Er sieht den gefährlichsten Bestien von fernen Planeten ins Auge. Er ist ein Matador, der die Herausforderung, das Abenteuer sucht. Und den Erfolg, die Bewunderung der anderen. Er ist ein Kämpfer, trainiert, erfahren, unerschrocken. Er setzt sein Leben ein, aber er wirft es nicht weg. Er weiß, daß er eine gute Chance hat, die Arena als Sieger zu verlassen. Er glaubt es zu wissen. Aber in einem irrt er: Die Bestie in der Arena ist nicht sein gefährlichster Gegner … Dies ist eine neue Kurzgeschichte von Herbert W. Franke, dem wohl bekanntesten deutschsprachigen SF-Autor. Weiterhin sind vertreten: Horst Pukallus, Ronald M. Hahn, Thomas Ziegler, Jörg Weigand, Kurt Luif, Karl-Ulrich Burgdorf u. a. Mit Ausnahme der Erzählung von Kurt Luif handelt es sich bei allen Texten dieser Sammlung um Erstveröffentlichungen. Die Verfasser sind zum überwiegenden Teil Angehörige einer neuen Autorengeneration im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, die auch im internationalen Vergleich ihr Licht nicht unter den Scheffel stellen muß. Ronald M. Hahn Gemischte Gefühle Herausgegeben von Ronald M. Hahn und mit einem Nachwort von Hans Joachim Alpers MOEWIG Originalausgabe MOEWIG Band Nr. 3527 Moewig Taschenbuchverlag München/Rastatt Copyright © 1980/1981 by Moewig Verlag, München und Autoren Umschlagillustration: Agentur Thomas Schlück Illustration zu DAS MONUMENT DER HARMONIE: Jörg Liebenfels Umschlagentwurf und -gestaltung: Franz Wöllzenmüller, München Redaktion: Hans Joachim Alpers Verkaufspreis inkl. gesetzl. Mehrwertsteuer Auslieferung in Österreich: Pressegroßvertrieb Salzburg, Niederalm 300, A-5081 Anif Printed in Germany 1981 Scan by Brrazo 09/2012 Druck und Bindung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh ISBN 3-8118-3527-0 Inhalt Vorwort Helmuth Horowitz Willkommen in der Stadt der Angst Karl Michael Armer Es ist kein Erdbeben, ihnen zittern nur die Knie Horst Pukallus Held des Universums Kurt Luif Dabeisein ist alles Hendrik P. Linckens Cruise-Missile-Effekt (pat. pend.) Joachim Körber Flammenmeer Thomas Ziegler Artefakt 5578 … Karl-Ulrich Burgdorf Ein Tag im Zentrum Herbert W. Franke Schaukampf Jörg Weigand Immer am Ball Jörg Liebenfels Das Monument der Harmonie Ronald M. Hahn Die Stimme der Imagination Nachwort Vorwort Will man sich die Sympathien eines angloamerikanischen SF-Autors vollends verscherzen, braucht man ihm nur die Frage zu stellen, woher er seine Ideen bezieht. Fragen dieser Art gehören nicht nur zum Standardrepertoire unwissender Berichterstatter von Presse, Funk und Fernsehen, sondern interessieren offenbar auch sehr stark den Durchschnittsleser, der sich zwar von schriftstellerischen Gedankenspielen gern beeindrucken läßt, im Grunde aber nicht so genau dahinterzukommen scheint, wie man überhaupt solche „verrückten Einfälle“ haben kann. Die Antwort darauf ist kompliziert und einfach zugleich: Die Ideen sind schon da und waren es immer; sie liegen förmlich in der Luft. Wer mit offenen Augen durchs Leben geht (und dazu ist es nicht einmal nötig, SF-Autor zu sein), kann an einem ganz gewöhnlichen Wochenende mit ein wenig Beobachtungsgabe und der Fähigkeit zur Auswertung politischer oder kultureller Nachrichten mehr Themen finden, als er verarbeiten kann. SF-Geschichten, die von Leuten zu Papier gebracht werden, die mehr wollen als lediglich den Leser unterhalten, beschäftigen sich nämlich, wenn man genauer hinsieht, nicht unbedingt mit der Zukunft (auch wenn das futuristische Environment vielleicht dagegen spricht), sondern weisen in überspitzter Form auf die Gegenwart hin. Mit anderen Worten: Sie greifen in literarischer Form Auswüchse gegenwärtiger gesellschaftlicher Zustände auf und transponieren sie in eine Zukunft, die nicht einmal allzu fern von uns liegen muß. Muß dabei aber unbedingt alles noch schlimmer aufscheinen, als es ohnehin schon ist? Wenn dieses Buch den für SF-Verhältnisse eher ungewöhnlichen Titel Gemischte Gefühle trägt, ist das schon so etwas wie eine Antwort. „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“ Die Geschichten dieses Bandes behandeln Themen, die uns allen bekannt vorkommen sollten, und beschreiben Dinge, mit denen wir tagtäglich konfrontiert werden, Dinge wie den Sport, das Showbusineß, das Freizeitverhalten, den Wahnsinn moderner Großstädte, Überbevölkerungs- und Umweltverschmutzungsprobleme oder die all dies verwurstenden, aber selten klar analysierenden Medien. Sie behandeln in die Zukunft verlagerte Probleme der Gegenwart und versuchen anhand der Satire die Finger auf Wunden zu legen, die von den Medien in der Regel eher verkleistert werden, bieten einen Blick hinter manche Kulisse und hin und wieder auch eine mögliche Lösung an. Die in diesem Band versammelten Texte sind teilweise sehr schwarz, aber es wäre sicher falsch, sie pauschal als Endzeitsehnsüchte oder Lust am Untergang zu werten. Das Aufzeigen des täglichen Wahnsinns sollte, so meine ich, beweisen, daß sich zumindest einige Angehörige der jungen SF-Autorengeneration wirklich Gedanken um die Zukunft (und damit auch um das Heute) machen. Und dazu gehören nun einmal Realitäten wie Arbeitslosigkeit, Wohnungsmangel und institutionalisierte Manipulationsmechanismen, deren Durchschlagskraft ungleich größer ist, als man gemeinhin glaubt. Wer ein Interesse an einer erfreulichen Zukunft hat, sollte nicht vergessen, daß sie nur dann Gestalt annehmen kann, wenn man in der Gegenwart die entsprechenden Weichen stellt. Ronald M. Hahn Helmuth Horowitz Willkommen in der Stadt der Angst Okay, Mann, okay! Nur keine Gewalt! Ich sag dir auch so, wie alles kam, obwohl es eigentlich verdammt schwer zu erklären ist, aber wenn du unbedingt willst … Also, vorgestern – oder war’s gestern? Fuck it, in dieser miesen Stadt ist jeder Tag so beschissen wie der andere –, vorgestern also hing ich wie jeden Abend an der Theke von Fat Wimpy’s Kneipe und spülte mir literweise Bier durch die Kiemen. Ich kann dir sagen, Mann, ich war schon so voll, daß ich bereits wieder die ersten kleinen grünen Männchen an den Flaschenkorken knabbern und mir zähnebleckend zugrinsen sah, aber wenn du so wie ich im Training bist, dann schert dich das einen Dreck, und ich hatte ohnehin keinen Bock, mit dem Saufen aufzuhören und die nächsten Jahre mit Hallelujagesängen zu verbringen. Neben mir lehnte Pell Mell an der Wand, und seine Pinschervisage war noch weißer als der Kalk, der ihm in seine fettige Matte rieselte. Nee, ich weiß nicht, wie er richtig hieß, alle nannten ihn Pell Mell, weil er aussah wie ’ne zerquetschte Zigarettenkippe und in seinem Kopf wohl auch nichts anderes drin war. Pell Mell röchelte wie’n Lungenkranker vor dem Gang über’n Jordan und grinste mich unheimlich bescheuert an. Klarer Fall, Mann, der Gute war so vollgetörnt, daß ihm der Stoff schon aus den Blumenkohlohren ’rausspritzte. Da ich nichts Besseres zu tun hatte, riet ich ihm, die Lauscher zu spitzen und ’nem armen Arbeitslosen ’ne Prise Rauscholin zu überlassen, was sowieso die einzige Möglichkeit ist, um es bei Fat Wimpy längere Zeit auszuhalten. Er wußte zuerst gar nicht, was ich da von ihm wollte und murmelte etwas von Preisen und viel Knete, aber als ich ihm vorschlug, sein Nasenbein zu brechen, wurde er gleich ganz anders und steckte mir ’nen Sunshine zu und faselte auch nicht mehr von Kohle. Du hast’s erraten, Freund, ich fraß das Ding samt Plastikverpackung und soff weiter. Yeah, Mann, und nach ’ner Weile hob ich dann ab. Die erste Zeit lachte ich mich halbtot über die leichigen Figuren, die da so rumstiefelten, aber schließlich nervte mich doch die Musik – schmalziges Gezwitscher von Roberta Fläck über ein verkorkstes Leben mit einem noch verkorksteren Text –, und ich schoß zur Toilette, mit ’nem rosaroten Kondensstreifen im Schlepptau, und kotzte in den Spülstein. Ich überlegte ernsthaft, ob es nicht besser sei, die ganze verdammte Leichenhalle in die Luft zu jagen und Fat Wimpy den Sados von Harley Haarlem zum Muttertag zu schenken, aber vor lauter Spucken vergaß ich es dann doch und versuchte nur noch krampfhaft, mich wie’n lausiger Gibbon am Wasserhahn festzukrallen, um nicht in den Abfluß zu rutschen. Klar, Mann, mir ging’s verdammt dreckig, nicht zum Aushalten, sag ich dir; ich zitterte und bekam Schweißausbrüche und hatte das Gefühl, als ob brennendes Öl in meinen Adern rauschte, und ich kotzte und verwünschte mich und Pell Mell in einem Atemzug. Irgendwie war mir dann der Gedanke gekommen, daß dies ’ne reizende Nacht geben würde, wenn ich nicht sofort was gegen den Speed in meinen Gehirnwindungen tat. Ab und zu – damit ich’s nicht vergesse und alles so seine Ordnung hat – latschte auch Fat Wimpy vorbei, grinste wie’n Geisteskranker, zerrte mir meinen leeren Bierbecher aus den Greifern und drückte ’n vollen wieder rein. Easy, dachte ich, wenn du schon hier vor der Pißrinne in Wimpys exklusiver Klapse krepieren sollst, dann wenigstens mit Würde und Anstand, um zu zeigen, daß du nicht zu denen gehörst, die beim letzten Abgang die Hosen gestrichen voll haben! Also schluckte ich weiter, kotzte hin und wieder und lud die besoffenen Figuren, die glubschäugig an mir vorbeitorkelten und in die Rinne schifften, zu ’ner kleinen Toilettenorgie ein, aber die verstanden das gar nicht richtig, und ein ganz Perverser rotzte mir sogar vor die Füße und lallte im Delirium, wenn ich abgefuckte schwule Sau keine Männerärsche fände, dann solle ich’s doch mal ruhig mit der Klopapierrolle versuchen. Ich wünschte ihm ’ne gesalzene Leberzersetzung, und er dampfte vor sich hin grummelnd ab. Mir ging’s immer dreckiger, und gerade wollte ich Fat Wimpy um ’nen Dampfer ins nächste Hospital bitten, da tauchte Small Wixie auf und knutschte mir die Kotze vom Kinn. Ich trat ihm kurzerhand gegen die Kniescheibe und brüllte ihn an, ich sei dabei, diese Nacht noch zu krepieren und mein Kopf täte weh und er solle gefälligst ein bißchen Mitleid zeigen. Wixie starrte mich nur an, bleckte seine verfaulten Beißer und meinte locker, er wisse, was mir fehle. Tja, Mann, ich kannte Wixie schon drei oder zehn Jahre, und er war das hinterhältigste Schwein von ganz New York, aber ich ging wirklich vor die Hunde, und so riet ich ihm, augenblicklich was zu unternehmen, oder er würde morgen reichlich tot auf seiner stinkenden Matratze aufwachen. Immer cool bleiben, meinte er, tastete mit seinen schmierigen Griffeln in den Hosentaschen herum, holte so’n kleines Päckchen hervor, gleich darauf ’ne winzige Fixe, an der ein Silberlöffel klebte, und bereitete ’nen Druck vor. Yeah, Mann, er wollte mir ’ne Prise brown sugar verpassen, aber du mußt das verstehen, es interessiert mich einen Dreck, ob’s nun Blütenstaub oder Ätsch war, ich wollte einfach nur, daß dieses kotzelende Gefühl in meinen Knochen und der wahnsinnige Kopfschmerz hinter meiner Stirn verschwand, und so ließ ich mir die Nadel in die Vene hauen und das Zeug hineinjagen. Es dauerte nicht lange, dann war ich wieder einigermaßen okay und schlich zur Theke, sagte Fat Wimpy, er solle seine Plattfüße in Bewegung setzen und mein Glas füllen und, verdammt, einmal in seinem Leben vernünftige Klänge aus dem Grammophon hervorzaubern. Ich weiß auch nicht warum, Mann, aber der alte Sack hörte auf mich, und dann donnerte Eiter Rollers Superhit Wahnsinn zwischen Mülltonnen, und Trickie Dickie nickt dazu aus den Lautsprechern, daß ich meinte, mir ginge mein bißchen Verstand flöten und ich sei Shirley Temple persönlich. Tja, Mann, alles hätte noch richtig funky werden können, vielleicht hätte ich noch ’ne spitze Mieze aufgegabelt und sie an mein Bettlaken genagelt, so mit ’nem Ohohooooh! auf den Lippen, aber es war eben ein Scheißtag, und darum stand plötzlich auch dieser Gnadentodanwärter neben mir. Du merkst, Freund, jetzt wird’s interessant! Also, ich sah ihn an, sah diese vertrocknete Menschenruine vor mir, ’n Haufen quittegelber Haut, entgleister Gesichtszüge und schlackernder Knochen, und wußte sofort, daß ich da ’nen Beknackten vor mir hatte. Und ob du’s glaubst oder nicht, Mann, er war tatsächlich beknackt – aber auf ’ne ganz ausgefallene Weise. Die ersten Minuten lehnten wir nun nebeneinander an der Theke, rauchten schwarze ausländische Kippen und kurbelten Fat Wimpys Umsatz kräftig an, ohne uns viel zu erzählen, aber schließlich verlor er seine Schüchternheit und begann mich anzumachen. Zuerst dachte ich, er suche jemand, den er mit seinen geilen Mumienfingern begrapschen könne, aber dafür schien er mir dann doch zu schäbig zu sein und nicht genug Knete zu haben, mit der er sich jemanden wie mich finanzieren konnte; ich meine, seine Klamotten stanken nach Schnaps und Schweiß und Dreck und er rülpste wie ’ne ganze Bande Bahnhofspenner … Aber wie er sprach – nicht so frei raus wie ich, mehr so wie du und Leute deiner Sorte –, das paßte nicht ganz zu ihm. Ich schätze, früher mußte er mal die Bildung auf irgend ’ner piekfeinen Denkerzuchtstätte eingetrichtert bekommen haben, oder vielleicht hatte er auch nur bei ’nem Preisausschreiben ’n Jahresabonnement von Reader’s Digest gewonnen, so nach dem Motto: Raten Sie, wie weiß das perlweiß waschende Perlweiß wäscht und sichern Sie sich mit dem Digest einen Fensterplatz mit Blick auf die Kultur!, aber im Grunde interessierte mich das einen Dreck. Was ich damit sagen will, Mann, und ich hoffe, du blickst durch, ist, daß dieser Lustgreis gar kein Lustgreis war, sondern irgendwas anderes. Was, das hatte ich nicht gleich gecheckt, ich wußte nur, daß hinter seinen eingefallenen Glotzern nichts Vernünftiges lauerte. Wir laberten so über dies und das, erzählten so das Übliche, von dieser miesen Stadt, diesem Betonsarg, den Wanzen in unseren abbruchreifen Wohlfahrtsbuden, von den lächerlich wenigen Kröten, die die Sozialbehörde so jede Woche ausspuckt, von den Weibern und vom Fusel, von unserem beschissenen Leben und unserer beschissenen Situation, von den verdammten Ausländern, die uns die Arbeit wegnehmen, von den fetten Negerhuren mit den speckigen Ärschen und den geilen Nippeln auf den Schlabberbrüsten, ja, vor allem von den Huren und den Niggern, die … Fuck it, da wurde der unlustige Lustgreis mit einem Mal helle, richtig elektrisch, weißt du. Und jetzt soll mich die Große Erdnuß verschlingen, er fragte mich, ob ich an irgendwas glaube. Scheiße, dachte ich, ’n gottverdammter Klingelbeutelschwenker! Das hatte mir gerade noch gefehlt, so voll und angetörnt wie ich war, und dann mir das senile Hosiannageschwätz dieses Beichtstuhljockeis anzuhören! Alrait, alrait! rotzte ich ihm in die Visage, du willst also wissen, woran ich glaube, eh? Er nickte und schlürfte die Spucke zurück, die ihm aus dem rechten Mundwinkel gesabbert war. Ich glaube, schrie ich ihn an, ich glaube an Geld, Pulver, Zaster, verstehste? Und warum? Warum? Yeah, du Bock, weil man sich mit den Kröten alles an Land ziehen kann, was man für ein cooles Leben so braucht! Miezen, die nicht zickig sind und die man einfach in den Hintern tritt, wenn sie einen anwidern; genug Fusel, um euch dämliche Figuren nicht mehr klar zu sehen und euer geistloses Gestammel nicht zu verstehen; genug Speed und Koks und Shit, um ’n paar gute Gefühle zu bekommen; ’ne vernünftige Bude, die nicht kalt und feucht ist und wo man nicht mehr das Gejapse der kleinen Nutte von nebenan durch die löchrigen Pappwände hört; schnelle, klotzige Schlitten, um dieses elende Rattennest für immer zu verlassen, irgendwohin zu trampen, nach Sunny California vielleicht, damit die Sonne und die Luft und das Meer den ganzen Mist, das ganze tonnenschwere Gerumpel aus dem Körper brennen und blasen und waschen, die Schmutzkruste, die seit Jahren immer dicker und erdrückender geworden ist, schon von dem Zeitpunkt an, als man aus Ma’s Gebärmutter kroch. Ja, Mann, das alles warf ich ihm an den Kopf und wohl noch ’ne ganze Menge mehr, vom Kriechen, Jasagen, Gehorchen, Betteln, Bitten, Erniedrigen, aber den Rest habe ich vergessen, völlig vergessen. Außerdem bekam ich in diesem Moment wieder Schmerzen und Hitzewellen. Was soll’s, auf jeden Fall war der Alte nicht beleidigt, ganz im Gegenteil, er grinste wie ’ne Zahnpastareklame der Gesellschaft wider den Karies, hieb mir begeistert auf die Schulter und spendierte mir ’n neues Bier. Mann, er fuhr richtig ab, kann ich dir sagen, und mir wurde immer blöder zumute, meine Greifer bibberten, wenn sie das Glas umklammerten, aber der Alte geierte schwachbrüstig und machte ’nen Strahlemann, rotzte vor Zufriedenheit auf den Boden und meinte, das alles sei ja richtig gut und ausgezeichnet und sehr positiv. Da wurde mir die Sache doch zu bunt, und ich fragte, ob er denn noch richtig im Takt sei und was sein irres Geschnatter denn bedeuten solle. Und mir wurde sauübel, Mann, sauübel; Eiter Rollers Mülltonnengejammer ging mir auf den Geist, und ich sagte mir energisch, du mußt hier raus, aber auf die Schnelle! Okay, Alter, quetschte ich mühsam hervor, machen wir ein paar Sprints um den Block, und dann kannste dich bei mir ausweinen, nur … ich bin blank, klar? Kein Pulver mehr, alles versoffen! Kein Problem, nuschelte der Alte mit ’ner großartigen Betonung; er zog ’nen Hunderter – ja, Mann, wenn ich’s doch sage, ’nen nagelneuen, netten Hunderter und keinen Cent weniger! – hervor und schob ihn über die klebrige Theke. Fat Wimpy grapschte danach und wollte dann auch noch wechseln, aber ich schaltete schnell und brüllte, das gehe schon in Ordnung und wir seien in Eile, und während ich den greisen Nußknacker nach draußen scheuchte, machte ich Wimpy flüsternd klar, daß er mir den Rest für den nächsten Abend verwahren solle, alldieweil ich ihm sonst den Schädel eindreschen würd’. Yeah, und dann waren wir draußen. Die schwüle Nachtluft verpaßte mir direkt ’nen gekonnten Schwinger, und ich kotzte in den Rinnstein, aber es war nur das halbverdaute Bier, das mir da hochkam, und mir fiel ein, daß ich seit zwanzig Stunden nichts Richtiges mehr gegessen hatte. Ich wollte schon den Alten anspitzen, aber er ließ mich gar nicht erst zu Wort kommen, sondern sabberte selbstgefällig vor sich hin. Außerdem tanzten vor meinen Augen die überquellenden Mülltonnen und die rostigen Autowracks ’n adretten Schieber; stell dir vor: Dutzende kaputter Autos, die in der Luft herumschwirren, und jedes sieht aus wie ’n brennender Weihnachtsbaum. Mann, und es stank nach Rauch und Schweiß, faulen Knochen und schimmeligem Fleisch, nach Scheiße, Intimspray und all dem anderen Dreck, den man heutzutage ertragen muß, wenn man nicht gerade in Greeny oder den anderen Vierteln der feinen Pinkel wohnt. Mein Schädel platzte fast aus allen Nähten, und ich ekelte mich vor mir selbst, aber den Alten schien das nicht zu stören. Er gackerte kurzatmig, nahm mich am Arm und zerrte mich an ’n paar aufgetakelten Nachtarbeiterinnen vorbei, denen schon die Kriegsbemalung in den Falten ihrer Fressen eingetrocknet war, aber dafür machen sie’s auch schon für’n Fünfer und wenn du die Augen und Ohren zusammenkneifst und dir vorstellst, da unter dir liegt ’n junges Stück Fleisch, dann is’ das nicht so schlimm. Fuck it, fuck it, der Alte war schon jenseits der Sünde und wollte von ’nem schnellen Dreh nichts wissen. Mann, und die verdammten Kopfschmerzen! Wir torkelten die Piste runter, zwei dreckige, stinkende Männer und beide voll wie ’ne Haubitze. Yeah, Mann, du merkst, ich bin ehrlich! Und dann, tja, dann murmelte der Alte was von den Niggern, schwarzen Affen und so, das Übliche, was man morgens früh um drei stockbesoffen schwätzt, wenn einen die Welt am Arsch lecken kann, und ich hörte nicht mal mehr zu, da ich vollauf damit beschäftigt war, nicht auf die Schnauze zu fallen und meine Kopfschmerzen und die Hitze und Kälte in meinen Gliedern zu vergessen. Vor ’ner Underground-Station, unter ’ner zerschlagenen Laterne, setzten wir uns dann aufs Pflaster. Es war ziemlich warm und die Steine glühten uns die Gedärme trocken. Und der Alte redete weiter. Weißt du, Mann, wenn dich jemand richtig ausdauernd belabert und es ist drei Uhr morgens, du bist besoffen und auf ’ner schlechten Reise und auch so an ’nem Punkt, wo dich gar nichts mehr schert, dann ist’s ziemlich schwer, nicht auf das zu hören, was einem so in die Ohrmuscheln getrötet wird. Und wenn du dann auch noch weißt, daß in deinen Taschen kein müder Cent mehr ist und dir als einziger Ausweg bleibt, allein in deiner Einzimmerbude ohne Klo und Bad herumzuhängen, bei den Wanzen, und Nässe und dem Plastikächzen der Zwanzigdollarhure nebenan, die es wirklich nicht umsonst macht; wenn du dann noch weißt, in diesem ganzen schäbigen Zimmer gibt’s nichts zu saufen und zu fressen, nur zu hören, wie jemand unablässig ächzt und stöhnt und dein kleiner Freund Turnübungen veranstaltet, die du nur wie’n pickliger Zehnjähriger mit der Hand beenden kannst; tja, Mann, wenn du dir das alles so ganz langsam durch deinen klopfenden Schädel gehen läßt, dann bleibst du eben vor der Underground sitzen, nimmst den Flachmann aus der Hand des Alten und hörst dir seine Laberei an. Was er da so von sich gab, willst du wissen? Okay, setz dich gut hin und zünde dir ’nen Glimmstengel an – kannst mir auch einen geben; danke, Freund! –, und dann will ich sehen, ob ich’s noch in die richtige Reihenfolge kriege. Die Nigger, sagte der Alte, die Nigger seien nicht nur an der Oberfläche, der Haut, schwarz, auch drunter, verstehst du? Seele und so, und es sei doch sonnenklar, daß das Land vor die Hunde ginge, wo diese Hurensöhne sich wie Kaninchen vermehren. Yeah, genauso sagte es der Alte, und ich will tot umfallen, wenn ich mir das alles nur ausdenke! Überall gäbe es jetzt Nigger, spulte der Alte weiter ab, nicht nur wie in der guten alten Zeit als Kloburschen oder Fahrstuhlboys, Straßenreiniger oder Tellerwäscher, sondern überall! Im Fernsehen, in den Büros, in den Colleges, den High Schools, den Labors und Instituten, in den Behörden und den Regierungen; Niggerbullen, Niggereierköpfe, Niggerlehrer, -reporter, -manager und so weiter und so weiter. Überall, sabberte der Alte, haben sie sich eingenistet, in jahrelanger Wühlarbeit; kohlenschwarze Fratzen und kannibalische Augen und so. Na ja, all das, was so in der letzten Zeit erzählt wird, unter der Hand, versteht sich. Ich kotzte wieder, kotzte das ganze Bier auf die Straße. Mann, mir ging’s so dreckig wie noch niemals in meinem Leben! Die Nigger, lallte der Alte weiter, würden uns Weiße verdrängen, so mit geheimen Plänen, richtig konspirativ. Ich drohte, ihm eins auf die Augen zu geben, wenn er mich nicht in Ruhe ließe, mir sei speiübel, und vielleicht würde ich gleich hier den Löffel abgeben und mausetot auf die Straße rollen, und mit seinen Fremdwörtern könne er sich sowieso den Arsch abputzen. Mann, ich bekam Magenkrämpfe, Schüttelfrost und Schweißausbrüche in einem fort, und die Kopfschmerzen, Mann, die brachten mich wirklich um. Der Alte fragte, woher ich denn die Drogen hätte. Von Wixie, sagte ich, von Wixie, einem kleinen Schwein von Dealer, einem geldgierigen Fixer mit schwarzen Augen und schwarzer Seele. Und schwarzer Haut? wollte der Alte wissen. Fuck it! brüllte ich. Klar is’ Wixie ’n Nigger! Oh, Mann, ich weiß nicht, woher die Gedanken kamen, aber plötzlich war alles so klar, als hätte jemand ’ne Funzel drangehalten! Trotz der verfluchten Schmerzen in meinem Schädel und den seltsamen Geräuschen in der Dunkelheit. Hatte Wixie etwa Dreck verkauft? Vielleicht absichtlich? Man hat’s auf dich abgesehen, zischelte der Alte, nahm ’nen tiefen Schluck aus dem Flachmann. Man wußte, daß wir zusammentreffen würden, man wußte es! Kerl, ich schlage dich zu Brei! schrie ich den Alten an. Wovon sprichst du? Die Nigger – der Alte keifte und sabberte wie’n Verrückter – haben’s auf uns abgesehen! Sie verfolgen uns! Und wenn einer was merkt, dann bringen sie ihn um, damit er’s nicht verrät! Mann, der Alte murmelte noch mehr, und mir wurde richtig mulmig, ich bekam ’ne Scheißangst, vor allem wegen Wixie und dem, was er mir reingeschossen hatte. Dämonen sind’s! quiekte der Alte. Keine Menschen, sondern Dämonen! Und getarnt, oh, gut getarnt, nur die schwarze Affenhaut verrät sie! Aber im Innersten ihrer Seele, ihrer teuflischen Seele – Dämonen! Gierig, grausam, mörderisch! Shut up! flüsterte ich, wollte noch mehr sagen, aber die plötzliche Angst – eisig, weißt du, richtig lähmend, du verstehst, Mann? –, diese grauenhafte Angst, die mit einem Mal wie Jauche in mir hochstieg und sogar die Kotze sich zusammenkrümmen ließ, diese Angst machte mich stumm. Yeah, Mann, kein einziges Wort konnte ich mehr sagen! Ich hatte einen Geschmack nach Gift und Tod auf der Zunge, ich zitterte und bebte an allen Gliedern, und vielleicht schrie ich auch vor Entsetzen, aber dann … Und dann bekam ich den Durchblick! Yeah, Mann, stell dir das vor! Alles lag wie unter ’ner Riesenfunzel vor meinen Augen, völlig durchleuchtet! Ich begriff, warum ich hier auf der Straße lag und nicht irgendwo auf dem Land im weichen Bett einer stink vornehmen Villa, neben mir ’ne schnurrende Mieze … Damals – vor zig armseligen, beschissenen Jahren –, damals in der Schule, wer brachte mich da um gute Zensuren, ließ mich sogar rausschmeißen? Ein verdammter Nigger-Lehrer! Klar, denn wieso hatte ich sonst nie die Prüfungen bestanden, war überall durchgerasselt? Der Nigger! Und Anne-Jane, Anne-Jane, der süße kleine Käfer, Anne-Jane, die als erste in der Nachbarschaft Brüste hatte und Haare zwischen den Beinen; Mann, ich hatte sie endlich in mein Zimmer gelotst, meine drei Brüder rausgeworfen, alles war easy, ich fummelte schon an ihrem Schlüpfer herum, Mann, war das stark, doch da platzte dieser Bastard von Collins herein, wollte mich angeblich zum Baseball abholen, fuck it! Alles war natürlich im Eimer, Anne verduftete, und ich stand mit meiner offenen Hose blöd da rum! Und Collins war auch ein Nigger! Weiter! Weiter! Sandy, klein, wild – und schwarz! Dutzende Male hatte sie mich versetzt, aber ich armer Irrer glaubte ihren Ausreden, fiel auf ihr Wimpergeklimper rein, bis ich dahinterkam, daß sie sich mit meinem besten Freund auf der Matratze tummelte. Und der Job bei IBM, ’n wirklich guter Job im Lager, wo man allerhand mitgehen lassen konnte, und ich verdiente gut daran, bis sie dahinterkamen, was lief. Natürlich wurde ich sofort gefeuert, und die Monate im Knast waren auch nicht von Pappe, aber erst jetzt ging mir auf, daß einer meiner Kollegen auch ein Nigger gewesen war! Nur der konnte mich angeschissen haben! Und so ging es immer weiter. Endlich verstand ich, warum mein Leben so verkorkst war, wer es verkorkst hatte und warum man mich ungestraft wie den letzten Dreck behandeln konnte – weil ich arm und ohne Macht war! Nigger! Nigger! Nigger! Und der Alte kicherte und schmatzte an dem Flachmann. Und dann verharrte er plötzlich, schleuderte die halbvolle Pulle einfach auf die Straße, wo sie klirrend zerbrach und der ganze schöne Fusel auslief. Ich war ziemlich sauer und fluchte und beschimpfte ihn, aber er legte einen Finger an die Lippen und zeigte nach vorn. Ich blickte auf. Yeah, Mann, und da kam er. Besoffen, klar; denn jeder, der um diese lausige Zeit noch auf der Straße rumspaziert, ist besoffen. Er war besoffen und schwarz, ein torkelnder, verdammter Nigger. Dämonen! flüsterte der Alte. Oh, Mann, und ich schwör dir, ich schwör dir beim Arsch des Propheten, ich erkannte da die richtige Gestalt dieses getarnten Satans! Ich schiffte mir vor Angst fast in die Hosen, aber dann schluckte ich die Furcht runter und starrte den Nigger an. Ganz deutlich konnte ich die Hörner erkennen, die an seinen Schläfen wucherten, ganz deutlich funkelten die Reißzähne, und ich weiß, wovon ich spreche! Ich hab genug Filme gesehen über diese Viecher; Vampire, Werwölfe und so! Mann, und ich entdeckte, daß der Niggerdämon nur so tat, als sei er betrunken, er tat nur so und stierte uns gierig mit seinen Raubtieraugen an! Yeah, Mann, ich kotzte wieder, diesmal vor Angst. Was sollen wir tun? fragte ich den Alten. Der Niggerdämon torkelte, schlich näher. Der Alte griff unter sein speckiges, dreckiges Hemd und hielt mit einem Mal zwei Messer in der Hand. Gut poliert, gut geschärft, von einer Größe, wie man sie auf Schlachthöfen findet. Er gab mir eines und erhob sich langsam. Ich hinterher, nicht mehr auf die Kopfschmerzen achtend, und nebeneinander gingen wir auf den Bastard zu, die Messer hinterm Rücken versteckt. Dann waren wir bei ihm. Er starrte uns blöde an. Habt ihr ’ne Kippe? fragte er lallend, aber er tat nur so, verdammt, verdammt, er tat nur so, dieser Satan! Und ich schwöre dir, seine Stimme klang wie ’n Reibeisen, schlimmer als im Exorzisten, und ich bibberte vor Angst, und nur die entschlossene Fratze des Alten hielt mich davon ab, türmen zu gehen und mich irgendwo zu verkriechen. ’ne Kippe, he? wiederholte der Bastard. Ritsch! machte das Messer des Alten, zerschnitt dem schwarzen Monstrum das Gesicht. Oh, Mann, und die Hörner und die Reißzähne, sie lösten sich und sausten durch die Nacht. Ich heulte vor Angst und stieß mit dem Messer zu, immer wieder und immer wieder, hinein in den Dämonenleib, so fest ich konnte, und er schrie nur ein einziges Mal, Mann, nur ein einziges Mal. Alles war voll Blut, die Straße, die Messer, wir, der Niggerdämon. Ich drehte meinen Kopf, aber ich sah nur noch überall diesen roten Brei. Fuck it! Nach ’ner Weile ließen wir von dem Toten ab, und, ohne ein Wort zu sagen, gingen wir weiter. Yeah, Mann, es war ’ne verdammt anstrengende Nacht, kann ich dir sagen! Ich hätte vorher nie geglaubt, daß in New York so viele getarnte Dämonen rumlaufen! Wir erwischten ’ne Menge von ihnen, einige schrien lange, andere gar nicht, ’n paar bettelten und flehten, und die Niggerhuren wollten’s sogar umsonst mit uns machen, aber der Alte ließ sich nicht erweichen, obwohl ich nicht so eisern gewesen wäre, aber bei Dämonen muß man vorsichtig sein, stimmt’s? Tja, das war’s eigentlich auch schon. Es hätte noch gut so weitergehen können, und ich bin ziemlich sicher, daß wir nach ’n paar Jahren die ganze Brut ausgerottet hätten, aber die Dämonen sind auch nicht von Pappe! Sogar ’n Haufen Weiße müssen für sie arbeiten! Yeah, was soll’s, es ist schiefgelaufen, und jetzt werden die Niggerdämonen wohl weiter ungestört ihre Kloburschenstellungen mit Jobs bei den Gerichten und Behörden eintauschen können. Ich hab mein Bestes getan, Mann, um das zu verhindern, aber die Dämonen sind wirklich zu raffiniert für unsereins! Oder wie ist es sonst zu erklären, daß deine Kollegen in den weißen Kitteln und mit dem gummigepolsterten Krankenwagen nicht auf mich hören wollten? Karl Michael Armer Es ist kein Erdbeben, Ihnen zittern nur die Knie Landpartie mit Schrecksekunden Als ich mit meinem Motorrad das bucklige Steinbrückchen über den Chaplain’s Creek passierte und nach Twickenham hineinfuhr, staunte ich wie jedesmal über die gute Arbeit, die unsere Erlebniswelt-Designer geleistet hatten. Twickenham in the Willows war ein Ort, der so britisch war, wie man ihn in Britannien gar nicht mehr fand – weswegen auch viele britische Touristen hierherkamen, damit sie sich mal wieder so richtig zu Hause fühlen konnten. Da gab es keine Streiks, keine jugendlichen Schlägerbanden, keine Stromausfälle und keine Plastikkultur. Da gab es nur ein nettes, friedliches Landstädtchen mit netten, friedlichen Bewohnern. Anglophile Gentlemen in Tweedsakkos redeten sich gegenseitig mit „alter Knabe“ an und führten kultivierte, durch Pfeifen im Mundwinkel leicht verzerrte Gespräche über Hunde und Pferde. Die Ladys hatten derweil eine nette Tasse Tee. „Einen schönen Nachmittag, Sir“, wünschte der Bobby am Ortseingang und wirbelte spielerisch sein Schlagstöckchen. Keiner hätte dahinter eine chemische Keule vermutet. „Herrliches Wetter heute, nicht wahr?“ „In der Tat, Constable“, antwortete ich freundlich und nickte anerkennend. Er war wirklich äußerst stilecht. Mit dem Wetter hatte er übrigens recht. Es war herrlich, selbst für diese vom Klima verwöhnte Tropeninsel. Die Sonne stand schon ziemlich schräg und ließ das satte Grün der Parks und Kricketplätze aufleuchten. Die Bleiglasscheiben der Fachwerkhäuser schimmerten behaglich. Manchmal blitzte ein Lichtreflex im Weitwinkelobjektiv der Überwachungskamera auf. In regelmäßigen Abständen hörte man das Klicken der Krickethölzer. Hier schien die Zeit stehengeblieben zu sein. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn irgendwo Miss Marple um die Ecke gekommen wäre. Man konnte in dieser Umgebung wirklich vergessen, daß wir bereits das Jahr 1996 schrieben und daß dieser Ort eine künstlich geschaffene Touristenattraktion war. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite standen ein paar Männer mit ihren Bierkrügen am Eingang von Falstaffs Fireplace und plauschten gemütlich. Über ihnen knarrte das Wirtshausschild, das einen fetten, lachenden Ritter zeigte, der sich seinen Hintern an einem lodernden Kaminfeuer wärmte. Die idyllische Szene war Balsam für mein leicht gestreßtes Gemüt. In knapp acht Stunden von Ibiza über Tahiti nach Alphaville, Louisiana, und weiter nach Twickenham zu reisen, war ganz schön anstrengend – selbst für einen hochbezahlten und entsprechend motivierten Management-Profi wie mich. „Du gehst mir auf den Geist, du blöder Schwätzer!“ Die Stimme war rauh und unkontrolliert. Ein Klirren folgte, ein gurgelnder Schrei. Ich traute meinen Augen kaum. Einer der Gentlemen hatte seinem Gegenüber den Bierkrug über den Mund gedroschen. Blut quoll über die Lippen des Verletzten, einige Zähne kullerten hinterher. Mit einem Blick, der tiefsten Schock ausdrückte, sank er in die Knie und kauerte sich zusammen. Der Angreifer schaute fassungslos auf den zerbrochenen Krug in seiner Hand, auf seine rot verschmierten Finger. „Ich, ich …“ stammelte er. Er sah aus wie damals der Bankbeamte, als dieses achtarmige lila Monster an seinen Schalter kam und ein Gehaltskonto eröffnen wollte, spotz, blubber. Ich spürte, wie ein hysterisches Lachen in mir herumvagabundierte. Dabei hätte ich entsetzt sein sollen. Es war der schlimmste Gewaltausbruch, den ich je in einer Ferienzone erlebt hatte, für die ich verantwortlich war. Unfähig einzugreifen, kicherte ich vor mich hin und verfluchte die Idioten in der Zentrale, die wieder zu leichtsinnig an ihrer chemischen Orgel herumgespielt hatten. Sie hatten ihre Beeinflussungsdrogen einfach nicht im Griff. Wahrscheinlich hatten sie nach den Vorfällen heute morgen die Euphorizer zu sehr zurückgenommen und zu viele Downer rausgeblasen. Zum Glück hatte sich der Constable besser unter Kontrolle. Er nahm dem Schläger den Krug aus der Hand und sagte: „Ihr Scherz ist Ihnen eine Spur zu heftig geraten, Sir. Es war doch ein Scherz, nicht wahr?“ „Natürlich.“ Er nickte. „Natürlich. Ein Scherz. Ja.“ „Sie sollten künftig etwas rücksichtsvoller sein. Wir weisen unsere Gäste ungern aus.“ Der Mann zuckte zusammen. Ihm drohte die Vertreibung aus dem Ferienparadies. „Und wir gehen jetzt zum Doktor“, sagte der Polizist zu dem Verletzten. „Morgen sieht man nichts mehr davon. Und Sie erhalten bestimmt einige Gratis-Erlebniseinheiten als Ausgleich für den Schreck.“ „Machen Sie ruhig weiter“, wandte er sich an die anderen. „Es ist ja nichts geschehen. Ein unbedeutender Zwischenfall. Ein Versehen.“ Ich sah ihm bewundernd nach. Er hatte den Konflikt vorbildlich gelöst. Da sah man doch, daß unsere sechsmonatige kontaktpsychologische Schulung Früchte trug! Aber trotzdem … Daß es überhaupt zu einem solchen Zwischenfall kommen konnte, war schon bedenklich. Bisher war unsere Urlaubsmaschinerie wie geschmiert gelaufen. Sonne, Spaß und heitere Menschen. MEHR ERLEBEN! MEHR KONSUMIEREN! DABEISEIN! Yeah! Alle waren happy gewesen. Und nun so was … Zwei bemerkenswert wohlgeformte Oberschenkel unter einem bemerkenswert kurzen Röckchen brachten mich wieder auf angenehmere Gedanken. Ein rotblondes Geschöpf im weißen Tennisdress ging, einen Badmintonschläger schwenkend, die Straße hinunter. Es war eines von diesen süßen englischen Unschuldslämmern, die einem, wie Hitchcock einmal sagte, im Taxi plötzlich in den Hosenschlitz greifen. Aber die Art, wie ihr die Männer nachsahen, gefiel mir nicht. Sie schauten etwas zu gierig. Es lag was in der Luft. Da war ein Vulkan leise am Grummeln. Hoffentlich ging er nicht hoch. Es wäre schade um unser Konzept gewesen. Und um unsere Jobs. Ich fuhr an der Töpferei vorbei, an Grandma Thatchers Olde Curiosity Shop, am Tabakladen, an Derek ’s Snuff Shop, an Graeme Reel’s Singing Pup, und es war alles so normal, daß ich meine Skepsis langsam wieder verlor. Die Türglocken klingelten, die öffentlichen Computer-Terminals arbeiteten einwandfrei, die Leute plauschten über das Wetter. Alles bestens. Beruhigt schwang ich mich von meinem Motorrad und ging ins Pfarrhaus. Ich mußte die Haunted House Party vorbereiten. Dieser Spukabend war eine der Hauptattraktionen jedes Urlaubsaufenthalts in Twickenham. Kein Wunder, denn da wurde wirklich eine Menge geboten: spiritistische Sitzung mit Tischrücken, der übliche Hokuspokus mit knarrenden Türen und flüsternden Stimmen und am Schluß der Geist himself: HUAAAAAHHHH! Sehr eindrucksvoll. Und vor allem live. Richtiger Horror zum Anfassen – dagegen waren die härtesten Kinoschocker nur müde Abziehbilder. Bei Haunted House konnte man sich so richtig schön gruseln, und man wußte doch, daß einem nichts passierte. Es war offensichtlich eine echte Marktlücke, denn die Nachfrage war gewaltig. Unser Preis war entsprechend hoch. Aber dafür boten wir auch ein Erlebnis, das man so schnell nicht wieder vergaß. Als Social Relations Supervisor unseres Ferienimperiums war es eigentlich nicht mein Job, so eine Veranstaltung zu organisieren. Dafür hatte ich meine Leute. Aber manchmal kümmerte ich mich doch spaßeshalber darum, um den Kontakt zur Basisarbeit nicht zu verlieren. Nigel Greenslade, der den Geist spielte, war noch nicht da. Wahrscheinlich trauerte er wieder seiner großen Zeit in Stratford nach, bevor sie ihn wegen seiner Sauferei gefeuert hatten. Aber er würde seinen Auftritt schon nicht versäumen. Ich machte einen gründlichen technischen Check-up in dem leeren Spukhaus. Alle Systeme arbeiteten einwandfrei. Zwei Stunden später war es soweit. Die Sonne war untergegangen, und ein steifer Ostwind rüttelte an den Fensterläden. Die 25 Gäste unserer Spuk-Show saßen um den runden Tisch im Kaminzimmer. Sie kamen vom Abendessen, waren satt und zufrieden und wollten sich jetzt gepflegt unterhalten lassen. In spätestens zehn Minuten würde ihnen das Grauen im Genick sitzen. Sie würden alles für echt halten, das wußte ich aus Erfahrung. Wir hatten das Jenseits mit unserer Organisation perfekt in den Griff bekommen. Vielleicht würde es sogar zu einer der kleinen Herzattacken kommen, die so zur unwiderstehlichen Anziehungskraft unseres Geisterabends beigetragen hatten. Ein leichter Tropenregen prasselte an die Fensterläden. In den Köpfen der Teilnehmer war es längst ein englischer Landregen. Die Atmosphäre begann zu wirken. Wir waren 27-3 mal 3 mal 3. Sehr magisch. Düstere Ahnenporträts starrten auf uns herab. Das Kaminholz knackte. Es war geisterhaft still. Madame Zagorski, das Medium, erwachte aus ihrer Versenkung. „Die Zeit ist gekommen.“ Ihre Stimme war leise, schwingend und auf unheimliche Weise zerbrochen, als hätte sie alle Alpträume dieser Welt gesehen. Es kam aber nur vom Suff und von den Zigaretten. „Die Geister sind uns gewogen.“ Noch brüchiger wurde ihre Stimme. In ihre Augen trat das transzendentale Funkeln, das ihre Kunden im Battersea Park schon so beeindruckt hatte. „Laßt uns die Hände reichen, um den magischen Kreis zu bilden.“ Feuchte Hände wurden beklommen ineinander geschoben. In der Stille konnte man seinen eigenen Herzschlag hören. Lange Zeit verharrten wir so. „AAAHHHH!“ Sie warf sich nach vorn, zurück, nach vorn, zurück. „Kontakt!“ Das Kaminfeuer loderte im Takt ihrer Bewegungen auf, knisterte und prasselte, warf seltsame Schatten auf die Wände. Ein leichter Schwefelgeruch stand plötzlich im Raum. Sie wand sich weiter in ihrem Stuhl und löste damit die Relais aus, die Sauerstoff ins Feuer pumpten und es so dämonisch zum Pulsieren brachten. Seufzer lösten sich von den Lippen, als der Tisch in Bewegung geriet. Grotesk ruckelnd schob er sich hin und her. Die Magnete unter dem Fußboden leisteten jetzt Schwerarbeit. „Bist du da? Bist du da?“ Ihre Stimme war verquollen und hatte kaum noch etwas Menschliches an sich. Sie war unglaublich überzeugend. Mir fiel ein, daß sie ein echtes Medium war. Was war, wenn sie tatsächlich einmal Kontakt bekam? „Ja, ja, JA!“ Wenn tatsächlich einmal eine Kraft aus dem Jenseits in unsere elektromagnetisch gesteuerte Touristenfalle eindringen würde? Mir lief es kalt über den Rücken. Aber es waren nur die kleinen Düsen in der Decke, die eisige Luft auf uns herabbliesen. Ein Fenster flog krachend auf. Relais 14. Die Vorhänge bauschten sich. Irgendwo im Haus knarrte eine Tür. „Er ist da. Er ist gekommen. Erllll …“ Mit einem Lallen brach Madame Zagorski zusammen. Schockartig löste sich der Kreis der Hände auf. Ich unterdrückte ein blasiertes Grinsen. Sie reagierten jedesmal gleich. Wieder knarrte eine Tür. Langsam und nervenreibend. Das Geräusch schien im ganzen Haus zu stehen. Kein Wunder, denn es kam von einer sündteueren 8-Spur-Nakamichi mit High Com Rauschunterdrückung. Das Beste vom Besten, damit der Sound stimmte. Dann schwebte ein geisterhafter Klang durchs Haus, der einem die Nackenhaare aufstellte, undefinierbar, leise und eindringlich und furchteinflößend, ein Klang wie aus Fieberträumen auf dem Sterbebett, ein Klang, der aus Aberglauben Realität machte. Ich wußte, was es war. Ein elektronisches Rauschen, vermischt mit sich langsam beschleunigenden Herztönen, fast an der Hörbarkeitsschwelle, dazu ein Mädchenchor, den man durch Hallräume und alle möglichen Filter gejagt hatte. Ein halbes Jahr hatte unser Sound-Konzeptioner daran gebastelt. Es war der jenseitigste Klang, den man je auf dieser Seite des Lebens gehört hatte. Die Sirenen des Todes. Dann kamen draußen in der Halle krachende Schritte, unter denen das ganze Haus zu beben schien. Geisterhaftes Licht (potentiometergesteuerte UV-Lampen) drang herein. Die Schritte klangen anders als sonst. Ich fröstelte. Wie hypnotisiert standen die Leute auf, um draußen nachzusehen. Wir waren kaum in der Halle, da zündete eine ganze Batterie von Studioblitzanlagen. Alles verschwand in einer weißen Explosion. Wir schlugen die Hände vors Gesicht. Als wir wieder sehen konnten, wallte dichter Nebel um uns. Soho Lights Fog Machine. Die krachenden Schritte hatten inzwischen den Treppenabsatz im ersten Stock erreicht und kamen langsam herunter. Der Nebel senkte sich und wabberte kniehoch über den Boden. Aus dem Nebel trat eine Gestalt. Es war der Tod. Sein weißes Gewand flatterte in einem imaginären Sturm. Sein knochiger Schädel grinste. Ein schwarzer Totenvogel saß auf seiner Schulter. Die Sense bewegte sich in weitausholenden Schnitterbewegungen. Meine Kopfhaut kribbelte, mein Herz schlug wie ein Hammer. Ssst, ssst, machte die Sense, als er auf uns zukam. Ich wußte, daß es Nigel Greenslade war, aber ich konnte mich nicht gegen ein abergläubisches Entsetzen wehren. Es war eine so archetypische Erscheinung. Wir kannten sie aus Bildern, aus Träumen, aus halbvergessenen Erinnerungen. Sie war in uns. Nun befreite sie sich und überwältigte uns. „Da seid ihr ja.“ Es klang liebevoll. Es saß genau auf dem Punkt. Unschlagbar, wie Greenslade das brachte. Nicht überzogen, sondern auf den optimalen Effekt kalkuliert. Mit einer Stimme, die den alten Kinski zu schäumenden Neidanfällen getrieben hätte: wie ein kalter Hauch, körperlos, beinahe synthetisch. Weißes Rauschen aus dem Jenseits. Eine Lautsprecherdurchsage in einem leeren, weißgekachelten OP-Saal. Letzter Aufruf für die Patienten auf Zimmer 328. Exit Gate D. Eine ältere Frau brach mit einem Seufzer zusammen und verschwand unter der Nebeldecke. Mein Atem klang, als käme er aus einer Sauerstoffmaske. „Ich bin gekommen, um euch zu holen.“ Ah, die Gleichgültigkeit. Ein Buchhalter, der ein paar Lebenskonten abschließt. Ein KZ-Bürokrat, der einen neuen Transport abhakt. Ssst, ssst. Der Sachzwang, dem die Vernunft unter die Räder kommt. Der Fortschritt, den wir gerufen haben und der uns nun mit seinem Totenschädel angrinst. Ssst, ssst. Wir hatten eine Parabel inszeniert. Ich begriff es erst heute. „Ich spaße nicht. Diesmal meine ich es ernst.“ Und er meinte es ernst. Seine Augen sahen verträumt aus – und absolut wahnsinnig. Die Hände an der Sense spannten sich krampfhaft. Greenslade hatte durchgedreht. Einer hielt es nicht mehr aus. Er sprang nach vorn. „Verdammter Hokuspokus!“ Die Sense bohrte sich wie ein Bajonett in seinen Körper. Für einen schockierten Augenblick lang schien die Szene wie eingefroren. Einzelbildschaltung. Dann brach der Mann zusammen, riß dem Tod im Fallen die Sense aus der Hand. Greenslade/Gevatter Tod stand da, als sei er eben aus einer Narkose erwacht. Ich rannte zu dem Gestürzten und schaute auf ihn hinab. Durch die Nebelschwaden, die über ihn hinwegzogen, wirkte er schon sehr entrückt. Er blutete wenig. Er war tot. Was für ein Skandal! Was für ein Fressen für die unabhängige Presse. Alles war im Eimer. Unser künstliches Ferienparadies, meine Karriere, alles. Dann begannen die Leute begeistert zu klatschen. „Großartig!“ „Unglaublich!“ „So lebensecht …“ Für einen Augenblick dachte ich, ich sei übergeschnappt. Dann begriff ich. Sie dachten, das gehörte mit zur Show. Das ganze Feriengebiet war künstlich. Alles war künstlich, alles war geplant. Sie konnten sich gar nicht vorstellen, daß das hier ungeplant war. Daß das kein Theater war. Daß hier Blut lief statt Ketchup. „Vielen Dank“, hörte ich mich höflich sagen. „Ladies and Gentlemen, die Haunted House Party ist damit beendet. Wir hoffen, es hat ihnen Spaß gemacht. Um diesen Fall hier“, ich deutete auf den Leichnam und schmunzelte, „wird sich Doktor Watson kümmern.“ Sie lachten pflichtgemäß, brachten die Frau, die vor Schreck umgekippt war, wieder auf die Beine, und trollten sich hochbefriedigt. Ich hätte mich ankotzen können. Dann überwältigte mich die Irrealität der Situation. Bis gestern hatte das Jahr 1996 nichts Weltbewegendes für mich gebracht. Zu Hause in Deutschland und in den USA wurde mal wieder gewählt, ich hatte einen prima Job und war rundum glücklich. Und jetzt saß ich hier, in einem künstlichen englischen Dorf auf einer Insel in der Sulu-See, mit einer Leiche in einem von Nebelschwaden durchzogenen Pfarrhaus, und der Tod schaute mir reichlich belämmert über die Schulter. Der Zauberlehrling in den Trümmern seines Werkes. Madame Zagorski kam mit einer Flasche aus dem Kaminzimmer gewankt. „Is’ was?“ Ich lachte und lachte und lachte. Wie war ich bloß in diesen Wahnsinn geschlittert? Oh islands in the sun Heute morgen sah alles noch ganz harmlos aus. Ich lag im Bett und freute mich auf den kommenden Tag. Es würde wieder ein guter Tag werden – wie immer. Ich hatte nur Routinejobs vor mir, und was sollte hier auch Außergewöhnliches passieren? Die Sonne schien schon durch die weit geöffneten Fenster und kitzelte auf meiner Nase. Vom Strand herauf kamen die Klänge einer Steelband. Es rasselte und schepperte und dröhnte und swingte und fuhr mir in die Glieder. Ich warf die Bettdecke von mir und latschte unbekümmert auf den Balkon hinaus; über einen nackten Mann auf dem Balkon regte sich hier in Ibiza niemand auf. Ich bin ein abgebrühter Bursche, aber mein Herz machte trotzdem wieder einen Sprung, als ich mich umschaute. Es war einfach zu schön. Es war alles, was man von einem morgendlichen Blick vom Hotelbalkon erwarten konnte. Es war Urlaub, Sunshine, Happiness, blauer Himmel, weißer Strand, nette Girls, Palmen, gute Musik, ein Frühstücksbuffet. Alles war da, was einem das Leben nur bieten konnte, herausdestilliert, idealtypisch. Wow! Eine Beach Party tobte vor sich hin. Keine Ahnung, ob sie gerade angefangen hatte oder ob sie die letzte Nacht überlebt hatte – oder die vorletzte. Rotwein, Weißbrot und Amphetamine kreisten. Über einem Lagerfeuer drehte sich ein Braten. Der Duft stieg mir bis hier herauf in die Nase. Wildschwein. Die Leute mußten Geld haben. Und darüber hämmerte der Rhythmus der Steelband. Er ging ins Blut; hier stimmte die alberne Floskel wirklich. Fast alle tanzten. Und wie sie tanzten! Sie wußten wirklich, wie man sich bewegt. Freizeit-Profis. Sie hatten keine Ahnung, was Hedonismus ist, aber sie hatten’s voll begriffen. Blanke Busen wippten graziös auf und ab, in Amplituden, Sinuskurven, Kegelschnitten, kontrolliert, immer im Takt. Ah, ihr herrlichen, runden Metronome, ich liebe euch! Und auch euch liebe ich, ihr knackig braunen, schimmernden Göttinnen des Sonnenkults, animalisch dösend auf euren Liegen vorn am Strand! Stop it, Mann. Ich muß wirklich aufpassen, daß mir der Gaul nicht durchgeht. Aber ist es ein Wunder, daß ich wie besoffen bin vor Glück? Jeden Morgen genieße ich diesen Anblick. Jeden Morgen freue ich mich, daß ich hier arbeiten kann. Jeden Morgen freue ich mich, daß ich es schon mit Einunddreißig zum Social Relations Supervisor des größten Ferienzentrums der Welt gebracht habe. Ein Traumjob! Manchmal beneide ich mich selbst. Einen Reggae pfeifend, ging ich ins Badezimmer und schaltete unterwegs das Video an. Während ich mich duschte, hörte ich mit halbem Ohr auf das heutige Veranstaltungsprogramm, das im Kabelfernsehen durchgegeben wurde. War ein unheimlicher Erfolg, diese Programmvorschau. Einfach Kanal 6 einschalten, und schon sah man in unirdisch schönen Filmszenen, was heute alles geboten wurde. Jeder fühlte sich informiert, umfassend betreut und hatte nicht dauernd das Gefühl, was zu verpassen. Eine prima Sache, und das Schönste daran war: Die Idee war von mir. Number one! Ich bruzzelte so richtig in meiner Zufriedenheit, als ich meine Ausrüstung zusammenstellte: einen transportablen Mini-Videorecorder mit integrierter Kamera, eine Polaroid Terminal. Der Datenfluß war die geheime Schlagader unseres Urlaubsparadieses. Daten waren so wichtig wie Luft und Wasser, ohne sie lief nichts. Die Ausrüstung steckte ich – immer lässig bleiben! – in eine Tennistasche. Ich zog weiße Leinenjeans und blau-weiße Jogging-Boots an und schlüpfte in ein T-Shirt mit der Aufschrift IF IT’S FUN, DO IT! Sonnenbrille noch auf die Nase, und es konnte losgehen. Unten auf der Straße war schon High Life. Muskulöse Sportsfreunde trugen ihre Surfbretter vorbei, in den Boutiquen wurde fleißig gekauft (recht so!), Rollschuhfahrer flitzten vorbei, in den Straßencafes klapperte das Geschirr, Sonnenbrillengirls in freakigen Gewändern wandelten vorbei, sahen und wurden gesehen. Ein Feuerschlucker hatte seinen ersten Auftritt, musikalisch begleitet von einer One-Man-Band. Aus der Open-Air-Disco um die Ecke hörte man die neuesten Hits. Es war genau die Stimmung, die für diesen Urlaubstyp richtig war. Wir hatten gute Arbeit geleistet. Ich sah mich um. Auch die Überwachungskameras waren hervorragend eingepaßt. Keiner, der nichts von ihnen wußte, würde sie bemerken. Wirklich perfekt. Als ich meine Tennistasche lässig auf den Beifahrersitz des Elektro-Moke warf, hatte ich ein gutes Gefühl. Langsam steuerte ich den sonnenblumengelben Mini-Jeep mit dem bunten Sonnendach aus Leinen durch das fröhliche Gewimmel. Ab und zu sprangen ein paar braungebrannte, lachende Gestalten auf und ließen sich ein Stück mitnehmen. Dabei ließen sie ihre üblichen Sprüche los. „Na, Chris, fährst du wieder die Mädels betreuen?“ – „Hey, Rossi, du hast’s gut. Arbeitest das ganze Jahr hier.“ – „Ich werd auch Social Relations Manager. Was macht man da eigentlich?“ – „Der kümmert sich persönlich um die einsamen Teenies, die noch keinen mitgekriegt haben.“ – „Wow! Gibt’s da Abschußprämien?“ Ein munteres Völkchen. Manchmal kam ich mir doch ein bißchen zu alt für sie vor. Sie waren so albern, immer kurz vor dem Abheben. Dann hatte ich die Grenze erreicht. Ich wurde endlich meine lautstarken Reisegenossen los, denn sie hatten natürlich keinen Passierschein. Das konnten sie sich noch nicht leisten. STOP! SIE VERLASSEN DEN IBIZA-URLAUBSSEKTOR! Ein Grenzposten lehnte gelangweilt am Schlagbaum neben dem Hinweisschild. Eine Gruppe von älteren Weltreisenden, die er gerade abgefertigt hatte, startete mit ihrem feuerroten Elektro-Moke ins Niemandsland. Sie würden knapp 250 km auf ihrer Weltreise zurücklegen. Das war der Umfang der gesamten Insel. NACH TAHITI 5 KM stand auf dem Wegweiser. Darunter stand ROM 55 KM. AIRPORT 110 KM. TWICKENHAM IN THE WILLOWS 40 KM. LIBERTY CLUB 85 KM. BAGDAO 70 KM. OLD SOUTH 15 KM. CHINATOWN & HARBOUR 100 KM. Das war unsere ganze Westentaschenwelt. Eine ziemlich wüste Ansammlung unterschiedlichster Erlebnisbereiche, nur für den Urlaub geschaffen. „Tag, Mister Rossi“, sagte der Grenzposten und legte etwas Dynamik in seine Haltung. Schließlich war ich ein hohes Tier. „Tag, Robert. Ruhiger Tag heute, wie?“ „Wie man’s nimmt. Hier an der Grenze ist nie viel los.“ Er streckte die Hand aus. „Unterwegs nach Tahiti?“ Ich gab ihm meine Code-Karte. „Ja, und dann noch weiter die Küste hinauf. Bis nach Twickenham.“ Er schob die Karte in den Daten-Terminal neben der Schranke. Meine Ausreise wurde registriert. Jeder, der sich auf Holiday World von einer Urlaubsregion in eine andere bewegte, wurde registriert. Bitte denken Sie daran, daß Sie sich nur in dem Urlaubssektor aufhalten können, den Sie auch gebucht haben. Das Erlebnisangebot anderer Urlaubssektoren können Sie nur gegen Vorlage eines gültigen Passierscheines in Anspruch nehmen. Weltreisende haben freie Fahrt. Über Anschlußbuchungen berät Sie jeder Informations-Terminal, das Zwei-Weg-Fernsehprogramm auf Kanal 10 und jeder unserer freundlichen Mitarbeiter. Wir danken für Ihr Verständnis. Das Hinweisschild stand diskret, aber unübersehbar am Schlagbaum. Ein Pfeil zeigte auf ein einladendes, weißgekalktes Häuschen, über dessen Eingang stand: HIER ANSCHLUSSBUCHUNGEN. In der Kühle eines schattenspendenden Vordaches flimmerte eine Monitorwand, auf der die Werbefilme für die anderen Urlaubssektoren abliefen. Für den Fall, daß jemand nicht nachbuchen wollte und auch nicht das Verständnis aufbrachte, auf das die Hinweistafel hoffte, standen einige Happy Helpers bereit, um einen unerlaubten Grenzübertritt zu verhindern. Manche bezeichnen die Happy Helpers als unsere Ferienpolizei. Ich finde das zu kraß. In der Praxis sind das einfach freundliche Helfer, psychologisch geschult und umgänglich, die für das erforderliche Mindestmaß an Ordnung in unserem Ferienparadies sorgen. „Sir?“ Er wedelte mit der Code-Karte vor meinem Gesicht herum. Ich nickte ihm einen flüchtigen Dank zu, während ich die Karte wieder an mich nahm, und huschte mit meinem E-Moke in das Urwalddickicht des Niemandslandes. Jetzt brauchte ich nur noch die richtige Musik. Ich schob eine Cassette rein. Die Synthesizerklänge von Jean-Michel Jarres EQUINOXE Part 5 wallten um mich auf, ein Oldie, das gerade wieder ungeheuer beliebt war. Behaglich lehnte ich mich zurück. Die Musik entspannte mich, versetzte mich in eine positive Stimmung. Ich fühlte mich sehr, sehr gut. Noch. Give a little, take a little. Oder: Eine kleine Gefälligkeit für einen großen Kunden DAS ORGANISIERTE PARADIES Bericht von Michael Marker mit Fotos von Jay Kneissl Jeden Morgen, wenn Georg Hartlmeier, 43, aufsteht, hüllt er sich in eine Toga und geht hinüber ins Kolosseum, um sich vor Tausenden von Zuschauern mit seinem Zimmernachbarn zu prügeln. Ein Verrückter? Dirk Höft, 32, liebt es da gemütlicher. Er sitzt lieber auf der Veranda seines 20-Zimmer-Herrenhauses und sieht seinen Arbeitern beim Arbeiten zu. Oder er gibt rauschende Feste auf dem Raddampfer Delta Lady. Ein exzentrischer Millionär? Keineswegs. Beide Herren sind ganz normal. Sie sind Bewohner eines Urlaubsparadieses auf Zeit, das es ihnen erlaubt, radikal aus ihrem Alltagstrott auszubrechen, in ganz neue „Erlebnisbereiche“ einzutauchen. Georg Hartlmeier wohnt im alten Rom. Obwohl er als Junge das Klostergymnasium in Metten an der Donau vorzeitig verlassen mußte, spinnt er seitdem aufs Lateinische, wie er sich ausdrückt. Diesen Wunsch erfüllt er sich jetzt. Außerdem tut der agile Junggeselle etwas für seine Körperertüchtigung: Er nimmt an einem Gladiatorenkurs teil und tritt mit anderen Kursteilnehmern täglich vor 3000 Miturlaubern im Kolosseum auf. Dort genießt der Postobersekretär aus dem niederbayerischen Vilsbiburg das, was er in seinem Alltagsleben so schmerzlich vermißt: öffentliche Aufmerksamkeit und Anerkennung. „Der Urlaub meines Lebens!“ versicherte der „Schorsch“ begeistert. Damit das auch alle wissen, schickt er Sturzbäche von Ansichtspostkarten nach Hause – Polaroids, die ihn in Toga oder Gladiatorenmontur zeigen, in verbissenem Zweikampf oder als zwischen Säulen wandelnden Philosophen. „Mit dene Bildl’n kumm i ma vor wiara Filmstar“, scherzt er. Er will wiederkommen, denn der ganze Spaß (Flug, Übernachtung und Frühstück) kommt ihn relativ billig: nur 8000 DM. Dirk Höft läßt da schon größere Beträge in den Abrechnungscomputer tippen. Ihn kostet sein Traumurlaub 15 000 DM – pro Woche. „Aber ich würde auch mehr dafür zahlen“, versicherte er. „Das ist die Sache wert.“ Die „Sache“ ist ein Aufenthalt in einem weißen Herrenhaus, in dem er von zahllosen schwarzen Dienern umsorgt wird. Das Haus befindet sich im Feriengebiet „Old South“ in der Nähe von Alphaville, Louisiana. Es steht auf einem Hügel in einem weitläufigen, betäubend nach Magnolien duftenden Park. Wenn Dirk Höft auf seiner schattigen, säulenbestandenen Veranda sitzt, hört er die Worksongs der Sklaven von den nahen Feldern. „Es ist schon ein unglaubliches Gefühl von Macht und Luxus“, schwärmt er. Der geschiedene Product Manager in einem großen Zigarettenkonzern findet es „großartig, was hier verwirklicht wurde. Es ist wie ein Traum“ Hartlmeier und Höft wohnen nicht weit voneinander entfernt. Von Louisiana nach Rom sind es nur 40 km. Denn die beiden Ferienparadiese befinden sich auf Holiday World, einer Philippineninsel in der Sulu-See. Hier, unter Palmen und ewig blauem Himmel, ist in den letzten Jahren ein ehrgeiziges Projekt aus dem Boden gestampft worden. Der Bauherr: Tour Futur, ein Konsortium der größten europäischen Touristikunternehmen mit japanischer und australischer Beteiligung. Dieser Freizeitkonzern mit Sitz in Zürich hat vom philippinischen Staat die fast unbewohnte Insel Lemurao gekauft und sie in eine Miniaturausgabe unserer Welt verwandelt. Es entstand eine künstlich produzierte Urlaubslandschaft, eine gigantomanische Mischung aus Disneyland, Club Méditerranée, Filmkulisse und First-Class-Hotel. Es ist ein perfekt organisiertes Paradies geworden. Tausende von Mitarbeitern, Soziologen, Psychologen, Farbberatern, Körpersprache-Experten, Sporttrainern, Erlebnis-Animateuren, Sound-Konzeptionern, Lokalkolorit-Spezialisten, Landschaftsgärtnern, Computerfachleuten usw. kümmern sich um die permanente Optimierung des Konzepts. Holiday World bietet etwas für jeden Geschmack, für jedes Alter, für jedes Temperament. Da ist z. B. Ibiza, eine Mischung aus dem echten Ibiza, Mykonos, Saint Tropez und allen Orten, wo sich die Jungen und Erlebnishungrigen treffen. Geht es hier schon recht freizügig zu, so ist im Liberty-Club fast alles erlaubt. Hier dreht sich alles nur um eins: Sex. Ausgesucht attraktive, meist nur mit Sonnenöl bekleidete Hostessen kümmern sich rund um die Uhr um die Bedürfnisbefriedigung ihrer männlichen (und gelegentlich auch weiblichen) Gäste. Selbst das Einwickelpapier der Zuckerwürfel, die man zum Morgenkaffee reicht, zeigt statt der üblichen Tierkreiszeichen einschlägige Stellungen. Das Wahrzeichen des Clubs ist die Liberty-Statue, die allerdings zwei Besonderheiten hat: Sie ist nackt, und sie ist höchst lebendig (siehe auch unser Titelbild). Daneben gibt es noch das sehr exklusive, sehr chice und sehr teuere Tahiti, das idyllische, altenglische Twickenham in the Willows, den exotischen Stadtdschungel von Chinatown und Bagdad, ein orientalisches Märchen aus 1001 Nacht. (Es ist allerdings davon abzuraten, 1001 Nacht dort zu bleiben, das wäre unerschwinglich.) Logischerweise kann man in dieser Mini-Welt auch „Weltreisen“ buchen, das sind Rundreisen durch alle Feriengebiete. Worauf beruht nun der Erfolg dieser elektrischen Kunstwelt? Die Antwort darauf gibt uns Christoph Baron von Rossi, Nachfahr eines im 18. Jahrhundert nach Bayern eingewanderten italienischen Baumeisters. Der sympathische junge Rossi ist der Social Relations Supervisor von Holiday World. „Das Geheimnis ist“, sagt er lächelnd, „daß wir perfekt sind. Unsere Gäste bekommen alles geboten, was sie von einem Urlaub erwarten: Sonne, immer blauer Himmel, hervorragendes Essen, gute Musik, viel Abwechslung – und gleichgesinnte Miturlauber, denn unsere Ferienzonen sind ja sozialpsychologisch segmentiert. Dazu viele weitere Annehmlichkeiten, z. B. keinen Ärger mit dem Trinkgeld. Weil es bei uns kein Trinkgeld gibt. Keiner kann sich Bevorzugungen erkaufen. Der Service ist für alle gleich – nämlich perfekt.“ Etwas anderes hat der Urlaubs-Baron taktvollerweise verschwiegen: die Sicherheit. Politische Unruhen sind nicht zu erwarten, da die starke pro-westliche Regierung der Philippinen die Zügel fest in der Hand hält. Beträchtliche Geldsummen von Tour Futur sorgen dafür, daß das so bleibt; dies ist ein offenes Geheimnis. Vor der Insel kreuzende Patrouillenschiffe schützen vor indonesischen Hochseepiraten. Aber die Sicherheit hat noch mehr Aspekte. Auf Holiday World braucht kein Urlauber damit zu rechnen, in Seitengassen einen Schlag auf den Schädel zu bekommen wie etwa in Kenia, Rio oder Jamaica. Die Gäste sind, anders als z. B. in Italien oder Spanien, sicher vor Streiks; und sie wissen, daß, im Gegensatz zu anderen „Traumzielen“ wie etwa Barbados, eine wirklich schöne Landschaft und wirklich freundliche Leute auf sie warten. Unser Fazit: Wenn Sie ein organisierter Urlaub nicht stört, ist Holiday World eine 100prozentige Empfehlung. Mehr darüber erfahren Sie im nächsten Heft. (Anmerkung: Eine farbige Anzeigenseite in der Zeitschrift, in der dieser Bericht erschien, kostete nach dem Stand vom 1.1.1996 ca. 150 000 DM. Tour Futur bucht jährlich etwa 50 Seiten. Grund genug, sich bei diesem großzügigen Kunden mit einem netten Artikel zu revanchieren. Ganz unparteiisch natürlich.) Etüden auf der Beeinflussungsklaviatur, unterbrochen von leichten Mißtönen. Tahiti war etwas für Leute mit sehr viel Kies. Dafür war es aber auch perfekter als perfekt. Dagegen verblaßte sogar der übertriebenste Reiseprospekt. Es war eine Mischung aus Südsee-Paradies, Seychellen, Kleinen Antillen, Mauritius und was es derlei kostspieliger Traumziele noch mehr gibt. Alles war sehr sophisticated und weitläufig. Dazu ein kräftiger Schuß französischer Lebensstil. Die Küche war kreolisch, das Personal auch. Sogar das einfachste Zimmermädchen sah so aus, daß man sich sofort vergessen konnte. Und die Drinks waren die besten, die man auf unserem schönen Planeten erhalten konnte. Ich genoß die Szene, während ich zu meinem Sprechzimmer ging. Leidenschaftliche Augensexorgien mit wohlgeformten, moralisch liberal eingestellten Meeresgöttinnen verkürzten mir den Weg aufs angenehmste. Ich erfreute mich lebhaft an dem Paradoxon, daß sich die gutbetuchten Damen bei ihrer Badekleidung so wenig betucht zeigten. Trotz stärkster Versuchungen kam ich pünktlich zur Sprechstunde. Mein Sprechzimmer war eine Terrasse auf dem Verwaltungsbungalow; ausgestattet war es mit Korbmöbeln, einem Video-Data-Terminal und einer herrlichen Aussicht. Arnold Klamm erwartete mich, was meine gute Laune kurzfristig etwas dämpfte. Klamm war der Social Relations District Manager für Tahiti und eine glatte Fehlbesetzung; er hatte gute Beziehungen. Außerdem war er einer der unsympathischsten Menschen, die je meine Nerven traktiert hatten. Er hatte einen fetten, wabbligen Wanst, der sich nach oben hin verjüngte. Seit ich seine Figur einmal als strömungsgünstige Tropfenform beschrieben hatte, haßte er mich noch intensiver als vorher. Sein Charakter war auch stromlinienförmig. Er war die verkörperte Allegorie des ewigen Schleimers. Er hatte schnell Karriere gemacht. „Hallo, Herr Rossi“, säuselte er und kippte vor falscher Herzlichkeit fast aus den Latschen. „Habe eben den Illustriertenartikel über Holiday World gelesen. Gratuliere, hervorragende Arbeit.“ „Ich weiß“, sagte ich bescheiden, weil dies die Antwort war, die ihn am meisten ärgern würde. „Für Werbung im Umfang dieses Berichts hätten wir ungefähr 2 Millionen Mark ausspucken müssen. Aber so haben wir alle unseren Vorteil. Die Zeitschrift hat eine attraktive Titelgeschichte, die die Auflage steigert, unsere Journalistenfreunde hatten einen angenehmen Aufenthalt hier und konnten sich ein bißchen kritisch geben, und wir hatten eine gewaltige Gratiswerbung. Perfetto! Und diese Seitenhiebe auf unsere Konkurrenz hätten wir uns in unseren Anzeigen auch nicht erlauben können. Vergleichende Werbung ist ja bei uns verboten. Aber wenn die Presse so was in einem Gefälligkeitsartikel sagt, ist das erlaubt. Tja, es war schon eine runde Sache.“ Klamm verschluckte sich fast vor Neid. „Ihre Kunden warten schon“, sagte er schließlich mühsam. Es waren Routinefalle, die ich schnell erledigte. Da waren die üblichen Fälle von unterdurchschnittlichem Konsum. Unsere Psychologen und Sozialforscher stellten aufgrund von vorliegenden Daten, eigenen Beobachtungen und Fragebögen, die im Flugzeug ausgefüllt wurden, Prognosen über den zu erwartenden Konsum jedes Urlaubers auf. Blieb der Betreffende unter der Prognose, war das ein Indiz, daß er sich nicht wohlfühlte. Wir setzten dann einige psychologisch geschulten Konsum-Animateure auf ihn an, die das in der Regel schnell einrenkten. Wir mußten sehr auf diese Dinge achten, denn wir verdienten an den eigentlichen Reisen ziemlich wenig. Das große Geld brachte erst der Erlebniskonsum hier auf der Insel. Ich gab Daten, Persönlichkeitsbild und Beeinflussungsvorschläge an die zuständigen Leute weiter und widmete mich der nächsten Sache. Ah, die Talkshow! Auch eine sehr erfolgreiche Idee von mir. Wir wollten damit die Distanz zwischen Urlaubern und Personal abbauen, unsere Leute quasi als freundliche Miturlauber darstellen, die eben zufällig auch noch ein wenig arbeiteten. Dazu machten wir abends eine gemütliche Talkshow zwischen Strandbar und Swimmingpool, bei der einer unserer Mitarbeiter über seine Arbeit berichtete und einen kleinen Blick hinter die Kulissen gab. Das war ganz interessant und machte aus einem anonymen Hotelangestellten eine bekannte Persönlichkeit. Heute abend war der Barkeeper der Strandbar dran, Arnos St. Pierre aus Trinidad, ein Künstler in seinem Beruf. Er würde ein paar Tricks verraten, einige Anekdötchen aus seinem Job zum besten geben (Barkeeper sind voll davon) und ganz nebenbei Werbung für einige Spirituosen machen. Als erstklassige Meinungsbildner hatten unsere Barkeeper natürlich „Beraterverträge“ mit allen möglichen Destillerien. „Na, Arnos, alles klar? Fragen durchgesprochen?“ fragte ich. „Sure.“ Er grinste. Sein Gebiß hätte jedem Zahnpastawerber kleine Entzückensschreie entlockt. „Welches Superrezept bringst du heute unters Volk?“ „Baron Samedi’s Delight. 3 cl weißer Rum, 2 cl Blue Curacao, 1 cl Cognac, 9 cl Guavensaft, Angostura und Muskat nach Geschmack. Sehr erfrischend und sehr gefährlich.“ „Klingt ja gut. Schick mir doch was rüber von dem grünen Zeugs, ja?“ „Right. See you later, manipulator.“ Der nächste Fall war ein Feriendieb. Er hatte sich über die grüne Grenze im Urwald von Ibiza nach Tahiti geschmuggelt und war hier geschnappt worden. Seine Code-Karte hatte ihn verraten. So ging das eben. Ohne Code-Karte konnte er nichts kaufen. Und als er was kaufte, zeigte die Code-Karte, daß er aus einem anderen Bezirk kam. Ein absolut wasserdichtes System. Aber wer nicht beschissen werden will, muß eben gründlich sein. Ich schaute mir den Schlaumeier an, ein blasses Bürschchen, offensichtlich noch ziemlich frisch hier und offensichtlich ein Einzelgänger. „In einen anderen Urlaubssektor zu pirschen, ist kein lustiger Streich“, eröffnete ich ihm. „Das ist Diebstahl.“ Er riß die Augen auf. „Diebstahl?“ echote er. „Ja. Erschleichen von Urlaubsleistungen, für die man nicht bezahlt hat. Das geht natürlich nicht. Wir müssen ja auf unsere Kosten kommen. Sie können nicht einfach den billigsten Erlebnissektor buchen, also Ibiza, und sich dann in Tahiti vergnügen, das uns dreimal so hohe Kosten verursacht. Da hat die Freizügigkeit wirklich ihre Grenzen.“ Er wurde noch blasser. „Und was geschieht jetzt?“ „Nichts. Sie werden nach Ibiza zurückgebracht und verbringen dort den Urlaub, den Sie gebucht haben. Für zukünftige Urlaube auf Holiday World werden Sie jedoch nicht mehr akzeptiert. Guten Tag.“ Ein Happy Helper führte ihn ab. Bevor ich zur nächsten Sache übergehen konnte, wurde ich von einem gewaltigen Geschepper aufgeschreckt. Ich spähte über die Brüstung der Terrasse. Unten hatte irgendein Kretin das Schaufenster eines Juweliers zertrümmert und stand nun kichernd davor. Ich hatte das noch nicht ganz verdaut, da gab es ein großes Geschrei, als in der Nähe ein aufgekratzter Alleinunterhalter in voller Montur vom 3-Meter-Brett in einen Swimming-pool sprang, obwohl er offensichtlich nicht schwimmen konnte. Das gefiel mir gar nicht. Ich machte mir eine Notiz. Es war nicht gut, daß so früh am Tag schon so viele Besoffene herumliefen. Dann stürmte Charlotte Moosmann herein, eine alleinstehende, leicht überkandidelte Person, die zu jeder Sprechstunde kam. Ich wappnete mich mit Geduld. Sie war nicht nur eine Single, sondern auch ein Oldie. Und, wie gesagt, etwas überspannt. Dauernd benahm sie sich wie Romy Schneider in einem dieser französischen Filme, die vor lauter Tiefgang dauernd auf Grund laufen. Man kennt das ja: In periodischen Abständen chic umdüstert, ständig zwischen Lachen und Weinen, tapfer ertragene Schicksalsschläge im Hintergrund grummelnd. Natürlich war alles nur Tünche. Im Grunde war sie eine dumme, kleinbürgerliche Langweilerin, die die Blähungen ihres Gefühlslebens für Ausdruck einer tiefen Persönlichkeit hielt. „Herr Baron, ich bin bestohlen worden!“ Sehr zu belasten schien sie das aber nicht, denn sie lachte mit glänzenden Kulleraugen. Ich überprüfte die Daten. Es stellte sich heraus, daß sie tatsächlich recht hatte. Eine Verkäuferin in einer Boutique hatte einen überhöhten Betrag in den Kassencomputer getippt und ihren Eigenverbrauch entsprechend niedriger angegeben. Gar nicht dumm. Ich sorgte dafür, daß die Verkäuferin gefeuert wurde und Moosy den Betrag gutgeschrieben bekam. „Hach, wie Sie das wieder gemacht haben“, gurrte sie und verdrehte die Augen, daß ich fast seekrank wurde. „Wirklich eindrucksvoll!“ „Das ist mein Job, Madame“, sagte ich höflich und komplimentierte sie hinaus. Ich fluchte innerlich. Sie war offensichtlich ebenfalls betrunken gewesen. Was ging hier vor? Ich stellte einige Nachforschungen an und erfuhr, daß sie heute weder einen Drink gekauft noch spendiert bekommen hatte. Eigentlich hätte sie stocknüchtern sein müssen. Irgendwas stimmte hier nicht. Ich beschloß, zu Roussel nach Alphaville rüberzufahren. Roussel war der Boss hier auf der Insel. Vielleicht wußte er, was da vorging. Ich schwang mich auf ein schnelles Motorrad und rauschte los. Kurz vor der Grenzstation entging ich ums Haar einem Unfall, als mir ein mittelalterliches Ehepaar direkt vor die Räder schwankte. Der Mann sah ziemlich verknittert aus und steckte in einer etwas zu jugendlichen Freizeitkluft. Seine Frau, die feurig-verlebte Blicke um sich schmiß, hatte sich in pinkfarbene Shorts gezwängt und trug ein T-Shirt mit der Aufschrift HAVE AN AFFAIR WITH US. Ich verzichtete darauf. Tour Futur Tour Futur schenkt Ihnen den Urlaub, den Sie sich immer gewünscht haben. Ohne Pannen, ohne Unsicherheiten, perfekt bis ins letzte Detail. Sie wissen schon vorher, daß Ihre Ferien genauso verlaufen, wie sie im Prospekt beschrieben wurden! Seit über 10 Jahren machen wir Erlebnis-Touristik auf wissenschaftlicher Grundlage. Der wöchentliche Zufriedenheits-Fragebogen ist unser wichtigstes Kontrollmittel. Fehler und Unstimmigkeiten werden sofort aufgedeckt. Sie tragen also durch Ihre aktive Mitarbeit entscheidend dazu bei, daß Ihr Urlaub voll Ihren Vorstellungen entspricht. Ihre Anregungen, Ihr Feedback sind unser wertvollstes Kapital. Der Erfolg gibt uns recht: Fast 100 unserer Gäste wollen ihren nächsten Urlaub wieder bei uns buchen! Zögern Sie also nicht länger. Buchen auch Sie Ihren Traumurlaub. Wir sind sicher, daß Sie es nie bereuen werden. URLAUB MIT TOUR FUTUR. DEN ANDEREN EIN PAAR JAHRE VORAUS. Ein bißchen Manipulation hat noch keinem geschadet. In Alphaville, Louisiana dudelte es an allen Ecken: Dixieland, Bluegrass, Blues und melancholische Worksongs von den Feldern vor der Stadt. Das war die angenehmere Seite dieser Urlaubsregion. Ansonsten war sie mir zu feudal, zu kolonial angehaucht. In meinen Augen war es keine gute Idee, die alte Sklavenhalterwelt der Südstaaten wieder auferstehen zu lassen. Aber es war eine gewaltige Nachfrage da. Die Leute liebten offenbar feudale Sklavenhaltergesellschaften – so lange sie nicht die Sklaven waren. Auch hier kam es zu merkwürdigen Zwischenfällen. Als eine hochmütig grinsende Reiterin an einem alten Negermusiker vorbeikam, der an einer Straßenecke seinen Blues klimperte, beugte sie sich im Sattel vor und schlug ihm mit der Peitsche über den Kopf. „Hör auf mit diesem traurigen Gejammer“, stieß sie undeutlich hervor, lachte schrill und preschte davon. Ziemlich verwirrt hielt ich vor dem weißen Herrenhaus mit den griechischen Säulen, in dem Roussel residierte. Ich stürzte in sein Büro, ohne anzuklopfen. Stirnrunzelnd sah er auf. Patrick Roussel war neunundzwanzig, hatte keine Beziehungen und war trotzdem der Chef hier. Auf seine Art war er wohl ein Genie. Er sprach 6 oder 7 Sprachen und war der geborene Organisator. Mit seiner schlanken Dressmanfigur und seiner wilden, blonden Mähne sah er aus wie ein Filmstar. Wie üblich hatte er Jeans, Tennisschuhe und ein T-Shirt an. T-Shirts waren eines der wichtigsten Kommunikationsmittel heutzutage, deshalb stand auch auf seinem Hemd eine Botschaft: I’M THE BOSS, SO DON’T TELL ME I’M WRONG. Er knipste seinen berühmten Charme an, dem jeder erlag – außer mir. Ich mochte Roussel nicht. Er war mir zu glatt und zu perfekt. Vielleicht war es aber auch nur Neid. „Was geht hier vor, Roussel?“ fragte ich, ohne mich mit Höflichkeitsfloskeln aufzuhalten. Roussel schaute mich abschätzend an und sagte dann in einem Tonfall wie ein Psychiater, der seinen Patienten auffordert, sich auf die Couch zu legen und sich zu entspannen: „Ich will nicht behaupten, daß ich begreife, was Sie meinen, Rossi. Was soll los sein? Die Sonne scheint, der Himmel ist blau, und wir haben angenehme 29 Grad. Aber vielleicht ist das zu heiß für Sie.“ Er mochte mich auch nicht. „Reden Sie keinen Scheiß“, sagte ich grob. „Sie wissen alles, was auf dieser Insel vor sich geht. Also wissen Sie auch, daß sich heute einige Leute sehr seltsam benehmen. Sie schlagen über die Stränge wie halbwüchsige Schüler auf einer Klassenfahrt. Sie kichern, schlagen um sich und scheinen sich nicht ganz in der Gewalt zu haben. Aber betrunken sind sie auch nicht. Was machen wir also aus dieser Situation?“ „Sie sind sehr aufmerksam, Rossi. Außer Ihnen hat das bis jetzt keiner bemerkt. Vielleicht sind Sie Ihr Geld doch wert.“ „Schönen Dank für die Streicheleinheiten. Könnten wir jetzt zur Sache kommen?“ „Na gut. Ich kann’s Ihnen wohl nicht verheimlichen.“ Das schien im leid zu tun. Er schnippte mit dem Fingernagel auf einen Aktenordner, der neben ihm lag. „Vor einem knappen Jahr wurde in einer großen, metallverarbeitenden Fabrik in Neapel ein interessantes Experiment durchgeführt. Die Werksleitung hatte Probleme mit Streiks, mutwilligen Zerstörungen und einem zu hohen Krankenstand. Deshalb blies man durch die Klimaanlage ein mildes Psychogas in die Montagehallen und Großraumbüros. Nichts Dramatisches, nur sogenannte Euphorizer, die den Stimmungspegel ein wenig anheben, die Gemütslage ein bißchen aufhellen.“ „Sozusagen Licht in das Dunkel des Arbeitsalltags bringen“, ergänzte ich ironisch. „Gar nicht so falsch, was Sie da sagen. Das Ergebnis war: Die Leute fühlten sich unbeschwert, arbeiteten lieber – und mehr – und verdienten dadurch auch mehr an Prämien. Und die Produktivität des Unternehmens stieg deutlich an. So hatten beide Seiten ihren Vorteil.“ Meine Faust schlug krachend auf Roussels Schreibtisch. „Sie wollen mir doch nicht etwa in kleinen Portionen beibringen, daß Sie diesen hirnrissigen Blödsinn auch hier auf Holiday World gestartet haben?“ „Doch. Genau das.“ Sein Gesicht war ausdruckslos. „Aber wieso denn? Unser Konzept funktioniert doch auch so tadellos! Das braucht keine Unterstützung durch Psychodrogen.“ „Natürlich funktioniert es prima. Aber mit den Psychodrogen funktioniert es noch besser. Ist ja klar: Wenn die Leute durch Stimmungsaufheller enthemmt werden, konsumieren sie mehr. Und das ist ja das Wichtigste überhaupt.“ Seine Lippen kräuselten sich sarkastisch. „Und damit waren Sie einverstanden? Sie waren nicht dagegen?“ „Ich bin noch dagegen!“ schnappte er. „Dieses Projekt ist der größte Unfug, den man machen konnte. Es kann alles in Gefahr bringen. Man spielt nicht mit solchen Sachen herum!“ „Ja und?“ „Der Hersteller dieser Psychodrogen, ein Schweizer Pharmaunternehmen, ist der größte Aktionär von Tour Futur. Sie haben viel Einfluß. Und sie haben sich nicht gescheut, das zu zeigen. Aber was noch wichtiger ist: Unsere amerikanische Konkurrenz, Free & easy Travels, baut gerade auf ihrer Ferieninsel auch so einen Psycho-Sprinkler ein. Unsere Direktion meinte, wir müßten ihnen zuvorkommen. Et voilà, und hier haben wir den Salat.“ „Und wie geschieht das Ganze?“ fragte ich, um überhaupt etwas zu sagen. Ich war wie betäubt. „Ziemlich problemlos. Wir haben da einen Verteiler aufgebaut. Klimaanlage vor allem. Dann noch die Wasserversorgung. Jeder braucht Wasser – zum Zähneputzen, für den Morgenkaffee, für die Eiswürfel im Drink.“ „Aber es ist doch irgendwas schiefgegangen.“ „Ja. Die Dosierung war zu hoch. Die Leute werden nicht nur euphorisch, sondern leichtsinnig. Oder überdreht. Sie machen die seltsamsten Dinge. Und manche davon sind gefährlich. Die labilsten Charaktere sind am stärksten betroffen.“ Ich dachte an meinen Euphorieausbruch heute morgen beim Aufstehen und fühlte mich irgendwie ertappt. „Dieser Blödsinn muß aufhören“, sagte ich schroff. „Schon geschehen. Ich habe alles gestoppt. Hoffentlich für immer. Wir werden noch ein Gegenmittel in Umlauf bringen, eine Art Beruhigungsmittel, und dann ist die Sache erledigt.“ „Ich werde einen Bericht darüber schreiben“, knurrte ich. „Das werden Sie nicht!“ Für einen Augenblick hatte Roussel die Beherrschung verloren. „Weil Sie nichts darüber wissen. Die Sache ist geheim, verstehen Sie? Nichts davon darf bekannt werden. Ich habe Ihnen reinen Wein eingeschenkt, weil Sie ziemlich durcheinander waren. Also seien Sie auch fair zu mir, und halten Sie den Mund!“ Ich dachte einen Augenblick darüber nach. „Okay“, sagte ich schließlich. „Aber die ganze Angelegenheit schmeckt mir nicht.“ „Mir auch nicht“, sagte Roussel. „Und jetzt gehen Sie wieder an Ihre Arbeit. Ich glaube, Sie haben in Twickenham was zu erledigen, stimmt’s?“ Er wandte sich wieder seinen Akten zu und ließ mich einfach stehen. Die Leiche im Keller Ich ging also nach Twickenham. Und was da geschah, wissen Sie ja bereits. Mord im Pfarrhaus. Ein Treppenwitz. Aus unserer Show war Realität geworden. Eine nicht aus der Welt zu schaffende Panne. Wir konnten alle unsere Kündigungen einreichen. Ich rief Roussel an, um ihm von der Panne zu berichten. Als wir auf seinem Bildschirm erschienen, riß er die Augen auf. Er hatte allen Grund dazu. „Hier ist die Rossi Horror Picture Show“, sagte ich mit einer Stimme, die ich nicht ganz unter Kontrolle hatte. Der Tod schaute mir mit trübe blinzelnden Augen über die Schulter und murmelte pausenlos vor sich hin. Der schwarze Vogel auf seiner Schulter flatterte unruhig und krächzte: „Zu spät, zu spät.“ Im Hintergrund krakeelte Madame Zagorski. Ihre polnischen Trinklieder wurden immer wieder von einem explosionsartigen Schluckauf unterbrochen. „Sie haben ja eine komische Ader, Rossi“, sagte Roussel erstaunt. „Soll ich Dracula Bescheid sagen – oder dem Psychiater? Was soll der Zirkus?“ Ich sagte es ihm. Als ich fertig war, sah er mich lange an. „Das ist ja eine schöne Bescherung.“ Er war so geschockt, daß ihm statt seiner üblichen Bonmots nur diese Floskel einfiel. „Was machen wir jetzt?“ fragte ich. Er öffnete den Mund zu einer Antwort, als er von einem grellen Summton unterbrochen wurde. „Moment“, brummte er und verschwand vom Bildschirm. Als er wieder auftauchte, war er kreidebleich. „Es gibt überall Schwierigkeiten“, stieß er hervor. „Dagegen ist Ihre Panne harmlos. Schaffen Sie sich die Leiche vom Hals und nehmen Sie sich einen Hubschrauber. Schauen Sie in Rom nach dem Rechten.“ Er schüttelte abwehrend den Kopf, als er sah, daß ich Fragen stellen wollte. „Keine Zeit. Beeilen Sie sich.“ „Aber was ist denn los?“ rief ich. „Der Teufel.“ Sekundenlang starrte ich den toten Bildschirm an. Doch dann wurde ich ziemlich aktiv. Ich schaffte den Toten in den Requisitenkeller. „Da sieht man mal wieder“, keuchte ich, „daß jede große Organisation eine Leiche im Keller hat.“ Man kann nicht sagen, daß es um meine Nerven zum besten stand, als ich mich auf den Weg nach Rom machte. Im Jahre des Herrn neunzehnhundertsechsundneunzig – zum ersten. „Als Sie auf den flüchtenden Ahmed Gültaz schossen, wußten Sie da, daß er in dem Kaufhaus nur ein Paar Jeans gestohlen hatte?“ „Ja, aber jeder Ganove fängt mal klein an.“ „Sie wollten ihn also an Ort und Stelle bestrafen. Oder haben Sie sich bedroht gefühlt?“ „Ja, er machte da so eine komische Bewegung. Und diese arbeitslosen Türkenbengel tragen ja alle ein Messer mit sich rum.“ „Und da haben Sie sofort geschossen. In subjektiver Notwehr.“ „Subjektiver Notwehr. Genau.“ „Die Tötung des Gültaz haben Sie dabei billigend in Kauf genommen?“ „Das ließ sich nach Lage der Dinge wohl kaum vermeiden, oder?“ Der Untergang des spätrömischen Reiches Rom brannte. Aus dem Capitol schlugen dicke Rauchwolken, das Kolosseum war ein einziges Flammenmeer. Ganze Straßenzüge loderten. Nero hätte seine Freude gehabt. Ich landete den Hubschrauber in einem Innenhof in der Nähe unserer Zentrale und hetzte los. Als ich an meinem Ziel ankam, sah ich, daß es keine Zentrale mehr gab, nur noch einen schwärzlichen, ausgebrannten Krater. An einem Balken hing die Leiche von Angelo Serafino, einem unserer nettesten Lokalkolorit-Spezialisten. Um seinen Hals hing ein Schild, auf dem stand: TOD DEN KONSUMFUNKTIONÄREN! Die Wände waren mit Parolen besprüht. Schluß mit der Psycho-Vergewaltigung. Terror dem Urlaubs-Terror. Freiheit durch Anarchie. Verdammt, verdammt. Es war eindeutig eine gesteuerte Provokation linker Terrorgruppen. Sie hatten uns unterwandert, mit Sonnenbrille und Reiseführer und Gewalt im Herzen. Und sie hatten ganze Arbeit geleistet. Es war wirklich der Teufel los. Eine marodierende Urlaubertruppe zog vorbei. Sie waren betrunken, und ihre rheinischen Kegelclub-Frohsinnslieder standen in groteskem Gegensatz zu ihrer altrömischen Legionärs-Aufmachung. Sie hatten sogar schon Beute gemacht, eine nackte, sich sträubende Frau, die sie mit vielen gutgelaunten Obszönitäten vor sich herprügelten. Endlich mal wieder ein richtiger, handfester Männerspaß. Einer von ihnen rannte mit einer Fackel kreuz und quer über die Straße und steckte alle Häuser in Brand. „Arrivederci Roma!“ schrie er dabei begeistert. Ein völlig ausgeflippt wirkender alter Knabe auf einem Schimmel sprengte rücksichtslos durch sie hindurch. „Platz für Caligula!“ kreischte er. Das nenn ich Bildung. Wahrscheinlich gehörte er zu denen, die ihre Schweinereien in Lateinisch an die Klowand kritzelten und statt ins Bordell ins Lupanare gingen. „Platz für Caaaaah …!“ Er flog auf die Straße, als sich sein Pferd auf der Hinterhand aufbäumte. Es scheute vor einem ohrenbetäubenden Sirenengeheul zurück. Sekunden später fegte ein Feuerlöschzug mit aufgeblendeten Scheinwerfern und Blaulicht durch die brennende, säulenverzierte Prachtstraße. Keine Ahnung, wo sie hinwollten. Vielleicht wollten sie das Kolosseum löschen. Vielleicht türmten sie auch einfach. Als hätte der Löschzug das Signal gegeben, brach gleich darauf ein kreischendes Pandämonium über uns herein. Eine Gruppe grölender englischer Römer kam einer Gruppe grölender französischer Römer in die Quere. Im Nu war eine Schlägerei im Gange, die jedem Pokalfinale zur Ehre gereicht hätte. „Bloody Tourists.“ – „Cretin anglais.“ – „Fucking French bastard.“ – „Arghh.“ Als sie anfingen, mit den Schwertern aufeinander loszugehen, trampelte eine Elefantenherde heran und löste das Scharmützel auf. Alle spritzten auseinander und suchten Zuflucht vor den grauen Kolossen. Es waren Hannibals Elefanten, ein Stilbruch, der zu den größten Attraktionen in Rom zählte. Aber auch sie waren in wenigen Sekunden wie ein Spuk verschwunden. Ab und zu hörte man noch aus den Seitenstraßen in der Nachbarschaft ihr zorniges Trompeten. Es gab nichts dran zu rütteln. Hier waren alle übergeschnappt. Wenigstens zeitweise. Was wollte ich eigentlich noch hier? Ich schaute mich nach einem Videophon um. Ich mußte Roussel Bescheid sagen. „Freiheit von der Sklaverei! Freiheit von der Sklaverei!“ Mit diesem Schlachtruf kamen sie um die Ecke. Es waren Hunderte. Sie marschierten hinter einem Typ her, der sich wie Spartacus oder Kirk Douglas oder beides vorkam. Bei denen hatte es wirklich völlig ausgehakt. Was sollte denn der Quatsch schon wieder? Sklaverei! Wer wurde denn hier unterdrückt? Aber wahrscheinlich hatten sie nur ein Motto für ihren Gaudi-Marsch gebraucht. Einer, der mit einer Leier neben der Marschkolonne einhertänzelte, rief mir zu: „Komm doch mit!“ „Wohin?“ „Weiß ich nicht! Aber es ist ein Mordsspaß!“ Ich schaute in sein freundliches Oberstudienratsgesicht und fragte mich, was um Himmels willen in diese Leute gefahren war. Und dann schossen aus einem unterirdischen Hangar unter dem Jupiter-Tempel zwei Einsatzfahrzeuge der Ferienpolizei heraus. Sie fackelten nicht lange. Spartacus griff sich an die Brust, wo ihn der Betäubungspfeil getroffen hatte, und fiel der Länge nach hin. Granaten mit Tranquilizer-Gas explodierten auf dem Pflaster. Bläuliche Schwaden begannen zu wallen. Die ersten Leute kippten um. Ich machte, daß ich wegkam. „Da läuft einer!“ „Das ist einer von den Saboteuren!“ Eine Maschinenpistole ratterte los. Ich hechtete um eine Ecke. Aus den Augenwinkeln sah ich noch, wie in der Wand, an der ich gerade entlanggerannt war, in Schulterhöhe eine kerzengerade Reihe von Einschußlöchern entstand. „Die sind wohl wahnsinnig“, keuchte ich und rannte, wie ich noch nie gerannt war. Die hätten mich glatt auf einen vagen Verdacht hin abgeknallt! Ich warf mich durch eine schmale Tür, die ich sofort wieder hinter mir zuknallte. Zehn Minuten später wußte ich, daß sie meine Spur verloren hatten. Während dieser Wartezeit begriff ich auch, was mich so verdächtig gemacht hatte: Ich trug immer noch meine stilechte Twickenhamer Kluft – Tweedsakko, Breeches und Reitstiefel. Die ideale Aufmachung, um unter lauter Römern aufzufallen wie ein längsgestreiftes Känguruh. Suchend tappte ich durch das leere Haus. Das Atrium lag ruhig im Mondschein unter dem rötlich flackernden Himmel. Aus der Ferne hörte man Sirenengeheul und das gelegentliche Knattern einer Maschinengewehrsalve. Die erotischen Darstellungen an den Wänden streifte ich nur mit einem Blick. Surrealistisch angehauchte Szenen geheimnisvoller Rituale, durchzogen von merkwürdig emotionslosen Sadismen. Die Angst- und Todesschreie, die in den Straßen widerhallten, schienen die wächsernen Bilder auf traumhafte Weise zu kommentieren. Pompeji 1996. In einer kleinen Kammer hinter dem Peristyl fand ich das Videophon. Ich schob meine Code-Karte rein und tippte Roussels Nummer ein. Nichts geschah. Die Leitung blieb tot. Ich fluchte ausdauernd. Dann durchstöberte ich das ganze Haus nach einem funktionierenden Kommunikationsmedium. Aber ich fand nichts außer einem Videogerät mit einer gewaltigen Leinwand. Auf der Cassette war ein Hardcore-Pomo mit obskuren mystischen Orgien. Ein wackerer Filmheld hätte jetzt sein Kinn kantig vorgestreckt, wäre rausgegangen und HÄTTE ES DEN SCHUFTEN MAL SO RICHTIG GEZEIGT. Aber ich hatte einen Riesenbammel, daß die mich einfach abknallen würden. Oh nein. Schließlich war ich hier nicht als jugendlicher Held engagiert. Unter diesen Umständen tat ich das Vernünftigste, was ich tun konnte. Ich haute mich in eine Ecke und versuchte, eine Mütze voll Schlaf zu kriegen. Berichte, Analysen, Meinungen. Als ich wieder wach wurde, war es schon hell. Ich hatte einen Geschmack im Mund, als hätte ich an einer Müllhalde genascht. Mein Schädel brummte, und ich kam mir wie eine Witzfigur vor. „Touristik-Manager verschläft Urlauber-Aufruhr“, brummelte ich vor mich hin, als ich zum Videophon schlurfte. Wieder tippte ich Roussels Nummer ein. Er erschien auf dem Bildschirm, als hätte er nur auf den Anruf gewartet. Er sah aus wie ein ausgemusterter Engel, der zu oft unter den himmlischen Brücken schlafen mußte. „Was ist los?“ „Rossi hier“, sagte ich überflüssigerweise und bemühte mich krampfhaft, wach auszusehen. „Das sehe ich. Wo haben Sie gesteckt?“ „Rom.“ „Und?“ Er sprang fast in das Aufnahmeobjektiv. „Unsere Leitung steht erst seit zwei Minuten wieder. Wie sieht’s da aus?“ „Schlecht.“ Er zerraufte sich sein wirres Blondhaar noch mehr. „Kommen Sie mir jetzt bloß nicht blöd, Rossi. Also, was ist los, aber ’n bißchen präziser, wenn’s geht.“ Ich erklärte es ihm. „Jetzt ist es wieder ziemlich ruhig“, schloß ich kühn. Mit einem Ohr horchte ich nach draußen. Es war ruhig. „Sie haben eine Menge Tranquilizergranaten verschossen.“ Ich salutierte zackig. „Melde gehorsamst: Rom planmäßig pazifisiert. Vom Einsatz taktischer Atomwaffen wurde zunächst Abstand genommen.“ „Witzig, witzig. Was soll’n die müden Scherze?“ „Weil unsere Jungs um sich geballert haben wie ’ne wildgewordene Söldnertruppe. Mich hätten sie auch fast erwischt.“ „Tja, wer ne Schießbudenfigur hat, sollte nicht unter Leute gehen.“ „Schönen Dank für die Anteilnahme, Roussel. Ist das eigentlich ’ne Bildstörung, oder sehen Sie wirklich so ausgekotzt aus?“ Er rang sich die Economy-Ausgabe eines Lächelns ab. Ich leistete mir einen ähnlichen Luxus. Wenigstens hatten wir jetzt unsere Spannung ein wenig abgebaut. „Okay, kommen wir zur Sache“, sagte ich. „Es sieht beschissen aus, Rossi. Überall ist die Hölle los. Die haben irgendwelche aggressionsfördernden Psychopharmaka in unseren Verteiler geschmuggelt. Die meisten sind darauf angesprungen, als hätten sie nur daraufgewartet. Manchmal glaube ich, das wäre alles auch ohne Sabotage übergekocht.“ „Aber was versprechen sich diese linken Systemveränderer von so einem Wahnsinnsattentat?“ „Linke Systemveränderer?“ Roussel schnaubte. „Das sind keine Feinde des Systems. Das ist das System selbst. Das ist unsere liebe kapitalistische Konkurrenz, die etwas unorthodoxe Wege zur Gewinnmaximierung einschlägt. Nicht gerade lehrbuchmäßig, aber sehr wirksam.“ „Sie meinen …“ „Na klar! Sie kennen doch unseren netten Konkurrenten aus Kalifornien – Free & easy Travels. Die haben vor der venezolanischen Küste ein ähnliches Projekt gestartet wie wir. Eldorado Island. Aber das läuft nicht. Freie Kapazitäten, Break-even-Point noch in weiter Ferne usw. Wir sind zu gut für sie. Aber wenn’s bei uns mal schiefgehen würde, kommen die Urlauber natürlich zu ihnen, weil sie die einzige, wenn auch zweitrangige, Alternative zu uns sind. Tja, und das probieren sie gerade aus …“ Das mußte ich erst mal verdauen. Ich wollte es nicht glauben, aber im Grunde wußte ich, daß er recht hatte. „Wahnsinn“, sagte ich. „Wahnsinn, Wahnsinn. Sind Sie sicher?“ „Na, vor Gericht würde ich’s natürlich nicht beeiden. Aber ich weiß, daß es so ist. Die haben unseren Psychopharmaka-Verteiler gefunden, haben unsere Nachrichtenverbindungen lahmgelegt und unsere wichtigsten Datenspeicher in die Luft gejagt. Das waren Profis. Die müssen sich in einer solchen Anlage auskennen. Mit ihren linken Parolen lenken die mich nicht ab. Die wollen nur einen Sündenbock aufbauen. Aber in Wirklichkeit war es Free & easy. Das steht für mich fest.“ Sein jungenhaftes Dressman-Gesicht war grau und müde. Er fuhr sich mit einem Ärmel seines T-Shirts über seine schweißverklebten Wangen. Seine Bartstoppeln machten ein kratzendes Geräusch. „Aber beweisen können wir’s ihnen natürlich nicht.“ Wir schwiegen beide. „Guerillakriegführung als absatzförderndes Instrument“, sagte ich schließlich gallig. „Die Fortsetzung des Marketing mit anderen Mitteln. Weit haben wir’s gebracht.“ „Ja. Auf 53 Tote. Ohne Rom. Bis jetzt.“ „Von der Schlappe erholen wir uns nie wieder.“ „Wohl kaum. Ist mir auch egal. Ich hab die Nase voll. Ich schmeiß den Krempel hin.“ Ich sah ihn verblüfft an. Sowas aus dem Munde dieses Super-Managers zu hören, damit hatte ich nicht gerechnet. „Es lohnt sich nicht“, murmelte er. „Man wird da in Dinge verstrickt, die einem irgendwie aus der Hand geraten. Die Dinge werden unkontrollierbar und gefährlich.“ Es war die Bankrotterklärung seines Weltbildes. Er hatte immer in dem Glauben gelebt, daß alles mach- und planbar war. Nun hatte er die Segel gestrichen. Und er war dabei absolut konsequent, wie immer. Ich fühlte zum erstenmal Sympathie für ihn – sogar Respekt. „Was ist denn passiert?“ fragte ich. „Alles, was sich Menschen nur antun können. Dies war ein Paradies. Nun ist es ein Trümmerhaufen. Okay, es war ein gemanagtes Paradies. Mit zuviel Manipulation, das seh’ ich jetzt. Aber es war in Ordnung. Die Leute hatten ihren Spaß dran. Mehr Spaß als sonstwo. Das ist jetzt aus. Die Schlange ist ins Paradies gekommen. Die Unschuld ist weg. Scheiße.“ Er riß sich zusammen und griff nach einigen Schaltern. „Ich geb’s Ihnen auf den Bildschirm. Das sind die aktuellen Monitorbilder.“ Ein geschäftiger Hafen mit überfüllten Straßen. „Chinatown. Haben sie irgendwie nicht erreicht. Alles in Ordnung.“ Eine Märchenstadt mit schlanken Marmortürmen und vergoldeten Kuppeln. Gespenstische Ruhe. Überall auf den Straßen lagen Menschen in den merkwürdigsten Verrenkungen. „Bagdad. Auch eine Psychodroge, aber eine, die passiv macht. Alle sind total stoned. Hätte schlimmer kommen können.“ „In Twickenham ging es auch ziemlich glimpflich ab. Sind wohl zu ruhige, introvertierte Leute dort. Aber hier, auf der Straße von Twickeham nach Rom hat’s Ärger gegeben.“ Ein Landrover und ein römischer Streitwagen waren ineinander gekracht. Wüstes Geschrei lag in der Luft. Gladiatoren und rotbefrackte Gentlemen bekriegten sich zu Pferde mit Schwertern, Poloschlägern und allerlei Hieb- und Stichinstrumenten. Aber es sah alles nicht so ernstgemeint aus. „Zum Liberty Club haben wir keine Bildverbindung. Dort hat es eine gewaltige Orgie gegeben, aber so gut wie keine Gewalttätigkeiten. Scheint was dran zu sein an der Theorie, daß Leute, die ihre Sexualität stärker ausleben, weniger Aggressionen in sich anstauen. Auf jeden Fall Love and Peace dort.“ Dann, wie ein Tiefschlag, verkohlte Felder mit verkohlten Leichen. Leblose Körper, die an Bäumen baumelten. Ausgebrannte Herrenhäuser. „Alphaville.“ Roussels Stimme zitterte. „Da sind die Herrenmenschen und die ‚Sklaven’ aneinandergeraten. Sie haben alle Scheußlichkeiten aus den Geschichtsbüchern wiederholt. Lynchen, Teeren und Federn Femegerichte, Massenmorde. Unsere Kulisse hat die entsprechende Mentalität erzeugt.“ Langsam begriff ich, warum Roussel alles hinschmeißen wollte. In mir kroch derselbe Wunsch hoch. „Ibiza können wir auslassen. Da haben sie nur sämtliche Geschäfte und Bars geplündert. Und eine ziemlich große Gruppe hat die Grenzposten überwältigt und sich dann nach Tahiti abgesetzt. Das war das Schlimmste, denn die Bonzen in Tahiti haben ihr Gebiet, verteidigt’. So ein sinnloses und brutales Gemetzel können Sie sich gar nicht vorstellen, Rossi.“ „Aber warum denn, um Himmels willen?“ „Was weiß ich. Vielleicht haben sie ihren Neid auf die Jugend abreagiert. Vielleicht haben sie immer auf die Gelegenheit gewartet, einen Einbrecher auf ihrem Villengrundstück abzuschießen. Notwehr, verstehen Sie? Vielleicht wollten die Bürohocker und leitenden Herren nur mal wissen, wie es ist, wenn man ein Messer in einen reinsteckt? Vielleicht braucht man einen Killerinstinkt, um in der sozialen Hierarchie so weit nach oben zu kommen? Vielleicht war es auch nur eine chice Abwechslung für diese abgefuckten, blasierten Wichser, die schon alles haben und alles gesehen haben?“ Roussel war wirklich fertig. Und er war gefährlich. Aus dem Saulus war ein Paulus geworden. Die Company würde nicht mehr viel Freude an ihm haben. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen, Roussel?“ fragte ich. Ein Hauch seines alten Grinsens erschien auf seinem Gesicht. „Sympathie auf den zweiten Blick, eh? Kommen Sie nach Tahiti. Da gibt’s am meisten zu tun, und Sie können gleich Ihren neuen Chef kennenlernen.“ „Meinen was?“ „Ich hab’ jemand angefordert. Die Zentrale schickt einen Sonderbeauftragten. Irgendeinen Vizepräsidenten zbV. Urs von Nicolay. Ein Mensch mit dem Gemüt eines Fleischwolfs – aber eines mikroprozessorgesteuerten. Er landet in einer Stunde. Seien Sie da, ja? War nett, mit einem Normalen sprechen zu können. Adieu.“ Der Bildschirm erlosch. Im Jahre des Herrn neunzehnhundertsechsundneunzig – zum zweiten Trotz der Hitze auf dem Dach des Gefängnistrakts P (P für politisch) war das Auditorium voller Aufmerksamkeit. Im Halbkreis umstanden sie die Versuchsanordnung: eine gefesselte, nackte Frau, einige Geräte und Kabel. Gedankenverloren drückte Dr. Schreiber-Martinez seine Zigarette auf dem Körper der Frau aus. „Meine Herren“, sagte er, „Sie sind heute Zeugen eines großen wissenschaftlichen Fortschritts: Sie erleben die erste mit Sonnenenergie betriebene Elektroschock-Apparatur der Welt. Eine naheliegende und nützliche Entwicklung für ein tropisches Land wie das unsere. Ich darf sie Ihnen jetzt vorführen.“ Die stumpfen, nach innen gekehrten Augen der Frau veränderten sich nicht, als der weißbekittelte Arzt die Elektroden an ihren Geschlechtsteilen anschloß. „Etwas exzentrisch, unser guter Doktor“, sagte der Minister für Innere Sicherheit zu General Guzman. „Aber sehr amüsant.“ „Ja, sehr amüsant.“ Guzman stellte sich neben den Doktor und gab seinem Adjutanten einen Wink. Der Adjutant machte ein Erinnerungsfoto. „Ich habe für die Demonstration ein sehr gefälliges Exemplar aus unserer reichhaltigen Sammlung ausgesucht“, schmunzelte Schreiber-Martinez zufrieden. „Ich werde jetzt mal mit einem kleineren Stromstoß anfangen, zum Aufwärmen sozusagen.“ Von den Lippen der Frau löste sich ein tierischer Schrei. „Was ist denn“, sagte der Wissenschaftler verwirrt. „Ich habe doch noch gar nicht eingeschaltet.“ Strandleben mit kleineren Problemen, die aber schnell gemeistert werden Gute Arbeit, Señor Dali. Sehr bizarres Szenenbild, Mister Coppola. Ich traute meinen Augen kaum, als ich aus dem Hubschrauber sprang und am Strand entlangstapfte. Wenn Dali seine Visionen in einem Beach Club angesiedelt hätte, wäre vielleicht so etwas Ähnliches dabei herausgekommen. Oder wenn sich Coppola vorgenommen hätte, einen intellektuellen Katastrophenfilm zu machen. Unrat, leere Flaschen, umgestürzte Liegestühle und Packungen mit grellen Werbeaufschriften bedeckten den ehemals makellosen Strand. Aufgespannte Sonnenschirme rollten in dem Chaos umher, wenn wieder eine Brise vom Meer kam. Aus dem zerborstenen Fenster des himmelblau gestrichenen Einkaufszentrums im Hintergrund hing ein lebloser Körper. Seine rechte Hand hielt eine Sechserpackung Bier umkrampft. Im Swimming-pool neben der Strandbar drehte sich im Schwimmreifen einer Gummiente ein etwa zehnjähriger Junge. In seiner Schläfe war ein Loch. Das Gesicht mit den glasigen Augen war angstvoll verzerrt. Nicht weit von ihm trieb ein junges Mädchen in einem knappen Bikini auf dem Rücken. Ihr langes, blondes Haar schwebte um ihren Kopf wie vergoldetes Seegras. Ein dicklicher junger Mann mit beginnender Glatze hatte seine Liege an den Rand des Pools geschoben und versuchte, ein ferngesteuertes Modellschiff zwischen ihre Beine zu lenken. In einem Liegestuhl saß regungslos ein tiefgebräunter Titelbildschönling mit Badeslip und Baseballmütze. Quer vor seiner Brust hielt er ein Gewehr, das er ab und zu hochriß, um eine Möwe abzuschießen. Dann sank er wieder zurück, und nur ein dünner Rauchfaden aus dem Cigarillo, das zwischen seinen weißen Zähnen klemmte, zeigte an, daß er noch lebte. Die anderen Urlauber bewegten sich durch diese absurde Kulisse, als sei nichts geschehen. Sie führten eigenartige, nachtwandlerische Konversationen oder schwankten mit Drinks aus der fast leergeplünderten Bar vorbei. Einige ölten sich mit automatischen Bewegungen ein und streckten sich dann in der Sonne aus. Ein Damengrüppchen in reiferen Jahren unterhielt sich angeregt über die anatomischen Vorzüge des toten Surf-Instructors, der auf seinem Brett an den Strand gespült worden war. Und über all dem stand ein postkartenblauer Himmel, und die meerwärts geneigten Postkartenpalmen rauschten im Wind. Sorglose Urlaubswochen unter südlicher Sonne. Inclusive Vollpension, Mord und Totschlag. Ich kickte eine Modezeitschrift zur Seite, stampfte die Hochglanz-Society in den Sand. Ein Hubschrauber erschien mit dumpfem Rattern über unseren Köpfen. Als er landete, verursachte er einen Sandsturm. Ein alter Mann im Smoking saß in der Nähe. Der Sand peitschte in sein Gesicht. Er verzog keine Miene. Der Sand fiel in sein Cocktailglas. Er hob es an die Lippen und trank. Der Sand knirschte zwischen seinen Zähnen. Er bemerkte es nicht. Ein Uniformierter sprang mit gezücktem Revolver aus dem Hubschrauber. Roussel folgte. Dann kam ein Unbekannter. Das mußte dieser Urs von Nicolay sein. Am Schluß steckte Klamm seinen stromlinienförmigen Kopf heraus. Dieser Pinscher hatte schon wieder gerochen, von wem es jetzt das Freßchen gab. Er quatschte auf Nicolay ein, als könnte er für jede Silbe Spesen abrechnen. Ich ging rüber zu ihnen. Roussel machte uns bekannt. Nicolay war ein schlanker, soigniert aussehender Mittvierziger mit grauen Schläfen. Er hatte eine verspiegelte Sonnenbrille auf, die seine Augen verbarg. Wortlos ließ er seinen Blick über die Trümmer unseres ehrgeizigen Urlaubsimperiums wandern. „Hätte schlimmer kommen können“, sagte er schließlich knapp, während sich das Chaos in seiner makellos gestylten Brille spiegelte. Er sprach extrem leise – ein Statussymbol, das sich viele Top-Manager zulegen, um zu zeigen, daß sie es nicht nötig haben, ihre Stimme zu heben, damit man auf sie hört. „Dem kann ich nicht zustimmen, Herr Nicolay“, sagte ich. „Schauen Sie sich doch um. Das sind alles Leichen. Wenn nicht physisch, dann wenigstens psychisch. High und total geschockt. Wer weiß, wann die wieder normal werden. Wenn überhaupt.“ Nicolay machte eine ungeduldige Geste. „Ach Gott, die Leute … Das war eben höhere Gewalt. Nicht vorhersehbar. Politisch motivierte, kriegsähnliche Aggression von außen. Vertraglich sind wir da völlig aus dem Schneider. Steht im Kleingedruckten. Aber die Gebäude sind in überraschend gutem Zustand.“ Er sagte das ganz gelassen. Wahrscheinlich war er noch stolz auf seine Neutronenbombenmentalität. „Ja, das finde ich auch. Da haben Sie ganz recht, Herr von Nicolay“, schleimte Klamm eilfertig hinterher. Mir ging richtig das Messer in der Tasche auf, als ich diese beiden ehrenwerten Herren anschaute. „Ich glaube, daß Sie unter diesen Umständen künftig auf meine Mitarbeit verzichten können“, schnappte ich. „Es gibt Grenzen, ein Mindestmaß an Anstand …“ Ich wußte vor Zorn gar nicht, was ich ihm sagen sollte. Nicolay sah mich an, wie ein Millionenschieber einen kleinen Straßenräuber anschaut. Im Rahmen seiner Möglichkeiten wirkte er belustigt. „Sie also auch, Rossi.“ Er sah flüchtig zu Roussel hinüber. „Na gut. Die Spreu sondert sich vom Weizen. Wer sich die Hände nicht schmutzig machen will, der erntet auch nichts. Klamm, würden Sie Rossis Position übernehmen können?“ „Ja, ja, ja.“ Klamm verschluckte sich fast vor Dynamik. „B-b-besser“, blubberte er. Nicolay schmunzelte väterlich. „Wir werden ja sehen.“ Ich fühlte mich plötzlich innerlich sehr frei. „Na, Klamm“, sagte ich locker und piekste mit dem Zeigefinger in seinen Wabbelbauch, „da haben Sie sich ja klammheimlich Ihren Traumjob unter den Nagel gerissen, wie?“ Für einen Augenblick glaubte ich, er wollte mich vors Schienbein treten. „Passen Sie auf, Rossi“, knirschte er, „ich kann Sie in Arrest …“ Seine Augen wurden plötzlich groß. Er deutete über meine Schulter. „Ein Plünderer!“ Ich fuhr herum. Irgendein verrückter Bursche in schlabbrigen, weißen Klamotten rannte mit einem Mehlsack auf der Schulter und einer Flasche in der Hand am Supermarkt vorbei. Nicolay schnippte mit dem Finger. Der Uniformierte hob seinen langläufigen Colt und schoß einmal. Der Mehldieb überpurzelte sich wie ein Hase. Seine Beute plumpste zu Boden. Die Flasche zerschellte, der Sack riß auf und überpuderte ihn weiß. Nicolays Gorilla rannte auf ihn zu, riß ihm die Arme auf den Rücken und setzte ihm die Waffe an die Schläfe. Er erinnerte mich an Pressefotos von Verhören gefangener Guerillas. „Ein Filipino“, sagte Roussel erstaunt, als wir uns den Gefangenen näher anschauten. „Was soll das denn?“ zischte Klamm. „Auf der ganzen Insel ist kein Filipino. Nur Touristen und unsere Leute.“ Roussel beugte sich über den Mann und redete beruhigend auf ihn ein, erst in spanisch, dann in einer anderen Sprache. Der Verletzte antwortete stockend. „Was sagt er?“ drängte Nicolay. Roussel schüttelte den Kopf. „Verrückt. Er sagt, er gehört zu den Eingeborenen, die ursprünglich auf der Insel wohnten. Sie haben sich nicht evakuieren lassen, sondern haben sich im Urwald versteckt. Sie gehen nicht weg. Sie sagen, es sei ihre Insel.“ „Und jetzt beklauen uns die Schufte, wie?“ Klamm war voll gerechter Entrüstung. „Ein billiger Ausgleich dafür, daß wir ihnen die Insel geklaut haben“, murmelte ich. „Wir haben sie nicht geklaut, sondern ganz rechtmäßig vom philippinischen Staat gekauft“, sagte Nicolay scharf. „Okay, dann war’s eben nicht Diebstahl, sondern Hehlerei. Schließlich gehört das Land ja ihnen und nicht dem Staat.“ Nicolay sah mich an und notierte mich in Gedanken auf seiner schwarzen Liste. „Darauf kommen wir noch zu sprechen“, sagte er. Er stieß den Filipino mit dem Fuß an. „Der Bursche hat uns angegriffen. Er hat unser Leben und unser Eigentum gefährdet.“ Ich starrte in das zuckende, mehlverschmierte Gesicht dieses armen Teufels, den der Hunger in unsere angeschlagene Überflußgesellschaft getrieben hatte. „Angegriffen, jawohl“, wiederholte Nicolay hartnäckig. „Fragen Sie ihn, wie viele von seiner Sippschaft noch auf der Insel sind.“ „Über dreitausend“, sagte Roussel nach einigem Hin und Her. „Dreitausend“, flüsterte Nicolay. „Das ist ja eine ganze Armee! Eine akute Gefahr für uns!“ „Na, na, na“, machte Roussel. Nicolay hörte gar nicht hin. Er sah aus wie ein Schachspieler, der weiß, daß sein Gegenspieler in zwei Zügen matt ist. Er glühte vor Genugtuung. „Das ist das Beste, was uns passieren konnte. Eine fast todsichere Sache, um aus dem Schlamassel rauszukommen.“ Roussels Kopf flog hoch. Dann kapierte auch ich es. Es war eine todsichere Sache. Sicher für uns. Und tödlich für die Filipinos. Heia Safari oder: Halali zur Sündenbockjagd Dr. med. dent. Hartinger spähte über den Lauf seines Gewehres. Sein Finger krümmte sich um den Abzug. Ein Schuß krachte. Mit einem langgezogenen Schrei stürzte eine Gestalt in schlabbrigen, weißen Klamotten (hatten die denn alle das gleiche an?) aus dem Wipfel eines Urwaldriesen. „Das war schon der dritte heute“, verkündete Dr. Hartinger stolz. „Schreib das auf, Sabine. Das muß festgehalten werden. Wahrscheinlich können wir keine Strecke legen.“ Seine Begleiterin, ein gutgebautes Playmate, das etwas zu blond und etwas zu dumm war, kicherte und machte einen Strich in ein kleines Notizbuch. Der Safari-Unimog ruckte wieder an. Jens-Uwe Klein, Geschäftsführer der Revidata GmbH, der neben Blondie auf der Ladefläche saß, ließ sich ziemlich aufdringlich gegen sie plumpsen. „Hoppla“, sagte er aufgekratzt. „Ihr, äh, der Herr Zahnarzt schießt aber gut.“ „Das können Sie glauben“, flötete sie. „Der schießt Ihnen so’n Bimbo auf hundert Meter vom Baum. Die leben doch auf den Bäumen, oder?“ Ich starrte diese grellen, ordinären Wohlstandsbürger in fasziniertem Grauen an. Sie redeten wie Karikaturen, aber sie waren keine. Sie bewiesen wieder einmal, daß das Leben der zynischste Kabarett-Texter ist. Sie bemerkten, daß ich sie anstarrte. „Sie haben wohl nichts übrig für die Jagd, wie?“ fragte Klein. „Verdammt, das sind keine Karnickel, das sind Menschen!“ schrie ich. Klein runzelte irritiert die Stirn. Blondie gab sich pikiert. „Gott, sind Sie empfindlich. Wegen der paar Wilden, die uns überfallen haben.“ Dr. Hartinger fuchtelte mit seinem Gewehr leichtsinnig in der Gegend herum. „Wir müssen die Insel von diesen Banditen säubern. Das ist einfach vorbeugende Selbstverteidigung. Ganz legal.“ Ein amüsiertes Lächeln zuckte über sein Gesicht. „Aber eine gewisse waidmännische Komponente läßt sich natürlich nicht verleugnen.“ Was im Klartext bedeutete, daß die Eingeborenen nicht mehr Chancen hatten als die Hasen bei einer Treibjagd. Nicolay war ein genialer Schachzug gelungen. Erstens hatte er in den Filipinos die idealen Sündenböcke gefunden, die man für alle Zerstörungen verantwortlich machen konnte. Als schwache, unorganisierte Minderheit ohne irgendwelchen Rückhalt boten sie sich dafür wie auf dem Präsentierteller an. Warum sollte es ihnen besser ergehen als etwa den Amazonasindianern? Und zweitens bekommt man auf diese Weise die Killer aus den Urlaubszonen heraus. Die Killer waren jene, bei denen die Aggressivität nicht mit der Wirkung des Psychogases abflaute, sondern die Gefallen an der Gewalt gefunden hatten. Nach dem Motto „Hast du Schwierigkeiten im Innern, so lenk’ die Aggression nach draußen“ waren Kampfgruppen gebildet worden, die nun im Dschungel herumkurvten und die Eingeborenen massakrierten. Wir bildeten einen von insgesamt zehn Trupps. Hinter uns fuhren noch zwei Landrover voller Schießwütiger. Die Insassen hatten sich fein gemacht für ihren blutigen Urwaldausflug. Man sah viele, derbe, großkarierte Baumwollhemden, Stiefel, Cowboyhüte, Jeans mit breiten Gürteln. Über allem lag der Hauch von Freiheit und Abenteuer. Jeder war ein kleiner Westernheld, der aus seiner Stagecoach heraus ein paar Indianer abknallen konnte, aber live, nicht nur im Fernsehen. Da waren die leitenden Herren aus den Palisanderbüros, die statt mit Befehlen auch mal mit Schüssen traktieren wollten. Da waren die mittleren Befehlsempfänger, die schossen, weil man es so angeordnet hatte. Sie taten alles, was man ihnen sagte. Auch wenn es etwas außerhalb der Legalität war. Schließlich konnte es ja eine gute Chance sein, sich zu profilieren. Und da waren die geknechteten Hilfssachbearbeiter, Aktenträger und Treppenterrier, die jetzt auch mal zuschlagen durften. Eine einzige große Familie von Killern. Unseren täglichen Faschismus gib uns heute. Während Dr. Hartinger mit seinen Jagderfahrungen auf Hoch- und Niederwild prahlte, sah ich Roussel an, der bisher kein Wort gesagt hatte und Blondies schmachtende Blicke ignorierte. Er sah krank aus. „Ich finde das zum Kotzen“, sagte ich zu ihm. „Ja, ja, aber die Meckerei nützt nichts.“ Er wirkte ungeduldig und explosiv. „Wir müssen was tun.“ „Aber was? Sollen wir ihnen etwa die Waffen abnehmen? Mit Gewalt?“ „Warum nicht?“ sagte er langsam. „Warum nicht.“ „He, da ist wieder einer!“ schrie Klein und deutete nach vorn. Ein Eingeborener war entnervt aus dem Wald gesprungen und lief nun schräg vor dem Wagen her. Er mußte verrückt sein. Er war einfach nicht zu verfehlen. Dr. Hartinger stellte sich breitbeinig hin und zielte auf den Rücken des Flüchtenden. Es war glatter Mord. Ich sprang auf und trat ihn ins Kreuz. Mit einem überraschten Aufschrei kippte er über Bord, und ich wünschte ihm, daß er unter die Räder kam. Sein Gewehr flog durch die Luft. Roussel schnappte es mit einem schnellen Griff. Er rief dem Filipino etwas zu, der daraufhin wieder im Wald verschwand. „So, und jetzt schmeißt eure Waffen weg“, keuchte er und schwenkte die Gewehrmündung über die anderen Jäger. „Das ist kein Spaß. Ich knall’ euch alle ab, wenn ihr nicht spurt. Los, wird’s bald!“ Mit bleichen Gesichtern und vorsichtigen Bewegungen warfen sie ihre Schießprügel auf die Erde. Roussel grinste und blies eine Locke aus seiner Stirn. In diesem Augenblick glich er einem jungen Gott. Die Kugel erwischte ihn in der linken Brustseite und wirbelte ihn um die eigene Achse. Er brach zusammen, ohne einen einzigen Schuß abgegeben zu haben. Ich stürzte zu ihm hin. Er lag auf dem Rücken. Auf seinem T-Shirt breitete sich ein großer, roter Fleck aus. Seine Brust hob und senkte sich in krampfhaften Stößen. Er atmete laut und schmerzhaft, wie eine Frau in den Wehen. Sein Gesicht glänzte vor Schweiß. Das Leben wich aus ihm, wie sich eine Wolke vor die Sonne schiebt. Er starrte auf eine Palme am Waldrand, auf den weiten, tiefblauen Himmel. „Oh islands in the sun“, flüsterte er. „Ein Traum. Ein Traum.“ Sein Atem blieb stehen wie eine abgelaufene Uhr. Als der Idiot, der ihn erschossen hatte, vom Landrover sprang und sein Gewehr auf mich richtete, sah ich ihn nur groß an. Im Jahre des Herrn neunzehnhundertsechsundneunzig – zum dritten SOLIDARITÁ So stand es in roter Farbe an der Fassade des Botschaftsgebäudes, das einer großen ausländischen Macht gehörte. Der letzte Buchstabe, das Ä, war unfertig und endete in einem wilden Schlenker. Die Farbe war noch frisch und tropfte an der Wand herunter wie eine Blutspur. Ein paar Tropfen fielen auf das in Agonie verzerrte Gesicht des Indiopriesters. Aber er merkte es nicht. Er war schon tot, als die Nationalgardisten immer noch auf ihn einprügelten. Happy-End. Aber für wen? Ich saß in einem bequemen Ledersessel. Eine Cuba Libre stand auf einem Tablett neben mir. Sie hatten mich nicht gefesselt. Aber es war trotzdem ein Verhör. Nicolay schaute mich freundschaftlich über die Gläser seiner randlosen Lesebrille hinweg an. „Sie wollen also das, was hier passiert ist, tatsächlich vor den Augen der Weltbevölkerung breittreten?“ „Da können Sie Gift drauf nehmen!“ sagte ich. Es hatte entschlossen klingen sollen, aber es kam ziemlich schwächlich. Ich hatte Angst. „Was hier geschehen ist, ist so ungeheuerlich, daß es jeder erfahren muß. Ich werde es an die Presse weitergeben.“ „Passen Sie auf, an welche Zeitschrift Sie sich wenden. Sie könnte uns gehören“, empfahl er mir milde. Seine Gelassenheit beunruhigte mich. In meinen Eingeweiden schienen Ameisen zu krabbeln. Automatisch nahm ich einen Schluck aus meinem Glas. „Es wird auf jeden Fall rauskommen. Sowas läßt sich nicht verheimlichen. Irgendjemand wird reden.“ Nicolay sah seine gepflegten, sauberen Hände an. „Nun, das glaube ich nicht. Sehen Sie, es gibt nur eine Handvoll Menschen auf dieser Insel, die wirklich wissen, was vorgefallen ist. Die anderen wissen nur Fragmente. Das heißt, man kann ihnen alles einreden, was nur halbwegs plausibel ist. Eine plausible Lüge war schon immer die bessere Wahrheit.“ „Aber die Zerstörungen, die Toten … Das können Sie doch nicht einfach unter den Teppich kehren.“ „Nun ja, leider nicht. Aber dafür haben wir ja die Schuldigen. Wir wissen schließlich, wer dafür verantwortlich war.“ „Free & easy.“ Nicolay rollte die Augen zur Decke wie ein Lehrer, der sich mit einem besonders begriffsstutzigen Schüler abplagen muß. „Also wirklich, Rossi, jetzt werden Sie kindisch. Wollen Sie eigentlich nicht kapieren, was hier läuft, oder was geht in Ihrem Kopf vor? Wir können Free & easy nie beweisen, daß sie ein Attentat auf uns verübt haben.“ „Wir könnten uns natürlich revanchieren. Aber dann schlagen sie wieder zurück, und das eskaliert endlos. Das hat keinen Sinn. Nein, wir werden uns gütlich mit ihnen einigen. Wir werden Anteile an ihrer Ferieninsel erwerben, und sie werden sich an Holiday World beteiligen. Kapitalverflechtung, verstehen Sie? Wir können uns dann untereinander absprechen, und obwohl, volkswirtschaftlich gesehen, ein Dyopol vorliegt, haben wir im Grunde genommen ein Monopol.“ Er ereiferte sich auf roboterhafte Weise. Der Nationalökonom, der nur an Absatzkurven und nicht an Menschen dachte, ging mit ihm durch. „So ein Monopol ist natürlich optimal für die Gewinnmaximierung“, plauderte er weiter aus seinem rer. pol.-Nähkästchen. „Und wir sind zusammen so kapitalstark, daß wir jeden neuen Wettbewerber sofort eliminieren, bevor er seine Nase in den Wind gesteckt hat.“ „Na prächtig“, sagte ich. „Und so reichen sich die streitenden Parteien auf dem Schlachtfeld brüderlich die Hände.“ „So ist es“, nickte Nicolay zufrieden. Er hatte einfach keinen Sinn für Ironie. „Wen stört es schon, daß man knietief in Leichen watet“, fügte ich ätzend hinzu. „Höchstens ein paar Überempfindliche wie mich.“ „Aber ich bitte Sie. Wegen der paar Eingeborenen.“ „238“, murmelte ich und wunderte mich, daß das Glas in meiner Hand unter dem Druck nicht zersprang. „Wen interessiert das schon? Wenn wir bekanntgeben, daß diese Wilden unsere Urlaubsgebiete überfallen und unschuldige Touristen getötet haben, regt man sich höchstens auf, weil wir nicht mehr erwischt haben. Und bei den Leuten, die daran teilgenommen haben, ist die gestrige Sündenbockjagd hervorragend angekommen. Ist doch was anderes als auf Hirsche oder Fasane. Echte Wilde! Wie in der guten, alten Kolonialzeit.“ Er bekam wieder seinen strategisch-sinnenden Blick. „Schade, daß man keinen Jagdschein dafür ausgeben kann. Aber man könnte Abenteuersafaris in den Dschungel anbieten. Wir drücken den Teilnehmern ein Gewehr in die Hand und sagen, wenn dich so ein Wilder angreift und du ihn in Notwehr erschießen mußt – Pech gehabt! Oder Glück, haha. Alles ganz legal. Hmmmh, wäre sicher eine interessante Marktlücke.“ Ich glotzte ihn an. Es war nicht so sehr die Tatsache, daß er an sowas dachte. Was mich krank machte, war die Tatsache, daß er es nicht für ausgeschlossen hielt, so etwas realisieren zu können. Er war ein Amokläufer im Flanellanzug und mit tadellos gebundener Krawatte. „Aber die Urlauber, die hier auf Holiday World sind“, versuchte ich, sein Alibi-Programm zu durchlöchern. „Die wissen doch, daß nicht die Filipinos die Gewalttätigkeiten begangen haben, sondern daß sie sich selbst die Schädel eingeschlagen haben.“ „Genau deshalb werden sie auch tunlichst darüber schweigen. Es war wie ein böser Dämon, der über sie gekommen ist. Sie wollen nicht mehr daran denken. Wir bieten ihnen ein gutes Alibi an. Sie werden es dankbar akzeptieren und in ein paar Tagen selber dran glauben. Jeder kriegt eine Woche Gratisurlaub, und nach einer repräsentativen Blitzumfrage wollen 98,5 wieder bei uns Urlaub machen.“ „98,5?“ fragte ich ironisch. „Das erinnert mich an die Wahlergebnisse in totalitären Staaten.“ „Aber ganz ohne Zwang“, sagte er glatt und sah aus dem Fenster. Ein Reflex auf seinem Brillengestell schien einen Lichtspeer nach mir zu schleudern. Er erinnerte mich an einen Computer-Mephisto. „Zwang ist schließlich altmodisch. Ein paar Euphorizer zur rechten Zeit, ein paar Top-Psychologen am rechten Ort, ein paar freundlich-suggestive Worte – und schon ist alles wieder im rechten Lot. Die modernen Beeinflussungstechniken sind sehr erfolgreich. Wir beherrschen nicht durchs ‚Nein’, sondern durchs ‚Ja’, nicht durch Verbote, sondern durch Angebote. Viel wirksamer. Fröhlich, schmerzfrei, positiv.“ Ich begriff, daß sein Irrsinn System hatte. Und dieser Irrsinn fiel gar nicht auf, weil zu viele andere Verrückte um ihn herum waren. Ich fühlte mich wie ein blöder, verträumter Außenseiter, ein Oldtimer, der noch nicht die windschlüpfigen Moralvorstellungen der Neuen Zeit hatte. „Aber die restlichen 1,5, Nicolay.“ Es war ein letzter Versuch vor der endgültigen Niederlage. „Die werden doch sagen, was los war.“ „Man wird ihnen nicht glauben. Wir haben die größere Kommunikationsmacht hinter uns: Verlage, Werbeagenturen, Öffentlichkeitsarbeiter. Wir machen die Meinung, die wir brauchen. Und schließlich waren diese Querulanten durch die Psychopharmaka verwirrt, die die Komplizen der Filipinos angewendet haben. Übrigens gut, daß Sie mich daran erinnern. Wir müssen diese linke Polit-Bande mit ihren Parolen mehr in den Vordergrund stellen.“ Er wandte sich zur Seite. „Klamm, denken Sie daran, daß wir eine entsprechende Organisation gründen müssen, die sich dann zu der Tat bekennt. Eilt!“ Ich war soweit, daß ich mich nach einem schönen, gemütlichen Alptraum sehnte. „Aber das Ganze ist nicht nur durch Einwirkung von außen entstanden“, sagte ich. „Da war auch viel Druck von innen da. Und der hat sich dann in diesem Erdbeben entladen.“ Nicolay lehnte sich lässig zurück. Er hatte alles unter Kontrolle. „Es war kein Erdbeben“, sagte er. „Ihnen zittern nur die Knie.“ „Unter humanitären Gesichtspunkten …“, begann ich. „Kommen Sie mir jetzt nicht mit so was“, unterbrach mich Nicolay. „Hier geht’s nicht um Humanität. Hier geht’s um Geld. Um sehr viel Geld. Für sehr viele Leute. Um Milliarden. Um Aufträge. Um Arbeitsplätze. Um soziale Sicherheit.“ „Der gute Mensch von Tour Futur.“ „Spotten Sie nur. Was wir hier tun, mag Ihnen zwar etwas kraß erscheinen, aber wir folgen dabei eigentlich nur ganz logischen Sachzwängen.“ Ich stand auf und überlegte, ob ich ihn mit zwei schnellen Schritten erwischen konnte. Aber es ging nicht. „Nicolay“, sagte ich noch leiser als er, „eines Tages laufen Sie mir über den Weg, ohne daß zwei Gorillas mit Schießprügeln hinter Ihnen stehen. An diesem Tag wird es Ihnen nicht gutgehen.“ „Sparen Sie sich doch Ihre filmreifen Sprüche, Rossi“, entgegnete er schulterzuckend. „Sie nehmen sich viel zu wichtig. Sie können uns nichts anhaben. Hauen Sie ab.“ Ich mußte ihn wohl ziemlich ungläubig angesehen haben. „Ja, ja, Sie können gehen“, erklärte er und ging zur Tür, die ins Freie führte. Seine Lakaien folgten ihm. „Kommen Sie“, sagte einer der Gorillas und schob mich vor sich her. Vor dem Haus stand ein Hubschrauber. In der grellen Mittagssonne warf er einen fast schwarzen Schlagschatten. „Los, steigen Sie ein, und fliegen Sie dorthin, wo der Pfeffer wächst“, blubberte Klamm geschäftig. „Eine Laus im Pelz weniger.“ Ich starrte den rosaroten Hubschrauber an, der den rettenden Ausweg bot. Tiefes Mißtrauen wallte in mir hoch. Ich kannte jetzt ihre Einstellung zu „Sachzwängen“. Sie konnten mich nicht laufenlassen. Dann schaute ich das arme Schwein von Piloten an. „Die hätten dich eiskalt hops gehen lassen, Dave“, sagte ich ruhig. „Weißt du denn nicht, daß du eine Höllenmaschine an Bord hast?“ Er bekam große Augen. „Was ist das? Mister Nicolay, was hat das zu …“ Den kurzen Augenblick der Verwirrung benützte ich, um dem schräg neben mir stehenden Wachmann den Revolver aus dem Halfter zu reißen. Ich sprang zwei Schritte nach hinten und streckte den Colt weit von mir. Ich stand leicht in den Knien gebeugt. Das rechte Handgelenk stützte ich ab, indem ich es mit der linken Hand umklammerte. Wie auf dem Schießstand. „Keiner rührt sich“, rief ich. Die Mündung zeigte auf Nicolays Bauch. „Sonst gibt’s einen Sachzwang Kaliber 38.“ Klamm bibberte vor Angst. Nicolay bemühte sich, ruhig zu bleiben, aber er war sehr bleich. „Wir erwischen Sie trotzdem noch“, flüsterte er. Ich schob mich rückwärts auf einen schmalen Durchgang dem Appartementhäuschengewirr zu und hielt die Waffe immer noch im Anschlag. Ruhig, ruhig. „Ich würde an deiner Stelle mitkommen, Dave.“ Er war nicht von gestern. Er wußte, wo er wenigstens noch eine geringe Chance hatte, und kam rüber zu mir. Einer der Gorillas wollte doch noch beweisen, daß er sein Geld wert war. Er warf sich zu Boden und fischte seinen Revolver heraus. Ich schoß, ohne zu überlegen. Dreimal. Die zweite Kugel traf ihn in der Schulter und ließ ihn schlaff werden. Die dritte prallte auf dem Pflaster ab und erwischte Nicolay im Unterschenkel. Er brach zusammen und geiferte mit unartikulierter Stimme Befehle heraus. Dave und ich rasten durch die engen Gäßchen und schlugen uns in den Urwald. Hier waren wir ziemlich sicher. Als nach langen Stunden endlich die Sonne untergegangen war, kamen wir wieder raus. Im Schutze der Dunkelheit schlichen wir vor ans Wasser. Es war gut, daß wir uns hier so gut auskannten. Wir wollten uns ein Boot schnappen und übers Meer auf eine größere Nachbarinsel fliehen. Dort konnte man weitersehen. Aber erst mal weg von hier. Es war Neumond. Das Meer wirkte stumpf und ölig. Weit draußen zuckte der Lichtfinger eines Patrouillenbootes durch die Nacht. Wenn wir daran unbemerkt vorbeikamen, hatten wir es geschafft. Dann würde die Welt davon erfahren, was hier geschehen war. Dann würde die Abrechnung erfolgen. Wenn wir es schafften. Wenn sie nicht auf uns warteten. Wenn sie uns keine Falle gestellt hatten. Wenn uns die Infrarot-Kameras nicht schon erfaßt hatten. Ich atmete tief durch und glitt ins Wasser. Mein Rücken kribbelte, als hätte man darauf eine Zielscheibe eintätowiert. Horst Pukallus Held des Universums An die Wirklichkeiten des Lebens dachte hier jeder nur, um daraus einen freundlichen Scherz zu entlehnen. Honore de Balzac: Verlorene Illusionen Jawoll, Freunde, frischauf aus den Federn springt in aller Morgenfrühe euer vielversprechender Science Fiction-Autor, innerlich auf Lützow scher Jagd nach den großartigen Ideen vorm gestrigen Einschlafen, die er nun doch vergessen hat {natürlich kennt er die kleinen Tricks, sofortiges Aufschreiben und so, aber ausgerechnet gestern war im Kuli mit eingebauter Glühbirne die 1,5-Volt-Batterie leer), äußerlich so nackt, wulsthüftig und mit Halbsteifem wie jeder Schreibtischtäter am frühen Morgen, ein Supermann wie du und ich, dem kein Mann von einem anderen Planeten jemals über den Weg laufen und keine strammärschige Blondine jemals die Hand küssen wird, und sieht man ihn sich so an, Zausschopf, Stoppeln am Kinn, fahrige Bewegungen, verkniffener Mund, könnte man meinen, seine erste Ausgabe des Tages müsse ein Fahrschein zum Arbeitsamt sein. Die Hoffnung auf eine so schadenfrohe Genugtuung jedoch ist vergeblich. Euer bekannter Science Fiction-Autor geht geradewegs ins Klosett und uriniert ganz tadellos, und man darf fest davon überzeugt sein, daß er sich 3000 Lichtjahre entfernt genauso verhielte. Er ist ganz sicher, daß seine prachtvollen Einfalle von gestern wiederkehren, wenn auch vielleicht nicht gerade in alphabetischer Reihenfolge, und daß sie, sollte er sich nicht erinnern können, sowieso nichts taugten. Nachdem er sich mit seiner berufsspezifischen Nonchalance katzenhaft gewaschen hat, schiebt er sich die Zahnbürste in den Mund – und da geschieht es! Was geschieht? Wird er von einem Strahlschuß getroffen und auf der Stelle umgebracht, gefällt wie ein schlachtreifes Schwein? Heulen Alarmsirenen auf? Kommt die Polizei, um ihm eine Blutprobe zu entnehmen? Tritt ein Mann von einem anderen Planeten ein? Stürzt eine strammärschige Blondine ins Bad und sinkt vor ihm auf die Knie, um seine Hand zu küssen und Hilfe gegen die Nachstellungen lappenfüßiger Schleimwesen zu erflehen? Ach was! Auf solche Gedanken vermögen nur völlig vom Alkohol zerfressene Gehirne zu verfallen. Nur vollständig abwegige geistige Bankrotteure können überhaupt an so was denken. Nein, es ist ganz klar, eines der alltäglichen Vorkommnisse geschieht: Das Telefon klingelt. „Scheiße, was ist das?“ brabbelt euer Autor, schon Schaum im Mund und auf den Lippen. „Was hat denn das zu bedeuten, gottverdammte Kacke?“ Die Wirklichkeit hat selbstverständlich nichts mit der katholisch-romantischen Vorstellung zu tun, die jungfräuliche Bibliothekarinnen von Schriftstellern hegen; diese notorischen Trockenpflaumen bilden sich doch tatsächlich ein, daß hartes Ringen um jedes Wort den Schriftsteller auszeichne, ob es ihm von den Lippen oder aus der Feder fließen solle, seine Redeweise gewählt sei und er beim Sprechen versonnen die feingliedrigen Hände knete. Wie die Dinge stehen, hat euer geschätzter Autor gegenwärtig nichts als Schaum vorm Maul, er besitzt Hände wie Abortdeckel, und bevor er das Telefon erreicht, murmelte er noch „Scheißdreck“, weil nämlich jedes zweite Wort eines Schriftstellers, das nicht zur Veröffentlichung gedacht ist, aus dem Fäkalbereich stammt, und in diesem besonderen Fall beruht sein Mißmut auf dem Umstand, daß wahrhaftig vor acht Uhr morgens das Telefon klingelt. Aber wie ärgerlich ein so früher Anruf auch sein mag, wie hoch auch die Wahrscheinlichkeit, daß es sich um eine unerfreuliche Nachricht handelt, als Schriftsteller geht man trotzdem an den Apparat, denn es könnte ja jemand an der Strippe hängen, der von einem Text die Filmrechte zu erwerben wünscht (obwohl die Aussichten gleich Null sind); und wenn nicht, na ja: Welche Hiobsbotschaften werfen einen Schriftsteller noch um? Jedenfalls nimmt euer Autor den Hörer ab, und meldet sich mit der Brummigkeit eines beleidigten Brummbärs. Wer ruft an? Ist es der hirnlose Schwätzer Selim Schmilblick? Die Witwe Pomrath? Ein anonymes Arschloch, das Gift und Galle spuckt und droht? Ein Mann von einem anderen Planeten, der auf gute Zusammenarbeit hofft? Eine strammärschige Blondine, die leidenschaftlich das Verlangen vorträgt, ihm die Hand küssen zu dürfen? Nein, es ist seine leibliche Schwester, die sich nach monatelangem Schweigen dazu aufgerafft hat, seine Telefonnummer zu wählen. „Hör mal“, sagt sie mit ihrer introvertiert-brüchigen Stimme, „Günther ist heute nacht in die Klapsmühle gekommen.“ Euer beliebter Science Fiction-Autor zweifelt nicht im geringsten am Wahrheitsgehalt der Mitteilung, weil er weiß, daß seine leibliche Schwester Henriette viel zu blöde ist, um so etwas zu erfinden. Er ist auch nicht im mindesten erschüttert, da er niemals bloß einen Augenblick lang gezweifelt hat, daß es mit seinem weltfremden Schwager, der sich seit jeher mit solchem Quatsch wie Ufos, versunkenen Superkulturen, Göttern aus dem All, Grenzwissenschaften, Okkultismus und Kabbalistik befaßte, eines Tages so kommen müsse. Allerdings ist er im Handumdrehen übellaunig, denn ihm dämmert unverdrängbar der Eindruck, daß jetzt beträchtliche Scherereien bevorstehen. Schließlich ist er das einzige geistig normale Mitglied der Familie, und sobald etwas passiert, lastet die gesamte Verantwortung auf ihm, weil er allein zu überlegtem Handeln imstande ist. „Meine Fresse“, sagte er, obwohl er begreift, wie sich das ergeben hat, „wieso denn das?“ „Ich bin nicht deine Fresse“, antwortet seine leibliche Schwester, „und wenn du noch einmal so etwas zu mir sagst, hau ich dir eine Stricknadel durch die Eier, klar?“ „Aber, aber, liebes Schwesterlein“, entgegnet der geschilderte Science Fiction-Autor, „was spuckst du für böse Worte? War ich nicht immer wie ein Bruder zu dir?“ (Genauso beschissen benahm er sich auch immer, so daß sich jeder Widerspruch erübrigt.) „Tscha, das ist ja … Na, was erwartest du nun eigentlich von mir?“ „ Was ich von dir erwarte?“ fragt sie im schrillen Tonfall aller, die ihr Lebtag am Rande der Hysterie verbringen. „Ich erwarte von dir, daß du sofort aufkreuzt und hier nach dem rechten schaust. Bist du vielleicht mein leiblicher Bruder oder nicht?“ Sie spricht wie eine leibliche Schwester, die sich sehr wohl dessen bewußt ist, daß ihr leiblicher Bruder sich nicht darauf versteht, ihr irgend etwas zu verweigern. Liebes Brüderlein, lautet in Wahrheit ihr Ersuchen, bürste mir sofort meinen Teddybär ab! „Ja, was denkst du dir eigentlich?“ Ihre Sprache gleicht dem Kriegsgeschrei eines Wurms. „Ich komme so schnell wie möglich.“ Von der Zahnbürste in seiner Linken – in der rechten hält er verkrampft den Hörer – tropft Zahnpasta, ein Stalaktit aus weißen Bläschen, träge, widerwärtig lau wie Sperma, erzeugt wahrscheinlich einen Fleck auf dem Teppichboden, der einer von vielen Flecken wäre: echten Spermaflecken, Schmutz- und Rotweinflecken; alle anderen Flecken, das weiß man ja von den verschiedenen konfessionellen und staatlichen Prä-Big-Brothers, sind abwaschbar. „Das ist ja eine schöne Scheiße“, redet euer liebenswerter Science Fiction-Autor vor sich hin, als er den Hörer aufgelegt hat. „Mann, wie wird dieser Scheißmist bloß wieder ausgehen.“ Tautologische Wortbildungen wie „Scheißmist“ zählen zur sogenannten dichterischen Freiheit eines Schriftstellers. Aber die Gedanken eures Schriftstellers weilen gegenwärtig ja gar nicht beim Schreiben. Ihm ist jetzt glasklar, daß er heute, nach diesem unseligen Anruf, zum Schreiben keine Zeit haben wird. Er verzichtet a priori darauf, seine Schreibmaschine überhaupt anzuschauen. Heute wird sein der Unsterblichkeit verschriebenes Werk Geschaffen ganz aus Schweigen keine wesentliche Erweiterung erfahren. Heute fände er, das sieht er ganz realistisch, nicht einmal genug Zeit für eine Hörerzuschrift an den Landfunk. Aber halt! Eines wollen wir hier unmißverständlich klarstellen: Euer lesertreuer Science Fiction-Autor würde selbstverständlich lieber schreiben. Doch er kennt ihn zu gut, diesen quengeligen, aggressiv-psychotischen Tonfall, er weiß, daß seine liebe leibliche Schwester es ihm sechs Jahre lang nachtrüge, griffe er jetzt nicht ein, und nicht davon zu quatschen aufhörte, solange sie lebte auf Erden. Immer ist er derjenige in der Familie, der sich um alles kümmern muß. „Wofür gibt es eigentlich Rechtsanwälte?“ nuschelt verdrossen euer dufter Science Fiction-Autor, während er seinen von einer Traube von Hämorrhoiden beschwerten Arsch aufs Wasserklosett senkt; und das ist nun auch echt der Moment zum Ausblenden, weil es den Durchschnittsleser zu stark verstören müßte, zwänge man ihm auf, sich seinen Lieblingsautor auf dem Scheißhaus vorzustellen. Schließlich darf man dem Leser nicht zuviel zumuten. Ungefähr eineinhalb Stunden sind verstrichen, als euer herzensguter Autor seinen PKW vorm Einfamilienhaus seines schwer heimgesuchten Schwagers parkt, und da sieht er schon bei den Nachbarn, soweit das Auge reicht, die Scheiben eingeschmissen. „Du liebe Kacke“, faucht euer spitzenklassiger Science Fiction-Autor das Lenkrad an, während er die Handbremse anzieht. „Ja, Mann, das ist ja eine mistige merde.“ Bei dieser Gelegenheit können die früher (ist aber schon verdammt lange her) so genannten geneigten Leser zur Kenntnis nehmen, daß ihr bekannter und beliebter Autor auch hinreichend romanistisch gebildet ist (und ist es nicht schön, das zu wissen?). Na, was geschieht wohl, als ihm jemand die Haustür öffnet? Steht auf der Schwelle eine widerliche Kreatur mit einem nukleargeladenen Energieassimilator? Ist es DER MAULWURF, der die Macht übernehmen und die Menschheit versklaven will? Trifft ihn urplötzlich ein Hieb mit einem Sandsack auf den Hinterkopf? Erwartet ihn ein Mann von einem anderen Planeten, um sich mit ihm über Schopenhauer zu unterhalten? Eine strammärschige Blondine, die in verzehrendem Maße darauf brennt, ihm die Hand zu küssen? I wo! Seine leibliche Schwester hat die Tür mit dem schmiedeeisernen Rankengitter über der Drahtverglasung aufgerissen. Ja, wieder ist es seine teure leibliche Schwester, die jetzt auftritt, als wäre dies Vorortkaff die letzte Metropole der Welt – aber was konnte man denn anderes erhoffen? Der Durchschnittsleser darf sich ja nun wirklich nicht zuviel von einem Text versprechen. Jedenfalls zieht euer blauäugiger Science Fiction-Schriftsteller nicht eben eine Miene wie angesichts seiner verloren geglaubten Liebe, als er im Türrahmen seine leibliche Schwester erblickt, ein inkarniertes Heiligenbildchen, ein heilsamer Schock für jeden Uneingeweihten, zum Beispiel Anrufer jenes Notariats, dem sie seit langem unermüdlich ihre besten Jahre opfert, die aus ihrer nur vom Nikotin rauchigen Stimme die kühnsten Schlußfolgerungen ziehen. Und seine Miene verfinstert sich gar noch, als er, während er durch die Zimmer streift, Zerstörungen gewalttätigen Wahnwitzes sieht: ausgehängte Türen, heruntergerissene Wandschränke, Kleckse von Ketchup und Marmelade an den Tapeten, überall Häufchen zusammengekehrter Scherben von Bierflaschen, sämtliche Fenster eingeworfen – von innen nach außen. „Siehst du das?“ wendet seine Schwester, ihm auf dem Fuße gefolgt, sich hinterrücks an ihn. „Siehst du das?“ Mit zittrigen Fingern entzündet sie sich eine Zigarette. „Selbstverständlich sehe ich das“, schnauzt euer Autor, denn er hat ja Augen im Kopf. „Ich habe doch Augen im Kopf.“ Er schüttelt den Kopf, worin er diese Augen hat. „Mann, Mann, ist das eine Kacke.“ Ein Autor soll sich eigentlich möglichst wenig wiederholen, aber das ist jetzt auch schon scheißegal. Kaffeedurst peinigt ihn, sein ständiger innerkosmischer Begleiter, Folge seines Blutunterdrucks, und er schielt über die versauten Arbeitsflächen der Küche und besudelten Tische, um womöglich eine Kaffeekanne zu erspähen, aus der Dampf quillt, oder eine Thermoskanne, die verdächtig nach heißer schokoladenbrauner Füllung aussieht. Eine gewisse Ratlosigkeit hindert ihn daran, schlichtweg nach Kaffee zu fragen: Er weiß nicht, ob er seiner von Hysterie gehetzten leiblichen Schwester in dieser Situation so etwas zumuten kann. Er wendet sich unschlüssig hin und her, windet sich auf der Stelle, hebt die Hände, läßt sie sinken: Hier nach dem rechten schauen, das kann nur heißen, wieder gehen und statt dessen die Handwerker kommen lassen. „Hast du inzwischen irgend etwas unternommen?“ „Ja, meinen Psychiater verständigt.“ „Was für ein Quatsch! In der Psychiatrie sind doch genug Psychiater!“ „Es versteht sich wohl von selbst“, entgegnet des Autors leibliche Schwester leicht gekränkt, „daß es sich um einen Psychiater unseres Vertrauens handeln muß.“ „Ich hege zu deinem Psychiater nicht mehr Vertrauen“, erwidert euer liebenswürdiger Autor mit unverhohlenem Spott, „als die Fliege zur Spinne.“ Er stutzt und zieht sein Notizheftchen hervor, um sich diese sehr schöne Wendung aufzuschreiben. Der Psychiater des Vertrauens seiner leiblichen Schwester ist ein Scharlatan und Parasit nach US-amerikanischem Vorbild. Seit einiger Zeit ist es wieder hochaktuelle Damenmode, beim Psychiater in Behandlung zu sein, und das Gewerbe dieser vampiristischen Lebewesen blüht. Angesichts des unverändert desolaten Zustands der Menschen und ihrer Verhältnisse stößt euer Schriftsteller, der an den Fortschritt, das Gute, die Liebe, das Vaterland und den Apfelkuchen glaubt, einen vernehmlichen Seufzer aus; sein Blick verweilt auf einem geborstenen Pflanzengefäß aus braunem Ton, von einer Fensterbank gefegt: Blumenerde und Kies liegen unterm Heizkörper verstreut, Nestfarne, Brunfelsien und Crossandren sind zertreten und nur noch ein kümmerlicher Haufen Abfall. Sollten sich Generationen von Gelehrten, Dichtern, Philosophen, Staatsmännern, Wissenschaftler, Revolutionären und Politikern umsonst abgestrampelt und versucht haben, der Herrenrasse dieses Planeten ein Mindestmaß an Verstand zu verschaffen? Noch immer rennen die Menschen, sobald sich auf ihrem Lebensweg irgendwelche Schwierigkeiten einstellen, statt ihr Gehirn zu beanspruchen, zu ihren Schamanen, Pfaffen und Psychiatern. Aber euer unverzagter Science Fiction-Autor wird weitermachen. Er weiß, daß die Menschheit keine Hoffnungen braucht, sondern eine Zukunft. „Am besten schalten wir sofort meinen Anwalt ein, sonst hält man ihn dort länger fest als nötig.“ „Nein! Nur das nicht! Keinen Anwalt! Sie werden ihm aus Rache Elektroschocks geben. Bloß keinen Anwalt!“ Seine Schwester legt die Hände unterm kaktusblütenroten Haar an ihre Schläfen und verdreht die Augen himmelwärts, als sei ihr leiblicher Bruder, euer vielbeachteter Science Fiction-Autor, verrückt geworden, nicht ihr versponnener Ehemann, den das Suchen nach kryptischen Botschaften verschollener Kulturen ja früher oder später umnachten mußte. Sie schneidet eine Miene, als könne sie seinen Anblick unmöglich länger ertragen, macht auf dem Absatz kehrt und geht in die Küche. Euer Autor schließt sich ihr an und wird unvermittelt auf den Kühlschrank aufmerksam, der zu dem halben Dutzend Gegenstände im Haus zählt, die noch an ihrem Platz stehen und/oder unbeschädigt sind. Er öffnet die Kühlschranktür und erblickt zu seinem geheimen Entzücken eine Flasche voller wunderbar bernsteingelbem Slibowitz. „Als erstes fahren wir hin und sehen nach, ob er sich beruhigt hat“, sagt seine leibliche Schwester. „Wahrscheinlich treffen wir Dr. K. dort an, vielleicht kann er uns schon Näheres sagen.“ Sie beginnt in den Trümmerhalden der Küche irgend etwas zu suchen, kramt und scharrt, niest aufgrund der Vielzahl verstäubter Gewürze, rotzt und schnieft, hustet, das Haar im Gesicht. „Ich habe nur noch daraufgewartet, daß du mit dem Wagen kommst.“ „Wieso?“ „Na, selbstverständlich damit du mich in die Psychiatrie fährst“, lautet die ungnädige Entgegnung von des geschätzten Autors leiblicher Schwester, die nun aus dem Gerumpel eine unversehrte Schachtel Zigaretten klaubt und sich nervös einen der Glimmstengel anzündet. „Ja, um Himmels willen, ihr habt doch selbst ein Auto.“ „Sicher, aber Günther hat Zucker in den Tank geschüttet.“ Paff, paff-paff. Schmauch. „Nicht einmal der heilige Christophorus könnte es noch zum Fahren bringen.“ Paff-paff. „Zucker …?!“ Euer nunmehr doch äußerst verblüffter Science Fiction-Autor tritt ans Fenster, um ratlos den vorm Haus geparkten Manta zu betrachten. In diesem Moment hält am Gartentor ein Taxi, und er zuckt zurück wie vom Affen gebissen. Wer entsteigt dem Taxi? Ist es Hallimasch Kongo, der Ex-Boxer mit dem eingedroschenen Hirn, einst „Killer von Kairo“ genannt, der Unterschriften gegen den Holocaust an Robben sammelt? Etwa Karlos Trogloff, Dipl.-Multi-Töter Ersten Grades und Mega-Kämpfer der A-Klasse, der den Auftrag hat, an eurem Autor kein Haar ungekrümmt zu lassen? Der Kritiker Alfredo de Pessar im costuma folklorewitsch, der selbigem Autor einmal persönlich und handgreiflich den Marsch blasen will? Ein Bewohner eines fernen Planeten, der gekommen ist, um ausgerechnet euren halbgescheiten Science Fiction-Autor in das intergalaktische Geheimnis des Überlichtantriebs einzuweihen? Eine strammärschige Blondine, die von der Sehnsucht verzehrt wird, ihm die Hand zu küssen? Nein, es ist seine leibhaftige Mutter, die katastrophal umständlich aus dem Taxi klettert, beinahe hinausfällt, dann den Bügel ihrer überflüssigen Handtasche am Türgriff verhakt, wankt und torkelt … ein Anblick, der Mitgefühl für alle Alten und Gebrechlichen erregen könnte, zerrisse die Tragikomik boshaften Greisentums nicht auf lange Sicht die meisten Geduldsfäden. „Herr im Himmel! Herr im Himmel!“ Euer geplagter Autor schlägt die Hände überm Kopf zusammen. Schon jetzt sieht er sich bei weitem überfordert. Da erinnert er sich an den vorhin gesichteten Slibowitz. Während seine Schwester ihre gemeinsame leibliche Mutter einläßt, gelingt es eurem vollkommen überlasteten Science Fiction-Autor, unter dem klumpigen, körnigen, schartigen Gemengsel, das den Linoleumfußboden der Küche bedeckt, ein unversehrtes Stamperl auszugraben. Gerade füllt er es mit dem süffigen Slibowitz, da knirschen Schritte auf den Scherben im Flur, und sein geliebtes Mütterchen stolpert über die Schwelle. „Ja, was machst denn du hier?!“ lautet der von aufrechter Entrüstung zeugende Ausruf, mit dem seine leibliche Mutter ihren lieben Sohn begrüßt. In sichtbarer Bestürzung verharrt sie, in den Knien leicht eingeknickt, den Kopf zurückgebogen, eine Hand an den Türrahmen geklammert. „Wieso bist du hier?“ „Wieso nicht?“ Euer Science Fiction-Autor hat das Stamperl vom Kühlschrank genommen; nun verhält er verwundert inmitten der Bewegung, mit der er das Getränk an die Lippen heben wollte. „Du bist an allem schuld! Du hast doch zuerst all dieses Zeug geschrieben. Daher hatte Günther diese verrückten Einfälle.“ Seine Mutter nimmt eurem erstaunten Autor das Stamperl aus der Hand und gießt den Inhalt mit einem Zug hinab in ihre Gurgel. Verdutzt starrt ihr liebevoller Sohn sie an. „Du wirst uns noch alle hinter Gitter bringen.“ Sie ringt zwischen ihren Krallen einen alten schmuddligen Rotzfetzen und fährt sich mit dem Handrücken über die Stirn, das von Unwissenheit, Alter und gehöriger Senilität gezeichnete Gesicht zu einer erbarmungswürdigen Duldermiene verzogen. Aber ihr lieber Sohn kann bei aller angebrachter Rücksichtnahme unmöglich gute Miene zu diesem bösen Spiel machen. Ihm sackt das Kinn herab. „Ich?! Einen solchen Quatsch habe ich niemals geschrieben oder gar vertreten, das möchte ich hier doch einmal unmißverständlich klarstellen.“ Euer verdatterter Science Fiction-Autor schwankt einen Moment lang zwischen Fassungslosigkeit und Erbitterung, Mitleid und Groll. Man soll Vater und Mutter ehren, solange sie nicht den Betrieb aufhalten, aber er vermag seinen Ärger nicht völlig zu verbergen. „Wenn es nun mit Günther so gekommen ist, dann wahrscheinlich, weil seine Mutter ihm in seiner Kindheit immer das Gesicht in den Spinat gedrückt hat, wenn er nicht essen mochte. Jeder normale Mensch weiß, daß traumatische Erlebnisse sich auf das spätere Leben auswirken. Ich brauche dich ja nur daran zu erinnern, daß du meinen Bagger zerbrochen hast, als ich fünf war, und seitdem …“ „Haaa …!“ Seine liebe Mutter preßt sich die um den Spitzenfetzen gekrampfte Hand aufs Herz und reißt die Augen auf. „Und du? Du hast meinen Vorrat an Sicherungen weggeworfen … Du hast sie weggeschmissen, ohne mich zu fragen.“ „Deine Sicherungen waren alle vierundfünfzig Stück kaputt.“ Euer Autor schenkt sich nochmals Slibowitz ein. „Alle vierundfünfzig Stück.“ Wieder nimmt seine Mutter den Slibowitz. Und nicht nur das: Sie trinkt ihn auch; trinkt auch diesen köstlichen Slibowitz. Ihrem Sohn verschlägt es den Atem. Kann das noch ein gutes Ende nehmen? Ist dies der Kulminationspunkt seiner erregten Laufbahn? Steht in seinem Dasein eine entscheidende Wende bevor? Wer kann es wissen? „Ich habe dir, als du sechs warst und diese schwere Erkältung hattest, das Leben gerettet …“ Sie hustet und schnauft. „Ich hatte eine Erscheinung … und rettete dir mit heißem Zitronensaft das Leben …“ Entschlossen greift sie eigenhändig nach der Flasche und füllt erneut Slibowitz ins Stamperl. Ihr Sohn hört seine Schwester im Flur kramen; anscheinend macht sie sich fertig zum Gehen. Euer Autor klatscht sich eine Hand auf die Stirn; ihm fehlen die Worte. „Nun werde ich auch meinen Schwiegersohn retten …“ Sie leert das Stamperl, verzieht das Gesicht zu einer Grimasse des Grams und stellt das Gläschen mit einem Knall auf den Kühlschrank ab. „Bring mich sofort zum Psüschahter. Ich rede mit ihm. Ich rette Günther. Auf ein Mutterherz wird der Psüschahter hören.“ Nun erkennt euer bereits stark in Mitleidenschaft gezogener Autor die entsetzliche Gefahr. Die Absicht seiner Mutter ist eine Bedrohung für die gesamte Familie. Wenn man ihr die Gelegenheit einräumt, sich beim Psychiater auszuquatschen, wird er zwangsläufig irgendwann etwas über ihre Joghurtbechersammlung von 620 ausgesucht schönen Exemplaren erfahren; das muß verhindert werden. Das restliche Ansehen der Familie steht auf dem Spiel. Keine Familie kann sich mehrere Verrückte leisten; zumindest aber sollten zwischen den einzelnen Fällen besser ein paar Generationen liegen. Euer in Bedrängnis geratener Autor begreift das alles mit der unvermuteten Geistesklarheit, die nur in Notlagen auftritt und sogar den überrascht, den sie befällt. Er erkennt messerscharf, daß dies der kritische Moment ist, in dem wieder einmal alles von seinem Handeln abhängt. Sein Entschluß steht binnen einer Sekunde fest. „Liebe Mutter“, sagt er mit allem Ernst und Nachdruck, „ich hatte damals keine gewöhnliche Erkältung, sondern – wie sich später herausstellte – eine Rippenfellentzündung, und du hast sie unbehandelt gelassen. Ich wollte dich nie mit diesem Wissen belasten, aber …“ – hier setzt euer Autor eine betrübte Miene auf – „… dein unfrommer Hochmut läßt mir keine Wahl.“ Ergriffen von der Taktik des Augenblicks, strafft er sich und legt seiner gereizten leiblichen Mutter eine Hand auf die Schulter. „Ja, es war eine Rippenfellentzündung, und du hast sie ohne Behandlung gelassen. Doch ich verzeihe dir. Wie ein Sohn verzeihe ich dir. Laß uns auf deine Gesundheit trinken.“ Er kippt Slibowitz ins Stamperl und reicht es seiner erbleichten leiblichen Mutter. „Auf dein Wohl, liebe Mutter!“ „Wie … wie kannst du so etwas sagen“, greint sie in halb entrüstetem, halb weinerlichen Ton, wie man ihn bisweilen von Säuglingen hört, denen das Rülpsen schwerfällt. Doch es läßt sich nicht behaupten, daß dieser Mutterkreuzträgerin das Rülpsen schwerfiele. Sie drückt sich eine Hand auf den Leib und rülpst mit Wucht eines Hardrock-Orkans, schwankt selber infolge der endogenen Erschütterung. Ungerührt von diesem Anschlag aufsein Wohlbefinden gießt ihr lieber leiblicher Sohn von neuem Slibowitz ein. „Trink noch ein Gläschen, Mütterlein“, rät er in scheinheiliger Schmeichelei. „Das ist gut für die Verdauung.“ Von dieser Fürsorge übermannt, befolgt das Mütterlein die Empfehlung. „Du kannst ruhig noch einen vertragen“, lügt wie gedruckt ihr Sohn und leert durch abermaliges Füllen des Stamperls die Flasche zur Hälfte. Überwältigt von der Herzlichkeit ihres leiblichen Sohnes, trinkt das Mütterlein auch diesmal das Stamperl aus, und da wird es anfallartig von Schluckauf gepackt und taumelt gegen den Kühlschrank, tritt mit dem Fuß in den durch Gewalteinwirkung bodenlosen Rahmen einer Schublade, stammelt etwas über die Gallenblase. Darauf jedoch kann jetzt keine Rücksicht genommen werden. Die Zeit drängt, denn im Flur raschelt die leibliche Schwester des in tausend Nöten befindlichen Science Fiction-Autors nun mit Garderobe! Noch einmal füllt er das kleine Trinkgefäß. „Gegen Schluckauf hilft nichts besser als ein tüchtiger Schluck“, versichert er heuchlerisch und stützt seine leibliche Mutter am Ellbogen, um ihr den Arm mit dem Slibowitz unter Anwendung sanfterer Gewalt ans Kinn zu heben. Sie schnappt nach Luft und stottert herum, aber sie trinkt, und unterdessen rutscht ihr die altmodische Handtasche vom anderen Unterarm und fällt zwischen die vielen hundert Scherben des zuvor bloß 44teiligen Speiseservice Mylady Platin. „Wir müssen gleich gehen, Mütterchen. Am besten trinkst du jetzt aus.“ Euer listiger Autor benimmt sich ganz so, als fülle er das Stamperl nun zum ersten Mal, obwohl das so wenig erstmals geschieht wie an diesem mißratenen Tag erstmalig die Sonne aufging. Nach diesem Gläschen erleidet sein armes Mütterchen einen ernsten Erstickungsanfall, die Augen werden glasig, die Wangen fleckig, es krümmt sich und röchelt, und in diesem Moment kehrt eures Autors leibliche Schwester zurück in die Küche. Geistesgegenwärtig ergreift er sein liebes leibliches Mutterherz unter den Schultern und hält es ihr entgegen wie ein dahingerafftes Lamm. „Schau dir doch bloß mal das an“, ruft er mit kläglicher Stimme. „Kaum wende ich für einen Augenblick den Rücken, da betrinkt sich deine Mutter! Ich hätte nicht gedacht, daß ich so etwas noch erleben müßte.“ Er schleift seine leibliche Mutter ins Wohnzimmer und bettet sie in einen Sessel mit aufgerissenem Polster, dessen Beine abgebrochen sind, während seine leibliche Schwester nutzlos die Hände ringt und beim Bemühen, sich eine anzuzünden, ringsum ihre Zigaretten verstreut wie die Madonna der Trümmerfrauen. „Meine Güte! Warum hast du nicht aufgepaßt?! Was jetzt? Was jetzt?“ Ihre Hände fuchteln und fummeln, Tabak rieselt zwischen ihren Fingern hindurch, sie sucht vergeblich das Feuerzeug. „Leg’ ihr kalte Umschläge auf, das stabilisiert den Kreislauf,“ empfiehlt euer Science Fiction-Autor. „Inzwischen fahre ich allein in die Psychiatrie und erkundige mich danach, was los ist.“ Bevor seine dermaßen überrumpelte leibliche Schwester irgendein Wort herausbringt, eilt er aus dem Wohnzimmer und dem Haus, zwar froh, von diesem strapaziösen Tableau Abschied nehmen zu können, aber mit einem Horror von der nun anstehenden, ungewissen Begegnung mit seinem unglückseligen Schwager. Eine weitere Stunde später folgt euer aufs Schlimmste gefaßter Science Fiction-Autor einem Pfleger, der anscheinend an krankhafter Breitschultrigkeit leidet, durch die Korridore der Psychiatrie zur Geschlossenen Abteilung. Auf die weitflächigen Fensterscheiben der Flure sind schwarze Silhouetten von Raubvögeln geklebt, um längst ausgestorbene Singvögel fernzuhalten. Wie um sicherzugehen, daß seine Ähnlichkeit mit einem Fleischergesellen nicht übersehen wird, trägt der Pfleger einen weißen Kittel. „So, Sie sind Schriftsteller“, sagt er unterwegs plötzlich, als wäre er gerade zum Eindruck gelangt, das sei eine in unbestimmbaren Zügen komische Tätigkeit. „Von der Sorte hatten wir hier schon viele.“ „Ein tragisches Geschick scheint oftmals den Schriftsteller mit dem Wahnsinn zu vermählen“, entgegnet euer auf unerklärliche Weise geschmeichelter Autor in druckreifer Fassung. „Villiers de l’Isle-Adam zum Beispiel befand sich einmal in besonders bedrückender Armut, so daß er sich bei einem Irrenarzt verdingen mußte.“ Verlegener Seitenblick. „So nannte man das früher. Jedenfalls, er sollte bei ihm den Geheilten spielen, um neue Patienten zu werben, aber leider beging Villiers den Fehler, im Wartezimmer aus seiner Tragödie Axel vorzulesen, und deshalb zweifelte jeder an seiner Genesung, so daß er seine Stellung wieder verlor.“ Als euer etwas voreiliger Autor einen Moment länger über die Äußerung des Pflegers nachgedacht hat, macht er hastig eine Ergänzung. „Ich beabsichtige meinen Aufenthalt aber nicht auszudehnen. Ich bin nur zu einem Besuch hier, das wissen Sie doch noch, oder?“ „Völlig klarer Fall. Aber was nicht ist, kann ja bekanntlich noch werden.“ Der Humor des Pflegers ist von der goldenen Art, die jedes Herz zum Hüpfen bringt. Er verharrt vor einer grauen Tür am Ende des Korridors und zückt einen Schlüsselbund. Beklommen sieht euer ruh- und friedloser Science Fiction-Autor ihm beim Aufsperren zu. Wer oder was mag ihn hinter dieser Tür erwarten? Zaches Tarnkapp auf der Höhe seines Ruhms? Ein Mann von einem anderen Planeten auf Filmexpedition? Ein mutiertes Pseudo-Faultier, das ihn mit einem Strahl aus seinen Stinkdrüsen unter den Menschen stinkmarken will? Knak, der hybernierte Barbar, der ihm von Herzen gerne seinen verzauberten Morgenstern zwischen die Ohren knallen möchte? Eine strammärschige Blondine, deren schlafloser Nächte Traum Erfüllung fände, dürfte sie ihm die Künstlerhand küssen? Doch die kafkaske Welt von Befragungen und Beuge-Indikationen hinter der Tür kennt keine Besonderheiten. Erfreulich: Die Fenster sind unvergittert; aber die Möbel alt, die Einrichtung ist kaum dem Zeitalter der Tütenlampen entwachsen, sauber aber schäbig, poliert aber verschlissen. Rechts sitzt in einem Gemeinschaftsraum ein Dutzend Patienten beiderlei Geschlechts herum: eine Vielfalt von Schädelmißbildungen und Behaarungsanomalien, Augenfehlstellungen und Sperrgebissen. Offene Münder, läppisches Grinsen, verzweifeltes Grimassieren. Ein SW-Fernseher dröhnt ihnen, die ihm bestenfalls geteilte Beachtung schenken, wie zum Hohne gerade die Instrumentalversion von Fade Away and Radiale vor, die neue Pausen-Erkennungsmelodie des Vierten. Der Pfleger schließt die dicke Tür von innen ab. „Einen Moment“, sagt er. „Setzen Sie sich ruhig solange hin.“ Aber euer hypernervöser Science Fiction-Autor hat kaum Gelegenheit, geschielt ein paar mißtrauische Blicke in die Runde zu werfen, da kommt der Pfleger bereits wieder – mit Günther im Schlepptau, der sich mit robotischer Eckigkeit bewegt, dessen Augen so stumpf sind wie schmutzige Klosettfenster. „Er hat schon einen Spitznamen bei unseren anderen Freunden“, berichtet mit unvermittelter Leutseligkeit der Pfleger. „Sie nennen ihn Pastornoster.“ „Günther!“ „Sobald Sie wieder gehen möchten, kommen Sie nach Zimmer 10, dann schließe ich Ihnen auf.“ Der Pfleger trottet davon, beginnt in einigem Abstand zu pfeifen. „Günther! Was ist bloß mit dir? Wozu soll das alles gut sein, verdammt noch mal?!“ „Im gewaltigen kosmischen Ringen spielen jetzt Tage keine Rolle mehr“, erwidert des entsetzten Science Fiction-Autors Schwager mit klassischer Grabesstimme. „Zuwiderhandlungen ziehen die sofortige Vernichtung nach sich. Weiteres wird die Kakerlakenkonferenz festlegen.“ „Was? Was?“ „Ein gigantisches Komplott von Kabbalisten und Kollaborateuren. Verdammt schlaue Teufel unter der Cheops-Pyramide. Deshalb habe ich den Mutantenkakerlakenintendanten alarmiert.“ Günthers verengte Pupillen rucken argwöhnisch nach links und rechts; sein Blick ist kalt und hintergründig. „Aber nichts weitersagen. Nur der Mutantenkakerlakenpastorkandidat weiß noch Bescheid. Meine Stimmen sprechen auch zu ihm.“ „Mutantenkakerlaken? Stimmen? Günther, um Himmels willen …!“ „Der durchschnittlich begabte Mutantenkakerlak hat zirka achtundneunzig Beine, zehn Tentakel, sechs Stielaugen und drei ausfahrbare Freßhälse. Die Mutantenkakerlaken stammen von im Bermuda-Dreieck gestrandeten Touristen ab.“ „So etwas gibt es doch gar nicht, Günther. Komm zur Vernunft! Deine Nachbarn sind gewaltig sauer auf dich.“ Günther mustert ihn kurz mit der nur halb verhohlenen Geringschätzigkeit des Eingeweihten für die Ahnungslosen. „Alles andere durch die Kakerlakenkonferenz“, sagt er unwirsch; und macht auf dem Absatz kehrt, um sich mit steifen Schritten zu entfernen. „Das ist alles, was du erreicht hast?!“ kreischt des Autors leibliche Schwester nach seiner Rückkehr ins demolierte Haus seines Schwagers, wo ihre gemeinsame leibliche Mutter nun auf den Bestandteilen verschiedener Polster liegt, auf der Stirn einen feuchten Waschlappen, und schnarcht wie ein Flußpferd. „Ja, bist du denn zu nichts zu gebrauchen?! Wenn du nicht die Absicht hattest, deinen Verwandten in dieser Notlage beizustehen, solltest du dich nicht aufgedrängt haben, bloß um alles durcheinanderzubringen. Hast du Dr. K. getroffen? Hast du deinen Rechtsanwalt verständigt?“ „Ich habe Dr. K. nicht getroffen und auch keinen Wert darauf gelegt. Und was meinen Rechtsanwalt angeht, liebe Schwester, so war es dein erklärter Wunsch, daß ich ihn heraushalte. Aber er könnte, falls dich das tröstet, vorerst sowieso nichts unternehmen. Es liegt ein ordnungsgemäßer richterlicher Beschluß zu Günthers Zwangseinweisung vor. Und davon, daß ich irgend etwas durcheinandergebracht hätte, kann wohl gar keine Rede sein.“ Des so ungerecht behandelten Autors leibliche Schwester stampft mit den Füßen auf, erst mit dem einen, dann mit dem anderen Fuß, und läßt das rote Haar mit einem Ruck über ihre Schulter wallen. „Du hochnäsiger Klugscheißer“, faucht sie. „Glaubst du vielleicht, du könntest dir was einbilden, weil du dich Schriftsteller nennen darfst? Möglicherweise wäre es Günther nie so ergangen, hättest du nicht diesen Science Fiction-Mist geschrieben!“ Sie sucht wieder einmal ihre Zigaretten. „Und hättest du einmal bloß eine Zeile von dem gelesen, was dein leiblicher Bruder seit vielen Jahren schreibt“, antwortet heftig euer nun am Ende seiner Nervenkraft angelangter Science Fiction-Autor, „wüßtest du, daß ich nie einen derartigen Scheißdreck geschrieben habe, wie Günther ihn zu lesen pflegte. Bin ich denn mit ihm verheiratet, oder bist du’s? Wäre es nicht deine Sache gewesen, ihm die Astroarchäologie und den ganzen anderen mystischen Scheiß auszureden? Oder wenigstens gelegentlich vernünftig mit ihm darüber zu diskutieren?“ Er breitet die Arme aus und sieht zu, in dieser Gebärde erstarrt, wie sich seine leibliche Schwester mit zittrigen Händen und fahrigen Bewegungen eine Zigarette entzündet. „Ach, es hat ja keinen Zweck! Mach doch, was du willst.“ „Das werde ich auch.“ Sie bläst Qualmwolken aus verpreßten Lippen. Ihr Blick ist stier wie bei jemandem, der sich von aller Welt verlassen wähnt und gerade in übermenschlichen Trotz hineinsteigert; ihre Stimme klingt feindselig kalt. „Das werde ich auch. Ich werde einen Anwalt meines Vertrauens damit beauftragen, deine Schriften zu prüfen, ob sie nicht verboten gehören.“ „Ach! Ach! Hach!“ Euer verzweifelter Autor schlägt die rechte Faust in die Handfläche der Linken, daß es klatscht. „Das ist ja wohl das Letzte!“ Aber es ist, erkennt er, tatsächlich vollkommen zwecklos, sich weiter mit seiner leiblichen Schwester zu befassen oder irgendein Engagement zu zeigen. Mag die rauhe Wirklichkeit seiner leiblichen Schwester Vernunft eintrichtern. Günthers Psychose, so hat ihm während eines Gesprächs, auf dessen Zustandekommen euer bedauernswerter Science Fiction-Autor zweieinhalb Stunden lang warten mußte, der zuständige Psychiater der Klinik versichert, bedarf voraussichtlich, selbst wenn er demnächst entlassen werden können sollte, einer dauerhaften medikamentösen Behandlung. „Weißt du was?! Ihr könnt mich am Arsch lecken! Du mit deinem Gewäsch und dein Ehemann mit seiner Astroarchäologie samt den versunken Superkulturen.“ Er strebt zum Ausgang, stampft rücksichtslos durch die Splitter von Scheiben und Geschirr. Bruchstücke von Porzellan und Keramik knirschen unter seinen Schuhen, seinen entschlossenen Schritten. „Und erst recht deine versoffene Mutter.“ Er schlägt die Haustür zu, die bloß noch an einer Angel hängt, und dem dumpfen Knall des Zuschlagens folgt gleich darauf das Krachen, mit dem sie vollends herausbricht. Von neuem zerspringt Glas, klirrt Metall, aber er wendet sich nicht um, als er durch den Vorgarten zu seinem Auto stapft, die Fahrzeugschlüssel schon zwischen den Fingern, die Zähne zusammengebissen. Hinter ihm stürzen unterm Ansturm seiner Haßausstrahlungen alle Brücken ein. Unauffällig ist der Nachmittag in den Spätnachmittag übergegangen, da erst kehrt euer nahezu zerrütteter Science Fiction-Autor wieder heim. Inzwischen hat es wolkenbruchartig geregnet, und durch den frühen Feierabendverkehr war die Innenstadt völlig verstopft, so wie fast jeden Tag. Die streß-intensive Nachhausefahrt hat ihm moralisch den Rest gegeben, und er sinnt nun auf nichts anderes als eine kräftige Mahlzeit, einen guten Schluck und einen ausgedehnten, gesunden Schlaf. All das ist längst überfällig, er mußte dessen entbehren, während er sich mit den Verrücktheiten anderer Leute beschäftigte, die zufällig mehr oder weniger mit ihm verwandt sind. Heute will er sich nur noch Ruhe und Erholung gönnen. Doch als er den kurzen Flur seiner Apartmentwohnung durchquert, ahnt er bereits anhand gewisser Anzeichen von Unordnung im Arbeitszimmer, zu dem die Tür offensteht, daß es dazu nicht kommen soll. Welcher Anblick bietet sich ihm im Arbeitszimmer? Lauert ihm dort die entlaufene Mumie Ramses III. auf, die um die Welt irrt, um die sagenumwobene Originalhandschrift des Necronomicons zu suchen, dem okkultkriminellen Schundwerk des wahnsinnigen Arabers Abdul Alhazred, dessen verschollene Nachrede allein ihr zur Erlösung verhelfen kann? Befindet sich ein Mann von einem anderen Planeten soeben dabei, ihm das Geheimnis der Transmitterstrahlen ins Diktafon zu sprechen? Durchwühlt ein vom Verfassungsschutz bezahlter Achtgroschenjunge seine Papiere, um auf höchsten Befehl die entscheidenden Seiten des Manuskripts Geschaffen ganz aus Schweigen zu entwenden? Überrascht er einen Saboteur aus dem Science Fiction-Klub in flagranti crimine beim Installieren einer Bombe? Erwartet ihn eine strammärschige Blondine, um sich endlich ihren kühnsten Wunschtraum zu erfüllen, nämlich ihm die Hand zu küssen? Nichts dergleichen: Es hält sich kein Fremder im Apartment auf. Nur Regen ist ins Arbeitszimmer eingedrungen, denn euer Science Fiction-Autor wollte arglos für ein Weilchen lüften, während er sich ankleidete, um seiner bedrängten leiblichen Schwester und deren bedrängten Ehemann zu Hilfe zu eilen, als er noch glaubte, sie bedränge etwas anderes als ihre eigenen Verrücktheiten. Leider vergaß er in seiner Beunruhigung, wie sich jetzt herausstellt, das Fenster wieder zu schließen, ehe er sich auf den Weg machte, um sich als brüderlicher Retter in der Not zu bewähren, und inzwischen ist die schönste Sauerei entstanden. Der Wind muß ganze Regenschleier ins Zimmer geschleudert haben; der Teppichboden wölbt sich vor Nässe, die Schreibtischutensilien sind im ganzen Raum verstreut, Manuskriptseiten (darunter auch solche des noch nicht fertigen, aber für die Ewigkeit bestimmten Werkes Geschaffen ganz aus Schweigen) liegen durchnäßt überall verteilt, kleben stellenweise an feuchtem Holz. Mit einem blasphemischen Fluch schließt euer auch noch derartig heimgesuchter Schriftsteller das Fenster, stemmt die Fäuste in die Hüften und schüttelt erbittert den Kopf. Anscheinend bleibt ihm nichts erspart. Doch halt! In einer nicht unerheblichen Beziehung ist ihm das Glück hold gewesen: Seine IBM-Kugelkopfmaschine ist noch abgedeckt. Wind und Regen konnten ihr nichts anhaben. So widerfährt seinem rastlosen Schaffen wenigstens keine längere Unterbrechung. Gerade hat er mit verkniffener Miene eine Anzahl der durcheinandergewirbelten Manuskriptseiten aufgesammelt, da ertönt von der Tür seines Apartments der Summer. Euer Autor stößt einen lauten Seufzer aus, wirft die Blätter in den Ablagekorb und geht die Tür öffnen. Und wer steht untermutet auf der Matte? Ist es ein Geist (oder vielleicht besser: das Gespenst?) Hugo Gernsbacks, der sich als zehnte Muse betätigt und eurem begabten Science Fiction-Autor neue Ideen von intergalaktischer Spitzenklasse einflüstern möchte? Ein Mann von einem anderen Planeten, der nichts anderes zu tun hat und ihn gern über das Rätsel der Ufos aufklären würde? Ein Mann aus einer anderen Zeit, der in seine Hände das Geheimnis der Zeitreise legen will? 8143 Dämonen, die danach trachten, das Universum zu verschlingen? Eine strammärschige Blondine, die sich endlich dazu durchgerungen hat, vor ihrem verehrten Lieblingsautor auf die Knie zu sinken und ihn darum anzuflehen, ihm die Hand küssen zu dürfen? Quatsch! Niemand anderes als sein leiblicher Bruder und dessen Angetraute sind es, die vor seiner Tür stehen und Gesichter aufgesetzt haben wie Bradbury’sche Blitzableitervertreter: zerknittert von Schwermut, unablässig gehetzt durch bedrohliche Vorahnungen, verkrampft im Bewußtsein der eigenen Ratlosigkeit. „Du …!“ Seines leiblichen Bruders krummer Zeigefinger zuckt vorwärts, als er unaufgefordert über die Schwelle tritt. Mit seiner kruden Halblangfrisur, dem graublauen Kinn und der leicht knollenartigen Nase, dem Erbteil seiner Mutter, das eurem mittlerweile beträchtlich angehärmten Autor glücklicherweise versagt blieb, sieht desselben leiblicher Bruder aus wie eine miese Karikatur von Abi Ofarim. „Was hast du getan? Was fällt dir ein?!“ „Wie konntest du denn so etwas machen?“ ergänzt ihn gekrächzt seine spargeldürre Gattin, an ihre nutzlose Handtasche geklammert wie eine ausgehungerte Äffin. „Wovon redet ihr“ erkundigte sich mit beherrschter Stimme euer Science Fiction-Autor, dem allerdings schon Schlimmes schwant. Offenbar ist unterdessen die ganze Verwandtschaft in Aufruhr geraten, und wie immer ist er an allem schuld, obwohl er doch hauptsächlich zu Hause sitzt und fleißig schreibt. „Worum geht’s?“ „Du bist an allem schuld“, behauptet prompt wie unverfroren sein leiblicher Bruder und wirft sich die Strähnen aus der Stirn, indem er sich strafft, um seine Anschuldigungen buchstäblich erhobenen Hauptes vorzutragen. Sein Kinn zittert aus selbstgerechter Aggressivität, einem Surrogat, das häufig beim Mangel an echtem Anlaß zu gerechtem Zorn herhalten muß. „Erst bringst du Günther mit deinen Spinnereien völlig aus dem Gleichgewicht. Dann verweigerst du unserer schwer geprüften leiblichen Schwester jeden brüderlichen Beistand. Außerdem hast du unserer Mutter mit brutaler Gewalt Alkohol eingeflößt – unserer eigenen leiblichen Mutter! Was hast du dir nur dabei gedacht?“ „Wir haben eure Schwester in der Sprechstunde bei Dr. K. getroffen; nach deinem unverschämten Auftritt mußte sie sich sofort zu ihm zur Therapie begeben, und sie hat uns alles erzählt. Du hast die Haustür dermaßen zugeschlagen, daß drinnen alles zusammengebrochen ist, der Schaden geht ins Unermeßliche, man denke allein an das wertvolle japanische Tee-Service, ganz zu schweigen von …“ „Wie bitte?“ Vor diesem Unrecht, das ihm geschieht, versagt zunächst die Fassungskraft eures dank seines in der Entstehung begriffenen Werkes Geschaffen ganz aus Schweigen auf den Stufen zum Weltruhm angesiedelten Science Fiction-Schriftstellers; er starrt seinen leiblichen Bruder und dessen Gattin an, als wären sie ein Paar aus einer anderen Zeit, die der Gegenwart so fremd erscheinen muß wie den Troglodyten die Schaltzentrale eines Kernkraftwerkes. Sein leiblicher Bruder bläst sich noch stärker auf, so daß ihm an den Schultern seiner beschissenen konservativen Tweedjacke schier die Nähte platzen wollen. Aus Gehässigkeit ist sein Maul so breit geworden wie das eines Ochsenfroschs. „Du solltest dich was schämen“, rät er in vollem Ernst. „Die Familie hat deine Verdrehtheiten und Saufereien sowieso schon lange satt, aber nun hast du dir zuviel herausgenommen. Du bist entschieden zu weit gegangen. Dein Benehmen ist eine Schande, und wir werden’s nicht dulden, daß du …“ „Wir finden, daß deine verdrehten Schriften verboten gehören, und eure Schwester ist auch dieser Meinung“, unterbricht ihn seine Gattin. „Wir finden dich unmöglich. Wir …“ „Ich soll an allem schuld sein?“ fällt ihr seinerseits – noch mit allen Anzeichen der Ungläubigkeit – euer Autor ins Wort. „Selbst wenn ich jemals etwas von der Art geschrieben hätte, was Günther las – und das ist nicht der Fall –, er hat von mir nie eine Zeile gelesen. Das weiß ich genau. Ich konnte ihn fragen, wann ich wollte, er wußte nie, was ich …“ „Papperlapapp!“ Arrogant rümpft sein leiblicher Bruder die Knollennase. „Das sind doch nur Ausreden. Glaubst du, nach allem, was du dir bisher geleistet hast, hören wir uns von dir auch noch solche …“ Er verstummte, und seine Augen weiten sich. Euer vielgescholtener Autor hat nämlich urplötzlich seinen alten zerfledderten Herrenschirm aus dem Schirmständer gerissen und drückt seinem leiblichen Bruder die metallene Schirmspitze an die fleischigen Kehllappen. „Hinaus“, befiehlt euer Science Fiction-Autor in frostiger Entschlossenheit. „Hinaus mit euch. Wird’s bald?! Raus, raus!“ „Er ist ja nicht bloß völlig verdreht“, keckert seines leiblichen Bruders ständig am Rande zur Hysterie schwankenden Gattin, „sondern richtig gemeingefährlich. Wir sollten die Polizei rufen.“ „Wir strafen ihn mit Verachtung“, näselt ihr Gatte. „Du wirst das noch bereuen“, verheißt er und führt seine Angetraute eilends nach draußen. Euer Autor knallt hinter ihnen die Tür ins Schloß. Euer vielgequälter Science Fiction-Autor, der nun allmählich mit dem Gedanken spielt, ob er nicht zu Gott zurückkehren soll, ringt um Atem und wischt sich Schweiß von der Denkerstirn. Da klingelt das Telefon. Das Geräusch, mit dem für ihn am Morgen das Unheil seinen Lauf nahm, nämlich das Klingeln des Telefons, wiederholt sich, und er steht für einen Moment wie versteinert; aber dann geht er die paar Schritte zum Apparat und hebt ab. Noch übler kann es ja nicht kommen. Wer ist der Anrufer? Ein außerirdischer Ausländer, der ihm das Patent des gegen Atomraketen nutzlosen Energieschirms aufschwatzen will? Der Bürgermeister, der versehentlich die Absicht hat, ihm zum hundertsten Geburtstag zu gratulieren? Stalins Sohn, der ihn als Ghostwriter seiner Memoiren anzuwerben wünscht? Ein Science Fiction-Fan, der die Übergabe der in eures Autors Raritätensammlung enthaltenen 1930er Ausgabe von Der Zukunftsstaat als höchstes Ziel der Naturheilkunde verlangt, andernfalls er die Pseudonyme, unter denen seine Pornos erschienen sind, aufzudecken droht? Eine strammärschige Blondine, die fernmündlich sein Einverständnis einholen möchte, sich endlich, endlich ihren langgehegten Herzenswunsch erfüllen und ihm den Schwanz küssen zu dürfen? Keineswegs, wie man sich mittlerweile denken kann. Es ist der Literaturagent eures beleidigten und erniedrigten Science Fiction-Autors; und sobald er den Namen des Agenten vernimmt, weiß er auch unverzüglich, aus welchem Grund der Anruf erfolgt. Er hat ihm nämlich hoch und heilig auf den heutigen Tag eine sensationelle Erzählung für das renommierte Science Fiction-Magazin Trans-Pluto versprochen, das zwar seit seiner Gründung schon fünfmal pleite war, sich aber nichtsdestotrotz von einer Ausgabe zur anderen schleppt, und seiner heutigen Fremdbeanspruchung wegen vermochte euer Autor daran keinen Schlag zu tun. „Du hast mir hoch und heilig auf den heutigen Tag eine Erzählung fürs Trans-Pluto versprochen“, zetert sein Agent durchs Telefon. „Wo bleibt das Ding? Kann man sich denn überhaupt nie auf dich verlassen? Wie soll ich denn unter solchen Umständen meine Zusagen gegenüber dem Herausgeber einhalten? Was machst du eigentlich den ganzen Tag lang? Wir benötigen den Text. Der Umschlag für die nächste Nummer ist schon gedruckt, und dein Name steht drauf. Was sagst du dazu? Hä? Hä?!“ „Ich stelle die Geschichte schnellstens fertig“, stammelt in äußerster Verlegenheit euer nunmehr in eine mißliche Lage geschlitterter Science Fiction-Autor. „Morgen schicke ich sie ab. Ehrenwort!“ „Bestimmt?“ „Ganz bestimmt! Hundertprozentig. Auf mich kannst du zählen, das weißt du doch!“ „Na gut. Ich erwarte dein Manuskript übermorgen. Und denk dran – sensationell muß es sein. Fröhliches Schaffen!“ Als euer dergestalt verarschter Science Fiction-Autor den Hörer auf die Gabel schmettert, hat er endgültig die Nase gestrichen voll. Er bebt von den Großzehen bis in die Haarspitzen, in seinen Mundwinkeln bildet sich Schaum „Verfluchte Scheiße“, brüllt er seine vier Wände an und schüttelt beide Fäuste gegen die Zimmerdecke. Er stürmt in die Küche, entnimmt dem Tiefkühlfach eine vor Kälte weißlich beschlagene Flasche Bommerlunder und dem Wandschrank ein Glas; mit beidem in den Händen poltert er zurück ins Arbeitszimmer. „Jetzt habe ich aber endgültig die Nase gestrichen voll“, krakeelt er, reißt die Plastikabdeckung von der IBM, knautscht sie zusammen und wirft sie in eine Ecke. „So, sensationelle Science Fiction darfs sein, hm?“ nuschelt er vor sich hin, während er mit Blättern und Kohlepapier raschelt und knistert, endlich alles einspannt und die Maschine einstellt. „Na schön, dann sollt ihr sensationelle Science Fiction haben. Warum auch nicht?“ Er füllt eiskalten Bommerlunder ins Glas und gießt ihn sich hemmungslos in den nüchternen Magen, so daß vor seinen Augen ein ganzer Sternenhimmel zu flimmern beginnt. „Ja, wieso eigentlich nicht?“ röchelt er, hustet und lacht hämisch auf. „Jawoll, Freunde, ich werde aus Scheiße Geld machen.“ Als fast schlagartig die Wirkung des Alkohols einsetzt, beruhigen sich seine Hände, in seine Augen stiehlt sich ein irrsinniges Glitzern, und seine Finger huschen stetig über die Tasten der Schreibmaschine, als er zu tippen anfangt und mitten aufs erste Blatt hämmert: HELD DES UNIVERSUMS Kurt Luif Dabeisein ist alles Wie immer vor Beginn einer Pressekonferenz war Ralf Mayer nervös. Das änderte sich aber sofort, als er ins Scheinwerferlicht trat. Einen Augenblick blieb er blinzelnd stehen, dann betrat er das Podium und verbeugte sich leicht. Der Zuschauerraum lag im Halbdunkel. Nur die in den ersten Reihen sitzenden Journalisten waren undeutlich zu erkennen. „Meine Damen und Herren“, sagte der Saalsprecher, „wir stellen Ihnen nun Ralf Mayer vor!“ Als Ralf sich setzte, war er nicht hur beherrscht, sondern auch sofort wieder zu dem leicht dümmlichen Naturburschen aus den Alpen geworden, zu dem ihn die heimischen Medien aufgebaut hatten. Die PR-Leute seines Teams hatten dieses Image noch verstärkt. „Ralf Mayer ist dreiundzwanzig Jahre alt. Er hat neun Weltcuprennen gewonnen und wurde im vergangenen Jahr – als Krönung seiner Amateurlaufbahn – olympischer Abfahrtssieger!“ Der Monitor auf dem Tisch zeigte ihn bei seiner Siegesfahrt, die ihm das olympische Gold und einen lukrativen Profivertrag eingebracht hatte. Er lächelte leicht, als er sich in Siegerpose dastehen sah, die Arme hochgerissen und den Mund zu einem Freudenschrei geöffnet. Er hatte die Bilder hundertmal gesehen, aber sie gefielen ihm immer wieder. „Diese Saison wechselte Ralf Mayer zu den Profis über. Er wurde vom ATT-Team engagiert. Seine ersten Profirennen waren nicht gerade erfolgreich für ihn.“ Das kann man wohl sagen, stimmte Ralf zu, als er einige seiner Stürze auf dem Bildschirm sah. „Vor acht Wochen gewann er zwei Gruppe-II-Profiabfahrtsrennen gegen mäßige Gegner, und vor vier Wochen schaffte er die Qualifikation für den WM-Lauf, als er den Aspen-Gold-Cup gewann.“ Nun war er wieder als strahlender Sieger zu sehen. Sein blutroter Anzug mit dem ATT-Wappen glänzte in der Sonne. Sein dunkelblondes Haar war zerrauft, und seine grünblauen Augen blitzten. Triumphierend hielt er den Goldpokal in der rechten Hand. Mit dem linken Arm umarmte er seinen Trainer. „Ralf Mayer zog für den morgigen WM-Lauf die ungünstige Startnummer 9. Bei den englischen Buchmachern rangiert er als letzter Außenseiter. Sein Trainer ist Peter Sullivan, der vor fünf Jahren der erste Profi-WM-Sieger war. Fragen Sie nun Ralf Mayer, liebe Freunde. Nehmen Sie ihn ins Kreuzverhör!“ Und jetzt ist es wieder soweit, dachte Ralf. Jetzt werden sie mich und die Millionen Zuschauer in aller Welt mit den üblichen idiotischen Fragen quälen. Und wie üblich würde er auch die dämlichste Frage so beantworten wie sie seinem Image entsprach: sanft und bescheiden. Die Scheinwerfer wechselten alle paar Sekunden die Farbe. Den Zuschauerraum konnte er nur mehr als undurchdringliche Schwärze wahrnehmen. Er wußte, daß zumindest eine Kamera auf ihn gerichtet war und sein Gesicht in Großaufnahme zeigte. Die Pressekonferenz wurde live in 39 Länder übertragen. „He, Ralf, glauben Sie, daß Sie den Zielrichter belästigen werden?“ Einige kicherten. Vergeblich versuchte Ralf den Frager zu erkennen. „Ich denke schon“, antwortete er. „Was war das längste Rennen, das Sie je fuhren?“ „Gröden. Vergangenes Jahr. Es war viertausend Meter lang.“ „Da gab es aber keine Hindernisse. Das morgige Rennen ist neun-tausenddreihundertsiebenundsiebzig Meter lang und voll mit den heimtückischsten Fallen. Einige Buchmacher legen es fünfzig zu eins, daß Sie nicht mal den ersten Teil des Rennens schaffen werden.“ „Ich habe mich gewissenhaft vorbereitet. Nie zuvor war ich so in Hochform.“ „Einige Ihrer Konkurrenten behaupten, daß Sie zu weich für den Profisport sind. Sie haben die Umstellung noch nicht verkraftet.“ „Dagegen spricht mein Sieg im Aspen-Gold-Cup.“ „Weshalb fahren Sie für das ATT-Team?“ „Sie machten mir das beste Angebot.“ „Was waren für Sie die größten Umstellungen vom sogenannten Amateur zum Profi?“ Ralf überlegte kurz. „Amateurrennen sind mit Profirennen überhaupt nicht zu vergleichen. Bei den Profis ist alles anders. Der Massenstart aus den Startmaschinen, das gegenseitige Belauern und Behindern, und natürlich die Hindernisse.“ „Das wissen wir alle. Aber was war für Sie die größte Umstellung?“ „Die Taktik. Eine gute Position im Rennen zu suchen. Keinen Meter zu verschenken.“ Weitere Fragen prasselten auf ihn ein. „Der Bursche macht seine Sache großartig“, sagte Bert Zinnemann zufrieden. Er sah genauso aus, wie man sich den erfolgreichen Manager eines großen Konzerns vorstellte. Peter Sullivan antwortete nicht. Er starrte den Bildschirm an. „Sie haben vorbildliche Arbeit geleistet, Peter. Unser Umsatz hat sich in den vergangenen Wochen um fast dreißig Prozent erhöht. Das ist nur auf die Erfolge Ralfs zurückzuführen. Wenn er nun die Weltmeisterschaft gewinnt …“ „Er wird sie nicht gewinnen.“ „Ahh ja, jetzt kommen wieder Ihre langweiligen Einwendungen. Er wird verheizt. Er ist noch nicht reif für so ein brutales Rennen. Der Start kommt um ein Jahr zu früh. Er hätte langsamer aufgebaut werden müssen. Das wollen Sie doch sagen?“ „Richtig.“ „Peter, Sie wissen, was gespielt wird. Unser Team braucht einen zugkräftigen Fahrer. Wir steckten ganz schön in den roten Zahlen.“ „Das weiß ich. Trotzdem kommt der Start für Ralf zu früh. Dieses Rennen ist zu schwer für ihn. Ich habe selbst drei Profi-Jahre gebraucht, bevor ich die WM gewann.“ „Ach was, wenn er nicht gewinnt, ist es auch nicht tragisch. Wichtig ist, daß er überhaupt am WM-Lauf teilnimmt. Diese Reklame ist einfach unbezahlbar.“ „Das schätze ich so an Ihnen, Bert. Sie denken so überaus human. Immer im Interesse des Konzerns unterwegs, immer darauf bedacht, daß die Umsatzziffern steigen.“ „Das ist meine Aufgabe. Ihre ist es, Ralf gut zu trainieren. Seien wir doch mal ehrlich, wir haben alles für den Jungen getan, was wir konnten. Wir haben die besten Leute engagiert: Sie als Trainer; den bekanntesten Konditionstrainer; einen erfolgreichen Sportarzt, einen hervorragenden Masseur und ein optimales technisches Team. Er ist bestens vorbereitet.“ „Bert, Sie sind ein hoffnungsloser Fall. Profiabfahrten sind nicht mit normalen FIS-Abfahrten zu vergleichen. Das sollte auch Ihnen langsam klar geworden sein. Dieser WM-Lauf ist besonders schwierig, etwas Ähnliches hat es nie zuvor gegeben. Bei den Profis setzt sich nur der brutalste, skrupelloseste und härteste Fahrer durch. Das alles trifft auf Ralf nicht zu. Er hat Skrupel. Er wirft nicht einfach einen Gegner um oder drängt ihn aus der Bahn. Er ist noch nicht die Kampfmaschine, die dieser Sport braucht. Vielleicht ist er nächstes Jahr soweit.“ „Mit Ihrem Pessimismus gehen Sie mir auf die Nerven, Peter. Genug davon. Unser Star kommt.“ Ralf kam auf sie zu. Sein Gesicht war ernst. Die Gelassenheit und Ruhe, die er vor der Reportermeute gezeigt hatte, war wie fortgeblasen. Er sah müde aus. „Gut gemacht, Ralf,“ lobte Zinnemann ihn auf seine schleimige Art. „Immer die gleichen blöden Fragen“, sagte Ralf und blickte Peter an. „Und immer die gleichen blöden Antworten. Bert, bringen Sie Ralf auf sein Zimmer. Keine Besucher. Verstanden?“ „Sie kommen nicht mit?“ fragte Zinnemann. „Später. In einer halben Stunde.“ Geistesabwesend betrat Peter Sullivan die Hotelbar. Er war breitschultrig, fünfunddreißig, und das erste Grau zeigte sich in seinem dunklem Haar. „Das übliche, Mr. Sullivan?“ fragte der Barkeeper. Sullivan nickte und rutschte auf einen Hocker. Er nippte an seinem Drink und drehte sich nicht um, als er das Klappern hochhackiger Schuhe hörte, das neben ihm verstummte. „Darf ich mich zu dir setzen, Peter?“ Unwillkürlich preßte er die Lippen zusammen. Die Stimme hatte er seit fünf Jahren nicht mehr gehört. „Ja“, sagte er undeutlich. Das Rascheln von Stoff war zu hören. Langsam drehte er sich um. „Hallo, Carol.“ Sie blickte ihn kurz an und wandte den Kopf dann dem Barkeeper zu. „Ein Tonic mit viel Eis.“ „Sehr wohl, Miss Wigham.“ Peter musterte sie verstohlen. An ihr war die Zeit offenbar spurlos vorbeigegangen. „Weshalb bist du nicht bei der Pressekonferenz, Carol?“ „Ich habe mir nur Ralf angehört. Die anderen Fahrer interessieren mich nicht. Eigentlich bin ich nur wegen Ralf nach Denver gekommen.“ „Niemand darf mit ihm sprechen.“ „Ich weiß. Er wird wie ein Gefangener gehalten.“ „Das gehört dazu.“ Sie nickte. „Ralf hat mir von dir erzählt, Carol.“ Sie trank einen Schluck. „Nach seinem olympischen Sieg war er eine Woche mit dir zusammen, Ich glaube, er ist noch immer in dich verliebt.“ „Nein, das glaube ich nicht. Er war nie in mich verliebt. Unsere Beziehung war ganz anders.“ „Du bist die einzige Frau, die ihn je verstanden hat. Das behauptet er.“ „Möglich.“ „Für dich war er einer unter vielen. So wie ich.“ Sie schwieg. „Ich habe Ralf nichts davon gesagt, daß wir es zwei Tage miteinander getrieben haben, nachdem ich Profi-Weltmeister wurde.“ „Und warum hast du es ihm nicht erzählt?“ „Ich wollte ihm seine Illusionen über dich nicht rauben.“ „Er weiß genau über mich Bescheid, Peter. Ich spiele ehrlich. Das weißt du, das wissen alle.“ Peter nickte. „Noch einen“, sagte er und hob das leere Glas. „Hat dir Ralf erzählt, daß ich es ihm ausreden wollte, Profi zu werden?“ „Ja, das hat er. Er will beweisen, daß er besser ist als du glaubst.“ „Das hätte er mir auf anderen Gebieten beweisen können.“ „Du hältst noch immer nichts von Sportlern.“ „Nichts von Berufssportlern. Ihre Tätigkeit ist so nutzlos, so sinnlos.“ „Und deshalb bist du gekommen. Du wirst wieder einmal einen bissigen Artikel über den Profisport bringen, über seine Sinnlosigkeit, seine von Jahr zu Jahr steigende Brutalität, von seinen Auswüchsen.“ „Richtig, das werde ich tun. Aber ich bin noch aus einem anderen Grund hier.“ „Der ist?“ „Ralf hat mir ein Exklusiv-Interview versprochen, wenn er Weltmeister wird.“ „Ich bezweifle, daß er gewinnen wird.“ „Ich glaube schon. Er ist härter, viel härter als ihr alle glaubt.“ „Wenn ich dir einen Rat geben darf, Carol, dann setz keinen Dollar auf seinen Sieg.“ „Ich wette niemals. Ich finde es scheußlich, daß man wetten darf, wer dieses unmenschliche Rennen gewinnt.“ „Du wirst es nicht ändern. Der Masse gefällt es, und die Masse zählt.“ „Leider hast du recht.“ Wieder starrte er sie an. Sie mußte jetzt etwa achtundzwanzig sein. Wie immer war sie völlig ungeschminkt und nach der neuesten Mode gekleidet. Äußerlich war sie unverändert. Aber ihre Einstellung war viel kritischer geworden. Von ihrer unbeschwerten Unbekümmertheit war nichts geblieben. „Du bist anders geworden, Carol.“ „Fünf Jahre ändern einen Menschen. Man blickt hinter die Fassaden und beginnt nachzudenken. Und was dabei herauskommt, ist wenig erfreulich.“ „Bist du noch immer hinter den Prominenten her?“ „Ja. Das ist mein Beruf. Aber es ist anders als früher. Früher wollte ich die Prominenten ins Bett bekommen. Ich war selig, wenn es mir gelang, einen Filmstar, einen Sportler oder einen bekannten Politiker zu verführen. Daran liegt mir nichts mehr.“ „Du wirst doch nicht keusch geworden sein?“ „Du hast dich auch geändert, Peter. Du bist zynisch geworden.“ Er zuckte die Schultern. „Nun gehörst du selbst zu den Prominenten. Vermutlich bist du die bekannteste Journalistin der USA.“ „Nicht vermutlich. Ich bin es.“ Sie grinste und er erwiderte ihr Grinsen. Carol glitt vom Hocker. „Ich werde Ralf die Daumen drücken. Wo steckt er?“ „In seinem Zimmer. Der Arzt ist bei ihm.“ „Vermutlich stopft er ihn voll mit Schlafmittel?“ „Nicht nur Schlafmittel. Du wirst nicht viel Spaß mit ihm haben, wenn er gewinnen sollte. An Sex ist er im Augenblick nicht interessiert. Gegen die Fleischeslust gibt es heute auch schon Mittel. Im Augenblick ist er wie ein Eunuch.“ „Ich will nicht mit ihm schlafen. Bis morgen, Peter.“ Er hatte mit vielen Mädchen geschlafen, doch für keines hatte er mehr als sexuelles Verlangen empfunden. Auch Carol hatte ihm nichts bedeutet. Doch die Erinnerung an die zwei Nächte, die er mit ihr verbracht hatte, war durchaus angenehm. Vor fünf Jahren hatte er selbst im Mittelpunkt des Interesses gestanden. Doch die Abfahrt, die er damals gewonnen hatte, war ein Kinderspiel im Vergleich zur morgigen. Begonnen hatte alles vor acht Jahren, als einige Abfahrten mit gleichzeitigem Start von fünf und mehr Läufern stattfanden. Das hatte dem Publikum gefallen. Danach waren Hindernisse in die Strecken eingebaut worden. Er selbst war ein mäßiger Amateurfahrer gewesen, der kein Weltcuprennen gewonnen und nie an einer Olympiade teilgenommen hatte. Bei den Profis hatte er sich sofort durchgesetzt, denn bei ihnen konnte man seine Brutalität richtig ausspielen. Auf der Piste war er zum Raubtier geworden, von seinen Gegnern gehaßt und gefürchtet. Nach dem WM-Sieg hatte er noch ein paar kleinere Rennen gewonnen. Ein schwerer Sturz hatte seiner Karriere ein Ende gemacht. Er war Trainer geworden. Über das Angebot der ATT, Ralf Mayer zu trainieren, war er überaus glücklich gewesen. Sein Fixum war hoch, und er bekam 25 Prozent von allen Renngewinnen. Kein schlechtes Geschäft, da die Siegpreise in den meisten Rennen schon mehr als hunderttausend Dollar erreichten. Und morgen ging es um eine Prämie von einer Million! Ralf saß vor dem Fernsehapparat, den Ton hatte er abgeschaltet. Im Augenblick war Eraldo Tardelli zu sehen, ein hübscher Bursche mit schwarzgelocktem Haar und Glubschaugen. Einer seiner morgigen Gegner, der von der Fachpresse – wie Ralf selbst – als chancenlos eingestuft wurde. „Für Tardelli sollte die Strecke zu schwer sein“, stellte Helga Gottwald fest, die neben ihm auf der Couch saß. Ralf brummte etwas Unverständliches. Automatisch setzte er seine Unterschrift auf einer der Werbebroschüren der ATT. Sie schilderte detailliert seinen Lebenslauf und lieferte einen Rückblick auf alle großen Rennen, die er gewonnen hatte. Der Werbeschrift lag eine Platte bei, auf der Ralf einige der immer wieder gestellten Fragen beantwortete. Und natürlich gab es jede Menge Reklame in dem dünnen Heftchen. Für alle Produkte der ATT wurde geworben: Fernseher, Radios, Plattenspieler, Recorder. Auch die Produkte der Firma Universum, die zu 90 Prozent im Besitz der ATT war, wurden angepriesen. Aus ihrer Fabrikation stammte Ralfs gesamte Rennausrüstung. In den vergangenen Wochen war die Fan-Post gewaltig angeschwollen. An manchen Tagen hatte er fast tausend Briefe erhalten, die von drei eigens dafür verpflichteten Sekretärinnen bearbeitet wurden. Nach ein paar Minuten legte Ralf eine Schreibpause ein. Helga trug die bereits signierten Werbeschriften hinaus. Als sie zurückkam, war Gerard Lacombe zu sehen, der das Podium betrat. „Er geht wie ein Holzfäller“, sagte Ralf. „Und er fährt auch so.“ „Er ist ein guter Fahrer. Einer der besten. Hart und zäh. Für mich ist er der Favorit.“ Helga setzte sich. Sie war ein bildhübsches Mädchen, Blond, langbeinig, vollbusig, sexy und überaus anschmiegsam. Und ihre Nähe tat Ralf gut. Seit sieben Monaten war Helga tagtäglich mit Ralf zusammen. Diese Monate hatten sie beide verändert. Sie war schon seit drei Jahren für ATT tätig. Bert Zinnemann hatte ihr den Job als Ralfs Betreuerin angeboten, und sie hatte ihn zögernd angenommen. Es hatte nur wenige Tage gedauert, bis sie erkannt hatte, daß er ganz anders war, als ihn die Presse hinstellte. Er war nicht sanft und schon gar nicht freundlich. Meist war er mürrisch, in sich selbst zurückgezogen und nachdenklich. Seine Fans, Reporter und alte Menschen waren ihm ein Greuel. Parties und kreischende Teenager verabscheute er. Sein Hauptinteresse galt dem Schach. Täglich spielte er mindestens eine Stunde mit einem Computer, und bis vor vier Wochen hatte noch ein bekannter Großmeister zum Betreuerteam gehört. Fernsehen und Kino hatten Ralfs Interesse nie geweckt. Dagegen verschlang er alle Bücher über Biologie, die er bekommen konnte. Skifahren beschäftigte ihn nur insoweit, als es seine eigene Person betraf. Eigentlich war er für seine Umgebung ein völliges Rätsel. Über seine Pläne, Hoffnungen und Wünsche sprach er nur ausweichend. Auf direkte Fragen antwortete er nicht. Er war allen Menschen gegenüber mißtrauisch. Helga gegenüber war er es besonders lange gewesen. Vor drei Monaten hatten sie zum erstenmal miteinander geschlafen. Seine Beziehung zu ihr kam Helga oft sehr merkwürdig vor. Mal kam sie sich wie seine Mutter vor, dann wieder wie eine alte Freundin, und gelegentlich war sie auch seine Geliebte. Wenn letzteres der Fall war, nahm er sie dermaßen in Anspruch, daß sie anschließend groggy war. Vor fünf Tagen hatte er die letzte Nacht mit ihr verbracht. Danach hatte Dr. Mandel begonnen, ihn mit sextötenden Mitteln zu behandeln. Es hatte sich herausgestellt, daß Ralf im Rennen bessere Leistungen erbrachte, wenn er zuvor sexuell enthaltsam gelebt hatte. Und in dieser Nacht vor fünf Tagen war er erstmals aus sich herausgegangen und hatte ihr einen Blick in sein Inneres gestattet. Sie lag eng an ihn geschmiegt. Und wieder hatte sie das Gefühl, daß er mit seinen Gedanken ganz weit fort war, in einer Welt, zu der sie keinen Zutritt hatte. „Was wirst du tun, wenn du die WM gewinnst?“ „Ich werde mit dem Skifahren aufhören.“ „Und was wirst du dann tun?“ Sein Gesicht war seltsam leer. „Ich werde mir eine Farm kaufen“, sagte er fast unhörbar, „und dann werde ich die besten Vollblüter züchten, die es je gegeben hat.“ „Du willst Pferde züchten? Seit wann interessierst du dich für Pferde?“ „Seit zwanzig Jahren.“ Sie sah ihn verwirrt an. Niemand aus seiner Umgebung hatte das auch nur geahnt. „Mein Vater nahm mich vor zwanzig Jahren zum Galopprennen nach München mit. Ich war sofort fasziniert und lernte reiten. Im Sommer ritt ich, und im Winter fuhr ich Ski. Ich wollte ein zweiter Lester Pigott werden oder ein zweiter Franz Klammer. Aber den Traum von einer Jockeilaufbahn mußte ich begraben, als ich zwölf war. Da war ich fast so groß wie heute und wog sechzig Kilo.“ „Das muß ziemlich bitter für dich gewesen sein.“ „Ich konzentrierte mich dann ganz aufs Skifahren. Ich wollte Olympia-Sieger werden. Und das schaffte ich.“ „Und jetzt willst du Profi-Weltmeister werden.“ Er nickte. „Ich wollte immer so viel Geld verdienen, daß ich den Rest meines Lebens nicht mehr Arbeiten muß. Das habe ich erreicht.“ Und was wird aus mir, wollte sie fragen. Was wird aus mir, wenn du gewinnst? Aber sie hatte Angst die Frage zu stellen, da sie die Antwort zu wissen glaubte. Ralf blickte auf, als Peter Sullivan eintrat und sich hinsetzte. „Nervös, Ralf?“ „Nein. Das werde ich erst morgen vor dem Start sein.“ Peter zögerte einen Moment. „Ich habe Carol Wigham getroffen. Sie will dich morgen interviewen.“ „Ich wußte, daß sie kommen würde. Wir sind uns sehr ähnlich. Sie hat ebensowenig Illusionen wie ich. Wir beide kennen die Menschen. Sie ist eine faszinierende Frau, und einer der wenigen Menschen, die ich wirklich gern habe.“ „Weshalb haßt du eigentlich die Menschen, Ralf?“ Ralf warf den Kugelschreiber auf den Tisch. Er hörte Helgas rasches Atmen. „Das kann ich dir sagen, Peter. Ich war ziemlich naiv, als ich zum Skizirkus stieß; ein kleiner dummer Junge, für den die Welt noch heil war. Ich war gutgläubig und wollte Spitzenfahrer werden. Doch es dauerte nur wenige Wochen und ich wußte was gespielt wurde. Alle wollten berühmt werden, und alle waren nur hinter dem Geld her. Je öfter sie in der Zeitung standen und von schwachsinnigen Reportern hochgejubelt wurden, um so glücklicher und eingebildeter wurden sie. In ihrer Armseligkeit waren sie abstoßend und widerlich. Alle. Die Fabrikanten, die hinter den Talenten her waren, die Trainer, die Betreuer, die unfähigen Funktionäre und natürlich auch die Teamgefährten. Intrigen, Lügen, Heuchelei, Verleumdungen, Bösartigkeiten und ein Kampf jeder gegen jeden. Alle waren sie Scheißer, miese Kreaturen!“ Peter und Helga saßen wie erstarrt. Ralf stand auf. Er ging zum Fernseher und schaltete ihn aus. Dann drehte er sich langsam um. „Das war aber noch alles nicht so schlimm. Ekelhaft wurde es erst so richtig, als der Patriotismus ins Spiel gebracht wurde, die größte Lüge, die es überhaupt gibt. Für das Vaterland zu siegen, das ist doch das größte, das muß es wohl sein, wenn man nach den vertrottelten Sportreportern geht und dem noch dümmeren Publikum, für das man stellvertretend Fährt. Für dein Land wirst du das beste geben. Quatsch. Du willst nur für dich selbst gewinnen. Dein Land ist dir herzlich egal. Aber alle schlucken den Unsinn mit der Ehre fürs Vaterland.“ Erschöpft hielt er einen Augenblick inne. „Ich lernte rasch. Mir wurde ein Image verpaßt, nach dem ich lebte. Ich handelte mir gute Verträge aus. Ich ließ sie alle bluten. Ich verkaufte mich teuer, und ich werde mich teuer verkaufen.“ „Und wie stufst du mich ein?“ fragte Peter. „Du warst vom ersten Augenblick an ehrlich. Dir geht es um den Erfolg. Ich bin wichtig für dich und deine künftige Laufbahn. Du hast allen bewiesen, daß du aus einem Amateur einen Profi machen kannst. Um deine Zukunft als Trainer ist mir nicht bange.“ Er sah Helga an. In ihren Augen las er die Frage, die sie nicht zu stellen wagte. „Du willst wissen, was ich von dir halte, Helga?“ Sie nickte zögernd. „Willst du mich heiraten?“ Mit allem möglichen hatte sie gerechnet, doch mit dieser Frage nicht. „Ja“, antwortete sie leise. Ralf stand um acht Uhr auf. An das bevorstehende Rennen versuchte er nicht zu denken. Frühsport mit dem Konditionstrainer Heini Dönger. Dann ein kräftiges Frühstück. Anschließend eine Massage von Karl Holzer, danach eine kurze ärztliche Untersuchung. Wieder ins Bett. Doch er konnte nicht schlafen. Nach einer halben Stunde stand er auf, setzte sich an den Tisch und spielte eine Partie gegen den Schach-Computer. Spanisch mit 3 … . a 6, die Gambitvariante. Nach fünfundzwanzig Zügen war der Computer geschlagen. Ein paar Minuten vor zwölf Uhr rasierte er sich sorgfältig. Fünf Minuten nach zwölf Uhr begann das Zerren in seinem Magen. Seine Hände wurden feucht. Nervös lief er im Zimmer auf und ab. Er ging auf die Toilette und versuchte zu pinkeln, doch es klappte nicht. „Verdammte Scheiße“, flüsterte er und stapfte wieder hin und her. Um halb eins holte Peter Sullivan ihn ab. „Alles in Ordnung, Ralf?“ Er lächelte verkrampft. „In meinem Magen hat sich ein Ameisenvolk niedergelassen. Mir ist abwechselnd kalt und warm. Ich fühle mich hundsmiserabel.“ „Dann ist ja alles bestens in Ordnung“, freute sich Peter. „Zieh dir den Pelzmantel an. Und setz dir die Mütze auf. Es ist saukalt.“ Ralf gehorchte. Mit dem Schnellaufzug fuhren sie zum Hoteldach hinauf, wo bereits der Hubschrauber auf sie wartete. Es war grimmig kalt. Ein strahlend schöner Tag, aber von den Rocky Mountains her kam ein beißender Wind. „Die anderen sind schon am Start eingetroffen“, sagte Peter. Ralf nickte und kletterte in den Helikopter. Peter folgte ihm. Sie schnallten sich an. Der Pilot winkte ihnen zu. Sanft hob er von der Plattform ab. Mit jeder Minute wurde Ralf nervöser. Sein Gesicht war kreidebleich. Er konnte die Hände nicht eine Sekunde ruhig halten. Gelegentlich warf er einen raschen Blick auf Denver. Sie flogen am Stapleton International Airport vorbei, dann über die Innenstadt mit den unzähligen Wolkenkratzern. Der Hubschrauber folgte der Interstate 70 schnurgerade nach Westen, genau auf die schneebedeckten Gipfel der Rockys zu. Ralf schloß die Augen. Er wollte die rasch näher kommenden Berge nicht sehen. Um sich abzulenken, und die angespannten Nerven zu beruhigen, konzentrierte er sich auf ein Schachproblem. Innerhalb weniger Sekunden lagen seine Hände ruhig auf seinen Knien. Peter kannte den Zustand, in dem sich Ralf befand, nur zu gut. Dieses Startfieber war unerläßlich. Sie hatten mit verschiedenen Medikamenten versucht, die Nervenanspannung zu mindern, doch die Ergebnisse waren nicht sehr erfolgreich gewesen. Außerdem gab es nichts zu besprechen. Vierzehn Tage lang hatten sie die WM-Strecke gründlichst studiert. Ralf wußte ganz genau wo die schwierigsten Stellen lagen. Alles war gesagt worden. Der Hubschrauber landete unweit des Startgebäudes in dreitausend Meter Höhe. Sie stiegen aus. Hier oben war es noch kälter. Rasch liefen sie auf das Startgebäude zu und betraten die für das ATT-Team reservierten Räume. Ralf nickte dem rotgesichtigen Stadler, der das technische Team leitete, zu und ging in den Massageraum, wo Holzer und Mandel bereits auf ihn warteten. Ein Einlaufen vor dem Rennen war allen Läufern verboten. Ralf machte einige Lockerungsübungen, dann ließ er sich massieren. Nur undeutlich nahm er wahr, was um ihn herum vorging. Er beschäftigte sich noch immer mit seinem Schachproblem. Stadler brachte den blutroten Anzug, den er im Rennen tragen würde. Er bestand aus Kunststoffmaterial, das sich wie eine zweite Haut an den Körper schmiegte. In das hauchdünne Gewebe waren dünne Drähte eingearbeitet, die der medizinischen Überwachung während des Rennens dienten. Mandel schlang ein netzartiges Gebilde um Ralfs Kopf, verknotete es im Nacken und befestigte zwei kleine Apparate hinter seinen Ohren. Ralf schlüpfte mühsam in den eiskalten Anzug, der sich nach wenigen Sekunden seiner Körperwärme anpaßte. Dann stülpten sie ihm den Rennhelm über den Kopf. Mit den normalen Helmen hatte er nur wenig Ähnlichkeit. Er sah eher wie ein Taucherhelm aus. Langsam stapfte Ralf aus dem Massageraum. Im Fernsehraum, der Kommandozentrale des ATT-Teams, ließ er sich auf einen Stuhl fallen. Stadler klappte die Sichtklappe des Helms herunter, und der Kunststoff paßte sich sofort an die Lichtverhältnisse an. Der Helm hielt alle Geräusche von Ralf fern. „Sprechprobe“, sagte Peter Sullivan, der auf einem erhöhten Stuhl saß. Ihm gegenüber an der Wand hingen neun numerierte Bildschirme, die während des Rennens die zu den Nummern gehörenden Läufer zeigen würden. Auf seinem Tisch befanden sich noch zwei Monitore, die den Lauf so zeigten, wie ihn zigmillionen Fernsehzuschauer in sechzig Ländern sehen würden. Zwischen den Monitoren befand sich ein Mikrophon, mit dem er während des Rennens mit Ralf in Verbindung treten konnte. „Ich verstehe dich gut, Peter.“ „Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs“, sagte Peter Sullivan. Ein Techniker regulierte die Lautstärke. Dr. Mandel nahm neben Peter Sullivan Platz. Vor sich hatte er eine Art Schaltpult mit Skalen, Knöpfen und Hebeln. Diese Geräte zeigten laufend Ralfs Pulsschlag, seine Körpertemperatur und alle möglichen anderen Dinge an. Von diesem Steuerpult aus konnte der Arzt Ralf ferngesteuert schmerzstillende, aufputschende oder stärkende Mittel injizieren, die sich in den zwei Apparaturen befanden, die er hinter Ralfs Ohren angebracht hatte. Und natürlich konnte er auch jederzeit die Sauerstoffzufuhr erhöhen, ganz wie es die Situation erforderte. Ein Computer wertete ununterbrochen alle Daten aus, die man ihm über das im Anzug befindliche Netz lieferte. „Alles OK“, sagte Mandel. „Bei mir ist auch alles in Ordnung. Noch zehn Minuten bis zum Start.“ Ralf drehte sich nach rechts. Die Schmalseite des Raums nahm ein riesiger Fernsehschirm ein, auf dem das Programm der vereinigten US-Stationen zu sehen war. Der Ton war abgeschaltet. Während ihm Stadler die Schuhe anzog, verfolgte Ralf die Geschehnisse auf dem Bildschirm. Im Augenblick war die Strecke zu sehen. Gesamtlänge: 9377 Meter. Die Strecke war in zwei Teile gegliedert. 1. Teil Start: 3020 m Ankunft Sessellift: 1420 m Länge: 5109m Kurz waren die Schlüsselstellen des ersten Teils zu sehen: die Spirale, der Abgrund, die Brücke. 2. Teil Start: 2408 m Ziel: 1320 m Länge: 4268 m Und auch hier waren die schwierigsten Stellen eingeblendet: Schanze, Tunnel, Labyrinth. Ralfstand auf und schlüpfte in die Skibindung. Aber sofort sah er wieder zum Bildschirm. Die Namen der Läufer erschienen, ihre Startnummern, die Rennfarben und die Kurse. 1 Tom Rowe giftgrün 30:1 2 Bob David rosa 50:1 3 Jean Kelly hellblau 25:1 4 Carlo Dettori orange 150:1 5 Steve Paradise schwarz/rote Streifen 20:1 6 Gerard Lacombe violett 10:1 7 Eraldo Tardelli dottergelb 160:1 8 Archie Harper hellbraun 40:1 9 Ralf Mayer blutrot 250:1 Noch sechs Minuten bis zum Start. In einer Minute mußte er hinaus ins Freie. „Wieviel Geld hast du bei dir, Peter?“ „Etwa tausend Dollar.“ „Setz sie für mich auf Sieg!“ „Aber, du hast …“ Peter brach verwirrt ab. Nie zuvor hatte Ralf sich selbst in einem Rennen gespielt. „Wie du meinst. Carsten, kommen Sie her. Da haben Sie tausend Dollar. Beeilen Sie sich.“ Carsten schnappte die tausend Dollar und lief aus dem Zimmer. „Raus mit dir, Ralf.“ Gemächlich fuhr er auf die Startmaschine zu. Sie glich der eines normalen Galopprennens. Einen Augenblick dachte er an Helga und Carol, die vor dem Fernseher sitzen würden, und wahrscheinlich nicht weniger nervös waren als er. Die Scheibe seines Helms hatte sich an die andersartigen Lichtverhältnisse in Sekundenbruchteilen angepaßt. Das grelle Schimmern der schneebedeckten Berge war nun nicht mehr zu erkennen. Zwei Minuten bis zum Start. Die Läufer 1-7 hatten die Boxen bereits betreten, und die hinteren Klappen waren von den Starthelfern verriegelt worden. Nun betrat die Nummer 8 die Box. Archie Harper war ein erfahrener Profi. Vergangenes Jahr war er Dritter geworden. „Hinein mit dir, Ralf“, hörte er Peters ruhige Stimme. Er stapfte hinein und preßte sich gegen die geschlossenen Vorderklappen, die ihm bis zum Hals reichten. Er spürte einen sanften Druck im Rücken, als die hinteren Klappen geschlossen wurden. „Fünfzig Sekunden noch, Ralf. Entspanne dich.“ Verdammt, dachte Ralf, jetzt könnte ich pinkeln. Aber jetzt geht es nicht mehr. „Fünfundzwanzig Sekunden. Laß dir mit dem Abspringen Zeit, Ralf.“ Üblicherweise sprang man wie verrückt ab, doch dieses Rennen war in jeder Beziehung anders. Normal stand die Startmaschine vor einem Steilhang, doch dieser Kurs fing harmlos an: mit einer Linkskurve. Da er die äußerste Startnummer hatte, war es für ihn unmöglich, sofort an die Innenseite der Bahn zu kommen. Und er wollte nicht schon kurz nach dem Start in einen eventuellen Massensturz verwickelt werden. „Zehn Sekunden noch.“ Ralf blickte geradeaus auf die verschneiten Berggipfel, deren Namen er nicht kannte und auch gar nicht kennen wollte. „Fünf, vier, drei, zwei, los!“ Die Boxentür sprang auf. „Los, Ralf!“ Er duckte sich und sprang hinaus. Erwartungsgemäß hatten die inneren Startnummern den besten Start erwischt. Die 9377-Meter-Qual begann. Er ließ sich ruhig nach links treiben. Die Piste war ohne Buckel und Rillen, völlig glatt. Der Schnee flog hoch. Vor sich sah er zwei Fahrer. Ein schwarzer Anzug mit roten Streifen und ein dottergelber. Paradise und Tardelli. Der bullige Amerikaner versuchte den Italiener von der Piste abzudrängen. Ralf fuhr die Kurve ganz präzise an. Die beiden vor ihm liegenden Fahrer kämpften noch immer miteinander. Nun fiel die Strecke etwas steiler ab. Etwa hundert Meter lang war sie schnurgerade. „Nach rechts, Ralf.“ Er gehorchte. Während des Rennens würde er blindlings den Anweisungen seines Trainers gehorchen. Sullivan hatte einen viel besseren Überblick. „Tiefer, geh tiefer in die Hocke. Versuche an Fünf und Sieben vor der Rechtskurve vorbeizukommen.“ Weit vorgebeugt raste er hinunter, fand die Ideallinie, fuhr wie auf Schienen, drückte alle Buckeln durch und raste an den beiden Kämpfenden vorbei, die weiter nach links abgetragen wurden. Er war der Spitzengruppe nähergekommen. „Gut gemacht, Ralf.“ Auch in der Rechtskurve fand er die Ideallinie. Bis jetzt war das Rennen ein Kinderspiel gewesen. Zwanzig Sekunden würde die Spazierfahrt noch dauern, dann würde es ernst werden. Er blickte stur geradeaus. Vor ihm lag die Mauer, jene Stelle, von der aus man in einen Flachteil geschleudert wurde. Den Absprung erwischte er mittelprächtig. Er sprang zu weit ins Flache, setzte aber bombensicher auf. Einer seiner Konkurrenten hatte den Aufsprung schlecht erwischt. Der hellblaue Anzug wirbelte durch die Luft. Es war die Nummer 3 – Jean Kelly. Er überschlug sich und raste auf einen der Abfangzäune zu. Das Flachstück war nur etwa vierhundert Meter lang, dann ging es einen vereisten Steilhang hinab, der voller Fallen war. Auf diesem Stück wurden Geschwindigkeiten bis zu 140 km/h erreicht. „Fünf und Sieben sind dicht hinter dir, Ralf. Kelly hat den Sturz unverletzt überstanden. Er nimmt das Rennen wieder auf. Er hat einen Rückstand von neunundzwanzig Sekunden.“ Ralf raste das Steilstück hinab. Hier konnte er an Boden gewinnen. Weit vor sich sah er die Spitzengruppe, die von Tom Rowe angeführt wurde. Nun bremsten Buckel und Querrillen die rasende Fahrt. Und schon tauchte die Todesspirale auf. Ein Betonturm, der aus zehn numerierten Eingangslöchern bestand. Niemand wußte im voraus, welches der Löcher seine Nummer tragen würde. „Dein Loch ist das dritte von links, Ralf!“ „Danke“, keuchte er. Er bremste weiter die Fahrt. Keinesfalls durfte er zu rasch sein, denn sonst konnte es passieren, daß er einen falschen Eingang erwischte. Das Herübernehmen nach links kostete Kraft. Rowe und David verschwanden fast gleichzeitig in den Öffnungen, dann folgten Lacombe und Dettori. Ralf riß es die Ski auseinander. Er fixierte Eingang Nummer 9 an. Harper war nur noch zwei Meter vor ihm. Der Computer hatte ihm den Eingang zugewiesen, der neben dem Ralfs lag. „Sei vorsichtig, Ralf!“ schrie Sullivan. Ralf wollte keinesfalls Harper überholen. Der Amerikaner war für seine Brutalität bekannt. Aber der Teil der Piste, auf dem sich Ralf befand, war buckellos und völlig glatt, während Harpers Bahn große Hindernisse aufwies. Zwangsläufig kam Ralf seinem Gegner immer näher. Und dann war er neben Harper und fuhr an ihm vorbei. In diesem Augenblick handelte der Amerikaner. Er besaß die Brutalität, die Ralf fehlte. Denn nach den ungeschriebenen Gesetzen der Profis hätte Ralf ihn behindern und aus der Bahn werfen müssen. Harper besaß diese Skrupel nicht. Er riß den linken Stock hoch und stieß die Spitze tief in Ralfs rechten Oberschenkel. Blut floß aus der Wunde. Ralf spürte den Schmerz, doch schon war der Eingang heran. Er hatte ihn genau erwischt. Sofort wurde er hochgerissen. Die Spirale lief nach links. Fünf Sekunden später stand er auf dem Kopf und die schwindelerregende Fahrt ging weiter, auf und ab. Ralf schlug mit dem Kopf gegen die Decke, doch der Helm milderte den Stoß. Mit dem rechten Ellbogen schlug er gegen eine Wand, dann stand er wieder auf dem Kopf und wurde nach rechts in eine weitere Spirale gerissen. Alles drehte sich vor seinen Augen. Wieder ein Schlag gegen den rechten Arm. „Was ist mit der Verletzung, Mandel?“ schrie Peter. „Eine harmlose Fleischwunde. Ich habe die Blutung gestillt.“ Auf dem Bildschirm war nun in Zeitlupe Harpers Angriff auf Ralf zu sehen. Man sah ganz genau, wie sich die Stockspitze in den Oberschenkel bohrte und das Blut hervorquoll. Aber der Angriff hatte Harper kein Glück gebracht. Die Beschäftigung mit seinem Konkurrenten hatte sich nicht ausgezahlt. Er hatte sein Eingangsloch schlecht angefahren und war mit der linken Skispitze hängengeblieben. Die Bindung war aufgegangen. Er war nur mit einem Ski in das Labyrinth hineingefahren, war zu Fall gekommen und raste nun, sich endlos überschlagend, durch die Spirale. Bewußtlos kollerte er aus dem Labyrinth heraus, rutschte den Abhang hinunter, verfing sich in einem Fangzaun und blieb leblos liegen. Ralf war wie eine Rakete aus dem Labyrinth geschossen und flog nun förmlich den vereisten Steilhang hinunter, der zum Höllengraben führte. „Wie fühlst du dich, Ralf?“ „Meine Knie schmerzen“, keuchte er. „Und die Wunde?“ „Spüre ich nicht.“ „Gut. Drück jetzt auf das Tempo.“ Peter hob den Kopf und blickte den Bildschirm an, auf dem Ralf zu sehen war. Links war seine Zeit eingeblendet und rechts die Geschwindigkeit, die er fuhr. „Du bist mit 152 unterwegs. Tiefer in die Hocke. Du mußt 160 erreichen, sonst schaffst du den Graben nicht.“ Im Fernsehraum war es nun völlig ruhig. Alle starrten die sich ändernden Zahlen an. 155, 157, 159. „Du schaffst es, Junge, du schaffst es!“ Peter atmete erleichtert auf, als die 162 kam. Ralf wurde in die Luft geschleudert. Sein Flug war ruhig. Scheinbar schwerelos schwebte er über den Graben, der zehn Meter breit und siebzig Meter tief war. Etwas riß es ihm die Ski auseinander, als er landete, aber er korrigierte sofort. „Gut, sehr gut, Junge.“ Das Keuchen Ralfs war im Raum zu hören. „Du liegst gut im Rennen. Harper hat es erwischt.“ Er unterbrach die Verbindung. „Harper ist tot“, sagte Holzer, der mit Kopfhörern das normale Programm verfolgte. „Er hat sich das Genick gebrochen.“ Es ist nicht schade um ihn, dachte Peter gefühllos. Acht Läufer waren noch im Rennen. Vier vor Ralf, drei hinter ihm. „Pulsschlag 192“, sagte der Arzt. „Sonstiger Zustand normal. Ich erhöhe die Sauerstoffzufuhr.“ Rowe und David kämpften um die Führung. Etwa fünfzig Meter dahinter fuhren Lacombe und Dettori, die sich aufmerksam belauerten. Und zwanzig Meter dahinter lag Ralf. Kelly war weiterhin ziemlich aus dem Rennen, doch das besagte nicht viel. Sicherlich würde noch der eine oder andere ausscheiden. Ralfs Knie begannen stärker zu schmerzen, doch nach wenigen Sekunden hörte die Pein auf. Mandel hatte ihn behandelt. Nun kam die Himmelsbrücke, das letzte schwierige Stück des ersten Teils der Abfahrt. Die Himmelsbrücke war vierhundertfünfzig Meter lang, drei Meter breit, total vereist und voller Buckel und Rinnen. Zu beiden Seiten ging es fünfzig Meter in die Tiefe. Für jemanden, der da hinunterfiel, war das Rennen aus. Die Himmelsbrücke war eines der gefährlichsten Stücke der schwierigen Piste. Hier mußte man seine Gegner im Auge behalten, zu leicht konnte man in die Tiefe gestoßen werden. Aber es gab noch eine heimtückische Schwierigkeit. Eine Windmaschine war auf die Fahrer gerichtet. Der Wind wurde gelegentlich zum Sturm mit Spitzengeschwindigkeiten von hundert Kilometern. Und manchmal produzierte die Maschine auch heimtückische Böen, gegen die es keine Rettung gab. „Laß dich etwas zurückfallen.“ Ralf wurde ordentlich durchgerüttelt, als er die Brücke erreichte. Sofort duckte er sich, um den heranrasenden Windböen möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten. Seine Geschwindigkeit wurde von Sekunde zu Sekunde langsamer. Immer wieder verriß es ihm die Skier. Ralfs Körper war schweißgebadet. Sein Herz klopfte zum Zerspringen. Und er hatte Angst, entsetzliche Angst. „Keine Bange, Junge, du schaffst es“, sagte Sullivan, um ihm Mut zu machen. Eine heftige Bö traf ihn und wirbelte ihn nach links herum. Die Spitze des linken Skis hing einen Augenblick in der Luft. Er kam in Rückenlage, korrigierte mit letzter Kraft und fuhr stöhnend weiter. Der Wind wurde stärker, wurde zum tobenden Sturm, der ihn und seine Konkurrenten von der Brücke reißen und in den Abgrund schleudern wollte. „Verdammt, das war knapp“, flüsterte Peter. Er sah auf den Bildschirm, der das normale TV-Bild zeigte. Er war nun viergeteilt. Links oben war der erste Läufer, Tom Rowe, von vorne zu sehen. Rechts oben zeigte Rowe, David und Lacombe von der Seite. Die unteren Viertel zeigten die beiden führenden Läufer in der Halbtotalen. Der führende wurde von einer Sturmbö getroffen und zur Seite geschleudert. Verzweifelt versuchte er das Gleichgewicht zu halten. Die Skier bis zu den Bindungen hingen in den Abgrund. Er war zum Stillstand gekommen und versuchte zurück auf die Piste zu kommen. Bob David jagte heran. Er fuhr nach rechts, hielt die Skier knapp beisammen. Dann war er neben Rowe und handelte so, wie er handeln mußte: Er stieß ihn in die Tiefe. Die Kamera zeigte den Fall das Kanadiers in Zeitlupe. Rowe überschlug sich einmal in der Luft, prallte im Fangnetz auf und blieb bewußtlos liegen. Für ihn war das Rennen zu Ende. Endlich war die Brücke überwunden. Ralf atmete erleichtert auf. „David hat Rowe ausgeschaltet. Hast du es gesehen?“ „Nein.“ Über viertausend Meter der Strecke hatte er bewältigt. Nun ging es sanft in eine Rechtskurve, an deren Ende die achthundertzwanzig Meter lange Loipe begann, die steil zu jenem Sessellift hinaufführte, der ihn zum zweiten Teil der Strecke bringen würde. Diese achthundertzwanzig Meter waren für Ralf höllisch. Langlauf war für ihn immer besonders schwierig gewesen. Und nicht einmal das Spezialtraining eines Langlaufstars hatte ihm besonders viel geholfen. Auf diesem Stück würde er vermutlich wertvolle Sekunden einbüßen. Seine Skier – natürlich auch die seiner Gegner – waren für dieses Stück denkbar ungeeignet. „Kleine schnelle Schritte, Ralf. Vollste Kraftanstrengung. Jetzt gilt es. Zeig, was dir Toni beigebracht hat.“ Für Ralf war es eine Schinderei. Der Schweiß rann ihm in Strömen übers Gesicht. Etwa hundert Meter bewältigte er mit dem Stampfschritt, dann verstärkte er einfach den Druck der Skier, um eine bessere Haftung der Bretter zu erreichen. Seine Arme und Beine waren mit Blei gefüllt. Keuchend torkelte er weiter. Aber Carlo Dettori schien es noch schlechter zu ergehen, denn Ralf kam ihm immer näher. „Grätenschritt, Ralf.“ Wieder gehorchte er willig. Seine Skier waren nach außen gewinkelt, auf die Innenkanten gestellt und die Knie nach innen gedrückt. Seine Stockschübe wurden immer kraftvoller. Hat denn diese Qual noch immer kein Ende, dachte er verzweifelt. Ich kann nicht mehr, verdammt noch mal, ich bin am Ende. „Paß auf, Ralf! Stehenbleiben!“ Er rang nach Luft. Dettori war die Anstrengung zu groß geworden. Der Italiener fiel auf den Bauch und rutschte den Abhang hinunter – genau auf Ralf zu. Ralf wirbelt herum und fuhr ein Stück zurück. Dann nach rechts. „Treppenschritt nach rechts!“ Sofort drückte er die Knie in Richtung Hang, stellte den Bergski eine halbe Fußlänge nach vorn, riß ihn hoch und setzte den Talski nach. Dettori rutschte an ihm vorbei in die Tiefe. Er versuchte sich mit den Händen festzukrallen, konnte die immer schneller werdende Fahrt jedoch nicht bremsen. „Weiter, Ralf.“ Einen Augenblick sah Ralf dem Italiener nach. Dettori stieß mit Eraldo Tardelli zusammen und riß den Schweizer mit sich. „Schau nicht hinunter!“ brüllte Peter. „Los, Bewegung. Reiß dich zusammen!“ Ralfs Körper schmerzte. Jede Bewegung tat ihm weh. Seine Hände brannten vom Druck der Stockschlaufen. Die Qual ging weiter. Im Grätenschritt stieg er weiter hoch. Vor seinen Augen drehte sich alles. „Nur noch ein kurzes Stück, Ralf, dann hast du es geschafft.“ Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, als er endlich das Flachstück erreichte, das zum Sessellift führte. Mit ein paar klassischen Langlaufschritten hatte er ihn erreicht. „Jetzt haben Sie einige Minuten Zeit, um Ralf wieder aufzubauen, Mandel.“ „Er ist total erschöpft“, brummte der Arzt und hantierte an seinen Geräten herum. Ralf hatte sich angeschnallt. Seine Augen waren geschlossen. Langsam begannen die Mittel zu wirken, die Mandel injizierte. Sein Atem wurde ruhig, der Pulsschlag war innerhalb von wenigen Minuten völlig normal. Während das Fernsehen die aufregendsten Szenen des Rennens wiederholte, verschaffte sich Peter einen Überblick über Ralfs Konkurrenten. Bob David führte überlegen mit einem Vorsprung von fast zehn Sekunden vor Gerard Lacombe, hinter dem Ralf mit etwa sechs Sekunden folgte. Nur wenige Sekunden trennten ihn von Steve Paradise und Jean Kelly, der seinen enormen Rückstand inzwischen wettgemacht hatte. Eraldo Tardelli hatte noch immer nicht den Sessellift erreicht. Sein Rückstand betrug fast eine halbe Minute. Carlo Dettori hatte aufgegeben. Ihm war der Langlauf zu schwierig gewesen. Sechs Läufer waren noch im Rennen. Harper war tot. Rowe hatte schwere innere Verletzungen davongetragen. Und Carlo Dettori hatte das Handtuch geworfen. Ralfs Chancen waren gar nicht übel, stellte Peter Sullivan fest. Der zweite Teil der Stecke lag ihm außerdem besser. Wenn alles glattging, dann war ein dritter Platz durchaus möglich. Helga Gottwald hatte sich zusammen mit Bert Zinnemann den ersten Teil der Abfahrt angesehen. Die hysterischen Anfälle, die der Manager während der Übertragung bekommen hatte, trieben sie allerdings in ihr eigenes Zimmer zurück. Sie wollte allein sein. Helga steckte sich eine Zigarette an und drückte sie schon nach drei Zügen wieder aus. Sie schaltete den Fernseher ein. Ihr wurde übel, als sie die Wiederholung von Harpers Todessturz sah. „Das hätte auch Ralf sein können“, flüsterte sie. Obwohl sie wegzusehen versuchte, trieb es sie zurück zum Fernseher und dem mörderischen Rennen, das noch mindestens fünf Minuten dauern würde. Fünf Minuten. Eine Ewigkeit. „Herr im Himmel, laß ihn durchkommen.“ „Das Rennen geht weiter!“ brüllte der Fernsehkommentator. „Bob David stürzt sich in die Tiefe!“ Sie wandte sich ab, wollte nicht hinsehen. „Das ist der steilste Hang, der je in einem Abfahrtsrennen gefahren wurde. Dagegen ist die Streif eine Vergnügungsstrecke.“ Helga blickte wieder hin und hielt den Atem an. Die vereiste Piste fiel fast senkrecht ab. Wer hier zum Sturz kam, war ein toter Mann. „Im Augenblick ist David mit Tempo 170 unterwegs“, kreischte der Sprecher. „Verfolgen Sie die Zahlen am unteren Ende des Bildschirms. Wird er 200 schaffen?“ 185. 190. „Und nun hat auch Gerard Lacombe das Rennen aufgenommen!“ Der Bildschirm war nun in zwei Hälften geteilt. Auf der linken Seite sah man Lacombe im violetten Anzug. Auf der rechten Seite der rosa Anzug Davids, der ein dahinrasender Blitz zu sein schien. 195. 196. „Ja, David schafft es. Zweihundert!“ Helga setzte sich. „Und nun greift auch Ralf Mayer ins Geschehen ein.“ Sie biß die Zähne zusammen. Ihre rechte Hand verkrallte sich im Polster. Und da war er schon. Der Bildschirm nun dreigeteilt. Ein blutrotes Schemen, die Stöcke unter die Arme geklemmt, tief in der Hocke, immer schneller werdend. Sie wollte nicht hinsehen, doch sie konnte den Blick nicht abwenden … Ralf fühlte sich wie neugeboren. Fortgeblasen waren die Schmerzen und die Müdigkeit. Nichts mehr war von seiner Erschöpfung geblieben. Mandels Zaubermittel hatten wieder einmal gewirkt. Der Steilhang kam seinen Fähigkeiten entgegen. Hier konnte er Furchtlosigkeit und technisches Können beweisen. Weit vor sich sah er einen violetten Punkt, der langsam größer wurde. Er kam Lacombe immer näher. Ralf konnte David nicht sehen. Der Amerikaner mußte bereits den Engpaß erreicht haben. Ralf blieb in der Hocke. Voller Schuß! Und der violette Punkt vor ihm wurde groß wie ein Tennisball, dann fußballgroß. „Um Himmels willen, Ralf, nicht so schnell!“ Er war nur noch etwa hundert Meter hinter Lacombe, als er mit Tempo 140 auf den Engpaß zuschoß. Die Piste wurde schlechter und seine Fahrt langsamer. Nun war schon die zwei Meter breite Durchfahrt zu erkennen, die zum Engpaß führte. Lacombe schoß zwischen den Stangen hindurch, und Ralf hatte dicht aufgeschlossen. „Nicht so nahe! Du rammst ihn ja.“ Ralf richtete sich etwas auf und hielt den Abstand zu Lacombe konstant. „Er kann es schaffen“, sagte Peter. „Er kann es schaffen.“ Fünf Läufer hatten den Steilhang genommen und fuhren den Engpaß entlang. Eraldo Tardelli schaffte es nicht. Peter hatte schon viele Stürze gesehen, aber so einen noch nie. Tardelli überschlug sich zehnmal, wurde auf ein Flachstück geschleudert und sprang zweimal wie ein Gummiball auf. „Den hat es zerrissen“, flüsterte Holzer. „Nur noch fünf sind im Rennen, Ralf. Eben ist Tardelli gestürzt. Laß dich weiter zurückfallen, verdammt noch mal. Jetzt kommt gleich die Schanze!“ Bob David hatte bereits die Anlaufspur erreicht. Er ging in die Hocke und raste die achtzig Meter hinab, die zum Schanzentisch führten. Es war eine Normalschanze, auf der ein guter Skispringer etwa achtzig Meter weit springen konnte. Aber hier sprangen Abfahrtsläufer, die diese Disziplin natürlich alle geübt hatten. Hier kam es darauf an, möglichst weit zu springen, da es nach dem Auslauf sofort in einen Steilhang ging. David kam zu früh ab. Sein Flug war alles andere als schön. Er mußte korrigieren, ruderte herum, landete ziemlich unsanft und fiel hin. „Wieder einer weniger“, sagte Peter. Aber David war ein zäher Bursche. Er stand sofort auf und stapfte unverdrossen den Auslauf hoch. Und da war auch schon Lacombe heran. Auch sein Absprung war nicht perfekt und seine Haltung alles andere als schön. Aber mit Abfahrtsskiern und Stöcken sprang es sich nun einmal nicht besonders gut. Er zischte den Auslauf hoch und schaffte es, den dahinterliegenden Steilhang zu erreichen. Diese verdammten Stöcke, dachte Ralf, als er die Anlaufspur herunterschoß. Aber an viel mehr konnte er nicht denken, denn da war schon der Schanzentisch heran. Als die Skispitzen den Schanzentisch verließen, drückte er sich weg und schnellte den Körper aus dem Kniegelenk in die Luft. Die Skier lagen eng nebeneinander. Die Stöcke hielt er mit den Armen an seinen Körper gepreßt. Der Flug war ruhig und weit. Aber nun kam das schwierigste: der Aufsprung. Er hielt die weite Vorlage bei. Die Knie zog er etwas hoch. Skier und Knie hielt er fest zusammen. Er landete ohne Schwierigkeiten, schoß den Auslauf hoch, und Sekunden später ging es wieder einen Steilhang hinunter. „Gut, gut, sehr gut, Ralf.“ Ralf grinste. Skispringen hatte ihm schon immer Spaß gemacht. Jetzt ging es durch Tiefschnee. Er folgte der Spur, die Lacombe gezogen hatte. Nur noch der Tunnel, der relativ harmlos war. Dann das heimtückische Labyrinth, in dem man leicht die langsamste Spur erwischen konnte – und dann der Zielschuß. Dann hatte er es geschafft. Aber es waren noch fast zweitausend Meter bis zum Ziel, da konnte noch viel geschehen. „Er liegt gut im Rennen“, murmelte Peter. Viel besser, als ich erwartet hätte, setzte er in Gedanken hinzu. „Das kann nicht gutgehen“, schrie Stadler. Peter hob den Kopf. Steve Paradise hetzte den Anlauf hinunter, und nur wenige Meter hinter ihm war Jean Kelly. „Kelly ist total übergeschnappt“, knurrte Holzer. „Er will Paradise in der Luft erledigen!“ Paradise schoß in die Luft. Kelly war dicht hinter ihm. Doch der Franzose hatte den Absprung viel besser erwischt. Die beiden hingen nebeneinander in der Luft. Paradise war der schlechtere Skispringer, und das nutzte Kelly brutal aus. Er stieß mit seinem Skistock nach der Bindung von Paradises rechtem Ski, einmal, zweimal, dreimal. „Wahnsinn, Wahnsinn“, keuchte Peter. Die Bindung öffnete sich. Der Ski fiel in die Tiefe. Da griff Paradise zu. Er erwischte Kellys linken Skistock und klammerte sich daran fest. Verzweifelt versuchte sich Kelly zu befreien, doch es gelang ihm nicht. Er versuchte seine Flughaltung zu korrigieren, doch auch damit hatte er kein Glück. Paradise, der genau wußte, daß seine Chance vorbei war, wollte Kelly mit ins Unglück reißen. Und zumindest damit hatte er Erfolg. Die beiden fielen trudelnd zu Boden. Paradise fiel auf den Rücken und kippte zur Seite. In diesem Augenblick landete Kelly. Sein linker Skistock bohrte sich in Paradises Bauch. Paradises Ski stellte sich auf. Die Spitze knallte mit voller Wucht zwischen Kellys Beine. „Verdammt, verdammt“, sagte Peter und blickte den Bildschirm an, auf dem Ralf zu sehen war. Bob David hatte sich auf die Verfolgung gemacht. Sein Rückstand zu Ralf betrug genau 41 Sekunden. „Nur noch drei sind im Rennen, Ralf. Lacombe ist fünf Sekunden vor dir. David einundvierzig hinter dir. Kein Risiko eingehen, verstanden? Der zweite Platz ist dir ziemlich sicher. Fahr locker.“ Das werde ich auch tun, dachte Ralf. Da war auch schon die vereiste Rechtskurve da, die zum Tunnel führte, in dem bequem drei Läufer nebeneinander fahren konnten. Nun waren auch die ersten Zuschauer zu sehen. Die anderen Teile der Strecke waren hermetisch abgeschirmt worden. Ralf hörte das Brüllen der Massen nicht. Er nahm die Leute nur undeutlich, wie verwaschene Farbflecken, wahr. Zwischen den Zuschauern standen Bäume. Die Piste war miserabel. Wenig Schnee. Viele Wurzeln und Buckel, alles sehr kräfteraubend. „Lacombe hat den Vorsprung auf sieben Sekunden ausgebaut. David ist neununddreißig Sekunden hinter dir.“ Zum Teufel damit. Wenn ich nicht gewinne, dann bekomme ich für den zweiten Platz noch fünfhunderttausend Dollar. Auch nicht schlecht. Der Tunnel war zu sehen. Ralf ließ die Skier ruhig laufen. Er fuhr in den Tunnel ein, der steil in die Tiefe führte. Vom Training her wußte er, daß die rechte Spur die schnellste war. Die nahm er auch. Lichter blitzten auf, wurden greller, änderten die Farbe und schläferten seine Aufmerksamkeit ein. Der Tunnel lag hinter ihm. Zu beiden Seiten tobten die Zuschauer. Ich schaffe es, ich schaffe es, ich schaffe es. Nur daran dachte er. Mechanisch wie ein Roboter legte er sich in die sanfte Rechtskurve, die zum Labyrinth führte. Dort konnte er, falls er die richtige Einfahrt wählte, viel Zeit herausholen. Das Labyrinth war – wie die Todesspirale – aus Beton gebaut. Es gab fünf Eingänge, die in einer hallenartigen Kuppel zusammenliefen und auf zwanzig Öffnungen zuführten, von denen er eine wählen konnte. Einige davon mündeten in schmale Gänge, die ins Freie führten, andere hingegen waren Sackgassen. Erwischte man eine solche, mußte man zurückgehen und war hoffnungslos abgeschlagen. Einige der Gänge waren schneller, gerader. „Zum Teufel, Ralf. Fahr schneller. Lacombe ist elf Sekunden vor dir! Und David fünfunddreißig hinter dir. Drück aufs Tempo!“ Gut gesagt, Peter. Drück aufs Tempo. Ich bin froh, daß ich überhaupt noch im Rennen bin. Froh, daß diese Schinderei bald ein Ende hat. Nun konnten ihm auch Mandels Wundermittel nicht mehr viel helfen. Sein Körper war ausgepumpt. Er war völlig groggy. Er konnte zwar den flachgestreckten Labyrinthbau sehen, nicht jedoch Lacombe. Ralf fuhr auf die mittlere Labyrinthöffnung zu. Hier gab es weder Buckel noch Bodenwellen, die ihm die Skier hätten auseinanderschlagen können. Endlich hatte er die Öffnung erreicht. Ein paar Sekunden war es dunkel, dann wurde es hell. Die Halle war rot erleuchtet. Zwanzig mannshohe, kreisrunde Öffnungen lagen vor ihm. Welche sollte er wählen? Der Boden war funkelndes Eis. Spiegelglatt und steil abfallend. Ralf preßte die Skier mehr zusammen und richtete sich auf. Er ließ sich einfach auf die Eingänge zutreiben. Noch immer hatte er sich nicht entschieden, welchen Ausgang er nehmen sollte. Zum Teufel damit, ich lasse mich weiter treiben … Er wurde nach rechts abgetrieben. Seine Fahrt wurde schneller. Die Skier trieben ihn auf den vierten Ausgang zu. Willig fuhr er hindurch. „Lacombe hat einen schlechten Gang gewählt“, frohlockte Sullivan. „Er wird einige Sekunden verlieren.“ Der funkelnde Gang wurde niedriger. Ralf ging in die Hocke. Sein rechter Knöchel begann zu schmerzen. Arme und Beine waren gefühllos. „Bursche, du hast ein verdammtes Glück!“ schrie Peter. „Dein Gang ist schnurgerade. Jetzt gilt es! Du kannst Lacombe noch einholen!“ Ralf war bereits so abgestumpft, daß er sich über diese Nachricht nicht freuen konnte. Bald ist alles vorbei, dachte er. Lacombe verlor immer mehr Zeit. Sein Gang verlief in Zickzackkurven. „Sein Vorsprung beträgt nur noch drei Sekunden!“ jubelte Peter. „Sie müssen das Labyrinth fast gleichzeitig verlassen“, sagte Stadler aufgeregt. „Zwei Sekunden Vorsprung.“ Ein Blick zu Bob David. Er war langsamer geworden. Fünfundvierzig Sekunden lag er hinter Ralf. „Eine Sekunde. Ralf und Gerard sind nur mehr eine Sekunde auseinander.“ „Ralf, du hast Lacombe fast eingeholt. Rascher, fahr rascher, du schaffst es, Junge! Denk an die Million! Denk an deine Wette! Zweihundertfünfzigtausend noch dazu. Mach schon! Komm!“ „Sie sind zeitgleich!“ Peter massierte sich das Kinn. Seine Augen brannten. Vor ihm die beiden Bildschirme. Auf dem einen Ralf, auf dem anderen Gerard Lacombe. Und darüber ein dritter Bildschirm, auf dem die Ausfahrt des Labyrinths zu sehen war. Jeden Augenblick mußten die beiden herauskommen. Dann war nur noch der Zielschuß zu überwinden. Fast gleichzeitig wurden die beiden aus dem Labyrinth geschleudert. Lacombe landete auf dem linken Ski, Ralf fast im selben Augenblick auf beiden. „Nein!“ schrie Peter und sprang hoch. Die beiden rasten aufeinander zu! Ralf versuchte auszuweichen. Lacombe kämpfte noch immer mit dem Gleichgewicht. Und da prallten sie zusammen! Peter schloß die Augen, stöhnte auf und ließ sich auf den Stuhl fallen. „Scheiße, Scheiße“, fauchte Stadler. Ralfs Augen waren weit aufgerissen, als er auf Lacombe zuraste. Er versuchte zu bremsen, eine andere Spur zu finden, doch eine Bodenwelle schob ihn weiter an Lacombe heran. Der Zusammenstoß war unvermeidlich. Er rammte den Franzosen, der zur Seite flog, stürzte und sich einmal überschlug. Ralf kam in Rückenlage, sein rechter Ski wurde hochgerissen. Dann sah er alles nur noch wie durch einen Schleier. Er krachte auf eine Eisplatte. Sein rechter Fuß verdrehte sich. Schmerz. Schock. Einmal war er in der Luft, dann wieder auf der Piste. Die Schmerzen wurden unerträglich. Sein Bein verdreht. Das Schienbein ein feuriges Schwert. Blut im Mund. Schmerz in der linken Schulter. Wieder ein Aufschlag, brutal und durch nichts gemildert. Schwärze. Stimmen. Bewußtlosigkeit. Zwei Sekunden lang starrte Peter Bildschirm Nummer 9 an. Ralf lag auf dem Bauch. Die Bindungen seiner Skier waren nicht aufgegangen, denn sie waren so eingestellt, daß sie nicht aufgehen konnten. Ralf war den Zielschuß hinuntergeflogen, hatte sich unzählige Male überschlagen und war genau zweiundzwanzig Meter vor dem Ziel bewußtlos liegengeblieben. „Zweiundzwanzig Meter!“ brüllte Peter auf. „Wie schwer ist er verletzt, Mandel?“ „Innere Verletzungen unbestimmten Grades. Schwerste Prellungen. Das rechte Bein ist dreimal gebrochen. Totale Zertrümmerung des Schienbeins und der Ferse. Oberschenkelfraktur. Aus, es ist aus. Ich verständige die Streckensanitäter.“ „Warten Sie, Mandel, warten Sie! Geben Sie Ralf eine schmerzstillende Injektion.“ „Schon geschehen.“ Peter blickte auf Bildschirm sechs. Lacombe hing bewußtlos in einem Fangnetz. Bildschirm zwei. Bob David lag noch immer fünfunddreißig Sekunden hinter Ralf zurück. „Keine Sanitäter, Mandel.“ „Sind Sie übergeschnappt, Sullivan?“ „Wir haben noch dreißig Sekunden, Mandel. Dreißig Sekunden. Wecken Sie Ralf auf.“ „Nein, das werde ich nicht tun.“ „Zweiundzwanzig Meter, Mandel. Wecken Sie ihn auf. Er soll selbst entscheiden.“ „Auf Ihre Verantwortung, Sullivan.“ „Auf meine Verantwortung!“ Fünfundzwanzig Sekunden noch. Lacombe bewegte sich. David war im Labyrinth verschwunden. Ein Druck auf den Mikrophonknopf. „Hörst du mich, Ralf?“ Keine Antwort. „Verflucht, hörst du mich, Scheißer?“ Keine Antwort. Helga war zusammengesackt. Ihre Augen waren leer. Wie eine Verrückte starrte sie den Bildschirm an. Er ist tot, er ist tot. Tot. TOT. Die Tür wurde aufgerissen, und Zinnemann stürzte herein. Er sah wie eine wandelnde Leiche aus. Das Fernsehen wiederholte gerade in Zeitlupe den Zusammenstoß. „Unfaßbar, einfach unfaßbar.“ Und wieder sah sie es. Aufprall, hochgerissen, Aufprall, hochgerissen, und immer weiter, immer weiter … „So kurz vor dem Ziel mußte das geschehen! Ralf wäre sicher Zweiter geworden …“ „Halten Sie den Mund!“ Helga sprang auf und sprang Zinnemann wie eine Furie an. „Halten Sie Ihren gottverdammten Mund!“ „Ralf Mayer bewegt sich!“ schrie der Kommentator. Helga wirbelte herum. Tatsächlich. Ralf hatte sich bewegt. „Er lebt. Er ist nicht tot.“ Sie rannte auf den Fernseher zu und fiel auf die Knie. „Er lebt, er lebt. Zinnemann, er lebt!“ Stimmen. Weit entfernt. „Hörst du mich, du verdammtes Arschloch?“ „Ich höre dich.“ Ralf schlug die Augen auf. Er spürte nichts. Er war nur müde, unendlich müde. „Dein rechtes Bein ist kaputt. Du wirst nie mehr Ski fahren können. Lacombe ist aufgewacht. Du hast einen Vorsprung von zwanzig Sekunden vor David. Du liegst zweiundzwanzig Meter vor der Ziellinie. Steh auf, belaste das rechte Bein nicht und fahr auf dem linken durchs Ziel!“ „Ich kann nicht aufstehen.“ „Verdammt, Ralf. Denk an die Million. Denk an die zweihundertfünfzigtausend. Du kannst es schaffen. Beweise es dir, beweise uns allen, daß du kein dummer Junge bist. Beweise, daß du ein Mann bist, ein Profi. Beweise es!“ Ralf drehte den Kopf zur Seite. Deutlich konnte er das Ziel erkennen. Es war ganz nahe. Zweiundzwanzig Meter. „Du hast noch fünfzehn Sekunden Zeit. Los, steh auf.“ Mein rechtes Bein ist gebrochen? Ich spüre keine Schmerzen. Mandels Mittel. Die Pferde, die er züchten wollte. Die Million. Helga. Ruhm. Er würde ein Krüppel sein. „Zehn Sekunden noch.“ Ralf zog das linke Bein an. Die Entscheidung war gefallen. „Laß dir Zeit, Ralf, laß dir Zeit. David ist in einen toten Gang gefahren. Er verliert dadurch mindestens eine Minute. Nur ruhig.“ Er winkelte das linke Bein an. Dann verlagerte er sein Gewicht auf das gesunde Bein. „Verdammt, Ralf, du hast doch nicht viel Zeit. Lacombe hat das Rennen wieder aufgenommen. Er hat beide Arme gebrochen. Du hast noch zehn Sekunden.“ Zehn Sekunden. Ralf rammte den rechten Skistock in die Piste, dann den linken. „Mach schon, beeil dich!“ schrie Sullivan. Er stemmte sich hoch. Unendlich langsam. Wie in Zeitlupe. Nur nicht das rechte Bein belasten. Ruhig bleiben. „Sieben Sekunden noch!“ Ich weiß, ich weiß. Ruhig bleiben. Ralf stand jetzt auf dem linken Bein. Das rechte war seltsam verdreht. Er hielt sich an den Stöcken fest, hob das linke Bein und brachte den Ski in die richtige Stellung. Er wies genau auf das Ziel. „Gut, prächtig, du bist ein Held.“ Ich bin kein Held. Eine Million. Der Werbevertrag. Langsam fuhr er los. Noch fünfzehn Meter. „Fünf Sekunden noch.“ Peters Stimme zitterte. Fünf Sekunden für fünfzehn Meter. Zehn Meter. Fünf Meter. Noch einmal mit den Stöcken stoßen. Alle Kraft in diesen Stoß legen. Alle Kraft. Zwei Meter. Das linke Bein will nicht. Das Knie gibt nach. Neunzig Zentimeter. „Er ist hinter dir, Ralf!“ Er sieht nichts. Schwärze. Sein Gehirn ist leer. Fünfzehn Zentimeter. Stimmen, undeutlich, weit fort. Gedanken, verwischt und undeutlich. Jeder Zentimeter eine Ewigkeit. Wieder wurde Ralf bewußtlos. „Du bist Weltmeister, Ralf. Du bist Weltmeister! Hörst du mich?“ Schweigen. Nur röchelndes Atmen, seltsam flach und erstickt. „Ralf, hörst du mich?“ Vier Tage lang war er bewußtlos. Vier Tage, an denen sie an ihm herumoperierten. Als er erwachte, hatten sie ihm ein Bein abgenommen. Es roch nach Spital. Er wagte nicht die Augen zu öffnen. Nur ein paar Sekunden war er wach, dann schlief er wieder ein. Es war Nacht, als er wieder erwachte. Diesmal schlug er die Augen auf. Die Schwester war kurz hinausgegangen. Drei Minuten und dreiunddreißig Sekunden war er unbeaufsichtigt. Ralf schlug die Decke zur Seite, und schrie auf. Er starrte den verbundenen Stumpf an, das, was von seinem rechten Bein übriggeblieben war. UND WIEDER SCHRIE ER. „Eine Million und zweihundertfünfzigtausend Dollar für ein Bein!“ Sie waren alle gekommen, das ganze Team. Alle seltsam verlegen. Das amputierte Bein wurde nicht erwähnt. Ralf verjagte sie alle, mit Ausnahme von Peter Sullivan und Helga. „Ich wollte aufhören. Nun muß ich aufhören.“ Helgas Augen waren feucht. Peters Gesicht eine Maske. „So sagt doch endlich etwas. Ich wußte, worauf ich mich einließ. Mir war das Risiko klar. Ich habe nur ein Bein verloren – andere das Leben.“ Helga und Peter schwiegen. „Verdammt noch mal, Peter, du brauchst dir keine Vorwürfe zu machen. Du und ich, wir haben richtig gehandelt. Mein Bein war sowieso schon beim Teufel.“ Peter zuckte die Schultern. „Was wird aus deinen Plänen, Ralf?“ „Vermutlich wird es lange dauern, bis ich mich an die Prothese gewöhne, aber ich werde es schaffen. Ich bleibe bei meinen Plänen. Ich werde mir eine Farm kaufen und Pferde züchten.“ Er sah Helga an. „Ich weiß nicht, ob du mich auch nur mit einem Bein willst, Helga.“ „Ich will“, sagte sie lächelnd. „Dann ist es gut“, flüsterte er. „Laßt mich bitte allein, ich bin müde.“ Hendrik P. Linckens Cruise-Missile-Effekt (pat. pend.) Ich bin sicher, man wird ihn über kurz oder lang entdecken oder genauer – erfinden. Zugegeben, der Name klingt martialisch. Das Cruise-Missile, ein perfektes Vernichtungsgerät, findet, nachdem es einmal die Verfolgung aufgenommen hat, unweigerlich ins fliehende Ziel … Die Pünktchen sind in diesem Zusammenhang völlig uninteressant. Es geht um die Fähigkeit, ein sich autonom bewegendes Ziel zu finden. Unfehlbare Zielerreichung, daher der Name. Übertragen auf die drahtlose lichtschnelle Informationsübermittlung, nenne ich diese Fähigkeit Cruise-Missile-Effekt. Dabei können Sender und Empfänger ihre Position zueinander beliebig verändern. Und damit beliebig viele Sender-Empfänger-Paare einen intimen Informationsfluß unterhalten können, sei ferner unterstellt, die CM-Information könne durch Codierung, Polarisation, Ausweichmanöver oder wie auch immer ungestört und ausschließlich ihren Adressaten erreichen. Um ein Feedback zu ermöglichen, hat man sich natürlich Paare von Sende-Empfangs-Einheiten vorzustellen. Der gegenläufige Informationsfluß zwischen den Einheiten ist als Kreislauf, präziser als Regelkreis zu denken, mit einem Leistungsvermögen, vergleichbar dem des Rückenmarks … Phantastisch, was da auf uns zukommt … Unaufhaltsam … Absehbar … Wie ein Cruise-Missile. Das totale Medium. Der Televivor! Ich denke da an eine geeignete Katastrophe zur technologisch richtigen Zeit. Nicht daß so etwas wünschenswert wäre – aber denkbar. Die moralische Verantwortung müßte so unausweichlich sein, daß sich alle wissenschaftlichen Bemühungen darauf konzentrierten, den Opfern zu helfen. Nach Ausmaß und Art des verursachten Leidens halte ich einige Hunderttausende irreparable Querschnittslähmungen für erfolgversprechend – die Bevölkerung einer größeren Stadt – bitte, ja, das mag sarkastisch klingen, ist es ja wohl auch. Denn man wird die Leute bald um ihre Fähigkeiten beneiden. Ich wette, sie werden fliegen können … Über ein wie auch immer geartetes Sende-Empfangs-Implantat wird ein jeder von ihnen seinen Televivor steuern, ein geflügeltes, zerbrechlich anmutendes Gerät, mannshoch, computerentworfen, aus Mikroprozessoren und Siliziumzellen zusammengefügt, jeder Quadratmillimeter so sensitiv wie menschliche Haut ein graziles Insekt, mit dem sich gehen, fliegen, tauchen, manipulieren, sehen, hören, riechen, tasten und sprechen läßt – über jede Entfernung und drahtlos. Dank des CM-Effekts! Und ganz nebenbei ließen sich die Pflegekosten einsparen. Grotesk die Vorstellung, sich vom eigenen Televivor füttern zu lassen … selbst wenn es nur ein einfacher Kabeltelevivor wäre, der ja für diesen Zweck völlig ausreichen würde. Theoretisch könnte es zu diesem Prototyp kommen, etwa nach einer technologisch verfrühten Katastrophe, tatsächlich aber nie. Das Ding hat nämlich keinen Markt – mit Kabel. Moralische Verantwortung wird erst unausweichlich, wenn etwas dabei herausspringt. Das geht uns allen so. Und die Pflegegelder wären nur ein Tropfen auf dem heißen Stein der Entwicklungskosten. Das ist so! – Anders mit CM-Effekt. Nichts wird die Welt so sehr verändern wie dieses Medium. Wer nicht querschnittsgelähmt ist, wird es freiwillig. Bildlich gesprochen. Auf den ersten Blick. Denn es gibt Anzeichen. Symptome eines tieferen psycho-techno-physiologischen Zusammenhangs. – Ohne Zweifel. Wir betreiben Rückgratentlastung, so und so … Der Markt wird unersättlich sein – die Freiheit der Menschen grenzenlos. Wer wird nicht in der Karibik tauchen, durch den Dschungel streifen und wie ein Vogel durch die Lüfte ziehen wollen, ohne sich aus dem Bett zu rühren und doch mit all seinen Sinnen vor Ort? Es erscheint paradox, wie der Televivor absolute Bequemlichkeit mit höchster Aktivität verbindet. Doch täuschen wir uns nicht. Buch, Bildschirm und Bühne sind nicht viel unbequemer und lassen uns auch nicht gerade unberührt – innerlich, meine ich. Das ist es nicht, im Gegenteil. Dazu wird es schon deswegen nicht kommen, weil das Gerät einfach zu teuer ist. Man wird es gar nicht kaufen können – nur mieten. Und selbst die Miete wird beträchtlich sein. Wir alle wissen, wer im Bett bleibt, hat bald keins mehr. Vergnügen muß verdient werden. Das ist nun mal so. Also raus aus dem Bett, waschen, anziehen, frühstücken, fahren, arbeiten, fahren, einkaufen, essen, fernsehen, lieben, schlafen, raus aus dem Bett – mein Gott, das mach ich schon Jahrzehnte so. Mehr oder weniger bewußt, mehr unbewußt, vieles schon unterbewußt. Ich bin überzeugt, die Psychotherapie wäre schon jetzt in der Lage, diesen trüben Alltag mit Hilfe des Televivors und besonderer Trainingsmethoden ins Unbewußte zu versenken oder gar ins Unterbewußtsein zu verdrängen … Ich denke an eine Art Psychoführerschein für Televivoren. Die Gewerkschaften werden umgepolt. Man kämpft um äußerste Arbeitszeitverlängerung. Die Pausen für Stoffwechsel, Hygiene, Liebe und Schlaf werden so knapp wie möglich bemessen. Die Menschen werden freiwillig schuften wie noch nie – unterbewußt, versteht sich –, so wie Autofahren. Das Phänomen ist bekannt. Und während sie, ohne es zu wissen, ihren Televivor verdienen, werden sie irgendwo draußen vielleicht Orchideen züchten oder einen Formel-I-Wagen steuern, wissentlich, bei vollem Bewußtsein! Freilich wird es Querköpfe geben. Vor allem jene, die vorschlagen, mit dem Televivor zu arbeiten. Was prinzipiell möglich ist. Jeder darf so dumm sein, wie er will. Gottlob setzt sich Dummheit nicht durch … Was diese Leute übersehen, ist doch das Energieproblem. Wo soll denn die Energie herkommen für Produktion und Unterhalt der Geräte? Dabei liegt die Lösung auf der Hand. Der Televivor macht nämlich sämtliche Verkehrsmittel überflüssig. Vorausgesetzt, man setzt ihn richtig ein. Von heute auf morgen würden ungeheure Energien frei. Denn man geht wieder „zu Fuß“ oder fährt mit dem Rad, kann fliegen wie ein Vogel oder auf dem Meeresgrund spazieren gehen … Weil man Zeit hat. Den ganzen Tag. Vielleicht gelingt es sogar, den Schlaf abzuschaffen. Daran wird schon gearbeitet. Solange wird eben geschlafen, auf beiden Ebenen, unterbewußt wie bewußt, wenn man das so sagen kann. Fragt sich nur, wovon man träumt … Übrigens, das unterbewußte Hin und Her zwischen Wohnung und Arbeitsplatz muß aufhören. Wir werden uns das nicht mehr leisten können, nicht nur wegen der Energie. In der Zeit kann gearbeitet werden. Wir werden selbstverständlich in sogenannten Wohn-Produktionseinheiten leben – unterbewußt, versteht sich. Dieweil wir leben werden wie die Götter. Denn – wir erkennen das gleichsam erst auf den zweiten Blick der Televivor macht das lichtschnelle Reisen zur einfachsten Sache der Welt! So faszinierend es sein wird, auf eigenen Schwingen zu fliegen oder sich in Tiefseegräben herumzutreiben, so langweilig und zeitraubend ist es, auf diese Weise größere Entfernungen zu überwinden. Tatsächlich bringt uns der Televivor den lichtschnellen Tourismus … Überall auf der Erde – oder besser noch unter ihr, damit sich die Natur wieder voll entfalten kann – wird man Kontingente von Televivoren einnisten, in raumsparenden Strukturen, mit Zugang zur Oberfläche … Hier steigt man in ein solches Depot hinunter, begibt sich in eine Bereitschaftszelle und programmiert sein Reiseziel, sagen wir in Australien; dort steigt man aus einer ebensolchen Zelle wieder an die Oberfläche. Abgesehen von winzigen Wahrnehmungssprüngen erfolgt die Umnabelung nahtlos und lichtschnell. Ein Problem ist allerdings nicht von der Hand zu weisen. Die Kontaktpflege mit der eigenen unterbewußten Existenz! Geriete sie außer Sicht, so würde das zwangsläufig eine neue Welle von Identitätskrisen auslösen. Wobei ich realistisch unterstelle, daß eine totale Abschottung des Bewußtseins unmöglich ist. Die Wahrnehmungen vermittels Televivor werden immer getönt sein vom augenblicklichen Grundbefinden der leiblichen Existenz … So kann es zwischen zwei Flügelschlägen über einem Atoll zum unerklärlichen Orgasmus kommen … Eine bizarre Vorstellung. Es gibt noch andere. Weit absurdere. Solche Koinzidenzen werden uns zur Natur. Wie Gliederschmerzen, schlechte Laune oder Schluckauf. Oder gute Laune. Oder Depressionen. Man wird sich um die unterbewußte leibliche Existenz kümmern müssen, man wird sie nicht vernachlässigen dürfen, weil sie ein Teil der Identität ist – ob man will oder nicht. Wir alle wissen, was vom Selbsterhaltungstrieb in seelischen Krisen zu halten ist. Die Suizidrate ist sowieso schon hoch genug. Nicht auszudenken, was in einem Menschen vorginge, der plötzlich und unerwartet mit der Wahrheit konfrontiert würde … Was wir brauchten, wäre ein Triebapparat, und zwar einen verläßlichen. Irgend etwas müßte uns treiben, immer wieder die Begegnung mit der unterbewußten Existenz zu suchen, mehr oder weniger regelmäßig, möglichst ritualisiert. Und wir müssen das nicht erst erfinden. Wir verfügen schon immer über den Apparat. Vielmehr er über uns. Ich denke an eine Art Metasexualität. Belebung der voyeuristischen Komponente. Der Televivor als Spiegel. So einfach ist das. Und wenn sich dann doch hin und wieder der eine oder andere aus diesem oder jenem Grund vom Gipfel stürzt – vermittels Televivor –, dann wird er eben um eine Erfahrung reicher sein … Er mag mit dem neuen Gerät glücklicher leben. Oder gründlicher verfahren. Mit Totalschäden muß man rechnen. Sowieso. So oder so. Man muß sie eben einkalkulieren. In der Miete, meine ich. Von vornherein. Einer für alle. Alle für einen. So einfach ist das Joachim Körber Flammenmeer Wahrscheinlich habe ich nicht mehr lange zu leben, meine Lunge schmerzt in diesem heißen, feuchten Klima, und mit jedem Tag wird es wärmer. Nachts, wenn die unbarmherzige Sonne der wohltuenden samtenen Dunkelheit weicht, kann ich die Feuergrenze erkennen, die sich unaufhaltsam in meine Richtung schiebt. Und doch ist es jedes Mal ein gewaltiger Anblick, über die gezackten Ränder der Hochebene hinabzublicken auf die Welt und den tosenden Feuersturm unter mir. Am Tage verrichte ich meine Arbeit wie bisher, messe Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Temperatur und melde die Ergebnisse an die zentrale Sammelstelle. Ich weiß nicht, ob noch jemand meine Durchsagen empfängt; Antwort erhalte ich seit Monaten keine mehr, und doch erledige ich pflichtgetreu die mir auferlegten Aufgaben. Die Zeit vergeht schneller, wenn man etwas zu tun hat. Früher, als meine Gesundheit noch besser war, habe ich oft lange Exkursionen in die unberührte Wildnis dieses nun verlassenen Kontinents unternommen. Damals konnte Janet noch meine Arbeit erledigen. Doch auch das ist vorbei. Der Dschungel hat sie geholt, aber vielleicht ist sie auch dem Zauber des Feuers erlegen. Wer vermag das zu sagen? Vielleicht ist ihre Seele schon auf feurigen Garben emporgeschwebt in die ewige Nacht des grenzenlosen Weltalls, vielleicht erwartet sie mich schon dort oben in irgendeinem Äquivalent des Paradieses, wenn die Menschen das Tor dazu noch nicht selbst verschlossen haben. Niemand, der es nicht selbst gesehen hat, kann sich eine Vorstellung von der bizarren, satanischen Schönheit des Dschungels machen. Gewaltige Baumriesen mit knorrigen, verschlungenen Wurzeln ragen ins grenzenlose Blau des Himmels, ein ständiges Raunen und Murmeln begleitet den Wanderer, der sich in die feuchten Niederungen hinabwagt; gut erinnere ich mich noch an die Zeiten, als es Tiere gab. Vögel mit buntem Gefieder saßen in den Ästen der Bäume, um – wurden sie eines Eindringlings gewahr – mit ärgerlichem Gezwitscher davonzufliegen; allerlei Reptilien tummelten sich in moderigen Tümpeln und abgestandenen, sumpfigen Seen, die inzwischen alle vom Feuer verzehrt sind, und selbst einige der größeren Tiere habe ich noch gesehen, gewaltig in ihren nun erloschenen Leben, nicht nur die blassen Widergaben der Fotografien; Alligatoren etwa, die träge an Flußufern liegen, nur hin und wieder zähnebewehrte Mäuler öffnend, um hungrig zu knurren, oder auch, um nur müde zu gähnen, aber blitzschnell ins Wasser gleitend; haben sie erst einmal ein Opfer erspäht, so lassen sie ihm nur selten eine Chance. Das einzige Tier, das mir geblieben ist, Mia, meine Katze, wurde in der letzten Woche – oder war es die vorletzte, Zeit spielt in dieser glühenden Welt nur noch eine untergeordnete Rolle – von einem seltsamen Panzertier (ich habe noch nie etwas Ähnliches gesehen, auch nicht auf Bildern) angefallen und getötet, mit tränenden Augen war ich gezwungen, mit anzusehen, wie das seidige, grau-schwarze Fell von spitzen Zähnen und Klauen, die nicht von dieser Welt schienen, zerrissen wurde. Das Tier schien bis zu einem gewissen Grad gegen die Hitze resistent, mehr und mehr solcher Kreaturen tauchen in letzter Zeit hier auf, vielleicht sind sie dazu ausersehen, die Erben der Erde zu werden, die bereits beginnt, Geschöpfe hervorzubringen, die in ihrer neuen Umwelt zu überleben in der Lage sind. Der Tag neigt sich seinem Ende entgegen, undeutlich zeichnet sich der leuchtende Schimmer des Feuers gegen den Horizont ab, der bleiche Mond, fern und unnahbar, steht am langsam dunkler werdenden Himmel. Mit seinem pockennarbigen Gesicht starrt er herab auf die rote Glut der Erde, das Leid seiner Schwester im All vermag ihn nicht zu erschüttern, ungerührt und frostig, kalt, unsagbar kalt, zieht er seine Bahn am nächtlichen Firmament. Ich frage mich, wie wohl die Erde von dort oben aussehen mag, eine strahlende, glühende Kugel, auf der die Insel meiner Sicherheit immer kleiner wird und die Atmosphäre in den Zentren der heißen Zone kocht. Mit müdem Griff nehme ich eine Konservendose vom Regal. Seit Monaten lebe ich von Konserven, die Nahrungsmitteltransporte bleiben aus. Auch mein Dosenvorrat wird kleiner, was mir bleibt, ist die Wahl zwischen Verhungern und Verbrennen – falls mir die Flammen lange genug Zeit lassen, um zu verhungern. Zum Glück verfügt die Station über einen eigenen Brunnen, der mir noch einen spärlichen Wasservorrat spendet und zum Kaffeekochen genügt. Das Wasser muß ich über einem offenen Feuer erhitzen, da auch die Stromversorgung zusammengebrochen ist. Das scheint mir ungeheuer komisch zu sein. Jetzt, wo die Flammen die ganze Welt verzehren, dient mir das Feuer dazu, die letzten Tage so angenehm wie möglich zu gestalten. Nach dem Essen stehe ich lange draußen auf der Veranda und betrachte das Spiel der Flammen. Die Feuergrenze ist wieder ein gutes Stück näher gerückt, nur noch wenig Zeit wird vergehen, dann werde auch ich mein Ende in den Flammen finden. Langsam frißt die schwelende Glut den Dschungel auf, selbst hier kann ich das schmerzliche Stöhnen der Bäume hören, die ihre knorrigen Äste in hilfloser Verzweiflung dem kühlen Blau des Himmels entgegenstrecken, ich kann hören, wie sie knarren und ächzen, wie das Harz zischend in der Hitze aus den aufgerissenen Poren entweicht, wie die Feuchtigkeit des Blattwerks mit häßlichem Wschhhh in der Glut verdunstet. Gewaltige Flammenzungen lecken über den dunklen Himmel, sie bilden eine strahlende Korona am Firmament, mitunter gelingt es einzelnen Feuerbällen, sich von den höchsten Protuberanzen loszureißen. Wie phantastische Vögel schweben sie dann durch die wabernde Luft, um sich haltlos in den oberen Schichten der Atmosphäre zu verlieren und zu erlöschen, oder aber sie stürzen zu Boden, um vielleicht ein neues Stück des Dschungels anzustecken, was den Untergang dieses stillen, grünen Reiches jedoch nur unwesentlich beschleunigt. Während ich hier stehe und den Dschungel betrachte, ist das Schlagen gewaltiger Flügel zu hören, und ein riesiger Vogel (wenn dieser Ausdruck für die Kreatur, die mich aus der Höhe mit bösartigen, roten Augen anstarrt, überhaupt zutreffend ist) schwebt über meinem Haus in der heißen Luft. Seine Haut ist lederartig und zäh. Mit einem häßlichen Krächzen wendet er sich von mir ab, um in Richtung des Feuersees zu verschwinden. Ich bin ihm wohl als Beute zu gering, vielleicht bietet ihm das Feuer aber auch eine Nahrung, die seiner unnatürlichen Existenz besser zusteht. Was für Geschöpfe die flammende Glut wohl sonst noch hervorgebracht hat? Vielleicht existieren dort draußen Geschöpfe, die kein Mensch mehr sehen wird, vielleicht durchstreifen siliziumgepanzerte Mastodonten und Dinosaurier die rote Glut, womöglich ist das Feuer kein leuchtendes Fanal einer außer Kontrolle geratenen Technologie, sondern eine Regression in archaische Vorzeiten, ein Rückschritt in die luftleeren Äonen des Kryptozoikums, wo die Erde als flüssiger Glutball entstand, als der sie nun auch endet, womit der Kreis geschlossen ist? Vielleicht äsen gerade jetzt unirdische, vorzeitliche Monster an zu Kohle und Asche verbrannten Baumruinen? Mit einem Mal wirkt das Antlitz der Flammen nicht mehr verlockend, die Protuberanzen bilden fürchterliche Fratzen, die mich anstarren, mich und mein schwindendes Reich, das noch an die Erde gemahnt. Oder sollte ich die letzte Narbe, der letzte Anachronismus, im glutflüssigen Meer der Erdoberfläche sein, die es auszumerzen gilt? Drinnen umfängt mich die Geborgenheit eines kleinen Raums. Ein Bett, zwei Stühle, der niedrige Tisch, auf dem die graue, tote Mattscheibe des Fernsehgerätes steht (auch das seit langem schon stumm). Das letzte, was es mir zeigte, war die Kulisse des sterbenden New York, dessen Wolkenkratzer wie bleiche Skelettfinger einer Totenhand aufragten, die dunklen Fensteröffnungen blicklos nach nirgendwo starrend, eine erschreckende, einsame Ruine, wo vor kurzem noch Millionen Menschen lebten. Ein neuer Tag ist angebrochen, die Feuergrenze hat sich mir bis auf wenige Kilometer genähert. So gewaltig ist ihr Widerschein, daß selbst die grelle, weiße Sonne blaß und kühl dagegen wirkt. Wieviel Zeit mir wohl noch bleibt? Noch einmal habe ich die Meßwerte abgelesen. Es ist heißer geworden, mit Hemd und Shorts habe ich die letzten Kleidungsstücke abgelegt. Wie Gott mich erschaffen hat, werde ich die letzten Stunden verbringen. Schweiß strömt mir den Rücken hinab. Durch die Funkgeräte kommt, wie seit Wochen schon, nur das neutrale Rauschen des Äthers. Mit müder, emotionsloser Stimme gebe ich die Meßwerte durch, und ein bitteres Lachen entringt sich meiner durstigen Kehle, pflichtbewußt bis in den Tod, ha! Der Brunnen ist versiegt, nur wenig einer sandigen, trüben, lauwarmen Brühe fand sich im Eimer, den ich hinabgelassen hatte, eine letzte Labung meiner schmerzenden Kehle bleibt mir versagt. Hinter mir fallen die letzten Baumriesen des Dschungels, gewaltige Feuerlilien mit brennenden Blüten von unirdischer, teuflischer Schönheit ragen an ihrer Stelle auf. Der letzte Zeuge einer vergangenen, nur noch traumhaft wirkenden Realität kam heute zu mir: ein verängstigtes, halb verbranntes Stacheltier, ein Igel; mit schwankenden, unsicheren Schritten rettete er sich bis vor die Stufen zu meinem Haus, seine Stacheln waren teilweise schon angesengt, es roch unangenehm nach schmorendem Horn, doch ich hob ihn auf und nahm ihn mit hinein. Gern hätte ich ihm etwas zu essen gegeben, hätte ich nur gewußt, was, denn sicherlich hat er seit Tagen keine Nahrung mehr zu sich genommen. Ich frage mich, wie es dem Tier wohl gelungen ist, in der flammenden Wildnis dort unten zu überleben. Nun sitze ich hier, den Igel im Schoß, matt beschnuppert er den Stoff der Shorts, die ich wieder übergezogen habe, um mich an seinen Stacheln nicht zu verletzten. Als ob das jetzt noch eine Rolle spielen würde. Mit fiebrigen Augen verfolge ich den Reigen, den die Flammengeister um mein Anwesen herum tanzen. Immer näher rücken sie dieser letzten Enklave einer zum Untergang verurteilten Welt. Der Wind weht die gierig lechzenden Flammen bereits bis hierher, er versengt meine Haare mit seinem feurigen Atem und macht mir das Luftholen zur Qual. Der Igel betrachtet mich mit stumpfen, glanzlosen Augen, als wüßte er um unser gemeinsames Schicksal. Unten in der Gluthölle glaube ich Wesen zu erkennen, gigantische, heraldische Salamander und anderes unnatürliches Getier, die Erben des Infernos, das nun auch mich verschlingt. Die Hitze hat noch zugenommen, und keiner Bewegung mehr fähig, betrachte ich die unaufhaltsam sich näher schiebende Wand tosenden Feuers. Der Wind, der heiße Atem des neuen Zeitalters, umstreicht mit glühendem Hauch die fernen Berge. Töne wie von einer überirdischen Äolsharfe klingen zu mir herüber, Fanfaren der Zukunft, der Zeit des Feuers. Der kleine, stachelige Igel in meinen Händen ist ruhig. Wie ich scheint er sich mit seinem Schicksal abgefunden zu haben. Ein tiefer Friede hat von mir Besitz ergriffen, stumm betrachte ich die unaufhaltsam näher züngelnden Flammen … Thomas Ziegler Artefakt 5578 Sammuell! Es ist Wahnsinn, ich weiß. Es kostet die Kooperative mehr Hycom-Punkte als Lotta Opvus für seine (mittlerweile legendären) Live-Berichte aus Magellan verschwendet hat, aber, Sammuell, die Lage ist zu ernst, um sich Gedanken über triviale Hycom-Punkte oder Transfer-Gebühren zu machen. Und im übrigen – das ist Freiheit, stimmt’s? Sammuell! Du weißt, daß ich Dich liebe. Ich wühle hier auf diesem Mistplaneten im Jahrtausendstaub und klopfe den Dreck von prähistorischen Toilettenbrillen, und während ich diese Sätze formuliere und durch den Hycom jage, wetzt draußen die gute Ariadne Vroster über die Fließstraße zwischen unseren Festwandzelten und brüllt ohne Unterlaß, daß man im Quadrat Delta-Ce-Neunzehn eine unbeschädigte Marx-Engels-Gesamtausgabe aus der Prä-Blitz-Zeit gefunden hat. Prä-Blitz! Man wagt es kaum zu glauben. Sammuell! Dies ist die Erde, Sammuell, und ich krieche hier seit zwölf Dekaden zwischen den Trümmern, die der Blitz vor wer weiß wie vielen Jahren hinterlassen hat, und wir haben seit unserer Ankunft Container voller historischer Fundstücke nach Omega Choral gestrahlt, genug, um die halbe galaktische Kommune und die Stellare Gesellschaft für Archäologie für die nächsten fünfzig Jahre in Atem zu halten. Sammuell! Dies ist die Erde, und es wird noch hundert weitere Dekaden dauern, bis ich wieder die Wärme Deiner Haut und die Zärtlichkeit Deines Mundes spüren kann. Wahnsinn, Sammuell, Wahnsinn. Dieser Preis, den wir für die vielen Zeitalter der Grauperiode hinblättern müssen – und wofür? Für den Blitz? Von dem kein Arsch weiß, woher er kam? Geschweige denn, was er war? Er hat die Erde halb in den Raum geblasen, Sammuell, und uns beide getrennt. Genug Unheil also, um die ganze archäologische Perseus-Kooperative ins All düsen zu lassen, als Cromman Quolter und Sybbylla Shmornz von Stern zu Stern tauchten (in den Randgebieten, Sammuell, in den Randgebieten) und durch puren Zufall die Erde wiederentdeckten. Zwölf Jahrtausende, nachdem der letzte Hintertreppenwitz der Weltgeschichte auf Sigma Fugger den Weg alles Vergänglichen ging und das planetare R-Kom den Aufnahmeantrag (in vierzehnfacher Ausfertigung, wie wir inzwischen wissen) bei der galaktischen Kommune einreichte. Sammuell! Dies ist die Erde, und der Blitz hat sie verdammt verschmort, aber nicht arg genug, um alles wegzubrennen. Und es ist WAHR. Sammuell! New York existierte tatsächlich, aber es war keine Stadt, wie Generationen von Stellar-Archäos und Kosmos-Historikern vermuteten, sondern eine Müllkippe, Sammuell, eine Müllkippe. Uns traf fast der Schlag, mein heißblütiger Geliebter, das kann ich Dir sagen. Wer hätte das gedacht? Doch dies war nicht die einzige Sensation, nur die erste, die erste, verstehst Du? Wir stoßen hier auf Abgründe, menschlicher und sachlicher Art, und die gesamte Milchstraße wird noch vor Ablauf der Ausgrabungen zu flackern beginnen. Aber ich will Dir auch nicht verschweigen, daß sich uns mit jedem neuen Fund mehr Fragen stellen, als beantwortet werden. Es ist alles zu verwirrend, zu chaotisch, und selbst Morzack Moh’med hätte sich das nicht träumen lassen, obwohl er immerhin der erste Sternenjockei war, der die untergegangene Grauzeit-Kultur auf Ophiuchi-Vier entdeckte und damit das Tor zur Erde aufstieß (ohne daß ich jetzt Quolters und Shmornz’ Leistungen schmälern möchte)! Sammuell! Was ist ein Soft-Porno? Generationen von Linguisten und Semantikern haben daran herumgedeutet und eine Verbindung zur antiken Computer-Software zu konstruieren versucht, ohne der Wahrheit auch nur um Lichtjahre nahezukommen. Wir wissen es jetzt, Sammuell, definitiv, tatsächlich. Wir haben alles entschleiert. Es ist erstaunlich. Es ist erregend. Es ist entsetzlich. Aber menschlich. Und himmelschreiend pervers. Ich weiß nicht, wie die alten Erdkerle (die ja nicht einen Schimmer von unseren Gebärgläsern besaßen) sich vermehrt haben, wenn sie alles nur von einigen Stars (auch Schauspieler, Schmierenkomödianten, Künstler, Pin-up-girls & -boys und Modelle genannt) haben vorspielen lassen, um es zu fotografieren oder zu filmen und dann zu verkaufen. Wahnsinn, Sammuell. Was menschlich ist, wurde in der Grauzeit abgelichtet und gegen Geld abgegeben. Gegen Geld, Sammuell! Warum haben es die Leute nicht selbst gemacht? Oder durften sie nicht? Konnten sie nicht? Wollten Sie nicht? Oder die Sache mit den Zeitungen, Sammuell. Eine archaische Vorform unserer Öffentlichen Hycoms. Auf Papier gedruckt oder mikroverfilmt oder über Video ausgestrahlt. Diese Zeitungen gehörten jemandem, Sammuell. Ist das nicht der Gipfel? Einem einzelnen oder einer Gruppe von Menschen, die sich zu sogenannten juristischen Personen (?) zusammenschlossen, auch Gangs, AGes, Gesellschaften, Multis oder Firmen genannt, und diese juristischen oder organischen Personen bestimmten, was in diesen Zeitungen erscheinen durfte. Pervers, pervers. Sammuell! Auch wenn Du es nicht glaubst, es ist WAHR! Was sind Dividenden? Oder Sozialämter? Was hat es mit Selbsterfahrungsgruppen auf sich? Wo liegt der Sinn der Einwegflaschen? Durften Frauenzeitschriften auch von Männern oder Kindern gelesen werden? Erschuf der Sachzwang den Menschen, oder war es umgekehrt? Liebte Jesus wirklich jeden, und wer war er überhaupt? Wenn es ihn gab, war er nymphoman? Was hatten Toilettenfrauen auf einem Männerklo zu suchen? Bestanden Verbindungen zwischen Entsorgungs- und Freizeitparks? Was ist ein Buchhalter? Sicher, wir wissen, was Bücher sind, aber benötigte jeder Leser wirklich einen Menschen, der das Buch hielt? Oder hielt er es ihm vor? War Antikommunismus eine Krankheit, und wann fand man ein Gegenmittel? Gab es für Justizvollzugsanstalten ein Bedürfnis? Wenn ja, warum baute man dann keine Bedürfnisanstalten? Fragen über Fragen. Sammuell! Erkennst Du unsere Probleme? Begreifst Du, daß wir hier vor einem Rätsel stehen, einem Rätsel so groß wie der höchste Berg auf Summa Erphus? Dies ist die Erde, Sammuell, und niemand weiß, welche Wunder wir noch entdecken werden. Sammuell! Du weißt, daß Dir mein Herz, mein Leib gehört, daß ich Dich mit einer Ausschließlichkeit liebe, die einfach monströs ist und die ich nicht für möglich gehalten hätte, als ich mein Geburtsprimal im Gebärglas erlitt. Dies ist wirklich die Erde, Sammuell, hier, direkt unter meinen Füßen, die alte, wahre Erde. Und sie ist monströser als unsere Liebe. Wir verstehen manches, wir erhellen die Vergangenheit, die ganze verdammte Grauzeit und weiter noch, sogar manche der Dinge, die sich hier vor dem Blitz abspielten. Aber dann fand ich das Artefakt. Sammuell! Artefakt 5578. Eine Zeitkapsel vermutlich. Vom Blitz nur leicht angeschmort. Wir haben sie geöffnet und alles sorgfältig analysiert, aber es ist verrückt, völlig verrückt. Und das liegt nicht nur daran, daß vieles nur fragmentarisch erhalten ist. Der Blitz, die Zeit, Sammuell. Es kann natürlich auch ein Witz sein. Die hinterlistige Fälschung eines Prä-Blitz-Hominiden. Doch das ist selbstverständlich nur eine Spekulation. Wir verstehen nichts, Sammuell. Nichts, einfach nichts. War es damals wirklich so? Sammuell! Ich habe das Artefakt kopiert, und Du wirst sehen, wie die Dokumente in Anschluß an diese Mitteilung aus Deinem Hycom purzeln. Vielleicht kennst Du die Antwort. Vielleicht durchschaust Du das Rätsel. Wir haben Kohlenstoff-Analysen durchgeführt. Die Dokumente sind authentisch. Das Artefakt ist echt. Prä-Blitz, Sammuell! Von der verschmorten Erde. Schau Dir die Aufzeichnungen an, die Tonbandbruchstücke, die Videofragmente, die Aufzeichnungsfetzen, das Unglaubliche, Unmögliche. Kannst Du Dir vorstellen, daß damals die Welt so gewesen ist? So pervers? So chaotisch? Grauzeit, Sammuell, das Artefakt 5578 ist Grauzeit pur. Dir werden die Haare zu Berge stehen! Aber die Dokumente sind authentisch. Jahrtausende alt, Sammuell. Und kein Arsch auf dieser Trümmerwelt kann etwas damit anfangen. Sammuell! Vielleicht findet Du die Lösung. Vielleicht entzifferst Du diese Ansammlung von Perversitäten und Wahnsinn. Sammuell! Ich liebe Dich! Wir werden uns wiedersehen. In hundert Dekaden. Oben im Zentrum. Wir werden beieinanderliegen und uns umarmen, und wir werden uns lieben, bis Erschöpfung unsere Gedanken verdunkelt. Und dann, Sammuell, werden wir uns unterhalten und versuchen, das Mysterium des Artefaktes 5578 zu entschleiern, wir werden so lange diskutieren, bis wir eine Lösung finden. Sammuell! Ich liebe Dich. Hier ist das Artefakt. Dein Petter Vanmerk. DAS ARTEFAKT 1 KEINE NEUEN HORIZONTE - Wirtschaftsweise im Prinzip perspektivlos - Obwohl es die zwölf Wirtschaftsweisen nicht zum Stern von Bethlehem, sondern zu dem von Untertürkheim zog, um das IX. Ostern-Symposium zu zelebrieren, blieb doch die ökonomische Erleuchtung im Nebel tarifpolitischen Getöses unsichtbar, wurde eine weitere Chance vertan, den Tanz um das Goldene Kalb Lohnzuwachs durch die Feste Burg sozialpartnerschaftlicher Verantwortung zu ersetzen. Im Glanz der festlichen Oster-Messen erschien das unentschlossene Taktieren der zwölf besten ökonomischen Spezialisten der Republik wie eine Wanderung im finsteren Tal stagflationärer Widrigkeiten, während der luziferische Versucher bereits in Gestalt des Kreises Radikaldemokratischer Wirtschaftswissenschaftler an die Himmelstür klopfte. Als wunderliches Ereignis am Rande sei erwähnt, daß sogar diese illustre Versammlung der zwölf Weisen nicht umhin kam, sich mit dem weltlichen Problem der zunehmenden Wohnungsnot in der Republik auseinanderzusetzen. Daß als Allheilmittel die Gebetsmühle empfohlen wurde, erscheint dem Beobachter jedoch nur als Jüngstes Gerücht … Video-Kommentar des Nachrichtenmannes Friedrich N. 2 … und dann kam der Vierzehnte, und es hatte keinen Zweck mehr, das Ganze aufzuschieben, und Robby stieg aus dem Bett, griff nach seinen Klamotten, warf sich ein paar Spritzer Wasser in die verklebten Augen und sah immer wieder nervös auf die Uhr. Ein Blick auf den Zähler am Herd brachte ihn davon ab, sich Kaffee zu kochen, denn schließlich hatte dieser verdammte Monat noch sechzehn weitere verdammte Tage, und das bedeutete, daß er selbst bei eisernem Sparen die letzte Woche entweder im Dunkeln oder bei Angela zubringen mußte, und beide Möglichkeiten waren ihm gleichermaßen unsympathisch. Er preßte flüchtig den Zeigefinger auf den Einschaltknopf des Batterieradios. „… keine Sorgen, Zaster borgen. Bei der fetzigen, angetörnten Bank für Ausgeflippte und andere junge Leute. Kommt zu uns. Niedrige Zinsen, freakige Geldverleiher, coole Konditionen. Kommt zur Pulver-Connection. Kommt zur Volkskredit-Bank.“ „Halt’s Maul“, murmelte Robby automatisch und suchte unter dem ungespülten Geschirr der letzten Tage nach seinem Zigarettennotvorrat, aber alles, was er fand, waren durchweichte Kippen, fein garniert mit eingetrocknetem Tomatenketchup, festgepappten bräunlichen Soßenrückständen und irgendwelchen anderen unappetitlichen Dingen, die ihn unangenehm an seinen Magen erinnerten. Aus den unteren Stockwerken drangen Flüche und lautes Geschrei. Etwas polterte. Dann ein Kreischen. Stille. Robby schluckte und kratzte sich den Kopf, fuhr dann mit den Fingern durch die ungekämmten Haarsträhnen, bis ein Hauch von Frisur und Ordnung in seinem dicken, schwarzen Haarschopf zu erahnen war. Er hatte noch zwei Stunden Zeit, ehe das Arbeitsamt dichtmachte, und Huspensky – oder wie der Kerl auch immer hieß – würde so oder so mißgelaunt die Papiere abzeichnen müssen, auch wenn sich das alles nur wenige Minuten vor der Mittagspause abspielte; schließlich war Huspensky dafür da, und es war seine verdammte Pflicht, Robby zu helfen, wenn er schon den ganzen Tag auf seinem Arsch hockte und ein Heidengeld dafür kassierte. Erfreulicherweise fand er dann doch noch einen halbgefüllten Tabaksbeutel und zu seinem Erstaunen auch einen Krümel Shit – Grüner Türke für zehn Mark achtzig inklusive Canabis-Steuer im Drugstore an der Ecke –, den er wohl irgendwann im Lauf der letzten Wochen achtlos fortgeworfen hatte, weil es ihm zu dieser Zeit sehr gut gegangen war und er nicht auf diese Kleinigkeiten achten mußte. Ein wenig versöhnt mit dem an und für sich gar nicht so vielversprechenden Tag, hockte sich Robby auf den Boden, drehte einen krummen Stick, an dessen beiden Enden der trockene Tabak heraushing und ihm traurig zuzublinzeln schien, aber Robby liebte diese Symbolismen nicht, und er zündete den Stick an und starrte nachdenklich aus dem Fenster. Aus dem Radio drangen die drögen Gitarrenklänge und das grelle Synthesizerpfeifen des diestägigen Welthits, Suck my joybringer, Mister President von den Washington Pigs, einer Rhythm’ and Blues-Vereinigung wegen Korruption abgesetzter Kongreßabgeordneter, die so ihr politisches Glaubensbekenntnis in klingende Münze umsetzten. Die Aprilsonne war schwach, hing blaß am graublauen Himmel, so daß man mit ungeschützten Augen in sie hineinblicken konnte, aber selbst in ihrem vollen Lichtgesicht war nicht viel zu entdecken, und das sagte Robby genug über Angela und ihre Lumpenfreunde von der Sonnen-Kommune, mehr zumindest, als sie ihm erzählt hatte – in den endlosen Stunden zwischen drei und sechs Uhr morgens, in denen die Zeit manchmal stehenblieb und Angelas kleine benebelte Mauseaugen einen Stich ins Mystische bekamen. Unten auf der Straße herrschte das übliche Chaos hupender, brummender Autos und desorientierter Fußgänger, obwohl Robby im Lauf der letzten drei Jahre schlimmere Wohnungen und Straßen erlebt hatte, und manche besaßen nicht einmal eingebaute Ohrenschützer aus Schaumstoff wie hier, und man konnte oft genug allein vom Lärm der Fahrzeuge und Stimmen besoffen werden. Gegenüber entdeckte Robby, während er abwesend an dem Stick zog, die blonde junge Frau, deren Mülleimer ihm ihre verborgene Liebe für den Neun-Mark-neunzig-Whisky aus der Kauf + Spar-Filiale an der Blockecke verraten hatte. Sie öffnete das Fenster und schnüffelte vorsichtig in den jungen Tag, aber was sie roch, schien nicht ihren Beifall zu finden, denn mit leicht angegrauter Gesichtsfarbe schloß sie hastig wieder die Fensterläden und verschwand im dunklen, Robbys Blicken verborgenen Innern ihrer Wohnung. Robby seufzte und wartete noch einige Minuten hoffnungsvoll, aber offenbar schien sie im Augenblick kein Interesse an einer Dusche oder einem Bad zu verspüren, und so mußte Robby für dieses Mal auf den Genuß verzichten, durch das gardinenlose Badezimmerfenster einen Blick auf ihren unbekleideten ansehnlichen Körper zu erhaschen. Es klopfte an der Tür. Im Radio knarrte es. „Meine Damen und Herren und alles, was dazwischenliegt, die Nachrichten fallen für heute leider aus, da sich unser Sprecher, der selige Kuno Karl Kopke, beim routinemäßigen Durchlesen der Meldungen auf äußerst abscheuliche Weise das Leben nahm. Wir sind noch immer damit beschäftigt, unsere Tonbandmaschine zu säubern und senden bis dahin unser Elf-Uhr-Wunschkonzert live aus dem Atomkraftwerk Elmsbüttel unter dem Motto: das Radio bleibt aktiv.“ Robbys Gedanken hatten sich dank des Sticks völlig geklärt, und allein der Umstand, daß die Zeit so schnell verging, erregte ein wenig sein Erstaunen, doch alles übrige wirkte ganz und gar so, wie es sein sollte. Das Klopfen wiederholte sich. „Ja?“ sagte Robby und räusperte sich, als er den krächzenden Klang seiner Stimme vernahm. „Es ist nicht abgeschlossen“, fügte er dann noch hinzu, und erst jetzt drückte jemand die Klinke hinunter und stieß die Tür auf. „Was machen Sie denn noch hier?“ schnauzte ihn ein dicker Mann in einem fleckigen Overall vorwurfsvoll an. Unruhig glitten seine kleinen dunklen Augen hin und her, und seine gerötete Gesichtsfarbe und die Zornesfalten auf seiner Stirn deuteten darauf hin, daß wohl er etwas mit dem grellen Lärm zu tun gehabt hatte, der noch vor wenigen Minuten in den unteren Stockwerken rumort hatte. Der dicke Mann in dem Overall stemmte die Arme in die feisten Hüften und schnüffelte. „Und überhaupt – wie sieht das hier aus?“ Robby blickte sich ein wenig irritiert um und wunderte sich gleichzeitig über seine bemerkenswerte Ruhe, die ihn davon abhielt, diesen unverschämten Eindringling am Kragen zu packen und aus der Wohnung zu werfen. „Wie soll’s schon aussehen? Wie’s heutzutage eben aussieht. Ich bin …“ „Robert Warschinzki“, nickte der dicke Mann. „Stand an der Tür. Ich hab’s gelesen. Ich kenne Sie alle hier. Und ich frage mich, was zum Teufel geht hier eigentlich vor? Es begann schon im ersten Stock. Bei dieser Alten, dieser Rumberger. ‚Ich mach hier nur meine Arbeit, Frollein’, sagte ich, ‚bin genauso ein armes Schwein wie Sie, also machen Sie’s mir nicht noch schwerer. Außerdem, was kann ich dafür? Ich muß auch mein Geld verdienen. Ich hab’ einfach keine Wahl, verstehen Sie?’ Aber meinen Sie, die Alte verstand? Mit ’nem Besenstiel ging die auf mich los, wenn ich’s doch sage, mit ’nem Besenstiel, und hysterisch wurde sie auch noch, daß ich dachte; Vorsicht, Kalle, die bekommt hier gleich auf der Stelle ihren achten Herzinfarkt und bricht mausetot zusammen.“ Der dicke Mann setzte sich schnaufend auf den einzigen leeren Stuhl in Robbys Wohnschlafzimmerküchenabstellraum und wischte sich den Schweiß von der geröteten Stirn. „Ich also ab und in den zweiten Stock.“ „Ah“, machte Robby verständnisvoll und versuchte durch die Spinnweben in seinem Kopf Motiv und Sinn dieser seltsamen Unterhaltung zu entschlüsseln. „Hubert Hetschneider und gegenüber die Sonnen-Kommune.“ Der dicke Mann schnaufte und griff in eine Tasche seines fleckigen, einstmals dunkelblauen Overalls und entzündete eine Zigarette. „Hetschneider, das ist dieser Wahnsinnige, eh? Ich sagte zu ihm ‚Schönen guten Morgen, der Herr, aber die Lage ist ernst, und ich komme von meinem Chef und der von Nowossny, und ich weiß gar nicht, was Sie hier überhaupt noch zu suchen haben’. Ich hätte besser meinen Mund gehalten, denn dieser Hubert brüllte gleich los: ‚Ich bin Künstler, begreifen Sie? Künstler! Und ich habe ein Recht darauf, hier zu sein, auch wenn dies eine gottverdammte Bruchbude und Nowossny ein widerlicher Hurensohn ist, und ich sag Ihnen was, ich werde mich in meiner Spüle demonstrativ ertränken, wenn Sie auch nur einen Finger rühren, um das Haus abzureißen. Ich habe Verbindungen’, sagte dieser Hubert, dieser Künstler. ‚Ich werde eine ganze Bande Livemänner alarmieren, und die werden jede Ihrer Bewegungen, jeden Furz und jedes Ihrer schwachsinnigen Worte auf Videoband aufnehmen, und vor allem werden die filmen, wie ich mich ersäufe, und Sie’, sagte dieser Hubert und deutete mit seinem spitzen, nikotingelben Zeigefinger auf mich, ‚Sie werden verantwortlich für meinen Tod sein.’ Ausgerechnet ich!“ Der dicke Mann rauchte und schnaufte und nickte. „Dann warf er die Tür zu und fing an zu rumoren, und dann hörte ich Wasserrauschen, und alles war natürlich für die Katz. Also ab zur gegenüberliegenden Tür. Ich habe geklingelt, und ein dralles Weib öffnete und starrte mich an. ‚Ich komme von …’ begann ich, aber die ließ mich gar nicht ausreden, sage ich Ihnen, die breitete nur die Arme aus und kreischte: ‚Eine neue verlorene Seele, die den rechten Weg gefunden hat’, und kaum hatte sie das von sich gegeben, wimmelte es im Korridor von Männlein und Weiblein, und alle trugen Togen und hatten bemalte Köpfe, und einer hatte sogar eine Kuchengabel durch seine Nasenflügel gebohrt und geiferte mich an …“ Der dicke Mann schauderte. „Diese Augen, wissen Sie, Monsteraugen, sage ich Ihnen, schrecklich, wie die mich anstarrten, und der mit der Küchengabel hielt noch ’ne zweite in der Hand, und ich wußte genau, was der wollte, als der auf mich zutänzelte. Gott! Ich hab’ um mein Leben gefürchtet und bin abgehauen. Können Sie mir das verdenken? Aber was wird mein Chef sagen? Egal, ich bin kein Held, und bei den heutigen Hungerlöhnen ist so was bei mir nicht drin. Also, die Treppe weiter hinauf, und dann stand ich vor der Tür Ihres Nachbarn.“ Robby kratzte die Bartstoppeln an seinem Kinn und nickte weise. „Protkop“, erklärte er. „Terrier Protkop und Anhang.“ „Gangster“, stöhnte der dicke Mann. „Man hat mich bedroht. Ein großer Dürrer und ein kleiner Dürrer. In Bademänteln. Rosa geblümt. Eine widerliche Farbe. ‚Ich weiß, was Sie wollen’, sagte der große Dürre. ‚Aber da haben Sie sich in den Finger geschnitten. Sie werden hier nichts erreichen. Nichts! Aber Sie können die Fronten wechseln und hereinkommen, damit Sie uns oder wir Sie vergewaltigen.’“ Der dicke Mann schnaubte entrüstet und sah Robby bittend an. „Können Sie sich das vorstellen? Vergewaltigen. Mich. So hoch kann ja gar kein Stundenlohn sein. Es war entsetzlich. Einfach entsetzlich. Dann machte sich auch noch der kleine Dürre an seinem Bademantel zu schaffen, rosa geblümt, und das war zuviel. Und dann hab’ ich bei Ihnen geklopft.“ „Elf Uhr fünfzehn. Und hier sind erstaunlicherweise doch noch die Nachrichten, liebe Hörer und Abhörer“, grölte es aus dem Radio. „Das neue Rasterfahndungsprogramm des BKA wurde nach Aussage des Bundesinnenministers im März auch auf alle Bademeister ausgedehnt, die ihr Wasser bei den Wasserwerken nicht in bar und unter falschem Namen bezahlen. ‚Die einzige Möglichkeit, den Terrorismus in den Griff zu bekommen’, sagte der Minister auf unsere Frage nach dem Sinn dieser Aktion.“ Robby wurde von einer unangenehmen Nervosität gepackt, denn nun mußte er sich wirklich beeilen, wollte er nicht vor Huspenskys verschlossener Bürotür stehen und zu einem späteren Tag zu einer unangenehmen Unterhaltung geladen werden, so von der Art: Sie haben sich seit vierzehn Tagen nicht mehr bei uns gemeldet, obwohl Sie doch ständig verfügbar sein müssen, wenn Sie Ihren Anspruch auf Arbeitslosenunterstützung … und der ganze andere Scheiß, das, was man sich in dieser Zeit eben anhören mußte, wenn man sich in dieser bedenklichen Situation befand. Robby blickte den dicken, schnaufenden, rauchenden Mann an. „Also, ich muß Sie jetzt wirklich rausschmeißen, Herr … äh, tut mir leid, aber ich hab was Wichtiges vor und nun tatsächlich keine Zeit mehr …“ „Es stinkt“, erklärte der Dicke unbeeindruckt. „Ich werde das Fenster öffnen. Unter diesen Umständen kann kein ehrlicher Mensch arbeiten. Das verstößt gegen meine Würde. Aber ich verstehe einfach nicht, warum Ihnen Grabbert nichts davon gesagt hat …“ Robby wurde hellhörig. In der Tat hatte er die Lage mit einem Mal völlig in der Hand und durchschaute die ganze Komplexität dieser Begegnung. „Grabbert? Dieser Mistkerl von der Wobau? Was haben Sie denn mit dem zu schaffen?“ In Wirklichkeit war Grabbert nicht nur ein Mistkerl, sondern auch ein gottverdammter Schleimer und Kinderschänder, der nur durch seine verwandtschaftlichen Beziehungen (Neffe eines Schwagers einer Tante von Nowossny, einem der Direktoren der Wohnungsbau GmbH & Co KG) zum Verwalter einiger der Wobau gehörenden Häuserblocks aufgestiegen war, anstatt irgendwo in der Gosse oder im Knast zu enden, wie es dieser Obernarr eigentlich verdient hätte … Darüber hinaus war Grabbert ein völlig korrupter Hausverwalter und ließ die Gebäude auf dem Holunderberg so gut es ging verkommen, wohl gemeinsam mit seiner Wobau-Sippschaft in der Hoffnung, die Häuser alsbald abbruchreif und die Genehmigung zu eben jenem Abbruch zu bekommen und dann die Grundstücke mit einem fetten Profit an irgendwelche Spekulanten aus Frankfurt oder Berlin zu verhökern. Robby nickte ernst. Genau so würden es die Bastarde anstellen, und das Erscheinen des Dicken war wohl ein Omen dieser erschreckenden Umwälzung auf dem Holunderberg. „Klar“, nickte der dicke Mann und drückte seine Zigarette aus. „Diese Bruchbuden werden abgerissen, und neue, feine, schöne Häuser dafür gebaut. Ich bin hier, um die Abbrucharbeiten vorzubereiten. Und ich kann Ihnen sagen, ich versteh’ wirklich nicht, warum Sie alle noch hier wohnen und nicht schon lange ausgezogen sind. Haben Sie keinen Brief bekommen?“ Mit einem kritischen Blick betrachtete der dicke Mann die Berge ungespülten Geschirrs, das zerwühlte Bett und die Kleidungsstücke auf Sesseln und Stühlen und all die anderen wirklich unwichtigen Kleinigkeiten, die Robbys Vergnügen an seiner Wohnung nicht sonderlich schmälerten, bei manchen unverständigen Besuchern allerdings ein verwirrtes Stirnrunzeln auslösten. „Was für einen Brief?“ fragte Robby und nahm mit einem faden Lächeln die Zigarette entgegen, die ihm der Dicke anbot, zündete sie an, rauchte. „Wieso überhaupt ein Brief? Wozu? Was will dieser Grabbert? Er soll mir vom Leibe bleiben. Ich werde erst mit ihm sprechen, wenn das Treppenhaus renoviert ist. Renoviert, klar? Richten Sie ihm das aus.“ Robby rauchte und musterte düster seinen mysteriösen Besucher. „Sie mißverstehen alles“, sagte der dicke Mann gelassen und kratzte sich die Genitalien. „Ich bin nur ein kleines Licht. Ich bekomme meine Anweisungen, und damit hat es sich. Ich bin nicht dafür verantwortlich. Ich weiß überhaupt nicht, was Sie und die anderen Gespenster in diesem Hause wollen. Stehe ich unter Anklage? Dann verwechseln Sie einiges. Ich sollte besser fragen, was Sie hier überhaupt noch zu suchen haben, Sie und Ihre unmöglichen Nachbarn, hm?“ „Ich wohne hier“, erklärte Robby mit dem Rest Würde, den ihm seine Erregung und Nervosität noch ließen. Der dicke Mann sah ihn gleichgültig an. „Jetzt nicht mehr.“ „Ich werd’ verrückt“, sagte Robby. Sie saßen sich schweigend gegenüber, rauchten, blickten sich an. Robby räusperte sich. „Wir werden das klären“, versprach er. „Ich weiß verdammt gut, daß wir das klären werden. Später. Ich muß weg. In einer Stunde bin ich wieder da. Ich werde Grabbert die Birne eindreschen. Ich werde ihn verklagen. Ich werde der ganzen Wobau die Hölle heiß machen.“ Robby nickte bekräftigend. Er wußte, er würde es tun. Er war wirklich sicher, und dann konnte Grabbert zum Teufel gehen und auch sein fetter Verwandter samt seiner Tante und der ganzen übrigen Nowossny-Bande, und die Zeitungen würden über ihn schreiben, die TV-Sender über ihn berichten, und vielleicht würde das auch die blonde junge Maid von gegenüber veranlassen, ihm ihre Badeshow live und in Farbe zu zeigen … „Haben Sie denn keinen Kündigungsbrief bekommen?“ fragte der dicke Mann. Robby wollte sich gerade erheben, zur Tür eilen und mit großen Schritten das dunkle, baufällige Treppenhaus hinunterhasten, denn die Zeit war nun wirklich knapp, und unter Umständen würde dieser Sack Huspensky irgendeinen Vorwand finden, um ihm Unannehmlichkeiten zu machen, aber dann blieb er ganz unversehens stehen und stöhnte fast unter der schrecklichen Erleuchtung. Der Brief! Einschreiben oder so was. Noch völlig besoffen war er aus dem Bett gefallen, als das Schrillen der Türglocke nicht aufhören wollte, und hatte irgendwie die Tür erreicht und sie geöffnet und dem Briefträger seinen abgestandenen Whiskyatem ins Gesicht geblasen. Ein Wunder, daß der gute Mann nicht gleich gekotzt hatte. Fuck it, wo steckte der Brief? Vermutlich auf der städtischen Müllkippe. Robby pflegte zu gewissen Zeiten keine Briefe zu öffnen und hatte ihn naheliegenderweise auf dem neben der Tür stehenden Abfalleimer deponiert und war wieder ins Bett gekrochen. Der Brief war natürlich zum Teufel. „Wir klären das“, wiederholte er lahm. „Ganz bestimmt. Und nun“ – er straffte sich – „gehen Sie bitte hinaus.“ Der dicke Mann schnitt eine Grimasse. „Ich habe Anweisung, die bauliche Substanz einer jeden Wohnung zu untersuchen und für den Abbruch …“ Robby hatte plötzlich ein ketchupfleckiges Küchenmesser in der Hand. Der dicke Mann gurgelte und sprang aus dem Sessel. „Ich werde Grabbert davon berichten“, stieß er hervor. „Dieses ganze Haus ist eine Mördergrube. Und überhaupt, was habe ich damit zu tun?“ „Raus mit Ihnen!“ brüllte Robby fuchsteufelswild und … 3 SETZ DEN NOTSTAND MATT – SPAR KILOWATT Slogan einer Anzeigenserie des Bundesministeriums für Energie- und Rohstoffversorgung 4 „Gnädige Frau, ich kenne Sie, aber ich weiß nicht, wie ich auf Sie raufkomme.“ Baudezernent Jonegan zu Frau OStD Pfeife, unbestätigt 6 LIEBER FUSSPILZ ALS ÜBERHAUPT NICHTS ZU ESSEN Aufkleber, Herkunft unbekannt 7 „… Macht sie kaputt!“ kreischte der unförmige Mann in dem zerschlissenen Fußballtrikot und schwenkte seine Fahnenstange wie eine Sense. „Macht sie alle! Haut sie in die Fresse!“ Von irgendwoher flog ein Ziegelstein und traf den Schreihals in die Magengrube. Mit einem rülpsenden Laut setzte er sich auf den Hintern und spuckte halbverdautes Bier über den Bürgersteig. Geschrei, Gegröle, mißtönendes Gerassel, Sirenengeheul und Getröte lagen wie Smog über der Fußgängerzone. Robby kratzte sich die Nase und schielte aus dem Eingang des Lederwarengeschäftes, in den er sich beim Nahen der randalierenden Fußballfans des 1. FC Ruhrstadt zurückgezogen hatte. Die alkoholisierte Meute hatte vor einer halben Stunde die Bahnhofskneipe verlassen und sich in das Gewühl der Innenstadt gestürzt, um vor dem Anpfiff des entscheidenden Meisterschaftsspiels in die richtige Stimmung zu kommen. Ein Martinshorn heulte in der Ferne auf, gefolgt von einem zweiten, und Robby entspannte sich ein wenig. Die Meute in den rot-blauen Trikots, mit den Fahnenstangen, Totschlägern, Rasseln und Schnapsflaschen, reagierte auf die Martinshörner wie ein sensibler Organismus. Klirrend landete eine Flasche in der Fensterscheibe einer Boutique, dann ergossen sich die gnomenhaften, entfesselten Gestalten in die Seitenstraßen, um sich dem Zugriff der traditionell zu spät eintreffenden Ordnungshüter zu entziehen. „Penner“, keifte eine entmenschlichte Stimme hinter Robbys Rücken. „Verlauster Drecksack!“ „Ganz richtig“, bestätigte Robby, wandte sich um und blickte in das bleiche Gesicht des Lederwarenverkäufers, der sich drohend hinter ihm aufgebaut hatte. „Dieses Gesindel wird von Tag zu Tag dreister.“ Der Bleiche schnappte nach Luft. „Verschwinde“, brüllte er Robby an. „Du vertreibst mir die Kundschaft, du arbeitsscheuer Nichtsnutz!“ Offensichtlich meinte er Robby mit seinen Ausfallen. Robby zuckte die Achseln und äugte durch die halb geöffnete Ladentür des Ledergeschäftes, in dem die Überreste südamerikanischer Kaimane ihr Rentnerdasein als Aktenköfferchen und Theatertäschchen fristeten. Das feine elektrische Wispern eines Bioclimate-Maker, der die Kundschaft wohl zu einem konsumfreudigeren Verhalten überreden sollte, erreichte Robbys Körperelektrizitätsfeld und dämpfte die Entrüstung über den ordinären Umgangston des Bleichen. Er zuckte die Achseln und schob sich aus dem Eingang, stieg über einen umgeworfenen Abfallbehälter und setzte seinen Bummel fort. Die Fußgängerzone füllte sich allmählich wieder mit Menschen, und jetzt erschienen zwischen den gelb kränkelnden Gewächsen in den hier und dort stehenden Betonkübeln auch einige Polizisten und blickten sich unentschlossen um und reagierten auf die spöttischen Bemerkungen der Passanten mit jener beruflichen Nonchalance, die Robby schon immer an ihnen bewundert hatte. Da von den tobenden Fans des städtischen Fußballclubs (der im Jahr einen Zuschuß von einer knappen Million Mark aus Steuergeldern erhielt) niemand mehr zu sehen war, zogen die Beamten unverrichteterdinge wieder ab, allerdings nicht ohne zuvor einen Werbestand der Radikaldemokratischen Partei einer hochnotpeinlichen amtlichen Kontrolle unterzogen zu haben. Robby schlenderte weiter und bemühte sich, die Erinnerung an sein unerquickliches Gespräch mit Huspensky zu verdrängen. Teufel auch, der Sack hatte ihm das Messer auf die Brust gesetzt und ihm gedroht, die Unterstützung zu sperren oder ihn zum Sozialen Arbeitsdienst in Unterföhrenheim in der finstersten Ecke des Bayerischen Waldes zu verbannen, wenn er nicht umgehend das Stellenangebot der Deutschchemie AG annehmen würde; egal, ob Robby nun als Werkzeugschlosser ausgebildet war oder nicht. Robby spuckte verächtlich aus und blieb vor der Plattenkiste stehen, musterte geistesabwesend die LP-Cover, Musikkassetten und Videobänder im Schaufenster. Huspensky hatte leicht reden. Es war schon ein Unterschied, ob man Tag für Tag in einem klimatisierten Büro des öffentlichen Dienstes Akten wälzte und Arbeitslose schikanierte oder ob man in einer stinkenden Lagerhalle der Deutschchemie hochbrisante Fässer mit Trichlorphenol, Tetrachloridbenzodioxin und Hexachlorcyclohexan stapelte. Der Hi-Fi-Lautsprecher über der Tür der Plattenkiste brüllte die neues Hits. „Wann machst du deine Alte kalt?“ lallte Rocky St. James zu den süßen Klängen eines digital aufgenommenen Streicherquartetts. Robby schüttelte sich. Und im übrigen spielte es auch keine Rolle, ob er nun den HCH-Job wollte oder nicht – der geschniegelte Personalchef der Deutschchemie, Hubert Graf Kalle von Bohle und Anhalter, hatte ihm schon einmal erklärt, daß er Leute wie Robby für ein Sicherheitsrisiko hielt, aber interessierte das Huspensky? „Don’t forget your machine-gun“, rieten African Bullett, eine südafrikanische farbige Band ehemaliger Untergrundkämpfer, die nach dem Fall des Apartheid-Regimes in Pretoria über den Kontinent tingelten und Gelder für den Wiederaufbau lockermachten. Nein, was Huspensky wollte, das war klar wie ein Sonnenaufgang in der Karibik. Er wollte Robby den öffentlichen Geldhahn zudrehen, und dazu war ihm jedes Mittel recht, sogar die Deutschchemie. „Wahnsinn“, murmelte eine Stimme, die Robby seltsam vertraut vorkam, so rostig klang sie, und kaum hob er den Kopf, da sah er auch schon Don the Dope, den Superstar der Funk-Punk-Rock-Formation Pete Paranoia & his Nightmares, die ihre Gigs in einem verkommenen Lagerhaus auf dem höchsten Punkt des Holunderberges durchzogen und seit einem Monat die städtischen Alternativcharts mit It’s fine be mad in the White House anführten. Don the Dope hieß mit bürgerlichem Namen Detlef Damroß, und Robby kannte ihn seit seiner Schulzeit, kannte ihn sogar gut, alldieweil sie gemeinsam einen tattrigen Geschichtslehrer davon überzeugt hatten, daß das Deutsche Reich in den Grenzen von 1937 nach ihrer gründlichen historischen Analyse mindestens irgendwo im ostbengalischen Sumpfland anzusiedeln war und jede Abweichung von dieser Maximalforderung Verrat! Verrat! bedeutete. „Wahnsinn“, wiederholte Don the Dope und strich sich eine rosa Haarlocke aus den Augen. „Es ist unglaublich. Unerhört. Das bedeutet Revolution. Mindestens. Das werden wir nicht zulassen. Nein!“ „I wanna fuck the pope“, lispelten die Nightgirls aus dem Hi-Fi-Lautsprecher. „He, Don, altes Haus“, sagte Robby und klopfte dem schlanken jungen Mann in dem hautengen Seidenpyjama wohlwollend auf den Rücken. „Was hast du auf dem Herzen? Ist euer Manager mit den Einnahmen des letzten Konzerts auf und davon und verpraßt jetzt die Drei Mark fünfundachtzig in einem Düsseldorfer Freudenhaus?“ „Du kannst gut Witze machen“, klagte Don the Dope und schwenkte ein grellfarbenes LP-Cover. „Du bist einer von diesen Aussteigern und brauchst dich nicht mit den Widrigkeiten der Musik-Szene und profitgeilen Plattenbossen herumzuschlagen. Ich bin ruiniert, begreifst du? Am Boden zerstört. Aus. Ende. Feierabend. Und zu allem Überfluß tropft in meiner Bude seit gestern abend der Wasserhahn; dieses chemikalienverseuchte Trinkwasser hat schon wieder die Gummidichtungen zerfressen.“ Der Musiker schnitt eine düstere Grimasse. „Und da du die Größe meiner Wohnung kennst, brauche ich dir nicht extra zu sagen, daß jeder zusätzliche Tropfen die Prämien für meine Lebensversicherung in horrende Höhen treibt … Da wir gerade vom Treiben sprechen, was treibst du dich hier herum? Gesunde Stadtluft schnuppern? Oder hast du’s jetzt mit dem Konsumrausch? Ich kann dich davor nur warnen. Schau mich an, dann weißt du, wohin das führt.“ Robby schüttelte den Kopf. „Nichts so Ernsthaftes“, erklärte er und suchte nervös in den Taschen seiner Jeans nach einer Zigarette, bis Don the Dope Einsicht zeigte und ihm eine filterlose Acapulco-Gold zwischen die Lippen schob. „Ich hab’ erfahren, daß ich den Rest meiner Tage entweder in einem Faß voller chemischer Brühe oder im Bayerischen Wald zubringen muß, Bäume roden oder den Einheimischen das Essen mit Messer und Gabel beibringen. Als Alternativvorschlag könnte ich natürlich auch behilflich sein, für die Nowossny-Gang meine Wohnung in Trümmer zu legen …“ Don the Dope riß die Augen auf. „Du weißt es also auch! Natürlich, warum hätten sie ausgerechnet dich verschonen sollen? Heute morgen kam Karl Kaputnik in unser Holunderberg-Studio und murmelte etwas von Bulldozern und Planierraupen und begrapschte mit seinen Wurstfingern unsere Acht-Wege-Boxen. Nachdem Pete und ich ihn mit dem Mikrofonkabel gefesselt und ihm ein Potpourri unseres neuesten Smashhits vorgespielt hatten, rückte er dann mit der Sprache raus. Wahnsinn, Robby, totaler Wahnsinn. Diese Lumpen wollen den ganzen Holunderberg kahlrasieren und für Nowossnys Schwiegersohn eine Marmorvilla mit Hundeklo und Wasserbett hinsetzen, inklusive Ausnüchterungszellen und Baumhäuser für die Leibwächter der Direktorenmafia. Das schreit zum Himmel, Robby. Das werden wir uns nicht bieten lassen. Bis hierhin und keinen Schritt weiter!“ „Und was willst du unternehmen?“ „Kämpfen“, verkündete Don the Dope. „Mit Fingernägeln und falschen Zähnen, wenn es sein muß. Das ist die größte Sache seit Brokdorf, sage ich dir, und ich werde mich eher als Grundstein einmauern lassen, als nur einen Schritt aus unserem Studio zu setzen. Wir werden, wenn nötig, alle unsere Fans zusammentrommeln und …“ „Ich wüßte nicht“, unterbrach Robby mit einem vertrauenerweckenden falschen Lächeln, „was deine kleine Schwester und deine schwerhörige Großmutter gegen Nowossnys Planierraupen und Winkeladvokaten ausrichten sollen.“ Don the Dope funkelte ihn beleidigt an. „Du bist ein verdammter Zyniker, aber du kannst nichts dafür. Und im übrigen haben wir keine andere Wahl. Wir kämpfen.“ „Wer kämpft, sieht nicht“, orakelte Robby. „Wer aufgibt“, fügte Don hinzu, „verliert mehr als sein Augenlicht …“ „In Ordnung“, nickte Robby. „Tun wir’s. Aber tun wir’s rasch. Nur: was?“ „Darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht …“ 8 NOWOSSNY: An sich ist die ganze Sache recht einfach. Vor allem gibt es bei näherem Hinsehen überhaupt keine andere Möglichkeit. Wir sollten uns doch nichts vormachen, mein lieber Paul. Es sind Bruchbuden, und Sie können mir glauben, mein Herz blutet dabei, wenn ich daran denke, daß Menschen in ihnen hausen. Denn sie sind wirklich alt und baufällig und vielleicht sogar feucht und ungesund, und es hat gar keinen Zweck, irgendwelche Versuche zu ihrer Erhaltung zu machen. Und ich kann Ihnen jetzt schon sagen – also, nach dem, was ich von meinen Architekten gehört habe –, daß wir nach Abbruch und Neubau der Stadt mehr und wesentlich bessere Wohneinheiten zur Verfügung stellen können, als diese Ruinen sie jetzt bieten. PFEIFE: Wie? Äh, ich … äh … NOWOSSNY: Es besteht überhaupt kein Grund zur Aufregung. Es ist eine völlig legale Sache, die schon tausendmal irgendwo stattgefunden hat. Wir wollen doch nicht so tun, als sei das etwas Verbotenes und Unehrenhaftes. Im Gegenteil, wir erfüllen der Stadt einen Wunsch – den Wunsch nach ausreichendem Wohnraum. Und Sie, mein lieber Paul, werden dafür sorgen. PFEIFE: Wie? NOWOSSNY: Es ist ein Kreuz. Wir haben einen Haufen Geld in diese Ruinen investiert, aber irgendwann ist Schluß, und wann soll sich das überhaupt rentieren? Wer hat schon Interesse an einer Wohnung mit Klo im Keller und Dusche unterm Dachgiebel? Wer bezahlt da heutzutage noch eine kostendeckende Miete? PFEIFE: Äh … NOWOSSNY: Es wird sich nicht aufhalten lassen. Der ganze Immobilienmarkt geht zum Teufel. Und Sie und Ihre Fraktion reden doch schon seit Jahr und Tag davon, den Holunderberg zu sanieren, diesen Schandfleck, nicht wahr? PFEIFE: Wie? NOWOSSNY: Sie schaffen das schon, Paul. Jetzt genug davon. Wir wollen uns diesen heiteren Abend nicht mit geschäftlichen Dingen verderben. Reden wir doch lieber über Ihren Bauernhof in Unterammergau. Sagten Sie nicht, Paul, daß das Dach … PFEIFE: Also diese Schindeln sind sehr wasserdurchlässig und windschief und von einer solch ekligen Farbe, und die Veranda ist immer noch in einem solchen Zustand, daß da dringend etwas getan werden müßte, und ich bin mir sicher, das ist genauso dringend wie diese Sache mit dem Holunderberg … Mitschnitt eines Gespräches zwischen Karl. C. Nowossny, Direktor der Wobau, und Paul Martin Pfeife, Oberstadtdirektor von Ruhrstadt und Vorsitzender des Bauausschusses 9 KEIN GELDSACK AUF DEM HOLUNDERBERG Flugblattext 10 … trug Adelheid Rumberger trotz des warmen Frühlingstages einen grünkarierten Wintermantel und hatte sich mit einem abgesägten Besenstiel vor der Tür des Hauses Holunderberg 34 aufgebaut. Sie musterte Robby und Don mit einem kritischen Blick, bevor sie schließlich nickte und ein bellendes „Könnt passieren“ hervorstieß. Ihre Augen lugten wachsam hinter den dicken Brillengläsern auf die Straße, und sie würde mit ihrem Leben und dem abgesägten Besenstiel das Haus gegen jeden ungebetenen Besucher verteidigen. „Ich hab’ doch gesagt“, erklärte Don und betrat das muffige Treppenhaus, „alles eine Sache der Organisation, eh?“ Er ächzte unter der Last des schweren Kartons, den er vor der Brust hielt und damit die Treppen hochwankte. „Verdammt, wer hätte gedacht, daß Flugblätter so schwer sein können?“ Robby sagte nichts, sparte seinen Atem für den Treppenaufstieg und seufzte erleichtert, als sie endlich den zweiten Stock erreichten und bereits von Angela und den Freaks der Sonnen-Kommune erwartet wurden. Durch die geöffnete Wohnungstür drang das Klingeln des Telefons. Dann eine gedämpfte Stimme: „Der vierundachtzigste Solidaritätsanruf!“ „Wo habt ihr so lange gesteckt?“ fragte Angela mürrisch. Robby hob den Kopf, halb noch auf der Treppe stehend, so daß er zu ihr hinaufblicken mußte, und litt vorübergehend unter einer absurden perspektivischen Verzerrung. Angela wirkte klein, doch dies lag nicht allein an den erstaunlichen Sichtverhältnissen, die die dritte Acapulco-Gold in ihm ausgelöst hatte, denn selbst unter anderen Umständen war sie zierlich, ohne jedoch schmal zu sein, und ansonsten war sie ganz und gar nicht hellhäutig und blaß wie die meisten Frauen, sondern schwarzhaarig und schwarzäugig und von einem dunklen Teint, fast von der Farbe, wie ihn ein schwachgehäufter Löffel Kakaopulver in einer Tasse Milch erzeugte. Robby war überrascht, wie die Dinge von der letzten Treppenstufe aus verändert wirkten und ihren richtigen Stellenwert erhielten. Alles in allem war Angela ein verflixt hübsches Mädchen, und es war wirklich tragisch, daß ihre Gedanken gewöhnlich um die Göttlichkeit der Sonne kreisten. „Kommt rein“, erklärte das Mädchen und griff nach dem zuoberst liegenden Flugblatt, auf dem in großen Lettern HÄNDE WEG VOM HOLUNDERBERG stand. Sie rümpfte die Nase und ging voraus in die menschenüberlaufene Wohnung, wo Schreibmaschinen tickten und Gesprächsfetzen wie fette Schneeflocken bei einem Blizzard tanzten, während Mitglieder der Bürger gegen Baumafia-Initiative ein und aus gingen. Ächzend setzte Robby den Karton ab und massierte sein schmerzendes Kreuz. „Wie sieht’s aus?“ erkundigte er sich und sah Angela wieder an und hatte mit einem Mal den verrückten Wunsch, wie eine Supernova zu explodieren und sie mit seinen feurigen Protuberanzenarmen an die Brust zu drücken. Sie musterte ihn kritisch und knöpfte mit dem Instinkt des Weibes ihren obersten Blusenknopf zu, so daß ihm der Blick auf die volle Rundung ihrer Brüste von nun an verwehrt blieb und Robbys Supernova zu einem Schwarzen Loch zusammenschrumpfte. „Der DGB hat sich der Bürger gegen Baumafia-Initiative endlich angeschlossen“, sagte sie und überflog flüchtig das Flugblatt. „Das wird uns organisatorisch mächtig auf die Sprünge helfen und die Bonzen davon abhalten, direkt mit ihren Panzerwagen und chemischen Keulen hier einzumarschieren. Außerdem haben wir einen Haufen Solidaritätsadressen bekommen, unter anderem von der SDAJ, der Bewegung Bewußter Schwuler, dem PEN, dem SPD-Unterbezirksverein von Plusendorf an der Plumpe, sogar unterzeichnet vom Ortsgruppenvorsitzenden Daniel Herbst, der DKP-Betriebsgruppe Deutschchemie, dem Internationalen Komitee für die Rechte lesbischer Lehrerinnen, der Fakultät der Universität Berlin, der SMV des Schulzentrums Süd, von Professor Sulzmann, Lehrstuhlinhaber für Parapsychologie an der Universität Heidelberg, der Alternativen Liste NRW, dem VVN, dem Antifa-Aktionskreis von Wetzlar, der DFG-VK, dem Jugendzentrum Börse, dem BBU, der Gesellschaft für Aussöhnung und Entspannung, dem Alterspräsidenten des Bielefelder Rentnerclubs Graue Panther und einem Haufen anderer Organisationen, Gruppen, Grüppchen und Privatleuten.“ „Ermutigend“, frohlockte Robby. „Und was ist mit den Radikaldemokraten? Denen müßte es doch möglich sein, im Stadtrat etwas dagegen zu unternehmen …“ „Zur Zeit laufen da noch Gespräche.“ Das Mädchen gähnte ausgiebig. „Wird schon werden. Wir haben jetzt andere Sorgen. Das Zeug hier muß schleunigst verteilt werden, und ich schätze, daß du der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort bist, um diese Aufgabe …“ 11 Wir stellen fest: Es gibt ein Grundrecht auf ausreichenden Wohnraum, den jeder Mensch zur freien Entfaltung seiner Persönlichkeit benötigt. Wir stellen fest: Dieses Grundrecht ist in Gefahr, durch ein republikweites Spekulantenunwesen ausgehöhlt zu werden. Es ist bekannt, daß bereits zehn Millionen Menschen, also fast ein Sechstel der Bevölkerung, unter unzureichenden und unwürdigen Bedingungen wohnen. Und über jene, die sich ihr Grundrecht durch überhöhte Preise erkaufen müssen, gibt keine Statistik Auskunft … Auszug aus einem Grundsatzpapier zum 10. ordentlichen Parteitag der Radikaldemokratischen Partei 12 „Wie? Ich weiß von nichts. Nie gehört. Wie? Warum fragen Sie mich das überhaupt? Wie? Nein, offiziell bin ich überhaupt nicht informiert. Der Antrag fehlt, wenn … Im übrigen ist dies eine Entscheidung des Rates … Wie? Nein. Natürlich nicht. Die Verwaltung prüft, der Rat beschließt. Objektiv. Natürlich objektiv … Wie? Auf keinen Fall. Dafür verbürge ich mich. Nein, nein. Davon weiß ich nichts. Wie? Wie?“ Oberstadtdirektor Pfeife in einem Interview der Alternativ-TV 13 PFEIFE IST UND BLEIBT WAS ER IST Flugblattext 14 „… und es ist völlig klar, daß wir uns das auf keinen Fall bieten lassen werden. Auf keinen Fall, unter keinen Umständen!“ Die Stimme von Sigrun Hammerwehl, Landesjugendsekretärin des DGB und neuestes Mitglied der Bürger gegen Baumafia-Initiative, ergoß sich mit mehreren hundert Watt aus den Lautsprechertürmen von Pete Paranoia & his Nightmares. Beifall brandete auf, wälzte sich wie ein gewaltiger akustischer Wurm durch die menschenüberlaufene Straße, die sich oben auf dem Kamm des Holunderberges zu einer Kreuzung verbreiterte und der Demonstration der Bürger gegen Baumafia-Initiative genug Platz bot. Bürgersteig, Straßen und sämtliche Fenster waren schwarz von Menschen. Rote Fahnen und Transparente wurden geschwenkt. „Jawoll!“ tönte es zustimmend aus der Menge. Und: „Wir haben auch Rechte!“ Und: „Das kann man mit uns nicht machen!“ Und: „Bravo! Ein wahres Wort zur rechten Zeit!“ Und: „Ich denk’, das is’n Rockfestival?“ Robby stand eingekeilt in der Menge, neben ihm Angela, und mit einem feinen lästerlichen Lächeln nahm er den Druck ihres warmen Körpers zur Kenntnis. Irgendwo vor ihm schwenkte Don the Dope seine Gitarre, ein wenig seitlich versetzt klatschten Terrier Protkop und Anhang enthusiastisch Beifall, lautstark unterstützt von der Witwe Rumberger und jener jungen blonden Maid, deren Badeshow Robby des öfteren durch das gardinenlose Badezimmerfenster des gegenüberliegenden Gebäudes hatte beobachten können. „Man wird versuchen“, setzte die Landesjugendsekretärin ihre Rede fort, „uns zu kriminalisieren. Man wird versuchen, Dreck über uns auszuschütten, um die öffentliche Meinung – pardon, die veröffentlichte Meinung gegen uns aufzubringen. Aber dafür ist es bereits zu spät. Wir plädieren nicht dafür, den Holunderberg in seiner jetzigen Form zu belassen. Wir plädieren auch nicht für einen allumfassenden Kahlschlag, nur um die Grundstücke irgendwelchen Geschäftemachern in den Rachen zu werfen. Unsere Forderung ist klar: Sanierung statt Planierung! Und gemeinsam werden wir es schaffen. Nur gemeinsam sind wir stark; stark genug, um Nowossny und dem Stadtrat zu widerstehen. Stark genug, um unsere Rechte durchzusetzen. Wir geben nicht nach.“ Wieder brandete Beifall auf, flatterte wie ein Vogel über die zahllosen Köpfe, und es waren Greise und Kinder, Männer und Frauen, Jugendliche und Junggebliebene, die hier standen und zeigten, daß sie sich nicht herumstoßen ließen wie ausrangierte Möbelstücke. Mehr als die Hälfte der Holunderberg-Bewohner und viele Bürger aus der restlichen Ruhrstadt nahmen an dieser Protestversammlung teil, und befriedigt erkannte Robby, wie die grünlackierten Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei unter dem Druck des Beifalls zögernd in die Seitenstraßen zurückwichen. Robby hatte fast Mitleid mit den Polizisten, von denen manche vermutlich mit den Demonstranten sympathisierten, aber die Anordnungen des Polizeipräsidenten und Stadtrates befolgen mußten. Es war klar, daß Pfeife und die Nowossny-Gang nur auf einen Zwischenfall warteten, um die Bürger gegen Baumafia zu kriminalisieren und die Demonstration mit Gewalt zu zerschlagen. Unruhe keimte plötzlich in Robby auf. Forschend sah er sich um, sah in verschwitzte Gesichter, gerötet von der Wärme des Maitages, sah Augen, die blitzten und funkelten und nicht mehr stumpf und kraftlos waren wie in der Vergangenheit, und es war wirklich erstaunlich, was Nowossny binnen kurzer Zeit zustande gebracht hatte. Eine Stimme gellte auf. „Geh’n wir runter in die Stadt und zeigen wir denen, was ’ne Harke ist!“ Die Stimme war wie ein Stich, wie der Biß einer Flamme, und der Argwohn schlug über Robby wie eine dunkle Welle zusammen. Er tauschte mit Angela einen knappen Blick, und in ihren zärtlichen, spitzbübischen Mauseaugen sah er, daß sie ebenfalls verstanden hatte und sein plötzliches kaltes Mißtrauen teilte. In der Menge schüttelte jemand drohend eine Faust. „Wir holen Pfeife aus dem Rathaus!“ brüllte die gleiche Stimme und ein Arm schleuderte einen Flachmann in die Richtung der Polizisten, während die Landesjugendsekretärin des DGB das eilends zusammengezimmerte Podium frei machte und Otto Adalbert Mühleisen, Tabakwarenladenbesitzer auf dem Holunderberg und erbitterter Feind Nowossnys und seiner Sippschaft, Solidaritätsadressen zu verlesen begann. „Komm“, sagte Robby kurz zu Angela und begann sich durch die Menge zu schieben, hin zu dem Großmaul, das unverdrossen weiterhetzte und allmählich zustimmendes Gemurmel erntete. Aus einer Seitenstraße schob sich langsam und leise brummend und wie abgesprochen der erste gepanzerte Wagen. „Man muß Nowossny und Pfeife aufhängen“, machte sich der Schreier wieder bemerkbar. Eine Hand berührte Robbys Schulter. Er sah sich um, lächelte schwach. Es war Hubert Hetschneider, gefolgt von einigen grün geschminkten Mitgliedern der Sonnen-Kommune. „Da macht einer Stunk“, raunte Hubert ihm zu. Er war klein und blaß, und seine Haare begannen an den Schläfen bereits zu ergrauen. „Es ist widerlich, wer sich heutzutage alles einmischt. Die Leute werden schon unruhig.“ Gewöhnlich verbrachte Hubert Hetschneider seine Zeit damit, aus leeren Eierkartons surrealistische Aktionsskulpturen zu basteln, die er nach Fertigstellung mit den Freaks der Sonnen-Kommune auf dem Hinterhof verbrannte, als Symbol für die Vergänglichkeit des Menschen und den Triumph der Braunschen Bewegung, aber seit er – wie alle Bewohner des Holunderberges – seinen Kündigungsbrief erhalten hatte, setzte er seine gesamte künstlerische Energie für das Design der Flugblätter der Bürger gegen Baumafia ein. Gemeinsam drängten sie sich durch die widerstrebend zur Seite weichenden Massen und erreichten endlich den Schreihals, einen zerlumpten, langhaarigen jungen Burschen mit fanatisch glühenden Augen, dessen Lumpen allerdings einen gepflegt-zerlumpten Eindruck machten, dessen Haare nach Shampoo und Man No. 1 dufteten, und dessen Fanatismus durch einen Schnellehrgang erworben worden war. „Wir werden den Bonzen zeigen, wer die Macht hat“, grölte der Bedarfs-Revoluzzer und schüttelte wieder die Fäuste mit den manikürten Fingernägeln. Dann war Robby auch schon bei ihm und packte ihn am Nacken und schrie: „Halt’s Maul, Paul! Was soll dieser Mist? Das hier ist eine friedliche Demo, und Nowossny soll mich holen, wenn ich zulasse, daß so ein verdammter Brüllaffe den Bullen Gelegenheit zum Zuschlagen gibt. Ist das klar – und wer bist du überhaupt? Du wohnst doch gar nicht auf dem Holunderberg, eh? Ich hab dich nie gesehen, und das ist doch verflucht komisch, daß du jetzt anfängst, hier als Stinker aufzutreten. Wer bist du, he?“ „Laß mich los“, schnauzte der Bursche und versuchte Robbys Hand abzuschütteln. Mit einem Ruck befreite er sich dann, trat Robby gegen das Schienbein und rannte davon, während Hubert Hetschneider ihm nachsetzte und ihn an der künstlich ausgeflippten Schmuddeljacke zu fassen bekam, auf der MARX FOREVER mit rotem Zwirn eingestickt war, und es gab ein reißendes Geräusch und der Second-Hand-Politrocker stand im Hemd da, bis er sich mit Zähnen und Klauen durch die Menge wühlte und irgendwo in einer Seitenstraße hinter einer Grünen Minna Schutz suchte und verschwand. Robby rieb sich das schmerzende Schienbein und fluchte. „Da soll mich doch der Irrsinn beißen“, entfuhr es Hubert Hetschneider, dem Eierkartonaktionskünstler vom Holunderberg, und er schwenkte entrüstet einen Dienstausweis, der aus der funkelnagelneuen Lumpenjacke des Schein-Radikalen gefallen war. „Ein mieser Provokateur, Robby. Das ist die Höhe! Das Faß ist voll.“ Er gestikulierte wild und winkte dem Livemann fordernd zu, der ein wenig überhöht auf einem Treppenabsatz über der Menge stand und mit seiner tragbaren Videokamera die Demonstration für die Ruhrstädter Alternativ-TV filmte. „Das bricht der Sippschaft das Genick“, schäumte Hubert. „Das bringen wir ins Fernsehen und …“ 15 STRASSENSCHLACHT IN RUHRSTADT Militante Demonstranten verwüsteten gestern in Ruhrstadt ganze Straßenzüge und stießen wüste Morddrohungen gegen Oberstadtdirektor Pfeife aus. Zentrum der schlimmsten Ausschreitungen seit Jahren war das Gebiet des wegen seiner hohen Kriminalitätsrate berüchtigten Holunderbergs. Nur mit knapper Not entkam ein Beamter des LKA den Angriffen mehrerer linksradikaler Gewalttäter. Unverständlicherweise ließ die Polizei die Extremisten gewähren und sicherte auf Kosten der Steuerzahler darüber hinaus die auch vom DGB mitgetragene Demonstration. Oberstadtdirektor Pfeife nahm die Ausschreitungen zum Anlaß, vor einer Aushöhlung des Demonstrationsrechtes durch radikale Gruppen zu warnen. Gleichzeitig kündigte er scharfe Maßnahmen … Artikel in video-bild 16 DGB GEGEN BAUSPEKULANTEN Flugblattext 17 „Notfalls versuchen wir es auch ohne Gewalt.“ Karl C. Nowossny, nach einer unbestätigten Meldung von Alternativ-TV 18 … und Angela lag unter ihm, ein hominider Asteroid, der weich und warm und sehnsuchtsvoll die Landung des terrestrischen Raumschiffes erwartete. Das schwere Keuchen des Sonnenwindes lag über dem All, der parsekweiten Finsternis, die nur durch das Glühen von Raumschiff und Landeplatz gemildert wurde. Robby senkte sich langsam, dirigierte die Planetenfähre, bis die zahllosen synaptischen Computer des Limbischen Systems keinen Zweifel mehr an der Richtigkeit des Rendezvous-Punktes besaßen und der letzte Düsenstoß das Raumschiff hineinführte in die Schleuse des Asteroiden, tiefer in den Landetunnel hinein, und die Reibungshitze ließ Trägerschiff und Asteroiden verschmelzen, so daß sie eins wurden, in Gestalt und in Gedanken, und sich hinaufschaukelten bis zu jenem Punkt, wo das Gitternetz des Kosmos zerriß und sich die Pforten zu einer höheren, unbegreiflichen Dimension öffneten, in dem es nichts gab, nichts, nur sie beide auf ihrem himmelhohen Flug über die Grenzen von Raum und Zeit … 19 St V Trolle (radikaldem. Fraktion): Ist Ihnen bekannt, Herr Baudezernent, daß Ihr Schwager, Josef Polter, bis vor kurzem Leitender Direktor der Wohnungsbau GmbH & Co KG und beteiligt an den Vorplanungen des Holunderberg-Projektes … (Zwischenruf ‚Kommunisten raus’; Unruhe bei den Vertretern der radikaldemokratischen Fraktion; weitere Zwischenrufe) Baudezernent Jonegan: Mmm. Was will’n der, Pfeife? OStD Pfeife: Wie? (Zwischenruf: ‚Und was ist mit diesem Schweizer Bankkonto?’) StV Bange (konservative Fraktion): Ich leite die Sitzung und bestimme die Reihenfolge der Fragen … (Zwischenruf: ‚Denk ich an Unterammergau, seh ich einen Bauernhof; Gelächter; leichte Unruhe bei den Vertretern der konservativen Fraktion; Heiterkeit bei den Sozialliberalen) StV Bange (konservative Fraktion): Ruhe. Wer sich nicht an die Geschäftsordnung hält, wird des Saales verwiesen. Stadtverordneter Fröhlich, bitte. (Zwischenruf: ‚Der ist doch nur so fröhlich, weil ihm Nowossny genügend Geld in den Arsch steckt’) StV Bange (konservative Fraktion): Ruhe! Baudezernent Jonegan: Was is’n hier los? StV Fröhlich (konservative Fraktion): Herr Baudezernent, was ist Ihrer Meinung nach Ursache für die derzeitige radikale Verleumdungskampagne gegen das Wohnraumbeschaffungsprogramm Holunderberg? Baudezement Jonegan: Was is’n das für’n Scheiß? (Befremden unter den Stadtverordneten; Zwischenrufe ‚Der Kerl ist ja betrunken’; ‚Wie immer’; Gelächter) StV Immer (konservative Fraktion): Herr Dezernent, ich möchte die Frage meines Vorredners aufgreifen und insbesondere … Baudezernent Jonegan: Pfeife, man hat mir was reingetan … OStD Pfeife: Wie? StV Bange (konservative Fraktion): Herr Baudezernent, darf ich fragen … Baudezernent Jonegan: Nein, du Affe. OStD Pfeife: Herr Jonegan! Baudezernent Jonegan: Wie? StV Immer (konservative Fraktion): Würden Sie bitte auf meine Frage antworten, Herr Dez … Baudezernent Jonegan: Geh’ mir nicht aufn Geist, du Arsch. StV Bange (konservative Fraktion): Mäßigen Sie sich, Jonegan! (Zwischenrufe; Unruhe) Baudezernent Jonegan: Hurensöhne. Man hat mir was reingetan … He, Pfeife, weißt du, was deine Frau jetzt treibt? OStD Pfeife: Wie? Baudezernent Jonegan: Die treibt’s mit Petroli. OStD Pfeife: Wie? StV Bange (konservative Fraktion): Jonegan, wie kommen Sie … (Zwischenruf: ‚Die erste interessante Sitzung dieser Legislaturperiode’; Buhrufe; Gelächter bei der radikaldemokratischen Fraktion) Baudezernent Jonegan: Halt’s Maul, Bange. Du weiß doch am besten, wie’s bei so Orgien zugeht. Schnaps und Weiber, wie? Hab ich dich nicht letztens bei Nowossny gesehen? StV Bange (konservative Fraktion): Ich verbitte mir … Baudezernent Jonegan: He, klar. Im blauen Salon, mit nacktem Arsch und zwei Weibern, die genauso viel trugen wie jetzt Pfeifes Alte. OStD Pfeife: Jonegan, Sie … Das wird ein Nachspiel haben. Darauf können Sie sich verlassen. Baudezernent Jonegan: Wie? (Zwischenrufe: ‚Tragt den Kerl weg’; Unverschämtheit’; ‚Bravo, weiter so’; Tumulte; Gelächter bei der radikaldemokratischen Fraktion) Illegaler Mitschnitt einer außerordentlichen nichtöffentlichen Sitzung des Stadtrates von Ruhrstadt – Hearing Holunderberg-Problem 20 STOPPT DIE SPEKULANTEN! JETZT! Flugblattext 21 … hat die rechte Seilschaft im Ruhrstädter Rathaus erneut eine Kostprobe ihres bereits sattsam bekannten Talentes zur Verhetzung und Vernebelung gegeben. Während Pfeife, Oberstadtdirektor von Ruhrstadt, Bauernhofbesitzer in Unterammergau und gefürchteter Blut-und-Boden-Mystiker der konservativen Fraktion, die nahende Krise der Ratssitzung durch seine bekannten nichtssagenden Statements zu verzögern suchte und mehrere Minuten für Unruhe im Saal sorgte, bis ihn sein einsichtiger Referent (und nebenberuflich Pfeife-Lobhudeler in der WAZ) in die hinteren Ränge zerrte, verzettelte sich Baudezement Jonegan bei dem anschließenden Hearing durch zeitraubende Nebensächlichkeiten und peinliche Ausbrüche. Jonegan, sturzbetrunken und von den Drahtziehern der Holunderberg-Affäre nur ungenügend auf die Fragen der Ratsmitglieder vorbereitet, ließ es sich nicht nehmen, im Zuge der Anhörung statt Informationen über die Nowossny-Pfeife-Bange-Verschwörung pikante Details über das Privatleben der illustren Politaristokratie von Ruhrstadt zu liefern. Weitere Nachforschungen wurden allerdings durch das einminütige Verlassen des Saales durch die konservative und sozialliberale Fraktion verhindert. Den Vertretern der Radikaldemokraten blieb eine weitere Anhörung des unglücklichen Baudezernenten leider verwehrt. Jonegan, von alkoholseliger Müdigkeit überrascht, schlief seinen Rausch auf dem Boden des Ratssaales aus und wurde von OStD Pfeife und seinem Referenten aus dem Raum geschleift. Das eigentliche Problem, die Holunderberg-Affare, blieb – natürlich – unerörtert. Artikel in DIE NEUE TAGESZEITUNG 22 „… übertragen wir live“, brüllte Luster, der Livemann, durch das Treppenhaus und schnitt verzerrte Grimassen, um Robby zu veranlassen, den Scheinwerfer in die richtige Position zu bringen. Endlich überflutete kaltes Licht das modrig riechende Treppenhaus, riß die schiefen, ausgetretenen Stufen und die feuchten Wände mit dem abblätternden Verputz aus der ewigen Dämmerung. Don the Dope huschte aus der Wohnung der Witwe Rumberger und geriet ganz zufällig in den Bereich des Aufnahmeobjektivs, strich eine blau gefärbte Locke aus den Augen und brachte das Cover der neuesten LP von Pete Paranoia & his Nightmares vor die Linse. „Was ist das?“ entfuhr es Luster. „All what I want is a nuclear bomb“, las er dann mit gerunzelter Stirn und begriff erst jetzt, was sich dort vor ihm abspielte. „Hubert! Schaff mir den Kerl weg!“ Kurz lieferten sich der Aktionskünstler vom Holunderberg und der Superstar der Nightmares einen erbitterten Kampf, und dann gelang es Hetschneider, seinen Widersacher in die Knie zu zwingen und zurück in Witwe Rumbergers Wohnung zu zerren. „Das ist Freiheitsberaubung“, zeterte Don the Dope. „Und Geschäftsschädigung. Das ist also der Dank für meine Gratis-Session während der Demo und …“ Seine Stimme wurde zu einem Flüstern, und Robby entspannte sich, zog heftig an der Acapulco-Gold und wartete darauf, daß Luster mit der Sendung begann. Der Livemann wischte sich einen Schweißtropfen von der massigen Stirn und murmelte etwas in sein Mikrofon. Luster war groß und behäbig, stark genug, um die Videokamera samt der miniaturisierten Übertragungsanlage ohne Mühe zu schleppen. Soweit Robby wußte, arbeitete Luster hauptsächlich für die vier alternativen und nichtkommerziellen TV-Stationen der Stadt, verkaufte seine Berichte aber auch an interessierte Sender in der ganzen Republik und der EG. Dies gab ihm genügend finanziellen Spielraum, um seit Tagen über den Kampf der Bürger gegen Baumafia-Initiative zu berichten, und die Bewegung hatte es zu einem großen Teil ihm zu verdanken, daß der republikweite Druck auf Nowossny, Pfeife und Mitverschwörer stetig zunahm. „Okay“, quetschte Luster hervor, schaltete an seiner Videokamera und nickte dann Robby, der Witwe Rumberger, Hubert Hetschneider und Terrier Protkop samt Anhang bedeutungsvoll zu. „Sendung läuft.“ Dann straffte er sich, schien nichts mehr von der Last der komplizierten technischen Ausrüstung zu bemerken und sprach mit sonorer, sympathischer Stimme in das Mikrofon. „Und hier, liebe Leute, meldet sich wieder Livemann Luster über Alternativ-TV von einem Brennpunkt des politischen Geschehens, vom Ruhrstädter Holunderberg, wo eine mutige Bürgerinitiative einen verzweifelten Kampf gegen Bodenspekulanten und Bauhyänen ficht. Noch ist ein Ende der Auseinandersetzung nicht abzusehen, noch schwebt die Drohung des polizeilichen Räumungsbefehls über den vielen hundert Bewohnern des Holunderberges, noch steht die entscheidende Konfrontation – mündige Bürger gegen obrigkeitsstaatliche Machtanmaßung – bevor. Liebe Leute, Sie sehen, mit welchen Methoden die Wobau die Bewohner der Holunderberger Altstadt vertreiben will. Sämtliche Gebäude wurden bewußt vernachlässigt, degenerierten zu Ruinen, wo die Phrase vom ‚menschlichen Wohnen’ zu einer Farce verkam. Liebe Leute, diese mutigen Menschen hier kämpfen stellvertretend für uns alle gegen die Macht der Spekulanten, gegen Preistreiberei, gegen den Abbruch billiger Wohnviertel und für ein Recht auf ausreichenden Wohnraum. Vor mit steht Robert Warschinzki, ein Mitglied der Bürger gegen Baumafia-Initiative und selbst ein Betroffener. Robert, wie schätzen Sie die Lage ein?“ „Ernst, aber nicht hoffnungslos“, erklärte Robby würdevoll und war der Acapulco-Gold dankbar, daß sie seine Aufregung dämpfte und ihn mit einer lässigen Selbstverständlichkeit in die bedrohliche gläserne Kälte des Objektivs blicken ließ. „Man hat sich verrechnet. Wir geben nicht nach. Wir sind friedliche Bürger, aber wir lassen uns nicht vertreiben. Unsere Anwälte versuchen derzeit, eine einstweilige Verfügung gegen den Räumungsbefehl zu erwirken.“ Die Witwe Rumberger fuchtelte mit ihrem abgesägten Besenstiel. „Wir verlangen nicht Abbruch, sondern Sanierung. Schauen Sie sich diese Bruchbude an. Nowossny hat alles verkommen lassen. Und dieser Grabbert, dieser Hausverwalter, kümmerte sich einen Dreck um unsere Beschwerden.“ Von draußen erklangen Sprechchöre. „Jedes Haus bleibt steh’n, oder Pfeife kann geh’n.“ „Zweifellos“, intonierte Luster, „ist die Atmosphäre gespannt; kein Wunder nach den Provokationen durch Verwaltung, Polizei und Wobau. Sie“, fuhr er fort und wandte sich an Hubert Hetschneider, „sind …“ „Ein Aktionskünstler“, keuchte Hubert nervös und fummelte an seinem Adamsapfel herum. „Eierkartons sind das Menetekel unserer Zeit. Ich habe in meiner Wohnung eine Ausstellung organisiert. Ich lade alle ein. Alle. Holunderberg vierunddreißig. Es ist genial, und jeder darf kommen. Kaltes Bier steht im Kühlschrank und …“ Luster fluchte unterdrückt. Die Sprechchöre waren jetzt lauter. „Sägt Nowossny am Holunder, hau’n wir ihn zur weichen Flunder.“ Mit Mühe gelang es dem Livemann, Hetschneider aus dem Aufnahmebereich der Videokamera zu entfernen. Er blendete über zu Angela, verweilte kurz und lustvoll auf ihrer dünnen Bluse und glitt dann weiter. Eine Gestalt in einer eitergelben Toga stakste die Treppen hinunter. „Die Sonne ist das Rad, das sich in Ewigkeit dreht“, erklärte die Gestalt versunken, „und wir kreisen mit dem Rad, und manche werden auch zermalmt, wie dieser Stinker Nowossny zum Beispiel.“ Robby blinzelte. Ihm war ganz entgangen, daß die Freaks der Sonnen-Kommune die Schriften des Apostels Ferdinand Schmackes, Vers 1 bis Refrain 6, den aktuellen Gegenbenheiten angepaßt hatten, aber vielleicht erklärte dies auch Angelas plötzliche weltliche Einstellung, die mit einem enormen Engagement in der Bürger gegen Baumafia-Initiative einherging und auch Robbys Gefühle nicht vernachlässigte. „Haut den Bange in die Pfanne“, intonierten draußen die Sprechchöre. Ihre Lautstärke schwoll weiter an; offenbar hatten viele die abendliche Großkundgebung nicht abwarten können und fanden sich bereits jetzt auf dem Holunderberg ein. Robby runzelte die Stirn. Wieder erfaßte ihn die Unruhe, wie damals bei der Entdeckung des Agent provocateur, und er drehte sich aus einer Ahnung heraus zur Tür, die in diesem Augenblick krachend aufsprang. Pete Paranoia (alias Achim Krotzer) stand keuchend im Türrahmen und fuchtelte mit seinen tätowierten Spinnenarmen herum. Terrier Protkop riß die Augen auf und strich unwillkürlich seinen rosa geblümten Bademantel zurecht. „Bullen“, quetschte Pete hervor. „Tausende. Millionen. Eine ganze Armee. Sie wollen die Häuser räumen.“ „Mehr Licht!“ brüllte Luster. „Verdammt, wo bleibt das Licht?“ „Entschuldigung“, sagte Robby und schwenkte den starken Scheinwerfer. Pete Paranoia blinzelte in dem grellen Glanz. „He, was soll das? Habt ihr sie noch alle?“ „Keine Aufregung“, beruhigte Luster souverän. „Alles noch einmal für unsere Fernsehzuschauer.“ „Wahnsinn“, sagte Don the Dope, quetschte sich an Robby vorbei und glitt an Petes Seite, drückte ihm eine LP in die Hände und verschwand blitzartig im Hintergrund. „Aufnahme läuft“, brüllte Luster. „Bullen“, rief Pete erneut und bemühte sich, sein Keuchen so echt wie möglich zu gestalten. „Tausende. Millionen. Sie wollen den Holunderberg räumen.“ Das LP-Cover glitt hoch. All what I want is a nuclear bomb. „Das wird rausgeschnitten“, verkündete Luster grimmig. „Ich …“ Robby hörte nicht mehr zu. Hastig schob er sich an dem Gründer der Nightmares vorbei und sprang auf die Straße. Einige Dutzend Bewohner des Holunderberges hatten sich vor dem Haus versammelt und Zulauf von den ersten Teilnehmern der für den Abend geplanten Demo erhalten und blickten mit verbissenen Gesichtern der heranrollenden Fahrzeugkolonne entgegen, die sich wie eine metallene Riesenschlange den Holunderberg hinaufwand. „Scheiße“, fluchte Robby. Aus den Häusern strömten immer mehr Menschen, aber als sie die vielen gepanzerten Autos erblickten, schienen die Schultern herunterzusacken, die Mienen sich zu verdüstern. Die Witwe Rumberger trat an Robbys Seite und umklammerte kampfbereit ihren abgesägten Besenstiel. „Angela telefoniert bereits“, flüsterte sie. „Wir hätten die Demonstration früher ansetzen sollen. Jetzt weiß ich auch, warum man den ersten Termin verboten und uns auf die Abendstunden vertröstet hat.“ Robby nickte nur. Ein flaues Gefühl rumorte in seiner Magengegend. „Die Staatsgewalt“, sagte Luster hinter ihm und schob die Videokamera über Robbys Schulter, richtete sie auf die Fahrzeugkolonne, die nun in bedrohliche Nähe geraten war, „zeigt ihr wahres Antlitz. Mit Gewalt sollen Hunderte von Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben und einem ungewissen Schicksal ausgesetzt werden. Oberstadtdirektor Pfeife hat sich dem Druck der Nowossny-Sippe gebeugt. Gerüchte besagen, daß ein Bauernhof in Unterammergau keine geringe Rolle bei dieser Entscheidung des Rates gespielt haben soll. Liebe Leute, hier ist Livemann Luster über Alternativ-TV. Eine Armee rückt an, um den Holunderberg der Gewalt der Planierraupen und Spekulanten auszuliefern. Ich … Da, ich sehe, wie die Polizei die Straße mit Metallgittern absperrt.“ Die Kamera machte einen Schwenk. „Eingesperrt. Ein gigantisches Verlies. Wasserwerfer werden in Stellung gebracht. Hier und dort sehe ich einige Männer mit der chemischen Keule hantieren. Offenbar rechnet man mit Widerstand … Die Stimmung unter den Bewohnern des Holunderberges ist gedrückt. Alte Frauen, die hier seit ihrer Geburt zu Hause sind, werden von Nachbarn gestützt und getröstet. Dramen spielen sich hier ab. Liebe Leute, Livemann Luster berichtet direkt vom Holunderberg. Ich – und Sie –, wir sind Zeugen einer unglaublichen Intrige. Eine Demonstration war für heute morgen beantragt, wurde aber unter fadenscheinigen Vorwänden von den Behörden auf die Abendstunden verlegt. Wir wissen nun, warum. Ist der Holunderberg noch zu retten?“ Robby ballte die Faust. Jemand stieß ihn in die Rippen. Es war Angela, und ihre Kakaohaut war nun dunkel von dem Blut, das ihr Herz schnell und hart durch die Adern preßte. „Wir haben alle informiert“, keuchte sie. „Miguel telefoniert noch wie ein Irrsinniger, aber die wichtigsten Leute – vom DGB über die Radikaldemokraten bis zu den Fortschrittlichen Philatelisten – sind informiert.“ „Es ist zu spät, verdammt“, sagte Robby. „Schau dir das an. Die lassen keinen mehr raus und keinen mehr rein.“ „Kein Geldsack auf dem Holunderberg“, schrie jemand. Andere Stimmen fielen ein. „Wir wollen unser Recht!“ Die Polizisten zögerten, schienen sich nicht wohl in ihrer Haut zu fühlen, und vielleicht würden viele von ihnen eher auf der anderen Seite der Barrikade stehen, aber sie standen dort bei den Wasserwerfern und Metallgittern, den gepanzerten Wagen, den Mannschaftstransportern, dort, wo Nowossny stand, nicht körperlich, sondern als unseliger Geist, der über ihnen wie ein Schatten lastete. „Nach einem gültigen Gerichtsbeschluß“, quäkte eine megaphonverstärkte Stimme, „werden sämtliche Häuser des Holunderberges geräumt. Wir fordern Sie auf, den Gerichtsbeschluß zu respektieren. Notunterkünfte stehen für Sie bereit. Die Wobau hat für jeden Haushalt einen Möbelwagen bereitgestellt, der ihre persönliche Habe abtransportieren wird. Vermeiden Sie jeglichen Widerstand – in Ihrem eigenen Interesse. Sie haben dreißig Minuten Zeit. Jeder, der nicht auf dem Holunderberg ansässig ist, wird aufgefordert, das gesperrte Gebiet umgehend zu verlassen. Haben Sie Verständnis dafür, daß wir zur Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung Ihre Personalien aufnehmen müssen. Ich …“ „Aasgeier raus!“ schrie jemand. „Sie da!“ quäkte das Megaphon. „Sie mit der Kamera! Schalten Sie sofort ab!“ „Den Teufel werde ich tun“, knurrte Luster und filmte mit grimmiger Miene weiter. „Was sollen wir nur machen?“ murmelte Robby ratlos. „Kamera sofort abschalten“, quäkte das Megaphon. Es klang, als würde ein heiserer Frosch schreien. „Ich …“ begann Robby und verstummte dann. „Was ist das?“ stieß er schließlich hervor und deutete auf die Barrikade aus Metallgittern, hinter denen sich die Polizisten verschanzt hatten. Das Grün ihrer Uniformen wurde von anderen Farben getrübt, und plötzlich kam Bewegung in die Beamten. „Dieses Gebiet ist gesperrt“, erklärte der Mann am Megaphon hektisch. „Treten Sie zurück!“ Transparente wurden sichtbar. DGB GEGEN BAUSPEKULANTEN. Menschenstimmen antworteten dem Megaphon. FREIHEIT FÜR DEN HOLUNDERBERG. Immer mehr Menschen wurden sichtbar, ließen die Polizisten sich zurückziehen. Der Mann am Megaphon fuchtelte mit den Händen. Unter den Bewohnern des Holunderberges schlichen sich Erleichterung und Hoffnung als Gäste ein, als der Menschenstrom von unten aus der City nicht abriß. Und auch von der anderen Seite, dort, wo weniger Polizeifahrzeuge standen, näherte sich eine zunächst kleine, dann immer größer werdende Menge, die Fahnen und Transparente schwenkte. RADIKALDEMOKRATEN SOLIDARISIEREN SICH. JUSO-BEZIRKSVORSTAND RUHRSTADT: KEIN ABBRUCH AUF DEM HOLUNDERBERG. „Hebt mich hoch“, preßte Luster hervor. „Schneller, schneller. Ich muß das aufnehmen. Ein großartiges Motiv. Hoch mit mir.“ Robby winkte Don the Dope und einige andere Männer zu sich heran, und mit vereinten Kräften stemmten sie den Livemann in die Höhe. „Leute“, schrie Luster in sein Mikrofon, „hier ist Livemann Luster vom Holunderberg. Ein Wunder ist geschehen. Durch verzweifelte Anstrengung ist es der Initiative Bürger gegen Baumafia gelungen, den fortschrittlichen Teil der Bevölkerung in kürzester Frist zu mobilisieren. Noch sind es verhältnismäßig wenige, aber unten im Tal verdicken sich die Fahrzeuge und Menschen und bilden ein Rinnsal, einen Wildbach, einen … einen reißenden Strom empörter Bürger. Es ist unglaublich. Es ist großartig. Die Polizei zögert. Zögert, ihre Wasserwerfer und Gasgranaten einzusetzen, denn man hat ihnen immer beigebracht, daß sie es bei Demonstrationen mit Anarchos und Militanten zu tun haben, aber diese Leute dort, die ihren bedrängten Mitbürgern zu Hilfe eilen, sind Mitglieder des DGB, der Radikaldemokratischen und Sozialliberalen Partei, sind Studenten und Mütter, sogar ein Stadtverordneter ist dabei, und da sehe ich einige Journalisten … Die Räumungsaktion der Nowossnys und Pfeifes muß durchgesickert sein … Livemann Luster vom Holunderberg, liebe Leute … Bleiben Sie am Apparat. Noch ist keine Lösung in Sicht, noch kann dieses Pulverfaß explodieren, aber ich sehe jetzt in den Gesichtern der Menschen, daß es keine Gewalt geben wird, nicht von ihrer Seite … Livemann Luster, liebe Leute, live und in Farbe vom Holunderberg …“ Und die Menschenmenge wogte hin und her, Fahnen schwenkend, Transparente schüttelnd, und die Maisonne beschien alles mit ihrem warmem, klaren Licht. HOSEN RUNTER, NOWOSSNY! verlangte ein Transparent. Robby lächelte. Zusammen mit Pete Paranoia und Terrier Protkop samt Anhang stemmte er den Livemann mit seiner schweren Ausrüstung in die Höhe, aber irgendwie, auf eine geheimnisvolle, unerschütterliche Weise wußte er, daß sein Arm niemals erlahmen, niemals müde werden würde. Niemals. 23 … ist die sich als Bürgerinitiative tarnende Bewegung Bürger gegen Baumafia (BgB) keineswegs von nur lokaler Bedeutung. Im Gegensatz zum vergangenen Berichtsjahr erhöhten sich die registrierten Kontakte zu regionalen und republikweiten, dem linksextremistischen Spektrum zugeordneten Gruppen um mehr als das Zwölffache. Insbesondere sei auf die enge Verflechtung mit dem lokalen und regionalen Apparat der Radikaldemokratischen Partei hingewiesen. Mitgliederzahl und Sympathisantenzahl nahmen gleichfalls erheblich zu; bekannt sind rund eintausend eingetragene Mitglieder, und die Zahl der Sympathisanten ist nur schwer abzuschätzen, hegt vermutlich jedoch sehr hoch, zumal die BgB es aufgrund der speziellen Situation im Problemfeld Holunderberg verstanden hat, die Bevölkerung im hohen Maße für ihre Ziele zu mobilisieren. Ziel der weiteren Observation ist die Vervollständigung des V-Mann-Netzes und die Eindämmung des Einflusses der BgB im nicht-radikalisierten Teil der Bevölkerung … Sonderbericht IV-38/A, Dezernat 3, Bundesamt für Verfassungsschutz – Bürgerinitiativen, Sekten, K-Gruppen –, nichtautorisierte Veröffentlichung durch „BgB-Info 6“ Karl-Ulrich Burgdorf Ein Tag im Zentrum Als B. am Dienstag den Zentrumsbescheid im Büro des Abteilungsleiters vorlegte, blickte ihn der Abteilungsleiter nur kurz an und wies ihn darauf hin, daß eine Lohnfortzahlung in der Zeit seiner voraussichtlichen Abwesenheit nicht erfolgen würde. B. erwiderte, der entsprechende Erlaß sei ihm bekannt und er sehe die innere Logik dieser Regelung natürlich ein. Am Nachmittag erledigte B. die ihm aufgetragenen Arbeiten mit der ihm eigenen Sorgfalt, jedoch offensichtlich ohne innere Beteiligung. Den anderen Angestellten, die gleich B. in der Verwaltungsabteilung arbeiteten, fiel seine fast unnatürliche Ruhe kaum auf, da B. ohnehin als still und in sich gekehrt bekannt war. Zur üblichen Stunde räumte B. die Unterlagen von seinem Schreibtisch, nahm den Mantel vom Kleiderständer und setzte den Hut auf. Nachdem er seine Arbeitskarte hatte abstempeln lassen, reihte er sich in den Menschenstrom vor dem Fabriktor ein und ließ sich zur nächsten Haltestelle der U-Bahn treiben, wo er, wie jeden Tag, einen Zug der Linie 6 bestieg. Die U-Bahn-Fahrt in die Vorstadt dauerte wie immer exakt vierzig Minuten. B. kaufte sich am Kiosk der Station eine BILD-Zeitung, die er sorgfältig zusammenfaltete und in die Manteltasche steckte, und legte das letzte Stück seines Heimwegs geistesabwesend zurück, wobei er wie immer den Weg durch den Park wählte. Nach dem Abendessen schaltete B. den Fernsehapparat ein und sah sich die Tagesschau an. Während des darauf folgenden Fernsehspiels überkam ihn eine vorher nie gekannte Unlustempfindung. Er wechselte das Programm, aber auch die Sendungen auf den anderen Kanälen interessierten ihn nicht. Früher als sonst ging er zu Bett. Er hatte erwartet, nicht sogleich einschlafen zu können, aber kaum hatte er das Licht gelöscht, als er auch schon in einen tiefen Schlaf versank. Als er am nächsten Morgen aufwachte, versuchte er erfolglos, sich an den beklemmenden Traum zu erinnern, den er in dieser Nacht gehabt hatte. Aber nur das unbestimmte Beklemmungsgefühl und ein verschwommenes Bild seines verstorbenen Vaters waren ihm von diesem Traum geblieben. In Gedanken versunken nahm er sein Frühstück zu sich. Gegen neun verließ er das Haus und fuhr mit der U-Bahn zum Zentrum. Der Wagen war leerer als sonst, was B. nicht überraschte, denn die meisten Männer und Frauen, die in der Vorstadt lebten, fuhren bereits zwei oder sogar drei Stunden früher zur Arbeit. Das Zentrum, B’s Ziel, hatte eine eigene U-Bahn-Station. Mit einem Paternoster fuhr B. hinauf in die große Vorhalle des Zentrums. Am Informationsschalter zeigte er seinen Bescheid vor, und die junge Frau hinter dem Schalter wies ihm mit geschäftsmäßiger Freundlichkeit den richtigen Weg. Nach kurzer Suche fand B. den Warteraum der Buchstabengruppe A bis D, legte Mantel und Hut ab und ließ sich auf einer der harten Holzbänke nieder. Außer ihm warteten noch fünf weitere Männer auf ihren Aufruf. Ein Gespräch kam jedoch nicht zustande. Im Warteraum lagen keine Illustrierten aus, so daß B. gezwungen war, sich in Gedanken mit dem Bevorstehenden zu beschäftigen. Um sich abzulenken, ließ er seinen Blick über die farbigen Portraitfotos an den weißen Wänden schweifen, die die Bundespräsidenten und Bundeskanzler der Nachkriegszeit zeigten. Besonders lange verweilte B’s Blick auf dem Foto des amtierenden Bundeskanzlers. Obwohl er ihn erst gestern in den Nachrichten gesehen hatte, betrachtete B. das Portrait dieses Mannes so gründlich, als sehe er dieses Gesicht zum ersten Mal. Nie zuvor waren ihm die schweren Tränensäcke, die schlaffe Haut an Hals und Wangen und die zahlreichen geplatzten Äderchen überall unter der Haut so deutlich aufgefallen. Hinter dem abgebildeten Gesicht war die Staatsfahne zu erkennen. B's Magen verkrampfte sich, als der erste der Wartenden aufgerufen wurde. Als sich die schalldichte Tür hinter dem jungen Mann schloß, verspürte B. ein leichtes Sodbrennen. Er stand auf und holte sich eine Lutschtablette aus einer Manteltasche. Als er die Tablette aus ihrer Umhüllung drückte, bemerkte er, daß seine Hände feucht vor Schweiß waren. Auch auf seiner Stirn hatte sich Schweiß gesammelt. Obwohl es ihm peinlich war, trocknete B. Gesicht und Hände mit seinem Taschentuch, bevor er sich wieder hinsetzte. Etwa jede Viertelstunde erfolgte nun ein neuer Aufruf. B. warf einen Blick auf seinen Bescheid und vergewisserte sich, daß er auch wirklich für 9.30 Uhr ins Zentrum bestellt worden war. Seine Armbanduhr zeigte jetzt 10.15 Uhr. Schließlich wurde der alte Mann, der unmittelbar vor B. an der Reihe war, aufgerufen. Nun verstärkten sich B’s Magenschmerzen immer mehr. Inzwischen hatte sich der Raum wieder mit Neuankömmlingen gefüllt, aber auch jetzt kam keine Unterhaltung zustande. Man wartete schweigend, in den Käfig der eigenen Gedanken eingesperrt. B. schluckte immer wieder nervös und spürte, wie er langsam zu zittern begann. Diese letzte Viertelstunde verging langsamer als die gesamte Wartezeit davor. Endlich wurde auch B. aufgerufen. Er stand unsicher auf und folgte der Assistentin benommen durch einen langen Korridor in den Applikationsraum. Ein kräftig gebauter Mann erwartete ihn dort. Er war in einen weißen Kittel gekleidet und schien auf unbestimmbare Weise dem weißgekachelten Raum zugehörig zu sein; ganz so, als sei er außerhalb dieses Raumes nicht als menschliches Wesen denkbar. Der Weißgekleidete begrüßte B. knapp und bat ihn um den Bescheid. B., der den Bescheid bereits im Warteraum zur Hand genommen hatte, überreichte das Blatt wortlos dem Weißgekleideten, der daraufhin die aufgedruckten Angaben mit den Aufzeichnungen in einem auf einem Pult liegenden Kontrollbuch verglich. Besondere Sorgfalt verwandte er darauf, die Fotos auf dem Bescheid und im Kontrollbuch miteinander und mit B. zu vergleichen, um sich zu vergewissern, daß auch wirklich kein Täuschungsversuch vorliege. B. verfolgte diese Vorbereitungen geistesabwesend; auch nahm er kaum die Einrichtung des Applikationsraumes wahr. Das Zittern seines Körpers war stärker geworden, und das Bild seiner Umgebung verschwamm ihm vor den Augen. Der Weißgekleidete forderte ihn auf, sich zu entkleiden, und B. leistete dieser Aufforderung ungeschickt Folge. Der Weißgekleidete bemerkte seine Unsicherheit und erkundigte sich in einem Anflug von menschlicher Wärme, weswegen er, B., denn den Bescheid erhalten habe. B. erwiderte, er habe ein auf dem Index aufgeführtes Buch gelesen. Der Weißgekleidete wies auf das Gestell in der Mitte des Raumes und fragte gleichzeitig nach dem Titel des Buches. Während B. sich auf das Gestell legte, gab er wahrheitsgemäß an, es habe sich um einen Roman von Heinrich Böll gehandelt, der den Titel „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ trage. Der Weißgekleidete entgegnete, natürlich kenne er diesen Roman nicht; daher könne er auch die Schwere der Verfehlung nicht beurteilen. Gleichzeitig schnallte er B. mit ledernen Riemen auf dem Gestell fest. Als B’s Blick auf die von roten Spritzern verschmierte Wand fiel, erinnerte er sich plötzlich wieder mit äußerster Klarheit an seinen nächtlichen Traum. Verwundert stellte er fest, daß dieser Traum ganz anders gewesen war als gewöhnliche Träume, in denen sich ja Bruchstücke von Erlebtem und Erinnerten mit den verschiedensten Symbolen zu einem zerrspiegelartigen Bild formen. Dieser Traum jedoch war nichts anderes als eine sehr genaue Erinnerung an eine Reihe von Ereignissen gewesen, die B’s Jugend geprägt hatten. Sein Vater, so erinnerte sich B., hatte ihn oftmals zu sich in sein Arbeitszimmer befohlen, um ihn dort für von der Mutter berichtete Vergehen zu strafen. Einem genau festgelegten Ritus folgend, hatte der Knabe einen Rohrstock vom Schrank holen müssen, wobei er wegen seiner geringen Körpergröße auf den Schreibtischstuhl seines Vaters steigen mußte, und ihn sodann ohne Aufforderung seinem Vater überreichen müssen. Anschließend hatte der Vater ihn dazu aufgefordert, sein Gesäß zu entblößen und sich über den Schreibtisch zu beugen. Nach vollzogener Bestrafung, die stets dann, wenn B. Anzeichen von Widerstand hatte erkennen lassen, beträchtlich verschärft worden war, hatte der Knabe, immer noch halb entblößt, den Stock und die Hand seines Vaters küssen und den Stock auf den Schrank zurücklegen müssen. Und während B. sich noch an diese Szene erinnerte, ließ der Weißgekleidete zum ersten Mal den Ochsenziemer aufsein nacktes, hochgerecktes Gesäß niedersausen. Herbert W. Franke Schaukampf Der Lärm war ohrenbetäubend. Wie eine Flüssigkeit wogte er in der Schale des Stadions, brandete über die Köpfe einer Hunderttausende zählenden Menschenmasse, quoll über die Ränder der Emporen und wurde schließlich an der konkaven Überdachung reflektiert. Ein schaurig dumpfes Rauschen, das die Magenwände zum Beben brachte, darüber ein Winseln und Kreischen, Schreien und Heulen, Wellenberge der Ekstase – betäubend, berauschend, schwindelerregend. Man konnte sich nur dagegen wehren, wenn man mitschrie, mitbrüllte, eins wurde mit diesem Orkan entfesselter Aggression. Alf Fisher stand weit oben, am Rand des Südturms, der längst zum Wahrzeichen der Stadt geworden war, in einem für das Publikum gesperrten Sektor. Er lehnte am Geländer, blickte hinunter ins Oval. Staub wehte von der Sandfläche auf. Dort kämpften zwei Wesen – eines erinnerte an eine Schlange, der plattgedrückte Leib war mindestens zwanzig Meter lang. Die Waffen des Tieres: ein gekrümmter Schnabel, mit dem es zuschlug wie mit einer Harpune, und ein Stachel am Schwanz, mit dem es auf den Gegner einstach. Diese Kampfweise bedingte, daß es sich herumwarf wie ein Fisch auf dem Trockenen, daß es hochschnellte, durch die Luft wirbelte und wie ein Hufeisen gekrümmt zur Erde niederfuhr. Das andere Tier gehörte zu den Flugsauriern – man hatte ihm die Flügel gestutzt, damit es nicht wegflattern konnte. Es kämpfte mit Klauen und Zähnen; wie ein Schuß klang es, wenn sein Maul einmal ins Leere schnappte. Der Kampf wogte hin und her. Fetzen horniger Haut flogen, orangefarbene Gallerte drang zwischen Panzerringen hervor, rostbraunes Blut zeichnete Kringel in den Sand. Schließlich verbiß sich der Schnabel in den Hals der Schlange, dicht hinter dem Kopf. Wie Sägen arbeiteten die Zahnreihen – als der Drache endlich von seinem Widersacher abließ, hing der Schlangenschädel nur noch lose am sich windenden Körper. Alf ließ den angehaltenen Atem pfeifend den Lungen entweichen. Als er vor drei Tagen auf der Erde angekommen war, hatte er geglaubt, in den langen Jahren Abstand gewonnen zu haben, eine neue Sicht, die trotz aller Begeisterung nüchterner war, berechnender, bewußter. Doch jetzt merkte er, daß es ihn mitriß wie damals, als er noch unter der Aufsicht des Erziehers mit den Klassenkameraden irgendwo dort unten in der Menge eingekeilt gestanden hatte. Er fühlte das gleiche Herzklopfen, die gleiche Benommenheit, das gleiche Hochgefühl, einem unbeschreiblichen Abenteuer beizuwohnen. Seit damals hatte es kein anderes Ziel für ihn gegeben, als Gladiator zu werden – die höchste Stufe des Heldentums in einer spannungslosen Welt. Es war anders gewesen als bei vielen seiner Freunde aus dem Internat, die Raumschiffkapitäne werden wollten, Versuchspiloten oder Planeten-forscher. Auch ihm war der Gedanke spontan gekommen, aus aufgewühlten Emotionen heraus, unter dem Eindruck des Erlebens, aber er hatte seiner Phantasie nicht gleich nachgegeben, er war davor zurückgeschreckt, nach den Sternen zu greifen. Dann aber, nach und nach, war die Idee in ihm gereift, er hatte einen Entschluß gefaßt und sich eine Aufgabe gestellt. Seither war er seinen Weg gegangen, Schritt für Schritt, ohne nach rechts oder links zu blicken, unbeirrt. Und jetzt stand er dicht vor dem Ziel. Heute würde die Entscheidung fallen … Die Pause war vorbei; die Fanfaren schmetterten ihre Hymne – die Hymne der Gladiatoren. Denn jetzt war die Zeit der letzten Runde gekommen, Abschluß und Höhepunkt des Spektakels: der Kampf zwischen Mensch und Bestie. Es war die Verkörperung menschlicher Daseinsbehauptung an sich, das älteste Drama der Weltgeschichte und doch zeitlos wie Verzweiflung oder Hoffnung, Angst oder Mut, Untergang oder Sieg. Und dann ertönte ein Röhren aus einem geifernden Maul, ein sechsfüßiges Ungeheuer flitzte in die Arena, ein kegelförmiger Kopf, lange Zahnreihen zwischen gefletschten Lippen, kugelige Facettenaugen, gesträubtes Gefieder. Es war ein Riesentapir aus den Sümpfen des Heron 4, eines fernen Himmelskörpers, über Entfernungen von Lichtjahren herbeigebracht, um sein Leben unter den Hieben der Elektropeitschen, den Strahlen der Laserpistolen und den Einschlägen der Molotowkugeln auszuhauchen. Es war zehn Meter lang, es lief die Begrenzung der Kampffläche entlang, tief geduckt und überraschend schnell, und manchmal richtete es sich hoch auf, das Maul in die Luft gereckt, die Hufe der Vorderbeine in die Leere schlagend, als wolle es schattenboxen. Wo es vorbeikam, wichen die Zuschauer unwillkürlich zurück, so erschreckend erschien die unmittelbare Nähe des Tiers, obwohl doch jeder wußte, daß die Arena von einem Gravitonenvorhang umschlossen war, ein undurchsichtiger aber ebenso undurchdringlicher Panzer, perfekter Schutz für das Publikum. Noch entscheidender – wenn auch in umgekehrtem Sinn – war die Abschirmung für den Kämpfer: Er war auf sich allein gestellt, befand sich, obwohl den Blicken unzähliger Zuschauer auf den Rängen und an den Fernsehschirmen preisgegeben, in einer eigenen, abgeschlossenen Welt, in die niemand eingreifen, in der ihm niemand helfen konnte. Es waren nicht wenige, die diese Hilfe gebraucht hätten. Alf Fisher war sich dieser Situation wohl bewußt, und trotzdem: Als nun ein Mann auftauchte – geradezu verloren wirkte er im Kreis der Kampffläche –, als die Bestie plötzlich stutzte und mit zitternden Flanken wie erstarrt stehenblieb, als sich der Mann nun mit langsamen, in seiner Panzerung fast unbeholfen wirkenden Schritten in Bewegung setzte, die Elektropeitsche in angedeuteter Abwehr vor sich ausgestreckt, da überkam Alf Fisher ein unbeschreibliches Gefühl, ein Interferieren von Neid, Sehnsucht, Ungeduld, Zweifel, Mitleid und Erwartung. Wieder begann das Tosen, erst dumpf, von spitzen Schreien durchsetzt, dann anschwellend bis zu einer mitreißenden Flut. Der Kampf hatte begonnen. Urwüchsige vitale Kraft gegen menschliche Intelligenz, unterstützt durch einige bescheidene technische Hilfsmittel … Wie immer war die Auseinandersetzung mitreißend, enervierend, dramatisch. Alf Fisher fragte sich, wie sie es erreichten, daß es stets hart auf hart ging, daß die Kräfte stets ausgeglichen waren, daß der Sieg immer auf des Messers Schneide stand. Es mußte an der Auswahl liegen, an einem genauen Studium der Fähigkeiten des Tieres und einer darauf präzise abgestimmten Auswahl der zugelassenen Waffen. Diesmal hatte der Mensch gewonnen, Rex Mangrove, siebzehn Siege, einer der großen Stars. Nicht immer gewann der Mensch, und manche der Gladiatoren hatten ihr Leben verloren. Aber sie alle hatten verzweifelt gekämpft, hatten ihr Leben teuer verkauft – und dem Publikum ein unvergeßliches Schauspiel geboten. Ihre Namen standen in Marmor gemeißelt und mit Gold ausgelegt auf dem großen Gedenkstein neben dem Haupteingang. Immer wieder brodelte der Jubel hoch, wenn Rex Mangrove die Faust gegen den Himmel hob oder Funken aus seiner Elektropeitsche sprühen ließ. Seinerzeit hatte Alf Fisher das Schauspiel stets bis zum Ende ausgekostet, er hatte gewartet, bis das Gros der Zuschauer das Stadion verlassen hatte, und oft war er dann die leeren Sitzreihen hinuntergelaufen, bis vorn an die Brüstung, wo die Ehrenplätze für Politiker, Raumfahrtpioniere und Schauspieler waren, er hatte in die zerwühlte Sandfläche gestarrt und sich selbst dort unten gesehen, Auge in Auge mit dem Monster, angefeuert von den Zuschauern und überlegen im Sieg. Diesmal aber wandte er sich ab, ging die Treppe zur Terrasse des Südturms hinauf, von dem man einen prächtigen Überblick über das ganze Stadion hatte. Er drückte den Klingelknopf und sprach seinen Namen in das Mikrophon der Gegensprechanlage. Die Tür öffnete sich ferngelenkt, und Alf stieg einige mit Teppichen belegte Stufen hinauf. Er erreichte ein Foyer – Glaswände, Gruppen von Ledersesseln um winzige Rauchtischchen verteilt, und wieder der dicke Teppichboden. Vor ihm öffnete sich eine Tür, und ein Mädchen trat heraus: Es war blond, hatte ein symmetrisches Puppengesicht und eine makellose Figur. Es trug seinen Arbeitsmantel wie eine Kreation der Pariser Haute Couture: Christa, Göblis Assistentin; er hatte sie bei vielen Fernsehinterviews gesehen, wenn auch stets nur im Hintergrund, als ein Schmuckstück, auf das man aber nur mit vornehmer Zurückhaltung zeigt. Es liefen Gerüchte darüber um, auf welche Art sie zu dieser bevorzugten Stellung gekommen war, aber das waren Gerüchte, wie sie in der Gesellschaft stets umliefen – im Grunde genommen belanglos und unwichtig für das Geschehen, um das es wirklich ging. „Sie sind Alf Fisher, ich weiß“, sagte Christa. „Direktor Göbli erwartet Sie.“ Der Leiter des Unternehmens war ein bekannter Mann. Es war seine Idee gewesen, Tiere von fremden Planeten auf die Erde zu bringen und mit ihnen Kämpfe auszutragen. Er hatte damit überraschenden Erfolg gehabt, und innerhalb weniger Jahre hatten die Schaukämpfe selbst den Fußball und den Skizirkus an Popularität überrundet. Bei Fußball und Ski – da ging es um Tore und um Hundertstelsekunden, genaugenommen um fiktive Ziele, ohne ernsthaftes Interesse für die Menschheit, nur durch die intensive Werbung hinauflizitiert. Bei den Schaukämpfen aber ging es um etwas, was noch immer in die tiefsten Winkel des Bewußten und Unterbewußten drang: um das Leben, wenn es auch nur jenes eines Repräsentanten der Menschheit war, eines Stellvertreters für alle jene, die den Kampf aus bequemen Stühlen heraus verfolgten. Und doch wurde auch in diesen etwas aufgewühlt und an die Oberfläche gespült, was sonst tief im Verborgenen verschüttet lag, Grausamkeit, Rücksichtslosigkeit, die Bereitschaft zu töten, die Lust am Untergang … Vielleicht war es das, was die Gladiatoren zu echten Volkshelden machte, zu Idolen der Jugend, zu Vorbildern und Stars. Was gab es auf dieser Welt noch Größeres, als Held der Schaukämpfe zu sein! Der Direktor wühlte in einem Stapel von Mappen. „Was glauben Sie, wie viele Bewerbungen wir kriegen. Wir lassen die Selektion durch einen Computer durchführen – das garantiert uns ein objektives Ergebnis. Sie müssen gute Qualifikationen mitbringen, wenn Sie in die letzte Wahl kamen.“ Er schlug eine Mappe auf, blätterte darin. „Ich hatte noch keine Zeit, mich mit Ihren Unterlagen zu beschäftigen. Fühlen Sie sich dieser Aufgabe gewachsen?“ „Ich habe systematisch trainiert“, antwortete Alf. „Ich besitze das große Sportabzeichen in Gold und den Gesundheitspaß der Sonderklasse.“ Der Direktor blickte ihn abschätzend an. „Gut“, murmelte er anerkennend. „Die letzten fünf Jahre habe ich mich auf verschiedenen Planeten der Außenbereiche aufgehalten. Als Jäger und Tierfänger. Ich habe schon viele Kämpfe bestanden, draußen auf freier Wildbahn. Auch mit Tieren, die Sie hier schon eingesetzt haben – und mit anderen.“ Der Direktor zog Papiere aus einem Umschlag, fächerte sie auf der Schreibtischplatte auf. „Aha, Ihr Gutachten. Sie haben ausgezeichnete Noten bekommen!“ Alf Fisher nickte. Sein Herz schlug ein wenig schneller als sonst – bis jetzt war alles prächtig gelaufen. Worauf kam es noch an? „Würden Sie einmal aufstehen?“ bat der Direktor. „Gehen Sie einige Schritte hin und her!“ Alf tat es, er konnte sich sehen lassen, und er wußte es. Noch ein Pluspunkt für ihn! Göbli nickte. „Was meinst du, Christa?“ Christa blickte Alf mit einem seltsam leeren Gesichtsausdruck an. Sie zuckte die Schultern. „Nun“, drängte sie der Direktor. „Er sieht gut aus“, antwortete sie widerstrebend. Göbli ließ sich wieder in seinen Schreibtischstuhl sinken – er bildete eine harte Silhouette gegen die helle Fensterwand, durch die man in den Abgrund der Arena blicken konnte. „In Ordnung“, sagte er. „Sie haben sich freiwillig gemeldet, und Sie werden uns schriftlich bestätigen müssen, daß Sie im Falle eines Mißgeschicks keinerlei Ersatzansprüche stellen. Ich hoffe, Sie machen sich keine falschen Vorstellungen über den Beruf eines Gladiators. Gladiatoren sind alles andere als Partymenschen. Ihr Leben sieht anders aus, als es sich die Leute draußen vorstellen. Ein zuchtvolles Leben, Zurückhaltung beim Essen und Trinken, keinen Alkohol, keine Affären – das ist Voraussetzung. Sie müssen sich dazu verpflichten, unsere Regeln einzuhalten. Haben Sie Verwandte?“ Er stellte die Frage, obwohl er die Antwort schon kannte, denn das Computerprogramm eliminierte alle Bewerber mit Familienangehörigen selbst entfernterer Verwandtschaftsgrade. Alf Fisher schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Keine Freunde? Mädchen?“ „Nein“, sagte Alf. „Ich komme direkt aus den Außenbereichen. Die letzten fünf Jahre habe ich mich in der Wildnis aufgehalten, die meiste Zeit allein. Und hier bin ich erst seit ein paar Tagen. Ich bin in keiner Weise gebunden.“ „Die Bedingungen unseres Vertrages sind Ihnen ja bekannt“, sagte Göbli, und nun wandte er sich seinem Besucher wieder zu. „Ich weise aber trotzdem noch einmal daraufhin, daß die werbliche Auswertung Ihres Status als Schaukämpfer mit allen Rechten und Nebenrechten unserer Agentur übertragen wird. Sie sind sich dessen bewußt?“ „Gewiß“, bestätigte Alf. „Es geht mir nicht ums Geschäft. Es geht mir um die Aufgabe. Ich möchte zeigen, was ich kann. Ich glaube, daß die Welt auch heute noch Menschen braucht, die sich hohe Ziele setzen – und diese erreichen. Das möchte ich beweisen. Das ist alles.“ „Fein“, sagte der Direktor. Er stand auf, trat auf Alf zu und drückte ihm die Hand. „Ich gratuliere Ihnen zu dieser Einstellung. Es ist genau die, die wir von unseren Männern erwarten. Wir haben jetzt noch zu tun – kommen Sie morgen vormittag wieder: Christa wird alles weitere mit Ihnen regeln. Wenn Sie wollen, können Sie aber schon heute eines unserer Apartments beziehen. Hier ist die Adresse.“ Christa hatte einen Zettel aus einer Kartei genommen und reichte ihm nun Alf. Sie blickte dabei an ihm vorüber. „Dann auf Wiedersehen!“ Göbli deutete zur Tür und wandte sich wieder seinen Akten zu. Alf Fisher murmelte einen Gruß und verließ den Raum. Langsam ging er die Treppen hinunter. Seine Beine zitterten, als hätte er schwere körperliche Arbeit geleistet. Er konnte es noch immer nicht fassen: Er war engagiert! Er war Schaukämpfer – er hatte die Chance seines Lebens erhalten. Heute noch unbekannt, morgen vielleicht ein Held! Er merkte nicht, daß Christa oben am Fenster stand und ihm nachsah. Der Tag seines ersten Kampfes! Die Zeit davor hatte er wie in Trance verbracht. Es war aber nicht die Benommenheit der Furcht oder des Zweifels, sondern die Konzentration auf die Stunde der Bewährung – eine Sammlung aller Kräfte, Mobilisierung der letzten Reserven. Er hatte jahrelang geübt, um diese Stufe der Selbstbeherrschung zu erreichen. Und dann ging alles überraschend schnell – er legte die Panzerung an, den Helm, die Schulterstücke, die Schaumstoffpolster für Unterleib und Beine, und er prüfte die Waffen, die man ihm gegeben hatte. Er kannte alle Modelle, und sie lagen gut in der Hand. Endlich stand er draußen innerhalb des Kreises. Obwohl der Gravitonenschild das Licht nicht beeinflußte, hatte er das Gefühl, inmitten einer matt schimmernden Kugel zu stehen. Der Ring der Zuschauer im Außenraum war nur undeutlich zu erkennen – ein Wellen und Wogen wie an der Meeresoberfläche über einer Untiefe. Das alles aber war nur Kulisse, unbedeutend, nicht beachtenswert. Wichtig war allein das Tier, das dort drüben, auf der anderen Seite der Sandfläche hockte, eine Flugechse von Aldebaran, die lauernd dasaß, die muskelbesetzten Hebel ihrer Hinterbeine hoch-aufgewinkelt, die Flughäute gespannt. Er kannte diese Tiere: Sie waren blitzschnell, sie pflegten ihre Gegner mit den spitzen Schnäbeln im Gleitflug zu erreichen und aufzuspießen. Das übrige besorgten dann die wie Messer wirkenden Auswüchse an den Fußgelenken. Alf Fisher hatte keine Zeit zum Überlegen. Das Ungeheuer blähte sich einen Moment lang auf und fuhr dann mit einem bestürzend schnellen Satz auf ihn zu, ein lebender Pfeil, dessen tödliche Spitze der Schnabel aus stahlhartem Horn war. Hätte er eine Sekunde gezögert, wäre er getroffen worden. So aber glitt er mit einer eleganten Bewegung beiseite, und von dem Moment an gab es keine Bedenken, keine Überlegungen mehr – er agierte und reagierte geschmeidig, mit zunehmender Sicherheit, wurde kühl bis zur Ernüchterung und gewann dann wieder Freude an den prächtigen Reflexen seines Gehirns und seiner Muskeln, die die Auseinandersetzung zu einem Tanz machten, indem er die Schrittfolge zu bestimmen schien, eine Demonstration der Gewandtheit und Überlegenheit. Er gebrauchte seine Waffen sparsam, benützte die Elektropeitsche nur, um das Tier aufzustacheln, ähnlich wie die Stierkämpfer früherer Tage. Und er selbst bestimmte das Ende, nicht zu früh und nicht zu spät: Mit einem mächtigen Satz sprang er auf den breiten Rücken des Reptils, der Bruchteil einer Sekunde reichte ihm, um die vorbereitete Haftladung am dritten Nackenwirbel zu befestigen. Er befand sich bereits wieder zehn Meter von der Echse entfernt, als die Ladung losging und eine Fontäne von Blut, Knochen und Hornsubstanz auslöste. Und dann war das Tier nur noch ein zuckender Haufen Fleisch. Der Direktor ließ sich die Statistiken über den Bildschirm ausgeben: die Zuschauerzahlen, die Einschaltquoten, die Wettergebnisse. Er verglich die Zahlen mit den Notizen auf seinem Block und hakte Zeile für Zeile ab. Dann wandte er sich subtileren Analysen zu: den Vorhersagen der Sportredaktionen, den Umfrageergebnissen, dem Beliebtheitstest. „Er macht sich gut“, murmelte er. Unversehens blickte er auf, wandte sich zu Christa. „Hast du gehört? Er macht sich gut.“ „Wer macht sich gut?“ fragte Christa. „Alf Fisher, wer sonst?“ Christa nickte nur. „Wirklich vorbildlich, dieser Mann. Er nimmt seinen Beruf ernst. Immer pünktlich beim Training. Nicht der kleinste Versuch, sich einmal ohne Rücksicht auf die Vorschriften zu amüsieren.“ Er wiegte den Kopf, blätterte in einigen Zeitungsausschnitten aus Illustrierten. „Groß und blond, sympathisch. Verschlossen und humorlos. Ein Kämpferherz – und beschränkte Intelligenz. Er erinnert mich an jemanden. Mir fällt der Name nicht ein. Weißt du, wen ich meine?“ Christa schüttelte den Kopf. „Nein.“ „Und kein einziges illegales Geschäft! Ehrlichkeit, Dummheit, Gleichgültigkeit. Manchmal kenne ich mich mit den jungen Leuten nicht mehr aus.“ „Muß es immer gleich Dummheit sein, wenn sich jemand nicht für Geschäfte interessiert?“ fragte Christa plötzlich angriffslustig. Göbli schob die Akten beiseite und zeichnete sinnlose Figuren auf die Schreibunterlage – Pfeile, die in alle möglichen Richtungen wiesen. „Wie viele Kämpfe sollen wir ihn noch bestehen lassen, was meinst du?“ „Er hat doch erst drei hinter sich“, erwiderte Christa. Sie wollte noch etwas hinzufügen, doch dann schwieg sie. „Er ist überraschend schnell auf der Beliebtheitsskala gestiegen. Soll das so weiterlaufen? Brauchen wir einen neuen Star? Ich hab’ ihn nicht als Star engagiert. Er hat auch keine Chancen, einer der ganz Großen zu werden. Dazu hat er zu wenig Ausstrahlung. Er ist zu kühl. Ich muß ihn so einsetzen, wie es das Geschäft verlangt. Vielleicht noch drei- oder viermal. Dann …“ Er drückte auf einige Knöpfe der Tastatur; die Zahlen auf dem Bildschirm verschwanden. An diesem Abend wartete Christa, bis Alf die Trainingsräume verließ. Er machte freiwillig mehr, als von ihm verlangt wurde, und so hatte sie eine halbe Stunde warten müssen. Sie tat so, als sei das Zusammentreffen rein zufällig. Er war überrascht; ob er erfreut war, konnte sie nicht erkennen. „Was tun Sie eigentlich, wenn Sie nicht trainieren?“ fragte Christa, als sie gemeinsam den Weg der Grünanlage, die das Stadion umschloß, entlanggingen. „Ich studiere das Verhalten der Tiere. Ich probiere neue Waffen aus. Ich lasse mir die Videobänder von alten Kämpfen abspielen. Ich habe genug zu tun – mir wird es nicht langweilig.“ „Füllt Sie das wirklich aus?“ fragte Christa. „Warum tun Sie das eigentlich? Wissen Sie nicht, daß Sie Ihr Leben riskieren? Wollen Sie unbedingt ein Held sein – ist es das?“ Alf zögerte mit der Antwort. „Ein Held sein … vielleicht. Aber nicht so wie Sie meinen. Nicht wegen der Leute, der Zuschauer. Ich will die Kämpfe bestehen als Prüfung für mich selbst. Ich möchte wissen, wozu der Mensch fähig ist. Diese Tiere sind stärker und schneller als wir, es sind Raubtiere, auf gewaltsames Töten ausgerichtet. Und auf der anderen Seite ein schwaches Wesen, das sich gegen sie wehrt. So begann der Aufstieg der Menschheit – daß wir uns gegen äußere Gewalt zu verteidigen hatten. Diese Fähigkeiten sind noch nicht erloschen. Man muß sie am Leben erhalten.“ „Handelt es sich denn wirklich um einen ausgeglichenen Kampf? Dazu müßten die Chancen gleich verteilt sein. Das mag früher einmal so gewesen sein – aber heute? Da ist der Mensch, der sich durch künstliche Spielregeln auf einige wenige leichte Waffen beschränkt, und da ist das Tier, von fernen Planeten herangebracht, nur um abgeschlachtet zu werden. Hat dieses mit allen Mitteln des Managements aufgezogene Theater noch die geringste Ähnlichkeit mit den Kämpfen des Menschen der Vorzeit?“ „Eben deshalb beschränken wir unsere Ausrüstung auf ein Minimum“, warf Alf ein, „damit echte Auseinandersetzungen zustande kommen, ein Wettbewerb zwischen gleich starken Partnern. Die Tiere sind durchaus nicht nur Schlachtvieh, sie haben ihre Chance. Und wenn sie gewinnen, bleiben Sie am Leben – alle Zoodirektoren der Welt freuen sich, daß sie auf diese Weise Schaustücke aus fremden Welten bekommen, noch dazu solche, die unter den Klimabedingungen der Erde existieren können.“ Während er sprach, blickte ihn Christa immer wieder von der Seite her an. Jetzt hatte er für Momente seine Kälte verloren – man spürte das Engagement in seinen Worten. Sie berührten Christa mehr, als sie sich anmerken ließ. Als er geendet hatte, sagte sie nur leise: „Ich habe nicht die Tiere gemeint.“ Sonst benutzte Alf die Untergrundbahn, um in sein Apartment zu kommen. Diesmal brachte ihn Christa in ihrem Auto hin. Als er ausstieg, fragte er sie, ob sie mit ihm kommen wolle. Es war ein spontaner Einfall, den er sich selbst nicht erklären konnte, eine Reaktion auf irgend etwas in ihrem Verhalten, das er zweifellos nicht bewußt empfunden hatte. Kaum waren die Worte ausgesprochen, so spürte er so etwas wie Verlegenheit, und er wollte mit einem Hinweis auf die gute Aussicht von seiner Wohnung oder auf die neue Stereoanlage fortfahren, doch noch ehe er dazu kam, hatte Christa schon zugesagt. Sie parkte ihren Wagen und ging mit ihm. Er fühlte sich noch immer unsicher, als sie sein Apartment betraten, aber Christa benahm sich völlig unbefangen und natürlich. Sie ging von selbst in die Küche, um ein Mixgetränk zusammenzubrauen, etwas aus Milch und Früchten, denn Alf trank weder Kaffee noch Alkohol. Dann saßen sie zusammen vor der Fensterwand und sahen über die flachen Dächer der neuen Stadtteile, die um das Stadion herum entstanden waren – es war eine ganze Industrie, die davon lebte. Aber jetzt dachten sie nicht an Magazine, Fernsehinterviews, Publicity Shows, sondern sie blickten über die Szenerie, als wäre es ein fremdes Land mit fremden Bewohnern – so, als ob sie Abstand von allem hätten, als wäre diese Kulisse nur aufgebaut, um mit ihrem nebelverhangenen kubischen Relief das Besondere der Situation zu unterstreichen, die sich überraschend ergeben hatte. Alf hatte Christa nie sonderliche Beachtung geschenkt, nicht deshalb, weil sie ihm nicht gefallen hätte oder weil sie, wie man munkelte, die Geliebte des Direktors war. Er hatte sich nicht für sie interessiert, weil er sich für niemand anders interessierte, weil er in seiner Aufgabe völlig aufging. Zu seiner eigenen Überraschung fühlte er sich an diesem Abend ungemein wohl, und fast war ihm, als lernte er eine Dimension des Lebens kennen, die ihm bisher entgangen war. Er hatte sich immer als Einzelgänger gefühlt, und er war auf seine Unabhängigkeit stolz gewesen. Oft war es ihm schwer gefallen, Distanz zu halten, es hatte Männer gegeben, Abenteurer wie er, die ihn gern zum Partner gehabt hätten, und auch einige Frauen, die es gar nicht zu verbergen versuchten, daß er ihnen gefiel. Aber ihnen allen war er ausgewichen, hatte sich von ihnen getrennt, oft abrupt und rücksichtslos – sobald er merkte, daß sich da eine Bindung ergeben könnte, die seine Freiheit behindern würde. Deshalb schätzte er die Mädchen, die sich in der Nähe der Raumflughäfen herumtrieben – weil sie wußten, was die Männer, die von langen Expeditionen zurückkamen, Jäger und Prospektoren, brauchten und wofür sie Geld übrig hatten. Das war ein ehrliches Verhältnis, jeder wußte, was er wollte und was er zu geben bereit war, und einige Stunden später war alles vorbei und vergessen, man fühlte sich entlastet und frei. Und nun war ein Mädchen bei ihm, ganz anders als jene, die er bisher kennengelernt hatte. Sie war hübsch und klug und hatte eine feste Position im Leben, doch sie war mit ihm gekommen wie ein Flittchen vom Touristen viertel. Und als sie nun die Schuhe abstreifte, die Beine anzog und sich an ihn lehnte, da waren ihre Absichten völlig klar, und sie machte auch keinen Versuch, es zu verbergen. Er reagierte fast mechanisch, er zog sie an sich, vergrub sein Gesicht in ihrem Haar, ließ eine Hand an ihrem Rücken spielen, während die andere ihre Wange streichelte, doch auf einmal merkte er etwas Ungewohntes in ihrem Verhalten, obwohl sie nichts anderes tat als alle anderen Mädchen eine Art rückhaltloser Hingabe, eine Intensität des Gefühls, die ihn erschreckte und wehrlos machte, zugleich aber auch das Empfinden ungeahnten Glücks. Ihm war, als kenne er dieses Mädchen seit Urzeiten her, und er spürte, so unglaublich es auch war, daß er mit einer echten, heftigen, geradezu verzweifelten Leidenschaft geliebt wurde. War das noch die kühle Christa mit dem unbeweglichen Puppengesicht, die unnahbare Schöne an der Seite eines modernen Imperators, der mit Menschen und Schicksalen spielte? Plötzlich war sie ein Mensch aus Fleisch und Blut, plötzlich hatte sie ihre Maske verloren, zeigte eine neue Persönlichkeit – menschlich offenherzig, sensibel und verletzlich. Und dann traf es ihn wie ein Schlag, als er erkannte, daß auch bei ihm einige Minuten genügt hatten, um fest gefaßte Vorsätze zum Wanken zu bringen, daß er anfällig war wie alle anderen, beeinflußbar, charakterlos … Er stand abrupt auf und sagte: „Morgen kämpfe ich gegen eine Hornspinne. Es hat erst einen Kampf mit einem solchen Tier gegeben, ich muß mir die Aufzeichnung ansehen.“ „Stört es dich, wenn ich noch ein wenig hierbleibe?“ „Wenn du unbedingt willst“, antwortete Alf kalt. Er legte die Videokassette ein und zog den Vorhang vor der Großbildwand beiseite. Er drückte auf einen Knopf, und die Klarsichtscheiben der Fenster wurden dunkelbraun. Dämmerung senkte sich über den Raum, als sei draußen plötzlich ein Unwetter aufgezogen. Und dann erschienen die Szenen des Kampfes an der Wand – lebensgroß, in Stereo, so wie man es von einem Vorzugsplatz der Tribüne aus sieht. Alf war wieder voll konzentriert, er registrierte jede Bewegung des Tiers und des Kämpfers. Es war ein hochgewachsener blonder Mann, der sich sicher und geschickt bewegte. Selbst Alf fiel es auf, daß er ihm ähnelte. Christa kauerte in einem Stuhl, der hinten in einer Ecke stand. Daß es gerade dieser Kampf sein mußte! Sie hätte die Fäuste vor die Augen pressen wollen, aber sie war zu keiner Bewegung fähig. Mit aufgerissenen Augen verfolgte sie das Geschehen. Der Kampf verlief zuerst ganz nach Programm, geführt von einer überlegenen Intelligenz. Der Mann zeigte, was er konnte, es war fast wie ein Spiel, das er mit dem Raubtier trieb, er näherte sich ihm, ließ die Arme scheinbar achtlos sinken und wartete in Wirklichkeit doch mit höchster Aufmerksamkeit auf die geringste Regung … um dann, wenn der Hieb des Horns erfolgte, zur Seite zu schnellen und den Strang der Elektropeitsche über die gerippte Haut zu ziehen. Doch dann änderte sich der Ablauf plötzlich auf unvorhergesehene Weise. Die Bestie schien von Minute zu Minute an Kraft und Schnelligkeit zu gewinnen, der Mann, der immer noch ruhig und gelassen vorging, wurde mehr und mehr in die Verteidigung gedrängt, er erhielt einen Schlag mit dem Horn und noch einen, er war verwundet und wehrte sich immer noch, und er bekam weitere Schläge, die ihn an der Abwehr hinderten, und zuletzt lag er bewegungslos, mit zerschmetterten Knien am Boden und suchte die Angriffe mit der Machete abzuwehren. An dieser Stelle erwachte Christa aus ihrer Erstarrung. Sie drehte sich um und preßte ihr Gesicht gegen ein Kissen. Sie kannte jede Szene des Geschehens, das dort ablief – kein Kampf mehr, sondern nur noch die letzten Zuckungen einer Kreatur, die systematisch und effektvoll abgeschlachtet wurde. Es sah fast so aus, als fühlte sich die Bestie nun überlegen, als wollte sie den Spieß umkehren und beweisen, daß auch sie die Spielregeln kannte. Und so kam dieser Tod nicht unvorhergesehen und überraschend, sondern allmählich, Stück für Stück, und er zerstörte nicht nur den Körper, sondern auch den Stolz des Mannes, der da am Boden lag und begriff, daß er besiegt worden war und daß es mit ihm zu Ende ging. Als Christa die Augen öffnete, war der Bildschirm dunkel und Alf saß nachdenklich auf der Couch. Christa nahm ihre ganze Kraft zusammen, um ihre Erregung zu unterdrücken. Sie stand auf, trat vor und setzte sich neben Alf. „Hast du dir den Kampf genau angesehen?“ fragte sie. Alf nickte. „Er hat verloren“, sagte Christa. Sie schwiegen eine Weile. Dann fragte sie: „Willst du es nicht aufgeben?“ Alf blickte sie erstaunt an. „Weshalb aufgeben?“ „Hast du es nicht gemerkt? Das Tier war ihm überlegen. Du mußt es doch beobachtet haben: wie sich plötzlich sein Verhalten änderte, wie es den Schlägen auswich und selbst mit seinen Hieben traf. Hast du keine Angst, auch du könntest ihm unterlegen sein?“ „Ich habe alles genau beobachtet“, antwortete Alf. „Der Mann wurde müde. Gewiß, er war tüchtig, aber die Kondition hat nicht gereicht. Man muß mit dem Gegner wachsen – das hat er nicht fertiggebracht. Er bekam etwas ab, und er hat sich viel zu schnell ergeben. Er hat seinen Tod verdient.“ „Wie hart du bist“, flüsterte Christa. „Ich muß hart sein, sonst kann ich diese Kämpfe nicht bestehen.“ „Du gibst nicht auf, auch wenn ich dich darum bitte?“ „Nein“, antwortete Alf. Es war erst sein vierter Kampf – das genügte noch nicht, um zum Publikumsliebling zu avancieren. Aber jeder der Kämpfe war ein Schritt auf seinem Weg, und schon jetzt fühlte er die Ruhe des Routiniers. Die Vorbereitungen gingen so selbstverständlich vor sich, daß er ihnen keinerlei bewußte Aufmerksamkeit schenken mußte, und die Schritte hinunter zum Schleusentor, durch das die Gladiatoren in die Arena traten, waren ihm schon so vertraut, daß er sich auch im Schlaf zurechtgefunden hätte. Und dann stand er draußen, im rieselnden Sand, gepanzert, mit Machete, Elektropeitsche und Flammenwerfer ausgestattet. Ohne zu zögern bewegte er sich auf die Mitte zu. Wie aus weiter Feme drangen die Sprechchöre an sein Ohr, mit denen ihn das Publikum feierte. Es war ein rauschhaftes Erlebnis, und er brauchte es wie ein Süchtiger die Droge. Sein Herz schlug keine Spur schneller als sonst, und er war so ruhig, daß er sich selbst beobachten konnte: seine Aktionen, seine Entschlüsse, seine Gefühle. Er wußte, daß er der geborene Kämpfer war. Wie kann einer auf die Dauer bestehen, wenn er an die Gunst des Publikums denkt oder an Geschäfte in der Werbung oder in den Shows? Er hob die Peitsche und ließ sie knallen, daß die Funken sprühten … Er wollte das Tier, das dort drüben hockte, herausfordern, aus der Ruhe bringen. Jetzt bewegte es sich, eine Hornspinne, fast noch größer als jene, die er gestern auf dem Bildschirm verfolgt hatte. Auf ihren acht Beinen glitt sie über den Sand wie ein Luftkissenfahrzeug, und obwohl sie sich auf einer weiten Spirale rund um ihn herumbewegte und ihm in halbseitlicher Stellung zugewandt war, hatte er den Eindruck, daß sämtliche rote Augenpaare auf ihn gerichtet waren. Wieder knallte er mit der Peitsche, und dann lief er einige schnelle Schritte auf das Tier zu. Dieses stand nun unbewegt, nur die Haare des Nackenpelzes bewegten sich in Wellen. Und dann, schneller als es irgendein anderes Wesen vermocht hätte, kam die Spinne auf ihn zu, drei Meter hoch, sechs Meter breit, mit Beinen, von denen jedes den Leibesdurchmesser um ein Mehrfaches übertraf. Alf ließ einen kurzen Strahl aus seinem Flammenwerfer gleiten; und er richtete ihn auf eine dieser langen segmentierten Gliedmaßen, um das Tier in seinen Bewegungen zu hindern. Er hatte gut getroffen. Die Spinne blieb einen Moment stehen und hob das verletzte Bein, doch mit den übrigen sieben lief sie dann genauso behend wie zuvor und kam weiter auf ihn zu. Nun gebrauchte Alf seine Peitsche, und im selben Moment mußte er auch schon dem ersten Schlag mit dem gefährlichen Horn ausweichen. Jetzt erst begann der Kampf – alles andere war Vorgeplänkel gewesen. Und Alf war in seinem Element. Stöße aus dem Flammenwerfer, Hiebe mit der Peitsche, Schläge mit der Machete, blitzschnelles Parieren, Ausweichen, Abducken … das Spiel lief, wie er es bestimmte. Er war voll konzentriert, nüchtern trotz aller kämpferischer Begeisterung, und obwohl ihn das ohrenbetäubende Geheul der Menge nur wie durch Watte hindurch erreichte, so war es doch das Bewußtsein, von den Wünschen und Hoffnungen unzähliger Menschen getragen zu sein, das ihn immer wieder neu bestärkte und beflügelte. Und dann merkte er plötzlich, daß dieser Kampf schon länger dauerte als alle anderen zuvor und daß es Zeit wäre, ihn zu beenden. Er sprang vor, hob die Machete – und in dem Moment schnellte der Kopf der Spinne vor … So schnell, wie es kein Auge erfassen konnte, hatte er einen Stoß an die Hüfte erhalten, der ihn in einem hohen Bogen emporwarf und in den Sand fallen ließ. Einen Moment lang blieb ihm der Atem weg, für einen Augenblick verstummte der Lärm um ihn herum, er lag regungslos auf dem Rücken, das Gesicht gegen den Himmel gewandt, und in der blendenden Helle des sonnendurchwirkten gelblichen Plexidaches der Überdachung erschien ihm Christas goldblondes Haar in einer fließenden Bewegung, in einem Gefunkel auftauchender und wieder verschwindender Reflexe, und er wollte nichts als so liegenbleiben und dieser Bewegung folgen … Ein stinkender Hauch weckte ihn aus seinem Dämmerzustand, der ekelerregende Atem des Tieres, und nun erinnerte er sich fast unwillig der bestürzenden Wirklichkeit. Er war wieder hellwach, und es war auch höchste Zeit, denn vor ihm, ganz nah, tauchte das Muster der roten Augen auf, und die beängstigenden Zackenreihen von Freßwerkzeugen, die nach ihm griffen. Er nahm alle seine Kraft zusammen, um sich zur Seite zu werfen, und dicht neben ihm stäubte der Sand. Alf sprang auf. Das Tier hatte sich ein wenig zurückgezogen, aber schon näherte es sich wieder. Und in dem Moment spürte er den Schmerz an der Seite, die Atemnot in den Lungen, die Schwäche in den Muskeln … Wieder war das Tier über ihm, er fand keine Zeit mehr, die Machete zu heben, sondern versuchte sich durch einen Sprung in Sicherheit zu bringen. Trotzdem streifte ihn das Horn, und diesmal war es ein Arm, der durch einen Schlag gefühllos wurde und leblos herabhing. Der Flammenwerfer entglitt seiner Hand. Alf merkte, daß er schwächer und schwächer wurde. Was er sich aber mit weitaus größerer Bestürzung eingestehen mußte, war die Tatsache, daß er Angst hatte. Und dieses Gefühl war so ungewohnt für ihn, daß es ihn für einen Moment vom Geschehen ringsherum ablenkte, daß er sich selbst beobachtete – und registrierte, daß eine lähmende Kälte von seinem Magen aus in seinen Körper einsickerte … Seine Bewegungen wurden langsamer und kosteten ungeheure Mühe, als befände er sich inmitten einer zähflüssigen Masse. Unwillkürlich blickte er in das Rund des Stadions, aber die Menge, die sich auf den Rängen drängte, hatte nichts Menschliches an sich, und sicher nichts, das ihm irgendwie helfen konnte. Noch immer vermochte er sich den Angriffen des Tieres zu erwehren, und gelegentlich traf er sogar mit seiner Machete oder mit dem Strang der Elektropeitsche. Dem Tier war allerdings keinerlei Wirkung anzumerken. Und während er nur noch mechanisch reagierte, fragte er sich nach dem Grund für sein Versagen. Er mußte an den gestrigen Abend denken, daran, daß er für kurze Zeit seine Grundsätze vergessen hatte, und vielleicht war das nun die gerechte Strafe, die ihn traf. Christa … war sie es gewesen, die die Angst in ihn gepflanzt hatte? Ihre Warnungen, ihre Befürchtungen … Da traf ihn wieder ein Schlag des Horns, und er sank in die Knie – die letzte Kraft war aus seinen Beinen gewichen. Wieder erinnerte er sich an die Szene, die er gestern gesehen hatte. Und mit zähneknirschender Verzweiflung mußte er erkennen, daß es ihm nun ebenso ergehen würde, wie jenem anderen einsamen Kämpfer. Er würde einen qualvollen langsamen Tod erleiden – wie ein Stück Vieh. Das Geschrei der tobenden Menge wurde durch die schallgedämmten Wände ausgesperrt, doch die Lautsprecher gaben ihn als leises Rauschen wieder – Untermalung zum Geschehen, das sich unten abspielte. Der Direktor saß vor dem Videoschirm, der die Kampffläche von oben zeigte. Ins Glas war ein rotes Koordinatennetz eingegraben. Neben ihm saß Christa, die Hände auf der Tastatur der Kontrollautomatik. „Objekt auf C 7. Gegenstoß. Reaktionszeit 1,5 Sekunden. Objekt aufC8, D9 … Gut so!“ Christas Hände hantierten wie auf einem Instrument. Von ihrem Sitz aus konnte sie beobachten, was auf dem Bildschirm geschah, obwohl das für ihre Aufgabe nicht nötig gewesen wäre. „Objekt auf D 7, D 8 … Reaktionszeit 1 Sekunde. Zusammenstoß …“ „Er kämpft gut, nicht wahr?“ fragte der Direktor. Christa nickte kaum merklich. „Objekt auf E 4, E 5, F 6, F 7 … parieren – Gegenstoß!“ Im Gesicht des Mädchens zuckte es. Es zögerte. „Gegenstoß!“ schrie der Direktor. „Hast du nicht gehört?“ Das Mädchen drückte eine Taste nieder. Ein tausendstimmiger Schreckensruf ließ die Membranen der Lautsprecher vibrieren. „Reaktionszeit 0,5!“ Christa hob die Hände von der Tastatur. „Was hast du vor? Es ist doch erst sein vierter Kampf Du wolltest doch …“ Der Chef wandte sich vom Bildschirm ab. „Er ist dir doch gleichgültig, wie?“ Das Mädchen nickte. „Dann vorwärts!“ forderte er. „G 3, G 2 … parieren – Gegenstoß!“ Der Direktor starrte auf den Bildschirm, wartete … „Warum machst du das?“ fragte Christa. „Warum sollte ich nicht?“ fragte Göbli. „Er ist zu schnell bekanntgeworden – er ist reif. Du bist doch sonst nicht so zimperlich!“ „Gib ihm eine Chance!“ bat Christa. „Was meinst du? Soll ich den Kampf abbrechen?“ „Nur eine Chance“, wiederholte Christa. „Laß ihn einfach kämpfen, nur kämpfen warum willst du auch noch eingreifen, es erwischt ihn noch früh genug!“ „Du bist verrückt! Wozu lassen wir den Tieren Elektroden ins Gehirn pflanzen? Wozu das komplizierte System der Fernsteuerung? Wozu die Richtantenne und der Sender? Da können wir doch gleich Stierkämpfe aufführen.“ Er schlug mit der Faust auf das Pult. „Hast du denn nicht begriffen, daß das die Idee ist, der wir den Erfolg verdanken: daß wir die Kämpfe inszenieren. Daß wir sie vorbereiten und planen – damit die Show genauso abläuft, daß ein Maximum an Spannung resultiert!“ „Ist das jetzt noch notwendig?“ fragte Christa. „Du bist längst ganz oben, niemand kann dir deinen Rang streitig machen. Selbst wenn du auf die Steuerung verzichtest!“ „Und die Wetten? Hast du vergessen, daß die Wetteinnahmen den größten Teil des Verdienstes ausmachen? Jetzt nimm dich endlich zusammen! Objekt auf F 5, Sprung auf C 2 … Angriff!“ Das Mädchen bewegte sich nicht. Der Chef wandte sich vom Bildschirm ab. „Er ist dir doch gleichgültig, wie?“ Das Mädchen nickte. „Dann vorwärts! Der Kampf dauert sowieso schon zu lange! Objekt auf C 1. Angriff!“ Das Mädchen saß unbeweglich da. Der Mann lächelte grausam. „Laß mich lieber selbst an den Schalttisch. Du bist deiner Aufgabe nicht gewachsen!“ Christa stand auf. Nun hatte sie einen Ausblick durch das große Fenster der Vorderfront, hinab auf die Arena. Dort unten lag der Mann im Sand, und dicht vor ihm, mit hocherhobenem Horn, stand die Spinne. Das Mädchen trat zurück, zuvor aber griff es rasch zur Tastatur und drückte einen Knopf. Wieder drang der schrille Aufschrei der Menge aus den Lautsprechern. Der Direktor starrte auf den Bildschirm. Dort waren nun die beiden Punkte zu einem verschmolzen. Der Blick des Mädchens war leer und hing irgendwo im Ungewissen. Der Schaukampf war zu Ende. Jörg Weigand Immer am Ball 27. Mai Heute vormittag kam Order von der World Wide TV-News: Auf dem schnellsten Wege nach Indien. Da ich die vergangenen Tage vor der kanadischen Küste das Abschlachten der allerletzten Robben gedreht habe (tolle Bilder; die neue 4-X-Video-Kamera vermittelt den Eindruck, als spritze einem das Blut direkt ins Gesicht), bin ich nicht auf dem laufenden. Nach allem, was ich bisher weiß, scheinen in Bangladesh wieder eine Menge Menschen am Verhungern zu sein. Eigentlich scheußlich, solche Verhungernden, aber ich habe das schon einmal mitgemacht. Man gewöhnt sich an alles; nichts als Routine. WW-TV hat mehrere aktuelle Berichte und ein 45-Minuten-Feature bestellt. Feine Sache, damit ist eine Menge Geld zu machen. Vor der Abreise muß ich aber noch mit Wolf Maier von der WW-TV sprechen, diesmal sollen die mir nicht die Butter vom Brot nehmen; die ausländischen Verwertungsrechte müssen bei mir bleiben. Besonders da ich mir vorstelle, das Feature diesmal um den Themenkreis „Mutter – Kind“ herumzubauen. Wenn so ein halbverhungertes Kleines mit brauner Haut über dem aufgequollenen Bauch an den schlaffen Brüsten der auch schon fast toten Mutter kaut – das sind Bilder, die den Zuschauer ansprechen. Und so was läßt sich auch spielend international vermarkten. 28. Mai Vor der Abreise. Gerade war ich bei Maier. Alles geregelt. Zuerst wollten die bei WW-TV einen Aufstand veranstalten, aber dann haben sie doch klein beigegeben. Besonders als ich ihnen das Telex unter die Nase hielt, auf dem International Sensation mich aufforderte, für sie in Bangladesh zu drehen. Gut, daß ich Ted bei IS-TV kenne; irgendwann werde ich ihm den kleinen Freundschaftsdienst mit dem getürkten Telex schon vergelten können. Habe die Kamera noch einmal durchgecheckt. Alles okay. Nur das Zoom wollte zuerst nicht recht; irgendein Schmutzpartikelchen muß sich an der Schiene festgesetzt haben. Mit dem Staubpinsel war schließlich auch das in Ordnung zu bringen. Seitdem die TV-Anstalten sparen und nur noch Einmann-Berichterstatter bezahlen wollen, muß ich besonders sorgfältig darauf achten, daß mit der Kamera immer alles in Ordnung ist. Früher, als ich gelernt habe, bestand ein Team immerhin aus vier Leuten: Kameramann, Kamera-Assi, Toningenieur und (eventuell) Beleuchter. Dazu kam dann noch der Reporter, der oft genug abseits vom Team seine Recherchen anstellte. Seit zehn Jahren, also seit etwa 1985, mit der Einführung der ersten Allround-Kameraausrüstung mit Einmannbedienung, ist das alles überflüssig geworden. Nun bin ich mit meiner Kamera allein vor Ort: Als Reporter und Kameramann in einer Person; das eingebaute Richtmikro auf Schwenkachse sowie der automatische Lichtausgleich, der selbst bei schlechtesten Lichtverhältnissen das Drehen noch erlaubt, haben auch die restlichen Teammitglieder überflüssig gemacht. Manchmal stört mich freilich das Reportagemikro direkt vor meiner Nase, aber da die neue 4-DX-Video praktisch selbsttätig arbeitet, sobald ich sie auf ein lohnendes Motiv gerichtet habe, kann ich mich doch sehr auf den Text konzentrieren, den ich auf das fertig geschnittene Material spreche, wie ich es auf dem (leider etwas zu kleinen) Monitor sehe. 30. Mai Gestern kam ich nicht dazu, wenigstens einige Eindrücke festzuhalten. Der Flug verlief ruhig, der Service an Bord der Maschine war, wie immer in den letzten Jahren, miserabel. Der Zoll in Dakka machte einige Schwierigkeiten, aber auch daran habe ich mich schon gewöhnt. Bis ich dann in meinem Hotel – dem „Metropol“ – war, ging gerade die Sonne unter. Nach einem schnellen Imbiß und einem erneuten Checking der Kamera, die (toi, toi, toi) die Reise gut überstanden hat, blieb gerade noch Zeit für einen Drink an der Bar. Dort traf ich dann einige Kollegen, die bereits seit Tagen hier sind, darunter Jose Amadillo von Brazil Inier und Hajime Suzuma von Nippon Standard TV sowie Terry Marx, der für eine Privatfirma an einer Dokumentation über „Katastrophen 1995“ arbeitet. Jose und Terry kenne ich von mehreren Einsätzen her, unter anderem aus Zentralafrika von der großen Flut und von dem Erdbeben vor zwei Jahren auf den Ryukyu-Inseln. Hajime Suzuma war mir bisher nur vom Hörensagen bekannt; er gilt als scharfer Hund, der überall hart am Ball bleibt. Alle drei Konkurrenten, gewiß, aber auch prima Kumpels. Heute habe ich als erstes einmal die Stadt in Augenschein genommen. Sie ist total überfüllt, da die Bevölkerung vom Lande hereinströmt in der Hoffnung, hier etwas zu essen zu bekommen. Doch da die Stadtverwaltung Rationierungsbons ausgegeben hat, die nur für alteingesessene Stadtbewohner gelten, krepieren die Bauern schon direkt vor der Hoteltür. Habe einige nette Motive gesehen (bei einer Rauferei um einen schimmligen Reisfladen hat ein Jugendlicher einem Greis das linke Auge ausgekratzt). Habe mich geärgert, daß ich die Kamera im Hotel gelassen habe. Zurück im Hotel, mußte ich feststellen, daß diese Flaschen noch nicht einmal in der Lage sind, ihren Gästen ein Steak vorzusetzen. Mußte mich mit Spiegeleiern auf Toast begnügen. Die Eier schmeckten schauderhaft nach Fischmehl, ich habe die Hälfte stehenlassen und eine geharnischte Beschwerde angebracht. Doch diese sturen Hunde kann nichts beeindrucken. Der schiefnasige Kellner hat nur mit der Achsel gezuckt und abgeräumt. Als ich gleich darauf den Speisesaal verließ, sah ich ihn in einer Ecke meinen Teller leeren. Na, wohl bekomm’s! 31. Mai Ich bin rechtschaffen müde. Dieser Tag hatte es in sich. Gleich am Morgen sind Terry Marx und ich in die Umgebung von Dakka gefahren, auf der Suche nach lohnenden Motiven. Ich glaube, ich habe erstklassiges Material bekommen. Etwa neun Kilometer außerhalb trafen wir in einem Dorf mit unaussprechlichem Namen auf ein Notaufnahmelager. Ein unerwarteter nächtlicher Platzregen hatte die Wege des Lagers zum Teil bis in Kniehöhe unter Wasser gesetzt. Die Leute hocken wahllos in irgendwelchen schlammgefüllten Löchern; das Wasser steht ihnen bis zum Hals – doch sie rühren keinen Finger, um sich selbst zu helfen. Dazwischen liegen die Leichen der Verhungerten, keiner kümmert sich um ihre Beseitigung. Sicher, das gibt Bilder, doch etwas mehr „action“ wäre mir lieber. Schließlich kann ich hier nicht so lange warten, bis die Cholera ausbricht (und Anzeichen dafür gibt es). Schön und gut: Die Mutter, die in der vergangenen Nacht ihr Baby nicht schnell genug aus den einströmenden Fluten geborgen hat und nun, das ertrunkene Mädchen im Arm, in ihrem Dreckloch sitzt und vor sich hinstarrt, ist vielleicht als Einstieg für mein Feature nicht schlecht. Aber eigentlich hatte ich mir mehr erhofft … Da lobe ich mir die Überschwemmung letztes Jahr in Zentralafrika. Der Dauerregen prasselte 63 Tage lang herunter und die Wassermassen, die sich durch das Hochtal wälzten, über dem wir unser Standquartier bezogen hatten, besaßen eine solche Wucht, daß sie selbst die riesigsten alten Baumknorren mit sich fortrissen. Damals drehte ich für die kanadische Gesellschaft TT-TV. Besonders begeistert war man in Ottawa von meinem Kurzbericht – ich möchte es eine Impression nennen – über das Knäblein, das versuchte, seinen vom Wasser hin weggeschwemmten Hund zu retten. Ich stand unmittelbar neben dem Buben, als er selbst abgetrieben wurde. Mit dem Zoom habe ich alle Details haarscharf mitbekommen. Beinahe hätte ich dafür auch noch einen Preis erhalten; das sind eben Bilder, wie sie das Publikum sehen will. Ich glaube, wir müssen weiter ins flache Land hinein, um genügend Stoff für unsere Berichte zu erhalten. Auch Terry ist nicht recht zufrieden; vorhin schimpfte er, das sei doch alles Routinequatsch. Unmittelbar vor der Hauptstadt sieht eben alles noch viel zu geordnet aus. Das hat mir auch Pierre Mireau bestätigt, den ich auf dem Rückweg vom Notaufnahmelager traf. Pierre ist noch einer von den Altmodischen. Er arbeitet immer noch mit der ARI, hat ein komplettes Team dabei, wie wir es seit Jahren nicht mehr kennen – und er arbeitet mit einem Reporter zusammen, dem es aber hier in Bangladesh zu blöd ist, mit vor Ort zu fahren. So hat Pierre freie Hand beim Drehen; getextet wird dann am Abend in der Hotelbar. 1. Juni Mann, bin ich geschlaucht. Gestern abend bin ich mit Pierre und Hajime in einer Bar der Altstadt versackt. Hajime hat mir ein paar Tips gegeben, wo für meine Feature-Story eventuell noch etwas an Bildteppich zu holen ist. Ich habe zwar den Verdacht, daß er selbst dort schon fleißig abgegrast hat, aber ich denke, wir werden uns dennoch nicht ins Gehege kommen. Als angenehme Überraschung stellte sich heraus, daß Pierre Mireau vor sieben Jahren ebenfalls in Saudi-Arabien war, als die amerikanische Eingreiftruppe die Ölquellen besetzte. Komisch, daß wir uns damals nicht gesehen haben. Andererseits herrschte dort damals ein solches Durcheinander … Saudi-Arabien war ein toller Job. Es war mein erster Versuch als Freelancer. Ich hatte in der International Prop Oil einen potenten Geldgeber gefunden; die amerikanische Ölfirma wollte Bildmaterial für den hausinternen Gebrauch. Das hat sie auch bekommen, zur Genüge. Leider ist davon natürlich nie etwas über den Sender gegangen. Das gesamte Material liegt noch bei der Firma – was die daraus gemacht haben, ist mir unbekannt. Eigentlich schade, denn ich hatte zum Beispiel exklusiv, wie die Eingreiftruppe das Erdölministerium „gesäubert“ hat. Mann, war das ein Spektakel, die Jungs haben ganz schön gewütet. Starkes Material war das. Na ja, wenigstens hat die Ölgesellschaft gut bezahlt. Und weiterempfohlen hat sie mich auch. Seitdem bin ich gut im Geschäft und habe, glaube ich, inzwischen einen prima Riecher für zuschauerwirksame Bilder entwickelt. Das kommt einem bei einem Einsatz wie hier in Bangladesh, wo so gar nicht viel los ist, gut zustatten. Wo nichts ist, muß man halt was zaubern. Heute sind Jose und ich weiter von Dakka ins Landesinnere gefahren. Etwa fünfzig Kilometer, dann fanden wir, wonach wir suchten. Hier auf dem flachen Land ist die Not in der Tat schlimmer als dicht vor den Toren der Hauptstadt. Mein Feature nimmt immer mehr Gestalt an. Von den Kurzberichten habe ich bereits einige abgeschickt. Die 4-DX-Video bewährt sich wieder einmal, auch bei solchem Routinekram. Die Erde ist hier knochentrocken und hat teilweise mehrere hundert Meter lange Risse. Wo man hintritt, wallt feinpulvriger Staub auf. Den Regen vorletzte Nacht muß das Land wie ein Schwamm geschluckt haben. Ein Tropfen auf den heißen Stein. Durch meine Sauferei gestern abend, aber auch wegen des verteufelten Staubs überall, habe ich einen solchen Brand, daß ich schon fast eine ganze Flasche Bourbon ausgetrunken habe. Mein Kopf fühlt sich an wie ein wattegefüllter Ballon. Die Menschen liegen hier auf den Straßen, auf den Feldern, in den Häusern, kurz überall herum und regen sich nicht mehr. Ausgemergelte Gestalten, denn flüssige und feste Nahrung fehlt. Was mir fehlt, ist „action“! Ich traf einen UN-Beauftragten, der sich vor Ort ein Bild von der Katastrophe machen wollte. Jose war gerade am anderen Ende und versuchte, ein Interview mit einem Bauern zu erhalten. Der UN-Beauftragte schätzt die Zahl der bisherigen Toten auf über 100 000. Ich habe ihn sofort vergattert, daß er diese Zahl vorerst – zumindest bis morgen – zurückhält. So habe ich sie exklusiv und kann drum herum eine tolle Rührstory bauen. Den Bildteppich dazu habe ich hier vor der Nase. 2. Juni Heute morgen habe ich meine Frau angerufen. Meine Kurzberichte sind alle gelaufen. Silvie hat sich bei WW-TV erkundigt, dort scheint man ganz zufrieden mit meiner Arbeit zu sein. Jedoch hat Silvie von Wolf Maier gehört, das Bildmaterial sei manchmal schwach gewesen. Verdammt, sollen die doch einmal selbst hierher in den Dreck kommen und die Scheiße drehen. Aber trotzdem: Ich muß mich halt anstrengen, daß ich noch stärkeres Material aufreiße. WW-TV zahlt gut, ich möchte sie mir nicht vergrätzen. Silvie kann einen manchmal richtig nerven. Hat sie mir doch noch am Telefon mitgeteilt, daß sie einen neuen Wagen haben will. Dabei ist der jetzige, das neueste Methanol-Modell, noch kein halbes Jahr alt. Ich habe erst einmal abgelehnt, so leicht verdiene ich mein Geld schließlich auch nicht. Aber dann hat sie am Telefon einen solchen Zirkus veranstaltet, daß ich schließlich doch zugestimmt habe. Aber ich habe mir ausbedungen, daß sie mit dem Kauf wartet, bis ich wieder zu Hause bin. Sonst Routine. Der Monsun kündigt sich an. Ich wollte es zuerst nicht glauben, denn er kommt vor der Zeit, doch Jose Amadillo, der sich in dieser Gegend besser auskennt, hat mich auf den schweren nächtlichen Regen vor einigen Tagen hingewiesen. Nun, das ergibt dann hoffentlich doch noch starke Bilder. 3. Juni Ein harter Tag liegt vor mir. Ich muß die letzten Bilder drehen. WW-TV hat mich zurückgerufen. In Afrika gibt es irgendwo einen Volksaufstand, das sei im Augenblick wichtiger und zugkräftiger als Indien, schreibt Wolf Maier in dem Telegramm, das mir der Zimmerboy heute früh unter der Tür durchgeschoben hat. Maier hat nicht so unrecht; schließlich sterben jeden Tag irgendwo auf der Welt soundso viele Menschen an Hunger, aber Revolutionen gibt es gar nicht mehr so häufig. Mir soll’s recht sein. Die eine Woche hier reicht mir. Ich muß aber unbedingt noch genügend Monsunbilder zusammenkriegen, denn seit heute nacht fällt das Wasser nur so vom Himmel. Zwar habe ich schon einige Einstellungen, aus dem Dorf, damals nach dem Regen. Aber es geht um die Atmosphäre, die ich als Ergänzung zu meinen Dürrebildern brauche. Auch dem Feature wird es gut tun, wenn ich es ein wenig mit entsprechendem Material anreichere. Um die aktuellen Kurzberichte kümmere ich mich nicht mehr, dafür habe ich keine Zeit. Das kann die Redaktion aus dem Materialangebot der Agenturen nehmen. Ich frage mich nur, wann hier, bei diesen hygienischen Verhältnissen, die Cholera ausbricht … Heute nachmittag um 16 Uhr geht meine Maschine. Ich darf nicht vergessen, mit Wolf Maier dieselben günstigen Konditionen für Afrika auszuhandeln wie für den hiesigen Einsatz. Jörg Liebenfels Das Monument der Harmonie mit einer Illustration des Autors „Ich möchte einen Hund“, sagte Spica. Der Simulator, der das physiologisch ausgewogene Kunstklima steuerte, schaltete sich mit leisem Gebläserauschen um. „Was ist los?“ „Ich habe gesagt, ich möchte einen Hund.“ „Einen Hund?“ Partner war perplex. „Ich wünsche mir nichts so sehr auf der Welt wie einen Hund!“ „Aber wir leben neunundvierzig Meter unter dem Meeresspiegel, Spica!“ „Auch Tiere können in einer Atmosphäre aus Helium und Wasserstoff leben.“ „Du hast einen dressierten Delphin mit Lebensretterdiplom.“ „Ich möchte aber einen Hund.“ „In Trident Village gibt es keine Tiere! Es hat sie nie gegeben und es wird sie auch nie …“ „Ich denke, wir leben in der Zentraleinheit der unbegrenzten Möglichkeiten“, unterbrach Spica ihren Partner. „In erster Linie leben wir hier im Monument der Harmonie!“ Partners Autoritätsfrequenz machte auf das Mädchen keinen Eindruck. Ihre großen Augen schimmerten golden wie die Haut einer geräucherten Makrele. „Er braucht gar nicht groß zu sein“, träumte sie laut weiter. „Mir genügt ein kleiner Hund. So ein ulkiger, wie er bei den olympischen Spielen in Munichem als Maskotte gedient hat.“ „Sekunde!“ Der Mann im aluminiumfarbenen Overall fuhr wie ein Pianist über die Elektronentastatur des Bord-Informators. Ohne Bedenkpause meldete sich der Stimmautomat zurück: „Die olympischen Spiele in – es heißt immer noch München, wiederhole: München – fanden vor sechsunddreißig Jahren statt. Ende.“ „Und du bist sechzehn, Spica. Außerdem heißt es nicht Maskotte, sondern Maskottchen.“ „Verniedlichungen und Diminutivwendungen sind uraltmodisch!“ „Von mir aus kannst du auch Maskotte sagen.“ „Aber das habe ich doch soeben getan. Sind deine Logikelektroden beschlagen?“ „Du solltest dich mir gegenüber einer anderen Frequenz bedienen“, sagte Partner verdrossen. „Leidest du unter Autoritätsproblematik?“ Spica lächelte entwaffnend. „Streichen wir das. Aber sage mir, bitte, wie kommst du überhaupt auf den Hund?“ „Sekunde!“ Nun spielte Spica auf der Elektronentastatur. Sofort gab die eintönig klingende Kunststimme Auskunft: „Auf den Hund kommen steht für absinken, zugrunde gehen. Nicht mehr gebräuchlich. Beispiel für unlogische Sprachauswüchse im zwanzigsten Jahrhundert. Ende.“ „Na bitte! Und das elektronische Lexikon hat bekanntlich immer recht.“ Partner rieb nervös seine kalte Nase. „Versuche Neuformulierung … Wer löste bei dir Denkanstoß in Richtung Hund aus?“ „Weiß ich nicht mehr. Erinnerung gelöscht.“ Spica lehnte sich in ihr Sitzmobil zurück. Die Lehnen paßten sich automatisch ihren Körperformen an. Partner geriet allmählich in Rage: „Aber ein Hund ist etwas absolut Ungewöhnliches, etwas geradezu Abstruses!“ „Die Idee aktivierte sich kurzfristig. Der Wunsch stabilisierte sich maximal.“ „Dann war dein Phantasie-Aktivator zu hoch eingestellt. Du mußt korrekt auf die Skala achten. Der rote Bereich ist tabu.“ „Mein Phantasie-Aktivator stand auf normal. Trotzdem verankerte sich mein Wunsch. Ich möchte nichts so sehr wie einen Hund.“ Partner gab nicht auf: „Dann muß es sich um einen Schaltimpulsfehler in deinem Tridentsystem handeln! Du bist heute für Astrophysik programmiert.“ Spica starrte an die Decke mit der grünlichen Schadstoffemmissionstapete und entdatete ihren Namen: „Spica, Fixstern im Sternbild der Jungfrau, Leuchtquotient eins Komma nullnull, Farbe reinweiß.“ „Er zählt zu den zwanzig hellsten Fixsternen, die wir kennen.“ „Ich habe noch nie einen Stern richtig gesehen.“ Spicas Stimme klang melancholisch. „Du siehst ihn auf dem Monitor deiner Lernmaschine in Teleskopvergrößerung hundertmal deutlicher.“ „Ich möchte den Himmel in natura sehen!“ Ihre Arme reckten sich wie von selbst in die Höhe. „Du beunruhigst mich, Spica. Im Totalen Miteinander, das unser Ordnungsprinzip darstellt, ist für solche Individualismen kein Platz. Das weißt du genau!“ Am liebsten hätte Partner sie angefaßt, geschüttelt. Aber er hielt sich zurück. „Ich möchte nur ein einziges Mal den Himmel sehen, eine ganze Nacht lang.“ „Aber du hast doch den Himmel schon in natura gesehen!“ „Ich kann mich nicht mehr daran erinnern.“ Ihre Hände fielen kraftlos auf die Armlehnen zurück. „Weil du damals noch ein Kind warst, Spica.“ „Ich weiß, daß ich oben geboren bin. Das vergesse ich nicht, nie. Geboren bin ich oben!“ Das Mädchen richtete sich stolz auf. „Jetzt ist unsere Welt hier unten“, beschwor sie Partner. „Hier im Monument stehen wir in der vollen Bewährung des neuen Harmoniemodells!“ „Ich weiß“, kicherte Spica respektlos. „Warum lachst du dann?“ „Weil du manchmal aussiehst wie ein Held in einem Uralt-Comic. Splatsch, wumm, krash!“ Ein Synthesizer-Fanfarenstoß aus den Lautsprecherboxen ließ Spica aufspringen. Gleich darauf meldete sich der gebieterische Baß Dracos: „Achtung, Achtung! Hier spricht die Hauptzentrale, euer Großer Betreuer! Außenboot U-27 bitte melden.“ Partner nahm Haltung an, als hätte er eine Harpune verschluckt. „Hier spricht P wie Partner. Alle Versorgungssysteme in U-27 funktionieren maximal.“ „Perfekt!“ lobte Draco. „Wir haben eine Delegation ausländischer Wissenschaftler in der Hauptzentrale. Formuliert Informationsaufriß über Trident Village. Eure Stimmen klingen lebendiger als der Stimmautomat. Außerdem wollen wir eure hübschen Gesichter sehen. Holographiekamera läuft. Beginnt euer Spiel!“ Die automatische Helligkeitssteuerung potenzierte sich um etliche Lux. Spica befeuchtete mit der Zungenspitze schnell ihre stumpfen Lippen. Ein kühles Lampenfieber ergriff sie, als sie an die Seite ihres Partners trat. Sie reichte ihm bis an die Schultern. (Er war der Größte der Crew.) Fehlerlos spulten beide sodann mit geteilten Parts die oft gedrillte Informations-Show ab. Der Klartext auf dem Bildschirm der Lernmaschine las sich so: DAS MONUMENT UNTER DEM MEER, MONUMENT DER HARMONIE! Vor dem Festlandsockel, innerhalb der Hoheitsgewässer, neunundvierzig Meter unter dem Meeresspiegel, im Farngarten des Friedens, liegt eine stählerne Stadt verankert. Als Friedensmonument ist TridentVillage zur zentralgesteuerten Lebens- und Versorgungswabe für 864 Life-Paß-Eigner geworden. Die internationale polyzentrische Abrüstungskonferenz für konventionelle Unterwasserkampf Systeme hat im Jahre 2000 die gesamte atomgetriebene U-Boot-Flotte der friedlichen Nutzung zugänglich gemacht. Sechsunddreißig geflutete, abgesenkte Atom-Unterseeboote der ehemaligen Trident-Klasse liegen – mittels hydraulischer Stabilfederung zu Vier- und Achteckkombinationen zusammengekoppelt – fest auf dem künstlich gehärteten Meeresboden. Sämtliche Aqua-Wohneinheiten sind voll sozialisiert. Die Kommunikation durch Konsum ist abgeschafft. Die Beschränkung des Individualeigentums infolge Platzknappheit versteht sich von selbst. Jeder Trident-Bungalow ist bei einer Wasserverdrängung von 7000 Tonnen mit vierundzwanzig Lebenseinheiten beiderlei Geschlechts bestückt. Der Verwandtschaftsgrad spielt bei der Zusammensetzung einer Boots-Crew keine Rolle. Ausschlaggebend ist allein die Enzymgruppennummer. Das Ziel aller Verheißung heißt Harmonie durch Anpassung! „Verheißung, Vereinheitlichung, Verbundenheit! Hier spricht K wie Krabbe von U-33. Bitte mich einschleusen zu dürfen.“ Keck drängte sich die Jungenstimme per Kehlkopfmikrofon in das Programm. Der Große Betreuer reagierte amüsiert. „Ihr kriegt Besuch“, dröhnte er aus dem Zentrallautsprecher. „Laßt euch durch uns nicht stören. Macht normal weiter. Euer Bordalltag ist die beste Allgemeininformation.“ Partner trat an den Befehlsverteiler. Während er flink einige Hebel umlegte, sprach er ins Bordmikrofon: „Willkommen in unserem Luxusbungalow! Einstiegsschleuse ist geflutet!“ Ein lautes Zischen wurde hörbar. Dann gurgelte Wasser in die Tauchzelle. Spica schaltete den Feuchtigkeitsabsorber auf volle Kraft. Ein- und Ausschleusemanöver gehörten zur Routine, die jedes Besatzungsmitglied im Schlaf beherrschte. Drei Minuten später öffnete sich die Hydrauliktüre. „Hallo Krabbe!“ Freude glitt über Spicas Gesicht. „Hallo Spica! Hallo Partner! Alles vollvitalisiert?“ „P wie positiv“, lachte Partner. Der junge Mann im Leichttaucheranzug massierte seine kalten Hände. Der Tauchhelm und sein Atemgerät lagerten in der Trockenkammer. Mit weichen Knien ließ er sich ins nächste Sitzmobil fallen. „Wißt ihr schon das Zeitletzte?“ legte er los. „Die Müll-Mafia hat sich mit den Industrieabfall-Deponierern in der submarinen Verschluckungszentrale ein erbittertes Match geliefert. In 5 400 Meter Tiefe! Die Roboterleichen der Tele-Operatoren repräsentieren einen Sachwert, der in die Millionen geht.“ „Das mußt du mir näher erklären, Krabbe.“ Spica lehnte sich erwartungsvoll an die Kabinenwand. „Ganz einfach“, glänzte Krabbe mit seinem Wissen, „der Rückführungsprozeß des Industrieabfalls hat eine Abfallindustrie nötig gemacht. In den sogenannten Tiefseegräben wird die Erdkruste an bestimmten Stoßstellen in den Erdmantel hineingezogen. Diese Senkungsvorgänge benützt man, um den abgesenkten Schwermüll mitverschlucken zu lassen. Ebenso simpel wie genial! Die Müllbeseitigung ist das Geschäft des dritten Jahrtausends! Der Kampf um das Deponierungsmonopol strebt seinem Höhepunkt zu.“ Er sah Partner an, der sich wieder an seiner Nase zu schaffen machte. „Irritiere ich euch? Seid ihr zielprogrammiert?“ „Wir erstellten gerade einen Informationsaufriß über Trident Village“, erklärte Spica nicht ohne Stolz. „Integrieren Krabbe als Kooperator“, ließ Draco über den Zentrallautsprecher verlauten. Partner grinste ironisch: „Bin gespannt, ob du dabei auch so auf dem laufenden bist.“ Krabbe ließ sich nicht aus der Ruhe bringen: „Jedem Bewohner von Trident Village steht ein bestimmtes Punktekontingent in seinem Life-Paß zu. Punktabzüge erfolgen für die Nutzung des Versorgungs-, Bildungs- und Lebenserhaltungssystems. In erster Linie aber für die Zuteilung der notwendigen Atemeinheiten. Denn die Luft ist bekanntlich verstaatlicht!“ „Die Entprivatisierung des Sauerstoffs ist der sichere Garant für das reibungslose Funktionieren der Großen Betreuung!“ schaltete sich Partner schnell ein. „Sollnorm erfüllt! Korrigiere: Sollnorm überschritten“, applaudierte Draco. Spica klatschte in die Hände. „Das bedeutet eine zusätzliche Atemeinheit für uns drei!“ „Verbrauchte Einheiten können jederzeit durch erhöhte Experimentierwilligkeit ergänzt werden“, lockte Draco. „Habe verstanden. Bitte mich in apparatives Medizinallabor eingliedern zu dürfen!“ Partner meldete es direkt in die Überwachungskamera, wobei er auf eine Großaufnahme spekulierte. „Genehmigt! Draco, euer Großer Betreuer, ist immer für euch da. Bis zum nächsten Mal!“ Das Fanfarenindikativ beendete wirkungsvoll den akustischen Auftritt aus der Hauptzentrale. „Streber!“ „Psst“, machte Spica und setzte sich zu Krabbe auf die Lehne des Sitzmobils. Krabbe strahlte: „Endlich allein.“ „Nostalgische Formulierung. Vorsicht, Krabbe!“ „Angstherz!“ „Unsinn! Aber du wolltest mir doch eines von den neuesten Bildungscomics mitbringen“, schmeichelte sie. „Pech. Der Nachschub klappt nicht richtig. Die neuen Hefte sind nämlich mikrobiologisch beschichtet und voll wasserlöslich.“ „Dann reaktivieren sie sich ja im Meerwasser als Phytoplanktondünger.“ „Was wiederum der Sauerstoffanreicherung dient.“ „Superfunktionell!“ Krabbe legte einen Arm um die schlanke Taille des Mädchens. Spica ließ es geschehen. Die Fossilform des Buches war tot. In den engen U-Boot-Bungalows wäre für Bücher auch kein Platz mehr gewesen. Im Synopsimeterverfahren konnte sich jedermann die schöngeistige Oldie-Literatur eines Jahrhunderts in einer Tageseinheit intuieren. Jede Kurzfassung enthielt maximal elf Zeilen Informationswert. Stilanalysen galten als Sinnlosmaterial. Den Rest besorgte die Lesemaschine, die mit ihren Augenrobotern ohne Ermüdungserscheinungen eine Million Buchstaben oder Zahlen pro Stunde vermitteln konnte. „Sag mal, Spica“, tastete sich Krabbe vorsichtig heran, „du machst dir doch aus den kleinen roten Pillen nicht allzu viel.“ „Meinst du die synthetischen Erinnerungswecker?“ „Exakt.“ „Ich habe zwei Wochenrationen davon übrig. Ich integriere mich lieber voll ins Nervenfaser-TV!“ Sie ließ sich auf den Boden gleiten und stützte einen Arm auf Krabbes Knie. Der Junge beugte sich zu ihr und flüsterte, daß er jemanden kenne, der nach diesen roten Pillen regelrecht süchtig sei. „Süchtig?“ „Ja, erinnerungssüchtig!“ Seit der Herstellung künstlicher Gedächtnismoleküle lag das industrielle Angebot jüngstzeitlich bei etwa siebenhundert unterschiedlichen Erinnerungswerten. Damit ließen sich eine Menge Elementarerfahrungen sparen. Der Vorteil dabei lag sowohl im Schnelltransfer als auch in der Verschleißminderung menschlichen Materials. „Fallen Erinnerungen an etwas, das man selbst nie erlebt hat, unter Fiktion oder Realität?“ Spicas Makrelenaugen schimmerten fragend. „Der Erfahrungswert soll maximal sein.“ Krabbe ergriff impulsiv ihre Hände. „Ich mache dir einen Vorschlag, Goldauge. Du überläßt mir deine kleinen roten Kapseln, und ich schenke dir dafür die neueste Tonlinse.“ „Find’ ich wogig, stimme zu!“ „Nach dem Abspielen kannst du sie als Anhänger auf deinem Sammelarmband tragen.“ Er lachte auf. „Vor fünfundzwanzig Jahren wäre das unmöglich gewesen. Da war so eine Tonlinse mindestens hundertmal so groß wie heute und hieß Schallplatte!“ „Schallplatte, Platt-schalle …“ alberte Spica, während sie aus ihrem kupferfarbenen Overall eine kleine Pillendose angelte. Verheißungsvoll ließ sie den Inhalt vor Krabbes Gesicht rasseln. „Vorsicht, muß doch nicht jeder mitkriegen“, mahnte der Junge, schnappte sich das Tauschobjekt und ließ es in einer Innentasche seine Leichttaucheranzugs verschwinden. Im Gegenzug bot er auf der ausgestreckten Hand die lackschwarze Tonlinse dar, die Spica geschickt in die Muldenführung ihres armbandgroßen Schallabtasters drückte. „Aufgepaßt“, spielte Krabbe den Moderator, „es folgt das klassische Schallereignis – eine Originalaufnahme von 1978, Alltagssymphonie!“ Der Verkehrslärm einer Großstadt brandete mit historischer Klangkulisse in die metallenen Bootswände … Aufheulende Motoren, mahlende Räder, donnernde Züge, startende Flugzeuge. „Da ist noch Leben drin!“ jubelte Spica. Andachtsvoll lauschte sie dem Kanon wummernder Dampframmen, der in regelmäßigen Intervallen von aufkreischenden Sägen zerschnitten wurde. „Eines der wenigen Beispiele von Positivvergangenheit“, kommentierte Krabbe. Beim verzweifelten Gebimmel einer Fahrradklingel mußte das Mädchen hell auflachen. Kirchenglocken erschreckten sie. Wütendes Hundegebell versetzte sie in Entzücken. „Das ist Musik, Vitalmusik, Umweltreizmusik!“ „Unverfälschte Sphärenakustik!“ Das Duell zwischen mahlenden Panzerketten, Düsenbohrern, bollernden Hubschrauberrotoren und Manöverschießübungen blieb ohne sicheren Sieger. In einem aufbrausenden Crescendo mischten sich alle Frequenzen zu einem Mahlstrom von Lärm … Krabbe griff nach Spicas Armbandschallgeber und drückte den Stop-Knopf. „He, warum schaltest du’s ab?“ „Es irritiert mich.“ „Du meinst, es macht dich irre?“ „Nein, es intensiviert etwas in mir …“ Krabbe sah an Spica vorbei. „Was? Sag schon? Sinn-Sucht?“ „Nein, Sehnsucht, Sehnsucht nach oben.“ Spica erschrak. „Klemmen deine Synapsen? Du riskierst damit eine Negativmarkierung in deinem Life-Paß.“ „Und du?“ gab der Junge zurück. „Was ich?“ „Du hast dir einen Hund gewünscht, einen Hund!“ Krabbe legte seine Hände auf die schmalen Mädchenschultern. Spica staunte: „Aber woher weißt du denn das? Du bist doch erst später an Bord gekommen.“ „Dein lieber Enzympartner hat es als Blitzwarnmeldung an alle Boote gegeben.“ „Er hat nur verantwortungswürdig gehandelt.“ „Hab’ keine Angst, Goldauge. Wer wagt, gewinnt!“ „Fehlinformation! Wer wagt, ist verloren.“ „Du tickst wohl nicht richtig!“ „Laß uns umschalten. Sag mal, Krabbe, findest du mich eigentlich hübsch?“ Krabbe ergriff Spicas linke Hand und spreizte zärtlich ihre Finger. „Kein Mädchen im Monument hat so zarte, rosige Schwimmhäute wie du.“ Spica ließ sie erschlaffen und spannte sie von neuem. Sie waren zäh und elastisch. Der Amphibia-Effekt galt als Gütesiegel ihrer Generation. „Und du, Krabbe, hast die ausdrucksvollsten Kugelaugen von allen Jungen hier unten.“ Leise fügte sie hinzu: „Die von oben kennen wir ja nicht mehr.“ Krabbe zog Spica an sich: „Siehst du, jetzt redest auch du wieder von oben.“ Verstohlen drückte sie den Abspielknopf. In das Aufkreischen von Bremsen mischten sich Presslufthämmer, schrien Martinshörner, dröhnten Motorräder, furzten Saxophone ein paar Takte Progressivjazz, hallten Überschall-Knallteppiche, heulten Sirenen und piepste nach einer winzigen Spannungspause ein Marylin Monroe’-sches Tupidampu … „Aufhören!“ schrie Krabbe. „Bitte!“ Die plötzliche Stille in dem Bootsbungalow wirkte betäubend. „Ich mach mich jetzt besser auf die Flossen“, brummte der Junge. „Kommst du noch einmal vorbei?“ „Möglich. Du kannst uns ja für die Kopulationszelle voranmelden.“ „Wird gespeichert“, versprach Spica. Krabbe berührte mit zwei Fingern leicht die Brust des Mädchens. Dann trat er an den Befehlsverteiler: „Krabbe an Kommandostand – bitte mich ausschleusen zu dürfen.“ „Ausstiegsschacht geflutet“, quakte es aus dem Lautsprecher zurück. Die Hydrauliktüre schmatzte auf. Krabbe hatte erreicht, was er wollte. Die kleinen roten Pillen, die Erinnerungswecker, lagen geborgen an seinem Herzen. Das Zischen der Flutventile begleitete seinen Abgang. Einige Zeiteinheiten später standen sich Spica und Partner im Isometric-Trainer gegenüber. Während sie in der Trimmzelle ihr Pflichtprogramm an Spannübungen, Hebel- und Stützgriffen absolvierten, entwickelte sich zwischen ihnen folgender Dialog: „Die Sache mit dem Himmel und dem Hund, ich mußte es melden.“ In der Stimme des Mannes schwang keinerlei Bedauern. „Das war dein Recht.“ „Es war meine Pflicht.“ „Ich muß dir auch etwas melden, Partner. Deine Stirnelektroden sind angelaufen! Du solltest deine Dreizack-Antenne besser pflegen.“ „Sieh an, sieh an, Frau Saubermann!“ „Bist du völlig oxydiert? Was soll dieser Unsinn? Wie kannst du mich mit Mann anreden?“ Spica ließ ihre Armmuskeln vorzeitig erschlaffen. „Sollte ein Witz sein“, konterte Partner und beanspruchte jeden Bizeps mit voller Kraft. „Humor ist nicht fortschrittsaktiv.“ Spica stieg aus dem Gerät, was einen Verstoß gegen die Trimmregel bedeutete, und tippte ihre Frage in die Datenspeichertastatur, die in keiner der wichtigen Bootszellen fehlte. Wie immer wußte der Bordinformator sogleich Bescheid: „Frau Sauber-Mann, nostalgischer, aus der alten Werbesprache stammender Begriff für Putzteufel … ist gleich anfallartiges, aber nicht virulentes Säuberungsfieber. Ende.“ Erneut widmete sich Spica der systematischen Anregung ihrer sogenannten willkürlichen Muskelstränge. Die erhöhte Blutzirkulation sollte die Muskelfasern vor Ermüdungsschlacken befreien. „Mußten die Menschen sich früher etwa selber waschen?“ Partner verband sein Nicken mit einer Nackenübung. „Unsere vitaminaktiven Duschmaschinen mit Infrarotzellen und Mutationsaktivatoren gabs damals noch nicht.“ „Müssen die primitiv gelebt haben!“ „Kommst du mit? Ich will anschließend zum Palast der Haie schwimmen.“ „Du meinst zum Sozialfriedhof? Da schauert’s mich immer.“ „Aber weshalb denn? Die Riesenhaie schwimmen ausbruchssicher in ihrem Stahlgitter-Areal mit elektronischer Doppel-Barriere.“ „Willst du zusehen, wie sie unsere Toten fressen?“ Spica stemmte sich mit beiden Handflächen von der verchromten Sprossenwand ab. „Es ist nicht alle Tage Befütterung.“ Partner grinste. Seine Zähne schimmerten wie stumpfe Knochen. „Ich finde den Anblick quallig“, entgegnete Spica und konzentrierte sich auf ihre Zehengymnastik. „Die Tiere leisten schnelle und saubere Arbeit!“ Niemand konnte es leugnen. Die Totenfresser waren die Asse im Kampf gegen die Unterwasserverschmutzung. Tot kam von total, total funktionslos. Die Rückführung auf den Punkt Null entsprach dem Kreislauf aller biologischer Prozesse. Im vorigen Jahrhundert hatte es noch Zeit ist Geld geheißen. Heute wußte jedes Kind, daß es Die Zeit bringt den Tod heißen mußte. „Ich will in keinem Haifischmagen enden, ich nicht“, protestierte Spica. „Sentimentalitäten sind im dritten Jahrhundert verpönt! Sich oben begraben oder gar verbrennen zu lassen, steht nur einigen Wissenschaftlern und den Bonzen zu. Willst du in die biologische Düngerfabrik kommen? Dazu hätte ich keine Lust.“ Partner versuchte seine Schultermuskeln zu strapazieren, wobei jeder Muskelanspannung eine sieben Sekunden dauernde Entspannungsphase folgen mußte. „Jetzt bist du aber sentimental“, sagte Spica lächelnd, „du spürst doch dann von alledem nichts mehr! Ich werde so viele Pluspunkte sammeln, daß ich mich im neuen Tiefkühlverfahren dezimieren lassen darf. Da verschwende ich so wenig Platz wie eine kleine Streudose synthetischen Proteins.“ „Hoffentlich verwechselt dich niemand mit Algenwürze!“ „Du bist ganz schön brackig heute!“ „Wollen wir zusammen eine Plusphase aktivieren?“ Eine dünne Schweißschicht überzog das schmale Gesicht des Mannes mit der stumpfen Nase eines Ritterfisches. „Die Kopulationszelle ist zur Zeit besetzt“, neutralisierte das Mädchen den Antrag. „Außerdem wolltest du doch zum Haifischpalast. Du hast einen direkten People Mover dorthin.“ „Borgst du mir deinen Delphin?“ „Nur, wenn du mit ihm das Trainingsprogramm absolvierst.“ Partner trat unter die Föndusche. „Mach ich! Ich jage ihn durch den Lumineszenzkanal, da gibts keine Unterwasserampeln.“ „Außerdem kostet’s dich keinen Versorgungspunkt.“ „Danke, Spica. Ich bin dein Enzymbruder.“ „Ich weiß, Partner. Im totalen Miteinander liegt die Harmonie!“ Spica betrachtete ihr Spiegelbild in einer der Chromstangen des Isometric-Trainers. Da es sich bei jeder geringsten Bewegung grob verzerrte, befriedigte es sie wenig. Sie kannte ihr Aussehen von Rückprojektionen auf den Sichtschirmgeräten. Als normales Spiegelbild hatte sie sich noch nie gesehen. Normalspiegel waren in Trident Village tabu. Die Lichtwurfoptik tauchte den elliptischen Metallkörper in gleißendes Licht und gab ihm das Aussehen einer soeben auf dem Meeresboden gelandeten fliegenden Untertasse. Der Anschein trog. Es handelte sich lediglich um den Aquacontainer Nummer Zwo. Sieben Stabilisierungsausleger hielten ihn wie Krakenarme nach dem Absenkmanöver in dem vorausbestimmten Meeresquadrat fest. Jeder Trident-Village-Bewohner mußte sich in regelmäßigen Abständen einer Untersuchung in einer dieser mobilen Body-TÜV-Basen unterziehen. Das TÜV stand für „Technische Überwachungs-Vorsorge“. Das Innere des Kabinenkörpers glich einer in mehrere Segmente geteilten Raumkapsel, in der sich apparative Sitzeinheiten für die jeweiligen Spezialtests befanden. Das Wärme- und Klimasystem arbeitete ähnlich wie in den U-Boot-Bungalows. Entspannt lehnte Krabbe in einem der Konturensessel. Bis auf einen Slip aus braungold gefärbter Fischhaut war er nackt. „Meine Geräte sind mit dir zufrieden, Junge! Somaskop- und Organwerte normal, Bluttemperatur, -druck und -Senkung ideal!“ Der Elektronenphysiolge in dem grünen Septo-Anzug aus Knitterplastik lächelte. Er war schlank, etwa siebenundzwanzig Jahre alt, hatte ein mageres Gesicht mit energischer Kinnlinie und chamonixweißes Haar. Nachdem er sich an irgendwelchen Schaltern zu schaffen gemacht hatte, sagte er: „So, wir sind jetzt auf die bordeigene Energieversorgung umgestellt.“ „Heißt das, daß uns der Große Betreuer momentan weder akustisch noch audiovisuell rückkoppeln kann?“ Krabbes Nackenmuskeln spannten sich. „Für die Dauer der Untersuchung sind wir autonom! Der Elektrodentest zeitigt nur im freien Spannungsfeld präzise Ergebnisse. Phasenverschiebungen können wir uns nicht leisten. Darum befinden wir uns jetzt in einer Art von Faradayschem Käfig. Eine spezielle Rückstrompolsterung schirmt uns von allen Außenfrequenzen und Irritationsströmen ab.“ „Ehe ich’s vergesse; ich habe dir von meiner Ration ein paar Erinnerungswecker mitgebracht. Du machst dir mehr daraus als ich. Für mich wird so eine Reise in die Vergangenheit meist zum Horror-Trip“, erwähnte Krabbe leichthin und fügte hinzu, daß ihm die Interaktion mit seiner Lernmaschine genüge. „Nett von dir. Danke!“ Der junge, weißhaarige Mann nahm auf einem Drehhocker Platz. „Es geht jetzt darum, aus deinen Aktions- und Reaktionswerten ein Charakterdiagramm zu erstellen, das dem neuesten Stand entspricht.“ „Als Beurteilungsgrundlage für meine weitere Mutationsbeschleunigung, verstehe.“ „Als Elektronenphysiologe obliegt mir – wie schon der Name sagt – die Kontrolle aller elektrodengesteuerten Organe. Beginnen wir mit dem Kopf. Ich werde heute dein gesamtes Trident-Antennensystem durchchecken.“ Der Mann griff nach dem Schwenkarm mit dem Prüfhelm und adjustierte ihn in der passenden Höhe. „Wie lautet Synonym zu Trident?“ fragte der Junge unvermittelt. „Konstatiere vermindertes Merkplateau. Trident heißt Dreizack, der dreizackige Fischspeer des Neptun oder Poseidon.“ „Erinnerung stabilisiert“, meldete Krabbe. „Miniaturdreizack ist mir – seit ich denken kann – in den Schädel gepflanzt.“ Der Psychologe schüttelte den Kopf. „Nicht ‚seit’ du denken kannst, sondern ‚damit’ du weisungsgerecht denken kannst, mutationsgerecht. Es handelt sich dabei um ein Wunderwerk der Physikalmedizin. Dieses Umformer-Relais ist ein echter Segen für uns alle.“ „Warum hast du dann keine solche Antenne im Schädel?“ „Ich meinte, daß es ein Segen für euch alle ist.“ Er holte hörbar Luft und erklärte, daß vor dreißig Jahren die Trident-Klasse die ersten Unterwasserkreuzer mit interkontinentaler Waffenreichweite repräsentiert hatte. Trident zielte damals auf die atomaren Mehrfachsprengköpfe, die jede der vierundzwanzig Offensivraketen an Bord tragen konnten. „Langsam, langsam! Folglich lagerten damals in den Nutzlastbuchten eines jeden Bootes vierundzwanzig Raketen. Komisch!“ „Komisch ist ein unzeitgemäßer Destruktivbegriff, Krabbe!“ „Aber jetzt leben doch in jedem Bootskörper vierundzwanzig Life-Paß-Eigner. Das heißt also vierundzwanzig Menschen im Austausch gegen vierundzwanzig Raketen.“ Leicht vorgebeugt fixierte der Junge den Mann im grünen Knitterplastikanzug, der sich dadurch aber nicht aus der Ruhe bringen ließ. „Ein leuchtendes Beispiel für unsere Fortschrittsstabilisierung!“ lobte der Physidoge und fuhr fort: „Die ehemalige Abschreckungsflotte im internationalen Rüstungsschach wird heute als friedliche Unterwassersiedlung genutzt.“ „Du redest wie der Informator.“ Krabbe überlegte einen Moment. „Können Menschen auch zu Waffen werden?“ wollte er plötzlich wissen. „Das fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich.“ „Wieso? Das ist doch eine logische Frage! Ich wiederhole, können Menschen Waffen ersetzen?“ „Im Kampf um die Freiheit ist so etwas vorgekommen.“ Der Elektronenphysiologe sah Krabbe starr in die Augen. Die blaßblaue Färbung der Iris zeichnete sich nur schwach vom Weiß seiner Augäpfel ab. „Was ist Freiheit?“ „Schalte auf Bordinformator“, sagte der Mann. Computer wollen unentwegt gefüttert werden, dachte Krabbe bei sich. Ihre Module gieren nach Schaltimpulsen. Das halbe Leben besteht aus dem Bedienen irgendwelcher Tastaturen, aus Schalterklicken und Hebeldrücken. Der Bordinformator verweigerte die Auskunft, da sie in keinem notwendigen Zusammenhang mit der technischen Überwachung stand. Krabbe schaltete auf stur: „Bestehe auf Information!“ Ohne Zögern spuckte der Informator die Erste Warnung aus. „Beantwortung der Frage ist mit Negativmarkierung im Life-Paß gekoppelt.“ Der Junge ließ sich nicht einschüchtern und akzeptierte. „Du unterliegst einem Fehlimpuls, Krabbe“, warnte der Physiologe. „Unterscheide zwischen positiver und negativer Freiheit“, formulierte der Informator weiter. „Positive Freiheit = die Freiheit, die die Gesellschaft erlernen muß, um überleben zu können. Negative Freiheit = Abwesenheit von Zwang. Drittens: auch Uraltbegriff der dialektischen Losophie. Korrigiere: Phi-lo-sophie.“ „Weshalb wird Wahrheitsfindung für Freiheitsbegriff bestraft?“ Die Jungenstimme fuhr wie ein frischer Windhauch in den sterilen Container. „Gib dich zufrieden, Krabbe! Der Grund für die Negativmarkierung ist eine Schutzmaßnahme zu deiner eigenen Persönlichkeitsstabilisierung. Die Informationsauslese dient dem allgemeinen Angstabbau. Eine Zensur findet nicht statt.“ „Jetzt würde mich nur noch interessieren, was passiert, wenn ich nach der Wahrheit frage.“ „Dann ist dir die zweite Negativmarkierung sicher!“ Der Physiologe erhob sich nervös von seinem Drehschemel. „Wenn du weiter so auffällst, zwingst du mich zu einem stereotaktischen Hirneingriff, Krabbe.“ „Dann verzichte ich auf die Wahrheitsdefinition.“ Der nackte Körper ließ sich auf die Konturenlehne zurückfallen. Trotz der Hitze hinterließ Krabbes kühle, trockene Haut keinerlei Schweißspuren. „Gestehe Impulsfehler ein. Es lebe die Harmonie-Narkose!“ „Das klingt schon besser.“ Der Mann im grünen Septo-Anzug wollte sich wieder setzen, hielt aber inmitten der Bewegung inne. „Ach du großer Neptun!“ „Wovor erschrickst du?“ Der Physiologe richtete sich auf, als trüge er eine Last auf den Schultern. „Ich habe doch alle Antworten mit angehört! Warum haben sie mir keine Negativmarkierung angedroht?“ „Vielleicht hat Draco dich vergessen?“ „Der Große Betreuer vergißt keinen; weder hier unten, noch oben!“ „Schlauköpfchen hält bestimmt eine Auskunft auf seinen Magnetspulen für uns bereit.“ „Möglicherweise habe ich gar kein Recht auf eine stichhaltige Antwort.“ Der Mann verharrte wie betäubt. Krabbe sprang mit einem Satz hoch. „Was? Du, der autonome Elektrodenphysiologe, der Spezialist, glaubt im Ernst, daß er kein Recht auf Antwort hat? Das blockiert mich mächtig! Aber vielleicht hast du eben jetzt – ganz unbewußt – schon die Wahrheit ausgesprochen. Vielleicht bleiben sie uns immer die Antwort schuldig. Haben sie uns nicht immer nur mit Definitionen abgespeist? Und genauso wird uns der große Betreuer die Große Verheißung schuldig bleiben, die man uns als Lebenslohn in Aussicht stellt.“ Krabbe blockierte mit einer wilden Handbewegung jeden Protestversuch seines Gegenübers. „Meine Logikelektroden haben nie besser funktioniert! Ahnst du, wie die Formel richtig lauten muß? Die Lösung brennt mir auf der Zunge: Verheißung, Verblendung, Verblödung!“ Der junge Mann mit dem weißen Haar wurde zornig: „Ich darf das nicht länger mit anhören und will es auch nicht! Bei dir ist offensichtlich ein Relais durchgeschmort. Du bist negativ verseucht, Krabbe. Ich will mich nicht an dir anstecken!“ Der Junge ergriff den Schwenkarm mit dem Prüfhelm und stülpte dem überraschten Physiologen das Visier so über den Kopf, daß der andere darunter gefangen war. Erschrocken starrten die blaßblauen Augen aus dem Sichtfenster. Krabbe kannte keinen Pardon. „Du bist bereits krank!“ schrie er. „Erinnerungskrank, erinnerungssüchtig! Du schnüffelst doch so gerne in der Vergangenheit herum. ‚Mit dem Fahrstuhl in die Römerzeit’ hieß es vor einem halben Jahrhundert. Unsere synthetischen Erinnerungswecker besorgen das in Sekundenschnelle.“ Geschickt faßte er in die Innentasche seines Leichttaucheranzugs, der neben dem Konturensessel an einem Anhänger baumelte und präsentierte seinen Schatz. „Darum habe ich dir nicht nur ein paar von den kleinen roten Pillchen mitgebracht, wie ich vorhin sagte, sondern hier – eine ganze Box voll bis obenhin, eine doppelte Monatsration!“ Damit befreite er den Mann von dem Ringhelm. „Oben halten sie uns ziemlich knapp damit“, keuchte der Psysiologe und krampfte die Hände ineinander, um der Versuchung zu widerstehen. „Weil ihr oben genügend Umweltreizen ausgesetzt seid! Im Vergleich zu euch sind wir hier unten die reinsten Muränen.“ „Es gibt keine Währung, mit der ich dich bezahlen kann, Krabbe.“ Die Kiefermuskeln des Physiologen zuckten nervös. „Tauschen lautet die raumsparende Devise!“ Krabbe ließ die Pillen verführerisch rasseln. „Ein Liebesdienst gegen den anderen. Du brauchst mir nur zu zeigen, wie ich die Impulskapsel von meiner Dreizackantenne fräsen kann, ohne dabei draufzugehen. Dann gehören die Glückspillen dir.“ Der Mann hielt sich immer noch an seinen Händen fest. „Du willst die Impulskapsel loswerden? Das wäre Selbstverstümmelung.“ „Oder der erste Schritt zur Selbstverantwortung.“ „ Selbstüberschätzung!“ „Selbstverwirklichung.“ „Selbstbessenheit!“ „Selbsterhaltung! Und der Selbsterhaltungstrieb ist noch immer der elementarste“, schloß der Junge. Abermals entlockte er der Pillenbox das verheißungsvolle Gerassel. „Klingt das nicht wie Sirenenmusik in deinen Ohren? – Wie wärs mit einem Blitzrutsch in die Neuantike von 1945? Ohne archäologische Ausgrabungen zählt sie zur umfangreichsten Trümmerepoche unseres Altjahrhunderts! Oder willst du lieber Augenzeuge der ersten Neutronenbombenexplosion im Schwarzen Erdteil werden? Du könntest auch mit Nofretete einen Sirtaki tanzen!“ Der Physiologe atmete stoßweise. Über seiner Nasenwurzel pochte sichtbar ein V-förmiger Aderstrang. „Alte, verrückte Welt“, lachte Krabbe provozierend. „Die einzigen Erinnerungsmoleküle, die ich mir immer wieder intuieren könnte, aktivieren die Weltmeisterschaft der Drachenflieger. Die dürfen sich einfach Flügel greifen und ungestraft in Luft baden, im Kostbarsten, was es für uns gibt. Schwebebäder in unserer verstaatlichten Luft!“ Der Mann im grünen Knitterplastikanzug trat einen Schritt vor. „Ich will die Pillen haben!“ Krabbe tänzelte zurück wie ein Boxer, der einem Schlag ausweicht. „Erst die Information!“ Eine Pause entstand, in der die Herzen der beiden Männer beinahe im gleichen Takt schlugen, obgleich der Grund ihrer Erregung so verschieden war wie Feuer und Wasser, wie Sucht und Sehnsucht. „Ich werde den Eingriff selbst machen“, entschied der junge Mann mit dem chamonixweißen Haar. Krabbe legte ihm das schimmernde Schächtelchen wie ein Vermächtnis in die dargebotene Hand. Sein Blick bohrte sich in die blaßblauen Augen. Er mußte es wagen. Jetzt oder nie. „Ich hoffe, es stört dich nicht“, sagte der Physiologe. „Was?“ „Während ich an deinen Kontakten arbeite, werde ich mir eine Ausrede einfallen lassen müssen, warum ich’s getan habe.“ Krabbe lächelte. „Ich vertraue dir, wie du der Wirkung meiner Pillen vertraust.“ „Was ist denn mit dir los? Du siehst ja aus wie ein Schlammspringer!“ Spica beugte sich über Krabbe, der keuchend neben der Einstiegsluke von U-27 hockte. „Sag doch gleich Wrackbarsch“, versuchte er zu scherzen. „Knurrhahn!“ „In sechzig Sekunden bin ich wieder vollvitalisiert.“ „Weshalb hast du die Notfrequenz bedient?“ „Ich hatte Schwierigkeiten mit den Thermo-Elementen in meinem Druckanzug. Komm, laß uns gleich in die Kopulationszelle gehen.“ Er mühte sich auf die Beine zu kommen. „Sehr vergnügungssüchtig siehst du nicht aus. Wir können die uns zugeteilten Zeitimpulse auch stornieren lassen.“ „Los, Goldauge, laß uns ein bißchen fluten!“ „So quirl doch nicht so.“ „Und du tropf nicht so langsam.“ Der Junge lehnte sich breitbeinig an die Spantenwand. Sensibilität war nicht Spicas Stärke. Sie ließ ihre schwarzgoldenen Augen blinken und reckte sich demonstrativ. „Während du weg warst, war ich fünfzehn Erregungs- und achtunddreißig Wonneeinheiten lang voll nervenfaserintegriert … in eine Löwenjagd in Afrika mit anschließenden Fruchtbarkeitsriten im schwarzen Kral. Ich bin total abgeebbt.“ Krabbe nahm alle Kraft zusammen. „Wir brauchen nicht hautaktiv zu werden. Aber ich muß dir etwas sagen, Spica.“ Er dämpfte seinen Ton. „Ein Geheimnis.“ „Ein Geheimnis …?“ Der Junge hielt ihr schnell den Mund zu. Geschafft. Wenig später hatten sie die Desinfektionsschleuse passiert und es sich auf dem quadratischen Wasserbett bequem gemacht, das mit der Wärmeumlaufpumpe um die Wette gluckste. Spica schaltete die Akustikdämmung und den Anoden-Hochspannungsgenerator ein. Die Ionisierung der Luftmoleküle diente zur Anregung der Stoffwechselenergie. Krabbe legte sich der Länge lang auf den Rücken. „Die Kopulationszelle ist hier im Boot der einzige Bereich, wo uns der Große Betreuer nicht rückkoppeln kann. Unsere letzte Tabusphäre!“ Spica öffnete den Magnetverschluß ihres Overalls und zog ihn ohne Hast aus. Ihre Haut schimmerte fischschuppenfarben. Die totale Haarlosigkeit ihres schmalen Körpers betonte ihre Nacktheit. Verführerisch spreizte sie die langen Zehen mit den zarten Schwimmhäuten. Als Krabbe nicht gleich darauf reagierte, warf sie sich über ihn. Sie fingen sich zu balgen an wie üblich, wenn sie sich ihre Hautsympathie beweisen wollten. Dennoch lief es anders als sonst. Krabbes übermütiges Lachen fehlte. „He, leidest du an Gleichgewichtsstörungen?“ Krabbe rollte sich wie in Zeitlupe auf dem Wasserbett herum, lehnte den Rücken an eines der halbmondförmigen Kissen und riß sich die Taucherkappe ab. Zuerst geschah gar nichts. Dann stieß Spica einen spitzen Schrei aus. „Blut“, stammelte sie. „An deiner Stirne klebt gestocktes Blut. Deine Trident-Antenne …“ „Der Mittelzacken ist abgefräst. Jetzt kennst du mein Geheimnis.“ „Oh, Großer Betreuer, er hat sich kastriert“, flüsterte das Mädchen und wagte sich nicht von der Stelle zu rühren. „Laß Draco aus dem Spiel! Die feinen Drähte stecken noch in meinem Gehirn. Das knochenfreundliche Gewindeventil, das sie uns nach jedem Wachstumssprung neu einpassen, sitzt noch in meinem Scheitelbein. Sieh’s nur an. Aber die Impulszacke ist ab.“ „Du bist ein Sicherheitsrisiko, Krabbe.“ „Du darfst keine Angst vor mir haben, Spica. Bitte vertraue mir!“ Er streckte ihr beide Hände hin. Aber sie ergriff sie nicht. Statt dessen angelte sie sich ihren Overall und preßte ihn wie einen Schutzschild vor die nackten Brüste mit den rogenfarbenen Warzen. „Ich war zur Routineüberprüfung auf der TÜV-Basis“, begann Krabbe ihr zu erklären. „Dort, wo der Süchtige arbeitet, von dem ich dir erzählt habe.“ Spica fixierte einen imaginären Punkt an der Wand. „Ich erinnere mich nicht.“ „Ich habe ihm die kleinen roten Pillen gegeben. Deine Ration war auch dabei.“ „Meine Ration auch? Dann bin ich mitschuldig.“ Ihr kleiner fischschuppenfarbener Körper sackte in sich zusammen. Krabbe krabbelte zu Spica und umfaßte ihre Schulter. „Keine Angst, Goldauge, ich nehme alles auf mich!“ Er erzählte ihr den Tauschhandel mit dem Elektrodenphysiologen, der sein Freund war, obgleich er einer anderen Enzymgruppe angehörte. Über das Zustandekommen dieser Freundschaft schwieg er sich aus. Eine Zufallssympathie wie sie auch bei Begegnungen im Unterwasseralltag vorkommt. Krabbes Farbsinn wurzelte – trotz Holo-Color-TV – ausschließlich in seinem Biotop. Veilchenblau, Tanngrün, Quittengelb, Tulpenrot, Sonnenuntergangsorange oder Brombeer kannte er nicht. Dafür wußten seine Augen alle Schattierungen von See-, Farn- und Algengrün zu unterscheiden. Am liebsten mochte er Tarbuttbraun, Langustenrot, Korallenrosa, Quallenlila, Papageienfischgelb und Pfahlmuschelschwarz. Schwarz war für ihn eine echte Farbe. Im Augenblick allerdings fühlte er weder Lust noch Neigung, um Spica das ganze blitzende Farbfeuerwerk zu beschreiben, das nach dem Abfräsen der Mittelzacke seiner Trident-Antenne in seinem Gehirn explodierte, rotierte und implodierte. Minutenlang hatte er sich auf dem Kabinenboden gewunden und wie ein erstickender Fisch auf dem Trockenen nach Luft geschnappt. Gebeutelt von unbekannten Kräften hatte er zwischen Schüttelfrostanfällen und Schweißausbrüchen gestöhnt und geschrien, bis der Freund es mit der Angst zu tun bekommen hatte. Mit Mühe und Not hatte der Physiologe ihn in die Taucherkombination gesteckt und ihn kurz entschlossen unter dem Vorwand einer Rettungsübung aus der Notluke des Aquacontainers gesprengt. „Jetzt aber“, schloß Krabbe seinen Bericht, „kommt es mir vor, als ob ich wer weiß wohin zurückgefunden habe, in etwas, das einmal meine Heimat war.“ „Heimat? Ist das ein Ulkwort? Hab’ ich noch nie gehört.“ Die ganze Zeit über hatte sie sich nicht gerührt. Nun musterte Spica ihn mit einem mißtrauischen Seitenblick. „Ich muß dich der Zentrale melden, Krabbe.“ „Das sagst du nur, weil du manipuliert bist. Von allen Enzymschwestern bin ich zu dir gekommen, Spica. Du warst das einzige Zielobjekt für mein Geheimnis.“ „Weshalb exakt ich?“ Sie rückte von ihm ab. „Weil auch du den Himmel sehen willst und die Sterne. Einen ganzen Tag lang, hast du gesagt, und eine ganze Nacht.“ „Das klingt lyrisch. Lyrik ist verboten!“ Sie schickte sich an, in ihren kupferfarbenen Overall zu schlüpfen, was auf dem Wasserbett eine Menge Balancegefühl voraussetzte. „Du wolltest sogar einen Hund. Das ist auch verboten!“ erinnerte Krabbe sie und half ihr beim Anziehen. „Du bist etwas Außergewöhnliches, Spica. Du stehst über der Norm.“ „Ich habe mich damit bereits verdächtig gemacht.“ Krabbe drehte den Ionenaktivator auf Maximum. Ein leises Flirren, das man körperlich zu spüren glaubte, erfüllte die Kopulationszelle. Krabbe kniete sich entschlossen vor Spica auf die Glucksmatratze. „Weißt du, was ich vorhabe? Ich werde auftauchen.1“ Das Mädchen schloß die Magnetbänder ihres Overalls bis zum Hals. „Das kannst du nicht, Krabbe! Die Schutznetze über uns lassen niemanden an die Oberfläche. Die Zuchtalgenteppiche würden dich ersticken.“ „Dann werde ich zur freien Fahrrinne tauchen.“ „Dort würdest du vom Fanggürtel der fleischfressenden Pflanzen erwürgt werden.“ Spica verzog den Mund. „Falls dich nicht vorher einer der radargesteuerten Killerwale abfängt.“ „Aber ich will doch nur ein Mal, ein einziges Mal, echte Luft atmen, freie Luft!“ hielt ihr der Junge mit verzweifelter Entschlossenheit entgegen. „Deine Lungen würden dabei zerplatzen.“ Ihr Ton klang erschreckend sachlich. „Wer schon so lange das Kunstgemisch inhaliert wie wir, für den bedeutet die Rückkehr in die freie Atmosphäre den Tod.“ Krabbe schlug mit der Faust auf das Wasserkissen, daß es laut platschte. „Ich will und ich werde es versuchen.“ „Wer den Draufgänger spielt, geht drauf, lautet die psychomathematische Formel.“ „Begreifst du denn nicht? Die Bonzen haben uns in die Tiefe verbannt, damit sie oben mehr Freiraum haben!“ „Sie haben uns nicht verbannt, sie haben uns auserwählt. Wir sind das neue, katastrophensichere Harmoniemodell. Du verläßt den Boden der Realität, Krabbe.“ „Ich bin unterwegs zu einer neuen Realität. Ich werde lernen, wieder selbständig zu denken.“ „Aber wozu?“ rief Spica und versuchte ihm ins Gewissen zu reden. „Wir haben im Monument doch alles, was wir brauchen! Der Große Betreuer hat uns mit den abgesenkten Atom-U-Booten ein Milliardenvermögen überantwortet.“ „Sie haben uns in die Boote gezwungen! Wir leben in Wracks, in Luxussärgen.“ Spica ließ sich von Krabbes Erregung nicht anstecken. „Ich lebe in Frieden in Trident Village! Ich schlafe in der Schlafmaschine, ich lerne in der Lernmaschine, ich kopuliere in der Kopulationszelle, ich beziehe meine Umwelterlebnisse aus dem Televisionsnetz …“ „Großartig!“ unterbrach der Junge ihre Litanei. „Großartig! Der Informator informiert dich, das elektronische Lexikon korrigiert dich, der Zentralcomputer kontrolliert dich, und der Große Betreuer manipuliert dich.“ Er hätte dieses standardisierte Wesen am liebsten so lange geschüttelt, bis … Aber er beherrschte sich. Temperamentsausbrüche auf einem Wasserbett blieben selten ohne komische Nebeneffekte. „Ich bin geborgen im totalen Miteinander. Ich bin frei!“ Spica zog die Beine unter sich, setzte sich auf ihre Fersen und faltete die Hände zum Gebet: „Großer Betreuer, Der du bist allgegenwärtig, Über dem Wasser Wie auch hier auf dem Meeresboden, Zu uns komme deine Energie und Weisheit, Dein Wille sei unser Wille. Unsere täglichen Minimine gib uns heute. Erhalte uns den Fetisch des Fortschritts, Führe uns in die große Verheißung Und erlöse uns Vom Übel der Vergangenheit.“ „Ja, winsle nur, Unsere täglichen Minimine gib uns heute!’ Weißt du auch, warum sie uns damit vollstopfen? Damit wir zwergenwüchsig bleiben! Damit uns die engen U-Boot-Wracks wie weiträumige Villen erscheinen! Damit wir der neuen ökologischen Sparformel entsprechen, dem neuen Anpassungsideal!“ Spica kauerte sich wie ein Embryo zusammen und preßte die Handflächen in den Schoß. „Dein Denken ist deformiert. Ich höre dir nicht mehr zu, Krabbe.“ Mit einem Mal wurde der Junge ganz ruhig, schwang die Beine vom Bettpodest und blieb mit geradem Rücken sitzen. Etwas wie Hellsichtigkeit überkam ihn; eine Hellsichtigkeit, die er klaren Herzens zu genießen begann, obwohl die Perspektiven, die sich ihm öffneten, zwielichtig und dämonisch erschienen … „Sie haben uns an Phantasieaktivatoren gekoppelt, um unser gesundes Vorstellungsvermögen zu deformieren. Sie haben uns in ihrem unmenschlichen Humanmodell zu halbsynthetischen Marionetten gemacht. Ich will dir sagen, warum es in ganz Trident Village kein einziges Tier gibt, obwohl sich in jedem der sechsunddreißig Boote eine Laboratoriumszelle befindet: weil die Bataillone zu Tode experimentierter Rhesusaffen ausgedient haben. Weil wir jetzt an der Reihe sind! Das ganze Monument mit seinen 864 Life-Paß-Eignern. Wir sind jetzt das Versuchsobjekt Nummer eins.“ „Du bist außer Kontrolle, Krabbe. Du bist verrückt“, wimmerte Spica vor sich hin und versetzte sich in eine Pendelbewegung wie in einer Kinderwiege. „Ich bin nicht verrückt“, antwortete Krabbe sanft, aber bestimmt. „Im Gegenteil, ich nähere mich endlich dem Normalen. Und darum sage ich dir, daß unser Fleisch weiß ist wie Fischfleisch. Daß unsere Körpertemperatur immer weiter absinkt, weil wir uns zu Kaltblütlern wandeln. Der Amphibia-Effekt ist der Schlager unserer Generation! Chemische Hauthärter verschuppen unsere Epidermis. Unsere lidlosen Augen glotzen immer muräniger. Und bald werden unsere Ohren zu Kiembögen verkümmern. Es lebe der Fortschritt in den Rückschritt. Der Aufbruch in die Urepoche hat begonnen. Gewebe wuchern für eine bessere Zukunft. Es tut ja nicht weh. Die Zeit bringt den Tod! Bete um die Gnade, daß du bald ersticken darfst, du mein kleiner, verlöschender Fixstern.“ Trotzig rappelte sich Spica auf die Knie hoch. „Ich werde leben! Ich bin weder eine Marionette noch ein Roboter. Ich bin ein …“ Sie stockte. „Was?“ In der Pause, die entstand, schaltete das Mädchen den Ionengenerator aus. Um dem Würgegriff der totalen Stille zu entkommen, sagte Krabbe: „Siehst du, du kannst es nicht einmal aussprechen, was du bist.“ „Du willst dich opfern. Ich habe gelernt, daß Opfer sinnlos sind.“ Krabbe stand auf. „Falsch, Spica. Nur vor dem Opfer sind die Mächtigen machtlos. Nur mit den Opfern in seinen Fangarmen ist unser Betreuer, der große Krake, wehrlos. Ich habe keine Zeit mehr zu verlieren. Ich weiß, daß du mich der Zentrale melden mußt. Für einen kleinen Vorsprung – aus alter Freundschaft – wäre ich dir sehr dankbar.“ Spica nahm die Taucherkappe vom Wasserbett, rutschte zu Krabbe und reichte sie ihm. Ihre Makrelenaugen schimmerten tränenlos. „Bitte mich ausschleusen zu dürfen …“ Es klang wie eine Liebeserklärung. Aber so etwas gab es in Trident Village nicht. Krabbe schwamm. Zum ersten Mal fühlte er sein Herz wie eine überanstrengte Pumpe arbeiten. Fische flitzten an ihm vorbei oder hielten sich auf Parallelkurs. Der Richtungskompaß in seinem Tauchhelm ließ sich auf einen Leitton programmieren, der selbst einen Blinden noch sicher ans Ziel gesteuert hätte. Er hatte seinen Kurs sehr genau vorausberechnet und eingespeichert. Doch zum ersten Mal versagte die bewährte Orientierungshilfe. Ein Störfeuer von sich überlagernden Frequenzen deckte den Hauptimpuls zu. Krabbe ahnte die Zusammenhänge. „Spica, bitte melden. Spica, bitte melden“, keuchte er in das Kehlkopfmikrophon und ermahnte sich stumm, die Nerven zu bewahren. In U-27 hantierte die Gerufene vergebens an dem Schaltpult für Außenkommunikation. Sämtliche Übertragungs-Monitore spielten verrückt. Das Mädchen tippte mehrmals gegen die Mikrophonverschalung und sagte auf gut Glück: „Spica ruft Krabbe. Spica ruft Krabbe. Suche ohne Umweg Schutzbereich der nächstliegenden Rettungsboje auf. Over.“ Sie bekam keine Empfangsbestätigung. Die Flimmereffekte auf den Sichtschirmen hielten unvermindert an. Es sah aus wie Schneegestöber. Aber das kannten die Bewohner von Trident Village nur vom Hörensagen. Krabbe tauchte in den Lumineszenzkanal. In Holomascopdimensionen gewahrte er ähnliche Flimmereffekte wie Spica. Millionen Schwebstoffpartikel blitzten und flirrten durch den Lichttunnel der Unterwasserstraße. Ein Berührungselement schaltete die akustische Leitschiene aus. Bei dem Gepiepse und Pfeifen in den Kopfhörern wurde es Krabbe immer schwerer, sich auf die vorgegebene Richtung zu konzentrieren. Außerdem steckten ihm noch drei Schädelmuffen im Scheitelbein. Zum ersten Mal fiel dem geübten Schwimmer (er hatte einst als schwimmendes Wunderkind gegolten) die Beinarbeit mit den Profilflossen schwer. Er änderte die Ventileinstellung, um ein intensiveres Atemgemisch in die Lungen zu pumpen. Mit neuen Kräften schoß er im rechten Winkel aus dem Lichttunnel. Die nasse Dunkelheit schien sich an ihm festzusaugen. Ein paar Atemzüge lang entglitt ihm jedwedes Zeitgefühl. Wenn es Nacht ist, überlegte er, wird es über Wasser genau so dunkel wie hier unten sein. Dann aber … Er legte sich auf den Rücken und starrte angespannt nach oben. Endlich begann sich das schwarz verschleierte Grün ein wenig aufzuhellen. Doch der Schein trog. Mit einer kühnen Körperwendung wich er den langen Tentakeln aus, die gierig nach ihm griffen. Parallel zum Abwehrgürtel der fleischfressenden Pflanzen schwamm er weiter. „Ja, wedelt nur, wedelt nur“, redete er vor sich hin. „Um mich zu greifen, müßt ihr noch ein paar Meter wachsen.“ In der Hauptzentrale des Großen Betreuers meldete der Informator ungerührt: „Mutationsobjekt K_- wie kritisch, krank, kontaktfeindlich – passiert Absorberboje.“ Draco grinste böse. „Der entkommt uns nicht.“ In U-27 fragte Spica zum wiederholten Male ins Außenmikrophon: „Wo bist du, Krabbe?“ Doch die gesamte Raumbeschallung sank auf Null ab. Krabbe war von Spica abgeschnitten. Da er aber inständig hoffte, daß seine Sendefrequenz doch noch von irgend jemand empfangen würde, begann er im Weiterschwimmen laut zu reden: „Schwacher Sonnenlichteinbruch durch Zuchtalgenteppich … Das Wasser um mich herum wird zusehends klarer … Die Umweltverschmutzung beginnt in unseren Gehirnen, Leute … weil wir vor lauter Anpassung verwesen.“ „Großer Betreuer an Einsatzleiter. Mutationsobjekt K wird zur Disposition gestellt. Schlage Freigabe zur Befütterung vor.“ Der Informator meldete den Vorschlag als gespeichert. Aus dem Zentrallautsprecher hörte man Krabbe laut keuchen. Der Lungenautomat verzerrte seine Botschaft. „Krabbe an Großen Betreuer. Krabbe an Großen Betreuer … Denkversuch erfolgreich … Die große Verheißung, Verblendung, Verblödung ist entlarvt … Vom Homo Trident zum Wegwerfmenschen … Wegwerfmenschen … Wegwerfmenschen.“ Es hörte sich an, als ob der Schwimmer lachte. „Bei diesem Abweichler hilft nur noch Octobrachialgewalt“, knirschte Draco. Dann hob er seine Stimme: „An alle, an alle. Hier spricht der Große Betreuer. Wie unser Wissenschaftszentrum soeben bekanntgibt, handelt es sich bei dem Ausbruchversuch von K um keine freie Willensäußerung. Die Diagnose lautet: leichte Imunisierungsphase gegenüber Anpassungsdrogen. Indikationsbeschluß: Elektronischer Schnelltransfer von Aggressionshemmern wird ab sofort verdoppelt.“ Es folgte ein Umschaltgeräusch. „Draco an Einsatzleiter … Jagt ihn durch die Nahrungsschleuse in den Palast der Riesenhaie. Polizeitümmler frei!“ Man hatte Dracos Entscheidung Krabbe bewußt mithören lassen. Plötzlich spürte er das Kehlkopfmikrophon wie eine Würgehand an seinem Hals. Dennoch versuchte er mit lauter und deutlicher Stimme zu formulieren: „SOS an die Welt! Es ist mein freier Wille …! SOS an die Welt! Es ist mein freier Wille …! SOS an die …“ Der silbergraue Riesenschatten, der auf ihn zuschoß, raubte ihm den Atem. In der Hauptzentrale war bloß ein ersticktes Gurgeln zu hören. Dann das Luftblasensprudeln aus einem Atemschlauch. Nichts von Belang. „Informator an Großen Betreuer – Befütterung durchgeführt.“ „Sämtliche Personaldaten aus Computerterminal löschen“, ordnete Draco gutgelaunt an. Es vergingen genau fünf Sekunden. Dann wurde das Datenmaterial als gelöscht bestätigt. Alle Existenzspuren von K wie Krabbe waren damit getilgt. Alle? Sicherheitshalber gab Draco auch noch an die Schnelltransferüberwachung den Befehl, daß Khas persönliche Erinnerungswerte auch im Mutationsobjekt S wie Spica zu eliminieren seien. Gehorsam kletterte das Mädchen im kupferfarbenen Overall in seine Lernmaschine. Sie achtete darauf, daß die drei Leitelektroden über ihrem Scheitelbein sauber in die Buchsen der Helmeinheit einrasteten. Dann schloß sie den Kontakt zu ihrem Gehirnstrommesser. „Was assoziieren Sie mit dem Begriff Krabbe?“ hörte sie Draco eindringlich forschen. „Krab-be?“ „K wie kritisch, künstlich, kontra.“ In Spicas Kopf begannen Kaskaden zu rieseln. Ihre Muskeln zuckten. „Krabb-krabb“, stammelte sie. „Kribb-bel … krabbel … Krrr!“ Sie brach in Kichern aus. „Gehirnstrommesser zeigt keinerlei Emotionswerte mehr an. Gedächtnismoleküle erfolgreich blockiert. Abweichende Wunschziele korrigiert“, diagnostizierte der Informator. Seine Stimme hörte sich dabei fast menschlich an. Draco stimmte ein lautes Gelächter an. „Geschafft! Informationsbeschallung in allen Bootskörpern von Trident Village kann wieder auf Normalempfang geschaltet werden.“ Wenig später schallten gebieterisch die Synthesizer-Fanfaren durch alle sechsunddreißig Bootsbungalows. „Achtung, Achtung, Großer Betreuer an alle! Ihr hört jetzt den Witz des Tages.“ Nach einer eindrucksvollen Kunstpause zeigte er, was er unter Humor verstand: „Sagt doch jüngst ein Enzymbruder zu seiner Enzymschwester: Ich werde versuchen, selbständig denken zu lernen!“ „Selbständig denken lernen?“ scholl es aufgeregt in allen Booten durcheinander. Spica begann als erste zu lachen. Andere fielen ein. Draco schmunzelte. Über die Rückkopplung hörte er all die Frauen-, Männer- und Kinderstimmen zu einer hysterischen Lachorgie anschwellen, in die sich noch etwas zaghaft die ersten gutturalen Quaklaute mischten. Das Monument war wieder das, was es sein sollte: DAS MONUMENT DER HARMONIE! Ronald M. Hahn Die Stimme der Imagination Der Weltraum ist unendlich. Er ist dunkel. Der Weltraum ist neutral. Er ist kalt. Wenn die Kreativität nachläßt, dachte Stephan Gerber, ist es an der Zeit, eine Pause einzulegen. Er schob den Sessel ein wenig zurück, löste den Metallreif, der seinen Schädel umspannte, legte ihn auf das Armaturenbrett des Computers und versetzte den farbigen 3-D-Standfotos, die in einem Halter vor ihm aufgereiht waren, einen Stoß. Rotlippige und langbeinige Mädchen wirbelten durcheinander. Hartgesichtige Männer mit breiten Schultern fielen zu Boden. Das Summen der Maschinerie erstarb. Das Sternenschiff verging in einem Blitz. Das Universum implodierte. Es gab keinen Zweifel, er hatte einen BLOCK. Gerber warf einen Blick aus dem Panoramafenster, suchte die Hügel der Stadt nach Leben ab und entdeckte hauptsächlich Beton. Riesige Maulwurfshügel erhoben sich zu beiden Seiten des Tales. Er sah Stahl- und Glaspaläste, die Sendetürme der Phantasmagoria und der SensiTivideo, einen schwarzen Vogel zwischen den Wolkenkratzern, dünne Wölkchen am schmutziggrauen Himmel und vermutete, daß die Sonne auch heute beschlossen hatte, nicht zur Gänze aufzugehen. Na wenn schon. Vielleicht sollte er Die Sternenstürmer sowieso fahrenlassen. Weltraumgeschichten waren nicht sein Metier; das sollte er lieber Schenck oder Talliaferro oder Helmer überlassen. Und doch … Seitdem die Amerikaner ihre Titanstation aufgebaut hatten, war es schick geworden, an Abenteuern teilzunehmen, die auf fremden Welten spielten. Besonders die jungen Leute fuhren auf den Kosmos ab; man sprach sogar von einem leichten Rückgang der Drogentoten, seit der SensiFilm sich durchgesetzt hatte. Gerber nahm einen Schluck aus der Schnapsflasche, rülpste befriedigt, warf einen Upper ein und betätigte die EIN-Taste des Computers. Die silberne, walfischähnliche Außenhülle der Explorer 12 nahm auf dem Terminal wieder Gestalt an. Die Sterne leuchteten kalt. Jetzt ein Szenenwechsel. Er stellte sich einen mit schweren, roten Teppichen ausgelegten Innenraum vor. Archivspeicherung BCX 1124. Die Einrichtung war futuristisch. Archivspeicherung CBC 2413. Runde Bullaugen gaben den Blick auf das nachtschwarze Vakuum frei. Zack. Auf einem zebrafarbenen Ruhelager – Raummitte? An der Wand? (Die Wand war besser; der Teilnehmer konnte dann auch noch die Sterne sehen) – rekelte sich eine mit schwarzen Stiefeln bekleidete Brünette, deren rechte Hand gerade im Begriff war, den obersten Knopf ihrer enganliegenden blauen Uniformjacke zu öffnen. Ihr Blick war nicht lüstern genug. Gerber hielt die Szene per Knopfdruck auf dem Bildschirm fest und durchwühlte hastig die Akte mit den lasziven Brünetten. Ah, hier! Rita DeLano. Devra Fenriss wäre vielleicht auch nicht schlecht. Ihre Augen funkelten lüstern. Captain Joel Black … Er kriegte den verdammten Kerl nicht hin! Gerber fluchte, spitzte die Lippen und konzentrierte sich auf das Foto von Justin Greville. Greville war ein teurer Mann, und an den Foto-Sessions, die sein Manager veranstaltete, nahmen die Fantasten gleich scharenweise teil. Gerber hatte das Glück gehabt, Greville gleich zu Anfang seiner Karriere kennengelernt zu haben, in der Blüte seiner Jahre. Jetzt war sein Stern ein wenig ins Sinken geraten. Man munkelte von zuviel Alkohol und Drogen. Für die Heldenrolle in einem Weltraum-Epos war er aber noch lange gut genug. Besonders die Mitteldreißiger identifizierten sich mit ihm. Gerber prägte sich Grevilles Gesicht ein. Zack. Captain Joel Black materialisierte aus dem Nichts vor dem zebrafarbenen Ruhelager. Die Brünette öffnete die Jacke ihrer Uniform und ergriff seine Hand. In die Knie, Greville! Captain Black ging in die Knie. Er streichelte ihre … Aus! Aus! Unmöglich. Gerber packte den Flaschenhals. Der Blick der Brünetten erinnerte ihn an den eines Schafs. Das nahm ihm keiner ab. Niemand konnte sich in eine schafsblöde Brünette verlieben. Das würde weder Brombach noch den Realisatoren gefallen. Schafsblöde Brünette waren außerdem nicht mehr in. Jeder wußte das. Die Teilnehmer würden ihm das mit einem Knopfdruck quittieren. Und wenn die Einschaltquoten runtergingen … Also noch einmal. Gerber trank einen Schluck aus der Flasche, zündete sich eine Zigarette an und konzentrierte sich auf die starre Szene auf dem Bildschirm. Die Augen der Brünetten funkelten lüstern und – willig. Ja, das war richtig. Captain Joel Black lächelte gewinnend. Niemand konnte ihm widerstehen. Er dachte an die tentakelbewehrten Zehntkonditionierten, die das Imperium der Menschheit bedrohten, und wußte plötzlich, daß sie mit ihren finsteren Plänen zumindest so lange nicht zum Zuge kommen würden, wie er … Gerber bemerkte, daß er jetzt zwölf Stunden an diesem Gerät saß. Er war unkonzentriert. Die von Moorcock gestohlene Ansage widersprach dem Wohlgefühl, das die Teilnehmer spüren mußten, wenn sie den fertigen SensiFilm sahen. Er versetzte dem Computer einen Tritt und betrank sich bis zur Besinnungslosigkeit. DAS WETTER: FREUNDLICH Frühmorgens örtlich flacher Nebel, der sich rasch auflöst. Am Tag sonnig und trocken, Tageshöchsttemperaturen von 17 bis 20 Grad. Nachts klar und Abkühlung auf 6 Grad. Am Morgen, als Gerber aufwachte, spuckte er Blut. Auf dem Weg zum Bad rutschte er aus, fiel der Länge nach hin und riß dabei das Spülbecken aus der Wand. Ihm wurde übel. Seine Nerven vibrierten. Der Magen spielte nicht mehr mit. Gurgelnd erbrach er sich in die Toilette, wischte sich den Mund ab und riß zitternd das letzte Zigarettenpäckchen auf. Dann der allmorgendliche Griff zum Telefon. Brombach sagte „Ja?“ „Gerber“, sagte Gerber. „Herr Brombach, ich …“ „Ich habe nichts für Sie, Gerber“, sagte Brombach mit einer Stimme, die jedem Nachrichtensprecher zur Ehre gereicht hätte. In jedem einzelnen Ton schwang unendliches Bedauern mit. „Aber Sie wissen ja selbst, daß zur Zeit überall gewisse Einsparungen vorgenommen werden.“ Den Teufel weiß ich, dachte Gerber. Überall werden neue Serien geplant. Mit flacher Stimme sagte er: „Ich bin wieder völlig in Ordnung. Ich habe eine Menge neuer Ideen. Wirklich … Ich habe Sachen auf Lager, die die Einschaltquoten der anderen auf den Nullpunkt drücken werden. Haben Sie meine Exposes gelesen? SensiTivideo würde sich alle Finger danach lecken. Ich …“ Er hatte plötzlich den Eindruck, als würde Brombach ihm gar nicht richtig zuhören. Der Mann am anderen Ende der Leitung war kalt wie ein Fisch, war es immer gewesen, ein Bürokrat, wie er im Buche stand, eine Kreatur seines allmächtigen Chefs Taplinger, der ganz allein und nach eigenem Gutdünken darüber entschied, wer geheuert und wer gefeuert wurde. Gerber war mit Brombach noch nie klargekommen. Wieso war ihm das bis heute nur niemals aufgefallen? „Herr Gerber“, sagte Brombach, und Gerber hörte, wie der Mann am anderen Ende der Leitung tief Luft holte, „Sie wissen doch genau, daß ich keinen meiner Mitarbeiter hängen lassen würde, wenn es in meiner Macht stünde, etwas für ihn durchzusetzen. Ich kann aber nicht einfach über den Kopf der …“ „Wir haben mehr als fünf Dutzend Sendungen zusammen gemacht“, sagte Gerber in einem plötzlichen Aufwallen von Mut. „Ich habe zwei Serien für die Phantasmagoria produziert und einen Haufen fremder Stoffe bearbeitet. Sie können doch jetzt nicht so tun, als sei ich irgendein Zulieferer, der der Redaktion lediglich auf den Wecker gegangen ist.“ „Sie sind ein Zulieferer“, sagte Brombach und hüstelte. „Jedenfalls unter dem Gesichtspunkt, daß wir mit Hunderten von Fantasten zusammenarbeiten. Sie haben große Zeiten gehabt, Herr Gerber. Sie sollten sich an den Gedanken gewöhnen, daß es auch einmal weniger gute gibt. Man muß damit fertig werden.“ Gerber mußte husten. Seine Lungen schmerzten. Das Zimmer begann sich um ihn zu drehen. „Ich habe sogar wieder Strom.“ „Gut für Sie“, erwiderte Brombach. Er schien plötzlich ungeduldig zu werden. „Aber im Moment ist wirklich nichts zu machen. Ich würde Ihnen ja wirklich gern helfen, aber die Lage erfordert nun mal …“ Eine andere Stimme sagte plötzlich aus einiger Entfernung: „Herr Brombach, bitte zu Herrn Taplinger.“ „Oh“, machte Brombach. Die Überraschung war natürlich ebenso einstudiert wie jedes andere Wort, dessen er sich bediente, denn Gerber wußte genau, daß er die zweite Stimme per Tonband einspielte. „Ich habe leider keine Zeit mehr. Eine wichtige Konferenz. Rufen Sie mich doch ein anderes Mal wieder an. .,“ Klick. Gerber sagte kein Wort. Er legte den Hörer auf die Gabel, überlegte einen Moment, drückte die Zigarette in einem überquellenden Aschenbecher aus und wählte erneut. In seinem Bauch hockte ein eiskalter Klumpen, der sich immer weiter ausbreitete. Tüüüt – tüüüt – tüüüt! „SensiTivideo“, sagte eine Mädchenstimme. „Bitte?“ „Geben Sie mir den verantwortlichen Spielfilmredakteur“, sagte Gerber und nannte seinen Namen. „Bedaure“, sagte das Mädchen, „aber Dr. Junghans ist im Moment nicht im Hause. Können Sie in drei Tagen noch einmal anrufen?“ „Nein.“ Gerber spürte jetzt echte Wut. Er war nicht einmal sicher, ob er nicht mit einem Automaten sprach. „Geben Sie mir seinen Stellvertreter.“ Es summte in der Leitung. Dann: „Harras.“ Die Stimme war kalt und erinnerte Gerber an die Stimme, die Brombach benutzte, wenn er mit unmittelbaren Untergebenen sprach. „Was kann ich für Sie tun?“ „Mein Name ist Gerber“, wiederholte Gerber. „Stephan Gerber. Ich habe für Brombach von der Phantasmagoria gearbeitet. Zwanzig Stücke pro Jahr. Harte Sachen. Action, verstehen Sie?“ „Na und?“ fragte Harras. Ihn schien das nicht im geringsten zu beeindrucken. „Ich habe keine Lust mehr“, sagte Gerber. „Ich will jetzt mal was anderes machen.“ „Na schön“, sagte Harras. „Was können Sie denn? Haben Sie schon mal Werbetexte geschrieben?“ „Werbetexte?“ Gerber schüttelte verwirrt den Kopf. „Ich bin kein Autor, sondern Fantast. Ich habe Blondie gemacht, und Peitschen-Ladys …“ Er wollte Luft holen, um seine weiteren Shows aufzuzählen, aber Harras kam ihm zuvor. „Action-Fantasten haben wir genug.“ Er schwieg für eine kleine Weile und sagte dann plötzlich: „Sagen Sie mal, sind Sie der Gerber?“ „Der Gerber?“ fragte Gerber zurück. „Was meinen Sie damit?“ „Der Gerber mit den Horrorstücken?“ Ehe Gerber etwas sagen konnte, fuhr Harras fort: „Sie sind doch fertig, Mann. Ich dachte, Sie seien längst tot. Können Sie überhaupt noch einen Computer bedienen?“ Klick. Diesmal war es Gerber gewesen, der aufgelegt hatte. Er zitterte und schüttelte sich. Er sollte fertig sein? Hatte ein Mann seiner Reputation es nötig, sich von diesem jungen Hüpfer abkanzeln zu lassen? Er hatte LeFanus Carmilla, Maupassants Horla, Lovecrafts Außenseiter und Jeschkes Die Anderen gemacht. Er hatte Blondie und die Peitschen-Ladys selbst konzipiert. Er hatte … SensiTivideo war seine letzte Hoffnung gewesen. Ein Mann seines Rufes verschenkte sich nicht an die kleinen Stationen. Er stand einen Moment lang da, starrte vor sich hin und kratzte sich hinter dem linken Ohr. Oh, er war noch lange nicht fertig! Das Durstgefühl ignorierend, ging er ins Badezimmer zurück, wusch sich, schlüpfte in die Kleider – Relikte erfolgreicherer Zeiten – und brühte sich einen Kaffee auf. Es war Ersatzkaffee, weil die Tantiemen jetzt nur noch tröpfchenweise flossen und die Einkünfte des letzten Halbjahres gleich Null gewesen waren. Bei der Phantasmagoria – also Brombach und Taplinger – stand er mit siebenundachtzig Stücken zu Buche, bei der Hardcore mit zweiundsechzig Füllern, die er unter Pseudonym fabriziert hatte. Aber die Hardcore setzte nichts mehr ab. Sie war wirklich fertig. Er hatte einer Verramschung seiner Stücke an mehrere kleinere Sender zustimmen müssen, um überhaupt etwas Geld zu sehen. Die Hardcore hatte die Zeichen der Zeit nicht rechtzeitig erkannt und die neuen SensiFilme für einen Flop gehalten. Aber sie hatten sich durchgesetzt, ungeachtet der kleinen Operation, der sich jeder Teilnehmer unterziehen mußte, um empfangsbereit zu werden. Man schaute nicht mehr hin, sondern nahm teil. Gerber hatte den Absprung zum SensiFilm rechtzeitig geschafft. Und nun brauchten sie ihn nicht mehr; jetzt, wo er ihnen seine besten Ideen für ein Butterbrot verkauft hatte. Er warf einen Blick in die Programmzeitschrift und studierte die Titel, die die Phantasmagoria heute ausstrahlte. Es waren eine Menge bekannter Fantasten dabei: Hornberg, Talliaferro, Zorn und Schenck. Und sie gingen immer noch nach dem gleichen Strickmuster vor: Jeden Abend eine Orgie frei Haus, mitten im Wohnzimmer, und man konnte sich darum herum setzen und das Gefühl genießen, dabeigewesen zu sein. Gerber schlüpfte in die Pelzjacke, fuhr mit dem Lift hinunter und zwang sich an dem uniformierten Hausmeister vorbei, der bereits wieder den fragenden Blick nach der ausstehenden Miete aufsetzte. Glücklicherweise konnte er ihm entwischen. Für die meisten Bewohner des Wupperzentrums war er immer noch ein Angehöriger der Upper Ten. Natürlich sprach ihn niemand an. Es war kalt draußen, trotz des relativ positiven Wetterberichts. Gerber ging an den Fluß hinunter, aus dem heiße Dampfschwaden aufstiegen, und beobachtete einige ärmlich gekleidete Kinder, die versuchten, sich in der Nähe der aufsteigenden Hitzewellen die Hände zu wärmen. Auf den Heizungsrohren, die an der Wupper entlangliefen, saßen ein paar Penner, ließen eine Wermutflasche kreisen und grölten ihm aus der Ferne etwas zu. „Herr Gerber?“ Ein dünner Mann stand plötzlich neben ihm, zückte eine grüne Ausweiskarte und sagte: „Womit bestreiten Sie Ihren Lebensunterhalt?“ Gerber starrte ihn an. Der Mann sah ungesund aus, aber das Flackern seiner Augen deutete darauf hin, daß er sich ziemlich stark fühlte. Mit trotzig vorgeschobenem Kinn erwiderte er: „Ich wüßte nicht, was Sie das anginge.“ Er wollte weitergehen, aber der andere hielt ihn am Ärmel fest. „Haben Sie meine Karte nicht gesehen?“ fragte er. „Soll ich Sie Ihnen noch einmal zeigen?“ Er begann in der Manteltasche herumzukramen. „Hauen Sie ab“, sagte Gerber. „Ihre Karte interessiert mich nicht. Verschwinden Sie.“ „Halt, stop!“ rief der Mann und rannte hinter ihm her. „Ich habe das Recht, danach zu fragen. Ich vertrete die Mietgebühren-Eintreibungsgesellschaft. Sie wissen genau, daß Sie dazu verpflichtet sind, dem Hauseigentümer Auskunft über Ihre wirtschaftlichen Verhältnisse zu geben, wenn Sie mit der Miete im Rück …“ „Sie sind nicht mein Hauseigentümer“, sagte Gerber. „Und jetzt lassen Sie mich in Ruhe.“ Er nahm, ohne den anderen weiter zu beachten, seinen Schritt wieder auf. „Herr Sanders“, sagte der Fremde und blieb an Gerbers Seite, „hat einen Vertrag mit unserer Gesellschaft abgeschlossen. Wir sind dazu verpflichtet …“ Gerber holte aus und versetzte dem Mann einen Schlag auf die Nase. Der Dünne kippte um, verlor das Gleichgewicht und stürzte über die kaum vierzig Zentimeter hohe Umzäunungsmauer in die Wupper. Es klatschte laut. Erschreckt sah Gerber sich um und überquerte die Straße. Den ganzen Morgen über hatte Christian im Wartezimmer des Freiwilligenmeldebüros verbracht. Er war aufgeregt und ängstlich, gleichzeitig aber bestrebt, seine Mitbewerber nichts von der Löchrigkeit seines Nervenkostüms merken zu lassen. Es kostete ihn einige Kraft, den unbeteiligten Gesichtsausdruck beizubehalten, wenn er in die Gesichter der anderen sah. Es waren sieben außer ihm, die heute gekommen waren, um sich die Testergebnisse abzuholen. Drei waren bereits wieder gegangen; einer davon mit zusammengebissenen Zähnen, als wolle er damit ausdrücken, er habe von Anfang an gewußt, daß man seine Qualitäten nicht richtig werde einschätzen können. Die beiden anderen – drahtige junge Burschen, denen man die sportliche Betätigung auf den ersten Blick ansah – schienen außerordentlich zufrieden mit ihren Bewertungsbogen gewesen zu sein. Ein Hauptfeldwebel hatte sie sofort in Empfang genommen. Wahrscheinlich befanden sie sich jetzt schon auf dem Weg in die Grundausbildung. Ein neuer Kandidat wurde aufgerufen. Christian musterte die beiden Männer, die nach ihm an der Reihe waren, und versuchte sich vorzustellen, was sie jetzt wohl dachten. Einer von ihnen, ein braungebrannter Bursche, dem das Selbstvertrauen förmlich aus den Augen sprang, musterte ihn mit einem abschätzenden Blick. Christian wurde sich erschreckt seiner ungeputzten Schuhe bewußt. Der Blick des anderen wanderte jedoch weiter, als hätte er nichts wahrgenommen und blieb schließlich auf dem dritten Mann haften, der in einer merkwürdig starren Haltung unter dem Plakat saß, das ihnen versprach, sie würden in der Welt herumkommen, sollten sie sich dazu entschließen, Soldat zu werden. Der Blick des hochgeschossenen Blondschopfs ging in die Leere, und die Art wie er die Finger der rechten Hand auf dem Armbandsteuergerät des linken Unterarms ruhen ließ, deutete darauf hin, daß er sich – ungeachtet der Umgebung – einen SensiFilm ansah. Christian schüttelte unmerklich den Kopf, zog eine Programmzeitschrift aus dem rechts neben ihm stehenden Ständer und schlug die Seite auf, die das heutige Programm anzeigte. Er verzog enttäuscht die Lippen, als er feststellte, daß gerade in diesem Moment auf Kanal eins eine neue Folge von Das Combat-Team lief. Der Blonde war als letzter gekommen, also hatte er noch genügend Zeit, um diese Episode voll mitzubekommen. Christian ließ die Programmzeitschrift sinken. Er wäre dem Beispiel des anderen gerne gefolgt, aber die Zeit drängte, bald würde man ihn hereinrufen – und außerdem wußte man niemals, ob es nicht noch einen ultimativen Test gab, der hier im Wartezimmer stattfand. Wer garantierte ihm, daß man ihn und die anderen nicht durch ein verstecktes Kameraobjektiv beobachtete, um zu erfahren, wer in Wartepositionen dazu neigte, unaufmerksam zu werden? Die Tür öffnete sich, und der Mann, der vor Christian hineingegangen war, kam heraus. Er schwenkte fröhlich ein beschriebenes Papier und signalisierte mit einem idiotischen Grinsen, daß man ihn akzeptiert hatte. Christian spürte, daß seine Nerven zu flattern begannen. Für ihn ging es um alles oder nichts. Um festes Einkommen oder Sozialamt. Seine Kehle war wie ausgedörrt. „Herr Christian bitte“, sagte eine gelangweilt klingende Stimme. Christian stand auf. Für ihn stand alles auf dem Spiel. Er hatte zuerst die Schule und dann die Lehre abgebrochen. Er wollte kein Maurer sein, sondern an Dingen teilnehmen, deren Erledigung nach echten Männern verlangte. Als er das Büro betrat, in das Gesicht des verdorrten Beamten sah, der geschäftig einen Papierstapel von einer Schreibtischecke in die andere schob, und den Hämmern seiner Schläfen lauschte, war er überzeugt davon, daß man ihm seine Angst ansehen konnte. Das vergilbte Plakat verhieß: NEHMEN SIE TEIL STEHEN SIE NICHT ABSEITS DAS NEUE SENSIFILM-SYSTEM … Der Rest fehlte, aber Gerber wußte auch so, was man den Teilnehmern versprochen hatte. Er verharrte einen Augenblick, tastete nach Zigaretten, stellte fest, daß er sie zu Hause vergessen hatte, und dachte: Und jetzt? In seinem Unterbewußtsein tauchte die nebelhafte Erinnerung an eine Kneipe auf, in der er vor seiner steilen Karriere einige lustige Abende verbracht hatte. Er war nicht mehr dazu gekommen, sie aufzusuchen; hatte stets Arbeitsüberlastung vorgetäuscht, um nicht mehr dort hingehen zu müssen, selbst wenn alte Freunde ihn einluden. Er schämte sich, als er daran dachte, wie sehr er sich geniert hatte, mit denen zusammenzutreffen, deren Interesse über ein paar abendliche Bierchen und eine Knobelrunde nicht hinausging. Als Phantasmagoria seine erste Produktion gesendet hatte, war er noch einmal dagewesen. Die wenigsten schienen seinen Film gesehen zu haben; und wenn doch, wollten sie nicht darüber sprechen. Gerber hatte den Eindruck gehabt, daß er sie mit Blondie genau dort gepackt hatte, wo sie nicht gepackt werden wollten: an ihren Schwänzen. Die Einschaltquoten hatten eindeutig belegt, daß der Streifen angekommen war; es hatte sogar sieben Wiederholungen gegeben. Aber darüber sprechen hatte niemand mit ihm gewollt. Er bog in eine öde Gasse ein, blickte sich um und stellte aufatmend fest, daß ihm niemand folgte. Dies hier war eine reine Glasscherbengegend, und normalerweise hätte er sich nicht so weit aus dem Stadtkern herausgetraut, aber der aufdringliche Bursche von der Mieteintreibungsgesellschaft hatte nach dem Sturz in die Wupper keinen Laut mehr von sich gegeben. Ob er ertrunken war? Quatsch. Das Wasser war kaum mehr als einen halben Meter tief. Eher war er verbrüht worden. Aber geschah das, ohne daß man vor Schmerzen aufschrie? Gerbers Zähne schlugen hart aufeinander. Er machte zehn Schritte nach links, dann sah er das Leuchten hinter den Scheiben der kleinen Kneipe. Es gab sie also immer noch. Als er eintrat, drehte sich niemand nach ihm um. Vier oder fünf übernächtigt wirkende Männer standen an der Theke und knobelten. Ein schlankes Mädchen mit kurzgeschnittenem Haar zapfte gerade ein Pils. An einem der Tische saß ein Pärchen, bei dessen Anblick Gerber nicht sicher war, ob nicht zumindest sie in der horizontalen Branche tätig war. Der Junge, der neben ihr saß und mindestens eine Hand unter ihrem Rock hatte, schien sturzbetrunken zu sein. Er wurde wortlos bedient, stürzte ein großes Bier hinunter und verlangte ein neues. Die Knobelbrüder sahen kurz auf. Kein bekanntes Gesicht. Gerber wollte das Mädchen am Zapfhahn nach einigen Bekannten fragen, unterließ es dann aber doch. Er trank das zweite Bier mit Genuß und spürte, wie ihm kalter Schweiß ausbrach. In seinem Schädel begann es zu ticken. „Ich hätte gern noch ein Bier“, sagte er zu dem Mädchen und fügte, als er ihren mürrischen Blick auf sich gerichtet fühlte, hinzu: „Wenn es Ihnen nichts ausmacht.“ Es mußte jetzt kurz nach eins sein. Gerber fischte in seinen Taschen nach einem Fünfmarkstück und zog sich eine Schachtel Zigaretten. Der blaue Dunst richtete ihn ein wenig auf, und es gelang ihm, den einen oder anderen klaren Gedanken zu fassen. „Spielste einen mit?“ fragte einer der Knobler. Gerber winkte ab und bestellte sich statt dessen noch einen halben Liter. Allmählich wurde er wach. Die Schmerzen in Magen und Brust verschwanden. Seine Sinne waren einerseits hochkonzentriert, andererseits vernahm er die Stimmen der Umstehenden wie durch einen Wattebausch. Schade, daß Martin nicht hier war. Mit ihm hatte man sich ausgezeichnet unterhalten können. Nächtelang und sturzbesoffen. Irgendwann spürte Gerber einen stechenden Schmerz in der Hüfte. Jemand hatte ihn angerempelt. Die erste Reaktion, die er empfand, bestand aus heißer Wut, aber er beherrschte sich, weil er ohnehin nur den kürzeren gezogen hätte. Der Betrunkene, der gegen ihn gestürzt war, murmelte etwas und verschwand auf der Toilette. Ich sollte jetzt besser aufhören, dachte Gerber in einem lichten Moment und fragte sich, ob er überhaupt noch genügend Geld hatte, um seine Zeche zu bezahlen. Ich sollte von hier verschwinden und irgend jemanden besuchen, der bei mir in der Kreide steht. Er dachte eine Weile darüber nach und kam zu dem Schluß, daß er das besser nicht tun sollte. Ihm Fiel niemand ein, bei dem er nicht in der Kreide stand. Eine Stunde später, als er von der Toilette kam und die Treppenstufen vor seinen Augen anfingen sich zu verbiegen, wurde ihm klar, daß er nirgendwo mehr hingehen konnte; jedenfalls nicht in diesem Zustand. Er verlangte noch ein Bier, dann noch eins, suchte mit getrübtem Blick (und zum siebenten Mal) nach den Zigaretten und fand das Päckchen zu seiner Überraschung leer. Die Knobler waren aufgebrochen und durch andere ersetzt worden; der Betrunkene, der sich an der Frau zu schaffen gemacht hatte, schlief selig auf seinem Stuhl. Erst jetzt fiel Gerber auf, wie laut die Musik inzwischen geworden war. Mehrere grell geschminkte Frauen hatten auf den Barhockern Platz genommen und unterhielten sich mit einigen jungen Burschen, die offenbar auf Zahltagspatrouille waren und denen das Geld in der Tasche juckte. Verdammt, das Geld! Gerber murmelte „Zahlen!“ und griff in die Außentaschen seiner Pelzjacke. Als seine Finger sich um einen Schein schlossen, kam die ganze Theke plötzlich auf ihn zu und störte seine Balance. Die Frauen kreischten, als er unerwartet vornüber schoß, fünf volle Biergläser vom Tresen fegte, einer falschen Rothaarigen die Perücke vom Kopf riß und in einem Scherbenmeer zu Boden sank. Er mußte außerdem mit der Rechten gegen das Armbandsteuergerät gestoßen sein, denn im gleichen Moment erschien vor seinem inneren Auge das makellos glatte Gesicht des Nachrichtensprechers von Kanal eins und sagte: „… gesucht wird in diesem Zusammenhang der offenbar geistesgestörte ehemalige Fantast Stephan Gerber aus Wuppertal, der …“ Umfange mich, Nacht, dachte Gerber. Das letzte, was er fühlte, war die Spitze eines Stiefels, die gegen seine Rippen stieß. Hirschmann kam nach Hause, legte die Aktentasche korrekt am dafür vorgesehenen Platz im Korridor ab und ging sofort ins Wohnzimmer. Seine Frau rumorte in der Küche; offenbar bereitete sie für die Kinder das Abendbrot zu. Für ihn würde es nichts geben, aber Hirschmann hatte sowieso keinen Hunger. Er haßte seine Frau, und sie haßte ihn – zumindest liebte sie ihn nicht mehr. Die Scheidung lief, man unterhielt sich bereits seit Wochen nur noch über das Allernötigste. Das Wohnzimmer war sein Bereich, und dementsprechend sah es auch aus. Hirschmann warf einen mißbilligenden Blick auf das ungemachte Bett und die traurig die Köpfe hängen lassenden Topfblumen und zog das Jackett aus. Er hatte einen harten Tag in der Bank gehabt. Jetzt wollte er seine Ruhe haben. Er dachte an die kleine Groß von Kasse 5 und hatte sofort eine Erektion. Er stellte sich vor, daß sie ihn besuchen würde, sich auf dem Sofa ausbreitete und … Das Summzeichen unterbrach den Gedankengang. Hirschmann sah auf die Uhr, schloß die Wohnzimmertür hinter sich ab und warf sich auf das ungemachte Bett. Sein Körper versteifte sich, sein Blick wurde leer, seine Atemzüge flacher. In seinem Kopf breitete sich ein weißes Licht aus, erfüllte ihn, wurde zu einem langsam größer werdenden Schriftzug, und er las: SensiTivideo Die Ansage interessierte ihn nicht, denn er wußte, was nun kommen würde. Fanfaren erklangen, ein Farbwirbel wogte durch seine Sinne, und dann war er drin. Die Sache war klar. Die Papiere gaben ihm den letzten Beweis. Charnock versuchte zwar ihn abzuwiegeln, aber da war er gerade an den Richtigen gekommen. „Sie sind ein Narr“, sagte Hirschmann – oder McClintock, wie er jetzt hieß – zu dem schwabbeligen Mann, der die amerikanische Regierung in Peru vertrat. „Sie sind ganz genau der gottverdammte Narr, für den ich Sie schon immer gehalten habe.“ Er ignorierte den entsetzten Blick des Botschafters, klopfte auf die Luger, die in einem Halfter an seiner linken Schulter hing, und fügte hinzu: „Wenn Ihnen die Beweise nicht reichen – mir reichen Sie. Und ich werde jetzt handeln.“ Charnocks Kinn zitterte, aber die dralle Blondine, die den Part seiner Sekretärin spielte, warf McClintock einen bewundernden Blick aus strahlend blauen Augen zu. McClintock – schon sein Name strahlte Härte aus – schob das Kinn vor und warf ihr seine Karte hin. „Ich habe heute abend noch nichts Besseres vor, Kindchen. Wenn Sie glauben, es mal versuchen zu müssen …“ Er ließ Charnock einfach stehen und fuhr mit dem Lift hinunter. Die Luft war heiß, und die Palmen spendeten nur wenig Schatten. McClintock/Hirschmann steuerte auf seinen Maserati zu und schwang sich hinter das Steuer. Er würde den Putsch verhindern – um jeden Preis. Wenn Rodriguez an die Macht kam, würde das der Anfang vom Ende sein. Der Bursche würde den Roten Tür und Tor öffnen. Die amerikanischen Interessen standen auf dem Spiel. Es gab nur eines: Er mußte wissen, ob McClintock sich im Besitz der Papiere befand, die ihn zu Fall bringen würden., Wenn er weiß, was wir wissen’, dachte er, ‚wird er sich überlegen, wie weit er in Zukunft das Maul aufreißt’. McClintock raste mit Vollgas über die Strandpromenade. Der Fahrtwind spielte mit seinem Haar, und er musterte sich sekundenlang im Rückspiegel. Was er sah, gefiel ihm: Er war ein breitschultriger Mann von dreißig Jahren mit schwarzem Haar, einem verwegenen Schnurrbart und einem viereckigen Kinn. Seine Augen konnte er nicht sehen, da sie von den dunklen Gläsern einer großen Sonnenbrille verborgen wurden. Aber irgendwann würde er sie abnehmen und in einen Spiegel sehen, dann war auch dieses Geheimnis gelüftet. Als Hirschmann/McClintock in die erste Kurve einbog, erklang ein Schuß, dem gleich darauf das Geräusch eines platzenden Reifens folgte. Der Maserati schlingerte; die Pneus heulten. McClintock warf sich mit aller Kraft gegen die Lenkstange und brachte den Steuermechanismus des Wagens in seine Gewalt. ‚Hunde!’ dachte er, als der Wagen sich wie eine Kaffeemühle drehte. ‚Damit kommt ihr mir nicht davon!’ Die Karussellfahrt endete. Hinter ihm staute sich der Verkehr, aber McClintock achtete nicht darauf. Die Brise, die vom Meer her kam, ließ sein Jackett aufklappen. Schon hatte er die Luger in der Hand. Den ersten der beiden flüchtenden Terroristen erledigte er mit einem Schuß. Der andere warf sich auf den Boden der Straße, kam direkt neben einem weißen Mercedes zu liegen und eröffnete das Feuer aus einer Maschinenpistole. ,Mit mir nicht, Junge’, dachte Hirschmann/McClintock und legte in aller Seelenruhe an. Es krachte zweimal, dann wälzte der Attentäter sich in seinem Blut. Als Gerber erwachte, hatte er das Gefühl, Scheiße gegessen zu haben. Er öffnete die Augen und erwartete seinen sofortigen Tod. Er sah eine holzgetäfelte Decke, Seidenvorhänge, die sich im Wind bewegten, Wände, an denen unzweifelhaft alte Meister hingen, und das Gesicht eines Mannes, der ihm bekannt vorkam. Seltsamerweise verspürte er keine Schmerzen. Er hatte nicht einmal einen Kater. Der Mann beugte sich über ihn, musterte ihn kurz und sagte dann: „Er ist jetzt wach.“ Gerber hustete trocken und setzte sich auf. Er hatte erwartet, sich in einer engen und schmutzigen kleinen Zelle auf irgendeinem Polizeirevier wiederzufinden; statt dessen befand er sich – ja, wo eigentlich? Es befand sich noch ein zweiter Mann im Raum. Und den kannte Gerber ganz sicher. Nicht persönlich, aber aus dem Programm von SensiTivideo. „Ich bin Roderich Brand“, sagte der zweite Mann und ließ sich in einen Sessel fallen, „und – wie Sie vielleicht wissen – kein Freund langer Reden, Herr Gerber. Um es kurz zu machen: Ich biete Ihnen einen Job an.“ Gerber mußte lachen. Als er sich wieder beruhigt hatte, erwiderte er: „Das glaub’ ich ihnen nicht.“ Brands Mundwinkel zuckten amüsiert. Er war ein Mann in den Sechzigern, mit eisgrauem Haar und feingeschnittenen Zügen. Seine grauen Augen musterten Gerber eindringlich, während seine Finger auf der Platte eines Mahagonitisches einen unrhythmischen Takt klopften. „Es wird Ihnen nichts anderes übrigbleiben. Sehen Sie her.“ Er warf Gerber ein kleines Stück Papier zu. Ein Scheck. Gerber fing ihn geschickt auf und las die Summe, die darauf stand. Zweihunderttausend Mark. Unterschrieben von Roderich Brand. Im Auftrag der SensiTivideo. „Sie haben gestern versucht, mit dem Redakteur unserer Spielfilmabteilung Kontakt aufzunehmen“, sagte Brand, „und gerieten dabei leider an einen Mann, der …“ – er schürzte die Lippen – „… nun nicht mehr länger bei uns beschäftigt ist. Tut mir leid, daß das passieren mußte, Herr Gerber, aber …“ Er zuckte bedauernd die Schultern. „Ich habe Blondie gesehen. Und Die Peitschen-Ladys. Die Serien waren nicht übel. So ähnlich stelle ich mir zukünftige Programme der SensiTivideo vor.“ Gerber schwang die Beine über den Bettrand, stand auf und sagte: „Einen Moment mal. Wo bin ich hier überhaupt? Wie komme ich hierher? Was …“ „Sie sind im Hotel Esplanade. Es gehört mir. Sie kamen hierher, weil einer unserer Leute sie hierhergebracht hat.“ „Sie meinen … Jemand hat mich aufgelesen?“ „Ein Nachrichtenteam der SensiTivideo war gerade in der Nähe, als Sie von diesen Trunkenbolden überfallen und zusammengeschlagen wurden.“ Wußte Brand wirklich nicht, was geschehen war, oder log er ihn an? Wollte er ihm lediglich eine Brücke bauen? Gerber sah noch einmal unkonzentriert auf den Scheck. Dieser Harras hatte recht gehabt. Er war fertig. Jeder in der Branche wußte das. Er war ausgebrannt, leer, bekam nichts mehr hin. Die Figuren, die er erfand, verschwammen vor den Augen der Teilnehmer, wenn sie nur … Es war unmöglich, daß Brand davon nichts gehört hatte. Gerber setzte sich auf die Tischkante und sagte: „Lassen Sie uns Klartext reden, Herr Brand. Sie brauchen mich vielleicht, aber … aber doch sicher nicht als Fantast.“ Seine Stimme brach beinahe, als er die letzten Worte aussprach. Brand kniff unbehaglich die Lippen zusammen und schickte den anderen Mann hinaus. Als er gegangen war, beugte Brand sich vor und sagte: „Was ich über Ihre Produktionen gesagt habe, entspricht der Wahrheit. Ich …“ „Kommen Sie zur Sache“, sagte Gerber heiser. Er sehnte sich nach einer Zahnbürste und anschließend nach einer Zigarette. „Wenn Sie als Fantast bei uns arbeiten wollen – oder als Realisator –, stehen Ihnen bei der SensiTivideo alle Türen offen, aber … offen gestanden, würde ich Sie lieber in einer anderen Funktion sehen.“ Brand sah ihn offen an. „Und in welcher?“ Gerber dachte an den Scheck, und ihm fiel ein, daß man von ihm vielleicht einen Mord verlangte. „Als Mann zur besonderen Verwendung“, erwiderte Brand. „Als Betreuer unserer Fantasten vielleicht oder als Koordinator verschiedener Serien. Als Unterhändler …“ Gerber wurde hellhörig. Geschickt, wie man die Funktion, die man für ihn bereithielt, in einer Reihe anderer verpackt hatte. „Das letzte würde mich besonders interessieren“, sagte Gerber. „Wie würde mein Funktionsbereich dort aussehen?“ Brand sah ihm in die Augen und sagte: „Sie würden Verhandlungen führen.“ „Mit wem?“ „Nun … zum Beispiel mit der Phantasmagona.“ Das war es also. Warum auch nicht? Immerhin kannte er den ganzen Laden aus dem Effeff. Vielleicht sollte er auch ehemalige Kollegen abwerben? Konzepte stehlen lassen? Den Phantasmagoria-Fantasten miese Konzepte eintrichtern? Für einen guten Mann gab es in dieser Beziehung eine Menge zu tun. Er hatte immer noch Beziehungen genug, die er ausbauen, und abgelaufene, die er wieder aufpolieren konnte. Und das Gehalt … Gerber wedelte mit dem Scheck, und Brand sagte sofort: „Das ist natürlich nur für das erste Halbjahr.“ „Was“, sagte Gerber, dem erst jetzt richtig zu Bewußtsein kam, daß Brand ihn für einen Dreckskerl und käuflichen Verräter hielt, „muß ich konkret für dieses Geld hier tun?“ Die Antwort ließ ihn beinahe wanken. „Sie sollen die Fusionsverhandlungen zwischen der SensiTivideo und der Phantasmagona führen, weil wir von Ihnen ganz sicher wissen, daß Sie niemand bestochen hat.“ Gerber setzte sich auf das Bett zurück. Er hatte alles erwartet, aber nicht das. Christian war wie benommen, als er auf der Rolltreppe stand, sich aus der von wimmelndem Leben erfüllten Unterführung heraustragen ließ und die kalte Luft der Oberfläche auf seiner Haut spürte. Er hatte keinen Blick für die kichernden Mädchen, die vor der auf Massenabfertigung spezialisierten Imbißstube standen und lässig die lederbezogenen Sättel der Motorräder betätschelten, die irgendwelchen anonymen Rockern gehörten. Er sah weder die mit Einkaufstaschen beladenen Hausfrauen, die geschäftig hin und her eilten, noch den schmutzigen Tramp, den irgendein ihm unbekanntes Schicksal aus der Bahn geworfen hatte und der nun vor dem Schwebebahnhof um milde Gaben bettelte. Den ältlichen Polizisten, der stolz seine im Ölkrieg erworbenen Orden zur Schau trug, ignorierte er bewußt, denn das erinnerte ihn daran, daß er versagt hatte. Er blieb am Ende der Rolltreppe stehen, lauschte dem Quietschen der verborgenen Antriebsmaschinerie und dachte nach. Sie hatten ihn nicht genommen, na gut. Aber das Allerschlimmste war, daß er sich zu Tränen hatte hinreißen lassen. Was mochten die beiden im Wartezimmer von ihm gehalten haben? Ob er für sie nun eine Memme war? Der Mann, der ihm den Ablehnungsbescheid überreichte, hatte auf Christian den Eindruck hinterlassen, als fühle er sich in seiner eigenen Haut nicht wohl, aber wahrscheinlich mußte das so sein. Es gab ja Psychologen, die Programme ausarbeiteten, die jeden Delinquenten glauben machen sollten, alle seien ausnahmslos auf seiner Seite. Aber letztlich entschieden eben doch die Oberen, und dann gäbe es ja noch die Sachzwänge … Christian las viel, aber das hatte offenbar nicht genügt. Der Mann hatte ihm mitgeteilt, daß sein Intelligenzquotient mit einhundertzehn zu niedrig läge, und ihn dabei mit einem derart bedauernden Blick angesehen, als sei das gleichbedeutend mit mildem Schwachsinn. Natürlich wisse man seine Einsatzfreudigkeit zu schätzen, aber solange ein derartiges Überangebot an Abiturienten bestünde … das könne er doch sicher verstehen. Gerade in heutigen Zeiten sei es außerordentlich wichtig, eine Armee zu haben, die nicht nur schlagkräftig sei, sondern … Er möge bitte entschuldigen, aber die Elektronik werde ja auch immer komplizierter und Offizier werden könne man kaum noch ohne Ingenieursausbildung. „Das ist ja alles schön und gut, die mögen ja von ihrem Standpunkt aus recht haben“, murmelte Christian vor sich hin, „aber was wird nun in Zukunft aus mir?“ Hättest eben die Lehre nicht abbrechen sollen. Jetzt mußte sehen, wo du bleibst. Erst jetzt spürte er, wie hungrig er war. Den ganzen Tag hatte er sich treiben lassen. Er dachte an seine Eltern, die jetzt zu Hause saßen und auf die frohe Botschaft warteten. Christians Vater ging seit sechs Jahren stempeln. Eins der Motorradmädchen lächelte ihm zu und deutete mit einer für ihn obszön wirkenden Zungenbewegung an, daß sie nicht abgeneigt war, mit ihm nähere Bekanntschaft zu schließen. Christian errötete, steckte beide Hände in die Hosentaschen und ging wie jemand nach Hause, den man ein Messer in den Rücken gestoßen hat. Devra Fenriss liegt ausgestreckt auf einem Bärenfell und hat den Blick gegen die Decke gerichtet. Ihre Blauaugen sind gläsern. Eine hellblonde Locke ist ihr über die makellos glatte Stirn gefallen und berührt sanft die langen, seidigschwarzen Wimpern. Ihr Mund ist halb geöffnet. Wäre jemand da, könnte er die perlweißen Zähne und die rosige Spitze ihrer Zunge sehen, die sich hin und wieder zwischen ihre Lippen schiebt. Sie liegt äußerlich entspannt da – und doch tobt es in ihrem Inneren. Ihr Geist ist weit fort, seit zweiundachtzig Minuten schon, lebt in einer alternativen Zeitzone und ist gefangen im Körper einer jungen Frau, die, ein gebogenes, doppelschneidiges Schwert in der Hand, durch eine staubbedeckte Landschaft schreitet. Zwei Monde sind am Himmel. Zerklüftete Bergrücken erheben sich im Hintergrund. Kakteen, sieben Meter hoch, säumen ihren Weg. Hinter ihr, geführt an einem ledernen Zügel: ein grüngeschuppter Drache mit gestutzten Flügeln. Die rote Sonne, ein ersterbender Ball, gibt nur wenig Wärme ab. Devra Fenriss sieht Die letzten Tage der Menschheit von Gilbert Palland in einer adaptierten Version von Thomas Zorn. Aber auch das stimmt nicht ganz, denn sie sieht Aline und ist sie gleichzeitig. Aline, die Amazone, gerade aus den schmutzigen Folterkellern der äonenalten Stadt Zanthor entronnen, auf dem Weg nach Norden, in die Freiheit, in grünere Gefilde. Die Folge neigt sich dem Ende zu, wie Devra Fenriss bemerken würde, wenn sie in diesem Moment sie selbst wäre (was sie nicht ist), denn am kaltgrauen Himmel ziehen sich finstere Sturmwolken zusammen und deuten an, daß Thomas Zorn noch immer auf ein Cliffhanger-Ende schwört. Devra Fenriss liegt ausgestreckt auf einem Bärenfell und hat den Blick gegen die Decke gerichtet. Sie ist jung und schön und gutgebaut und körperlich und geistig doch woanders. Sie ist nackt und begehrenswert und eines der meistgefragtesten 3-D-Standmodelle. Sie ist stolz auf sich und ihren Erfolg und darauf, daß man sie, und wenn sie nur über die Straße geht, überall erkennt und um ein Autogramm bittet. Sie liebt es, berühmt und schön und reich (was sie, gemessen am Einkommen wirklich Reicher natürlich nicht ist) zu sein, und es wühlt sie auf, daß Hunderttausende, wenn nicht Millionen, die SensiFilme am liebsten sehen, in denen sie (oder ihr Image) mitspielt. Sie erhält pro Tag tausend Verehrerbriefe, die sie nicht liest, mehrere Dutzend Anrufe von Fremden, die der Hauscomputer Gott sei Dank gnadenlos abschmettert, und mindestens drei Einladungen zu einer Party, von denen sie eine annimmt. Obwohl man an sich glauben müßte, daß sie selbst für SensiFilme wenig übrig hätte, daß die Masse der Serien, in denen ihr Image auftritt, sie hätte abstumpfen lassen, ist das Gegenteil der Fall. Sie liebt SensiFilme, weil sie sich liebt, während die gewöhnlichen Teilnehmer SensiFilme lieben, weil sie sich und sie lieben. Aber das weiß Devra Fenriss auf ihrem Bärenfell nicht. Und überhaupt ist es ihr auch egal, denn sie ist jetzt die Amazone Aline, die, den grüngeschuppten Drachen am Zügelführend, auf das zackige Felsengebirge zugeht, in dem haarige Barbarenkrieger ihr auflauern, die sie überfallen, die mit ihr kämpfen und sie schließlich, nachdem sie den Schwächsten von ihnen die Häupter abgeschlagen hat, bespringen werden. Devra Fenriss fällt nicht auf, daß die SensiFilme, in denen sie mitspielt, stets nach dem gleichen Muster ablaufen und stets damit enden, daß sie von haarigen, ungeschlachten Kerlen besprungen wird. Denn sie ist leider nicht nur berechnend, sondern auch dumm und fühlt sich geschmeichelt, daß sie auf Parties, während der Photo-Sessions und in den Phantasien jener, die sich ihre Rollen ausdenken, stets im Mittelpunkt steht. Aline wird von einer heftigen Erregung gepackt, als die Barbaren ihre Köpfe über die Felsen erheben, und greift die Klinge fester. Der Stahl blitzt. Bevor sich in ihr auch nur die leiseste Erkenntnis verdichten kann, heißt es jedoch FORTSETZUNG FOLGT. Devra Fenriss’ Augen verlieren jetzt ihre gläserne Starre. Sie wird sich der in diesem Raum herrschenden Wärme bewußt und verspürt großen Durst. Sie steht mit einer graziösen Bewegung auf, geht in die Küche und trinkt einen halben Liter gelben Saft, der genauso schmeckt und genauso aussieht wie das Erfrischungsgetränk, daß Aline des öfteren zu sich nimmt, wenn sie nicht gerade im Keller irgendeines mächtigen Potentaten schmachtet und in Ketten gelegt ist. Der Saft schmeckt Devra Fenriss gut. Sie hat auch Hunger, bringt es aber fertig (so schwer es ihr fällt), das nagende Gefühl in ihrem Magen zu ignorieren. Trotz des hartnäckigen Knurrens läßt sie sich wieder, diesmal bäuchlings, auf das Bärenfell sinken und schaut aus dem bis zum Boden ihres Apartments reichenden Fenster in die Tiefe der Stadt. Sie denkt nichts, denn das Gefühl, Aline zu sein, hat sie noch nicht völlig verlassen. Sie summt ein Liedchen vor sich hin, dessen Titel ihr entfallen ist, und beobachtet das Menschengewimmel tief unter ihr, das helle Leuchten der Reklamewände, das tastende Suchen der Autoscheinwerfer und das kalte Glitzern vereinzelter Sterne. Als sie noch Blondie war, hat sie viel geraucht und sich eine Sammlung von Lederunterwäsche zugelegt, die sie jetzt nicht mehr trägt. Jetzt trinkt sie viel gelben Saft und sammelt antike Waffen und fragt sich hin und wieder, ob das auch die anderen Frauen tun, die Aline sind. Es ist ja schon komisch, daß man nach einer Sendung stets das Gefühl hat, etwas Besonderes essen, trinken, genießen oder besitzen zu müssen, denkt Devra, aber weiter auch nicht. Ob die Teilnahme an einer Sendung den Menschen bestimmte Energien entzieht … so wie Alkohol den Körper entsalzt? Sie betastet ihre rechte Schläfe und versucht herauszufinden, wo der Empfänger sitzt, der all die schönen Abenteuer in ihrem Hirn abrollen läßt, aber da ist nichts. Das Metallding ist nicht einmal erbsengroß, hat man ihr erzählt, und nicht einmal eine Operationsnarbe ist dort zu sehen, wo man es eingepflanzt hat. In ihrem Kopf ist jetzt eine wohltuende, samtene Schwärze und doch verlangt es sie nach etwas, das ihr nicht ganz klar ist. Devra Fenriss schaut aus dem Fenster, streicht sich die hellblonde Locke aus den Augen und fragt sich plötzlich, wer auf der Party zugegen sein wird, die heute abend zu Ehren von Curt Casewit gegeben wird, nachdem sein Kolumbus der Milchstraße ein derart großer und unerwarteter Erfolg geworden ist. Wird Talliaferro dort sein? Harald Schenk? Brombach? Stephan Gerber? Von Gerber hat sie lange nichts mehr gehört. Man munkelt, daß es mit ihm zu Ende gehe. Auf alle Fälle muß sie sich noch herrichten. Aber zuerst geht sie noch einmal in die Küche und trinkt noch ein Glas gelben Saft. Der Anfall überraschte ihn, als er mitten auf der Straße stand. Zunächst hatte es nur in seinem Kopf geflimmert, dann begannen seine Knie zu zittern. In seinem Gehirn breitete sich eine nie gekannte Helligkeit aus. Panische Angst machte sich in ihm breit. Vorwärts oder rückwärts? Er hatte keine Chance. Weinend preßte er beide Hände vor das Gesicht. Die Knie gaben nach. Er lag plötzlich auf dem Boden. Die Aktentasche war weg, und in seinem Kopf kündete eine weibliche Stimme an, der Tod stehe bereit, um ihn jetzt abzuholen. Unmotiviert begann der Mann langsam über den kalten Asphalt zu kriechen. Jemand sagte etwas, aber es kam wie aus weiter Ferne. „Fehlt Ihnen was?“ Die Stimme des Todes, der jetzt mit eisigen Fingern nach ihm griff, wischte die andere Stimme beiseite. Der Mann auf der Straße konnte nicht sprechen. Er konnte nicht einmal das besorgte Gesicht des anderen erkennen, der sich über ihn beugte. Ein junger Mann, nicht älter als er selbst. Er sah dem Gestürzten verunsichert in die Augen, schüttelte dann den Kopf und ging weiter, ohne sich noch einmal umzudrehen. Die Autofahrer, die mit zusammengebissenen Zähnen vor der Ampel warteten, begannen mit einem ungeduldigen Hupkonzert. „Holt den Säufer da weg!“ schrie ein Mann, dessen rot angelaufenes Gesicht über die heruntergekurbelte Seitenscheibe hinweglugte. „Holt ihn von der Straße runter, verdammt!“ „Weg da! Weg da!“ „Kannst du denn nicht sehen, daß deine Ampel auf Rot steht, Mensch?“ Der Mann auf der Straße sah überhaupt nichts. Er fühlte auch nichts mehr außer der Helligkeit in seinem Kopf und den klammen Fingern des Gespensts, das sich nun anschickte, seine Seele zu fressen. Seine Beine waren einfach nicht mehr vorhanden. Seine zitternden, allmählich absterbenden Hände tasteten verzweifelt nach einem Halt, aber es gab nichts, an das sie sich hätten klammern können. Gerber hatte den armen Kerl auf dem Zebrastreifen verrecken sehen. Er hatte im ersten Augenblick einem inneren Impuls folgen, auf den Mann zurennen und ihm auf die Beine helfen wollen, aber dann war er doch in der Haustür, die seine beschmutzte Kleidung vor den Blicken Neugieriger schützte, stehengeblieben. Anschließend kam er sich wie ein Schwein vor. Aber was hätte er tun soll? Es waren Hunderte von Leuten auf der Straße, die näher an dem Mann dran gewesen waren als er – und außerdem bestand die Gefahr, daß man ihn in seinem jetzigen Zustand für einen Penner hielt, der den Mann ausplündern wollte. Sicher, er hätte etwas tun sollen, aber nun war der Mann tot. Er hätte sich nur unnötig in Gefahr begeben. Woran mochte er gestorben sein? Ein Süchtiger? Ein Fixer, der auf Entzug war? Seine Kleidung war an sich gutbürgerlich gewesen, aber das mußte nicht viel besagen. Gerber fühlte, wie ihm schlecht wurde, und er wußte genau, daß sein Gewissen daran schuld war. Die Luft in diesem Hausflur stank zudem unerträglich nach verwesendem Fisch. Der Scheck und das Kleingeld, das Brand ihm überlassen hatte, begannen in seiner Tasche plötzlich zu glühen. Gerber berührte zaghaft die Münzen. Er gierte nach einer Sauerstoffdusche, aber es war noch zu hell, um den nächsten Straßenautomaten aufzusuchen und sich eine zu genehmigen. Er war ein Narr gewesen, Brands Angebot, ihn in seinem Wagen nach Hause zu fahren, nicht anzunehmen. Er wartete, bis die Dunkelheit einsetzte, dann löste er sich aus dem Korridor des halbverfallenen Hauses und drückte sich an der Wand entlang. Ein seltsames Zittern erfaßte ihn, als der Automat in greifbare Nähe kam. Vorsichtig sah Gerber sich um. Er war nicht mehr weit vom Wupperzentrum entfernt. Die Straßen begannen sich zu leeren. Auf der gegenüberliegenden Seite sah er einen alten Mann, der, bekleidet mit einem grotesk wirkenden speckigen Frack, eine Mülltonne durchwühlte. Hastig steckte Gerber die silberne Münze in den Einwurfschlitz und stellte sich, den Kopf vorgebeugt, vor das kleine Gitter, aus dem gleich herrlich reine Atemluft strömen würde. Es machte besitzergreifend KLICK, als das Fünfmarkstück durch den Schlitz fiel und vom Münzprüfer anerkannt wurde. Sonst geschah nichts. In ohnmächtiger Wut drosch Gerber auf den Automaten ein. Er schlug sich die Hände blutig und schrie über den offensichtlichen Betrug empört auf. Dann klickte es unerwartet ein zweites Mal, und der Sauerstoffautomat überflutete ihn mit einer Wolke aasigen Gestanks, der seine Magenwände umstülpte und zu einem krampfartigen Zusammenzucken brachte. Er taumelte herum, tränenblind, lehnte sich gegen die nächsterreichbare Hauswand und übergab sich. Devra Fenriss befindet sich auf einer Party, die von vielen wichtigen Leuten besucht wird. Sie mag die Menschen, die sich elegant zwischen den Säulen dahinbewegen, denn sie wirken gepflegt, elegant und kultiviert und lenken sie von dem ab, was sie auf der Fahrt vom Wupperzentrum nach hierher hat sehen müssen. Devra Fenriss ist sehr empfindlich, hat eine zarte Seele (die ihrer Haut in nichts nachsteht) und mag kein Elend sehen, wenn sie zu einer Party mit fröhlichen Menschen unterwegs ist. Leider ist der Helikopter nicht gekommen, denn er ist einem Terroranschlag zum Opfer gefallen. Deshalb war sie gezwungen, die Reise vom Stadtzentrum bis an den östlichen Rand mit einem Wagen zu machen. Devra verdrängt unangenehme Erfahrungen sehr schnell, jedenfalls dann, wenn sie sie nicht selbst betreffen. Sie vergißt auch sehr schnell, was die Leute so reden, ausgenommen, man spricht über sie selbst. Positive Dinge über sich hört sie gern (wer tut das nicht?), und deshalb lauscht sie auch gerade einigen aufstrebenden Jungtalenten, die völlig neue Konzepte im Kopf haben und auf sie offenbar nicht verzichten können. Ihr Manager, ein an sich kahlköpfiger, inzwischen jedoch perückenbewehrter Mann, der gerade einem verträumt aussehenden Fantasten der Konkurrenz in die Augen schaut, scheint an ihrer Wertsteigerung nicht sonderlich interessiert zu sein (was Devra Fenriss tief trifft). Nach einer Weile schweift die Diskussion auf andere Themen ab, dreht sich um Drogen, Sex und Politik, was dazu führt, daß Devra das Interesse verliert. Sie hat weder am einen noch am anderen Spaß, und deshalb gesellt sie sich einer gemischten Gruppe zu, die sich über SensiFilme unterhält, und sagt hier und da auch ein paar Worte. Die SensiTivideo, heißt es, soll Schwierigkeiten mit den Einschaltquoten haben und momentan alles versuchen, der Phantasmagoria die beliebtesten und erfolgreichsten Fanlasten abspenstig zu machen. Die Rede ist von unglaublich hohen Honoraren, nie dagewesenen Prozentualbeteiligungen bei den Nebenrechten und zwölf garantierten Lizenzverkäufen ins Ausland. Devra kann sich vorstellen, daß diese Nachricht dazu führen wird, daß auch bei der Phantasmagoria die Honorare steigen, um die Mitarbeiter (sofern sie nicht schon durch Knebelverträge gefesselt sind) bei der Stange zu halten. Wahrscheinlicher ist allerdings der Ausbruch eines Senderkrieges, denn Devra Fenriss weiß, daß die großen SensiFilm-Gesellschaften nicht zimperlich sind, wenn jemand versucht, ihnen das Wasser abzugraben. Man spricht außerdem über einige kürzlich Abgesägte – wobei auch der Name Stephan Gerber fällt, der die Action nicht mehr bringt – und über rätselhafte Meldungen eines noch nicht lokalisierten Untergrundsenders, der gerade heute darüber berichtet hat, daß es in den Sendebereichen von Phantasmagoria und SensiTivideo zu Zusammenbrüchen von mindestens siebzehn Personen gekommen sein soll, deren Empfänger in Betrieb waren, ohne daß sie die Armbandsteuergeräte eingeschaltet hatten. Solche Meldungen erschrecken Devra natürlich, aber das nonchalante Darüberhinweggleiten der Diskutanten bringt sie bald wieder auf andere Gedanken. Sie tanzt mit Talliaferro, der ebenfalls anwesend ist und wieder glasige Augen hat, schäkert mit einem frustriert wirkenden Realisator der sich in Auflösung befindlichen Hardcore herum (der glaubt, daß sie bei Taplinger ein Wort für ihn einlegen kann) und gestattet einem Spitzenfantasten der amerikanischen Phantasmagoria-Filiale, ihr die Schenkel zu tätscheln. Der Amerikaner hat auch von den seltsamen Zusammenbrüchen gehört, will aber außerdem noch wissen, daß sie mit dem Tod der Beteiligten endeten; daß man die Zahlen nach unten manipuliert hat und die Todesfälle in Privatwohnungen offensichtlich verschweigt. Die sollen nämlich in die Hunderte gehen. Aber natürlich weiß man nicht, was die rätselhaften Todesfälle mit den Empfängern zu tun haben. Wahrscheinlich gar nichts. Der Amerikaner wirkt auf Devra ausgesprochen fatalistisch, was aber auch damit zu tun haben kann, daß er sturzbetrunken ist. „Niemand besitzt das Leben“, sagt er, „doch jeder, der eine Bratpfanne aufnehmen kann, besitzt den Tod“. Devra versteht das nicht. Seine Worte sind ihr zu sybillinisch. Sie tanzt noch einmal mit einem dicklichen österreichischen Rezensenten, dessen Fachwissen sich in Sendedaten und Stabangaben erschöpft (die Fähigkeit der Analyse verlangt man von ihm nicht, da er für eine Boulevard-Bildschirmzeitung schreibt), flirtet hier und da mit Leuten, die ihr sympathisch (oder wichtig) sind, achtet darauf, daß sie sich nicht allzusehr betrinkt, beobachtet zu vorgerückter Stunde, wie sich der Saal leert und vereinzelte Pärchen oder Grüppchen sich in Nebenräume zurückziehen, schnuppert den blauen Duft anregender Glimmstengel, verwünscht ihren Manager, der dem verträumt aussehenden Spitzenfantasten beinahe auf den Schoß kriecht, schläft zwischendurch ein wenig ein und freut sich am nächsten Morgen, als sie erschöpft nach Hause fliegt (man hat inzwischen einen anderen Helikopter aufgetrieben), daß niemand sie beschmutzt hat. Als Hirschmann aufwachte, war es tiefe Nacht. Er wühlte sich aus den Decken, knipste das Licht an und erkannte an dem häßlichen Rauschen, das sich in seinem Gehirn breitmachte, daß das Programm beendet war. Ein rascher Griff nach dem Armbandsteuergerät brachte den schmerzenden Zellen Frieden. Er hatte Hunger und Durst. Die Wohnung lag still vor ihm, aber dennoch wagte er nicht in die Küche zu gehen, aus Angst, seine Frau könnte wach werden und ein Gespräch mit ihm anfangen. Sie tat das manchmal; besonders dann, wenn sie das Klicken der Kühlschranktür hörte und annahm, daß er sich an Dinge heranmachte, die sie für sich und die Kinder eingekauft hatte. Hirschmann nahm leise die im Korridor abgestellte Aktentasche an sich, öffnete sie und durchwühlte die Butterbrotdose. Im allgemeinen brachte er immer noch ein Brot aus dem Dienst mit. Aber heute hatte er Pech. Leise murmelnd ging er ans Fenster, zog die Übergardinen beiseite und warf einen Blick auf die Straße. Sie hatten Glück gehabt, daß sie zu den ersten Mietern des zweitausend Einheiten umfassenden Wupperzentrums gehörten. Damals hatte man sich die Wohnungen noch aussuchen können, und er hatte es – durch einige Beziehungen, gewiß; die Normalmiete wäre viel zu hoch für ihn gewesen – geschafft, ein Außenseitenapartment zu bekommen. Die Stadt lag still unter ihm. Gelbe Leuchten bedeckten die hellen Steinplatten unter ihm mit einem beinahe magischen Schein. Ein Mann, dessen Kleidung den Eindruck machte, als habe er damit in der Gosse geschlafen, kam langsam auf den Haupteingang zu. Hirschmann kniff die Augen zusammen. Wollte dieser Penner etwa …? Er hatte den Zeigefinger schon auf der Gegensprechanlage, um den Hausmeister zu alarmieren, als er den Mann erkannte. Er hieß Gerber und wohnte im zwölften Stock. Kurz nachdem er verschwunden war, entdeckte Hirschmann einen zweiten Hausbewohner: ein schlaksiger, hochaufgeschossener junger Mann mit wirren Haaren und langen Armen, der sich wie ein tänzelnder Affe bewegte. Auch ihn kannte Hirschmann. Er hieß Christian und war der Sohn irgendeiner Putzfrau, die mit ihrem arbeitslosen Ehemann seit einigen Jahren irgendein winziges Innenapartment bewohnte. Was suchte der Bursche um diese Zeit noch auf der Straße? Bei dem Gedanken, daß er vielleicht zu einer der Banden gehörte, die an den Wupperufern ihr Unwesen trieb, mußte Hirschmann frösteln. Rasch zog er die Gardine wieder vor, verdrängte den Gedanken an seine Frau und ging geradewegs in die Küche. Als er sich ein Brot schmierte, fiel sein Blick auf eine der Zeitschriften, die seine Frau zu lesen pflegte. Eine der Überschriften im Innenteil lautete: OBSZÖNER SEX IST, WENN MAN MIT OFFENEM MUND KÜSST. Hirschmann seufzte. Für sein Problem gab es keine Lösung, nur Konsequenzen. Er aß sein Brot, trank ein Glas fettarme Milch, schlüpfte in einen Mantel und ging hinaus. Er wußte nicht, was ihn antrieb, aber er hatte das Gefühl, daß er irgend etwas verpassen würde, wenn er jetzt ins Bett zurückkehrte. Als er das Wupperzentrum verließ und sich den Weg durch die Fußgängerzone bahnte, fiel sein Blick auf die Schaufensterscheibe eines Kaufhauses. Jemand hatte mit einer Sprühdose eine Parole darauf geschrieben. ES IST DEN REICHEN UND DEN ARMEN GLEICHERMASSEN UNTERSAGT, UNTER DEN WUPPERBRÜCKEN ZU SCHLAFEN. DAS WETTER: FREUNDLICH Nach Auflösung von starkem Dunst oder Frühnebel meist sonnig. Niederschlagsfrei. Anstieg der Tagestemperaturen auf 16 Grad, am Sonntag bis 18 Grad. Nachts Abkühlung auf 6 bis 3 Grad, am Erdboden örtlich leichter Frost. Gerber verließ die Redaktion von SensiTivideo kurz nach Mittag, stieg in den Wagen, den Brand ihm hatte zur Verfügung stellen lassen, und fuhr müde die Hauptgeschäftsstraße hinunter. Die Sache mit der Mietgebühren-Eintreibungsgesellschaft war inzwischen dank der Anwälte der SensiTivideo geklärt worden. Der Mann, der in die Wupper gefallen war, hatte sich glücklicherweise nicht ernstlich verletzt. Ein nicht unbedeutendes Schmerzensgeld hatte ferner dazu geführt, daß er seine Anzeige zurücknahm. Dennoch fühlte Gerber sich nicht wohl. Er hatte ein Bad genommen und sich rasiert. Obwohl er nun durchaus menschlich wirkte, fühlte er sich innerlich tot. Die Stadt um ihn herum lebte, und er selbst war gestorben. Gerber war wütend und deprimiert. Die Leuchtfassaden erzeugten einen Schmerz in seinen Augen. Der Zigarettenanzünder funktionierte nicht. Er hatte es nicht anders erwartet. Angewidert warf er die Packung auf den Beifahrersitz. Er sollte sich das Qualmen abgewöhnen. Wurde sowieso von Jahr zu Jahr teurer, das Dreckszeug. Es schien ihm ein Jahrzehnt her zu sein, seit er das letzte Mal mit Genuß an einem Glimmstengel gesogen hatte. Heute verging kein Tag, an dem ihn nicht ein trockener Husten quälte und Tränen seine Sicht trübten, sobald er den ersten Zug machte. Scheinprobleme, dachte Gerber. Ich sollte lieber darüber nachdenken, aufweiche Art sie mich aufs Kreuz legen wollen. Daß Brand und die SensiTivideo irgendein krummes Ding vorhatten, lag für ihn auf der Hand. Aber welches? Sie waren die größte Konkurrenz für Taplingers Phantasmagoria – und jetzt wollten sie angeblich Fusionsverhandlungen führen? Welche Schweinerei wurde da hinter seinem Rücken – oder vor seinen Augen – ausgeheckt? Vor ihm staute sich der Verkehr. Ein Unfall? Gerber bog mürrisch in eine Seitenstraße ein und fuhr dabei fast einen überquellenden Plastikmülleimer über den Haufen, den irgendein Witzbold mitten auf die Fahrbahn gestellt hatte. Ratten wieselten davon, als er anhielt, die Tür öffnete und ausstieg. Die Luft stank, kein Wunder. Aber das lag nicht nur an der Gegend. Aus einem Kanalgitter quoll brechreizerzeugender Dampf. Durch die Abwasserkanäle schien die reinste Pest zu fließen. Aus dem offenstehenden Küchenfenster eines drittklassigen Restaurants drang fettiger Mief in seine Nase. Gerber zog angewidert die Schultern hoch und versetzte dem Mülleimer einen Tritt. Die Plastikkanne fiel um. Papierfetzen, Essensreste, übelriechende Konservendosen und eine Monatsbinde kollerten auf den Gehsteig. Etwas Weißes flatterte, getragen vom Wind, an ihm vorbei; genau in Schulterhöhe. Gerber brauchte nur die Hand auszustrecken, um das Flugblatt aufzufangen. AH, FLASH GORDON, las er, YOU VILL NEVAIR SEE CHAPTER 26 OF THEES FOCKING SEERIAL! Entgegen seiner Gewohnheit mußte Gerber lachen. Es gab immer noch Menschen, die die Welt mit Humor nahmen. Was darunter stand, war das Übliche. Ein Aufruf an die Jugend: Sie sollte aussteigen. „Und jetzt“, murmelte Gerber, während er zum Wagen zurückkehrte, „werde ich die Kritiker meiner sogenannten Darbietung kritisieren, meine Damen und Herren. – Reich mir die Elefantenkacke, Willi!“ Drohende Musik drang auf ihn ein, nachdem er den Wagen abgestellt hatte und eine Diskothek betrat. Die Stroboskoplampen ließen die Bewegungen der Tänzer wie die von Robotern erscheinen. In gewisser Weise waren sie das auch. Hin und her und her und hin. Er sah in schwitzende Gesichter und offenherzige Ausschnitte. Ein ganzes Rudel blaßgesichtiger Teenybopper saß an der rechten Wand aufgereiht und starrte in die Leere. Gerber erkannte an ihren Blicken, daß sie im Moment gerade kosmische Weiten durchflogen. Die Zeit: das Jahr 4000. Der Ort: irgendwo in der Galaxis. Das Sternenimperium der Menschheit ist dem Untergang geweiht. Auf den Kolonialwelten brodelt es. Wird es Commander Storm Shannon gelingen … Oder irgend etwas anderes. Ein süßlicher Dunst in der Luft deutete zudem darauf hin, daß er in einem Drogenschuppen gelandet war. „Was willste?“ fragte jemand. Gerber sah auf. Hinter dem Tresen machte sich ein narbenbedeckter Drogenveteran zu schaffen. Gerber war nicht einmal überrascht, daß er ihn kannte. Michaelson hatte mal ein Jahr für die Phantasmagoria als Redakteur gearbeitet. „Hallo, Mike.“ Der Zapfer musterte ihn kurz. „Na so was“, sagte er dann, „der Superstar.“ Er sah sich um. „Was machste denn ausgerechnet hier?“ Geschickt stellte er ein großes Bier vor Gerber ab. „Nichts Besonderes. Nur einen trinken.“ Gerber sog geräuschvoll die Luft ein und deutete auf die zuckende Masse auf der Tanzfläche. „Hast gut zu tun, was?“ Michaelson zuckte die Achseln. „Geht mich nix an. Der Laden gehört mir nicht, weißt du. Ich arbeite nur hier.“ „Das scheint jedermanns Schicksal zu sein“, sagte Gerber. „Ich meine, für jemanden zu arbeiten. Ziemlich weit weg vom Schuß hier, was?“ Seine Ohren hatten sich nun soweit an den Lärm gewöhnt, daß er jedes Wort verstand. „Vom SensiFilm zum Zapfhahn.“ Michaelson grinste. Er sah müde aus. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, äffte er. „Du machst deinen Job, ich mach meinen.“ Er wandte sich einem anderen Gast zu und ging dann an den Zapfhahn zurück. Gerber hatte keine Ahnung, aus welchen Gründen Michaelson ausgestiegen war. Eines Tages war er einfach nicht mehr dagewesen. Das Bier schmeckte saumäßig, aber das mochte daran liegen, daß sein Körper im momentanen Zustand zuviel Magensäure produzierte. Oder Adrenalin. So gut kannte er sich da nicht aus. Jemand rempelte ihn an; ein blondes und ziemlich mageres Mädchen mit einem leidenden Jungfrau-Maria-Gesicht, dem die Rippen scharf durch das dünne T-Shirt stachen und das auch sonst den Eindruck machte, als benötige es dringend eine Ladung von Ich-weiß-nicht-was. Das Mädchen flüsterte Gerber etwas zu, aber er verstand nichts davon. Diese Leute hatten ihre eigene Sprache. Er schob sie zur Seite, woraufhin sie auf die SensiFilm-Bekifften zutaumelte, die sie jedoch nicht wahrnahmen. „Ich arbeite jetzt für Brand“, sagte Gerber, als Michaelson wieder in seine Nähe gerückt war. Er wußte nicht, weshalb er das sagte, aber wahrscheinlich sagte er es deswegen, weil er andeuten wollte, daß er noch nicht auf dem Altenteil hockte. „Das interessiert mich alles nicht mehr“, sagte Michaelson. „Früher hast du mal anders geredet“, sagte Gerber. „Ich kann mich dran erinnern, daß du mal gesagt hast, die SensiFilm-Industrie könnte die ganze Medienlandschaft revolutionieren, weil die entfremdeten Zuschauermassen durch eine Teilnahme am Geschehen dazu veranlaßt würden, die eigene Lage zu überdenken und …“ Er seufzte. „Nicht mal deinen Bart hast du noch.“ „Komm mir bloß nicht mit dem Scheiß von gestern.“ Michaelson pulte mit einem Finger in seinem linken Ohr. Sein schütter werdendes Haar glänzte speckig. „Irgendwann muß man sich halt mal entscheiden, auf welcher Seite des Tresens man stehen will.“ Er grinste zynisch. „Für Leute wie mich ist der Zug abgefahren, Kumpel. Heutzutage machst du gar nichts mehr. Das ist jetzt alles vorbei.“ Gerber dachte daran, daß nach der Fusion zwischen der Sensi-Tivideo und der Phantasmagoria alles noch viel „vorbeier“ sein würde, sagte aber nichts. Er trank sein Bier aus, zahlte und ging. Der Weg durch die Tanzenden war hinaus noch schwieriger als hinein. Mit stoischem Gleichmut schlüpfte er zwischen den Paaren dahin, warf noch einmal einen Blick auf die jungen Leute, die möglicherweise jetzt zwischen galaktischen Nebeln dahinstürmten, und kletterte die Treppe hinauf. Draußen war es angenehm kühl. Die Maschinengewehrmusik war kaum noch zu hören. „He, Sie da!“ Gerber zuckte zusammen. Ein Rudel uniformierter Polizisten stürmte auf den Eingang der Diskothek zu und schwang die Gummiknüppel, als handelte es sich dabei um Feuerwehrschläuche. Irgendwo klappten Autotüren zu. Immer mehr Uniformierte jagten auf Gerber zu. Er kam gar nicht dazu, ein erklärendes Wort abzugeben. Sie schienen wild entschlossen zu sein, den Drogenkeller endlich einmal auszumisten. Ehe er auch nur abwehrend die Hände heben konnte, traf ihn ein Schlag gegen die Schulter und warf ihn um. Zischend entwich die Luft aus seinen Lungen, und der nächste Schlag schaltete seinen Empfänger ein. Es lief Das Combat-Team, und Gerber fand sich inmitten einer schwarzbehelmten Todesschwadron wieder, die in den Anden ein Nest terroristischer Attentäter aushob. Christian hatte den ganzen Tag damit verbracht, auf dem Bett zu liegen und an die weißgetünchte Decke zu starren. Seine Eltern hatten die Nachricht von der Untauglichkeit zwar schweigend aufgenommen, aber die zuckenden Gesichtsmuskeln seines Vaters hatten deutlich gemacht, wie tief ihn die Begründung traf. Daß sein Sohn dumm sein sollte, der einzige Schluß, den er aus dem Argument mit dem Intelligenzquotienten ziehen konnte, hatte ihn sichtlich verärgert. Daß man wegen Kurzsichtigkeit oder einer Rückgratverkrümmung abgelehnt wurde, war verständlich für ihn. Aber deswegen? Und dabei hatte der Junge doch immer so viele Zweier und Dreier mit nach Hause gebracht. Christians Mutter hingegen hatte direkt erleichtert gewirkt, obwohl er nun ebenfalls ohne Arbeit war. Er hatte ihre Worte noch im Ohr: „Ich weiß gar nicht, warum die den Arabern das Öl wegnehmen wollen. Die haben doch keinem was getan. Und außerdem: Gehört das Zeug nicht ihnen? Können wir nicht wieder mit Kohle heizen? Das haben unsere Eltern früher doch auch getan.“ Christian lächelte amüsiert. Natürlich verstand sie nichts von der ganzen Sache. Frauen verstanden solche Dinge überhaupt nie. Er stand auf, sah sich das SensiFilm-Programm an und informierte sich über die Tagessendungen. Das Combat-Team war gerade zu Ende (verdammt!), aber die Phantasmagoria kündigte auf ihrem vierten Netz eine neue Serie an, deren Titel recht vielversprechend klang und von einem bekannten Fantasten konzipiert worden war: Die Sadisto-Sisters. Das vierte Netz war ausschließlich für Erwachsene reserviert. Möglicherweise bekam er dort etwas zu sehen, was seine Trübsal vertreiben konnte. Es war am besten, gar nicht mehr über die Ungerechtigkeit nachzudenken. Christian betätigte das Armbandsteuergerät, schaltete das vierte Netz ein und spürte, wie die ihn beherrschenden schwarzen Gedanken dunklen Vögeln gleich von ihm wegtrieben. Eine seltsame Starrheit bemächtigte sich seines Körpers, und obwohl er für die Zeit der Sendung die Umwelt nicht mehr wahrnehmen konnte, fühlte er doch mit jeder Faser des Körpers, wie seine Nerven vibrierten. Er war auf einmal ganz woanders. Ein warmer Wind strich über seine Wangen und ließ ihn wohlig erschauern. Vor ihm breitete sich eine scheinbar endlose Sandwüste aus. Camp 17 lag direkt hinter ihm. Er sah Dünen, so weit das Auge reichte. Der Himmel war hellblau und wolkenlos. Rechterhand von ihm – Christian hieß jetzt Thorstein – breitete sich eine wildwuchernde grüne Oase aus. Obwohl kein Lufthauch zu spüren war, wiegten sich die saftigen Dattelpalmen majestätisch unter der Berührung einer unsichtbaren Hand. Er brauchte nicht einmal den Kopf zu wenden, um die Süße des Wassers des kleinen Sees zu riechen, an dem gerade eine Gruppe deutscher Soldaten ihre Kamele tränkte. Christian/Thorstein sah sich um, ließ seinen Blick über die bunten Zelte schweifen und musterte die beiden grazilen, vollbusigen Schönheiten, die das Kommando anführten. Sie hatten sich ihrer Uniformjacken entledigt und standen – lange schwarze Zigaretten rauchend – vor einem blauen Luftwaffenzelt und vernahmen den weißgekleideten Nomaden, den der Spähtrupp heute morgen in der Nähe des Camps festgenommen hatte. Daß der Mann ein Spion war, standfest, denn jeder gute Bürger eines Landes tat am besten daran, wenn er sich aus militärischen Dingen heraushielt. Die beiden dunkelhaarigen weiblichen Offiziere sahen sich an, wechselten einen vielsagenden Blick und gaben einem der umstehenden Unteroffiziere zu verstehen, daß er ihnen das bringen solle, womit sie gemeinhin bei Verhören die größten Erfolge erzielten. Der Mann riß die Hand an den Helm und verschwand in einem der Zelte. Kurz darauf kehrte er mit zwei säuberlich aufgerollten Bullpeitschen zurück. Thorstein – Hauptmann Thorstein – fühlte ein seltsames, aber nicht unsympathisches Zucken in den Lenden. Und Christian mit ihm. Natürlich ließen sie Gerber zwei Stunden später wieder laufen. Mit der SensiTivideo legte sich niemand gerne an; zudem saß der Oberstadtdirektor mit Roderich Brand zusammen im Aufsichtsrat der Gesellschaft. Gegen drei saß Gerber wie ein verbeulter Sack in einem überfüllten Bus und ließ sich nach Hause bringen. Den Dienstwagen konnte er nur mit einem Taxi erreichen, aber er hatte keine Lust, noch eine stundenlange Fahrt durch die verstopfte Innenstadt auf sich zu nehmen. Als er das Wupperzentrum erreichte, nahm er ein Bad, entdeckte, daß der Hausmeister das abgerissene Spülbecken hatte richten lassen, versorgte sich mit frischen Kleidern und rief Brand an, damit dieser jemanden in Marsch setzte, um den Wagen herbringen zu lassen. Brand drückte ihm sein Bedauern über die irrtümliche Festnahme aus (wieso wußte er überhaupt schon davon?) und versprach, am gleichen Abend bei ihm vorbeizuschauen. Er habe inzwischen Gespräche mit der Geschäftsleitung geführt; Gerber könne sich als Assistent des Aufsichtsratsvorsitzenden betrachten; außerdem habe er Instruktionen, die sich auf seinen ersten Einsatz bezögen, und Gerber solle sich unbedingt den Abend freihalten. Gerber sagte zu allem ja und amen. Er verschlief den Nachmittag, ließ sich gegen sechs im Zentrumsrestaurant ein opulentes Mahl servieren (das erste seit mehreren Wochen, denn er hatte in letzter Zeit nur noch von Konserven und dem undefinierbaren Ausstoß der Imbißstuben gelebt) und zog sich in sein Apartment zurück. Gegen acht tauchte Brand bei ihm auf. Er hatte einen sonnenbebrillten Leibwächter bei sich, der jedoch auf dem Korridor stehenblieb. Nachdem sie Platz genommen hatten, kam Brand zum Geschäftlichen. BRAND: „Heute abend findet im obersten Stockwerk des Phantasmagoria-Turms eine Feier statt. Taplinger wird persönlich dort anwesend sein. Man hat der SensiTivideo eine Einladung zukommen lassen. Ihre Aufgabe besteht darin, als Vertreter unseres Senders an der Feier teilzunehmen und das Terrain zu sondieren.“ GERBER: „Als Beobachter?“ BRAND: „Als Vertreter. Taplinger soll wissen, daß er, was unsere geplante Fusion angeht, damit rechnen muß, daß wir uns von ihm nicht aufs Kreuz legen lassen. Es geht darum, wer bei dem in der Entwicklung befindlichen Neusender das Sagen hat, wenn ich mich mal so ausdrücken darf. Ich will ganz offen zu Ihnen sein, Herr Gerber. Hinter den Kulissen tobt ein Machtkampf. Nach der Fusion werden einige Leute mit großen Namen gehen müssen. Taplinger will, daß diese Leute natürlich aus unseren Reihen kommen; wir wollen das Gegenteil.“ GERBER: „Aber was hat das mit mir zu tun?“ BRAND: „Indem wir Sie schicken, signalisieren wir ihm, daß wir möglicherweise mehr von seinen Plänen wissen, als er glaubt. Sie sind nicht der einzige Ex-Phantasmagoria-Mann, der nun für uns arbeitet. Wenn Sie aber als unser Vertreter auf Taplingers Party erscheinen, wird er Sie für einen möglicherweise rachsüchtigen Überläufer halten und annehmen, daß wir über seine Komplotte bereits unterrichtet sind. Taplinger hat Sie und eine Reihe anderer abservieren lassen, Gerber. Die Tatsache, daß Sie nun eine hohe Funktion in der SensiTivideo innehaben, wird ihn verunsichern. Er wird sich von Verrat umgeben sehen, was seine Pläne in Konfusion bringt. Da er glaubt, keinem mehr trauen zu können, wird er uns einen Handel vorschlagen, um seinen Kopf zu retten.“ GERBER: „Sie wollen also erreichen, daß er in mir einen skrupellosen Verräter sieht? Ich kann nicht behaupten, daß ich diesen Gedanken sonderlich sympathisch finde. Außerdem … Was sollte ihn zu dieser Annahme führen? Ich habe für die Phantasmagoria nicht als Geschäftsführer, sondern als SensiFilm-Fantast gearbeitet. Wie sollte mein Stellungswechsel ihn verunsichern können?“ BRAND: „Sie sind, wie ich schon sagte, nicht der einzige, der von der Phantasmagoria zu uns gekommen ist. Sagen Ihnen die Namen Waldmann und Böhlefeld etwas?“ GERBER: „Ja. Waldmann war die rechte Hand des Intendanten. Böhlefeld der Hauptabteilungsleiter der politischen Redaktion bei Taplinger.“ BRAND: „Die beiden arbeiten seit einer Woche für uns. Wir haben das geheimgehalten und das Gerücht verbreitet, sie seien in die USA gegangen. Man wird Taplinger heute abend mitteilen, daß sie bei der SensiTivideo sind, nachdem er erfahren hat, welche Funktion Sie bei uns innehaben. Es müßte eigentlich wie ein Schock auf ihn wirken, denn Waldmann und Böhlefeld wurden nicht gefeuert, sondern sind in absoluten Frieden gegangen.“ GERBER: „Trotzdem …“ BRAND: „Er hat Sie gekillt, Gerber! Ist es Ihnen nicht egal, was diese Medien-Hyäne von Ihnen denkt? Ist Ihnen das, was er vielleicht jetzt von Ihnen denkt, vielleicht lieber?“ GERBER: „Hören Sie auf damit! Natürlich ist mir das nicht gleichgültig. Taplinger ist ein Bastard, niemand weiß das besser als ich. Es ist mir völlig schnuppe, ob Sie ihm auf legale oder illegale Weise die Flügel stutzen, aber …“ BRAND: „Na sehen Sie! Ich will ganz offen sein, Gerber: Schon der Gedanke, mit ihm im gleichen Laden sitzen zu müssen, ekelt mich an. Aber wir sind inzwischen beide zu groß geworden, als daß wir noch gegeneinander bestehen können. Der Teilnehmermarkt ist aufgeteilt – beinahe jedenfalls. Wir können uns die Kunden jetzt nur noch mit technischen Tricks abspenstig machen. Wir haben Unsummen investiert, um uns die Teilnehmer gegenseitig abzujagen, aber die ständigen Investitionen verärgern die Aktionäre, die viel lieber höhere Profite sehen würden. Wir stehen beide unter einem kolossalen Druck. Nur eine Fusion kann das Wettrüsten zum Erliegen bringen.“ GERBER: „Das sehe ich ein.“ BRAND: „Taplinger ist ein Schakal. Wenn er weiß, wer von nun an alles für die SensiTivideo arbeitet, wird er um sich herum nur noch Verrat riechen. Er wird sich mit uns zusammentun und seine eigenen Leute hinrichten lassen; sein Psychogramm läßt da keinen Zweifel offen. Und nachdem er das getan hat, haben wir ihn in der Hand und können ihn seinerseits abservieren.“ GERBER: „Sie haben sein Psychogramm?“ BRAND: „Ja. Fragen Sie mich nicht, wie wir daran gekommen sind. Selbst wenn ich darüber informiert wäre, würde ich es Ihnen nicht sagen.“ GERBER: (schweigt) BRAND: „Nun?“ GERBER: „Ich gehe hin. Es wird mir eine Genugtuung sein, ihn wiederzusehen.“ Das Betriebsfest war in vollem Gange, als Hirschmann seinen Mantel anzog, die Bank durch den Hintereingang verließ und sich auf den Nachhauseweg machte. Er war wütend und fühlte sich erniedrigt. Die kleine Groß hatte ihn hingehalten, wie gewöhnlich, und schließlich war sie mit dem Hauptkassierer abgerauscht. Hirschmann haßte den Kerl, denn er war ein Aufreißer, wie er im Buche stand: groß, schlank, dunkelhaarig, mit makellosem Gebiß, einem steten Lächeln auf den Lippen, schmalhüftig, aufmerksam – und ein ausgezeichneter Tänzer. Die kleine Groß hatte sich an ihn gehängt wie eine Klette und ihm noch liebevoll den Nacken gekrault, als er ihr das Knie zwischen die Schenkel geschoben hatte. Hirschmann dachte an seine eigene Frau, an sein Zuhause, seine Kinder, die ihn nicht mehr grüßten, seit sie auf die andere Seite übergewechselt waren, und spielte mit dem Gedanken, in eine Bar zu gehen und sich vollaufen zu lassen. Er fühlte sich aber müde; die Nacht fing an, ihren Tribut zu verlangen. Er hätte nicht so lange durch die Stadt laufen sollen. Eingebracht hatte es ihm ohnehin nicht viel, obwohl es im Rotlichtbezirk zu einigen verlockenden Angeboten gekommen war. Ach was. Hirschmann fragte sich, was er eigentlich suchte, was ihn auf die nächtlichen Straßen trieb, nachdem das SensiFilm-Programm zu Ende war. Früher war das anders gewesen. Er hatte sich nach dem Ende eines Streifens wirklich befriedigt gefühlt. Aber das war lange her. Heute dürstete es ihn nur noch nach Neuem, nach mehr. Er schüttelte sich. Als er nach Hause kam, hatte er die kleine Groß vergessen. Seine Frau war nicht da. Ein Zettel an der Wohnzimmertür informierte ihn darüber, daß sie mit den Kindern die Stadt verlassen hatte. Na wenn schon. Er riß den Fetzen ab und warf ihn in den Treteimer. Die Wohnung war jetzt sturmfrei, aber was sollte er damit anfangen? Er war kein gottverdammter Pennäler mehr, der sich die Gelegenheit zunutze machte und gleich eine Herde von Freunden zu sich einlud. Ob er sich ein paar Huren kommen lassen sollte? An Geld herrschte kein Mangel. Er hatte eine gesicherte Position. Die Gelegenheit war da, er brauchte sie nur zu nutzen. Er konnte so lange toben, wie es ihm Spaß machte. Die Wände waren absolut schallisoliert. Niemand würde es hören. Er konnte eine Orgie veranstalten, wilde Musik machen, Alkohol in Strömen fließen lassen. Er tat nichts dergleichen und warf sich statt dessen auf das ungemachte Bett, schloß die Augen und schaltete das Armbandsteuergerät ein. Weg von hier, nur weg. Sekunden später näherte er sich mit schußbereit gezogener Luger einem Rattennest, das er ausräuchern mußte. Gerber flog in einem Helikopter über der Stadt dahin und fühlte sich wie im Höhenrausch. Er merkte nicht das geringste von der Smogwolke, die über der Megalopolis lag, die sich zweihundert Kilometer weit in alle Richtungen erstreckte. Er atmete gesunde, würzige Luft, sog seine Lungen voll, blies seinen Oberkörper auf und lauschte dem Summen der Rotoren. Er blickte auf die schillernden Lichtkaskaden hinab, die sich unter ihm ausbreiteten und dachte: Es war ein Irrtum anzunehmen, ich sei fertig. Ich bin noch lange nicht fertig, aber Taplinger und die Phantasmagoria werden es bald sein. Das Gefühl der Rache schmeckte süß. Er sah dem Piloten über die Schulter, schenkte sein Gehör dem Pulsieren des unter ihnen dahinfließenden Lebens und spürte eine übermächtige Erregung. Er versuchte sich vorzustellen, was die Nacht ihm bescheren würde. Er würde Brombach und all die anderen Kriecher wiedersehen, und diesmal würde er sich in einer Position befinden, in der sie vor ihm katzbuckeln mußten. Gerber lachte lautlos. Die Lichter der Stadt verdichteten sich zu einem schleierähnlichen Schimmern. Der Helikopter durchstieß ein Wolkenfeld aus Gasablagerungen, jagte auf die weitläufige Fläche des Phantasmagoria-Turms zu und leitete die Landevorbereitungen ein. Taplinger würde einen entsetzlichen Schock bekommen, wenn er sah, daß die SensiTivideo es nicht einmal für nötig hielt, zu seinem Fest jemanden aus Brands Riege zu schicken. Man schickte ihm einen neuen Mann, einen aus den Reihen seiner ehemaligen Gehaltsempfänger, einen Fantasten! Die Landebahn auf dem Turmdach war seitwärts mit Prallfeldern versehen, die den in dieser Höhe pfeifenden Wind abhielten. Der Pilot landete den Helikopter ohne die geringsten Schwierigkeiten, nachdem er auf eine routinemäßige Funkanfrage mitgeteilt hatte, daß der Vertreter von SensiTivideo an Bord sei. Betreßte Portiers rissen den Eingang auf. Gerber betrat die Liftkabine, die ihn ein Stockwerk tiefer bringen würde, und genoß die wohlige Wärme. Es duftete nach Lavendel. Dezente Musik hüllte ihn ein, als sich die Kabinentür schloß und er mit rasender Schnelligkeit nach unten glitt. In der Roten Halle wimmelte es von Leben. Brombach stand – umringt von einer Gruppe blondgelockter Mädchen – im Mittelteil des großen Raums und hielt einen silbernen Sektkelch in der Rechten. Die Mädchen waren leichtgeschürzt und taten alles, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Selbst für einen SensiFilm mußten noch Standaufnahmen geschossen werden; auch wenn Menschen aus Fleisch und Blut für eine Produktion nicht mehr nötig waren, brauchten die Fantasten immer noch Anschauungsmaterial, aus dem sie die einzelnen Charaktere formen konnten. Gerber lächelte. Noch hatte niemand ihn bemerkt. Ein offenbar berauschter Mann rempelte ihn an und murmelte eine Entschuldigung. Gerber kannte ihn; es war Talliaferro, dessen Phantasie Das Combat-Team und einige andere Serien entsprungen waren. Sein Blick war glasig und wies alle Anzeichen des Ausgebranntseins auf. Wahrscheinlich war er der nächste auf der Abschußliste. Er taumelte weiter, und niemand würdigte ihn eines Blickes. Wahrscheinlich würden die Betreßten ihn irgendwann im Laufe des Abends auf einen lautlosen Wink Brombachs hin aus dem Raum entfernen. Gerber bleckte die Zähne und fühlte sich mit einem Mal ungewöhnlich gesund. Dies hier war das pralle Leben! Er schlenderte zwischen den in Trauben umherstehenden Menschen dahin, ließ sich von einem Kellner einen Drink reichen und marschierte, eine Hand in der Tasche und einen gelangweilten Blick zur Schau tragend, auf das gläserne Fenster zu, das den runden Raum kreisförmig umgab. Schwere Schmutzwolken hingen in der Luft und ließen das Licht aus den Tiefen der Stadt nur verzerrt zu ihm hinaufscheinen. Er prostete einem barbusigen Standmodell zu, das er noch von den Orgienszenen aus Blondie kannte, und beobachtete Brombach eine Weile aus der Ferne. Ein fetter Sittich, dachte er. Eine schuppige Kröte. Und seine Vorderzähne sehen aus wie die einer Ratte. Taplinger hatte auch diesmal wieder an nichts gespart. Zweihundert Auserwählte waren seiner Einladung gefolgt: Modelle, Star-Fantasten, Realisatoren, Scouts, Lizenznehmer aus anderen Ländern und die Vertreter verschiedener kleinerer Stationen aus dem Nachbargebiet. Auch sie durften sich am Tisch des Haifischs laben, der sie über kurz oder lang doch schlucken würde. Schlucken wollte, denn daraus würde wohl nichts mehr werden. Zu seiner Überraschung entdeckte Gerber mitten im dichtesten Menschengewimmel Devra Fenriss (das war natürlich ein Pseudonym; ihren wirklichen Namen kannte keiner). Sie unterhielt sich mit zwei hartgesichtigen jungen Managern, deren lüsterne Blicke ihm sofort verrieten, daß sie nicht nur auf einen Plausch zu Taplinger gekommen waren. Devra hatte die Vorlage der Titelrolle für Blondie abgegeben. Während sie mit den beiden Jungmanagern sprach, warf sie ihnen verständnissinnige Blicke zu, als stünden sie in einem geheimen Einverständnis miteinander. Die Konversation, die sie führte – das wurde Gerber mit Erschrecken bewußt –, hatte etwas seltsam Andersartiges. Er schüttelte den Kopf, betrachtete ihre wohlgerundeten Körperformen und fragte sich, was diese Änderung wohl bewirkt hatte. Im gleichen Augenblick sah sie ihn, preßte eine Hand vor den Mund, sagte ein paar Worte zu den beiden Jungmanagern und verschwand im Getümmel. Die beiden Männer sahen sich kurz an, bemerkten Gerber und verschwanden. Man hatte ihn also endlich wahrgenommen. Gerber trank sein Glas leer, schenkte seine Aufmerksamkeit zwei Mädchen, die einander in einer Nische heftig betasteten, und verlor auch sie schließlich aus dem Blick. Jetzt hatte auch Brombach ihn entdeckt. Er löste sich aus dem Pulk seiner blondgelockten Verehrerinnen und kam – hier und da jemanden mit einem leichten Wink begrüßend – auf Gerber zu. Gerber grinste. Brombachs Gesicht rötete sich. „Guten Abend, Herr Brombach“, sagte Gerber schnell und klopfte Taplingers Wachhund kollegial auf die linke Schulter. „Eine nette Party, wirklich. Leider erhielt ich Ihre Einladung zu spät, sonst wäre ich eher gekommen.“ „Unsere … Einladung?“ gurgelte Brombach. Seine Augen machten allen Ernstes den Versuch, aus ihren Höhlen zu quellen. Die beiden Jungmanager kamen unauffällig näher. „Die Einladung für den Vertreter der SensiTivideo“, sagte Gerber beinahe entschuldigend. „Ich hätte selbst nicht geglaubt, daß wir uns derart rasch wiedersehen.“ Brombach war nahe daran, die Beherrschung zu verlieren, und kam nicht mal auf die Idee, seine Verwirrung durch den Einsatz seiner einstudierten Sonorstimme zu überspielen. Er gab den beiden Jungmanagern einen Wink, und sie zogen sich zurück. „Sie sind der Vertreter der SensiTivideo?“ fragte Brombach. „Habe ich das richtig verstanden?“ Gerber nickte. „In der Tat. Wußten Sie das nicht? Ihr Nachrichtendienst ist ja offensichtlich noch schlechter als sein Ruf.“ Bevor Brombach etwas erwidern konnte, erfüllte lauter Applaus den Raum. Die Lifttür hatte sich geöffnet, und Taplinger betrat die Rote Halle. Er war ein schwerer, aber immer noch muskulöser und sportlich wirkender Mittfünfziger mit schwarzem, von einigen Silberfäden durchzogenem Haar und wachen Falkenaugen. Er lächelte seinen Gästen zu, machte jedoch nicht die geringsten Anstalten, einem von ihnen die Hand zu drücken. Hinter ihm tauchte Devra Fenriss auf. Sie mußte ihn informiert haben. Es überraschte Gerber nicht, daß Taplinger direkt auf ihn zusteuerte. Er reichte ihm sogar die Hand. Gerber ergriff sie und drückte zu. Der Mann sah nicht nur stark aus. Brombach versuchte eine stotternde Erklärung, aber Taplinger brachte ihn mit einer Geste zum Schweigen. „Ich freue mich“, sagte er zu Gerber, „daß die SensiTivideo einen Vertreter entsandt hat, auch wenn ich – offen gestanden – verwundert darüber bin, daß Sie es sind.“ „Vielen Dank für die Einladung“, sagte Gerber und musterte aus den Augenwinkeln die Leute, die ihnen jetzt einen Großteil ihrer Aufmerksamkeit schenkten. Taplinger schien das weniger zu gefallen, denn seine Nasenflügel bebten, und sein Unterkiefer zitterte leicht. Er gab Devra Fenriss einen Wink, dessen Bedeutung Gerber nicht erraten konnte, und sagte: „Ich glaube, wir sollten uns für einen Augenblick zurückziehen, Herr Gerber.“ „Wenn Sie meinen?“ Gerber gab sich äußerlich völlig gelassen. Zeig ihm deine Macht, dachte er. Hab nur ja kein Mitleid. Er verstand jetzt, daß Taplinger unter einem schweren Schock stand. Brands Taktik zeigte unzweifelhaft Wirkung. Im Mittelpunkt der Roten Halle, die rundherum von einem gläsernen Fenster umgeben wird, befindet sich ein vierzig Quadratmeter großer, umbauter Raum, den man durch eine holzgetäfelte Tür betreten kann. Devra Fenriss, die sich immer noch nicht darüber im klaren ist, was hier eigentlich gespielt wird (sie kennt Taplinger zwar schon länger, aber erst am heutigen Abend hat er ihr eröffnet, daß ihm daran gelegen ist, sie zu sich zu nehmen), folgt den beiden Männern und bleibt abwartend in ihrer Nähe stehen, nachdem sich die holzgetäfelte Tür hinter ihnen geschlossen hat. Taplinger macht jetzt sogar auf sie einen aufgeregten Eindruck. Er bietet Gerber einen Drink an (den dieser ablehnt, was ihr nicht ganz geheuer ist) und bittet ihn, Platz zu nehmen. Sie setzen sich. Devra Fenriss nimmt etwas abseits von den beiden Männern in einem kugelförmigen Sessel Platz und schweigt. Gerber sieht sehr selbstsicher aus. Sie hat ihn seit mehreren Wochen nicht gesehen, und ihr fällt auf, daß sein Haar allmählich schütter wird und sein Bauch umfangreicher geworden ist. Seine Kleidung ist dessen ungeachtet elegant. Taplinger wirkt neben ihm wie ein Haifisch, und in gewisser Beziehung ist er das auch. Er ist groß und reich und mächtig, ein bedeutender Mann mit Privatflugzeug, einer Insel im Südchinesischen Meer, einer Hochseejacht und zwölf Autos. Devra Fenriss, die sich fragt, warum er sie überhaupt zu diesem Gespräch mitgenommen hat, wird plötzlich klar, daß er ihr möglicherweise seine Macht demonstrieren will. Sie sieht Gerber an und findet, daß er trotz seiner Leibesfülle neben Taplinger nicht weniger beeindruckender wirkt. Aber das kann daran liegen, daß er ein Selbstvertrauen an den Tag legt, das sie an ihm bisher nicht gekannt hat. Taplinger und Gerber reden miteinander. Erst redet Taplinger. Dann Gerber. Taplingers Nervosität nimmt zu, während Gerber gelassen bleibt. Er zündet sich eine Zigarette an und schüttelt den Kopf. Taplinger steht auf, bewegt sich im Kreis, setzt sich wieder hin. Er fragt Gerber, ob er sich überhaupt darüber im klaren ist, auf was er sich eingelassen hat. Gerber gibt zurück, er wundere sich darüber, daß Taplinger so nervös sei. Das verärgert Taplinger, denn das hat bisher noch niemand zu ihm gesagt. Er nippt an seinem Drink, starrt Gerber eine Weile an und fragt ihn dann, ob er je die Namen Waldmann und Böhlefeld gehört hat. Gerber zuckt mit keiner Wimper, aber Devra Fenriss hat den Eindruck, als umspiele jetzt ein spöttisches Lächeln seine Mundwinkel. Gerber gibt Taplinger keine Antwort. Taplinger sagt (und jetzt wird seine Stimme ganz ruhig), er wisse nicht nur davon, daß Waldmann und Böhlefeld auf den Gehaltslisten der SensiTivideo stünden, sondern eröffnet Gerber auch, daß der Wechsel der beiden zur Konkurrenz auf seine Veranlassung hin geschehen sei. Gerber reißt die Augen auf. Damit hat er offenbar nicht gerechnet. Und dann sagt Taplinger: „Sie sind ein Narr, Gerber! Glauben Sie wirklich, Sie seien in diesem Spiel mehr als ein armseliger Bauer? Glauben Sie wirklich, Brand sieht in Ihnen mehr als ein simples Werkzeug? Ich weiß so gut wie er, daß ihm das Wasser nun bis zum Hals steht und er keine verdammte Chance hat, aus dem kommenden Schlamassel herauszukommen. Auch die Phantasmagoria wird einiges abkriegen, nachdem die Todesfälle unter den Teilnehmern bekanntgeworden sind, aber für uns wird es zumindest nur ein blaues Auge sein. Man wird spätestens in ein paar Tagen herausgefunden haben, daß es der Sender der SensiTivideo ist, der fehlerhaft arbeitet und die Gehirnzellen der Teilnehmer zerstört. Die Aktionäre werden Brand den Laden dichtmachen, falls sie es nicht vorziehen, ihn vorher für ein Butterbrot an uns zu verkaufen.“ Devra Fenriss stellt fest, daß diese Worte auf Gerbers Physiognomie eine einschneidende Wirkung haben. Sein Gesicht zeigt rote Flecken und verzerrt sich. Seine Hände wirken fahrig, seine Lippen trocken. Er murmelt etwas von einer Fusion, was Taplinger zum Lachen bringt, weil er davon noch nie etwas gehört hat. Gerber springt auf, drückt die Zigarette aus, zündet sich eine neue an, ist schlagartig wie verändert. „Aber …“ flüstert er ängstlich, „… aber … welche Rolle spiele ich dann?“ Er zittert nun, wie Devra Fenriss miterlebt, am ganzen Körper, was seltsamerweise auch Taplinger aus der Rolle zu bringen scheint, denn instinktiv scheint er angenommen zu haben, daß Gerber weiß, mit welchem Auftrag er in den Phantasmagoria-Turm gekommen ist. (Vielleicht um ein Waffenstillstandsabkommen zu unterbreiten, eine Unterwürfigkeitserklärung abzugeben, ein Verkaufsangebot zu machen?) Als Gerber taumelnd aus seinem Sessel auffährt, weicht Taplinger mit bleichem Gesicht zurück und streckt – wie angesichts einer drohenden Gefahr – abwehrend beide Hände aus. Devra kuschelt sich verwirrt in die Höhle ihres kugelförmigen Sessels und zieht die schlanken Beine an, denn nun ist ein Rauschen in ihren Ohren, das sie sich nicht erklären kann. Sie will den Mund öffnen, um etwas zu sagen, hört, wie Gerber etwas von einem ultimativen Schachzug murmelt und sich die Krawatte vom Hals reißt, und spürt, wie ein Sturmwind sie packt und mitsamt dem Sessel beiseite fegt. Ein Scherbenregen prasselt über sie hinweg. Sie sieht Gerbers Kopf bersten, hört Taplinger wie ein Tier aufschreien und sieht dann, wie die Tür aus den Angeln fliegt und eine Druckwelle die Gäste in der Roten Halle durcheinanderwirbelt. Die Panoramascheibe zerspringt. Der heulende Sturmwind schiebt die Gäste wie eine Handvoll getrockneten Grases vor sich her und stößt sie in die Tiefe. Erst dann hört Devra Fenriss das trommelfellzerreißende Donnern einer Explosion. Hirschmann zuckte zusammen, als sich in seinem Kopf unerwartet eine weibliche Stimme meldete und ihm verkündete, es sei für ihn nun an der Zeit, den Styx zu überqueren. Er kam nicht dazu, sich darüber zu wundern, wieso sein Empfänger empfing, obwohl die Sendezeit längst beendet war, denn nur zwei Sekunden später breitete sich eine nie gekannte Helligkeit in seinem Gehirn aus, ließ ihn gegen den Kühlschrank taumeln und die Umwelt in Bergen aus Watte verschwinden. Sein Herz machte plötzlich einen Sprung, die Knie knickten ihm ein, und er spürte nicht einmal mehr, daß er nun auf dem Boden lag und ziellos auf etwas zukroch, das er nie mehr erreichen sollte. Christian wurde vom Geräusch einer rollenden Explosion geweckt. Er sprang aus dem Bett, öffnete das Fenster und entdeckte eine mehrere hundert Meter hohe Feuerlohe, die sich östlich des Wupperzentrums in den schwarzen Himmel hineinfraß und von Sekunde zu Sekunde größer wurde. Er hörte die aufgeregten Stimmen seiner Eltern im Schlafzimmer, betätigte das Armbandsteuergerät und hoffte darauf, daß irgendeine Station eine Blitzmeldung über die Katastrophe abgeben würde. Nichts. Der Empfänger gab nur ein magisches Summen von sich. Christian fröstelte. Er schaute den Flammen zu, sah, wie sich auf den Straßen die Menschen versammelten, hörte ängstliche Schreie und Rufe und fragte sich, ob über den östlichen Hängen vielleicht ein Flugzeug abgestürzt sein mochte. Die Kälte trieb ihn eine halbe Stunde später wieder ins Bett zurück. Als er die Decke zum Kinn hinaufzog und sich vorstellte, wie er sich morgen im Arbeitsamt in die lange Schlange der Wartenden einreihen würde, kam ihm der sonderbare Gedanke, daß er von nun an dem Abenteuer des Lebens persönlich ins Auge schauen mußte. Nachwort Um die Situation der heutigen deutschsprachigen Science Fiction zu verstehen, ist zunächst ein Blick in die Vergangenheit nötig. Die deutsche Science Fiction – der Einfachheit halber hier so bezeichnet, ohne im einzelnen aufzuschlüsseln, was „utopisch“, „phantastisch“, „Zukunftsroman“ bzw. Vorläufer des einen oder anderen war – verlor ihre Vielfalt in den dreißiger Jahren mit dem Faschismus. Zwar konnte 1935 noch ein literarisch bedeutsames Werk wie Paul Gurks Tuzub 37 erscheinen, aber die vielen Pflänzchen, die seit dem Ende des neunzehnten Jahrhunderts erblüht waren, verwelkten. Niemand knüpfte an Laßwitz oder Scheerbart oder Kellermann an – um drei sehr verschiedenartige Autoren zu nennen, die für verschiedene Richtungen stehen. Übrig blieb allein der technisch orientierte Zukunftsroman im Stile eines Hans Dominik, übrig blieben (anfangs) Heftserien wie Sun Koh oder Rah Norton. Es bleibt müßig zu fragen, ob sich ohne den Faschismus die Magazin-SF Gernsbackscher Prägung einen Markt in Deutschland erobert hätte, denn angesichts der Ächtung alles Amerikanischen konnte ein solcher Versuch gar nicht erst unternommen werden. Nach dem Kriege blieben, wie auf den meisten anderen Gebieten, nur Trümmerhaufen zurück. Für die deutsche SF bedeutete dies, daß Verlage zunächst einmal das nachdruckten, was sich im Dritten Reich gut verkauft hatte: Dominik und die Heftserien (letztere von allzu Drastischem gereinigt). Das konnte nur ein Nachhall sein, es waren Zukunftsromane ohne Zukunft. Der wirkliche Neubeginn setzte dann einige Jahre später genau dort an, wo auch Gemsback mit seinen Magazinen begonnen hatte: auf dem Markt der billigen Unierhaltungsliteratur. Mit zwei wesentlichen Unterschieden: Im Gegensatz zu Amerika, wo den dime novels des neunzehnten Jahrhunderts im zwanzigsten Jahrhundert kein Erfolg mehr beschieden war, hatte der deutsche Leser von Unterhaltungsliteratur den Heft(kurz)roman auf Dauer akzeptiert. Also entstand die neue deutsche SF-Szene im Gewand des Heftromans. Und zweitens: Man importierte das, was in Amerika vorhanden war (längere Erzählungen bzw. Romane, die auf ein passendes Maß zusammengekürzt wurden). Deutsche Autoren, die Science Fiction schreiben wollten, mußten sich wohl oder übel diesem Markt anpassen – was sich für die Weiterentwicklung der deutschen Science Fiction insgesamt als lähmend erwies. Es fehlten die Magazine, in denen auch mal das eine oder andere Ungewöhnliche, Experimentelle hätte erscheinen können, es fehlte ein Buch- und Taschenbuchmarkt für Science Fiction (ganz wenige Verlage wagten hier und da einen SF-Titel, sieht man von den ausschließlich für Leihbüchereien produzierenden Verlagen ab, die keine Alternative zu den Heften bieten konnten). Anders wurde dies erst in den sechziger Jahren, als die Taschenbuchverlage die Science Fiction entdeckten. Immer noch war es jedoch für deutsche SF-Autoren schwer, auf Anhieb etwas auf die Beine zu stellen, das besser war als ein überdurchschnittlicher amerikanischer SF-Roman – denn besser mußte es sein, um den Bonus auszugleichen, den ein bei den Lesern bereits eingeführter amerikanischer Autor hatte. Im wesentlichen waren es nur Herbert W. Franke und Wolfgang Jeschke, die sich auf diesem Wege durchsetzten. Gerade sie waren es dann später auch – in der Funktion als Herausgeber von SF-Reihen –, die nun ihrerseits jungen deutschen und europäischen Autoren mit Taschenbuchmagazinen ein Forum schufen. Seither – und dank neuer Magazine im Zeitschriftenformat sowie der Bereitschaft in allen großen Verlagen, die Science Fiction veröffentlichen, deutsche Autoren zu fördern – geht es aufwärts mit der jungen deutschen Science Fiction, die inzwischen auf dem besten Wege ist, ihren eigenen Stil, ihre eigenen Ausdrucksformen zu finden. Vielleicht kann dieser Band ein wenig davon widerspiegeln, etwa den unverkennbaren Hang einiger Autoren zur Satire oder die Bereitschaft, in der Wahl der Thematik wie auch in der literarischen Gestaltung ausgetretene Pfade zu verlassen. Im Vergleich zur Situation im Jahre 1974, als Ronald M. Hahn und ich für den Fischer-Taschenbuchverlag die Anthologie Science Fiction aus Deutschland zusammenstellten und auf ein nur sehr schmales Reservoir an guten Stories zurückgreifen konnten, hat sich gewiß einiges bewegt … Ronald M. Hahn, der Herausgeber dieses Buches, zählt selbst zu den herausragenden jüngeren deutschen SF-Autoren. Zu seinen zahlreichen Publikationen gehören etliche Jugendbücher (die in Zusammenarbeit mit mir entstanden), Arbeiten im Sekundärbereich, so als Mitherausgeber/Mitverfasser des Lexikons der Science Fiction-Literatur und der SF-Roman Die Flüsterzentrale, der in Zusammenarbeit mit Harald Buwert entstand. In den letzten Jahren hat Ronald M. Hahn eine Reihe von bemerkenswerten SF-Erzählungen geschrieben, die in verschiedene Anthologien erschienen sind. Ihm liegt die Szene der deutschsprachigen SF-Autoren wie auch die der kleineren Nachbarländer – etwa Belgien und die Niederlande – sehr am Herzen, und er stellte bislang u. a. einen Band mit niederländischen und flämischen SF-Texten (Die Tage sind gezählt) vor. Hans Joachim Alpers Ronald M. Hahn, der Herausgeber dieser Anthologie, ist selbst ein bekannter SF-Autor, Verfasser von Jugendbüchern, Übersetzer, Redakteur und Literaturagent. In seiner Eigenschaft als SF-Fachmann zeichnete er unter anderem als Mitherausgeber des Lexikons der Science Fiction-Literatur verantwortlich.