PÉTER NÁDAS SCHÖNE GESCHICHTE DER FOTOGRAFIE AUS DEM UNGARISCHEN VON AKOS DOMA BERLINER TASCHENBUCH VERLAG ZEITMASCHINE Ungeschickter Vogel, schwebt ein Hubschrauber über den Dächern der dämmernden Stadt. Schwärme von Spatzen, Tauben flattern davon. Er hebt und senkt sich. Sieht in die dunkelnden Abgründe enger Gassen. Blickt in einen Glockenturm: Schwingend schlägt der Körper der Glocke gegen den harten Klöppel, doch der Lärm der Rotoren verschluckt den Schall. In den Scheiben geschlossener Fenster erblickt er sich selbst, sieht durch offene Fenster in Zimmer. Fliegt vorüber und kehrt zurück, als suche er etwas, als halte er Ausschau, und zieht jedesmal unzufrieden wieder davon; er findet nichts. Antennen, Schornsteine, Ziegeldächer. Eine Frau deckt den Tisch, ein junger Mann betritt bedachtsam das Zimmer, umarmt sie von hinten, küßt sie auf den Hals und erhält augenblicklich eine ordentliche Ohrfeige. Seine Lippen öffnen sich verblüfft, und ihre offenen Lippen fallen über ihn her. Dann ein ausgestorbenes Atelier, in dem zweiunddreißig Katzen sitzen oder liegen, regungslos. Eine Dachterrasse, auf der sich Menschen zu einem Abendempfang versammelt haben. Er sucht nach einem Gesicht, einer Schulter, einem sprechenden Mund, sucht erregt nach irgendetwas, einem Lachen, einem heimlichen Händedruck, den aufsteigenden Sektperlen im schlanken Glas, Lebendigem oder Leblosem, doch er muß wieder davonziehen. Er fliegt. Senkt sich noch tiefer hinab, reißt tropfnasse Laken in die Höhe, blickt in eine unaufgeräumte Dachkammer, in der ein junger Mann auf dem Bett liegt, schaut in ein Badezimmer, wo ein spindeldürrer Greis in der Wanne steht, steif und unbewegt, aus der Dusche ergießt sich Wasser über seinen Körper, und ein junges Mädchen, gebückt, mit einem Waschlappen über der Hand, seift ihn ein, reibt ihn ab, wäscht ihn. Der Hubschrauber wird immer ungeduldiger. Er kehrt zu der Gesellschaft zurück, zerzaust mit seinen Luftwirbeln die Frisuren der Damen, kippt das Tablett mit den Sektgläsern aus der balancierenden Hand des Kellners, löst Panik aus. Unter den flüchtenden, sich drängenden Körpern findet er keinen, den er meint. Er fliegt weiter, läßt den Frieden der Dächer, die stille Dämmerung über der Stadt hinter sich. Eine Katze schleicht vor das Dachfenster, blickt hinein. BILDZEIT Reglose Dächer, taube Dämmerung, stummes Katzenauge. Kurzes Klicken. Die Lamelleniris des Apparats schließt sich. Die Katze schreitet weiter. TON UND BEWEGUNG Da ist eine Stimme. »In einer schönen, mondhellen Juninacht spazierte ein Kater über das Dach.« Da ist ein junger Mann, der die Schnur des Selbstauslösers losläßt, die Kassette mit der Platte aus dem Apparat nimmt, eine neue hineinschiebt, zum ungemachten Bett zurückkehrt und sich in seinen Kleidern hinlegt. Da ist auch eine andere, grüblerische Stimme, die zu ihm gehört. »Ich habe gewartet, wer weiß, wie lange ich gewartet habe, worauf, auf was für ein Wunder. Stundenlang habe ich am Fenster meiner verwühlten Dachkammer gewartet. Auf das Abklingen meiner Erregung habe ich gewartet, auf den Zeiger der Uhr, die Minute, die er abbrechen würde. Auf die Minute habe ich gewartet, in der ich meinem kurzen, mißglückten Leben in aller seelischen Gelassenheit ein Ende setzen könnte. Auf die Stunde wartete ich, die Minute, da die sich in mir befehdenden Worte endlich erstürben, die Sätze nicht mehr brausen und tönen, da nichts und niemand mehr spricht, weder ich noch sie noch irgendjemand, nicht mit Gott und auch Gott nicht, nicht mit meiner Geliebten und auch meine Geliebte nicht, da keiner mehr da ist, allein das Bild. Die Dächer, der Mond und nur die Bewegung, die ich vollführe. Vollführe. So wie ein Biberschwanzziegel aus der Höhe herunterfällt. Nicht mehr.« Und da ist auch eine besonnene Stimme, die zu ihm gehört. »Nichts von alledem geschieht. Man möchte am offenen Fenster stehen und bleibt doch lieber liegen. Die Erregung besteht gerade darin, daß Sätze, Fragen und Antworten wirr durcheinanderschwirren, ein Wort jagt und erwürgt das andere, und das alles ist zuviel, als daß man es noch fassen könnte. Die Phantasie führt Phantasiebilder vor. Man könnte sich den Schwanz in die Hand stoßen. Oder sollte sich erheben, um sich selbst in jenem Bild zu fixieren, in dem man sich gerne sähe. Und so verharren, bis der Morgen der letzten Stunde graut. Damit das letzte Bild die eigene Dunkelheit festhielte. Das sollte die letzte Anstrengung und Zuflucht des Willens sein. Nichts anderes sollte bleiben.« Derweil hat er sich mühsam erhoben, überläßt Abzüge und Negative dem Wind, sie bleiben an der Dachrinne hängen und fallen. Er dreht den Apparat um, richtet die Schärfe auf das offene Fenster, stellt sich auf und öffnet den Verschluß auf den eigenen, nun schon fast ganz in Dunkel gehüllten Körper. »Jetzt kann ich mich bewegen oder auch nicht bewegen. Es soll nur noch sein, was ist.« ROMANZE In der einzigen Dachkammer auf der gegenüberliegenden Straßenseite zittert im Zugwind Kerzenlicht. Auf dem Kissen der Kopf eines bleichen Knaben, die Haare auf der Stirn verschwitzt. Seine Lider werden sich vielleicht nie wieder heben. Die junge Mutter sitzt am Rand des Bettes und hält sein knochendürres Händchen. Ein trockener Husten schüttelt seinen Körper, einen Moment lang sieht es so aus, als würde er die Augen öffnen, doch es geschieht nicht. Als der Anfall vorüber ist, zittern nicht einmal mehr seine Lider. »Nie mehr, nie, nie.« Das Händchen fällt gefühllos zurück, die Mutter läuft zum offenen Fenster. »Hilf, Gott, wenn es dich gibt! Wenn es dich gibt, so hilf ! Wen gibt es, wenn es dich nicht gibt? Oder, wenn es dich nicht gibt, wer hilft dann? So hilf doch jetzt irgendwer, Mensch, Tier, Gespenst, Geist, Monster oder Engel, gib mir deine Kraft!« Der Knabe ist bleich und regungslos. Am dunklen Fenster auf der anderen Straßenseite tritt der junge Mann aus dem Bild. »Soll sich doch das Nichts weiter mit dem Nichts befassen!« Er nimmt seinen Mantel. Steigt eine dunkle Wendeltreppe hinab. Stapft über eine ausgestorbene, mondhelle Straße. Eine Magd, zerzaust, die flackernde Kerze mit der Hand schützend, öffnet verwundert das Tor. Sie eilen die ausgestorbene, mondhelle Straße entlang, er voran, der Arzt hinterher, lautlos die eiligen Schritte. Die Wand der dunklen Wendeltreppe hinauf steigt das Kerzenlicht. Klopfen, Pochen, das Herz hämmert, der Atem keucht, hält inne. Sanft löst der Arzt die klammernde Mutter vom Körper des Knaben. Er spricht nicht, und trotzdem ist da eine Stimme. »Vor allem müssen wir das Fieber senken.« Die Mutter schlägt die Bettdecke zurück. Der junge Mann taucht ein sauberes weißes Laken in eine Waschschüssel, wringt es aus. Der Arzt hebt den nackten Körper, die Mutter und der junge Mann breiten das feuchte Laken unter ihm aus. Der Arzt läßt den Körper zurücksinken. Vier Hände falten das feuchte Laken über ihm, streichen es glatt. Die Finger des Arztes öffnen die Augenlider. Weiß. Keine Augen. »Dann müssen wir den Blutdruck senken. Der Puls rast.« Auf dem feuchten Körper auf feuchtem Laken füllen sich Blutegel, saugen sich voll. Die Mutter schreit auf, läuft zum Fenster, der junge Mann stürzt hinter ihr her, läßt sie nicht. Da ist eine Stimme. »Leblos sank ein herrlicher Frauenkörper in meine Arme, aber nur ihr Schmerz wurde mein.« »Er hat aufgeblickt, er lebt.« »Nein, gnädige Frau, es ist der Tod.« »Auch dann, Gott, danke ich dir.« ENDE DER ROMANZE Ein Schrei erfüllt die Nacht. Doch es ist zu Ende. Die Mutter läßt die tote Hand des Knaben los, steht auf und nimmt den Leuchter, die Flamme flackert beim Gehen über die Wand der kleinen Dachkammer. Sie stellt die Kerze ins Fenster, da aber löscht sie der Zugwind sofort. Nun ist auch das Fenster auf der anderen Straßenseite dunkel. Der Mond steht inzwischen hoch am Himmel. Und am Fenster verharrt der junge Mann nackt und unbewegt vor der offenen Linse seiner Kamera. Da ist eine Stimme. »Ich danke dir, Gott, daß er die künftigen Jahre nicht mehr erleben muß. Jeder, der sie nach deinem Willen nicht zu erleben braucht, schuldet dir Dank.« Und da ist auch eine andere Stimme. »Auf das Morgenrot habe ich gewartet, doch damit war meine Phantasie nicht zu stillen. Die Morgendämmerung naht, hoch steht der Mond, empfindliche Silberkörnchen fixieren meinen irdischen Schatten. Je suis mort et je suis toujours vivant. Ein schöner Engel ist die Liebe, doch für ein gläubiges, betrogenes Herz der Todesengel. Verdammte Sätze. Diese fortwährenden Sätze. Und während ich diese verdammten Sätze denke, entfachen sie dort die Flamme. Mein Herz ist bei dir, möge es verglühen.« ADIEU, ALTE ERDE Ein gewaltiges Zischen, Aufflammen, begleitet von Geknall, dann von gleichmäßigem Pfeifen. Unter der Öffnung des Ballons lodert das Feuer, der Ballon füllt sich rasch, spannt sich, strafft die Seile, als wolle er sich von der Erde losreißen. Der Ballonfahrer überschreit diesen Höllenlärm. »Bis zum Zerreißen. Mehr, mehr, gebt ihm noch mehr! Wie hoch ist der Druck? Der Ballon muß bis zum Zerreißen gespannt sein.« Aus der Gondel antwortet die Stimme des Greises. »Noch nicht genug. Ich sage schon, wenn es reicht.« Und da ist auch eine andere Stimme, welche die im diesigen Morgengrauen eifrig Beschäftigten natürlich nicht hören. »Meine Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, und doch konnte ich mich selbst nicht mehr zügeln. Auch mein Wille soll für immer verdammt sein. Nur der Schwanz. Zum Teufel auch mit ihm. Nur an den eigenen Schwanz kann ich mich klammern. Wenn mich die Seele so quält, warum ist dann die Antwort Lust, warum kann ich dem Leben meines Körpers nicht mit einem einzigen Entschluß ein Ende setzen? Sollte gerade am Willen alles scheitern? Und es bliebe nichts als das blinde Schicksal? Doch wer, und nenne er’s Schicksal, erträgt von seinem Körper soviel Erniedrigung?« Ledersäcke, Kisten werden in das Luftschiff gehoben. Unter den emsig Tätigen stehen unbewegt zwei junge Frauen auf der endlosen Ebene. Die jüngere im Pelz, mit einem riesigen, unter dem Kinn befestigten Hut, eine leichte Plattenkamera neben sich, und ihre wenigstens zehn Jahre ältere Gesellschafterin, die betont männlich gekleidet ist. Etwas abseits ein Diener, der ein Tablett mit drei Sektgläsern in den Händen hält. Während er zu den Frauen eilt, hilft man dem Ballonfahrer in seinen Pelz. »Ihre letzte Gelegenheit, liebste Kornélia, es sich anders zu überlegen.« »Bitte, Baron, nehmen Sie meine Kamera.« Auch der Fotoapparat wird ins Luftschiff gehievt. Der Ballonfahrer reicht Kornélia die Hand, sie schreiten über das taunasse Gras, der Diener folgt mit den Gläsern, sie steigen ein. Vielleicht ist dieser uralte Mann, der sich jetzt über den Luftdruckmesser beugt, gerade im Badezimmer gewaschen worden. Er nickt, alles in Ordnung. Die Seite der Gondel wird verschlossen. Der Ballonfahrer langt hinaus, greift ein Glas Sekt und reicht es Kornélia, dann eines für den alten Mann mit dem Gelehrtengesicht, und schließlich prostet er den anderen mit dem eigenen Glas zu. »Also dann adieu, alte Erde. Löst die Seile.« Das Luftschiff erzittert unter fürchterlichem Getöse, die Gläser werden geleert und aus der Gondel geworfen. »Halten Sie sich fest, Kornélia, so ohne weiteres gibt uns die Erde nicht frei. Lassen Sie lieber Ihren Schleier herunter!« Zitternd, bebend hebt das Luftschiff von der Erde ab. AUCH DAS IST EIN BILD Über Dächer und Schornsteine hinweg, im körnigen Unendlichen, vom Wind getragen, verschwommen, ein kleines Luftschiff. Der Ballon hat den Bildrand bereits verlassen. DIE LEEREN LÜFTE Da ist eine verirrte Stimme in dieser blendenden morgendlichen Pracht; jetzt ein wollüstiger, schmerzvoller ferner Schrei. »Ins Nichts stößt seinen Samen, wer die Zukunft will.«* Kornélia wischt sich die Tränen ab. »Sie weinen ja, Kornélia.« »Mir ist, als könnte ich kein Wort über die Lippen bringen. Vielleicht bin ich glücklich. Ich weiß es nicht. Und traurig zugleich. Ich wünschte, wir nähmen alles, aber auch alles mit, was wir jetzt zurücklassen. Damit wir uns nicht entscheiden müßten.« »Wenn ich Ihnen die Worte auf den Lippen ersticken dürfte, würde Ihr Glück mein Glück und Ihr Kummer mein Kummer sein. Ich tränke Ihre Tränen einfach aus. Wir wären dann für immer, was wir so nie sein werden.« »Seien Sie nicht unzufrieden, lieber Baron. Meine Dankbarkeit ist ohnehin schon grenzenlos. Doch wenn Sie so etwas täten, müßte ich Sie zurechtweisen.« Es gibt keinen anderen Ausweg aus ihrem Spiel, sie lachen beide auf und setzen das Spiel also fort. »Wenn Sie sich schon einem Ballonfahrer anvertrauen, dann müssen Sie die Gesetze der Lüfte erlernen. Sie kennen sie noch nicht. Wieviel habe ich Ihnen noch beizubringen!« »Es lernt nur der, der weiß. Und die Frauen sind doch so unwissend. Ich möchte Sie lieber bitten, meinen Apparat festzumachen. Das ist eine handfeste Sache.« »Sie mahnen zu Vorsicht?« »Ich möchte anfangen.« »Langsam werde ich schon hinter Ihre Ziele kommen.« »Immer höher, immer weiter weg. Daß es keinen Satz, kein Gefühl, keine Regung gebe, auf die wir nicht aus der Vogelperspektive herabblicken.« »Und das nennen Sie handfest?« »Das und nichts anderes.« »Mir scheint, der Wind hebt unser Schiff nicht empor, sondern drückt es herunter. Das übrige steht aus.« * Gedichtzeile des ungarischen Lyrikers György Petri DAS BILD DER ERDE Noch ist alles zu sehen, was zu uns gehört. Auf der staubigen morgendlichen Straße bewegt sich eine Wagenkarawane, Zigeuner. Ein paar Reiter begleiten sie, Frauen zu Fuß. Die Kinder, die Arme umeinandergelegt, von Lumpen bedeckt, schlafen noch im Wagenkasten. Der Schatten des Luftschiffs gleitet langsam über sie hinweg, doch das gewahren die dort unten nicht. Irgendein Wirrwarr entsteht, vielleicht schreien alle durcheinander, was man da oben aber nicht hören kann. Was zu sehen ist, ist nicht unbedingt auch zu hören. Oben ist es anders als unten, anders der Himmel und anders die Erde. Von einem der Wagen führen die Frauen eine Hochschwangere in die Büsche am Wegesrand. Von hier oben aus verdeckt der Busch nichts. Die Frau legt sich nieder, die anderen lüften ihren Rock, sie zieht die gespreizten Beine bis zum Hals, die anderen beugen sich über den geöffneten Schoß. Ein Messer blitzt im Licht, vielleicht wird gerade die Nabelschnur zerschnitten. Später Wald, Wiese, Acker, See, Fluß, ein kleiner Bach. Alles, was steht, bewegt sich. »Die Luftströmung ändert sich. Ich denke, es wird Zeit, daß Sie den zweiten Kartenabschnitt herausholen, Herr Baron.« »Ich studiere ihn bereits.« Die Luftströmung hebt das Luftschiff in einen Trichter. Kornélia hält in Sekunden fest, wovon sie losgerissen wird. IM STURM Als hätte sich eine Mattscheibe vor die Mattscheibe geschoben. Wolken rasen vorüber. Und da ist eine Stimme. »Was für ein Ehrgeiz hat mich hierher getrieben. Und doch flüstere ich jedes Wort nur dir zu. Ich bin taub geworden, so wie die Wolken. Und du bist taub geblieben für all meine Worte, so wie die Erde. Keines meiner Worte kannst du hören. Immer weiter weg, mein Liebster, mein Geliebter, und noch nie so nah. Ich fliege, und vielleicht sterbe ich. Tapferes ungarisches Mädchen, das als erste Luftaufnahmen von der Erde gemacht hat, kann ich dann von mir sagen.« Die Linse kann Zwielicht nun nicht mehr von Zwielicht unterscheiden. Das Luftschiff schaukelt, erzittert und schwingt aus, dumpfe Stille, Tropfen. Sie sehen auch einander nicht mehr, wechseln kaum ein Wort. Kornélia wendet sich von dieser bodenlosen Finsternis ab und geht, sich am Rand des Gondelkorbs festklammernd, im Kreis herum, verzweifelt und ohnmächtig. Als wären Nase, Ohren und Mund mit nasser Watte verstopft. Als sie zur Kamera zurückgeht, ist es, als zwinge sie ein Gedanke, für einen Moment innezuhalten, dann hangelt sie sich, Stöße und Rucke ausgleichend, weiter. »Seien Sie mannhaft, Kornélia.« »Was hätte ich zu fürchten?« »Voilà, l’enfer et le ciel en une. Das ist mein Reich. Schauen Sie nur, blicken Sie um sich, von hier gibt es jetzt kein Entrinnen mehr.« »So wollte ich’s. Ich habe es gewollt.« »Wir haben höchstens den Blitz zu fürchten. Aber seien Sie nicht so selbstgefällig, niemand fragt nach Ihrem Willen.« Das ferne Licht eines Blitzes erhellt die undurchdringliche Finsternis, der Donnerschlag läßt die Gondel erzittern, vom Grollen begleitet, fliegt sie weiter. »Sehen Sie, so geht es damit. Und wenn er noch näher wäre, würden Sie nicht einmal mehr etwas hören.« »Sie schrecken mich vergebens. Einen schöneren Tod könnte ich mir nicht wünschen.« Und ihre andere Stimme flüstert. »Wenn von den vielen Platten doch wenigstens eine einzige erhalten bliebe. Nach einem solchen Sturz bleibt kein Wort, kein Bild zurück. Doch wenigstens eine einzige. Denn du wirst dich meinetwegen nicht umbringen, weil du feige bist.« Stumm fliegen sie ins Nichts. »Wo sind wir, Baron?« »Wenn die Wolken nicht wären, müßten wir die Bucht von Triest sehen. Blicken Sie hinunter, Sie sehen nichts. Wir wissen es nur.« »Was tun Sie da, Herr Ingenieur?« »Ich nehme eine Probe aus den Wolken, Fräulein.« »Und wozu ist das nützlich?« »Ich notiere mir, daß ich sie da und da genommen habe, analysiere sie und ziehe meine Schlüsse daraus, aber wozu das nützlich ist, danach frage ich gar nicht erst. Ich werde dann konstatieren, daß die Luft über der Bucht von Triest dann und dann, in der und der Höhe, bei einem Südwestwind von zweiunddreißig Knoten soundsoviel Feuchtigkeit und außerdem noch dies und das enthielt. Ich finde Sandkörner darin, Blütenstaub.« »Blütenstaub.« »Ich finde heraus, daß die entsprechende Blume ausschließlich auf den steinigen Hochebenen des Apennin wächst, dieser Sand dagegen aller Wahrscheinlichkeit nach von der südöstlichen Grenze Tunesiens stammt. Was dort und auf den Hochebenen wann vor sich gegangen ist, werden dann die Wetterannalen aussagen. Auch diese Daten und Angaben muß ich sammeln, vergleichen, Höhen und Geschwindigkeiten abmessen und bezeichnen.« »Das ist, als wollten Sie das Meer mit einem Löffel ausschöpfen. Doch zu welchem Ergebnis können Sie kommen, da es keine zwei gleichen Wolken gibt? Oder gibt es sie?« »Hören Sie, Fräulein. Erstens mache ich keine Aussagen darüber, was es gibt und was es nicht gibt, und daher behaupte ich weder, daß es zwei gleiche Wolken gibt, noch daß es sie nicht gibt. Ich speichere Daten. Und habe ich gerade Lust zu vergleichen, kann ich Übereinstimmungen, Unterschiede und Ähnlichkeiten herauskriegen. Daraus besteht die Welt, Fräulein, aus nichts anderem.« »Also kein Gesetz. Kein Gott.« »Wer so etwas fragt, den frage ich lieber, ob er nicht Lust auf ein Frühstück hätte?« »In einem so entsetzlichen Sturm?« Der Ingenieur lacht wohlwollend. »Der Sturm, Fräulein, dauert bei unserer Geschwindigkeit noch rund zwei Minuten.« »Und woher wollen Sie das dann wissen?« »Ich weiß es.« ÜBER ALLEN WOLKEN »Weiß auf Weiß.« »Was tun Sie? Was haben Sie gesagt?« »Ich fotografiere Weiß auf Weiß. Verstehen Sie?« »Lassen Sie mich Ihr Gesicht sehen. Es scheint erblaßt, totenbleich. Bitte, heben Sie Ihren Schleier. Darum ersucht Sie jetzt nicht der verliebte Mann, sondern der besorgte Luftschiffer.« »Ich hätte eine viel prosaischere Bitte, Baron.« »Sie würden mir eine Ehre antun, wenn Sie mich endlich bei meinem Namen nennten. Und eine Beleidigung, wenn Sie es nicht tun.« »Si je voulais vous demander ce que l’on fera quand je devrai faire pipi, il serait peut-être vraiment mieux placé de vous appeler mon cher Richard.« Jetzt hebt Kornélia tatsächlich den Schleier, um besser sehen zu können, wie die Zähne des Barons in schallendem Gelächter aufblitzen. Ihre Lippen treffen sich für einen Augenblick. »Dans ce trou, ici, ma petite. Wir aber wenden uns brav ab.« »Und halten sich auch die Ohren zu.« »Mein kleines Dummchen. Im All wird dein Getröpfel keinerlei Geräusch machen.« NOCH HÖHER, NOCH WEITER »Kommen Sie, sehen Sie, Kornélia.« »Entschuldigen Sie, Richard, aber ich glaube, ich hätte jetzt Angst, zur Erde hinunterzuschauen.« »Dabei könnten Sie in den Rissen zwischen den Wolken so viel erblicken.« Mit Schwindel ringend, blickt Kornélia lieber ins dichte, endlose Blau. Der Ingenieur hockt mit untergezogenen Beinen zwischen den Instrumenten und notiert Daten in sein Heft. »Wie bei dieser Position zu erwarten. Genau wie wir es berechnet hatten, Mylord.« »Haben wir den Passat?« »Genau. Ich denke, wir könnten unser Gewicht wieder um einen Sack verringern.« »Erst möchte ich wissen, was das Meßgerät sagt.« »Wir sind bei vierzehntausend Fuß.« »Bedenken wir auch, daß wir jetzt nicht zu zweit sind. Würden Sie mir auch die Geschwindigkeit verraten?« »Nein, darüber schweige ich lieber.« In der Totenstille ist nur das leise Knarren und Zischen der Seile zu hören. »Wenn das Fräulein nun doch einmal durch das Fernglas des Herrn Baron schauen würde, so könnte sie den Gipfel der Jungfrau unter uns vorbeigleiten sehen. Und die Geschwindigkeit steigt immer noch. Nirgends eine Wolke. Ich meinerseits halte die Strömung für ungefährlich.« Kornélia rührt sich nicht, wendet nun auch den Kopf ab, als höre sie nicht oder wolle nicht hören. Ärzte pflegen sich auf solche Weise über das Krankenbett hinweg auszutauschen. »Denken Sie auch an die Gefahren der Toleranz.« »Ich rechnete nur mit uns beiden, Mylord.« »Wollen Sie mir einen Vorwurf machen?« »Es war nur ein Wunsch, den ich äußerte, kein Befehl.« Der Baron läßt sein Fernglas stehen und schüttet wie jemand, der gegen sein besseres Wissen handelt, den Inhalt eines prallgefüllten kleinen Sandsacks ins All. »Die Wirkung ist sofort ablesbar.« »Inwieweit?« »Sechshundert höher.« »Geschwindigkeit?« »Hoch. Sehr hoch. Vielleicht können Sie ihr mit einem heißen Kaffee darüber hinweghelfen.« Kornélia läßt sich langsam an der Korbwand heruntergleiten, zieht fröstelnd ihren Pelz um sich und müht sich, daß die beiden Männer nicht merken, wie das Fieber ihren Körper schüttelt; daß ihr Zähneklappern nicht hörbar ist. Sie würde am liebsten auch den Kopf in den Schoß fallen lassen, aber dann würde ihr übel werden. Der Luftschiffer füllt inzwischen starken Kaffee in ein verschließbares Gefäß, stellt es in einen Behälter mit ungelöschtem Kalk und gießt diesen mit Wasser auf. Das Kalkpulver beginnt heftig zu sprudeln, wird warm und erhitzt sich. »Achtung, Kornélia. Sie brauchen keine Angst zu haben. Vous avez toujours du courage.« Er gießt noch Rum in die Tasse, wärmt sich die klammen Finger daran. »J’ai beaucoup de courage.« »Nehmen Sie, oder soll ich es Ihnen einflößen?« »Ich glaube, mir ist mächtig schwindlig. Aber mehr noch als dafür schäme ich mich meiner Schwäche.« »Sie werden gleich wieder zu Kräften kommen.« Kornélia rührt sich nicht, ihre Augen sind blicklos, dann kippt sie ein wenig zur Seite und bleibt so liegen. Der Luftschiffer weiß nicht, was zuerst tun. Er kann den Kaffee nicht abstellen, muß Kornélia auffangen. Die Tasse kippt um, ihr Inhalt sickert durch den Korbboden. Totenblaß ist das Gesicht, auf den bleichen Lippen zeigen sich verräterische Tropfen blutigen Taus. »Herr Ingenieur, Sie müssen sofort die Druckventile öffnen.« »Reiben Sie sie ab, schlagen Sie sie, achten Sie auf Ihre Fingernägel, gießen Sie ihr Wasser ins Gesicht.« »Auch wenn ich alles versuchte, würde es nichts mehr helfen.« »Wenn wir nicht noch zehn Minuten gewinnen, bleibt nur der Tod auf den Felsen.« »Tun Sie es nicht, dann tue ich es selbst.« Der Luftschiffer faßt die Seidenschnur für die Ventile. »Wenn sie sich nicht wieder schließen, können wir tatsächlich Abschied nehmen. Öffnen Sie sie nur einen Augenblick.« Die Ventile öffnen sich einen Augenblick, das Luftschiff fällt ab, dann schließen sie sich wieder und das Schiff treibt weiter über die Felsengipfel hinweg. Es fällt von neuem. »Bei Gott, ich bitte Sie, es reicht!« BILDER EINES FRIEDLICHEN SALONS Bedrohliche, schroffe Felsengipfel. Über Gestein herabstürzende Wasserfälle. Meeresflut, aufgewühlt von der Brandung. Knospen, die sich emporrecken, matt erblühte Seerosen auf einer unbewegten Wasseroberfläche. Die in die Wassermembran eintauchenden Füße eines Wasserläufers. Uferweiden. Ein im Sonnenuntergang aufstaubender Feldweg. Nachtlicht in den Tiefen des Waldes. Spukfiguren, Traumgesichte. Die Gesellschafterin berührt den Arm des jungen Mannes. »Das gnädige Fräulein läßt sich entschuldigen und bittet den Herrn um Geduld. Seit sie zu sich gekommen und wieder aufgestanden ist, verläßt sie die Dunkelkammer überhaupt nicht mehr.« »Ich versichere Ihnen, meine Geduld ist grenzenlos.« »Ich muß gestehen, die meine ist begrenzt. Sie täten vielleicht besser daran, einfach Ihre Visitenkarte zu hinterlassen.« »Sie werden entschuldigen,* wenn ich das nicht tue. Wenn es auch nur für einen Augenblick ist. Dann gehe ich sofort. Ich bitte Sie, geben Sie mir diesen einen Augenblick.« »Ich hoffe, Sie verstehen, ich muß sie vor jeder neuen Erregung schützen.« »Ich werde auf der Hut sein.« »Ich nicht minder, wenn Sie es mir nicht verübeln wollen.« »Ich werde Verständnis dafür haben.« * Alle kursiv gesetzen Dialogteile im Original deutsch BILDERTAUSCH Ein mit südländischen Pflanzen vollgestopfter Wintergarten. In prunkvollen Käfigen Finken, Papageien. Unter dem klaren sonnigen Himmel draußen tobt ein stürmischer, trockener Spätsommerwind, hin und wieder dringen seine Stöße bis in den Wintergarten und bringen die Stengel, Fächer und Zweige der Pflanzen zum Zittern. Im Wintergarten steht ein mächtiger, glattgehobelter Holztisch mit nur zwei Stühlen, auf denen jetzt Kornélia und Károly sitzen. Sie sind so weit voneinander entfernt, daß sie sich ständig erheben und weit über den Tisch beugen müssen, um sich gegenseitig die Bilder zuzuschieben. Einmal gibt er, einmal sie, streng nach der Reihe. Doch was auf den Bildern zu sehen ist, das läßt sich, so neugierig wir auch sein mögen, allein aus ihren Worten erschließen. Während sie sich unterhalten, tauschen sie allmählich das vor ihnen gestapelte Bildmaterial aus. »Noch nie ist es mir gelungen, die Morgendämmerung so wunderbar einzufangen. Mit Worten ist es erst recht hoffnungslos. Ich glaube, fortan werde ich Ihr Schüler sein, Fräulein.« »Henriette hoffte, ich würde mich noch eines Besseren besinnen, aber der Baron drängte mich. Mit einem Wort, ich glaube, es war ein Werk des Zufalls, Sie müßten also eher ihn preisen.« »Ich meinerseits habe zwei Dinge zugleich erhofft. Sie bei mir zu behalten und Sie davonfliegen zu sehen. Sehen Sie, und dann wird beides nichts. Der Mensch erduldet schreckliche Qualen, wenn ihm bewußt wird, was er wollen soll, jedoch im Dunklen bleibt, ob er das, was er wollen soll, auch will.« »Das also ist Ihr Zimmer, Ihr Bett. Als Ihre treue Schülerin bewundere ich Ihre Bilder, doch Ihrer Philosophie bin ich überdrüssig. Wie schlicht, wie einsam, wie anrührend.« »Zu der Stunde, als ich glaubte, daß mein letzter Tag gekommen sei. Nie hätte ich gedacht, Ihnen diese Bilder vorlegen zu können.« »Wir können bestenfalls darüber reden, was unsere Apparate sahen, doch nicht darüber, was Sie und was ich im gleichen Augenblick sahen.« »Der Augenblick, in dem zwei Verschlüsse sich öffnen, verbindet uns dennoch.« »Er entfernt eher noch weiter voneinander. So wie Sie auch auf diesem hier nicht so sehr meine Entfernung sehen als meine Befangenheit.« »Der Himmel hat, scheint es, keine Details, die Körnchen sind nur vom Nichts aufgebläht. Ich kann Ihnen die Nacht dagegen zum Tausch bieten.« »Bitte suchen Sie sich nichts aus. Sie sollen auch das da nicht unterschlagen.« »Ich möchte Ihr Schamgefühl nicht verletzen.« »Verletzen würden Sie mich mit der Geheimhaltung.« »Es ist ein nackter Männerkörper. Wäre es nicht nur ein Bild, würde ich mich Ihnen ausliefern, aber es ist ja nichts als ein Bild.« »Ich hätte nie gedacht, daß auch so wenig Licht soviel vermag.« »Dennoch sind Sie errötet. Obwohl ich es bin, der sich schämen müßte. Doch ich gestehe, daß ich meine Schamlosigkeit eher genieße.« »Vielleicht färbt die Bewunderung mein Gesicht. Sie stehen Gott gegenüber, während ich nur seine Wolken fotografiere. Wie halbherzig und unbegabt bin ich. Entschuldigen Sie mich einen Moment.« Sie steht langsam und vorsichtig auf, geht um den Tisch, eilt auf leisen Sohlen zur Tür, reißt sie auf. Auch Károly stößt seinen Stuhl unter sich weg. Hinter der Tür steht Henriette, vermutlich hat sie alles belauscht. »Stammeln Sie nicht herum.« »Ich habe kein Wort gesagt.« »Antworten Sie nicht, wenn ich Sie nicht frage.« »Ich muckse nicht einmal.« »Wir werden gleich noch lauter sprechen. Lassen Sie sich nicht ein einziges Wort entgehen.« Sie schließt die Tür, ihre Hand ruht einen Moment auf der Klinke. »Ich ersticke noch in diesem Gefängnis.« Es sieht aus, als wolle sie um den Tisch herumgehen, um zu ihrem Platz zurückzukehren, aber sie geht weiter. »Wäre ich doch nur abgestürzt, wenn ich schon nicht fliegen kann. Mein Gott, warum bin ich nicht umgekommen? Hätte mich doch der Druck nur zerrissen. Mein Körper ist ein Gefängnis, meine Zimmer sind Gefängnisse.« Károly möchte ihr zu Hilfe eilen, weiß jedoch wahrhaft nicht, was er tun könnte. »Ich sperre meine Vögel in ein Gefängnis. Auf dieser elenden Erde sind wir alle Gefängniswärter. Ich habe einen eigenen Gefängniswärter, sehen Sie?, doch überwache ich meinen Gefängniswärter. Auch mein Gefängniswärter wird bewacht, und ich kann meine Vögel bewachen. Wo würden Sie mich einsperren, wenn Sie mich befreien würden?« »Soll ich gehen?« »Öffnen Sie den Käfig.« »Nein, das kann ich nicht tun.« »Verzeihen Sie mir. Ich ersticke. Ich biete keinen schönen Anblick, aber gehen Sie nicht.« Sie berührt den Arm des zögernden Mannes. »Es ist sehr wohl ein schöner Anblick, wenn Sie so zornig sind. Ich verstehe Sie.« »Sie sagten einmal ein freundschaftliches Wort über mein den Männern nachgemachtes Leben. Es war scharf, aggressiv, das erinnere ich. Es verletzte mich. Ich bitte Sie, wiederholen Sie es.« »Lassen wir das. Es war töricht von mir. Noch heute schäme ich mich meines Dünkels. Ich kannte weder Ihren Mut noch meine eigene Feigheit.« Ihre Hände, ihre Arme umschlingen sich. »Feige wären Sie gewesen, hätten Sie meinetwegen Ihr Leben weggeworfen. Mutig wäre ich, würde ich mich über Ihren Körper werfen. Meinen schwachen, kraftlosen Körper. Selbst der Himmel stieß mich von sich. Was sonst könnte ich mir wünschen, wie müßte ich ihn begehren? Auf der Erde bin ich eine Gefangene, sie sperren mich ein, ich kann mich nicht befreien, und sterben kann ich auch nicht.« »Reden Sie nicht so, Kornélia.« »Sagen Sie meinen Namen noch einmal, Karol.« Károly schließt sie in die Arme, doch ihr Kopf, als schrecke er vor den sich nähernden Lippen zurück, droht hintenüberzukippen. Ihre Augen schließen sich, die Lippen erblassen. Der leichte Körper wird schwer in den Männerarmen und beginnt, sich unter irgendeinem inneren Druck zu schütteln. Das Gleichgewicht verlierend, stürzen sie, der Stuhl fällt mit ihnen, die beiden Körper prallen auf, die Köpfe knallen gegen den Boden. Henriette stürzt herein. Kornélia gibt schreckliche kleine Töne von sich, ihr Körper zuckt in unkoordinierten Rhythmen. Henriette setzt sich ohne weiteres auf den am Boden liegenden Körper, greift mit einer geübten Bewegung in den geöffneten Mund, faßt mit den Fingern die Zunge an der Wurzel, damit sie nicht in den Rachen rutscht. Unter ihr zuckt der Körper in rhythmischen Stößen. EISENBAHNFAHRT IN DIE NACHT Rattern und Rattern. Im Spiegel des Fensters zuckt das blaue Licht nächtlicher Lampen. Henriette schläft mit offenem Mund. Über den Weichen vibriert das sich bietende Bild. Kornélia erhebt sich wie ein Dieb. Henriette schreckt für einen kurzen Moment auf, worauf Kornélia sich rasch wieder setzt. Und wieder nur Rattern und Rattern. Und da ist ihre eigene Stimme. »Ich weiß, daß er mich erwartet. Oder daß er mich begleitet.« Und da ist eine andere Stimme, die antwortet. »Ich habe sie begleitet. Ich bin auf ihrer Fährte, ich werde nicht nachlassen.« Wieder spricht ihre eigene Stimme. »Zusammen mit mir rattert er in dieser schrecklichen Nacht dahin.« Wieder antwortet die andere Stimme. »Ich sehe sie durchs Dunkel. Rieche den Duft ihrer Lippen. Werde vom Steifwerden ohnmächtig, wenn ich nur an sie denke.« Als Kornélia erneut aufzustehen versucht, ohne daß auch nur ihr Schatten auf die Schlafende fällt, schreckt Henriette abermals auf. Den Hut in der Hand, wartet Kornélia. Henriettes dünnes, trockenes Gesicht versinkt wieder im Geratter. Ihre Hand fällt in den Schoß zurück, die Finger zucken im Takt des Gerüttels. Sie gibt wollüstige kleine Winsellaute von sich. Rattern, Rattern. BEIM HEIMLICHEN RENDEZVOUS Endlich ist sie frei und schwankt, Halt suchend, durch die leeren Gänge voran. Ihr Körper wird von den Abteilwänden gegen die Wagenfenster geschleudert. Im Takt schwankt das fahle Licht der Gaslampen mit ihr hin und zurück. Bevor sie den Luxus der Erste-Klasse-Wagen hinter sich läßt, setzt sie den Hut auf und schlägt den Schleier vors Gesicht. In die Abteile der zweiten Klasse kann man hineinblicken, es gibt keine Vorhänge. Vom Schlaf überwältigte Handelsreisende. Specknacken, die Stirnen von verschwitzten Haaren verklebt, beringte Finger, offene Münder, schlechte Zähne. Vom anderen Ende des Ganges schwankt ihr, eine Tasse Tee in der Hand, ein junger, verschlafener Kellner entgegen. »Le thé, c’est pour vous, Madame?« »Non, merci. Pas pour moi.« »Au diable. Je ne sais plus qui en a commandé.« Die Waggons der dritten Klasse sind leer. Auf der hintersten Bank schläft ein kleiner Junge, dahinter endet der Zug. Kornélia verharrt zögernd über dem Kind, betrachtet es lange, dann, als sie sich gerade umdrehen will, um zurückzugehen, erblickt sie in der Türöffnung zur hinteren Plattforn das vertraute Profil des jungen Mannes. Károly schaut in die Nacht hinaus. Sein Gesicht ist ohne Bewegung; nichts als das Rütteln des Zuges. Kornélia tritt auf die Plattform hinaus, Károly wendet ihr langsam den Kopf zu. »Sie dachten doch nicht, daß ich Sie verlasse.« »Ich sah, wie Sie nach uns einstiegen.« »Ich habe gewartet, daß Sie zurückwinken.« »Ich folge dem Gebot meines Vaters.« »Ich weiß.« »Der Baron hat sich mit mir verlobt.« »Das strengere Gebot steht in Ihrer Seele geschrieben.« »Ich bin nicht frei zu wollen, was ich gern wollte.« »Schon deshalb darf ich mich nicht von Ihnen losreißen. Um Sie ständig daran zu erinnern.« »Sie müssen sich von mir losreißen. Erinnern Sie mich an nichts mehr.« »So machen Sie die väterliche Strenge also zu Ihrem eigenen Gebot.« »Sie deuten es richtig.« »Und so ist alles zu Ende.« »Es ist zu Ende, Karol, was nie begann. Unsere Träume müssen zu Ende sein. Anders darf ich es nicht wollen.« »Nein, Kornélia. Sie werden sehen. Indem Sie mich verleugnen, träumen Sie.« »Verlieren wir kein Wort mehr darüber.« »Das denke ich auch.« Károly öffnet die Tür des Waggons. Draußen rast die Nacht vorbei. »Gott sei mit Ihnen, Kornélia. Der Traum wird weitergehen, Kornélia.« Und damit springt er aus dem Zug. Der Wind schlägt herein, Kornélia erbebt, taumelt, hält sich mit beiden Händen fest. Und da ist eine Stimme. »Dann eben so.« Und da ist eine andere Stimme. »Nein, sag nicht, daß ich träume. Ich möchte erwachen, obwohl ich doch träume. Nicht so!« Und da ist eine Stimme. »Was nicht so?« Und da ist eine andere Stimme. »Wenn es der Teufel nun mal so gewollt hat.« Ihr Körper rüttelt nicht nur mit dem Zug hin und her, auch in ihrem Körper zuckt es. Sie stürzt zu Boden, ihr Kopf hängt über den Stufen, über ihre Lippen rinnt schaumiger Speichel, der Wind ergreift ihren Hut und die Nacht reißt ihn mit sich. CAMERA OBSCURA Nur durch ein einziges, winziges Loch dringt Sonnenlicht herein, die Jalousie scheint um das Loch herum fast zu glühen, und auf der Zimmerwand schwebt sacht ein auf den Kopf gestelltes Bild. Eine mächtige Eiche, Pappeln, ein Park. Nahes Glockengeläut ist zu hören, die letzten Schläge. Und da ist eine Stimme. »Was ist das?« Und da ist eine andere Stimme. »Ich weiß es nicht.« Und da ist eine Stimme. »Wo bin ich?« Und da ist eine andere Stimme. »Ich weiß es nicht.« Es ist, als wäre in der Dunkelheit das Scheppern von Geschirr zu vernehmen und jenseits dieser lautlosen Stille, in der nur dieses kleine Bild schwebt, das Zwitschern und Piepsen von Spatzen. Dann knarrt ein Bett, eine Decke raschelt, etwas fällt zu Boden, ein Stuhl kippt um. Schritte, suchende, tastende Geräusche, immer heftiger werdend. »Ich muß doch irgendwohin kommen oder auf irgendetwas stoßen.« Ein Frauenkörper klatscht gegen das schwebende Bild, tastet sich über die Wand. »Ich sehe, wohin ich müßte. Aber es ist unerreichbar, wohin ich will. Entweder bin ich gestorben oder wahnsinnig geworden. Ich habe es, da ist es.« Durch das stumme Loch glüht das Licht. Sie geht auf das Licht zu. Verdeckt es mit ihrer Hand. Das Bild samt Eiche und Pappeln verschwindet. Dumpfes, rasches Tasten, ein Knacken. Die Jalousie öffnet sich, lichtdurchflutetes Grün blendet sie. Sie muß die Hände vors Gesicht schlagen. Kaum mehr als eine Armeslänge von ihr entfernt steht ein weißer Riese auf dem grünen Rasen. Der Himmel ist blau. Ein junger Mann von hünenhafter Gestalt, in einer weißen Leinenhose, der Kopf von einer weißen Leinenmütze bedeckt. In der Hand eine frischgepflückte, sich gerade öffnende rote Rose. »Was suchen Sie hier? Wer sind Sie?« »Ich bin der Küchenchef, Mademoiselle.« »Aber für wen kochen Sie denn? Und wenn Sie nicht kochen, was machen Sie hier?« »Ich bin gerade mit dem Mittagessen fertig geworden, das Servieren besorgt das Personal ohne mich, und dann muß ich immer ein bißchen Luft schnappen, weil ich ganz durchdrungen bin von dem ganzen Geschmack und Geruch. Im Souterrain steht die Luft, überzeugen Sie sich einmal selbst, und es herrscht dort ständig Dämmerlicht. Grünes Dämmerlicht.« »Es herrscht Dämmerlicht.« »Ja.« »L’obscurité.« »So kann man es auch nennen. Die großen Bäume, die Sträucher, der Efeu. Man wird mit der Zeit zum Maulwurf.« »In diesem grünen Dämmerlicht.« »Ich habe sie nicht für Sie gepflückt, aber sehen Sie doch, wie schön sie ist, noch gar nicht aufgegangen. Es würde mich freuen, wenn Sie sie annehmen würden.« »Ich würde sie gern annehmen, wenn ich wüßte, was es ist. Doch ich weiß es ja überhaupt nicht.« »Eine pralle, feste Rosenknospe, reif zum Aufspringen. Wenn Sie sie im Mund zerkauen, wird Milch und Honig aus ihr fließen. Ein wahres Kanaan.« »Eine Rosenknospe, sagen Sie. Wie interessant.« »Nehmen Sie sie zwischen die Lippen, zerkauen Sie sie. Ich möchte sehen, wie Sie es tun. Sie werden es spüren. Eine Rose. Eine Knospe.« Kornélia will wirklich die Hand ausstrecken, um die Rose zu nehmen, statt dessen aber muß sie sich am Fensterbrett festklammern und hat doch das Gefühl, daß auch das nicht hilft. Ohnmächtig fällt sie vom Fenster ins Zimmer zurück. Der Koch legt die Rose aufs Fensterbrett und ist mit einem einzigen Satz im Zimmer. Die aufgelösten Haare Kornélias auf dem teuren Teppich. Diesmal ist es kein Anfall, sondern eine gewöhnliche Ohnmacht. Und dieser junge Mann scheint sich für den Zustand des anderen menschlichen Körpers gar nicht besonders zu interessieren, im Gegenteil, er weidet sich ausgiebig am Anblick der ihm ausgelieferten Schönheit der jungen Frau. Er beugt sich hinunter, allerdings nicht, um zu helfen; ganz in die Aura dieses Leibes versenkt, fährt er mit dem Finger darüber hin, ohne ihn aber zu berühren. Dann kniet er sich nieder, schlägt ihr leicht auf beide Wangen, doch sie rührt sich immer noch nicht. Er sieht sich um, steht auf, übereilt nichts. Auf dem Tisch in einem Kristallglas Wasser. Ein bunter chinesischer Seidenschal, über die Armlehne eines Sessels geworfen. Und auf dem Sitz desselben Sessels der bekannte Hut, den schon einmal die Nacht mit sich gerissen hat. Er knüllt den Seidenschal in der Hand zusammen, gießt Wasser darauf, langsam, behutsam. Als die Seide schon etwas Wasser aufgesogen hat, kehrt er zu dem Körper zurück und öffnet das Nachthemd über der Mädchenbrust. Betrachtet die beiden schönen Augen der zum Vorschein kommenden Brüste. Fährt sanft mit der feuchten Kühle der Seide über die Knospen. Gleitet über den Hals, das Kinn, die Lippen, beugt sich noch weiter zu ihr hinunter. Die Augenlider sind starr, die Knospen der Brüste aber scheinen sich mit Blut zu füllen, so daß er mit dem feuchten Tuch zu ihnen zurückkehrt. Mit erbarmungsloser Zartheit umstreicht er sie, einmal die eine, einmal die andere. Wasserachter. Vielleicht kehrt das Leben durch sie aus der Bewußtlosigkeit zurück: Die Lider zucken. Die Tür öffnet sich, und die hereineilende Henriette bemerkt erst beim zweiten Schritt, daß sich hier inzwischen alles verändert hat, daß es im Zimmer hell geworden ist, daß Kornélia ohnmächtig auf dem Boden liegt und daß ein fremder Mann etwas unerhört Unanständiges mit ihr tut. Wie angewurzelt steht sie da, einen ganzen Moment lang unfähig, zwischen dem ihr durch ihre Augen vermittelten Anblick, ihrem zur Rezeption dieses Anblicks bereiten Verstand und ihren zum Ausdruck befähigten Sprachwerkzeugen eine Verbindung herzustellen. Oder umgekehrt. Sie ist unfähig etwas zu sagen, wenn ihr Verstand rezipieren soll, was sie da sehen muß. Hinter ihr, in der offenen Tür, steht Milena, das Zimmermädchen, das, gebannt von dem Anblick, leise aufschreit. Sie weidet sich an dem Anblick. In ihren Händen trägt sie ein Riesentablett, auf mit Silberglocken bedeckten Tellern bringt sie Henriettes Mittagessen. Der Koch ist wahrhaft freundlich und wendet sich ihnen mit einem äußerst ermutigenden Lächeln zu, doch obwohl auch er ein wenig überrascht ist, erhebt er sich nicht. Sozusagen über den Kopf des Fremden hinweg wird die Lage besprochen. »Keine Sorge, das Fräulein wird gleich wieder zu sich kommen. Ich denke, sie ist vom Hunger geschwächt.« »Nach so langer Zeit sollte sie wirklich wieder etwas zu sich nehmen. Vielleicht darf ich ihr eine schöne heiße Bouillon bringen.« »Aber pur, ohne Zutaten. Kein Ei, keine Nudeln. Und dann vielleicht ein Gemüseragout mit Estragon.« »Genau daran hatte ich auch gedacht.« Doch Henriettes wiedergewonnene Stimme strotzt vor aufgestauter Erregung; drohend und bedroht, bricht sie nicht aus ihrem Hals, sondern gerade aus ihrem Unterleib hervor. »Was geht hier vor?« »Nach Valiumträumen überhaupt nichts Ungewöhnliches. Wenn sie aufwacht, wird sie vor Schwäche ohnmächtig. Wir wissen dann, was zu tun ist.« »Wer sind Sie, junger Mann?« »Das ist Alberto, unser Koch. Er spricht Tschechisch, Italienisch, Französisch, aber auf deutsch versteht er kein Wort.« »So, unser Koch. Bringen Sie mein Essen auf mein Zimmer und benachrichtigen Sie sofort den Herrn Professor.« Der Koch nimmt Kornélia, die benommen aufblickt, auf seine Arme und trägt sie zum Bett. Ihre Hände und Füße baumeln hilflos herab. »Aber ich kann dem Fräulein versichern, daß er auch viel vom Pflegen versteht.« »Ich habe Sie überhaupt nicht gefragt.« Kornélias Lider schließen sich träge, als ihr Körper das Bett berührt. »Überlassen Sie sie mir, Sie … Koch!« »Gern.« Milena verschwindet mit dem Tablett im anderen Zimmer. SEELENDÄMMERUNG Durch die geöffneten Lamellen der Jalousien glüht das Licht des Spätnachmittags herein, und die Lichtstrahlen vibrieren vor Staubkörnchen. »Er sagte, das Licht trifft auf die Finsternis. Das sei schon alles, nicht mehr.« »Wer hat das gesagt?« »Denn die Finsternis begreift das Licht nicht. Das gibt das Bild wieder. Mal überantwortet es etwas der Finsternis, mal verhilft es etwas zum Licht. Nur das Bild erhält. Alles verändert sich ununterbrochen. Das ist entsetzlich, das ist nicht auszuhalten.« »Nein, nichts verändert sich je.« »Sie sagen umsonst, was ich ohnehin weiß.« »Hier sitze ich, Fräulein, und halte Ihre Hand. Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde sie nicht loslassen, ich werde sie nie mehr loslassen.« »Aber wo ist Karol?« »Welcher Karol?« »Károly. Warum haben Sie ihn weggeschickt? Gewiß mag mein Vater auch ihn nicht.« »Aber ich habe ihn gar nicht weggeschickt, weil er überhaupt nicht hier war.« »Wo ist hier?« »Sie dürfen sich nicht aufsetzen. Bleiben Sie ruhig liegen.« »Eben noch blendete mich das Licht.« »Erkennt das Fräulein mich wieder?« »Warum zum Teufel fragst du mich solchen Unsinn?« »Aber natürlich, ich bin dumm. Wie sollten Sie mich auch nicht erkennen, ich bin schließlich ich und Kornélia ist Kornélia.« »Dennoch kann ich nicht viel erkennen. Vielleicht, wenn du die Lampen anzündest.« »Wenn das Fräulein es wünscht, stehe ich auf und öffne die Jalousien wieder. Es ist Tag.« »Welche Jalousien denn, um Gottes willen. Und wieso sagst du wieder? Wenn du wieder sagst, muß irgendwo irgendwelche Zeit vergangen sein. Est-ce que ta montre marche bien?« »Ich kann nachsehen.« »Dann mußt du sie also schon einmal geöffnet und sie dann wieder geschlossen haben.« »Nein, so war es nicht. Das gnädige Fräulein hat sie eigenhändig geöffnet. Ich habe sie bloß wieder zugemacht. Später habe ich die Lamellen aufgestellt, damit wenigstens etwas Luft in Ihr Zimmer kommt. So ist es gewesen.« »Wann ist das gewesen?« »Am Dienstag. Dienstag nachmittag, um genau zu sein. Ein Gewitter kündigte sich an, es war drückend heiß. Heute haben wir Donnerstag.« »Interessant.« Henriette küßt Kornélias kraftlose Hand. Und als ob ein hilfloser Körper und fiebrige Haut sie ganz wild machten, haucht sie ihr kleine Küsse auf den Arm, den nackten Hals, die Wangen, die Stirn. »Dann öffne sie wieder. Ich möchte sehen, wie die Dunkelheit tatsächlich verschwindet, denn glauben kann ich es nicht.« Henriette erhebt sich und öffnet die Jalousien am Fenster, dann die an der Flügeltür, die auf die Terrasse geht. Licht durchflutet das Zimmer. Über den Boden verteilt halbausgepackte Koffer, auf dem Tisch stehengebliebenes Geschirr, Medizinfläschchen, die Teetasse, die sie zuletzt in der Hand des Zugkellners sah, die Rose, die ihr der Küchenchef überreichen wollte, jetzt in einer Vase, und, von einem schwarzen Tuch verhüllt und aufs Stativ montiert, ihr Fotoapparat, über der Armlehne des Sessels der chinesische Seidenschal, trocken, und auf dem Sitz desselben Sessels der Schleierhut, den der durch die offene Zugtür einbrechende Wind mit sich in die Nacht gerissen zu haben schien. Als ob sie eine vor langem begonnene, inzwischen überfällige Arbeit fortsetzen müsse, kehrt Henriette nicht zum Bett zurück, sondern beginnt in dem endlich hell gewordenen Zimmer aufzuräumen. »Henriette.« »Ja, Fräulein.« »Wie kommt diese Rose hierher?« »Oh, die Rose? Ich habe sie, abgebrochen, unter dem Fenster gefunden. Und habe sie ins Wasser gestellt. Anscheinend bleibt sie im Dunkeln Knospe.« »Ach so. Und wieso liegt dieser Hut hier, Henriette?« »Ich habe im Dunkeln nicht richtig auspacken können und wollte Sie, offen gestanden, auch nicht aus dem Schlaf reißen.« »Danach habe ich nicht gefragt. Wie kommt er hierher? Das war meine Frage.« »Ich verstehe das Fräulein nicht.« »War er denn nicht verlorengegangen?« »Wo hätte er denn verlorengehen sollen?« »Oder sollte ich besser fragen, ist er wieder aufgetaucht? Soweit ich mich erinnere, hat ihn der Wind fortgerissen, als mir im Zug, wie soll ich sagen, schlecht geworden ist.« Henriette hält hilflos inne. Starrt vor sich hin. Lange herrscht Stille. Dann ertönt in die Stille das Mittagsläuten. »Auch das ist so vertraut. Warum antworten Sie mir nicht?« »Weil es gar keinen Zug gab.« »Und Karol?« »Der Herr Baron hat das Fräulein hierhergebracht, im Wagen.« »Nach der Verlobung.« »Nein, die Verlobung mußte ausfallen, denn der Herr Baron mußte das Fräulein, wie gesagt, hierherbringen. Aber lassen Sie uns lieber nicht davon sprechen.« »Ich verstehe überhaupt nichts. Und wie kommen Sie hierher?« »Mich hat Ihr Vater geschickt, nachdem der Herr Baron telegraphiert hatte.« »Telegraphiert.« »Und ich habe alles mitgebracht, was Sie mit Sicherheit brauchen, wenn Sie genesen sind. Ihre Kleider, Ihren Schmuck, Ihre Hüte.« Kornélia schreit. »Demnach bilde ich mir das alles nur ein? Was bilde ich mir alles ein? Oder bilde ich mir nur das ein? Ich weiß nicht, was ich mir einbilde!« Henriette wirft sich über sie, umschlingt sie, hält sie fest, beruhigt sie, redet ihr zärtlich zu, versucht, sie wieder aufs Bett zu drücken. Kornélia umklammert sie, bohrt ihren Kopf in ihre Brust, schluchzt und schreit. »Dann sag mir, ist er noch am Leben?« »Wer hätte denn sterben sollen, Fräulein? Wer sollte nicht mehr am Leben sein? Alle leben.« Dann bricht ein entsetzlicher Schrei aus ihr heraus. »Karol!« Sie ruft den Toten, der lebt. »Karol, Karol, Karol!« DER SCHAUPLATZ IHRER GENESUNG Ein sonnenbeschienener Park, von der Terrassentür aus gesehen; Quellwolken am Himmel. Schwere Gewitterwolken ziehen herauf. Durch die geschlossenen Fenster sieht man, wie der Blitz einschlägt. Die mächtige Eiche steht in Flammen. Auf dem Terrassenboden staut sich das Wasser, dicht an dicht ringeln sich prasselnde Regentropfen. Der gewaltige Stamm des ausgebrannten Baumes dampft. Bei aufklarendem Himmel ein herrlicher Sonnenuntergang. Und dann ist da auch eine Stimme. »Sind Benehmen und Lebensführung der beiden Geschlechter sehr voneinander unterschieden? Wir lernen daraus die unterschiedliche Eigenart kennen, welche die Natur den Geschlechtern aufgeprägt hat und mit Beständigkeit und Regelmäßigkeit bewahrt.« Milena hängt die Bettwäsche zum Lüften über die Balustrade. Milena tollt mit dem weißbedreßten Alberto auf dem Rasen herum, während Henriette aus einer gewissen Distanz verärgerte Blicke hinüberschickt. Milena hat Henriette an beiden Händen gefaßt, aber Henriette schreckt vor soviel aufdringlicher Zutraulichkeit indigniert zurück. Auf dem Fensterbrett liegt eine einzelne Rose. Ein Schwarm schwatzender Kranker wird von einem zwischen Bäumen entschwindenden Pfad verschluckt. Und da ist eine Stimme. »Selbst die individuellen Eigentümlichkeiten jedes einzelnen zeigen Gleichförmigkeit in ihren Äußerungen, sonst könnten wir aus unserer Bekanntschaft mit den Personen und unserer Beobachtung ihres Betragens niemals ihre Gesinnung erfahren und unser eigenes Benehmen danach einrichten.« Henriette kommt mit dem Chefarzt den Weg entlang, und beide erklären sich heftig, als wollten sie sich gegenseitig nicht zu Wort kommen lassen. Henriette, mit der Brille auf der Nase, liest aus einem Buch vor. An der Terrassenwand ein Liegestuhl mit einer verwaisten karierten Decke. Und da ist noch eine andere Stimme, die bisher noch nicht gesprochen hat, im weiteren aber zu erkennen sein wird. »Ich gebe die Möglichkeit zu, daß sich Handlungen aufzeigen lassen, welche keine regelmäßige Verknüpfung mit irgendwelchen bekannten Beweggründen zu haben scheinen und sich keinem Maßstab des Benehmens fügen, der je zur Beherrschung der Menschen aufgestellt worden ist. Aber wollen wir uns klarmachen, wie diese unregelmäßigen und außerordentlichen Handlungen wohl zu beurteilen wären, so mögen wir bedenken, welche Meinungen gewöhnlich über solche unregelmäßigen Ereignisse gehegt werden, die im Naturlauf und bei den Vorgängen an äußeren Gegenständen auftreten.« Ein Buch, mit den aufgeschlagenen Seiten nach unten gekippt, daneben ein Glas mit einem Fingerbreit Limonade: David Hume Enquiry Concerning Human Understanding Oxford Clarendon Press. Auf der Balustrade schaukeln die aus Marmorkelchen herabhängenden oder sich emporrankenden Petunien im Wind. Die ausgebrannte Eiche wird von einem Trupp von Waldarbeitern gefällt. Sie haben sich zu einem Gruppenbild aufgestellt, die Äxte gegen die Beine gelehnt, in den Händen die Riesensäge, die Mienen todernst. Einer legt sich auf den umgestürzten Stamm, zwei andere tun, als wollten sie ihn allen Ernstes in der Leibesmitte zersägen, er dagegen, als müsse er die gräßlichsten Qualen erleiden, indessen die anderen in die Linse grinsen. Ebendort, im frühherbstlichen Dunst, das Aufschimmern der Morgensonne. DIESEN MANN KENNE ICH Verlassen steht die Plattenkamera auf der Terrasse. Ein strahlender, frühherbstlicher Vormittag. Im Zimmer helfen Milena und Henriette Kornélia beim Ankleiden. »Schnür doch nicht so fest.« »Es fällt mir nicht ein, Fräulein.« »So ist es gut.« »Das Fräulein hätte es gar nicht nötig, so etwas zu tragen. Du meine Güte, wenn ich eine solche Taille hätte. Fühlen Sie nur, Fräulein, nichts als Polster, Fett. Aber manchen gefällt’s.« »Ja, ja, ich habe es gesehen, du loser Vogel, du.« »Aber wenn es denn dazu dient, Ihre herrlichen Brüste so schön nach oben zu drücken. Das liebe ich.« »Genug mit diesem Geschwätz, Milena.« »Kümmere du dich ums Lesen, Henriette, und rede nicht überall drein.« »Enfin notre expédition promet un beau succès.« »Soll doch den Bürschchen das Wasser im Mund zusammenlaufen.« »Lauter Gemeinheiten, die gehen mir auf die Nerven.« »Fahre fort.« »Parfois, le dimanche, je vais faire une promenade à la campagne et naturellement je pense tout le temps à vous. Comme tout a changé! La nature a vraiment des splendeurs nouvelles pour chaque saison. L’automne est la saison de l’abondance. Mais, comme tout est resté!« »Sollen wir den hier aufsetzen?« »Nein, den möchte ich jetzt nicht.« »Comme vous me manquez. Comme j’espère dans cet silence de vous revoir la semaine prochaine de nouveau en bonne santé. Je reste jusqu’à ce moment heureux, comme toujours votre fidèle Richard.« »Wie viele Floskeln doch das Geld meines Vaters wert ist.« »Reden Sie nicht so, Kornélia, Sie kennen die Leidenschaft noch nicht.« »Aber von Gewinnsucht kann ich sie jetzt schon unterscheiden.« Kornélia tritt auf die Terrasse hinaus, Milena begleitet sie neugierig. Der Park glänzt, die Auffahrt zum Haupteingang ist verlassen. Kornélia nimmt das schwarze Tuch vom Apparat, läßt es mit einer einzigen Bewegung in die Hände von Milena gleiten. Sie entfernt die Kappe vom Objektiv und reicht sie wortlos weiter. Wie in Mysterien bewanderte Priesterinnen. Wortlos nimmt Milena sie entgegen. Ein schärfer werdendes Bild. Und dann, als das Bild den Moment seiner größten Schärfe überschritten hat, verschwimmt es wieder. »Schau hinein.« Und damit sie besser sieht, stülpt Kornélia Milena das schwarze Tuch über den Kopf. »Es passiert überhaupt nichts.« »Das ist ja das Schöne an einem Bild, Milena, betrachte es lange.« Getrappel, Wagenrattern ist zu hören, und die Geräusche nähern sich. »Jetzt kommt da etwas am Himmel.« »Hier ist der Himmel die Erde und die Erde der Himmel.« Kornélia nimmt das Tuch von Milenas Kopf, sie tauschen die Plätze. »Bringen Sie es mir bei?« »Du bist doch schon dabei, es zu lernen, kleines Dummchen.« Ein Wagen, auf dem Waldarbeiter sitzen, fährt durch das Bild und bleibt am Bildrand stehen. Die kleine Gestalt des Pförtners kommt aus dem Haupteingang gelaufen, Rufe sind zu hören. Die Waldarbeiter bewegen sich, springen vom Wagen, heben eine Tragbahre herunter, stellen sie einen Moment ab und hieven sie dann hoch. Auf der Bahre liegt ein verletzter Mann, bewußtlos. Das Bild verschwindet. Eine Kassette gleitet auf ihren Platz, die Kassette muß geöffnet werden; Exposition. Erneutes Gleiten, die Kassette muß geschlossen werden. Dann im Laufschritt. Hinein ins Zimmer. »Henriette, meinen Hut, meinen Stock!« Was um alles in der Welt bleibt der armen Henriette übrig, sie versteht nichts. Es gelingt ihr, den Ebenholzspazierstock mit dem Bernsteingriff zu finden, der eher der Eleganz dient. »Meine Handschuhe.« »Aber was ist denn passiert?« »Und du, bring mir meinen Apparat von der Terrasse.« Es gibt Menschen, die ein unerwartetes Ereignis lähmt, während sich andere gerade in einem unerwarteten Ereignis zu Hause fühlen. Gemessen an der Dringlichkeit, mit der sie ihre Befehle erteilt, streift sich Kornélia die Handschuhe geradezu gemächlich über, dann nimmt sie den Hut, dieses leichte, mit Seidenbändern und Kunstblumensträußen verzierte kleine Ding, schnappt sich den Spazierstock und stürmt aus dem Zimmer. Im dämmrigen Flur im Erdgeschoß des Sanatoriums dämpfen Teppiche das Geräusch ihrer Schritte. Hier ist Stille, nirgends auch nur eine Seele. Als sie das pompöse, säulengegliederte Foyer erreicht, folgt ihr Henriette schon auf den Fersen. Die Prozession biegt vor ihnen in den gegenüberliegenden Flur ein, die Arme des auf der Trage liegenden, bewußtlosen Mannes hängen herunter und hinterlassen Blutspuren auf dem Fußboden. Aus der dunklen Tiefe des Flurs weibliche Stimmen. Zwei Pflegerinnen hasten aus der entgegengesetzten Richtung auf sie zu. Kornélia gewahrt nichts, folgt nur dem blutleeren, bewegungslosen Gesicht. »Was denken Sie sich dabei, so etwas zu tun? Denken Sie, Sie könnten sich so von mir befreien?« »Diesen Mann kenne ich.« Während die beiden Pflegerinnen die Prozession in den hinteren Teil des Flurs führen, dorthin, wo eine große Flügeltür den Weg versperrt, läuft eine dritte Pflegerin in die entgegengesetzte Richtung, klopft an jede Tür, um dann geradezu in die Zimmer zu stürzen, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, klopft, öffnet Türen, klopft, dringt ein, sie lassen sie hinter sich, sie entfernt sich, sie entfernen sich, ohne daß sie den, den sie sucht, findet. »Irgendwoher, ich weiß nicht woher, aber irgendwoher kenne ich ihn.« »Wieder ein Anfall. Mir reicht’s. Eine neue Hysterie.« Henriette geht nicht weiter. Die beiden Pflegerinnen öffnen die Flügeltüren weit, der Krankenzug bleibt erwartungsvoll stehen. Hinter der sich öffnenden Tür Helle, Schimmern von Silber und Weiß. In der Mitte ein hoher, mit einem weißen Tuch abgedeckter Operationstisch, das Licht dringt durch das Opalglas des Deckenfensters herein. Die Waldarbeiter stellen die Tragbahre vor dem Operationssaal ab und bleiben abwartend stehen, die beiden Pflegerinnen bereiten mit schönen, geübten, magischen Bewegungen die dringende Operation vor. Unter dem Sterilisator entzünden sie eine bläuliche Spiritusflamme, öffnen Schränkchen mit Instrumenten und Chemikalien, gehen mit dem einen dahin, mit dem anderen dorthin, verrichten wortlos ihre Arbeit. Das blasse Gesicht des Verletzten ist ohne jede Bewegung. Auf seiner entblößten Brust ein ungeschickt angebrachter, blutdurchtränkter Verband, auf seinen Lippen blutiger Schaum. Nur das Klirren der Fläschchen und Instrumente ist zu hören, Glas gegen Glas, Metall gegen Metall, Glas gegen Metall. Alle wenden die Augen ins Dunkel zurück. Vom Foyer her naht der Chefarzt in Begleitung der Pflegerin. »Heben Sie ihn auf den Tisch. Seien Sie vorsichtig. Die Schwestern helfen mit.« Mit ihrem Hut und dem Stock in der Hand folgt ihnen Kornélia, und als der Mann auf den Operationstisch gehoben wird, tritt sie ein wenig verunsichert ins Licht. »Was, bitte, ist hier los? Sind Sie vielleicht eine Angehörige?« Diese Stimme sollten wir nun wirklich wiedererkennen können. Der Arzt wirft sein Jackett ab, eine der Pflegerinnen nimmt es auf, eine andere hängt es an den Haken, eine dritte hilft ihm sogleich in den weißen Kittel. »Ich glaube, ich kenne diesen Menschen irgendwoher. Aber es scheint, als versage meine Erinnerung.« Wie einen Hohepriester kleiden die drei Schwestern den Arzt an. Setzen ihm eine weiße Mütze aufs Haupt, knöpfen ihm den Kittel zu, hängen ihm eine ziegelrote Gummischürze über den Kittel, vor den Mund eine weiße Maske. In ein Porzellanbecken geben sie Wasser und in das Wasser violette Hypermangankristalle. »Wenn ich richtig unterrichtet bin, möchte Fräulein Janetczky zu ihrem ersten Spaziergang aufbrechen. Ich halte sie nicht auf. Zu ihren Erinnerungen später. Schwester, bitte.« Die Schwester will Kornélia bei der Hand nehmen, aber diese weicht zurück, schaut vom Gesicht des Arztes zum Gesicht des Verletzten, richtet den Blick dann von dort wieder auf das Gesicht des Arztes. Lautlos schließen sich die Flügel der großen weißen Tür. MENSCHENGESICHT »Würden Sie es mir verraten?« »Gern.« »Ich wäre Ihnen zu Dank verpflichtet.« »Müßte ich auf die Frage antworten, warum, so würde ich sagen, ganz egal, ob alt oder jung, schön oder häßlich, Mann oder Frau, jedes Gesicht interessiert mich.« »Als hätten Sie meine Frage gar nicht gehört.« Auf der Mattscheibe, erhellt vom diffusen Licht des Oberlichts, das Gesicht des Chefarztes. »Das gebe ich zu.« »Obwohl Sie doch sicher einen persönlicheren Beweggrund haben.« »Könnte ich ihn benennen, so hätte ich keinen Grund mehr, weiter zu suchen.« »Demnach gibt es etwas, was Sie nicht finden. Aber können Sie sich einen Menschen vorstellen, für den es auf dem Gesicht des anderen nichts zu suchen gibt? Sobald er es erblickt, offenbaren sich ihm auch schon alle seine Geheimnisse.« »Indes blicke ich gern hinter die Maske einer solchen Selbstsicherheit.« »Und was muß ich dazu tun?« »Nichts.« »Mit nichts kann ich mich nicht verraten.« »Sie irren sich. Egal, ob Sie in Deckung gehen oder ob Sie nichts verbergen, Sie verraten sich so oder so. Es gibt keine Bilder, die gar nichts zeigen.« »Gewiß gibt es die, meine Liebe. Da, wo es keine Eigenschaften gibt, aber auch keine Maske. Diese schreckliche Blöße des menschlichen Gesichts können Sie noch nicht kennen.« »Denken Sie an die Wollust?« »Sie machen mich neugierig. Warum nennen Sie gerade die Wollust?« »Woraus schließen Sie, daß ich sie nicht kenne?« »Soviel Selbstsicherheit müssen Sie mir vielleicht doch zugestehen. Ich deute Zeichen.« Die Kassette gleitet in den Apparat, dann lange Stille; sie schweigen beide. »Eigentlich kann ich ohne weiteres gestehen, daß ich bereits ein heimliches Bild besitze. Darauf verhören Sie gerade Henriette. Was könnte Henriette Ihnen schon erzählen? Allenfalls die Geheimnisse ihrer eigenen kleinen Phantasien.« »Immerhin ein paar zusätzliche Informationen. Und vergessen Sie nicht, daß ich in den Stunden Ihrer Bewußtlosigkeit mit Ihrem Körper bis in alle schönen Details vertraut geworden bin. Er ist süß und lieblich. Ich habe also genug, um es in Relation zu setzen. Berühren und Schmecken vermitteln ein sichereres Wissen als Worte.« »Offenheit verleitet zu Offenheit. Ich will Ihnen gern gestehen, daß sogar Ihre Stimme in mich eingedrungen ist. Vielleicht gerade in den Stunden meiner Bewußtlosigkeit. Ich weiß es nicht. Da war dieses kleine heimliche Bild, und da war eine Stimme, die niemandem gehörte. Aber auch jetzt sagt Ihre Stimme etwas anderes als das, was Ihr Gesicht sagt.« »Das eine für Ihr Ohr, das andere für Ihr Auge. Was aber bleibt alles noch unerfüllt?« Während der Arzt derb und selbstzufrieden auflacht, exponiert Kornélia. Sie verschließt die Kassette, zieht sie heraus, die Mattscheibe gleitet an ihren Platz zurück. »Mir scheint, daß Ihnen Verachtung Lust bereitet. Ich wiederum genieße es, das zu sehen.« »Dann jagen Sie also der gleichen Lust nach, aber Sie sind unersättlich und wollen das Ganze.« »Oder die Landschaft, die dahinter liegt.« »Ein geschickter Kunstgriff, denn so müssen Sie ja nichts berühren.« »In dieser Hinsicht bedarf ich niemandes Rat.« »Sie kaschieren es umsonst, ich sehe Ihr Leiden.« »Das schreckt mich nicht.« »Wenn Ihre Sinne wirklich so intakt wären, dann hätte man Sie mir nicht anvertraut. So einfach ist die Welt, liebe Kornélia. Schenken wir uns reinen Wein ein. Ich sollte nicht wissen, wohin sich Ihre Fingerchen verirren? Sie wissen doch gar nicht mehr, wann etwas geschieht und wann Sie sich etwas einbilden. Aber so ehrgeizig Sie auch immer sein mögen, Visionen haben Sie nicht. Es tobt allenfalls in Ihrer Phantasie, aber dann werden Sie durch die Zuckungen Ihres schönen Körpers doch in diese blinde Welt zurückgestupst. Sie möchten etwas sehen, aber Sie sehen nichts. Es tut mir leid, aber allmählich werde ich Sie auch Ihrer geliebten Fotografie entwöhnen müssen. Im gleichen Maß, in dem wir Ihre körperlichen Begierden einbinden werden, werden Sie auch Ihre Phantasien aufgeben. So wird es geschehen.« Die Kassette gleitet, öffnet sich: wartet auf einen unbestimmten Moment. »So elegant werden Sie es gar nicht hinkriegen können, ohne daß Sie mir nicht Gewalt antun müßten.« Vor Überraschung erschlafft das Gesicht, und mitten in diesen Augenblick hinein exponiert Kornélia. »Können wir ein Raubtier als klug bezeichnen?« »Von wem sprechen Sie? Sollten Sie sich vor diesen raubtierhaften Männern fürchten?« »Das kann ich nicht behaupten. Ich habe eher das Gefühl, daß ich sie verstehe, auch ich würde lieber eine Frau wählen, die so ist wie ich.« »Setzen Sie sich, Fräulein.« »Es wird ohnehin dunkel. Ich höre Ihnen zu.« WUNDERHIRSCH Auf der Mattscheibe ein athletischer Männertorso. Eine Frauenhand mit einer Lupe bewegt sich dicht über der Scheibe. Gleitet über die Muskelbündel, verharrt lange beim Anblick einer Brustwarze. Und da ist eine fiebrige, matte, gebrochene Stimme. »Hat das Fräulein schon einmal Tiere bei der Paarung gesehen? Die Kuh mit dem Bullen, die Sau mit dem Eber, die Stute mit dem Hengst, die Henne mit dem Hahn? Gewiß haben Sie das schon gesehen. Solange ich zurückdenken kann, sehe ich nichts anderes. So habe ich Gott nicht gewollt. Ich sagte mir, nein, das bin ich nicht. Dann will ich lieber eine Eichel sein, die auf den Boden fällt. Lieber irgendeine Pflanze, egal welche. Löwenzahn, Brennessel, ein Kirschbaum, eine Pappel oder eine Riesentanne.« Sie kommt nicht näher heran. Dann eben weiter ab, beschließt sie. Vom Einschnitt der Taille bis zum Einschnitt des Halses. Über dem sonnengebräunten Körper ein Verband, der nur eine der Brustwarzen freiläßt. »Vor allem ein Baum. Von mir aus auch ein Holunderstrauch, egal. Maulbeere, Schlehdorn. Meine Frau ist in keiner Weise schuld daran. Es wäre töricht, wenn Sie es so verstünden. Oder kann ich sagen, daß der Waldboden die Gattin der Eichel ist? Oder die Erde deshalb die Gattin der Eichel geworden wäre, weil diese auf sie herunterfiel? Und welche Ehefrau könnte für einen Hengst die Stute oder für einen Eber die Sau sein? Gar keine. Die Frau eines solchen Mannes ist gar nicht Gattin. Weder ist sie Federvieh, noch ein Spalthufer, noch ein anderes Huftier, sondern Mensch. Das ist der ganze Unterschied. Dazu bin ich von Gott auserwählt, und als ich sie wählte, war ich überzeugt, daß auch sie von Gott dazu auserwählt ist. In Gottes Namen werde ich das ehrenwerte Gericht bitten, sie nicht zu verurteilen. Ich, Fräulein, sagte mir, wozu sollten wir es noch einmal tun, wenn doch die Eichel schon einmal zur Erde gefallen ist. Nun ist es aber wirklich genug, sagte ich mir, da sie doch schon zweimal empfangen hat. Sie aber sagte sich, auch auf die Erde müssen Tausende von Eicheln fallen. Wenn sie mich nicht angeschossen hätte, wäre sie verrückt geworden, und wäre das dann besser gewesen? Ein drittes Mal habe ich noch eingewilligt, danach nie wieder. So begreifen Sie doch, bestimmt wollte Gott doch, daß wir Menschen sind. Warum sollten wir Rindvieh sein, Fräulein?« Der nackte Männertorso wirft sich hin und her. Sein Schamhaar quillt unter dem Leintuch hervor. Seine Stimme wird immer kraftloser. »Warum habe ich es getan, auch nur ein einziges Mal? Ich bin zum Tier geworden, das kann mir Gott nicht verzeihen. Wie könnten daraus nicht ebenfalls nur Tiere hervorgehen? Ein so hübsches kleines Mädchen, zwei liebe Knaben. Ich bitte Sie, bleiben Sie bei ihnen! Wie sollen Menschen aus ihnen werden, da ihre Eltern doch Tiere sind? Sie werden verhungern, können noch nicht einmal Wasser aus dem Brunnen schöpfen. Dieser Gedanke wird das Fräulein quälen. Stellen Sie sich das nur vor.« Die Haut ist heiß vom Fieber, braun und glatt. Der Körper ist bis auf die Muskeln abgemagert und scheint unter der kühlen Hand zu erschauern. Die Hand kommt in Gang, überfällt die Schulter, muß auch das Bündel Armmuskeln noch drücken, bevor sie weitergleitet. »Der Wunderhirsch kannte den Weg, er kehrte morgens und abends zur Tränke zurück.« Der Arm führt sie unter das bis zu den Lenden heruntergerutschte Tuch. Als wäre hier eine streng bewachte Grenze, zögert sie, und um sie nicht übertreten zu müssen, küßt sie die Brust des Mannes, verweilt so, um den Duft der Haut einzuatmen. »Ich erzähle das, damit Sie es später so erzählen können, wie ich es erzählt habe.« Und dann gibt es keinen Zweifel mehr, seine Hand ist auf seinem steifen Glied, über die Männerhand schmiegt sich die Frauenhand. Eigentlich will die Männerhand es vor der Frauenhand retten, verbergen, schützen, aber dann holt die Frauenhand die blutgefüllte Eichel langsam, allem Widerstand zum Trotz, unter der Vorhaut hervor. Erst haucht sie ihren Kuß auf die Spitze, dann nimmt sie sie bis zu den ringförmigen Hautfalten zwischen die Lippen, schließlich lutscht sie sie ab. IN FLORIBUS, IN FLAGRANTI Als erstes erblickt sie Henriettes Gesicht über sich, wie eine grauenhaft verzerrte, phantastische Mißbildung. Dann kommen aus dieser grauenhaft verzerrten, phantastischen Mißbildung Henriettes Lippen auf ihre Lippen herunter, und das fühlt sie auch bereits. Und wie der Körper nun einmal ist, kann er kaum etwas unerwidert lassen. Die Tür öffnet sich, der Chefarzt in Begleitung einer Pflegerin tritt ein, und es ist, als blickten aus irgendeiner unermeßlichen Höhe zwei blasse, tote Gesichter auf sie herab, während Henriette aus dem Bild verschwindet. »Vous manquez d’imagination, chère mademoiselle. Maintenant je suis ici.« »Oui, je sais.« »Vous me reconnaissez?« »Vous êtes quelqu’un, qui me dérange sans cesse.« WEITER, IMMER WEITER Mit ebenjener Stimme, der wir noch kein Gesicht zugeordnet haben. »Noch am selben Tag verließ die schöne Kornélia zur stillen Mittagsstunde in größter Heimlichkeit diese liebliche Heilstätte, die derzeit ihr Gefängnis war. Ihr Plan stand fest. Sie wollte sich vergewissern, daß sie nicht unter Einbildungen litt. Viel eher schien ihr, daß die aufreizenden Bilder ihrer Phantasie ihr verrieten, was um sie und mit ihr vor sich ging. Sie würde der Welt den Schleier vom Gesicht reißen. Scheinbar, denn natürlich spielte auch sie mit dem Schein, brach sie zu einem Spaziergang vor dem Essen auf, bog dann aber, als sie niemand mehr sah, auf Schleichwege ab. Von Milena, dem Zimmermädchen, mit dem sie eine wirklich tiefe, auf Gegenseitigkeit beruhende Zuneigung verband, wußte sie, welche Richtung sie einschlagen mußte. Sie schritt aus, und als sie sich umsah, glimmte das Kurhaus als kleiner Punkt im Schoß der ins Sonnenlicht getauchten Berge. Wie weit weg war das himmlische Abenteuer, von dem sie als Ikarus auf diese elende Erde zurückgestürzt war. Trotzdem erhob sich ihre Seele, da sie nach den wechselvollen Wochen der Krankheit endlich einmal wieder frei war. Sie trug ihren Stock und den Bänderhut in den behandschuhten Händen und lauschte dem Geschwätz der Vögel und dem Geräusch ihrer eigenen Schritte. Hätte sie bloß gewußt, was sie erwartete, aber woher hätte sie das schon wissen können. Wer die finstere Zukunft in seinem Herzen vorausahnen könnte, der würde keinen einzigen Schritt mehr tun, sondern zur Salzsäule erstarren, und auch dann noch ereilte sein Schicksal ihn, wie es das Wesen des Schicksals nun einmal ist.« Fürwahr, die Wolken ziehen. Sie fügt zu Feldblumen Ähren von Gräsern. Ihr Blick will mit dem Flug der Lerchen auf und davon. »Freilich verlief alles nicht annähernd so schön und edel. Weil es bullenheiß war und sie schwitzte wie eine Sau. Zu alledem lockte ihr Schweiß widerliche Aasfliegen und unverschämte Bremsen an. Sie schlug mit ihrem Hut nach ihnen und hieb sich dabei mit dem Bernsteingriff ihres zierlichen Stocks kräftig auf die Nase. Während sie am Wegesrand herumlag, darauf wartend, daß ihre Nase zu bluten aufhörte, krochen alle möglichen Käfer auf ihr herum, einer ekelhafter als der andere. Sie mußte sich daher ständig unter die Kleider fassen, nach ihnen tasten, sie zerdrücken und sich kratzen, als ob sie Läuse hätte. Hinzu kam, kaum war sie weitergegangen, daß sie mitten auf dieser kahlen Hochebene ihre Notdurft verrichten mußte. Es mag noch angehen, wenn man nur pinkeln muß, doch was soll ein so wohlerzogenes junges Mädchen machen, wenn sie jäh von Durchfall überrascht wird?« »À vomir. Une situation grave, de plus en plus incommode.« »Auch wenn wir sie nicht ins Gebüsch begleiten, sondern uns rücksichtsvoll abwenden, halten doch unsere Ohren das Geschehen fest. Geradezu prasselnd bricht es durch die Ringmuskeln ihres schönen Popos heraus. Mein Gott, was willst du noch aus mir herausholen, wo ich doch schon vollkommen leer bin? So flehte sie. Ein letzter verzweifelter kleiner Furz und die Vorsehung holte doch noch eine Kleinigkeit aus ihr heraus. Dann war es wirklich vollbracht. In ihrer großen Unerfahrenheit aber hatte sie auch noch den Ort schlecht gewählt. Sie mußte die ganze Schmach ihres Körpers kennenlernen. Denn nirgends war ein Blatt, groß genug, um sich damit abzuwischen. Sie fühlte, sie war verloren. So zerschlagen sich kühne Pläne. Selbst der eigenen Natur gegenüber ist der Mensch so klein und hilflos. Und dann ein wahres Wunder. Kommt doch ein kleiner Fuchs daher, der ihr mit seinem rauhen Zünglein den Hintern schön sauber ausschleckt.« SIE LÄSST SICH NICHT VON IHREM PLAN ABBRINGEN Zuerst fotografiert sie den zerfallenen Lattenzaun. »Von Milena wußte sie, daß sie, sobald sie die Hochebene erreichte, den halbvermoderten Zaun eines uralten Friedhofs erblicken würde und dort nach rechts, auf einen locker mit Tannennadeln ausgelegten Weg abbiegen mußte.« Der Tunnel eines Fuhrwegs durch den Wald, verkrustete Schlammfurchen, Schlammklumpen. »Doch das tat sie nicht, und wer weiß, welche Neugier ihre Schritte lenkte, daß sie statt dessen auf den Friedhof ging, zwischen die versunkenen Steine und von Unkraut überwucherten Grabhügel.« Die Sonne brennt genauso heiß wie vorher, wahrscheinlich ist es dieselbe Stunde, und auch die Wolken am Himmel sind zum Verwechseln ähnlich. Trotzdem haben wir vielleicht einen anderen Tag und alles, was wir bisher als geschehen angesehen haben, war nichts als die wild gallopierende Einbildung. Sie hat weder den bekannten Stock mit dem Bernsteingriff dabei noch ihren Hut, noch trägt sie ihre Handschuhe, sie ist nicht für einen Spaziergang angezogen, sondern eher für so etwas wie einen Ausflug. Ihre Kamera führt sie auf einem leichteren Stativ mit und die Kassetten und Negative in einer über der Schulter getragenen Ledertasche. Wie auf einem Soldatenfriedhof sind sich die Holzkreuze zum Verwechseln ähnlich, das eine neigt sich hierhin, das andere dorthin. Sie betrachtet sie mal von der einen, mal von der anderen Seite, bewegte sich mit ihrem Stativ aber immer weiter, weil es ihr nicht gelingt, das Bild richtig einzufangen. Sie kann die richtige plastische Proportion von Vorder- und Hintergrund nicht finden. Entweder fehlt zum passenden Vordergrund der passende Hintergrund, oder der passende Hintergrund hat nicht den Vordergrund, der den Forderungen der Harmonie genügte. Sie hebt und senkt den Blickwinkel, ist aber immer noch unzufrieden. Sie kommt nicht weiter. Und dann erblickt sie etwas, was sie erschrocken von der Mattscheibe aufblicken und sofort erschrocken wieder hineinblicken läßt. Auf einem der Gräber sitzt, wie das in Stein gehauene Sinnbild der Trauer, eine menschliche Gestalt, regungslos. Der steinerne Sockel ist auch hier abgesackt, der Marmorblock gerade in die umgekehrte Richtung gekippt, und auf diesem Stein sitzt in sich gesunken, mit gekrümmtem Rükken, das Gesicht in beide Hände vergraben, die menschliche Gestalt. Über ihr Haupt neigt sich ein üppig blühender Rosenstrauch. Bienen summen, Vögel fliegen herbei, Vögel fliegen hinweg, einer läßt sich auf der Schulter der trauernden Gestalt nieder, ruht sich aus, kackt ein bißchen und fliegt weiter. Wahrlich eine prosaische Stunde. Um diese Zeit gibt es keine Gespenster. »Werter Herr! Bleiben Sie so, rühren Sie sich nicht von der Stelle. Wenn Sie erlauben, mache ich eine Fotografie von Ihnen.« Es ist, als seien ihre Worte ungehört verklungen. »Monsieur, si vous permettez, je voudrais vous photographier.« Die unsicher gewordene Kornélia macht ein paar Schritte nach vorn; kann nicht entscheiden, ob es nicht nur ihre Einbildung ist, die ihr etwas vorgaukelt. Und da ist eine Stimme. Diese süße Stimme drang plötzlich durch ihren Körper. Hoffnung und Einbildung schienen ihre verkrampften Glieder zu lösen. Ihr schwindelte, es war, als verlöre sie auch den letzten Rest ihres Gleichgewichts und sei nun in der Tat außerstande zu sagen, ob es nicht bloß ein Spiel ihrer Phantasie war, was ihre Augen als wahrhaftig zur Kenntnis nehmen mußten. Sie vermochte sich nicht zu rühren. »Vous me rappelez à quelqu’un que j’aime.« Und da bewegt sich die Statue. Ganz langsam hebt sie den Kopf, und ebenso langsam nimmt sie die Hände vom Gesicht. Und die Stimme spricht. »Ich erinnere Sie nicht nur an diesen Jemand, sondern ich bin es selbst. Dennoch habe ich das Gefühl, als spräche die eigene Einbildung so in mir.« »Wen kümmert das! Sprechen Sie nur, kümmern Sie sich um nichts, sprechen Sie zu mir.« »Nein, ich bleibe lieber stumm.« »Ihre Stimme soll mir bestätigen, daß ich nicht träume.« »Sie haben ausgesprochen, worauf ich immer gewartet habe. Sprechen Sie es doch auch in unserer Sprache aus.« »Aber Sie wissen es doch.« »Hätte ich es doch gewußt.« Kornélia steht zwischen den Büschen. Károly sitzt auf dem Grabstein. »Reden Sie mich an.« »Ma chérie.« »Mon chéri.« »Kornélia.« »Karol.« »Warum sagen Sie nie meinen richtigen Namen?« »Ich weiß nicht. Vielleicht weil er Ihrem Wesen nicht richtig entspricht. Als wollte ich mit dem anderen an den richtigen herankommen.« »Aber ich werde Sie dazu zwingen. Ich kann meine Herkunft nicht verleugnen.« »Wenn ich gehorche, werde ich alles zerstören.« »Zerstören Sie. Nehmen Sie die Scherben mit in eine noch tiefere Sprachlosigkeit. Die Sprache der Liebe ist ohnehin nichts anderes. Schweigen.« »Károly.« »Sehen Sie, so einfach ist das. Endlich sind wir auf den Boden gekommen, und ich kann mich erheben.« »Nein, bitte, sprechen Sie nicht davon. Kommen Sie nicht näher, bleiben Sie da. J’ai peur de devenir folle. Man hat mich einem schrecklichen Arzt in die Hände gegeben. Seiner Ansicht nach ist meine Phantasie so übermächtig geworden, daß ich nicht mehr weiß, was wirklich mit mir geschieht.« »Wer weiß das schon? Ich weiß es auch nicht. Warum sollten Sie es wissen?« »Erzählen Sie mir lieber rasch, wie Sie hierher gekommen sind. Aber rühren Sie sich derweil nicht.« Ihre Angst ist keineswegs unbegründet. Als würde er auf Rache sinnen, kommt ihr Károly, allen Verboten zum Trotz, immer näher, und Kornélia weicht in Richtung ihrer Kamera vor ihm zurück. »Warum antworten Sie nicht? Auf Sie kann ich mich also auch nicht verlassen?« »Ich erfuhr es am Mittwoch.« »Am Mittwoch.« »Ja. Am Mittwoch.« »Aber an welchem Mittwoch? Das sagt mir jetzt überhaupt nichts.« »Das sind Wochentage, Kornélia. Montag, Dienstag, Mittwoch. Lundi, Monday, Montag, mardi, Tuesday ist der Dienstag, Mittwoch, Wednesday ist mercredi.« »Das sind so Wörter.« »Wörter. Was kann ich anderes sagen?« »Ich kann mit ihnen nichts anfangen.« »Obgleich ich sie Ihnen sogar auf lateinisch aufsagen kann. Dies Lunae, dies Martis, dies Mercurii und so weiter.« »Sie reden hier nur so hin, aber begreifen Sie doch, man will mich für verrückt erklären. Wenn Sie es mir nicht ganz genau erzählen, kann ich mich auf niemanden mehr verlassen. Dann bleibt mir nur noch mein Apparat und sonst gar nichts.« »Ich werde es Ihnen ganz genau erzählen. Ich nahm sofort den Zug, das war, wie gesagt, am Mittwoch. Gestern, also den Donnerstag über, bin ich hierhergereist und in der Nacht angekommen, morgens sagte man mir, daß Sie bei den gemeinsamen Mahlzeiten nicht erscheinen dürfen. Ich traute mich nicht, Sie aufzusuchen. Das ist alles. Ich dachte, dann werde ich Ihnen auflauern, Sie verfolgen.« »Und Sie haben sich nicht meinetwegen aus dem Zug gestürzt?« »Liebste Kornélia, nichts täte ich lieber, als mich überall hinauszustürzen. Ich würde mich auch gern aus dem Zug stürzen. Und ich hätte mich auch gern aus meinem Fenster gestürzt.« »Gut. Nur verstehe ich nicht, warum Sie gerade hier sind.« »Ich kam einfach her. Aber verstehen tue ich es selbst nicht.« »Oder warum ich gerade hierher gekommen bin?« »Ich weiß es nicht.« »Sollte das Zufall sein?« »Vielleicht ist es Zufall.« »Bleiben Sie, wo Sie sind, bleiben Sie dort. Ich traue meinen eigenen Augen nicht mehr. Sie müssen wissen, daß ich tatsächlich verrückt bin. Ich glaube nur das, was auf dem Bild festgehalten ist.« Nichtsdestotrotz Laufen. Schreien aus Leibeskräften. Danach steht jetzt beiden der Sinn, und schreiend laufen sie, bis sie sich in den Armen liegen. Sie sinken zur Erde. DUNKELKAMMER Im Dunkeln blinkt die Oberfläche einer Flüssigkeit. Ein Bild entwickelt sich unter ihren schwappenden Bewegungen. Langsam schattieren sich seine Konturen zum Gesicht eines verzweifelten jungen Mannes. Leise klopft es an der Tür. Kornélia antwortet nicht, sie schwenkt das Bild in der Flüssigkeit, ringt um Nuancen, dann nimmt sie es heraus, spült es rasch ab und klebt es, ohne es ins Fixierbad zu tauchen, auf die blaugeblümten Kacheln des Badezimmers. Das Klopfen wird lauter. Eine Hand berührt ihre Hand, eine Hand schmiegt sich über ihren Arm, Flüstern. »Ich sehe immer noch nichts.« »Überhaupt nichts?« »Nicht viel.« »Und spürst du das?« Kornélia haucht einen Kuß auf die Lippen Milenas. »Und wie.« »Dann wirst du gleich alles sehen.« Gegenständen ausweichend, entschwindet sie in der völligen Finsternis und entfernt mit einer einzigen Bewegung die Verdunkelung vom Fenster. Licht durchströmt den Raum. An der Tür Pochen, jammervolles Schreien. »Ich flehe Sie an. Ich bitte Sie. Sind Sie bei Bewußtsein? Haben Sie Erbarmen mit mir. Sind Sie bei Bewußtsein, oder sind Sie wieder ohnmächtig geworden?« Schließlich öffnet sie auch die Fensterläden, so daß mit der frischen Luft auch das Singen der Vögel und das Geschirrklappern und Trällern aus der Küche hereinströmen können. Und die vertrauten Gesichtszüge sich mit Dunkel und einem silbrigen Schimmer überziehen. »Milena, ich werde dich ohrfeigen, wenn du nichts sagst. Ich breche die Tür auf, wenn Sie nicht öffnen. Wenn Sie nicht herauskommen, bringe ich mich um. Ich töte mich.« Henriette trampelt und trommelt und dröhnt. Ehe die letzten Konturen verschwinden könnten, taucht Kornélia das Bild ins Fixierbad. WORTE, LANDSCHAFTEN IHRER VERIRRUNG Körperglieder in zärtlicher Balgerei. Küsse. Schluchzen, von Schluchzen erwidert. Ton ist Ton. Bild ist Bild. Jetzt muß endlich offensichtlich werden, daß zuerst das Bild ist. Erst dann kommt das Wort, und damit kommt man auch nicht viel weiter. Wenn sich das eine nicht mit dem anderen deckt, wer könnte dann sagen, wo wir uns befinden, in welche Richtung wir gehen, auf welche Weise wir dieses oder jenes tun oder lassen. Wie können wir dann wissen, was was ist. Grabhügel, Grabkreuze, Grabsteine, Grasbüschel, Feldblumen. Himmelsbläue und Schweigen, schweigend blau der Himmel. »Es piekst, au! Lassen Sie mich los.« Sein Lachen vermischt sich mit ihrem Lachen und dauert so lange an, daß es schon an die Grenze des Wahnsinns stößt. Der Tunnel eines Fuhrwegs durch den Wald, verkrustete Schlammfurchen, Schlammklumpen. »Warum reden Sie nicht?« »Es gibt nichts, was ich zu sagen hätte.« »Erzählen Sie. Irgendetwas.« »Ihre Nähe hat alle Worte eingeschläfert.« Schritte, Knacken, Knistern. »Erst sind die Artikel weggedöst, dann die Adjektive in Schlaf gefallen, dann die Substantive, genau so, in dieser Reihenfolge. Und jetzt sind auch die Prädikate entschlummert.« »Aber das rege Subjekt wacht.« Im Inneren des märchenhaften Tanns herrscht taube Stille, durch die dennoch der Wind rauscht und die Lichtstrahlen auf dem dichten, weichen Nadelteppich erzittern läßt. »Treten Sie nicht da hin!« »Warum denn nicht?« »Weil es ein Ameisenhaufen ist.« Im Innern der Lichtstrahlen lautloses Vibrieren. Vielleicht sehen wir so die Luftpartikelchen schweben. Umeinander schwirrende Schmetterlinge fliegen hindurch, sinken ins Dunkle, flattern wieder ins Licht. »Ich weiß, es würde auf der ganzen Welt nicht genug Platten geben, um das alles festzuhalten. Wir nehmen uns eins nach dem anderen vor, wissen Sie. Und selbst wenn es genug Platten gäbe, so würde doch das ganze Vermögen meines Vaters nicht dafür ausreichen. Dennoch habe ich mir gesagt, wenn ich es Schritt für Schritt abbilde, dann kann ich beweisen, daß es das alles gibt und keine Einbildung war. Ich werde Ihre beiden Knaben und das Mädchen zu mir nehmen. Ich nehme sie mit.« »Sie produzieren doch auch nur schöne Bilder aus Ihren schrecklichen Visionen.« »Schauen Sie, der Wildwechsel.« »Sie begeben sich mit Ihren Bildern auf den Weg der Täuschung.« »Vielleicht ist es die Fährte des Wunderhirsches. Gehen wir ihr nach.« »Ich fürchte, wir haben uns verirrt. Doch wenn Sie wollen, verirren wir uns endgültig, Kornélia.« Am Rand einer sonnenüberfluteten Lichtung blubbert eine Quelle, und Hirsche trinken von dem sich in einem Tümpel sammelnden Wasser. Bei ihrem Nahen jagen sie davon und verschwinden im Dickicht. Zwei Gesichter, zwei Gestalten zittern im Spiegel des getrübten Wassers, glätten sich. »Können Sie mich erreichen?« »Ich erreiche Sie.« »Sie erreichen mich nicht.« »Ich erreiche Sie wirklich nicht.« Ihre Hände erreichen sich über dem Wasser, sie plumpsen, das Gleichgewicht verlierend, hinein. Auch jetzt dekken sich Ton und Bild nicht. Erst Schreie schrecklicher Wonne, dann wonnigen Schreckens. Reglose Wolken, der Himmel blau. »Wenigstens meine Stimme soll Sie erreichen.« »Sie hat mich schon wieder verlassen.« »Und wo hat sie Sie getroffen?« »Auf dem Mund.« »Schicken Sie sie von dort zurück.« Sie stehen entfernt voneinander, der eine auf der einen, die andere auf der anderen Seite der Lichtung. »Aber ich schicke sie so, daß sie an der richtigen Stelle trifft.« »Sie hat getroffen.« »Und wo?« »Ins Schwarze, mitten ins Herz.« Dann ersterben auch die Schreie, nackt liegen sie im hohen Gras, zwischen den trocknenden Kleidern. Ein Kuckuck ruft, das Gras säuselt, die Bienen summen. BIS ES DUNKEL WIRD Steinbrocken kollern in die Tiefe. »Halten Sie sich fest.« »Das tue ich.« So vorsichtig kann kein Schritt sein, daß er kein Abbröckeln auslöste. Stein reißt Stein nach sich, und eine Steinlawine durchbricht das dünne Gestrüpp am Rand des steil abfallenden Weges. »Sehen Sie, da ist das Haus.« »Was für ein Haus?« »Das, das Sie suchen.« »Nein, auf diesem Weg kann kein Wagen fahren.« »Aber vielleicht gibt es irgendwo noch einen zweiten Weg.« Die Wurzel reißt, aber sie hält sie weiter fest, als könne sie sich immer noch daran festklammern. Sie rutscht, und alles um sie herum bricht ab. Ihr Fuß findet keinen Halt, es geht immer schneller. Sie versucht, sich mit allen zehn Fingern festzukrallen, läßt die sinnlos gewordene Wurzel los, aber ihr Körper kippt über den Rand des Weges hinaus, schürft über die Steine und stürzt, alles unter sich begrabend, in die Tiefe. Und wieder der klare, ruhige, stille Himmel. Irgendwo in der Nähe schreit eine Eule, schrill und ausdauernd, als würde Blech gegen Blech scheppern; nie hat sie damit angefangen und nie wird es enden. »Eine Stimme sagte mir mit meiner eigenen Stimme, jetzt ist also alles zu Ende.« »Unser Schrecken war größer als die Gefahr.« »Kein Schrecken, keine Gefahr, keine Empfindung. Alles war wunderbar. Einen Augenblick lang, länger als mein Leben.« »Lassen Sie uns nachsehen, ob alles unversehrt ist. Wenn ich Ihr Köpfchen jetzt schön vorsichtig aufrichte, können Sie das Haus mit Ihren eigenen Augen sehen.« »Mein Gott, meine Kamera. Wo ist meine Kamera?« »Hier liegt sie. Stativ und Kamera, ich habe alles richtig mitgebracht, obwohl ich rannte.« »Ich kann allein aufstehen. Die Feuchtigkeit schadet ihr. Bitte, stellen Sie sie auf.« Inmitten von Apfelbäumen, die unter ihren Früchten fast zusammenbrechen, das Haus. Die Stufen von Unkraut überwuchert, die Tür verriegelt, die Fenster mit Brettern vernagelt. FRIEDLICHE ZUFLUCHT Im Kamin lodert das Feuer. Äpfel knacken zwischen den Zähnen. Lautes, aufdringliches, unangenehmes Schmatzen. ERWACHEN IN DER RAUHEN WIRKLICHKEIT In der abendlichen Stille des Kurparks verebben Pferdegetrappel, das Knarren und Rattern eines Fuhrwerks. Vier dunkle Gestalten heben eine Tragbahre vom Wagen, der Pförtner hält eine Lampe über das Gesicht der auf der Bahre liegenden Gestalt. Kornélia öffnet die Augen und schließt sie wieder. Sie wird durch das halbdunkle Foyer getragen, wo aus dem hellerleuchteten Salon neugierige, ein wenig erschrocken blickende Gestalten auf sie zu strömen, von denen einige sie zögernd, in gemessenem Abstand, begleiten. Bilder und Töne sind wieder übereinandergerutscht, alles ist sehr vertraut, einfach, fast schon natürlich, die Töne allerdings etwas aufdringlicher, als sie sein sollten. Und es gibt auch zwei Bekannte unter diesen Unbekannten, der Chefarzt, der einer ungewöhnlich hochaufragenden, unwirklich aussehenden, nur vage an einen Menschen erinnernden Gestalt die Hand auf den Arm legt. »Entschuldigen Sie mich, Fürst.« Und nur einen einzigen Blick auf Kornélia werfend, stellt er sich gleichsam an die Spitze des Zuges, führt die Waldarbeiter, die die Bahre tragen. Sie verliert dieses weißblonde, bläulich blasse, weder männlich noch weiblich anmutende Wesen aus den Augen und erblickt eine alte Dame, die sich auf den Arm eines jungen Mannes stützt. »Armes Geschöpf. Ein Glück, daß du sie entdeckt hast.« Und dieser junge Mann ähnelt in der Tat zum Verwechseln Károly, auch wenn er möglicherweise nicht mit ihm identisch ist. Während dessen Züge jungenhaft und hingebungsvoll sind, herrscht auf seiner Miene kühler Gleichmut und eine jeder Neugier abholde Zurückhaltung. Kornélia schließt die Augen lieber. Der Flur im Erdgeschoß wird kaum von Licht erhellt. Krankenschwestern öffnen vor ihnen die Tür des Operationssaals. Drinnen ist es dunkel. Die Träger setzen die Tragbahre ab, heben ihren Körper hinüber und legen ihn auf den Tisch. Die Schwestern beginnen sie auszuziehen. Solange sie die Lampen nicht einschalten, dämmert nur das Deckenfenster über ihr. MONOLOG DES VERFÜHRERS »Natürlich ist der Schrecken meist größer als die Gefahr. Und das ist gut so. Bedenken Sie doch, wenn sie uns nicht plötzlich riesengroß erschiene, wenn sie nicht Leib und Seele mitrisse, uns schüttelte, jagte und verfolgte, wenn sie uns nicht erschauern ließe, die Hyäne in einen schlauen Fuchs, die Löwen in Hasen verwandelte, würde unsere Arglosigkeit uns schon bei der kleinsten Gefahr niederstrecken. Es ist gut so. Alles ist so gut, daß es besser gar nicht sein könnte, und wenn jemand dieses vielfache Gute noch zu verbessern wünschte, kann er nur böse oder dumm sein. Sie antworten nicht. Ich verstehe Sie. Ja, ich gehe sogar noch weiter, ich gebe Ihnen recht, liebe Kornélia. Ich habe in Ihre Seele eingegriffen. Aber haben Sie keine Angst, oder doch, haben Sie ruhig Angst, denn nun werde ich noch tiefer eingreifen. Ich werde mich auch an Ihrem heftig klopfenden, glitschigen kleinen Herzen vergreifen. Und da Sie mich wirklich nicht dumm nennen können, habe ich mich in Ihren schönen Augen also als böse erwiesen. Sie brauchen gar nicht zu antworten, in Ihren Augen blitzt die Verachtung. Mich schaudert vor Ihrem Haß. Ich habe genug davon, glauben Sie mir. Sie halten mich für einen Betrüger, einen gemeinen Dieb. Ich habe Ihre Schwäche ausgenutzt, Ihre Kamera kassiert. Und machen Sie sich keine Hoffnungen. Weder die gräßliche Henriette noch die süße kleine Milena wird Ihnen verraten, wo, in welchem geheimen Tresor wir sie versteckt haben. Es hätte nicht gelohnt, Ihnen etwas Geringeres zu nehmen. Denn so verurteile ich Sie dazu, mit Ihren hübschen beiden Augen zu sehen, und das, was Sie sehen, mit Ihren Fingerchen zu berühren. Wenn Sie wollen. Oder auch mit Ihren Lippen, Ihrer Zunge. Wenn Sie wollen. Sie sollen fühlen, daß Sie alles tun können. Wenn Sie wollen. Daß es sogar in Ihrer Macht steht, nichts zu wollen. Es wäre das Gefühl der Freiheit, Kornélia. Ich gebe zu, daß es ein Urteil ist, und zwar eines, das meiner Willkür entspringt, aber so gibt es auch nichts und niemanden, bei dem Sie Einspruch erheben könnten. Eine schreckliche Leere tut sich auf, ich habe Sie allein gelassen mit Ihren Sinnen. Ihr Körper ist voll von kleinen Luftbläschen, die allesamt platzen wollen. Es bleibt Ihnen nichts übrig, als sich an jedermann festzuklammern. Da ist nichts mehr zu erwarten. Wenn Sie Bankier wären, hätte ich Ihnen Ihr Geld, wenn Sie Jäger wären, Ihre Flinte oder zumindest Ihre Patronen, wenn Sie Maler wären, Ihren Pinsel weggenommen. Ich will Ihnen nicht vormachen, daß Sie Ihren Apparat nie wieder zurückbekommen werden, Kornélia. Aber bis Sie diese Zeitrechnung erlernen, werde ich Ihnen sogar noch mehr nehmen. Wenn Sie Hunger verspüren, müssen Sie bei den gemeinsamen Mahlzeiten erscheinen oder aber, wenn Sie nicht mit den anderen zusammen kauen und schlucken wollen, vor Hunger zugrunde gehen. Und ich gehe sogar noch weiter. Glauben Sie bloß nicht, daß Sie Ihr Schicksal mit einem einfältigen Bösewicht zusammengebracht hat. Von heute an bekommen Sie nicht ein Glas Wasser mehr auf Ihr Zimmer. Sie sehen das Böse, wenn Sie mich anschauen, was sonst. Ich heile Ihre Seele. Alles andere wird Ihr schöner junger Körper erledigen. Sie strafen mich mit Schweigen. Ich genieße Ihre Stummheit.« NATURE MORTE Zwischen der offenen Terrassentür und der gewölbten Kommode steht eine aus Holz gedrechselte, schwarzlackierte Halbsäule mit einer weißen Fayencevase und einem riesigen, mit lässigem Geschmack geordneten Blumenstrauß darin. Und da ist eine leidenschaftlich flüsternde Stimme. »Durst ist die innere Empfindung des Bedürfnisses, zu trinken. Dieses Bedürfnis in seinem ganzen Ausmaß betrachtet, lassen sich drei Arten von Durst unterscheiden: der latente oder, anders ausgedrückt, gewöhnliche Durst, der künstliche oder, anders ausgedrückt, scheinbare Durst und der brennende Durst. Der latente Durst ist das Suchen nach jenem verborgenen Gleichgewicht, das zwischen Ausdünstung und Ausscheidung sowie dem Bedürfnis, die ausgedünstete und ausgeschiedene Flüssigkeit wieder zu uns zu nehmen, besteht. Dieser Durst begleitet uns überallhin und bildet in gewissem Sinn einen Bestandteil unseres Lebens. Der künstliche oder Scheindurst hingegen, der allein dem menschlichen Geschlecht eigen ist, entspringt jenem angeborenen Trieb, in allem, was wir durch den Mund zu uns nehmen, eine überirdische Kraft zu suchen, welche die Natur nicht mitgegeben hat. Ein durch Gärungsprozesse hergestelltes Getränk stillt, so jedenfalls scheint es den Trinkern, diese Begierde. Das Stillen dieser Art von Durst kann so weit ausarten, daß das Bedürfnis zu trinken erst aufhört, wenn es den Trinker schon vollkommen umgeworfen hat.« Halbgeöffnete rote Rosen, die Schwerter gelber Lilien, blaue Iris, violetter Rittersporn, weiße Margeriten, aber auch Feldblumen, Wiesenschaumkraut, Bartnelken, Kornblumen, Ackerklee, Klatschmohn, Raps, Eisenhut und Habichtskraut, ja, auch Halme und Ähren gewöhnlicher Gräser, Zittergras, Quecke und Windhafer, all das, von weißem Schleierkraut umsäumt, ragt auf, quillt heraus oder hängt endgültig bewegungslos herab, während der Wind den weißen Musselinvorhang an der Tür immer wieder anhaucht, hebt, anschwellen läßt und dann wieder einsaugt. Henriette, über ihren Stickrahmen gebeugt, vertieft sich in ihre Arbeit. Und der Flüsternde fährt fort. »Nicht viel anders verhält es sich mit dem Liebesdurst. Auch sein auffälligstes Merkmal sind aufgesprungene Lippen, und er wird zwischen Jungverliebten durch allerlei Schleime und Sekrete gestillt. Aber wir wollen an dieser Stelle nicht von dem sprechen, was Jungverliebte alles in den Mund nehmen, um ihre bis zur Raserei gesteigerte Lust zu stillen. Es soll genügen, wenn wir sagen, daß, während die Zunge des einen in den Brunnen vergangener Zeiten eintaucht, der andere die Zukunft bis zum Kehlkopf verschlingt.« Kornélia zischt, auf ihrer Fingerkuppe ein wundervoller Blutstropfen, sie beobachtet, wie er hervorquillt, und als er nicht weiter anschwillt, steckt sie den Finger schnell in den Mund, als wollte sie mehr aus ihm heraussaugen, als er hergibt. Sie läßt ihre Arbeit in den Schoß fallen und betrachtet das Stilleben. Und das Flüstern geht weiter. »Brennender Durst entsteht dann, wenn das Stillen des latenten Durstes unmöglich geworden ist. Diese schwerste aller Arten von Durst bewirkt gleichsam, daß die Zunge brennt, der Gaumen ausdörrt, die Zunge an der Mundhöhle klebt und der ganze Körper von quälender Hitze verzehrt wird.« Sie schließt die Augen, öffnet sie. Der Vorhang bewegt, wölbt sich. Sie schließt die Augen und öffnet sie. »Worüber denken Sie nach? Oder träumen Sie nur?« Keine Antwort. »Jede Zeile, jedes seiner Worte ist von Angst erfüllt. Ihr armer, armer Vater.« Keine Antwort. Die Stimme flüstert unerbittlich weiter. »Das Gefühl von Durst ist heftiger, quälender, rasender als das Gefühl jedes anderen körperlichen Bedürfnisses, und so ist es gewiß auch kein Zufall, daß er in fast allen Sprachen gleichbedeutend ist mit unbändigem Begehren und wir daraus häufig solche Wortverbindungen wie zum Beispiel Rachdurst bilden.« »Wenn wir fertig sind, lese ich den Brief vor, ob Sie wollen oder nicht.« Wieder vergeht etwas Zeit. Der Flüsterer scheint sich zu räuspern, sagt aber nichts. »Um Himmels willen, Kornélia, ich bitte Sie, geben Sie auf. Sie mühen sich umsonst ab. Glauben Sie, daß Ihre Bilder irgendeinem Gedächtnis erhalten bleiben werden?« Kornélia öffnet die Augen, betrachtet das Stilleben und schließt sie wieder. »Wenn Sie nicht mit mir an die Gemeinschaftstafel kommen, muß ich mir mein Abendessen wieder nach oben bringen lassen. Es bricht mir das Herz, bedenken Sie, es wird duften und dampfen, und ich werde unbarmherzig alles bis zum letzten Krümel aufessen.« Das Flüstern ist so trocken, daß es kaum noch Flüstern ist. »Den Appetit begleiten, solange er nicht zum Hunger wird, stets angenehme Gefühle, und die freiwillig Hungernden berichten von der himmlischen Leichtigkeit ihrer Nüchternheit, dem Durst aber ermangelt es an solcher Ahnung des Himmlischen, denn er entführt einen nicht in überirdische Höhen, sondern treibt einen in unstillbare, elende Rastlosigkeit und stößt jeden, der keine Hoffnung hat, ihn zu stillen, in den Abgrund oder überläßt ihn seinen Wahnvorstellungen.« Kornélia erhebt sich, tritt zum Stativ und zieht einen Grashalm bei der Ähre aus dem überquellenden Strauß. Am Ende des Halms sammelt sich ein Tropfen, sie leckt ihn ab, kaut ein wenig an dem Halm herum und läßt ihn dann einfach zu Boden fallen. Zieht einen zweiten heraus. Henriette blickt auf, der Mund bleibt ihr offenstehen. Sie muß mit ansehen, wie Kornélia aus dem Strauß eine Iris zieht und nicht nur das Wasser auf ihre Lippen tröpfeln läßt, sondern auch den saftigen, von Feuchtigkeit prallen Stiel zwischen die Zähne nimmt und daran saugt, kaut; wie tierische Gier ihre Gesichtszüge verzerrt. »Liebste, tun Sie das nicht. Mir bricht das Herz. Kornélia. Meine arme, arme Kleine. Ich werde etwas holen. Ich tue alles.« Und da ist eine Stimme. »Von alldem aber vernahm Kornélia nichts mehr. Des Körpers Hunger läßt sich noch ertragen, der Durst jedoch treibt jeden in tolle Wahnvorstellungen, in Wahnsinn. Auf dieser Stufe weiß die Seele nichts mehr von Schande, von Erniedrigung. Mit einer einzigen Bewegung nahm Kornélia jetzt den prächtigen Strauß aus der bauchigen Vase, von den Pflanzenstielen troff das Wasser zu Boden. Was kümmerte es sie, wenn ihr plötzlich war, als stürze ein Wasserfall von Felsengipfeln herunter. Nein, das kann ich nicht mehr tatenlos mit ansehen, rief da Henriette, sprang auf, um ihr den Weg zu versperren, damit sich Kornélias schreckliche Schande nicht vollende, aber sie konnte gar nicht so flink wie das tolle Mädchen sein, das die Blumen einfach losließ, so daß sie hilflos auseinanderfielen, und mit beiden Händen die Vase packte, denn ihre ausgedörrten Lippen gierten nur nach Wasser, nach Wasser, nur Wasser und nichts anderem.« Aber auch Henriette packt die Vase, ihre Knie stemmen sich gegen das Podest, das Podest kippt um, das Gefäß fällt zu Boden und zerbricht. SCHWEIGEN Auf der schwarzlackierten Halbsäule stehen die Blumen inzwischen in einer anderen Vase. Es mögen die gleichen Sorten sein, jedoch in einem anderen Arrangement. Und da ist eine Stimme. »Der protestierende Mensch unterzieht sich Durst, Hunger und Schweigen, doch die vernünftige Welt läßt sich weder strafen noch von ihrer Bahn ablenken. Dort wird schamlos gegessen und getrunken und entsprechend geredet, gerülpst und gefurzt und verdaut, werden unter dem Mantel der Nacht Kinder gezeugt, Minute folgt auf Minute, die Stunden vergehen mit sich selbst, und wer sollte da noch über die aus den Fugen geratene Zeit sinnieren?« Kornélia steht in der offenen Terrassentür, hinter ihr die besorgte Henriette. »Kornélia, meine Kleine, ich bitte Sie, seien Sie jetzt vernünftig.« Und da ist auch die Stimme. »Kornélia stand in diesem Augenblick gedankenverloren in der offenen Terrassentür, hinter ihr die treue Henriette. Zwei schöne menschliche Statuen. Inbegriff protestierenden Schweigens die eine, nüchterner Pflichterfüllung die andere.« Und da erscheint auf den Stufen der Terrasse die alte Dame in Begleitung jenes jungen Mannes, der Kornélia so sehr an ihren verlorenen Károly erinnert. »Bitte, lassen Sie uns ihnen entgegengehen.« Während sie gehen, begleitet die Stimme sie. »Wir fügen freilich gleich an, daß diese Begegnung weder von dem jungen Mädchen noch von dem jungen Mann gewollt, sondern von Henriette und dem hinterlistigen Chefarzt ausgeklügelt worden war, um dieses krankhafte Schweigen zu brechen.« Henriette und die alte Dame lächeln höflich und freundlich, wie sich’s gehört, und neigen zum Gruß die Köpfe. Das junge Mädchen und der junge Mann bleiben teilnahmslos. Wenn die anderen stehenbleiben, bleiben auch sie stehen, damit sie nicht zusammenstoßen, aber es ist, als würden sie einander gar nicht wahrnehmen. »Seit einer guten Stunde sind wir schon unterwegs, aber man kann von diesem wundervollen Wetter gar nicht genug bekommen. Was sagen Sie zu diesem prächtigen Wetter?« »In den Bergen weht ja immer ein leichtes Lüftchen, nicht mehr als ein leiser Hauch, gerade genug, um diese späte Hitze zu lindern. Kornélia ist geradezu hingerissen.« »Mein Carl bedauert gleichzeitig, daß die Nächte schon so kühl sind. Nicht wahr, Carl?« »Unsere Kornélia wird nicht müde zu betonen, daß es irgendwo an der Südsee bei weitem nicht so angenehm wäre.« »Gerade erst angekommen, hatten wir eigentlich gar nicht die Zeit, unseren Spaziergang zu unterbrechen, aber wir haben uns beeilt, schließlich ließ das Fräulein bitten. Wäre es eine unzulässige Aufdringlichkeit, wenn ich vorschlage, daß Sie sich uns zur Fortsetzung unseres Spaziergangs anschließen?« »Im Gegenteil. Nichts würde uns größere Freude bereiten. Um so mehr, als das Fräulein Herrn van der Woelde wirklich großen Dank schuldet, und wenn sie sich erkühnt hat, Sie herzubitten, so tat sie das aus keinem anderen Grund, als ihren Retter zu begrüßen und ihrem Dank Worte zu verleihen.« »An so etwas wie Schuld oder Dank möge das gnädige Fräulein gar nicht denken.« »Aber entschuldigen Sie, wie sollte sie etwa nicht daran denken und etwa nicht von so etwas sprechen, man hat dem gnädigen Fräulein schließlich erzählt, wie ihm der junge gnädige Herr das nackte Leben gerettet hat.« »Er war es, der sie auf der Treppe jenes verlassenen, schrecklich verrufenen Hauses gefunden hat, das gebe ich zu. Aber das ist doch überhaupt nicht der Rede wert. Wir hoffen, daß sich die junge Dame inzwischen von ihrem Schrecken erholt hat, jedenfalls läßt ihr strahlender Teint darauf schließen.« »Eine zeitweilige Schwäche überwindet der junge Organismus, den Rest besorgt die heilende Wirkung dieser hinreißenden Umgebung und nicht zuletzt die von Ihnen erhoffte Gesellschaft.« Und da ist die Stimme, die allem Anschein nach all unsere Schritte begleitet. »In diesem Augenblick setzte die alte Dame mit einer einzigen souveränen Geste dem Strom der gegenseitigen Höflichkeiten und Komplimente ein Ende. In ihrer Bewegung lag zwar eine unangenehme Schroffheit, ihre Notwendigkeit aber war unschwer einzusehen.« »Nun, dann wollen wir auch nicht weiter säumen. Reichen Sie mir Ihren Arm, Henriette. Wir wollen aufbrechen, und die Jugend wird uns brav folgen.« Henriette reicht ihr den Arm, die alte Dame hängt sich ein, und bevor sie losgehen, ruft sie über die Schulter, als dressiere sie ein Tier. »Mein Lieber. Aufgewacht. Folgt uns.« Sie machen sich auf, Kornélia und Carl van der Woelde aber bleiben stehen. Sie sehen sich an. »Ich rede nicht.« »Ich auch nicht.« »Der Chefarzt hat mir Feder und Papier weggenommen. Ich fixiere alles in meinem Kopf.« »Sie haben es leicht. Mir hat man alle meine Apparate genommen, die ich zum Fotografieren brauche.« »Rechnen Sie nicht damit, daß Sie mich zum Reden bringen.« Auf Abstand voneinander, beseelt von feindseligen Gefühlen, folgen sie nun den beiden Frauen. »Aber essen, trinken, pissen, scheißen, das können Sie.« Und die Stimme. »Irgend so etwas mag das Fräulein bei sich gedacht haben, während sie, von ihren feindseligen Gefühlen beseelt, dahinschlenderten.« SIE FINDEN ZUEINANDER Der Kies knirscht hell unter ihren Schritten. In weiter Ferne schreiten die beiden Frauen vor ihnen her. Während sie langsam dahinwandeln, nimmt Kornélia vorsichtig das Gesicht des Mannes in Augenschein. Ein teilnahmsloses Gesicht, nichts weiter. Sie setzen ihren Weg fort, und wieder muß sie den Blick zu ihm heben. »Oder vielleicht ein Gesicht, aus dem der Schmerz die Anteilnahme getilgt hat? Sollte der Unterschied darin liegen, während die Gesichtszüge ähnlich sind?« Jetzt wendet sich das Gesicht ihr sogar ein wenig zu, doch der Blick bleibt teilnahmslos, als höre er sie gar nicht. »Wenn ich behaupte, daß es nicht zwei gleiche Gesichter auf der Welt gibt, obwohl wir die Gesichter von allen Lebenden und Toten gar nicht zu sehen vermögen, sage ich quasi nichts anderes, als daß ich es nicht sagen und höchstens von einem Fall von Ähnlichkeit sprechen kann.« »Reden. Sie. Nicht. Soviel. Wenn. Sie. Denn. Nicht reden.« »Daraus, daß Sie meine Stimme hören, folgt noch nicht, daß ich rede. Möglicherweise bilden Sie sich das nur ein.« »Darin mögen Sie recht haben. Ich sprach jedoch nur davon, daß ich Sie höre und nicht hören will.« »Sie wünschen meine Stimme nicht kennenzulernen, oder Sie weisen eine Stimme ab, die Ihnen allzu vertraut ist.« »Ich höre sie, das ist alles.« »Das ist auch mein Problem: Ich sehe ein Gesicht, das in allen Fasern identisch ist mit dem Gesicht jenes Mannes, den ich liebte und nicht sehen darf. Ebenso seine Stimme. Sollte es sein, daß ich den höre, den ich nicht sehen darf ? Sollte es sein, daß ich Vertrauen zu dem Aussehen von jemand empfinde, dessen Benehmen zu keinerlei Vertrauen Anlaß gibt? Was soll ich tun?« Sie bleiben stehen und sehen lange nichts anderes, sehen sich lange und geradewegs in die Augen. »Ich kann Sie beruhigen. Auch ihn habe ich erfunden. Es gab ihn nicht, es gibt ihn nicht, und ob es ihn je geben wird, läßt sich nicht sagen. Es gibt nichts, was ich nicht erfinden könnte. Lassen wir es dabei. Ich habe auch erfunden, daß wir jetzt stehengeblieben sind. Ich erfinde es, und wir sehen uns in die Augen. Ich sage, wir sind stehengeblieben, wir sehen uns in die Augen. Es ist nicht und war auch nicht, so einfach ist das.« »Ich würde es Ihnen glauben, wenn ich nicht ein Bild von ihm gemacht hätte. Aber ich glaube es nicht, denn das sind nur Worte.« »Ach nein, reden Sie doch nicht solchen Unsinn. Was nutzt Ihnen ein Bild? Gar nichts. Sie können aus der Existenz des Schöpfers die Welt erklären, müssen dann nur eingestehen, daß Sie für den Schöpfer keine Erklärung fanden. Die Frauen sind nun mal so töricht.« »Aber davon rede ich ja gerade, du Unglücklicher. Das Bild geht deiner Erklärung immer voraus. Es gibt nichts her, was Sie nicht wünschen. Das Wort folgt erst danach, und deshalb haben Sie Wünsche.« In der Ferne bleiben die beiden Frauen, sich gegenseitig stützend, stehen und drehen sich um. »Carl!« »Mit dieser Frau gehe ich nicht mit.« »Carl!« HUNGER Wie eine unaufhaltsame Woge dringt Gelächter aus dem hell erleuchteten Salon. Kornélia lauert hinter einer Säule, und als Henriette mit vorsichtigen Schritten die dämmrige Halle durchquert, läuft sie mit lautlosen Schritten, den Schutz der Wände suchend, weiter. Durch schlecht beleuchtete, nun unbekannte Flure verfolgen, jagen sie einander. Manchmal verrät sie ein Flattern der Röcke, ein Schatten oder ein unbedachter Knall. Treppenabsätze, Vorzimmer, ein Musiksaal, versunken in den langen Schatten des Mondlichts. Aufgeschlagene Noten auf den Notenständern. Auf den Stühlen, oder gegen sie gelehnt, verwaiste Instrumente. Sie traut sich nicht, die Tür hinter sich zu schließen, zieht sie aber an. Ein kurzes, scharfes Knarren. Sie wartet. Ihr ist, als höre sie in der Nähe, ganz, ganz nah, erregte, an Seufzer erinnernde Atemzüge. Nein. Es ist ihr eigenes Atmen. Sie wiederholt es, als wolle sie sich vergewissern, daß es nicht das eines anderen ist. Sie setzt sich an das geöffnete Klavier, wartet wieder, doch nirgends ist ein Geräusch zu hören. Sie hebt die Finger zum Anschlag. Eine Hand schließt sich um ihre Hand. Um die eine, dann um die andere Hand. Und irgendjemand hält sie von hinten fest. Sie springt auf, reißt ihre Hände aus den fremden Händen, sieht für einen Augenblick ein grauenhaftes Gesicht, wie es vor ihr zurückweicht und dabei aus dem Schatten ins bläuliche Mondlicht rückt, und einen nackten und grauenhaften, weder männlichen noch weiblichen Körper, den des Fürsten Potoczky. Zwischen den Stühlen, Instrumenten und Notenständern hin und her springend, rennt sie aus dem Musiksaal, fällt jedoch auf dem Flur geradezu über die herumschleichende Henriette. »Und wieder, wieder ein Skandal?« »Laß mich meinen Weg gehen.« »Es gibt für dich keinen Weg.« »Aber ich habe Hunger. Und will mir etwas holen.« Sie fallen übereinander her, Schläge prasseln, bis Henriette von hinten festgehalten wird. Kornélia macht sich los und rennt weiter. Sie wird wohl einen Schlupfweg finden, denn der Fürst hält die stumm zappelnde Henriette kräftig fest, und lacht dann laut auf. Und läßt sie los. Der leere Flur verstärkt das Lachen unangenehm und schleudert es zurück. MÉNAGE À TROIS Henriette nimmt die falsche Richtung und läuft die Hintertreppe hinauf. Kornélia dagegen hinunter. Stockwerk um Stockwerk, Treppenabsatz um Treppenabsatz, immer weiter hinunter. Bis es kein Weiter mehr gibt. Die Türen der riesigen Speisekammern stehen weit offen, aus der Küche dringt friedliches Licht auf den Steinboden und angenehme, heimelige Geräusche. »Milenchen, bring mir zwei Kartoffeln.« »Und wozu, mein Schatz?« »Zwei Kartoffeln, wenn ich’s doch sage.« »Ist gut, mein Herz.« Und da ist eine dritte Stimme, die inzwischen bekannt ist. »Nun, genau an so etwas dachte ich. Etwas, mit dem sich die Konsistenz anreichern läßt.« Milena huscht vorbei, Kornélia beobachtet sie regungslos aus dem Dunkel. »Konsistenz ist natürlich Geschmack. Sie können ihn mildern oder verstärken.« »Sie wollen sie sicher reiben.« »Hauchfein.« »Die Zwiebel zum Beispiel würde sich in einer ähnlichen Umgebung genau umgekehrt verhalten. Sie würde mehr Geschmack abgeben, als sie aufnehmen könnte.« »Darum dachte ich an Kartoffeln.« »Nun ja, aber haben Sie auch bedacht, lieber Freund, daß die zum Kochen benötigte Hitze dem Gemüse so zusetzen kann, daß Sie den Geschmack dadurch mehr beschädigen, als die Konsistenz zu verbessern?« Milena huscht mit den beiden Kartoffeln wieder zurück. Drinnen klirrt Geschirr, Umrühren, Anrühren, Kosten und Schmatzen. Als folge Kuß auf Kuß. »Warten wir ab, wie sich’s macht. Das Mehl haben wir verbannt.« »Das Experiment erzeugt die Ideen.« »Aber Alberto, mein Herz, warum nimmst du nicht lieber Kürbis?« »Das überlasse ich dir, mein Schatz.« »Sobre los gustos no hay disputa, sagt der Spanier, über Geschmäcker läßt sich nicht streiten, obwohl ich zugeben muß, daß auch ich sofort an Kürbis gedacht habe.« »Jeder Zunge, wonach ihr gelüstet.« Sie lachen lauthals. Kornélia wagt sich näher heran. Im Küchendunst machen sich drei Personen in exzessiver Nähe zueinander zu schaffen. Als ob jede Bewegung nur den Vorwand böte, sich zu berühren, oder als ob sie sich nur deshalb ständig berührten, um die für die Arbeit notwendige Phantasie anzuregen. Auf dem Herd allerlei brutzelnde und dampfende Töpfchen. Auf dem großen Zubereitungstisch aber mit Fleisch, gerupftem Geflügel, Gemüse und Gewürzkräutern, Kupfergeschirr und Gerätschaften, Raspeln, Messern, Klingen und mit allerlei Sud gefüllten Gläschen und Fläschchen ein barockes Stilleben. »Doch um zu unserem Thema zurückzukehren, über Signore Alberto besteht das einhellige Urteil, daß er zu den meisterhaftesten Suppenköchen zählt, und seine Soßen werden nicht minder bewundert.« »Ich nehme an, Sie setzen jetzt zu einer scharfen Kritik an.« »Nehmen wir das gestrige Kalbfleisch au genévrier. Voilà, une idée lumineuse. Volumineuse. Frascati, weißer Pfeffer, ein paar Tropfen Zitrone, grobgemahlene Wacholderbeeren, wenn ich nicht irre.« »C’est la base.« »Habe ich vielleicht etwas ausgelassen?« »Nur die Seele haben Sie nicht herausgeschmeckt.« »Aber ich rede jetzt auch gar nicht von der Soße. Die fanden wir alle vortrefflich. Ich rede vielmehr davon, daß Sie uns das Fleisch in einem so faden und labberigen Zustand servierten! Das ist wie mit der französischen Satzkonstruktion, à quelqu’un, à quelque chose, de quelqu’un, de quelque chose, das Verb allein genügt nicht, man muß wissen, worauf es sich bezieht.« »Ihr theoretisches Rüstzeug habe ich schon immer bewundert, lieber Freund, aber die Zunge, ich flehe Sie an, zeigen Sie mir Ihre Zunge.« »Aber gerade davon rede ich ja. Es scheint, als kennten Sie die Theorie des Bratens nicht, und deshalb hat Ihr Fleisch auch nicht das nötige étonnement. Sicher achten Sie zu wenig auf den Hitzegrad des Fettes. Wenn Sie die Oberfläche nicht genug abgeschreckt haben, wenn sie sich nicht richtig zusammenzieht, wird das Fleisch nur mühsam schmoren.« »Zeigen Sie her. Strecken Sie Ihre Zunge raus, ich will Ihre Zunge, Ihren Gaumen sehen, lieber Freund.« »Diesmal können Sie nicht einfach darüber hinweggehen.« »Es sei denn mit dieser Pfanne.« »Ihr seid wie zwei Gockel.« Sie erstarren zum lebenden Bild, als Kornélia hinter der Tür hervortritt. Teller, Pfanne oder Schneebesen in der einen Hand, die andere Hand gleichsam beruhigend auf dem anderen. Alberto wehrt gerade den Beschwichtigungsversuch Milenas ab, die Carl von der Woelde am Ellbogen faßt, der seinerseits gerade im Übereifer die Schulter Albertos berührt. »Je vois bien que vous êtes étonnée de me revoir ici.« »Das arme Fräulein so zu schrecken, wie das Fleisch im Fett.« »Si je ne me trompe pas, mademoiselle.« »Ah, non, monsieur. Vous ne pouvez pas vraiment m’étonner, ich habe einfach einen Riesenhunger. Geben Sie mir doch irgendetwas, ein Stückchen Brot, eine Rübe, eine Zwiebel.« »Lassen wir sie doch die Kostprobe machen.« »Sie kommt wie gerufen.« »Milena wird dort fein decken.« »Und wir braten das Fleisch.« Emsiges Hin und Her, ein Dickicht von Worten und Berührungen. »Ich das meine. Alberto nach seinem eigenen Geschmack. Sofern er welchen hat.« »Und das Fräulein wird gewiß den stärkeren Gockel wählen.« »Das vermag ich kaum abzuwarten.« »Gott behüte, daß wir etwas überstürzen.« »Der Hunger ist der Tod des Feinschmeckers.« »Seit drei Tagen hat nicht ein Bissen den Gaumen meines armen Fräuleins passiert.« »La faim fait sortir le loup du bois.« »In einer guten Küche ist für alles eine Medizin.« »Bei quälendem Hunger empfiehlt es sich, mit einer Suppe zu beginnen.« »Kein Wort mehr, das Fräulein setzen sich hierher. Wir werden alles tun, was wir können.« »Ich habe Angst, daß mich der Chefarzt überrascht. Geben Sie mir einfach irgendwas. Oder Henriette.« »Wir brauchten eher einen beruhigenden als einen anregenden Aperitif.« »Sie müssen keine Angst haben. Der Chefarzt durchschaut doch ohnehin alles.« »Also einen Sherry, aber mit etwas Bitterkraut.« »Reden Sie nicht solchen kindischen Unsinn.« BILDER AUS EINER HEILEN WELT Der behäbig schlurfende, uralte Oberkellner schenkt langsam und ein wenig zittrig, jedoch mit geübter Bewegung Weißwein in das Glas Carl van der Woeldes. Nicht zuviel, zwei Fingerbreit. Bei einem Kellner wie ihm spielt es keine Rolle, ob sein Kopf oder seine Hände zittern, die eine hierhin, die andere dorthin, wir haben nicht zu befürchten, daß er beim Einschenken danebentrifft, und auch die Suppe wird er uns weder in den Hals noch in den Schoß schütten. Carl van der Woelde hebt sein Glas gegen das durch die Deckenfenster einfallende Licht, neigt es zur einen, neigt es zur anderen Seite, prüft die Konsistenz, blickt zu dem sich über seine Schulter beugenden Kellner auf, beide nicken billigend, denn der Wein bleibt, wie es sein muß, schön an der Wand des Glases haften. Dann hält er es sich vor die Nase, testet lange das Bukett, schnalzt mit der Zunge, ohne daß genau zu erkennen wäre, ob sich darin Zufriedenheit oder gerade Unzufriedenheit ausdrückt. Seine Miene verrät jedenfalls Anzeichen von Vorsicht und zurückhaltender Wachsamkeit. Worauf er das Glas an die Lippen hebt und so neigt, daß seine Zunge eben gerade die Oberfläche des Weins berührt. Er will das Aroma kosten. Bestürzung. Dennoch kostet er weiter und prüft noch einmal das Bukett. Dann reicht er das Glas kühl und abweisend dem Kellner, der es nimmt, daran riecht, es betrachtet und schließlich seinerseits mit der Zunge eine Probe nimmt. Beide nicken mit verächtlichem Lächeln. »Korken.« »Zweifellos.« Wer von den Lippen ablesen kann, kann sie verstehen, doch ihre Stimmen sind nicht zu hören. »Fatal.« »Ein Attentat.« Gebietend hebt sich der träge Blick des uralten Kellners. Zwei andere Kellner, am Kopfende und auf der gegenüberliegenden Seite der langen Tafel, gehorchen dem stummen Befehl. Es sind noch naive, halbwüchsige blonde Engel. Sie ziehen die schon zum Einschenken erhobenen Flaschen wieder zurück und folgen ihrem Meister und Gebieter, der mit der zum Tode verurteilten Flasche aus dem Saal schlurft. Es handelt sich um einen riesigen Saal mit weißgetünchten Wänden, und seine Einrichtung ist nicht nur einfach, ihre Ärmlichkeit hat auch etwas Zufälliges. Eine der Wände ist bis zur Decke eingerüstet, auf den Querplanken stehen Farbeimer. Hinter dem Gerüst die mit roter Kreide gezeichnete Skizze und bereits angefangene Farbstücke eines entstehenden Freskos. Milena schiebt einen Servierwagen durch die Gerüststangen und tauscht die Teller auf dem Tisch aus. Aus dem, was man auch nur halben Auges von dem Fresko sehen kann, ließe sich, sofern man den Mut aufbrächte, den Blick nicht sogleich wieder abzuwenden, auf irgendeine ungeheure Unanständigkeit oder Obszönität schließen. Habe ich da etwa einen Satyr gesehen, wie er einem anderen Satyr gerade in den Arsch fickt, während eine Nymphe dessen aufgereckten Schwanz lutscht? Das jüngste Gericht? Oder etwa schamloseste Pornographie? Oder beides zugleich? Es sieht danach aus, als würde aus einem am Rand einer Schäfchenwolke hockenden weiblichen Arsch ein großer Batzen Scheiße herausquellen, als hätten süße kleine umherfliegende Engel ihre Schwänze gefaßt und wetteiferten, wer den anderen besser anpinkeln kann. Das von gierigem Schnaufen entstellte Gesicht eines alten Mannes, der mit seiner blau angelaufenen Zunge irgendwohin stößt. Wo hinein? Lauter Ähnliches mehr. Einige der Rundfenster an der Decke sind wohl beim Einrüsten zerbrochen, dort schaut der bewölkte Herbsthimmel herein. Die dunkle Holztäfelung ist mit weißen Laken verhängt, der Fußboden mit zerfetztem weißen Papier bedeckt. Nicht einmal die Stühle um den Tisch sind einheitlich. Luxus und Überfluß beschränken sich auf das Gedeck, Silber, Kristall und weißes Porzellan. Und auf die Gesten, die keinen Bezug zu diesem wüsten Milieu zu haben scheinen. Und der Saal schwimmt in ätherischen Klängen. Unter dem Gerüst, auf einem ebenfalls mit weißen Laken abgedeckten Podium, spielt ein blinder Musiker auf einer Glasharfe, dem verbotenen Instrument. Die Musik ist so durchdringend, daß die um die Tafel Sitzenden kaum ein Wort miteinander wechseln können oder es sich, wenn sie es dennoch tun, von den Lippen ablesen müssen. An diesem unangenehmen Ort ist Kornélia regelrecht zwischen zwei Feuer geraten. Die zu ihrer Rechten sitzende, voll erblühte hübsche blonde Dame, die, vielleicht zum Zeichen der Trauer, ein hochgeschlossenes schwarzes Kleid trägt, redet unaufhörlich auf sie ein, obwohl Kornélia kein Wort verstehen kann, während Carl van der Woelde nicht einen Augenblick den Blick von ihr wendet. Als wollte er ihrer Seele auf den Grund schauen, auch wenn seine Miene ausdruckslos bleibt und so kaum zu verstehen ist, in welcher Absicht er jede ihrer Regungen verfolgt. Sie nickt ergeben, winkt mit dem Kopf, zieht fragend die Augenbrauen hoch, fragt irgendetwas, aber der sinnlose Schwall von Worten ist nicht aufzuhalten, der Bach hat sein festgelegtes Bett und läßt sich nicht umleiten. Die gleichen Versuche unternimmt sie auch mit dem ihr gegenübersitzenden jungen Mann. Kühn erwidert sie seinen Blick, senkt keusch die Lider, wendet sich an die zu ihrer Linken sitzende Henriette und schreit ihr, Flüstern vortäuschend, etwas ins Ohr. Nun lachen sie gemeinsam auf Kosten des Mannes, um den Blick dann wieder schwärmerisch und hingerissen auf ihn zu richten, aber das alles hilft nichts, da die schwarzgekleidete Dame im Eifer ihrer Ausführungen Kornélias Hand ergreift, so daß sie ihren Blick abwenden muß, der Blick des Mannes ihr aber weiter folgt. Schön der Reihe nach kehren die drei Kellner zurück. Sie nehmen ihre vorherigen Positionen wieder ein, der eine hinter dem am Kopfende der Tafel thronenden Chefarzt, der andere auf der gegenüberliegenden Seite, während der Oberkellner Carl van der Woelde das ausgetauschte Glas füllt. Der Ritus der Bewegungen ist nicht zu variieren. Der junge Mann hebt den Wein gegen das Licht. In diesem Moment beginnt Regen gegen die Deckenfenster zu schlagen, doch durch die Musik ist das Prasseln natürlich nicht zu hören. Er neigt sein Glas einmal hierhin und einmal dorthin und beobachtet, wie der Wein an der Wand des Glases haftet. Sie nicken beide. Er atmet das Bukett ein. Der alte Kellner beugt sich an sein Ohr. »Wir sind im Jahrgang zurückgegangen.« »Wie weit?« Er steckt seine Zunge hinein, nickt. »Zehn Jahre.« Er nippt, gurgelt, horcht in seinen Gaumen, seine Mundhöhle. Trinkt einen Schluck. Stellt sein Glas wieder hin, worauf alle drei einzuschenken beginnen. Carl van der Woelde lacht auf, der Alte beugt sich über seine Schulter. »Je suis très curieux. Quelle idée.« »Comment?« »Un muscadet.« »Comment?« »Un vin blanc avec des rognons de veau.« Der Oberkellner zuckt lässig mit den Achseln. »À vous la liberté!« Milena erscheint mit dem Servierwagen, die Kellner beginnen zu servieren. Durch die eingeschlagenen Scheiben der Deckenverglasung regnet es inzwischen nicht nur, der strömende Regen stürzt geradezu herein. Er rinnt am Gerüst herunter und sammelt sich unten zu einer Pfütze. Zwischen Carl van der Woelde und Kornélia ergießt er sich fast schon als Strahl, die Wassermassen lassen den Tisch zwischen ihnen versumpfen. Sie selbst bleiben zwar trocken, aber die hübsche blonde Witwe, die sogar zwischen zwei Bissen noch mit vollem Mund weiterspricht, wird reichlich begossen, der Sakkoärmel des Chefarztes durchnäßt, ebenso ein leergebliebenes Gedeck etwas weiter weg. Sie essen. Der leere Teller füllt sich allmählich, bis das Regenwasser über den Tellerrand rinnt. DÉJEUNER INFINI Durch die zerschlagenen Deckenfenster fällt Schnee herein. Bleibt auf dem Gerüst, den Querplanken und Farbeimern liegen. Die farbigen Teile des schamlosen Freskos sind bereits vom Verputz verschwunden, und auch von dem mit roter Kreide skizzierten Entwurf ist kaum etwas erhalten. Als ob an diesem Ort immer mehr immer weniger würde. Schnee bedeckt den auf der Glasharfe spielenden blinden Musiker, Schnee bedeckt das schwarze Kleid der unaufhörlich monologisierenden Witwe, Schnee fällt auf ihre blonde Haarkrone. Schnee bedeckt den Sakkoärmel des Chefarztes, und zwischen Carl van der Woelde und Kornélia bildet sich eine richtige Schneebarriere auf dem Tisch. Das unberührte Gedeck hat sich ebenfalls in eine Schneelandschaft verwandelt, nur erahnen lassen sich Teller, Gläser, Löffel, Gabel und Messer. Niemand scheint all dem besondere Beachtung zu schenken. Im Kamin lodert das Feuer. Sie essen. Gelegentlich beugen sie sich einander an die Ohren und wechseln brüllend ein paar Worte. Carl van der Woelde behandelt jeden Bissen mit gnadenloser Andächtigkeit. Damit Lippen, Gaumen, Zunge und Rachen auch die kleinste Geschmacksnuance auskosten. Sein Gebiß ist eine bedächtige Mühle. Gesicherten Genuß muß er sich ernsthaft erarbeiten. Auch sein Blick ist nicht untätig, auch wenn er teilnahmslos bleibt. Während er den Bissen verschwinden läßt, kaut, mahlt, schluckt und gurgelt, schmatzt und mampft, das Essen hierhin und dorthin schiebt, weiden sich seine Blicke an Kornélia. Ab und zu brechen heftige Windstöße durch die kaputten Deckenfenster, treiben dichte Schneewolken in den Saal und fegen förmlich über den Tisch. Der Wind macht sich am Schnee zu schaffen, trägt hier eine Schicht ab und häuft sie dort wieder auf. Aber auch Kornélias Blicke sind auf Gesicht, Hände, Lippen, Bewegungen des Mannes geheftet. Nicht, um ihn einfach zu begleiten oder gar nachzuahmen, sondern sie arbeitet mit ihm zusammen, wird eins mit seinem inneren Gesetz. Sie identifiziert sich mit ihm, sie hat ihn gefunden. Gemeinsam können sie genießen, was überhaupt noch zu genießen ist. Man könnte sagen, nichts ist so klein, daß sich darin nicht das Größte entdecken ließe. Zugleich ist aber auch klar, daß sie die Gleichgültigkeit, Willkür und Selbstsucht des Mannes brechen und seine Aufmerksamkeit fesseln muß. Seine Absichten unterlaufen. Und das alles öffentlich. Denn Messer und Gabel in den Händen Henriettes arbeiten nicht, der Bissen in ihrem Mund ruht, ihre Wangen sind von Röte überzogen, ihr Atem stockt, auf ihrer Stirn stehen Schweißperlen, und auch der Chefarzt tut nur so, als ob er sich dem Essen widme, doch seine Geschäftigkeit hat nur den Sinn, sich seiner Erregung nicht zu überlassen. Auf dem Tisch und um den Tisch herum tobt der Schneesturm in heftigen Stößen. Eine Absicht liegt auch vor, wenn jemand eine Absicht zu unterlaufen sucht, so daß wiederum der andere diese Absicht unterlaufen muß. Auf jener kahlen Hochebene, auf der die eine Seele die Absicht der anderen durchschaut, heult ein überirdischer Wind, aber es ist ein sanfter, gauklerischer Wind. Und als nichts mehr ist, was sie unterlaufen müßten, bleibt der Bissen im Mund Carl van der Woeldes ebenso wie in dem von Kornélia stecken. So wie sich ihre Lippen bewegen, bewegen sich auch seine. Und umgekehrt. Ein kleiner Schluck ist genauso bemessen wie der kleine Schluck des anderen. Selbst Messer und Gabel halten sie auf genau die gleiche Weise in ihren Händen. Henriette würgt es im Hals. Dem Chefarzt bleibt der Mund offenstehen, sein Gesicht wird blaß. Wenn der blinde Musiker nicht unerschütterlich auf seinem gläsernen Instrument weiterspielte, würde man sicher deutlich einen langgezogenen Lustschrei vernehmen. Gleichzeitig fällt der Bissen aus dem Mund der Frau und aus dem Mund des Mannes, und mit prustendem Gelächter bespucken sie sich gleichsam in hohem Bogen mit zerkautem Essen, quer über den Tisch. Auch ihr Gelächter würde man vernehmen, wenn es zu vernehmen wäre. Henriette springt auf, torkelt zum Gerüst, hält sich daran fest und erbricht sich. Schließlich kommt nichts mehr aus ihr heraus, ihr Körper zuckt. Die zur Linken des Chefarztes sitzende alte Dame schreit aufgebracht. Sie will aufspringen, den Tisch verlassen, an dem zwischen ihrem einzigen Sohn und einer so gewöhnlichen Person etwas Derartiges passieren kann. Doch der Chefarzt hält sie zurück und legt beruhigend die Hand auf ihren Arm. Er redet, brüllt ihr etwas zu, was sie beschwichtigt. Mit der Gabel klopft er an sein leeres Glas. Und das ist der einzige Ton, der den Klang der Glasharfe übertönt, allein der Klang von Glas. Plötzlich tritt Stille ein. Der fürchterliche Schneesturm tobt. Der alte Oberkellner geht wie jemand, der sich schon an alles gewöhnt hat, unablässig um den Tisch herum und füllt die leeren Gläser nach. Der Wind heult, peitscht Schnee über den Tisch. Das volle Glas in der Hand, erhebt sich der Chefarzt, um das Wort zu ergreifen. »Es muß wohl viel Zeit vergehen, meine lieben Freunde, ehe der Mensch begreift, daß er es nicht mit den Elementen aufnehmen kann. Daß er sich weder an den Winden noch an den Wolken festhalten kann. Er kriecht auf der Erde, er krabbelt, er windet sich wie ein Wurm. Kein Augenblick ist wohl großartiger, als wenn der Sturm der Leidenschaften in rastlosen Seelen zur Ruhe kommt. Die Bekehrte sei gegrüßt. Laßt uns die Gläser leeren und zerbrechen.« Alle erheben sich, der Wind heult. Sie leeren ihre Gläser und werfen sie gegen die Wand. Und während die Glasscherben auf den Boden fallen, erklingt von neuem das gläserne Instrument des blinden Musikers. Der Chefarzt winkt, und auf seinen Wink hin verlassen der Oberkellner und Milena den Saal. Die Kranken setzen sich wieder auf ihre Plätze, alle starren vor sich hin, keiner von ihnen rührt mehr sein Essen an. Milena und der Oberkellner bringen Kornélias Fotogeräte herein. Es ist ohne Zweifel ihr Apparat, jetzt allerdings ein brandneuer, auf einem rollbaren Atelierstativ. Alle blicken zu ihr, voller Erwartung, was sie tun wird. GRUPPENBILD Die Mitglieder der Tafelgesellschaft stehen vor der mit weißem Papier abgedeckten Holztäfelung, im Kamin lodert Feuer, das Licht und Schatten auf die weiße Wand und die Gesichter wirft. Das Bild wird durch das diffuse Licht beleuchtet, das durch die Deckenfenster fällt. Von Schnee oder irgendwelchen Windstößen ist auf diesem Bild natürlich keine Spur. Vielleicht wurde der Saal, in dem das Bild entstand, gerade gestrichen. Auch der ausladende Kronleuchter ist mit einer weißen Hülle abgedeckt. STREIFZÜGE ÜBER DIE GESICHTER Ganz ruhig, von links nach rechts, erst über die stehende, dann über die sitzende Reihe. Der Hintergrund aber hat sich geändert. Hinter den Gesichtern eine liliengeschmückte Seidentapete. Und im Zentrum der stehenden Reihe der Höchste in der Gesellschaft, der Fürst, mit dem wir bislang nur ein paar Sekunden die Ehre hatten. Das menschliche Antlitz ist selten harmonisch, weil es nicht symmetrisch ist, und vielleicht macht der asymmetrische Charakter das eine von all den anderen unterscheidbar. Man sagt, der Charakter schlägt durch. Der Charakter, den diese Gesichter haben, ist krank. Es sind schwerkranke, todkranke Menschen, und sie werden, solange sie leben, in ihren Wahnsinn eingesperrt sein. Zwischen Patient und Pfleger, Gästen, Begleitern und Personal besteht keinerlei Unterschied. In der sitzenden Reihe Henriette, die Krankenschwestern, der verwundete Förster, der Chefarzt, neben ihm der Baron. Wenn er den Verstand nicht hier verloren hat, dann irgendwo anders. Und neben dem Baron Carl van der Woelde oder Karol. Auch das macht keinen Unterschied. In der untersten Reihe die Verrückten vom Bedienungspersonal, kniend, hockend, liegend. Im Zentrum der Reihe, in seiner ganzen Länge dahingestreckt, liegt Alberto und läßt seinen Kopf im Schoß der im Schneidersitz kauernden Milena ruhen. Milena krault den Kopf eines hochgewachsenen Rassehundes. Nur die Muster der Seidentapete, die Arme des von der Decke herabhängenden vielarmigen Kronleuchters, das im Kamin lodernde Feuer, die weichen Falten des zerknautschten orientalischen Teppichs sind normal. Alles andere ist schamlos entstellt, erbärmlich krude, preisgegeben und bedrohlich. Wenn man näher hinsieht, scheint sogar der Hund die Zähne zu fletschen. DAS GRUPPENBILD BEWEGT SICH Jetzt ist also tatsächlich alles beisammen, was zusammen gehört. Am Rand der stehenden Reihe steht Kornélia. Sie muß das Funktionieren des Selbstauslösers beobachten, ihr persönlicher, gesonderter Wahn. Der Verschluß schließt sich, und ihre in krankhafter Aufmerksamkeit verzerrten Gesichtszüge glätten sich ein wenig. »Je vous remercie, mesdames et messieurs.« Von Gelächter und Geschrei begleitet, kehrt sie hinter den Apparat zurück. WIE AUCH DER MOND WANDERT In einer stillen, klaren, verschneiten Nacht leuchtet der Mond. In der dunstlosen Luft scheinen seine Krater und Gebirge nähergerückt. Kornélia steht auf der schneebedeckten Terrasse hinter ihrer Kamera, öffnet den Verschluß und fixiert ihn. Sie lehnt sich an die Brüstung. Nahende Schritte knirschen im Schnee. Ein Schatten zwischen den verschneiten Bäumen. Als er Kornélia gewahrt, scheint er plötzlich in die entgegengesetzte Richtung gehen zu wollen, wird unsicher. Dann aber kommt er doch näher. Carl van der Woelde löst sich aus dem von tiefblauen Schatten erfüllten Dunkel. »Ich habe Sie gestört.« »Nicht im geringsten.« »Ich glaubte, Sie verbringen Ihre Abende mit dem Baron, wenn Sie sich zurückziehen.« »Sie haben sich geirrt, aber demnach denken Sie über mich nach.« »Seit Sie angekommen sind, habe ich das Gefühl, als könnte ich Sie verlieren, obwohl ich gar nicht gedacht hatte, Sie gewinnen zu können. Das Zimmer des Barons ist dunkel, Ihr Zimmer jeden Abend erleuchtet. Daher meine spitzfindigen Folgerungen.« »Ich habe auf alle Fälle bemerkt, daß er mit Milena kokettiert. Vielleicht treiben sie ja auch andere Spiele.« »Und das stört Euer Gnaden nicht?« »Milena ist ein sehr hübsches Mädchen. Ich würde an seiner Stelle das gleiche tun.« »Was sonst könnte Sie eifersüchtig machen?« »Bis jetzt haben Sie nur vom Mittagessen und vom Abendessen so leidenschaftlich gesprochen.« »Seit drei Tagen schon stehe ich jede Nacht hier frierend an Ihrem Fenster.« »Ich weiß.« »Wir tragen uns mit Vorstellungen, wissen aber sehr wenig.« »Soviel habe ich aber bemerkt, daß Sie mir auflauern, lauschen. Aber ich bin auch nicht in dem Maß wohlerzogen wie ich neugierig bin.« »Ihr glaubt zum Beispiel, daß ich dauernd über Speisen spreche. Aber falls Euer Gnaden es noch nicht bemerkt haben sollten, ich spreche über Alberto.« »Wissen Sie, wodurch Sie sich verraten haben?« »Ich habe eine Vorstellung davon, aber ich werde nichts dazu sagen.« »Ich hätte es nicht bemerkt, hätten Sie nicht eine Spur im Schnee hinterlassen. Das hat mich darauf gebracht, daß auch der Mond eine Spur am Himmel hinterlassen muß, während die Nacht vorrückt. Und daher bin ich sehr dankbar, auch wenn Sie dergleichen gar nicht bedacht haben.« »Und was bedenken Sie?« »Daß es nichts gibt, was keine Spuren hinterläßt.« »Ich verstehe nicht.« »Sehen Sie. Ich habe den Verschluß geöffnet und mit dieser raffinierten kleinen Schraube fixiert.« »Mit Apparaten kenne ich mich wirklich nicht aus.« »Dabei ist es ganz einfach.« »Ich höre begierig.« »Wenn ich ihn mindestens drei Stunden geöffnet halte, hält er nicht nur das Licht des Mondes fest, sondern auch den Weg des Lichts im Ablauf der Zeit. Etwas, was mit dem bloßen Auge nicht zu sehen ist. Und dann habe ich wieder einen Beweis.« »Ich denke angestrengt nach, um zu verstehen.« »Die Paarung beider! Verstehen Sie noch immer nicht?« »Das Wort ist mir jedenfalls bekannt. Aber Sie gehen bedenkenlos mit den Worten um, denn ich denke dabei nicht an den Mond, sondern an Tiere.« »Ich verstehe nicht, was Sie nicht verstehen.« »Ich verknüpfe mit den Worten Gefühle und erst dann mit den Gefühlen Bilder.« »Mit Gefühlen befasse ich mich nicht.« »Beneidenswert.« »Möglicherweise habe ich Gefühle, möglicherweise befasse ich mich nicht mit ihnen, weil ich keine habe.« »Dann gibt es auch nichts, das wir einander zu sagen haben.« »Das meine ich auch.« »Wir sind so kalt geblieben wie Ihr Mond.« »Zumindest Ihr hochtrabender Vergleich läßt mich kalt.« »Wann reisen Sie ab?« »Ich reise nicht ab.« »Soviel ich weiß, wird sich der Baron mit Ihnen verloben.« »Das bildet er sich ein.« »Demnach bliebe mir noch immer irgendein ein kleiner Hoffnungsschimmer.« »Darf ich Sie mit Ihren Hoffnungen sich selbst überlassen?« Als ob sie aus einem magischen Kreis ausbrechen müsse, geht Kornélia auf die in den verschneiten Park führende Treppe zu. »Wohin gehen Sie, um Gottes willen! Es ist an mir, mich zu verabschieden und für meine Aufdringlichkeit um Verzeihung zu bitten.« Carl van der Woelde öffnet unsicher die Arme. Mit einer schroffen Bewegung wehrt ihn Kornélia ab. »Verstehen Sie nicht? Ich will keine Hoffnungen. Weder welche erwecken, noch annehmen, noch aufrichten, noch abwürgen.« »Ich kann also nicht einmal auf die Hoffnung hoffen.« »Tun Sie, was Sie wollen.« »Ich bin ein empfindsamer Mensch. Ich werde mich nicht vom Fleck bewegen.« »Rühren Sie meine Kamera nicht an.« AMOKLAUF »Unsere Geschichte nähert sich ihrem Ende. Oh, erhofftes, befürchtetes, schreckliches Ende, das so eintritt, daß es die Vorahnungen übertrifft, zerschlägt. Wir werden nicht die Worte dafür haben. Sie lief wie ein Amokläufer. Dann gab es keine Fährte mehr im Schnee, und ihre Schritte wurden immer schwerer. Sie wußte nicht, wohin sie ging, sie wußte nicht, was sie wollte. Sie wußte, wohin auch immer sie ging und solange ihr Leben nicht endgültig erlosch, müßte sie in den Fesseln ebenderselben Gefühle schlingern. Irgendwoher, weit entfernt, war das wütende Geheul eingesperrter Jagdhunde zu hören. Nur nicht wieder zurückkehren müssen, niemandem mit ja oder nein antworten müssen, von keiner Menschenseele irgendwelche widerlichen Empfindsamkeiten hören müssen. So gelangte sie zu den finsteren Gesindehäusern, die sie bei ihren Spaziergängen stets gemieden hatte. Zwei langgestreckte Gebäude mit Säulenvordächern. Sie wollte wirklich jedes Geräusch vermeiden. Doch ihr war, als hörte sie ein leises Summen. Es gibt im Leben jedes Menschen Ereignisse in Fülle, über die man besser den Schleier des Schweigens wirft. Und als sie dort einhielt, um diesem seltsamen Lied zu lauschen, passierte ihr etwas Derartiges. Was auch wir weder sehen noch hören wollen. Soviel aber dürfen wir verraten, daß es sich um Albertos Stimme handelte.« Alberto sitzt auf der Schwelle, und das Summen bricht ab. »Du wartest auf Milena.« »Es wird dich vielleicht wundern, aber ich habe das Vögelchen in der Hand.« »Ich weiß nicht, welche Überraschungen du noch bereithältst.« »Spannen wir deine Neugier noch ein bißchen auf die Folter. Wenn du dich zu mir, auf meine Schwelle, setzt, schwöre ich, daß ich dir auch das verrate.« »Was hast du da gesummt? Es kommt mir so bekannt vor.« »Ein albernes Liedchen.« »Mir ist, als hätte ich es schon einmal gehört.« »Als du ein kleines Mädchen warst und ich noch Knabe.« »Hilf meinem Gedächtnis nach.« »In ihrem Netz die große Spinne.« »Fing eine kleine grüne Fliege.« »Laß dich nicht erweichen durch ihr Summen und Weinen, ihr Bitten und Betteln, ihr Seufzen und Flehen.« »Es ist Vesperzeit, mach den Mund auf, hamm.« »Daß ich dich verschlinge, dir das Blut aussauge.« »Zögere bloß nicht zu lang.« »Zögere nicht zu lang.« Ihre Schultern gegeneinander lehnend, lachen sie. UND DAS ERWACHEN Das Feuer im Ofen ist inzwischen erloschen. Der Schnee wirft die Glut des Morgenrots an die weißen Wände. Sie zuckt zusammen. Kennt sich zwischen den fremden Gliedern nicht aus. Behutsam muß sie sich zwischen den beiden Körpern durchwinden. Milena und Alberto bleiben unter der halb herabgerutschten Decke allein mit dem Vakuum, das ihr Körper hinterlassen hat. Halb schlafen, halb erwachen sie. Kornélia zieht sich an. Tastende Finger stoßen auf tastende Hände, Atem spürt Atem, das Vakuum muß gefüllt werden, und davon werden sie halbwach, tun jedoch, als schliefen sie. Als rutschte Albertos Hand nur im Schlaf auf die Hüfte von Milena und als nähme Milena Albertos Schwanz nur im Schlaf in die Hand. Auch Kornélia muß so tun, als glaube sie ihnen das alles. Vorsichtig dreht sie den Schlüssel im Schloß und tritt ins Freie, als hörte man sie nicht. Prall und rot strahlt die Sonne über dem verschneiten Tal. Sie betrachtet die von ihr in der Nacht hinterlassenen Fußstapfen, geht aber nicht auf dieser erstarrten Spur, sondern tritt lieber in jungfräulichen Schnee. Auf der Terrasse steht, einsam und verlassen, ihre Kamera, die inzwischen mit dem schwarzen Tuch bedeckt ist. Auch das könnte ein Bild sein. Ja, man hat den Verschluß ordnungsgemäß geschlossen. Sie muß nur die Kassette schließen und herausnehmen. Die Tür zu ihrem Zimmer ist angelehnt. Drinnen, auf dem Sessel, in ein Plaid gewickelt, den Kopf zur Seite geneigt, den Mund häßlich geöffnet, schläft leise schnaufend Carl van der Woelde. Kornélia will ihn nicht aufschrecken, aber der Mann erwacht sofort. »Sie werden es mir hoffentlich nicht verübeln. Während Sie weg waren, habe ich mich doch selbständig gemacht.« »Sie schulden mir keine Rechenschaft, ich indes habe meine Selbständigkeit gerade verloren.« »Henriette, der Baron, der Förster und der Chefarzt sind aufgebrochen, um Sie zu suchen. Ich weiß nicht, wieviel Zeit seitdem vergangen ist.« »Sie werden sich wundern, daß ich gar nicht verschwunden bin.« »Es war noch ganz dunkel, und jetzt ist es hell. Sie haben auch die Hunde mitgenommen.« »Zweifellos werden sie mich finden.« Sie lächeln sich so voll, schön und komplizenhaft zu, wie es ein so geruhsamer, schöner Wintermorgen verlangt. »Sie sind gar nicht neugierig auf meine Beichte?« »Ich bin ganz Ohr.« »Ich dachte, es wäre richtiger, die Zeit in Phasen zu gliedern, und deshalb habe ich den Verschluß alle halbe Stunde geöffnet und wieder geschlossen. So wird vielleicht besser sichtbar, was Ihnen so sehr am Herzen liegt. Aber auch damit war ich nicht ganz befriedigt, denn als die Sonne aufging, habe ich mich völlig verselbständigt und den Verschluß für kurze Zeit wieder geöffnet.« »Sieh an! Vielleicht verstehen Sie mein Herz besser, als mir selbst gelungen ist, meinen Körper zu verstehen.« »Mit Ihrer gewagten Anspielung machen Sie diese von Angst verdunkelte Nacht wenigstens nachträglich durchschaubar. Sie haben mich tüchtig gequält, aber jetzt glaube ich zumindest, Sie zu verstehen.« »Kommen Sie. Ich werde immer ungeduldiger. Wir schließen uns jetzt ein und verdunkeln.« »Darf ich hoffen, daß Sie in dieser großen Kälte ein warmes Zimmer gefunden haben?« »Ich habe keinen Grund zur Klage. Man konnte dort sogar gut hören, wie die Hunde herausgelassen wurden.« »Damit läßt sich ja mit Leichtigkeit schon eine Berechnung durchführen. Ihr Vertrauen ehrt mich. Zugegeben, auf mich konnten Sie nicht richtig zählen. Es soll Ihren Sinnen zur Ehre gereichen.« »Raffen Sie sich schon auf und lassen Sie die Sentimentalitäten.« ZWEI HIMMELSKÖRPER In einer grandiosen und unwirklichen Landschaft stehen, einander den Rücken zukehrend, zwei einsame Menschen. Über ihren Köpfen, in der gewaltigen, körnigen Unendlichkeit, scheint der kalte Himmelskörper mit seinem Licht gleichsam stufenweise aufzusteigen, leuchtet jedoch mit der ganzen Scheibe erst, wenn er den Zenit seiner Bahn überschritten hat. Schweif, Lichtstreif, stufenweises Aufsteigen und als klare Scheibe verblassend im Untergehen. Aber am Rand dieser in seinem Widerschein schwebenden verschneiten Ödnis leuchtet auch die Halbkugel der aufgehenden Sonne, wodurch das Bild offensichtlich heller ist, als es vom Mondlicht sein könnte. Während der verblaßte Mond auf der anderen Seite ebenfalls schon bis an den Bildrand untergegangen ist. Sie stehen in dieser Landschaft, als seien sie sich weder fern noch nah. Kaum läßt sich erkennen, wer der Mann und wer die Frau ist. Einer von beiden, vielleicht die Frau, deutet auf etwas, der andere zeigt keine Bewegung. Aber nicht auf die Sonne und auch nicht auf den Mond deutet sie, man weiß nicht, worauf. Langgezogenes winterliches Krähengeschrei. DIE BALLSAISON IST ERÖFFNET Das Orchester spielt einen Tusch, und der Fürst betritt den Saal. Die Tänzer haben sich bereits aufgestellt. Und sobald der Fürst Platz genommen hat, ertönt die Musik. Der Tanz kann beginnen. Quadrille. Zimmermädchen und Diener, Pflegerinnen und ihre Pfleglinge. Vielleicht ist es Notwendigkeit, vielleicht Anpassungsfähigkeit, vielleicht reine Zuneigung, jedenfalls gibt es weibliche und männliche Paare. In dieser Umgebung kann das kaum Aufsehen erregen. Es gibt niemanden, der daran Anstoß nähme. Henriette und der Chefarzt, die schöne Witwe und Alberto, der Küchenchef, Milena und der Baron, Carl van der Woelde und seine betagte Mutter, der verwundete Förster und Kornélia. »Es wäre an der Zeit, Ihnen viel Glück zu wünschen.« »Wenn Sie es täten, würde ich mich auch bedanken.« »Ich tue es nur deshalb nicht, weil Sie Ihrem Glück gegenüber äußerst zurückhaltend sind.« »So deutlich wäre zu sehen, wie sehr ich mich fürchte?« »Es besteht jedenfalls Grund zur Vorsicht.« »Wenn ich an meine Zukunft denke, dann denke ich an Ihr Schicksal.« »Das eine kann vom anderen nichts lernen.« »Und wenn ich beide miteinander verknüpfe?« »Das meine wird Sie auch dann nicht vor dem Ihren bewahren.« Die Paare wechseln, und der Chefarzt tanzt mit Kornélia. »Ich sehe kaum ein Hindernis, Sie zu entlassen.« »Also findet sich immer noch eine Kleinigkeit, mit der Sie mich erpressen.« »In meiner langen Laufbahn gab es noch nie eine so schnelle Genesung!« »Dennoch sagt mir mein Gefühl, geh nicht weg, du kommst doch zurück.« »Obwohl Sie nun gehen können, wann, wie lange und wohin auch immer Sie wollen.« »Und wenn ich wo auch immer zusammenbreche, holen Sie mich ohnehin zurück?« »Die Freiheit ist nur beständig, wenn Sie in jedem Augenblick wagemutig mit ihr leben.« »Und wenn ich die Tyrannei einer solchen Freiheit gar nicht begehre?« »Aber, aber. Wenn die Käfigtür erst einmal offensteht, was bleibt dem schönen Vögelchen dann andres übrig? Es wird fliegen.« Die Paare wechseln, und nun kommt der Förster zu Kornélia zurück. »Nur wenn ich mich unter Ihre Obhut begebe. Beschützen Sie mich, ich träume von Ihrem Haus, den verlassenen Apfelbäumen.« »Aus dem Schritt sind Sie schon vorher gekommen.« »Ein einziges Wort von Ihnen, und ich kann alles noch ändern.« »Geben Sie acht. Wenn wir einen Schritt hierhin machen, können wir nicht gleichzeitig einen Schritt dorthin machen.« »Überlassen wir die Schritte der Musik.« »Wir tanzen zur falschen Melodie.« Die Paare wechseln, und jetzt tanzt Carl van der Woelde mit Kornélia. »Liebste Kornélia, nach dem Vorgefallenen wäre es vielleicht besser, wieder zu schweigen.« »Was brächte das, teurer Carl, da ich Ihre Gefräßigkeit doch bereits bestens kenne. Sollten Sie noch etwas zu verschweigen haben?« »Ich wünschte in irgendeiner holden, immerwährenden Brüderlichkeit mit Ihnen zu leben.« »Was können Sie noch wollen? Wenn Sie mich doch fanden, aber gar nicht suchten. Fürchten Sie, daß ich Sie verlasse?« »Mit wem immer Sie sie verbringen, ich beobachte Sie in jeder süßen Stunde, ich werde Sie verfolgen, Sie können mich nicht verlassen.« »Ich kann Ihnen versichern, dazu brauchen Sie sich nicht einmal von der Stelle zu rühren.« »Wenn ich die nächste Runde mit Ihnen drehe, folgt darauf doch Alberto.« »Aber das ist doch so weit vorausberechenbar. Nach dem Chefarzt der Baron. Und Sie nehmen mich zurück.« »Entweder bringt er Sie um oder mich.« »Wir wissen doch, wie wir dem zuvorkommen.« Die Paare wechseln, und jetzt tanzt Alberto mit Kornélia. »Alberto, ich habe ein Ansinnen.« »Könnte es eine Bedingung geben, die ich nicht annähme, Vögelchen?« »Darf ich glauben, daß es etwas gibt, woran du hängst?« »Wer könnte behaupten, daß es davon nicht eine Menge gäbe? Aber von Milena könntest du dich ja doch nicht trennen.« »Meine Seele ist nackt. Und das übrige weißt du ja.« »Und worüber reden wir dann? Die Küchen sind stets im Untergeschoß, die Weinkeller noch überall in den Weinkellern. Die Gesindehäuser stehen neben den Schlössern, und Nächte sind niemals Tage.« »Aber gibt es für uns zwei Leben? Gar drei oder fünf ?« »Und was sollten wir tun, wenn es sie nicht gibt?« Die Paare wechseln, und jetzt tanzt wieder der Chefarzt mit der schönen Kornélia. »Müßte ich auch auf Milena verzichten, wenn Sie mir Alberto nähmen?« »Oh, was reden Sie da!« »Hätte ich mich getäuscht? Und so sehr?« »Ihre Frage ist natürlich rhetorisch.« »Oder wäre ich von Ihrer Schönheit betört? Wenn ich jeden und alles gleichzeitig haben möchte, womit wäre mein Egoismus sonst zu entschuldigen?« »Im Gegenteil. Sie haben durchschaut, wie Sie mich behalten können. Ihre Unfehlbarkeit macht Sie so bescheiden. Ein größeres Geschenk als Ihr Kompliment kann ich nicht bekommen.« »Wehren Sie nur nicht mit schönen Worten ab. Ich fühle genau, daß Unheil in der Luft liegt. Möglicherweise ist es nur eine vorübergehende Unpäßlichkeit, aber auch ein ordentlicher großer Anfall ist nicht auszuschließen.« »Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt.« »Ich habe Ihre Stimmung zu stark aufgereizt. Aber ich sehe, es gibt kein Zurück mehr. Diese Anfälle, wissen Sie, haben die Eigenheit, daß sich als erstes der Geruch der körperlichen Ausdünstung verändert. Der gute Diagnostiker arbeitet nicht nur mit seinen Augen und Ohren, sondern auch mit seiner Nase.« »Ich stinke doch nicht etwa? Versetzen Sie mich nicht in einen solchen Schrecken.« »Ich persönlich empfinde den Geruch als himmlisch. Weihrauch, Moschus, Myrrhe könnte ich nicht derart begehren.« Die Paare wechseln, und nun tanzt der Baron mit Kornélia. »Wem zürnen Sie so, Richard? Was hat Ihre Laune auf diese Weise verdunkelt? Bestreiten Sie es nicht.« »Lassen Sie uns in dieser glücklichsten Stunde unseres Lebens kein Wort darüber verlieren.« »Kommt es also doch von der Schande, die ich über Sie bringe?« »Ich könnte Ihnen eher verzeihen, wenn Sie es nicht willentlich täten.« »So fragen Sie lieber, welches geheime Ziel ich damit verfolgen könnte. Wenn Sie mich fragen, werde ich es Ihnen sagen.« »Es sind die kleinen Spiele Ihrer Bosheit.« »Oder meiner Voraussicht, meiner Güte, wer weiß.« »Von welcher Güte können Sie sprechen, wenn Sie mich derart beschämen?« »Benehme ich mich den Männern gegenüber etwa herausfordernd?« »Und von welcher Voraussicht, ich kann davon nichts erkennen. Oder haben Sie mich deshalb genötigt, unsere Verlobung so eilig bekanntzugeben, damit Sie mich um so schneller lächerlich machen können?« »Es tut mir leid. Siebenundfünfzig Schritte ergeben eine Runde. Ich werde den Satz später beenden.« Die Paare wechseln, und jetzt tanzt Carl van der Woelde wieder mit Kornélia. Stumm, in sich versunken, fast feierlich. Der Blick des einen hält den Blick des anderen fest. »Nein, nicht, sagen Sie nichts.« »Aber, was ist das hier?« »Ein Übereinkommen.« »Auch so kann man es sagen?« »Ein Eid auf den Eidbruch.« Lachend trennen sie sich, da die Paare wechseln, und nun tanzt der Baron wieder mit Kornélia. »Lieber Richard, ich versprach eine Fortsetzung, doch es gibt keine.« »Damit habe ich gerechnet, teure Kornélia.« »Ich werde Ihnen jetzt sagen, was kommen wird, und muß es nicht einmal mehr sagen.« »Aus Rücksicht auf die Gesellschaft mime ich den Aufmerksamen, aber ich höre mit eisigem Herzen.« »Aber mit wem wollen Sie tanzen, wenn ich nicht mehr in der Lage sein sollte, meinen Satz zu Ende zu bringen?« »Glauben Sie nicht, daß Sie mich noch mit etwaigen Ohnmachtsanfällen erweichen.« »Ehe sich alles um mich eintrübt, bitte ich Sie schnell, fahren Sie morgen nach Hause und bereiten Sie mit meinem Vater die nötigen Papiere vor.« »Wollen Sie mich auf so simple Art und Weise entfernen?« »Bis zur Hochzeit werde ich sicher noch genesen. Es wird alles so sein, wie Sie es gewollt, wie Sie es sich ausgerechnet haben. Für Ihre Flüge wird es in Zukunft kein Hindernis mehr geben.« »Was sagen Sie?« »Hier wird man Ihre arme junge Frau pflegen. Und Sie werden glücklich sein.« »Aber dann haben Sie mich schon immer mißverstanden.« »Wie könnte ich Sie besser verstehen?« Kornélias Kopf knickt zurück, ihr Körper sinkt schwer in die Arme des Barons. Er kann den ohnmächtigen Körper nicht halten und legt ihn, um nicht mit ihm zu stürzen, nieder. Das Orchester hört auf zu spielen. Schlurfend bricht der Tanz ab. Im Saal herrscht lautlose Stille. OPERATIVER EINGRIFF Mondlicht dämmert durch die Deckenfenster. Die Ballgäste bleiben in der weit aufgerissenen Tür stehen. Carl van der Woelde und Henriette folgen dem Baron, der die leblose Kornélia auf seinen Armen trägt. Auch Henriette bleibt stehen. Carl van der Woelde scheint dem Baron zu Hilfe kommen zu wollen, aber es gibt nichts, was er tun könnte. Der Baron legt Kornélia auf den Operationstisch, rührt sich jedoch nicht von ihrer Seite. Der Chefarzt bedeutet ihnen hinauszugehen, aber sie nehmen ihn kaum wahr. Er muß sie gewaltsam hinausdrängen. Er schließt die Tür. »Wünschen Sie es im Dunkeln? Oder soll ich Licht machen?« »Ich kenne Ihre Gewohnheiten noch nicht. Aber wenn möglich, sprechen Sie kein Wort. Tun Sie es.« STILLE UND SCHREIE Kein Licht, kein Ton, kein Geräusch, keine Bewegung. Es gibt diese dichte Stille, deren Abgrund es uns zu ergründen drängt. Aber nur taube und blinde Phantasie könnte irgendetwas herausfinden. Die Stille des Lauschens und eifersüchtigen Spähens durchbrechen Schreie. Wird jemand ermordet? Oder im Gegenteil? Bricht so eine noch nie dagewesene Freude aus? Wenn die Söldner Christus beide Hände mit Nägeln durchbohren? Wenn ein dumpf hallender Sarg zugenagelt wird? Oder es pocht nur das betrogene Herz so laut. Der Baron schreit im Dunkeln auf, doch er rührt sich nicht von der Stelle. Henriette vergräbt ihr Gesicht in die Hände und läuft so über den dunklen Flur. Das rhythmische Hämmern, die rhythmischen Schreie gehen in einen Aufschrei über, aber selbst dieser Aufschrei kennt noch eine rhythmische Steigerung. Der Baron schwankt davon. Carl van der Woelde bleibt allein. Er überläßt sich den Stimmen. Röchelnd und lachend und weinend wird er eins mit ihnen. DUETT CON SPIRITO, CON PASSIONE »Zum Friedhof hast du meine Seele gemacht. Niedergemetzelt alle meine Gefühle. Du brauchtest meine Liebe nicht? Sie verwest in meinen Lungen. Mein Mitleid? Ich beerdige es. Auch Schwester darf ich dir nicht sein, wenn ich es nicht bin? Lieber fresse ich mein eigenes Herz auf, als daß ich dich damit belästige. Sollen wir auch der Freundschaft die Gurgel durchschneiden? Schneiden wir sie durch. Alle meine Ängste erdrosseln? Dreh ihnen den Hals ab, dann vergrabe ich sie. Auch meinen elenden Körper brauchst du nicht? Mein Haß zerfetze ihn in kleinste Stücke, die Brüste schneide ich mir ab, reiß mir den Schoß raus, hack mir den Kitzler weg, daß alles zusammen verwese. Auch mein Finger soll deine Haut nicht berühren. Gut, auch ihn reiß ich raus. Ich soll dich nicht anschauen? Stich mir die Augen aus. Ich soll nicht mehr Atem holen? Deinen Duft nicht mehr riechen? Deinen Spuren nicht mehr folgen? Keine Angst. Wenn wir fertig sind, schmeiß alles in den Eimer, ich werd es dann mit den Zähnen verscharren. Du willst den Schmerz nicht sehen? Auch nicht vernehmen? Ich werde ihn hinunterschlucken, sobald er aufstößt. Ihn ausscheißen, auspissen, die Pisse trinken und die Scheiße auffressen. Mein Gelächter steinigen. Reiß mir die Zunge raus, die Zähne schlag ich mir der Reihe nach selbst aus, damit sie beim Schluchzen nicht klappern. Auch das verzehrende Fieber meiner Eifersucht soll deinen süßen Traum nicht stören. Lach ruhig, spotte nur. Ich werd meine ganze Demütigung gefrieren lassen, bis sie als Eis abfällt. Deine Verachtung erhitzen, bis sie verdampft. Was soll ich noch tun? Wie soll ich dir zu Diensten sein, daß es dir nicht lästig ist? Daß dir nicht zur Last wird, was du selber wünschst, und du nicht merkst, wie ich deinen Wunsch augenblicklich befriedige. Wie soll es sein, was nicht sein darf ?« »Ich weiß nicht, wovon du sprichst, Henriette. Soviel ich weiß, hast du deinen Lohn jeden Monat ordentlich zur Bank getragen. Er wird Zinsen bringen.« »Oh, verzeih mir diese letzten Vorwürfe. Es wird keine mehr geben, ich verspreche es.« »Du kaufst dir ein Haus. Die Zeit geht dahin. Und wenn du in der Dämmerung spazierengehst, wirst du dich dieser Stunde schämen.« »Ich schäme mich ihrer schon jetzt.« »Überlege doch, Zinsen, Erinnerungen und selbst deine Schande, das alles wirst du dann genießen.« »Seit mich das Schicksal an deine Seite gestellt hat, mache ich nichts anderes, als die Schande zu genießen. Ich genieße sie.« »Dann könntest du die ganze Geschichte getrost auch umgekehrt erzählen.« »Ich könnte es. Aber ich tue es nicht.« »Wir beide, Henriette, wissen, was wir wissen.« »So einfach ist das also.« »So einfach, ja.« »Dann halten Sie mich also auch jetzt nicht zurück, Fräulein?« »Gehen Sie ruhig.« »Soll ich unsere gemeinsamen zehn Jahre mit zu den Zinsen rechnen?« »Für mich soviel wie für dich.« Zwischen Kleiderhaufen und geöffneten Koffern kniend, richtet sich Henriette in dem dunklen, unaufgeräumten Zimmer langsam auf. Beide machen einen Schritt, einen zögernden, doch notwendigen, dann umarmen sie sich und verharren lange so. Eine Faust pocht an die verglaste Terrassentür. »Halt ihn auf.« Hinter dem Glas der Baron. »Im Gegenteil. Ich setz ihn auf deine Fährte.« Kornélia flüchtet zum Flur. IM TURMZIMMER Die Wendeltreppe, über die sie einst hinunter in die Küche gelaufen war. Diesmal nach oben. Noch eine Windung und noch eine Windung, endlos. Dann eine schwere, eisenbeschlagene Eichentür. Und kein Weiter, doch ihr auf den Fersen schwere, polternde, nach oben jagende Schritte. Vorsichtig klopft sie an, keine Antwort. Schon ist das schwere Keuchen des Näherkommenden zu hören. Sie stürzt hinein und wird geblendet vom Winterlicht, das durch die weit geöffneten Fenster in das leere Turmzimmer hereinbricht. Von überallher kommen Licht und Luft, überall spiegelt sich Licht, überall gibt es weit geöffnete Fenster, die von der Ebene des glänzenden Fußbodens geradewegs in die Tiefe aufgehen. »Helfen Sie mir bitte!« Der Fürst sitzt auf einem Kissen. »Henry!« Der uralte Kellner reicht ihm eine Tasse Tee. »Und Sie, kommen Sie näher.« Kornélia bleibt an der Tür stehen. Die Worte hallen in dem riesigen Saal wider. In der Stille zwischen den Worten pfeift leise der Wind. »Henry!« Schlurfend geht der alte Kellner, um ein zweites Kissen zu holen. »Ich fürchte, er bringt mich um.« »Früher oder später.« Es klopft an die Tür. »Es braucht zuviel Zeit, bis ich imstande bin, es selbst zu tun.« »Das ist sehr interessant. Jahrzehnte vergehen und nichts geschieht. Und danach geschieht wieder nichts. Darauf aber müssen Sie schon Jahrhunderte warten. Haben Sie keine Angst. Dann sind Sie imstande, es zu tun.« Der alte Kellner schlurft gemächlich mit dem Kissen herbei, das er Kornélia offeriert. Pochen an der Tür. »Henry!« »Ich bitte Euer Gnaden, ihn einfach hinauszuwerfen.« »Lassen Sie sich nicht bitten, Sie stören wirklich nicht. Wir nehmen den Tee dreimal am Tag.« Der alte Kellner öffnet die Tür. Der Baron keucht im pfeifenden Zugwind. »Liebes Brüderchen, mit welcher Waffe wollen Sie die Tat denn begehen?« Der Baron antwortet nicht. »Henry!« Der alte Kellner gießt Tee für Kornélia ein, die die Tasse nimmt, ohne sich jedoch auf dem Kissen niederzulassen, da sie entschlossen ist, zu fliehen. »Henry, so helfen Sie den Liebenden doch.« Der Alte schlurft zur Tür und bleibt erwartungsvoll vor dem Baron stehen. »Unser liebes Brüderchen wird die Waffe aushändigen. Was haben Sie dabei? Messer? Pistole?« Zögernd tastet der Baron an sich herum. »Henry wird sie gern entgegennehmen.« Der Baron reicht ihm seine Pistole. »Henry!« Er zaubert aus seinem Ärmel ein weißes Tuch hervor, nimmt die Pistole mit dem Tuch entgegen, rollt sie sorgfältig darin ein und schlurft zu dem am weitesten entfernten Fenster. Der Baron geht wie ein Schlafwandler auf Kornélia zu. »Oh, unser liebes Brüderchen ist imstande, sie auch mit den bloßen Händen zu erwürgen. Oh, Henry, beeil dich.« Die Pistole fällt in die Tiefe. »Der Lauf des Wassers läßt sich mit einem geeigneten Felsbrocken natürlich doch aufhalten.« Kornélia weicht, wie jemand, der in die Falle gegangen ist, aber immer noch einen Ausweg sucht, mit der Tasse in der Hand vor dem Baron zurück. Jetzt kann sie nur noch in die Tiefe ausweichen. Nicht einmal die Tasse läßt sich irgendwo abstellen. »Sicher dürfen wir auch dem Herrn Baron einen Tee anbieten.« Der Alte schlurft. »Vergessen Sie nicht, der Herr Baron nimmt ihn mit Milch.« Sie nähern sich dem Abgrund, Zentimeter um Zentimeter. Der alte Kellner schlurft mit der Teetasse hinterher. Der Baron nimmt sie entgegen. Die Tasse in der Hand des Barons klappert jetzt in der Stille, und die Tasse in der Hand Kornélias klappert vor Erregung. Im allgemeinen Gelächter lacht der Fürst schallend auf. »Weder nach oben noch nach unten. Also das ist wirklich komisch. Weder nach oben noch nach unten. Zu komisch.« Der Fürst kichert. »Man kann das Wasser also auch mit Tee aufhalten.« Der Fürst lacht schallend in dem hallenden Saal. »Weder nach oben noch nach unten, also das ist wirklich komisch. Zu komisch, weder nach oben noch nach unten.« ZWEI BILDER AUS DER VERGANGENHEIT Zwischen den sich nach oben öffnenden Strahlen der gestrafften Seile füllt die Kugel des Luftschiffs alles aus. In Wolkenritzen aufragende Felsengipfel. DER STILLSTE NACHMITTAG DES JAHRES In Wolkenritzen aufragende Felsgipfel. Auch dieses Bild fällt auf den blanken Fußboden. Kornélia kauert nackt davor. Am Boden des Zimmers Bild neben Bild, ihre Bilder. Sie schlingt die Arme um die Knie. Still vor sich hin starrend, summt sie Albertos albernes Liedchen. Schaukelt ein wenig. Dann hält sie plötzlich ein, blickt auf. Das ist nicht ihr eigenes Appartement. Vor dem Fenster sitzt Carl van der Woelde an seinem Schreibtisch, über seine Papiere gebeugt, schreibt er im Morgenrock. Draußen geht der bleierne Winternachmittag in den Abend über, und der Schnee fällt dicht. Kornélia schlendert zum Schreibtisch, umfaßt von hinten die Schultern des Mannes und wirft sich mit ihrem ganzen Körper über ihn. Der Mann schreibt das letzte Wort nieder. Kornélia hält ihm mit beiden Händen die Augen zu. Carl van der Woelde setzt blind den Punkt hinter das letzte Wort. Der Punkt kommt nicht an die richtige Stelle, findet aber einen angenehmen Platz. »Wollen wir Tee trinken?« »Warum nicht?« »Ich habe die letzten Worte.« Kornélia nimmt die Hände von seinen Augen, schlendert zum Tisch, füllt in eine Tasse Tee, überreicht sie ihm. »Ich höre.« Sie schenkt auch sich selbst ein, und während sie mit ihrer Tasse zum Fenster schlendert, mustert Carl van der Woelde seinen letzten Satz aufmerksam. »Weder nach oben noch nach unten. Das waren seine letzten Worte. Doch das letzte Bild kennt niemand. Und so besagten seine letzten Worte, daß er sein letztes Wort nicht kennt.« In der Stille nippen sie an ihrem Tee. Carl van der Woelde betrachtet zufrieden seine Papiere, Kornélia schaut aus dem Fenster. »Er steht noch immer da.« Der Baron steht vor einer verschneiten Thuja unten im Schneegestöber. Und beobachtet das Fenster. Im Fenster die nackte Kornélia. »Wirklich?« Fast gleichzeitig stellen sie ihre Tassen hin, Kornélia kehrt zu ihren Bildern zurück, Carl van der Woelde zu seinen Papieren. Bedächtig sammelt Kornélia ihre Bilder, Carl van der Woelde seine Blätter ein. »Dann muß es auch noch ein letztes Bild geben.« »Zu dem es kein letztes Wort mehr geben wird.« »Dann bleibt es mir überlassen.« »Es bleibt dir überlassen.« »Dann gibt es keine Symmetrie.« »Oder doch.« Kornélia lacht hell auf. »Wir werden es sehen.« »Aber kein Wort mehr darüber verlauten lassen.« Das Lachen Carl van der Woeldes stimmt in Kornélias Lachen ein. »Soll ich mich für das Bild ausziehen? Oder so bleiben?« »Ich weiß nicht. Ich stelle erst einmal ein.« Und von nun an fällt tatsächlich kein Wort mehr, jeder verrichtet seine Arbeit. Kornélias Kamera auf dem rollbaren Atelierstativ steht in der Ecke. Sie rollt sie vor das ungemachte Bett, und während sie sorgfältig die Bildkomposition einstellt, die Schärfe auf Falten und Höhlen der aufgeworfenen Bettdecke und des zerwühlten Lakens richtet, wühlt Carl van der Woelde in der Schublade seines Schreibtischs. Als er alle notwendigen Utensilien gefunden hat, stößt er die Schublade wieder zu. Aus einer Schachtel nimmt er eine Spritze, aus einer zweiten, kleineren Schachtel eine Nadel. Die Giftkapsel aus einer dritten. Er feilt an der Spitze der Kapsel herum. Saugt die Spritze sorgfältig voll, nimmt sie mit zum Nachtschränkchen. Sieht Kornélia an. Sie nicken. Er beginnt sich auszuziehen. Nackt legt er sich aufs Bett, stützt seinen Kopf auf den Ellbogen. Durch die Linse sehen sie einander an. So warten sie auf den richtigen Augenblick. Bevor er eintritt, entsteht eine kleine Verwirrung zwischen beiden. Kornélia gibt ein Zeichen, daß nun alles in Ordnung sei, doch Carl van der Woelde rührt sich nicht, als habe er sie nicht verstanden. Kornélia tritt näher heran, setzt sich dann auf die Bettkante und faßt den auf der Seite liegenden Mann an der Schulter, als frage sie ihn, was er noch wünsche. Sie sehen einander an, und die Frage ist gleichzeitig auch die Antwort. Kornélia nickt, der Mann dreht sich auf den Rücken. Kornélia hält die Spritze hoch und zieht den Arm des Mannes auf ihren Schoß. Damit es leichter geht, preßt Carl van der Woelde seine Hand zur Faust, so daß die Vene hervorspringt. Kornélia spritzt den ersten dünnen Strahl in die Luft, dann sticht sie die Nadel in die Vene. Sie läßt nur die Hälfte heraus. Die verbleibende Hälfte zeigt sie hoch. Sie lächeln zufrieden. Vielleicht werden sie noch einen letzten Kuß tauschen. Aber sie tauschen keinen letzten Kuß. Kornélia erhebt sich, und Carl van der Woelde rollt in seine vorherige Stellung zurück. Er liegt auf der Seite, auf den Ellbogen gelehnt, das Kinn in die Hand gestützt. Verfolgt das Geschehen mit den Augen. Nicht begierig, nicht erregt, auch nicht teilnahmslos. Seine Teilnahmslosigkeit gehört zur Vergangenheit, das aber ist schon Zukunft. Kornélia kehrt hinter die Kamera zurück. Die Zyanose verfärbt die Haut. Der Körper des Mannes will sich vor Krämpfen krümmen, doch er widersetzt sich. Er möchte ein Bild, das schön zu werden verspricht, nicht verderben. Diesem letzten Wunsch kann er nur genügen, wenn er sich ins Fleisch seiner eigenen Hand beißt. Und wirklich zerbeißt der Schmerz das Fleisch. Das ist das letzte Bild. Die Kassettenvorrichtung schließt sich. Auch Kornélia sieht nicht länger zu, obwohl noch die letzten Ausläufer des Todeskampfs vom Bett her zu vernehmen sind. Am Schreibtisch sitzend, wartet sie ab. Als alles still ist, geht sie mit abgewandtem Gesicht zum Nachtschränkchen. Sie nimmt die Spritze und geht damit zum Fenster. Draußen tobt der Schneesturm mit mächtigen Stößen. Neben der verschneiten Thuja steht niemand mehr. Sie spritzt das Gift in die abgestellte Tasse. Zieht die Nadel raus, legt alles ordentlich in die Schachteln und die Schachteln in die Schreibtischschublade zurück. Dann zieht sie sich an, das heißt, streift sich hastig ihre Kleider über. Dazu Pelzmantel und Pelzmütze. Es ist fast schon dunkel. Sie geht aus dem Zimmer und schließt die Tür leise. BIS ENDLICH DER SCHNEE ALLES ZUDECKT Ein Sturmwind fegt und peitscht den Schnee durch die Säulenhalle. Sie ist geblendet. Muß sich mit ihrem ganzen Körper dagegenstemmen, um voranzukommen. Säule um Säule, und von Säule zu Säule begleitet sie ein schwarzer Schatten. Ihr scheint, als würde sie die letzte Säule niemals erreichen. Noch ehe sie ins Freie kommt, schleudert der Wind ihr eine trichterförmig aufsteigende Schneesäule ins Gesicht. Sie gerät aus dem Schritt und stolpert in irgendeine kleine Vertiefung. Sie wäre aus dem Gleichgewicht gekommen, irgendjemand aber packt sie, um ihr zu helfen. Sie reißt sich los und läuft, so schnell sie kann, doch der Schatten verfolgt sie. Auf unwegsamen Wegen steigt sie aufwärts. Möglicherweise dorthin, wo sie in dem im Nichts versunkenen Sommer vom Durchfall überrascht worden war. Mal sieht sie ihren Häscher, mal nicht. Manchmal entfernen sie sich ganz weit voneinander, dann trennt sie nur noch eine Armeslänge. Und dann gibt es kein Weiter und kein Höher mehr, weil jede Richtung verlorengegangen ist. Der Schneesturm hat auf dieser Hochebene alles verweht und verfinstert. Vielleicht ist es schon Nacht. Nichts als Schnee und Finsternis. FUND Als ob das Licht sich in Kristallen bräche. Unter strahlendem Himmelsblau kreischen Sägemaschinen. Vier auf einmal. Dann drei. Zwei bleiben weg. Dann wieder vier. Als gar keine mehr kreischt und plötzlich Stille einkehrt, ist durch das liebliche Blau das Lärmen eines näherkommenden Hubschraubers zu hören. Dann greifen wieder drei Sägemaschinen auf einmal, kurz danach auch die vierte das Eis an. In der gähnenden Tiefe des verschneiten Gebirgssees arbeiten vier kleine Gestalten. Zersägen das Eis. Aus dem über ihnen kreisenden Hubschrauber wird ein Drahtseil heruntergelassen. An seinem Ende teilt es sich in vier Stränge, an deren Enden harpunenähnliche Haken hängen. Unten wird das Eis jetzt nicht mehr zersägt, sondern aufgebohrt. Langes Herumhantieren. Um die Operation durchführen zu können, muß sich der Hubschrauber heben und senken, mal mehr, mal weniger, sich mal hierhin und mal dorthin bewegen, obgleich er auf der Stelle schweben müßte. Mal wird die eine, mal die andere kleine Gestalt von dem Drahtseil von den Füßen gerissen. Der Kampf ist ziemlich aussichtslos. Als alle aussichtslosen Bemühungen schon der Lächerlichkeit anheimfallen, findet endlich einer der Haken einen Halt, und daraufhin läßt sich auch für den zweiten, dritten und vierten leicht eine Stelle finden. Unten wird ein Zeichen gegeben. Das Drahtseil wird von der Winde gespannt, und ein Eisblock steigt durch die Oberfläche des zugefrorenen Gebirgssees empor. Mit ihm schwankt der Maschinenvogel, das Drahtseil gibt ein knarrendes, kreischendes Geräusch von sich, hält jedoch stand. Der Eisblock steigt immer höher empor. Unten wird glücklich gewinkt, Pelzmützen werden in die Luft geworfen. Der Eisblock gewinnt eine Höhe, wo er nicht mehr vor der Gefahr bewahrt werden muß, durch die Schwingung abzureißen. Der Hubschrauber steigt auf, um die das Tal umschließenden Berge zu überfliegen. Als er über den Bergen ist, durchleuchten die Sonnenstrahlen den Block. Wenn es glückt, wird man die zu Eis gefrorene Kornélia abtransportieren. Aber das Eis tropft unheil verkündend über die Haken hinab. Finita la commedia. Über den Autor: Péter Nádas, Erzähler, Dramatiker, Essayist und Fotograf wurde 1942 in Budapest geboren. Für seinen Roman Buch der Erinnerung (1986, dt.1991) wurde er u.a. mit dem Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur (1991), dem französischen Prix du Meilleur Livre Étranger und dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung (1995) ausgezeichnet. Die Übersetzung seines großen 2005 in Budapest erschienen Romans Parallelgeschichten erscheint 2011 im Berlin Verlag. Péter Nádas lebt in Gombosszeg und Budapest. Die Übersetzung wurde gefördert vom Literarischen Colloquium Berlin mit Mitteln des Auswärtigen Amtes und der Senatsverwaltung für Wissenschaft, Forschung und Kultur Berlin. Die Originalausgabe erschien 1995 unter dem Titel A fotográfia szép története bei Jelenkor Kiadó, Pécs. © 1995 Péter Nádas Für die deutsche Ausgabe © 2001 Berlin Verlag, Berlin Umschlaggestaltung: Nina Rothfos und Patrick Gabler, Hamburg, unter Verwendung einer Daguerreotypie aus Frankreich (ca. 1855) von einem unbekannten Fotografen Erscheinungstermin dieser eBook-Ausgabe: 2010 ISBN 978-3-8270-7181-1 www.berlinverlage.de www.greifswalder207.de