Inhalt Und zweitens als man denkt Blechschaden Manchmal hilft Schokolade Die Einladung Versuchung pur Verführt Bedenken Eine feuerrote Liebeserklärung Geburtstag und Gespräche Christine Heiligabend Kathi und Frederik Ihr Kinderlein kommet … Abgelehnt! Time is money Prinzessin Kaffee, Fotos und ein Eigentor Der Internetauftritt Nur eine Vermutung? Entscheidung fürs Leben Aus die Maus! Unerwarteter Besuch Stell dir vor … Der Antrag Der Workaholic Unverhofft kommt oft Und nun? Ja, ich will! Rebellion Doktor König Ergebnisse Stichtag Kolophon Autorin Verlag Ausgaben Blechschaden Es knallte und klirrte unüberhörbar. Anna konnte es nicht verhindern; sie krachte ungebremst mit ihrem kleinen Auto in die schwarze Luxuskarosse, die vor dem Café ihrer Eltern geparkt war. Ihre Geschwindigkeit war viel zu hoch und das Laub unter den Reifen nass und rutschig. Erschrocken schrie sie auf – das Geräusch von knirschendem Stahlblech und berstendem Glas ging ihr durch und durch. Zeitgleich schlug die Diebstahlsicherung der Limousine an, begleitet vom wiederkehrenden Aufleuchten der Blinker. Die Sirene ertönte lautstark; so wurde auch der Letzte, der ihren Crash noch nicht mitbekommen haben sollte, zuverlässig darauf aufmerksam gemacht. Anna blieb wie erstarrt sitzen. Oh nein, ausgerechnet so eine Bonzenkarre, war alles, was sie zu denken in der Lage war. Sie traute sich kaum, auszusteigen. Dem Klang der Alarmanlage nach wusste Georg augenblicklich, dass es sich um seinen Wagen handelte, der in den Unfall verwickelt worden war. Ein kurzer Blick durch das Schaufenster des Cafés bestätigte seinen ersten Gedanken. Mit wenigen Worten verabschiedete er sich von den älteren Damen, an deren Tisch er soeben stand, und eilte auf die nasskalte Straße. Anna wartete neben dem Blechschaden. Hilflos blickte sie sich um, als sie Georg auf sich zukommen sah. Bestimmt gehört es dem Typen im Anzug, schlussfolgerte sie richtig. Er ging schnellen Schrittes zu ihr; wegen des hohen Geräuschpegels sprach er mit lauter Stimme: „Was ist denn hier passiert?“ Während er die Frage stellte, ließ er mit nur einem Handgriff den auf- und abschwellenden Pfeifton verstummen. „Ist das Ihrer?“ Der Top-Manager nickte stumm und trat auf die Straße. Anna folgte ihm zerknirscht. Mit diesem Auto würde er nicht zurück in die Firma fahren, soviel war sicher. Er zog sein Handy aus der Hosentasche und telefonierte mit seiner Sekretärin. Das lädierte Kraftfahrzeug war sein Firmenwagen, den er erst wenige Tage zuvor in Besitz genommen hatte. Mit ihm zu dem Café zu fahren und dort das Schwätzchen am Tisch der Seniorinnen zu halten, erfolgte keineswegs freiwillig. Eine Art Tradition verlangte es. Sie war untrennbar an seine Mutter gebunden, die ihn an diesem trüben Nachmittag im November eindringlich gebeten hatte, sie zu ihrem regelmäßig stattfindenden Kaffeekränzchen zu chauffieren; ungeachtet der Tatsache, dass er dafür kaum Zeit hatte. Elisabeth Wagner traf sich einmal im Monat mit ihren langjährigen Freundinnen, um zu plaudern und in dem angesehenen Café die hausgemachte Torte zu genießen. Zu diesem Anlass bestand sie darauf, von ihren drei längst erwachsenen Kindern reihum dorthin gefahren und zu ihrem Tisch begleitet zu werden. Sie liebte es, sie bei dieser Gelegenheit ausgiebig zu präsentieren. Und da Georg sich nach einem fünfjährigen beruflichen Auslandsaufenthalt seit kurzem zurück in Deutschland befand, kam er nicht umhin, sie an diesem Nachmittag zu fahren und entsprechend prahlerisch vorgestellt zu werden. Jetzt allerdings stand er zwischen den Scherben, die einst der Blinker und der Scheinwerfer von Annas betagtem Kleinwagen waren. Er strich mit der flachen Hand über den tiefen Schaden seines Fahrzeugs und begutachtete die zerstörte Lackierung. „Ist es sehr schlimm?“ In ihrer Stimme schwang Unsicherheit mit. Er wandte den Kopf und schaute sie an. „Nun ja …“, begann er und sein Blick blieb an ihr haften. Es entging ihr nicht, dass er sie länger und intensiver ansah, als für die Antwort nötig gewesen wäre. „So ganz ohne ist es nicht“, beendete er gedankenvoll seinen eben begonnenen Satz. Anna schaute zurück auf den lädierten Lack, dann wieder unglücklich in sein Gesicht. „Mein Vater kennt da jemanden, der könnte Ihnen das wohl ausbeulen“, bot sie verzweifelt an. „Ausbeulen, bei dem Schaden …“, wiederholte er kopfschüttelnd, „und vielleicht noch schwarz, unter der Hand? Das geht auf gar keinen Fall.“ Dass er wenig Verständnis für ihre Lage zeigte, ließ Trotz in Anna aufsteigen. Hinzu kam ihre scheinbar ausweglose Situation, die sie zur Gegenwehr trieb. Als Georg bereits Annas Vater, dem Konditormeister Wolfgang Kramer, entgegensah, der aufgeregt zu ihnen eilte, fuhr sie ihn wütend an. „Sie haben hier aber auch wirklich blöd geparkt!“ Georg wandte sich erneut Anna zu. Er glaubte, sich verhört zu haben. „Bitte?“ Als die junge Frau bockig nickte, lachte er fassungslos auf. „Unsinn, das ist lächerlich!“ „Aber ich bin Ihnen rein gefahren, also stand Ihr Auto im Weg!“ Na, das ist ja ’ne bestechende Logik, dachte Georg noch, als der Konditor sich schon vorstellte. Er hatte die Szene unruhig hinter der Schaufensterscheibe seines Geschäfts verfolgt und nahm zu Recht an, seine Tochter würde nicht allein zurechtkommen. Er hielt es daher für angebracht, unterstützend einzugreifen. „Guten Tag, Kramer. Der Vater der Übeltäterin.“ Georg schüttelte die sich ihm entgegenstreckende Hand. „Wagner. Guten Tag.“ „Darf ich Sie auf den Schreck zu einer Tasse Kaffee hereinbitten?“ Er vermutete Georg in aufgebrachter Laune und wollte ihn mit diesem Angebot versöhnlich stimmen. Einladend wies er mit dem Arm in Richtung seines Cafés. „Sehr freundlich, danke. Leider fehlt mir dazu die Zeit. Ich sollte längst wieder an meinem Schreibtisch sitzen.“ Georg sah auf seine Armbanduhr, gleich darauf zog er eine seiner Visitenkarten aus der Brieftasche und reichte sie dem Zuckerbäcker. „Bitte lassen Sie meiner Sekretärin die Daten der Versicherung zukommen, damit die Angelegenheit schnellstmöglich geregelt werden kann.“ Anna horchte auf. Ihr Vater nickte und ging zum Café zurück, um die nötigen Formalitäten zu erledigen. „Blöd geparkt …“, wiederholte Georg anschließend Annas unverschämte Worte. Er steckte die Hände unter dem Jackett hindurch in die Hosentaschen seines dunkelgrauen Anzugs und lehnte sich gegen das Heck des teuren Unfallwagens. Er hoffte, dass es nicht allzu lange dauern würde, bis man ihn abholte. Seine Termine warteten nicht. „Na klar, das wäre sonst sicher nicht passiert, das müssen Sie zugeben.“ Anna lehnte sich ebenfalls an. Ihre Hoffnungslosigkeit trieb sie zu dieser aufsässigen Kühnheit. „So? Muss ich das?“ Von wegen, freches Ding, dachte Georg und sah amüsiert neben sich herunter. Annas kesser Mut reizte ihn sehr. Er forderte ihn auf eine Art heraus, die er lange vermisst hatte. Sein Dienstwagen fuhr in die Straße ein. Und während ihm die hintere Tür geöffnet und aufgehalten wurde, kam Anna sichtlich beeindruckt näher. Sie ging an seinem Fahrer vorbei ohne ihn anzusehen und streckte Georg zum Abschied die Hand entgegen. Gleich darauf wandte sich Wolfgang Kramer, der zwischenzeitlich zur Unfallstelle zurückgekehrt war, erneut an ihn: „Mit Ihrer Sekretärin habe ich alles geregelt. Bitte sehen Sie meiner Tochter die Unannehmlichkeiten nach.“ Georg quittierte seine Worte mit einem Nicken und verabschiedete sich auch von ihm. Währenddessen kickte Anna gelangweilt vor eine der Scherben, die im Laub verteilt lagen. Unglücklicherweise knallte diese ebenfalls gegen seinen Neuwagen. Sie verursachte eine weitere Schramme, diesmal am vorderen Kotflügel. Scharf sog Georg die Luft zwischen den Zähnen ein. Sein Fahrer hielt vor Schreck den Atem an. „Anna!“ Wolfgang Kramer ermahnte sie entsetzt. „Glück gehabt, dass es nicht der andere war“, bemerkte Georg. Er deutete mit dem Kopf zu dem Fahrzeug, dessen Tür nach wie vor wartend für ihn offen stand. Der Konditormeister verdrehte peinlich berührt die Augen und knuffte seiner Tochter unauffällig in die Seite. „Tut mir leid, ’tschuldigung“, brachte sie daraufhin gepresst hervor. Wieder verweilte Georgs Blick einen Moment länger auf ihr, schließlich stieg er ein und begab sich im Fond des Wagens auf den Weg zurück in die Firma. Gemeinsam schoben sie den Kleinwagen von der Straße auf den gegenüberliegenden Parkplatz, wobei ihr Vater nicht mit Vorwürfen sparte. Am Schluss holte Anna auf sein Geheiß hin einen Besen, mit dem sie mürrisch die Scherben zusammenfegte, während er in das Café zurückging. Ausgerechnet so einer, dachte er, mit ’nem Doktortitel und Konzernvorstand. Warum muss es gerade sein Luxusschlitten sein, in den sie hineinfährt? Da Anna sich als Studentin keine eigene Kfz-Versicherung leisten konnte, fürchtete er nicht ohne Grund eine kostspielige Hochstufung. Eine resolute Stimme riss ihn unvermittelt aus seinen Gedanken: „Herr Kramer! Herr Kramer! Kommen Sie bitte!“ Ohne hinzusehen hatte er sie erkannt – niemand anders als Frau Wagner befahl ihn auf diese Weise zu sich. Mit einem aufgesetzten Lächeln trat er an ihren Tisch. „Ja, bitte?“ „Sagen Sie, in welche Querelen war mein Sohn dort draußen verwickelt?“ Wolfgang Kramer überlegte kurz, dann verstand er, dass der Mann, dessen Hand er gerade noch zwischen den Scherben schüttelte, der Sohn seiner Stammkundin sein musste. Sie war wegen ihrer strengen und herrischen Art gut bekannt, nicht aber sonderlich beliebt. „Ein Blechschaden, nichts weiter.“ Hierbei verschwieg er wohlweislich, dass es sich bei der Verursacherin um seine Tochter handelte. Im Büro angekommen erhielt Georg bald darauf eine E-Mail. Sie enthielt die Information, dass das gleiche Fahrzeugmodell, mit dem beschädigten Firmenwagen in Typ und Ausstattung identisch, zu ihm unterwegs sei. Ein Lächeln umspielte seine Lippen. Gut, dachte er, sehr gut. Zufrieden lehnte er sich hinter seinem großzügig dimensionierten Schreibtisch zurück und ließ den Blick durch sein neues, geräumiges Büro schweifen. Dies war einer der Augenblicke, in denen er wieder einmal mehr wusste, wofür er fast komplett auf ein Privatleben verzichtete. Wofür er für fünf Jahre nach Südafrika gegangen war, und auch dort alles für das Unternehmen gegeben hatte. Etliche Stunden hatte er über Konstruktionsplänen, Entwicklungsdaten und in aufreibenden Meetings gesessen. Dieses Angebot jedoch auszuschlagen, stand für ihn zu keinem Zeitpunkt zur Debatte – die Auslandsjahre, in denen unter seiner Leitung eine neue Fertigungsstätte auf dem schwarzen Kontinent errichtet worden war, hatten sein Sprungbrett in den Vorstand der AG bedeutet. Es war ein weiterer Schritt auf seiner Karriereleiter, den er mit Bestehen dieser Feuerprobe nach oben gestiegen war. Seit jeher war ihm nichts geschenkt worden – konsequent und zielstrebig hatte der Siebenundvierzigjährige sich von seinem Studium bis in die Führungsspitze der Automobil-AG hochgearbeitet. Eines Tages auch den Vorstandsvorsitz zu übernehmen, reizte ihn enorm, und er zweifelte nicht im geringsten daran, dass er auch dieses Ziel erreichen würde. Im Laufe des Nachmittags schweiften seine Gedanken fortlaufend zu der jungen Kramer-Tochter ab. Es gefiel ihm sehr, wie furchtlos sie ihm ihre Krallen zeigte, als sie sich trotzköpfig gegen ihn auflehnte. Ihre Widerspenstigkeit ist süß und gleichzeitig sexy, sinnierte er, während er zurückgelehnt seinen Füllfederhalter zwischen den Fingern drehte. Er brauchte nicht lange überlegen; schnell kam er zu dem Schluss, dass er sich auf jeden Fall erneut mit ihr treffen würde. Beim Abendessen wandte Anna sich wegen ihres kaputten Autos an den Vater: „Ob man den wieder reparieren lassen kann?“ Wolfgang Kramer nickte. „Ich hoffe es zumindest. Wir geben ihn morgen zu Fritz in die Werkstatt und lassen ihn nach Feierabend mal drüber gucken.“ Einige Minuten später reichte er seiner Tochter Georgs Visitenkarte über den Tisch, die er noch immer in der Hosentasche bei sich trug. „Weißt du eigentlich, wem du da rein gefahren bist?“ Sie schaute ihn neugierig an. „Nö, sollte ich?“ „Allerdings, sieh dir den Namen an. Es ist der Sohn von unserer überaus geschätzten Frau Wagner!“ Anna kicherte. „Von der alten Hexe, das ist ja ’n Ding!“ „Das ist nicht lustig, Anna. Dieser Unfall wird teurer als du dir vorstellen kannst und er könnte uns jede Menge Ärger bringen.“ Als sie kurz darauf in ihrem Zimmer auf dem Bett saß, hielt Anna die Visitenkarte noch immer in ihrer Hand. Ärger, so ein Quatsch, dachte sie und betrachtete das Pappkärtchen eingehend. Wie von selbst sah sie Georg dabei vor sich und ließ in Gedanken den nebelverhangenen Herbsttag noch einmal Revue passieren. Mit klopfendem Herzen erinnerte sie sich an die intensiven Blicke, die ihr der Geschäftsmann mit den grauen Schläfen zugeworfen hatte. Nix Ärger! Vielleicht bringt es genau das Gegenteil, freute sie sich selbstsicher. Am nächsten Tag griff Georg in seinem Büro zwischen zwei Besprechungen zum Telefon: „Steinberg.“ „Georg hier.“ Die Stimme seines langjährigen Freundes Frederik klang begeistert: „Hey, schön dich zu hören! Seit wann bist du wieder zurück?“ Der Befragte lehnte sich nach hinten, wobei die Rückenlehne seines ledernen Schreibtischsessels sanft nachfederte. „Seit ein paar Tagen. Ich hoffe, ich störe dich nicht in deiner Mittagspause?“ „Überhaupt nicht. Wie sieht’s aus, gehen wir heute Abend ein Bierchen trinken? Deine Rückkehr nach good old Germany begießen?“ „Das wollte ich auch vorschlagen. Ich lade dich ein. Um acht?“ Auf dem hell erleuchteten Platz vor dem Wirtshaus begrüßten die beiden Männer sich mit einer herben Umarmung. Sie hatten einander lange nicht gesehen und ihre Freude, sich an diesem Abend wiederzutreffen, war entsprechend groß. „Klasse, dass du wieder da bist, hast mir echt gefehlt“, lachte Frederik gut gelaunt und boxte Georg dabei freundschaftlich gegen den Oberarm. Durch den Schankraum der Gaststätte betraten sie den hinteren Teil des Lokals. Sie ergatterten einen der letzten freien Tische, auf dem schon bald ein Glas kühles Bier vor ihnen stand. Schnell fanden sie in ein Gespräch. Frederik erzählte auf Georgs Nachfrage von seiner tierärztlichen Praxis und hörte staunend, was die Jahre außerhalb Deutschlands für den beruflichen Aufstieg seines Freundes bedeutet hatten. Er nickte mit anerkennendem Gesichtsausdruck: „Und jetzt sitzt du im Vorstand, was? Gratuliere!“ „Vielen Dank, es ist nur noch ein wenig ungewohnt, einen Dienstwagen mit Fahrer zur Verfügung zu haben.“ „Gibt Schlimmeres, oder?“ Frederik lachte und steckte sich eine Zigarette an, wobei er den ersten Zug tief in sich aufnahm. Gleich darauf betonte er zwinkernd, dass es in diesem Falle nur recht und billig sei, dass der Abend auf Georgs Rechnung gehe. Sie redeten und scherzten, bis der Manager das Thema wechselte und auf seine heutige Begegnung mit Anna zu sprechen kam. Er berichtete von dem Zusammenstoß, ihrem anziehenden Äußeren und verlockend renitenten Wesen, das ihn so sehr herausforderte. Sein Kumpel sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Und? Klingt doch gut so weit, fast zu schön um wahr zu sein. Gibt es einen Haken?“ „Keinen nennenswerten. Außer vielleicht, dass sie erheblich jünger ist als ich. Aber das muss ja nicht unbedingt von Nachteil sein.“ Er grinste anzüglich. Frederik ging darüber hinweg. „Wie jung ist sie genau?“ Bei dieser Frage drehte er die Zigarette am Rand des Aschenbechers, um die verglühte Asche abzustreifen. „Sehr jung. Anfang zwanzig, schätze ich.“ Sein Blick hob sich, skeptisch schaute er in Georgs Gesicht. „Für was Festes ist das nichts, da dürfte der große Altersunterschied massive Probleme bereiten.“ „Das wird es nicht. Weder fest noch problematisch. Ich könnte das eine im Moment genauso wenig brauchen wie das andere. Dennoch werde ich sie wiedersehen.“ „Hm …“ Frederik sah auf die Tischplatte vor sich. Dabei blies er den Rauch aus und schaute ihm nach. Dann sagte er, während er Georg in die Augen blickte: „So etwas geht nur selten gut. Was immer du da vorhast, Georg, ich würde es lassen.“ Manchmal hilft Schokolade Resigniert ließ Kathi sich zu später Stunde des gleichen Abends auf ihr Sofa fallen. Sie lehnte sich zurück und atmete tief durch. Was war das nur wieder? Weshalb entpuppte sich jede Bekanntschaft, die im Internet so verheißungsvoll begann, anschließend als großer Reinfall?, fragte sie sich. Gerade kam sie von einem Date mit einem Mann nach Haus, der ihr zuvor wunderschöne E-Mails geschrieben und überaus charmant am Telefon mit ihr geplaudert hatte. Der ihr, wie sie im Nachhinein begriff, genau das erzählt hatte, von dem er glaubte, dass sie es hören wollte. Einer, der sich vollkommen anders darstellte, als er in Wirklichkeit war. Kathi spürte die Enttäuschung unangenehm hochkommen. Schon wieder so ein blöder Kerl, dachte sie. Sie wusste nicht, wie viele solcher Verabredungen sie mittlerweile hinter sich hatte. Ganz sicher aber war, dass eine negative Erfahrung die nächste jagte. Es schien wahr zu sein, seufzte sie, dass die guten, interessanten Männer ihres Alters längst vergeben waren. Denn mit den Typen, die sie in der letzten Zeit kennenlernte, wollte sie sich eine Beziehung gar nicht erst vorstellen. Es sah aus, als würde sie für immer Single bleiben. Tränen füllten ihre Augen. Nach jedem ihrer furchtbaren Treffen und durchgehend bei diesem deprimierenden Thema wurde sie traurig. Dazu war sie allein in ihrer Wohnung; um sie herum war es still und dunkel. In ihrer Küche nahm Kathi sich einen Schokoriegel aus dem Kühlschrank und biss frustriert hinein. Wohltuend breitete sich der süße Geschmack auf ihrer Zunge aus, den sie genüsslich zergehen ließ – nichts auf der Welt vermochte so gut zu trösten wie Schokolade. Sie setzte sich zurück in das dunkle Wohnzimmer, das lediglich durch den schwachen Schein der Laterne vor ihrem Fenster erhellt wurde, und ließ ihre Gedanken erneut um das Thema Partnerschaft kreisen. In ihrer Vergangenheit gab es durchaus Beziehungen, in denen es zu Beginn ganz hervorragend gelaufen war. In denen ihr lächelnd versichert wurde, dass es keine Rolle spiele, ob sie eine Top-Figur hätte und dass einige zusätzliche Kilos auf ihren Hüften völlig unwichtig seien. Sie konnte sie nicht mehr hören, diese hohlen Phrasen, dass es doch einzig auf den Charakter ankäme. Bei jeder dieser kurzen Episoden spielte es sich nach dem gleichen Schema ab: Schnell war es vorbei mit dem Großmut. Die ersten Fragen nach einer Diät tauchten auf, jeder Bissen wurde ihr mit schiefem Blick in den Mund geguckt. Es wiederholte sich zu oft – im ersten Überschwang der Verliebtheit sahen ihre Bekanntschaften über ihre mollige Figur hinweg, letzten Endes verließen sie sie aber doch mit einer fadenscheinigen Begründung. Zu traurig war sie, andere mögliche Gründe für die jähen Beziehungsenden zu erkennen. Zu sehen, dass ihre jeweilige Verbindung einfach nicht passte und simpelste Widrigkeiten des Alltags ihre Wege trennten, war ihr an diesem Abend unmöglich. Weitere Tränen bahnten sich den Weg über Kathis Wangen. Ich weiß, dass ich keine Model-Maße habe, bin ich deshalb weniger liebenswert?, fragte sie sich weinend. Unsicher ging sie in ihr Badezimmer. Sie hatte das Betreten ihrer Personenwaage lange vermieden. Als sie es in diesem Augenblick niedergeschlagen tat, zeigte sie unbestechlich achtundachtzig Kilo an. Zu viel, wie ihr schmerzlich bewusst war. Doch davon herunterzukommen war schwer, wie die Erfahrung sie gelehrt hatte. Nicht nur einmal hatte sie einen Versuch in diese Richtung aufgegeben, nachdem sie zum wiederholten Male gescheitert war. Die Einladung Am Samstag darauf … Gegen fünfzehn Uhr betrat Georg das Café Kramer. Er freute sich, Anna hinter dem Verkaufstresen zu entdecken. So war es nicht nötig nach ihr zu fragen, wie er ursprünglich erwogen hatte und ihren Eltern aus einem Anlass zu begegnen, der nicht in Zusammenhang mit dem Auffahrunfall stand. Beim Klingeln des Glöckchens über der Tür blickte Anna auf. Sie erkannte ihn sofort und ein freudiges Lächeln überzog ihr Gesicht. Als sie die ältere Dame bediente, die vor Georg an der Reihe war, spürte sie ein aufgeregtes Kribbeln in ihrer Magengrube. Gekonnt schlug sie das Kuchentablett in Papier ein und wartete anschließend ungeduldig, bis die Kundin auch ihr letztes Kleingeld aus dem Portemonnaie zusammengesucht hatte. Nach einer gefühlten Ewigkeit wandte sie sich ihm zu: „Hallo Doktor Wagner! Was kann ich für Sie tun?“ Sie deutete auf die bunte Auswahl von Gebäck vor sich. „Mit mir essen gehen, morgen Abend.“ Ein vielversprechendes Lächeln umspielte seine Lippen und unterstrich die Einladung. Annas Puls beschleunigte sich rasant, ihr Herz begann wild zu klopfen. „Ich? Oh ja, gern!“ Ihre Augen strahlten. Wahnsinn, dachte sie, ich habe eine Verabredung mit Mr. Business! Um zwanzig Uhr, so versprach er, würde er sie abholen. Voller Vorfreude suchte und probierte Anna den Inhalt ihres Kleiderschrankes durch. Sie konnte sich nur schwer entscheiden, nahm schlussendlich jedoch ihren einzigen Rock von der Kleiderstange herunter. Er war lang, schwarz und extrem figurbetont. Edel und gleichzeitig eine Spur sexy, wie sie fand. Kurz überlegte sie, ob er nicht zu auffällig oder zu verwegen geschnitten war, beschloss aber, nachdem sie sich mehrere Male vor ihrem Spiegel darin gedreht hatte, dass er in Verbindung mit einem taillierten Oberteil haargenau zu dem besonderen Anlass passte. Sie hoffte sehr, dass sie an diesem Abend hübsch genug für ihren Begleiter war. So gern wollte sie eleganter und begehrenswerter aussehen, als alle Frauen die Georg kannte. Er war pünktlich da, wie sie vom Fenster aus beobachten konnte. Mit weichen Knien ging sie die Treppe hinunter und trat vor die Tür. Sprachlos starrte sie ihm entgegen, er sah souverän und weltgewandt aus: dunkler Anzug, eine dazu passende Krawatte, Manschettenknöpfe, schwarze, glänzende Schuhe. Obendrein erschien er ihr frisch rasiert zu sein. Als würden wir zu einer Oscarverleihung fahren, dachte sie nervös. Während er ihr die Beifahrertür aufhielt, beeilte sie sich einzusteigen. In einem Wagen dieser Preisklasse hatte sie nie zuvor gesessen, was dazu führte, dass sie sich in dem imposanten Fahrzeug klein und winzig vorkam. Nie vorher wurde sie so schick abgeholt. Ganz anders als die mickrige, verrostete Nuckelpinne meines Ex, erinnerte sie sich und schmiegte sich wohlig in den bequemen Sitz. Anna war, als würde sie in eine völlig fremde Welt eintauchen. Es gefiel ihr sehr, an diesen Komfort, so war sie sich sicher, könnte sie sich ohne Weiteres gewöhnen. Es roch nach Neuwagen und Leder, die angenehme Wärme und die leise, klassische Musik aus dem CD-Player hüllten sie geradezu ein. Bald darauf erreichten sie ein erstklassiges Restaurant außerhalb der Stadt. Sie wurden zu dem von Georg reservierten Tisch geleitet, wobei er hinter Anna ging und den Blick nur schwer von ihrem Po abwenden konnte. Begehrlich stellte er fest, wie unwiderstehlich er aussah, wenn sie sich in dem eng geschnittenen Rock bewegte. Anna hörte ihm gern und aufmerksam zu. Schnell wurde das förmliche Sie von einem ungezwungenen Du abgelöst. Er flirtete gezielt, wickelte sie mit Komplimenten um seinen Finger und stahl ihr Herz, indem er sie mit kleinen Anekdoten aus seinen Auslandsjahren zum Lachen brachte. Nach dem Dessert bestellte er zwei Tassen Espresso. Er trank einen Schluck, gleich darauf beugte er sich unvermittelt zu seiner jungen Begleiterin vor. Seine Stimme wurde leiser, als er fragte: „Es ist ein furchtbarer Fauxpas, ich weiß, aber etwas muss ich dich fragen, Anna …“ In ihrer fröhlichen Art unterbrach sie ihn: „Dann kann es nur eines sein – du willst wissen, wie alt ich bin, stimmt’s?“ Er schmunzelte, gleichzeitig zwinkerte er ihr zu. „Gut geraten, verrätst du es mir?“ Anna nickte lebhaft. „Ja klar, ich bin neunzehn.“ Zufrieden lehnte er sich zurück und schaute ihr ohne ein weiteres Wort dabei zu, wie sie einen Löffel Zucker nach dem anderen in ihren Espresso rührte. Insgeheim zählte er mit und ihm dämmerte, dass der starke, schwarze Kaffee wohl nicht das Getränk ihrer ersten Wahl gewesen wäre. Er irrte nicht. Dies zuzugeben, wäre der jungen Frau jedoch niemals in den Sinn gekommen. Um keinen Preis mochte sie sich anmerken lassen, welch’ große Überwindung es sie kostete, dieses bittere Gebräu herunter zu bekommen. Auf dem schummrig beleuchteten Parkplatz des Lokals standen sie sich an seinem Auto gegenüber. Sein Zeigefinger unter ihrem Kinn hob ihr Gesicht zu seinem empor. Er schloss seine Augen, Anna tat es ihm gleich. Erwartungsvoll, mit weichen Knien. Als er ihre Lippen mit seinen berührte, durchströmte sie angenehme Wärme. Ein leichter Wind ließ das Herbstlaub um ihre Füße wirbeln, aber sie bemerkte es kaum. Sie nahm nichts weiter wahr, als seinen zarten, vorsichtigen Kuss, bei dem seine Zungenspitze sanft über die Innenseite ihrer Oberlippe strich. Dieser Kuss gab ihr das Gefühl, in ein fremdes Universum katapultiert worden zu sein und war schöner als jeder andere vorher. Erfahrener, schmeichelnder, ein sinnliches Versprechen. „Kommst du mit mir?“ Voller Verlangen raunte er diese Frage in ihr Ohr, während er es mit seinem Zeigefinger streichelte. Anna freute sich – nur zu gern würde sie diesen Abend bei ihm fortsetzen, ließ sich aber durch ihre Mutter davon abhalten, da sie wusste, dass diese wartend wach blieb, obgleich sie es längst nicht mehr brauchte. Sie fürchtete die Diskussion des nächsten Tages und die leidige Erwartung einer Erklärung, daher lehnte sie schweren Herzens ab. Ihre wahre Begründung, so war sie sich sicher, würde sie in Georgs Augen jedoch sehr unreif wirken lassen: Die Mutter wartet – nein, das ging auf keinen Fall, beschloss sie. So nannte sie ihm keinen Grund, als sie ihn bat, sie nach Haus zu fahren. Er hingegen hielt ihre Ablehnung für eine kokette Hinhaltetaktik und nahm die Herausforderung nur zu gern an. Versuchung pur Als Anna am darauffolgenden Tag von der Universität nach Haus kam, empfing ihre Mutter sie bereits ungeduldig: „Sieh nur, Anna! Es wurden Blumen für dich abgegeben, sogar mit einer Karte dabei!“, rief sie erfreut und fügte interessiert hinzu: „Von wem die wohl sind?“ Hannelore Kramer schaute in die glänzenden Augen ihrer Tochter und freute sich für sie. Zu Recht vermutete sie, dass Annas gestriger Abend sehr schön war, wenngleich sie sie relativ früh heimkommen hörte. Sie hoffte, dass es eine frische Liebe in ihrem Leben gab – ein Student aus ihrem Semester oder ein anderer junger Mann, den sie sich gern als ihren zukünftigen Schwiegersohn vorstellen wollte. Wie schnell sich eine Hoffnung erfüllen konnte, erfuhr sie sogleich: „Bestimmt von meinem neuen Freund! Oh Mama, ich bin so verliebt!“ Anna jubelte voller Glück. In jeder Minute des Tages hatte sie bei der Erinnerung an Georg, ihren Abend und seinen Kuss ein wundervolles Hochgefühl im Bauch gespürt. In großer Erwartung ging sie auf den gewaltigen Strauß zu, der in Papier eingehüllt seit Stunden auf dem Küchentisch wartete. Sie entfernte es schwungvoll und heraus quoll ein Meer von Blüten. Noch im Stehen öffnete sie den beiliegenden Umschlag und zog das innenliegende Kärtchen hervor. Mit klopfendem Herzen und ihrer mindestens ebenso aufgeregten Mutter neben sich, las sie die Worte, mit denen Georg sich für den Abend und ihre zauberhafte Gesellschaft bedankte. Am folgenden Abend betrat Anna beeindruckt die große, dezent beleuchtete Eingangshalle des modernen Neubaus, in dem Georgs Wohnung lag. Staunend stieg sie in den geräumigen Aufzug, der sie nahezu geräuschlos in die entsprechende Etage hinaufbeförderte. Aufgewühlt, was sie erwarten würde, kam sie seiner Einladung nach, die er ihr aussprach, nachdem er sie am Abend zuvor vor der Wohnungstür ihrer Eltern abgesetzt hatte. Er umarmte und küsste sie zur Begrüßung; gleich darauf folgte sie ihm in das Wohnzimmer. Neugierig sah sie sich um. Die Einrichtung war avantgardistisch und luxuriös, sein gehobener Wohnstil sehr ungewohnt für sie. Ein schwarzes Ledersofa prangte im Raum, ihm gegenüber gruppierten sich die dazu passenden Sessel. Der Couchtisch war aus Chrom und Glas, an den Wänden hingen große, silberfarben gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien. Das Bild über der Couch zeigte die Skyline einer Großstadt bei Nacht, die Anna nicht erkannte. Durch die gesamte Wohnung, mit Ausnahme von Bad, Küche und Flur, erstreckte sich ein weißer Teppichboden. Fasziniert bemerkte sie, dass eine der Wände nur aus Glas bestand. Hinter diesem Fenster lag ihr das nächtlich-bunte Treiben der Innenstadt zu Füßen. Georg hingegen hatte nur Augen für seinen jungen Gast. Zu gern wollte er sie verführen, konnte der Verlockung kaum noch widerstehen. Vor dem Panoramafenster stellte er sich zu ihr und nahm ihr Gesicht in seine Hände. Seine Lippen trafen sanft auf Annas, seine Zunge forderte ihre zu einem zärtlichen Tanz auf. Georg hörte sie genussvoll seufzen, seine Gedanken konzentrierten sich einzig auf sie. Sein Wunsch sie näher zu spüren, wurde übermächtig. Er zog sie eng in seine Arme hinein, seine Fingerspitzen schob er tief in den Bund ihrer knapp sitzenden Jeans. Das unmissverständliche Ziehen seiner Leistengegend nahm zu, nur noch das Verlangen, jetzt und hier mit ihr zu schlafen, hatte in ihm Platz. Küssend drückte er sie fest an seinen Unterkörper heran, sie jedoch machte sich sanft von ihm los. „Wann essen wir? Ich hab’ großen Hunger …“ Lächelnd flüsterte sie in sein Ohr. Erregt schaute er in ihre Augen und fragte sich, wie weit ihr Spiel wohl gehen würde. Eine Eroberung sollte es werden, das wusste er, nur welche Strategie verfolgte sie? Es gefiel ihm, dass sie es ihm nicht einfach machte. Tatsächlich aber hatte Anna einzig ihren leeren Magen im Sinn. Keine Raffinesse, keine Taktik und nicht das Hinhaltespiel, das Georg vermutete und das er von den Frauen, mit denen er sich für gewöhnlich umgab, zu Recht erwarten könnte. „Du möchtest also erst essen, ich verstehe …“ Zwinkernd nahm er das Telefon zur Hand und orderte die vorbestellten Speisen zu seiner Wohnung. Langsame Jazzmusik nach dem Dinner, weiche Küsse, sinnliche Liebkosungen. „Du, Georg?“ Sie lag über ihm auf der Ledercouch, ihr Haar streichelte sein Gesicht, die Wärme ihrer Haut schien ihm zum Greifen nah. „Mhmmh?“ Seine Hand strich schmachtend über ihren anschmiegsamen Körper, verweilte auf ihrem hübsch gerundeten Apfelpo. „Es ist so schön, mit dir zu schmusen.“ Georg lächelte. Anstelle einer Antwort zog er ihren Kopf zu sich herunter, um sie erneut zu küssen. Er spürte seine Libido vor Ungeduld mit den Hufen scharren und seine Gedanken immer kleinere Kreise ziehen. Später am Abend schaute Anna zur Uhr. „Oh, schon nach elf?“ Georg vermutete einen weiteren Schachzug, als sie hinzufügte: „Dann muss ich leider gehen. Ich habe doch morgen gleich um acht eine Vorlesung.“ Zusätzlich klopfte der Gedanke an ihre wartende Mutter in ihrem Hinterkopf an. Wieder blieb er unausgesprochen. Als sie kurz darauf in ihrem inzwischen reparierten, kleinen Auto saß, fühlte sie noch immer den warmen Schauer, der über ihren Rücken gelaufen war, als sie sich voneinander verabschiedeten. Es waren seine Worte, die dieses Gefühl auslösten und es war die Art, wie er sie lustvoll in ihr Ohr flüsterte, als er sagte: „Anna, du bist Versuchung pur für mich …“ Verführt Am darauffolgenden Freitag traf Georg sich mit Frederik zum Squashspielen. Bereits vor seiner Abwesenheit spielten sie mehr oder weniger regelmäßig. Nach seiner Rückkehr drängte Georg darauf, die sportliche Aktivität auf jeden Fall wieder aufzugreifen. Schon beim Umziehen fragte Frederik: „Na, von der Kleinen noch etwas gehört?“ „Mhmmh.“ Georg nickte und zog sich sein Shirt über den Kopf. Da er kein weiteres Wort darüber verlor, beließ es auch Frederik vorerst dabei. Als sie bald in rasantem Wechsel den Ball kraftvoll gegen die Wand schlugen, fragte Frederik ihn außer Atem: „Und, was ist jetzt mit ihr?“ „Nichts.“ Der Ball entwischte Georgs Schläger. Ungläubig hakte Frederik nach, als Georg fluchend den kleinen Gummiball aufsammelte: „Nichts kann nicht sein …“ Georg schlug auf. Während des Spiels erzählte er mit wenigen Worten von seinen Verabredungen: „Ja okay. Sie heißt Anna, zwei Mal haben wir uns bis jetzt getroffen. Du glaubst nicht, wie sehr es mich reizt, sie zu bekommen.“ Im Duschraum griff Frederik das Thema zum dritten Mal auf, es ließ ihm keine Ruhe. Seine Stimme hallte in dem gefliesten Raum: „Weißt du inzwischen, wie alt sie ist?“ „Ja, neunzehn.“ Frederik stutzte erstaunt. „Sagtest du nicht etwas von mindestens zwanzig?“ Nach einer kurzen Pause, in der er auf eine Antwort von Georg wartete, fügte er hinzu: „Neunzehn? Verdammt jung, oder? Ich weiß, du willst es nicht hören, aber ich bin nach wie vor der Meinung, dass du die Finger von der Sache lassen solltest.“ Georg stellte seine Dusche ab, ebenso Frederiks Brause. Die folgenden Sätze wollte er nicht gegen das Rauschen des Wassers anbrüllen: „Die Sache, von der du sprichst, soll nichts weiter werden, als hier und da ein kleines erotisches Intermezzo. Es lief in dieser Richtung lange nichts, wenn du verstehst.“ Frederik nickte. „Ja klar, ich weiß, was du meinst. Aber muss sie denn unbedingt so wahnsinnig jung sein? Das bringt tierischen Stress, ich sag‘s dir schon jetzt.“ Ihre Blicke begegneten sich. Georg erwiderte nichts und Frederik wusste, dass sein ausdrückliches Schweigen die deutlichste Antwort war, die er bekommen konnte. Der nächste Tag war ein Samstag. Bis zum späten Nachmittag wartete Anna vergeblich auf eine SMS oder E-Mail von Georg. Sie fragte sich, was er tat, was er dachte, wie es ihm ging und ob er sie ebenso stark vermisste, wie sie ihn. Ihre zunehmende Sehnsucht ließ sie in den Stadtbus steigen und zu ihm fahren. Aus Erfahrung wusste sie, dass es an einem Samstag so nah an der Innenstadt kaum freie Parkplätze gab. Den Stress einer nervenaufreibenden Suche wollte sie sich gern ersparen, daher löste sie die Fahrkarte. Sie klingelte und wartete. Gerade als sie im Begriff war zu gehen, hörte sie ihn über die Gegensprechanlage: „Ja?“ Anna stürzte zum Hauseingang zurück und meldete sich. Als er sie nach oben bat, sprang die Tür in derselben Sekunde, von einem leisen Klickgeräusch begleitet, auf. Obgleich Georg sich für das Wochenende einiges an Arbeit mitgenommen hatte, legte er diese für Annas Besuch gern beiseite. Er wertete ihr unerwartetes Erscheinen als ein Signal, das er glaubte, verstanden zu haben. Endlich läutet sie das Finale ihres kleinen, scharfen Spiels ein, dachte er, als er auf den Öffner der Tür drückte. Ein Spiel, das ausschließlich in seiner Vorstellung existierte, ihn gleichzeitig auf Abstand hielt und doch so nah an sie heranzog. Er war überaus erleichtert, viel länger konnte und wollte er nicht mehr warten. Seine Geduld, seine Zeit und seine Selbstbeherrschung waren nicht unendlich. In seiner Wohnung angekommen, platzte Anna sogleich mit ihren Emotionen heraus; sie teilte Georg wortreich mit, wie sehr sie ihn vermisst hatte und wie unbeschreiblich sie sich nach ihm sehnte, wenn er nicht bei ihr war. Sie verteilte Küsschen auf seinem Gesicht und strahlte ihn verliebt an. „Aber nun bist du hier, und das ist gut“, schmeichelte er und zog sie eng an sich heran. Eine innige Umarmung, zärtliche Küsse, seine angestaute Lust, die er nur noch mühevoll im Zaum zu halten imstande war. Er zog sie weiter in den Flur hinein. Streichelnd öffnete er den Knopf, dann atemlos den Reißverschluss ihrer engen Jeans. Annas Herz klopfte schneller, ihre Wangen waren vor Aufregung gerötet. Sie schmiegte sich an ihn, er umfasste mit beiden Händen ihr Hinterteil. „Gott, du bist unglaublich sexy.“ Seine Stimme klang vor Erregung heiser, verheißungsvoll, ein Vorgeschmack auf die lustvolle Reise, zu der er sie entführen wollte. Seine Finger unter ihrem T-Shirt streichelten kleine, feste Brüste, wie er sie liebte. Ihre Kleidung fiel auf die weiße Auslegware, gleich dort, wo sie standen. Intensive Küsse, bis er es nicht länger aushielt. Seine Lippen an ihrem Ohr, sein Flüstern, das von tiefem Stöhnen durchzogen war: „Ich will dich so sehr, Anna …“ Ihr Kuss von seiner Schulter hinunter bis Brust und Bauch war Antwort und Angebot zugleich. Auf seinen Armen trug er sie zum Bett, wie ein hungriges Raubtier seine Beute in die Höhle. Dort griff er zu einem Kondom – das Risiko einer möglichen Vaterschaft war ihm trotz seines zügellosen Verlangens überaus bewusst. Anna bemerkte es kaum, eingebettet in ihre Lust, die sie intensiv wie nie zuvor fühlte. Er nahm sie in Besitz; sie vertraute ihm, ergab sich ihm mit jeder Faser ihres Körpers. Unmittelbar, nachdem er ihre spitzen, orgiastischen Schreie vernommen, und ihr zartes Beben tief in ihrem Schoß gespürt hatte, ließ auch er sich fallen und erreichte seinen lang ersehnten, überwältigenden Höhepunkt. Draußen war es bereits dunkel. Selig lächelnd lag Anna im Arm des Managers und lauschte seinen schweren Atemzügen. Ein wohliges Gefühl durchzog sie. Sie genoss die Gewissheit, dass sie nun endgültig ein Paar geworden waren; dass dieser wundervolle Liebesakt das letzte Glied in der Kette war, die sie untrennbar miteinander verband. Bei diesem Gedanken seufzte sie zufrieden und gab Georg einen Kuss auf sein Ohr. „Das war so schön, Schatz, findest du nicht auch?“ Sie streichelte durch sein Haar und befand, dass Schatz ein passender Kosename für ihn sei. „Mhhhm“, raunte er befriedigt, während er Anstalten machte, sich aus dem Bett zu erheben. „Oh, wohin willst du?“ Anna schaute ihn fragend an, als er unbekleidet in Richtung der Schlafzimmertür ging. „Duschen“, war seine knappe Antwort. Er fügte jedoch hinzu, dass sein Bad selbstverständlich auch für sie zur Verfügung stand. „Was machen wir denn gleich noch zusammen? Gehen wir essen und danach aus? Ins Kino zum Beispiel, oder zu einem Konzert?“ Erfrischt und geföhnt stand Anna in der Tür zu Georgs Arbeitszimmer. Mit seinen Gedanken bereits woanders, sah er sie an und sagte ernst: „Daraus wird nichts. Wie du siehst, arbeite ich, und das noch bis weit in die Nacht hinein.“ „Und ich? Was ist mit mir?“ „Es tut mir leid, ich habe heute keine Zeit mehr für dich.“ Den Blick schon wieder auf den Bildschirm gerichtet. Anna war verunsichert, diese Seite von ihm hatte sie bisher noch nicht kennen gelernt. Enttäuscht zog sie ihre Jacke an, kurz darauf kam sie noch einmal zu ihm zurück. „Bringst du mich denn wenigstens noch heim?“ Aus den Lautsprechern im Innenraum des Fahrzeugs erklang leise Musik, während sie durch die abendliche Stadt fuhren. Nachdem Anna sich vor dem Haus ihrer Eltern mit zahlreichen Küssen von ihm verabschiedet hatte, beugte sie sich mit fragendem Blick zu Georg in das Wageninnere: „Sehen wir uns bald wieder?“ Bedenken Einige Tage später … „… und ich fürchte, er ist bedeutend älter als Anna.“ Hannelore Kramer zog besorgt die Stirn in Falten, als sie ihren Satz beendete. Sie trank einen Schluck ihres Cappuccinos. Kathi, die auf eine Tasse Kaffee vorbeigekommen war, wiegte nachdenklich den Kopf. Sie hatte ihrer Schwägerin aufmerksam zugehört, als diese ihr von ihren Zweifeln bezüglich Annas neuem Freund erzählte. Gedankenvoll griff sie zu einem der Kekse auf dem Tisch und biss hinein. Als Georg Anna am Abend ihres spontanen Besuchs nach Haus brachte, hatte Hannelore ihn in seinem Auto sitzen sehen. Die Innenbeleuchtung reichte aus, die innigen Küsse zu beobachten, die ihre Tochter ihm gab. Auf der einen Seite verstand Kathi die Sorge Hannelores um das Wohl ihres Nachwuchses, auf der anderen Seite erkannte sie aber auch, wie schwer sie sich damit tat, die inzwischen volljährige Anna in das Leben zu entlassen. „Es ist wichtig, dass sie ihre eigenen Erfahrungen macht, Hanne. Du kannst sie nicht vor allem bewahren.“ Hannelore schüttelte den Kopf. „Du hast keine Kinder, Kathi, du kannst das nicht verstehen. Ich möchte sie davor schützen, dass sie mit ihm auf die Nase fällt. So ein gestandener, gut aussehender Mann in so einem dicken, teuren Auto … Was will der denn mit einem so jungen Mädchen wie Anna?“ Kathi zuckte mit den Schultern. „Vielleicht hat er sie gern und ist genauso verknallt wie sie?“ „Ach wo, das glaube ich nicht. Spielen wird er mit ihr. Sie für seine Annehmlichkeiten ausnutzen. Wenn ich nur daran denke …“ Nun war es Kathi, die den Kopf schüttelte. „Das ist doch gar nicht gesagt. Du machst dir einfach zu viele Gedanken. Vielleicht solltest du sie fragen, ob sie ihn mal mitbringt, damit ihr ihn kennenlernen könnt und du ein wenig beruhigter bist. Ich würde Anna diese schöne Zeit aber unbedingt gönnen. Verliebt zu sein ist so toll.“ Ihre Schwägerin schaute sie an und trank den Rest aus ihrer Tasse. „Vielleicht hast du Recht. Ich weiß nicht … Wie sieht es denn im Moment bei dir aus?“ „In Sachen Liebe nicht so gut. Viele Enttäuschungen und falsche Versprechen auf die ich hereinfalle. Irgendwie war der Richtige noch nicht dabei. Weißt du, Hanne, ein wenig beneide ich Anna. Ich würde mich auch so gern mal wieder Hals über Kopf verlieben.“ „Ach, das wird schon noch. Irgendwann.“ Kathi seufzte entmutigt und stand von ihrem Stuhl auf. Immer diese Trostfloskeln, dachte sie und trank den letzten Schluck. „Ich gehe dann mal wieder. Danke für den Kaffee und bitte grüße Anna und Wolfgang von mir.“ Annas Mutter erhob sich ebenfalls. „Danke, mache ich gern.“ Kathi zog bereits in der Diele ihre Jacke an, als sie ihr hinterher rief: „Warte noch! Was ist mit Heiligabend? Kommst du zu uns? Wolfgang sagte, eure Eltern reisen auch in diesem Jahr über Weihnachten wieder in die Berge.“ Kathi nickte erfreut. „Ja, das stimmt. Tirol, wie jedes Jahr.“ „Dann rechne ich mit dir. Meine Mutter wird auch hier sein“, fügte Hannelore an. Sie freute sich über das Lächeln, das sich auf Kathis Gesicht ausbreitete, als sie die Einladung annahm. Eine feuerrote Liebeserklärung Er war spät dran an diesem Morgen. Schnellen Schrittes, mit dem Mantel über dem Arm, eilte Georg durch die geräumige Tiefgarage zu seinem Auto. Schon von Weitem entriegelte er per Funk die Türen der Limousine und erschrak heftig, angesichts der roten Farbe, die ihm von seiner Motorhaube entgegen leuchtete. Georg trat näher heran. Er traute seinen Augen nicht, als er das Bild erblickte, das sich ihm nun in seinem vollen Ausmaß darbot. Es war ein signalrotes Herz, welches sich über die gesamte Breite und Länge der Haube erstreckte. Auffallend präsentierte es sich als gut gemeinte Liebeserklärung auf dem tiefschwarzen Lack. Georg nahm zu Recht an, dass es Anna war, die ihm diese Botschaft hinterlassen hatte. Nein, dachte er verärgert, das kann nicht wahr sein! Mit ihrem Kunstwerk auf dem Auto konnte er unmöglich auf die Straße. Genervt verschloss Georg die Türen, zog sein Handy aus der Tasche und bestellte sich ein Taxi. Währenddessen prüfte er mit seinem Finger, ob es sich tatsächlich, wie er hoffte, um Lippenstift und nicht etwa um schwer entfernbare Lackfarbe handelte. Die cremig-fettige Konsistenz gab seiner ersten Vermutung jedoch Recht. Mit einem besorgten Blick auf die Uhr machte er sich auf den Weg zurück in seine Wohnung. Meine Güte Anna, dachte er im Aufzug und überlegte ärgerlich, dass diese unüberlegte Tat einzig ihrem jugendlichen Temperament geschuldet war. Nichtsdestotrotz passte es ihm an diesem Morgen überhaupt nicht, da er durch ihre Liebesbezeugung viel Zeit verlor. In seiner Küche schrieb er eilig eine Nachricht an Frau Fischer, seine Hausdame. Er bat sie, an diesem Tage zusätzlich dafür zu sorgen, dass der Lack seines Wagens vom Lippenstift befreit werde. Weiterhin vermerkte er, dass sie ihm, falls nötig, für diese Extraleistung eine Zusatzrechnung erstellen solle. Er notierte das zugehörige Kennzeichen und die Nummer des Stellplatzes auf dem Blatt Papier, welches er gut sichtbar auf dem Küchentisch platzierte. Am Nachmittag, als Georg in seinem Büro mit einem Kollegen in ein Gespräch vertieft war, riss sie das Klingeln seines Handys jäh aus ihrer Besprechung. Er zog das Telefon aus der Tasche seines Jacketts und erkannte anhand der Nummer, dass es Anna war, die ihn zu erreichen versuchte. Leicht genervt drückte er den Anruf weg. Er nahm sich vor, sie später zurückzurufen und ging davon aus, dass es damit erledigt sei. Aus seinem Freundeskreis war er es gewohnt, dass dieser Wink verstanden wurde. Anna hingegen hielt den Abbruch für ein Versehen. Georg und sein Kollege nahmen ihren Dialog wieder auf, sie konzentrierten sich erneut auf die ihnen vorliegenden Zahlen, als das Ruftonsignal seines Telefons ein zweites Mal erklang. Es war äußerst störend und Georg erntete zu Recht einen konsternierten Blick seines Gegenübers. Gereizt nahm er das Gespräch an: „Anna, jetzt nicht.“ Sie stutzte und fragte sich, warum er nicht mit ihr sprechen wollte. Was so wichtig sein konnte, dass er es ihr vorzog. „Nur einen kleinen Moment, Schatz! Hast du heute früh meine Überraschung gefunden?“ Seine Stimme klang kühl, als er erwiderte: „Ich rufe dich heute Abend zurück.“ Gleich darauf schaltete er das Gerät auf lautlos und wandte er sich erneut seinem Kollegen zu, um zum Kontext ihres Meetings zurückzufinden. Als er gegen einundzwanzig Uhr nach Hause kam, führte ihn sein erster Weg ins Bad. Er suchte eine Packung Aspirin aus dem Schrank hervor und nahm sich zwei Tabletten heraus. Seit dem frühen Abend verspürte er einen leichten Kopfschmerz, der kontinuierlich zunahm. Er ließ sich kaltes Wasser in die hohle Hand laufen und spülte sie mit einem Schluck hinunter, in der Hoffnung hiermit das störende Hämmern hinter seiner Stirn zu beenden. Im Wohnzimmer griff er zum Telefon, um sein Versprechen einzuhalten und Anna zurückzurufen. Er nutzte die Durchwahl, die auf direktem Weg in ihr Zimmer führte. Den schmerzenden Kopf in seine Hand gestützt, erklärte er ihr mit wenigen Worten seine Reserviertheit vom Nachmittag. Allerdings gelang es ihr nicht, ihn zu verstehen; obwohl sie sich bemühte, konnte sie sich nicht in ihn hineindenken. Zu ihrer großen Freude schlug er zumindest ihre Bitte nicht aus, mit ihr am kommenden Samstag in ein Café auf dem Land zu fahren. Im weiteren Verlauf, so kündigte er im Gegenzug an, wollte er einen guten, trockenen Rotwein mit ihr öffnen. Nun muss ich nur noch sehen, wie ich das zeitlich hin bekomme, dachte Georg im Anschluss an ihr Gespräch. Er würde diese Zeit an anderer Stelle wieder einsparen müssen, überlegte er und wusste gleichzeitig, dass er diesen Organisationsaufwand einzig für die prickelnden und lustvollen Stunden des Abends in Kauf nahm. Pünktlich um fünfzehn Uhr hielt Georg am Samstag mit laufendem Motor vor dem Café. Der Herbstwind hatte merklich aufgefrischt und ließ bunte Blätter leicht wie Federn um die Reifen der schweren Karosse wirbeln. Da sie bereits aufgeregt gewartet hatte, entdeckte Anna ihn, kaum dass der Wagen zum Stehen gekommen war. Mein Freund holt mich ab, mein älterer, fester Freund, dachte sie voller Stolz und fühlte sich wie eine Prinzessin, die im nächsten Moment zu ihrem Prinzen in die goldene Kutsche steigen würde. Cäcilie Bornemann, eine alte Bekannte Elisabeths, und Teilnehmerin des regelmäßigen Kaffeekränzchens, saß zu diesem Zeitpunkt vor ihrer Tasse Kaffee und einem großen Stück Marzipantorte. Gelangweilt blickte sie aus dem Fenster des Cafés. Als sie jedoch von dort aus beobachtete, zu wem die junge Konditortochter ins Auto stieg, war sie auf einen Schlag munter. Das kann doch wohl nicht wahr sein, das ist ja das mittlere der Wagner-Kinder, erkannte sie Georg auf Anhieb. Nein, wie schamlos er ist, dachte sie weiter, als sie durch die offene Beifahrertür deutlich den innigen Begrüßungskuss verfolgte. Auch das fröhliche Lächeln entging ihr nicht, welches Anna Georg schenkte, bevor sie die Tür des Wagens schloss. Cäcilie lehnte sich hämisch grinsend zurück. Soso, da hat Elisabeths feiner Sohn also eine derart junge Geliebte, dass es einem nur beim Hinsehen die Schamröte ins Gesicht treibt, freute sie sich. In Gedanken rieb sie sich bereits die Hände. Sie konnte es kaum erwarten, der alten Frau Wagner diese Entdeckung brühwarm unter die Nase zu reiben. Denn dass sie mit ihren Kindern in der allmonatlichen Kaffeerunde dermaßen offensiv herumprotzte, ärgerte Cäcilie schon lange. Nun war endlich die Gelegenheit gekommen, ihr einen gehörigen Dämpfer zu verpassen. Geburtstag und Gespräche Am Montag darauf … Kaum vom Büro zuhause, klingelte sein Telefon ununterbrochen. Gerade hatte Georg ein Telefongespräch beendet, wartete bereits der nächste Gratulant in der Leitung. Unter anderem seine Mutter. Nicht ahnend, was ihn mit diesem Anruf erwartete, nahm er das Telefonat entgegen: „Ja, Wagner.“ „Hier auch.“ Diese zwei Worte reichten aus. Augenblicklich erkannte er, dass es seine Mutter war, die er am Apparat hatte. „Hallo Mutter.“ Er setzte sich. „Zuerst gratuliere ich dir natürlich zu deinem Geburtstag, Georg, aber dann …“ „Danke“, fiel er ihr passend ins Wort, sie aber sprach unbeirrt weiter: „Muss ich dir mitteilen, dass ich nichts davon halte. Dass du mir aber auch nichts darüber erzählt hast. Wie konntest du mich nur derart unvorbereitet ins Messer laufen lassen?“ Georg wunderte sich, er wusste nicht, wovon sie sprach. „Was meinst du? Ich verstehe nicht, worauf du hinaus willst.“ „Das kann ich dir sagen. Es geht um die Blamage, der du mich durch deine Liebelei mit diesem jungen Ding ausgeliefert hast. Die Bornemann hat dich bei einem langen Kuss mit ihr gesehen und mich sofort angerufen. Ausgerechnet Cäcilie, die nur darauf wartet, dass ihr ein Makel in meinem Leben oder dem meiner Kinder auffällt. Es war furchtbar. Schmachvoll und grotesk.“ Georg begriff, dass es lediglich um Anna ging, und empfand ihre Szene als übertrieben und absurd. „Grotesk, was für ein Unsinn. Reg dich nicht auf, sie …“ Elisabeth war noch nicht fertig: „Sie ist beschämend jung, Georg. Was willst du überhaupt mit ihr? Sie könnte deine Tochter sein!“ „Was ich mit ihr will? Ich wüsste nicht, was dich das …“ Wieder unterbrach sie ihn zeternd: „Mein Gott, sie ist weit unter deinem Stand, die Tochter eines einfachen Konditors.“ Automatisch korrigierte er sie: „Er ist immerhin Geschäftsführer und Inhaber eines gut gehenden Gastronomieunternehmens.“ Seine Mutter wischte den Einwand mit einem Satz vom Tisch: „Jaja, um ihn geht es aber nicht.“ Georg verdrehte genervt die Augen. „Sie ist ein Nichts. Sie steht als Bedienung hinter der Kuchentheke.“ Mittlerweile begann er sich maßlos darüber zu ärgern, dass sie ihn zurechtweisen wollte, als wäre er noch immer ihr minderjähriges Kind. Er erhob sich und ging zum Fenster. Unfreundlich sagte er: „Wir brauchen uns hierüber nicht länger zu unterhalten. So wichtig ist es nicht. Davon abgesehen denke ich, dass dich meine Liebelei, wie du sie bezeichnest, nicht zu interessieren hat. Es ist meine ganz persönliche Angelegenheit. Ich werde mich vor dir nicht rechtfertigen und schon gar nicht werde ich mich von dir maßregeln lassen wie ein dummer Schuljunge.“ Georg fühlte sich mit aufkeimender Übelkeit an seine lieblose Kindheit erinnert. Er würde dieses Gespräch gern beenden und blickte auf seine Uhr. Gleich halb acht. Anna, seine Liebelei, wie er ironisch dachte, könnte jeden Moment vor seiner Tür stehen. Er hatte ihr versprochen, anlässlich seines Geburtstags mit ihr auszugehen. Später, so freute er sich, würde er den Abend herrlich unanständig mit ihr ausklingen lassen. „Wenn deine Affäre mich vor meiner Bekannten bloßstellt, geht sie mich durchaus etwas an, Georg.“ „Auch dann nicht. Sage ihr, dass es dich nicht interessiert, mit wem sich dein Sohn im Bett vergnügt.“ „Georg!“ Elisabeth Wagner schnappte hörbar nach Luft. „Also manchmal bist du aber auch … Von wem du das wohl hast?“ Nicht schwer zu erraten, dachte Georg und legte auf. Anna war pünktlich. Sie trug ein eng geschnittenes, schwarzes Kleid, das sie sich eigens für diesen Abend neu gekauft hatte. Schon beim Anprobieren im Laden wusste sie, wie groß die Freude sein würde, die sie ihm mit diesem Kleidungsstück machen würde. Nur deshalb trug sie es. Und richtig, er raunte ihr, während sie im Restaurant zu ihrem Tisch geführt wurden, ins Ohr, wie atemberaubend schön sie darin aussähe und dass er die Nacht mit ihr kaum erwarten könne. Nachdem sie in seine Wohnung zurückgekehrt waren, läutete erneut das Telefon. Georg ging mit dem Mobilteil am Ohr vom Flur ins Wohnzimmer. Anna folgte ihm. „Wagner.“ „Hallo Georg!“ „Christine!“ Freude überzog sein Gesicht. Anna, die ihm gespannt zuschaute, spürte sie deutlich. „Herzlichen Glückwunsch mein Lieber, zu deinem Achtundvierzigsten.“ „Danke dir. Dass du auch in diesem Jahr wieder daran gedacht hast …“ Georg setzte sich auf das Ledersofa, Anna nahm ihm gegenüber Platz. „Aber ja, derart wichtige Daten sind in meinem Kalender rot markiert.“ Christines Stimme war ruhig und voller Gefühl. „Und woher hast du meine neue Telefonnummer? Sie ist in keinem Verzeichnis registriert.“ Christine lachte. „Ich habe sie von deiner Mutter. Wir halten auch nach unserer Trennung unregelmäßigen Kontakt, indem wir hin und wieder miteinander telefonieren.“ „Ich hätte es mir denken können.“ Georg grinste amüsiert. Er lehnte sich zurück und streckte die Beine aus. Den Kopf legte er gegen die Rückenlehne, während er sehr vertraut und ungezwungen mit Christine plauderte. Ihr Gespräch gestaltete sich angenehm und wurde von einer warmen Stimmung begleitet. Anna fühlte sie geradezu, sie bemerkte an Georgs Art und seinem Verhalten wie gut es ihm in diesem Augenblick ging. Selten kam Anna sich überflüssiger vor. Ein ungutes Gefühl ließ sich in ihrem Bauch nieder; sie fragte sich, wer die Frau am Telefon wohl war, dass Georg sich ihr derart herzlich öffnete. „Danke für deinen Anruf. Bis bald.“ Es war ein glücklicher Ausdruck, den sein Gesicht zeigte, als Anna ihn fragte, wer dran gewesen sei. Sie wusste, dass ihre Frage unhöflich war; sie jedoch nicht zu stellen, hätte sie nicht fertig gebracht. Zu sehr brannte sie ihr auf dem Herzen. Georg schien es in seiner glänzenden Laune nicht zu stören, wie Anna erleichtert bemerkte. „Christine, eine sehr gute Freundin. Wir waren lange ein Paar.“ Innerlich atmete Anna auf. Sie wusste nun, dass diese innige Vertrautheit daher rührte, dass sie sich seit vielen Jahren kannten. Sie hatte bereits befürchtet, die Frau am Telefon könnte eine ernsthafte Konkurrentin sein … Da sie sich in der folgenden Zeit wenig sahen, fühlte Anna sich zurückgesetzt. Sie würde Georg gern häufiger treffen, viel mehr Zeit mit ihm verbringen, aber oft kam er erst sehr spät aus seinem Büro, entsprechend gestresst und müde. Wenn es doch zu einer Verabredung kam, lud er sie in ein teures Restaurant ein oder sie waren im Bett miteinander. Meistens beides, in dieser Reihenfolge. Das reichte Anna jedoch nicht aus; es war ihr bei weitem nicht genug. Eifersüchtig schaute sie auf ihre Freundinnen, die mit ihren Partnern deutlich mehr unternahmen. „Prost, auf deinen Achtundvierzigsten. Schön, dass es geklappt hat, wenn auch spät!“ Frederik ließ sein Glas gegen das von Georg klingen. „Danke dir. Es war tatsächlich eine gute Idee hier einzukehren.“ „Siehst du, was habe ich gesagt?“ Beide tranken einen Schluck. Es war der Sonnabend nach Georgs Geburtstag, an dem sie gemeinsam beim Spanier in der Innenstadt saßen. Draußen strich ein kalter Wind durch die Straßen, der den nahenden Winter ankündigte, doch in der warmen Gaststätte war davon nichts zu spüren. Nach einigen Argumentationsversuchen hatte Georg keine andere Wahl gehabt, als den Überredungskünsten seines besten Freundes schließlich nachzugeben. Dennoch fiel es ihm schwer, den Kopf freizubekommen und die Arbeit komplett abzuschütteln. In Gedanken versunken saß er an dem groben Holztisch. „Hey, schalt mal ab.“ Die Worte Frederiks hielten ihm einen Spiegel vor, prüfend sah sein Kumpel ihn an: „Es ist doch alles klar?“ „Ja, alles okay.“ Georg unterstrich seine Antwort durch ein bestätigendes Nicken. „Dann ist es ja gut. Apropos, wie läuft es eigentlich mit deiner jungen Freundin?“ Er schaute Georg fragend an, während er ein Feuerzeug aus seiner Hosentasche hervorkramte und sich eine Lucky Strike ansteckte, die er zuvor aus ihrer Softpackung gefummelt hatte. Er inhalierte den ersten Zug. Wartend blickte er in das Gesicht seines Gegenübers. „Diese Anna oder wie hieß sie doch gleich? Läuft es überhaupt noch?“ Georg nickte beiläufig. „Doch, doch.“ Frederik war verwundert. „Na, dann ist sie doch inzwischen deine feste Freundin geworden, oder wie?“ „Nein, sicher nicht. Zu einer Freundschaft gehört mehr. Es ist eher ein Verhältnis, würde ich sagen. Eine Liaison. So etwas in der Art.“ „Und was bringt das?“ Frederik schaute ihn verständnislos an. Ein gleichgültiges Schulterzucken war Georgs Antwort. „Sex. Es geht um Sex. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und das ist ihr auch klar, denke ich. Wir haben so eine Art unausgesprochenes Abkommen. Wir treffen uns von Zeit zu Zeit, wenn wir Lust aufeinander haben, ohne jede Verpflichtung. Das funktioniert hervorragend; für alles andere hätte ich ohnehin zu wenig Zeit.“ Georg trank einen Schluck. Frederik blies Rauch aus und schnippte Asche von seiner Zigarette. „Und du meinst wirklich, dass Anna es auch so sieht?“ „Sie sagt zumindest nichts Gegenteiliges.“ Frederik schüttelte den Kopf. „Das heißt bei einem so jungen Mädchen doch nichts. Was ist, wenn sie in dich verliebt ist? Kann doch sein, dass sie sich deshalb nicht traut und sich lieber dir und deinen Bedingungen anpasst, da sie dich nicht verlieren will. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass sie glücklich mit dieser Situation ist. Die meisten Frauen träumen von einer festen Beziehung, und erst recht in diesem Alter. Warum sollte es bei ihr anders sein?“ Er drückte seine Kippe im Aschenbecher aus. Georg sah Frederik skeptisch an, als dieser weitersprach: „Versetze dich doch mal in ihre Lage, Georg. Sie ist neunzehn! Sie hat nicht die Erfahrung und die Stärke, sich dir entgegenzustellen und dir zu sagen, dass sie darunter leidet.“ Das Restaurant um sie herum war gut besucht, trotzdem hielt sich der Geräuschpegel auf angenehmem Niveau. Georg lehnte sich zurück, als er antwortete. „Das kann ich mir nicht vorstellen, sie hat doch sonst vor nichts Angst. Abgesehen davon geht es nicht anders. Ich kann mich nicht zerteilen.“ „Selbstverständlich nicht. Mir ist schon klar, dass es ein rein sexueller Reiz ist, der dich zu ihr zieht. Da passt es dir natürlich sehr gut, dass sie stillhält und nach deinen Vorgaben mitspielt. Moralisch nicht ganz ohne, wenn ich länger darüber nachdenke.“ Georg schaute seinen Gesprächspartner schweigend und mit zusammengezogenen Augenbrauen an. Frederik lehnte sich zurück und verschränkte seine Arme vor der Brust. „Was ist? Etwa nicht? Mann Georg, da ist ein Mädchen ganz offensichtlich schwer verschossen in dich und du triffst dich nur mit ihr, um deine Bedürfnisse zu befriedigen. Hat was von Rosinen aus dem Kuchen picken, findest du nicht?“ Er machte eine kurze Pause. „Nun guck mich nicht so an. Du weißt, dass du von mir immer eine ehrliche Meinung bekommst.“ Georg fuhr sich mir der rechten Hand über sein Kinn. Seine Stimme klang ruhig, aber bestimmt, als er zu einer Erklärung ansetzte: „Es ist wahr, dass ich Anna nicht liebe, trotzdem hat sie mit mir genauso viel Spaß wie ich mit ihr. Und es geht ihr gut in meiner Nähe, das kannst du glauben. Sie wird von mir eingeladen, teuer ausgeführt und schätzt jeden Komfort, den sie bekommen kann. Wenn wir zusammen sind, fühlt sie sich wohl. Wäre es anders, würde sie nicht zögern es zu monieren. Und solange das nicht der Fall ist, gehe ich davon aus, dass sie mit unserer aktuellen Situation leben kann, sie vielleicht sogar genießt.“ Georg bestellte beim vorbeigehenden Kellner mit einem Handzeichen zwei weitere Gläser Pils. Während sie auf das Bier warteten, pulte Frederik eine neue Zigarette aus der weichen, knisternden Packung. Der flammende Lichtschein seines Feuerzeugs erhellte sein Gesicht, als er sie mit einem tiefen Atemzug entzündete. „Du hast Recht, so klingt es tatsächlich nach ’nem guten Deal für sie“, lenkte er ein. Er war nach wie vor anderer Meinung, wollte sich jedoch nicht streiten. Georg nickte und schob die Ärmel seines dunklen Pullovers bis zu den Ellenbogen hinauf. Es war sehr warm in dem vollen Restaurant. Christine Zwei Tage vor Heiligabend waren Georg und Frederik nach längerer Zeit zum Squash verabredet. Sie spielten hart, schonten sich nicht und hatten Spaß daran, sich zu verausgaben. Es waren drei temporeiche und anstrengende Sätze, nach denen sie sich zwar ausgepowert fühlten, die ihnen aber dennoch gut taten. Beschwingt beschlossen sie, auf dem Weihnachtsmarkt noch etwas essen zu gehen, da Frederik ohnehin angekündigt hatte, auf seinen Sieg einen Glühwein auszugeben. Als sie zu seinem Geländewagen gingen, hielten sie sich ihre Mäntel zu, denn während sie in der Halle noch dem Ball nachjagten, hatte es lautlos zu schneien begonnen. Am ersten Bratwurststand stellten sie sich an. Während sie aßen, standen sie schweigend nebeneinander und sahen dem bunten Treiben des festlich geschmückten Marktes zu. Aus den Ständen drangen die unterschiedlichsten Düfte, um sie herum erklang ein Weihnachtslied nach dem nächsten. Viele Besucher hatten sich, wie sie selbst, unter das Vordach einer Bude zurückgezogen, da noch immer weiche, weiße Flocken zu Boden fielen. „Ganz gut, hm?“ Georg wischte sich mit einer Papierserviette den Mund ab. Frederik nickte, kauend deutete er mit dem Kopf in Richtung Glühweinstand. Anstelle einer Antwort steuerte der Andere auf den Wagen mit den dampfenden Kesseln zu. Während Frederik ihm folgte, musste er sich durch die Masse der Marktbesucher drängen. Vorsichtig pustete Georg in den Becher hinein, bevor er einen kleinen Schluck des aromatischen Getränks nahm. Auch Frederik schlürfte zurückhaltend: „Der kocht ja fast noch, was?“ Gerade wollte sein Freund zu einer Bestätigung ansetzen, als dieser hinter sich seinen Namen hörte. Sie wandten sich gleichzeitig um. „Christine!“ Georg war freudig überrascht, seine ehemalige Lebensgefährtin so unverhofft zu treffen. „Oh, Georg! Ich freue mich dich zu sehen, wie lange ist es her.“ Sie umarmten einander, hierbei drückte er sie fest an sich heran. „Gut siehst du aus.“ Er sprach leise in ihr kinnlanges, dunkles Haar hinein. Nachdem sie sich wieder losgelassen hatten, begrüßte sie auch Frederik herzlich. Er nahm sie ebenfalls in den Arm. Gleich darauf wandte Christine sich ihrem ehemaligen Partner zu: „Seit unserem Telefonat an deinem Geburtstag haben wir uns nicht mehr gesprochen. Wollten wir nicht einen Kaffee miteinander trinken? Sagtest du das nicht?“ „Ja, du hast Recht, das wollten wir. Und ich will es immer noch. Aber wie schnell die Zeit rast, weißt du selbst.“ Christine schaute ihn gespielt empört an und lachte. „Aber dass du seitdem so gar nichts hast von dir hören lassen, ist schon ein starkes Stück, du Schuft.“ „Schuft, ich? Hey, hey!“ Er grinste charmant und gab zu: „Aber es stimmt, Asche auf mein Haupt. Es tut mir wirklich leid, Christine. Ganz sicher hätte ich es bald getan.“ „Genau, und die Erde ist eine Scheibe“, erwiderte sie zwinkernd. Georg sah ihr in die Augen. Er hatte sie nach wie vor sehr gern. Sie hier auf dem verschneiten Weihnachtsmarkt wiederzusehen, ließ sein Herz einige Takte schneller schlagen. Zehn Jahre lang waren sie ein Paar gewesen. Ein echtes Dreamteam, wie es so schön heißt. Durch die allerdings große Distanz zwischen den Kontinenten konnten sie einander nur noch selten sehen. Zwar besuchten sie sich in der ersten Zeit noch abwechselnd, jedoch empfand Christine den Trennungsschmerz, der bei jeder ihrer Verabschiedungen am Flughafen aufkam, als derart traurig und zermürbend, dass sie die Beziehung schweren Herzens beendete. Sie hatte sich ihre Entscheidung nicht leicht gemacht, war letztendlich aber zu dem Entschluss gekommen, dass sie ihnen auf lange Sicht vieles einfacher machen würde. Georg und sie würden den Kopf für ihre beruflichen Ziele und Aufgaben frei haben, wenn sie nicht ständig die Wehmut und die Sehnsucht nach dem anderen in ihren Herzen tragen müssten. Sie hatte ihre Vernunft walten lassen, dabei sehr gelitten und nie aufgehört ihn zu lieben. „Es ist ein Unding, dass ihr Männer mit zunehmendem Alter nur noch attraktiver werdet. Wie macht ihr das nur?“ Bei ihren Worten sah Christine ihm mit einem langen Blick in die Augen, den Georg stumm erwiderte. Seine Nähe berührte sie tief; die stimmungsvolle Weihnachtsmusik um sie herum nahm sie in diesem Augenblick nur mehr aus der Ferne wahr. Nur zu gern wüsste sie, was es mit seiner jungen Freundin auf sich hatte, von der sie durch seine Mutter erfahren hatte. Es hatte ihr wehgetan, davon zu hören; jedes Mal, wenn sie über diese Verbindung nachdachte, spürte sie einen Stich in ihrem Herzen. Natürlich, so sagte sie sich, war es irrational, denn schließlich war es sein gutes Recht, sich neu zu binden. Immerhin war sie es, die ihn verlassen hatte. Als sie mit Elisabeth darüber sprach, verwarf diese ihre Argumente sogleich. Seine Mutter wertete sein Handeln nach wie vor als unüberlegt und hormongesteuert. Christine war ein vollkommen anderer Typ Frau als Anna: dunkelhaarig, die Gesichtszüge weniger weich, fast zehn Zentimeter größer und von eleganter Erscheinung. Ihren teuren Lebensstil, den sie sich durch ihren beruflichen Erfolg leistete, sah man ihr an. „Darf ich probieren?“, fragte sie mit einem gewinnenden Lächeln, und deutete mit dem Kopf auf Georgs Becher. Er nickte und reichte ihn an sie weiter. Christine nahm einen kleinen Schluck: „Oh, er schmeckt phantastisch“, schwärmte sie und verwischte mögliche Lippenstiftspuren auf dem Porzellan mit ihrem Daumen. Als sie ihm das Trinkgefäß zurückgeben wollte, konnte sie ihm nur noch hinterher schauen, da er in dieser Zeit nach vorn an den Stand getreten war, um ihr ebenfalls einen zu holen. Mit dem Ärmel entfernte Frederik grob den Schnee von Motorhaube und Scheinwerfern. Er drehte den Zündschlüssel im Schloss, wonach sein Landrover geräuschvoll ansprang. „Das waren doch mal verliebte Blicke, die Christine dir da zugeworfen hat, was?“ Georg sah ihn überrascht an. „Verliebt? Nein, das glaube ich nicht. Eher Sympathie.“ Frederik lachte leise und schüttelte den Kopf, während er vom Parkplatz fuhr. Der Scheibenwischer glitt über die Frontscheibe. „Nee Georg, dafür knisterte es zu heftig. Mann, ihr habt geflirtet wie in euren besten Zeiten. Ich hätte genauso gut gehen können und es wäre euch nicht einmal aufgefallen, jede Wette.“ „Ach, Unsinn.“ Frederiks Blick hatte etwas forschendes; interessiert fragte er: „Und was ist mit dir? Was empfindest du noch für sie?“ Es folgte ein kurzer Moment der nachdenklichen Stille, bevor Georg zugab: „Viel. Sehr viel.“ Seine Stimme senkte sich, bekam einen warmen Unterton. „Daran hat sich nichts geändert. Was für eine Frau, Frederik. Sie ist klug, sieht großartig aus. Ihre wahnsinnsgrünen Augen, die Art wie sie lacht, der weiche Bogen ihrer Nase, ihre schöne Stimme …“ Georg spürte, dass er ins Schwärmen geriet. Er hätte seine Aufzählung ewig fortsetzen können, doch das Übermaß an Emotion war ihm in Frederiks Anwesenheit unangenehm. Schnell riss er sich zusammen. Distanzierter als beabsichtigt hörte er sich sagen: „Allerdings ist in der Zwischenzeit viel passiert, sicher auch bei ihr.“ Wieder fegte der Scheibenwischer dicke Schneeflocken von der Windschutzscheibe. Frederik nickte, er sah nach vorn auf die Straße. „Klar, aber Mann, da ist doch noch was! Und es ist wahr, eine tolle Frau ist sie wirklich. Sie hat so etwas Unnahbares und trotzdem … Sie ist kühl und gleichzeitig heiß. Weißt du, was ich meine?“ Georg nickte. „Ja, absolut. Wenn nicht ich, wer dann?“ Frederik schaute weiter nach vorn. „Ich muss zugeben, dass sie den Wunsch nach einer wilden Liebesnacht in mir auslöst“, beschrieb er leise sein Empfinden. Georgs Kopf schnellte zur Seite, er sah seinen Kumpel erstaunt im Profil an. „Ich hoffe nicht mit ihr?“ „Nein nein, natürlich nicht. Aber es ist mehr als überfällig und könnte gern mal wieder stattfinden, das kann ich dir sagen. Ich hatte das schon viel zu lange nicht mehr“, gestand Frederik in der schützenden Dunkelheit des Autos verlegen ein. Georg wusste darauf nichts zu erwidern und schwieg. Er wurde nachdenklich angesichts des offenen Einblicks, den sein Freund ihm in Bezug auf dessen Gefühlswelt gab. Er selbst tat sich damit allgemein schwerer. Es beschäftigte ihn, kurzzeitig suchte er nach einer Lösung. Ein Vorhaben, das er jedoch schnell wieder aufgab, da auch er keine Idee hatte, wie und wo Frederik die Frau kennenlernen konnte, nach der er sich so sehr sehnte. „Sag mal, musst du vom Glühwein auch so tierisch dringend pinkeln?“ Frederik unterbrach das Schweigen mit einem abrupten Themenwechsel. Bei seiner Frage schaute er kurz zu Georg, dann wieder auf die Straße vor sich. Georg sah ebenfalls nach vorn. Er schüttelte den Kopf. „Nein, nicht nennenswert.“ „Echt nicht? Also, was ich zuhause als Erstes tun werde, steht schon fest.“ Georg legte den Kopf nach hinten an die Kopfstütze an, schloss seine Augen und dachte, dass auch diese Art von Offenheit untrennbar zu Frederik gehörte. Am Sportcenter angekommen, löste Georg den Sicherheitsgurt. Frederik tat es ihm mit einer hektischen Bewegung gleich. Erstaunt schaute Georg nach links. Frederik bemerkte seinen verwunderten Blick; mit den Worten: „Sorry, ich halt’s nicht länger aus“, sprang er aus seinem Geländewagen und rannte zu den schneebedeckten Sträuchern hinter dem Parkplatz. Georg schmunzelte amüsiert und ging zu seinem eigenen Auto. Er entfernte den lockeren Schnee von den Scheiben, startete jedoch erst, als er im Rückspiegel beobachtete, dass Frederik zurück hinter sein Lenkrad kletterte. Heiligabend Nach einem Discoabend mit ihren Freundinnen war Anna zu Georg gefahren, um den Rest der Nacht bei ihm zu verbringen. Da sie ihn seit seinem Geburtstag nicht mehr gesehen hatte, war ihre Sehnsucht entsprechend groß. Noch immer unsterblich in ihn verliebt, wähnte sie sich nach wie vor als seine Partnerin. Er hingegen war sich sicher, dass es ausschließlich ihre Lust auf seine körperliche Nähe war, die sie zu nächtlich später Stunde bei ihm läuten ließ. Sie schlief nicht viel, zu groß war ihre Vorfreude auf das Weihnachtsfest. Jung wie sie war, hatte es für sie noch nichts von seinem Zauber und Glanz verloren. Im Halbdunkel des Zimmers schaute sie schon früh zu Georg herüber, der schlafend auf dem Rücken neben ihr lag. Impulsiv und mit jugendlich verspieltem Temperament legte sie sich auf ihn und küsste sein Gesicht. Verschlafen nahm er ihren Kuss wahr. Ihr junger, biegsamer Körper auf seinem löste ein überaus angenehmes Gefühl in ihm aus. Er umarmte sie, wobei er die gestrige Begegnung mit Christine in deutlicher Erinnerung hatte. „Schon wach?“ Seine zärtliche Stimmung ließ ihn flüstern. Anna jedoch lachte ihn unternehmungslustig an. „Ja, total! Ich kann nicht mehr einschlafen, ich freue mich schon so auf den Abend.“ Wieder küsste sie ihn. Sein Verlangen war erwacht, es tippte ihm auffordernd auf die Schulter und verbot jeden weiteren Gedanken an Schlaf, ungeachtet der frühen Stunde. Er raunte, während seine Hand über ihren Rücken bis zu ihrem Po hinunter strich: „Ich habe eine fabelhafte Idee, die Zeit zu nutzen …“ Er wusste, es war unfair, aber er konnte nicht verhindern, dass es Christine war, deren Körper er im Geiste auf seinem fühlte. Er dachte intensiver an sie, als an Anna, als sie diesen dunklen Wintermorgen auf eine besonders lustvolle Art erleuchteten. Der Frühstückstisch war mit Kaffee und warmen Croissants aus dem Backofen gedeckt. Es hatte erneut zu schneien begonnen. „Du verbringst den Abend bei deinen Eltern, nehme ich an?“ Georg begann mit dem Smalltalk, nachdem er einen ersten Schluck aus seiner Kaffeetasse getrunken hatte. Er überschätzte er seinen jungen Gast erheblich, als er davon ausging, dass sie seine Frage als das verstand, was sie sein sollte: leichte, belanglose Konversation. „Ja, ich bleibe daheim. Es wird irgendwie erwartet, solange ich noch bei ihnen lebe. Außerdem kommen meine Oma und Tante Kathi. Auf die beiden freue ich mich schon.“ Georg nahm es beiläufig zur Kenntnis. Ebenso nebensächlich erwähnte er, dass er und ein paar weitere Freunde am Abend bei Frederik zum Grillen eingeladen seien. Er fühlte seine Vorfreude, als er erzählte, dass dieser Abend getreu dem Motto: Besondere Anlässe verdienen besondere Aktionen, mit Whisky, Bier und Steaks auf Männerart gefeiert werden sollte. „Oh, dann bist du ja den ganzen Abend weg? Aber wann sehen wir uns denn dann?“ Annas Gesicht bekam einen enttäuschten Ausdruck. Georg bemerkte ihn nicht, er schaute auf seinen Teller hinunter um die Spitze seines Croissants mit Butter zu bestreichen. „Ich weiß nicht. Vielleicht morgen?“ Anna schmollte unzufrieden: „Och nein, ich dachte heute noch. Ich hab’ doch extra ein Geschenk für dich gekauft“, quengelte sie. Georg war irritiert. Warum tut sie das?, fragte er sich. In seinen Ohren klang es, als hätte sie geplant, das Weihnachtsfest mit ihm zu feiern. „Ich kann es nicht fest zusagen, Anna.“ Innerlich trat er einen Schritt zurück. Er wunderte sich, was plötzlich mit ihr los war. Anna schob bockig ihre Unterlippe vor. „Aber ich bin deine Freundin, es kann nicht sein, dass Frederik dir wichtiger ist als ich!“ Sie rührte beleidigt mit dem Löffel in ihrem Becher herum. In ihm stieg die Gewissheit auf, dass sein erster Gedanke der Richtige war, und sie nicht nur das bevorstehende Fest, sondern im Extremfall den Rest ihres Lebens mit ihm verbringen wollte. Erschrocken überlegte er: Sollte er sie aus diesem Grunde fortschicken? Ihre Verbindung lösen? Nein, er beschloss, ihrer Sicht der Dinge nicht allzu viel Gewichtung beizumessen und zu versuchen, das Verhältnis in seiner bisherigen, für ihn vorteilhaften, Form weiterlaufen zu lassen. Er legte das Croissant zurück auf den Teller und sah nachdenklich in ihre Augen. Was sollte er hierauf sagen? Natürlich spielte Frederik eine größere Rolle in seinem Leben als sie. Ihn kannte er seit seiner Kindheit und er stand ihm nah wie kaum ein anderer Mensch. Ähnlich einem Bruder, vielleicht sogar näher. Frederiks Mutter schloss ihn damals öfter in die Arme als seine eigene, die es nur dann tat, wenn er sich aufgrund hervorragender schulischer Leistungen ihrer Ansicht nach eine Anerkennung verdient hatte. Und selbst dann war ihre Belobigung stets unterkühlt ausgefallen. „Warum sagst du nichts?“ Tränen sammelten sich in ihren Augen. Georg erkannte: Da war er, der Moment vor dem Frederik ihn gewarnt hatte, als er sagte, es würde Probleme und Stress geben. Er wusste mit ihrem Kummer nicht allzu viel anzufangen und fürchtete, ihr Weinen könnte die Situation nur unnötig verkomplizieren. Er beschloss, nicht darauf einzugehen und löste das Problem, wie er es aus seinem Manageralltag gewohnt war: „Anna, wir machen es so: Du rufst mich auf meinem Handy an, sobald deine Feierlichkeiten beendet sind, dann besprechen wir alles Weitere.“ Nach dem Frühstück blieb er in der Küche sitzen. Vertieft in die Samstagszeitung bemerkte er nicht, dass Anna sich währenddessen in sein Arbeitszimmer schlich. Sie plante, nach Frederiks Adresse zu suchen, da sie Georg am Abend dort überraschend abholen wollte. Von seiner Schilderung neugierig geworden, musste sie sich dieses außergewöhnliche Event im Garten seines Kumpels zumindest ansehen, wenn sie schon nicht eingeladen war. Möglichst leise setzte sie sich an seinen Schreibtisch und klappte seinen Laptop auf. Sie bereitete sich darauf vor, Frederiks Daten im Adressbuch des E-Mail-Programms zu finden, aber alles, was sie vor sich sah, war ein schwarzer Bildschirm. Einzig ein kleines Eingabefeld erschien, das nach einem Kennwort fragte. Anna wunderte sich. Mehrmals versuchte sie vergeblich, es wegzuklicken, bis ihr Temperament mit ihr durchging und sie genervt die Maus aus der Hand werfen ließ. „Ach menno!“ Sie schimpfte laut genug, dass Georg es bis in die Küche hörte. Er sah vom Wirtschaftsteil der Zeitung auf. „Anna?“ Kurze Pause, in der er auf eine Antwort lauschte, aber keine bekam. „Was ist los?“ Seine Frage rief er in die Wohnung hinein, da er nicht wusste, in welchem Raum sie sich aufhielt. „Gar nix!“ Ihre Stimme klang widerspenstig. Rasch legte er die Aktienkurse aus der Hand. Er eilte, von einer bösen Vorahnung begleitet, in sein Arbeitszimmer. Als er sie vor seinem Notebook erblickte, wurde sein Tonfall scharf: „Was machst du hier? Warum sitzt du an meinem Schreibtisch?“ Er trat näher. „Steh auf, sofort. Du hast dort nichts zu suchen.“ Widerwillig erhob Anna sich. Sie war gereizt und hatte das Gefühl, dass dieser Tag nicht ihrer war. „Und warum komme ich überhaupt nicht in deinen Rechner rein?“ „Es ist ein Passwort vorgeschaltet.“ „Ach nee, das habe ich auch gemerkt. Ich will wissen, weshalb das so ist. Gibst du mir das doofe Passwort wenigstens?“ Georg ärgerte sich über ihre freche Antwort und ihr Selbstverständnis. Er nahm zu Recht an, dass sie nicht verstand oder verstehen wollte, worum es ihm ging. „Auf gar keinen Fall! Da sind interne Firmendaten drauf, die nicht für fremde Augen bestimmt sind. Überhaupt liegen hier Papiere herum, die dich nicht zu interessieren haben, deshalb verlange ich, dass du dich in Zukunft von meinem Arbeitsbereich fernhältst.“ Anna zuckte zusammen. Kleinlaut lenkte sie ein: „Die gucke ich mir doch gar nicht an …“ „Was sollte das Ganze eigentlich? Was wolltest du?“ Sie sah nach oben links und kniff nachdenklich die Lippen aufeinander. „Och, nur ’n bisschen im Internet surfen.“ In ihrem Gesicht war deutlich zu lesen, dass es sich hierbei nicht um die Wahrheit handelte. Georg schüttelte den Kopf. „Nein. Finger weg von meinem Laptop, Anna!“ „Ja, schon gut.“ Sie versuchte ein Lächeln. „Ich bleibe noch ein wenig und gucke fern, okay?“ Georg nickte. Es war ihm gleichgültig, ob Anna blieb oder nicht, solange sie ihn nicht störte. Es war früher Nachmittag, als das Telefon läutete. „Bei Wagner“, meldete Anna sich, als sie das Gespräch auf der Couch liegend annahm. Im Hintergrund lief eine Musiksendung im Fernsehen. „Hofmann. Ist Doktor Wagner wohl zu sprechen?“ Es war Christine. Anna bat um einen Moment Geduld. Im Arbeitszimmer angelangt, überreichte sie Georg das Mobilteil: „Schatz, Telefon für dich.“ Schatz! Es tat Christine körperlich weh, das zu hören. Sie vermutete, dass es sich um seine neue Freundin handelte, die ihn derart vertraut ansprach. Er meldete sich. „Ja, Wagner?“ Anna verließ zögernd den Raum, ließ die Zimmertür jedoch offen. „Hallo, hier ist Christine.“ Er freute sich, ihre Stimme zu hören. „Oh, schön. Ich hoffe, es geht dir gut?“ „Es würde mein Wohlbefinden nicht unerheblich steigern, wenn wir an diesem Nachmittag den längst zugesagten Kaffee zusammen trinken würden. Du hast es also in der Hand, mein Lieber.“ „Gott Christine, es tut mir leid. Für einen Cafébesuch habe ich leider viel zu viel zu tun. Ich möchte unbedingt mit meiner Konzeption vorankommen.“ „Es ist immer noch so, dass Zeit dein kostbarstes Gut ist, oder?“ „Ja, daran hat sich nichts geändert.“ In diesem Zusammenhang fiel Christine ein, was sie gerade noch so schmerzhaft hatte aufmerken lassen. „Sie hat dich Schatz genannt.“ Ihre Stimme wurde leise. „Ja.“ Schweigen nach seiner knappen Antwort. „Das macht sie hin und wieder“, fügte er an. „Hmmh, ja.“ Erneute Stille. Christine schluckte hörbar. „Ich weiß durch Elisabeth von ihr.“ „Natürlich.“ Er hätte sich denken können, dass seine Mutter ihr längst von Anna berichtet hatte. Die Stimmung in der Leitung war gedrückt. Jeder setzte vom anderen voraus, das ihm dieses Thema unangenehm war. „Darf ich fragen, wie alt sie ist?“ „Wusste Elisabeth das nicht?“ Nun musste Georg doch ein wenig grinsen. „Nein. Allerdings habe ich sie auch nicht danach gefragt.“ „Dann sage ich es dir, sie ist neunzehn.“ „Georg, das ist nicht wahr, oder? Sie ist viel zu jung. Das passt nicht.“ Er räusperte sich, Christines Stimme nahm hörbar an Wärme zu: „Ich weiß, es sollte mir gleichgültig sein, aber das ist es nicht. Mir liegt noch viel an dir und von deiner Seite war es doch auch mehr als bloße Sympathie, als wir uns vorgestern wiedersahen, oder? Ich sollte mich schon sehr täuschen, wenn dem nicht so wäre.“ Georg atmete tief durch, das Gefühl in seinem Herzen gab ihr Recht. „Ich möchte, dass es dir gut geht. Nur leider sehe ich das für deine Zukunft mit Anna nicht. Glaube mir, irgendwann wird sie nicht mehr zu dir aufschauen und dann wird sie dich wegen eines Jüngeren verlassen. Ich möchte dir diesen Schmerz gern ersparen.“ Georg stand auf. Er ging zur Tür und schloss sie. Gleich darauf setzte er sich wieder und lehnte sich zurück. „Ich glaube, diese Geschichte wird von dir erheblich überbewertet, Christine. Von einer Zukunft brauchen wir hier nicht zu sprechen. Ich habe nicht einmal eine Beziehung mit ihr. Es ist etwas anderes, das auf einer reinen Spaß- und Vergnügungsebene läuft, wenn du verstehst.“ „Oh, aha. Ja, ich erkenne, was du meinst.“ Christine atmete innerlich auf. Sie fühlte sich nach seinen Worten ein ganzes Stück befreiter. Dennoch wunderte sie sich: Die Haltung war neu, so kannte sie Georg nicht. Für ihn hatte die Beziehung mit einer Frau zu jeder Zeit einen hohen Stellenwert. Ob es mit ihr war oder seinen Freundinnen vor ihrer Zeit. Aus diesem Grunde hatte sie seine Affäre mit Anna ernst genommen. „Aber bitte pass trotz allem auf, dich nicht dem Gerede der Öffentlichkeit preiszugeben. Versprichst du mir das?“ Georg nickte. „Das mache ich. Du hast mein Wort.“ Er glaubte zu spüren, dass Christine am anderen Ende der Leitung lächelte, als sie sich voneinander verabschiedeten. Georg schob die Finger beider Hände durch die Haare. Er atmete hörbar aus und sah in die tanzenden Schneeflocken vor dem Fenster ohne sie wirklich wahrzunehmen. Anna klopfte an die Tür. „Komm rein.“ Sie betrat den Raum und setzte sich auf einen Sessel in der Ecke beim Fenster. „Wer war das denn?“ Wie an seinem Geburtstag fragte sie mit einem unguten Gefühl. „Es war Christine.“ Georg antwortete, während er wie hypnotisiert durch die Scheibe in den fallenden Schnee blickte. Ach, wieder diese Ex, dachte Anna und spürte, dass sie es diesmal nicht ganz so leichtfertig abtun konnte, wie noch vor wenigen Tagen. „Erzählst du mir von ihr?“ Anna wollte alles wissen. Sie musste herausfinden, wie viel ihm noch an seiner damaligen Freundin lag, ob sie ihn noch wollte und warum er mitten im Gespräch die Tür geschlossen hatte. Georg schüttelte den Kopf. „Nein.“ Sein Wiedersehen mit Christine wühlte ihn stärker auf als gedacht. Seine Freundschaft und das, was er mit ihr verband, erschien ihm als zu intim und privat, um es ausgerechnet vor Anna auszubreiten. Zuhause angekommen führte Annas erster Weg an den Telefonschrank ihrer Eltern. Sie erinnerte sich, dass Georg irgendwann in einem Nebensatz Frederiks Beruf erwähnte. Daher holte sie nun das dicke Branchenbuch hervor und las sich durch die Anzeigen der Tierärzte der Stadt. Glücklicherweise gab es nur einen mit diesem Vornamen. Sie nahm an, dass es sein Eintrag war und daraus hervorgehend, sein Nachname Steinberg lautete. Erleichtert notierte sie sich seine Adresse auf einem kleinen Zettel, den sie in die Hosentasche ihrer Jeans steckte. „So, nun muss ich aber los …“, kündigte Anna im Verlauf des Heiligabends an, „ich will noch zu meinem Freund fahren.“ Zustimmendes Nicken von allen Seiten. Annas Großmutter fragte nach, wer der junge Mann denn sei und augenblicklich gab es nur noch ein Thema im weihnachtlichen Familienkreis: die frische Verliebtheit Annas. In dieser Runde biss Hannelore sich in Bezug auf ihre Sorge allerdings auf die Zunge. Sie wollte ihre alte Mutter nicht beunruhigen, die sich über die neue Liebe ihrer Enkelin sehr freute. Es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr. Kathi erhob sich ebenfalls und bot Anna an, sie mitzunehmen. Erfreut sagte sie zu. Schnell schlüpfte sie in ihre warmen Stiefel und ihre dickste Jacke, dann war sie startklar. Am Abend hatte es aufgehört zu schneien. Es war nicht allzu kalt, so blieb den beiden Frauen das Eiskratzen erspart. In Kathis altem VW-Kombi bat Anna: „Duuu? Kannst du mich bitte woanders hinfahren?“ Kathi war erstaunt: „Ja, natürlich! Aber wohin denn? Zieht es dich denn gar nicht zu deinem Georg? Du hast doch den ganzen Abend von nichts anderem gesprochen.“ „Doch, deshalb ja! Er ist bei einem Freund zum Grillen eingeladen. Vielleicht bleibe ich auch noch ein bisschen dort und feiere mit.“ Kathi stutzte, perplex fragte sie: „Zum Grillen? In dieser Jahreszeit und ausgerechnet zu Weihnachten? Das habe ich ja noch nie gehört!“ Sie sah amüsiert zu ihrer Nichte auf dem Beifahrersitz herüber. „Das ist so ungewöhnlich und witzig, dass ich dich auf jeden Fall dorthin bringe.“ „Oh klasse, danke.“ Anna wühlte den Zettel aus ihrer Jeanstasche und reichte ihn ihrer Tante. Kathi schaute kurz auf das Papier, dann fuhr sie los. Die von Anna aufgeschriebene Adresse kannte sie. Es waren die schnuckeligen Einzelhäuser am Stadtrand in der Nähe des Parks. Fünfziger oder sechziger Jahre Baustil. Die meisten grob weiß verputzt, viele mit alten, großen Bäumen im Garten. Eine ruhige, schöne Seitenstraße, wie sie sich erinnerte. Dort angekommen hielten sie vor Frederiks Haus. Nachdem Anna die Autotür geöffnet hatte, konnten sie tiefe Stimmen und das Gelächter der Männer leise auf die stille Straße dringen hören. Auch den warmen Schein der Fackeln, die nahe der Terrasse in den Schnee gesteckt worden waren, sahen sie an der Seite des Gebäudes entlang schimmern. Kathi seufzte. „Fast beneide ich dich, weißt du das? So eine gemütliche und lustige Feier …“ „Dann komm doch einfach mit“, schlug Anna unbedarft vor. „Georgs Kumpel, der hier wohnt und die anderen Typen sind sowieso in deinem Alter oder älter.“ „Meinst du?“ Kathi überlegte. Das Angebot klang verlockend. Andererseits war nicht einmal Anna selbst eingeladen. Und dann jemanden mitzubringen hielt Kathi schon fast für dreist. Allmählich wurde Anna ungeduldig. „Na, was ist nun?“ „Und du meinst, das geht wirklich in Ordnung?“ Anna nickte heftig: „Ja, klar!“ „Okay, was soll’s, ich komme einfach mit.“ Kathi löste den Gurt und öffnete auch ihre Tür. Sie fühlte sich viel zu sehr von den flackernden Lichtern und den fröhlichen Stimmen hinter dem Haus angezogen, um besonders diesen Abend allein in ihrer leeren Wohnung verbringen zu wollen. Gemeinsam gingen sie den Weg zu Frederiks Haustür hinauf, und obwohl Anna ein gutes Gefühl hatte, hoffte sie inständig, hier überhaupt an der richtigen Adresse zu sein. Kathi und Frederik Nachdem er das Schellen auf der Terrasse gehört hatte, bellte der Neufundländer einmal tief auf. Verwundert erhob Frederik sich, um zur Tür zu gehen. Vom Flur aus erkannte er die Umrisse zweier Menschen, die sich durch die gefrostete Glasscheibe seiner Haustür abzeichneten. Er hoffte, dass es sich nicht um die Nachbarn oder gar zwei Polizisten handelte, die sich über seine kleine Feier beschweren wollten. „Ja?“ Nach dem Öffnen der Tür blickte er die beiden, ihm unbekannten Frauen, nacheinander an. Anna guckte noch einmal auf das Schild neben seiner Tür, dann in sein fragendes Gesicht. „Bist du Frederik, Georgs Freund?“ Der Hund schnüffelte an ihren Kleidern und Frederik nickte irritiert, das buchstäbliche Fragezeichen noch immer sichtbar. Kathi war mindestens genauso erstaunt und schaute nicht weniger perplex zu Anna herüber. Das gibt es doch gar nicht, war alles, was sie in diesem Moment denken konnte. Sie war fest davon ausgegangen, dass Anna ihn zumindest vom Sehen her kannte. Und er sie. Die Situation war ihr mehr als unangenehm und ausgesprochen peinlich. „Ich bin Anna, Georgs Freundin.“ Sie klärte ihn mit einem offenen Lächeln auf. Der Groschen fiel sichtlich. „Sag das doch gleich, alles klar!“ Frederik sah seine Einschätzung bestätigt. Er begrüßte sie mit einem festen Händedruck und dachte: Ha, Freundin, siehste! Wusste ich’s doch, dass sie es ganz anders auffasst, als er denkt. „Und das ist Kathi, meine Tante. Sie hat mich hergefahren und ich habe sie einfach eingeladen, noch mit zu dir zu kommen.“ Frederik schaute Kathi an und gab auch ihr die Hand. Oh wow, dachte er begeistert, gute Idee, Mädchen. Es fiel ihm schwer, seinen Blick wieder von ihr abzuwenden. „Ich hoffe, es ist okay, dass ich mich einfach so aufdränge?“ Kathi lächelte zurückhaltend. Frederik nickte heftig mit hochgezogenen Augenbrauen. „Aber ja, gar kein Problem“, versicherte er schnell. Er sah nur Kathi an, während er beide aufforderte, hereinzukommen. Als die zwei Frauen das Haus betraten, sah er noch einmal genauer hin: Ihm fiel auf, dass Kathi nicht ganz schlank war, was er unter ihrem groben Winterparka aber nur schwer abschätzen konnte. Er hoffte, dass er sich nicht täuschte; in seinen Augen machte es sie nur noch anziehender, da er weiche Rundungen an Frauen als überaus sexy empfand. Er musste sich zusammennehmen, sie nicht aufdringlich anzustarren und beeilte sich daher vorzuschlagen, gleich nach draußen durchzugehen. Die Frauen durchquerten vor ihm sein Wohnzimmer und während Anna nur nach vorn blickte, schaute Kathi sich auch zu den Seiten um. Es gefiel ihr bei ihm, wie sie auf die Schnelle feststellen konnte. In seinem Haus war es angenehm warm und durch die alten, dunklen Holzmöbel wirkte es urgemütlich. Übervolle Bücherregale bis zur Zimmerdecke, die sich von Wand zu Wand erstreckten, und sich unter der Last der Bücher bogen, taten ein Übriges, zu dieser behaglichen Atmosphäre beizutragen. „Hey, wir haben Besuch bekommen!“, verkündete Frederik laut in die Runde, als sie die windgeschützte Sitzecke hinter dem Haus betraten. Die vergnügte Stimmung war nahezu greifbar, es herrschte außerordentlich gute Laune. Die bereits anwesenden Gäste standen auf und streckten den Frauen ihre Hände zur Begrüßung entgegen. „Huhu Schatz!“ Anna winkte aufgeregt zu Georg herüber. Dieser war alles andere als erfreut. Seine Laune verschlechterte sich schlagartig; missbilligend blieb er sitzen und schaute auf seine Uhr. Dann ist das wohl ihr Freund Georg, dachte Kathi und konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich von Annas unerwartetem Erscheinen gestört fühlte. Zeit darüber nachzudenken gab es jedoch nicht, da Frederik ihr bereits einen Gartenstuhl zurechtrückte. Dunkelblonde Strähnen fielen in seine Stirn, als er sich zu ihr beugte und einladend fragte: „Wie sieht’s aus mit Hunger? Ich habe noch Fleisch, Salat und Brot da. Und der Grill ist noch heiß genug.“ Kathi schüttelte den Kopf und sah in das Gesicht über sich. Dieser Mann gefiel ihr, sogar sehr, aber wie sie aus leidvoller Erfahrung wusste, waren die Guten meist vergeben. „Nein, für mich bitte nicht. Wir haben bei meinem Bruder so reichlich und lecker gegessen, dass nichts mehr hineinpasst!“ Kathi lehnte sich zurück, als Frederik auf ihren Wunsch Mineralwasser in ihr Glas einschenkte. Sie schaute zu Anna, die ihr gegenüber, dicht neben Georg, an der Hauswand saß. Es waren wenige Satzfetzen, die sie ungewollt aus ihrem Gespräch auffing. Von einer nicht eingehaltenen Abmachung war die Rede, die er leise schimpfend ihrer Nichte zum Vorwurf machte. Dass er so etwas partout nicht leiden könne. Er schien sehr verärgert; nach großer Liebe sah das nicht aus, wie Kathi verwundert nach Annas Schwärmerei feststellte. Sie wollte wegsehen, dennoch fing Georg ihren Blick auf. Über den Tisch hinweg gab er ihr um Höflichkeit bemüht die Hand. „Georg. Freut mich.“ Nach außen lächelte er, innerlich brodelte es spürbar. Da Kathi den Grund hierfür unfreiwillig mitkommen hatte, bezog sie sein gezwungenes Lächeln nicht auf sich. Sie sah sich um und war erleichtert, dass es längst nicht so kalt war, wie zuvor angenommen. Der heiße Grill und die brennenden Fackeln sorgten dafür, dass es in der Sitzecke um einige Grad wärmer war. Hinzu kam, dass alle eng zusammengerückt saßen, und die Runde sich zusätzlich mit Getränken von innen aufheizte. Im Verlauf ihres Gesprächs zog Frederik seinen Gartenstuhl Stück für Stück näher an den von Kathi heran. Schnell hatten sie eine gemeinsame Ebene gefunden, insbesondere was ihren Humor anging. Sie lachten und witzelten miteinander, als kannten sie sich ewig. Deutlich später, nachdem Frederik das eine oder andere Mal sein Glas nachgefüllt hatte, fragte er sie: „Sag mal, wie ist das eigentlich? Heißt du mit vollständigem Namen Kathi, oder ist es eingekürzt?“ Er lehnte sich zu ihr herüber, den Ellenbogen auf dem Tisch, eine brennende Zigarette zwischen den Fingern, den Kopf in seine Hand gestützt. Er sah sie über den Rand seines Trinkgefäßes abwartend an, als er einen Schluck des rauchig schmeckenden Whiskys trank. „Kathi ist tatsächliche eine Kurzform. In ganzer Länge heiße ich Katharina, aber alle Menschen, die mich mögen, sagen Kathi zu mir.“ Sie lächelte ihn an. Frederik erwiderte es und zwinkerte verschmitzt. „So ist das also, Kathi …“ Sie verstand. Und sie schaute unauffällig auf seine Hände – kein Ring! Obwohl es nichts heißen musste, wie sie schon oft erlebt hatte. Aber würde er dann so unmissverständlich agieren?, fragte sie sich. So nah zu ihr rutschen und derart offen mit ihr flirten? Kathi sah ihn an, begegnete seinen blauen Augen, die ihre gesucht hatten. Sie mochte kaum glauben, dass er wirklich noch solo sein könnte. Allein bei diesem Gedanken schlug ihr Herz höher, und als er seinen Blick nicht wieder abwandte, glaubte sie, es würde vor Begeisterung zerspringen. Eine Begeisterung, die Frederik auch für sie empfand. Diese besondere Art, mit der sie ihn ansah, liebte er bereits jetzt. Unentwegt schaute er in ihre Augen, während seine Zigarette ungeachtet zwischen seinen Fingern verglomm. Kathi registrierte und genoss sein Interesse über alles. Es war wie Balsam für ihre Seele und tat ihr mehr als gut. Zwischenzeitlich wandte Frederik sich wieder seinen übrigen Gästen zu. Kathi plauderte mal hier, mal dort. Trotz seiner geteilten Aufmerksamkeit konnte er es dennoch nicht lassen, sie anzuschauen, so oft es ging. Er erwischte sich dabei, dass ihr Lachen ihn ansteckte. Sobald sie herzhaft lachte, und das tat sie oft, musste auch er grinsen. Jeder Nerv, jeder Muskel lief auf Hochspannung, seine Sinne überschlugen sich und die Welt leuchtete in den buntesten Farben, wenngleich es dunkle Nacht war – keine Frage, er war auf dem besten Wege, sich Knall auf Fall zu verlieben. Gegen ein Uhr löste sich die Runde auf. Die Fackeln waren heruntergebrannt und der Grill erloschen. Als die Gäste sich verabschiedet hatten, blieb Kathi mit Frederik allein im Flur. „Und jetzt helfe ich dir noch schnell aufräumen.“ „Das kommt ja überhaupt nicht in Frage!“, widersprach er energisch. Er wusste nicht, dass sie es deshalb tat, um Zeit bei ihm zu schinden. Um nicht so bald wieder von ihm wegfahren zu müssen. Seinen Protest ignorierend, kehrte sie auf direktem Wege zurück auf die Terrasse, wo sie begann, die schmutzigen Teller aufeinanderzustapeln. Frederik sah ihr nach und über ihre resolute Entschlusskraft amüsiert den Kopf schüttelnd, folgte er ihr. Auf dem Weg nach draußen steckte er sich eine Zigarette an, die er, als er gleich darauf beide Hände zum Arbeiten benötigte, lässig im Mundwinkel stecken ließ. „Warum helfen deine Freunde dir eigentlich nicht?“ Frederik lachte laut auf, bevor er antwortete: „Keine Ahnung. Zu müde, zu kalt, zu betrunken?“ Er zuckte mit den Schultern und ergänzte: „Oder man verliert den Blick dafür, wenn man eine Haushälterin hat, die die Bude putzt und einem die gebügelten Hemden aus der Reinigung holt.“ Er sammelte weiter das Besteck zusammen. Kathi aber hielt inne. „Echt? Wer?“ „Na, Georg.“ Kathi pfiff anerkennend. „Ist doch okay. Er arbeitet auch verdammt viel. Im Übrigen hat er als Freund für mich weiß Gott andere Qualitäten, als hier den Tisch abzuräumen. Und du brauchst das, nebenbei bemerkt, auch nicht!“ Er schnippte die Asche von der Zigarette in den Schnee. „Ich weiß, aber ich helfe dir wirklich gern.“ Lächelnd kippte Frederik die Getränkereste aus den Gläsern zur Zigarettenasche auf den Boden. „Und du bist Tierarzt, sagte Anna?“ Vom Tisch auf der winterlichen Terrasse hatten sie sämtliches Geschirr und Besteck in die Küche gebracht; die Sitzpolster waren im Schuppen verstaut. „Mhmm.“ Frederik nickte. Gemeinsam stellten sie Teller in die Spülmaschine. „Finde ich super interessant. Ich wollte als junges Mädchen eine ganze Zeit lang Tierarzthelferin werden.“ Porzellan klapperte, Kathi richtete sich auf und sah ihm weiter zu. „Und was ist aus deinen Plänen geworden?“ „Nichts. Ich habe doch lieber etwas anderes gelernt und arbeite jetzt in der Stadtverwaltung. Nichts Aufregendes.“ Frederik, der das Reinigungspulver einfüllte, hielt inne und schaute aus der Hocke zu ihr hoch. Mein Gott, sie sieht so klasse aus, dachte er, als sie einander ansahen. Einige wenige Augenblicke, dann fing er sich wieder. „Hey, Büro ist doch gut…“, setzte er an, „immer schön warm, und wenn Schluss ist, kannst du den Bleistift fallen lassen. Das ist auch was Wert, glaub mir. Action kann man auch nach Feierabend noch genug haben, wenn unbedingt Bedarf besteht.“ Er klappte das Fach für das Pulver zu, schloss den Deckel des Geschirrspülers und stellte sich zu ihr. Einschalten wollte er das Gerät später, der laute Geräuschpegel würde im Moment zu sehr stören. Beide lehnten seitlich an der hölzernen Arbeitsplatte. „So kann man es natürlich auch sehen. Obwohl ein bisschen mehr Trubel manchmal nicht schaden könnte. Bei dir ist es ganz anders, oder?“ „Es geht. Seit ich die eigene Praxis habe, ist es zwar ruhiger, als noch zu meiner Zeit in der Tierklinik, aber so ganz immer noch nicht. Von Zeit zu Zeit habe ich Notdienst, und meine Handynummer ist auf dem Anrufbeantworter hinterlegt. Es kann also passieren, dass ich schon mal zu ungewöhnlichen Zeiten raus muss.“ Kathi hörte ihm interessiert zu. Frederik lachte leise. „Ich glaube, das hörte sich weinerlicher an, als ich es meinte. So sollte es nicht ’rüberkommen, ganz bestimmt nicht. Mein Beruf macht mir wirklich Spaß, er ist haargenau das, was ich immer wollte.“ Er grinste und fügte zwinkernd hinzu: „Außerdem kann ich nichts anderes. Was war mit dir, warum hast du dich damals umentschieden?“ Kathi schob die Hände in die Hosentaschen ihrer Jeans. „Weil ich glaubte, es nicht ertragen zu können, Tiere leiden zu sehen.“ „Hmh, ich weiß, was du meinst. Das ist wirklich ein Teil der Arbeit, der weniger schön ist. Aber oft kommen sie ja auch nur zum Impfen.“ Frederik war nicht weit davon entfernt, sich selbst zu kneifen, um sicherzugehen, dass er nicht träumte. Das kann doch alles gar nicht wahr sein, dachte er, als er in Kathis Augen schaute und sich dabei fühlte, wie schmelzendes Eis in der Sonne. Er freute sich, dass sein erster Eindruck sich bestätigt hatte, als sie ihren Parka auszog und er sah, dass sie tatsächlich ein paar Kilos mehr drauf hatte. Gern würde er sie in diesem Moment berühren, sie streicheln und küssen, ihre warme Haut unter seinen Händen fühlen. „Aber manchmal auch zum Sterben“, sprach sie die nüchterne Feststellung in seine zärtlichen Gedanken hinein. Frederik nahm ihre Worte kaum wahr; es war das Leben, mit dem er sich in diesem Augenblick befassen wollte. Ihre Gesichter waren kaum mehr als zwanzig Zentimeter voneinander entfernt. Kathi hatte das Gefühl, tief in seine Augen einzutauchen. „Du bist irrsinnig hübsch, Kathi.“ Sie lächelte, ihre Wangen wurden warm. „Und du hast tolle Augen.“ Er flüsterte geschmeichelt: „Oh, danke. Hey, wow.“ Ihre Worte taten ihm in gleichem Maße gut, wie sie ihn verlegen machten. Es war lange her, dass er von einer Frau ein Kompliment bekommen hatte. Kathi erging es ebenso. Auch ihr hatte seit Urzeiten, so empfand sie ihr zumindest, kein Mann mehr gesagt, dass er sie attraktiv finden würde. Sie kamen einander näher, fast berührten sich ihre Nasen. Kathi schloss ihre Augen und beide neigten den Kopf ein wenig zur Seite, mehr als bereit für einen ersten Kuss. Feuchte Kälte erschien an Kathis Hand. Sie erschrak und schaute nach unten. Als sie Frederiks Hund erblickte, mit dessen Nase sie in Berührung gekommen war, lächelte sie und wuselte durch sein dichtes Fell. „Hey du großer, schwarzer Bär.“ Frederik sah ihr zu und dachte: Na super Olli! Ausgerechnet jetzt, um ein Haar hätten wir uns geküsst. Andererseits freute er sich zu sehen, wie gut Kathi mit dem Tier harmonierte. „Ich glaube, ich sollte dann langsam wieder …“, begann sie sich zögernd zu verabschieden. „Schade …“ Gern wäre sie noch geblieben, doch sie war sehr müde und hinzu kam, dass sie sich auf diese Weise interessanter für ihn machen wollte. Sie nahm ihre Jacke vom Küchenstuhl und hielt sie in der Hand, als sie gemeinsam zur Haustür gingen. Eine Umarmung zum Abschied. Gefühlvolles Festhalten. Hätte Frederik die Wahl gehabt, er hätte sie nicht wieder gehen lassen. Sie ließ den Parka zu Boden gleiten und legte ihre Arme auch um ihn. Er beugte sich zu ihr herunter, sie fühlte ihn ganz unmittelbar: seine kratzige, unrasierte Wange an ihrer Schläfe, sein warmer Atem an ihrem Ohr und seine Arme beschützend um ihre Schultern. Kathi lief ein wohliger Schauer den Rücken hinunter. Frederik erging es ebenso. Es war sehr aufregend, ihr Körper schmiegte sich an ihn heran – ein Gefühl, das er viel zu lang entbehrt hatte. Er schob seine Hand behutsam in ihr offenes Haar hinein. Noch immer konnte er es kaum glauben. Es kam ihm so irreal vor: Stand er hier wirklich Arm in Arm mit ihr? War es ihr kräftiger Herzschlag, den er spürte, und waren es ihre Haare, die er duftend und weich um seine Finger fühlte? Ihre Lippen lagen an seinem Hals; sie kitzelten sanft, als Kathi ihm leise ankündigte, nun aufbrechen zu müssen. Er strich liebevoll mit seinem Daumen über ihre Wange, als er sie mit ernstem Gesichtsausdruck bat, vorsichtig zu fahren, da es glatt geworden sein könnte. Sie versprach es ihm und saß zwei Minuten später in ihrem Auto. Glücklich und bereits Hals über Kopf in diesen rauen und dennoch großherzigen Tierarzt verliebt. Ihr Kinderlein kommet … Sie stand noch nicht lang unter ihrer Dusche, als am Nachmittag des ersten Feiertags ihr Telefon läutete. Schnell warf Kathi sich ein Badehandtuch über und eilte ins Wohnzimmer. „Hallo“, meldete sie sich gehetzt. „Kathi?“ Sie erkannte Frederiks Stimme auf Anhieb. Ihr Herzschlag beschleunigte sich und ihre Aufregung wuchs. „Hier ist Frederik.“ Seine Stimme zu hören, kribbelte süß in ihrem Bauch. Kathi hoffte, dass sein Anruf mehr bedeutete, als nur das Gespräch. Dass er ein Zeichen dafür war, dass er sie wiedersehen wollte. „Du bist ja ganz außer Atem, wo habe ich dich denn hergeholt?“ Wasser vermischt mit Shampoo tropfte auf den Teppichboden zu ihren Füßen. „Aus der Dusche, macht aber nichts.“ Sie setzte sich lächelnd auf ihr Sofa. Frederik setzte sich ebenfalls. Seine Knie wurden weich und sein Puls beschleunigte sich merklich. Aus der Dusche! Gott, dann ist sie vollkommen unbekleidet, dachte er und sagte leise lachend: „Mach doch so was nicht mit mir, Mädchen.“ Kathi lachte verlegen. „Offen gesagt habe ich sogar noch Shampoo im Haar. Ich gehe lieber nochmal kurz unter die Brause, ist das okay?“ „Ja, klar ist es das“, erwiderte er mild und bot an, sich eine halbe Stunde später erneut zu melden. Er legte das Mobiltelefon aus der Hand und schloss seine Augen. Ähnlich den Bildern eines Hochglanzmagazins, sah er sie vor sich, nass, mit dem Telefonhörer am Ohr. Als er sich zusätzlich ihre nackte Haut vorstellte, auf der das Wasser kleine Perlen gebildet hatte und die feucht im Nachmittagslicht schimmerte, machte sich ein Gefühl in ihm breit, das sich in den unteren Regionen seines Körpers niederließ und dort ein Feuer entfachte. Nach fast vierzig Minuten, als Kathi längst angezogen, aber noch mit einem Handtuch um ihr Haar gewickelt auf dem Sofa wartete, ließ das Telefon seine Anrufmelodie erneut erklingen. Nie zuvor erschien sie ihr derart melodiös, noch nie klang sie einem Liebeslied ähnlicher als in diesem Augenblick. Sie telefonierten seit über einer Stunde, als Frederik vorschlug: „Kathi, was hältst du davon, wenn ich dich abhole und wir mit Olli noch ‘ne Runde in den Wald gehen?“ „Es wird bald dunkel, Frederik“, gab sie zu bedenken. „Macht nichts, du hast doch zwei starke Männer bei dir. Wir beschützen dich, wenn die Räuber kommen.“ Er lachte. Kathi ließ sich anstecken und stimmte zu. Er versprach, nachdem sie ihm ihre Adresse gegeben hatte, eine Viertelstunde später bei ihr zu sein. Eilig lief sie ins Bad, um ihre Haare zu föhnen. Im Flur zog sie ihre warme Jacke an und wickelte sich einen dicken Schal um den Hals. Als sie die Schleifen ihrer Winterstiefel band, klingelte es bereits. Da sie sich nahe der Haustür befand, griff sie schon während des Läutens nach der Klinke. Frederik stand vor ihr. Er schaute verdutzt angesichts ihres schnellen Öffnens. „Hallo Frederik, frohe Weihnachten“, begrüßte sie ihn und zog die Tür hinter sich ins Schloss. „Wünsche ich dir auch.“ Sie umarmten sich, wobei Frederiks Wange beim Herabbeugen wie am Abend zuvor ihre Schläfe berührte. Auch heute genoss sie seine Berührung über alles. „Ich freue mich, dich wiederzusehen“, raunte er leise, worauf Kathi unwillkürlich lächelte und ihn noch fester an sich drückte. Als sie gleich darauf zur Treppe wollte, hielt er sie zurück. „Warte doch mal. Ich sehe dich ja vor lauter Wolle gar nicht.“ Grinsend zog er ihren Schal ein Stück herunter. „Vielleicht ist das ja Absicht?“, konterte sie kokett und ging vor ihm die Stufen hinunter auf die Straße. „Ich hoffe nicht“, schmunzelte er amüsiert, obwohl sie es schon nicht mehr hörte. Unten schloss Frederik die Beifahrertür seines Geländewagens auf. Er bat Kathi einzusteigen, bevor er um das Heck zur Fahrerseite trat. Sie kletterte in das kühle Wageninnere und stellte fest, dass diese Art von Auto hervorragend zu ihm passte. Kernig, groß, verlässlich und maskulin. Sie sah sich interessiert um; ihr Blick streifte ein Paar Gummistiefel hinter dem Beifahrersitz und eine Regenjacke auf der Rücksitzbank. Neben ihr sah sie eine halb volle Mineralwasserflasche und einige Fachbücher liegen. Vorn auf der Ablage lud eine offene Tüte mit allerhand bunten und fruchtigen Weingummis dazu ein, beherzt zuzugreifen. Frederik stieg zu ihr, sah sie lächelnd an und sagte liebevoll: „Na du?“ Dann startete er den Dieselmotor und sie fuhren aus der Stadt hinaus. Der große Hund trottete vor ihnen her; sie gingen an einem verschneiten Acker vorbei auf das Waldgelände zu. An diesem Tag wehte ein kalter Wind und der gefrorene Schnee knirschte unter ihren Sohlen. Frederik blieb stehen und schaute auf seine Uhr. „Fast halb vier. Für den Wald wird es bald zu dunkel sein, da sehen wir die Hand vor Augen nicht mehr.“ „Und jetzt?“ Kathi sah ihn ratlos an. Jetzt, dachte er lustvoll, würde ich dich gern in Grund und Boden küssen, schlug jedoch vor: „Dann lass uns doch hier rüber, in Richtung Dorf.“ Da es ihr gleich war, nickte sie. Sie kannte sich in dieser Gegend ohnehin nicht aus. Sie spazierten nebeneinander den Weg zwischen den weiß bedeckten Feldern entlang. Es dauerte nicht lange, da nahm Frederik während des Gehens ihre Hand in seine. Er tat es, als wäre es das Normalste der Welt. Der heiße Funke dieses unerwarteten Kontakts ging Kathi durch und durch. Wie auf einer Zündschnur flitzte er geradewegs in ihr Herz hinein. Sie konnte ein erfreutes Lächeln nicht unterdrücken und versuchte ihn aus ihren Augenwinkeln unauffällig anzusehen. An seinem Schmunzeln erkannte sie, dass ihr Seitenblick ihm nicht entgangen war. Nach einer Weile blieb er unvermittelt stehen und hielt auch Kathi an ihrer Hand zurück. Inzwischen war es vollends dunkel geworden. Sie waren allein auf diesem schwach beleuchteten Weg am Rande des Dorfes; um sie herum pfiff ein eisiger Dezemberwind. Mit einem sanften Ruck zog er sie an sich, ihr Gesicht lag in seinen Händen, seine Nasenspitze, die über ihre hinwegstrich, fühlte sich kalt an. Tief schaute er in ihre Augen. Kathi erwiderte seinen innigen Blick und fürchtete, ihre Beine könnten vor Aufregung unter ihr nachgeben. Oh ja, gleich küsst er mich, gleich, sehnte Kathi und kaum, dass dieser Gedanke sich in ihr ausgebreitet hatte, berührten seine Lippen schon ihre. Sie genoss es unendlich; voller Gefühl und mit einer Zärtlichkeit, die sie lang nicht mehr erlebte. Sie gab seinen Kuss zurück, saugte und küsste ebenso vorsichtig an seinen Lippen, wie er es mit ihren tat. Gern hätte die Zeit in diesem Augenblick stehen bleiben dürfen, doch der Frost kletterte unbarmherzig ihre Beine hinauf und kroch unter ihre Kleidung. Wenig später, auf ihrem Weg zurück in die Stadt, drehte Frederik an einer roten Ampel sein Gesicht zu ihr: „Hast du noch Zeit?“ „Ja, wir könnten bei mir etwas Heißes trinken, wenn du magst?“, lud Kathi ihn ein. „Und wie, sehr gern, aber vorher bringe ich kurz Olli zurück.“ An seinem Haus angekommen, fuhr Frederik nicht auf die Auffahrt, sondern hielt für diesen Moment unter der Laterne auf der Straße. Kathi konnte durch die offen stehende Tür in die Diele hineinsehen und beobachtete, dass er seinem Hund aus einem großen Papiersack Trockenfutter in eine Schüssel füllte. Davon angeregt, ging sie insgeheim ihre Schränke durch, in der Hoffnung, etwas Vernünftiges zum Anbieten dazuhaben. Weiterhin überlegte sie, ob ihre Kleidung hübsch genug für den Abend zu zweit war. Als sie sich nach dem Duschen angezogen hatte, ahnte sie ja nicht, dass sie ihn mit Frederik verbringen würde. Auch die darunter?, fragte sie sich. Für den Fall der Fälle? Sie schmunzelte in sich hinein und empfand es als überaus kurios, worüber Frauen sich so ihre Gedanken machten. Sie würde Geld darauf wetten, dass ihr Begleiter noch keine Sekunde daran gedacht hatte. „Was möchtest du? Kaffee, Cappuccino oder Tee?“ „Was trinkst du?“, Frederik folgte ihr in ihre kleine Küche mit den rot gestrichenen Wänden. “Cappuccino.“ „Für mich bitte auch.“ Er trat zu ihr und legte eine Hand auf ihre gerötete Wange. „Noch ganz kalt“, stellte er flüsternd fest. „So wie deine Hand.“ Kathi nahm sie in ihre und küsste seine Fingerspitzen. Er schaute dabei zu, fühlte begeistert die Wärme ihres Mundes. Er hob ihr Kinn in seine Hand, strich mit seinem Daumen zärtlich über ihre Unterlippe. Kathi entspannte sich wohlig und schloss ihre Augen. Bald lösten seine Lippen die Daumenkuppe ab. Ihr Kuss dauerte länger als zuvor auf dem kalten Feldweg. Sie spielte mit seiner Zungenspitze, die ihre vorsichtig eroberte und konnte ein zartes, genussvolles Stöhnen nicht unterdrücken. Sein Flüstern an ihrem Ohr, kaum hörbar: „Wenn du wüsstest, was in mir grad’ los ist …“ Bald blubberte es im Wasserkocher und wenig später trug Frederik das Tablett mit ihren Bechern und gemischten Weihnachtskeksen auf einem Teller aus der Küche heraus. „Wohin?“ „Rechts und dann geradeaus“, navigierte sie. Er betrat ihr Wohnzimmer, betätigte mit dem Ellenbogen den Lichtschalter neben der Tür und sah sich um. An der Wand stand ein rotes Sofa, das sehr bequem aussah; an seiner Seite wartete ein weiß-rot gestreifter Sessel darauf, dass man sich auf ihm niederließ. Gute-Laune-Möbel, war Frederiks erster Gedanke und ihm fiel auf, als er das Tablett auf dem Tisch vor der Couch abstellte, dass der Raum insgesamt sehr einladend wirkte. Kathi kam hinzu, knipste ein kleines Lämpchen an und entzündete mit einem Streichholz die Dochte der vier Kerzen auf dem Adventskranz. Im Anschluss schaltete sie das Deckenlicht wieder aus, wodurch eine behagliche Atmosphäre entstand. Frederik setzte sich auf das Sofa und nahm einen der Becher in seine Hand. „Komm, erzähl mir etwas von dir.“ Er trank von seinem warmen Cappuccino. Die blonde Frau, in deren Wohnung er zu Gast war, interessierte ihn so sehr, dass er darauf brannte, auch das kleinste Detail aus ihrem Leben und über ihre Person zu erfahren. Aus dem Sessel heraus fragte sie: „Ich weiß doch gar nicht, was du wissen möchtest?“ „Wann du Geburtstag hast, zum Beispiel.“ „Im Juli.“ Für seine Antwort musste er nicht lange überlegen: „Dann lässt er sich ja prima im Garten feiern, wie praktisch.“ Kathi lachte über seine spontane Reaktion. Sie ahnte, dass es wohl typisch für ihn war, sich als Erstes darüber Gedanken zu machen, wie und wo sich ein Anlass am Besten begehen ließ. Ohne Ankündigung erhob sie sich und drehte ihren Sessel, dass er dem Sofa zugewandt stand. „So kann ich dich viel besser ansehen.“ Sie nahm sich einen Keks und setzte sich wieder. Frederik rutschte tiefer in die Couch. Er fühlte sich sehr wohl; kaum konnte er dem Verlangen widerstehen, sich vollends in die gemütlichen Polster zu fläzen. Als er sich ebenfalls eines der Gebäckstücke vom Teller nahm, und sie kauend anschaute, fragte Kathi: „Und woher kennst du den neuen Freund meiner Nichte? Er war doch gestern auch auf deinem Grillfest?“ Frederik räusperte sich, schluckte und fragte: „Den Freund deiner Nichte? Wer soll das denn sein?“ „Ich meine Georg.“ „Ach ja, klar!“ Frederik lachte leise. Den Becher in beiden Händen, legte Kathi ihre Beine auf das Sofa neben ihn. „Ist das in Ordnung für dich?“, fragte sie vorsichtig und Frederik hob ihre Füße statt einer Antwort unmittelbar auf seinen Schoß. Seine unkonventionelle Zustimmung freute sie, übermütig bohrte sie ihren großen Zeh in seinen Bauch. „Hey!“ Lachend kitzelte er sie unter der Fußsohle. Dieses Gefühl durchflutete Kathi prickelnd. Hiervon und von seinen funkelnden, blauen Augen konnte sie nicht genug bekommen. Seine Hände lagen warm auf ihren Zehen, als er ihr von der gewachsenen Freundschaft mit Georg berichtete, die bereits viele Jahre Bestand hatte, obwohl sie sich vom Typ her sehr voneinander unterschieden. Er erzählte von ihrer Kindheit, dem gemeinsamen Abitur und davon, dass sie es schafften, sich auch während des Studiums nicht aus den Augen zu verlieren. Zwischendurch begann Frederik, ihre Füße sanft zu kneten. „Und trotz der vielen Lernerei für Klausuren und Physikum hatten wir in dieser Zeit jede Menge Spaß und einige laute Partys. Um ehrlich zu sein, feierte ich ein paar mehr als er.“ Der Tierarzt grinste bei der Erinnerung daran, indes sein Daumen weiter ihre Sohlen massierte. „Es war großartig. Und es ist gut, dass Georg und ich über die gesamte Zeit Freunde geblieben sind. Sogar seine fünf Jahre Ausland, in denen wir uns verdammt selten sahen, hat unsere Freundschaft überstanden.“ Er schmunzelte schelmisch und ergänzte: „Eine echte Männerfreundschaft eben, wie das bei uns Kerlen so ist. Wir kriegen uns nicht wegen einer Handtasche in die Haare.“ „So bin ich aber auch nicht!“ Amüsiert schüttelte Kathi den Kopf und strich sich mit einer beiläufigen Bewegung eine lange Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Diese Geste nahm ihn gefangen; an ihren Händen zog er sie zu sich auf das Sofa. „Komm zu mir.“ Kathi schmiegte sich in seine Arme; er ließ sich zurückfallen und zog sie auf sich. Sie war die reinste Verlockung. Seine Lust war beachtlich, nur mit Mühe war es Frederik möglich, sie im Zaum zu halten. Ihre Kleidung fiel zu Boden, beide genossen die streichelnden Hände und die begehrlichen Küsse des anderen. Kathis üppiger Busen machte Frederik verrückt und offen gestand er ihr seine Erregung. Seine Komplimente umarmten sie, flossen in sie hinein wie flüssige Schokolade. Längst wollte sie es auch, wollte ihn ebenso intensiv fühlen, wie er sie. Lasziv strichen ihre Finger durch die blonden Haare auf seiner Brust, erforschten jeden Zentimeter seiner Haut. Sein Herz hämmerte, sein Atem ging schnell. Testosteron im Überfluss. Sie öffnete betont langsam Gürtel und Knöpfe seiner Jeans, was ihn wollüstig aufstöhnen ließ. Seine Küsse wurden inniger, zärtlich fordernder. Frederiks Verlangen war kaum noch steigerbar; auch Kathi fühlte ihre Ungeduld überdeutlich. Er kniete vor ihr auf dem Boden. Ihren Po in seinen Händen liebkoste er mit Lippen und Zunge zärtlich ihr Intimstes. Mit geschlossenen Augen und dem Kopf auf der Lehne der Couch, gab Kathi sich ganz dem süßen Gefühl hin, bis es sie wie eine Welle empor hob. Kaum war es verebbt, beugte Frederik sich über sie und küsste ihre geöffneten Lippen. Sein Blick tauchte tief in ihren ein, nichts als sein unbändiges Sehnen stand darin geschrieben. Sie erwiderte ihn vielsagend, forderte ihn wortlos auf, mit ihr zu verschmelzen. Sie hob sich ihm verführerisch entgegen; hart und groß glitt er in sie hinein. Ohne nachzudenken, warfen sie jede Vernunft über Bord. Sie wurden eins, ließen sich treiben. Inmitten ihres Akts unterbrach Kathi ihn jedoch und schob ihn liebevoll von sich. Atemlos hielt er ihre Hände fest, in seinem Gesicht konnte sie das Wort Nein in Großbuchstaben lesen. „Bitte nicht, was tust du? Warum …?“ „Pssst, komm mit …“ Zum Sitzen ist ein Sofa perfekt geeignet, für die Liebe nicht annähernd so gut. Kathi erhob sich, nahm Frederik an ihre Hand und führte ihn in ihr Schlafzimmer. Er verstand. Weiche Kissen lockten, eine warme Decke wurde ihr Liebesnest. Schnell fanden sie wieder zueinander, Haut an Haut. Auf seine Ellenbogen gestützt, hielt er ihr Gesicht in seinen Händen, als er erneut in ihre heiße Mitte eindrang und sich bald von dem Größten aller Gefühle überwältigen ließ. Abgelehnt! Am zweiten Weihnachtstag saß Hannelore Kramer in ihrer Küche. Sie blätterte in einer Zeitschrift. Eben erst hatte sie sich aus dem Cafébetrieb zurückgezogen und zu einer kurzen Pause niedergelassen, als Anna den Raum betrat. Sie sah von ihrer Illustrierten auf. „Hallo Anni, gut, dass du kommst. Ich möchte kurz mit dir über deinen Freund reden“, empfing sie ihre Tochter. Die Angesprochene nickte zaghaft. Das klingt ja gar nicht gut, dachte sie und setzte sich nur zögerlich zu ihrer Mutter. Zu ihrer Erleichterung verlief das Gespräch jedoch positiver als angenommen. Hannelore lud sie ein, ihn nach Hause mitzubringen. Zum Kennenlernen, wie sie sagte: „… es läuft nun schon einige Wochen zwischen euch und Papa und ich kennen ihn noch gar nicht näher. Außerdem mache ich mir wegen seines Alters ein paar Sorgen. Vielleicht werden sie kleiner, wenn ich ihn besser einschätzen kann. Sag ihm, dass er am ersten Samstag im neuen Jahr bei uns zum Abendessen eingeladen ist.“ Annas Gesicht überzog ein freudiges Lächeln. „Oh ja! Sehr gern mache ich das, Mama. Ich werde es ihm ausrichten, wenn wir am Mittwoch miteinander essen gehen.“ Weihnachten war vorbei und der Alltag hatte sie wieder. Am Morgen verließ Georg seine Wohnung zeitig; wie so oft, ohne zuvor gefrühstückt zu haben. Er stieg in seinen Dienstwagen und freute sich auf die erste Tasse Kaffee, die von seiner Sekretärin in sein Büro gebracht, zu einer wohltuenden, morgendlichen Gewohnheit geworden war. Dort angekommen klappte er sein Notebook auf und machte sich erneut an sein Projekt, an dem er bereits vor dem Weihnachtsfest, und in jeder freien Minute an den Feiertagen gearbeitet hatte. Das Klingeln des Telefons riss ihn aus seiner Konzentration. „Ja, Frau Krüger?“ „Ein Gespräch für Sie, es ist Doktor Steinberg.“ Georg war über die Ablenkung von seinen Zahlen, Plänen und technischen Details nicht allzu erfreut. Dennoch bat er, das Telefonat zu ihm durchzustellen. Na gut, kleine Pause, dachte er hiernach unwillig und drehte den Sessel zur Fensterfront seines Büros. „Hallo Frederik.“ „Hi, wie wär’s mit Squash heute Abend? Ich dachte, ich sollte dich mal wieder durch die Halle jagen. Oder passt es zwischen den Tagen nicht so gut?“ „Doch, ist okay.“ Georg schaute auf das schneebedeckte Dach einer Werkshalle unterhalb des Fensters, während er in Gedanken seine Zeitplanung durchging. Frederik wartete. „Wenn dir zweiundzwanzig Uhr nicht zu spät ist? So lange würde ich gern noch etwas schaffen, Coach …“ Ein gut gelauntes Lachen von Frederik besiegelte ihre Verabredung. Georg legte auf und dachte, wie gut es doch war, dass das Sportcenter durchgehend geöffnet hatte. Wenige Minuten später klopfte es an die Bürotür. „Ja?“ Georg schaute auf. Susanne Krüger trat in den Raum. „Doktor Steinberg bat mich, Ihnen nach dem Telefonat auszurichten, dass Sie sich für den Abend vorsorglich warme Kleidung anziehen möchten. Sie wüssten dann schon Bescheid.“ Wild entschlossen, Frederik in drei Sätzen zu besiegen, erreichte Georg kurz nach zehn das Sportcenter. Zwar fühlte er sich körperlich abgespannt, sein Ehrgeiz aber war durch die provokante Herausforderung, in die Frederik seine nichts ahnende Sekretärin einbezogen hatte, zu einhundert Prozent geweckt. Warm anziehen, von wegen! Du wirst schon sehen, dachte er, als er auf den Parkplatz vor der Halle fuhr. Frederik stand bereits vor dem Eingang und wartete auf ihn. Er fühlte sich im Gegensatz zu Georg nach den Feiertagen erholt und ausgeruht. Noch vor einer halben Stunde lag er zusammen mit Kathi auf dem Sofa. Als sie jedoch im Begriff war, in seinem Arm einzuschlafen, hatte er sich behutsam von ihr gelöst. „Ich muss leider los, Süße.“ „Ach ja, du fährst ja noch zum Squash“, erinnerte sie sich müde und kündigte an, ohne Umwege ins Bett zu gehen. „Dann schlaf gut und warte nicht auf mich. Ich fahre nach dem Sport wegen Olli heim.“ Im Umkleideraum saßen sie nebeneinander auf einer Holzbank. Den Kopf gesenkt, um sich die Schleifen seiner Turnschuhe zu binden, vernahm Frederik ein leises Knistern aus Georgs Hand. Er schaute auf und sah, dass dieser sich eine Tablette aus der Packung drückte, die er gleich darauf mit einem Schluck aus seiner Wasserflasche herunterspülte. Dies zu kommentieren, verkniff er sich allerdings. Sie schlugen den Ball hart und in hohem Tempo. Unerbittlich tricksten sie mit geschickten Täuschungsmanövern und hetzten sich von Ecke zu Ecke. Jeder wollte gewinnen, keiner gönnte dem anderen nur einen einzigen Punkt. Kurz vor Schluss des Spiels setzte Georg jedoch unvermittelt aus. Er lehnte sich schwer atmend mit dem Rücken an die Seitenwand. Frederik sah verwundert zu ihm herüber. „Alles klar?“ Er ging über das Spielfeld zu ihm. „Ich kann nicht mehr. Mir fehlt heut’ die Kondition. Ich bin vollkommen erledigt.“ „Warum, wovon?“ „Viel gearbeitet.“ „Und wie ich dich kenne auch über Weihnachten, stimmt‘s?“ Er nickte. „So geht das nicht, Mann. Es dauert nicht mehr lange und du klappst mir zusammen.“ „Natürlich geht es, es muss gehen.“ „Okay, wenn du meinst, dass du arbeiten kannst, dann kannst du auch spielen.“ Frederik tippte Georg mit dem Schläger gegen die Wade. „Komm, weiter! Bewege deinen Hintern zurück ins Feld und mach den Aufschlag. Du willst das Ding doch gewinnen, oder etwa nicht?“ Frederik wusste, dass Georg den Sieg anhand seines hohen Punkterückstands nicht mehr würde erreichen können, nichtsdestotrotz wollte er ihn motivieren und seinen Kampfgeist wiederbeleben. Am Mittwoch klingelte Anna zur verabredeten Zeit an Georgs Tür. Sie hielt die Fotokopie eines Plakats in ihrer Hand, welche sie ihm dringend zeigen wollte. Nach ihrem Kuss zur Begrüßung gab sie ihm das Papier. Noch im Flur faltete er es auseinander. Lesend ging er ins Wohnzimmer und setzte sich. Anna folgte ihm, erwartungsvoll nahm sie neben ihm Platz. „Na, was sagst du?“, fragte sie kribbelig, als sie an der Bewegung seiner Augen erkannte, dass er aufmerksam las und bereits im unteren Drittel des Textes angekommen war. Georg konnte nicht fassen, was dort geschrieben stand. Er sah vom Blatt auf und blickte mit zusammengezogenen Augenbrauen in Annas Gesicht. „Sag mir nicht, dass ich so etwas mit meinen Steuergeldern finanziere!“ Anna, noch immer guter Dinge, versuchte seine negative Haltung zu zerstreuen. „Ja, aber das macht doch nichts, das ist doch eine gute Sache.“ „Und du willst da mitfahren?“ Sie nickte lächelnd. „Es wäre ein Praktikum innerhalb meines Studiums. Klingt doch klasse, oder?“ Georg blieb ernst. Er legte die Kopie zusammen und gab sie ihr zurück. „Ich weiß nicht. Es ist mir schleierhaft, was das bewirken soll.“ „Ach Mann! Ich hatte mich so darauf gefreut, dir davon zu erzählen, weil ich dachte, dass du es gut findest.“ „Erlebnispädagogik.“ Georg sprach es verächtlich aus. „Was ist das überhaupt? Und warum so kostenaufwendig? Wenn du mich fragst, wird hier die Verhältnismäßigkeit der Mittel ganz klar überschritten.“ „Nein, du verstehst das nicht. Es ist eine Therapie. Die Jugendlichen sollen durch diese Schifffahrt auf der Ostsee lernen, wieder soziale Bindungen und Verantwortungsbewusstsein aufzubauen. Das kostet nun einmal etwas, aber es hilft. Und das allein ist doch wichtig. Außerdem bringt es mich in meinem Studium voran.“ Georg, der die bevorstehende Nacht mit ihr vor Augen hatte, wurde versöhnlich: „Letztendlich entscheidest du es natürlich allein. Ich halte es nach wie vor für reine Zeit- und Geldverschwendung. Wollen wir los? Ich habe Hunger.“ Nach diesen Worten ging er in den Flur, um seinen Mantel anzuziehen. Anna schaute ihm zuerst hinterher, dann nachdenklich auf das Blatt Papier in ihrer Hand. Kurz darauf folgte sie ihm. Auf dem Weg in die Tiefgarage entschied sie, sich nicht für eine Teilnahme zu melden. Sie erzählte ihm davon, erwähnte aber nicht, dass der Grund hierfür einzig ihre Befürchtung war, in seinen Augen naiv und unvernünftig zu erscheinen. Ihr war deutlich geworden, für wie unsinnig er den Segeltörn hielt. Georg nahm es im Vorübergehen zur Kenntnis, während er bereits das Auto ansteuerte. Er stieg auf der Fahrerseite ein; Anna öffnete sich die Beifahrertür selbst. Ihr reservierter Tisch stand in dem Restaurant nahe dem Schloss mit frischen Blumen, feinster Tischwäsche und polierten Gläsern für sie bereit. Und obwohl Anna bereits einige Male in einem gehobenen Ambiente wie diesem mit ihm essengegangen war, fühlte sie sich nach wie vor unsicher. Oft half es ihr, ihn zu beobachten und nachzuahmen, was er tat. Während Georg seine Vorspeise aß, und Anna ihre lediglich von einer Seite des Tellers zur anderen schob, betrachtete sie ihn. Bald, so malte sie sich vorfreudig aus, kommt er zu uns zum Essen nach Hause. Von diesem Zeitpunkt an war es Anna nicht länger möglich, die Einladung ihrer Eltern für sich zu behalten: „Duuu, Schatzi?“ Georg hob den Kopf. Er schaute sich unauffällig zu den Seiten um. Im ersten Moment erschien es Anna, als würde er sichergehen wollen, dass niemand ihre liebevolle Anrede für ihn gehört hatte. Diesen Eindruck schob sie jedoch sofort beiseite. Immerhin ging er fest mit ihr, wie sie nach wie vor annahm. Missbilligend sah er sie an. „Bitte keine Kosenamen in der Öffentlichkeit.“ Anna zog eine Schmolllippe; trotzig entgegnete sie: „Warum denn nicht? Ich habe nicht vor unsere Liebe zu verstecken.“ Georg blickte ein weiteres Mal diskret nach links und rechts. „Anna“, raunte er mit gesenkter Stimme, „nicht in dieser Lautstärke.“ Und nicht dieses Thema, fügte er in Gedanken hinzu. Aber wenn ich doch Recht habe, dachte sie und schaute ihn abwartend an. Ohne auf ihre Aussage näher einzugehen, wandte er sich erneut seinem appetitlich angerichteten Carpaccio zu. Verwundert beobachtete sie ihn. „Willst du gar nicht wissen, was ich dir sagen möchte?“ Georg schluckte und sah von seinem Teller auf. „Was gibt es denn so Wichtiges?“ Seinem Tonfall nach zu urteilen brannte er nicht gerade vor Neugier. Enttäuscht angesichts seines Desinteresses sprudelte sie aber dennoch mit dem elterlichen Angebot heraus. Hoffnungsvoll wartete sie mit großen Augen auf seine Zusage, doch Georg schüttelte den Kopf. „Nein, Anna. Bitte richte deinen Eltern meinen Dank aus, aber ich werde ihrer Einladung nicht nachkommen.“ Seine Absage ohne weiteres zu akzeptieren, kam für sie nicht in Frage: „Das geht aber nicht, du musst ganz einfach. Sie wollen dich gern näher kennenlernen.“ Er trank einen Schluck aus seinem Weinglas. Daraufhin begründete er leise seine Ablehnung: „Von der Zeit einmal abgesehen, die ich dafür nicht habe, halte ich es für vollkommen überzogen und unsinnig.” Annas Stimme blieb im Gegensatz zu seiner auf Zimmerlautstärke: „Warum das denn? Was meinst du denn damit? Was uns angeht, ist gar nichts unsinnig. Dass du so etwas überhaupt sagen kannst …” Ihr Blick verdüsterte sich. Georgs Lautstärke senkte sich weiter herab, er beugte sich zu ihr und flüsterte eindringlich: „War ich nicht deutlich genug? Sprich um Himmels Willen leiser, Anna.“ Sie bemerkte durchaus, dass vereinzelte Gäste sich bereits gestört fühlten und sich zu ihnen umschauten, doch es interessierte sie nicht. Georg hingegen schon. Sein Ton wurde schärfer; gereizt zischte er ihr zu: „Ich nehme ihre Einladung nicht an, Ende der Diskussion.“ „Und warum?“ Anna motzte aufgebracht, sie war nicht annähernd so taktvoll, wie Georg es gern gehabt hätte. Empörtes Gemurmel drang von den Nebentischen zu ihnen herüber. Entschlossen legte er sein Besteck auf den Teller, zusätzlich platzierte er einen großen Geldschein zur Hälfte unter die Serviette. Daraufhin schob er seinen Stuhl zurück und erhob sich. Anna sah erstaunt zu ihm auf. „Was ist denn nun plötzlich?“ Wütend blitzte er sie an. „Steh auf, wir gehen.“ Auf dem Weg zu seinem Fahrzeug sprach er kein Wort. Anna reagierte beleidigt: „Es hat sowieso nicht geschmeckt. Immer dieses komische Zeug, als wenn das was Besonderes wäre.“ Es erfolgte keine Reaktion. Im Auto versuchte Anna erneut, eine zufriedenstellende Begründung für seine Ablehnung zu erhalten: „Sag mir doch endlich, was du meinst. Weshalb du nicht zu meinen Eltern kommen willst.“ Schlecht gelaunt blickte er sie an. Er startete den Wagen und knurrte: „Mein Gott, weil wir nicht vorhaben zu heiraten. Es gibt keinen Anlass für einen Antrittsbesuch oder Ähnliches.“ Anna schaute erschrocken zu ihm herüber. Mit dieser Antwort hatte sie nicht gerechnet, denn sie konnte sich durchaus vorstellen, eines Tages mit ihm vor den Traualtar zu treten. Der Versuch, sich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass allein der Stress ihn zu dieser Aussage bewog, gelang nur halb. Time is money Nachdem Georg eine Woche später nach einer sehr langen Vorstandssitzung durch das Büro seiner Sekretärin ging, bat er sie im Vorbeigehen um Verschiedenes, das er aus der Besprechung resultierend erledigt haben musste. „… und die Vertragsunterlagen benötige ich umgehend“, sagte er gestresst, die Klinke seiner Bürotür bereits in der Hand. Er ahnte, dass es ein langer Tag werden würde. „Warten Sie bitte!“ Er drehte sich nochmals um. „Ja? Was ist denn noch?“ „Eine junge Dame hat mehrfach versucht, Sie telefonisch zu erreichen.“ „Wer war es?“ „Sie stellte sich mit Anna Kramer vor.“ „Danke, ich rufe zurück.“ Georg schloss die Tür hinter sich. Er setzte sich an seinen Schreibtisch, griff zum Telefon und dachte beim Wählen von Annas Nummer, dass es auf keinen Fall zu tolerieren war, dass sie ihn im Unternehmen kontaktierte. Außerdem musste es sich um etwas äußerst Wichtiges handeln, das diese Unterbrechung rechtfertigen konnte. Anna meldete sich fröhlich. „Du hast versucht, mich zu sprechen? Warum rufst du mich in der Firma an? Wenn es schon sein muss, nimm das Handy.“ Er klang extrem gereizt. Gut gelaunt überhörte sie die Anspannung in seinem Tonfall; dass er ihr Fragen stellte, überging sie in ihrem Überschwang ebenfalls. „Oh Schatz, ich wollte dir von der Party erzählen, auf die ich mit dir gehen möchte! Ich hatte die Einladung vor ein paar Tagen mit der Post bekommen, aber vergessen, weil sie unter die anderen Zettel gerutscht war. Stell dir das vor! Und jetzt fand ich sie grad’ und ich dachte, ich erzähle dir sofort davon! Da gehen wir zusammen hin, ja? Das wird uns ganz bestimmt gut tun.“ Georg schwieg. Innerlich rotierte er, seine Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Um Beherrschung bemüht atmete er tief ein. „Hey, nun freu dich doch! Das wird super, ganz sicher!“ Anna klang überaus vergnügt. Sie lachte und wollte nicht aufhören, von der bevorstehenden Fete zu schwärmen. „Nicola ist eine tolle Freundin von mir! Du wirst sie bestimmt mögen. Was meinst du, wie viel Spaß wir dort haben werden, Schatz. Sag doch mal was!“ Georg schloss seine rechte Hand zur Faust; er presste sie derart fest zusammen, dass seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Ansonsten, so fürchtete er, würde er Anna weitaus heftiger als nötig anfahren, um dem Druck in seinem Inneren Luft zu machen. „Das kann nicht dein Ernst sein. Was meinst du, was hier gerade los ist. Hier brennt die Luft und du störst mich mit so etwas Unwichtigem wie dieser Party? Mach das nie wieder, hörst du? Nie!“ Ohne ein weiteres Wort legte er auf. Annas Enttäuschung war riesig, Tränen füllten ihre Augen. Er hatte ihr einen derart großen Dämpfer verpasst, dass ihre Stimmung vollkommen am Boden war. Natürlich verstand sie, dass er zu arbeiten hatte; sie begriff jedoch nicht, weshalb er sie dermaßen gefühllos abservieren musste. Da Georg sehr spät aus seinem Büro kam und sich auch zuhause gleich in sein Arbeitszimmer setzte, sahen sie sich an diesem Tag nicht mehr. Am Abend des folgenden Tages versuchte Anna, ihn telefonisch zu erreichen. Sie wollte erneut mit ihm über die bevorstehende Party sprechen, ihn versuchen zu überreden, mit ihr dorthin zu gehen. Eine leise Hoffnung keimte in ihr, dass er gestern nur deshalb ablehnte, da er schlecht gelaunt war. Gegen zwanzig Uhr probierte sie es zum ersten Mal. Es war ein Freizeichen zu hören; sie ließ es extra lange klingeln, aber nichts tat sich. Nach einer weiteren Stunde beschloss sie zu, ihm zu fahren. Sie war aufgeregt und hatte, da sie nicht abschätzen konnte, ob er noch zornig mit ihr war, ein mulmiges Gefühl im Bauch. Auf der Straße stehend, blickte sie zu den Fenstern seiner Wohnung hinauf. Sie konnte Licht dahinter sehen. Jetzt schien er daheim zu sein. „Komm rein“, hörte sie seine neutrale Aufforderung durch die Gegensprechanlage. Oben wurde sie bereits erwartet. Georg sah ihr ohne Regung in seinem Gesicht entgegen. Er wusste nicht, was sie bei ihm wollte; zudem hatte sie sich nicht angekündigt, was er grundsätzlich nicht mochte. Na, wenigstens guckt er nicht böse, wenn er sich schon nicht freut, dachte sie jugendlich optimistisch. Georg ging vor ihr her in die Wohnung und setzte sich vorsichtig auf das Sofa. Er hatte seit dem Nachmittag starke Kopfschmerzen, die ihm jede ruckartige Bewegung verboten. Sie hockte sich auf die äußere Kante neben ihn. Sie spürte nichts von seiner Erschöpfung, von seinen Schmerzen. Auch fiel ihr in keinster Weise auf, wie blass er an diesem Abend aussah. Sie war ausschließlich damit beschäftigt zu befürchten, dass er ihren gemeinsamen Fetenbesuch auch heute wieder ablehnen würde. Aus der Tasche auf ihrem Schoß zog sie den Brief von Nicola hervor und hielt ihm die bunt gestaltete Seite entgegen. „Guck mal Schatz, das ist die Einladung zu der Geburtstagsparty meiner Freundin, von der ich dir erzählte.“ Zurückhaltend schaute sie in sein Gesicht. Georg nahm den Brief und überflog ihn. Kaum traute sie sich zu fragen, dann aber raffte sie ihren Mut zusammen: „Na, was meinst du dazu? Wäre es nicht vielleicht doch ganz toll, wenn wir dort zusammen hingehen könnten?“ Georg schüttelte langsam den Kopf, während er noch in den Brief schaute, was den Schmerz erneut zunehmen ließ. Anna beobachtete ihn und dachte: Nein! Bitte, bitte nicht ablehnen! Doch sie ahnte bereits, dass er sich dagegen entschieden hatte. Verzweifelt fing sie an zu betteln: „Och bitte, Schatz. Bitte komm mit mir auf die Party! Bitte, bitte, bitte.“ Er sah von dem Papier in seinen Händen auf und gab es an sie zurück. „Nein, ausgeschlossen. Wie kommst du nur auf diese Idee?“ Sie schaute ihn unglücklich an, ihre Augen füllten sich mit Tränen und ihre Unterlippe begann zu zittern. Georg sah, dass sie jeden Moment zu weinen beginnen würde und dachte, dass er eine Szene solcher Art besonders an diesem Abend nicht brauchen konnte. Er drehte sich zu ihr und mit dem Versuch, ihre Tränen zu unterbinden, strich er mit seiner Hand durch ihr langes, hellblondes Haar. Durch die Bewegung pochte es unangenehm in seinem Kopf, was ihn seine Hand zurückziehen ließ. „Heulst du, weil ich nicht mit zu der Party komme? Das ist doch wirklich nicht schlimm.“ Annas Tränen liefen ungehemmt. Sie schluchzte und verbarg ihr Gesicht in ihren Händen. Wenige Minuten später war das Schlimmste vorbei, wie er glaubte. Anna wühlte in ihrer Hosentasche nach einem Papiertaschentuch und putzte sich die Nase. „Ja! Und es ist doch schlimm. Überhaupt, dass du immer so wenig Zeit für mich hast. Nie machen wir was zusammen, zu meinen Eltern willst du auch nicht, und dann warst du gestern noch so fies zu mir am Telefon, dabei wollte ich dir nur von meiner Vorfreude erzählen. Dass du so herzlos sein kannst …“ Anna weinte wieder stärker, kaum war es ihr möglich, verständlich zu sprechen. Georg fühlte sich von ihrem Gefühlsausbruch überfahren: Zu wenig Zeit? Nie zusammen? Litt sie entgegen seiner Einschätzung etwa doch unter seinem Zeitmangel? Dass sie glaubte, sie seien ein Paar, war eine Sache – dass sie das komplette Beziehungsthema mit ihm leben wollte, eine andere, für Georg vollkommen inakzeptable. Inzwischen war die traurige Stimmung ihrem angestauten Frust gewichen, der sich seinen Raum suchte: „Das ist echt gemein, nicht einmal zu einer Party gehst du mit mir, auch diese Freude machst du mir nicht.“ Viel Lust und Energie sich zu rechtfertigen hatte Georg nicht, dennoch sagte er: „Nein, und das werde ich auch nicht, Anna. Aber wir unternehmen doch anderes miteinander, das auch sehr schön ist.“ „Ja? Was denn wohl? So viel ist das ja nun auch nicht. Immer nur essen gehen und danach Sex.“ Georg stand vorsichtig auf. Sein Kopfschmerz war inzwischen derart stark, dass er ihm Übelkeit verursachte. Anna erhob sich ebenfalls. Bockig schaute sie ihn an. „Na und, ist doch wahr. Alle meine Freundinnen machen viel mehr mit ihren festen Freunden. Ich finde, du vernachlässigst mich total!“ Er trat genervt einen Schritt auf sie zu. „Anna, es reicht. Du weißt, dass es sich nicht ändern wird. Entweder es läuft so oder gar nicht. Diskussionen führen zu nichts und stehlen mir meine Zeit.“ Georg fühlte sich müde. Er sehnte sich nach einer Schmerztablette und seinem Bett. „Ich habe starke Kopfschmerzen und es geht mir nicht besonders gut. Daher bitte ich dich, jetzt zu gehen. Wenn überhaupt, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt darüber sprechen.“ Schmollend ging sie zur Garderobe, um ihre Jacke anzuziehen. „Dann tschüss, du alter Egoist“, sagte sie patzig, als sie aus seiner Tür trat und in den Fahrstuhl stieg. Georg sah ihr nach und ging ohne ein Wort der Verabschiedung zurück in seine Wohnung. Er nahm im Bad zwei Kopfschmerztabletten ein, putzte sich flüchtig die Zähne und ging auf direktem Weg ins Bett. Prinzessin Heilige Drei Könige, Feiertag … Kurz vor halb acht wurde Georg wach. Er streckte sich und stellte auf dem Weg ins Bad erleichtert fest, dass sein Kopfschmerz über Nacht verschwunden war. Nach der Nassrasur ließ er kaltes Wasser in seine hohlen Handflächen laufen und spritzte es sich ins Gesicht. Mit einem Becher Kaffee in der Hand begab er sich für den Rest des Tages in sein Arbeitszimmer. Anna schlief lange und auch nach dem Frühstück legte sie sich wieder auf ihr Bett. Die Arme hinter ihrem Kopf verschränkt, schaute sie nachdenklich an die Zimmerdecke. Nur ungern erinnerte sie sich an das Gespräch, das sie am Abend zuvor mit ihrer Mutter führte und in dem sie ihr von ihrem Zank mit Georg berichtet hatte. Da sie dieser Beziehung von vornherein skeptisch gegenüberstand, hatte es sie nicht gewundert, von ihr den Rat zu bekommen, endlich einen Schlussstrich zu ziehen. Denn dass ein Ende mit Schrecken besser war, als in einem Schrecken ohne Ende zu leben, traf nach Meinung ihrer Mutter besonders auf die ungleiche Verbindung mit Georg zu. Was soll ich nur tun?, überlegte sie. Verlieren wollte sie ihn nicht, dessen war sie sich sicher – ihn zum Freund zu haben bedeutete ihr viel. Sie war verliebt und genoss die Blicke der anderen, wenn sie zu ihm in sein großes Auto stieg. Zudem wollte sie auf die Annehmlichkeiten seines Geldes nicht verzichten, wenn sie miteinander ausgingen. Hinzu kam, dass ihr die Aufmerksamkeit gut tat, die er ihr in seinem Schlafzimmer widmete; in diesen Stunden gab er ihr das Gefühl, eine begehrenswerte Frau zu sein. Ohne dass sie es verhindern konnte, füllten ihre Augen sich mit Tränen, Trotz und Hilflosigkeit brachten sie zum Weinen. Ich heule hier und er ist wieder mal nicht da, sinnierte sie bockig. Immer versteckt er sich hinter seiner Arbeit, wenn er mich nicht hören oder sehen will. Sie kramte nach dem Taschentuch in der Hosentasche ihrer Jeans, das vom vorangegangenen Abend noch in darin steckte. Was fiel ihm gestern nur ein?, fragte sie sich mit aufsteigender Wut. Er hatte sie herausgeworfen, kühl und unverschämt nach Hause geschickt. Niemand durfte sie auf diese Art behandeln, befand sie stolz und beschloss, darauf zu warten, dass Georg sich bei ihr entschuldigen würde. Er würde schon sehen … Schließlich war sie die Frau und der Mann sollte in so einem Fall voller Reue mit einem Blumenstrauß vor der Tür stehen. So gehörte es sich ihrer Meinung nach, so hatte sie es schon oft im Fernsehen gesehen. Sie nahm sich nichts vor, wagte in den folgenden zwei Tagen kaum, sich aus der Wohnung oder vom Telefonapparat zu entfernen. Sie befürchtete, Georg würde sie in genau dieser Minute um Verzeihung bitten wollen und sie könnte ihn verpassen. Es ging so weit, dass sie das Telefon sogar auf der Toilette bei sich hatte. Je länger sie jedoch vergeblich wartete, desto größer wurde ihre selbstüberschätzende Wut. Mittlerweile hoffte sie nicht mehr auf eine Entschuldigung, inzwischen verlangte sie sie von ihm. Das Wochenende verging, ohne dass sie etwas von dem Wirtschaftsboss hörte. Annas Eitelkeit und ihr gekränkter Stolz übernahmen die Regie, von nun an gaben sie die Anweisungen. Ohne zu überlegen schwänzte sie am Montag ihre erste Vorlesung, um stattdessen zu Georg ins Unternehmen zu fahren. Sie wollte ihm die Leviten lesen, ihm zeigen, dass er so etwas mit ihr nicht machen durfte. Über mögliche Konsequenzen machte sie sich keine Gedanken, als sie um kurz nach halb neun das Gelände der Konzernzentrale betrat. Gegenüber waren Männer in Arbeitskleidung damit beschäftigt, den großen, mit unzähligen Lichtern versehenen Weihnachtsbaum abzubauen, doch Anna sah nicht hin. Sie ging auf die Schranke zu, an der sie sich seitlich vorbei durch die Fußgängerbarriere schieben wollte. Im Verwaltungsgebäude, so war ihr Plan, würde sie mit dem Aufzug in die höchste Etage fahren und sich dort zu Georg durchfragen. Eine laute Stimme hielt sie jedoch auf: „Hallo! Einen Moment bitte, wohin wollen Sie?“ Die junge Studentin stutzte und schaute durch die offen stehende Tür in das Pförtnerhaus hinein. Ein Angestellter mittleren Alters stand hinter dem Empfangstresen und blickte zu ihr nach draußen. Sie trat zu ihm in das helle Gebäude. „Zu Herrn Doktor Wagner.“ Ihre Sprechweise klang fest und entschlossen. Die des pflichtbewussten Mitarbeiters ebenfalls: „Haben Sie einen Termin?“ „Nein, den brauche ich nicht, ich …“ „Dann kann ich Ihnen nicht weiter helfen. Bitte lassen Sie sich einen Termin geben.“ „Das geht nicht, ich muss unbedingt jetzt zu ihm. Es ist wichtig“, versuchte Anna den resoluten Mann zu überzeugen. „Ich sagte Ihnen doch, dass es nicht möglich ist.“ „Sie können doch eine Ausnahme machen.“ Der kräftige Herr schüttelte den Kopf und lehnte ihr Betreten des Firmengeländes weiterhin konsequent ab. „Nein. Ich weiß nicht, was Sie sich vorstellen, aber Sie können doch nicht so ohne weiteres zu unserem Management durchlaufen.“ „Auch nicht, wenn er mein fester Freund ist?“ Anna stemmte ihre Hände in ihre Hüften und machte ihre Augen schmal. Sie wollte ihm imponieren und um jeden Preis erreichen, zu Georg gelassen zu werden. „Auch dann nicht.“ Der Pförtner hielt die Sache für einen schlechten Scherz oder kühne Dreistigkeit. Anna verzweifelte zunehmend. Daher verlegte sie ihre Taktik auf das Betteln: „Bitte bitte. Rufen Sie zumindest an. Es geht doch um die Liebe.“ Die Liebe?, fragte er sich. Ungläubig sah er in Annas Gesicht, überlegte aber gleichzeitig, für sie nachzufragen. Angesichts ihrer Entschlossenheit verwarf er die Möglichkeit nicht mehr komplett, dass sie Recht hatte und mit Doktor Wagner aus dem Vorstand liiert war. Um keinen Ärger zu bekommen, griff er nun doch zum Telefon, obgleich er sich das Ganze noch immer nicht vorstellen konnte. „Na gut. Ich frage nach. Ihren Namen bitte?“ „Anna Kramer.“ „Dauert einen Moment …“ Sie nicht aus den Augen lassend, wählte er eine kurze Nummer, die ihn mit dem Vorzimmer Georgs verband. „Frau Krüger? Hier steht eine junge Dame, Anna Kramer, die gern zu Doktor Wagner möchte.“ Kurze Pause. „Nein, kein Termin.“ Er hörte Georgs Sekretärin zu. „Ja danke, ich warte.“ Anna versuchte seinem Gesicht abzulesen, ob es gut für sie aussähe oder nicht. Nach einigen Minuten nickte er. „Ja danke, ich werde es ihr sagen“, beendete er das Telefonat und wandte sich an Anna: „Tut mir leid, er ist nicht zu sprechen. Ohne Termin wird das nichts, lassen Sie sich in Zukunft vorher einen geben.“ „Gibt es denn gar keine Möglichkeit?“ Anna probierte es ein letztes Mal, obgleich sie verstanden hatte, dass sie hier nicht weiter kam und Georg keine Zeit hatte sie zu sehen. Oder sie nicht sehen wollte. „Nein, zum Kuckuck!“ Der Pförtner wurde energisch. „Bitte gehen Sie, bevor ich den Werkschutz in Kenntnis setzen muss.“ Anna sah von ihrem Buch auf, als am späten Abend das Telefon auf ihrem Anschluss klingelte. Ob es vielleicht Georg ist?, war ihr erster Gedanke, als sie das Gespräch annahm. „Anna Kramer.“ „Ich bin‘s.“ Es ist Georg, endlich, triumphierte sie. Dass er wütend klang, nahm sie nicht wahr. Stattdessen freute sie sich, da sie davon ausging, dass ihn ihr Erscheinen am Vormittag beeindruckt hatte und er deshalb seine sture Haltung aufgab. „Du warst heute im Unternehmen?“ Seine Stimme war schroff. „Ja, das war ich.“ „Was für eine dumme Idee! Du kannst doch nicht einfach so mir nichts, dir nichts dort aufkreuzen und nach mir verlangen! Was hast du dir nur dabei gedacht?“ „Was hast du dir gedacht, dich das ganze Wochenende nicht bei mir zu melden?“ „War das der Grund?“ Er lachte fassungslos. „Ja, das kannst du nämlich nicht mit mir machen.“ „Was für ein Unsinn, ich lege doch dir gegenüber keine Rechenschaft ab. Das würde mir gerade noch fehlen.“ „Das war es nicht, du hast dich nicht entschuldigt, nachdem du mich am Donnerstag in hohem Bogen rausgeworfen hast! Darauf hatte ich gewartet.“ Georg glaubte, seinen Ohren nicht zu trauen. „Ich habe was nicht getan? Ich wüsste nicht, wofür ich mich entschuldigen sollte. Jemanden in hohem Bogen hinauswerfen sieht im Übrigen ganz anders aus, dich habe ich freundlich gebeten zu gehen, was ein großer Unterschied ist.“ Prinzessin, fügte er in Gedanken an das Satzende an. Wieder wurde ihm bewusst, was Frederik ihm sagen wollte, als er von Problemen und Stress sprach, deutlicher denn je. Und zu diesem Zeitpunkt ahnten beide noch nicht annähernd, wie verwöhnt Anna war und wie zickig sie sein konnte. „Was auch immer, es gibt keinen Grund für dich, dort jemals wieder aufzutauchen.“ „Aber mit Termin, dann geht’s! Das hat deine Büromieze dem Pförtner zumindest gesagt.“ Anna lachte amüsiert, ein gelungener Gegenschlag, wie sie meinte. Georg atmete tief aus. Dass Anna auf eine sehr freche Art ständig etwas nachzusetzen hatte, ärgerte ihn maßlos. Entsprechend genervt reagierte er und wurde laut: „Nein, verdammt! Ich will, dass wir unser Verhältnis und meine Arbeit strikt trennen, hast du mich verstanden?“ Boah, das war doch nur ’n Witz. Dafür muss er mich nicht anschreien, urteilte Anna widerspenstig und schwieg. „Hast du mich verstanden, Anna?“ Georg kannte sich selbst kaum wieder. Dass er derart die Beherrschung verlor, kam höchst selten vor. Als er sein Mobiltelefon zurück in die Tasche steckte, dachte er zum ersten Mal darüber nach, ihr im übertragenen Sinne die Kündigung auszusprechen. Was war das? Doch wohl keine Versöhnung?, fragte Anna sich, als sie zur selben Zeit mit einem unguten Gefühl im Magen ihr Telefon aus der Hand legte. Da sein Arbeitstag lang und anstrengend war, ging Georg früh in sein Bett. Allerdings war der Erholungsschlaf nur von kurzer Dauer, da ihn eine Stunde später die Türklingel aus seinem Traum riss. Er brauchte einige Sekunden sich zu orientieren und das Geräusch zuordnen zu können, zu fest hatte er bereits geschlafen. Wer kann das jetzt noch sein?, fragte er sich, als er die Augen aufschlug und auf seinen Wecker schaute. Schlaftrunken ging er, lediglich mit einer Boxershorts bekleidet, zur Tür und betätigte den Knopf der Gegensprechanlage. „Ja?“ „Huhu, ich bin‘s, Anna! Wir müssen uns doch noch vertragen, das war’s vorhin nicht.“ Er lehnte seine Stirn an die kühle Tür, mit geschlossenen Lidern und ohne zu antworten, drückte er den Türöffner. Unten wunderte Anna sich über sein Schweigen, dennoch betrat sie das Haus. Sie wollte sich derart gern mit ihm aussöhnen, dass sie kurzentschlossen zu ihm gefahren war. Oben stand Georg in der offenen Tür. Er hatte sich zusätzlich ein T-Shirt angezogen und ging, als er Anna aus dem Aufzug kommen sah, auf direktem Wege zurück in sein Bett. Als Anna seine Wohnung betreten und die Tür hinter ihr ins Schloss gefallen war, schaute sie ihm irritiert nach. „Hey warte, was ist denn los?“, rief sie ihm nach, als sie sich im Flur eilig die Schuhe abstreifte. Georg lag bereits wieder, als sie das Schlafzimmer betrat und ihre Kleidung auszog. „Du freust dich gar nicht oder?, fragte sie unzufrieden, als sie zu ihm ins Bett stieg. Kaffee, Fotos und ein Eigentor „Und jetzt holen wir uns bei Georg einen Kaffee ab, was hältst du davon? Es müsste gleich hier um die Ecke sein.“ Frederik legte seinen Arm um Kathis Schultern, in der freien Hand hielt er locker durchhängend Ollis Hundeleine. Kathi schaute skeptisch zu ihm hinauf. „Einfach so? Ist er denn überhaupt da? Und was ist, wenn er keine Zeit hat?“ Sie waren auf dem Rückweg von einem Bummel in der Innenstadt, in der es an diesem Samstag von Menschen nur so wimmelte. Sie legte ihren Arm um seine Hüfte, als sie in der Kälte nebeneinander hergingen. „Er ist ganz sicher da, wahrscheinlich hängt er wieder vorm Rechner und arbeitet. Außerdem habe ich seine neue Wohnung noch nicht gesehen.“ „Aber wir sollten uns zumindest ankündigen, das wäre mir wirklich lieber.“ Frederik grinste, gleichzeitig zog er sein Handy aus der Tasche. „Okay, dann machen wir das. Obwohl er echt froh sein sollte, dass er durch uns endlich mal zu ‘ner Pause kommt.“ Mit dem Mobiltelefon am Ohr blieb er abwartend stehen. Es ertönte ein Freizeichen, dann meldete er sich: „Hi, Frederik hier. Wie sieht’s aus? Zeit für ’n Kaffee?“ Kurzes Schweigen. Kathi stand neben ihm und hauchte sich in die Hände. Es herrschten noch immer arktische Temperaturen und sie sehnte sich danach, sich bald aufwärmen zu können. „Ja gut, bis dann.“ Erneut legte sie ihren Arm um seine Hüfte, sie nahm an, dass sie nun weitergingen; Frederik jedoch zog sie fest in seine Arme und beugte sich zu ihr herunter. Er biss vorsichtig in ihr Ohrläppchen und flüsterte rau: „Weißt du, wenn ich dich so ansehe, dann könnte ich dich …“ „Na was?“ Herausfordernd neigte sie den Kopf auf die Seite. Frederik schob seine Hand in das offene Revers ihres Parkas und durch den Ausschnitt ihres Pullis hindurch, direkt in das Oberteil ihrer Wäsche hinein. „Hey Frederik!“, entfuhr es Kathi erschrocken über seine kalte Hand und seine charmante Dreistigkeit. Immerhin standen sie auf offener Straße, obwohl sein Körper die Sicht auf seine Tat weitestgehend verbarg. Ungeachtet dessen raunte er ihr zu, als er ihre Ohrmuschel küsste: „Geht es dir nicht auch so? Immer Lust? Ich finde dich so sexy, ich könnte ständig über dich herfallen, du süßes Biest.“ Kathi nickte lachend, wovon er sich gern anstecken ließ. Seine Lippen kitzelten ihr Ohr, wie es seine Worte zuvor mit ihrem Ego taten. „Hier ist es wohl.“ Frederik blieb stehen und schaute suchend auf die Klingelschilder des modernen, hohen Glasbaus. Kathi blickte an der Fassade hinauf und dachte, dass die Miete so nah am Zentrum sicher unermesslich hoch war. „Da haben wir ihn ja“, murmelte Frederik gleich darauf und drückte Georgs Klingelknopf. Begleitet von einem dezent klickenden Geräusch sprang die Tür auf. Mit dem Hund im Schlepptau betraten sie den mit Marmor ausgelegten Eingangsbereich. Oben stand Anna in der Tür. Als sie Kathi erblickte, fielen sie einander in die Arme. „Du bist hier? Das ist ja schön!“ Anna nickte. „Ja, hab’ hier geschlafen.“ Georg kam hinzu und bat sie hereinzukommen. Er begrüßte besonders Kathi herzlich. Anna schloss indessen die Wohnungstür hinter ihnen. Frederik beugte sich hinunter zu Olli und nahm ihm die Leine ab. Daraufhin gab er ihm ein wortloses Handzeichen, worauf der dichtbepelzte Neufundländer sich neben die Tür auf die Fliesen legte. Frederik half Kathi aus ihrem Parka und hängte ihn zusammen mit seiner dunkelgrünen Wachsjacke an die Garderobe. Georg wandte sich währenddessen an Kathi: „Einen heißen Kaffee?“ Sie nickte und auch Frederik stimmte begeistert zu. In der Küche stellte Georg nacheinander die Becher unter den Kaffeeautomaten und suchte in der Schublade nach Gebäck. Anna, die Frederik und Kathi gegenüber auf dem Sessel Platz genommen hatte, fragte: „Hast du Olli schon lange? Ich finde ihn supersüß.“ „Seit einigen Jahren. Bei seinem Vorbesitzer hatte er es nicht gut. Ich habe ihn freigekauft, da ich es nicht mit ansehen konnte, dass er an der Kette leben musste.“ Anna nickte. Das Geräusch des Mahlwerks aus der Kaffeemaschine war bis in das Wohnzimmer zu hören. Georg betrat den Raum. Er stellte vier Becher und eine flache Schüssel mit Plätzchen auf den Tisch. Frederik nahm sich ein Biskuit und biss genussvoll hinein. „Trotz seines Scheißlebens ist er aber erstaunlich umgänglich und lieb geblieben, ein wirklich braver Kerl“, bemerkte er abschließend kauend. Der Gastgeber erkannte, dass der Hund Inhalt des Gesprächs war, gab sich jedoch ahnungslos: „Sprichst du von mir? So schlimm war es auch wieder nicht.“ Frederik brach in lautes Gelächter aus und auch Georg war nicht in der Lage, länger ernst zu bleiben. „Darf ich ein Foto von ihm machen?“ Anna war in Gedanken noch bei Olli, als sie schon ihr Handy aus der Hosentasche ihrer Jeans kramte. Frederik konnte nicht anders; er musste den Witz noch einmal aufgreifen: „Warum fragst du mich? Er ist doch dein Freund!“ Verdutzt sah Anna von Frederik zu Georg, die beide schallend lachten. So locker hatte sie den beherrschten Geschäftsmann noch nie gesehen. Lachtränen liefen aus seinen Augen. Kathi erkannte Annas Irritation und beantwortete daher ihre Frage: „Ja, klar, aber pass auf, dass er dein Telefon nicht frisst.“ Sie wollte Anna aus der Verlegenheit helfen, da sie annahm, dass es ihrer Nichte nicht gefiel, Auslöser dieses Heiterkeitsausbruchs zu sein. Zu spät bemerkte sie, dass sie nur eine weitere Steilvorlage geliefert hatte. Aus dem Augenwinkel sah Kathi, dass Frederik diese nutzen und zum nächsten Scherz ansetzen wollte; rechtzeitig legte sie ihm ihre Hand auf das Knie und bremste ihn. Unterdessen wischte Georg sich mit dem Handrücken über die feuchten Augen. Kaum hatte Kathi ihren Satz beendet, schaute er Frederik an. Ohne, dass es in Worte gefasst werden musste, wussten beide, was der andere dachte und sie prusteten erneut los. Derweil ging Anna zu dem Hund in den Flur, und schon im nächsten Augenblick war zu hören, dass sie den Auslöser der Kamera betätigte. Als sie zurückkehrte, drückte sie Kathi ihr Mobiltelefon in die Hand und hockte sich hinter Georgs Sessel, während dieser sich langsam wieder beruhigte. Mit einem Handzeichen und einem verschwörerischen Grinsen bat sie Kathi geräuschlos, ein Foto zu schießen. Es klickte leise, zuvor jedoch hatte Anna blitzschnell ihre Arme um ihn gelegt und sich an seinen Rücken geschmiegt. Ein zärtlicher Überraschungsangriff. Georg drehte sich ruckartig zu ihr um. Es war ihm nicht recht, dass dieses Foto entstanden war, wie Kathi seinem Gesichtsausdruck entnahm. Er seufzte. „Anna, was sollte das?“ Sein Blick suchte ihren. „Ach, nun hab’ dich nicht so, nur ein klitzekleines Bild. Ich habe doch sonst keines, auf dem wir gemeinsam drauf sind.“ „Du weißt genau, dass ich es … Ach, lassen wir das.“ Er winkte ab und griff zu seinem Kaffeebecher. Anna spürte, dass sie ihm die Stimmung gründlich verdorben hatte. Nach dieser Szene drehte sich das Gespräch um sachliche Themen wie die samstagsvolle Innenstadt, den Einzelhandel im Allgemeinen und die Wirtschaft im Besonderen. Von Letzterem wusste Frederik, dass dieses Thema bei Georg äußerst beliebt war. Da er aber ahnte, dass es die Frauen und auch ihn nicht über Stunden hinweg interessierte, lenkte er an passender Stelle ab: „Wie wär’s, wenn du mit uns eine Runde durch die Wohnung drehen würdest? Ich weiß noch gar nicht, wie du hier so haust.“ Mit dem Kaffeebecher in der Hand wechselten sie von Raum zu Raum. Als sie am Schluss im Esszimmer ankamen, lehnte Kathi sich an Frederiks Brust; dieser stand hinter ihr und hatte einen seiner Arme um ihre Schultern geschlungen. Georg hingegen blieb in einigem Abstand zu Anna. Kathi wandte sich ihm zu: „Schön hast du’s hier. Sehr modern und edel“, lobte sie seine Einrichtung anerkennend. Im gleichen Moment wurde Anna ihre Distanz zu Georg bewusst. Sie trat näher und schmiegte sich an ihn. Georg reagierte darauf nicht, er schaute zu Kathi herüber und antwortete: „Danke, aber das ist nicht mein Verdienst. Von mir sind nur einige Kleinigkeiten. Die Bilder zum Beispiel. Als ich wieder hier war, blieb nicht viel Zeit, mir etwas zu suchen. Es lag daher nahe, diese komplett ausgestattete Wohnung zu mieten, um die die Firma sich gekümmert hatte. Schnell und praktisch.“ Kathi war verblüfft: „Möbliert und neu? Das gibt’s? Das wusste ich gar nicht. Ich ging davon aus, das die Sachen in solchen Fällen gebraucht sind.“ Sie blickte erstaunt in sein Gesicht. „Ja doch, das gibt es. Und zwar in allen erdenklichen Varianten. Ich hatte verschiedene zur Auswahl mit den unterschiedlichsten Einrichtungsstilen.“ „Und da hat er sich doch glatt für diesen ausgesprochen gemütlichen und wahnsinnig heimeligen Stil entschieden“, kommentierte Frederik ironisch. „Ach, warum? Ich finde es schick und es passt zu ihm“, bemerkte Kathi. Frederik sah sie verwundert an, während Georg lachend sagte: „Klassisches Eigentor, Doktor Steinberg!“ Der Internetauftritt „Hat er Zeit?“ Robert Lehmanns Frage war rein formell. Ohne eine Antwort abzuwarten, wandte er sich zielstrebig Georgs Bürotür zu. Frau Krüger erhob sich. „Warten Sie bitte, Herr Lehmann, ich melde Sie gern an.“ „Nein, nicht nötig. Es ist dringend.“ Die Sekretärin nickte. Sie wusste, es war prinzipiell in Ordnung, dass ein weiteres Mitglied aus dem Vorstand ohne jede Ankündigung zu ihrem Chef durchgehen konnte. Zeitgleich mit seinem Klopfen trat er ein. Überrascht blickte Georg auf. „Robert, hallo“, begrüßte er ihn, als dieser sich in den Ledersessel vor seinem Schreibtisch setzte. „Sag mal Georg, ist dir bekannt, dass private Daten und ein passendes Bild von dir im Internet veröffentlicht wurden?“, fiel er gleich mit der Tür ins Haus. „Nein.“ Georg lehnte sich erstaunt nach hinten in seinen Sessel. Ein unangenehmes Gefühl machte sich in ihm breit. „Um was handelt es sich genau?“ Sein Kollege beugte sich vor, als er zu erzählen begann: „Meine Tochter kam gestern mit dieser Neuigkeit heim. Die Story ist im Blog einer Kommilitonin von ihr; auf einer Studentenseite. Sie fragte mich, ob ich dich kennen würde, da der Name unseres Unternehmens in dem Bericht steht. Passend dazu blieben natürlich auch deine Daten nicht unerwähnt.“ Anna!, schoss es Georg durch den Kopf. „Welche Webseite ist es? Ich muss das sofort sehen!“ „Dann öffne den Browser und gib ein:“ Robert nannte ihm die Adresse. Georg tippte sie zügig und prompt kam er zu Annas persönlicher Seite in einer Studenten-Community, von der er bis dato nicht wusste, dass es sie gab. Er landete in ihrem Internet-Tagebuch, bei der erwähnten Schilderung. Wie er sich gedacht hatte, handelte es sich um das Foto, das Kathi am vergangenen Samstag mit Annas Handy von ihnen aufgenommen hatte. Zu dem er überrumpelt wurde, als er sie einen Moment aus den Augen gelassen hatte. Er war darauf deutlich zu erkennen. Ebenso ein Teil seiner Wohnung im Hintergrund. Eindeutig zu viel. Georg sah vom Bildschirm auf, unmittelbar in das fragende Gesicht seines Kollegen. „Und? Was sagst du dazu?“ „Das muss runter von der Seite, sofort.“ „Das denke ich auch. Das war der Grund meines frühen Sturms auf dein Büro.“ Er lächelte. Georg erwiderte es gequält. „Ich danke dir auf jeden Fall, dass du mich darauf aufmerksam gemacht hast.“ Als er den dazugehörigen Text las, schüttelte er fassungslos den Kopf. Anna stellte ihn als ihren festen Freund und ihre große Liebe vor. Sie erzählte von ihrer gegenseitigen Verliebtheit und darüber, wie wenig ihr immenser Altersunterschied ihre Beziehung aus ihrer Sicht beeinträchtigen würde. Sie schwärmte und verlor sich in indiskreten Einzelheiten. Auch mit Georgs Vorstandsposition im Unternehmen, dessen Namen sie dazu schrieb, prahlte sie in mehreren Sätzen. „Liest du ihren Bericht?“ „Mhhm, ja.“ „Sie hält sich nicht gerade zurück.“ „Allerdings. Es ist unfassbar. Wie kommt sie nur dazu? Viel zu viele Interna. Dass sie nicht noch meine Schuhgröße erwähnt ist alles … Gott, wie einfältig kann man sein?“ „Darf ich persönlich werden, Georg? Ich nehme an, dass die Verfasserin das hübsche Mädchen von dem Bild ist?“ Georg nickte, während sein Kollege einen Pfiff durch die Zähne andeutete. Die Wut, die sich in Georg aufgebaut hatte, näherte sich ihrer Obergrenze. „Ja, sie ist die Verursacherin dieser dummen, unpassenden Aktion, heißt Anna und wir haben etwas miteinander laufen.“ „Also deine Freundin?“ „Nein, nein.“ „Eine Affäre?“ „Schon eher.“ „Ah, verstehe.“ Robert Lehmann grinste schief und klopfte ihm auf die Schulter. Er verließ das Büro, während Georg zum Telefon griff. Nach einer überaus unsanften Zurechtweisung, in der er Anna wegen der unerlaubten Internet-Veröffentlichung energisch maßregelte, waren das Bild und seine vertraulichen Daten rund eine Stunde später von ihrer Internetseite entfernt. Zwar sah sie ihren Fehltritt ein, dies zuzugeben, war sie jedoch wieder einmal zu stolz. Den gesamten Vormittag ärgerte Georg sich über Annas Indiskretion. Hiervon ausgelöst, setzte gegen Mittag ein unangenehmer Kopfschmerz ein, der sich zum Nachmittag nicht unerheblich steigerte. Da er für die bevorstehende Sitzung allerdings einen klaren Kopf benötigte, schluckte er zur Vorsicht zwei Schmerztabletten, obgleich ihm unter Umständen bereits eine geholfen hätte. In seinem Ärger überlegte er abermals, ob er die Liaison mit Anna in letzter Konsequenz nicht besser auflösen sollte, wenn sie zunehmend Schwierigkeiten und weniger lustvolle Freude brachte. Nur eine Vermutung? An einem frostklaren Sonntag im Januar saßen Kathi und Frederik zum gemeinsamen Frühstück in dessen Küche. Anschließend wurde es Kathi derart übel, dass sie sich übergeben musste. Frederik folgte ihr ins Bad. Es lag Besorgnis in seinem Blick. „Du wirst doch wohl nicht krank, Süße?“ Kathi putzte sich ihre Zähne. Sie sprach wegen des Schaums im Mund undeutlich: „Ich hoffe nicht.“ „Vielleicht hast du etwas vom Essen nicht vertragen?“ Kathi spuckte aus, spülte nach und betrachtete sich im Spiegel. „Ich sehe furchtbar aus.“ Frederik stellte sich hinter sie. Da er einen Kopf größer war, konnte er bequem über sie hinwegschauen. Er legte seine Arme um ihre Schultern und sah sie im Spiegelbild an. „Ach Quatsch, stimmt doch gar nicht. Wie geht es dir denn jetzt?“ „Schon besser.“ Sie lächelte tapfer. „Wahrscheinlich nur eine Magenverstimmung oder so.“ Frederik schaute ihr prüfend in die Augen. „Hattest du das schon öfter?“ Kathi nickte. „Mhhm. Neuerdings ist mir immer wieder schlecht. In unserem Amt geht die Magen-Darm-Grippe um und bestimmt habe ich mich angesteckt. Es ist bald vorbei, ganz sicher.“ Sie klammerte sich an diesen Gedanken und versuchte, auch Frederik davon zu überzeugen. Natürlich hatte sie im Hinterkopf, dass ihre Regel seit ein paar Tagen überfällig war, jedoch konnte es in ihrem Alter ebenso gut damit zusammenhängen, dass sie allmählich in die Wechseljahre kam. Weiter mochte sie zu diesem Zeitpunkt nicht denken. Frederik hingegen schon. Es war nur ein kurzes Aufflammen, ein winziger Augenblick, der ausreichte, ihn innerlich aufzuwühlen. Und obwohl er selbst nicht daran glaubte, vermochte er diese Idee nicht wieder beiseitezuschieben. Forschend schaute er seine Freundin im Spiegel an; in seinem Kopf formierte sich der Gedanke des unmöglichen zu einer aufgeregten Frage: „Sag mal … Kann es sein, dass du schwanger bist?“ Sie sah ihn kopfschüttelnd an. „Nein, das glaube ich nicht.“ Gleichzeitig musterte sie sein Spiegelbild und erkannte, dass sein Blick Bände sprach. Er war eindringlich, zugleich flackerte ein hoffnungsvolles Blitzen in seinen Augen, das sie das Ausbleiben ihrer letzten Monatsblutung eingestehen ließ: „Ja …“, seufzte sie, „ich bin überfällig. Seit ungefähr eineinhalb Wochen. Aber das muss doch nicht unbedingt etwas heißen, womöglich liegt es am Stress, den Wechseljahren oder wasweißichwas.“ „Das ist ja phantastisch, Süße!“, jubelte er begeistert und drehte sie zu sich um. Kathi freute sich im Gegensatz zu ihm nicht. Sie überlegte noch immer. „Das kann ich mir gar nicht vorstellen. Wann hätte denn das passieren sollen, wir haben doch immer verhütet?“ „Ja schon, aber nicht beim ersten Mal.“ Sie stutzte. „Ach ja, stimmt … Dass wir die Vernunft an diesem Abend so vollkommen ausgeblendet haben …“ Frederik lachte leise. „So funktioniert Leidenschaft.“ Seine Partnerin zögerte gedankenvoll. „Meine Güte, wenn ich nun wirklich schwanger bin? Es war unverantwortlich von uns.“ Er wurde wieder ernster: „Nein, das war es nicht. Wir sind zwei erwachsene Menschen und können die Verantwortung übernehmen. Hey Kathi, wir sind doch wohl in der Lage ein Kind zu ernähren und glücklich groß zu bekommen. Und weil das sowieso die ganze Zeit klar war, war es nicht eine Sekunde verantwortungslos.“ Kathi wiegte nachdenklich den Kopf, als er weitersprach: „Und weißt du was? Wenn es wirklich beim ersten Mal passiert ist, dann sollte es auch so sein; dann hat die Welt auf dieses Kind gewartet, glaubst du nicht auch?“ „Meinst du?“ Sie sah ihn resigniert an. Frederik nickte heftig. „Auf jeden Fall gehe ich gleich morgen zum Arzt.“ Später, als sie Hand in Hand durch den Park spazierten und der Hund schnüffelnd vor ihnen her lief, beschäftigte Kathi der Gedanke an eine mögliche Schwangerschaft noch immer. Frederik erging es nicht anders, ebenso nachdenklich unterbrach er ihr Schweigen: „Und ich ging in den letzten Jahren fest davon aus, keine Kinder zeugen zu können.“ Kathi sah ihn erstaunt von der Seite an. „Ja? Und warum? Wie kamst du denn darauf?“ Er blickte während des Gehens auf den Boden vor sich, als er zu erzählen begann: „In meiner früheren Ehe verhüteten meine damalige Frau und ich fünf Jahre lang nicht und trotzdem hatte sich kein Baby eingestellt. Aber innerhalb einer Affäre wurde sie dann plötzlich schwanger. Also musste ich doch annehmen, dass unsere Kinderlosigkeit an mir lag.“ „Du warst schon einmal verheiratet?“, fragte Kathi statt einer Antwort erstaunt nach. „Ja.“ Nickend sah er weiterhin auf den Weg unter ihnen und kickte verlegen ein Kieselsteinchen von sich weg. „Wann war das denn?“ „Die Scheidung ist etwas über sieben Jahre her.“ „Und danach?“ „Da hatte ich zwar hier und da mal eine Freundin, aber es ergab sich irgendwie nichts richtig Festes mehr.“ Es war kalt an diesem Nachmittag und ihr Atem schwebte weiß vor ihnen her. „Warum hast du mir nichts davon erzählt?“ Frederik drehte den Kopf und schaute sie an. „Ich nahm an, es interessiert dich nicht, außerdem gehört diese Episode mit ihrem unschönen Ende nicht gerade zu den Highlights meines Lebens. Um eine tolle Frau für mich zu gewinnen, plaudere ich lieber aus erfolgreicheren Zeiten.“ Kathi lächelte. Sie fühlte sich geschmeichelt. „Nein, das ist ein Denkfehler, Frederik. Frauen wollen genau diese Details aus dem Leben des Mannes, den sie lieben, wissen. Es interessiert sie durchaus, was in seinem Herzen los ist, sogar mehr als alles andere.“ „Den sie lieben?“ Er blieb stehen und sah ihr in die Augen. „Mhmh, ja …“, druckste sie verlegen herum, „ich hab dich schon ziemlich lieb.“ Frederik nahm sie ihn die Arme und küsste sie. „Ich habe dich auch sehr lieb, Kathi, sogar mehr als das“, raunte er darauf zärtlich in ihr Ohr. Sie setzten ihren Weg durch die Grünanlage fort und auf Kathis Bitte hin, erzählte er ihr seine Geschichte. Von der dreimonatigen Affäre Sybilles mit dem Mechaniker seiner Autowerkstatt, von dem Gefühl der Demütigung, der Leere und von seiner Traurigkeit, die er danach empfand. Davon, dass sie ihn ausgerechnet dann belogen und im Stich gelassen hatte, als er den Rückhalt und die Stärke aus der Ehe am dringendsten brauchte. „Ich hatte den Kopf sehr voll und wohl zu wenig Aufmerksamkeit für sie übrig. Es fiel genau in die Zeit, in der ich in der Tierklinik aufhörte und meine Praxis einrichtete. Da verliebte sie sich neu. Einfach so. Glutvoller Italiener, mal was anderes …“ Frederik sprach die letzten Worte abschätzig aus. Kathi hörte ihm zu, sie drückte seine Hand fester, als er weitersprach: „Ja, und ausgerechnet von dem wurde sie dann schwanger. Ist das nicht unfassbar? Weißt du, das ist es, was mich so nachdenklich macht. Von mir die gesamten fünf Jahre nicht und von ihm nach wenigen Wochen.“ Kathi sah ihn an und nickte. „An dem Abend, an dem sie es mir erzählte, bat ich sie aus unserem Haus auszuziehen. Dieses scheußliche Gefühl werde ich nie wieder vergessen.“ „Das verstehe ich gut und ich hätte dasselbe getan“, bestätigte sie ihn. Er lächelte sie an. „Aus dem Grundbuch für das Eigenheim wurde sie ausgetragen und Unterhalt muss ich ihr zum Glück nicht zahlen. Ich hatte ’nen guten Anwalt, der hat gekämpft wie ein Löwe. Lag wohl daran, dass er das privat auch gerade durch hatte.“ „Oh, gut, alles andere wäre ja auch noch schöner“, schimpfte Kathi. „Ach komm, nicht darüber aufregen, das ist Schnee von gestern. Lass uns lieber nach vorn schauen.“ Dabei streichelte er, rückwärts vor ihr hergehend, über ihren Bauch und grinste schelmisch. „Du bist dir schon so richtig sicher, oder?“, fragte sie ihn schmunzelnd. Frederik sagte dazu nichts, sondern küsste sie, was jedoch lachend gar nicht so einfach war. Entscheidung fürs Leben Am nächsten Tag … Den gesamten Vormittag war Frederik mit seinen Gedanken bei Kathi und ihrem Besuch beim Gynäkologen. Er wartete gespannt darauf, das Ergebnis zu erfahren und hoffte sehr, dass es in jeder Hinsicht positiv ausfallen würde. Mit gemischten Gefühlen parkte Kathi vor der Tür der Tierarztpraxis, um Frederik vom Befund ihrer Untersuchung zu berichten. So, wie sie es verabredet hatten. Gerade noch war sie im Begriff auszusteigen, als sie in ihrer Bewegung innehielt und zögernd die Hand vom Griff der Autotür nahm. Etwas in ihr hielt sie zurück, obwohl sie wusste, dass er sich unsagbar freuen würde. Keine Minute war am Abend zuvor verstrichen, ohne dass er mit glänzenden Augen davon geschwärmt hatte, wie gern er Kinder mochte und wie sehnsüchtig er schon immer Nachwuchs gewollt hatte. Die gesamte Dauer war nur noch von ihrer anzunehmenden Schwangerschaft die Rede; aus jedem seiner Worte hörte Kathi die pure Freude heraus. In manchen Momenten hatte er es geschafft sie mitzureißen, sie mit seiner Begeisterung anzustecken. In anderen aber bekam sie dieses ungute Gefühl im Bauch, welches in ihr die Frage aufwarf, ob sie es denn auch so unbedingt wollte. Sie konnte ihn durch die Glastür hindurch sehen. Er stand im Eingangsbereich und sprach mit einer jüngeren Frau, die einen großen, gefleckten Hund mit Schlappohren an der Leine hielt. Kathi beobachtete ihn. Zum ersten Mal sah sie ihn in seiner Arbeitskleidung, zu der eine weiße Hose und ein Polo-Shirt, mit dem aufgestickten Logo seiner Praxis auf der Brust, gehörten. Allerdings hatte sie für Äußerlichkeiten wie diese im Moment kaum einen Blick. Es war ihr beim besten Willen nicht möglich zu ihm zu gehen. Sie schaffte es nicht, ihm Friede, Freude, Eierkuchen vorzuspielen, wenn es tief in ihrem Inneren ganz anders aussah. Stattdessen startete sie ihr Auto und fuhr zu ihrer Wohnung. Sie musste allein sein und nachdenken. Zuhause angekommen rief Kathi im Büro an und meldete sich für den Rest des Tages krank, was ihrem Zustand durchaus entsprach. Sie legte sich auf ihr rotes Sofa und überlegte: Immerhin war sie bereits zweiundvierzig. Mittlerweile war sie stärker auf die Wechseljahre, denn auf eine Schwangerschaft eingestellt. Und dann heute dieses Ergebnis: schwanger in der sechsten Woche! Sie machte sich große Sorgen, ob alles gut gehen würde, falls sie sich für das Kind entschied. In ihrem Alter stellte es in jedem Fall ein Risiko dar, hatte ihr der Arzt gesagt. Das Baby könnte behindert zur Welt kommen. Oder gar nicht, wie er ihr erklärt hatte, da die Gefahr einer Fehlgeburt in ihrem fortgeschrittenem Alter besonders hoch war. Das empfand Kathi als äußerst beunruhigend und es bereitete ihr Angst. Außerdem war es ihr in Bezug auf Frederik viel zu früh. Sie kannte ihn erst knapp einen Monat. Kathis Ansicht nach steckten sie noch mitten in den Werbewochen, wie sie die Zeit nannte, in der sich jeder von seiner besten Seite zeigte, in der vor lauter Verliebtheit alles rosarot erschien. Was würde zum Beispiel aus ihr werden, wenn er nach dieser Zeit erkannte, dass sie doch nicht die große Liebe war? Wenn er sie nicht mehr wollte und nur noch wegen des Kindes bei ihr bliebe? Oder sich im schlimmsten Fall gar trennen würde? Kathi verschränkte die Arme hinter dem Kopf und grübelte weiter: Sie bedauerte, dass ihnen durch ein Kind viel Unbeschwertheit verloren gehen würde. Was ist mit einem Wochenende im Bett, einfach nur, weil wir Lust darauf haben? Oder mit spontanen Liebeseinlagen zwischendurch und überall? Mit unserer Freizeit? Alles vorbei?, fragte sie sich und begann zu weinen. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sie zu einem derart frühen Zeitpunkt ihrer Partnerschaft in die Verantwortung einsteigen sollten und nicht mehr Maus, Großer und Süße füreinander wären, sondern nur noch Mama und Papa. Und das womöglich noch zueinander sagten. Sie überlegte ernsthaft, ob sie dieses Kind zur Welt bringen sollte. Selbst der Gynäkologe hatte ihr geraten, sich auch diese Möglichkeit in Ruhe zu überlegen und mit ihrem Partner durchzusprechen. Kathi weinte sich in den Schlaf. Sie war müde, da sie wegen der Ungewissheit in der letzten Nacht noch lange wach gelegen und viel nachgedacht hatte. Zuerst baute sie es in ihren Traum ein, als es jedoch ein weiteres Mal an ihrer Tür läutete und dieses Klingeln deutlich länger andauerte, wachte sie davon auf. Mit verquollenem Gesicht und in gedrückter Stimmung ging sie zur Tür. Sie öffnete und Frederik stand davor. Besorgt sah er sie an, als sie ihm wortlos die Tür aufhielt. Er nahm sie in seine Arme: „Gut dich zu sehen, Maus. Schön, dass du hier bist.“ Er streichelte durch ihr Haar und gab ihr einen Kuss auf den Kopf. „Ich habe mir Gedanken gemacht. Warum bist du nicht zu mir in die Praxis gekommen wie abgesprochen? Oder hast wenigstens angerufen? Ich habe wirklich gewartet und am Ende das Schlimmste angenommen, als ich gar nichts von dir und dem Arztbesuch hörte.“ Er hielt ihre Schultern nun an den ausgestreckten Armen fest und schaute ihr in die Augen. Kathi aber senkte den Blick. „Hm? Was ist los?“ „Ich konnte nicht, ich musste erst einmal allein sein und in Ruhe nachdenken.“ Sie ging ins Wohnzimmer und setzte sich auf ihre Couch. Frederik folgte ihr beunruhigt und nahm neben ihr Platz. Sie drehte sich seitlich zu ihm. „Du hattest mit deiner Vermutung Recht, ich bin tatsächlich schwanger. In der sechsten Woche.“ Ein Lachen überzog sein Gesicht und seine Augen begannen zu strahlen. „Oh wow! Das ist ja großartig! Hey Süße, ich freue mich riesig!“ Er jubelte noch immer, aber Kathi konnte sehen, wie der glückliche Ausdruck beim Blick in ihre traurige Miene verschwand. „Aber du nicht, oder?“ Sie schüttelte den Kopf. „Auch nicht ein klein wenig?“ Sie zuckte ratlos mit den Schultern. „Ach komm, was ist denn? Warum freust du dich nicht? Das ist doch wundervoll.“ Sie saß wie ein Häufchen Elend da und schaute ihn an. Da sie nicht mehr im dunklen Flur standen, fielen ihm ihre geröteten Augen auf. „Du hast geweint, oder? Wegen der Schwangerschaft?“ „Ja, ich habe Angst.“ „Wovor?“ Sie schilderte es ihm; erzählte von ihrem Frauenarzt, der aufgrund ihres Alters ein großes Risiko für das Austragen eines Babys sehen und es daher für gefährlich halten würde. Frederik hörte schweigend zu. Als sie geendet hatte, versuchte er, ihre Befürchtungen zu zerstreuen: „Ja, aber das ist doch bei Frauen über fünfunddreißig grundsätzlich so. Das sollte dich nicht herunterziehen. Du bist doch gesund, warum sollte es ausgerechnet bei dir schief gehen? Nein, das glaube ich nicht. Denk doch an all die anderen, bei denen es gut gegangen ist.“ Er legte seine Stirn an ihre, ihre Nasenspitzen berührten sich. Leise und voller Sorge widersprach sie ihm: „Ich weiß nicht. Mir ist nicht wohl dabei. Was ist, wenn es wirklich daneben geht und das Baby krank wird oder einer von uns stirbt?“ Frederik nahm ihren Kopf in seine Hände. Er lächelte und flüsterte: „Keine Angst. Erstens stirbt es sich nicht so schnell und zweitens ist es höchst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet unser Kind behindert zur Welt kommt oder eine Fehlgeburt wird. Nein, nein, mach dich nicht verrückt, nichts dramatisieren. Das wird hinhauen, glaube mir.“ Kathi atmete tief durch. Seine Kraft und sein Optimismus taten zwar gut, dennoch blieben Zweifel und Skepsis. Mit hängenden Schultern legte sie ihm ihre weiteren Bedenken dar, die er ebenfalls zu entkräften versuchte. „Natürlich ist es früh für uns, aber kennenlernen können wir uns doch immer noch. Dass wir uns nicht vollkommen unsympathisch sind, wissen wir bereits; außerdem kommt das Baby ja nicht schon morgen, hm?“ Frederik lehnte sich nach hinten und zog Kathi mit sich. Er drückte sie an seine Brust, leise sagte er: „Vergiss nicht, dass du nicht auf dich gestellt bist, Süße. Ich bin bei dir, gemeinsam kriegen wir das hin, ganz bestimmt.“ Aber bekommen muss ich es allein; ich stehe das körperlich gar nicht durch, dachte Kathi ernüchternd in seine liebevollen Worte hinein. Sie konnte nicht verhindern, dass weitere Tränen ihre Augen benetzten, als sie ihm bedrückt eingestand, dass sie bereits über andere Wege nachgedacht hatte. Sie fragte ihn, was er darüber denken würde, die Schwangerschaft abbrechen zu lassen. Immerhin hatte selbst der Gynäkologe sie zu dieser Überlegung angeregt. Frederik sah sie ungläubig an. Er stand vom Sofa auf. „Das hat er wirklich gesagt? Der Mann ist Arzt, das kann er doch nicht tun! Unfassbar.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich werde mich auf keinen Fall gegen das Leben entscheiden, das ist sicher. Unter gar keinen Umständen. Das könnte ich schon von Berufs wegen ethisch nicht vertreten und als Vater des Ungeborenen schon gar nicht.“ Er setzte sich wieder. Kathi zögerte, sagte dann ehrlich: „Aber ich. Vielleicht … Ach, ich weiß nicht. Frederik, ich will diese Angst nicht, so viele Monate. Wie geht unser Leben danach weiter? Werden wir das alles überhaupt schaffen? Was wird, wenn das Baby krank ist? War es das mit dem Glück dann schon?“ Traurigkeit zeichnete ihr Gesicht. Ein unangenehmer Schauer überzog ihn. Ein Gefühl ergriff von ihm Besitz, das seinen Mut und seine Zuversicht bröckeln ließ. Nein, dachte er mit aufsteigender Panik, sie wird doch wohl nicht …? Er wagte kaum, diesen Gedanken zu Ende zu bringen. Tonnenschwer lastete er auf ihm. Zum ersten Mal an diesem Nachmittag nahm sie auch in seinen Augen Unsicherheit wahr, mit einer unbestimmten Furcht vermischt. Hilflos blickte er sie an, appellierte an ihr Gefühl: „Kathi, nein! Bitte nicht, das darfst du nicht einmal denken. Es ist doch unser Baby, das in dir wächst!“ Er tippte auf den roten Baumwollstoff unter sich, spürte, dass sein Mund trocken wurde. „Hier war es, hier auf diesem Sofa, in unserer ersten Nacht.“ Er hielt sie an ihren Schultern fest. „Es war Weihnachten, weißt du noch? Gott, diese Bedeutung, das kann doch kein Zufall sein. Das hat einen Grund, Kathi. Wir sitzen hier an der Stelle, an der das neue Leben entstanden ist und sprechen ernsthaft darüber es zu beenden? Nein, das darf nicht geschehen.“ Erneut stand er von der Couch auf. Ruhelos ging er im Zimmer umher. Kathi sah ihm zu, sie erinnerte sich, dass das Baby genau genommen nicht auf dem Sofa, sondern erst später im Bett gezeugt wurde … Ach, so dachte sie, was spielte es noch für eine Rolle? Sie wollte Frederiks Bild nicht zerreden, es änderte ohnehin nichts an ihrer verzweifelten Misere. Er setzte sich wieder, nahm ihre Hand in seine. „Ich bitte dich inständig, es nicht zu tun. Bitte lass es nicht wegmachen.“ Seine Stimme bebte bei diesen Worten. Die Vorstellung des Abbruchs legte sich wie eine Schraubzwinge unbarmherzig um sein Herz. Er nahm Kathi in seine Arme und hielt sie fester als gewöhnlich. Sie lehnte sich an ihn. „Bitte sag mir, dass du es nicht tun könntest. Unser gemeinsames Kind, ein Teil von uns. Nein, oder Kathi? Bitte, das würdest du nicht übers Herz bringen, oder?“ Er schaute sie flehend an. Kathi sah und spürte, wie sehr er sich eine Bestätigung seiner Worte von ihr erhoffte. Sie konnte ihm diesen Wunsch nicht erfüllen. Zu unsicher war sie nach wie vor, zu groß waren ihre Zweifel. Sie fühlte sein Herz kräftig schlagen. Er kämpfte aufgewühlt mit seinen Emotionen. Frederik derart verwundbar zu erleben, berührte sie tief. Dass ihre Schwangerschaft ihm wichtig war, ahnte sie seit ihrem erstem Verdacht am Tag zuvor, dass sie ihm jedoch so viel bedeutete, hatte sie nicht angenommen. Mehr als ihr selbst, dessen war sie sich sicher. Aus die Maus! Es war eine starke Erkältung, die Georg am Ende der Woche zwar nicht davon abhielt ins Büro zu fahren, ihn sich aber trotz eingenommener Medikamente den gesamten Tag lang matt und kraftlos fühlen ließ. Da er an jenem Tag ohnehin nichts Großartiges mehr würde leisten können, entschied er sich aus diesem Grund, um achtzehn Uhr Feierabend zu machen. Gegebenenfalls würde er von Zuhause noch einiges fortführen, überlegte er um sein frühes Gehen vor sich selbst zu rechtfertigen. In seinem Schlafzimmer tauschte er das Jackett gegen einen warmen Pullover ein, den er kurzerhand über sein Hemd zog. Ihn fröstelte, dennoch beschloss er, noch etwas zu arbeiten. Den Infekt deutlich in den Knochen spürend, stellte er seinen Laptop ins Wohnzimmer. Einerseits saß es sich auf der Couch bequemer als auf dem Bürostuhl im Arbeitszimmer, andererseits wollte er nebenbei im Fernsehen die Nachrichten verfolgen. Er saß noch keine zehn Minuten vor seinem Computer, als es an der Tür klingelte. Zögernd, da er keinen Besuch erwartete, ging er in den Flur. Er nahm an, dass es sich ausschließlich um Anna handeln konnte, die es sich zur Gewohnheit gemacht hatte, immer öfter unerwartet bei ihm hereinzuschneien. An diesem Tag störte es ihn besonders. „Huhu, Georg-Schatz!“, rief sie gut gelaunt in die Gegensprechanlage, woraufhin er seufzend den Türöffner betätigte. In der Wohnungstür küsste sie ihn, worauf er verärgert reagierte: „Anna, was ist? Warum kommst du wieder unangemeldet hierher? Du weißt, dass ich es nicht ausstehen kann.“ Sie setzte ihr süßestes Lächeln auf. Es war ihre Sehnsucht, der Wunsch, in der Nähe ihres Freundes zu sein, der sie antrieb, ihn spontan zu besuchen. Zu Recht, da sie meinte, in einer Partnerschaft könne die Liebe eine Anmeldung ersetzen. „Ich wollte dich so gerne sehen, es ist schon wieder so viele Tage her. Ich habe dich total vermisst.“ Sie schnurrte wie ein Kätzchen, bemüht ihn zu überzeugen. Er wurde weicher, verstand ihre Schmeichelei als ein sexuelles Angebot, was in seinen Ohren überaus verlockend klang. Sicher würden ihm ein paar erotische Streicheleinheiten nicht schlecht bekommen. „In Zukunft rufst du aber erst durch.“ Sie nickte und küsste ihn wieder. „Versprochen, Schatz.“ „Und ein wenig muss ich noch arbeiten, bevor wir dann …“ „Ach, das macht gar nichts“, fiel sie ihm ins Wort. „Das ist okay. Ich möchte einfach nur bei dir sein und werde dich bestimmt nicht stören.“ Lächelnd ging sie zum Sofa. „Guck, ich setze mich nur still hierher und warte auf dich, okay?“ Georg nickte. Na gut, wenn sie wirklich ruhig bleiben kann, schaffe ich vorher noch ein wenig, hoffte er und setzte sich auf die Vorderkante der Couch, um sich abermals seinem Notebook zuzuwenden. Nach vorn zum Tisch gebeugt, konzentrierte er sich erneut auf seine Arbeit. Er tippte, überlegte, rechnete und schrieb. So ging es eine ganze Weile. Anna begann sich zu langweilen; die Börsenkurse und Wirtschaftsinformationen, die der englischsprachige Nachrichtensender brachte, trugen nicht unbedingt zu ihrer Unterhaltung bei. „Ach komm, nun lehne dich doch mal zu mir, Schatz!“ Sie probierte, ihn zu sich nach hinten zu ziehen. Georg kannte diesen Tonfall genau: quengelig und gelangweilt. Er sah sich zu ihr um und fühlte sich in seinen anfänglichen Zweifeln bestätigt. „Ich möchte hier noch etwas tun. Das weißt du. Sagtest du nicht, dass es in Ordnung für dich sei?“ „Jaaa, schon. Aber das war vorhin.“ Georg schüttelte den Kopf, sah erneut nach vorn und versuchte weiterzuarbeiten. Das Konzentrieren fiel ihm ohnehin schwer genug. Es gelang nur kurz, bald hörte er sie ein weiteres Mal. Diesmal verführerischer: „Och bitte, nur einen Moment kuscheln, okay?“ Ihre Hände strichen verheißungsvoll unter dem Pullover seinen Rücken hinauf. Georg schaute auf die Uhr. Kurz nach halb neun. Zu früh, um aufzuhören, jedoch könnte eine kurze Pause vielleicht wirklich nicht schaden, dachte er, zumal er sich zunehmend schlechter und müder fühlte. Er speicherte seine Datei, ließ das Notebook aber offen, da er vorhatte, später weiterzumachen und nur kurz auszuruhen. Tief ausatmend lehnte er sich zurück; in seinen Muskeln und Knochen spürte er, wie gut die Entspannung ihm tat. Anna bettete ihren Kopf an seine Schulter, er schob seine Finger in ihr Haar hinein. Kraulend bewegte er sie, wobei die junge Frau voller Wohlgefühl aufseufzte. Sie schloss ihre Augenlider, was er ihr gleichtat. Allerdings war sein Beweggrund ein anderer: Ihm setzte die Erkältung zu, die ihn verstärkt erschöpfte. Hinzu kam, dass er von der Bildschirmarbeit ein Brennen in den Augen fühlte, das durch das Schließen der Lider wohltuend abnahm. Er legte den Kopf auf die Seite; Anna bemerkte, dass seine Hand zunehmend langsamer und schwerer wurde, um schließlich still liegen zu bleiben. Sein Atem wurde ruhig und gleichmäßig – Georg war eingeschlafen. Von einer Minute auf die andere. Verdutzt drehte Anna ihr Gesicht nach oben und schaute ihn prüfend an. Ob er wirklich schläft?, fragte sie sich und war schon im nächsten Moment darüber vergrämt, da er doch gerade noch so angenehm durch ihre Haare streichelte. Ihre Langeweile setzte wieder ein und wurde stärker als zuvor. Sie sah nach vorn zu seinem Computer und hatte in dieser Sekunde eine Idee: Na klar, Internet-Surfen! Dagegen wird er ja wohl nichts haben, dachte sie naiv und schälte sich achtsam aus seinem Arm heraus. Vorsichtig hob sie den silberfarbenen Laptop auf ihren Schoß und startete den Web-Browser. Sie freute sich und war erleichtert: endlich ein wenig Unterhaltung! Sie gab die verschiedensten Begriffe in die Suchmaschine ein und klickte sich vergnügt durch die bunten Seiten des World Wide Web. Ein sich plötzlich öffnendes Fenster, begleitet von einem unaufdringlichen Signalton, riss sie jedoch jäh aus ihrer Aktion. Wie in einem Reflex klickte Anna in die vorgeschobene Meldung, dass Post eingegangen sei, hinein. Der Computer reagierte prompt auf diesen Befehl. Georgs E-Mail-Programm öffnete sich, gleichzeitig erschien gut lesbar der Inhalt einer vertraulichen Nachricht auf dem Monitor. Was dort geschrieben stand, fesselte ihren Blick. Sie konnte und wollte nicht wegsehen. Ihre Neugierde war geweckt und sie musste erfahren, worum es ging. Schließlich war er ihr Partner und sie war davon überzeugt, dass es daher vollkommen legitim war. So ist das in guten Beziehungen halt, dachte sie und las voller Spannung seine elektronische Post. Von hervorragenden Absatzzahlen war die Rede, von einer enormen Steigerung der Gewinne zu Beginn des ersten Quartals. Es handelte sich um Informationen, die ausschließlich für die Augen der Unternehmensleitung bestimmt waren. Der helle Glockenton, der auf den Eingang einer neuen E-Mail hinwies, reichte aus, Georg zu wecken. Zuerst noch leicht benommen war er mit einem Schlag, der sich ähnlich einem Fausthieb in die Magengrube anfühlte, hellwach, als er sah, dass Anna mit seinem Rechner auf dem Schoß in seinen persönlichen Nachrichten las. Ruckartig setzte er sich auf und zog ihr mit einer groben Bewegung den Computer von den Beinen. Das Gerät in seinen Händen erhob er sich und fuhr sie wutentbrannt an: „Sag mal, bist du von allen guten Geistern verlassen? Wie kommst du dazu, meine Mails zu lesen? Habe ich dich nicht gebeten, die Finger von meinem Laptop zu lassen?“ Anna sah ihm erschrocken ins Gesicht. „Nun reg dich doch nicht gleich so auf. Ich wollte doch nur ein bisschen im Internet surfen. Und dass da plötzlich diese Meldung aufging, dafür kann ich doch nichts. Außerdem finde ich das okay“, versuchte sie den Ansatz einer Verteidigung. Georg stellte den Rechner auf den Esszimmertisch, klappte ihn schwungvoll zu und kam aufgebracht zu ihr zurück. Noch immer sauer sprach er weiter: „Nur ein bisschen im Internet … Hatten wir das nicht schon mal?“ Anna zuckte mit den Schultern. Natürlich erinnerte sie sich, aber ihr Dickkopf verbot ihr, es zuzugeben. Sein Ton war scharf und sein Blick kalt. „Tue nicht so, als wüsstest du es nicht mehr. Es war Heiligabend. Ich dachte wirklich, ich hätte dir deutlich gesagt, dass dieser Rechner für dich absolut tabu ist!“ „Aber du bist doch eingeschlafen, und da wusste ich nicht, was ich in dieser Zeit machen sollte. Die blöden Nachrichten auf Englisch und die DAX-Kurse, die du dir immer anguckst, interessieren mich nicht.“ Georgs Augen wurden schmal, er sah zu ihr auf das Sofa herunter. „Genau, du sagst es. Ich habe geschlafen.“ Er schaute auf seine Armbanduhr. „Keine Viertelstunde, wie ich vermute. Und du hast nichts Besseres zu tun, als es auszunutzen und dir sofort mein Notebook zu nehmen. Was ist nur in dich gefahren?“ Georg war außer sich und seine Stimme noch immer laut. „Warum hast du stattdessen nicht einfach umgeschaltet? Zur Sesamstraße zum Beispiel, wenn du die interessanter findest und leichter verstehst?“ Anna überhörte seine herablassende Bemerkung nicht, dennoch fehlte ihr nach wie vor jedes Verständnis. „Haha, echt witzig! Ich weiß gar nicht, weshalb du dich so aufregst. Ich habe da schon nix gelesen, was ich nicht dürfte, keine Angst. Und die Seiten im Internet, auf denen ich war, sind ganz harmlos.“ „Du hast es nicht verstanden, nicht ein Wort!“ „Nein, das stimmt nicht. Du willst mir nicht vertrauen, du gibst mir keine Chance.“ Er dachte, er hörte nicht richtig. Es reichte ihm endgültig. Georg konnte und wollte nicht mehr weitermachen. Dieser weitere Fehltritt von Annas Seite war der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte keine Lust und keine Kraft mehr, sich ständig mit ihr auf diese sehr anstrengende Art und Weise auseinanderzusetzen. Ihm wurde klar, dass die lustvollen Abende mit ihr diesen zermürbenden Stress längst nicht mehr aufwogen. Er schob die Hände in seine Hosentaschen und forderte sie unterkühlt auf die Wohnung zu verlassen. „Steh bitte auf, ich möchte, dass du gehst. Für immer.“ Sie wollte nicht glauben, was sie von ihm hörte. Unfähig sich zu bewegen und ihre Tränen zurückzuhalten, saß sie da. „Anna, bitte“, ermahnte er sie mit einem ungeduldigen Kopfnicken. Weinend stand sie auf und ging zu ihm. „Nur weil ich im Internet gesurft und eine einzige Mail gelesen habe?“ „Ja, weil du es ausgenutzt hast. Heimlich, hinter meinem Rücken. Du hast dich über meine Bitte, den Rechner nicht zu benutzen, hinweggesetzt, als hätte ich sie nie ausgesprochen. So wie es in der letzten Zeit läuft, wird es mir zu aufreibend, diesen Stress kann ich nicht auch noch in meiner Freizeit brauchen, davon habe ich im Beruf genug.“ Er bemerkte ihren verständnislosen Blick hinter einem Schleier von Tränen. Um es ihr mit einem Satz zu erklären, fügte er deshalb genervt hinzu: „Mein Gott, Anna, ich habe keine Zeit und keinen Kopf dafür, deine Spielereien noch länger mitzumachen. Wir werden uns nicht wieder sehen, das ist sicher das Beste.“ Anna begriff: Er wollte ihre Verbindung lösen. Es zog sie nach unten, wie in ein tiefes Loch hinein. Sie schaute in seine Augen, sah die feste Entschlossenheit in seinem Blick und wusste, dass seine Entscheidung feststand. So gut kannte sie ihn inzwischen. Heulend öffnete sie die Tür und verließ die Wohnung. Sie drückte den Knopf um den Aufzug zu holen und blickte über ihre Schulter zurück. „Tschüss, Georg“, schluchzte sie. Kühl verabschiedete er sich auch von ihr. Sie stieg in den Fahrstuhl; bockig sagte sie, ihren jugendlichen Eigensinn zurückgewinnend: „Und den Segeltörn auf der Ostsee mache ich doch mit, ob du willst oder nicht!“ Wenn du eine Ahnung davon hättest, wie egal mir das ist, dachte Georg voller Zorn und ließ die Tür mit einem lauten Knall hinter sich ins Schloss fallen. Er fühlte sich zunehmend unwohler. Inzwischen begann er zu frieren und er spürte den pulsierenden Kopfschmerz heftiger denn je. Dennoch ging zu seinem Laptop, klappte ihn auf und las seine E-Mail nun noch einmal selbst. Obgleich er sich über die gute Nachricht freute, fühlte er nach wie vor die Wut in sich brodeln. Auf der anderen Seite auch eine befreite Erleichterung, als wäre ihm eine große Last abgenommen worden. Er klappte den Computer zu und beschloss, es in jeden Fall bei diesem endgültigen Schlussstrich zu belassen. Er konnte und wollte sich in Zukunft nicht länger über Annas unreife und unüberlegte Eskapaden ärgern. Nachdem er zwei Schmerztabletten eingenommen hatte, legte er sich in sein Bett und fiel keine Minute später in einen traumlosen Schlaf. Am nächsten Morgen stand Kathi mit frischen Brötchen vor Frederiks Tür. Da er an diesem Wochenende für den Notdienst eingetragen war und es schon am Freitagabend turbulent begann, hatten sie unabhängig voneinander übernachtet. Sie läutete. Es war ein kurzes, tiefes Bellen des Neufundländers zu hören, dann öffnete er die Tür. Seine Haare waren vom Duschen noch feucht, als er sie gut gelaunt begrüßte und sie erst in seine Arme, dann in das Haus hinein zog. Mit dem Fuß warf er die Haustür hinter ihr ins Schloss. Kathi schmiegte sich an ihn und schob ihre Hände unter seinen groben Wollpulli. „Weißt du es schon? Dass Georg sich von Anna getrennt hat?“ Er schaute zu ihr herunter, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. „Nein.“ „Sie rief mich heute Morgen an. Sehr früh schon. Sie weinte und erzählte mir die ganze Geschichte.“ Frederik küsste sie auf die Stirn. „Das tut mir leid für sie.“ „Ja, sie ist ziemlich fertig. Und nur weil sie eine einzige E-Mail in seinem Laptop gelesen hatte, sagte sie.“ „Kann sein, dass es ausreichte. Schon schade für die Kleine, hm?“ „Ja, aber vielleicht passte es wirklich nicht.“ Kathi erinnerte sich hierbei unter anderem an den Disput, den Georg mit Anna auf dem weihnachtlichen Grillfest führte. Sie schaute ihren Freund lächelnd an, was er automatisch erwiderte. „Ich bin froh, bei dir zu sein, Großer. Ich habe dich total vermisst.“ Ihre Augen leuchteten bei diesen Worten. Wortlos nahm er ihr Kinn in seine Hand, hob ihr Gesicht zu sich hoch und küsste sie liebevoll. Kathi schloss die Augenlider. Sein Kuss war verführerisch schön; in Momenten wie diesen fühlte sie, wie glücklich sie war, ausgerechnet ihn kennengelernt zu haben. Nach dem Frühstück, als sie gemeinsam den Tisch abräumten, hielt Frederik mit der Butterdose in der Hand inne. „Willst du nachher bei Anna anrufen? Schauen, wie’s ihr geht?“ Kathi lächelte ihn an. Als könnte er meine Gedanken lesen, dachte sie. „Ja, das würde ich tatsächlich gern. Armes Mädchen, sie ist sehr in ihn verliebt und hat ziemlich heftig geheult.“ „Komm, lass uns nach drüben gehen.“ Er nahm seine Freundin an die Hand und ging vor ihr her ins Wohnzimmer. Dort angekommen ließ er sich auf der Couch nieder, wobei er nah an die Armlehne heranrutschte. Kathi setzte sie sich neben ihn, er aber zog ihren Oberkörper behutsam zu sich. Gern folgte sie seiner unausgesprochenen Einladung, ihren Kopf auf seinen Schoß zu betten. Fragend sah er zu ihr herunter. „Was da wohl genau los war bei den beiden?“ Er strich sich mit der rechten Hand einige vereinzelte Haarsträhnen aus der Stirn. „Ich kenne ja nur Annas Version …“ Kathi blickte zu ihm hinauf und erzählte ihm, was ihr vor wenigen Stunden noch tränenreich geschildert wurde; von dem gestrigen Abend und Georgs daraus folgender Konsequenz. Kathi zog zweifelnd die Augenbrauen zusammen. „Wenn du mich fragst, halte ich seine Reaktion für ziemlich überzogen. Ich meine, dass sie nicht ewig zusammenbleiben würden, war ja irgendwie abzusehen, dafür sind sie zu verschieden, aber dass eine geschäftliche E-Mail der Trennungsgrund sein könnte? Anna versteht es nicht und ich, ehrlich gesagt, auch nicht so ganz.“ Schweigend streichelte er ihr Gesicht, während sie ihn fragend ansah. „Verstehst du ihn?“ „Ja, schon. Mit seinen Daten und denen von anderen ist er extrem pingelig. Und in Zusammenhang mit der Arbeit sind sie ihm heilig. Für ihn als Vorstandsmitglied geht es ja auch um diese Geheimhaltungspflicht, die nimmt er verdammt ernst. Das war keine E-Mail wie wir sie kennen, das sind da andere Dimensionen.“ Er machte eine kurze Pause, dann fragte er ungläubig grinsend: „Und sie tat es, als er nur kurz eingepennt war? Mann, das kommt einem Kapitalverbrechen gleich, wenn du ihn fragst. Ich kann mir gut vorstellen, wie angefressen er gewesen sein musste.“ Sie nickte. Nun, da sie nach Frederiks Worten auch eine Sicht auf Georgs Seite der Geschichte bekommen hatte, betrachtete sie Annas Schilderung aus einem anderen Blickwinkel. Liebevoll zog er die Konturen ihres Mundes mit seiner Fingerspitze nach. Seine Haut duftete nach der Erdbeermarmelade, die eben noch vom Brötchen auf seine Hand heruntergetropft war. Kathi mochte diese stillen Momente mit ihm sehr. Jede Minute saugte sie begehrlich auf, ihr war, als könne sie nie genug von ihm bekommen. „Du bist toll, Frederik. Ein wundervoller Mann“, sagte sie leise. Er sah lächelnd in ihre Augen. Ihr Kompliment zerging wie ein süßer Sahnetoffee auf seiner Zunge. „Durch dich hat das Wort Liebe eine ganz neue Bedeutung für mich erhalten.“ Flüsternd streichelte er ihr Kinn. Gern hätte er auch etwas über ihr Baby gesagt, dass sich auch in ihm ihre grenzenlose Zuneigung offenbaren würde. Bis Kathi sich allerdings entschieden hatte, hielt er es für klüger, das Thema zu vermeiden. Sie nahm seine Hand und küsste sie auf den Handrücken, auf dem einige wenige dunkelblonde Haare wuchsen. „Ob unser Kind genauso aussehen wird wie du?“ Kathi hatte in den vergangenen Tagen viel gegrübelt, das Für und Wider der späten Mutterschaft gründlich abgewogen. Mit dieser Frage teilte sie ihm ihr Ergebnis mit, von dem sie wusste, dass es ihn begeistern würde. „Unser Kind? Hey, Kathi! Oh, ja!“ Grenzenlose Freude überzog sein Gesicht. „Du kannst dir nicht vorstellen, wie viel es mir bedeutet, dass du das Baby willst und dich nicht dafür entschieden hast, unsere gemeinsame Zukunft zu töten.“ Zukunft töten?, dachte Kathi irritiert. Diesen Hang zur Dramatik kannte sie von Frederik bisher nicht. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass er es unter Umständen durchaus so meinte, wie er es sagte. Dass er mit dem Wort Zukunft in diesem Fall nicht ausschließlich ihr Kind, sondern ihre komplette Beziehung beschrieb, der sie das Leben genommen hätte, wenn sie den Abbruch hätte vornehmen lassen. Sie verstand in dieser Sekunde, dass die Entscheidung gegen das Kind in seinen Augen auch eine Entscheidung gegen ihn gewesen wäre, auf die er mit einer Trennung reagiert hätte. Bei dieser Erkenntnis überzog sie eine Gänsehaut. „Ich war völlig durcheinander, es kam so überraschend. Meine Gefühle sind einfach durchgedreht. Verzeihst du mir, dass ich dich so erschreckt habe?“ Vorsichtig lächelnd schaute sie ihn an. Er erwiderte es und zwinkerte ihr glücklich zu. Unerwarteter Besuch Mitte Februar … Vom Klingeln an der Tür überrascht, blickte Georg von seinem Monitor auf. Er sah auf seine Uhr; es war kurz vor halb neun am Abend. Am Klang des Gongs erkannte er, dass es bereits oben an seiner Wohnungstür läutete. Er fragte sich, um wen es sich bei dem ungeladenen Gast handeln könnte und wie die Person in das Haus gekommen war. Unwillig erhob er sich von seiner Arbeit. Er fühlte sich gestört und zog entsprechend unwirsch die Tür nach innen auf. Als er jedoch realisierte, dass es Christine war, die bei ihm geläutet hatte, wechselte das genervte Gefühl augenblicklich in das der Freude. Sein Herzschlag beschleunigte sich rapide; wortlos schaute er ihr in die Augen. Sie standen einander gegenüber und waren nicht imstande den Blick voneinander zu lösen. Irgendwann unterbrach Christine das innige Schweigen zwischen ihnen, indem sie zu ihm in die Wohnung trat. „Da du unsere Kaffeeverabredung immer weiter vor dir herschiebst, mein lieber Georg, beschloss ich, dich spontan aufzusuchen.“ Hierbei lächelte sie ihn an. Es war ihre selbstsichere Art mit ihm umzugehen, die er seit jeher an ihr liebte. „So ist das also.“ „Ganz genau, denn hier kannst du mir nicht mehr davonkommen.“ Er hob sein Kinn und sah gespielt arrogant zu ihr herunter. Gern ließ er sich auf dieses kleine Machtspiel mit ihr ein. „Und du glaubst, dass ich so ohne weiteres Zeit habe.“ Sie nickte. „Aber ja. Für mich nimmst du sie dir, das weiß ich.“ Bei dieser verwegenen Antwort schaute sie ihm kühn in die Augen. Sie blitzten amüsiert auf, obwohl sein Gesichtsausdruck weiterhin unbeeindruckt blieb. „Das weißt du? Und was macht dich so sicher?“ Gespielte Herablassung in seiner Stimme. „Du selbst, Georg.“ Ihr Lächeln unterstrich ihre Worte, fing ihn ein. Was konnte er hierzu noch sagen? Er hatte ihrem letzten Satz nichts hinzuzufügen, fühlte sich positiv bestätigt, geradezu entwaffnet. Er trat einen Schritt auf sie zu und sie umarmten sich. So wie früher, erinnerte er sich, während er sie schweigend in seinen Armen hielt. Wieder war es ihr gelungen, ihn in einem ihrer beliebten kleinen Wortgefechte schachmatt zu setzen, diesen Sieg für sich zu verbuchen. Und nur bei ihr ergab er sich liebend gern. Es wühlte ein ganz besonderes Gefühl in ihm auf. Es war buchstäblich die gleiche Augenhöhe, auf der sie sich bewegten, die er schon immer liebte und die er in Bezug auf Frauen ausschließlich mit ihr verband. Er drückte sie an sich und senkte seine Stimme: „Gut, dass du hier bist, Christine.“ Seine Wange legte er an ihre Schläfe, wobei ihn einige ihrer Haare angenehm an der Nase kitzelten. Christine schloss ihre Augen und atmete seinen herben, vertrauten Duft tief ein. Als sie ihn derart nah fühlte, sah sie den Moment noch einmal vor sich, in dem er die Tür geöffnet hatte. Sein Gesichtsausdruck hatte sich innerhalb eines Sekundenbruchteils von Abweisung in erfreutes Erstaunen gewandelt. Sie lächelte in sich hinein und ließ ihn nur ungern wieder los. Er sieht toll aus, ging es ihr durch den Kopf, in seinem dunklen Anzug. Sein beruflicher Erfolg, der sich in seiner Kleiderauswahl widerspiegelte, zog sie ungeheuer an. Hinzu kam, dass seine Art sich zu kleiden ganz hervorragend zu ihrem eigenen Äußeren passte. Christine hatte alles auf eine Karte gesetzt, als sie beschlossen hatte, ihn an diesem Abend unter dem Vorwand des Kaffeetrinkens für sich zurückzuerobern. Von seiner Mutter wusste sie, dass er den Flirt mit der jungen Konditortochter vor rund drei Wochen beendet hatte. Sehr zu ihrer Freude. Elisabeths Anruf erreichte sie unmittelbar, nachdem sie es von ihm erfahren hatte. Sie war es, die Christines Gedanken in diese Richtung zuerst aussprach, und ihr riet, alles daran zu setzen, ihn für sich zurückzugewinnen. Nicht ganz uneigennützig, sie war Elisabeths Schwiegertochter nach Maß, ganz genau nach ihrem Geschmack. Finanziell unabhängig, beruflich erfolgreich, kinderlos und redegewandt. So, wie sie selbst auch gern geworden wäre, eine klassische Karrierefrau. Wenn ihr nicht die Liebe zu dem untersetzten, gut situierten Anwalt und drei Schwangerschaften einen Strich durch diese Rechnung gemacht hätten. Ihr Wohlgefallen hatte sie Christine zu jeder Zeit wissen und aufs Angenehmste spüren lassen. Wohl einer der Gründe, weshalb sie gut miteinander auskamen und seine Mutter ihr nicht in dem hohen Maße unsympathisch war, wie es bei vielen anderen der Fall war. Elisabeth hatte mehrere Argumente zur Hand, aber eines, das Größte, war gleichzeitig auch das Wichtigste: Christine liebte ihn noch immer. Es war ein positiver Anfang, dass er sich über ihren unerwarteten Besuch derart freute. „Finde ich auch Georg, ich wollte nicht länger warten.“ „Und da Geduld noch nie eine deiner Stärken war …“ Lachend wollte er sie bei dieser kleinen Stichelei auf ihre Stirn küssen, aber Christine stieß ihn spielerisch von sich fort. „Na, da kenne ich aber jemanden, dessen zweiter Vorname Ungeduld lautet. Georg Ungeduld Wagner.“ Sie lachte ebenfalls und wertete es als ein weiteres gutes Zeichen, dass sie schon wieder zu ihrer gewohnten Form aufliefen. Diese kleinen, verbalen Rangeleien mit ihm, diese lieb gemeinten Frechheiten, wie sehr hatte sie sie vermisst. „Komm, leg deinen Mantel ab“, forderte er sie auf und zog ihn, hinter ihr stehend, bereits von ihren Schultern. Unbemerkt von ihm platzierte Christine bei dieser Gelegenheit ihr Mitbringsel auf dem Ablagetisch, danach drehte sie sich in derselben Bewegung zu ihm um. „Ich dachte eher, du ziehst dir deinen an und führst mich heute Abend so richtig schick zum Essen aus, wenn du mich schon in puncto Kaffeetrinken immer wieder vertröstest. Als Wiedergutmachung, wenn du so willst.“ Sie hob abwartend ihre Augenbrauen. Georg jedoch schob beide Hände in die Taschen seiner Anzughose. Ein angedeutetes Lächeln spielte um seinen Mund und seine Augen funkelten belustigt bei dem Versuch ernst zu bleiben. „Und wenn nicht?“ Sie lachte auf. „Dann erst recht.“ Daraufhin warf sie ihm einen Augenaufschlag zu, der seinesgleichen suchte und bei dem Georg dachte, dass sie eine Frau war, die genau diese Art von Erwartung stellen konnte. Gut gelaunt schüttelte er den Kopf, als er seinen schwarzen Mantel vom Bügel zog und ihn sich über die Schultern warf. Beim Hinausgehen überlegte er, wohin er mit ihr fahren könnte. Nicht lange und ihm fiel das französische Restaurant im Herzen der Stadt ein, in dem er vor kurzem mit Geschäftspartnern gegessen hatte. Er erinnerte sich, dass es dort sehr schick und teuer gewesen war. Gehobene Gastronomie. Da er sich durch Christine herausgefordert fühlte, gebot ihm sein eigener Anspruch ihr Entsprechendes zu bieten. Hinzu kam, dass er sie in dieser Situation gern sprachlos erleben wollte. Im Aufzug standen sie sich gegenüber, kaum eine Armlänge voneinander entfernt. Georgs Blick glitt wie beiläufig an ihr herunter. Sie vereinte die kühle Geschäftsfrau gekonnt mit dem elegant-femininen Stil, den er an Frauen schätzte. Sie hatte Klasse, war jemand, der in seiner Liga spielte. Es lag ehrlich gemeinte Anerkennung in seinen Worten, als er ihr sein Kompliment aussprach: „Du siehst atemberaubend aus, Christine, geradezu sensationell.“ Lächelnd dankte sie ihm und war voller Erwartung dessen, was der Abend noch bringen würde. Georg öffnete ihr die Beifahrertür und Christine stieg ein. Sie verließen die Tiefgarage und fuhren Richtung Innenstadt, als er sie nach wenigen Minuten fragte: „Soweit ich weiß, ist meine Adresse nicht öffentlich einzusehen. Woher wusstest du sie?“ Sie drehte ihr Gesicht zu ihm. „Elisabeth gab sie mir, so wie deine Telefonnummer im Dezember, zu deinem Geburtstag.“ Er nickte und schaute dabei weiter nach vorn. „Ach ja, das erwähntest du. Habt ihr viel Kontakt? Mir sagt sie ja kein Wort darüber.“ Seine Beifahrerin schmunzelte. „Hm, ja. Von Zeit zu Zeit telefonieren wir miteinander, das weißt du doch aber.“ „Ja nun, es muss mir entfallen sein. Dann bist du über mein Leben also auf dem neuesten Stand, was? Zumindest über das, was Elisabeth davon weiß.“ Christine nickte und lachte leise. „Aber ja, was glaubst du denn?“ Dann wurde sie ernster. „Von ihr weiß ich auch, dass es mit der jungen Anna vorbei ist. Du hättest es erwähnt, wie sie sagte, als du sie kürzlich zu ihrem Kaffeekränzchen fuhrst.“ Den genauen Wortlaut seiner Mutter wiederholte sie besser nicht, nur ungern wollte sie die gute Stimmung zwischen ihnen trüben. Wort für Wort klang er ihr noch im Ohr: „Endlich hat er seine kleine, billige Mätresse zurück in die Backstube geschickt“, verkündete sie boshaft am Telefon und Christine ahnte, dass sie diesen Ausspruch, den selbst sie als unangemessen hart empfand, so schnell nicht vergessen würde. In ihre Gedanken hinein lachte Georg auf. „Sieh mal einer an, das weißt du also auch schon! Ja, sie fragte danach. Es lag ihr schwer auf der Seele. Gott, es ist grauenvoll, dieses ewige Chauffeur-Prozedere. Ich war nach Isolde und Carl an der Reihe. Genau genommen habe ich überhaupt keine Zeit, sie durch die Stadt zu kutschieren. Es ist lästig, kontraproduktiv und jeden von uns nervt es. Sie könnte sich genauso gut ein Taxi nehmen, dann bräuchten wir uns nicht immer von der Arbeit loszueisen.“ Mit einem kurzen Seitenblick schaute er zu Christine. „Aber sag ihr das nicht. Dann kann ich mir wieder anhören, wie herzlos und undankbar ich bin und was sie doch früher alles für mich getan hat.“ Christine schmunzelte. „Nein, nein, ich verrate dich schon nicht. Aber du hast Recht, so ist sie. Trotzdem mag ich sie irgendwie, sie hat so eine liebenswerte Schrulligkeit.“ „Kaum zu glauben … Manchmal kannst du ziemlich skurril sein.“ An einer roten Ampel sah Georg zu ihr herüber und betrachtete ihr Gesicht im Profil. Wie zuvor auf dem Weihnachtsmarkt, fiel ihm auch heute der geliebte, kaum auffallende Höcker auf ihrer Nase auf, den er in den Jahren ihrer Beziehung schon nicht mehr wahrgenommen hatte. Herrlich aristokratisch, wie er gern assoziierte. Sie hatte ihn von ihrem Großvater väterlicherseits geerbt, wofür sie ihn in schwachen Stunden verfluchte. Christine bemerkte seinen Blick und wandte den Kopf zu ihm. Im Radio lief klassische Musik. „Hör mal hin, der Pianist. Schön, oder?“ Georg nickte, sie lauschten schweigend. Das Stück erinnerte sie daran, dass sie es sehr liebte, ihm zuzuhören, wenn er am Klavier oder Flügel saß und spielte. Nur leider tat er es nicht oft, entweder fehlte ihm die Zeit oder die Lust. Dabei war er musikalischer, als er sich selbst einschätzte, sinnierte sie. Er hatte Talent; sie staunte oft, dass er in der Lage war, ein beliebiges Musikstück nach nur einmaligem Hinhören fast vollständig nachzuspielen. Damals erzählte er, dass er von seinen Eltern zu seinem sechsten Geburtstag ein Klavier geschenkt bekam, obgleich er sich ein neues Fahrrad gewünscht hatte. Dass er von dort an regelmäßig Klavierstunden nehmen musste und zu seinem großen Erstaunen fortlaufend besser wurde, obwohl er nur widerwillig teilnahm. Trotz allem hatte sich die Leidenschaft für das Musizieren bei ihm nie in einer Form eingestellt, die seine Mutter sich erhofft hätte. Seine Schwester Isolde hingegen übernahm die Liebe zur Musik von ihr, was sie neben der Tatsache, dass sie ein Mädchen war, zu ihrem Lieblingskind machte. Georgs Interessen und die seines älteren Bruders lagen fast ausschließlich im technischen Bereich und den naturwissenschaftlichen Fächern. Georg hatte den schwarzen Gürtel in Mathematik, wie Frederik es gern im Scherz umschrieb. Im Restaurant wurden sie vom Chef de Rang begrüßt, der sie in Empfang nahm und sich mit einem zuvorkommenden Lächeln erkundigte, ob bereits eine Tischreservierung für sie vorläge. Georg verneinte und übergab dem Mitarbeiter seine Visitenkarte. Dieser schaute kurz darauf, nickte entgegenkommend und führte sie mit den Worten: „Aber gern Herr Doktor Wagner“, unverzüglich zu einem schönen Tisch. Ein erstes Durchsehen der Speisekarte ließ Christine sinnbildlich den Atem anhalten. Nach Georgs selbstsicherem Blick jedoch, ahnte sie, dass die Auswahl dieses Lokals kein Zufall war und ihm die Preise durchaus bekannt waren. Gern lehnte sie sich in dieser Gewissheit zurück. Ja, das war Georg. Wenn, dann richtig. Genauso kannte sie ihn noch. Drei Gänge, ein ausgesuchter Wein und die gedämpfte Geräuschkulisse des Feinschmeckerlokals bildeten ihren Rahmen. Darin tauschten sie sich aus, unterhielten sich angeregt über ihre Karriereziele und Erfolge; ebenso holten sie die Erinnerung an gemeinsame Erlebnisse hervor. Viele Sätze begannen mit den Worten: Weißt du noch?, wobei die Atmosphäre am Tisch fortschreitend inniger wurde. Irgendwann versiegte ihr Redefluss. Sie sahen einander über die Dessertteller hinweg an und tauchten tief und warm in die Augen des anderen ein. Worte waren nicht nötig, sie wussten, dass sie dasselbe fühlten – es war, als wären sie nach Hause gekommen. Erst nach einer Weile räusperte Georg sich zurückhaltend und griff das Gespräch leise wieder auf. Und als er nach dem Espresso sanft mit seinen Fingerspitzen über Christines Handrücken strich, entdeckte er ein Versprechen in ihrem Blick, dass ihn ohne zu zögern zum Zahlen winken ließ. Als sie das Restaurant verließen, hakte sie sich bei ihm unter. Sie tat es wie selbstverständlich und genau so fühlte es sich für sie an. Seite an Seite mit ihm. So nah und vertraut und doch so aufregend neu. Sie hielt ihren Mantel am Kragen zu; es blies ein kalter Winterwind um sie herum. Sie wusste, an anderen Tagen würde sie sich darüber ärgern und sich ungeduldig den Frühling herbeiwünschen, doch heute machte es ihr nichts aus. Mit einem Tastendruck öffnete er schon von weitem das Auto und schnell stiegen sie in die geschützte Wärme des Innenraums ein. Sie brauchten sich nach dem Starten des Motors nur anzusehen, um zu wissen, dass dieser Abend noch nicht zu Ende war. Nach dem Ablegen ihrer Mäntel fiel Georg die Flasche auf, die geduldig auf dem kleinen Beistelltisch in seinem Flur wartete. Er nahm sie in seine Hand und schaute auf das Etikett. „Von dir?“ Bei dieser Frage hob er den Kopf und sah in Christines Gesicht. Die Antwort war ihm bereits bekannt. „Ja, ich habe sie vorhin nur kurz abstellen können, da du mich gedrängt hast, unverzüglich mit dir Essen zu gehen.“ Georg lachte laut auf. „Ach ja, ich vergaß!“ „Siehst du!“ Christine betrat sein Wohnzimmer. Dort blieb sie im Raum stehen und blickte aus dem Fenster über die beleuchtete Stadt. „Sehr beeindruckend, doch ob das ausreicht?“ Ein verschmitztes Grinsen breitete sich um ihren rotgeschminkten Mund aus. Georg schaute vom hellen Flur zu ihr in das Zwielicht des Zimmers hinein: ihre schlanke Silhouette im Halbdunkel zu sehen, erinnerte ihn an eine sinnlich-erotische Fotografie. Von diesem Eindruck eingenommen, machte er nur wenig Licht im Raum. „Es ist unser Wein, hm?“ Obwohl sie wusste, dass er ihn längst erkannt hatte, nickte sie bestätigend. Bereits beim Kauf war sie sich sicher, dass er die Sorte ohne zu zögern mit ihr in Verbindung bringen würde. Er nickte ebenfalls, wohl wissend, dass es kein Zufall war, dass sie ausgerechnet diesen Tropfen mitgebracht hatte. „Wir machen ihn auf, oder?“ „Ja, gern.“ Sie sah ihm nach, als er vom Wohnzimmer in die Küche ging. Interessiert beobachtete sie, dass er auf halbem Weg sein Jackett über einen der Esszimmerstühle hängte und gleich darauf seinen Krawattenknoten aufzog, während er im Gehen den obersten Knopf seines Hemds öffnete. Christine atmete tief durch, sie spürte, wie sehr sie sich auch körperlich zu ihm hingezogen fühlte. Als ihr Gastgeber mit den Weingläsern und einem Korkenzieher in der Hand zurückkehrte, stand Christine mit schief gelegtem Kopf vor seinem CD-Regal, die rechte Seite ihres dunklen Bobs hinter das Ohr gestrichen. Das übrige Haar fiel ihr, als sie sich zur besseren Übersicht nach vorn beugte, über die linke Seite ins Gesicht. Georg entkorkte die Weinflasche im Stehen. „Das Album von Nina Simone, warum finde ich es nicht?“ Er schenkte ihnen ein, wobei er ohne aufzublicken antwortete: „Ich wusste, dass du danach suchst.“ Er kam zu ihr, zog es hervor und legte gleich darauf die silbrige Scheibe ein. Wenig später durchzog die soulige Stimme der Sängerin den Raum. Er gab ihr eines der Gläser und hellklingend stießen sie an. Christines Stimme klang tief und hatte einen lockenden Unterton, als sie bat: „Tanz mit mir, Georg. So wie wir es früher oft taten.“ Ohne zu zögern nahm er ihr das Weinglas aus der Hand und stellte es mit seinem zur Seite. Kurz darauf zog er sie in seine Arme hinein; eng aneinandergeschmiegt bewegten sie sich zu diesem soften Jazzsong und verschmolzen geradezu, bevor sie zu einer einzigen, fließenden Bewegung wurden. Wie sehr hatte sie sich nach ihm und seiner Liebe gesehnt, all die Jahre, in denen sie ihn nicht sehen und spüren konnte. Sie zog seine lockere Krawatte nun vollends auseinander. Er schloss die Augen. Sein Gesicht in ihr Haar geschmiegt, seine Hände in ihrer schmalen Taille liegend, ließ er es gern geschehen, dass sie sein weißes Hemd Knopf für Knopf mit viel Gefühl öffnete. Nur zu gern überließ Georg seinem selbstbewussten Gast die Regie des Abends. Endlich einmal die Zügel aus der Hand geben, keine Entscheidung treffen müssen, sich führen lassen. Er genoss es über alle Maßen, wusste er doch, dass Christine die Führung meisterhaft beherrschte. Ihre Fingerspitzen in seinem offenen Hemd streichelten sich abwärts, erzeugten lustvolle Schauer. Sein Atem beschleunigte sich, leise stöhnte er auf. Sein Gesicht lag in ihrer Halsbeuge verborgen, als ihr Herzschlag an Tempo zunahm. Sie spürte ihn tief einatmen: „Dein Parfum macht mich verrückt, Christine.“ Seine Worte kitzelten sie, leise lachend legte sie den Kopf nach hinten. Georg küsste ihren Hals, biss sanft in die Haut über ihrem Schlüsselbein. Voller Genuss betrank er sich an ihrem betörenden Duft. Ihre Hände in seinem grau durchzogenen Haar drückten sein Gesicht von ihrer Schulter zurück nach oben. Ihr Kuss, erst zart und weich, wurde bald leidenschaftlich. Christine stöhnte auf vor Wohlgefühl und süßer Lust. Er fühlte ebenso. Zwischen zwei Küssen hörte sie seine erregte Stimme: „Bleib heut’ Nacht bei mir.“ Seine dunklen Augen zeigten einen Ausdruck, den Christine nur zu gut kannte, als er sie nach diesen fünf Worten, die in diesem Augenblick die Welt für sie bedeuteten, voller Verlangen ansah. Stell dir vor … Am nächsten Abend … Auf diesen Squash-Freitag freute sich Frederik ganz besonders. Wie üblich trafen sie sich vor der Sporthalle. Zur Abwechslung wartete Georg bereits; allerdings nicht lange denn schon bald hörte er den Dieselmotor des Offroaders näher kommen. Frierend sah er dabei zu, wie Frederik den Defender rückwärts neben seinem Auto einparkte. Sie traten in das Spielfeld, stellten sich auf ihre Positionen und Frederik schlug auf. Sie spielten angestrengt. Der zweite Satz lief, wie der vorangegangene, hervorragend für Georg, als sein Freund ihm quer über den Court zurief: „Stell dir vor, ich werde Vater!“ Seine Stimme schallte laut durch die Halle. Überrascht blickte Georg ihn an. Er hielt in der Bewegung inne, der Ball flog ungeachtet ins Leere. „Du versuchst jeden Trick, wenn du zu verlieren drohst, was? Fast hättest du mich gehabt.“ Lachend sammelte er den schwarzen Gummiball auf. „Nix Trick, es ist wahr!“ Frederiks breit grinsendes Gesicht unterstrich seine Worte; erstaunt ging Georg zu ihm. „Ernsthaft?“ Er nickte heftig und wischte sich mit dem Ärmel den Schweiß von der Stirn. „Na dann … meinen Glückwunsch.“ „Danke!“ „Und es geht euch nicht zu schnell?“ „Doch, klar …“, lachte er, „so früh hätten wir es ganz sicher nicht geplant, da hätten wir schon noch ’ne Weile gewartet.“ Er setzte sich auf den Boden, mit dem Rücken an die Seitenwand gelehnt. Georg hockte sich ihm gegenüber. Er fuhr sich mit dem Unterarm über Kinn und Nase. „Wie, nicht geplant? Doch wohl nicht die Verhütung vergessen?“ Der werdende Vater balancierte den kleinen Squashball in seiner Hand und nickte. „Genau das. Unsere Lust war zu groß, um auch nur einen Gedanken dafür übrig zu haben. Das kannst du sicher verstehen, oder?“ Er schaute ihn an. Der Top-Manager schüttelte den Kopf. „Ehrlich gesagt, nicht. Mann Kerl, nicht an Verhütung zu denken!“ Er schlug sich andeutungsweise mit der flachen Hand vor die Stirn. Frederik versuchte eine Erklärung: „Selbst wenn mir nur eine einzige Überlegung daran noch möglich gewesen wäre, hätte ich gar kein Gummi dabei gehabt. Mensch Georg, als ich aus dem Haus ging, ahnte ich doch nichts. Da wollte ich einfach nur mit Kathi spazieren gehen. Weißt du, wir waren doch erst wenige Stunden zusammen, daher war Sex noch gar nicht angesagt.“ Nach dieser Aussage sah Georg ihn feixend an. „Nein, oder?“ „Was?“ „Es geschah an eurem ersten Abend?“ Frederik nickte, sein Kumpel ebenfalls. „Ich verstehe. Nun wird mir einiges klar. Wie lange warst du vorher allein? Ein Jahr? Zwei? Dann ist es mehr als nachvollziehbar. Du warst quasi ausgehungert. So begann es bei mir mit Anna, wenn du dich erinnerst.“ „Und ob. Meine besten Argumente konnten dich nicht abhalten.“ Um dieses Thema nicht zu vertiefen, lenkte er mit einer Frage ab: „Und nun?“ „Nun nicht mehr. Wir können unsere Hände kaum voneinander lassen.“ Der Tierarzt lachte rau. „Spaßvogel, das ist mir klar. Wie es weitergeht, will ich wissen. Ob ihr heiraten werdet, zum Beispiel, oder ob und wann ihr zusammenzieht. Das Kinderzimmer, das einzurichten ist. Die Frage, ob du ein anderes Auto brauchst … Du wirst mir zustimmen, dass ihr demnächst eine Menge zu regeln habt.“ „Klar ändert sich vieles, aber das kriegen wir schon hin. Ich freue mich einfach nur, dass wir das Baby bekommen. Denn obwohl es uns ungeplant passierte, ist es nicht unerwünscht, ganz im Gegenteil.“ Kathis frühe Bedenken verschwieg er wohlweislich. „Das hätte ich mir auch nicht vorstellen können. Ich hatte mit genau dieser Reaktion von dir gerechnet. Und was ist nun in puncto Heirat? Ich an deiner Stelle würde es tun, in erster Linie wegen der Rechte, damit das Kind deinen Namen trägt.“ „Und auf genau diese Reaktion habe ich von dir gewartet.“ „Ja, sicher. Es hat etwas mit Ehre zu tun, mit finanzieller Absicherung für Frau und Kind und damit, dass man dafür geradesteht.“ Frederik lachte laut auf. „Kann es sein, dass da so einige Jahrhunderte unbemerkt an dir vorübergegangen sind?“ „Von wegen …“ Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens hob Georg den Kopf. „Dachtest du nicht ursprünglich, dass du …“ „Ja, davon ging ich fest aus, aber zehnte Woche ist zehnte Woche.“ „Das bedeutet, dass du dich all die Jahre geirrt hast. Das ist gut. Mir wäre es nicht ganz so wichtig, aber ich weiß, dass es dir …“ Frederik unterbrach ihn mit ernstem Gesichtsausdruck. „Doch Georg, dir wäre es genauso wichtig, glaube mir. Es ist tatsächlich ein Unterschied, kein Kind zu wollen oder keines zeugen zu können.“ „Vermutlich hast du Recht.“ „Oh ja! Ich weiß, es klingt verrückt, aber seit Kathi schwanger ist, habe ich Sybille in Verdacht, heimlich die Pille genommen zu haben. Anders kann ich’s mir nicht erklären.“ „Verständlich, der Gedanke drängt sich geradezu auf. Aber warum dann beim Mechaniker nicht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das Kind von ihm unbedingt wollte.“ „Ja, stimmt auch wieder.“ Frederik machte eine wegwerfende Handbewegung. „Ach, was soll’s? Olle Kamellen …“ Georg nickte bestätigend, schaute auf die Uhr an seinem Handgelenk und verkündete, während er vom Boden aufstand: „Unsere Zeit ist um. Komm mit, duschen!“ Der Angesprochene ließ sich am ausgestreckten Arm hochziehen. „Lohnt sich das denn überhaupt?“, fragte er grinsend und steckte seine Nase in die Achselhöhle. Typisch, dachte Georg und schüttelte belustigt den Kopf. Gleich darauf standen sie unter dem wohltuenden Wasserstrahl. Sie waren allein im Duschbereich. „Wie geht es dir eigentlich nach dieser Trennungsgeschichte von Anna?“ Fragend sah der Blonde ihn an, als er sich den Schaum abspülte. „Sehr gut, warum fragst du?“ „Die Kleine ist wohl noch ziemlich fertig, sagte Kathi.“ Der Geschäftsmann zeigte sich unberührt: „Sie hat es sich selbst zuzuschreiben.“ Er stellte das Wasser aus; Frederik trocknete sich bereits ab. „Du warst tierisch sauer, wie ich hörte.“ Er reichte Georg dessen Handtuch. „Allerdings. Danke.“ Er begann sich grob abzureiben und umriss in wenigen Sätzen seine Sicht des Abends und der Wochen davor. „Siehste, ich hätte mir denken können, dass da mehr war, als sie bereit war, zuzugeben.“ Georg zuckte gleichmütig mit den Schultern. „Egal, es war ohnehin nicht langfristig angelegt. Hunger?“ „Immer doch.“ Sie beschlossen, etwas Essen zu gehen und nach einem kurzen Anruf bei Kathi verabredeten sie sich zu dritt beim Italiener. „Steig bei mir mit ein“, bot Georg an. Hell blinkten die Lichter auf, als er die Türen aus der Ferne entriegelte. Frederik zog die schwere Beifahrertür auf. „Das ist ja doch was ganz anderes, als in meinem“, staunte er, als er sich in den komfortablen Ledersitz fallen ließ. Schmunzelnd sah Georg zu ihm herüber. „Ich warte noch immer auf den Tag, an dem du dir endlich ein vernünftiges Auto kaufst.“ „Jedem das, was er braucht. Dir dein Prestige und den Luxus und mir meine Armaturen, die ich mit ’nem Wasserschlauch abspülen kann. Und solltest du dich mit deiner Oberklasse mal festfahren, ruf mich an, ich ziehe dein vernünftiges Auto dann raus.“ Georg startete den Motor. Auf dem Weg ins Zentrum der Stadt verkündete er, als er nach rechts zu Frederik sah: „Übrigens war Christine gestern Abend bei mir.“ „Aha? Das sagst du erst jetzt?“ „Deine Neuigkeit war besser.“ „Und? Was war?“ „Wir waren miteinander Essen.“ „Und?“ „Beim Franzosen.“ „Das meinte ich nicht.“ „Ich weiß.“ Er schaute zu Frederik. Im Blick seines Freundes lag eine Mischung aus ehrlichem Interesse und Ungeduld. „Sag es!“ „Wir sind wieder zusammen.“ „Bingo!“ Frederik knuffte ihn überschwänglich gegen den Oberarm. „Explizit ausgesprochen haben wir es nicht, aber ihre Küsse und die Nacht fühlten sich ganz danach an.“ Georg musste bei der Erinnerung an den Abend lächeln. „Sie brachte einen Wein mit. Einen roten Bordeaux, die Sorte, die wir früher oft gemeinsam tranken. Es war klar, seit sie in der Tür stand, dass wir einander zurückwollten.“ Frederik triumphierte gut gelaunt: „Na, was habe ich gesagt? Gingen ihre Blicke tief am Glühweinstand, oder nicht? Ich wusste es und du wolltest es nicht glauben. Von wegen, viel passiert zwischendrin. Da gibt’s doch diese Redensart, wie lautete die doch gleich? Erstens kommt es anders …“ „… ja, ja, und zweitens als man denkt, ich weiß.“ Der Antrag Vier Wochen später und mitten in der Nacht klingelte Frederiks Handy. Kathi wurde vom ersten Piepsen der Anrufmelodie wach, als er noch fest schlafend neben ihr schnarchte. Eilig huschte sie die Treppe in seinem Haus hinunter. Sein Telefon lag vibrierend auf der Konsole im Flur; müde nahm sie das Gespräch an. „Hier bei Doktor Steinberg.“ Am anderen Ende hörte sie eine aufgeregte Frauenstimme: „Schnell, meine Katze ist verletzt. Sie wurde angefahren. Beeilen Sie sich, ich brauche den Tierarzt!“ „Einen Moment bitte, ich wecke ihn!“ Sie lief die Stufen nach oben. Im Halbdunkel des Schlafzimmers rüttelte sie kräftig an Frederiks Schulter. „Es ist ein Notfall“, flüsterte sie, als sie ihm das Mobiltelefon entgegen hielt. Sofort war er hellwach. Er machte Licht und setzte sich auf. „Ja, Steinberg?“ Er hörte der Anruferin aufmerksam zu, während er bereits aus dem Bett aufstand. „Wir treffen uns an der Praxis. Ich bin gleich da, springe nur eben in meine Hose“, beendete er das Gespräch. Er zog sich den Rest seiner Kleidung an und schob Kathi mit Nachdruck zurück in Richtung des Betts. „Leg dich hin, Maus. Ich bin gleich wieder da.“ Er nahm die Treppe nach unten mit großen Schritten. Kathi knipste das Licht aus und rutschte auf seine Bettseite. In seine warme Decke gewickelt, wollte sie auf ihn warten. Sie ahnte, dass sie ohnehin nicht würde einschlafen können, bis er zurück war. „Was dein Papa so alles macht, hm? Jetzt hilft er einem kranken Kätzchen, was sagst du dazu?“, flüsterte sie in einer Wortwahl, die einem Kleinkind gerecht wurde. Liebevoll streichelte sie über ihren Bauch. In ihrer vierzehnten Schwangerschaftswoche waren jeder Zweifel und jedes Unbehagen verflogen. Sie fühlte sich gut, genoss Frederiks Vorfreude und ließ sich jeden Tag aufs Neue davon anstecken. Inzwischen konnte auch sie es kaum abwarten, ihr gemeinsames Kind in den Armen zu halten. Vom Geräusch des Schlüssels in der Haustür wurde sie wach. Sie staunte: War sie wider Erwarten doch eingeschlafen? Gebannt lauschte sie nach unten und hörte Frederik bemüht leise in der Dunkelheit hantieren. Es gab ein dumpfes Stoßgeräusch, dann ein gepresstes Fluchen. Nach wie vor verzichtete er auf Licht. So geräuschlos es ihm möglich war, schlich er auf Socken die Treppe hinauf. Im Dunkeln zog er sich aus, und als er auf seiner Seite unter die Bettdecke rutschen wollte, bemerkte er, dass Kathi sie besetzte. „Hey, was machst du denn hier?“ Er flüsterte zärtlich, legte sich zu ihr und zog sie in seine Arme. „Dein Bett duftet besser.“ Sie antwortete verschlafen. „Duftet besser …“, wiederholte er ihre Worte und musste leise über sie lachen. Seiner Meinung nach war das Gegenteil der Fall. „Wie war es denn und wie spät ist es?“ „Gut, das Tier kommt durch und kurz vor drei.“ „Hmmmh, schön“, murmelte Kathi zur Bestätigung. Durch die Arbeit und die kühle Nachtluft extrem munter geworden, lobte er sie anerkennend: „Das war übrigens unser erster gemeinsamer Notfall. Du hast prima geholfen.“ „Ich?“ Kathi rieb sich die Augen. „Ich habe doch gar nichts getan, außer ans Handy zu gehen?“ „Das ist es ja. Und du hast mich geweckt und außerdem, was das Wichtigste war, mein Bett warmgehalten.“ Er lächelte in die Dunkelheit hinein. „Wir zwei sind ein gutes Team!“ Er gab ihr einen Kuss. Indes dachte er darüber nach, ob diese Nacht der richtige Zeitpunkt war, ihr zu sagen, was in seinem Kopf bereits konkrete Formen angenommen hatte. Er entschied sich dafür. Ohne weiter zu überlegen, setzte er aus dem Stegreif an: „Du, Kathi?“, flüsterte er in ihre Haare hinein. Er zog verspielt an einer Strähne. Seufzend gab sie auf, weiterhin an Schlaf zu denken, dafür war ihr Freund einfach zu wach. So stellte sie sich darauf ein, mit ihm den Rest der Nacht über Gott und die Welt zu plaudern. „Mhmm, ja?“ „Ich freue mich, dass ich dich habe. Du bist eine tolle Frau und siehst dazu noch klasse aus.“ Sie fühlte sich geschmeichelt, dennoch siegte ihre Unsicherheit, was ihre mollige Figur anging. „Ein paar Kilos weniger wären besser.“ „Hey, das stimmt doch gar nicht. Ich will nicht, dass du das immer sagst.“ Frederik streichelte ihr Gesicht. „Du bist genau die Frau, die ich mir gebastelt hätte, wenn wir uns nicht über den Weg gelaufen wären.“ Kathi lachte leise. „Das hast du schön gesagt.“ Sie zog mit ihrer Fingerspitze Kreise auf seiner Brust. „Gleich bei unserer ersten Begegnung ist mir aufgefallen, wie offen und unverfälscht du bist. Das mag ich total. Bei dir weiß jeder, woran er ist. Du verstellst dich nicht und gehst für die Menschen, die du magst, durchs Feuer.“ „Aber so bist du doch auch?“ „Ich glaube, deshalb passen wir so gut zusammen.“ „Ja, ganz bestimmt. Ich fühle mich sehr wohl mit dir, Großer.“ Kathi schmiegte sich fester an seine Brust, wobei sie fühlte, dass sein Herz auffallend schnell schlug. „Ich liebe dich, Katharina.“ Er drehte sich ohne Vorwarnung auf den Rücken und zog sie über sich. Sie lachte überrascht auf, ihre Haare fielen nach vorn. Ein inniger Kuss besiegelte seine Liebesbekundung, die sie ihm, als ihre Lippen sich voneinander lösten, flüsternd zurückgab: „Ich liebe dich auch, und wie.“ Er griff zur Seite und knipste mit einer Handbewegung das Nachttischlämpchen an. Sie blinzelten, Kathi wunderte sich, weshalb er es tat. Für den weiteren Verlauf der Nacht, so hatte sie vermutet, wäre die Dunkelheit angebrachter. Er nahm ihre Hände in seine. Auf seinem Bauch sitzend schaute sie zu ihm herunter und fragte sich, weshalb er so förmlich war. Er sah in ihre Augen, sein Gesicht bekam einen geradezu feierlichen Ausdruck. „Unter anderen Umständen wäre es wohl noch ein wenig verfrüht, aber da wir bald zu dritt sein werden, frage ich dich schon jetzt, meine Katharina, ob du mich heiraten möchtest.“ Ein Strahlen breitete sich über Kathis Miene aus. „Aber ja! Und wie gern! Nichts lieber als das!“ Sie beugte sich zu ihm. Ein erneuter Kuss traf seine Lippen, er sprühte vor Glück und entzündete ein Feuerwerk der hellen Freude. Aufgewühlt sah er sie an und genoss den Anblick ihrer leuchtenden Augen. „Ich bin unendlich glücklich.“ Atemlos lachte sie. Frederik stützte sich auf seine Ellenbogen. „Den Ring bekommst du morgen. Heute Nacht und dazu an einem Sonntag einen zu erstehen, war ziemlich schwierig. Über so viel kriminelle Energie verfüge ich nun doch nicht.“ Er zwinkerte ihr schmunzelnd zu. Als er sich wenige Minuten später aus dem Bett wühlte und zur Tür ging, sah Kathi ihm erstaunt nach. „Was tust du jetzt, wohin gehst du?“ „Sekt holen, das müssen wir doch feiern!“ „Nein, du machst Witze!“ Kathi glaubte ihm nicht. Frederik aber grinste und ging die Treppe hinunter. Das bringt er nicht fertig und trinkt Sekt, wenn ich keinen darf, dachte sie, als sie ihn kurz darauf zurückkommen hörte. Er hatte tatsächlich kalten Schaumwein, zwei Gläser und eine Flasche Orangensaft dabei, die er auf den Nachtschrank stellte. Er setzte sich zu ihr auf das Laken. In nächtlicher Feierlaune ließ er den Korken knallen und schenkte ihnen ein: prickelnden Sekt für sich und vitaminreichen Saft für Kathi. „Du bist ein echt übler Typ, weißt du das?“ „Ich weiß. Und ich weiß auch, dass es dir gefällt. Gib’s zu, du willst den Mistkerl in mir“, konterte er überzogen selbstbewusst und reichte ihr mit einem süffisanten Lächeln das Saftglas. „Okay, gib schon her.“ Sie nahm es ihm aus der Hand. Siegesbewusst erhob er den Sektkelch und stieß mit ihr an: „Auf unsere Liebe!“ Er trank den ersten Schluck; über den Rand des Glases hinweg blinzelte er ihr schmunzelnd zu. „Lecker, oder?“ In seinen Augen entdeckte Kathi die diebische Freude über seinen kleinen Streich aufblitzen. Warte nur, dachte sie. Als er zum zweiten Mal ansetzte, lauerte sie darauf, dass er trank. Währendessen zog sie blitzschnell den Bund seiner Retroshorts nach vorn und goss den restlichen Inhalt ihres Trinkgefäßes mit nur einem Schwung hinein. Eiskalt lief der Saft an der warmen Haut seines Unterleibs hinab. Hiermit hatte Frederik nicht gerechnet; er erschrak heftig, was dazu führte, dass er sich prustend verschluckte. Er schnappte nach Luft und hustete kräftig. Kathi grinste und nachdem er sich beruhigt hatte und nur noch herzhaft lachte, sagte er: „Siehst du, du kleine Kröte? Und genau aus diesem Grund will ich dich und keine andere!“ Die folgenden Wochen vergingen für das frisch verlobte Paar wie im Fluge. Ihre Hochzeitsvorbereitungen hielten sie auf Trab, ebenso gab ihnen die Kündigung von Kathis Wohnung mit ihrem anschließenden Umzug in sein Heim reichlich zu tun. Da sie sich in seinem Haus auf Anhieb wohl und heimisch fühlte, richtete sie sich gern bei ihm ein. Einige Dekoartikel hier und da, ansonsten veränderte sie nicht viel. Eines allerdings störte sie doch sehr, und nachdem sie mit Frederik darüber gesprochen hatte, dauerte es nicht lange, bis sie den nächstgelegenen Möbelmarkt besuchten. Dort fanden sie ein modernes Bett mit neuen, bequemen Matratzen sowie Kissen und Decken. Hiermit, so freute Kathi sich, hatten sie auch in ihrem Schlafzimmer einen schönen Neustart, der keine unangenehmen Erinnerungen an seine vergangene Ehe mit sich trug. Der Workaholic Der Einfachheit halber benutzte Frederik in der Mitte der folgenden Woche die direkte Durchwahl, als er Georg in dessen Büro anrief. „Wagner.“ Am Ton seiner Stimme erkannte er, dass sein Freund abgespannt klang. „Hi, hier ist Frederik!“ „Hallo, du bist es. Hätte ich ja eigentlich an deiner Nummer … Ach, ist egal. Was gibt’s?” Da Georg sich gehetzt anhörte, nahm er zu Recht an, dass dieser kopfüber im Stress steckte und wenig Zeit hatte. Daher kam er unverzüglich zum Grund seines Anrufs: „Lass uns mal wieder squashen. Wir waren lange nicht, und ich fürchte, dass ich allmählich Fett ansetze.“ Georg reagierte nicht auf den kleinen Spaß, stattdessen atmete er tief durch und blätterte im Hintergrund in seinem Organizer. „Heute Abend ist zu kurzfristig, das wird nichts. Morgen auch nicht. Ah doch, aber erst nach zweiundzwanzig Uhr, ist das in Ordnung?“ „Ja klar, kein Problem. Dann morgen, dreiundzwanzig dreißig?“ Sie verabredeten sich fest. Frederik saß auf dem Drehstuhl hinter seinem Anmeldetresen. Den Hörer noch in der Hand, dachte er über das soeben geführte Gespräch nach. Er wunderte sich, dass Georg nicht wie gewohnt anhand seiner Nummer erfasst hatte, dass er es am anderen Ende der Leitung war. Hinzu kam, dass er in diesem Jahr seinen Geburtstag übersehen hatte. Nicht, dass er besonderen Wert darauf legte, nur war es, seitdem sie sich kannten, schlicht noch nicht vorgekommen. Ausgerechnet Georg, so grübelte er, für den Zahlen seit jeher so etwas wie eine Leidenschaft waren. Er legte das Telefon zurück. Dass sein enger Freund derart unkonzentriert und abwesend auf ihn gewirkt hatte, gefiel Frederik nicht. Er fürchtete, dass er viel zu viel arbeitete und nahm sich vor, am nächsten Abend mit ihm darüber zu sprechen. Nachdem Georg aufgelegt hatte und sich erneut seiner Arbeit zuwandte, spürte er bald, dass sich ein bohrender Kopfschmerz in ihm breitmachte. Automatisch griff er in die obere Schublade seines Schreibtisches und holte eine fast leere Schachtel Schmerztabletten hervor, von denen er unverzüglich zwei einnahm. Fünf Minuten vor der verabredeten Zeit stand Frederik am darauffolgenden Abend vor der Sporthalle. Inzwischen war es Ende März. Die Temperaturen stiegen leicht an und die Sonne hatte am Tage bereits wärmende Kraft. Er wartete und wartete. Mittlerweile war es kurz vor dreiundzwanzig Uhr, noch immer war nichts von seinem Freund zu sehen. Frederik begann, sich ernsthafte Sorgen zu machen. Er wusste, Georg würde unter allen Umständen anrufen, wenn er sich zu verspäten drohte. Zwischendurch blickte er auf sein Handy; er wollte überprüfen, ob er es nicht versehentlich auf lautlos gestellt oder, was eher unwahrscheinlich war, gar nicht eingeschaltet hatte. Mit dem Gerät war jedoch alles in Ordnung. Es ließ ihm keine Ruhe. Das Telefon noch in der Hand, suchte er aus dem Nummernspeicher Georgs Mobilfunknummer heraus. Wo steckt er bloß?, fragte er sich, während er nach dem Wählen auf ein Freizeichen wartete. Es kam keines, lediglich die Mailbox ging dran. Der Tierarzt entschied sich, keine Nachricht zu hinterlassen; sie würde ihm bei der Frage nach Georgs Fernbleiben nicht weiterhelfen. Um dreiundzwanzig Uhr fünfzehn rauschte Georgs Wagen auf den Parkplatz. Befreit durchatmend ging er ihm entgegen. Am Fahrzeug angelangt, riss die Fahrertür auf; sein Blick reichte aus, um Georg seinen Unmut deutlich zu zeigen. Dieser entschuldigte sich, erklärte, dass er wegen eines größeren Ampelausfalls in der Innenstadt in einen Rückstau geraten war. „Aber warum hast du nicht angerufen und Bescheid gesagt? Verdammt, ich hab mir echte Gedanken gemacht. Hätte nicht viel gefehlt und ich hätte nach dir suchen lassen. Und das ist kein Witz! Ich hatte da schon ‘nen kleinen, fiesen Wirtschaftskrimi im Hinterkopf. Mit Entführung, Lösegelderpressung oder sonst was.“ Schuldbewusst stieg er aus. „Es ist der Akku, tut mir leid. Als ich dich anrufen wollte, war das Gerät bereits aus. Ich muss übersehen haben, ihn zu laden.“ „Das habe ich gemerkt. Mann, mach das nicht noch einmal, das hat mich Jahre meines Lebens gekostet. Nun lass uns endlich spielen gehen.“ Sie zahlten, zogen sich um und standen kurze Zeit später auf dem Court. Die Männer jagten sich über den Platz, kämpften und schwitzten. Georg mehr als Frederik, da seine Kondition in den Wochen, in denen sie sich nicht zum Sport getroffen hatten, und er ausschließlich zwischen Schreibtisch, Auto und Bett pendelte, erheblich gelitten hatte. Frederik gewann die drei Spielsätze haushoch. Unter der Dusche sprach er seinen Eindruck vom gestrigen Tage ganz unverblümt an: „Du arbeitest in der letzten Zeit extrem viel, habe ich Recht? Mehr als sonst?“ Georg sah ihn nicht an. „Ja, kann schon sein. Ich habe viel zu tun und bin fast nur noch im Unternehmen.“ „Was sagt Christine denn dazu?“ Mit geschlossenen Augen ließ er das warme Wasser über seinen Körper rieseln: „Sie versteht es. Arbeitet selbst nicht viel weniger. Deshalb funktioniert es. Ich muss ihr nichts erklären, mich nicht rechtfertigen, mir keine Vorhaltungen anhören.“ Frederik, der sich inzwischen abgetrocknet hatte, ging wortlos eine Tür weiter. Georg kam kurz darauf nach und öffnete seinen Spind. „Du gefällst mir im Moment so gar nicht, Georg.“ „Macht nichts, du hast doch Kathi“, versuchte dieser einen Scherz, als er zuerst einen schwarzen Slip, dann das T-Shirt und sein Hemd anzog. Frederik ging darüber hinweg. „Nein, ich meine es ernst. Du siehst müde und überarbeitet aus. Außerdem sind deine Konzentration und Fitness völlig im Arsch.“ Georg knöpfte sich das Oberhemd zu. „Sonst noch was?“ Sein Tonfall klang gewollt desinteressiert. Da er sich nicht ernstgenommen fühlte, reagierte er entsprechend genervt: „Ja, sonst ist noch was, nämlich, dass dich das hohe Pensum und der Stress auf deiner Arbeit irgendwann krank machen werden. Es muss sich etwas ändern.“ Georg grinste herablassend. „Was schlägst du vor? Soll ich kündigen? Auf ’ne Teilzeitstelle wechseln, geht grad schlecht.“ „Haha. Immer diese elende Ironie. Wie wäre es für den Anfang mit etwas weniger als vierzehn Stunden täglich? Und stattdessen vielleicht mal wieder bei Musik relaxen oder dich mit Freunden treffen? Wann hast du Christine zum letzten Mal gesehen?“ „Es geht nun einmal nicht. Ich musste mich entscheiden und Prioritäten setzen, Frederik und das habe ich zugunsten meiner Karriere getan.“ Er versteht es nicht und wird es nie, dachte er, als er den Verschluss seiner Hose schloss. „Mann, Georg! Das ist doch aber nicht normal. Du vergisst dein Handy zu laden, bist unkonzentriert oder achtest nicht aufs Display. Von meinem Geburtstag am Montag ganz zu schweigen. Das passiert dir doch sonst nicht, ich erkenne dich ja kaum wieder.“ Der Manager erschrak. „Oh verflucht, dein Geburtstag! Es tut mir leid.“ Er ließ sich auf die Bank sinken. Als Frederik sich neben ihn setzte, drehte er den Kopf zu ihm. „Glückwunsch nachträglich.“ „Danke, schon gut. Ich will, dass du begreifst, was ich meine. Ich werde dir garantiert nicht dabei zusehen, wie du dich kaputtmachst.“ „Das werde ich nicht. Das, was ich dort mache, bringt mir Erfolg und Anerkennung. Ich bin noch nicht lange ganz oben, habe aber vor, dort noch sehr lange zu bleiben. Und da ich das nicht allein entscheide, kann ich unmöglich derjenige sein, der jeden Tag zuerst nach Hause geht, um auf dem Sofa zu liegen und bei Musik zu relaxen.“ Frederik nickte grinsend. Er verstand Georgs ironischen Knuff durchaus. Da dieser der Ansicht war, zu diesem Thema sei alles gesagt, nahm er seine Wasserflasche in die Hand, um sie in seiner Sporttasche zu verstauen. „Halt, warte …“, rief der Blonde, „trink erst noch etwas davon.“ Der Andere verdrehte die Augen. „Komm, hör auf damit. Ich habe keinen Durst.“ „Los, nur einen Schluck.“ „Du fühlst dich grad so richtig berufen, oder?“ Sein Freund grinste, drängte ihn aber weiter: „Nun mach schon, nur einen Einzigen.“ Um Ruhe zu haben, hob Georg die Flaschenöffnung an die Lippen; da er selbst aber so sehr lachen musste, konnte er nicht anders, als die Mineralwasserflasche nach einigen Zügen bereits wieder abzusetzen. Frederik nahm sie ihm aus der Hand, trank ebenfalls daraus und schmunzelte erfreut. Es war das erste Mal an diesem Abend, dass er seinen Kumpel herzhaft lachen sah. Am Morgen darauf klopfte Susanne Krüger kurz nach Georgs Erscheinen an seine Tür. Nachdem er sie dazu aufgefordert hatte, betrat sie das großräumige Büro. Durch die verglaste Wand hinter dem Schreibtisch fiel das milde Licht der Morgensonne herein. Wie er es erwartete, stellte sie ihm eine Tasse dampfenden Kaffees an die Seite seiner Schreibtischplatte. Dankend nickte er ihr zu und griff zu seinem Telefon. Er wählte Christines Durchwahl, vorbei an ihrer Vorzimmerdame. „Hofmann“, meldete sie sich. „Guten Morgen Liebes.“ Ihre Stimme wurde weich. „Wünsche ich dir auch, Georg. Wie geht es dir, angenehm geschlafen?“ Er lehnte sich relaxt zurück. Georg genoss sie ebenso wie Christine, diese wenigen Minuten zu Tagesbeginn, in denen sie sich täglich von ihrem Schreibtisch zueinander entführten. Seine Stimmlage senkte sich ebenfalls, er sprach leise: „Ja, ganz brauchbar. Mit dir wäre die Nacht sicher um einiges reizvoller gewesen.“ Sie seufzte wohlig. „Schön, zu hören, dass du mich vermisst.“ „Oh ja, das tue ich wirklich. Ich muss dich schnellstmöglich wiedersehen. Ich werde wahnsinnig, wenn deine Haut nicht bald wieder meine berührt.“ Er nahm einen Schluck von dem bereitgestellten Kaffee. Gleich darauf setzte ein unangenehmes Druckgefühl in seiner Magengegend ein, das er jedoch ignorierte. „Liebster?“ „Mhhm?“ „Halte dir dieses Wochenende frei. Du wirst es mit mir schwitzend in zerwühlten Laken verbringen. Ich will unter keinen Umständen verantworten müssen, dass du dem Wahnsinn anheimfällst.“ Sie lachte leise; Georg ebenfalls. Ihr Angebot klang verlockend. Frederiks mahnende Worte gingen ihm durch den Kopf und er verwarf den Gedanken, Zuhause etwas zu arbeiten, wie er es ursprünglich geplant hatte, augenblicklich. „Wann sehen wir uns?“ „Ich bin heute Abend gegen neun bei dir.“ Georgs Stimme hatte einen zärtlichen Unterton, als er leise raunte: „Ich freue mich, Liebes. Auf dich.“ Die letzten Sätze ihrer Verabschiedung flüsterte Christine rau: „Ich mich auch. Ich habe riesige Lust auf dich.“ Was sie sagte, berührte Georg tief und aufregend prickelnd in seinem Unterbauch. Er wusste, dass Christine sich der Wirkung des Gesagten durchaus bewusst war, und dies bereits den Auftakt ihrer Wochenendverführung darstellte. Ohne ein weiteres Wort beendete er vorfreudig lächelnd das Gespräch. Am frühen Vormittag rief er nach Durchsicht der obengelegenen Schreibtischschublade seine Sekretärin zu sich. Sie trat ein. „Ja, bitte?“ „Frau Krüger, seien Sie so gut und besorgen mir eine Packung Aspirin, besser zwei. Und als Geschenk verpackt eine Flasche guten Scotch Whisky. Achten Sie darauf, dass es ein Single Malt ist. Und nicht zu günstig, um einhundert Euro.“ Sie nickte beflissen. „Gern.“ Nach einem fürsorglichen Blick bot sie an, ihm einen Snack aus der Kantine bringen zu lassen, da sie zu Recht annahm, dass er seit dem Morgen nichts gegessen hatte. „Das ist sehr aufmerksam, aber ich habe keinen Hunger, vielen Dank. Allerdings wäre noch ein frischer Kaffee willkommen.“ Susanne Krüger nickte. Sie verließ sein Büro, um das Heißgetränk zu holen und die Schmerztabletten sowie den Whisky zu organisieren. Georg sah zurück auf seinen Bildschirm; hochgradig konzentriert arbeitete er weiter. Ganz nebenbei trank er den Bohnenkaffee, der ihm wenig später auf den Schreibtisch gestellt wurde, obgleich sein Magen davon erneut schmerzte. Aus Gewohnheit und vollkommen in Gedanken ließ er sich noch einen weiteren bringen. Es war einer der letzten Tage des März, als Frederik am nächsten Vormittag die Haustür öffnete. „Hey Georg, hallo!“ Erstaunt begrüßte er seinen Freund, als er diesen in Jeans, dunklem Pulli und mit einem aufwendig eingepackten Geschenk in der Hand vor seiner Tür stehen sah. Olli, der ihn ebenfalls erkannte, stellte das Bellen ein und wechselte über zu einem freundlichen Wedeln. „Morgen, Frederik.“ „Find ich ja gut, dass du vorbeikommst, komm rein.“ Er trat einladend zur Seite. Der wuschlige Hund lief vor ihnen her, als die Männer in das Wohnzimmer gingen. „Willst ’n Kaffee? Oder Frühstück?“ „Nein, ganz im Gegenteil, ich habe etwas für dich.“ Georg überreichte ihm den eingepackten Karton. „Alles Gute nachträglich und nochmal sorry, dass ich’s übersehen hatte.“ Frederik nahm das Präsent gespannt entgegen. „Wow, danke! Das hätte doch aber wirklich nicht … Nun bin ich aber echt platt.“ Er setzte sich und zog erfreut die Schleifen auseinander. „Dass du dafür extra vorbeikommst. Passt das denn überhaupt in deinen Zeitplan?“ Diese Frage stellte er mit einem Zwinkern. Georg überging den charmanten Seitenhieb, er nahm ebenfalls Platz. „Christine ist da. Seit gestern Abend. Ich bin auf dem Weg zum Bäcker, Brötchen holen, während sie noch duscht.“ „Aha, sehr gut!“ Frederik hielt im Auspacken inne und schaute ihn kräftig nickend an. „Gut, dass ihr Zeit miteinander verbringt. Und gut, dass du mal zum Durchatmen und Entspannen kommst.“ Hierbei grinste er schief und Georg wusste, auf welch pikante Art der Erholung Frederik anspielte. „Wo ist Kathi?“ „Auch unter der Dusche. Boah, hey das ist aber ’n echt Guter!“ Frederik blickte beeindruckt auf das Etikett der Flasche. „So ein feiner Tropfen!“ Er stand auf und reichte ihm zum Dank die Hand; Georg erhob sich ebenfalls. „Gern geschehen. Schön, dass du dich freust.“ Inzwischen betrat Kathi den Raum. Bekleidet mit Frederiks dunkelblauem Bademantel und einem weißen Handtuch, das sie wie einen Turban um den Kopf gewickelt trug. „Sag mal Großer, wo hast du eigentlich das …“ Sie erblickte Georg. „Oh, wir haben Besuch! Frederik, warum hast du denn nichts gesagt? Bitte entschuldige meinen Aufzug, Georg. Guten Morgen.“ Sie zog den Gürtel des Frotteemantels fester. Verlegen lächelnd kam sie auf Georg zu, wobei sie ihm ihre Hand ebenfalls entgegen streckte. Georg nahm sie. „Kein Problem, ich bin schon wieder so gut wie weg.“ „Oh ja, ich auch“, entgegnete sie unsicher und verschwand aus dem Zimmer. Beide sahen ihr nach. Inmitten des Frühstücks, das Georg und Christine aneinander geschmiegt auf dem Bett liegend genossen, erzählte er ihr von Frederiks neuer Liebe. Er lag mit seinem Kopf auf ihrem Oberschenkel, wobei er von Zeit zu Zeit Brötchenstücke in den Mund gesteckt bekam, die sie zuvor mit Butter bestrichen hatte. „Ich freue mich sehr für ihn.“ Georg nickte kauend und Christine brach bereits das nächste Eckchen ab. „Und wer ist sie? Kenne ich sie?“ Georg schluckte, bevor er antwortete. „Ich glaube nicht. Sie heißt Katharina Kramer. Ist Annas Tante.“ „Ach so?“ „Kurios, hm? Aber diesem Umstand hat Frederik es zu verdanken, dass er sie überhaupt kennenlernte.“ Da seine Freundin ihn verständnislos ansah, erzählte Georg ihr die Geschichte ihrer ersten Begegnung am Weihnachtsabend. Er endete mit den Sätzen: „Du kannst dir nicht vorstellen, wie happy er ist. Wie ausgewechselt. Seit er mit Kathi zusammen ist, geht’s dem so richtig gut. Er trägt dieses dämliche Dauergrinsen vor sich her, dass er nicht mehr aus dem Gesicht zu bekommen scheint.“ Er zog ihre Hand mit dem nächsten Brötchenhappen zu sich herunter. „Das klingt geradezu romantisch. Einen Schluck Kaffee zwischendurch?“ „Ja, gern.“ Er setzte sich auf, küsste ihre Brust und nahm ihr den Kaffeebecher ab. „Wenn ich das so höre, könnte ich fast auf die Idee kommen, dass er den Schritt in eine Ehe ein zweites Mal wagt.“ In Georgs Magen verursachte der Filterkaffee, wie am Tag zuvor, ein brennendes Druckgefühl. Wieder ging er erfolgreich darüber hinweg. „Ich denke, das wird er.“ „Aha? Was bringt dich auf diese Idee? Habt ihr über das Thema Ehe gesprochen?“ „Ja, neulich beim Sport. Ich schätze, dass er unter anderen Umständen noch warten würde, aber da sie nun einmal schwanger ist …“ „Sie ist schwanger? Nein, oder?“ Georg lachte. „Ja, das kannst du nicht wissen. Als ich von der Neuigkeit erfuhr, war ich ähnlich fassungslos wie du. Doch, doch, er wird Vater.“ Christine sah ihn staunend an. „Das ging aber schnell.“ „Tja, so ganz geplant war es wohl auch nicht. Aus der Nähe betrachtet aber vollkommen in Ordnung. Die beiden sind schließlich alt genug.“ „Du hast Recht. War es nicht ohnehin schon immer Frederiks Wunsch, Nachwuchs zu bekommen?“ „Mhmm, das kann man so sagen …“ „Na, sag ich doch“, reagierte Christine herausfordernd. Um Georgs Mundwinkel deutete sich ein Lachen an, gern stieg er darauf ein. „Nein, Liebes, ich habe es gesagt.“ Christine hob selbstbewusst den Kopf. „Kann gar nicht sein. Ich sagte es auf jeden Fall zuerst …“ „Nein, nein, ich war es, ganz sicher. Aber durch einen Kuss lasse ich mich vielleicht vom Gegenteil überzeugen. Komm her.“ Mit einem kühnen Lächeln und voller Lust auf ihn forderte sie ihn heraus: „Darauf kannst du lange warten, den musst du dir schon holen …“ Sie war sich sicher, er würde darauf eingehen, und sich ihrer Liebe widerstandslos ergeben. Unverhofft kommt oft Einen Monat später, Ende April … Mit ihren Eheringen in der Tasche, die sie eben vom Juwelier abgeholt hatten, schlenderten Kathi und Frederik an diesem Frühlingssamstag durch die Innenstadt. Die Goldringe hatten sie vor einigen Wochen ausgesucht und für die Hochzeit ihren Vornamen und das Datum des großen Tages eingravieren lassen. Plötzlich blieb Frederik wie vom Donner gerührt stehen: „Komm schnell, hier rein!“ Unvermittelt zog er Kathi am Arm und Olli an der Leine in den nächstbesten Laden hinein. Als sie gleich darauf in einem Spielwarengeschäft vor den Playmobil-Burgen und Piratenschiffen standen, fragte sie ihn perplex: „Was ist los? Warum tun wir das hier?“ Sein Gesichtsausdruck verriet seine Anspannung, als er erklärte, dass er seine Ex-Frau von weitem erkannt und keinesfalls Lust gehabt hatte, mit ihr zusammenzutreffen. „Ich habe einfach keinen Bock auf Smalltalk mit ihr. Was ich so mache, wie es mir geht und so‘n Zeugs.“ Kathi nickte. „Das kann ich verstehen. Oh, trägt sie eine rote Jacke?“ „Ja, warum?“ „Und hat sie dunkle, kurze Haare?“ Frederik nickte irritiert. „Dann kommt sie gerade zur Tür herein. Und sie hat ein Kind dabei.“ „Ohhh nee …“ Frederik, der hinter einem Regal versteckt mit dem Rücken zum Eingang stand, verdrehte genervt die Augen. Sie näherte sich in Hörweite. „Aber nur gucken, Lukas …“, hörten sie sie sagen, bevor sie im nächsten Augenblick auch schon vor ihnen stand. Sybille erschrak – dieses Zusammentreffen hatte auch sie nicht gewollt. Nun gab es kein zurück, ein Ausweichen war nicht mehr möglich. „Oh, hallo Frederik.“ Sie lächelte zurückhaltend, was er jedoch nicht erwiderte. „Hallo.“ „Wie geht’s denn so?“ Sie wollte mit ihrer belanglosen Frage die unangenehme Situation überbrücken. Kathi spürte sein Unbehagen überdeutlich. Sie drückte sanft seine Hand, als er sich seiner damaligen Ehefrau zuwandte: „Gut geht’s, alles okay. Und selbst?“ Kathi erkannte an der schleppenden Art der Fragestellung, dass es ihn genau genommen nicht interessierte. „Ach ja, man schlägt sich so durch.“ Er nickte beiläufig. Kathis Blick senkte sich zu dem Jungen, der wiederum nur Augen für den großen Hund hatte. Sybille bemerkte die Aufmerksamkeit an ihrem Kind und sah sich genötigt, ihn vorzustellen: „Das hier ist übrigens Lukas, mein Sohn.“ Der Steppke schaute Kathi offen an und streckte ihr seine Hand entgegen. Sie nahm sie und auch Frederik begrüßte ihn. „Darf ich den streicheln?“ Er deutete auf den massigen Neufundländer. Frederik nickte und erklärte ihm, dass es hierfür gut sei, ihn zuvor an der eigenen Hand schnüffeln zu lassen. „So lernt er dich kennen.“ „Das weiß ich schon, ich habe ein Buch über Hunde, da steht das drin.“ Der Tierarzt grinste, machte ein gespielt beeindrucktes Gesicht und zeigte auf Olli, der sich inzwischen hingelegt hatte: „Na, dann los, du Experte.“ Während Sybille nervös weiterredete, konnte Kathi sich nicht von Lukas’ Anblick losreißen. Unglaublich, dachte sie erstaunt, einfach unglaublich. Diese blonden Haare und seine dunkelblauen Augen. Dazu diese unübersehbare Ähnlichkeit. Wüsste sie nicht genau, dass Frederik es vollkommen ausschloss, würde sie in Versuchung geraten, das Unmögliche anzunehmen. Sie sah zum Vergleich in Frederiks Gesicht, der desinteressiert in die Gegend schaute. Auf der Rückfahrt versuchte sie sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr die soeben erlebte Begegnung sie beschäftigte. Frederik hingegen schien sie längst beiseitegeschoben zu haben. Er war in Gedanken bei ihrer Hochzeit und sprach gut gelaunt von ihren abschließenden Vorbereitungen. Gern würde sie sich von seiner hervorragenden Laune anstecken lassen, doch es gelang ihr nicht. Zudem war sie aufgeregt, da an diesem Abend Georg und Christine zum Abendessen zu ihnen kommen würden. Sie hatte sich für diese Gelegenheit ein aufwendiges Menü überlegt, von dem sie inständig hoffte, dass es ihr auf Anhieb gelingen würde. Bei ihrem letzten Squashspiel vor rund zwei Wochen hatte Frederik ihn zu sich eingeladen, da er beschlossen hatte, dass ihm ein fröhliches Beisammensein unter Freunden gut tun würde. Nachdem sie nach Haus zurückgekehrt waren, trug Frederik einen Karton mit Weinflaschen und Kisten weiterer Getränke, die er bereits am Morgen eingekauft hatte, nacheinander in den Keller. In dieser Zeit hatte Kathi sich mit einem betagten Fotoalbum auf dem Schoß ins Wohnzimmer zurückgezogen. Es handelte sich hierbei um ein liebevoll beschriftetes Buch, das die gesammelten Aufnahmen aus Frederiks Kindheit enthielt. Seite für Seite blätterte sie es langsam durch. Wie erwartet, erkannte sie auf nahezu jedem Bild den kleinen Jungen vom Vormittag in Frederiks Kindergesicht wieder. Sie staunte darüber, wie verblüffend ähnlich Lukas ihm sah. Geradezu wie aus dem Gesicht geschnitten; dazu seine unübersehbare Tierliebe. Er erschien ihr wie Frederik in Miniaturausgabe. Grübelnd lehnte sich zurück: Natürlich konnte es Zufall sein, dass er in einem Hundebuch las und seine komplette Aufmerksamkeit an Olli verschenkte, aber was war, wenn nicht? Wenn er wirklich sein Sohn sein sollte und Sybille es ihm all die Jahre verschwiegen hatte? Aus welchem Grund auch immer. Kathi überlegte angestrengt, hierbei breiteten sich Sorgen in ihr aus: Sollte ihr gemeinsames Kind die uneingeschränkte, alleinige Beachtung und Liebe seines Vaters bereits verlieren, bevor es überhaupt geboren war? Würde es die Nummer zwei werden und für den Rest seines Lebens hinter dem älteren Halbbruder anstehen? Bei ihrem nächsten Gedanken nahm das scheußliche Gefühl in ihrer Magengegend erheblich zu, da sich die Angst aufdrängte, Frederik würde in letzter Konsequenz gar zu Sybille zurückgehen, um mit seinem Sohn die verlorene Zeit nachzuholen. Ohne dass sie es verhindern konnte, schossen Tränen in ihre Augen. In der jüngsten Zeit war sie aufgrund ihrer Schwangerschaft empfindlicher, als sie es sonst von sich kannte. Sie weinte und haderte mit ihrer Situation. Ausgerechnet heute, so dachte sie, mussten wir sie treffen. In ihrem Kopf erreichte die Dramatik ihren Höhepunkt: Mit dem Baby im Bauch und unserer Hochzeit habe ich doch schon genug zu tun. Und dann der Besuch heute Abend, den Frederik ohne mich zu fragen arrangiert hat und für den ich so umständlich kochen und gut aussehen muss. Kathi heulte derart heftig, dass ihr Verlobter sie im Flur hörte, als er die Kellertreppe hinauf kam. Besorgt betrat er das Wohnzimmer. Er sah sie auf dem Sessel sitzen, das aufgeklappte Fotoalbum auf dem Schoß, die Hände vor die Augen gelegt. „Süße, du weinst ja!“ Er hob das in die Jahre gekommene Album von ihren Beinen, beugte sich über sie und drückte sie an sich. Kathi schlang ihre Arme um seine Taille und lehnte ihr Gesicht schluchzend gegen seine Brust. „Schhhh, alles gut, alles gut“, murmelte er tröstend und küsste liebevoll ihren Kopf. Ihre Schultern bebten und sie schniefte hörbar. Er hielt sie fest, schweigend und streichelnd. Da er wusste, dass Kathi durch die Schwangerschaft in der letzten Zeit nah am Wasser gebaut hatte, schob er ihre Tränen auf die Hormonumstellung. Langsam beruhigte sie sich. Er ging vor ihr in die Hocke und strich mit seinem Daumen über ihre nasse Wange. „Warum bist du so traurig, was ist passiert?“ Sie wies auf die Kinderbilder, die neben dem Sessel auf dem Boden lagen. „Sieh doch mal hin.“ Frederik stutzte; er verstand nicht, worauf sie hinauswollte. „Ich kenne die Fotos. Aber warum bringen sie dich zum Weinen?“ Um seinen Mund deutete sich ein Schmunzeln an, als er hinzufügte: „So grauenvoll sah ich doch nun auch wieder nicht aus.“ Nun musste auch Kathi ein wenig lächeln. „Nein, überhaupt nicht. Aber denk doch mal an heute morgen, an den kleinen Lukas.“ „Was meinst du?“ Er erhob sich, seine Freundin stand ebenfalls auf. Mit dem Album in der Hand blätterte sie zu einer Aufnahme, auf der er in Lukas’ Alter war, und zeigte sie ihm. „Guck doch mal hier, er sieht aus wie du!“ Frederik schüttelte ungläubig den Kopf, nahm ihr das Fotobuch ab und setzte sich damit auf das Sofa. Kathi ließ sich dicht neben ihm nieder. Er inspizierte die Bilder eingehend, schlug einige Seiten vor und einige zurück, dann lehnte er sich nachdenklich nach hinten an. „Irgendwie hast du recht. Du meinst, dass er womöglich mein …? Aber das kann nicht sein, das wüsste ich doch.“ Er machte eine Pause, in der er die Fotos erneut forschend betrachtete. Sein fragender Blick traf ihren: „Glaubst du wirklich, dass Lukas mein Kind sein könnte?“ Kathi zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es doch auch nicht, mir ist nur eure wahnsinnige Ähnlichkeit aufgefallen.“ Ohne ein weiteres Wort legte Frederik den Kopf nach hinten und schloss seine Augen. Kathi zögerte einen kurzen Moment, entschied sich aber doch, ihn zu fragen: „Könnte es denn überhaupt sein? Hat sie trotz ihres Liebhabers noch mit dir geschlafen?“ Er beließ seinen Hinterkopf auf der Rückenlehne und drehte sein Gesicht zu ihr. „Mhmm, hat sie. Das ist auch so eine Sache, die sich im Nachhinein noch ziemlich mies anfühlt – sie hatte parallel Sex mit ihm und mit mir. Wohl zur Tarnung. Mir wird noch immer schlecht bei dieser Vorstellung. Und ich hatte keinen Schimmer. Woher denn auch? Für mich war alles in Ordnung, bis sie mir von der Schwangerschaft erzählte und mir deshalb die Affäre gestand.“ Kathi schüttelte angewidert den Kopf. „Dass sie das überhaupt konnte? Ganz schön abgebrüht …“ Frederik stand auf. Seine Stimme war belegt und er klang, als wäre er in seinen Gedanken woanders: „Ich muss das Auto zumachen, die Heckklappe steht noch offen.“ Nach dieser Ankündigung ging er aus dem Zimmer. Frederik blieb länger draußen, als für das Schließen des Fahrzeugs nötig gewesen wäre. Kathi nahm an, dass er Zeit für sich brauchte. Zeit zum Nachdenken. Nach rund einer halben Stunde begann sie aufgeregt mit den Vorbereitungen für das Menü. Als Frederik ins Haus zurückkam, köchelte und dampfte es bereits auf dem Herd. Er hob die Deckel an und schnupperte in jeden einzelnen Topf hinein. „Im Backofen steht auch noch etwas, nicht dass du womöglich übersiehst“, neckte Kathi ihn aus Gewohnheit, obgleich ihr nicht zum Scherzen zumute war. Zu ihrem Verdruss reagierte er nicht mit einer schlagfertigen Antwort, wie sie es von ihm kannte. Es beschäftigt ihn, kein Wunder, dachte sie daraufhin und streichelte im Vorbeigehen seinen Rücken hinunter. Als sie in den Kühlschrank schaute, um einen Becher Sahne für die Soße herauszunehmen, hörte sie ihn hinter sich sagen: „Nie im Leben hätte ich daran gedacht, dass das Baby von mir sein könnte, Kathi. Für mich war es immer nur das Kind des anderen. Gott, sie war sich so sicher, dass es von ihm war und nun soll es plötzlich meines sein?“ Kathi stand vor ihm, den Plastikbecher in der Hand und sah ihm ins Gesicht. Er blickte sie ebenfalls an und strich ihr gedankenverloren einige Haarsträhnen aus der Stirn, die aus ihrem Pferdeschwanz herausgerutscht waren. „Vorhin hatte ich kurz Angst, dass du …“ Sie hielt inne und bereute bereits, diesen Satz überhaupt begonnen zu haben. War ihr Gedankengang nicht vollkommen absurd und töricht? Frederik hakte nach: „Hm? Was meinst du? Dass ich was?“ Kathi mochte es kaum aussprechen: „Ach, ich weiß nicht, zu ihr zurückgehst oder so.“ Frederik nahm ihren Kopf in seine Hände. „Deshalb hast du geweint?“ Er sah in ihre Augen hinein. Seine Lippen fühlten sich weich an, als er sie behutsam küsste. Er sprach leise, ihr Gesicht nach wie vor in seinen Fingern: „Niemals, mein Mädchen, werde ich das tun.“ Mit einem prächtigen Strauß Frühlingsblumen in der Hand klingelten Christine und Georg zur verabredeten Zeit. Von den Geschehnissen des Tages zwar psychisch beeinträchtigt, aber nicht minder neugierig auf Christine, öffnete Kathi ihnen die Tür. Es interessierte sie sehr, wer die Nachfolge ihrer Nichte angetreten hatte. Durfte sie Frederiks Worten Glauben schenken, handelte es sich bei der Personalchefin eines renommierten Verlagshauses um Georgs große Liebe. Wer auch immer sie war und wie immer sie aussehen mochte oder ihr Umgang mit Georg sich gestaltete, sie nahm sich fest vor, Anna auf keinen Fall von diesem Abend zu erzählen. Zu frisch war ihre Wunde noch, als dass sie es bereits verkraften könnte, Berichte dieser Art zu hören. Nach einer herzlichen Begrüßung, zu der auch Frederik hinzugekommen war, ging Kathi in die Küche, um eine Vase aus dem Schrank unter der Spüle hervorzusuchen. Ein unangenehmes Gefühl im Bauch begleitete sie. Gerade noch hatte sie sich nach dem Umziehen im Spiegel betrachtet und war mit sich zufrieden. Jetzt jedoch, nach einem Blick auf Georgs Freundin, fühlte sie sich plump und schwerfällig. Verdrossen schaute sie aus der Küche zu ihren Gästen in den Flur. Christine sah wirklich toll aus, in dunklem Grau und Schwarz mit einem perfekt geschnittenen, kurzen Rock und einem Oberteil, das so gut saß, wie es teuer gewesen war. Kathi atmete tief durch. Wieder einmal empfand sie sich als viel zu dick und das lag nicht allein am Babybauch. Sie fürchtete, neben Georgs erfolgreicher und zudem tadellos schlanker Christine wie ein unförmiges Nilpferd zu wirken. Kathi hasste dieses Gefühl. Und trotzdem stellte es sich immer wieder in Situationen wie dieser ein. Während des Essens fiel auf, wie ruhig Frederik für seine Verhältnisse war. Gedankenversunken aß er und starrte abwesend auf die Tischdecke vor sich. Auch Georg und Christine sprachen wenig. Sie sahen erst Frederik und dann einander irritiert an. Kathi blickte auf den Teller hinunter. Natürlich, so dachte sie, sagt keiner etwas. Frederik ist in Gedanken noch bei Lukas und unseren Gästen schmeckt es nicht. Ausgerechnet heute, als es darauf ankam, hatte sie die famose Idee ein neues Gericht auszuprobieren, was gründlich daneben gegangen war. Tief durchatmend stand Kathi auf und versuchte zu lächeln, obwohl ihr längst wieder zum Heulen zumute war. Frederiks gedrückte Laune tat ein Übriges, zu ihrer Missstimmung beizutragen. Verunsichert schaute sie von Christine zu Georg: „Es ist ziemlich fade, oder? Ich hole lieber ein wenig Salz.“ Ein freundlicher Ausdruck überzog Christines Gesicht, als sie bestimmt den Kopf schüttelte. „Nein, bleib sitzen. Es ist alles gut, wirklich.“ Jeder am Tisch ahnte, dass es lediglich der Anstand war, der sie zu diesen Worten bewog. „Ach was, ich gehe mal eben ….“ Mit Tränen in den Augen verließ Kathi das Esszimmer. „Stimmt etwas nicht?“ Georg deutete bei seiner Frage in Richtung der Tür und legte das Besteck beiseite. Er mochte ohnehin nicht weiteressen, jeder Bissen brannte schmerzhaft in seinem Magen. Sein Kumpel schaute auf und nickte. „Wir haben Sybille heute in der Stadt getroffen. Daran liegt es wohl, dass unsere Stimmung nicht die Beste ist.“ Bevor er hierauf etwas entgegnen konnte, kehrte Kathi zurück. Sie hörte Frederiks Worte, stellte hastig den Salzstreuer auf den Tisch und wollte, vollkommen überempfindlich, den Raum weinend wieder verlassen. Frederik jedoch ergriff ihre Hand und hielt sie fest. „Nein, bitte bleib! Kathi …“ Tränen rannen über ihre Wangen, als sie sich von ihm losriss und erneut in die Küche lief. Die Drei sahen ihr nach, und als Christine registrierte, dass Frederik keine Anstalten machte, ihr zu folgen, erhob sie sich, um nach seiner Freundin zu sehen. Niemand nahm sich den Streuer zur Hand, an das Essen dachte keiner mehr. Georg schob den Teller von sich fort: „Ist es Eifersucht? Sie weiß doch wohl, dass sie in Bezug auf Sybille als Konkurrenz nichts zu befürchten hat?“ „Ja, sicher. Aber hier geht es um ihren Sohn. Sybille hatte ihn dabei. Der Junge sieht mir wohl verdammt ähnlich und nun malt Kathi sich die übelsten Zukunftsvisionen aus. Ich zurück zur Ex und Kind, dass ich sie sitzen lasse und so Zeugs …“ „Sie glaubt, dass es dein Kind ist?“ Georg schaute ihn überrascht an. Frederik nickte und trank einen Schluck Weißwein. „Ziehst du es ebenfalls in Erwägung?“ „Mittlerweile schon. Meinen Kinderfotos nach … Ach, ich weiß es doch auch nicht!“ „Wie würde das Ganze denn rechtlich aussehen? Und was ist mit Unterhaltsnachforderungen aus den vergangenen Jahren? Hat sie darauf einen Anspruch?“ Unsanft stellte Frederik das Glas auf den Tisch und wurde laut: „Was denkst du wohl, wie scheißegal mir das gerade ist? Das interessiert mich echt überhaupt nicht. Mann, es kann sein, dass es mein Kind ist, das hier um die Ecke aufwächst und von dem ich absolut nichts mitbekomme! Mein Kind, Georg! Geld und Rechte … Scheiß doch drauf!“ Georg blieb ruhig: „Irgendwann wird es zum Thema werden, wenn er wirklich dein Sohn ist.“ „Ja, kann sein. Was weiß ich.“ Er schenkte sich von dem Wein nach und füllte auch Georgs Glas auf, das dieser allerdings unberührt stehen ließ. „Warum hat sie denn nur nichts gesagt? Sybille wusste ganz genau, wie sehr ich mir Kinder wünsche. Wollte sie mir absichtlich wehtun, indem sie mir den Kleinen vorenthielt? Überleg mal, kein Wort. All die Jahre nicht.“ Georg zuckte ahnungslos mit den Schultern. In seinem Oberbauch schmerzte es erheblich. „Ich weiß nicht. Vielleicht dachte sie tatsächlich, dass der Junge von dem anderen war.“ „So blöd kann sie doch wohl nicht sein.“ „Immerhin blöd genug, dich zu betrügen.“ „Ich muss es genau wissen.“ „Gar keine Frage, das musst du auf jeden Fall. Und nun solltest du nach Kathi sehen.“ „Du hast Recht.“ Frederik erhob sich und trank den Rest aus seinem Glas in einem Zug leer. Dann ging er in Richtung Küche. Froh, einen Moment allein zu sein, stand Georg von seinem Stuhl auf und wechselte ins Wohnzimmer zur Couch. Dort setzte er sich auf die vordere Kante, stützte beide Unterarme auf seinen Knien ab und beugte sich nach vorn. In seinem Kopf dröhnte es, glücklicherweise ließ der brennende Reiz des Essens in seinem Magen allmählich nach. Mit geschlossenen Augen versuchte er, so gleichmäßig wie möglich zu atmen. „Hier bist du, Liebster. Ich wähnte dich noch am Tisch.“ Christine nahm neben ihm Platz; liebevoll schob sie ihre Hand durch sein Haar. „Du sagst ja gar nichts, alles okay?“ Er spielte es vor ihr herunter: „Nur ein wenig Kopfschmerzen. Du hast nicht zufällig Schmerztabletten bei dir?“ Er drehte den Kopf und schaute seine Freundin an. Bevor sie allerdings antworten konnte, öffnete sich die Tür erneut. Frederik kam zu ihnen und ließ sich in einen der freien Sessel plumpsen; Kathi wählte den Zweiten, um sich zu setzen. Sie lächelte verlegen, versuchte eine Erklärung, in der sie um Verständnis bat: „Bitte entschuldigt, ich bin im Moment nicht sonderlich belastbar. Und die Sache mit dem Jungen – na ja, die geht mir unheimlich nah. Und auch sorry für das Menü, das so scheußlich geschmeckt hat. Ich muss in der Aufregung das Würzen vergessen haben.“ Georg winkte kopfschüttelnd ab. „Kein Problem, denk nicht länger drüber nach.“ Christine pflichtete ihm bei, sie lächelte zuversichtlich: „Er hat Recht. Denn wenn jemand Grund hat, gestresst zu sein, dann du. Und besonders dann kommt etwas dazwischen und nichts läuft mehr, wie es soll. Aber das sagte ich ja in der Küche schon.“ „Ja, stimmt.“ Kathi nickte ihr zu und erwiderte ihr Lächeln. Wider Erwarten war ihr Georgs Begleitung überaus sympathisch. Bisher war es oft so, dass sie mit den top-gestylten und sehr figurbewussten Frauen kaum Gemeinsamkeiten hatte, und sie sich bewusst von ihnen distanzierte. Bei Christine schien es anders zu sein. Sie war es, die zu ihr in die Küche gekommen war, als sie weinend am Fenster stand. Ihr Gespräch hatte Kathi aufgebaut, ihr Zuversicht und neue Kraft gegeben. Gleichzeitig fühlte sie sich verstanden. Und da Christine Frederik seit vielen Jahren kannte, konnte sie ihr augenblicklich jede Befürchtung in Bezug auf eine erneute Beziehung mit Sybille nehmen. Kathi blickte von ihr zu Georg und ertappte sich bei dem Gedanken, dass die beiden ein wesentlich passenderes Paar abgaben, als Anna es jemals mit ihm getan hatte. Beim näheren Hinsehen bemerkte sie außerdem, dass Georgs Hand unterhalb des Rocksaums auf ihrem Oberschenkel lag – eine sehr vertraute Geste. Ein Anflug von schlechtem Gewissen ihrer Nichte gegenüber meldete sich. Er bestärkte sie noch einmal in dem Beschluss, mit Anna auf gar keinen Fall mehr über Georg zu sprechen und schon gar nicht dessen neue Beziehung zu erwähnen. Sie wollte ganz sicher nicht zwischen die Fronten geraten. Frederik kam zu ihr und beugte sich, hinter ihrem Sessel stehend, über sie. Er flüsterte, während er ihren Hals küsste: „Wir zwei, wir halten zusammen, verlass dich drauf.“ „So soll es sein, hm?“, wisperte Christine und blickte zu Georg. Nachdem dieser beiläufig nickte, besann sie sich auf seine, soeben an sie gerichtete, Bitte. „Und nun forsche ich in den Tiefen meiner Handtasche nach den Tabletten für dich.“ Er lächelte erleichtert: „Danke, Liebes.“ „Kaffee?“ Frederik sah fragend in die Runde. Als wenig später die dampfende Kanne vor ihnen auf dem Tisch stand, spülte Georg zwei von Christines Schmerztabletten mit einem großen Schluck Bohnenkaffee hinunter. Kurz darauf fühlte er zum zweiten Mal an diesem Abend den brennenden Schmerz unterhalb seines Brustbeins. Er beugte sich nach vorn, da er auf diese Weise erträglicher wurde und tat, als würde er seine Schnürsenkel neu binden. Und nun? Gleich am Montag griff Frederik in seiner Mittagspause zum Hörer. Sybilles Telefonnummer hatte er sich aus dem örtlichen Verzeichnis herausgesucht. „Neuhaus.“ „Hallo, hier Frederik.“ Sie schluckte trocken. Seit ihrem Wiedersehen im Spielzeugladen hatte sie seinen Anruf mit bangem Gefühl erwartet. Bei jedem Telefonklingeln fürchtete sie, er könne es sein und nach dem Jungen fragen. „Es geht um unsere Begegnung vom Samstag. Um Lukas. Wir müssen uns unterhalten, meinst du nicht auch?“ „Ja, ich dachte mir, dass du …“ Sie wurde unsicher, wusste sie doch genau, worauf er anspielte. Ihre Wangen röteten sich, auf eine bestimmte Art fühlte sie sich ertappt. Er hat die Ähnlichkeit bemerkt, befürchtete sie. Ich wusste, dass es so kommen würde, wenn er Lukas zum ersten Mal träfe. Es war nur eine Frage der Zeit, schoss es ihr durch den Kopf – ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihrem Bauch aus, ihr wurde klar, dass dieser Zeitpunkt nun gekommen war. „Was dachtest du dir?“ „Dass du anrufen würdest. Wann treffen wir uns?“ „Sobald wie möglich.“ „Heute Abend? Ich kann aber schlecht weg. Kommst du gegen acht vorbei? Dann ist Lukas im Bett und wir können ungestört reden.“ Er notierte sich ihre Adresse, gleich darauf legte er auf. Unübersehbar wartete Frederiks Nachricht auf einem Klebenotizzettel am großen Spiegel im Flur. Kathi entdeckte ihn, als sie am Nachmittag vom Dienst nach Hause kam. Er hatte darauf vermerkt, dass er nach Praxisschluss zu Sybille fahren wollte, um mit ihr über Lukas zu sprechen. Heute schon?, dachte Kathi und ließ sich nachdenklich auf einen der Küchenstühle sinken. Auf der einen Seite wusste sie, dass es das Beste war, mit der Wahrheit nicht lange zu warten, auf der anderen Seite hatte sie ein ungutes Gefühl, da sie befürchtete, die Begegnung mit seiner Vergangenheit könnte eine gravierende Veränderung für ihr gemeinsames Leben bedeuten. Hinzu kam, dass sie nicht einschätzen konnte, was von Sybille zu halten war. Ihr graute davor, dass sie alles daran setzen würde, Frederik für sich und ihr Kind zurückzugewinnen. In ihrer Sorge traute sie ihr zu, zu diesem Zweck jedes noch so unfaire Register zu ziehen. Frederik fand die Adresse auf Anhieb. Die Gegend mit den trostlosen, mehrgeschossigen Sozialbauten war stadtbekannt. Betroffenheit machte sich in ihm breit, als er parkte und beim Aussteigen an den Fassaden der grauen Wohnblöcke empor schaute. Hier wohnen sie also, dachte er und atmete tief durch. In der Abenddämmerung ging er auf das Haus zu. Aus den Klingelschildern neben den Briefkästen suchte er ihren Namen heraus und läutete. Laut schnarrend ging der Summer, bestürzt betrat Frederik den Flur des Treppenhauses. Es sah schäbig aus, vieles war kaputt. Zudem roch es nach künstlichem Zitronenaroma, das er jedoch nur am Rande wahrnahm. Zu erschrocken war er angesichts der Wohnsituation seines möglichen Kindes. Beherzt klopfte er an die Wohnungstür. Nachdem Sybille ihm geöffnet hatte, begrüßten sie einander reserviert. „Dann komm rein.“ Zögernd trat sie einen Schritt zur Seite und machte ihm Platz. Sie fühlte sich eingeschüchtert hinsichtlich des bevorstehenden Gesprächs. Unsicher, ob sie der Belastung standhalten würde, hängte er seine Jacke an eine schiefe, wackelig montierte Garderobe. „Dann bist du jetzt also da“, hörte er ihre feststellende Bemerkung hinter sich, mit der sie die entstandene Stille zu füllen versuchte. Er drehte sich um und nickte. „Ja, hier bin ich“, erwiderte er überflüssigerweise. „Gehen wir gleich durch?“ Sybille deutete ihm mit der Hand an, in ihr kleines Wohnzimmer voranzugehen. Er betrat den spärlich möblierten Raum. Dass sie über wenig Geld zum Leben verfügte, war nicht zu übersehen, dennoch war es ihr gelungen, ihr Reich gemütlich und ansehnlich zu gestalten. Es war aufgeräumt und sauber. Frederik sah sich um. Unzählige Fotos von Lukas zierten die Zimmerwände. In fast allen Lebenslagen und in jeder Altersstufe zeigten sie ihn. Verschiedene Formate und Rahmen, aber immer dasselbe, aufgeweckte Jungengesicht unter einem dunkelblonden Haarschopf. „Setz dich doch“, forderte seine Ex-Frau ihn auf. Während er auf dem Sofa Platz nahm, verharrten seine Augen auf den Bildern. Es war das größte, welches in der Mitte der Wand hing, das ihn am stärksten fesselte. Lukas war darauf als Säugling zu sehen. Was für ein süßes Baby, schoss es ihm in den Kopf. Es fiel ihm schwer, sich von dem Anblick des Kindes zu lösen. Sybille verfolgte seinen Blick, stolz sagte sie: „Er ist ein toller Junge, mein Ein und Alles. Das Beste, was ich habe.“ „Schön zu hören und nicht zu übersehen.“ Sie lächelte und strich sich nervös mit der Hand durch die Haare. „Du willst mit mir über ihn sprechen?“ Frederik nickte. „Ja, richtig.“ Aufregung breitete sich in ihm aus, ihm wurde flau im Magen. Nun würde er die Frage stellen, die ihm auf der Seele brannte: „Sybille, vielleicht täusche ich mich, aber kann es sein, dass er von mir ist? Es deutet so einiges darauf hin.“ Sie senkte den Kopf, was ihn nicht davon abhielt, die alles entscheidende Erkundigung einzuholen: „Ich bitte dich, sag mir ehrlich, ob er mein …“ Mitten im Satz stockte er, aus dem Augenwinkel nahm er eine Bewegung wahr. Es war die Zimmertür, die sich langsam öffnete. Er drehte das Gesicht, auch Sybille blickte in diese Richtung. Beide entdeckten den verstrubbelten Blondschopf des Jungen, der sich zaghaft durch den Türspalt schob. „Ich kann nicht schlafen, Mama.“ Lukas trat in das Zimmer und blinzelnd rieb er sich die Augen. Frederik ging dieser Anblick tief ins Herz. Er löste ein starkes Gefühl in ihm aus; der Impuls, den kleinen Burschen in seinen Arm zu nehmen, wurde beinahe übermächtig. „Komm her, wir haben Besuch“, lud seine Mutter ihn ein. Mit einem hellblauen Schlafanzug bekleidet und barfuß kam er neugierig näher. „Guck, das ist Frederik. Weißt du noch? Letzten Samstag hast du seinen Hund gestreichelt.“ Der Steppke lächelte bei der Erinnerung daran. Frederik musste unwillkürlich mitlächeln. „Warum ist er nicht auch hier?“ Lukas blickte sich suchend um. Sybille nutzte die Gelegenheit und nickte beiläufig. Erneut verbarg sie beschämt ihr Gesicht vor ihm, wohl ahnend, was ihre Bestätigung in ihm auslöste. Ihre dezente Geste war ihm nicht entgangen. Er begriff; Wärme flutete sein Innerstes. Mein Sohn, dachte er, dieser kleine Bursche ist mein Junge. Frederik konnte nicht verhindern, dass seine Augen feucht wurden. Zeitgleich wartete Lukas noch immer auf eine Antwort, abwartend sah er ihn an. Der Tierarzt atmete tief durch, ohne dass er es steuerte, wurde seine Stimme brüchig. Nur mit Mühe fing er sich: „Heute ging es nicht, aber du siehst ihn bestimmt bald wieder, hm?“ Gern hätte er dem Kleinen noch viel mehr gesagt. Ihm Dinge in Aussicht gestellt, von denen er ahnte, dass sie sein Herz jubeln und ihn in dieser Nacht angenehm hätten träumen lassen. Der Junior nickte brav. „Und nun sag gute Nacht zu Frederik und geh wieder in dein Bett, mein Schatz.“ Der Achtjährige verabschiedete sich, worauf Sybille zur Tür ging und sie hinter ihm schloss. Sie kam zurück, setzte sich und wagte nach wie vor nicht Frederik ins Gesicht zu sehen. Die Tränen, die ihm bei ihrer Antwort in die Augen gestiegen waren, hatte sie bemerkt. Sie machten die Klärung für sie nicht einfacher. „Warum, Sybille?“ Es war nur eine von vielen Fragen, die ihm im Kopf herumgingen. „Weshalb ich es dir nicht schon längst gesagt habe?“ Er nickte. „Hätten wir euch am Samstag nicht zufällig getroffen, hätte ich es dann nie erfahren?“ „Ich schämte mich zu sehr. Es war mir so peinlich. Zu Anfang der Schwangerschaft hoffte ich noch, dass Antonio der Vater sein würde; ich glaubte fest an eine Zukunft mit ihm. Aber als der Kleine dir immer ähnlicher wurde, kam mir bald der Verdacht, dass er von dir sein könnte.“ „Ja und? Warum nicht spätestens dann? Es wäre ein Leichtes für dich gewesen. Du wusstest zu jeder Zeit, wo du mich finden konntest. Du kennst meine Praxis und das Haus sowieso.“ Nach vorn gebeugt, den rechten Ellenbogen auf sein Knie gestützt, schob er sich eine Haarsträhne aus der Stirn. Fassungslos schüttelte er den Kopf, als er weiter sprach: „Stattdessen lässt du mich im Glauben, dass dieser Mechaniker der Vater …“ Er blickte auf und sah Sybille unmittelbar in die Augen. Verlegen wich sie seinem Blick aus. „Mein Gott, überleg dir das doch bloß mal! Lukas wächst in derselben Stadt auf und ich ahne nicht einmal, dass du dir immer sicherer wirst. Abgesehen davon hättest du mir schon vor Jahren die Befürchtung der Zeugungsunfähigkeit nehmen können.“ Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Ich konnte nicht, nie im Leben hätte ich diesen Schritt gewagt. Ich wäre im Erdboden versunken.“ Frederiks Gesicht verfinsterte sich, Wut stieg in ihm auf. „So ein Quatsch, das ist doch ausgemachter Blödsinn!“ Ihr Schamgefühl war groß, der Augenkontakt mit ihm unmöglich. „Nein, wirklich. Die Affäre ist mir unangenehm genug, es war schlimm für dich. Und nun sollte auch noch ein Kind in dein Leben treten, dass dich ständig daran erinnert? Ich schaffte es einfach nicht. Ich weiß, dass es egoistisch von mir war.“ „Allerdings, vor allem Lukas gegenüber. Aber auch mir. Glaubst du denn ernsthaft, ich hätte ihn nicht gewollt?“ Frederik stand auf. Er ging zu den Bildern und betrachtete aus der geringeren Distanz nun auch die kleineren eingehend. Sichtlich verletzt wandte er sich um. „Sybille, was hast du mir da genommen? Diese Zeit, als er so klein war … Wie gern hätte ich ihn bis hierhin aufwachsen sehen. Was habe ich dir getan, dass du das mit mir machst?“ Er hat ja Recht, er hat Recht, war alles, was Sybille dachte, als sie vor Schuldbewusstsein und Mitleid zu weinen begann. „Nichts …“, schluchzte sie leise, „ich allein bin schuld. Es tut mir so leid, bitte glaube mir.“ Frederik setzte sich wieder. Er bemerkte ihre Tränen und fühlte sich außerstande, sie zu trösten. Er empfand kein Gefühl für sie, ihre Reue berührte ihn nicht. Um das Gespräch voranzubringen, fragte er: „Und du bist dir wirklich sicher?“ Erstaunt über diese Frage hielt sie inne. Mit dem Ärmel ihres Sweatshirts wischte Sybille sich das Gesicht trocken und schniefte mehrfach hintereinander. „Guck ihn dir doch an. Antonio sah ganz anders aus, schwarzhaarig mit braunen Augen.“ „Danke, ich weiß, ich kannte ihn.“ Leider, fügte er in Gedanken hinzu. „Das mit ihm war übrigens schon vor Lukas‘ Geburt wieder zu Ende.“ Frederik überging diese Zwischenbemerkung, sie interessierte ihn nicht. „Lassen wir es bitte absichern. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit groß ist, möchte ich, dass wir es durch eine DNA-Untersuchung überprüfen lassen.“ Sie nickte. „Das verstehe ich. Machst du den Termin?“ „Ja, gut. Zu welchen Zeiten passt es dir am ehesten?“ „Ich kann eigentlich immer; ich arbeite als Übersetzerin von hier aus. Das geht mit Lukas so am Besten. Dann bin ich für ihn da, wenn er aus der Schule kommt. Ich verdiene auf diese Art zwar nicht besonders, aber zum Leben reicht es so gerade. Wir halten uns ganz gut. In manchen Monaten zwar mehr schlecht als recht, aber verhungern müssen wir nicht.“ Frederik nickte nachdenklich, dann schaute er zur Mutter seines Kindes und versprach: „Sollte es sich tatsächlich bewahrheiten, dass er mein Sohn ist, dann kannst du fest mit meiner Unterstützung rechnen, in jeder Hinsicht. Dann muss es damit vorbei sein, dass du vor lauter Scham darauf verzichtest, ihm eine Lebensweise zu ermöglichen, die ihm vernünftige Perspektiven aufzeigt, auch finanziell. Von einer Vaterfigur ganz zu schweigen. Fragt er denn nie danach? Wie alt ist er inzwischen eigentlich?“ „Er ist acht. Und ja, natürlich fragt er. Ich konnte ihm bis jetzt noch einigermaßen ausweichen, aber lange klappt das nicht mehr.“ „Und? Wie geht es weiter? Wirst du ihm sagen, dass ich sein Vater bin, wenn es sich bestätigen sollte?“ „Wenn du es willst?“ Frederik wurde ungehalten, bemühte sich aber dennoch ruhig zu bleiben, um das Kind nicht zu wecken. „Wenn ich es will?“, zischte er scharf und stand auf. „Was für eine Frage! Selbstverständlich will ich.“ Er ging zum Fenster, dann kehrte er die wenigen Schritte zum Sofa zurück. „Unglaublich, dass du das fragst. Dass du noch immer annimmst, ich würde ihn ablehnen.“ Frederik setzte sich und schaute Sybille eindringlich an. „Und noch schlimmer finde ich, dass du ganz offensichtlich bereit bist, ihm weiterhin den Vater vorzuenthalten, den er dringend braucht. Mann, das ist ’n Junge. Der muss seine Kräfte messen, toben, kämpfen und im Dreck spielen. Ich nehme nicht an, dass du das mit ihm tust.“ Er wartete ihre Antwort nicht ab. „Mit mir kann er das aber. All diese Dinge wie Fußballspielen, auf Bäume klettern und Drachen steigen lassen. Wir könnten Burgen und Höhlen und Baumhäuser bauen und tausend andere Sachen.“ Sybille lächelte gerührt. „Das klingt toll. Aber woher sollte ich das wissen? Es ist lange her, Frederik und die Zeiten ändern sich. Es könnte doch sein, dass deine neue Freundin etwas dagegen hat und keine Kinder mag.“ „Nein, ganz und gar nicht. Wir bekommen selbst Nachwuchs. Im September.“ Ihr Gesicht hellte sich auf. Sie war erleichtert, seine gute Nachricht hob die Stimmung ein wenig an, wie sie hoffte. „Oh, echt? Das ist ja schön. Da gratuliere ich dir aber. Erst dachtest du, du würdest niemals ein Kind haben und nun bekommst du plötzlich zwei, was?“ Sie lachte, doch Frederik stimmte nicht ein. Gereizt entgegnete er: „Perfektes Timing ist etwas anderes, oder?“ Sie wurde wieder ernst. Er sprach weiter: „Und ich nahm an, dass es nur an mir liegt. Wie oft haben wir es probiert? Mit dem Kalender in der Hand die fruchtbaren Tage ausgerechnet? Was war da los? Weshalb hat es während unserer Ehe nie geklappt?“ Sybille zögerte, schaute schweigend auf den Teppichboden zu ihren Füßen. Er wurde ungeduldig: „Na, was ist? Du musst zugeben, dass ich auf die Idee kommen könnte, dass …“ „Ja, ich habe verhütet“, fiel sie ihm ins Wort. Frederiks Mund blieb vor Erstaunen offen stehen. „Ohne dass du es wusstest. Ich fühlte mich einfach noch nicht reif genug, aber du wolltest ja unbedingt ein Kind. Du hast mir nicht einmal zugehört, warst regelrecht fixiert darauf, wie in einem Wahn.“ Entsetzt ließ er sich nach hinten, in die Polster der abgenutzten Couch, fallen. Er brauchte einige Sekunden, dann reagierte er: „Das ist ja ’n starkes Stück. Und ziemlich hinterhältig, findest du nicht? Aber ich hab’s mir irgendwie gedacht.“ Frederik erhob sich, er ging zur Tür. Als er bereits die Klinke in seiner Hand hielt, fragte er mit Bitterkeit in der Stimme: „Wie konntest du nur so leichtfertig mit meinen Gefühlen spielen? Du hast mich wissentlich in dem Glauben gelassen, dass wir es probieren und die Zeugung nicht klappt. Ich kann dir nicht sagen, wie sehr mich das auch im Nachhinein noch verletzt.“ Sybille ging zu ihm, sie legte ihre Hand auf seine, die er jedoch abschüttelte. Sie startete einen weiteren Versuch der Rechtfertigung: „Es tut mir wirklich leid. Aber an dich war einfach kein Herankommen. Ich wusste mir keine andere Lösung.“ Abschätzig blickte er sie an. „Und dann hat deine Lösung versagt, oder wie?“ „Ja, ich weiß, es klingt blöd, aber in einem der Monate war ich krank. Mageninfekt. Die Pille muss gleich wieder mit raus gekommen sein und ich habe nicht darauf geachtet.“ „Und das ungünstigerweise, als du zur Vertuschung mal wieder mit mir schliefst, damit ich von deinem Spielchen nichts merke. Mein Gott, ist das erbärmlich!“ Als Frederik durch das kalte Licht des Treppenhauses nach unten stieg, fühlte er Übelkeit in sich aufkommen. Es wurden Dinge zur Sprache gebracht, deren schmerzhafte Direktheit ihn tiefer traf als angenommen. Einzig die Tatsache, dass es um Lukas ging, hielt ihn davon ab, jeden Kontakt zu Sybille mit Verlassen des Hauses einzustellen. Ja, ich will! Der fünfte Mai … Die Sonne schien, es war warm, ein Hochzeitswetter wie bestellt. Zwitschernde Vögel rundeten das Bild ab, zauberten ohne es zu ahnen die passende Kulisse. Vor dem kleinen Standesamt auf dem Land hatten sich bereits zwei Dutzend Menschen versammelt, als Georg auf das kleine Amtsgebäude zuging. Er hatte sich den Freitagnachmittag mühsam freigeschaufelt, seine Termine für diesen Anlass entsprechend verlegt. Beiläufiger Smalltalk in der Gruppe der wartenden Angehörigen und Freunde: Wie war die Fahrt hierher? Auch im Stau in der Innenstadt gesteckt? Die Spannung in der Luft war förmlich greifbar, alles wartete auf das Brautpaar. Der üppige Blumenschmuck leuchtete gut sichtbar auf der Motorhaube des langen, amerikanischen Straßenkreuzers. Es war ein weißer, offener Cadillac Eldorado, der die Blicke aller auf sich zog. Sie hatten ihn samt Fahrer für diesen besonderen Tag gemietet. Als er sachte heranrollte, trat die Hochzeitsfotografin nach vorn, diesen Eindruck festzuhalten. Gebanntes Anhalten des Atems, ein Raunen in der Menge als sie das Hochzeitspaar im Fond des Wagens erblickten. Der Fahrer in Chauffeuruniform stieg zuerst aus. Er öffnete Kathi die Tür. Als sie an Frederiks Arm den Weg zum Standesamt hinauf schritt, setzte die Menschenmenge zu einem begeisterten Applaus an. Kathi trug ein cremefarbenes Kleid, das ihren kleinen Babybauch geschickt verdeckte. In der Hand hielt sie einen üppigen Brautstrauß, der sich ähnlich eines Wasserfalls nach unten fortsetzte. Ihre kunstvoll aufgesteckten Haare, aus denen einige Strähnen gelockt in ihr Gesicht spielten, sowie ihr leichtes Make-up verrieten, dass sie einen großen Teil des Vormittags bei ihrem Friseur verbracht hatte. Georg staunte, er war angenehm überrascht. Auf diese hübsch zurechtgemachte Art wirkte Kathi seiner Meinung nach deutlich femininer, als wie üblich in Jeans und Pulli. Ebenso Frederik: In seinem neuen, dunklen Anzug war er für seine Verhältnisse außergewöhnlich schick angezogen. Dass er tadellos rasiert war, vervollständigte diesen Eindruck. „Feiner Zwirn. Endlich mal anständig gekleidet, hm?“, begrüßte Georg seinen langjährigen Freund scherzhaft. „Ich konnte mich nicht dagegen wehren.“ Frederik grinste und schaute suchend herum. „Wo ist Christine?“ „Noch in Frankfurt. Ihr Flug landet gegen zwei. Sie versucht so bald wie möglich nachzukommen.“ „Ah ja, okay.“ Frederik stand, die Hände in den Hosentaschen, auf der oberen Stufe vor der Eingangstür. Die gute Übersicht ausnutzend, ließ er seinen Blick über die Menschenansammlung schweifen. „Sind ziemlich viele Leute hier – ich hätt’ gedacht, ich würde cooler bleiben.“ Bevor Georg etwas erwidern konnte, trat der Standesbeamte heraus. Er bat das Brautpaar samt Gästen in das Trauzimmer. Am Schluss der Zeremonie streiften sie einander die Ringe über die Finger. Frederik wurde aufgefordert, seine frischgebackene Ehefrau zu küssen. Tränen der Rührung, insbesondere bei den Müttern, bahnten sich ihren Weg. Während er Kathi sanft küsste, rollten sie auch über ihre Wangen. „Freudentränen?“ Leise fragte er, sein Gesicht nur wenige Zentimeter von ihrem entfernt. Sie nickte, im nächsten Moment lächelte sie mit feuchten Augen über die Reaktion, die nur von ihm kommen konnte: „Puh, da bin ich aber erleichtert, und ich dachte schon …“ Es regnete Konfetti und Glückwünsche für das Paar. Sie wurden mit Umarmungen und Präsenten überhäuft. Selbst die obligatorische Geschicklichkeitsaufgabe blieb nicht aus. Frederiks Praxis-Belegschaft war vollzählig versammelt, zwei seiner Helferinnen stellten sich in eine Position, in der sie eine stabile Hundeleine aus Leder zwischen sich spannten. Eine dritte übergab ihm eine kleine Nagelschere. Mit den Worten: „So, Chef, dann zeig mal, was du kannst!“, forderte sie ihn auf, das stabile Leder zu durchschneiden. Sie ließen ihn sich abmühen, Anfeuerungsrufe der Gäste halfen nicht; erst nachdem die stumpfe Schere durch eine schärfere ersetzt worden war, gelang ihm die Aufgabe. Blechdosen schepperten über den Asphalt, als der Cadillac anrollte. Es war eine Idee von Kathis Arbeitskolleginnen, sie hatten die Konserven während der Trauung eilig an die Stoßstange gebunden. Den offenen Oldtimer an der Spitze setzte sich der Pkw-Konvoi in Bewegung. Der Weg führte einige Kilometer durch Felder und Dörfer, bis sie schließlich an einem urigen Landgasthof ankamen. Zur Begrüßung wurde Sekt gereicht, in lockerer Runde geplaudert und gelacht. In ein interessantes Gespräch vertieft, nahm Georg einen Schluck des Getränks; unverzüglich spürte er seinen alten Bekannten, den stechenden Magenschmerz, aufflammen. Okay, keinen Sekt, dachte er und bemühte sich, sein Gegenüber von seinem Problem nichts merken zu lassen. Trotz allem gelang es ihm, ein Lächeln an passender Stelle hervorzubringen, obgleich ihm nicht danach zumute war. Gern würde er sich kurz setzen. Um sich abzulenken, schwenkte er die Unterhaltung auf ein wirtschaftliches Thema um. In diesem Bereich fühlte er sich zuhause, es half dabei, die aufkeimende Übelkeit beiseitezuschieben. Die weiße Flügeltür zum Saal wurde geöffnet. Der gebuchte Musiker legte eine CD mit dezenter Hintergrundmusik ein. Als die Gäste an ihren Plätzen saßen und der Kaffee eingeschenkt war, erhob Frederik sich von seinem Stuhl und räusperte sich. Die Musik verstummte. Um seine Lippen spielte ein Lächeln, als er ansetzte, einige Worte zu sagen. Er bedankte sich und betonte, wie sehr Kathi und er sich darüber freuten, dass alle Menschen, die ihnen am Herzen lägen, sich zu diesem Anlass um sie versammelt hätten. Er fuhr fort davon zu schwärmen, welch ein besonderer Tag dieser für sie sei und forderte am Schluss seiner Ansprache auf, wirklich kräftig und nach Herzenslust zu schlemmen und ausgelassen zu feiern. Die Musik setzte erneut ein. In Erinnerung an den Schmerz in seinem Magen probierte Georg zunächst nur ein kleines Stück der Quark-Sahne-Torte. Er wartete ab, doch das befürchtete Brennen im Oberbauch blieb aus. Aufatmend aß er weiter. Von der Seite wurde er in ein Gespräch einbezogen; vollkommen auf das Thema Wertverlust von Neuwagen konzentriert, dachte er nicht nach und trank einen Schluck des heißen Kaffees. Kaum hatte dieser seinen Mageneingang passiert, meldete sich der Bauchschmerz mit großer Heftigkeit zurück. Sein Gesundheitszustand versetzte ihn zunehmend in Sorge, doch hierüber wollte er hier und heute nicht nachdenken. Resigniert stellte die Tasse ab. Unmerklich beugte er sich nach vorn, gestaltete den Magenterror auf diese Art erträglicher. Kann es Überarbeitung sein?, fragte er sich, schob diesen Gedanken jedoch gleich wieder beiseite, da er in letzter Konsequenz bedeuten würde, dass er die liegengebliebene Arbeit dieses Tages nicht am Wochenende würde aufarbeiten können. Nach dem Kaffeetrinken hob Frederik die Runde auf. Er kündigte an, im zurückliegenden Garten des Gasthofes einige Gruppenfotos machen zu lassen. Eine hervorragende Gelegenheit, wie Georg erfreut dachte, sich nach Jahren wieder einmal mit Frederiks Eltern zu unterhalten. Der Austausch mit Maria Steinberg war herzlich. Sie sprach den einflussreichen Top-Manager durchgehend mit mein Junge an und umarmte ihn mehrmals fest, was einen unangenehmen Druckschmerz in seinem Magen auslöste. Angeregt plauderten sie über vergangene Zeiten, als Kathi und Frederik sich zu ihnen gesellten. „Du siehst fabelhaft aus“, begrüßte Georg die Braut, die sich für sein Kompliment mit einem Lächeln bedankte. „Ich bin so glücklich, ich könnte die ganze Welt knutschen“, sprudelte es aus ihr heraus. „Worauf wartest du?“, bot ihr Bräutigam sich an, wonach Georg sich dreist vor ihn stellte: „Ach, den Typen küsst du doch jeden Tag!“ Er zwinkerte ihr grinsend zu. Kathi lachte amüsiert auf, umarmte Georg und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Mit einem Blick auf seine Armbanduhr ging er bald zurück in das Lokal. In dem großen Raum vor dem Saal war es kühl, die Fenster Richtung Norden ließen keine Sonne herein. Georg wollte hier auf Christine warten; durch ihren Anruf wusste er, dass sie bereits im Taxi saß und jeden Moment eintreffen würde. Bereits in Gedanken bei ihrer Begrüßung, registrierte er erfreut, dass ihm auf die Schulter getippt wurde. Er wähnte seine Vertraute hinter sich, drehte sich lächelnd um und blickte geradewegs in Annas funkelnde Augen. „Naaa duuu?“, begrüßte sie ihn flirtend und legte ihren Kopf auf die Seite. Sie war erleichtert über seine vermeintlich große Freude, sie zu sehen. „Anna, du bist es.“ Die Begeisterung verschwand aus seinem Gesicht. „Du bist mir doch nicht mehr böse, oder?“ Sie lächelte zuckersüß. Nichts wünschte sie sich sehnlicher, als an diesem Abend ein Happy End mit ihm zu erleben. Dass er entgegen ihrer Annahme nicht im mindesten Gefallen an ihrem Erscheinen fand, bemerkte sie nicht. „Böse oder nicht – inzwischen spielt es keine Rolle mehr.“ Er verschränkte seine Arme vor der Brust; Anna beugte sich über seine abwehrende Körperhaltung hinweg zu seinem Ohr. Sie flüsterte: „Soll ich dir was sagen? Ich liebe dich noch immer und kann dich nicht vergessen.“ Ihr Kuss traf seine Wange, sie legte jede Liebenswürdigkeit hinein, die ihr möglich war. Georg wandte sein Gesicht von ihr ab. Er trat einen Schritt zurück. „Lass das bitte. Es ist nicht gut, dass du noch immer an mir hängst.“ „Aber wenn es doch so ist? Warum fangen wir nicht noch einmal von vorn an? Eben sagtest du doch, dass du nicht mehr sauer auf mich bist, dann könnten wir es zumindest versuchen. Bitte!“ „Nein, darüber werden wir uns nicht unterhalten.“ Er schob die Hände in die Hosentaschen seines schwarzen, maßgeschneiderten Anzugs; zeitgleich erblickte er Christine, die unbemerkt von Anna auf ihn zutrat. Ihre elegante Optik machte ihn sprachlos, ihr schulterfreies, schwarzes Abendkleid raubte ihm buchstäblich den Atem. Hohe Absätze, die sie größer wirken ließen, als sie ohnehin schon war, unterstrichen ihren gelungenen Auftritt in seinem Blickfeld. Es war ihm ein Rätsel, wie sie es schaffte, auf diesen Schuhen derart katzengleich näherzukommen. Einige Schritte hinter der Studentin blieb sie abwartend stehen. Zu Recht nahm sie an, dass es sich bei der blonden jungen Frau um seine vergangene Affäre handelte. Ein kaum erkennbares Lächeln der Wiedersehensfreude huschte über Georgs Gesicht. Anna zog alle Register: „Wenigstens noch einmal Sex?“ Christines Augen weiteten sich vor Erstaunen. Anna war sich sicher, ihn mit diesem verwegenen Angebot locken zu können. Das zog immer, so konnte sie ihn oft herumkriegen, erinnerte sie sich. Im Anschluss, so war ihre Idee, würde er von ganz allein wieder ihr Freund werden. Wie früher, dachte sie und versuchte erneut ihr süßestes Lächeln. Georgs Miene bekam einen verärgerten Ausdruck und entnervt schüttelte er den Kopf. „Nein Anna, warum verstehst du es nicht?“ Er hatte keine Lust, diesen unsäglichen Dialog weiterzuführen. „Was denn? Wieso willst du denn nicht, es war doch immer schön!?“ „Weil es vorbei ist, ein für alle Mal“, mischte sich Christine resolut in das Gespräch ein. Erschrocken drehte Anna sich um. Durch die Unterbrechung aufgebracht, reagierte sie entsprechend pampig: „Wer sind Sie denn? Was geht Sie das überhaupt an?“ Christine kam näher. „Eine ganze Menge. Denn wenn jemand mit ihm über ein Thema wie dieses verhandelt, dann bin ich es. Niemand sonst.“ Selbstbewusst schaute sie die jüngere Blondine an. Georg konnte ein Grinsen nicht unterdrücken. Das ist Christine, dachte er, geht eiskalt lächelnd in die verbale Konfrontation. Tränen füllten Annas Augen. Sie begriff, dass auch der letzte Hoffnungsfunke erloschen war. An Christine gewandt, spielte sie mit tränenerstickter Stimme ihren letzten Trumpf aus: „Bist du seine Neue? Hoffentlich bringst du viel Geduld mit. Er hat nämlich so gut wie nie Zeit. Und auf eine Chance, ihm zu beweisen, dass er dir vertrauen kann, brauchst du nicht hoffen. Darauf habe ich auch vergeblich gewartet.“ „Ich werde damit zurechtkommen, keine Sorge.“ Christine schmunzelte. Georg sah in Annas Blick den altbekannten Trotz, als sie schmollend Richtung Saal davon ging. Er wandte sich seiner Partnerin zu: „Du siehst sündhaft gut aus“, lobte er ihr festliches Äußeres. „Du auch, mein Lieber“, gab sie sein Kompliment zurück. Seine Umarmung tat Christine gut, sein zärtlich-fordernder Kuss auf ihrem Schlüsselbein ging tief unter ihre Haut. Sie legte den Kopf zur Seite, genussvoll schloss sie ihre Augen. Seine Lippen strichen zu ihrer Schulter, saugten sanft. Seine Hände, zuerst noch fest in ihrer Taille, wanderten bis zu ihrem Po hinab. Ein gefühlvolles Seufzen, ihre Hände unter seinem Jackett, die Fingerspitzen schoben sich unter der Weste in den Gürtel seiner Hose. Wortlose Übereinstimmung. Keine Silbe verloren sie über die soeben erlebte Begegnung mit Anna. „Ich will nicht stören, aber in den nächsten Minuten wird das Abendessen aufgefahren.“ Es war Frederiks fröhliche Stimme, die sie auf das Fest zurückholte. Christine lächelte gelassen. Gleich darauf beglückwünschte sie ihn mit einer herzlichen Umarmung. Sie kündigte an, noch vor dem Essen nach Kathi zu suchen, um sie ebenfalls zu begrüßen und ihr ihre Glückwünsche auszusprechen. Georg sah ihr nach, gleich darauf wandte er sich seinem engsten Freund zu: „Ich weiß, die Gelegenheit ist nicht besonders passend, aber hast du inzwischen mit Sybille wegen des Jungen gesprochen?“ „Du bist doch sonst so taktvoll, was ist los? Es beschäftigt dich auch, hab’ ich Recht?“ Georg nickte. „Das gebe ich unbestritten zu. Und wenn ich hierbei etwas für dich tun kann, ganz egal was, dann sag es mir.“ „Gern, danke. In Einzelheiten erzähle ich dir das mal bei ’nem Bier, aber die Kurzform ist, dass ich am Montag bei ihr war. Nicht schön. Bis auf den kurzen Moment, in dem Lukas vor mir stand. Der ist so klasse, der Kleine. Nun gehen wir aber rein, das Menü ist zu gut um es kalt werden zu lassen!“ Er legte eine Hand locker auf Georgs Schulter und schob ihn mit sich in Richtung Saal. Rebellion „Keinen rechten Appetit?“ Christine blickte Georg fragend von der Seite an. Sie hatte bemerkt, dass er die Vorsuppe nur zögernd zu essen begann. „Nicht besonders.“ „Schade Liebster, sie ist wirklich gut, auf den Punkt perfekt gewürzt.“ Ihr Blick wurde prüfend, als sie zusätzlich fragte: „Ist alles in Ordnung?“ Er nickte und atmete langsam aus. Vorsichtig setzte er seine Mahlzeit fort. Nicht lange und er fühlte den brennenden Schmerz in seiner Magengegend erneut sehr intensiv. Resigniert ließ er den Löffel sinken. Er wollte einen Augenblick abwarten, ihn abklingen lassen. Christine bemerkte sein Innehalten, wiederholt schaute sie ihn von der Seite an. Ihren besorgten Blick auf sich spürend, sagte er leise, ihr zugewandt: „Es geht sofort wieder, nur ein paar Minuten.“ „Irgendetwas stimmt doch nicht.“ Georg konnte nicht mehr antworten, zu plötzlich waren sie da, die deutlichen und unmissverständlichen Vorboten des Erbrechens. Speichel sammelte sich in seinem Mund, sein Magen begann zu krampfen. Er ließ den Esslöffel samt Serviette neben den Teller fallen und stürzte schnellen Schrittes zur Saaltür. Die Augen aller Hochzeitsgäste richteten sich erstaunt auf ihn, gleich darauf blieben sie an Christine haften, die ihm unverzüglich folgte. In letzter Sekunde erreichte er die Herrentoilette; gehetzt stolperte er in eine der engen Kabinen hinein, dann war es so weit: Stöhnend beugte er sich über die Porzellanschüssel und übergab sich unter heftigen Magenkrämpfen. Sterne tanzten vor seinen geschlossenen Lidern. Der Schmerz war stark wie nie zuvor. Er durchdrang ihn, nahm Besitz von ihm. „Georg?“ Er erkannte Christines Stimme. Ihr zu antworten war ihm jedoch nicht möglich, ein erneuter, stechender Würgreiz hinderte ihn daran. Dieses Geräusch blieb von Christine nicht ungehört. Zögernd betrat sie den weiß gefliesten, gepflegten Vorraum des Herren-WCs. Es muss ein Virus sein, mutmaßte sie, anders konnte sie sich seinen Zustand nicht erklären. Bald hörte sie die Spülung rauschen. Christine sah ihm entgegen; blass und nach vorn gebeugt trat er zu ihr in den Waschbereich. Er hielt seine Hände unter den laufenden Wasserhahn und betrachtete sein Gesicht im Spiegel. Neben seinem erblickte er das seiner Freundin, die ihn besorgt ansah. „Wie ausgekotzt, was?“, bemerkte er zynisch. Er fühlte sich elend, der unerträgliche Schmerz ließ es nicht zu, sich vollständig aufzurichten. „Kein Wunder. Was hast du nur?“ Er wurde laut: „Ich weiß es doch auch nicht, mein Gott.“ Die Beschwerden machten ihn ungehalten. Kaum, dass er sie ausgesprochen hatte, tat ihm seine schroffe Antwort leid. „Bitte entschuldige“, presste er hervor und begann seinen Mund mit kaltem Wasser auszuspülen. „Schon gut.“ Christine überlegte, ob es besser sei, einen Arzt zu rufen. „Sieh doch mal nach ihm.“ „Das brauche ich nicht. Er kommt schon zurecht. Außerdem ist Christine bei ihm.“ Mit seinem letzten Satz beruhigte Frederik sich selbst. Es war in Ordnung, Georg war nicht allein. Sie kämen sicher gleich zurück, beschwichtigte er sich. Zudem wollte er verhindern, dass seine bereits aufgefüllte Suppe im Falle seines Fernbleibens kalt werden würde. „Trotzdem. Als Gastgeber und Freund solltest du es tun“, flüsterte Kathi beunruhigt. Sie schob Frederik sanft von seinem Stuhl. Seufzend und mit einem sehnsüchtigen Blick auf seinen Teller machte er sich auf den Weg. Er führte ihn direkt zu den Toiletten, wo er seinen Kumpel vor das Waschbecken gebeugt antraf. „Was hat er, ist alles klar?“ Seine Frage richtete er an Christine. „Leider nicht, ich überlege, ob wir nicht besser einen Arzt …“ „Auf gar keinen Fall!“ Georg stellte das Wasser aus. Frederik zog einige Papiertücher aus dem Spender hervor, die er an ihn weiterreichte. Mit ihnen trocknete Georg sich den Mund ab. Sofort darauf stützte er sich erneut mit beiden Händen am Waschtisch ab, den Kopf zwischen den Schultern hängend. „Geht wieder rein, es ist gleich wieder gut“, wiegelte er mit rauer Stimme ab. Frederik schaute Christine an. Sie schüttelte unmerklich den Kopf, woraufhin der Tiermediziner resolut reagierte: „Sag uns endlich was mit dir los ist und höre verdammt noch mal auf, den Helden zu spielen.“ Georg hob den Kopf. Im Spiegelbild sah er, dass seine Freundin sich an Frederik wandte. „Er hat sich übergeben.“ Stöhnend mischte er sich ein: „Ja, mein Gott.“ „Und du hast Schmerzen, wie unschwer zu erkennen ist“, fügte der Blonde feststellend hinzu, wobei er seinen Freund im Spiegel ansah. Dieser nickte wortlos. Es war nicht zu übersehen, dass er die Befragung an diesem Punkt gern beendet hätte. Er zwang sich zu einem ungezwungenen Ton, als er mit schmerzverzerrtem Gesicht vorschlug: „Hört mal, ich meinte es ernst. Warum geht Ihr nicht zurück auf das Fest? Ich komme sofort nach.“ „Geht das schon wieder los?“ Frederik fasste ihn an den Schultern und drehte ihn mit Nachdruck zu sich. Georg verschränkte die Arme vor der Brust, der Versuch sich aufrecht zu stellen gelang in diesem zweiten Anlauf. „Sag schon, wo tut es weh?“ Georgs Widerstand brach. „Bauch, weiter oben. Magen glaube ich.“ Christine fühlte mit ihm. „Wie lange geht das schon so?“ „Ein paar Tage länger. Aber nie so extrem wie heute. Was kann das sein?“ Georg sah seinen Freund fragend an. „Ich bin kein Humanmediziner. Und ohne Untersuchung kann das sowieso nicht vernünftig diagnostiziert werden. Du musst auf jeden Fall zu einem Internisten, und zwar schleunigst.“ Der Angesprochene schüttelte den Kopf. Die Rebellion in seinem Bauch legte sich spürbar. „Dazu habe ich keine Zeit. Das verschwindet von allein wieder.“ „Das glaube ich nicht, darauf würde ich nicht hoffen. Wenn es zum Beispiel eine Schleimhautentzündung von deinem Stress, dem vielen Kaffee oder sonst was ist, muss sie auf jeden Fall behandelt werden. Ansonsten kann sie sich zu einem echten Magengeschwür entwickeln, mit dem du dann richtig Spaß hast.“ Wenn das nicht schon geschehen ist, dachte Frederik besorgt. „Von Schmerzmitteln bekommt man das auch, nehme ich an?“ Georg wollte, da sie ohnehin in das verhasste Medizingespräch eingestiegen waren, der Ursache so nah wie möglich kommen. Der Bräutigam nickte, er erinnerte sich an die Tabletten aus Christines Handtasche, die er Georg vor rund einer Woche nach dem verpatzten Abendessen einnehmen sah. „Weshalb nimmst du sie eigentlich?“ „Kopfschmerzen.“ „Oft?“ „In der letzten Zeit fast täglich.“ Christine schluckte. Dass er von Zeit zu Zeit unter einem Spannungskopfschmerz litt, war ihr bekannt. Von dieser Häufigkeit hingegen hörte sie zum ersten Mal. Frederik sah ihn eindringlich an: „Wann sagtest du, gehst du zum Arzt?“ Georg schwieg. Er begann wütend zu werden: „Es ist ja nicht so, dass wir nicht schon vor Wochen darüber gesprochen hätten.“ Den Vorwurf konnte er sich nicht verkneifen. „Ja, hast ja Recht. Schöne Scheiße.“ Christine sah ihn erstaunt an. Dieses Wort aus seinem Mund hatte sie lange nicht gehört. „Das kannst du laut sagen. Mann, besorg dir bloß am Montag einen Termin.“ „Nicht am Montag.“ Frederik wurde laut: „Nein, warum auch? Wie schlimm soll es noch werden? Mann, du bist so kurz davor!“ Er zeigte zwischen Daumen und Zeigefinger eine Distanz von circa zwei Zentimetern. Georg erhob seine Stimme ebenfalls: „Es geht nun einmal nicht! Ich habe ohnehin schon die meisten meiner Termine von heute auf Montag verschoben, um überhaupt hier sein zu können. Es ist nicht möglich, ich kann sie unter keinen Umständen ein zweites Mal umdisponieren. Die Terminkalender meiner Geschäftspartner sind ebenso voll wie meiner, es ist undenkbar.“ „Dann Dienstag.“ „Hör auf mit mir zu feilschen. Ich gehe zum Arzt, wenn ich es einrichten kann.“ „Ich kenne dich, dann schiebst du es von einem Tag zum nächsten. Georg, versuche es am Dienstag!“ „Mein Gott, ja.“ „Hand drauf.“ „Ich verspreche es, du hast mein Wort. Damit du endlich Ruhe gibst.“ Georg streckte ihm die rechte Hand entgegen. Frederik nahm sie und griff fest zu. Er wusste, so war es neben einer Unterschrift die verbindlichste Zusage, die man von ihm bekommen konnte. Georg nutzte die Gelegenheit, sich mit diesem Handschlag gleichzeitig für die entstandene Unannehmlichkeit zu entschuldigen: „Es tut mir leid, dass mir das ausgerechnet auf eurer Hochzeit passiert ist.“ „Ach was, denk nicht mehr daran. Wenn du mir dafür Christine zur Verfügung stellst, die hier im Lokal anschließend das Geschirr abwäscht, kann ich einen Teil der Kosten sparen und wir sind wieder quitt.“ „Ja, einverstanden, so machen wir es.“ Die Männer grinsten sich an, Christine lachte mit gespielter Empörung auf. „Euch geht es wohl zu gut?“, schimpfte sie und boxte Frederik gegen den Oberarm. „Hey, au!“, lachte er und rieb sich die getroffene Stelle. Sie wandte sich an ihren Partner: „Schön, dass es dir wieder besser geht.“ „Freut mich genauso“, bemerkte Frederik und verließ den Raum. „Gehen wir auch?“ Christine drehte sich ebenfalls Richtung Tür. „Vorher müsste ich noch eben …“ Seine Kopfbewegung auf die Urinale hinter dem Durchgang ließ sie wissen, was er meinte. „Willst du warten oder vorgehen?“ „Ich warte auf dich. Ist doch schöner, wenn wir gemeinsam zurückkommen.“ Georg nickte und trat in den nächsten Raum. Vollkommene Stille. Leise hörte sie von drüben den Reißverschluss seiner Anzughose herunter ratschen. Währenddessen nutzte sie die Zeit, ihr Make-up im Spiegel zu überprüfen. Viele Stunden und etliche Tänze später schmiegte sich Christine auf dem Weg zum Auto an Georgs Seite. Für den Rest des Abends hatte er auf jegliche Speisen und Getränke verzichtet, entsprechend gut war sein Befinden. Seinen Arm um ihre Schultern gelegt, zog er sie während des Gehens fest an sich. Schweigend genossen sie nach der turbulenten, laut-fröhlichen Feier die völlige Stille, die nur von einigen zirpenden Grillen durchbrochen wurde. Die Luft war klar; ohne den Lichtsmog der Großstadt blinkte der nächtliche Sternenhimmel hell über ihrem Weg. Zufrieden atmete er durch. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er eine innere Entspannung. Stundenlang hätte er mit Christine weiter gehen können, wenn nicht ihre Stimme ihn auf andere Gedanken gebracht hätte. Sie flüsterte in die warme Frühlingsnacht hinein; zärtlich drohend, und doch voller Gefühl: „Warte nur, bis wir zuhause sind. Denn dafür, dass du mich so leichtfertig als Küchenhilfe verschachern wolltest, mein Lieber, habe ich mir eine kleine, aber feine Revanche überlegt.“ Georg hielt den Atem an. Ein angenehmer Schauer überzog seine Haut. Ihre Worte klangen verheißungsvoll, er wusste, was sie für diese Nacht bedeuteten. Lust stieg in ihm auf; noch immer schwieg er. Lediglich seine Hand, die über ihre Taille abwärts zu ihrem Po wanderte, zeigte ihr, dass sein Puls sich bei dieser Vorstellung ebenso stark beschleunigte wie ihrer. Sie lächelte. Schach und Matt. Sie wusste, er liebte es wie sie, dieses erotische Spiel von Unterwerfung und Macht. Sie spielten es bereits vor ihrer Trennung und auch nach den Jahren stellten sie fest, dass es nichts von seinem Reiz verloren hatte. Sie vertrauten einander blind; er gab jede Führung aus der Hand, überließ ihr das Steuer. Sie zeigte ihm Grenzen, wenn er sich in ihre Hände begab, wenn er um ihre Erlaubnis bettelte, den ersehnten Gipfel zu erklimmen. Es war an ihr, den punktgenauen Zeitpunkt zu erkennen, ihm das befreiende Finale zu gestatten. Einzig ihre Konsequenz war seine Fessel, die zu lösen das Ende des Spiels bedeuten würde. Gern akzeptierte er sie, fügte sich ihr und ordnete sich unter. Ganz anders als in seinem Beruf und seinem üblichen Alltag. In diesen Stunden traf sie die Entscheidungen. Ihre Vorfreude begleitete Christine, machte sie verrückt. „Endlich wieder zuhause!“ Mit einem Stoßseufzer zog Kathi tief in der Nacht ihre ungewohnt hohen Schuhe aus. Sie ließ sich auf das Sofa fallen, Frederik plumpste neben sie. „Was für ein rauschendes Fest!“ Er zog sie zufrieden an sich. „Ja, es war irre schön“, bestätigte Kathi seine Worte und lehnte sich in seinen Arm. Nach einem Moment der wohligen Ruhe entsann sie sich, dass sie Frederik bereits seit Stunden gefragt haben wollte, was Georg während des Essens geschehen war. Dass es ihm später wieder gut ging, wusste sie. Sie hatte im Verlauf des Abends mehrfach mit ihm getanzt und gelacht; diese Frage zu stellen, musste ihr im Trubel entwischt sein. Frederik erzählte von Georgs Zustand im Waschraum, von seinem Stress, dem Tablettenkonsum und dem Aufstand seines gereizten Magens. „Er musste mir in die Hand versprechen, zum Arzt zu gehen, denn so geht es auf keinen Fall weiter. Wenn er nicht bald einen Gang zurückschaltet, wird der uns noch richtig krank, Maus. Kein Mensch hält diese hohe berufliche Belastung über Jahre hinweg durch, auch er nicht. Da kann er noch so oft das Gegenteil behaupten.“ „Du machst dir ziemliche Gedanken um ihn, stimmt‘s?“ Frederik nickte. „Mhmm, ich will nicht, dass er für die Karriere mit seiner Gesundheit bezahlt. Das ging bei seinem Vater schon schief. Dass er diese Parallele nicht sieht, verstehe ich nicht.“ „Was war mit seinem Vater?“ „Er starb, als Georg zwölf war.“ „Oh nein.“ „Er war Rechtsanwalt, ein netter, gutmütiger Kerl. Auch ständig nur gearbeitet. Allerdings viel geraucht, ewig diese dicken Zigarren. Und sein Übergewicht war auch nicht von schlechten Eltern. Eines Tages ist er vollkommen unerwartet in seiner Kanzlei über dem Schreibtisch zusammengebrochen, sofort tot, Herzinfarkt.“ „Das klingt furchtbar.“ „Verstehst du, dass ich deshalb so genau hinsehe? Die Sorge, dass Georg Ähnliches passiert, fühlt sich nicht gut an.“ Kathi sah ihm in die Augen und nickte verständig. Sie liebte neben Frederiks kraftvoller, rauer Art diese weiche, sensible Seite mindestens genauso sehr an ihm. „Das verstehe ich, aber es wird nicht geschehen. Immerhin raucht er nicht und zu dick ist er auch nicht.“ Es war ein Versuch, ihn zu beruhigen. „Nee, klar. Weil ich ihn ständig zum Squash schleife.“ „Und er hat Christine. Er ist nicht allein, Großer.“ Sie fühlte, dass ihr Vorhaben gelang; er entspannte zusehends. „Sie haben Recht, Frau Steinberg“, raunte er zärtlich und küsste ihren Hals abwärts. Kathi schloss ihre Augen. Frau Steinberg, dachte sie, daran muss ich mich noch gewöhnen. Seine Lippen, sein warmer Atem auf ihrer Haut hüllten sie ein; ihre Stimmung wandelte sich augenblicklich. Seine Küsse gingen tiefer, drangen zu ihrem Dekolleté vor. Mit geschickten Fingern öffnete er die obersten Knöpfe ihres Kleides. „Du hast heute unwiderstehlich ausgesehen.“ Sie küsste ihn und öffnete ihr Haar. Frederik hob den Kopf, steckte seine Nase hinein. „Du warst die hübscheste Frau an diesem Abend und die allerschönste Braut der Welt sowieso.“ Er flirtete, sein Kompliment kitzelte ihr Ohr. „Alter Charmeur.“ Ihre Stimme klang weich, sie zog Frederiks Krawattenknoten auseinander. „Du rechnest dir mit deinen Schmeicheleien doch nur bessere Chancen auf eine heiße Hochzeitsnacht aus, hab’ ich Recht?“ Amüsiert lachte er auf, seine gute Laune war zurückgekehrt. „Habe ich das denn nötig?“ „Aber ja, sogar sehr. An deiner Stelle würde ich mich noch fester ins Zeug legen, wenn es heute Nacht noch knistern soll …“ Frederik sah sie belustigt an. „Ausgekochtes Ding du. Gar nichts werde ich. Du hast ab sofort eheliche Pflichten zu erfüllen, so sieht’s aus!“ In voller Größe baute er sich vor dem Sofa auf und grinste verschmitzt. „Und nun gehe mit ihm, Weib, deinem Manne gelüstet nach dir.“ Doktor König Georg hatte sein Versprechen gehalten. Seine Sekretärin wusste Bescheid, dass er an diesem Dienstag Vormittag für einige Stunden außer Haus sein würde. Schon bald stand er vor den Praxisräumen des Internisten. Um sicherzugehen, schaute er auf das Schild neben der Tür: Dr. med. Roman König, Facharzt für innere Medizin, las er darauf. Durch die milchige Glastür betrat er den Empfangsbereich der Praxis. Es lag ein grauer Teppichboden und das Inventar schien mindestens zwei Jahrzehnte alt zu sein. Dennoch wirkte es hell und sauber. Am Empfangstresen nannte er einer blonden Arzthelferin mittleren Alters seinen Namen und sein Anliegen. Ein schneller Blick auf seine Krankenkassenkarte reichte aus zu erkennen, dass er privat krankenversichert war. Freundlich sagte sie ihm zu, dass es trotz seines fehlenden Termins nicht lange dauern würde. Mit einem verbindlichen Lächeln bat sie ihn in das Wartezimmer. Er trat durch die Tür, grüßte beiläufig in den Raum hinein. Aus dem Wirrwarr der Zeitschriften suchte er sich ein Automagazin heraus und setzte sich auf den letzten freien Stuhl. Die Luft war stickig, er versuchte, nicht zu tief zu atmen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Fahrberichte in dem Magazin. Keine zehn Minuten später war es so weit, eine weitere Helferin steckte den Kopf durch die Tür: „Doktor Wagner bitte.“ Erleichtert erhob er sich. Das unzufriedene Gemurmel der übrigen, vornehmlich älteren Patienten, begleitete ihn hinaus. Doktor König empfing ihn lächelnd in seinem Sprechzimmer. Ein nicht besonders großer, wohlbeleibter Mann mit sympathischem Gesichtsausdruck reichte ihm die Hand. „Guten Morgen“, begrüßte ihn der Arzt. Georg erwiderte den Gruß. „Ein Kollege?“, fragte er, nachdem er einen Blick auf Georgs Daten geworfen hatte. „Nein, Automobilindustrie.“ „Ah, eher das Gegenteil, was?“ Er lachte herzhaft über seinen Scherz. Georg setzte nur aus Höflichkeit zu einem Grinsen an; er fand diese Bemerkung nicht sonderlich witzig. Allerdings war er vorbereitet. Seine Kollegen berichteten ihm bereits, als sie ihm den Internisten empfahlen, dass er mit einem außergewöhnlichen Humor ausgestattet sein sollte. Mit den Worten: Wenn du bereit bist, den einen oder anderen markigen Spruch einzustecken, dann ist er die erste Wahl, denn fachlich ist er der Beste, wurde er auf ihn eingestimmt. „Bitte, nehmen Sie Platz“, bot der Arzt ihm den Stuhl vor seinem Schreibtisch an. „Was fehlt Ihnen, was kann ich für Sie tun?“ Georg wurde aufmerksam betrachtet, als er sein Problem beschrieb. Er schilderte die anfänglich nur leichten Beschwerden im Oberbauch seit Ende März und dass sie zunehmend stärker wurden. Mit dem sehr schmerzhaften Erbrechen am vergangenen Freitag schloss er den Bericht. Sein Gegenüber hörte ihm konzentriert zu, dann stellte er Fragen: „Rauchen Sie?“ „Nein.“ „Alkohol?“ „Nicht übermäßig.“ „Fette, stark gewürzte Speisen?“ „Kommt vor, jedoch nicht oft.“ „Sonst irgendwie Spaß am Leben?“ Georg stutzte. Ach ja, er erinnerte sich, der schräge Humor … Er grinste schief, während Doktor König amüsiert lachte. Dann aber fing er sich wieder: „Nein, nein, nur ein Scherz. Nehmen Sie Medikamente?“ „Ja, Kopfschmerztabletten. Recht häufig.“ Der Mediziner horchte auf. „Wie häufig?“ Georg antwortete ehrlich: „Vier bis fünf Mal in der Woche mehr als eine.“ „Das ist zu oft und zu viel. Welches Präparat nehmen Sie?“ Georg nannte den Namen; er erzählte von seinen Kopfschmerzen, seinem Stress und dem ständigen Termindruck. Er rechtfertigte sich, doch der Arzt winkte kopfschüttelnd ab. „Lassen Sie es, so geht das nicht. Sie rutschen da in einen ganz gefährlichen Teufelskreis. Wenn Sie von dem Wirkstoff erst einmal abhängig sind, wird Ihr Körper Ihnen Schmerzen vorgaukeln, um Nachschub zu bekommen. Mein dringender Rat, Doktor Wagner, hören Sie ab sofort damit auf, diese Dinger zu schlucken.“ Sagt sich leicht, du sitzt ja nicht auf meinem Posten, dachte Georg und schwieg. „Und im Büro gibt‘s immer reichlich Kaffee, wie ich vermute?“ Sein Arzt schmunzelte, er kannte die Antwort bereits, bevor Georg schulterzuckend nickte. „Und Sie trinken viel davon?“ Wieder nickte Georg. Roman König war noch längst nicht fertig. Er wollte wissen, von welcher Art der Bauchschmerz sei. Ob er unmittelbar nach dem Essen auftrete, später oder im nüchternen Zustand. Im Anschluss bat er ihn, zur Untersuchung seinen Oberkörper frei zu machen. Der erfahrene Internist legte seine Hand auf die Höhe des Magens und drückte zu. „Au“, entfuhr es Georg, der Druck von außen war schmerzhaft. Der untersetzte Mann im weißen Kittel nickte bestätigt. „Das war‘s auch schon, Sie können sich wieder anziehen.“ Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch. Wenige Minuten später schaute er ihm mit freundlicher Miene ins Gesicht. „Ich tippe ganz stark auf eine Magenschleimhautentzündung mit Magengeschwür. In Ihrem Fall haben der hohe Kaffeekonsum, der Stress und vor allem die Schmerztabletten eine Entstehung enorm begünstigt. Wir werden diesen Verdacht unbedingt durch eine Magenspiegelung absichern.“ Er sah Georgs erschrockenen Blick und fügte beruhigend hinzu: „Keine Sorge, Doktor Wagner. Es ist nichts, was wir nicht in den Griff bekommen könnten. Sie müssen sich das so vorstellen: Es gibt in ihrer Magenschleimhaut durch die Entzündung eine Stelle, an der die natürliche Schutzschicht fehlt. Recht weit oben, wie ich annehme, da es schon sehr bald nach dem Essen schmerzt. Wenn Sie Nahrung zu sich nehmen, werden Verdauungssäfte freigesetzt, die genau dort in die Schleimhaut eindringen. Ihr Magen versucht gewissermaßen, sich selbst zu verdauen. Kein besonders angenehmer Gedanke, was?“ „Allerdings.“ „Ist aber mit Medikamenten gut zu heilen. Heutzutage muss man nicht mehr den kompletten Magen operativ entfernen.“ Er lachte über seine Übertreibung laut auf. Georg nicht. „Die Magenspiegelung. Muss sie zwingend sein?“ „Sie werden nicht drum herum kommen, nur so können wir zu einhundert Prozent sichergehen.“ Georg sah ihn nachdenklich an. „Die Spiegelung ist kein so großes Drama, wie gemeinhin angenommen wird, Angst ist da völlig unbegründet.“ „Na dann.“ Georg blieb zögerlich. Doktor König begann, die Überweisung in sein System einzugeben. Ohne aufzublicken, sagte er: „Den Kaffeekonsum bitte einschränken, maximal zwei Tassen täglich. Und hören Sie um Gottes Willen mit dem Tablettenirrsinn auf, stattdessen lassen Sie Ihre Augen untersuchen. Der Kopfschmerz könnte von einer altersbedingten Fehlsichtigkeit herrühren.“ Als er einen weiteren Zettel in den Drucker legte, kündigte er an: „Für den Rest der Woche werde ich Sie krankschreiben.“ Georg schüttelte den Kopf. „Vollkommen unmöglich. Und schon gar nicht wegen dieser Kleinigkeit“, bestimmte er energisch. Sein Arzt blieb unerbittlich: „Kleinigkeit, Sie sind gut. Was meinen Sie, woher Sie sie haben? Sie brauchen dringend eine Auszeit, das steht fest“, sagte er, ohne sich auf eine weitere Diskussion einzulassen. Und als er bereits den Hörer seines Telefons an sein Ohr hielt, fügte er hinzu: „Und die werden Sie sich nehmen.“ Er begann, eine Nummer durchzuwählen. „Ich frage im Krankenhaus nach, wann ich Sie schnellstmöglich zur Spiegelung einschleusen kann.“ Georg verschränkte die Arme vor seiner Brust. Für ihn stand unumstößlich fest, dass ein Fernbleiben aus dem Unternehmen nicht in Frage kam. „Donnerstag, um acht Uhr dreißig“, hörte er die freundliche Stimme des Internisten in seine Gedanken hinein platzen. Forschend schaute er in das unbewegte Gesicht seines Patienten. Er nahm an, dass ihn nach wie vor die Magenspiegelung beschäftigte. „Nicht verzweifeln, das wird halb so wild. Ich gebe Ihnen hier die Krankmeldung und die Überweisung mit, auch eine für den Augenarzt.“ Er überreichte Georg die Papiere und nannte ihm den Namen des Krankenhauses. Zusätzlich die Nummer der Station, auf der er sich zwei Tage später, am elften Mai, einfinden sollte. Georg sah die Unterlagen durch und reichte ihm den gelben Schein zurück. „Daraus wird ganz sicher nichts, vernichten sie ihn.“ „Oh nein, nix da. Einen Teufel werde ich tun. Diese Pause gönnen Sie sich. Betrachten Sie sie als verrückten kleinen Urlaub. Mir scheint, Sie brauchen sie dringender, als Sie denken.“ „Sie als Selbständiger müssten es doch am Besten verstehen. Wenn ich Sie ab morgen überraschend für eine verrückte kleine Woche Ihrer Praxis entziehen würde …“ „Ja großartig, dann würde ich sofort meinen Koffer für die Karibik packen und weg wäre ich.“ Er blufft, um glaubhaft zu bleiben, vermutete Georg und glaubte ihm kein Wort. Doktor König hatte ihm den Schein noch nicht wieder abgenommen. „Ich brauche ihn nicht. Es ist nicht machbar. Ich kann und werde nicht zuhause bleiben.“ Der Mediziner lehnte sich nach hinten an. „Was machen Sie da eigentlich genau in ihrer Automobilbranche?“ „Im Vorstand, Entwicklung.“ „Führungsspitze also. Ein Entscheider wie man so schön sagt. Von Ihrer Sorte kenne ich ein paar mehr.“ Georg sah ihm in die Augen, er fragte sich, weshalb er es so genau wissen wollte. „Haben Sie dort gelernt, so verdammt hartnäckig und beharrlich zu sein, oder waren Sie das schon immer?“ Um Georgs Mund deutete sich ein Lächeln an. „Zerreißen Sie den Schein?“ Er hielt ihm das Papier erneut entgegen. „In Gottes Namen ja, Sie würden ja doch zur Arbeit gehen, Sie sturer Bock.“ Der Arzt nahm ihm den gelben Zettel aus der Hand. Georg erhob sich. Er hörte über die letzten Worte großzügig hinweg, die Kenntnis seiner ungewöhnlichen Art dabei im Hinterkopf. „Haben Sie eine Frau, Freundin oder Lebensgefährtin?“ Was kommt denn nun noch, dachte Georg und schaute ihn irritiert an. Er wusste nicht, was sein Privatleben mit seiner Erkrankung zu tun haben sollte. Dennoch antwortete er: „Ja?“ „Dann lassen Sie sich wenigstens nach Feierabend pflegen und verwöhnen. Frauen haben ein besonderes Händchen dafür. Bestellen Sie ihr einen schönen Gruß von mir und richten Sie ihr das aus. Und wir sehen uns wieder, sobald ich den Befund aus der Klinik habe, so in circa einer Woche.“ Ergebnisse „Na, ist das wohl gut für die Figur?“ Frederik wandte sich zu der weiblichen Stimme hinter seinem Rücken um. „Christine, du bist es“, freute er sich. Sie umarmten einander. „Was meinst du damit? Denkst du, darüber sollte ich ernsthaft nachdenken?“ Er zwinkerte freundschaftlich. Angesichts seiner schlanken Größe lachte sie und winkte ab. „Nicht doch, war nur ein kleiner Spaß. Du warst so herrlich vertieft in die Schokoauswahl.“ „Dann ist’s ja gut.“ Frederik legte fünf Tafeln der großen 300 Gramm Milka in seinen Einkaufswagen. „Nun ist zumindest der nächste Tag gerettet“, grinste er über seinen Scherz. In Christines Wagen befand sich nichts weiter als Gemüse und Salat, Joghurt und tiefgefrorener Fisch. „Was ist eigentlich bei Georgs Arztbesuch am letzten Dienstag herausgekommen? Er war doch da?“ Sie schoben gemeinsam durch den Mittelgang des Supermarktes. „Frag lieber nicht.“ Sie schmunzelte und schlug vor: „Wie sieht es bei dir aus, hast du noch ein wenig Zeit? Wir könnten uns für ein paar Minuten in das kleine Bistro gegenüber setzen. Dort haben wir mehr Ruhe.“ Frederik schaute auf seine Uhr. „Ja gern, meine Pause hat gerade erst begonnen. Dann lass uns zügig zahlen und los.“ Kurz darauf saßen sie bei einer Tasse Kaffee zusammen. In dem kleinen Lokal war nahezu jeder Tisch besetzt. Nur mit Glück ergatterten sie die letzten freien Plätze. Aus diesem Grunde zahlte Frederik die Rechnung gleich, nachdem die Getränke gebracht worden waren. „Was war denn nun bei Georg, du machtest da so eine Andeutung?“, fragte er interessiert, während er noch sein Portemonnaie zurück in die Hosentasche zwängte. „Er war zur Magenspiegelung. Am letzten Donnerstag. So nervös habe ich ihn selten erlebt. Er gab es natürlich nicht zu und überspielte es mit seinem Ärger darüber, schon wieder Zeit beim Arzt zu verschwenden. Im Nachhinein gestand er aber doch ein, dass er ziemliches Fracksausen hatte. Als wenn ich ihm das nicht angemerkt hätte. Aber du kennst ihn ja.“ Christine hob ihre Tasse zu ihrem Mund. Genüsslich trank sie einen Schluck des heißen Kaffees. Sie hinterließ dunkelrote Spuren ihres Lippenstiftes am Rand des Porzellans. „Allerdings. Als ob es weh tun würde, Schwäche zu zeigen, typisch.“ Frederik grinste kopfschüttelnd. „Und? Hat er schon ein Ergebnis?“ „Ja, seit gestern offiziell. Du hattest Recht mit deinem ersten Verdacht, es ist sogar noch mehr als nur eine Entzündung – er hat ein ausgewachsenes Magengeschwür. Der Internist in der Klinik, der ihn untersuchte, konnte es bereits während der Spiegelung auf seinem Monitor erkennen. Weißt du, was er darauf meinte? Stell dir diese Situation vor: Georg mit dem Schlauch im Hals, völlig entnervt, der Arzt neben ihm mehr als begeistert. Er sagte zu ihm: Sie haben ein Ulcus Ventriculi wie aus dem Lehrbuch. Er hat sich darüber richtiggehend gefreut, wie er erzählte. Ziemlich skurril, hm?“ Frederik lachte laut auf. Er ließ sich von Christines Heiterkeit anstecken. „Gestern war er wieder bei Doktor König. Seitdem nimmt er ein Antibiotikum und noch etwas anderes ein. Das hilft ganz sicher, sagte der Arzt. Nicht lange und alles ist wieder okay. Ach, und wegen der Kopfschmerzen hat er ihn übrigens zum Augenarzt geschickt, wahrscheinlich braucht er eine Brille.“ Frederik nickte und trank ebenfalls von seinem Kaffee. „Ach daher. Klingt doch so weit ganz gut.“ „Ja, ist es auch. Zurzeit bin ich jeden Abend bei ihm. Er bat mich darum, sein Internist wohl auch. Scheint ein ziemlich ungewöhnlicher Typ zu sein. Georg sollte mich von ihm grüßen mit dem Auftrag, ihn nach Feierabend zu pflegen.“ Christine lachte. „Ach? Scheint Humor zu haben der Mann, finde ich gut. Für wie lange hat er ihn krankgeschrieben?“ „Gar nicht. Er versuchte es, aber Georg hat sich erfolgreich gesträubt. Er hat ernsthaft angefangen, mit ihm darüber zu diskutieren.“ „Das ist nicht wahr, oder? Warum nimmt er das denn nicht an? Wie kann man nur so leichtsinnig sein?“ „Oder ehrgeizig?“ „Von mir aus auch das.“ Frederik schüttelte fassungslos den Kopf. „Aber es kann doch so nicht weiter gehen. Hat er etwas darüber gesagt, wie er sich das Ganze in der Zukunft vorstellt? Findest du nicht auch, dass er sich kaputtmacht? Allein diese Schmerztabletten, die er ständig braucht. Wenn er davon inzwischen nicht schon abhängig geworden ist.“ „Nein, das ist er nicht, da ist er sich sicher. Er hat wohl nach dem ersten Termin bei Doktor König bewusst darauf geachtet, keine mehr zu nehmen. Eine Woche zum Selbsttest, wie er sagte. Diese Abhängigkeitswarnung des Arztes hatte ihn ziemlich beunruhigt. Demnächst hat er den Termin beim Augenarzt. Wenn es zutrifft, dass sein Kopfschmerz hauptsächlich von den Augen kommt, dann wird es ohnehin weniger, nachdem er beim Optiker war. Nun ja, und dass er viel arbeitet, finde ich nicht ungewöhnlich. So kenne ich ihn und du auch. Ich selbst bin fast genauso oft und lange im Verlag. Viel zu tun haben wir beide. Es ist für uns nicht ungewohnt, dass wir uns selbst an den Wochenenden nur kurz sehen. Es sei denn, wir verabreden uns konkret und schieben die Arbeit entsprechend. Hinzu kommt, dass er beruflich viel unterwegs ist. Dass er abends dann müde und erledigt ist, ist klar. Aber wer kennt das von seiner Arbeit nicht?“ Frederik hörte ihr zu und ihm wurde deutlich, wie fest auch sie in ihre Spitzenposition eingebunden war. Natürlich sah sie es ähnlich wie Georg, was hatte er erwartet?, fragte er sich. Er schaute nachdenklich in seine Kaffeetasse. Christine bemerkte sein beunruhigtes Schweigen. Natürlich, so dachte sie, klingt es wenig nach Entspannung und Entlastung, was ich ihm erzähle. Sie beeilte sich, zum Ausgleich etwas positives zu sagen: „Es wird dich aber freuen zu hören, dass er sich in den letzten Tagen durchaus Gedanken gemacht hat. Der Schuss vor den Bug ging nicht unbemerkt an ihm vorbei.“ Frederik horchte auf. Er hob den Kopf. „So?“ „Oh ja, er deutete da so etwas an. Da an seiner Arbeit wenig zu verändern ist, wie er sagte, möchte er in Zukunft zumindest sein Privatleben und seine Freizeit neu gestalten und strukturierter organisieren. Er hatte da so einen Blick – wenn ich nur wüsste, was er … Es macht mich schon ein wenig kribbelig, weißt du? Ich kann mir nicht helfen, ich fühle mich dabei so persönlich angesprochen. Er rückt nicht damit heraus, an was genau er denkt, aber ich könnte mir vorstellen, dass …“ Sie hielt inne. Frederik schaute in ihr Gesicht. „Was vorstellen? Hast du eine Ahnung, was er plant? Seine freie Zeit war doch bisher nicht chaotisch? Wenn er überhaupt welche hatte.“ Christine zuckte kopfschüttelnd mit den Schultern und trank eilig den nächsten Schluck ihres heißen Muntermachers. Ihr Herz klopfte schneller, kaum wagte sie, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Sie wechselte zur Sicherheit das Thema: „Wie sieht es denn momentan bei dir aus? Hat sich in der letzten Zeit noch etwas ergeben, was Sybilles Sohn angeht? Du wolltest doch mit ihr sprechen?“ „Ja, ich war bei ihnen …“ Frederik erzählte ihr von seinem Besuch. Von der rührenden Begegnung mit Lukas und von Sybilles verletzender Lüge, was ihre heimliche Verhütung anging. Chronologisch fuhr er fort. Er schilderte, dass sie einen Termin zu dritt in einer Klinik hatten. Dass Sybille, Lukas und ihm eine Speichelprobe für den Vaterschaftstest entnommen worden war und wie die Ungewissheit ihn quälte, während sie auf das Ergebnis warteten. „Tja, nun ist es da und wie angenommen, ist er tatsächlich mein Sohn. Mit einer 99,99-prozentigen Wahrscheinlichkeit, wie es so schön heißt.“ Über Christines Gesicht huschte ein Lächeln. „Darf ich gratulieren? Du freust dich doch, oder?“ „Ja sicher, nur sind leider die Umstände etwas unschön. Auf den vermehrten Kontakt, den ich dadurch nun mit Sybille habe, könnte ich gut verzichten. Auch für Kathi ist es ein ziemlicher Spagat. Der Junge selbst ist einfach klasse. Ich war inzwischen ein paar Mal bei ihm. In seinem Zimmer haben wir auf dem Teppich gespielt; aus Legosteinen Häuser und Straßen gebaut. Wir sind dabei uns kennenzulernen. Das begann aber schon vor dem Test.“ „Ach ja, die Situation ist sicher nicht leicht, ihr seid euch ja vollkommen fremd.“ Frederik lächelte bei dem Gedanken an Lukas. „Es wird langsam. So allmählich taut der kleine Bursche auf. Beim letzten Mal hat er schon viel mehr erzählt, und als ich ging, lachte er mich an und fragte, wann ich wiederkäme. Ich hab’ den so richtig gern.“ Stichtag Der neunzehnte September … „Ob ich die Praxis heute schließe? Noch ist Zeit, ich könnte die Mädels anrufen und das Schild in die Tür hängen.“ „Aber warum denn? Es geht mir doch gut. Nein, nein, das ist nicht nötig, Großer.“ Kathi und Frederik saßen gemeinsam beim Frühstück. Es war der errechnete Tag der Geburt ihres Babys. „Hm …“ Es könnte sehr schnell gehen und dann wäre ich nicht hier, überlegte er und schaute seiner Frau zweifelnd in die Augen. „Hey, mach dir keine Gedanken, ich komme schon zurecht. Wer weiß, ob es heute überhaupt losgeht. Ich spüre doch noch gar nichts. Ich verspreche dir, dich ganz schnell anzurufen, falls sich daran etwas ändern sollte“, versuchte sie ihn zu beruhigen. Nach einem Kuss und seiner Ermahnung, dass sie gut auf sich aufpassen und sich beim kleinsten Anzeichen wirklich melden solle, musste sie ihn regelrecht zur Tür hinaus schieben. Mit gemischten Gefühlen brachte Frederik den Hund im Laderaum des Geländewagens unter. Gleich darauf machte er sich auf den Weg in seine Praxis. Kathi stieg die Treppe in die erste Etage hinauf. Es schien ihr, als würde es von Tag zu Tag beschwerlicher werden. Sie dachte, dass es tatsächlich schön wäre, wenn ihr Kind sich entschließen könnte, an diesem Tag zur Welt zu kommen. Ihre Unbeweglichkeit und ihre Rückenschmerzen behinderten sie sehr. Sie freute sich, bald wieder ihre Schuhbänder binden zu können, ohne dass eine Babykugel dabei im Weg war. Ihre Neugierde war ein weiterer Grund. Nur schwer hielt sie es aus, ihren Nachwuchs nicht sehen zu können, wenn sie ihn täglich fühlte. Wem es wohl ähnlich sieht, fragte sie sich oft und versuchte sich vorzustellen, was wohl eine Mischung aus Frederik und ihr ergeben könnte. Sie hatten bewusst darauf verzichtet, sich vom Gynäkologen das Geschlecht ihres Kindes mitteilen zu lassen, obwohl es zu manchen Terminen im Ultraschall durchaus günstig lag, wie ihr Arzt bei diesen Gelegenheiten anmerkte. Kathi jedoch hatte darauf bestanden, sich diese Überraschung für den Zeitpunkt nach der Geburt aufzusparen. Mit ihrer Hartnäckigkeit hatte sie sich erfolgreich über Frederiks Drängen hinweggesetzt, so früh wie möglich zu erfahren, ob sie sich auf eine Tochter oder einen Sohn freuen konnten. Seit sie vor wenigen Wochen das Kinderzimmer eingerichtet hatten, hielt Kathi sich gern darin auf. Hell, warm und flauschig wartete der behagliche Raum auf ihr gemeinsames Baby. Kathi setzte sich in den Sessel in der Ecke des Zimmers. Wie so oft ließ sie ihren Blick durch die Räumlichkeit schweifen. In der Mitte befand sich die Wiege. Mit einem hellgelben Himmel über dem Kopfende und passender, gelber Entchen-Bettwäsche stand sie bereit, ihren Säugling in den Schlaf zu schaukeln. An der gegenüberliegenden Wand prangte, ebenfalls in zartem gelb, der neue Wickeltisch. Erst am Tag vorher bestückten sie ihn liebevoll mit Windeln, Hemdchen und Stramplern. Neben dem Tisch hatte Frederik ein Regal an die Wand geschraubt; auf ihm sammelte sich bereits jetzt allerhand plüschiges und viele Dinge zum späteren Entdecken und Spielen an. Kathi schloss ihre Augen, sie strich zärtlich über ihren Bauch und flüsterte: „Bald bist du da, Mäuschen, wir freuen uns schon so auf dich.“ Es war kurz vor siebzehn Uhr, als Frederiks Handy klingelte. Er trug es in seiner Hosentasche bei sich und bereits nach dem ersten Ton war er dran. Nach seiner Mittagspause hatte er Kathi höchst ungern wieder alleingelassen. Sie verspürte bereits ein leichtes Ziehen, wie sie es beschrieb, bestand aber darauf, dass er zurück in seine Praxis fuhr. Ich hätte nicht darauf hören sollen, war sein erster Gedanke, als er aufgeregt das Gespräch annahm und Kathis schnellen Atem zwischen ihren Worten hörte: „Ich glaube, es geht los.“ „Fruchtblase?“ „Noch nicht geplatzt. Aber es fühlt sich verdächtig nach den ersten Wehen an.“ „Ich bin sofort bei dir, bleib ganz ruhig.“ Kathi war ruhig, ganz im Gegensatz zu Frederik. Dieser stürzte in den Privatraum der Praxis, um sich umzuziehen. Seine Helferinnen schickte er nach Hause, die zwei wartenden Patientenbesitzer bat er um Verständnis. Fahrig hängte er das Info-Schild, auf dem die Nummer seiner Vertretung vermerkt war, von innen an die gläserne Eingangstür. Gleich darauf pfiff er nach seinem Hund und schloss mit fliegenden Fingern ab. Er rannte zu seinem Auto und fuhr mit viel zu hoher Geschwindigkeit durch die Innenstadt nach Hause. Kathi saß längst mit der gepackten Tasche neben sich auf der Treppe vorm Haus. Die Spätsommersonne wärmte sie, während sie auf ihren Mann wartete. Kaum, dass er den Motor abgestellt hatte, sprang er aus seinem Wagen und lief zu ihr. „Oh Süße, hätte ich doch nicht mehr in die Praxis fahren sollen, was?“ Er gab ihr einen dicken Kuss. „Nein, ist doch gut. Hauptsache du bist jetzt da.“ Kathi sog scharf Luft ein, während er ihr half, aufzustehen. Er öffnete die Haustür noch einmal, ließ den Hund in den Flur und verschloss sie wieder. „Komm mit zum Auto, wir fahren sofort ins Krankenhaus.“ Am späten Abend saß Georg zusammen mit Christine auf dem schmiedeeisernen, von Grünpflanzen umrahmten, Balkon ihrer Altbauwohnung. Inzwischen war es dunkel, von der Sonne des Tages jedoch noch angenehm warm. Langsam legte sich die aufgeregte Spannung und ihrer beider Herzschlag beruhigte sich. In einem gläsernen Windlicht brannte eine Kerze, in dessen Schein er sie glücklich küsste. Auf dem runden Metalltisch vor ihnen perlte in einem Kühler der geöffnete, kalte Champagner. Er hatte ihn mitgebracht, zusätzlich zu einem wertvollen Ring, welcher mit einem glitzernden Stein besetzt war. Christines Gesicht war ein einziges Lächeln. Sie hoben ihr Glas und tranken genussvoll einen weiteren Schluck der prickelnden Köstlichkeit. Frederiks Anruf erreichte ihn, als er gerade zu seiner zweiten Überraschung ansetzen wollte. Er hatte sie in Form von einigen großformatigen Exposés dabei, die er zuvor im Vorbeigehen unauffällig auf ihrem Esszimmertisch abgelegt hatte und die er in den nächsten Minuten gemeinsam mit ihr anschauen wollte. Es standen drei Häuser zur Auswahl, die der Immobilienmakler nach seinen Vorgaben und Christines Wünschen, die er zu kennen glaubte, für ihn herausgesucht hatte. Allesamt in exklusiver Lage am ruhigen Stadtrand. Teuer und mit der Anzahl der Zimmer und Bäder nicht sparsam. Von seinen Terminen mit dem Maklerbüro wusste Christine nichts, daher freute Georg sich ganz besonders, sie an diesem glanzvollen Abend anhand der Grundrisszeichnungen ihres möglichen, neuen Eigenheims ein weiteres Mal sprachlos zu erleben. Ein kurzer Blick auf das Display reichte aus, zu erkennen, wen er in der Leitung hatte. Während er das Gespräch annahm, sah er aus den Augenwinkeln zu seiner Freundin herüber, die wie verzaubert auf den kostbaren Ring an ihrem Finger schaute. Er lächelte, als er sich meldete. „Hallo Frederik.“ Pure Freude schallte ihm entgegen: „Unser Baby ist da! Es ist ein bildhübsches, kräftiges Mädchen, vollkommen gesund. Kathi und ihr geht es gut, wir sind überglücklich!“ Der Jubel in Frederiks Stimme war nicht zu überhören. „Hey, das ist großartig! Herzlichen Glückwunsch, mein Freund.“ Georg wandte sich Christine zu: „Das Kind ist da, ein Mädchen.“ „Wie schön, bitte gib ihn mir.“ Er reichte sein Telefon weiter. „Wärst du hier, würde ich dich fest umarmen, mein lieber Frederik. Auch von mir alles Gute und viele Grüße an Kathi!“ Frederik lachte. „Ja, danke, danke! Mann, die Kleine ist so knuddelig süß.“ Christine schmunzelte. „Das klingt wundervoll, ich freue mich für euch. Ich gebe dir Georg noch einmal.“ Dieser nahm das flache Gerät zurück. „Wie soll sie denn heißen?“ „Dein Patenkind heißt Johanna. Johanna Katharina.“ Dass Georg Taufpate werden würde, stand bereits seit einigen Monaten fest. Kathi und Frederik hatten ihn gefragt und gern hatte er diesen ehrvollen Vertrauensbeweis angenommen. „Wie die heilige Johanna von Orléans. Gefällt mir sehr.“ „Nicht wahr? Weißt du, sie endlich im Arm halten zu können, ist ein Gefühl, das geht ganz tief rein, mitten ins Herz.“ Georg nickte. Er konnte und wollte Frederiks Freudentaumel nichts hinzufügen. Irgendwann, so wusste er, würde es sich ergeben, ihm von Umzugsplänen zu erzählen, die erst an diesem Abend spruchreif werden würden – vor allem aber von seinem Heiratsantrag und von Christines Ja. Kolophon Autorin Rebecca Arens, geboren 1969, lebt mit ihrem Ehemann und der Neufundländer-Mix-Dame Emma in ihrer Heimatstadt Eckernförde. Seit Sommer 2007 werden von ihr regelmäßig Kurzgeschichten in Anthologien veröffentlicht. Aus einer von ihnen stammt die Idee zu diesem Roman. Verlag © Wort Nord Verlag, Eckernförde http://www.wort-nord.de Alle Rechte vorbehalten. Titelbild © Anke Wriedt-Breuhahn Ausgaben … und zweitens als man denkt Taschenbuch, 296 Seiten ISBN 978-3-942392-01-3 Kindle-Edition ISBN 978-3-942392-03-7