kennen ihn. Er hat sogar in der Nationalmannschaft gespielt. Selbst Mailin wusste, wer er war.« »Mailin? Die hat von Fußball doch überhaupt keine Ahnung gehabt.« Viljam zuckte die Schultern. »Einmal war er auf der ersten Seite des Sportteils, und da hat sie gefragt: ›Ist das nicht Jomar Vindheim?‹ Ich glaube, sie ist ihm mal irgendwo begegnet.« Das konnte sich Liss nicht vorstellen. Zwei Mal hatte sie Jomar bisher getroffen, und er hatte mit keinem Wort erwähnt, dass er mit Mailin persönlich bekannt war. Plötzlich stand Viljam auf und ging auf den Flur. Sie hörte, wie er eine Schublade der Kommode aufzog. Als er zurückkam, hielt er einen Brief in der Hand. Bitte nicht für mich, bat sie im Stillen. »Tage war gestern hier und hat diesen Brief abgeliefert. Natürlich wollte er auch wissen, wie es dir geht.« Er legte den Brief vor ihr auf den Tisch. Er war an die Adresse ihrer Mutter in Lørenskog adressiert. Der Umschlag war cremeweiß, das Papier dick, die mit Tinte geschriebenen Buchstaben zierlich und regelmäßig. Der Brief trug niederländische Briefmarken und war in Amsterdam abgestempelt worden. Auf der Rückseite stand in Druckbuchstaben der Name des Absenders: »A. K. El Hachem«. Es war Zakos Nachname. Zum Teufel mit dir, Rikke! Sie blieb sitzen und starrte ihn an, wartete auf die Reaktion, die kommen musste. Es dauerte fünf Sekunden, vielleicht länger. Dann reagierte ihr Körper automatisch. Sie entschuldigte sich, hastete die Treppe hinauf und stürzte ins Badezimmer. Steckte sich den Finger in den Hals, doch ihr Magen war leer. Sie beugte sich über die Toilettenschüssel, würgte und spuckte ein wenig, während ein Wasserwirbel alles fortspülte. Im Zimmer stellte sie sich mit dem Brief in der Hand ans Fenster. Draußen auf dem Dach war wieder die Elster zu hören. Wirf ihn ungeöffnet weg!, kreischte sie. Nein, dachte sie. Dann wird alles nur noch schlimmer. Sie würde jede Nacht wach liegen und darüber nachgrübeln, was wohl in dem Brief gestanden hat. Würde darauf warten, dass jemand in Uniform kam, ihr die Decke wegriss und sie in das bereits wartende Auto verfrachtete. Auf der Rückbank sitzt ein Mann mit grauem Mantel, dessen Namen sie nicht vergessen kann. Er heißt Wouters. Das Briefpapier hatte dieselbe cremeweiße Farbe wie der Umschlag. Der Briefkopf trug das zierliche Monogramm »AKH«. »Dear miss Liss Bjerke«. Zako hatte sie manchmal »Miss Lizzi« genannt, erinnerte sie sich jetzt, vor allem, wenn er eine spöttische Bemerkung gemacht hatte. A. K. El Hachem war nicht spöttisch. Er war Zakos Vater. In der Hoffnung, es sei nicht inconvenient, wende er sich in dieser Form an sie. Er habe gehört, dass sie vor kurzem ihre Schwester verloren habe, und brachte sein tiefstes Mitgefühl zum Ausdruck. Er verstand, dass sie aus diesem Grund nicht zu Zakos Beerdigung habe kommen können. Sie überflog noch weitere Höflichkeitsfloskeln, die genauso gewunden und wohlgesetzt waren wie sein Monogramm. Sie suchte nach einer Begründung, warum sie jetzt mit diesem Brief in der Hand am Fenster stand. Sie musste den Brief gründlicher lesen. Es folgten ein paar Sätze dazu, was es heiße, den nächsten Angehörigen zu verlieren. Zako war A. K. El Hachems einziger Sohn gewesen – Liss hatte immer geglaubt, Zako habe noch einen jüngeren Bruder –, und sie beide hätten sich immer sehr nahegestanden, auch wenn sein Sohn in den letzten Jahren einen Kurs eingeschlagen habe, den er nicht billigen könne. Bis das Unfassbare geschehen sei, habe er dennoch die Hoffnung gehabt, sein Sohn möge auf den Pfad der Tugend zurückkehren, wie geplant in die Firma seines Vaters einsteigen, diese später übernehmen und das fortführen, was vier Generationen durch fleißige Arbeit aufgebaut hätten. Denn dass Zako ein junger Mann mit ausgeprägten Fähigkeiten sei, bezweifle niemand, der ihn gekannt habe. Mit diesen Worten näherte sich der Vater dem eigentlichen Grund seines Schreibens. In den Gesprächen, die er im Laufe des letzten Jahres mit seinem Sohn geführt habe, sei deutlich geworden, dass eine bedeutsame Veränderung in seinem Leben stattgefunden habe. Es ginge dabei um eine Frau. Nun habe Zako niemals Schwierigkeiten gehabt, Frauen für sich zu interessieren, was sowohl ein Geschenk als auch eine Last gewesen sei. Doch diese Frau, das habe ihm sein Sohn versichert, sei nicht eine von vielen, sondern die Eine gewesen. Er habe in letzter Zeit auch eine Veränderung an seinem Sohn festgestellt. Sein ganzes Wesen sei sanfter und nachdenklicher geworden. Er habe die Planung einer sicheren Zukunft in den Vordergrund gerückt, sich mehr um seine Eltern und Geschwister gekümmert. Es sei, kurz gesagt, zu einem Reifeprozess gekommen, den nur eine Frau in einem jungen, egozentrischen Mann bewirken könne. Gleichwohl habe er, zugegebenermaßen mit einer gewissen besorgten Ungeduld, nie daran gezweifelt, dass dieser Reifeprozess irgendwann in Gang gesetzt werden würde. Ganz gewiss sei diese Frau, also Miss Bjerke, seinem Sohn gewissermaßen aus einer besseren Welt gesandt worden. Daraufhin sei es Zako wie Schuppen von den Augen gefallen, und sein Leben habe endlich die Richtung nehmen können, nach der er sich im Grunde seines Herzens schon immer gesehnt habe. A. K. El Hachem schreibe ihr dies, um seine tief empfundene Dankbarkeit darüber zum Ausdruck zu bringen, dass sein Sohn die gemeinsame Zeit mit ihr habe erleben und gleichsam erfahren dürfen, wie schön das Leben sei, wenn man sich dem Guten öffne. In den schweren Stunden nach dem Tod seines Sohnes sei dieser Gedanke nicht nur ihm als Vater, sondern seiner gesamten Familie ein unsagbar großer Trost gewesen, und sie alle hätten sehr viel von der norwegischen Frau gesprochen, die ein Licht im Leben seines Sohnes entzündet habe. A. K. El Hachem bekundete abschließend seine aufrichtige Hoffnung, sie eines Tages persönlich kennenzulernen, ob dies nun in Nîmes geschehe, wo sich seine Familie den Großteil des Jahres über aufhalte, in Amsterdam oder in ihrem Heimatland im Norden. 25 D iesmal öffnete Berger Liss persönlich die Tür. Er nahm ihr die Jacke ab und hängte sie an die Garderobe. »Haben Sie Ihrem Butler heute Abend freigegeben?«, fragte sie, was Berger bestätigte. »Ein paarmal im Jahr hat er ein freies Wochenende. Er muss ja irgendwann seine alte Mutter besuchen und andere Dinge erledigen.« Im Wohnzimmer drang Musik aus unsichtbaren Lautsprechern. Es klang wie indische Trommeln und eine Art Ziehharmonika. Dazu stieß ein Mann mit heller, heiserer Stimme in rasendem Tempo seltsame Kehllaute aus, die einer befremdlichen Harmonik folgten. »Sufi-Musik«, bemerkte Berger, was ihr überhaupt nichts sagte. Das Wohnzimmer war von einem süßlichen Geruch erfüllt. Berger nahm eine rauchende Pfeife aus einem Aschenbecher und bot sie ihr an. Sie lehnte ab. Haschisch machte sie träge und abwesend, ihre Gedanken gingen dann in Richtungen, die ihr nicht gefielen, und nahmen alptraumhafte Züge an. Berger ließ sich auf ein Sofa sinken, legte seine langen Beine auf den Tisch und paffte vor sich hin. »Es stört Sie hoffentlich nicht, dass ich meine Nachmittagsmedizin einnehme«, sagte er. »Da Sie in Amsterdam leben, sind Sie ja sicher einiges gewohnt.« »Sie baten mich herzukommen«, sagte sie unvermittelt. Es war nicht mehr als eine Stunde vergangen, seit sie eine SMS von ihm bekommen hatte, während sie durch den Tøyenpark gestreift war und versucht hatte, sich zu sammeln. »Ja, ich habe Sie hergebeten, Liss«, bestätigte er, in eine Cannabiswolke gehüllt. Sie wartete ab. »Ich mochte Mailin«, fuhr er fort. »Sie war ein netter Mensch. Prinzipientreu, aber sehr nett.« »Sie hatten eine Verabredung miteinander. An dem Abend, als sie verschwand.« »Darüber haben wir das letzte Mal gesprochen.« »Doch jetzt ist sie gefunden worden. Und wenn das irgendwas mit Ihnen zu tun hat …« Sie wusste nicht, wie sie fortfahren sollte, und versuchte sich zu beruhigen. »Sie scheinen überhaupt nicht überrascht zu sein. Sie wirken so emotionslos.« Er schüttelte energisch den Kopf. »Sie irren sich, Liss. Der Tod überrascht mich nicht mehr, aber ich bin nicht gefühllos. Sie hätte es verdient, noch eine Weile weiterzuleben.« Sie bemühte sich, einen doppelten Boden in seinen Worten zu erkennen. »Der Tod ist unser ständiger Begleiter, aber natürlich müssen wir uns damit nicht andauernd beschäftigen. Das wird die Essenz meiner nächsten Sendung sein. Und natürlich wird es die letzte Folge von Tabu sein, denn worüber soll man nach dem Tod noch reden.« »Sind Sie ein Junkie?«, wollte sie plötzlich wissen. Er ließ sich noch tiefer in das Sofa sinken. Er trug einen seidenen Kimono. Es hätte sie nicht gewundert, wenn er darunter nackt gewesen wäre. »Man kann nicht die ganze Zeit im Paradies sein, Liss. Das ist es, was die Junkies nicht verstehen. Man muss die Kontrolle behalten. Braucht einen eisernen Willen, um auf des Messers Schneide zu balancieren.« »Und im Paradies ist man, nachdem man sich einen Schuss gesetzt hat?« Er entblößte seine winzigen weißen Zähne. Wie er so dalag, ungepflegt, unrasiert und grinsend, erinnerte er an einen der Räuber von Kardemomme. »Probieren Sie es aus, Liss. Das ist alles, was ich dazu sagen kann. Sie müssen es ausprobieren. Darüber kann man nicht reden. So zeigt sich uns Gott. Er gibt uns quasi eine Freikarte für die Tribüne und lässt uns das Vollkommene schauen. Es ist wie eine warme Decke, die uns einhüllt. Nicht unseren Körper, sondern unsere Gedanken. Die Seele, wenn man so will. Darin herrscht absoluter Frieden, und man wünscht sich nichts anderes mehr, als an diesem Ort zu sein. Keinem Künstler oder Mystiker ist es je gelungen, dieses Erlebnis zu beschreiben. Es lässt sich nicht in Worte fassen.« Sie versuchte, sich daran zu erinnern, was sie ihm hatte sagen wollen. Ständig schweifte er ab, und sie konnte ihn nicht daran hindern. »Kann man so leben, dass der Tod zum Genuss wird?«, fragte er. »Ihn so vorbereiten, dass er gleichsam zum Höhepunkt des Lebens wird? Stellen Sie sich vor, Sie haben Sex, und der Tod wird zu Ihrem Orgasmus. Sie verschwinden genau in diesem Augenblick, in dieser unendlichen Bewegung. Genau davon wird meine letzte Sendung handeln. Aber nicht so, wie die Leute es erwarten. Man darf nie die Erwartungen der Zuschauer erfüllen, muss ihnen immer einen Schritt voraus sein.« Er zog ein letztes Mal an seiner Pfeife, ehe er sie in den Aschenbecher zurücklegte. »Wie stellen Sie sich Ihren eigenen Tod vor, Liss?« Sie wusste darauf keine Antwort. »Erzählen Sie mir nicht, dass Sie daran noch nie gedacht haben. Ich sehe Ihnen an, dass Sie der Tod beschäftigt.« Sollte sie etwa ihre intimsten Gedanken mit diesem halb nackten, maßlosen Prediger teilen? Ihm vom Moor am Morrvann erzählen? Das würde ihr das Gefühl geben, als nähme sie ihn dorthin mit, als wäre er dabei, wenn sie dort lag und zu den Bäumen emporblickte, während der Schnee sich wie ein Teppich um sie herum ausbreitete. Sie besann sich, doch erneut kam er ihr zuvor. »Sie haben etwas Bestimmtes an sich, Liss. Sie kommen von einem anderen Ort, lassen mich an einen Todesengel denken. Wissen Sie, was Sie für eine Wirkung auf andere Menschen haben?« Sie richtete sich auf. Sein Blick hatte sich verklärt, als ginge er nach innen. »Worüber haben Sie mit Mailin gesprochen?« Berger legte den Kopf in den Nacken. Sein Kimono glitt zur Seite. Er wird sich vor mir entblößen, schoss es Liss durch den Kopf. »Wir haben immer über Leidenschaft gesprochen. Das hat sie beschäftigt, leidenschaftlich.« »Die Leidenschaft des Erwachsenen hat sie interessiert«, korrigierte Liss. »In der Begegnung mit Kindern.« »Auch das. Ihre Schwester war der Meinung, man müsse seine Leidenschaften kontrollieren, um ein zufriedenes Leben zu führen.« »Während Sie der Meinung sind, man solle ihnen freien Lauf lassen.« Er stieß ein hohles Lachen aus. »Nicht ihnen, sondern sich selbst! Lassen Sie sich von ihnen ruhig alle Kraft aus dem Mark saugen. Wollen Sie wirklich fünfzig Jahre Langeweile gegen ein Jahr, eine Minute voller Genuss eintauschen?« »Sie hören sich wie ein Prediger an.« »Da haben Sie recht. Ich predige jetzt mehr als damals, als ich vom Altar aus der Bibel vorgelesen habe. Ich predige, weil ich all diese Blicke und diese Verärgerung, aber auch die Neugier genieße. Den Wunsch, sich verführen zu lassen. Woher kommt dieser Wunsch, Liss? Warum sind Sie erneut zu mir gekommen?« »Weil Sie mich darum gebeten haben. Ich muss wissen, was an dem Abend geschehen ist, als Mailin verschwand.« Er nahm die Fernbedienung und stellte die Musik ab. »Habe ich Ihnen eigentlich schon erzählt, dass ich Ihren Vater kenne?« Ihr stand der Mund offen. »Aus den 70er-Jahren, lange bevor Sie ins Bild kamen. Wir haben uns damals im selben Milieu bewegt. Ich war ein abtrünniger Pfarrer und er ein Künstler, dessen Ehrgeiz größer als sein Talent war.« Er schien einen Augenblick nachzudenken, ehe er fortfuhr: »Ich denke, dies war der eigentliche Grund, warum Mailin den Kontakt zu mir gesucht hat. Und warum sie an meiner Sendung teilnehmen wollte. Sie wollte hören, was ich über diesen Vater zu sagen habe, der seine Familie verlassen hat.« »Das glaube ich nicht.« Berger zuckte die Schultern. »Das bleibt Ihnen überlassen.« »Wann … haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?« »Das hat mich Mailin auch gefragt«, seufzte Berger. »Ich bin ihm vor zehn, zwölf Jahren in Amsterdam begegnet, als er diese Ausstellung hatte.« Die Pfeife war erloschen. Er griff dennoch nach ihr und zog daran. Sie gab einen gurgelnden Laut von sich. »Er glaubte bestimmt, sich in der internationalen Kunstszene einen Namen machen zu können. Doch im Grunde wusste er ganz genau, dass sein Talent dazu nicht ausreichte.« Sie saß kerzengerade auf der äußersten Kante ihres Stuhls und konnte den Blick nicht von ihm abwenden. »Aber vor gar nicht so langer Zeit hat er mich angerufen. Er hatte erfahren, dass Mailin an Tabu teilnehmen wollte. Ich glaube, er hat euch, irgendwo aus der Ferne, die ganze Zeit im Auge behalten.« »Sie erfinden Geschichten, um sich interessant zu machen!«, rief sie. »Das haben Sie bei Mailin genauso gemacht, um sie hierher zu locken.« Er setzte sich auf und beugte sich über den Tisch. »Sie glauben offenbar immer noch, dass ich für ihren Tod verantwortlich bin.« Es gelang ihr nicht, etwas zu entgegnen. »Sie glauben, ich hätte sie in der Praxis getroffen, sie betäubt und in meinen Wagen verfrachtet. Und dann bin ich mit ihr im Kofferraum zu einer stillgelegten Fabrik gefahren, habe sie ausgezogen und mich dort mit ihr vergnügt, bis ich schließlich die Lust verlor und sie getötet habe.« »Hören Sie auf!« Ein Zucken ging durch sein Gesicht. »Warum soll ich aufhören, wenn es genau das ist, was Sie von mir hören wollen?« Sie stand auf, fühlte sich plötzlich wackelig auf den Beinen. »Ich weiß nicht, warum ich hier bin.« Auch Berger erhob sich, kam um den Tisch herum und baute sich vor ihr auf. Sie musste den Geruch seines nackten Körpers ertragen, nach Männerschweiß und ungewaschenen Haaren, den Geruch seiner Eingeweide, der aus seinem Mund drang, während er sich zu ihr hinabbeugte. Plötzlich veränderte sich sein Blick, weitete sich, ehe er zu zittern begann. Dann packte er sie an den Schultern, zog sie an sich und hielt sie krampfhaft fest. »Ich weiß, was geschehen ist, Liss«, murmelte er mit erstickter Stimme. »Ich mochte sie wirklich. Sie hat das nicht verdient.« Er drückt sie noch fester an sich. Liss spürt seinen weichen Kugelbauch und sein großes Geschlecht, das darunter hängt. Sie weiß, was nun geschieht. Das Licht zieht sich zurück und brennt sich in alles ein, das sie umgibt. Es schafft einen Raum, in dem sie verschwinden kann. In diesem Moment hörte sie ein Klingeln. Sein Griff löste sich, sie riss sich los, schnappte sich ihre Jacke, rannte auf den Flur und fummelte am Türschloss herum. Draußen stand niemand. Sie warf die Tür hinter sich zu und sprang die Treppe hinunter. Erst als sie den Kirkeveien erreicht hatte, blieb sie stehen und drehte sich um. Doch sie wusste, dass er ihr nicht gefolgt war. Ihr Handy klingelte. Obwohl sie auf dem Display sah, wer es war, nahm sie das Gespräch entgegen. »Wo steckst du gerade?«, fragte Jomar Vindheim. Sie faselte irgendetwas Unzusammenhängendes über Berger. »Ich hole dich ab«, entgegnete er. »Bin ganz in der Nähe.« Sie protestierte, war jedoch erleichtert, dass er sich davon nicht abbringen ließ. 26 D u brauchst einen Kaffee!«, sagte er, als sie wenige Minuten später neben ihm im Auto saß. Kaffee war das Letzte, was sie brauchte. Sie wollte ihn einfach bitten, sie in die Langgata zu bringen, damit sie in ihr Zimmer verschwinden und allein sein konnte. »Ich kann jetzt in kein Café gehen«, entgegnete sie. »Dann habe ich einen besseren Vorschlag«, behauptete er. »Du bist ja früher schon mal bei mir zu Hause gewesen. Du weißt also, dass dort weder dein Leben noch deine Ehre in Gefahr sind. Und dein Verstand auch nicht.« »Mein Verstand?« Sie war sich nicht sicher, worauf er hinauswollte. »Was wolltest du bei Berger?«, wich er aus, während er aufs Gaspedal trat, um noch über die große Kreuzung in Majorstua zu kommen. »War es wegen deiner Schwester?« Sie antwortete nicht. Er fuhr über eine weitere Kreuzung, diesmal bei Gelb, ehe er sagte: »Du glaubst, dass Berger etwas damit zu tun hat, stimmt’s?« »Ich weiß es nicht, Jomar.« Komischer Name, dachte sie, als sie ihn aussprach. So ungelenk. Sie entschloss sich, ihm zu vertrauen, und erzählte ihm, was in Bergers Wohnung vorgefallen war. Dass er angeblich ihren Vater gekannt hatte, verschwieg sie jedoch. »Hat er dich bedroht? Verdammt, Liss, du solltest ihn anzeigen.« Sie spürte immer noch die Hände, die sie an den massigen, weichen Körper gedrückt hatten … Wegen so etwas zur Polizei zu gehen, hatte keinen Sinn. Allerdings musste die Polizei erfahren, was er zu ihr gesagt hatte: »Ich weiß, was geschehen ist, Liss.« Ich muss Jennifer anrufen, dachte sie. »Ich glaube nicht, dass er mich bedrohen wollte. Er wollte mir irgendwas erzählen. Es war dumm von mir, einfach davonzulaufen.« »Es ist doch nicht dumm, vor einem Typen Reißaus zu nehmen, der so unberechenbar ist.« Er blickte sie forschend an. »Du hättest gar nicht erst zu ihm fahren sollen. Das nächste Mal komme ich mit.« Sie zwang sich zu einem Lächeln. »Keine schlechte Idee. Gerüchten zufolge ist er jungen, attraktiven Männern sehr zugetan …« Sie hielt inne, spürte, dass er sie ansah. Seine Wohnung wirkte heller, als Liss sie in Erinnerung hatte. Für einen jungen Mann war sie außerdem ziemlich ordentlich. Vielleicht hatte er eine Putzhilfe. Eine Tür im Flur stand einen Spaltbreit offen. Sie erkannte ein hohes Bett mit schmiedeeisernen Ornamenten und einen Punchingball, der von der Decke hing. Die Möbel im Wohnzimmer stammten jedenfalls nicht von IKEA. Das Sofa und die Stühle sahen eher nach Jasper Morrison aus, doch sie verkniff sich die Frage, ob er an Design interessiert war. An einer Wand stand ein Regal mit Büchern, CDs und DVDs. Erst als er in der Küche verschwunden war, um Kaffee zu machen, warf sie einen näheren Blick darauf. Es waren vor allem Rap-CDs, was schon eher ihrem Eindruck von ihm entsprach. Actionfilme und Videospiele. Sakrileg und einige weitere Krimis. Auch ein paar Romane, darunter Abbitte, den sie selbst gelesen hatte. Sie nahm ihn aus dem Regal und hielt ihn in der Hand, als Jomar zurückkam. »Liest du etwa so etwas?«, rutschte ihr heraus. Sie hörte, dass ihre Frage ziemlich arrogant klang. »Bist du jetzt schockiert?« Er hielt ihr eine Kaffeetasse hin. »Ich wusste gar nicht, dass Fußballer lesen können«, versuchte sie ihre Ungeschicklichkeit durch unverhohlene Ironie zu überspielen. Er zog die Gardine beiseite. Die Wohnung lag im siebten Stock. Von hier aus sah der Himmel über Oslo wie eine grobe, graue Leinwand aus. »Das Buch hat mir mal ein Mädchen geschenkt«, erklärte er und ließ sich auf das Sofa fallen. »Sie sagte, ich solle es unbedingt lesen.« »Verstehe«, entgegnete Liss und stellte sich ein kleines Fußballgroupie vor, das sich mangels anderer Talente auf diese Art interessant machen wollte. »Und, hast du’s gelesen?« »Ja, hat mir gut gefallen. Vor allem die Tatsache, dass man nicht weiß, ob sie den Krieg überlebt haben oder nicht. Im Film war das etwas zu deutlich, fand ich.« Sie hob die Augenbrauen, tat überrascht. »Dir gefällt also solch ein offenes Ende?« »Hier hat’s jedenfalls gut funktioniert«, stellte er fest, ohne auf ihren spöttischen Ton einzugehen. »Das Mädchen ist übrigens eine Freundin von dir.« Diese Freundin musste Therese sein, die Liss bitch genannt hatte. »Kann ich hier eine rauchen, oder muss ich dazu sieben Stockwerke nach unten gehen?« Sie konnte durchaus noch warten, wollte ihn nur provozieren, denn plötzlich verspürte sie eine gewisse Irritation. Er hatte sie zu sich eingeladen, tauchte einfach überall auf, schickte ihr SMS und ließ einfach nicht locker, obwohl sie ihm eigentlich klar und deutlich signalisiert hatte, dass sie nicht an ihm interessiert war. Er stand auf und holte eine kleine Schale. »Hier«, sagte er. »Nimm das als Aschenbecher.« Auf der weißen Schale war die Zeichnung eines kleinen asiatischen Mädchens zu sehen. Ihre Augen waren nur zwei Striche. In der Hand hielt sie eine Walnuss. »Einen Balkon gibt es hier übrigens auch.« Er öffnete die Balkontür und begleitete sie hinaus in die Kälte. Holte sogar eine Jacke für sie. Liss erkannte sie wieder und musste lächeln. »Eigentlich hat mir das Buch so gut gefallen«, sagte er, nachdem er ihr Feuer gegeben hatte, »weil es mich an meinen Großvater erinnert hat.« »Ach wirklich? Ist der etwa auch unschuldig wegen Vergewaltigung verurteilt und später zum Kriegshelden geworden?« Plötzlich schoss ihr etwas durch den Kopf. »Du kanntest Mailin.« Für ein paar Sekunden nahm sein Gesicht eine dunklere Färbung an. »Kann schon sein … sehr oberflächlich.« »Warum hast du mir nichts davon gesagt?« Er zuckte die Schultern. »Wir hatten ja bisher kaum die Möglichkeit, in Ruhe miteinander zu reden. Noch nicht.« Sie überhörte die Aufforderung. »Wo hast du sie kennengelernt?« »Auf der Sporthochschule. Sie hat dort mal einen Kurs über sexuellen Missbrauch im Sportmilieu gehalten. Das ist schon ein paar Jahre her. Ich habe danach mit ihr gesprochen. Ich mochte sie.« Was er sagte, dämpfte ihre Irritation nicht im Geringsten. Sie rauchte die Zigarette zu Ende und drückte sie auf dem Kopf des asiatischen Mädchens aus. »Alle mochten deine Schwester. Es ist so schrecklich. Wenn ich irgendwas tun kann, Liss …« Hör auf, darüber zu reden, dachte sie, sprach es aber nicht aus. Hör auf, mir nachzustellen, dachte sie. Aber auch das sagte sie nicht laut. Sie ließ sich im Wohnzimmer auf das Sofa sinken. Man saß gut darin. Sie wollte noch nicht gehen, doch länger bleiben konnte sie auch nicht. Jomar sagte: »Ich hoffe, Jimmy macht dir keinen Ärger mehr.« Sie stieß pfeifend die Luft aus. »Ich hab keine Angst vor ihm. Wenn er mir etwas antun wollte, hätte er es an dem Abend im Park getan.« Er schaute nicht weg, als sie ihn ansah. »Ich glaube, du musst besser auf dich aufpassen, Liss.« 27 D ie Uhr zeigte 19:42 Uhr, als Viken anrief. Roar Horvath griff zur Fernbedienung und stellte den Ton des Fernsehers ab. »Bei Aker Brygge haben sie heute Morgen eine Leiche aus dem Fjord gezogen«, sagte der Kommissar ohne Einleitung. »Hab ich schon im Internet gelesen«, entgegnete Roar. »Relevant für uns?« »Jim Harris. Jemand hat ihm einen spitzen Gegenstand in den Hals gerammt, vermutlich einen Schraubenzieher. Die Halsschlagader wurde durchtrennt. Er war tot, ehe er ins Wasser fiel.« Roar stand auf und blieb mitten im Wohnzimmer stehen. »Wann?« »Letzte Nacht. Ziemlich viel Blut auf dem Kai, gegenüber von Tjuvholmen. Muss dort passiert sein.« »Zeugen?« »Vier oder fünf Möwen, aber keine will eine Aussage machen.« Roar warf einen Blick auf die Mattscheibe, auf der die Aufzeichnung eines Fußballspiels zu sehen war. »Der Typ hatte Drogenschulden.« »Das ist kein Drogenmord«, stellte Viken fest, und Roar musste rasch einsehen, dass es nicht danach aussah. Vikens Stimme hatte einen mürrischen Unterton, als er fortfuhr: »Frau Plåterud ist ja so reizend, uns jedes Mal eine Zusammenfassung zu geben, nachdem sie mit Liss Bjerke gesprochen hat. Höchste Zeit, die Vernehmung wichtiger Zeugen wieder selbst in die Hand zu nehmen, meinst du nicht auch?« »Aber natürlich«, antwortete Roar und räusperte sich. Es war noch keine halbe Stunde her, dass Jennifer ihn angerufen und für heute Abend ihren Besuch angekündigt hatte. »Vernehmungen gehören ja auch nicht zu den Aufgaben einer Pathologin«, fügte er hinzu und räusperte sich erneut. »Ich kann sie anrufen.« »Wen meinst du?« »Liss Bjerke.« »Hab ich längst gemacht. Hast du sie bei STRASAK überprüft?« Nein, musste Roar zugeben. Liss Bjerke sei zum Zeitpunkt des Verschwindens ihrer Schwester in Amsterdam gewesen. Daher sei es sehr unwahrscheinlich, dass sie etwas damit zu tun habe. Dennoch hätte er sie im Strafregister überprüfen sollen, räumte er ein. Schließlich ginge es um die Glaubwürdigkeit einer wichtigen Zeugin. »Dachte ich mir«, bemerkte Viken. »Das Mädel hat acht Einträge.« »Verdammt!« »Widerstand gegen die Staatsgewalt in Verbindung mit nicht genehmigten Demonstrationen. Wurde mehrfach festgenommen.« Diese Information musste Roar erst einmal verdauen. Dann sagte er: »Also haben wir allen Grund, sie vorzuladen.« »Jedenfalls haben wir was in der Hinterhand. Sieht so aus, als würde ich sie mehr oder minder freiwillig hierher kriegen. Sie will allerdings nur mit einer Beamtin sprechen.« »Wollen wir uns das von einem starrköpfigen Weib vorschreiben lassen?« Viken schnaubte am anderen Ende. »Es geht hier nur um eines.« »Natürlich«, bemerkte Roar. »Ergebnisse.« Er schaltete den Fernseher aus, ging auf den Flur und holte die Schuhe aus der Abstellkammer. »Ich habe hier gerade deine Notizen über Pål Øvreby vor mir«, fuhr Viken fort. In dieser Beziehung hatte sich Roar viel Mühe gegeben. Nachdem er den Psychologen und Kollegen von Mailin Bjerke, mit der er das Wartezimmer teilte, vernommen hatte, hatte er ihn am nächsten Tag angerufen und ein paar Kontrollfragen gestellt. Øvreby hatte daran festgehalten, am Donnerstag, dem 11. Dezember, »nichts, aber auch gar nichts« von ihr mitgekriegt zu haben. Doch in einem anderen Punkt änderte er seine Aussage. Er habe noch einmal darüber nachgedacht, sagte er, und sei zu dem Schluss gekommen, dass er doch neben ihrem Wagen in der Welhavens gate stehen geblieben sei. Er habe durch die Scheibe gespäht, weil er Mailin etwas habe fragen wollen. Was das gewesen sei, habe er inzwischen vergessen. Roar wollte von ihm wissen, ob ein Parkschein im Fenster gelegen habe, aber darauf hatte der Psychologe nicht geachtet. »Neue Erkenntnisse?«, fragte Roar. »Ich habe heute Nachmittag einen Brief gekriegt«, grunzte der Kommissar. »Hab dir eine Kopie gemacht. Solltest du dir später angucken.« »Geht’s um Øvreby?« »Allerdings. Ist ein anonymer Tipp, der Kerl soll im großen Stil die Krankenkasse bescheißen.« Roar zog den zweiten Schuh an. »Der Schwindel läuft angeblich schon seit langer Zeit«, fügte Viken hinzu. »Der Brief endet mit folgender Aussage: ›Mailin Bjerke wusste, was in der Nachbarpraxis vor sich geht.‹« 28 Donnerstag, 8. Januar R oar bog um Viertel nach sieben in die Tiefgarage des Polizeipräsidiums ein. Als er den Motor abstellte, klingelte sein Handy. »Schon auf den Beinen?«, fragte Jennifer, die sich Mühe gab, überrascht zu klingen. »Und ich dachte, ich könnte dich wecken.« »Bin schon seit mehreren Stunden auf«, behauptete er. »Habe geduscht, gefrühstückt und schon ein bisschen gearbeitet. Und das, obwohl ich bis nach Mitternacht Damenbesuch hatte. Aber was sollte ich machen? Sie wollte einfach nicht gehen.« »Du Armer! Wahrscheinlich hat sie dich nicht mal zugedeckt, als sie gegangen ist.« Er sah ihr Lächeln vor sich, wie ihr Gesicht sich in winzige Fältchen verzog. »Ich habe übrigens gerade mit Viken telefoniert«, sagte sie. »Ich konnte ihm das Ergebnis einer Probe mitteilen, das dich auch interessieren dürfte.« Wenn sie etwas Wichtiges zu erzählen hatte, klang sie immer noch wie ein stolzes kleines Mädchen. »Hast du eigentlich nur angerufen, um mich zu ärgern, oder wolltest du mir wirklich etwas mitteilen?« Sie lachte. »Viken wird es dir bestimmt bald persönlich erzählen«, sagte sie. »Aber ich hatte plötzlich Lust, dich anzurufen. Zwei Fliegen mit einer Klappe. Es geht um die fremden Haare, die wir bei Mailin Bjerke gefunden haben. Wir hatten sie zu einem Speziallabor nach Österreich geschickt.« Sie schwieg für einige Sekunden. »Könntest du bitte zur Sache kommen, Jenny? Ich muss vor der Morgenbesprechung noch haufenweise Dokumente durchgehen.« »Die gute Nachricht ist, dass sie DNA extrahieren konnten, obwohl keine Haarwurzeln da waren.« »Nicht schlecht. Gibt uns das ein Profil?« »Das ist die schlechte Nachricht. Die DNA bekommen wir nur aus den Mitochondrien.« »Das bedeutet?« »Wenn wir Glück haben, finden wir eine DNA-Variante, die in der Bevölkerung nur sehr selten vorkommt.« Eine Kollegin aus seinem Team spazierte an seinem Auto vorbei und winkte ihm zu. Jennifer sagte: »Wusstet ihr übrigens schon, dass Berger und der Vater von Mailin Bjerke alte Saufkumpane sind?« »Das ist mir neu. Du meinst ihren Stiefvater?« »Nein, ihren leiblichen Vater, den seit fast zwanzig Jahren niemand gesehen hat.« »Wir versuchen schon die ganze Zeit, ihn in Kanada aufzuspüren«, erklärte Roar. »Aus mehreren Gründen. Woher weißt du das mit Berger?« »Ragnhild Bjerke war Dienstag in meinem Büro.« »Warum hast du denn gestern nichts davon erwähnt?« Jennifer zögerte. »Weil ich als Medizinerin mit ihr gesprochen habe. Ich weiß auch gar nicht genau, was ich euch erzählen soll. Da ist irgendwas mit diesem Vater, aber …« Jemand klopfte gegen die Autoscheibe. Viken stand draußen. Roar zuckte zusammen, brach die Verbindung ab und warf sein Handy auf den Beifahrersitz. Dann fuhr er die Scheibe herunter. »Die Besprechung findet erst um zehn statt«, erklärte der Kommissar und schaute ihn prüfend an. Plötzlich zog ein Bilderstrom vor Roars innerem Auge vorbei: Sein Vater, der die Schlafzimmertür aufreißt und ihn anschreit, er solle endlich aus den Federn kommen. Er steht nackt da, während sich Sara unter der Decke verkriecht. Er wird unter die Dusche kommandiert und sie nach Hause geschickt. Er bekam nicht alles mit, was Viken sagte. Offenbar wollte er nach Aker Brygge und gemeinsam mit einigen Kriminaltechnikern den Tatort in Augenschein nehmen. »Übrigens liegt das vorläufige Ergebnis der Haarprobe vor«, fuhr Viken fort. »Hab ich schon gehört.« Der Kommissar zog die Augenbrauen hoch. »Schon gehört? Von wem?« Roar hätte seinen Kopf am liebsten gegen das Lenkrad gerammt. Oder wäre mit Vollgas davongebraust. Doch er nahm sich zusammen und brachte heraus: »Hab Flatland angerufen. Wollte eigentlich was anderes wissen.« Er steckte sein Handy ein, hängte sich seine Tasche über die Schulter und öffnete die Wagentür. »Im günstigsten Fall reden wir von einer seltenen DNA-Variante.« Er stieg aus dem Auto. Er war einen halben Kopf größer als Viken. »Hast du schon einen Blick in VG geworfen?« Der Kommissar zog eine zusammengefaltete Zeitung aus der Innentasche und breitete sie auf dem Autodach aus. Roar las: »Enthüllt Berger heute Abend den Mörder in Tabu?« »Das darf doch nicht …« »Nachdem ich ihn gestern Abend vernommen habe, hat unser Freund seine Zeit gut genutzt«, entgegnete Viken. Er zeigte auf einige Zeilen, die mit einem Stift unterstrichen waren: »Drei Mal ist Berger von der Polizei verhört worden, weil er am Abend ihres Verschwindens mit Mailin Bjerke eine Verabredung hatte. Aber die Arbeit der Polizei hat ihn nicht sonderlich beeindruckt. ›In der Mordkommission gibt es ein paar Mitarbeiter, die die Vermutung nahelegen, dass sie einen mehr als sicheren Arbeitsplatz haben. Sie versteifen sich auf Nebensächlichkeiten und erkennen nicht einmal die offensichtlichsten Zusammenhänge.‹ ›Wollen Sie damit sagen, dass Sie im Besitz entscheidender Informationen sind, was diesen Mordfall betrifft?‹ Berger lacht schallend. ›Wenn ich es wäre, würde ich sie VG bestimmt nicht verraten. Ich muss schließlich an mein eigenes Publikum denken.‹ Berger verweigert also eine konkrete Aussage zu diesem Fall, macht jedoch unmissverständliche Andeutungen, dass er heute Abend in Tabu auf Kanal 6 die Katze aus dem Sack lassen wird. Denn diese Folge handelt – vom Tod.« Roar schüttelte den Kopf. »Wir können wohl kaum auf eine Fernsehsendung warten. Der treibt doch ein Katz-und-Maus-Spiel mit uns.« Viken steckte die Zeitung in seine Manteltasche zurück. »In ein paar Stunden wird der Typ im Fernsehen auftreten. Der hat siebenhunderttausend Zuschauer oder mehr. Was glaubst du, wie sich das auf die Quote auswirkt, wenn wir ihn ein weiteres Mal vorladen, ohne etwas Neues zu haben?« Eine Antwort erübrigte sich. »Was hast du gestern aus ihm herausgekriegt?«, fragte Roar. »Berger hat behauptet, von der Welhavens gate bis zum Studio nach Nydalen zu Fuß gegangen zu sein.« »Dann müsste es doch irgendwelche Zeugen geben. Der Mann ist ja nicht gerade unauffällig.« »Er sagt, er sei am Akerselva entlanggegangen und habe sich viel Zeit gelassen. Angeblich hatte er an diesem Tag eine Nachricht erhalten, über die er in Ruhe nachdenken musste.« »Und die wäre?« »Geht uns nichts an, behauptet er.« 29 M itten in der Therapiesitzung wurde die Tür weit aufgerissen. Pål stand auf der Schwelle und starrte sie rasend vor Wut an. Seine Augen waren gerötet, sein Gesicht verzerrt und unrasiert. Er sah aus, als hätte er seit Tagen nicht mehr geschlafen. »Ich muss mit dir reden!« Torunn lächelte die junge Frau, die ihr auf einem Stuhl gegenübersaß, entschuldigend an. Zu Pål sagte sie: »Ich bin in einer halben Stunde fertig. Dann komme ich zu dir rauf.« »Ich muss jetzt mit dir reden!« Sie hörte, dass es ihn gewaltige Mühe kostete, nicht loszubrüllen. »Tut mir leid«, sagte sie zu ihrer Patientin und stand auf. »Bin gleich wieder da.« Draußen im Wartezimmer packte er sie am Arm und zerrte sie mit sich fort. Sie versuchte sich loszureißen. »Du rührst mich nicht an!«, sagte sie so frostig wie möglich. Er ließ sie los und ging voran in den Aufenthaltsraum. Sie schloss die Tür hinter ihnen und wusste, dass sie seinem Zorn mit einer Wut begegnen musste, die noch größer war. »Was fällt dir ein, mitten in meine Therapiesitzung hineinzuplatzen? Ich habe die Nase endgültig voll von all deinen Mätzchen und deinem schlechten Benehmen.« Er trat einen Schritt auf sie zu. »Versuchst du, mich zu zerstören?«, fauchte er sie an. »Das wäre reine Energieverschwendung. Das schaffst du spielend allein.« »Hast du mich denunziert, um das Sorgerecht für Oda zu behalten?« Sie hatte sich im Voraus überlegt, was sie dazu sagen würde, wenn das Thema auf den Tisch kam. Doch sie hatte nicht mit seiner ungeheuren Wut gerechnet. »Ich weiß nicht, wovon du redest«, entgegnete sie abweisend. »Was meinst du mit denunziert?« Er beugte sich über sie und starrte sie argwöhnisch an. Irgendwo in seinen Augen sah sie den Anflug eines Zweifels. »Willst du mir etwa weismachen, dass du nichts davon weißt?«, murrte er. »Wovon denn? Könntest du mir bitte verraten, um was es geht?« Endlich richtete er sich auf und warf einen Blick zur Tür. »Ich wurde den ganzen Vormittag verhört.« »Verhört?« Sie hörte, wie überzeugend ihre Verwunderung klang. »Wenn du mich anlügst …«, begann er und musste erneut ansetzen. »Wenn ich herausfinde, dass du es warst, die zur Polizei gegangen ist …« Sie merkte ihm an, dass er es ernst meinte. Sie kannte ihn nun seit acht Jahren. Vier Jahre lang hatten sie zusammengelebt. Sie hatte längst bemerkt, was für ein Waschlappen er war, und ließ ihn spüren, dass sie es wusste. Doch jetzt wurde er in die Ecke gedrängt. Lief Gefahr, alles zu verlieren, und in dieser Situation entdeckte sie eine neue Seite an ihm. Sie zweifelte nicht, dass er gefährlich werden konnte, wenn der Druck noch mehr zunahm. »Setz dich hin!«, sagte sie energisch. Er ließ sich auf den Stuhl sinken. »Gib mir ein paar Minuten Zeit, um die Therapiesitzung zu beenden.« Nachdem sie sich bei ihrer jungen Patientin mit der Begründung, es sei etwas Ernstes dazwischengekommen, entschuldigt und sich von ihr verabschiedet hatte, blieb Torunn am Fenster stehen. Sie hatte den Brief von Påls Anwalt erhalten und spürte nun in jeder Sekunde diesen unbändigen Hass auf ihn. Er hatte seine Drohung wahr gemacht und strengte einen Prozess an, um das alleinige Sorgerecht für Oda zu erhalten. Sie war sich darüber im Klaren, dass er vor nichts zurückschrecken und ihre Fürsorgefähigkeiten von einem Experten überprüfen lassen würde. Auch die kleinen Missgeschicke, die Oda widerfahren waren, würde er gegen sie verwenden und eine sinnlose Schlammschlacht beginnen. Das war so dumm von ihm. Denn er hatte gar keine Chance, den Krieg zu gewinnen, den er entfesselt hatte. Und sie war in der Lage, ihn eleganter zu führen als er. Als sie in den Aufenthaltsraum zurückkehrte, saß er immer noch regungslos da und starrte auf die Tischplatte. Sie hatte sich vorgenommen, ihm noch einmal die Leviten zu lesen, weil er in ihre Therapiesitzung hineingeplatzt war, aber das war nicht nötig. Sie setzte sich auf die andere Seite des Tisches und beugte sich zu ihm vor: »Wenn ich etwas für dich tun soll, musst du mir zuerst alles erzählen.« Er schaute zu ihr auf. Sein Blick hatte sich verändert, und mit einem Mal wurde sie von einem Gefühl des Mitleids ergriffen. Das überraschte sie, denn der Hass war immer noch da und brodelte vor sich hin. »Jemand hat mich angezeigt, weil ich angeblich die Krankenkasse betrüge«, sagte er mit schwacher Stimme, der sie anhörte, dass sein Verdacht ihr gegenüber zusehends schwand. »Ich habe dir doch gesagt, dass du dir mit dieser Sache mit den Kassenabrechnungen wirklich etwas eingebrockt hast«, entgegnete sie mehr tröstend als vorwurfsvoll. »Ich habe das nur getan, um ein paar armen Teufeln helfen zu können, das weißt du genau.« Wusste sie das? Am Anfang hatte er einigen mittellosen Migranten geholfen. Sie hatte darüber hinweggesehen und ihm sein Argument abgekauft, dass man diesen Menschen, die sich auf der untersten sozialen Stufe befanden, einen Bruchteil des allgemeinen Wohlstands zukommen lassen müsse, um ihnen zumindest ein klein wenig Hoffnung zu geben. Dass sie Hilfe erhielten, die ihnen von Rechts wegen nicht zustand, könne gar als politische Tat verstanden werden, argumentierte er weiter, als Akt des zivilen Ungehorsams. Doch irgendwann war es zu gewissen Gegenleistungen gekommen, die ihm Einnahmen bescherten, von denen er nie zu träumen gewagt hätte. Natürlich stellte dieser ökonomische Gewinn die politischen Motive grundsätzlich infrage. Ein ums andere Mal warnte sie ihn, damit fortzufahren, doch schien er sich inzwischen so in die Sache verbissen zu haben, dass er damit nicht mehr aufhören konnte. So war es nur eine Frage der Zeit, bis ihm jemand auf die Schliche kam, und natürlich war es jemand aus seiner nächsten Umgebung gewesen, nämlich Mailin. »Ich kann dir helfen, Pål. Du weißt, dass du immer auf mich zählen kannst.« Sie wurde vom Mitgefühl in ihrer Stimme überwältigt und strich ihm über den Arm. Plötzlich nahm er ihre Hand und drückte sie gegen seine Augen. Seine Schultern begannen zu zittern. Sie stand auf und ging um den Tisch herum. »Aber Pål«, sagte sie mit tröstender Stimme, »natürlich werde ich dir helfen. Aber wir müssen miteinander Frieden schließen, verstehst du das?« Es sah wie ein Nicken aus. »Und noch eines. Du musst mir erzählen, wo du an dem Abend gewesen bist, als Mailin verschwand.« 30 E s hatte drei Mal geläutet. Liss saß auf dem Sofa und blickte in den kleinen Garten mit dem gemauerten Grill hinaus. Der Geräteschupppen ragte aus dem Schnee wie ein Grabstein. Eigentlich wollte sie nicht öffnen. Niemand wusste, dass sie sich hier aufhielt, fast niemand. Sie hatte auch kein Bedürfnis, mit Viljams Freunden oder jemand anders zu reden. Doch als es zum vierten Mal an der Tür läutete, rappelte sie sich auf, ging langsam die Treppe hoch und in den Flur. Es war für sie. »Du kannst ruhig gleich aufmachen. So schnell gebe ich eh nicht auf.« Das wusste sie bereits und hatte ihm dennoch, durch einen Versprecher, verraten, wo sie zurzeit wohnte. Sie hätte Jomar Vindheim – dem Fußballspieler, wie sie ihn in Gedanken nannte – einen deutlicheren Fingerzeig geben müssen. Es besteht keine Möglichkeit, hätte sie zu ihm sagen sollen, weder im Himmel noch auf Erden, dass aus uns beiden ein Paar wird. Selbst in Gedanken klang dieses wir wie ein Akkord auf einem ungestimmten Klavier. Trotzdem musste sie sich eingestehen, dass ihr seine Beharrlichkeit gefiel. Sie blieb auf der Schwelle stehen, ohne ihm irgendwie zu signalisieren, dass er hereinkommen könne. »Bist du heute schon im Internet gewesen?« Nein, sie hatte lange geschlafen und sich danach so langsam wie möglich durchs Haus bewegt. Sie hatte nichts gegessen, nicht einmal geraucht. »Hast du keine Zeitung gelesen, kein Radio gehört?« Etwas in seiner Stimme versetzte sie in Alarmbereitschaft. »Dann ist es wohl besser, dass ich reinkomme«, behauptete er. Ohne dass sie etwas dagegen tun konnte, schlüpfte er an ihr vorbei ins Haus. »Wenn du mir was erzählen willst, dann tu es jetzt gleich.« »Jimmy ist tot«, sagte er. »Jim Harris.« Sie saßen in der Küche. Fortwährend drehte sie die Tasse in ihrer Hand. Sie war leer. Liss hatte vergessen, Kaffee aufzusetzen. »Hast du mit der Polizei gesprochen?«, fragte Jomar. »Ihnen alles gesagt, was du auch mir erzählt hast?« »Gestern Abend haben sie mich verhört. Wann ist er gestorben?« »Vorletzte Nacht. Er wurde auf Aker Brygge erstochen.« Die Polizistin, die sie gestern verhört hatte, war immer wieder auf die Begegnung mit Jim Harris im Park zurückgekommen. Sie hatte sich genau nach seiner Reaktion erkundigt und Liss mehrmals gefragt, wo sie vorletzte Nacht gewesen sei. Dass Jim Harris tot war, hatte sie mit keinem Wort erwähnt. »Könnte auch etwas anderes dahinterstecken?«, fragte sie leise. »Etwas, das nicht mit Mailin zu tun hat?« Jomar stützte seinen Kopf in die Hand. »Jim hatte Drogenschulden. Bei Kleindealern. Das hat er mir selbst erzählt.« Er rieb sich so heftig die Stirn, dass ein breiter, roter Streifen zurückblieb. »Ich habe versucht, ihm zu helfen, aber ich hätte mehr für ihn tun müssen. Erst letzte Woche war er bei mir und wollte sich dreißigtausend Kronen von mir leihen. Irgendwie hätte ich das Geld schon aufbringen können, doch stattdessen habe ich ihm klargemacht, dass ich ihm nichts mehr leihen würde. Ich war einfach überzeugt davon, dass ihm das nicht guttut und er sich nur immer weiter in die Scheiße hineinreitet.« »Muss eine rauchen«, sagte sie und stand auf. Es tropfte von einem Riss in der Regenrinne. Sie zog sich unter das schmale Vordach des Eingangs zurück. Jomar blieb eine Stufe weiter unten auf der Treppe stehen. Sie betrachtete verstohlen sein Gesicht. Obwohl seine ein wenig schräg stehenden Augen vom diffusen Licht grau gefärbt wurden, hatten sie etwas Beruhigendes an sich. Dieser Eindruck wurde, trotz der schmalen Lippen, durch den Mund noch verstärkt. Plötzlich musste sie an die Nacht in Zakos Wohnung denken. Nicht an den leblosen Körper auf dem Sofa; irgendetwas war mit den Fotos auf seinem Handy, sie wusste nur nicht, was … Der Brief von Zakos Vater lag immer noch unter ihrem Bett. Wäre er voll von bitteren Vorwürfen gewesen, hätte sie ihn weggeworfen. Allerdings war seine Dankbarkeit schwer zu ertragen. »Vor Weihnachten ist etwas in Amsterdam passiert«, sagte sie plötzlich. »Jemand, den ich gekannt habe, ist gestorben. Also eigentlich habe ich ihn mehr als nur gekannt.« Er sah ihr in die Augen. »Dein Freund?« »Ja … in gewisser Weise. Ich habe es verdrängt. Als das mit Mailin geschehen ist …« Sie füllte ihre Lungen mit Rauch und ließ ihn langsam aus ihrem Mund strömen. »Gestern habe ich einen Brief von seinem Vater erhalten. Und plötzlich ist alles wieder da.« Jomar streckte seine Hand nach der Marlboroschachtel aus, die auf dem Geländer lag. »Kann ich eine nehmen?« »Nicht wenn das deiner Fußballerkarriere schadet.« Sie hörte, dass ihre Antwort ein wenig merkwürdig klang, und verlor den Drang, ihm weiter von Zako zu erzählen. Er zündete sich die Zigarette an. »Was wolltest du mir erzählen? Von dem Mann, der in Amsterdam gestorben ist.« »Sprechen wir lieber über deinen Großvater«, entgegnete sie rasch. »Über meinen Großvater?« »Als ich bei dir war, hast du von deinen Großeltern erzählt.« »Du meinst, als wir über den Roman geredet haben?« Sie nickte. »Ich muss auf andere Gedanken kommen. Was war das noch in Abbitte, das dich an deine Großeltern erinnert hat?« Er atmete ein paarmal tief durch. »Dass zwei Menschen füreinander bestimmt sind.« Liss wandte sich halb von ihm ab. Sie hatte einen Kommentar auf der Zunge, erwiderte aber nichts. »Mein Großvater war Fischer«, sagte Jomar. »Seine Kindheit hat er in Florø verbracht. An seinem zweiundzwanzigsten Geburtstag war er in Bergen, um seinen Fisch auszuliefern. Er hat mir erzählt, dass er damals ein paar Stunden freihatte und durch die Fußgängerzone gestreift ist. In einer Bretterbude stand eine Frau, die Kleider verkaufte. Das war während des Krieges. Er ging zu ihr und wusste im nächsten Moment, dass sie seine Frau werden würde.« »Und deine Großmutter?«, fragte Liss spitz. »Hatte die auch was zu sagen?« »Die hat’s wohl nach und nach eingesehen.« Liss musste zugeben, dass ihr die Geschichte gefiel. Sie mochte auch Jomars Art, sie zu erzählen. Dass er sich traute, auf jegliche Ironie zu verzichten. »Was ist mit deinen Eltern?«, wollte sie wissen. »Ist ihre Geschichte genauso romantisch?« »Das ist etwas ganz anderes.« Jomar verstummte. »Hast du niemals Angst, den Verstand zu verlieren?«, fragte sie einfach so. Er dachte darüber nach. »Nein, eigentlich nicht. Es gibt nur sehr wenige Fußballer, die verrückt werden, warum auch immer.« Er warf die Kippe auf die Straße, stieg eine Stufe nach oben und stellte sich neben sie unter das Vordach. Tu das nicht, dachte sie, als er die Hand hob und ihr über die kalte Wange strich. * Draußen war es dunkel geworden. Liss lag auf dem Bett und lauschte der Elster, die anscheinend nicht genug davon bekam, herumzuhüpfen und auf das Dach zu klopfen. Sie glitt in einen Dämmerzustand hinüber. Das Zimmer verändert sich, wird zu einem Raum, in dem sie früher einmal geschlafen hat. Sie versucht aufzuwachen. Da steht Mailin neben ihr, in ihrem gelben Pyjama. Sie zwang sich aufzustehen, knipste das Licht an, schlug sich mit beiden Handflächen an den Kopf. »Ich rufe ihn an«, murmelte sie und suchte in ihrer Tasche nach dem Handy. »Hallo, Liss«, antwortete Tormod Dahlstrøm. »Entschuldige …«, begann sie. »Wofür?« Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. »Dafür, dass ich dich neulich mitten in der Nacht geweckt habe.« Es war ihm sicherlich klar, dass sie ihn nicht anrief, um sich ein weiteres Mal zu entschuldigen. Doch er ließ ihr Zeit, sich zu besinnen. Dann erklärte sie ihm, wie sie begriffen hatte, dass Mailin auf dem Film den Namen eines ungarischen Psychoanalytikers erwähnte. »Sándor Ferenczi?«, rief Dahlstrøm. »Wie merkwürdig, dass sie ausgerechnet seinen Namen sagt. Ich gehe davon aus, dass du die Polizei darüber informiert hast.« Liss erzählte von den beiden Vernehmungen. Dass sie beim ersten Mal davongelaufen war. »Es geschieht etwas mit mir.« »Wie meinst du das?« Sie fasste sich ein Herz. »Früher passierte das öfter. Es ist wie eine Art Anfall. Das ist schwer zu beschreiben. Der Raum, der mich umgibt, wird plötzlich ganz anders, so unwirklich. Das Licht zieht sich zurück, als wäre ich gar nicht da, und dennoch wird alles viel intensiver … Hast du zu tun? Soll ich dich ein anderes Mal anrufen?« Er versicherte ihr, dass er genug Zeit habe. »Nachdem ich nach Amsterdam gezogen bin, war es eine Zeitlang verschwunden. Niemand hat mich dort gekannt. Dann fing es wieder an. Direkt bevor Mailin verschwand.« Es war im Café Alto gewesen, als Zako ihr das Foto gezeigt hatte. Erzähl ihm davon, Liss. Alles, was passiert ist. Er kann dir sagen, was du tun musst. Im allerletzten Moment entschied sie sich anders. »Berger kannte unseren Vater«, sagte sie rasch. »Ich glaube, das war auch der Grund, warum Mailin ihn mehrfach besucht hat.« Sie wiederholte, was Berger über ihren Vater gesagt hatte. »Mailin hat mal erzählt, dass sie ihn seit vielen Jahren nicht gesehen hätte«, entgegnete Dahlstrøm. »Erinnerst du dich an ihn?« Liss atmete tief durch. »Ich kann mich fast gar nicht an meine Kindheit erinnern. Ist das nicht unnormal?« »Das Erinnerungsvermögen von Menschen ist sehr verschieden.« »Aber bei mir ist die Erinnerung wie abgeschnitten … und plötzlich tauchen Dinge wieder auf.« Plötzlich begann sie, vom Schlafzimmer in Lørenskog zu sprechen. Wie Mailin die Tür abschloss und zu ihr unter die Decke kroch. Vom Hämmern an der Tür. »Hat sie dir etwas davon erzählt?«, fragte sie ihn. »Nein«, antwortete Dahlstrøm. »Wir haben uns nie über eigene mögliche Traumata unterhalten. Ich wusste zwar, dass Mailin, wie die meisten von uns, eine Last mit sich herumtrug, und habe ihr zu einer eigenen Therapie geraten. Aber dazu hat sie sich nicht mehr entschließen können.« Er hielt inne, ehe er fortfuhr: »Erzähl mir das mit dem Schlafzimmer bitte noch mal, so detailliert wie möglich.« Liss schloss die Augen. Tauchte in die Erinnerung ein. Mailin im blauen Pyjama, der auch gelb sein konnte. Vielleicht flossen mehrere Erinnerungen ineinander. Mailin, die ihre Arme um sie schlingt. Ich werde auf dich aufpassen, Liss. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas Böses geschieht. Sie hat noch etwas gesagt … etwas mit Mama. Liss löschte das Licht, lauschte ins Dunkel. Von dort kam Mailins Stimme zu ihr: Du darfst niemand davon erzählen, Liss. Auch nicht Mama. Sie würde es nicht ertragen, wenn sie es wüsste. 31 O dd Løkkemo schwenkte auf die Tankstelle in Kløfta ein. Die Benzinanzeige war schon fast auf Rot, aber in den Reservetank passten mindestens acht Liter, und es waren nicht mehr als vierzig Kilometer bis nach Hause. Doch allein der Gedanke, im dunklen Januar auf der E 6 liegen zu bleiben, jagte ihm einen kalten Schauer über den Rücken. Sein Bedürfnis, mehrere Kilometer auf dem glatten Randstreifen mit einem Benzinkanister in der Hand zurückzulegen, hielt sich in Grenzen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es dazu kommen würde, war zwar gering, sagte er sich, die Konsequenzen jedoch umso größer. Schon seit Minnesund hatten ihn diese Gedanken nicht mehr losgelassen. Er warf einen Blick auf sein Handy, ehe er ausstieg. Keine Nachrichten. Er hatte Elias zwei SMS geschickt, um sein Kommen anzukündigen. Das Mindeste, was er verlangen konnte, war eine Antwort. Es war zwar nicht so abgesprochen, doch ihr stillschweigendes Abkommen lautete, dass er sich fernhalten sollte, bis Elias ihm signalisierte, dass er wieder nach Hause kommen konnte. An den Tagen, an denen Elias abends ins Fernsehstudio musste, machten sie das immer so. Dann brauchte er das ganze Haus für sich. Konnte niemanden um sich haben, schon gar nicht Odd. Nach der Sendung sah alles anders aus. Dann war er wie ein kleiner Junge, den man hätscheln und tätscheln musste, und Odds Bedeutung in seinem Leben schien plötzlich grenzenlos. Doch war die heutige Liveübertragung von Tabu bestimmt nicht der einzige Grund, warum Elias ihn am Nachmittag aus dem Haus haben wollte. Odd war sicher, dass er Besuch erwartete. Denselben Besuch, den er bereits seit Wochen empfing. Früher einmal hatten sie solche Geheimnisse miteinander geteilt, doch inzwischen war Elias nicht mehr dazu bereit. Odd drückte auf den Knopf, auf dem »Kassenzahlung« stand. Hatte keine Lust, mit Kreditkarte zu bezahlen. Oft spuckte der Automat keine Quittung aus, und dann konnte er nicht mehr kontrollieren, für welchen Betrag er getankt hatte. Endlich vibrierte es in seiner Hosentasche. Er wollte gerade die Zapfpistole zurück in die Halterung hängen, beherrschte sich aber und behielt weiter das Zählwerk im Auge, die Anzahl der Liter, den Betrag in Kronen. Allmählich kroch die Anzeige auf sechzig Liter zu, womit der Tank voll wäre, doch es ging so langsam, dass Odd den Verdacht hegte, etwas sei mit der Pumpe nicht in Ordnung. Dennoch wartete er darauf, dass es in der Tankpistole einen kleinen Ruck gab. Er wusch sich auf der schmuddeligen Toilette – wo es keine Papiertücher gab und die Klopapierrolle ausgerollt bis zum Waschbecken auf dem Boden lag – den Benzingeruch von den Händen, bezahlte das Dagbladet und die Salmiakpastillen bei dem halbwüchsigen Mädchen, das ihn keines Blickes würdigte – er wurde übersehen, war unsichtbar geworden, seit wann eigentlich? –, und zwängte sich wieder ins Auto. Erst dann zog er sein Handy aus der Tasche und las die SMS von Elias: Komm bitte erst in anderthalb Stunden! Er kämpfte mit dem Drang, sofort bei ihm anzurufen. Ihn anzubrüllen, dass er kein Recht habe, ihm vorzuschreiben, wann er in seine Wohnung zurückkehren dürfe. Nein, so tief wollte er nun doch nicht sinken, dass er Elias an die eigentlichen Besitzverhältnisse erinnerte. Vor ein paar Jahren hatte er dies schon einmal getan, was damit geendet hatte, dass Elias ausgezogen war und er ihn zur Rückkehr hatte überreden müssen. Odd schaltete das Deckenlicht an und blätterte sich durch das Dagbladet. Er wollte den Motor nicht so lange im Leerlauf lassen, doch wenn er ihn ausschaltete, wurde es zu kalt. Also ging er hinein und setzte sich an einen der Kaffeetische am Fenster. Erneut nahm er sich VG vor, die er bereits gelesen hatte. Nachdem er sie am Morgen zusammen mit ein paar Croissants gekauft hatte, war er sofort zu Elias gestürmt, hatte sich auf seine Bettkante gesetzt und ihn geweckt, indem er mit lauter Stimme die Überschrift vorlas: »Enthüllt Berger heute Abend den Mörder in Tabu?« Odd war es gewohnt, dass die Medien Elias große Aufmerksamkeit zollten. Tabu war das erfolgreichste Fernsehformat, das er je geschaffen hatte. Natürlich nicht in qualitativer, sondern in kommerzieller Hinsicht. Elias war immer jedes Mittel recht gewesen, um Aufsehen zu erregen. Doch die tote Mailin Bjerke als Köder für sein sensationshungriges Publikum zu benutzen sei selbst für ihn, der stets die üblichen Grenzen überschritt, ein starkes Stück, meinte Odd. Aber auf diesem Ohr war Elias taub. »Das ist kein Köder, sondern schlicht und einfach die Wahrheit. Selbst du, Odd, der du glaubst, alles zu wissen, wirst einen Schock bekommen.« Mehr wollte er nicht sagen. Es war zehn nach halb acht, als Odd in die Løvenskiolds gate einbog. Während er auf der Suche nach einem Parkplatz durch die umliegenden Straßen rollte, fuhr er an Elias’ Wagen in der Odins gate vorbei und stellte fest, dass Elias ihn auch heute Abend hatte stehen lassen. Es war mindestens eine Woche her, seit er ihn das letzte Mal benutzt hatte, was in Anbetracht seines derzeitigen Zustands beruhigend war. Sie hatten darüber gesprochen, den BMW zu verkaufen. Eigentlich brauchten sie neben Odds Peugeot keinen zweiten Wagen. Wenn zwei Menschen gemeinsam ein Auto haben, bedeutet das etwas, dachte Odd, und jetzt mehr als je zuvor. Er schloss auf und betrat den Flur. Der Geruch nach frisch gebackenem Brot machte ihn froh. Am Vormittag, bevor er gefahren war, hatte Odd den Teig zubereitet. Elias sollte ihn nachher in den Ofen stellen. Es war beruhigend zu wissen, dass er selbst heute daran gedacht hatte. Im Badezimmer tröpfelte es. Er ging hinein und drehte den Hahn der Badewanne ganz zu, doch es half nichts. Dann blieb er stehen und lauschte. Es kam selten vor, dass es so still im Haus war. In vieler Hinsicht war es schön, nach Hause in solch eine Stille zu kommen. Es war eine Form von Respekt, dass Elias ihn gebeten hatte, noch etwas zu warten. Dann blieb es ihm jedenfalls erspart, ihn gemeinsam mit einem dieser jungen Kerle vorzufinden. »Die sind nötig, um mich am Leben zu halten«, sagte Elias stets. »Und was ist mit mir?«, hatte Odd neulich gefragt. »Du musst mich nicht am Leben halten, Odd. Du sollst dafür sorgen, dass ich mit einem Minimum an Würde sterben kann.« Dann lachte er, wie immer, wenn er der Wahrheit allzu nahekam. Odd öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Elias saß auf seinem Schreibtischstuhl. Der Kopf war ihm in den Nacken gefallen. Der Bildschirmschoner seines Laptops verbreitete ein trübe flackerndes Licht. Der dünne Morgenmantel aus japanischer Seide war zur Seite gerutscht und entblößte die Brust und sein Geschlecht. Odd seufzte und dachte, dass er im Fernsehstudio anrufen musste, um ihnen mitzuteilen, dass die heutige Sendung ausfiele. Er verspürte eine Erleichterung bei diesem Gedanken, denn diesmal war Elias wirklich zu weit gegangen. Hatte Erwartungen geschaffen, denen er nicht gerecht werden konnte. Das alles wäre nur peinlich und erniedrigend geworden. Er ging zu ihm, beugte sich hinab und strich Elias über die Wange. Erst in diesem Moment sah er seine weit geöffneten Augen. Ihr Blick richtete sich nicht auf ihn, sondern starrte in eine unendliche Leere. 32 E s hatte zu regnen begonnen, als Roar sein Auto in der Odins gate abstellte. Als er um die Ecke bog, schlug ihm der Regen wie ein Peitschenknall ins Gesicht. Er stellte den Pelzkragen seiner Lederjacke hoch. Das Gebiet um den Eingang war abgesperrt. Davor drängelten sich ein Haufen Leute, darunter einige Journalisten inklusive Kamerateams. Doch bei den meisten handelte es sich offenbar um Schaulustige, die bereits von Bergers Tod erfahren hatten. Sein Ableben war um 21:30, als eigentlich seine Talkshow beginnen sollte, in Rundfunk und Fernsehen bekanntgegeben worden. Als Roar unter dem Absperrband hindurchschlüpfte, riefen ihm einige Leute zu, ob er schon etwas über die Todesursache sagen könne. Da es nicht sein Job war, mit der Presse zu reden, setzte er seinen Weg zur Haustür fort, ohne sich umzudrehen. Fünf oder sechs Leute von der Spurensicherung waren bereits vor Ort. Er bekam Schuhüberzüge gereicht, und man zeigte ihm einen schmalen Durchgang im Flur, den er betreten durfte. Sie arbeiteten in allen Räumen, an denen er vorbeiging. Er warf einen Blick ins Wohnzimmer. Berger saß in demselben Bürostuhl, in dem er auch vor neun Tagen bei Roars Befragung gesessen hatte. Der Stuhl war ein Stück zurückgezogen und herumgedreht worden. Der Laptop auf dem Schreibtisch war angeschaltet. Der Bildschirmschoner zeigte Sterne, die von Zeit zu Zeit explodierten. Vor dem Computer, außerhalb von Bergers Reichweite, lagen ein Stauschlauch, eine Spritze und eine Silberschale. In der Kanüle der Spritze waren Reste einer milchigen Flüssigkeit zu sehen, die mit Blutresten vermischt war. Berger trug einen Kimono. Er war offen, der Gürtel lag neben dem Stuhl auf dem Boden. Darunter war er nackt. Sein massiger Körper war zusammengesunken wie ein Sack mit teigigem Inhalt. Sein Geschlecht hing über der Stuhlkante. Roar dachte daran, dass es vielleicht Jennifers Aufgabe sein würde, sich über diesen Leichnam zu beugen und ihn zu öffnen. In der Küche saß Viken mit dem Kerl zusammen, der Roar damals die Tür geöffnet hatte. Er hieß Odd Løkkemo, war Bergers Mitbewohner und Eigentümer der Wohnung. Roar nickte ihm als Zeichen des Wiedererkennens zu, doch Løkkemo nahm keine Notiz von ihm. »Ich rekapituliere«, sagte Viken. »Sie waren also in Hamar, haben dort ihre Schwester besucht und sind um kurz vor halb acht wieder nach Hause …« Er hielt inne und drehte sich um. »Horvath, mach dich mal mit einem Kollegen auf die Suche nach Bergers Fahrzeug. Ein BMW X3. Schwarz metallic. Müsste in irgendeiner der umliegenden Straßen stehen.« Er drückte Roar einen Zettel in die Hand, auf dem ein Kennzeichen notiert war. »Und lass die Gegend um das Auto absperren. Die Techniker nehmen es dann so bald wie möglich mit.« Roar trat auf den Flur und ging auf dem vorgeschriebenen Pfad wieder hinaus. Er hatte mit Viken nicht mehr gesprochen, seit er ihm am Morgen in der Tiefgarage begegnet war. Da hatte er ihn angelogen, als es darum ging, von wem er seine Informationen hatte. Er glaubte, Vikens Tonfall in der Küche angehört zu haben, dass seine Lüge aufgeflogen war. »Konzentration, Roar«, murmelte er, »Stufe sieben.« Den Auftrag, Bergers Wagen betreffend, gab er an den Beamten weiter, der vor der Haustür stand. In diesem Moment schlüpfte Jennifer unter der Absperrung hindurch. Sie trug einen weißen Overall, der mehrere Nummern zu groß aussah. Er hielt ihr die Tür auf. »Na, was habt ihr heute für mich?«, fragte sie in neutralem Tonfall und ging an ihm vorbei, ohne eine Antwort abzuwarten. Nachdem die Haustür hinter ihnen ins Schloss gefallen war, antwortete Roar: »Fernsehstar zu Hause tot aufgefunden.« »Das wissen alle, die gestern Abend ferngesehen haben.« Roar fügte hinzu: »Wurde vor anderthalb Stunden mit einer benutzten Spritze neben sich gefunden. Sieht nach Heroin aus.« Er folgte ihr die Treppe hinauf. Sie verwendete dasselbe Parfüm wie immer, war aber heute offenbar besonders großzügig damit umgegangen. Erst jetzt bemerkte er, dass er es noch nie gemocht hatte. Oben in der Küche war Viken mit Løkkemo fertig. Jennifer warf einen Blick hinein und begrüßte den Kommissar kurz, ehe sie sich zu Roar umdrehte, der woanders hinsah. »Ich hab die Sache mit Hamar überprüft«, sagte Viken ziemlich schroff. »Scheint zu stimmen, dass der Kerl dort den ganzen Tag verbracht hat. Wir machen morgen mit ihm weiter. Ich habe ihn gebeten, in einem Hotel zu übernachten. Hier würde er nicht viel Ruhe haben.« »Da draußen ist’s aber auch nicht besonders gemütlich«, entgegnete Roar und machte eine Kopfbewegung in Richtung Haustür. »Die Krokodile warten aufs Fressen.« Viken schnitt eine Grimasse. »Guten Appetit.« Die dürre, gebeugte Gestalt Løkkemos glitt auf den Flur hinaus. Im nächsten Moment hörten sie das Klicken der Tür. »Unfall oder Selbstmord«, stellte Roar fest. »Oder jemand hat nachgeholfen«, bemerkte Viken. »Løkkemo sagt, dass Berger den ganzen Nachmittag über Besuch hatte. Er hat mir eine SMS gezeigt, die das bestätigen könnte. Er hat sie ein paar Stunden vor seiner Heimkehr bekommen.« Vom Auto aus hatte Roar im Fernsehstudio in Nydalen angerufen. »Anderthalb Stunden, bevor er gefunden wurde, hat Berger seinem Produzenten eine Mail geschickt«, sagte er. »Darin bat er ihn, eine Erklärung im Fernsehen zu verlesen.« Er zückte sein Notizbuch und zitierte: »›Ich habe mich auf eine Reise ohne Wiederkehr begeben. Reue ist nutzlos, Vergebung sinnlos. Wenn Schluss ist, ist Schluss. Danach kommt – das Nichts.‹« »Ist das alles?« Viken wirkte weniger interessiert, als Roar gehofft hatte. »Die Mail wurde auch an VG, Dagbladet, Aftenposten und das norwegische Fernsehen verschickt. Das könnte als eine Art Geständnis verstanden werden. Er hatte ja so etwas wie eine Enthüllung vor laufender Kamera angekündigt.« »Und du glaubst, er hat dabei an diese Mail gedacht?«, brummte Viken. »Der Mann hat das Rampenlicht geliebt. Da bringt man sich doch nicht einfach um, beendet damit sang- und klanglos seine Talkshow und lässt die Nachricht von jemand anders im Fernsehen vorlesen.« Er schüttelte den Kopf. »Die Fernsehredaktion kann uns bestimmt etwas zum Inhalt der Sendung sagen.« »Viel wussten sie nicht«, entgegnete Roar. »Sie hatten zwar ein paar Gäste eingeladen, alles andere aber Bergers Improvisationsgabe überlassen. Berger hat vor der Kamera immer viel improvisiert, wollte sich im Voraus nicht allzu sehr festlegen. Der Produzent behauptet jedenfalls, dass Berger über seinen eigenen Tod sprechen wollte.« Viken stand auf. »Wer mich davon überzeugen will, dass wir es hier mit dem Selbstmord eines reuigen Mörders zu tun haben, der hat einen verdammt harten Job«, stellte er fest. »Rede du mal mit allen Nachbarn. Vielleicht kann uns ja irgendjemand bestätigen, dass Berger Besuch hatte.« Viken war schon im Begriff hinauszugehen, als er sich noch einmal umdrehte und die Tür hinter sich zuzog. »Und noch eins«, sagte er und schaute Roar durchdringend an. »Mir ist völlig egal, was du in deiner Freizeit treibst.« Roar zog unmerklich den Kopf ein. »Das ist deine Privatsache, da mische ich mich nicht ein. Aber solange wir ein Team sind, müssen wir uns aufeinander verlassen können, das ist dir doch wohl klar?« Roar hätte so tun können, als wisse er nicht, worauf Viken anspielte. Doch plötzlich spürte er eine ungeheure Wut wie schon lange nicht mehr. Wenn er jetzt den Mund öffnete, würde er dem Kommissar direkt ins Gesicht brüllen. Also entschloss er sich, den Mund zu halten. »Wenn du mir mitteilst, mit wem du gesprochen und wer dich mit Informationen versorgt hat, dann muss das der Wahrheit entsprechen. Sonst hat es keinen Zweck.« Mit diesen Worten ging Viken hinaus und zog die Tür hinter sich zu. Roar blieb nachdenklich sitzen und fragte sich, was keinen Zweck hatte. Die Nachbarn waren keine große Hilfe. Die ältere Dame, die eine Etage höher wohnte, hatte gegen halb acht Uhr abends ihre Katze hinausgelassen und meinte, ein Geräusch an der Haustür gehört zu haben. Wahrscheinlich war es Odd Løkkemo gewesen, der um diese Zeit angeblich nach Hause gekommen war. Die anderen Mitbewohner des Hauses hatten erwartungsgemäß viel auf dem Herzen, was Berger betraf. Ihre Aussagen wären unter Umständen für einen Zeitungsredakteur, zuständig für Leserbriefe, interessant gewesen, für die Ermittlungen waren sie vollkommen unerheblich. Gegen halb elf hatte Roar die Befragungen beendet. Er ging nicht noch einmal in Bergers Wohnung zurück, wollte Jennifer heute nicht mehr begegnen. Auf dem Weg zu seinem Auto erblickte er ein paar Techniker, die sich an einem schwarzen BMW zu schaffen machten, der Berger gehören musste. Er überquerte die Straße. »Habt ihr schon angefangen?« »Wir verschaffen uns nur einen ersten Überblick.« »Und, schon was Spannendes entdeckt?« Einer der Kriminaltechniker lächelte matt. »Was soll’s denn sein? Ein geladener Revolver? Ein blutverschmiertes Messer?« Roar lächelte zurück, während er im Regen stand. Vikens klare Worte gingen ihm immer noch nach. Der Techniker öffnete den Kofferraum. »Wir haben tatsächlich was gefunden. Ich weiß allerdings nicht, ob das von Interesse ist.« Er zog die Decke weg, die im Kofferraum ausgebreitet war. Unmittelbar an der Rückenlehne lag ein kleiner Gegenstand. Roar nahm eine Taschenlampe und richtete den Lichtkegel darauf. Es war ein Ring. Der Techniker gab ihm ein Paar Schutzhandschuhe. Nachdem er sie angezogen hatte, beugte er sich weit vor, nahm den Ring in die Hand und hielt ihn ins Licht. Es war ein goldener Ehering, der eine Inschrift trug. »30-5-51«, las er. »Dein Aage.« 33 Freitag, 9. Januar J ennifer Plåterud wusste nicht, wie viele Obduktionen sie im Lauf der Jahre schon durchgeführt hatte. Aus verschiedenen Gründen dachte sie, dass ihr die bevorstehende Obduktion später einmal im Gedächtnis bleiben würde. Zu später Stunde hatte sie gestern Abend die äußere Leichenschau beendet sowie die nötigen Proben von Blut, Haupthaar, Geschlechtshaar, Samenresten, Speichel und Schmutzresten unter den Nägeln veranlasst. Sie hatte Leif angerufen und mit ihm abgesprochen, wo die Eröffnungsschnitte platziert werden sollten. Der Präparator war ein alter Hase, der stets zuverlässige Arbeit ablieferte, und als Jennifer um vierzehn Minuten nach sieben das Licht im Obduktionssaal anschaltete, waren die Körperöffnungen der Leiche, die auf dem Stahltisch lag, bereits geöffnet und das Gehirn mit einem präzisen Sägeschnitt freigelegt worden. Sie benötigte zuerst ein paar Minuten Zeit, um sich einen Plan für die Vorgehensweise zurechtzulegen. Danach stellte sie Eiterschalen, Probegefäße und Sonden bereit. Die Stipendiatin erschien um zehn nach acht. Sie war eine alleinerziehende Mutter, die keinen Wert auf anstrengende Nachtschichten legte und eine alles andere als leidenschaftliche Beziehung zur Pathologie pflegte. Glücklicherweise war sie feinmotorisch begabt, was ihr fehlendes Engagement ein Stück weit aufwog. Allerdings hatte sie die Neigung zu unpassenden Kommentaren und begann auch gleich damit, sich über den mächtigen, wächsernen Körper auf dem Stahltisch auszulassen, der einem Mann gehörte, den sie aus dem Fernsehen kannte. »Gehört dieser Körper noch irgendjemand?«, fragte Jennifer mit Schärfe. Sie konnte Smalltalk am Seziertisch nicht ausstehen. Die Stipendiatin verstand den Hinweis und nahm sich zusammen. In den nächsten Stunden arbeiteten die beiden Frauen intensiv und mit höchster Konzentration daran, den Körper von Elias Berger in seine Einzelteile zu zerlegen. Das Gehirn wurde vom verlängerten Mark gelöst und herausgehoben. In frischer Form wurde seine Oberfläche genau in Augenschein genommen, ohne dass sie irgendwelche Besonderheiten entdeckten. Wie nach dem äußeren Erscheinungsbild zu vermuten gewesen war, gab es weder nennenswerte mechanische Schäden noch missgebildete Blutgefäße. Jennifer beschloss, das Gehirn für eine gründlichere Untersuchung in Formaldehyd zu fixieren. Gegen zehn kam Professor Korn. Er war erst an diesem Morgen von einer längeren Reise zurückgekehrt und hatte eigentlich am Wochenende frei, doch nachdem er die Nachrichten gehört hatte, war er vom Flughafen direkt zum Institut gefahren. Jennifer teilte ihm die wesentlichen Informationen mit: keine sichtbare Schädigung der inneren Organe, Zustand bisher vereinbar mit angenommener Todesursache, nämlich einer Überdosis Heroin. »Ich bleibe heute hier«, versicherte Korn. »Wir haben so viele Anfragen von den Medien, dass sich jemand darum kümmern sollte.« Jennifer war mehr als froh über seine Anwesenheit. Nicht dass sie etwas dagegen hatte, mit Journalisten zu sprechen, doch könnte sie ohnehin nichts von dem verraten, was sie bereits wusste oder was sie annahm. Sie beschäftigte sich wieder mit der geöffneten Bauchdecke, folgte den Blutgefäßen bis zur Leber, die genauso aufgedunsen und fetthaltig war, wie man es von jemand erwarten konnte, der stets sein Image als passionierter Drogenkonsument gepflegt hatte. Als sie gerade das Skalpell an der Unterseite ansetzte, um die Leber herauszulösen, entdeckte sie eine Geschwulst. Sie war so groß wie ein Golfball, aber mehr oval und mit einer knotigen Oberfläche. Um kurz nach elf machte sie eine Pause und versuchte, Viken anzurufen, um ihm einen vorläufigen Bericht zu geben, erreichte aber nur seinen Anrufbeantworter. Dann klingelte ihr eigenes Handy. Die Nummer auf dem Display war ihr unbekannt, und eigentlich hatte sie auch gar keine Zeit, den Anruf entgegenzunehmen, tat es aber dennoch. »Hier ist Ragnhild Bjerke … die Mutter von Mailin.« Jennifer stutzte darüber, dass Frau Bjerke es für notwendig hielt, diese Erklärung hinzuzufügen. Sie hatten erst vor ein paar Tagen stundenlang miteinander gesprochen. »Natürlich«, sagte sie. »Ich habe die Nachrichten gesehen.« Ragnhild Bjerke hielt inne. »Ist das richtig, was sie sagen? Dass er vielleicht ihr Mörder ist?« Jennifer atmete schwer. »Das müssen die polizeilichen Ermittlungen …« »Glauben Sie, dass er es getan hat?« Ragnhild Bjerkes Stimme war genauso tonlos wie zuvor, doch hörte man ihre Angst am Telefon deutlicher heraus. »Ich würde Ihnen gerne eine Antwort geben, aber leider kann ich mir in dieser Hinsicht kein Urteil erlauben.« Jennifer spürte dieselbe Hilflosigkeit, die sie auch bei ihrem letzten Gespräch empfunden hatte. »Es tut mir sehr leid«, fügte sie hinzu. »Unser Gespräch am Montag war eine große Erleichterung für mich«, fuhr Ragnhild Bjerke fort. »Sie können jederzeit wiederkommen«, ermunterte Jennifer sie. »Wenn Ihnen das hilft.« »Ich habe über Ihre Frage nachgedacht.« »Ja?«, sagte Jennifer, ohne zu ahnen, welche Frage Ragnhild Bjerke meinte. »Nach unserem Gespräch lag ich die ganze Nacht wach und habe darüber nachgedacht. Natürlich habe ich mir damals Sorgen gemacht, wenn ich an den Abenden nicht da war. Lasse hat getrunken. In Nachhinein ist mir klar geworden, dass er auch Drogen genommen hat. Er war noch labiler, als ich Ihnen das letzte Mal erzählt habe. Er hatte enorme Stimmungsschwankungen, aber natürlich hat er die Mädchen geliebt, und so habe ich mir nie vorstellen können …« Jennifer warf einen Blick auf die Uhr. Sie hatte noch viel Arbeit vor sich, brachte es aber nicht übers Herz, das Gespräch abzubrechen. »Mailin hat mir nie etwas erzählt. Aber ich habe sie ja auch nie danach gefragt. Und wenn ich gründlich darüber nachdenke, hat sie es vielleicht doch getan. Einmal wollte sie, dass wir ein Sicherheitsschloss an ihrer Tür anbringen lassen. Sie hatte so etwas wohl im Fernsehen gesehen. Heute frage ich mich, warum ich der Sache damals nicht nachgegangen bin. Und jedes Mal wenn sie wusste, dass ich über Nacht fort sein würde, war sie regelrecht verzweifelt, hat aber andererseits nie etwas Konkretes gesagt, nie geweint und nie protestiert. Wenn ich jetzt daran denke, verstehe ich gar nicht, dass ich überhaupt wegfahren konnte. Dass ich Lasse vertraute. Er hatte ja so schreckliche Alpträume.« Sie schwieg. »Sie sollten sich keine Vorwürfe machen«, sagte Jennifer. »Sie haben es schon schwer genug.« »Wussten Sie, dass er Berger kannte?« Davon hatte Jennifer nichts gehört. »Sie verkehrten in denselben Kreisen, als ich Lasse kennenlernte. Feierten wilde Partys. Und natürlich ist es für ein unerfahrenes junges Mädchen besonders spannend, einem Künstler zu begegnen, der grenzenloses Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten hat.« Nachdem sie aufgelegt hatte, versuchte Jennifer erneut, Viken zu erreichen, doch auch diesmal ohne Erfolg. Sie entschied sich, es bei Roar zu versuchen. Damit würde sie ihm auch die Gelegenheit geben, sie für heute Abend zu sich nach Hause einzuladen. »Ich steh im Stau«, stöhnte er und wirkte gereizt. »Erst verschlafe ich total, und dann gerate ich auch noch mitten in einen Verkehrsunfall am Teisenkrysset. Vor fünf Minuten hat unsere Teambesprechung angefangen.« »Da wird Papa bestimmt schimpfen«, zog sie ihn auf, obwohl sie spürte, dass er für Scherze gerade nicht empfänglich war. »Es ist echt die Hölle los«, entgegnete er. »Ich erinnere nur an die Orderud-Sache.« »Bei uns ist es nicht viel anders«, tröstete sie ihn. »Hätten wir hier keine Sicherheitskräfte, würden sie bestimmt in den Obduktionssaal eindringen.« Für einen Augenblick stellte sie sich eine wilde Journalistenmeute vor, die sie an die Wand drückte, während Fotografen ihre Kameras in den offenen Bauch des halb obduzierten Leichnams hielten. Sie seufzte und hatte plötzlich den starken Drang, über etwas anderes mit ihm zu reden. Trotzdem sagte sie: »Willst du einen Obduktionsbefund hören? Berger hatte Bauchspeicheldrüsenkrebs.« Sie hörte ein Pfeifen am anderen Ende. »Aber daran ist er wohl nicht gestorben.« »Natürlich nicht. Die ersten Ergebnisse der Blutproben bestätigen die Annahme einer Überdosis Heroin.« »Er litt also an einer tödlichen Krankheit?« »Genau. Ich habe im Ullevål-Krankenhaus angerufen und den Oberarzt an den Apparat bekommen, der Berger behandelt hat. Die Geschwulst wurde vor über einem halben Jahr entdeckt. Sie hat sich rasch entwickelt. In der Klinik haben sie ihm noch drei Monate gegeben, höchstens sechs.« »Wusste Berger davon?« »Sie haben es ihm sehr deutlich gesagt. Der Arzt meinte, Berger hätte sein Schicksal akzeptiert.« »Er wartete also auf sein eigenes Ende, während er seine Talkshows machte. Wurde er nicht behandelt?« »Er bekam nur schmerzlindernde Medikamente. Darüber hinaus hat er sich selbst behandelt, wie du weißt. Er hat ja klar zum Ausdruck gebracht, dass er Heroin Morphium vorzieht.« Als sie auflegte, klopfte es an ihrer Bürotür. Eine junge Frau, Mitarbeiterin der Spurensicherung, streckte den Kopf herein. »Wir möchten gerne, dass Sie sich das hier ansehen«, sagte sie und wedelte mit einem Blatt Papier. Jennifer nahm es ihr ab, faltete das Blatt auseinander und schaute es lange an. Nach einer Weile blinzelte sie gedankenverloren zu der jungen Frau hinüber, die immer noch in der Tür stand. Sie hatte irgendetwas gefragt, doch Jennifer hatte nichts mitbekommen. Als sie zum Telefonhörer griff, wartete die junge Frau nicht länger auf eine Antwort, drehte sich um und schloss die Tür hinter sich. 34 F ünf Minuten waren vergangen, seit Roar aufgelegt hatte, als Jennifer erneut anrief. Die Autoschlange stand immer noch still, ein paar hundert Meter von Teisen entfernt. »Ich hätte dir ja gerne geholfen«, zwitscherte sie. »Dann schick mir einen Hubschrauber.« Sie lachte und schien guter Laune zu sein. »Ich habe gerade ein Untersuchungsergebnis auf meinen Schreibtisch bekommen.« Er hatte ihr zu erklären versucht, dass sie ihn lieber nicht als Informationskanal benutzen sollte. Das hatte ihm schon genug Scherereien bereitet. Bevor er etwas erwidern konnte, fuhr sie fort: »Die Haare, die wir bei Mailin Bjerke gefunden haben, zeigen eine ziemlich seltene Variante mitochondrischer DNA. In der norwegischen Bevölkerung hat nur jeder Zehnte diese Variante.« »Berger?« »Er hat diese Variante.« Roar drückte auf die Hupe, als ein Motorradfahrer, der sich seinen Weg zwischen den Autos hindurchbahnte, mit dem Ellbogen seinen Außenspiegel zur Seite schlug. Nachdem er einen saftigen Fluch losgelassen hatte, sagte er resigniert: »Darüber musst du unseren Ermittlungsleiter informieren, Jenny, und nicht mich.« »Ich habe drei Mal versucht, bei Viken anzurufen, aber er geht nicht ran. Sitzt wahrscheinlich in einer Besprechung.« Die Besprechung, an der ich teilnehmen sollte, stöhnte Roar im Stillen. Er dachte daran, dass er lieber auflegen und dafür sorgen sollte, den Rest von Jennifers Neuigkeiten aus Vikens Mund zu hören. Aber er konnte sich nicht beherrschen. »Es ist überhaupt nicht gesagt, dass die Haare von Berger stammen, oder?« Jennifer bestätigte dies. »Da ist noch was«, fuhr sie fort. In die Schlange schien ein wenig Bewegung zu kommen. Roar glitt dreißig Meter nach vorne, ehe der Verkehrsfluss wieder zum Erliegen kam. »Noch was?« Er hörte, wie gereizt er klang. »Tut mir leid, Jenny. Ich bin ein bisschen gestresst.« »Ist ja auch kein Wunder. Du kriegst bestimmt Haue, wenn du endlich bei der Arbeit auftauchst, Mihaly Horvath.« Es gefiel ihm nicht, dass sie diesen Namen benutzte. »Jetzt sag schon.« »Liss Bjerke hat gestern am späten Abend noch bei mir angerufen.« »Schon wieder?« »Sie besteht immer noch darauf, nur mit mir zu sprechen.« »Obwohl sie inzwischen, wie von ihr verlangt, von einer Kollegin vernommen wurde?« Auf der Nebenspur krochen die Fahrzeuge jetzt weiter, also wechselte Roar die Fahrbahn. »Sie war am Mittwoch bei Berger«, erklärte Jennifer. »Er hat versucht, sie festzuhalten, und etwas davon gemurmelt, dass er wisse, was mit Mailin passiert sei.« »Und was soll das sein?« »Das hat sie nicht herausgefunden. Er war so bekifft, dass sie lieber abgehauen ist.« Roar wechselte wieder auf die andere Fahrbahn hinüber. Jennifer hatte noch mehr zu erzählen. Von Mailin Bjerkes Mutter, zum Beispiel, die ebenfalls bei ihr gewesen war und sich um einen Ehering sorgte, der verschwunden war. Und dass sie unbedingt überprüfen mussten, ob an dem Abend, als Mailin verschwand, die Telefonanlage am soziologischen Institut in Blindern gestört gewesen war. »Wir wissen ja gar nicht, ob sie wirklich am Abend des 11. Dezember verschwunden ist. Es gibt keinen einzigen Zeugen, der sie an diesem Tag gesehen hat.« Plötzlich zuckte er zusammen. »Was hast du da eben von einem Ring gesagt?« In einer ihrer ersten Teambesprechungen im Dezember war es auch um einen Ring gegangen, den jemand von Mailin Bjerkes Finger entfernt hatte. Darum wollte sich ein Kollege kümmern, aber danach hatte Roar nichts mehr darüber gehört. »Wenn Mailin Bjerke einen Ehering getragen hat«, sagte er zu Jennifer, nachdem sie mit ihrer Erklärung fertig war, »dann war doch bestimmt etwas darin eingraviert?« Diese Frage zu stellen kam ihm so vor, als werfe er seine Angel in einen Teich, in dem es fast keine Fische gab. Er fuhr zusammen, als dennoch einer anbiss: »Dein Aage«, antwortete Jennifer, »außerdem das Datum der Hochzeit.« Er hatte Teisenkrysset gerade hinter sich gelassen und konnte jetzt das Ende des Staus sehen, als sein Handy erneut klingelte. Er sah den Namen auf dem Display, drückte die grüne Taste und sprach sofort drauflos: »Ich stehe gerade im Stau, habe verschlafen und noch nicht gefrühstückt, muss seit achtzehn Minuten an einer wichtigen Besprechung teilnehmen und habe einen Haufen Probleme am Hals. Wenn du also schlechte Nachrichten hast, dann quatsch sie mir lieber auf den Anrufbeantworter.« »Freut mich auch, dich zu sprechen«, entgegnete Dan-Levi. »Du wollest doch schon immer am Ort des Geschehens sein. Alle, die seit gestern Nachrichten gehört haben, wissen, dass du im Zentrum der Ereignisse stehst.« Endlich schien der Stau sich aufzulösen. »Ich habe über die Frage nachgedacht, die du mir im Klimt gestellt hast«, fuhr sein Freund fort. »Hatte ich dir eine Frage gestellt?« »Ich meine die Sache, die in der Bibel steht: ›Wenn dir dein rechtes Auge Ärger bereitet‹ und so weiter. Ich habe einige Informationen über Berger zusammengetragen. Baal Zebub, zum Beispiel. Dem Alten Testament zufolge war es der Prophet Elias, der den ›Herrn der Fliegen‹ als Gott ohne Macht entlarvte. Unser Elias, also Berger, fordert in einem Interview dazu auf, sich erneut solchen Abgöttern zuzuwenden. Ich zitiere: ›Ich bin nicht ohne Glauben, doch muss ich einen Gott anbeten, den ich hier zurücklassen kann, nicht einen, dem ich womöglich auf der anderen Seite wieder begegne.‹« »Also ich weiß nicht, ob uns diese Geschichte irgendwie weiterbringt«, sagte Roar mit einem Stöhnen. Endlich konnte er Gas geben und an dem verunglückten Fahrzeug vorbeifahren, dessen Kühlerhaube mit der Leitplanke kollidiert war. »Nur Geduld, Roar, du wirst schon sehen. Berger war von dem Gedanken besessen, ein Prophet zu sein. Aber er wollte nicht die Ankunft des Heilands verkünden, sondern die Menschen dazu bringen, jeden Erlösungsgedanken aufzugeben. Ein umgekehrter Prophet sozusagen, verglichen mit dem Elias, nach dem er benannt wurde. Ich hab mir mal ein paar der Songtexte angeguckt, die er als der Frontmann von Baal-zebub geschrieben hat. Interessiert?« »Spuck’s aus!« »In ›Revenge‹ geht es um eine biblische Geschichte, in der Elias, also Gottes Prophet, die falschen Propheten des Götzen Baal auf dem Berg Karmel versammelt. Elias fordert sie auf, ihm zu zeigen, dass ihr Gott in der Lage ist, Feuer zu entzünden. Als sie das nicht schaffen, bringt Elias Gott dazu, dieses Wunder zu vollbringen. Daraufhin erkennen die Menschen, wer der wahre Gott und wer nur ein Scharlatan ist. Danach nimmt Elias die Propheten mit an einen Fluss und tötet sie, insgesamt vierhundert Leute, in Gottes Namen. In Bergers Text heißt es, dass Baals Propheten aus der Hölle zurückkehren und Elias die Augen herausreißen.« Roar stieß ein missmutiges Grunzen aus, doch Dan-Levi war noch lange nicht fertig. »In einem anderen Song mit dem Titel ›The Hell of The New Age‹ beschreibt er, wie er zur Hölle reist und Milliarden von Verbrechern, Mördern, Kinderschändern und Gotteslästerern freilässt, die eigentlich zu ewiger Verdammnis verurteilt sind, und stattdessen Pfarrer, Anwälte, Lehrer und Psychologen ins Fegefeuer schickt, all diejenigen, wie es im Text heißt, die ›Lügen über die Welt verbreiten, in der wir leben‹. Und das ist nur der Text, wie wir ihn verstehen. Stell dir vor, dass die Texte vielleicht voll von geheimen Botschaften sind, die so schnell gesungen werden, dass nur unser Unterbewusstsein sie aufnehmen kann.« Roar dachte darüber nach. »Ziemlich gute Story, Dan-Levi. Fragt sich nur, ob das Alte Testament und ein paar Songtexte aus den 80er-Jahren als Beweismaterial vor Gericht ausreichen.« Dan-Levi fuhr noch eine Weile fort, sich über biblische Mordmotive auszulassen. Das half Roar sogar ein wenig, sich zu entspannen. Sein Freund war ein guter Erzähler, und Roar hatte schon immer gedacht, dass Dan-Levi es als Prediger oder Strafanwalt noch weiter gebracht hätte als als Journalist. »Grüß Sara von mir«, sagte er schließlich, ehe er auflegte. Danach wunderte er sich über sich selbst. Es war lange her, dass er seiner Jugendliebe Grüße hatte ausrichten lassen. Der Konferenzraum war brechend voll, als Roar sich mit fast vierzigminütiger Verspätung zur Tür hereinquetschte. Er musste sich hinten an die Wand neben die Tür stellen. Außer Viken waren alle fünf Taktiker und mehrere Kriminaltechniker anwesend. Sogar der Dezernatsleiter Sigge Helgarson gab sich die Ehre. Roar tröstete sich damit, dass er normalerweise immer absolut pünktlich war und so gesehen etwas guthatte. Sein Vater pflegte immer zu sagen: »Ein Mal ist kein Mal. Zwei Mal ist Gewohnheit.« Viken hielt gerade einen kleinen Vortrag über das Erstellen von Täterprofilen. Er erläuterte Theorien, mit denen er während seiner Zeit in England Bekanntschaft gemacht hatte. Schon mehrmals hatte er Roar anhand praktischer Beispiele verdeutlicht, dass die Kenntnis des psychologischen Täterprofils der Schlüssel zur Lösung komplizierter Mordfälle sein konnte. Wie Roar allerdings festgestellt hatte, gab es im Dezernat nicht viele Kollegen, die dieses Interesse teilten. Viken stand immer noch in Kontakt mit einem pensionierten Kollegen aus Manchester, »einem der Topexperten auf diesem Gebiet«, wie er stets betonte, ohne dass dies seinen Vorgesetzten oder seine Kollegen besonders beeindruckt hätte. »Das psychologische Täterprofil in den Fällen Bjerke und Richter ist auffallend ähnlich«, stellte er fest. Er stand auf, griff zu einem Stift und schrieb ein paar Stichworte an die Tafel. »Ylva Richter kannte ihren Mörder vermutlich von früher. Er war ungefähr in ihrem Alter und dürfte einen ähnlichen sozialen Hintergrund haben. Wahrscheinlich hat er den Mord nicht geplant, sondern sich seinem Opfer mit anderen, vielleicht sexuellen, Absichten genähert. Dabei hat er die Kontrolle über sich verloren, was womöglich mit einer Abweisung in Verbindung steht.« »Und die Augen?« »Eine Bestrafung. Sadistische Aggression. Es kann auch eine symbolische Bedeutung haben.« Er ließ seinen Blick durch den Raum schweifen, bemerkte den Neuankömmling jedoch nicht. »Der Täter dürfte nach der Tat einige Änderungen vorgenommen haben. Wenn er aus derselben Gegend kam, ist er vielleicht umgezogen, zumindest zeitweilig. Vielleicht hat er sein persönliches Umfeld, seinen Arbeitsplatz oder die Schule gewechselt. Was seinen Hintergrund angeht, war er vielleicht selbst einmal grober Gewalt oder sexuellem Missbrauch ausgesetzt.« »Und dort liegt also das Motiv?«, wollte Sigge Helgarson wissen. Der Dezernatsleiter war nur wenige Jahre älter als Roar, ein schmächtiger, blasser Isländer, der aussah, als litte er permanent unter Schlafmangel. Viken zufolge lag das an seinem ständigen Kampf, seine Führungsaufgabe mit seinem Familienleben unter einen Hut zu bringen. Der Kommissar nickte ein paarmal bedächtig, als habe er schon auf die Frage gewartet und freue sich, dass sie endlich gestellt wurde. »Das Motiv einer solchen Tat hat stets mehrere Facetten. Fassen wir noch mal zusammen: Mailin Bjerke versteckt einen Computerausdruck, der von dem Ylva-Fall handelt. Unmittelbar darauf wird sie ermordet. Jim Harris hat vielleicht etwas gesehen, das mit ihrer Entführung oder Ermordung zu tun hat. Ein paar Tage später wird er aus dem Fjord gefischt. In VG deutet Berger an, dass er weiß, was mit Mailin passiert ist. Bevor er sich näher dazu äußern kann, ist auch er tot. Natürlich können wir nicht ausschließen, dass es keinen Zusammenhang zwischen diesen Vorfällen gibt, doch ist die Wahrscheinlichkeit sehr viel größer, dass wir es mit einem Mörder zu tun haben, der mindestens vier Menschen auf dem Gewissen hat.« Roar hatte alle Mühe, sich zurückzuhalten. Er hatte lange davon geträumt, derjenige zu sein, der entscheidende Informationen verkündete. Informationen, die einem Fall eine Wende geben und einen Durchbruch bedeuten konnten. Ich habe mit Jennifer Plåterud gesprochen … Er konnte sich Vikens Reaktion, noch bevor er seine eigentliche Quelle bekanntgab, lebhaft vorstellen, was seinen Ambitionen, sich als Primus hervorzutun, einen entscheidenden Dämpfer versetzte. Doch er konnte seinem Drang nicht widerstehen und sagte: »Wie wir wissen, hatte Mailin Bjerke irgendwelche brisanten Informationen über Berger. Informationen, die sie offenbar während der Ausstrahlung von Tabu der Öffentlichkeit mitteilen wollte.« Alle drehten sich zu ihm um. Viken erwiderte: »Bevor du gekommen bist, haben wir zufällig darüber diskutiert, warum Berger sich das Leben genommen oder versehentlich eine Überdosis gespritzt haben könnte. Wir haben uns auch über die Möglichkeit unterhalten, dass er sich von etwas bedroht gefühlt haben könnte, das Mailin Bjerke über ihn wusste. Ist also nicht ausgeschlossen, dass jemand, der von seinem schlechten Ruf lebt, plötzlich kalte Füße bekommt, weil jemand eine Leiche in seinem Keller entdeckt hat. Aber wenn du in dieser Hinsicht noch einen interessanten neuen Gesichtspunkt hast, Horvath, dann brennen wir darauf, ihn zu erfahren.« Wenn nicht, dann halt die Schnauze, vollendete Roar in Gedanken den Satz. Er war ärgerlich und fühlte sich wie ein nasser Hund, der seine Leine verschmäht hatte. Er hatte nicht einmal vier Stunden geschlafen und wusste aus Erfahrung, dass Schlafmangel seine Urteilsfähigkeit minderte. Da aber nun alle Blicke auf ihn gerichtet waren, wollte er irgendetwas zur allgemeinen Diskussion beitragen. »Elias Frelsøi, also Berger, wurde von seinen Eltern nach dem Propheten Elias benannt«, begann er und wusste sofort, dass er sich zu weit vorgewagt hatte. »Der Kerl war wie besessen von Prophezeiungen und vertrat unter anderem die Meinung, dass wir Götzen anbeten sollten, zum Beispiel Baal Zebub, den Herrn der Fliegen.« Roar kam sich vor wie ein Skispringer, der zu früh abgesprungen war, sogleich von einer Windböe erfasst wurde und obendrein vergessen hatte, seine Bindungen zu schließen. In einem verzweifelten Versuch, mit den Beinen zuerst zu landen, brabbelte er irgendetwas vom Propheten Elias, der vierhundert falsche Propheten getötet habe, und wie diese vierhundert in Bergers Version auf die Erde zurückkämen und Elias die Augen herausreißen würden. Er streifte das Matthäus-Evangelium – oder war es Markus? –, in dem der Satz zu finden sei, dass man sich sein rechtes Auge herausreißen solle, wenn es einem Probleme bereite. Dan-Levis Argumentation hatte womöglich einen bedenkenswerten Kern gehabt, doch in Roars Nacherzählung war dieser Kern nicht mehr zu finden. Da stand er nun und wusste genau, von wem der Ring stammte, der in Bergers Auto gefunden worden war. Er hätte interessante Aufschlüsse über die mitochondrische DNA der Haarprobe und Bergers etwaigen Versuch geben können, sich der Schwester der Toten anzuvertrauen. Und schon bald würde die gesamte Mannschaft von diesen hochinteressanten Dingen erfahren, nur eben nicht von ihm. Er hatte drei Asse im Ärmel, zumindest zwei Asse und einen Buben, doch alles, was er auf den Tisch legte, war eine Kreuz-Zwei, mit der niemand etwas anzufangen wusste, am allerwenigsten er selbst. »Herzlichen Dank, Horvath«, unterbrach ihn Viken. »Fehlt nur noch, dass die Nachfahren Jesus Christi in Oslo auftauchen und von einem zwei Meter großen Auftragskiller verfolgt werden, der zudem Albino ist. Berger gar nicht mal so unähnlich.« Das Gelächter, das folgte, war das Beste, was Roar sich hatte erhoffen können. Es war die Art von Gelächter, die alle auf einen Schlag aus einer beklemmenden Stimmung befreit. Und Viken wirkte mehr als zufrieden, dass ihm diese Möglichkeit auf dem Silbertablett serviert worden war. Sogar Flatlands versteinerte Miene löste sich in einem Grinsen. Ein paar Minuten später, nachdem das Treffen vorüber war, klopfte der schmächtige und sehnige Kriminaltechniker Roar auf den Rücken. »Von nun an werde ich dich da Vinci nennen«, erklärte er und drehte sich um – vermutlich, um sein breites Grinsen zu verbergen. 35 Montag, 12. Januar R oar parkte oberhalb der Kirche. Es war fast noch eine halbe Stunde Zeit, bis das Begräbnis stattfinden sollte, doch bereits jetzt herrschte vor dem Kirchenportal ein großer Andrang. Frauen, gekleidet in gedeckten Farben, Männer in verschiedensten Schattierungen zwischen Dunkelgrau und Schwarz. Er selbst hatte die Möglichkeit genutzt, sich einen neuen anthrazitfarbenen Anzug mit weißen Nadelstreifen zu kaufen. Er ging zwischen den Gräbern umher und blieb am Rande der Menschenmenge stehen. Ein paar Minuten später tauchte Viken auf. Er erblickte Roar, blieb stehen, fummelte an seinem Handy herum und schrieb anscheinend eine SMS. »Da kann man mal sehen«, sagte er, als Roar auf ihn zuging. Schwer zu sagen, was er damit meinte. Seit ihrem Gespräch in Bergers Küche war es das erste Mal, dass sie wieder allein waren. Roar hatte mehrmals erwogen, in Vikens Büro zu gehen und dem Kommissar zu erklären, warum er in der Tiefgarage verschwiegen hatte, wer seine Informationsquelle war, doch es sträubte sich alles in ihm bei dem Gedanken, mit Viken über Jennifer Plåterud zu reden. Außerdem war das Gefühl lächerlich, dass er etwas zu gestehen hatte. Er nahm sich zusammen, rief sich zur Ordnung und dachte daran, dass er vierunddreißig und nicht sechzehn Jahre alt war. In diesem Moment erschien sie auf der Bildfläche. Er verzog das Gesicht und wandte den Kopf ab, während er das Klacken ihrer Stilettos auf dem Asphalt hörte. Er hätte sich ja denken können, dass auch Jennifer hier auftauchen würde. Aus irgendeinem Grund hatte sie sowohl zu Liss Bjerke als auch zu deren Mutter ein Vertrauensverhältnis entwickelt. Als er sich zu ihr umdrehte, blinzelte sie ihn auf eine Art und Weise an, die Verwunderung darüber ausdrücken mochte, ihn im Anzug zu sehen. Roar wusste genau, was sie über das mangelnde Stilempfinden der norwegischen Männer dachte. Viken war da natürlich eine rühmliche Ausnahme. Hätte man den bestangezogenen Kommissar der Osloer Polizei gekürt, wäre die Wahl unweigerlich auf ihn gefallen. »Immer bei der Arbeit?«, fragte Jennifer leise. »Wir schon, Sie nicht!«, entgegnete der Kommissar schroff. Roar schaute sie mit undurchdringlichem Blick an. Hätte er gewusst, hier zwischen die Fronten von Jennifer und Viken zu geraten, hätte er sich für diese Beerdigung eine Ausrede einfallen lassen. Gestern Abend hatte sie ihn angerufen und angedeutet, dass sie durchaus noch bei ihm vorbeikommen könne. Er hatte entgegnet, Emily sei bei ihm und er müsse früher aus den Federn als Andersen auf Skarnes, um seine Tochter am nächsten Tag in den Kindergarten zu bringen, außerdem sei er schon auf dem Weg ins Bett. Jennifer hatte erwidert, sie kenne keinen Andersen auf Skarnes, die Botschaft aber verstanden. Roar war schon mehrmals in der Kirche in Lørenskog gewesen, das letzte Mal bei der Taufe seines Neffen vor einem Jahr. Die Kirche stammte aus dem 12. Jahrhundert, schlicht, weiß gekalkt, mit nach Süden gewandten Fenstern, die das einströmende Licht färbten und es quer durch den Kirchenraum warfen, der jetzt bis auf den letzten Platz gefüllt war. Sie ergatterten gerade noch zwei Randplätze in der vorletzten Reihe. Viele blieben an der Eingangstür oder im Vorraum stehen, manche auch draußen vor der Tür. Der Kirchenraum war ein einziges Blumenmeer. Roar konnte sich nicht daran erinnern, jemals so viele Blumen bei einer Beerdigung gesehen zu haben. Sie schmückten sowohl den Sarg als auch den Altar und den Mittelgang. Er spürte den Druck von Jennifers Oberschenkel an seinem. Sie saß zwischen ihm und Viken. Der Blick des Kommissars schweifte durch den Raum. Nicht einen Augenblick lang hatte er diesen Fall für aufgeklärt gehalten. Roar hatte erwartet, dass der Fund des Rings Viken zum Umdenken veranlassen würde, doch als sie am Freitagnachmittag die neuen Erkenntnisse rekapitulierten, hatte sich Viken nicht ansatzweise beeindruckt gezeigt. Er betonte, dass Berger ständig Besuch gehabt habe und in letzter Zeit nahezu durchgehend berauscht gewesen sei. Dass jemand Mailin Bjerkes Ring vorsätzlich in Bergers Auto deponiert habe, sei nicht nur denkbar, sondern sogar wahrscheinlich, behauptete er. Der Betreffende hätte ohne Weiteres ein paar Haarsträhnen aus Bergers Wohnung entwenden und am Fundort der Leiche platzieren können. »Wirkt das nicht ein bisschen konstruiert?«, hatte Dezernatsleiter Helgarson während der Nachmittagsbesprechung eingeworfen. »Konstruiert?«, fragte Viken zurück. »Dass jemand versucht, den Verdacht von sich abzulenken, oder sich an diesem Typen für irgendwas rächen will? Berger war ja nicht gerade beliebt.« Der Dezernatsleiter nahm an der Besprechung teil, um sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie viele Mitarbeiter er von dem Bjerke-Fall abziehen und mit anderen dringlichen Aufgaben betrauen konnte. Auf der Pressekonferenz, die unmittelbar zuvor stattgefunden hatte, war er unvorsichtig genug gewesen zu behaupten, es gebe »eindeutige Hinweise, die Berger mit dem Mord an Mailin Bjerke in Verbindung bringen«. Das leuchtete allen ein. Niemand zweifelte daran, dass Berger etwas mit diesem Verbrechen zu tun hatte.Die Zeitungen verstanden Helgarsons Aussage so, dass der Fall so gut wie aufgeklärt sei. Falls sich das als Irrtum erweisen sollte, würde kein Redakteur deswegen seinen Job verlieren. Helgarsons Aussage diente allen Zeitungen vielmehr als Vorwand, mit den fettesten Schlagzeilen aufzuwarten, die Berger allesamt als mutmaßlichen Mörder hinstellten. Viken störte das nicht. Das trug zumindest dazu bei, dass sie für eine Weile in Ruhe arbeiten konnten. Intern wehrte er sich indes heftig gegen die These, dass der Talkmaster der gesuchte Mörder sei. Seine Argumente waren im Grunde dieselben, die er bereits am Freitag vorgebracht hatte, bevor die neuesten Informationen bekannt geworden waren. Dennoch war es gut möglich, dass sich Viken unerschütterlicher gab, als er tatsächlich war, um zu verhindern, dass wichtige Ressourcen von seinem Fall abgezogen wurden. Ungeachtet dessen riskierte Helgarson keine Auseinandersetzung mit ihm, machte jedoch deutlich, dass schon bald eine Neubewertung des gesamten Falls vorgenommen werde. Roar beugte sich ein wenig zur Seite, um die Personen in der ersten Reihe besser sehen zu können. Einige erkannte er von hinten. Nahe am Mittelgang saß der Stiefvater der Toten. Nachdem Jennifer ihn im Auto während des Staus angerufen hatte, hatte er Kontakt zur Universität in Oslo aufgenommen. Von gestörten Telefonverbindungen am 11. Dezember hatte niemand etwas gehört. Neben dem Stiefvater saß eine Frau mit hängenden Schultern. Mailins Mutter, vermutete Roar. Neben ihr, auf der anderen Seite, erblickte er die langen, kastanienbraunen Haare von Liss und daneben Viljam Vogt- Nielsen, der regungslos dasaß und den Kopf gesenkt hielt. Er hatte vermutlich alles getan, um sie bei ihren Ermittlungen zu unterstützen, war andererseits aber nicht sonderlich engagiert gewesen. Roar schien Viljams Trauer tief und authentisch zu sein, außerdem besaß er ein fast lückenloses Alibi. Dennoch war deutlich, dass Viken ihn keineswegs von der Liste der Verdächtigen gestrichen hatte. Den Worten des Pfarrers war zu entnehmen, dass er Mailin seit vielen Jahren gekannt hatte. Er beschrieb sie als Inbegriff von Güte und Wärme. Sie sei stets für ihre Mitmenschen da gewesen, vor allem für diejenigen, die auf dunklen Pfaden gewandert seien. Einer dieser Wanderer hat sie bedroht, dachte Roar, vielleicht sogar mehrere. Sie hatten immer noch keinen detaillierten Eindruck von all ihren Patienten gewonnen, obwohl Mailins Mentor ihnen behilflich gewesen war, Kontakt zu den männlichen Patienten herzustellen, die an Mailins Studie teilgenommen hatten. Einer von ihnen war an einer Überdosis gestorben, ein anderer lag nach einem Verkehrsunfall im Krankenhaus. Die fünf anderen hatten sich bei der Polizei gemeldet, nachdem Mailins Betreuer sie dazu aufgefordert hatte, doch keiner schien mit dem Mord in Verbindung zu stehen. Bei der Krankenkasse waren nur wenige ihrer Patienten registriert, und Mailins Computer, auf dem sich alle Patientenakten befanden, war nie wieder aufgetaucht. Auch keine Ausdrucke oder dergleichen. Der Aktenschrank, den sie sich in der Welhavens gate mit ihren Kollegen geteilt hatte, war nach Genehmigung des Amtsarztes durchsucht worden. Er enthielt einige Entwürfe zu ihrer Habilitationsschrift, doch keine Patientenakten. Ihre beiden Praxiskollegen saßen ein paar Bankreihen vor Roar ganz außen. Er hatte sie bereits auf dem Weg in die Kirche gesehen, die sie Hand in Hand betreten hatten. Torunn Gabrielsen hatte zunächst gelogen, um ihrem Lebensgefährten ein Alibi für den Abend des 11. Dezember zu verschaffen. Doch mit einer umfassenden Anklage wegen Versicherungsbetrugs im Nacken hatte Pål Øvreby seine Aussage schließlich geändert. Die Prostituierte, mit der er angeblich mehrere Stunden verbracht hatte, ließ sich dennoch nicht aufspüren. Er konnte ihren Vornamen nennen, ein Hotelzimmer in der Slippergata und seltsamerweise auch das Alter des Mädchens, das er mit »mindestens siebzehn« angab. Der Sarg wurde hochgehoben und durch den Mittelgang getragen. Die vorderen Träger waren Viljam und Mailins Stiefvater. Drei junge Männer, vermutlich Verwandte oder nahe Freunde, umfassten die Griffe hinter ihnen. Vom biologischen Vater gab es weiterhin kein Lebenszeichen, obwohl man große Anstrengungen unternommen hatte, ihn aufzuspüren. Roar dachte daran, dass er Jennifer noch fragen musste, was sie ihm an jenem Morgen, als sie ihn in der Tiefgarage angerufen hatte, erzählen wollte. Als letzten Sargträger erkannte Roar Mailins Betreuer, denn Tormod Dahlstrøm war einer dieser renommierten Psychiater, die zu allen Fragen des Lebens, ob privater oder politischer Natur, stets eine Antwort wussten. Liss schritt neben ihrer Mutter, die fast einen Kopf kleiner war als sie, hinter dem Sarg her und blickte zu Boden. Hinter ihnen schlossen sich andere der Prozession an. Ältere Menschen, Kinder, Erwachsene. Roar erkannte ein paar vertraute Gesichter aus Lillestrøm, unter ihnen ein vielversprechender Fußballer aus der ersten Liga. Ihm fiel auf, dass Mailin Bjerke Verbindungen zu den unterschiedlichsten Menschen gehabt hatte, und obwohl er ihr nie persönlich begegnet war, spürte er, wie die Trauer, die im Raum herrschte, auch ihn erfasste. Draußen hatte sich die Sonne einen Weg durch die dünnen Risse in der Wolkendecke gebahnt. Der Sarg war in den Leichenwagen geschoben worden. Dahinter versammelten sich in aller Stille mehrere hundert Menschen. Dem Wagen am nächsten stand der Stiefvater, der Mailins Mutter umfasst hielt. Einen Meter neben ihnen Liss und Viljam. Ein Vogel begann in einem Baum zu zwitschern; eine Kohlmeise, wie Roar feststellte. Sie klang, als wäre es bereits Frühling. Als sich der Wagen in Bewegung setzte, riss die Mutter sich los und lief hinter ihm her. Roar hörte sie rufen, vermutlich den Namen ihrer Tochter. Sie holte den Wagen ein, er blieb stehen. Sie versuchte, die Heckklappe zu öffnen. Der Stiefvater und einige andere folgten ihr. Er fasste sie am Arm, doch sie umklammerte weiterhin den Griff der Heckklappe. Ihre Rufe waren zu einem langgezogenen, unverständlichen Schreien geworden. Roar musste dabei an Emily denken, wenn sie manchmal allein im Dunkeln erwachte. Lange blieben sie stehen und hielten Ragnhild Bjerke umfasst, bevor sie endlich den Griff losließ. Der Wagen rollte langsam zum Tor hinaus und bog auf die alte Landstraße ab. Ich sitze immer noch in dem Zimmer, das Du gerade verlassen hast. Der Staub hat sich wieder auf den Wohnzimmerboden gelegt, während draußen der Wind aufgefrischt hat. Was ich Dir alles erzählt hätte, Liss, wärst Du nicht davongelaufen. Du hattest keinen Grund zu bleiben. Vielleicht hast Du Angst vor mir bekommen. Angst, ich könnte Dir etwas antun. Du schuldest mir nichts. Aber ich muss dies fertigschreiben, nicht um etwas zu gestehen, sondern weil es erzählt werden muss. Nachdem ich Jo an jenem Abend davon abgehalten hatte, ins offene Meer zu gehen, habe ich ihn mit zu mir genommen, fort vom Strand. Seine Eltern waren die ganze Zeit betrunken und unberechenbar. Er hatte niemand, der sich um ihn kümmerte. Ich nahm ihn mit in meine Wohnung. Er fror, und ich habe ihn unter die Dusche geschickt. Willst du nicht auch duschen?, fragte er. Er war zwölf Jahre alt, Liss, und ich weiß, dass er keine Verantwortung für das trug, was dann geschah. Danach habe ich ihn zum Reden gebracht. Es war etwas mit dem Mädchen, dieser Ylva, geschehen, und auch etwas mit einer Katze. Er war heftig verliebt in diese Ylva und rasend vor Wut auf sie, weil sie mit einem anderen Jungen zusammen war. Ich habe lange mit ihm darüber geredet und ihm versprochen zu helfen. Früher oder später würde Ylva seine Freundin werden, das musste ich ihm schwören. Als er mitten in der Nacht meine Wohnung verließ, war ich mir sicher, dass er nicht ein weiteres Mal versuchen würde, sich zu ertränken. Und das wurde zu einem Wendepunkt für mich. Dass er überleben würde. Nicht nur diese Ferienreise, sondern auch alles, was danach kommen würde. Darum musste ich ihn erneut treffen; das wusste ich, als ich ihn an jenem Morgen, an dem sie nach Norwegen zurückkehrten, in den Bus steigen sah … Natürlich nicht nur deswegen. Ich streifte ziellos durch dieses unfruchtbare Land, fühlte mich immer noch wie ausgetrocknet. Es war der Durst, der mich wieder zu ihm trieb. Es war verboten. Aber es rettete mich. Ein paar Tropfen Wasser sind alles, was ich brauche, sagte ich mir, und Jo brauchte sie genauso wie ich. Es tat ihm gut, wenn wir zusammen waren. Doch er vergaß nie, was ich über das Mädchen gesagt hatte, dem er auf Kreta begegnet war. Stets erinnerte er mich an mein Versprechen: dass ich ihm zeigen würde, wie er an sie herankommen konnte. Dass ich ihm beibringen würde, was er wissen musste. Ylva war die Prinzessin, die Prinz Jo erobern wollte. Obwohl er inzwischen vierzehn war, war es immer noch ein Spiel. So wie auch unser Pakt ein Spiel war. Zu einem Kind kann man sagen: Lieber sterben als irgendjemand zu erzählen, dass wir zusammen sind. Diesen heimlichen und heiligen Bund besiegelten wir mit unserem Blut, nachdem wir uns die Handflächen aufgeritzt hatten. Und sein kindlicher Eifer erweckte in mir die Ahnung einer längst vergessenen Freude. Wie Tropfen, die mich daran erinnerten, dass es auch in meiner Ödnis irgendwo Wasser gab. Habe ich nicht begriffen, wie sehr er bereits geschädigt war? Auch nicht, als er mir erzählte, er könne sich in einen anderen verwandeln, in jemand, der in einem dunklen Keller steht und seinen Hammer schwingt? Habe ich nicht verstanden, dass die Spiele, mit denen wir uns vergnügten, für ihn viel mehr waren, dass sie zu den Geschichten wurden, um die sein Leben kreiste, die alles in Gang hielten? Habe ich es nicht einmal in dem Moment verstanden, als ich Jahre später in der Zeitung von einer jungen Frau las, die in Bergen tot aufgefunden worden war? Reagierte ich nicht einmal, als ich ihren Namen las? TEIL IV 1 Freitag, 16. Januar V iljam war gegen zwei Uhr zurück. Liss saß im Wohnzimmer und schaute aus dem Fenster, ihr Notizbuch im Schoß. Sie hörte, dass er seine Einkäufe in den Kühlschrank einräumte und die leeren Plastiktüten unter der Spüle verstaute. Danach seine Schritte auf der Treppe. »Ich hab das Essen für nachher vorbereitet, isst du heute hier?« Sie zuckte die Schultern. »Der Fußballer hat mich eingeladen.« »Ist es nicht langsam Zeit, ihn bei seinem richtigen Namen zu nennen?«, fragte Viljam mit einem Lächeln. Und Liss fragte sich, was wohl Mailin empfunden haben musste, wenn er so lächelte. Etwas Intensives, Freude oder Trauer. Er legte einen Zettel vor ihr auf den Tisch. »Könnte doch sein, dass er aufgibt, wenn du weiterhin so tust, als würde er dir überhaupt nichts bedeuten.« Sie nahm den Zettel in die Hand. Es war eine Benachrichtigung der Post, dass sie ein Päckchen aus Amsterdam bekommen hatte. Hol es nicht ab, schoss es ihr durch den Kopf. Seit dem Begräbnis war es ihr mehr oder weniger gelungen, das, was damals in der Bloemstraat geschehen war, auf Distanz zu halten. Doch es bedurfte nur einer Postsendung, um ihre Gedanken wieder ins Rollen zu bringen. Den Brief von Zakos Vater hatte sie weggeworfen, aber an manches, was darin gestanden hatte, erinnerte sie sich Wort für Wort. Du musst aufräumen, Liss. So hätte Mailin das gesagt. Aufräumen und weitergehen. Wäre Mailin hier, hätte sie ihr auch sagen können, wohin. »Das ist doch das Postamt am Carl Berners plass, oder?«, fragte sie. »Ja. Wenn du willst, kann ich das Päckchen für dich abholen. Muss mich sowieso noch ein bisschen bewegen, ehe ich zur Arbeit fahre.« Er lehnte sich ans Treppengeländer. Vielleicht wartete er darauf, dass sie noch etwas sagte. »Viljam, ich habe seit Weihnachten fast jede Nacht hier geschlafen. So hatte ich mir das eigentlich nicht vorgestellt.« Er richtete sich auf und sah ihr in die Augen. »Es hilft mir, wenn du hier bist. Ohne dich wäre alles noch viel schlimmer.« Sie wäre am liebsten auf ihn zugegangen und hätte ihn an sich gedrückt. Um Mailin so nahe wie möglich zu sein. Eine halbe Stunde später schaute er noch einmal zu Hause vorbei und gab ihr ein Päckchen im DIN-A4-Format. Sie legte es auf den Küchentisch, ging nach draußen auf die Treppe und zündete sich eine Zigarette an. Rauchte sie bedächtig, während sie zusah, wie sich die Dämmerung über die Dächer senkte. Erwog, das Päckchen ungeöffnet in den Müll zu werfen. Ich werde nie mehr dorthin zurückkehren, dachte sie. Muss Rikke benachrichtigen, dass sie mir keine Post mehr nachschicken soll, und sie bitten, meine Kleider der Heilsarmee zu überlassen. Die Filme und den Ohrensessel kann sie behalten. Im Päckchen lagen zwei Briefe von der Hochschule, eine Nachnahmesendung und ein paar Rechnungen. Die Antwort einer Modellagentur. Wim hatte versprochen, mit ihr was auf die Beine zu stellen. Dieses eine Mal schien er es ernst gemeint zu haben. Sie zerriss den Brief ungelesen und nahm einen gefütterten Umschlag, der ganz unten lag. Ihr Name stand in blauer Tinte darauf. Sie erkannte Mailins schräge, kleine Buchstaben. Der Umschlag trug den Poststempel vom 10. Dezember, dem Tag vor ihrem Verschwinden. Liss’ Hände zitterten so sehr, dass sie den Umschlag nicht aufbekam und ein Messer aus der Schublade holen musste. In dem Umschlag lag eine CD, auf deren Hülle ein kleiner Zettel klebte. »Ich habe am Telefon gesagt, dass alles okay ist. Stimmt aber nicht. Heb diese CD gut für mich auf. Erkläre dir alles später. Ich verlass mich auf dich, Liss. Ich drück dich, Mailin.« Es war dunkel, als sie vom Küchentisch aufstand. Sie schwankte die Treppe hinauf und ging in Viljams und Mailins Schlafzimmer. Dann fuhr sie den Rechner hoch, der auf dem Tisch unter dem Fenster stand, und wartete ungeduldig, bis der Computer zum Leben erwachte. Auf der CD waren zwei Dokumente gespeichert. Liss öffnete das erste, das »Patientenbeispiel 8: Jo und Jakka« hieß. Es enthielt mehrere Seiten Text, ein Gespräch zwischen Therapeut und Patient. Therapeut: Sie haben letztes Mal von einer Urlaubsreise nach Kreta erzählt. Damals waren Sie zwölf Jahre alt. Während dieser Reise ist etwas geschehen, das großen Eindruck auf Sie gemacht hat. Patient: Da war dieses Mädchen. Sie wohnte mit ihrer Familie neben unserem Appartement. Sie mochte mich. Wollte, dass wir zusammen sind. Sie wollte, dass ich verschiedene Dinge tue. Ter: Was für Dinge? (Lange Pause) Pat: Zum Beispiel das mit der Katze. Sie wollte, dass ich ein Katzenjunges quäle. Es hatte nur ein Auge, und es tat mir leid, doch Ylva wollte, dass wir es fangen und quälen. Ter: Sie brachte Sie dazu, Dinge zu tun, die Sie eigentlich nicht tun wollten? Pat (nickt): Und als ich stopp sagte, das können wir nicht machen, hat sie die anderen gegen mich aufgehetzt. Ter: Was ist mit den Erwachsenen? Haben die nichts bemerkt? Pat: Die haben sich nur um sich selbst gekümmert. Alle außer einem. Ter: Der Mann, den Sie schon letztes Mal erwähnt haben, den Sie Jakka genannt haben? Pat: Er wollte, dass ich ihn Jakka nenne. So wurde er genannt, als er in meinem Alter war. Sein Vater hatte einen Kleiderladen. Einen Konfektionshandel, wie er sich ausdrückte. Er wollte nicht, dass ich ihn anders nenne. Später habe ich seinen richtigen Namen herausgefunden. Hab es vielleicht schon von Anfang an gewusst. Ich hatte ja Bilder von ihm in der Zeitung gesehen. Ter: War er allgemein bekannt? (Pause) Pat: Er hat mir was vorgelesen. Ein englisches Gedicht. Er hat es für mich übersetzt. Es handelt von einem ertrunkenen Phönizier, der auf dem Meeresgrund liegt. Ein attraktiver junger Mann, stark und muskulös. Doch jetzt sind nur noch seine Knochen übrig. »Death by water« hieß das Gedicht. Später haben wir es zusammen gelesen. Ter: Sie haben mehrmals mit ihm gesprochen? Pat: Er tauchte ständig auf. War immer da, wenn ich ihn brauchte. Glauben Sie mir etwa nicht? Glauben Sie, ich denke mir das alles nur aus? Ter: Ich glaube Ihnen. Pat: Ich war total am Boden. Hatte mich entschieden, einfach zu verschwinden. Bin im Dunkeln zum Strand gegangen, hab mich ausgezogen und war schon auf dem Weg ins Wasser. Wollte so weit schwimmen, bis ich nicht mehr konnte … Da kam er plötzlich wie aus dem Nichts. Hatte auf einem Stuhl gesessen und aufs Wasser geschaut. Als hätte er auf mich gewartet. »Hey, Joe!«, hat er gerufen. Das tat er immer, wenn er mich sah. Ohne dass ich etwas sagen musste, wusste er genau, was ich vorhatte. Er brachte mich auf andere Gedanken. Nahm mich mit auf sein Zimmer. Dort saßen wir dann und haben die halbe Nacht geredet. (Pause) Ter: Ist in dieser Nacht noch mehr geschehen? Pat: Noch mehr? Ter: Letztes Mal haben Sie angedeutet, dass etwas zwischen Ihnen und diesem Mann vorgefallen ist … Pat (hitzig): Nicht das, was Sie glauben. Jakka hat mich gerettet. Wäre er nicht gewesen, würde ich jetzt nicht hier sitzen. Sie wollen mich zu der Aussage verleiten, dass er mich ausgenutzt hat. Ter: Ich möchte, dass Sie es mit Ihren eigenen Worten erzählen. (Pause) Pat: Mir war kalt. Ich habe in seinem Zimmer geduscht. Danach hat er mich abgetrocknet, mich ins Bett gelegt … Er legte sich neben mich und hat mich gewärmt. Ter: Sie haben gespürt, dass er sich Ihrer angenommen hat. Pat: Mehr als das. Als ich nach Norwegen zurückkam … (Pause) Ter: Sie sind ihm in Norwegen wiederbegegnet? Pat: Eines Tages, im selben Herbst, tauchte er einfach auf, vor der Schule. Wir haben eine lange Spazierfahrt gemacht, haben irgendwo angehalten und sind hinunter an den Strand gegangen. Er mochte mich. Alles, was ich sagte und tat, war okay. Ter: Und danach? Pat: Habe ich ihn wieder getroffen. Bin zu ihm nach Hause und das ganze Wochenende dort geblieben. Mehrere Male. Ter: Und Ihre Eltern? Wussten sie davon? Pat: Das war eine Sache zwischen Jakka und mir. Wir sind einen heiligen Pakt eingegangen. Was wir miteinander taten, ging nur uns beide etwas an. Er hat mir in vieler Hinsicht geholfen. Ter: Wie hat er Ihnen geholfen? (Pause) Pat: Er hat mir zum Beispiel gezeigt, wie ich das mit Ylva machen sollte, wenn ich ihr das nächste Mal begegnete. Ter: Ylva? Das Mädchen, das Sie auf Kreta getroffen hatten? Pat: Darüber will ich nicht mehr reden. Liss las den Text zu Ende, es musste das Protokoll einer Therapiesitzung sein. Es war so detailliert, als wäre das Gespräch aufgenommen und danach niedergeschrieben worden. Sie öffnete das andere Dokument. Es trug den Titel »Anmerkungen« und bestand aus Kommentaren zu einer ganzen Serie von Gesprächen. Sie scrollte nach unten. Unter der Überschrift »Patientenbeispiel 8« stand die Bemerkung: »Therapie nach der vierten Sitzung abgebrochen. Kann natürlich nicht für das Projekt verwendet werden. Gespräche löschen?« Ihr Handy klingelte. Liss sah, dass es Jomar war. Ihr fiel ein, dass sie versprochen hatte, sich vor sechs Uhr zu melden. Jetzt war es halb sieben. »Ich habe einen Tisch reserviert«, sagte er geheimnisvoll, »aber ich sag nicht, wo.« Ihre Gedanken waren immer noch bei Mailin. Während sie das Dokument gelesen hatte, war sie ganz sicher gewesen, Mailins Stimme zu hören, die ihren Patienten befragte. Mailin war an seinem Wohlergehen interessiert, wollte ihm helfen, setzte ihn aber nicht unter Druck. »Acht Uhr, passt dir das?« »Okay«, antwortete Liss und nahm sich zusammen. »Muss ich ein Abendkleid anziehen?« Sie hörte ihn lachen. »Sie prahlen zwar mit ihrem Michelin-Stern, aber die Kleidung ihrer Gäste spielt dabei keine Rolle.« Er fügte hinzu: »Wie du weißt, kann ich dir immer meine Jacke leihen. Die ist so groß, dass du gar nichts darunter anhaben musst.« Liss nahm die CD aus dem Rechner, legte sie wieder in ihre Hülle und schlug ihr Notizbuch auf. Der achte Patient heißt Jo. Sie dachte eine Weile nach, ehe sie fortfuhr: Dahlstrøm sagte, dass sieben Patienten an deinem Projekt teilgenommen haben, doch in den Unterlagen, die ich in deinem Büro gefunden habe, ist von acht Patienten die Rede. Hatte Dahlstrøm nicht erwähnt, dass keine Patienten berücksichtigt wurden, die selbst sexuelle Gewalt ausgeübt hatten? Mailin hatte diese CD vielleicht an einem sicheren Ort aufbewahrt, weil sie befürchtete, sie könne in falsche Hände geraten. Warum hast du mir die CD geschickt? Was soll ich damit, Mailin? Sie las erneut den Zettel, der auf der Hülle klebte: »Ich verlass mich auf dich, Liss.« Du wolltest Berger direkt vor der Talkshow treffen. Du hattest erfahren, dass er selbst sexuellen Missbrauch betrieben hat. Hat das etwas mit der CD zu tun? Ist Berger Jakka? Hast du mit ihm über Papa geredet? Sie musste irgendjemand diese CD zeigen. Hatte Jennifer Schweigepflicht, oder musste sie alle Informationen an die Polizei weiterleiten? Liss stellte sich vor, wie die Pathologin diesem Kriminalkommissar die CD überreichte … Ich verlass mich auf dich, Liss. Mailin verließ sich auf sie. Und warum sollte die Polizei von ihren Patienten erfahren, nachdem sie die Ermittlungen abgeschlossen hatten? Sie legte die CD-Hülle in den Umschlag zurück, nahm ihn mit in ihr Zimmer und legte ihn unter die Matratze. Sie beschloss, Dahlstrøm davon zu erzählen. Vielleicht stattete sie ihm morgen einen weiteren Besuch ab. Sie wollte wissen, was sie mit dieser CD tun sollte. Ob es richtig war, sie der Polizei auszuhändigen. Doch sie hatte noch einen anderen Grund für ihren Besuch. In Gedanken führte sie bereits ein Gespräch mit ihm. Sie ging wieder in Mailins Zimmer, öffnete ihren Kleiderschrank und überlegte, was sie anziehen sollte. Fand eine Bluse mit Rüschen, die sie sich selbst nie gekauft hätte. Rüschen passten zu Mailin, nicht zu ihr. Doch heute Abend wollte sie genau diese Bluse tragen. Dazu die Unterwäsche, die sich Mailin vielleicht für einen bestimmten Anlass gekauft hatte, denn das Preisschild hing immer noch daran. Sie war schwarz, glatt und durchsichtig. Sie zog sie an und betrachtete sich im Spiegel, der neben dem Bett hing. Der Verschluss des BHs war vorne, sodass er sich leicht öffnen ließ, doch natürlich war er ihr zu groß. Sie hakte ihn auf und ließ ihn zu Boden fallen. Es war lange her, dass sie diese Spannung gespürt hatte, wenn sie sich im Spiegel betrachtete, mit nichts als einem String bekleidet. Zu wissen, dass sie jemand anders in wenigen Stunden so sehen würde … Bergers Stimme: Ich weiß, was geschehen ist, Liss. Die Worte brachen über sie herein, sie musste sich hinsetzen. Am Tag nach dem Begräbnis hatte Jennifer angerufen. Liss fragte sie, ob es stimmte, was die Zeitungen schrieben, dass Berger Mailin getötet hatte. Und auch Jim Harris, der etwas gesehen hatte, was er nicht hätte sehen dürfen. Jennifer durfte ihr nicht verraten, was sie herausgefunden hatten, doch Liss verstand, dass die Polizei irgendwelche Beweise in der Hand hielt. Sie wurde die Gedanken an ihren letzten Besuch bei Berger nicht los. Seinen Geruch, als er sie an sich gedrückt hatte. Sie schrieb in ihr Notizbuch: Ich werde dein Grab finden. Jede Nacht werde ich dorthin fahren und den Stein umwerfen und alles herausreißen, was dort wächst. 2 L iss war fertig angezogen und geschminkt und auf dem Weg die Treppe hinunter, als sie eine SMS erhielt. Wie erstarrt blieb sie auf den Stufen stehen. Der Name auf dem Display erschien ihr wie ein böses Zeichen. Erst nachdem sie die Nachricht gelesen hatte, begann sie wieder zu atmen. Judith van Ravens bekundete ihr Beileid. Sie habe Zeitungsberichte verfolgt, viel an Liss gedacht und mit ihr gefühlt, behauptete sie. Liss sah keinen Grund, dies zu glauben. Es sei eine Erleichterung, schrieb Judith van Ravens, dass der Mord nun aufgeklärt sei. Sie wolle in die Niederlande zurückkehren und sich von den Fotos trennen, die sie bis jetzt aufgehoben habe. Sicherheitshalber sende sie diese Fotos jetzt an Liss, damit sie selbst entscheiden könne, ob sie gelöscht oder weitergeleitet werden sollten. Falls notwendig, erklärte Judith van Ravens, werde sie eine Aussage bei der Polizei machen, obwohl dies für den Fall bedeutungslos sei. Liss überlegte es sich anders, als sie ihren Finger bereits auf der Taste hatte, die alle Fotos löschen würde. Es waren vielleicht die letzten Aufnahmen von Mailin. Auch wenn sie Liss an ihren Auftraggeber erinnerten, musste sie die Bilder abspeichern. Sie öffnete den MMS-Speicher, blieb vor dem Spiegel auf dem Flur stehen, während die Bilder heruntergeladen wurden, und kämmte mit langen Bewegungen ihre immer noch feuchten Haare. Das hatte sie seit mehreren Tagen nicht mehr getan. Wenn sie hängenblieb, zog sie die Bürste einfach weiter, sodass sie jedes Mal einen kurzen Schmerz am Haaransatz spürte. Auf dem Display war inzwischen Mailin zu erkennen, wie sie gerade aus der Toreinfahrt in der Welhavens gate trat. Liss scrollte zu einer der Nahaufnahmen hinunter, die an einer Straßenbahnhaltestelle entstanden waren. Ihre Schwester schien einen unbestimmten Punkt über den Dächern anzuschauen, als wolle sie herausfinden, woher das Licht kam. Liss hatte diese Fotos schon einmal gesehen, auf Zakos Handy … Da fiel ihr etwas ein. Es war nichts Konkretes, mehr eine unmerkliche Regung in ihrem Kopf als ein Gedanke. Sie scrollte zurück, bis sie wieder Mailin in der geöffneten Toreinfahrt stehen sah. Auf dem nächsten Bild tauchte eine Gestalt hinter ihr auf. Dann kam ein Bild, auf dem diese Gestalt direkt neben ihr auf dem Bürgersteig stand. Es war ein Mann. Liss ließ ihren Arm sinken. Sie sah ihre eigenen Augen im Spiegel, ihre Pupillen waren so groß, dass sie in ihnen verschwinden konnte. Minuten später klingelte ihr Handy. Sie saß immer noch auf dem Boden im Flur und erwachte aus ihrer Erstarrung. »Ist was passiert?« »Ja«, antwortete sie. »Wann kommst du? Ich warte seit einer Dreiviertelstunde.« »Ich komme nicht.« Sie spürte nicht einmal den Anflug einer Enttäuschung. Er hatte ihr gesagt, dass er Mailin kaum gekannt habe. Er hatte sie angelogen. Menschen logen fast immer. Sie auch, wenn es nötig war. Jomar Vindheim war weder besser noch schlechter als andere. »Du warst in Mailins Praxis. Wenige Wochen vor ihrem Verschwinden.« Er schwieg. »Du bist mehrmals dort gewesen. Du kanntest sie.« Hätte er jetzt etwas entgegnet, hätte sie auflegen und ihr Handy ausschalten können. Doch sein Schweigen provozierte sie. Sie spürte, dass sie von einer Wut erfasst wurde, wusste jedoch nicht, woher diese Wut kam. Sie begann ihm Dinge an den Kopf zu werfen, für die sie keine Belege hatte. Warf ihm vor, bösartig und berechnend und zudem so dumm zu sein, dass er glaubte, sie hinters Licht führen zu können. Sie konnte sich nicht mehr kontrollieren. Alles, was sich aufgestaut und was sie unbewusst zurückgehalten hatte, brach jetzt aus ihr heraus. Irgendwo in ihren Gedanken, jenseits dieser Wut, die immer größere Kraft entwickelte, hoffte sie, er möge auflegen, um all dem Dreck zu entgehen, den sie ihm entgegenschleuderte. Doch er legte nicht auf. Allmählich ließ ihr Zorn nach, wie der Krampf nach einer Entladung. Es gelang ihr, die Wut wegzusperren und in so kleine Portionen aufzuteilen, dass sie sie einzeln hinunterschlucken konnte. Schließlich saß sie da und wiegte den Oberkörper vor und zurück. Das erste Gefühl, das sich ihrer jetzt bemächtigte, würde sie überwältigen, ob es nun die Wut war, die zurückschlug, oder die Trauer, die sie nie wieder verlassen würde. »Tut mir leid«, sagte Jomar. Nun musste sie lachen. Das Lachen erfasste ihren Bauch und ihren Hals und löste alles, was in ihr beweglich war. Es war ohne jede Freude. Nur eine andere Spielart ihres inneren Aufruhrs. Sie sah sich selbst auf dem Flur liegen, ihr Rock war hochgerutscht, ihr Unterleib unter dem hauchdünnen Stoff entblößt, das Make-up zerfloss in ihrem leeren Gesicht. »Das war dumm von mir«, versuchte er es erneut. »Ich kann dir alles erklären.« Auch das war ein Zitat. Vielleicht war es unmöglich, etwas zu sagen, ohne zu zitieren, dachte sie, während sie dalag. »Du musst nichts erklären.« Er hörte nicht zu. »Ich wollte dich nicht anlügen, aber du hast nie direkt gefragt, und ich war einfach nicht in der Lage, darüber zu sprechen. Vielleicht war es mir auch peinlich. Da ich beim ersten Mal nichts darüber gesagt habe, konnte ich auch später nichts sagen.« Sein Bedauern schien echt zu sein. So echt, dass sie ihn weiterreden ließ. »Ich hatte vor einigen Jahren ein paar Termine bei ihr, nachdem sie ihre Vorlesung an der Sporthochschule gehalten hatte. Es ging mir damals nicht gut. Familienprobleme. Ich war vier oder fünf Mal bei ihr. Sie hat mir geholfen, ich …« »Komm endlich zur Sache.« »Als wir uns damals voneinander verabschiedeten, haben wir vereinbart, dass ich jederzeit zu ihr Kontakt aufnehmen könnte, wenn ich Bedarf hätte. Und vor ein paar Monaten habe ich jemand gebraucht, mit dem ich reden konnte. Ich war zwei Mal bei ihr. Wollte noch mal vorbeikommen, aber dann ist das passiert …« »Ich muss jetzt auflegen«, sagte sie. »Kommst du noch?« »Nein.« »Wir können auch zu mir gehen, und ich besorge uns was zu essen.« Der Vorschlag ließ ihre glimmende Wut wieder aufflammen. »Es geht nicht«, sagte sie so ruhig wie möglich. »Was geht nicht?« »Das mit uns beiden.« Er schwieg. Dann sagte er: »Ich will, dass du weißt, was mit mir geschehen ist, nachdem ich dich getroffen habe. Können wir uns treffen und darüber reden?« Sie stand auf. »Ich muss für ein paar Tage verschwinden. Weg aus der Stadt.« »Heute Abend? Meinst du etwa die Hütte, von der du erzählt hast?« Sie antwortete nicht. »Treffen wir uns, wenn du zurück bist?« Sie legte auf. 3 D en ganzen Tag über war schwerer, nasser Schnee gefallen. Die Europastraße war spiegelglatt. Liss musste sich dazu zwingen, langsam zu fahren, obwohl kaum Verkehr war. Aber langsames Fahren machte sie nervös, deshalb setzte sie den Kopfhörer ihres iPods auf und versuchte es mit elektronischer Musik, die sie früher einmal gemocht hatte. Nach ein paar Minuten ging ihr die Musik auf die Nerven, und sie warf den iPod auf den Beifahrersitz. Sie hatte sich ein Bild von Jomar Vindheim gemacht und sich eingebildet, dass er jemand war, der sagte, was er dachte, und hielt, was er versprach. Jemand, dem man vertrauen konnte, der nicht log und so war wie sie. Sie bog von der E 6 ab. Hier war der Untergrund noch glatter. Bergauf musste sie in den zweiten Gang zurückschalten, doch jetzt machte es ihr nichts aus, langsam zu fahren. Schon hier spürte sie die Ruhe, die von der Hütte am Morrvann ausging. Felder und Waldstücke glitten an ihr vorbei, schneebedeckt, lautlos … Dass Jomar Mailin gekannt hatte, ihr Patient gewesen war, machte ihn zu einem anderen. Es wäre für sie in dem Fall einfacher gewesen, herauszufinden, was er verbarg, und es unter Kontrolle zu bringen. Oder sie hätte ihn noch heftiger beschimpfen können, sodass er keine Lust mehr verspürte, sie wiederzusehen. Sie hätte ihm sagen können, dass sie getötet hatte. Vom Parkplatz in Bysetermosan bis hinauf nach Vangen war der Waldweg geräumt. Doch als sie die Stelle erreichte, an der der Trampelpfad abging, musste sie ihre Schneeschuhe anschnallen. Hier war der Schnee leichter und trockener als in der Stadt. Unter der frischen Oberfläche lag eine Schicht mit verharschtem Altschnee. Sie stapfte in den Wald hinein, blieb stehen und lauschte. Mailin hatte ein Grab bekommen, an dem Liss eine Kerze anzünden und Rosen in einen Krug stellen konnte. Doch hierher wollte sie gehen, wenn sie ihrer Schwester nahe sein wollte. Sie musste mit den Schneeschuhen den Schnee von der Tür zum Schuppen wegschaufeln. Dann nahm sie einen Spaten, arbeitete sich auf die Veranda vor und hatte schließlich die Tür zur Hütte freigelegt. Es tat gut zu spüren, wie der Schweiß den Rücken hinunterlief, und die Dinge zu tun, die getan werden mussten, wenn man zur Hütte kam. Feuer im Kamin und im Ofen zu machen, einen Trampelpfad hinunter zum Wasser anzulegen, den Eimer in die Rinne im Eis unter dem Fels zu senken. Als sie mit dem Eimer Wasser zurückkam, zog sie sich aus und lief nackt in den Schnee hinaus, rieb sich damit ein, legte sich auf den eiskalten Boden und rollte ein paarmal hin und her. Ihr Rücken wurde ganz taub, und sie spürte, wie der Kälteschmerz von den Beinen langsam nach oben kroch. Danach rubbelte sie sich mit einem Frotteehandtuch ab, bis sie rote Flecken auf der blassen Haut bekam, hüpfte und tanzte ein paar Minuten durchs Zimmer, bevor sie sich auf den Stuhl vor dem Kamin fallen ließ. Dort blieb sie sitzen und starrte ins Feuer. Du hast mir das beigebracht, Mailin, die Wärme aus seinem eigenen Körper zu holen. Nicht zu warten, bis jemand kommt und sie einem gibt. In ihrem Notizbuch waren nur noch wenige freie Seiten. Alles, was hier steht, habe ich an dich geschrieben. Erneut dieser seltsame Gedanke, dass ihre Schwester auf irgendeine Weise lesen konnte, was dort stand. Als wäre dieses kleine Notizbuch die Schwelle zu dem Ort, an dem sich Mailin jetzt befand. Sie beschrieb jene Nacht in der Bloemstraat bis ins kleinste Detail. Alles, was geschehen war. Alles, was sie getan hatte. Als sie damit fertig war, nahm sie die Flasche Rotwein aus ihrem Rucksack und holte zwei Weingläser aus dem Schrank. Erst als sie in der Küchenschublade wühlte, bemerkte sie, dass der Korkenzieher nicht da war. Schon am Abend vor Weihnachten hatte sie sein Fehlen bemerkt, dann aber nicht mehr daran gedacht, einen neuen mitzunehmen. Es passte nicht zu Mailin, Dinge mitzunehmen, ohne sie zu ersetzen. Ganz unten auf die vorletzte Seite ihres Notizbuchs schrieb sie: Denk dran, Korkenzieher ist weg. Sie nahm die Öllampe mit zum Regal, um sich ein Buch auszusuchen. Am besten eines, das sie schon einmal gelesen hatte, eines, über dem sie einschlafen konnte, ehe sie auf Seite fünf angekommen war. In der Mitte der Reihe standen die Bücher ein wenig heraus. Mailin pflegte sie immer so anzuordnen, dass ihre Rücken eine gerade Linie bildeten. Sie ging hin und wieder durch die Hütte und nahm solche kleinen Korrekturen vor und brachte Liss dazu, die Dinge wegzuräumen, die sie achtlos hingeworfen hatte. Die kleinen Glasfiguren über dem Kamin ordnete sie symmetrisch an oder brachte sie in eine logische Reihenfolge. Mailin liebte es, Ordnung zu schaffen, ohne sich am Chaos der anderen zu stören. Liss nahm einen Krimi aus dem Regal, den sie als ziemlich langweilig in Erinnerung hatte, warf ihn aufs Sofa und legte beide Handflächen an die Buchdeckel, um sie zu begradigen. Doch sie ließen sich nicht weiter nach hinten schieben. Fest dazu entschlossen, Mailins Ordnungsgeist walten zu lassen, nahm sie sechs, sieben Bücher heraus. Etwas lag dahinter und versperrte den Platz. Es war ein Buch, das umgefallen war, ein relativ dünnes Taschenbuch. Liss bekam es zu fassen, fischte es heraus und hielt es ans Licht. Sándor Ferenczi, las sie. The Clinical Diary of Sándor Ferenczi. 4 Z wischen den Fahrbahnen lag ein Schneewall, und jedes Mal wenn Roar Horvath ihm zu nahe kam, rutschte der Wagen ein Stück zur Seite. Er drosselte die Geschwindigkeit und gewann die Kontrolle wieder. Die Nachrichten waren vorbei, also wechselte er zum CD-Spieler. Darin lag eine alte Pink-Floyd-Scheibe, er drehte auf volle Lautstärke. Es war Freitagabend, und er war seit dem frühen Morgen im Büro gewesen. In den letzten Nächten hatte er furchtbar schlecht geschlafen. Momentan war er damit beschäftigt, jede einzelne Vernehmung im Mordfall Mailin Bjerke erneut durchzugehen. Er fühlte sich wie ein Marathonläufer, dem man im Ziel sagte, dass er gleich noch eine Runde laufen müsse. Er hatte damit gerechnet, dass er weiterhin an der Aufarbeitung des Falles in Bergen beteiligt sein und mit Mailin Bjerkes Angehörigen in Kontakt stehen würde. Stattdessen musste er sich von früh bis spät in Aktenberge vertiefen, was nur als Degradierung verstanden werden konnte, und er war drauf und dran, Viken geradeheraus zu fragen, ob das etwas damit zu tun hatte, dass er ihm in der Tiefgarage nicht die Wahrheit gesagt hatte. Sein Handy klingelte. Roar drehte die Musik ab und suchte nach seinem Headset, ehe ihm einfiel, dass er es auf seinem Schreibtisch hatte liegen lassen. Er klemmte sich sein Handy also zwischen Schulter und Ohr. »Guten Tag, hier ist Anne Sofie.« Rasch überlegte er, ob er jemand mit diesem Vornamen kannte, kam aber auf keine Anne Sofie. Doch durch ihren eleganten Bergenser Dialekt wurde ihm schlagartig klar, wer da am Apparat war: die Mutter von Ylva Richter. Vor ein paar Tagen hatte er ihren Ehemann angerufen, um herauszufinden, ob es vielleicht eine Verbindung zu Berger gab. Er hatte sich erkundigt, ob Ylva den bekannten Fernsehmann jemals erwähnt oder seine Musik gemocht hatte. »Mein Mann und ich haben viel über Ihre Frage von letztem Montag nachgedacht«, begann sie. Ihre puppenhaft sanfte Stimme brachte ihm sofort ihr Gesicht in Erinnerung. Als wäre es mit Wachs überzogen, hatte er bei seinem Besuch gedacht. »Wir können uns nicht daran erinnern, dass Ylva sich je für diesen Kerl interessiert hat.« Roar schob das verrutschte Handy wieder an seinen Platz. »Besaß sie keine seiner Platten?« »Nicht dass ich wüsste.« Anne Sofie Richter schwieg für ein paar Sekunden, ehe sie fortfuhr: »Ich hatte Ihnen doch eine Liste geschickt, auf der ich alles festgehalten habe, was Ylva in der Schule und in ihrer Freizeit gemacht hat.« »Diese Liste ist mir eine große Hilfe«, bekräftigte Roar. »Haben Sie denn etwas Neues herausgefunden?« Er fuhr durch eine enge, scharfe Kurve auf dem Store Ringvei, es war glatt, und soeben schob sich ein riesiger Lkw mit Anhänger von Nor-Cargo neben ihn. Wäre er bei der Verkehrspolizei, hätte er ihm für dieses waghalsige Manöver ein saftiges Bußgeld aufgebrummt. Auf der anderen Seite hielt er sich selbst nicht hundertprozentig an die Verkehrsregeln, so wie er in seinem Wagen saß, zusammengekrümmt und das Handy zwischen Ohr und Schulter geklemmt. »Dazu kann ich leider noch nichts sagen.« »Mir ist noch etwas anderes eingefallen«, sagte sie. Er fuhr gerade in den Tunnel bei Bryn und konnte sie nur noch schlecht verstehen. »Ich glaube nicht, dass es von großer Bedeutung ist«, verstand er gerade noch, ehe er abbremsen musste, um den Lastzug vorbeizulassen. »Bedeutung?« Sie redete weiter. Zwischen den Tunnelwänden machte der Lastzug einen ohrenbetäubenden Lärm. Er warf das Handy auf den Beifahrersitz, fuhr direkt hinter dem Tunnel in eine Parkbucht und schaltete das Warnblinklicht ein. »Alles ist wichtig«, wiederholte er. »Ich möchte es gerne hören.« Es vergingen ein paar Sekunden, ehe ihre Stimme am anderen Ende wieder da war. »Es ist schon ziemlich lange her. So lange, dass ich es nicht auf die Liste geschrieben habe.« »Wie lange?« »Es war im Spätsommer beziehungsweise im Frühherbst 1996. Da haben wir eine Ferienreise nach Südeuropa unternommen.« Roar riss das Handschuhfach auf und nahm rasch einen Briefumschlag und einen Kuli heraus. »Könnten Sie das buchstabieren? Ma-kry-gialos. Auf Kreta. Was ist da geschehen?« »Als wir eines Abends nach dem Essen nach Hause kamen, fanden wir ein totes Katzenjunges an unserer Wohnungstür. Jemand hatte es dort mit einem Seil festgebunden. Die eine Seite des Kopfes war vollkommen zerstört. Und dann die Augen … Es war fürchterlich, und natürlich haben wir danach nicht besonders gut geschlafen. Mein Mann hat daraufhin Anzeige erstattet, aber Sie wissen ja, wie das mit der Polizei in solchen Ländern ist …« »Tote Katze«, hatte Roar notiert. »Hing an der Tür«. »Ich weiß natürlich, dass dies nicht mit dem in Verbindung stehen kann, was später passiert ist, aber Sie hatten mich ja gebeten, auch von Reisen und unangenehmen Ereignissen zu berichten.« »Was war mit den Augen?« »Mein Mann hat es mir erzählt. Ich habe mich gar nicht getraut, das arme Tier näher zu betrachten. Aber beide Augen waren offenbar herausgestochen worden.« Roar klopfte mit dem Stift auf den Umschlag. »Erzählen Sie mir alles, woran Sie sich in diesem Zusammenhang erinnern. Absolut alles.« »Ich habe Ihnen schon alles erzählt.« »Wie hat Ylva reagiert?« »Sie war außer sich vor Wut. Wir hatten damals selbst eine Katze. Und dann hat sie etwas gesagt …« Als Anne Sofie Richter innehielt, wiederholte Roar: »Dann hat sie was gesagt?« »Es hing mit einem Jungen zusammen, der mit seiner Familie in derselben Ferienanlage wohnte wie wir. Er war in Ylvas Alter. Sie fand ihn sehr merkwürdig und hat alles getan, um ihm aus dem Weg zu gehen. Ich weiß nicht genau, warum, aber Ylva hat sofort gesagt, dass sie wüsste, wer das getan hatte. Wir haben daraufhin nachgefragt, und da erzählte sie von diesem Jungen. Sie konnte es natürlich nicht mit Sicherheit sagen, weil sie nichts gesehen oder gehört hatte. Dieser Junge wohnte direkt neben uns. Es war eine schreckliche Familie, die Eltern waren ständig betrunken und haben randaliert, die Kinder völlig verwahrlost. Ich habe so etwas noch nie erlebt …« »Wissen Sie noch, wie der Junge hieß?« »Das war ein kurzer Name, Roy oder Bo oder so.« »Können Sie sich noch genauer an die Familie erinnern?« Nein, das konnte sie nicht, und er versicherte ihr, dass dies nach über zwölf Jahren auch kein Wunder sei. »Aber ich habe mit meinem Mann darüber geredet, und er überlegte, wie ihr Name gewesen sein könnte. Sie wissen ja, wie das ist. Wenn sich jemand so schrecklich benimmt, dann verbindet man mit dem Familiennamen etwas Abstoßendes und kann sich besser daran erinnern.« Auf dem Umschlag war kein Platz mehr. Roar fand einen Parkschein in seiner Tasche und kritzelte darauf die Namen, die Ylva Richters Vater vorgeschlagen hatte. Nachdem ihr Gespräch beendet war, starrte er fast eine halbe Minute lang auf einen der Namen. Dann griff er zu seinem Handy und suchte eine ganz bestimmte Telefonnummer. 5 D er Wind hatte aufgefrischt. Liss hatte lange regungslos dagesessen und ins Kaminfeuer gestarrt. Nun war das Feuer erloschen, doch in dem kleinen Raum war es immer noch so warm, dass sie kein Holz mehr nachlegte. Die Glut veränderte sich ständig, mal leuchtend orange, dann langsam schwarz werdend, ehe sie erneut aufglimmte. Ein Bild tauchte vor ihr auf, sie wusste nicht, ob es eine Erinnerung war. Sie knieten beide vor dem Kamin, Mailin und sie. Da steht ein kleines Männlein zwischen den Holzscheiten. Es war die Stimme ihres Vaters. Ein Kobold? Ja, ein Kobold. Er bläst und bläst in die Glut, denn wenn sie erlischt, ist auch er für immer verschwunden. Sie griff erneut nach der Weinflasche, versuchte, den Korken durch den Hals zu pressen. Gab es auf und ging in die Küche, kletterte auf einen Stuhl und fand ganz hinten im oberen Hängeschrank zwei Fläschchen. Die eine enthielt Wodka, die andere war halb mit Eierlikör gefüllt. Sie hatte Wodka noch nie gemocht, schenkte sich aber einen kleinen Schluck ein. Obwohl der Geschmack ekelhaft war, brannte es angenehm im Hals und im Magen. Danach holte sie die Tüte mit Lebensmitteln aus ihrem Rucksack. Eine Packung Knäckebrot und einen Apfel, Aufschnitt wollte sie nicht. Sie lehnte sich an die Arbeitsplatte, kaute, spülte mit dem Rest des Wodkas nach. Das Geräusch des Knäckebrots, das abbrach und zwischen ihren Zähnen zermalmt wurde. Das Pfeifen des Windes im Schornstein. Plötzlich zweifelte sie an dem, was sie in dem Buch gelesen hatte, das im Regal versteckt gewesen war. Sie nahm es erneut zur Hand und ließ sich wieder auf den Stuhl vor dem Kamin sinken. Auf der Rückseite stand etwas über den Autor. Sándor Ferenczi hatte gegen die professionelle Heuchelei angekämpft und galt selbst als verwundbar und selbstkritisch. Zum wiederholten Male blätterte Liss das Buch durch. Weder Unterstreichungen noch Randnotizen. Das Buch sah aus, als wäre es gerade erst gekauft worden. Mailin hatte es mitgenommen, um es hier zu lesen. Liss kam zu der Seite ungefähr in der Mitte des Buches, wo am unteren Rand ein paar Buchstaben zu erkennen waren, die jemand unter den gedruckten Text gekritzelt hatte. Sie hob die Lampe und betrachtete erneut die eckige Schrift: »Ylva und Jo«. Die Buchstaben waren verschmiert, vermutlich waren sie mit einem verkohlten Stück Holz geschrieben worden. Plötzlich sah sie wieder den Körper ihrer Schwester in der Kapelle vor sich. Die wächserne Haut, die faltigen Hände. Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, die rußgeschwärzt waren. So war es gewesen: Genau hier hatte Mailin gesessen, unmittelbar vor ihrer Ermordung. Sie hatte ein Stück Kohle aus dem Kamin genommen … Liss blätterte zur nächsten Seite. Dort stand der Rest, den ihre Schwester in aller Eile zu Papier gebracht hatte: »Ylva Richter und Johannes Viljam Vogt-N«. * Sie schlug den Flaschenhals an der Kante der Spüle ab, opferte eines ihrer T-Shirts und benutzte es als Sieb, indem sie den Wein durch den Stoff in einen Krug goss. In dem burgunderfarbenen Fleck blieben winzige Glassplitter hängen. Das erste Glas leerte sie in einem Zug. Das zweite nahm sie mit zum Kamin. Sie schlug ihr Notizbuch auf. Heißt Viljam eigentlich Johannes Viljam? Ylva und Jo. Sie erinnerte sich daran, dass der Name Ylva auf der CD erwähnt wurde. Im Gespräch mit dem achten Patienten. Taucht Viljam in deinen Unterlagen als Jo auf? Dann war Viljam dein Patient. Warum hat er nie etwas davon gesagt? Ylva Richter. Der Name sagte ihr etwas. Aber was? Hatte sie ihn irgendwo gelesen? Jemand, den Mailin gekannt hatte? Warum hast du ihren Namen in das Buch geschrieben, das du dabeihattest? Warum hast du mit Kohle geschrieben und das Buch danach versteckt? Warum war der Name des Autors das Letzte, was du in der Fabrikhalle gesagt hast? Warum hast du überstürzt die Hütte verlassen, ohne den Kamin sauber zu machen? Warum wolltest du dich mit Berger treffen, Mailin? Du wusstest doch, dass dies gefährlich ist. Du bist nicht wie ich, du passt immer auf, wohin du gehst. Sie blieb noch eine Zeitlang sitzen und sah dem Überlebenskampf des Kobolds in der Glut zu. War Viljam dein Patient, bevor ihr ein Paar wurdet? Hilfe suchen. Leidenschaft begegnen. Aber du wolltest ihn heiraten. Viljam danach fragen. War er der achte Patient? War es das, was du in Tabu enthüllen wolltest? Jo und Jakka. Angenommen, Jakka ist Berger und Viljam ist Jo … Viljam sucht Schutz und Fürsorge. Wird ausgenutzt. Der Teufel soll Berger holen. Er ist beim Teufel. Sie stand auf, war plötzlich so erregt, dass sie nicht ruhig sitzen bleiben konnte. Wer ist Ylva Richter? Hat Viljam ein Verhältnis mit ihr? Sie nahm ihr Handy und wünschte sich, dieses eine Mal Netzempfang zu haben. Nicht um die Polizei anzurufen. Das konnte warten. Sie musste Viljam danach fragen. Musste eine Antwort darauf bekommen, um den Sinn dahinter zu verstehen … Mailin hatte Viljam geholfen, sie konnte ihn nicht ausgenutzt haben. Mailin war voller Güte. Liss leerte ihr Rotweinglas. Der Gedanke an diese Güte weckte ein ähnliches Gefühl in ihr. Liss fasste einen Entschluss: Sie musste noch heute Abend mit Viljam reden und herausfinden, ob das mit ihm und Mailin stimmte. Sie wollte nach Kringleåsen hinaufgehen und versuchen, ihn von dort aus anzurufen. Draußen im Dunkeln würde sie ihm erzählen, was sie entdeckt hatte. Dass sie wusste, wie schwer er es gehabt hatte. Sie zog sich die Jacke über und nahm die Schneeschuhe vom Brett über der Tür. Sie hatte einen Menschen getötet. Doch sie spürte Mailins Güte in sich, die stärker war als all das Böse, das Liss getan hatte. 6 R oar stellte die Schüssel mit dem Rest der Tomatensuppe von gestern in die Mikrowelle. Im Kühlschrank fand er zwei hartgekochte Eier. Er pellte das eine und aß es. Für einen Augenblick dachte er daran, Viken sofort zu informieren, ließ es aber vorläufig bleiben. Wenn der Anruf, den er erwartete, die erhoffte Antwort brachte, würde er höchstpersönlich sein Ass auf den Tisch legen. Die peinliche Teambesprechung vor einer Woche hatte er vergessen. Diesmal würde er die richtigen Karten ausspielen, in der richtigen Reihenfolge. Als die Mikrowelle ein »Pling« von sich gab, nahm er die Schüssel heraus, schnitt das zweite Ei in längliche Stücke und ließ sie in die Suppe fallen. Der Anblick der weißen Boote, die in der körnigen, roten Suppe dümpelten, erinnerte ihn aus unerfindlichen Gründen an etwas, das er seit Wochen mit sich herumschleppte. Er hatte seiner Mutter versprochen, sie auf den Friedhof zu begleiten und ihr bei der Pflege des Grabes zu helfen, auf dem immer noch die heruntergebrannten Lichter von Weihnachten standen. Sie war dazu zwar absolut selbst in der Lage, doch offenbar war es wichtig für sie, dass sie es gemeinsam taten. Das Handy klingelte. Er schluckte ein Stück Ei hinunter, ehe er ranging. »Hier ist Arne Vogt-Nielsen. Ich habe das überprüft, worum Sie mich gebeten haben.« »Sehr gut«, meinte Roar, griff zu Stift und Notizbuch und schob den heißen Suppenteller weg. »Sie hatten sich nach einer Urlaubsreise im Herbst 1996 erkundigt. Es stimmt, dass ich damals mit meiner Familie auf Kreta war. Meistens sind wir ja nach Zypern geflogen und ein paarmal in die Türkei. Da gefiel es den Kindern am besten, vor allem das Hotel in Alanya war klasse.« Roar hatte kein Interesse an türkischen Badeorten. »Wo waren Sie auf Kreta?« »Der Ort hieß Makrygialos. War an sich schon okay, nur viel zu weit vom Flughafen entfernt. Sie können sich ja vorstellen, wie das ist: fünfzig Grad im Bus, kurvige Straßen, übermüdete quengelige Kinder und entnervte Weiber …« Er gab ein schnalzendes Geräusch von sich. »Und das war also im September 1996?« »Genau. Abflug am siebten, Rückflug am vierzehnten. Zumindest wenn ich den Unterlagen meiner damaligen Steuererklärung glaube.« Roar ließ sich nicht zu der Frage verleiten, was diese Urlaubsreise in seinen Steuerunterlagen zu suchen hatte. »Können Sie sich an ein besonderes Vorkommnis auf dieser Reise erinnern?« Plötzlich hatte er es eilig und fragte: »Etwas mit einer Katze?« »Ja, verdammt, so was vergisst man nicht! Da fährt man Tausende von Kilometern weit weg, um einen ruhigen Familienurlaub zu verbringen, und dann hat man es plötzlich mit total streitsüchtigen Nachbarn zu tun.« Roar versuchte vergeblich, die nachfolgende Beschimpfung der Bergenser im Allgemeinen zu unterbrechen, die ja dafür bekannt seien, sich überall wie die Axt im Walde zu benehmen. »Dass der Typ Anwalt war, machte die Sache natürlich nicht besser. Ich musste den aufgeblasenen Affen erst mal wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen. Der kam doch tatsächlich in unsere Wohnung gestürmt und wollte wissen, ob Jo diese Katze getötet und dann bei ihnen an die Wohnungstür gehängt hat. Da hab ich ihn natürlich gleich rausgeschmissen. Am nächsten Tag habe ich Jo nach der Sache gefragt, und er meinte, die Tochter des Schwachkopfs hätte das getan und wollte ihm das jetzt in die Schuhe schieben.« Erneut dieses Geräusch, als lutsche er einen Drops. »Aber jetzt müssen Sie mir endlich erzählen, was Sie eigentlich wollen. Sie haben mich ja wohl nicht wegen einer getöteten Katze auf Kreta angerufen. Sie arbeiten für die Polizei in Oslo, stimmt’s? Oder sind Sie doch bei der Tierschutzbehörde?« Roar dachte, er hätte sich verhört. »Sie haben eben von Jo gesprochen. Damit meinen Sie Ihren Sohn Viljam, nicht wahr?« »Ja. Wir haben ihn immer Jo genannt. Sein Taufname ist Johannes Viljam. Den hat er von mir, weil ich Arne Johannes heiße.« »Aber inzwischen nennt er sich Viljam.« Am anderen Ende war ein gurgelndes Geräusch zu hören. Roar begriff nicht gleich, dass Arne Vogt-Nielsen lachte. »Der Junge war schon immer ein komischer Vogel. Als Jugendlicher hat er mich plötzlich nur noch Arne genannt und behauptet, ich wäre gar nicht sein richtiger Vater. Manche Kinder kommen schon auf seltsame Ideen. Aber er hat es ja nicht ernst gemeint. Als er mit der Schule fertig war und ausgezogen ist, hat er darauf bestanden, Viljam genannt zu werden. Auf Jo hat er gar nicht mehr reagiert.« »Er ist also früh von zu Hause ausgezogen?« »Ja, im Herbst 2003. Danach hat er erst mal seine Zeit verplempert, wusste nichts mit sich anzufangen. Aber schließlich konnte er ja nicht für den Rest seines Lebens im Bett liegen. Also hab ich ihm ein bisschen in den Hintern getreten, hab mich darum gekümmert, dass er seinen Führerschein macht, und ihm ein Auto besorgt. Dann hab ich ihm gesagt, er soll sich einen passenden Ort zum Studieren suchen. Er war nicht auf den Kopf gefallen, hat ein super Abi gemacht, das muss man ihm lassen.« »Hat er sich auch in Bergen umgesehen?« »Kann schon sein. Wir fanden es eine gute Idee, dass er ganz woanders hingeht. Das war damals für alle das Beste. Schließlich hat er in Oslo Jura studiert. Aber jetzt sagen Sie mir endlich, was Sie von mir wollen. Sonst ist dieses Gespräch beendet.« * Viken nahm auf dem Beifahrersitz Platz. »Die Sondereinheit ist in fünf Minuten bereit. Wir fahren hinter ihnen her.« »Sind sie bewaffnet?«, fragte Roar. »Yes, Sir. Der Kerl hat drei, vielleicht vier Leute auf dem Gewissen.« Roar fuhr durch das Tor des Präsidiums und hielt am Straßenrand. »Du hast ihrem Lebensgefährten ja von Anfang an nicht geglaubt«, sagte er und stellte gleichmütig fest, dass Viken von Anfang an recht gehabt hatte. Der Kriminalkommissar nahm das leicht getarnte Lob an, ohne eine Miene zu verziehen. »Können wir uns darauf verlassen, dass ihn sein Vater nicht doch anruft?«, wollte er wissen. »Ich habe es ihm drei Mal gesagt«, entgegnete Roar und stellte den Motor ab. »Ich bin mir sicher, dass er es versteht. Außerdem hat er schon lange keinen Kontakt mehr zu Viljam gehabt.« »Also kein besonders herzliches Verhältnis zwischen Vater und Sohn.« »Sieht nicht so aus. In seiner Jugend hat Viljam anscheinend geleugnet, dass Vogt-Nielsen sein wirklicher Vater ist.« Viken warf Roar einen Blick zu. »Wann ist er von zu Hause ausgezogen?« »Kurz vor Weihnachten 2003. Die Familie wohnt in Tønsberg. Viljam wollte in Oslo studieren.« »Also unmittelbar nach der Ermordung von Ylva Richter.« Der Schneeregen hatte wieder eingesetzt. Der Wind trieb die nassen Flocken gegen die Windschutzscheibe. Roar schaltete den Scheibenwischer ein. Viken fasste noch einmal das psychologische Profil des Mörders von Ylva Richter zusammen, das er erstellt hatte: ein Mann in ihrem Alter mit ähnlichem Umfeld, jemand, der nach der Tat einige Veränderungen in seinem Leben vorgenommen hatte. »Ich habe den Vater sehr genau zu dem Zeitraum befragt, in dem Ylva Richter ermordet wurde«, sagte Roar. »Er konnte sich daran erinnern, dass Viljam in diesem Herbst seinen Führerschein gemacht hat. Der Vater hat ihm ein eigenes Auto besorgt, mit dem er viel unterwegs war.« »Unter anderem in Bergen«, fuhr Viken fort und warf einen Blick auf die Uhr. »Wir nehmen fünf Mann mit. Er ist kein schießwütiger Desperado, aber wenn er mit dem Rücken zur Wand steht, wissen wir nicht, wie er reagiert.« »Er könnte eine Waffe haben.« »Ich vermute mal, dass er keine hat. Aber in diesem Punkt sollten wir nicht spekulieren.« Roar ließ den Motor an, als er sah, wie zwei Streifenwagen aus der Einfahrt kamen. Als sie auf der Grønlandsleiret waren, sagte er: »Das mit den Veränderungen in seinem Leben stimmt. Nicht nur, dass er nichts mehr mit seiner Familie zu tun haben wollte. Er hat auch den Namen gewechselt.« Viken drehte sich zu ihm um. »Der ist doch immer noch Vogt-Nielsen.« Roar erzählte, dass Viljam es nach seinem Auszug abgelehnt hatte, weiterhin Jo genannt zu werden. »Genau!«, rief Viken, als hätte er schon auf diese Information gewartet. »Also hat er auch seinen Namen nach dem Mord an Ylva geändert. Hast du noch mehr über die Familie herausbekommen?« Roar wiederholte, was Anne Sofie Richter erzählt hatte. »Der Vater hat mehrmals betont«, fügte er hinzu, »dass Viljam zwei jüngere Geschwister hat, die immer noch zu Hause wohnen und sich angeblich ganz hervorragend entwickeln. Die Mutter liegt anscheinend im Krankenhaus.« »Ach wirklich? Besonders alt kann sie ja noch nicht sein.« »Ich hatte keine Zeit, mich näher danach zu erkundigen.« »Natürlich nicht. Du hast sehr gute Arbeit geleistet, Roar, glänzende Recherche, Eins plus mit Sternchen.« Er grinste über seine eigene Ironie, doch Roar spürte, wie zufrieden er war. Er riss das Lenkrad herum, als ein Fahrradfahrer plötzlich in einem waghalsigen Manöver vom Bürgersteig direkt auf die Straße schlingerte. »Pass doch auf, verdammt!«, rief er. »Wenn die Leute sich unbedingt das Leben nehmen wollen, dann brauchen sie mich da doch nicht mit reinzuziehen!« »Bergers Rolle in der ganzen Angelegenheit ist höchst unklar«, erklärte Viken, der offenbar nicht mitbekommen hatte, dass sie fast einen Fahrradfahrer überfahren hätten. Roar beschleunigte und überfuhr eine rote Ampel, um die beiden Streifenwagen nicht aus den Augen zu verlieren. »Vielleicht hat er ja die Wahrheit gesagt«, schlug er vor. »Vielleicht wollte Mailin sich mit ihm treffen, um ein paar praktische Dinge wegen der Talkshow durchzusprechen.« »Und die Verbindung zwischen Berger und Viljam Vogt-Nielsen?« »Viljam will, dass Berger wie der Täter aussieht. Er sucht ihn auf, nimmt ein paar Haarbüschel mit und platziert den Ehering in seinem Auto.« »Um das zu tun, müsste er ihn ziemlich gut gekannt haben.« »Könnte auch sein, dass er ein Verhältnis mit Berger begonnen hat, nachdem er Mailin umgebracht hatte.« Roar fand seine Argumentation überzeugend. »Als Berger das Ganze durchschaute, wollte er nicht einfach zur Polizei gehen. Er wollte den Mörder vor laufender Kamera entlarven.« Viken schien darüber nachzudenken. »Wenn da was dran ist, dann brauchen wir die Hilfe von Viljam Vogt-Nielsen, um der Sache vollständig auf den Grund zu gehen.« Die beiden Einsatzwagen blieben zu beiden Seiten des Hauses stehen. Roar fuhr in der engen Straße halb auf den Bürgersteig und parkte in einiger Entfernung. Sie konnten die Einsatzkräfte ausmachen, die sich um das Haus verteilten. Die Uhr auf dem Armaturenbrett zeigte 23:16. Eine Minute später hörte Roar, dass Viken über Kopfhörer Bescheid bekam. »Sie gehen rein«, sagte er leise. Zwei uniformierte Gestalten gingen die Außentreppe hinauf und verschwanden im Inneren des Hauses. »Die Tür war offen«, stellte Viken fest. Also Zugriff, dachte Roar. Es war nicht undenkbar, dass Viken ihn verhören wollte. Viken galt als äußerst geschickt, wenn es darum ging, jemand ein Geständnis zu entlocken. Die Uhr zeigte 23:32, als die Haustür weit aufgestoßen wurde. »War ja klar«, sagte Viken und begab sich hinaus ins Schneetreiben. »Haben sie ihn?«, fragte Roar, als er ihn erreichte. Viken legte die Hand auf seinen Kopfhörer und lauschte. »Keiner zu Hause. Ruf den Vater noch mal an. Frag ihn, ob er seinen Sohn nicht doch gewarnt hat.« Als Roar den Flur betrat, kam Viken gerade die Treppe herunter. »Im ganzen Haus brennt Licht. Der Computer ist an, die Kaffeemaschine auch. Die Tür war offen. Was hat der Vater gesagt?« »Der schwor, dass er Viljam nicht Bescheid gesagt hat.« Viken ging weiter ins Wohnzimmer und überprüfte die Tür zum Garten. »Von innen abgeschlossen. Wenn der Vater die Wahrheit sagt, dann ist Vogt-Nielsen nur kurz mal unterwegs, um irgendwas zu erledigen. Kaum vorstellbar, dass ihn jemand anders gewarnt hat.« Er blieb stehen und betrachtete den winzigen Garten. »Diesen Schuppen werden wir uns gleich heute Abend mal ansehen.« »Da hat er bestimmt nichts versteckt«, wandte Roar ein. »Der Typ ist doch nicht auf den Kopf gefallen.« Viken senkte unmerklich den Kopf. »Ich will wissen, was für Werkzeuge wir dort nicht finden. Vielleicht kann uns der Hausbesitzer sagen, ob er etwas vermisst. Zum Beispiel einen Vorschlaghammer.« 7 A uch die Glut im Kamin war inzwischen erloschen. Nun ist der kleine Kobold für immer fort, dachte Liss. Vielleicht sagte sie es auch leise vor sich hin. Sie hob den leeren Krug hoch, in den sie den Rotwein gefüllt hatte. Auch der Wodka war leer, sogar die halbe Flasche Eierlikör. Sie brauchte mehr zu trinken, brauchte etwas, in das sie sich hineinflüchten konnte, denn sie war immer noch nicht müde … Draußen war es stockdunkel. Der Wind hatte aufgefrischt. Sie hörte, wie er durch den Schornstein heulte, und sie war sich sicher, dass es immer noch schneite. Ein weiteres Mal dieser Gedanke, dass es nicht aufhören würde, bis die ganze Hütte unter dem Schnee begraben lag. Sie würde erst gefunden werden, wenn man die Hütte wieder ausgrub. Oder im Frühjahr, wenn der Schnee schmolz. Dann würde sie immer noch in derselben Stellung vor dem Kamin sitzen. Das Herz eingefroren, der Blutkreislauf erstarrt, der Gedankenfluss plötzlich unterbrochen. Sie nahm sich wieder ihr Notizbuch vor. Viljam hat dich gebraucht, Mailin. Du wolltest es wiedergutmachen. Deshalb warst du mit ihm zusammen. Du hast eine Grenze überschritten. Das hättest du nicht tun sollen. Aber du hast es getan, um ihm zu helfen. Viljam wirkte erleichtert, als sie ihn anrief. Er ist froh, dass ich von ihm und Jakka weiß. Viljam hatte dich, Mailin. Johannes Viljam. Jetzt hat er niemand mehr. Kann ich jemand helfen? Ich habe einen Menschen getötet. Wie kann ich jemand etwas Gutes tun? Plötzlich stand sie auf, nahm das Album mit den alten Fotos aus dem Regal, blätterte vor bis zum Porträt ihrer Großmutter. Elisabeth war ihr Name. Die Augen auf den Schwarzweißbildern waren intensiver als ihre. Wahrscheinlich war sie damals zwischen vierzig und fünfzig gewesen und hatte das untragbare Leben doppelt so lange ausgehalten wie Liss. Elisabeth war in eine Sackgasse geraten. Versuchte, wieder herauszukommen. Vergebens. Elisabeth wurde zu Liss. Jemand muss die Dunkelheit weitertragen, Mailin. Du hast stets alles in helles Licht getaucht. Ich verbreite das Dunkel. Alles, was ich berühre, friert ein. Sie musste pinkeln, zog sich mit wackeligen Beinen die Stiefel an und warf sich die Jacke über. Die Lampe nahm sie nicht mit. Sie kannte sich hier blind aus. Der Wind schlug ihr entgegen, als sie um die Ecke bog. Kleine Eisnadeln stachen sie in die Augen, schmolzen auf ihrem Gesicht und liefen ihre Wangen hinunter. Sie hörte etwas, lauschte. Als hätte der Wind ihre Schritte fortgetragen und würde das Geräusch nun zurückwerfen. Sie stapfte weiter durch den tiefen Schnee, löste den Haken vom Toilettenhäuschen, tastete sich vor, hob den Deckel, setzte sich auf das kalte Holz. Die feuchtkalten Böen fegten durch den Bretterverschlag und drangen durch sie hindurch. Danach blieb sie erneut draußen stehen und lauschte. Hörte den Wind und wieder das Geräusch, das kein Wind war, sondern sich von irgendwoher näherte. Das sind nicht meine Schritte im Schnee, dachte sie. Diese Schritte kommen von hinten. Zwei Arme schlossen sich um sie. Als hätte sie darauf gewartet. Dennoch versuchte sie, sich loszureißen. Ein Arm löste sich von ihr. Im nächsten Moment zuckte ihr ein Schmerz durch den Hals. Wie ein Schlangenbiss. Es brannte, und es breitete sich eine Wärme in Brust und Schultern aus. »Ganz ruhig«, flüsterte er in ihr Ohr. »Bleib ganz ruhig, dann passiert dir nichts.« Sie lag mit dem Rücken auf dem Sofa und stellte sich vor, wie der Schnee in die Hütte eindrang. Sie fror nicht. Die warme Schneedecke hüllte sie ein. Er stand mitten im Zimmer und hatte ihr den Rücken zugekehrt. Musste Holz nachgelegt haben, denn es brannte im Kamin. Ohne ihren schweren Kopf zu bewegen, folgte sie mit den Augen seinen Konturen. Von der Mitte bis zu den dunklen Haaren, die ihm nass auf die Schultern hingen. Sie war in der Lage, den Mund zu öffnen, und versuchte mit den Lippen Laute zu formen, die zu Wörtern wurden. »Was … hast du mit mir gemacht?« Das Echo ihrer Stimme rollte zu ihr zurück. Er drehte sich nicht um. »Ich hab dir einen Schuss gesetzt. Er wird dich entspannen. Du wirst eine angenehme Zeit haben.« Viljam, versuchte sie zu sagen, Johannes Viljam, Jo. Wir werden zusammen eine angenehme Zeit verbringen. Sie öffnete die Augen, soweit es ging. Jetzt fror sie. Im Raum war es dunkel. Die letzte Glut im Kamin. Sie konnte ihn nicht sehen, wusste aber, dass er da war. Hörte seinen Atem. Ihre Hände steckten fest. Sie waren auf dem Rücken zusammengebunden. Sie lag nackt in einer Ecke des Sofas. Ihr Mund fühlte sich geschwollen an. »Viljam.« Sie hörte ein Geräusch am Tisch. Dort saß er. Sie konnte erkennen, dass er immer noch seinen Anorak trug. Die Kapuze hatte er sich über den Kopf gezogen. »Ich friere«, brachte sie hervor. »Es ist besser zu frieren. Dann spürt man den Schmerz weniger. Die Kälte betäubt.« Seine Stimme hatte einen anderen Klang, den sie vorher nur in Ansätzen wahrgenommen hatte. »Warum hast du mir den Schuss gesetzt?« Er drehte sich zu ihr um. »Es ist am besten so, dann kommt es zwischen uns nicht zu Reibereien.« Er warf irgendetwas auf den Kaminsims. »Ich sehe auf deiner Anrufliste, dass du heute Abend niemand außer mir angerufen hast. Wir haben viel Zeit.« »Kannst du mir die Handschellen abnehmen?« Er schnalzte mit der Zunge. »So ist das jetzt eben«, sagte er mit betrübter Stimme. »Du wirst dich daran gewöhnen müssen, wie Mailin auch.« Sie schloss die Augen. Noch gelang es ihr, den Gedanken auf Distanz zu halten. Den Gedanken, dass es nicht Berger gewesen war, der Mailin ermordet hatte. »Du hast mich an dem Morgen angerufen. Nachdem Mailin verschwunden war. Ich hörte, dass du besorgt warst.« Er stand auf, kam auf sie zu und blieb vor ihr stehen. Sie ahnte die Form seines Kiefers, die Schatten seiner Augenhöhlen. »Sie hätte die Sache mit Ylva nicht ans Licht zerren sollen.« Liss wand sich hin und her. »Ylva? Hast du ein Verhältnis mit ihr?« Er zuckte die Schultern. »Hatte ich mal.« »Hat Mailin das herausgefunden?« »Genau das hat sie getan.« Er ging zum Kamin und drehte einen verkohlten Scheit um, der im nächsten Moment wieder aufflammte. »In einer der Zeitschriften, die sie abonniert hatte, stand ein Artikel über unaufgeklärte Morde. Erst dann hat sie den Zusammenhang begriffen. Bevor sie an diesem Tag hierher fuhr, recherchierte sie im Internet. Loggte sich schnell aus, als ich nach Hause kam, und löschte die Adresse. Aber ich habe sie gefunden, während sie im Bad war. Ein Haufen Material zu Ylva, das sie heimlich gelesen hatte.« Liss versuchte, ihre Gedanken zu sammeln. Doch es gelang ihr nicht, eine Verbindung zu dem herzustellen, was Viljam sagte. »Vor über zwei Jahren hatte ich ihr mal was von Ylva erzählt. In den ersten Sitzungen in der Welhavens gate. Und sie hatte die Aufzeichnungen dieser Gespräche immer noch auf einer CD gespeichert, obwohl sie versprochen hatte, alles zu löschen. Alles, was ich über Jakka gesagt hatte.« Endlich verstand Liss: Er meinte den Ausdruck, den sie im Bezug des Sofakissens gefunden hatte. Das Mädchen in Bergen war Ylva gewesen. Vor vielen Jahren hatten die Zeitungen über sie berichtet. Sie war ermordet worden. »Du warst doch bei der Arbeit, als Mailin verschwand«, flüsterte sie, denn es war immer noch möglich, dass diese Gedanken nicht zusammengehörten. »Und dann warst du zu Hause bei meiner Mutter und Tage.« Er trat wieder näher an sie heran. »Das glaubst du. Das glauben alle. Aber als sie am Tag zuvor hierherfahren wollte, ist sie erst bei der Post gewesen und hat Geld eingezahlt. Ich bin dorthin und habe im Auto auf sie gewartet. Sie hätte weglaufen können, als sie mich gesehen hat, aber sie hat sich zu mir ins Auto gesetzt. In ihrer Tasche hatte sie jede Menge Ausdrucke von Artikeln, die sich um Ylva drehten. Sie hat ihre Recherche abgebrochen, als ich nach Hause kam, ist dann zum Postamt und hat sich dort ins Internet eingeloggt, um weiter rumzuschnüffeln. Darum bin ich mit ihr hierhergefahren. Ich war bei ihr, als es ihr schlechtging.« »War das hier?«, stammelte Liss. »Dass du Mailin mit der Spritze in die Augen gestochen hast?« »Nicht mit der Spritze, mit dem Korkenzieher. Ich musste ihn hineinschrauben.« Er beugte sich über sie. Liss vermochte gerade seine Augen zu erkennen. Ihr Körper fühlte sich so schwer an, dass sie sich nicht bewegen konnte. »Hast du das auch mit mir vor?« Er antwortete nicht. »Willst du nicht, dass ich dich sehe?« »Halt die Schnauze!«, sagte er, und sie zuckte zusammen. Das Neue, Bedrohliche in seiner Stimme war gewachsen und hatte alles andere verdrängt. Sie versuchte, Wörter zu sammeln, die ihn vielleicht aufhalten und dazu bringen konnten, eine andere Richtung einzuschlagen. »Mailin ist doch wieder von hier weggefahren. Sie ist erst am nächsten Abend verschwunden.« Er lachte leise. Sie hörte ein unterdrücktes Kichern. »Denk mal drüber nach, während ich im Schuppen bin. Sollte mich nicht wundern, wenn du es herausfindest. Eigentlich bist du ja nicht so schwer von Begriff. Schade, dass du nie gelernt hast, deinen Kopf richtig zu gebrauchen.« Sie hörte, wie er die Haustür abschloss. War das der Moment, als du in das Buch geschrieben hast, Mailin? Während er im Schuppen war? Du bist zum Kamin gekrochen und hast ein Stück Kohle genommen. Vielleicht konntest du nicht einmal etwas sehen. Die Substanz, die er ihr gespritzt hatte, strömte durch sie hindurch, zog sich wieder zurück und entfachte erneut ihre Wirkung. Mit jedem Mal wurde sie benommener und träger. Ließ sich von diesen Wellen davontragen, hatte keinen Willen mehr. Ich werde auf dich aufpassen. Ein Bild tauchte aus dem Dunkel auf. Mailin, gefesselt und nackt, mit blutenden Augen. Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas Böses geschieht, Liss. Sie rollte sich auf die Seite und kam auf die Beine. Der Stuhl stand immer noch vor dem Küchenschrank. Mit einem Fuß rückte sie ihn an die Arbeitsplatte heran, kletterte hinauf und schob sich rückwärts zum Fenster. Es gelang ihr, die Handschellen unter den Fensterhaken zu bringen. Sie zog ihre Hände nach oben, und der Haken sprang auf. Den oberen Haken konnte sie mit den Händen nicht erreichen. Sie streckte sich und bekam ihn mit dem Mund zu fassen, wie ein Fisch, dessen Maul sich um den Köder schließt. Sie bewegte ihn ein Stückchen nach oben. Biss noch mal zu, dann sprang er aus der Öse. Mit der Zunge drückte sie ihn zur Seite. Das Fenster war zugefroren. Sie lehnte sich mit ihrem ganzen Gewicht dagegen, doch es passierte nichts. Als sie ihren Kopf mit aller Kraft gegen die Sprossen stieß, sprang es auf. Sie spürte nicht den kalten Schnee an ihren Füßen. Nicht zum Schuppen, Liss! Die andere Richtung, weg von der Hütte. Sie sprang von der Veranda, schlich ein Stück in Richtung Wasser und versteckte sich hinter einem Baum. Sie krabbelte den Hügel hinauf, der Wind trieb den frisch gefallenen Schnee vor sich her. Sie musste bis ganz nach oben gelangen. Dort würde sie festeren Grund unter den Füßen haben und loslaufen können. Sie stieg über eine Schneewehe, stürzte und fand keinen Halt mehr. Etwas lief ihr in die Augen, sie rieb ihr Gesicht im Schnee, der sich dunkel färbte. Sie sank ein und krabbelte weiter. Hörte sie vielleicht Schritte? Sie blieb regungslos liegen, lauschte in den Wind. Dann kroch sie wieder ein Stück nach vorne, einen Meter den Abhang hinauf, dann noch einen, rollte sich hinauf auf die Kuppe des Hügels. Er lehnte am Stamm einer Kiefer und stand direkt vor ihr. Schnalzte ein paarmal mit der Zunge, als wollte er sein Bedauern zum Ausdruck bringen. Liss versuchte, sich aufzurappeln. »Aber Liss, ich hab es dir doch gesagt.« Er beugte sich zu ihr hinab. In der Hand hielt er eine Axt. »Ohne mich gehst du nirgends hin«, flüsterte er. »Nicht ehe ich es dir erlaube.« 8 S ie ließ sich einfach treiben, wie im warmen Strom der Gezeiten. Da hörte sie eine Stimme. Es war nicht die von Mailin, sondern die ihres Vaters, der sich durch das Schneetreiben gekämpft hatte, um ihr etwas zu sagen. Dieser Ort gehört dir, Liss. Dir und Mailin. Aber es ist doch deine Hütte. Er steht am Fenster und blickt hinaus. Von nun an gehört sie euch. Ich muss fort. Eine komische Art, sich auszudrücken. Es hörte sich nicht so an, als wolle er nach Berlin oder Amsterdam und würde in ein paar Wochen mit Geschenken für sie zurückkehren. Er setzt sich auf die Bettkante und streicht ihr über die Haare. Das tut er sonst nie. Sonst sieht er sie immer sehr lange mit einem seltsamen Lächeln an, berührt sie aber nicht. Wo willst du denn hin? Er schweigt lange und schüttelt schließlich sanft den Kopf. Ich werde dich vermissen, Liss. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, du und ich. Daran kann niemand etwas ändern. Viljam hatte die Öllampe angezündet und die Axt auf die Kante des Kamins gelegt. Er blätterte in ihrem Notizbuch. All das, was sie Mailin geschrieben hatte. Sie wagte nicht, daran zu denken, was er mit Mailin getan hatte. Nur dass sie hatte frieren müssen. Liss fror auch und rollte sich in der Sofaecke zusammen. Sie war nicht böse auf ihn. Er hatte ihr noch einen Schuss gesetzt. Der gute Schmerz hielt sie eng umschlungen. »Jakka hat dich davon abgehalten, hinauszuschwimmen und dir das Leben zu nehmen«, begann sie und spürte, dass ihre Zunge dick und schwer war. »Er hat dich gerettet.« Viljam schaute nicht auf, blätterte weiter, schien ganz in ihre Notizen vertieft zu sein. »Du brauchtest jemand, der dich in den Arm nimmt. Aber er hat dich benutzt.« Er schmiss ihr Notizbuch hin und stand im nächsten Moment über ihr. »Wo hast du das her?« Sie konnte die Hände nicht heben, um sich zu schützen. »Hat sie dir noch mehr geschickt? Hast du noch weitere CDs? Wenn du welche versteckt hast, dann …« Es dauerte ein paar Sekunden, ehe sie verstand, was er meinte. »Es war nur diese eine, ich hatte sie unter der Matratze versteckt.« Er richtete sich auf. »Warum darf das mit Jakka niemand wissen?«, fragte sie mit einem Stöhnen. »Er hat dir das doch angetan. Du konntest nichts dafür.« »Du hast keine Ahnung, also halt die Klappe.« Er lachte, wurde aber sofort wieder ernst. »Er hat wahnsinnig viel riskiert, als er mir erlaubt hat, ihn regelmäßig zu besuchen. Er hat damit seinen Ruf aufs Spiel gesetzt, hätte alles verlieren, ins Gefängnis kommen können. Verstehst du? Er hat das alles riskiert, um mit mir zusammen zu sein. Wie viele Leute würden so viel aufs Spiel setzen, um einem dahergelaufenen Jungen zu helfen und eine Beziehung mit ihm einzugehen?« »Das kann ich verstehen«, murmelte sie. Er hob das Notizbuch wieder auf, setzte sich auf den Stuhl vor dem Kamin und las weiter. Sie stand mühsam vom Sofa auf, schwankte auf ihn zu, ins Licht der Öllampe. Sie stand nackt vor ihm, die Hände so stramm auf den Rücken gefesselt, dass ihr ein reißender Schmerz vom Handgelenk bis in die Finger schoss. »Du hast jemand umgebracht«, sagte er, ohne aufzublicken. Es war das erste Mal, dass dies jemand zu ihr sagte. Doch das spielte jetzt keine Rolle mehr. »Alles, was dort steht, ist wahr«, hörte sie sich sagen. »Und jetzt willst du mir anbieten, dass du die Schnauze hältst. Und im Gegenzug soll ich dich freilassen.« Daran hatte sie gar nicht gedacht. »Ich kann dich nicht gehen lassen«, stellte er fest. »Als du das letzte Mal hier warst, bin ich dir gefolgt. Ich musste herausfinden, ob du etwas weißt. Da hätte ich dich gehen lassen können, aber jetzt ist das unmöglich. Ich will dir nichts vormachen. Von hier wirst du nie mehr wegkommen.« Er warf ihr Notizbuch ins Feuer. »Verstehst du?« Liss sah, wie sich eine kleine Flamme um den roten Plüschumschlag schloss. »Es hat nichts mit Ylva zu tun, dass Mailin nicht weiterleben konnte«, sagte er tonlos. »Jo und Jakka hatten einen Pakt geschlossen. Lieber sterben, als dass jemand von ihnen erfuhr.« Neben dem brennenden Notizbuch sah Liss die Reste eines Buchcovers. »Sándor Ferenczi«, konnte sie lesen. Der Inhalt war schon zu einer Rolle aus Asche geworden. »Mailin hat es herausgefunden«, murmelte sie. »Sie hat einfach keine Ruhe gegeben. Hat mich immer wieder gefragt, wer dieser Jakka ist.« Liss versuchte, Gedanken festzuhalten, die langsam in die Ferne glitten, zu einem Ort weit weg von diesem Raum, dem beißenden Geruch des Kamins, dem Staub und dem erkalteten Holz, weit weg von all den Gerüchen, die von ihr und Mailin stammten, von ihrem Vater, der einst an ihrem Bett gestanden und gesagt hatte, dass er fortmüsse, und von ihrer Großmutter, die hier Zuflucht gesucht hatte, bevor die Welt kam und sie holte. »Mailin hat begriffen, dass Jakka Berger ist.« Viljam sah sie eine Weile an. »Ja«, sagte er dann. »Er wollte das Geheimnis in Tabu lüften. Er wollte den Pakt brechen.« Viljam schüttelte den Kopf. »Nachdem Mailin … nicht mehr da war, bin ich jeden Tag bei Berger gewesen. Schließlich hat er verstanden, was mit ihr passiert ist. Sogar darüber wollte er vor der Kamera sprechen. Er war sich ganz sicher, dass er mich in der Hand hatte. Ich machte ihm weis, dass ich in seine Sendung kommen und dort alles gestehen würde. Wir haben alles sorgfältig zusammen geplant. Schockfernsehen! Er freute sich wie ein Kind. Schade, dass ich ihm die Freude nehmen musste.« Der Rausch, der nun seine volle Wirkung entfaltete, war anders als alles, was Liss bisher erlebt hatte. »Du bist ein Wrack, Viljam«, lallte sie. »Ein ekelhaftes Wrack!« Irgendwo in der Ferne begriff sie, dass er genau darauf gewartet hatte: dass sie ihn wütend machte. Er sprang auf und zog sie an den Haaren auf den Stuhl hinab. Auf der Kante des Kamins lag ein zusammengerolltes Seil. Er schlang es um ihre Taille, zog es über ihren Brüsten stramm und knotete es hinter dem Stuhlrücken zusammen. Mit dem losen Ende knüpfte er eine Schlinge, die er ihr über den Kopf zog. »Du bist auch nicht anders als sie«, knurrte er. »Werde dich nicht vermissen.« Sie begann zu husten. »Mailin hat alles getan, um dir zu helfen«, brachte sie heraus. »Sie hat sich um dich gekümmert.« Er schnaubte. »Sie hat mich zum Reden verleitet. Und während ich geredet habe, hat sie mich gestreichelt, mich ausgezogen. Sie hat mich in ihr Büro mitgenommen.« »Du lügst. So was würde Mailin nie machen.« Er zog die Schlinge um ihren Hals zu. »Vielleicht war deine Schwester nicht die Heilige, für die du sie hältst.« »Aber sie war mit dir zusammen«, krächzte Liss. »Ihr wolltet doch heiraten.« Seine Augen wurden schwarz. Halte dir Mittsommer frei, sagte eine Stimme in ihr. Er war es gewesen, Viljam, der ihr diese Nachricht von Mailins Handy aus geschickt hatte. Sie presste hervor, was sie nicht sagen durfte: »Sie wollte dich verlassen.« Er zog hart an dem Seil, das sich tiefer in ihren Hals schnitt. Sie spürte, wie ihr Kopf anwuchs, der Raum wurde von rötlichem Rauch erfüllt. »Sie sollte alles an mir lieben«, fauchte er, »egal, was ich getan hatte. Egal, was die anderen mir angetan hatten. Aber sie hat mich angelogen. Und das habe ich noch nie ertragen. Verstehst du? Wenn mich jemand anlügt, ist alles vorbei.« Plötzlich lockerte er das Seil wieder. Die Luft schoss ihr brennend in die Brust. »Hast du es jetzt verstanden? Hast du genug gesehen?« Durch den Nebel pulsten rote Flecken. Dann wurden sie schwächer, und der Nebel verschwand. Er hielt etwas in der Hand. Es war die Nadel einer Spritze, die er jetzt aus der Hülle zog. Sie spürte, wie er die Nadel an ihre Wange legte, sie vorsichtig aufritzte und die Nadel bis zu ihrem rechten Auge führte. »Hast du genug gesehen?«, wiederholte er. Sie versuchte, den Kopf zur Seite zu drehen. Dadurch zog sich die Schlinge wieder zusammen. Der Nebel mit den roten Flecken kehrte zurück. Sie öffnete den Mund. »Viljam … Jo.« Es hörte sich an wie ein Gebet, aber nicht sie sprach. Die Stimme war heiser und dunkel. »Jetzt ist es Jo«, zischte er. »Lieber, guter Jo und all das Gequatsche.« Er senkte die Spritze und stach sie direkt in ihre Brustwarze. Der Schmerz war noch schärfer als zuvor, er schoss ihr durch die Brust und löste etwas in ihrem Rücken. Die Tentakel einer Feuerqualle entfalteten sich und brannten im ganzen Körper. »Du bist ein lieber Junge, Jo. Du bist so lieb, so lieb. Du kannst alles mit mir machen, absolut alles. So denkst du doch auch. Glaubst du etwa, ich kenne dich nicht, Liss Bjerke? Glaubst du etwa, Mailin hätte mir nicht alles über dich erzählt, was ich wissen muss? Der Rest ist Müll.« Er zog die Nadel heraus, legte seine Hand auf ihre Stirn und zog mit einem Finger ihr Lid nach oben. Sie war jetzt hellwach und schüttelte mit aller Kraft ihren Kopf. Er packte ihre Haare und hielt sie eisern fest. Sie spürte die kalte Spitze an ihrem Augapfel. Als hätte sich dort ein Insekt mit seinem riesigen Stachel niedergelassen. Es stach ein paarmal. Dann schien eine Haut zu platzen. Dieser Schmerz war anders. Er riss sie auseinander, und nirgends ein Ort, der ihr Zuflucht bot. Ihr Auge lief über, das Licht der Lampe änderte seine Farbe, wurde schwarz, und aus diesem Dunkel spannte sich ein Bogen in allen Farben. »Ich will dir die Stelle zeigen«, schrie sie. Er beugte sich ganz nah zu ihrem Gesicht herab. »Welche Stelle?« »Unten am Wasser.« Er riss die Nadel heraus, etwas lief ihr über die Wange. »Nicht das andere«, bat sie. »Noch nicht. Nicht bevor ich dir die Stelle gezeigt habe.« »Von der du in deinem Notizbuch schreibst? Wo du dich in den Schnee legen willst? Wo du zu den Bäumen hinaufschauen und erfrieren willst?« Sie versuchte zu nicken. »Es ist nicht weit.« Er hielt die Spritze an ihr Lid, dann ließ er seine Hand sinken, lockerte das Seil und zerrte sie an den Haaren durchs Zimmer. »Zeig mir die Stelle«, zischte er und riss die Axt an sich, die immer noch vor dem Kamin lag. »Zeig mir die Stelle, an der du sterben wirst.« Sie ging vor ihm her, barfuß und nackt. Der Wind kam direkt vom Morrvann und brannte auf ihren Brüsten und den Oberschenkeln. Seine Schritte im Schnee, ein paar Meter hinter ihr. Du hast Angst, Liss. Mailins Stimme ist verschwunden. Jetzt spricht der Vater zu ihr. Endlich hast du Angst. Ich habe Angst. Du willst nicht sterben. Ich will nicht sterben. Sie legte den Kopf zurück. Mit dem einen Auge konnte sie nur noch einen grauen Streifen im Dunkel zwischen den Bäumen ausmachen. Und sie vernahm das Geräusch des Windes. Das habe ich mir damals gewünscht, als du gefahren bist, mich in den Schnee zu legen und zu spüren, wie die Kälte mich umschließt und auflöst. Ich werde dich vermissen, Liss. Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt, du und ich. Sie drehte sich zu der hohen, schmalen Gestalt um. Das Gesicht kam aus dem Grau, ganz nah an ihr Gesicht heran. »Darf ich mich kurz dort oben auf den Fels setzen und über das Wasser schauen? Nur ein paar Minuten.« Er grunzte. Sie spürte ihre Füße nicht mehr. Die Kälte hatte sich bis nach oben in ihre Knie gefressen. Sie rutschte auf dem vereisten Weg aus. »Hilf mir«, bat sie. Er kletterte neben ihr hinauf, ging in die Hocke, fasste sie unter dem Arm und zog sie nach oben. Für einen Augenblick standen sie dicht nebeneinander. Sie blickte in sein Gesicht. Die Wut in seinen Augen war verschwunden. »Arme Liss«, flüsterte er. Sie warf sich abrupt nach vorne und stieß ihm mit aller Kraft, die noch in ihrem erstarrten Körper steckte, den Kopf gegen die Brust. Er schwankte, stand an der Kante und ruderte mit den Armen, ließ die Axt fallen und versuchte sich an ihrer glatten Schulter festzuhalten. Es dauerte ein, zwei Sekunden. Dann fiel er hintenüber. Sie hörte, wie etwas auf dem Fels aufprallte, danach ein plumpsendes Geräusch, als er durch die Rinne im Eis brach. Sie rollte von dem Fels herunter und kam auf die Beine. Glaubte, ihn rufen zu hören, drehte sich aber nicht um. Es ist der Wind. Sie kämpfte sich durch den tiefen Schnee. Nicht zur Hütte. Dort findet er dich. Sie lief am Schuppen vorbei. Du wirst nicht sterben, Liss. Sie krabbelte am Abhang entlang, fand die Stelle, die weniger steil war. Sie schlängelte sich hinauf. Der Schnee zog sie zu sich, doch sie wollte nicht länger in ihm verschwinden. Oben auf der Kuppe war der Schnee fester. Sie versuchte, sich zwischen die Bäume zu flüchten, und blieb hinter einer dicken Tanne stehen. Da hörte sie Schritte, duckte sich unter die tiefsten Äste. Ein Flüstern im Ohr: Aber Liss, ohne mich gehst du nirgends hin. Sie ließ sich am Stamm hinabsinken, presste ihre Wange gegen die rauhe Rinde. Ein wenig später, vielleicht nach einer, vielleicht nach zehn Minuten, stand sie wieder auf. Sie schaute unter den Zweigen hindurch. Sie kannte diese Bäume. Sie wiesen ihr den Weg. Dies war ihr Wald, nicht seiner. Sie stolperte über eine Schneewehe auf die Straße. Wollte ihre Füße voreinander setzen, doch es waren nicht mehr ihre. Sie versuchte, auf dem Bauch vorwärtszurobben, während ihre Hände immer noch auf dem Rücken fixiert waren. Sie schaffte es ein paar Meter, ehe ihr gesamter Körper erstarrte. Da krümmte sie sich zusammen und zog die Beine ganz eng an den Körper. In der Ferne näherte sich das Geräusch eines Motors. Sie drehte den Kopf, weit genug, um das Licht zu erblicken, das zwischen den Bäumen tanzte. Sie kommen, um dich zu holen, Liss. Dieser Ort war für dich bestimmt. Epilog Dienstag, 20. Januar J ennifer Plåterud schaltete ihren PC aus, hing den weißen Kittel in den Schrank, schlüpfte auf den Gang und schloss die Tür hinter sich ab. Sie hatte soeben beschlossen, sich ein Paar neue Stiefeletten zu gönnen, die sie bei Hatty and Moo im Internet entdeckt hatte. Auch sie bestanden aus Antilopenleder, sahen durch eine dekorative Bronzespange aber ziemlich verwegen aus, was zu ihrer gegenwärtigen Stimmung passte. Es war Viertel nach vier. Der Elternabend der zehnten Klasse sollte um 19 Uhr beginnen, und Ivar war der Ansicht, dass jetzt wirklich mal sie an der Reihe sei. Außerdem hatte sie versprochen, vorher noch etwas zu essen zu machen, weil beide Jungs später zum Training mussten. Wenn sie näher darüber nachdachte, wäre eigentlich Ivar an der Reihe gewesen, und sie ärgerte sich darüber, dass er sie überredet hatte. Jennifer schaute ein weiteres Mal auf die Uhr und entschied sich, an ihrem eigentlichen Plan festzuhalten. Trotz aller familiären Verpflichtungen eilte sie zum Hauptgebäude des Rikshospitals und betrat die große Eingangshalle, die sie an einen Flugzeughangar erinnerte. Während sie die Treppe zur Galerie hinaufging, musste sie an Roar Horvath denken. Sie hatte ihn vorhin angerufen und angedeutet, dass sich in den nächsten Tagen ein Besuch in Manglerud einschieben ließe, doch schien er bereits andere Pläne zu haben. Zum dritten Mal in dieser Woche hatte sie eine ausweichende Antwort erhalten. Warum konnte er nicht einfach sagen, was Sache war? Glaubte er etwa, sie würde die Wahrheit nicht ertragen? Sie ärgerte sich darüber, dass sie ihm jetzt nicht zeigen konnte, wie leicht sie es nahm. Sie hatte sich in ihm geirrt. Als sie ihm auf der Weihnachtsfeier das erste Mal begegnet war, hatte sie ihm ein sanguinisches Temperament zugeschrieben. Aber wer ist auf einer Weihnachtsfeier nicht ausgelassen? Inzwischen erschien er ihr mehr wie eine Mischung aus Melancholiker und Phlegmatiker, was ihn nicht sonderlich von Ivar und den norwegischen Männern im Allgemeinen unterschied. Es war nicht das erste Mal, dass sie mit ihrer Einschätzung grob danebengelegen hatte, doch deshalb das gesamte hippokratische System anzuzweifeln kam nicht infrage. Als sie im ersten Stock auf der Galerie entlangging, strömten ihr viele Menschen entgegen. Manche kannte sie flüchtig und nickte ihnen kurz zu. Die Sehnsucht würde ein paar Tage anhalten, sagte sie sich, und dann vorübergehen. So war es ihr mit den meisten Männern ergangen. Sollten sie in Frieden ruhen. Selbst die Erinnerung an Sean war schließlich verblasst. Zumindest musste sie nicht mehr ständig an ihn denken. Und die Sache mit Roar Horvath war nicht mehr als eine heilsame Ablenkung gewesen. Für eine Weile hatte sie ihre Angst vor dem Dahinwelken gedämpft, und jetzt brauchte sie ihn nicht mehr. Nachdem sie sich am Empfang der Station erkundigt hatte, klopfte sie auf dem Gang an die vorletzte Tür. Im Zimmer war es dunkel, und es dauerte ein paar Sekunden, bis sie sah, dass jemand am Fenster auf einem Stuhl saß. »Hallo, Liss.« Die junge Frau drehte sich um. Das eine Auge war unter einer dicken Bandage verborgen. »Hallo«, entgegnete sie matt. Jennifer schloss die Tür hinter sich. »Ich habe gehört, dass Sie immer noch im Krankenhaus liegen, und wollte mich selbst überzeugen, wie es Ihnen geht.« Liss knipste eine Lampe an. Sie wirkte noch dünner als bei ihrer letzten Begegnung, auf der Beerdigung ihrer Schwester. Um ihren Hals lagen Melolin-Kompressen, die mit Klebeband befestigt waren. »Ich habe alles, was ich brauche. Werde gut versorgt.« Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung des kleinen Tischs, auf dem eine Kanne mit gelbem Saft und eine Packung Cracker standen. Auf dem Teller lag eine unberührte Scheibe Brot mit Käse. »Sie werden morgen entlassen?« »Glaub, schon.« »Was ist mit dem Auge?« Liss zuckte leicht die Schultern. »Das soll noch mal untersucht werden, bevor ich entlassen werde. Sie konnten mir noch nichts Genaues sagen.« Jennifer setzte sich auf die Bettkante. »Haben Sie mit jemand darüber gesprochen … was geschehen ist?« Liss verzog das Gesicht. »Irgend so ein Psychologe war hier, ein ziemlicher Nerd. Ich habe ihm höflich gesagt, dass ich keine Hilfe brauche, und darüber schien er eigentlich ganz froh zu sein.« Jennifer musste lächeln. »Und Ihre Mutter? Oder Ihr Stiefvater?« »Die tun, was sie können. Aber meine Mutter braucht mehr Hilfe als ich.« Im schwachen Schein der Lampe war Liss’ Gesicht ein gräulich bleiches Oval unter der Bandage. Jennifer war versucht, ihr über das Haar zu streichen. »Der Kommissar war übrigens hier. Dieser Viken. Er hat mir noch ein paar Fragen gestellt.« »Das ist bestimmt notwendig«, entgegnete Jennifer nickend. »Auch wenn die Ärzte Ihnen Ruhe verordnet haben.« »Es hat fast zehn Stunden gedauert, bis sie ihn gefunden haben.« »Das habe ich gehört.« Jennifer hatte Viljam Vogt-Nielsen obduziert, nachdem man seine Leiche unter dem Eis hervorgezogen hatte. Aber darüber wollte sie nicht sprechen. »Glauben Sie, dass er Schmerzen hatte?« »Nein«, antwortete Jennifer mit Entschiedenheit und fügte hinzu: »Er hat das Bewusstsein verloren, bevor er durch das Eis brach. Wahrscheinlich ist er im Fallen mit dem Kopf gegen den Fels geprallt.« Liss saß regungslos da und starrte aus dem Fenster. »Ich habe ihn gestoßen. Ich habe gehört, wie er mit dem Kopf aufgeschlagen ist, aber ich bin weggelaufen.« Es hörte sich so an, als mache sie sich Vorwürfe. »Wegen ihm sind Sie jetzt hier!«, protestierte Jennifer. Liss wickelte sich eine Locke um den Zeigefinger. »Und weil der Kommissar beschlossen hatte, eine Sondereinheit zur Hütte zu schicken. Er hat geahnt, dass Viljam dort sein würde.« Es wunderte Jennifer nicht, dass Viken hatte durchblicken lassen, wem Liss ihre Rettung zu verdanken hatte. »Ich habe einen Menschen getötet.« Jennifer stand auf und stellte sich neben ihren Stuhl. »Liebe Liss«, sagte sie und berührte ihre Schulter. »Ich bin keine Psychologin. Aber nach allem, was Sie durchgemacht haben, ist es völlig normal, dass Sie so empfinden. Es ist das typische Schuldgefühl derer, die überlebt haben. Sie sollten mit jemand darüber reden. Glauben Sie mir, es gibt auch fähige Psychologen.« * Nachdem Jennifer Plåterud gegangen war, dachte Liss darüber nach, was sie gesagt hatte. Sollte sie wirklich mit einem Psychologen sprechen? Als Kommissar Viken da gewesen war, hatte sie all ihre Kräfte mobilisiert und mit ihm über das Geschehen am Morrvann gesprochen. Das hatte ihr geholfen. Der Kommissar behauptete, er habe sich in erster Linie nach ihrem Befinden erkundigen wollen. Doch er protestierte nicht, als sie ihm erzählte, was sie wusste. »Er ist Mailin zum Postamt gefolgt, hat im Auto auf sie gewartet und ist dann mit ihr zur Hütte gefahren. Wie er hinterher den Eindruck erwecken konnte, dass er die ganze Zeit über in Oslo war, weiß ich nicht.« »Das haben wir herausgefunden«, erklärte Viken. »Er fuhr abends zur Arbeit und kehrte danach wieder zur Hütte zurück. Er muss sie dort gefangen gehalten haben, um dann am nächsten Morgen, dem 11. Dezember, mit ihr zu der Fabrik zu fahren.« »Hat er sie dort gefilmt? Der Videoclip war doch vom 12. Dezember.« Sie dachte einen Moment nach. »Aber es ist ja nicht schwierig, auf dem Handy das Datum zu ändern.« Viken gestattete sich ein vages Lächeln. »Ganz genau. Ich glaube, mit Ihrem Kopf ist alles in Ordnung, auch wenn er zwischendurch großer Kälte ausgesetzt war.« Sie mochte seinen Ton, geradeheraus und ohne falsches Mitleid. »Er muss auch ihr Handy benutzt haben, um Berger eine SMS zu schreiben. Und nicht nur ihm.« Halte dir Mittsommer nächstes Jahr frei. »Hat er auch Jim Harris getötet?« »Das nehmen wir stark an«, antwortete Viken. »Harris hatte anscheinend etwas beobachtet, das nicht für seine Augen bestimmt gewesen war.« »Er ist an diesem Nachmittag in Mailins Praxis gewesen … Das Auto. Er hat gesehen, wie Viljam ihr Auto dort geparkt hat.« »Richtig«, bestätigte Viken. »Jim Harris ist erst später klar geworden, was das bedeutet. Ich nehme an, dass er sich sein Schweigen bezahlen lassen wollte. Von irgendwas muss man ja schließlich leben.« »Aber Viljam war doch den ganzen Donnerstag über in der Uni und danach bei dieser Studenteninitiative.« Viken schob den Stuhl zurück und streckte seine relativ kurzen Beine aus. »Wir haben uns die Videobänder des Ibsen-Parkhauses angesehen. Mailins Wagen wurde am Morgen dort abgestellt. Während seiner Pause bei der Studenteninitiative hatte Viljam genügend Zeit, bei Deli de Luca einzukaufen und Mailins Auto in die Welhavens gate zu fahren.« Liss bemerkte, dass sie unablässig an einer Haarlocke drehte. Sie ließ die Hand auf die Armlehne fallen. »Viljam ist sexuell missbraucht worden«, sagte sie. »Er ist Berger begegnet, als er zwölf war und mit seiner Familie einen Urlaub im Süden machte.« Viken sperrte die Augen auf. »Wissen Sie, welche Urlaubsreise das war?« Sie erzählte ihm von Mailins CD und gab ihm alle Details, an die sie sich erinnern konnte. Der Kommissar lauschte aufmerksam, ohne sie zu unterbrechen. Wie er da auf seinem Stuhl am Fenster ihres Krankenzimmers saß, erschien er ihr weniger aufdringlich, weniger gefährlich. »Viljam hat Berger Jakka genannt.« »Wenn das stimmt«, entgegnete Viken, »dann beantwortet uns das einige offene Fragen. Falls Viljam damals zwölf Jahre alt war, fand die Reise höchstwahrscheinlich 1996 statt. Sie wissen nicht, wohin die Reise ging?« »Ich glaube, es ist von Kreta die Rede.« Viken machte sich eifrig Notizen. »Könnte es noch weitere CDs geben?«, wollte er wissen. »Viljam hat die CD von Mailin vernichtet. Er hat alles vernichtet, was sie schriftlich festgehalten hat. Er und Jakka haben einen Pakt geschlossen. Sie wollten lieber sterben, als etwas von ihrem Verhältnis preiszugeben. Mailin musste sterben, weil sie herausgefunden hatte, wer Jakka war.« »Und trotzdem wollte Berger Viljam in seiner Talkshow als Mörder enttarnen? Das hat er zumindest VG gegenüber angedeutet.« Liss erinnerte sich, was Viljam darüber gesagt hatte. »Er hat Berger vorgegaukelt, dass er den Mord im Fernsehen gestehen würde.« Viken strich sich mit zwei Fingern über sein glatt rasiertes Kinn, während sie zu Ende erzählte. »Berger hatte wohl schon den Rest seiner Urteilsfähigkeit eingebüßt«, bemerkte er. »Die Sache mit dem Pakt ist mir noch unklar, doch wenn es stimmt, was Sie sagen, erklärt das zumindest, warum er Viljam in seine Wohnung ließ. Was genau dann geschehen ist, können wir nur vermuten. Aber wir haben Spuren gefunden … nun, die beiden waren in seiner Wohnung zusammen, kurz bevor Berger an einer Überdosis Heroin starb.« Liss hatte kein Bedürfnis, nähere Einzelheiten darüber zu erfahren. »Dieses Mädchen aus Bergen«, sagte sie stattdessen. »Ylva Richter. Warum hat Viljam sie über sieben Jahre nach dieser Kretareise überhaupt aufgesucht? Hatten sie zwischendurch mal Kontakt?« Viken zuckte mit den Schultern. »Ich hoffe, das werden unsere Ermittlungen ans Tageslicht bringen. Vorerst bleiben ein paar Fragen ungeklärt.« Im Leben schleppen wir vieles mit uns herum, hatte Liss gedacht, als Viken aufstand, um zu gehen. Als sie im Krankenhaus erwachte, hatte sie gewusst, dass ihre Schuld beglichen war. Fast hätte der Tod sie erwischt, doch sie war ihm von der Schippe gesprungen. In den folgenden Tagen, als sie mit ihrem gesunden Auge zum Fenster hinaussah, war dieses Gefühl immer schwächer geworden. Denn was sollte das für ein seltsamer Ausgleich sein? Hatte Zako oder seine Familie etwas davon, dass sie selbst um ein Haar getötet worden wäre? Als Viken bereits die Hand auf der Klinke hatte, wäre sie fast mit dem herausgeplatzt, was in der Bloemstraat geschehen war. Sie öffnete schon den Mund, doch etwas hielt sie in letzter Sekunde davon ab. Nein, sie wollte niemand davon erzählen. Damit musste sie allein fertig werden. Eine Krankenschwester kam herein. Sie klopfte an, während sie die Tür hinter sich schloss. »Haben Sie alles, was Sie brauchen, Liss?« Sie sagte ihren Namen, als seien sie alte Freundinnen, die sich endlich wiedergetroffen hatten. Im Übrigen war sie eine Hilfskrankenschwester. Ziemlich mollig und mit scharfem Blick, aber doch routiniert freundlich. Liss hatte keinen Hunger und brauchte auch keine fremde Hand, die sie halten konnte. Doch fiel ihr ein, worum sie sie bitten konnte. Kurz darauf war die Krankenschwester zurück und legte einen Stift sowie ein kleines Notizbuch auf ihren Nachttisch. Sie sitzt hoch über der Erde, den Kopf fast in den Wolken. Sie hält sich an seinen langen Haaren fest, die wie Zügel sind, doch sie kann nicht steuern. Plötzlich wird sie abgeworfen und segelt durch die Luft. Aber bevor sie auf dem Boden aufschlägt, wird sie von starken Armen aufgefangen und wieder auf die Schultern gesetzt. Sie schreit und bittet ihn aufzuhören, doch erneut wird sie durch die Luft gewirbelt und aufgefangen. Dies wiederholt sich immer und immer wieder, bis sie nichts anderes will, als dass es niemals aufhört. Das hätte ich in das Buch schreiben sollen, das du mir gegeben hast, Mailin. Und kein Wort von jener Nacht in Amsterdam. Denn dort hat es nicht angefangen. Alle Geschichten beginnen an einem anderen Ort. Vielleicht am Morrvann oder in einem Haus in Lørenskog, lange vor meiner Geburt. So kann ich damit leben: darüber zu schreiben, ohne es mit einem Wort zu erwähnen. Was geschah und was hätte geschehen können und was Dinge ins Rollen brachte. Schatten folgte auf Schatten, Ring auf Ring. Man steckt einen Finger ins Wasser und dreht ihn im Kreis. Irgendwo dort unten in der kalten Tiefe bin ich entstanden. Das Wandtelefon klingelte. Sie erkannte die Stimme der Krankenschwester. »Dein Freund ist am Telefon, soll ich ihn zu dir durchstellen?« Liss kniff das eine Auge zusammen, dann musste sie lachen. »Ich habe keinen Freund.« »Er sagt aber, dass er dein Freund ist.« Die Krankenschwester schien verwundert zu sein und stellte dann einfach durch. Es überraschte Liss nicht, Jomars Stimme zu hören. »Das ist ja wohl der Gipfel der Frechheit«, beschwerte sie sich. »Seit wann bin ich deine Freundin?« Sie konnte sein Grinsen förmlich hören. »Die Krankenschwester ist davon ausgegangen, und ich habe ihr nicht widersprochen. Sollen die Leute doch glauben, was sie wollen. Das funktioniert meistens am besten.« »Und wieso glaubst du, dass ich mit dir sprechen will?« »Ich muss einfach wissen, wie es dir geht.« Sie trug einen verschlissenen Trainingsanzug, den ihr Tage von zu Hause mitgebracht hatte. Die Beine waren zu kurz, und die Farbe hatte ihr mit sechzehn gefallen. Sie hatte sich nicht zurechtgemacht, war ungeschminkt und ihr halbes Gesicht mit einer Bandage umwickelt. »Jedenfalls gut, dass du nicht hierhergekommen bist«, sagte sie. »Ich sehe aus wie ein einäugiger Troll.« »Okay, dann warte ich bis morgen.« »Ich werde morgen entlassen.« »Ich kann dich abholen und nach Hause bringen.« Wo sollte das sein? Sie wusste ja gar nicht, wo sie hinsollte. »Du weißt bestimmt noch, was ich dir am Telefon gesagt habe.« »Jedes Wort«, versicherte er. »So bin ich eben, Jomar Vindheim. Ich mag dich, aber wir werden nie im Leben ein Paar.« »Das hast du jetzt schon hundertmal gesagt. Hörst du, wie ich gähne?« Das Geräusch, das er von sich gab, klang eher wie ein Schnarchen. »Ich hatte nichts dabei, als ich hier eingeliefert wurde«, sagte sie. »Also brauche ich auch niemand, der mich abholt.« Nachdem sie aufgelegt hatte, schrieb sie in das Notizbuch: Es gibt doch einen Menschen, dem ich erzählen kann, was in der Bloemstraat geschehen ist. Einer, der mir sagen kann, was ich tun soll. Vielleicht ist er derjenige, dem du auf dieser Welt am meisten vertraut hast, Mailin. Mittwoch, 21. Januar D ie Tür zu Dahlstrøms Büro war abgeschlossen. Liss klopfte an, wartete. Nichts geschah. Sie ging um die Ecke, an der Garage vorbei und die Treppe zum Haupteingang hinauf. Die Türklingel war ein Miniaturrelief einer Landschaft. Der Klingelknopf zwischen hohen Bergen, die sich in einen dunklen Himmel erhoben. Zwei tiefe Töne drangen aus dem Inneren des Hauses. Im selben Moment glitt die Tür auf. Das Mädchen, das vor ihr stand, konnte nicht älter als sechs oder sieben sein. Zwei dicke, braune Zöpfe hingen über ihren Rücken. »Du heißt Liss«, sagte sie. Liss nickte. »Hast du dein Auge verloren?«, wollte das Mädchen wissen. Sie trug Stiefel und eine rosa Daunenjacke und wollte anscheinend gerade nach draußen gehen. »Nicht ganz«, antwortete Liss und trat ein. »Aber du hast einen Vorderzahn verloren, wie ich sehe.« »Macht doch nichts. Da kommt ja ein neuer.« Das Mädchen sperrte ihren Mund auf und deutete auf einen weißen Rand, der durch das Zahnfleisch schimmerte. »Ich habe acht Zähne verloren«, erklärte sie und zeigte Liss ausführlich jede Stelle, an der einmal ein Milchzahn gewesen war. »Aber du hast deine Schwester verloren«, stellte sie fest, als sie damit fertig war. Liss begriff, dass Dahlstrøm seiner Tochter von ihr erzählt hatte. »Ich weiß gar nicht, wie du heißt«, sagte Liss. »Elisabeth«, antwortete das Mädchen. Es war sonderbar, die helle Mädchenstimme diesen Namen aussprechen zu hören. »So hieß meine Großmutter«, sagte Liss erstaunt. »Das ist ja ein Zufall!« Das Mädchen verdrehte ein wenig die Augen. »Gar kein Zufall. In der 2 b kenne ich ein Mädchen, das so heißt. Und eine Lehrerin und meine Tante und meine Mama heißen auch so.« Thormod Dahlstrøm trat in den Flur und kam auf sie zu. »Liss«, sagte er, nicht überrascht, denn er wusste ja, dass sie kommen wollte, und sie hatte den Eindruck, dass er sich freute, sie zu sehen. Sie mochte es eigentlich nicht, wenn Leute sie umarmten, die sie nur flüchtig kannte, doch in seinem Fall hätte sie nichts dagegen gehabt. Er wandte sich dem Mädchen zu. »Schau nach rechts und links, ehe du über die Straße gehst, Betty.« Mit besorgter Miene strich er ihr über die Haare. Die Tochter seufzte. »Das hast du schon hundertmal gesagt, Papa!« Liss konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Ich weiß«, gab Dahlstrøm zu und nahm die Zöpfe in eine Hand. Auf den beiden Haargummis, die sie unten zusammenhielten, war je ein gelber und ein roter Marienkäfer. »Vergiss nicht, eine Mütze aufzusetzen, es geht ein fürchterlicher Wind.« Als das kleine Mädchen die Auffahrt hinauflief, nahm er Liss die Lederjacke ab und hängte sie hinter einen Vorhang. Daneben hing ein Spiegel. »Für kurze Zeit habe ich das Haus für mich allein. Lass uns hinauf ins Wohnzimmer gehen.« Liss war froh, nicht in seinem Büro sitzen zu müssen. Hier fühlte sie sich mehr als Gast, weniger als Patient. Sie ging vor ihm die Treppe hinauf. Im Kamin loderte ein Feuer. »Möchtest du nicht eine Kleinigkeit essen?«, fragte er, als er den Kaffee brachte. »Vielleicht ein paar belgische Pralinen?« Sie meinte, einen leicht ironischen Unterton herauszuhören. Für einen Augenblick kam ihr die Idee, dass er sie testen wollte, dass er sich fragte, was für eine Beziehung sie zum Essen hatte. Es beschlich sie unablässig das Gefühl, etwas über sich zu verraten. Erstaunlicherweise irritierte sie das nicht. »Was sagen die Ärzte zu deinem Auge?« Er betrachtete die Bandage. »Sie wissen immer noch nichts Genaues, gehen aber davon aus, dass ich mein Augenlicht behalte. Allerdings werde ich nicht mehr so gut sehen können wie früher.« Er nickte. Versuchte nicht, sie zu trösten. »Und wie geht es dir sonst?« Sonst? Meinte er die Schlinge um ihren Hals? Viljams Gesicht, als er sie zuzog? »Ich muss mit dir noch über etwas anderes reden«, sagte sie. »Viljam war psychisch schwer geschädigt. Er kam zu Mailin, um sich helfen zu lassen. Sie hat ihn verführt.« Dahlstrøm blickte sie schweigend an. Seine Augen weiteten sich unmerklich, doch auch jetzt sah er nicht überrascht aus. »Du hast es gewusst!«, brach es aus ihr hervor. Er lehnte sich in dem hohen Stuhl zurück. Die Augen lagen tief unter seiner Stirn begraben. Der Blick, der aus dieser Tiefe kam, machte sie ruhiger. Konnte ihn denn nichts aus der Ruhe bringen? Doch. Sie hatte die Besorgnis in seiner Stimme wahrgenommen, als er seine Tochter nach draußen schickte. »Als wir uns vor ein paar Jahren über ihr Forschungsprojekt unterhielten, hat Mailin von einem Patienten erzählt, der ihr große Sorgen machte«, sagte er. »Es bestand kein Zweifel, dass er schwere psychische Schäden davongetragen hatte.« »Viljam ist seit seinem zwölften Lebensjahr von Berger missbraucht worden. Mailin hat mir eine CD geschickt, auf der die Gespräche protokolliert sind, die sie damals mit ihm geführt hat.« »Eine CD? Darüber solltest du mit der Polizei reden, Liss.« »Ich habe es ihnen gesagt. Aber als ich Viljam von der Hütte aus anrief, hat er mich dazu gebracht, ihm zu sagen, wo die CD ist. Er hat sie vernichtet. Er war wie besessen von dem Gedanken, dass niemals jemand etwas über ihn und Jakka erfahren sollte. So hat er Berger immer genannt.« »Aber Mailin könnte doch mehrere Kopien gehabt haben.« Liss nahm sich eine der kleinen Schokoladenkugeln, die in einer kleinen Schale mit Rosenmuster lagen. »Ich bin mir sicher, dass Viljam alle vernichtet hat. Sonst hätte die Polizei sie längst gefunden.« Dahlstrøm schlug die Beine übereinander und strich sich mit einem Finger über den Nasenrücken. »Er kann nicht öfter als zwei, drei Mal bei Mailin gewesen sein, bevor sie plötzlich beschloss, die Behandlung abzubrechen. Ich habe sie gefragt, ob er sie bedroht hätte. Sie hat ziemlich ausweichend geantwortet. Da wusste ich, worum es ging.« Plötzlich spürte Liss einen gewaltigen Zorn in sich aufflammen. »Genau darüber hat sie ja geschrieben. Dass Menschen missbraucht werden, dass Kinder, die Nähe und Fürsorge brauchen, mit der Leidenschaft der Erwachsenen konfrontiert und ausgenutzt werden. Er ist zu Mailin gegangen, weil er völlig fertig war. Sie hätte ihm helfen sollen, anstatt mit ihm zu schlafen, verdammt!« Sie riss das Goldpapier von der Schokoladenkugel, biss sie in zwei Hälften und zerquetschte ihren weichen Kern zwischen Zunge und Gaumen. »Mailin hat die Behandlung ja sofort abgebrochen«, fuhr sie fort, nachdem sie sich beruhigt hatte. »Sonst hätte sie sich eines Verbrechens schuldig gemacht. Und in dem Augenblick, in dem sie die Sache beendete, hätte er sie anzeigen können. Dann wäre sie vielleicht verurteilt worden und hätte nie wieder als Psychologin arbeiten dürfen. Von solchen Drecksäcken liest man normalerweise in der Zeitung. Wie konnte Mailin nur so was tun?« Dahlstrøm schien lange über diese Frage nachzudenken. »Wir alle machen Fehler«, sagte er schließlich. »Auch die Besten von uns. Manche Fehler können sehr schwerwiegend sein. Was wirklich in ihrer Praxis passiert ist, werden wir nie erfahren. Ich glaube, wir sollten die Sache auf sich beruhen lassen.« »Ich glaube, das kann ich nicht.« Dahlstrøm stand auf, schaute aus dem Fenster, die Dämmerung hatte eingesetzt. Er strich sich seine dünnen Haarsträhnen nach hinten, ging in die Küche, kam mit einer Kaffeekanne zurück und schenkte ihr erneut ein. »Mailin war gut. Sie hat vielen Menschen geholfen. Sie war ein warmherziger Mensch. Doch für dich, Liss, ist sie mehr als nur ein Mensch.« Liss blickte zu Boden und bedauerte ihre Worte. »Für dich verkörpert sie all das Gute im Leben. Du hast dieses Bild gebraucht. Vielleicht bist du jetzt an den Punkt gelangt, an dem du ohne Schutzengel weiterleben musst. Und vielleicht muss das so sein.« Es stimmte, was er sagte. Jedes einzelne Wort. Dennoch schüttelte sie den Kopf. Plötzlich fror sie. »Ich habe einen Menschen getötet.« Dahlstrøm beugte sich zu ihr vor. »Du hattest keine Wahl, Liss, wenn du überleben wolltest.« »Ich meine nicht Viljam. Ich habe jemand anders getötet.« Sie schloss die Augen. Für den Bruchteil einer Sekunde saß sie hoch über der Erde, ließ die Zügel los, wurde hochgeworfen und raste auf den Boden zu … Sie wagte nicht, ihn anzusehen. Schließlich merkte sie, dass er sich wieder zurücklehnte. »Willst du mir das wirklich erzählen, Liss?« Darauf konnte sie nicht antworten, verstand jedoch, dass er ihr die Wahl überließ. Es konnte immer noch ungesagt bleiben. »Er hieß Zako und wohnte in Amsterdam. Wir waren irgendwie zusammen.« Sie sprach sehr schnell, als wolle sie sich rasch jeden Rückweg verbauen. Tormod Dahlstrøm entgegnete nichts. Er nippte an seinem Kaffee und stellte die Tasse so ruhig wieder ab, dass das Klirren des Porzellans nur unmerklich zu hören war. Sie wusste nicht, wie lange sie am Tisch saß und ihm alles erzählte. Sie fühlte sich wie betäubt. Ihr Körper war gefühllos, die Zeit stand still, nur ihre Stimme war allgegenwärtig. Sie fing mit dem Wichtigsten an. Dann begann sie erneut und ging mehr ins Detail, wobei sie nicht ein einziges Mal aufschaute. Wenn sie jetzt einem Blick begegnete, würde diese Geschichte sich gegen sie wenden und alles in ihr in Stücke schlagen. Als sie endlich schwieg, schlug er erneut die Beine übereinander. Sie sah seinen Fuß, der ein paarmal auf und ab wippte, zur Ruhe kam und erneut zu wippen begann. »Es klingt so, als wäre ich der Erste, dem du davon erzählst.« Sie spürte, dass sie nickte. Er war der Einzige, der Bescheid wusste. Wenn es einen einzigen Menschen gab, dem sie diese Macht einräumen konnte, dann war es Dahlstrøm. Erst jetzt begriff sie voll und ganz, warum sie zu ihm gekommen war. Seine Reaktion entschied darüber, was sie tun würde, wenn sie ihn wieder verließ. »Ich glaube, du erwartest dir keinen Rat von mir«, sagte er. »Es genügt, dass ich es weiß.« Sie versuchte zu erspüren, ob er recht hatte. Da vibrierte sein Handy, das auf dem Sekretär hinter ihm lag. Er erhob sich und warf einen Blick darauf. »Ich muss rangehen«, sagte er. Sie stand ebenfalls auf. »Geh noch nicht, Liss.« »Nein«, entgegnete sie. »Keine Sorge.« Er verschwand in der Küche und schloss die Tür hinter sich. Sie hörte seine Stimme durch die Wand, und obwohl sie nicht verstand, was er sagte, beruhigte sie sein gedämpfter Ton. Plötzlich wurde sie von einem Gefühl der Dankbarkeit ergriffen, dass es Menschen wie ihn gab. Dieselbe Ruhe musste Mailin gespürt haben, wenn sie mit ihm gesprochen hatte. Auch Mailin hatte jemand gebraucht, der ihr half, ihr Schicksal zu meistern. Sie ging zum Fenster und schaute hinaus. Das Grau hatte sich verdichtet, doch es war in Bewegung, und das Licht dahinter war scharf. Im Garten lugten Zweige und Äste aus dem nassen Schnee hervor. Das Grundstück setzte sich bis zum Wald fort und wurde von Bäumen eingerahmt, die sich heftig im Wind bogen. Eines der Fenster war angelehnt. Durch den Spalt hörte sie, wie die Bäume im Wind jammerten. Auf der Anrichte standen unzählige Familienfotos. Sie erkannte die Tochter wieder, die ihr an der Haustür begegnet war. Sie trug ein weißes Kleid mit Schleifen und hatte einen Schulranzen auf dem Rücken. Ein anderes Foto zeigte Dahlstrøm, wie er vor einigen Jahren ausgesehen hatte, mit dichterem Haar und markanteren Gesichtszügen. Aber der tiefe, ruhige Blick hatte sich nicht verändert. Das Bild schien vom 17. Mai zu stammen, dem Nationalfeiertag, denn er trug Anzug und Krawatte, und ein Junge, der ihm ähnlich sah, saß auf seinen Schultern und hielt eine kleine Flagge in der Hand. Auf dem nächsten Foto in Schwarzweiß war eine dunkelhaarige Frau mit gewellten Haaren zu sehen, die etwas von Greta Garbo hatte. Liss vermutete, dass es Dahlstrøms Mutter war. Auf einem anderen Bild trug dieselbe Frau ein langes, tailliertes Kleid. Ein Mann mit dunklen und glatt zurückgestrichenen Haaren hielt sie im Arm. Auch er hatte tief liegende Augen und ein vorstehendes Kinn, das noch kräftiger ausgeprägt war als Dahlstrøms. Liss nahm das Bild und hielt es ins Licht. Sie registrierte, wie überrascht sie war, dass Dahlstrøm überhaupt Eltern besaß, als habe sie ihn sich als Wesen anderen Ursprungs vorgestellt. In diesem Moment kam er wieder herein. Sie zuckte zusammen und schaffte es nicht mehr, das Bild rechtzeitig zurückzustellen. Doch es schien ihm nichts auszumachen. »Bist du an Familiengeschichten interessiert?« Sie dachte darüber nach. »Es ist schon interessant zu erfahren, von wem wir unser Aussehen und unsere Eigenschaften haben.« »Und wem ähnelst du am meisten?«, fragte er. »Meinem Vater«, antwortete sie, ohne zu zögern. »Ich habe fast alles von ihm, und von seiner Mutter. Wenn ich dir Fotos von ihr zeigen würde, könntest du keinen Unterschied zwischen uns sehen.« »Ähnelst du ihr auch auf andere Weise?« Sie wickelte sich eine Haarlocke um den Finger. »Unsere Großmutter war eine merkwürdige Frau. Niemand hat sie verstanden. Sie fühlte sich bestimmt fremd in der Welt. Sie starb in der psychiatrischen Klinik in Gaustad.« Liss unterließ es, ihren Namen zu nennen. »Das klingt so, als wäre das eine bestimmte Warnung für dich.« In seinem Kommentar lag eine Frage. »Vielleicht …« Sie geriet ins Stocken. »Steht dein Leben nicht auch unter dem Einfluss deiner Eltern und Großeltern?« »Sie haben sicher ihren Anteil«, antwortete er. »Mein Vater wollte immer, dass aus mir mal was wird, am liebsten Arzt. Zur Psychiatrie hatte er kein Verhältnis, sie ist wohl auch nicht besonders prestigeträchtig. Er selbst betrieb einen Konfektionshandel, wie das damals hieß. Über sechzig Jahre lang handelte er mit Kleidung, und in seinen Augen habe ich sehr viel mehr erreicht als er. Meinem Vater ging es vor allen Dingen darum, dass die nächste Generation ein Stück die Karriereleiter emporklettert.« Irgendetwas ließ sie plötzlich aufhorchen. Sie wusste nicht, was es war. Immer noch hielt sie das Foto seiner Eltern in der Hand. Sie betrachtete den sorgfältig gekleideten Mann mit den glatt gekämmten Haaren, wie er die Frau im Arm hielt, die an der Kamera vorbeiblickte und zu lächeln schien. Auf der CD, in Mailins Aufzeichnungen, dachte sie. Da stand etwas über Jakkas Vater. »Ich habe alles über Bergers Vater gelesen, was ich im Internet finden konnte … Er hat keine Kleider verkauft. Er war Pastor in der Pfingstbewegung.« Unzusammenhängende Gedanken, die lange Zeit vor sich hin geschlummert hatten, wurden mit einem Mal aufgewirbelt. Sie drehte sich zu Dahlstrøm um und hörte sich flüstern: »Jakka.« Sie blickte verstohlen zu ihm auf. Seine Gesichtszüge verhärteten sich, seine Augen wurden tief unter der Stirn zu schmalen Schlitzen. »Ja, das ist richtig.« Sie bekam nicht genug Luft. Viljam hatte niemals gesagt, dass Berger und Jakka ein und dieselbe Person waren. Das war ihre Idee gewesen. Viljam sagte, er wolle lieber sterben, als Jakkas Identität zu enthüllen. Dahlstrøms Blick war immer noch auf sie gerichtet. Sie schloss die Augen. Scham durchflutete sie. Bitte ihn um Entschuldigung, dachte sie. Dahlstrøm ist ein guter Mensch. Bitte ihn um Entschuldigung für das, was du denkst. Konnte sie von hier verschwinden, zur Tür hinauslaufen, ohne seinem Blick noch einmal zu begegnen? Was bleibt von mir, Mailin? »Du hast mir eine Geschichte aus Amsterdam erzählt, Liss. Ein Fehler, den du gemacht hast, hatte schreckliche Konsequenzen. Ich habe dir bis zum Ende zugehört. Nun will ich, dass du mir bis zum Ende zuhörst.« »Wie lange lag er im Wasser, ehe er starb?«, murmelte sie. Sie hielt immer noch das Bild seiner Eltern in den Händen. Wagte nicht, es wieder hinzustellen. »Im Frühjahr vor dreizehn Jahren«, begann er, und aus dem Augenwinkel heraus sah sie, dass er ein wenig zusammensank, den Ellbogen auf die Anrichte stützte und seinen Kopf in die Hand legte. Sie wollte nichts hören, doch sie konnte sich nicht aus seinem Bann befreien. »Ich habe ihn aufgehalten, als er sich ertränken wollte. Ich habe ihn gerettet. Und er mich …« Gegenseitige Hilfe, dachte sie ungläubig. Nennst du es etwa so? »Du hattest Sex mit ihm«, presste sie hervor. Die Scham pulste immer noch in dunklen Wellen durch sie hindurch. »Nur ein paarmal. Behutsam und zu seinen Prämissen. Er war stolz darauf. Ich habe alles getan, um ihm zu helfen, Liss. Versteh das bitte. Er konnte nicht mehr zu mir kommen, aber er wollte die Beziehung nicht beenden.« In seiner Stimme nahm sie einen dunklen Unterton wahr. Von ihr konnte sie sich forttragen lassen, wohin er wollte. Bis zu einem Ort, an dem er sie festhielt. Sie hätte sich jetzt auf ihn stürzen, ihm seinen Willen lassen können. Oder mit einem Stein auf ihn einschlagen, bis er auf dem Boden lag, aus den Augen blutete und nie mehr aufstehen konnte. »Ylva Richter«, sagte sie. »Du wusstest, dass er sie getötet hat.« Er schüttelte langsam den Kopf. »Du musst mir glauben, Liss. Zu dem Zeitpunkt hatte ich keinen Kontakt mehr zu Viljam. Ich habe ihn acht Jahre lang nicht gesehen. Dann tauchte er eines Tages in meinem Büro auf. Er blieb an der Tür stehen, wollte sich nicht hinsetzen. Er stand an einem Abgrund und blickte hinab. Ich konnte ihn nicht behandeln, doch ich kannte jemand, der dafür geeignet war.« Sie klammerte sich mühsam an seine Worte. »Du hast ihn zu Mailin geschickt.« Erst jetzt hob sie den Blick. Die Falten auf seiner Stirn waren zusammengesunken, sein Gesicht wirkte grau und eingefallen. »Malin hat herausgefunden, dass du Jakka bist.« »Liebe Liss. Wenn du doch nur verstehen könntest …« Seine Stimme klang belegt. Der Drang war immer noch da, sich an ihn zu lehnen, in seine Arme zu sinken, sich davontreiben zu lassen. Doch dieses Gefühl verblasste zusehends, und das andere drängte sich in den Vordergrund. Ließe sie los, würde es den ganzen Raum ausfüllen und alles zunichtemachen, was sich ihm in den Weg stellte. »Hättest du Viljam nicht missbraucht, hätte er Mailin nicht getötet«, sagte sie, ohne die Stimme zu heben. Diese ruhige Konzentration ermöglichte es ihr, ihre Wut im Zaum zu halten. »Du hast Mailin umgebracht.« »Es gibt eine Grenze, inwieweit man einem anderen Menschen Schuld aufbürden kann, Liss. Überschreitet man diese Grenze, geht dieser Mensch unter. Solange ich aufrecht bin, kann ich vielen Menschen helfen. Wenn nicht, sind sie auf sich allein gestellt.« Sie spürte seine Hand auf ihrer Schulter. »Du hast von deinem fatalen Fehler erzählt, Liss, und ich habe dir von meinem erzählt. Also können wir davon ausgehen, dass wir quitt sind. Das verbindet uns. Wir tragen gemeinsam das Joch, das uns aufgebürdet wurde.« Sie schaute ihn an. Fand weder Reue noch Trauer in seinem Blick. Und was er ihr anbot, war ohne jede Leidenschaft. Es war eine Partnerschaft. Er wollte mit ihr zusammen ein Unternehmen gründen. Eines, das Leichen verschwinden ließ. Sie ließ ihren Blick zum Fenster schweifen. Der Wind wirbelte Blätter und Staub auf. Als er sich wieder legte, bildete sich ein Muster. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, wandte sie sich von ihm ab, durchquerte das Zimmer und ging hinaus. * Während ich hier im Wohnzimmer sitze und in den Winternachmittag hinausblicke, setze ich unser Gespräch in Gedanken fort. Wie konntest gerade du, der so viel über kindliche Bedürfnisse weiß, so etwas tun?, fragst Du. Und erneut erzähle ich Dir von dem Frühling vor dreizehn Jahren, von der Reise nach Makrygialos. Ich betreute Patienten, ich trat im Fernsehen auf, ich hatte feste Spalten in Zeitungen und Magazinen. Alle wollten etwas von mir. Und ich versorgte sie alle. Dann kam dieser Tag im April. Als ich ins Wohnzimmer kam, saß Elsa, meine Ehefrau, auf dem Stuhl, von dem Du gerade aufgestanden warst. Sie bat mich, auf dem Sofa Platz zu nehmen. Dann sagte sie: »Ich ziehe aus, Tormod.« Ich habe ihr nicht geglaubt. Unsere Ehe war gut. Unseren Kinder ging es gut. Wir unternahmen etwas zusammen, hatten nach fast zwanzig gemeinsamen Jahren sogar noch ein aktives Sexleben. »Das kann nicht sein«, entgegnete ich. Doch drei Tage später war sie verschwunden. Ich wurde von einem Sturm erfasst. Plötzlich war er überall, um mich herum und in mir. Ich wusste nicht, ob ich das überleben würde. Dann war er plötzlich vorbei, und da begannen die eigentlichen Schwierigkeiten. Morgens aufstehen, sich waschen und anziehen. Ganz zu schweigen von den Einkäufen. Oder die Kinder zum Training fahren. Man hatte mich verstoßen, und ich war in einer anderen Landschaft gelandet. Ganz still war es hier. Tot. Ohne Bäume, ohne Farben. Nichts als eine große schwarze Sonne, die sämtliches Licht verschlang. Ich hörte nur meine eigenen Schritte, die sich durch die Asche schleppten. Ein Freund und Kollege von mir, ein intelligenter, netter Kerl, hat mich besucht und mit mir geredet, zuerst behutsam und freundlich, dann klar und deutlich. Und irgendwann, als der Herbst anbrach, hat er einfach ein paar meiner Sachen in einen Koffer gepackt, mich ins Auto verfrachtet und zum Flughafen gefahren. Er hatte eine Ferienreise für mich gebucht. Eigentlich wollte er mitkommen, aber dann gab es irgendeinen Zwischenfall in seiner Familie, jemand wurde krank, also musste ich mich allein auf den Weg machen. Du kannst mir nicht einreden, dass eure Beziehung gleichwertig war, hast Du gesagt. Aber wir waren ebenbürtig, Liss, jedenfalls am Anfang. Doch Jo, wie ich ihn immer noch nenne, wollte mich nicht mehr gehen lassen. Er klammerte sich an mich, als gelte es sein Leben. Er vergötterte mich. Und ich durfte niemand anders sein als der Gott, den er brauchte. Und Ylva?, fragst Du. Dir musste doch klar sein, wer Ylva getötet hatte. Ich habe den Zusammenhang nicht begriffen. Das musst Du mir glauben, Liss. Eine junge Frau in Bergen, die Ylva heißt. Ein Foto auf der Titelseite. Vielleicht ähnelte sie einem Mädchen, das ich vor vielen Jahren im Urlaub gesehen hatte. Vielleicht nicht … Natürlich hätte ich den Zusammenhang gesehen, wenn ich das ertragen hätte. Wir haben so oft von ihr geredet. In seiner Fantasie musste ich ein Bild von ihr aufbauen und ihm sagen, wie er sich ihr nähern sollte. Sie war das Symbol für alles Weibliche. Ich lenkte sein Begehren in ihre Richtung, auf ein Mädchen in seinem Alter. Nicht auf die leibhaftige Ylva, sondern auf ihr Bild. »Verstehst Du mich, Liss?«, frage ich laut. »Sag, dass Du mich verstehst.« Du bist nicht mehr da. Nur der Klang Deiner Schritte, als Du das Zimmer durchquerst hast. Das Geräusch der Tür, die Du zugeschlagen hast. Und der Nachhall Deiner letzten Worte an mich: »Du hast Mailin umgebracht.« Vielleicht weißt Du, dass es in Deinen Händen liegt, was nun geschieht. Entweder irren wir blind durch eine ewige Ödnis, oder wir finden ein paar Wassertropfen. »Einen Frieden, der jeden Verstand übersteigt.« * Sie ging den Frognerseterveien hinunter, während ihr der Gestank der Abgase in die Nase stieg. Es hatte erneut zu schneien begonnen, doch der Wind hatte nachgelassen. Sie erreichte die U-Bahn-Station, stapfte jedoch weiter am Wegrand entlang, wo sich der geräumte Schnee auftürmte. Ihre Füße schmerzten immer noch von den Erfrierungen, die sie am Morrvann erlitten hatte. Unablässig kamen ihr Autos entgegen und bespritzten ihre Schuhe mit schmutzigem Schnee. Am Rikshospital bog sie ab und nahm den Weg, der sich an der psychiatrischen Klinik von Gaustad vorbeischlängelte. Als älteste Einrichtung des Landes für Nervenkranke gab es sie bereits seit über einhundertfünfzig Jahren. Einst war ihre Großmutter dort eingesperrt gewesen, in den Monaten, bevor sie starb. Oder hatte sie selbst Hand an sich gelegt? Hatte sie ihr Bettlaken zu einem Tau zusammengebunden, es am Deckenhaken für die Lampe befestigt, sich eine Schlinge um den Hals gelegt und den Stuhl umgetreten? Niemand hatte je ein Wort darüber verlauten lassen. Was geschah, ist durch Schweigen getilgt worden. Was ist von ihr geblieben? Ein paar Schwarzweißbilder von einer hübschen Frau, die einen seltsamen, abwesenden Eindruck macht. Auf dem Fußweg zum Sognsvann war der Schnee noch tief. Liss bahnte sich ihren Weg hinunter. Hörte die Geräusche ihrer eigenen Schritte. Irgendwo blieb sie stehen und drehte sich um, betrachtete ihre Spuren in der Schneelandschaft. Bald sind sie verwischt, dachte sie, und dieser Gedanke verband sich mit einem anderen: Er fing mich auf, bevor ich aufschlug. Er hat mich hochgeworfen, doch mich kein einziges Mal fallen lassen. Als sie das Ende des Sees erreichte, hatte sie sich entschieden. Sie setzte ihren Weg nicht in Richtung Ullevålseter fort, sondern wandte sich nach rechts und überquerte den Parkplatz. Vor dem Eingang zur Sporthochschule blieb sie stehen und verschickte eine SMS. Drei Minuten später kam Jomar Vindheim die Treppe heruntergelaufen. »Tut mir leid, wenn du jetzt die Vorlesung verpasst«, sagte sie. Er blieb stehen und starrte sie mit offenem Mund an. »Ich dachte, du würdest gern mal einen Blick auf den einäugigen Troll werfen. Oder gehst du nicht gerne in Freakshows oder so was?« Er trat näher an sie heran. Zum zweiten Mal legte er seine Hand an ihre Wange. Jetzt ließ sie es geschehen. »Ich habe zwei Bitten an dich, Jomar.« »Ja«, sagte er. »Erstens: Nimm mich mit zu dir nach Hause und verhalte dich genau so, wie du es getan hättest, als wir neulich zum Essen verabredet waren.« Er blickte in ihr gesundes Auge. Vielleicht suchte er nach einem Code, der ihm die ganze Situation erklären konnte. »Liss …«, sagte er schließlich. »Das andere erzähle ich dir später«, unterbrach sie ihn. »Meine einzige Bedingung ist, dass du nicht über deinen Großvater sprichst. Nicht ein Wort.« Er war dünn gekleidet, trug nur ein T-Shirt, nahm sie jedoch in den Arm, als sei sie es, die gewärmt werden müsse. Sie stand nackt an seinem Wohnzimmerfenster im siebten Stock und versuchte, ein paar Konturen im grauen Einerlei auszumachen. An klaren Tagen hat man bestimmt einen weiten Ausblick, dachte sie. Über die Stadt und den Fjord, bis nach Drøbak, vielleicht noch weiter … Mailin hatte ihrer Mutter nichts von den Nächten in Lørenskog erzählt. Sie wollte sie schützen. Jetzt weiß niemand mehr, was geschehen ist, dachte Liss. Niemand außer dem, der damals fortfuhr und nicht zurückkam. Und mir, die nicht in der Lage ist, die Dinge ans Licht zu bringen … Sie musste weiterleben: mit dem, woran sie sich nicht erinnerte, und dem, was sie nie würde vergessen können. Sie hörte, wie Jomar aus dem Bett aufstand. Er kam zu ihr, umarmte sie von hinten. Von seinen Händen ging ein Geruch aus, der an Harz erinnerte, nicht zu süß, nicht zu stark. Sie konnte sich vorstellen, diese Hände zu mögen. »Die Krankenschwester hat vorgeschlagen, dass du meine Freundin wirst.« So etwas sagen Kinder zueinander. Sie musste lachen. »Sie meinte sicher, vorübergehend«, entgegnete sie. Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie im grauen Licht. »Vieles verstehe ich an dir nicht, Liss. Aber das macht nichts, denn ich habe viel Zeit, um es herauszufinden.« Sie blickte zu Boden. »Ich wollte dich ja um zwei Dinge bitten«, sagte sie und verriet ihm, was sie noch auf dem Herzen hatte. Die Fahrt ins Zentrum dauerte fast drei Stunden. Mehrere Male fuhr er rechts ran, blieb an der Bordsteinkante oder an einer Bushaltestelle stehen und stellte den Motor ab. Starrte durch die Windschutzscheibe, während sie erzählte. Es war Abend geworden, als sie vor der Schranke zum Polizeipräsidium stehen blieben. »Ich komme mit rein.« Sie schüttelte den Kopf. »Dann warte ich hier«, beharrte er und zeigte auf einen freien Parkplatz auf der anderen Seite der kurzen Straße. »Hast du denn gar nichts verstanden, Jomar Vindheim?« »Ich warte.« Die Frau hinter der Schranke war etwa in ihrem Alter. Sie war dunkelhaarig und hatte asiatische Gesichtszüge. An ihrem Uniformhemd trug sie einen Ausweis mit Foto. »Was kann ich für Sie tun?«, fragte sie in einer Tonlage, die sich irgendwo zwischen Freundlichkeit und Ablehnung bewegte. »Ich hätte gerne mit einem Kommissar namens Viken gesprochen.« Sie hatte darüber nachgedacht. Jemand anders kam nicht infrage. »Kommissar Viken vom Dezernat für Gewaltverbrechen? Ich glaube, so ohne Weiteres ist das nicht …« »Es geht um einen Mord.« Die Frau vom Wachdienst zwinkerte ein paarmal, bevor sie sagte: »Sind Sie sicher? Da müssen wir den Bereitschaftsdienst kontaktieren.« Liss stützte sich mit beiden Händen auf die Schranke. »Der Mord liegt schon längere Zeit zurück, über einen Monat. Und er geschah auch nicht hier, sondern in Amsterdam.« Die Frau griff zum Telefon. Als sie wieder aufgelegt hatte, sagte sie: »Er holt Sie in zwei Minuten ab.« Liss stellte sich an die Säule mitten in der Eingangshalle. Durch die Fenster, die sich ganz oben in der sechsten Etage befanden, sah sie, dass es aufgehört hatte zu schneien. Sie ließ ihren Blick über die offene Galerie der einzelnen Etagen bis hinunter zum Ausgang schweifen. Zwei Minuten, dachte sie. Zwei Minuten braucht er, um seine gegenwärtige Beschäftigung zu unterbrechen, den roten Korridor hinunterzugehen, den Aufzug zu nehmen und hierherzukommen. Sie hatte immer noch genügend Zeit, aus dieser Tür zu spazieren, ohne dass Viken oder sonst jemand je erfuhr, warum sie gekommen war. Über Torkil Damhaug Torkil Damhaug, geboren 1958 in Lillehammer, studierte Medizin und Psychologie. Er arbeitete in Akerhus als Psychiater, bevor er sich 1996 dem Schreiben von psychologischen Thrillern widmete. In Norwegen sind bereits drei seiner Romane veröffentlicht, doch mit der »Bärenkralle« gelang ihm sein internationaler Durchbruch. Über dieses Buch Der 12-jährige Jo hat beschlossen, seinem Leben ein Ende zu setzen – und wird in letzter Minute gerettet. Doch um welchen Preis? Jahre später verschwindet in Oslo die Psychotherapeutin Mailin Bjerke spurlos. Was niemand weiß: In ihrer Praxis fehlt auf einmal eine streng vertrauliche Patientenakte. Als Mailin einige Tage später grausam gefoltert und ermordet aufgefunden wird, übernehmen Kommissar Viken und sein Team den Fall. Gleichzeitig beginnt Mailins eigensinnige Schwester Liss, selbst Nachforschungen anzustellen. Immer tiefer gräbt sie in der Vergangenheit und kommt dabei dem Mörder ihrer Schwester gefährlich nahe … Torkil Damhaug ist erneut ein erstklassig durchdachter, komplexer und überraschender Plot gelungen – dieser Thriller lässt niemanden kalt! Impressum Die norwegische Originalausgabe dieses Buchs erschien 2008 unter dem Titel »Døden ved vann« bei Cappelen Damm, Oslo. Diese Übersetzung wurde von NORLA, Oslo, gefördert. Der Verlag bedankt sich dafür. Deutsche Erstausgabe September 2010 Copyright © 2008 by Cappelen Damm AS Copyright © 2010 der deutschsprachigen Ausgabe bei Knaur eBook. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden. Redaktion: Friederike Arnold Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Umschlagabbildung: Gettyimages / Photodisc / Alex L. Fradkin ISBN 978-3-426-40657-1 Hinweise des Verlags Wenn Ihnen dieses eBook gefallen hat, empfehlen wir Ihnen gerne weiteren spannenden Lesestoff aus unserem eBook Programm. Melden Sie sich einfach bei unserem Newsletter an, oder besuchen Sie uns auf unserer Homepage: www.knaur-ebook.de Weitere Informationen rund um das Thema eBook erhalten Sie über unsere Facebook und Twitter Seite: http://www.facebook.com/knaurebook http://twitter.com/knaurebook Sie haben keinen Reader, wollen die eBooks aber auf Ihrem PC oder Notebook lesen? 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