Copyright dieser Ausgabe © 2013 by Edel:eBooks, einem Verlag der Edel Germany GmbH, Hamburg. Copyright © by Rolf und Alexandra Becker Dieses Werk wurde vermittelt durch die Michael Meller Literary Agency GmbH, München. Covergestaltung: Agentur bürosüd°, München Konvertierung: Jouve www.LuL.to ISBN: 978-3-95530-088-3 edel.com facebook.com/edel.ebooks Inhaltsverzeichnis Titel Impressum VORBEMERKUNG WARUM DIE FRAU SENATOR IHREN VERLOBUNGSTAG VERGESSEN HAT DIE MÄR VON DEM KLEINEN ARMENIER EIN TÄSSCHEN KAKAO GEFÄLLIG? KLEINE GESCHÄFTE ERHALTEN DIE FEINDSCHAFT DIE CHE-WAG-WANG-HOA-PAPIERE VORBEMERKUNG Wenn wir die Geschichte von Dickie Dick Dickens erzählen, haben wir mit allerlei Schwierigkeiten zu kämpfen. Zum ersten kann bis heute trotz mannigfaltigen Nachforschungen1 kein Nachweis erbracht werden, dass der als ‚Millionentöter von Chicago’ in die Geschichte der USA eingegangene Meister erlesener Verbrechen überhaupt gelebt hat. Zwar waren zur damaligen Zeit 623 Männer namens Dickens in der Metropole am Michigansee ansässig, davon 38 mit dem Vornamen Richard, der gern mit der Kurzform Dick bedacht wird, von denen jedoch nachweislich keiner je die Pfade der Ehrsamkeit verlassen hat. Des Gesetzesbruchs verdächtig waren drei Einwohner mit Namen Dickens, nämlich Alfred, Willibald und Andrew, Alfred wegen Kaufhausdiebstahls, Willibald wegen wiederholten Ehebruchs und Andrew wegen Taschendiebstahls, der jedoch in so geringfügigem Ausmaß dokumentiert ist, dass eine geistige Brücke zu dem legendären Dickie Dick Dickens kaum geschlagen werden kann. Das alte Blockhaus am Rande der Stadt, das Dickens und seine Getreuen angeblich bewohnt haben, ist einer Wohnsiedlung mit 22 Reihenhäusern gewichen. Aus Rücksicht auf die Unversehrtheit der Gebäude sowie der Ruhe der Hausbewohner wurde von Grabungen abgesehen, mit denen eventuell die Grundmauern des Dickens’schen Hauses freigelegt hätten werden können. Somit kann ein Nachweis über seine Heimstadt nicht erbracht werden. Geradezu kläglich verlief die Suche nach Dickies Hehlerfreund Josua Benedikt Streubenguß. Ein Mann dieses Namens war im weiten Umkreis von Chicago nicht auffindbar. Wohl gab es in Wilmette, nördlich von Chicago, einen Schneidermeister Smith, der sich gern mit fremden Namen schmückte, da ihm die Alltäglichkeit seines Namens zuwider war. Es darf vermutet werden, dass er sich dabei auch mal so ähnlich wie ‚Streubenguß’ genannt hat. Zum zweiten ergeben die Nachforschungen des kanadischen Historikers Helmar W. Snapton ein total widersprüchliches Bild. In einer von weiten Fachkreisen beachteten Denkschrift weist er nach, dass ein multipler Gesetzesbrecher namens ‚Dickie Dick Dickensen’ in den 20ger und 30ger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Nähe von Chicago sein Unwesen getrieben hat. Es mag daher die Vermutung nahe liegen, dass sich deshalb viele Leser entschlossen, die Berichte über Dickie Dick Dickens für wahr zu halten und auch vorliegendes Buch für bare Münze zu nehmen. WARUM DIE FRAU SENATOR IHREN VERLOBUNGSTAG VERGESSEN HAT Dieses ist die aufsehenerregende Geschichte von Dickie Dick Dickens, der weltweit für den raffiniertesten Betrüger ‚dieser unserer Welt’ seit Cagliostro und Dr. Faust gehalten wird, Dickie Dick Dickens, dem gefährlichsten Mann in der gefährlichsten Stadt des gefährlichsten Landes des Erdballs, der USA. Schlank ist er, rank ist er, dunkle Haare nennt er sein eigen und blaue Augen, mit denen er furchtlos in die Ferne späht und Gefahren wahrnimmt, ehe sie noch auftauchen. Er ist etwas reifer geworden, seit wir ihn das letzte Mal begleiteten, reifer und abgeklärter, doch nach wie vor der Heißsporn mit der quirligen Jungens-Seele, der Gentleman mit der schnellen Hand. Heimgekehrt ist er aus dem fernen, unwirtlichen Canastericana, wo er nur mit Mühe dem (fast) sicheren Tode entronnen war, um nun im vertrauten Chicago ein geruhsames Leben durchzustehen, gemeinsam mit seinen treuen Weggefährten, seiner blondgeschopften Frau und Braut Effie Marconi, seinem väterlichen Freund Opa Crackle, dem rastlosen Draufgänger, sowie dem rosigen Schloh, dem dünnen, abergläubischen Bonco. Wie wir wissen, flochten sich auch freundschaftliche Bande zu dem Chicagoer Juwelier und Hehlerfürst Josua Benedikt Streubenguß, der in Dickies Abwesenheit ab und zu in dessen Blockhaus am Rande der Stadt nach dem Rechten gesehen und die Katze gefüttert hatte. Das Haus war zwar enorm verwahrlost und von Staubmassen bedeckt wie die Zugspitze vom Novemberschnee. Aber Effie und der wie stets hilfsbereite Bonco schufen in weniger als drei Tagen Ordnung. Ein Klavierstimmer war rasch bestellt, so dass Dickie seine Gefährten alsbald mit entzückenden Walzermelodien erfreuen konnte. Nachdem nun das Haus bestellt war, betrachtete Dickens seine Freunde. Nun ja, an der bezaubernden, glutäugigen Effie war nichts auszusetzen. Dickie hatte ihr ein neues Kleidchen gekauft, ihr Make up und die Frisur waren perfekt, sie war, wie in alten Tagen, hinreißend. Auch mit Bonco konnte man zufrieden sein. Er sah zwar ein wenig mickrig aus, aber das gehörte gewissermaßen zu seiner Persönlichkeit. Aber Opa Crackle? Oh weia! An seinen zahnlosen Mund war man zwar gewöhnt, aber er bedurfte nach Dickies Meinung dringend der Abhilfe. Bonco hatte schon einen Wahlspruch parat: „Was immer mir am Herzen lag ist eine gute Tat am Tag.“ Also packten Dickens und Bonco den sich mäßig sträubenden Opa Crackle ins Auto und fuhren mit ihm zum besten Zahnarzt der Stadt. Der setzte den sich nun heftiger sträubenden Opa auf seinen Behandlungsstuhl, fuhrwerkte in dessen Mund herum und nahm Maß. Schon eine Woche später war ein blendend weißes, hervorragend passendes Gebiss geschaffen, und Opa Crackle sah jetzt um Wochen jünger aus. Dickie Dick Dickens war zufrieden, Bonco war zufrieden, Effie Marconi war zufrieden, und sogar Opa Crackle war zufrieden. Das geregelte Leben in dem alten Blockhaus am Rande der Stadt konnte seinen Lauf nehmen. Weit draußen, am Weichbild der Stadt, ereignete sich indessen ein Vorfall, der für Dickie Dick Dickens einige Bedeutung gewinnen sollte, ohne dass er zunächst davon etwas ahnen konnte. Auf einer wenig befahrenen Landstraße, landesüblich auch Highway genannt, begegnen wir dem Senator Wilbor M. Hickombottom, welcher mit seinem 12-Zylinder-Cadillac voranzukommen sich bemühte. Doch nützten ihm die 12 Zylinder wenig, er hatte eine Panne. Das Fahrzeug stand und rührte sich weder durch verzweifeltes Drehen des Zündschlüssels noch durch gutes Zureden. Der Senator verfluchte sich selbst, dass er seinem Chauffeur für diesen Tag Ausgang gegeben hatte, weil der auf dem Hühnerhof seiner Kusine den Zaun reparieren wollte. Da stand er nun, der Senator, und war ratlos. Weit und breit keine Telefonzelle, aus der er Hilfe hätte herbeiholen können. Was sollte er tun? Der klapprige Ford, der eine Weile hinter ihm hergefahren war, hatte ihn infam überholt, als er so hilflos am Straßenrand stand, ohne Anstalten zu machen, ihm zu helfen. Doch siehe da, jetzt machte das Fahrzeug kehrt und kam zum Senator zurück. Ein kräftig gebauter Mann stieg aus, wischte sich die Hände am Hosenboden ab und grinste Hickombottom an. „Irgendwas kaputt?“ fragte er. Der Senator gab seiner Erleichterung durch einen Seufzer kund. „Oh ja, mein Herr, sehr liebenswürdig. Mein Wagen hat einen Motordefekt, scheint mir.“ „Ja, so was passiert schon mal“ erwiderte der Mann und wischte sich mit einer fahrigen Bewegung der rechten Hand über den Hosenboden. „Aber ich kann mit diesen Dingen überhaupt nicht umgehen“, klagte der Senator. „Ich bin ein gänzlich untechnischer Mensch. Und mein Chauffeur hat heute Ausgang.“ „Machen Sie sich mal keine Sorgen, Herr Senator, ich helfe Ihnen.“ Senator Hickombottom zeigte sich gerührt. Das war wirklich Hilfe in höchster Not. Dennoch wunderte ihn etwas. Es machte ihn nicht stutzig – das war ein Fehler – aber es wunderte ihn. Woher kannte ihn dieser Mensch? „Oh, Sie kennen mich?“ fragte er erstaunt. Der Mann grinste schief. „Aber Herr Senator, wer kennt Sie nicht. Übrigens, mein Name ist Manza, Ambrosio Manza, sehr angenehm!“ Er streckte dem Senator eine klobige Rechte entgegen. Der schlug zögernd ein. Wischte sich aber dann selbst die Hand am Hosenboden ab. „Also Motordefekt?“ Der Senator nickte. „Der Wagen ist einfach stehen geblieben. Einfach so. Ich bin auf so etwas nicht vorbereitet. Mir fehlt der technische Verstand. Und das Fingerspitzengefühl, nicht wahr?“ „Macht doch nichts. Der Mensch kann nicht alles können, geht nicht.“ „Ich weiß nicht einmal, ob ich einen Werkzeugkasten dabei habe!“ Der Mann, der sich Ambrosio Manza nannte, grinste wiederum wie eine Kuh beim Melken. „Kein Problem, Herr Senator, überhaupt kein Problem, nicht das geringste! Ich habe Werkzeug.“ „Oh, das ist aber wirklich ein glücklicher Zufall, der Sie, mein Herr, des Weges geführt hat.“ Manza wiegte den Kopf und grinste weiter. „Na ja, ein Zufall war das gerade nicht“ sagte er, wischte sich die Hand, diesmal war es die linke, am Hosenboden ab, ging breitbeinig zu seinem Wagen. Doch was er herausholte, war, wie der Senator auf der Stelle feststellte, kein Werkzeugkasten sondern eine Maschinenpistole. Er lud die Waffe einmal durch und richtete den Lauf auf die angstbebende Brust des Senators. Dann forderte er ihn unmissverständlich auf, in seinem alten Auto Platz zu nehmen, schlug die Wagentür hinter ihm ins Schloss, setzte sich ans Steuer und fuhr, die amerikanische Nationalhymne vor sich hinpfeifend, davon. Dickie Dick Dickens und seine Getreuen hatten sich in der neuen und sogleich alten Umgebung eingelebt. Nach einem Dutzend ruhiger Tage, die er damit verbrachte, im stillen Heimstudium seine kriminellen Fähigkeiten zu höchster Meisterschaft fortzuentwickeln, drängte es ihn nach neuen Taten, ‚hinaus ins feindliche Leben’, wie der Dichter sagt, hinaus aus dem behaglichen Blockhaus am Rande der Stadt ins Zentrum der herrlichen Millionenmetropole. Sein sonst so stahlhartes Herz wurde ein wenig weich, als er gemächlich durch die altvertrauten Straßen fuhr, mit nostalgischem Behagen das Bananenverkäuferviertel umrundete, in dem er so manch fröhlichen Fischzug gemacht hatte, und das ihn nun zu neuem biederen Tun anregte, und weiter durch die winkligen Straßen zum Juweliergeschäft seines alten Vertrauten Josua Benedikt Streubenguß. Der begrüßte ihn mit geradezu emphatischer Freude, umarmte ihn sogar und gab ihm einen feuchten Kuss auf die Wange. „Schön, dass Sie wieder da sind, Mr. Dickens!“ purzelte es aus seinen schmalen Lippen heraus. „Sie scheinen ja in blendender Verfassung zu sein, stattlich, drahtig, elastisch wie in der guten alten Zeit!“ „Na, na, na!“ wehrte Dickie ab. „Sie hingegen scheinen sich in ziemlicher Verlegenheit zu befinden, sonst würden Sie mir nicht derart plumpe Komplimente machen.“ Damit hatte er offenbar den Nagel auf den Kopf getroffen. Streubenguß wiegte den Kopf hin und her und lächelte verbindlich. „Nicht in Verlegenheit, mein Bester, das wäre schlimm. Ich glaube jedoch, dass mich eine Situation erwartet, in der nicht nur meine Geistesgaben sondern auch Ihre sprichwörtliche Geschicklichkeit dienlich sein könnte.“ Es verwunderte Dickens nicht übermäßig. Der gute alte Streubenguß hatte immer mal wieder mit verzwickten Situationen zu tun. Trotzdem fragte er: „Ach?“ „Hören Sie“, erklärte Streubenguß, „Mrs. Hickombottom hat mich angerufen – Theresa Hickombottom, die Ehefrau von Senator Hickombottom.“ „Dem Möbelfabrikanten?“ „Richtig. Er ist der größte Möbelfabrikant des Kontinents. Seine Frau möchte ein Geschäft mit mir machen.“ Dickens lachte. „Und das bringt Sie so in Wallung? Streubenguß, Sie werden alt. Die liebe Dame wird ein Schmuckstück kaufen wollen.“ „Eben nicht!“ wendete Streubenguß ein. „Eben nicht!!“ Er atmete tief. „Sie will v er kaufen! Und zwar ihren eigenen Schmuck!“ Seine sonst eher trüben Augen leuchteten verschmitzt. „Nun habe ich mir Folgendes gedacht: Mrs. Hickombottom wird mir den Schmuck vorlegen. Ich werde ihn begutachten und umständlich den Preis aushandeln. Sie kommen wie zufällig dazu, tauschen mit Ihrer phänomenalen Geschicklichkeit einige der Schmuckstücke gegen Kopien aus, die ich stets in reichhaltiger Auswahl auf Lager habe. Ich kann mich dann doch nicht zum Kauf entschließen. Sie nimmt ihren Schmuck, das heißt die Kopien, und geht nach Hause. Ich aber behalte die echten Steine. Na, ist das was?“ Er kicherte vergnügt. Dickens konnte seine Fröhlichkeit nicht teilen. „Josua, Josua“, sagte er vorwurfsvoll, „Sie sind mir schon ein rechter Spitzbub!“ „Im Ernst, Mr. Dickens, das ist doch ein reeller Vorschlag.“ „Ihre sprichwörtlichen Geistesgaben lassen nach, Streubenguß! Sie wird den Handel doch sofort mit dem nächsten Juwelier abschließen wollen. Der merkt, dass der Schmuck gefälscht ist, und Sie sitzen in der Tinte.“ „Ich würde mich natürlich herausreden, ich würde...“ „Debattieren Sie nicht!“ unterbrach Dickie. „Denken Sie nach!“ „Was gäbe es da nachzudenken?“ „Da steckt doch was dahinter!“ Streubenguß versuchte zu begreifen. Es gelang ihm nicht. „Wohinter steckt, bitte, was?“ Dickie erklärte langsam, zum Mitdenken: „Die Hickombottoms gehören zu den reichsten Leuten der Stadt. Der Senator ist absolut liquide. Außer seinen Einnahmen aus der Fabrik hat er die höchste Bestechungsrate im Senat. Warum sollte seine Frau plötzlich genötigt sein, ihren Schmuck zu veräußern?“ „Das frage ich mich auch.“ Dickie schlug sich mit der Faust vor die Stirne. „Mein Gott, Streubenguß, fragen Sie nicht sich, fragen Sie Mrs. Hickombottom!“ „Wie meinen Sie?“ „Sie wird ja wohl bald kommen.“ Streubenguß nickte heftig. „Jeden Moment.“ „Na also!“ In Dickens’ Gehirn stand der Plan bereits fest. Es war ein Plan, der in den unabhängigen Amsterdamer Gerichtsannalen des Jahres 1958 als ‚schlichtweg genial’ bezeichnet wurde. Schnell weihte er Streubenguß in sein Vorhaben ein und gab ihm exakte Anweisungen, wie er sich zu verhalten habe. Josua Benedikt Streubenguß begriff mit Mühe und versprach, gewissenhaft nach Dickies Direktive zu handeln. „Natürlich, wie Sie meinen, Verehrtester“, beteuerte er. Dickie Dick Dickens ging in den Nebenraum, zündete sich eine Pfeife an und wartete. Es dauerte nicht lange, bis Frau Theresa Hickombottom in dem Juweliergeschäft auftauchte. Eine schmale, grazile Dame, Mitte sechzig, geschmackvoll gekleidet und ihrer Wesensart nach gewohnt, nach eigenem Gutdünken zu handeln. Heute aber wirkte sie verschüchtert und sichtlich kleinmütig. Wortlos legte sie dem Juwelier den Schmuck vor, den sie ihm verkaufen wollte. Streubenguß verneigte sich mit mehreren Dienern und beteuerte: „Ich bin überwältigt, gnädige Frau, geblendet von so viel Schönheit!“ Sie missverstand. „Oh, Sie Schmeichler!“ hauchte sie. „Ich meine doch – Sie verzeihen gütigst – den Schmuck. Als Juwelier bekomme ich gewiss manch schönes Stück zu sehen, aber Ihre Sammlung, verehrte gnädige Frau, ist von erhabener Exquisite!“ Sie nickte bekümmert. „Ich trenne mich auch sehr ungern.“ „Und weswegen, meine Verehrteste, wollen Sie sich von Ihren Kostbarkeiten trennen?“ Sie seufzte ein wenig vor sich hin, ehe sie antwortete: „Ich habe leider einen sehr triftigen Grund, Mr. Streubenguß. Könnte ich darüber sprechen, hätte ich mich bestimmt nicht an Sie gewandt. Sie wurden mir als verschwiegen und diskret empfohlen.“ „Ja, freilich, ja, das trifft zu. Von wem haben Sie diese Empfehlung?“ „Auch darüber kann ich nicht sprechen. Wie viel, denken Sie, können Sie für den Schmuck zahlen?“ Er zuckte die Achseln. „Wie viel wollen Sie denn anlegen...?“ Er verbesserte sich schnell: „An wie viel hatten Sie gedacht?“ „Ich brauche 100.000 Dollar. Und zwar noch heute Abend.“ Josua tat, als verschlage es ihm den Atem. „100.000“, stöhnte er. „Ich hatte Ihnen schon am Telefon erläutert, dass ich Bargeld benötige.“ Streubenguß tat nun genau, was ihm Dickens aufgetragen hatte. Bei einer so hohen Summe müsse er sich erst mal mit seinem Kompagnon beraten, sagte er und verschwand mit dem Versprechen, alsbald zurück zu kehren, im Nebenzimmer, wo Dickie Dick Dickens wartete. Er wieselte heran und sagte mit gedämpfter Stimme: „Sie will mir nicht verraten, wofür sie das Geld braucht.“ Das war für Dickens nichts Neues, denn er hatte alles mit angehört. „Eine seltsame Frau, he?“ meinte er. Das war nun eine Bemerkung, die Streubenguß so nicht gelten lassen wollte. „Seltsam wäre, glaube ich, nicht der richtige Ausdruck. Sie wirkt eher deprimiert. Sie muss in arger Bedrängnis sein. Sie verlangt 100.000 Dollar, obwohl der Schmuck mindestens 150 Mille wert ist.“ „Ein gutes Geschäft, wie?“ Streubenguß rieb sich vor Vergnügen die Hände. „Es ist das Geschäft meines Lebens! Da muss man zugreifen! Ich gebe eine große Party! Sie und ihre Freunde sind herzlich eingeladen. Sie werden sich freuen!“ Dickens freute sich nicht. „Was für ein Jammer, dass daraus nichts wird.“ Streubenguß riss die Augen auf. „Bitte, wie?“ „Josua, Sie werden den Schmuck nicht kaufen.“ „Aber hören Sie mal...“ „Nein, jetzt hören Sie! “ unterbrach ihn Dickens. „Sie werden Mrs. Hickombottom eine Weile hinhalten. Eine halbe Stunde, denke ich, wird genügen. Sie wohnt im selben Stadtteil wie ich, da geht es schnell.“ „Was, um Himmels Willen, haben Sie vor?“ „Ich möchte gerne das Geld haben.“ Streubenguß schüttelte seinen graumelierten Kopf. „Aber das verstehe ich nicht!“ Dickie tätschelte ihm die Schulter. „Brauchen Sie auch nicht. Beschäftigen Sie Mrs. Hickombottom, feilschen Sie mit ihr um den Preis und nach dreißig Minuten schicken Sie die Dame unverrichteter Dinge nach Hause, verstanden?“ „Kein einziges Wort.“ Dickens erklärte es ihm noch ein paar Mal, dann setzte er sich in seinen Wagen und fuhr nach Hause. Er musste sich beeilen, denn es blieb ihm nicht viel Zeit. Aber Dickens war, wie wir wissen, kein ungestümer Mensch, er vollbrachte seine bedeutenden Taten mit Vorbedacht, und so steuerte er seinen Wagen, sich strikt an die Verkehrsregeln haltend, behutsam durch die Straßen. Zu Hause aber erwartete ihn nervliches Desaster. Bonco, Effie und Opa Crackle befanden sich in heftiger Aufgeregtheit. „Gut, dass du da bist“, empfing ihn seine liebe Braut und Frau. „Das ist immer gut“, erwiderte Dickie, ohne zu wissen, worum es ging. Er sollte es sofort erfahren. „Der Kater hat wieder eine Maus ins Haus geschleppt“, erklärte Effie zapplig. „Er spielt jetzt mit ihr in der Speisekammer, und Bonco weigert sich, sie ihm fortzunehmen!“ Der rosige Bonco verdrehte die Augen und rief in seiner hellen Singsang-Stimme: „Ha, dumm wird’ ich sein“, um darauf einen seiner dümmlichen Wahlspr üche abzusondern: „Hast du eine Maus im Haus, weicht das Glück dir nicht hinaus.“ Effie wäre ihm fast an die Gurgel gesprungen. „Hör mit deinem abergläubischen Blödsinn auf! Die Katze wird die Maus sowieso fressen, und dann...“ „Nichts ‚und dann’!“ mischte sich Dickie energisch ein. „Lasst die beiden Tierchen machen, was sie wollen! Wir haben Wichtigeres zu tun!“ Effie wich verdattert zurück, Opa Crackle aber strahlte vor Erwartungsfreude. „Tatsächlich, Jungchen?“ schnaufte er. „Geht’s endlich wieder los?“ „Es geht los, Opa Crackle!“ Der alte Mann klatschte vor Freude in die Hände und rief: „Jaswes windes gores gares geiduleh!“ „Um Gottes Willen, was ist denn das?“ „Ein serbokroatischer Freudenschrei, mein Jungchen. Wart’ einen Moment, ich hole nur schnell meine Pistolen, dann kann’s los gehen.“ Dickens hielt ihn am Ärmel fest. „Lass die Waffen im Schrank, Alterchen! Setz dich!“ Auch den anderen beiden bedeutete er, sich hinzusetzen. Dann zündete er sich eine Pfeife an, setzte sich neben Bonco und fragte ihn: „Du verstehst doch etwas von Elektrizität?“ „Das will ich meinen, Mr. Dickens!“ „Auch von Telefonleitungen?“ Bonco ließ seine Augen rollen. „Meine Spezialität. Ich habe doch mal in einer Fernmeldezentrale gearbeitet, als ich noch ehrlich war.“ „Gut.“ Dickie entfaltete einen Stadtplan und zeigte mit der Pfeifenspitze auf die Gegend am Rande der Stadt. „Siehst du, das ist unser Viertel. Hier ist unser Blockhaus, und hier steht die Villa von Senator Hickombottom. Ich möchte, dass du seine Telefonleitung anzapfst. Ich muss die Gespräche abhören. Wirst du das schaffen?“ „Wie viel Zeit habe ich?“ „Eine halbe Stunde.“ „Ei du Donnerdaus! Da muss ich mich aber sputen!“ Dickie klopfte ihm auf die Schulter. „Keiner hält dich zurück. Los, mein Junge, krieg Beine!“ Ein raffiniert ausgeklügelter Plan begann sich nun in dem verträumten Chicagoer Vorort abzuspulen. Wir wissen noch nicht, was Dickie Dick Dickens vorhatte, doch trösten wir uns mit Effie, Bonco und Opa Crackle. Auch sie wussten es nicht. Es war Donnerstag, der 19. Juli 1925, Blütezeit des Chicagoer Gangstertums, 18 Uhr, blue hour, Dämmerstunde zwischen Tag und Nacht. Bonco, dem rosigen Schloh, gelang es - zwar unter Schweißausbruch und Atemnot, doch innerhalb der gegebenen Frist – die Telefonleitung zu legen. Es erwies sich allerdings, dass seine Eile nicht vonnöten war, denn es dauerte bis neun Uhr abends, als das Telefon bei den Hickombottoms, und damit auch in Dickies Blockhaus klingelte. Bonco stellte sofort den Tischlautsprecher ein, so dass alle das Gespräch mit anhören konnten. Eine raue, krächzende Männerstimme meldete sich. „Mrs. Hickombottom? “ Mrs. Hickombottom antwortete mit einem verzagten „Ja bitte?“ „Haben Sie das Geld?“ Opa Crackle klopfte mit dem Fingerknöchel auf den Tisch. „Die Stimme kenne ich!“ „Psst!“ wies ihn Dickens zurecht. Mrs. Hickombottom antwortete: „Es tut mir leid, es ist mir nicht gelungen, das Geld zu beschaffen.“ Die raue Stimme krächzte: „Hören Sie mal zu, mein verehrtes Täubchen, ich habe Ihnen doch ganz präzise gesagt, wie Sie es anstellen sollen!“ „Ich habe mich auch genau an Ihre Anweisungen gehalten. Aber Mr. Streubenguß hat versagt. Er hat mir für den gesamten Schmuck nur 75.000 Dollar geboten.“ „So ein Gauner!“, schimpfte der Mann am Telefon. „Der Schmuck ist doch fast 200 Tausender wert!“ „187.000 vereidigter Taxwert. Ach, bitte, mein Herr, könnten Sie sich nicht mit den 75.000 begnügen? Das ist doch auch ein schönes Stück Geld.“ „Hunderttausend habe ich gesagt, und dabei bleibt’s!“ „Dann darf ich Sie bitten, sich bis morgen zu gedulden. Möglicherweise gelingt es mir bei einem anderen Juwelier.“ Doch darauf ließ sich der Mann nicht ein. „Und Sie hetzen mir die Bullen auf den Hals, das könnte Ihnen so passen! Bleiben Sie in der Nähe des Telefons. Ich rufe wieder an. Ich muss die Sache mit meinem Partner besprechen.“ „Ach bitte...“ „Ja, was noch?“ „Würden Sie so freundlich sein und mich mit meinem Mann sprechen lassen? “ Die Antwort klang rigoros. „Nein, jetzt nicht. Aber beruhigen Sie sich, es geht ihm gut. Und es wird ihm auch weiter gut gehen, wenn Sie meine Anweisungen befolgen. Adieu, Lady!“ Damit war das Gespräch beendet. Effie Marconi blinzelte fassungslos mit den Augen. „Das ist ja ein ganz gemeiner Halunke!“ Opa Crackle hieb wieder mit dem Finger auf die Tischplatte. „Und ich weiß, wer’s ist! Ich weiß es! Ambrosio Manza! Ein ganz Scharfer! Ich habe genau seine Stimme erkannt. Ich habe mal im Zuchthaus von Connecticut mit ihm zusammen gesessen. Vor dem hatten sogar die Ratten Angst!“ „Und ich sage euch“, rief Effie, „er hat Senator Hickombottom entführt und verlangt jetzt Lösegeld.“ Dickens schmunzelte. „Wenn wir dich nicht hätten, Effie, wären wir nie darauf gekommen.“ Dann, etwas ernster: „Du hast doch die Stimme der alten Dame gehört. Glaubst du, dass du sie nachmachen kannst?“ Effie fiel sofort in den Tonfall von Mrs. Hickombottom: „Oh ja, mein Herr, ich denke, das wird möglich sein.“ Dickie war zufrieden. Jetzt wendete er sich an Bonco: „Pass auf, mein Guter, mach dich auf die Pneus! Ich möchte, dass die Telefonleitung jetzt ganz umgeschaltet wird. Die Gespräche sollen direkt hierher laufen.“ „Wird gemacht.“ „Und zwar sofort!“ Bonco pustete die Luft durch die Nase. „Ach herrjeh!“ Während er schon aus dem Raum ging, gab er wieder einen seiner Wahlsprüche von sich: „Die beste Tat bringt nur Verdruss, wenn man zu sehr eilen muss.“ Die Wohnung war klein und stickig. Das, was sich Wohnzimmer nannte, verdiente diesen Ausdruck eigentlich nicht. Ein paar Stühle, ein Telefon, Essensreste und zwei als Aschenbecher benutzte Untertassen auf dem Tisch, das Fenster war geschlossen, der Tabaksqualm lag wie eine Gewitterwolke unter der Decke, und die Stimmung der drei Leute, die sich hier aufhielten, war miserabel. Ambrosio Manza rauchte ein stinkendes Zigarillo, sein Kumpel Willie, der neben dem kräftigen Manza wie ein dicklicher Zwerg wirkte, rauchte schwarze Zigaretten. Senator Hickombottom, der dritte im Raum, hustete, da er den Tabakgestank nicht verkraftete. Ambrosio Manza klopfte ihm aufs Knie. „Pech für Sie, Mr. Hickombottom“, sagte er. „Ihre Frau kann die Kohle nicht beibringen.“ „Was ... was wollen Sie nun machen?“ „Das habe ich Ihnen doch schon gesagt.“ Bekümmert erwiderte der Senator: „Aber lieber Mann, wenn Sie mich umbringen, kriegen Sie doch auch kein Geld!“ Der dicke Willie meinte: „Da hat er recht, Manza!“ „Schnauze!“ „Aber wenn er doch recht hat!“ „Schnauze, hab’ ich gesagt!“ Manza wischte sich über den Hosenboden und versuchte, so was wie einen gütigen Gesichtsausdruck hervorzubringen. „Ja, mein lieber Senator, ich könnte ja auch mal Gnade vor Recht ergehen lassen.“ „Das wäre sehr entgegenkommend.“ „ ... vorausgesetzt, ich kriege meine Hunderttausend.“ Hickombottom sah den kleinen Hoffnungsschimmer verfliegen. „Aber wenn meine Frau den Schmuck nicht veräußern kann...“ „Sie haben doch selbst Geld, oder?“ „Natürlich nicht bei mir.“ „Aber in der Fabrik?“ Der Senator nickte. „Die Lohngelder liegen in meinem Tresor. Das ist mehr, als Sie verlangen.“ Manza ließ sich nun genau erklären, um was für einen Tresor es sich handelte. Ein ‚Buck and Hailey’-Tresorraum hinter Hickombottoms Büro, erfuhr er, mit Zahlenkombination und Sicherheitsschloss, dessen Schlüssel der Nachtwächter der Fabrik unter Verschluss hielt. Ambrosio Manza war zufrieden. Aber, so flüsterte er dem kleinen Willie zu, er würde nicht selbst zur Fabrik fahren. „Ist mir ’n bisschen zu riskant.“ Wieder kam der Schimmer verzerrter Güte in sein kantiges Gesicht, als er sich dem Senator zuwendete. „Ich habe eine freudige Überraschung für Sie. Ich werde Ihnen ausnahmsweise erlauben, mit Ihrer sehr geehrten Gemahlin zu telefonieren.“ „Oh, sehr freundlich!“ „Und ich werde Ihnen auch sagen, was Sie ihr erzählen werden.“ Nun geschah also, was Dickens erhofft hatte: Manza versuchte, Mrs. Hickombottom anzurufen. Durch Boncos Manipulation landete das Gespräch jedoch bei Dickie und seinen Freunden. Effie war immens aufgeregt. „Oh, wenn das nur gut geht“, wisperte sie. Dann nahm sie den Hörer ab und meldete sich mit verstellter Stimme: „Ja, bitte?“ Die krächzende Stimme von Manza drang an ihr Ohr: „Sind Sie es, Mrs. Hickombottom?“ „Ja, am Apparat.“ „Moment, ich gebe Ihnen Ihren Mann.“ Das machte die gute Effie noch unsicherer, als sie sowieso schon war. Der kannte doch die Stimme seiner Frau! „Rede so wenig wie möglich!“ flüsterte ihr Dickie zu. Jetzt meldete sich Senator Hickombottom: „Hallo, Therese!“ Effie gab ein hingehauchtes „Ja.“ von sich. „Mach dir keine Sorgen, Liebling, mir geht es ziemlich gut. Aber ich habe eine Bitte an dich. Hörst du mich?“ „Ja.“ „Also pass auf: Gehe zur Fabrik und sage dem Nachtwächter, wer du bist. Sage ihm, ich sei krank und läge im Bett. Aber ich bräuchte dringend ein Aktenst ück aus dem Tresor. Er soll die Alarmanlage ausschalten und dir den Tresorschl üssel geben.“ „Ja.“ „Dann gehst du in mein Büro. Unter der Schreibtischplatte befindet sich ein Knopf. Auf den drückst du. Darauf schiebt sich die Bürowand hinter dem Schreibtisch beiseite, und die Tresortür kommt zum Vorschein. Was ist denn, Therese? Bist du noch da?“ „Ja.“ „Und nun kommt die Hauptsache: Du nimmst den Schlüssel, den dir der Nachtwächter gegeben hat. Aber damit allein kannst du den Tresor nicht öffnen, Liebling. Du musst erst die Zahlenkombination einstellen. Die Zahl lautet: 1 – 7 – 6 – 9 – 1. Hast du die Zahl?“ „Ja.“ „Ganz einfach zu merken, Liebling. Es ist das Datum unseres Verlobungstages, der 17. 6. 91.“ „Ach ja.“ „Jetzt geht die Tresortür auf und du kannst eintreten. Der Tresor ist eine kleine Kammer. In dem Fach gleich links findest du Geld. Du nimmst 100.000 Dollar heraus, schließt die Geldkammer, drückst auf den Knopf am Schreibtisch, gibst dem Nachtwächter den Schlüssel zurück und gehst nach Hause.“ „So, das ist genug, Senator“, knarrte jetzt Manzas Stimme. „Haben Sie alles verstanden, Mrs. Hickombottom?“ „Ja.“ „Ausgezeichnet. Für die ganze Aktion gebe ich Ihnen vierzig Minuten Zeit. Ab jetzt! Dann sind Sie wieder zu Hause und erwarten meinen Anruf.“ „Ja.“ „Wenn Sie es in der Zeit nicht schaffen, ist Ihr Mann eine Leiche. Adieu, Lady!“ Die Leitung wurde unterbrochen. Effie fiel der Telefonhörer aus der Hand, sie sank auf ihrem Stuhl zusammen und jammerte erbärmlich: „Oh, das ist ja schrecklich! Schrecklich! Entsetzlich! Was mache ich bloß? Oh nein, das halte ich nicht aus!“ Dickie strich ihr übers Haar. „Was hast du denn, Effielein?“ Sie starrte verzweifelt vor sich hin. Tränen traten ihr in die Augen. „Es ist entsetzlich!“ wiederholte sie. „Mein armer Mann! Mein armer, armer Mann! Der bringt ihn um, dieser Kerl. Ich sage dir, Dickie, der bringt ihn um. Kaltblütig. Ohne mit der Wimper zu zaudern! Mein armer Mann!“ Opa Crackle knurrte verdutzt: „Dein Mann?“ Sie blickte ihn aus tränenfeuchten Augen an. „Du hast es doch selbst gehört, Opa! In vierzig Minuten kann ich das nicht schaffen! So was Umständliches! Nein, die werden meinen Mann umbringen! Und er hat so nett ‚Liebling’ zu mir gesagt!“ Dickens sagte sorgenvoll: „Sie identifiziert sich mit ihrer Rolle.“ „Ha, verrückt“, schnaufte Opa Crackle. Er ging ein paar Schritte hin und her, kratzte sich am Hinterkopf. „Aber leider hat sie recht. Der Senator hat nicht die geringste Chance. Ich kenne Manza. Kenne ihn zur Genüge. Egal, ob er sein Geld kriegt oder nicht – der Senator wird abgeschafft!“ „Du darfst es nicht dazu kommen lassen, Dickie“ bibberte Effie. „Ein heimtückischer Mord!“ „Ich finde ja auch, das ist etwas unter unserem Niveau“, meinte Bonco. „Darüber zerbrecht euch mal nicht eure Köpfe!“ Dickie Dick Dickens war der Meinung, es genüge, wenn er sich seinen Kopf zerbrach. Er bat Bonco, das Telefon so umzuschalten, dass er mit Mrs. Hickombottom sprechen könne. „Sie brauchen nur auf das Knöpfchen zu drücken.“ Sofort war die Leitung hergestellt. „Ja, bitte?“ meldete sich Mrs. Hickombottom. Dickie ahmte die Stimme von Ambrosio Manza nach, und es gelang ihm vortrefflich. „Sind Sie’s, Mrs. Hickombottom?“ „Ja, am Apparat.“ „Bleiben Sie schön zu Hause. Wir überlegen noch, was wir tun. In einer Stunde rufe ich wieder an.“ „Und was geschieht mit meinem Mann?“ „Keine Sorge. Dem geht’s gut. Adieu, Lady!“ Dickens legte den Hörer auf. Er war, so schien es, guter Dinge. „So, Effie“, sagte er, „jetzt nimmst du dein schwarzes Cape und ein dunkles Kopftuch. Das wird genügen.“ „Genügen? Wofür?“ „Dieser Nachtwächter soll dich doch für Mrs. Hickombottom halten, nicht wahr, mein Schatz? Da müssen wir dich doch ein bisschen verkleiden.“ Effie glaubte, ihren Ohren nicht trauen zu können. Entgeistert riss sie Augen und Mund auf und plapperte entsetzt: „ Was?!! Dickie! Du meinst doch nicht etwa, ich soll wirklich tun, was dieser Unmensch verlangt?“ „Keine Angst, mein Effielein, ich komme ja mit, ich beschütze dich.“ Dickens steckte der vor Angst zitternden Effie zur Beruhigung ein paar Kartoffelchips in den Mund, nahm sie an der Hand und führte sie davon. Die Zeit strich dahin. Minuten vergingen, eine Viertelstunde, eine halbe Stunde. Opa Crackle und Bonco starrten entgeistert auf die Uhr. Was sollte nur werden? Opa Crackle ging rastlos im Zimmer auf und ab, rieb sich die Hände, Bonco knabberte Kartoffelchips, es war zum Verzweifeln! Keine Nachricht von Dickie und Effie, und die vierzig Minuten waren um. „Oh, oh, oh“, lamentierte Bonco, „ich habe eine ganz schlechte Vorahnung! Das geht schief, ich sag’s dir, es geht schief! Was machen wir nur, wenn dieser Manza anruft?“ „Keine Ahnung.“ „Aber ich verstehe Mr. Dickens nicht! Das singen doch schon die Kinder auf der Straße!“ „Was denn?“ „Den alten Abzählreim: Beachte stets die rechte Frist, weil du sonst angeschissen bist!“ Opa Crackle ließ die neuen Zähne blitzen. „Red keinen Quatsch!“, wollte er sagen, aber er kam nicht dazu, denn jetzt klingelte das Telefon. „Da haben wir’s! Du liebes dünnes bisschen!“ kreischte Bonco, „Das ist Manza, ich wette!“ Opa Crackle ergänzte kummervoll: „Und wenn wir nicht abheben, ist der Senator beim Teufel.“ „Dann heb doch ab, Opa! Du bist ein erfahrener Alt-Krimineller, also lass dir was einfallen!“ „Was soll ich mir denn...? Hilf Himmel!“ Zaghaft nahm Opa Crackle den Hörer auf. „Ja, bitte?“ sagte er sanft. Manzas Stimme meldete sich: „Hallo?“ Opa Crackle antwortete: „Hallo!“ „Wer ist denn da?“ „Wen möchten Sie denn sprechen, mein Herr?“ gab Opa Crackle zurück. „Verdammt noch mal, ich erwarte Mrs. Hickombottom am Apparat.“ Genau so sanft wie vorher antwortete Crackle: „Da sind Sie schon richtig verbunden, mein Herr. Hier ist der Apparat von Senator Hickombottom.“ „Wer, zum Teufel, ist denn da?“ Crackles Stimme wurde noch etwas samtener: „Hier ist der Butler der Herrschaften. Ich bin zur Zeit allein im Haus.“ „Und wo ist Mrs. Hickombottom?“ „Oh ja, die gnädige Frau hat ja Ihren Anruf erwartet, wenn ich das richtig verstanden habe. Sehnsuchtsvoll, könnte man sagen. Aber leider musste sie noch einmal aus dem Haus gehen. Sie bedauert das ungemein. Aber sie wird bald zur ück kommen und bittet Sie höflich, in Kürze noch einmal anzurufen.“ „Was fällt dieser Person denn ein?“, krakeelte Manza. „Das Leben ihres Mannes steht auf dem Spiel, und ich erwarte viele schöne Dollarchen von ihr.“ Opa Crackle war klar, dass er Manza bei Laune halten musste, wenn er das Leben des Senators retten oder zumindest verlängern wollte. Deswegen machte er ihm Hoffnung: „Was die Dollarchen betrifft, die Sie erwähnen, so sollten Sie sich keine Sorgen machen, mein Herr. Die gnädige Frau ist in allen pekuniären Angelegenheiten sehr gewissenhaft.“ Damit schien er Ambrosio Manza fürs erste hinzuhalten. Der war jedoch mit der Auskunft keineswegs zufrieden. Er steckte sich ein neues Zigarillo an und paffte den Rauch dem Senator ins Gesicht. „Das ist alles sehr dubios“, murrte er. „Es sieht schlecht aus für Sie, Senator. Da erzählt mir doch so ein komischer Kauz allerlei Larifari. Er behauptet, er ist Ihr Butler. Haben Sie überhaupt so was?“ Der leidgeprüfte Senator nickte. „Einen Butler ... ja, natürlich habe ich einen Butler... einen Dienerchauffeur. Er hat allerdings heute seinen freien Tag, aber es kann sein, dass er schon wieder im Hause ist.“ Manza war schwer zu überzeugen. „Wehe Ihnen, Senator, wehe Ihnen, wenn da was schief gelaufen ist!“ Opa Crackle war keineswegs sicher, dass er Manza beruhigt hatte, und Bonco zweifelte um so mehr daran. Er konnte es sich nicht verkneifen, wieder einen seiner ‚weisen’ Sprüche abzusondern: „Ein Hoffnungsfunke jäh erlischt. wenn man beim Lügen wird erwischt.“ Beide befanden sich in aufgelöster Stimmung, als Effie Marconi endlich erschien. Sie kam allein und war genau so aufgelöst wie die beiden.. „Ach, ich bin völlig durcheinander“, jummelte sie und ließ sich erschöpft in Dickies Ohrensessel fallen. „Sch... Sch...!“, murmelte Bonco. „Was meinst du?“ „Schöne Scheiße! Ich fürchte, es ist alles in die Hose gegangen. Dieser Manza hat angerufen, und du warst nicht da.“ „Ich kenne mich doch mit dem großen Wagen nicht aus. Jedes Mal, wenn ich schalten musste, habe ich den Motor abgewürgt!“ „Wo steckt denn Mr. Dickens?“ „Och, der konnte nicht mitkommen. Er hat noch zu tun.“ Was er noch zu tun hatte, erfuhren Bonco und Opa Crackle nicht, denn jetzt läutete das Telefon. „Das wird Manza sein“, sagte Opa Crackle, „also gib dir Mühe, Effie! Es hängt jetzt alles von dir ab.“ Es war tatsächlich Ambrosio Manza, und es entwickelte sich ein längeres, aufschlussreiches Gespräch. Effie nahm den Hörer ab und sagte: „Ja, bitte?“ Manza sagte: „Na, da sind Sie ja endlich, Lady! Effie sagte: „Gerade zur Tür hereingekommen.“ Manza sagte: „Und? Haben Sie alles erledigt?“ Effie sagte: „Ja. Ich habe die Anweisungen genau befolgt. Ich habe mich zum Werk begeben, habe dem Nachtwächter gesagt, dass mein Mann krank ist, und ich möchte den Schlüssel zum Tresor.“ Manza sagte: „Gut so.“ Effie sagte: „Er hat die Alarmanlage ausgeschaltet, und ich bin in das Büro gegangen. Dort habe ich auf den Knopf unter der Schreibtischkante gedrückt, und der Tresor kam zum Vorschein.“ Manza sagte: „Okay. Haben Sie das Geld?“ Effie sagte: „Zuerst ging alles ganz leicht. Der Schlüssel, den mir der Nachtwächter gegeben hatte, also der hat wunderbar gepasst, wirklich!“ Manza sagte: „Muss er ja auch.“ Effie sagte: „Aber mit der Zahlenkombination gab es leider Schwierigkeiten. “ Manza sagte: „He, he, Mrs. Hickombottom, was hat denn das zu bedeuten?! “ Effie sagte: „Sie müssen mir glauben, lieber Herr, ich habe alles versucht! Unseren Hochzeitstag ... das Datum der Silberhochzeit ... den Geburtstag unseres Sohnes ... aber die Nummern stimmten einfach nicht.“ Manza schimpfte: „Pest und Hölle! Die Zahlenkombination ist das Datum Ihres Verlobungstages!“ Effie sagte: „Tatsächlich? Ach, wie dumm von mir. Ich fürchte, das habe ich ein wenig durcheinander gebracht.“ Manza sagte: „Heißt das etwa, dass Sie das Geld nicht haben?“ Effie sagte: „Aber lieber Herr, wie sollte ich denn, wenn ich den Tresor nicht aufgebracht habe? Aber wenn Sie wünschen, gehe ich gerne noch einmal hin.“ Manza schrie: „Will Ihnen sagen, wo Sie hingehen sollen, Lady! Zur Hölle! “ Ambrosio Manza war zum Zerbersten wütend. Nach seiner Meinung hatte er alles ausnehmend routiniert eingefädelt, und nun machte ihm die Dämlichkeit von Mrs. Hickombottom einen Strich durch die Rechnung. „Herzlichen Glückwunsch, Senator“, brummte er, „Sie haben vielleicht eine dämliche Ziege zur Frau.“ Der Senator wagte zu protestieren: „Aber ich möchte doch bitten Mr. Manza!“ Der blickte verdutzt auf. „Ach nee, Sie kennen meinen Namen?“ „Ihr Kollege hat Sie doch vorhin so angeredet. Ist Ihnen das nicht recht? Soll ich Ihren Namen lieber vergessen?“ „Vergessen Sie lieber, dass Sie gelebt haben!“ Er stampfte fuchsteufelswild mit dem Fuß auf, gab dem Senator, der ängstlich fragte, was er denn nun vorhabe, keine Antwort und ging ins Nebenzimmer, wo sein pausbäckiger Kumpel Willie tranig eine Patience legte. Er wischte ärgerlich die Patience-Karten vom Tisch und schrie ihn an: „Jetzt haben wir den Salat! Du Rindvieh hast mich mit Namen angeredet, und jetzt weiß er, wer ich bin!“ „Na wenn schon!“ brummte der dicke Willie. „Wir machen ihn doch sowieso kalt, wenn wir das Geld haben.“ „Ja, wenn – wenn! Diese Frau ist auch wirklich zu dämlich! Kann sich nicht mal ihren Verlobungstag merken!“ Willie stand auf, sammelte behäbig die Spielkarten ein. Er fand die schlechte Laune seines Kumpans wenig angebracht. Ihnen selbst sei ja die richtige Zahlenkombination bekannt. Warum nicht selbst hingehen und die Kröten abholen? „Und der Nachtwächter schlägt Alarm, sobald er uns sieht!“ wiegelte Manza den Vorschlag ab. Aber schließlich brachte er ihn doch auf eine Idee. Eine pfiffige Idee, wie er meinte. Er ging wieder zum Senator zurück und verkündete ihm, dass er eine Lösung gefunden habe, sein Leben zu retten. Der war so deprimiert, dass er gar nicht antwortete. Manza wischte sich mit der Hand über den Hintern, setzte sich zu ihm, klopfte ihm aufmunternd aufs Handgelenk und sprach salbungsvoll: „Nur Mut, Alterchen! In einer halben Stunde ist alles vorbei. Wir fahren in Ihre Fabrik und werden die Sache selbst in die Hand nehmen. Sie, mein Kumpel Willie und ich. Sie werden dem Nachtwächter erzählen, wir seien gute Freunde von Ihnen. Dann gehen wir gemeinsam in Ihr Büro und holen die vereinbarten Hunderttausend.“ Er sagte tatsächlich ‚vereinbart’ und kam sich dabei nicht einmal unverschämt vor. Der Senator überhörte es und fragte nur bescheiden, was dann weiter geschehe. „Ende der Vorstellung. Wir gehen nach Hause, Sie gehen nach Hause, und das war’s dann.“ Hickombottom schluckte ein bisschen. Dann fragte er hoffnungsfroh: „Und vielleicht...“ „Was?“ „Und vielleicht ... wenn’s Ihnen nichts ausmacht ... könnten wir die Tresort ür hinterher offen lassen. Dann sieht es aus wie ein Einbruch, und ich könnte die Versicherung in Anspruch nehmen.“ Manza lachte ein lautes, garstiges Lachen. „Sieh mal an, so ein Schlitzohr! Kaum sieht er ’ne gewisse Lebenschance, erwacht auch schon wieder der alte Geschäftsgeist. Na schön, meinetwegen.“ Sie machten sich zu dritt auf die Reise. Sie nahmen die Luxuslimousine des Senators und fuhren ohne Hast durch die nächtlichen Straßen der zu dieser Zeit verträumten Stadt Chicago bis hinaus zur Möbelfabrik ‚Hickombottom & Co.’ Die Fabrik lag im Dunkeln, nur am Eingang, im Wachhäuschen, brannte Licht. Der Wagen hielt davor an. Die Schranke zum Werksgelände öffnete sich. Manza drückte dem Senator den Revolver in die Rippen. „So, jetzt machen Sie Ihre Sache gut, sonst knallt’s!“ Der Senator nickte, stieg aus und ging zu dem Wachmann. „Guten Abend“, sagte er. „Kennen Sie mich?“ Der Mann in dem Häuschen sah auf und strahlte dienstbeflissen. „Aber nat ürlich, Sir. Sie sind Senator Hickombottom, unser Chef.“ „Gut, gut, gut. Und wie heißen Sie?“ „Dickens, Herr Senator, Richard Dickens, wenn’s beliebt.“ Ein neuerlicher Beweis übrigens für Dickens’ sprichwörtliche Aufrichtigkeit. Selbst in einer Situation, in der eine Lüge nichts schaden könnte, sagte er die Wahrheit. Es war tatsächlich Dickie Dick Dickens, der am Fabrikeingang Wache hielt. Der Senator blickte sich zu seinem Wagen um, aus dem nun die beiden Gangster ausstiegen. Er konnte sehen, dass sie beide ihre Waffen unter den Jacken schussbereit hielten, und sah keinen Ausweg, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien. Zu Dickens, den er für den Wachmann hielt, sagte er freundlich: „Ja, mein Lieber, diese Herren sind alte Bekannte von mir. Wir haben etwas zu besprechen. Bitte schalten Sie die Alarmanlage aus und geben Sie mir den Schlüssel zum Tresorraum! “ „Den hat mir Ihre Frau Gemahlin doch schon abverlangt.“ „Ich weiß.“ „Und sie sagte, Sie seien krank.“ Ja, ja, fuhr es dem Senator durch den Kopf, das war ja so verabredet gewesen. „Bin wieder gesund“, sagte er unsicher. Jetzt mischte sich Manza ein. „Hat Mrs. Hickombottom den Schlüssel etwa nicht wieder abgeliefert?“ „Doch, doch, hat sie“, beeilte sich Dickie zu sagen und gab dem Senator den Schlüssel. „Also, meine Herren, gehen wir“, sagte der Senator und wich erschrocken zurück, denn er sah, dass Manza seinen Revolver gezogen hatte. Er richtete ihn aber nicht auf ihn sondern auf Dickie Dick Dickens. „Und du kommst mit, Nachtwächterlein, los, los!“ Dickens protestierte etwas, aber nur halbherzig, denn das passte genau in seinen Plan. Willie hingegen passte es nicht. „Jetzt haben wir zwei Leute am Hals!“ flüsterte er Manza vorwurfsvoll zu. „Na und? Wo ist der Unterschied, ob du zwei Leute abknallst oder einen?“ Der Senator ging voraus zu seinem Bürogebäude und führte die kleine Gruppe in sein Arbeitszimmer, schaltete Licht an. Über dem riesigen Schreibtisch erstrahlte ein großer Kronleuchter. Dahinter eine Bücherwand aus edlem Nussbaumholz. Manza war zufrieden. Er nahm seinen Revolver in die linke Hand und tastete mit der Rechten an der Schreibtischkante entlang. Hosianna, er fand den Knopf, drückte darauf, und die Bücherwand rollte etwas beiseite und gab den Blick frei auf eine Tresortür. „Da ist er ja“, lachte Manza vergnügt, „ein ‚Buck and Hailey’, der beste Tresor der Welt!“ Vom Senator ließ er sich den Schlüssel und danach die Zahlenkombination geben. Dem Senator war nicht wohl dabei, aber da der Revolver immer noch auf ihn gerichtet war, sprach er andächtig wie ein Gebet: „1- 7 – 6 – 9 – 1. So jetzt müsste die Tür aufgehen.“ Das tat sie auch. Während Manza seine Schäflein mit der Waffe im Zaum hielt, schickte er Willie in den Tresorraum. Rechts, sagte ihm der Senator, sei der Lichtschalter, und links, meinte Manza, sei das Fach mit dem Geld. „Mann, das ist ja verrückt!“ rief Willie. „Hier liegt ein Brief für dich, Manza!“ „Waaas?“ „Ja, an seine Hochwohlgeboren, Herrn Ambrosio Manza.“ „Mumpitz!“ „Na, komm, sieh’s dir selber an!“ Manza schüttelte entgeistert den Kopf und ging nun zu Willie in den Tresorraum, um sich den Brief zeigen zu lassen. Kaum war er über die Schwelle getreten, als Dickens unvermittelt vorsprang und die Tür hinter Manza ins Schloss warf. Manza schrie: „Aufmachen! Pest und Hölle! Aufmachen!“ Willie schrie: „Aufmachen, ihr Betrüger! Ihr Halunken!“ Dickie drehte vorsichtshalber die Zahlenkombination etwas weiter und sagte fröhlich: „So, jetzt sind die beiden gut aufgehoben, in einem ‚Buck and Hailey’, dem besten Tresor der Welt.“ Der Senator war von Dickies Aktion derart überrascht, dass es eine ganze Weile dauerte, bis er zu einer Äußerung fähig war. „Vortrefflich gemacht, mein Lieber“, sagte er, „vortrefflich! Haben Sie meinen herzlichen Dank! Ich glaube, Sie haben mir das Leben gerettet.“ „Das war auch die Absicht. Nun rufen Sie mal schnell die Polizei an, dass sie die beiden Kunden abholen kann. Und ich darf mich empfehlen.“ „Aber bleiben Sie doch!“ Dickens schüttelte entschieden den Kopf. „Bedaure, der Dienst ruft. Das Fabriktor ist ohne Wache.“ Damit verließ er, ohne sich die Eile anmerken zu lassen, zu der er sich eigentlich genötigt sah, das Chefbüro der Hickombottom-Werke. Der Senator sah ihm dankbar nach. Manza und Willie hämmerten währenddem wie wild an die Tresortür. „Aufmachen, zum Teufel!“ schrieen sie, „Aufmachen!!“ Der Senator kümmerte sich nicht darum. Er ging zum Telefon und rief die Polizei an. Es dauerte nicht lange, und ein junger Mann betrat das Chefzimmer, gefolgt von einem Zivilbeamten und drei Uniformierten. „Guten Abend, Herr Direktor!“ grüßte er. Der Senator sah ihn verwundert an. „Ja, wer sind denn Sie?“ „Mein Name ist Swanson. Ich habe die Herren von der Polizei hierher gef ührt. Ich bin der Nachtwächter.“ „Verstehe ich nicht. Vorhin war doch ein ganz anderer Nachtwächter da.“ Der junge Mann nickte mit dem Kopf. „Ja, ja, das ist schon möglich. Mir war nämlich nicht ganz extra. Das war, als Ihre Gattin kam und der Herr, der sie begleitet hat. Da wurde mir auf einmal plümerant, und ich bin erst wieder zu mir gekommen, als die Herren von der Polizei eintrafen.“ „Aha. Na ja.“ „Wo sind denn nun die beiden Kerle?“ „Im Tresor. Eingeschlossen von dem anderen Nachtwächter.“ „Na, dann wollen wir mal!“ Der Senator machte sich daran, den Zahlenkodex der Tür zu regulieren. Doch ehe er die Tür öffnete, hielt ihn der Kriminalbeamte zurück. Mit mächtiger Stimme rief er: „Hier spricht die Polizei. Kommen Sie heraus! Mit erhobenen Händen. Bei der geringsten verdächtigen Bewegung machen wir von der Waffe Gebrauch!“ Jetzt gab er dem Senator ein Zeichen, die Tür zu öffnen. Der tat es. Manza und sein Kumpel traten zögernd in den Raum. Sofort waren Polizisten zur Stelle, um ihnen Handschellen anzulegen. Manza aber murrte laut auf: „Da ist er ja, der Herr Senator! Sieh ihn dir gut an, Willie! So sieht einer aus, der Ambrosio Manza aufs Kreuz legt!“ Der Senator lächelte. „Es tut mir keineswegs leid.“ „Geschenkt, geschenkt. Leistung bleibt Leistung. Muss man anerkennen. Ein runder, gelungener Schwindel. Sogar die Sache mit dem verschwundenen Geld.“ „Was reden Sie da? Die gesamten Lohngelder liegen in dem Safe!“ Manza grinste übers ganze Gesicht. „Dass Sie sich da nicht täuschen, Senatorchen! Im Tresor befindet sich nicht ein einziger Cent.“ Dickie Dick Dickens und seine Freunde konnten zufrieden sein. Der Fischzug hatte sich gelohnt. Die Summe, die Dickie Dick Dickens und Effie nach Hause getragen hatten, belief sich übrigens auf weit mehr als die von Manza in Anschlag gebrachten 100.000 Dollar. Es waren exakt 144.000 Dollar. „Wenn’s dich stört, mein Jungchen“, meinte Opa Crackle, „kannst du ja die überzähligen 44 Riesen zurückgeben.“ Dickie nickte. „Ich glaube, das wäre eine noble Geste.“ In einem Brief an seine Jugendfreundin Bella Cora del Hortini bezeichnet er dieses Erlebnis als so lehrreich, dass seine Quintessenz in keinem Fernlehrgang für angehende Kriminelle fehlen dürfte. „Das Bewusstsein“, so schreibt er wörtlich, „bei einem regulären Gesetzesbruch als Nebenwirkung eine gute Tat zu vollbringen, schmälert keineswegs die Freude an dem Gesetzesbruch als solchem.“ DIE MÄR VON DEM KLEINEN ARMENIER Einige mögen es für Zufall halten, andere wiederum für Schicksalsfügung, wiederum andere für eine Kapriole, von den Autoren ausgedacht, um die Leser zu verwirren. Es geschah in der berückenden Millionenstadt Chicago, am 25. August des Jahres 1925, als Chefkommissar Lionel Mackenzie und Sergeant Martin, von einem Routineeinsatz kommend, in die Moorefield-Avenue einbogen. Sie steuerten an einem dort geparkten LKW vorbei – just in dem Moment, als der Lastwagen von einer Bombe hochgejagt wurde. Eine unüberhörbare Explosion jagte Teile des Wagens nicht nur in die Luft sondern auch auf den Dienstwagen der Polizeibeamten. Sergeant Martin duckte sich, streifte einen Glassplitter von der Schulter und sah besorgt auf seinen Vorgesetzten. Entsetzt schrie er los: „Herr Chefkommissar! Herr Chefkommissar! Du lieber Himmel, fehlt Ihnen was?“ Chefkommissar Lionel Mackenzie stöhnte auf: „Mein Gott, Sergeant Martin, seien Sie doch nicht immer so laut! Denken Sie an meine Nerven!“ „Sind Sie verletzt, Herr Chefkommissar?“ Mackenzie verzog das Gesicht zu einer gequälten Maske. „Sie sind nicht nur ein miserabler Chauffeur sondern auch ein schlechter Polizist! Sonst hätten Sie längst bemerkt, dass ich nicht verletzt bin. Nun steigen Sie endlich aus, Sie Brüllaffe!“ „Zu Befehl“, grölte Martin und kletterte aus dem Wagen. Der Chefkommissar gähnte herzhaft. „Womit habe ich es bloß verdient, dass immer dann, wenn ich Dienst habe, etwas passiert?“ Er räkelte sich nun auch aus dem Wagen, um sich den Schaden anzusehen. „Ein LKW, Herr Chefkommissar“, meldete Martin. „Das kann ich zur Not auch noch sehen.“ Die beiden Beamten gingen um den lädierten Lastwagen herum. Es war offenbar, dass er in die Luft gesprengt worden war. „Mit einem Sprengstoff“, vermutete Martin. „Dass es keine Eisbombe war, kann man wohl voraussetzen.“ „Ein Mordanschlag, denke ich.“ „Denken Sie nicht immer so schnell, Sergeant Martin! Wo befinden sich die Menschen, die in einem Laster fahren?“ „Normalerweise im Fahrerhaus.“ „Ja, und da ist kein Aas! Keine Leichen, keine Blutspuren, nichts! Sehen Sie doch mal im Laderaum nach! Würde mich interessieren, was in diesem Wagen befördert wurde.“ Sergeant Martin ging um den Wagen, öffnete die Ladeklappe, machte ein verdattertes Gesicht. „Offenbar nur die Bombe“, meldete er. Zu diesem Zeitpunkt wussten nur Chefkommissar Lionel Mackenzie und Sergeant Martin von der Detonation in der Moorefield-Avenue. Ein Mann, der in die nun folgende Entwicklung der Dinge erheblich involviert werden sollte, hatte noch keinen blassen Schimmer davon. Dieser Mann war Dickie Dick Dickens, der Gratwanderer auf den schroffen Höhen raffinierten Verbrechertums, Dickie Dick Dickens, der Mann mit dem messerscharfen Geist und den samtweichen Händen, welche sich, wie erinnerlich, in fremden Taschen annähernd besser auskannten als in den eigenen, Dickie Dick Dickens, der knallharte Salongangster, von dem man sagt, er habe Dynamit im Blut2 . Dieser Beiname hält sich hartnäckig seit jenem Augusttag, als in der nächtlich verlassenen Moorefield-Avenue ein fast neuer LKW durch eine Sprengladung zerstört wurde. Das Dynamit im Blut bezieht sich übrigens nicht auf die Sprengladung jenes LKW, die bestand aus handelsüblichem Nitroglyzerin. Der folgende Rest der Nacht verging ohne besondere Vorkommnisse. Chefkommissar Lionel Mackenzie konnte sich zur Ruhe begeben, die er bis in die späteren Vormittagsstunden ausdehnte, während Sergeant Martin sich schon mit anstehenden Ermittlungsarbeiten die Zeit vertrieb. Als Mackenzie kurz vor Mittag noch schlaftrunken das Büro betrat, überfiel ihn Sergeant Martin bereits mit einer zackig vorgetragenen Recherchemeldung: „Nach Meinung des Labors hat man den Sprengstoff in Gasmaskenbüchsen gepresst.“ Mackenzie ließ seinen fülligen Leib in seinen Schreibtischstuhl versinken. „Was für ein Blödsinn!“ brummte er. „Gasmaskenbüchsen!“ „Jawohl, Herr Chefkommissar!“ Mackenzie duckte sich unter der Lautstärke, mit der sich Sergeant Martin bemerkbar machte. „Ich bin nicht schwerhörig, Sergeant Martin!“ „Verzeihung, Herr Chefkommissar!“ „In Gasmaskenbüchsen gepresst! Soviel Arbeit um ein lausiges Auto! Wenn diese albernen Verbrecher doch wenigstens den Takt hätten, etwas logisch vorzugehen! Hat sich der Besitzer des LKW schon gemeldet?“ „Ja, wir haben ihn ermitteln können. Der Wagen gehört Alfonso Capelli.“ „Was? Der Gangsterboss? Der Chef der Capelli-Bande?“ „Ja.“ Mackenzie rieb sich die Hände. „Haha, wie mich das freut! Es wäre mir allerdings lieber, wenn der Wagen mit allen Kostbarkeiten beladen gewesen wäre, die dieser Capelli je zusammengegaunert hat.“ Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück. „Na ja, dann ist der Fall für uns erledigt. Ich hoffe doch, Sie haben nichts weiter unternommen?“ „Doch, Herr Chefkommissar. Ich habe einen Altwarenhändler ermittelt, der einen Posten alter Gasmaskenbüchsen verkauft hat.“ Mackenzie stöhnte auf. „Was sind Sie aber auch tüchtig! Kann sich der Mann wenigstens an den Käufer erinnern?“ „Jawohl, er war groß, breit, trug eine Augenklappe. Er hat bar bezahlt.“ „Und sein Name?“ „Der ist bekannt. Er hat angegeben, er hieße Jim Coope.“ Chefkommissar Lionel Mackenzie schüttelte sich förmlich vor Verblüffung. „Jim Cooper? Aber nein, das kann nicht sein! Doch nicht der Jim Cooper! Der ist erstens tot, und zweitens hätte er nie im Leben etwas gekauft sondern immer nur gestohlen.“ Die Nachricht von dem explodierten LKW und dem merkwürdigen Gasmaskenkauf verbreitete sich in der Chicagoer Unterwelt wie ein Lauffeuer. Einer erzählte es dem anderen, und jeder andere schüttelte ungläubig den Kopf. Jim Cooper wieder in der Stadt? Das war Sensation! Zur Zeit wurde Chicago von zwei Banden beherrscht, der Capelli-Bande und der Organisation von dem ehemaligen Marineoffizier, der sich einen weit höheren Dienstgrad angemaßt hatte, als ihm von Rechts wegen zustand: ‚Admiral’ Jefferson Harper. Alfonso Capelli und Jefferson Harper hatten ihre Aktionsgebiete säuberlich aufgeteilt. Solidarität unter Gangstern. Keiner pfuschte dem anderen ins Handwerk. Die Kunde, dass Jim Cooper wieder im Lande sein sollte, wollte keiner so recht glauben. Aber sie beunruhigte doch die Gangster Chicagos. Alle fragten sich, was wäre wenn? Die Eintracht zwischen den beiden etablierten Unterwelt-Verbänden wäre zum Teufel. Jim Cooper würde versuchen, eine eigene Bande zu gründen, und es würde neue Streitereien geben, neue Straßenkämpfe, neue Gangsterschlachten! Dickie Dick Dickens nahm die Geschichte einigermaßen gelassen. Er rauchte seine Lieblingspfeife, blickte zum Fenster hinaus auf den sein Blockhaus umgebenden Garten, der von Bonco und Effie Marconi liebevoll gepflegt wurde. Ihm gefiel es in seinem Zuhause, das er mit seiner Frau und Braut Effie sowie seinen Gefährten Opa Crackle und Bonco bewohnte. Gemütlich war es hier, ruhig war es hier am Rande der großen Stadt, Dickie Dick Dickens fühlte sich von Herzen wohl. Er drehte sich zu seinen Gefährten um und rekapitulierte entspannt: „Groß, breit, Augenklappe – sein Name ist Jim Cooper.“ Effie Marconi machte einen Schritt auf ihn zu. Sie glaubte zu verstehen. „Aber hör mal, Dickie, Liebling, das ist doch nicht etwa dein alter Herzensfeind? Jim Cooper, der Unterweltfürst von Chicago?“ Opa Crackle schnalzte vergnügt mit der Zunge. „Oh, Jungchen, erinnerst du dich noch an die alte Zeit? Was haben wir für herrliche Kämpfe mit Jim ausgefochten! “ „Ja, ich erinnere mich. Aber Cooper ist tot!“ Bonco fuchtelte mit dem Zeigefinger der linken Hand in der Luft herum. „Glaubt man, Mr. Dickens, glaubt man! Aber Sie wissen doch: Der wird um den Verstand beraubt, der, ohne etwas einzuwenden, besonders an den Wochenenden, alles, was man ihm sagt, auch glaubt.“ „Quatsch!“ knurrte Opa Crackle. „Kein Quatsch!“ verwahrte sich Bonco. „Das ist ein altbekannter Kaufmannswahlspruch. Vor allen für Immobilienhändler. Wenn die an Wochenenden alles glauben würden, was man ihnen sagt, könnten sie getrost ihren Laden zumachen. “ „Was hast du da eben gesagt, Bonco?“ fragte Dickens. „Man glaubt nur, Jim Cooper sei tot?“ „Das erzählt man doch in der ganzen Unterwelt. In sämtlichen Verbrecherkneipen kennt man kein anderes Thema: Jim Cooper soll zurückgekommen sein.“ Effie spitzte ihren Mund. „Du spinnst mal wieder ein bisschen, Bonco! Cooper ist von der Polizei erschossen worden.“ Dickens ergänzte: „Und zwar hier, in unserem Blockhaus, in das er mit seiner Bande gestürmt war. Daran müsstet ihr euch doch erinnern!“ Oh ja, daran erinnerten sie sich alle. Jim Cooper hatte auf der Flucht vor der Polizei das Blockhaus gestürmt. Die braven Gesetzeshüter waren gefolgt und hatten Cooper und seine Leute mit Maschinenpistolensalven bedacht. Jim Cooper, der sich in den Kamin geflüchtet hatte, wurde von einer dieser Garben dahingerafft. Später, als der Feuerzauber vorbei war, fand man seine verkohlte Leiche auf dem Kaminrost. „Das glaubt man nur!“, rief Bonco mit seiner näselnden Fistelstimme. „Bitte?“, fragte Dickie erstaunt. „Jim Cooper war sportlich gestählt. Er ist den Kamin hoch geklettert und hat sich gerettet. Und die Leiche, die man gefunden hat, die war ja bis zur Unkenntlichkeit verkohlt, das war die von irgendeinem seiner Leute. Jawohl!“ „Wer erzählt denn diesen Unsinn?“ amüsierte sich Dickie Dick Dickens. „Kein Unsinn, Mister Dickens! Ich weiß es von Snipper Jonas. Ein alter Fachmann! Er gehört jetzt zur Capelli-Bande. Snipper Jonas kann man schon vertrauen. “ Dickie lachte ihn aus und zitierte Boncos Spruch: „Der wird um den Verstand beraubt, der alles, was man sagt auch glaubt.“ Opa Crackle, der anderer Meinung war, glaubte, Dickie belehren zu müssen: „Aber hör mal, mein Jungchen, das klingt gar nicht so dumm. So bekommt die Sache auf einmal einen Sinn: Jim Cooper kommt nach Chicago zurück, in seine alte Heimat. Aber hier ist er nicht willkommen. Neue Gangsterbosse haben von der Stadt Besitz ergriffen. Coopers alter Besitz ist aufgeteilt worden zwischen Alfonso Capelli und Jefferson Harper. Cooper will aber sein altes Reich zurückerobern. Deswegen hat er Capelli einen Warnschuss verpasst, einen Denkzettel.“ Dickie nickte. „Und genau das soll man glauben.“ „Was“? „Überleg doch mal, Opa! Warum zerknallt man einen leeren LKW? Wer so was Blödes tut, denkt sich was Gescheites dabei. Nein, das ist kein plumper Denkzettel, das ist ein raffinierter Schachzug. Aber da, Kinderchen, ist Dickie Dick Dickens mit von der Partie. Das wird ein großes Geschäft! Wir müssen nur warten.“ „Worauf?“ „Auf seinen nächsten Zug.“ Dickie Dick Dickens, ein Liebhaber präziser Formulierungen, hatte damit fast wörtlich recht. Es war freilich nicht der nächste Zug sondern einer der nächsten, genauer der Güter-Nacht-Express aus Omaha. Er raste mit 110 Stundenkilometern über die kerzengeraden, im silbernen Mondschein gleißenden Gleise der ‚Transcontinental Railroad’, raste der herrlichen Millionenstadt Chicago entgegen, an Bord ein gemischter Viehtransport, Kühe, Schweine, Schafe. Plötzlich, auf dem Streckenabschnitt 12 a, 35 Kilometer vor Chicago, 3 Uhr und 15 Minuten mittelamerikanischer Zeit, passierte es. Ein Getöse von unvorstellbarer Vollkommenheit. Eine gewaltige Detonation ließ den Zug aus den Gleisen springen. Schon wenige Minuten später eilte eine Blitzmeldung über die Fernschreiber der Chicagoer Polizeistationen – und pünktlich 4 Uhr und 3 Minuten erreichten Chefkommissar Lionel Mackenzie und Sergeant Martin den Tatort. Die Trümmer des Zuges rauchten, Kühe muhten, Schweine quiekten, Schafe blökten. Sergeant Martin war tief beeindruckt. „Eine regelrechte Katastrophe, Herr Chefkommissar!“ Mackenzie brummte: „Alles ist eine Katastrophe, was mich mitten in der Nacht aus dem warmen Büro raustreibt. Verdammter Bereitschaftsdienst!“ Er drehte sich um und sprach einen Bahnbeamten an, der, die Hände in den Hosentaschen, den Schlamassel betrachtete. „Und wer sind Sie? Was stehen Sie hier herum? “ „Verzeihung, ich bin der Zugführer.“ „Aha. Na, dann erzählen Sie mal, wenn’s sein muss.“ Der Zugführer sah Mackenzie misstrauisch an. „Wieso sollte ich? Wer sind Sie denn?“ „Ich bin Chefkommissar Lionel Mackenzie. Also los!“ „Viel gibt’s da nicht zu erzählen. Plötzlich hat’s gebumst.“ „Wann? Wo?“ „Das war bei Yokohama.“ „Waas?! “ „Bei Yokohama.“ „Das liegt doch in Japan“ Der Zugführer nickte behäbig. „Richtig. Japanische Hauptstadt mit acht Buchstaben. Ich habe ein Kreuzworträtsel gelöst, und gerade, als ich ‚Yokohama’ hinschrieb, da gab’s einen lauten Krach, einen Ruck. Ein Sprengstoffattentat.“ „Tote? Verletzte?“ „Niemand. Nur ein paar Rinder kamen vorzeitig ums Leben.“ „Vorzeitig?“ fragte Mackenzie erstaunt. „Um fünf Uhr sollten sie sowieso geschlachtet werden. Sie haben also nur knapp zwei Stunden ihres Lebens eingebüßt.“ Mackenzie machte ein Gesicht, als habe man ihm Essig in die Kaffeetasse geschüttet. „Für wen war der Transport bestimmt?“ fragte er. „Für den Schlachthof? “ „Ja. Aber er ging auf Rechnung eines Privatmannes.“ „Sein Name?“ „Jefferson Harper in Chicago.“ Chefkommissar Lionel Mackenzie schien hoch erfreut zu sein, als er den Namen hörte. Er packte seinen Adlatus am Ärmel und frohlockte: „Das ist ein Geschenk des Himmels, Martin! Jefferson Harper, genannt der Admiral!“ Sergeant Martin begriff schnell. „Der Gangsterboss. Der Alkoholschmuggelkönig.“ „Und was wir hier sehen, Martin, ist nichts als ein Racheakt in der Unterwelt. “ „Wie bei dem LKW von Capelli!“ Und das freute den Chefkommissar. „War auch merkwürdig ruhig in der Unterwelt. Keine Gangstermorde, keine Feuerüberfälle, keine Rachefeldzüge. Man konnte fast das Fürchten lernen. Aber jetzt normalisieren sich die Zeiten wieder! Die Herren werden wieder aktiv.“ „Scheint ein richtiger Unterweltkrieg zu sein, der da ausbricht. Allerdings ohne Tote.“ Chefkommissar Lionel Mackenzie klopfte Martin vergnügt auf die Schulter. „Keine Sorge, die kommen schon noch. Man kann diesen Gangstern viele Vorwürfe machen, aber sie haben bisher immer ganze Arbeit geleistet. Wir brauchen uns nur noch gemütlich zurück zu lehnen und zuzuschauen, wie sich diese Burschen gegenseitig ausrotten.“ Er räkelte sich. „Hach, Martin, da weiß man doch endlich wieder, warum man diesen Beruf ergriffen ha! Kommen Sie, wir haben hier nichts mehr verloren.“ Sergeant Martin starrte verwundert auf die Tiere, die taumelnd, schwankend und merkwürdige Laute von sich gebend, am Bahndamm grasten. „Was ist bloß in die Viecher gefahren?“ Für den Chefkommissar lag die Lösung auf der Hand. „Sie haben einen Schwips. Sie sind betrunken.“ Er machte sich keine weiteren Gedanken. Er schaute auf die Uhr. Sein Bereitschaftsdienst ging in anderthalb Stunden zu Ende. Er beschloss, die Zeit abzukürzen und nach Hause zu fahren. Er beachtete nicht die Leute, die sich inzwischen am Bahndamm angefunden hatten. Er erwiderte auch ihren Gruß nicht, er wollte heim, er hatte Hunger und Durst. Es waren Journalisten der Chicagoer Presse, und sie hatten es ebenfalls eilig, damit ihre Berichte noch rechtzeitig in die Morgenausgaben kommen konnten. So geschah es, dass die Nachricht von den besoffenem Viehzeug mit den Brötchen und der Morgenzeitung Dickie Dick Dickens und seinen Freunden auf den Frühstückstisch flatterte. Während Opa Crackle, Bonco und Effie über den Bericht rätselten, war der Fall für Dickie von vorne herein klar. „Glaubt ihr etwa, dass sich Jefferson Harper plötzlich auf Viehhandel geworfen hat? Nein, der bleibt bei seinem Gewerbe: Alkoholschmuggel en gros. Dieser Viehtransport war nur der Rahmen dafür.“ Effie sah ihn aus ihren kullerdummen Augen verdrossen an. „Dickie, wenn du dich doch bloß so ausdrücken würdest, dass ich dich einmal auf Anhieb verstehe!“ „Och, Effie, mein Dummchen, die Trinkwasserbehälter hatten natürlich einen doppelten Boden. Im oberen Teil der Tonnen war Wasser, im unteren Schnaps. Durch die Detonation wurden die Tonnen beschädigt, der Schnaps hat sich mit dem Wasser vermischt, die Tiere haben’s getrunken und einen Kanonenrausch bekommen.“ „Glückliche Kühe!“, kommentierte Bonco. „Aber ihr seht, ich hatte recht: Es geht weiter! Es tut sich was in Chicago!“ Effie, die gerade zum Fenster hinaus schaute, rief entsetzt: „Und wie!“ Sie sah nämlich, dass etwas an der Garage zündelte. Es sah aus wie das Flackern eines Sturmfeuerzeuges, mündete aber in eine gewaltige Detonation, welche die ganze Garage in die Luft fliegen ließ. „Da spielt einer mit Feuer“, meinte Bonco, unterließ es aber, einen seiner Sprüche hinzu zu fügen, von denen es sicher genügend gab, die sich auf ‚Feuer’ reimten. „Unsere schöne Garage!“ rief Effie. „Mit dem neuen Buick!“ „Da wird sich Mr. Weatherford aber ärgern!“ Kaum hatte Bonco das gesagt, als ein explodierender Benzinkanister die Garage in einem neuerlichen Flammenzauber erleuchten ließ. Ratlosigkeit machte sich breit. Wie konnte das geschehen? Kein Mensch war zu sehen, weit und breit kein Auto, das davonfuhr. Offensichtlich, so schien es, hatte eine Zeitbombe die Verwüstung angerichtet. „Soll ich die Polizei anrufen?“ fragte Effie. „Aber Fräulein Effie“, säuselte Bonco, „wie wollen Sie denn der Polizei erklären, dass der Buick von Mr. Weatherford in der Garage von Mr. Dickens steht?“ So sehr die anderen auch herumrätselten, für Dickie Dick Dickens war die Sachlage klar. Er ging davon aus, dass, wer immer dahintersteckte, in Kürze wieder von sich hören lassen würde. Er brauchte nur abzuwarten, alles andere würde sich automatisch ergeben. Dickens sollte recht behalten. Am nächsten Tag bekam er mit der Post einen eingeschriebenen Brief, Absender J.C. Das konnte nur Jim Cooper heißen. Dickies Gefährten waren erstaunt, neugierig und verschreckt. Dickens aber hatte nichts anderes erwartet. Als er die ersten Zeilen des Schreibens las, lachte er leicht auf und begann, den anderen den Brief vorzulesen: „Verehrter Dickie Dick Dickens! Sie werden ja schon gehört haben, dass ich wieder in Chicago bin. Nach langer Zeit der Entbehrung muss ich mir eine neue Existenz aufbauen. Da mir vom Staat keine Zuschüsse gewährt werden, muss ich mich an Sie wenden. 50 % Ihrer Einnahmen wären wohl angemessen, da Sie in meinem angestammten Gebiet operieren. Aber ich begnüge mich mit einer einmaligen Abfindung von 50.000 Dollar, abzuliefern heute Abend am alten Bahnwärterhaus in Roffield. Werfen Sie einen Koffer mit dem Geld auf die Ladefläche eines gelben Lieferwagens, der pünktlich 23 Uhr am Bahnwärterhaus vorbeifahren wird. Keine Tricks! Das Haus ist von Scharfschützern umstellt. Meine Visitenkarte habe ich, wie Sie wohl bemerkt haben, in Ihrer Garage hinterlegt. Sollten Sie nicht auf meinen Vorschlag eingehen, sende ich die nächste Visitenkarte direkt ins Haus. In herzlicher Zuneigung, Ihr Jim Cooper.“ „So ein Halunke!“, gnatzte Bonco Und Opa Crackle meinte: „Typisch Jim Cooper!“ Dickens lachte noch einmal und steckte den Brief in die Tasche. „Nach meiner Meinung ist es etwas zu typisch für Jim Cooper.“ „Was machen wir jetzt?“, fragte Effie. „Zahlen wir?“ „Natürlich zahlen wir. Sonst kommen wir mit dem Geschäft nicht weiter.“ Bonco und Opa Crackle sahen sich an. Beide hielten Dickie für einen hoffnungslosen Spinner. Opa Crackle sagte: „Bonco, wir haben doch die Adresse von einem Nervenarzt. “ Bonco zuckte mit den Schultern. „Es heißt ja, dass jeder Mensch irgendwann einmal vertrottelt. Aber dass es so schnell geht...!“ Das Telefon klingelte. Effie nahm den Hörer ab, meldete sich und bekam vor Staunen ihre kullerrunden Augen. „Ja, einen Moment, bitte“, sagte sie, dann hielt sie die Hand vor die Sprechmuschel und flüsterte Dickie zu: „Was glaubst du, wer da am Apparat ist?“ Dickens antwortete ohne Zögern: „Entweder Capelli oder Harper.“ Er hatte recht. Es war Alfonso Capelli. Er ließ sich den Hörer geben. „Hallo, Capelli! Ich habe Ihren Anruf erwartet.“ Alfonso Capelli schien überhaupt nicht überrascht. „Aha. Dann haben Sie also auch so einen Brief von Jim Cooper bekommen.“ „Ja, ich soll ihm eine Abfindung zahlen. Sonst wird er mein Haus in die Luft sprengen.“ „Dasselbe hat er mir angedroht. Haben Sie schon überlegt, was Sie tun werden?“ „Ja, wissen Sie“, sagte Dickie, „ich bin ein ruhebedürftiger Mensch. Ich glaube, ich werde zahlen.“ Capelli fand das keine gute Idee. Er hatte schon mit Admiral Jefferson Harper telefoniert, der auch solch einen Brandbrief erhalten hatte. Beide waren der Meinung, die Sache erst mal miteinander besprechen zu sollen. Sie säßen ja jetzt gewissermaßen in einem Boot, da sei Solidarität schon mal angebracht. Jedes Konkurrenzdenken musste ausgeschaltet werden! Und er, Dickie Dick Dickens, solle doch erst mal an diesem Treffen teilnehmen, ehe er leichtfertig sein sauer ergaunertes Geld an diesen Halsabschneider abgebe. „Also seien Sie vernünftig, Dickens! Kommen Sie morgen Nachmittag zu mir! Sagen wir, so gegen fünf Uhr. Kleine Gartenparty. Einverstanden?“ „Na gut, Capelli, bis morgen.“ Er legte den Hörer auf. Aufgekratzt erklärte er: „Was habe ich euch gesagt, Kinderchen: Es geht vorwärts.“ Es war ein einmaliges Ereignis in der Chicagoer Verbrecherwelt. Die Bosse der beiden rivalisierenden Gangsterbanden der Stadt trafen sich zu einem Unterweltkonvent. Wieder erlebte die große Stadt am Michigansee einen Tag ohne Verbrechen, ohne Mord, ohne Überfall. Die Mitglieder der Banden harrten erwartungsvoll des Ergebnisses dieser historischen Zusammenkunft, die dadurch noch einen prickelnden Reiz bekam, dass der viel besungene Einzelgänger Dickie Dick Dickens in den Kreis der Räuberhauptmänner einbezogen war. Alfonso Capellis Villa war umgeben von einem großen, parkartigen Garten. Das Grundstück konnte nur durch ein hohes Gittertor betreten werden, neben dem, ähnlich der Schildwache vorm Buckinghampalast, zwei kerlige Leibwachen postiert waren, welche die Gäste diskret nach Ausweispapieren und Waffen durchsuchten. Dickie war sicher, dass hinter den Sträuchern des Gartens weitere bewaffnete Posten aufgestellt waren, um den reibungslosen Ablauf des seltsamen Zusammenseins zu gewährleisten. Alfonso Capelli empfing Dickie Dick Dickens schon auf halbem Wege. Er begrüßte ihn formvollendet und führte ihn, vorbei an in einem Waldstück gelegenen Gewächshäusern, zu einem schattigen Plätzchen inmitten von herrlichen Rosenbeeten. Capelli war nicht übermäßig groß und nicht übermäßig klein, aber von athletischer Figur. Er hatte schütteres Haar und trug trotz der obwaltenden Hitze einen aus feinstem dunkelblauen Kammgarnstoff gefertigten Nadelstreifenanzug mit grell roter Naturseidenkrawatte. Sein Garten mit den prächtigen Rosenbeeten und den Gewächshäusern mit wertvollen Orchideen, so betonte er, sei sein Hobby, dem er all seine Sorgfalt angedeihen ließ. Unter einer großen Linde standen einige bequeme Polsterstühle, die eher in ein Hotelfoyer gepasst hätten als in einen Garten, ein runder Tisch und eine Hausbar. Als sie den Platz erreichten, trat ihnen ein hagerer, hochgeschossener Mann entgegen. Capelli stellte vor: „Das ist Admiral Jefferson Harper - Dickie Dick Dickens. “ Harper gab Dickie schwungvoll die Hand. „Freut mich, Mr. Dickens. Habe schon viel von Ihnen gehört. Meine Leute hatten Sie bereits drei mal im Visier. Aber irgendwie ist immer was dazwischen gekommen.“ Dickie nickte. „Nichts Sensationelles, Admiral. Meine Pistole war ein bisschen schneller als die Ihrer Leute.“ „Aber setzen wir uns doch, meine Herren“, sagte Capelli. „Gin? Wodka? Rum? Whisky? Grappa? Brandy?“ „Immer schön der Reihe nach“, meinte Dickie. Capelli schnippte mit den Fingern. „He, Susi!“ rief er, „es gibt zu tun.“ Sie war gertenschlank, die nun heran tänzelte, gertenschlank mit ansehnlichem Busen, langen Beinen, wirrem brünetten Haarschopf und mehr oder weniger unbestimmbarem Alter, irgendwo zwischen 30 und 40, jedoch durch ihr Auftreten bemüht, wie 25 zu wirken. Die Dame, die sich Susi nannte, war offensichtlich die Gespielin von Capelli, was sie dadurch den Gästen deutlich machte, indem sie ihren Herrn und Meister gedehnt mit Kosenamen anredete. „Was gibt’s denn, Al?“ „Wir haben Durst. Schenk uns was ein!“ „Gerne, mein lieber Al.“ Sie schwenkte die Hüften und fragte, was die Herren denn zu trinken wünschten. Jefferson Harper bestellte einen dreifachen Rum, Dick überließ es Susi, etwas für ihn auszusuchen. Man trank, man lobte die Getränke, man machte sich Komplimente. Dann redete man übers Geschäftliche. Jeder hatte eine Aufforderung bekommen, am Abend beim Bahnwärterhaus von Roffield Geld abzuliefern. Jefferson Harper meinte, die Sache mit einem Gewaltstreich lösen zu können. „Meine Mannschaft steht bereit. Zusammen mit Ihrer Einheit, Capelli, befinden wir uns strategisch und taktisch in unschlagbarer Übermacht.“ Alfonso Capelli hatte Bedenken. „Ich habe mich heute Mittag dort umgesehen. Die Eisenbahnstrecke ist seit langem stillgelegt, die ganze Gegend verwildert. Ein verdammt einsamer Ort! Die Zufahrtsstraße dorthin ist schmal, sie führt durch dichten Wald. Cooper braucht da nur ein paar Scharfschützen zu placieren, und die knallen Ihre Streitmacht ab wie Kaninchen.“ Harper strich sich über die Stirn. „Sie meinen doch nicht ernsthaft, dass wir kapitulieren sollen?“ „Na ja, mein lieber Admiral, ein jeder von uns hat schließlich nur ein Leben. “ „Auf jeden Fall“, meldete sich Dickens zu Wort, „sollten wir rechtzeitig da sein, früher als Cooper uns erwartet. Dann kann er uns nicht überraschen.“ Er schnippte mit den Fingern. „Ich meine, falls wir überhaupt hingehen.“ Er hatte seinen Satz noch nicht zu Ende gesprochen, als sie einen Doppeldecker entdeckten, der, aus den Wolken herniederstürzend, auf sie zukam. Er sah aus wie ein Jagdflugzeug aus dem Weltkrieg. Und genau so benahm es sich auch. Es beschrieb eine gewagte Steilkurve, setzte zum Tiefflug an, raste heran und feuerte Maschinengewehrgarben auf Capellis Garten. „Fliegerangriff! Volle Deckung!“ brüllte Admiral Jefferson Harper und warf sich ins Gras. Zum Glück wurde niemand getroffen. Die Maschine verwüstete nur die Rosenbeete, drehte ab und verschwand hinter den Bäumen. „Angriff vorbei!“ stellte Harper fest. „Verlustmeldungen von den Einheiten abfordern! – Oh, Verzeihung, alte Gewohnheit. Jemand verletzt?“ „Nein“, rief Capelli, „Aber die Rosenbeete, sehen Sie nur! Meine Rosenbeete! Oh, dem Kerl drehe ich den Hals um!“ „Wenn Sie dazu noch kommen. Vorsicht! Achtung! Deckung!“ Der Flieger setzte zu einem neuen Angriff an. Diesmal demolierte er nicht die Rosenbeete sondern die Gewächshäuser. „Meine Orchideen!“ jammerte Capelli, „Meine teuren Orchideen!“ „Heulen Sie nicht Es sind sowieso nur südamerikanische, die taugen nichts.“ „Aber Sie sehen“, sagte Dickens, „Das war die Antwort.“ „Was für ’ne Antwort?“ „Jim Coopers Antwort darauf, dass wir uns hier treffen statt unsere Abgaben zu entrichten.“ „Ach, Unsinn!“ konterte Jefferson Harper. „Woher soll er wissen, wo wir sind?“ „Wahrscheinlich hat er sie beobachten lassen, Admiral“, kalkulierte Capelli. Harper wollte etwas erwidern, doch mündete seine Anmerkung in den warnenden Ausruf: „Vorsicht, Leute! Neue Attacke! Deckung!“ Das Flugzeug setzte zu einem neuen Angriff an. Diesmal allerdings blieben die Maschinengewehre stumm. Statt dessen sahen die drei Herren mit Entsetzen, dass der Flieger eine Bombe abwarf. „Eine Bombe!“ rief Harper. „Kopf weg!“ Die Bombe hing jedoch an einem Fallschirm, weswegen Dickie Dick Dickens stoische Ruhe bewahrte. „Achtung, gleich schlägt sie auf. Flach auf den Boden, Leute! Kopf zwischen die Arme!“ Die Bombe glitt langsam zu Boden. Jefferson Harpers Alarmruf war vergebens. „Mir scheint, wir können Entwarnung anordnen“, stellte er fest. „Keine Detonation.“ „War auch nicht zu erwarten“, sagte Dickie. „Er ist ja nicht hinter unserem Leben her sondern hinter unserem Geld.“ Es war keine Bombe sondern eine alte Gasmaskenbüchse, die aus dem Flugzeug gefallen war. Trotz aufgeregter Warnrufe von Jefferson Harper und Alfons Capelli nahm Dickie die Büchse auf und öffnete sie. Wiederum kein Knall, keine Explosion. Sie enthielt vielmehr einen Brief. „Ich habe nichts anderes erwartet“, meinte Dickie und begann vorzulesen: „Ich bin enttäuscht. Ich hatte gehofft, Sie hätten etwas mehr Achtung vorm Menschenleben, vor allem, wenn es das eigene ist. Ich habe dem Piloten Anweisung gegeben, niemanden zu verletzen. Das war aber unwiderruflich meine letzte menschenfreundliche Regung.“ Dickie machte eine kleine Pause, freute sich über die betroffene Stille, die der Brief auslöste, und fuhr fort: „Sie haben eine letzte Chance, Ihr Leben zu retten. Heute Abend, 23 Uhr, am vereinbarten Treffpunkt. Kommen Sie gemeinsam! Legen Sie die Koffer mit dem Geld auf die Ladefläche des gelben Lieferwagens. Danke! In herzlicher Zuneigung, Ihr Jim Cooper.“ Jefferson Harper war der erste, der seine Sprache wiederfand: „Respekt! Allmählich begreife ich, wie der Mann so einen wilden Haufen wie seine Bande zusammen halten konnte.“ Alfonso Capelli meinte beherzt: „Trotzdem, finde ich, sollten wir nicht klein beigeben.“ Dickie fragte: „Was schlagen Sie vor?“ Doch Capelli wusste keine Antwort. „Hinhaltender Rückzug“, sagte Jefferson Harper dumpf. „Sie meinen, wir sollen blechen?“ „Das scheint mir taktisch die richtige Maßnahme. Danach werden wir vereinbaren, wie, wann und wo wir den Gegenschlag ansetzen. Vorläufig gilt es, am Leben zu bleiben.“ Alfonso Capelli strich die Segel. „Ja treffen wir uns heute Abend bei diesem Bahnwärterhaus. Und zwar, wie Mr. Dickens vorgeschlagen hat, eine Viertelstunde vor der angesetzten Zeit. Also 22 Uhr 45. Abgemacht?“ „Abgemacht.“ Als Dickens nach Hause kam, überraschte ihn Opa Crackle mit einer neuen Garage. „Neuestes Modell!“ schwärmte er. Fertigbauweise. Ich habe sie mit Bonco auf der Bauausstellung geklaut. War ein mächtiges Stück Arbeit!“ „Und damit ihr nicht aus der Übung kommt, habe ich noch ein paar Aufgaben für euch“, sagte Dickie und versammelte seine Getreuen um sich. „Wir brauchen für heute Abend drei Wagen, zwei PKW und einen Lieferwagen. Ich denke, Opa Crackle, das wirst du leicht schaffen.“ „Kein Problem. Was besonderes, Dickie? Haben wir was vor?“ „Wir werden ihm die Suppe versalzen.“ „Wem?“ fragte Effie. „Jim Cooper?“ „Ach wo, den gibt’s doch gar nicht.“ Bonco protestierte ein bisschen. Er hatte ja aus sicherer Quelle erfahren, dass Cooper wieder aufgetaucht war. „Von Snipper Jonas, ich weiß“, sagte Dickie. „Aber der gehört zu Capellis Bande. Ein gezieltes Gerücht, lieber Bonco. Capelli hat alles in Szene gesetzt. Die Sprengstoffanschläge, die Briefe, was ihr wollt.“ Opa Crackle begriff. „Du meinst, er dreht nur eine billige Tour, wie er dich und Jefferson Harper um Geld schröpfen kann.“ Effie war da anderer Meinung. „Jim Cooper soll doch selbst die Gasmaskenbüchsen gekauft haben.“ „Aber Effielein, jeder kann sich eine Augenklappe vorbinden und behaupten, er sei Jim Cooper.“ Opa Crackle begriff wiederum schnell. „Und nun wollen wir ihm die Suppe versalzen. Grandios! Aber wie?“ „Ihr kennt doch die Geschichte von dem kleinen Armenier und den fliegenden Untertassen?“ „Erzähle!“ Die drei setzten sich um Dickie herum, der mit Vergnügen erzählte: „Es war einmal ein kleiner, lustiger Armenier, der seinen Mitmenschen gerne einen Streich spielte. An einem heiteren Sommertag stand er am Madison Square Garden und starrte in die Luft. Als ihn einige Leute fragten, was es da oben zu sehen gäbe, antwortete er, eine fliegende Untertasse. Sie sei jetzt hinter einer Wolke verschwunden, müsse aber gleich wieder auftauchen.“ Opa Crackle ergänzte: „Ach ja, und alle blieben stehen und starrten ebenfalls in die Luft.“ „Der kleine Armenier aber ging schmunzelnd beiseite. Nach einer halben Stunde kam er zurück, weil er sehen wollte, was die Leute jetzt trieben. Sie standen immer noch da und blickten nach oben. Es hatten sich sogar noch eine Menge mehr angefunden. Auf einmal wurde der kleine Armenier nachdenklich. Eine ganze halbe Stunde lang sind die Leute hier stehen geblieben, denkt er. Sollte da etwa ... eventuell ... vielleicht ... möglicherweise ... sollte da doch eine fliegende Untertasse zu sehen sein? Und er stellte sich zu den Leuten und starrte ebenfalls in die Luft.“ „Na schön“, sagte Opa Crackle, „aber was hat das mit Alfonso Capelli zu tun?“ „Er ist der kleine Armenier.“ Es dauerte eine kleine Weile, bis alle begriffen hatten, dann aber lachten sie anerkennend. Dickie breitete eine Straßenkarte auf dem Tisch aus. Sie zeigte ein Waldstück, die stillgelegte Bahnstrecke mit dem Bahnwärterhaus Roffield, zu dem eine schmale Straße führte. Dickie deutete auf eine Waldschneise, dem besten Platz, wo Opa Crackle den Lieferwagen abstellen sollte. „So, ihr Lieben, nun notiert mal: Wir fahren heute Abend gemeinsam los. Um Jefferson Harper und Capelli brauchen wir uns nicht zu kümmern. Die werden schon vor uns am Treffpunkt sein. Ich nehme den ersten Wagen, dann kommt Opa mit dem Lieferwagen. Den stellst du in der Waldschneise ab. Bonco und Effie, ihr kommt mit der Limousine hinterher.“ „In Ordnung.“ „Auf der Straße nach Roffield sucht ihr euch eine schmale Stelle.“ Er deutete auf die Karte. „Hier etwa. Dort stellt ihr den Wagen so ab, dass er die Straße versperrt, und markiert eine Panne. Gegen 23 Uhr wird ein gelber Lieferwagen kommen, den ihr aufhalten sollt. Wenn nötig, Bonco, musst du ihm heimlich den Verteiler rausnehmen.“ „Fein, Mr. Dickens, wird gemacht.“ „Und du, Opa, wartest bis 23 Uhr. Dann fährst du los, mit geöffneter Ladeklappe, und kutschierst im langsamen Tempo am Bahnwärterhaus vorbei.“ „Und?“ „Wir werden dir drei Koffer auf die Ladefläche legen, mit insgesamt 150.000 Dollar.“ „Und?“ „Das ist schon alles. Du fährst noch eine Meile weiter und wartest dort auf mich. Ich komme bald nach. Effie und Bonco, ihr fahrt währenddessen schon mal nach Hause und stellt ’ne Flasche Schampus kalt.“ Boncos Gesicht leuchtete auf. „Gut, sehr gut! Mit Champagner, Mr. Dickens, bekommen wir unser Schicksal bestimmt in den Griff. Sie wissen doch...“ „Um Gottes Willen, bitte, sag doch nicht wieder einer deiner Sprüche auf!“ Aber nein, Bonco kannte kein Erbarmen und rezitierte unverdrossen: „Champagner am Morgen vertreibt dir die Sorgen. Champagner am Abend, erquickend und labend. Champagner in der Nacht Hat dir nur Glück gebracht.“ Es stand nur wenig Zeit zur Verfügung, um die nötigen Vorbereitungen zu treffen. Ein jeder tat seine Pflicht, Effie werkte im Haushalt, Opa Crackle und Bonco besorgten die gewünschten Fahrzeuge, Dickie nahm ein Sonnenbad, für andere Ausdruck stumpfen Faulenzens, für Dickie Dick Dickens schöpferische Entspannung, gepaart mit konzentrierter geistiger Präparation auf die bevorstehende Aufgabe. Keiner seiner Getreuen wusste, wie er diese Aufgabe zu bewältigen plante 3 . Der Abend brach herein. 21 Uhr 30: Inspektion der gestohlenen Fahrzeuge. 21 Uhr 50: Gemeinsames Abendbrot. 22 Uhr 25: Abfahrt der Wagenkolonne. 22 Uhr 51 erreichte Dickens den Treffpunkt bei dem Bahnwärterhaus. Jefferson Harper empfing ihn mit Vorwurf: „Sechs Minuten über dem Termin, was fällt Ihnen ein?“ Dickens gab sich elegisch. „Oh, Admiral, Sie haben wahrscheinlich nicht gesehen, was ich gesehen habe!“ Jetzt erst erblickte er Alfonso Capelli und tat maßlos erstaunt. „Nanu, Mr. Capelli! Sie hier? Sie sind hier?“ „Natürlich, mein Lieber, wir sind doch verabredet.“ Dickens gab sich einen beglückten Gesichtsausdruck. „Alfonso Capelli! Sie leben noch! Und ich hatte schon gedacht, Sie sind tot!“ Capelli wusste mit Dickies Bemerkung nichts anzufangen. „Wie kommen Sie denn auf so was?“ Dickens sagte mit salbaderndem Ernst: „Irgendwie hat sich mir der Gedanke aufgedrängt, als ich an Ihrem Landhaus vorbeifuhr. Vor zehn Minuten erst. Ich war der Meinung, Sie lägen unter den Trümmern.“ „Was? Trümmer? Mein Landhaus?“ „Eine Ruine, Capelli, eine Ruine! In die Luft gesprengt! Zusammengebrochenes Gebälk, Mauerbrocken, Rauchschwaden! Es war entsetzlich!“ Jefferson Harper erkannte den Sachverhalt: „Jim Cooper! Typisch! Das war sein Werk!“ Alfonso Capelli stammelte fassungslos: „Das ist doch nicht möglich!“ Dickens gab ihm recht: „Ich verstehe es auch nicht. Er war heute Nachmittag noch bei mir.“ „Wer?“ „Jim Cooper. Er machte einen sehr freundlichen Eindruck.“ Capelli versuchte, seine Verblüffung zu verbergen. „Sie müssen sich irren! Das war gewiss eine Täuschung.“ „Aber woher denn? Ich kenne Jim Cooper ganz genau. Ich habe ja oft genug mit ihm zu tun gehabt.“ „Was wollte er?“ Dickens log mit meisterhafter Vollendung: „Er teilte mir mit, dass ihm zu Ohren gekommen sei, dass er in Chicago gebraucht würde. Ich habe ihn natürlich zur Rede gestellt und ihm den Brief gezeigt, den er mir geschrieben hatte.“ „Und er? Was hat er gemacht?“ „Ja, denken Sie, Capelli, ich hatte den Eindruck, dass er erstaunt war. Doch er fasste sich schnell und sagte, es bliebe alles wie vereinbart. 23 Uhr am Bahnwärterhaus bei Roffield. Nur sei der Lieferwagen nicht gelb sondern blau.“ Alfonso Capelli protestierte heftig: „Das gibt’s nicht! Nein, darauf lassen wir uns nicht ein. Wir warten auf den gelben Lieferwagen!“ „Wüsste nicht, was die Farbe des Lieferwagens für eine Rolle spielt“, warf Jefferson Harper ein. Dann sah er auf die Uhr. „Es ist gleich soweit. Haben Sie das Geld, meine Herren?“ Ja, sie hatten es in den vorbereiteten Koffern. Jetzt kam er auch schon heran, der blaue Lieferwagen. 23 Uhr: Der Lieferwagen wurde mit drei Geldkoffern zu je 50.000 Dollar beladen. 23 Uhr 10: Dickie Dick Dickens traf Opa Crackle, der eine Meile entfernt mit dem Lieferwagen wartete. 23 Uhr 25: Alfonso Capelli bemerkt mit zunächst freudigem, sodann beklommenen Erstaunen, dass sein Landhaus durchaus nicht in eine Ruine verwandelt wurde. 23 Uhr 40: Heimkehr von Dickie Dick Dickens und Opa Crackle... Die Tür wurde ihnen von Effie Marconi geöffnet. Sie machte einen ziemlich verstörten Eindruck. „Du hast Besuch, Dickie“, wisperte sie. „Was? Jetzt? Mitten in der Nacht! Wer denn?“ „Komm nur herein!“ Jetzt passierte etwas, was im Charakterbild des großen Dickie Dick Dickens nicht vorgesehen war. Es passierte etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. „Mein Gott, der Leibhaftige!“ sagte er, als er seinen Gast auf ihn zutreten sah. Es war kein anderer als Jim Cooper höchst persönlich. „Ja, mein Guter“, griente er, „Sie haben meine sportlichen Fähigkeiten etwas unterschätzt. Ich bin tatsächlich durch Ihren Kamin geklettert.“ Dickens gewann mühsam seine Fassung wieder. „Dann hat also doch alles gestimmt. Sie haben meine Garage in die Luft gesprengt, Sie haben mir den Brief geschrieben...“ „Ah bah! Nichts davon.“ „Und der Anschlag auf den Viehtransport? Der Luftangriff?“ „Ach wo! Sie hatten schon recht, das war Capelli. Ich bin erst heute Nachmittag aus Minnesota gekommen. Hab dort ’ne Hühnerfarm.“ „Ach, wie traulich! Und was wollen Sie hier in Chicago?“ Cooper stülpte die Lippen auf. „Dämliche Frage! Ich habe gehört, was hier gespielt wird, unter meinem Namen! Es steht sogar in der Zeitung. Da habe ich mir gedacht, da werde ich gebraucht. Und da bin ich. Prost!“ Bonco sagte kleinlaut: „Ich habe mir erlaubt, Mr. Cooper ein Glas Champagner anzubieten. Champagner in der Nacht...“ „Halt’s Maul!“, fuhr ihn Dickie an. „Okay, Cooper, was nun?“ „Noch ’ne dämliche Frage. Sie haben unter meinem Namen einen Haufen Geld kassiert. Das will ich abholen.“ „Und wenn ich mich weigere?“ Cooper schmunzelte. „Kopf ab! Dort draußen, neben der Toreinfahrt, haben Sie eine hübsche Garage. Neuestes Modell. Schauen Sie sich das Prunkstück noch einmal an, denn gleich fliegt es in die Luft!“ Es dauerte nur wenige Sekunden und aus Coopers Drohung wurde bittere Realität. Mit riesigem Getöse barst die Garage in tausend Stücke. Effie sah das betrübt. „Unsere schöne Garage!“ hauchte sie. „Ja“, sagte Cooper, „ein Flammenmeer. Nur damit Sie wissen, dass ich es ernst meine. Und nun zum Geschäft: Sie haben 100.000 Dollar Reingewinn. Die übrigen 50.000 sind ja Ihr eigenes Geld. Das erlaube ich Ihnen zu behalten. Aber der Rest gehört mir. Wo ist das Geld?“ „Sie fragen zu spät, Jimmylein.“ Dickie deutete zum Fenster hinaus. Die Koffer mit dem Geld liegen im Lieferwagen. Und der steht in der Garage, in einem Flammenmeer.“ Jim Cooper griff sich an die Stirn. „Bäh! Was bin ich doch für ein Esel!“ Ohne Gruß trampelte er aus dem Haus. Dickie Dick Dickens nahm das alles recht gleichmütig. „Siehst du, Effie“, sagte er, „da zeigt sich deutlich, dass eine simple, naive Lüge mehr Effekt haben kann als ein großes, kompliziertes Lügengebäude.“ „Wieso, Dickie? was für eine naive Lüge?“ „Dass die Geldkoffer im Lieferwagen waren.“ „Liegen sie nicht dort?“ Dickie lachte fröhlich. „Aber Effielein, wofür hältst du mich? Sie stehen in der Diele, neben dem Regenschirmständer.“ So endet also das Lehrbeispiel vom kleinen Armenier und den fliegenden Untertassen. Dickie Dick Dickens war über den Ausgang der Geschichte derart bestürzt, dass er es in seinem nächsten Brief an seine Jugendfreundin Bella Cora del Hortini tunlich vermied, ein Wort über diese Episode zu verlieren. EIN TÄSSCHEN KAKAO GEFÄLLIG? Es war ein Riesenschreck für Josua Benedikt Streubenguß, als er die Beiwagenmaschine auf sein Juweliergeschäft zurasen sah. Der Mann, den Kopf nach vorne gebeugt, versuchte zu bremsen, es gelang nicht, er steuerte geradewegs auf das Schaufenster zu, das er mitsamt seinem Gefährt mit ohrenbetäubendem Krach und lautem Scheppern von Glasscherben durchbrach. Streubenguß glaubte, seinen Augen nicht trauen zu dürfen. Entsetzt rief er: „Ja, du liebes bisschen, sind Sie verrückt!? Schämen Sie sich!“ Der Motorradfahrer war natürlich gestürzt. Benommen rappelte er sich auf. Jetzt erkannte ihn Streubenguß. Es war ein alter ‚Kunde‘ von ihm, der ihm dann und wann einen Teil seiner Beute in Kommission gegeben hatte. „He, he, das ist doch Coker Hutchens! Warum ruinierst du mir meinen Laden?“ Hutchens keuchte: „Ich brauche Hilfe, Streubenguß! Ich werde verfolgt.“ „Und da musst du mitten durch mein gutes Schaufenster fahren! Dafür habe ich ja eigentlich eine Tür.“ „Du musst mich ...“ Hutchens‘ Augen weiteten sich. Er sah den Mann hinter der Tür. „Hilf Himmel, da ist er schon!“ „Na, er kommt wenigstens durch die Tür.“ Kaum hatte der Mann das Geschäft betreten, fielen schon die Schüsse. Dieses ist, wie erinnerlich, die Geschichte von Dickie Dick Dickens, dem Teenager-Idol der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts, dem Superman vom Michigansee, Dickie Dick Dickens, dem Weltrangersten im kriminellen Sechskampf 4 . Bedauerlicherweise wurde auf Grund eines Einspruches des nicaraguanischen Vertreters auf der diesjährigen Sitzung des internationalen olympischen Komitees der amerikanische Antrag, den kriminellen Sechskampf in die olympischen Spiele einzubeziehen, abgewiesen.5 Eine bedauerliche Entscheidung, wenn man bedenkt, dass Dickie Dick Dickens, in späteren Jahren Kapitän der Altherrenmannschaft von Sing-Sing, in allen Disziplinen ungeschlagen geblieben ist. Das Jahr 1925 bescherte ihm allerdings noch ernstere Aufgaben als den sportlichen Wettstreit, hatte er sich doch wieder dem kreativen gesetzesbrecherischen Wirken zugewandt. Im Kampf der Giganten der Chicagoer Unterwelt mischte er nun kräftig mit, wobei er sich freilich feinerer, stilvollerer Methoden bediente als die rivalisierenden Kontrahenten, Alfonso Capelli, der Chef der Capelli-Bande und Admiral Jefferson Harper, der Alkoholschmuggelkönig von Chicago. 12. August 1925. Ein Datum, dessen sich die beiden Unterweltbosse noch in späteren Jahren gut erinnern sollten. 14 Uhr 47. Der Zeitpunkt, zu dem Dickie Dick Dickens in das Geschehen eingeschaltet wurde. 14 Uhr 47 ging nämlich das Telefon bei ihm. Josua Benedikt Streubenguß war am Apparat. „Wie lange dauert es, bis Sie bei mir sein können, Mr. Dickens?“ „Eine halbe Stunde.“ „Sie müssen es in zehn Minuten schaffen! Bis gleich!“ Er fand ein Trümmerfeld vor, als Dickens eine halbe Stunde später den Laden von Josua Benedikt Streubenguß betrat. Das Schaufenster war durch eine Holzplanke ersetzt, ein Motorrad mit Beiwagen lag mitten im Raum, der mit Glasscherben und einigen Schmuckstücken bedeckt war, zwei Schmuckvitrinen waren zerborsten, auf dem Schaufenster hinter dem zerbrochenen Fenster herrschte Durcheinander. Das alles war jedoch noch milde im Gegensatz zum Zustand, in dem sich der arme Juwelier befand. Er saß zusammengebrochen auf einem unbequemen Stuhl. „Der ist mit seinem Motorrad direkt durch mein Schaufenster gefahren. Überall diese Scherben. Ich bin schon zweimal mit der linken Hand hineingetreten! “ “Sie sind verletzt, Josua Benedikt?“ Der winkte ab. „Das ließe sich noch aushalten. Aber die Leute auf der Straße! Wie sie gaffen und stieren!“ „Hab’s gesehen. Ein richtiger Menschenauflauf.“ „Sie sagen es. Sie sind durch die Schießerei angelockt worden.“ „Ach was! Eine Schießerei hat‘s auch gegeben?“ „Habe ich das nicht gerade erzählt? Und ein jeder glaubt, er kann mir ein Schmuckstück aus der Auslage klauen! Ich konnte mich überhaupt nicht um die Toten kümmern, so musste ich aufpassen, dass die mir nicht das Schaufenster ausplündern!“ „Wie bitte? Tote?“ Josua Benedikt Streubenguß war völlig durcheinander. Er plapperte drauf los, wobei er seinem Redeschwall mit heftigen Gesten Nachdruck verlieh: „Das sehen Sie doch – ach nein, Sie sehen es nicht. Ich habe sie ins Büro geschafft, damit die Polizei nicht gleich über die beiden stolpert. Ich muss mir erst überlegen, was ich denen sage. Oh, du grüne Neune, dabei hatte ich mir gerade eine Tasse Kakao machen wollen – die Milch ist bestimmt übergekocht, und das riecht dann immer so unangenehm; ja, man macht was durch! Zwei Armbanduhren haben sie mir geklaut, aus der Auslage, aber sie gingen nicht richtig, die werden nicht viel Freude damit haben. Und die Mordkommission muss bald da sein, was sagen wir denen denn...“ Dickie war heftig bemüht, dem Wortschwall Einhalt zu gebieten. „J o - sua! “ rief er mit Nachdruck. „Ja?“ „Ihre Sprechmaschine ist übergeschnappt. Sie reden wirr!“ „Ach ja, danke. Wie meinen Sie?“ „Gehen wir erst mal zu Ihrem Kakao. Der wird Sie vielleicht etwas beruhigen. “ „Gut, dass Sie das endlich einsehen. Kommen Sie!“ Er führte Dickens hinüber in sein Büro. Hier lagen zwei Leichen, säuberlich nebeneinander gelegt, auf dem Boden und starrten aus leeren Augen in die Luft. Beide waren offensichtlich durch einen Kopfschuss erledigt worden. Während Dickie sie erstaunt musterte, war Streubenguß über etwas ganz anderes erstaunt. „Sehen Sie nur: Die Milch! Sie ist nicht übergekocht. Dabei ist der Kocher ganz neu.“ „Er funktioniert aber nur, wenn man ihn auch anschaltet.“ „Ach ja, natürlich, wie dumm von Ihnen!“ Dickens wurde jetzt ungeduldig. „Schluss mit Ihrem Kakao!“ rief er energisch. „Wer hat die beiden Männer erschossen?“ „Sie sich.“ „Wie bitte?“ „Ja, gegenseitig. Der eine den anderen, und der andere den einen. Sie sahen sich, sie schossen, und jeder hat getroffen. Profis eben. Himmel, was sage ich bloß der Polizei? Es glaubt mir doch kein Mensch, dass die zufällig hier vorbeigeschlendert sind und sich dabei versehentlich erschossen haben!“ „Sie kennen die Leute?“ „Sie sind beide ‚Klienten‘ von mir. Und ich wette, die Polizei weiß das! Das bringt mich in Teufels Küche! Ich habe ja auch die Aktentasche nicht beiseite schaffen können, die Coker Hutchens in seinem Beiwagen hatte. Plötzlich standen all die Menschen vor meinem Laden, machten sich daran, die Auslage zu plündern... “ Streubenguß geriet wieder ins Schwafeln. Dickens unterbrach ihn und erfuhr durch mehrmaliges Rückfragen, dass der eine, Coker Hutchens, zur Capellibande gehörte, während der andere, ein gewisser Richard Brown, ein unbedeutender Totmacher in der Bande von Jefferson Harper war. Dieser Brown war auf Hutchens angesetzt worden, aber dabei ging es jedoch weniger um dessen Leben sondern um die Aktentasche, oder besser um deren Inhalt, ein in schmuddeliges Leinen eingewickeltes Päckchen. „Sie brauchen es gar nicht aufzumachen, Mr. Dickens, ich weiß, was drin ist. Coker Hutchens war Capellis Rauschgiftspezialist. Es ist Kokain.“ Dickie schnaubte Luft durch die Nase: „Das klingt nicht sehr gut, Josua Benedikt! Rauschgift so ziemlich das einzige, womit die Polizei nicht spaßt!“ „Sag ich ja! Wenn die das Päckchen bei mir findet, bin ich erledigt.“ Als hätte er damit das Stichwort gegeben, ertönte von draußen die durchdringende Stimme von Sergeant Martin: „Zurücktreten! Platz da! Zurücktreten!“ Streubenguß konnte gerade noch das Kokainpäckchen im Schreibtisch verstecken, als auch schon Sergeant Martin und Chefkommissar Lionel Mackenzie ins Büro traten. Sergeant Martin schrie: „Hier, Herr Chefkommissar, hier ist es!“ Mackenzie hielt sich die Ohren zu. „Schreien Sie mich nicht so an, Sergeant Martin!“ „Verzeihung, ich wollte nur sagen, hier liegen zwei Leichen.“ „Das kann ich zur Not selber sehen.“ Wie von einem Hammerschlag getroffen, zuckte er zurück, als er Dickens sah. „Oh, Martin, halten Sie mich fest! Das kann einfach nicht wahr sein! Dickie D i c k Dickens!“ Dickie grüßte höflich. „Guten Tag, Herr Chefkommissar! Reizend, Sie mal wieder zu sehen. Sind Sie wohlauf? Und die Frau Gemahlin?“ Mackenzie grunzte vor sich hin. „Ich glaube, ich habe sogar noch irgendwo einen alten Haftbefehl gegen Sie! Och Gott, nein, kaum kommt man mal ein bisschen aus dem Büro heraus, fängt der Ärger an! Ich wette, Martin, dieser Mensch macht uns noch einen Haufen Ärger!“ „Es hält sich in Grenzen, mein Verehrter“, beschwichtigte Dickens. „Nun setzen Sie sich erst mal, und dann werden wir Ihnen in aller Ruhe erzählen, was passiert ist. Mögen Sie ein Tässchen Kakao?“ „Kakao! Ich wusste, dass Sie ein alter Gauner sind, Dickens, aber ein Sadist? Pfui!“ Dickens brauchte Mackenzie nicht lange zu erläutern, was sich hier abgespielt hatte. Mackenzie kannte die beiden Toten. Er wusste, dass Hutchens ein Rauschgiftkurier war und vermutete, dass der andere hinter dem Stoff her war. Bei Rauschgift aber hörte bei Mackenzie jeder Spaß auf. Langsam, leise aber mit Nachdruck sagte er: „Haben Sie mal Rauschgiftsüchtige gesehen, Dickens? Richtige Süchtige meine ich, nicht solche Hopplahopp-Playboys, die ein bisschen schniefen, weil’s Mode ist, nein, richtige Süchtige! Mit ausgezehrten Gesichtern, triefenden Augen, klappernden Knochen, verzweifelt und vernichtet für die Dauer ihres Lebens. Junge Burschen, sie hätten Zukunft vor sich, könnten Karriere machen. Aber das ist nicht drin, weil sie irgend so ein Lump süchtig gemacht hat! Junge Mädchen, sie könnten hübsch sein, strahlend, frech, sexy, könnten Kinder gebären! Aber nein! Sie sind graue Larven mit trüben Augen, mit labbrigen Gebärden, gierig zitternd, aber nicht vor Lust – nein, vor Sucht, weil sie die nächste Prise brauchen. Und das geht ein Leben lang, bis sie ihm aus Verzweiflung selbst ein Ende setzen. Stellen Sie sich vor, Ihre Braut wäre süchtig, die süße, reizende Effie....“ Dickie winkte ab. „Nehmen Sie’s Gas weg, Mackenzie! Sie brauchen mich nicht zu überzeugen. Ich bin ganz Ihrer Meinung.“ Mackenzie war fest entschlossen, dem Rauschgifthandel Paroli zu bieten. Und zwar an der Wurzel. Er wusste, dass sowohl Alfonso Capelli als auch Jefferson Harper ihren Stoff aus einer Quelle bezogen: Von Professor Maxwell Cavendish. Es war nicht sicher, ob er tatsächlich ein Professor war, oder ob er sich den ‚Professor‘ nur als Beinamen gegeben hatte wie Ellington der ‚Duke‘ oder Basie den ‚Count‘. Sicher war jedoch, dass er die ganze Unterwelt mit Rauschgift versorgte. Aber er tat es so geschickt, dass man ihm nichts nachweisen konnte. Er hatte überall seine Beziehungen, überall seine Finger im Spiel. „Und genau das ist der Grund, warum Sie sich auf einen Handel mit mir einlassen sollten“, sagte Dickie. „Dann nämlich wäre der ehrenwerte Professor Maxwell Cavendish geliefert.“ „Was? Sie wollen ihn mir servieren“ „Ich sagte ‚liefern‘. Ans Messer.“ „Ach?“ „Ich verlange nicht viel. Nur zwei Kleinigkeiten.“ „Erstens?“ „Eine belanglose Lüge der Presse gegenüber. Es darf nicht bekannt werden, dass sich die beiden Gangster gegenseitig erschossen haben.“ „Sondern?“ „Es wurde nur einer der beiden erschossen. Ohne Namensnennung.“ „Zweitens?“ „Kein Wort über das Rauschgiftpäckchen. Die Polizei hat keine Ahnung, warum es zu dieser Schießerei gekommen ist. Jedenfalls offiziell nicht, der Presse gegenüber.“ „Und inoffiziell?“ „Durch Ihre privaten Schleusen dürfen Sie durchsickern lassen, dass ich, Dickie Dick Dickens, etwas mit der Sache zu tun habe.“ Das war Josua Benedikt Streubenguß, der bis dahin wortlos dem Gespräch zugehört hatte, nun doch zu viel. „Um Himmels Willen, Mr. Dickens, sind Sie total meschugge geworden?“ Auch Mackenzie war entsetzt. „Wollen Sie sich ins Messer stürzen? Sie jagen sich ja Alfonso Capelli und Jefferson Harper auf den Hals!“ „Sie spielen Ihr Spiel, Chefkommissar, und ich das meine.“ Mackenzie nahm das ungerührt hin. Er hielt es nicht für nötig, darauf zu antworten. Er war gespannt, was Dickens unternehmen würde, aber er wusste genau, dass er im Moment keine Antwort bekommen würde. „Okay“, sagte er und wandte sich an Streubenguß, „und was ist nun mit dem Rauschgiftpäckchen?“ Josua Benedikt Streubenguß tat unschuldig wie ein Osterlamm. „Mit dem, bitte, was?“ „Ich meine das Päckchen, das Coker Hutchens in seinem Motorrad befördert hatte.“ „Ach nein. Hat der Mann ein Päckchen befördert? Ja, wo kann das denn sein?“ Dickens machte kurzen Prozess. „Es liegt in Ihrem Schreibtisch, geben Sie es dem Chefkommissar!“ Streubenguß blickte klagend zum Himmel auf. „Und ich habe die ganze Zeit gedacht, ich wäre durchgedreht!“ Dann aber holte er das Päckchen aus dem Schreibtisch und gab es Chefkommissar Lionel Mackenzie. In der Nachtausgabe der ‚Chicago Daily News‘ erschien unter der Schlagzeile ‚ZWEIKAMPF ZWISCHEN GANGSTERN‘ ein ausführlicher Artikel: ‚In den Geschäftsräumen des Juweliers Josua Benedikt Streubenguß kam es gestern Nachmittag aus bisher unbekannten Gründen zu einer Schießerei zwischen zwei Gangstern. Einer der beiden Männer kam, wie die Polizei mitteilt, bei der Auseinandersetzung ums Leben. Von dem anderen fehlt jede Spur.‘ Dickie Dick Dickens war sehr zufrieden, als er das las. „Donnerwetter, da hat sich also Chefkommissar Lionel Mackenzie exakt an unsere Vereinbarung gehalten.“ Opa Crackle schüttelte bekümmert den Kopf. “Weit ist es mit uns gekommen, dass wir mit der Polizei zusammen arbeiten. Was, zum Kuckuck, hast du bloß vor, Jungchen?“ „Ich will sie aus ihren Rattenlöchern herauslocken.“ „Wen?“ „Alfonso Capelli und Admiral Jefferson Harper.“ „Das sieht dir ähnlich! Alle Welt dankt ihrem Schöpfer, wenn die mal ’ne Weile verkrochen bleiben. Aber du willst sie locken.“ „Ja, Opa, es gibt eine Treibjagd.“ „Auf wen?“ „Auf Professor Maxwell Cavendish, den Kerl, der den Koks liefert. Die werden ihn zu Tode hetzen.“ „Halali!“ „Effie,“ sagte Dickie jetzt sehr sachlich, „ich brauche zwei Päckchen, jedes ein halbes Pfund schwer, 250 Gramm Mehl, in Leinen eingenäht.“ „Normales Mehl?“ fragte sie. „Normales Mehl.“ „Normales Leinen?“ „Normales Leinen.“ „Und du, Dickie, bist du auch normal?“ „Nein, nein, er würde es uns schon sagen, wenn er verrückt ist, so ehrlich ist er“, meinte Opa Crackle und klapperte mit seinem neuen Gebiss. „Ich hoffe nur, du weißt, was du tust, Jungchen! Ein Schaukelspiel zwischen Jefferson Harper und Alfonso Capelli ist sowieso eine wacklige Sache. Aber wenn die Polizei da auch noch mitwippt, kannst du leicht vom Stuhl kippen!“ Dickens wischte den Einwand mit leichter Hand fort. Sein Plan, so glaubte er, war exakt. Es kam jetzt nur darauf an, dass Josua Benedikt Streubenguß die Nerven behielt. Ein neuer Tag brach an. Es war ein schöner Tag. Nur wenige, daunenhelle Wolken türmten sich über der herrlichen Metropole am glitzerten Michigansee. Eine leichte Brise fächelte über die Wellen, emsig flatternde Möwen kreischten fidel ihr Morgenlied, die Großstadt erwachte aus unruhiger Nachtruhe, Zeitungsjungen, Bananenverkäufer und Schuhputzer boten lauthals ihre Dienste an, durch die engen Gebäudeschluchten ergoss sich hupend und von Straßenkreuzung zu Straßenkreuzung stockend der morgendliche Straßenverkehr. Aus der Vielzahl von kleinen und Mittelklassewagen stach eine schwarze Luxuslimousine mit dunklen Fensterscheiben heraus. Langsam bahnte sie sich ihren Weg vom Westend über das Bananenverkäuferviertel bis hin zur Dolphinstreet, wo sie vor dem Juweliergeschäft des Josua Benedikt Streubenguß anhielt. Ein muskelbepackter Griesgram saß am Steuer, neben ihm, eine Maschinenpistole dürftig unter der Jacke verbergend, ein zweiter Muskelprotz. Der Mann, oder besser der Herr, der im Fond saß, stieg aus dem Wagen. Er trug einen edlen schwarzen Börsenanzug mit feuerroter Krawatte, Bowlerhut und Schlangenlederschuhen. Es war Alfonso Capelli. Zögernd betrat er das Juweliergeschäft. Josua Benedikt Streubenguß tat gekonnt erstaunt, als er ihn eintreten sah. „Oh, Alfonso Capelli! Was für eine Überraschung, Mr. Capelli persönlich!“ „Guten Tag, Mr. Streubenguß!“ „Sie müssen entschuldigen! Es sieht hier noch recht wüst aus. Ein Motorradfahrer hatte einen Unfall – und das mitten in meinem Laden.“ Capelli nickte verstehend. „Ja, ja, genau deswegen möchte ich ja mit Ihnen sprechen.“ „So? Aha. Ja, wenn ich Sie vielleicht in mein Büro bitten darf. Ich bin gerade dabei, mir einen Kakao zu kochen. Mögen Sie auch ein Tässchen?“ „Ja, gerne.“ Ein schlauer psychologischer Test, den der geschickte Josua Benedikt hier anstellte. Der Umstand, dass der gefürchtete Gangsterboss den angebotenen Kakao nicht entrüstet ablehnte, war ein sicheres Zeichen, dass er in freundlicher Absicht gekommen war. Sie gingen ins Büro, Streubenguß bot Platz und Kakao an. Alfonso Capelli setzte sich und nippte, zögerlich zwar, aber gottergeben seinen Kakao. „Hm“, murmelte er. „Da ist Zucker drin, nicht wahr?“ „Natürlich.“ „Schmeckt pikant. Ich glaube, ich habe seit 60 Jahren keinen Kakao mehr getrunken.“ Jetzt setzte er resolut die Kakaotasse ab. „Doch nun zu Ihrem Missgeschick, mein Bester! Der Laden sieht ja traurig aus. Großer Schaden?“ Streubenguß gab einen so tiefen Seufzer von sich, dass er selbst darüber erschrak. „Ziemlich erheblich!“ Capelli klopfte ihm väterlich aufs Handgelenk. „Na ja, wenn’s recht ist, komme ich für den Schaden auf.“ „Wie bitte? Sie, Mr. Capelli?“ „Ich fühle mich irgendwie verantwortlich. Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass Coker Hutchens einer meiner Leute war.“ Streubenguß tat, als falle er aus allen Wolken. „Ach nein, wirklich?“ „Doch, doch. Und wenn einer meiner Leute Schaden anrichtet, stehe ich dafür gerade. Ist doch Ehrensache. Weswegen ist er eigentlich zu Ihnen gekommen? Wollte er etwas Bestimmtes?“ Streubenguß wusste, dass er jetzt höllisch aufpassen musste, dass er exakt das Richtige antwortete. Er wählte seine Worte sorgfältig, während er überaus harmlos tat. „Nicht dass ich wüsste“, sagte er. „Er hat wohl die Herrschaft über seinen Feuerstuhl verloren, ist, so nehme ich an, etwas zu schnell gefahren.“ „Das wundert mich eigentlich. Er ist sonst ein hervorragender Kradfahrer.“ „Und ein hervorragender Schütze!“ Jetzt ging ihm Capelli auf den Leim. „Wieso das?“ fragte er erstaunt. Streubenguß verfiel wieder in seinen Plapperton: „Nun, jeder normale Mensch ist doch ziemlich benommen, wenn ihm so etwas zustößt, nicht wahr? Mit ’ner Beiwagenmaschine durch die Fensterscheibe! In voller Fahrt. Und dann der Länge lang hingeschliddert! Mir würden da Hände und Füße zittern. Aber Coker Hutchens – alle Achtung! Da kann man nur den Hut ziehen. Der andere stand noch gar nicht richtig in der Tür, da war Coker schon wieder auf den Beinen und hat ihm eine verplättet!“ „Aha. Hutchens hat also geschossen?“ „Und wie! Sie können wirklich stolz auf Ihren Mitarbeiter sein, Mr. Capelli! So schnell konnte ich gar nicht gucken, wie der sein Pusterohr in der Hand hatte. Ich weiß ja nicht, was der andere Mann von ihm wollte, aber er hat’s auf jeden Fall nicht bekommen.“ „Und Coker Hutchens? Er ist am Leben geblieben?“ Streubenguß tat verwundert. „Warum fragen Sie, Mr. Capelli? Wenn Hutchens einer von Ihren Leuten ist, müssten Sie das doch wissen. Hat er Ihnen denn keinen Bericht erstattet?“ Es entstand eine kurze Pause. „Nein, keinen Bericht“, sagte Capelli verwirrt. „War er vielleicht verwundet?“ „Ja, war er.“ „Ach so. Ja, das erklärt die Sache. Schwer verletzt?“ „Ein kleiner Riss an der linken Hand. Ich habe ihm schnell ein Pflaster draufgemacht, ehe er abgehauen ist. Oh Gottegott, war das vielleicht eine Hetze! Er musste ja fort sein, ehe die Polizei kam.“ „Hat er irgendwas mitgenommen?“ Das war die Frage, auf die Streubenguß gewartet hatte. „Doch, ja, hat er. Seine Aktentasche.“ Das traf Capelli wie ein Hufschlag. Er fluchte leise in sich hinein: „Diese verdammte Wildsau!“ „Wie bitte?“ Capelli fasste sich schnell. „Oh, nichts, nichts. Und? Hat er keine Bemerkung gemacht, wo er hingehen wollte?“ „Nö, kein Wort. Er hat sich nur schnell nach ’ner Adresse erkundigt, und weg war er.“ „Ach ja? Welche Adresse?“ Streubenguß schüttelte bedächtig den Kopf. „Aber nein, nein. Da ist er bestimmt nicht hingegangen. Der würde ihn ja hochkant rauswerfen.“ „Welche Adresse?“ „Dickie Dick Dickens.“ Punkt eins in Dickie Dick Dickens‘ Plan war somit programmgemäß abgerollt. Ein nicht ungefährlicher Programmpunkt, wie der erfahrene Leser ahnen wird. Aber Dickens liebte die Gefahr. Er hegte eine heftige, fast mystische Zuneigung zu ihr. Wie das Gewehr die Braut des Soldaten, wie das Kolophonium die Braut des Violinisten, so war die Gefahr die Braut des Dickie Dick Dickens. Seine leibliche Braut, Effie Marconi, wusste das und fand sich selbstentäußernd damit ab. Programmpunkt Numero zwei sollte noch am gleichen Tag, zwei Stunden später, abgerollt werden. Der nächste Besucher, dem Josua Benedikt Streubenguß eine Tasse Kakao anbot, war Admiral Jefferson Harper. Er trank brav seine Tasse aus, und es entwickelte sich ein ähnliches Gespräch wie beim Besuch von Alfonso Capelli. Harper sagte: „Selten so guten Kakao getrunken. Kompliment!“ Streubenguß fragte: „Noch ein Tässchen? Harper sagte: „Danke vielmals, mein lieber Streubenguß. Aber ich möchte lieber zur Sache kommen.“ Streubenguß fragte: „Welche Sache, Herr Admiral?“ Harper sagte: „Das Feuergefecht in Ihrem Laden. Waren Sie dabei?“ Streubenguß sagte: „Und wie! Mir sind die Kugeln nur so um die Ohren geflogen! Aber warum interessiert Sie das, Herr Admiral?“ Harper sagte: „Habe einen der beiden recht gut gekannt.“ Streubenguß fragte: „Doch nicht etwa den armen Coker Hutchens?“ Harper sagte: „Nein, den anderen. Richard Brown. Crewkamerad von mir. Mach mir Sorgen. Netter Junge.“ Streubenguß sagte: „Ich habe ihn gar nicht so recht kennen gelernt. Er war so schnell wieder weg.“ Harper fragte: „Weg? Aha, weg! Dann hat er also den Feuerwechsel überlebt? “ Streubenguß sagte: „Ja.“ Harper fragte: „Und der andere?“ Streubenguß sagte: „Der ist tot. Und, ehrlich gesagt, mir hat das gar nicht gefallen. Bloß wegen einer Aktentasche bringt man doch keinen Menschen um!“ Harper fragte: „Aktentasche?“ Streubenguß sagte: „Ja, Ihr Crewkamerad war hinter Coker Hutchens Aktentasche her. Aber anstatt sie ihm wie ein gesitteter Gauner zu stehlen, hat er sie ihm abgeschossen, und wie finden Sie das?“ Harper sagte: „Abscheulich. Hat er die Tasche mitgenommen?“ Streubenguß sagte: „Er wäre ja schön blöd, wenn er sie da gelassen hätte. Aber wie gesagt, mir hat das nicht gefallen. Ich habe ja nichts gegen Brutalität, aber bitte schön, alles zu seiner Zeit und alles an seinem Platz!“ Harper sagte: „Ja, man sollte ihn mal gehörig vergattern. Wissen Sie, wo er sich jetzt aufhält?“ Streubenguß sagte: „Wir haben ja kaum miteinander geredet. Er hat sich nur schnell nach einer Adresse erkundigt, und weg war er, wie der Wind.“ Harper fragte: „Welche Adresse war denn das?“ Streubenguß sagte: „Hm... warten Sie ... ja, ich glaube ... wenn ich mich recht erinnere, war es die Adresse von einem gewissen Mr. Dickens.“ Die Leimruten waren also ausgelegt. Jeder der beiden Gangsterbosse glaubte, dass sein Mann das Duell überlebt hatte. Jeder der beiden Gangsterbosse glaubte, dass sein Mann sich mit Dickie Dick Dickens in Verbindung gesetzt hatte. Das fanden sie doppelt ärgerlich, Dickens war ihnen sowieso ein Dorn im Auge, ein Einzelgänger, der es wagte, ihnen in ihr angestammtes Gehege zu kommen! Und jeder der beiden Gangsterbosse legte sich auf die Lauer. Darauf aber war Dickie Dick Dickens gefasst. „Ich habe jetzt nichts anderes zu tun, als die Falle zu suchen, die man mir stellt“, sagte er. Opa Crackle meinte, er müsse total übergeschnappt sein. „Irgendwas muss dir ganz schlecht bekommen sein, mein Jungchen. Zeig mal deine Zunge!“ Aber Dickie meinte es absolut ernst. Er wollte die Bandenchefs in Sicherheit wiegen. Die waren eingefleischte Gangster, die jedes Problem auf ihre Weise lösten. Und damit rechnete er. „Was macht Capelli offiziell“, fragte er Opa Crackle. „Er muss doch irgendeinen eingetragenen Beruf haben.“ „Er hat einen Frisiersalon, soviel ich weiß.“ „Ausgezeichnet.“ Schnell war die Adresse des Salons gefunden. Dickens wurde zu seiner vollen Zufriedenheit bedient, freundlich und sachkundig; der Preis, den man ihm abverlangte, war angemessen. Erst als er zum Schluss bat, für ihn ein Taxi zu bestellen, klappte die Falle zu, in die er gerne geraten wollte. Zwei Männer stellten sich links und rechts neben ihn. „Taxe entfällt“, sagten sie und nötigten ihn mit vorgehaltenem Revolver, in ein Auto zu steigen, das wartend vor dem Frisiersalon stand. Nachdem sie ihn sorgsam nach Waffen abgetastet hatten, ging die Fahrt los. Dickens kannte den Weg, den der Wagen einschlug, Er kannte auch das Anwesen, zu dem er gebracht wurde. Hier war er einmal zu einer Gartenparty eingeladen gewesen, die wenig erfreulich verlief. Heute brachten ihn die Revolvermänner nicht in den Garten sondern in die Villa, die Marmortreppen hinauf. Die Tür öffnete sich automatisch, man betrat einen großen Vorraum, geschmückt mit riesigen Blumenarrangements in mannshohen Vasen. Weiter ging’s in Capellis Arbeitszimmer, das eher wie ein kostbares Damenboudoir aussah. Alfonso Capelli kam Dickie entgegen. „Treten Sie näher, Mr. Dickens!“ Er begrüßte Dickens mit Handschlag. Der erwiderte sein Lächeln nicht. „Haben Sie diese Revolverartisten auf mich abgerichtet?“ Capelli blieb höflich. „Tut mir leid, wenn meine Leute ein wenig unsanft gewesen sind. Sie müssen mich missverstanden haben. Sie hatten lediglich den Auftrag, Sie höflich zu einem Cocktail einzuladen.“ „Na und?“ „Was heißt ‚na und‘?“ „Wo bleibt der Cocktail?“ Capelli schnippte mit den Fingern und rief: „Susi!“ Die spitzbusige Brünette schlängelte heran, wiegte sich in den Hüften und säuselte: „Ja, Al?“ „Unser Gast hat Durst. Los, mix ihm was!“ Noch ein Hüftschwung. Susi lächelte Dickie anmutig ins Gesicht. „Was soll’s denn sein? Scharf oder mild?“ „Mir ist alles recht, meine Süße, solange Sie aufs Strychnin verzichten.“ Jetzt wurde er gallig: „Und das machen Sie nicht noch ein zweites mal, Capelli! Bei der nächsten ‚Einladung‘ puste ich Ihre Leute in die Hölle!“ Capelli lachte behäbig. „Geben Sie nicht so an, Dickens! Meine Leute haben Sie dreimal nach Waffen durchsucht.“ „Na, dann seien Sie mal ganz ruhig! Hören Sie was?“ Capelli folgte der Aufforderung. Auch seine Leibgardisten verhielten sich still, und Susi hielt den Atem an. Ein leises Ticken war zu hören. „Verdammt noch mal, was ist das?“ fragte Capelli. „Eine Minizeitbombe“, antwortete Dickens gelassen. „Ganz klein aber imponierend effektiv. Ich habe sie Ihnen in die Tasche gesteckt, als wir uns begrüßten. “ Augenblicklich wichen die beiden Gangster und Susi von Capellis Seite. Er selbst griff erschrocken in seine Tasche, holte einen streichholzschachtelgroßen Gegenstand heraus und warf ihn Dickens in den Schoß. „Hier, nehmen Sie das verdammte Ding! Entschärfen Sie es!“ „Keine Bange!“ beruhigte ihn Dickie. „Beide Bomben sind auf 24 Uhr eingestellt. Und bis dahin ist noch viel Zeit.“ „Beide Bomben?“ „Wo ich die zweite untergebracht habe, telefoniere ich Ihnen durch, wenn ich gesund nach Hause gekommen bin.“ Diese Bemerkung, wie beiläufig vorgebracht, machte Capelli sprachlos. Susi aber war sichtlich beeindruckt. „Sie sind Klasse, Mr. Dickens!“ „Was man von Ihrem Cocktail nicht behaupten kann. Sie müssen noch viel dazu lernen.“ „Gerne, Mr. Dickens, wann ist es Ihnen recht?“ „Alle Achtung, Capelli! Die Kleine geht ran!“ „Haben Sie Interesse? Wollen Sie sie haben?“ „Mann, Sie haben mich doch nicht abschleppen lassen, um mir Ihre Süße aufzuschwatzen!“ Alfonso Capelli merkte, dass er sich verrannt hatte. „Gut, reden wir übers Geschäft: Coker Hutchens war bei Ihnen?“ Dickie war zufrieden. Jetzt hatte er Capelli dort, wo er ihn haben wollte. Er tat ausschweifend erstaunt. „Coker Hutchens? Wer ist das?“ „Bluffen Sie nicht, Dickens! Ich weiß, dass er bei Ihnen war!“ „Zum Teufel, jetzt möchte ich aber wissen, wer da wieder nicht dicht gehalten hat!“ „Er hat Ihnen was verkauft, nicht wahr?“ Dickie gab sich geschlagen. „Da Sie’s sowieso wissen, kann ich’s ruhig sagen. Er hat mir ein Päckchen übergeben mit freundlichen Grüßen von Professor Maxwell Cavendish. Und wenn Sie wissen wollen, was drin ist, kann ich nur sagen, ich weiß es leider nicht so genau. Soviel ich feststellen konnte, ist es Mehl.“ „Mehl??“ „Ganz einfaches Mehl.“ Capelli lächelte mildtätig. „Gut, einigen wir uns auf die Formel ‚Mehl‘. Wie viel soll es kosten?“ „60.000 Dollar“, antwortete Dickie schlicht. „60.000? Sind Sie verrückt?“ „Gehen Sie zum nächsten Krämer! Dort kriegen Sie es wahrscheinlich billiger. “ „23.000. Mehr habe ich noch nie bezahlt.“ „Gehen Sie zum Krämer!“ Sie feilschten noch eine Weile um den Preis, bis Alfonso Capelli schließlich bärbeißig einwilligte. „Also gut, 60.000.“ „Und zwar in bar, wenn ich bitten darf“, sagte Dickie. „Heute Abend, 22 Uhr. Schicken Sie Susi! Keine Revolverrowdies! Susi bringt das Geld, kriegt das Päckchen, und wenn das alles reibungslos über die Bühne gelaufen ist, rufe ich Sie an und sage, wo die Zeitbombe versteckt ist. Bis dann, Capelli, es war mir ein Vergnügen.“ Als Dickie Dick Dickens zur blue hour des gleichen Tages eines jener Kaffeehäuser besuchte, das von Capellis Rivalen, Admiral Jefferson Harper, kontrolliert wurde, sprachen ihn zwei breitschultrige, dezent mit Totschlägern bewaffnete Herren an, verfrachteten den gekonnt verblüfften Dickie Dick Dickens in eine Limousine und fuhren mit ihm durch die unter der Nachmittagssonne träumende Millionenstadt zur Villa von Admiral Jefferson Harper. Der Admiral empfing Dickens mit ausgesuchter Höflichkeit und bot ihm einen zwanzigjährigen Armagnac an. Das zeigt deutlich, wie unterschiedlich im Vergleich zur bürgerlichen Welt die Sitten und Gebräuche in der Unterwelt sind. Nach Tisch, wo der Bürger gern ein Gläschen Cognac zu sich nimmt, bietet man unter Gangstern Cocktails an und zur Cocktailstunde einen Cognac. Gewiss ein kleines, aber psychogenetisch aufschlussreiches Detail. Das Gespräch, das Dickens mit Jefferson Harper führte, nahm einen ähnlichen Verlauf wie jenes mit Alfonso Capelli. Am Ende willigte Harper ein, 60.000 Dollar zu zahlen, und erhielt die Zusage, anschließend mitgeteilt zu bekommen, wo die Zeitbombe in seinem Haus versteckt war. Als die Nacht über dem lauschigen Chicago hereinbrach, war in Dickies gemütlichem Blockhaus Freude eingekehrt. Opa Crackle zählte Hundertdollarschein für Hundertdollarschein das Geld ab, das sie von Harper und Capelli eingenommen hatten. „Stimmt genau“, sagte er, „120.000 Dollar!“ „Ei, ei!“ meinte Effie. „Man sollte gar nicht glauben, dass Gangster so ehrliche Menschen sind.“ Dickie kam nicht dazu, etwas darauf zu erwidern, denn jetzt stürmte Bonco ins Zimmer. „Besuch!“, rief er, „und das zwanzig vor zwölf! Besuch, kurz vor Mitternacht, hat selten dir noch Glück gebracht!“ Dickie nickte ungerührt. „Wer ist es? Jefferson Harper oder Alfonso Capelli? “ „Ich glaube, Capelli und Gorillas.“ „Gut, führ sie herein!“ Das war gar nicht nötig. Die Tür wurde rabiat aufgestoßen, und Capelli und seine Kraftmenschen tobten herein. „Oh, Mr. Capelli, welche Ehre“, begrüßte ihn Dickie. „Nehmen Sie Platz! Mögen Sie ein Tässchen Kakao?“ Der dachte nicht daran, sich zu setzen. Wütend fauchte er: „Teufel noch mal, Dickens, Sie haben doch versprochen, mich anzurufen!“ „Ich ahnte, dass Sie sich zu mir bemühen würden. Deswegen habe ich es nicht getan.“ Capelli sprudelte vor Zorn. „Wo ist, zum Teufel, diese verdammte Zeitbombe? Meine Leute haben das ganze Haus auf den Kopf gestellt und nichts gefunden! “ Dickens nickte lethargisch. „Das habe ich befürchtet. Und wenn Sie die Bombe gefunden hätten, wäre ihr Zweck verpufft. Deswegen habe ich vorsichtshalber gar keinen Sprengsatz da gelassen.“ Capelli machte große Augen. „Donnerwetter! Von Ihnen kann man noch lernen.“ „Dazu ist es bekanntlich nie zu spät.“ „Aber da ist noch eine andere Sache! Wissen Sie, was in dem Leinenbeutel ist? Ordinäres Mehl!“ „Das habe ich Ihnen doch gesagt.“ „Hören Sie auf, witzig zu sein! Glauben Sie, ich würde 60 Riesen für ein halbes Pfund normales Mehl zahlen?“ „Darüber habe ich mich auch gewundert.“ „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“ Nein, das wollte Dickie nicht. Plötzlich besorgt fragte er: „Sagen Sie mal, ist das am Ende Ihr Ernst? Mehl? Richtiges Mehl?“ „Hier, ich hab’s mitgebracht. Kosten Sie!“ Dickie nahm tatsächlich eine Prise und stellte mit gekonntem Erstaunen fest: „Ordinäres Mehl! Tatsächlich! Und dafür habe ich dem Kerl 30.000 Dollar bar bezahlt!“ „Waas?“ empörte sich Capelli. „Sie nehmen 100 Prozent Aufschlag?! Und das unter Kollegen! Sie sind mir schon ein Gauner!“ „Das habe ich nie bestritten. Tja, Capelli, da sind wir wohl beide übers Ohr gehauen worden. Sauerei! Wir teilen uns natürlich den Schaden. Effie, gib Mr. Capelli 30.000 Dollar zurück!“ Alfonso Capelli hörte gar nicht darauf, so sehr war er mit seiner Wut beschäftigt. „Wenn ich Coker Hutchens finde, zermalme ich ihn in der Luft!“ „Tun Sie das. Aber warum eigentlich?“ „Nicht nur, dass er desertiert ist – jetzt hat er auch noch den Stoff ausgetauscht! Diesen Hutchens zerhacke ich!“ Dickie Dick Dickens rieb sich das Kinn, sagte bedacht: „Nein, Mr. Capelli, ich glaube, das wäre falsch.“ „Wieso?“ „Bedenken Sie, er war auf der Flucht vor der Polizei. Er ist direkt von der Schießerei zu mir gelaufen.“ „Weiß ich.“ „Er hatte also gar keine Zeit, den Stoff auszutauschen.“ „Sie meinen, es war von Anfang an Mehl in dem Beutel.“ „Klar! Man hat uns in die Pfanne gehauen. Aber der Betrüger ist nicht Coker Hutchens sondern derjenige, von dem er den Stoff hat.“ Capelli begriff. „Professor Maxwell Cavendish.“ „Richtig.“ „Na, der kann was erleben!“ Capelli stand auf, winkte seinen Gorillas und machte sich auf den Abmarsch. „Gute Nacht, Dickens!“ „Halt!“ rief der ihm nach. „Ihre 30.000 Dollar!“ „Die schicken Sie mir zu. Ich habe jetzt Wichtigeres zu tun!“ Und raus war er. „Das wird was geben“, schmunzelte Dickie. Opa Crackle fand das nicht so super. „Dass du ihm einfach 30.000 zurückzahlen willst, finde ich übertrieben.“ „Man muss immer nobel sein. Schließlich wollen wir mit ihm in Geschäftsverbindung bleiben.“ Er schaute auf die Uhr. „Fünf vor zwölf? Wo bleibt Admiral Jefferson Harper?“ Es klingelte das Telefon. „Aha, das wird er wohl sein.“ Es war tatsächlich Jefferson Harper. Effie, Bonco und Opa Crackle hörten andächtig, was Dickie ihm zu sagen hatte: „Hier Dickens. – Ja, Admiral, ich erwarte schon Ihren Anruf. Ich habe die Zeitbombe versehentlich wieder mitgenommen. – Ach, Mehl? Was Sie sagen! Nein, Ihr Mann kann es nicht ausgetauscht haben, er ist ja direkt zu mir gekommen. – Ja, dann muss es wohl Professor Cavendish gewesen sein.“ Am nächsten Morgen stand in der Chicago Daily News‘: ‚Neuer Racheakt in der Chicagoer Unterwelt. Bedeutender Pharmazeut erschossen. Feuerüberfall auf Professor Maxwell Cavendish.‘ So löste Dickie Dick Dickens auch das Versprechen ein, das er Chefkommissar Lionel Mackenzie gegeben hatte. Wie die Polizei feststellte, waren in jener Nacht zwei Rollkommandos bei Professor Cavendish vorgefahren. Eine Abordnung von Alfonso Capellis Bande und ein Sturmtrupp von Admiral Jefferson Harper. Sie machten nicht nur den Professor und dessen Haus dem Erdboden gleich sondern lieferten sich gegenseitig ein erbittertes Feuergefecht, was die Statistik der Gangstersterblichkeit wieder etwas in die Höhe schnellen ließ. Das also war das pikante Gaunergericht ‚Kakao und Mehl‘. In einem Brief, den Dickie Dick Dickens an seine Jugendfreundin Bella Cora del Hortini geschrieben hat, weist er nur mit Wehmut auf dieses Erlebnis hin.. „Zu denken, dass man“, so schreibt er wörtlich, „um gute und einträgliche Taten zu vollbringen, auch gezwungen sein kann, der Polizei zu helfen, ist einer der traurig stimmenden Aspekte des modernen Gesetzesbruchs.“ KLEINE GESCHÄFTE ERHALTEN DIE FEINDSCHAFT Chicago, Illinois, am Südwestufer des Michigansees, drittgrößte Stadt der USA, 179 Meter über dem Meeresspiegel, 2,722 Millionen Einwohner, August 1925. Alltag in Chicago. Alles läuft seinen gewohnten Gang. Die Kinder gehen in die Schule, die Straßenbahnen rasseln über Gleise und Weichen, die U-Bahnen6 tun dasselbe unter Grund, vor den vier Universitäten der Stadt warten Studenten, Straßenverkäufer bieten ihre Waren feil7 , Büroangestellte arbeiten in ihren Büros, Hausfrauen zu Hause, Kaminfeger auf dem Dach, Alkoholschmuggler im Dunkeln. Alltag in Chicago ... Eines allerdings hatte sich in den späten Augusttagen im Weichbild der großen Stadt geändert. Die beiden Verbrecherorganisationen, die bisher den Rhythmus des Unterweltgeschehens angegeben hatten, die Banden von Alfonso Capelli und Admiral Jefferson Harper, hatten sich in nimmermüder Rivalitätskontroverse gegenseitig so stark dezimiert, dass beide Gruppen neues Personal rekrutieren mussten. Das hatte zur Folge, dass ein Großteil der Bandenmitglieder zwar in gewissem Sinne willig, aber doch jung, doof, unerfahren und unbedarft war. Das sollte für beide Teile noch schmerzhafte Folgen haben. Einen ungetrübten Alltag erlebte zu jener Zeit hingegen jener junge Mann, von dem diese Annalen berichten, Dickie Dick Dickens, dem Mann mit dem weltweit bewunderten Übertölpelungsvermögen, Dickie Dick Dickens, dem Banditen mit den Lachfalten um die Augen, Dickie Dick Dickens, dem einzigen Gesetzesbrecher, nach dem eine ganze Provinz Nordamerikas benannt wurde: Dixieland. Ein Landstrich, der sich von anderen Gegenden Amerikas dadurch augenscheinlich unterscheidet, dass er gar nicht existiert.8 Dickens selber hat dieses sein Land in keinem seiner Briefe erwähnt, so dass über dem Ursprung der Legende nach wie vor der Schleier des Geheimnisses wallt. Wir wissen nur, dass er die nach ihm benannte Dixielandmusik nicht sonderlich geschätzt hat. Er bevorzugte, wie erinnerlich, den Wiener Walzer, den er in Mußestunden auf seinem schokoladenfarbenen Stutzflügel zur Gymnastizierung seiner Fingermuskulatur zu spielen pflegte. Sie alle waren im Wohnzimmer versammelt, Dickies Liebste, die süße Effie, der schmale, rosageschopfte Bonco, sowie Opa Crackle, der draufgängerische Alte. Teilnehmend lauschten sie Dickies Klavierspiel. Alltag in Chicago. Nach Dickies Geschmack war seine Effie Marconi allerdings gar zu alltäglich gekleidet. Er unterbrach sein Spiel und sagte mit liebevollem Vorwurf: „Hör mal, Effie, wie siehst du überhaupt aus? Wuschelhaare, Kittelschürze, Pantöffelchen! Wie soll ich denn mit so was in der Chicagoer High Society bestehen? “ „Aber der Haushalt, Dickie!“ wendete sie ein. „Halte das Haus, wann du willst. Aber nicht heute! Wir haben einen großen Abend vor uns. Housewarmingparty bei Jefferson Harper!“ „Jefferson Harper? Der Alkoholschmuggelkönig?“ „Ganz recht, mein Schatz. Admiral Jefferson Harper. Der alte Halunke hat so viel Geld zusammen gerafft, dass er sich einen ganzen Palast leisten kann.“ „Braucht er den?“ „Natürlich nicht. Er will bloß Capelli übertrumpfen.“ „Warum?“ Dickie drehte sich auf seinen Klavierhocker um. „Du weißt doch, wie es ist: Als sich Alfonso Capelli einen Cadillac gekauft hat, brauchte der Admiral einen Rolls Royce. Als Capelli einen eigenen Priester für seine Bande engagierte, musste für Harper ein Bischof ran. Jetzt hat sich Capelli eine 25-Zimmer-Villa im Westend gekauft. Also braucht Harper einen Palast. Auch im Westend, weil’s was Besseres nicht gibt.“ „Und den will er heute einweihen?“ „Mit Pomp und Gloria.9 “ Jetzt mischte sich Bonco ins Gespräch. Er habe einen Vorschlag zu machen für den festlichen Abend. Ein kleines Geschäft. „Ein Geschäft? Womit?“ fragte Dick. „Mit Mord.“ Das fand Effie unpassend. „Aber Bonco! Man mordet doch nicht auf Abendgesellschaften!“ „Aber nein, ich meine ja keinen frischen Mord sondern einen gewesenen.“ Bonco war heute zufällig im Westend, als man dort einen Mann umgelegt hatte. Und zwar genau vor Admiral Jefferson Harpers neuem Haus. „Er muss sofort tot gewesen sein, der arme Humphrey.“ „Ach, du kennst den Mann?“ fragte Dickie. „Ja, Humphrey Jill. Ich kenne ihn von früher. Er war Elektriker, genau wie ich. Zuletzt gehörte er zur Capelli-Bande.“ Er hatte noch kurz mit ihm gesprochen, bevor die Schüsse knallten, aber dann waren schon zwei Typen aus Harpers Haus gekommen und hatten ihn hineingezerrt. „Wahrscheinlich hat ihn Capelli mit einem Mordauftrag losgeschickt“, spekulierte Opa Crackle. „Oh nein, Opa. Er hatte keinen Mordauftrag.“ „Woher willst du das wissen?“ „Ach, ich habe der Versuchung nicht widerstehen können. Ich habe ihm gewohnheitsgemäß die Taschen ausgeräumt, als wir uns unterhielten. Er hatte fast nichts bei sich. 3 Dollar, einen Gebäudegrundriss und den Schlüssel zur städtischen Transformatorstation Nr. 37. Aber keine Pistole, kein Messer, keine einzige Waffe!“ Effie rollte mit den Äuglein. „Aber wie soll denn daraus ein ‚Geschäft‘ werden?“ „Sein Tod, Fräulein Effie, stand unter sehr günstiger Bestrahlung. Astrologisch gesehen, meine ich. Außerdem haben die Lerchen gezwitschert. Und Sie wissen doch: Wenn die Lerchen singen ‚pfitt-pfitt-pfitt‘, winkt dir in allen Dingen Profit, Profit, Profit.“ Opa Crackle kicherte: „Du bist ein Esel, Bonco!“ Er war kein Esel, wie Dickie Dick Dickens und seine Braut Effie Marconi noch am gleichen Abend feststellen sollten. Die Bleibe von Admiral Jefferson Harper war zwar nicht das, was normale Bürger als ‚Palast‘ bezeichnen, sie war jedoch ein stattliches Anwesen, das an Exklusivität Capellis Villa in nichts nachstand. Nur: Das Haus war etwas beeindruckender, der Garten etwas weiter, die Fenster und Türen etwas größer, Jefferson Harper hatte es sich etwas kosten lassen. Er empfing Dickie und Effie mit überschäumender Höflichkeit, die sich aber sehr schnell auf die charmante Effie konzentrierte. Während sich Dickie an die Begrüßungsdrinks hielt, führte Jefferson Harper kokettierend Effie Marconi durchs Haus, vom Speisesaal über den Wintergarten in die Bibliothek. Effie war beeindruckt, als sie die Unzahl der Bücher sah, die sie in einem gewaltigen, die ganze Breite des Raumes ausfüllenden Nussbaumschrank sah. „Reizend, Herr Admiral“, sagte sie. „reizend! Sind das alles echte Bücher?” Harper winkte blasiert ab. „Natürlich nicht. Bin ja nicht so ungebildet, dass ich so viele Bücher brauche.“ „Aha,“ machte Effie. „Die wahre Attraktion des Hauses können Sie nicht einmal sehen. Und die hat das meiste Geld gekostet.“ „Und dann kann man’s nicht sehen? Wie schade!“ „Wäre auch schlimm. Ich meine nämlich die Alarmanlage. Höchste technische Perfektion. Alles elektrisch.“ Den letzten Satz hatte auch Alfonso Capelli gehört. Er mischte sich in das Gespräch. „Das hat er wieder mal von mir abgeguckt. Ich habe auch eine elektrische Alarmanlage.“ „Aber Sie haben Alarmglocken!“ insistierte Jefferson Harper. „Ich habe Sirenen, die sind viel lauter!“ Eifrig fuhr er fort: „Und meine Hochfrequenzsperre! Voll automatisiert. Wer den Tresorraum unbefugt betritt, bekommt einen elektrischen Schlag.“ Capelli rümpfte die Nase. „ Eine Hochfrequenzsperre habe ich seit Monaten. “ „Ach? Und? Schon Erfolg gehabt?“ „Zwei Tote. Allerdings aus den eigenen Reihen. Ein Schaltfehler.“ Admiral Jefferson Harper lachte immerhin ein bisschen, obwohl er es gar nicht komisch fand. Dann verabschiedete er sich fürs erste von Effie, da er sich auch um die anderen Gäste kümmern musste. „Fühlen Sie sich hier ganz zu Hause“, sagte er und gab ihr galant einen Handkuss. Effie folgte der Aufforderung. Sie war neugierig, welche Attraktionen sie noch aufspüren konnte, schlenderte durch das Haus, durch alle Etagen, bis hinab in das Kellergeschoss. Hier, endlich, wurde sie fündig, hier gab es etwas zu sehen, was ihre Entdeckerfreude in so hohem Maße Genüge tat, dass sie sich schleunigst Dickie Dick Dickens offenbaren musste. Der tanzte gerade mit Capellis Gefährtin Susi, was Effie ohnehin nicht besonders erfreulich fand. Sie klatschte ihn also ab, tanzte aber nur einige wenige Schritte mit ihm und führte ihn dann etwas beiseite. „Komm mal mit!“ flüsterte sie ihm zu und führte ihn zur Kellertreppe. „Was ist denn plötzlich in dich gefahren, Effie, was soll ich im Keller?“ Sie ließ sich nicht beirren und zerrte ihn die Stufen hinunter. „Wir gehen gar nicht in den Keller. Wir gehen in die Waschküche.“ „Was, zum Henker, soll ich in der Waschküche?“ Er sollte es bald sehen. Die Waschküche war luxuriös eingerichtet, wenn auch nicht ganz stilgerecht. Ein Perserteppich gehörte hier gewiss nicht her, und die Ölgemälde an der Wand wirkten höchst abgeschmackt, aber das war es nicht, was Effie ihrem Dickie zeigen wollte. Sie führte ihn zu einem versilberten Waschbottich und hob den Deckel an. „Da! Sieh mal!“ Dickens drehte sich angeekelt zur Seite. „Och, Effie, musst du mich immer ärgern? Du weißt doch, dass ich undelikate Dinge auf vollem Magen nicht vertrage! “ In dem Waschbottich lag nicht, wie man vermuten könnte, ein Bündel Wäsche sondern, zusammen gekrümmt wie ein übergroßer Rollmops, die Leiche eines jungen Mannes. „Das ist doch wirklich die Höhe!“ schalt Dickie. Effie tuschelte ihm zu: „Ich denke mir nämlich, dass es dieser Humphrey Jill ist, von dem Bonco erzählt hat.“ „Vermutlich.“ „Nun schau doch mal hin! Man hat ihn in den Rücken geschossen!“ Tatsächlich! Da Humphrey Jill aber auf dem Weg in das Haus vom Jefferson Harper war, ließ das nur einen Schluss zu, dass er nicht von Harpers Leuten erschossen worden war. Wer also hatte geschossen? Effie hatte schnell die Lösung: „Ganz klar: Jemand, der verhindern wollte, dass er zu Harper ging.“ „Du übertriffst deinen Denkrekord, mein Schatz!“ Die beiden hatten noch mehr zu denken. Wollten Humphreys Mörder verhindern, dass er Jefferson Harper eine brisante Mitteilung machte? Nein, das wäre unlogisch. In dem Fall hätte er auch telefonieren können. Kein Gangster geht ein unnötiges Risiko ein. Viel wahrscheinlicher war, dass er etwas bei sich hatte, das er Harper geben wollte. „Aber von Bonco wissen wir doch, dass er gar nichts in den Taschen hatte“, warf Effie ein. „Fast nichts. Drei Dollar, einen Gebäudegrundriss und einen Schlüssel. “ „Na ja“, resümierte Effie, „was zerbrechen wir uns den Kopf? Es geht uns ja nichts an.“ „Oh Effielein, wann wirst du endlich lernen, dass die Großen dieser Welt nur deswegen groß werden, weil sie sich pausenlos um Dinge kümmern, die sie nichts angehen?“ Und das tat Dickie Dick Dickens nun selber. Als er sich von Harper verabschiedete, sprach er ihn gleich auf den Fund im Waschhaus an: „Es war ein schöner Abend, Admiral, vielen Dank für die Unkosten! Sie haben ein schönes Haus und eine wunderschöne Waschküche. Ich mag Waschküchen, auch wenn sie sich als Leichenschauhaus eigentlich wenig eignen.“ Jefferson Harper blickte erschrocken auf. Er stotterte ein bisschen herum und betonte dann, dass er am Tod von Humphrey Jill keinerlei Schuld trage. Dickens grinste. „Und das soll ich Ihnen glauben? Ach, Admiralchen!“ „Mir egal. Tun Sie doch, was Sie wollen!“ „Fein. Dann darf ich also der Polizei mitteilen, dass ich mit Ihrem Einverständnis anrufe?“ Nein, das hörte Jefferson Harper nun gar nicht gerne. Er überschüttete Dickie mit Vorwürfen, dass er, selbst ein qualifizierter Gesetzesbrecher, überhaupt in Erwägung ziehe, einen Fachgenossen zur Teilnahme an einer Polizeiaktion bewegen zu können, zumal die Ordnungshüter total falsche Rückschlüsse ziehen würden. Seine Leute hätten den toten Jill ja nur ins Haus gebracht, weil er auf seinem Grundstück herumlag, was er auf den Tod nicht leiden konnte. Aber sie hätten ihn nicht erschossen. „Das waren Mitglieder seiner eigenen Mannschaft“, schloss er. „Von der Capelli-Bande? Warum?“ „Er wollte die Einheit wechseln.“ Das machte Sinn. „Aha. Daher das Gastgeschenk.“ „Wie beliebt?“ „Er wollte Ihnen etwas mitbringen.“ „Was?“ fragte Jefferson Harper verblüfft. „Woher wissen Sie das?“ „Weil ich es jetzt habe.“ Damit traf Dickens haargenau ins Schwarze. Es fiel Harper schwer, das zu glauben. „Wie bitte? Sie haben den Plan?“ Aha, machte es in Dickies Gehirn. Es war also der Plan, auf den es ankam, der Grundrissplan, den Bonco Humphrey Jill aus der Tasche gezaubert hatte. „Die Wege des Zufalls sind manchmal merkwürdig“, sagte er. „Ich habe den Plan, Sie wissen, was sich damit anfangen lässt. Sieht fast aus wie ein Geschäft.“ „Gut, Dickens, ich biete Ihnen zehn Prozent.“ „Zehn Prozent wovon?“ „Von der Beute. Es sollen sich erhebliche Wertsachen im Tresor befinden. Es handelt sich um die Villa eines Multimillionärs. Capelli will sie ausheben, aber wir werden ihm zuvorkommen.“ „Einverstanden, Admiral, fünfzig Prozent.“ „Ich hatte zehn gesagt.“ „Ich sage fünfzig, und dabei bleibt’s! Sonst mache ich das Geschäft alleine. “ Es ist zuverlässig bekannt, dass Dickie Dick Dickens zu jenem Zeitpunkt noch keinerlei Vorstellung davon hatte, wie er das ‚Geschäft‘ abwickeln wollte. Der Genieblitz schlug erst ein, als er, mit Effie an seiner Seite von der Party kommend, die Bordsteinkante vor dem heimischen Blockhaus von zwei modernen, lackglänzenden, solide gebauten, jedoch fremden Automobilen besetzt fand. Als er aussteigen wollte, machte ihm schon jemand den Wagenschlag auf. Ein Hünenkerl mit bärbeißigem Gesicht. Er forderte ihn unmissverständlich auf, in seinen Wagen umzusteigen. Dickens kannte den Mann, er hatte ihn bei dem Zusammentreffen mit Alfonso Capelli auf dessen Gartenparty gesehen, es war Hank Jones, der ‚Schützenkönig‘ von Capellis Bande. Dickie weigerte sich natürlich, seiner grimmigen Aufforderung nachzukommen. Jones wurde darauf sehr energisch: „Keine Fisimatenten, Dickens! Sie kommen mit, oder ich schieße Sie nieder!“ „Womit, wenn ich fragen darf?“ „Mit meiner ...“ Hank Jones stockte entgeistert. „Mit deiner Pistole. Ja, die hattest du einmal, jetzt habe ich sie.“ Er hielt ihm seine eigene Pistole vor die Brust. „Ein alter Trick von mir, aber immer noch effektiv. Nimm’s nicht tragisch, ich bin gelernter Taschendieb. Da siehst du mal wieder, Effie, wie gut es ist, wenn man sich ein bisschen in Form hält. Ja, was machen wir jetzt mit unserem dicken Kameraden?“ Effie Marconi überlegte nicht lange. „Man wird es dir bestimmt als Notwehr auslegen.“ Jones bekam jetzt doch ein bisschen Muffensausen. „Sie!“ sagte er, „Dann machen meine Kumpels Kleinholz aus Ihrer Blockbude! Das werden Sie sehen! Nicht ein Balken bleibt übrig. Und für Ihre beiden Freunde können Sie’s Begräbnis zahlen.“ Diese Drohung kam nicht von ungefähr. Tatsächlich hatten zwei Bullterrier der Capelli-Bande Opa Crackle und Bonco derart eingeschüchtert, dass diese, so schien es jedenfalls, vor Angst zitterten. „Nein, nein“, beteuerte Bonco, „ich sage euch doch, ich habe den Plan weggeworfen. In den Ofen. Weggeworfen!“ Die beiden wollten ihm nicht glauben. Sie bedrohten Bonco mit einem Messer, aber der blieb bei seiner Aussage, er habe den Plan in den Ofen geworfen. Opa Crackle konnte nur bestätigend mit dem Kopf nicken, was aber Bonco wenig nützte. Der fremde Ganove setzte ihm jetzt das Messer an den Bauch, und er hätte sicherlich auch zugestochen, wenn ihm nicht ein Schuss die Hand zerfetzt hätte. Dickie Dick Dickens stand auf der Türschwelle. Effie warf dem Kerl noch ein Taschentuch zu, damit er sich die verletzte Hand verbinden konnte. Dickens aber war eisenhart. „Bestellt dem ehrenwerten Mr. Capelli einen schönen Gruß und sagt ihm, ich verstände viel Spaß. Aber nur einmal. Das nächste mal sieht er keinen seiner Leute lebend wieder. So, nun trollt euch! Raus!“ Kaum waren die Burschen abgezogen, verfiel Bonco in untröstliche Jammerei. Er sei keinen Pfifferling wert, er sei ein verabscheuungswürdiger Verräter, er sei nicht wert, weiter in Dickens’ Gesellschaft zu leben. „Es hat noch nicht einmal ein Hahn gekräht“, lamentierte er, „und schon habe ich Sie verraten, Mr. Dickens! Aber er hat mich so eingeschüchtert mit seinem Messer! Haben Sie die Klinge gesehen? Ganz rostig! Und damit wollte er mir den Bauch aufschlitzen! Ich bin eben kein heroischer Mensch. Ich habe ausgeplaudert. Gesungen. Gepfiffen!“ „Aber warum dann das ganze Theater?“ fragte Dickie. „Weil die mir nicht geglaubt haben. Dabei war’s die Wahrheit! Die reine Wahrheit! Als die ins Haus stürmten, habe ich den Plan wirklich fortgeworfen. In den Ofen.“ „Ach du meine Güte!“ „Na, so groß braucht deine Güte nun auch wieder nicht zu sein“, raunzte Opa Crackle. „Schließlich haben wir den Ofen seit April nicht mehr angezündet.“ Jetzt kehrte in dem trauten Blockhaus am Rande der Stadt wieder eitel Freude ein. Bonco holte den bewussten Plan aus dem Ofen und breitete ihn auf dem Tisch aus. Den vier Getreuen wurde nun auch bewusst, was es mit dem Plan auf sich hatte. Es war der Plan zu einer Millionärsvilla, soviel stand fest. Diese Villa hatte die Capelli-Bande angepeilt. Alles war vorbereitet. Aber dann war der gute Humphrey Jill auf böse Gedanken gekommen. Er wollte ein kleines Privatgeschäft machen und den Plan verkaufen. An die Konkurrenz. An Admiral Jefferson Harper. Effie, die den Plan gedankenverloren anschaute, wurde auf einmal wachsam. „Aber sieh mal, Dickie, den Plan kennen wir doch – das heißt, wir kennen das Haus. Hier der Salon ... die Treppe ... die Waschküche. Das ist der Palast von Jefferson Harper!“ „Jetzt beißt mich das Mäuschen“, sagte Opa Crackle. „Da wollte Capelli doch tatsächlich Harpers Hauptquartier ausheben.“ „Aber wie?“ fragte Effie. „Wie will er das denn anstellen? Jefferson Harper hat die modernste Alarmanlage, die es gibt, mit Hochfrequenzsperre. Da nützt der ganze Plan nichts!” Bonco hatte die Lösung. „Der Schlüssel!“ rief er. „Was?“ „Humphrey hatte noch einen Schlüssel bei sich. Den Schlüssel zur städtischen Transformatorstation Numero 37. Das ist genau die Station, die für das gesamte Westend zuständig ist.“ „Jetzt redest du auch schon in Rätseln, Bonco“, nörgelte Effie. „Aber Miss Effie, ganz einfach. Dort kann man den Strom für das ganze Stadtgebiet abschalten. Und ohne Strom keine Alarmanlage, logisch.“ Eine Bemerkung, die Dickie Dick Dickens verdammt hellhörig werden ließ. Ob Bonco eventuell auch in der Lage wäre, den Strom abzuschalten? „Freilich. Ich war doch in meiner ehrlichen Epoche bei den E-Werken angestellt. “ Die Transformatorstation 37 bediente das gesamte Westend. Dort aber hatten sowohl Alfonso Capelli als auch Jefferson Harper ihre Residenz. Dies brachte Dickie Dick Dickens auf den entscheidenden Gedanken des Tages. „Dann geht’s“, sagte er lapidar. „Was geht?“ fragte Effie. Dickie antwortete nicht. Statt dessen steckte er Effie eine Hand voll Geldscheine zu. „Hier, mein Schätzchen, hast du 300 Dollar. Kauf dir ’n schickes Kleid!“ Effie war gerührt. „Oh, Dickie, du bist wieder süß!“ „Aber keinen modischen Fummel, es muss seriös wirken. Du machst morgen einen hoch offiziellen Besuch.“ „Ich? Bei wem?“ „Bei Admiral Jefferson Harper.“ Als Effie Marconi Harpers ‚Palast‘ betrat, begrüßte sie der Admiral mit ausgesuchter Liebenswürdigkeit sowie einem hingehauchten Handkuss. Er bat sie in seinen Salon, stellte etwas Konfekt bereit, fragte sie, was sie trinken wolle und schenkte ihr persönlich den erbetenen Whisky ein. Dann setzte er sich zu ihr. „Ich hatte eigentlich Mr. Dickens erwartet“, sagte er. „Ja, ich weiß. Er hat mich beauftragt, Sie zu besuchen. Er ist ein musischer Mensch, ein Spätaufsteher, verstehen Sie, keine Aktivitäten vor 12 Uhr mittags.“ Damit hatte Effie Marconi zwar prinzipiell recht, aber in diesem speziellen Fall war es gelogen. Dickie Dick Dickens war zur gleichen Zeit, in der gleichen Sache, aber an anderem Ort außergewöhnlich aktiv. Er hatte sich in der Villa von Alfonso Capelli eingefunden, wo ihn sein alter Widersacher Hank Jones empfing. „Besuch für Sie, Chef!“ rief er. Dickens konterte barsch: „Ich melde mich selber an, Jones, hau ab, ich brauch dich nicht mehr.“ Das jedoch rief Capelli auf den Plan. „He, he, he! Seit wann geben Sie hier die Anweisungen? In meinem Hause befehle ich!“ Dickie reagierte freundlich, aber entschieden: „Und wenn Sie Ihrer Räuberbande noch einmal befehlen, meine Wege zu belagern, jage ich Ihre Bude in die Luft, Capelli! Mit Dynamit und Genuss.“ Er wartete nicht Capellis Reflex ab, sondern fuhr in sachlichem Ton fort: „Doch nun zum Geschäft! Sie sind an einem gewissen Plan interessiert.“ „Nicht mehr. Ihr Mitarbeiter hat ihn ja fortgeworfen.“ „Sie waren in Ihrer Kindheit schon ein gutmütiges Jungchen, wie? Glauben Sie immer alles, was man Ihnen erzählt?“ Capelli zwinkerte perplex mit den Augen. „Was? Existiert der Plan etwa noch?“ „Ich habe ihn.“ „Jetzt werde ich wahnsinnig!“ „Bravo.“ Effie Marconi und Admiral Jefferson Harper waren unterdessen an demselben Punkt der Unterhaltung angekommen. Effie zeigte ihm schmunzelnd den Plan. Harper betrachtete ihn und fuhr augenblicklich in die Höhe, denn er merkte, dass es der Plan seines eigenen Hauses war. „Das bedeutet Krieg!“ rief er wütend. „Damit ist der Verteidigungsfall eingetreten! Die Capelli-Bande wird ausgerottet! Ich werde mit allen Einheiten ausfahren!“ Natürlich wusste er noch nicht, was er anstellen würde, und wie der Rachefeldzug vonstatten gehen sollte. Aber Effie wusste Rat. „Wie ich gehört habe“, sagte sie, „lautet ein strategischer Kernsatz: Man schlage den Feind am vernichtendsten mit den eigenen Waffen.“ „Sehr richtig. Aber wie?“ „Wir sollten strategisch denken. Mein Freund, Dickie Dick Dickens, verfügt über beste Beziehungen zum Katasteramt. Es war ihm ein Leichtes, den Plan von Capellis Villa zu beschaffen. Ich habe ihn gleich mitgebracht.“ „Kompliment, Miss Marconi, Kompliment! Das hat zwar mit Strategie nichts zu tun sondern mit Taktik, aber dennoch: Famoser Rachefeldzug. Meine Leute kapern seine Villa. Roter Hahn! Totalvernichtung!“ Effie nickte zustimmend. Da sei zwar noch die Hochfrequenzsicherung im Tresorraum, aber damit werde man leicht zurechtkommen. „Wir schalten einfach die Alarmanlage aus.“ In der Villa Capelli war man inzwischen am selben Detail der Unterhaltung angekommen. „Eine lächerliche Kleinigkeit“, sagte Dickens, „kaum wert, darüber nachzudenken. Wir schalten den Strom ab.“ „Ja, das war so ’ne fixe Idee von Humphrey Jill. Weiß nicht, wie er’s angestellt hätte. Er wollte’s mir nur verraten, wenn ich einen Riesenbonus zahle, 20 Prozent des Reingewinns.“ „Sie waren dumm, Capelli! Sie hätten zahlen sollen. Bei mir kostet es nämlich 50 Prozent.“ Alfonso Capelli begehrte entrüstet auf, aber Dickens ließ sich nicht erweichen, er blieb bei 50 Prozent. „Also gut, einverstanden.“ „Großes Gangsterwort?“ „Großes Gangsterwort.“ „Fein.“ „Sie wissen, was Humphrey Jill vorhatte?“ fragte Capelli. „Ich weiß, was ich vorhabe. Ich werde die Transformatorstation stilllegen. “ Effie hatte inzwischen Admiral Jefferson Harper den gleichen Vorschlag gemacht. Der war begeistert. „Grandiose Idee! Anerkennung! Bewunderung! Und Sie haben Zugang zu dieser Transformatorstation?“ „Nicht ich, Admiral. Wir haben dafür unseren Spezialisten. Wir müssen nur den Zeitpunkt genau synchronisieren.“ „Verstehe, Operation und Kooperation.“ Capelli war mit dem gleichen Vorschlag einverstanden. „Am besten wäre ein Termin, an dem Harpers Haus leer steht“, meinte er. „Richtig“, bejahte Dickens. „Das ist der nächste Donnerstag. Ich habe zuverlässige Informationen, dass Harper mit seiner Truppe an diesem Abend zu einer Großaktion ausrückt.“ Auch Admiral Jefferson Harper war hundertprozentig einverstanden. „Donnerstag, Miss Marconi? Ja, das würde passen.“ Effie hielt sich strikt an das, was ihr Dickens eingetrichtert hatte. „Ich weiß nämlich zufällig, dass Capellis Haus dann unbewohnt ist“, sagte sie. „Er hat einen großen Coup vor.“ „Respekt, Mademoiselle, Sie sind gut informiert.“ „Wie lange brauchen Ihre Leute, um den Tresor zu öffnen?“ „Dafür habe ich eine Spezialeinheit. Höchstens eine Viertelstunde.“ Effie nahm eine Schreibkladde zur Hand. „Moment, das muss ich mir notieren: Eine Viertelstunde fürs Tresorknacken ...“ „Dazu kommen fünf Minuten, um in die Villa einzubrechen, fünf Minuten für den Abtransport und fünf Minuten Sicherheitsreserve.“ „Macht zusammen eine halbe Stunde. Sagen wir also: Stromsperre von 22 Uhr 30 bis 23 Uhr.“ „Abgemacht, Miss Marconi: Unternehmen Capelli: Nächster Donnerstag 22 Uhr 30.“ Auch bei Alfonso Capelli war man zu einer Einigung gekommen. „Abgemacht, Mr. Dickens,“ sagte Capelli, „Unternehmen Harper: Nächster Donnerstag 22 Uhr 30.“ Ein zukunftsweisender, historischer Tag brach an, der berüchtigte ‚schwarze Donnerstag von Chicago‘. Ein Tag wie jeder andere, so schien es zunächst. Die Bürger der Millionenstadt wiegten sich arglos in ihren Alltagssorgen. Doch je mehr sich der Tag dem Abend neigte, desto stärker wucherte schöpferische Nervosität in Chicagos Verbrecherhirnen. Die beiden tonangebenden Unterweltfürsten hatten große Pläne. „Ich werde diesem Möchtegern-Admiral eine Lektion erteilen, an die er ein Leben lang denkt!“ sagte der eine. „Dieser Etappengangster kriegt einen Schuss vor den Kiel – Volltreffer! Totalverlust!“ sagte der andere. Dickie Dick Dickens allerdings bewahrte eine geradezu schwärmerische Ruhe. Zu seinen Kumpanen sagte er: „Es wird alles ganz sanft gehen, keine Aufregung, kein Risiko, kein Kraftaufwand. Wenn ihr genau tut, was ich anordne, braucht ihr bloß wach zu bleiben. Alles andere erledigen Harper und Capelli für uns. Effie, wirf einen letzten Blick auf den Plan!“ „Nicht nötig. Ich kenne den Palast in- und auswendig.“ „Okay. Opa Crackle begleitet dich. Ihr haltet euch brav zurück und beobachtet, wie die Capelli-Leute in Harpers Palast einsteigen. Das andere ergibt sich automatisch.“ „Und du, Dickie, du kommst nicht mit?“ „Ich besuche inzwischen Capellis Villa und sehe zu, wie Harpers Mannschaft dort einbricht. Aber unser wichtigster Mann heute Abend ist Bonco!“ Bonco lächelte bescheiden. „Oh, danke, Mr. Dickens, sehr ehrenvoll!“ „Du kennst deine Aufgabe?“ „Oh, natürlich. Ich begebe mich zum Transformatorhäuschen und unterbreche genau um 22 Uhr 30 den Stromkreislauf.“ „Und du weißt auch, wann du den Strom wieder einschaltest?“ „Auf die Minute, Mr. Dickens! Ich habe es mir genau notiert. Was fein du auf dem Zettel hast, erspart dir Ärger, Pein und Knast.“ Und Dickie Dick Dickens lächelte. Das konnte er gut. Flößte Vertrauen ein. An Dickies Seite fühlte sich ein jeder glücklich und geborgen. Die Zeit verstrich. Abend. Spätabend. Nacht. Der große Zeiger der alten Standuhr näherte sich der 12, der kleine Zeiger der 10. 21 Uhr 59. Zeit zum Aufbruch. Während sich nun Alfonso Capellis Gangster auf schleichenden Autoreifen dem Palast von Admiral Jefferson Harper näherten, während gleichzeitig Harpers Streitmacht in verbissenem Stillschweigen auf Capellis Villa zurückte und auch Dickie und seine Genossen ihre Posten einnahmen, kroch der große Zeiger der alten Standuhr das Zifferblatt entlang bis zur 5, der kleine bewegte sich zwischen der 10 und der 11. 22 Uhr 25! Admiral Jefferson Harpers Streitmacht stand vor Capellis Villa. Harper sprach leise, aber apodiktisch: „Noch fünf Minuten, Männer! Jeder auf seinem Posten?“ Sein Adjutant, Leopold Gorrowin, antwortete: „Zu Befehl, Admiral, jeder. “ „Sobald der Strom ausgeschaltet ist, rückt der Sturmtrupp vor, bricht die Tür ein.“ „Mit Gewalt?“ „Mit aller Gewalt, Bootsmann Gorrowin. Ohne Zeitverlust. Vorrücken bis zum Tresor innerhalb fünf Minuten. Nach weiteren 15 Minuten muss der Tresor erbrochen sein. Fünf Minuten zur Sicherstellung der Konterbande und Rückzug, fünf Minuten Reserve. Um 23 Uhr wird der Strom wieder eingeschaltet. Alles klar?“ „Alles klar.“ Vor Admiral Jefferson Harpers Palast haben sich, hinter Strauchwerk versteckt, Effie und Opa Crackle aufgestellt. Effie war sehr ängstlich, sie schreckte bei den leisesten Geräuschen auf, mal war es das Mauzen einer Katze, mal der Ruf einer Eule, mal das entfernte Bellen eines Hundes. Opa Crackle tröstete sie. Effie fröstelte, obwohl es eine laue Nacht war, sie fühlte sich ganz und gar unbehaglich. Ihre Nerven wurden auf eine Zerreißprobe gestellt, als Capellis Leute sacht und behutsam anrückten. Sie verharrten schweigend vor dem Haus, bis pünktlich um 22 Uhr 30 das Licht erlosch. Dann nahmen sie Äxte zur Hand und schlugen die Tür ein. „Na“, raunzte Opa Crackle, „jedenfalls hat der erste Punkt in Dickies Plan geklappt. Sie sind im Haus. Hoffentlich geht’s bei Capellis Villa genau so gut.“ Dort hatte sich Jefferson Harpers Sturmtrupp schon bis zu dem Tresorraum vorgekämpft. „Alles in Ordnung, Herr Admiral“, rief Leopold Gorrowin, „Hier ist der Tresor.“ „Verstanden. Taschenlampen her! Drei Mann auf Sicherungsposten! Wer ist als Tresorspezialist eingeteilt?“ Ein schmaler Mann mit Namen Shanderson trat heran. In Harpers Augen war er ein kleiner Rudergänger. „Ich, Herr Admiral.“ „Gut. Inspizieren Sie den Geldschrank!“ Shanderson tat es. Sachkundig stellte er fest, dass er etwa eine Viertelstunde brauchen würde, um den Tresor zu öffnen. „Genau einkalkuliert“, schnatterte Harper. „An die Arbeit!“ Shanderson arbeitete an dem Tresor. Er verstand etwas davon. Er verstand viel davon. Die Arbeit ging ihm flott von der Hand. Während so Harpers Spezialist Capellis Panzerschrank zu Leibe rückte, während sich gleichzeitig Capellis Leute über Harpers Tresor hermachten, schob sich der große Zeiger der alten Standuhr behutsam über die 9 hinweg. 22 Uhr 48. „Noch 12 Minuten“, rechnete sich Harper aus. „Läuft alles nach Plan, Rudergänger?“ Shanderson meldete: „Jawohl, Herr Admiral. Ich muss nur noch ein winziges Loch bohren. Gib mir mal die Bohrmaschine, Gorrowin!“ Leopold Gorrowin starrte ihn fassungslos an. „Meinst du etwa eine elektrische Bohrmaschine?“ „Was sonst?“ „Idiot! Der Strom ist ausgeschaltet, du blöder Hammel!“ „Was regst du dich auf? Dann warten wir eben, bis er wieder eingeschaltet wird.“ Leopold Gorrowin konnte so viel Blödheit nicht ertragen. „Du hast wohl Weichkäse im Kopf? Dann plärrt die Alarmanlage los, die Hochfrequenzsperren schalten sich ein, und wir sind beim Teufel!“ „Ruhe, Ruhe!“ schaltete sich Jefferson Harper ein. „Kein Grund zur Panik! Wir haben noch exakt 11 Minuten Zeit, bis der Strom eingeschaltet wird. Sprengkommando zu mir!“ Ja, Admiral Jefferson Harper hatte an alles gedacht. Das Sprengkommando trabte mit einer Haftladung heran. „Sprengkommando zur Stelle, Herr Admiral!“ „Haftladung scharf machen!“ Die Leute machten die Haftladung scharf. „Alles in Deckung!“ Die Leute verkrochen sich hinter der Tür. „Haftladung zünden!“ Es folgte eine mittelschwere Detonation, und die Tresortür sprang auf. Es war 22 Uhr 50 – genau der Zeitpunkt, da das Licht aufleuchtete und die Alarmglocken zu bimmeln anfingen. Alle, nicht nur Admiral Jefferson Harper, waren niedergeschmettert. Konfus, kopfüber und angstbebend, von der Hochfrequenzsperre erfasst zu werden, nahmen sie Reißaus. Ein ganz ähnliches Bild ergab sich vor Harpers Palast. Nur, dass hier nicht Alarmglocken läuteten sondern Alarmsirenen heulten. „Wie konnte das bloß passieren?“ fragte Hank Jones entsetzt. Alfonso Capelli stürmte zu seinem Wagen. „Ein Irrtum“, rief er außer Atem. „Ein Fehler im Plan, nehme ich an. Der Strom ist zu früh wieder eingeschaltet worden.“ Es war kein Irrtum! Bonco hatte den Strom exakt nach Dickie Dick Dickens‘ Plan 10 Minuten vor der Zeit eingeschaltet. Zwei Minuten später schaltete er ihn für kurze Zeit wieder ab, was aber gewiss weder Capelli noch Harper ahnen konnten. Die flohen mit ihren Mannen, flohen in panischer Angst vor Polizei und Hochfrequenzsperren nach Hause, in die eigenen Hauptquartiere. Es ist dem scharfen Blick des Bootsmann Gorrowin aus Harpers Bande zu verdanken, dass Chicago in jener Nacht noch eine jener Sternstunden erleben durfte, welche die herrliche Millionenstadt weltberühmt gemacht haben. Leopold Gorrowin erkannte nämlich auf halbem Wege die heimkehrenden gegnerischen Truppen und entfachte mit seinem Alarmruf „Mensch, die CapelliBande! “ eine Straßenschlacht wahrhaft heroischen Ausmaßes. Erst als die beiden Gangsterbosse eine halbe Stunde später ihre dezimierte Gefolgschaft in die heimatlichen Unterkünfte zurückführten, merkten sie, dass ihre Tresore erbrochen waren. „Das war Harpers Bande!“ entrüstete sich Alfonso Capelli. „Verdammt noch mal, was bin ich froh, dass wir denen auf dem Heimweg noch ein paar Löcher in den Pelz gebrannt haben!“ Admiral Jefferson Harper war auch erbittert, aber dennoch in gewissem Sinne froh. „Was ein Segen, dass wir dieser Capelli-Horde noch ein paar Kugeln um die Ohren gejagt haben!“ In das allgemeine Frohlocken stimmten auch Dickens und seine Getreuen ein. Sie waren, wie das altgermanische Sprichwort sagt, die lachenden Dritten. Denn natürlich waren sie es gewesen, die in aller Ruhe die Geldschränke ausgeräumt hatten, nachdem die Gangster, von den Alarmanlagen aufgescheucht, das Hasenpanier ergriffen hatten. In einem Brief an seine Jugendfreundin Bella Cora del Hortini schreibt er, dass die Beute allerdings geringer als erhofft war. „Übermäßig laut“, so schreibt er wörtlich, „haben wir indessen nicht gelacht, denn in den Tresoren fanden wir lediglich die am nächsten Tage fälligen Bestechungsgelder für die Senatoren.“ DIE CHE-WAG-WANG-HOA-PAPIERE Jim Cooper, einst der gefürchtetste Mann von Chicago, hatte sich einst, wie wir wissen, nach Minnesota zurückgezogen, wo er eine Hühnerfarm betrieb. Auf die Dauer war ihm das zu langweilig geworden. Es gelüstete ihn, wieder in seiner alten Branche tätig zu werden. Wir begegnen ihm, wie er an einem geheimen Ort eine geheime Nachricht entgegennahm. ‚Diese Durchsage ist absolut geheim und streng vertraulich‘ hieß es da. ‚Notieren Sie den Text auf einem Zettel, lernen Sie den Text auswendig und vernichten Sie den Zettel! Unser Mann heißt Theodor Patterson. Er ist Professor der Linguistik an der Universität in Quebec, Spezialgebiet Geheimschriften. Besondere Kennzeichen: Auffallend klein, übertrieben konservativ gekleidet, Gehrock, Stehkragen. Abflug Quebec am 15. Mai, 9 Uhr 45, Zwischenlandung in New York: 12 Uhr 45, Ankunft in Chicago: 16 Uhr 30. Zugriff unmittelbar nach der Landung!‘ Diese Durchsage war so geheim, dass sie selbst einem Manne, dem sonst nichts im weiten Umkreis von Chicago geheim blieb, geheim blieb. Einem Mann, dessen gewisse Kreise der amerikanischen Unterwelt, des mittleren Polizeidienstes sowie der Hochfinanz nur mit Ehrfurcht gedenken: Dickie Dick Dickens, der moderne Kreuzritter für unaufgeklärten Gesetzesbruch und fortschrittliche Rechtsumgehung, Dickie Dick Dickens, dessen Wirken seinen Niederschlag nicht nur in den oben erwähnten Kreisen der Unterwelt, des Polizeidienstes und der Hochfinanz gefunden hat sondern in fast allen Lebensbereichen der menschlichen Infrastruktur. Noch heute, Jahrzehnte nach seiner Glanzzeit, kündet der Volksmund in mannigfaltiger Weise von seinen Aufsehen erregenden Taten. „Dass dich doch der Dickie hole!“ (Eine gern und oft gebrauchte Verwünschung aus dem Sauerland.) „Ich bin schick, du bist schick, doch am schicksten ist der Dick“ (Ein hannoveranischer Kinderreim.) ‚Verschwinde wie Dick im Spinde!“ (Ein volkstümlicher Abschiedsgruß aus den Vogesen.) „Wer nach Dick ruft, darf sich nicht wundern, dass er umkommt.“ (Ein wallisischer Bauernspruch.) „Wenka Dick, menka Dick, sorka, worka, renka Dick.“ (Ein grönländischer Abzählvers.) Zur Zeit, da unsere Geschichte spielt, wusste Dickens noch nicht, was ihm bevorstand. Fernab von ihm, der sich arglos genüsslichem Nichtstun hingab, begann das Schicksal die Fäden zu spinnen. Genauer gesagt in der ‚Shot-Gun-Barrel-Hall‘, dem beliebten Treffpunkt der oberen Unterwelt, wo Dickies ergebener Mitarbeiter Bonco unverhofft auf einen alten Bekannten traf, auf Snipper Jonas, der ihm früher sehr am Herzen gelegen war. „Ja, ist denn das die Möglichkeit!“ rief Jonas, „Bonco, alter Junge! Ja, grüß dich, Boncolein!“ „Ja, Snipper Jonas! Tag, mein Herz! Komm, setz dich zu mir! Gut sieht du aus, aber alt!“ „Das sagst du immer, wenn du mich triffst.“ „Du hast aber noch niemals darüber gelacht!“ Sie riefen nach dem Wirt, wollten etwas trinken. Snipper Jonas bestellte eine Flasche Pommery, was Bonco erheblich verwunderte. Aber schnell bekam er heraus, weshalb Jonas so spendabel war. Er war verkauft worden, von einem Bandenchef an den anderen, für eine Ablösesumme von 8.000 Dollar, er selbst hatte ein Handgeld von 4.000 Dollar erhalten, daher der Pommery. Snipper Jonas hatte vorher zur Capelli-Bande gehört, jetzt hatte ihn Jim Cooper erworben. Der Wirt brachte den Champagner. Bonco war so entzückt, dass er gleich zu rezitieren anfing: „Es muss ein wunderschöner Traum sein: Ein Freund und eine Flasche Schaumwein!“ „Übrigens“, sagte Snipper Jonas, „da wäre noch ein Platz für dich frei.“ „Ich sitze ja schon.“ „Ich meine nicht hier, sondern bei Jim Cooper.“ Das war nun gar nichts für Bonco. Empört rief er aus: „Aber Mäuschen, wo denkst du hin? Ich soll mich abwerben lassen? Nie und nimmer!“ „Du kannst ja auch ’nen Gastvertrag abschließen. Mensch, Engelchen, das wäre doch was! Wir beide! Cooper arbeitet neuerdings ganz modern. Keine schweren Dinger. Nur zarte Jobs! Erpressungen, Entführungen und solche Sachen. Jetzt nehmen wir uns zum Beispiel einen kanadischen Professor vor, einen Geheimschriftspezialisten, alter Herr, kein Risiko. Du kannst sofort einsteigen, ’ne ruhige Kugel, aber splendider Verdienst. Du brauchst dich nicht mal zu bewerben, ich regele das für dich.“ Bonco fühlte sich irgendwie ungemütlich. Deswegen sagte er erst mal „Prost!“ und nahm einen kräftigen Schluck. „Du bist süß!“ sagte er dann. „Wirklich lieb von dir! So was würde mir schon Spaß machen. Aber, Herzele, wie stehe ich dann da? Ich kann doch meinem Chef nicht untreu werden! Was soll denn Mr. Dickens von mir denken?“ An dieser Stelle sei der bescheidene Hinweis gestattet, dass nicht nur die Wege des Schicksals sondern auch die Gedanken von Dickie Dick Dickens unberechenbar sind. Als dieser von Boncos Unterhaltung hörte, schwieg er zunächst nachdenklich. Als er sein Schweigen beendet hatte, fragte er: „Wie, sagtest du, heißt dieser Professor?“ „Theodor Patterson, berühmtes As. Man sagt, es gibt keinen Geheimcode auf der Welt, den der nicht knacken kann. Er soll hier die ‚Che-wag-wang-hoa‘-Papiere entziffern.“ „Na, das ist doch was. Und wie will ihn Jim Cooper entführen?“ „Es tut mir wirklich leid, Mr. Dickens, aber das wusste Snipper Jonas noch nicht. Die Planeinweisung findet erst morgen statt. Aber etwas steht fest: Keine Gewalt sondern die elegante Tour. Cooper hat sich total umgestellt, meint Snipper. Ein kleines erlesenes Mitarbeiterteam. Kleine exquisite Dingerchen.“ Es war das zweite mal, dass Dickie Dick Dickens in diesen Minuten vor sich hin schwieg. Dann aber brauste er auf: „Das könnte ihm so passen!“ Hier meinte seine Braut, die liebwerte Effie Marconi, etwas sagen zu dürfen: „Du bist ja nur neidisch, Dickie!“ „Merkst du denn nicht, Effie, dass dieser Mistkerl an meinem Lebensnerv sägt?! Der soll seine Bandenkriege führen, seine Materialschlachten! Das ist sein Metier. Aber nachdem er mit seinen Gewaltverbrechen Schiffbruch erlitten hat, verlegt er sich jetzt auf Trickspezialitäten. Das, meine Liebe, ist jedoch mein Metier!“ Bonco nickte mehrmals. „Diese blöde Gewerbefreiheit in unserer Demokratie verdirbt die besten Sitten!“ „Dem werd‘ ich’s zeigen!“ knurrte Dickens. „Was hast du vor, Dick?“ fragte Effie. Er überlegte eine Weile, was die anderen stumm über sich ergehen ließen. Er erfuhr von Bonco, wann der Professor in Chicago ankommen würde, planmäßig um 16 Uhr 30 mit Zwischenlandung in New York. Das genügte ihm schon. Jetzt brauchte er nur noch zu erfahren, wie der Professor aussah. „Na, wie Professoren so aussehen“, ließ ihn Bonco wissen. „Ziemlich mickrig, aber sehr würdig. Und immer gekleidet wie bei ’ner Schiffstaufe, Gehrock und Stehkragen. Mehr weiß man nicht von ihm. Das ist ja die Kalamität, man muss ihn aus den Fluggästen herausfischen. Foto existiert nicht.“ Das brachte Dickie Dick Dickens auf eine seiner beispiellos brillanten Ideen. Er betrachtete Opa Crackle eine Weile, betrachtete ihn mit Wohlwollen. „Hm“, machte er dann, „wenn man dir einen Gehrock anzieht, den Schnurrbart ein bisschen stutzt, die Fingernägel schneidet und die Haare kämmt, würde dir jedermann einen gut verdienenden, mittelständigen Professor abnehmen. “ Opa Crackle war wie vor den Kopf geschlagen. „Fingernägel schneiden, Haare kämmen? Ja, spinnst du?“ Dickens reagierte nicht. Er legte Bonco die Hand auf die Schulter. „Mein Freund, du bist sofort beurlaubt. Gehe zu Jim Cooper und mache einen Gastvertrag. “ „Dann darf ich mich wohl den Worten meines verehrten Vorredners anschließen, Mr. Dickens: Sie spinnen!“ Es half nichts, Bonco musste in den sauren Apfel beißen10 , er setzte sich mit seinem Freund Snipper Jonas in Verbindung, und der schaffte sofort den Kontakt zu Jim Cooper. Jim Cooper, an die Hühnerhaltung gewöhnt, hatte ein altes Landhaus am Weichbild der Stadt gekauft, wo er zwar keine Hühner hielt, aber zwei Enten und eine Gans, Geflügel, das eigentlich zum alsbaldigen Verzehr bestimmt war. Cooper, an sich ein geübter Totmacher, brachte es jedoch nicht übers Herz, die Tiere zu schlachten. In einem geräumigen, holzgetäfelten Zimmer hielt er, nur hin und wieder durch das Geschnatter der Tiere gestört, an einem großen, runden Eichentisch Hof. Snipper Jonas hatte ihm das Anliegen seines Freundes nahegelegt, was Cooper mit Freude begrüßte, da er so ohne Ablösesumme zu einem neuen Mitarbeiter kommen konnte. Einige seiner frisch angeheuerten Mitarbeiter spielten in der Zimmerecke Poker, während Cooper an dem großen Eichentisch mit Bonco und Jonas verhandelte. „Also abgemacht“, sagte er und streckte Bonco die rechte Hand entgegen. „200 Mäuse die Woche und Spesen.“ Bonco schlug ein. „Einverstanden, Mr. Cooper.“ „Snipper Jonas, du nimmst Bonco unter deine Fittiche. Ihr arbeitet zusammen. Als erstes macht ihr euch an die Entführungsgeschichte.“ „Für wen soll die eigentlich steigen?“ fragte Snipper Jonas. „Ich meine, in wessen Auftrag sollen wir den Professor kidnappen?“ „Weiß noch nicht. Muss überlegen. Hab‘ da verschiedene Offerten. Ein Mann wie Professor Patterson wird von den Geheimdiensten der ganzen Welt gesucht. Wenn wir ihn erst mal haben, können wir in aller Ruhe das Höchstgebot aushandeln.“ Das leuchtete ein. Jonas und Bonco waren von Coopers Darlegung sehr angetan. Der meinte, die Sache sei sehr einfach. Bei des Professors Zwischenlandung in New York kämen sie ins Spiel. Hier hätten sie genug Zeit, den Professor ausfindig zu machen und denselben Flieger zu besteigen. „Aber keine Fisimatenten, Jungs! Lasst die Messer stecken! Ihr seid friedlich, höflich und entgegenkommend. Ihr setzt euch im Flugzeug neben ihn, schleicht euch in sein Vertrauen, zeigt ihm ein paar Porno-Bildchen, ladet ihn zu einer Flasche Rotwein ein. In Chicago angekommen, helft ihr ihm aus dem Flugzeug, tragt ihm seine Koffer und führt ihn schlankweg zu den Reportern, die auf dem Flugfeld auf ihn warten. Kapiert?“ Jonas und Bonco fanden es butterleicht. Allerdings erfuhren sie nun etwas, das ihnen nicht so leicht fallen sollte: „Aber aufgepasst, dass ihr ihn zu den richtigen Reportern führt, das heißt zu den falschen! Zu meinen Reportern. Wir kommen mit sechs Mann, alle als Reporter verkleidet. Ich selbst werde auch da sein. Mit ’nem Kamerawagen von der Wochenschau. Wir umringen den Professor, machen Fotos, stellen Fragen und drängen ihn in den Kamerawagen. Dann Türe zu, ab dafür, und schon sitzt der Vogel im Käfig.“ Bonco fand den Plan genial. So genial, dass er sogleich ein Sprüchlein folgen ließ: „Willst du gefahrlos deiner Wege wandeln, musst du erst denken, später handeln!“ „Bah!“ knurrte Jim Cooper. „Das Denken ist erledigt. Jetzt müsst ihr handeln. “ „Und wie gern wir das tun! Was, Snipper-Bub?“ „Aber klar doch, Herzchen! Noch in derselben Nacht machten sich Snipper-Bub und Bonco-Herzchen im Schlafwagenzug auf den Weg nach New York11 . Den Vormittag verbummelten sie im schönen Manhattan, begaben sich dann pünktlich zum Flughafen, um ihren Auftrag auszuführen. ‚New York Airport‘, hieß es damals, ‚Knotenpunkt internationaler Luftfahrtlinien, Drehscheibe der Kontinente. Hier werden Brücken geschlagen von Land zu Land, von Volk zu Volk, von Mensch zu Mensch. New York Airport, das Tor zur großen, weiten Welt.‘ Bitte, Damen und Herren, beachten Sie, wir schreiben das Jahr 1925. Wie erinnerlich, waren die damals benutzten Flugmaschinen bei weitem nicht so fortschrittlich wie heute. So konnte es schon mal geschehen, dass die Dame an der Lautsprecheranlage am Flughafen melancholisch verkündete: „Transcontinental Airways gibt die außerplanmäßige Bruchlandung der Flugnummer TCA 34 aus Quebec bekannt. Die Fluggäste können in den umliegenden Krankenhäusern besucht werden. Danke.“ Am 26. Mai 1925, als sich Snipper Jonas und Bonco beim Flughafen einfanden, war jedoch normaler Flugbetrieb. 12 Uhr 45 erklang die Lautsprecheransage: „New York Airport. Transcontinental Airways gibt die planmäßige Ankunft ihrer Flugnummer TCA 47 aus Quebec bekannt. Die Fluggäste werden am Ankunftschalter Gate 7 erwartet.“ Bonco war glücklich. „Sieben! Die magische Zahl! Besser konnten wir es gar nicht treffen.“ Was Snipper Jonas nicht ahnte, war, dass bereits am Flugfeld zwei Herren auf die Maschine warteten, Dickie Dick Dickens und Opa Crackle, ersterer im korrekten Straßenanzug mit einer hurtig gestohlenen Kennmarke des FBI in der Hand, letzterer mit gestutztem Schnurrbart, sauberen Fingernägeln, Gehrock und Stehkragen. „Was geschieht, wenn das Flugzeug ausgerollt ist“, fragte Opa Crackle. „Ganz einfach Opa: Du mischst dich unter die aussteigenden Fluggäste, gehst mit ihnen zum Flughafengebäude und machst ein würdiges, professorales Gesicht. Alles andere ergibt sich automatisch. Bonco weiß Bescheid.“ Der Flieger rollte aus, die Gangway wurde herangeschoben, eine Stewardess öffnete die Kabinentür und schreckte etwas zurück, da Dickie Dick Dickens unmittelbar vor ihr stand. „Nanu, wie kommen Sie denn hierher?“ wollte sie wissen. „Ganz einfach die Gangway hinauf“, antwortete Dickens, wies die FBI-Marke vor und fügte düster hinzu: „Ich komme im Auftrag des Federal Bureau of Investigation.“ Die Stewardess war beeindruckt. Dickie erklärte ihr, er sei lediglich für die Sicherheit einer ihrer Fluggäste verantwortlich, eines gewissen Professor Patterson. „Tut mir leid“, sagte sie, „ich habe die Passagierliste nicht im Kopf. Wie heißt der Professor?“ „Theodor Patterson.“ Ein Herr in einem gediegenen, etwas altmodischen Anzug, der unmittelbar hinter der Stewardess stand, fragte ruhig: „Ja, bitte?“ Dickens zog den Hut. „Das ging ja schnell. Willkommen in New York, Professor!“ Der Herr staunte über den unerwarteten Empfang. Dickens wies wiederum seine FBI-Marke vor und sagte sanft: „Das erkläre ich Ihnen gleich.“ Sodann wies er die Stewardess an, mit den anderen Fluggästen schon mal vorauszugehen, er werde mit dem Professor folgen. Auf dem Wege zu einem Seiteneingang des Flughafengebäudes erklärte Dickens dem Professor verhalten, aber mit wichtiger Miene, seine Behörde habe zuverlässige Informationen, nach denen ein Chicagoer Gangstertrupp die Absicht habe, ihn zu entführen. Den Professor schien das wenig zu überraschen. „Um ehrlich zu sein, ich habe so etwas befürchtet.“ Zur gleichen Zeit warteten vor dem Gate Nr. 7 Snipper Jonas und Bonco auf die Fluggäste, die, von der Stewardess geführt, langsam auf sie zukamen. Snipper Jonas war beunruhigt. „Das sind ja mindestens zwanzig Personen! Wie sollen wir da den Richtigen herausfinden?“ „Keine Unruhe, Herzchen, das kriegen wir gleich. Oh, da ist er ja schon!“ Er steuerte mit flinken Schritten auf Opa Crackle zu. „Herr Professor Patterson, wenn ich nicht irre?“ sprach er ihn an. Opa Crackle, im Gehrock und Stehkragen, gab sich würdig und säuselte mit gutturaler Liebenswürdigkeit: „In der Tat, mein lieber junger Freund. Darf ich vermuten, dass wir uns kennen?“ „Es ist schon lange her.“ „Ja, mein Personengedächtnis lässt mich mit fortschreitendem Alter leider immer häufiger im Stich. Ein Schüler von mir, nehme ich an?“ „Nicht ich selbst. Meine Schwester hat bei Ihnen gehört, Caroline Freshman. “ „Ja, ja, mag sein. Wir sollten uns ausführlich unterhalten, junger Mann. Doch leider drängt die Zeit. Ich muss meine Anschlussmaschine nach Chicago erreichen.“ Das sei aber ein reizender Zufall, sagten Bonco und Snipper Jonas wie aus einem Munde, sie flögen nämlich ebenfalls nach Chicago und würden sich freuen, wenn sie dem Herrn Professor Gesellschaft leisten könnten. So nahm, wie deutlich erkennbar, sowohl Jim Coopers Plan eine treffliche Entwicklung wie auch der des Dickie Dick Dickens. Dickens führte seinen ‚Schutzbefohlenen‘ mit freundlichen Worten zu Gate 9. Der sagte erstaunt: „Hier geht es doch zum Abflug nach Milwaukee12 !“ „Ganz recht. Und wir müssen uns beeilen. Das Flugzeug startet in zehn Minuten.“ „Ich glaube, ich sollte Sie über einen kleinen Irrtum informieren, mein Herr...“ Dick fiel ihm ins Wort: „Ich weiß, Sie wollen nach Chicago. Aber aus Sicherheitsgründen machen wir einen kleinen Umweg über Milwaukee.“ „Was, um Himmels Willen soll ich dort?“ „Abwarten, Professor, in Ruhe abwarten, bis die Luft in Chicago wieder rein ist. Dort wird nämlich zu Ihren Ehren eine ziemlich kindische Komödie aufgeführt.“ Am Flughafen von Chicago nahm diese ‚kindische Komödie‘ ihren Fortgang. Snipper Jonas und Bonco führten den als Professor kostümierten Opa Crackle seitwärts zu einer als Presse- und Wochenschaureporter kostümierten Gruppe von Jim Coopers Ganoven. Sie umringten ihn und behelligten ihn mit mancherlei Fragen, die er mit Dignität zu beantworten suchte. „Können wir erfahren, weshalb Sie nach Chicago gekommen sind?“ „Nun ja, eine sehr nützliche Frage. Lassen Sie mich versuchen zu antworten. Ich bin gekommen, um in Ihrer schönen Stadt bestimmte Aufgaben zu effektuieren, deren Wahrnehmung mir in meiner Heimatstadt Quebec aus Gründen, die im einzelnen aufzuzählen ich mir ersparen möchte, nicht möglich ist.“ Die ‚Reporter‘ machten Blitzlichtaufnahmen, Opa Crackle musste lächeln und noch mal lächeln, um dann zu dem Kamerawagen gedrängt zu werden, wo ihn nun Jim Cooper mit brummiger Freude in Empfang nahm. Drinnen in der Eingangshalle wartete indessen Sergeant Martin mit drei Polizeibeamten vergeblich auf Theodor Patterson. Eine halbe Stunde später erschien Sergeant Martin im Büro seines Vorgesetzten. Er knallte die Tür zu und brüllte schon beim Eintreten: „Herr Chefkommissar, Herr Chefkommissar!“ Chefkommissar Lionel Mackenzie duckte sich vor der Lärmentfaltung. „Warum knallen Sie die Tür, Sie Unhold? Warum schreien Sie wie ein Dampfertyphon? “ „Etwas Entsetzliches ist geschehen, Herr Chefkommissar! Dieser Professor Patterson ...“ „Vorsicht, Martin! Sie sprechen doch nicht etwa von dem kanadischen Wunderonkel, der die Che-wag-wang-hoa-Papiere entziffern soll?“ Doch, natürlich tat er es. Er berichtete, dass der Professor, während die Polizeieskorte in der Eingangshalle auf ihn wartete, von einer Horde Reportern umringt, mit einem Kamerawagen der Wochenschau fortgeschafft worden war. „Dann müssen wir sofort bei dieser Wochenschau anrufen.“ Das hatte Sergeant Martin schon getan, mit dem eindeutigen Ergebnis, dass die keinen Kamerawagen zum Flughafen geschickt hatten. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, dass der Professor entführt worden war. „Eine Katastrophe!“ wütete Lionel Mackenzie. „Wissen Sie, was die Che-wag-wang-hoa-Papiere sind.“ „Indianische Geheimdokumente. Man nimmt an, dass sie Aufschluss über die Entstehung Chicagos13 geben.“ Lionel Mackenzie ächzte vor Verdrossenheit. „Völlig wurscht, worüber sie Aufschluss geben. Sie sind das Steckenpferd von Senator Hillcox. Der möchte mit der Entzifferung der Che-wag-wang-hoa-Papiere in die Geschichte eingehen. Unser Senator, Martin! Der Polizei-Senator! Das bedeutet meinen Ruin! Die Beförderung kann ich mir an den Hut stecken, meine Karriere ist hin, Und Sie, Sergeant Martin, können von Glück reden, wenn Sie mit einer fristlosen Entlassung davonkommen!“ Martin senkte den Kopf. Er wagte nicht, etwas zu erwidern. Chefkommissar Lionel Mackenzie war von Trübsinn befallen. „Fassen Sie es bitte nicht als Schikane auf, was ich Ihnen jetzt sage.“ „Nein, Herr Chefkommissar.“ „So sehr es mir auch widerstrebt, wir werden arbeiten müssen. Der Professor muss wieder gefunden werden!“ Effie Marconi, Dickies liebliche, jedoch auch tüchtige Lebensgefährtin, hatte inzwischen ein nettes, kleines Landhaus in der Nähe von Milwaukee gemietet. Für Dickies Geschmack war es wohl etwas kärglich eingerichtet, aber für den vorgesehenen Zweck musste es ausreichen. Natürlich wollte der Mann, den Dickie Dick Dickens für Professor Patterson hielt, sehr schnell erfahren, weshalb er hier festgehalten werden sollte. „Ich fürchte“, gab Dickens zur Antwort, „Sie werden die Antwort nicht gerne hören. Bitte, nehmen Sie eine Zigarre, das beruhigt.“ „Ich bin ruhig.“ „Noch, Professor, noch. Sehen Sie, als ich mich bei der Stewardess nach Ihnen erkundigte, behauptete ich, ein Agent des FBI zu sein. Und Sie waren leichtsinnig genug, mir zu glauben.“ Der Mann lächelte. „Und jetzt, mein Herr, möchte ich Ihnen empfehlen, sich eine Zigarre anzuzünden.“ „Schau einer an! Warum?“ „Sie hegen die Hoffnung, in mir Professor Patterson vor sich zu haben. Das ist dummerweise nicht der Fall.“ Dickens blieb vor Staunen die Sprache weg. „Mein Name ist Hickeldey. Ich bin Sicherheitsbeamter der kanadischen Geheimpolizei.“ Eine herbe Enttäuschung für den sonst so erfolggewohnten Dickie Dick Dickens. Sein ganzer kunstvoll ausgewogener Plan brach damit desaströs zusammen. Der ungünstige Stern, unter dem Dickies Unternehmen zu stehen schien, überschattete übrigens auch Chefkommissar Lionel Mackenzie, dem die Entführung des vermeintlichen Professors aufgebürdet wurde. Sergeant Martin meldete ihm lauthals den Besuch von Senator Hillcox. Mackenzie klagte, dass sich wohl nun die ganze Welt gegen ihn verschworen habe und ergab sich zähneknirschend seinem Schicksal. „Das ist ja wohl die erbärmlichste Blamage, die Sie sich in Ihrer jämmerlichen Laufbahn geleistet haben!“ schimpfte Senator Hillcox. „Hatte ich nicht höchstpersönlich dezidierte Sicherheitsmaßnahmen angeordnet?!“ Ihm genügte es nicht, dass Mackenzie vier Beamte abgeordnet hatte, einen Zug hätte er schicken müssen, eine Kompanie! Mackenzie hielt entgegen, dass er nicht all seine Beamten wegen der verflixten Che-wag-wang-hoa-Papiere von ihrer Arbeit abhalten könne. „Unsinn!“ schimpfte der Senator. „Die Che-wag-wang-hoa-Papiere sind nur ein Vorwand. In Wahrheit wollen wir den Professor überreden, seine Kunstfertigkeit dem Geheimdienst der Vereinigten Staaten zur Verfügung zu stellen. Ein Anliegen von höchster nationalen Dringlichkeit! Und Sie knausern mit Polizeibeamten! “ „Tut mir leid, Senator!“ „Mir ist egal, was es Ihnen tut. Ich erwarte nur, dass Sie den Professor so schnell wie möglich herbeischaffen. Mit allen Ihnen zur Verfügung stehenden Kräften! Und zwar hat dies unter strengster Geheimhaltung zu geschehen! Kein Wort an die Öffentlichkeit, verstanden?“ Lionel Mackenzie hatte verstanden. Sergeant Martin hatte verstanden. Etwas kleinlaut erklärte er jedoch jetzt: „Verzeihen Sie, Herr Senator, ich fürchte nur, dazu ist es zu spät. Die Nachricht über die Entführung geht in dieser Minute über den Äther.“ „Professor Patterson ist auf dem Flughafen von Chicago von unbekannten Tätern entführt worden“, so hieß es in den Mittagsnachrichten. „Professor Patterson gilt als bedeutendster Experte auf dem Gebiete der Schriftenentschlüsselung.“ Dickie Dick Dickens seufzte, als er die Meldung hörte, Effie Marconi seufzte, und auch Eric Hickeldey seufzte. „Nun ist es doch passiert“, sagte er. „Tut mit leid für Sie, mein Herr. Sie hatten sich solche Mühe gegeben, und nun ist Ihnen doch jemand zuvorgekommen. “ „Ich werde versuchen, es mit Fassung zu tragen.“ Eric Hickeldey ging ein paar Schritte auf und ab. Er brauchte das, um sich einigermaßen zu beruhigen. „Das wird Ihnen zweifellos leichter fallen als mir. Sie haben einen bedauerlichen Fehlschlag erlitten. Ich sehe meine ganze Existenz vernichtet!“ „Keine Sorge, Mr. Hickeldey, ich bin nicht blutrünstig. Gleich nach dem Abendbrot können Sie gehen, wohin Sie wollen.“ Damit war Hickeldey jedoch verwunderlicherweise keinesfalls einverstanden. Er wollte in Dickies Gewahrsam bleiben, und das unter allen Umständen. „Ich habe ein Recht darauf, ordnungsgemäß wie ein Entführter behandelt zu werden! “ Effie sah Dickens vorwurfsvoll an. „Meine Güte, was hast du uns da eingebrockt! “ „Sehen Sie, mein Fräulein“, erklärte Hickeldey, „meine Behörde hat mich zum persönlichen Schutz des Professors abgestellt. Seit zwei Jahren bin ich sein Leibwächter, wohne in seinem Haus, folge ihm wie ein Schatten. Jetzt habe ich ihn einmal aus den Augen verloren...“ „Wann und wo?“ fragte Dickens. „Drei Tage vor unserem Flug nach Chicago. In unserem Reisebüro. Wir hatten gerade die Tickets für den Flug besorgt, da war er plötzlich wie vom Erdboden verschluckt!“ „Sie haben natürlich sofort Ihre Behörde informiert?“ „Dann hätte ich einen fürchterlichen Rüffel bekommen. Nein, ich habe die Suche nach dem Professor auf eigene Faust unternommen. Ein Leichtsinn, gewiss, aber jetzt bin ich in der glücklichen Lage, nachweisen zu können, dass ich unter Androhung von physischer Gewalt an der Suche gehindert worden bin. Wie stände ich sonst da? Ich würde entlassen. Ich verlöre sogar meinen Pensionsanspruch! “ Effie fand das degoutant. „Sie sind ja ein Herzblatt! Das Schicksal des Professors kümmert Sie gar nicht?“ „Oh doch, wir machen uns große Sorgen.“ „Wir?“ fragte Dick. „Seine Frau und ich. Sie ist nur ein Nervenbündel.“ „Das kann man verstehen. Die Ärmste!“ „Keine Sentimentalitäten, Effie!“ forderte Dickie. „Wir sind genug damit beschäftigt, uns selbst leid zu tun.“ „Man sollte sie wenigstens informieren!“ „Davon würde ich abraten.“ „Wieso, Mr. Hickeldey, warum?“ „Seien wir doch ehrlich.“ Hickeldey machte ein Gesicht wie eine zerquetschte Pflaume. „Wir haben die gleichen Interessen. Jeder von uns will den Professor befreien. Aus verschiedenen Beweggründen, das versteht sich. Aber für keinen von uns würde es nützlich sein, wenn sich jetzt noch ein dritter um den Verbleib des Professors kümmert.“ „Das wird der gesamte Polizeiapparat tun.“ „Kennen Sie die Chicagoer Polizei, Mr. Dickens?“ „Mehr als mir lieb ist.“ „Dann wissen Sie auch, dass von ihr keine Gefahr droht. Aber die Frau Professor kennen Sie nicht. Die ist jung, unverbraucht, reich und ein Vulkan voll Energie und Durchsetzungsvermögen. Wenn die sich mit der Polizei verbündet, sind unsere Chancen eliminiert.“ Nichts und niemand konnte aber verhindern, dass die Frau Professor durch die Radionachrichten bereits über die Entführung ihres Mannes informiert worden war. Sie war, wie Hickeldey sagte, unberechenbar, Schlimmstes war zu befürchten. Man musste sie dringlich beruhigen, beschwichtigen, besänftigen. Dick machte den Vorschlag, Hickeldey möge mit dem Wagen zur nächsten Telefonzelle fahren und die Frau anrufen. Hickeldey war überhaupt nicht einverstanden. „Und Sie machen sich in der Zwischenzeit aus dem Staub! Nein, ich bleibe Ihr Gefangener.“ „Sie können auch von hier telefonieren“, schlug Effie vor. „Mein Gott“, wendete Dickens ein, „das Haus steht seit zwei Jahren leer. Das Telefon ist längst abgeschaltet.“ Damit aber traf er Effies Stolz empfindlich. „Aber Liebling, wofür hältst du mich?“ sagte sie. „Für eine Schlampe? Ich habe natürlich sofort, nachdem ich hier angekommen bin, die Überlandleitung angezapft. Der Apparat steht draußen im Flur, Mr. Hickeldey, er steht zu Ihrer Verfügung.“ „Das wird ein schwerer Gang“, murrte Hickeldey, ging hinaus und wählte die Nummer. Dickie und Effie horchten gespannt auf seine Worte. „Guten Tag, gnädige Frau“, sagte er mit hingebungsvoller Servilität, „hier ist Eric Hickeldey. – Nein ich bin nicht in Chicago. Es ist etwas dazwischen gekommen. - - Aber nein, Claire, kein Grund zur Besorgnis... – Ach, das wissen Sie schon? Ja, ja, aber die Polizei ist auf dem besten Wege... Alles geht seinen geregelten Gang. - Aber nein, das halte ich für verfrüht, ich werde ... – Das ist nicht nötig, ich habe ... – Es gibt wirklich keinen Anlass ... – Aber nein, Claire ... gnädige Frau, ich werde noch heute ... – Ja ... – Ja ... – Ja ... Wie Sie meinen, Claire, auf Wiedersehen.“ Wie ein durchs Wasser gezogener Pudel kam er zurück. „Fehlanzeige! Sie ist eben eine Frau von schnellen Entschlüssen. Ein wahrer Wirbelwind! Sie kommt mit dem nächsten Flieger nach Chicago.“ „Da haben wir den Salat!“ „Ich hätte es ja gerne verhindert, aber so bleibt uns nur eine Möglichkeit, diese Frau unter Kontrolle zu halten.“ „Und die wäre?“ „Wir werden sie vom Flughafen abholen und keinen Moment aus den Augen lassen.“ Es half nichts. Dickie und Effie hätten sich gerne nutzvolleren Tätigkeiten hingegeben. Statt dessen sahen sie sich gezwungen, am Knotenpunkt internationaler Luftfahrtslinien die Ankunft einer frustrierten Professorengattin abzuwarten. Eric Hickeldey sah die Dame schon von weitem. „Am besten, Sie halten sich erst mal im Hintergrund, damit ich sie schonend vorbereiten kann“, sagte er und ging ihr mit weit ausgreifenden Schritten entgegen. „Jetzt, Dickie!“ tuschelte Effie. „Jetzt haben wir Gelegenheit zu verduften. Dann sind wir den Kerl los!“ „Nein, mein Schatz, wir haben soviel Zeit vertrödelt, jetzt möchte ich die kanadische Wundergattin auch kennen lernen! Das sind wir unserer Neugier schuldig!“ Sie sahen eine jugendliche, attraktive Person mit lebhaften Trippelschritten auf sie zukommen. Sie war hübsch, sexy, viel zu jung für einen Professor und augenscheinlich in fröhlicher Stimmung. Effie wunderte sich. „Schau mal, wie sie lacht!“ Dickie wunderte sich ebenfalls. „Statt zähneklappernd nach ihrem verschwundenen Mann zu jammern, lockt sie froh!“ Hickeldey führte die Dame heran. „Claire, darf ich Ihnen zwei Freunde von mir vorstellen. – Oh, jetzt kenne ich nicht mal Ihre Namen.“ Dickens hob die Schultern. „Unsere Bescheidenheit. Wir drängen uns niemandem auf. Aber es freut mich, Sie kennen zu lernen, Frau Professor! Hatten Sie einen guten Flug?“ Frau Patterson strahlte über das ganze Gesicht. „Es war ein Erlebnis! Wir hatten wunderbares Wetter und ein vorzügliches Menü. Putenbrust mit Champignons. Schade nur, dass die Zwischenlandung in New York so kurz war. Ich hätte mir so gern die Stadt angesehen.“ „Na, Chicago ist ja auch ganz hübsch.“ „Sehen Sie, genau das hat auch der Pilot gesagt. Ich habe ihn natürlich gebeten, etwas länger in New York Halt zu machen. Aber er ist ein grässlicher Egozentriker. Er denkt nur an die anderen Passagiere und seinen Flugplan. Aber das hat er jetzt davon!“ Dickie verstand nicht. „ Was hat er wovon?“ „Ich werde die TCA kaufen und den Piloten entlassen. Aber jetzt möchte ich mich etwas in der Stadt umsehen. Sie kennen sich in Chicago aus?“ „Ziemlich. Es ist meine Heimat.“ „Wundervoll! Sie müssen mir alles zeigen! Aber zuerst mal gehen wir essen. Und heute Abend machen wir einen ausgiebigen Bummel durch die Nachtlokale. Sie sind alle eingeladen.“ Hickeldey versuchte einzuwenden: „Claire, ich glaube, wir sollten auch ein wenig an den Professor denken.“ „Ach ja, Eric, das habe ich Ihnen noch gar nicht gesagt: Noch eine erfreuliche Nachricht! Stellen Sie sich vor, die kanadische Regierung hat mir einen Scheck über 10.000 amerikanische Dollar ausgestellt. Als Lösegeld für meinen Mann.“ „Donnerwetter!“ „Ich finde es wahnsinnig schick, mit einem so wichtigen Mann verheiratet zu sein, der meiner kanadischen Regierung 10.000 US-Dollar wert ist. Auf dem Flughafen in Quebec hat man sogar Fotos von mir gemacht. Sie werden es nicht glauben, Eric, die Entführung ist Stadtgespräch. Der Bürgermeister wollte ja auch mir zu Ehren einen Empfang geben. Aber ich finde es geschmacklos, hunderte sensationsgierige Leute einzuladen, sich auf Kosten einer armen Witwe zu amüsieren. “ Effie lächelte hold. „‚Witwe‘ ist ja zum Glück etwas übertrieben. Wir hoffen sehr, dass Ihr Mann noch am Leben ist.“ „Um so besser. Wissen Sie, man soll immer auf das Schlimmste gefasst sein, dann kann man nicht enttäuscht werden.“ Dickens beschloss, auf Claire Pattersons Ton einzugehen. „Doch nun wollen wir uns die Stimmung nicht verderben lassen“, sagte er frohgemut. „Kommen Sie, Madame, der Wagen steht vor der Tür. Chicago, die wunderschöne Millionenstadt, wartet auf Sie.“ Chefkommissar Lionel Mackenzie saß hinter seinem Schreibtisch. Mit grimmigem Gesicht und erlesener Schrift setzte er ein Schreiben auf, das er Sergeant Martin übergab. Er möge es mit der Maschine abschreiben und ihm zur Unterschrift vorlegen. Was es sei? Sein Entlassungsgesuch. „Ich gehe in Pension.“ „Aber Herr Chefinspektor!“ rief Martin. „Wollen Sie nicht vorher die Akte lesen?“ „Damit ich mir die Krätze an den Hals ärgere? Vielleicht steht sogar ein wertvoller Hinweis in der Akte. Dem müssten wir dann nachgehen und uns in Gefahren stürzen! Nein! Ich gehe in Pension! Oder glauben Sie, ich lasse mir von Senator Hillcox das Leben versauern? Alle halbe Stunde ruft er an und fragt, wie weit wir mit den Ermittlungen sind. Ha, ich gehe in Pension, hinaus in die Berge! Morgen Mittag schon sitze ich am munter plätschernden Bergbächlein, mein Angelzeug in der Hand, erquicklichen Gedanken hingegeben.“ Das Telefon klingelte. Mackenzie vermutete, dass es wieder Senator Hillcox war und wies Sergeant Martin an, den Hörer abzunehmen. Er selbst sei unwiderruflich krank. Das Gespräch war sehr kurz. Martin sagte ein paar mal „Ja“ und dann: „Ich werde es ausrichten.“ „Na?“ fragte Lionel Mackenzie. „Der Herr Senator lässt mitteilen, dass Washington für die Befreiung des Professors eine Prämie von 25.000 Dollar ausgesetzt hat. Steuerfrei!“ Der Chefkommissar überlegte. „Hm, 25.000, ohne Abzüge, wenn wir den Professor schnappen...“ „Wenn wir das aber den Entführern mitteilen“, gab Martin zu bedenken, „machen die vielleicht ein Gegenangebot und zahlen uns 30.000, wenn wir den Professor nicht schnappen.“ „Bravo, Martin! In geschäftlichen Dingen haben Sie schon viel von mir gelernt. Na, dann geben Sie mir mal die Akte! Steht irgendein Hinweis drin?“ „Jawohl. Es ist beobachtet worden, dass ein gewisser Snipper Jonas im Flugzeug neben dem Professor gesessen hat.“ „Snipper Jonas?“ „Ein kleiner Ganove.“ „Organisiert?“ „Sie werden staunen. Er gehört zu einer neuen Bande, die ein alter Bekannter von uns gegründet hat.“ „Wer?“ „Jim Cooper.“ Jim Cooper saß auf einer Bank vor dem Landhaus, das er in der Nähe von Milwaukee gemietet hatte. Er war guter Dinge und fütterte die Enten, die schnatternd um seine Knie herum watschelten, und gab seiner Gans fröhlich ein paar Leckerbissen. Der ehemals große Gangsterfürst hatte einen neuen Lebensinhalt gefunden. Drinnen im Haus, an dem runden Eichentisch saßen gelangweilt Opa Crackle und Bonco. Opa Crackle machte einen niedergeschlagenen Eindruck. Bonco fragte ihn, ob ihm eine Laus über die Leber gelaufen sei. „Es ist eine Schweinerei“, erboste sich Opa Crackle, „dass man mich hier verdursten lässt! Schöne Gangsterbande das, die ein so hoch gestelltes Opfer wie einen kanadischen Professor der Darberei aussetzt!“ „Jim Cooper hat doch alle Ohren voll damit zu tun, Kontaktleute für deine Übereignung auszusuchen.“ Bonco grinste. „Ich war in der Stadt und habe dir was mitgebracht. Deinen Lieblingswhisky!“ Er stellte die Flasche auf den Tisch. Opa Crackle wollte sofort nach ihr greifen, doch Bonco bestand darauf, dass er aus einem Glas trank, wie sich das für einen vornehmen Professor gehört. Er holte zwei Gläser aus dem Nussbaumschrank und goss sie ein. Sie tranken. Bonco schenkte noch mal ein und sagte geheimnisvoll: „Was glaubst du, wen ich in der Stadt getroffen habe?“ „Wilhelm Tell.“ „Quatschkopf! Nein, Dickie Dick Dickens. Stell dir vor, er führt die junge Ehemotte von diesem Professor in der Stadt herum. Junge, Junge, das ist vielleicht ein spitzes Mäuschen! Heute Abend geht er mit ihr aus, in die Djingo-Bar.“ „Wenn er sich nur gehörig amüsiert!“ „Nur dienstlich, Opa. Dich lässt er übrigens schön grüßen, und du sollst auf jeden Fall die Rolle des Professors so lange wie möglich durchspielen. Es ist wichtig, damit er Zeit gewinnt.“ Sie mussten ihr Gespräch abbrechen. Jim Cooper hatte die Enten gefüttert und kam nun herein. „Na, Professor? Alles in Ordnung?“ fragte er. Opa Crackle bediente sich wieder des professoralen Tonfalles, den er sich einstudiert hatte: „Danke, danke. Der junge Mann hier gibt sich im Rahmen seiner bescheidenen Kräfte erkleckliche Mühe. Dennoch möchte ich energisch Protest gegen die empörende Verfahrensweise einlegen, mit der man mich schamlos meiner Freiheit beraubt.“ Cooper lachte nur, schickte Bonco hinaus und griff nach dem Whisky. Er machte sich nicht die Mühe, ein Glas einzuschenken sondern trank aus der Flasche. „Prosit!“ sagte Opa Crackle und blickte Bonco nach. „Es ist schon in hohem Maße erstaunlich, in diesen Kreisen einen derart höflichen Menschen anzutreffen. “ „Sie werden noch mehr staunen, Professorchen. Auch ich bin höflich. Das Schicksal schmirgelt den Menschen. Sie können sich jetzt aussuchen, wohin ich Sie vermittle.“ „Aha. Und wie, bitte, darf ich geneigt sein, das zu verstehen?“ Cooper rückte etwas näher heran. „Ich habe meine Kontaktleute abtelefoniert. Ein Mann wie Sie ist überall gefragt. Das beste Angebot kommt aus Saudi-Arabien. Aber mit diesen Kameltreibern muss man vorsichtig sein. Dann hätten wir noch annehmbare Offerten aus Brasilien, der Schweiz, der Elfenbeinküste - - aber was haben Sie denn, Professor?“ „Gute Ohren Mr. Cooper! Hören Sie nicht die Autos?“ Vor dem Hause bremsten knirschend vier Polizeiwagen. Sie waren ohne Blaulicht und Sirenen vorgefahren. Aus einem der Wagen stieg Chefkommissar Lionel Mackenzie, nahm ein Megaphon zur Hand und rief: „Hier ist die Polizei. Genau hinhören, Jim Cooper! Wir wissen, dass Sie Professor Patterson gefangen halten. Ihr Haus ist umstellt. Machen Sie keine Schwierigkeiten! Kommen Sie mit erhobenen Händen heraus!“ 2 Uhr 15, früher Morgen, Djingo-Bar. Eine Jazzband spielte flotte Musik. Die Leute amüsierten sich. Ganz besonders Claire Patterson, die mit den weniger begeisterten Eric Hickeldey, Effie Marconi und Dickie Dick Dickens an einem bequemen Nischentisch saß. „Dieses Chicago ist ein Erlebnis! Vielen Dank, dass Sie mich herumgeführt haben! Diese Fülle von Eindrücken!“ Effie quengelte, dass sie ja eigentlich gar nicht zu einer Sightseeing-Tour nach Chicago gekommen sei. „Erst muss sich der Mensch doch akklimatisieren!“ erwiderte Claire wohlgelaunt. „Bis mitten in die Nacht?“ „Oh, Sie kennen mich nicht, meine Liebe. Morgen früh mit dem ersten Hahnenschrei bin ich topfit. Das ist mein Naturell, wissen Sie. Darüber hat er sich oft beklagt, mein Theodor, über mein wirbliges Temperament, wie er es nennt. Aber jetzt kommt’s ihm selbst zugute. Morgen früh spucke ich in die Hände, und wenn ich ganz Chicago auf den Kopf stellen muss, ich werde ihn finden! Auch wenn er gerne unter fremden Namen reist, der Schlingel. Er wird doch wohl aufzutreiben sein.“ Sie lachte hell auf. „Ganze 165 Zentimeter in dieser riesigen Stadt! Aber ich finde ihn!“ „165 Zentimeter?“ fragte Effie. „Ja, soviel misst er. Von Kopf bis Fuß. Eine ziemliche Zumutung für eine ausgewachsene Frau. Aber ich lasse mir meinen Optimismus nicht rauben. Er wird mir nicht auskommen! Auch wenn es Zeit kostet und Energie. Möglicherweise erwartet mich auch eine herbe Enttäuschung. Dafür muss man vorher ordentlich auftanken. Nur ein seelisch intakter Mensch ist einem Schicksalsschlag gewachsen. Herr Ober, noch eine Flasche Champagner. Und nun möchte ich tanzen. Kommen Sie, Eric!“ Seinen Unmut tapfer verbergend, erhob sich Hickeldey und führte sie auf die Tanzfläche. Effie sah ihnen nach. „Sie ist ja der reine Wirbelsturm!“ „Nur nicht so harmlos“, sagte Dickie. „Bei einem Tornado ist die Bahn berechenbar, bei ihr nicht.“ Während nun Eric Hickeldey und Claire Patterson in wildem Entzücken über die Tanzfläche wirbelten, bewegte sich Bonco wie ein Schatten durch die Bar und trat zu Dick und Effie. Die waren natürlich auf sein Erscheinen nicht gefasst, was aber Bonco wenig störte. „Ich habe mich im letzten Moment davonstehlen können. Stellen Sie sich vor: Die Polizei hat Jim Cooper verhaftet.“ „Diese Spitzbuben!“ meinte Effie. „Und Opa Crackle?“ fragte Dickens. „Der wurde ‚befreit‘. Aber da kam er wohl mehr vom Regen in die Traufe, denn jetzt sitzt er in Polizeigewahrsam.“ Das war schlimm. Es war ja zu erwarten, dass Claire Patterson als erstes zur Polizei gehen würde, wenn sie ihre 165 Zentimeter suchte. „Und dort“, sagte Dickie, „führt sie ein freudestrahlender Chefkommissar Lionel Mackenzie stante pede zu Opa Crackle, und unser Spiel ist aus!“ Der Ober brachte den Champagner und füllte die Gläser. Effie folgte nun Dicks Aufforderung und holte ein Pülverchen aus der Tasche, das sie zu gleichen Teilen in die Gläser von Eric Hickeldey und Claire Patterson einstreute. Nach Dickies Berechnung gab es den beiden 15 Stunden gesunden Schlafes, und ihm selbst genügend Zeit, um den richtigen Professor zu suchen. Es würde etwa 40 Minuten dauern, bis die Mittelchen zu wirken begannen. Also mussten sie schnell in ihr Hotel befördert werden. Dickens verlangte vom Ober die Rechnung, noch bevor die beiden Tänzer an den Tisch zurückkamen. „Uff!“ schnaubte Frau Patterson, „dieser Charleston nimmt einem fast die Luft!“ „Und macht durstig, nicht wahr.“ Dick hob sein Glas. „Dann trinken wir doch erst mal auf den gelungenen Abend! Cheerio, gnädige Frau, cheerio, Mr. Hickeldey!“ Als der Ober Dick die Rechnung brachte, protestierte Mrs. Patterson: „Aber nein, das geht nicht! Ich habe Sie eingeladen.“ Dickie aber lächelte mit falscher Güte. „Oh, meine Liebe, das würde ich nicht zulassen, zumal ich jetzt die undankbare Rolle des väterlichen Freundes übernehmen muss. Es ist vier Uhr nachts, meine Teuerste, und Sie haben einen anstrengenden Tag vor sich. Danke, Herr Ober, es stimmt so.“ Als sie sich auf den Heimweg begaben, war die sonst brodelnde Millionenstadt noch ruhig, nur ein paar Zeitungsjungen und einige Milch- und Bäckerbuben radelten pfeifend durch die Straßen. Still ruhte der Michigansee, langsam kroch die Sonne über den Chicagoer Horizont. Als die Sonne im Zenit stand, rasselte in Dickies idyllischem Blockhaus am Rande der Stadt das Telefon. Es war ein Ferngespräch aus Quebec. Sam Hoppler, ein führender Hehler von Quebec war am Apparat. Dickie hatte ihm ein Telegramm geschickt und um gewisse Recherchen gebeten. Die Auskunft, die er jetzt erhielt, war erstaunlich. Professor Patterson war vor drei Tagen mit einem Sicherheitsbeamten in einem Reisebüro, um Flugtickets zu besorgen. Danach war er spurlos verschwunden. Einfach so. Als habe er sich einfach aufgelöst. Die Frage war jetzt, wie, um Himmels Willen, konnte so was passieren? Dickens überlegte eine Weile. Das konnte er gut, wie wir wissen. Und dann hatte er so etwas wie eine Erleuchtung. „Kinder, ich glaube, ich hab’s. Ein zerstreuter Professor! Er weiß, dass er nach Chicago fliegen wird, er hat sein Flugticket in der Hand. Vor dem Reisebüro steht der Omnibus, der zum Flughafen fährt. Der Professor steigt ein, weist draußen seinen Flugschein vor. Ein Flugzeug nach Chicago mit Zwischenlandung in New York ist startbereit. Man bucht ihn ohne Einwände auf diese Maschine um...“ Das war der Augenblick, an dem Dickens wiederum ins Nachdenken verfiel. „Stimmt was nicht?“ fragte Effie. „Im Gegenteil, es stimmt haargenau. Demnach wäre er schon vor drei Tagen in New York eingetroffen.“ Bonco rief im Jubelton: „Natürlich!“ „Na, Bonco, denkst du an dasselbe wie ich?“ „Ich denke an die Bruchlandung.“ „Exakt!“ Dickie ließ sich das Telefon geben, suchte die Nummer des Shelton-Krankenhauses in New York, rief dort an und fragte, ob sie Verletzte der Bruchlandung des Fluges TCA 34 aufgenommen hätten. Aber ja, hatten sie. Dickie hielt sich nicht länger mit Telefonieren auf. Ab ging’s mit dem nächsten Flieger nach New York. Mit Effie begab er sich direkt ins Krankenhaus. Er behauptete, seinen Onkel besuchen zu wollen, den Herrn Professor Patterson. Die Frau in der Empfangsloge verneinte. Ein Herr dieses Namens sei nicht eingeliefert worden, es täte ihr sehr leid, und sie vertiefte sich wieder in ihr Rätselheft. „Moment, meine Dame“, störte sie Dickens, „nicht gleich die Segel ins Korn werfen. Unser Onkel hat nämlich eine Marotte. Er reist gern unter fremden Namen. Ein alter Herr, trägt immer einen Gehrock.“ „Und Stehkragen“, ergänzte Effie. „Er ist auffallend klein.“ „Ein Meter 65.“ Jetzt ging der Empfangsdame ein Licht auf. „Aber ja, natürlich, der kleine alte Herr auf Zimmer 22.“ „Ist er arg verletzt?“ „Ihr Onkel hat einen Armbruch. Er heißt übrigens Miller.“ Effies mitfühlendes Herz kam auf dem Weg zu Zimmer 22 wieder mal voll zur Geltung. „Ach, Dickie, denk doch nur, der kleine, alte Herr! Und jetzt liegt er auch noch mit einem Armbruch in einer total fremden Stadt, in einem kalten Krankenhauszimmer, mutterseelenallein!“ „Effie, was für ein Lied trällerst du mir da?“ „Und was für ein garstiges Schicksal seiner harrt! Eine Entführung in ein scheußliches, fernes Land! Ich finde, Dick, das wäre endlich einmal eine Gelegenheit, Gutes zu tun. Wir sollten ihm die Freiheit schenken.“ Dickens lachte. „Aber mein Täubchen, wir tun doch Gutes. Überleg doch mal, Washington bezahlt 25.000 Dollar, die kanadische Regierung 10.000, und da sollen wir uns lumpen lassen? Nein, nein, der Professor wird befreit!“ Sie gelangten zum Zimmer 22, klopften kurz an und traten ein. Ein kleiner Herr mit einer großen Hornbrille blickte von einem Journal auf und fragte ziemlich indigniert, weshalb man ihn in seiner Ruhe störe. „Zuerst mal gute Besserung“, sagt Effie. „Herr Miller, wie ich gehört habe?“ fragte Dickens. „So ist es.“ „Vielleicht können Sie mir helfen, Mr. Miller. Ich suche einen Herrn verschiedenen Namens aber gleichen Aussehens wie Sie. Er heißt Patterson.“ Der Herr im Bett zuckte nur die Achseln. „Tut mir leid“, sagte er und blickte wieder in seine Zeitschrift. „Außer dem Armbruch haben Sie keine Schäden?“ fragte Dick. „Nein.“ „Dann kann ich’s Ihnen ja ruhig sagen. Gegen diesen Professor Patterson ist eine Entführung geplant.“ Der kleine Herr erwiderte freudig: „Ach, deswegen kommen Sie? Na, endlich! Sie haben ganz recht, ich bin Professor Patterson.“ Jetzt geschah genau das Gegenteil von dem, was Dickens vermutet hatte. Nicht der Professor sondern er selbst war zutiefst erstaunt. „Was? Sie wissen von der Entführung?“ „Natürlich weiß ich davon. Wofür halten Sie mich? Für einen Narren, der blindlings in sein Schicksal läuft?“ Dickens beruhigte den Professor. Er solle sich keine Sorgen machen, er würde nicht behelligt werden. „Keine Entführung?“ „Keine Entführung.“ Effie strahlte wonniglich. „Ist das nicht wundervoll? Ich habe ihn dazu überredet.“ Der kleine Herr richtete sich in seinem Bett auf. Zornig sagte er: „Es ist unglaublich! Nehmen Sie zur Kenntnis, dass ich dagegen aufs Schärfste protestiere! “ „Moment mal“, rief Dickie dazwischen, „verstehe ich das richtig? Sie wollen entführt werden?“ „Selbstverständlich. Was verabredet ist, ist verabredet!“ „Warum?“ Der Professor ließ sich wieder ins Bett sinken. „Sie werden das nicht verstehen. Sie sind jung, ich gehe auf die fünfundsechzig.“ Darauf eiferte Effie: „Aber gerade deshalb wünscht man sich doch einen Lebensabend in Frieden und Behaglichkeit.“ „Deswegen will ich ja entführt werden!“ „Verstehe ich nicht.“ „Können Sie auch nicht, mein Fräulein. Sie werden nie in die Lage kommen, mit einer Frau verheiratet zu sein. Sie kennen nicht die Pein, die einem eine unternehmungssüchtige Ehepartnerin verursachen kann.“ Aha! zündete es bei Dickens, der weibliche Tornado, der Wirbelsturm. „An eine Scheidung ist nicht zu denken“, fuhr Patterson fort. „Ich bin nicht nur katholisch sondern auch begütert. Aber sie begnügt sich nicht, mein Geld mit vollen Händen aus dem Fenster zu werfen, sie verlangt weit mehr von mir. Ich bin dazu verurteilt, das Leben eines Gesellschaftslöwen zu spielen: Partys, Empfänge, Vernissagen, Theaterpremieren, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Tanzabende, Barbecues – und das jeden Tag! Eine Tortur, unvorstellbar. Sie kennen meine Frau nicht...“ „Sie irren, wir kennen sie.“ „Dann bitte ich Sie inständig: Entführen Sie mich! Ich zahle Ihnen jeden Preis.“ „Wohin wollen Sie denn entführt werden?“ Patterson atmete erleichtert auf. Dieser junge Mann schien Verständnis für seine Sorgen zu haben. Er überlegte eine Weile, dann antwortete er: „Die Ideallösung wäre wohl die Schweiz. Ein friedliches Ländchen. Dort gibt es wenig Arbeit. Die halten sich ihren Geheimdienst nur aus Prestigegründen.“ „Mal sehen. Ich glaube, das ließe sich machen.“ „Aber es muss geheim bleiben. Absolut geheim. Wenn es meiner Frau zu Ohren kommt, sitzt sie im nächsten Flugzeug, und alles ist wieder aus!“ Im Polizeipräsidium von Chicago unterhielt sich Chefkommissar Lionel Mackenzie mit Opa Crackle, den er ja nach wie vor für Professor Patterson hielt. Er entschuldigte sich heftig, dass er ihn immer noch in Polizeigewahrsam festhielt, aber das sei durch die Tatsache begründet, dass man ihn vor einer neuerlichen Entführung bewahren wollte. Ein beklagenswerter Umstand, gewiss, aber man müsse sich in Geduld fassen, nicht etwa, dass Mackenzie warten wolle, bis er die Belohnung einkassieren könne, oh nein, in einer Viertelstunde erwarte er Senator Hillcox. Der sei sehr stolz darauf, dass die Befreiung gelungen sei und möchte gerne mit dem Professor plaudern. „Aber ich nicht mit ihm!“ verwahrte sich Opa Crackle brüsk, aber im sonoren Tonfall, den er sich für den ‚Professor‘ zurechtgelegt hatte. „Seit ich diese Stadt betreten habe, bin ich zweimal entführt und gefangen gehalten worden, einmal von Gangstern, einmal von der Polizei. Ich habe mit einem Chicagoer Senator nichts zu plaudern!“ Lionel Mackenzie blickte verdrossen zur Stubendecke auf. „Das halte aus, wer will! Hätte ich mich doch bloß nicht darauf eingelassen! Da tut man seine Pflicht, und was hat man davon? Nackenschläge, nichts als Nackenschläge!“ Sergeant Martin blickte zur Tür. „Verzeihung, Herr Chefkommissar“, donnerte er, „es kommt noch viel schlimmer.“ In der Tür stand nicht, wie erwartet, Senator Hillcox, sondern Dickie Dick Dickens. „Jetzt trifft mich der Schlag aller Schläge!“ lamentierte Mackenzie. „Wie kommen Sie denn hierher?“ „Durch die Tür“, antwortete Dick und begrüßte den vermeintlichen Professor, indem er ihm freundschaftlich auf die Schulter tippte. „Hallo, Opa, wie geht’s denn so?“ Der Chefkommissar muckte unverzüglich auf: „Opa?! Was ist das für ein verdammtes Kauderwelsch? Was heißt hier Opa?“ „Ja, jetzt dürfen Sie staunen. Ach, Opa, zeig doch mal dem Herrn Chefkommissar deinen Ausweis!“ „Den echten oder den ...“ „Den echten natürlich. Du bist bei der Polizei, da darf der Mensch nicht flunkern.“ Mackenzie stellte mit Abscheu fest, dass der aus den Gaunerhänden befreite ‚Professor‘ in Wahrheit ein alter Farmer aus dem lauschigen La Crosse am Mississippi mit dem Namen Olivar Crackle war. „Eine bedauerliche Blamage“, sagte Dickens, nicht ohne Mitleid. „Was mag bloß Senator Hillcox dazu sagen?“ „Das überlebe ich nicht!“ jammerte Mackenzie. „Nein, ich weigere mich einfach, das zu überleben!“ Dickie setzte sich neben ihn und fand trostreiche Worte: „Nicht so voreilig, mein Lieber! Ich bin heute die Güte selbst und reiche Ihnen die Hand zum Bunde. Lassen wir Opa Crackle schlicht seiner Wege ziehen, bevor der Senator kommt, und ich biete Ihnen ein Schreiben des echten Professors, in dem er Ihnen für Ihre Bemühungen herzlich dankt und sich mit Bedauern verabschiedet, da ihm dringende Termine ein weiteres Hier bleiben verbieten.“ Das Handschreiben sei graphologisch unanfechtbar, fügte er hinzu, und er würde es dem Chefkommissar gerne überlassen, wenn er ihm einen kleinen Revers unterschriebe, in dem er ihm 80 Prozent der Belohnung überschreibe, die auf die Befreiung des Professors ausgesetzt war. „Was wollen Sie mit so ’nem Revers?“ fragte Mackenzie. „Das können Sie vor keinem Gericht der Welt einklagen.“ „Aber vor der Presse.“ Der Chefkommissar strich die Segel. „Schon gut, Dickens, sie haben gewonnen. “ Dickens war zufrieden. „Da wäre jetzt nur noch die Sache mit Jim Cooper“, sagte er. Den hatte ja die Polizei festgenommen, weil sie ihn für den Entführer von Professor Patterson hielt. Er war jedoch unschuldig und müsse demnach aus der Haft entlassen werden. „Ha!“ rief Lionel Mackenzie. „Der Saukerl hat genug anderes auf dem Gewissen!“ „Aber stellen Sie sich die Blamage vor Gericht vor: Snipper Jonas im Zeugenstand. Von ihm erfährt der Vorsitzende, dass die Polizei keinen Professor sondern Opa Crackle entführt hat. Opa Crackle erscheint als Zeuge. Na, da möchte ich mal erleben, wie sich Chefkommissar Lionel Mackenzie zwischen die Parkettritzen verkriecht!“ Das war zuviel für den leidgeprüften Chefkommissar. Er kapitulierte. Er überließ es sogar Dickie Dick Dickens auf dessen Wunsch, dem Gangsterboss die frohe Nachricht zu überbringen. Schwere Wolken lagen über dem Stadtgefängnis von Chicago. Die Sonne versagte mal wieder ihren Dienst. Schwere Wolken lagen auch über dem Gemüt von Jim Cooper, der in einer der wenig komfortablen Zellen einsaß. Die Wolken lichteten sich auch nicht, als Dickie Dick Dickens seine Zelle betrat. Der hielt sich fern von aller Häme. Er behauptete sogar, dass es ihm leid täte, den erfahrenen Unterweltfürsten hinter Gitterstäben zu sehen. Aber, so ließ er ihn hoffen, könne dieser Zustand bald ein Ende nehmen. „Sie könnten“, sagte er, „in wenigen Minuten mit mir zusammen das Gefängnis verlassen.“ „Donnerwetter!“ Jim Cooper war hin- und hergerissen zwischen Hoffnungsschimmer und Misstrauen. „Zu welchen Bedingungen?“ fragte er. „Zu einer ganz kleinen: Geben Sie mir Ihre Kontakte! An wen wollten Sie den Professor ausliefern?“ Cooper knurrte, er habe viele Kontakte. „Am meisten würde ein Entführungsangebot in die Schweiz konvenieren.“ Cooper ließ seinen bulligen Kopf hin und her schwingen. „Na ja, die Offerte aus der Schweiz ist gar nicht so übel.“ „Geben Sie mir den Kontakt!“ „Bringen Sie mich hier raus, und Sie haben ihn.“ So hätten wir ausnahmsweise ein perfektes Happy Ending zu bieten, jeder war glücklich, jeder war froh. Chefkommissar Lionel Mackenzie, weil ihm eine tödliche Blamage erspart blieb, Jim Cooper, weil er aus dem Gefängnis freikam, Professor Patterson, weil er einem ungetrübt behaglichen Lebensabend in der Schweiz entgegensah, und schließlich Dickie Dick Dickens, der sowohl den Preis für die Entführung des Professors einstrich als auch die Belohnung, die von der amerikanischen Regierung für dessen Befreiung ausgesetzt war. Das war offenbar Effie Marconi nicht genug. „Und was ist mit der Belohnung der kanadischen Regierung?“ wollte sie wissen. „Sense, mein Täubchen“, gab Dickie zurück, „die Belohnung können wir uns ins Haar schmieren. Wir haben einen Fehler gemacht.“ „Welchen?“ „Du erinnerst dich, dass wir gestern Abend Mr. Hickeldey und der Frau Professor ein Pülverchen in den Sekt gestreut haben?“ „Sie sollten 15 Stunden erholsamen Schlaf finden.“ „Wir haben nicht darauf geachtet, wo sie schliefen“ „Wo schliefen sie denn?“ „Im selben Zimmer. Dabei muss Claire Patterson ungeahnte Kräfte in dem strammen Geheimdienstmann erweckt haben. Jedenfalls ist sie schon am folgenden Abend durchgebrannt. Nach Venezuela. Mit Eric Hickeldey und dem Scheck der kanadischen Regierung.“ In einem Brief an seine Jugendfreundin Bella Cora del Hortini erwähnt Dickie Dick Dickens dieses Geschehen mit einem Hauch von bissigem Ingrimm. „Dieser Vorfall“, so schreibt er wörtlich, „beweist aufs Neue, dass eine temperamentvolle Frau selbst im Schlafe, oder gerade im Schlafe, völlig unberechenbar ist. Armer Mr. Hickeldey!“ 1 z.B.‚Dickie Dick Dickens, ein Tausendsassa‘, Betrachtungen zu einem Jahrhundertphänomen (Gryphon Verlag, Hallbergmoos) und ‚New sentences about Dickie Dick Dickens, (Thunderbird Edition, 1998) 2 Offenbar eine Übertreibung. Die viel erzählte Geschichte, er habe mit seinem Blut anläßlich einer Transfusion ein ganzes Krankenhaus in die Luft gejagt, läßt sich nach neuestem Forschungsstand nicht aufrecht erhalten. 3 Da wir es auch nicht wissen, übergehen wir diesen Punkt. 4 Mit den Disziplinen Schießen, Boxen. Geldfälschen, Tresorknacken, Falschspielen und Messerstechen. 5 Aus gut unterrichteten Kreisen verlautet, dass dies mit dem Hinweis darauf geschah, dass die meisten Akteure dieser Sportart den Amateurstatus nicht erbringen könnten 6 Es ist nicht überliefert, ob es damals schon U-Bahnen gab, es wird jedoch unterstellt. 7 Wie schon im letzten Kapitel berichtet. 8 Siehe Brockhaus, S. 318; ‚Dixieland‘, Tarnwort für ‚Dickieland‘, (nach dem bekannten Chicagoer Unterweltsidol Dickie Dick Dickens) legendäres Reservatsgebiet für arbeitsunwillige Gesetzesbrecher. 9 Eine Entlehnung von dem in Großbritannien beheimateten Militärmarsch ‚Pomp and Glory‘. 10 Wobei nicht einmal fest stand, dass der Apfel sauer war. 11 Es wurde die glücklichste Nacht ihres Lebens. 12 Stadt und Hafen in Wisconsin, USA, am Westufer des Michigansees, 1,39 Millionen Einwohner, Auto- und Nahrungsmittelindustrie, Brauereien, nicht zu verwechseln mit Milky Way. 13 Einschlägigen Forschungsvermutungen nach ein Wigwam an der Flußmündung mit großer Feuerstelle und 32 Zelten