Tom Callaghan Tödlicher Frühling Thriller Aus dem Englischen von Kristian Lutze und Sepp Leeb Atlantik Für Akyl, Aizat und Kairat Kein Ausweg. Alles bleibt sich gleich. Du stirbst – beginnst ein neues Mal. Und wieder, eh du dir’s gedacht … Alexander Blok, 1912 Kapitel 1 Das letzte der toten Kinder legten wir in der roten Stunde vor der Abenddämmerung frei, als der Schnee auf den Gipfeln des Tienschan im Licht der letzten Sonnenstrahlen aussah wie getrocknetes Blut und die Frühlingsluft stechend kalt wurde. Sieben kleine Bündel, alle straff mit Plastiktüten umwickelt und eilig nur ein paar Zentimeter unter der Erde verscharrt. Als würden sie Wärme oder Trost suchen, lagen sie aneinandergekauert unter einem von drei Apfelbäumen in der Nordecke eines Kartoffelackers neben dem Kanal. Kein besonders cleverer Ablageort: Die Tüten waren von Verwesungsgasen angeschwollen und aus der sauren Erde gesprossen wie missgebildete Pilze. Es war der ranzige Gestank in der Morgenluft, der die Aufmerksamkeit des Bauern erregt hatte, der auf die erste Leiche gestoßen war. Anfangs hielt er sie für einen toten Hasen und fragte sich, warum irgendjemand sich die Mühe gemacht hatte, ihn zu begraben. Ein genauerer Blick offenbarte einen Schopf dunklen Haars und eine kleine Hand, deren Finger zu einer wirkungslosen Faust geballt waren. Dann bemerkte er eine Reihe weiterer matt glänzender Bündel und entschied sich gegen all seinen bäuerlichen myrki-Instinkt, die Behörden zu alarmieren. Er rief die menti an, die örtlichen Bullen, die sich an die Mordkommission wandten und nach einem Inspektor fragten. Da es in Karakol nur einen Beamten der Mordkommission gab, gelangten sie zu mir. Ich war seit drei Monaten in Karakol im inoffiziellen internen Exil, meine Quittung für das Chaos, das ich im vorherigen Winter bei der Untersuchung der brutalen Ermordung und Verstümmelung mehrerer junger Frauen angerichtet hatte. Bei meinem Versuch, einen potenziellen Staatsstreich von Politikern zu vereiteln, die in der letzten Revolution abserviert worden waren, hatte es eine Menge verspritztes Blut und Ärger gegeben. Der lokale Boss des mafiaähnlichen Kreises der Brüder war mit dem Gesicht in einer Schneewehe geendet, und ich hatte dem Minister für Staatssicherheit geholfen, den Mann »verschwinden zu lassen«, der die Tötung und Verstümmelung seiner Tochter angeordnet hatte. Dieser Mann war zufällig auch der Leiter der Polizeistation Sverdlowsk und mein Chef gewesen. Die Öffentlichkeit hatte man mit irgendeinem Unsinn über einen tragischen Verkehrsunfall abgespeist, bei dem einer der führenden Polizeibeamten Kirgisistans ums Leben gekommen sei, von posthumen Orden und sogar einem Staatsbegräbnis war die Rede. Als Kirgisen nahmen wir diese Nachricht mit der Gleichgültigkeit auf, für die wir berühmt sind. Wenn es nicht unser Leben oder den Inhalt unserer Taschen betrifft, sind wir offen gestanden nicht übermäßig interessiert daran, wer an den dicken Schreibtischen sitzt und Schmiergelder für erwiesene Gefälligkeiten kassiert. Wir sind zu beschäftigt damit, uns zu fragen, wie wir unsere Teller mit Plow und unsere Gläser mit Wodka füllen sollen. Die Typen an der Spitze entschieden, dass es das Beste sei, wenn ich für eine Weile aus Bischkek verschwinden würde, wofür Karakol der ideale Ort war, weil er so weit entfernt von der kirgisischen Hauptstadt lag, wie man in meinem Land ohne Visum nur kommen konnte. Und es gab schlimmere Orte als Karakol; immerhin hatte man mich nicht an den Torugart-Pass versetzt, die einsame Gebirgspassage zwischen Kirgisistan und China. Für einen ehrgeizigen Bullen gibt es in Karakol nicht viel zu tun; die Verhaftung von ein paar Einheimischen, die nach dem sonntagmorgendlichen Tiermarkt von zu viel Wodka übermannt worden waren, stellte meistens den Höhepunkt der Woche dar. Aber mein Ehrgeiz war mehr oder weniger gestorben an dem Tag, an dem ich meine Frau Tschinara begraben hatte. Bis der Anruf kam. Die einstündige Fahrt führte über unwegsame Straßen von Karakol Richtung Norden bis nach Orlinoe, eins der kleinen Dörfer, die sich an die Landschaft klammern wie Kletten an Schafswolle. Dünner Abenddunst quoll über die Ränder eines Bewässerungskanals bis zu einem halb durchsichtigen Leichentuch über feuchtem Gras und den Überresten von sieben Leben, die zu Ende waren, bevor sie richtig begonnen hatten. Ich hatte Kenesch Jussupow, den Leiter der Gerichtsmedizin von Bischkek, angerufen, als ich hörte, dass es »mehrere Objekte zu untersuchen« gab. Die Fahrt von Bischkek dauert zehn Stunden, aber im Spätfrühling sind die Straßen frei von Schnee und herabgestürzten Felsen. Mit eingeschaltetem Blaulicht würde er die Strecke ohne Probleme bewältigen. Trotzdem war ich überrascht, als ich den Krankenwagen sah, der die mit Schlaglöchern übersäte Straße zu einem Bauernhaus in der Nähe hinunterholperte und auf dem Hof neben dem Polizeiwagen hielt, der mich hergebracht hatte. Jussupow stieg hinten aus, unterm Arm den schwarzen Aktenkoffer, den er immer bei sich trägt, wenn er zu einem Fall gerufen wird. Darin befindet sich nicht mehr als das Allernötigste für eine forensische Untersuchung, weil wir in diesem Land nicht mehr als das Allernötigste haben. Als Jussupow zwischen den Feldern auf uns zukam, spiegelte sich das letzte Sonnenlicht blitzend in seiner Brille, sodass seine ohnehin ausdruckslose Miene noch schwerer zu deuten war. Sein Humor lässt sich bestenfalls als minimalistisch beschreiben, und mit ihm einen trinken zu gehen, entspricht nicht gerade meinem Traum von einem perfekten Abend, doch er ist gut in dem, was er macht, methodisch, ehrlich und unkorrumpierbar, auch wenn das kaum einen Unterschied macht. Genau wie ich glaubt er, dass die Toten etwas Besseres verdient haben als eine Nebenrolle als Schachfiguren für die Lebenden und dass wir ihnen die Würde schulden, die wir ihnen im Leben nicht erwiesen haben. Ich musste lächeln, als ich die beiden Einkaufstüten sah, die Jussupow um seine Schuhe gebunden hatte, um sie vor der Witterung zu schützen. Dann verblasste mein Lächeln, als ich die anderen Plastiktüten zu meinen Füßen betrachtete. »Inspektor.« Jussupow nickte mir zu, als er neben mich trat. Er bot mir nicht die Hand an; die Verbrennungen, die ich bei meinem letzten Fall erlitten hatte, waren mittlerweile fast verheilt, aber die Narben sahen immer noch übel aus, so als wäre ich von einem unserer Bergwölfe gebissen worden. Jussupow blickte zu den beiden Polizeibeamten, die uns aus ein paar Schritten Entfernung beobachteten, und zog eine Augenbraue hoch. »Sie waren vor mir hier«, erklärte ich. »Sie haben gehört, was für ein berühmter Tatortspezialist du bist, und wollten noch ein bisschen auf allem rumtrampeln, um dich vor eine größere Herausforderung zu stellen.« Jussupow grunzte nur; mein Humor ist ihm zu seicht. Er ging in die Hocke, und die Plastiktüten raschelten wie die Blätter an den Ästen über uns. »Wie bist du so schnell hierher gekommen?« »Mit einem Ex-US-Helikopter«, sagte er. »Vom Flughafen Manas. Dann mit dem Krankenwagen von Karakol. Ich hielt das für das Beste, als ich erfahren habe, dass es mehrere Leichen zu transportieren gibt.« Ich sagte ihm nicht, dass ein großer Koffer gereicht hätte, und gab mir alle Mühe, meine Überraschung über die Umstände seiner Anreise zu verbergen. Obwohl die USA mehrere Jahre lang einen Luftwaffenstützpunkt in unserem Land unterhalten hatten, der entscheidend für die Versorgung ihrer Truppen in Afghanistan war, hatten sie sich strikt aus unseren inneren Angelegenheiten herausgehalten. Als sie schließlich aus Afghanistan abgezogen waren, hatten sie einen Haufen Ausrüstung zurückgelassen, darunter auch Hubschrauber, aber wir hatten nur wenige Piloten, die sie fliegen konnten. Deshalb fragte ich mich, was so außergewöhnlich an einem Bericht über den Fund mehrerer Leichen am anderen Ende Kirgisistans war und wer die Fäden gezogen hatte, um eine derart prompte Reaktion zu veranlassen. Somit war es nun an mir, eine Braue hochzuziehen, doch Jussupow ließ bloß ein Lid zu einem kaum merklichen Zwinkern sinken, bevor er sich wieder den Leichen zuwandte. Er nahm ein Paar Latexhandschuhe aus seinem Koffer und begann, fast ohne den Boden zu streifen, mit den Fingerspitzen lose Erde von der ersten Leiche zu kehren. Seine feinen, präzisen Berührungen wirkten mehr wie die eines Liebhabers und nicht wie die eines Erforschers der Geheimnisse der Toten. »Hast du das Mädchen gefunden?«, fragte er. »Das Mädchen?«, sagte ich und fragte mich, was er meinte. Welchen Hinweis konnte ich übersehen und er entdeckt haben? »Schneewittchen«, sagte er, ohne den Blick vom Boden zu wenden. »Ihre sieben Zwerge hast du gefunden, also muss sie hier irgendwo sein.« Ein grimmiger Sinn für Humor ist vielleicht nicht unabdingbar für einen forensischen Pathologen, aber es ist auch kein Handicap, wenn man nicht vom Tod überwältigt werden möchte. »Hier wurden sie gefunden? In exakt dieser Lage, meine ich?« Ich nickte. »Wir haben eine nach der anderen freigelegt«, sagte ich und beschrieb ihm die Reihenfolge, in der die Leichen aus der Erde gekommen waren. »Glaubst du, sie wurden alle zur selben Zeit vergraben?«, fragte ich. Jussupow erhob sich, und ich hörte seine Kniegelenke knacken. Wie ich wurde er langsam zu alt, um die Grausamkeiten und den Betrug anderer Menschen aufzudecken. »Das kann ich hier nur schwer feststellen, dafür muss ich sie zu Hause auf meinem Seziertisch haben, aber ich glaube nicht. Sieh selbst.« Er wies auf das kleinste Paket und stieß es mit einem behandschuhten Finger an. Ein übler Gestank stieg auf. Mir drehte sich der Magen um. »Sie sind offenbar alle in unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Das könnte allerdings auch daran liegen, dass sie vorher an anderen Orten und in unterschiedlich sauren Böden vergraben waren. Fest eingepackt, bis die Tüten geplatzt sind, weshalb wir aus der Aktivität von Insekten und Aasfressern keine genaue Chronologie ableiten können. Aber wenn sie nicht alle gleichzeitig hergebracht wurden, dann müssen sie im Laufe der Zeit nacheinander hier verscharrt worden sein.« Das war nicht das, was ich hören wollte. Sieben Leichen deuten auf Vorsatz und Entschlossenheit hin, vielleicht war der Ort mit irgendeinem ritualistischen Motiv gewählt worden. Außerdem wies er auf einen Einheimischen, und die Menschen vom Dorf sind berüchtigt wortkarg. »Mne do lampotschki«, sagen sie. »Ist mir doch egal.« »Ermordet?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte. »Das kann ich noch nicht sagen. Plötzlicher Kindstod? Totgeburten? Wer weiß, wie hoch die Kindersterblichkeit in dieser Gegend ist? Aber auf jeden Fall unter verdächtigen Umständen entsorgt.« Jussupow wandte sich an den nächsten ment und winkte ihn zu sich. Es war ein stämmiger Mann mit dem gebräunten Gesicht und den Händen eines einheimischen Bauernjungen, der nicht erpicht darauf wirkte, näher zu kommen, bis Jussupow die Stirn runzelte. »Ich möchte, dass der Fundort mit Zeltstangen und Plastikplane bedeckt und über Nacht bewacht wird. Außerdem brauche ich einen Raum in Ihrer Station, verstanden?« Der ment wirkte so verwirrt, als hätte Jussupow einen fliegenden Teppich und ein Dutzend kasachischer Tänzerinnen verlangt. »Sie wollen sie über Nacht hier liegen lassen?« Jussupow seufzte; wie ich hatte er seine Laufbahn damit verbracht, sich anderen zu erklären. »Sie liegen schon eine ganze Weile hier, da wird ihnen eine weitere Nacht nicht schaden, wenn sie vernünftig zugedeckt werden. Dann können wir den Tatort morgen untersuchen, wenn es hell genug ist, um gründlich zu arbeiten. Wenn wir sie jetzt verlagern, könnten wir entscheidende Beweismittel zerstören. Außerdem ist es fast dunkel.« Die schneebedeckten Gipfel spiegelten das letzte Licht, das sich bereits in Dunkelheit auflöste, während der Wind die Äste über unseren Köpfen peitschte. Dies war kein Ort, an dem ich eine lange mondlose Nacht hätte verbringen wollen, allein in der Gesellschaft von sieben toten Kindern. Wir ließen den unglücklichen ment bei seiner Nachtwache zurück und stapften zu dem Hof des Bauernhauses. Ich wohnte im Amir-Hotel im Zentrum von Karakol und hatte dort auch für Jussupow ein Zimmer gebucht. Es war nicht das Hyatt, aber es gab meistens heißes Wasser. Den Gestank der Toten abzuwaschen war im Augenblick allerdings meine geringste Sorge. Ich musste herausfinden, wer mächtig genug war, einen Hubschrauber zu schicken, was er wusste und warum er es mir nicht sagte. Kapitel 2 Um Schaulustigen zuvorzukommen, setzten wir die Untersuchung der Fundstelle im Morgengrauen fort. Jussupow trug die feuchte Erde grammweise ab, während ich hinter ihm stand und Fotos machte, auf denen ich mit einem Zollstock die Größe der Leichen markierte. Ich versuchte den Gestank zu ignorieren, eine säuerliche Mischung aus moderndem Laub und verwesendem Fleisch, bis ich schließlich doch zu dem Abwasserkanal stolperte und mich ins träge braune Wasser übergab. Wieder einmal fragte ich mich, was mich an Orte wie diesen und zu solchen Enden trieb. Der Himmel war wolkenlos, die Luft frisch und klar, erfüllt vom Versprechen einer sorglosen Zukunft. Über uns kreisten ein paar Rotmilane, die auf thermischen Strömungen gleitend den Boden nach Beute absuchten. Hinter mir hörte ich das Kratzen und Scharren von Jussupows Kelle, beunruhigend und unnachgiebig, als würde ein Grab ausgehoben. An die Nähe des Todes gewöhnt man sich nie. Er tippt einem auf die Schulter und raunt einem ins Ohr, wenn man ihn am wenigsten erwartet. »Das hättest du sein können«, flüstert er. »Und eines Tages wirst du es sein.« Man spürt die vertraute Angst im Magen, wenn man klaffende Schnittwunden betrachtet, Innereien, die sich wie Seile auf einem ungemachten Bett winden, Spritzer von Schusswunden, die in scheußlichen Zimmern von billigen Tapeten tropfen. Nichts könnte wirkungsvoller vor Augen führen, dass wir alle nur ein Sack voller Knochen und Eingeweiden sind, der nachts vor sich hin flötet, um sich zu trösten, wenn der Wind drohend murmelt und Vorhänge flattern wie Leichentücher. »Inspektor, wir können die Leichen jetzt abtransportieren.« Es war unmöglich, den Krankenwagen bis hier oben kommen zu lassen, also mussten wir die Bündel von Hand hinunterbringen. Ausgegraben wirkten sie verloren, eine Erinnerung daran, dass Grausamkeit schnell vergessen und beinahe alles von der Zeit ausradiert wird. Ich nahm die größte der Tüten und versuchte, mir die Leiche darin nicht vorzustellen. Tschinara lag nur wenige Kilometer von hier entfernt begraben, und ich sah sie vor mir, gehüllt in das schlichte Leichentuch, in dem wir Kirgisen unsere Toten bestatten, mit der Zeit von Erde und Steinen durchsetzt, ihre Knochen von Wurzeln umwickelt, ihr Schädel von Mäusen kolonisiert. Ich sagte dem ment, er solle eine der Leichen nehmen, doch er verschränkte die Arme und blieb regungslos stehen. Ich wiederholte den Befehl, und er sagte bloß: »Paschol nahui.« An seiner Stelle hätte ich vielleicht auch geantwortet, dass ich mich verpissen soll. Zu zweit brauchten wir fast eine Stunde, um den Krankenwagen zu beladen, und am Ende war ich überzeugt, den Gestank von verwesenden Körpern nie wieder loszuwerden. Ich wollte ins Amir zurückkehren, meine Kleidung zur Verbrennung abgeben und dann duschen, bis sich meine Haut in Streifen ablöste. Und den Körper zu reinigen, ist noch relativ leicht; leichter, als die Bilder der toten Kinder aus dem Bewusstsein zu radieren. Jussupow hatte das Besprechungszimmer der lokalen Polizeistation zu einem provisorischen Leichenschauhaus umfunktioniert; an einer Wand standen lange, mit Plastikplanen bedeckte Tische, und in jeder Fassung – eine Seltenheit in jedem kirgisischen Regierungsgebäude – steckte eine funktionierende Birne, um für das nötige Licht zu sorgen. Ich dachte darüber nach, dass irgendetwas nicht stimmte, wenn ein Gerichtsmediziner mehr Einfluss hatte als ein Inspektor der Mordkommission, bis mir klar wurde warum. Die lokalen Beamten hatten Angst vor dem Tod, der in ihr Leben getreten war. Eine verprügelte Ehefrau, eine Schlägerei um die letzten Tropfen in einer Flasche oder ein Streit um ein gestohlenes Schaf, das lag in der Natur der Dinge. Aber tote Kinder, zusammengetragen und versteckt an einem Ort, an dem niemand sie betrauern konnte, offenbarte ein Böses jenseits ihrer Erfahrung. Dasselbe hätte ich gern von mir gesagt. »Ich möchte, dass du Notizen und Fotos machst, Inspektor«, sagte Jussupow, der selbst fernab seines Seziertischs peinlich genau auf die Einhaltung des Protokolls achtete. »Ich werde meine Beobachtungen natürlich auch aufnehmen, aber es dauert eine Weile, sie transkribieren zu lassen. Und ich bin sicher, dass du deine Ermittlung zügig vorantreiben willst.« Wir wussten beide, dass dieser Fall meiner und allein meiner sein würde: Niemand in der Polizeistation von Sverdlowsk würde erpicht darauf sein, ihn mit sich herumzuschleppen. Tote Kinder, keine offensichtlichen Tatverdächtigen, so etwas hatte das Zeug zu einem Karrierekiller, zu einem Scheitern von der Art, die alle vergangenen Triumphe überschatten würde. Vor seinem Sturz hatte mein Chef viele Freunde gehabt, die nur zu gern sehen würden, wie ich über diesen Fall stolperte und mir den Hals brach. Im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass man sich mit jeder guten Tat Feinde macht. Die sieben Tüten lagen aufgereiht, die am wenigsten verweste Leiche am nächsten zur Tür. »Warum nicht in der Reihenfolge, in der wie sie ausgegraben haben?«, fragte ich. »Oder nach Größe?« Jussupow polierte seine Brillengläser, schnappte sich ein neues Paar Latexhandschuhe und trat an den Tisch. »Die frischeste wird die meisten Informationen bergen; die Erkenntnisse könnten ein Licht auf die anderen werfen, bei denen die Beweislage weniger klar ist.« Er hielt inne, schenkte mir, die dünnen Lippen zu einer leuchtenden Narbe aufeinandergepresst, sein Totenkopflächeln und machte sich an die Arbeit. Wenn Jussupow eins war, dann gründlich. Beinahe sieben Stunden wateten wir durch eine Sammlung von Knochen, Haut und Zähnen, die ganze formlose und unsichtbare Mechanik des Lebens. Bei der kleinsten und am meisten verwesten Leiche konnten wir nur noch Knochen aus einer schleimgrauen Suppe fischen und hoffen, dass wir nicht zu viele Indizien verloren hatten. Der Gestank in dem Raum trieb einem die Tränen in die Augen, trotz der offenen Fenster und der Gesichtsmasken, die wir trugen. Wir waren nicht mehr in einer Polizeistation, wir waren in einem Schlachthaus der Hölle. Schließlich setzte Jussupow das letzte der sieben kleinen Skelette zusammen, hier und da von Knorpeln, Muskeln und Bindegewebe verschmiert, aber relativ intakt. Er lächelte knapp, zufrieden über einen gut erledigten Job oder vielleicht auch erleichtert. Ich ging zum Fenster und steckte den Kopf hinaus, weil ich mich verzweifelt danach sehnte, saubere Luft einzuatmen. Das Gemetzel hatte mich benommen gemacht, genau wie das Wissen, dass ich keine Ahnung hatte, wo ich mit dieser Ermittlung anfangen sollte. Ich drehte mich zu Jussupow um, hielt meine Zigaretten hoch und wies mit dem Kopf zur Tür. Ich habe es immer für respektlos gehalten, vor den Toten zu rauchen, obwohl es ihnen wahrscheinlich egal ist. Welchen Schaden sollte man ihnen noch zufügen? Auf dem Weg den Flur hinunter las ich den Warnhinweis auf der Zigarettenschachtel. Keins der Kinder hatte jemals geraucht, und doch lagen sie tot auf dem Tisch und harrten ihrer Verscharrung in einem kommunalen Loch. Ich musste unvermittelt lachen über die kosmische Ungerechtigkeit des Ganzen. Ein ment, den ich nicht erkannte, steckte empört über meine Reaktion den Kopf um die Ecke und zog ihn sofort wieder ein, als ich zurückstarrte. Noch jemand, der entschlossen war, sich nicht in die Sache verwickeln zu lassen. Schön, wenn man diese Wahl hatte. Ich rauchte meine Zigarette, dachte sehnsüchtig an die Flasche mit dem guten Zeug, die in den Tagen, als ich noch getrunken habe, im Hotelzimmer auf mich gewartet hätte, und merkte, dass ich hungrig, ja, regelrecht ausgehungert war. Hunger ist ein Weg, den Tod zurück in die Kiste zu stoßen und den Deckel zuzuknallen. Fressen, kämpfen, ficken, alles trotzige Rufe zur Abwehr des letzten unerwünschten Besuchers. Jussupow rief mich zurück in sein provisorisches Leichenschauhaus. »Angesichts des Zustands ist es in dem jungen Alter schwer, ihr Geschlecht zu bestimmen, wie du weißt, und ihr Schädel ist weich, die Fontanelle noch nicht geschlossen.« Ich betrachtete die wie für ein Klassenfoto aufgereihten Skelette und dachte an die Kinder, die Tschinara und ich uns versprochen hatten, das Kind, das wir abgetrieben hatten, bis vor meinen Augen alles verschwamm. »Mit dem Bleichmittel, das du benutzt, könnte man auch Fußböden abbeizen«, sagte ich und hustete demonstrativ. Jussupow sah mich mit einem seltenen Ausdruck von Mitgefühl an. »Du nimmst das alles zu persönlich, Inspektor.« »Irgendjemand muss es ja tun, Kenesch«, sagte ich. »Und wenn nicht ich, wer dann?« Wir schwiegen einen Moment, dann schaltete Jussupow wieder auf seine emotionslose Pathologen-Persönlichkeit um, und ich war wieder ein Inspektor der Mordkommission. »Keine Papiere, keine Kleidung, nichts. Verrat mir mal, wie ich herausfinden soll, wer sie waren.« Jussupow sagte nichts, sondern hielt nur mehrere Beweismittelbeutel hoch. In jedem befand sich ein schmales, von Hand beschriftetes Plastikband. Sie waren dreckig und schwer zu entziffern, doch ich erkannte sofort, worum es sich handelte. Schließlich hatte ich selbst zwei Jahre lang eins getragen. »Namensbänder. Aus einem Waisenhaus«, sagte ich und hörte, wie meine Stimme splitterte und brach. Kapitel 3 Als ich zum ersten Mal in diesem Raum gestanden hatte, war ich zwölf. Es war ein paar Monate nach der Erklärung unserer Unabhängigkeit während des Zusammenbruchs der Sowjetunion, für jeden in Kirgisistan eine brutale Zeit. Mein Vater war zwei Jahre zuvor auf der Suche nach Arbeit nach Moskau gegangen, und ich war mit meiner Mutter von Bischkek zu meinem Großvater und seiner zweiten Frau auf deren kleinen Bauernhof nördlich von Karakol gezogen. Die beiden Frauen hassten einander mit der endlosen, köchelnden Verachtung, die auf schlechtem Essen, billiger Kleidung und darin gründete, sich in den Schwächen des anderen wiederzuerkennen. Langes Schweigen senkte sich über das Drei-Zimmer-Bauernhaus wie die geballten Regenwolken über den Berggipfeln im Norden und entlud sich wie Donner in eine Tirade von Beschwerden und Schuldzuweisungen. Schließlich erklärte mein Großvater, er sei die Scharmützel leid, worauf meine Mutter unseren billigen Plastikkoffer mit dem gebrochenen Griff packte und sich aufmachte, in Sibirien Arbeit zu finden. Ich hörte fast drei Jahre nichts mehr von ihr. Aber das Verschwinden meiner Mutter besänftigte ihre Rivalin nicht; stattdessen übertrug sie ihren Zorn auf mich. Und als meine Nützlichkeit mit dem Ende der Kartoffelernte ausgeschöpft war, packte sie mich auf die Rückbank des uralten Moskwitsch meines Großvaters. Durch das verkratzte Rückfenster beobachtete ich, wie mein Großvater das Tor hinter uns schloss und meinem verwirrten Blick auswich. Da begriff ich zum ersten Mal, wie leicht Menschen für ein ruhiges Leben beinahe alles aufgeben. Während der zwanzig Kilometer bis nach Karakol fragte ich mich, ob meine Mutter nach mir geschickt hatte und ob ich sie wiedererkennen würde und sie mich. Schon damals traute ich meiner Erinnerung kaum. Ich verbrachte etwas mehr als zwei Jahre in dem Waisenhaus, während derer ich dreimal weglief. Die wenigsten Kinder waren dort, weil ihre Eltern gestorben waren. Wir waren als »Sozialwaisen« bekannt; unsere Familien waren im Chaos der Unabhängigkeit zerbrochen, unsere Eltern in Russland auf der Suche nach Arbeit oder einfach verschwunden. Und so fiel den verbliebenen staatlichen Behörden die Aufgabe zu, für uns zu sorgen. Und weil wir uns nicht beschweren, sonst nirgendwohin konnten und nur Kinder waren, sorgten sie mit so wenig Aufwand für uns, wie es ging. »Paschol nahui.« Es war nicht das erste Mal, dass ich beschimpft wurde; es war nicht einmal so, als hätte keiner meiner Vorgesetzten je so zu mir gesprochen. Aber ich war noch nie von einem einarmigen Mann umarmt worden, der mir anschließend erklärte, ich solle mich verpissen. Ich sah mich im Büro des Waisenhausdirektors um. Einiges hatte sich verändert: die Spuren, die die Schultern zahlloser Kinder an den Wänden hinterlassen hatten, waren dunkler geworden, und ein anderer Präsident blickte grimmig aus einem kunstvollen, vergoldeten Rahmen auf uns herab. Außerdem saß hinter dem Schreibtisch ein anderer Mann als beim letzten Mal, als ich davor gestanden und auf meine Bestrafung gewartet hatte. Aber Gurminj Schochumorow war auch kein typischer Beamter. Zunächst einmal war er Tadschike, eine Seltenheit im ethnischen Mix unserer Behörden. Ein Mann, den man auf der Straße für einen Bauern oder Bauarbeiter gehalten hätte, der den rechten Arm bei einem Unglück oder Autounfall verloren hatte. In Wirklichkeit hatte ein Schrapnell aus der RPG-Panzerfaust eines Mudschaheddin-Kriegers im Pandschir-Tal Schochumorows Schulter und Arm zertrümmert und seine Laufbahn bei der Roten Armee beendet. »Wenn man schon einen Arm verliert«, pflegte er in jenen Tagen zu sagen, wenn er die zweite Flasche Wodka des Tages öffnete und den Schraubverschluss zertrat, »will man wenigstens von einem Verwandten verstümmelt werden.« Wir hatten uns seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesehen; er war einer der Trauernden, die neben mir gestanden hatten, als wir meine Frau begraben hatten, und er war auch am folgenden Tag an meiner Seite gewesen, als die Frauen zum Grab gekommen waren und Brot und Milch auf die harte Erde geschüttet hatten. »Glaubst du ernsthaft, ich hätte die Zeit, irgendwelchen uralten Namensbändchen hinterher zu forschen?«, fragte er und hob die Beweisbeutel hoch, die Jussupow am Tag zuvor abgegeben hatte. »Du weißt, bei welchen Stellen und bei welchen Leuten man nachfragen muss. Ich bin in Bischkek im Moment so willkommen wie ein Tripper, eine halbe Stunde, nachdem die letzte Apotheke der Stadt dichtgemacht hat. Niemand wird seinen Hals riskieren, um mir irgendwas zu flüstern.« »Und wenn ich es bin, der die Fragen stellt, lässt das nirgendwo die Alarmglocken bimmeln – meinst du das?« »Das auch«, gab ich zu, »und irgendjemand muss es tun. Diese Kinder hatten im Leben keine Chance; sie haben etwas Besseres verdient, als neben einem stinkenden Kanal zum Verfaulen abgelegt zu werden.« »Weißt du, vor wie vielen Leuten ich auf Knien rutschen muss, bloß um den Laden hier zu heizen und Brot und Eintopf auf den Tisch zu bringen?«, fragte Gurminj und warf seinen Arm in die Luft. »Vor verdammt vielen, sag ich dir.« Er lächelte, dass die weißen Zähne in seinem schwarzen Bart blitzten. Ich nickte. Meine Erinnerungen an das Waisenhaus waren nicht toll, aber ich wusste, dass Gurminj ein guter Mensch war. In den Tagen, als ich noch getrunken hatte, hatte er mir einmal erzählt, dass es ein Kind, dem man nicht helfen könne, nicht gebe, manchmal könne man es sogar retten. Ich war betrunken, so wie ich es damals meistens war, und hinter meiner Fassade brodelte genug Wut und Verzweiflung, um die Welt als eine dreckige Absteige zu sehen, in der Blut in den Teppich und Schreie in die Tapete eingesickert waren. Trotzdem war ich nicht betrunken genug, um ihm zu erzählen, dass einige der Kinder, um die er sich gekümmert hatte, herangewachsen waren, nur um ermordet, vergewaltigt oder beraubt zu werden. Oder all diese Dinge selbst getan hatten. Er wusste es auch so. Sichtlich angewidert schob Gurminj die Beweisbeutel über den Tisch. »Nicht das netteste Geschenk, das ich je bekommen habe.« »Stell dir vor, du hättest es als Zwölfjähriger bekommen.« Er starrte mich an, unsicher, ob ich ihn beleidigen wollte. »Ich habe meine Mutter, meinen Großvater und sogar die sauertöpfische Hexe vermisst, mit der er verheiratet war. Ich war kein Junge vom Land, ich kannte niemanden, und alle haben mich wegen meines Großstadtakzents ausgelacht. Also hab ich ihnen gesagt, dass sie alle myrki seien, blöde Bauerntrampel. Die ersten paar Kämpfe hab ich verloren, bis ich gelernt habe, dass es leichter war, die Beschimpfungen einfach zu ertragen. Oder als Erster zuzuschlagen, wenn es sein musste.« »Niemand hat behauptet, das Leben in einem Waisenhaus wäre leicht«, sagte Gurminj. »Aber manchmal muss es besser sein als das, was vorher war. Erinnerst du dich an die Stummen?« Ich nickte. Die Kinder, die nie sprachen, dem Blick anderer auswichen, nie lächelten oder sich an Spielen beteiligten. Diejenigen, die unter der Dusche die Narben und Brandflecke auf Armen und Rücken verbergen wollten. Und dann waren da noch diejenigen, deren Narben innerlich waren, die es aufgegeben hatten, verstehen zu wollen, warum die Welt so grausam zu ihnen war. Ich nahm die Beutel mit den Bändchen, die alles waren, was wir hatten, um den Leichen Gesicht und Namen zu geben. »Sieben weitere Stumme«, sagte ich, die Erinnerung noch lebendig vor Augen. »Es gibt etwas, das du wissen musst, Inspektor«, sagte Gurminj und wies auf die Beutel. »Du hast die Kinder schon aufgespürt?«, fragte ich. »Sozusagen«, antwortete er und zog einen Zettel aus dem Packen auf seinem Schreibtisch. »Ich habe bekanntlich Kontakte zu anderen Waisenhäusern. In der Hauptsache halten wir uns über den letzten Blödsinn der Nomenklatura aus Bischkek auf dem Laufenden. Aber du weißt, dass es auch einen Markt für die Kinder gibt, um die wir uns kümmern, Akyl.« Ich spürte Gurminjs Wut; niemand sorgte sich mehr um die Waisen in seiner Obhut, niemand wusste besser, dass man sich vor den Raubtieren in Acht nehmen musste, die die Herde umkreisten. »Ich bin eigentlich gegen Adoptionen ins Ausland«, sagte er. »Ich kenne all die Argumente für ein besseres Leben in Amerika oder Europa. Und jeder, der ein Kind lieben kann, das nicht sein eigenes ist, muss weiß Gott ein guter Mensch sein. Aber warum sollte Kirgisistan zur Baby-Farm für reiche Ausländer werden? Was, wenn man das Gespür dafür verliert, wer man ist, was es bedeutet, Kirgise zu sein?« Ich nickte, obwohl ich mich oft fragte, ob Kirgise zu sein nicht einfach bedeutet, an einen endlosen Vorrat Unglück gekettet zu sein. »Wir halten die Augen offen nach Menschenhändlern und illegalen Adoptionen. Jeder hat die Gerüchte gehört, Kinder würden als Organlieferanten gehalten. Geschieht das wirklich? Vielleicht ist es auch nur eine Legende, aber wer weiß? Die Ausbeutung der Hilflosen durch den Abschaum kennt keine Grenzen; nur damit man sich ein schickes Auto, teuren Wodka und eine blondierte russische Hure mit Silikontitten leisten kann. Deshalb pflege ich auch Kontakte zu einigen Leuten aus dem Sicherheitsapparat in Kasachstan und Usbekistan, und wir halten die Augen offen.« Gurminj bleckte die Zähne, schenkte mir ein freudloses Lächeln und hielt den Zettel hoch. Gott helfe jedem, der ein Kind in seiner Obhut misshandelte. »Die Namensbändchen sind echt, daran gibt es keinen Zweifel. Und die verschiedenen Farben zeigen, dass sie neben diesem aus Waisenhäusern bis runter nach Naryn und Osch stammen. Aber da fangen die Probleme an.« Er hielt inne. Ich starrte ihn über den Schreibtisch hinweg an und fragte mich, was sein Schweigen zu bedeuten hatte. »Die Nummern und Waisenhäuser stimmen alle überein. Die zentrale Verwaltung hat es ausnahmsweise mal nicht vermurkst. Aber das Problem ist, dass die Kinder, die diese Bänder getragen haben, alle noch leben. Außerdem haben sie ihre Waisenhäuser vor mindestens zehn Jahren verlassen.« Kapitel 4 Zunächst ergab das, was Gurminj mir erklärte, keinen Sinn. Die Bänder mussten echt sein, und sie waren nicht manipuliert worden. Wenn man in einem Waisenhaus abgeliefert wurde, bekam man ein bereits nummeriertes Band um das rechte Handgelenk verpasst, mit dem sich der künftige Weg durch das System verfolgen ließ. Die beiden Plastikenden wurden mit einem Feuerzeug erhitzt und miteinander verschmolzen. Man konnte es nicht entfernen, ohne es durchzuschneiden. Und wenn ein Band zu eng wurde, wurde das alte zerstört und ein neues mit derselben Nummer um das Handgelenk versiegelt. Fälschungssicher: Was das System an sich reißt, lässt es nicht so leicht wieder los. Dauerhafter wäre nur eine Tätowierung gewesen, und so weit wollte nicht einmal die Regierung gehen. »Das verstehe ich nicht«, sagte ich. Das einzige Ergebnis meiner bisherigen Ermittlungen. Ich betrachtete die Bänder genauer: Mir hätte schon früher auffallen müssen, dass sie viel zu groß für so kleine Kinder waren. Gurminj nickte. »Es war das Erste, was Jussupow mir erzählt hat; die Bänder sind zu groß für die Leichen.« »Und warum hat er es mir nicht gesagt? Ich hätte eine Überprüfung veranlassen können.« Gurminj zuckte die Achseln und warf resigniert seine Hand in die Luft. »Du hast doch gesagt, er wäre in einem Hubschrauber hergeflogen. Also muss der Fall für irgendjemanden mit einer Menge Einfluss wichtig sein, meinst du nicht? Jemand, der möchte, dass die Leichen identifiziert werden. Oder vielleicht auch, dass sie anonym bleiben.« Ich hatte Jussupow immer für einen der Guten gehalten. Wir hatten in der Vergangenheit kollegial zusammengearbeitet, und ich stand in seiner Schuld. Aber es gibt für alles ein erstes Mal. Der erste Kuss, der erste Fick, der erste Verrat, der erste Tod. Gurminj zog eine Schreibtischschublade auf und nahm eine Flasche und zwei Gläser heraus. Nicht leicht mit einer Hand, doch er hatte reichlich Übung. »Für dich immer noch nicht …?«, fragte er und blickte auf das Glas, das er über den Tisch geschoben hatte. »Heute nicht«, antwortete ich mit der vertrauten Lüge bei dem Verlangen, das ich unvermittelt verspürte. Der rohe Geruch des Wodkas, der ölige Glanz, den das Licht ihm verlieh, wenn es sich im benetzten Glas brach, das Brennen auf der Zunge und in der Kehle, das Schütteln, wenn der Alkohol ankam. »Du hast doch nichts dagegen, wenn ich …?«, fragte er, goss sich einen Schluck ein und kippte ihn herunter. »Deine Leber«, sagte ich. »Gott helfe dem Ärmsten, der sie als Organspende bekommt.« »Als dieser Mist passiert ist«, sagte er und wies auf seinen leeren Hemdsärmel, »wollte ich permanent mit der fehlenden Hand zuschlagen. Jeden, der mir quer kam, der Mitleid mit mir hatte oder mir versichern wollte, es würde keinen Unterschied machen, sie hätte nur leider einen anderen kennengelernt.« Er goss das Glas wieder voll und ließ es auf dem Tisch stehen. »Ich konnte die Zähne meines Gegenübers auf den Fingerknöcheln und die Wucht des Schlages spüren, die meinen Arm hinaufwanderte. Das Morphium hat den Schmerz nicht gelindert, sondern nur zur Seite gedrängt, sodass er einem unwichtig vorkam wie ein Fernseher, der im Nebenzimmer lief. Aber wenn die Wirkung nachließ, war das Leben wieder mein Sparringspartner.« Diesmal nippte er nur an dem hinter seiner Hand verborgenen Glas. »Also habe ich das Morphium abgesetzt und bin auf Wodka umgestiegen, anfangs literweise, bis ich es nach und nach auf ein paar Gläschen alle zwei, drei Tage reduziert habe. So bleibe ich ausgeglichen.« Er kippte den Rest des Glases herunter, verzog das Gesicht und lächelte. »Kaum das, was mein Arzt empfehlen würde, aber es bringt mich durch die Woche.« Ich kannte das Gefühl. »Was ist mit dir, towarischtsch? Wie hältst du das Gleichgewicht?« In seiner Miene spiegelte sich Besorgnis. Ich nahm die Beweisbeutel, stopfte sie mir in die Tasche, stand auf und streckte die linke Hand zu einem unbeholfenen, unvertrauten Händedruck aus. »Gleichgewicht? Wird überschätzt, Gurminj, hast du das noch nicht gehört?« Kapitel 5 Ich folgte Gurminj durch schwach beleuchtete Flure, die dringend einen frischen Anstrich gebrauchen konnten, und erinnerte mich an meine Zeit hier, daran, wie die Trauer einer Art Resignation gewichen war, der Gewissheit, dass mein Leben für Jahre so bleiben würde. Ich fragte mich, wie viele der Jungen und Mädchen in Gurminjs Obhut genauso empfanden. An der Eingangstür blieb Gurminj stehen und legte die Hand auf die Schulter eines vielleicht achtjährigen Jungen mit einer seltsam schrägen Frisur, die aussah, als hätte er sich selbst ohne Spiegel und mit einer stumpfen Schere die Haare geschnitten. »Inspektor, darf ich dir den jungen Herrn Otabek vorstellen, unseren neuesten Bewohner«, sagte Gurminj. »Er hat sich unserer fröhlichen Bande erst vor ein paar Wochen angeschlossen.« Ich ging in die Hocke und lächelte dem Jungen ins Gesicht. »Ich hab früher auch hier gewohnt, Otabek«, sagte ich. »Und viele Freunde gefunden. Ich bin sicher, es wird dir hier gefallen, und Direktor Schochumorow wird sich sehr gut um dich kümmern.« Der Junge sagte nichts, sondern starrte bloß zurück, so wie ich an dem Tag gestarrt hatte, als man mir erklärte, dass ich nicht zu Besuch gekommen war, sondern um zu bleiben. Mir fiel nichts anderes mehr ein, was nicht total verlogen geklungen hätte, also lächelte ich bloß und richtete mich wieder auf. Am Tor schüttelte Gurminj mir noch einmal die Hand und umarmte mich. »Ein stiller Junge, dieser Otabek«, sagte er. »Eigentlich sagt er überhaupt nichts. Ich glaube, dass man ihm in der Vergangenheit jeden Versuch zu sprechen mit Prügel ausgetrieben hat. Gürtel, Fäuste, die üblichen liebevollen Eltern. Aber wir werden ihm helfen, seine Stimme wiederzufinden. Den Weg zurück.« Ich nickte. Gurminj gab immer sein Bestes, und die Mühe, die er sich machte, ließ sich an den Falten seines Gesichts ablesen. Wenn sich alle so anstrengen würden, ein gutes Leben zu führen, wäre ich womöglich arbeitslos. Der Fußweg zurück zum Hotel dauerte zwanzig Minuten und führte vorbei an heruntergekommenen Läden und schlammigen Brachgrundstücken; streunende Promenadenmischungen kläfften aus sicherer Entfernung. Karakol fühlt sich an, als würde sich die Stadt an den Rand der Welt klammern, mit Bergen zu drei Seiten, die alles andere in Schach halten. Im Winter ist die Hauptstraße, die durch das Gebiet Yssykköl zurück nach Bischkek führt, nach Stürmen manchmal blockiert, doch isoliert ist der Ort das ganze Jahr über. Die Leute sind argwöhnisch gegenüber Fremden, etliche Passanten bedachten mich mit grimmigen Blicken, als ich vorüberging. Niemand mag die Bullen, aber in Karakol ist aus dieser Abneigung eine Kunst für sich geworden. Auf dem Weg versuchte ich ein mögliches Motiv hinter den Morden zu erkennen. Ich war mir ziemlich sicher, dass Jussupow eine Todesursache ermitteln würde, zumindest für die weniger verwesten Leichen. Und genauso sicher war ich mir, dass es vermutlich keine natürliche Ursache sein würde. Aber warum sollte man diese Kinder überhaupt umbringen und ihre Leichen dann gemeinsam vergraben, was ihre Entdeckung viel wahrscheinlicher machte? Jussupow erwartete mich im Empfangsbereich des Amir. Er schien seine gewöhnliche Fassung ausnahmsweise verloren zu haben. Ich fragte mich, ob es der Anblick von sieben toten Kindern war, der ihm wie ein Skalpell unter die Haut gegangen war, bis mir einfiel, wie er die Demonstranten obduziert hatte, die zu Beginn der letzten Revolution von Regierungskräften erschossen worden waren. Wenn es etwas gab, gegen das Jussupow abgehärtet war, dann war es der Tod. »Inspektor«, begann er und hielt inne, um seine Brille zu putzen. Seine Hände zitterten leicht; wir hatten zwar schon öfters zusammengearbeitet, hin und wieder fünf gerade sein lassen und uns gegenseitig Gefälligkeiten erwiesen, doch ich war immer noch bei der Mordkommission. Und das hieß, dass ich keine Freunde, sondern nur Verdächtige kannte. Ich wies mit dem Daumen auf die Stühle, die am weitesten von der Rezeption entfernt standen. Die Uhr an der Wand stotterte die Minuten herunter, ansonsten war der Raum still. Ich starrte Jussupow wortlos an. Kaum etwas schüchtert Menschen mehr ein als Schweigen. Ihre Schuld hängt stumm in der Luft, oder sie bekommen einen Vorgeschmack davon, wie sich die Einzelhaft in einer Zelle im Keller anfühlt. »Hat Gurminj dir von den Namensbändchen erzählt?« Ich reagierte mit der unergründlichen uigurischen Miene, die ich von meinem Großvater geerbt und in tausend Kellerverhören perfektioniert habe. »Das werde ich mir genauer ansehen«, sagte ich. »Es ist nicht leicht, diese Bänder landesweit zu besorgen.« Jussupow nickte. Die ursprünglichen Besitzer aufzuspüren, würde zeitaufwändig sein, doch es musste erledigt werden. Gurminj hatte mir die Namen genannt, ihre Befragung war jetzt meine Sache. »Irgendeine Theorie, warum die Leichen gemeinsam begraben wurden?«, fragte Jussupow. Ich zuckte die Schultern. »Für sieben unterschiedliche Ablageorte hätte man sieben Löcher graben müssen, siebenmal das Risiko eingehen, dass jemand einen sieht oder seinen Kartoffelacker pflügt und ein totes Kind freilegt«, sagte ich. »Insofern ist eine gemeinsame Beerdigung nur logisch.« »Meinst du?« »So würde ich es jedenfalls machen. Vielleicht war der Täter in Eile, oder es war ein Ritual, irgend so ein Psycho-Ding«, sagte ich und fragte mich, warum Jussupows Mundwinkel wie gebannt zuckten. Es wurde Zeit, auf den Punkt zu kommen. »Und was hast du mir zu erzählen, Kenesch?« Er wandte den Blick ab. Wir kannten uns schon eine Weile, und ich weiß aus langer Erfahrung, wenn mich jemand anlügt. Und er wusste das auch. »Seit du mich angerufen hast, unterstand ich Befehlen. Ich sollte dir nichts direkt sagen, sondern erst zurückmelden, was ich herausgefunden habe.« Ich zog eine Braue hoch und sah ihn ungläubig an. Ich hatte zwar nicht gerade viele Freunde in der Station in Bischkek, aber das schien mir doch reichlich kompliziert, um eine Karriere zu sabotieren, die ohnehin ruiniert war. »Die Station des Bezirks Sverdlowsk.« Es war keine Frage, doch Jussupow schüttelte den Kopf. »Schlimmer.« Ich wartete. Bis er den Namen sagte, den ich wirklich nicht hören wollte. »Tynalijew.« Michail Tynalijew, der Minister für Staatssicherheit und der gefährlichste Mann in Kirgisistan. Der Vater des toten und verstümmelten Mädchens, neben dessen Leiche ich in einer Winternacht gekauert hatte, im beißenden Wind, der aus den Bergen im Norden kam. Ich glaubte nicht, dass irgendjemand wusste, wie ich meinen alten Chef mit einem Trick zu dem Geständnis verleitet hatte, den Mord an Jekaterina Tynalijewa in Auftrag gegeben zu haben. Nachdem ich Jekaterinas Leiche gesehen hatte, und bei dem Ruf, den ihr Vater genoss, würde ich die Wette wagen, dass sein Tod eine Erlösung war, aber keine schnelle. Jussupow war nicht dumm; er hatte das Verschwinden des Chefs bestimmt mit Tynalijew in Verbindung gebracht. Aber er war klug genug, sich nicht in Angelegenheiten einzumischen, die ihm bloß Ärger machen würden. Ich hingegen war bei der Mordkommission; es war mein Job, Ärger auf mich zu ziehen, indem ich die richtigen Fragen stellte. »Es war der Minister, der den Hubschrauber organisiert hat«, sagte Jussupow. »Er hat gesagt, dass er einen umfassenden Bericht und eine rasche Klärung der Angelegenheit erwartet.« »Warum interessiert Tynalijew sich für einen Fall wie diesen?«, fragte ich. »Die Morde schaffen es vielleicht in die Zeitungen, aber sie stellen bestimmt keine Bedrohung der Staatssicherheit dar. Ein Irrer, möglicherweise eine Sekte, aber mehr nicht. Also warum?« Jussupow hatte seine Brille fertig poliert und setzte sie wieder auf. Hinter ihrem Schild fühlte er sich sichtlich wohler. »Was ist ihm daran so wichtig?«, wiederholte ich. Jussupow verzog die Lippen zu einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. »So etwas fragt man einen Mann wie den Minister nicht«, erwiderte er. »Aber vielleicht geht es gar nicht um die Staatssicherheit.« Ich wartete, dass er noch etwas sagte. Aber er schüttelte nur den Kopf und machte sich auf den Weg zu den Fahrstühlen. Dann drehte sich doch noch einmal zu mir um. »Vielleicht solltest du dich fragen, ob es dabei um dich geht.« Kapitel 6 Zum letzten Mal hatte ich Michail Tynalijew gesehen, als seine Leibwächter meinen alten Chef aus seinem Büro zu einem schmerzhaften einsamen Tod zerrten. Ich hatte keinen Dank erwartet; das war nicht Tynalijews Art, doch ich hatte gehofft, dass er mich in Ruhe lassen würde. Während ich Jussupow im Fahrstuhl verschwinden sah, dachte ich, dass der Minister wahrscheinlich auch für mein internes Exil verantwortlich war. Ich würde der Welt sicher nichts über die Todesumstände meines Chefs erzählen. Aber um sich an der Macht zu halten, muss man sichergehen, dass der Sack, in dem man die unerwünschten Kätzchen ertränkt, fest zugeknotet ist. Wenn Tynalijew gewollt hätte, dass meine Lippen für immer versiegelt wurden, hätte er das leicht arrangieren können. Ein Autounfall, eine Schießerei im Dienst. Aber das war nicht sein Stil. Es war besser, mich am Leben, aber im Ungleichgewicht zu halten, falls ich doch noch einmal nützlich werden sollte. Alle wussten, wie verschlagen Tynalijew war. Doch niemand behauptete, er wäre nicht auch clever. Immerhin verriet Tynalijews Eingreifen mir, dass irgendwas Politisches in der Luft lag. Vielleicht ein Machtkampf im Weißen Haus, dem Sitz unserer Regierung; ich hatte Gerüchte über eine mögliche Palastrevolution gehört. Und was Kirgisistan bestimmt nicht brauchte, war der dritte Präsident in nicht einmal fünfundzwanzig Jahren, der das Land schwächen und sich dann hilfesuchend an Russland wenden würde. Aber ich konnte keinen Zusammenhang zwischen den toten Kindern und dem Kandidaten erkennen, der als Nächster an der Reihe war, unsere Steuern abzuschöpfen. Früher hätte ich mir ein paar Kurze von dem guten Zeug eingeschenkt, Öl, um meine Gedanken zu schmieren und auf Bahnen zu lenken, auf die ich nüchtern nicht gekommen wäre. Aber als ich zum letzten Mal etwas getrunken hatte, war es, um den Mut aufzubringen, dem Krebs meiner Frau mit einem Kissen auf ihrem Gesicht ein Ende zu machen. Und seitdem wusste ich, dass der Wodka nur noch nach Galle und Verwesung schmecken würde, wie die Zunge einer Toten, die mir in den Mund gestoßen wurde. Als ich auf meinem Hotelbett lag und die klumpige Matratze mir ihre Sprungfedern in die Schultern bohrte, fragte ich mich, ob ich schließlich doch an die Grenzen meiner Möglichkeiten gestoßen war, ob all die Tode, deren Zeuge ich geworden war, mich unrettbar verbittert und ausgebrannt hatten. Das schwächliche Nachmittagslicht verblasste völlig, und an der Decke kreuzten sich Autolichter wie Suchscheinwerfer in einem Gefängnishof. Der Anruf kam kurz vor Anbruch der Dämmerung, mein Handy riss mich aus dem Schlaf, mit trockenem Mund erwachte ich aus einem Traum, an den ich mich nicht erinnern konnte, der mich jedoch beklommen zurückgelassen hatte, als ob etwas Schreckliches passiert wäre, während ich gedöst hatte. »Inspektor, unten wartet ein Wagen auf Sie, um Sie nach Orlinoe zu bringen.« Die Stimme klang distanziert, mechanisch, herzlos. Orlinoe. Das Dorf, in dem Tschinara aufgewachsen war und auf dessen kleinem Friedhof sie jetzt auf einem Felsvorsprung mit Blick ins Tal begraben lag. »Worum geht es?« »Es hat eine neue Entwicklung gegeben. Neue Informationen über den Tod Ihrer Frau. Die Gerichte haben eine Exhumierung angeordnet, und Sie sind angewiesen, daran teilzunehmen.« Ich schüttelte noch benommen vom Schlaf den Kopf, sicher, dass ich mich verhört hatte. »Das muss ein Irrtum sein.« »Es ist kein Irrtum. Es ist ein direkter Befehl. Machen Sie sich auf den Weg.« Ein ältlicher Moskwitsch mit einem schweigsamen uniformierten ment am Steuer fuhr mich an dem Kartoffelacker vorbei, in dem die Leichen der Kinder gefunden worden waren. Das weiße Band zur Absperrung des Tatorts flatterte noch immer an den Apfelbäumen, eine Warnung an Neugierige oder Flaggen, die eine Kapitulation signalisierten. Wir bremsten nicht, sondern fuhren auf der Straße nach Orlinoe Richtung Norden weiter, durch eine Reihe kleiner Dörfchen, Ansammlungen von heruntergekommenen Bauernhäusern zwischen kargen Feldern, in ihrem Rücken das Gebirge, das die Grenze zu Kasachstan bildet. Die ausgeleierten Stoßdämpfer des Wagens nutzten auf der von Schlaglöchern übersäten Straße praktisch nichts. Ich rutschte von links nach rechts, um den heftigsten Stößen auszuweichen, und spürte, wie der Holster meiner Pistole in jeder Kurve an meiner Hüfte rieb. Wir fuhren fast eine Stunde, bis wir die einzige Straße von Orlinoe erreichten, die das Dorf in zwei Hälften teilt. Mit jedem zurückgelegten Kilometer setzte sich das beklemmende Gefühl von Angst tiefer in meinem Magen fest, als würde eine Ratte an meinen Innereien nagen. Ich war mir sicher, dass niemand gesehen hatte, wie ich Tschinara in ihrem Krankenhausbett das bestickte Kissen auf Mund und Nase gedrückt hatte, das ihre Großmutter uns zur Hochzeit geschenkt hatte. In jenen letzten Stunden ihres Lebens hatte ich ihren Schmerz nicht mehr ausgehalten und sie, eine halbe Flasche Wodka intus, von allem weiteren Leiden erlöst. Ich sagte mir, dass es ein Gnadentod war, etwas, das auch sie für mich getan hätte. Aber das hinderte sie nicht daran, mit verletztem oder vorwurfsvollem Blick in meinen Träumen aufzutauchen. Ich hatte das Kissen mit nach Hause genommen und ganz hinten in den Kleiderschrank gestopft. Vielleicht waren darauf Speichelspuren gefunden worden, Indizien, die mich überführen konnten. Vielleicht war das Ganze auch eine Falle, die Stunden vor dem Morgengrauen, ein schon offenes Grab mit genügend Platz für eine weitere Leiche, vor dem ich, den kalten Lauf einer Waffe im Nacken, würde niederknien müssen. Schließlich bogen wir rechts ab und folgten einem schlammigen Pfad, vorbei an dem Umspannhäuschen des Dorfes bis zum Friedhof. Meinem letzten Ziel? Fast hoffte ich es. Wir Kirgisen glauben daran, die Toten mit Respekt zu behandeln, trotzdem halten wir nichts davon, wertvolles Ackerland zu vergeuden. Der Friedhof von Orlinoe ist auf unfruchtbarem Boden angelegt, der anderweitig kaum nutzbar wäre; er klammert sich an den schrägen Rand eines kleinen Felsvorsprungs; tief im Tal windet sich ein Fluss. Der Friedhof hat etwa achtzig Gräber, die jedes durch einen Stein markiert und von einem dünnen Metallgeländer begrenzt sind, die meisten mit einem Hilal, der islamischen Mondsichel, in jeder Ecke. Ein friedlicher Ort unter einem weiten Himmel, über dem Raubvögel kreisen und der eine spektakuläre Aussicht auf die Berge genießt. Wir parkten neben zwei weiteren Polizeiwagen, und ich stieg mit nervös angespannten Schultern aus. Das Frühlingsgras glitzerte noch vom nächtlichen Frost und Tau und flüsterte knackend unter meinen Stiefeln. Drei Männer standen an Tschinaras Grab, einer davon war Jussupow, die beiden anderen zwei Uniformierte, die ich nicht kannte. Zwei weitere Männer schaufelten trotz der kühlen Morgenluft mit nacktem Oberkörper Erde aus der bereits halb ausgehobenen Grube. Bei meinem letzten Besuch an Tschinaras Grab war der Erdhügel darüber von winzigen blauen Blumen gesprenkelt gewesen, in der Mitte hatte eine einzelne Ranke mit langen zackigen Dornen gewuchert. Achtlose Schönheit, verbunden mit einer Warnung, ihr nicht zu nahe zu kommen. Während ich dabei zusah, wie das Grab meiner Frau entweiht wurde und die Männer ihrem Leichnam mit jedem Spatenstich näher kamen, wich meine Beklommenheit einem Gefühl von Endgültigkeit. Meine Finger streiften das kalte Metall der Waffe an meiner Hüfte, als ich den Holster aufklappte und dafür sorgte, dass jeder es mitbekam. Ich öffnete meine Jacke, legte den Griff frei und ging auf das Grab zu. Vom Tienschan wehte ein leichter Wind, ein mitleidiges Flüstern der Himmlischen Berge. Ein guter Ort zum Sterben, wenn es denn hier zu Ende gehen sollte. Kapitel 7 Hoch über uns und gleichgültig unserer Anwesenheit gegenüber fiel das Licht der eben aufgegangenen Sonne blassgolden auf die schneebedeckten Gipfel der Berge. Mein Atem hing in kleinen Wölkchen in der kristallklaren Luft, die sich rasch wieder auflösten. Ich ließ die Männer vor mir keinen Moment aus den Augen, auf jeden Ausfallschritt und jede plötzliche Bewegung gefasst. Fünf Meter vor dem Grab blieb ich schließlich stehen und starrte Jussupow an. Seine Miene war ausdruckslos und unergründlich. »Inspektor …«, begann er, doch ich hob eine Hand, um ihn zum Schweigen zu bringen. »Es muss einen sehr guten Grund dafür geben, was du tust, und ich möchte ihn erfahren. Wenn die Erklärung mich nicht zufriedenstellt …« Statt den Satz zu beenden, strich ich mit den Fingerspitzen über meine Pistole. Ich strengte mich an, mir meine Wut nicht anmerken zu lassen. Wut auf die Männer vor mir, auf mich selbst und mein Versagen, auf die Kompromisse, die mich zu diesem Punkt geführt hatten, Groll auf Tschinara, weil sie gestorben war und mich leck und orientierungslos treibend zurückgelassen hatte wie ein verlassenes Ruderboot auf dem Yssykköl-See. »Du weißt, dass ich hier meine Frau zur letzten Ruhe gebettet habe, auf ihrer Rechten liegend, mit dem Gesicht nach Mekka. Der Ort, an dem ich mich von ihr verabschiedet, ihre Stirn geküsst und sie zum letzten Mal angesehen habe, bevor ich ihr Gesicht mit einem weißen Tuch verhüllt und ihren Körper mit gefrorener Erde und Schnee bedeckt habe.« Keiner der Männer sagte etwas. Die Totengräber duckten sich in Tschinaras offenem Grab und beobachteten das Geschehen mit dem sicheren Wissen, in der Falle zu hocken. Ich fragte mich, ob es bei all dem, was ich mit mir herumtrug, nicht vielleicht das Einfachste wäre, das Feuer zu eröffnen, mich während nur weniger Herzschläge auslöschen zu lassen und neben die Liebe meines Lebens zu sinken. Ich hatte mir alle Mühe gegeben, mich mit dem Gedanken an die Zersetzung von Tschinaras Leichnam abzufinden. Wangen, die auf den Resten von Zähnen hingen, in ihre Höhlen zurückgesunkene Augen, der einst flache Bauch von Verwesungsgasen gebläht. Weiche warme Haut, die sich wie sprödes Pergament über Knochen spannte, bevor sie riss. Und im Laufe der Jahrzehnte würde auch sie sich langsam wieder in Erde verwandeln, bis nur noch eine Tafel darauf hinwies, dass sie je gelebt und geliebt und mein Herz hell gemacht hatte. Ich betrachtete die schlichte Marmorplatte vor dem Grab. Tschinaras Profil, kopiert von einem Scherenschnitt, den ein Straßenkünstler auf dem Roten Platz neben den Mauern des Kremls bei unserer einzigen Reise nach Moskau gemacht hatte. Darunter standen ihr Name, ihre Lebensdaten und eine Zeile von einem ihrer Lieblingsdichter, die sie häufig zitiert hatte: Liebe trotzt allen Stürmen. Wenn wir uns stritten, konnte sie die Situation immer entschärfen, indem sie das sagte, eine Braue hochzog und mit einem Lächeln ein weiteres Mal mein Herz eroberte. Aber ich war nie überzeugt davon, dass Liebe einem so überwältigenden Sturm wie dem Tod trotzen konnte. Ich bückte mich und strich die Erde von einer der blauen Blumen, die das Grab geschmückt hatten. Sonnenlicht färbte die Blütenblätter türkis, und eine Böe riss mir die Blume aus der Hand. Es war an der Zeit. Eigentlich halte ich mich nicht für einen gewalttätigen Menschen. Ich hoffe, dass die Macht, die meine Polizeimarke, meine Pistole und eine Verhörzelle im Keller mir verliehen haben, meine Ansichten darüber, was richtig und falsch ist, nicht verändert haben. Aber ich kenne auch die seltsame Klarheit, die eintritt, wenn die Würfel gefallen sind und nur die eigene Reaktionsschnelligkeit und die Bereitschaft abzudrücken zwischen dem eigenen Leben und einem Loch in der Erde stehen. Nicht denken. Handeln. Es ist eine Klarheit, die mir geholfen hat, Leute ins Grab zu bringen. Insofern täuschen wir uns vielleicht auch nur selbst, wenn wir zu wissen meinen, wer wir wirklich sind. Der ältere der beiden uniformierten Beamten trat mit ausgebreiteten Händen vor, um zu signalisieren, dass er nicht respektlos sein wollte. »Inspektor, wir haben ein Anruf von einem sehr hochrangigen Regierungsbeamten bekommen, der uns befohlen hat, diese bedauerliche Maßnahme vorzunehmen.« Ich sah Jussupow an, der meinen Verdacht mit einem kaum merklichen Nicken bestätigte: Michail Tynalijew. Minister für Staatssicherheit. Ich wandte mich wieder dem Polizisten zu. Er hatte einen Schritt nach vorn gemacht, sodass meine Sicht auf seinen Kollegen halb verdeckt war. Ich bedeutete ihm, wieder zurückzutreten, bereit, die Waffe zu ziehen, wenn ich musste. »Fahren Sie fort.« »Er hat uns erklärt, dass Sie an einem sehr wichtigen Fall arbeiten. Einem Fall, dessen Aufklärung Auswirkungen bis in die höchsten Regierungskreise haben würde. Bis in die allerhöchsten. Und entscheidende Beweismittel sind angeblich im Grab Ihrer Frau versteckt.« Er zuckte die Achseln. »Woher diese Information stammt, hat er nicht gesagt. Uns wurde bloß befohlen, Sie hierher zu bringen, um Ihnen zu versichern, dass weder die Überreste Ihrer Frau noch Ihre Gefühle in irgendeiner Weise respektlos behandelt werden.« Er griff in die Tasche und erstarrte, als ich den Kopf schüttelte. »Nur eine Zigarette.« Er blickte auf das Grab. »Für so was bin ich nicht zur Truppe gegangen.« Ich schüttelte noch einmal den Kopf, er zog seine Hand wieder hervor und signalisierte den Totengräbern, aus dem Loch zu steigen. Sie stellten sich ein Stück von den anderen entfernt auf. Vielleicht wussten sie nicht, dass eine Jarygin siebzehn 9mm-Parabellum-Patronen fasst, mehr als genug für alle Anwesenden. Ich blickte in den dunklen Schlund des Grabes. Das Leichentuch meiner Frau war verschmiert, an manchen Stellen zerrissen, die Erde darum roh und frisch gewendet; die Wurzeln der Dornenranke hatten sich um den Leichnam gewickelt, als wollten sie ihn gegen Eindringlinge verteidigen. Das weiße Tuch rührte sich wie von einem Windhauch erfasst. Doch die Luft war still. Dann bewegte sich plötzlich etwas, rasch und intensiv, die grauschwarze Schnauze einer Ratte tauchte auf, alarmiert durch unsere Störung. Eine Ratte hatte sich im Leichnam meiner Frau eingenistet, Tschinaras Rippen waren die Dachbalken ihrer Behausung, ihr Bauch war das weiche Nest. Die Ratte starrte mich furchtlos an und fletschte trotzig die langen gelben Zähne. Und dann feuerte ich eine Kugel nach der anderen in das Grab, bis die Erde unter meinen Füßen nachgab und ich ein allerletztes Mal in Tschinaras Arme sank. Kapitel 8 Es war nicht das erste Mal, dass ich diesen Albtraum hatte, doch wie immer wachte ich schweißgebadet mit klopfendem Herzen und einem Geschmack von Galle im Mund auf. Ich machte die Nachttischlampe an und nahm einen Schluck Wasser. Die kalte Flüssigkeit war wie ein Schlag in den Magen, und ich dachte, ich müsse mich übergeben. Ich sah mich im Zimmer um, das so nichtssagend aussah wie vorher, ohne den Eindruck abschütteln zu können, dass etwas Böses sich in den Schatten zurückgezogen hatte und auf seine Chance lauerte. Mit zitternden Händen saß ich da, bis mein Herzschlag sich beruhigt hatte und der Schrecken abgeklungen war. Ich wusste, dass der Traum mir irgendeinen Hinweis geben wollte, den mein Unterbewusstsein aus den Ereignissen des Tages hervorgekramt hatte. Wenn man in einem Land lebt, das von den Jahreszeiten und den Gewalten der Natur regiert wird, entwickelt man einen tief sitzenden Glauben an die Heiligkeit seiner Umwelt. Und um in diesem harschen Land zu überleben, braucht man Respekt. Tief vergraben in der kirgisischen Kultur liegt der Schamanismus, ein Wissen, das mystische Orte, heilige Berge, den Glauben und den Aberglauben anerkennt, die unsere Art zu leben durchziehen. Wir legen das lepeschka, unser rundes Fladenbrot, nie mit der Oberseite auf einen Teller, füllen eine Tasse Tschai nie bis zum Rand, und bunte Stofffetzen, die an einen Zweig oder Felsen gebunden sind, rühren wir nicht an, weil das eine Beleidigung der Geschenke der Natur wäre, eine Herausforderung von Mächten, die wir nicht einmal verstehen können. Manchmal kommt es in meinem Job einfach darauf an, empfänglich zu bleiben und die Fakten so lange hin und her zu schieben, bis man ein Muster erkennt. Aber im Laufe der Jahre habe ich gelernt, dass auch Träume ein Hinweis sein können, selbst wenn man nicht immer ergründen kann, worauf. Denn es geht um mehr als das schlichte Durchsieben von Indizien oder die Erkenntnis, dass scheinbar wahllose Muster eine neue Perspektive bilden können. Träume lassen mich einen Schritt weit aus mir heraustreten. Sie führen mich zu einem Einverständnis mit meiner Umgebung, mit Gerüchen, Geräuschen, dem Murmeln des Windes im Gras auf dem Jailoo mit seinen weitläufigen Hochweiden. Ein Zyniker würde sagen, dass ich nach Strohhalmen greife, vagen Ahnungen folge oder schlichtweg verzweifelt bin. Für mich aber ist es, als würde ich dem Lied der Toten lauschen, die mir erzählen, wie sie gestorben sind und wer ihnen warum den Atem geraubt hat. Und manchmal geht es auch darum, die Welt aus den Augen des Diebes zu sehen. In den folgenden beiden Tagen machte ich mit Hilfe von Gurminjs Liste der Waisen, deren Namensbänder vor mir lagen, eine Reihe von Anrufen. Keine der Personen schien etwas mit den anderen zu tun zu haben, einige legten sofort auf, sobald ich ansetzte, mein Anliegen zu erklären. Keiner von ihnen war gleichzeitig mit einem anderen auf der Liste im Waisenhaus gewesen. Vier Männer und drei Frauen, die in unterschiedlichen Teilen des Landes lebten und die bis auf ihre Zeit in der Obhut des Staates nichts gemeinsam hatten. Eine Zeit, an die sie anscheinend nicht viele glückliche Erinnerungen hatten. Ich kontaktierte auch die jeweiligen örtlichen Polizeiwachen, um zu sehen, ob irgendwas gegen die Leute vorlag. Ein Mann wurde beschuldigt, Gras zu verkaufen, ein paar Autounfälle, nichts, was sie mit sieben kleinen Leichen in Verbindung brachte. Jussupow wollte am nächsten Tag nach Bischkek zurückfahren und die Leichen mitnehmen, um sie im Leichenschauhaus aufzubewahren für den Fall, dass wir ihre Identität ermitteln konnten. Meine neuer Chef in Bischkek, der Ersatz für den alten, ein Bürokrat und politischer Günstling namens Lawrow, hatte bereits zweimal angerufen und die Notwendigkeit einer schnellen Aufklärung des Verbrechens betont. Ich überlegte schon, ihn zu fragen, ob er selbst irgendwelche Ideen hatte, aber die einzige Ermittlung, die er je durchgeführt hatte, war die Suche nach seinen Autoschlüsseln gewesen. Deshalb wurde es Zeit herauszufinden, was Jussupow mir verschwieg. »Kenesch, ich muss wissen, was los ist.« Wir waren in der Hotellobby, in der sich niemand bis auf uns und eine junge Frau am Empfang aufhielt, die damit beschäftigt war, mit dem Handy Nachrichten an ihre Freundinnen zu schicken. Es erschien vernünftig, sich hier zu unterhalten; ich wusste genug über die Verdrahtung von Verhörzellen, um vertrauliche Gespräche in einer Polizeistation zu vermeiden. Ich setzte mich wieder auf das klumpige Sofa, starrte Jussupow an und sagte nichts. Oft ist es das, was man nicht sagt, was einem einen Vorsprung verschafft. Jussupow sah sich um, seine übliche Ruhe war verflogen, er wich meinem Blick aus, und seine Brillengläser blitzten, als sich das hereinfallende harsche Licht des späten Vormittags darin spiegelte. Sein Unbehagen war ansteckend, ich tastete nach dem kalten Metall der Jarygin. »Am besten stiehlst du dich davon, Akyl, und siehst zu, dass du dabei nicht zu viel Lärm machst. Dies ist ein Verbrechen, das du nicht aufklären willst.« Die ungewohnte Anrede mit meinem Vornamen war noch beunruhigender als die Warnung an sich. In all den Jahren, die ich ihn kannte, war unsere Beziehung von der Förmlichkeit definiert gewesen, mit der er mich stets »Inspektor« nannte. Nun wusste ich nicht mehr, woran ich war. Ich zündete mir eine Zigarette an, um Zeit zu gewinnen, und betrachtete den blaugrauen Qualm in der Luft. »Kenesch, ich bin keine Jungfrau. Sag schon, was los ist.« Jussupow zuckte die Achseln. Ich zupfte einen Tabakkrümel von der Zungenspitze und drückte die Zigarette aus. »Du weißt, dass ich der Sache nicht einfach den Rücken kehren kann. Wenn ich das mache, bin ich am Arsch. Lawrow wird mich an den Torugart-Pass versetzen, wo ich die Nummernschilder der LKW kontrollieren darf, die aus China kommen.« Jussupow sagte nichts, und ich spürte Wut in mir aufsteigen. »Wenn du mehr weißt als ich, bist du ein Zeuge, vielleicht sogar ein Verdächtiger«, sagte ich. »Und niemand wird viel Aufhebens darum machen, wenn ich dich für ein paar Tage in eine Zelle sperre. Vielleicht zusammen mit jemandem, gegen den du mal ausgesagt hast.« Es war eine leere Drohung, und das wussten wir beide, doch ich musste Jussupow daran erinnern, dass dies ein Mordfall war und es keine Du-kommst-aus-dem-Gefängnis-frei-Karten gab. »Viel ist es nicht«, sagte Jussupow und starrte auf seine Hände. Ich bemerkte, dass sie leicht zitterten. »Dann weißt du also doch etwas«, sagte ich, und es war keine Frage. »Ich weiß es nicht, ich vermute es bloß.« »Erzähl mir, was du vermutest, und überlass mir die Beweise, es zu untermauern«, sagte ich. »Du legst dich mit sehr mächtigen Männern an, Akyl.« Ich hatte nichts anderes erwartet. Aber Steinchen in die Schuhe der Reichen und Mächtigen zu streuen ist allemal befriedigender, als die Flasche irgendeines alkaschi zu beschlagnahmen oder sich mit Strafzetteln wegen überhöhter Geschwindigkeit sein Frühstück zu verdienen. »Es wäre nicht das erste Mal, Kenesch, das weißt du. Darauf baut doch meine ganze Karriere auf.« Er schüttelte den Kopf und seufzte angesichts meiner schon kriminellen Dummheit. »Die beseitigen und vergessen dich in einem Atemzug. Streifendienst am Torugart-Pass? Du kannst dich glücklich schätzen, wenn du nicht in ein Leichentuch gehüllt neben deiner Frau landest.« Vielleicht war das die Bedeutung meines Traumes, eine Warnung oder Prophezeiung. Das Ticken der Uhr hinter dem Empfangstresen schien lauter geworden zu sein. Schweigen hing zwischen uns in der Luft wie ein Spinnennetz, bereit, die Ahnungslosen gefangen zu nehmen. »Was wollen sie, diese mächtigen Wichser?« Jussupow seufzte, angewidert und lebensüberdrüssig. »Frischfleisch, Inspektor. Junges Fleisch.« Er rührte in seinem lauwarmen Tee, hob die Tasse an den Mund und stellte sie, ohne zu probieren, wieder ab. Seine Augen hinter den Brillengläsern waren trübe. »Sie wollen Kinder.« Kapitel 9 »Es war um diese Zeit vor einem Jahr«, begann Kenesch und wich meinem Blick aus. »Ich wurde mitten in der Nacht vom diensttuenden Beamten der Station im Bezirk Sverdlowsk angerufen. Man hatte direkt neben dem Tschüi-Prospekt eine Leiche gefunden, die zur Untersuchung ins Leichenschauhaus gebracht wurde. Näheres wollte er mir nicht sagen, außer dass es wichtig sei, die Obduktion unverzüglich durchzuführen. Darauf hätte ich gerne verzichtet; wir hatten nouruz gefeiert, das Frühlingsfest, und ich hatte am nächsten Tag viel zu tun. Aber der Beamte sagte, der Befehl komme von ganz oben, in zehn Minuten würde ein Polizeiwagen vor meiner Tür warten. Also zog ich mich an, und ein ment fuhr mich quer durch die Stadt zum Leichenschauhaus. Der Leichnam lag schon auf dem Seziertisch, wie immer mit einem Tuch zugedeckt. Unüblich war der Mann, der auf dem Tisch daneben saß. Er trug einen Anzug, elegant, wahrscheinlich teuer, war also vermutlich kein Polizist; vielleicht ein Anwalt, Regierungsbeamter, was auch immer. Allerdings sah er nicht nach Nomenklatura aus. Er war stämmig, um die vierzig, mit dem Gesicht eines Boxers, nur Narben und Schatten. Er saß mit baumelnden Beinen da und rauchte, als würde er sorglos und entspannt vor einem kalten Bier in seiner Lieblingsbar sitzen. Ich erklärte ihm, dass ich das Rauchen in meinem OP-Raum nicht dulde. Er sah mich und dann seine Zigarette an und zog eine Augenbraue hoch. ›Sie machen sich Sorgen um seine Gesundheit?‹, fragte er und wies mit der Zigarette auf die Leiche. ›Nein, aber um meine‹, sagte ich. Er lächelte, blickte erneut auf seine Zigarette und blies eine Rauchwolke in meine Richtung. Aber seine Augen blieben kalt. ›Ich denke, Sie werden feststellen, dass die Todesursache ein Herzinfarkt war‹, sagte er. ›Tragisch bei einem so jungen Mann.‹ Ich schlug das Laken zurück und blickte auf die Leiche.« Jussupow machte eine Pause, zog eine Zigarette aus meiner Packung auf dem Tisch, zündete sie sich mit der unsicheren Geste eines Nichtrauchers an und hustete, als er sich am Rauch verschluckte. »Schlimm?«, fragte ich. Jussupow nickte, schluckte und versuchte, seine übliche professionelle Distanz aufzubringen. »Ich hab schon eine Menge von dem Scheiß gesehen, den Menschen einander antun, Akyl«, sagte er, und ich sah, wie das Ende seiner Zigarette zitterte, als wäre sie von einem Windstoß erfasst worden. Bei einem Mann, der so viel Zeit mit den Toten verbracht hatte, verriet sein Schweigen mir mehr, als ich wissen wollte. »Er war etwa zwölf, nehme ich an, aber das war wegen der Gesichts- und Brustverletzungen nur noch schwer zu sagen. Klein, unternährt, so dünn, dass die gebrochenen Rippen sich deutlich unter der Haut abzeichneten. Der linke Wangenknochen war zertrümmert, sodass sein Gesicht regelrecht zusammengefallen war. Auf der rechten Seite hatten sich zwei Zähne durch die Backe gebohrt. Die Gesichtsverletzungen stammten von einem Hammer; ich konnte den Abdruck erkennen.« Jussupow machte eine Pause und schnippte mit den Fingern, um die Frau am Empfang von ihrem Telefon loszureißen. »Wodka, den guten«, sagte er. Ich schüttelte den Kopf und sah dem Mädchen nach. Schweigend warteten wir, bis eine offene Flasche und ein randvolles Glas vor ihm stand. Jussupow leerte es in einem Zug und schüttelte sich, als der Alkohol in seinem Mund und seiner Kehle brannte. »Weiter«, sagte ich, weil ich seinen Rhythmus nicht abreißen lassen wollte. »Bissspuren von mehr als einem Gebiss an den Oberschenkeln des Jungen. Ein komplizierter Bruch des linken Schienbeins. Und Blutergüsse, die aussahen, als würden sie von schweren Stiefeln stammen. Nicht bloß von Tritten, sondern von Trampeln und Stampfen, man konnte die Abdrücke der Sohlen erkennen. Mehr als ein Paar Schuhe.« Er goss sich neuen Wodka ein und beobachtete, wie das Glas überlief. »Während ich die Leiche untersuchte, beobachtete der Mann mich die ganze Zeit regungslos. Ich hätte mir ebenso gut mein Abendessen zubereiten können. Dann drehte ich die Leiche um.« Jussupow leerte sein Glas in einem Schluck. »Er war vergewaltigt worden, Inspektor, von mehr als einem Mann, der Menge an Sperma nach zu urteilen, das ich fand. Auf der Rückseite seiner Beine klebte Blut, an den Schultern weitere Bisswunden. Zwölf, Inspektor, so jung war er. Genauso alt wie mein Ältester.« Ich sagte nichts. Manchmal zeugen die Toten für solches Grauen, dass Schweigen die einzige Alternative zu einem Schrei der Verzweiflung ist. Ich verdrängte den Gedanken an einen Wodka. Die Uhr tickte weiter wie ein unnachgiebiger Pulsschlag. »Der Mann erklärte: ›Wie ich gesagt habe, Herzinfarkt.‹ Er stand auf und trat seine Zigarette auf dem Fußboden aus, wo sie auf den Kacheln einen schwarzblauen Fleck hinterließ, die Farbe der Blutergüsse im Gesicht des Jungen. Der Mann baute sich vor mir auf, und ich konnte den Tabak in seinem Atem riechen. Er hatte die kalten Augen eines Killers, schwarz und unergründlich. Er hielt einen zerknitterten Zettel hoch und drückte ihn mir an die Brust. ›Der Totenschein des Jungen. Ich habe Ihnen die Mühe abgenommen, ihn auszustellen. Herzinfarkt. Mitralstenose. Steht hier schwarz auf weiß‹, sagte er, ›und falls Sie ein Problem damit haben, nun ja. Das ist nicht der einzige Blanko-Totenschein, den ich habe. Verstanden?‹ Ich fragte, ob der Leichnam für die Verwandten freigegeben werden sollte, und er erklärte mir, dass ich mich besser um meine eigenen Angelegenheiten kümmern solle. ›Konzentrieren Sie sich darauf, die Toten aufzuschneiden‹, sagte er, ›und vermeiden Sie es, ihnen Gesellschaft zu leisten.‹« Jussupow starrte blind an die Wand, während wir schweigend dasaßen. »Wieso denkst du, dass es einen Zusammenhang mit unserem Fall gibt?«, fragte ich. »Du hast die Leichen gesehen, die ich obduziert habe«, sagte Kenesch. »Einige hatten Bisswunden, Brüche, die von Hammerschlägen stammen. Ähnliche Verletzungen, zugefügt im Wahn oder in blinder Wut, vielleicht steckt etwas Sexuelles dahinter, ich weiß nicht.« »Du glaubst also, dass ein Serienmörder dafür verantwortlich ist?« »Nach der Leiche des Jungen zu urteilen, mehr als einer«, sagte Kenesch. »Er war viele Male vergewaltigt worden.« »Kannst du überprüfen, ob die Verletzungen miteinander übereinstimmen.« »Bei dem toten Jungen nicht. Ich durfte keine Fotos machen, und die Leiche wurde weiß Gott wohin abtransportiert. Aber eins habe ich dir noch nicht erzählt.« »Was?«, fragte ich und spürte, dass Jussupow mir vielleicht die erste konkrete Spur liefern könnte. »Der tote Junge trug ein Namensbändchen aus einem Waisenhaus.« Ich lehnte mich zurück, während seine Worte begannen, in meinem Kopf verdrehte Muster und Theorien auszulösen. »Und was ist dann passiert?«, fragte ich. Jussupow sah mich zum ersten Mal an. Die Angst und Scham in seinen Augen war beinahe mehr, als ich ertragen konnte. »Gott vergebe mir, Akyl«, sagte er. »Der Mann hat mir den gefälschten Totenschein gegeben. Und ich habe ihn unterschrieben.« Kapitel 10 Ich entschied, Gurminj Schochumorow anzurufen, um zu hören, ob er von Leuten aus der Gegend wusste, die ein ungesundes Interesse an Kindern hatten. Waisenhäuser sind häufig das Ziel von Pädophilen; denn Kinder, die keine liebevollen Eltern haben, die sie behüten und beschützen, und auch sonst weniger Menschen, die es kümmert, wenn sie verschwinden, sind ein leichteres Ziel. Gurminjs Handy klingelte, doch es meldete sich nur die Mailbox, weshalb ich beschloss, bei ihm vorbeizuschauen. Die Berge waren von einer Maske aus Regen verhüllt, die Luft war feucht und kühl. Auf dem Weg versuchte ich immer wieder, Gurminj zu erreichen, und je öfter ich auf die Wahlwiederholungstaste drückte, desto besorgter wurde ich. Als ich den Polizeiwagen sah, der vor seinem Haus parkte, war mir klar, dass hier irgendetwas überhaupt nicht stimmte. Ich stieg aus und ging zur Haustür, wo ein ment, der mich nicht erkannte, eine Hand hob, um mich aufzuhalten. »Sie können hier nicht rein. Das ist ein Tatort«, sagte er in dem pompösen Tonfall aller kleinen Leute mit Befehlsgewalt. »Worum geht es?«, fragte ich mit einem Gefühl düsterer Vorahnung. »Das ist eine Polizeiangelegenheit«, antwortete er und drückte eine Hand gegen meine Brust, um mich aufzuhalten. Meine Jacke öffnete sich, und ich ließ ihn den Griff der Pistole an meiner Hüfte sehen. Mit stockendem Atem wollte er nach seiner eigenen Waffe greifen, doch ich packte sein Handgelenk und zog ihn dicht an mich. »Ich bin von der Mordkommission«, erklärte ich ihm und starrte durch die Furcht und den Argwohn in seinem Blick. »Also sind Polizeiangelegenheiten meine Angelegenheiten, da?« Mit der anderen Hand zog ich meinen Dienstausweis aus der Tasche und hielt ihn dem Polizisten unter die Nase. Die Furcht schwand aus seiner Miene, der Argwohn blieb. »Das wusste ich nicht, Inspektor«, murmelte er, als ich sein Handgelenk losließ, »ich soll aufpassen, dass der Tatort unberührt bleibt. Ich soll keinen durchlassen.« »Okay, wir haben auf dem falschen Fuß angefangen«, sagte ich. »Vergessen wir es beide und fangen nochmal von vorn an, Kollege …?« »Kurmanow«, sagte er und machte einen Schritt zurück. Wir schüttelten uns verlegen die Hand, unwillig, uns einzugestehen, dass wir das Schlimmste nur knapp vermieden hatten. »Ich möchte den Direktor des Waisenhauses Gurminj Schochumorow besuchen«, sagte ich. Kurmanow sah mich erst verwirrt, dann argwöhnisch an. »Wie haben Sie so schnell davon erfahren?«, fragte er. »Wir haben die Leiche erst vor einer halben Stunde gefunden.« Die Wände im Büro des Direktors zierten immer noch die Pegelstände der Schultern zahlloser Kinder, der Präsident starrte nach wie vor streng von der Wand hinter dem Schreibtisch. Doch nun verunzierte ein Spritzer roter Farbe das Muster der Tapete, und sie tropfte von dem gerahmten Glas des Fotos. Nur dass es keine Farbe war. Gurminj Schochumorow lag mit dem Gesicht auf Papieren, die auf seinem Schreibtisch verstreut waren. Vergossene rote Tinte verfärbte sein Haar und seinen nackten Arm und sammelte sich zu einer Lache neben seinem Kopf. Nur dass es keine Tinte war. Ich konnte Schießpulver, Blut und Hirnmasse riechen, wo die Kugel den Schädel durchschlagen hatte, war sein Blut versengt. Das Zimmer war still, als würde es schockiert den Atem anhalten. In Gurminjs Tischkalender waren die rot umkringelten Termine jetzt von einem dunkleren Rot unterlegt, das schon fast schwarz war. Die Waffe, eine Makarow, lag direkt hinter seinem Stuhl auf dem Boden. Ein uniformierter Beamter, der versonnen durch die Papiere auf Gurminjs Schreibtisch blätterte, blickte auf, als ich hereinkam. Ich hielt meinen Ausweis hoch und gab den Macker von der Mordkommission aus der großen Stadt. Er berührte nervös den Schirm seiner Mütze. »Dies ist ein Tatort. Fassen Sie nichts an, bis der Gerichtsmediziner die Leiche untersucht hat.« »Es handelt sich um Selbstmord, Inspektor«, sagte der ment und hielt ein Blatt Papier hoch. »Er hat sogar einen Abschiedsbrief hinterlassen.« »Welchen Teil von ›Fassen Sie nichts an‹ haben Sie nicht verstanden? Für die Verunreinigung eines Tatorts könnten sie auf einer Pritsche im Gefängnis Nr. 1 landen.« Der ment ließ das Blatt fallen, als hätte es Feuer gefangen. Ich wies mit dem Daumen auf die Tür. »Und machen Sie hinter sich zu«, befahl ich, als er das Zimmer verließ. Ich ging zum Schreibtisch, wo der Geruch von Blut und Scheiße stärker wurde. Ich habe mich immer gefragt, wie Verzweiflung einen Menschen so übermannen kann, dass der Tod die beste Alternative zu sein scheint. Selbst nach Tschinaras Tod habe ich nie daran gedacht, mich umzubringen. Wahrscheinlich kommt den Zurückgebliebenen jeder Tod wie ein Verrat vor. Mit einem Bleistift drehte ich Gurminjs Abschiedsbrief um und las ihn. Die Worte waren hastig gekritzelt und beinahe unleserlich. Akyl, es reicht, ich will es hier beenden. Die Frage nach dem Warum kann ich nicht beantworten. Du hast gesagt, Gleichgewicht wird überschätzt; aber glaube mir, man sollte alles abwägen, denn im Gleichgewicht liegt womöglich die Antwort.G. Ich nahm den Zettel mit einer Plastikhülle auf, steckte ihn ein und sah mich in dem Raum um. Ein gerahmtes Diplom von der American University of Central Asia neben einer Reihe von Fotos, die Gurminj mit seiner Frau Oksana zeigten, in einem örtlichen Restaurant bei einem Teller Pelmeni, beim Wandern im Ala-Artscha-Nationalpark, Hand in Hand auf dem Tschüi-Prospekt, Oksanas langes schwarzes Haar vom Wind zerzaust. Sie war, ein Jahr, bevor ich Gurminj kennengelernt hatte, bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Der Verlust hatte ihn beinahe zerstört und dann zu seiner Arbeit in dem Waisenhaus getrieben, um die Leere in seiner Welt zu füllen. Ich drehte mich um, als ein leitender Beamter den Raum betrat. »Der Gerichtsmediziner ist auf dem Weg, dann können wir die Leiche abtransportieren«, sagte er, »wenn es recht ist.« Ich nickte und nahm ein Foto von der Wand, Gurminj, den Kopf lachend in den Nacken geworfen, umringt von den lächelnden Waisenkindern, um die er sich gekümmert, die er ermutigt und denen er das Zuhause gegeben hatte, das sie in ihrer unsicheren Kindheit nie gehabt hatten. Für Gurminj war Gleichgewicht alles gewesen, das wusste ich. Deshalb war ich mir auch sicher, wie er gestorben war. Ein einzelner tränenförmiger Blutstropfen verschmierte das Glas. Ich wischte ihn mit dem Daumen ab und steckte das Foto zu dem Brief in meiner Tasche. »Ist gut«, sagte ich zwischen zusammengebissenen Zähnen. »Ich möchte einen umfassenden Bericht des Beamten, der ihn gefunden hat. Und Sie sollten sich fragen, wie der Direktor es geschafft hat, sich eine Kugel in die rechte Schläfe zu schießen, obwohl er nur noch den linken Arm hatte.« Kapitel 11 Als ich mit dem Schlüssel, den ich in Gurminjs Schreibtisch gefunden hatte, seine spartanische Wohnung aufschloss, spürte ich sofort, dass die Räume bereits von einem Gefühl des Verlusts erfüllt waren. Ich berührte die halbleere Schale Tschai auf dem Küchentisch. Sie war kalt geworden und würde ausgespült und vergessen werden. Bei aller Ungewissheit verweilt die Zeit nicht, wenn wir sterben. Es war offensichtlich, dass der Mörder meines Freundes sich keine allzu große Mühe gegeben hatte, das Ganze wie einen Selbstmord aussehen zu lassen. Wahrscheinlich hatte er mit der Dummheit der lokalen Beamten gerechnet, was für sich womöglich schon ein Indiz war. Ich setzte mich und sah mich in dem Zimmer um, offen für alles, was mich erwartete. Normalerweise sind die Indizien in einem Mordfall allzu offensichtlich; das blutige Messer, die zerbrochene Flasche, die Würgemale am Hals. Aber manchmal muss man nur vor sich hinstarren, ohne nachzudenken, damit der Tatort selbst einem seine Geheimnisse enthüllen kann. Man muss sich das volle Geständnis anhören, bevor man anfängt, die Wahrheit von den Lügen zu trennen. Die Wohnung war beinahe zwanghaft aufgeräumt, das Bett ordentlich gemacht, die Teller gespült und zum Trocknen aufgereiht. An der gegenüberliegenden Wand standen drei Stühle, daneben ein Tisch mit sorgfältig geordneten Papieren und einem angestoßenen Kaffeebecher mit Kulis und Bleistiften. Im Schlafzimmer erinnerte der halbleere Kleiderschrank mit einem Dutzend unbenutzter Bügel an Oksanas Abwesenheit und an die Leere, die auch in meiner eigenen Wohnung vorherrschte. Eine abgegriffene Ausgabe von Tschingis Aitmatows Ein Tag länger als ein Leben lag aufgeschlagen auf dem Nachttisch. Nicht, wenn es der Tag des eigenen Todes ist, dachte ich und klappte das Buch zu. Ein abgerissener Papierstreifen, der als Lesezeichen benutzt worden war, fiel heraus. Ich erkannte Gurminjs Handschrift, nur ein Wort: Gleichgewicht. Zwischen Leben und Tod? Gut und Böse? Süß und sauer? Unmöglich zu sagen. Ich erinnerte mich an unser letztes Gespräch und an Gurminjs Abschiedsbrief. Aber in meinem Leben war gar nichts im Gleichgewicht. Alles hatte Schlagseite, wie eine schlecht eingehängte Tür, die klemmt, wenn man sie zumachen will, oder ein Fenster, das nicht richtig schließt. Ich überprüfte die Jacken im Kleiderschrank, kramte durch die Nachttischschublade und hob die dünne Matratze an. Nichts. Zurück im Wohnzimmer, blätterte ich durch die Papiere auf dem Tisch. Alle hatten mit der Leitung des Waisenhauses zu tun, nichts Persönliches. In einem kleinen Wandregal stand eine Sammlung von Büchern, etwas Fachliteratur, ein paar populäre Krimis und ein dünnes Bändchen, dessen Rücken mir bekannt vorkam. Ausgewählte Gedichte von Anna Achmatowa. Dieselbe Ausgabe, die auch Tschinara besessen hatte, eins ihrer Lieblingsbücher, das sie immer wieder gelesen hatte, selbst nachdem der Wolf des Krebses begonnen hatte, sie zu verschlingen. Ich las wahllos eine Zeile: »Dies hier, es ist für dich, statt Rosen auf dein Grab, anstatt dir Weihrauch zu entfachen.« Wer weiß, ob die Toten unsere Geschenke annehmen, mit denen wir hoffen, mehr zu tun, als bloß unsere Schuldgefühle darüber zu lindern, dass wir noch hier sind? Ein Imam oder Priester könnte es einem vielleicht sagen, ein Philosoph könnte das Problem definieren. Ich aber bin nur von der Mordkommission. Mein einziges Geschenk an die Toten ist die Gerechtigkeit. Ich ging zurück in die Küche, hielt die Schale mit Tschai unter den Wasserhahn und beobachtete, wie die dunklen Teeblätter im Spülbecken kreiselnd Muster bildeten. Manche Menschen glauben, dass man so die Zukunft vorhersagen kann, und vielleicht haben sie damit recht. Wenn man glaubt, dass die Zukunft düster, schmutzig und leicht wegzuspülen ist. Ich stellte die Schale verkehrt herum zum Trocknen hin und strich mit dem Finger über die Arbeitsplatte. Noch kein Staub, doch das war nur eine Frage der Zeit, wie alles andere auch. Eine altmodische Messingwaage war fast das einzige Kochgeschirr, außer einer Bratpfanne und einem Dampfkochtopf für Pelmeni, der wahrscheinlich ein Andenken aus Oksanas Zeit war. Die unterschiedlich schweren Gewichte lagen kalt in meiner Hand, als ich sie auf die linke Schale fallen ließ und beobachtete, wie die rechte sich hob. Und dann verstand ich die Nachricht in Gurminjs Brief. »Denn im Gleichgewicht liegt womöglich die Antwort.« Ich kippte die Gewichte aus der Waagschale, drehte die Waage um und entdeckte einen an die Unterseite geklebten Zettel. Ich löste den Klebestreifen und las, was darauf stand. Eine Handynummer mit einer internationalen Vorwahl. Eine Nummer, die ich schon kannte. Ich goss mir ein Glas Wasser ein, setzte mich, nippte daran und fragte mich, wie Gurminj an diese Nummer gekommen war und warum er sie mir auf so umständliche Weise zugespielt hatte. Der Mörder meines Freundes hatte ihn zwar gezwungen, seinen »Abschiedsbrief« zu schreiben, doch sein letzter Satz war ein finaler Akt des Widerstands in der Gewissheit, dass ich den Hinweis verstehen und ihm wohin auch immer folgen würde. Ich ging zur Spüle, spritzte mir kaltes Wasser ins Gesicht und setzte mich wieder. Sonnenlicht fiel durchs Fenster, spiegelte sich in der Messingwaage und warf kleine Lichtpunkte auf den Schatten an der Wand. Ich las den Zettel noch einmal, obwohl ich wusste, dass die Nummer bereits in meinem Handy gespeichert war. Meine Hände zitterten ein wenig, als es klingelte und abgenommen wurde. »Inspektor«, sagte eine Frau, nicht überrascht, sondern fast ein wenig amüsiert, mit einer Stimme wie Honig über Eiscreme. Kapitel 12 »Saltanat. Kak dela?« Ich hörte das Klicken eines Feuerzeugs, scharfes Ein- und langes Ausatmen. Ich konnte die graublaue Qualmwolke aufsteigen sehen. Ich erinnerte mich an unergründliche schwarze Augen und eine schmale weiße Narbe durch ihre linke Augenbraue. »Du kennst mich, Inspektor. Ich bin eine Überlebende. Genau wie du.« Ich schwieg. »Das ist unser Markenzeichen, Inspektor, wir überleben.« Schulterlanges schwarzes Haar, hoch stehende Wangenknochen und ein Mund, hinter dem meist Schweigen und Ausflüchte lauerten. »Ich hatte mich schon gefragt, wann du anrufst.« Ich wollte etwas sagen, merkte aber, dass mein Mund trocken war, und nahm noch einen Schluck Wasser. Ich hatte nicht erwartet, von Saltanat zu hören, nachdem sie die Grenze zurück nach Usbekistan überquert hatte. Im Tynalijewa-Fall waren wir so etwas wie argwöhnische Partner und ein einziges Mal auch Geliebte gewesen. Sie war nach Bischkek gekommen, um mich zu töten, doch wir hatten festgestellt, dass wir mehr oder weniger auf derselben Seite standen. Als wir versuchten, die Morde an jungen Frauen in Kirgisistan und Usbekistan aufzuklären, hatten uns die Täter im Auftrag von ihrem Boss, meinem Chef, gefangen genommen. Ich war gefoltert, meine Hand auf einem Grill halb gar gebraten worden. Saltanat hatten sie vergewaltigt, bevor diese zwei unserer Entführer tötete, während ich mich um den dritten kümmerte. Ich hatte mich meinem Chef in den Weg gestellt, sodass sie derweil aus dem Geheimversteck fliehen konnte, nachdem sie noch einen korrupten Polizisten ausgeschaltet hatte. Seither hatte ich nichts von ihr gehört, doch für mich war sie immer präsent geblieben, dauerhaft und beängstigend wie eine geladene Schrotflinte. »Wie geht es deiner Hand?« »Vernarbt, aber brauchbar.« »Ich vermute, du rufst nicht an, um mich zu fragen, wie es mir geht.« »Du kennst Gurminj Schochumorow.« Es war keine Frage. »Stimmt.« Ihre Stimme war tonlos und flach, sie gab nichts preis. »Gurminj ist tot. Ein Schuss in den Kopf. Angeblich Selbstmord.« »Aber?« Ich hörte den Argwohn in ihrer Frage. »Es gibt nicht viele einarmige Männer, die sich in die gegenüberliegende Seite des Kopfes schießen. Einhändig gewissermaßen. Wer immer ihn getötet hat, hat sich nicht groß darum geschert, was ich denke.« »Und warum hast du mich angerufen? Bereitet es dir Vergnügen, mir die Nachricht zu überbringen?«, erwiderte Saltanat, und ich hörte in ihrer Stimme, wie abschätzig sie es meinte. Ich machte eine Pause, um meine Gedanken zu ordnen, und fragte mich, warum sie mir gegenüber so feindselig war. »Ich ermittle in einem Mordfall. Sieben kleine Kinder, die gemeinsam auf einem Acker begraben worden sind. Ich weiß nicht, ob Gurminj etwas darüber wusste, aber wenn, dann hat er es mir nicht erzählt.« Saltanat lachte. »Du bist nicht unbedingt der Typ, dem man vorbehaltlos ein Geheimnis anvertraut, Inspektor. Du hast deinen eigenen Plan, und der geht nicht immer mit dem Gesetz einher. Oder mit der Sicherheit anderer.« »Ich habe dich nie wissentlich in Gefahr gebracht.« Sie schwieg, das Feuerzeug klickte erneut, Einatmen, Ausatmen. »Du wurdest auch nicht vergewaltigt.« Ich dachte zurück an den Abend in meiner Wohnung, nachdem wir entkommen waren und sie stundenlang geduscht hatte, bis das heiße Wasser aufgebraucht war. Wir hatten zugesehen, wie der Himmel dunkel wurde und sich in allen Schattierungen der Nacht verfärbte. Heute wie damals fand ich keine Worte, um sie zu trösten. Damals wie heute kann man die Grausamkeiten, die Menschen einander antun, nicht abwaschen oder durch Worte rechtfertigen. Grausamkeiten, angesichts derer wir nur überleben können, so gut es geht. »Gurminj hat deine Nummer so versteckt, dass ich sie finden musste. Ein Hinweis, könnte man sagen. Er wollte also, dass ich Kontakt mit dir aufnehme. Ich weiß bloß nicht, warum.« Als Saltanat wieder sprach, wurde die Feindseligkeit in ihrer Stimme von Trauer gemildert. »Das mit Gurminj tut mir leid. Er war ein guter Mensch. Er hat mir bei einem Fall geholfen.« »Hat der Fall etwas mit toten Kindern zu tun?«, fragte ich. »Vielleicht. Irgendwie«, erwiderte Saltanat. »Wir sollten uns treffen.« Nun war es an mir zu schweigen. Wir hatten uns gegenseitig nie viel anvertraut, mit Ausnahme unseres Lebens. Und ich hatte immer noch ein schlechtes Gewissen, weil ich so kurz nach Tschinaras Tod mit ihr geschlafen hatte. »Wo? Willst du hierher kommen?« »Nach Karakol? Nein.« Das konnte ich gut verstehen. Es lag so weit entfernt von Taschkent, wie man in Kirgisistan fahren konnte, und es gab nur eine Straße in die Stadt und wieder hinaus. Mit den Bergen auf der einen und dem See auf der anderen Seite, saß man dort allzu leicht in der Falle. »Wo dann?« »Weißt du noch, wo du mich zum letzten Mal gesehen hast? Nein, sag es nicht, aber dort. Morgen Mittag.« »Ich erinnere mich«, sagte ich und fragte mich unvermittelt, ob mein Telefon abgehört wurde. »Sei vorsichtig, Inspektor. Und schweigsam.« Damit legte sie auf und ließ mich grübelnd darüber zurück, was zum Teufel eigentlich los war. Kapitel 13 Auf der langen Fahrt zurück nach Bischkek ließ ich die Umstände von Gurminjs Tod, seiner Ermordung, noch einmal Revue passieren. Ich wusste, dass bei allem, was er überlebt hatte, Selbstmord ausgeschlossen war. Der Abschiedsbrief war zugegebenermaßen handgeschrieben, aber der Ton stimmte irgendwie nicht. Hatte er eine Waffe am Kopf, als er die Zeilen schrieb? Ich erinnerte mich an Abende, an denen wir gemeinsam eine Flasche Wodka vernichtet hatten, an sein ungeheures Schnarchen, wenn er auf dem Sofa in unserer kleinen Wohnung geschlafen hatte. Tschinara hatte sich nie darüber beschwert; sie hatte ihn ins Herz geschlossen und ständig versucht, ihn mit einer ihrer ungebundenen Freundinnen zu verkuppeln. Im Grunde genommen war das sinnlos, weil Gurminj dem Gedenken an seine Oksana so hingebungsvoll treu war, wie auch ich es meiner Tschinara bald sein würde. Er und ich hatten beide entdeckt, dass mit dem Tod der einen großen Liebe das Band, das uns an den Rest der Welt bindet, endgültig reißen kann. Vor meiner Abfahrt hatte ich das Personal und die älteren Kinder in dem Waisenhaus befragt; anscheinend hatte niemand etwas gehört. Ich fragte nach Otabek, dem stummen Jungen, und erfuhr, dass er den ganzen Nachmittag über nicht gesehen worden war und niemand wusste, wo er sich aufhielt. Vielleicht ein Ausreißer, dachte ich. Wie ich. Oder auch mehr. Ein Zeuge womöglich. Oder ein Mörder. Auf den ersten Kilometern erwartete ich beinahe, ihn an der Straße entlangtrotten zu sehen, entdeckte aber keine Spur von ihm. Ich glaubte nicht, dass er Gurminj erschossen hatte, doch ich habe gelernt, bei einem Mord keine Möglichkeit auszuschließen. Eine der Freuden des Frühlings in diesem Land ist das Erwachen unserer Flüsse, die den langen Winter über verstummt waren. Wenn die Schneeschmelze kommt, tanzen und plätschern die Bäche und geben Feldern neue Frische, ein erster Hauch von Grün schimmert in Bäumen und auf Weiden. Was uns an Wohlstand fehlt, machen wir mit der Schönheit unserer Natur wett, wenn sich etwa die Berge des Tienschan im Yssykköl-See spiegeln. Soweit es mich betrifft, ist das ein guter Tausch. Im Zentrum von Bischkek parkte ich neben der Metro-Bar, überquerte den Tschüi-Prospekt und folgte der Tureschbekow-Straße bis zur Frunse-Straße. Die Luft war immer noch kalt und mit einem sauren Beigeschmack von verbrannter Kohle versetzt, doch die Bäume entlang der Straße trugen erste Knospen, ein Versprechen vom Ende des Winters und dem nahenden Frühling. Ich blickte mich nicht um, um zu sehen, ob ich verfolgt wurde; damit gibt man einem möglichen Beschatter nur zu erkennen, dass man seine Anwesenheit bemerkt hat. Ich ging weiter zum Dragon’s Den, dem Restaurant, in dem ich Saltanat zuletzt gesehen hatte, und blieb unschlüssig stehen, als ich das VERKAUFT-Schild vor dem Gebäude sah. Reue überkam mich, Wehmut nach vergangenen Zeiten, verpassten Gelegenheiten und Schnee, der unvermittelt von Dächern rutschte. Dem verblassten und an den Ecken leicht angerosteten Restaurantschild nach zu urteilen, war das Lokal schon eine Weile geschlossen. Ich fragte mich, was aus dem langen Holztresen und den schönen Fotografien kirgisischer Nomaden geworden war. Ich hoffte, dass sie ein gutes Zuhause gefunden hatten, dass irgendwo immer noch Leute an diesem Tresen saßen, Baltika-Bier oder Wodka tranken und die kunstvollen Kleider der hübschen Mädchen auf den Fotos bewunderten. Ich stelle mir gern vor, dass einiges nicht mit dem Lauf der Zeit verfällt und dass das, was wir schaffen, uns irgendwie überlebt. Ein Hupen riss mich aus meinen Träumereien. Ein schwarzer Lexus mit getönten Scheiben hielt auf der anderen Straßenseite vor einer Absteige mit dem unzutreffenden Namen Grand Hotel. Das Fahrerfenster war offen, und Saltanat Umarowa gab mir winkend zu verstehen, dass ich mich beeilen sollte. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass die Rückbank leer war, stieg ich auf der Beifahrerseite ein. Auch wenn Saltanat und ich vielleicht einmal so etwas wie professionelle Partner gewesen waren, bedeutete das nicht, dass ich ihr traute. Ich hatte die Tür kaum geschlossen, als sie mit so laut quietschenden Reifen anfuhr, dass man es wahrscheinlich noch in Talas hören konnte. Saltanat trug wie immer Schwarz, einen langen Ledermantel und Jeans, deren Beine in wadenhohen Kampfschnürstiefeln steckten. Als sie schaltete, bemerkte ich die dunkelrot lackierten Fingernägel, passend zum Lippenstift. Ihre Augen und Gedanken waren hinter einer Wrap-around-Sonnenbrille verborgen, die auf Wangenknochen ruhte, mit denen man Glas hätte gravieren können. Seit unserer letzten Begegnung hatte sie das lange Haar zu einer fast jungenhaften Frisur abgeschnitten, die ihren anmutigen Hals und ihr Kinn betonte. »Du kannst wohl einfach nicht ohne mich leben?«, fragte ich. »Fick dich«, sagte sie und trat aufs Gaspedal. »Kein Problem, aber zunächstmal: Wohin fahren wir?« Ohne mich einer Antwort zu würdigen, jagte Saltanat den Lexus durch eine Reihe enger Gassen, links, rechts und geradeaus, bis ich komplett die Orientierung verloren hatte. »Ich glaube, du hast sie abgeschüttelt«, sagte ich. »Wenn da überhaupt jemanden war.« »Das waren sie. Darauf kannst du wetten.« Ich hatte niemanden gesehen; wenn wir beschattet wurden, dann von Profis. »Willst du mir erzählen, worum es eigentlich geht?« »Irgendwann«, antwortete sie und steuerte den Lexus mit hoher Geschwindigkeit auf ein Garagentor aus Metall zu, das sie mit einer Fernbedienung öffnete. Mit einer Grimasse stützte ich mich am Armaturenbrett gegen den sicheren Aufprall ab. Saltanat bremste scharf, ich wurde nach vorn geschleudert und gleich wieder nach hinten gerissen, als sie in die Garage fuhr und sofort noch einmal hart auf die Bremse trat. »Raus«, befahl sie ungeduldig, als ich erst mit meinem Sicherheitsgurt und dann an dem Türgriff hantierte. Sie vergewisserte sich nicht noch einmal, ob ich ihr folgte, als sie durch eine Seitentür der Garage ging. Unvermittelt fanden wir uns im Garten eines kleinen Hotels wieder, das von hohen Mauern umgeben und sonst nur noch durch ein imposantes Doppeltor zugänglich war. In einer Ecke des Gartens stand eine traditionelle Jurte, gegenüber ein von einem Vordach vor Regen und Schnee geschützter Holztresen, der mir seltsam bekannt vorkam, bis ich erkannte, dass es sich um die Bar aus dem Dragon’s Den handelte. Saltanat nahm eine Flasche Baltika aus dem Kühlschrank, machte sie auf und trank einen großen Schluck. Sie zeigte auf ihr Bier und zog fragend eine Braue hoch. Ich schüttelte den Kopf und wies auf eine Wasserflasche. Sie zuckte die Achseln und schob mir die Flasche ohne Glas rüber. »Trinkst du immer noch keinen Wodka? Nicht mal ein pivo hin und wieder?« Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte es weder ihr noch sonst wem je erklärt, doch ich wusste, dass ein einziges pivo oder hundert Gramm Wodka mich einen Abhang von Schuldgefühlen hinunterstoßen würden, an dessen Ende nur meine Jarygin warten konnte, die ich mir in den Mund schob. Saltanat trank noch einen Schluck und stellte die Flasche auf den Tresen. Die Ringe, die sie auf dem Holz hinterließen, erinnerten mich an Handschellen. Sie blickte zu mir rüber, als würde sie abschätzen, was sie sah, und nicht viel Gefallen daran finden. Ich sah jeden Morgen im Spiegel das Gleiche. Ein müdes zerknittertes Gesicht, kurzes schwarzes Haar mit ersten Spuren von Silbergrau, schwarze Augen unter dichten Brauen. Tatarische Wangenknochen, höher als die des durchschnittlichen, mondgesichtigen Kirgisen. Ein flacher, ausdrucksloser Blick, der zwischen einem argwöhnischen und einem lediglich überdrüssigen Ausdruck changiert. Bis jetzt hatte ich daran geglaubt, meine Arbeit einfach stur weiter machen zu können, doch mittlerweile fragte ich mich immer öfter warum. »Du hattest keine Probleme auf der Fahrt?« Ich zuckte die Achseln. »Meinst du die Fahrt oder den Fall, an dem ich arbeite? Hier in Bischkek bin ich gerade nicht direkt der Mitarbeiter des Monats, wie du bestimmt weißt.« »Ich habe davon gehört«, sagte sie. »Und von den Kindsmorden und dem, was mit deinem alten Chef passiert ist auch. Ich schätze, ein paar Jahre Exil in Karakol sind der Preis, den man dafür zahlt, ein halbwegs ehrlicher Bulle zu sein.« Ich fragte nicht danach, wie sie von den Morden erfahren hatte; als Mitglied des usbekischen Sicherheitsdienstes wusste sie wahrscheinlich genau so viel über die Geschehnisse in Kirgisistan wie Michail Tynalijew, unser Minister für Staatssicherheit. In meinem Land findet sich immer ein kleines Vöglein, das süß singt, wenn man ihm genug Som in sein Schälchen legt. »Erzählst du mir, warum ich den weiten Weg machen sollte?« »Wir wollen beide den Mörder von Gurminj aufspüren, oder nicht?« »Du glaubst also auch, dass er ermordet wurde?«, fragte ich. »Ich bin mir sicher. Genau wie du«, sagte sie. Ich nickte und blickte zu dem Hotel. Die Vorhänge vor den Fenstern waren zugezogen, und das Gebäude wirkte verlassen. Aber ich wusste, dass Saltanat ihre Unterkunft nicht dem Zufall überlassen würde. Ich war mir sicher, dass sie binnen Sekunden Verstärkung mobilisieren konnte. Oder einen Scharfschützen parat hatte, der mich über dem Lauf eines Gewehrs anvisierte. Meine Stirn juckte, als würde ich das Fadenkreuz schon auf meiner Haut spüren. »Bis jetzt gibt es noch nicht einmal einen offiziellen Bericht, deshalb frage ich mich, woher du es weißt.« Saltanat lächelte so geheimnisvoll wie immer. Einen Moment lang fragte ich mich, ob sie hinter dem Mord an Gurminj steckte, verwarf die Idee aber gleich wieder. Ich wusste beim besten Willen nicht, welches Motiv sie gehabt haben sollte. Saltanat hatte noch nie etwas ohne guten Grund getan. Als hätte sie meine Gedanken gelesen, musterte sie mich mit einem eindringlichen Blick. Ich spürte, wie mir der Atem stockte. »Als ich dir zum ersten Mal begegnet bin, Inspektor, war ich mir nicht ganz sicher, auf welcher Seite du standest und ob ich dich töten sollte oder nicht. Ich wusste nicht, ob du dir nicht vielleicht mit Hilfe von ein paar Verbrechern die Taschen vollgestopft hast.« Ich versuchte zu lächeln. »Ich hoffe, ich habe dich vom Gegenteil überzeugt. Und nenn mich Akyl. Kein Grund, so förmlich zu sein, oder?« »Mag sein. Später. Aber zuerst die Karten auf den Tisch.« Nun war es an mir, eine Braue hochzuziehen. Saltanat hatte noch nie im Leben ihr ganzes Blatt offengelegt. Aber wenn sie mir eine Spur zur Aufklärung des Falles der toten Kinder und des Mordes an meinem Freund liefern konnte, warum sollte ich ihr dann widersprechen? Sie schenkte mir ein Lächeln, das mich traf wie ein Stoß ins Herz. Was tut man in dem Moment, in dem das Lächeln einer anderen Frau einen an die eigene tote Ehefrau erinnert? An eine Frau, die das Leben erst lebenswert gemacht hat, eine Frau, der man den Atem geraubt und die man auf einem schneebedeckten Hügel begraben hat? »Du bist doch mit den Ermittlungen betraut, oder?« »Offiziell? Nur im Fall der toten Kinder. Inoffiziell? Habe ich Gurminjs Mörder auf meine Liste von Leuten gesetzt, die ich so gründlich fertigmachen will, dass sie nicht mehr wissen, wo oben und unten ist.« Ich erzählte ihr von den toten Kindern, dem Rätsel um die Waisenhaus-Namensbänder, Jussupows Vermutung, dass ich auf Befehl von Michail Tynalijew ins Exil nach Karakol geschickt worden war, und dem gefälschten Totenschein, den zu unterschreiben man Jussupow gezwungen hatte. Sie nickte, als ich ihr davon berichtete, wie ich Gurminj, den Kopf auf dem Schreibtisch neben dem vermeintlichen Abschiedsbrief, und ihre unter der Waage versteckte Handynummer gefunden hatte. Ich machte eine Pause und sah Saltanat an. »Jetzt bist du dran«, sagte ich. Saltanat verschränkte die Arme und lehnte sich mit der entschlossenen Miene zurück, die ich schon von unseren vorherigen Begegnungen kannte. Damit sah sie beinahe noch tödlicher aus, als wenn sie lächelte. »Hoffentlich ist dir niemand hierher nach Bischkek gefolgt. Und es weiß besser niemand, dass du hier bist.« Sie zögerte und zündete sich eine Zigarette an, graue Qualmkringel lösten sich in der Luft auf. »Sonst könnten wir beide mehr Probleme kriegen, als uns lieb ist.« Kapitel 14 Ich starrte Saltanat an, und sie erwiderte meinen Blick, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich weiß nicht viel über Frauen. Tschinara hatte ich kennengelernt, als wir beide noch zur Schule gingen. Außer ihr hatte es eigentlich nie eine andere gegeben. Sie war alles, was ich je wollte. Aber die Erinnerung an sie und daran, wie strahlend schön sie gewesen war, bevor der Krebs sie gefressen hatte, verblasste langsam. So ist das mit einem Verlust: Wie Felsen unter Wasser bricht er nur hier und da durch die Oberfläche, die völlig ungefährlich aussieht, bis man hineinspringt und sich den Hals bricht. »Ich verstehe nicht, was du mit der ganzen Geschichte zu tun hast«, sagte ich. »Oder ich.« Saltanat senkte den Blick und begann, mit den Fingernägeln das Etikett von ihrer Bierflasche zu knibbeln. Nur ein einziges Mal hatte sie bislang einen verletzlichen Eindruck auf mich gemacht, und das war direkt nach der Vergewaltigung. Aber jetzt wirkte sie unsicher und eigenartig zögerlich, so als wollte oder könnte sie mir nicht sagen, was sie wusste. »Ich habe meinen Vorgesetzten nie erzählt, was mir passiert ist«, sagte sie. »Für einen gescheiterten Einsatz, bei dem man in eine Situation geraten ist, die man nicht kontrollieren konnte, kriegt man keine Orden. Die Einzigen, die wissen, was geschehen ist, sind wir beide. So ist es am besten.« »Hast du mit niemandem darüber gesprochen?« Sie blickte auf und starrte mich an. Hatte sie eine Träne im Auge? Die Luft war kalt, und dabei irrt man sich leicht. »Es war meine Entscheidung, es niemandem zu erzählen«, sagte sie. »Mein Recht.« Ich blickte auf ihre Hand. Sie war außerhalb meiner Reichweite. »Vor drei Monaten haben wir einen Typen verhaftet, der eine Ladung DVDs von Taschkent nach Frankfurt schmuggeln wollte. Wir hatten einen Tipp bekommen, nicht besonders konkret, nur dass es da eine Kiste gebe, die uns interessieren könnte. Der Typ war auch nichts Besonderes, eine kleine Nummer, aber die Kiste war interessant. Wir haben ihn unter Druck gesetzt, ihm eine Ohrfeige und den einen oder anderen freundlichen Klaps verpasst, aber er wollte nicht reden. Er hatte größere Angst vor seinen Bossen als vor uns, und glaub mir, das will etwas heißen.« Ich nickte und dachte an den Keller der Polizeistation von Sverdlowsk, an die gefliesten Böden und Wände, an die Verhöre. Dort unten war jede Hilfe unendlich weit entfernt. »Wir haben ihn zu einem unserer sicheren Geheimverstecke gebracht, um ihn ruhigzustellen und ihm Gelegenheit zu geben, noch einmal darüber nachzudenken, ob er nicht doch singen wollte.« Saltanat machte eine Pause und zündete sich eine weitere Zigarette an. »Zwei Tage später ist jemand an unseren Wachleuten vorbei und über eine drei Meter hohe Mauer in das Haus eingedrungen und hat ihm einen Eispickel in die Stirn gestoßen. Keine Indizien, nichts. Und gesungen hat unser Mann natürlich keinen Ton.« »Und die Ladung mit den DVDs?« »Wir haben etwa fünfzig DVDs mit dem Titel ›Willkommen in Usbekistan‹ gefunden, auf dem Cover Fotos von Taschkent und Samarkand. Die erste, die wir abgespielt haben, zeigte zunächst fünf Minuten lang Aufnahmen von Gur-Emir, dem Mausoleum von Tamerlan, dann folgte ein Schnitt zu einem Schlafzimmer.« »Porno?«, fragte ich. »Ja«, antwortete sie, »aber soft, alles mit Weichzeichner, Küsse, wehmütige Blicke und romantische Musik. Nichts, was ich nicht schon gesehen hätte.« »Bis du auf den Schnellvorlauf gedrückt hast, richtig?« Saltanat starrte mich argwöhnisch an und nickte. »Ziemlich offensichtlich«, sagte ich. »Ein doppelter Bluff. Zunächst schreckt man die Leute ab, indem man so tut, als wäre es ein Reiseführer, dann lässt man sie glauben, sie würden irgendeinen Softporno gucken. Ich nehme an, das, was danach kam, war deutlich härter?« »So etwas habe ich vorher noch nie gesehen.« Sie trank noch ein Schluck Bier, drückte ihre Zigarette aus, stellte die Flasche ab und verschränkte die Arme. »Kinder, die von zahllosen Männern gefoltert und vergewaltigt wurden. Jungen und Mädchen, die um Hilfe gefleht haben.« Saltanat sah mich an, das Gesicht aschfahl, die Augen angewidert aufgerissen. »Hilfe, die sie nicht bekommen haben.« Ich schluckte meine Übelkeit herunter. Ich hatte durchaus schon einiges an Pornos gesehen. Als aktiver Polizeibeamter lässt sich das kaum vermeiden. Und ich wusste, dass es auf diesem Markt eine Menge Geld zu verdienen gab. Aber etwas so Extremes wie die Filme, die Saltanat beschrieb, war mir noch nie begegnet. Ich streckte die Hand aus, nahm eine Zigarette aus ihrer Packung, zündete sie mir an und blies den Krebs in die Luft. »Das ist furchtbar«, sagte ich und versuchte mir vorzustellen, welche Hölle es gewesen sein musste, sich so etwas anzusehen, nachdem man selbst einmal Opfer einer Vergewaltigung geworden war. »Aber ich weiß immer noch nicht, warum du mit Gurminj gesprochen hast.« »Auf den DVDs gab es keine Hinweise darauf, wo sie aufgenommen worden waren. Die Kinder waren nackt, also auch hier keine Spur, aber sie waren alle Asiaten.« Ich nickte. Dazu gab es nichts mehr zu sagen. Wenn ich daran denke, was sogenannte Menschen anderen Menschen antun, ist vielleicht schon jede Geburt ein Verbrechen, und was darauf folgt, die lebenslange Strafe. »Am Ende trat ein Mann mit einer Ledermaske vor eins der Kinder, stämmig, mit Tätowierungen an beiden Armen.« Sie hielt inne, knibbelte an dem Bieretikett. Ihre Stimme war leise und heiser. »Und dann hat er es umgebracht.« Das Etikett löste sich von der Flasche, und Saltanat strich es auf dem Tresen glatt, sanft, so wie man über die Stirn eines Kindes streichen würde, das mit Fieber im Bett liegt. »Und warum hast du Kontakt mit Gurminj aufgenommen?« Sie zögerte und musterte mich, als wäre ich der Feind und nicht ein ehemaliger Liebhaber. »Ich kannte seinen Ruf, er war auf seinem Feld eine echte Legende. Und alle Kinder in den Filmen trugen Namensbänder aus kirgisischen Waisenhäusern.« Kapitel 15 Ich drückte meine Zigarette aus und spürte, wie sich die Anspannung in meinem Magen zu Zorn auswuchs. Zorn auf die willkürlichen Grausamkeiten, die wir denen antun, die schwächer sind als wir selbst, Zorn auf eine Gottheit, die uns entweder untergehen ließ oder gar nicht existierte. Zorn auf meine eigene Hilflosigkeit, meine Unfähigkeit, die Dinge wieder ins Reine zu bringen, für Tschinara, für die Opfer, die mich brauchten, für mich selbst. »Gurminj muss irgendwas herausgefunden haben«, sagte ich. »Und dafür hat er eine Kugel abbekommen. Warum hat er mir nichts gesagt?« Ich lehnte mich zurück und legte die Füße auf den Hocker neben mir. Das hatte ich schon im Waisenhaus immer gemacht und meinen Lehrern erklärt, es würde mir helfen, mich zu konzentrieren. In Wahrheit hatte ich nur Streit gesucht, einen Klaps hinter die Ohren, einen Grund, alle noch mehr zu hassen. Witzigerweise war diese Lüge im Laufe der Jahre wahr geworden. Vielleicht hat es etwas mit der Durchblutung des Gehirns zu tun. Saltanat wandte den Blick ab. Ich wusste, dass etwas nicht stimmte, und sah sie fragend an. »Ich habe mit Gurminj darüber gesprochen, ob wir dich einweihen sollten«, sagte sie. »Wir haben uns beide gefragt, ob das Probleme machen könnte.« »Was für Probleme?«, fragte ich, bemüht ruhig. »Wegen deiner Verbindung zu Tynalijew und der Hinrichtung deines alten Chefs im Schnellverfahren. Wir wissen beide, dass er nicht bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.« Ich starrte sie an, ohne etwas zu sagen. »Bei solchem Dreck steckt Geld dahinter, eine Menge Geld. Und wenn es irgendeine Verbindung zu führenden Regierungsleuten gibt, dann haben die auch dich in der Hand.« Saltanat sah mir nicht in die Augen, und ihre Körpersprache verriet mir, dass sie nicht wusste, ob sie mir trauen konnte. Ich spürte, wie ich wütend auf sie wurde, obwohl ich mich an ihrer Stelle das Gleiche gefragt hätte. »Ich bin kein Bulle im Exil, weil ich käuflich bin, sondern weil ich es nicht bin.« Sie nickte. »Ich verstehe. Aber …« »Aber so gut kennst du mich auch wieder nicht«, beendete ich ihren Satz. »Du hast mit mir geschlafen, doch du weißt nicht, ob du mir trauen kannst.« Saltanat hob die Hand, aber ich kam erst in Fahrt und konnte die Verbitterung in meiner Stimme nicht länger unterdrücken. »Ich werde vom Kreis der Brüder bedroht, ich töte meinen eigenen Onkel, nachdem ich erfahren habe, dass er für sie arbeitet, ich werde gefoltert«, sagte ich und hielt zum Beweis meine vernarbte Hand hoch. »Und zu guter Letzt werde ich auch noch an den Arsch der Welt versetzt. Aber hey, vielleicht verkaufe ich ja trotzdem Kinderpornos. Danke Saltanat, das ist ein echtes Vertrauensbekenntnis.« Ich wandte mich ab, weil ich nicht wollte, dass sie meine Wut und Trauer sah. »Ich hätte es wissen müssen«, sagte sie, ihre Stimme kaum mehr ein Flüstern. »Was genau hättest du wissen müssen?«, erwiderte ich. »Wie ich im Bett bin? Wie ich mich in meinem beschissenen Job schlage? Was?« »Es muss jemanden geben, der die Dinge verändern will, Akyl, sonst gibt es keine Hoffnung mehr für uns. Und ob es dir gefällt oder nicht, du bist nunmal der verantwortungsvolle Typ.« All die Last, all die Anstrengung, die Verantwortung dafür, dass die Toten ruhig schlafen. Ich dachte an die Überreste der Leben, die, kaum dass diese begonnen hatten, neben einem stinkenden Abwasserkanal am Ende der Welt ausgegraben worden waren. Und an Tschinara, die in der Erde lag, die gerade anfing zu tauen. Kapitel 16 Nachdem ich meine tägliche Dosis Selbstmitleid aufgebraucht hatte, wandte ich mich wieder Saltanat zu. »Wir wollen beide herausfinden, wer Gurminj getötet hat«, sagte ich. »Und die Kinder, die du ausgegraben hast. Und die Kinder, die in diesen Filmen hingerichtet werden«, fügte sie hinzu. Ich nickte zustimmend. »Vergessen wir die Vergangenheit?«, fragte sie. »Alles?«, fragte ich zurück und erinnerte mich an ihren warmen Körper neben meinem, als wir das eine Mal miteinander geschlafen hatten. Die Erinnerung ließ sie weder erröten noch lächeln. Tough bis ins Mark. »Lass uns erstmal dieses Durcheinander klären, und danach sehen wir, wo wir stehen. Den Mörder von Gurminj will ich jedenfalls viel dringender kriegen als dich.« Aber sie sagte es mit einem halben Lächeln, als wüsste sie, dass sie mich schon in den Griff bekommen würde, wenn wir es schafften, nicht vorher umgebracht zu werden. »Ich möchte einen Informanten treffen«, sagte Saltanat. »Er hängt in einer deiner Lieblingsbars rum.« Ich verzog das Gesicht. Ich habe keine angenehmen Erinnerungen an die Kulturny-Bar, Bischkeks schäbigste und schmutzigste Kaschemme. Lubaschow, ein Gangster, den ich unter die Erde gebracht hatte, war dort Türsteher und Rausschmeißer gewesen, und die meisten Insassen des Bischkeker Gefängnis Nr. 1 hatten dort irgendwann ein paar Gläschen von dem guten Stoff genossen. Wenn es nach mir ginge, würde man die Tür hinter allen Stammgästen zuschweißen und ihnen täglich eine Schale Plow durch die Luke schieben. Es ein Drecksloch voller Dreckskerle zu nennen, wäre eine Beleidigung aller Dreckskerle und Dreckslöcher in anderen Teilen der Welt. Aber es war der perfekte Ort für Schiebereien aller Art und zum Auslegen eines Köders. Während wir geredet hatten, war der Himmel immer dunkler geworden, Wolken drängten von den Bergen ins Tal. Erste vereinzelte Tropfen fielen, dann wurde der Regen immer heftiger. Aber als wir zurück zum Auto rannten, verspürte ich eine eigenartige Erregung. Das Gefühl von Hilflosigkeit, das mich seit der Bergung der Leichen gelähmt hatte, schwand allmählich. Ich wusste nicht, ob wir irgendetwas aufklären würden, doch wir standen am Anfang von etwas Neuem, und zumindest als Kameradin hatte ich Saltanat an meiner Seite. Tropfen prasselten auf die Windschutzscheibe, und auch die Scheibenwischer konnten die verschwommene Zukunft, die vor uns lag, nicht aufklaren. Durch dieselbe Folge von Gassen und Durchfahrten erreichten wir wieder den Tschüi-Prospekt und hielten uns in östlicher Richtung. Auf dem Asphalt hatten sich breite Pfützen gebildet, in denen sich das Licht der Ampeln spiegelte, leuchtendes Rot, Gelb und Grün vor dunkelgrauem Hintergrund. Die riesige rot-gelbe Fahne am Ala-Too-Platz flatterte verzweifelt, als ob sie jeden Moment reißen und davonfliegen würde. Die Luft war geladen, knisternd, angespannt und gefährlich. Meine Jarygin drückte kalt und schwer gegen meine Hüfte. »Ich sollte in meiner Wohnung vorbeischauen, ein paar Sachen mitnehmen«, sagte ich. »Um wie viel Uhr triffst du deinen Informanten?« »Erst in ein paar Stunden. Wir haben noch genug Zeit.« Die Reifen des Lexus ließen Fontänen aufsprühen, die in der Luft glitzerten. Wir bogen rechts auf die Ibraimowa-Straße und folgten ihr bis zu meiner Wohnung, einer chruschtschowka in einem Plattenbau aus Beton, Relikt aus der Zeit, als unser Land ein entlegener Außenposten des sowjetischen Imperiums war. Als wir am Ende der Ibraimowa-Straße wenden wollten, blickte ich zu meinem Haus. »Nicht umkehren«, sagte ich. »Fahr weiter und die Nächste rechts.« Saltanat nickte, fuhr weiter, bog in eine Tankstelle hinter dem Blonder Pub und folgte einer engen, von Birken gesäumten Straße. »Halt hier an, aber lass den Motor laufen«, wies ich sie an und blickte aus dem Fenster zur Rückseite meines Hauses. Wir parkten in der Nähe der Stelle, an der ich vor ein paar Monaten die Leiche von Jekaterina Tynalijewa gefunden hatte, ein Zufall, der uns beiden nicht entging. Nun wies nichts mehr darauf hin, dass hier irgendwas Ungewöhnliches passiert war. Wie schnell wir sterben und vergessen werden. »Problem?«, fragte Saltanat. Sie öffnete das Handschuhfach, und ich sah den matten metallischen Glanz einer Makarow. »Zwei Polizeiwagen parken versteckt zwischen den Bäumen neben meinem Haus.« »Warum sollten sie auf dich warten?« »Das wüsste ich auch gern«, sagte ich und griff nach dem Handy in meiner Tasche. Ich rief die Kontakte auf, prägte mir eine der Nummern ein und nahm den Akku heraus. »Gib mir dein Handy«, sagte ich. Saltanat griff in ihre Jacke, zog ein elegantes Smartphone heraus und überreichte es mir. »Apple? Die usbekische Staatssicherheit muss es ja dicke haben. Wahrscheinlich all die Kinder, die gezwungen werden, Baumwolle zu pflücken, anstatt zur Schule zu gehen.« Saltanat starrte mich wütend an. »Gekauft und bezahlt. Von meinem eigenen Geld. Okay?« Ich hob beschwichtigend die freie Hand, wählte die Nummer, hörte es klingeln und wartete, bis die vertraute Stimme sich meldete. »Jussupow, du weißt, wer hier ist. Kein Grund, meinen Namen zu nennen. Kannst du reden?« »Ja. Wo bist du? Hier in Bischkek?« »Das brauchst du nicht zu wissen. Ich möchte, dass du mir einige Fragen beantwortest.« »Wenn ich kann.« Jussupows Stimme klang angespannt und vorsichtig. Ich hatte ihn immer, wenn nicht als Freund, so doch als Verbündeten dabei gesehen, das Richtige zu tun. Nach unserem letzten Gespräch in Karakol war ich mir allerdings nicht mehr so sicher, wem seine Loyalität galt, doch ich wusste nicht, wen ich sonst hätte fragen sollen. »Von wessen Handy rufst du an? Deins ist es nicht. Es ist eine ausländische Nummer.« Ich lachte. Selbst in Kirgisistan können wir den Standort eines Handys orten, und jeder Provider wäre froh darüber, sich ein paar Bonuspunkte zu verdienen, indem er der Polizei half. Oder jemand anderem mit genügend Einfluss. »Vor meinem Wohnungsblock parken zwei Polizeiwagen mit menti. Hast du eine Ahnung warum?« Es folgte ein langes Schweigen, bis Jussupow schließlich flüsternd weitersprach. »Wir haben gestern Abend einen anonymen Anruf erhalten, einen Tipp. Du sollst angeblich in irgendwas Übles verwickelt sein und illegale Waren in deiner Wohnung lagern. Also hat die Station von Sverdlowsk ein paar Leute losgeschickt. Du warst nicht da, sonst hätten sie dich verhaftet. Und dich Absatz für Absatz die Treppe hinuntergeprügelt.« In meiner Wohnung gab es nichts, was ein Problem darstellen sollte. Aber jeder, der in der Lage war, ein paar Schlösser zu knacken, hätte etwas Belastendes dort deponieren und es dann melden können. »Was haben sie gefunden? Drogen? Du weißt, dass die nicht mein Ding sind.« Jussupow zögerte erneut. Als er weitersprach, lag Ekel in seiner Stimme. »Wir kennen uns schon lange, Inspektor. Und ich räume dir den Vorbehalt des Zweifels ein. Für den Augenblick.« Mein Magen zog sich zusammen. Meine Stimme war heiser, als ich ihn aufforderte: »Weiter.« »DVDs. Kinderpornos, habe ich gerüchteweise gehört. Sachen, die man sich nicht vorstellen kann, Szenen, die einen in Albträumen heimsuchen. Folter, Vergewaltigung. Und Mord.« Saltanat beobachtete mich. Ich konnte meinen Ekel nicht verbergen. »Da will mir jemand was anhängen, Kenesch. Glaub mir, ich weiß nichts darüber. Womöglich weil ich im Fall der toten Kinder in Karakol ermittele. Glaubst du, es hat etwas mit dem falschen Totenschein zu tun, den du unterschreiben musstest?« Es entstand eine lange Pause, bevor Jussupow antwortete. »Sie wissen, dass du nicht in Karakol bist. Es wurde ein Befehl rausgegeben, dich aufzuhalten und zu verhaften. Im Notfall darf maximale Gewalt angewandt werden.« Ich wusste, was das in Wirklichkeit bedeutete: Maximale Gewalt war Pflicht. Irgendein hohes Tier glaubte offenbar, dass ich etwas wusste, und wollte sichergehen, dass ich es nicht verbreitete. Regen prasselte unbarmherzig auf das Wagendach. »An deiner Stelle würde ich mich zur Grenze aufmachen, Akyl. Zu irgendeiner Grenze.« Kapitel 17 Ich erklärte Saltanat die Lage und sah, wie ihre Miene sich verdüsterte. »Jemand will mich fertigmachen«, sagte ich. »Denk mal an das Timing. Wenn ich irgendetwas mit all dem zu tun hätte – und das habe ich nicht –, dann hätte ich gewusst, dass du den Porno-Schmuggler in Taschkent verhaftet hast, und schön stillgehalten, statt aus der Deckung zu kommen.« Nickend stimmte Saltanat mir zu. »Aber warum sollte sich jemand so viel Mühe machen?«, fragte sie. »Dir schlicht eine Kugel in den Hinterkopf zu jagen wäre viel einfacher. Ein Autounfall. Ein Kabelbrand in deiner Wohnung.« »Mit meinem Tod hört es nicht auf«, erklärte ich. »Der Fall ist jetzt aktenkundig, also muss ermittelt werden. Genau wie im Fall von Gurminjs Tod, nachdem ich ihn als verdächtig gemeldet habe. Ein anderer Inspektor übernimmt, und wenn er der Wahrheit zu nahe kommt, wird man sich auch um ihn kümmern müssen. Wenn man mich aber als notorischen Porno-Sammler und Kindermörder diskreditiert, stirbt das Ganze mit mir. Fall gelöst, der Schuldige erschossen, nachdem er sich seiner Verhaftung widersetzte, Ende der Geschichte, alle sind glücklich.« »Also? Was jetzt?« »Zuerst müssen wir weg von meiner Wohnung. Die warten nur darauf, dass ich hier aufkreuze. Mit ein bisschen mehr Grips hätten sie drinnen gewartet. Dieser Fehler gibt uns ein paar Stunden Vorsprung. Lass uns ins Kulturny fahren und hören, was dein Spitzel zu erzählen hat.« Ich rutschte tiefer in meinen Sitz, dankbar für die getönten Scheiben des Lexus. Saltanat gab mir eine Baseballkappe aus dem Handschuhfach, und ich komplettierte meine provisorische Verkleidung mit einer Sonnenbrille. Wie immer sah die verkratzte und ramponierte Tür der Kulturny-Bar wenig einladend aus, als Saltanat davor parkte. Ein als Türsteher verkleideter Steroid-Junkie in einer billigen Lederjacke lehnte lässig an der Wand und musterte Saltanat anzüglich, als sie aus dem Wagen stieg. »Wenn du einen Mann suchst, brauchst du nicht da reinzugehen, Süße. Er steht direkt vor dir«, sagte und tätschelte sich für den Fall, dass Saltanat ihn nicht verstanden hatte, den Schritt. Saltanat ging lächelnd auf ihn zu, schürzte die Lippen, warf ihm eine Kusshand zu und trat ihm dann in die Eier. Während er mit hervorquellenden Augen und vor Schock und Schmerz keuchend auf die Knie sank, ging sie um ihn herum und stieß die Stahltür auf. Die unbeleuchtete Treppe in die Kellerbar sah aus wie ein grässliches Maul, das uns verschlingen wollte, und ich erinnerte mich daran, dass sie der einzige Weg rein und raus war. Ich blickte auf den Türsteher, der mir irgendwie bekannt vorkam. »Heißt du Lubaschow?«, fragte ich. Er sah zu mir hoch und wischte sich einen Faden Erbrochenes vom Mund. »Was interessiert dich das?«, knurrte er. Ich öffnete meine Jacke, um ihm klarzumachen, dass ich nicht zu Scherzen aufgelegt war. »War das nicht dein Bruder«, fragte ich, »der hier gearbeitet und eine Freifahrt zum Friedhof gewonnen hat? Noch so ein Macho-Auftritt, und du leistest ihm Gesellschaft.« Ich hob die Hände, damit er sah, dass ich nicht nach der Waffe griff. Dann hielt ich ihm einen Finger unter die Nase. »Alles cool, ja? Aus und erledigt.« Der Türsteher grunzte nur und wandte sich ab, um sich erneut zu übergeben. Unbeeindruckt von meinem Auftritt wies Saltanat auf die Tür. »Nach dir.« »Nein, nein, Ladies first.« »Und wie kommst du darauf, dass ich eine Lady bin?«, erwiderte sie. Ich zeigte auf den Türsteher, der mit mäßigem Erfolg versuchte, das Erbrochene von seiner Jacke zu wischen. »Seiner Ansicht nach bestimmt nicht«, sagte ich und trat durch die Tür. Das Kulturny mochte einen neuen Türsteher haben, ansonsten war der Laden deprimierend unverändert. Die dunkle Treppe führte hinab in eine schwach beleuchtete Höhle. Die Hälfte der Birnen waren entweder durchgebrannt oder fehlten einfach. Zwei Prostituierte saugten in einer Ecke mit weit mehr Begeisterung an ihren Zigaretten, als sie sie je für ihre Freier zeigten. Boris, der Barkeeper, kontrollierte, ob die Gläser noch immer schön schmutzig waren, und füllte Flaschen Stolichnaya-Wodka mit samogon nach, dem billigen Selbstgebrannten. Und natürlich lag über allem der Gestank von Pisse, pivo und Pelmeni, was dem Laden seinen einzigartigen Charme verlieh. Saltanat sah sich mit ihrem typischen, gleichgültig starren Blick um und zeigte auf einen übergewichtigen Mann mit schütterem Haar, der an der Bar lehnte. »Dein Informant?«, fragte ich. Sie nickte und ging langsam auf ihn zu. Schon von weitem war sein Anblick nicht gerade schmeichelhaft, doch es wurde schlimmer, je näher wir kamen. Fettige Schweißtropfen rannen ihm von seiner Stirn über von Akne vernarbte Wangen. Es war nicht besonders warm im Kulturny – Heizen kostet Geld und schmälert den Profit –, deshalb vermutete ich, dass er vor Angst schwitzte. Er hatte einen schmalen bösartigen Mund wie eine frisch aufgeplatzte Narbe und dunkle Augen, die unentwegt misstrauisch hin und her zuckten. Er trug einen dieser fadenscheinigen billigen Anzüge, die auf dem Basar verkauft werden und schon beim ersten Tragen formlos und ausgeleiert aussehen, blank gescheuert und mit zu engen Schultern. Die kahle Stelle auf seinem Kopf wurde durch den fettigen Pferdeschwanz betont, zu dem er seine verbliebenen Haare gebunden hatte. Ich habe in meinem Leben eine Menge kleiner Gauner mit Pferdeschwanz gesehen, und unter jedem steckte ein Arschloch. Ich hätte jeden Som in meiner Brieftasche darauf gewettet, dass er Geld verlangen würde, bevor er redete. Und ich war mir ebenso sicher, dass Saltanat alle Informationen aus ihm herausprügeln würde, bevor noch ein einziger Geldschein die Hände gewechselt hatte. »Kamtschybek?«, fragte sie überraschend sanft. Der Mann nickte und trank einen großen Schluck aus dem Glas vor sich. Die halbleere Flasche Vostok-Wodka vor ihm auf dem Tresen verriet, dass es nicht sein erster Drink war. Raketentreibstoff, um die Angst zu dämpfen, Narkose für die Nerven. So wie seine Hände zitterten, war ich erstaunt, dass er es schaffte zu trinken, ohne der Sammlung von Flecken auf seinem Revers einen weiteren hinzuzufügen. »Wer ist das?«, fragte Kamtschybek mit einem für einen Mann von seiner Größe überraschend hohem Falsett. »Er gehört zu mir«, sagte Saltanat, ohne seine Frage zu beantworten. Wenn er erfuhr, dass ich ein Inspektor der Mordkommission und auf der Flucht war, hätte das sein Vertrauen bestimmt nicht bestärkt. Also hielt ich die Klappe und auch meine Jacke geschlossen, damit meine Pistole ihn nicht erschreckte. »Ich habe gesagt, nur Sie«, jammerte Kamtschybek so schrill, dass ich nach Fledermäusen Ausschau hielt. »Sehe ich so blöd aus?«, fragte Saltanat. Ich fand, dass sie tödlich aussah, eine Kriegerkönigin in Schwarz, aber eine entsprechende Bemerkung wäre nicht hilfreich gewesen. »Er ist zu deinem Schutz hier«, fuhr sie fort, ohne den Blick von seinem Gesicht zu wenden. »Schutz wovor?«, fragte er, die Augen erschrocken aufgerissen. »Davor, dass ich dich ins Koma prügele, wenn du meine Zeit verschwendest oder mir irgendwelche Lügen erzählst.« »Hey, ich habe Sie angerufen, oder etwa nicht? Warum sollte ich lügen?« »Nennen wir es Irreführung«, sagte Saltanat mit einem Lächeln und einem drohenden Blick. Kamtschybek schluckte eine weitere Ladung Raketentreibstoff, zeigte auf die Flasche und dann auf uns. Ich schüttelte den Kopf, Saltanat sah ihn nur genervt an. »Ich will ehrlich zu Ihnen sein, okay? Ich sage nicht, dass ich noch nie was Verbotenes gemacht hab, wer kann das schon? Ich verkaufe hin und wieder ein bisschen trawka zum Rauchen, vielleicht einen DVD-Player hier oder ein Handy da, das nicht ganz astrein ist. Aber es gibt Grenzen, Prinzipien, verstehen Sie?« Wir nickten beide. Ich wusste, wohin dieses Gespräch führen würde. »Ich halte die Ohren offen. Es ist immer gut zu wissen, was geht und was nicht, der Konkurrenz einen Schritt voraus zu sein. Aber neulich Abend war ich hier, hab ein kleines Geschäft abgewickelt, und da waren diese beiden Typen, hackedicht, und haben irgendeinen Scheiß geredet, echt üblen Scheiß, verstehen Sie?« Saltanat sah mich an und machte eine ungeduldige Geste. Ich hob die Hand, um sie zu bremsen, und nickte ihm aufmunternd zu. Das Guter-Bulle-böser-Bulle-Spiel. Ich habe im Laufe der Jahre schon so viele Verhöre geführt, und bei jedem davon war es produktiver, so wenig wie möglich zu sagen, um die Wahrheit durch das Schweigen zwischen den Lügen rutschen zu lassen. »Sie haben mit ihren sexuellen Vorlieben geprahlt. Harte Sachen, Kinder. Ob Junge oder Mädchen wäre ihnen egal, meinten sie, solange es den Kindern wehtut.« Saltanat kniff die Augen zusammen, also übernahm ich, bevor sie loslegen konnte. »Zwei Besoffene, die in einer Bar miteinander quatschen, die üblichen Lügengeschichten austauschen, wie oft sie es mit wem treiben. Das ist nichts Neues. Vielleicht waren das alles bloß Phantasien.« Kamtschybek schüttelte den Kopf und blickte zu den beiden Bordsteinschwalben. »Das habe ich zuerst auch gedacht. Dieser Laden lockt nicht die vornehmste Kundschaft an.« Er machte eine Pause und kippte einen weiteren Wodka. »Jedenfalls, nachdem sie ihre Flasche geleert hatten, sind sie mit ein paar Nutten für eine schnelle Nummer raus auf den Hinterhof. Aber einer von ihnen, der mit dem Bart, hat sein Handy liegen lassen. Eins dieser schicken Teile, mit denen man ins Internet kommt. Das ist schon ein paar Som wert. Also hab ich es eingesteckt, mein Glas leer getrunken und mich auf den Heimweg gemacht. Ich wollte nicht bleiben, bis sie zurückkommen und mich fragen würden, ob ich ein Handy gesehen hätte, das nur darauf wartete, geklaut zu werden. Die beiden machten einen ziemlich knackigen Eindruck, nicht groß, aber muskulös. Ich bin nicht fit genug für einen Sprint. Und ein großer Kämpfer bin ich auch nie gewesen.« »Und weiter?«, drängte ich ihn. »Ich bin ab nach Hause, hab das Ding angeschaltet, auf ein paar Tasten gedrückt und ein Video darauf gefunden.« Saltanat und ich warteten, während Kamtschybek sich mit einem Taschentuch die Stirn abwischte, das vermutlich zuletzt um die Jahrhundertwende herum sauber gewesen war. »Nun, es war … also, so was hab ich vorher noch nie gesehen. Und ich bin rumgekommen. Als ich jünger war, war ich sogar mal so eine Art Frauenheld.« Nun wurde ich langsam ungeduldig. Je länger ich mich in der Kulturny-Bar aufhielt, desto wahrscheinlicher würde irgendjemand, der mich erkannt hatte, bei der Polizeistation von Sverdlowsk anrufen, und bald würde ich ein Tänzchen in dem schalldichten Kellerraum machen, in dem wir die harten Verhöre durchführten. »Kommen wir zur Sache, ja? Was hat Sie bewogen, meine Kollegin anzurufen?«, fragte ich. »Ich hatte den Eindruck, dass die beiden Typen Beziehungen hatten und von irgendwem beschützt wurden. Einfach weil es ihnen offenbar scheißegal egal war, ob jemand zuhörte. Ich hatte läuten hören, dass ein Porno-Schmuggler in Taschkent verhaftet worden war, also hab ich dort angerufen und Ihre Kollegin erreicht. Ich wollte nicht riskieren, mit den falschen Leuten zu reden.« Kamtschybek griff in die Tasche und zog ein iPhone heraus. Wortlos drückte er auf mehrere Tasten, und das Smartphone leuchtete auf. Er gab es mir, als ein Clip zu laufen begann. Die Aufnahme war verwackelt und ein wenig unscharf, wurde dann jedoch klarer. Es begann mit der Nahaufnahme eines Handgelenks mit einem Namensbändchen. Sein Anblickt zerrte an meinen Eingeweiden; es erinnerte mich an das Band, das ich selbst im Waisenhaus getragen hatte. Ich verbarg das Display vor den anderen Gästen der Bar und stellte den Ton stumm. Saltanat rückte näher heran, damit sie mitgucken konnte. Was wir sahen, war das nackte Grauen. Der Junge musste etwa neun gewesen sein, doch die Angst in seinen Augen war uralt. Sein Mund war zu einem stummen Schrei verzerrt, der erst abriss, als ihn eine Männerhand hart ins Gesicht schlug. Ich hörte, wie Saltanat neben mir der Atem stockte, und spürte, wie sie sich abwandte. »Das habe ich schonmal gesehen«, sagte sie mit angewiderter Stimme. »Genau genommen kann ich gar nicht mehr aufhören, es zu sehen.« Ich guckte weiter hin, sah die Vergewaltigung und den Mord. Der Gestank von Pelmeni, saurem Bier und abgestandener Pisse war intensiver geworden. Übelkeit stieg in mir auf. Die Bilder verschwammen vor meinen Augen, als würde ich sie vom Grund des Yssykköl-Sees sehen, und ich fragte mich, ob ich ohnmächtig werden würde. Trocken würgend beugte ich mich vor, der Geschmack von Galle brannte kratzend wie Rasierklingen in meiner Kehle. Im selben Moment spürte ich einen Stich in der linken Schulter, blickte auf und sah, dass Kamtschybek die Augen aufriss, als eine rote Mohnblume auf seiner Brust erblühte. Blut. Nicht seins. Meins. Kapitel 18 Ohne das Brennen in der Schulter zu beachten, drehte ich mich um und sah Lubaschow, den Türsteher mit dem Magazin seiner Makarow herumfummeln, das Gesicht verzerrt vor Wut und Angst. Mit der Rechten griff ich nach meiner Pistole, doch Saltanat hatte ihre eigene Makarow schon gezogen, stützte ihr rechtes Handgelenk mit der Linken ab und zielte mit gestrecktem Arm auf Lubaschows Kopf. Ich war immer der Ansicht gewesen, dass der Oberkörper das beste Ziel war, wenn man jemanden erledigen wollte – so hatte ich seinen Bruder getötet –, aber in den kleinen schwarzen Kreis des Todes zu starren, schärft die Konzentration aufs erstaunlichste. »Waffe runter. Nicht denken, machen. Waffe runter oder ich leg dich um«, befahl Saltanat und machte einen Schritt nach vorn. Ich sah, wie Lubaschow kalkulierte, ob er es noch schaffen würde, seine Waffe zu entsichern, zu zielen und abzudrücken. Er hatte keine Chance. Es war einer dieser Augenblicke, in denen die Zeit stillzustehen scheint. Zigarettenqualm hing an der Decke, alles war wie elektrisch aufgeladen und überdeutlich. Ich blickte auf meine Schulter. Das Jackett hatte eine Brandspur, als hätte mich jemand mit einem glühenden Schürhaken erwischt, umrandet von Blut, aber nicht von so viel, dass ich eine Transfusion brauchen würde. Wenn ich mich kurz zuvor allerdings nicht gerade würgend gebückt hätte, sähe die Sache schon anders aus. Und eine Bluttransfusion wäre überflüssig gewesen. Wie ein Pantomime, der in extremer Zeitlupe durch besonders zähflüssigen Klebstoff watet, legte Lubaschow die Waffe auf den Boden. Offenbar würde Mama Lubaschowa doch keinen zweiten Grabstein kaufen müssen. Aber Saltanat wandte weder den Blick von seinen Händen noch die Waffe von seinem Gesicht. »Hast du eine gute Erklärung dafür, dass du versucht hast, einen Polizeibeamten zu töten?«, fragte sie. Lubaschow sah aus, als würde er jeden Moment in Tränen ausbrechen. »Mein Bruder«, murmelte er und redete irgendeinen Unsinn über Rache. Im Laufe dessen, was ich mit einiger Ironie meine Karriere nenne, habe ich erkannt, dass all diese Möchtegerngangster unter der Schwäche leiden, in Gewalt eher eine Methode zur sofortigen Problemlösung als den letzten Ausweg zu sehen. Dabei würde die Erschießung eines Inspektors der Mordkommission allenthalben einen Riesenhaufen Scheiße nach sich ziehen, sogar wenn dieser Inspektor gerade selbst zur Fahndung ausgeschrieben war. Saltanat bedeutete Lubaschow mit ihrer Pistole, so weit zurückzutreten, dass sie mir seine Waffe rüberschieben konnte. »Bist du schwer verletzt?« Ich zuckte nonchalant mit den Schultern und wünschte mir sofort, ich hätte es gelassen. »Wir können Verbandszeug kaufen, wenn wir hier raus sind. Ist nur ein Kratzer; ich hab mich beim Rasieren schon schlimmer geschnitten.« Weitere Großspurigkeit meinerseits, die Saltanat geflissentlich ignorierte. »Was soll ich mit dem hier machen?«, fragte sie und wies auf Lubaschow, der mittlerweile mit hinter dem Kopf verschränkten Händen auf dem Boden kniete. »Was sollen wir schon machen? Ich kann ihn ja schlecht auf die Station bringen lassen, wenn ich nicht die Zelle mit ihm teilen will.« Ich blickte ihn an und sah in seinem Gesicht die übliche billige Mischung aus Arroganz und Unsicherheit. Kugelfutter, wenn nicht jetzt, dann später. Ich überlegte und zog mit der Rechten unbeholfen meine Jarygin. »Ich könnte uns eine Menge Ärger ersparen und ihn umlegen«, schlug ich vor und zielte mit der Pistole in die allgemeine Richtung von Lubaschows Eiern. Oder dorthin, wo sie hätten sein sollen, wenn Saltanat sie nicht in sein Becken getreten hätte. Lubaschows Gesicht erbleichte. »Neben deinem Bruder ist noch Platz genug«, fügte ich hinzu, »und dann braucht deine liebe alte Mama nur noch einen marschrutka-Fahrschein, um euch beide zu besuchen. Bequem, was?« Ich ging auf Lubaschow zu, ohne den Blick zu senken, bis meine Pistole fast alles andere in seinem Leben überragte. Ungeachtet dessen, was er vielleicht befürchtete, hatte ich nicht vor, ihn zu erschießen. Genau genommen habe ich außer in Notwehr noch nie einen Menschen getötet oder verwundet. Vielleicht macht mich das zu einem schlechteren Ermittler. Aber es bedeutet keinesfalls, dass nicht auch mir nachts die unschuldigen Toten erscheinen und mich vorwurfsvoll anstarren, als wollten sie fragen, warum ich sie nicht vor den Ungeheuern da draußen beschützt habe, warum sie einen so hohen Preis dafür zahlen müssen, damit ich die Täter unschädlich machen kann. Doch wenn sie sprechen könnten, würden sie mir alle dieselbe Frage stellen: »Warum ich?« »Wenn du es tun willst, dann mach verdammt nochmal hin«, sagte Lubaschow mit einem unerwarteten und ziemlich bewundernswerten Aufflackern von Mut. »Das ist nicht mein Stil«, sagte ich und strich ihm mit dem Pistolenlauf über die Wange, während Saltanat ihn mit der Makarow in Schach hielt. »Ich erschieße nur Schurken, keine stümperhaften Möchtegerngangster, die nicht mal ein Magazin in ihre Waffe schieben können.« Ich schenkte ihm eins meiner speziellen Lächeln, die meine Augen nicht erreichen. »Ich bin ein ziemlich nachsichtiger Mensch, aber in meinem Job frage ich mich unwillkürlich, ob es neben dem Ruhesitz deines Bruders auf dem Friedhof noch einen weiteren Grund dafür gibt, dass du mich töten wolltest. Also sag schon, wer hat dich angestiftet, mein zweitbestes Jackett zu ruinieren?« »Inspektor, dafür haben wir wirklich keine Zeit«, sagte Saltanat ungeduldig. Ich seufzte, obwohl ich wusste, dass sie recht hatte. Ich steckte meine Waffe in den Holster und nahm das Magazin aus Lubaschows Pistole. Das Metall fühlte sich kalt an, wie das Namensschild auf einem Grabstein, wie der Tod selbst. »Du musst die Spannung der Feder kontrollieren und alles immer schön reinigen und ölen. Sonst triffst du eines Tages auf jemanden, der nicht so rücksichtsvoll ist, wie ich es bin, und während du noch mit deiner Waffe kämpfst, schießt er bestimmt nicht daneben.« Ich blickte mich um. Die anderen Gäste und der Barkeeper standen wie erstarrt vor mir. »Alle lassen ihre klebrigen Hände da, wo ich sehen kann, dass sie keinen Ärger machen. Wir bleiben alle schön ruhig, wie bei einem Spaziergang im Panfilow-Park.« Ich nickte Saltanat zu und wies auf die Treppe. »Vergiss unseren Papagei nicht; ich glaube nicht, dass wir schon sein komplettes amüsantes Repertoire gehört haben.« Saltanat packte Kamtschybeks Arm, und wir machten uns auf den Weg zurück ans Tageslicht und die frische Luft. Dann ging die Schießerei los. Kapitel 19 Eine der ersten Regeln für den polizeilichen Einsatz lautet, dass man darauf achten sollte, sämtliche Räume zu sichern und nicht nur den, in dem man sich gerade aufhält. Aber ich war wohl doch nicht ganz auf der Höhe, denn ich hatte es versäumt, auch die Räumlichkeiten zu überprüfen, die im Kulturny lachhafterweise als Toiletten durchgehen: eine schräg an die Wand montierte Rinne, durch die Urin in ein Rohr tröpfeln kann, das zu einem Abfluss führt. Ein klassischer Fehler. Und ein tödlicher. Der Mann, der die Tür aufstieß, konnte sich nur mit Mühe durch den Rahmen zwängen. Er war locker zwei Meter groß und fast genauso breit. Er hatte schulterlanges Haar, seine Augen waren hinter einer dunklen Brille verborgen, und sein Mund war zu einem Schrei aufgerissen, der in dem kleinen Raum widerhallte. Wir Kirgisen sind keine groß gewachsenen Leute, insofern war dieser Typ definitiv ein Riese. So groß und beängstigend, wie er war, passte die Glock 17 Automatik, die er in seiner Pranke hielt, bestens zu ihm. Er stieß gegen die Wand, als er die Waffe hob und zwei Schüsse abgab. In dem engen Gewölbe war der Lärm so ohrenbetäubend wie ein Schnellzug, der durch einen Tunnel rast. Ich war aus dem Gleichgewicht geraten und konnte für einen Moment nichts sehen. Das nutzte Lubaschow aus, um mein Bein zu packen und mich zu Boden zu reißen. Ich schaffte es jedoch, die Jarygin festzuhalten, und schlug mit dem Griff auf seine Nase. Der Knochen brach, Blut spritzte mir ins Gesicht. »Maxim!«, brüllte Lubaschow. »Leg sie um!« Maxim gab einen weiteren Schuss ab, der den Spiegel hinter der Bar zersplittern und mehrere Flaschen platzen ließ. Mehr Zeit brauchte Saltanat nicht, um zweimal abzudrücken. Sie traf Maxim in die Schulter und den Bauch, er taumelte rückwärts, das Erstaunen in seiner Miene wich dem Schmerz, während er zusah, wie Blut durch sein Hemd sickerte. Er wirkte verwirrt wie jemand, der plötzlich merkt, dass er eine Zahnfüllung verloren oder den Wohnungsschlüssel verlegt hat. Mit ausgestrecktem Arm versuchte er, das Gleichgewicht zu halten, Zeit zu gewinnen und zu entscheiden, auf wen er die Waffe richten sollte. Er klammerte sich verzweifelt ans Leben, wie ein Mann an einen Felsvorsprung über einem im Frühling vom Schmelzwasser angeschwollenen Fluss. Dann stolperte er rückwärts, kippte um und ließ die Waffe fallen. Pulverdampf stieg in trägen Spiralen zur Decke. Der Raum hielt geschockt den Atem an. Lubaschow befühlte sein zertrümmertes Gesicht. Ich zerrte ihn auf die Füße und steckte meine Pistole in den Holster. »Wir müssen hier weg, Akyl«, murmelte Saltanat, »bevor die Polizei kommt.« Ich nickte und wandte den Kopf, um zu sehen, was Kamtschybek machte. »Wir haben ein Problem«, stellte ich fest und zeigte auf unseren nicht ganz so kleinen Singvogel. »Scheiße«, sagte Saltanat, als sie das Loch in Kamtschybeks Gesicht sah. Ein Projektil der Glock hatte ihm die linke Wange weggerissen, sodass eine ungleichmäßige Reihe gelber Zähne freilag und das Gesicht zu dem düsteren Ausdruck eines bitteren Grinsens erstarrt war. Ein Augenlid hing tiefer als das andere, was ihn wie einen lüsternen Zuhälter aussehen ließ, der gerade ein besonders einträgliches Pferdchen aufgetan hatte. Ich beugte mich vor, nahm das iPhone und steckte es ein. »Komm«, sagte ich, stieg über Lubaschow hinweg, blieb kurz stehen, um ihm mit Nachdruck auf die Schusshand zu treten, und ging dann Richtung Treppe. »Hoffentlich hat es aufgehört zu regnen.« Wie hielten ein weiteres Mal vor Saltanats Hotel. Sein Name war in das hohe Metalltor graviert: Umai, nach der kirgisischen Göttin der Fruchtbarkeit und Jungfräulichkeit. Umai gilt als Beschützerin der Frauen und Kinder, ist also im weiteren Sinne meine Chefin. Ich glaubte nicht, dass ich auf irgendwelche Gefälligkeiten von ihr rechnen konnte, aber man soll die Hoffnung nie aufgeben. Saltanat drückte auf die Hupe, und das Tor schwang auf. Ein stämmiger Mann Mitte fünfzig mit kahl rasiertem Schädel stand hinter dem Holztresen unter dem Dach. Saltanat stieg aus dem Wagen, lief zu ihm und küsste ihn auf die Wange. Er begrüßte sie freundlich und sah mich erst an, als ich hinzutrat. Es war kein offen feindseliger Blick, doch er musterte mich, als könnte ich ihm, seinem Hotel oder seiner Freundin Ärger machen. »Inspektor Akyl Borubaew von der Mordkommission Bischkek«, stellte Saltanat mich vor. »Priwet«, sagte ich und streckte die Hand aus. Er ergriff sie und nickte ein wenig freundlicher. »Und Sie sind?«, fragte ich. »Michail«, antwortete er mit usbekischem Akzent. Er wies auf die Kühlschränke hinter sich, die mit pivo- und Wodka-Flaschen gefüllt waren. »Bedient euch. Ich besorg euch was zu essen«, sagte er und ging zum Seiteneingang des Hotels. Ich wandte mich von Saltanat ab und blickte auf meine Hände. Sie zitterten nicht; ein bisschen spät im Spiel gewöhnte ich mich vielleicht doch noch ans Töten. »Was glaubst du, wer der Typ war?«, fragte Saltanat. Ihre Hände waren ebenso ruhig wie meine. »Zwei Möglichkeiten«, sagte ich. »Entweder irgendein gopnik im Trainingsanzug, der gerade seine Tagesration pivo ausgepisst hat, als wir reinkamen. Oder …« »Oder?« »Oder Kamtschybeks Anruf war eine Falle. Du solltest dorthin kommen und erledigt werden. Aber mich haben sie nicht erwartet. Oder dass Lubaschow versuchen würde, seinen Bruder zu rächen. Das hat alles vermasselt.« »Was hältst du für wahrscheinlicher?« »Sehe ich so aus, als würde ich an Zufälle glauben?« »Wer würde so was arrangieren?« Ich schüttelte den Kopf; am besten ging ich davon aus, dass einfach alle gegen uns waren. »Und das iPhone? Wozu die Mühe, wenn sie mich eh umlegen wollten?« »Eine gute Methode, um herauszufinden, wie viel du weißt und schon gemeldet hast, bevor man dich abknallt.« Ich war davon überzeugt, dass man sie nicht sofort getötet hätte, nicht gleich dort, verschwieg es ihr aber. Man hätte sie an einen stillen Ort verschleppt, wo niemand gelegentlichen Schreien Beachtung schenkt und die Leute sich einreden, dass Schüsse Fehlzündungen sind. Ein Ort wie der, an dem Saltanat vergewaltigt worden war, wahrscheinlich auch von der gleichen Sorte Typen. Ich legte meine Hand auf ihre, machte eine Flasche Sibirskaya Corona auf und schob sie ihr rüber. Sie zögerte, trank dann aber doch. »Es hilft mir, mich zu entspannen«, sagte sie. »Solltest du auchmal probieren.« »Du glaubst, ich könnte mich nicht entspannen, ohne etwas intus zu haben?« »Früher hast du noch getrunken.« »Und jetzt trinke ich nicht mehr.« »Nie mehr?« Ich zuckte die Achseln und gab eine Nonchalance vor, die ich nicht spürte. »Erstmal nicht.« Saltanat dachte einen Moment darüber nach, bevor sie lächelte und nickte. Früher einmal, als ich noch getrunken habe, vor Tschinara, wäre das der Moment gewesen, in dem ich das Mädchen des Abends geküsst, das Zitronenshampoo in ihrem Haar gerochen, die Hitze ihrer Haut und ihre weichen Lippen gespürt hätte. Aber diese Tage sind vorbei und tief vergraben. Und ich glaube auch nicht, dass sie wiederkommen, zumindest nicht für Mama Borubaews Jungen. Es ist all der Tod um mich herum, der mich zerfressen hat, nicht der Alkohol. Saltanat lehnte sich zurück, leerte ihr Bier und sagte: »Zeit zu essen.« Ich dachte: »Zeit zu töten.« Kapitel 20 Saltanat und ich saßen unter dem Schutz des Schrägdachs, um uns herum prasselte der Regen. Michail hatte uns Gemüse-Pelmeni und eine Schale lagman gebracht, eine würzige Nudelsuppe mit Lamm. Beim Essen hatten wir uns gefragt, ob das Gewitter je enden würde. Während wir überlegten, was wir als Nächstes tun sollten, war aus der Ferne immer wieder Donnergrollen aus den Bergen zu hören. Ich hatte gedacht, die Straßen und Gassen von Bischkek besser zu kennen als die meisten Taxifahrer, doch vom Umai-Hotel hatte ich noch nie gehört. »Woher kennst du diesen Laden?« Saltanat zündete sich eine Zigarette an und blies eine Qualmwolke aus, die sich mit dem feinen Nieselregen vermischte. »Ich bin mit Michails Tochter Anastasia zur Schule gegangen. Wir kannten uns, nicht gut, aber gut genug. Als sie an der Universität in Taschkent studierte, wurde sie von drei Männern überfallen.« Sie hielt inne und sah mich an. »Ich habe geholfen, die Täter zu erwischen. Einer wurde bei dem Versuch zu fliehen getötet. Von mir.« Mit ihrem Blick wollte sie meinen Widerspruch provozieren, doch ich zog nur eine Braue hoch. »Ich würde es wieder tun. Michail weiß das. Also besteht er darauf, dass ich hier wohne, wann immer ich in Bischkek bin. Ich darf nicht mal bezahlen. Es ist wirklich peinlich.« Nach einem letzten Zug warf sie die Kippe auf den Rasen und lauschte dem halbherzigen Zischen, mit dem sie erlosch. »Ich glaube nicht, dass deine Leute – deine Exleute – wissen, dass ich hier unterkomme, aber wir sollten trotzdem in Bewegung bleiben, für alle Fälle.« Ich folgte ihr zum Wagen. Auf der Veranda des Hotels hob Michail, den Jackenkragen zum Schutz vor dem Regen hochgeschlagen, eine Hand zum Abschied. Als der Lexus auf das Tor zurollte, sah Saltanat mich an. Ihre Miene war ausdruckslos und gab nichts preis. Ihre Stimme war ruhig. »Achtzehn Monate später hat Anastasia sich das Leben genommen.« Und dann fuhren wir durch das Tor, die Reifen ließen schmutziges Wasser gegen die Mauern spritzen. Tschinara hat immer gesagt, dass ich bei meiner Arbeit zu viel für die Opfer empfinde, dass meine emotionale Anteilnahme mich zu Fehlern verleitet, dazu, nur in einer Richtung zu ermitteln und alle anderen Möglichkeiten auszuschließen. Gleichzeitig wusste sie, dass ich nur so arbeiten konnte. Meine bedingungslose Liebe für sie und mein Bedürfnis nach Gerechtigkeit für die Toten machten mich zu dem Mann, der ich war. Aber die Dinge ändern sich, und auch ich hatte mich verändert. »Liebe trotzt allen Stürmen«? Mag schon sein. Aber ich habe auch gelernt, dass unserem Leben ohne Liebe die Stütze fehlt gegen die endlosen Stürme, das Wüten, die Dunkelheit und den Tod. Tschinara war meine Seelengefährtin gewesen; Saltanat war mein Spiegelbild. »Wie sieht unser Plan aus?«, fragte ich. »Wir fahren irgendwohin, wo dich niemand sucht. In Bischkek kannst du dich nicht verstecken; hier kennen dich zu viele Leute. In Dschalalabat habe ich einen Kontakt, der die Sicherheitssoftware des Smartphones hacken kann.« »Es ist unsere einzige Spur«, stimmte ich ihr zu. »Aber wäre es nicht besser, wenn wir uns trennen? Warum solltest du dich in die Sache verwickeln lassen?« »Weil ich den Mörder von Gurminj finden will«, sagte sie. »Und die Mörder dieser Kinder.« »Und die Mörder dieser Kinder, genau.« Es ging also nach Südwesten in Richtung Dschalalabat; zu beiden Seiten steil aufragende Berge, deren schneebedeckte Gipfel schon bald vom Blut der untergehenden Sonne befleckt werden würden. Kapitel 21 In Kirgisistan gibt es die Legende, dass Gott zu Beginn der Welt jedem Volk ein Land zugeteilt hat. Aber der Kirgise hatte verschlafen, wahrscheinlich nach einer langen Nacht mit viel Wodka. Als er schließlich erwachte, waren alle Länder der Erde schon vergeben. »Und wo soll ich leben?«, fragte er, vermutlich jammernd und ziemlich vorwurfsvoll. Gott überlegte einen Moment und sagte dann: »Ein Land habe ich für mich reserviert; es ist wunderschön mit rauschenden Bächen, hohen Bergen, sauberer Luft, satten Wiesen und prachtvollen Bäumen. Ich schätze, am besten, wenn du dort lebst.« Und so landeten wir Kirgisen in Kirgisistan. Diese Geschichte fiel mir unwillkürlich ein, als wir durch die Haarnadelkurven fuhren, die sich auf dem Weg nach Osch, der zweitgrößten Stadt des Landes im Süden Kirgisistans, die Hänge des Tienschan-Gebirges hinaufwinden. Die schmale Straße verläuft an furchterregend steilen Abhängen in tiefe Täler und erklimmt dabei eine Höhe von dreitausend Meter über dem Meeresspiegel. Die Luft ist frisch und kalt, sodass die Brust schmerzt und einem der Kopf schwirrt. Am Straßenrand lagen noch Reste von Schnee, und alle paar Kilometer musste Saltanat dem Geröll ausweichen, das die Steinschläge des Winters hinterlassen hatte. Aber ich fühlte mich auf eine Art lebendig wie schon lange nicht mehr. Die meisten Menschen glauben, es ginge im Leben darum, Spaß zu haben, Geld zu machen und es auszugeben, zu ficken und sich bewusstlos zu trinken. Aber für mich geht es um Gerechtigkeit und um das Ende, das jede Geschichte verdient hat. Und in meinen weniger zynischen Augenblicken geht es für mich auch um Liebe. Die Fahrt ist selbst in den Sommermonaten beschwerlich, vom Frühling gar nicht zu reden. Aber ein Linienflug nach Osch war zu riskant, und nach Karakol würde ich bestimmt nicht zurückkehren. Dschalalabat lag auf dem Weg zwischen Bischkek und Osch und nahe genug an der usbekischen Grenze, um einen illegalen Übertritt zu ermöglichen, wenn es sein musste. Aber zunächst einmal hatte ich ein paar Tode zu rächen. »Du warst als Kind in einem Waisenhaus, oder?«, fragte Saltanat. Es war eine Geschichte, die ich kaum jemandem erzählt hatte, doch es hätte mich nicht überraschen sollen, dass sie davon wusste. »Macht die usbekische Staatssicherheit wegen meiner Akte Überstunden?«, fragte ich. Saltanat lachte. »Ich glaube, du überschätzt unsere Fähigkeiten«, sagte sie. »Nein, Gurminj hat es mir erzählt. Er hat gesagt, du wärst dort gewesen, als deine Mutter in Sibirien gearbeitet hat.« Ich spürte, wie sich meine Brust zuschnürte. Saltanat sprach da eines der dunkleren Kapitel meines Lebens an und wühlte Erinnerungen auf, die ich versucht hatte, tief zu vergraben. Ich brauchte einen Moment, um zu entscheiden, was ich preisgeben wollte und was nicht. »Kannst du kurz anhalten? Pinkelpause.« Saltanat hielt, ich stieg aus und ging an den Straßenrand, dessen Böschung hundert Meter tief abfiel. Der Hang war bis auf ein paar begraste Flecken karg und steinig. Ich trat ein Steinchen über den Rand und sah es ins Tal hüpfen, bis es außer Sichtweite war. Ich tat so, als würde ich pinkeln, und kehrte zum Wagen zurück. Als wir wieder losfuhren, hatte ich entschieden, was ich Saltanat erzählen würde. »Ich war für zwei Jahre in einem Waisenhaus untergebracht. Der zweiten Frau meines Großvaters gefiel es nicht, dass ich bei ihnen lebte, und nachdem meine Mutter weg war, na ja, du kennst ja die Märchen. Die böse Stiefmutter. Und mein Großvater hatte keine Lust auf die Ohrenschmerzen, die er von ihrem Gezeter bekam.« Ich hielt inne, überrascht, wie lebhaft meine Erinnerungen waren. »Eigentlich war es wohl gar nicht so übel dort. Ein Platz zum Schlafen. Etwas zu essen. Sie haben sogar versucht, uns etwas beizubringen, obwohl wir weiß Gott ein bunter Haufen waren. Aber es wurde nie zu einem Zuhause, einem Ort, an dem ich mich sicher, geliebt und gewollt gefühlt hätte.« Saltanat starrte durch die Windschutzscheibe und lauschte intensiv jedem Wort. »Ich bin dreimal abgehauen. Das erste Mal nach ein paar Wochen, weil ich meinen Großvater vermisste, den Geruch seines Papirossa-Tabaks, wenn er mich umarmte, mir in die Wange kniff und mir erklärte, was für ein prima Junge ich sei. Ich weiß nicht, was ich erwartet habe, als ich zu dem Bauernhof zurückkehrte. Einen liebevollen Empfang, nehme ich an, Plow auf dem Tisch, eine Tasse heißen Tschai und die kratzenden Bartstoppel meines Großvaters an meiner Wange, wenn er mich umarmen würde. Aber, kaum überraschend, kam es so nicht. Am nächsten Tag schickte seine Frau mich zurück ins Waisenhaus, aber erst nachdem sie mich mit einem Gürtel verprügelt hatte, während mein Großvater hilflos zusah. Als ich zum zweiten Mal weglief, hatte ich also einen etwas besseren Plan. Nach Bischkek trampen, einen Job in einem Restaurant oder beim Entladen der LKW finden, die über den Torugart-Pass aus China kamen. Aber von Karakol nach Bischkek sind es vierhundert Kilometer, und ich schaffte es nicht mal bis ans Ufer des Yssykköl-Sees, bevor die Verkehrspolizei mich aufgriff und zurückbrachte.« Ich machte eine Pause und starrte aus dem Fenster. »Und beim dritten Mal?«, fragte Saltanat und wandte den Kopf, um mich anzusehen. »Das ist eine lange Geschichte«, antwortete ich und spürte ein Kratzen im Hals, als hätte ich mich verschluckt, »und eine langweilige.« »Wir haben eine lange Fahrt vor uns«, sagte Saltanat. »Sie wird uns die Zeit vertreiben.« Ich zögerte, während die Erinnerungen unaufhaltsam auf mich einströmten und in meinem Kopf aufstiegen wie Erbrochenes in der Speiseröhre. »Das Waisenhaus war kein übler Ort, musst du wissen, sauber, warm, und das Essen war okay. Wir waren in Schlafsälen untergebracht, die Jungen in einem, die Mädchen in einem anderen. Das hat die älteren Jungen natürlich nicht davon abgehalten zu versuchen, sich in den Saal der Mädchen zu schleichen, wenn das Licht ausgemacht worden war. Aber irgendein Mitarbeiter des Waisenhauses hatte immer Aufsicht, sodass es ziemlich aussichtslos war. Es gab die üblichen Schlägereien und Einschüchterungen, nichts allzu Ernstes, Sachen, wie ich sie von meiner Schule gewöhnt war, ältere Jungen, die beweisen wollten, dass sie die Größten waren, indem sie die Kleinen schlugen. Und auch hier versuchten die Lehrer ihr Bestes, es zu verhindern.« Saltanat wartete, dass ich weitersprach, doch ich starrte bloß weiter aus dem Fenster auf die schneebedeckten Berggipfel, die vom Rot der untergehenden Sonne verschmiert waren. Wie Blut auf einem gefliesten Boden. »Gegen Ende meines zweiten Jahres in dem Waisenhaus hatte ich mich mehr oder weniger damit abgefunden, dort noch mindestens zwei weitere Jahre bis zu meinem sechzehnten Geburtstag zu leben. Also zog ich den Kopf ein und wartete. Dann kam ein neuer Junge zu uns, Alexei Schenbekow. Er war groß gewachsen, etwa fünfzehn Jahre alt, mit Muskeln, wie man sie auf einem Bauernhof bekommt, auf dem die einzigen Maschinen deine Arme und dein Rücken sind. Sein Gesicht war von der Sonne fast schwarz verbrannt, und sein Gemüt war ebenso düster. Von Anfang an war er darauf aus, Ärger zu machen und der Welt zu zeigen, dass er mangelnden Respekt nicht dulden würde. Vor allem von den Jüngeren, den Schwächeren, denjenigen, die nie gelernt hatten, sich zu wehren. Er nannte es ›diskutieren‹. Mit steinharten Fäusten und Ohrfeigen wie Schlägen mit einer Schaufel. Wie alle kleinen und großen Tyrannen konnte er die Furcht anderer wittern, so wie ein Leichenhund einen Toten finden kann.« Ich machte eine Pause, mein Mund war mit einem Mal trocken. Eigentlich hatte ich diese Geschichte nie erzählen, ihre Details begraben und sie für immer vergessen wollen. Saltanat schien das zu spüren; sie hielt am Straßenrand, und wir gingen schweigend bis zu dem Rand der steilen Böschung. In der Dämmerung wurden die Schatten dichter, und die kalte Luft war in dieser Höhe beißend wie die Wölfe, die in den Bergen leben. Es war, als würden wir am Rand der Welt balancieren, wo eine plötzliche Böe uns in die Dunkelheit wehen könnte. »Es gab einen anderen Jungen, Adilet, er war genauso alt wie ich. Einer der Jungen, die nur sprachen, wenn sie etwas gefragt wurden, die versuchten, alleine zu duschen, und an keinem der Spiele auf dem Schulhof teilnahmen. Adilet war wie ein Geschenk für Schenbekow, jemand, mit dem er seine ›Diskussionen‹ führen konnte. Danach hatte Adilet immer Blutergüsse im Gesicht und an Armen und Beinen. Wenn wir ihn in der Dusche zu sehen bekamen, hatte er faustgroße dunkelbraune Flecken am Körper, die sich langsam violett und gelb verfärbten. Die Wochen gingen dahin, Adilet sagte immer weniger und saß im Klassenzimmer allein für sich. Nachts hörten wir ihn manchmal in seinem Bett weinen. Und was haben wir dagegen getan? Nichts.« Ich zündete mir eine Zigarette an und ließ den Blick in die dichter werdende Dunkelheit schweifen. »Natürlich hatten wir Angst vor Schenbekow. Keiner von uns wollte Adilet als Diskussionspartner ersetzen. Aber wir hätten uns gegen ihn verbünden können, ihn auf acht verschiedene Arten verprügeln oder einfach beim Personal melden können. Aber das haben wir nicht getan. Wir waren ganz einfach Feiglinge.« Ich schmeckte den Tabak im Mund und sah den Qualm, der sich in der Abendluft verlor, als würde das Feuer meines Lebens langsam erlöschen. »Was ist passiert?«, fragte Saltanat, und ich sah das Mitgefühl in ihrem Gesicht, ein Einverständnis darüber, was für ein Hinderniskurs das Leben ist. »Es war einer dieser Sommertage, an denen es nach brüllender Hitze unvermittelt zu schütten beginnt. Von den Bergen zogen Wolken von der Art herunter, die einen weichen, süßen Regen mit sich bringt, den das Land mit Wonne aufsaugt. Dann mussten wir plötzlich alle auf dem Hof antreten, der Regen klebte uns die Haare an die Stirn und bildete Pfützen um unsere Füße. Wir standen schweigend da, während ein Polizeitransporter auf den Hof fuhr und neben dem Duschblock hielt. Nach einer halben Stunde klarte es auf, und wir sahen zwei Polizisten, die sich mit einem Körper auf einer Bahre abmühten, die sie in ihren Transporter luden und abtransportierten. Wir wurden zurück in das Waisenhaus geführt, wo man uns erklärte, dass die Polizei uns in den kommenden Tagen befragen würde. Ich blickte mich um und bemerkte, dass Adilet fehlte. Der Junge, der die Kunst der Unsichtbarkeit beinahe perfektioniert hatte, war tatsächlich verschwunden.« Ich warf meine Kippe über den Rand und sah die Glut den Abhang hinunterhüpfen und in der Dunkelheit verschwinden. »An dem Abend habe ich mich in den Duschblock geschlichen. Das Personal hatte fast alles Blut weggeschrubbt, doch auf dem Fliesenboden waren ein paar Tropfen und Spritzer zurückgeblieben.« »Habt ihr je herausgefunden, wer Adilet getötet hat?«, fragte Saltanat. »Falsch geraten«, sagte ich grimmig, »es war Schenbekow, der seine letzte Diskussion verloren hatte. Adilet hatte mit einem rostigen Stahlrohr auf ihn gewartet und ihm den Schädel eingeschlagen. Dreimal hat er zugeschlagen. Er hat ihn nicht getötet, aber Schenbekow sollte nie wieder jemanden terrorisieren. Die Polizei griff Adilet fünf Kilometer außerhalb von Karakol auf. Man hat uns erzählt, er habe kein Wort gesagt. Weder damals noch später bei seinem Prozess.« Die Sonne war beinahe untergegangen, und ich konnte im Gegenlicht des Mondes unseren beschlagenen Atem in der Luft sehen. »Jahre später habe ich erfahren, dass Adilets Zwillingsschwester von seinem Stiefvater ermordet worden war, zu Tode getreten oder geprügelt, wer weiß weshalb. Weil sie den Boden nicht zu seiner Zufriedenheit gewischt hatte? Oder eine Tasse Tschai verschüttet und ihm die Finger verbrannt hatte? Vielleicht hatte sie sich gewehrt, als er versuchte, in ihr Bett zu kommen. Adilets Tat war der Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen, die er verloren hatte, als seine Schwester starb. Auch wenn man die Toten nicht immer rächen kann.« Ich spürte, wie Saltanat meine Hand ergriff und fest drückte, ohne jeden Hintergedanken, einfach wie eine Freundin. Dann gingen wir schweigend zum Wagen zurück und setzten unsere Fahrt fort. Kapitel 22 Wir verbrachten eine unbequeme Nacht im Auto, nachdem wir die Hauptstraße verlassen hatten und über einen Feldweg bis an einen der schmalen Flüsse gefahren waren, die sich durch das Tal schlängelten. In zwei bis drei Monaten würden hier andere Wagen und vielleicht auch Zelte stehen, ein Basislager für Menschen, die in den Bergen wandern gehen würden. Aber in den Wochen nach Frühlingsanfang ist es noch kalt, sodass wir den Ort für uns hatten. Saltanat hatte kalte Fleisch-samsi und Wasser für uns dabei, sogar ein paar Decken, und ich fand zwei oder drei Stunden unruhigen Schlaf, angefüllt mit Bildern von der Schießerei in der Kulturny-Bar. Die Wunde in meiner Schulter fühlte sich an wie eine Verbrennung, hatte jedoch schon vor Stunden aufgehört zu bluten. Saltanat hatte sie so gut wie möglich gesäubert und mit Verbandszeug aus dem Erste-Hilfe-Kasten unter dem Ersatzreifen verbunden, doch er enthielt nichts, was sie mir gegen die Schmerzen hätte geben können. Während sie neben mir schlief, starrte ich also aus der Windschutzscheibe an die Sternendecke und fragte mich, was ich als Nächstes tun sollte. Die Morgendämmerung kroch unmerklich über die Berge wie ein Einbrecher auf Zehenspitzen, und langsam breitete sich ein zarter Hauch von Blau am Himmel aus. Ich betrachtete die schlafende Saltanat und mein Gesicht im Rückspiegel. Ramponiert, verbeult, noch immer in Trauer und, soweit ich erkennen konnte, ohne Zukunft. Also schaute ich wieder zur aufgehenden Sonne, die Farbe bekam und den Schnee golden färbte … Um Mittag waren wir nur noch ein paar Stunden von Dschalalabat entfernt. Am Morgen hatte ich Saltanat schlafen lassen und mich im Naryn gewaschen, der sprudelnd flussabwärts strömte. Die brutale Kälte des eisigen Wassers im Gesicht hatte mich schlagartig hellwach gemacht, und ich hatte beschlossen, den Verband um meine Schulter aufzuwickeln, um mir Maxims Werk anzusehen. Die Haut um die Wunde war rot und entzündet, ich würde mir ein Antibiotikum besorgen müssen. Ich spürte, wie der Muskel spannte, und widerstand der Versuchung, an der dicken dunkelbraunen Kruste zu knibbeln. Wahrscheinlich musste die Wunde genäht werden, aber wenn ich einen Arzt darum bitten würde, nicht die lokalen menti zu informieren, bedurfte es entweder eines dicken Schweigegeldes oder einer schnellen Fluchtmöglichkeit. Nachdem wir die übrigen samsi gegessen hatten, machten wir uns auf die letzte Etappe der Fahrt. Ich hatte Kamtschybeks iPhone eingeschaltet, jedoch keinen Empfang bekommen, was umgeben von hohen Bergen nicht wirklich überraschend war. »Ich lasse meine Leute in Dschalalabat alle Informationen auswerten, die sie auf dem Smartphone finden«, sagte Saltanat. »Es wird Telefonnummern enthalten, die uns eine Spur liefern könnten, vielleicht Dokumente oder E-Mails.« »Ich bin dir dafür sehr dankbar, dass du mich aus Bischkek rausgebracht hast«, sagte ich und war mir zugleich bewusst, wie undankbar die nächsten Sätze klingen mussten. »Und dafür, dass du mir glaubst, dass ich mit den Kinderpornos nichts zu tun habe, und mir helfen willst, Gurminjs Mörder zu finden. Aber je länger wir zusammenbleiben, desto größer wird die Gefahr für dich.« Saltanat runzelte die Stirn; offenbar trat ich gerade der usbekischen Staatssicherheit auf die Füße. »Wir sind in der Nähe der Grenze; falls es sein muss, können wir sie überqueren, ohne Aufmerksamkeit zu erregen«, sagte sie. »Hast du auf der anderen Seite Agenten? Sichere Unterkünfte?« »Akyl, vertrau mir einfach, okay?«, erwiderte sie. Was natürlich alles andere als eine konkrete Antwort war. Die Berge schrumpften zu Hügeln, zu beiden Seiten der Straße erstreckten sich sanfte grüne Abhänge und Weiden. Wir kamen ins Fergana-Tal, eine der fruchtbarsten Gegenden in Zentralasien, Land, das über Tausende von Jahren umkämpft, erobert und zurückerobert worden war. Eine der zahlreichen Routen der Seidenstraße hatte durch dieses Tal geführt und chinesische Seide, Gewürze und Süßwaren aus Indien sowie kunstvolle persische Silberarbeiten ins Land gebracht. Heutzutage werden hier auch Heroin und krokodil, halbautomatische Waffen und Menschen gehandelt. Der Transport erfolgt natürlich nicht mehr per Kamel. Dafür ist das Geschäft ungleich lukrativer geworden. Dschalalabat ist keine besonders große oder lebhafte Stadt. Als Saltanat den Lexus in der Lenina-Straße, der Hauptstraße der Stadt, parkte, kam es mir vielmehr so vor, als hätten wir Kirgisistan weit hinter uns gelassen. Die meisten Männer trugen usbekische Duppi-Mützen statt des kirgisischen Kalpaks, die Frauen Kopftücher und lange enge Hosen unter bunten Kleidern. Nur einige wenige der jüngeren Frauen wagten es, der Tradition zu trotzen und keine Kopfbedeckung zu tragen. Wir waren in der Nähe des Hauptbasars, und ich fragte mich, wo Saltanat ihre »Leute« treffen wollte. »Warum machst du nicht einen Spaziergang und kaufst auf dem Basar ein bisschen Obst?«, schlug sie vor. »Was ist mit dir?«, fragte ich. »Möchtest du nicht, dass ich mit dir komme?« Saltanat schüttelte nur den Kopf. »Ich treff dich in ein paar Stunden wieder hier, okay?« Damit glitt sie in den Strom der Menschen auf der Lenina-Straße und war verschwunden. Ich beschloss, meine Pistole im Wagen zu lassen, eingewickelt in eine der Decken und sicher unter dem Beifahrersitz verstaut. Ich glaubte nicht, dass ich so viel Feuerkraft brauchen würde, und die Jarygin war hier ohnehin zu klobig und auffällig. Stattdessen steckte ich die Makarow ein, die ich Maxim abgenommen hatte, und mischte mich unter die Menge. Auf dem Basar drängten sich die Menschen in den schmalen Gängen zwischen den Ständen, auf den Tischen stapelten sich einheimische Waren, Gemüse und formlose Brocken rohen Fleisches; dürre Hühner waren an den Füßen aufgehängt, andere, noch lebende blickten nervös aus kleinen Korbkäfigen. Überall gab es Obst aus der ersten Sommerernte, Melonen, Feigen, Pflaumen, Orangen und natürlich Äpfel. Wissenschaftler glauben, dass Äpfel ursprünglich aus Kirgisistan stammen, und wir nehmen die Ehre liebend gern an. Es gibt nicht viele weltverändernde Errungenschaften, derer wir uns rühmen können, aber eine Frucht kultiviert zu haben, die die ganze Welt erobert hat, ist eine von ihnen. Der Himmel war klar und erinnerte mit seinem hellen, fast weißen Blau an die Innenseite einer Porzellanschale. Doch für einen Tag im Frühling war es heiß. Bei einem Imbissstand, der von einer plumpen Babuschka geführt wurde, bestellte ich eine lagman-Nudelsuppe. Dazu gab es ein Glas kumys, das salzige und leicht alkoholische Getränk aus fermentierter Stutenmilch. Ich schob es zur Seite und konzentrierte mich darauf, die Nudeln aus der Schale zu löffeln. »Ich rate Ihnen dringend, Ihre Waffe stecken zu lassen, Inspektor Borubaew«, sagte unvermittelt eine Stimme hinter mir. Michail Tynalijew, Kirgisistans Minister für Staatssicherheit. Kapitel 23 Langsam und bedächtig legte ich beide Hände auf den Tisch. Dies war nicht der Moment für falsche Bewegungen. Als ich Tynalijew zum ersten Mal getroffen hatte, um ihm die Nachricht vom Tod seiner Tochter zu überbringen, war er von Leibwächtern umgeben gewesen, die darauf trainiert waren, erst zu schießen und sich hinterher zu entschuldigen. Nur dass sie sich die Entschuldigung in der Regel sparten. »Ich kann das lagman empfehlen, Herr Minister«, sagte ich. »Nicht zu würzig, und die Nudeln sind frisch.« Ich sprach so gelassen wie möglich. Nicht leicht, wenn man mit einem der mächtigsten Männer im Land redet, jemandem, der dafür sorgen könnte, dass man eine Zelle mit der Hälfte aller Verbrecher teilt, die man je hinter Gitter gebracht hat, oder dass man in einem unmarkierten Grab auf einem Hügel zur ewigen Ruhe gebettet wird. »Ich bin nicht hier, um Sie zu verhaften, Inspektor«, sagte Tynalijew. Ich drehte mich zu ihm um. Breite Schultern, ein dicker Hals und Hände, die aussahen, als hätten sie in der Verhörzelle im Keller irgendeiner Polizeistation oder Armeekaserne ihren Anteil an Ohrfeigen und Fausthieben verteilt. Schwarze Augen, die niemals blinzelten. Er wirkte furchtlos, unsterblich. Als ich Tynalijew zum letzten Mal gesehen hatte, wurde mein alter Chef von seinen Leuten zu seinem Tod geschleift. Tynalijew hatte mir befohlen, ihm die Mörder seiner Tochter zu liefern, und ich war klug genug gewesen, ihm zu gehorchen. Er hatte mir erklärt, er stünde in meiner Schuld, was eigentlich bedeutete, dass er mich am Haken hatte und die Leine, wann immer ihm danach war, einholen konnte. »Bei allem Respekt, Herr Minister, was machen Sie auf einem Basar in Dschalalabat im Gespräch mit einem kleinen Inspektor wie mir? Haben Sie keine wichtigeren Angelegenheiten, um die Sie sich kümmern müssen?« Tynalijews Lächeln wirkte wenig vertrauenerweckend. »Inspektor, ich kenne Sie gut genug, um in Ihnen mehr zu sehen als bloß einen ment, einen leeren Kopf mit großer grüner Mütze und Uniform. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach ist der Name Akyl Borubaew ziemlich passend.« Ich sollte vielleicht erklären, dass Akyl »schlau« bedeutet, und »boru« das kirgisische Wort für »Wolf« ist. Es ist ein alter Witz meiner Kollegen. Aber für mich ist es mehr als das; wenn man überleben will, muss man schlau sein, vor allem bei der Mordkommission, und es gibt keinen besseren Jäger als einen Wolf. Und keinen, der besser weiß, wann er gejagt wird. Tynalijew zog einen einfachen Holzhocker heran und setzte sich neben mich. Ich bemerkte den Geruch seines teuren Rasierwassers, den makellosen Schnitt seines Anzugs und den strahlenden Glanz seiner Schuhe. Neben ihm sah ich aus wie ein Stück Scheiße. »Ich habe von Ihrer Verwicklung in diese Kinderpornosache gehört. Das hat mich überrascht; vielleicht ist es mit meiner Menschenkenntnis doch nicht so weit her, dachte ich. Doch dann habe ich mich an den Respekt erinnert, den Sie meiner Jekaterina erwiesen haben, und an die Sorgfalt, die Sie bei der Ergreifung der Verantwortlichen gezeigt haben. Deshalb glaube ich, was auch Ihre Freundin anzunehmen scheint: dass man Ihnen etwas unterschieben will, weil Sie die Morde in Karakol untersuchen oder besser gesagt untersucht haben.« Er machte eine Pause, sah, wie ich meine Packung Zigaretten hochhielt, und erteilte mir nickend seine Erlaubnis. Die Babuschka hinter dem Tresen protestierte, sie habe auch noch andere Kunden zu bedienen. Ohne den Blick von mir zu wenden, gab Tynalijew einem der stämmigen Männer mit grimmigem Gesicht, die in der Nähe standen, ein Zeichen, woraufhin dieser der Alten ein Bündel Tausend-Som-Scheine zusteckte. Sie lächelte dankbar und machte sich daran, all ihre anderen Kunden zu verscheuchen. An der frischen Luft schmeckte die Zigarette gut; der Nikotinkick stieg mir direkt zu Kopf. Ich fragte mich, ob dies die letzte Zigarette eines Verurteilten war. »Woher wussten Sie, dass ich hier bin, Minister?«, fragte ich. Tynalijew verschränkte lächelnd die Arme. »Im Gegensatz zu dem, was die Uniformierten vielleicht denken, bin ich mir mit meinem Pendant in Taschkent in sehr vielen Fragen einig. Keiner von uns möchte gesellschaftliche Unruhen, Plünderungen oder Morde diesseits oder jenseits der Grenze. Da ist mir das entzückende Fräulein Umarowa wieder eingefallen und, wie eng Sie mit ihr zusammengearbeitet haben. Also habe ich ihren Chef angerufen, er hat sie angerufen – sie hat ihre Befehle befolgt. Und hier sind wir.« Damit hatte ich gerechnet, seit der Minister neben mir Platz genommen hatte, aber der Gedanke, von Saltanat in eine Falle gelockt worden zu sein, ließ mir das lagman hochsteigen. Ich habe immer gewusst, dass es keine Sicherheiten gibt, außer der, dass so gut wie nichts je Bestand hat, doch das hindert mich nicht daran, mir etwas oder jemanden zu wünschen, in das oder den ich dennoch Hoffnung setzen kann. Ich fragte mich, ob ich mich übergeben würde und es schaffen könnte, dabei auf die glänzenden Schuhe des Ministers zu kotzen. Keine große Revanche, aber alles, was mir einfiel. Der Minister legte eine Hand auf meine Schulter wie ein Vater seinem kleinen Sohn, der hingefallen ist und sich das Knie aufgeschlagen hat. »Frau Umarowa hat sehr dezidiert erklärt, sie würde nichts tun, wodurch Ihnen Schaden entstehen könnte. Sie hat sogar damit gedroht, den Dienst zu quittieren.« Tynalijew machte eine Pause und zog eine Braue hoch. »Genau genommen hat sie versprochen, ›jedem Wichser, der Ihnen ein Haar krümmt, eine Kugel zu verpassen‹. Es scheint so, als hätten Sie ziemlichen Eindruck auf sie gemacht.« »Was wollen Sie von mir, Herr Minister?«, fragte ich, ohne mich noch länger um Höflichkeit zu bemühen. Er lehnte sich zurück und betrachtete mich aus zusammengekniffenen Augen. Ich wusste, dass ich Angst vor ihm und dem Fingerschnippen haben sollte, mit dem er mich mit auf den Rücken gedrehtem Arm zu einem wartenden Wagen, in eine Zelle oder zu meinem Grab abführen lassen konnte. Aber das war mir scheißegal. »Interessante Frage, Inspektor«, antwortete Tynalijew, »ich hätte erwartet, dass Sie fragen, ob ich Ihnen aus der wenig verheißungsvollen Lage heraushelfen kann, in der Sie sich befinden.« Die Macht, alle Beweise verschwinden zu lassen und jede Ermittlung abzuwürgen, hatte Tynalijew auf jeden Fall. Ich hatte danebengestanden, während er meinen alten Chef verschwinden ließ, und kein Wort gesagt. Aber in ständiger Angst zu leben, die an der eigenen Seele frisst, birgt die Gefahr, dass, wenn man eines Tages gegen die Angst aufbegehren will, von der Seele schon nichts mehr übrig ist. »Ich habe Feinde, wie Sie sicher wissen, Inspektor Borubaew. Menschen, die mich stürzen und meinen Platz einnehmen wollen. Rivalen lauern permanent auf das kleinste Zeichen von Schwäche und sind jederzeit bereit, Gift in die richtigen Ohren zu träufeln.« Ich sagte nichts. Die Geschichte hatte ich schon einmal gehört. Und sie erklärte auch, warum wir uns in dieser abgelegenen Stadt und nicht in Bischkek trafen, wo jede Bewegung Tynalijews beobachtet wurde und auch mich jemand erkennen und melden würde. »Ich mag nicht vollkommen sein«, fuhr Tynalijew fort, »bisweilen muss ich zu harten Maßnahmen greifen, aber glauben Sie mir, Inspektor, ich bin tausendmal besser als jeder, der meinen Platz einnehmen könnte. Niemand kann mir vorwerfen, dass ich korrupt wäre oder das Wohl des Landes nicht an oberste Stelle setzen würde. Und deswegen hab ich die Faust im Mund von jedem, der mich aus dem Amt drängen will.« Tynalijew hielt inne und gab der Babuschka ein Zeichen, ihm eine Flasche Baltika-Bier zu bringen. Er wischte den Hals der Flasche ab und trank einen Schluck. »Sie trinken nicht, oder?« Ich schüttelte den Kopf. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Tynalijew wusste, warum ich nüchtern blieb, doch er war viel zu clever, um keine Vermutungen anzustellen. »Sie haben damit direkt nach dem Tod Ihrer Frau aufgehört?«, fragte er mit einer aufgesetzt besorgten Miene, die so gut zu ihm passte wie eine Puppenmaske. »Seltsam, ich hätte gedacht, dass eine derartige Tragödie die meisten Menschen eher dazu verleiten würde, mehr zu trinken.« Ich wusste, dass er mich aushorchen wollte, auch wenn wir noch nicht in irgendeiner Verhörzelle im Keller saßen, wo ich an einen Stuhl gefesselt mit der Zunge meine lockeren Zähne zählte. »Haben Sie nach der Ermordung Ihrer Tochter mehr getrunken, Herr Minister?«, versuchte ich, die Offensive zu übernehmen, ohne mich darum zu kümmern, ob er beleidigt sein könnte. Ich sah, wie sein Leibwächter in Erwartung eines Befehls strammstand. »Ich habe es gefeiert, als Sie ihre Mörder ergriffen haben«, erwiderte er, ohne dass seine Miene etwas preisgab. »Und ich habe es gefeiert, als sie für ihre Tat bestraft wurden.« Ich zündete mir eine Zigarette an und wandte den Blick zu den kalten Bierflaschen, die in einem Eimer voller Eis zu Füßen der Babuschka standen. Mein Mund war plötzlich trocken vor Verlangen, ich konnte die kühle Süße des Bieres schmecken und mir das sanfte Abgleiten ins Vergessen vorstellen. »Nun, Herr Minister, ich hatte nichts zu feiern, als meine Frau gestorben ist. Und ich glaube, ich kann lange darauf warten, bis irgendjemand den Krebs festnehmen kann, der sie getötet hat.« »Wir beide haben einen schrecklichen Verlust erlitten«, sagte Tynalijew, und ich hörte echte Trauer in seiner Stimme. »Wir beide haben einen geliebten Menschen viel zu früh begraben müssen. Das sollte uns miteinander verbinden, nicht zwischen uns stehen.« Ich warf meine Kippe auf den Boden und trat sie mit dem Absatz meines Schuhs aus. »Was wollen Sie von mir, Herr Minister?«, fragte ich noch einmal mit bemüht ausdrucksloser Stimme und Miene. »Ich möchte, dass diese Morde an den Kindern und dem Waisenhausdirektor aufgeklärt werden. So, dass der Gerechtigkeit Genüge getan wird, aber ohne öffentliches Aufsehen, ohne dass die Scheinwerfer der Presse allerlei unnötige Schatten werfen.« »Nichts, was Sie schwach oder ineffektiv aussehen lassen würde?«, schlug ich vor, wohlwissend, dass ich den Bogen überspannte, doch das war mir egal. Tynalijew war der Anführer eines Wolfsrudels, das Alphamännchen. Aber wenn er das kleinste Zeichen von Schwäche zeigte, würden die jüngeren Männchen ihm zusetzen, kühner werden, an seinen Flanken knabbern, ihm schließlich die Kehle herausreißen und sein Blut dunkelrot auf dem Schnee verteilen. »Exakt. Ich will Gerechtigkeit, Inspektor«, sagte Tynalijew. »Es ist mir gleichgültig, was es kostet und wie Sie es anstellen. Aber sorgen Sie dafür, dass keine Scheiße an meinem Schuh kleben bleibt. Kein Indiz, dass ich nicht die absolute Macht habe.« Ich sagte nichts; ich hatte keine Wahl. Außerdem könnte es sich als nützlich erweisen, in Tynalijew einen Beschützer zu haben. Oder als tödlich. »Ihre Zusammenarbeit mit Frau Umarowa verlief in der Vergangenheit effektiv und erfolgreich«, sagte der Minister. »Aber ich möchte nicht, dass daraus ein zweischneidiges Schwert wird. Achten Sie darauf, dass es nicht in meine Richtung zielt, denn sonst wird es nicht mein Kopf sein, der abgeschlagen wird.« Ich wusste nicht, was Tynalijew zu verbergen hatte oder wen er beschützte. Aber Drohungen wirkten bei mir nicht mehr, egal wer sie aussprach. »Ich kann den Haftbefehl für Sie nicht aufheben, Inspektor«, sagte Tynalijew und erhob sich. »Nicht ohne zu verraten, dass Sie für mich arbeiten. Aber ich werde dafür sorgen, dass andere Fälle höhere Priorität bekommen, in Ordnung? Sobald wir die ›Nachricht‹ erhalten haben, dass Sie wahrscheinlich außer Landes geflohen sind, wird man deutlich weniger dringend nach Ihnen suchen.« »Ich verstehe nach wie vor nicht, warum Sie persönlich in dem Fall engagiert sind, Herr Minister«, sagte ich so ausdruckslos wie möglich. »Es ist schließlich nicht so, als hätten Sie nichts Wichtigeres zu tun.« Tynalijew nickte. »Da haben Sie recht, Inspektor, normalerweise würde ich die Polizei die Angelegenheit regeln lassen. Aber in diesem Fall gibt es ein Problem.« »Und das wäre?« Tynalijew starrte mich hart an, ein Blick, der besagte, dass ich endgültig einen Schritt zu weit gegangen war. »Sie sind doch von der Mordkommission. Das lasse ich Sie selbst herausfinden.« Zufrieden mit dem Ausgang des Treffens sah Tynalijew sich um und trank den Rest von seinem Baltika-Bier. »Haben Sie noch meine Privatnummer?« Ich nickte. Wenn Tynalijew nicht wollte, dass die Polizei hineingezogen wurde, waren womöglich hochgestellte Persönlichkeiten für die Pornos und die Morde verantwortlich. »Gut. Ich bin froh, dass wir uns verstehen. Und apropos verstehen …« Ich drehte mich um und sah Saltanat mit ausdrucksloser Miene auf uns zukommen, ihre Augen waren hinter ihrer Sonnenbrille verborgen. »Ich bin mir sicher, Fräulein Umarowa ist eine ungleich unterhaltsamere Gesellschaft als ich, Inspektor. Aber vergessen Sie nicht, ich erwarte von Ihnen zu hören. Bald.« Damit gingen er und seine Leibwächter davon und ließen mich allein mit der Frau zurück, die ich begehrte und die mich verraten hatte. Kapitel 24 Saltanat setzte sich neben mich und zog eine Flasche Bier aus dem Eiseimer. Die Babuschka öffnete sie ihr, Saltanat trank einen großen Schluck, stellte die Flasche ab und begann wieder damit, an dem Rand des Etiketts zu knibbeln. Ich sagte nichts. »Du hast dich also mit dem Minister getroffen?«, fragte sie. Ich antwortete nicht, sondern sah sie bloß an und zog eine Braue hoch. Saltanat nahm eine Zigarette aus meiner Schachtel, zündete sie sich an und blies den Rauch aus, als würde sie sich alle Mühe geben, ihre Wut zu zügeln, und als ob ich das auch merken sollte. »Ich gehorche Befehlen, genau wie du. Außer wenn es mir nicht passt. Ebenfalls wie du«, sagte sie und trank ungehalten einen Schluck Bier. »Ich will dir helfen. Ich will denjenigen schnappen, der Gurminj eine Kugel verpasst hat«, fuhr sie fort. »Und diese kleine Aufgabe kann wohl keiner von uns beiden bewältigen, wenn Tynalijew unsere aufgespießten Köpfe auf dem Ala-Too-Platz ausgestellt sehen will, oder?« Ich wusste, wann Pragmatismus und Akzeptanz gefragt waren. Aber Stolz hat eine seltsame Art, uns vom vernünftigen Weg abzubringen und uns über Berge anstatt durch Täler wandern zu lassen. Also zuckte ich bloß die Achseln, täuschte Gleichgültigkeit vor und beobachtete, wie die Babuschka, aschlam fuu in Schalen gab, wie die Eier sich auf den kalten Nudeln setzten und das Fett in der Sonne glitzerte. Saltanat seufzte und konzentrierte sich auf ihre Zigarette. Dann sprach die Babuschka. »Sei kein gopnik, du«, sagte sie mit dem schweren, die Vokale verschleifenden Akzent des Südens und einer Stimme, die rau war von einem Leben voll starker Papirossy und der Arbeit auf dem Basar. »Ein kleiner Nichtsnutz wie du sollte einen seiner Hoden dafür geben, dass eine Frau wie sie überhaupt mit dir sprechen möchte und dich nicht wie Scheiße vom Schuh kratzt.« Sie knallte eine weitere Flasche Bier vor Saltanat auf den Tresen und wies mit schmutzigem Zeigefinger auf mich. »Eine dewotschka wie sie findest du nur einmal im Leben, hörst du?« Ich riskierte einen Seitenblick zu Saltanat, und obwohl ich ihre Augen nicht sah, erkannte ich an der Art, wie ihre Schultern zuckten, dass sie amüsiert war. »Hör mal Junge, ich weiß, du denkst, ich bin bloß eine einfache Bäuerin, ein Niemand. Aber ich sag dir was. Ich hab einen Vater im Großen Vaterländischen Krieg zur Verteidigung Moskaus verloren. Zwei meiner Söhne im Kindesalter verloren. Zwei Ehemänner begraben. Und was hab ich gelernt, eh? Kannst du keinen Platz für einen anderen Menschen finden, gibt es auch keinen Platz für sonst irgendwas, das sich zu besitzen lohnt. Nur zu, lach mich aus.« »Verzeih mir, Großmütterchen«, sagte ich und ergriff ihre faltige und von Gicht verkrüppelte Hand, »ich bin ein Einfaltspinsel, der es nicht versteht, wenn ein wundervoller Mensch in sein Leben getreten ist. Es ist sehr gütig von dir, einem Idioten wie mir diese Lektion zu erteilen. Spasibo.« Ich wandte mich Saltanat zu und schob ihr die Sonnenbrille in die Stirn. »Ich bitte dich um Verzeihung für meine Grobheit, meine Dummheit und meine schlechten Manieren. Wenn es noch einmal vorkommt, drück einfach ab, bevor ich mich selbst erschieße.« Sie sagte nichts, sondern nickte nur, und mein Herz setzte einen Schlag aus, als sie mir eins ihrer raren Lächeln schenkte, berauschend wie ein Sonnenaufgang über dem Schnee. Sie nahm meine Hand und drückte sie, und ich spürte, wie die Last des Lebens, die Obsession, die Toten zu rächen, für einen Moment von meinen Schultern genommen wurde. Ich wusste, dass sie zurückkehren würde – so leicht und schnell verändert sich niemand –, aber immerhin hatte ich jemanden, der mir auf einem Teil meines Weges Gesellschaft leistete. Ich bezahlte Essen und Getränke bei der Babuschka, gab ihr ein großzügiges Trinkgeld und wandte mich an Saltanat. »Und was jetzt?«, fragte ich. »Zurück zum Wagen«, sagte sie. »Und dann suchen wir uns ein Hotel.« Kapitel 25 Wir lagen vollständig bekleidet auf dem Doppelbett, nachdem wir im Rozza-Park-Hotel eingecheckt und eine Suite verlangt hatten. Ich hatte meinen Dienstausweis präsentiert und uns damit einen vorteilhaften Rabatt und das Versprechen gesichert, das beste Zimmer im Haus zu bekommen. Wir waren Hand in Hand die Treppe hochgestiegen, hatten die Tür hinter uns abgeschlossen, einig darüber, dass es Zeit war zu reden. »Ich hätte nie gedacht, dass ich dich nochmal wiedersehe«, sagte ich, »nachdem du Sarijew getötet hast und verschwunden bist.« »Nicht?« »Ich dachte, du hättest dir gesagt ›Auftrag erledigt‹ und wärst in dein Leben zurückgekehrt.« »Ich wusste, dass ich damals nicht in Bischkek bleiben konnte. Ich hatte keine Ahnung, was mit dir passiert war, und der Mord an einem aktiven Polizeibeamten wäre bei deinen Leuten wahrscheinlich nicht so gut angekommen, oder?« »Ich glaube nicht, dass allzu große Trauer herrschte, als Sarijew seine letzte Reise angetreten hat. Wahrscheinlich gab es zur Feier in jeder Kneipe Bischkeks einen Abend lang Freibier«, sagte ich. »Warst du wütend auf mich?«, fragte sie, ohne den Blick von meinem Gesicht zu wenden, aufmerksam für jedes Anzeichen eines Zögerns. Ich dachte einen Moment nach. »Verletzt. Verwirrt«, sagte ich. »Ich hatte Angst, du könntest mich umbringen. Und davor, dass du mich verlässt. Was du ja auch getan hast.« »Aber jetzt bin ich wieder da«, sagte sie und küsste mich auf den Mundwinkel. Ihr Atem war süß auf meinem Gesicht. Ich zog sie an mich, doch sie legte lachend beide Hände auf meine Brust und stieß mich zurück. »Wir haben Arbeit zu erledigen«, sagte sie und ging ins Bad. »Ich muss duschen. Vielleicht lass ich dir sogar ein bisschen heißes Wasser übrig.« Als ich später aus dem Bad kam, war Saltanat bereits wieder vollständig bekleidet und auf dem Bett eingeschlafen. Ich legte mich neben sie und döste ein; ein leichter zielloser Halbschlaf, wie er einen tagsüber übermannt. Es war immer noch hell, als Saltanat mich aus einem verwirrten Traum wach rüttelte, in dem ich in einem Labyrinth von Dornenbüschen gefangen war. Mein Mund war trocken, und ich hatte einen sauren Geschmack auf der Zunge. Ich bedauerte es, dass es keine Zahnbürste gab. »Wir müssen zurück nach Bischkek«, sagte sie. »Ich erklär es dir auf der Fahrt.« Ich verzog das Gesicht. Ich liebe mein Land wie jeder andere Ermittler der Mordkommission, aber deshalb muss ich nicht gleich zweimal in einer Woche über Hunderte Kilometer gewundener Bergstraßen holpern. Wir nahmen die Treppe zur Lobby und gaben unseren Schlüssel an der Rezeption ab. Draußen blieben wir kurz stehen, um die warme Sonne und den hellblauen Himmel zu genießen. »Das iPhone ist auf dem absolut neusten Stand der Technik«, sagte Saltanat. »Alle E-Mails und Kontaktnummern sind verschlüsselt, angeblich nicht zu knacken. Also hab ich Kontakt zu einem meiner Kollegen hier in Dschalalabat aufgenommen. Er hat die Ressourcen, ein Mobiltelefon zu hacken.« »Was hat er herausgefunden?«, fragte ich. »Alle eingehenden Anrufe stammen von einer Geheimnummer«, antwortete Saltanat. »Und bei jedem Versuch, eine der gesendeten oder empfangenen E-Mails zu öffnen, hat sie sich automatisch selbst gelöscht.« »Das heißt, wir haben den weiten Weg umsonst gemacht?«, fragte ich. »Nicht ganz«, erwiderte sie. »Er konnte die Geheimnummer zurückverfolgen.« Ich zog eine Braue hoch, der Gedanke, dass die usbekische Staatssicherheit auf unserem Boden operierte, gefiel mir nicht. »Es ist eine Bischkeker Nummer, und wir haben eine Adresse dazu ermittelt.« »Auch einen Namen?« »Noch nicht. Deswegen müssen wir zurück in die Stadt, die Örtlichkeiten auskundschaften. Wenn wir den zugehörigen Namen in Erfahrung gebracht haben, kannst du anfangen, Türen einzutreten.« Ich wollte sie gerade danach fragen, ob sie mir mit Hilfe ihrer Kontakte vielleicht einen Flug so buchen könnte, dass mein Name keinen Alarm auslöste und ich bei der Ankunft nicht von einem Streifenwagen erwartet wurde. Aber dann ging die Schießerei los. Schon wieder. Kapitel 26 Eine Sekunde lang glaubte ich, es sei die Fehlzündung eines Autos, ein eigenartig ploppendes Geräusch wie das Husten eines alten Mannes. Die Scheibe hinter uns zersplitterte, ich stieß Saltanat um und warf mich zu Boden. Die Wunde an meiner Schulter platzte auf und begann zu bluten. Irgendwo im Hotel schrie eine Frau. Ich warf mich nach links, Saltanat nach rechts. Nachdem wir hinter einigen in der Nähe geparkten Autos Deckung gefunden hatten, zogen wir unsere Waffen. Ich entsicherte meine Jarygin und spähte unter dem Wagen hindurch in die Richtung, aus der die Schüsse gekommen waren. Ich konnte Füße ausmachen, war mir jedoch nicht sicher, ob sie dem Schützen gehörten, und wollte mir nicht sinnloserweise noch mehr Ärger einhandeln, indem ich einen unschuldigen Passanten verkrüppelte. Den Finger am Abzug wartete ich ein paar Augenblicke. Als keine weiteren Schüsse fielen, hob ich den Kopf über die Kühlerhaube, Saltanat tat das Gleiche. Ich sah keinen maskierten Scharfschützen, der darauf wartete, uns umzulegen, also erhob ich mich vom Bürgersteig. Der Ärmel meiner Jacke war zerrissen, und der Stoff verdunkelte sich, wo frisches Blut den alten Fleck größer machte. Die Übelkeit des Schocks stieg mir im Magen hoch, die Furcht davor, dass einem der Tod mit unerwarteter Präzision auf die Schulter tippen konnte, akkurat und unabwendbar. »Nette Art, Touristen zu behandeln«, sagte ich. »Hast du jemanden gesehen?«, fragte Saltanat. Ich schüttelte den Kopf. »Ich hab nur die Schüsse gehört«, antwortete ich, »und einen Schrei aus dem Hotel.« Ich steckte die Pistole wieder in den Holster und ging zurück zum Eingang. Vor der Rezeption lag ein Mann mittleren Alters bewegungslos am Boden, während eine Frau panisch seine blasse Hand rubbelte. Es hatte keinen Sinn hineinzugehen, wir konnten nichts tun, um zu helfen. Und die lokalen menti waren garantiert schon auf dem Weg. »Du musst mir ein neues Hemd kaufen, dann kann ich die Jacke wegwerfen«, sagte ich, als wir zurück zum Wagen gingen, nicht direkt im Laufschritt, aber ohne Zeit zu verlieren. »Im Wagen sind ein paar Sachen«, erwiderte sie, den Blick stur geradeaus, die Waffe unauffällig in ihrer herabhängenden Hand. »Und wir sollten eine Apotheke suchen, damit ich den kleinen Kratzer säubern kann, über den du so jammerst.« Eine Viertelstunde später parkten wir am anderen Ende von Dschalalabat vor einer Apotheke, in der Saltanat sich mit allem ausrüstete, was sie brauchte, um mich ein wenig zu foltern. Das Wasserstoffperoxid brannte viel schlimmer als die Kugel, als Saltanat mit einem Wattebausch das schwarz verkrustete Blut abwischte. Nachdem sie die Wunde verbunden hatte, fühlte ich mich wie nach einem fünfstündigen Verhör durch einen der Spezialisten in der Polizeistation von Sverdlowsk, komplett mit Ohrfeigen, Tritten und Schlägen. Mühsam streifte ich ein zu großes Hemd über, das Saltanat aus dem Kofferraum geholt hatte. »Und jetzt zurück nach Bischkek, nehme ich an?« Sie nickte, und ich lehnte mich zurück und fragte mich, wann die Schmerzmittel wirken würden und ob es einen Ausweg aus dem Schlamassel gab, in dem wir steckten. Als wir die Lenina-Straße hinunterfuhren, blieb am Straßenrand ein Mann mittleren Alters mit grauem Bürstenschnitt und einer schmierigen Lederjacke stehen und sah unserem Wagen nach. Sein Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor, eine Erinnerung, die ich vergeblich versuchte ans Licht zu holen. Dann bogen wir um eine Ecke, und er war verschwunden. Kapitel 27 »Bist du dir sicher, dass das die richtige Adresse ist?«, fragte ich, als wir ein paar Meter hinter einem imposanten Gebäude unweit des Tschüi-Prospekts am Straßenrand hielten. Die Rückfahrt nach Bischkek war genauso ermüdend gewesen wie die Hinfahrt, und ich brauchte eine Rasur, ein Bad und ein Bett, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Ich stank wie eine alte Ziege, aber immerhin hatte sich die Wunde an meiner Schulter offenbar nicht entzündet. Saltanat duftete wie immer göttlich und sah aus, als hätte sie acht Stunden ungestörten Schlaf in einem Fünf-Sterne-Hotel genossen. Das Haus lag an der Frunse-Straße, im Nobelviertel der Stadt, wo man mit Geld Privatsphäre, Sicherheitskameras und sehr hohe Betonmauern kaufen konnte. Sonnenlicht spiegelte sich in den Glasscherben auf der Mauerkrone, die zusätzlich mit einem Stacheldrahtzaun verstärkt war, der garantiert unter Strom stand. Die Welt wurde von festen Stahltoren ferngehalten, auf denen brutale Stahldornen montiert waren, um mögliche Eindringlinge aufzuspießen. Es gab kein Anzeichen von Leibwächtern, Wachposten oder sonstigen halslosen Männern mit ausgebeulten billigen Lederjacken. Nur der obere Teil des Gebäudes war sichtbar, verrammelte Fenster starrten grimmig auf die Straße. Auf dem Dach war eine riesige Satellitenschüssel angebracht. Wer immer dort lebte, verfügte garantiert über genug Einfluss, um Saltanat im Handumdrehen über die Grenze abschieben zu lassen und mir einen zehnjährigen Null-Sterne-Aufenthalt in dem entlegensten und unangenehmsten Gefängnis des Landes zu verschaffen. So ähnlich sagte ich das auch zu Saltanat, was sie mit einem jener rätselhaften Blicke quittierte, den sie hielt, bis ich die Augen abwandte. »Willst du aufgeben, Akyl?«, fragte sie überrascht. »In deine Wohnung zurückkehren und darauf warten, dass deine alten Kollegen dich in den Keller der Polizeistation schleifen, um mit dir über deine Verbrechen zu diskutieren. Und anschließend ein Leben im Gefängnis, zumindest bis einer deiner Mitinsassen herausbekommt, dass du Polizist warst?« Ich wusste, dass sie recht hatte. Aber wir mussten behutsam vorgehen und konnten das Haus nicht einfach mit gezogener Waffe stürmen. »Nein, ich will nicht aufgeben«, sagte ich. »Gurminj war ebenso sehr mein Freund wie deiner. Und auch die sieben toten Kinder haben Gerechtigkeit verdient. Nicht zu vergessen die anderen Kinder in diesen Filmen.« Ich hielt inne und schluckte. Mein Speichel war zähflüssig und ölig, als ob ich mir wochenlang nicht die Zähne geputzt hätte. Schmerz pochte in meiner Schulter, seine langen Finger tasteten sich unter den Stichen über meiner Wunde entlang, wie eine Kreatur, die versuchte, aus meinem Körper auszubrechen. »Kannst du mir das iPhone mal geben?«, fragte ich. Saltanat nahm es aus ihrer Tasche und reichte es mir. »Was hast du vor?«, fragte sie. Ich schenkte ihr das freudlose Lächeln, das meine Spezialität geworden war, seit ich zugesehen hatte, wie Jussupow auf einem Feld bei Karakol die Reste von sieben Kinderleichen freigekratzt hatte. »Man kann auch zu subtil vorgehen, Saltanat. Manchmal muss man einfach in die Büsche pissen und sehen, wer herauskommt. Als würde man in den Bergen ein Schaf anbinden und sich dann auf die Lauer legen, bis die Wölfe ins Tal kommen.« Saltanat verzog das Gesicht. Vielleicht klang ich ein bisschen zu philosophisch. »Ich mach nur kurz einen Anruf«, sagte ich und drückte auf Wahlwiederholung. Ich lauschte dem Freizeichen, das im Rhythmus meines Herzschlags ertönte, hektisch und ängstlich. Und dann hörte ich eine Stimme. »Da?« Eine Männerstimme, tief und argwöhnisch. Sie sprach Russisch, aber nicht mit kirgisischem oder russischem Akzent. Ein Engländer oder Amerikaner, vermutete ich: eine Stimme, rau wie auf Kies aufgeschürfte Haut. »Ein Freund von Ihnen hat sein Handy verloren und hätte es bestimmt gern zurück.« Schweigen. Ich räusperte mich und fuhr fort. »Diese Smartphones sind nicht billig, was? Deshalb gehe ich davon aus, dass es für die Rückgabe eine Belohnung gibt. Bei all den Kontaktdaten, Fotos und Videos. Vor allem den Videos.« Weiteres Schweigen. Dann sprach die Stimme wieder. »Woran hatten Sie gedacht?« »Ich dachte an, sagen wir, fünfundzwanzigtausend?« »Fünfundzwanzigtausend Som?« »Nein«, sagte ich. »Dollar.« »Paschol nahui.« »Klar kann ich mich verpissen, wenn Sie das wirklich wollen, aber dann kriegen Sie Ihr Smartphone nie zurück«, sagte ich mit einem Lächeln in der Stimme, nach dem mir nicht zumute war. »Und wer weiß, in wessen Hände es dann fallen könnte? Vielleicht sollte ich es einfach bei der Polizeistation von Sverdlowsk abgeben. Die Polizei könnte den Besitzer wahrscheinlich aufspüren.« »Ich rufe Sie zurück«, sagte die Stimme, und die Verbindung wurde unterbrochen. Saltanat sah mich mit ehrlicher Anerkennung an. »Ein kleiner Gauner hat Schwein gehabt und versucht sich an einer kleinen Erpressung. Er verabredet sich zu einem Treffen und fängt sich dabei eine Kugel ein«, sagte sie. »Nur dass er kein kleiner Gauner ist und sich auch nichts einfängt.« Ich lächelte noch einmal, das Lächeln, das die Augen nicht erreichte. »Zwei Kluge, ein Gedanke, Saltanat. Wir haben den Topf auf den Herd gestellt, jetzt lassen wir das Ganze schön köcheln. Und apropos …« »Ja?« »Ich habe Hunger.« Eine Stunde später saßen wir erneut an der Außenbar des Umai-Hotels, ich aß die letzten Pelmeni, die uns der wortkarge Michail besorgt hatte, und nippte an meinem Tschai. Saltanat hatte sich geweigert, etwas zu essen, sondern nur eine Flasche Baltika geleert und mich erkennbar wütend angestarrt. »Nachdem du jetzt einen vollen Magen hast«, sagte sie, »wie wär’s wenn wir wieder an die Arbeit gehen?« Ich zwinkerte ihr zu, weil ich wusste, dass sie das noch ärgerlicher machen würde. »Wölfe sind nicht dumm, weißt du. Wenn sie ein angebundenes Schaf sehen, fragen sie sich, ob es eine Falle ist. Also verstecken sie sich in den Felsen oder Bäumen und schnuppern, ob sie einen Jäger in der Nähe wittern. Erst wenn sie sich überzeugt haben, dass keine Gefahr besteht, stürzen sie sich auf das Schaf. Dann eröffnen die Jäger das Feuer.« »Vielen Dank für die Lektion in Naturkunde«, sagte Saltanat. »Ich habe die Metapher verstanden. Aber das ist keine Antwort.« »Wir wissen, wo sie sind, aber nicht, wer sie sind. Sie hingegen wissen weder wo noch wer wir sind. Also sind wir im Vorteil. Außerdem wissen sie, was wir haben und welche Gefahr für sie davon ausgeht. Also müssen sie auf uns zukommen.« Ich tippte auf das iPhone. »Keine Sorge, sie werden anrufen.« So saßen wir da, während die Schatten länger wurden, rauchten eine Zigarette nach der anderen und warteten auf den Anruf. »Zehntausend Dollar«, kam die Stimme ohne Vorrede und Begrüßung direkt zum Geschäftlichen. »Nein«, sagte ich, unterbrach die Verbindung und schaltete das Mobiltelefon aus. »Warum hast du das gemacht?«, fragte Saltanat wütend. »Ich will ihnen zeigen, dass wir gierig sind und achtlos werden, wenn es zum Treffen und Austausch kommt. Außerdem bringt sie das in die Defensive, was auch nicht schlecht ist.« Ich warf meine Zigarettenkippe ins Gras. »In einer Stunde schalte ich es wieder ein. Und ich garantiere dir, dass es eine Minute später klingelt.« Genau so kam es. »Also gut, fünfundzwanzigtausend Dollar«, sagte die Stimme. Ich war mir ziemlich sicher, dass es ein Amerikaner war, selbstbewusst, ohne eine Spur von Zögern oder Wut. »Es ist sehr teuer, mich warten zu lassen«, sagte ich mit gespielter Verärgerung. »Jetzt beträgt der Preis dreißigtausend. Dollar.« Schweigen am anderen Ende der Leitung. »Wer sind Sie? Kreis der Brüder?« Ich lächelte. Bei diesem Tanz konnte nur einer führen. Und wenn der Amerikaner dachte, dass ich zu der in ganz Russland und Zentralasien verbreiteten organisierten Verbrecherbande gehörte, konnte ich besser Druck machen. »Nennen Sie mich Manas. Lokaler Superheld und Oberboss. Bratski krug.« »Sehr clever, Mr Wer-auch-immer.« Nun lag Ärger in seiner Stimme, der erste Hauch von Achtlosigkeit, ein Unterton von Nervosität. »In zehn Sekunden schalte ich dieses Handy ab«, sagte ich. »Und wenn wir uns jetzt nicht einigen, schalte ich es auch nicht wieder an.« Ich spürte, dass der Mann zögerte, konnte sein Verlangen, mich zu schlagen und zu treten, mich zu töten, förmlich wittern. »Zehn, neun, acht …« »Okay, wir haben einen Deal. Wo treffen wir uns?«, fragte er. »Instruktionen in einer Stunde, rufen Sie mich an«, erklärte ich ihm und schaltete das Smartphone aus. »Was machen wir so lange?«, fragte Saltanat. Ich wies mit dem Kopf auf das Hotel. »Michail hat bestimmt noch ein Zimmer frei«, sagte ich und ging um den Tresen zu dem Kühlschrank mit dem kalten Bier. »Noch ein Baltika?« Sie schüttelte den Kopf, zündete sich eine Zigarette an und starrte in den leeren Himmel. Kapitel 28 Wie die meisten Ermittler der Mordkommission habe ich einen Vorrat nicht strikt legaler Waffen »für alle Fälle«, wie ich mir immer sage, Sachen, die ich lieber nicht zu Hause aufbewahre. Teile und herrsche ist auch eine ziemlich gute Devise, wenn es um nicht registrierte Waffen geht. Ich habe unter falschem Namen einen kleinen Lagerraum in der Nähe des großen Basars auf der anderen Seite von Bischkek angemietet. Dort bewahre ich zwei Pässe auf, einen usbekischen und einen russischen, ebenfalls auf einen falschen Namen ausgestellt, sowie mehrere Makarows und Munition, ein Klappmesser, Dietriche, diverse Sätze Kleidung inklusive kugelsicherer Westen und andere nützliche Gegenstände. Ich betrachte es als eine Zusatzversicherung, falls es wieder eine Revolution gibt und ich irgendjemandem nicht begeistert genug zujubele. Saltanat hielt Wache, während ich mich vergewisserte, dass die beiden Makarows geladen waren, und sie dann samt Munition mit Klebeband am Unterboden des Wagens befestigte. Wenn wir in ein Kreuzfeuer gerieten, wollte ich Deckung und genug Feuerkraft haben, um mir den Weg freizuschießen. Wir zogen uns bis aufs Unterhemd aus, schnallten die kugelsicheren Westen an und streiften unsere Hemden darüber. »Bequem?«, fragte ich. »Wenn man auf Mammographien steht«, sagte sie, überprüfte ihre Makarow und schob ein Magazin in ihre Waffe. Ich legte die falschen Pässe ins Handschuhfach und schloss den Lagerraum ab. Wir fuhren zurück zum Tschüi-Prospekt, wo Autoscheinwerfer bereits gegen die Dämmerung und die tiefere Dunkelheit ankämpften, die jenseits davon lag. Ich konnte Laub und Gras und einen Hauch von Regen in der Luft riechen. Der Frühling kam nach Bischkek, die Flüsse schwollen von der Schneeschmelze an. Schafhirten dachten darüber nach, ihre Herde wieder auf die Weiden des hohen Jailoo zu führen, und die Mädchen legten die Sommerkleider heraus, die sie vor Monaten eingemottet hatten. Ich fragte mich, ob wir noch lange genug leben würden, sie über den Ala-Too-Platz stolzieren zu sehen, jung und hoffnungsvoll, vor sich eine ewige Zukunft. »Bieg hier rechts ab und dann die nächste links«, sagte ich und spähte auf die vertrauten Straßen. »Wir fahren ins Kulturny?«, fragte Saltanat, während sie meine Anweisungen befolgte. »Dies ist meine Stadt«, erwiderte ich. »Ich weiß, wie es hier läuft. Also ja, ins Kulturny.« Mein Selbstbewusstsein war nur vorgetäuscht, doch wir mussten in Bewegung bleiben. Wenn man den Schwung verliert, gibt man seinen Vorteil auf. Und im Gegensatz zu den Wölfen hatte ich keinen Schutz und kein Versteck. Der Anruf kam genau zur rechten Zeit. »Kennen Sie das Kulturny?«, fragte ich. »Die eleganteste Bar in Bischkek? Französischer Champagner, edle Jahrgangsweine, Haute Cuisine, kultivierte Kundschaft?« Ein Grunzen war die einzige Antwort. »Wann?« »In einer Dreiviertelstunde«, erwiderte ich. »Aber kommen Sie nicht zu spät, sonst ist unser Tisch vergeben.« »Wie erkenne ich Sie?«, fragte die Stimme. »Machen Sie sich darüber keine Sorgen«, sagte ich. »Ich werde Sie erkennen.« Ich beendete das Gespräch, als Saltanat einen freien Parkplatz gegenüber von der Bar fand. Die Straße war mehr oder weniger menschenleer; in diesem Teil der Stadt ist nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr viel los. Die Kegel gelben Lichts der wenigen Laternen werden zu Trittsteinen in einem dunklen gefährlichen See. Ich sah Lubaschow an der Stahltür lehnen, seine Eier hatten sich offenbar von der Begegnung mit Saltanat erholt. Ich streifte eine der dunkelblauen Skimasken über, die ich aus dem Lager mitgenommen hatte, und gab die andere Saltanat. Wenn lediglich unsere Augen und unser Mund sichtbar waren, würden wir nur schwer zu identifizieren sein, es sei denn, wir wären bereits tot, und in dem Fall wäre das Ganze ohnehin eine rein akademische Frage und Jussupow würde uns die letzte Ehre erweisen. Wenn man ein derartiges Treffen vorbereitet, sieht man zu, dass man selbst bereits an Ort und Stelle ist, während der andere gerade genug Zeit hat, den Treffpunkt zu erreichen, ohne vorher einen Hinterhalt organisieren zu können. Man wartet, bis die Gegenseite mit quietschenden Reifen eintrifft, sich aus dem gepanzerten Hummer wirft wie ein russisches SpezNas-Kommando in Alarmbereitschaft und die Straße mit geladenen Kalaschnikows absichert. Aber nichts passiert, keine Schüsse aus dem Dunkel, keine Granaten, die von Dächern geworfen werden. Also entspannen sich alle und werden nachlässig, weil das Adrenalin in ihrem Kreislauf langsam wieder abgebaut wird. Wenn dann die Wagentür aufgeht, immer die Beifahrertür, und der Chef, die Nummer eins, der bratski krug aussteigt und die paar Schritte zur Tür des Treffpunkts und in Sicherheit macht, gehen sie erneut in Habachtstellung. Das ist der Moment, in dem jeder einen Angriff erwartet. Deshalb greift man dann nicht an. Man wartet. Und wartet noch ein bisschen. Und danach noch ein wenig. Erst dann schlägt man zu. Dank der getönten Scheiben des Wagens und unserer dunklen Kleidung waren wir unsichtbar. Ich schraubte noch das Birnchen der Innenbeleuchtung heraus. Ich hörte Saltanats Atem, scharf und abgerissen, beinahe laut genug, um das Pochen meines Herzens zu übertönen, die Knöchel des Todes, die an die Tür hämmerten und Einlass verlangten. Ich wischte meine feuchten Handflächen an der Hose ab und wünschte mir, ich hätte den Griff meiner Pistole zum besseren Halt mit Klebeband umwickelt. Außerdem musste ich pissen. Aber dafür war es jetzt zu spät. Noch zwanzig Minuten bis zur verabredeten Zeit, sie müssten also in den nächsten fünf Minuten eintreffen. Saltanat fasste meine Hand und drückte sie. »Das ist der Teil, den ich hasse«, flüsterte sie. »Das Warten. Das hab ich schon immer gehasst.« Ich erwiderte den Druck und streichelte ihren Handrücken. Die Knochen fühlten sich dünn und zerbrechlich an, unfähig, den Abzug zu drücken und aus dem Leben eines Mannes eine Erinnerung zu machen. Äußere Erscheinungen können täuschen. Während ich so im Dunkeln saß und mich auf Chaos und Tod einstellte, kam mir eine Zeile aus einem Lieblingsgedicht von Tschinara in den Sinn, die sie immer wieder zitiert hatte. Das Gedicht war von einem ausländischen Dichter, und die Zeile lautete, dass es die Liebe sei, die von uns bleiben würde. Ich war mir nicht sicher, ob das stimmte. Denn Liebe ist bestimmt nicht das einzige Gefühl, das bleibt, wenn wir sterben. Man sollte die Verzweiflung nicht vergessen und ihren besten Freund, den Hass. Seit der Krebs Tschinara gefressen hatte, waren beide bei mir zu Besuch gewesen, um mir ihr aufrichtiges Beileid auszusprechen. Es war Saltanat, die die Scheinwerfer zuerst sah. Sie wurden größer, tauchten die Bäume in Licht und scheuchten Schatten vor der schwarzen Großraumlimousine her, die langsam die Straße hinunterrollte. Der Wagen hielt vor der Kulturny-Bar, Lubaschow nahm Haltung an, offenbar in Erwartung von Stammkunden oder einem saftigen Trinkgeld. Wie befürchtet, stieg eine Reihe halsloser Leibwächter aus, hässliche kleine Mikro-Uzis im Anschlag. Einen Moment später öffnete sich die Beifahrertür, ihnen folgte ein Riese. Zugegeben, wir Kirgisen sind kein groß gewachsenes Volk, aber ein Mann, der von seinen Armeestiefeln bis zu seiner Rollmütze mindestens zwei Meter misst, würde fast überall auffallen. Hinter der Stimme verbarg sich ein westlicher Mann, Mitte vierzig, stämmig, aber nicht fett, mit muskulösen Schultern, die drohten seine Jacke zu sprengen. Unter der einsamen Lampe über dem Eingang der Kulturny-Bar glänzte sein rasierter Schädel fast weiß. Allein die Art, wie er dastand, strahlte Macht, Kraft und Skrupellosigkeit aus. Er hatte einen breiten Mund, entschlossen wie der eines Haifischs, der eine Beute jagt. Die schwarzen Knopfaugen lagen tief im Gesicht. Wir hätten uns keinen schlimmeren Feind aussuchen können. Als hätte er uns gewittert, sah die Stimme sich mit erhobenem Kopf um. Dann zog er ein Smartphone aus der Tasche. Ich bedeckte das iPhone mit der Hand, damit das Aufleuchten des Displays unsere Position nicht verriet, und rutschte tiefer in meinen Sitz. »Sind Sie im Kulturny?«, fragte ich. »Ja, wo sind Sie?« »Das braucht Sie nicht zu kümmern, haben Sie das Geld? Die ganzen dreißigtausend Dollar?« »Ja«, antwortete die Stimme ausdruckslos und tödlich. »Nehmen Sie zehntausend und gehen Sie damit ins Kulturny. Allein. Gehen Sie die Treppe runter und stecken Sie das Geld hinter die Spülung der Toilette. Sehen Sie sich nicht um, sprechen Sie mit niemandem. Kommen Sie direkt wieder raus.« »Scheiße, was soll das?« Ich beendete die Verbindung. »Was zum Teufel machst du?«, fragte Saltanat. »Keine Sorge«, sagte ich. »Ich hab einen Plan.« »Und hast du auch vor, mich in ihn einzuweihen?«, fragte sie. »Oder gehe ich dabei drauf, damit du beweisen kannst, wie überlegen du allen anderen bist?« »Saltanat«, zischte ich flüsternd. »Vertrau mir, ich weiß, was ich tue.« Das ungehaltene Schnauben vom Beifahrersitz sprach nicht für meine Überzeugungskraft. Ich beobachtete, wie die Stimme wieder aus der Kulturny-Bar kam. Lubaschow ging auf ihn zu, vielleicht um zu fragen, ob es ein Problem gab, oder um seine Hilfe anzubieten. Ohne seine Schritte zu verlangsamen, schlug die Stimme ihm zweimal hart mit der flachen Hand ins Gesicht und blieb auch nicht stehen, um zu gucken, ob der junge Mann zu Boden gegangen war. Lubaschow taumelte rückwärts und hob kapitulierend beide Hände, eine deutliche Geste, dass Tod durch Gangster nicht zu seinen beruflichen Zielen gehörte. Einer der Halslosen nickte anerkennend, als die Stimme wieder in den Wagen stieg. Ich schaltete das iPhone ein und drückte auf Wahlwiederholung. »Fahren Sie zur Kreuzung Ibraimowa- und Toktogul-Straße. Dort gibt es einen Schaschlik-Imbiss mit einem Mülleimer davor. Sie legen zehntausend Dollar in die Tonne, fahren dann einen Block weiter und warten vor dem Dordoi-Plaza, dem großen Supermarkt. Dort wird man Kontakt mit Ihnen aufnehmen.« »Wenn Sie mich verarschen, hängt Ihr Kadaver morgen Abend tropfend an einem Fleischerhaken«, sagte die Stimme scharf und drohend wie ein Schnappmesser. »Wir sind beide vernünftige Männer, Geschäftsleute, wir treffen Vorkehrungen, um unsere Interessen zu sichern. Ich will bloß Ihr Geld, und Sie wollen Ihre Geheimnisse zurück. Es ist Business, mehr nicht.« Die Großraumlimousine fuhr nach Osten in Richtung Ibraimowa-Straße los. Als ihre Scheinwerfer in der Dunkelheit verschwunden waren, ging Saltanat auf mich los. »Was verdammt nochmal machst du, Akyl? Willst du die zehntausend Dollar etwa holen gehen? Du bist verrückt«, fauchte sie, jedes Wort förmlich ausspuckend. »Das Geld ist mir scheißegal«, sagte ich. »Das kann meinetwegen der erste alkaschi behalten, der beim Pinkeln drüber stolpert.« »Was machst du dann?«, fragte sie. »Das Blöken des Schafes lockt den Wolf an«, sagte ich. »Sehr poetisch. Und?« »Ich habe das Schaf bloß an einer anderen Stelle angebunden«, erwiderte ich. »Und jetzt sollten wir los.« »Wohin?«, fragte Saltanat. »Zum Dordoi-Plaza? Dort warten sie auf uns.« »Das hoffe ich doch«, sagte ich. »Deswegen fahren wir ja auch zu seinem Haus.« Kapitel 29 »Es ist so«, erklärte ich Saltanat, während sie uns zurück zur Frunse-Straße fuhr. »Solange er uns kreuz und quer durch Bischkek jagt, können wir einen kleinen Einbruch riskieren, um uns ein paar Beweise zu besorgen.« »Wir haben die Videos auf dem iPhone«, sagte Saltanat. »Das sind bloß Indizien. Wir können nur beweisen, dass jemand, der das Telefon in seinem Besitz hatte, ihn angerufen hat. Und bei seinem Haus und dem Geld, das er garantiert verdient, hat er genug Einfluss, um alle Fragen zum Verstummen zu bringen. Wenn sie überhaupt gestellt werden.« Ich griff unter den Sitz, fand eine Flasche Wasser, spülte mir den Mund aus, um den Geschmack der Angst loszuwerden, und spuckte aus dem Fenster. Auf beiden Seiten der Straße reckten sich die Äste der Bäume gen Mond. Kein besonders guter Abend für einen Einbruch, aber andererseits wäre das einzig Gute an diesem Abend gewesen, ihn mehrere hundert Kilometer von hier entfernt zu verbringen. »Ich glaube, mit den Filmclips sollten potenzielle Kunden für die DVDs geworben werden. Eine Art Promo-Set sozusagen. Und du kannst darauf wetten, dass man den Verkäufer in nächster Zeit nicht finden wird. Jedenfalls nicht mit intaktem Hinterkopf. Tote können ihre Chefs nicht verraten. Nach ihm zu suchen wäre also zwecklos.« »Was glaubst du, was wir in dem Haus finden?«, fragte Saltanat. »Irgendwo müssen diese Filme ja gedreht werden. An einem privaten, abgelegenen, schalldichten Ort. So was filmt man nicht in seinem Schlafzimmer. Und es gibt noch etwas, worauf man Zugriff braucht.« »Und das wäre?«, fragte Saltanat. Ich trank noch einen Schluck Wasser, spürte, wie er im Magen ankam, und fragte mich, ob ich mich übergeben müsste. »Rohmaterial«, sagte ich. »Kinder.« Wir parkten ein paar Blocks vom Haus des Amerikaners entfernt und schlenderten auf der gegenüberliegenden Straßenseite Händchen haltend zurück, ein Pärchen auf einem romantischen Mitternachtsspaziergang. Zumindest wenn man zwei ganz in Schwarz gekleidete Gestalten mit großkalibrigen Waffen in der Hand romantisch findet. Der untere Teil der Baumstämme war weiß getüncht, sodass es aussah, als wären sie von Stürmen halb entwurzelt worden, was uns weniger unsichtbar machte, als wir es gerne gewesen wären. Die Skimasken hatten wir in die Tasche gesteckt; man musste seine Absicht ja nicht demonstrativ ankündigen. Ich hielt nach Wachleuten und Kameras Ausschau, konnte jedoch nichts entdecken. Saltanat hatte sich bei mir untergehakt, und ich spürte nur allzu bewusst ihre Brust an meinem Körper. Es trug nicht zu meiner Konzentration bei. Kurz bevor wir das Haus erreichten, wandte ich mich Saltanat zu, strich ihr über die Wange und küsste sie auf ihre weichen Lippen, sodass sie über meiner Schulter blicken und mögliche Gefahren auschecken konnte. Ihr Haar roch nach Shampoo und Zigaretten, ihr Mund schmeckte nach Kaffee. Ich stank bloß nach Schweiß und Angst. »Alles sauber«, flüsterte sie mir mit heißem Atem ins Ohr. »Aber wie willst du hinter das Tor kommen? Drüber schweben?« »Wenn du genau hinguckst, siehst du dahinter eine Art Serviceausgang. Man will schließlich nicht jedes Mal das große Tor öffnen, wenn man einen Liter frisch gemolkene moloko holt, oder? Es gibt immer eine Schwachstelle, einen Weg hinein, man muss ihn nur finden.« Ich steckte die Hand in die Tasche und spürte das kalte Metall meiner Dietriche. »Der große Borubaew. Seiner Magie hält kein Schloss stand.« »Mir wäre es lieber, du hättest einen Schlüssel«, murmelte Saltanat, als wir die Straße überquerten. Sie hatte den Kopf auf meine Schulter gelegt und blickte bewundernd zu mir hoch. Als wir die schmale Holztür erreichten, wandte ich mich ihr erneut zu, lächelte und strich ihr übers Haar. »Du musst Schmiere stehen. Es sollte höchstens eine Minute dauern.« Fünf Minuten später fummelte ich immer noch mit einem schmalen Stift in dem Schloss herum, Schweiß strömte mir in die Augen, doch die Tür wollte nicht aufgehen. Je länger ich brauchte, desto größer wurde die Gefahr, entdeckt zu werden, von etwaigen Wachen oder irgendeinem besorgten Bürger, der die Nummer der Polizei in der Kurzwahl hatte. So oder so würden wir tief in der Scheiße landen. »Machst du das mit Absicht?«, zischte Saltanat wütend. Ich sah zu ihr auf, sie stand mit dem Rücken an die Mauer gelehnt, die Waffe in der Hand, und spähte ungeduldig von links nach rechts. »Klar«, sagte ich. »So ist es aufregender. Wie im Kino.« »Halt die Klappe«, schlug sie vor, nahm mir den Dietrich ab und schob ihn ins Schloss. Dreißig Sekunden später waren wir drinnen. Kapitel 30 »Je daran gedacht, Profi zu werden?«, flüsterte Saltanat, als wir im Schatten der Bäume standen. Ich legte meine Arme um ihre Schultern, küsste sie noch einmal richtig. Ich spürte ihre Brüste an meiner Brust, Angst intensivierte mein Verlangen, doch Saltanat stieß mich abrupt weg. »Konzentrier dich. Das Ganze war schließlich deine Idee, schon vergessen?« Ich blickte über den perfekt getrimmten Rasen zum Haus. Kein Licht oder sonstiges Lebenszeichen. Ich hatte darauf gesetzt, dass die Stimme möglichst unauffällig agieren musste, weil selbst der Kreis der Brüder sein Gewerbe nicht billigen würde. Sein Sicherheitspersonal saß vermutlich mit ihm in der Großraumlimousine, die vor dem Dordoi-Plaza stand, wo er ungeduldig auf meinen Anruf wartete. Es wäre eine Schande gewesen, ihn zu enttäuschen. »Tut mir leid, dass ich Sie habe warten lassen«, sagte ich. »Sie hätten natürlich jederzeit einen Hamburger auf die Hand nehmen können. Gute amerikanische Küche.« »Ich will …«, schnarrte Stimme. »Entscheidend ist, was ich will«, unterbrach ich ihn. »Und ich will, dass Sie zur russisch-orthodoxen Kirche in der Dschibek-Dscholu-Straße fahren und dort auf mich warten. Mit dem Rest des Geldes, versteht sich.« Ich beendete das Gespräch und atmete tief durch. Die Luft schmeckte nach gegrilltem Schaschlik und frischem Laub, der Geruch von Bischkek im Frühling. Ich zog die Skimaske übers Gesicht und beobachtete, wie Saltanat meinem Beispiel folgte. »Er wird an beiden Treffpunkten einen Mann abgestellt haben, um alle Eventualitäten abzudecken und sein Geld sicher zurückzubekommen«, erklärte ich. »Das heißt, er ist mit relativ leichtem Schutz unterwegs, in der Defensive, seine Truppen sind überdehnt.« Saltanat nickte. »Was nicht bedeutet, dass er nicht jemanden zur Bewachung des Hauses zurückgelassen hat«, sagte sie. »Also gehen wir leise rein und wieder raus«, erwiderte ich. Mit gezückter Waffe rannten wir über den Rasen bis zur Seite des Hauses. Ich habe einmal eine Razzia in einer Drogenhöhle geleitet, die, wie sich herausstellte, von Dobermännern bewacht wurde, denen man die Stimmbänder durchtrennt hatte. Damals steckte meine Pistole im Holster, und ich bin zu einigen der interessanteren Narben an meinem linken Arm gekommen. Eine Seitentür führte in den Küchenbereich. Ich drückte die Klinke herunter. »Abgeschlossen.« »Deshalb brauchst du mich«, sagte Saltanat und setzte den Dietrich an. Mit einem kaum hörbaren Klicken gab das Schloss nach, und wir waren drinnen. Saltanat zückte eine Taschenlampe. »Was für ein Ermittler bist du überhaupt?« »Der vorsichtige und deshalb noch lebendige Typ«, sagte ich und sah mich im Schein ihrer Lampe in der Küche um. Es roch nach Feuchtigkeit und Vernachlässigung, verwelkten Gewürzen und uralten Mahlzeiten. Das Haus war still, doch ich hatte das Gefühl, dass es nur schweigend innehielt, dass hier furchtbare Dinge geschehen waren. »Was meinst du?«, fragte sie. Statt zu antworten, zeigte ich auf einen hölzernen Hackblock, auf dem etwa zwei Dutzend Messer verschiedener Größe neben einem großen Hackbeil lagen. In der Oberfläche des Blocks war eine flache Mulde, wo das Holz Hunderten, vielleicht Tausenden von Schlägen ausgesetzt gewesen war. Ich nahm das größte Schlachtermesser und holte probeweise aus. »Schrecklich viele Messer für ein Haus«, sagte ich und spürte, wie mir die Härchen an den Armen zu Berge standen. Saltanat antwortete nicht, sondern ging zu der Tür, die tiefer ins Haus führte. Wir folgten einem schmalen Flur, von dem links eine Treppe in den ersten Stock abging. In der Nische unter der Treppe befand sich eine weitere, kleinere Tür. Ich drückte die Klinke herunter. Sie war nicht abgeschlossen. »Ein Keller?«, fragte ich. Saltanat sah mich an. Ich wusste, dass uns beide derselbe schreckliche Gedanke durchfuhr. »Es gibt nur einen Weg, es herauszufinden«, sagte ich. Ich habe Keller nie gemocht, etwa die Verhörzelle in der Polizeistation von Sverdlowsk oder die Kulturny-Bar. Zu viele Möglichkeiten für Schmerz und Bestrafung, zu viele Gelegenheiten, in dunkler Stille zu verletzen und zu verstümmeln. Ich hatte den Verdacht, dass dies genau so ein Ort war. Saltanat leuchtete mit der Taschenlampe auf eine Holztreppe, die hinab ins Dunkel führte. Ich packte das Geländer und stieg die Stufen hinunter. Plötzlich war der Raum taghell erleuchtet. Ich geriet ins Stolpern und wäre beinahe gefallen. Eine nackte Birne baumelte an der Decke. Ich drehte mich zu Saltanat um und sah ihren Finger auf einem Schalter an der Wand. »Willst du, dass ich einen Herzinfarkt kriege?«, knurrte ich. Saltanat zuckte lächelnd die Achseln. »Es gibt keine Fenster, warum also nicht das Licht anmachen?«, fragte sie. Doch das Lächeln auf ihren Lippen verblasste und erstarb. Ich drehte mich um und erkannte warum. In der Mitte des Raumes stand ein großer Tisch, an dessen Beinen dicke Lederriemen befestigt waren. An beiden Seiten verlief eine schmale Rinne zu einem verrosteten Eimer. Die Eimer waren schwarz gefärbt, von demselben Schwarz, das auf die weiß getünchte Backsteinmauer gespritzt war. In einer Ecke standen mehrere professionelle Scheinwerfer neben einer Kamera auf einem Stativ. Auf einem Regal an der Wand lagen verschiedene Objektive und andere fotografische Ausrüstung. Dies war kein Keller, es war der Eingang zur Hölle. Der Raum stank nach Blut, Schweiß, Sperma und Angst. Ich konnte mir vorstellen, diese Treppen hinuntergezerrt zu werden in dem Wissen, dass dies das Ende sein würde, mich gegen den gnadenlosen Griff zu wehren, mit dem meine Hand- und Fußgelenke mit Lederriemen gefesselt wurden. »Wir müssen hier raus«, sagte Saltanat, das Gesicht weiß vor Entsetzen und Übelkeit. »Gib mir dein Handy«, sagte ich mit einem Zittern in der Stimme. »Wir brauchen Fotos, sonst können sie alles leer räumen und sauber machen, und wir haben gar nichts.« Zehn Minuten lang dokumentierte ich ausführlich die Blutspritzer an der Wand, die von abgeschürfter und aufgerissener Haut fleckigen Lederriemen, das von Tränen, Speichel und Erbrochenem abgedunkelte Holz. Ich musste mich zwingen, das Grauen zu ignorieren, auf das wir gestoßen waren. Ich brauchte Beweise. Und danach wollte ich Rache. Ich betrachtete die Objektive auf dem Regal. Nikon, teures Equipment, nur das Beste für die Kinderpornographen. Neben Meißeln, Spachteln und Zangen, manche von ihnen blutbefleckt, stand ein Schraubglas. Ich hielt es ins Licht und stöhnte angewidert. Beinahe hätte ich es fallen lassen, doch stattdessen stellte ich es zurück ins Regal und wischte mir die Finger an der Hose ab. Trotzdem konnte ich das Gefühl nicht loswerden, etwas Schändliches, Verderbtes und Verderbendes berührt zu haben. »Fingernägel«, sagte ich mit Galle im Hals. »Und Finger.« Ich sah mich ein letztes Mal in dem Raum um, und mein Blick fiel auf einen hüfthohen Schrank in einer Ecke. Die beiden Türen waren mit schweren Ketten und einem Vorhängeschloss gesichert. Ich klopfte auf die Oberseite und hörte, wie sich darunter etwas bewegte. »Saltanat«, flüsterte ich, während mein Herz einen panischen Tango tanzte. »Das ist irgendwas drinnen. Etwas Lebendiges.« Ich hielt die Waffe gezückt, während Saltanat sich mit dem Dietrich an die Vorhängeschlösser machte. Nach gefühlt mehreren Tagen löste sie die Kette und öffnete den Schrank. Ein kleiner, etwa achtjähriger Junge wich mit aufgerissenen Augen in die hinterste Ecke zurück. Sein Gesicht war geschwollen oder schmutzig, seine Kleidung zerlumpt. Er starrte uns an und fing an zu weinen, bemüht, sein Schluchzen zu unterdrücken. Die plumpe Frisur kam mir irgendwie bekannt vor, bis ich mich erinnerte, wo ich ihn schon einmal gesehen hatte. Es war Otabek aus dem Waisenhaus. Als Saltanat die Hand ausstreckte, zuckte er zurück. Lächelnd redete sie leise und besänftigend auf ihn ein; dass wir von der Polizei waren und er ein tapferer Junge und jetzt in Sicherheit sei. Ich steckte die Waffe weg und lächelte ebenfalls, so gut ich konnte. »Wir müssen hier raus«, sagte ich. »So viel Zeit haben wir uns auch nicht verschafft.« Sie beachtete mich gar nicht, sondern beruhigte weiter den Jungen, fragte ihn, ob er Hunger habe, ob er müde sei, ob er gern ein bequemes Bett für sich ganz allein hätte. Langsam wich die Furcht in seinen Augen einem vorsichtigen Vertrauen, und er fasste Saltanats Hand. Sie half ihm aus dem Schrank, ohne den Blick von seinem Gesicht zu wenden. Als er aufstand, sah ich die dunklen Blutergüsse an seinen Armen und Beinen, und mein Kopf schwirrte vor Mitleid und Wut. Ich stand am Fuß der Treppe, lauschte auf Motorengeräusche und hoffte, dass wir vorher weg sein würden, aber gleichzeitig auch, dass sie zurückkämen, damit ich sie töten konnte. Saltanat hockte sich vor den Jungen, sah ihm in die Augen und sprach leise mit ihm. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, und sie wandte sich mit vor Wut verzerrtem Gesicht zu mir. »Er sagt sein Name ist Otabek«, erklärte sie mir mit stählerner Stimme. »Priwjet, Otabek«, sagte ich. »Erinnerst du dich? Wir haben uns in dem Waisenhaus getroffen. Ich bin ein Freund von Direktor Schochumorow.« Er starrte mich an und nickte knapp, ein kurzes Kopfzucken. Dann flüsterte er Saltanat etwas ins Ohr. Er ließ ihre Hand nicht los, auch nicht, als sie die Treppe hinaufgingen. Ihr Gesicht war das einer Göttin, rachsüchtig, gnadenlos, wie in Stein gemeißelt. Und nur Gott konnte denjenigen helfen, die das getan hatten. »Er will wissen«, fragte Saltanat, und in diesem Moment war sie wahrhaft furchterregend, »ob du die bösen Männer töten wirst.« Ich nickte, ohne den Blick von dem Namensbändchen um sein Handgelenk zu wenden. Kapitel 31 Wir verließen den Keller zu dritt. Auf dem Weg nach draußen nahm ich einen Packen Papiere vom Küchentisch, stopfte sie in meine Jackentasche und überlegte kurz, den Rest des Hauses zu erkunden, doch wir waren schon zu lange hier. Außerdem war ich nicht mehr in der Verfassung für das, was auch immer in den anderen Räumen versteckt sein mochte. Saltanat schloss die Küche so geschickt wieder hinter sich ab, wie sie sie geöffnet hatte, und wir liefen zurück zu der Tür in der Mauer. Gerade noch rechtzeitig, denn als wir den Schutz der Bäume erreichten, ging das Stahltor langsam auf. Helles Scheinwerferlicht fiel auf das Haus und warf lange Schatten auf die Mauer. »Nicht bewegen«, flüsterte ich, aber Saltanat hatte sich schon auf den Boden geworfen, das Gesicht abgewandt und Otabek mit sich nach unten gezogen. Die Großraumlimousine rollte durch das Tor, das sich hinter ihr wieder schloss. Zwei halslose Leibwächter stiegen aus und sahen sich um. Nur eine elementare Sicherheitsmaßnahme, trotzdem saßen wir in der Falle. Ich wusste, dass wir am ehesten unentdeckt bleiben würden, wenn wir uns nicht rührten. Bewegungen fallen einem sich umschauenden Wachposten schneller ins Auge, und unter den Bäumen war es so dunkel, dass wir eine ziemlich gute Chance hatten, unbemerkt zu entkommen. Hoffte ich. Die Stimme saß immer noch in der Großraumlimousine, und ich sah ein Licht aufscheinen, als ob er sein Handy für einen Anruf gezückt hätte. Im selben Moment fing das iPhone in meiner Tasche an zu klingeln. Die Leibwächter reagierten sofort. Da sie den Ursprung des Klingelns nicht genau orten konnten, warfen sie sich auf den Boden und legten die Maschinenpistolen an. Ich wusste, dass uns vielleicht zwei, drei Sekunden blieben, bevor sie mit ihren Uzis das Feuer eröffneten und ihre Magazine in unsere Richtung entleerten. »Rennt zu der Tür«, erklärte ich Saltanat. »Und lass sie halb offen.« Sie nickte, packte Otabeks Hand und rannte geduckt los, beinahe unsichtbar, doch es reichte, dass die Leibwächter sich in unsere Richtung drehten. Ich suchte hastig Deckung hinter einem Baum, nicht besonders würdevoll, aber allemal besser, als durchlöchert zu werden. Ich blickte auf den Lauf meiner Waffe, dann zu der Großraumlimousine und ballerte blind drauflos. Mit ein bisschen Glück würden die großkalibrigen Projektile den Wagen treffen und uns ein paar Sekunden verschaffen. Sofort bellten die Uzis in schrecklichem Staccato los wie Wachhunde mit Bronchitis, Splitter der Backsteinmauer hinter mir regneten auf meine Jacke und in meinen Nacken. Überrascht von meinem Angriff zielten die Leibwächter aber zu hoch und trafen nur den Baum vor mir. Lange konnte das allerdings nicht gut gehen, ich musste dringend hier weg. Ich rollte mich über den Boden und fluchte leise, als die Naht an meiner Schulter wieder aufplatzte. Nachdem die Magazine der Uzis leer gefeuert waren, gab es einen kurzen Moment relativer Ruhe, den ich nutzte, um zur Tür zu robben, weil ich nicht länger als Zielscheibe dienen wollte. Scheinwerfer hoben und senkten sich, als Saltanat mit dem Wagen auf mich zukam und über den Bürgersteig holperte. Ich setzte zu einem Hechtsprung in Richtung der Beifahrertür an und hangelte mich in den Wagen, als die Uzis wieder loslegten. Weil keine Kugel mehr im Magazin meiner Pistole war, drückte Saltanat mir ihre Makarow in die Hand, mit der ich durch die offene Tür ballerte, bis kein Schuss mehr übrig war. Ein Stück die Straße hinunter drehte ich mich um, um zu sehen, ob die Großraumlimousine die Verfolgung aufgenommen hatte. Aber das Haus war schon außer Sichtweite, weil Saltanat eine halsbrecherische Rechts-links-Kombination hingelegt hatte und gerade schlingernd in eine enge Gasse bog, sodass ich gegen die Windschutzscheibe geschleudert wurde. Nach zwei weiteren scharfen Abzweigen waren wir auf einer Parallelstraße des Tschüi-Prospekts. Ich lehnte mich zurück und legte den Sicherheitsgurt an. Im Seitenspiegel konnte ich bereits den dunklen Schatten einer Beule ausmachen, die sich an meiner Stirn bildete. Damit und mit dem Blut, das meine Jacke versaute, sah ich echt beschissen aus. Saltanat wirkte so cool und gefasst wie eh und je, obwohl ihre Hand beim Schalten leicht zitterte. Schließlich parkten wir vor der Metro-Bar. »Ich will einen Drink«, sagte Saltanat. »Und du kommst mit mir.« Wir luden unsere Waffen nach und betraten die Bar Arm in Arm wie ein unschuldiges Paar auf einem Abendspaziergang mit ihrem Sohn. Vor langer Zeit war die Metro-Bar einmal ein Puppentheater gewesen, die hohe Decke und die prachtvolle, mit Spiegeln und Glas verzierte Bar zeugten noch von ehemaligem Prunk. Die meisten Ausländer, die hierher kamen, als das Lokal noch als American Bar bekannt war, sind in ihre Heimat zurückgekehrt, um ihre steuerfreien Einnahmen zu zählen. Zurückgeblieben sind ein paar Exzentriker, auf der Flucht entweder vor der Polizei ihres Heimatlandes oder verbitterten Exfrauen. Saltanat verschwand mit Otabek zu den Toiletten im Keller, ich setzte mich an einen der Tische. Als sie zurückkamen, war sein Gesicht sauber, aber immer noch verängstigt und argwöhnisch. Eine hübsche kirgisische Kellnerin mit blond gefärbtem Haar und einem Top, das den Blick auf ihr Bauchnabelpiercing freigab, nahm die Bestellung auf. »Was möchtest du trinken, Otabek?«, fragte Saltanat ihn. »Moloko? Magst du Pizza?« Der Junge sagte nichts, sondern nickte nur, ohne Saltanats Hand loszulassen. Saltanat bestellte Milch, ein Baltika-#9-Starkbier für sich und Pizza. Ich nahm einen Kaffee, der lauwarm serviert wurde. Tschai kriegen wir Kirgisen einfach besser hin. Otabek nippte mit ängstlichem Blick an seiner Milch und gab weiterhin kein Wort von sich. »Das war knapp«, sagte ich und rührte mit zitternder Hand in meinem Kaffee. Der Löffel klapperte gegen den Tassenrand. Saltanat sagte nichts, sondern kramte in ihrer Tasche nach einer Schachtel Zigaretten. Sie zündete sich eine an, blies den Rauch durch die Nase aus und betrachtete, wie er sich in Nichts auflöste. Ihr Blick war auf die Wand hinter dem Tresen gerichtet, doch ich spürte, dass sie nichts sah außer Mündungsfeuer, nichts hörte außer den Schüssen, die wie Ziegelsteine auf ein Blechdach prasselten. Und dahinter ein Bild von der Stimme, hingestreckt auf dem Kies, hingerichtet mit einer Kugel in den Hinterkopf. »Du musst meine Wunde nochmal nähen«, sagte ich. »Tut mir leid.« Saltanat nickte und wirkte so wenig überrascht, als hätte ich sie nach dem Weg zur nächsten Bushaltestelle gefragt. Ich griff nach den Zigaretten in meiner Tasche, stieß jedoch stattdessen auf die Papiere, die ich aus dem Haus mitgenommen hatte. Sie waren zerknittert und hier und da mit Blut verschmiert, von dem ich ehrlich hoffte, dass es meins war, aber noch zu entziffern. Ich breitete sie auf dem Tisch aus und begann zu lesen. Saltanat schob ich das oberste Blatt rüber, doch sie beachtete es gar nicht, sondern starrte, weiter über ihren jüngsten Zusammenstoß mit der Sterblichkeit grübelnd, vor sich hin. Es sah aus wie ein Kontoauszug, aber auf Englisch, sodass ich nur die Ziffern lesen konnte. Ziemlich beeindruckend, fast vier Millionen in einer nicht angegebenen Währung. Super, wenn es Dollar waren, noch besser Pfund und selbst in Som nicht zu verachten. »Du weißt nicht zufällig, was das bedeutet, oder?«, fragte ich Saltanat. Sie riss sich lange genug aus ihren Gedanken, um das oberste Blatt zu überfliegen. »Das ist ein Kontoauszug, Akyl, sogar du musst schonmal einen gesehen haben«, sagte sie. »Noch nie einen mit so vielen Nullen«, erwiderte ich. »Weißt du, um welche Währung es sich handelt?« »Euro höchstwahrscheinlich, da der Auszug von einer spanischen Bank stammt«, sagte sie. »Was interessiert es dich. Es ist schließlich nicht so, als hättest ausgerechnet du die Bankkarte dazu.« »Nein«, sagte ich, verärgert über ihren Sarkasmus. »Aber am Seitenanfang steht ein Hinweis.« Saltanat blickte darauf und sah mich lächelnd an. »Ich glaube, das ist das, was ihr Polizisten eine Spur nennt.« »Es ist ein Name. Ich kann ihn nur leider nicht lesen, weil er nicht auf Kyrillisch geschrieben ist. Fremdsprachen waren in der Schule nie meine Stärke, deshalb hab ich auch die lateinischen Buchstaben nie gelernt.« »Hat deine Mutter dir nicht gesagt, dass du fleißig lernen sollst, als du in der Schule warst?« Ich lächelte bitter, zündete mir eine neue Zigarette an und rührte die Klumpen in meinem Kaffee um, bis sie sich ergaben. »Nicht, während sie in Sibirien gearbeitet hat. Und in dem Waisenhaus habe ich auch nicht gerade viel Ermutigung bekommen.« Saltanat taxierte mich, spürte den Schmerz und Groll, die ich mit mir herumtrage wie ein Buckeliger sein verkrümmtes Rückgrat. Ich hoffe, dass ich nicht verbittert bin über die Karten, die das Leben mir ausgeteilt hat, aber das heißt nicht, dass ich ihnen keine Narben verdanke. Nur ein Mensch hatte so zu mir gehalten, wie ich es mir gewünscht hatte, und dieser Mensch war tot und lag in einem Grab, das auszuheben ich mitgeholfen hatte. Es gibt kein Gesetz über die Obergrenze der Trauer und der Sehnsucht nach einem Menschen, den man geliebt hat und immer noch liebt. Und wenn ich eines gelernt habe, dann, dass der Schmerz einen nie wieder verlässt. »Ich war ein braves Mädchen, Klassenbeste, ich habe das lateinische Alphabet drauf«, sagte sie. »Und?« »Der Name des Kontenbesitzers?« »Ja.« Saltanat studierte den Brief erneut in aller Ruhe, um meine Ungeduld genüsslich auszukosten. »Der sehr reiche Herr heißt Graves. Mr Morten Graves.« Ich zuckte mit den Schultern. »Nie gehört.« Saltanat tippte auf den Kontoauszug. »Ich schon«, sagte sie bestimmt und betonte jedes Wort. »Und er ist sehr reich. Sehr mächtig. Und sehr gefährlich.« Darauf hatte ich keine Antwort und auch keine Ahnung, was ich als Nächstes tun sollte. Kapitel 32 Ich blickte zu Otabek, der sich auf seine Pizza konzentrierte. »Und?«, fragte ich, erneut unsicher, ob Saltanat ihr ganzes Wissen mit mir teilte oder ob ich für sie bloß ein nützlicher Helfer war. »Du weißt über diesen ach so mächtigen Perversen Bescheid?« »Ich werde dir von Morten Graves erzählen«, sagte Saltanat. »Damit du eine Ahnung davon bekommst, mit wem wir es zu tun haben.« Sie zerknüllte den Kontoauszug, legte ihn in den Aschenbecher und zündete ihn an einer Ecke an. Ich beobachtete, wie das Papier ankohlte, aufglimmte und dann brannte, bis das Feuer alle Zahlen gefressen hatte und nur noch schwarze Asche übrig war. Otabek starrte auf die Flammen und trank in großen Schlucken den Rest seiner Milch. Die Pizza war verschwunden, ihn zu ernähren war offenbar keine von Morten Graves Prioritäten gewesen. Saltanat zerstieß die Asche zu feinem Pulver und sah mich an. »Wir wollen schließlich nicht mit belastenden Unterlagen aus einem Einbruch erwischt werden, oder? Und ein Bankkonto ist schließlich nicht illegal.« »Auch das Bankkonto eines Reichen nicht?« »Das erst recht nicht«, erwiderte Saltanat. »Und wer ist der Mann?« Saltanat nippte an ihrem Bier, zündete sich eine Zigarette an und hielt mir die Packung hin. Zum zehntausendsten Mal beschloss ich aufzuhören und schüttelte den Kopf. »Morten Graves ist amerikanischer Staatsbürger, obwohl er schon seit zwanzig Jahren nicht mehr in den USA lebt. In Bischkek ist er seit mehr als zehn Jahren ansässig, laut Visumsantrag als ›Geschäftsmann und Unternehmer‹.« »Und woher weißt du das?«, fragte ich. Saltanat bedachte mich mit dem mitleidigen Blick, den sie sich für meine dümmeren Fragen vorbehielt. »Telepathie? Astrologie? Gut geraten? Wenn euer Ministerium noch mehr Lecks hätte, würden euch die Eimer ausgehen. Außerdem behalten wir unsere Nachbarn gern freundschaftlich im Blick.« Ich nickte. Zentralasien ist nicht gerade dafür bekannt, dass Prinzipientreue hier höher gehalten wird als private Zuwendungen, und ist die Gelegenheit, ein paar extra Som zu kassieren, günstig, würden die meisten aufrechten Bürger die Hand aufhalten. »Er macht hier Geschäfte?« »Hier, in Almaty, in Taschkent, sogar in Duschanbe, er ist ein wichtiger Player in der Region, Hauptinvestor in Telekommunikationsunternehmen, Baumwolle in Kasachstan, eine Privatbank in Usbekistan, Hotels, Supermärkte, mehrere Restaurants, Edelmetalle, alles, womit sich Geld verdienen lässt.« »Drogen? Heroin, krokodil?« Saltanat zuckte die Achseln, trank noch einen Schluck Baltika, betrachtete die Bläschen in dem Glas und strich mit ihrem dunkelroten Fingernagel über die Kondenswassertropfen. »Es gibt Gerüchte, doch man konnte ihm nie etwas nachweisen. Und wenn er ins Drogengeschäft verwickelt ist, dann hat er die Einwilligung des Kreises der Brüder. Schmiergeldzahlungen, Gespräche unter vier Augen im richtigen Moment.« Der Kreis der Brüder ist ein loses Kollektiv krimineller Banden, das nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion gegründet wurde. Jeder der ›-stan‹-Staaten wird von einem eigenen Verbrecherboss regiert; unter sich teilen sie Territorien auf, schmieden Allianzen und führen weit über die Grenzen Zentralasiens hinaus Operationen zur Nachrichtenbeschaffung durch. Ihr Einfluss reicht dabei bis nach Europa, Afrika, Lateinamerika, bis in den Nahen Osten und die Vereinigten Arabischen Emirate. Ihr Hauptgeschäft machen sie mit Drogen, aber auch zu Raub, Prostitution, Fälschung, Schmuggel oder jedem anderen illegalen Handel sagen die Brüder nicht nein, solange er einträglich ist. Es gilt das Gesetz absoluter Loyalität; bricht man eine ihrer Regeln, stellt sich nicht mehr die Frage, ob man dafür mit dem Leben bezahlt, sondern nur die, wie langsam und qualvoll man stirbt. Sogar die russischen Banden geben zu, im Vergleich zur Bruderschaft Leichtgewichte zu sein. Dass die Bruderschaft ihre Finger mit im Spiel haben könnte, war keine gute Nachricht, vor allem weil ich in die Ermordung von Maksat Aidaralijew verwickelt gewesen war, deren lokalen Boss in Bischkek. Wenn Graves Verbindungen zur Bruderschaft hatte, war er vermutlich kein besonders netter Mensch. Ich sah Saltanat an und spürte das iPhone in meiner Tasche; sein Inhalt lastete schwer auf meinem Gewissen. »Ich nehme an, Tynalijew weiß, wer er ist«, sagte ich. »Vielleicht macht er sogar Geschäfte mit ihm.« »Glaubst du, er will dich in eine Falle locken?« Nun war es an mir, die Achseln zu zucken. Ich dachte an die Filme, die ich gesehen hatte, aufklaffende Münder, denen die Schreie aus der Kehle gerissen wurden, Augen voller Furcht und dem Wissen, dass es keine Hilfe oder Hoffnung mehr gab. Ich sah, wie Messer in Fleisch schnitten, Rinnsale von Blut über die Ketten und Lederriemen strömten, mit denen die Kinder gefesselt waren. Das Weinen, das Flehen und schließlich die Resignation, wenn sich der Blick angesichts des nahenden Todes verschleierte. »Das spielt keine Rolle. Wichtig ist nur eins.« Die Wut in meiner Stimme überraschte mich nicht. Ich konnte den maskierten Mann lächeln sehen, konnte sehen, wie er die Erniedrigung, den Terror und die Verzweiflung genoss. Scheinwerferlicht spiegelte sich blitzend in der Klinge, und dann das Blut. »Ich will das Schwein, das für all das verantwortlich ist. Nicht, um ihn vor Gericht zu bringen, damit er sich freikaufen kann. Keine komfortable Zelle, in die er täglich drei Mahlzeiten geliefert bekommt.« Ich machte eine Pause, überlegte, ob ich doch noch eine Zigarette rauchen sollte, entschied mich aber dagegen. Ich stand auf und verzog das Gesicht wegen des stechenden Schmerzes in meiner Schulter. Aber auch er schien mir nicht wichtig. Genau genommen war gar nichts mehr wichtig bis auf eine einzige Sache. »Ich will den Dreckskerl unter die Erde bringen. Und zwar eigenhändig.« »Und wie willst du das anstellen?«, fragte Saltanat. »Er hat Beziehungen von hier bis nach Moskau, vielleicht sogar weiter.« »Erstmal werde ich unserem Mr Graves ein bisschen Feuer unterm Arsch machen und ihn ein wenig aufschrecken. Ein paar Hebel in Bewegung setzen, die Scheiße aufwühlen und sehen, was passiert.« Ich nahm das iPhone aus der Tasche und wählte die mittlerweile vertraute Nummer. »Er bringt dich um«, warnte Saltanat. »Nicht wenn ich ihn zuerst umbringe«, sagte ich und schenkte ihr ein halbherziges Lächeln. Das Telefon klingelte und wurde abgenommen. »Bis jetzt«, sagte ich, »hat der Abend Sie Zeit, Ärger und vielleicht sogar ein paar Spesen gekostet, nehme ich an.« Am anderen Ende herrschte absolute Stille. Das Schweigen, bevor die Wölfe sich auf das Schaf stürzen und der Finger des Bauern sich am Abzug spannt. »Wir haben heute beide etwas dazugelernt. Sie, dass ich kein Amateur bin und dass es mir nicht ums Geld geht.« »Und was haben Sie gelernt?« Die Stimme klang dunkel und bedrohlich wie Gewitterwolken, die sich über dem Tienschan ballten. »Ich habe in Erfahrung gebracht, wer Sie sind, Mr Graves. Und wo Sie sich aufhalten.« Ich machte eine Kunstpause. Saltanat starrte mich an, als hätte ich den Verstand verloren. »Und was besonders beunruhigend für Sie ist, ich habe auch herausgefunden, was Sie sind.« Ich lauschte, wie die Verbindung beendet wurde. Kapitel 33 Ich hielt das Telefon hoch und reichte es Saltanat. »Können wir das bei deinem Freund Michail lassen?«, fragte ich. »Es gibt niemanden, dem ich trauen kann, nicht mal Jussupow.« Saltanat dachte kurz nach, dann nickte sie. »Michail redet zwar nicht viel, aber wenn er einen mag, kann man sich auf ihn verlassen. Wenn er dächte, dass Graves etwas mit dem Heroin zu tun hatte, an dem Anastasia gestorben ist, würde er den Amerikaner mit einem seiner Tranchiermesser eigenhändig abstechen.« Ich fragte mich, wie es sein musste, eine Tochter zu verlieren. All die Wünsche und Hoffnungen, die man für sie gehegt hatte, die Erinnerungen an ihre ersten wackligen Schritte, die Schulzeugnisse, die Abschlussfeier. Gedanken an die Anlässe, die man nicht mehr erleben würde, die Hochzeit, das erste Enkelkind, mit dem der ewige Kreislauf von neuem beginnt. Schlimmer, als seine Frau an den Krebs zu verlieren? Der Verlust bleibt sich gleich, und er bleibt keinem von uns erspart. Saltanat berührte mich am Arm und riss mich aus meinen Gedanken. »Lass uns ins Hotel zurückfahren, damit ich dir die Schulter nochmal nähen kann«, sagte sie, und ich war gerührt von der Zärtlichkeit in ihrer Stimme. Ich legte meine Hand auf ihre, die schlanken Finger warm und lebendig an meinen. Ich wollte ihr sagen, dass mir etwas an ihr lag. Aber ich brachte die Worte nicht heraus. Stattdessen nahm jeder von uns eine von Otabeks Händen, und mit ihm zwischen uns gingen wir in die Nacht hinaus. Wie zuvor parkten wir auf dem Hotelgelände, wo uns die hohen Stahltore vor unerwünschten Blicken schützten. Michail, der unsere Taschen trug, führte uns durch die Küche und eine schmale Treppe hinauf in den ersten Stock. Als Saltanat ihm erklärte, was es mit Otabek auf sich hatte, nickte er wortlos. Michail steckte sich das iPhone in die Tasche, ging, um dem Jungen keine Angst zu machen, in die Hocke und erklärte ihm, es gebe ein besonderes Zimmer mit jeder Menge Spielzeug für tapfere Jungs. Otabeks Furcht war unübersehbar, als er Saltanat Bestätigung suchend ansah. Sie nickte und drückte seine Hand. Michail gab mir einen Schlüssel für eins der Zimmer, und die drei stiegen die Treppe zum nächsten Stockwerk hinauf. Unser Zimmer war einfach, zwei Einzelbetten an der Wand, ein kleines Bad, ein Schrank, gerade einmal groß genug für die Kleider einer Person. Ich wartete, bis Saltanat zurückkam, zog die Vorhänge zu und drängte die Nacht zurück, der Lichtkreis der Nachttischlampe warf einen warmen Schein in die Dunkelheit. »Der arme kleine Kerl«, sagte sie. »Er ist sofort eingeschlafen. Er muss furchtbare Angst gehabt haben.« »Wenn das alles vorbei ist«, sagte ich, die Wörter zäh in meinem Mund, »können wir vielleicht dafür sorgen, dass er Hilfe bekommt und dass er nicht wieder ins Waisenhaus zurückmuss.« Ich fragte mich, ob Saltanat erriet, was mir durch den Kopf ging: eine aus Grauen und Liebe zusammengeflickte Familie, mit der ich zurückzugewinnen versuchte, was ich einmal verloren und nie mehr wiederzubekommen geglaubt hatte. »Dusch erstmal«, sagte sie. »Und mach deine Schulter sauber, bevor sie sich entzündet.« Ich begann mich auszuziehen und fuhr zusammen, als sich das getrocknete Blut auf meinem Hemd von meiner Haut löste und die Wunde wieder zu bluten begann. Ich schaute in den Spiegel und sah ein Gesicht, genauso verschlissen und zerknittert wie meine Kleider. Ich hatte ein blaues Auge und einen Bluterguss auf der Stirn, die Müdigkeit hatte sich tief in die Falten um meinen Mund gegraben. Vielleicht ging es mit mir zu Ende, aber im Moment war ich zu müde, um mir deswegen Gedanken zu machen. Die heiße Dusche weckte meine Lebensgeister wieder ein wenig; es tat gut, aus den drei Tage lang getragenen Kleidern zu kommen. Das Wasser strömte über meine Schulter, als ich spürte, wie sich hinter mir etwas bewegte. Saltanat war nackt, die dunklen Nippel steif, das kurze Haar hochgesteckt, damit es nicht nass wurde. Sie nahm mir die Seife aus der Hand und begann, mir den Rücken zu waschen. Ich wollte mich umdrehen, aber sie legte mir von hinten die Hand auf meine heile Schulter. Sie spülte die Seife von meinem Rücken und ließ ihre Hände darüber gleiten, dann nach unten, zur Seite und auf meinen Bauch. Ich konnte das Gewicht ihrer Brüste an meinem Rücken spüren, klein und fest, ihre Schenkel an den meinen, und mein Herz begann schneller zu schlagen. »Gleich wird es wehtun, Akyl.« Sie wusch meine Schulter, betastete mit den Fingern die Wunde. »Eigentlich sollte das ordentlich genäht werden, aber in ein Krankenhaus kannst du schlecht gehen. Wie wäre es mit deinem Freund Jussupow?« »Hast du mal gesehen, wie er seine Leichen wieder zusammennäht?« Ich zuckte zusammen, als sie begann, meine Schulter zu säubern. »Man möchte meinen, er macht das mit geschlossenen Augen. Aber sie können sich natürlich auch nicht mehr beschweren.« Ich schloss die Augen und gab mich den simplen Empfindungen von heißem Wasser, glatter Haut und den Händen hin, die meinen Bauch streichelten. Saltanats Finger berührten kaum meine Hüften, als sie sich kreisend, schwerelos wie Spinnweben, zu meinen Oberschenkeln hinabtasteten. Ich hörte ein Stöhnen, fast lautlos, wie aus großer Ferne, und war nicht sicher, ob es von ihr kam oder von mir. Und dann, ein Schock, musste ich an einen Winternachmittag in der Wohnung denken, in der Tschinara und ich unmittelbar nach unserer Hochzeit gelebt hatten, ein trostloses Appartement in den Betontiefen der Wohnblöcke in Alamedin. Die Heizung der Anlage war ausgefallen, weshalb wir den ganzen Tag im Bett geblieben und nur kurz aufgestanden waren, um Tschai zu machen, unser beschlagener Atem weiß in der beißenden Kälte. Ihr langes Haar hatte aufgefächert auf dem Kopfkissen gelegen, ihre Augen waren geschlossen, und sie hatte vor Lust und Freude gelächelt, als wir uns küssten. Es war unser erstes gemeinsames Bett, in dem wir das Kind zeugten, das nie geboren wurde, der Mittelpunkt unseres Universums an diesem unendlich lange zurückliegenden Tag. Und ich erinnerte mich an ein weiteres Bett, ihr letztes, in dem das Morphium sie mir genommen hatte, Stück für Stück. In dem Tschinara manchmal im Schlaf gestöhnt und nur noch darauf gewartet hatte, dass die Schmerzen ein Ende nahmen. Ein Ende, zu dem ich ihr verholfen hatte, mit meinen eigenen Händen und einem bestickten Kissen. Ich spürte, wie Saltanats Hände mich packten. »Was hast du denn auf einmal?«, fragte sie. »Nichts«, log ich entgegen allen gegenteiligen Anzeichen. Ich überlegte, was ich sagen könnte. Ich konnte das Zögern in ihrer Stimme hören, wusste, dass sogar Eisgöttinnen Ängste haben, Unsicherheiten. Nicht anders als jeder Inspektor der Mordkommission. »Ich bin einfach nur müde, meine Schulter sieht so aus, als hätten Wölfe sie angefressen, ich werde von der Polizei gesucht und bin nach Dschalalabat und wieder zurück gefahren, ohne geschlafen zu haben.« Ich spürte, wie sie sich von mir löste. Mich überkamen Schuldgefühle, und ich fühlte mich zunehmend gereizt. »Außerdem bin ich nicht mehr einundzwanzig«, fügte ich hinzu, um eine längst nicht mehr zu übersehende Tatsache zu unterstreichen. Ich wandte den Kopf nach hinten und sah, dass sie bereits in ein Badetuch gehüllt war. Ihre Miene war starr und stur. »Das weiß ich auch, Inspektor«, sagte sie, ihre Worte klangen schroff und unpersönlich, sie hatte sie ausgespuckt wie Geschosse. »Und ich selbst könnte auch keine einundzwanzig mehr sein, falls du dich doch mal wieder so jung fühlen solltest.« Sie rauschte aus dem Bad und schlug die Tür auf eine Art zu, die auch ein furchtloserer Mann als ich wütend genannt hätte. Ich drehte das Wasser ab und versuchte mich mit dem taschentuchgroßen Handtuch abzutrocknen, das mir Saltanat netterweise gelassen hatte. Wie schon so oft in meinem Erwachsenenleben wurde mir klar, dass ich keine Ahnung von Frauen hatte. Ich wartete, bis damit zu rechnen war, dass Saltanat sich angezogen hatte, denn zumindest so viel wusste ich: Keine Frau ließ sich mitten in einem Streit gern halbnackt sehen. Als ich aus dem Bad kam, steckte sie bereits wieder in einem ihrer komplett schwarzen Outfits und lud ihre Makarow. »Es tut mir leid«, sagte ich wahrheitsgemäß. »Ich bin durcheinander, froh, dass du hier bist, aber besorgt, dass ich dich in Gefahr bringe.« Das war nicht einmal annähernd die ganze Wahrheit, aber wann war die schon hilfreich, irgendetwas zu erklären? Erinnerungen können einem Halt geben, aber genauso leicht können sie einen daran hindern, der Gegenwart gerecht zu werden. Saltanat setzte sich aufs Bett zurück, steckte sich eine Zigarette an und sah zu, wie ich meine Socken anzog. Ich kam mir alles andere als anmutig vor, aber wenigstens richtete sie keine Pistole auf mich. Die Art, wie sie den Kopf auf die Seite legte, während sie mich beobachtete, vermittelte mir, dass mir zum Teil vergeben war, aber sagen würde sie mir das erst einmal nicht. »Setz dich«, forderte sie mich auf. »Dann nähe ich dir die Schulter. Nochmal.« Es tat nicht weniger weh als beim ersten Mal, was mich wunderte, weil sie die Löcher schon gestochen hatte. Vielleicht ließ sie sich auch extra viel Zeit, um den Faden festzuziehen. Aber ich beschwerte mich lieber nicht. »Du hast doch hoffentlich einen Plan«, sagte sie, als sie mir half, mein Hemd zuzuknöpfen. »Machen wir erstmal eine Bestandsaufnahme«, antwortete ich, was nichts anderes hieß, als dass ich keinen hatte. Um etwas Zeit zu gewinnen, zündete ich mir umständlich eine Zigarette an. Saltanat zog eine Augenbraue hoch, das Zeichen, dass sie bereit war und wartete. »Unsere Stärke liegt in dem, was Graves nicht weiß, richtig? Er würde sich totlachen, wenn er wüsste, dass er es nur mit uns beiden zu tun hat, einem angehenden Expolizisten und einer Angehörigen der usbekischen Staatssicherheit. Wenn er will, kann er uns jederzeit unschädlich machen; niemand wird ihn daran hindern oder uns schützen. Er erteilt den entsprechenden Auftrag, und eines schönen Frühlingsmorgens kommt irgendein gownosos, den wir nie zuvor gesehen haben, daher und verpasst uns drei Kugeln in den Hinterkopf.« Ich nahm einen tiefen Zug von der Zigarette und spürte den Kick des Nikotins. »Es gibt nichts, was wir daran ändern können. Aber solange er glaubt, dass er es mit einer rivalisierenden Gang zu tun hat, haben wir eine Chance. Versuchen wir, seine Heroinhandelswege zu übernehmen? Wollen wir ihm seine Bars und Clubs streitig machen? Oder spekulieren wir bloß auf eine ordentliche Abfindung? Wir verwenden die Snuff-Filme als Druckmittel.« Ich hielt inne; selbst für meine Ohren klang das ganz vernünftig. »Jedenfalls tappt er im Moment noch im Dunkeln. Er weiß nicht, von wo der Angriff kommt oder warum. Er befindet sich in der Defensive. Jeder seiner Verbündeten könnte sein Feind sein, aber er weiß nicht, wer. Wem kann er vertrauen? Wer könnte ihn hintergehen?« »Alles schön und gut«, unterbrach mich Saltanat. »Aber was unternehmen wir?« »Wenn man nicht weiß, was man als Nächstes tun soll, nimmt man sich einen richtig großen Knüppel, schlägt damit blindlings um sich und wartet, was bei dem Durcheinander, das man angerichtet hat, herauskommt.« Ich griff nach meiner Tasche und kramte darin, bis ich fand, was ich suchte. »Zeit, unserem Freund ordentlich eine überzuziehen.« Saltanat machte ein finsteres Gesicht. »Und wie willst du das anstellen?« »Mit einer von denen«, sagte ich und zeigte ihr die Handgranate, die sich in meine Handfläche kuschelte. Kapitel 34 Mit meiner Jarygin auf dem Nachttisch und einem Stuhl, der unter der Türklinke klemmte, war ich auf dem Bett, das näher an der Tür stand, auf der Stelle eingeschlafen. Saltanat hatte das andere Bett genommen, als ich aufwachte, ging sie gerade zum Anziehen ins Bad. Also hatte sie mir noch immer nicht verziehen. Das Frühstück an der Hotelbar bestand aus heißen fleischgefüllten samsi, und wie gewohnt sprühte Michail vor Charme und Redseligkeit, als er sie uns brachte. Otabek war noch oben und schlief; aber zehn Minuten später fuhren wir bereits ins Stadtzentrum zurück. Auf den Straßen herrschte dichter Verkehr, die Gehsteige waren mit Menschen auf dem Weg zur Arbeit bevölkert. Ein wolkenlos blauer Himmel verkündete: alles bestens, keine Gefahr. Saltanat fuhr, ich hatte die Granate im Schoß. In meiner Jackentasche steckte, schwer und gefährlich, eine Flasche Wodka. »Woher hast du die limonka?« Sie verwendete die scherzhafte Bezeichnung, die von der Zitronenform der Handgranate herrührt. »Als ich noch auf Streife war, habe ich mal einen Dealer mit einer Tüte trawka und ein paar von den Dingern hier geschnappt. Das Gras hat es bis in die Asservatenkammer der Station geschafft, aber den Sprengstoff wollte ich dort nicht lagern. Die Kollegen, die dort arbeiten, verdienen nicht viel. Deshalb habe ich die Dinger lieber behalten.« »Funktionieren sie noch?« »Na ja, eine Testzündung können wir schlecht machen. Aber ich hoffe es. Außerdem muss sie keinen Mordsknall machen, damit Graves merkt, dass es uns ernst ist. Wie die Makarow-Kugel, die du mir mal gegeben hast. Was zählt, ist die gute Absicht.« »Während du einen auf Held des Großen Vaterländischen Kriegs machst, bringe ich Otabek in unsere Botschaft. Meine Kollegin Elmira wird sich um ihn kümmern, bis diese Geschichte, so oder so, geklärt ist.« Ich nickte zustimmend. Der Junge hatte Besseres verdient, als ihm das Leben bisher beschert hatte. Und ich konnte nicht anders, als an seinen Blick zu denken, als wir in Michails Hotel gefahren waren, aller Lebensmut war aus ihm herausgeprügelt worden, er hatte gewirkt wie ein Schaf auf dem Weg zu seiner rituellen Schlachtung. Kurz bevor wir das Haus erreichten, fuhren wir an den Straßenrand. Besser, der Lexus blieb unbemerkt, das Kennzeichen ungelesen. Wir verabredeten, uns am anderen Ende des Ala-Too-Platzes zu treffen, und Saltanat fuhr wieder los. Ich zog mir einen schönen schwarz-weißen Filzkalpak über die Ohren, schlug den Kragen meiner Jacke hoch und tat mein Bestes, mich in einen der verwahrlosten Männer ohne Ziel und Arbeit zu verwandeln, die durch jede Großstadt streifen. Es fiel mir nicht schwer. Ich fragte mich, ob ich Saltanat wiedersehen würde, dann warf ich allen unnötigen Gedankenballast ab und überquerte die Straße. Die Betonmauern waren noch genauso hoch, wie ich sie in Erinnerung hatte, und das zerbrochene Glas auf ihnen genauso abschreckend. Das Metalltor war geschlossen, und aus dem Haus dahinter kam kein Lebenszeichen, aber es wurde bestimmt bewacht. Deshalb schlurfte ich mit der Wodkaflasche in der Hand weiter; ab und zu blieb ich wankend stehen, lediglich ein weiterer alkasch, der sein Frühstück trank. Auf gleicher Höhe mit dem Tor zog ich den Splint der Handgranate und warf sie darüber. Ganz unspektakulär, kein großes Kino, so, als würfe man eine leere Packung Zigaretten weg. Ich stolperte, als wäre ich mit der Schuhspitze an einer Unebenheit im Pflaster des Gehsteigs hängen geblieben, fing mich wieder, wie Betrunkene das tun, und ging weiter. Eins, zwei, drei, vier … Die Explosion war nicht besonders laut, und sie sprengte das Tor nicht auf. Aber sie machte genügend Lärm, und ich hörte die Granatsplitter scheppernd gegen das Metall knallen. Unsicher stieg ein mickriger Faden aus blauschwarzem Rauch über dem Tor auf, und ich hörte Schreie und Flüche. Wie es sich anhörte, hatte ich der Karosserie des Autos erheblichen Schaden zugefügt, vielleicht auch ein paar Fettärschen. Ich bog um die Ecke, überquerte die Straße und gelangte durch eine unbefestigte Durchfahrt zurück zum Tschüi-Prospekt. Die Wodkaflasche stellte ich auf den Boden, ein Geschenk für den nächsten Säufer, der mit einem Mordsbrand aufwachte und sich fragte, woher er sein nächstes Glas bekommen könnte. »Wie ist es gelaufen?«, fragte Saltanat eine Stunde später. Ich hatte den Kalpak abgenommen und meinen Kragen wieder nach unten geklappt, aber als ich in den Rückspiegel schaute, blickte mir daraus immer noch ein Loser entgegen. Obwohl mir nicht im Geringsten danach war, zwinkerte ich mir verschmitzt zu und grinste Saltanat an. »Ich schätze, das Auto hat am meisten abgekriegt«, sagte ich. »Aber das war erst der Anfang. Es gibt noch jede Menge Leute, die wir zurechtstutzen müssen.« Und dann sagte ich Saltanat, sie solle nach Osten fahren, in Richtung Busbahnhof. Unterwegs erzählte sie mir, dass sie Otabek in die Obhut ihrer Kollegin in der Botschaft gegeben hatte. Sie war völlig zu Recht davon ausgegangen, dass er vor fremden Männern zu viel Angst gehabt hätte. »Im Moment hat er nichts zu befürchten. Das Beste ist wahrscheinlich, ich besorge ihm einen usbekischen Pass und schaffe ihn außer Landes, weg von Graves. Was meinst du?« Ich nickte; kein schlechter Plan, und ein besserer fiel auch mir nicht ein. Nach einer halben Stunde tauchte der Busbahnhof vor uns auf, ungeheuer deprimierend in seiner ganzen Hässlichkeit. Die meisten Städte verlagern die öffentlichen Verkehrseinrichtungen in weniger teure Viertel, und Bischkek ist da keine Ausnahme. Zwischen abgestellten Frachtcontainern, die, wie nach einem Schiffbruch angespült, am Strand eines längst vertrockneten Meers herumliegen, herrscht auf unserem Busbahnhof ein ständiges Kommen und Gehen von Kleinbussen und marschrutka-Sammeltaxis. Während Saltanat auf mich gewartet hatte, hatte sie ein paar Telefongespräche geführt und verschiedene Dinge gekauft, die zu besorgen ich sie gebeten hatte. Wir parkten in der Nähe eines der Container, an dessen Seiten und Türen mit einer Schablone in kyrillischer Schrift die Initialen MG gesprüht waren. Ich nahm den Fünf-Liter-Kanister Benzin, den Saltanat gekauft hatte, dazu ein paar Handtücher, und schlenderte auf den Container zu. Als ich ihn erreichte, kam, wie erwartet, ein Wachmann um die Ecke und sah mich finster an. Billige Turnschuhe, schmutzige Jeans und eine schmierige Lederjacke, direkt aus dem Basar in Osch. Aber das Entscheidende war die Makarow in seiner Hand. »Was wollen Sie hier?«, fragte er, nicht ganz unberechtigt, wie ich fand. »Eine Nachricht für Mr Graves.« Um zu zeigen, dass ich keine Bedrohung darstellte, breitete ich die Arme aus. »Es geht um diesen Kanister.« »Aha«, sagte er. Dann dämmerte es ihm, und sein Unterkiefer klappte nach unten. Zum letzten Mal hatte ich ihn gesehen, als er uns bei unserer Flucht aus Dschalalabat hinterhergeschaut hatte, und ich wäre jede Wette eingegangen, dass er mit seiner Makarow schonmal auf uns geschossen hatte. Er ächzte, als ich ihm den Benzinkanister in einem weiten Bogen an den Kopf drosch. Der Trick dabei ist, hinter die Person zu zielen, die man treffen möchte, damit der Kanister mit maximaler Wucht einschlägt. Zu sagen, der Treffer überrumpelte ihn, wäre untertrieben. Es entstand ein Geräusch wie von einem Fleischklopfer, der ein saftiges Steak zermatscht, und der Unterkiefer des Mannes verschob sich aus seiner natürlichen Stellung etwa 15 Grad nach oben und zur Seite. Seine Augen entgleisten ihm und verdrehten sich nach oben, dann fiel er hintenüber und verpasste sich selbst eine zweite Gehirnerschütterung, als er gegen die Seite des Containers krachte. Ich erleichterte ihn um seine Makarow, goss etwas Benzin auf eins der Handtücher, steckte es neben die Ziegelsteine, auf denen der Container auflag, und kippte das restliche Benzin in einen der Lüftungsroste. Dann warf ich den Kanister weg und hielt ein brennendes Streichholz an den Zipfel eines weiteren Handtuchs. Sobald es einigermaßen brannte, warf ich es zu seinem Genossen unter den Container. Das Benzin fing Feuer, und ich zog mich zum Auto zurück. »Und er?« Saltanat deutete auf den bewusstlosen Wachmann, dessen Jacke bereits zu kokeln begann. »Was soll mit ihm sein?« Ich sah sie finster an. »Er könnte einer der Typen in den Videos sein. Vielleicht der, der die kleinen Mädchen fickt. Oder die Jungen zu Brei knüppelt. Er wird zu sich kommen. Oder auch nicht. Ist mir doch egal.« Sie bedachte mich mit einem Blick, den ich nicht zu deuten wusste. Vielleicht beeindruckt, vielleicht besorgt. Sie stieg aus dem Auto und zog den Gangster vom Container weg. »Ich sage dir, wer er ist«, sagte ich. »Dann wirst du ihn vielleicht wieder in die Flammen zurückschieben.« »Kennst du ihn?« »Ich kannte ihn. Aus dem Waisenhaus, als ich klein war. Erinnerst du dich, ich habe dir doch von Alexei Schenbekow erzählt? Der Junge, der immer die Kleineren verprügelt hat.« »Das ist er?« »Deutlich älter, deutlich hässlicher und ganz eindeutig gefährlicher. Er ist der Typ, der in Dschalalabat auf uns geschossen hat.« Das ließ sich Saltanat kurz durch den Kopf gehen. »Woher wusste er, dass wir dort sein würden?«, fragte sie schließlich. »Eine undichte Stelle in Tynalijews Stab? Vielleicht sogar Tynalijew selbst? Auf die eine oder andere Art verarschen einen die Mächtigen immer. Wir sind für die nur kleine Niemande ohne jede Bedeutung. Aber jetzt bin ich an der Reihe, ein paar Leuten den Kopf zu waschen.« »Dann ist also jetzt Schluss mit Inspektor Saubermann, dem Hüter von Recht und Ordnung?« Saltanat startete den Motor und fuhr in Richtung Markt los. »Der hat zurzeit Urlaub. Vielleicht für immer.« Ich schaute aus dem Fenster. Am Himmel drängten sich inzwischen die Regenwolken, schwarz und bedrückend. Kapitel 35 »Wer sind Sie? Und was wollen Sie?« Die Stimme. Geifernd, voll ungläubiger Wut, dass jemand es wagte, sich mit ihm anzulegen. »Das brauchen Sie nicht zu wissen. Was wir wollen? Kohle natürlich.« »Vom Kreis der Brüder sind Sie nicht, das weiß ich. Die habe ich alle geschmiert.« Ich lachte, mit unverhohlenem Hohn. Nichts ärgert einen pachan, einen Boss, mehr als die Vorstellung, jemand könnte die Unverschämtheit besitzen, ihm eins auszuwischen und auch noch zu glauben, damit durchzukommen. Dann werden die Bosse sauer, und das heißt, sie werden unvorsichtig. Und schon hat man sie am Kragen. »Die Zeiten ändern sich. Die Leute haben Hunger, die Preise steigen.« »Nicht, wenn ich eine Abmachung treffe.« »Wer sagt, dass Sie eine Abmachung mit uns getroffen haben?«, konterte ich. Stille am anderen Ende der Leitung. »Überlegen Sie doch mal, wie gut es Ihnen geht. Überlegen Sie, wie viel zu verlieren Sie bereit sind. Nicht nur Container voll heißer Ware, auch Personal, Bodyguards. Sobald Ihre Leute den Eindruck gewinnen, dass Sie den Laden nicht mehr im Griff haben, sind sie schneller verschwunden, als Sie glauben, und dann stehen Sie ganz allein da. Sich das alles zu erhalten sollte Ihnen schon ein bisschen was wert sein, finden Sie nicht auch? Denken Sie also nochmal in Ruhe über alles nach; wir hören voneinander.« Saltanat schaute zu mir herüber, als ich das Handy ausmachte. Es war eins von einem Dutzend Prepaid-Handys, die ich in einem Internet-Café in der Nähe des Bahnhofs gekauft hatte und auf denen ich Graves’ Nummer gespeichert hatte. Ich wusste nicht, ob Graves genügend Einfluss hatte, um sie orten zu lassen, aber ich gehe nur ungern unnötige Risiken ein. Ich konnte sehen, wie unbehaglich Saltanat zumute war. Das Hotelzimmer hatte nie enger gewirkt. »Und wie sieht dein toller Plan jetzt eigentlich aus?« Ihre Stimme klang wie eine Eisenstange, die auf einen Tisch krachte. »Ich nehme mal an – ich hoffe –, du hast einen?« »Dieser Graves; ihm gehören Betriebe, Restaurants und Geschäfte, aber ihm fehlt das Personal, um sie alle bewachen zu lassen. Molotowcocktails, Drive-by-Shootings, wir können ihm ordentlich zusetzen, bis er nicht mehr genügend Leute oder Geld hat, um sich zu schützen.« Ich schlug die Hände zusammen, als würde ich eine Fliege zerquetschen. Saltanat schüttelte ungläubig den Kopf. »Du willst einen Krieg vom Zaun brechen? Einen Einmannkrieg, sollte ich vielleicht hinzufügen, weil ich dabei nämlich nicht mitmachen werde.« Mit einem Achselzucken gab ich vor, dass das keine Rolle für mich spielte. »Ich dachte, Gurminj war dein Freund«, sagte ich. »Aber da habe ich mich wohl getäuscht. Die Namensbändchen an den Handgelenken der Kinder bringen deren Mörder und Vergewaltiger auch mit Gurminjs Tod in Verbindung. Wir müssen sie also bloß finden und zur Strecke bringen.« »Ich weiß, dass du ein ziemliches Arschloch sein kannst, Akyl«, sagte sie, und ich hörte, dass Ärger und Mitleid in ihrer Stimme mitschwangen. »Aber dass du auch noch ein dummes Arschloch bist, hätte ich nie gedacht.« Sie zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch an die Decke. »Dir geht es nicht um Rache für Gurminj. Oder um Gerechtigkeit für alle diese toten Kinder. Dir geht es nur um eines: Du möchtest sterben und so viele von diesen Schweinen mit in den Tod reißen, wie du kannst.« »Unsinn«, sagte ich. »Warum sollte ich sterben wollen?« Sie drückte ihre halb gerauchte Zigarette aus und deutete mit dem Finger auf mich. »Weil deine Frau tot ist und du nicht. Weil dein Freund gestorben ist und du ihm nicht helfen konntest. Weil Kinder gefoltert und ermordet wurden und du ihnen nicht zu Gerechtigkeit verhelfen kannst. Weil du dich nicht entscheiden kannst, ob du mich ficken oder ob du abhauen willst. Weil du glaubst, dass du versagt hast und dir nichts anderes mehr übrig bleibt.« Ihr nüchterner, unpersönlicher Ton machte ihre Worte umso verletzender. Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Mein Blick fiel auf mein Gesicht im Spiegel über dem kleinen Schreibtisch. Meine Augen wirkten so leer wie die blauen Flecken im Gesicht einer Leiche. Gab es einen Weg zurück, eine Möglichkeit, wieder etwas anderes zu empfinden als Wut und Verzweiflung? »Du hast ihm dreimal empfindlich zugesetzt. Er ist nicht auf den Kopf gefallen. Jetzt wartet er doch nur darauf, dass du nochmal zuschlägst. Er wird dir eine Falle stellen, und eh du dichs versiehst, wird dir jemand mit einer Zweiundzwanziger die Ohren durchputzen.« »Und was schlägst du vor, Saltanat?«, sagte ich. »Ich bin schließlich derjenige, der auf der Flucht vor der Polizei ist. Derjenige, der nirgendwohin kann. Möchtest du mich vielleicht zur Zentrale fahren, damit ich mich stellen kann?« »Willst du meinen Rat wirklich hören?«, fragte sie. »Oder wäre das für dich nur die ideale Ausrede, um loszulegen und dich über den Haufen schießen zu lassen?« Gefesselt von ihrer Wut, ihrer kristallklaren Intelligenz, sah ich Saltanat an. Die Vorstellung, ohne sie zu leben, war fast unerträglich geworden, etwa so, als bekäme ich ohne Narkose einen Körperteil amputiert. Und wie immer fragte ich mich, was sie an einem Mann wie mir anziehend finden konnte. Ich seufzte, nickte, bot ihr eine Zigarette an und gab uns beiden Feuer. »Ich verlasse mich auf dich«, sagte ich. »Mehr, als ich sollte.« Wenn ich erwartet hatte, dass sie jetzt in meinen Armen dahinschmolz, lag ich falsch. Sie sah mich durch den Rauch, der zwischen uns aufstieg, mit zusammengekniffenen Augen an, ihr Blick ungerührt, voller Skepsis. »Deine dummen Sprüche bringen mich nicht weiter, Akyl«, sagte sie. »Und erst recht keine Lügen. Egal, von wem. Am allerwenigsten von dir.« Sie streckte die Hand aus, streichelte mir, mehr wie eine Freundin als wie eine Geliebte, die Wange, zog ihre Hand wieder zurück und setzte sich im Bett auf. »Wir werden Folgendes machen«, erklärte sie. »Und hör mir gut zu. Sonst kannst du das allein durchziehen.« Kapitel 36 Eine halbe Stunde lang hörte ich mir an, wie Saltanat ihren Plan erläuterte. Alles ergab einen Sinn; sie parierte jeden Einwand, beantwortete jede Frage. Als sie fertig war, sah ich sie ungläubig an und versuchte erst gar nicht, meine Bewunderung zu verbergen. »Nicht schlecht«, sagte ich. Sie setzte das Lächeln auf, das mich schon immer fasziniert hatte. »Es liegt doch auf der Hand, so vorzugehen. Oder zumindest täte es das, wenn du nicht so scharf darauf wärst, dich erschießen zu lassen.« Ich nickte, als würde ich ihr zustimmen. Aber alles, was ich wollte, war Graves unter die Erde zu bringen, vorzugsweise nach Verabreichung einer ungesunden Dosis Schmerzen und Blut. »Wann soll es losgehen?«, fragte ich. »Zuerst gehen wir zu diesen Adoptionsvermittlern. Wer weiß, vielleicht glauben sie sogar, dass wir irgendwannmal wunderbare Eltern abgeben.« Sie lächelte, als witterte sie Beute. Das Amtsgebäude, in dem sich die für Adoptionen zuständigen Beamten verschanzt haben, ist ein typisches Zeugnis glorreicher Sowjetarchitektur. Hinter einem trostlosen, verdreckten Portal aus Pseudomarmor verbirgt sich ein selten funktionierender Fahrstuhl, der ruckelnd zu Etagen mit endlos langen, engen Fluren hinauffährt. Jede zweite Glühbirne fehlt oder ist kaputt, und die wenigen, die intakt sind, helfen nicht gegen die Düsternis. Vor geschlossenen Türen, die selten geöffnet werden, zeigt ein schulterhoher Schmutzstreifen an, wo Menschen stundenlang an die Wand gelehnt angestanden haben. Aus unerfindlichen Gründen riecht es in dem Gebäude nach Räucherfisch, altem Schweiß und Abwasser. Als ein Ort, der Hoffnung auf einen Neuanfang wecken soll, funktioniert der Bau eher schlecht als recht. Ich folgte Saltanat, bis sie vor einer Tür stehenblieb, die deutlich weniger verschlissen aussah als die anderen, an denen wir vorbeigekommen waren. Auf einem an die Tür geklebten Zettel stand: K. Sakatajew, Direktor. Saltanat klopfte fest und öffnete die Tür. Ein übergewichtiger, grauhaariger Mann, der an einem verdächtig leeren Schreibtisch saß, blickte entrüstet auf, als wir das Zimmer betraten. Bevor er den Mund aufbekam, zückte Saltanat ein Ausweisetui und ließ es wieder in ihrer Handtasche verschwinden, bevor er lesen konnte, was darauf stand. »Direktor Sakatajew?« Ihre Stimme knisterte vor Autorität. »Irina Schaikowa, Chefermittlerin der Kinderwohlfahrt. Und dieser Herr ist Inspektor Akyl Borubaew von der Mordkommission Bischkek.« Ich hoffte, Sakatajew wusste nicht, dass ich vor meinen Kollegen auf der Flucht war, und reichte ihm meine Papiere. Der rotgesichtige Mann erblasste und schien sich zu fragen, bei welchem seiner Vergehen wir ihm auf die Schliche gekommen waren. Selbst die Unschuldigen werden nervös, wenn zwei Polizisten bei ihnen auftauchen, um sie zu vernehmen. Und in Bischkek gibt es nicht viele, die tatsächlich unschuldig sind. »Ich weiß nicht, was …«, begann Sakatajew zu stammeln, um sofort wieder zu verstummen, als Saltanat die Hand hob. »Es geht nicht um Sie, Herr Direktor. Zumindest noch nicht«, fügte sie drohend hinzu. Sakatajew sah aus, als stünde er kurz vor einem Herzinfarkt. »Nur ein paar Fragen, mehr nicht. Vorläufig.« Ich setzte mein unfreundlichstes Lächeln auf. »Aber natürlich, selbstverständlich, wenn ich Ihnen in irgendeiner Weise behilflich sein kann.« Sakatajew überschlug sich fast vor Entgegenkommen. »Wie Sie wissen«, sagte Saltanat, »haben in Phasen der, nennen wir es mal, Instabilität Familien als Erste zu leiden. Und das wiederum hat zur Folge, dass Familien zerbrechen und die Kinder in Waisenhäusern untergebracht werden.« Sakatajew nickte, sichtlich erleichtert, dass das Gespräch nicht irgendeine Gaunerei zum Gegenstand hatte, an der er beteiligt war. »Als 2011 der Zulassungsstopp für adoptionswillige Ausländer aufgehoben wurde«, fuhr Saltanat fort, »wurde meine Stelle geschaffen, um unsere Kinder vor den Gefahren von Organ- und Menschenhandel und sexuellem Missbrauch zu schützen. Sie werden mir doch sicher recht geben, dass diese Maßnahme richtig war.« »Ich sorge dafür, dass alle Ausländer, die einen Adoptionsantrag stellen, gründlich unter die Lupe genommen werden«, erklärte Sakatajew. »Und ausländische Agenturen selbstverständlich auch.« Saltanat nickte zustimmend. Ich verschränkte nur die Arme über der Brust, lehnte mich an die Wand und ließ Sakatajew in den Genuss eines meiner finstersten Polizistenblicke kommen. »Das hat bisher bestens funktioniert«, vertraute Saltanat dem Direktor an. »Aber wie die menschliche Natur nun mal ist, und angesichts der hohen Beträge, die Ausländer zu zahlen bereit sind, besteht immer die Gefahr, dass das eine oder andere Geschäft unter der Hand abgewickelt wird.« Sakatajews ängstliche Miene wich einer deutlich betrübten; mir gefiel weder die eine noch die andere, nicht zu reden von den verstohlenen Blicken, die er auf Saltanats Brüste warf. »Ich kann Ihnen versichern, dass in meiner Behörde niemand etwas Derartiges auch nur in Betracht ziehen würde.« »Trotzdem werden Sie sicher verstehen, dass wir jedem Verstoß, der uns gemeldet wird, nachgehen müssen«, sagte Saltanat. Ich hielt den Mund und starrte Sakatajew nur noch finsterer an. »Der Inspektor hat ein persönliches Interesse an solchen Fällen und lässt keinen Aspekt unberücksichtigt.« Sakatajew öffnete seine Schreibtischschublade und begann darin herumzukramen. Sofort hatte ich die Hand auf der Jarygin, sie war nicht direkt auf ihn gerichtet, aber auch nicht von ihm abgewandt. »Immer mit der Ruhe, towarischtsch«, sagte ich. »Bloß keine Dummheiten, die wir hinterher bedauern könnten.« Sakatajews betrübter Blick wandelte sich so schnell in einen voller Entsetzen, wie eine Regenwolke über das Tienschan-Gebirge huscht. Seine Hand zitterte, als er eine Flasche Wodka und drei kleine Gläser herausholte. »Sollten wir vielleicht nicht erst mal …«, begann er und verstummte sofort wieder. Ich steckte meine Pistole wieder weg und schüttelte den Kopf. »Danke, nein, Direktor«, sagte Saltanat. »Aber tun Sie sich bitte keinen Zwang an. Wenn Ihnen nach einem Schluck Wodka ist, nur zu.« Sakatajew schenkte sich mehr als nur einen Kurzen ein, stürzte ihn hinunter, prustete und wartete darauf, dass die Wirkung des Alkohols einsetzte. »Normalerweise tue ich das nicht«, sagte er, seine Stimme heiser vom Wodka. Ich zog eine Augenbraue hoch, ganz der zynische, misstrauische Polizist, der aus Prinzip nichts glaubt, was er erzählt bekommt. Das merkte Sakatajew und goss sich noch einen, kleineren, Schluck ein. Ich ging um seinen Schreibtisch herum und schaute mich in der Gewissheit, dass er nicht den Mut haben würde, mich daran zu hindern, in der offenen Schublade um. Dort befand sich der übliche Müll aus Bleistiftstummeln, ohrenschmalzverklebten Büroklammern, Zetteln mit Vornamen und Telefonnummern. Außerdem sah ich einen Satz Autoschlüssel mit einem BMW-Anhänger. Auf einem gerahmten Foto posierte Sakatajew vor einer schicken Datscha stolz neben seinem Auto. »Wissen Sie, was ich suche, Herr Direktor?« Ich legte einen drohenden Unterton in meine Stimme. »Eine Liste der ausländischen Adoptionsagenturen hier in Bischkek – und die Namen Ihrer jeweiligen Ansprechpartner dort.« »Aber selbstverständlich. Sie sind alle absolut seriös, vom Ministerium geprüft«, erklärte er. »Überhaupt kein Problem.« »Da bin ich mir nicht so sicher«, sagte ich. »Was ist mit denen, dank derer Sie sich einen BMW und Ihre schöne Datscha leisten können? Diejenigen, die schwarz Geschäfte machen und mit mehr Geld um sich werfen, als Sie jemals verdient haben.« Zur Unterstreichung des Gesagten ließ ich meine Hand erneut auf den Griff der Jarygin sinken. »Ich weiß nicht, was Sie meinen«, murmelte Sakatajew, aber nicht gerade im Brustton der Überzeugung. »Ich habe nichts Unrechtes getan.« »Direktor, wir beschuldigen Sie ja auch nicht«, schaltete sich Saltanat an dieser Stelle wieder ein. »Aber wenn der Inspektor die Antworten, die er will, nicht erhält, kann er aufbrausend werden. Und während Sie feststellen, wie weh ein Polizeiverhör tun kann, werde ich bei den zuständigen Behörden einen anonymen Anruf machen.« Saltanat hielt inne und steckte sich eine Zigarette an. Der Rauch half nicht, den Gestank von Schweiß und Angst im Raum zu überdecken. Als sie ihr Lächeln aufsetzte, wirkte es kaum freundlicher als meines, aber doppelt so gefährlich. »Sobald ich bei dieser Behörde angerufen habe und die Leute, mit denen Sie Ihre Geschäfte machen, davon Wind bekommen, werden sie wohl nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten.« Sie verstummte, drückte die Zigarette auf dem Lederimitat der Schreibtischplatte aus. »Bleibt nur noch die Frage, wer die Datscha erbt.« Kapitel 37 »Willst du dieses Schwein wirklich ungestraft davonkommen lassen?« Wir fuhren ins Hotel zurück, und ich sah den Ordner durch, den mir Sakatajew in die Hand gedrückt hatte. »Aber natürlich«, sagte Saltanat. »Versprochen ist versprochen.« »Aha.« Saltanat schaute zu mir herüber und lachte. »Du kannst manchmal rührend naiv sein, Akyl, weißt du das? Natürlich mache ich diesen fetten Sack zur Schnecke, sobald das hier geklärt ist. Er wird entweder im Knast landen oder unter der Erde. Wo, ist mir eigentlich egal.« »Immerhin hat er uns die Datscha und das Auto angeboten …« »Ein Auto habe ich bereits, und gegen das Landleben bin ich allergisch«, sagte sie. »Auf die Pollen?« »Und auf Tiere und Bäume und Plumpsklos.« »Dann stehst du also mehr aufs Stadtleben«, sagte ich. »Woher wusstest du eigentlich, dass wir bei ihm an der richtigen Adresse waren?« Saltanat sah mich an, als könnte sie nicht fassen, was ich gerade gefragt hatte. »Akyl«, antwortete sie mit unüberhörbarem Mitleid in der Stimme. »Warum hätte es anders sein sollen?« So funktioniert das mit allen Beamten in Bischkek: Man besticht einen von ihnen, damit er tut, was man will. Er steckt das Geld ein und wird dann bis in alle Ewigkeit erpresst, damit er wegen des ersten Mals den Mund hält. Das Erstaunliche daran? Unsere Staatsdiener fallen immer wieder darauf herein. Es kommt der Punkt, an dem man sich entscheiden muss, wie man sein Leben leben will, und wenn man Glück hat, findet man jemanden, mit dem man es teilen kann. Ich hatte Tschinara geliebt, und sie verloren. Ich wusste nicht, ob Saltanat und ich eine gemeinsame Zukunft hatten. Ein Teil von mir hoffte darauf – falls wir diese Geschichte lebend überstanden. Wir parkten vor dem Hotel. Saltanat hupte, damit uns Michail das Tor öffnete. Wir warteten eine Weile, Saltanat drückte noch einmal auf die Hupe, aber das Tor blieb zu. »Das gefällt mir nicht«, sagte sie und nahm ihre Makarow aus dem Handschuhfach. Sie setzte den Wagen bis ans Tor zurück, und wir kletterten auf das Autodach. Ich spähte vorsichtig über die Mauer. Weder Michail noch sonst jemand vom Personal war zu sehen. Ich schwang ein Bein über das Tor und sprang auf die andere Seite. Saltanat gab mir von oben Deckung. Mit der Jarygin in der Hand öffnete ich die Tür neben dem Tor, und Saltanat kam mir nach. Ihrer Miene nach zu urteilen war ihr bei der Sache genauso unwohl wie mir. Ich rannte die Treppe hinauf und linste durch die Glasscheibe der Tür, die in die Küche führte. Im Flur dahinter konnte ich die Beine einer Frau erkennen. Einen Schuh hatte sie an, der andere lag neben ihr. Ich legte den Finger an die Lippen, Saltanat folgte mir, und vorsichtig betraten wir das Hotel. Ich erkannte die Tote, eins der Zimmermädchen, eine junge Russin, sie hieß Alina, hübsch, mit langen schwarzen Haaren und einem schüchternen Lächeln. Zumindest war sie das gewesen. Ihr regloser Körper lag auf dem Boden, ihr Kopf in einer Blutlache, die Stirn von einer Kugel durchschlagen. Ihr Kleid war bis über ihre Taille hochgezogen, ihre Unterwäsche hing um eins ihrer Fußgelenke geschlungen. Sie starrte an die Decke und wartete vergebens auf Rettung, die nie mehr kommen würde. Ich schaute mich rasch im Flur um, dann durchsuchten Saltanat und ich den Rest des Hotels. Urmat, der kirgisische Koch, lag im ersten Stock an der Treppe, sein Kopf auf unnatürliche Weise verdreht, die Finger beider Hände gebrochen, aus einer Wunde in seiner Schläfe sickerte Blut. Michail fanden wir im letzten Hotelzimmer. Während Saltanat auf seinen schrecklich zugerichteten Körper starrte, drehte ich mich würgend zur Seite. Wie jedes Mal, wenn man glaubt, das Schlimmste, was Menschen einander antun können, gesehen zu haben, konfrontiert einen jemand mit einem neuen Horror, der einen Nacht für Nacht verfolgt und den Morgen herbeisehnen lässt. Michail war an der Tür des Kleiderschranks gekreuzigt worden. Dicke, durch seine Handgelenke getriebene Stahlstifte fixierten seine Arme hoch über seinem Kopf. Seine nackte Brust war von unzähligen Schnittwunden überzogen, auf dem Boden lagen Fleischklümpchen herum. Wo einmal seine Augen gewesen waren, lagen jetzt leere Höhlen, verklebt mit gestocktem Blut und Gewebe. Es stank nach Blut und Scheiße und Fleisch, das kurz vor dem Kippen steht. Meine Knie gaben nach, und ich setzte mich aufs Bett. »Saltanat …«, begann ich, stockte aber, als ich merkte, dass mir die Worte fehlten. Meine Hände zitterten, und aus Angst, ich könnte versehentlich den Abzug betätigen, legte ich die Jarygin neben mich. Mit der eigenartigen Klarheit, die mit einem solchen Schock einhergeht, stellte ich fest, dass die Bettdecke ein Muster aus roten Rosen auf weißem Grund hatte. Wie die Wunden auf Michails Körper. Ich schaffte es bis ins Bad, hielt mich am kühlen Porzellan der Waschschüssel fest und drückte meinen Kopf gegen den Spiegel. Ich spülte mir den Mund aus und spuckte, in meiner Kehle brannten Kotze und Galle. Saltanat stand noch immer mit ausdruckslosem Gesicht vor Michail und betrachtete ihn mit derselben Konzentration, mit der man ein berühmtes Gemälde studiert, so, als versuchte sie, hinter einen versteckten Kode oder eine individuelle Symbolik zu kommen. »Das müssen wir melden«, hörte ich mich sagen. »Ein Blutbad. Wir können sie hier nicht einfach liegen lassen.« Saltanat schüttelte den Kopf. »Noch nicht«, sagte sie. »Sie sind tot, sie spüren keinen Schmerz mehr. Für die Leute, die das getan haben, gilt das allerdings nicht.« »Wird es aber bald«, hörte ich mich sagen. Saltanat sah mich an wie einen Fremden, einen Menschen, den sie weder mochte noch schätzte. Unter gar keinen Umständen würde sie es zulassen, dass irgendwer ihr diesen Fall wegnahm. Ich wusste, dass sie sich schuldig fühlte, weil sie Michails Tochter Anastasia nicht hatte retten können. Und jetzt hatten sie und ich auch noch indirekt Michails Tod verschuldet. Ich schien nicht der Einzige zu sein, der an die Gerechtigkeit glaubte, die Toten gebührt. »Wer das war, wissen wir, Akyl.« Sie nahm meine Pistole vom Bett und reichte sie mir. Ich steckte sie ein und nickte. Allmählich fing ich mich wieder. »Und was wir zu tun haben, wissen wir auch, oder?« Ich nickte wieder. Diese Frau war eine Naturgewalt, ein Orkan, ein Schneesturm, eiskalt und nicht aufzuhalten. »Aber erst …« Ihre Stimme brach, aber kaum merklich, sodass ich hätte schwören können, ich bildete es mir nur ein. »Erst holen wir ihn da runter.« Ich schloss die Tür, und um kein Blut auf unsere Sachen zu bekommen, zogen wir uns bis auf die Unterwäsche aus. In einer grotesken Nachahmung eines Walzers hielt ich Michails Leichnam umklammert, während Saltanat die Stifte herauszog, mit denen er an den Schrank genagelt worden war. Endlich lösten sie sich mit einem widerlichen Schmatzen, und ich fing das Gewicht seines geschundenen Körpers in meinen Armen auf. Gemeinsam legten wir ihn aufs Bett und deckten ihn mit dem Federbett zu. Sofort erblühten frische Rosen auf dem Baumwollstoff. »Was, glaubst du, ist passiert?«, fragte ich, als wir uns wieder anzogen. Saltanat schaute eine Weile aufs Bett hinab, bevor sie antwortete. »Das iPhone. Michail muss es angemacht haben. Aus Neugier. Vielleicht wollte er auch sehen, wie es funktioniert oder was alles drauf ist. So konnten sie ihn orten.« An das iPhone hatte ich überhaupt nicht mehr gedacht, aber es war nirgendwo zu sehen. Ich war mir ziemlich sicher, dass Saltanat recht hatte. Wir hatten also nicht nur unser einziges Beweisstück verloren, sondern uns auch jede Menge Ärger eingebrockt und den Tod über Michail und seine Angestellten gebracht. »Das deutet auf hochleistungsfähiges Equipment hin. Oder auf eine Quelle innerhalb der Telefongesellschaft«, sagte ich. »Eine teure Quelle. Mit guten Beziehungen.« Saltanat schaute mich an, und ich erkannte die wilde Wut in ihrem Blick. »Oder auf jemanden bei der Polizei oder der Staatssicherheit«, ergänzte sie, drehte sich um und blickte aus dem Fenster. Ich machte keine Anstalten, sie in die Arme zu nehmen, um sie zu trösten. Draußen ging das Leben weiter, der unbekümmerte Gesang der Vögel, das willkürliche Rauschen der Blätter im Wind. Dann hörten wir die Schritte im Flur. Kapitel 38 Ich stellte mich hinter die Tür und hatte die Pistole im Anschlag an meine Wange gepresst, bereit, sofort abzudrücken. Die Schritte verstummten, und kurz darauf trat Stille ein. Ich konnte jemanden atmen, oder genauer, nach Luft schnappen hören, und dazu ein Geräusch, das ich als ein leises Schluchzen identifizierte. Ein zaghaftes Klopfen an der Tür. »Michail?« Eine Frauenstimme, verängstigt. Ich zog die Tür auf, zielte auf Brusthöhe und wurde von hysterischem Kreischen begrüßt. Die Frau, die stolpernd vor mir auf die Knie sank, war Rosa, eins der Zimmermädchen. Die Tüte, die sie in der Hand hatte, platzte auf, und Kartoffeln und Zwiebeln kullerten um meine Füße. Ich bekam meine Atmung unter Kontrolle, steckte meine Pistole ins Holster zurück und reichte dem Mädchen die Hand. Sie schrie nur noch lauter, als sie meine mit Michails Blut beschmierten Hände sah. Der Schritt ihrer Jeans verfärbte sich zu einem dunkleren Blau, während sie sich den Arm vor ihre Augen hielt. Sie fiel hin und krabbelte rückwärts zur Treppe. Der beißende Geruch von Urin vermischte sich mit dem Gestank des Bluts. »Keine Angst, Rosa, wir sind es.« Saltanats Stimme war sanft, beruhigend. »Du kennst uns doch, wir tun dir nichts.« Aber das Mädchen schrie einfach weiter, mit krampfhaft zusammengekniffenen Augen, die Handflächen an ihren Wangen, verängstigt gegen die Wand gepresst, um ein möglichst kleines Ziel abzugeben. Ich sah Saltanat an und deutete zur Treppe. Bestimmt hatte jemand die Schüsse und die Schreie gehört; uns blieb nicht viel Zeit, bis die Polizei eintraf. Oder die Mörder zurückkamen. »Wir können sie nicht einfach hierlassen.« Saltanat berührte das Mädchen an der Schulter und sah, wie es zurückzuckte. »Möchtest du sie etwa mitnehmen?«, fragte ich, bereits auf dem Weg nach unten. »Das bringt sie in wesentlich größere Gefahr, als sie im Moment ist. Und uns auch.« »Was ist eigentlich los mit dir, Akyl?«, fuhr mich Saltanat an. »Sie braucht Hilfe.« Seufzend kam ich wieder die Treppe hoch. »Nimm du sie am anderen Arm«, ordnete ich an. »Wenigstens von den Leichen können wir sie fortschaffen.« Gemeinsam halfen wir dem schluchzenden Mädchen die Treppe hinunter in den Speisesaal des Hotels. Saltanat öffnete einen Getränkeschrank und schenkte ihr ein Glas Wodka ein. Rosa würgte, als sie es trank, aber sie hörte auf zu weinen und beruhigte sich ein wenig. »Können wir jetzt gehen?«, fragte ich und steuerte auf die Tür zu. Der Blick, mit dem mich Saltanat bedachte, hätte den Schnee auf dem Pik Lenin zum Schmelzen gebracht, aber sie folgte mir. Ich schloss das Tor auf, während Saltanat telefonierte. »Die Mordkommission?« »Einen Krankenwagen. Für Rosa«, sagte sie und rammte mich mit der Schulter, als sie sich an mir vorbei zum Auto schob. Sie setzte sich hinters Steuer und ließ den Motor an. Im Losfahren machte sie mit dem Smartphone ein Foto vom Schild des Hotels; ich schaffte es gerade noch auf den Beifahrersitz. »Spinnst du jetzt komplett? Wolltest du mich etwa allein hier stehen lassen?«, knurrte ich und stützte mich am Armaturenbrett ab, um nicht kopfvoran durch die Windschutzscheibe zu segeln. »Ich kann ganz gut ohne das Arschloch leben, das anscheinend aus dir geworden ist. Ein paar Stunden, und ich bin über die Grenze. Dann kannst du dich ohne meine Hilfe umbringen lassen.« Ich starrte aus dem Fenster, zündete zwei Zigaretten an und gab ihr eine davon. Um mich an der Frühlingsluft abzukühlen, öffnete ich das Fenster. »Entschuldigung.« Ich gab mir Mühe, möglichst aufrichtig zu klingen. Saltanat griff nach der Zigarette und nahm einen tiefen Zug. Das Adrenalin begann abzuflauen, und ich fühlte mich, als wäre mit Eisenstangen auf meine Schultern eingedroschen worden. Der Lexus holperte über eine von Schlaglöchern übersäte Piste zwischen eingeschossigen Hütten mit Wellblechdächern hindurch, die sich hinter Lehmziegelmauern und windschiefen Toren versteckten. Ich hatte nur eine sehr vage Vorstellung davon, wo wir waren. Vermutlich irgendwo nordöstlich vom Ala-Too-Platz, aber Saltanat wusste eindeutig, wohin sie fahren musste. »Entschuldigung«, sagte ich noch einmal, und diesmal klang es schon etwas aufrichtiger. Saltanat sah mich misstrauisch an, schien aber etwas milder gestimmt. »Das Hotel können wir vergessen, und in deine Wohnung können wir auch nicht mehr«, sagte sie und bog so scharf ab, dass sich zwei Räder von der Fahrbahn hoben. »Bis wir entschieden haben, wie es weitergeht, bleiben wir in meinem Unterschlupf, zumindest für ein paar Tage.« Ich kannte das Geheimversteck noch von der Tynalijew-Geschichte. Wir hatten einen Mafia-pachan dorthin gebracht und ihm mit Folter und der Vergewaltigung seiner Enkelin gedroht, ihn aber schließlich laufen lassen, was ihn natürlich nicht davon abhielt, uns blutige Rache zu schwören. Zu der kam es allerdings nicht, weil ihm nur zwanzig Minuten später einer von Saltanats Kollegen von der usbekischen Staatssicherheit zwei Kugeln verpasst hatte. Eine in den Hinterkopf, um auf eine Hinrichtung hinzuweisen, und eine in den Mund, als Zeichen dafür, dass er geredet hatte. Seitdem war ich nicht mehr dort gewesen, und der Gedanke, dorthin zurückzukehren, hob meine Stimmung nicht gerade. Das Haus lag am Ostrand Bischkeks, drei Stockwerke, umgeben von einer zwei Meter hohen Mauer und einem blau verzierten Tor. Saltanat schloss die massive Stahltür auf, und wir gingen hinein. Das Haus war nicht anheimelnder, als ich es in Erinnerung hatte, wenn auch nicht mehr so bitterkalt. Unmöblierte Zimmer, fleckige, sich stellenweise lösende Tapeten, Schimmelflecken und -blasen, die sich durch den feuchten Putz fraßen, nackte hölzerne Bodendielen. Ich erinnerte mich an den Keller mit dem Heizungsraum, mit allem, was nötig war, um einen Mann seine Familie, seine Freunde, einfach jeden verraten zu lassen, nur damit die Schmerzen nachließen. Größtenteils kamen dabei ganz einfache Gerätschaften zum Einsatz: Kohlenzangen, ein Hammer, Meißel und Schraubenzieher, Küchenscheren, kochendes Wasser. Es braucht nicht viel, um jemanden davon zu überzeugen, dass die eigenen Motive rechtschaffen sind. Dann musste ich an Graves’ Keller denken, den blutgetränkten Hacktisch, die dicken Lederriemen, die rostigen Eimer und die Videoausrüstung, um jeden Schrei, jede Zuckung einzufangen. Kurz drehte sich mir der Kopf. Ich dachte schon, ich müsste mich noch einmal übergeben, und stützte mich mit der Hand an einer feuchten Wand ab. Saltanat bemerkte, wie mir die Luft wegblieb, und half mir, mit dem Rücken die Wand hinunterzurutschen, bis ich auf dem Boden saß, die Knie an den Oberkörper gezogen, die Hände zitternd, als ob ich Fieber hätte. »Entschuldigung«, sagte ich zum dritten Mal innerhalb einer Stunde, als hätten Entschuldigungen jemals irgendwem irgendwas genutzt, einen Kranken gesund oder einen Toten wieder lebendig gemacht. »Entschuldigung« zu sagen bedeutet letztlich nichts anderes, als sich an eine vergebliche Hoffnung zu klammern. Es hört sich gut an, aber es ändert einen Scheiß. »Möchtest du einen Schluck Wasser?«, fragte Saltanat. Ich schüttelte den Kopf, überlegte es mir dann aber anders. Meine Kehle war zu trocken, um zu sprechen, deshalb nickte ich bloß. Saltanat ging in die Küche und kam mit einer Flasche Wasser zurück. Es war warm und schal, aber ich leerte die Flasche in wenigen verzweifelten Zügen. Ich spülte mir den Mund aus, spuckte das letzte Wasser auf den Boden und blickte zu Saltanat auf. Die Worte, die ich ihr sagen wollte, blieben mir im Hals stecken, festgekettet von Kummer und Angst. Sie blickte auf mich herab. Das Mitleid in ihrer Miene galt zu gleichen Teilen dem, was ich einmal gewesen, sowie dem, was ich inzwischen geworden war. Ich wusste, was ich tun musste, wusste, dass dann alles anders würde. »Ich möchte, dass du nach Hause zurückkehrst, Saltanat, zurück nach Taschkent. Das hier ist nicht dein Krieg, diese Toten sind nicht deine Leute, du hast keinen Grund, für uns dein Leben zu riskieren.« Saltanat wollte etwas entgegnen, aber ich brachte sie mit erhobener Hand zum Schweigen. »Zu sagen, was ich jetzt sagen werde, fällt mir schon schwer genug, auch ohne dass du mich umzustimmen versuchst. Ich bin ein Feigling, verstehst du, und wenn ich dir nicht die Wahrheit sage, verrate ich damit meine Gefühle für dich und deine Gefühle für mich. Deshalb muss ich dir das jetzt sagen.« Ich schaute zu ihr hoch und dachte an meine Vergangenheit, die zwischen uns lag wie ein Fluss, der kurz davor stand, über die Ufer zu treten. »Glaub mir, Akyl, ich weiß, dass du kein Feigling bist. Das hast du mehr als ein Mal bewiesen. Dafür liegt dir viel zu viel an den Menschen.« »Du meinst wohl eher, mir liegt zu viel an den Toten«, sagte ich. »Es geht dir um Gerechtigkeit, nicht nur für die Toten, wie Gurminj und Michail, Alina und Urmat und Jekaterina Tynalijewa, sondern für jeden, der keine Stimme hat. Gerechtigkeit für jeden, der sich beim Aufwachen fragt, welches neue Leid ihm bevorsteht, sobald die Sonne aufgeht.« Ich spürte, wie mein Herz an ihren Worten zerschellte. Deshalb sagte ich mit möglichst hässlicher und schroffer Stimme: »Dann will ich dir mal erzählen, was es heißt, ein Feigling zu sein. Es heißt, sich vor der Wahrheit zu verstecken, alles zu tun, um nicht mit etwas konfrontiert zu werden, das einem Angst macht. Es bedeutet, etwas zu tun, von dem man weiß, dass es falsch ist, weil man die eigene Situation nicht länger ertragen kann.« Ich verstummte kurz und versuchte mir die Worte zurechtzulegen, die sie zwingen würden, mich zu verlassen. »Als Tschinara am Schluss im Krankenhaus war und uns beiden klar wurde, dass keine Hoffnung mehr bestand, dass sie jemals wieder nach Hause kommen würde …« Ich brach mitten im Satz ab. Es war mir nicht möglich weiterzusprechen. »Ich weiß, was du getan hast, Akyl«, sagte Saltanat mit einer Zärtlichkeit, die ich ihr nie zugetraut hätte. »Ich habe es mir fast vom ersten Moment an gedacht, seit ich dich kenne. Du verlangst Gerechtigkeit für die Toten, aber du willst auch Gnade für die Lebenden.« Ich blieb still, meine Handflächen waren feucht, mein Herz schlug lauter als alles andere im Universum. »Ich weiß es, weil du mir keine Vorhaltungen gemacht hast, als ich vergewaltigt wurde. Du hast dir nicht das Gehirn darüber zermartert, was du hättest tun können, um es zu verhindern. Du hast mir Medikamente besorgt, du hast mir Kleider und ein Dach über dem Kopf gegeben. Du hast mir geholfen, mich zu rächen.« Saltanat legte mir die Hand auf die Schulter, so, wie man sie tröstend einem Kind auflegt, das gerade aus einem Albtraum erwacht ist. Ihr Atem fühlte sich warm und süß an auf meiner Wange. »Es muss furchtbar für dich gewesen sein, mich in den Kleidern deiner Frau zu sehen. Ich erinnere mich noch an die Hoffnung in deinem Blick, als ich ins Zimmer gekommen bin, und an den Schmerz, als du gesehen hast, dass ich nicht sie bin. Oder als wir schweigend dagesessen und beobachtet haben, wie der Mond den Schnee auf den Bergen zum Schimmern gebracht hat. Du hast Tschinara von ihren Schmerzen erlöst und sie auf ihre letzte Reise geschickt. Und jetzt hasst du dich dafür und machst dir Vorwürfe, dass du weiterlebst und sie tot ist.« Saltanat ließ sich neben mir nieder, legte mir den Arm um die Schultern und hielt mich, während meine Gedanken sich im Nichts verloren. Wir lauschten der Stille im Haus, und ich hoffte, sie würde mir Gnade und Vergebung bringen. Kapitel 39 In stillschweigender Übereinkunft sprach keiner von uns über das, was sich als Beichte, vielleicht sogar als eine Art Rechtfertigung entpuppt hatte. Wir teilten uns eine Matratze, die in einem der Zimmer im Obergeschoss auf dem Boden lag. Saltanat schlief mit dem Kopf auf meiner Schulter, während ich stundenlang wach lag und die Gesichter betrachtete, die mich aus den Flecken an der Wand anstarrten. Den nächsten Tag verbrachten wir damit, über unser weiteres Vorgehen nachzudenken. Ich plädierte für einen raschen Kopfschuss und einen Blitzabgang über die Grenze nach Kasachstan. Dort konnten wir uns dann immer noch überlegen, was als Nächstes zu tun war. Ich wünschte mir nur noch, Gurminj, Michail und die toten Kinder zu rächen. Nachts träumte ich davon, das plötzliche Erschrecken in Graves’ Augen zu sehen, hörte seinen halb unterdrückten Schrei und sah sein Hirn grau und schleimig an eine blutbefleckte Wand spritzen. Fast konnte ich seine Angst schmecken. Und sollte dabei auch mich eine Kugel treffen, wäre das vielleicht das passende Ende eines sonst endlosen Kampfs. Saltanat war ruhiger, besonnener. Sie wollte, dass Graves bestraft wurde; aber sie war rationaler als ich, dachte weiter voraus. Ihr ging es auch darum, die Vorwürfe über den Handel mit Kinderpornographie gegen mich zu widerlegen. Wir diskutierten stundenlang über Strategie und Taktik, aber ich konnte die ganze Zeit über meinen Finger an einem Abzug spüren und stellte mir vor, wie er sich immer stärker krümmte, bis schließlich der Rückstoß kam. Meine Kiefermuskeln zuckten vor Gier nach Blut. »Hör zu, Akyl, Graves umzubringen ist keine Lösung. Wir haben noch nicht einmal einen Beweis dafür, dass er es war.« Um ihren Worten mehr Nachdruck zu verleihen, hieb sie mit einer Faust gegen die nächste Wand. »Er hat Dreck am Stecken, das weißt du ganz genau. Du hast die Filme doch gesehen.« Meine Stimme war ausdruckslos. »Ja, aber ihn habe ich in keinem davon gesehen. Vielleicht kauft er diesen Schmutz nur auf, um ihn zu vertreiben. Damit macht er sich aller möglichen Dinge schuldig. Aber keines Mordes.« »Ist mir doch scheißegal, ob ich es beweisen kann. Du glaubst doch nicht etwa, er weiß nicht, was im Keller seines eigenen Hauses vor sich geht?« Ich hörte, wie meine Stimme zorniger wurde, machte mir aber nicht die Mühe, meine Wut zu zügeln. »Wenn du Scheiße von der Straße schaufelst, interessiert es dich da vielleicht, ob sie aus dem Arsch von einem Hund, einer Kuh oder einem Pferd kommt? Es ist und bleibt Scheiße, und sie muss weggeräumt werden.« Mit einem frustrierten Seufzen ging Saltanat in die Hocke. »Wenn du auf eine Schießerei aus bist, bei der du reihenweise Schwergewichte niedermähst und im Kugelhagel den Heldentod stirbst, dann ist das deine Sache. Daran kann ich dich nicht hindern. Und wenn es dir nichts ausmacht, als ein Mann in Erinnerung behalten zu werden, der mit dem widerlichsten Schmutz Geld gemacht hat, ist auch das deine Sache.« Ich zuckte mit den Achseln, als wäre mir beides egal. »Zuallererst müssen wir den Anschein erwecken, wir würden einen Rückzieher machen. Graves in der Annahme bestärken, dass uns das Blutbad im Hotel klargemacht hat, dass uns das alles eine Nummer zu groß ist. Dass er es mit Amateuren zu tun hat. Und dass uns, da er ja das iPhone mit dem Beweis für seine Beteiligung hat, gar nichts anderes übrig bleibt, als einfach unterzutauchen.« Ich musste zugeben, dass sich das sehr vernünftig anhörte, obwohl meine Wut und mein Stolz es mir schwer machten, die Wahrheit zu schlucken. »Was schlägst du also vor?« »Wir rufen ihn an«, sagte Saltanat. »Wir sagen ihm, wir hätten die Botschaft verstanden, wir würden uns über die Grenze zurückziehen, er hätte nichts mehr zu befürchten.« »Das wird er nicht glauben«, sagte ich. »Er verfügt über jede Menge schmutziges Geld, schmutzige Freunde und schmutzige Feinde. Er wird erst Ruhe geben, wenn wir in seinem Keller als Hauptdarsteller seines nächsten Streifens auftreten.« »Genau deshalb werde ich ihn anrufen«, sagte Saltanat. »Er bekommt einen usbekischen Dialekt zu hören, und schon sind wir eine Gang aus dem Nachbarland. Vor allem wird er mir glauben, wenn ich ihm erzähle, dass du tot bist. Und ihm zum Beweis ein paar Fotos schicke.« »Soviel ich weiß, bin ich aber noch nicht tot«, hielt ich dagegen. »Du liegst mit dem Gesicht nach unten auf dem Boden, dir wurde in den Rücken geschossen, irgendwo im Schnee oben in den Bergen.« »Hoffentlich musste ich nicht lange leiden«, sagte ich. »Du hast es gar nicht mehr mitbekommen«, sagte Saltanat. Eine bessere Beschreibung von Liebe konnte ich mir nicht vorstellen. Kapitel 40 Am nächsten Morgen fuhren wir in den Ala-Artscha-Nationalpark, der sich bis hoch in die Berge hinauf zieht. Eine idyllische Gegend mit Ebereschen und Birken, die im Schutz der steilen Hänge des Tals wachsen. An Sommerwochenenden wimmelt es hier von Wanderern, Touristen und Leuten, die der Hitze und dem Staub der Stadt entfliehen wollen. Wenn man bis ans Ende des Nationalparks wandert, kann man Wölfe, Bären und vielleicht sogar den einen oder anderen Schneeleoparden entdecken, am Himmel kreisen Adler und Habichte. Saltanat parkte vor dem kleinen Hotel am Ende der Straße, und wir gingen zu Fuß weiter. Die Luft war frisch, die Reste des Winters noch weiß unter unseren Sohlen, und im Hintergrund hörten wir den wirbelnden Tanz des Flusses, als wir zur Baumgrenze hinaufstiegen. Der Schnee wurde tiefer, seine Kälte kroch durch die Sohlen meiner Stiefel. Ich war außer Atem, hatte keine Kondition, aber Saltanat marschierte voran, ohne sich von meinem langsamen Tempo oder der Ledertasche, die sie trug, bremsen zu lassen. Endlich blieben wir in einer natürlichen Lichtung stehen. Birken scharten sich um uns wie Schaulustige bei einem Verkehrsunfall. Oder wie die Zuschauer einer Hinrichtung. Saltanat stellte die Tasche ab und blickte sich um. »Hier müsste es eigentlich passen. Zieh deine Jacke aus.« Ein kalter Lufthauch streifte über meinen Brustkorb. Die oberen Zweige der Bäume zitterten, und ich spürte die zarte Berührung von Schneeflocken in meinem Gesicht. Saltanat öffnete die Tasche und nahm ein Schraubdeckelglas und eine Plastiktüte heraus, in der ein rohes Steak blutig schimmerte. Das Glas war zur Hälfte mit einer mir bestens vertrauten roten Flüssigkeit gefüllt. Ich fragte lieber nicht, woher sie das Blut hatte. Saltanat packte das marmorierte Steak aus, legte es in den Schnee, goss etwas Blut auf und um das rohe Fleisch, breitete zum Schluss meine Jacke darüber. Ich bibberte und merkte, dass ich einen Pullover hätte mitnehmen sollen. Zumindest hoffte ich, nur wegen der Kälte zu zittern. Saltanat hielt ihre Makarow auf die vom Fleisch hervorgerufene Wölbung gerichtet und drückte ab. Meine Jacke zuckte, als ob ich noch darin steckte, und aus dem Einschussloch, seine Ränder waren schwarz versengt, sickerte Blut. Ich sah verkohlte Haut, roch verbranntes Fleisch. Mir wurde leicht übel. »Jetzt kommt das Beste«, sagte Saltanat. »Zieh deine Jacke wieder an.« Das tat ich und wartete auf weitere Anweisungen. »Und jetzt lässt du dich nach vorn fallen«, ordnete Saltanat an. »Aber stütz dich nicht mit den Händen ab. Es muss möglichst echt aussehen.« Ich fand, dass ihr das alles etwas zu viel Spaß machte, aber ich ließ mich mit ausgebreiteten Armen nach vorn fallen und vergrub das Gesicht im Schnee. Saltanat legte das Steak zurück unter das Einschussloch; ich spürte den klammen Schweiß auf meinem Nacken. Saltanat verspritzte etwas Blut neben mir, und ich konnte seinen intensiven Geruch in meiner Kehle schmecken. »Und jetzt stillhalten«, ordnete sie an. Ich bewegte mich vier oder fünf Minuten lang nicht, bis sie mich aufforderte, wieder aufzustehen. Ich richtete mich mühsam auf und wischte mir Schnee und Schmutz aus Gesicht und Haaren. »Mit meiner Jacke ist jetzt wahrscheinlich nichts mehr anzufangen«, maulte ich und wischte den größten Teil des Bluts an einem sauberen Fleckchen Schnee ab. »Ganz im Gegenteil«, sagte Saltanat und scrollte die Fotos durch, die sie gemacht hatte. »Ein Einschussloch, was könnte dir in Unterweltkreisen mehr Respekt verschaffen? Ein Inspektor der Mordkommission, der einen Anschlag überlebt hat!« Weshalb hätte niemand einen zweiten Versuch unternehmen sollen, das nächste Mal mit mehr Erfolg? Ich hatte zu viele Tote auf Gehsteigen, in Feldern oder unter Birken liegen sehen, um zu glauben, ich wäre vor einem solchen Schicksal gefeit. »Werden sie nicht mein Gesicht sehen wollen?«, fragte ich. »Damit sie wissen, wer ich bin, beziehungsweise, wer ich war?« »Was wir auf keinen Fall wollen, ist, dass dich jemand erkennt«, sagte sie. »Besser, wir behaupten einfach, dass wir uns dazu entschieden haben, dich den Krähen zum Fraß zu überlassen. Übrigens gibst du eine klasse Leiche ab.« »Das habe ich schon befürchtet.« Ich ging den Hang hinunter, zurück zu unserem Auto. Als ich ausrutschte und auf dem Arsch landete, drang der Schnee feucht durch den Stoff meiner Hose, und Saltanats Lachen folgte mir den Rest des Wegs bis ins Tal hinab. Kapitel 41 Die Stimme, die aus dem Telefon kam, klang misstrauisch. »Ja?« »Mr Graves?«, sagte Saltanat. Stille. »Sie haben neulich mit einem ehemaligen Kollegen von mir gesprochen.« »Habe ich das?« »Über verschiedene finanzielle Transaktionen, zu denen es allerdings nicht mehr gekommen ist.« Ihr Ton war unpersönlich, geschäftsmäßig. Sie beherrschte die Eiskönigin bis zur Perfektion. »Und?« »In einem Bischkeker Hotel ist es zu ein paar Stornierungen gekommen. Vielleicht haben Sie davon gelesen.« »Vielleicht.« Die Stimme blieb vollkommen neutral, sie verriet nichts, nicht einmal Verwirrung oder Verständnislosigkeit. »Der Kollege, der mit Ihnen gesprochen hat, ist nicht mehr Teil unserer Organisation, seitdem wir festgestellt haben, dass er auf eigene Faust, ohne unsere Ermächtigung gehandelt hat. Das Arbeitsverhältnis mit ihm wurde beendet. Sein Leben ebenfalls.« Mehr Schweigen. Der Eiseston in Saltanats Stimme wurde durch ihre förmliche Wortwahl noch verstärkt, als sie fortfuhr: »Als Zeichen unseres Interesses an einer einvernehmlichen Lösung übersenden wir Ihnen Fotos seines Rücktritts. Wir hoffen, dass damit ein Ärgernis zwischen unseren beiden Organisationen aus der Welt geschafft ist. Bitte entschuldigen Sie etwaige Unannehmlichkeiten.« Nach einer Weile begann die Stimme zu sprechen. »Es sind Schäden entstanden. Und Kosten. Ich erwarte eine angemessene Form von Kompensation.« Da wurde über Tod, Gewalt und Verbrechen im Jargon der Führungsetagen verhandelt. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob die ganze Welt habgierig und korrupt war. Die schlimmsten Diebe sitzen an Konferenztischen und reden über Aktienbezugsrechte und Firmenübernahmen. Und die einzigen Handschellen, die sie jemals angelegt bekommen, sind golden. »Dem kann ich nur zustimmen, Mr Graves«, antwortete Saltanat. »Meine Vorgesetzten sind jedoch der Ansicht, dass sich dieses Problem am schnellsten bereinigen lässt, wenn wir die Sache auf sich beruhen lassen und beide wieder wie gehabt unseren Geschäften nachgehen.« Die Stimme wollte etwas erwidern, aber Saltanat unterbrach die Verbindung. Sie reichte mir das Smartphone. »Vielleicht möchtest du dir ja mal deine Leiche ansehen. Dazu erhält man nicht alle Tage Gelegenheit. Und anschließend rückst du dem Handy mit einem Hammer zu Leibe.« Ich scrollte durch die Bilder meiner Leiche im Schnee. Sie sahen sehr überzeugend aus, und es war nicht so, dass ich so etwas nicht schon gesehen hätte. Besonders eindrucksvoll war die Nahaufnahme des Einschusslochs mit dem verkohlten Fleisch und den Schmauchspuren. »Graves bekommt also diese Fotos und glaubt, damit ist das Problem gelöst. Und dann?« Saltanat nahm das Smartphone wieder an sich und begann, eine Nummer zu wählen. »Damit gehen seine Probleme erst richtig los, egal, ob er sie für gelöst hält oder nicht. Sobald ich ein Foto aus dem Hotel zusammen mit deinen Ferienschnappschüssen verschicke.« »An wen?« »An deine alten Kollegen in der Zentrale. Zusammen mit einer SMS, dass die Leiche auf dem Foto deine ist, dass dein Tod mit dem Gemetzel im Hotel zusammenhängt und dass unser Freund Mr Graves über beides etwas weiß. Mal sehen, was sie damit anzufangen wissen.« Für so viel Hinterhältigkeit konnte ich nur Bewunderung empfinden. Eine Stunde später standen wir mit Saltanats Lexus ein paar hundert Meter von Graves’ Villa entfernt am Straßenrand, als der erste Streifenwagen eintraf. Ein Beamter stieg auf der Beifahrerseite aus, zupfte seine Uniform zurecht, setzte sich seine Mütze auf und sagte etwas in die Sprechanlage am Tor. Wenige Augenblicke später ging die Seitentür auf, und der ment ging nach drinnen. »Ist das deine Art, in der Scheiße zu rühren und zu warten, was an die Oberfläche steigt?«, fragte ich. Saltanat schüttelte den Kopf. »Nicht so direkt«, erwiderte sie. »Wir schauen einfach, was passiert, und das wird uns verraten, wie gut Graves’ Beziehungen sind. Er hat mit Sicherheit eine Menge hungriger Schnäbel zu stopfen; vielleicht erfahren wir auf diesem Weg, welche.« »In der Zentrale werden sie sicher erleichtert sein, dass der vermisste Inspektor vermisst bleibt«, sagte ich. »Aber ich hoffe, das bleibt nur vorübergehend so.« Ich versuchte, einen scherzhaften Ton anzuschlagen, aber Saltanat schaute zu mir herüber, als fürchtete sie, ich könnte meinen Biss, mein Feuer verlieren. »Weißt du, Akyl, wenn du von Kirgisistan genug hast, könnten wir nach Taschkent gehen. Neue Papiere, eine neue Identität, du könntest nochmal von vorn anfangen.« Ich ergriff ihre Hand und drückte sie. »Ich bin gerührt, dass du das für mich tun würdest«, sagte ich. »Ehrlich.« Ich blickte mich um und deutete mit der Hand grob in Richtung der Berge. »Aber hier bin ich zu Hause. Ich weiß, viel macht es nicht her, aber …« Ich zuckte mit den Achseln, dann beugte ich mich vor und küsste sie auf die Wange. »Hier gehöre ich hin; das hier ist, was ich tue. Es ist alles, was ich habe.« Saltanat zog eine Augenbraue hoch. Ich lächelte, aber dann fuhr ich zusammen. Eine schwarze Limousine bog um die Ecke und parkte hinter dem Streifenwagen. Getönte Scheiben hinderten uns daran, in ihr Inneres zu sehen. Der uniformierte Fahrer öffnete die Hintertür, und eine elegante blonde Frau mittleren Alters stieg aus. Eine dunkle Brille verbarg ihre Augen, aber selbst aus der Ferne sah ich, dass sie attraktiv war, mit schlanker Figur, wie sie sich selbstbewusst und mit hoch erhobenem Kopf zum Haus wandte. Ihr Haar war zu einem Zopf geflochten und hochgesteckt, ihre Kleidung sah teuer aus. Aus dem Moskauer GUM oder aus der Bond Street in London. Dort leben inzwischen viele russische Oligarchen, die auf luxuriöse Villen, teure Autos und schicke Frauen stehen. Warum dem russischen Volk Milliarden von Rubeln stehlen, wenn nicht, um damit auch die Früchte ihrer Mühen zu genießen? »Weißt du, wer sie ist?«, fragte ich und blätterte bereits durch den Aktenschrank in meinem Kopf, ohne fündig zu werden. Saltanat runzelte nur die Stirn und sagte nichts. Den Mann, der jetzt aus dem Auto stieg und mit der Frau zum Tor ging, kannte ich allerdings. Ich hatte ihn erst ein paar Tage zuvor an einem Marktstand in Dschalalabat pivo trinken sehen. Michail Iwanowitsch Tynalijew, Minister für Staatssicherheit. Kapitel 42 »Jetzt wissen wir es.« Meine Hand zitterte, als ich mir eine Zigarette ansteckte. Ich hatte damit gerechnet, dass Graves gute Beziehungen hatte, aber nicht, dass sie so gut waren. »Eigentlich hätten wir uns denken können, dass sich Graves und Tynalijew kennen«, sagte Saltanat. »Aber wir wissen noch nicht, wie eng ihre Beziehung ist. Graves betreibt auch legale Geschäfte. Es könnte sein, dass Tynalijew nur an denen beteiligt ist, nicht an den Pornos.« Ich konnte Saltanats Logik nachvollziehen, gab ihr sogar recht. Aber in meinem Hinterkopf plagten mich Zweifel, wie Blasen von einem neuen Paar Schuhe. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Tynalijew gutheißt, was in Graves’ Keller passiert«, sagte ich. »Nicht nach der Ermordung seiner einzigen Tochter. Andererseits bellt im Panfilow-Park kein Hund, ohne dass es ihm als Minister für Staatssicherheit zugetragen wird.« »Warum sollte er dann nach Dschalalabat runtergeflogen sein, um dich zu beauftragen, den Fall zu lösen, und gleichzeitig der Fahndung nach dir einen Dämpfer versetzen?«, führte Saltanat an. »Wäre er an den Snuff-Filmen beteiligt, dann wäre es bestimmt in seinem Sinn, wenn das Ganze dir in die Schuhe geschoben würde.« Ich zuckte mit den Achseln. »Vielleicht spekuliert er auf eine Pressekonferenz, in der er verkünden kann: ›Korrupter Inspektor nach Widerstand gegen seine Festnahme erschossen‹? Und dann können sich im Keller alle wieder an die Arbeit machen, weiter foltern, vergewaltigen, morden und Geld einsacken wie zuvor.« Saltanat selbst wirkte nicht überzeugt, obwohl mir, was sie sagte ziemlich einleuchtend erschien. »Und wer hat dann Gurminj umgebracht? Und die verscharrten Kinder? Und warum die falschen Namensbändchen?« Darauf hatte ich keine Antwort. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich eine haben wollte. Ich wusste nur, dass meine Pistole die Sache lösen würde. Genauer gesagt, dass sie siebzehn Lösungen parat hatte. Sechzehn für diesen Abschaum und eine für mich selbst. Meine Gedanken mussten mir anzusehen sein, denn Saltanat streckte die Hand aus, legte sie auf den Griff meiner Pistole und sagte: »Das ist keine Lösung.« Ich dachte an Lubaschows Bruder, der vor dem Fatboys auf dem Tschüi-Prospekt verblutet war, nachdem drei meiner Kugeln in seiner Brust Zuflucht gesucht hatten. Und an Tschinaras Onkel Kursan, wie er tot zu meinen Füßen lag, der Teppich von seiner Hirnmasse versaut. Männer, die ich getötet hatte. »Manchmal schon«, sagte ich und schaute aus dem Fenster. Jetzt war es an Saltanat, mit den Achseln zu zucken. Ich schaute zur ihr hinüber. Irgendetwas stimmte nicht. »Die Frau, die eben mit Tynalijew angekommen ist«, sagte ich. »Kennst du sie?« Saltanat zögerte kurz, nickte dann aber. »Dass sie hier auftaucht, bedeutet nichts Gutes. Nicht für dich. Und vor allem nicht für mich.« »Und wer ist sie?« »Sie heißt Albina Kurmanalijewa. Sie war mal beim usbekischen Geheimdienst. Aber dann hat sie sich selbstständig gemacht, eine Spezialistin.« Das hörte sich gar nicht gut an. Ich kannte zu viele Spezialisten, die es bei ihrer Arbeit irgendwann zu wild trieben. »Spezialistin für was?« Saltanat schwieg eine Weile mit gespannten Lippen. »Wir nennen es ›löchern‹, eine Art Bürowitz«, sagte sie. »Aber kein besonders guter.« »Löchern? Wieso?«, fragte ich, obwohl ich mir die Antwort bereits denken konnte. »Entweder hat sie die Leute gelöchert und ihnen jedes kleinste Geheimnis entrissen. Oder ihnen ein Loch im Kopf verpasst. Was gerade erledigt werden musste, oder besser gesagt: wer. Sie ist eine Killerin, Akyl.« Ich steckte mir eine frische Zigarette an und versuchte, eine Situation zu begreifen, die immer verschwommener und unschärfer zu werden schien, wie flüchtige Rauchschwaden über einem Haufen Asche. Ich hatte von Albina Kurmanalijewa gehört, war ihr aber nie begegnet. Es hieß, sie wäre für die mokroje delo zuständig gewesen, der alte KBG-Ausdruck für die Drecksarbeit, als unten im Süden, in der Gegend um Osch, 2010 die Aufstände begannen. Nur nennen wir sie nicht Aufstände oder Unruhen oder gar Revolution. Politisch korrekt werden sie als »Vorfälle« bezeichnet. Nicht nur der KGB verstand etwas von Euphemismen. Ich hatte gehört, die Kurmanalijewa war über die Grenze gekommen und hatte zwei der Hauptunruhestifter, einen Kirgisen und einen Usbeken, gefangen genommen, sie Rücken an Rücken mit Handschellen aneinandergekettet und jedem von ihnen ein nichts sehendes drittes Auge verpasst. So aneinandergelehnt ließ sie die beiden im Zentrum von Osch zurück, bevor sie sich selbst spurlos dorthin verflüchtigte, woher sie gekommen war. Eine Botschaft an beide Seiten, mit diesem Scheiß aufzuhören. Doch das war nicht die einzige Geschichte, die ich über sie gehört hatte. Sie war in Tschetschenien gewesen, hatte für die russische SpezNas gearbeitet und Personen gejagt, die die Russen als Terroristen bezeichneten, die sich selbst aber als Freiheitskämpfer sahen. Ihr Name genügte, um angehenden jungen Polizisten in der Akademie Angst einzujagen. Wenn du Scheiße baust, kommt dich Albina holen. »Sie ist gut mit Schusswaffen und im unbewaffneten Nahkampf«, sagte Saltanat. »Besser als ich. Besser als du. Aber am besten ist sie mit Messern.« »Was macht sie dann hier mit Tynalijew?«, fragte ich. »Und warum nimmt er sie zu einem Treffen mit Graves mit?« »Ich würde sagen«, antwortete Saltanat, »du hast Graves mit dieser Handgranate und deiner kleinen Brandstiftung einen gehörigen Schreck eingejagt. Ihm ist klar geworden, dass seine eigenen Männer nicht mit den Leuten, die dahinterstecken, fertigwerden. Deshalb hat er seinen guten Freund, Minister Tynalijew, angerufen und um einen Spezialisten gebeten, der ihm bei der Beseitigung seines Problems hilft. Nicht für umsonst natürlich.« Ich nickte. Langsam nahm die Sache Konturen an, wie Reflexionen in einem alten Spiegel mit abblätternder Beschichtung und verzogenem Rahmen. »Du glaubst also nicht, dass dein Anruf den Ausschlag gegeben haben könnte?«, sagte ich. »Er hat jedenfalls nicht geschadet«, sagte sie. »Aber Männer wie Graves werden nicht reich und mächtig, weil sie anderer Leute Behauptungen für bare Münze nehmen.« »Hast du schonmal mit dieser Spezialistin, dieser Albina, zu tun gehabt?« Saltanat wandte den Blick ab, als beschwöre sie bittere Erinnerungen herauf. Sie berührte die dünne weiße Narbe, die ihre linke Augenbraue teilte. Ich hatte mich schon immer gefragt, woher sie sie hatte, und auf einmal trat mir ein lebhaftes Bild vor Augen. Ich stellte mir eine in Chanel gekleidete Schönheit mit einem Springmesser vor, beschloss dann aber, wie in so vielen Bereichen von Saltanats Leben, keine weiteren Fragen zu stellen. »Es gibt Berührungspunkte zwischen uns«, sagte sie. »Aber ich sag‘s mal so: Wir werden sicher nicht gemeinsam Schuhe oder Klamotten kaufen gehen.« Mit dem Rest der Geschichte und der Gewalt, die darin sicher eine Rolle spielte, rückte sie nicht freiwillig heraus. Ich dachte an Tschinara, an ihr sanftes Gemüt, wie sie ihren Schülern die Naturgesetze beigebracht und gleichzeitig versucht hatte, Menschen mit Hilfe von Lyrik zu verstehen. Eine Frau, die nie in die Nähe von Gewalt gekommen war, geschweige denn deren Ursache geworden wäre, bis der Krebs sie angriff und zerfleischte wie ein tollwütiger Hund. Zeig mir einer das Gedicht, das so etwas aus der Welt schafft. »Und was machen wir jetzt?«, fragte Saltanat mit einem sengenden Blick. »Ich habe dir bereits klarzumachen versucht, dass das nicht dein Kampf ist.« »Akyl, ich will aber hier sein. Selbst wenn du mich nicht hier haben willst. Wer weiß, was für Ärger du dir einbrockst, wenn ich nicht bei dir bin und auf dich aufpasse.« Dann lächelte sie, und mein Kopf und mein Herz schwirrten wie ferne Planeten um die Sonne. Kapitel 43 Wir saßen noch weitere zwei Stunden im Auto und beobachteten Graves’ Villa, bevor Saltanat den Motor startete und losfuhr. »Möchtest du nicht warten und Kurmanalijewa folgen?«, fragte ich. Saltanats Haar fiel ihr ins Gesicht, als sie den Kopf schüttelte. So schön, so tödlich. Ich konnte ihre Haut riechen, kühl und zart. »Sie wird nicht bei Tynalijew bleiben«, erklärte sie und bog nach rechts ab, in Richtung Tschüi-Prospekt. »Das brächte ihn in Schwierigkeiten, wenn etwas schiefgeht und sie gefangen oder getötet wird. Und wenn sie zu Graves’ Schutz hier ist, wird sie bestimmt nicht mehr von seiner Seite weichen. Ich bin mir sicher, er hat noch so manches Gästezimmer.« »Den Keller wird er ihr wahrscheinlich nicht zeigen«, sagte ich, fragte mich jedoch im selben Atemzug, ob das vielleicht etwas war, was sie gemeinsam hatten. »Albina ist keine Sadistin«, sagte Saltanat. »Sie betrachtet ihre Arbeit immer unter rein geschäftlichen Gesichtspunkten. Außer natürlich es ist was Persönliches. Dann sieht die Sache anders aus.« Ich räusperte mich. Wenn ich Saltanat nach ihrer Vergangenheit fragte, geriet ich immer auf gefährliches Terrain. Ich wusste, dass sie geschieden war, aber ich wusste nichts darüber, wo sie lebte, ob sie Geschwister hatte oder ob ihre Eltern noch lebten. Was sage ich, ich war nicht mal sicher, ob Saltanat ihr richtiger Name war. Rauch, Spiegel; niemand will sich in ein Spiegelbild verlieben, in eine Schimäre. »In eurer gemeinsamen Vergangenheit. Ging es da um was Persönliches?« Saltanats Miene verhärtete sich, und sie berührte erneut die dünne weiße Narbe über ihrem linken Auge. Keine schöne Erinnerung. »Ja.« Weil offensichtlich war, dass sie mir nicht mehr darüber erzählen wollte, öffnete ich das Fenster, zündete mir die letzte meiner Zigaretten an und beobachtete die Mädchen auf dem Tschüi in ihren hübschen Frühlingskleidern, wie sie lachten und plauderten in dem Glauben, dass sie ewig leben würden … Eine Stunde später waren wir zurück in Saltanats Geheimversteck. Zuvor hatten wir noch kurz im Faiza in der Dschibek-Dscholu halt gemacht. Das Essen, Schaschlik und eine lagman-Suppe, war sättigend und wärmend, und mit vollem Bauch fühlte ich mich gleich besser. Ich sah den emsigen Bedienungen mit den weißen Kopftüchern und den langen rotbraunen Röcken bei der Arbeit zu, bewunderte die Mühelosigkeit, mit der sie Bestellungen aufnahmen und mit Essen beladene Teller auftrugen und beneidete sie um ihre Ruhe und ihre Professionalität. Saltanat nahm einen kräftigen Schluck aus einer Flasche Bier, goss mir, ganz die aufmerksame Gastgeberin, mehr Tschai in meine Teetasse. »Wir können nicht ewig in unserem Versteck bleiben«, sagte sie. »Albina hat bestimmt immer noch genügend Kontakte in Taschkent, und früher oder später wird sie das Haus vielleicht selbst nutzen wollen, für sich selbst oder für Leute, die sie über die Grenze bringen soll.« Saltanat verzog das Gesicht und fuhr sich mit dem Zeigefinger quer über ihre Kehle. »Wir müssen also herausfinden, warum sie hier ist?«, fragte ich. Saltanat nickte und trank ihr Bier aus. Der Alkohol war ihr ein bisschen in den Kopf gestiegen, und sie bedachte mich mit einem Lächeln, das freundlicher war als ihre übliche ausdruckslose Miene. Ich war nüchtern, fand es aber trotzdem ermutigend. »Wie ich die Sache sehe, kommen verschiedene Szenarien infrage«, sagte ich. »Erstens: Tynalijew, Graves und Albina stecken unter einer Decke. »Zweitens: Albina ist hier, um für Graves einen Job zu erledigen, der nichts mit den Morden zu tun hat. »Drittens: Tynalijew und Albina sind ein Pärchen, und er stellt sie einem einflussreichen lokalen Geschäftsmann vor.« »Kannst du dir Tynalijew und Albina als Paar vorstellen?«, fragte Saltanat. Ich dachte kurz darüber nach und schüttelte dann den Kopf. »Er steht bekanntlich auf Jüngere; deshalb lebt seine Frau ja auch auf ihrer gemeinsamen Datscha. Albina hat sich zwar gut gehalten, ist aber fünfundzwanzig Jahre zu alt für Tynalijew.« Ich spielte die Alternativen noch einmal durch. »Dass Tynalijew an den Pornos und den Morden beteiligt ist, kann ich mir nicht vorstellen«, sagte ich kopfschüttelnd. »Er passt nicht ins Profil. Und er hätte dabei zu viel zu verlieren.« »Dass Graves daran beteiligt ist, wissen wir«, erklärte Saltanat. »Du glaubst, dass Tynalijew nichts damit zu tun hat. Folglich müssen wir uns auf Albina konzentrieren und herausfinden, warum sie hier ist.« »Und wie sollen wir das deiner Meinung nach anstellen?«, fragte ich. Die Vorstellung, es irgendwann mit einem messergeilen Drachen zu tun zu bekommen, war nicht sonderlich verlockend. »Wir müssen ihr etwas anbieten, dem sie nicht widerstehen kann«, schlug Saltanat vor. »Und das wäre?« »Eine Revanche, mit Messern.« Das Lächeln, das dabei auf ihren Lippen lag, hätte den Yssykköl-See im Hochsommer zufrieren lassen. »Willst du sie etwa anrufen?«, fragte ich. »Würde Graves dann nicht merken, dass deine Zusage an ihn ein Bluff war und wir es nach wie vor auf ihn abgesehen haben?« »Glaubst du etwa, Angehörige der usbekischen Staatssicherheit setzen sich über das Telefonsystem eines anderen Landes miteinander in Verbindung?« Der tadelnde Unterton war kaum herauszuhören, aber er war da. Mir wurde wieder einmal bewusst, wie ahnungslos ich war, was die Methoden der Unsichtbaren anging. Gebt mir eine Dienstmarke und eine Knarre, und ich finde meistens eine Lösung. Aber in einer Welt der Heimlichtuerei und der Falschinformationen bin ich ein blutiger Laie. Saltanat bekam wegen meiner Ahnungslosigkeit Mitleid mit mir. »In meinem Metier«, erklärte sie mir, »benutzen wir Prepaid-Handys, um Textnachrichten an eine sichere verschlüsselte Website zu schicken. Zur zusätzlichen Absicherung verwenden wir Zahlencodes, wie ihr das auch bei der Polizei tut, wenn ihr etwas an die Zentrale meldet. Unsere Zahlencodes ändern sich allerdings täglich, sie sind jedes Mal individuell verschlüsselt. Selbst wenn ich also sehen kann, was ein anderer Agent geschrieben hat, verstehe ich es deshalb noch nicht. Erst wenn ich eine Nachricht zurückbekomme, kann ich sie mit Hilfe meines persönlichen Codes entschlüsseln.« »Wäre es nicht einfacher anzurufen?«, sagte ich im Scherz. Saltanat lächelte nicht. »Nur falls es dir nichts ausmacht, unter der Erde zu landen, wenn etwas schiefgeht.« Jetzt verging auch mir das Lachen. »Ich habe gelernt, niemandem zu trauen, Akyl«, fuhr sie fort, und der Schmerz in ihrer Stimme griff nach meinem Herzen wie ein Dieb. »Jedenfalls nicht im Dienst.« Ich beugte mich vor und legte meine Hand an ihre Wange. »Darf ich dir eine Geschichte über Vertrauen erzählen?«, fragte ich und beschwor eine Erinnerung herauf, die fünfundzwanzig Jahre zurücklag … Ich war erst seit ein paar Monaten im Waisenhaus, als wir Anweisung erhielten, alle Räume gründlich sauberzumachen; wir bekämen wichtigen Besuch. Nicht dass wir in unseren Aufenthaltsräumen ohnehin strenge Ordnung gehalten hätten, putzten und wienerten wir zwei Tage lang, schrubbten in der Küche Töpfe und Pfannen, bis sie blitzten, und säuberten die Fenster vom Schmutz des vergangenen Winters. Einige von uns bewahrten noch schöne Kleider in den abgenutzten Pappkoffern auf, mit denen wir im Heim angekommen waren, und mit ihnen putzten wir uns heraus, so gut es ging. Ich war fast dreizehn, klein für mein Alter und schaute immer stundenlang aus dem Fenster zu den Bergen hinauf und wartete, dass meine Mama oder mein deduschka kämen und mich nach Hause holten, zurück zu den Umarmungen und Küssen und den dampfenden, randvoll mit Plow gefüllten Schüsseln. Ich hatte immer noch die Hoffnung, dass alles bald vorbei sein und sich wieder zum Besten wenden würde. Als schließlich der große Tag kam, stand ich auf den Zehenspitzen, das Kinn auf die Fensterbank gestützt, die Nase an die Scheibe gedrückt, und hielt Ausschau nach der Staubwolke, die in der Ferne von der Straße aufsteigen und die Ankunft des wichtigen Besuchs ankündigen würde. Ich malte mir aus, nein, ich hoffte inständig, dass es meine Mama wäre, die mich, reich nach ihrem Aufenthalt in Sibirien, in einer großen schwarzen Limousine abholen käme. Zwei Stunden lang schaute ich aus dem Fenster, bis sich alles in meinem Kopf zu drehen begann. Und dann sah ich ihn, den großen schwarzen Wagen, auf den ich gewartet hatte, einen ZIL Classic, das Modell, in dem der Präsident fuhr. Ich sah die Limousine näher kommen, das Sonnenlicht brach sich in ihren getönten Scheiben, und endlich fuhr sie durch das Tor vor dem Haupteingang. Ich konnte den Direktor des Heims sehen, einen großen, zu dünn geratenen Mann namens Schenisch, der die Welt so argwöhnisch beäugte, als hätte sie es nur darauf angelegt, ihm eins auszuwischen, und der nur zu schnell zur Hand war, einem ein paar hinter die Löffel zu geben. Aber an diesem Tag hatte er ein Lächeln aufgesetzt, das genauso schlecht saß wie sein Anzug. Ich beobachtete, wie die Limousine neben ihm anhielt, und mir entging nicht, wie er eine Schuhspitze an der Rückseite seines Hosenbeins polierte. Ein uniformierter Chauffeur eilte um den Wagen herum und öffnete die hintere Tür. Eine Frau stieg aus, und mir brannten Tränen in den Augen, als ich sah, dass es nicht meine Mama war. Eine elegante junge Frau, schlank, in modischer Kleidung, die mit Sicherheit aus keinem Bischkeker Einkaufszentrum stammte. Ich wusste nichts über Mode, aber den Glanz von Geld und Macht erkannte ich. An der Art, mit der Schenisch auf sie zueilte und ihr die Hand schüttelte, konnte ich sehen, dass sie wichtig war. Er wollte etwas sagen, aber sie schnitt ihm mit einem knappen Nicken das Wort ab. Sie ging auf den Eingang zu, und Schenisch folgte ihr in dem eigenartig gebückten Gang, mit dem groß gewachsene Menschen hinter jemandem hergehen, dessen Missfallen sie nicht erregen wollen. In der Eingangshalle klatschte Schenisch in die Hände, um uns Kinder herbeizurufen. Wir rannten in die Halle, stellten uns notdürftig der Reihe nach auf und starrten die Besucherin mit unverhohlener Neugier an. Wahrscheinlich war sie der reichste und kultivierteste Mensch, den jemals einer von uns gesehen hatte. Aus der Nähe sah ich, dass sie nur wenige Jahre älter war als ich, allerhöchstens Anfang zwanzig, mit slawischen Gesichtszügen und eng um ihren Kopf geschlungenem blondem Haar. Ich fragte mich, ob sie vielleicht ein berühmter Film- oder Fernsehstar war und Kinder für ihr nächstes Projekt suchte. Alle beobachteten die Frau gebannt, als sie langsam die Reihe abschritt und jeden von uns genau in Augenschein nahm. Ab und zu blieb sie vor einem der Kinder stehen, hob sein Gesicht am Kinn an, fixierte es und prüfte, ob es unter ihrem durchdringenden Blick zusammenzuckte. Ihre Augen waren schwarz und kalt, ihre Lippen fest aufeinandergepresst, als verkniffe sie sich eine Beleidigung oder einen Fluch. Das kleine Mädchen, das neben mir stand, begann vor Aufregung zu weinen und grub seine Finger in den abgetragenen Stoff des schlecht sitzenden Kleids, das es von einer älteren Schwester geerbt hatte. Die Frau hörte das leise Schluchzen und ging vor dem Mädchen in die Hocke. Ihre Augen waren grausam, auf der Suche nach Schwäche, nach Angst. Das kleine Mädchen begann haltlos zu schluchzen, und mir stieg Uringeruch in die Nase, als es in die Hosen machte. Ich weiß nicht, warum ich es tat, aber ich stellte mich vor sie und schirmte sie vor dem Blick der Besucherin ab. Einen Sekundenbruchteil lang flackerte Überraschung über ihr Gesicht, dann richtete sie sich auf. Schenisch kam sofort an ihre Seite, um sich zu entschuldigen. Mir schlug er mit der flachen Hand ins Gesicht. »Ist das etwa ein Benehmen? Einem so hohen Gast gegenüber? Das wirst du …« »Der Junge hat wenigstens ein bisschen Mut, Herr Direktor«, fiel ihm die Frau ins Wort. »Dass er seine kleine Freundin verteidigt hat, spricht durchaus für ihn.« Schenisch haderte sichtlich mit sich, ob er dem hohen Besuch weiter in den Arsch kriechen sollte und damit riskieren, seine Macht über uns zu verlieren. »Wenn Sie meinen. Aber Disziplin muss sein, finden Sie nicht auch?« Die Frau fasste mich am Kinn und hob meinen Kopf an. Ich setzte meine trotzigste Miene auf, den Blick, der die neue Frau meines Großvaters immer zur Weißglut gebracht hatte. »Wie heißt du, Junge?«, fragte sie. Der drohende Unterton ihrer Stimme war nicht zu überhören. Ich sagte nichts, starrte sie nur noch trotziger an und versuchte, den Schmerz auszublenden, als sie mein Kinn noch fester drückte. Ich nahm mir vor, nicht zu weinen, mich nicht von meinen Tränen verraten zu lassen. Der schwere, intensive Duft ihres Parfüms hatte etwas Ekelhaftes, wie verwelkende Blumen in wochenaltem Wasser. Unter dem eng anliegenden Kleid erahnte ich die Wölbung ihrer Brüste. Ich fühlte mich von ihr angezogen, so, wie Jungen, die zu Männern werden, die Macht einer Frau, jeder Frau spüren. Aber sie stieß mich auch ab, und ich sah in ihr eine Spinne, einen Vampir, der über mir schwebte und darauf lauerte zuzuschlagen. Meine Knie wurden weich, aber mein Gesicht blieb ausdruckslos, mein Mund fest geschlossen. Schließlich ertrug Schenisch das Schweigen nicht mehr. »Borubaew, Akyl.« Er spie meinen Namen aus wie einen schlechten Geschmack im Mund. »Von seiner Stiefgroßmutter als unerziehbar eingeliefert.« Die Frau starrte mich weiter an. »Akyl.« Ihre Stimme war fast zärtlich. »Würdest du gern mit mir kommen und in meinem großen Haus wohnen? Mit in meinem großen Auto fahren? Eine gute Schule besuchen und zu einem großen und berühmten Mann heranwachsen?« Ich schwieg beharrlich weiter. Der Gedanke, dem Waisenhaus zu entkommen, war verlockend, die Hoffnung auf potenzielle Freiheit berauschend. Aber ich spürte auch die Grausamkeit der Frau, ihren Hang, andere zu manipulieren und zu verletzen. Und ich liebte meine Mutter. Deshalb sagte ich nichts. Die Frau ließ mein Kinn los, nahm ein Taschentuch aus ihrer Rocktasche und wischte sich die Hände daran ab, als wäre ich etwas Schmutziges, das ihre Haut befleckt hatte. »Den sollten Sie im Auge behalten, Herr Direktor.« Der stählerne Ton ihrer Stimme war schneidend wie eine Peitsche auf meinem Rücken. »Glauben Sie mir, entweder tötet er Sie, oder er nimmt Ihnen Ihren Posten weg. Oder beides.« Sie wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um und sah mich an. »Ich will dir etwas verraten, Akyl«, sagte sie. »Alles im Leben dreht sich um Vertrauen. Das zu begreifen ist einfach. Schwierig ist nur herauszufinden, wem man trauen kann. Und wann.« Ihre Stimme war sanfter, fast zärtlich, und ein paar Sekunden lang fragte ich mich, ob ich sie falsch eingeschätzt hatte, ob sie vielleicht doch ein netter Mensch war, jemand, dem man vertrauen konnte, wenn die Nächte näher rückten und die Schatten länger wurden. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie sie mein Kinn gedrückt hatte, an die Grausamkeit in ihren Augen. Vierbeinige Wölfe können ihre Krallen nicht einziehen, die zweibeinigen schon. Ihnen darf man nie vertrauen. Deshalb schüttelte ich bloß den Kopf, denn sprechen wollte ich nicht, aus Angst, ein Zittern in meiner Stimme könnte mich verraten. Sie drehte sich achselzuckend um, schüttelte nur den Kopf, als Schenisch auf sie zueilte, und entfernte sich. Das Geräusch ihrer Absätze auf dem Betonboden hörte sich an, als ob Nägel in Holz getrieben wurden. Danach stand ich noch lange da und fragte mich, ob mein Gefühl mich getäuscht hatte, ob sie mich wirklich hatte adoptieren wollen, ob sie ein neues Leben verhießen hätte. Fragen, die ich nie beantwortet bekommen sollte … Kapitel 44 Saltanat fuhr ins Zentrum von Bischkek, um Albina Kurmanalijewa eine Nachricht zu schicken; aus einem anderen Geheimversteck des usbekischen Geheimdiensts, nahm ich an, einem, das ich nicht kannte. Wie üblich ging es dabei um Vertrauen, beziehungsweise den Mangel daran. Ich persönlich hielt den ganzen Spionagezirkus für Unsinn, ein bis zur Absurdität ausgeklügeltes Relikt aus den alten Sowjetzeiten, in denen alle so damit beschäftigt waren, sich gegenseitig zu bespitzeln, dass niemand merkte, wie ringsherum das ganze Land den Bach runterging. Da war es wesentlich einfacher, kurz zum Telefon zu greifen, sich eine Handvoll Patronen zu besorgen und es darauf ankommen zu lassen. Als Saltanat zurückkam, fragte ich erst gar nicht, wo sie gewesen war, mit wem sie gesprochen und was sie gesagt hatte. Es war, als hätten wir plötzlich eine Glasscheibe zwischen uns, als ob man im Gefängnis einen Häftling besuchte – wobei ich allerdings nicht wusste, wer von uns der Gefangene war. Zwei Tage lang, die sich wie Monate anfühlten, saßen wir herum, schwiegen uns an und rauchten zu viel, während sich die Minuten dahinschleppten. Am Morgen des dritten Tages hatte ich die Nase schließlich voll. Saltanat schlief noch, als ich das Haus verließ und den halben Kilometer zur nächsten Haltestelle ging, von der aus ein marschrutka-Kleinbus die Leute von Tungusch ins Zentrum von Bischkek brachte. Der Bus war bereits zum Bersten voll, weshalb ich fast die ganze Fahrt lang stehen und mich an einer Sitzlehne festhalten musste, während wir über mit Schlaglöchern übersäte Straßen holperten. Die frühmorgendliche Sonne tauchte die Berge des Tienschan in sanftes Licht, das die ganzjährig von Schnee bedeckten Gipfel golden schimmern ließ und durch die Zweige und das knospende Laub der Bäume entlang der Straße schien. Die frische, saubere Luft trotzte den Abgasen und dem Rauch, der sich aus den Schornsteinen kringelte. Wieder einmal wurde mir bewusst, wie schön mein Land war und dass es bessere Menschen verdiente als die, die darin lebten. Aber vielleicht gilt das für jeden Ort auf der Welt. Endlich erreichten wir die besser ausgebauten Straßen von Bischkeks Innenbezirken, und als die ersten Fahrgäste ausstiegen, gelang es mir, einen Sitzplatz zu ergattern. Zum Schutz vor Taschendieben behielt ich dennoch die Hand auf meiner Geldbörse. Als wir die öffentlichen banja-Saunabäder in der Ibraimowa erreichten, quetschte ich mich nach vorne durch, bezahlte dem Fahrer meine neun Som und stieg aus. Von hier waren es zu Fuß zehn Minuten nach Süden zu meinem Wohnblock. Ich wollte sehen, ob er immer noch von der Polizei observiert wurde, und mir, wenn nicht, ein paar Sachen holen, die ich in meiner Wohnung versteckt hatte. Ich kaufte mir an dem Imbissstand an der Ecke Ibraimowa und Moskowskaja eine fleischgefüllte samsa, um beim Essen unauffällig den Eingang meines chruschtschowka-Wohnblocks beobachten zu können. Die Fassade des Plattenbaus war von zahlreichen glühend heißen Sommern und bitterkalten Wintern deutlich in Mitleidenschaft gezogen worden, und irgendein junger Witzbold hatte den Namen seiner Freundin auf die metallene Eingangstür gesprüht. Aber die Wohnungen waren in gutem Zustand und warm; auf jeden Fall besser, als in einer Jurte zu leben. Ich sah auf die Uhr. Kurz vor sieben. Saltanat war inzwischen bestimmt wach und verfluchte mich bereits. Aber mit jedem Tag, an dem wir untätig herumsaßen, wuchs die Gefahr, von meinen Kollegen gefasst zu werden – ich dachte an sie immer noch als Kollegen, nicht als Gegner, und wusste, dass Tynalijews Anweisung, die Dringlichkeit der Fahndung nach mir herabzustufen, viele von ihnen dazu gebracht haben konnte zu überlegen, ob mir nicht doch eine Falle gestellt worden war. Und noch wichtiger war, dass jeder weitere verstrichene Tag bedeutete, dass vielleicht ein weiteres Kind in Graves’ Keller Höllenqualen litt, während jeder Blutstropfen und jedes Betteln um Gnade von einer Videokamera eingefangen wurden. Ich konnte nirgendwo ein Polizeiauto entdecken und war mir ziemlich sicher, dass bei dieser Kälte kein normaler ment im Freien herumstehen würde. Ich wischte mir das letzte Fett der samsa mit dem Ärmel vom Mund, spuckte das unvermeidliche Stück Knorpel aus und ging auf die Eingangstür zu. Der Trick bei der Sache ist, mit absoluter Selbstverständlichkeit aufzutreten, jedem Beobachter zu zeigen, dass man nichts zu befürchten und noch weniger zu verbergen hat. Wehe, man macht einen heimlichtuerischen oder besorgten Eindruck. Selbst wenn einen die Polizei nicht bemerkt, meldet es garantiert eine wachsame Babuschka, die nichts Besseres zu tun hat, als ihren Nachbarn nachzuspionieren. Ich gab die vierstellige Nummer in das elektronische Schloss ein, das man hatte einbauen lassen, nachdem ein Bewohner im dritten Stock erstochen aufgefunden worden war, und drückte die Tür auf. Mochten auch die Sicherheitsvorkehrungen verbessert worden sein, fehlte nach wie vor die Hälfte der Glühbirnen in den einzelnen Etagen, die andere Hälfte war ausgebrannt. Auch der Lift war immer noch dasselbe enge, stinkende Scheißhaus wie eh und je. Ich fuhr damit in das Stockwerk über meinem hinauf und ging im Treppenhaus wieder eine Etage nach unten. Am Rahmen meiner Wohnungstür klebte immer noch ein Streifen Absperrband, aber nichts deutete darauf hin, dass die Wohnung observiert wurde. Nur für den Fall, dass ein eifriger ment auf eine Beförderung hoffte, klopfte ich, und als niemand an die Tür kam, schloss ich sie auf. Tschinara wäre über das Chaos entsetzt gewesen, aber es war nicht schlimmer, als ich erwartet hatte. Die Stühle waren umgestürzt, die Schubladen herausgezogen, ihr Inhalt auf den Fußboden geleert; das Bett hatten sie hochkant gestellt und die Matratze sicherheitshalber mit zwei diagonalen Messerschnitten aufgeschlitzt. Vielleicht hatten die Ermittler wegen der in meiner Wohnung gefundenen Pornos beschlossen, die Stelle mit einem X zu markieren. Die Lyrikbände, die Tschinara so sehr gemocht und sich vom Mund abgespart hatte, waren über den Boden verstreut, ihre Rücken verdreht und gebrochen, Seiten umgeknickt und herausgerissen. Ich erinnerte mich an den Trost, den sie in diesen Gedichten gesucht und gefunden hatte, und fragte mich, wie Lyrik die Welt retten sollte, wenn sie sich nicht einmal selbst retten konnte. Ich griff aufs Geratewohl nach einem Buch und überflog das letzte Gedichte darin: Sterben –, nun, ich weiß, das hat es schon gegeben; doch: auch Leben gabs ja schon einmal. Allem Anschein nach von einem gewissen Jessenin geschrieben. Ich fragte mich, ob er noch lebte, ob er wohl daran interessiert wäre, sich mal mit mir zu treffen. Mit dieser Einstellung, fand ich, müssten wir uns blendend verstehen. Dann blätterte ich zum Frontispiz und erfuhr, dass sich der junge Sergei schon 1925 im zarten Alter von dreißig Jahren im Hotel International in St. Petersburg erhängt hatte. Aus dem Treffen Gleichgesinnter würde also nichts. Ich hob die Bücher vom Boden auf und stellte sie in das Regal zurück, in dem Tschinara sie immer aufbewahrt hatte. Den Rest der Wohnung aufzuräumen sparte ich mir. Für mich existierte die Wohnung, die sie und ich zu unserem Zuhause gemacht hatten, schon nicht mehr. Ich schaute mich nach dem gerahmten Foto von ihr um, das ich behalten hatte. Sie lacht, ihr Haar vom Wind erfasst, während wir in Bosteri am Ufer des Yssykköl-Sees mit dem Riesenrad fahren. Es stand nicht an seinem gewohnten Platz, aber dann entdeckte ich es, mit der Bildseite nach unten, halb verdeckt von einem Haufen Kleider. Der Rahmen war ganz, aber das Glas war zerbrochen, und jemand hatte Tschinaras Foto mittendurch gerissen, wahrscheinlich um nachzusehen, ob dahinter etwas versteckt war. Mit einer der Hälften in jeder Hand hielt ich die gezackten Ränder aneinander, in der Hoffnung, sie wieder ganz zu machen, sie ins Leben zurückzuholen. Aber es war unmöglich; das Leben zwingt einen zu Boden, fischt einem alles Glück und alle Behaglichkeit, die man sich erhofft hat, aus den Taschen. Das Leben hatte meine Frau sterben lassen und mich zu ihrem Mörder gemacht. Und das Wissen, lediglich ihr unvermeidliches Ende beschleunigt zu haben, schmälerte meine Schuldgefühle nicht im Geringsten. Ich steckte die zwei Hälften des Fotos in meine Jackentasche, und als mir wieder einfiel, warum ich in die Wohnung gekommen war, ging ich in die winzige Küche. Wie erwartet, waren Herd und Kühlschrank durchsucht und die Türen offen stehen gelassen worden, was das süßliche Aroma verdorbenen Essens erklärte. Aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, gründlich unter der Spüle nachzusehen. Vor Jahren hatte ich dort eine vorgesetzte Rückwand mit fünf Zentimeter Zwischenraum zu der dahinter liegenden Betonwand eingezogen. Man weiß nie, wann es einem nicht mehr möglich sein wird, an sein Hauptwaffenlager heranzukommen. Da ich die Risse an beiden Seiten zugegipst und übermalt hatte, konnte man sie nur bei sehr genauem Hinsehen entdecken. Und so viel Mühe hatte sich niemand gemacht. Mit einem Schraubenzieher stemmte ich die Rückwand auf und fasste dahinter. Meine Finger tasteten nach dem schmalen, in Folie eingeschlagenen Päckchen, das für seine Größe erstaunlich schwer war. Als ich mich aufrichtete und es in meine Tasche steckte, erinnerte mich das Knacken meiner Knie daran, dass ich nicht jünger wurde. Ich sah auf die Uhr; inzwischen war ich schon eine halbe Stunde hier. Zeit, zu verschwinden; ich war sowieso zu lange geblieben. Ich lauschte an der Tür, bevor ich sie öffnete, aber der Flur hörte sich verlassen an. Als ich die Tür hinter mir zuzog, klang das leise Klicken des Schlosses endgültig. Das Ende meines alten Lebens, sagte ich mir. Die einzige Frage war, ob es auch einen Neuanfang geben würde. Ich hastete die Treppe hinunter und schaffte es nur mit Mühe, den Müllhaufen auszuweichen, die sich auf jedem Absatz angesammelt hatten. Was das Innere unserer Wohnungen angeht, sind wir Kirgisen sehr auf Sauberkeit und Ordnung bedacht, aber mit den Gemeinschaftsflächen ist das eine völlig andere Sache. Vielleicht fehlen den Lampen deshalb immer die Glühbirnen. Ich hatte es eilig, und im Treppenhaus war es dunkel, weshalb ich die leere Baltika-Flasche erst sah, als ich auf sie trat. Sie rollte mir unter der Sohle weg und zog mich mit. Ich geriet aus dem Gleichgewicht und ruderte mit den Armen wie einer dieser Clowns im Russischen Staatszirkus, die die Ferien immer so schrecklich machten, bevor ich mit dem Kopf gegen die Wand schlug. Ich war nur drei Minuten lang bewusstlos, aber anscheinend genügte das. Denn als ich zu mir kam und meinen Kopf an der Stelle zu betasten versuchte, mit der ich gegen die Wand geknallt war, merkte ich, dass ich meine Hände nicht bewegen konnte. Und dass ich blind war. Kapitel 45 Irgendwie war es mir gelungen, bei meinem Sturz Schuhe und Socken zu verlieren und mir einen Sack über den Kopf zu ziehen. Außerdem hatte ich mit zwei Kabelbindern meinen rechten Daumen an meiner linken großen Zehe und meine rechte große Zehe an meinem linken Daumen befestigt. Wahrscheinlich sah ich aus, als nähme ich gerade eine besonders schwierige Yogastellung ein. »Man muss beim Festziehen dieser Kabelbinder sehr vorsichtig sein.« Die Frauenstimme war so dicht an meinem Ohr, dass ich zusammengezuckt wäre, hätte ich mich bewegen können. »Zu locker, und dem Gefesselten gelingt es, sich herauszuwinden«, fuhr sie fort. »Zu fest, und die Blutzufuhr wird unterbrochen, und nach wenigen Stunden bleibt nur noch die Amputation. Seien Sie also froh, dass ich Ihnen keinen um Ihren Schwanz gezogen habe.« »In der Größe hätten Sie gar keinen bekommen«, konterte ich. »Wenn Sie hier eine große Klappe riskieren wollen, habe ich noch ein paar andere Spielsachen dabei, die ich sehr mag. Sie wahrscheinlich weniger, aber das dürfte das geringste unserer Probleme sein.« Die Frau hatte ihre Lippen ganz dicht an meinem Ohr. Ich konnte ihren Duft riechen, süß, intensiv, aber auch morbid, wie verwelkende Blumen in wochenaltem Wasser. Ihre Stimme war leicht heiser, als ob sie vor langer Zeit einen Schlag gegen den Kehlkopf bekommen und sich nie mehr ganz davon erholt hätte. Sie brauchte Drohungen nicht zu flüstern, um angsteinflößend zu klingen. »Ist Ihnen schonmal aufgefallen, wie jemand geht, dem die Zehen abgeschnitten worden sind? Man möchte meinen, das dürfte keinen großen Unterschied machen, ein paar so kleine Knöchelchen, mit kaum Fleisch dran. Und es geht so einfach, wie Zehennägel schneiden, nur ein wenig weiter hinten. Aber glauben Sie mir, es macht sehr wohl etwas aus. So jemand schlurft, als ob er betrunken wäre oder eben erst zu gehen gelernt hätte. Statt einfach über ein Hindernis zu steigen, muss er um es herumgehen. Er schafft es keine Treppe hinauf und kann nie wieder Fußball spielen.« Ich sagte nichts. »Sie scheinen uns für ganz schön dumm zu halten, Inspektor Borubaew. Oder sollte ich besser Exinspektor sagen? Sind Sie inzwischen nicht einer von den kleinen Leuten geworden? Jemand, der sich ständig umschaut, ob nicht vielleicht irgendein karrieregeiler ment den gesuchten Kinderpornographen entdeckt hat, um ihm zwei Kugeln zwischen die Schulterblätter zu jagen und prompt die Karriereleiter hinaufzufallen?« Ich spürte, wie sie mich mit zur Seite geneigtem Kopf ansah. »Manchmal machen es einem Leute wie Sie einfach zu einfach. Als würden sie die schwierigen Wörter in einem Kreuzworträtsel schon vorher eintragen. Ich wusste, dass Sie früher oder später herkommen würden. Deshalb haben wir oben an Ihrer Wohnungstür einen kleinen Bewegungsmelder angebracht. Als Sie sie geöffnet haben, wurde die Verbindung unterbrochen, und wir wussten, dass Sie zurückgekommen waren. Fünfzehn Minuten später waren wir hier, das Auto haben wir direkt vor dem Eingang abgestellt. Wir wollten gerade hochkommen, als wir in der Wohnung die Lichter ausgehen sahen. Dann sind Sie im Dunkeln gestolpert, und wir haben Sie aus dem Treppenhaus geholt.« Ich spürte, wie mich Hände packten, hörte das Knallen der metallenen Eingangstür des Wohnblocks und wurde mit dem Gesicht nach unten weggetragen. Der Kofferraum eines Autos ging auf, und ich prallte vom Reservereifen zurück, als ich hineingeworfen wurde. Ich spürte die leichten Erschütterungen, als die Autotüren geöffnet und geschlossen wurden, und hörte das Brummen des Motors, als er angelassen wurde und ansprang. Die Fahrt war ungemütlich, aber wenigstens ging es über Straßen, was die schwache Hoffnung in mir weckte, dass sie keinen Ausflug in die Berge mit mir machen wollten, um mir dort als krönenden Abschluss eine Kugel in den Kopf zu jagen. Ich tat mein Bestes, mein Gewicht vom Reservereifen zu wälzen und es mir etwas bequemer zu machen. Aber Bequemlichkeit ist etwas Relatives, wenn man gefesselt ist. Ich spürte den Rand der Felge gegen mein Knie drücken und hörte, wie meine Hose an etwas hängen blieb und riss, als ich mich mühsam nach hinten wuchtete. Ich versuchte es weiter und rollte ein Stück nach vorn, bis ich meinen kleinen Finger gegen den Rand der Felge drücken konnte. Kaltes Metall, ein scharfkantiger Riss, etwa einen Zentimeter lang, wo vielleicht ein Stein gegen die Felge geprallt war. Einer der unverhofften Vorteile in einem Land mit von Schlaglöchern übersäten Straßen. Ich rieb meinen Finger an dem kalten Metall und spürte, wie meine Haut nachgab und zu bluten begann. Ich rechnete mir kaum Chancen aus, aber es war alles, was ich hatte. Ich veränderte noch einmal meine Haltung, bis ich mit dem Gesicht nach unten lag, den Arsch in die Höhe gereckt, mein Daumen an der Felge. Ich begann, an dem Kabelbinder zu sägen, der meinen Daumen an meine Zehe fesselte, und fragte mich, wie viel Zeit mir bliebe. Jedes Mal wenn das Auto um eine Ecke bog, flog ich nach hinten, und ich musste mich mühsam wieder in meine alte Position bringen und von vorn beginnen. Im Dunkeln war es schwer, die genaue Stelle zu finden, und nach wenigen Minuten war das Metall glitschig von meinem Blut. Der Schmerz brannte wie Feuer, das sich mit jeder Bewegung von Plastik auf Metall in meine Haut fraß. Trotzdem sägte ich weiter. Vielleicht war mein Daumen hinterher zu nichts mehr zu gebrauchen, aber das war die geringste meiner Sorgen. Gott allein wusste, was aus meiner Zehe würde, aber ich hatte nicht vor, nochmal Fußball zu spielen. Jedenfalls sägte ich gefühlte zwei Stunden lang weiter, bis ich den Kabelbinder plötzlich abfallen spürte. Ich saugte an meinem Daumen, fuhr mit der Zunge über den Schnitt, und mein Mund füllte sich mit Blut und Haut. Eine meiner Hände war jetzt frei, und ich fasste damit in meine Tasche und holte Zigaretten und Streichhölzer heraus. Ich widerstand der Versuchung, mir eine anzuzünden, und riss stattdessen nur ein Streichholz an. Es waren mehrere Streichhölzer nötig, bis sich meine Augen an das plötzliche Aufflammen gewöhnt hatten, und ich fürchtete, einen Benzinkanister in Brand zu stecken, weshalb ich darauf achtete, dass kein Streichholz mehr glomm, bevor ich das nächste anzündete. Ich war nie zuvor im Kofferraum eines Autos gefahren, und es war nichts, worüber man seinen Verwandten hätte schreiben wollen. Auf einer Seite lag das übliche Gerümpel, darunter auch ein paar Decken. Ich fand es ein wenig ärgerlich, dass niemand daran gedacht hatte, sie auszubreiten und mir meine Fahrt etwas bequemer zu gestalten. Ich nahm mir fest vor, mich beim Reiseleiter zu beschweren. Ein Montiereisen schien mir gut dazu geeignet, ihm meinen Standpunkt klarzumachen, aber ich entschied mich rasch dagegen. Sollte jemand den Kofferraum öffnen, würde er nicht lange dastehen und überlegen, was ich vorhatte, während ich mit dem Montiereisen in der Hand herauskletterte und zum Schlag ausholte. Deshalb fasste ich in meine Tasche, zog das Päckchen heraus, das ich aus meiner Wohnung geholt hatte, und machte mich daran, das Klebeband abzulösen, mit dem es umwickelt war. Der Inhalt würde mir helfen, aus diesem Auto zu kommen. Kein Dietrich, keine Säge. Nein, zwei Messer. Aber keine gewöhnlichen Küchenmesser. Uigurische Messer. Kapitel 46 Für alle, die es noch nicht wissen: Uigurische Klingen sind das zentralasiatische Äquivalent eines japanischen Samuraischwerts, die ultimative Kombination aus Präzisionsstahl und jahrhundertealter Handwerkskunst. Es heißt, wenn man ein uigurisches Messer in die Höhe hält und im Wind einen Seidenschal gegen die Klinge wehen lässt, teilt sich die Seide mit einem glatten Schnitt. Wenn nicht, hat das Messer einen Fehler, und der aufwändige Herstellungsprozess muss von neuem beginnen. Ich weiß nicht, ob an dieser Geschichte etwas Wahres ist, denn ich hatte nie einen Seidenschal, um die Probe aufs Exempel zu machen, aber es sind nichtsdestotrotz furchterregende Waffen. Die Uiguren leben auf der anderen Seite des Torugart-Passes, der von Kirgisistan nach China führt, und die Herstellung von Messern ist eine ihrer stolzesten Traditionen, eine, die sie seit Jahrhunderten pflegen. Jeder Uigure hat immer mindestens ein Messer bei sich, das er von der Halal-Schlachtung bis zum Schälen von Obst und Gemüse für alles verwendet. Das Know-how wird normalerweise vom Vater an den Sohn weitergegeben, und die Uiguren legen sowohl auf die Schönheit ihrer Messer als auch auf ihre Funktionalität großen Wert. Entsprechend sind die Griffe mit kunstvollen Muschel- oder Knochenintarsien oder mit Halbedelsteinen verziert. Meine waren allerdings anders, sehr anders. Vor einigen Jahren hatte ich einem alten Uiguren geholfen. Er hatte jahrelang in einer winzigen Wohnung in einem der älteren, heruntergekommeneren Wohnblocks in Alamedin gewohnt, aber dann drohte der Hausbesitzer damit, ihn auf die Straße zu setzen. Zwei Schlägertypen versuchten den alten Mann zu überreden, sich eine neue Unterkunft zu suchen. Einer von ihnen verlor einen Daumen und einen Zeigefinger, als er feststellte, wie scharf uigurische Messer sind. Am nächsten Tag kam er zurück, diesmal mit einer Makarow, und nicht ohne vorher noch ein wenig mit dem anderen Abzugsfinger geübt zu haben. Ich nahm ihm seine Kanone ab und brach ihm dabei alle drei Knochen seines verbliebenen Zeigefingers. Ein schlechtes Gewissen hatte ich deswegen nicht: Er hatte bestimmt nicht vor, seine Memoiren zu schreiben. Der alte Mann war mir dankbar und setzte es mir in gebrochenem Kirgisisch auseinander. Ich wunderte mich ein wenig, als er meine Hände ergriff und die Länge meiner Finger, die Muskeln in meinen Handflächen und die Beweglichkeit meiner Handgelenke taxierte. Sechs Monate später erschien der Alte in der Zentrale und steckte mir mit einem breiten zahnlückigen Grinsen ein schmales Päckchen in die Innentasche meiner Jacke. Als ich danach greifen wollte, setzte er eine warnende Miene auf und schüttelte mit blitzenden Goldzähnen den Kopf. Unser kleines Geheimnis. Sobald er gegangen war, kehrte ich in mein Büro zurück und öffnete das Päckchen. Zwei Messer, allerdings keine traditionell verzierten uigurischen. Es waren brutal aussehende, schmucklose Wurfmesser, mit schweren Griffen, eindeutig handgefertigt. Sie waren zum Kämpfen, zum Töten gemacht, zu sonst nichts. Sie lagen perfekt in der Hand, und jetzt begriff ich, warum sich der alte Mann meine Hände so genau angesehen hatte. Ich nahm eines, wog es in der Hand und warf es auf meine Bürotür. Der Knall, mit dem es in das Holz einschlug, muss noch auf der Straße zu hören gewesen sein, und das Schwirren, mit dem es durch die Luft sauste, ging mir durch und durch. Ich kaufte mir ein paar Dartboards, leimte sie zusammen und befestigte sie an der Rückseite der Schlafzimmertür. Ich übte das Messerwerfen, bis ich es ziemlich gut konnte, zumindest aus drei Meter Entfernung. Zuerst fragte Tschinara mich noch, wann ich alles hinschmeißen und zum Zirkus gehen würde, aber dieser Witz verging ihr schnell. Dann begann sie sich über den Lärm zu beschweren und fragte, warum ich mir kein leiseres Hobby zulegen konnte. Ich versprach ihr, mich von den Messern zu trennen. Was ich in gewisser Weise auch tat, indem ich sie in der Hoffnung, sie nie zu brauchen, in ihrem Versteck verstaute. Wenn das Leben nur so friedlich wäre. Ist es aber selten. Ich durchtrennte mit dem Messer den letzten Kabelbinder und streckte mich, so gut es in der Enge ging. Während das Auto unaufhaltsam weiter dem mutmaßlichen Ende meines Lebens entgegenfuhr, fand ich eine Rolle Klebeband und befestigte damit eins der Messer unter dem Hemd an meinem Rücken, das andere hielt ich wurfbereit in der Hand. Beim Messerwerfen kommt es vor allem auf das Handgelenk an, auf das explosive Vorschnellen und Loslassen, mit dem die Klinge losgeschleudert wird. Am Dartboard hatte ich das lange genug geübt, aber an einem Menschen hatte ich es noch nie ausprobiert. Ich machte mir keine Sorgen zu verkrampfen, wenn es so weit war; der Selbsterhaltungstrieb räumt mit derlei Unsinn gründlich auf. Ich fürchtete nur, nicht zu treffen. Denn sobald man sein Messer geworfen hat, hat man sich selbst entwaffnet. Deshalb hielt ich mit der anderen Hand weiter das Montiereisen umklammert. Wegen meines blutenden Daumens war es glitschig, und ich konnte es kaum festhalten, aber das war immer noch besser, als mit nichts Tödlicherem als einem Lächeln aus dem Kofferraum zu klettern. Als ich so im Dunkeln lag und darauf wartete, zu töten oder getötet zu werden, zogen Erinnerungen an mir vorüber, gerade so, als wollten sie mir Zeiten ins Gedächtnis rufen, in denen ich mich unsterblich gefühlt, in denen die Welt mir gehört hatte. Tschinara, wie ich sie im kalten Wasser des Yssykköl-Sees an mich zog und küsste, geblendet von dem Licht, das der Schnee auf den Bergen zurückwarf. Freude, die kein Ende zu nehmen schien, Schmerz, der nicht nachzulassen schien. Die fahle Narbe, die an Tschinaras Krebs erinnerte. Die Leichen, an denen zu sehen war, wie Flaschen und Klingen und Kugeln alles Leben aus einem Menschen weichen lassen können. Und der Geschmack von Angst in meinem Mund, so sauer wie billiger Wein und Kupferdraht. Dann bog das Auto ab und fuhr langsamer, und hinter uns ertönte das Scheppern eines sich schließenden Tors. Dass es an der Zeit war zu sterben, schien mir die wahrscheinlichste Option zu sein. Ich hätte gern noch mehr Jahre gehabt, Kinder, die ich schelten, Enkel, die ich verziehen konnte. Aber wir alle bekommen, was uns bestimmt ist, in meinem Fall eher früher als später. Ich vermutete, dass wir wieder auf Graves’ Grundstück waren. Ich hielt den Atem an, wartete, dass der Kofferraum aufging, und hoffte, dass ich mein Gegenüber, und sei es nur ein paar Sekunden lang, überrumpeln konnte. Mit etwas Glück war es vielleicht sogar Kurmanalijewa selbst, und ich konnte Saltanats Fehde mit ihr an Ort und Stelle klären. Das Schloss schnappte auf, Tageslicht strömte herein. Zumindest eins musste man dem Kerl lassen, der zu mir hereinschaute: Er hatte gute Reflexe. Fast wäre er schnell genug gewesen, um einen Schritt zurück zu machen und Alarm zu schlagen, dass ich mich irgendwie befreit hatte. Aber ich war schneller. Es kam mir vor, als bewegte ich mich in Zeitlupe und hätte alle Zeit der Welt, um zu zielen, die Verblüffung in seinen Augen zu registrieren und seinen Mund sich zu einem stummen Schrei verzerren zu sehen. Das Messer verließ meine Hand mit demselben Schlenker des Handgelenks, den ich so oft geübt hatte. Wie ein aus heiterem Himmel herabfahrender Sommerblitz erfasste Sonnenlicht die Klinge, als sie mit der mühelosen Eleganz eines Adlers, der sich auf seine Beute stürzt, durch die Luft sauste. Der Blitz wurde blutrot, als die Klinge knapp unter dem linken Ohr des Mannes seinen Hals traf. Noch während der erste dünne Strahl aus seiner Halsschlagader spritzte, stieß ich mich mit den Füßen an der Rückwand des Kofferraums ab und schnellte nach vorn. Als würden die Schmerzen davon nachlassen, griff der Mann mit den Händen nach dem Messer und versuchte, es herauszuziehen, aber seine Augen verdunkelten sich bereits. Ich packte den Griff, drehte ihn und zog ihn gleichzeitig zur Seite. Mit der anderen Hand drosch ich ihm das Montiereisen zwischen die Augen. Warm und klebrig spritzte mir sein Blut ins Gesicht. In einem Moment, der Stunden dauerte, schlug ich mit dem Montiereisen auf eine Hand, in der ich aus dem Augenwinkel eine Pistole auftauchen sah. Knochen splitterten, der Aufprall schoss schmerzhaft meinen Arm hinauf, und wie aus weiter Ferne hörte ich einen Wutschrei, der, wie ich merkte, von mir kam. Und dann sprang alles in die Gegenwart zurück, als ich den unverkennbaren Biss eines Pistolenlaufs spürte, der sich in meinen Hinterkopf bohrte. »Jetzt reicht’s aber, Inspektor«, sagte eine Frauenstimme, schroff und rau wie das Krächzen einer Krähe. »Ich bin nicht erpicht darauf, Sie umzubringen. Noch nicht.« Ich hielt inne, versuchte, wieder zu Atem zu kommen, und spürte das Adrenalin durch meine Adern rauschen. Ich ließ das Messer und das Montiereisen fallen. Sie kamen neben der Leiche des Mannes zu liegen, den sie gerade getötet hatten, fast so, als hätte ich nichts mit seinem Tod zu tun. Einen Meter weiter hielt sich ein anderer Mann vornübergebeugt seine zertrümmerte Hand, sein Gesicht grau vor Schmerz und Schock. Nach dem Kofferraum schmeckte die Luft frisch und lebendig. Ich fragte mich, wie lange ich noch Gelegenheit haben würde, sie zu genießen. »Sie sind eindeutig im Vorteil«, sagte ich in meinem besten Ermittlerton, aber mit weichen Knien. Mein Herz begann allmählich langsamer zu schlagen. »Allerdings.« Der Lauf ihrer Pistole grub sich fester in meinen Hinterkopf. »Und so soll es auch bleiben.« »Albina Kurmanalijewa«, sagte ich. Es war keine Frage. »Sie haben sich ja mächtig ins Zeug gelegt, Sie und diese Schlampe«, sagte sie. »Nur hat sie sich nie zu solchen Dummheiten hinreißen lassen. Aber Sie? Sie sind wie alle Männer, kaum wittern sie irgendwo ein bisschen pisda, verlieren sie auch noch das Wenige an Verstand, das Sie von Ihrer Mutter mitbekommen haben.« Ich zuckte mit den Achseln, sehr langsam, um ihr bloß keinen Anlass zu bieten abzudrücken. »Und wie soll es jetzt weitergehen?«, fragte ich. Plötzlich wurde mir speiübel. Das Blut auf meinem Gesicht fühlte sich an wie eine Maske, die ich zur Tarnung aufgesetzt hatte, nur um feststellen zu müssen, dass ich sie nicht mehr abnehmen konnte. Der Geruch von zu intensivem Parfüm ließ mich würgen, und ich spürte Galle in meine Kehle steigen. Ich stand bloß da und versuchte, nicht zu kotzen. »Sie haben doch sicher eine gesunde Portion Ehrgeiz«, murmelte Kurmanalijewa, und ich bekam eine Gänsehaut. »Wie finden Sie das? Sie werden Filmstar, Inspektor.« Kapitel 47 Ich habe in meinem Arbeitsleben viel Zeit in Kellern verbracht und dort, egal unter welchen Umständen, nie angenehme Erfahrungen gemacht. Nur zu oft erschienen mir Keller wie ein Vorgeschmack darauf, auf Dauer unter die Erde zu kommen. Ich wurde in Kellern geschlagen, gefoltert und mit dem Tod bedroht. Ich habe dort Menschen sterben sehen, ihnen sterben geholfen. Ich wurde in Kellerverhörzimmern Zeuge, wie ein kräftig gebauter ment ein Geständnis aus einem Verdächtigen herausprügelte. Keller gehören nicht zu meinen Lieblingsorten. Aber als Platz zum Sterben sind sie fast unschlagbar. In diesem Keller schien sich nichts geändert zu haben, seit Saltanat und ich in das Haus eingebrochen waren, was Jahre her zu sein schien. Keine frischen Blutflecken auf dem Boden, die Haken und Messer immer noch in ihren Halterungen, Seile und Ketten ordentlich zusammengerollt in einem Regal. Nicht, dass ich davon viel zu sehen bekam, denn mein Kopf sowie meine Hand- und Fußgelenke waren mit Lederriemen an einen schräg aufgerichteten Tisch geschnallt, der nach getrocknetem Blut stank. Ich suchte Trost in dem Gedanken, dass außer mir niemand mehr in das erbarmungslose Auge der Kamera hatte starren müssen, seitdem wir unsere Jagd begonnen hatten. Ein kleiner Junge, der seinen Fußball gegen eine Wand mit einem mit Kreide aufgemalten Tor kickte, ein kleines Mädchen, das seiner Lieblingspuppe Schlaflieder vorsang; sie waren in Sicherheit, wenn auch nur fürs Erste. Wenn mein Leben der Preis für ihre Sicherheit war, dann war ich bereit, ihn zu zahlen, das gehörte zum Berufsrisiko eines jeden Polizisten, sobald er sich seine Dienstmarke ansteckte und seine Pistole umschnallte. Was meine Tapferkeit anging, gab ich mich keinen Illusionen hin. Dafür hatte ich zu viele Menschen gesehen, denen in solchen Kellern das Rückgrat gebrochen worden war. Selbst die hartgesottensten Kerle beginnen zu reden, wenn man ihnen eine Nadel unter die Fingernägel treibt oder eine brennende Zigarette an die Augen hält. Der Kreis der Brüder mochte seinen Mitgliedern vielleicht ein Schweigegebot auferlegen, aber was nützen einem diese Brüder, wenn man dabei zusieht, wie jemand einen Becher heißes Öl in einen Trichter füllt oder die Schneide eines Küchenmessers wetzt. Es braucht nicht viel, um einen Mann zum Sprechen zu bringen. Manchmal genügt dafür schon der bloße Gedanke an den bevorstehenden Schmerz. »Ich muss mich entschuldigen, Inspektor, dass ich mich mit Ihnen an keinem passenderen Ort unterhalten kann.« Die Stimme Kurmanalijewas war heiser und bedrohlich. Sie kam in mein Blickfeld, ihr blondes Haar zu einem Pferdeschwanz gebunden, ihr Kostüm makellos. Wer etwas ganz Besonderes an Sammler zu verkaufen hat, kann sich selbst das Allerbeste leisten. »Ich dachte immer, das wäre einer deiner Lieblingsorte, Albina.« Zum Zeichen meiner Verachtung duzte ich sie. »Der einzige Ort der Welt, an dem du dein wahres Wesen zeigen kannst.« Kurmanalijewa lächelte. So nahe bei ihr, konnte ich sehen, dass auch der dick aufgetragene Lippenstift die schmalen, blutleeren Lippen nicht verbergen konnte. Ihre Haut sah gestrafft aus, wächsern. Ich fragte mich, ob Eitelkeit der Grund für die Schönheitsoperationen, die Liftings gewesen war oder ob sie nur vermeiden wollte, erkannt zu werden. Ihr Gesicht war das einer Frau Anfang dreißig, schätzte ich, aber ihre Hände waren alt, kräftig und brutal, die Adern wie blaue Schnüre unter ihrer Haut. Ende vierzig, Anfang fünfzig? Es spielte nicht wirklich eine Rolle. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie mit mir vögeln wollte, bevor sie mich umbrachte. »Ihnen ist hoffentlich klar, Inspektor, dass mir die Dinge, die ich Ihnen gleich antun werde, keinen Spaß machen. Ganz im Gegenteil zu einigen meiner Kollegen. Sie lassen sich in ihrem Eifer manchmal zu Dingen hinreißen, die tragische Folgen haben. Tragisch natürlich vor allem für die betroffene Person, tragisch aber auch insofern, als man unter Umständen nicht alle gewünschten Auskünfte erhält. Und dann diese furchtbare Sauerei, die hinterher weggemacht werden muss.« Sie streckte die Hand aus und fuhr mit einem Fingernagel über meine Stirn. An meinem rechten Auge hielt sie an. Die Berührung war so zart wie ein Windhauch. »Ich dagegen weiß ganz genau, was ich tue. Wann ich anfangen muss. Und wann aufhören. Wann ich jemanden darüber nachdenken lassen muss, wie sinnlos es ist, den Helden spielen zu wollen.« Sie drückte nur ein ganz kleines bisschen fester zu, und ich konnte ihren Fingernagel an meinem Augapfel spüren. Ein halber Zentimeter mehr, und sie würde mich blenden. Dann zog sie, fast kokett, die Hand zurück. »Und das, Inspektor, ist der Grund, warum ich die Beste bin. Zu Ihrem Leidwesen.« Sie drehte sich um und entfernte sich aus meinem Blickfeld. Ich hörte das Knarren eines Stuhls, das Ratschen, als sie ein Streichholz anriss, und das Knistern ihrer Zigarette, als sie gierig den Rauch einsog und ihn kurz darauf zufrieden in den Raum blies. »Ich halte es für ein Klischee, dass man nach dem Sex eine Zigarette besonders genießt. Sie nicht auch? Ich persönlich rauche lieber, bevor es zur Sache geht, bevor ich loslege. Es ist das Ritual, wissen Sie. Und das Gefühl von Kontrolle. Rauch und Feuer und Tod, alles in diesem weißen Stengel Leidenschaft. Haben Sie schon einmal jemanden sagen hören, dass er sterben würde für eine Zigarette? Manchmal lasse ich das wahr werden.« Ich seufzte, als ob ich das alles schon einmal gehört hätte. »Was willst du jetzt eigentlich, Albina?«, fragte ich. »Zuerst einmal wüsste ich gern, wie ich Frau Umarowas habhaft werden kann.« »Ich weiß nicht, wo sie ist«, sagte ich, erleichtert, dass Saltanat und ich uns nicht in der Wohnung verabredet hatten. »Und um ehrlich zu sein, weiß ich auch nicht, was es dir noch bringen sollte, sie zu finden«, fuhr ich fort. »Inzwischen ist doch schon viel zu viel über dich und über Graves bekannt.« Sie lachte nur. »Sie würden sich wundern, wie wenig die Leute hören, wenn man ihnen Som in die Ohren stopft, Inspektor. Für den entsprechenden Preis schaut jeder weg.« »Du möchtest, dass ich sie verrate?« »Ich möchte, dass Sie sich eine Menge unnötiger Unannehmlichkeiten ersparen. Wenn sie jetzt hier wäre, neben ihnen angeschnallt, in einem Anfall von Sentimentalität vielleicht sogar Ihre Hand hielte, wem sollte ich Ihrer Meinung nach ein Auge ausstechen? Ihr oder Ihnen?« Ich schwieg. Kurmanalijewa stand jetzt wieder vor mir, blies mir Rauch ins Gesicht und lächelte. Aber es war mehr eine Grimasse als ein Lächeln, und es ließ sie gleichzeitig menschlich und wahnsinnig aussehen. »Mehr brauche ich dazu wohl nicht zu sagen, Inspektor«, zischte sie und betrachtete versunken die Glut ihrer Zigarette, bevor sie sie auf meiner linken Hand ausdrückte. Zwar war meine Linke übersät mit den Narben, die ich mir im Zug der Tynalijew-Affäre zugezogen hatte, und einige der Nervenenden waren beschädigt, das Narbengewebe dick genug, um den Schmerz zu lindern. Aber es genügte trotzdem, mich aufschreien zu lassen. Kurmanalijewa warf die Kippe auf den Boden und trat sie mit ihrem Schuh aus. Elegante scharlachrote High Heels, stellte ich bei dieser Gelegenheit fest. Wenn ich schon gefoltert werden musste, dann wenigstens mit Stil. Sie streckte die Hand wieder nach meinem Gesicht, meinem Auge aus und lächelte, als ich zurückzuckte. Sie tätschelte meine Wange, und ihr Fingernagel raspelte über die Stoppeln auf meinem Kinn. Mir troffen Schweißtropfen den Rücken hinunter. »In den guten alten Sowjetzeiten«, sagte sie, »war ich zwei Jahre in Moskau in der Lubjanka stationiert. Im Kreml wollten sie unbedingt sicherstellen, dass ihre Satellitenstaaten loyal blieben oder sich zumindest friedlich verhielten. Deshalb bot es sich geradezu an, einige Zentralasiaten mit ins Boot zu holen.« Während sie sprach, ging sie zum Regal mit den Messern, Haken und Peitschen hinüber. Sie prüfte mit der Fingerspitze die Spitze eines Filetiermessers, fuhr mit dem Daumen über die Schneide einer schmalen Klinge und überlegte, womit sie mir Schmerz zufügen sollte. Nach kurzem Zögern entschied sie sich für eine alte rostige Zange. »Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie mich jetzt für eine ›Verräterin‹ oder Schlimmeres halten«, fuhr sie fort. Da sie mir den Rücken zugewandt hatte, konnte ich ihren Gesichtsausdruck nicht sehen. »Aber das waren damals andere Zeiten. Die Russen verhießen Stabilität, Frieden. Verluste gibt es immer. Aber die Leute, die von Demokratie tönen, sind immer diejenigen mit einem Pass und Geld für die Ausreise.« Sie drehte sich wieder zu mir um und blieb vor mir stehen. Ihre Augen bohrten sich in meine. »Kein Kommentar, Inspektor?«, fragte sie. »Sie waren mehrere Jahre in einem Waisenhaus. Sie wissen, was für turbulente Zeiten das waren.« Ich sagte nichts. Ich wollte sie nicht provozieren und keine weiteren Schmerzen riskieren. »Wussten Sie, dass die Lubjanka ursprünglich die Zentrale einer Versicherungsgesellschaft war?« Sie lachte wieder dieses schreckliche falsche Lachen. »In bestimmter Hinsicht ist sie das, genauer besehen, auch geblieben. Eine Versicherung für die Elite und das Land.« Achselzuckend nahm sie ihren Rundgang durch den Raum wieder auf. »Ich habe die Vorzüge der Geduld kennengelernt. Beginnt man zu früh mit der Zange oder den Stromschlägen, bringt man seine Informationsquelle entweder um, oder sie schalten auf stur und erzählen einem gar nichts mehr. So, wie ich vorgehe, werden Sie mir alles erzählen. Ich werde die Mutter aller Beichtväter für Sie. Die Wörter werden nur so aus Ihnen hervorquellen und Ihnen leichter über die Lippen gehen, als Sie glauben.« Ich blieb still, schloss die Augen und wünschte mir, das auch mit meinen Ohren tun zu können. Ich wusste, dass sie recht hatte. Früher oder später würde ich reden. Ihre Stimme fuhr fort, lockend, darauf bedacht, mir ihren Standpunkt klarzumachen. »Normalerweise würde ich mir Zeit lassen. Ein bisschen Schmerz mit viel Mitgefühl und Verständnis mischen. Allerdings will ich das gar nicht, ebenso wenig wie Sie. Aber lassen Sie mir denn eine Wahl?« Ich biss mich in die Innenseite meiner Wange und konzentrierte mich auf den Schmerz, um ihre hypnotische Stimme auszublenden. Eine gängige Technik, wenn man verhört wird. Aber es war nur eine Frage der Zeit, bis ich einknicken würde. Stunden, Tage, Wochen; nichts davon zählt, wenn man sich vor den nächsten paar Minuten fürchtet. »Soweit ich mich erinnere, haben Sie schon geschwiegen, als wir uns das letzte Mal begegnet sind. Oder wissen Sie das nicht mehr?« Ich erinnerte mich an ihr Parfüm, den Duft welkender Lilien, die Rundung ihrer Brüste, die Grausamkeit in ihren Augen. Die Frau im Waisenhaus. Selbst damals schon hatte ich ihre Bösartigkeit erkannt. Ohne Vorwarnung kniete Kurmanalijewa vor mir nieder, löste den Schnürsenkel meines linken Stiefels und zog ihn mir zusammen mit der Socke aus. Ich versuchte meinen Fuß zurückzuziehen, aber die Lederriemen hielten mich fest. »Kitzlig?«, fragte sie und fuhr mit dem Fingernagel leicht über meine Fußsohle. Sie blickte zu mir hoch und zwinkerte mir verschwörerisch zu. Ich sah, wie sie die Zange hochhielt. »Die habe ich schon einige Zeit nicht mehr benutzt«, sagte sie munter und ließ die Backen zuschnappen, auf und wieder zu. »Ich hoffe nur, ich bin nicht aus der Übung gekommen.« Sie hielt die Zange an meine linke kleine Zehe und drückte zu, gerade fest genug, um mich den kalten Stahl spüren zu lassen. »Klein anfangen, das war immer schon mein Motto«, sagte sie gut gelaunt, als brächte sie bei einer Geburtstagsfeier einen Toast aus. »Der Trick dabei ist, das Nagelbett nicht zu beschädigen; dann wächst der Zehennagel wieder nach. Irgendwann. Selbstverständlich ist das erst einmal mit gewissen Unannehmlichkeiten verbunden. Man lernt eben nie aus, nicht wahr?« Das Letzte, was ich wollte, war eine Anatomiestunde, aber mir blieb nichts anderes, als zuzuhören. »Die Nagelplatte, der Teil, den man abschneidet, ist bereits abgestorben, verdichtete Zellen, wie die, aus denen Rhinozeroshörner sind. Aber darunter, auf der Unterseite, das ist die Matrix, das lebendige Gewebe, aus dem der Nagel wächst. Sehr empfindlich.« Und damit riss sie ihren Arm zurück. Ein Blitz aus weißem Feuer raste mein linkes Bein hinauf, und ein paar Sekunden lang wurde mir schwarz vor Augen. Ich öffnete sie wieder, fragte mich, ob ich in die Hose gemacht hatte, und sah meine Foltererin an. Kurmanalijewa hielt die Zange hoch, zwischen ihren Backen steckte mein blutiger Zehennagel. »So, das hätten wir. War doch gar nicht so schlimm, oder?«, fragte sie in einer grausigen Parodie mütterlichen Mitgefühls, als ob sie mir einen Splitter aus dem Finger entfernt oder das aufgeschrammte Knie gesäubert hätte. »Seien Sie bloß froh, dass es nicht ihre große Zehe war. Das tut nämlich richtig weh. Habe ich zumindest gesehen.« Sie hielt mir die Zange unter die Nase. Ich konnte das Blut riechen und sah den Glanz in ihren Augen. Es gelang mir, mich nicht zu übergeben, obwohl ich Lust gehabt hätte, ihr das Designerkostüm vollzukotzen. »Das ist keine Wunde, die man verbinden kann. Aber solange Sie sie trocken und sauber halten, wächst der Nagel nach, und in achtzehn Monaten ist alles wieder beim Alten.« Kurmanalijewa fasste in ihre Tasche, holte ihre Zigaretten heraus, zündete eine an und steckte sie sie mir zwischen die Lippen. Ich inhalierte, und mir wurde leicht schwindlig, als der Rauch meine Lungen füllte. Mit sorgenvoller Miene blickte sie auf meine Füße hinab. Sie betrachtete die Glut ihrer Zigarette und blies behutsam darauf, bis sie in grellem Orange aufleuchtete. »Ich glaube nicht, dass Sie Ihre Zehe trocken und sauber halten können, Akyl, nicht wenn Sie gefesselt in diesem feuchten Keller bleiben. Deshalb ist es wahrscheinlich das Beste, ich brenne die Wunde aus.« Sie kniete erneut nieder und drückte ihre Zigarette mit einer raschen Stechbewegung auf dem bloßen blutigen Fleisch aus, wo einmal mein Zehennagel gewesen war. Diesmal wurde ich ohnmächtig. Als ich wieder zu mir kam, säuberte sie die Zange mit einem Lappen, den sie mit dem Inhalt einer unetikettierten Flasche tränkte. »Wodka«, erklärte sie mir. »Ich bin immer sehr auf Hygiene bedacht. Wozu jemanden befragen, wenn er an einer Blutvergiftung stirbt, bevor er einem alles gesagt hat.« Sie hob die Flasche, zog eine Augenbraue hoch und deutete mit Daumen und Zeigefinger ihrer anderen Hand ein paar Zentimeter an. »Wie wär’s mit einem kleinen Schluck? Zur Aufmunterung, um die Zunge zu lösen? Aber Sie trinken ja nicht, stimmt’s?« Sie schaute enttäuscht, dann schüttete sie etwas von der klaren Flüssigkeit auf meinen nackten Fuß. Ich wurde nicht ohnmächtig, aber ich musste mich übergeben. Leider traf ich dabei nur mich selbst. Plötzlich war der Keller von Musik erfüllt. Das Dies irae, eine mittelalterliche Hymne an das Jüngste Gericht, ertönte in den popligen blechernen Tönen eines Mobiltelefons. Kurmanalijewa kramte in ihrer Handtasche, holte ein Smartphone heraus und wandte sich ab, bevor sie abnahm. Kurz hörte sie wortlos zu, dann sagte sie: »In dreißig Minuten. Komm bloß nicht zu spät.« Sie beendete das Gespräch, steckte das Handy in die Handtasche zurück und wandte sich wieder mir zu. »Ich weiß, es ist unhöflich, Sie hier allein zu lassen, kein Zeichen einer guten Gastgeberin. Aber das war gerade Ihre reizende Freundin, Frau Umarowa. Sie möchte sich mit mir treffen, vielleicht in Erinnerungen an die alten Zeiten schwelgen, in denen wir zusammengearbeitet haben. Und sie will mir einen Tausch für Sie vorschlagen. Wahre Liebe, Inspektor?« Sie starrte mich an und begutachtete ihr Werk. Ich starrte zurück. Sie schüttelte den Kopf über Saltanats Männergeschmack, lächelte und winkte mir zum Abschied verspielt mit den Fingern. Etwas wollte ich noch wissen, bevor sie den Raum verließ. »Warum hast du mich nicht umgebracht?« Einen Fuß bereits auf der Treppe, sah sie mich durchdringend an, bevor sich ein träges Lächeln über ihre Lippen legte. Es hob die Krähenfüße um ihre Augen hervor. »Weil Sie nicht ganz oben auf meiner Liste stehen, Inspektor. Jedenfalls noch nicht.« Dann knipste sie das Licht aus. Kapitel 48 Ich weiß nicht, wie lange ich schon in Graves’ Keller war, Phasen benebelten Halbbewusstseins wechselten sich mit glasklaren Momenten blanken Schreckens ab. Die Schmerzen fraßen an meinem Fuß, als wären Ratten aus dem Dunkel gekommen, um an mir zu nagen. Bis jetzt hatte ich nicht gewusst, dass Angst einen Geruch hat: ein Frauenparfüm, üppiger Fliederduft, vermischt mit dem penetranten Gestank von rostigem Stahl und verbranntem Fleisch. Die Lederriemen, die mich an den Tisch fesselten, machten jede Bewegung unmöglich, Krämpfe marterten meine Schultern, meinen Rücken und meine Beine. Als meine Muskeln zu zucken begannen, schnitten die Riemen tiefer in meine Haut und erinnerten mich schmerzhaft daran, wie wehrlos ich war. Die Dunkelheit erschien mir endlos; meine Augen sahen nichts als die Kleckse und Flecken aus reiner Farbe, die der alles verzehrende Schmerz hervorrief. Ich würde in diesem Keller sterben und von undurchdringlichem Schwarz verschlungen werden. Ein Teil von mir war froh darüber. Dann hörte ich am Ende der Treppe den Tod an der Tür herumfummeln, ein Schlüssel drehte sich im Schloss, die Stifte bewegten sich. Wahrscheinlich hatte er einen Hauptschlüssel. Schwere Stiefel stapften die Holztreppe herab. Ich kannte keine Gebete mehr, sie lagen zu lange zurück. Ich musste an den Traum denken, in dem ich in Tschinaras offenes Grab fiel und den langen Walzer mit ihr tanzte, und ich merkte, dass es kein Traum war, sondern eine Prophezeiung. Die Brutalität des Lichts blendete mich, aber langsam sah ich alles um mich herum wieder scharf. Vor mir stand ein untersetzter Mann, dem ein finsteres Starren ins Gesicht tätowiert schien. Wir waren uns nie von Angesicht zu Angesicht begegnet, aber ich wusste, wie er hieß. Morton Graves. »Sie haben mir eine Menge Ärger gemacht, Inspektor.« »Freut mich, das zu hören.« Die Wörter kamen nur unter Schmerzen aus meiner trockenen Kehle. »Ärger ist vielleicht ein wenig übertrieben«, fuhr Graves fort. »Wahrscheinlich sollte ich das Ganze nicht höher einstufen als eine Unannehmlichkeit, ein kleines Ärgernis.« Graves’ Gesicht war seltsam asymmetrisch, als ob unter seiner Haut Stahlplatten eingesetzt und schlampig zusammengeschweißt worden wären. Seine Augen hatte das dunkle Blau einer Winterdämmerung, mit all der Wärme und dem Mitgefühl eines Eiswürfels. Er hatte einen leichten Silberblick, als wäre nicht einmal er in der Lage, sein Werk zu begutachten, ohne zu schielen. »Hat Ihnen Albina arg zugesetzt? Ihnen alles Mögliche versprochen und irgendwelchen Blödsinn darüber erzählt, dass ihr das alles mehr wehtut als Ihnen? Dass wir alle in einem Boot sitzen?« Wäre ich dazu in der Lage gewesen, hätte ich mit den Achseln gezuckt. »Mir ist schon Schlimmeres passiert.« Unwillkürlich musste ich an einen anderen Keller denken, in dem meine Hände zwischen die heißen Platten eines tragbaren Grills gesteckt worden waren. »Wie ich höre, sind Sie noch von der alten Schule. Deshalb habe ich Albina auch davor gewarnt, dass sie mit ihren Methoden bei Ihnen nichts erreichen würde.« »Vielleicht hätten Sie etwas lauter flüstern sollen«, sagte ich. »Damit sie es auch gehört hätte.« In diesem Moment schoss ein weiterer Blitz aus Schmerz durch meinen Fuß. Ich wusste, dass es später, wenn das Pochen der Infektion einsetzte, noch schlimmer werden würde. Aber im Moment war es gerade noch auszuhalten. Graves blickte auf meinen bloßen Fuß hinab. Er verzog keine Miene, als er die Verbrennung sah. »Wenn Sie Ihre Zigarette auf dem Boden austreten, sollten Sie das nächste Mal lieber die Schuhe anbehalten«, bemerkte er mit einem grimmigen Grinsen über seinen eigenen Witz. Er fasste nach meiner Stirn, und ich schloss in Erwartung eines Schlags die Augen. Aber stattdessen spürte ich, wie seine Finger an der Schnalle des Lederriemens um meinen Kopf herumhantierten. Graves fluchte leise, machte sich aber weiter an dem Riemen zu schaffen, bis ich plötzlich den Kopf bewegen konnte. »Besser so?«, fragte er, während ich meinen Kopf von einer Seite zur anderen drehte und fühlte, wie sich meine Muskeln und Sehnen streckten und dehnten, und hörte, wie meine Halswirbel knackten. Kurz darauf hatte er mir alle Fesseln abgenommen. Er griff mir unter die Arme, half mir hoch und ließ mich auf den Boden rutschen, da mir die Beine prompt den Dienst versagten. Eine Weile saß ich nur zusammengesunken da und bewegte vorsichtig meine Arme und Beine. »Das verstehe ich nicht«, sagte ich ehrlich verwundert. »Warum lassen Sie mich laufen?« »Wer sagt denn, dass ich Sie laufen lasse?«, fragte er. »Was haben Sie dann mit mir vor?« »Sie umzubringen natürlich. Sie zu zertreten wie ein Insekt. Eines, das kaum die Zeit und die Mühe wert ist.« Meine Hände waren immer noch taub, aber mein Messer grub sich mir in den Rücken. Vielleicht war ich schon wieder beweglich genug, um Morton Graves zu zeigen, was uigurische Handwerker draufhaben. »Warum binden Sie mich dann los?«, fragte ich. Graves beugte sich vor und ging in die Knie, sodass sein Gesicht auf gleicher Höhe mit meinem war. Sein Atem roch nach Pfefferminzzahnpasta, seine Haut nach teurem Aftershave. Ich wusste, ich selbst stank wie ein Scheißhaus, mit einer Note verkohltem Fleisch. Sein Blick war durchdringend, als er mich, ohne zu blinzeln, ansah. Mir kam plötzlich der Gedanke, dass so der Wahnsinn aussah, der die Welt verzerrt betrachtet und sich unbesiegbar fühlt. »Sie sind Muslim, oder?« Ich schüttelte den Kopf. Ich war gar nichts. Ich hatte allen Glauben und alle Erlösung am ersten Tatort abgelegt, an den ich gerufen worden war: Ein alter Mann war von seinem Neffen im Wodkasuff erschlagen worden, nach einem Streit über irgendeine längst vergessene Lappalie. »Aber Sie waren doch sicher schonmal in einer Moschee? Oder in einer Kirche? An irgendeinem heiligen Ort?« Ich nickte. Das ständige Kopfschütteln wurde allmählich langweilig. »Wenn Sie so wollen, ist dieser Keller meine Kirche. Hier tue ich die Dinge, die mir wichtig sind. Meine Riten, könnte man sagen. Diese vier Wände«, er holte weit aus, »diese vier Wände enthalten die Essenz all dessen, was mir wichtig ist.« Ich beobachtete, wie sich sein Mund bewegte, wie sich in seinen Winkeln Speichel sammelte, sah, wie sich ein Rinnsal Schweiß seine Wange hinabschlängelte. Er richtete sich auf; seine Knie knackten nicht, wie meine es getan hätten. »Niemals würde ich sie mit Ihrem Blut, Ihrem Tod entweihen. Verstehen Sie? Was ich hier tue, dient dem Schutz der Jungen und Unschuldigen, denn ich lasse sie auf ewig unschuldig bleiben, für immer jung. Das kann ihnen niemand mehr nehmen, wenn ich mit ihnen fertig bin. Ich bin kein Jäger, sondern ein Erlöser. Verstehen Sie?« Ich schaute in seine Augen und merkte, dass er komplett verrückt sein musste, wie er mich mit einem engelsgleichen Lächeln ansah. Und an irgendeinem Punkt seines Gefasels entschied ich, jetzt reicht’s, scheiß auf die Konsequenzen. »Sie sollten sich mal selbst reden hören, Graves. ›Die Unschuldigen unschuldig bleiben lassen.‹ Indem Sie sie foltern, vergewaltigen und töten? Sie haben vielleicht eine beschissene Vorstellung von Jugendschutz. Und ich nehme mal an, finanziell springt auch einiges dabei heraus, wenn Sie diesen Schund an andere Perverse verkaufen.« Er machte ein finsteres Gesicht und zog einen Mundwinkel zu einem hämischen Grinsen hoch. Seine Verachtung war wie ein Schlag gegen meine Brust. »Inspektor, ich bin ein extrem reicher Mann. Reicher, als Sie sich vorstellen können. Aber ich mache das nicht des Geldes wegen. Kleingeister wie Sie denken, es ginge immer nur ums Geld; das liegt daran, dass Sie selbst keines haben und jeden beneiden, der welches hat. Ich könnte dieses verdreckte kleine Land mit dem Geld aus meiner Portokasse kaufen. Mir gehören die Polizei, die Politiker, die Juristen. Ich kann machen, was ich will, ohne dass mich jemand daran hindert. Schon gar nicht ein popliger Polizist vom Arsch der Welt, der gleich einen Unfall haben wird.« »Alles Teil ihres Masterplans, wie? Macht, Terror und ein paar schnelle Nummern obendrauf?« »Ich hatte auch nicht damit gerechnet, dass ein dämlicher ment wie Sie irgendetwas davon kapieren würde.« Und damit trat er auf mich zu, legte mir Handschellen an, nahm einen Jutesack aus dem nächsten Regal und zog ihn mir über den Kopf. Kapitel 49 »Warum der Sack, wenn Sie mich sowieso umbringen?«, fragte ich, als mich Graves die Treppe hinter sich hinaufzog. Ich stolperte über ein paar der Stufen, und er zerrte genervt an meinem Arm. Oben stieß ich mit dem Oberschenkel gegen etwas, das vermutlich der Küchentisch war, und Graves fluchte erneut, als wäre es meine Schuld, dass ich nicht sehen konnte, wohin ich ging. »Weil ich Ihnen nicht traue«, sagte er, als konstatierte er lediglich, was auf der Hand lag. Dann waren wir im Freien. Die kalte Luft, erfrischend nach dem feuchten und klaustrophobisch engen Keller, brannte in meiner Lunge. Meine Füße tasteten sich über Kies, und ich wurde gegen die Seite eines Autos gestoßen. »Einsteigen«, befahl Graves. Ich fummelte am Türgriff herum, zwängte mich auf den Beifahrersitz und stieß mir dabei die Schienbeine an. Sollten sie meinen Körper jemals finden, wäre er eine einzige Ansammlung von Blutergüssen, Narben und Wunden. Ich merkte, dass ich in Graves‘ Großraumlimousine sein musste, die ich früher schon einmal gesehen hatte. »Keine Angst, Inspektor, ein Unfall unterwegs dürfte die geringste Ihrer Sorgen sein.« Graves betätigte gleichzeitig Zündung und Toröffner. »Außerdem wird Sie der Airbag vor dem Schlimmsten bewahren. Zumindest vorerst.« Die metallenen Torflügel scharrten über den Asphalt der Zufahrt, dann fuhren wir los, bogen links ab und beschleunigten auf ein Tempo, mit dem wir angehalten worden wären, wenn Graves mit seinem Geld nicht entsprechende Vorkehrungen getroffen hätte. »Hat mir gut gefallen dieses Foto von Ihnen im Schnee«, bemerkte er. »Richtig einfallsreich, fand ich. Und es hat auch mich auf ein paar Ideen gebracht. Ich meine, wer wird schon noch nach Ihnen suchen, wenn Sie doch bereits tot sind? Und in ein paar Jahren ist sowieso nichts mehr übrig, um Sie zu identifizieren.« Mir gefiel die Wendung, die unsere Unterhaltung nahm, nicht besonders. Deshalb blieb ich still. »Wissen Sie, Inspektor, wenn ich in meiner Kirche bin, stelle ich oft fest, dass sich in meiner Gemeinde ein erstaunlicher Wandel vollzieht, wenn es dem Ende zugeht. Von Angst über Panik bis hin zu Schmerzen, die sie sich nie hätten vorstellen können, haben sie alles durchlaufen. Sie wurden erniedrigt, gedemütigt, zu vollkommener Hilflosigkeit verdammt. Und wenn es einigen von ihnen sogar gefällt, tja, dann hat sie ihr Körper nur auf eine weitere Art betrogen. Zuerst kommt das Sperma, später kommt das Blut. Fleischliche Gelüste und das alles. Aber dann, unmittelbar vor dem Ende, kommt der Moment, in dem ich sie alle Hoffnung fahren lassen sehe. Dann setzt tiefe Resignation ein, vielleicht sogar der Wunsch nach einem raschen Ende. Ihre Augen werden glasig, bereit, das Licht endgültig erlöschen zu lassen.« Graves’ Stimme nahm einen neuen Tonfall an, ein Geistlicher, der eine Predigt hält, ein Politiker, der Versprechungen macht, die er nie halten wird. »Erwarten sie von mir das Gleiche, Graves?« »Warum sollten Sie eine Ausnahme sein, Inspektor? Sie haben Ihre Frau sterben sehen, oder etwa nicht? Ich bin mir sicher, sie hat sich genauso in die Finsternis verabschiedet, wie wir alle es tun. Unter Schmerzen und voller Angst.« In diesem Moment hasste ich Graves mit einer solchen Intensität, dass ich das Lenkrad packen und das Auto von der Straße oder in ein entgegenkommendes Fahrzeug steuern wollte. Es störte mich nicht zu sterben, solange ich ihn dabei nur mit mir nahm. Dem spöttischen Ton nach zu urteilen, in dem er weitersprach, musste er ahnen, was ich dachte. »Versuchen Sie gar nicht erst, den Helden zu spielen, Inspektor. Und vergessen Sie nicht: Derjenige mit dem Sicherheitsgurt bin ich, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie gern durch die Windschutzscheibe fliegen möchten.« »Ich bleibe still sitzen, wenn Sie mir den Sack vom Kopf nehmen.« Seine einzige Antwort war ein Lachen. »Eins würde ich gern wissen, bevor Sie mich erschießen, Graves. Nur um mir nicht länger den Kopf darüber zerbrechen zu müssen. Die Namensbändchen aus den Waisenhäusern. Was haben Sie damit bezweckt? Dass sie nicht zu den Leichen gehören, weiß ich inzwischen.« Graves lachte. »Kennen Sie sich etwas mit Magie aus, Inspektor? Ich meine nicht irgendwelche Zaubersprüche und Beschwörungen, nein, ich rede von wirklichen Illusionen.« »Nein«, sagte ich und schüttelte den Kopf, obwohl das unter dem Sack möglicherweise nicht zu erkennen war. »Letztendlich beruht jeder Zaubertrick auf einer Irreführung. Man lässt die Leute im Publikum in die falsche Richtung schauen und lenkt sie so davon ab, dass man ihnen aus der anderen in die Tasche greift und die Geldbörse stiehlt, verstehen Sie?« »Die Bändchen waren also ein Täuschungsmanöver und sollten uns nur auf eine falsche Fährte führen?« Graves lachte wieder. »Nur zum Teil. Sie haben auch einen willkommenen Nebeneffekt. Sie erleichtern es uns, die Filme zu verkaufen. Was wir vertreiben, sind natürlich keine gängigen Feld-Wald-und-Wiesen-Pornos. Eher etwas für den ausgefallenen Geschmack. Und dementsprechend sehr, sehr teuer. Die Leute, die so etwas sammeln, sind reich und können es sich leisten, viel Geld für diese Filme auszugeben. Aber dafür erwarten sie natürlich strengste Diskretion und die Gewissheit, dass ihnen nicht plötzlich die Polizei die Tür ihrer Villa eintritt und einen Durchsuchungsbeschluss unter die Nase hält.« »Und?« »Damit sie diesbezüglich also ganz unbesorgt sein können, garantieren wir ihnen, dass alle unsere Filmstars Waisen sind. Ohne eine Familie, die sich um ihren Verbleib sorgt oder verlangt, dass über ihr Verschwinden Nachforschungen angestellt werden.« »Und Ihre Kunden sind so scharf auf diesen Schund, dass sie Ihnen Ihre Erklärung bereitwillig abnehmen«, sagte ich. »Komplett schwanzgesteuert.« »Genau«, sagte Graves. »Und das Schöne daran ist, dass eine ganze Menge von ihnen tatsächlich Waisen waren. Und da Kinder offiziell ab sechzehn nicht mehr als Waise gelten, lieferten die Bändchen unseren Kunden den Beweis, dass sogar die älteren Jungen und Mädchen bei ihren Kurzauftritten minderjährig waren.« »Und die Leichen oben in Karakol?«, fragte ich. Graves zögerte und antwortete erst nach einer Weile. »Das war wohl ein Fehler. Wir bekamen sehr viel Geld geboten, um einen Film zu produzieren. Eine einmalige Sache, nur für einen einzigen Kunden. Er sollte im Freien gedreht werden, oben im Jeti-Oguz-Tal, mit den roten Sandsteinfelsen als Hintergrund. Ich konnte bei den Dreharbeiten nicht selbst dabei sein, weil ich in Moskau war, aber ich habe meinen Leuten, was die Beseitigung der Leichen anging, sehr genaue Anweisungen erteilt. Diese Anweisungen wurden nicht befolgt, weshalb Sie die Leichen gefunden haben. Ärgerlich, aber der Kunde hat trotzdem gezahlt.« Sieben Kleinkinder, zum Vergnügen eines Reichen abgeschlachtet. Wie all die anderen, die danach kamen. »Ich verstehe, Sie sind pädophil, Sie morden, Sie vergewaltigen. Sie sind wahnsinnig. Aber eins verstehe ich nicht, Graves. Sie sind reich, haben Einfluss, und kaum jemand kann Ihnen etwas anhaben. Warum setzen Sie das alles aufs Spiel, bloß um diesen Schund zu verkaufen?« Graves schwieg eine Weile, und als er zu sprechen begann, war sein Ton bedächtig. »Natürlich hätte ich die Filme kostenlos an andere Sammler abgeben können. Aber es ist nunmal ein Naturgesetz, dass wir nur schätzen, wofür wir zahlen müssen. Und je mehr wir zahlen, umso höher der Wert. Je extremer das Material also ist, umso höher sein Preis. Das liegt doch auf der Hand, oder?« Angesichts dieser verdrehten Logik fiel mir nichts mehr ein. Ich fragte mich, warum ich nicht einfach das Lenkrad herumriss und ihn dann mit meinen bloßen Händen erwürgte, während sich das Auto überschlug und von der Straße abkam. Aber ich kannte die Antwort. Aus Angst. Vor den Schmerzen, vor dem Sturz in dunkles Nichts. Ich konnte mir einen winzigen Bruchteil des Grauens vorstellen, das die Kinder empfunden haben mussten, die sich in Graves’ Keller wiederfanden, nachdem man sie mit der Aussicht auf etwas zu essen, Spielzeug oder einen warmen Schlafplatz die steile Treppe hinuntergelockt hatte. Ich hob die Hände und schaffte es, mir den Sack vom Kopf zu ziehen. Scheiß drauf, was konnte mir Graves schon tun, was mir nicht sowieso bevorstand? Ich musste blinzeln, sah aber, dass wir in östlicher Richtung aus der Stadt fuhren, zurück nach Karakol. Die Straßen führten durch verlassene Gegenden voll verwilderter Friedhöfe, auf denen die Bewohner von Dörfern lagen, deren Felder schon lange nicht mehr bestellt und deren Pfade schon lange nicht mehr begangen wurden, die immer weiter geschrumpft waren, bis man sie schließlich ganz verlassen hatte. Hierher hatte mein Leben mich also geführt, mein Körper würde schon bald nur noch der Gnade von Regen, Schnee und Sonne ausgeliefert sein. Ich empfand nichts und wusste, es bedeutete nichts. Das Auto beschleunigte, und ich legte die Hände auf das Armaturenbrett, um mich abstützen zu können, falls wir plötzlich bremsten. Die Straße war leer, und ich fragte mich, warum Graves nicht einfach an den Straßenrand fuhr, mich auf ein Feld hinauszog und mir eine Kugel in den Kopf jagte. »Keine Angst«, sagte er, als könnte er meine Gedanken lesen. »Ich habe genau den richtigen Ort für Sie ausgesucht. Stellen Sie es sich so vor, als würden Sie in Urlaub fahren. Sehr ruhig, niemand wird Ihre Gebeine stören.« Wir überholten den Holzkarren eines Bauern, der von einem mürrischen Esel gezogen wurde. Graves hupte, aber der Esel trottete einfach weiter, und der Bauer bedachte uns mit einem finsteren Seitenblick, als wir an ihm vorbeifuhren. Der Esel tat nicht einmal das. Ein Motorrad überholte uns, der Fahrer steckte in voller Ledermontur, sein Gesicht war vom Helm verdeckt. Ein Aufheulen des Motors, und er verschwand in der Ferne. Drei bis vier Kilometer weiter kamen wir um eine Kurve und sahen das Motorrad mit sich langsam drehenden Rädern auf der Straße liegen. Der Fahrer lag ein paar Meter davon entfernt mit dem Gesicht nach unten auf dem Asphalt. Ein Arm lag nach oben ausgestreckt, der andere unter seinem Körper. Um an ihm vorbeizukommen, mussten wir links oder rechts durch den Straßengraben fahren. Graves fluchte und trat auf die Bremse, sodass wir etwa fünf Meter vor dem Motorrad zum Stehen kamen. »Sie bleiben schön sitzen«, ordnete er an und öffnete die Tür. In dem Moment, als sein Fuß den Boden berührte, fuhr der Motorradfahrer blitzschnell herum, zog eine Pistole unter seinem Körper hervor und zielte auf uns. Graves fasste unter den Fahrersitz und zog eine Makarow hervor. Ich duckte mich, als eine Kugel durch die Windschutzscheibe krachte und in der Kopfstütze des Fahrersitzes einschlug. Es gelang mir, mich zur Seite zu drehen und nach dem Türgriff zu greifen. Graves ging hinter der offenen Fahrertür in Deckung und erwiderte das Feuer, aber inzwischen hatte der Motorradfahrer sich hinter seiner Maschine verschanzt. Ich hörte eine zweite Kugel in die Tür einschlagen; Zeit zu verschwinden. Ein weiterer Knall, und das Auto machte einen Ruck nach vorn und zur Seite; der Angreifer musste einen der Vorderreifen zerschossen haben. Ich warf mich auf der Beifahrerseite nach draußen und rollte mich bei der Landung über meine verletzte Schulter ab. Ich rappelte mich hoch und suchte im Straßengraben Schutz. Er war nur ein, zwei Meter entfernt, aber meine Schulterblätter verkrampften sich und warteten darauf, dass sich eine Kugel zwischen ihnen hindurch in meine Wirbelsäule bohrte. Eine gefühlte Ewigkeit später lag ich endlich bäuchlings in Dreck und Schafscheiße und überlegte, wie ich die Handschellen aufbekommen könnte. Ich wusste nicht, ob es der Motorradfahrer auf Graves, auf mich oder auf uns beide abgesehen hatte. Deshalb hielt ich es für das Beste, zu bleiben, wo ich war, und hoffte, dass er mich in dem Durcheinander vergessen hatte. Als ich einen kurzen Blick über den Rand des Straßengrabens riskierte, sah ich, dass Graves weiter abdrückte, aber sein Magazin leer geschossen zu haben schien. Während er zum Nachladen in den Wagen fasste, nutzte ich die Gelegenheit, mich aufzurichten und auf ein paar Birken zuzurennen. Als ich mich kurz umdrehte, sah ich, dass der Motorradfahrer seine Maschine aufgerichtet hatte und meine Verfolgung aufnahm. Graves saß wieder am Steuer des Wagens, aber der Motor sprang nicht an, vielleicht war er an der richtigen Stelle getroffen worden. Es schien mir ziemlich aussichtslos, vor einem Motorrad davonzulaufen, weshalb ich mich hinter den Bäumen unsichtbar zu machen versuchte. Sollte das nicht klappen, konnte ich immer noch mit meinem verbleibenden Schuh nach ihm werfen. Das Motorrad kam auf mich zu, und um ein schlechteres Ziel abzugeben, schwankte der Fahrer, tief über den Lenker gebeugt, von einer Seite zur anderen. »Steig auf!«, schrie er mir zu und ging vom Gas. Ein paar Sekunden lang stand ich wie angewurzelt da, dann rannte ich auf ihn zu und schwang ein Bein über den Sattel. Noch bevor ich richtig saß, rasten wir, wild durchgeschüttelt, über den holprigen Untergrund davon. Wir hielten erst an, als wir außer Schussweite waren, und das Motorrad bremste so abrupt, dass es mich mit der Nase in die Lederjacke vor mir drückte. Ich beobachtete, wie in Schutzhandschuhen steckende Hände den Helm abnahmen. »Muss ich eigentlich alles für dich erledigen, Akyl?«, fragte die Stimme. Über Eiscreme geträufelter Honig. Kapitel 50 »War ich vielleicht sauer, als ich gemerkt habe, dass du abgehauen bist.« Saltanat nippte an einer Tasse heißem Tschai. Wir waren auf der Rückfahrt nach Bischkek und saßen in einem kleinen Café in Tungusch. »Ich war mir ziemlich sicher, dass du entweder zu deiner Wohnung in der Ibraimowa fahren oder Graves’ Haus observieren würdest. Deshalb habe ich mir ein Motorrad geliehen, na ja, geklaut und bin gerade noch rechtzeitig vor deinem Wohnblock eingetroffen, um mitzubekommen, wie dich Albina von zwei ihrer Gorillas in den Kofferraum ihres Autos hat packen lassen. Weil ich nicht erkennen konnte, ob du tot oder bewusstlos warst, bin ich ihnen zu Graves’ Haus gefolgt und habe mich dort auf die Lauer gelegt.« Saltanat nahm einen weiteren Schluck, dann steckte sie sich eine Zigarette an und betrachtete den aufsteigenden Rauch. »Mir Zugang zum Haus zu verschaffen, kam nicht infrage. Ich hatte keine Ahnung, wo du warst oder wie viele Leute drinnen waren. Deshalb habe ich gewartet und schließlich Albina angerufen. Als sie weggefahren ist, habe ich noch einmal eine Weile gewartet. Dann ist Graves mit dir rausgekommen, und ich bin euch gefolgt. Alles Weitere weißt du ja.« Saltanat hatte die Verbindungskette der Handschellen durchtrennt, aber ich trug immer noch schicke Armreifen. Die Bedienung sah sie, als sie unseren Tee brachte, und ich machte einen Witz über eine verlorene Wette. Sie lachte nicht, sondern sah mich nur an, als wäre ich verrückt, klatschte die stschot für unseren Tee auf den Tisch und entfernte sich. Auch Saltanat lachte nicht. »Langsam gelange ich zu der Überzeugung, dass du eine Belastung bist, Akyl.« Sie schien nicht bereit, mich anzusehen, und starrte nur auf die Glut ihrer Zigarette. Mein Herz kam zum Stillstand, kickstartete und sprang wieder an. Meine Kehle fühlte sich wund an, versengt. »Hört sich an wie der Anfang eines altbekannten Lieds«, sagte ich. »Eins dieser Volkslieder über Trennungen, Herzschmerz und ewige Tränen und was sonst noch alles dazu gehört.« »Nein«, sagte Saltanat, und ich konnte sehen, dass sie ihre Worte mit großem Bedacht wählte. »So habe ich das nicht gemeint. Aber mit diesem ständigen Hin und Her muss endlich Schluss sein, Akyl. Und ich spreche nicht nur davon, Graves für die Morde dranzukriegen und Gurminj zu rächen. Ich spreche von uns beiden. Wir machen zwei Schritte vorwärts, einen zurück, einen Schritt vorwärts, drei zurück.« Das kam einem Bekenntnis so nahe, wie ich sie je eins hatte machen hören. Sie hielt inne und drückte ihre Zigarette aus, wollte nach einer neuen greifen, legte das Päckchen dann aber auf den Tisch zurück. »Gib mir deine Brieftasche«, sagte sie. Ich griff nach der stschot und sah auf den Endbetrag. »Heute zahle ich«, sagte ich und begann, eine Handvoll Som abzuzählen. »Nein, deine Brieftasche«, sagte sie noch einmal und nahm sie mir aus der Hand. »Genau das ist es, was ich meine, Akyl.« Sie blätterte an den Fächern für meine nicht existierenden Kreditkarten vorbei, zog ein passfotogroßes Bild heraus und hielt es hoch, sodass ich es sehen konnte. Tschinara auf dem Riesenrad. »Ich will nicht mit einer Toten konkurrieren.« Und es war nicht zu überhören, dass sie es ernst meinte. Ich nahm ihr das Foto aus der Hand und begann, es zu zerreißen, aber Saltanat fasste über den Tisch und hielt mich zurück. »Nette Geste«, sagte sie. »Freut mich, dass du sie machst. Aber du musst dir endlich klar darüber werden, was dir wirklich wichtig ist.« »Was soll ich tun?«, fragte ich. »Du bist der Ermittler«, sagte sie. »Du bist derjenige, der diese Frage klären muss. Und überhaupt geht es nicht darum, was ich möchte, dass du tust; es geht darum, was du tun willst. Ich will kein Schoßhündchen.« Ich nickte. Ich fürchtete, mir würden die Worte fehlen, wenn ich versuchte, über sie und über Tschinara zu sprechen, darüber, was mir jede von ihnen bedeutete. Kann man zwei Menschen lieben, ohne beide mit dem jeweils anderen zu betrügen, selbst nach dem Tod? Darauf hatte ich keine Antwort. Ich war mir nicht einmal sicher, ob es überhaupt eine gab. Wir standen auf, und ich legte das Geld für die Rechnung auf den Tisch. »Nur noch zwei Dinge; wo sollen wir heute Nacht bleiben? Dein Geheimversteck kommt nicht mehr infrage, und dasselbe gilt für meine Wohnung und das Hotel. Und was noch wichtiger ist.« Ich hielt meine Handgelenke hoch und schlug klirrend die Handschellen aneinander. »Wie werde ich meinen Schmuck hier endlich wieder los?« Kapitel 51 »Du bist eine hervorragende Schützin«, sagte ich und schenkte Saltanat Champagner ein, mir Mineralwasser. »Warum hast du Graves nicht umgelegt, als du Gelegenheit dazu hattest?« »Ist es nicht besser, dass er vor Gericht kommt und als das Monster bloßgestellt wird, das er ist?«, entgegnete sie. »Er soll merken, dass sein Imperium und sein Ruf am Bröckeln sind.« »Alles schön und gut«, sagte ich. »Aber wer weiß, wie viele Richter und Anwälte und Politiker von ihm geschmiert werden. Wen interessiert da das Verließ in seinem Keller? Er ist schließlich ein erwachsener Mann. Und die Filme? Von denen weiß er natürlich nichts, außerdem sind sie wahrscheinlich sowieso gefakt. Bleibt noch das Gesindel, mit dem er sich umgibt. Er ist ein reicher Mann in einem armen Land und braucht Schutz.« Ich blickte mich in der Suite um, die Saltanat im Hyatt Regency gebucht hatte, dem besten Hotel in ganz Bischkek, und dem teuersten. Für die Kosten kam wahrscheinlich die usbekische Staatssicherheit auf. Saltanat hatte gemeint, dass niemand auf die Idee käme, jemanden, der auf der Flucht vor den Behörden war, in einer solchen Nobelabsteige zu suchen. Hier würde es viel einfacher sein abzutauchen als in irgendeiner Klitsche, deren Geschäftsführung für jeden Hinweis an die Polizei bezahlt wurde. Ich wusste nicht, ob sie recht hatte; aber es war sicher besser, als fünfzehn Jahre im Bischkeker Gefängnis Nr. 1 zu verbringen. »Und wie soll es jetzt weitergehen?«, fragte ich. »Wir warten«, sagte Saltanat. »Albina wird sich bestimmt bei mir melden. Graves hat ihr mit Sicherheit erzählt, dass du entkommen bist. Das bringt sie in Zugzwang.« »Warum rufst du sie nicht einfach an?«, fragte ich. »Es gibt nichts, was sie mehr ärgern dürfte als der Gedanke, von mir ignoriert zu werden«, sagte Saltanat. »Und wenn sie sich ärgert, denkt sie nicht mehr so klar. Und das kommt uns zugute.« Mir wäre es lieber gewesen, selbst die Initiative zu ergreifen, aber manchmal ist es besser, den Gegner den ersten Schritt tun zu lassen. So erkennt man seine Schwachstelle und kann zurückschlagen. Ich merkte, dass sich Saltanats Hauptinteresse inzwischen auf ihre Fehde mit Albina Kurmanalijewa richtete; meines galt weiterhin Graves. »Sollten wir uns nicht erst um Graves kümmern?« Saltanat schüttelte den Kopf. »Mit Albinas Hilfe ist Graves wesentlich gefährlicher. Wenn wir sie ausschalten, schwächt das Graves und drängt ihn in die Defensive.« »Willst du sie umbringen?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits kannte. »Wenn ich das nicht tue, bringt sie mich um. Und dann dich. Einen ersten Vorgeschmack, wozu sie in der Lage ist, hast du bereits bekommen. Nur eine von uns wird das überleben.« »Aber dir ist doch hoffentlich klar, dass sie dir eine Falle stellt, wenn sie dich anruft?«, gab ich zu bedenken. »Eine Falle ist es nur, wenn wir hineintappen«, entgegnete Saltanat. »Aber das müssen wir nicht: Es gehört nicht viel dazu, anstatt des eigenen den Fuß deines Gegners in die Falle treten zu lassen.« Mein Blick streifte den riesigen Flachbildfernseher, die elegante Sitzgruppe, das Kingsize-Bett. Geschäftsleute aus dem Westen hatten in diesem Zimmer Vermögen gemacht, Deals ausgehandelt, Lügen und Täuschungen fabriziert. Edelnutten in einer Stunde mehr verdient als ich in einem Monat. Kaviar auf einem Silbertablett und Misstrauen in der Luft. Ein ungewöhnliches Ambiente, um über den Tod einer Frau zu sprechen, über Vergeltung für Vergewaltigung und Mord, aber vielleicht nicht unpassend. Plötzlich überkam mich Rastlosigkeit. Ich fühlte mich fehl am Platz, wollte zurück auf die Straße, zurück in die schmuddeligen Bars, in denen ich verstand, was vor sich ging, und wusste, wie ich reagieren musste. Die Hotelsuite war mir so fremd wie die Rückseite des Monds. Saltanat sah mich an, spürte meine Stimmung und las meine Gedanken. »Die Polizei sucht immer noch nach dir; hältst du es da für klug, durch die Stadt zu streifen?« »Ich kann ja eine dunkle Brille aufsetzen«, sagte ich in der Hoffnung, sie zum Lächeln zu bringen. Es funktionierte nicht. »Das ständige Herumsitzen macht mich wahnsinnig, und ich werde mich schon nicht vors Weiße Haus stellen und meinen Namen hinausschreien«, fügte ich hinzu. »Ich brauche nur ein bisschen Bewegung, um den Kopf freizubekommen.« Falls Saltanat registriert hatte, dass ich bislang nur von mir sprach und nicht von uns, ließ sie es sich nicht anmerken. »Ich rufe dich an«, sagte ich und zog mir meine Jacke über. Saltanat schien ungerührt. Es sah so aus, als wäre jede denkbare Beziehung zwischen uns zum Scheitern verurteilt, bevor sie überhaupt begonnen hatte. Meine Schuld, nahm ich an. Zu viel Schmerz, zu viele Erinnerungen, zu viel Angst, zu lieben und einen neuerlichen Verlust zu erleiden. Ich nickte und ging zur Tür. Ich verabschiedete mich nicht. Ich ging den Tschüi-Prospekt hinunter, vorbei an zahlreichen jungen im Parlamentsgebäude angestellten Frauen, die sich an der Frühlingssonne freuten. Sie standen in kleinen Gruppen zusammen, lachten, plauderten und hielten ihre Handys vor sich wie Talismane zur Abwehr der zwei großen Gefahren: alt zu werden und allein zu sein. Keine von ihnen nahm Notiz von mir; nur einer von jenen Männern, die die Midlife Crisis anstarrt wie der Doppellauf einer Schrotflinte. Ich versuchte meine melancholische Stimmung abzuschütteln, schlenderte durch den Park, vorbei an Schaukeln und Rutschen und hörte freudig kreischenden Kindern zu. Sie klangen wie zurückkehrende Vogelschwärme, die sich in den Baumkronen niederließen. Ich ging an grob gemeißelten Steinstatuen vorbei, die hinter Büschen hervorlugten oder im hohen Gras kauerten. Sie sahen urtümlich aus, zeitlos, als wären sie schon lange vor der Stadt hier gewesen und als würden sie auch noch lange nach ihr da sein, umgeben nur noch von verfallenen Mauern und ausgebrannten Autos. Ich setzte mich auf eine Bank und starrte durch das Blätterdach zur Sonne hinauf. Ihr Licht ließ alles gefleckt und geheimnisvoll erscheinen. Es kam mir vor, als hätte ich mich in einem dunklen Wald verlaufen, als sei mein Weg ungewiss, meine Wanderung ziellos. Ich wusste, dass Graves zu gute Beziehungen, Geld und Kontakte hatte. Sie würden ihn von jedem Gerichtssaal und jeder Gefängniszelle fernhalten. Früher hätte mich die Vorstellung, ihn mit all den Morden davonkommen lassen zu müssen, noch wütend gemacht. Inzwischen schien es mir der Lauf einer Welt zu sein, die alle Arten zu leben, an die ich glaubte, missachtete. Zynisch oder realistisch? Vielleicht bestand dazwischen gar kein Unterschied. Etwa eine Stunde lang saß ich nur da und versuchte, mich von den Eindrücken der letzten Tage abzulenken, von den winzigen Körpern, die ich ausgegraben hatte, von den Filmen, die ich mir angesehen hatte, von dem vielen Blut, das an den Wänden klebte, von den Augen und Mündern, die tonlos und vergebens um Hilfe schrien. Doch es funktionierte nicht. Zu viele Leichen, zu viel Leid. Mit etwas Glück würden die hübschen Mädchen, die alten Männer und die hüpfenden Kinder, die den Park bevölkerten, meine Welt nie zu sehen bekommen. Denn meine Rolle ist es, der Mann in Schwarz zu sein, der in einer dunklen Ecke im Leben der Menschen hockt und von niemandem bemerkt wird. Ein Seelenbestatter. Eine Wolke schob sich vor die Sonne, der Wind schüttelte das Laub. Der Frühling birgt das Versprechen eines Sommers in sich, aber die Erinnerungen an den Winter sind nie weit. Auf dem Weg zurück zum Tschüi-Prospekt telefonierte ich kurz. Ich schlug einen Treffpunkt vor, dann ging ich, von niemandem bemerkt, an lachenden Kindern und ihren wachsamen Müttern vorbei. Kapitel 52 Das banja am Ende der Ibraimowa war eins der erfreulicheren Vermächtnisse unserer wenig glorreichen Tage als Teil der Sowjetunion. Es war vor kurzem renoviert worden und ein wunderbarer Ort zum Entspannen, mit zwei verschiedenen Saunen, Massagetischen und einem kreisförmigen Kaltwasserbecken unter einer weiß gekachelten Halbkugel. Es hatte sogar eine Snackbar, an der es Pferdefleischwürste und kaltes Bier gab, und zum Haareschneiden einen kleinen Friseursalon, geführt von zwei Frauen, deren absolute Gleichgültigkeit gegenüber den nackten Männern im banja bewies, dass sie schon alles gesehen hatten, von lang und groß bis kurz und klein. Der ideale Ort, um sich mit jemandem zu treffen und dabei zu vermeiden, dass Schusswaffen oder ein Tonbandgerät zum Einsatz kamen. Ich zog mich aus und packte meine Sachen in ein Schließfach. Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass niemand mich beobachtete, legte ich ein paar Papiere auf die Schließfächer. Ich ging in den Duschraum und gab einer untersetzten Frau mittleren Alters Geld für ein dünnes Baumwolltuch, das ich mir um den Bauch schlang. Skeptisch beäugte sie meine verletzte Schulter und die blutverkrustete Furche, deren Ränder bereits infiziert und leicht entzündet aussahen. »So kommen Sie mir aber nicht ins Becken«, sagte sie. »So nicht.« »Ich will auch nur ins Dampfbad«, erwiderte ich. Meine Antwort schien sie zufriedenzustellen, und ich war nur froh, dass sie nicht auf meinen Fuß hinabschaute. »Sagen Sie schon, wie haben Sie sich das überhaupt zugezogen?« Sie deutete mit dem Kopf auf meine Schulter. Ich zuckte mit den Achseln und tat mein Bestes, eingeschüchtert auszusehen. Es war nicht sonderlich schwer. »Meine bessere Hälfte«, sagte ich und fügte erklärungshalber hinzu: »Ziemlich kurze Zündschnur. Tatarin. Hab mir wahrscheinlich ein paar Bierchen zu viel genehmigt und bin zu spät nach Hause gekommen.« Die Frau schürzte die Lippen. »Ha! Dann seien Sie mal froh, dass Sie nicht mein Mann sind!« Wieder einmal in ihrer Meinung über die Nichtsnutzigkeit von Männern bestätigt, wandte sie sich ab. Ich nickte und verzichtete darauf, eine Flasche Baltika zu kaufen; nicht, dass sie mir noch eine damit überzog. Ich war früh dran, deshalb nahm ich noch eine lange heiße Dusche, bevor ich mich für zehn Minuten in den heißesten Dampfraum setzte, umringt von nackten Männern, von denen sich die meisten selbst oder gegenseitig mit Birkenzweigen schlugen. Wir haben ein paar seltsame Bräuche in Zentralasien. Einige der Männer trugen sogar hohe Filzkalpaks, um es noch heißer zu haben. Der Lattenrostboden war von Laub übersät, und einige Blätter blieben an meinen Füßen kleben, als ich die Hitze nicht mehr aushielt und nach draußen ging. Ich schüttete eimerweise kaltes Wasser über mich, als hinter mir eine Stimme meinen Namen rief. »Wie geht’s, Akyl?« »Muss ich dir das wirklich noch sagen?« Ich drehte mich um und sah mich Kenesch Jussupow gegenüber. »Es gibt nichts, was ich lieber täte, als mich so richtig tief in die Scheiße zu reiten und dann zu versuchen, wieder herauszukommen. Deshalb dachte ich, rufe ich meinen alten Freund an und frage ihn, ob wir uns nicht mal wieder sehen können.« »Ich habe nicht damit gerechnet, nochmal von dir zu hören.« Er wischte sich mit einem Handtuch das Gesicht trocken. »Jedenfalls nicht, bis diese Geschichte mit den Kinderpornos in deiner Wohnung geklärt ist.« »Daran arbeite ich noch«, sagte ich. »Aber ständig kommt mir was dazwischen. Ich werde verprügelt, gefoltert, von meinen ehemaligen Kollegen gejagt, und alte Freunde wenden sich von mir ab.« Ich hielt es Kenesch zugute, dass er ein paar Sekunden lang beschämt aussah. »Ich habe Familie, Akyl. Und wieso sollte ausgerechnet ich dir helfen können?« Ich nickte; wenn ich wollte, dass Kenesch mir half, musste ich ihm zeigen, dass ich nicht nachtragend war. »Ich habe das von jemandem sehr weit oben«, begann ich. Tynalijews Namen wollte ich lieber nicht nennen. »Es heißt, die Anweisung, nach mir Ausschau zu halten, wurde inoffiziell heruntergestuft.« »Es wird gemunkelt, dass dir das alles nur angehängt werden sollte«, sagte Kenesch. »Möglicherweise von Leuten, die den alten Chef unterstützt haben, bevor er sich verabschiedet hat. Du weißt schon, um es dir heimzuzahlen.« Ich wusste, dass das nicht zutraf; die Leute, die den alten Chef gestützt hatten, hätten kaum einen Finger gerührt, wenn er in Flammen gestanden hätte. Diese Leute schauen nicht zurück und machen einfach weiter, mit dem nächsten Deal, der nächsten Gaunerei, dem nächsten Arsch, in den sie kriechen können. »Ich möchte, dass du mir einen Gefallen tust«, sagte ich und sah, wie Jussupow sofort misstrauisch wurde. »Keine Angst. Dass ich nicht verkabelt bin, siehst du ja wohl.« »Außer du hast es an einer sehr unappetitlichen Stelle versteckt«, sagte er in einer seltenen Anwandlung von Humor. »Wenn dem so wäre, würdest du nicht ins Mikrophon sprechen wollen«, sagte ich, und die Anspannung schien etwas von uns abzufallen. Ich schöpfte einen weiteren Eimer kalten Wassers aus der Wanne und kippte es mir über den Kopf. Der Schock war wie ein Schlag ins Gesicht, aber er verschaffte mir etwas Zeit, um mir zu überlegen, wie ich Jussupow überreden könnte, zu tun, worum ich ihn bitten würde. »Wir sollten das Bad getrennt verlassen«, sagte ich. »Aber bevor du gehst, muss ich dich bitten, etwas von meinem Schließfach mitzunehmen.« »Was?«, fragte er. »Nichts, weswegen du dir Sorgen machen musst«, beruhigte ich ihn. »Aber ich habe gründlich recherchiert, was die toten Kinder angeht, die wir ausgegraben haben. Ich bin mir ziemlich sicher, was mit ihnen passiert ist und warum. Für den Fall, dass schon jemand ein Loch für mich aushebt, habe ich allerdings ein paar Aufzeichnungen gemacht, und ich möchte, dass du sie aufbewahrst.« Ich machte eine Pause, und um den Ernst der Sache zu unterstreichen, sah ich Jussupow in die Augen. »Wenn ich irgendwann nicht mehr auftauchen sollte oder gefunden werde, nachdem mir jemand einen Kuss mit einer Makarow gegeben hat, schickst du alles an den Chefredakteur von Achyk Sayasat. Du weißt, wie regierungskritisch sie sind; sie werden es umgehend veröffentlichen, und man kann nicht allen das Maul stopfen. Ein anonymer Hinweis. Du wirst in die Sache nicht mit hineingezogen.« »Kann ich schon machen«, sagte er. »Aber warum schickst du diese Informationen nicht einfach an Tynalijew? Du würdest rehabilitiert, die Anschuldigungen würden fallen gelassen, und du hättest die volle Unterstützung des Ministers.« Ich wollte Kenesch nicht unter die Nase reiben, dass Tynalijew selbst möglicherweise an den Morden beteiligt war; er hätte sich nicht einmal mehr die Zeit zum Anziehen genommen, so schnell wäre er aus dem banja abgehauen und die Ibraimowa runtergerannt. Ich sagte ihm, wo ich die Unterlagen versteckt hatte, und sah ihm nach, als er sich in Richtung Umkleide entfernte. Ich beschloss, zehn Minuten zu warten, bevor auch ich ging, gerade lange genug, um noch einmal zu duschen und die Steifheit in meinen Gelenken ein wenig zu lösen. Dann bemerkte ich den bulligen Kerl mit der Glatze und den Knasttattoos auf der Brust, der in die Dusche kam. Und er bemerkte mich. Kapitel 53 Er kam auf mich zu. Nackt wie er war, konnte ich die Muskelstränge an Brust und Armen deutlich sehen. Mich in zwei Teile zu reißen hätte ihn nicht mehr Mühe gekostet, als ein Paar Essstäbchen auseinanderzubrechen. Der Gips an seiner Hand war ein Andenken an den Schlag, den ich ihm vor Graves’ Haus mit dem Montiereisen verpasst hatte, und seiner finsteren Miene nach zu urteilen, hatte er mir noch nicht vergeben. Er stand zwischen mir und der Umkleide, und ich wusste, einen anderen Weg gab es aus dem banja nicht, und nur mit dem dünnen Baumwolltuch um die Hüften zu gehen erschien mir ohnehin nicht besonders reizvoll. Ich bewegte mich rückwärts von den Dampfräumen bis zum Durchgang zum Kaltwasserbecken, stieß die Tür auf und behielt den Muskelprotz im Auge, während er mir folgte. Er hatte es nicht eilig und bewegte sich mit der seltsamen Anmut, die man manchmal an stämmigen, extrem muskulösen Männern beobachten kann. Er wusste, dass ich in der Falle saß, und er wollte die Zeit genießen, die ihm blieb, bis er mich umbringen würde. Er griff sich einen Besen und rammte den Stiel durch die Türgriffe, damit uns niemand folgen konnte. Das Becken war verlassen, das Wasser reglos, spiegelglatt. Das Licht, das durch die hoch oben in den Wänden angebrachten Fenster fiel, schnitt durch die Oberfläche und brach sich schimmernd auf den blauen Fliesen. Der Raum wirkte wie ein sehr guter Platz zum Sterben. Ich zog mich ans hintere Ende des Beckens zurück, sodass wir einander gegenüberstanden, das Becken zwischen uns. Ich spiegelte jeden Schritt, den er auf die eine oder andere Seite machte, sodass wir einander immer genau gegenüber blieben. Theoretisch hätten wir diesen Tanz stundenlang fortsetzen können, oder zumindest so lange, bis jemand nachsehen kam, warum sich die Tür zum Beckenbereich nicht öffnen ließ. Außerdem war nicht auszuschließen, dass er mit einem Kollegen hergekommen war, der beim Umziehen länger gebraucht hatte und sich auf die Suche nach ihm machte, wenn er ihn nicht fand. Falls er tatsächlich nicht allein hier war, würden sie mich in die Zange nehmen und mir zu zweit zu Leibe rücken. Ich musste also etwas unternehmen. Ich lockerte meine Nacken- und Schultermuskeln, als ich mich am Beckenrand entlang auf den Kerl zubewegte. Er ließ mich keine Sekunde aus den Augen, und ich kam bis auf drei Meter an ihn heran. Das vom Wasser zurückgeworfene Licht verlieh ihm eine fast unwirkliche Präsenz. Ich konnte jede Pore seiner Haut sehen, jedes Härchen auf seinen Armen und Beinen, die hängende Schwere seines Bauchs. Das blaugraue Tattoo auf seiner Brust zeigte eine russische Kirche mit drei Zwiebeltürmen, die für drei Gefängnisaufenthalte standen. Der Dolch, der seinen Hals durchbohrte, verriet mir, dass er im Gefängnis einen Mord begangen hatte und für alle möglichen Aufträge zur Verfügung stand. Es war nicht schwer zu erraten, welcher Art sein letzter gewesen war. Mir war klar, dass er den Gips an seiner Hand als Waffe einsetzen konnte, solange er nicht im Wasser war und er ihn behindern würde. Deshalb stürmte ich mit eingezogenem Kopf auf ihn zu und riss ihn mit mir ins Becken. Meine Arme um seinen Bauch geschlungen, sanken wir auf den Grund, wo er mit seinem Gips nach meinem Hals zu schlagen versuchte. Das kalte Wasser biss in meine Schulter wie ein hungriger Wolf. Aber ich zog den Kopf weiter zwischen meine Schultern, die viel von der Wucht seiner Schläge abfingen. Wegen des Wasserwiderstands und des Gewichts, das der vollgesogene Gips entwickelte, konnte er mir kaum etwas anhaben. Ich hielt weiter seinen Bauch umschlungen und schlug auf ihn ein, so fest ich konnte. Es war, als drösche ich auf eine Rinderhälfte ein, so hart waren seine Muskeln. Ich ballte die Faust und schlug weiter zu. Aus seiner Lunge schoss eine riesige Luftblase an die Oberfläche. Ich hielt weiter die Luft an und packte ihn an den Eiern. Sein Mund öffnete sich zu einem stummen Schrei, und er geriet in Panik. Ich ließ ihn los und stieß mich an die Oberfläche. Das Becken war drei Meter tief, und mit den Füßen strampelnd, wartete ich darauf, dass auch er auftauchte. Das war der Moment, in dem mir klar wurde, dass er nicht schwimmen konnte. Die Augen vor Entsetzen weit aufgerissen, brach er durch die Oberfläche. Jetzt hatte er keinen Boden mehr unter den Füßen und ruderte so wild mit den Armen, dass das Wasser über die Fliesen am Beckenrand schwappte. Ich schwamm ans andere Ende und kletterte hinaus. Wenn ich ihm zu helfen versuchte, würde er mich in seiner Panik wahrscheinlich nur nach unten ziehen und mich mit ihm ertränken. Damit hätte er seinen Auftrag zwar erfüllt, aber nicht so, wie er es im Sinn gehabt hatte. Ich stand da, triefend, das nasse Haar an meinen Kopf geklatscht, und schaute zu, wie er auf den Grund sank. Seine Arme bewegten sich wellenförmig, wie Seegras in der Strömung eines Flusses, zuerst rasch, dann immer langsamer und kraftloser, je mehr sich seine Lunge mit Wasser füllte. Schließlich blieb er, an seinem Gips verankert, reglos auf dem Grund des Beckens liegen. Ich wusste, er hätte mich umgebracht, mich erwürgt oder unter Wasser gedrückt. Ich war mir sicher, dass er bereits getötet und dabei beobachtet hatte, wie alles Leben aus den Augen seines Opfers gewichen und von einem Nichts ersetzt worden war. Vielleicht war er es gewesen, der Alina im Hotel vergewaltigt und umgebracht hatte. Ich stellte mir vor, wie er im Bett lag und mit einer Lust, stärker als jede sexuelle Befriedigung, noch einmal durchlebte, wie er jemandem das Leben nahm. Aber nichts von alldem verschaffte mir ein besseres Gefühl dabei, untätig am Beckenrand zu stehen und einen anderen Menschen ertrinken zu sehen. Kapitel 54 Als ich das banja verließ, war von Jussupow nichts mehr zu sehen, was gut war, solange er im Fall meines Todes das Belastungsmaterial tatsächlich der Presse zuspielte. Das Heulen einer Polizeisirene bedeutete, dass inzwischen jemand die Leiche im Kaltwasserbecken entdeckt und den Vorfall gemeldet hatte. Ich ging über das unebene Areal, das die Bezeichnung Parkplatz für sich beanspruchte, und zog mich hinter eine Ziegelmauer zurück. Bloß nicht laufen oder einen ängstlichen oder verdächtigen Eindruck erwecken. Ich war nur ein stinknormaler Bürger, der nichts Böses im Sinn hatte. Ich rief Saltanat an und verabredete mich mit ihr in einer Stunde in der Metro-Bar. So konnte ich zu Fuß durch die Stadt gehen und dabei versuchen, die einzelnen Teile zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Im Gehen kamen mir immer die besten Ideen, mit Vorliebe nachts, wenn die Straßen leer waren und die Dunkelheit alles andere ausblendete. Es war, als stellte der immer gleich bleibende Ablauf, die Routine und der Takt der regelmäßig aufeinander folgenden Schritte, neue Zusammenhänge und frische Verbindungen her. Außerdem würde es mir helfen, emotional von dem Tod im banja Abstand zu gewinnen. Ich versuchte mir einzureden, dass er mich umgebracht hätte, wenn ich ihm nicht zuvorgekommen wäre, und dass ich mir keine Vorwürfe machen musste. Fast schon lebensmüde überquerte ich die Straße zum Tschüi-Prospekt, ohne auf das Hupen und die Flüche der Autofahrer zu achten, die den schlimmsten Schlaglöchern auszuweichen versuchten. Von dort konnte ich inmitten der vielen Menschen unbemerkt bis ins Stadtzentrum weitergehen. Meine Pistole lag noch in Saltanats Auto, und ich fühlte mich seltsam nackt ohne die Rückversicherung ihres Gewichts. An sich hatte ich mich nie zu sehr von Waffen abhängig machen wollen, weil sie zu leicht zur schnellen Lösung werden, zur einfachen Alternative. Doch jetzt, nicht einmal mit einer Nagelfeile bewaffnet, um mich gegen meine Feinde wehren zu können, war ich geneigt, meine Einstellung zu überdenken. Ich dachte daran, einen Arzt aufzusuchen, denn meine Schulter hatte inzwischen mehr Stiche nötig als die, mit denen meine Jacke genäht war. Die heiße Dusche und das anschließende Kaltwasserbecken hatten die Wunde gereinigt, aber bei dem Kampf war sie wieder aufgeplatzt, und ich spürte, wie die blutigen Ränder an meinem Hemd festklebten. Ich entschied mich gegen einen Arztbesuch, zumindest fürs Erste. Wenn ich auf der Fahndungsliste stand, garantierten weder Som noch Dollar Verschwiegenheit. Als ich den Ala-Too-Platz überquerte, schaute ich zu der riesigen, im Wind flatternden Landesflagge hinauf, ihr grelles Rot durchbrochen nur von dem gelben tündük in der Mitte, das den Rauchabzug im Dach einer traditionellen Jurte darstellt. Unsere Fahne hat mir immer Hoffnung darauf gemacht, die Männer und Frauen meiner Heimat könnten von mehr angetrieben sein als von Brutalität und Gier, Geilheit und Terror. Doch jetzt fragte ich mich, ob diese Hoffnung vergebens war, eine flüchtige Illusion, wie von dunklen Fenstern reflektierte Autoscheinwerfer. Wie ferne Gewehrschüsse knallte die Flaggleine in einem abgehackten Rhythmus gegen die Fahnenstange. Ich schaute zum Denkmal für die Demonstranten, die bei der letzten Revolution erschossen worden waren, und erinnerte mich an den Tag, an dem der Platz widergehallt hatte von Kugeln, die von Gebäuden abprallten und in Körper schlugen. Manchmal verzweifelt man, aber man macht weiter. Was soll man auch anderes tun? Saltanat wartete in der Metro-Bar, vor ihr eine halb volle Flasche Baltika, ihr Kopf von Zigarettenrauch umwölkt. Sie schaffte es, gleichzeitig unglaublich schön und unglaublich angefressen auszusehen. »Schon was gegessen?«, fragte ich und winkte der hübschen rothaarigen Bedienung, uns Speisekarten zu bringen. Ich bestellte Tschai, dann diskutierten wir über die Vorzüge verschiedener Pizzabeläge, bevor wir uns darauf einigten, uns eine Diavolo zu teilen. Beim Essen erzählte ich Saltanat von dem Ertrunkenen im banja. Sie sah mich an, nahm einen Schluck Bier und zündete sich eine weitere Zigarette an, bevor sie zu sprechen begann. »Dir ist doch klar, dass er dich umgebracht hätte. Wahrscheinlich war er an all diesen Vergewaltigungen und Morden beteiligt. Und du hast seinetwegen immer noch ein schlechtes Gewissen?« Ich schüttelte den Kopf. »Eigentlich nicht. Nur wegen der Art, wie er gestorben ist. Dass ich nichts unternommen habe, um ihn zu retten.« Saltanat drückte ihre halbgerauchte Zigarette aus. »Eine deiner größten Tugenden, Akyl, ist, dass du trotz all der Toten und der Gewalt, die du gesehen hast, keinen Geschmack daran gefunden hast, jemandem das Leben zu nehmen. In deinem Job ist das natürlich auch dein größtes Problem. Ein kurzes Zögern vor dem Abdrücken, der Impuls, irgendein Arschloch lieber zu verwunden, als es ins Jenseits zu befördern. Das kann ganz schnell dein letzter Fehler sein.« »Ich bin zur Polizei gegangen, um die Menschen zu beschützen«, sagte ich, überrascht über das leichte Zittern in meiner Stimme. »Nicht, um selbst zur Bedrohung zu werden.« Saltanat verdrehte die Augen angesichts meiner Naivität. »Akyl, ein Kammerjäger ist kein schlechter Mensch, weil er Ratten tötet. Er tut das, was getan werden muss. Lässt du die Ratten am Leben, schaden sie uns allen. Die Ratten tun, was sie tun, weil sie Ratten sind. Wir tun, was wir tun, weil es dazu keine Alternative gibt.« »Ist das deine Philosophie, ja?« Ich hatte keine Lust, mich auf eine Diskussion über meine zahlreichen Defizite als Polizist, als Liebhaber oder als Mensch einzulassen. »Für dich klingt das vielleicht abgehoben«, antwortete Saltanat mit einem schneidenden Unterton. »Für mich ist es die Realität.« Darauf schien es nicht viel zu sagen zu geben, weshalb ich meinen Mund danach nur noch aufmachte, um einen Schluck Tschai zu trinken. »Als du im Dampfbad warst, bin ich die Liste der ausländischen Agenturen durchgegangen, die wir von diesem Sack Sakatajew im Adoptionsamt bekommen haben. Ich habe überprüft, von wem sie geführt werden, falls überhaupt irgendwelche indirekt involvierten Leiter oder Besitzer existiert haben. Und dann, hinter einer Holding versteckt, die einer anderen Holding gehört, wessen Name ist da, glaubst du wohl, im Kleingedruckten aufgetaucht?« »Der von unserem Freund Morton Graves?« »Ganz genau. Im Handelsregister eingetragen, um dabei zu helfen, im Ausland adoptionswillige Paare zu finden, sie auf Herz und Nieren zu prüfen und ihnen dann für eine Adoption infrage kommende Kinder vorzuschlagen. Alles ganz legal, mit Brief und Siegel.« Ich warf einen gierigen Blick auf Saltanats Zigaretten, beschloss aber, der Versuchung zu widerstehen. »Und?« »Ich habe Sakatajew einen zweiten Besuch abgestattet, ihn gerade noch rechtzeitig erwischt, als er mit seinem BMW zu seiner Datscha fahren wollte. Die Belohnung für die viele schwere Arbeit. Er war so erpicht darauf, mir bei der Beantwortung meiner Fragen behilflich zu sein, dass er sich zwei Finger in seiner Schreibtischschublade gebrochen hat.« »Und?« Ich stellte mir den verängstigten und übergewichtigen Bürokraten vor und wollte mich lieber nicht länger mit der Frage beschäftigen, wie es zu diesem bedauerlichen Unfall gekommen war. »Ich dachte schon, er macht sich gleich in die Hosen, als ich Graves’ Namen fallen ließ. Faselte irgendwas davon, dass er nicht über vertrauliche Informationen sprechen dürfte. Von wegen Vorschriften, die übliche Leier. »Graves führt eine legale Adoptionsagentur, die sich ›Hoffnung auf Liebe‹ nennt, absolut seriös, mit den besten Empfehlungen begeisterter Eltern in New York, San Francisco und Toronto. Und die Fotos, Akyl, einige haben mir das Herz gebrochen.« Ich schaute auf und sah einen Anflug von Tränen in ihren Augen. »Kleine Kinder mit angeborenen Hasenscharten, entstellenden Muttermalen, ungeliebt, ungewollt. Vorher- und Nachheraufnahmen, die zeigen, was mit Geld und den entsprechenden Operationen möglich ist. Kleine Jungen, die stolz in ihren Spiderman-T-Shirts posieren, nachdem ihre Hasenscharten operiert wurden, sodass es nicht mehr aussieht, als würden sie die Zähne blecken, wenn sie lächeln. Kichernde kleine Mädchen in hübschen Kleidchen, die sich so verspielt zeigen, wie sie es sich sonst nie von der Kamera getraut hätten. Schöne Kleider, ein warmes Zuhause, Spielzeug, Umarmungen und Küsse von Eltern, die selbst keine Kinder bekommen können.« Saltanat fuhr mit der Hand über ihre Augen und sah mich dann so durchdringend an, als ob ich es irgendwie versäumt hätte, diesen Kindern zu helfen. »Alles, was man dafür braucht, ist Geld«, fügte sie hinzu. »Und Liebe, Saltanat«, sagte ich. »Unterschätze die Liebe nicht.« Kapitel 55 Ich bestellte Saltanat ein weiteres Bier und strich mit den Fingerspitzen über das raue Holz des Tischs. »Wir wissen also, dass Graves einigen Kindern geholfen hat. Vielleicht dient das nur dazu, seine anderen Aktivitäten zu kaschieren und als edler Wohltäter dazustehen. Ändert das irgendetwas an der Sache?«, fragte ich. »Nein. Er tut es eindeutig für das Geld, nicht aus Liebe. Bestechungsgelder, Bescheinigungen, Flüge, ärztliche Untersuchungen, da kommt einiges zusammen. Aber das ist nichts im Vergleich mit dem Geld, das er nebenher mit illegalen Adoptionen verdient.« Saltanat blies Rauch an die Decke und trank von ihrem Bier. »Angenommen, die Behörden lehnen dein Adoptionsgesuch ab, aber du willst unbedingt ein Kind haben. Dann ist Graves’ Agentur genau die richtige Adresse.« »Alles eine Frage des Geldes?« »Die Sache läuft folgendermaßen. Zuallererst besorgst du dir eine Genehmigung, eine staatlich zugelassene Adoptionsagentur führen zu dürfen. Die Genehmigung selbst kostet nicht viel, aber die Schmiergelder, um sie zu bekommen, reißen dich um die fünfzehn-, zwanzigtausend Dollar in die Miesen. Dann richtest du eine Website ein, kontaktierst Adoptionsagenturen in anderen Ländern und lässt so Leute, die unbedingt ein Kind haben wollen, wissen, dass du ihnen helfen kannst. Je mehr Zeit verstreicht, desto mehr Geld muss fließen.« Ich nickte und kritzelte ein paar Zahlen auf eine Serviette. »Bei jedem positiven Bescheid, dass ein Kind zur Adoption freigegeben wurde, bekommt jemand ein ›Geschenk‹ in Gestalt eines Umschlags mit ein paar tausend Dollar zugesteckt. Der Papierkram kostet noch einmal einen Tausender. Die Kosten häufen sich also. Und dann kommen die Ausländer ins Spiel.« Saltanat schaute sich um, aber alle Tische in der Nähe waren leer, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Graves’ Sicherheitsvorkehrungen so weit gingen, die Metro-Bar zu verwanzen. »Stell dir vor, du bist seit zwölf Jahren verheiratet und hast die letzten zehn versucht, ein Kind zu bekommen. Die ärztlichen Untersuchungen sind zu keinem eindeutigen Ergebnis gelangt, mit einer künstlichen Befruchtung hat es auch nicht geklappt, ihre biologische Uhr tickt. Was machst du in so einer Situation? Du gehst zu den Adoptionsagenturen in deinem eigenen Land. Sie sagen dir, du bist zu alt, du warst vorher schonmal verheiratet, es sind keine Kinder in deiner ethnischen Gruppe verfügbar. Komm nächstes Jahr wieder, aber versprechen können wir dir nichts.« Saltanat schnaubte verächtlich. »Du führst nächtelange Diskussionen über dieses Thema, du schläfst nicht mehr miteinander, es treibt einen Keil zwischen euch. Dann liest du einen Artikel über die Waisen von Kirgisistan. Schöne asiatische Kinder, die in ärmlichsten Verhältnissen aufwachsen, unter grässlichen Bedingungen, wie man sie nicht einmal einem Hund zumuten würde, unterernährt, ohne nennenswerte Schulbildung, oft mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, ohne einen Menschen, der sie liebt, der für sie sorgt.« »Wo ich aufgewachsen bin, war es nicht so …«, setzte ich an, aber Saltanat gebot mir mit erhobener Hand Schweigen. »Akyl, ›ärmliche Verhältnisse‹ bedeuten für diese Leute, nicht in jedem Zimmer einen 42-Zoll-Flachbildfernseher und WLAN zu haben. Sie bekommen tiefes Mitleid mit diesen Kindern, wie sollte es auch anders sein? Also wenden sie sich an eine Agentur wie ›Hoffnung auf Liebe‹ und werden eingeladen, nach Bischkek oder Osch zu fliegen, um ein paar dieser Kinder kennenzulernen. Und sobald sie sich darauf einlassen, hängen sie am Haken.« »Sobald sie ein Kind gefunden haben, können sie nicht mehr zurück«, sagte ich. Das war keine Frage. »Natürlich nicht. Die Cleveren nehmen sich vielleicht einen Anwalt, der mit der Agentur verhandelt, um die Schmiergelder auf ein Mindestmaß zu reduzieren und sicherzustellen, dass die Papiere in Ordnung sind.« »Von Beträgen in welcher Größenordnung reden wir hier?«, fragte ich. »Möglicherweise bis an die fünfzigtausend Dollar«, sagte Saltanat und rieb zur Unterstreichung des Gesagten Daumen und Zeigefinger aneinander. Fünfzigtausend Dollar. So viel verdienen die meisten Kirgisen ihr ganzes Leben lang nicht, auch wenn sie Jahr für Jahr Kartoffeln ernten, Obst anbauen, um es am Straßenrand zu verkaufen, Ziegen oder Schafe schlachten und zerlegen, um schon vor Morgengrauen aufzubrechen und sie auf dem Markt zu verkaufen, während ein kalter Wind von den Bergen herabweht. »Die Sache ist die«, fuhr Saltanat fort. »Wenn man erstmal so viel Geld gezahlt hat, dann bekommt man irgendwann auch ein Kind, das man mit nach Hause nehmen kann. Es ist teuer, aber man bekommt, wofür man bezahlt hat. Und vergleicht man den gezahlten Betrag mit den Kosten für eine Operation, falls eine nötig ist, und mit den ganzen Schul- und Studiengebühren, wirkt er nicht einmal so wahnsinnig hoch, wenn man unbedingt ein Kind will.« Ich nickte. Mir gefiel die Vorstellung nicht, Kinder von ihren Wurzeln zu trennen und sie in eine andere Kultur zu verpflanzen, fernab ihrer leiblichen Geschwister. Aber ich war nicht so blöd oder patriotisch, um zu verkennen, dass es der Weg in ein besseres Leben sein konnte. »Jeder bekommt also seinen hungrigen Schnabel gestopft, jeder kommt auf seine Kosten.« Saltanat sah mich an und schüttelte den Kopf. »Angenommen, du hast die fünfzigtausend nicht? Oder bevor du dir einen Anwalt nimmst, sagt jemand, wir kriegen den Papierkram nicht geregelt, es dauert alles etwas länger als gedacht?« Mir war klar, dass mir nicht gefallen würde, was als Nächstes kam. »Wir wissen, es ist viel Geld, aber so ist das nunmal mit dem Staat. Aber für dreißigtausend direkt an uns können wir dir ein Kind beschaffen, das nicht aus einem Waisenhaus kommt. Es ist besser versorgt und gesünder, und du kannst es sofort mitnehmen, ohne Komplikationen.« Ich streckte die Hand über den Tisch und nahm die letzte Zigarette aus Saltanats Päckchen. Zeit, meine Pistole zurückzufordern; ich wollte nicht mit bloßen Händen dastehen, wenn ich diesen Schweinen das nächste Mal begegnete. »Stell dir vor, deine Familie lebt in Karakol, drüben in Talas oder unten im Süden in einem der Dörfer hinter Osch. Ihr seid arm, aber ehrlich. Die einzige Ernte, die immer reichlich ausfällt, sind Kinder. Zu viele hungrige Mäuler zu stopfen, Kleidung, Schuhe, nur Geld kommt keines rein. Eine Agentur tritt an dich heran. Sie bieten eurem neugeborenen Baby die Chance auf ein neues Leben bei reichen Ausländern. Sie suchen einen hübschen malysch oder eine schöne malyschka. Junge oder Mädchen, was du gerade hast. Sie zeigen dir Fotos von einem großen weißen Haus am Rand von Vancouver, einer Farm upstate New York, Orte, von denen du nie was gehört hast, Luxus, den du dir nicht einmal vorstellen kannst. Und dort soll euer Baby aufwachsen. Natürlich wird es dir fehlen, aber du wirst Fotos bekommen, Briefe, vielleicht sogar mal Besuche. Wie könntest du so ein Angebot ausschlagen?« Saltanat nahm mir die Zigarette aus den Fingern, inhalierte, gab sie mir zurück, winkte der Bedienung mit ihrem leeren Bierglas und bestellte ein neues. »Natürlich wollen sie dich für deinen Verlust entschädigen. Tausend Dollar, schau, ich habe das Geld schon dabei, lauter nagelneue Hundertdollarscheine, noch nicht mal gefaltet. Damit zahlst du deine Schulden, kaufst den älteren Kindern neue Anziehsachen, der Frau vielleicht ein neues Kleid. Was sagst du?« Ich konnte den Vater vor mir sehen, die Hände zerfurcht von jahrelanger Arbeit auf den Feldern, die Mutter, viel zu früh ausgelaugt von zu vielen Kindern und dem nie endenden Kampf gegen Schmutz und Hunger. Ich dachte an meine Mutter und ihren billigen Plastikkoffer mit dem gebrochenen Griff, wie sie nach Sibirien abreiste, meinen Großvater, der mir nicht in die Augen schauen konnte, als er mich im Waisenhaus ablieferte, den Schlafsaal, in dem ich mir die Decke über den Kopf zog und lautlos weinte, Nacht für Nacht. »Die Agentur macht Fotos von dem Kind, schickt es an die angehenden Eltern. Sie wollen immer ein Baby oder ein Kleinkind, ein Kind, das sich nicht an sein früheres Leben erinnert, auf keinen Fall einen pampigen Teenager. Und eins der Paare wird sagen, ja, das ist genau das richtige Baby für uns, dann wechselt das Geld den Besitzer und das Kind ebenfalls. Wahrscheinlich wird es Albina übergeben, die auf fürsorglich und mütterlich macht, um die Mutter zu beruhigen.« Es gab eine Frage, die ich unbedingt stellen musste, doch ich fürchtete mich vor der Antwort. »Und was passiert dann?« »In vielen Fällen läuft alles nach Plan, die Ausländer bekommen ein preisreduziertes Baby, die Eltern haben zum ersten Mal seit Jahren etwas Geld über. Ein paar Tausender verschaffen dem Baby einen Pass und den neuen Eltern eine Adoptionsgenehmigung, damit es das Land verlassen und so alles ein gutes Ende nehmen kann.« Bis hierhin konnte ich der Logik folgen; wenn die offiziellen Kanäle umgangen wurden, hieß das zunächst nur, dass weniger hungrige Schnäbel gestopft werden mussten. »Aber?«, fragte ich in der Gewissheit, dass das noch nicht die ganze Geschichte war und der Rest nicht erfreulich wäre. »Oft hängt es von den Ausländern ab«, fuhr Saltanat fort. »Und davon, wie leichtgläubig sie sind. Manchmal wird ein und dasselbe Baby an vier oder fünf Paare verkauft. Eines von ihnen bekommt das Kind, den anderen erzählt man, das Kind sei gestorben oder die Eltern hätten es sich in letzter Sekunde anders überlegt. Natürlich ist es jetzt nicht mehr möglich, ihnen den gesamten Betrag zurückzuerstatten, und da die adoptionswilligen Paare gegen das Gesetz verstoßen haben, können sie schlecht zur Polizei gehen und die Agentur anzeigen. Sie haben zu viele Horrorgeschichten über kirgisische Gefängnisse gehört, um diese Möglichkeit auch nur in Erwägung zu ziehen.« »Also fliegen sie nach Hause zurück, zu einer leeren Wiege und einem um dreißigtausend Dollar erleichterten Bankkonto?« Saltanat nickte. »Am schlimmsten kommt es aber, wenn niemand das Kind kauft.« Ihre Miene verhärtete sich, und ich wartete darauf, dass sie weitersprach. »Das Kind zurückzugeben ist zu riskant. Den Eltern erzählt man, dass alles geklappt hat, und sie behalten die tausend Dollar.« »Und das Kind? Was passiert mit den Kindern?« »Du hast sieben von ihnen in einem Feld außerhalb Karakols ausgegraben. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das nicht die einzige Halde ist. Wenn sie Glück haben, werden sie gleich getötet. Wenn nicht, treten sie vorher noch in Graves’ Filmen auf.« Ich sagte nichts, sondern dachte an die winzigen Häufchen Elend in diesem kalten Feld, unter einer Sonne, die den Schnee auf den Bergen in blutiges Rot tauchte. Ich wollte mich übergeben, die Meldung der Presse zuspielen und ein paar Köpfe der Nomenklatura auf Pfähle gespießt sehen. Aber vor allem wollte ich Morton Graves umbringen. Während wir in finsterem Schweigen dasaßen, brachte die Bedienung Saltanat ein frisches Bier. Sie war jung, hübsch, und ich konnte mich nicht an ihren Namen erinnern. »Was machst du denn für ein Gesicht, Akyl?«, fragte sie. »War mit der Pizza irgendwas nicht in Ordnung?« »Nein, nein, ganz im Gegenteil.« Ich lächelte und schaute dem Mädchen bewusst nicht nach, als es an die Bar zurückging. Das war für Saltanat aber kein Hinderungsgrund. »Hübsches Mädchen«, sagte sie betont beiläufig, aber mir machte sie nichts vor; für mich war das keine Entwarnung. »Kennst du sie schon lang?« »Sie arbeitet als Bedienung. In einer Bar. In der ich schon öfter was trinken war. Außerdem hat sie uns beide schonmal hier drinnen gesehen. Eifersucht kann ich jetzt echt nicht brauchen.« Saltanat sagte nichts, aber ich wusste, das Thema war noch nicht erledigt. In diesem Moment summte ihr Smartphone und ließ uns beide aufschrecken. Sie ging dran, hörte zu und beendete dann das Gespräch, ohne etwas zu sagen. Ihr Gesicht verriet absolut nichts, als sie mich mit der ausdruckslosen Miene einer professionellen Killerin ansah. »Albina«, sagte sie. »Sie hat mir einen Zeitpunkt und einen Ort genannt.« »Glaubst du, sie will uns Graves ans Messer liefern?«, fragte ich. »Sich Immunität erkaufen?« Saltanat schüttelte den Kopf. »Von wegen. Ich weiß, was sie will. Mich umbringen.« Kapitel 56 Ich schlug vor, zu meinem Versteck zu fahren und uns aufzurüsten, aber Saltanat meinte, sie bräuchte keine zusätzliche Bewaffnung, und außerdem würde die Zeit nicht reichen. Als sich der Lexus durch den Verkehr schob, wurde mir bewusst, dass ich Saltanat nie von meiner ersten Begegnung mit Albina erzählt hatte. Sie hörte schweigend zu, als ich sie ihr in groben Zügen schilderte, dann nickte sie. »Warum hast du mir das nicht schon früher erzählt?«, fragte sie, ohne den Blick von der Straße abzuwenden. Ich überlegte und merkte, dass ich darauf keine Antwort hatte. »Wahrscheinlich habe ich mir darüber nie groß Gedanken gemacht, bis mir klar wurde, wer sie ist«, sagte ich nach einer verlegenen Pause. »Dieser Nachmittag liegt schon so weit zurück, in einer Zeit, die ich zu vergessen versuche.« Saltanat nickte. »Kann ich gut verstehen.« »Wirklich?«, fragte ich. »Auch ich bin in einem Waisenhaus aufgewachsen, Akyl. Da bist du nicht der Einzige. Aber ich wurde adoptiert.« Ihre Stimme verriet mir, dass es keine idyllische Kindheit gewesen war und Fragen nicht erwünscht waren. »Wie lang hat es nach deiner Begegnung mit Albina gedauert, bist du wieder nach Hause gekommen bist?«, fragte sie. »Drei Monate später ist mein Großvater nach Karakol gekommen und hat mich am Busbahnhof abgeholt. Er hat zwei Fahrkarten nach Bischkek gekauft, und wir sind in einem klapprigen marschrutka-Kleinbus nach Westen gefahren. Es dauerte neun Stunden, bis wir da waren, und ich glaube nicht, dass mein deduschka auf der Fahrt mehr als fünf Worte mit mir gesprochen hat. Ganz sicher hat er mir nicht gesagt, warum wir nach Bischkek gefahren sind. Vom Busbahnhof aus sind wir etwa eine halbe Stunde zu Fuß gegangen – mein Großvater war niemand, der für ein Taxi auch nur einen Som zum Fenster hinausgeworfen hätte. Schließlich haben wir uns im Panfilow-Park auf eine der Bänke in der Nähe des Vergnügungsparks gesetzt. »Etwa eine Stunde lang saßen wir da; Großvater hat mir ein Eis mit Schwarzkirschensirup drauf gekauft. Ich hatte vorher noch nie eines bekommen und habe alles versucht, damit es möglichst lange hielt. Aber dann ist es geschmolzen und über meinen Arm und auf mein Hemd gelaufen. »Ich hatte gerade das letzte bisschen Sirup von meinen Fingern geleckt, als eine Frauenstimme sagte: ›Man kann dich wohl keine Sekunde unbeaufsichtigt lassen, Akyl Borubaew? Glaubst du eigentlich, saubere Hemden wachsen auf Apfelbäumen?‹ Ich schaute auf, und da war sie, meine mama. Sie sah müde aus und älter, mit hängenden Schultern, aber sie war es. Ich glaube, mir ist vor Überraschung der Mund aufgeklappt, und dann hat sie die Arme ausgebreitet, und ich habe meine um ihren Bauch geschlungen, und wir haben beide geweint. Alle Leute sind stehen geblieben und haben uns zugeschaut, aber das war mir egal, und ich dachte, mein Herz würde zerspringen vor Glück.« Bei dem Gedanken an diesen Tag und die darauf folgende Zeit verfiel ich in Schweigen: Ich dachte daran, wie wir bei einer ihrer Cousinen untergekommen waren, bis wir eine eigene Wohnung in Alamedin gefunden hatten, gleich hinter dem Markt, weshalb es in unserer Dreizimmerwohnung immer nach frischem Obst und Gemüse gerochen hatte. Es war das letzte Mal gewesen, dass meine Mutter mir gegenüber irgendwelche Gefühle gezeigt oder zu erkennen gegeben hatte, was in ihr vorging. Immer wenn ich schlecht drauf war oder unglücklich, hatte sie mir ins Gewissen geredet und mir ein ums andere Mal gesagt: »Lass dir nicht anmerken, was in dir vorgeht.« Sie hatte kommentarlos und ohne jede erkennbare Gefühlsregung dabei zugesehen, wie die Leiche meines Großvaters aus unserer Wohnung getragen wurde. Jahre später war ihr auf demselben Weg die meines Vaters gefolgt, anlässlich eines seiner seltenen Besuche. Sie war nicht gerade begeistert gewesen, als ich zur Polizei ging, da sie der weit verbreiteten Auffassung anhing, dass alle Polizisten nur zu gern die Hand aufhalten. Meine Mutter war gestorben, kurz nachdem ich Tschinara kennengelernt hatte. Sie war mit unserer Heirat einverstanden, hatte aber darauf bestanden, Tschinara wäre zu gut für mich. Und als ihre Zeit gekommen war, hatte meine Mutter mit Widerwillen dagegen gekämpft, etwas zu akzeptieren, das stärker war als ihre eigene Willenskraft. Bis zuletzt hatte sie sich gegen ihren eigenen Tod gewehrt. »Eine gute Geschichte, Akyl«, sagte Saltanat. »Aber glaub mir, du hast Glück gehabt.« Ich wusste, jeder Versuch, etwas aus ihr herauszubekommen, würde nur zu Schweigen und zu einem Rückzug führen, aus dem sie erst nach Stunden wieder herauszuholen wäre. Wenn sie es mir erzählte, verstünde ich vielleicht ihre Beweggründe, ihre Einstellung dem Leben gegenüber. Wenn nicht, war sie immer noch Saltanat mit all ihren Rätseln. »Wie gefährlich ist Albina?«, fragte ich. »Im Nahkampf? Mehr als gefährlich. Sie ist die Beste.« »Dann sollte ich mich vielleicht irgendwo außer Sichtweite auf die Lauer legen«, schlug ich vor. »Und sie mit einem gezielten Schuss ausschalten.« Saltanat schaute zu mir herüber und lächelte. »Erstens bist du kein guter Schütze. Zweitens kämst du nie in ihre Nähe; sie hat einen unschlagbaren Riecher für Fallen. Inzwischen verlässt sie sich schon fünfundzwanzig Jahre lang darauf, und er hat sie nie im Stich gelassen. Sie ist so vorsichtig wie ein Schneeleopard. Drittens würdest du sie erst kommen sehen, wenn es bereits zu spät ist. Und viertens ist das etwas zwischen ihr und mir, etwas, das endlichmal geklärt werden muss.« »Was Persönliches«, sagte ich. Sie nickte. »Was sehr Persönliches.« Wir parkten in der Orosbekowa, direkt hinter der Leninstatue auf der Rückseite des Historischen Museums, wo sie seit 2003 steht. Wir leugnen seinen Einfluss nicht, wir messen ihm nur nicht mehr die Bedeutung bei, die er einmal hatte. Er weist immer noch mit ausgestrecktem Arm in die Zukunft, aber dank der hohen Bäume ringsum, die länger Bestand gehabt haben als seine glorreiche Revolution, liegt sein Gesicht immer im Schatten. Ich schaute zu den Bäumen, aber Albina war nirgendwo zu sehen. »Woher willst du wissen, dass sie dich nicht einfach erschießt, sobald du aus dem Auto steigst?«, fragte ich. »Weil sie das als Niederlage betrachten würde«, sagte Saltanat. »Sie will beweisen, dass sie immer noch die Beste ist.« »Dass sie in vielen Dingen ziemlich gut ist, hat sie schon bewiesen.« Ich spürte das Brennen meiner Zehe, die Straffheit der Mullbinde, mit der wir sie verbunden hatten. »Ich habe da was für dich«, fuhr ich fort und reichte Saltanat mein uigurisches Messer. »Albina hat seinen Zwilling, und ich halte es nur für fair, dass du genauso gut bewaffnet bist wie sie.« Saltanat nahm das Messer, befühlte seinen Griff, prüfte die Gewichtsverteilung und nickte zustimmend. »Wenn ich den Eindruck gewinne, dass sie die Oberhand gewinnt oder dich töten wird«, sagte ich, zog meine Pistole unter dem Sitz hervor und hielt sie hoch, »dann erschieße ich sie.« Saltanat wollte protestieren, aber ich legte einen Finger an meine Lippen. Sie beugte sich vor, küsste mich auf die Wange, und ich konnte die Frische ihres Parfüms riechen, den Zitronenduft ihres Shampoos. Saltanats Smartphone begann zu summen. Sie ging dran und hörte zu. Zuerst flackerte Bestürzung über ihr Gesicht, dann Wut. Sie steckte das Handy wieder ein und wandte sich mir zu. »Das war gerade meine Botschaft. Elmira, die Frau, die sich um Otabek kümmert, wurde erschossen, sie ist tot. Und der Junge ist verschwunden.« Im nächsten Augenblick war sie bereits aus dem Auto und ging ohne Hast auf den Sockel der Statue zu. Albina kam aus dem Schatten, drehte sich dann aber wieder um und winkte Saltanat zu, ihr zu folgen. Auch ich stieg aus dem Auto und folgte den zwei Frauen unter die Bäume. Lenin schenkte ihnen keine Beachtung; wahrscheinlich träumte er vom unaufhaltsamen Aufstieg des Proletariats. Schließlich kamen wir zu einer Stelle, abseits von den Wegen des Parks, an der mehrere Steinfiguren einen Ring bildeten, als wollten sie bei dem Kampf als Schiedsrichter fungieren. Ihre im Schatten liegenden Gesichter wirkten grausam oder teilnahmslos, als ob sie das alles schon einmal gesehen hätten. Albina gab mir mit erhobener Hand zu verstehen, nicht näher zu kommen. Zum Zeichen meines Einverständnisses nickte ich. Auf der anderen Seite der Lichtung stand Otabek. Seine Arme waren um eine junge Birke geschlungen, seine Handgelenke aneinandergefesselt. Selbst aus der Ferne konnte ich seine mutlos hängenden Schultern sehen, die Spuren getrockneter Tränen auf seinen Wangen. »Akyl, glaubst du, du schaffst es allein, die Leiche dieser Schlampe zu eurem Auto zurückzutragen?«, rief Albina. »Würde mich nicht wundern, wenn dir dein Fuß etwas zu schaffen macht. Falls du auch die Leiche des Jungen wegbringen möchtest, wirst du sogar zweimal gehen müssen.« »Wir werden deine Leiche liegen lassen, wo sie hinfällt«, sagte Saltanat. »Außer du möchtest, dass Graves dich holt, damit du in seinem nächsten Film mitspielen kannst. Nur als Statistin natürlich.« »Du warst immer schon ein schwieriges Kind, Saltanat, und jetzt bist du zu einer lästigen Frau herangewachsen.« Die zwei Frauen, eine blond, die andere mit rabenschwarzem Haar, beide in Schwarz gekleidet, begannen sich zu umkreisen. Das Wenige an Sonnenlicht, das durch die Bäume drang, brach sich in den Klingen der Messer, wie auf Schlittschuhkufen, die blitzend über winterliche Seen gleiten. Die zwei Frauen bewegten sich seitwärts, setzten bei jedem Schritt den Fuß so vorsichtig auf den Boden, als träten sie barfüßig auf zerbrochenes Glas. Ich hatte die Folgen einiger Messerstechereien gesehen, aber das waren chaotische, brutale Kämpfe im Suff gewesen, hinter denen mehr Angeberei als Tötungsabsicht gesteckt hatte. Das hier war anders, wie zwei Ballerinen, die zu einer Musik tanzten, die nur sie hören konnten. Ihrem Auftritt haftete eine Eleganz und Anmut an wie einem Ritual, das außer denen, die es vollführten, niemand verstand. Nichts von dem Unsinn, den man aus Filmen kennt, in denen die Kämpfer das Messer ständig von einer Hand in die andere wechseln. Ist das Messer nicht in deiner Hand, bist du unbewaffnet. Lässt du es fallen, bist du nicht nur ein schlechter Jongleur, sondern auch ein toter. Leichtfüßig wie eine Katze sprang Albina vor, stach zu und zog sich blitzschnell wieder zurück. Saltanat wich ihr mit einer Drehung zur Seite aus, und ich glaubte, der Stoß hätte sie verfehlt. Doch dann sah ich den Schnitt in ihrem Ärmel, das Blut, das durch den dunklen Stoff drang. Ich schob meine Hand unter meine Jacke und löste die Jarygin. Albina aus dieser Entfernung auszuschalten wäre einfach. Sie lebend gefangen zu nehmen? Deutlich schwieriger. Albina hob ein Bein und setzte zu einem Kick nach Saltanats Hüfte an, gefolgt von einem Messerstich nach ihrem Hals. Saltanat wich nach hinten aus, ließ ihr eigenes Messer nach unten schnellen und traf mit seiner Spitze die Haut zwischen Albinas Daumen und Zeigefinger. Blut stob durch die Luft wie eine Explosion aus tausend Rosenblättern. Das Gesicht verzerrt vor Schmerz und Wut, wich Albina taumelnd zurück, riss die verletzte Hand an ihren Mund und saugte an der Wunde. Als sie die Hand wegnahm, erinnerte mich das Blut auf ihrem Gesicht und ihren Zähnen an den Wolf, den ich einmal in den Bergen geschossen hatte. Aber die Augen dieser Wölfin sprühten vor wildem Leben, Hass und Blutgier. »Du warst doch mal richtig gut«, stichelte Saltanat. »Macht sich inzwischen doch das Alter bemerkbar?« »Gut genug, um deinen Freund, diesen Waisenhausleiter, zu töten. Gut genug, um dir diese Narbe zu verpassen.« Albina deutete auf Saltanats Gesicht. Der Tanz nahm kein Ende, ein Schritt vor, ein Schritt zurück, Parade, Bewegung, Stoß, und ständig verlagerten beide Frauen das Gewicht von einem Fuß auf den anderen, um ihren nächsten Angriff zu kaschieren. Albina sprang zwei Schritte vor, traf Saltanat direkt unterhalb der ersten Wunde, tiefer diesmal, und Blut begann das Gras zu beflecken. Doch bei dem Sprung geriet Albina aus dem Gleichgewicht, und als sie stolperte, stieß Saltanat ihr Messer in den Bizeps von Albinas Kampfarm. Während Albina noch wie gelähmt war von dem Schock, drehte Saltanat die Klinge und riss sie mit aller Kraft nach unten. Der Tanz kam zu seinem unausweichlichen Ende, als Albina das Messer fallen ließ und auf die Knie sank. Sie versuchte noch, mit der unverletzten Hand die Ränder der Wunde zusammenzuhalten, aber das Blut hörte nicht auf zu spritzen. Saltanat musste eine Arterie getroffen haben. Ich wollte auf die beiden Frauen zugehen, aber Saltanat wirbelte wutentbrannt herum und reckte mir ihr Messer entgegen. »Zurück«, zischte sie. »Es ist noch nicht vorbei.« Albinas Kleider waren blutgetränkt, aber selbst wenn Saltanat mich an sie herangelassen hätte, wäre jede Hilfe zu spät gekommen. Albina wusste, dass sie in wenigen Minuten verbluten würde, aber ihre Miene ließ keinen Zweifel daran, dass sie noch nicht bereit war, sich zu ergeben. Sie war fest entschlossen, dem Tod entgegenzutreten, der unter den Bäumen hervorkam und sich anschickte, sie vom Boden aufzuheben und davonzutragen, um sich ungestört an ihr zu laben. »Saltanat.« Ich versuchte, meinen Arm um sie zu legen. Doch sie stieß mich von sich, ließ ihr Messer sinken und ging zu der Stelle, an der Albina wie durch ein Wunder an Willenskraft sich immer noch aufrecht auf den Knien hielt. »Wir haben immer schon gewusst, dass es so enden würde«, sagte Saltanat. »Seit ich ein kleines Mädchen war.« Und in ihrer Stimme lag eine Sanftheit, die sich fast wie Liebe anhörte. »Du hast mich zu dem gemacht, was ich bin, Albina, im Guten wie im Schlechten. Gut für mich, schlecht für dich.« Albinas Lider wurden schwer, ihr Kopf begann zu schwanken. Sie versuchte zu sprechen, aber es kamen nur zusammenhangslose Laute heraus. »Ich nehme an, du hast Gurminj umgebracht, weil er dich bei Otabeks Entführung ertappt hat«, sagte Saltanat. »Ein anständiger Mann, der nichts anderes wollte, als sich um Kinder zu kümmern. Selbst wenn ich könnte, würde ich dir nicht helfen. Alles, was dir jetzt noch bleibt, ist, unter der Erde zu verrotten.« Saltanat spuckte auf den Boden, wischte sich mit einem blutverschmierten Handrücken über den Mund und ging zu Otabek. Albinas Züge begannen zu erschlaffen, und der Tod sickerte in ihre Augen. Sie versuchte, nach ihrem Messer zu greifen, bekam es aber nicht zu fassen. Sie setzte erneut an und fiel vornüber aufs Gesicht. Und dann kam Saltanat zu mir zurück. Sie trug Otabek, der sich an ihren Hals klammerte, als wollte er ihn nie wieder loslassen. Ohne Albinas Leiche auch nur eines Blickes zu würdigen, ging sie an ihr vorbei. Auf ihrem Gesicht lag eine unbeschreibliche Mischung aus Liebe und Kummer. Vielleicht lag ein ähnlicher Ausdruck auch auf meinem. Kapitel 57 Wir drei schafften es, durch das Hotelfoyer und in unser Zimmer zu kommen, ohne große Aufmerksamkeit zu erregen. Ich hatte Saltanats Arm notdürftig verbunden, und dank ihrer dunklen Kleidung war das viele Blut kaum zu sehen. Die Wunde verlief direkt über dem Ellbogen und war nicht tief; ich säuberte sie und goss das restliche Wasserstoffperoxid darüber. Ich musste an die Schmerzen denken, als Saltanat das Gleiche bei mir getan hatte, und konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. »Ist das jetzt die Revanche?«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Etwas in der Art«, antwortete ich und machte mich daran, ihren Arm ordentlich zu bandagieren. Wie so oft bedachte mich Saltanat mit einem ihrer skeptischen Blicke. »Willst du es mir denn wenigstens jetzt erzählen?«, fragte ich. »Was?« »Albina und du, was zwischen euch beiden war.« Saltanat seufzte genervt, streckte sich auf dem Bett aus und starrte an die Decke. Wir hatten auch das Zimmer nebenan genommen; es hatte eine Verbindungstür zu unserem. Saltanat hatte Otabek gebadet und anschließend seine Hand gehalten, bis er, unter die Decke gekuschelt, in tiefen Schlaf entflohen war. Ich schluckte eine Handvoll der extrastarken Schmerzmittel, die ich dem Apotheker abgeschwatzt hatte, und wartete darauf, dass auch die Schmerzen in meiner Schulter und meinem Fuß eine Pause machten. »Ich habe dir doch erzählt, dass ich adoptiert wurde«, begann Saltanat. Ich nickte. »Na ja, und in deinem Fall hat Albina beschlossen, dich nicht als ihr Schoßhündchen zu sich zu nehmen. So viel Glück hatte ich nicht.« »Sie hat dich adoptiert?« »Ja.« »Aber wieso? Sie war doch noch jung, sie hätte eigene Kinder haben können.« »Ich glaube, Albina hatte nicht das geringste Interesse an Sex«, sagte Saltanat. »Sie wusste natürlich, wie sie die Aussicht darauf als Waffe einsetzen konnte. Manchmal genügte das vollauf, um zu bekommen, was sie wollte. Aber sich konkret darauf einzulassen, hätte sie verletzlich gemacht, und das kam für sie nicht infrage.« Saltanat verstummte und wandte sich von mir ab. »Du hast nicht zufällig eine Zigarette?« »Nein, ich rauche immer nur deine«, sagte ich in der Hoffnung, ihr ein Lächeln zu entlocken. »Außerdem ist Rauchen schlecht für die Gesundheit.« Ein Knurren war Saltanats einzige Antwort. »Dann bist du also bei Albina aufgewachsen?« »Ja, aber nicht so, wie du denkst. Sie wollte kein Kind, um es zu lieben; sie wollte eins, um es abzurichten.« Ich sah sie verständnislos an, worauf sie zu einer ausführlicheren Erklärung ansetzte. »In meinem Land sind die Behörden extrem paranoid, und entsprechend großen Wert legen sie auf die Loyalität ihrer Mitarbeiter. Von Vertrauen halten sie dagegen gar nichts. Seit jeher speist sich die Elite der Sicherheitskräfte aus nur einigen wenigen Familien. Loyalität lässt sich nämlich viel leichter gewährleisten, wenn man die Kinder, Eltern und Großeltern der betreffenden Person unter seiner Kontrolle hat. Albina war von ihrem Vater dazu ausgebildet worden, genauso bedingungslos zu kämpfen, zu spionieren und zu morden, wie er es von seinem eigenen Vater gelernt hatte. So läuft das bei uns. »Albina hat sehr jung geheiratet; eine Vernunftehe mit dem Sohn einer der anderen Elitefamilien. Er kam bei einem der ›Aufstände antiusbekischer Staatsfeinde‹ ums Leben und machte aus Albina eine kinderlose Witwe.« »Ist sie deshalb in mein Waisenhaus gekommen?«, fragte ich. Saltanat schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht. Zum einen bist du Kirgise, kein Usbeke. Deshalb wärst du in ihren Kreisen nie akzeptiert worden, man hätte dir nie vertraut. Vielleicht war sie damals tatsächlich auf der Suche nach einem Sohn. Aber als ihre Familie dann begann, sie unter Druck zu setzen, musste sie sich ihnen gegenüber loyal zeigen und einlenken.« »Aber warum hat sie ausgerechnet dich ausgewählt, warum ein Mädchen?« Saltanat sah mich kurz an, ihre schwarzen Augen waren unergründlich. »Weil auch meine Mutter beim Geheimdienst war. Auch sie war von ihrem Vater ausgebildet worden. Sie kam bei einem Autounfall in der Nähe von Samarkand ums Leben. Deshalb bin ich ins Waisenhaus gekommen.« »Warum hat sich die Familie deiner Mutter nicht um dich gekümmert?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort bereits ahnte. »Weil sie nicht mit meinem Vater verheiratet war. Sie war die Schande ihrer Familie, und ich war die ihrige. Deshalb hieß es, ab ins Waisenhaus mit Saltanat, und am besten vergessen wir, dass es jemals ein Mädchen dieses Namens gegeben hat.« Jetzt verstand ich, wie verbittert sie war, und begriff, weshalb sie sich so sehr dagegen sträubte, über ihre Vergangenheit zu sprechen. Ich wusste, dass nichts, was ich hätte sagen können, sie trösten würde. Stattdessen betrachtete ich unser Spiegelbild in einem der prächtigen Goldrahmen. »Wie alt warst du, als du aus dem Waisenhaus weg bist?« »Neun.« »Und Albina hat dich ausgebildet?« »Sie hat mir alles beigebracht.« Durch Saltanats Maske gefasster Selbstbeherrschung brach ein sarkastisches Lächeln. »Bis die Schülerin die Meisterin übertraf. Zuerst einmal ging es darum, mich körperlich auf Vordermann zu bringen; du kennst ja das Essen im Waisenhaus.« Ich hatte das Essen im Waisenhaus in besserer Erinnerung als alles, was ich zu Hause bekommen hatte, aber ihr das zu sagen, wäre mir taktlos erschienen. »Dann machte sie sich daran, mir Fertigkeiten beizubringen; Schwimmen, Laufen, Klettern. Lauter Dinge, die Kinder sowieso gern machen, aber bei Albina hatte es etwas richtig Zwanghaftes. Stoppuhren, Rekorde und Strafen, wenn man sich gegenüber dem vorigen Mal nicht verbesserte.« »War sie grausam zu dir?« »Grausam nicht«, sagte Saltanat. »Ihr Interesse an mir war eher rein praktischer Natur, so, wie man einen Wachhund abrichtet oder jemandem Kochen beibringt. Grausam wurde sie erst später.« Ich sah, wie die Erinnerungen ihre Miene verfinsterten, und überlegte, ob ich ihre Hand halten sollte, saß aber nur weiter reglos da. »Als Nächstes musste ich lernen, mit Gewehren, Pistolen und Pfeil und Bogen zu schießen. Zuerst auf unbewegliche Ziele, dann auf bewegliche. Ich lernte, wie man kämpft, mit einem Messer, ohne Waffe oder mit allem, was gerade zur Hand ist. Nahkampf, Selbstverteidigung, Überlebenstechniken, wie man jemanden beschattet, sich tarnt. All die Fertigkeiten eben, die eines Tages nützlich werden konnten. »Zu Unterbrechungen in meiner Ausbildung kam es nur, wenn Albina wegen eines Auftrags wegmusste. Im Voraus wusste ich das nie. Ich wachte morgens auf, und sie war einfach nicht mehr da. Aber ich trainierte trotzdem weiter, damit sie mich bei ihrer Rückkehr nicht beim Faulenzen ertappte.« »Hört sich ja fürchterlich an«, sagte ich. »War es aber eigentlich nicht«, sagte Saltanat. »Im Ausbildungslager ging es uns besser als den meisten Leuten, wir aßen gut, hatten gute Wohnungen und nur die besten Lehrer. Um sich an der Macht zu halten, scheuen die da oben keine Kosten. Und außerdem hätte meine Familie es nicht anders gemacht. Wäre meine Mutter noch am Leben gewesen, hätte ich die gleiche Ausbildung erhalten.« Ich war mir nicht ganz sicher, was ich davon halten sollte, dass sie zu einer professionellen Killerin ausgebildet worden war, aber ich hatte mich auch nie irgendwelchen Illusionen hingegeben, Saltanat könnte der Typ harmlose Hausfrau sein. »Alle paar Monate verreiste Albina und machte sich auf die Suche nach neuen Rekruten, nicht nur in Usbekistan, auch in Kasachstan und Kirgisistan. Sie suchte nach Kindern, die sie zu hörigen Gefolgsleuten der Elite ausbilden konnte. Sie muss auf einer dieser Reisen gewesen sein, als sie in dein Waisenhaus gekommen ist.« Ich schwieg und dachte daran, wie anders mein Leben verlaufen wäre, wenn ich damals Albinas Hand ergriffen und mich von ihr in völlig neue Lebensweisen hätte einführen lassen, vielleicht auch in mir unbekannte Arten des Sterbens. Auch dachte ich daran, was mir Saltanat bedeutet hätte, wären wir zusammen aufgewachsen. »Und was hat euch dann entzweit?« »Ich war fünfzehn, als Albina wegmusste und fünf Monate lang nicht zurückkam. Über die genauen Einzelheiten habe ich nie etwas erfahren, aber sie wurde im Zuge irgendeiner verdeckten Operation verletzt, zwei Schusswunden im Oberschenkel und in der Schulter. Es verheilte zwar alles, aber danach war sie nicht mehr ganz so beweglich wie vorher. Sie kämpfte eine Spur unter ihrer Bestform. Ich war besser als sie, und das ging ihr gewaltig gegen den Strich.« »Und dann?« »Davor hatten wir uns beim Training immer zurückgenommen; wir stoppten das Messer einen Zentimeter vor dem Auftreffen, brachen dem anderen beim Würgegriff nicht das Genick. Es bringt ja auch nichts, einen Agenten auszubilden, wenn man ihn verliert, bevor er zum Einsatz kommt. »Eines Tages trainierten wir den Nahkampf mit Messern. Wir verwendeten stumpfe Messer, damit wir uns schlimmstenfalls eine Schramme zufügten, aber nichts Ernstes. Aber als wir anfingen, merkte ich, dass Albina ein richtiges Messer verwendete, mit scharfen Schneiden auf beiden Seiten. Und so bin ich zu der hier gekommen.« Saltanat fuhr mit dem Fingernagel über ihre Narbe. »Du weißt ja selbst, wie stark Kopfverletzungen bluten«, fuhr sie fort. »Ich habe wahnsinnig viel Blut verloren und dachte, sie würde mir die Kehle durchschneiden.« Ich musste an das Schaf denken, das wir vierzig Tage nach Tschinaras Tod bei ihrer toi-Gedenkfeier geopfert hatten, wie es blökte, als wir es zum wartenden Messer zerrten. »Was hat sie zurückgehalten?« »Einer der anderen Ausbilder bekam mit, was passiert war, und ging dazwischen. Natürlich hat Albina behauptet, sie hätte nicht gewusst, dass das Messer scharf war. Aber mir konnte sie nichts vormachen. Jedenfalls haben wir danach nie mehr gegeneinander gekämpft. Und von da an hat sie mich richtig zu hassen begonnen. Weil ich stärker geworden war als sie und weil ich um ihre Schwäche wusste.« »Wurde sie hier verwundet?«, fragte ich. »In Kirgisistan?« Saltanat bedachte mich mit einem ihrer »Bist du noch zu retten?«-Blicke, die ich inzwischen bestens kannte. »Keine Ahnung«, sagte sie. »Und selbst wenn ich es wüsste, glaubst du, ich würde es dir erzählen?« Ich zuckte mit den Achseln. »Es ist lange her«, sagte ich. »Und außerdem ist sie tot.« »Geheimnisse hält man geheim. In meinem Land jedenfalls.« Ich rollte mich auf die Seite und sah sie an, die Rabenschwingen ihres über das Kissen fließenden Haars, die dunklen Augen, deren Tiefen für mich unergründlich blieben. »In meinem Land bleiben Geheimnisse nicht lang geheim«, sagte ich. »Deshalb haben wir ständig Revolutionen. Und die Neuigkeit, dass im Zentrum von Bischkek die Leiche einer ausländischen Agentin gefunden wurde, wird wohl kaum länger als zwanzig Sekunden ein Geheimnis bleiben.« »Und?« »Das heißt, ich muss zu Tynalijew gehen und ihm erklären, was passiert ist, bevor er sich fragt, ob ich komplett verrückt geworden bin, und einen BST für mich erlässt.« Saltanat nickte; sie wusste was ein BST war. »Bei Sichtkontakt terminieren.« Kapitel 58 Schließlich gelang es mir, Saltanat davon zu überzeugen, dass es besser war, wenn ich Tynalijew allein aufsuchte. »Es wird schon für mich allein schwierig genug werden, zu ihm durchzukommen«, führte ich an. »Oder glaubst du im Ernst, dass er eine bestens ausgebildete ausländische Killerin auch nur auf zweihundert Meter an sich ranlässt? Wir würden beide kurzerhand erschossen.« »Er wird bestimmt wissen wollen, wo ich bin und was ich weiß«, sagte sie. »Ich werde ihm erzählen, dass ich dich schon seit zwei Tagen nicht mehr gesehen habe, dass du dich gestern über die Grenze abgesetzt hast und nichts mit Albinas Tod zu tun hast.« »Und das wird er dir glauben?« »Was er glaubt, spielt keine Rolle«, sagte ich. »Solange ihm in den Kram passt, was im weiteren passiert. Er wird seinen Amtskollegen in Taschkent anrufen und ihm sein tiefes Beileid über das Ableben einer ehemaligen Agentin der usbekischen Staatssicherheit aussprechen, die einem Kinderpornoring auf der Spur war und bei den Ermittlungen ermordet wurde. Tynalijew wird ihm versichern, dass alles Menschenmögliche unternommen wird, um die Urheber dieses schrecklichen Verbrechens zu fassen. Genugtuung geleistet, Krise abgewendet, Fall erledigt.« »Und was soll ich jetzt tun?«, fragte Saltanat. »Du wartest hier, bis ich mich bei dir melde. Wenn du in ein paar Stunden noch nichts von mir gehört hast, verschwindest du von hier, aber ohne mir zu sagen, wohin, und nimmst den Akku aus deinem Smartphone. Dann rufst du mich in vierundzwanzig Stunden mit einem Prepaid-Handy an, und wenn ich mich nicht melde, setzt du dich über die Grenze ab.« »Und dann?« »Wenn ich mich nicht melde, kannst du davon ausgehen, dass ich tot bin oder im Gefängnis. Und das heißt, Tynalijew steckt mit Graves unter einer Decke und weiß von den Pornos. Wenn es so sein sollte, setzt du dich mit Jussupow in Verbindung und sagst ihm, er soll die Unterlagen, die ich ihm gegeben habe, an die Presse weiterleiten. Noch besser, du selbst lässt sie der usbekischen Presse, BBC und CNN zukommen. Eine solche Breitseite der Medien übersteht Tynalijew nicht.« »Warum willst du das nicht in jedem Fall tun?«, fragte sie. »Weil ich wissen muss, ob Tynalijew an der Sache beteiligt ist oder nicht. Wenn er abgesägt wird und unschuldig ist, steht die Sicherheit meines Landes auf dem Spiel. Es ist ja nicht so, als wären wir hier in der Schweiz. Wir können uns vor dem Einfluss unserer Nachbarn nicht abschotten.« »In vierundzwanzig Stunden also?« »Außer ich melde mich vorher bei dir.« »Und wenn nicht?« Ich suchte Zuflucht bei einem bewährten Kinoklischee, zog sie fest an mich und umarmte sie. Ich schlug mir das Bild von Tschinara im Riesenrad aus dem Kopf und dachte nur ans Hier und Jetzt, an die Frau in meinen Armen. »Dann bleibt uns Bischkek.« Nicht mehr annähernd so zuversichtlich fühlte ich mich, als das Taxi vor dem Stadthaus des Ministers für Staatssicherheit hielt. Bislang war ich nur ein einziges Mal dort gewesen, um Tynalijew mitzuteilen, dass in der Nähe des Blonder Pub die schrecklich zugerichtete Leiche seiner Tochter Jekaterina gefunden worden war. Auch bei Tageslicht sah das Haus wie der streng bewachte Sitz eines Mafia-pachans aus, mit mehr Wachpersonal, als es im ganzen Weißen Haus gab. Zwei Männer mit Uzis ließen mich keine Sekunde aus den Augen, als ich zum Zeichen, dass ich kein Selbstmordattentäter war, in gebührendem Abstand zum Tor hielt. Der bewaffnete Wachmann am Torhäuschen inspizierte meinen Dienstausweis, als suchte er darauf nach einem Grund, mich erschießen zu können, gab ihn mir aber wortlos zurück und deutete mit dem Daumen auf den Scanner. Hier wurde niemandem vertraut. Ich händigte ihm meine Pistole aus, ging durch den Scanner, und ein Wachmann führte mich zur Eingangstür. »Warten Sie hier«, forderte er mich mit aller Höflichkeit auf, die man von einem Mann mit einer Maschinenpistole in der Hand erwarten kann. »Ich habe den Minister bereits angerufen«, sagte ich. »Er weiß, dass ich komme.« Diese Mitteilung steigerte sein Entgegenkommen nicht gerade, was mich kaum überraschte. Deshalb fügte ich auch nicht hinzu, dass ich für mein Erscheinen eine ganze Reihe von Bedingungen gestellt hatte; die dringlichste davon war, nicht beim ersten Sichtkontakt abgeknallt zu werden. »Warten Sie hier«, wiederholte er, und um sicherzugehen, dass ich das auch verstanden hatte, behielt er die Hand auf der Makarow an seiner Hüfte. Schließlich wurde ich in die Diele geführt und von dort in das kleine überheizte Arbeitszimmer, in dem ich Tynalijew zum ersten Mal begegnet war. Der Minister erwartete mich im Stehen, und die Art, wie er mit den Knöcheln knackte, ließ nichts Gutes erwarten. »Ich hoffe, Sie haben diesen Fall zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst«, knurrte er. »In gewisser Weise, Herr Minister«, erwiderte ich. »Ich kann Ihnen sagen, wo die Pornofilme gedreht wurden, und Ihnen den Hauptverdächtigen nennen. Ich bin mir sicher, Sie können alles so hindrehen, dass Sie hinterher bestens dastehen, ohne uns oder Ihren usbekischen Amtskollegen zu kompromittieren.« »Setzen Sie sich«, sagte der Minister, und das war keine Bitte. Er schenkte sich einen kleinen Wodka ein, griff nach einem zweiten Glas und sah mich an. »Ach richtig, Sie trinken ja nicht«, fuhr er fort. »Man hat mir immer gesagt, traue nie einem Mann, der nicht trinkt.« »Meine Mutter hat immer gesagt, traue nie einem Mann, der es tut.« Er stürzte den Wodka hinunter, schenkte sich einen neuen ein und zeigte das wölfische Grinsen, das ich bereits kannte. »Vielleicht hätten Sie auf Ihre Mutter hören sollen«, sagte er und setzte sich hinter seinen Schreibtisch. »Wenn ich Sie daran erinnern dürfte …«, begann ich, aber der Minister unterbrach mich mit einer unwirschen Handbewegung. »Ja, ja, der Befehl ist bereits rausgegangen, Sie sind rehabilitiert. Um Sie in Verruf zu bringen, wurden Ihnen vom Bruderkreis diese Kinderpornos in Ihrer Wohnung untergeschoben. Sie sind wieder zum Dienst befugt, ohne Rückwirkungen auf Pension, Gehalt oder Dienstgrad.« »Ich danke Ihnen, Herr Minister«, sagte ich, und obwohl ich mit einem Regierungsmitglied sprach, meinte ich das ausnahmsweise auch. »Trotzdem gibt es noch ein Problem, Herr Minister«, fuhr ich fort. »Es betrifft die Produktion der Filme, die Leichen, die wir gefunden haben, und natürlich den Mord an Gurminj Schochumorow.« »Was für ein Problem?« »Die Produktion muss beträchtliche Investitionen erfordert haben.« Ich schauderte bei dem Gedanken an die Riemen und Messer in Graves’ Keller. »Neben den Kosten für Equipment und Ausstattung galt es, geeignete Opfer zu finden und zu gewährleisten, dass sie nicht vermisst wurden, ganz zu schweigen vom Vertrieb und den Bestechungsgeldern, die auf allen Ebenen gezahlt werden mussten. Ganz offensichtlich kann hinter all dem kein armer Mann gesteckt haben.« »Sind Sie auf Verbindungen zum Bruderkreis gestoßen? Irgendetwas, das wir verwenden können, um ihn endgültig zu zerschlagen?« »Am Vertrieb waren sie zweifellos beteiligt, zumindest einige von ihnen.« Ich wählte meine Worte mit großem Bedacht. »Aber ansonsten gehört das sicher nicht zu ihren Geschäften. Zu unpopulär.« »Das müssen Sie mir genauer erklären«, sagte Tynalijew. »Der Kreis der Brüder verdient sein Geld mit dem, was die meisten Leute als unvermeidliche Laster betrachten. Geschmuggelter Wodka, Spielhöllen, Drogenhandel mit Russland und dem Westen, Prostitution. Männer zahlen Geld, um zu ficken; Frauen ficken für Geld. Das ist der Lauf der Dinge, das älteste Gewerbe der Welt. Die Leute sagen sich, wenn nicht sie sich darum kümmern, dann tut es jemand anders. Und jeder genehmigt sich gern mal einen. So etwas wie diese Filme dagegen ist für die meisten Leute absolut tabu. Eine Beteiligung an solchen Geschäften würde den Bruderkreis in allen seinen anderen Aktivitäten schwächen. Der Geldfluss versiegt. Und das Fußvolk des Kreises beginnt sich zu fragen, ob demnächst auch ihre eigenen Töchter, ihre eigenen Söhne an der Reihe sind und als Nachschub für den Fleischwolf zu Filmstars zu werden. Es wird also niemand richtig warm mit der Sache. Schlecht fürs Geschäft.« Ich stand auf und griff nach einer der Mineralwasserflaschen. Ich hielt sie mit einem Blick auf den Minister hoch, um ihn um Erlaubnis zu bitten. Er nickte, ich schraubte den Verschluss ab und trank. Jetzt kam der Teil, bei dem mein Mund trocken wurde und ich zu kämpfen hatte, die Angst aus meiner Stimme zu verbannen. »Deshalb braucht man eine mächtige und reiche Person als Verbündeten. Jemand mit so viel Som in der Tasche, dass er die zuständigen Leute dazu bringen kann, beide Augen zuzudrücken und keinen Ärger zu machen. Oder mit genügend Macht und Einfluss, um diese Leute, wenn sie sich nicht kaufen lassen, einfach verschwinden zu lassen.« »Das hört sich nach der Hälfte der Leute an, die ich kenne, Inspektor.« Tynalijew lächelte. Jetzt kam der heikle Teil, und ich nahm einen weiteren Schluck Wasser, bevor ich fortfuhr. »Das Problem, Herr Minister, ist, dass ich weiß, wer dahintersteckt. Jemand, den auch Sie kennen.« »Wollen Sie mich hier verarschen, Inspektor?« Tynalijews Ton beschwor Bilder von gefliesten Vernehmungszimmern herauf, von Blut an den Wänden, von ausgeschlagenen Zähnen auf dem Boden, die unter jedem Schritt knirschten. »Nein, Herr Minister«, sagte ich, erleichtert und überrascht, dass ich dabei nicht ängstlich, sondern sogar selbstbewusst klang. »Weshalb sollte ich das tun? Wir wollen doch beide, dass die Leute, auf deren Kosten diese grauenhaften Verbrechen gehen, bestraft werden, oder etwa nicht?« »Wer?« Seine Stimme klang wie eine zufallende Gefängnistür. »Selbstverständlich habe ich Beweise, die meine Behauptungen stützen«, erklärte ich. »Heißt das, Sie haben belastendes Material zu Ihrer Absicherung bei einer Person Ihres Vertrauens hinterlegt?« »Ich habe es hier mit einem mächtigen Mann zu tun, Herr Minister. Und ich sähe es nicht gern, wenn sich die Sache im Nichts verliefe, weil ich einen ›Unfall‹ hatte. Da werden Sie mir doch sicher zustimmen.« Ich musste Tynalijew nicht ausbuchstabieren, dass ihn meine »Absicherung« gewaltig in die Scheiße reiten würde, wenn er an der Sache beteiligt war und mich aus dem Weg räumen ließ. »Ich frage noch einmal. Wer?« »Morton Graves. Und eine Frau. Albina Kurmanalijewa.« Die Namen standen im Raum wie Rauchschwaden. Tynalijew schaute auf seinen Wodka, dann schob er das Glas beiseite. »Ich bin Frau Kurmanalijewa begegnet, nur ein einziges Mal. Eine bemerkenswerte Frau, sehr energisch. Wenn mein Geschmack stärker in Richtung reifer Frauen ginge, könnte ich mir eine Freundschaft auf vielen Ebenen mit ihr vorstellen. Ich gehe davon aus, dass Sie für Ihre Behauptungen Beweise haben.« Ich nickte. »Auch gegen Morton Graves? Er ist einer der wichtigsten ausländischen Investoren in unserem Land. Er hat den Handel belebt, exportiert das Wenige, was wir haben, bringt Devisen ins Land, schafft Arbeitsplätze, sorgt sogar für medizinische Versorgung und Wohnungen. Und wie gut das alles uns selbst gelingt, wissen Sie ja.« »Selbstverständlich, Herr Minister. Aber das ist nicht alles, was er tut.« »Sie mögen reiche Menschen nicht, oder Inspektor? Auch keine Ausländer? Oder mich?« Als ich aufstand, sah ich Tynalijews Hand unter seinen Schreibtisch gleiten. Ein Alarmschalter oder vielleicht auch eine Pistole. Aber es war mir egal. »Hier geht es nicht darum, was ich mag oder nicht mag, Herr Minister. Und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es eine so wichtige Persönlichkeit wie Sie interessiert, was ich denke. Es geht hier einzig und allein um Gerechtigkeit. Für sieben tote Babys, die in einem Feld verscharrt worden sind. Für einen integren Waisenhausleiter, der erschossen wurde, weil er seine Kinder beschützte. Für die Jungen und Mädchen, die in ihren letzten Stunden nichts als Schmerz, Scham und Erniedrigung erfahren haben. Um nichts anderes geht es hier, Herr Minister.« Tynalijew lehnte sich zurück, und ich hörte das teure Leder seines Sessels leise quietschen. »Entweder sind Sie sehr mutig, Inspektor, oder erstaunlich dumm. Ist Ihnen noch nie der Gedanke gekommen, dass Sie von Ihrer usbekischen Freundin auf eine falsche Fährte geführt worden sein könnten? Vielleicht um alle Schuld von unseren Nachbarn auf uns abzuwälzen?« Ich schüttelte den Kopf, aber ich bekam plötzlich weiche Knie. Meine Hand zitterte, als ich die Flasche an meinen Mund hob. Ich setzte mich und trank das Wasser aus. »Dann sollten Sie mir das lieber erklären, Inspektor.« Das war keine Bitte, es war ein Todesurteil. Ich wusste nur noch nicht, für wen. Kapitel 59 Während der nächsten Stunde erläuterte ich dem Minister, was ich über Morton Graves herausgefunden hatte. Saltanats Beteiligung daran schmälerte ich auf die einer gelegentlichen Helferin, ihre Rolle bei Albinas Tod ließ ich ganz aus dem Spiel. Sollte ich spurlos untergehen, riss ich sie zumindest nicht mit mir in die Tiefe. Tynalijew hörte mir wortlos zu und unterbrach mich nur hin und wieder, um einzelne Punkte oder den Ablauf der Ereignisse klarzustellen. Als ich fertig war, sah ich den Minister an. Er wirkte nicht überzeugt. »Offensichtlich ist Ihnen bewusst, dass ich Morton Graves kenne?«, begann er schließlich. »Dass wir gemeinsame geschäftliche Interessen verfolgen? Deshalb fragen Sie sich vermutlich, ob ich auch an seinen anderen Aktivitäten beteiligt bin? Ob es mir Spaß macht, Vergewaltigungen und Snuff-Filme anzusehen? Vielleicht sogar selbst bei so etwas mitmache? Haben Sie sich deshalb abgesichert?« Ich zuckte bloß unverbindlich mit den Achseln. »Ich glaube nicht, dass Sie etwas von den Pornos wussten, Herr Minister, oder von den illegalen Adoptionen, den Vergewaltigungen und den Morden.« Ich hatte schon genügend Verdächtige verhört, um zu wissen, wann sie mich belügen, und achtete sehr genau auf Tynalijews Reaktion. »Aber sicher sind Sie nicht?«, sagte er. »Ich bin Polizist«, sagte ich. »Bei der Mordkommission. Sie haben einmal gesagt, ich wäre der Beste. Das liegt daran, dass ich jeden verdächtige, wenn ich muss. Sie eingeschlossen.« Tynalijew stand auf und ging zum Fenster. Er hatte mir den Rücken zugekehrt, als er zu sprechen begann. »Sie haben mir einmal einen großen Dienst erwiesen, Inspektor, bei dem grässlichen Mord an meiner Tochter. Sie haben mir den Mann, der dafür verantwortlich war, so ausgeliefert, dass es zu keinem Skandal und einem Minimum an politischen Verwerfungen gekommen ist. Dafür bin ich Ihnen einiges schuldig.« Er drehte sich um und ging zur Tür. »Genauer gesagt ist Ihnen Jekaterina einiges dafür schuldig, dass Sie ihr Gerechtigkeit verschafft haben«, fuhr er fort. Der Anflug von Kummer, der über sein Gesicht huschte, wich rasch wieder der Maske des Politikers. »Warten Sie hier«, sagte er und verließ das Zimmer. Ich betrachtete die Wodkaflasche und war stärker versucht als seit Monaten. Ich mochte mich mit Jussupows und Saltanats Hilfe abgesichert haben, aber das würde mir nichts mehr nützen, wenn ich mit dem Gesicht nach unten den Tschüi hinuntertrieb. Tynalijew kam zurück, diesmal mit einer Pistole in der Hand. Meiner Pistole. Wenn ich schon an einem Schuss in den Kopf sterben musste, erschien es mir fast wie ausgleichende Gerechtigkeit, wenn die Kugel aus der Waffe kam, mit der ich selbst bereits andere Menschen getötet hatte. Tynalijew setzte sich an seinen Schreibtisch, meine Pistole nur grob auf mich gerichtet, aber für meinen Geschmack nicht grob genug. »So könnte das Ganze abgelaufen sein: Irgendwie ist es Ihnen gelungen, Ihre Pistole an meinem Sicherheitspersonal vorbeizuschmuggeln – vielleicht ein kurzer Aussetzer des Scanners, oder Sie haben jemanden bestochen, sie schon vorher in mein Haus zu schaffen. Sie kommen in mein Arbeitszimmer, fuchteln mit der Pistole herum und gestehen dann, an Filmaufnahmen von der Vergewaltigung und Ermordung junger kirgisischer Bürger beteiligt gewesen zu sein. Sie erzählen mir, Sie könnten die Schuldgefühle und die Scham nicht mehr länger ertragen, und dann stecken Sie sich die Pistole in den Mund, drücken ab und versauen mir meine extrem teure Pariser Tapete.« Er hielt inne, zog eine Augenbraue hoch und richtete die Pistole direkt auf mich. »Ich glaube nicht, dass mir irgendjemand diese Geschichte nicht abnehmen würde, was meinen Sie? Und Ihre ›Lebensversicherung‹? Von einem nicht namentlich genannten ausländischen Aggressor verbreitete Lügen, die mich diskreditieren und politische Unruhe stiften sollen. Kein besonders glorreiches Vermächtnis, das Sie da hinterlassen würden, Inspektor.« »Wenn Sie es tun wollen, worauf warten Sie noch?«, sagte ich. »Aber bei allem Respekt, Herr Minister, eigentlich traue ich Ihnen das nicht zu.« Tynalijew nickte, überdachte seine Optionen und schob mir die Pistole zu. »Stecken Sie sie ein. Wir statten meinem Freund, Mr Graves, einen Besuch ab. Kapitel 60 Wir verließen das Haus des Ministers in einem Dreierkonvoi, an deren Spitze und Ende je ein mit Sicherheitspersonal besetzter SUV fuhr. Offensichtlich verfügte der vordere Wagen über eine spezielle Funkvorrichtung, denn jede rote Ampel schaltete auf Grün, als wir uns auf den Weg zu Graves’ Villa machten. Das Metalltor ging auf, und wir fuhren auf das Grundstück. Auf dem Kies waren noch die Verbrennungsspuren der Handgranate zu sehen, die ich über die Mauer geworfen hatte, aber das Auto war nirgendwo zu sehen. An strategischen Punkten entlang der Zufahrt waren eine Handvoll von Graves’ Gorillas postiert, und die Anspannung und die Gewalt, die in der Luft lagen, trafen mich wie ein Hammerschlag vor den Kopf. Eine unbedachte Bewegung, ein provozierender Blick, und schon würden diese Typen auf alles schießen, was sich bewegte. Tynalijew bekam einen Anruf, hörte zu, sagte ein paar Worte auf Englisch und öffnete die Autotür. »Steigen Sie aus«, sagte er. »Und kommen Sie mit.« Ich fragte mich, ob das eine Falle war, aber es schien keine Alternative zu geben, als ihm zu gehorchen. Wie ein Warlord von seinen Kriegern flankiert, schritt Tynalijew auf die Eingangstür der Villa zu, die immer noch von Schrapnellnarben überzogen war. Als wir sie erreichten, öffnete Graves die Tür und streckte Tynalijew die Hand entgegen. Dieser schüttelte sie ihm, beide waren zu selbstbewusst, als dass sie es nötig gehabt hätten, ihre Macht durch Distanziertheit zu demonstrieren. »Michail.« »Morton. Können wir russisch sprechen, damit dich der Inspektor versteht.« »Da.« Morton Graves erschien mir noch einschüchternder als bei unserer ersten Begegnung. Damals hatte er brutal, wahnsinnig und besessen auf mich gewirkt. Jetzt verlieh ihm sein gesetztes geschäftsmäßiges Auftreten Seriosität. Aber die stählernen Muskeln unter seinem Hemd waren noch dieselben, der glatt rasierte Schädel genauso wuchtig, die Augen noch immer berechnend und undurchschaubar. »Sind Sie hier, weil Sie im Fall des Anschlags auf mein Haus ermitteln?« Graves deutete auf die zerschrammte Tür und den versengten Kies, dann zuckte er mit den Achseln, als wäre er aufrichtig überrascht, dass einem angesehenen Geschäftsmann so etwas passieren konnte. »Aber Entschuldigung, wo bleiben bloß meine Manieren? Kommen Sie bitte herein. Tschai? Oder darf ich Ihnen etwas Stärkeres anbieten?« Sein Russisch war tadellos, wenn auch seltsam gebeugt, ein wenig altmodisch. Ich fand die Höflichkeit, mit der er sprach, bedrohlicher, als wenn er damit gedroht hätte, mich umzubringen. Wir folgten ihm in ein Zimmer, das ihm offensichtlich als Büro diente. Die Bodyguards blieben draußen, musterten sich gegenseitig, versuchten untereinander auszumachen, wer von ihnen der Härteste war. »Dein Anruf hat mich sehr überrascht, Michail«, begann Graves. »Nicht zuletzt die Ankündigung, gegen mich würden schwere Vorwürfe erhoben.« Er lächelte, und ich spürte seine Selbstsicherheit und seine Rücksichtslosigkeit. Tynalijew setzte sich und bedeutete uns, seinem Beispiel zu folgen. »Ist das der Polizist, der mir etwas zur Last legt?« Graves starrte mich an, als wäre ich ein Beutetier und er einer unserer Bergadler, der darauf wartete, aus dem Himmel herabzustoßen und zuzuschlagen. »Inspektor Borubaew …«, begann Tynalijew, doch Graves unterbrach ihn. »Entschuldige, aber wurde der Inspektor nicht wegen Besitzes und Vertriebs von extrem drastischem pornographischem Material vom Dienst suspendiert? Außerdem soll er mit usbekischen Sicherheitskräften zusammenarbeiten. Nicht gerade klug oder patriotisch, würden Sie nicht auch sagen, Inspektor?« »Kommen Sie mir nicht mit diesem Scheiß, Graves«, sagte ich. »Sonst werden Sie es bereuen. Ich weiß, was Sie getan haben, was Sie gern tun. Ich war da, und ich habe die Brandwunden, um es zu beweisen.« Graves lächelte und zündete sich eine Zigarette an. Der Rauch umwölkte seinen Kopf, und kurz sah er tatsächlich dämonisch aus. »Ich habe nicht die leiseste Ahnung, was Sie meinen, Inspektor.« Die Erheiterung und die Verachtung in seiner Stimme waren unüberhörbar. »Sie kennen doch Albina Kurmanalijewa?«, begann ich. Das ließ Graves aufmerken. Er schaute zwischen Tynalijew und mir hin und her. »Eine potenzielle Geschäftspartnerin«, sagte er. »Ich verfolge in Taschkent verschiedene geschäftliche Interessen, und wir haben uns über Möglichkeiten unterhalten, unsere Investitionen und Renditen dort zu maximieren. Du hast sie, glaube ich, mal kennengelernt, Michail, bei einer Einladung in meinem Haus.« Tynalijew nickte, sagte aber nichts. »Ich fürchte, aus diesen Plänen wird nichts, Mr Graves«, sagte ich. »Frau Kurmanalijewa wurde vor kurzem tot im Panfilow-Park aufgefunden.« Graves’ Gesicht blieb ausdruckslos. Was seine Miene anging, hätte ich über den Preis von Pferdefleisch sprechen können. »Das ist ja schrecklich, Inspektor«, sagte er. »Das Herz? Dabei hat sie immer einen sehr fitten Eindruck auf mich gemacht.« »In gewisser Weise«, antwortete ich. »Ihr ist das Blut ausgegangen, das ihr Herz durch ihren Körper hätte pumpen können. Sie wurde erstochen und ist an Ort und Stelle verblutet.« »Ein Mord? Gibt es Verdächtige?«, fragte Graves. Ich zögerte, bevor ich antwortete. Ich wusste nicht, wie viel Tynalijew wusste, und wollte seinen Verdacht unter keinen Umständen auf Saltanat lenken. »Meine Kollegen stellen bereits Ermittlungen zu ihrem Tod an, und ich bin mir sicher, dass sie den Herrn Minister genauestens auf dem Laufenden halten werden. Ich bin allerdings wegen einer Reihe anderer Todesfälle hier.« »Soweit mir das möglich ist, werde ich Ihnen selbstverständlich gern helfen, Inspektor. Aber ich habe keine Ahnung, was Sie meinen.« »Ich meine die Vergewaltigung und Ermordung kleiner Jungen und Mädchen, hier im Keller dieser Villa. Und dass ihr Sterben für reiche, kranke Perverse wie Sie gefilmt wurde. Dass mit kleinen Kindern illegal Handel getrieben wurde. Dass diejenigen, für die Sie keine Verwendung hatten, ermordet und verscharrt wurden.« Graves lachte, ein Geräusch wie von einem Rasiermesser, das über einen Ziegelstein schrappte. Er drückte seine Zigarette aus, und sein Lächeln wich rasch aufkommendem Zorn. »Vollkommen absurd.« Er wandte sich Tynalijew zu. »Wie lange willst du diesem Würstchen noch erlauben, so mit mir zu reden?« »Ich bin mir sicher, seine Behauptungen entbehren jeder Grundlage, Morton«, erklärte Tynalijew. »Aber ich bin mir ebenso sicher, dass es nur in deinem Sinn sein kann, seine Anschuldigungen von Grund auf zu widerlegen.« Graves breitete in einer resignierten Geste die Arme aus. »Meinetwegen, Inspektor, was schlagen Sie also vor?« »Wir würden gern einen Blick in Ihren Keller werfen, Mr Graves. In die Folterkammer, in der Sie alle diese Vergewaltigungen und Morde gefilmt haben. In der Ihre Freundin Albina Kurmanalijewa mich gefoltert hat.« »Meinen Keller? Woher wissen Sie überhaupt, dass ich einen Keller habe?« Kurz täuschte Graves Verwunderung vor, dann nickte er. »Vor kurzem wurde hier eingebrochen. Mit Ausnahme einiger unwichtiger Unterlagen wurde jedoch nichts entwendet; wir haben die Einbrecher überrascht, aber sie konnten entkommen. Darüber wissen Sie nicht zufällig etwas, Inspektor?« Jetzt war es an Tynalijew, mich finster anzustarren. Ich war nicht bereit, mich auf eine solche Diskussion einzulassen, und schüttelte den Kopf. »Wie sollte eine Villa dieser Größe keinen Keller haben?«, entgegnete ich. »Deshalb schlage ich vor, wir sehen ihn uns einfach an.« »Morton?«, sagte Tynalijew. Graves zuckte mit den Achseln und führte uns zur Kellertür. An der Schwelle blieb er, die Hand an der Klinke, stehen. »Ich halte das wirklich nicht für nötig, Inspektor. Ich weiß nicht, woher Sie Ihre Informationen haben, aber Ihre Quellen müssen entweder totale Phantasten oder Geschäftskonkurrenten von mir sein. Ich habe nichts zu verbergen.« Er öffnete die Kellertür und schaltete das Licht ein. Mir wurde übel, als ich die Treppe hinunterhumpelte. Plötzlich stieg mir der ätzende Geschmack von Galle und Erbrochenem in den Mund. Ich spürte die Schmerzen in meinem Fuß, das Ziehen der Stiche in meiner Schulter, das Spannen der Brandnarben auf meiner Hand. Dies war der Ort, an dem mein Leben hätte enden können, an dem meine Karriere immer noch von Vertuschungsmanövern und Schmiergeldern ruiniert werden konnte. Die nackte Glühbirne spuckte Licht an die Wände und beleuchtete die Regale. Sie waren alle noch da, aber die Peitschen, Ketten und Riemen waren verschwunden. Der Boden war blank geschrubbt, die Wände frisch gestrichen, der Geruch von Desinfektionsmittel hing in der Luft. Graves blickte sich um. Er trug seine Unschuldsmiene wie eine Maske. »Nur ein Keller, Inspektor. Nichts Zwielichtiges, da werden Sie mir doch sicher recht geben?« Mir fehlten die Worte. Natürlich war Graves clever, sonst wäre er kein so erfolgreicher Geschäftsmann gewesen, aber ich hatte ihn unterschätzt, und er war mir zuvorgekommen. Ich wäre jede Wette eingegangen, dass er sich nicht von seinen Trophäen, seiner Kirche und seinen Ritualen trennen würde, aber ich hatte mich getäuscht. Und ich wusste, dass die Folterkammer, nachdem sie hier verschwunden war, in einer anderen stillen und abgeschiedenen Villa wieder eingerichtet werden würde. Tynalijew sah mich an und zog eine Augenbraue hoch. »Inspektor?« Der Ärger in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er wandte sich Graves zu und reichte ihm die Hand. »Morton, ich bin dir sehr dankbar für deine uneingeschränkte Kooperation. Ich bin mir sicher, der Inspektor möchte sich bei dir entschuldigen.« Beide Männer wandten sich mir zu. Ich musste an die Angst denken, die ich gehabt hatte, als ich hier wehrlos angeschnallt gewesen war. An den Geruch von Schweiß und Erbrochenem, der aus den Wänden gesickert war. An die weit aufgerissenen Augen von Kindern, die Hilfe gesucht und nur den Tod gefunden hatten. »Meine Herren«, sagte ich und machte mich daran, die Treppe hinaufzusteigen. »Sie können mich beide am Arsch lecken.« Kapitel 61 Ich wartete am Auto, während Tynalijew sich verabschiedete. Ein Händedruck, eine kurze Umarmung, dann war er bei mir. Er deutete auf den Rücksitz seines Wagens. »Einsteigen«, befahl er, und ich gehorchte. »Ich glaube, Sie haben gerade den letzten meiner Gefallen aufgebraucht, Inspektor«, sagte er. »Ich konnte Mr Graves überreden, darauf zu verzichten, Ihre Dienstmarke einzufordern. Außerdem habe ich ihm zugesichert, dass er nicht mehr länger Teil unserer Ermittlungen ist. Und Sie ebenfalls nicht.« Ich sagte nichts, als wir in der Mitte des Konvois losfuhren. »Ich habe ihm erklärt, dass ich vollstes Vertrauen in seine Integrität und Aufrichtigkeit habe«, fuhr Tynalijew fort. »Außerdem habe ich ihm versichert, dass wir beabsichtigen, mit aller Schärfe gegen derlei asoziale Aktivitäten wie die Herstellung und den Vertrieb von Pornographie vorzugehen.« »Dann glauben Sie mir also?«, fragte ich. »Was den Keller und Graves’ Beteiligung angeht?« Tynalijew bedachte mich mit einem weltüberdrüssigen Blick und ließ sich in seinen Sitz zurücksinken. »Ob ich Ihnen glaube oder nicht, spielt keine Rolle«, sagte er. »Sie haben keine Beweise, keine Zeugen, nichts. Und selbst wenn, überlegen Sie doch, mit wem Sie es bei Graves zu tun haben. Ein Geschäftsmann, der viel Wohlstand in unser Land gebracht hat. Der Hunderten, wenn nicht Tausenden von Menschen Arbeit gibt. Der eine Schale Plow und eine Scheibe chleb auf ihre Tische bringt. Womit wollen Sie das aufwiegen? Mit ein paar toten Waisen, die niemand kannte und wollte?« »Ganz schön zynisch, Herr Minister.« »Nein, Inspektor, pragmatisch. Ohne Beweise können Sie ihn nicht belangen. Erheben Sie weiter Ihre Anschuldigungen gegen ihn, wird er Kirgisistan den Rücken kehren und seinen Reichtum aus dem Land abziehen und Arbeitsplätze werden verloren gehen. Was bringt uns das? Ob ich Ihnen glaube, dass er getan hat, was Sie behaupten? Ich weiß es nicht. Aber er ist nicht auf den Kopf gefallen. Er wird es sich einen Rat und eine Warnung sein lassen, künftig nicht mehr vom rechten Weg abzuweichen.« »Das reicht nicht, nicht für alle diese toten Kinder.« Tynalijews Stimme war mild, fast väterlich, als er versuchte, mir die Realität zu erklären, in der wir nun einmal lebten. »Vielleicht nicht. Aber mit mehr können sie nicht rechnen, und das wissen Sie ganz genau.« Er wandte sich ab, öffnete das Fenster und zündete sich eine Zigarette an. Dann er sah dem Rauch nach, der sich, ins Nichts davongerissen, nach draußen kräuselte. »Jedenfalls ist damit jetzt Schluss, haben Sie verstanden? Ein für alle Mal. Und noch etwas. Ihrer Freundin würde ich dringend raten, sich in den nächsten vierundzwanzig Stunden über die Grenze abzusetzen, bevor sie jemand mit dem Mord im Panfilow-Park in Verbindung bringt.« Ich starrte aus dem Fenster. Der Fahrtwind brannte in meinen Augen und ließ alles undeutlich werden. »Was heißt, das war’s?« Saltanat war fassungslos. »Tynalijew möchte den Fall zu den Akten legen. Graves wird dank seiner Beziehungen nichts passieren.« »Und du sagst zu all dem einfach Ja und Amen?« »Er möchte dich außer Landes und mich an einem Schreibtisch sehen.« Saltanat starrte mich an, und ich entdeckte etwas Neues in ihrem Blick. Verachtung. »Politik eben«, fuhr ich fort. »Graves investiert bei uns, alle profitieren, und wir sind nicht mehr völlig von den Rubeln abhängig, die aus Moskau nach Hause überwiesen werden. Der Staat überlebt, die Regierung sitzt weiter fest im Sattel. Das ist der Lauf der Welt.« Saltanat sagte nichts, ging durch das Hotelzimmer, zog Kleidungsstücke aus Schubladen und von Kleiderbügeln und packte sie in einen großen Seesack. »Was hast du vor?«, fragte ich, obwohl mir die Idiotie meiner Frage schon bewusst wurde, als ich sie stellte. »Den Rat deines Ministers befolgen. Ich habe die Nase voll davon, gejagt, bedroht und angeschossen zu werden. Ich habe genug von Messern und Pistolen und dem Geschmack in meinem Mund, als ich diese unsäglichen Filme gesehen habe. Für nichts und wieder nichts.« »Graves wird es nicht wagen, nochmal mit so etwas anzufangen. Er wird seine Adoptionsagentur schließen müssen, weil die Behörden von jetzt an ein strenges Auge auf ihn werfen werden.« »Super.« Saltanat zog ihren Seesack zu. »Vielleicht siedelt er ja in mein Land um und fängt dort wieder mit seinen Filmen an. Du weißt, er glaubt, sich alles erlauben zu können. Und was macht unser großartiger Inspektor von der Mordkommission? Zuckt mit den Achseln, nickt und wendet sich ab. Und genau das tue ich jetzt auch.« Saltanat warf sich den Sack über die Schulter und ging zur Tür. »Weißt du, Akyl, ich habe dich aufrichtig bewundert für deine Geradlinigkeit, sogar für deine Wut. Du hast dich dafür entschieden, das Richtige zu tun, selbst wenn es dich das Leben kosten würde. Du bist durch die Scheiße gestapft, ohne dich von ihr korrumpieren zu lassen. Aber jetzt?« Sie schüttelte den Kopf. »Du bist nicht mehr der Mann, für den ich dich gehalten habe, der du vielleicht auch nie warst. An deinen Händen klebt Blut, Akyl, und nicht nur das von Verbrechern.« »Ich liebe dich«, sagte ich. Es war alles, was mir einfiel, und vielleicht stimmte es sogar. »Nein, Akyl«, sagte Saltanat, die Hand am Türgriff, und kurz huschte ein Ausdruck des Mitgefühls über ihr Gesicht. »Vielleicht wünschst du dir das. Aber du liebst Tschinara. So ist das. Keine Diskussionen.« Sie sah mich an, und ihre Miene war unergründlich. »Ich nehme Otabek mit. Jemand muss sich um ihn kümmern.« Und damit war sie weg. Kapitel 62 Ich drehte den Computermonitor im Internetcafé zur Seite, aber es nahm ohnehin niemand Notiz von mir. Ich tippte mein Kündigungsschreiben zu Ende, las es durch und schickte es an den Polizeichef in der Zentrale. Tynalijew setzte ich ins CC. Im Freien heizte die Sommerhitze den Tschüi-Prospekt auf, Staub hing in der Luft und überzog die Straßen. Die schlappe Klimaanlage des Internetcafés ächzte und gluckste gelegentlich, tat aber nichts, um die Luft zu kühlen. Ich zündete mir trotz der Schilder, die es verboten, eine Zigarette an und blickte auf den USB-Stick in meiner Hand. Ich steckte ihn in den Computer und öffnete das Video darauf. Zwei Tage zuvor hatte ich mein Versteck aufgesucht, um ein paar wichtige Dinge zu holen, und Geld nach Karakol überwiesen, damit sieben unbekannte tote Babys ein ordentliches Begräbnis bekamen. Sie wurden in einem Gemeinschaftsgrab auf demselben Friedhof beerdigt, auf dem ich Tschinara begraben hatte, ein friedlicher Ort, mit Blick auf ein weites Tal und Berge im Hintergrund. Und dann wurde ich zum Filmemacher. Die Bilder waren körnig, amateurhaft, mit dem Handy aufgenommen. Aber sie zeigten Graves’ Villa, spät nachts, die Mauern von Scheinwerfern angestrahlt, die verschwommene Lichtkegel auf die Straße warfen. Die Seitentür ging auf, und ein Mann kam nach draußen. Er ging zu einem am Straßenrand geparkten Auto. Die Kamera zoomte auf ihn zu, und es war Alexei Schenbekow, mein alter Bekannter aus dem Waisenhaus, der sich vergewisserte, dass die Luft rein war. Er wurde gefolgt von Graves, unverkennbar dank seiner Körpergröße und dem glatt rasierten Kopf. Schenbekow schloss den Wagen auf und setzte sich ans Steuer, Graves stieg auf der Beifahrerseite ein. Die Scheinwerfer gingen an, und das Auto fuhr los. Kurz wurde der Bildschirm vollkommen weiß, blendend hell, bevor sich langsam wieder ein Bild abzeichnete. Das Auto war nur noch ein Haufen aus Trümmern, verbogenem Metall und Splittern. Die Beifahrertür stand offen und hing schief von einer Angel. Eine Gestalt kroch aus dem Wrack, wankte und drehte sich im Kreis. Es war Graves, aber er war kaum mehr wiederzuerkennen. Seine Kleidung stand in Flammen, sein Kopf war von Verbrennungen wie von roten und schwarzen Farbklecksen überzogen. Eine Hand hatte er verloren, genauer gesagt hielt er sie in der anderen, die sich noch am dazugehörigen Arm befand. Der Film lief ohne Ton, aber es war nicht schwer, sich seinen Schrei vorzustellen, schockiert über die Unfassbarkeit dessen, was mit ihm geschah. Er fiel zu Boden, wälzte sich in Ekstasen des Schmerzes, und aus seinem durchtrennten Handgelenk spritzte Blut auf die Straße, wie das Blut eines Opferschafs bei einer toi-Feier vierzig Tage nach dem Todestag. Vielleicht erinnerte er sich an die Schreie und das Weinen in seinem Keller und durchlebte noch einmal die Freuden von Messer und Peitsche. Vielleicht gingen ihm der Reichtum und die Macht durch den Kopf, die er zurückließ. Vielleicht dachte er aber auch an gar nichts, während er allein und unter Schmerzen starb. Ich hängte die Datei an eine weitere Mail an eine temporäre Einwegadresse in einem anderen Land und klickte auf Senden. Ich musste an Saltanat denken, wie sie einfach gegangen war, ohne zu zögern, ohne sich umzublicken. Wir legen uns Regeln zurecht, nach denen wir leben, die uns sagen, was wir tun sollen, und die uns helfen, nachts ruhig zu schlafen. Und wenn das Leben diese Regeln in Fetzen reißt und der Wind sie davonweht, können wir nichts anderes tun, als weiterzumachen, mit ihnen oder ohne sie. Aber das hat immer seinen Preis, denn ihr Verrat tritt in vielen Verkleidungen auf. Zuerst verraten wir unsere Freunde. Dann verraten wir die, die uns lieben. Und irgendwann, unausweichlich, verraten wir uns selbst. Wenn wir Glück haben, finden wir Erlösung in der Liebe oder darin, das zu tun, was wir für richtig halten, ungeachtet der Konsequenzen. Kurz darauf ging eine Antwort auf meine Mail ein. Meine Handflächen waren feucht vor Aufregung, Hoffnung und Angst. Die Mail kam von der ausländischen Adresse, an die ich den Film geschickt hatte. Sie enthielt keinen Text, nur einen kurzen Videoclip. Vor dem gewaltigen Tor der Sher-Dor-Madrasa in Samarkand stand ein kleiner, vielleicht achtjähriger Junge, winzig im Vergleich mit den hoch aufragenden Minaretten und den herrlichen Tigermosaiken. Otabek schaute in die Kamera, er trug immer noch denselben eigenartig schiefen Haarschnitt, die Kleider waren ihm ein bisschen zu groß, die eines älteren Jungen vielleicht, aber er sah gesund aus, wohlgenährt. Er hielt eine Frauenhand umklammert, als suchte er Schutz oder Zuspruch. Die Frau war nur von der Taille an abwärts zu sehen, über den langen schlanken Beinen trug sie eine schwarze Jeans, deren Enden in hohen geschnürten Kampfstiefeln steckten. Der Junge lächelte nicht, er sah wachsam aus, aber ich fand, dass etwas von der Angst aus seinem Blick gewichen war. Und das Entsetzen, das jeden Moment zuschlagen konnte, schien ihn nicht mehr so fest im Griff zu haben. Er hob die freie Hand, um zaghaft in die Kamera zu winken, dann wurde der Bildschirm dunkel. Ich sah mir den Clip immer wieder an, bis mir der Betreiber des Internetcafés auf die Schulter tippte und sagte, meine Zeit sei um. Danksagung Wie bei Blutiger Winter bin ich vielen Menschen zu Dank verpflichtet, deren beständiger Unterstützung bereits dort gedacht wird. Weiterhin danke ich:. In Deutschland: Sebastian Fitzek. In der Kirgisischen Republik: Oksana Itikeewa und Umai Sultanowa. In den Vereinigten Arabischen Emiraten: Isobel Abulhoul, Annabelle Corton, Baron Elliot, Michael Judd, Yvette Judge, Maryann Miranda, Meerim Morrison, Ngoc Nyugen, Martin Tyler. In Großbritannien: Stefanie Bierwerth und ihrem Team bei Quercus, besonders Kathryn Taussig, Marcus Wilson-Smith, dessen Fotos unverzichtbar für facebook.com/tomcallaghanwriter sind, sowie Jakob Tanner von Waterstones. Wie zuvor, danke ich Tanja Howarth, meiner Freundin und fabelhaften Agentin, sowie meinem alten Freund Simon Peters, vor allem wegen seiner kritischen Anregungen und seinem unbestechlichen Auge für Tippfehler. Mein größter Dank gilt natürlich allen Lesern von Blutiger Winter und Tödlicher Frühling. Personen und Handlung dieses Buchs sind frei erfunden, und Fehler in jeglicher Hinsicht gehen zu meinen Lasten. Kirgistan ist ein wundervolles Land mit überaus freundlichen Menschen, und ich hoffe, dass sich niemand durch das Gelesene von einem Besuch abhalten lässt. Über Tom Callaghan Foto: Marcus Willson-Smith Tom Callaghan stammt aus Nordengland und studierte im englischen York und am Vassar College, New York. Nach seinem Studium arbeitete er als Creative Group Head einige Jahre bei Saatchi & Saatchi in London, New York und Philadelphia. Weitere Stationen waren Singapur und später Dubai, wo er bis heute lebt. Als leidenschaftlicher Reisender pendelt er zwischen London, Prag, Dubai und Bischkek. Tödlicher Frühling ist nach Blutiger Winter der zweite Teil der Serie mit Inspektor Akyl Borubaew. Impressum Die Originalausgabe erschien unter dem Titel A Spring Betrayal bei Quercus Editions Ltd., London. Atlantik Bücher erscheinen im Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg. Copyright © 2015 by Tom Callaghan Für die deutschsprachige Ausgabe Copyright © 2016 by Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg Covergestaltung: FAVORITBUERO, München Coverabbildung: Mariusz Kluzniak/GettyImages ISBN 978-3-455-17074-0 Unsere Homepage finden Sie im Internet unter: www.atlantik-verlag.de www.facebook.com/AtlantikVerlag twitter.com/AtlantikVerlag