Inhalt Über das Buch Über die Autorin Titel Impressum Die Wut eines Sturms Leseprobe Über das Buch Chalid, der Kalif von Chorasan, kehrt von einer Reise zurück und sieht schon von Weitem die Flammen über Ray, der Hauptstadt seines Reiches. Alles, was er liebt, befindet sich dort. Und er muss sich entscheiden, wem sein Herz gehört: Seinem Volk oder seiner großen Liebe Shahrzad. Dieses eBook enthält eine Leseprobe von »Rache und Rosenblüte«, dem zweiten Roman um Chalid und Shahrzad, der am 16.02.2017 erscheint. Über die Autorin Renée Ahdieh hat die ersten Jahre ihrer Kindheit in Südkorea verbracht, inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und einem kleinen Hund in North Carolina, USA. In ihrer Freizeit ist die Autorin eine begeisterte Salsa-Tänzerin, sie kann sich für Currys, Schuhe, das Sammeln von Schuhen und Basketball begeistern. Mit Zorn und Morgenröte legt sie ihren ersten Roman vor, zu dem es eine Fortsetzung geben wird, an dem die Autorin gerade arbeitet. Renée Ahdieh Fluch und Flammen Eine Kurzgeschichte aus der Welt von Zorn und Morgenröte Aus dem Amerikanischen von Dietmar Schmidt BASTEI ENTERTAINMENT Digitale Originalausgabe Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG Für die Originalausgabe: Copyright © 2016 by Rénee Ahdieh Titel der Originalausgabe: »The Mirror and the Maze« Für diese Ausgabe: Copyright © 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln Textredaktion: Kristin Overmeier Projektmanagement: Christina Bleser Covergestaltung: Manuela Städele-Monverde unter Verwendung von Motiven © shutterstock/AlexTanya, © shutterstock, © shutterstock/Abramova Elena eBook-Erstellung: Greiner & Reichel, Köln ISBN 978-3-7325-3878-2 Dieses eBook enthält eine Leseprobe des in der Bastei Lübbe AG erscheinenden Werkes »Rache und Rosenblüte« von Renée Ahdieh. Für die Originalausgabe: Copyright © 2016 by Renée Ahdieh Titel der Originalausgabe: »The Rose and the Dagger« Für die deutschsprachige Ausgabe: Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln Übersetzung: Martina Oepping Redaktion: Kristin Overmeier Covergestaltung: ZERO Werbeagentur, München unter Verwendung von Motiven © Finepic®, München www.bastei-entertainment.de www.lesejury.de Die Wut eines Sturms Lichterloh brannte die Stadt, noch meilenweit entfernt. Chalid sah es am Horizont, als er mit seinen Männern um die letzte Biegung vor ihrem Zuhause ritt. Ein gewaltiges Feuer leckte hoch in den Himmel, und selbst aus der Entfernung schien die Wärme des lebendigen Flackerns spürbar zu sein. Über den wütenden Bränden ballte sich der Rauch zu einer Wolke zusammen, einem alles verdunkelnden Schatten vor einem bereits schwarzen Himmel. Die kalte Hand der Angst umschloss Chalids Herz. Gefolgt von blanker, ungezügelter Wut. Das war unmöglich. Salim Ali el-Sharif würde es nicht wagen, Ray anzugreifen. Würde es nicht wagen, die größte Stadt von Chorasan zu belagern. Würde es nicht wagen, seine jahrelangen Drohungen in die Tat umzusetzen. Die Angst hielt Chalid fest im Griff. Alles und jedes, was er liebte, war in dieser Stadt. Sein Cousin. Sein Onkel. Shahrzad. Alles. Chalid hatte alles in Ray zurückgelassen. Und Ray brannte jetzt. Und ich nehme von dir diese Leben, tausendfach. Chalid zügelte Ardeshir. Der Hengst stieg wilden Blickes auf die Hinterläufe. Die Soldaten ritten näher an Chalid heran, ihr Murmeln wurde lauter, ihre Verwirrung stieg. Ihre Furcht war greifbar. Denn auch sie hatten Familie in Ray. Auch sie hatten alles zurückgelassen, was ihnen teuer war. Was konnte innerhalb so kurzer Zeit solche Vernichtung über eine ganze Stadt gebracht haben? Um was für eine Waffe handelte es sich? Was für eine Bösartigkeit? Und ich nehme von dir diese Leben, tausendfach. Obwohl ihm eine Vielzahl von Fragen durch den Kopf schossen, konnte Chalid nicht innehalten, um nachzudenken. Mit einem entschlossenen Ausdruck im Gesicht spornte er seinen Hengst an und preschte durch den Sand. Trotz Ashedirs plötzlichem Galopp wünschte sich Chalid wider alle Vernunft inbrünstig, das Pferd würde in noch größerem Tempo rennen. Wünschte sich wider alle Vernunft, dass die Männer an seiner Seite jetzt etwas unternehmen. Sie waren nur zu hundert, alles in allem. Deshalb sollte es seinen Männern nicht besonders schwerfallen, in aller Eile kampfbereit zu sein. Nicht, wenn ihre Stadt auf dem Spiel stand. Chalid spürte die Dringlichkeit in sich und um sich, während er den schwarzen Hengst immer weiter anspornte. Die Muskeln in Ardeshirs Rücken wurden flach, als er den Hals vorstreckte und seine dunkle Mähne nach links und rechts peitschte. Seine Geschwindigkeit wuchs zu einem Tempo, in dem er kaum noch zu lenken war. Hinter Chalid stieg das Trommeln von Hufen, die auf Sand prallten, in den Nachthimmel. Chalid hatte keinen Befehl erteilt, doch die Männer hinter ihm trieben ihre Pferde mit höchster Not zu einem Tempo an, das sich nicht mehr steigern ließ. Trieben sie durch die trockenen Büsche und über die aufsteigenden Sanddünen. Bald schon rochen sie die brennende Stadt. Schmeckten die körnige Asche auf der Zunge. Der Geruch nach versengtem Holz und heißer Erde mischte sich mit den Resten eines vorübergezogenen Sturms. Und dem Gestank nach brennendem Fleisch. Noch immer sagte Chalid nichts. Er spornte nur Ardeshir weiter an. Als sie sich der breiten Handelsstraße näherten, die zu den Stadttoren führte, erblickte Chalid die Menschenmassen, die vor den Bränden flohen. Sie liefen mit allem davon, was sie tragen konnten, drängten sich durch die Tore der Stadt und strömten auf die Straße wie aufgeschreckte Tiere, die vor einer Überschwemmung davonliefen. Es war ein einziges Durcheinander. Schreie und Klagelaute erschollen aus allen Richtungen. Menschen riefen nach vermissten Verwandten, ohne ihre fieberhafte Flucht zu unterbrechen. »Sayyidi!« Ein Palastwächter brachte seinen Hengst näher heran, seine Stimme rau vor Besorgnis. »Die Hauptstraßen sind mit Überlebenden verstopft. Sollen wir sie etwa …?« Er verstummte, und es blieb unklar, was er hatte fragen wollen. Wie konnten sie die Mauer aus angsterfüllten Menschen durchbrechen? Augenblicklich brachte Chalid sein Pferd zum Stehen, dann zog er die Zügel zu einer Seite. »Zur Oststraße!«, rief er über die linke Schulter nach hinten. Sie schwenkten scharf durch den Sand zu einer älteren Straße – einer Straße, die nicht so gut gepflegt und so vielbereist war wie die anderen. Herabgefallene Steine und verkohlte Trümmer bedeckten den Weg. Die Männer umritten die Hindernisse, als tasteten sie sich durch einen uralten Irrgarten vor. Ihr gemächliches Tempo steigerte Chalids Frustration nur. Bald drangen sie an mehreren Versprengten vorbei in die eigentliche Stadt ein. Schon in den Außenbezirken ließen sie die Anzeichen all dessen, was verloren war, verstummen. Ließ sie einen Augenblick innehalten, in dem es ihnen den Magen umdrehte. Der Großteil Rays brannte. Die Stadt war kein Irrgarten, der in Ruinen lag, sondern ein Labyrinth der Vernichtung. Ein Labyrinth, das Chalids Gedanken widerspiegelte: verirrt. Richtungslos. Rauch und Gestank schnürten ihm die Kehle zu. Die Hitze bewegte ihn, seinen dunklen Rida vom Kopf zu ziehen. Er sah hin und her, während viele Pferde seiner Männer angstvoll vor dem Hitzesturm zurückscheuten. Vor ihren Hufen glühte geschmolzenes Metall und hemmte ihren Vorstoß noch mehr. Verwüstung. Überall ringsum Verwüstung. Es war unmöglich, den wahren Preis für diesen Angriff zu ermessen. Es war unmöglich zu sagen, was solche Vernichtung hervorgebracht haben konnte. Denn was auf den ersten Blick wie das Ergebnis einer Belagerung aussah, war alles andere als das. Von einer Belagerung konnte man keine Spur entdecken. In der Erde steckten keine Pfeile. In die Steinmauern hatten sich keine eisernen Katapultgeschosse gegraben. Keine Spur von einem Heer, das die Stadt umringt hätte. Stattdessen sah Chalid eine Frau, die gegen die Überreste eines Obststands gedrückt dalag. Zermalmte Melonen lagen herum, und ihr widerlich süßer Duft mischte sich in den beißenden Rauch. Die Frau regte sich nicht. Zu ihren Füßen kniete wimmernd ein kleines Kind. Flehte sie an, wieder aufzustehen. Ehe Chalid vom Pferd steigen konnte, hatte ein Soldat an seiner Seite sich aus dem Sattel gebeugt und den kleinen Jungen aufgehoben. Obwohl die mitleidige Geste Chalids Herz erwärmte, vermochte sie seine Ängste kaum zu lindern. Oder seinen Zorn zu mäßigen. Sie näherten sich dem Palast im Zentrum der Stadt. Der kleine Ritter saß vor seinem Retter im Sattel. Vor den Palasttoren hielten die Reiter an. Sie waren zerschmettert, als hätte jemand sie aus den Angeln gerissen und durch die Luft geschleudert. Beim Ausmaß des Schadens verschlug es Chalid den Atem. Er vermochte sich keine Waffe vorzustellen, die solche Zerstörungen verursachen konnte, es sei denn, eine Riesenaxt hätte die Bastionen gespalten. Bastionen, die einer Belagerung tagelang widerstehen sollten, wenn nicht sogar Wochen. Jetzt war von ihnen nur noch qualmender Schutt übrig. Nach einem Abend. Teile des Palastes waren verwüstet. An zwei Ecken brannte es noch hell. Überall auf dem Eingangshof lagen schwelende Gewänder verstreut. Unter Ardeshirs Hufen knirschten zerbrochene Kelche und zerschmettertes Porzellan. Als Chalid den Hof überquerte, stieß er auf einige tapfere Seelen, die geblieben waren und dafür sorgten, dass andere in Sicherheit gelangten. Neben den gurgelnden Trümmern eines marmornen Springbrunnens entdeckte er Despina, die das gebrochene Bein einer Dienerin versorgte. Die Umstehenden schickte sie dahin, wo sie gebraucht wurden – und sagte ihnen, was zu tun war –, ohne auch nur einmal von ihrer Beschäftigung aufzublicken. Hinter dem zerstörten Springbrunnen kam Chalids Cousin mit einem Gärtnerkarren hervor und stellte ihn neben der verletzten Dienerin und Despina ab. Chalid ließ den Blick umherschweifen. Erneut nahm die Angst sein Herz in einen Schraubstock. Denn Shahrzad war nirgendwo in Sicht. Er stieg ab. »Jalal.« Seine Stimme klang grimmig. Jalal blickte von seiner Beschäftigung auf. »Du kommst früh.« Jalal erhob sich, strich seinen schmutzigen Umhang glatt und schüttelte ihn sich schließlich mit einem Schnauben von den Schultern. Chalid trat näher. »Was ist geschehen? Welche böse Macht hat das bewirkt? Und wo ist Shahr…« »Gott sei Dank, dass du hier bist.« Jalal kauerte sich auf die granitenen Pflastersteine, um der Dienerin zu helfen. Wortlos trat Chalid an ihre andere Seite, und gemeinsam hoben sie das Mädchen auf den Karren. »Was ist geschehen, Jalal?«, fragte er leise. Sein Cousin zögerte. Wandte einen Moment lang den Blick ab. »Es gab ein … Unwetter. Einen Sturm, wie ich ihn noch nie erlebt habe.« Er sprach abgehackt. Präzise. »Einen Sturm mit der Gewalt des Zorns aller Götter.« Als Chalid das hörte, blickte er Jalal erschrocken an. Seine Frage war ein schroffes Flüstern. »Wo ist Shahrzad?« »Sie ist … in Sicherheit.« Chalid entging für keinen Augenblick Jalals zweites Zögern. Mit großer Sorgfalt legten sie die junge Dienerin in den Karren und schickten ihn fort. Chalid wandte sich erneut seinem Cousin zu. Jalals Worte gingen ihm nicht aus dem Sinn. Endlos drehten sie sich hin und her. Ein Sturm. Ein Sturm, wie Jalal ihn noch nie gesehen hatte. Ein Sturm mit der Gewalt des Zorns aller Götter. Welch unaussprechliches Verderben war über Chalids geliebte Stadt gekommen? Trotz all seiner vorherigen Ableugnungen – all seiner Gedanken, es könnte das Werk von Salim Ali el-Sharif sein –, fasste die Antwort auf Chalids Frage Fuß und war nicht mehr das finstere Echo wie bisher. Und ich nehme von dir diese Leben, tausendfach. Die Angst, die er bisher empfunden hatte, erschien nun nichtig. Nichtig verglichen mit dem Entsetzen, das aus der Gewissheit entspringt. Diese Todesopfer. Diese Verwüstung. Meine Schuld. Chalid packte seinen Cousin bei der Schulter und zwang ihn, ihm in die Augen zu blicken. Hinter dem verschwitzten, von Asche überzogenen Gesicht seines Cousins entdeckte Chalid das Licht des Morgens an den Rändern des Osthimmels. »Wo ist Shahrzad, Jalal?« Jalal sah wieder weg. »Ich sagte es doch. Sie ist in Sicherheit.« »Und das ist – natürlich – das Allerwichtigste. Ich will aber von dir wissen, wo sie ist.« Jalal zog Luft durch die Nase ein. Seine Miene war gequält. Er blickte Chalid in die Augen. »Ich habe sie weggeschickt.« »Wohin?« Chalid drückte die Schulter fest. »Du musst verstehen …« »Wohin, habe ich gefragt!« Chalids Stimme schallte im Licht des neuen Morgens. Sein Zorn ließ sie knallen wie einen Peitschenhieb. »Sie hat die Stadt vor Stunden verlassen«, antwortete Jalal ruhig. »Kurz nach Ausbruch des Unwetters.« »Und du hast sie allein fortgeschickt?« Chalid konnte seine Zurückhaltung nicht mehr lange wahren. »Nein.« Diesmal blickte Jalal nicht weg. »Tarik Imran al-Ziyad ist bei ihr.« Die Gefühle, die sich bisher in Chalids Brust zusammengeringelt hatten, befreiten sich und brachen hervor. Mit beiden Fäusten packte er seinen Cousin beim Qamis. Er wollte Jalal vor Wut anschreien. Fluchen und alle Himmel beschimpfen. Tarik Imran al-Ziyad? Wie Chalid gerade erst durch seine Nachforschungen an der Grenze zwischen Chorasan und Parthien erfahren hatte, war dieser Jüngling für die aufkeimenden Unruhen verantwortlich. Verantwortlich dafür, eine Streitmacht gegen Chalid ausgehoben zu haben. Er wollte tausendmal verdammt sein, ehe er gestattete, dass Shahrzad in die Obhut dieses Verräters fiel. Mit lodernden Augen fuhr Chalid auf dem Absatz herum und schritt zurück zu seinem Pferd. Er hatte bereits die Zügel in der Hand, als er Jalal hinter sich hörte. »Chalid …« »Misch dich nicht ein. Du hast Shahrzad mit einem jungen Mann fortgeschickt, dem ich nicht einmal eine sterbende Schlange anvertrauen würde. Du hast keine Vorstellung …« »Er liebt sie, Chalid-jan«, unterbrach Jalal ihn sanft. »Er wird sie beschützen. Das hat er mir versprochen.« »Und was gibt dir das Recht …« »Sieh dich doch um, Chalid Ibn al-Rashid. Sieh dich mit den Augen eines Mannes um, nicht mit dem Herzen eines Jünglings.« Er sprach sehr leise. Es war keine Ermahnung, sondern ein Appell. Jalal trat näher zu ihm. »Ist es nicht besser so?« Chalids Zorn wogte auf, für einen Augenblick, dann brach seine Wut in sich zusammen. Er blickte auf seinen verwüsteten Palast. Auf seine niedergeschmetterten Untertanen. Er rührte sich nicht. Welches Recht besaß er, den Wünschen seines Herzens zu folgen? Seine Verantwortung lag hier. Chalid schloss die Augen. Seine Verantwortung hatte immer hier gelegen. Er verdiente es nicht, etwas für sich zu behalten, das er liebte. Shahrzad war sicherer, wenn sie nicht in seiner Nähe weilte. Selbst wenn das hieß, dass sie sich in Begleitung des Sohns von Nasir al-Ziyad befand. Er ließ die Zügel los. Mit einem Nicken ging Jalal davon. Ging wieder dorthin, wo er gebraucht wurde. Durch den Nebel seiner Gedanken hörte Chalid, wie sein Cousin Despina befahl, sich aus der Stadt zurückzuziehen. Sein Cousin verlangte, dass alle überlebenden Frauen und Kinder Ray verließen, bis die Feuer eingedämmt und gelöscht waren. Die Stimme der Leibdienerin übertönte die Anweisungen seines Cousins, hell und klar wie eine Glocke. »Du wirst mir nicht sagen, wohin ich gehe oder was ich tue, Hauptmann al-Churi. Wenn dieses Chaos mich eines gelehrt hat, dann, wo mein Platz ist. Ich kenne ihn besser als irgendjemand sonst.« Ihre Worte spiegelten den Sturm von Chalids Gedanken wider. Er wusste nun, wohin er gehörte. Besser als irgendjemand sonst. Hierher. In seine Stadt. Zu seinem Volk. Und er würde nicht ruhen, bis er manches wiedergutgemacht hätte. Hat es dir gefallen? Sag uns, was du denkst. Wir freuen uns über Bewertungen und Rezensionen im Store. Viel Spaß beim Lesen der nächsten Bastei-Entertainment-E-Books! Leseprobe Rache und Rosenblüte Renée Ahdieh Die Wasserlügen Es war nur ein Ring. Und dennoch bedeutete er ihr so viel. So viel zu verlieren. So viel, für das es sich zu kämpfen lohnte. Shahrzad hielt die Hand in einen Lichtstrahl. Der Ring aus mattem Gold blitzte zweimal auf, als ob er sie an seinen Gefährten erinnern wollte, weit über das Meer aus Sand. Chalid. Ihre Gedanken schweiften zu dem Marmorpalast in Ray. Zu Chalid. Sie hoffte, dass er bei Jalal war oder bei seinem Onkel, dem Shahrban. Sie hoffte, dass er nicht allein war. Hilflos. Verzweifelt … Warum bin ich nicht bei ihm? Sie presste die Lippen fest aufeinander. Weil, als ich das letzte Mal in Ray war, Tausende von unschuldigen Menschen starben. Und Shahrzad konnte nicht zurückkehren, bevor sie nicht eine Möglichkeit gefunden hatte, ihre Familie zu retten. Ihre Liebe. Und eine Möglichkeit, Chalids schrecklichen Fluch zu brechen. Draußen hinter ihrem Zelt begann eine Ziege, fröhlich und unbekümmert zu meckern. Ihr Zorn wuchs. Shahrzad warf ihre behelfsmäßige Decke zurück und griff nach dem Dolch neben ihrer Schlafstätte. Eine leere Drohung, aber sie wusste, sie sollte wenigstens den Anschein von Kontrolle wahren. Als ob sie sie verspotten wollten, wurden die schrillen Klänge hinter ihrem Zelt noch beharrlicher. Ist da eine … Glocke? Das kleine Biest da draußen hatte ein Glöckchen um den Hals! Und so sorgten das Klingeln und das Gemecker endgültig dafür, dass sie unmöglich wieder einschlafen konnte. Shahrzad setzte sich auf, packte das juwelenbesetzte Heft ihres Dolches … Dann, mit einem entnervten Aufschrei, ließ sie sich auf die kratzende Wolle ihres Bettes zurückfallen. Es ist ja nicht so, als ob ich wirklich schlafen könnte, so wie die Dinge liegen. Nicht solange sie so weit weg von Zuhause war. So weit von dort, wohin ihr Herz sich sehnte. Sie schluckte den Kloß hinunter, der sich plötzlich in ihrer Kehle gebildet hatte. Mit dem Daumen strich sie über den Ring mit den beiden gekreuzten Schwertern – den Ring, den Chalid ihr erst vor vierzehn Tagen an ihre rechte Hand gesteckt hatte. Genug. Mit diesem Unsinn erreiche ich nichts. Wieder setzte sie sich auf, ihre Augen suchten die neue Umgebung ab. Irsas Schlaflager war in einer Ecke des kleinen Zeltes ordentlich verstaut. Ihre kleinere Schwester war wahrscheinlich schon seit Stunden auf und hatte Brot gebacken, Tee gemacht und das Fell der erbärmlichen Ziege gebürstet. Shahrzad lächelte fast, trotz allem. Ihre Unsicherheit nahm mit der Dämmerung zu. Sie steckte ihren Dolch in den Hosenbund, dann stand sie auf. Jeder Muskel ihres Körpers schmerzte von der anstrengenden Reise und den schlaflosen Nächten. Drei Nächte voller Sorge. Drei Nächte auf der Flucht aus einer Stadt, die in Brand gesteckt worden war. Eine nicht versiegende Quelle voller Fragen ohne Antworten. Diese drei langen Nächte voller Angst um ihren Vater, dessen zerschlagener Körper sich erst noch von den wie auch immer gearteten Verletzungen erholen musste, die er auf den Bergkuppen von Ray erlitten hatte. Shahrzad atmete tief durch. Die Luft hier war anders. Trockener. Frisch. Weichgezeichnete Lichtstäbe drangen schräg durch die Zeltsäume. Eine dünne Schicht feinen Treibsands bedeckte alles. Sie ließ ihre winzige Welt erscheinen, als sei sie mit schwarzem Diamantenstaub überzogen. Auf einer Seite des Zeltes stand ein kleiner Tisch mit einem Porzellankrug und einer Kupferschale. Shahrzads spärliche Habseligkeiten waren daneben aufgestapelt, gewickelt in den fadenscheinigen Teppich, den ihr Musa Zaragoza vor einigen Monaten geschenkt hatte. Sie kniete sich vor den Tisch und füllte die Kupferschale mit Wasser, um sich zu waschen. Das Wasser war lauwarm, aber sauber. Ihr Spiegelbild, das ihr von der Oberfläche entgegensah, wirkte seltsam beherrscht. Ruhig, aber verzerrt. Das Gesicht eines Mädchens, das alles und nichts im Laufe einer einzigen Nacht verloren hatte. Sie tauchte beide Hände in das Wasser. Unter der Oberfläche sah ihre Haut blass und weich aus. Nicht ihre normale bronzene Farbe. Sie hielt den Blick auf die Stelle gerichtet, wo das Wasser und die Luft sich trafen, auf die Krümmung, die ihre Hände wie in einer anderen Welt unter Wasser erscheinen ließen … Eine Welt, die sich langsamer bewegte und Geschichten erzählte. Die Wasserlügen. Sie spritzte sich etwas Wasser ins Gesicht und fuhr sich mit feuchten Fingern durch die Haare. Dann hob sie den Deckel des kleinen hölzernen Behälters daneben ab und nahm ein bisschen von der gemahlenen Minze, dem weißen Pfeffer und dem zerstoßenen Steinsalz, um ihren Mund vom Schlaf zu reinigen. »Du bist wach. Nachdem du gestern Abend so spät angekommen bist, hatte ich nicht erwartet, dass du so früh aufstehen würdest.« Shahrzad drehte sich um und sah Irsa unter der offenen Zeltklappe stehen. Ein Lichtdreieck beleuchtete die schmale Silhouette ihrer Schwester. Irsa lächelte, ihre frechen Gesichtszüge wurden sichtbar. »Du bist doch sonst nie vor dem Frühstück aufgewacht.« Sie schlüpfte in das Zelt und schloss die Zeltklappen fest hinter sich. »Wer kann schon schlafen, solange diese scheußliche Ziege draußen schreit?« Shahrzad bespritzte Irsa mit Wasser, um sie von ihrem unvermeidlichen Ansturm von Fragen abzulenken. »Du meinst Farbod?« »Du hast diesem kleinen Ungeheuer einen Namen gegeben?« Shahrzad grinste und begann, ihre verworrenen Locken zu einem Zopf zu flechten. »Er ist ganz niedlich.« Irsa runzelte die Stirn. »Du solltest ihm eine Chance geben.« »Bitte sage Farbod, dass – sollte er auf seinen Konzerten frühmorgens bestehen – meine Lieblingsspeise geschmorte Ziege ist, in einer Sauce aus Granatäpfeln und zerstoßenen Walnüssen.« »Ach!« Irsa nahm ein langes Stück Bindfaden aus ihrem zerknitterten Sirwal. »Wir sollten wohl nicht vergessen, dass wir uns jetzt in königlicher Gesellschaft befinden.« Sie band das Stück Faden um das Ende von Shahrzads Zopf. »Ich werde Farbod warnen, nie wieder Chorasans erlauchter Kalifin zu nahe zu treten.« Shahrzad blickte über ihre Schulter in die hellen Augen ihrer Schwester. »Du bist so groß geworden«, sagte sie leise. »Wann bist du nur so groß geworden?« Irsa schlang Shahrzad beide Arme um die Taille. »Ich habe dich vermisst.« Ihre Fingerspitzen streiften den Dolchgriff, und sie zuckte erschreckt zurück. »Warum trägst du …« »Ist Baba schon aufgewacht?« Shahrzad lächelte mehr als breit. »Kannst du mich zu ihm bringen?« In der Nacht des Unwetters war Shahrzad mit Tarik und Rahim auf der Suche nach ihrem Vater auf eine Hügelkuppe außerhalb von Ray geritten. Sie war nicht im Mindesten auf das vorbereitet gewesen, was sie gefunden hatten. Jahandar al-Haizuran hatte zusammengekrümmt in einer Pfütze gelegen, seine Arme um ein altes, ledergebundenes Buch geschlungen. Seine bloßen Füße und seine Hände waren verbrannt. Rot, wund und aufgeschürft. Die Haare fielen ihm büschelweise aus. Der Regen hatte sie im Schlamm zusammengeschwemmt und die Strähnen gegen einen nassen Felsen gedrückt, zusammen mit anderen weggeworfenen Dingen. Das scheckige Pferd ihrer Schwester war zu diesem Zeitpunkt schon lange tot gewesen. Ihm war die Kehle durchschnitten worden. Das Blut war in Strömen aus einer scheußlichen Halswunde geflossen. Ein Geäder aus Schlamm und herbeigewehter Asche hatte sich mit dem Purpur zu einem düsteren Flechtwerk auf den Hügeln vermischt. Shahrzad würde niemals den Anblick des zusammengekauerten Körpers ihres Vaters vor dem Hintergrund des rot-grauen Abhangs vergessen. Als sie versucht hatte, Jahandars Finger von dem Buch zu lösen, hatte er laut aufgeschrien in einer Sprache, die sie ihn nie zuvor hatte sprechen hören. Seine Augen hatten sich verdreht, und seine geschlossenen Wimpern hatten geflackert sich nicht mehr geöffnet, jedenfalls nicht in den seither vergangenen vier Tagen. Und bis sie sich öffneten, weigerte Shahrzad sich, ihn alleinzulassen. Erst musste sie sich überzeugen, dass ihr Vater in Sicherheit war. Sie musste wissen, was er getan hatte. Egal, was – oder wen – sie in Ray zurückgelassen hatte. »Baba?«, sagte Shahrzad sanft, als sie sich in seinem kleinen Zelt neben ihn kniete. Er schauderte im Schlaf, seine Finger klammerten sich fester um den uralten Band, den er noch immer in den Armen hielt. Selbst im Delirium hatte Jahandar sich geweigert, das Buch loszulassen. Keine Menschenseele hatte es berühren dürfen. Irsa seufzte. Sie beugte sich zu Shahrzad und reichte ihr einen Becher mit Wasser. Shahrzad hielt den Kelch ihrem Vater an die aufgesprungenen Lippen. Sie wartete, bis sie ihn schlucken fühlte. Er murmelte etwas vor sich hin, dann drehte er sich wieder zur Seite und versteckte das Buch tiefer unter seine Decken. »Was hast du hier hineingetan?«, fragte Shahrzad ihre Schwester. »Es riecht gut.« »Nur etwas frische Minze und Honig. Und ein paar Teekräuter und etwas Milch. Du hast gesagt, er hätte seit ein paar Tagen nicht gegessen. Ich dachte, es würde helfen«, sagte Irsa achselzuckend. »Das ist eine gute Idee. Daran hätte ich auch denken sollen.« »Mach dir keine Vorwürfe. Das passt nicht zu dir. Und … du hast schon mehr als genug getan.« Irsa sprach mit einer Weisheit, die über ihre vierzehn Jahre weit hinausging. »Baba wird bald wieder aufwachen. Ich … ich weiß es.« Sie biss sich auf die Lippe, ihrem Ton fehlte Überzeugung. »Er braucht Ruhe, damit seine Wunden verheilen können. Und Zeit.« Shahrzad sagte nichts, während sie die Hände ihres Vaters aufmerksam betrachtete. Seine Verbrennungen hatten Brandblasen gebildet und purpurfarbene und grellrote Flecken zogen sich über die Haut. Was hat er am Tag des Unwetters nur getan? Was haben wir getan? »Du solltest etwas essen. Du hast gestern Abend, als du angekommen bist, schon kaum etwas herunterbekommen«, unterbrach Irsa Shahrzads Gedanken. Bevor sie protestieren konnte, nahm Irsa Shahrzad den Kelch aus der Hand, zog sie auf die Füße und zerrte sie in die Dünen hinter dem Zelt ihres Vaters. Der Duft von geröstetem Fleisch hing schwer in der Wüstenluft, der Rauch über ihnen eine ziellose Wolke. Seidige Sandkörner rieben sich zwischen Shahrzads Zehen, fast zu heiß, um es zu ertragen. Grelle Sonnenstrahlen ließen alles verschwimmen, was sie berührten. Als sie weitergingen, blickte Shahrzad sich mit zusammengekniffenen Augen in dem Badawi-Lager um, beobachtete den Trubel vieler lächelnder Menschen, die Kornbüschel und Warenbündel von einer Ecke in die andere schleppten. Die Kinder schienen immerhin glücklich, obwohl es unmöglich war, die schimmernde Waffenauswahl – Schwerter, Äxte und Pfeile – zu übersehen, die im Schatten aushärtender Tierhäute lagen. Unmöglich, sie zu ignorieren oder ihre unleugbare Bedeutung … Vorbereitung auf einen anstehenden Krieg. »Und ich nehme von dir diese Leben, tausendfach.« Shahrzad erstarrte, dann zog sie die Schultern nach hinten. Sie wollte ihre Schwester mit den Problemen nicht belasten. Diese Probleme verlangten nach Wesen mit einzigartigen Fähigkeiten. Solchen wie Musa Zaragoza, dem Magus des Feuertempels. Obwohl es ihr schwerfiel, schüttelte Shahrzad den unerträglichen Druck des Fluchs ab. Sie lief mit Irsa durch die Enklave aus Zelten auf das größte in der Mitte zu. Es hatte einen beeindruckenden Aufbau, so zusammengeschustert es auch war: ein Sammelsurium aus sonnengebleichten Farben mit einem verblichenen Banner an der Spitze, das im Luftzug herumtanzte. Ein vermummter Wachposten in einem groben Umhang stand am Zelteingang. »Keine Waffen.« Mit der Hand hielt der Soldat Shahrzads Schulter fest, mit der Kraft eines lebenslangen Angreifers. Ein Soldat, der seine Rolle weit mehr genoss, als er sollte. Wider besseres Wissen kam Shahrzads Reaktion mechanisch und unbewusst. Sie wehrte seine Hand ab, ihr Blick starr. Ich bin nicht in der Stimmung für rüpelhafte Männer. Oder ihre Kriegstreiberei. »Waffen sind im Zelt des Scheichs nicht erlaubt.« Der Soldat griff nach ihrem Dolch, in seinen Augen glitzerte eine unausgesprochene Drohung. »Fass mich noch einmal an, dann werde ich …« »Shazi!« Irsa trat heran, den Soldaten zu besänftigen. »Bitte verzeih meiner …« Der Soldat stieß Irsa weg. Ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken, knallte Shahrzad ihm beide Fäuste in die Brust. Er taumelte zur Seite, seine Nasenflügel flatterten. Hinter sich hörte sie, wie Männer zu schreien anfingen. »Was tust du da, Shahrzad!«, rief Irsa. Der Schock über den Leichtsinn ihrer Schwester stand ihr ins Gesicht geschrieben. Voller Wut packte der Soldat Shahrzads Unterarm. Sie bereitete sich auf den bevorstehenden Kampf vor, ihre Zehen verkrampft und ihre Fäuste geballt. »Lass sie sofort los!« Ein großer Schatten lauerte über dem Soldaten. Perfekt. Shahrzad schreckte zurück, ein Hauch von Schuldbewusstsein kämpfte gegen ihre Wut. »Ich brauche deine Hilfe nicht, Tarik«, sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. »Ich helfe dir nicht.« Er kam näher, warf einen flüchtigen Blick in ihre Richtung. Sein unverhüllter Schmerz lag so bloß, dass er ihr die Standhaftigkeit raubte. Wird er mir denn nie vergeben? Der Soldat wandte sich mit einer Ehrerbietung an Tarik, die Shahrzad unter normalen Umständen immens gereizt hätte. »Entschuldige, Sahib, aber sie hat sich geweigert …« »Lass sie sofort los. Ich wollte keine Entschuldigungen hören. Folge deinen Befehlen, oder du musst mit Konsequenzen rechnen, Soldat.« Der Soldat ließ sie widerwillig los. Shahrzad schüttelte seinen Griff ab. Mit einem tiefen Atemzug straffte sie sich und betrachtete die Menschen in ihrer Nähe. Rahim stand Tarik zur Seite, verschiedene andere junge Männer befanden sich auf seiner anderen Seite. Einer war ein spindeldürrer Junge mit dem Gehabe eines viel älteren Mannes. Sein Bart wuchs in Flechten auf einem langen, schmalen Gesicht, und seine lächerlich ernsten Brauen bedeckten eiskalte Augen. Augen, die sie mit niederträchtigem Hass beobachteten. Ihre Finger tasteten nach ihrem Dolch. »Danke, Tarik«, sagte Irsa, weil Shahrzad immer noch keinen Hauch von Dankbarkeit gezeigt hatte. »Schon gut«, erwiderte er mit einem linkischen Nicken. Shahrzad biss sich innen auf die Wangen. »Ich …« »Gib dir keine Mühe, Shazi. Das haben wir doch schon hinter uns.« Tarik schlug die Kutte seines Rida zurück und betrat geduckt den Zelteingang, auf ihre Begleitung verzichtend. Der Junge mit den eiskalten Augen blickte sie finster an und schloss dicht auf. Rahim blieb neben ihr stehen, sein Gesichtsausdruck grimmig, als ob er etwas Besseres erwartete hätte. Dann trat er näher an Irsa heran, sein Kopf fragend gesenkt. Ihre Schwester lächelte ihn schwach an. Leise seufzend und ohne ein Wort stapfte Rahim hinter ihnen in das Zelt. Irsa stieß Shahrzad einen Ellbogen in die Rippen. »Was ist los mit dir?«, tadelte sie flüsternd. »Wir sind hier Gäste. So kannst du dich hier nicht benehmen.« Gedemütigt nickte Shahrzad, bevor sie durch das höhlenartige Loch schritt. Ihre Augen brauchten eine Weile, um sich an die plötzliche Dunkelheit zu gewöhnen. Eine Reihe von Messinglampen hing in ungleichen Abständen von den Holzsparren oben, ihr schwaches Licht blass nach der Helligkeit der Wüstensonne. Am entfernten Ende des Zelts stand ein langer, niedriger Tisch, geschreinert aus grob behauenem Teakholz. Abgegriffene Wollkissen waren zu willkürlichen Stapeln aufgeworfen worden. Schreiende Kinder wieselten hinter Shahrzad her, nichts anderes im Sinn als den bevorzugten Platz am Frühstückstisch. Inmitten des haarsträubenden Tumults saß ein alter Mann mit wachsamen Augen und einem zerzausten Bart. Als er Shahrzad sah, lächelte er sie mit überraschender Wärme an. Zu seiner Linken saß eine Frau ähnlichen Alters mit einem langen Zopf in gedämpftem Kupfer. Zu seiner Rechten saß Shivas Vater, Reza bin-Latief. Shahrzad zog sich der Magen zusammen, ein plötzliches Schuldgefühl trieb wieder an die Oberfläche. Sie hatte ihn gestern Abend kurz gesehen, aber in der Unruhe bei ihrer Ankunft war es nur einen kurzen Wortwechsel gewesen, und sie war sich noch nicht im Klaren, ob sie bereit war, Shivas Vater entgegenzutreten. So kurz, nachdem sie bei der Rache für den Mord an seiner Tochter versagt hatte. So kurz, nachdem sie sich genau in den jungen Mann verliebt hatte, der sie ermordet hatte. Shahrzad entschied, dass es das Beste war, unerwünschte Aufmerksamkeit zu vermeiden, also hielt sie den Kopf gesenkt und setzte sich auf das Kissen neben Irsa, gegenüber von Tarik und Rahim. Sie wich den Blicken aller in ihrer Umgebung aus, besonders denen des Jungen mit den eisig brennenden Augen, der jede Gelegenheit nutzte, sie mit der Hitze seines beunruhigenden Blickes zu durchbohren. Der Wunsch, auf sein Verhalten aufmerksam zu machen, bestimmte ihre Gedanken, aber Irsas jüngste Ermahnung setzte sich durch: Sie war hier nur Gast. Und sie durfte sich nicht auf diese rücksichtslose Weise benehmen. Nicht, wo das Wohlbefinden ihrer Familie auf dem Spiel stand. Eine gebratene Lammkeule wurde in die Mitte des abgenutzten Tisches gestellt. Die Servierplatte war ein riesiges Stück aus gehämmertem Silber, an allen Ecken und Enden verbeult von Alter und Gebrauch. Dicke Scheiben von Barbari-Brot, bestrichen mit Butter und in schwarzen Sesamsamen gerollt, standen daneben in Körben bereit, dazu angeschlagene Schüsseln mit ganzen Rettichen und Platten mit gesalzenem Ziegenkäse. Kabbelnde Kinder griffen nach den Rettichen und rissen das Barbari in grobe Stücke, bevor sie mit bloßen Händen das Fleisch packten. Ihre Eltern zerstießen Stängel frischer Minze und gossen in großen Mengen dunklen Tee über die duftenden Blätter. Als Shahrzad zufällig aufblickte, bemerkte sie, dass der alte Mann mit den aufmerksamen Augen sie beobachtete und dass wieder ein warmes Lächeln seine Lippen umspielte. Die Lücke zwischen seinen beiden Schneidezähnen war überdeutlich und gab ihm ein fast törichtes Aussehen. Trotzdem ließ Shahrzad sich nicht das kleinste Bisschen täuschen. »Also, mein Freund … das ist also Shahrzad«, sagte der alte Mann. Mit wem spricht er? »Ich hatte recht …«, krächzte der alte Mann. »Sie ist wunderschön.« Shahrzads Blick huschte über beide Seiten des Tisches und blieb bei Tarik hängen. Seine breiten Schultern waren unbeweglich; sein gemeißeltes Kinn wirkte angespannt. Er atmete durch die Nase aus und hob seinen Blick, um ihren zu treffen. »Das ist sie«, stimmte Tarik mit gleichgültiger Stimme zu. Der alte Mann neigte den Kopf in Shahrzads Richtung. »Du hast eine Menge Staub aufgewirbelt, Schönheit.« Trotz der beruhigenden Hand, die Irsa auf ihre legte, wuchs Shahrzads Wut wie glühende Kohle, die zur Flamme geschürt wird. Ihr war bewusst, dass sie in diesem Moment an Gunst einbüßte, aber Shahrzad entschied sich, nichts zu sagen. Sie rollte ihre Zunge im Mund. Biss sich auf die Unterlippe. Ich bin hier Gast. Ich kann nicht tun, was ich will. Egal wie wütend und einsam ich mich fühle. Der alte Mann lächelte wieder. Noch breiter. Noch deutlicher zeigte sich die Lücke zwischen den Zähnen. Zum Verzweifeln. »Bist du es wert?« Shahrzad räusperte sich. »Wie bitte?«, sagte sie und hielt ihre Gefühle im Zaum. Der Junge mit den eiskalten Augen beobachtete sie mit der gespannten Aufmerksamkeit eines Falken. »Bist du diesen ganzen Ärger wert, Schönheit?«, wiederholte der alte Mann mit einem unerträglichen Singsang in der Stimme. Irsa schloss flehend eine Hand um Shahrzads Finger; kalter Schweiß glänzte auf ihrer Handfläche. Shahrzad durfte die Sicherheit ihrer Schwester nicht aufs Spiel setzen. Nicht in einem Zelt voller Unbekannter. Unbekannte, die ihre Familie genauso gut in der Wüste aussetzen könnten, wegen eines einzigen falschen Wortes. Oder ihnen wegen eines missverstandenen Blicks die Kehle durchschneiden. Nein. Shahrzad durfte den zweifelhaften Gesundheitszustand ihres Vaters nicht gefährden. Nicht für alles in der Welt. Sie lächelte langsam und nahm sich Zeit, ihre Wut zu unterdrücken. »Ich finde, Schönheit ist nicht der Aufregung wert.« Shahrzad ergriff Irsas Hand fester, in schwesterlichem Zusammenhalt. »Aber ich bin eine Menge mehr wert als das, was ihr von außen seht.« Ihr Ton war unbekümmert trotz des verhüllten Tadels. Ohne Zögern warf der alte Mann seinen Kopf in den Nacken und lachte. »Ganz sicher!« Seine Augen glitzerten vor Vergnügen. »Willkommen in meinem Heim, Shahrzad al-Haizuran. Ich bin Omar al-Sadiq, und du bist mein Gast. Solange dich diese Grenzen umgeben, wirst du immer als solcher behandelt werden. Bitte merke dir: Eine Kalifin in Seide oder ein Bettler von der Straße – ich mache keinen Unterschied. Willkommen.« Er senkte den Kopf und rieb mit den Fingerspitzen in einem breiten Schnörkel über seine Brauen. Shahrzad ließ ihrem aufgestauten Atem Raum. Er entwich ihr in einem einzigen Luftstoß und nahm ihr die Spannung von den Schultern und dem Magen. Ihr Lächeln wurde breiter, und Shahrzad verbeugte sich ihrerseits, mit der rechten Hand an der Stirn. Shivas Vater beobachtete ihren Austausch unbeeindruckt, er kreuzte seine Ellbogen und lehnte sie gegen die verwitterte Tischkante. »Shazi-jan«, begann er in düsterem Ton. Er sprach sie an, gerade als sie nach einem Stück Barbari griff. »Ja, Onkel Reza?« Sie hob fragend die Augenbrauen, ihre Hand blieb über dem Brotkorb in der Schwebe. Rezas Züge wurden nachdenklich. »Ich bin sehr froh, dass du hier bist, in Sicherheit.« »Danke. Und ich bin allen dankbar, dass sie meine Familie in Sicherheit gebracht haben. Und dafür, dass sie sich so hervorragend um Baba kümmern.« Er nickte, dann beugte er sich vor und lehnte das Kinn auf seine übereinander gelegten Hände. »Natürlich. Deine Familie war immer auch meine Familie. Wie meine auch immer deine war.« »Ja«, sagte Shahrzad leise. »So war es.« »Also«, sagte Reza, Zeichen von Bestürzung verzerrten seinen Mund, »es schmerzt mich sehr, dich das zu fragen – weil ich dachte, es sei aus Nachlässigkeit geschehen, als du gestern Nacht ankamst – aber ich habe deine Beleidigung heruntergeschluckt, solange ich es eben aushalten konnte.« Shahrzads ganzer Körper erstarrte, ihre Finger hielten noch immer über dem Brot inne. Die Spannung erdrückte erneut ihren Körper, Schuldgefühle umklammerten ihren Magen wie eine wilde Schlange. »Shahrzad …« Reza bin-Latiefs Stimme hatte jede Spur von Freundlichkeit verloren. Jede Wärme des Mannes, den sie für einen zweiten Vater gehalten hatte, war wie weggeblasen. »Warum sitzt du an diesem Tisch – brichst Brot mit uns – und trägst den Ring des Jungen, der meine Tochter ermordet hat?« Es war eine unverblümte Schuldzuweisung. Sie durchschnitt die Menge wie eine Sense ein Getreidefeld. Shahrzads Finger pressten sich fest auf die Standarte mit den beiden gekreuzten Schwertern. So fest, dass es wehtat. Sie blinzelte. Einmal. Zweimal. Tarik räusperte sich. Der Klang hallte in der plötzlichen Stille wider. »Onkel … Onkel Reza …« Nein. Sie konnte nicht zulassen, dass Tarik sie rettete. Nicht schon wieder. Nie wieder. »Es … tut … tut mir leid«, sagte sie mit trockenem Mund. Aber das tat es nicht. Das nicht. Ihr taten hundert Dinge leid. Tausend Dinge. Eine ganze Stadt voller nicht angebotener Entschuldigungen. Aber dies hier würde ihr nie leidtun. »Du sollst dich nicht entschuldigen, Shahrzad«, fuhr Reza in derselben kalten Stimme fort. Der Stimme eines Fremden. »Entscheide dich.« Ihr Bedauern murmelnd stand Shahrzad auf. Sie dachte nicht nach. Sich an die Überreste ihrer Würde klammernd stolperte sie weg vom Tisch, hinein in die feuerrote Wüstensonne. Ihre Sandalen verfingen sich in dem sengend heißen Sand, der sich an sie heftete und ihre Waden bei jedem Schritt heiß berührte. Eine große, schwielige Hand hielt sie an der Schulter fest, zwang sie stehen zu bleiben. Sie blickte auf, schützte ihre Augen vor dem blendenden Licht. Der Soldat. Der immerwährende Angreifer. »Geh mir aus dem Weg«, flüsterte sie in dem Bemühen, ihre Wut zu zügeln. »Sofort.« Seine Mundwinkel hoben sich gemächlich zu einem hämischen Grinsen. Er machte keine Anstalten zu weichen. Shahrzad packte sein Handgelenk und wollte ihn beiseiteschieben. Das grob gewebte Leinen seines Rida rollte sich bis zu seinem Ellbogen hinauf und enthüllte ein Brandzeichen, das innen in seinen Unterarm gesengt war. Das Zeichen des Skarabäus. Das Zeichen der Fedajin-Mörder, die in ihr Zimmer in Ray gedrungen waren und versucht hatten, sie umzubringen. Shahrzad schnappte nach Luft und rannte los. Unbeholfen, sinnlos, ihr einziger Gedanke war Flucht. Irgendwo in der Ferne hörte sie, wie Irsa nach ihr rief. Trotzdem dachte sie nicht daran anzuhalten. Sie rannte in ihr winziges Zelt, warf die Zeltklappe mit einem lauten Klappern hinter sich zu. Ihre flachen Atemstöße hallten von den drei Wänden wider. Shahrzad hob die rechte Hand in einen Lichtstrahl, der durch einen Zeltsaum hereindrang. Sie beobachtete, wie er das matte Gold ihres Rings einfing. Ich gehöre hier nicht hin. Ein Gast in einem Gefängnis aus Sonne und Sand. Aber ich muss meine Familie in Sicherheit bewahren. Ich muss eine Möglichkeit finden, den Fluch zu brechen. Und nach Hause zu Chalid zurückkehren. Aber leider wusste sie nicht, wem sie trauen konnte. Bis Shahrzad wusste, wer dieser Scheich Omar al-Sadiq war und warum ein Fedajin-Mörder in seinem Camp herumlungerte, musste sie vorsichtig sein. Denn es war klar, dass sie in Reza bin-Latief nicht mehr den einstigen Verbündeten hatte. Und Shahrzad wollte um keinen Preis Tarik ihre Bürde auflasten. Es war nicht seine Aufgabe, ihre Familie in Sicherheit zu bringen. Nein. Diese Pflicht gebührte ihr, und nur ihr. Ihr Blick irrte umher, bis er an der Wasserlache in der Kupferschale hängen blieb. Existiere unter Wasser. Bewege dich langsam. Erzähle Geschichten. Lüge. Ohne einen Gedanken an Sentimentalität zog sich Shahrzad den Ring vom Finger. Atme. Sie schloss die Augen und lauschte dem leisen Aufschrei ihres Herzens. »Hier.« Irsa ließ die Zeltklappe hinter sich zufallen und kam an Shahrzads Seite. Sie brauchte keine Anweisung. Ebenso wenig kam irgendeine Art Vorwurf über ihre Lippen. Im Handumdrehen zog sie den Faden, der Shahrzads Zopf zusammengehalten hatte, ab. Die Schwestern sahen sich fest in die Augen, als Irsa den Ring aus Shahrzads Hand nahm und aus dem Faden ein Halsband formte. Ohne ein Wort knotete Irsa das Halsband hinten an Shahrzads Nacken zusammen und steckte den Ring oben in ihren Qamis. »Keine Geheimnisse mehr.« »Einige Geheimnisse sind hinter Schloss und Riegel sicherer aufgehoben.« Shahrzad nickte ihrer Schwester zu, Chalids Worte waren ein leises Wispern in ihrem inneren Ohr. Nicht als Warnung. Sondern zur Erinnerung. Sie würde alles tun, was getan werden musste, um ihre Familie in Sicherheit zu bewahren. Sogar ihre eigene Schwester anlügen. »Was willst du wissen?«