Angeregt durch Richard McKennas „Das Kanonenboot vom Jangtse“ und Dino Buzzatis „Die Tatarenwüste“ schrieb Daniel Walther, einer der prominentesten Science Fiction-Autoren, den vorliegenden Roman. Formal eigentlich ein Abenteuerroman, ist diese Chronik eines Kanonenbootes, das den Ozean eines fremden Planeten befährt, zugleich ein engagiertes Bekenntnis gegen Militarismus und Kolonialismus. MOEWIG Band Nr. 3699 Moewig Taschenbuchverlag Rastatt Titel der Originalausgabe: L’Epouvante Aus dem Französischen von Brigitte D. Borngässer Copyright © 1979 by Editions J’ai Lu Copyright © der deutschen Übersetzung 1986 by Arthur Moewig Verlag Taschenbuch GmbH, Rastatt Umschlagillustration: Helmut Wenske Umschlagentwurf und -gestaltung: Franz Wöllzenmüller, München Redaktion: Hans Joachim Alpers Verkaufspreis inkl. gesetzl. Mehrwertsteuer Auslieferung in Österreich: Pressegroßvertrieb Salzburg, Niederalm 300, A-5081 Anif Printed in Germany 1986 Scan by Brrazo 08/2015 Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin ISBN 3-8118-3699-4 Die Menschheit hat sich nie über das Stadium der Larve erhoben; sie vermodert im Stadium der Puppe und wird niemals ihre Flügel entfalten. D. H. Lawrence Vorwort Es gehört mittlerweile zum guten Ton zu behaupten, die räumliche – interplanetarische! – Dimension der Science Fiction sei endgültig veraltet und die gesamte, aus dieser Richtung hervorgegangene spekulative Literatur stelle im Grunde nichts als ein Gewebe faszinierenden Unsinns dar. Doch wie alle Verallgemeinerungen ist auch diese töricht. Denn die exotische Dimension der SF zu verwerfen hieße schlicht und einfach, die Kraft der Parabel zu verkennen. Dies erscheint mir um so ärgerlicher, als die politische SF, die mit ihrer unerbittlichen Ernsthaftigkeit letztlich nur eine Abfolge wenig differenzierter Absichtserklärungen oder Stellungnahmen ist, sich dermaßen Wiederholt und so unerträglich langweilig geworden ist, daß man sie wahrhaftig nicht zu seiner täglichen Lektüre machen möchte. So habe ich mich denn – vielleicht auch als Protest gegen die thematische Verarmung der französischen SF – nach einem durch „periodisch auftretende Anfälle von Militanz“ verursachten langen Umweg (endlich!) dazu entschlossen, einen exotischen Abenteuerroman zu verfassen. Man wird in ihm einige Einflüsse (oder besser: Verweise!) entdecken, die ich mit voller Absicht eingearbeitet habe. Es handelt sich um Das Kanonenboot vom Yang Tse (The Sand Pebbles) von, natürlich, Richard McKenna sowie um Die Tatarenwüste von meinem Lehrmeister Dino Buzzati. Abschließend möchte ich noch einmal betonen, daß der vorliegende Roman, dessen erste Fassung in der Zeitschrift Fiction veröffentlicht wurde, ein Abenteuerroman ist. Aber er ist zugleich eine Streitschrift wider Armee und Kolonialismus. Falls mir der Nachweis gelungen sein sollte, daß man ein politisches Buch schreiben kann, ohne von Kernkraftwerken (und dabei wohne ich weniger als dreißig Kilometer von Fessenheim entfernt!) oder Geheimorganisationen der Polizei zu reden, habe ich erreicht, was ich wollte! D.W. 1 Der Krieg der Lems Häuft Leichenberge auf bei Austerlitz und Waterloo, Häuft sie auf und laßt mich arbeiten – Ich bin das Gras. Ich bedecke alles. Häuft Leichenberge auf bei Gettysburg, Häuft Berge auf bei Ypern und Verdun. Häuft sie auf und laßt mich arbeiten. Zwei Jahre, zehn Jahre gehen vorbei, und die Reisenden fragen den, der weiß: Was ist hier geschehen? Wo sind wir hier? Ich bin das Gras. Laßt mich arbeiten. Carl Sandburg „Bitte, bitte …“ Die Worte waren nur ein jämmerliches Stammeln, und Baird, der nicht eben viel Sympathie für die Eingeborenen empfand, drehte sich nicht um, weigerte sich, einer Kreatur Aufmerksamkeit zu schenken, die gewiß elend und verlaust war und möglicherweise vom Kopf bis zu den Füßen von einer abscheulichen Krankheit entstellt wurde. „Bitte, bitte …“ Auf einmal schien es Baird, als ob diesem wiederholten Anruf etwas Faszinierendes, Beunruhigendes anhafte wie dem Gebet eines Kindes, das von seinen Eltern mit dem bösen Zauberspuk der Nacht allein gelassen wurde. Er wandte sich um und erblickte einen winzigen hüpfenden Schatten, der sich nur schwach vom Halbdunkel der Straße abzeichnete. „Was wollen Sie von mir?“ fragte er. „Geld?“ Und bei sich selbst dachte er: Wie schrecklich diese Welt doch ist, wie unerbittlich. „Du mußt mit mir kommen“, sagte die sonderbare Kreatur. „Es ist sehr wichtig.“ Baird war schlechter Laune. Schon seit dem Morgen irrte er durch die Stadt und versuchte vergebens, seiner Verstimmung Herr zu werden. Er hatte Post erhalten – ein offizielles Schreiben von der Admiralität. In dürren, endgültigen Worten hatte man ihm mitgeteilt, daß sein Gesuch um Versetzung von Celaeno de Peroyne abgelehnt worden war. Sein Exil schien kein Ende nehmen zu wollen. Dieses schreckliche Exil, das fast dem Tod gleichkam. ,Mir kann keiner mehr helfen, ich bin ein lebendig Begrabener …’ „Ich bin doch nicht lebensmüde“, sagte Baird. „Zeig mir wenigstens dein Gesicht. Wie soll ich sonst wissen, ob ich dir trauen kann.“ „Du mußt dich auf deinen Instinkt verlassen“, erwiderte die Stimme. „Nur dein Instinkt kann dir raten. Aber beeile dich, denn unsere Zeit ist knapp bemessen.“ Aufseufzend suchte er in seinem Gedächtnis nach halbentschwundenen Erinnerungen. Es wollte ihm in der Tat so scheinen, als habe er diese Stimme schon einmal vernommen, irgendwo im Strom der verlorenen Zeit, in einer anderen Welt, die bereits jenem verschwommenen Bereich angehörte, in dem schattenhafte Gottheiten mit düsteren Gedanken herrschten. Er trat ein paar Schritte näher, doch eine Hand reckte sich ihm Einhalt gebietend aus dem Halbdunkel der Straße entgegen: „Nein, wirklich, Sie dürfen keinen Schritt weitergehen. Ich zähle nicht: Ich bin nur ein Bote … ein Statist in einem überaus komplexen Stück …“ Seitdem er sich zwischen den Sternen umhertrieb und mehr noch seit dem Beginn seines Exils auf Celaeno de Peroyne, hatte sich Leutnant Baird an die andeutende, Umschweife machende Redeweise der Bewohner anderer Planeten gewähnt. Zu Anfang hatte er sich wie alle seine Artverwandten rassistischer Anwandlungen nicht erwehren können, die er aber wohlweislich hinter der furchteinflößenden Autorität verbarg, welche ihm die Uniform der Konföderierten Streitkräfte verlieh. Mittlerweile war seine Feindseligkeit eher zu Gereiztheit geworden. Im übrigen war er viel zu sehr mit seinen eigenen Problemen beschäftigt, als daß er geneigt gewesen wäre, mehr oder minder zivilisierten Humanoiden eine über das absolut notwendige Mindestmaß hinausgehende Bedeutung beizumessen. „Ich bitte Sie, kommen Sie mit mir, jetzt gleich“, flehte der Unbekannte. „Ihre Hartnäckigkeit ist mir unbegreiflich …“ Schließlich war er nur ein kleiner Offizier in untergeordneter Position, der an einer leichten Neurasthenie litt und sich auf den gewundenen Pfaden eines wechselhaften und endlosen Krieges verirrt hatte. Vertraue deinem Instinkt, hatte die Stimme gesagt. Aber was riet ihm sein Instinkt? Nichts; die Stimmen seines Unbewußten blieben unhörbar, verloren sich weit entfernt in vagen Echos. Mit einemmal erhob sich ein merkwürdiger Tumult in seinem Kopf, und unter dem Aufprall tönender Silben schüttelte er sich wie ein Hund. „Die Welt ist ein Flammenmeer“, sagte der Wortstrom, „ein gewaltiger Morast aus Leere und Angst. Du mußt dem Boten folgen, den ich dir gesandt habe. Er wird dich in die Labyrinthe der Nacht führen.“ Brian Wendell Baird, in Ungnade gefallener und in die Verbannung geschickter Leutnant der Konföderierten Flotte, murmelte etwas, das man zur Not für eine Einwilligung halten konnte, dann äußerte er mit festerer Stimme: „Du würdest es nicht wagen, einen Offizier in ein tödliches Abenteuer zu locken. Du weißt recht gut, daß du niemals davonkämest …“ Eine seichte Melodie erklang in seinem Gehirn und löschte die Spur seiner eigenen Gedanken aus. Plötzlich hatte er die beinahe unerträgliche Empfindung, daß die Finsternis in der schmalen Gasse, die sich unter den hervorspringenden Fassaden wie hinter einer Maske verbarg, dichter und gehaltvoller geworden war, gleich einer Substanz, in der es von unbeschreiblichen, abscheulichen Tierchen wimmelt. Celaeno de Peroyne war eine seltsame Welt, in der die Realität ebenso instabil zu sein schien wie gewisse chemische Stoffe, die ständig ihren Aggregatzustand ändern, von gasförmig zu flüssig oder fest übergehen: das reinste Hexenwerk. In dieser erstickenden Atmosphäre ging von der Uniform etwas Beruhigendes aus: Sie symbolisierte eine Welt, in der alles seine Ordnung hatte, in der die einen Befehle erteilten, welche die anderen ausführten – in alle Ewigkeit und ohne je darüber nachzudenken. Befehl ist Befehl. Les ordres ne se discutent pas. Command! We shall obey! Gli ordini non se discutono! Selbst der Tod schien Handschuhe anzuziehen, wenn er seinen Tribut von der gewaltigen Streitmacht der Konföderierten forderte; man konnte fast glauben, daß Freund Hein sich entschuldigen wolle … Doch im Augenblick herrschte wieder einmal Waffenstillstand. Die Krieger blieben unter Waffen, und ihre Kampfschiffe, riesige schimmernde Festungen aus Platin und Iridium, patrouillierten weiter zwischen den Sternen. Leutnant Baird schickte sich an, der leicht hinkenden befremdlichen Gestalt zu folgen, und sogleich hatte er das Gefühl, leichter atmen zu können, obwohl seine Lage unsicher war und von der Finsternis eine merkwürdige Beklemmung ausging. Doch er war von dem schrecklichen Gewicht befreit, das auf seinen Schultern gelastet hatte, und die von den giftigen Ausdünstungen des krank machenden Treibhauses, das sich Celaeno de Peroyne nannte, gereinigte Luft drang frisch, tief und kräftigend in seine Lungen ein. Für einen kurzen Moment ergriff ihn die Furcht, daß sich über seinem Kopf nichts als eine grausige Pfütze aus Dunkelheit dehne, ohne die geringste Spur von astralem Licht, doch als er die Augen hob, waren die Sterne wie immer da; großzügig im Himmelsausschnitt über dem Gäßchen verteilt, glichen sie Splittern funkelnder Kieselsteine. Vielleicht träume ich das alles nur. Vielleicht liege ich in Wirklichkeit in der feuchten Schwüle meines Zimmers, betrunken oder berauscht oder beides zugleich. In dieser Schwüle … in dieser Betäubung … eine willenlos umhergetriebene Existenz … Seit langem schon bargen die Nächte von Port-Jaira keinerlei Überraschungen mehr für Baird. Das Garnisonsleben hatte sich seit den weit zurückliegenden Zeiten der ersten Eroberungen im Weltraum nicht verändert. Die Tage und Nächte wurden von Alkohol, Drogen, Bordellbesuchen, Tropenkrankheiten und endlosen Intrigen beherrscht. Port-Jaira (knapp 30000 verlorene Seelen!) war eine Stadt am Meer von Offuz, eine Anhäufung verpesteter Terrassen. Man erahnte noch hie und da die Überreste einer uralten und einst mächtigen Zivilisation, die dem langsamen Verfall geweiht war. Doch Baird hatte nie Lust verspürt, über die Wachstumskrisen und die zyklische Wiederkehr interstellarer Zivilisationen zu philosophieren. Für ihn waren alle Kulturen vergänglich, ihr Untergang im Chaos und ihr schließliches Verstummen unausweichlich. Alles übrige war nutzloser Lärm und überflüssige Aufregung, selbst jetzt, wo der Frieden zwischen den kriegführenden Parteien – der Konföderation und dem Reich von Lemura – unterzeichnet worden war, ein Frieden, den beide Seiten mit einem beträchtlichen Aufwand an Pathos und Scheinheiligkeit als ‚Waffenstillstand der fünf Jahrhunderte’ bezeichneten. Trotz eines nur zu verständlichen gegenseitigen Mißtrauens – immerhin währte die immer wieder von trügerischen Pausen und kurzatmigen Verhandlungen unterbrochene bewaffnete Auseinandersetzung bereits eine schier unvorstellbare Anzahl von Jahren! – war in den Himmeln ein halluzinatorischer Friede eingekehrt. Infolge der Sicherheit, die er zu gewähren schien, begannen die beiden Supermächte, sich dem Nichtstun hinzugeben, doch in ihren Aufrichtigkeitsbeteuerungen glichen sie müden alten Katzen, die von ihren Krallen daran gehindert werden, den Schlaf der Gerechten zu schlafen. Schließlich, und das war beiden Seiten klar, würden sie der Eintracht bald genug ebenso überdrüssig wie einer Vernunftehe. Die unermeßliche Soldateska aus Fleisch, Stahl und synthetischen Stoffen fand sich von einem Tag auf den anderen ohne Aufgabe wieder, zumal es einer furchtbaren Strafexpedition gelungen war, die unermüdlichen orkandischen Piraten aus den Einflußsphären der beiden Supermächte zu vertreiben. Man hatte die Truppen mit allerhand unwichtigen Arbeiten, mit sinnlosen oder gar absurden Aufträgen so gut es ging zu beschäftigen gesucht, doch man wußte, daß ein einziger Funke genügte, um eine Zone von mehreren Tausend Parsek Durchmesser neuerlich in Brand zu setzen und Blut in Strömen fließen zu lassen. Die augenblickliche Situation eines scheinheiligen Status quo nannte Baird bei sich der böse Krieg. Zwar gab es für ihn keine guten oder gerechten Kriege, doch die gegensätzlichen Ziele, die sich unter dem Deckmantel eines guten Einverständnisses verbargen, kamen ihm wie Zündkapseln auf galaktischer Ebene vor. Irgendwo würde irgend jemand unausweichlich den richtigen Knopf drücken, und das All würde sich wieder rot färben … Die Straßen waren entsetzlich leer. Aber ungewöhnlich sauber. Und sie verliefen so kerzengerade, daß es einem schwindeln konnte. Man war direkt in Versuchung, ein erregendes Gefühl von Zutrauen in sich aufkommen zu lassen. Ja, in der Tat … man hätte sich, ein wenig Verachtung für alte Ängste vorausgesetzt, bedenkenlos von dieser verwirrenden Mixtur aus Gerüchen und Empfindungen faszinieren lassen können, von diesem Vorstoß, dieser Reise in eine Welt der Kälte (oder der Kühle – des Schweigens?) Die tropische Schwüle war aus den Straßen von Port-Jaira gewichen. Und mit ihr die lastende Schwere der Tage und die entwürdigende Schlaffheit der Nächte. Vor allem die Nächte, diese schrecklichen, endlosen Nächte von Port-Jaira unter einem giftig flackernden Mond, der heimtückische Schadstoffe auszuschwitzen schien, welche die Energien der Schläfer untergruben, so wie es in alten terranischen Erzählungen von den Manzanillas, jenen legendären Bäumen, berichtet wurde. Diese Nächte, die unablässig widerwärtige Drohungen auszubrüten schienen und deren Alpträume man nur durch übermäßigen Gebrauch von Drogen und Alkohol verjagen konnte … Ein frischer Wind wehte jetzt von den hohen Gipfeln herab, die sich hinter ewigen Wolken verbargen, kehrte die verlassen daliegenden Gassen und fuhr heftig in die Kleidung von Leutnant Baird, als wolle er ihn wegtragen, weit fort von dem unfruchtbaren Schlamm der Finsternis. Baird, der anmutig und leicht ausschritt, sagte sich: Ich habe gerade einen völlig neuen Körper erhalten; sämtliche Zellen meines Organismus’ sind auf wunderbare Weise regeneriert worden. Mit einemmal fühlte er sich über sein mittelmäßiges Dasein hinausgehoben, über dieses triste Schicksal der bedauernswerten Krieger, die in den verlorenen Randzonen der Galaxis verstreut waren. Das verschmutzte Räderwerk seiner inneren Maschinerie war in Sekundenschnelle überholt worden und funktionierte nun kraftvoll und mit Präzision. Als er aus dieser wundervollen Betäubung erwachte, stellte er fest, daß sie am Fuß der ehemaligen Zitadelle angelangt waren, einer alten, die Stadt beherrschenden Festungsruine, welche noch von den ruhmvollen Zeiten kündete, die Port-Jaira einst gekannt hatte. Tatsächlich wehte ein frischerer Wind als üblich vom Meer und brachte fremdartige Wohlgerüche mit sich, unter deren Anhauch sich Bairds Nasenflügel leicht blähten. ‚Fast könnte man glauben, daß sich mit dieser Welt eine Metamorphose vollzieht, daß sie zu neuem Leben erwacht …’ Er riß die Augen auf und blickte nach unten, um die stufenweise von der Mole aufsteigenden Lichter der Stadt zu suchen, aber es war, als habe sich ein dichter Nebel über die verschiedenen Stadtteile von Port-Jaira gelegt, so daß nicht einmal mehr ihre Umrisse zu erkennen waren. Bairds Herz begann schneller zu klopfen. Er drehte sich zu seinem Führer um und rief: „Du hast mich in einen Hinterhalt gelockt!“ Doch er ging nicht weiter, denn Furcht durchbohrte seine Brust wie ein Dolch: Er befand sich ganz allein inmitten der Ruinen. ,Was mir eben zustößt, ist unmöglich, so etwas kann einfach nicht SEIN!’ Da ertönte neuerlich die Stimme in seinem Kopf, die vor kurzem zu ihm gesprochen hatte: „Du mußt deinem Schicksal vertrauen. Hier bist du in Sicherheit. Niemand wird dir auch nur ein Haar krümmen.“ Luftgeborene Formen begannen rings um Brian Baird Gestalt anzunehmen, streiften ihn manchmal hauchzart, und bei jeder dieser geheimnisvollen Berührungen bildete er sich ein (oder geschah es am Ende gar tatsächlich?), daß ihm durch diesen einfachen und leichten Kontakt ganz neue Kräfte und Energien zuflossen. Die immateriellen Wesenheiten, die an dieser Stätte einer längst vergangenen Epoche herumspukten, schienen ihn zu den hohen Mauern führen zu wollen, die das Innere der Zitadelle umschlossen. Er durchquerte verlassene Gänge, schmucklose Höfe, wo sich schlafende Schlangen zu glänzenden Ringen zusammengerollt hatten, und Säle ohne Decken, in deren Öffnungen die Sterne schimmerten. Celaeno de Peroyne, verlorener Planet, verfluchte Welt, Cloaca Imperii! Eine Garnison an der Peripherie des Kampfgebiets, die möglicherweise von der Konföderation bald aufgegeben wurde. Eine Erde, die den Lems so uninteressant schien, daß sie noch nie auf die Idee gekommen waren, sie den Menschen streitig zu machen. Eine Insel im Raum, deren Erforschung und Erschließung mit einer jener wenig spektakulären, aber insgeheim deprimierenden Niederlagen hatte bezahlt werden müssen, welche die traurigen Wegmarken auf dem Pfad der Eroberungen und des Ruhmes sind … Und doch bewiesen gewisse Überreste, daß dieser Planet vor vielleicht noch nicht allzu lange zurückliegenden Zeiten so etwas wie ein Goldenes Zeitalter gekannt hatte. Und die Port-Jaira beherrschende Zitadelle war sicher einst die bewehrte Residenz von Machthabern mit ehrgeizigen Träumen gewesen. Baird war von einem angenehmen Gefühl der Zuversicht und des Einklangs mit dem ganzen Universum erfüllt. Er empfand keinen Kummer mehr über sein Exil, das ihn von jenen Welten des Luxus’ und der Ausschweifungen fernhielt, auf denen die Kultur der Oligarchen in Blüte stand. Übrigens: Wenn er sich selbst gegenüber ganz aufrichtig war, mußte er dann nicht zugeben, daß er schon seit längerem dem ungesunden Zauber Celaeno de Peroynes erlegen war? Hatte er nicht jedesmal, wenn er für einen kurzen Urlaub auf konföderiertes Gebiet zurückkehrte, das Gefühl gehabt, daß ihm die Zeit davonlief wie ein Bolide, der auf einer Rennstrecke losraste, auf ein unbekanntes Ziel zu? Die wenigen Freunde, die noch bereit waren, ihn zu sehen, behandelten ihn während ihrer öden Saufgelage mit einer Verachtung, die zwar durch die Gesuchtheit ihrer Konversation verschleiert wurde, die aber dennoch einem Mann, der so vom Leben gezeichnet war, nicht verborgen bleiben konnte. So kam es, daß der Leutnant, ohne es sich eingestehen zu wollen, eine gewisse Erleichterung verspürte, wenn sich die Schatten des Alls wieder um ihn schlossen und er von einem der großen metallischen Vögel der Konföderation zu jener Welt zurückgetragen wurde, die von halbverhungerten Gespenstern und Geschöpfen bevölkert war, welche von der allmählich verrinnenden Zeit und den Gewittern des Hegemonialkriegs nicht berührt zu werden schienen – jenes Kriegs, in dem sich seit einer unausdenklichen Anzahl von Jahren die Geschwader Lemuras und der Oligarchischen Konföderation gegenüberstanden. Der Saal, in dem er sich jetzt befand, war von glänzendem Licht erfüllt, als ob es heller Tag sei; sonderbare feine Töne erklangen in ihm, und einschmeichelndes Gemurmel pflanzte sich in seinen Winkeln fort. Baird schloß die Augen, um sich besser konzentrieren und diese wohltuenden energetischen Entladungen mit all seinen Poren aufnehmen zu können. Dann wurde ihm die Präsenz einer fleischlicheren Wesenheit bewußt, und er hob langsam die Lider: Vor ihm stand ein mittelgroßer Mann ohne besondere Merkmale. Für diese ungewöhnliche Begegnung inmitten der Zeugen der Vergangenheit hatte er einen Anzug angelegt, der wohl irgendeine alte Autorität symbolisieren sollte. „Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Leutnant Baird … zumal in einem Rahmen, der so vollkommen zu einer gehobenen Unterhaltung paßt. Ich hoffe, daß der Bote, den ich Ihnen geschickt habe, meine Nachricht korrekt ausgerichtet hat … Aber ich brauche Ihnen ja wohl keinen Vortrag über die Kommunikationsschwierigkeiten zwischen den Rassen, selbst den höherentwickelten, zu halten …“ Baird versuchte, sich die Züge des Mannes genau einzuprägen, damit er ihn wiedererkannte, falls ihn das Schicksal noch einmal über seinen Weg führen sollte, aber es war, als ob sich etwas Schweres auf seine Stirn und seine leicht schmerzenden Lider gelegt habe. „Nein, dies ist kein Traum – weder die merkwürdigen Straßen noch die von der Zeit angenagten Bauwerke, noch auch diese Festung, die so unnütz geworden ist, wie es die Ihren eines Tages ebenfalls sein werden. Ich habe Sie beobachtet, Leutnant, und Sie durch einige meiner Gefährten ständig überwachen lassen. Ich weiß, daß Sie anders sind als die übrigen in Port-Jaira stationierten Soldaten, aber ich weiß auch, daß Sie von allen Offizieren, die unter uns leben, den geringsten Ehrgeiz besitzen und für ein kriegerisches Dasein am wenigsten geeignet sind …“ Die Rede des Unbekannten hätte Baird eigentlich verärgern müssen. Schließlich erfährt niemand gerne, daß Fremde in seinem Privatleben herumgeschnüffelt haben, als ob es sich dabei um eine Sache handele, die ähnlich wertlos sei wie ein Packen alter Lumpen. Doch er blieb mit weit aufgerissenen Augen stehen und lauschte den Worten mit einer Inbrunst, als ob er sich von ihnen die wundersame Lösung all seiner Probleme erhoffe. Der Fremdling setzte derweil seine Ausführungen fort, die er in der immer gleichen sanften, ein wenig einschläfernden Weise vortrug, hinter der sich eine ungewöhnliche Charakterstärke verbergen mußte. „… selbst ein altes Volk wie das unsere. Zwischen euch und den Armeen von Lemura ist Friede eingekehrt. Ein Frieden, von dem wir allerdings nicht viel haben, denn eure Truppen halten weiterhin unsere Städte besetzt, ohne sich um unsere Gedanken und Gefühle zu scheren. In Ihrer Eigenschaft als Offizier der Konföderierten Armeen können Sie (auch wenn Sie nur einen untergeordneten Rang bekleiden!) keine Rücksicht auf unser Elend nehmen. Und selbst wenn Sie es wollten, würden Sie doch durch Ihre eigene seelische Misere daran gehindert …“ Während diese Worte mit einer beinahe majestätischen Langsamkeit auf ihn niederfielen, fühlte Brian sich vollständig von all seinen Ängsten und düsteren Befürchtungen befreit. Die Stimme, die aus den Tiefen der Schatten kam, wirkte lindernd wie ein Balsam, der auf alte, aber immer noch eiternde und schmerzende Wunden – jene peinvollen Gefährten schlafloser Nächte und nutzloser Tage – getröpfelt wird. „Ein altes Volk wie das unsere … ein Krieg, der uns kaum betrifft, und ein Friede, bei dem niemand auf seine Kosten kommen wird … Aber die Welt ist alt, Leutnant Baird, so alt, daß Sie, der Sie nur ein armseliges Staubkörnchen im Strudel der Gezeiten sind, ihre hassenswerte Dauer nicht einmal erahnen können …“ Die hassenswerte Dauer der Zeit. Bilder umschwebten Baird, manche bunt, heftig und grell aufzuckend wie Blitze aus einer Laserkanone, andere pastellfarben, mit Tönen, die durch die Ungenauigkeit der Erinnerung gedämpft waren … und wieder andere gleich Meteoren, die über den Bildschirm seiner wachen Träume glitten, flüchtige Sterne an sommerlichen Himmeln. Die hassenswerte Dauer der Zeit. Die geistigen Präsenzen waren zurückgekehrt und umgaben ihn aufmerksam und schweigend, eine geheime Versammlung, die in diesen Ruinen ihre mysteriösen Treffen abhielt. „Aber was wollen Sie denn eigentlich von mir? Was versuchen Sie mir zu sagen? Ich verstehe Sie nicht! WER sind Sie?“ Leichtes Gelächter erklang, hallte unter den Gewölben der Säle, auf den Gängen und in den tiefsten Kerkern der alten Festung wider, als ob die rätselhafte Gesellschaft seine Worte absurd, seine Fragen unsinnig fände. „Sie sind noch nicht soweit, daß Sie verstehen könnten, Leutnant Baird, aber beunruhigen Sie sich nicht: Ihre Stunde wird kommen. Sie wird unausweichlich kommen.“ Die Bilder stürzten in die leuchtende Nacht hinab, als ob eine beinerne Schattenhand all diese Ausreden und den falschen Schein ins Nichts gefegt und die Wirklichkeit der umgebenden Welt in ihrer ganzen kraftvollen Einfachheit wiederhergestellt habe. Eine unbestimmte Melodie ertönte, langgezogene Töne in allen Klanghöhen, die ihn auf der nächtlichen Rutschbahn Celaeno de Peroynes entlanggleiten ließen, Anaconda-Rutsche, gigantische russische Gebirge eines illusionären Planeten, phantastische Schaukel einer trügerischen Welt. Er stürzte rücklings in eine Phantasmagorie aus umeinanderwirbelnden Gesichtern, halbgeöffneten Lippen, sanften Worten, verstohlenen, hauchzarten Berührungen … Gekicher-Getuschel, wogendes Gemurmel in dunkelschattigen Ruinen! „Sie sind noch nicht soweit, daß Sie verstehen könnten“, sagte eine weibliche Stimme von erregender Heiserkeit, die die Erinnerung an uralte Freuden, an fast völlig ungetrübte Vergnügungen in ihm heraufbeschwor. „Doch Ihre Stunde wird kommen. Sie wird unausweichlich kommen …“ Die geheimnisvolle Stimme ließ Brian in einer heftigen Vorahnung erzittern; er wurde von einer Mischung aus Furcht und Freude gepackt, als strichen ihm eine mit sanfter Wärme und eine mit Frost gefüllte Frauenhand langsam und liebkosend über die Wirbelsäule. Der Nebel, der ihn umgab, schien sich aufzulösen, und die Schatten entfernten sich, wobei sie ein Geräusch verursachten, das wie das Flattern seidiger Flügel klang. Nur zwei menschliche Gestalten blieben zurück, die noch ununterscheidbar waren, und verharrten in völliger Reglosigkeit. Die Stimme, die so viele verwirrende Empfindungen in Baird hervorgerufen hatte, gehörte der einen von ihnen: „Die alten Völker gleichen mitunter Vulkanen: Sie tragen den Keim zukünftiger Eruptionen in sich.“ Mittlerweile war das Gesicht der Frau deutlich zu erkennen; es schien sich von einem Hintergrund aus gelben Flammen abzuheben, und seine Umrisse knisterten in dem goldfarbenen Dunst. ,Ich will die Züge dieser Frau in mein Gedächtnis eingraben, damit ich sie wiedererkenne, wenn sie dereinst meinen Weg kreuzen wird.’ Doch er war derart fasziniert von der jungen Frau, daß er sich von ihrem funkelnden Blick betören ließ, von der magnetischen Ausstrahlung ihres Körpers, dessen Formen unter den Falten eines reizlosen Gewandes verborgen waren, und so geschah es fast übergangslos, daß er in eine Art Halbschlaf fiel, in dem es ihm weniger denn je möglich war, Traum und Realität auseinanderzuhalten. Die schimmernden Augen der schönen Unbekannten, ihre hohen Wangenknochen, ihr sinnlicher Mund verfolgten ihn in den Korridoren der Zeit. Neuerliche Musik und das verrückt machende Gefühl, das Gleichgewicht zu verlieren und rückwärts zu stürzen, haltlos auf der monströsen Rutschbahn der Nacht entlangzugleiten … Er hörte Schreie, die aus den Ruinen aufstiegen, und begriff, daß das seine eigene Stimme war, armseliges Gezirpe einer Heuschrecke, die zwischen den Kiefern des Großen Unbekannten zermahlen wird. Dann kam beruhigend wie eine Hand, die sich einem über einer schwarzen, windgepeitschten Einöde entgegenstreckt, die männliche Stimme zurück, und er stürzte nicht länger in den tosenden Abgrund hinab. „Wir können weiter miteinander reden“, sagte sie mit Festigkeit und Überzeugung, „aber du mußt sie vergessen, SIE. Du mußt sie aus deinem Geist verbannen bis zu dem Augenblick, da dir andere, wichtigere Geheimnisse enthüllt werden.“ Der Unbekannte schob seinen Arm unter den Bairds und geleitete ihn durch die Gänge der Zitadelle. Brian schämte sich nicht, sich wie ein Kind oder ein Mann, der in einem aufreibenden Kampf all seine Kräfte eingebüßt hat, führen zu lassen. Und während sie gemeinsam die Stufen des höchsten Wachtturms erklommen, trat dem Leutnant in einer Sturzflut grausamer Bilder wieder die ganze brutale Nichtigkeit des Kriegs vor Augen: ein jäher Sturm flüssigen Feuers / lautlose Explosionen in der Leere des interstellaren Raums / in Laserstrahlen verglühende Körper / Gesichter, von unsäglichen Ängsten und Leiden verzerrt / in der Glut der Bomben oxidiertes Heideland / kreischende Marschkolonnen wahnsinnig gewordener Söldner / total zerstörte Städte nach einem Bombenangriff / ausradierte Zivilisationen, die den Weg der Kriegführenden säumen / Genozide aller Art – und natürlich die Angst, der Haß, die Grausamkeiten, der Tod und eine Verzweiflung, die eisiger und endgültiger war als die ewige Nacht des Alls. Sie schritten in völligem Stillschweigen weiter. Baird war wie taub für die Geräusche der Außenwelt; er nahm nicht einmal das Tappen seiner Stiefel auf den Stufen wahr. Die Turmtreppe wand sich schier endlos nach oben, doch der Leutnant war Strapazen gegenüber unempfindlich geworden … Als schließlich die Sterne Celaeno de Peroynes über seinem Kopf erstrahlten, hatte er das Gefühl, unermeßliche Entfernungen zurückgelegt, unauslotbare galaktische Regionen durchmessen zu haben und wieder in die kurze Epoche seiner Jugend eingetaucht zu sein. Vergessen geglaubte Gesichter zogen in der Zeitennacht an ihm vorbei. Das Meer von Offuz schmückte sich mit prächtigen Farben, als sei in seinen Tiefen eine geheimnisvolle Alchimie am Werk. Später, als er an Bord der Panik mit immer phantastischeren und enttäuschenderen Ereignissen konfrontiert wurde, versuchte er ernstlich, die Erinnerung an jene seltsamen, inmitten der Ruinen verbrachten Stunden in sich heraufzubeschwören und sich der Züge seines wohlwollenden Gesprächspartners zu entsinnen, der mit ihm fast wie mit einem Freund gesprochen und ihn anscheinend besser verstanden hatte als seine eigenen Kameraden. Doch im Laufe qualvoll wirrer Tage gelang es ihm nur allmählich und unter großen Mühen, einige Bemerkungen des Unbekannten in den entlegenen Winkeln seines Geistes wiederzufinden. Der Fremde hatte ihm in jener Nacht scheinbar unbedeutende Geheimnisse anvertraut, die jedoch dem Wollfaden glichen, der aus einem Teppich mit verwaschenen Farbtönen hervorsteht und an dem man eines Tages, von einem plötzlichen, unbegreiflichen Impuls getrieben, zieht, um gleich darauf – ohne recht zu wissen, wie das geschehen konnte – vor einem völlig aufgelösten Gewebe zu stehen, als ob das Ganze nur an diesem einen Faden gehangen habe. Immerhin verbrachte Leutnant Brian Wendell Baird in jener schönen Nacht mehrere Stunden inmitten der Ruinen und unterhielt sich mit dem urplötzlich aus den Ritzen des Mauerwerks vor ihm aufgetauchten Mann, dessen Äußerungen kurz, nachdem sie sich wieder getrennt hatten, durch einen unerklärlichen Schwindelanfall in seinem Gedächtnis ausgelöscht wurden. Hätte man ihm die Erinnerung an das Treffen nicht genommen – vielleicht wäre es um seine Gemütsruhe geschehen gewesen, als er zu dem schlafenden Port-Jaira hinabstieg, und vermutlich hätte er sich ab und zu umgedreht, um einen Blick zurück auf die verwüstete Burg zu werfen, die lauernd über den durch die dunkle Nacht huschenden Schatten hing. Doch während der ganzen Zeit, die er brauchte, um den komplizierten Weg-, der ihn zu der Festung geführt hatte, in umgekehrter Richtung zurückzulegen, war in seinem Herzen nur für heitere und freudige Gedanken Platz. Ich bin erleichtert, wirklich erleichtert, sagte er sich, daß sich die Admiralität rundheraus geweigert hat, meiner Bitte um Versetzung nachzukommen. Ich habe es verlernt, mich in der Welt zurechtzufinden …, dort zieht mich nichts mehr hin. Der lange Krieg hat die Herzen derer, die ich einst liebte, verhärtet. Ich bin ein Fremder geworden, und ich weiß, daß die Einsamkeit mein Los ist. Eine Einsamkeit, die ich mit vielen tausend Männern teile, die vom Zufall des Kampfgeschehens in Dutzende, Hunderte, ja Tausende von Lichtjahren von ihrer Heimat entfernte Regionen verschlagen wurden. Diese Zeit ist seelenlos und ohne Erbarmen, und es könnte sein, daß sie uns bis auf den letzten Mann töten oder, wenn sie uns schon nicht tötet, doch zumindest unserer Seelen berauben wird. Doch er sagte sich all dies ohne rechte Bitterkeit, vielmehr in der Art, in der man eine Bestandsaufnahme seines bisherigen Lebens vornimmt. Während er eine schmale, abschüssige Gasse hinunterging, versuchte er sich vorzustellen, wie sein Leben hätte aussehen können, wenn vor langer Zeit, als sich die Menschen mit leidenschaftlichem Eifer auf die Straße der Eroberung wagten, am Kreuzweg der kosmischen Nacht etwas anderes als die schrecklichen Kampftruppen von Lemura auf sie gewartet hätte. Wenn er einen anderen als den Weg der Waffen hätte einschlagen dürfen … Aber der Krieg währte schon so lange und die militärische Routine lastete so unerbittlich auf seinem Dasein, daß er sich eine zivile Existenz überhaupt nicht mehr vorstellen konnte. Eine Stimme, die nicht die seine war, ihm aber sehr bekannt vorkam, ertönte in der nächtlichen Stille und wurde von den blinden Fassaden zurückgeworfen: „Du hast ganz recht, es ist nun einmal so. Du kannst die Frage noch so oft hin und her wenden, du magst endlos über das Wie und Warum der Dinge nachgrübeln – am Ende wirst du doch immer auf denselben Punkt verwiesen. Und dieser Punkt, den du eines Tages unabwendbar erreichen mußtest, ist die Welt, die ihr Celaeno de Peroyne nennt.“ Der Himmel über Brians Kopf war ein majestätischer Hochofen aus Sternen, eine unermeßliche Vielzahl meist namenloser Sonnen. Vielleicht befanden sich dort oben Abertausende im Werden oder im Vergehen begriffener Reiche. Vielleicht brütete eine der Sonnen gerade eine Welt aus, auf der eine neue Rasse entstand, die tausendmal räuberischer und fürchterlicher war als die der Menschen oder der Lems. Doch diese Möglichkeit vermochte dem Frieden der Nacht keinen Abbruch zu tun. Erst als ihm der vertraute Fäulnisgeruch des Hafenviertels in die Nase stieg, dachte Baird daran, auf seine Uhr zu blicken, und stellte fest, daß irgend etwas mit seiner Zeiteinteilung nicht stimmen konnte: Mehrere Stunden der unmittelbaren Vergangenheit schienen sich in der bedrückenden Stille der Nacht in Nichts aufgelöst zu haben. Ihm war bei dieser Entdeckung, als ob sich ihm ein Dolch ins Herz bohrte, und er lehnte sich einen Augenblick gegen die schiefe Wand eines Hauses, dessen Fenster und Türen sorgfältig verbarrikadiert waren. Abermals erschien ihm seine ganze Umgebung feindlich, verdorben, ja fast monströs. Der Friede, der hier herrschte, war nur ein Trug, nicht anders als der Waffenstillstand mit den Lems. In Wahrheit lauerte die Gefahr überall, und man durfte keinem trauen, nicht einmal denen, die dieselbe Uniform trugen. In wenigen Stunden ging die Sonne auf. Dann würde er sich an seine Arbeit begeben und die Hirngespinste der Nacht verscheuchen. Er würde in genormten, vorschriftsmäßigen Sätzen reden. Oder zwischen Tür und Angel mit anderen Offizieren Scherzworte tauschen und Zoten reißen. Sie würden sagen: „Was für ein verfluchtes Land! Hier geht man ein! Uns läßt man hier verrecken, während sich die Schweinehunde dort oben die schönsten Huren der ganzen Milchstraße kaufen können.“ Dies war einer ihrer Lieblingssprüche: „Hier geht man ein!“ Aber Celaeno de Peroyne war tatsächlich eine Welt der Trauer und der Melancholie … Wieder spürte er, wie sich die Falle um ihn schloß, wie sie mit ihren zeitlosen, eisigen Kiefern zuschnappte. Frostschauer überfielen ihn, bissen grausam in seine Handgelenke und Knöchel. Tränen schossen ihm in die Augen, als ob der Schmerz wirklich sei und echtes Blut aus seinen wunden Unterarmen und Beinen quelle. Als er seine Unterkunft erreicht hatte, überfiel ihn Schüttelfrost. Das erklärt alles, sagte er sich. Ich bin krank; wahrscheinlich bin ich stundenlang durch diese verdammten Straßen geirrt. Er trank den in einer von den Planeten der Freigebigkeit importierten Flasche verbliebenen Rest, aber sein Magen revoltierte so entschieden gegen den Alkohol, daß er ins Badezimmer laufen und sich übergeben mußte. Ein vertrauter Schmerz meldete sich in seinen Eingeweiden, und er gelobte sich wieder einmal, seinen Lebenswandel zu bessern, den Stabsarzt aufzusuchen (der zwar ebensoviel trank wie er, aber das Klima wesentlich besser vertrug!) und sich einen weniger schändlichen Zeitvertreib zuzulegen. Er kämpfte fast eine Stunde gegen den Schmerz, denn die Wirkung der Medikamente setzte mit Verzögerung ein. Schließlich fiel er völlig erschöpft und mit fiebrig glühenden Schläfen in einen unruhigen Schlaf. Er träumte von stolzen Türmen, die sich über das Meer von Offuz erhoben, und von eindrucksvollen Mauern, den Zeugen einer ruhmreichen Epoche, die in ihrem herrlichsten Glanz erstrahlte. Ein Himmel von makellosem Blau dehnte sich über einem Meer, das mit roten und weißen Tupfen – geschickt den Wind ausnutzenden Segelbooten – gesprenkelt war. Es war ein friedliches Bild, der Anblick einer blühenden und glücklichen Zivilisation, die ihre Geschicke in die Hände friedfertiger Verwalter gelegt hatte. Diese Männer und Frauen voller Weisheit empfanden nichts als Verachtung für die großen kriegerischen Leidenschaften, die in der Vergangenheit zahlreiche Nationen des Planeten zerrüttet hatten. Nur die hohen, Jaira beherrschenden Festungstürme erinnerten an weniger glückliche Zeiten, als man in Angst und Schrecken vor den Piraten von Gazal gelebt und den Horizont unablässig nach ihren Segeln abgesucht hatte. Brian schwebte in einem wattigen Raumschiff über den kurzen Wellen, die von unterirdischen Strömungen auf das Ufer zugejagt wurden. Er kämpfte gegen einen Erstickungsanfall. Er hätte auf die Wogen hinabsteigen, sich wie ein Vogel auf dem Wasser niederlassen mögen, doch heftige Heißluftwirbel hielten ihn konstant von der blauen Meeresoberfläche fern. Einmal, als er in flottem Tempo die Lüfte zerteilte, kreuzte er den Kurs eines Dreimasters, der aus Goldfäden gewobene Segel trug. Baird gelang es, seine Flugbahn für einen Augenblick so nach unten zu ziehen, daß er gerade eben die Spitze des Großmasts streifte, an der ein Lilienbanner flatterte. Eine Gestalt, die auf dem Achterdeck des großen Schiffs stand, schaute zu Brian auf. Ihre Blicke trafen sich, und sie maßen einander kurz, bis Baird von einem neuen Luftstrom hochgehoben und der flammenden Sonne entgegengetragen wurde. Das Schiff schrumpfte rasch, bis es nur noch ein winziger Farbfleck auf dem unermeßlichen azurnen Tuch des Meers von Offuz war. „Diese Augen, dieser Blick …“, murmelte Baird, als ihn der Schmerz aus seinem Traum riß. Er hatte das Gefühl, daß sich die Realität um ihn herum allmählich auflöste und er das Opfer finsterer Machenschaften wurde. Kurz darauf klopfte sein Bursche an die Tür und teilte ihm mit, daß es Zeit sei aufzustehen. Er hatte um zehn Uhr dreißig Ortszeit eine Unterredung mit dem Hafenkommandanten. Ich drehe noch durch, sagte er zu sich. Ich werde ihm auf seinen Schreibtisch kotzen, wenn ich mich bis dahin nicht wieder in der Gewalt habe! … Also los, B. W. B., reiß dich zusammen und versuche, eine gute Figur zu machen. Was ist dein Leben schließlich noch anderes als ein permanenter Kampf, ehrenvoll Haltung zu bewahren … Nachdem er ihm sein Bedauern ausgedrückt hatte (er war offensichtlich genauestens über die Schritte seines Untergebenen im Bilde!), ging der Hafenkommandant zu den Anweisungen für den heutigen Tag über: Der neue Offiziersanwärter war angekommen, ein Grünschnabel namens Sigurd. Um sein Handwerk zu erlernen, sollte er eine Weile als Zweiter Offizier an Bord der Panik Dienst tun. „Ich hoffe, daß Sie den Jungen freundlich aufnehmen werden“, bemerkte der Hafenkommandant in dem gleichen Tonfall, in dem er gesagt hätte: „Die Ersatzteile, die der Marine geliefert werden, sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.“ Der Leutnant lächelte trotz der Anstrengung, die ihn das kostete. „Ich werde den jungen Mann unter meine Fittiche nehmen.“ Er hatte die Worte kaum ausgesprochen, als ihm eine ätzende Säure die Eingeweide verbrannte. Er sank etwas in dem Sessel zusammen, worauf ihm sein Vorgesetzter einen mißtrauischen Blick zuwarf. „Fühlen Sie sich nicht wohl, Leutnant?“ In seiner Stimme lag kaum Mitgefühl. Eher schon schwang Verdruß in ihr, gemischt mit Verbitterung und einer Spur von Feindseligkeit. „Ich hatte eine schlechte Nacht“, brachte der Leutnant zu seiner Entschuldigung vor. „Etwas Fieber, vermutlich.“ Trotz der Ventilatoren schien die Luft im Büro des Kommandanten zu stehen; die aufdringlich summenden Insekten erweckten den Eindruck, in dem klebrigen Element festzusitzen. Vielleicht wären sie zwei Meter über dem Boden hängengeblieben, wenn sie auf einmal aufgehört hätten, mit den Flügeln zu schlagen. Ich wußte es doch, daß man mir den Neuen aufhalsen würde … Einem ungeschriebenen Gesetz zufolge mußte sich der unbeliebteste Offizier der Garnison um die Grünschnäbel kümmern. Der unbeliebteste oder – in Ermangelung eines solchen – der untalentierteste oder derjenige, der bei seinen Vorgesetzten am schlechtesten angeschrieben war. Brian verspürte ein plötzliches Verlangen, in dieses groteske Gesicht vor sich wüste Beschimpfungen zu schleudern, sich zu einem jener verzweifelten Akte willkürlicher und völlig sinnloser Gewalttätigkeit hinreißen zu lassen, die ihrem Urheber entweder eine vorzeitige Verabschiedung einbrachten oder aber einen Auftritt vor einem Erschießungskommando, der sich recht ungünstig auf die weitere Karriere auszuwirken pflegte. „Fähnrich Poritzky wird nicht mehr zu Ihrer Mannschaft stoßen, Leutnant. Die Admiralität hat beschlossen, ihn zu ihrer Verfügung zu halten. Momentan erfreut er sich einer Urlaubsverlängerung. Ob ich Ihnen wohl gestehen darf, daß ich ihn fast ein wenig beneide?“ Worte purzelten aus dem schlaffen Mund des Kommandanten, doch seine Augen hatten den starren Blick von Insekten. Sie schienen völlig ausdruckslos. Ich lebe in einer insektenhaften Welt, sagte sich Baird. In ihr wimmelt es wie in einem Ameisenhaufen, der durch den unbedachten Fußtritt eines Tölpels in Aufruhr versetzt worden ist … Um so besser übrigens, was diesen Ränkeschmied Poritzky betrifft. Ja, um so besser, daß ich diesen vornehmen Schnösel, der gewiß nur kurzfristig in Ungnade gefallen ist, los bin. Jeder an seinen Platz … So ist wenigstens für klare Verhältnisse gesorgt. Und wenn die Menschen und die Lems sich wieder einmal in die Wolle geraten, wird man wissen, wer einen Orden verdient hat … Doch Baird hätte alle Auszeichnungen des ganzen Universums für einen gesunden Körper hingegeben. Das Offizierskasino von Port-Jaira war ein ehemaliger Palast, den die Armee beschlagnahmt und im schwülstigen Stil der Oligarchie renoviert hatte. Nur der angrenzende Park und der Gemüsegarten blieben von den geschmacklosen Ausgestaltungen verschont. Das Mittagessen war gerade beendet; die Offiziere der Garnison ergingen sich rauchend unter den großen Bäumen des Parks und nahmen ihren Kaffee ein. Major Dugommier, ein alter Haudegen, der zwei Drittel seiner Zähne eingebüßt hatte, hielt eine weitschweifige Rede über die aktuelle Politik der Konföderation. Nur dem glücklichen Umstand, daß seine Äußerungen überaus unklar und verworren waren, hatte er es zu verdanken, daß er nicht zu ein paar Tagen Arrest verurteilt wurde. Leutnant Baird hing schlaff in seinem Korbsessel, ein halbgeleertes Glas in der Rechten, und rang mühsam nach Atem. Bevor er sich zu Tisch begeben hatte, hatte man ihm den kleinen Sigurd vorgestellt. Er war ein adretter, tadellos gekleideter Junge, der in allen Punkten exakt dem Bild entsprach, das man sich von einem jungen Fähnrich zur See machte, der geradewegs aus den Lehrsälen der Marineakademie kam. Ein Pedant, hatte Baird unwillkürlich gedacht. Aber er wird sich eben eingewöhnen müssen. Dugommier war derweil beim letzten Teil seiner Ausführungen angelangt, die er auch recht und schlecht zu Ende brachte, obwohl ihm im Verlauf des Vortrags ein Gutteil seiner Argumente abhanden gekommen war. „Übrigens“, wandte sich Baird an seinen Nachbarn, Leutnant Mortimer, „Sie interessieren sich doch für Geschichte und Archäologie. Können Sie mir vielleicht sagen, wie alt die Zitadelle ist?“ Er wies mit einer unbestimmten Geste in Richtung der alten Festung. „Da stellen Sie mir aber eine knifflige Frage, mein Lieber. Lassen Sie mir ein oder zwei Tage Zeit, und ich werde es herauszufinden versuchen.“ „Bloß keine Umstände meinetwegen“, wehrte Baird ab, „es war nur ein Anfall von Neugier …“ 2 Kurze Reise(n) in die Vergangenheit Der alle Dimensionen sprengende Konflikt, in dem sich unsere Truppen und die Streitmacht des Reichs von Lemura gegenüberstehen, hat uns gelehrt, daß die von den großen Feldherrn der Geschichte angewandten Strategien inzwischen gegenstandslos geworden sind. In den klassischen Auseinandersetzungen genügte es, einige Schlachten zu gewinnen und unter Ausnutzung einer momentanen Überlegenheit die moralischen und materiellen Reserven des Feindes zu erschöpfen, worauf man einen Teil seines Landes oder sein gesamtes Territorium besetzen konnte. Selbst die umstürzlerischen Kämpfe der letzten Jahre des 20. Jahrhunderts verfuhren nach demselben Prinzip. Man braucht nur die kriegführenden Nationen durch wirtschaftliche Komplexe oder feindliche Ideologien zu ersetzen, um in deren Vorgehen all die alten Schablonen der Kriegskunst wiederzufinden. Überzeugt davon, daß das Blut von Eroberern in unseren Adern rollt, haben wir versucht, die altehrwürdigen Gesetze der Kriegführung auf einem gänzlich neuen, sich ins Unendliche erstreckenden Schlachtfeld anzuwenden (…) (…) Wir wollten uns einfach nicht eingestehen, daß das Wort Eroberung jegliche Bedeutung verloren hatte. General Marin CONSTANCA, Der Krieg der Lems, oder: Das Ende der Strategien, Spule 3; Aufnahme auf Befehl des Oberkommandos beschlagnahmt. Leutnant Mortimer befand sich erst seit etwa achtzehn Monaten auf Celaeno de Peroyne, doch dank seiner Leidenschaft für altes Gestein war er unter seinen Kameraden rasch zum größten Kenner der Geschichte Port-Jairas und der umliegenden Orte avanciert. Als er noch Zivilist war, hatte er an einigen Universitäten unterrichtet – bis zu dem Augenblick, da ihm die Langeweile ihre Hand auf die Schulter legte. Darauf hatte er zu trinken begonnen, doch nach zwei, drei Skandalen wurde er prompt vor einen besonders rückständigen Disziplinarausschuß zitiert, der ihm die Rechnung präsentierte. Da man ihm nur die Wahl zwischen dem Krieg oder einer jämmerlichen Existenz ließ, entschied er sich für das Waffenhandwerk mit all seinen einen Mann adelnden Unwägbarkeiten. Er war nicht gerade begeistert gewesen, seinen Heimatplaneten verlassen zu müssen, doch dank seiner Examina sowie der Unterstützung einiger Freunde, die ihm noch verblieben waren, gelang es ihm, in kürzester Zeit die Offiziersabzeichen zu erwerben. Doch weder die Universitätsdiplome noch seine Freunde hatten ihn davor bewahren können, an einen jener Orte versetzt zu werden, die bei den jungen Offizieren der Konföderation in ganz besonders üblem Ansehen standen. Anfangs gedachte er den Weg des geringsten Widerstands zu gehen: Frustration – Langeweile – Alkoholismus – Verzweiflung – Tod, doch dann entdeckte er zu seiner Überraschung eine gewisse Leidenschaft für diese verlorene Welt, diese wunderliche Insel in den Sümpfen der Unendlichkeit in sich. Er beschloß daher, nicht sofort zu sterben, sondern erst sein Exil zur Erweiterung seiner Kenntnisse zu nutzen. Er erwarb Bücher und alte Schriftstücke, mit deren Hilfe er sich daranmachte, die Sprachen und Dialekte der Ureinwohner zu erlernen. Dank einer außergewöhnlichen Begabung hatte er sich schon nach wenigen Monaten mit der Vergangenheit von Port-Jaira, dieser rätselhaften Enklave, vertraut gemacht. Obwohl die Militärbehörden von Celaeno de Peroyne Kontakte zwischen ihren Offizieren und den unterworfenen Völkerschaften nur ungern sahen – sie fürchteten wohl, daß es zu unerwünschten humanitären Regungen bei den Militärs kommen könne –, erfreute sich Leutnant Mortimer einer fast grenzenlosen Handlungsfreiheit. Wenn er sich auf eigenes Risiko in die verkommensten Gegenden der Altstadt wagte, glich er einem Jagdhund oder einem primitiven Stammeskrieger auf Kriegspfad. Er führte ein Tagebuch und erklärte jedem, der es wissen wollte, daß er eines Tages, wenn der Krieg vorüber wäre, den Stoff für ein Buch daraus ziehen würde. Vielleicht hegte er insgeheim die Hoffnung, sich in den Augen derer bewähren zu können, denen er diese schimpfliche Verbannung an die Grenzen der zivilisierten Welt verdankte. Mortimer und Baird hatten sich mehr als einmal spontan zueinander hingezogen gefühlt, denn in dem künstlichen Milieu, in dem sie ihr Leben zubringen mußten, waren sie die einzigen (oder doch fast), die nicht die hochmütige Verachtung des Militärs für alles Kulturelle teilten. Doch ihre Beziehungen waren rein oberflächlich geblieben; sie beschränkten sich auf melancholisch gefärbte Diskussionen oder Gespräche, die am folgenden Tag keine Fortsetzung fanden. Mit Bedacht vermieden sie es, sich in den immer schwerer erträglichen Erinnerungen an bessere Tage zu ergehen, an Zeiten, da sie noch gut in Form gewesen waren und sich geliebt oder doch wenigstens geachtet wußten. Dennoch hatte Brian seinem jungen Kameraden nie eingestanden, daß seine Jugend allzu kurz gewesen war, da er bereits mit knapp zwanzig Jahren in die Armee eingetreten war. Während er zu seinem Büro am Sitz der Admiralität zurückging, entsann sich der junge Offizier des kurzen Gesprächs, das er nach dem Mittagessen mit Baird gehabt hatte. Er konnte sich nicht recht erklären, wieso der Leutnant plötzlich ein solches Interesse für die alte Zitadelle von Port-Jaira bekundete. Merkwürdigerweise ging ihm die Frage nach dem Alter der Festung den größten Teil des Nachmittags über nicht aus dem Kopf. „Nur ein Anfall von Neugier“, hatte Baird gesagt, „machen Sie sich meinetwegen keine Umstände.“ Doch das Unglück war geschehen, und der Leutnant vermochte es nicht, seine Gedanken vom ungewöhnlichen Benehmen seines Gefährten abzulenken. Er nahm sich vor, gleich nach Dienstschluß in seinem Privatarchiv nachzuforschen, doch, überzeugt davon, daß Baird ihm etwas verheimlichte, hielt er es schließlich nicht mehr aus und versuchte, mit ihm Verbindung aufzunehmen. Die Leitung war besetzt, und er mußte lange warten, bis das Gesicht Brians endlich auf dem Schirm des Telekommunikators erschien. Der Leutnant schien am Ende seiner Kräfte; in seinen angespannten Gesichtszügen lag eine grenzenlose Müdigkeit. „Entschuldigen Sie, mein Guter, daß ich Sie mitten bei der Arbeit störe, aber ich muß dauernd an unser kleines Gespräch von heute nachmittag denken. Warum war es Ihnen so wichtig, das Alter der Zitadelle zu erfahren?“ Baird versuchte ein Lächeln, aber sein Gesicht verzerrte sich zu einer mitleiderregenden Grimasse. „Ich werde Ihre Frage mit einer Gegenfrage beantworten …, die Ihnen wahrscheinlich ganz zusammenhanglos vorkommen wird …, haben Sie schon einmal an einer Gedächtnislücke gelitten?“ „Falls ja, kann ich mich nicht daran erinnern“, scherzte Mortimer. „Gut pariert, mein Lieber, aber ich meine es ernst. Im Zeitablauf der vergangenen Nacht klafft eine Lücke von mehreren Stunden bei mir. Lachen Sie nicht, Mortimer, es ist nicht das, was Sie glauben. Das Loch in meinem Erinnerungsvermögen, das mich so beunruhigt, hat irgend etwas mit der Zitadelle von Port-Jaira zu tun. Mit ihrer Historie … Fragen Sie mich nicht, woher ich das weiß. Ich weiß es eben, und damit basta. Wollen Sie mir helfen?“ „Ich werde gerne alles tun, was in meinen schwachen Verstandeskräften steht, um Ihnen behilflich zu sein, Baird, aber ich habe das unangenehme Gefühl, daß Sie mir etwas verschweigen.“ „Wenn das stimmte, würde ich versuchen, allein damit fertig zu werden. Ich wäre doch nicht so dumm, jemand anderen ins Vertrauen zu ziehen!“ „Schon gut, Brian, regen Sie sich nicht so auf … Ich verspreche Ihnen meine bedingungslose Unterstützung … Aber Sie dürfen keine Wunder erwarten. Bisher ist es mir noch nicht gelungen, den an Gedächtnisschwund Leidenden die Erinnerung zurückzugeben.“ Endlich war es Nacht geworden. Doch die Sterne wirkten ferner und kälter denn je. Brian saß im Dunkeln, hatte die Füße auf die Balkonbrüstung gelegt und zog in tiefen Zügen die Nachtluft ein. Etwas Rauhes schien ihm den Kehlkopf zusammenzupressen, und er sagte sich voll Abscheu, daß er eines Tages ersticken würde; seine Augen würden aus ihren Höhlen quellen, und seine verzweifelten Anstrengungen, genügend Sauerstoff in die Lungen zu bekommen, wären vergebens. So würde ihn der Tod überraschen – vor Qualen zusammengekrümmt, grotesk nach Luft schnappend und außerstande, um Hilfe zu rufen. Eine lebende Karikatur des Todes! Einige Meter unter ihm schien die fremde Stadt von krankhaften Erschütterungen, dem Zittern von Insektenflügeln, durchlaufen zu werden. Gierige Wesenheiten belauerten ihn, richteten aus verborgenen Winkeln der Straße brennende Augäpfel auf ihn. Er versuchte, sich anderer Städte zu entsinnen, die weit entfernt waren, in einem anderen Universum, einer anderen Zeit, vor Dutzenden von Jahren, als es ihm noch freigestanden hatte, nach Lust und Laune zu kommen und zu gehen. Manche waren von vielen Lichtern erhellt, andere schweigend und kalt, fühllose Anhäufungen der verschiedenartigsten Materialien, die man für unbewohnt hätte halten können. Und es gab noch andere, durch elektromagnetische Barrieren vom Rest der Welt abgetrennt, in denen von alten Verfehlungen und schweren Verstößen gegen die etablierte Ordnung gezeichnete Menschen wohnten. Brian hatte seine Kindheit in einer großen kalten Stadt mit breiten, vom Gifthauch verpesteten Avenuen verbracht, wo die Lebenden die Maske der Verachtung und des Todes trugen. Eines Tages, es mochte nun etwa zwölf Jahre her sein, waren seine Eltern mit ihm im Auto bis an die Grenzen einer der verbotenen Städte gefahren. Er erinnerte sich noch deutlich an das beeindruckende Schauspiel: Hunderte von Fahrzeugen standen auf einem riesigen Parkplatz, über den aus Lautsprechern Militärmusik dröhnte. Eine gigantische Leinwand hing vor dem Himmel und leuchtete in sämtlichen Farben des Prismas. Mit klopfendem Herzen harrte Brian voll ängstlicher Erwartung der Ereignisse, die da kommen würden … unausweichlich. Er erinnerte sich an das Rauschen des Bluts in seinen Ohren und das Lärmen der Menge, die in den aggressiven Klängen fast zu ertrinken schien. Manchmal brach sich die Musik an der gleißenden Sonne wie an einer Felsküste, und sanfte, androgyne Stimmen artikulierten kriegshetzerische Parolen. Der Kampf gegen die Lems war damals in eine für die Menschen kritische Phase getreten, da einige Geschwader der Konföderation in die Raum-Zeit-Netze geraten waren, die der Feind über mehrere Kampfzonen ausgespannt hatte. Brian entsann sich ebenfalls der Polizeikräfte, die unermüdlich zwischen den Fahrzeugen patrouillierten. Einige von ihnen waren Geschöpfe aus Fleisch und Blut, doch die meisten hatten außer ihrem Aussehen nichts Menschliches an sich: Unter ihren roten Uniformen mit den glänzenden Abzeichen verbargen sich außerordentlich hochentwickelte elektronische Apparaturen. Später hatte die Leinwand aufgeleuchtet, und sie waren gezwungen gewesen, einem brutalen und abstoßenden Schauspiel zuzusehen. In drei Dimensionen. Es hatte ihm einen solchen Schock versetzt, daß er sich über die Wagentür gehängt und seinen ganzen Mageninhalt erbrochen hatte. Die Bilderfolgen, die an seinen Augen vorbeizogen, waren durch Ermahnungen und Gesprächsfetzen untereinander verbunden, doch verherrlichten sie sämtlich den Kampf der Menschen gegen ihren Erbfeind und versuchten auf alle erdenkliche Weise, die unaussprechliche Grausamkeit der Schlächter von Lemura bloßzustellen. Danach hatten sich die Wagen rasch geleert, und ihre Insassen waren auf die Stadt zumarschiert. Während sie auf einer Straße vorwärtsgingen, deren Böschung von leeren Bierdosen und anderem Unrat übersät war, hatte Brian seine Eltern gefragt, was für Menschen in jener Stadt lebten. Nach einem lastenden Moment des Schweigens hatte ihm sein Vater geantwortet, doch seine Antwort war so zögernd und mühsam gekommen, als ob er nach Worten suche oder im Gegenteil eine auswendig gelernte Lektion aufsage: „Das sind Narren. Männer und Frauen, die es gewagt haben, die Anordnungen der Partei in Zweifel zu ziehen, und die ihre Stimmen gegen den heiligen Krieg erhoben haben. Daher wurden sie gezüchtigt, so wie einst die verfluchten Städte Sodom und Gomorrha gezüchtigt worden sind …“ „Waren sie alle schuldig?“ hatte Brian gefragt. „Gab es nicht ein paar unter ihnen, die anders dachten?“ „Vielleicht. Doch die Sünde der Schuldigen hätte sich wie ein Virus ausgebreitet …“ Dann waren sie weiter auf die Stadt zugegangen, UND … Plötzlich war da etwas, das das Gewebe seiner Träume zerriß und ihn aus seiner Zeitmaschine schleuderte: Er spürte eine fremde Anwesenheit, als ob jemand geräuschlos in sein Zimmer getreten wäre. „Laß die Vergangenheit sterben, denn die Welt, die du verlassen hast, ist eine gnadenlose Welt!“ Er drehte sich rasch um, doch das Zimmer war leer. Er war vollkommen allein mit den Monstren der Vergangenheit. Er goß sich etwas zu trinken ein … „Was ist passiert, Brian? Sie sehen wie ein Leichnam aus!“ „Setzen Sie sich, Mortimer, es ist nichts … oder wenigstens nichts Schlimmes; ein altes Leiden, an das ich mich wohl oder übel werde gewöhnen müssen. Was möchten Sie trinken?“ Doch der Leutnant bestand darauf, stehen zu bleiben und sich selbst einzugießen. Er schien die übertriebene Großzügigkeit seines Gastgebers auf dem Gebiet hochprozentiger Getränke zu fürchten. „Sie sind schon ein komischer Vogel, Baird. Ihretwegen habe ich begonnen, ein wenig in den morastigen Gefilden der Geschichte herumzustapfen … wenn ich so sagen darf. Ich mußte unablässig an Ihre Frage bezüglich der Zitadelle denken, daher habe ich mich gleich nach Dienstschluß über meine Papiere und Tonbandaufzeichnungen hergemacht. Doch die Informationen, die ich ihnen entnahm, sind wenig zufriedenstellend, ja eigentlich sogar widersprüchlich. Eines kann ich Ihnen immerhin mit Gewißheit sagen: Die Überreste der heutigen Zitadelle erheben sich auf den Ruinen einer anderen, sehr viel älteren Festung. Daran ist allerdings nichts Ungewöhnliches; Sie wissen selber recht gut, daß die Zivilisationen im Universum wie die Fliegen sterben. Außer der unseren natürlich, deren Haut die eines Dickhäuters noch an Stärke übertrifft und deren abgeschlagene Häupter schneller nachwachsen als die der Hydra von Lerna.“ „Sie halten da ja recht umstürzlerische Reden. Mißtrauen Sie mir denn gar nicht? Schließlich war mein Vater ein ziemlich hohes Parteimitglied, ich bin also in eine gute Schule gegangen!“ Ein Bild tauchte vor Brians innerem Auge auf: eine große, streng gekleidete Gestalt, bei der an der Stelle, wo das Herz war, das Abzeichen der Partei saß und wie ein winziger Stern funkelte. Ein gesichtsloses Wesen: sein Vater. „Gewiß, aber wenn ich mir anhand Ihrer Karriere ein Urteil bilden darf, so haben Sie Ihre Lektion schlecht gelernt. Doch ich bin nicht gekommen, um mit Ihnen über Fragen der militärischen Ethik zu diskutieren. Nicht einmal im Scherz. Ich bin hier, um Ihnen einen kleinen Ausflug extra muros vorzuschlagen … Nebenbei bemerkt, wenn ich auch nicht weiß, ob das etwas mit unserer Angelegenheit zu tun hat: Ich glaube, daß ich verfolgt worden bin.“ „Verfolgt, sagen Sie? Aber von wem denn, um alles in der Welt?“ „Es ist mir nicht gelungen, meinen Verfolger zu stellen. Übrigens handelt es sich, wie ich eben schon sagte, eher um einen Eindruck als eine Gewißheit.“ „Doch aus welchem Grunde sollte man Sie bespitzeln? Wer würde sich die Mühe machen, das Kommen und Gehen eines subalternen Offiziers überwachen zu lassen?“ „Wenn ich Ihren Argumenten recht gefolgt bin, versuchen Sie mir mit mehr oder weniger Takt klarzumachen, daß ich mich ‚viel zu wichtig nehme.“ „Ihre Worte gehen weit über das hinaus, was ich gedacht habe, Mortimer, dennoch liegt etwas Wahres in dem, was Sie sagen. Gießen Sie sich noch ein Glas ein und erklären Sie mir, was es mit dem Ausflug auf sich hat, den Sie mir eben vorschlugen.“ Bairds Selbstsicherheit war geheuchelt; er konnte nur mühsam ein Frösteln unterdrücken, und es kostete ihn eine immer größere Anstrengung, seines heftigen Herzklopfens Herr zu werden, während er mit dem Rücken zum weit geöffneten Fenster stand, durch das die schwüle Nacht von Celaeno de Peroyne eindrang. Er verspürte den starken Wunsch zu rauchen, um seine schwer erschütterten Nerven zu beruhigen, fürchtete aber, daß das unkontrollierte Zittern seiner Hände seine innere Erregung verraten könnte. Wie sollte er seinem Kameraden die Ängste erklären, die ihn vorhin befallen hatten, als ihn der Verdacht überkam, daß sich „gefräßige“ Wesenheiten in den finsteren Ecken und Winkeln der Straße verborgen hielten und ihn unablässig belauerten? Die Worte des Leutnants waren Wasser auf der Mühle seiner Befürchtungen. ‚Aber was geht da nur vor, guter Gott, was geht da vor?’ Er versuchte, ein passendes Wortspiel oder eine beißende Redewendung zu finden, die die Atmosphäre unversehens aufgelockert und die Dinge wieder an den ihnen gebührenden Platz verwiesen hätten. ‚ETWAS IST IM BEGRIFF SICH ZU EREIGNEN, HIER, IN DIESER STADT, AUF DIESER LÄCHERLICHEN WELT, DIE SICH CELAENO DE PEROYNE NENNT …’ „Da Sie sich so plötzlich für Geschichte und Archäologie zu interessieren scheinen, mein lieber Brian, möchte ich Ihnen etwas zeigen, das ich entdeckt, worüber ich aber bisher noch mit keiner Menschenseele gesprochen habe.“ „Sie schmeicheln mir, mein Bester. Hoffentlich schenken Sie Ihr Vertrauen nicht einem Unwürdigen.“ „Bitte seien Sie mal einen Moment ernst, Baird, oder ich werde Sie allein weiterwursteln lassen. Benachrichtigen Sie mich, sobald Sie sich für ein paar Stunden freimachen können, dann werden wir gemeinsam eine kleine Pilgerreise in die Vergangenheit unternehmen.“ Brian schien es angebracht, seinen Gesprächspartner ein weiteres Mal zu unterbrechen: „Ich würde es vorziehen, gleich jetzt den Zeitpunkt zu bestimmen! Ich muß bereits in wenigen Tagen wieder meinen Dienst an Bord der Panik antreten und wäre Ihnen daher sehr verbunden, wenn Sie mir zuvor ein paar Erläuterungen zu dieser … Zeitreise geben könnten!“ „Von so etwas kann keine Rede sein. Sie werden es begreifen, wenn wir an Ort und Stelle sind, doch bis dahin habe ich nicht die Absicht, Sie in das Geheimnis der Götter einzuweihen, um mich einmal dieser trefflichen bildhaften Redewendung zu bedienen.“ Während sie solche Reden austauschten, war es Brian gelungen, seine Nerven allmählich wieder unter Kontrolle zu bekommen, und als er sich jetzt eine Zigarette anzündete, zitterten seine Finger nur noch unmerklich. Mortimer schaute ihm mißbilligend zu. „Ich weiß, daß ich mich in etwas einmische, das mich nichts angeht, aber was glauben Sie wohl, wie lange Sie noch durchhalten werden, wenn Sie weiterhin diesen Scheißdreck rauchen?“ Baird, der sich bei etwas Unrechtem ertappt fühlte, grinste höhnisch, war aber entschlossen, es Mortimer heimzuzahlen, vor allem jetzt, da die ersten Züge ihre wohltuende Wirkung in ihm entfalteten und seinen Weltschmerz betäubten: „Die Frage ist schlecht gestellt. Erlauben Sie, daß ich sie umformuliere. Es hätte heißen müssen: Wie lange werden Sie es OHNE diesen Scheißdreck aushalten?“ Später träumte er, daß er, in den Kokon einer Zeitmaschine eingesponnen, die Äonen durchquerte. Die Maschine entsprach ziemlich genau den Beschreibungen gewisser angelsächsischer Schriftsteller des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts. Er war allein an Bord, umgeben vom Nebel der Zeiten, der sich in grauen Wirbeln langsam um ihn drehte, faszinierend und undurchdringlich. Und die Maschine, ein bizarrer Sporn im schweigenden Äther, zerteilte diesen Ozean aus Grau und warf die Jahrhunderte in ihrem Kielwasser zurück wie Schaum längst zu Nichts zerfallener Ereignisse. Dann, in einem bestimmten Moment (was noch einer von diesen Kunstgriffen der Sprache ist, jedenfalls wenn man sich in einer Zeitmaschine befindet!), drückte er auf den Knopf zum Anhalten, und der Nebel zerriß „augenblicklich“ an irgendeinem verlorenen Ort in der Wildnis der Zeit. Er stieg vorsichtig, mit brummendem Schädel, von seinem Sitz herab und marschierte ungelenk auf das Meer zu, das er in der Ferne, hinter den vom Wind gepeitschten Dünen, erahnte. Geheimnisvolle Stimmen, die er nicht identifizieren konnte, begleiteten ihn raunend bis an den Rand einer Mulde, die von gelbem, völlig vertrocknetem Gras wie von einem Teppich bedeckt war; ein Rascheln durchlief es in kontrapunktischen Wellen. Dann entdeckte er Mortimer, der im Sand lag, zwischen dem gelben, verdorrten Gras, vollständig nackt und mit weit vom Körper abgespreizten Armen und Beinen, wie ein Gekreuzigter. Er kniete neben dem Leichnam nieder, und seine Augen füllten sich mit brennenden, bitteren Tränen. Bis zu dem Augenblick, da eine neue Gestalt vor ihm erschien, eine Gestalt, die auf verblüffende Weise seinem Vater ähnlich sah. Zudem funkelte auf dem Revers ihres streng geschnittenen Anzugs das vergoldete Abzeichen der Partei. „Wir mußten ihn beseitigen“, erklärte der Neuankömmling, „denn er hielt aufrührerische Reden.“ Am Morgen griff Brian zu seinem starken Fernrohr und richtete es auf die Türme der Zitadelle. Doch er konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Dennoch erschien es ihm plötzlich gänzlich bedeutungslos, ja sogar unstatthaft, daß das Banner der Konföderation über den Ruinen einer anderen Zivilisation flatterte. „Glauben Sie an Träume, die die Zukunft voraussagen, Mortimer?“ „Nein, natürlich nicht“, erwiderte der Leutnant ohne Umschweife. „Sie tun gut daran, denn in meinem Traum sind Sie mir als Toter erschienen – eines gewaltsamen Todes gestorben. Die Partei hatte mit Ihnen abgerechnet, weil man Sie aufrührerische Reden hatte halten hören …“ „Sie sind ja wirklich ein lustiger Gefährte, Brian. Ich für mein Teil träume recht selten – beziehungsweise, um mich genauer auszudrücken, ich erinnere mich nur selten an meine Träume.“ Der Tag war grau und schwammig; gelbliche Dunstschwaden trieben dicht über dem Boden. Trotzdem hielt der Wagen auf der schlechten Straße, die von Port-Jaira zu dem Ost-Territorium führte, ein beträchtliches Tempo ein. Zu beiden Seiten der schweren Raupenketten spritzten Kieselsteine weg, und auf der Böschung galoppierten fremdartige Tiere unter erregten Schreien fluchtartig davon. Seit man vor einigen Jahren die wenigen Garnisonen im Ost-Territorium aufgelöst hatte, drohten die Wüste und der Dschungel die nutzlos gewordene Militärstraße allmählich wieder zu verschlucken. Im graugelben Licht dieses Tages wirkte sie mehr denn je wie ein völliger Anachronismus; eine Melancholie schien über ihr zu liegen, der man sich nur schwer entziehen konnte. In gewisser Hinsicht konnte man das Auto als eine Zeitmaschine betrachten, da es seine Insassen durch die Schutthalden der Vergangenheit fuhr. Es durcheilte in umgekehrter Richtung die Flugbahn der Zeit. Mußte man etwa darauf gefaßt sein, hinter den Anhäufungen vulkanischen Felsgesteins Trupps bewaffneter und behelmter Männer auftauchen zu sehen – die aufmerksamen und unermüdlichen Wachposten dieses gespenstischen Territoriums? „Diese Gegend ist unheimlich, Mortimer; ich hoffe nur, daß das, was Sie mir zeigen wollten, den Weg lohnt …“ „Aber gewiß doch, Baird, gewiß … Ich habe Sie schließlich nicht zu meinem eigenen Vergnügen oder um Sie an der Nase herumzuführen auf diesen improvisierten Ausflug gelockt. Bitte haben Sie noch ein wenig Geduld.“ Brian schluckte seine schlechte Laune hinunter, die in erster Linie auf eine schlaflose Nacht zurückzuführen war, und versuchte, der Landschaft etwas mehr Interesse entgegenzubringen. Vor langem, als er nichts weiter als ein enttäuschter, in die Klauen des Kriegs geratener Jüngling gewesen war, den eine Angst, deren Ende nicht abzusehen war, im Genick gepackt hatte, hätte ihm jede Landschaft gefallen, auch eine verwüstete, farblose, pockennarbige, solange er nur festen Boden unter den Füßen spürte. Das war zu der Zeit, da er auf dem Pfad der Eroberungen den in Flammen stehenden Raum durchquerte. Kleine Hügel vertrockneten Grases, vulkanisches Gestein von undefinierbarer Farbe und, in der Ferne, die Laubkronen des Waldes, der noch vor ihren Blicken verborgen war. Die Vegetation hatte sich wieder genommen, was ihr rechtmäßig gehörte, und die Straße mit einem dichten, dornengespickten Leichentuch überzogen. Sie näherten sich einem Felsgrat, der höher war als die anderen, einem Vorgebirge aus Stein, das bedrohlich über der Straße aufragte und ein ausgezeichnetes Versteck für einen Späher abgegeben hätte. Aber wer, um alles in der Welt, sollte ihnen dort auflauern, wer? Warum konnte er sich nicht von dieser erstickenden Empfindung befreien, diesem lastenden Gefühl der Unsicherheit, das ihm den Eindruck gab, auf einer Bühne vor einem offenkundig leeren Saal zu stehen, der in Wirklichkeit von einer Masse unsichtbarer und schweigender Zuschauer dicht besetzt war? Es reute ihn schon jetzt, daß er eingewilligt hatte, Leutnant Mortimer auf dieser unsinnigen Exkursion zu begleiten. Es ist meine eigene Schuld, sagte er sich; ich hätte leicht unter irgendeinem Vorwand ablehnen und ihm erklären können, daß meine Frage nach dem Alter der Festung nur einer flüchtigen Anwandlung von Neugier entsprang und daß mir dieser alte Steinhaufen in Wahrheit ebenso einerlei ist wie der Endsieg! Der Felsgrat wanderte mit majestätischer Langsamkeit auf sie zu, und Baird wäre nicht sonderlich überrascht gewesen, wenn sich auf dem steinernen Gebirge, das sich deutlich gegen das graugelbe Licht abzeichnete, ein anonymer, aus den Eingeweiden der Erde hervorgekommener Angreifer erhoben und eine glitzernde, tödliche Waffe auf sie gerichtet hätte. „Wie ein im Traum erschauter Ort für einen Hinterhalt“, bemerkte Leutnant Mortimer. „Das ist Gedankenübertragung“, brummte Brian mit düsterer Stimme. „Nein, nein, mein Bester, es ist nur eine Berufskrankheit!“ Nach diesem unschuldigen Scherz des Leutnants verfielen sie wieder in Schweigen. Baird konzentrierte seine gesammelte Aufmerksamkeit auf den Fels, als ob er tatsächlich einen Hinterhalt befürchtete. Falls es zu einem Zusammenstoß käme, dürfte Mortimer sich als wenig brauchbar erweisen. Obwohl er bei verschiedenen Gelegenheiten gekämpft hatte, war er doch in erster Linie ein Intellektueller, der viel zu sehr von der Kunst des Sätzebildens gefangengenommen war, als daß er sich ernstlich seiner Haut hätte wehren können, wenn es einmal wirklich darauf ankam. Mit billigem Zynismus stellte Baird sich vor, wie sein Kamerad mit vor Furcht zusammengepreßten Kiefern durch das Gras kroch und erbarmungslosen Angreifern zu entkommen suchte. Er schreckte aber doch davor zurück, sich den Tötungsakt vorzustellen, auch wenn dies nur in Gedanken geschah. „Um Gottes willen!“ schrie er plötzlich auf. Sein Ausruf zerriß die Stille mit solcher Heftigkeit, daß der Wagen schleuderte. „Schauen Sie, dort oben!“ Nachdem Mortimer sein Auto wieder unter Kontrolle gebracht hatte, warf er einen beunruhigten Blick zu dem Felsen. Bairds Angst wirkte ansteckend. Sie schien in der Atmosphäre zu knistern wie Elektrizität. Die Hände des Leutnants umschlossen das Lenkrad fester. „Ich kann nichts sehen“, sagte Mortimer trocken. „Absolut nichts.“ Baird, der noch unter dem Eindruck einer heftigen Gemütserregung stand, starrte wie gebannt auf den Gipfel des Felsens. „Ich werde anhalten, Baird, bis Sie sich wieder beruhigt haben.“ „Nein, fahren Sie weiter, wir sind hier ohne Deckung! Ich bin sicher, daß ich jemanden dort oben gesehen habe, vor nicht einmal einer halben Minute.“ „Hören Sie, mein Bester, ich weiß nicht, wer von uns beiden jetzt Blödsinn redet, aber ich habe den Eindruck, daß es mit unserer kleinen Spazierfahrt nicht ganz nach Wunsch läuft.“ Brians Finger schlossen sich brutal um das Handgelenk von Mortimer. „Halten Sie die Schnauze, verdammt noch mal, und lassen Sie mich machen!“ „Sie gehen entschieden zu weit, mein Lieber, ganz entschieden! Lassen Sie uns umkehren und nach Port-Jaira zurückfahren. Mir reicht es für heute.“ Doch Baird hörte seinem Kameraden überhaupt nicht mehr zu. Er stieß die Tür des Kettenfahrzeugs auf und sprang mit gezogener Pistole auf die Straße. „BRIAN! BRIAN! WO WOLLEN SIE DENN HIN?“ Mortimers Stimme hatte viel von ihrer Selbstsicherheit verloren, und man merkte, daß er nicht recht wußte, was er mehr fürchten sollte: die Zaubertricks einer feindlichen Natur oder die Wahnsinnsanfälle seines Reisegefährten. Schließlich kauerte er sich hinter einem Felsblock nieder und versuchte abwechselnd das Vorgebirge aus grauem Stein und die Silhouette von Baird im Blick zu behalten, die zwischen Himmel und Erde hing. Brian bereute es bereits, sich so unbedacht auf die Erstürmung der Felswand eingelassen zu haben. Anfangs war er auf einer Art natürlichem Pfad, der sich im Zickzack hochwand, sehr schnell vorangekommen, doch dann hatten sich die Dinge ganz plötzlich kompliziert. Jetzt kämpfte er, an die graue Wand geklammert, um sein Leben, und der schwankende Himmel über ihm schien nur noch aus grellen Farben und schrillen Tönen zu bestehen. Er hatte einen metallischen Geschmack im Mund, und das Blut, das aus seinen aufgeschürften Fingern quoll, sickerte unter seine Jackenärmel und rann die verkrampften Muskeln seiner Unterarme entlang. Das ganze Unternehmen war völlig sinnlos, denn wenn ihm tatsächlich jemand auf dem Gipfel der Felswand auflauerte, wäre es ein leichtes für ihn, Baird zu erledigen, sobald dieser in Reichweite kam. Der Leutnant war viel zu sehr damit beschäftigt, sich mit beiden Händen festzuhalten, als daß er notfalls seine Waffe hätte ziehen können. Dennoch machte er Mortimers wegen stur weiter; es war, als ob er dem Kameraden seine Bereitschaft vor Augen führen wollte, die Verantwortung für ihn mit zu übernehmen. Es dauerte noch zehn lange Minuten, bis er endlich den Grat erreicht hatte. Er konnte keine Spur von menschlichem Leben auf dem steinernen Vorgebirge entdecken; kein Lüftchen regte sich, und die Stille schlug ihm wie ein Fehdehandschuh ins Gesicht. „Hier ist niemand!“ rief er Mortimer zu. „Sie hatten recht. Ich werde mir eine etwas bequemere Route für den Abstieg suchen.“ Bevor er sich auf den gefährlichen Rückweg machte, ließ er seinen Blick ein letztes Mal über das Felsplateau schweifen. Nein, wahrhaftig, hier hatte sich zu keiner Zeit jemand aufgehalten. Oder zumindest seit langem nicht mehr. Seine Befürchtungen waren nichts als die Ausdünstungen eines fiebrigen Geistes gewesen. Mortimer brachte das Raupenfahrzeug dicht am Saum des großen Waldes zum Stehen. Wie Brian es vermutet hatte, war die Straße unpassierbar geworden; ein undurchdringliches Geflecht aus Lianen, Dornen und düsterem Blattwerk versperrte den Weg. „Sehen Sie, Baird, das Gras wächst über unseren Eroberungen, kaum daß wir ihnen den Rücken gekehrt haben. Doch das macht nichts, denn das, was ich Ihnen zeigen wollte, befindet sich ganz in der Nähe. Ein knappes Stündchen Fußmarsch, und wir sind an Ort und Stelle.“ „Ganz im Ernst, mein Bester, finden Sie nicht, daß der Spaß nun lange genug gedauert hat? Ich habe heute bereits mein redlich Teil an Gymnastik hinter mir …“ Doch der Leutnant ließ sich nicht erweichen, und so drangen sie einer hinter dem anderen in das Dickicht unter den Bäumen ein. Ihr Marsch durch den Wald war weniger mühsam, als Brian befürchtet hatte. Zuerst hielten sie sich eine Weile auf den Überresten der ehemaligen Straße (wo das Durchkommen immer noch leichter war, vorausgesetzt, sie gingen nicht nebeneinander), dann wagten sie sich auf einem kaum gebahnten Pfad tiefer in den Forst hinein. „Haben Sie keine Angst, sich zu verirren?“ „Jetzt nicht mehr. Ich komme häufig hierher … offen gestanden immer dann, wenn ich Port-Jaira und meine Mitmenschen nicht länger ertragen kann, Brian …!“ Mit ihren Buschmessern arbeiteten sie sich ziemlich schnell voran, und nach einer knappen Stunde hatten sie die Ruinen erreicht. Natürlich hatte Baird mit etwas Ähnlichem gerechnet; doch als er nun vor den Trümmern stand, von denen sein Freund soviel Aufhebens machte, verspürte er eine gelinde Enttäuschung. Mortimer hatte ihre kleine Expedition mit einer solchen Aura von Geheimnis umgeben und derart viele Vorsichtsmaßnahmen getroffen, daß er erwartet hatte, eine tief im Dschungel verborgene riesenhafte Stadt vorzufinden: skulpturenüberladene Tempel, von geheimnisvollen Symbolen gekrönte Gebäude, Statuen von abstoßender Schönheit, Drachen und Krieger aus Stein, die über einer Vergangenheit wachten, deren Rätselhaftigkeit den Eindringling eine Art religiösen Schauder empfinden ließ. Aber wenn eine solche Stadt in kaum einer Stunde Entfernung zu Fuß von der alten Straße existiert hätte, wäre dies natürlich längst bekannt gewesen; es hätte einen allzu hübschen Gesprächsgegenstand abgegeben. Die Ruinen waren tatsächlich nichts weiter als Ruinen. Es bedurfte schon fundierter archäologischer Kenntnisse – oder, ersatzweise, einer gehörigen Portion guten Willens! –, um mit Hilfe der Vorstellungskraft die Umrisse von Gebäuden wiedererstehen zu lassen, die zu drei Vierteln von Pflanzen überwuchert waren. „Ich weiß genau, was Sie mir sagen wollen, Baird. Sie wollen mir sagen, daß das Spiel den Einsatz nicht lohnte und daß wir besser daran getan hätten, diese alten Steine unter dem Mantel der Zeit schlafen zu lassen. Doch man sollte sich davor hüten, nur nach dem Augenschein zu urteilen … vor allem auf einer Welt, die so bizarr ist wie Celaeno de Peroyne.“ Hör doch um Himmels willen auf, wie eine Katze um den heißen Brei herumzuschleichen, Mortimer. Ich kann es nicht mehr ertragen. Ich weiß genausogut wie du, daß hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Du hast deine Ruinen, deine Geheimnisse, deine Eindrücke, und ich habe meine Träume, Ängste, fremden Wesenheiten, die mich heimsuchen … Man könnte fast glauben, daß jemand in dem Augenblick, da man am wenigsten darauf gefaßt war, heimlich ein winziges Sandkörnchen ins Getriebe geworfen hat … „Hören Sie, Mortimer. Wenn ich Ihnen bis hierher gefolgt bin, ohne Fragen zu stellen, so darum, weil ich selbst mit ein paar anscheinend unlösbaren Problemen konfrontiert bin, aber lassen Sie uns doch bitte nicht Katz und Maus miteinander spielen.“ Aus Mortimers Pupillen stoben plötzlich grelle Funken: Man hätte glauben können, es seien zwei in den Augenhöhlen festgenietete Kieselsteine. „Ich habe es nicht nötig, mir eine Lektion von Ihnen erteilen zu lassen … erst recht nicht in meinem eigenen Revier. Ich habe Sie aus Freundschaft hierhergebracht, doch wenn Sie es so aufzufassen belieben, können wir auf der Stelle umkehren.“ Ein roter Nebel stieg vor Bairds Augen auf. Einen Augenblick kämpfte er mit der Versuchung, sich auf seinen Gefährten zu stürzen und ihm die Fäuste, den Lauf seines Revolvers ins Gesicht zu hämmern … Doch ebenso rasch kam die Erinnerung an sein lächerliches Verhalten zurück, als er die Selbstbeherrschung verloren und im Glauben, ein gnadenloser Feind lauere ihm auf und trachte ihm nach dem Leben, das vulkanische Felsplateau erstiegen hatte. „Sie haben recht, Leutnant! Sie und ich, wir sind beide an demselben Punkt angelangt. Und ich habe nicht die Absicht, Ihnen meine Sicht der Dinge aufzudrängen.“ Sie legten die letzten Meter, die sie von den Ruinen trennten, in verlegenem Schweigen zurück. Es war, als ob der brutale Hieb einer Hacke den Kristall der Zeit zertrümmert hätte … Mortimer blieb vor einer Mauer stehen, die von Abertausend gefräßigen Mündern des Waldes zernagt worden war. Unter einem steinernen, ganz aus den Fugen geratenen Bogen, der sich nur noch in einem überaus prekären Gleichgewicht hielt, befand sich eine Inschrift, auf die der Leutnant hinwies; der grausame Biß der Zeit hatte sie noch nicht gänzlich auszulöschen vermocht. „Manchmal“, sagte er mit ernster, angespannter Stimme, „lag das Schicksal der Welt in einem einzigen kleinen Satz beschlossen … einem lapidaren Satz! Aber ich habe Sie nicht den ganzen Weg hierhergebracht, um Ihnen einen philosophischen Vortrag zu halten. Ich will Ihnen sogar verraten, daß ich all das für mich behalten hätte, wenn Sie mir nicht die bewußte Frage über die Zitadelle gestellt hätten. Es waren weniger Ihre Worte, die mir zu denken gaben, als der Ausdruck Ihres Gesichts. Man hätte meinen können, daß Ihr Geist in großer Höhe schwebte … Aber lassen wir das, einverstanden …?“ („Man hätte meinen können, daß Ihr Geist in großer Höhe schwebte …“, hatte Leutnant Mortimer eben gesagt, und sogleich fiel Baird sein Fiebertraum ein, seine Abtrift quer durch Raum und Zeit, sein Flug über das Meer von Offuz, auf dem längst vergessene Schiffe trieben. Er erinnerte sich der Zitadelle von Jaira mit ihren hohen Türmen – kriegerischen Umrissen in einer friedlichen Welt, die nicht mehr hatte wahrhaben wollen, daß das Universum im Rhythmus des Kampfes pulsiert. Und vor allem erinnerte er sich des stattlichen Dreimasters, der goldgesponnene Segel gesetzt hatte, die ihn davontrugen … wohin?) „Mir scheint, daß Sie mir gar nicht zuhören, Baird. Und doch bin ich von dem, was ich Ihnen anvertrauen möchte, wie besessen. Und beunruhigt … Es kostete mich lange, geduldige Anstrengungen, bis es mir gelang, die Inschrift auf der Mauer zu transkribieren und zu entziffern. Doch einer der größten Vorteile unseres Metiers liegt ja in den zahllosen Mußestunden, die es uns zwischen zwei Schlachten gewährt. Meine so fleißig dem Studium gewidmeten Tage waren nicht vertan: Ich kenne jetzt die genaue Bedeutung dieser Symbole. Die Inschrift ist in der alten Sprache des Landes abgefaßt, die vor unserer Ankunft auf Celaeno de Peroyne gesprochen wurde. Es war eine reiche, überaus bildhafte Sprache, oft pompös, dann wiederum von bestechender Einfachheit. Eine Sprache starker Kontraste, die zweifellos von einer hochentwickelten Kultur und einer hohen Stufe der Vergeistigung zeugen. Die Sprache eines Volkes, das sich in vollkommener Harmonie mit der Welt befand. Ist das nicht etwas ungemein Seltenes und Kostbares?“ Der Leutnant wurde derart von seinem Thema davongetragen, daß er die Maske fallen ließ und der wahre Mortimer darunter hervorkam. „Haben Sie ihr Alter feststellen können?“ fragte Brian schroff. Der so brüsk in seinen Ausführungen unterbrochene Offizier zuckte leicht zusammen, als ob ihn ein Insekt gestochen hätte, und erklärte dann: „Auf diese Frage vermag ich Ihnen leider keine präzise Antwort zu geben. Nach meinen mit Hilfe eines Computers angestellten Berechnungen … etwa 2000 Jahre, aber ich könnte es nicht beschwören. Doch im Grunde kommt es auf ein paar Jahrhunderte gar nicht an. Jetzt werde ich Ihnen in unserer plumpen Sprache verraten, was uns diese alten Steine enthüllen. Bei der Inschrift handelt es sich eigentlich um eine Prophezeiung … eine Voraussage, die uns betrifft. Oder, genauer gesagt: die Soldaten der Konföderation.“ Mittlerweile fühlte sich Brian äußerst unbehaglich. Ein dickes Insekt hatte sich auf seinen Arm gesetzt, und er wedelte heftig im graugelben Dämmerlicht, um das aufdringliche Tier in die Höhen des Waldes zu verscheuchen, wo das Licht heimtückisch über das Laub zitterte. Es war ein vierflügeliger Käfer mit Flügeldecken, die in einem wunderschönen mineralischen Grün schillerten: ein wahrer geflügelter Chrysopras. Aber völlig harmlos. Brian kam sich lächerlich vor. Ich bin völlig mit den Nerven fertig, sagte er sich und war sich dabei seiner Verwundbarkeit bewußt – ein trauriger Zinnsoldat in einer Szenerie, in die er nicht gehörte. Vermutlich um seine Verwirrung zu verbergen, sagte er grob: „Sie wissen ja, daß ich nicht an Weissagungen glaube.“ (Und er fügte im Geist hinzu: Jedenfalls habe ich keinerlei Zukunft mehr, junger Mann, nicht wahr? Oder können Sie mir vielleicht im Namen der Alten Geschichte eine Ersatzlösung anbieten?) Mortimer lächelte. Seine Ruhe bildete einen derart auffallenden Gegensatz zu der Erregtheit seines Gefährten, daß man die beiden für die Vorder- und die Rückseite einer Medaille hätte halten können. „Die Inschrift lautet folgendermaßen: ‚Sternenheere werden kommen, um zu zerstören, was bereits tot war, doch aus den Trümmern wird neues Leben entstehen. Und die Krieger von den Sternen werden sein wie die männlichen Insekten nach der Befruchtung …’“ Der Leutnant machte eine Pause, dann fragte er: „Sie wissen sicherlich, was vielen männlichen Insekten zustößt, wenn sie das Weibchen befruchtet haben?“ Brian bedauerte es einmal mehr, daß er sich auf dieses unsinnige Unternehmen eingelassen hatte, auf dieses Abenteuer ohne Zukunft. Manchmal, sagte er sich feige, ist es besser, in Unwissenheit zu verharren als die Wahrheit zu kennen. Wie war es nur möglich, daß eine harmlose, unachtsam nach dem Mittagessen hingeworfene Frage eine solche Lawine völlig bedeutungsloser Antworten auslösen konnte? Er spürte, wie ihm warmer, klebriger Schweiß in Strömen über das Rückgrat rann. Eine irrationale Furcht hatte sich auf einmal seiner bemächtigt, ganz ähnlich wie vorhin, als er nach der Erstürmung des Felsmassivs nichts als gähnende Leere auf dem Hochplateau vorgefunden hatte, die ihn jedoch mehr entsetzt hatte als die schlimmsten Schrecken des Kriegs. Einen endlosen, zeitenthobenen Augenblick lang glaubte er, daß dieser Teil des Waldes in eine andere Zeit – oder eine andere Dimension des Universums – gekippt sei, in der Wesenheiten lauerten, die ihm eher mit Spott und forschendem Interesse als mit echter Feindseligkeit begegneten. Das Gefühl der Minderwertigkeit, das er jenen unsichtbaren Geschöpfen gegenüber empfand, zerfraß ihm Herz und Eingeweide. Als er endlich etwas sagte, kam ihm seine Stimme weit entfernt und geisterhaft vor: „Ich glaube nicht daran“, sprach er zögernd, „daß der Krieg eine neue Blüte aus seinem Bauch heraustreiben kann … Ohne Zweifel handelt es sich bei der Inschrift um ein zufälliges Zusammentreffen von Umständen. In den Mythologien der Menschen kam so etwas ständig vor.“ „Sie lehnen also das Ganze in Bausch und Bogen ab, mein Bester, und glauben, sich so aus der Affäre ziehen zu können … auf die primitivste, mit dem Anschein von Wissenschaftlichkeit verbrämte Weise. Geben Sie zu, daß dieses ‚zufällige Zusammentreffen’, wie Sie es zu nennen belieben, etwas Beunruhigendes an sich hat!“ Brians Blick irrte über die halb von den Säften des großen Waldes verdauten Monumente, und seine Augen füllten sich plötzlich mit Tränen, während in seiner Kehle eine Kugel aus heißem Wachs unbarmherzig anschwoll und ihn zu ersticken drohte … „Lassen Sie uns aufbrechen!“ schrie er. „Lassen Sie uns von hier verschwinden! Hier riecht alles nach Verfall und Tod!“ Dann fiel ihm ein, daß es sein eigener Verfall war, aus dem der Wald die Substanz für seine ständige Erneuerung bezog. Das war eine alte, eine uralte Wahrheit, die sich auch noch auf dieser entlegenen Welt, diesem im Sumpf des Kosmos pulsierenden Schlammklumpen, bewahrheitete. Auf dem Rückweg, während sie sich mit ihren Buschmessern den Weg freihackten, vermieden sie es zu reden und das dichte pflanzliche Schweigen zu brechen. Mortimer schien wütend oder enttäuscht zu sein oder beides zugleich. Zweifellos bedauerte er es bereits, aus der Schule geplaudert und sein Geheimnis einem Schwachkopf mit zerrütteten Nerven anvertraut zu haben, der die Beute zeitweiliger Wahnsinnsanfälle war. Später, als sie wieder auf der Straße waren, versuchte Baird, die Sache so gut es ging einzurenken. „Ich bitte Sie, mir meine Anfälle von … – nun, nennen Sie es, wie Sie wollen –, nicht allzusehr übelzunehmen, Mortimer!“ Der Leutnant brach in gezwungenes Gelächter aus: „Aber nicht doch! Schließlich haben wir alle mehr oder weniger diesen Punkt erreicht, mein Bester … So habe ich mir, als ich Sie neulich abends besuchte, doch allen Ernstes eingebildet, jemand sei mir auf den Fersen. Ja, wir sind alle an diesem Punkt angelangt …“ Er unterbrach sich mitten im Satz. Offensichtlich wünschte er sich sehnlichst, woanders zu sein. In seinem Büro vielleicht, über seine Papiere, seine alten, modrigen Bücher oder seinen Heimcomputer gebeugt … „Möglicherweise hat MAN Sie tatsächlich verfolgt. Was ich sagen will … Verstehen Sie mich recht, mein Bester! Ich habe mich zweifellos in Ihren Augen lächerlich gemacht, als ich jenen Felsen in der festen Überzeugung erstieg, auf seinem Gipfel einen bewaffneten Wegelagerer vorzufinden. Ich hatte völlig meinem Instinkt vertraut. Und dieser Instinkt sagte mir, DASS SICH JEMAND DORT OBEN BEFAND, DER MICH BEOBACHTETE. ICH SPÜRTE SEINE AUF MICH GERICHTETEN AUGEN. Jedermann kennt dieses Gefühl, dieses Kitzeln, wenn einen der Blick eines anderen im Nacken trifft. Nur daß jener Blick auf meine Stirn geheftet war … wie ein Saugnapf.“ Dies war ein plumpes Bild, wie er fand, aber ihm fiel kein besseres ein. Es war wirklich an der Zeit, daß sie wieder nach Hause kamen! 3 Das Meer von Offuz wir haben im Norden unsere vertrauten Vögel zurückgelassen, und unser übliches Streben nach Redlichkeit schon scheinen die Nächte heißer zu werden auf unserem sorgenvollen Vormarsch wann werden wir mit dem vertikalen Schmelzofen nachbarlich verkehren und was wird übrigbleiben von unseren tiefen verzehrenden Träumen – Messerstiche in die Blässe unserer langen Adern wird sich dann niemand finden (wirklich niemand) der die Maske lüften oder einen Strich unter unseren Mund ziehen wird bei seinem Verlöschen D. W. Contrechant, 1963 Auf der Insel Kardalla gab es ein Bordell, das die Offiziere der Garnison von Port-Jaira an ihren dienstfreien Wochenenden zu frequentieren pflegten. Die Tage der Muße rollten dort nach einem festen Ritual ab, das der käuflichen Liebe den Anschein von eheähnlichen Beziehungen verlieh. Die Prostituierten von Kardalla besaßen ein hochentwickeltes Pflichtbewußtsein. Während der Woche verkehrten sie mit keinen anderen Männern, was aber nicht verhinderte, daß die Insel öfter, als es eigentlich notwendig gewesen wäre, zum Schauplatz erbitterter Rangstreitigkeiten wurde. Von den höheren Offizieren hatten so gut wie alle ihre festen Geliebten, die sie nur untereinander austauschten. Voll Respekt für die traditionellen Hierarchien … Es gab nur ganz wenige ständig im Bordell von Kardalla lebende Kurtisanen, die allen Gästen gleichermaßen zur Verfügung standen. Die Offiziere nannten sie die „Extravaganten“. In der Tat waren sie zu extravaganten Ausschweifungen bereit, allerdings nur nach reiflicher Überlegung, da sie sehr gut wußten, daß ein allzu zügelloses und liederliches Betragen nicht die Billigung der gewohnheitsmäßigen Besucher der Insel gefunden hätte. Wenn er nicht – wie alle seine Kameraden – die schrecklichen Geschlechtskrankheiten gefürchtet hätte, die zahlreiche Opfer unter den Unteroffizieren und den Mannschaften gefordert hatten, hätte Leutnant Baird gewiß die Prostituierten von Port-Jaira vorgezogen, die wenigstens über eine gewisse Spontaneität und Natürlichkeit verfügten. Immerhin bestand er jedesmal, wenn er zwei Tage im Bordell von Kardalla verbrachte, darauf, nur mit einer der „Extravaganten“ zu verkehren. Die Beziehungen, die er zu diesen Frauen unterhielt, vermochten fast nie seinen Hunger zu stillen. Er wußte nicht mehr, ob er ihren Liebestechniken die Schuld daran geben sollte oder aber der großen Erschöpfung, die von ihm Besitz ergriffen hatte und seinen Geist und Körper aufzehrte. Doch wenn die Mädchen von Kardalla auch nur wenige Reize für in bereithielten, so war es ganz anders mit der Insel, deren lieblichem Zauber er stets von neuem verfiel. Er hatte sich erkundigt: In der Sprache der Ureinwohner bedeutete ihr Name „Ort der Wohlgerüche“. Und das entsprach durchaus den Tatsachen. Kardalla glich mit seiner üppigen Vegetation, den Blumenbeeten und den Gruppen blühender Bäume tatsächlich einem Ort, der das Unglück nicht kannte. Es gab Rotunden, die völlig unter einem dichten Blättervorhang verschwanden und in denen man sich der Illusion hingeben konnte, man werde niemals von diesem Platz vertrieben, selbst wenn man beschlösse, bis an das Ende seiner Tage hier zu bleiben. Es gab auch ein paar Lichtungen, die von hohen Pflanzenmauern und klauenbewehrten Balustraden umgeben waren – ehemalige Kultstätten, wie die Prostituierten behaupteten. Doch ihre historischen Kenntnisse schienen auf wackligen Füßen zu stehen, und alles, was man aus ihnen herausbekam, waren Bruchstücke alter Erzählungen. Das Mädchen, das Brian von allen „Käuflichen“ Kardallas am meisten mochte, war, was man in seiner fernen Heimat eine voll erblühte Frau genannt hätte. Ihr Gesicht wies ein paar traurige Falten auf, doch ihre Augen funkelten oft vor Vergnügen, ohne daß er immer einen Grund für ihre gute Laune hätte erkennen können. Wenn der Leutnant eine Nacht bei ihr verbrachte, frönte er meist dem landesüblichen Laster und erzählte ihr mit zur Decke oder zu den Sternen gerichteten Augen in epischer Breite, wie man auf jener Welt lebte, die zum Spielball des Großen Aufruhrs geworden war. Diese junge Frau von Kardalla schien mit einer ungewöhnlichen Geduld begabt zu sein, denn sie konnte ihm stundenlang zuhören, ohne sich das geringste Zeichen von Ermüdung anmerken zu lassen. Manchmal sagte er sich – und damit tat er ihr gewiß ein wenig unrecht –, daß sie eigentlich gar kein richtiger Mensch war, sondern nur ein Gefäß, das dazu diente, allen körperlichen und geistigen Schmutz der Kriegsherren in sich aufzunehmen, ohne sich je zu beklagen. Doch dann gewahrte er wieder diesen heiteren und mutwilligen Ausdruck in ihren Augen, der ihn vom Gegenteil überzeugte. Dennoch waren die Liebesspiele, an denen er sich gemeinsam mit dieser jungen Frau „vergnügte“, trotz aller Erotik von einer erkünstelten Sinnlichkeit. Ihr körperliches Beisammensein verschaffte ihm nur einen schalen Genuß, und ihre Umarmungen entließen ihn meist wütend und enttäuscht zugleich. Er kam sich ungeschickt und plump vor, ein Hochstapler, der in einem etwas heruntergekommenen Fürstentum eingetroffen war, ein alter Haudegen mit groben, flegelhaften Manieren, ein Barbar, dem man mit einer Liebenswürdigkeit begegnete, in die sich Herablassung und Furcht mischten. Manchmal fragte er sich nach dem Liebesakt mit schmerzlicher Bitterkeit, was sich wohl hinter diesen halbgeschlossenen Lidern abspielte und von welchen bizarren Träumen die Gedanken dieser nur scheinbar unterwürfigen Kurtisane heimgesucht werden mochten. Trotz ihres Mangels an Schamhaftigkeit nannte Vassia (so ließ sie sich von ihren Liebhabern rufen) eine gewisse Anmut und sogar – er war genötigt, dies zuzugeben – eine erstaunliche Würde ihr eigen. Jetzt waren sie in Sichtweite von Kardalla. Die Insel duckte sich in das Meer von Offuz; nur ein von dichter Vegetation überwucherter Hügel ragte über ihrer gedrungenen Gestalt auf. Man konnte bereits eine kurze Mole erkennen und, im Hintergrund, einige Häuser von makellosem Weiß. Sie waren zu viert an Bord des Gleitbootes: Kapitän Vanellen, ein gnadenloser Angeber; Fähnrich Sigurd; der Steuermann, ein außergewöhnlich schweigsames Individuum, und Brian. In der Gewißheit, Ranghöchster unter den Anwesenden zu sein, und sehr zufrieden darüber, einen neuen Zuhörer zu haben, war Vanellen blendender Laune. Eine Spur zu nachlässig gekleidet, gestikulierte er lebhaft mit seiner stinkenden Zigarre und erfüllte die Passagierkabine mit Lügen und Rauch. „Die meisten Offiziere von Port-Jaira wollen nur eins: von hier abhauen und auf zivilisierte Welten zurückkehren; diese Speichellecker würden vor jedermann katzbuckeln, um ihr Ziel zu erreichen, aber ich für mein Teil habe mich mit der Situation abgefunden: Sterben müssen wir so oder so, also kann ich genausogut hier krepieren. Übrigens: Wenn ich recht unterrichtet bin, haben Sie sich, sobald Sie von Ihrem ersten Einsatzort erfuhren, mit Händen und Füßen gesträubt – bildlich gesprochen, natürlich – und alles drangesetzt, um abkommandiert zu werden. Sie hatten unrecht, mein Junge, unrecht …“ Sigurd schien außer sich zu sein. Seine Augen blitzten, und seine Hände öffneten und schlossen sich wie im Krampf. Obwohl er Vanellen aus ganzem Herzen verabscheute, verspürte Baird nicht das geringste Mitgefühl mit dem jungen Mann. Er fand, daß dieser von einer geradezu herausfordernden Affektiertheit war. Wie aus dem Ei gepellt und immer kompetent, war er ein typischer Vertreter jener Spezies, die die Militärakademien mit fataler Regelmäßigkeit zu produzieren pflegten. Wenn nach einer allzu kurzen Spanne eine Tropenkrankheit oder der Mißbrauch von Alkohol oder Drogen seinem Leben ein Ende setzen würde, wäre dieser Schnösel bereits Kommandeur eines halben Geschwaders. Seine Verwendung auf Celaeno de Peroyne entsprang zweifellos einem schlichten Irrtum, der durch einen Wust bürokratischer Mißverständnisse zur vollendeten Tatsache geworden war. Doch bestimmt würde die Angelegenheit in Kürze durch eine Note der Admiralität bereinigt werden, und Fähnrich Sigurd nähme wieder den ihm zustehenden Platz im cursus honorum ein. Brian zog ein flaches, mit einem bernsteinfarbenen Likör gefülltes Flakon aus seiner Tasche. „Wenn es Sie danach gelüsten sollte …“, offerierte er es Sigurd, doch der wies den Annäherungsversuch zurück. „Sie irren sich“, sagte nun der Fähnrich, „ich beabsichtige keineswegs, um eine Versetzung einzukommen. Zwar ist mir bekannt, daß diese Praxis bei den frisch ernannten Kadetten gang und gäbe ist, doch ich für mein Teil habe mich im voraus mit allen nur denkbaren Entbehrungen abgefunden, als ich mich für die militärische Laufbahn entschied. Ich bin der Ansicht, daß das die Pflicht eines jeden Offiziers mit Selbstachtung ist …“ Baird, der gerade einen Schluck Alkohol nahm, wäre beinahe daran erstickt. Solche hochtrabenden Phrasen wirkten unpassend auf Celaeno de Peroyne. Intrigen, Verleumdungen, Schläge unter die Gürtellinie ja, aber nicht dieser Salongeist, dieser Ehrgeiz, mit weißen Handschuhen zu leben und zu sterben, diese wütende Entschlossenheit, modrigen Institutionen die Treue zu halten. Sigurd war prachtvoll, ein Trottel natürlich, aber dennoch prachtvoll. Er fragte sich, was Kapitän Vanellen wohl auf diese Zurschaustellung einer großen Seele zu sagen hatte. Der Kapitän rief: „Verdammter Mist!“, als ob er schlecht gehört habe. „Sie haben mich nicht richtig verstanden, aber Sie werden schon begreifen, wenn Sie erst einmal eine Nacht auf dieser Insel verbracht haben. Es gibt eine ganze Menge, was man euch auf der Militärakademie beizubringen versäumt.“ Brian hielt den Blick starr auf das Wasser gerichtet, das unter dem Hydroplan (er fand diese Bezeichnung poetischer als andere …) wegglitt. Es war an manchen Stellen von einer merkwürdigen, smaragdfarbenen Tönung, in der hie und da blutigroter Schaum flüchtig aufblitzte. Die Stille, die stets über diesen Gewässern lag – wenn man einmal vom Brummen des Motors und dem „Singsang“ des Gesprächs (oder vielmehr Vanellens Monolog) absah –, schien ihm heute von etwas Lieblichem und Melancholischem gefärbt zu sein, von einem zarten, aber verführerischen Arom, das ebenso tief in die Seele eindrang wie in den Körper. Kardalla hätte in einer anderen Dimension liegen können, in der Kriege und die Grausamkeiten dieser Welt nicht existierten, einer Art galaktischem Shangri La.{1} Fische, die eine gewisse Ähnlichkeit mit Haien hatten, tauchten manchmal in wenigen Faden Entfernung vom Schiff auf, sprangen in den aufgeregten Bögen von Delphinen aus dem Wasser, hoben sich einen kurzen Moment wie ein Schattenriß vor der Sonne ab und waren gleich darauf wieder in den Tiefen der See verschwunden. Als er mit den Augen blinzelte, zogen sich die Bilder mürrisch zurück und wurden kleiner, ein Chaos verwischter, ineinanderlaufender Farben. Es war, als ob eine Aufnahme vom Aufblühen einer großen tropischen Blume rückwärts liefe. Das Meer von Offuz! Sein Traum fiel ihm wieder ein; wie er über den Wogen trieb, die Mastspitzen alter Segler streifte und Sequenzen wiederfand, die in eine längstvergangene Zeit gehörten, von der sicherlich nichts mehr außer einer zerbröckelnden Erinnerung übrig war. Lückenhafte Erinnerungen, nur durch das Geraune der Tradition lose miteinander verknüpft. Er versuchte gerade, sich auf seinen Traum zu konzentrieren, auf diese zeitenthobenen Schnipsel, die man mit einer Geduld, zu der er sich nicht imstande fühlte, hätte sammeln müssen, als die Stimme von Vanellen wie eine grausame Klinge auf den unterseeischen Riffs seines Halbschlafs auflief: „Ihr Zweiter ist von einer unerschütterlichen Ernsthaftigkeit. Ich wette, daß es Ihnen nicht gelingen wird, ihn zu verderben.“ Sigurd war leichenblaß. Er erstickte fast an seinem Zorn, so daß er keine gebührende Antwort geben konnte; es fehlte nicht viel, und er hätte vor Wut geheult. Das sind die Berufsrisiken, mein Kleiner, dachte Baird, und du übst den allerniedrigsten von allen Berufen aus: den eines Söldners im Weltraum. Tausende von Generationen haben einander auf der Erde und den anderen Planeten der Konföderation abgelöst, zahllose Generationen von Dummköpfen, die den Krieg, die Eroberungen, den Völkermord verherrlichten. Sie haben diese monströsen, blutrünstigen Gespenster mit den Gewändern von Konquistadoren ausstaffiert und sie in versiegelten, über und über mit Flitter behängten Särgen an die äußersten Grenzen der Milchstraße geschickt. Doch die heroischen Larven begegneten auf ihrem ruhmreichen Pfad nichts als Entbehrungen, Leiden und dem Tod. Diejenigen, die davonkamen, schämten sich ihres Mißgeschicks viel zu sehr, als daß sie es publik gemacht hätten, und stießen daher in dasselbe Horn wie die Militärpropaganda. Abertausende dem Nichts, der Angst, der Erniedrigung geweihter Generationen … Wie viele Menschen wohl auf diese Weise von den Kriegsherren hingeopfert worden waren? Plötzlich zerriß ein heller Blitz die düsteren Wolken seiner Erinnerung: Die Sonne hatte mit einem funkelnden Dolchstoß die Rückenflosse eines großen springenden Fischs getroffen. Seine Schuppen glitzerten wie der Kettenpanzer einer alten Rüstung. Der Raubfisch schoß gleich einem aus einer Unterwasserkanone abgefeuerten Projektil mit unheimlicher Geschwindigkeit durch die Luft, und sein bösartig schnappendes Maul klappte nur ein paar Zentimeter vom Arm Leutnant Bairds entfernt, der verträumt an der Reling des Gleitbootes lehnte, mit einem trockenen Knacken zu. „Guter Gott!“ rief Vanellen. „Der hätte Sie beinahe erwischt! Haben Sie dieses Monstrum gesehen, junger Mann? … Auf der Panik werden solche Schweinereien Ihr tägliches Brot sein!“ Von seinem gelungenen Scherz entzückt, nahm der Kapitän Bairds Arm: „Ich glaube“, sagte er im gleichen Atemzug zu dem Leutnant, „daß Ihnen Ihr Kanonenboot fehlt. Ich möchte wetten, daß Sie auf der Panik weniger geistesabwesend sind. Oder haben Ihnen die schlechten Nachrichten von der Admiralität so zugesetzt?“ Wenig später legten sie auf Kardalla an. Tuyati, die Große Puffmutter, erwartete sie nach ihrer Gewohnheit auf der Mole; bunt angemalt, mit Schmuck überladen und alt wie die Sonne, ging sie verschwenderisch mit ihrem Lächeln um, kargte hingegen mit den Worten. Sie war ein Relikt aus der Zeit, da diese Welt noch nicht völlig ihre Identität verloren hatte. „Herr Kapitän! Herr Leutnant! Ich bin entzückt zu sehen, daß Sie einen neuen Offizier mitgebracht haben, einen ganz jungen Mann noch, dem gewiß eine glänzende Karriere bevorsteht! Kommen Sie, kommen Sie, Sie werden mit größter Ungeduld erwartet. Störungen (wenn Sie mir diesen Ausdruck gestatten oder ihn vielmehr in seiner schmeichelhaftesten Bedeutung auffassen wollen!) unseres eintönigen Daseins ereignen sich nicht alle Tage, nein wahrhaftig, es geschieht nicht tagtäglich, daß unser üblicher Müßiggang durch eine so charmante Invasion eine Störung erfährt … .“ Brian beobachtete Sigurd, doch der junge Offizier hatte sich, wie er nicht ohne heimliche Bewunderung feststellte, wieder ganz in der Gewalt. Er lächelte jetzt, wobei – vielleicht – eine Spur von Verachtung in seinen Augen lag und ein Fünkchen Angst. Er ging in würdevoller Haltung von Bord und bot der guten alten Tuyati sogar seinen Arm. Die Puffmutter erbebte vor Vergnügen; das Betragen des Fähnrichs zur See schmeichelte ihr ungeheuer. „Bei allen Göttern!“ schrie sie mit lächerlichem Überschwang. „Wie ich es beklage, daß meine Haut runzlig ist und mein Herz alt und schwach! Die Hälfte meines Verdienstes würde ich hergeben, wenn ich mich dafür einige Jahrzehnte jünger machen könnte! Das Schicksal ist‹ehr ungerecht zu mir gewesen, doch da dies nun einmal nicht mehr zu ändern ist, tröste ich mich, so gut es geht. Kommen Sie, kommen Sie, meine Herren, trödeln Sie nicht, vergeuden Sie nicht Ihre kostbare Zeit …“ Der Leutnant wich dem komplizenhaften Blick Vanellens aus, indem er vorgab, sich für die Formation eines Schwarms von Seevögeln zu interessieren, der langsam über den Bäumen hinstrich. Die Schwingen der Vögel zeichneten leuchtende Kreise in die Luft, ein weißglühendes Ballett, dem um diese verworrene Mittagsstunde eine tiefere Bedeutung zuzukommen schien. Die Bewegungen der Flügel und der Rhythmus, in dem sie schlugen, hätten beispielsweise Bestandteil eines Codes sein können, dessen Ursprünge in jene fernen Zeiten zurückreichten, da auf Celaeno die Morgenröte der Geschichte anbrach. Er stellte sich einen Augenblick vor, daß diese Vögel eine überlegene Intelligenz besaßen und die fremden Eindringlinge im Auftrag einer geheimnisvollen planetarischen Macht ausspionierten. Mein Gott, sagte er sich, wie bin ich nur auf diese unsinnigen Gedanken gekommen? „Herr Leutnant!“ schrie Tuyati. „Herr Leutnant, Sie träumen, auf mein Wort, und lassen die Zeit verrinnen, die doch das einzige Gut ist, das Sie in diesem flüchtigen Dasein besitzen!“ Die alte Hexe beeindruckte ihn: Manchmal hatte man das Gefühl, daß sehr viel mehr hinter ihrem banalen Geplapper steckte, als es den Anschein hatte. Er riß sich mit Gewalt von seinen Betrachtungen los und sog tief die Wohlgerüche Kardallas ein. Feine, würzige Düfte erfüllten ihn, schlängelten sich bis in die Windungen seiner Gedanken. Sie bildeten einen bizarren Zug, wie sie da auf der Pier entlanggingen: Sigurd und die Puffmutter untergehakt, Vanellen spöttisch kichernd und Baird in der Sonne blinzelnd, mit schwerem Kopf. Ein halbes Dutzend Dienstleute in buntscheckigen Kleidern tauchte auf und bemächtigte sich ihres Gepäcks. Trotz der Hitze überlief den Leutnant ein plötzlicher Frostschauer, denn eine winzige Klinge aus Eis hatte sich eben in Höhe des Herzens zwischen seine Rippen gebohrt: Etwas war anwesend, kauerte hinter den prächtigen Blumenrabatten, eine Präsenz, die eine unheimlichere Bedrohung bildete als eine ganze Kompanie Lems! Er fiel ein wenig zurück und legte die Hand auf den Griff seines Revolvers. Ich weiß nicht, was DU von mir willst, aber ich weiß, daß ICH es bin, den DU belauerst, wer auch immer DU sein magst! Verschwinde und laß mich in Frieden! Baird war versucht, sich auf die kunstvollen Blumengewinde zu stürzen und brutal auf ihnen herumzutrampeln, Zerstörung und Tod zu säen. Doch vielleicht besaß die Anwesenheit, die sich hinter diesem anmutigen Bollwerk verschanzte, keine feste Gestalt oder aber ein dermaßen grauenerregendes Äußeres, daß sie gezwungen war, sich vor den Augen der Menschen zu verbergen. Man nahm ein paar Erfrischungen auf einer Terrasse, die halb unter der üppigen Vegetation der Insel verschwand. Die Gebäude von Madame Tuyatis Etablissement schienen buchstäblich in den Dschungel von Kardalla hineingewoben zu sein. Ein harmloser Dschungel übrigens, zumindest was seine Fauna betraf, denn es gab weder wilde Tiere noch Schlangen oder giftige Insekten in ihm. Nackte, mit aromatischen Ölen eingeriebene Dienerinnen servierten aufreizendes Zuckerwerk, dessen Teig mit aphrodisischen Substanzen versetzt war. Der rasch erhitzte Vanellen begann zu faseln und die Hüften und Hinterbacken der Mädchen zu betätscheln. Wie Brian zog auch der Kapitän die „Irregulären“ und die „Extravaganten“ vor. Er benahm sich Frauen gegenüber wie eine Mischung aus Flegel und Sadist. Die Mädchen von Madame Tuyati fürchteten ihn wegen seiner Unberechenbarkeit und seiner grausamen Gelüste. Doch er gehörte zur Herrenrasse, da konnten sich die Mädchen noch so sehr bei der Puffmutter beklagen, sie mußten doch all seine Verrücktheiten über sich ergehen lassen. Einmal hatte Vassia sich Brian anvertraut und ihm eine „Sitzung“ mit Vanellen geschildert. „Dieser Mann ist durch und durch schlecht“, hatte sie gesagt, „und manche von uns beten darum, daß er eine tödliche Krankheit bekommt oder wenigstens versetzt wird. Nicht so sehr die Dinge, die er von uns verlangt, sind häßlich, als vielmehr die Art, wie er uns ansieht, mit uns spricht, uns behandelt, mit einem Wort: diese ganze abstoßende Inszenierung, die er braucht, um an das Ziel seiner Wünsche zu gelangen.“ Nachdem er ein paar Gläser Alkohol getrunken hatte, entschuldigte sich Brian. Er fühlte sich etwas benommen und wollte ein wenig auf und ab gehen, bevor er sich zu der jungen Frau begab, die er sich ausgewählt hatte. „Vassia verzehrt sich nach Ihnen“, hatte ihn Madame Tuyati erinnert, doch ihn verlangte diesmal nach einer Gefährtin, für die er nichts außer einem rein physischen Begehren empfand. Als er sich erhob, warf ihm Fähnrich Sigurd einen hilflosen Blick zu. Der brave Junge fühlte sich in diesem blumengeschmückten Bordell sichtlich ebenso fehl am Platz wie ein bedauernswertes Insekt in einem Spinnennetz. Draußen ging der Tag zur Neige; ein paar verspätete Sonnenstrahlen krochen fast verstohlen ins Zimmer, fielen schräg durch die Jalousie an der Terrassentür. Das kunstvolle Spiel des Lichts verwandelte die junge, neben Leutnant Baird ausgestreckte Frau in eine große ocker- und nachtfarbene Wespe. Wie sie da leicht atmend auf der anderen Betthälfte lag, eine Hand auf ihrem Bauch, halbwegs zwischen Brust und Scham, die andere auf der Bettumrandung ruhend, glich sie in ihrer vollkommenen Reglosigkeit einem kleinen schlafenden Tier. Brians Atem ging viel schwerer als der des Mädchens; er hatte das Gefühl, daß die Atmosphäre mit Elektrizität geladen und das „Haus“ voll von verworrenen Geräuschen war, die er nicht genau identifizieren konnte. Geraume Zeit hatte er in den Kammern seines Geistes nach etwas gekramt, worüber er mit der jungen Prostituierten hätte reden können, doch die Anstrengung war zu groß für ihn gewesen, darum schwieg er nun und überließ sich in der Leere des Zimmers seiner Verstimmung und Müdigkeit. Das Mädchen, das neben ihm schlief (oder zu schlafen vorgab), war eine sehr angenehme, befriedigende und zu allem bereite Partnerin gewesen, der jene für ihren Berufsstand typische Vulgarität völlig abging. Er war zum erstenmal mit ihr zusammengewesen, denn sie war noch ziemlich neu auf Kardalla. Sie hatte eine außergewöhnlich zarte Haut, die zu liebkosen ihm Genuß bereitete, und eine ungemein feste, prachtvolle Brust. Er bewegte sich ein wenig und stützte sich vorsichtig auf einen Ellenbogen, um sie zu betrachten. Ihre Augen waren geschlossen, und das Gesicht mit den regelmäßigen Zügen hatte im Schlaf eine fast ergreifende Reinheit angenommen. In einer jähen Aufwallung von Zorn empfand er Haß auf diese Fremde, die ausgeglichener zu sein schien als er und vielleicht sogar glücklicher, trotz ihres erniedrigenden Metiers. Dann entspannte er sich wieder und verhöhnte sich selbst: Wessen Arbeit ist wohl widerlicher – ihre oder deine? Er fuhr fort, sie im Dämmerlicht Stück für Stück zu betrachten: Ihr Venushügel glich einem bewaldeten Hang, der von starken, herben und lockenden Gerüchen durchweht war. Er hätte König Salomon gewiß zu ein paar meisterlichen Strophen inspiriert. Sie war eine Frau, die Brian zärtlich geliebt hatte. Sie war eine Frau, die Brian einst zärtlich geliebt hatte. Sie war eine schöne junge Frau, die Brian einst zärtlich gevögelt hatte. Sie war eine sehr schöne junge Frau, die Brian einst, auf seinem Heimatplaneten, zärtlich geliebt und lustvoll gevögelt hatte. Sie war eine schöne junge und wohlriechende Frau: wohlriechend und so angenehm zu vögeln, daß Brian (er, Brian) sie einst auf einem anderen, ungeheuer fernen Planeten geliebt hatte … Er neigte sich über sie und über dieses Ding, das sich in ihren Augen regte, wenn sie ihm Verse rezitierte, Verse von … oh, das war ein fantastisches/wundervolles Gedicht/ganz schlicht/wie alle herrlichen Gedichte dieser und aller anderen Welten/ein Gedicht, das so GING!: Körper mein Haus mein Pferd mein Hund was wird aus mir wenn ihr nicht mehr seid Wo werde ich schlafen worauf werde ich reiten was werde ich jagen Wo werde ich hingehen ohne mein feuriges Reittier Wie werde ich wissen ob sich im Dickicht vor mir Gefahren oder Schätze verbergen wenn Körper, mein treuer kluger Hund tot sein wird Wie wird es sein ohne Dach noch Tür unter freiem Himmel zu schlafen mit dem Wind statt eines Blicks Und einem Nachtgewand aus Wolken wie werde ich es nur anstellen mich zu verbergen.{2} (ein ganz schlichtes, wundervolles, fantastisches Gedicht, das sie ihm unter solch ungewöhnlichen Umständen aufsagte // und sie interpretierte die verschiedenen Stellen des Gedichts an ihm. Brian, sagte sie, er erinnerte sich daran, du bist mein Haus, bedecke mich, umgib mich, beschütze mich. Umhülle mich: Ich bin nichts: Umhülle mich ganz … als ob ich tatsächlich gar nichts wäre … // aber es ist nicht möglich zu existieren und zu fühlen … wenn man … gar nichts ist // Brian (murmelte sie) du bist mein Pferd, laß mich jetzt auf dir reiten, ohne daß du oder ich wüßten, wer von uns beiden den anderen auf dieses Rennen ohne Ziel mitgenommen hat! // Brian! // Brain, rief sie, du bist mein Hund. Also gehorchst du mir natürlich – du stehst ganz unter meinem Befehl: Komm und lecke mich zwischen den Schenkeln, komm, Brian, sei ein guter Hund, komm über mich / in mich. Ich liebe dich, Brian / mein Hund / ah ja / mein Haus / ah ja / mein Pferd / ja-ja-ja /// wundervolles phantastisches ganz schlichtes Gedicht wie alle herrlichen Gedichte dieser und aller anderen Welten!) Als er erwachte, stellte Baird fest, daß sein Bettuch von Schweiß und Sperma getränkt war. Was würde ich nicht darum geben, nach Hause zurückkehren zu können?! Was würden wir nicht darum geben, ein paar Bruchstücke jener außer Kraft gesetzten Vergangenheit wiederfinden zu können, ein paar Tropfen von jenem ewig jungen Wein, der in unseren Adern rollte? Aber was könnten wir schon dafür geben? Als er auf Celaeno de Peroyne erwachte, neben einer jungen und zärtlichen Prostituierten, die in friedlichem Schlummer lag, hatte der Leutnant einige Mühe, sich von dem Gewicht seiner Vergangenheit zu befreien. Einer Vergangenheit, die in Stücke ging und deren zerbröckelnde Reste sich im Vagen der Entfernung vollends auflösten, die jedoch mitunter, wenn die Schranken des Willens fielen, an die Oberfläche seines Unterbewußtseins stieg. Mittlerweile war es auf der Insel Nacht geworden … Der Mond leuchtete so schwach, daß Brian den Körper seiner Gefährtin mehr erahnte denn sah. Im Versuch, die Schrecken der Nacht zu bannen, lauschte er mit angespannten Sinnen in die Stille und vernahm aufs neue den regelmäßigen Atem des Mädchens, das er um die Tiefe und Ungestörtheit ihres Schlafs beneidete. Körper mein Haus / mein Pferd mein Hund / was wird aus mir / wenn ihr nicht mehr seid / … Klebriger fettiger Schweiß bedeckte ihn am ganzen Körper. Er legte sich auf den Bauch, doch eine plötzliche Woge von Übelkeit nötigte ihn dazu, sich schnell wieder umzudrehen; er zwang sich, langsam und tief durchzuatmen, als ob er befürchte, an einem Erstickungsanfall zugrunde zu gehen. Aus der Nacht, in der er versank, tauchte eine Hand auf und legte sich zart auf seine Brust. Dann wisperten feuchte Lippen melodische Vorschläge in sein Ohr. Ich bin bestimmt dorthin zurückgekehrt, sagte er sich. Was ist die Welt schließlich anderes als ein einziges riesengroßes Bordell … Fingerspitzen strichen sanft über seine Haut bis zum Ende seines Unterbauchs, dann machte sich ein erfahrener Mund auf denselben Weg. Entfernte Chöre sangen Hymnen mit eintönigen, sich ständig wiederholenden Melodien, deren Echos sich weich in der Nacht von Kardalla brachen. Vom Rhythmus dieser Kantilenen davongetragen, attackierte er das Dunkel mit seinen Händen, verbrannte sich die Finger in Spalten, die mit flüssigem Feuer gefüllt waren, und ächzte, als sich die Fremde ein wenig später behend auf ihn schwang, sich auf ihm aufspießte. Er empfand eine wollüstige Schwäche, als ob er, wundersam entwaffnet, seiner Arme und Beine beraubt worden sei, während sich all seine Kraft und Energie in seinem Penis konzentrierten. Seine Partnerin, die mit Entschiedenheit die Rollen vertauscht hatte, nahm ihn kraftvoll und fluchte dabei wie ein Mann. Da er trotz seines extremen Erschöpfungszustandes keinen Schlaf finden konnte, hatte er eine der Terrassen von Madame Tuyatis Etablissement aufgesucht. Die Nacht war jetzt nicht mehr lang, und er fürchtete sich vor dem Augenblick – und sehnte ihn doch zugleich herbei –, da er Vanellen, Sigurd und den anderen Offizieren, die sich inzwischen zu ihnen gesellt hatten, gegenübertreten mußte. Er atmete in tiefen Zügen die Nachtluft ein, die schwer war von Blütenduft und dem salzigen Geruch des Meers. Eine erfrischende Brise hatte sich erhoben, und er trat an den Rand der Terrasse, um seinen Körper dem Wind auszusetzen. Bald, dachte er voll Bitterkeit, werde ich mich wieder mit der Brücke meines Kanonenbootes und den schwülen Nächten des Dschungels zufriedengeben, die Existenz eines bis an die Zähne bewaffneten Missionars führen müssen … Instinktiv blickte er in die Richtung von Port-Jaira, doch es standen zu wenige Sterne am Himmel, als daß man das Relief der Küste oder die schwarze Silhouette der Zitadelle – jener rätselhaften, vom Zauber der Zeit besiegten Akropolis – hätte erkennen können. Ein paar Meter tiefer glaubte er auf einem Pfad, der sich verstohlen durch die noch in Finsternis getauchten Baumgruppen schlängelte, eine sich bewegende Gestalt zu erblicken. Der Mond war in diesem Augenblick halb hinter den Wolken verborgen, und er riß die Augen weit auf, als ob er hoffte, seine Sehkraft durch solche Kunststückchen über das menschliche Maß hinaus schärfen zu können. Wieder beschlich ihn das Gefühl, von einer fremden Intelligenz, deren Absichten er vergeblich zu begreifen suchte, beobachtet und gründlich ausgeforscht zu werden. „Wer ist da?“ fragte er. Nur der träge die Äste schüttelnde Wind antwortete ihm. Er biß sich auf die Lippen und beschuldigte sich der Torheit. Eine extreme Nervosität hatte von ihm Besitz ergriffen. Langsam drehte er dem Unbekannten den Rücken, doch sofort kehrte dieselbe Empfindung zurück, nur diesmal noch verwirrender als zuvor. Jemand befand sich ganz in seiner Nähe, belauerte jede seiner Bewegungen, und aus dieser Gewißheit entsprang eine ständig zunehmende Beunruhigung, die sich, wenn er nicht aufpaßte, zu einer richtigen Obsession auszuwachsen drohte. Er überquerte die Terrasse und stieg ein paar Stufen zu dem Zimmer hinab, das er mit der kleinen Prostituierten geteilt hatte. Als er den Raum betrat, roch er sofort eine schwere, etwas animalische Ausdünstung, die zuvor nicht dagewesen war. Angst fiel mit der Wildheit eines Raubtiers über ihn her. Schweißgebadet und mit neuerlich vor Furcht zusammengekrampftem Herzen glitt er in den Schatten. Durch die weit geöffnete Terrassentür fiel das Mondlicht direkt auf das Bett: Es war leer. Mein Gott, sagte er sich, ich habe Fieber. Ich phantasiere. Meine Sinne gehorchen mir nicht mehr. Dieser verdammte Planet hat es endlich geschafft, mich fertigzumachen. Jemand hatte während seiner Abwesenheit das Zimmer betreten, jemand – oder etwas –, der ein unerklärliches Ziel verfolgte und den Weisungen einer mysteriösen Autorität gehorchte. Er durchquerte das dunkle Zimmer und wiederholte sich dabei, daß er verrückt war und im Bordell der Madame Tuyati nichts zu befürchten hatte, wo jedes Ding an seinem Platz war und die Offiziere ruhig mit verstopften Ohren schlafen konnten. Doch er atmete erst dann wieder befreiter auf, als sich seine heftig zitternde Rechte um das Futteral seiner Waffe schloß. Der vertraute Kontakt mit seinem alten Weggefährten, die kalte Freundschaft des Metalls kamen ihm wie ein Bollwerk gegen das Unbekannte vor. Ich mache mich völlig lächerlich … hier ist niemand … absolut niemand … Doch das beunruhigende Gefühl blieb, und er zog langsam die Waffe aus ihrer Scheide, als ob er die furchtbare Anwesenheit, deren Geruch noch im Raum hing, herausfordern wolle. Unwiderstehlich von dem dunklen Pfad angezogen, der sich im Geheimnis der Insel verlor, kehrte er wieder auf die Terrasse zurück. Er drückte die Pistole gegen seine Hüfte und hielt ihren Kolben fast krampfhaft umspannt, während sich in seinem Geist ein grotesker Satz formte: „Der Leutnant zur See Brian Wendell Baird jagt in den Gärten des Bordells die Gespenster von Kardalla.“ Die pflanzliche Nacht schloß sich um ihn. Zuerst war es so, als ob er aus großer Höhe ins Wasser gesprungen wäre, denn in seinen Ohren begann es zu sausen: Ein gewaltiger Druck lastete auf seinem Trommelfell, und ein riesengroßer blutiger Vorhang aus Seide und Feuer ging vor seinen Augen herunter … In der Ferne donnerten gewaltige Brecher unermüdlich gegen poröse Klippen, die zweifellos in sich zusammenstürzen und ihn unter einer bittersalzigen Sintflut begraben würden … Dann begannen sich in dem dichten Schatten, dessen Gefangener er war, Formen herauszubilden. Bald konnte er das Felsenriff aus Bimsstein erkennen, das in Wirklichkeit eine üppige Anhäufung blühender Sträucher war, ein ganzer zwischen den Terrassen des Bordells von Kardalla zusammengedrängter Dschungel. Und was er für ein Ballett von Raubfischen gehalten hatte, war nur das Schaukeln schwerbeladener Äste gewesen. Doch dieses pflanzliche Treiben mutete ihn sogleich ebenso bedrohlich an wie ein vom Sturm aufgewühlter Ozean: Es wimmelte von klebrigen Mündern, von Lianen, die den Eindringling umschlingen, und von heimtückischen Wurzeln, die ihn zu Fall bringen wollten, kurz: Es war ein gespenstisches Labyrinth, in das man sich nur unter großer Gefahr für sein seelisches Gleichgewicht hineinwagen konnte. Ja, die Mädchen hatten recht, wenn sie von uralten Kulten und unsäglichen Praktiken raunten. In dieser Nacht der Verstörungen war etwas im normalen Zusammenhalt der Wirklichkeit aus den Fugen geraten. Die allzu schwachen, unzuverlässigen Dämme, die die militärische Logik gegen den Einbruch eines Fremden errichtet hatte, brachen an allen Ecken und Enden. Undeutlich und schwankend tanzten scharlachrote Linien wie holographische Bilder im düsteren Forst und schlossen sich zum flüchtigen Umriß eines Gesichts zusammen. ‚Nein, nein, Leutnant Baird, Sie träumen dies nicht, Sie erleben alle diese Dinge wirklich. Aber Ihr Geist ist noch nicht bereit, Ihre Augen vermögen noch nicht den Unterschied zwischen …’ „Alle Teufel!“ brüllte jemand in der Nacht. „Sie sind doch nicht etwa krank, Baird? Ich habe Sie beinahe …“ Vanellen stand mitten auf dem Weg, splitternackt, mit zerzausten Haaren und Augen, die ihm aus dem Kopf zu quellen drohten. Seinen rechten Arm hatte er um die Taille einer der „Irregulären“ der Madame Tuyati geschlungen, und Baird nahm wie in einer Momentaufnahme die erweiterten Pupillen des Mädchens wahr, die denen einer von panischer Angst befallenen Katze glichen. „Was ist denn nur mit Ihnen los, Baird? Geben Sie mir, um Christi willen, Ihre Waffe!“ Brian dämmerte es endlich, daß er in einer Art Trance gehandelt hatte und immer noch mit der Pistole in der Hand auf einen Punkt direkt vor sich zielte. Er sagte sich, daß er sehr schnell eine plausible Erklärung finden müsse, wenn er nicht zur Zielscheibe von allerlei Tratsch und Verleumdungen werden wollte. Der Kapitän war nämlich ein hinterhältiger, zutiefst verbitterter Mann, dessen Schändlichkeiten sich gar nicht mehr zählen ließen. Er hielt Vanessen seine Pistole mit dem Kolben voran hin, wobei er sich Mühe gab, das Zittern seiner Finger zu unterdrücken. „Nehmen Sie sie, bitte. Mir scheint, daß ich fiebre. Jedenfalls erinnere ich mich an nichts!“ Der Kapitän, den seine Blöße um nichts weniger arrogant machte, trat zwei Schritte auf seinen Untergebenen zu: „Ich muß zugeben, daß die Situation einigermaßen drollig ist. Wo soll ich denn Ihre Waffe hinstecken, mein Bester?“ Er hatte die Taille der jungen Frau nicht losgelassen, und seinen langen Fingern, die ihre bronzefarbene Hüfte umfaßt hielten, haftete etwas Obszönes und zugleich Gefährliches an. Es hätte einen nicht überrascht, wenn sie sich grausam in das weiche Fleisch gegraben und es Stück für Stück herausgerissen hätten. Statt dessen ereignete sich in der Szenerie, die wie geschaffen dafür schien, ständig neue Trugbilder zu produzieren, ein weiterer Spuk: Das Gesicht des jungen Mädchens verformte sich, bis es nur noch eine vollkommen starre, antike Theatermaske war mit dem Farbton alter Bronze und zwei schwarzen Löchern anstelle des erschreckten Blicks von vorhin sowie einem Oval, in dem Finsternis hauste – dem Mund, aus dem diese Worte stürzten: ICH FREUE MICH, SIE ZU SEHEN, LEUTNANT BAIRD! Geheimes Tagebuch von Leutnant Brian Wendell Baird Ich erwachte in einem Zustand völliger Entkräftung. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, und ihr Licht überflutete das Zimmer. In den letzten Stunden der Nacht war ich von widerwärtigen Alpträumen heimgesucht worden, in denen wie in einer grotesken Sarabande die fahle Haut Vanellens, eine grimassierende Maske aus Bronze, deren metallische Lippen unverständliche Litaneien krächzten, sowie die zwei jungen Prostituierten eine Rolle gespielt hatten, die nackt, mit aufgelöstem Haar und wippenden Brüsten die dämmrigen Alleen entlanggeflohen waren, gnadenlos verfolgt von ungreifbaren, schauerlichen Monstren, die sich verbissen an ihre Fersen geheftet hatten. Den restlichen Vormittag über ging ich den anderen – Vanellen, Sigurd und denen, die nach uns gekommen waren – aus dem Weg. Ich wollte allein bleiben, um besser über die Serie von mehrdeutigen Ereignissen in den letzten Tagen nachdenken zu können. Um die Wahrheit zu sagen, fürchtete ich mich auch vor den Anspielungen und bissigen Hänseleien des Kapitäns, dieser lasterhaften, liederlichen Viper. Ich verzichtete also auf das Mittagessen und flüchtete mich an die entfernteste Spitze der Insel, einen Ort, an dem ich schon häufiger mit Vassia gewesen war. Dort versuchte ich vergeblich, mit den Elementen, die mir bekannt waren, eine Szene zu rekonstruieren, die mir nicht aus dem Kopf ging und bei der ich einer der Hauptbeteiligten gewesen war, eine Szene, von der mein geplündertes Gedächtnis nur Lumpen und Fetzen in undefinierbaren Farbtönen aufbewahrt hatte. Ich wußte, daß sich die Ereignisse, von denen ich wie besessen war, erst vor kurzem abgespielt hatten, höchstwahrscheinlich an jenem Tag, da ich mich in den Straßen der alten Stadt „verirrt“ hatte. Verschwommene Bilder zogen flüchtig durch meinen Geist, doch sie blieben unscharf, und es gelang mir nicht, sie festzuhalten. Jedesmal wenn ich mir einbildete, in diesem Nebel von anarchischen Eindrücken etwas ertastet zu haben, was einem Anhaltspunkt glich, löste sich alles wieder wie in einem Kaleidoskop auf. Die Gegenwart vermischte sich mit Szenen aus meiner weit zurückliegenden Vergangenheit, mit schmerzlichen Erinnerungen wie jenen von meinem Unbewußten/Unterbewußtsein ausgelösten, die dem Geist meiner Liebe neue Gestalt und neues Leben eingehaucht hatten. Einmal gewahrte ich, während ich reglos auf die Küste starrte, die Akropolis von Port-Jaira auf der Anhöhe, und ich fühlte, wie mich plötzlich eine seltsame, bedrückende Empfindung überkam, eine Mischung aus Schuldbewußtsein und Enttäuschung. Eine von einem vibrierenden Quecksilberhäutchen umhüllte Gestalt stand zitternd über dem Meer. Dann verschwand die fata morgana und ließ mich noch verwirrter und ratloser zurück als zuvor. Daraufhin beschloß ich, zu den anderen zurückzukehren. Der Leutnant war auf sarkastische Bemerkungen und kaum verhüllte Anspielungen auf sein befremdliches nächtliches Betragen gefaßt, doch Vanellen schien den Mund gehalten zu haben, denn das Gespräch der Offiziere kreiste um belanglose oder schlüpfrige Themen. Die Dienerinnen von Madame Tuyati hatten Kleider von bürgerlicher Wohlanständigkeit angelegt, und ihre natürliche Würde kontrastierte auf frappierende Weise mit den Äußerungen ihrer Gefährten. Der Tisch war in einem großen Garten gedeckt worden, dessen berauschende Düfte zu Kopfe stiegen wie edler alter Wein. Die festen Partnerinnen der Offiziere waren anwesend und saßen an ihrer Seite gleich Ehefrauen oder wohlerzogenen Konkubinen. Sie lächelten zu den Scherzen ihrer Männer, und wenn sich Hände zwischen ihre Schenkel verirrten oder über ihre Brüste und Hinterteile strichen, perlte silberhell ein ermutigendes Gelächter aus ihren Mündern, mit dem sie diese männlich kraftvollen, wenn auch ein wenig derben Huldigungen quittierten. Der junge, neben einem Mädchen mit Schlitzaugen sitzende Sigurd starb neuerlich tausend Tode. Der Kragen seiner Uniformjacke stand offen, doch von dieser Kleinigkeit abgesehen war er untadelig gekleidet – eine aus einem militärischen Modekupfer entsprungene Gestalt, die versehentlich in die Vororte Babylons geraten war. Baird lehnte sich in seinem Sessel zurück, überließ sich der süßen Schläfrigkeit, die sich allmählich auf ihn senkte, und hing gleichzeitig ein paar zynischen Gedanken nach. Ach, wenn ich nur mehr Zeit hätte, sagte er sich, mehr Zeit … Er trank etwas Alkohol, und seine Ohren wurden von einem fernen Summen erfüllt; es klang, als ob sich eine Insektenwolke der Insel nähere … Eine Insektenwolke näherte sich der Insel. Es schienen große Wespen zu sein oder wütend brummende Hornissen. Sie flogen in Kampfformation, an den Flanken Veteranen mit untrüglichem Instinkt, an der Spitze tüchtige, kampferprobte Aufklärer, die ihnen den Weg wiesen. In ihren Brustschilden spiegelten sich die Sonnenstrahlen. Sie legten die letzten Meilen, die sie von Kardalla trennten, mit bestürzendem Tempo zurück. Brian sah sie kommen. Er sah sie sehr gut – eine wolkige Masse, die sich zwischen die Sonne und das Meer schob. Und er fragte sich, warum seine Gefährten keine Anstalten machten, sich zu erheben, warum sie weiter über Nichtigkeiten plauderten, warum sie nicht aufhörten, die Kurtisanen der Madame Tuyati, dieser scheinheiligen alten Kupplerin, abzuknutschen! Warum sie so taten, als ob sie das laute Summen nicht vernähmen, das ihnen das unausweichliche Herannahen des Todes verkündete … Als sie direkt über der Insel waren, lösten sich die Insekten vom Himmel und stürzten auf die Offiziere und die Frauen herab, die laut lachten und mit vielfarbigen Likören gefüllte Gläser an ihre Lippen hoben. Die Hornissen aus dem All setzten sich auf die Tafelnden, bedeckten ihre Gesichter mit einem dichten Gewimmel aus Safran und Schatten und durchbohrten sie mit ihrem schrecklichen Stachel. Die Offiziere starben, ohne auch nur den Versuch gemacht zu haben, sich zu wehren, und die Prostituierten nahmen ihr Schicksal ohne den leisesten Aufschrei hin. Es war ein furchterregendes Schauspiel … Nachdem sie ihre Mission erfüllt hatten, flogen die fürchterlichen Insekten wieder davon, doch einige Dutzend der geflügelten Mörder blieben zurück; sie lagen auf den Terrassen von Kardalla, und ihre zerfetzten Leiber zuckten wie im Krampf. Winzige Kamikaze, die aus dem Nichts gekommen und in das Schweigen zurückgekehrt waren. Brian, der an seinen Sessel geschmiedet zu sein schien, entsann sich, während die letzten Killer davonflogen, wieder der seltsamen Worte Leutnant Mortimers: „Sie wissen doch sicher, was vielen männlichen Insekten gleich nach der Befruchtung des Weibchens zustößt?“ Doch es bestand nicht der geringste Zusammenhang zwischen dieser brutalen Schlächterei und den Paarungen, von denen der junge Offizier gesprochen hatte. Im übrigen hatte er mit seiner kleinen Allegorie etwas ganz anderes sagen wollen … Brian erwachte mit einem Ruck; ein hohes Lachen, das so schneidend war wie ein Dolch aus Eis, riß ihn aus seinen düsteren Träumereien, aus seinem chitinösen Alpdruck. Er blickte sich um und versuchte festzustellen, von welcher der Frauen im Garten dieses herausfordernde Gelächter gekommen war. Doch sie sahen alle unterwürfig aus, schienen ganz in ihren Rollen aufzugehen. Die Männer, die gewiß von den Ergießungen der Nacht ermüdet waren, hatten ihre verfänglichen, wenig delikaten Liebkosungen eingestellt und befanden sich mittlerweile in dem Stadium, in dem man zweifelhafte und abgedroschene Witze zum besten gibt. Sigurd hatte sich ein wenig von der Tafel entfernt und betrachtete starr den Morgenhimmel, als ob er von dort ein hilfreiches Eingreifen der Vorsehung erwarte. Brian bemerkte, daß Mortimer immer noch abwesend war, doch bekümmerte ihn dies nicht sonderlich. Der Leutnant brütete wohl über alten Inschriften oder schwitzte Blut und Wasser über einer unübersetzbaren Wendung, Armer Mortimer, sagte er sich mit einem vagen Schuldgefühl, du hast kein Glück mit mir gehabt … Und doch hatte er, obwohl er sich dagegen zu wehren suchte, den Eindruck, daß ein Teil seines eigenen Schicksals eng mit den Enthüllungen des Leutnants verbunden war. Rührten seine Reaktionen auf jenem ungewöhnlichen Ausflug in die historische Vergangenheit des Landes nicht von einem unbezwinglichen geistigen Unbehagen her, von einem Gefühl der Verwundbarkeit, das ihn angesichts jener „furchtbaren Offenbarung“ überkommen hatte? Plötzlich verspürte er nicht mehr die allergeringste Lust, etwas über die Zitadelle oder die alten Steine im Wald zu erfahren. Er unterdrückte ein Gähnen und zwang sich, an der Unterhaltung teilzunehmen. Schließlich hatte er noch ein paar Jahre zu leben, und so, wie es im Augenblick aussah, war es mehr als wahrscheinlich, daß er den größten Teil von ihnen auf Celaeno de Peroyne verbringen würde. 4 Das Kanonenboot die kurzen Scharmützel am Abend und die Ängste des Morgens die wie schwarze Tropfen über den Hügeln der Nacht verstreuten Vögel schlagt schlagt schlagt drescht mit der Haut eurer mystischen Handflächen drauflos tausend Schreie tausendfaches Röcheln tausend von Schreien gespaltene vom Geröchel aufgerissene Lippen schlagt schlagt schlagt drescht mit der Haut eurer sandfarbenen Fingerglieder drauflos (TAM-TAM von Aimé Césaire) D.W., 1961 DIE PANIK Kommandant: Leutnant zur See Brian Wendell Baird Stellvertretender Kommandant: Fähnrich zur See Rolf Sigurd Obermaat: Nero Mazzini Bootsmannsmaat: Konradin Foersen, genannt Engelshaar Waffenmaat: Draco Illić Maat: Hugo Maltravers Technische Daten des Schiffs: Länge: 54 m Breite: 12 m Tonnage: 250 Registertonnen Höchstgeschwindigkeit: 20 Knoten Bewaffnung: 12 Kanonen Mannschaft: 24 Matrosen und Marineinfanteristen{3} „Das Leben auf einem Kanonenboot ist nicht sehr mondän, mein Bester“, sagte Baird zu Sigurd. „Andererseits werden Sie das Land kennenlernen. Das Hinterland, besser gesagt. Das Hinterland des Teufels. Dschungel und Sümpfe, Kreaturen, die aus einem Alptraum entsprungen zu sein scheinen, und degenerierte Stämme, die wie Tiere leben. Wir haben nie versucht, Kontakt mit diesen armen Kerlen aufzunehmen … außerdem fliehen sie uns wie die Beulenpest. Doch unter uns gesagt, Fähnrich – ich frage mich, ob wir für die unterentwickelten Welten nicht noch ein größeres Übel bedeuten als die Pest!“ Sigurd versteifte sich. Seine Miene drückte eine derart entschiedene Mißbilligung aus, daß sie Baird darum nur um so lächerlicher vorkam. War er nicht ein wenig anachronistisch, dieser junge Offizier, der durch einen ärgerlichen Irrtum so weit von den Hauptorten der Galaxis entfernt verbannt worden war? Sein Respekt vor der Tradition, seine steifen Umgangsformen, seine allzu gewählte Redeweise – gehörten sie einem Wesen aus Fleisch und Blut an, oder stammte dieser perfekte Prototyp eines Soldaten etwa geradewegs aus den Retorten der Admiralität? In dem gepanzerten Fahrzeug herrschte eine erstickende Hitze, doch das Reglement verlangte, daß die Offiziere sich in Dienstfahrzeugen und nicht in ihren Privatwagen zu den Liegeplätzen ihrer Einheiten begaben. „Wenn dieser Idiot nicht ein bißchen schneller fährt, werden wir geröstet, bis wir am Landungssteg sind.“ Baird machte die vergoldeten Knöpfe seiner Uniformjacke auf und seufzte schwermütig. Das Bordleben versprach diesmal noch trübsinniger zu werden als gewöhnlich mit einem Gefährten wie dem jungen Sigurd an seiner Seite. Gewiß, Fähnrich Poritzky war ein Intrigant gewesen und ein eingebildeter Laffe mit den Allüren eines Dandys, der sich Extravaganzen mit der Uniform erlaubte, wann immer sich eine Gelegenheit dazu bot, doch zumindest hatte er die Kunst des Plauderns beherrscht und genügend Bildung besessen, um sich über fast jedes Thema ungezwungen unterhalten zu können. Baird dachte, daß er tief gefallen sein mußte, wenn er die Gesellschaft dieses Tangotänzers vermißte! Die Straße, die von Port-Jaira zum Flußhafen führte, der weiter abwärts zur Mündung des Ez hin lag, war eigentlich nur eine Piste, doch auf Celaeno de Peroyne gab sich die Zivilisation mit wenigem zufrieden. Manchmal, bei einem besonders heftigen Stoß, fluchte Baird, und Sigurd verzog das Gesicht. Dann kehrte wieder Ruhe ein, und das Panzerfahrzeug schlingerte und stampfte nur noch im Rhythmus einer gemächlichen Kreuzfahrt. Es ist kaum zu glauben, dachte der Leutnant, daß ein Teil des Universums von Hegemonialkämpfen erschüttert wird und daß sich in diesem Moment zwei mächtige Reiche, zwei gigantische Raubtiere, einen von scheinheiligen Waffenstillständen unterbrochenen Kampf auf Leben und Tod liefern. Das alte Gänsespiel auf galaktischer Ebene: Rücken Sie zwei Felder vor; Sie gewinnen drei Punkte; Sie müssen zurück; hüten Sie sich vor im interstellaren Raum treibendem Sargassum, Fußangeln, schwarzen Löchern und Novae kurz vor ihrer Explosion. Ja, es fällt in dieser Garnison, die so weit von den Brennpunkten des Geschehens entfernt ist, schwer zu glauben, daß das Leben noch etwas anderes sein kann als dieses unerbittliche Versinken im Morast der Langeweile, dieser unaufhaltsame Abstieg in die Hölle der Zeit. „Spielen Sie Schach?“ fragte Baird aufs Geratewohl. „Hin und wieder …“ Hin und wieder! Wo hat man Ihnen beigebracht, so zu reden, so zu leben, Fähnrich Sigurd? Sie sollten wissen, daß die Welt nicht von der Dienstvorschrift reglementiert wird; das All ist nichts als ein gigantischer, brodelnder Magmaklumpen, in dem man vergebens nach der Spur eines Schöpfergeistes suchen würde. Wissen Sie, Fähnrich Sigurd, daß wir nur schwankendes Rohr sind … Baird wurde in seinem inneren Monolog unterbrochen, als der Wagen heftig bremste. Es knackte in der Gegensprechanlage, dann drang die näselnde Stimme des Fahrers in die Kabine: „Leutnant! Das müssen Sie sich ansehen! Es ist einfach phantastisch!“ Schweißüberströmt und ungehalten über diesen neuen Zwischenfall, neigte sich Baird zum Fenster, das eher einer Schießscharte glich. Er begriff sogleich, daß der Fahrer ihn nicht umsonst gestört hatte: Der Himmel war von einem Ballett zorniger Vögel erfüllt. Sie schienen sich eine gewaltige Schlacht zu liefern, und Baird hatte wie schon vor einigen Tagen, als er auf Kardalla gelandet war, abermals den Eindruck, daß ihre Flugmanöver uralten Riten gehorchten. Doch heute waren sie ungestümer bei ihren luftigen Demonstrationen, denn sie stießen mit den Spitzen ihrer Flügel aneinander, wobei manche wie Steine auf die mit Schaumspritzern gekrönten Wellen plumpsten, und spalteten die Luft mit ihren an gezückte Opfermesser gemahnenden Schnäbeln. Erst nach und nach drang ihr Gekreisch in Bairds Bewußtsein, und er war verwundert über dessen Wildheit. Inzwischen hatte das Panzerfahrzeug auf der Mitte der Piste angehalten, und der Fahrer, ein Mann mittleren Alters, war von seinem Sitz herabgeklettert, um besser sehen zu können. Das war natürlich gegen die Vorschrift, doch der Leutnant schien von dem ungewohnten Verhalten der Vögel ebenso fasziniert zu sein wie sein Untergebener. „Das kann einem richtig angst machen“, sagte der Fahrer. „Was das wohl zu bedeuten hat, Herr Leutnant?“ Die Alten hatten die Angewohnheit, den Flug der Vögel zu befragen, bevor sie sich auf eine Entscheidungsschlacht einließen. Sie beobachteten die Formationen, die sie am Himmel bildeten, und die Priester, die als einzige diese subtile Sprache zu lesen wußten, deuteten die Botschaften, die solcherart ihrem Scharfsinn übermittelt wurden. Denn sie wußten, daß es die Vögel waren, die den Kriegern die launenhaften Anweisungen der Götter überbrachten. „Warum halten wir an?“ fragte Sigurd, über dessen Gesicht der Schweiß in Strömen lief. „Es liegt an den atmosphärischen Bedingungen, daß die Tiere wie toll sind.“ Du mußt natürlich für jedes Phänomen eine vorgefertigte Erklärung parat haben, dachte Baird. Das ist die kindliche Ebene der Kriegskunst. Wie die meisten der von der Konföderation entschieden befürworteten geselligen Künste war auch die Kriegskunst in ihren sichtbaren Manifestationen fast stets eine Frucht des Zufalls. Strategie und Taktik dienten nur dazu, glauben zu machen, daß die Geschichte einen Sinn hatte und daß es den Generalen, die ihre Truppen in sämtliche vier Himmelsrichtungen der Galaxis (beziehungsweise des erforschten und ausgebeuteten Universums) entsandten, endlich gelungen war, das Schicksal selber zu meistern. Tausende abstrakter, als Samurai der Finsternis verkleideter Personen durchmaßen mit ernsten und prophetischen Mienen das kosmische Schachbrett. Doch sie waren tief enttäuscht gewesen, als sie feststellen mußten, daß die große Stille im All den Klang ihrer martialischen, eroberungslustigen Schritte dämpfte, ja selbst noch deren mannhaftes Echo verschluckte. Der Krieg im Weltraum ähnelte mehr oder weniger einer grotesken Pantomime. Strenge Gestalten – die wilden Krieger, die Berserker dieses gigantischen Alptraums – irrten gleich unzufriedenen Gespenstern, die rastlos die galaktischen Schlachtfelder heimsuchten, in der Unendlichkeit umher. Jetzt standen sie alle drei neben dem Panzerwagen, dessen kantige, abweisende Masse von einer aggressiven Symbolik war, und hoben angstvolle Gesichter zum Himmel. Nach einer Weile konnte Sigurd nicht mehr an sich halten: „Der atmosphärische Druck!“ schrie er ganz außer sich über diesen leidigen Zwischenfall. „Der atmosphärische Druck macht sie so reizbar!“ Doch Leutnant Baird dachte an die römischen Generale, die geschlagen worden waren oder gar ihr Leben verloren hatten, weil sie nicht auf die Weissagungen der Haruspices gehört hatten. In diesen Zeiten der Schlachten und Waffenstillstände, der politisch motivierten Zurechtweisungen und Ausflüchte, der Angriffe und strategischen Rückzüge, befragte man gerne die Pythien der Informatik. Frage an die Maschine: Wenn wir den Waffenstillstand brechen, wenn wir jetzt, auf der Stelle und in mehreren Sektoren gleichzeitig angreifen, werden wir dann vom Überraschungsmoment profitieren? Klick/klick/klick … klick/klick/klick … die unzähligen grauen Zellen des Elektronengehirns wühlten wie Aasfresser im ungeformten Magma der Wahrscheinlichkeiten. Welchen Unterschied gab es zwischen den Haruspices des Trasimenischen Sees und den zweifelhaften Berechnern von Gleichungen des neuen Jahrhunderts? „Sie haben sicher recht“, sagte Brian. „Es stimmt, daß die Tiere sensibler als wir auf die Launen des Wetters reagieren. Dennoch will mir scheinen, daß der Himmel keine böse Überraschung für uns bereit hält … im Augenblick zumindest. Aber ich kenne die Angewohnheiten der Vögel von Celaeno nicht genügend, um genauere Mutmaßungen anstellen zu können. Schauen Sie! Der Vogel dort vorn, der lotrecht auf die Erde zustürzt, als ob er sich töten wolle …“ „Oder als ob er von einem Geschoß getroffen worden wäre“, korrigierte der Fähnrich zur See. „In der Tat ein faszinierender Anblick.“ Zum erstenmal schien der junge Mann nicht auf der Hut zu sein. Er war anscheinend ganz hingerissen von dem Schauspiel, das die Vögel mit ihrem befremdlichen Scheingefecht boten. Doch vielleicht handelte es sich auch nur um den Beginn einer berufstypischen Deformation bei ihm. Die zu dem aufsehenerregenden Geschehen am Himmel gerichteten Augen mit der Hand beschattend, stand Sigurd völlig reglos da, und als er sprach, klang seine Stimme seltsam gedämpft, als ob sie eine weite Entfernung zurückgelegt habe, bevor sie zu den Ohren von Brian gelangte. Und wie viele Lichtjahre hatte der junge Offizier zwischen seine Angehörigen und sich, zwischen die Versprechungen der Militärakademie und die harten Realitäten dieser peripheren Welt gelegt? Er muß daran so fest glauben wie an das Heilige Kreuz, sagte sich Baird. Der Endsieg der Konföderation darf nicht in Zweifel gezogen werden, auch wenn er ein wenig auf sich warten läßt. Defätismus ist nicht erlaubt, wenn man es mit Gegnern wie den Lems zu tun hat. Na schön, mein Junge, doch der Frieden mit dem Erbfeind ist gerade unterzeichnet worden, und wie aus gutunterrichteten Kreisen verlautet, könnte es geschehen, daß die Gewehre diesmal in ihren Ständern verrosten … Dann hättest du aber deine Chance! „Kommen Sie“, sagte der Leutnant, „kommen Sie, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“ Er fühlte sich unbehaglich in Gesellschaft dieser kriegerischen Marionette, der das Dienstreglement den Moralkodex zu ersetzen schien. Etwas später, als sich das Panzerfahrzeug wieder in Bewegung gesetzt hatte, sagte er sich, daß Sigurd bestimmt nicht die Kloaken des militärischen Daseins kannte. Baird hatte die Aussicht auf Ruhm niemals zu irgendwelchen Tollkühnheiten verleiten können. Er hatte sich vielmehr im vollen Bewußtsein seiner Machtlosigkeit auf dem Schachbrett des Kriegs wie eine Figur hin und her schieben lassen und war so beschäftigt damit gewesen zu überleben, daß er die wichtigsten Regeln des großen Kriegsspiels vergessen hatte. Doch in diesen langen Jahren des ziellosen Umherirrens hatte er alle Gesichter des Konflikts kennengelernt, vornehmlich seine trostlosesten und hassenswertesten. Er wurde mit neunzehn Jahren eingezogen und war gleich in den Wirbel absurder Schlachten und bedeutungsloser Scharmützel hineingeraten. Zwei, drei tapfere Aktionen (von jener Tapferkeit, die der Verzweiflung und innerer Leere entspringt) hatten ihm für eine Weile neue Wege eröffnet. Er verließ die Mannschaftsränge und erwarb das Offizierspatent. Doch dann war sein Aufstieg durch ein paar beißende Bemerkungen über die Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz jäh gebremst worden, und nun war er im Alter von fast vierzig Jahren subalterner Marineoffizier in einer der übelsten Garnisonen der gesamten Konföderation, Celaeno de Peroyne (Dschungel, Ozeane, Neurasthenien, zerstörerische Drogen, unheilbare Leberzirrhosen). Dank des Anciennitätsprinzips hatte er es aber doch noch geschafft, aus seinem stickigen Büro in Port-Jaira herauszukommen und sich von seinen mörderischen Alkoholflaschen loszureißen, denn man hatte ihm schließlich – wenn auch nicht, ohne ihn ein paarmal zu übergehen – das Kommando über die Panik übertragen, eines schmucken Schiffs, modern, zwölf Kanonen, vierundzwanzig Mann Besatzung, vier verkommene Unteroffiziere und zwei Offiziere (der zweite war der kleine Sigurd, den er gemäß Dienstvorschrift Fähnrich Sigurd zu rufen hatte!). Trotz der Hitze schlummerte Brian allmählich ein. Unmerklich fast flossen Wirklichkeit und Traum, Gegenwart und Vergangenheit ineinander. Unter seinen Lidern hervorblinzelnd, die sich gegen seinen Willen schlossen, konnte er nur noch mit Mühe das Gesicht des Fähnrichs zur See erkennen – einen blassen Klecks im Halbdunkel der Kabine. Mein Gott, stöhnte er, welche Hitze. War es nicht ungehörig, vor seinem Untergebenen in Schlaf zu fallen? Würde er damit nicht seine mangelnde Härte gegenüber den alltäglichen Strapazen offenbaren, würde er nicht zu erkennen geben, daß er erledigt war? Für dich ist alles einfach. Deine Sicht der Dinge ist manichäisch! Der Zweck heiligt die Mittel. Der Zweck – das war der Sieg des Guten (der Konföderation) über das Böse (das Reich von Lemura). Die Vergangenheit! Mit ihrem Geleitzug aus Schatten. (Magnesiumblitze!) Zweihundert zu Feuerkugeln aufgerollte Sonnen. Zwölftausend Strahlengewehre, fünftausend eisengepanzerte, von lila Flammen umflackerte Sternenkampfschiffe, mit Haß beschmiert, blutbespritzt. (Und jetzt werden wir euch zum Reden bringen! Die Hakenzähne, die metallenen Hunde, die Hodenrausreißer, die Gehirnschäler, die Kratzeisen!) ZIEH DICH AUS SEI LIEB NEIN HÖR AUF ZU DEBATTIEREN SEI LIEB ZIEH DICH AUS HAB ICH GESAGT DAS QUÄLT MICH LEG DICH HIN SEI LIEB LEG DICH HIN Tausende von Hunden mit stählernen Schnauzen und feuerspeienden Mäulern, die Brennstäbe aus Uran fressen – Stahlgehirne, geschärfte Hakenzähne, spitz zugeschliffen wie Injektionsnadeln. Die Sterne glitzern wie Messerklingen: Die Raumschiffe sind spiegelnde Kegel im schwarzen Loch der Leere. (Der Haken aus Metall fährt zwischen die Rippen, richtet sich gemütlich im Fleisch ein, wühlt in den Tiefen der Organe … Krack! Knochensplitter spritzen nach rechts und links. Ein fremdes Herz, bloßgelegt, in den letzten Zuckungen. Gesichter neigen sich darüber, in ihren Blicken drückt sich intensive Konzentration aus. Kein Zweifel: Der Mann liegt im Sterben.) Feuerkegel vernichten die wandernde Sternenmasse, und es ist, als ob ein ganzes Areal des Himmels in einem Meer aus Lakritze versänke. Das Geschwader verschwindet so plötzlich in der Geometrie der Sternbilder, wie es gekommen ist … Von einem nahe gelegenen Planeten, der sich um eine schwache kleine Sonne dreht, steigen andere Schiffe auf, und der Raum füllt sich mit vielfarbigem Mündungsfeuer. Irgendwo in der Ziehharmonika des Raums/der Zeit nimmt die Schlacht ihren Anfang. Ein ungleicher Kampf. Manchmal stürzen Trauben schnell erstarrender Leichen aus einem Kreuzer oder einem Zerstörer, der von dem weißen Licht, das die Laserkanonen aus sich herausschleudern, in Stücke gerissen worden ist, und beginnen ihren langsamen Walzer durch die Sternennacht bis zu den Rändern des Universums. (Auf dem Podium der Körper des Manns mit dem zuckenden Herzen. Auf dem Boden blutige Knochensplitter. Die mißgestalteten/andersartigen Wesen mit dem schwer zu deutenden Verhalten, dieselben, die ihn stundenlang mit einer durch nichts zu erschütternden wissenschaftlichen Präzision gefoltert haben, verlassen einer nach dem anderen den Saal, um ihn in Ruhe sterben zu lassen. In dem weiß und rot gefliesten Raum sammeln sich allmählich scharlachrote Rinnsale in V-förmigen Abflußrillen.) „Ich glaube“, sagte Brian, der noch jung war, „daß es nicht mehr viele gäbe, die sich an die Schriftstellerei wagen würden, wenn sich die Bücher an ihren Autoren für die Eseleien rächen könnten, die diese sie sagen lassen!“ „Sei so gut und bleib uns mit deiner Literatur vom Leib.“ Er zuckte die Achseln. Schließlich war er auf Urlaub. Und er war es gewohnt, daß man ihn für rückständig hielt. Die Welt war verdorben. Und weit fort von hier, jenseits von dieser Welt, jenseits von diesem kleinen Sonnensystem, liefen die Dinge auch nicht besser. Überall regierte der Argwohn, und der Krieg verewigte sich in bizarren und perversen Episoden. Im Urlaub muß man sich dazu zwingen, nicht an den Krieg zu denken, selbst wenn man fern von der Heimat ist. Doch es ist schwierig, den Krieg zu vergessen. Entfliehen? Aber das war ganz und gar unmöglich, denn selbst die in den Büchern enthaltenen Träume konnten einem nicht sagen, wie man es anstellte, aus seiner eigenen Haut herauszukommen – und wie man aus diesem Labyrinth des Leidens, der Traurigkeit, des Kriegs und des Todes herausfand … „Die Liebe“, sagten sie, „das Fleisch, der Sex, der Alkohol und das Kraut, das wir rauchen, sind alles Hilfsmittel.“ (Bitte, murmelte die junge Frau im Dunkeln, bitte. Was Sie da machen, läßt mich völlig unbefriedigt, verstehen Sie? Es erregt mich kein bißchen. Wenn das alles ist, was Sie zu bieten haben (ihr Ton schien in der Schwärze des Zimmers anzuschwellen), ziehe ich mich lieber gleich wieder an!) Liebe/Sex/Tod: die ewige Trilogie! Der Krieg: die Propagandafilme. Die Welt geriet in Brand, bekam überall Risse und drohte einzustürzen. (Ich werde sie schlagen, ich werde sie zwingen zuzugeben, daß ich ein Geschöpf aus Fleisch und Blut bin. Ich werde ihr zum Beispiel sagen:) „Man spricht nicht so über diese Dinge!“ „Wovon redest du überhaupt?“ „Von Sex – und alldem!“ „Ich spreche darüber, wie es mir paßt. Faß mich nicht an. Du bist ein lasterhafter Mensch.“ Paradoxerweise hatte er nichts gegen ihre Schmähungen einzuwenden oder daß sie ihn duzte. Es war jedenfalls besser als ihre Gleichgültigkeit. Dann schlug er sie, doch sie gab ihm Schlag für Schlag zurück. Mit einer gewissen Lasterhaftigkeit, wenn man so will, und mit einer Technik, die sie nur in den „verrufenen Vierteln“ der Stadt erlernt haben konnte. (… Tausende von Jahren. Wir würden Tausende von Jahren brauchen, um die Welt wieder ganz zu machen. Aber kann man eine Welt reparieren, so wie man ein paar verlorene Illusionen ausbessert?) Er konnte es einfach nicht lassen, über diesen verfluchten Krieg nachzugrübeln. Diesen Krieg, den es schon gab, seitdem er zu denken gelernt hatte. Den es gab, seitdem einer jener Zufälle des Schicksals ihn dazu verleitet hatte, in die Reihen der Konföderation einzutreten. Zu guter Letzt war er (wie viele andere auch) zu der Überzeugung gelangt, daß es den Krieg seit Anbeginn der Zeiten gegeben hatte. Die Zeit! Ein bedeutungsloses Wort. Es bedeutete alles und nichts. Sie nickte mit dem Kopf (wie hieß sie noch, dieses Mädchen, dessen Schamhügel nach Zitronenkraut roch?) und neigte sich mit einer gewissen Anmut über ihn: „… aber es gefällt mir nicht, daß du immer nur davon redest!“ Sie hatte ja recht. Sie hatten alle recht, ein Recht darauf, an etwas anderes denken zu dürfen. Dennoch gab es Tage, wo er unfähig war, an etwas anderes zu denken als an den im amorphen Raum hängenden Asteroiden. Irgendwo, halb begraben in einer Ebene aus Asche und porösem Fels, war eine metallene Kuppel, und unter dieser Kuppel tausend mit dem Knüppel regierter Soldaten, eine Anzahl Offiziere … und ein Bordell. Das Bordell, dessen psychologische Bedeutung nicht geleugnet werden konnte, war natürlich von unverwüstlichen, unveränderlichen, unermüdlichen und unfehlbar zärtlichen Feminoiden bevölkert. Denn: Es waren schon Peitschen- oder besser: Rutenhiebe vonnöten, um eintausend am Nervenfieber leidende Soldaten wieder moralisch aufzurichten. „Ich glaube, es war auf jenem Planeten, daß ich in Verdammnis fiel!“ erklärte Brian. „Verdammnis?“ „Was ich sagen will ist, daß ich dort meine letzten Illusionen verloren habe. Die letzten Illusionen über den Menschen, die mir geblieben waren. Über seine göttliche Mission im Universum. All diese Sachen, die man sagt oder nachplappert, ohne sich klarzumachen, was für einen Blödsinn man da redet. Ich glaube nicht, daß ein Mensch noch an irgend etwas glauben kann, wenn er einmal mit angesehen hat, wie Hunderte, ja Tausende von Gefangenen zu Tode gefoltert wurden …“ Sie hatte sich zur Wand gedreht und zeigte ihm ihren bronzefarbenen Rücken, über den honiggelbe Streifen liefen, und ihre pralle Kruppe. Er streckte seine rechte Hand aus, um ihre Hinterbacken zu liebkosen. „Gibt es wirklich einen großen Unterschied zwischen einer Frau und einer Feminoiden?“ fragte sie in dem sichtlichen Bestreben, das Thema zu wechseln. (Manche zogen die Feminoiden vor. Sie fragten nach einer mit dieser oder jener Eigenschaft, statt nach dieser oder jener Frau zu verlangen … Doch er hatte sich nie an den Gedanken gewöhnen können, sich mit einer künstlichen Kreatur zu paaren, die zwar programmiert war, Lust vorzutäuschen, doch in Wirklichkeit nicht das geringste dabei empfand.) „Es ist traumatisch.“ „Was ist traumatisch?“ fragte sie unerbittlich. „Mit einer Feminoiden zu schlafen … Seinen Schwanz in den Bauch einer Maschine zu stecken. Zu fühlen, wie man von einer Maschine eingesaugt wird, von …“ (Doch es war vor allem die Erinnerung an die Folter, die ihm Übelkeit verursachte. Um ihnen ihre „Skrupel“ zu nehmen, führte man ihnen vom Feind gedrehte Filme vor, die man in den Todeslaboratorien erbeutet hatte, die die Lems in ihren riesigen Schiffen oder auf ihren Sternenbasen unterhielten. „Haben Sie gesehen, was sie mit ihren Gefangenen machen? Du lieber Himmel, ihr müßt doch nicht kotzen, Jungs? Nehmt euch lieber vor, es ihnen heimzuzahlen, und zwar tüchtig!“) Der Körper des Fremden bäumt sich unter den Stromstößen auf, und die schuppige Haut zittert, während in den aus ihren Höhlen getretenen Augen nur noch die äußerste Qual des Leidens liegt. Jetzt operieren die Männer in den weißen Blusen mit Mikrolasern. Mit diesen Präzisionsinstrumenten kann man superchirurgische Eingriffe vornehmen. Besser – viel besser – als die Henker des Kaisers von China oder die der Todeslager. Man kann ein Lebewesen Millimeter für Millimeter zerlegen, ohne einmal danebenzuschneiden. Und wie konnte man noch weiter an den göttlichen Auftrag des Menschen im Kosmos glauben? Er hätte das Mädchen an den Handgelenken und Knöcheln festbinden und es zwingen mögen, den Kopf gerade zu halten und hinzuschauen, während auf dem Bildschirm des Trivid all diese gräßlichen Szenen der Reihe nach vorbeiflimmerten! „Trotzdem schien es für manche von uns gar keinen Unterschied mehr zu machen. Ich glaube sogar, daß sich einige schließlich an diese eisige Welt gewöhnt hatten, an die mechanischen Stöße zwischen die untadeligen Beine von Feminoiden. Aber man sagt ja, daß in der Natur alle Geschmäcker vertreten sind.“ Er bemerkte, daß die Augen des Mädchens leuchteten, als ob sie die Anspielungen auf unzüchtige Szenen in fernen Bordellen, die unter dem Staub verlorener Asteroiden begraben lagen, sexuell erregt hätten. Als er fortfuhr, geschah es darum mit einer gewissen bitteren Befriedigung: „Manchmal verkrampfte sich mein Herz, wenn ich eine Feminoide aufsuchte und sie mein Glied zwischen ihre künstlichen Lippen nahm. Was ist, wenn sie plötzlich kaputtgeht, mußte ich denken, wenn sie …“ „Erzähl mir … wie war sie … in jenen Augenblicken?“ Die Stimme des Mädchens vibrierte merkwürdig in der Nacht. (Sie feiges Stück! Erzählen Sie mir ja nicht, daß Sie einer von diesen Scheißpazifisten sind! PAZIFIST! Wir befinden uns im Krieg. Und in Kriegszeiten gibt es keine Pazifisten, keine Zivilisten, nichts dergleichen! Da gibt es nur noch SOLDATEN! Sie sind ein SOLDAT, und als solcher haben Sie Befehlen zu gehorchen, allen Befehlen, jedem Befehl ohne Ausnahme! Jetzt nehmen Sie diesen Microlaser in Ihre rechte Hand … Sie müssen kotzen? Herrje! Na, das geht vorbei!) „Das kannst du nicht verstehen! Dieses Ding, das mein Geschlecht zwischen seinen Lippen hielt …“ Sie atmete geräuschvoll, als ob in dem Zimmer auf einmal die Luft knapp geworden wäre. Wie sie so auf dem Rücken lag, ihre Schenkel von einem nervösen Zucken durchlaufen, das ihre Brüste wie zwei kleine weiße Hügel, die in ein Erdbeben geraten sind, auf- und niedersteigen ließ, konnte man meinen, daß sie jeden Augenblick ersticken würde. Zwischen Verlangen und Ekel hin und her gerissen, zauderte er; Obsessionen und alte Ängste kehrten plötzlich zurück … „Mach weiter, mach weiter!“ Er fuhr zärtlich mit den Fingerspitzen über ihre Schamlippen, doch sie zuckte heftig zusammen, schloß die Beine und rollte sich auf den Bauch. „Du mußt mir erzählen, was danach passiert ist!“ (Magnesiumblitze /zwölftausend Strahlengewehre / fünftausend Raumschiffe / viele Kilometer schlechtgemachter Propagandafilme / wie weiter an die göttliche Mission des Menschen im Kosmos glauben / eines Kosmos der Millionen Hunde mit eisernen Schnauzen) • wie weiter glauben? • wie funktioniert dieses Ding, das sie Mikrolaser nennen? • wie machst du Sex? • wie kann man Pazifist sein? • Krieg ist Krieg • Trauben erstarrter Leichen beginnen in der Sternennacht ihren Walzer bis zu den Rändern des Universums • „Ich schaute in seine toten Augen. Ich suchte den Funken eines kybernetischen Bewußtseins in ihnen. Ein Schauder überlief mich, während sie mich immer gieriger in sich einsaugte. Ihre erfahrenen Hände streichelten meine Schenkel und Lenden, während sich ihre Lippen an meinem Glied zu schaffen machten. Ich selbst blieb völlig reglos. Ich hatte das Gefühl, tot zu sein oder mich mit einemmal in eine Statue verwandelt zu haben, eine Statue aus …“ „Aus Stein! Sprich es doch aus!“ Unvermittelt verspürte Brian Lust, sie zu schlagen und sie dann ganz schnell zu nehmen. Zu denken, daß man so etwas „sich lieben“ nannte. Zieh dich aus, sei lieb, hör auf zu streiten … Leg dich hin, stell dich nicht so an … Sie atmete so laut, daß es fast wie ein Röcheln klang. Er bemerkte, daß sie ihre rechte Hand zwischen ihren Unterleib und die Bettdecke geschoben hatte und sich rhythmisch bewegte; mit gespreizten Schenkeln, willenlos einem grausamen Traum hingegeben. „Du könntest auch an mich denken“, sagte er. (Seine Stimme hallte in einem Tunnel wider, im Krater eines erloschenen Vulkans; sie bohrte sich wie ein Meißel in morsches, zu Staub zerfallendes Holz.) „… Erzähle, erzähle, erzähle … wie hat sie dich in sich aufgenommen?“ Er beugte sich über sie, und seine Muskeln schwollen auf etwas lächerliche Weise an, ähnlich einem großen Luftballon kurz vor dem Platzen. Er warf sich auf sie und versuchte, sie zu bändigen und mit Gewalt zu nehmen, doch sie war stark, wehrte sich aus Leibeskräften und stieß dabei obszöne Schimpfworte aus. Ihre Brüste wippten, ihre Schenkel bebten; Schweiß drang ihr aus sämtlichen Poren. Schließlich gelang es ihr, eine Hand freizubekommen, mit der sie wie mit einem Bündel geschärfter, perlmuttener Krallen auf Brians Augen losfuhr. Daraufhin gab er den Kampf auf und kleidete sich in einer Ecke des im Halbdunkel liegenden Zimmers an, während sie, noch keuchend, auf dem völlig zerwühlten Bett wieder zu Atem zu kommen suchte. Als er das Zimmer verließ, wobei er bewußt vermied, sie anzusehen, begann sie ihn wieder zu beschimpfen. Vielleicht ist sie genauso zu bedauern wie ich … dachte er und bemühte sich, die Tür leise zuzuziehen. Im Korridor des Hotels siechten trübe Nachtlichter wie vergessene Blumen vor sich hin. Im Freien. Befreit von seinen Erinnerungen. Befreit von diesen Schreien, die ihn wieder in Einsamkeit und Furcht gestürzt hatten. Der Morgen begann eben zu grauen. Militärfahrzeuge fuhren durch die Straße, vorbei an Riesen aus Glas/Metall/Plastikol. Auf den Ladeflächen hockten stumpfsinnig bleiche Männer. Ihre Waffen, die sie über die Knie gelegt oder zwischen ihre uniformbekleideten Schenkel gestellt hatten, glänzten. Sie glichen müden Wölfen. Oder ausgehungerten Hunden, die man gleich auf das Universum, auf die kosmische Nacht loslassen würde, auf diese ganze trügerische Schöpfung. Sie fuhren zum Raumflughafen. DAS wird niemals ein Ende nehmen, sagte er sich, nie, nie, niemals! Seltsame Entladungen direkt über der Stadt. Magnesiumblitze. Eine Hand schüttelte ihn heftig. Genau in dem Augenblick, da ein neues Militärfahrzeug in die Straße einbog. Dieses hatte Sträflinge geladen, deren Gesichter von der Gefangenschaft und den erlittenen Strapazen gezeichnet waren. Es waren keine Lems. Es mußten wohl Wehrdienstverweigerer sein und solche, die sich auf ihr Gewissen beriefen. Ihre Hände waren aneinandergekettet. Einer der Gefangenen drehte sein Gesicht zu Brian, und seine Lippen bewegten sich, als ob er diesem jungen, in der zu Ende gehenden Nacht umherirrenden Soldaten etwas sagen wollte, doch – eine Hand schüttelte ihn heftig. Er fand sich in der Kabine des Panzerwagens wieder, ein wenig beschämt, weil er dem Schlaf nicht hatte widerstehen können. Sein Kopf schmerzte, und seine Augen brannten. Er brummte eine Entschuldigung, hätte Sigurd beinahe Poritzky genannt und beeilte sich auszusteigen, bevor er einen weiteren Schnitzer begehen konnte. Sie standen alle drei auf dem Hafendamm, Sigurd, Baird und der Fahrer, und schauten auf die blitzende Silhouette des Kanonenboots, das friedlich am Kai lag. Ein schlafendes Raubtier. „Darf ich Ihnen die Panik vorstellen, Fähnrich“, sagte Brian. 5 Señor Chavez Seien Sie vorsichtig, wenn Sie reden, daß nicht unvermutet ein Stückchen unverdaulicher Wahrheit hinter der Egge Ihrer Zähne auftaucht. GÜNTER KUNERT Das Leben an Bord eines Schiffes wie der Panik ermangelte ganz entschieden aufregender Vorkommnisse. Man stieg den Lauf des Ez hoch, der auch der Große Fluß genannt wurde, und fuhr ihn wieder hinab, bis nach Port-Jaira. Tagelang, bis man das pestverseuchte Meer von Offuz erreicht hatte. Kurze Ruhepause, Bericht, dann dasselbe in umgekehrter Richtung: Kampf gegen die Strömungen bis zu jener Landungsbrücke, die im heißen Treibhaus des Dschungels verrottete. Kurze Ruhepause, Bericht … Diese undankbare Arbeit fand ihre Rechtfertigung – jedenfalls in den Augen der Regierung – in der verführerischen These von einem Komplott feindlich gesonnener Kreaturen, die sich geschickt in den Tiefen des Waldes verbargen. Der Ausdruck „das pestverseuchte Meer von Offuz“ stammte von diesem Esel Poritzky. Doch Brian teilte dessen Abneigung nicht. So real auch der Pesthauch des Ozeans in der schlechten Jahreszeit sein mochte, wurde er doch mehr als aufgewogen von seinen lieblichen Archipelen, den Explosionen von Wohlgerüchen und den Horizonten, bei denen man mitunter den Eindruck haben konnte, daß das Leben den Kampf gegen den Tod endgültig für sich entschieden hatte. Aber natürlich waren Schwätzer wie Poritzky keine ernst zu nehmenden Gesprächspartner. Zur immer gleichen „Mission“ von Baird gehörte auch die unnütze und überflüssige Inspektion der fünf Posten, die auf dem rechten Flußufer (dem weniger wilden!), und der sieben, die auf dem linken Ufer des Ez (das als gefährlicher galt!) verstreut waren. Das war alles. Das Kanonenboot – eine Art Rakete, die sich an den Enden verjüngte – tutete einmal, legte am Kai an, und der Verwalter erschien an Bord, um ein Gläschen zu trinken und sich über das Hundeleben zu beschweren, das er führte. Es war jedesmal ein anderer Verwalter, aber sie sangen immer dasselbe Lied … Wenn die Panik wieder ablegte, nahm Brian einen Stapel Briefe mit und einen leichten Schwips … Die Briefe enthielten zu neunzig Prozent weinerliche, an die Prostituierten von Port-Jaira gerichtete Botschaften, und er konnte nicht umhin, sich zu fragen, wieso die Männer in einer Zeit, da die Nachrichtenübermittlung per Kurzwelle es gestattete, sich über große Entfernungen hinweg Vertraulichkeiten zu sagen, immer noch daran festhielten, ihren Kummer schriftlich zu artikulieren. Doch Baird selber hatte niemanden, an den er seine Post hätte richten können. Baird stand auf dem Turm der Panik und ließ seinen Blick über die üppige Vegetation schweifen. Die Melancholie des scheidenden Tages legte sich auf sein sorgenschweres Gemüt. Dabei gab es eigentlich gar keinen Grund, beunruhigt zu sein oder das Eintreffen eines unerwarteten Ereignisses zu befürchten. Seit das Kanonenboot mit seiner desillusionierten Mannschaft auf dem Ez patrouillierte, war es höchst selten zu Zwischenfällen gekommen. Natürlich waren da die degenerierten Stämme, von denen man hie und da ein paar Mitglieder längs der Ufer erblickte, doch sie bildeten keinerlei Gefahr für die Kriegshelden der Konföderation. Die klugen Forscher, die von den hohen Tieren der Armee in den heißen Dunst des Dschungels geschickt worden waren, hatten mit Entschiedenheit verkündet, daß es in diesen Regionen von Celaeno de Peroyne keine „höherentwickelten“ Individuen gebe. Für die bedeutenden Ethnologen, die im Sold der Armee standen, war der Anthropozentrismus seit eh und je eine Religion sowie die notwendige und zureichende Voraussetzung für die Evolution gewesen. Aus den verschiedensten Gründen, über die sich dieselben Experten in ihren Berichten nur mit größter Zurückhaltung und auffallend vage äußerten, hatten sich die armseligen Überreste der Zivilisation an den Küstenstreifen festgesetzt. Einmal hatte einer der Offiziere im Scherz gesagt: „Vermutlich ist das Leben auf diesem Planeten aus dem Meer gekommen, und dahin kehrt es nun wieder zurück. Mit ein wenig Geduld werden wir noch erleben, wie sie sich alle in die Fluten stürzen, genau wie jene kleinen Tiere damals auf Terra, die man Lemminge nannte.“ In der Folge waren die Offiziere immer wieder dazu angehalten worden, die Ureinwohner, was auch geschehen mochte, als Vertreter einer niedrigeren Rasse anzusehen, selbst wenn ihr Äußeres dem manchmal zu widersprechen schien. Und die Dienstvorschrift gebot, daß die Beziehungen zwischen der Stadtbevölkerung und den Besatzungskräften genügend distanziert zu sein hatten, um gewisse bedauerliche Fälle einer „heimlichen Fraternisierung“ zu unterbinden. Solche Erwägungen hatten natürlich hinter Bordellmauern keine Gültigkeit mehr. Die Bordelle waren schließlich von jeher die Orte gewesen, wo der koloniale Hochmut am allerersten zum Teufel ging. Dessenungeachtet blieb es doch wahr, daß die offiziellen Repräsentanten der Konföderation am Ende ihres Untersuchungsberichtes erklärt hatten, daß auf Celaeno de Peroyne nicht mehr von einer echten, bodenständigen Zivilisation die Rede sein könne und daß die Waldmenschen als niedere Lebensformen zu gelten hätten. Die Forscher taten es in ihrer Verachtung und Arroganz den spanischen Konquistadoren gleich, die sich über ihre Skrupel hinweggesetzt und alle Probleme aus der Welt geschafft hatten, indem sie die Indios einfach zu gentes sin razon erklärten, zu Wesen ohne Urteilsvermögen, die per Regierungserlaß auf den untersten Stufen der Intelligenz zu halten waren. In der merkwürdigen Einsamkeit, die dem Einbruch der Nacht vorausgeht, überraschte sich Baird häufig dabei, wie er die Bewegungen des Waldes – das Wogen der Pflanzen, das geringste Hochschnellen der niedrigen Zweige, die in der Strömung trieben – belauerte. Manchmal erblickte er ein, zwei Eingeborene, doch sie tauchten blitzschnell wieder in den Tiefen des Dschungels unter, eher verängstigt als feindselig. Er wußte, daß die in den Überwachungsposten stationierten Soldaten sich mitunter Ausschweifungen aller Art hingaben und manche nicht einmal davor zurückscheuten, die armen Kreaturen des Waldes wie Tiere zu jagen. Sie schossen mit dem Gewehr oder der Pistole auf sie, schlossen Wetten ab und brachten zuweilen einen in ein Weckglas eingelegten Kopf oder auch eine kunstvoll ausgestopfte Hand als Souvenirs von ihren Jagdausflügen mit. Zwar war dieser „Sport“ eigentlich verboten, doch die Behörden von Port-Jaira drückten beide Augen zu, so daß das tolle Treiben ohne Folgen blieb. Schließlich hatten die Waldmenschen durchaus eine Chance in diesem männlichen Spiel – eine größere Chance jedenfalls als die riesigen fleischfressenden Fische im Meer von Offuz, welche die Offiziere mit ihren Gleitflugzeugen fast auf der Höhe des Wasserspiegels verfolgten. Er hatte mit Fähnrich Poritzky mehrere sehr interessante Gespräche über die Eingeborenen von Celaeno de Peroyne geführt. Der letztere hatte ohne zu zaudern der Überzeugung Ausdruck verliehen, daß die Waldmenschen offensichtlich vollkommene Trottel waren, daß jedoch unter gewissen Umständen selbst die schlimmsten Trottel gefährlich zu werden vermochten. Als er nun wieder an jene Behauptung von Poritzky dachte, wurde der Leutnant noch nachträglich von heftigem Haß geschüttelt. Er merkte, wie sehr er jenen Mann verabscheute und wie lächerlich leicht es ihm gefallen wäre, ihn in die Fluten des Großen Flusses zu stoßen. Ein Fall in die schlammigen Wasser des Ez war unvergleichlich gefährlicher als eine Jagdpartie im dunklen Urwald, denn es wimmelte in ihnen von sich stark vermehrendem, streitsüchtiggefräßigem Leben, von winzigen Scheren, gierigen Saugrüsseln, glitzernden Schneidezähnen, die die Strömung zerteilten, allesamt in hysterischer Erwartung einer Beute, ewig auf der Lauer. Er zündete sich eine gelbe Pimentzigarette an. Sein Herz verflüssigte sich allmählich zu einem See aus Watte, und seine Hände, die er auf die Reling gestützt hatte, begannen leicht zu zittern. Nach und nach vertrieb der Rauch seine Nervosität und all seine Ängste. Der Gestank, der manchmal von den Wellen aufstieg, machte einer Vielfalt köstlicher Düfte Platz. Einige von ihnen waren ihm vertraut, und er erkannte sie wieder. Dann breitete sich auf einmal anstelle der zum Träumen verleitenden Wohlgerüche die flammende Klarheit der Droge in seinem Kopf aus. Er fühlte sich fähig, seine Probleme mit erneuter, unerschöpflicher Energie anzupacken. Doch wenn die Wirkung des gelben Pfeffers nach ein paar Minuten nachließ, stürzte man jedesmal aus etwas größerer Höhe hinab, und der Fall schmerzte jedesmal ein wenig mehr. Das ist das Leben, sagte sich Brian, nichts als das Leben. Und das Leben ist nun einmal … Er wünschte sich, daß ihm einer dieser verfluchten Schwachköpfe von der Admiralität sagen würde, was das Leben eigentlich war, das Leben, das wahre Leben – ach, verdammter Mist. In einem Wort Doppelpunkt bitte öffnen Sie mir Gänsefüßchen das Leben ganz weit öffnen Sie mir die Adern die Arterien und lassen Sie es mich betrachten das Leben wie es entflieht das Leben verdammter Mist. Der Dschungel in Technicolor unter den Wolken. In der Ferne, aus den hohen Laubkronen aufsteigend, Geräusche. Was konnte wohl einen solchen Aufruhr in den Wäldern des Schattens verursacht haben? Plötzlich ertönte die Sirene der Panik und riß ihn aus den schwefligen Niederschlägen des Pimentrauschs. Die Panik war an der Endstation ihrer Hinreise angelangt. Der Verwalter liebte es zu scherzen. Er war Herrscher über ein gutes Hundert scheußlicher Baracken, die halb im Schlamm versanken, halb unter baumartigen Farnen verschwanden, doch er kultivierte einen gewissen sehr persönlichen Sinn für Humor. Und einen – allerdings recht verschmitzten – Zynismus. Sein ausdrucksvolles Gesicht wies fast sämtliche Symptome des fortgeschrittenen alkoholischen Verfalls auf, doch sein Gehirn blieb auch in jenem schwammigen Meer, das ihn auf die andere Seite des Spiegels trug, erstaunlich klar. Von allen Verwaltern, die Brian regelmäßig aufsuchte, war er der einzige, der sich nicht über sein Los beklagte. Er nannte sich Strickmann, doch seine wahre Identität interessierte keinen, so daß er sie schon vor langer Zeit den Raubfischen des Ez zum Fraß vorgeworfen hatte. Strickmann erklärte, er sei entzückt, die Bekanntschaft des jungen Sigurd zu machen, und schlug spontan ein Begrüßungsdiner vor. Baird, der dieser Art von Einladungen wenig abgewinnen konnte, mühte sich, eine Ausrede zu finden, obwohl er wußte, daß es keine gab; auch war ihr Gastgeber dermaßen beharrlich und bedrängte den jungen Offizier so sehr, daß er wohl oder übel annehmen mußte. So fanden sie sich in der stickigen, schwülen Dschungelnacht alle drei auf einer Veranda wieder, die von faustgroßen Insekten umschwärmt wurde; den Hintergrund bildeten die vom Vexierspiel des Lichts gekrümmten Bäume und der See aus geronnener Gelatine, den der Mond unter der Geschwulst der Wolken hatte entstehen lassen. Schatten kamen und gingen, füllten die Gläser, verblaßten in diesem tropischen Blendwerk und erschienen wieder wie bleiche Statuetten in einem sonderbaren Ballett von Zombies. Spinnenbeine traten nun in dem nächtlichen Theaterstück auf und vollführten die ehrerbietigen Gesten, die man von ihrer Kunstfertigkeit erwartete. Brian, der so tat, als ob er mit Interesse Strickmanns Monolog lausche, fühlte sich immer unwohler. Das Schlucken bereitete ihm Schwierigkeiten; seine Kehle kam ihm so geschwollen und blockiert vor, als ob sie jederzeit explodieren könne. Brian merkte bald, daß der Schwung des Verwalters zumindest etwas gebremst war. Seine Redseligkeit wirkte gezwungen, und von seinem Hang, die Dinge stets unter einem zynischen Blickwinkel zu betrachten, war so gut wie nichts übriggeblieben. Zwar bemühte er sich während der ersten Stunde, die anderen über seine Verfassung hinwegzutäuschen, doch seine Späße und geistreichen Bonmots landeten meist „auf dem Bauch“, gleich jenen Tauchern, die zunächst der Sonne entgegenzufliegen scheinen, dann jedoch so unglücklich auf der Wasseroberfläche aufschlagen, daß sie mit Gliedern, die durch die Wucht des Aufpralls verrenkt sind, wie groteske Hampelmänner liegenbleiben. Er versuchte, den jungen Offizier „mit dem Rücken gegen die Wand“ zu drängen und ihn so weit zu bringen, daß er die Haltung verlor, doch Sigurd wehrte sich aus Leibeskräften und bewies, daß er zumindest seine Lektionen in Strategie gut gelernt hatte. Schließlich ließ Strickmann von ihm ab und erging sich, vom Alkohol und der vorgerückten Stunde dazu ermutigt, in Vertraulichkeiten. Wie er sagte, hatte sich in den Wäldern Merkwürdiges zugetragen. Manchmal sei die gesamte Umgebung des Lagers durch ein sporadisches und schwer zu ergründendes, aber durchaus reales Treiben in Unruhe versetzt worden. „Die Männer sind inzwischen äußerst nervös. Wir hatten Fälle von Depressionen, und einer meiner Leute wurde gar verrückt und halluzinierte. Doch ich wollte die Behörden in Port-Jaira nicht über die Vorfälle informieren, weil es mir noch nie gepaßt hat, wenn sich Bürokraten in meine Angelegenheiten einmischen …“ Trotz der Wirkung des Alkohols war Baird in dieser bedrückenden Nacht, wo man die Gegenwart von etwas Fremdartigem spürte, sehr angespannt. Er hätte Strickmann nur zu gerne aufgefordert, den Mund zu halten, doch er hatte nicht die geringste Lust, sich mit ihm herumzustreiten. Schweiß perlte von seiner Stirn, und in seinem Ohr war ein befremdliches Summen. Als er sich wieder eine von den narkotisierenden Zigaretten anzündete, zitterten seine Finger: „Was Sie da sagen, Herr Strickmann, stimmt mich nachdenklich. Ich muß Ihnen gestehen, daß ich selbst seit einiger Zeit …“ ,Doch das ist es gar nicht, was ich sagen wollte, meine Worte eilen den Gedanken voraus. Ich hatte gewiß nicht vor, diesem alten Waschlappen meine geheimsten Überlegungen anzuvertrauen!’ Brian hatte das Gefühl, daß ihm Sigurd mißbilligende Blicke zuwarf, doch wie zum Trotz fuhr er in seiner etwas unzusammenhängenden Rede fort. Und während er wider alle bessere Einsicht weitersprach, nahmen bizarre Bilder mit fließenden Konturen in seinem Geist Gestalt an: die grausamen Hornissen der Erinnerung. Auf einem öden Asteroiden, der einsam den kalten, blinden Raum durchflog, verfolgten seine Kameraden und er einen schwankenden Schatten, eine Figur, die von einem weiten Mantel in unbestimmten Farben umhüllt war, den der Wind zänkisch aufblähte. Was für ein Orkan konnte wohl auf dieser toten Welt wehen, die nicht einmal eine Atmosphäre besaß? Und welcher Zauber mochte von den Thaumaturgen ausgelöst worden sein, die sich in den geheimen Falten der Zeit verbargen? Die Männer, die dem geheimnisvollen Flüchtling auf den Fersen waren, machten Sätze wie Heuschrecken oder ausgehungerte Grillen. Nur ihre Helme und Atemgeräte hinderten sie daran, ein Triumphgeheul auszustoßen. Als der Unbekannte sich umdrehte, sah Brian, daß er keinen Helm trug. Er wird sterben, sagte er sich, denn niemand kann so überleben. Doch der Mann starb nicht, ganz im Gegenteil: Er gestikulierte auffällig zu dem Leutnant hin, und über seine geöffneten Lippen kamen diese Worte: „Wo waren wir letztes Mal stehengeblieben?“ Als ob die bewaffneten Soldaten, die ihn jetzt einzukreisen suchten, nichts als harmlose Statisten seien, fügte er dann hinzu: „Folgen Sie mir zur Zitadelle, dort können wir uns ungestörter unterhalten.“ Und Baird gewahrte tatsächlich am Horizont den Umriß eines hohen steinernen Gemäuers. „… bin froh, jetzt zu wissen, daß ich nicht der einzige bin, der … und unter diesen Umständen … wäre vielleicht angemessener … unsere Ansichten miteinander zu vergleichen … vor Ihrer Abreise nach Port-Jaira … Ah! Jetzt hätte ich doch beinahe das Wichtigste vergessen, Leutnant! Sie werden einen Passagier haben.“ Einen Passagier! Die Bestimmungen waren eindeutig: Einem Zivilisten wurde nur mit einem offiziellen Schreiben der Militärbehörden von Port-Jaira Zutritt zu einem Schiff wie der Panik gewährt … „Befürchten Sie nichts, Leutnant Baird, Sie sind voll gedeckt. Herr Chavez – so heißt Ihr Gast – ist im Besitze sämtlicher Papiere, die laut Vorschrift benötigt werden.“ Strickmanns Augen glitzerten, doch vielleicht reflektierten sie nur das Licht der Lampen, welche die eingeborenen Diener auf die Veranda gebracht hatten. Außerhalb der Wechselfälle des Lebens und der Fährnisse des Kriegs stehend, bildeten diese traurigen menschlichen Scheinbilder eine lebende Illustration der kolonialistischen Thesen. „Ich habe mir jedoch sagen lassen, mein lieber Baird“, erklärte der Verwalter mit lächerlich wirkendem Nachdruck, „daß Chavez ziemlich gut Schach spielt. Sie können also auf dem Rückweg nach Port-Jaira ein paar Wettkämpfe austragen.“ „Welche Funktionen bekleidet dieser Chavez eigentlich?“ fragte Baird verdrießlich. „Darüber weiß ich nichts Genaues, aber immerhin kann ich Ihnen sagen, daß er ein verdammt aufdringlicher Schnüffler ist, der in alles seine Nase stecken muß. Meiner Meinung nach arbeitet er für irgendeine geheime Dienststelle der Konföderation. Obwohl ich mich – ganz im Vertrauen – frage, aus welchen Gründen sich die Mächtigen der Welt wohl für uns armselige Kreaturen interessieren sollten. Das merkwürdigste an der ganzen Sache, mein lieber Leutnant Baird, ist jedoch, daß dieser Chavez eines Tages mitten aus dem Dschungel auftauchte, gefolgt von einem halben Dutzend altersschwacher Eingeborener. Auf alle Fragen, die ich ihm stellte, antwortete er stets ausweichend. Ich wollte vor allem wissen, auf welchem Weg er ins Lager gekommen war. Daraufhin tischte er mir eine phantastische Geschichte über ein verunglücktes Kleinflugzeug auf, doch nach einem Blick auf seine Beglaubigungsschreiben nahm ich Abstand davon, weiter in ihn zu dringen. Letzten Endes übersteigt diese Angelegenheit meine Zuständigkeit. Jetzt halten Sie sich fest, mein Bester! Einige Tage, nachdem Herr Chavez zu uns gestoßen war, erschien eine kleine Gruppe Waldmenschen und setzte einen ganzen Haufen von Reisekoffern und anderen Behältern am Flußufer ab. Wir trauten unseren Augen kaum! Normalerweise lassen sich die Ureinwohner lieber den Tieren im Ez vorwerfen, als daß sie sich aus ihren brennendheißen Schlupfwinkeln wagen! Immer noch ganz unter uns gesagt, Leutnant: Je eher Sie mich von diesem“ (er unterbrach sich im letzten Moment und fuhr dann, nach einem flüchtigen Blick auf den jungen Fähnrich zur See, fort:) „… Kerl befreien, um so besser. Selbstredend tangiert das in keiner Weise unsere Freundschaft … Seitdem dieser Mann aus dem Wald gekommen ist, geschehen hier ungewöhnliche Dinge, die mich in große Unruhe versetzen. Es ist, als hänge eine Drohung über unseren Köpfen. Verzeihen Sie mir, mein Freund, wenn ich Ihnen heute so unheilschwanger erscheine, Sie wissen, daß das eigentlich nicht meine Art ist … aber ich muß Ihnen gestehen, daß ich nicht mehr ohne Beruhigungsmittel schlafen kann. Für einen alten Burschen wie mich ist das ausgesprochen entehrend!“ Plötzlich hatte Baird so etwas wie eine Offenbarung. Eine Stimme, die von weit her kam, flüsterte ihm zu, daß er Strickmann zum letztenmal gegenübersaß, zum letztenmal seinen vertraulichen Mitteilungen lauschte … Eine irrationale Angst hinderte ihn volle zwei Minuten lang, die Worte auszusprechen, die die Umstände erforderten. Es war Sigurd, der schließlich das Schweigen brach. „Wovor genau fürchten Sie sich eigentlich, Herr Strickmann?“ fragte er mit einem Unterton, in dem unmißverständlich Verachtung mitschwang. Armer kleiner Narr! dachte Brian. Diese Welt ist alt, so alt, daß wir von Zeit zu Zeit auf Überraschungen gefaßt sein müssen … Doch du setzt ein solches Vertrauen in dich und in die pompösen Phrasen der Theoretiker des Eroberungskriegs, daß du zu guter Letzt noch deine Wünsche für die Realität halten wirst. Strickmann nahm keinen Anstoß am beleidigenden Tonfall des jungen Offiziers, denn sein Geist war abwesend, er schwebte über dem undurchdringlichen Dschungel, der das feuchtgrüne Herz Celaeno de Peroynes bildete, und ergriff vor den monströsen Schai-Vögeln die Flucht, deren Schnäbel in der Sonne wie Jatagane schimmerten. Die hinterhältigen Anspielungen eines kleinen Schafskopfs mit Tressen an der Jacke konnten ihm höchstens ein Achselzucken abnötigen. All sein schöner kolonialer Zynismus war tot und begraben. „Aber ich bitte Sie!“ rief er nach einer Weile aus, als er wieder in die Realität zurückgekehrt war. „Sie dürfen nicht alles, was ich Ihnen eben gesagt habe, für bare Münze nehmen; wie mir scheint, bin ich etwas überanstrengt. Man altert schnell in diesen Breiten“, fügte er dann noch als Erklärung wie auch als Entschuldigung an, „und am Ende wird man ein wenig … schrullig. Das nächste Mal …“ Strickmann hielt mitten im Wort inne und ließ seinen letzten Satz in der Schwebe, als ahne er, daß es kein nächstes Mal geben werde. Dann brach er in Gelächter aus und bot seinen Gästen frische Getränke an, doch diese hielten es für klüger abzulehnen. Der Himmel über der Veranda war furchteinflößend: eine grünliche Geschwulst, die mit scheußlichen scharlachroten Flecken übersät war. Er schleifte dicht über den Baumkronen, als ob er sie mit seinem ganzen Gewicht erdrücken und der gewaltigen pflanzlichen Lunge die Luft abschnüren wolle, um ein für allemal das Schlagen dieses krankhaft vergrößerten Herzmuskels zu unterbinden, dessen Rhythmus sich in der nächtlichen Stille wie ein Tam-Tam von Insekten erhob. Erst auf dem Rückweg, kurz nachdem sie Strickmann verlassen hatten, legte sich die Bangigkeit dieser Nacht mit ihrer vollen Schwere auf Baird. Sie schlich sich wie ein unsichtbares, aber unverwundbares Geschöpf in ihn ein, eine grausame Kreatur mit tausend Verästelungen, die ihre langen Geißeln in sämtliche Windungen seines Nervensystems vorschob. Sie ergriff unerbittlich und vollständig von ihm Besitz, strahlte triumphierend aus seinem angstschlotternden Körper und infiltrierte seine Venen und Arterien mit subtilen Giften und ätzenden Quecksilbertropfen. Sigurd, der ganz leicht hinter seinem Vorgesetzten zurückblieb, als ob er so dem Rangunterschied zwischen ihnen ironisch Ausdruck verleihen wolle, Sigurd, so sagte er sich, hatte, als er Strickmann jene unverschämte Frage stellte, eine ausgezeichnete Gelegenheit zu schweigen verstreichen lassen. Die Selbstsicherheit, die der junge Mann mitunter allzu anmaßend an den Tag legte, war vielleicht letztlich nur eine Fassade oder der Beweis mangelnder Tiefe. Nur die Dummköpfe kennen keine Ängste – die Dummköpfe oder die Ahnungslosen. Ein lauer Wind versuchte vergebens, die schrecklichen Wolken über Celaeno de Peroyne zu vertreiben. Was für ein Himmel! Ein Teig, in dem kranke Götter ihre zittrigen Fingerabdrücke hinterlassen hatten. Kaskaden stürzten zeitlupenhaft aus den Wolkenlöchern, als werde ihr Fall von einem Zaubertrick der Zeit verlangsamt. „Dieser Himmel!“ rief Brian mit tränenfeuchten Augen und bitter verzogenem Mund. „Niemand weiß, was dieser Himmel für uns bereithält …“ „Herr Leutnant“, unterbrach ihn der junge Mann augenblicklich in trockenem Tonfall, „ich weiß zwar nicht, was dieser Himmel für uns bereithält, aber SEHEN SIE MAL DA!“ Er wies auf eine Straße in erbärmlichem Zustand, ein finsteres, menschenleeres Gäßchen, das zwischen den behelfsmäßigen Baracken und den Elendshütten, in denen die einheimischen „Hilfskräfte“ kauerten, auf die Landungsbrücke zuführte. Baird sah zuerst nur ein Gespinst aus Schatten, ein undefinierbares Gehusche, von dem er anfangs nicht sagen konnte, ob es von menschlichen Wesen oder Tieren aus dem Dschungel herrührte. Mit leichter Verzögerung, wie man es aus schlecht synchronisierten Filmen kennt, drangen die dazugehörigen Geräusche an sein Ohr: wirre Laute, die sich nur schwer deuten ließen. Sigurd hatte bereits seine Waffe gezückt: Wie er so mit angespannten Muskeln dastand, lauernd, mit hellwachen Sinnen, glich er einem jungen Raubtier. Einem kriegerischen Tier, gefährlich und gewandt. „Ich denke, Sie lassen Ihre Artillerie besser stecken, Sigurd … Sollte es Ihnen etwa an Kaltblütigkeit fehlen?“ Doch Sigurd kümmerte sich nicht um ihn. Seine Aufmerksamkeit war ganz auf die Einmündung dieses nächtlichen Gäßchens konzentriert, das vom gleißenden Mondlicht nur unzulänglich erhellt wurde. Da erkannte Brian, daß es sinnlos war, zu insistieren; dieser Junge, der ganz aus konditionierten Reflexen und dünkelhafter Selbstgerechtigkeit bestand, kam von einer anderen Welt – einer fernen Welt ohne geographische Koordinaten, auf der er, Brian Wendell Baird, niemals gelebt hatte und auch niemals leben würde! Auf einmal erschollen aufgeregte Rufe in der gewundenen Gasse: „Laßt sie nicht entkommen! Zum Henker! Sie dürfen nicht entwischen!“ Aus dem Schatten, der zornig pulsierte wie ein ungeheuerlicher, von seinen Verfolgern umstellter Tintenfisch, lösten sich plötzlich kleinere Schatten und zeichneten sich kurz in einer flachen Pfütze aus jadegrünem Licht ab. „NICHT SCHIESSEN, LEUTNANT!“ (Sie können noch nicht verstehen … aber Ihre Stunde wird kommen … sie wird unausweichlich kommen!) Brians Kopf war wieder völlig klar; die letzten Alkoholdünste hatten sich jäh verflüchtigt. In den Kulissen der Straße waren jetzt zwei Gestalten aufgetaucht, die die beiden Männer reglos fixierten, als ob sie auf etwas warteten. Das kalte Licht schälte sie allmählich aus der giftigen Finsternis wie eine im Entwicklerbad liegende Fotografie, bei der man von vornherein wußte, daß das Bild schließlich in unerträglicher Klarheit erscheinen würde. Sigurds Arm spannte sich, und ein Mondstrahl ließ den Lauf seiner Waffe aufschimmern. Wenn das Licht heller gewesen wäre, hätte man die Wildheit seines Blicks erkennen können, während er auf die beiden Eindringlinge anlegte. „KNALLEN SIE SIE AB, LEGEN SIE DIE BEIDEN SCHWEINEHUNDE UM!“ Die Verfolger waren da, eine sonderbar zusammengewürfelte Meute, und als sei das selbstverständlich, brüllten sie alle voller Mordlust. „Ich bin Leutnant Baird“, schrie Brian, ohne daß er zu sagen vermocht hätte, was ihn dazu veranlaßte einzugreifen, „der Kommandant der Panik … und ich befehle Ihnen …“ Doch die Männer mit den verschlossenen Gesichtern, die vor ihm zusammenströmten, hörten nicht auf ihn: Sie waren erbarmungslose Jäger, die nur noch von einem einzigen, grausamen Gedanken besessen waren. „Es sind Waldmenschen!“ heulte einer. „Sie kommen hierher, um uns auszuspionieren! Eines Tages werden sie uns alle töten! Mischen Sie sich gefälligst nicht ein, LEUTNANT DINGSDA!“ „Ja, ganz recht, mischen Sie sich nicht ein! Hauen Sie lieber ab!“ „Treten Sie zur Seite, Herr Leutnant“, sagte Sigurd kühl, „sonst werden Sie noch zusammen mit diesen Leuten sterben!“ Das ist doch nicht möglich, sagte er sich. Sie müssen mir einfach gehorchen. Sie müssen mir genügend Respekt entgegenbringen … Eine kräftige Hand stieß ihn gegen die Wand einer Baracke, während sich die dichten Schatten im Gäßchen gelb und purpurn färbten. Er verlor augenblicklich das Gleichgewicht und fiel im zehn Zentimeter hohen Schlamm auf die Knie. Jetzt werde ich von den Jagdhunden zerfetzt, sagte er sich, und ich habe nichts dagegen tun können, nichts! „Kommen Sie“, sagte eine rauhe Stimme, die er nicht sogleich erkannte, „kommen Sie, Herr Leutnant, wir haben hier NICHTS mehr zu suchen.“ Sigurd hatte recht: Der Dschungel war nun einmal die Domäne der Wilden. Der kleine Mann, der auf dem Kai stand, hatte ganz und gar nichts Eindrucksvolles an sich, und doch hielt ihn Baird sogleich für einen Boten des Schicksals. Efrem Chavez war mager und unscheinbar, und wenn er lächelte, entblößte er mehrere schadhafte Zähne. Er hatte einen Stoppelbart und war anscheinend mit Absicht schlecht rasiert. Tatsächlich wirkte er, als sei er gerade einem alten Bilderbuch entstiegen. Bairds Ansicht nach fehlte ihm nur noch ein schäbiges durchlöchertes Strohhütchen, um in einem uralten und völlig überholten Schwank auftreten zu können. Doch Chavez’ Augen gehörten zu jenen, die man nie mehr vergaß, wenn man einmal ihrem Blick begegnet war; sie glitzerten wie tief in die Augenhöhlen eingelegte Halbedelsteine … oder wie zwei Prismen, in denen ein mysteriöses, von ungeahnten Regionen kommendes Licht eingefangen war. Die Gorgonen müssen die Menschen mit ähnlichen Blicken fixiert haben, dachte Brian. „Ich bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen, Leutnant Baird. Man hat mir von Ihnen und von Ihrem Schiff nur das ALLERBESTE berichtet … Ich stelle mit Befriedigung fest, daß MAN weder im EINEN noch im ANDEREN Punkt übertrieben hat!“ Der kleine Mann mit den glitzernden Augen kam leichtfüßig an Bord, gefolgt von einem halben Dutzend eingeborener Träger, die unter dem Gewicht von Koffern, Körben sowie allerlei anderen Gepäckstücken schwankten. Strickmann ‚hatte seine Erzählung nicht ausgeschmückt, und man konnte sich mit Recht fragen, was der Ankömmling wohl Hunderte von Kilometern durch den Dschungel transportierte. „Seien Sie unbesorgt“, erklärte Chavez, „ich bin im Besitz sämtlicher erforderlicher Papiere! Wollen Sie sie sofort sehen?“ „Aber nicht doch“, wehrte Baird ab. „Wir haben ja viel Zeit … bis Port-Jaira. Darf ich Ihnen meinen Zweiten vorstellen, Fähnrich Sigurd?“ „Ich bin entzückt, ganz und gar entzückt. Ich habe mir sagen lassen, daß Sie ein junger, überaus fähiger Offizier sind, dem eine glänzende Zukunft offensteht.“ Dieser Mistkerl, dachte Brian. Er schert sich einen Dreck um mich. Natürlich, es springt ja in die Augen, daß ich ein Offizier zum Schleuderpreis bin … einer auf dem absteigenden Ast! „Darf ich Sie auf ein Gläschen zu mir bitten, wenn Sie sich eingerichtet haben, Herr Chavez?“ fragte Brian. „Wir werden in ein bis zwei Stunden den Anker lichten. Ich hoffe, daß Sie alle Ihre Angelegenheiten erledigt haben, so daß Sie nichts mehr hier zurückhält.“ „Du meine Güte!“ rief der Passagier der Panik aus, „Sie sagen das doch nicht im Ernst? Was sollte mich wohl an einem so verkommenen Ort wie diesem zurückhalten? Ihr Schlachtschiff“ (man mußte schon ein Snob, ein Idiot oder ein Mensch mit besonders trockenem Humor sein, um ein Kanonenboot als Schlachtschiff zu bezeichnen, doch Brian konnte mittlerweile nichts mehr überraschen), „ja, Ihr Schlachtschiff, Leutnant, ist ein wahres Schmuckstück. Ich ahne, daß ich mich hier sehr wohl fühlen werde. Ich kann Ihnen, ohne damit ein Geheimnis zu verraten, anvertrauen, daß die Hinreise recht unangenehm war.“ Erbittert ließ Baird den Obermaat Mazzini rufen, um ihm letzte Anweisungen zu erteilen. Eine halbe Stunde vor dem Ablegen, während die Männer geschäftig auf der Brücke hin und her eilten, kam ein Bote von Strickmann mit einem Brief folgenden Inhalts: Lieber Freund, Ich hoffe, daß ich Ihnen vergangene Nacht mit meinem Gerede nicht allzusehr auf die Nerven gefallen bin. Vielleicht haben Sie ja gespürt, daß hinter meinen etwas vagen und unzusammenhängenden Worten eine unerklärliche Angst stand. Ich weiß nicht, was ich Ihnen noch sagen soll, außer, daß ich mich in Ihrer Gesellschaft stets sehr wohl gefühlt habe. Werden Sie mir glauben, wenn ich Ihnen bekenne, daß ich schließlich nur noch für jene ach so seltenen Stunden lebte, die wir miteinander verbringen durften? Lassen Sie sich nicht von diesem Chavez einwickeln! Gute Reise! In alter Freundschaft. Jasper Strickmann. 6 Moyra Farsan … die Fahrten flußabwärts sind schwindelerregend das Wasser schießt auf beiden Seiten zu hohen weißen Mauern auf gegen die der Blick prallt und die der Angst und dem Tod einen Weg bahnen … die Geheimnisse des Zufalls sind Spiele voller Wunder und auch das Leben ist nur ein Spiel das dem Tode ähnelt (Das singen zumindest die Eingeborenen die den Rio Xingu hinunterpaddeln und manchmal glaube ich daß sie noch viel mehr über die Flüsse das Leben und den Tod zu sagen wüßten wenn sie nur wollten.) November 1961 Der Ez glich einem breiten Quecksilberband unter einem veilchenblauen Himmel; in starrer Majestät strömte er zwischen den Uferböschungen dahin, die von einer Vegetation überwuchert wurden, deren überschäumende Üppigkeit nur noch in der unerträglich schwülen Hitze ihr Äquivalent hatte. Vögel mit metallischen Konturen flogen auf der Suche nach unsichtbarer Beute über die schwer lastenden Laubkronen hinweg. Kleine buntschillernde Klippen, die mit märchenhaften Edelsteinen übersät waren, ragten manchmal aus der Strömung und unterbrachen jäh die dichte Pflanzenwand, während wunderbare, gänzlich fremdartige Tiere mit ungeduldig lauernden Zähnen und leuchtenden Schuppen silberne Fontänen aufschleudernd in die öligen Ruten eintauchten. Sie näherten sich dem Kanonenboot mit großer Geschwindigkeit, hielten jedoch einige Spannen vor seinem glänzenden Rumpf abrupt an, als ahnten sie, daß diese Masse aus Metall, die sich träge in der Reglosigkeit des Großen Flusses wiegte, jederzeit tödliche Blitze ausschleudern und sie im Nu in glühende Asche verwandeln könne. Die Panik, ein mit 12 Geschützen bestücktes Kanonenboot, schwamm jetzt, die blutige Huldigung einer ungeheuerlichen Sonne entgegennehmend, den langen Fluß zum fernen Meer von Offuz hinab und glitt gemächlich auf einen unreinen, mit schwefligen Narben überzogenen Horizont zu. „Die vielfältigen Farbschattierungen dieser Welt werden mich noch einmal tobsüchtig machen – oder aber endgültig nervenkrank“, erklärte Baird und lehnte sich schlaff gegen die Brüstung des Turms. „Manchmal träume ich, daß wir da drin Schiffbruch erleiden …“ Seine schlanke Hand wies auf den silbriggrauen Strom, in dem sich mehrere große Schuppentiere scheinbar schwerfällig tummelten. Sigurd nickte zustimmend und trug dabei eine Ernsthaftigkeit zur Schau, die bei einem Mann seines Alters verwunderte. „Und doch“, fuhr der Leutnant fort, „bin ich wie verhext von diesem Fluß. Jedesmal, wenn man mich auf Urlaub schickt, halte ich es nicht aus: Ich muß einfach hierher zurückkehren. Ausgerechnet hierher, in den schmutzigsten Winkel der gesamten Peripherie! Ich habe Sie schon einmal gewarnt, Fähnrich … Sie sind noch jung. Sehr jung. Wechseln Sie den Beruf! Niemand wird es Ihnen zu danken wissen, wenn Sie Ihre Gebeine auf dieser verlorenen Welt zurücklassen. Ich hoffe, Sie gehören nicht zu denen, die nur an den Ruhm denken. Jetzt, da der Frieden geschlossen ist … ein fünfhundertjähriger Friede … wird man eher geneigt sein, Ihre Demission anzunehmen.“ Der Fähnrich zur See murmelte eine unverständliche Antwort, worauf Baird die Achseln zuckte und das Gesicht zu einem traurigen Lächeln verzog. „Es sei denn, Sie wären auf ihre Slogans reingefallen: die Exotik, die warmen Nächte unter tausendjährigen Bäumen, Lagunen voll schmachtender Erotik, grüne Mädchen mit rosigen Schamhügeln … und wie die abgeschmackten Sprüche der letzten Propagandaoffensive alle lauten, diese ganze Übelkeit erregende Maskerade, die das häßliche Antlitz des Kriegs nur unzulänglich zu verbergen vermag …“ „Herr Leutnant“, sagte der junge Mann, „ich bitte um die Erlaubnis, mich zurückziehen zu dürfen.“ Baird zuckte zusammen, als ob eine giftige Natter ihre Fangzähne in ihn geschlagen habe. „Wollen Sie mir etwa auf höfliche Art zu verstehen geben, daß ich einen schlechten Einfluß ausübe?“ „Ich bedaure, Herr Leutnant, aber es gibt zahlreiche Punkte, in denen unsere Ansichten erheblich voneinander abweichen.“ „Wenn ich etwas an Ihnen bewundere, ist es Ihr Talent, alles zu beschönigen. Sie können frei über Ihre Zeit verfügen … ich halte Sie nicht zurück.“ Der junge Mann deutete einen knappen Gruß an und beeilte sich, den Turm zu verlassen. Baird schaute ihm nach, wie er die metallene Leiter hinabglitt, über die Brücke hastete und in einer Luke verschwand. Offenbar stelle ich für einen karrieresüchtigen Jungen eine gewisse Gefahr dar! sagte er sich; dann dachte er an etwas anderes, während sein Blick über die leicht gekräuselten Wellen des Flusses schweifte. Die Wasser des Ez glänzten. Leuchtende Lichtbalken fuhren unablässig über den bleiernen Himmel, in den purpurrote Staubfäden wie Kratzspuren eingeritzt waren; auf diesem Hintergrund entfaltete sich von Zeit zu Zeit der schwerfällige Flug der Schai-Vögel. Von ihren mit Ocker gefärbten Schwingen rieselten rote Perlen, und ihr schneidender Ruf klang wie die Fanfaren der Verzweiflung. Baird wußte, daß sie sich sowohl von frischem Fleisch als auch von Aas nährten und daß sie, wenn sich die Gelegenheit bot, nicht einmal Menschenfleisch verschmähten. Den Leutnant schauderte es noch nachträglich, als er an das Beinfeld zurückdachte, das er vor einigen Monaten auf einer der zahlreichen kleinen Inseln, die in den gewundenen Armen des Ez verstreut lagen, in der Nähe eines Camps von Chay-Pflückern entdeckt hatte. (Das Chay war ein bräunliches, lanzettförmiges Kraut; seine Fasern wurden zerstoßen, durch besondere Verfahrensweisen geschmeidig gemacht und in eine wohlriechende Substanz eingelegt, wodurch man ein Rauschgift gewann, das der Weisheitsdroge des Fix-Baums überlegen war und den einzigen Reichtum von Celaeno de Peroyne bildete.) Celaeno: eine erstickende, fürchterliche und großartige Welt. Der Maat Maltravers übernahm die Wache auf dem Turm, und Baird stieg in den Salon hinab, wo er sogleich von einer piepsigen Stimme angerufen wurde: „Ah, Leutnant, da sind Sie ja endlich! Wollen wir jetzt die versprochene Partie Schach spielen?“ Brian stöhnte erbittert auf. Das eine Mal, wo man ihm einen Passagier nach Port-Jaira auflud, mußte es ausgerechnet ein Langeweiler vom Kaliber dieses Chavez sein! Der kleine Mann mit dem stacheligen Bart erhob sich schwankend, hielt sich an den Schultern des Offiziers fest und blies ihm seinen alkoholgeschwängerten Atem ins Gesicht. „Herr Chavez, ich fürchte, ich habe keine Zeit, Ihnen eine Revanche zu geben. Wir werden gleich in den gefährlichen Sektor einfahren. Die Strudel – Sie wissen ja, oder?“ Chavez brach in Gelächter aus. Er klang wie ein Turmfalke auf nächtlicher Jagd. „Leutnant, es gibt wohl niemanden auf Celaeno de Peroyne, der noch nicht von den fürchterlichen Strudeln des Flusses gehört hätte. Doch jedermann ist überzeugt davon, daß sie keine große Gefahr für unsere Kriegsschiffe darstellen! Fürchten Sie sich etwa davor, ein paar Wochen Sold zu verlieren? Oder wollen Sie sich am, Ende gar drücken?“ Im Salon tanzten Schatten: Die weinfarbenen Wandbehänge wurden von einer lauen Brise bewegt, die von nirgendwoher zu kommen schienen. Baird erschauerte; die bloße Berührung seiner Haut durch den schweißgetränkten Uniformstoff war ihm auf einmal völlig unerträglich. „Na schön“, lenkte er unfreundlich ein, „Sie sollen Ihre Chance haben, Herr Chavez …“ Er steckte sich eine Zigarette an – eine von denen mit gelbem Piment, die die Gedanken so angenehm klärten! –, während die kleine Nervensäge das große, überaus wunderliche Schachspiel herbeischleppte, dessen monströse Figuren er mit liebevoller Sorgfalt aufstellte. Die Springer: abstoßend häßliche Einhörner mit steil aufragendem Geschlecht. Die Läufer: obszöne Knirpse, die auf ihrem mit Pusteln bedeckten Gesäß hockten. Die Damen: Huren mit aufreizendem Unterleib. Die Könige: Satyrn mit anstößigem Phallus. Die Bauern: Tiere, deren leicht antropomorphes Äußere sie um so grotesker aussehen ließ. Die Türme: Sie waren als einzige das geblieben, was ihr Name besagte. Trotzdem waren sie an manchen Stellen mit besonders widerwärtigen Wasserspeiern verziert. Baird hatte gefragt: „Woher haben Sie diese … bizarren Figuren, Herr Chavez?“ Doch der andere hatte nur gelächelt, wobei er wieder seine schadhaften Zähne entblößte: „Ihr von der Armee oder der Marine seid nicht die einzigen, die sich Reisen leisten können, die man eigentlich nicht unternehmen dürfte, Herr Leutnant!“ Chavez war ein Meister darin, verwirrend zu antworten. Baird fühlte sich nicht sonderlich in Form für eine Partie, bei der der Einsatz dreihundert Sols betrug. Und so stand er denn auch bald sehr schlecht. Chavez grinste höhnisch: „Sie sind nicht mit der erforderlichen Aufmerksamkeit bei der Sache! Was Sie mir da bieten, ist keine Revanche, sondern eine Rückzahlung.“ „Wahrhaftig!“ Baird streckte langsam die Hand aus und ergriff eine der Figuren (er hatte das Gefühl, daß ihm das abscheuliche kleine Ding mit seiner bedrohlichen Schnauze gleich in den Finger beißen werde; es schien seinen gemeinen Kopf in alle Richtungen zu drehen und ihm seine gespaltene Zunge herauszustrecken …). . „Zum Donnerwetter, Chavez! Was rauchen Sie da nur für ein teuflisches Kraut? Allein der Geruch genügt schon, um mich alles doppelt sehen zu lassen!“ „Leutnant, Sie sind heute abend nervös wie ein zimperliches junges Ding! Vielleicht sind es die Strudel, die Ihnen so zusetzen?“ Plötzlich hatte Baird eine Eingebung: Seine Hand schoß vor, dann stieß er erleichtert ein kurzes Gelächter aus: „Sie hätten besser daran getan, sich auf Ihr Spiel zu konzentrieren, Chavez – Sie sind erledigt!“ „Heute ja. Aber morgen ist ein neuer Tag.“ Auf dem Teppichboden des Salons erklang ein leichter, fast unhörbarer Schritt. „Treten Sie ruhig näher, Fähnrich Sigurd, die Partie ist beendet!“ rief Brian, ohne sich umzudrehen. „Ich bin überzeugt davon, daß Sie es äußerst unmoralisch finden werden, um Geld zu spielen.“ „Unmoralisch … würde ich nicht sagen“, versuchte der Fähnrich zur See zu scherzen, „aber ganz gewiß verstößt es gegen die Dienstvorschrift.“ „Die Dienstvorschrift, Fähnrich, ist ein Begriff, der so biegsam ist wie eine Weidengerte. Ich persönlich kann nicht einsehen, inwiefern ich den ordnungsgemäßen Dienstablauf behindern sollte, wenn ich ein paar Sols gegen meinen Freund Chavez setze …“ „Zumal er schon zum zweitenmal hintereinander gewonnen hat.“ Der magere junge Mann mit den blassen Augen zuckte die Achseln, und in seinem mißbilligenden Blick tanzte ein grüner Funken. Da erschien glücklicherweise der Steward, um zu melden, daß das Abendessen aufgetragen sei. Die drei Männer begaben sich in den angrenzenden Raum. Die Nacht war hereingebrochen. Das Kanonenboot glitt mit gedrosselter Geschwindigkeit unter einem chaotischen Sternenhimmel zwischen zwei üppig begrünten Ufern dahin. Jetzt, da die schuppigen Ungeheuer seine schlammigen Fluten verlassen hatten, wirkte der Fluß wie tot. Avicenna von Portobello, der einzige Mond von Celaeno de Peroyne, stand am Himmel, und seine giftigen Rillen, die den Anstoß für die Entstehung so vieler phantastischer Legenden auf dieser Welt gegeben hatten, waren deutlich zu erkennen. Baird lag völlig nackt in seiner Koje und versuchte vergebens, Schlaf zu finden; ein Buch mit rotem Einband ruhte aufgeschlagen auf seinem Bauch. Das Buch – eine Sammlung sonnenflammender Gedichte – hob und senkte sich im Rhythmus seines schweren Atems. Um die mühsame Unterhaltung mit diesem Flegel von Chavez und dem jungen Tölpel Sigurd wenigstens einigermaßen in Gang halten zu können, hatte er während des Abendessens große Mengen von Alkohol in sich hineingeschüttet, der ihm nun, wie so häufig, schwer im Magen lag. Er zündete sich eine von den schlanken Zigaretten, den Spenderinnen gelber Träume, an und sog die ersten drei Züge tief und kraftvoll in sich ein, wie man es ihn einst bei einem finsteren Gelage in einer verrufenen Spelunke von Port-Jaira gelehrt hatte. Jene nächtliche Initiation hatte ihm übrigens einige höchst unerfreuliche Tage in einem düsteren, einer Folterkammer nicht unähnlichem Krankenzimmer des Militärhospitals von Sainte-Audrey eingetragen. Klick-klick-klick: Fast augenblicklich leuchteten die literarischen Sonnen von Graves auf … die samtigen Sterne eines klumpigen Nirwana. Er rollte sich auf die linke Seite, und das Buch fiel herunter; klack … und Schritte kamen die metallene Treppe herab … bumbumbum … Herr Leutnant! Die Drogen des Fix-Baums ließen alles viel schneller ablaufen als das lokale Chay, was einen lustigen Effekt ergab: bumbumbum … HERR LEUTNANT! Jemand klopfte an die Tür des großen Saals, in den er von geheimnisvollen Kreaturen mit Kapuzen eingesperrt worden war: HERR LEUTNANT! Die Brücke der Nacht erklang unter eiligen Schritten, unter dem Tapptapptapp von Stiefeln: Herr Leutnant, Herr Leutnant, HERR LEUTNANT! Fix + Alkohol = eine üble Mischung! POCHPOCHPOCH! Baird war auf den Füßen. Verdammt. Riß sich mit Gewalt aus diesem wundervollen abgeschlossenen Universum. Ja doch, ja! Ich komme ja schon! Streifte sich hastig ein paar Uniformstücke über. Im Türrahmen erschien Maltravers! „Leutnant!“ rief er und vergaß in der Aufregung die korrekte Anrede. „In Posten 3 geht etwas höchst Ungewöhnliches vor!“ Der Fähnrich zur See Sigurd kam mit vom Schlaf geschwollenen Augen den Durchgang heruntergestürmt und schnallte sich im Laufen sein Koppel um. „Klarmachen zum Gefecht, Fähnrich!“ fluchte Baird mit belegter Stimme. „Alle Mann an Deck! Erklären Sie sich deutlicher, Maltravers …“ „Über den Gebäuden von Posten 3 ist der Himmel gerötet. Ein Brand, Herr Leutnant, es kann sich nur um einen Brand handeln.“ „Äußerst unwahrscheinlich“, entschied Baird. „Man hätte uns benachrichtigt …“ „Dennoch, Herr Leutnant …“ „Ich mache Ihnen keinerlei Vorwurf. Kehren Sie auf Ihren Posten zurück, Maltravers. Vanell!“ Ein Kanonier der 1. Klasse salutierte unbeholfen; sein Gesicht trug, Gott weiß warum, einen tieftraurigen Ausdruck. Vielleicht, weil man ihn dem Passagier als Bedienung zugeteilt hatte, eine undankbare Aufgabe, die allerlei Unannehmlichkeiten mit sich brachte … „Vanell … Sie sorgen dafür, daß Herr Chavez auf keinen Fall seine Kabine verläßt und uns zwischen den Füßen herumläuft. Sie sind mir persönlich dafür verantwortlich!“ „Nicht nötig, Leutnant“, piepste ein schwaches Stimmchen, „diesmal war ich schneller als Sie!“ Im fahlen Licht der Notbeleuchtung tauchte der kleine Mann mit dem Stoppelbart auf; er trug eine extravagante, smaragdgrün gefütterte Jacke. „Herr Chavez, Ihre Anwesenheit wäre mir in den nächsten Stunden überaus hinderlich. Ich bitte Sie daher, sich so schnell wie möglich in Ihre Kabine zurückzuziehen und bis auf weitere Anweisung dort zu bleiben. Ich bin für Ihre Sicherheit verantwortlich.“ Chavez warf dem Offizier einen höchst ironischen Blick zu, machte dann, ohne ein Wort zu sagen, kehrt, was seinen Gesprächspartner, der nicht mit einem so leichten Sieg gerechnet hatte, aufs äußerste verblüffte, und eilte raschen Schritts den Laufgang hinunter, der im spukhaften Licht der Notlämpchen bläulich schimmerte. Alle Männer, die nicht zum Manövrieren des Kanonenboots benötigt wurden, hatten auf der Brücke oder in Nähe der Geschütze Posten bezogen. Die Panik legte sich weich gegen den Landungssteg. Maltravers hatte sich nicht getäuscht: Aus dem, was von Wachposten 3 am linken Ufer des Ez übriggeblieben war, schlugen hohe Flammen wie aus lichterloh brennendem Stroh. „Alle Wetter!“ entfuhr es dem Obermaat Mazzini, „das ist ja ein veritables Freudenfeuer.“ „Fähnrich“, befahl Baird, „wählen Sie sieben Männer aus. Wir gehen an Land. Gefechtsaufstellung. Alle Backbordgeschütze auf das Objekt richten!“ Baird fuhr mit seinen feuchten, verschwitzten Handflächen über die Verschanzung. Dieses verdammte Fix-Kraut! „Fühlen Sie sich nicht wohl?“ fragte der Fähnrich zur See hinterhältig; Sigurds Fähigkeit, ihn zu durchschauen, erweckte oft Mordgelüste in seinem Vorgesetzten. Baird nahm sich mit äußerster Anstrengung zusammen: „Sie bleiben an Bord, Fähnrich!“ brüllte er. Dann fügte er mit aller Gelassenheit, deren er fähig war, hinzu: „Ich werde die Abteilung an Land führen.“ Er unterließ es, eine Bemerkung in der Art von „Seien Sie auf Ihrer Hut“ zu machen, weil er wußte, daß eine solche Ermahnung überflüssig war: Sigurd war der Eifer und die Gewissenhaftigkeit in Person. Posten 3 war nur noch ein schwärzlicher Trümmerhaufen, ein undurchdringliches Gewirr in sich zusammengesunkener, ineinandergeschobener Balken. Teufel auch! Ich lasse mir den Kopf abhacken, wenn wir hier noch einen Überlebenden finden … Doch Brian behielt seine Befürchtungen für sich. Foersen-Engelshaar, ein wortkarger, ungemein tüchtiger Unteroffizier – Sigurd war wirklich perfekt! – und sechs gutbewaffnete Männer sprangen mit entsicherten Waffen auf den Kai und blickten sich forschend um. „Ich vertraue Ihnen die Panik an“, erklärte Baird. „Seien Sie unbesorgt“, erwiderte der Fähnrich trocken. Die Bohlen des Kais knarrten unter den Stiefeln des kleinen Trupps. „Was für ein Durcheinander!“ murmelte der Leutnant. Der Himmel über ihnen war ein schlammiges, in Brand geratenes Loch, ein grausiger Krater, durch den knisternde, schwefelgelbe Funken wie Meteoriten zischten. War es ein Unfall (etwa eine durch unvorsichtiges Hantieren verursachte Explosion) oder ein Attentat? (Doch wer könnte dessen Urheber gewesen sein, da es ja keine höherentwickelten Lebensformen im Dschungel von Celaeno gab, nur schuppige Monster und unheilbringende Vögel, scheußliche Bestien von abstoßendem Äußeren, die man jedoch leicht in Schach halten konnte? Und was die furchtsamen und willenlosen Eingeborenen betraf, so genügte ein Schuß, um sie in den feuchtschwülen, finsteren Urwald zurückzutreiben!) Einen Moment lang ging Baird der Gedanke an Aufruhr durch den Kopf, doch er verwies diese Hypothese als allzu phantastisch sogleich wieder in das Reich der Phantasie. Gleich hinter den ersten Gebäuden (oder vielmehr ihren traurigen Überresten) stießen sie auf die verkohlten Reste von Leichen, die kaum noch kenntlich waren … eine niederträchtige, zähe, pechschwarze Paste … Baird hätte sich beinahe übergeben. „Herr Leutnant“, sagte Foersen, der kein Freund von vielen Worten war, „hier werden wir keine Überlebenden mehr finden. Es ist ekelerregend.“ Sie drangen vorsichtig weiter vor, halbgeröstet von der infernalischen Hitze, die von den turmhohen Feuerwänden ausstrahlte. Die Härchen auf ihren Händen waren schon längst mit einem unmerklichen Zischen verglüht und bildeten nun eine dunkle pudrige Schicht auf der geröteten Haut. Die schwere Protonenpistole zitterte in den schlanken Fingern des Leutnants, und die Übelkeit quoll in seinem Mund auf wie giftiger Hefeteig. Mit heraustretenden Augen stolperten seine Leute über formlose, zusammengeschmolzene Massen, von denen sie sorgfältig den Blick abgewandt hielten: Etwas Ungeheuerliches und zugleich ganz und gar Ungehöriges hatte sich hier abgespielt. Etwas, das nach aller Logik niemals hätte geschehen dürfen. Hoch am Himmel kreiste ein Schwarm laut krächzender Schai-Vögel. „Nein“, sagte Baird als verspätete Antwort auf Foersens Bemerkung, „nein, hier gibt es ganz bestimmt keine lebende Seele mehr …“ Um ihr Gewissen zu beruhigen, machten sie dennoch einen Rundgang durch den ganzen Posten. Mitten auf der Erdaufschüttung, die das Zentrum der kleinen Ansiedlung bildete, erhob sich eine Fahnenstange, an der – Ironie des Schicksals – schwerfällig die Flagge der Konföderation hing, die wunderbarerweise von den Flammen verschont geblieben war. Sigurd hätte bestimmt salutiert, dachte der Leutnant und mußte bei dieser Vorstellung kichern. Foersen, der ihm direkt ins Gesicht geblickt hatte, brach unerwartet in ein gewaltiges Gelächter aus. Die Füsiliere wandten erstaunt die Köpfe und fielen dann, ohne recht zu wissen warum, wahrscheinlich aus einer Art von nervösem Reflex heraus, in das Lachen des Unteroffiziers ein. Über ihren Köpfen ertönte der krankhafte Schrei eines Schai-Vogels. Sie fanden die junge Frau am Saum des Urwalds. Sie lag in einem Schlammloch und war halb im Dreck versunken. Als Baird in die morastige Pfütze sprang, schoß laut glucksend Wasser unter seinen Sohlen auf. „Sie ist tot …“ Foersens Worte waren eine Feststellung, keine Frage. Das Mädchen mußte einfach tot sein. Niemand konnte eine solche Entfesselung zerstörerischer Gewalten überleben. Es trat eine längere Pause ein, während der Leutnant die junge Frau untersuchte; als er sich schließlich erhob, war ein merkwürdiges Glitzern in seinen müden Augen: „Ich glaube fast, daß sie noch am Leben ist – noch.“ „Großer Gott!“ fluchte Foersen. Das war sein einziger Kommentar. Das wenige, was von den Kleidern der Geretteten übriggeblieben war, vermochte ihre interessante Anatomie nur höchst unzulänglich zu verhüllen. Diese Tatsache schockierte den Leutnant, ohne daß er hätte sagen können, wieso. Er fing ein paar lüsterne Blicke seiner Männer auf, die eine rasende Wut in ihm entfachten. Mühsam beherrschte er sich und hob dann vorsichtig das Mädchen hoch, in der löblichen Absicht, ihr bis zum Schiff den „Schutz seiner Arme“ angedeihen zu lassen. Dort würde sie völlig in seine Obhut gegeben, also in Sicherheit sein. Er schwankte unter seiner Last und wäre um ein Haar der Länge nach in den Schlamm gefallen, was seinem Ansehen bei seinen Leuten einen empfindlichen Stoß versetzt hätte. Herrgott, was für eine lächerliche Situation! Er zitterte an allen Gliedern, während ihm übelriechender Schweiß aus sämtlichen Poren brach. Wie lange würde es bei seinem Lebenswandel (Alkohol, Rauschgift) wohl noch dauern, bis ihn Celaeno de Peroyne mit seinem verseuchten Klima endgültig erledigt hätte? Celaeno, die so trefflich Benannte, die Harpyie!{4} Stur erneuerte er seinen Griff und umfaßte die Gerettete kraftvoller. Ihr Fleisch war glatt und fest unter seinen Fingern, und er fragte sich unwillkürlich, wann er eigentlich zum letztenmal mit einer Frau geschlafen hatte, die er nicht dafür bezahlen mußte. Doch die Gifte, die von den Destillierkolben seines Körpers erzeugt wurden, waren ungeheuer stark: Ein heftiger Krampf zog seine Eingeweide zusammen … und er konnte es nur mit knapper Not vermeiden, seine Hose zu beschmutzen. „Herr Leutnant“, sagte Foersen-Engelshaar, der noch nie in seinem Leben so viel auf einmal gesprochen hatte, „wir sollten vielleicht an den Rückzug denken …“ Sein rechter Zeigefinger wies auf den brandigen, mit roten Striemen überzogenen Himmel: Schai-Vögel, die der backofenheißen Luft gegenüber völlig unempfindlich waren, kreisten über ihren Köpfen und kamen der kleinen Patrouille manchmal gefährlich nahe. „Tragen Sie die Verwundete, Foersen“, kapitulierte der Leutnant schließlich und fügte einigermaßen theatralisch hinzu: „Sie bürgen mir mit Ihrem Kopf für sie …“ Er war sich bewußt, daß seine Worte ungeheuer melodramatisch geklungen hatten, und beeilte sich daher, die junge Frau den kräftigen Armen Foersens, der zu ihm in das Schlammloch gestiegen war, anzuvertrauen. Unter den spöttischen Blicken des Riesen wandte er die Augen ab. Im Mund des Unteroffiziers schimmerten zwei Reihen makellos weißer Zähne wie ein Raubtiergebiß. Das Universum gleicht einer Höhle voll wilder Bestien … mußte Baird sogleich denken. Und fragte sich im Herzen dieser in Brand stehenden Nacht: Wo, zum Teufel, habe ich diese Worte schon einmal gelesen? Die kleine Schar setzte sich wieder in Bewegung. Baird ließ Foersen nicht aus den Augen. Eifersucht wühlte bereits in ihm wie ein bösartiges Fieber. Mit einem Schrei, der ihnen die Haare zu Berge stehen ließ, fiel ein Schai-Vogel aus dem Himmel und stürzte sich, seinen riesigen Schnabel wie eine Messerklinge vorgereckt, direkt auf einen der Männer, der ihm fasziniert entgegenblickte. Im letzten Augenblick gingen die Gewehre los, erfaßten das Tier, das sein Ziel beinahe erreicht hatte, in einer Kugel orangefarbenen Lichts und zerrissen es in tausend Fetzen. „Los, beeilen wir uns. Für heute hat es genug Schaden gegeben!“ Brian schäumte vor Wut. Er umklammerte den Griff seiner Protonenpistole so fest, daß seine Knöchel zu schmerzen begannen. Als ihm plötzlich klarwurde, daß er fähig gewesen wäre, den großen Blonden zu töten, erschreckte ihn das nicht im geringsten. In seinem Kopf war ein gewaltiges purpurnes Brodeln, und als er etwas aufmerksamer zu seinem Untergebenen hinsah, bedurfte er all seiner Selbstbeherrschung, um nicht in unsinniges Fluchen auszubrechen: Foersen hatte das junge Mädchen fest an sich gedrückt, und seine linke Hand lastete schwer auf einer ihrer zu drei Vierteln entblößten Brüste. Baird überlief es immer wieder heiß und kalt, und sein ganzer Körper bedeckte sich mit Schweiß, während er den munter ausschreitenden Unteroffizier nicht aus seinen Augen ließ. Unter dem heuchlerischen Vorwand, die Unglückliche, die seiner Obhut anvertraut war, besser tragen zu können, hatte Engelshaar seine rechte Hand unter die Reste ihres völlig zerrissenen Rocks geschoben und stützte nun mit seiner breiten Handfläche ungeniert ihr Gesäß, das von der in Fetzen hängenden Unterwäsche nicht mehr gegen seine indiskreten Zudringlichkeiten geschützt wurde. Warte nur, mein Junge, bei der ersten Gelegenheit werde ich dich niederschießen, ohne mit der Wimper zu zucken … Baird erschauerte. Um Haaresbreite … hätte er einen Skandal verursacht und sich in den Augen seiner Männer kompromittiert. „Beeilung, Foersen!“ schrie er. „Wir riskieren Haut und Knochen in diesem Inferno!“ Sie durchquerten eine Zone, die von der Feuersbrunst erhellt wurde, und der Leutnant, der sich einfach nicht zurückhalten konnte, schielte instinktiv wieder zu dem Blonden hinüber. Eine Lache aus purpurrotem Licht wanderte zwischen den halbgeöffneten Schenkeln der bewußtlosen Frau hindurch. Baird richtete die Waffe unmerklich nach oben und zielte mit ihrem schimmernden Lauf für die Dauer eines Wimpernschlags auf Foersens Hinterkopf: Er hätte schwören können, daß Engelshaar seinen großen Daumen tief zwischen die Schamlippen des Mädchens geschoben hatte und daß … Gekreisch: Ein Schai-Vogel hatte einen der Füsiliere überrascht und ihm seinen scharfen Schnabel in die Kehle gebohrt. Die Augen des Mannes waren zwei weiße Pfützen im roten Licht. Die Waffen gingen knatternd los, doch der Soldat stürzte und zog im Fallen die blutrünstige Bestie, die immer noch in ihn verkrallt war, mit sich zu Boden. Zerzauste Federn regneten vom blutigen Himmel herab, in dem in einem fort unheimliche schwarze Rauchblumen erglühten. „Das ist stark!“ tobte Brian. „Ich kann es einfach nicht fassen! Sigurd … pardon … Fähnrich, was sagen Sie dazu? Dutzende von Menschen verkohlt, ein Posten in Asche gelegt, zwei Füsiliere verletzt, einer davon lebensgefährlich … und wie reagiert Port-Jaira? … BEWAHREN SIE ABSOLUTES STILLSCHWEIGEN ÜBER DAS VORGEFALLENE, UND KEHREN SIE SOFORT ZU IHREM HEIMATHAFEN ZURÜCK! Ein äußerst knapper Bescheid, finden Sie nicht auch?“ Der Fähnrich zur See verschanzte sich einmal mehr hinter der militärischen Hierarchie mit ihrem Prinzip des bedingungslosen Gehorsams. „Sie haben gewiß gute Gründe für ihre Handlungsweise …“ „Natürlich. Ausgezeichnete Gründe sogar. Die ich Ihnen übrigens auswendig hersagen könnte und die ich, mit Ihrer Erlaubnis, für unerheblich halte.“ In diesem Augenblick erschien Chavez auf der Schwelle des Salons; völlig unpassend dümmlich grinsend. „Ich habe Ihrer stummen Schönen eine Cøronax-Injektion verpaßt. Sie können von Glück sagen, Leutnant, daß Sie jemanden an Bord genommen haben, der zwar ein aufdringlicher Kerl sein mag, aber über solide medizinische Kenntnisse verfügt. Sie wird es überstehen“, sagte er dann, zu einem nicht vorhandenen Publikum gewandt, als ob er auf einem öffentlichen Platz eine Rede hielte; „sie hat zwar einen schweren Schock erlitten, aber dennoch: Sie wird es überstehen … Hoffentlich werden Sie mich nach unserer Ankunft in Port-Jaira nicht wegen unbefugter Ausübung des ärztlichen Handwerks vor Gericht zitieren – Ihr Füsilier hat nämlich eben seinen letzten Atemzug getan. Was den anderen Verletzten betrifft, so leidet er mehr unter seiner Angst als an Schmerzen …“ „Vielen Dank, Herr Chavez“, sagte Baird. Er war dem kleinen, schlechtrasierten Mann, der ein krankhaftes Faible für bizarre Spielereien an den Tag legte, aufrichtig dankbar. „Ich versichere Ihnen, daß Sie vor keinem Gerichtshof zu erscheinen brauchen … Was mich angeht, bin ich mir da übrigens nicht so sicher.“ „Jedenfalls geht es Ihrer Überlebenden von Posten 3 sichtlich besser. Sie ist eine wahre Löwin. Ich frage mich, was ein Geschöpf wie sie in einem derartigen Loch zu suchen hatte …“ Sigurd musterte den kleinen Mann streng von Kopf bis Fuß: „Mein Herr, Sie dürfen mir glauben, daß wir im Moment andere Sorgen haben. Die Zerstörung von Posten 3 könnte sehr wohl bedeuten, daß ein neuer kriegerischer Konflikt heraufdämmert.“ ,Daß ein neuer kriegerischer Konflikt heraufdämmert!’ Wo, um alles in der Welt, hatte dieses geschniegelte Bürschchen nur seine hochtrabenden Phrasen her? Mitten in der Nacht – die eben geschilderten Ereignisse hatten sich in einem atemberaubenden Tempo abgespielt! – hielt Baird es nicht mehr aus. Geräuschlos betrat er die Kabine neben der seinen, in der er – dies verstieß nicht gegen die Dienstvorschrift – die Überlebende von Posten 3 hatte unterbringen lassen. Die junge Frau, die vom Dreck und Ruß der Brandnacht und vom Schlamm, in dem man sie gefunden hatte, gesäubert worden war, lag mit geschlossenen Augen auf der Pritsche. Vollkommen reglos. Wie tot. Eine schöne Tote, weiß Gott! Trotz ihrer ein wenig zu hohen und etwas zu breiten Wangenknochen, trotz der kurzen Nase und der allzu vollen Lippen. Und was Baird von ihrem den obszönen Liebkosungen Foersens ausgelieferten Körper gesehen hatte, war ausreichend gewesen, um ihn in einen krankhaften Taumel zu versetzen. Insgeheim suchte der Leutnant die Schuld am Tod des dem Schai-Vogel zum Opfer gefallenen Soldaten nicht bei sich selber, sondern bei diesem weiblichen Halb-Zombie, der eine solch verheerende Wirkung auf andere ausübte … Seine Männer hatten beim Anblick dieses fast gänzlich unbekleideten, in einem Schlammloch aufgefundenen Mädchens den Kopf verloren und die elementarsten Regeln der Vorsicht außer acht gelassen, wodurch sie ihre Sicherheit ernstlich gefährdeten. Und was ihn selber betraf … Die bloße Erinnerung an das Verhalten dieses verkommenen Foersen, an das Spiel seiner Hände in den intimsten Regionen der Geretteten, trieb ihm fiebrigen Schweiß aus sämtlichen Poren … Er verfiel einer animalischen, unbezähmbaren Eifersucht, die sich nur durch einen brutalen, auf der Stelle begangenen Mord hätte bannen lassen. Baird, festbesoldeter Leutnant und Kommandant des Kanonenboots Panik, war eine Märchenfigur geworden – eine makabre natürlich, wie es sich für Celaeno de Peroyne gehörte: ein falscher Prinz im Drogenrausch. Zusammenfassung der romanhaften Handlung (Bühnenbild: ein Fluß mit giftigen Wassern, der endlos zwischen abweisenden Ufern dahinströmt und eine schuppige Fauna mit sich führt): Der bekiffte falsche Prinz findet ein Nymphchen, das durch eine rätselhafte Katastrophe seine Kleider eingebüßt hat. Die Schöne wird ihm von einem großen blonden Vieh mit primitiven Sexualinstinkten streitig gemacht … Wird er sein Ziel erreichen, trotz der Hinterhalte, die im Dschungel von Celaeno lauern, Celaeno, dem dritten Element des Kugellagers, welches das Sonnensystem von Peroyne in der Peripherie bildet? Was redest du denn da für ungereimtes Zeug, Brian W. Baird … Wahrhaftig, was für ein ungereimtes Zeug: Er hätte den Alkohol nicht wie Wasser runterstürzen sollen! Hör mal, du bist vergeßlich, gerade eben hast du die Decke und das Laken hochgehoben, unter denen die schöne Schläferin ruht, die, du weißt es genau, nichts am Leibe trägt, nicht mal einen kleinen Nylonslip. Der gehört nicht zu den Gegenständen, die ein Kanonenboot auf Celaeno im System von Peroyne üblicherweise mit sich führt. Dein Herz hämmert, und deine Haut ist so dick wie die eines Elefanten … Du meine Güte! Angenommen, sie wacht auf und fängt aus Leibeskräften zu schreien an … Du würdest vor dem Militärtribunal landen. Doch sie wird nicht aufwachen, sie kann nicht aufwachen: Ihre Brust hebt und senkt sich regelmäßig. Du berührst die Spitzen ihrer Brüste, und dein Bauch wird hart wie ein Brett. Großer Gott! Was ist nur an dem Mädchen dran, daß es Zwietracht zwischen der ganzen Mannschaft sät? Doch es liegt gar nicht an ihr, es ist die Schuld dieses verdammten Planeten, der nach Tod stinkt, Unruhe ausschwitzt, Wellen von Haß und Mordlust ausströmt. Jetzt fängst du an zu faseln, B. W. B.! Sag mir lieber, was deine Hand auf der schwarzen Erhebung ihres Schamhügels zu suchen hat … He, B. W. B., es ist schlecht um dich bestellt. Ich sage euch, daß dieser verdammte Planet schuld daran ist. Dieser verfluchte, höllische Planet: Man verabscheut ihn, aber man kommt nicht mehr von ihm los. Es ist wie mit dem Chay, dem, dem … kurz, wie mit all dem Scheißdreck, den man raucht, schnupft oder sich hinter die Binde gießt, um dieses Leben zu vergessen, das nicht mal mehr einen armseligen Furz wert ist! Na, hör mal! Deine Finger sind ja überall zugleich. Sie verweilen an den schönsten Orten, verlieren sich in dem zarten Gestrüpp zwischen den Schenkeln. Jetzt hätte Foersen allen Grund, vor Eifersucht zu platzen! Es war ein abscheulicher Traum. Er versank in ihm wie ein Stein, der aus großer Höhe in einen riesigen Quecksilberteich fällt. Er wanderte über eine Heide, auf der Gras wuchs, das so scharf war wie Glas. Am Horizont erhoben sich die Kandelaber eines versteinerten Waldes. Die Umgebung sah aus wie eine jener grausigen Ruinenlandschaften nach einem Atomkrieg. Doch die Menschen hatten längst neue Methoden der Zerstörung entdeckt und erprobt. Hinter Brian marschierten mehrere sonderbar ausstaffierte Soldaten. Dunkle Gewänder verhüllten ihre Körperformen, und ihre Gesichter verschwanden hinter Masken aus Leder und Metall. Statt der klassischen Waffen waren sie mit Äxten, Dolchen, Lassos und Bögen ausgerüstet. Eine ruhige, beängstigend wirkende Kraft ging von ihnen aus. Keiner sprach, und das Schweigen, das sich schwer auf die grasbestandene Ebene legte, war wie das Echo ihres rauhen Atems. Baird wußte nicht, warum er dieses feindliche Ödland durchquerte. Es schien ihm, als ob die Schatten wiederauferstehen und bedrohliche Formen annehmen wollten … Doch nein. Plötzlich glitten vage, geisterhafte Gestalten durch das Gras. Er spürte, wie sein Herzschlag aussetzte, während sich eine grenzenlose Bangigkeit seiner bemächtigte. Als ob sie von einem unwiderstehlichen Impuls getrieben würden, stürzten die maskierten Kreaturen alle im gleichen Augenblick los. Sie schwangen Äxte, Dolche und Lassos; diejenigen, die mit Bögen bewaffnet waren, versuchten, sie im Laufen zu spannen. Nun überstürzten sich die Traumseqenzen, rissen Baird in einen chaotischen Wirbel grausamer, nur undeutlich wahrgenommener Bilder, von dem ihm schier schwindlig wurde. Als das Kaleidoskop mit seinen Rhomben aus buntfarbigem Glas endlich stehenblieb, war Baird am Rand des Dschungels angelangt. Irgendwo, weit entfernt, heulte die Sirene des Kanonenboots. Die Männer mit den Gesichtern aus Leder und Metall lagen zu Füßen der großen Bäume im Gras. Sie waren alle tot, und das Blut strömte aus den Falten ihrer Mäntel und den Löchern in ihren Masken. Nun merkte Baird, daß er bei diesem seltsamen Abenteuer seine gesamte Kleidung eingebüßt hatte. Er war nackt und unbewaffnet in dieser feindlichen Heide. Um ihn herum war ein Rauschen von Stimmen, die ihn anflehten und zugleich bedrohten. „Komm“, sagten sie, „hör auf deinen Instinkt!“ Mein Gott, dachte er, wo habe ich euch nur schon einmal vernommen? Plötzlich erschien die Unbekannte von Posten 3 auf der Szene. Sie war ebenfalls nackt, doch ihr Körper war von blutigen Striemen bedeckt, und sie hatte die Hände zum Himmel erhoben. Baird sah zwei schimmernde Dolche in ihnen, die sie wie Opfermesser gezückt hatte … Ihre Hände waren rot. Baird stand wieder auf dem Turm. Er ließ Foersen nicht aus den Augen. Die Panik zog ihre Spur durch die dickflüssigen Wellen, in denen sich wie gewöhnlich fettleibige Ungeheuer tummelten. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten und hatte einen schweren Kopf von den Nachwirkungen allzu häufiger Zechgelage. Er fühlte sich beschmutzt, unsäglich beschmutzt und erniedrigt. Der Unteroffizier hatte Baird seinen breiten Rücken zugekehrt und wippte auf seinen muskulösen, weit gespreizten Beinen. Von Zeit zu Zeit erteilte er drei Männern, die damit beschäftigt waren, ihre Musketen zu reinigen, mit seiner volltönenden Stimme gänzlich überflüssige Befehle. Er weiß, daß ich ihn beobachte, dachte Baird, mein Blick muß ihm im Nacken brennen! Baird erschauerte und schüttelte sich wie ein Hund, der gerade aus dem Wasser kommt. Er wandte seine Aufmerksamkeit von Foersen ab und musterte sorgfältig die Ufer des Ez. Ein pflanzenhaftes Schweigen lastete auf allen Dingen; selbst die Schai-Vögel kreisten hoch am gelblichen Himmel, ohne einen einzigen Schrei auszustoßen. Das Wasser teilte sich lautlos vor dem Vordersteven des Schiffs, und in all dieser erstickenden Schwüle war nichts zu vernehmen außer den knappen Kommandos von Engelshaar, die in unregelmäßigen Intervallen wie Peitschengeknall ertönten. Auf diesem Schiff bin ich immer noch der Kapitän, hörst du, mein Junge, der alleinige Herr und Meister, und das gibt mir einen verteufelten Vorteil über dich. Und du kannst mir glauben, mein Bürschchen, daß ich den auch auszunutzen gedenke … „Señor Baird! Würden Sie wohl eine Minute nach unten kommen? Die pequeña ist endlich aus ihrer Ohnmacht erwacht!“ Foersen drehte sich so ruckhaft um, als ob er von einer Wespe gestochen worden sei, und sein finsterer Blick bohrte sich in den des Offiziers. Sein Mund öffnete sich, wie um etwas zu sagen, doch mit einem überraschenden Gespür für sprechende Gesten begnügte er sich damit, in die öligen Fluten des Langen Flusses zu spucken. (Was ganz entschieden gegen die Dienstvorschrift verstieß!) Baird stieg majestätisch die Treppe aus unschmelzbarem Forsidium hinab, trat gelassen zu Señor Chavez (der immer dann spanische Brocken unter seine Äußerungen mischte, wenn er wieder getrunken hatte) und erklärte mit aller Kaltschnäuzigkeit, deren er fähig war: „Gehen wir, Herr Chavez.“ Die junge Frau hatte trotz der Hitze die Bettdecke keusch bis ans Kinn hochgezogen und sah den beiden Männern mit Augen entgegen, die noch stumpf waren vom Schlaf. Doch nach und nach kehrte ihre Erinnerung zurück, und sie begann plötzlich, auf einem einzigen Ton durchdringend und endlos zu schreien. Chavez tätschelte ihr mechanisch die Schulter und redete begütigend auf sie ein: „Na, na, beruhigen Sie sich, meine Kleine, so beruhigen Sie sich doch …“ „Lassen Sie sie in Frieden“, schnauzte Baird übellaunig, „sie kann Sie gar nicht hören. Sie ist gerade wieder in ihren Alptraum eingetaucht. Einen nur zu realen Alptraum, leider. Geben Sie ihr eine Beruhigungsspritze.“ „Sie sehen doch, Leutnant, daß ich schon ein Quantum intus habe. Meine Hände zittern, ich werde ihr lieber ein paar Tabletten verabreichen.“ „Tun Sie, was Sie für richtig halten, aber tun Sie es sofort.“ Baird mußte insgeheim die Geschicklichkeit des kleinen, schlechtrasierten Mannes bewundern, der es fertigbrachte, dem Mädchen trotz des nervösen Zitterns seiner Hände ohne jede Brutalität ein halbes Glas von einem herzstärkenden Wein einzuflößen, in dem er zuvor ein paar große blaue Tabletten aufgelöst hatte. „Neurosal 4“, sagte er. „Wirksam, aber unschädlich.“ Die Augen der jungen Frau waren zwei unergründliche Seen, über die ab und zu flüchtige Schatten glitten. (Bei der bloßen Erinnerung an die bläulichen Spitzen ihrer Brüste, an ihre geraden, glatten Schenkel und an die üppige Vegetation zwischen ihren Beinen, wo sich der zarte, rosige Mund öffnete, bedeckten sich Bairds Handflächen mit fiebrigem Schweiß.) Doch nach und nach entspannte sich ihr Gesicht, und schließlich sank sie nach hinten. Das Laken und die Decke verrutschten und gaben den Blick auf ihre bronzefarbenen, apfelförmigen Brüste frei. Überzeugt davon, daß ihm die Schamröte ins Gesicht gestiegen war, wandte Baird die Augen ab. Der kleine Mann grinste. „Sie können sie jetzt befragen“, versicherte er dann. Ich bin ein Dummkopf, ich benehme mich wie ein blutiger Anfänger. Ich werde mich noch verraten. – Doch Chavez schien an seinen Gefühlsverwirrungen nicht interessiert zu sein; mit größter Unverfrorenheit glotzte er auf den Busen des Mädchens: „Ein hübsches Stück!“ Brian trat an das Bett und deckte die junge Frau zu, die sich immer noch in einem durch die Medikamente hervorgerufenen apathischen Dämmerzustand befand. „Wie heißen Sie?“ „Moyra Farsán …“ „Wie alt sind Sie?“ „Vierundzwanzig …“ „Wieso hielten Sie sich im Posten 3 auf?“ „…“ „Hören Sie, Leutnant, ich habe das Gefühl, daß Sie sich in Allgemeinheiten verlieren. Warum fragen Sie sie nicht einfach, was sich in Posten 3 zugetragen hat!“ Baird ballte die Fäuste. „Ich verstehe etwas von meiner Arbeit, Chavez, und ich führe die Befragung so durch, wie ich es für richtig halte. Wenn ich Ihren Rat brauche, werde ich es Sie wissen lassen.“ Er wandte sich der jungen Frau zu, zögerte einen Moment und sagte dann: „Was ist im Posten 3 geschehen?“ Moyra Farsán fing wieder an zu schreien; ihre Wimpern flatterten hysterisch, und Baird hatte den Eindruck, daß ihre Augäpfel im nächsten Moment aus den Höhlen rollen würden. „Da sehen Sie, was Ihr kluger Einfall …“ „Na schön“, lenkte Chavez ein, „machen Sie also mit Ihrer sanften Methode weiter …“ „Mademoiselle Farsán“, fragte der Leutnant, als sich die junge Frau ein wenig beruhigt hatte, „was genau war Ihre Aufgabe in Posten 3?“ „…“ Die Augen der Geretteten schlossen sich. Einige Sekunden später schlief sie fest. „Neurosal 4, stimmt’s? Wie mir scheint, war Ihre Dosis etwas zu stark bemessen, Herr Chavez. Wir sprechen uns noch.“ Gegen Ende des Nachmittags trat ein Ereignis ein, das die Mannschaft dauerhaft verunsichern sollte und Leutnant Baird Grund zu der Annahme gab, daß sich etwas im Räderwerk von Celaeno de Peroyne endgültig festgefressen hatte. Eins der schuppigen Ungeheuer näherte sich der Panik mit hohem Tempo, wobei es zwei schäumende, parallele Wasserstrahlen ausblies und sein gewaltiges Maul, das mit elfenbeinernen Zähnen wie mit türkischen Krummdolchen gespickt war, gähnend weit aufriß. Vom Turm aus beobachtete der Fähnrich zur See die Kreatur durch sein Fernglas. Baird, der vor kurzem durch einen reinen Zufall verdächtige Bewegungen am Saum des Urwalds bemerkt zu haben glaubte, war viel zu sehr damit beschäftigt, argwöhnisch über das linke Flußufer zu spähen, als daß er den Manövern des Pseudosauriers (dieser Ausdruck stammte übrigens von Chavez) irgendwelche Aufmerksamkeit hätte widmen können. Anstatt kurz vor dem Schiff abrupt in seinem Angriff innezuhalten, wie dies bislang noch stets geschehen war, schoß das Monstrum, das zwei lange, bedrohlich aussehende Hörner wie Rammsporne vorgereckt hatte, weiterhin geradewegs auf das Kanonenboot zu. Sigurd stieß einen Warnruf aus und gestikulierte heftig mit den Armen. „Ich wandte augenblicklich meine Aufmerksamkeit vom linken Ufer ab“, erläuterte Baird später, als der Alarm vorüber war, „und drehte mich um: Das schuppige Ungetüm hatte uns fast erreicht, und ich konnte deutlich das Glitzern seiner kleinen rötlichen Augen und den beinernen Schimmer seiner säbelartigen Zähne wahrnehmen, die das riesige Maul wie eine Egge versperrten. Ich brüllte den Männern in meiner Nähe zu, an die Geschütze zu eilen und die Bestie zu vernichten. Doch sie standen wie unter einem Bann, und kostbare Sekundenbruchteile gingen verloren, bis sie ihre Geistesgegenwart wiedererlangt hatten. In dem Moment prallte das Ungeheuer schon gegen den Rumpf der Panik, die unter dieser brutalen Attacke in sämtlichen Nähten erzitterte. Das Tier befand sich nun im Schutz des toten Winkels, und mir wurde klar, daß wir uns nur noch mit den an Bord befindlichen Handfeuerwaffen verteidigen konnten, da die Kanonen zu nichts mehr nutze waren. Doch keiner der Männer hatte eine Waffe bei sich! Das wäre gegen das Reglement gewesen. Auf einmal ertönte ein gewaltiges Gemuhe und Gebrüll, und als ich mich umwandte, gewahrte ich eine weitere Scheußlichkeit: Mehrere der schuppigen Bestien waren dem Beispiel ihres Artgenossen gefolgt und schossen nun ebenfalls auf das Kanonenboot zu! Unser erster Angreifer hatte sich unterdessen am Rumpf festgeklammert und unternahm die ungeheuerlichsten Anstrengungen, um sich über Bord zu hieven; das ganze Schiff erbebte unter seinen wütenden Schlägen. Ich stürzte zur Sprechanlage und befahl volle Geschwindigkeit voraus. Das Schiff machte einen großen Satz, doch das Monster ließ sich nicht abschütteln; die Saugnäpfe seiner Vorderpfoten klebten buchstäblich am Metall. Einer der Seeleute versuchte vergeblich, den Angreifer mit einer schweren Eisenstange zu vertreiben … Er hätte genausogut einen Zahnstocher nehmen können! Ich hastete durch die Gänge des Schiffs, stieß rücksichtslos verdutzte Männer beiseite, die mir im Wege standen, und hätte in der Eile beinahe meine Kabinentür aus den Angeln gerissen. Einige Augenblicke später hatte ich mich des Schlüssels zur Waffenkammer bemächtigt und teilte nach rechts und links widersprüchliche Befehle an ein paar verdatterte Matrosen aus, die mir auf meine Aufforderung hin gefolgt waren. Sehen Sie es mir bitte nach, Herr Chavez, daß ich Sie mit Schimpfworten traktierte, als Sie mir plötzlich in die Quere kamen! …“ (Der kleine Mann zuckte die Achseln und produzierte ein Lächeln, das wohl besagen sollte, er habe sich mittlerweile an eine solch rüde Behandlung von Seiten des Kapitäns gewöhnt …) „Als wir mit Gewehren und Pistolen bewaffnet auf die Brücke zurückstürmten, erwartete uns dort ein Alptraum: Dem Ungeheuer war es gelungen, sich über die Reling zu wälzen; nun stand es da auf seinen kurzen Tatzen und wurde am ganzen Leibe von einer unbezähmbaren, rasenden Mordlust geschüttelt. Die Männer hielten einen respektvollen Abstand zu ihm ein, und ich wäre der letzte gewesen, sie deswegen zu tadeln, denn beim Anblick dieser breiten schwimmflossenartigen Pfoten, die in Finger mit scharfen Krallen mündeten und mit Saugnäpfen bewehrt waren, wurde mir bewußt, daß wir hier einem jener zum Morden geborenen und von der Natur perfekt dafür ausgerüsteten Schlächter gegenüberstanden, wie sie die Evolution seit ihren ersten Anfängen immer wieder einmal hervorgebracht hat. Nur seine mangelnde Beweglichkeit unterschied ihn vom tyrannosaurus rex, dem ‚Tyrannen der wüsten Urzeiten’ … Seine zerstörerische Wut mußte ansteckend sein, denn auch wir fühlten uns alsbald von einem heiligen Zorn ergriffen, und als wir nun mit ihm abrechneten, nahmen wir mit einer fast animalischen Raserei den Finger überhaupt nicht mehr vom Abzug unserer Waffen. Diejenigen der Männer, die sich nicht an dem Gemetzel beteiligten, ließen die Geschütze auf dem Achterdeck sprechen. Die Wasser des Ez kochten unter dem Feuer der hinteren Bordkanonen, und die Pseudosaurier, die in unserem Kielwasser schwammen, wurden auf der Stelle zerfetzt. Allmählich kamen wir wieder zur Besinnung und blickten uns nach Atem ringend um: Die Brücke war von dicken öligen Spuren besudelt, die noch zu zischen und zu brodeln schienen – das war alles, was von unserem abscheulichen Angreifer übriggeblieben war.“ Der Leutnant stürzte einen großen Schluck mit Vitaminen angereicherten Weins hinunter, bevor er fortfuhr: „Waren wir wirklich in Gefahr gewesen, oder hatte unsere kurze Panik ihre Wurzeln in archaischen, anthropozentrischen Instinkten, von denen sich der Mensch trotz vieler Jahrhunderte des technischen Fortschritts und einer langwährenden Gewöhnung an die Fauna fremder Welten noch immer nicht völlig befreien konnte?“ Und während er mit leicht vom Alkohol erhitztem Geist zu reden fortfuhr, fragte sich Baird, wieso er eigentlich mit solcher Hartnäckigkeit ein Detail verschwieg, über dessen Bedeutung er sich keineswegs im unklaren war: nämlich die Anwesenheit eines Pärchens sonderbar kostümierter Humanoiden am linken Ufer des Ez, die in vollkommener Reglosigkeit zwischen zwei Girlanden aus roten Blüten verharrten und mit dem allergrößten Interesse die Geschehnisse auf der Brücke des Kanonenboots zu verfolgen schienen. Chavez, der immer noch den Schiffsarzt spielte, teilte Baird mit, daß ihn die junge Frau zu sprechen wünsche. Um vor dem kleinen Mann das Zittern seiner Hände zu verbergen, preßte der Offizier seine Handflächen gegeneinander und begann sie ostentativ zu reiben. „Hat sie sich endlich entschlossen?“ „Wozu entschlossen?“ fragte der andere und warf seinem Gesprächspartner einen vieldeutigen Blick zu. Brian konnte eine Anwandlung von Zorn nicht unterdrücken. „Ich muß Sie doch sehr bitten, Herr Chavez, ich habe keine Zeit für Scherze. Ich hoffe also, daß Fräulein Farsán sich endlich entschlossen hat, uns zu berichten, was in Posten 3 geschehen ist. Ich glaube, wir haben ihr genügend Zeit gelassen, um sich von dem Schock zu erholen!“ „Das werden Sie selbst beurteilen müssen, Leutnant. Schließlich bin ich nur Amateurmediziner, und die Psychotherapie gehört nicht gerade zu meinen Spezialgebieten.“ Baird zuckte die Achseln. Die scheinbare Gleichgültigkeit, die er nun zur Schau trug, konnte seine innere Erregung nur unzulänglich verbergen. Seine krankhafte Gier nach dem Mädchen hatte noch zugenommen, und je mehr Zeit verging, desto stärker wurde er von dem Verlangen verzehrt, sich auf Moyra Farsán zu werfen. ,Sie weckt das Tier in mir …’ Das war nicht nur eine Redensart: Er hatte tatsächlich das Gefühl, daß ein besonders bösartiges Tier in seinen Eingeweiden tobte und heulte und die sofortige Befriedigung der widernatürlichsten Triebe von ihm forderte. ‚Aber nein! Was für ein Unsinn! Ich bin nur frustriert, das ist alles … Man hat schon häufiger erlebt, daß Männer – und was das betrifft, auch Frauen – vorübergehend den Verstand verloren haben, weil ihre sexuellen Bedürfnisse nicht ausreichend gestillt wurden. Ich muß in einer ähnlichen Situation sein. Seit wann habe ich eigentlich nicht mehr mit einer Frau geschlafen? Mit einer richtigen Frau, meine ich. Die Wochenenden auf Kardalla oder die trostlosen und gefährlichen Bumstouren in die Bordelle von Port-Jaira zählen nicht …’ Sie empfing ihn im Bett und hatte nur ein dünnes Laken über sich gebreitet. Das wenige, was er von ihren ockerfarbenen Schultern sehen konnte, ließ ihn vermuten, daß sie darunter vollständig nackt war. Auf der Stelle bedeckte sich seine Haut mit klebrigem Schweiß. Baird hatte ein schlechtes Gewissen, denn er wurde von der Erinnerung an das, gelinde gesagt, wenig taktvolle Benehmen gequält, das er Moyra Farsán gegenüber an den Tag gelegt hatte, als diese den unstatthaften Berührungen und aufdringlichen Erkundungen seiner Finger wehrlos preisgegeben war … War sie wirklich bewußtlos gewesen, oder hatte sie vielleicht doch etwas bemerkt, als er sie gestreichelt, als er seine Triebe an ihr abreagiert hatte – diese fiebrigen Gelüste, von denen man manchmal beim langsamen Erwachen aus besonders süß-verschlei-erten Träumen gepeinigt wird? Das Lächeln, das sie ihm gewährte, vermochte seine Ängste nur halbwegs zu besänftigen. „Sie werden schrecklich enttäuscht sein, Leutnant, aber ich erinnere mich an nichts mehr.“ „An überhaupt nichts, Fräulein Farsán? Aber das ist doch nicht möglich! Sie sind sich hoffentlich darüber im klaren, daß Ihrer Zeugenaussage entscheidende Bedeutung zukommt. Ich flehe Sie an, denken Sie nach, schließlich sind Sie – betrüblicherweise! – die einzige Überlebende von Posten 3 …“ Er fühlte sich jetzt etwas wohler. Das Gespräch nahm eine professionelle Wendung, und er konnte sich hinter seinen Pflichten als Offizier verschanzen, die von ihm verlangten, Licht in diese überaus mysteriöse Angelegenheit zu bringen. „Ich kann mir noch soviel Mühe geben“, sagte sie mit einschmeichelnder Stimme, „doch ich finde nichts als ein Chaos wirrer, blitzschnell vorbeihuschender Bilder in meinem Gedächtnis. Versetzen Sie sich in meine Lage, Leutnant, versetzen Sie sich in meine Lage!“ „Ich versuche es ja, Fräulein Farsán, aber offen gestanden bringt mich das in keiner Weise weiter. Auf die Gefahr hin, Ihnen absolut gefühllos zu erscheinen, muß ich Ihnen sagen, daß ich keine Minute mehr zu verlieren habe und alles daransetzen werde, um die Wahrheit herauszubekommen. Es gibt zumindest eine Frage, die Sie mir ohne Umschweife beantworten könnten: Was genau war der Grund für Ihre Anwesenheit in Posten 3? Alle Auskünfte, die ich erhalten habe, sind in diesem Punkt eindeutig: Es gab in Posten 3 niemanden, der auf den Namen Moyra Farsán hörte! Ich will Sie nicht zum Äußersten treiben und begreife auch, daß Ihr seelischer Zustand einer gewissen Schonung bedarf, doch andererseits gilt meine Fürsorge in erster Linie denen, die mir persönlich anvertraut worden sind …“ Er verlor den Boden unter den Füßen, und er wußte es. Dennoch kam Moyra Farsáns plötzlicher Weinkrampf, der ihn mitten im Wort innehalten ließ, überraschend für ihn. Das Mädchen hatte sein Gesicht im Kopfkissen vergraben und wurde am ganzen Körper von einem heftigen Schluchzen geschüttelt. Das Laken war gut dreißig Zentimeter nach unten gerutscht, wodurch ein beträchtliches Stück ihres prachtvoll gebräunten Rückens sichtbar wurde. Baird vergeudete seine kostbare Zeit nicht damit, sich zu fragen, ob der Tränenstrom und die so unvermittelt entblößte Haut etwa ein geschicktes Manöver darstellten. Er war auf einmal zwei Dezennien jünger und vernahm in seinem Kopf die tränenerstickte Stimme einer Frau, die ihm eine seltsame und peinigende Frage stellte: Körper mein Haus / mein Pferd mein Hund / was wird aus mir/wenn ihr nicht mehr seid? … (Er war zwei Jahrzehnte jünger, und er wollte nicht im Dschungel des Krieges sterben, im Dschungel des Hasses, im Dschungel des Feuers und des Bluts, welches das gesamte Universum in seiner glühenden, klebrigen Umarmung zu ersticken drohte …) Er trat lebhaft auf die schluchzende Frau zu und strich ihr mit all der Zärtlichkeit und dem Mitgefühl über die Haare, dessen er noch fähig war. „Fräulein Farsán, Fräulein Farsán …“ Er behielt dennoch einen Rest von Klarsicht und logischem Denkvermögen zurück, die ihn erkennen ließen, daß er hier ziemlich überflüssig war und sich vollkommen lächerlich machte. Dann fiel die Hand der jungen Frau wie die Klaue eines Raubtiers auf sein Handgelenk; sie warf sich herum, schleuderte das Bettuch beiseite und blickte ihm geradewegs in die Augen. Die brutale Enthüllung ihrer goldenen Nacktheit wirkte auf Brian wie ein Säbelhieb in die Magengrube. Was er in den Augen des herrlichen Geschöpfes, das sich so schamlos seinen Blicken darbot, las, hatte nicht mehr das geringste mit Angst zu tun; es handelte sich vielmehr unmißverständlich um eine ganz und gar tierische Begierde. Ganz und gar tierisch, ja, das war das richtige Wort – und so gab er ihr, ohne noch länger zu zaudern, das, was sie von ihm wollte und wonach ihn sowieso mit allen Fasern seines Wesens gelüstete: Er grub seine Finger in ihre Haut, die brennend heiß und feucht und unendlich erwartungsvoll war, und Moyra machte sich mit ihren Händen an ihm zu schaffen, und ihre Hände waren von einer unerhörten Geschicklichkeit. Sie widmete sich ihm mit ebensolcher Inbrunst wie er sich ihr. Da ließ sich Brian auf Moyra fallen und versank in der Lava ihres Bauchs. Am gleichen Abend, als er von der Brücke zurückkam, vernahm Baird ein verdächtiges Geräusch aus dem Krankenrevier. Aus Sorge um das Befinden des von dem Schai-Vogel verletzten Füsiliers, der allerdings laut Chavez unverzüglich wieder seine Arbeit aufnehmen konnte, stieß der Leutnant die Metalltür auf, in die ein kleines rotes Kreuz eingestanzt war. Die Liege des Verwundeten befand sich außer Sichtweite hinter einem Vorhang, und Baird wollte den Mann eben anrufen, als ihn ein ziemlich eindeutiger Laut abrupt seine Absicht ändern ließ. Verstohlen zog er den Vorhang beiseite, und eine plötzliche Welle von Übelkeit stieg in ihm auf: Moyra Farsán hockte auf dem Mann, dessen Hosen bis zu den Knien heruntergelassen waren, und trieb es mit selbstvergessener Leidenschaft mit ihm. Ihr Gesäß bewegte sich in einem frenetischen Rhythmus, und Baird dachte: Sie pumpt den Mann regelrecht leer, wie eine verdammte Vampirin, die sie ja auch ist. Er ließ den Plastikvorhang wieder fallen und entfernte sich geräuschlos. In seiner Kabine verpaßte er sich eine Spritze, die ihn geradewegs zu den Sternen sandte. … SAG, WAS HATTEST DU NOCH EINMAL ÜBER DIE STERNE GESAGT, ALTER DICHTER DER ZEIT; DASS SIE NOCH EIN IN WATTE GEHÜLLTER TRAUM SEIEN; DU SAGTEST EINST, DICHTER, DER DU VOR LANGER ZEIT GESTORBEN BIST! DIE STERNE SIND WIRKLICH DER STYX … DER STYX, EIN SCHWARZER SCHLAMMIGER STROM, DER TIEF UNTER DER ERDE DURCH DIE TÄLER DER HÖLLE FLIESST. ACH! ZUM TEUFEL MIT GOTT;. ALTER THEODOR VON DEN STERNEN, JA, DIE STERNE SIND WIRKLICH DER STYX, DOCH DER GROSSE FLUSS, DER WUNDERBARE EZ, IST ER NICHT AUCH EIN WENIG DER STYX? UND HOPP! DIE STERNE STRUDELN UM MICH HERUM, HÖRT, VERDAMMT, VERDAMMT, VERDAMMT, DIE FORKE DER SONNE ZERSTICHT UND ZERREISST DIE SCHLEIER DES ALTEN SCHIFFSKOSMOS (EISERNE TAUBEN STÜRZEN WIE ABGEBROCHENE WASSERSPEIER AUS DEM HIMMEL), UND IHR HINTERN, IHR HINTERN IM DÄMMERLICHT DER KRANKENSTUBE … DAS IST DER EZ, DER STYX … Als er erwachte, saß sie völlig nackt mit weit gespreizten Beinen auf dem Kabinenboden, gegen den sie ihre mit Sperma beschmierte Scham preßte, und starrte ihm ungeniert ins Gesicht. „… und du … du … du bist eine Hexe, eine Hexe und eine Hure!“ Wieder trieb er unter den Sternen. Sie leuchteten in einem blutigen Rot oder in giftigem Grün. Im Halbschlaf zerschmolz er unter den Berührungen der Sternenhexe, die ihn versengten. Ihre geschmeidigen Finger kneteten und bearbeiteten ihn, als wäre er ein Tonklumpen, den man nach Belieben formen könnte. Die Hände von Moyra Farsán hatten absolute Macht über ihn, seinen Körper, seine Seele. Bisweilen hatte er den Eindruck, sich zu ungeheurer Größe aufzublähen und mit Blut anzuschwellen, bis er kurz vor dem Platzen stand; dann wieder schienen ihn ihre geschickten Finger unendlich in die Länge zu ziehen, bis er sich fast über das gesamte Universum ausspannte. Es war ein ganz und gar außergewöhnliches Gefühl, für das es keine Worte gab, und doch hätte er seine Empfindungen in diesem Augenblick nur zu gerne ausführlich und in allen Einzelheiten beschrieben. (In der Nacht, da er unter den verblassenden Sternen trieb, roch er den scharfen Geruch von Moyras Vagina; er streckte seine Hände aus, und seine Finger tasteten blind über ihren glühendheißen Schamhügel, der ihn an eine Sonne denken ließ, die wie Wachs an einer Kerzenflamme schmolz, und gruben sich langsam in ihn hinein, während sein Herz wie eine Stimmgabel vibrierte.) Er hätte ein Inventar dieser sonderbaren Lüste aufstellen mögen. Nun breitete sich ein süßes, bewegliches Feuer unerbittlich in seinem erigierten Glied aus, das sich wie ein in Brand geratener Schwamm anfühlte; alle Teile seines Körpers lösten sich in diesem köstlichen Empfinden auf. In wenigen Augenblicken würde er tot sein … Aber natürlich starb er nicht. Im Gegenteil. (Seine Finger bearbeiteten Moyra Farsáns Scham, und er vernahm ihr Keuchen in der Tiefe der Nacht. Eine Nacht, die von dem gleißenden Licht sterbender Sterne durchflackert wurde.) Er starb nicht; anstelle des Todes strömte eine ungeahnte Energie durch seine Adern, brachte seine Nerven zum Vibrieren und teilte sich den vitalen Zentren seines Organismus’ mit. (In einem bestimmten Moment sagte er sich: Was eben mit mir geschieht, ist nichts Reales; ich stehe unter der Wirkung halluzinogener Drogen.) Doch er irrte sich. Aus den Tiefen der Finsternis kam ein Mund und preßte sich auf den seinen, und ein zarter Hauch vermischte sich mit seinem beklemmten Atem. Dann hatte er eine derart heftige Ejakulation, daß ihm war, als ob er sich völlig entleert habe und seine ganze Lebensenergie aus ihm herausgeflossen sei. Der Morgen war trüb. Die Männer schienen nervöser als gewöhnlich. Der Leutnant wurde zwischen dem Wunsch, so schnell wie möglich nach Port-Jaira zurückzukehren, um die Verantwortung für seine lästige Passagierin los zu sein, und der Leidenschaft, die ihm diese in der vergangenen Nacht eingeflößt hatte, hin und her gerissen. Die Gegenwart von Chavez wurde ihm hingegen immer unerträglicher. Manchmal konnte er sich nur mit größter Mühe davon abhalten, den kleinen, stets schlechtrasierten Mann zu beleidigen. Beim Mittagessen schlug Chavez dem Leutnant vor, Moyra Farsán an den Tisch der Offiziere zu bitten. „Das würde bestimmt nicht gegen die Dienstvorschrift verstoßen“, spöttelte er. „Ich halte es im Augenblick für besser“, gab Baird kühl zurück, „die Dinge so zu belassen, wie sie sind. Solange die junge Frau nicht meine Fragen beantwortet hat, ist es wohl klüger, ihr das Essen auf der Kabine zu servieren.“ „Wie Sie wollen, aber wir sind noch nicht in Port-Jaira, und man kann sie unmöglich Tag und Nacht in ihrer Kabine einsperren.“ „Herr Chavez! Erstens ist Fräulein Farsán nicht eingesperrt, zweitens habe ich nichts dagegen, wenn sie in Ihrer Begleitung ein wenig auf Deck spazierengeht … Andererseits befinden wir uns auf einem Kriegsschiff, für das ich zufällig die gesamte Verantwortung trage. Hätten Sie wohl die Liebenswürdigkeit, sich das ein für allemal hinter die Ohren zu schreiben?“ Wenn er auch nur einen Moment lang geglaubt haben sollte, daß sich sein Passagier von dieser kleinen Rede beeindrucken lassen werde, wurde er sogleich eines Besseren belehrt. Chavez brach mit einer Unverschämtheit, die durch den Alkohol noch offenkundiger zutage trat, in schallendes Gelächter aus, fing sich aber gleich wieder und erklärte mit der größten Ruhe von der Welt: „Wenn Sie mich bei der pequeña die Anstandsdame spielen lassen, verspreche ich Ihnen, daß ich mich absolut korrekt verhalten werde. Doch unter uns gesagt: Dieses Mädchen läßt sich von niemandem an die Leine legen! Sie werden ja sehen …“ Baird, der keinen Wert darauf legte, schon wieder die Zielscheibe von Chavez’ Sticheleien zu werden, wandte sich an Sigurd: „Fähnrich, darf ich Ihnen eine Frage stellen? Eine Frage von Mann zu Mann …“ Der junge Mann blinzelte nervös, antwortete aber ohne zu zögern: „Selbstverständlich, Herr Leutnant. Ich stehe zu Ihren Diensten.“ „Diese Frau, die wir an Bord genommen haben, hat sie … wie soll ich sagen … hat sie irgendwie Eindruck auf Sie gemacht?“ Der junge Offizier wollte auffahren, nahm aber sofort wieder Haltung an und erklärte hochmütig, ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken: „Nicht im geringsten!“ Die Heftigkeit, mit der er das sagte, ließ in Baird plötzlich den Verdacht aufkeimen, daß er hier noch an ganz andere Abgründe rührte. Beinahe hätte er Sigurd eine weitere Frage gestellt: ‚Fähnrich, haben Sie eigentlich einer Frau überhaupt schon einmal die Chance gegeben, Sie zu beeindrucken?’ Er senkte seinen Blick in die grünen Augen seines Gegenübers und entdeckte etwas in ihnen – etwas Befremdliches –, das nicht hätte darin sein dürfen. Mein Gott, auch in ihm erwacht das Tier. Ein geschmeidiges Tier voller Listen, eine Katze oder Schlange oder eine Kreuzung aus beiden, ein elegantes, gefährliches Tier, das unter dem Bann einer abscheulichen Verlockung steht … Und ich bin bald reif fürs Irrenhaus! Baird goß sich noch ein Glas Wein ein; er zuckte zusammen, als der Hals der Karaffe mit einem nervtötenden Klirren gegen das Kristall schlug. Sigurd beobachtete ihn unter halbgeschlossenen Lidern mit entwürdigender Beharrlichkeit, doch ihm fiel nichts Besseres zu sagen ein als: „Wechseln wir das Thema, Fähnrich, wenn es Ihnen recht ist.“ „Ganz wie Sie wünschen, Herr Leutnant“, erwiderte der Fähnrich zur See ruhig. Er trug etwas zu ostentativ die Gelassenheit einer Schlange zur Schau, die sich in der Mittagssonne zu einem Schläfchen zusammengerollt hat. Der merkwürdige Funke von vorhin glomm nicht länger in seinen grünen Augen, doch zwischen den beiden Männern hing weiterhin ein schwer zu definierendes Unbehagen wie ein Vorhang aus unsichtbaren Flämmchen. Ich komme aus einer Schlacht, sagte sich Brian. Und er hatte nicht unrecht. Chavez und Moyra waren auf die Brücke gestiegen. Der kleine Mann bestritt die Konversation fast ganz allein, während die junge Frau an der Reling lehnte und verträumt in die Tiefen des Waldes starrte. Das üppig bewachsene Ufer, das vor ihren Blicken vorbeizog, übte eine starke Faszination auf sie aus, und sie antwortete nur recht ausweichend auf die Fragen von Chavez, der sie auf die Anregung des Leutnants hin geschickt auszuhorchen versuchte. „Ich habe den Eindruck, daß Sie mir gar nicht zuhören, Fräulein Farsán“, meinte er schließlich. „Aber vielleicht ist Ihnen ja meine Gesellschaft langweilig.“ Sofort drehte sich die junge Frau zu ihm um und legte ihm eine Hand auf den Arm: „Das dürfen Sie nicht sagen, Herr Chavez, ich bin Ihnen doch so dankbar für all die Mühe, die Sie sich mit mir gegeben haben. Aber Sie ahnen ja nicht, wie sehr mich dieser Dschungel ängstigt. Ich habe das Gefühl, gleichzeitig zu ersticken und jubilieren zu müssen, wenn ich auf diese Pflanzenwand mit ihren entsetzlichen Farben schaue.“ „Wir wissen alle, daß Sie einen außergewöhnlich starken Schock erlitten haben, und versuchen daher, Sie mit der Rücksichtnahme zu behandeln, die Ihr Gesundheitszustand erfordert, doch Sie müssen sich andererseits auch darüber im klaren sein, daß Sie sich auf einem Kriegsschiff befinden, dessen Mannschaft und Offiziere mit der Überwachung der Militärposten längs der Ufer des Ez betraut sind. Nun ist einer dieser Posten vollständig zerstört und seine Besatzung bis auf den letzten Mann getötet worden – mit einer einzigen Ausnahme …“ „… nämlich mir … Ich verstehe, daß Sie sich Sorgen machen, doch das vermag leider nichts am Zustand meines Gedächtnisses zu ändern. Und wie Sie wissen, weigert sich mein Gedächtnis nun einmal zu funktionieren.“ Moyra schien Chavez anzuflehen. Ihre Augen waren von einer solchen Tiefe, daß der kleine Mann in sie hineinzufallen fürchtete, doch es war schon eine ganze Weile her, daß ihm Frauen mehr als nur ästhetische Empfindungen eingeflößt hatten. Sie trug ein Männerhemd, das Sigurd gehörte, und eine Hose, die von einem hilfsbereiten Mannschaftsmitglied umgeändert worden war, doch man hatte nirgendwo Schuhe in ihrer Größe auftreiben können, so daß sie sich mit wenig eleganten Sandalen zufriedengeben mußte. Trotzdem hatte ihre verführerische Ausstrahlung keinerlei Einbuße erlitten. „Natürlich. Das Erinnerungsvermögen ist etwas sehr Irrationales, wenn ich so sagen darf. Vielleicht sollten wir es einmal mit Hypnose versuchen? Wären Sie einverstanden, sich der Kunst eines Hypnotiseurs anzuvertrauen?“ „Können Sie mir diese Methode denn empfehlen?“ „Darüber bin ich nicht genügend unterrichtet, aber ich fürchte, daß Ihnen auf Dauer keine andere Wahl bleiben wird. Die Behörden von Port-Jaira haben weniger Skrupel als Leutnant Baird. Leutnant Baird ist ein Mann mit Herz, Fräulein Farsán.“ „Und wer wird der Hypnotiseur sein? Sie?“ „Warum nicht?“ Moyra neigte sich zu dem kleinen Mann, und er atmete ihren Duft ein. Es war der erregende Geruch ihrer Haut, ein Geruch, der … Glücklicherweise berühren mich diese Dinge nicht mehr! sagte er sich und legte der jungen Frau eine entschieden väterliche Hand auf die Schulter. „Ich bitte Sie“, murmelte er, „versuchen Sie nicht, mich zu verführen. Ich bin ein alter Mann.“ In dem Augenblick, da er diese Worte aussprach, merkte Chavez, daß sich eine tödliche Stille auf die Panik gesenkt hatte. Selbst der Lärm der Maschinen klang auf einmal dumpfer, als ob er durch eine dicke Watteschicht gefiltert würde. Er sah sich um und gewahrte mehrere Männer, die das Mädchen und ihn anstarrten. Auch Foersen war unter ihnen, und sein Gesicht war hart wie ein Block aus Marmor. Ein Block aus Marmor mit den Zügen eines Satyrs. Ganz langsam, als gehorche sie einem zwingenden Befehl, drehte sich die junge Frau auf dem Absatz um und blickte Engelshaar und seine Kameraden an. Beunruhigt ergriff Chavez ihren Arm. „Kommen Sie“, sagte er freundlich, „wir wollen zum Heck gehen.“ „Warum?“ gab sie tonlos zurück. „Ich fühle mich hier sehr wohl, ich fühle mich … sicher.“ „Kommen Sie“, insistierte der kleine Mann, und der Druck seiner Finger auf Moyras Arm verstärkte sich. Sie lehnte schroff ab. „Ich will nicht zum Heck gehen, Herr Chavez. Ich will nicht die abstoßenden Bestien sehen, die im Kielwasser des Schiffes schwimmen.“ Plötzlich ertönte der Schrei eines Schal-Vogels und durchbrach die Stille, die sich neuerlich auf das Schiff gelegt hatte. Er strich so niedrig über die Brücke hinweg, daß Chavez deutlich seine glänzenden Krallen erkennen konnte. Moyra Farsán begann hysterisch zu schreien, als immer mehr der geflügelten Angreifer auf die Fluten des Ez herabstießen. Doch seit dem Zwischenfall mit dem Pseudosaurier waren die Männer, die auf der Brücke Dienst taten, bewaffnet. Die Attacke der Schai-Vögel wurde sofort zurückgeschlagen, und Chavez brachte die junge Frau in ihre Kabine. „Ich habe mich getäuscht, Leutnant“, gestand er kurz darauf Baird. „Wenn Sie einen guten Rat brauchen … WERFEN SIE DIESE KREATUR ÜBER BORD!“ Der Himmel über dem Ez war eine Teersuppe, über die sich safrangelbe Striemen wie Säbelhiebe hinzogen. Die Brücke der Panik schimmerte schwach im kalten Mondlicht, und der Fluß öffnete sich mit einem seidigen Rauschen vor dem Bug, so wie sich Moyras Geschlecht geöffnet hatte … Ein Schauder überlief Baird, und seine Zähne schlugen wie im Fieber aufeinander: Chavez (immer wieder er!) hatte diesen Schweinehund Foersen mit dem Mädchen erwischt. Sie hatte den blonden Riesen in einen kleinen Verschlag neben der Kombüse gezerrt, wo sie auf dem Metallboden gerade eben nebeneinander Platz gefunden hatten. Chavez, der alle Eigenschaften eines Voyeurs besaß, hatte es sich angelegen sein lassen, Baird genüßlich sämtliche Details zu schildern: „Sie trieben es so wild, daß sie wie mechanisches Spielzeug zuckten und zappelten …“ (Mechanisches Spielzeug! Ein solcher Anblick war natürlich geeignet, Chavez besonders poetische Wendungen einzugeben!) „… die Kleine ächzte und stöhnte, daß es einem eiskalt den Rücken hinunterlief …“ An dieser Stelle hatte der Leutnant den Ergüssen seines Passagiers Einhalt geboten, ohne ihn jedoch zu fragen, welcher Dämon ihn dazu trieb, in den entlegensten Winkeln des Schiffs herumzustöbern. Als Kapitän wußte er natürlich, daß Chavez eine gewisse Rücksichtnahme beanspruchen konnte. Er atmete tief durch, doch die stickige, backofenheiße Luft von Celaeno brachte keinerlei Erfrischung mit sich. Das Kanonenboot zog seine Bahn durch eine schwammige, feindselige Welt, deren gefährliche Geheimnisse Baird allmählich zu erahnen begann. Ein buckliger Mond, verschwand hinter gichtigen Wolkenhaufen: Der Leutnant war allein in der Nacht. Die Finsternis schloß sich um ihn wie schwarze Lava. Foersen hatte sie also auch gehabt. Und Chavez hatte Stielaugen gemacht, während sich die beiden auf den metallenen Platten gewälzt hatten: ein Vieh, eine Nutte und ein Voyeur! Wenn er nicht sofort entschieden durchgriff, würde die gesamte Mannschaft durch ihr Bett wandern. Was hatte dieser impotente alte Bock noch gesagt? WERFEN sie SIE ÜBER BORD! Armer alter Narr! Er verspürte das dringende Bedürfnis zu rauchen, zu trinken oder sich ganz einfach durch ein Loch in Raum und Zeit weit, weit wegzuzaubern, so daß ihn nie wieder etwas berühren könnte, NIE MEHR. Er träumte von einer geschmolzenen Welt, in der er sich einnisten wollte wie in einer warmen, aufnahmebereiten Gebärmutter, die sich um ihn schließen, ihn verschlingen und sich einverleiben würde. Dann stiege er den Bauch hinab, in dem ihn eine wundervolle Stille willkommen hieße, und würde von winzig kleinen, zärtlichen Händen Zentimeter um Zentimeter auf den geometrischen Mittelpunkt eines riesigen Eis zugeschoben, in dem die Metamorphosen stattfanden. Vergessen war der Krieg, vergessen der trügerische Friede, vergessen die Krieger von Lemura und die Nächte von Kardalla, vergessen auch die weiblichen Dämonen und die unbeantworteten Fragen! VERGESSEN! Gut, vielleicht ist Moyra Farsán eine Hure, eine kleine nymphomane Nutte von der billigsten Sorte; und es stimmt auch, daß mich Foersen unbeschreiblich anwidert … und daß ich mir allmählich wegen Sigurd Sorgen mache … Na schön, aber was ist mit den beiden menschenähnlichen Gestalten auf der Uferböschung? … ICH HABE SIE GESEHEN! Ich habe sie gesehen, das kann ich beschwören. Sie standen einfach nur da und taten nichts. Sie sahen zu, wie sich das Ungeheuer auf das Kanonenboot stürzte. Das war alles. Aber logischerweise hätten sie nicht da sein dürfen, da es, wie in den Berichten hochqualifizierter Regierungsexperten übereinstimmend festgestellt wurde, keine höherentwickelten Lebensformen im Dschungel von Celaeno de Peroyne gibt. Später, als er nach unten ging, fand er sie in seiner Kabine; sie hatte die schmachtende Pose einer leicht indisponierten Katze eingenommen und rauchte eine Zigarette. Er trat in der festen Absicht näher, sie diesmal mit mehr Erfolg über die Vorfälle auszufragen, die zur Zerstörung von Posten 3 geführt hatten. „Moyra! Ich will jetzt die Wahrheit wissen! Hörst du? Ich will sie wissen – und wenn ich dich stundenlang foltern muß, um dir die Zunge zu lösen. Ich will wissen, was in jener berühmten Nacht passiert ist! Ich weiß, daß du dich ganz genau erinnerst!“ Doch hatte er wirklich diese Worte ausgesprochen, waren diese unmißverständlichen Drohungen tatsächlich über seine Lippen gekommen? Ihm war, als sei seine Stimme nur noch ein leises Murmeln und als würde er von Moyras Händen, die ihn eben in einer schrecklich eindeutigen Geste berührt hatten, daran gehindert, sich klarer auszudrücken. Ich werde dich stundenlang foltern! Dummes Zeug! Du kannst doch gar nichts wollen, die Verschwörung ist viel zu subtil eingefädelt, du Narr! Was für eine Verschwörung? Nein! Nein! Laß deine Hand, wo sie ist, Moyra! Wer hat gesagt, daß er dich foltern will? „Wenn Sie auf mich hören“, wiederholte der kleine, schlechtrasierte Mann, „werfen Sie das Mädchen den Fischen vor und schauen zu, wie sie mit diesen ekelhaften Biestern fertig wird.“ (Er deutete auf ein paar schuppige Rücken, die auf das Ufer zuschwammen.) „Ich fange an, Ihre Meinung zu teilen, doch ich kann Ihren ausgezeichneten Rat leider nicht befolgen. Wir haben es möglicherweise mit der abgebrühtesten Schlampe von ganz Celaeno de Peroyne zu tun, aber sie befindet sich auf meinem Schiff, und ich bin verpflichtet, sie gesund und munter in Port-Jaira abzuliefern …“ Baird begann wieder, die Uferböschung einer genauen Musterung zu unterziehen, doch er bemerkte nichts weiter als das langsame Vorbeirollen der Pflanzenwand, in der glühendheiße, von dunklen Schatten erfüllte Schründe klafften, und das Funkeln edelsteinbesetzter Klippen – alles Dinge, deren Anblick ihm längst vertraut geworden war. „Ich frage mich, was mich eigentlich an diesem Planeten so fasziniert.“ Baird hatte laut gedacht. „Seine morbide Natur“, erwiderte der kleine Mann. Brian wollte sich nicht ärgern. So zuckte er nur mit einem abwehrenden Lächeln die Achseln, ohne die Augen vom Fernglas zu nehmen. Wenn ich in meinem Bericht erwähne, daß ich auf dem linken Ufer des Ez menschenähnliche, nicht klassifizierte Wesen gesehen habe, werde ich unter Garantie vorzeitig in den Ruhestand geschickt … Sollte er sich Sigurd anvertrauen? Aber würde der seine Eröffnungen nicht dazu benutzen, ihm nach Möglichkeit zu schaden? Worüber sich Baird nicht genug wundern konnte, war die ungewöhnliche Zurückhaltung der Militärbehörden von Port-Jaira: Anstatt mit viel Getöse die Maschinerie der Vergeltungsmaßnahmen in Gang zu setzen, begnügten sich die Verantwortlichen damit, alle halbe Stunde monotone Botschaften auszustrahlen, in denen viel von diplomatischem Stillschweigen und heiklen Missionen die Rede war. Zeigte das mächtige Reich von Lemura etwa wieder einmal die Zähne? Baird glaubte nicht daran. Die Methoden des Aggressors – falls man hier überhaupt von einem solchen sprechen durfte! – glichen in nichts denjenigen, welche die fürchterlichen Rivalen der Menschen üblicherweise anwendeten! Überdies schienen sich ihm die Kreaturen, die er flüchtig auf der Uferböschung erblickt hatte – oder zu erblicken geglaubt hatte –, morphologisch stark von den Lems zu unterscheiden. Neben dem Leutnant schob sich der kleine Chavez dicke, widerlich süß riechende Bonbons zwischen die Zähne und zerbiß sie mit einem lauten Knacken und Krachen, das Bairds angegriffene Nerven auf eine harte Probe stellte. „Ein altes Sprichwort sagt: Wer beim Teufel zum Abendbrot eingeladen ist, soll nicht vergessen, einen Löffel mit langem Stiel mitzubringen … Ich muß gestehen, daß ich im Augenblick nicht in Ihrer Haut stecken möchte, denn die hohen Tiere in Port-Jaira werden sich natürlich dumm stellen, mit Verlaub gesagt. Sie sind mir sympathisch, Leutnant – ich mag maßlose Menschen! –, und wenn Ihnen das nützt, will ich gern eine Aussage zu Ihren Gunsten machen.“ Baird ließ langsam das Fernglas sinken und drehte sich zu seinem Passagier um. „Haben Sie vielen Dank für Ihr liebenswürdiges Angebot, aber ich fürchte fast, daß wir heute abend alle bei einem Dämon zu Gast sein werden!“ Zwei Stunden später manifestierte sich jäh der DÄMON, und gleichzeitig riß die Verbindung mit Port-Jaira ab. Baird fackelte nicht lange: „Wenn Sie Ihren Kameraden gegenüber auch nur ein Sterbenswörtchen verlauten lassen“, sagte er zu dem Funker, „werde ich Sie eigenhändig niederschießen. Habe ich mich klar ausgedrückt?“ „Vollkommen, Herr Leutnant“, erwiderte der andere und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Wir haben den ganzen Kosmos erobern wollen, wie Maulwürfe, die rücksichtslos im Garten der Erde wühlen. Aber haben wir uns jemals die Mühe gemacht, das innere Räderwerk der von uns unterjochten Zivilisationen zu erforschen und den Mechanismen nachzuspüren, die die Schicksale jener Welten lenken, welche wir – zweifellos zu Unrecht – für alle Zeiten gezähmt und unserem mitleidlosen Banner Untertan glaubten? Und wir haben den alten, den ewigen Fehler aller EROBERER von Alexander dem Großen bis zu Adolf Hitler gemacht: Wir haben unsere Gegner unterschätzt. Denn es gibt subtilere Feinde, denen Kanonen, Raketen, Laser, Protonengewehre und Explosivkörper nichts anhaben können; Mordwaffen aller Art lassen sie kalt, weil sie über ein wesentlich wirksameres Mittel verfügen, um uns zum Schweigen zu bringen: UNSERE EIGENE UNVOIXKOMMENHEIT. Ich schreibe dies nicht ohne Furcht und geheimes Zagen in mein Bordtagebuch. Ich schreibe es in der Gewißheit, daß man mich an den Pranger stellen und mit unversöhnlichem Haß verfolgen wird, wenn diese Zeilen jemals von anderen gelesen werden sollten – aber wird das je geschehen? Der Leutnant legte den Federhalter aus der Hand, stieß seinen Stuhl zurück und starrte einen Augenblick auf seine Stiefelspitzen. Dann erhob er sich und begab sich zu Moyra. Sie bestand, wie gewöhnlich, ganz aus Krallen und Unterleib. Als er auf ihr ritt, den Mund zu einer starren Grimasse verzerrt, beobachtete er plötzlich wie in einem Spiegel sein tiefes, ungestümes Eindringen in die Scham der jungen Frau und das Auf und Ab seiner vor Anstrengung verkrampften Schultern, das der Meeresdünung glich. Leuchtende Lichtreflexe umgaben sein Gesicht mit einer Aureole; er funktionierte wie eine Pumpe, eins-zwei, eins-zwei, oder wie ein Kolben, der seine Arbeit ausführt, ohne dabei mehr Leidenschaft zu empfinden als … Der imaginäre Spiegel warf ihm das Bild eines grotesken Koitus zurück: Ein Mann bohrte sich mit lächerlich wirkender Beharrlichkeit in einen dichten, klebrigen Dunst. Moyra Farsán existierte nicht mehr, und doch war die Kabine von ihrem ekstatischen Gestöhn, ihrem unbeherrschten Keuchen und ihren Lustschreien erfüllt. Na bitte, sagte er sich, und ein sonderbarer Friede zog in sein Herz ein. Ich bin wahnsinnig geworden. Die Welt ist in sich zusammengestürzt. Die Bücher haben sich für immer geschlossen, und ich vollziehe einen Liebesakt mit einem Schatten! Ein Dämon trug ihn pfeilgeschwind davon, jenseits der Tore der Nacht. Mit einem Wimpernschlag durchmaß er gewaltige Entfernungen; Krypten und Kavernen des Schweigens zogen an ihm vorbei, und er wurde von einem wahnwitzigen Schwindel ergriffen, bis ihn die dunklen Schwingen an einem grauen Ufer absetzten: Eine junge Frau wartete dort seit vielen Jahren auf ihn, seit der Zeit, da er angefangen hatte, den empfindlichen Mechanismus seines Lebens zu zerstören und seine vitale Energie in der Glut seltsamer und faszinierender Qualen aufzuzehren. „Mein Gott“, murmelte er, während er sich auf den graublauen Sand sinken ließ, „ich hatte dein Gesicht vollkommen vergessen.“ Und sie begann, seinen Mund und seine Hände mit bitteren Tränen zu benetzen. „Jetzt habe ich die Erinnerung wiedergefunden“, sagte er, „ich habe die Schlüssel zu Raum und Zeit gefunden: es sind die Worte, die du mir einst sagtest: Körper / mein Haus / mein Pferd / WAS WIRD AUS MIR … /“ „Was wird aus uns?“ Das Meer wallte auf. Gesichtslose Soldaten tauchten aus den Fluten auf und näherten sich schnell dem grauen Ufer. Eine blaßrote Sonne rollte über einen Himmel, der allzu tief war, allzu leer! (Wie wird es sein / ohne Dach noch Tür / unter freiem Himmel zu schlafen / mit dem Wind statt eines Blicks?). / Die Zeit der Fragen war vorbei / ach / nichts war mehr da … nur noch die Leere / und das wallende Meer: Die Soldaten trugen muschelbesetzte Masken aus Gummi. Die Furcht und der Schrecken, den sie verbreiteten, waren ebenso verderblich wie die von den Zweigen der Syong-Myong-Bäume ausgeschiedenen Aromen, aber noch giftiger … Ihre Blicke waren vollkommen ausdruckslos, und sie hatten Schwimmhäute zwischen den Fingern. Und in ihren Händen, von denen die Perlen des Meeres rieselten, hielten sie Gewehre mit Steinschlössern und silberne Harpunen … Aaaaaaaaaaaaa! Das war Moyra, die stöhnte und mit ihren Fingernägeln das zarte Gewebe der wiedergefundenen Zeit zerriß. Er stürzte in die rote Nacht zurück und entleerte sich vollständig in warme, aufnahmebereite Schleimhäute. Die Soldaten ohne Gesichter versanken wieder in den Fluten, und Moyra zerkratzte ihm den Rücken, bis er zu bluten begann. Später, als pausenlos feurige Hämmer auf seine Ohren trommelten, kroch er zwischen die Schenkel der jungen Frau und nahm die kleinen Unebenheiten ihrer Vagina zwischen seine Lippen, wobei er den Geruch und den Geschmack seines eigenen Samens wiederfand. Von ferne glich der Posten einem riesigen, mitten im Dschungel liegenden Würfel aus Metall. Baird hatte strengsten Befehl erlassen, in der Mitte des Flusses zu bleiben, gleich weit von beiden Ufern entfernt. Entgegen seinen Befürchtungen hatte kein Überfall auf die kleine Festung stattgefunden – zumindest soweit man dies auf den ersten Blick beurteilen konnte. Mehrere winzig kleine Boote waren am Kai vertäut, und in seinem Fernrohr erblickte er ein paar vollkommen menschlich und vertraut aussehende Gestalten, die alltäglichen Beschäftigungen nachgingen. Foersen trat zum Turm und fragte, ob er das Kommando zum Anlegen erteilen solle. „Wir halten unverändert unseren Kurs bei“, erwiderte der Leutnant. „Wir werden Port-Jaira ohne weiteren Zwischenstopp anlaufen.“ Engelshaar war perplex. „Aber Herr Leutnant …“, fing er an. „Sollten Sie es etwa wagen, meine Anordnungen in Frage zu stellen, Foersen?“ „Selbstverständlich nicht, Herr Leutnant.“ „Volle Kraft voraus!“ befahl Baird. Unter den Männern auf der Brücke entstand ein kleiner Tumult, als sie merkten, daß etwas geschah, das ihnen völlig unsinnig erscheinen mußte. Für einen Augenblick fürchtete Baird den Ausbruch einer Meuterei, doch die Matrosen beruhigten sich fast ebenso schnell wieder, wie sie zuvor die Ruhe verloren hatten. Als das Kanonenboot genau auf der Höhe der Festung war, erhob sich plötzlich am Ufer ein Konzert von Verwünschungen, und der Offizier stellte fest, daß sich die Gestalten von vorhin in gestikulierende Marionetten verwandelt hatten. „Alle Mann auf die Brücke!“ befahl Baird. „Die Kanoniere auf ihre Kampfpositionen!“ Ein greller Lichtstrahl fuhr aus der Festung, verfehlte den Turm nur knapp und entzündete ein paar Mammutbäume auf dem gegenüberliegenden Ufer des Ez; das Feuer weitete sich rasch zu einem größeren Brand aus. Auf der Mole wimmelte es von Gestalten, die nun mit ihren leichteren Waffen gleichfalls losknallten. Ohne zu zögern kommandierte Baird: „Feuer frei!“, und die Kanoniere gehorchten so eifrig, daß die Festung bald darauf in einem Flammenkranz stand. Eine neue Salve fegte die Hälfte der Aufständischen von der Mole. Sigurd verausgabte sich schonungslos; seine Augen glänzten fiebrig. Dies mußte sein erster Kampf sein, und gerade für diesen Kampf hatte man ihn mit einer Mission von absurder Grausamkeit betraut: dem methodischen Abschlachten seiner Waffenbrüder. Auf dem Höhepunkt des Gefechts erschien Chavez auf der Brücke. Die Hände in den Taschen, baute er sich am Fuß des Kommandoturms auf, und wenn Baird sich auch darüber ärgerte, daß ihm der kleine Mann schon wieder in die Quere kam, mußte er andererseits doch dessen völlige Ruhe bewundern (oder war es Ahnungslosigkeit?). „Gebe Gott, daß der Löffel lang genug ist, Leutnant!“ Die Panik zog sich mit ein paar halbgeschmolzenen Stahlträgern und einem Leck knapp über der Wasserlinie aus der Affäre. Sie hinterließ unbeschreibliche Verwüstungen, einen gigantischen Waldbrand und zahlreiche Tote. Als das Kanonenboot wieder in ruhigeren Gewässern schwamm, legte sich eine fürchterliche Stille auf die Brücke. Die Artilleristen schwitzten unmäßig, und ihre Gesichter glänzten wie die müde gewordener Dämonen. Der Himmel schien sich auf die hohen Baumwipfel des Urwaldes senken zu wollen, und vom Heck aus konnte man ein unheimliches rotes Glühen am dunstigen Horizont sehen. Brian murmelte einen Satz vor sich hin, dessen Pathos ihm zu normalen Zeiten unerträglich gewesen wäre: So bin ich also der Fährmann des Totenschiffs geworden. 7 Abenddämmerung im Dschungel Bericht von Chavez Und es ist ganz natürlich, daß alles so ist, dreht sich doch dieser Planet selber um seine Achse wie eine Roulettekugel. So wie es auch natürlich ist, daß manche bei diesem Spiel verlieren, während andere in diesem kosmischen Roulette gewinnen, das weder Glück kennt noch Pech. MIRON RADU PARASCHIVESCU Brian träumte, daß er die Kabine von Moyra betrat, daß aber ihr Bett leer war. Verdrossen stieg er auf die Brücke des Kanonenboots, wo sich ihm ein unerträgliches Schauspiel bot: Die junge Frau lag in einer Pfütze aus Licht wie unter dem Scheinwerfer eines unsichtbaren Projektors, und ihre nackte Haut schien noch stärker zu schimmern als gewöhnlich. Die Unvollkommenheiten ihres Gesichts waren völlig verschwunden, und Baird sagte sich, daß diese aus dem Nichts gekommene Kreatur eine Reinkarnation jener Zauberin sein mußte, die einst den unsteten Odysseus an die Gestade ihrer phantasmagorischen Insel gefesselt hatte. Moyra wälzte sich in dem geisterhaften Licht, und ihr Bauch bewegte sich in Wellenlinien wie bei einem Beschwörungstanz. Jetzt werde ich sie töten, sagte er sich, war sich dabei aber halb bewußt, daß er nur träumte. Ich werde ihr das künstliche Leben rauben, das sie beseelt, und sie in die dunklen Fluten des Ez werfen, dann werden wir erlöst sein! – Da entdeckte er, daß er sich nicht allein auf der Brücke der Panik befand: Ein Teil der Mannschaft hatte sich unter geschickter Ausnutzung jedes Winkels in den Schiffsaufbauten versteckt. „Ich bin der Kommandant dieser Kampfeinheit der Konföderierten Marine“, erklärte Baird. „Ich befehle Ihnen, auf Ihre Posten zurückzukehren oder sich schlafen zu legen. Jede Zuwiderhandlung dieses Befehls wird auf der Stelle geahndet.“ Aus den Tiefen der Nacht von Celaeno kam trockener Beifall, und jemand sagte: „Gut gesprochen, Leutnant. Sie sind der alleinige Herr an Bord, und wenn Sie mich mit dieser Aufgabe betrauen wollen, werde ich es als meine Pflicht ansehen, diese Hure über Bord zu werfen.“ Brian hatte bemerkt, daß der Fähnrich zur See vom Turm aus die Geschehnisse auf der Brücke genau verfolgte. Die Männer grinsten töricht, als ob sie den Verstand verloren hätten, während sich Moyra Farsán in den Klauen einer unerträglich qualvollen Erwartung mit weitgeöffneten Beinen, die den Blick auf die duftende Vegetation ihrer Scham freigaben, unter lautem Stöhnen weiter auf dem Boden krümmte und wand. In einer fremden Sprache, wie sie die Besessenen zu allen Zeiten benutzt haben, bettelte und flehte sie darum, daß ein grauenerregender Dämon kommen möge, um sie zu erlösen, sich auf sie zu senken, sie mit seiner krankhaft geschwollenen Männlichkeit zu erfüllen und sein mefitisches Sperma in sie zu ergießen. Und die Ohren der Nacht vernahmen ihre Bitten. „Nein!“ schrie der Leutnant. „Wir haben die Verantwortung für diese Frau, sie steht unter unserem Schutz! Ich wünsche, daß sie auf der Stelle in ihre Kabine zurückgebracht und dort eingesperrt wird!“ Da wallten die Fluten des Ez auf, schäumten immer höher und teilten sich schließlich vor einem gehörnten Schädel mit einem abstoßend häßlichen Maul, das vom Mondschein beleuchtet wurde. Der Dämon schwang sich in die Lüfte und plumpste klebrigschleimig auf die Brücke der Panik. Als Moyra ihn erblickte, wie er mit dem steil aufgerichteten Penis eines Satyrs durch die finsteren Sümpfe der Nacht brach, zuckte und zappelte sie noch heftiger als zuvor und streckte der scheußlichen Kreatur, die sie mit so viel Inbrunst beschworen hatte, beide Arme entgegen. „Dring in mich ein“, heulte sie mit metallisch vibrierender, fürchterlicher Stimme, „DRING IN MICH EIN!“ Aus den umliegenden Schatten kam das Keuchen und Schnaufen der Seeleute, welches gleichermaßen von Furcht wie von einer auf ihren Höhepunkt gelangten sexuellen Erregung gespeist wurde, und Brian, der immer mehr davon überzeugt war, daß er zwar träumte, daß aber nicht viel fehlte, um diesen Alptraum in die Realität umschlagen zu lassen, spürte, wie sein Herz langsam zersprang gleich einer gläsernen Hohlkugel, die von Ultraschallwellen beschossen wird. Mit gekreuzten Armen und einladend geöffneten Schenkeln empfing Moyra das Gewicht ihres seltsamen Liebhabers. Und aus ihrem Mund ergoß sich ein Schwall triumphierender Obszönitäten, als sich der gewaltige Kolben aus grobkörniger Haut in sie hineinzuschieben begann … (Nun verspürte Baird eine andere Anwesenheit hinter sich, die kalt und grausam und sehr entschieden war; eine Anwesenheit, die ihm dennoch irgendwie vertraut vorkam. Er schloß die Augen und preßte in dem Versuch, die Reste seines zermalmten Herzens aufzufangen, seine rechte Hand gegen die linke Brust, während die Schreie und Verwünschungen von Moyra Farsán immer weiter in seinen Ohren tönten.) … Plötzlich merkte ich, wie dies ja häufig in Träumen geschieht-, daß ich nackt war, wodurch meine Würde als befehlshabender Offizier eine empfindliche Einbuße erlitt. Daß ich nackt war und daß die Anwesenheit hinter mir mich umschlungen hatte und nun ihre eisigen Hände von meiner Brustmuskulatur zu meinem Unterleib hinunterwandern ließ, wo sie sich meines Geschlechts bemächtigten. Gleichzeitig drückte eine starre, gefrorene Masse gegen meinen Anus. Ihr langsames Eindringen machte mich fast wahnsinnig und rief eine Empfindung in mir hervor, die sich gleichermaßen aus Ekel wie aus Lust zusammensetzte. Schmerzen spürte ich kaum dabei. Langsam wurde ich von dieser Stange aus brennender Kälte durchbohrt, während unsichtbare Finger rhythmisch mein erigiertes Glied massierten … (Geheimes Tagebuch von Leutnant Baird.) Ein paar Stunden später betrat Chavez, der sich eine Flasche Schnaps unter den Arm geklemmt hatte, die Kabine des Leutnants. „Herr Leutnant“, sagte er mit glitzernden Augen (der Alkoholpegel in der Flasche war bereits beträchtlich gesunken), „ich muß mit Ihnen über ein, zwei Dinge reden. Im Lichte der jüngsten Vorfälle (wenn man so sagen darf!) und im Hinblick auf die Tatsache, daß sich unsere Freunde in Port-Jaira totstellen, bin ich zu dem Schluß gelangt, daß wir zwei uns einmal unter vier Augen unterhalten sollten. Ich bin überzeugt, daß Sie sich schon öfters Gedanken über mich gemacht haben. Zum Beispiel dürften Sie sich folgendes gefragt haben: ‚Wer ist eigentlich dieser Chavez? Und was hat dieser Bastard, verdammt noch mal, auf meinem Schiff zu suchen? Ist er mit einer wichtigen Mission betraut? Spioniert mir dieses eingebildete kleine Arschloch etwa nach?’“ Er feixte: „Regen Sie sich nicht auf, ich kann keine Gedanken lesen, aber ich bin ein ziemlich guter Psychologe, wenn ich es darauf anlege. Ich gestehe, daß Sie mir von Anfang an überaus sympathisch waren. Ganz im Gegensatz zu Ihrem Sigurd, der ein widerlicher, aufgeblasener Rotzbengel ist. Unter uns: Ich habe Leute in Uniform noch nie ausstehen können. Das ist direkt physisch bei mir. Sehen Sie, ich bin viel zu individualistisch veranlagt. Die Armee ist der Tod der Zivilisation. Oder, wenn Ihnen das besser gefällt: ohne Armee keine mächtige Zivilisation, aber dank der Armee andererseits auch keine Zivilisation mehr, die noch diesen Namen verdiente. Das ist eins der Paradoxe, die verhindern werden, daß wir ins Himmelreich kommen! Doch wir haben uns angewöhnt zu glauben, daß die Eroberung und die Festigung des Eroberten mit Waffengewalt die unvermeidliche (und unerschütterliche) Basis der ZIVILISATION bildet! Natürlich ist das vollkommen falsch, doch das hat noch nie jemand, dessen Gehirn im Körper eines Menschen wohnt, zugeben wollen. Die ganze absurde Tragödie des menschlichen Schicksals gründet in diesem ursprünglichen und entscheidenden Irrtum.“ „Sie sind bestimmt nicht in meine Kabine gekommen, um der Zivilisation den Prozeß zu machen“, unterbrach ihn Brian. „Zumal eine Militärperson für Sie unmöglich ein annehmbarer Gesprächspartner sein kann.“ „Leutnant, es macht Ihnen anscheinend Spaß, sich dümmer zu stellen, als Sie sind! Übertreiben Sie es nicht ‚Ihr Verstand sagt Ihnen – und zwar schon länger, als Sie es selber wahrhaben wollen! –, daß wir es mit Ereignissen von größter Tragweite zu tun haben. Ich war Zeuge einiger bemerkenswerter Vorfälle, die sich mir tief eingeprägt haben und es auch für die kurze Lebensspanne, die mir noch beschieden ist, bleiben werden. Doch ich wußte bereits, bevor ich mich an Bord der Panik begab, daß wir auf eine Reise ohne Ziel gingen. Wenn Sie mir Ihr Ohr leihen wollen, werde ich Ihnen erzählen, was mir im Dschungel von Celaeno de Peroyne zugestoßen ist.“ Chavez’ Augen waren mittlerweile ganz klein geworden: zwei winzige graue Einkerbungen. Es entstand ein eindrucksvolles Schweigen, während Brian im Geist zwischen gewaltigen, sich hohle Echos zuwerfenden Felswänden hindurchflog, gegen unsichtbare Mauern stieß und vergebens versuchte, auf steinigen Vorgebirgen zu landen, die sich in salzigen Dunst auflösten, sobald er ihnen zu nahe kam. „Geben Sie mir etwas zu trinken“, sagte er schließlich. „Ich habe so ein Gefühl, als ob ich es brauchen werde.“ Der Alkohol von Chavez war stark und stieg schnell zu Kopf, doch er stimulierte zugleich die intellektuellen Fähigkeiten wie ein neues Rauschmittel. Der Bericht von Chavez „Ich weiß nicht, aus welchem schwerbegreiflichen Grund die Dschungel von Celaeno immer terra incognita geblieben sind. Mit Ausnahme einiger weniger Gebietsstreifen hatten wir uns kaum je für dieses ausgedehnte Areal interessiert. Daher war ich mehr als überrascht, als sich die Abteilung für Exologie der Armee an mich wandte. Selbst die angesehensten Ökologen und Exologen haben dieser düsteren und faszinierenden Welt nie etwas Rechtes abgewinnen können. Tatsächlich sind Sie, wie ich glaube, der erste, Leutnant, der meine Leidenschaft für diesen Planeten teilt. Natürlich habe ich schon immer die schändlichen Angewohnheiten Ihrer Kameraden verurteilt – dieser verabscheuenswerten Menschenjäger, dieser völlig verknöcherten, uniformierten und betreßten Grobiane, welche in den Eingeborenen nichts als Ungeziefer oder leicht erlegbares Wild sehen. (Daher möchte ich, daß Sie, wenn ich meine Geschichte beendet habe – keine Sorge, sie ist kurz! –, über diesen Satz von Lawrence nachdenken: ‚Die Menschheit hat sich nie über das Stadium der Larve erhoben; sie vermodert im Stadium der Puppe und wird niemals ihre Flügel entfalten.’ Ein harter Satz, mein Bester, doch seine Richtigkeit kann nicht mehr bestritten werden. Denn, unter uns gesagt: Was haben wir eigentlich aus der Intelligenz gemacht, die uns der Schöpfer mitgegeben hat?)“ Baird wollte etwas sagen, doch Chavez, dessen Frage rein rhetorisch gemeint war, gebot ihm mit einer lebhaften Geste seiner nervösen, blassen Hand Einhalt: „Die Erklärungen der Abteilung für Exologie erschienen mir von Anfang an recht nebulös: Wie es hieß, hätten sich ‚Vorfälle’ ereignet, welche nicht mehr völlig mit den zuvor gemachten Beobachtungen der Experten übereinstimmten und ihnen bei der Anwendung ihrer Theorien gewisse Schwierigkeiten bereiteten. Kurz, ich sollte eine diskrete, wirksame und … möglichst billige Untersuchung vornehmen. Es war die Rede von Erscheinungen, von unerklärlichen Phänomenen, ja sogar von einer möglichen Infiltration durch die Lems. Und nichts vermag einen Experten mehr zu bekümmern als das Sandkörnchen, das im Getriebe seiner ganz speziellen kleinen Maschinerie knirscht. Wenn Sie verstehen, was ich meine … Einerseits gab es absolut keinen Grund, sich zu beunruhigen, wie man mir versicherte, doch andererseits meinten einige mit ganz pervertierten Hirnen unter ihnen, daß man nichts dem Zufall überlassen dürfe. Der Zufall ist bekanntlich ein Bastard aus wissenschaftlicher Spekulation und magischem Opportunismus. Es war daher immerhin möglich, daß unsere Erzfeinde, die Lems, es sich in den Kopf gesetzt hatten, auf dieser entrechteten Welt einen Brückenkopf zu errichten. Selbstverständlich war es Celaeno nicht wert, daß sich zwei intergalaktische Supermächte seinetwegen massakrierten – doch Hamlet war zu einem anderen Schluß gelangt, als die Truppen des jungen Fortinbras, des Neffen des Königs von Norwegen, an ihm vorbeidefilierten. Diese Armee zog in den Krieg gegen Polen … wegen eines Stückchens Land, das keine drei Heller wert war, an dem jedoch die Ehre zweier rivalisierender Nationen hing!“{5} (Chavez zündete sich eine seiner stinkenden Zigarren an und goß sich ein weiteres Glas Alkohol ein, bevor er fortfuhr): „Ich übergehe die Zeit, die ich in diesem fürchterlichen Dschungel verbrachte, um mich mit den Sitten und Gebräuchen der Eingeborenen vertraut zu machen und Fakten zu sammeln, die keinen Pfifferling wert waren. Mir standen nur zwei, drei armselige Kerle zur Verfügung, die ein paar Brocken Pidgin radebrechten und mir als Führer dienten; weiter verfügte ich über einige Forschungsberichte, die von halb Schwachsinnigen abgefaßt sein mußten, sowie … meinen Instinkt. Der erwies sich als sehr nützlich, und dank meines harmlosen Aussehens gelang es mir, nach und nach das Vertrauen der Ureinwohner zu erringen. Obwohl Sie einige Jahre Ihres Lebens damit verbracht haben, auf dem Ez zu patrouillieren, wissen Sie nur sehr wenig über die lokalen Gebräuche, Leutnant … Sie gehorchen Ihren Befehlen und versuchen, sich ‚korrekt’ zu verhalten, doch trotz all Ihrer Beteuerungen sind Sie doch in erster Linie Soldat. Ein Soldat, dem das Absurde seiner Lage zwar Übelkeit verursacht, der aber im rechten Moment nicht zögert, das Feuer auf seine eigenen Waffengefährten freizugeben! SAGEN SIE NICHTS, LASSEN SIE MICH AUSREDEN!“ Baird, der in der Tat dazu angesetzt hatte, seine Unschuld zu beteuern und auf höhere Gewalt zu verweisen, erkannte plötzlich das Lächerliche einer solchen Argumentation und hielt es für klüger, zu schweigen. „Ich begriff, daß auf diesem Planeten tatsächlich etwas sehr Merkwürdiges vorging, als ich nach sechs in jenem Wald des Unglücks verbrachten Wochen Erdzeit auf ein Dorf stieß, das sich vollkommen von allen anderen unterschied. Zum einen schon äußerlich, denn es war von einer sehr hohen Palisade aus zugespitzten Pfählen umgeben. Da die Eingeborenen nicht aggressiver sind als eben geschlüpfte Larven und unsere Jäger zudem noch nie bis in diese fauligen (das Wort ist nicht zu stark!) Regionen vorgedrungen waren, konnte ich mir keinen Grund für eine solche Anordnung denken. Zum Schutz gegen Raubtiere hätte eine wesentlich einfachere Barrikade genügt. Ich wurde am Eingang dieser hölzernen Festung von einer Gruppe mit Schleudern und anderen primitiven Waffen ausgerüsteter Jäger angehalten. Zum erstenmal seitdem ich mich in die Urwälder von Celaeno gewagt hatte, stieß ich auf Widerstand. Gewöhnlich bewegte ich mich ganz nach Gutdünken, wobei mir die abergläubische Furcht, welche die Eingeborenen beim bloßen Geruch unseres Schweißes empfinden, sehr zustatten kam. Stutzig geworden, begann ich mit den Wachen zu unterhandeln, doch ich machte sie damit nur noch bockiger. Schließlich mußte ich mich von dem Dorf zurückziehen, in respektvoller Entfernung von einer Handvoll bewaffneter Männer gefolgt, die jede meiner Bewegungen genau überwachten. Ein solches Verhalten, da werden Sie mir gewiß zustimmen, widerspricht allem, was wir über die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen von Celaeno wissen. Ich schlug mein Lager auf einer Lichtung auf, die Unheil zu brüten schien und von den Strahlen eines schwefligen Mondes erhellt wurde. Am nächsten Morgen, nach einer trüben Nacht, mußte ich eine ganze Abordnung alter Kaziken empfangen, die meinen Blicken auswichen, während sie mir begreiflich zu machen versuchten, daß es in meinem Interesse wäre, diesen Platz zu räumen. Doch ich stellte mich dumm und erteilte ihnen eine kleine diplomatische Lektion, die von bescheidenen Geschenken unterstützt wurde. Ich merkte jedoch bald, daß ich diese guten Leutchen zu Unrecht für Dummköpfe gehalten hatte. Sie nahmen meine Geschenke zwar an, musterten sie aber äußerst kritisch, als ob sie genau wüßten, daß sie mir vollkommen einerlei waren, es aber für besser hielten, dies nicht durchblicken zu lassen … Das erschütterte mich richtiggehend. Schließlich legte mir der älteste der Kaziken eine Hand aus verwittertem Holz auf die Schulter und erklärte mir stockend, daß er mich nicht daran hindern könne, ihr Dorf zu betreten, daß ich mich dort jedoch auf eigene Gefahr aufhalten würde. Kaum hatte die Delegation von Kaziken (ich benutze dieses Wort, obwohl es in der sozialen Organisation der Eingeborenen nicht viel zu bedeuten hat) das Lager verlassen, als der Anführer meiner Leute zu mir kam, um mir in seinem mit umgangssprachlichen Wendungen durchsetzten Pidgin mitzuteilen, daß ich mich aller Voraussicht nach bald allein auf dieser verdammten Lichtung befinden würde. Weder meine Bitten noch meine Drohungen fruchteten etwas – sie ließen mich tatsächlich sitzen.“ Baird glaubte erraten zu können, wie Chavez’ Geschichte weiterginge. Tatsächlich nahmen seine Gedanken auf einmal jede Wendung dieser seltsamen Erzählung um Sekundenbruchteile vorweg, und während Chavez mit seinem Bericht fortfuhr, stiegen merkwürdige Erinnerungen die Windungen seines Gedächtnisstroms hinauf und brachen sich tosend in der Mündung seiner Angst. Der kleine, schlechtrasierte Mann erzählte nun, wie es ihm schließlich doch gelungen war, sich Zutritt zu dem befestigten Dorf zu verschaffen, wo er von den Kaziken mit großer Liebenswürdigkeit empfangen worden war. Sie hatten ihre Haltung – jedenfalls dem Anschein nach – so radikal geändert, als ob das lange Palaver vom Vormittag nie stattgefunden hätte. „… oder als ob ihnen eine höhere Macht befohlen hätte, sich so zu verhalten …“ (Chavez schenkte sich einen kräftigen Schluck ein – den letzten, denn die Rasche war nun leer – und fuhr dann fort:) „Ich bin kein furchtsamer Mensch, und dieses Abenteuer machte mich eher neugierig, als mich zu ängstigen, und doch spürte ich, wie allmählich eine sonderbare Furcht in mir aufstieg – mir war, als ob ich einen Blick in die ferne Vergangenheit dieser rätselhaften Welt hätte werfen dürfen. Als ich auf meinen Streifzügen durch die Gäßchen und Plätze des Dorfs die Eingeborenen bei ihren alltäglichen Verrichtungen beobachtete, fragte ich mich immer öfter, ob das, was wir für Dummheit oder Degeneration gehalten hatten, nicht in Wahrheit eine Form elementarer Weisheit war. In meiner Eigenschaft als Mitarbeiter des Amts für Exologie hatte ich es mit den unterschiedlichsten Rassen zu tun gehabt, die mir alle erdenklichen Grade des Wohlwollens entgegengebracht hatten, doch noch nie zuvor war ich mit einer solchen freundlichen Gleichgültigkeit behandelt worden. Ich blieb einige Tage in dem befestigten Dorf, und in dieser Zeit mußte ich mich allmählich den Tatsachen beugen: Ich war der Wilde, und sie ließen mich nur darum kommen und gehen, wie es mir paßte, weil ihnen meine Anwesenheit letztlich nicht beschwerlicher war als die eines Haustiers. Mein gesamtes Gepäck war sorgsam vor meiner Hütte aufgestapelt worden, und eine Frau brachte mir drei- bis viermal am Tag etwas zu essen. Und dann, eines Morgens, änderte sich die Haltung der Dorfbewohner abermals. Während sie bislang ihren Beschäftigungen mit großer Langsamkeit und einer gewissen gravitätischen Würde nachgegangen waren, regten und belebten sie sich auf einmal sichtlich, standen in kleinen gemischten Gruppen aus vier, fünf oder sechs Männern und Frauen beisammen und schwatzten mit einer gewissen Lebhaftigkeit. Ich bat mehrmals um eine Unterredung mit einem der Kaziken, doch man übersah mich weiterhin hochmütig. Jeder andere als ich wäre sicher tödlich gekränkt gewesen und hätte sich im Innersten seines Rassenstolzes getroffen gefühlt, doch ich hatte wenig Neigung, eine politische Krise heraufzubeschwören; zudem war ich in einem Alter, wo man nicht mehr viel vom Leben erwartet. Ich beschloß daher, mich in Geduld zu fassen und die weiteren Ereignisse abzuwarten. Und es dauerte nicht lange, da überstürzten sich die Geschehnisse. Eines Abends versammelte sich die Bevölkerung des Dorfs auf dem Hauptplatz und entzündete dort mehrere Feuer. Ich unternahm einen Rundgang durch die kleine Festung und stellte dabei fest, daß alle Tore verschlossen worden waren; die mit bunten Federn ausstaffierten Waffen standen, geheimnisvollen Vögeln gleichend, reglos auf ihren Posten. Als ich der Umfassung zu nahe kam, warfen sie mit kleinen Steinchen nach mir, so wie es Kinder tun, um einen lästigen Köter zu verjagen. Die Pupillen der Krieger glänzten im Licht der Fackeln, und ihr farbenprächtiges Gefieder funkelte. Als ich ihre Masken mit den metallenen Schnäbeln sah, mußte ich unwillkürlich denken, daß dies wirklich hybride Geschöpfe waren, und es hätte mich gar nicht verwundert, wenn sie aufgeflogen und über den Bäumen entschwunden wären. Doch die Wachen blieben auf ihren Posten, und um mich herum gingen weiter Kieselschauer nieder, ohne mich je zu treffen. Da begriff ich, daß ich ein Gefangener war und daß man mir nicht gestatten würde, die Palisade zu durchqueren. Ich kehrte also um und ging wieder zum Dorfplatz zurück. Dort fand ich mich jäh mitten in eine phantasmagorische Szenerie versetzt. Leutnant, ich weiß, daß Sie sie gesehen haben! Sie hätten das, was Sie vorhin geschrieben haben, nicht vor mir zu verstecken brauchen. Denn ich weiß, DASS SIE SIE GESEHEN HABEN!“ (Baird fuhr zusammen, da Chavez’ Stimme, die um ein paar Töne gestiegen war, die enge Kabine zu sprengen drohte.) „Sie glaubten zu träumen. Doch das war kein Traum. Sie haben niemals geträumt. Die Alpträume sind ebenso wirklich wie das Unglück, das auf uns lauert und uns … Aber lassen wir das, für den Augenblick jedenfalls. Nehmen Sie nur eins zur Kenntnis, lieber Leutnant Baird: Diese Geschöpfe existieren! Wie ich Ihnen schon sagte, bin ich ein großer Reisender, und ich habe viel gesehen, doch das Schauspiel, das sich mir in jener Nacht bot, faszinierte mich mehr, als ich zu sagen vermag. Als ich an dem Ort anlangte, wo die Scheiterhaufen brannten, sah ich, daß man große, mit leuchtendroten Federn gepolsterte Sessel vorbereitet hatte und daß die gesamte Dorfbevölkerung (ich schätzte sie auf neunhundert Seelen, was, wie Sie zugeben werden, eine ungewöhnliche Dichte für eine so primitive Ansiedlung ist!) in sechs konzentrischen Kreisen aufgestellt war und sich an den Händen hielt. Eine eigentümliche Stille lag über allem, eine Stille, die nur vom Knistern der Holzscheite unterbrochen wurde. Ich glaubte zuerst, daß es sich um eine religiöse oder magische Zeremonie handele, doch ich änderte meine Meinung sehr schnell, als ich bemerkte, daß die Eingeborenen sich durchaus nicht in einem Trancezustand befanden. Keine Hysterie lag in ihren Augen. Sie schienen im Gegenteil von einer Art glückseliger Ruhe erfüllt, und ich war seltsam beeindruckt von der Würde und Heiterkeit der ganzen Atmosphäre. Nach einer Weile beschloß ich, mich zu entfernen, obwohl ich von brennender Neugier verzehrt wurde, und mich in einem finsteren Winkel meiner Hütte zu verkriechen, doch eine Kraft, die stärker war als die Vernunft, zwang mich, die letzten Meter zurückzulegen, die mich von meinen Gastgebern trennten. Der Kreis öffnete sich für einen kurzen Moment, eine feste Hand drückte mich auf die Knie, und im nächsten Augenblick war ich zu einem Teil dieser lebenden Kette aus tausend Gliedern geworden. Und mein Herz begann, im Rhythmus all dieser Leben zu schlagen, die in der Luft des Dschungels von Celaeno ausgespannt schienen. Mein Bester, Sie können sich das nicht vorstellen, genausowenig, wie ich Ihnen mit Worten zu schildern vermag, was ich in jenem allzu kurzen Abschnitt der Nacht erlebte. Als SIE dann erschienen …, als SIE ganz plötzlich da waren … am Rand des Kreises, von den Flammen scharf umrissen, da begriff ich sofort, daß ihnen diese Welt gehörte und auch bis zu dem Augenblick gehören würde, da sie in tausend Stücke zerspränge und sich in einen Meteoritenschwarm verwandelte, und daß ihnen niemand die absolute Souveränität über die Kontinente und die Meere, die Berge und die undurchdringlichen Wälder von Celaeno streitig machen könnte …“ (Während Chavez, den eine Art Trance erfaßt hatte, die von dem vielen Alkohol in seinem Blut herrühren mochte, immerfort weiterredete, wurde Brian über die stickig-heißen Dschungel zum Meer von Offuz, zu Port-Jaira und seiner seltsamen Akropolis davongetragen. Ihm war auf einmal, als ob sanfte Stimmen wie Sirenengesang auf dem Grund seines Gedächtnisses murmelten und versuchten, in sämtliche Fasern seines Gehirns einzudringen, um das Bewußtsein alter und auch wesentlich neuerer Ereignisse wieder in ihm wachzurufen. Aus den Tiefen eines dichten Nebels drang ein fluktuierendes Leuchten, das wie der vergebliche Versuch eines Gesichts anmutete, Gestalt anzunehmen, eines Mundes, Klänge, Worte, Sätze zu bilden … Und Chavez’ Worte verloren sich in einem wattigen Tunnel, der von den wilden, abgerissenen Schreien Hunderter von Schai-Vögeln widerzuhallen schien.) „… Sie sind eingeschlafen? Und das ausgerechnet jetzt! Vertragen Sie keinen Alkohol mehr, Leutnant?“ Alkohol! Drogen! In jener Nacht in Port-Jaira hatte er seine Gedächtnislücke ebenfalls diesen beiden „üblen Weggefährten“ anzulasten versucht, doch nach allem, was ihm auf seiner letzten Mission zugestoßen war, gelang es ihm einfach nicht mehr, die Bruchstücke der alltäglichen Realität wieder zusammenzufügen. Die Irrealität war wie ein Leim in sie eingedrungen, doch rekonstituierte sie das Puzzle der Zeit mit einer gewissermaßen kaleidoskopischen Ironie. Ganz ähnlich wie an jenem Abend, da er, zur Hälfte krank und zu drei Vierteln vom Chay betäubt, eingewilligt hatte, einen Teil seines Solds beim Tarot zu setzen – gegen ein paar überaus gerissene Offiziere, die weitaus weniger „benebelt“ waren als er. Mein Gott, hatte er sich gesagt, ich kann nicht einmal mehr bis auf zehn zählen! – Er hatte sich eingebildet, mit Geisterkarten zu spielen, auf denen obszöne Inschriften und rasch verblassende Bilder tanzten. Doch um der Ehre willen hatte er sich darauf versteift, die Sache durchzustehen und sich zu beweisen, daß er nicht nur ein hilflos von den Strömungen der Nacht hin und her geworfenes Stück Treibgut war. Und dann hatte er gespürt, wie sich sein Nervensystem langsam, aber sicher zersetzte, während sich seine Reflexe von ihm ablösten und er unwiderruflich in den Tangfeldern der Verzweiflung versank. Sie hatten ihn nach allen Regeln der Kunst „ausgenommen“. „Doch vielleicht haben Sie noch nicht genug getrunken! Ich werde eine andere Flasche holen, Leutnant. Anschließend können Sie sich mit neuen Kräften auf meinen Bericht konzentrieren. Keine Sorge: Ich bin bald am Ende.“ „Nein“, bat Baird, „verlassen Sie mich nicht; ich fühle mich sehr wohl, ganz klar im Kopf, und ich möchte unbedingt den Schluß Ihrer Geschichte erfahren … Ja, auch ich habe sie gesehen … Zwei merkwürdig gekleidete Kreaturen, die am Ufer standen und uns beobachteten, belauerten … Ja, ich bin sogar bereit, dies vor einem Militärgericht zu bezeugen!“ „Gehen Sie, mein Bester, wer redet denn von einem Gericht; überdies sind es nicht mehr die Richter, vor denen Sie Grund hätten, sich zu fürchten. Hören Sie endlich auf, Ihren Kopf in den Sand zu stecken, und lassen Sie sich von Ihrem Instinkt leiten!“ Was hatte er da gesagt? Wo hatte er diesen Satz schon einmal gehört? LASSEN SIE SICH VON IHREM INSTINKT LEITEN! JA, LASS DICH VON DEINEM INSTINKT LEITEN! „Hören Sie, Chavez, ich weiß nicht, was für ein Spiel Sie spielen, aber ich muß Sie darauf hinweisen, daß ich bis zum Beweis des Gegenteils immer noch für die Sicherheit an Bord dieses Schiffs verantwortlich bin. Falls Sie also etwas Bestimmtes wissen, etwas, das uns helfen könnte … das uns nützlich … und … das … falls Sie die Absicht haben … Informationen … zu verheimlichen … dann müßte ich … zum Reden bringen … wäre best… bedauerlich aber notwen…“ (Auf der Lichtung funkelten große, senkrecht aufsteigende Flammen zwischen den Bäumen, die angetreten schienen, den Himmel zu stürmen. Anonyme Gesichter zogen sich in das Halbdunkel des Waldes zurück, doch in der ersten Reihe glitzerten silberne und goldene Masken und sperrten große künstliche Münder auf, die unaufhörlich wiederholten: ‚Vertraue deinem Instinkt! Vertraue deinem Instinkt! Vertraue deinem Instinkt!’) Als er begriff, daß sein Gesprächspartner nicht mehr in der Verfassung war, sich den Schluß seines dämmerhaften Abenteuers in den Dschungeln von Celaeno anzuhören, erhob sich Chavez und schob den Riegel vor. Dann knöpfte er Bairds Uniformjacke auf und zerrte den Leutnant mit einer Kraft, die man ihm unter normalen Umständen kaum zugetraut hätte, auf seine Koje. Mit einer zarten, fast zärtlichen Geste wischte er ihm den Schweiß von der Stirn, bevor er ihm aus einem Fläschchen, das er in einer unglaublich ausgebeulten Tasche seiner Leinenweste verbarg, ein paar Zentiliter einer bräunlichen Flüssigkeit einflößte. Als er mit dem „Herrn“ der Panik fertig war, vernahm er ein Kratzen und Schaben an der Kabinentür. Moyra Farsán erschien im Rahmen, sobald er den Riegel zurückgeschoben hatte. „Der Leutnant ist ein sentimentaler Schwachkopf. Er schläft jetzt. Und bei dem Zustand, in dem er sich befindet, wirst du nicht mehr viel aus ihm rausholen können, mein Mädchen. Deine Arbeit auf diesem Schiff ist fast beendet.“ Die junge Frau lächelte gefährlich langsam, wobei sie ihre schimmernden Zähne mit vollendeter Kunstfertigkeit entblößte. Sie legte ihre Rechte auf Chavez’ magere Brust. Ihre Hand brannte wie Lava, die aus einer nie versiegenden vulkanischen Quelle strömt. „Guter Gott!“ entfuhr es Chavez. „Wenn ich jünger wäre, mein Mädchen, würde ich dich wie ein Fuchs bespringen! Du weißt doch, was das ist, ein Fuchs … Es ist ein Pferd. Ein schönes Pferd von den Farben des Feuers und des Golds. Wenn du einen brünstigen Fuchs sehen würdest, mein Kind, würdest du glatt den Verstand verlieren. Armes, bedauernswertes Herzchen! Na, komm schon rein!“ Sie trat in den Lichtkreis, und er dachte, daß die Götter, die diese Welt regierten, grausam waren. Moyra Farsán glich einem Juwel aus Fleisch, das in gewöhnliches Blech gefaßt war: ein Diamant in einem entsetzlich vulgären Reif aus Metall … Waren die Götter dieser Welt in einem solchen Maße kalt und berechnend, daß sie sich der Schönheit dieser jungen Frau wie einer Zeitbombe bedienten? Er legte eine leicht zitternde Hand auf die Brust der stummen Amazone und fragte sich, was für ein Herz wohl unter der erlesenen Wölbung ihres Busens schlug. Ich bin zwar ein alter Narr, dachte er, aber wenn du glaubst, daß du mich wie die anderen Männer auf dem Schiff ganz nach deiner Laune gängeln kannst, hast du dich geirrt. Ich sagte dir bereits vor längerem, daß ich die Frauen nur noch auf eine Art besitzen kann: durch den Blick. Ich bin ein alter Voyeur. Meine Augen genügen mir. Außerdem haben der Leutnant und ich nicht mehr viel Zeit, um uns den Kopf zu zerbrechen. Verzeih mir, mein Kind, aber ich bin ein wenig betrunken. Betrunken und vor allem sehr müde. Moyra entfernte sich und ließ sich auf Bairds Koje nieder. Sie schwieg immer noch und wirkte ungewöhnlich abwesend, wie losgelöst von den Dingen. Obwohl sie in derselben lächerlichen Aufmachung herumlief wie am Vortag – Offiziershemd, umgeänderte Hose, zwei unterschiedliche Sandalen an den Füßen, die ihr beide zu groß waren –, strahlte sie weiterhin eine geradezu überwältigende Sinnlichkeit aus. ‚Ich glaube, daß du eine Art Fata Morgana bist, mein Mädchen, vielleicht eine hochentwickelte holographische Projektion oder etwas Ähnliches …, doch trotz meines Wissens und meines Mißtrauens reagiere ich genauso wie alle anderen: Ich bin scharf auf dich wie ein alter Bock auf ein junges Zicklein! Siehst du, in jener Nacht im Wald, als die Eingeborenen ihre Meister, die Rückkehr der Götter oder was weiß ich feierten, da glaubte ich eines zu begreifen (was ich übrigens schon seit langem vermutet hatte!): Unsere Kraft ist unsere Schwäche. Und unsere Macht ist der Keim, aus dem unsere Fäulnis, unser endgültiges Verderben treibt.’ Moyra begann sich mit gänzlich unkoordinierten Gesten, die an eine komplizierte Pantomime gemahnten, zu entkleiden. Der alte Mann begriff, daß sie das für ihn tat, daß dieses Schauspiel für ihn inszeniert wurde. Allmächtiger, flehte er, laß sie nicht so weitermachen! Das ist ein allzu grausames, ja grauenhaftes Spiel! – Doch er wußte, daß ihn die Finsternis in ihren Schoß aufgenommen hatte und ihren Gefangenen nicht so bald freigeben würde. Chavez war überzeugt, daß er sich gegen diese Verzauberung zur Wehr setzen, aus der Kabine flüchten und den Leutnant seinem Schicksal überlassen müsse. Doch er blieb mit dem Rücken gegen die Tür gelehnt reglos stehen und bedauerte nur, daß nichts mehr da war, womit er seinen Durst löschen und das Klopfen seines erschöpften Herzens hätte besänftigen können. Moyra war nun nackt bis zur Taille; das Licht glänzte auf ihren Schultern, umschmeichelte wollüstig die Höfe ihrer Brüste und tröpfelte sparsam bis zum Ansatz ihres Bauchs hinab. Mit halbgeschlossenen Augen begann sie, ihre Hose aufzuknöpfen. Chavez glaubte der Metamorphose eines schimmernden Schmetterlings beizuwohnen, der sich langsam seines alten, ganz zerknitterten Kokons entledigt. Wenn ich etwas zu trinken hätte, dachte er, stünde alles zum besten in der schlechtesten aller Welten! Doch als sie ihre Hüften und ihr Gesäß leicht anhob, um die Hose abzustreifen, legte er sich instinktiv eine Hand auf die Brust, wie um sein Herz festzuhalten und dessen qualvollen Galopp zu zügeln. Jetzt glänzten die Locken ihres Schamhaars im Lampenlicht, und die Hose lag in einem abscheulichen kleinen Knäuel aus beigem Tuch zu Füßen der Koje auf dem Boden. Und Moyra begann, mit kleinen Rucken ihre braunen Schenkel zu öffnen … Als ihre Beine wie die beiden Zeiger eines Kompasses in der am weitesten divergierenden Stellung auseinandergespreizt waren, murmelte sie süße und erregende Dinge vor sich hin. Der Anblick, den sie Chavez’ Augen bot, überstieg an Schönheit und Schamlosigkeit alles, was die arabischen und persischen Dichter je an Lieblichem beschrieben hatten, und der alte Mann begriff, daß sie dabei war, ihm seine Träume eines bedauernswerten alten Voyeurs, der vom Walten der Zeit zerstört und einem Zuviel an Reflexion und Desillusionen verbraucht war, im Übermaß zu erfüllen. Vielleicht war das ihre Art, ihn dafür zu belohnen, ihm dafür zu danken, daß er dem Leutnant nicht die GANZE Wahrheit gesagt hatte? „Mein Gott, was bist du schön!“ sagte er laut, immer noch an die Tür gelehnt, als ob ihn der Türflügel magnetisch angezogen habe. Und er konnte es nicht verhindern, daß ihm die Tränen übers Gesicht strömten. 8 Geträumte Hinterhalte Zuerst dachte ich: Dieser Palast ist das Werk der Götter. Ich erforschte die unbewohnten Räume und korrigierte mich: Die Götter, die ihn erbauten, sind tot. Ich bemerkte seine Besonderheiten und sagte: Die Götter, die ihn erbauten, waren wahnsinnig. JORGE LUIS BORGES Brian schritt durch eine enge Straße in Port-Jaira, deren Mauern glatt und hoch aufragten. Sie hatten weder Türen noch Fenster, so daß er gezwungen war, immer weiterzugehen. Einmal sagte er sich, daß es besser wäre umzukehren, doch er entdeckte, daß ihm der Rückweg durch einen dichten Vorhang aus Dunkelheit verlegt war, schwere Wandbehänge aus eingetrockneter Tinte, deren bloße Berührung ihm unaussprechlichen Ekel verursachte. Darum hatte er seinen Weg zwischen diesen undurchdringlichen, anonymen Mauern fortgesetzt. Er war nicht einmal mehr ganz sicher, sich noch in Port-Jaira zu befinden: Wahrscheinlich war er auf irgendeine geheimnisvolle Weise in eine andere Dimension versetzt worden. Weit fort von dieser panikerfüllten Welt mit ihren unsinnigen Gesetzen. In ein Universum, in dem die Grausamkeit noch nicht regierte! Er war von Furcht und einer großen Bangigkeit erfüllt. Seine Hände zitterten wie die eines Greises oder wie die von Chavez, wenn er sich ein Glas Alkohol eingoß. Seine Schritte hallten auf den Fliesen, über die er mit seinen schweren Stiefeln stapfte, und das Echo eilte ihm weit voraus, viele, viele Kilometer weit, so daß er sich zu fragen begann, ob ihn diese Straße jemals irgendwohin führen würde oder ob er etwa tot war und dieses Umherirren Teil einer subtilen Strafe bildete. Doch eine Strafe für welche Verstöße? Ziemlich weit hinter sich, in der wattigen Welt, die sich um seine Schritte schloß, vermeinte er Rufe, Schreie und tierisches Gebrüll zu vernehmen. In der düsteren Atmosphäre klangen die Geräusche derart unheimlich, daß er instinktiv seine Schritte beschleunigte. Schließlich hatte er die Grenzen der Stadt der Lebenden überschritten und befand sich nun in einem Universum, wo alles möglich war. Er fühlte sich schrecklich müde, traurig, niedergeschlagen. Manchmal überkam ihn eine Welle grausamer Übelkeit. Er hatte das Gefühl, eine Situation wiederzuerleben, deren Erinnerung man in ihm hatte auslöschen wollen. Langsam setzten sich die Räder seines Gedächtnisses wieder in Gang, während das Gebell der Meute immer näher kam. Er stellte sich riesige Tiere mit grauenvollen Kiefern vor, rußige Kreaturen, die auf Pferden aus Obsidian saßen. Eine ganze mefitische Kavallerie. Hündische Bestien, die darauf aus waren, ihre Zähne in Menschenfleisch zu schlagen. Der Dunst um ihn herum verdichtete sich so sehr, daß er ein Buschmesser hätte gebrauchen können, um sich einen Weg durch diese erstickende Melasse freizuhacken. Doch er war nackt und unbewaffnet in diese ungeheuerliche Falle geraten, er fühlte sich verloren in einem Spiel, dessen Regeln er nicht begriff. In seiner Seite bohrte ein immer heftiger werdender Schmerz, und er geriet ganz außer Atem; da merkte er, daß er die ganze Zeit über gerannt war. ‚All das ist unsinnig. Diese Straße führt nirgendwohin. Ich habe nicht mehr die geringste Chance.’ Und während er weiter durch dieses no man’s land der Einsamkeit lief, fragte er sich, ob er sich nicht schon in der dämmrigen Zone befand, welche das Reich der Toten von dem der Lebenden trennt. Er blieb einen Augenblick stehen, um die Mauer auf seiner rechten Seite etwas aufmerksamer zu mustern, doch es gab keinerlei Unebenheiten oder Risse, die es erlaubt hätten, sie zu ersteigen. Trotz ihres sehr hohen Alters war die Mauer, die eine mysteriöse und uneinnehmbare Festung umgürtete, noch völlig intakt. Dann ertönte neuerliches Geheul, näher diesmal und noch beklemmender, und als er sich umdrehte, war es Baird, als ob er Zentauren mit schwarzen Umhängen und Helmen aus blitzendem Metall im Nebel erblickte. Gemeine Hunde mit übermäßig entwickelten Kiefern hetzten an den Pferdemenschen vorbei und reckten die Hälse gegen Baird, der sich bei ihrem Anblick schaudernd bewußt wurde, daß nichts zwischen ihrem Biß und seiner Haut war, nicht einmal ein dünner Fetzen Stoff. (Fern, bei der Nachhut der unheilvollen Kavalkade, das Lachen einer Frau …) Als er fast sicher war, daß ihn die Zentauren einholen und von ihrer Meute in Stücke reißen lassen würden, so wie seine eigenen Gefährten in ihrer eitlen Grausamkeit die Menschen des Waldes zu ihrem Vergnügen hatten sterben lassen, öffnete sich ein Spalt im Nebel und gab den Blick auf ein großes kristallenes Tor frei, das ihm den Weg versperrte und mit einer solchen Intensität glitzerte, daß seine Augen sogleich zu tränen begannen. Ein Schrei zog sich in der Zeit auseinander wie eine faserige, zwischen den eisigen, schwächlich leuchtenden Sternen ausgespannte Substanz. Bald war er zu einem langen spinnwebfeinen Faden ausgedünnt, doch Baird hörte ihn immer noch. Er drang durch seine Ohren, aber auch durch seine übrigen Gesichtsöffnungen. Es war fast, als ob er diesen immer schwächer, doch zugleich immer schneidender werdenden Klang in sich einschlürfe. Er grub seine Hände in die Mauer, die sich zu seiner Linken befand, wobei er feststellte, daß sie flockig und kalt wie Schnee geworden war. In dem Versuch, sie zu erklettern, bohrte er seine Finger, dann seine Fäuste in sie hinein. Es war ein waghalsiges Unternehmen, bei dem er riskierte, kostbare Zeit zu verlieren, doch schließlich gelang es ihm unter Aufbietung aller Kräfte, sich auf den Befestigungswall hochzuziehen. Von dort oben bot sich ein grenzenloser grüner Ozean seinen Blicken dar. Doch so sehr er auch die Augen aufriß – er konnte nicht die geringste Spur seiner Verfolger entdecken. Nur die Mauerkrone ragte über das flockige Meer hinaus – eine Art sinnlosen Wehrgangs über dem Nichts. Er begann auf diesem schmalen Steg entlangzubalancieren wie ein geängsteter Schlafwandler. Ihm wollte scheinen, daß der Schrei schier unmenschlicher Pein aufgehört hatte, in den Tiefen dieser trügerischen Welt widerzuhallen, doch an seiner Stelle erklang nun das wütende Konzert der Hunde. Je weiter er vorankam, desto mehr büßte die Mauer von ihrer Festigkeit ein, so daß seine Füße sich in ihr verfingen und er ins Straucheln geriet. Bei jedem Schritt sank er ein wenig ein, als ob er durch Treibsand wate. Vor ihm hatte sich das wolkige Meer unversehens in eine konkave Mauer verwandelt, und er fragte sich, ob er am Ende im Inneren einer Kugel aus Baumwolle gefangen war. Doch das unangenehme Gefühl des Eingesperrtseins schwand sogleich, als sich ein senkrechter Spalt in der Krümmung auftat, der rasch auf den „Horizont“ zulief und diesen in zwei symmetrische Hälften zerlegte. In der entstandenen Öffnung zeichnete sich die Silhouette der Zitadelle ab. Doch die Festung sah auf einmal viel weniger alt aus, so als ob die Geschichte plötzlich rückwärts liefe. Selbst auf diese Entfernung wirkten die architektonischen Einzelheiten wesentlich komplexer, blieb die Anordnung der Bauteile unverständlich … Während er sich zwang, auf dem schmalen Weg, der unter seinen Füßen nachgab, weiterzugehen, fragte sich Brian, welche Zwecke die Erbauer dieser rätselhaften Zitadelle wohl verfolgt haben mochten. Er mußte zweifach auf der Hut sein, denn das Hundegebell erklang inzwischen genau unter ihm. Ein falscher Schritt, und er würde mitten unter der entfesselten Meute landen. Er warf einen furchtsamen Blick auf die flockige Masse zu seinen Füßen, die sich wie Hefeteig hob, und den opalschimmernden Burggraben, der zwischen den Mauern aus weichem Stein eingebettet war. Nach und nach zeichneten sich Gesichter in dem unheilvollen Dunst ab, und er unterschied schließlich die vagen Umrisse einer kleinen Gruppe von Reitersleuten, brutalen, schwarzgekleideten Erscheinungen, die ihm höhnisch lachend ins Gesicht starrten. Er merkte bald, daß die Männer entgegen seiner ursprünglichen Annahme allesamt Uniformen mit dem Emblem der Konföderation trugen. „Komm zu uns runter!“ rief eine haßerfüllte Stimme, die aus einem Mund kam, den eine blutende Hiebwunde gespalten hatte. „Komm runter, verfluchter Verräter, damit dich die Hunde zerreißen können!“ Während er bis zu den Knien in die Mauer einsank, die wie unter dem Beschuß gebündelter Sonnenstrahlen schmolz, sah er, daß die Zentauren den unbekleideten, leblosen Körper von Moyra Farsán über einen Sattel geworfen hatten und mit sich schleppten. „Was habt ihr mit ihr vor?“ fragte er und rutschte noch ein wenig tiefer in die wattige Falle. „Komm zu uns runter, Baird, du Hundsfott, dann werden wir es dir sagen! Wir haben dir eine Menge zu sagen!“ In dem, was nun geschah, war überhaupt keine Logik mehr: Einer der Reiter riß den Kopf der jungen Frau brutal an den Haaren empor, und Baird heulte auf, als er den grausigen Brei sah, der einmal ein Gesicht gewesen war … „Erkennst du diese Hure?“ schleuderte ihm einer der Jäger haßerfüllt entgegen. Es war Hauptmann Vanellen. In den Zügen des Offiziers spiegelten sich Wut, Haß und Verachtung. „Du bist ein dreckiger Verräter, Baird. Ich hätte es ahnen müssen in jener Nacht auf Kardalla!“ Er zerrte an dem Körper von Moyra, bis er, aus dem Gleichgewicht geraten, vom Sattel rutschte und mitten unter die Hunde fiel. Es waren riesige Tiere, die den Festschmaus kaum erwarten konnten. Als Vanellen ihnen das Kommando gab, stürzten sie sich alle zugleich auf Moyra Farsán. Über ihre geschwollenen Lippen kamen ein paar flehende Worte, und Baird wußte, daß sie nur an ihn gerichtet sein konnten: „Laß mich nicht …“ Unvermittelt kam ihm das Pathetische dieser Szene völlig absurd und lächerlich vor, und er wußte, daß er nie aufgehört hatte zu träumen. Er versuchte, sein Gleichgewicht wiederzufinden, doch die Mauer fing an, sich unter seinen Füßen aufzulösen, und er glitt unaufhaltsam auf die erregte Meute zu. Ein paar der Hunde waren bereits damit beschäftigt, die Brust der jungen Frau zu zerfleischen, andere jedoch ließen von ihrer Beute ab, um ihn mit erhobenem Kopf und Fängen, die in einer unheimlichen Grimasse entblößt waren, zu erwarten. Er mühte sich vergebens, die tiefere Bedeutung dieses Traums zu begreifen, während er immer weiter zu dieser gierigen Rotte hinuntersank, doch als die erste der wilden Bestien ihre Zähne in seinen Knöchel schlug, um ihn in ihren höllischen Kreis zu zerren, hörte er auf, darüber nachzugrübeln, und begann statt dessen wach zu werden. Das letzte Bild, das er in dem Wirbel, welcher der Rückkehr des Bewußtseins vorangeht, festhielt, war das eines Mannes, der auf dem Befestigungswall der Zitadelle stand – eines Mannes, dem er weiß Gott wo schon einmal begegnet war und der in seine Richtung zu blicken schien. 9 Die Rebellen der Nacht Pfefferbaum Inmitten der Pampa wächst ein Pfefferbaum Zum Leben braucht er Sonne und Wind Gekrönt von Stein wächst der Pfefferbaum Der Mond und der Wind wachen über ihn der Mond und der Wind Wenn seine Zweige blühen gleicht er einer Feuersbrunst so üppig schmücken sie sich mit Rot mit flammendem Rot Niemand sieht ihn wie er unter der Erde arbeitet wie er Tag und Nacht nach Nahrung sucht Roter Pfeffer des Nordens Gewächs der Atakama ich spüre in der Wüste den Gesang deiner Zweige Du mußt fortfahren wie eine Feuersbrunst zu blühen denn der ganze Norden gehört dir dir allein und nur dir VICTOR JARA, Pimiento Aufgrund der Schäden an ihrem Rumpf, die sich unter den gegebenen Umständen nicht beheben ließen, fuhr die Panik nur mit gedrosselter Geschwindigkeit weiter. In ein paar Stunden würde sie den letzten Posten erreichen. Danach käme das abschließende Stück der Talfahrt nach Port-Jaira und dem Unbekannten. Bleich wie ein Bettlaken und mit Augen, die tief in ihre Höhlen gesunken waren, gab Brian mechanisch seine Befehle. Er wußte, daß in Port-Jaira etwas außerordentlich Schwerwiegendes vorgefallen sein mußte, und fragte sich, was sie am Ende ihrer Reise wohl erwarten würde. Sein letzter Traum hatte ihn erschüttert und in einen Zustand fiebriger Erschöpfung versetzt, der nahe an den völligen Zusammenbruch grenzte. Allen Mut sowie das bißchen Energie, das ihm noch geblieben war, zusammennehmend, war er auf die Brücke gestiegen, nachdem er Chavez gebeten hatte, bei Moyra zu bleiben. „Erinnern Sie sich an das, was ich Ihnen vor ein paar Tagen sagte, Fähnrich Sigurd?“ „Wovon sprechen Sie, Herr Leutnant?“ „Von meinen etwas düsteren Warnungen bezüglich dieses Planeten. Von seinem vergifteten Charme, seiner morbiden Anziehungskraft. Doch vielleicht haben Sie meine Worte längst vergessen.“ „Herr Leutnant, ich kenne Ihre geheimen Gedanken ebensowenig, wie ich weiß, was die nächsten Tage für uns bereithalten werden, doch eins scheint mir gewiß: Für alle Vorfälle, deren Zeugen wir waren, muß es eine rationale Erklärung geben. Ich denke, daß wir Opfer einer Verschwörung des Feindes geworden sind und auf der Hut sein müssen. Ich glaube, daß der Defätismus in einer derart … schwierigen Situation wie der unseren sehr ungelegen, ja sogar außerordentlich verhängnisvoll sein kann.“ Baird wunderte sich über die Länge von Sigurds Rede und den Nachdruck, mit dem er sie vorbrachte. Im Grunde warf ihm der junge Mann schlicht und einfach Versagen vor. ,Du widerwärtige kleine Natter! Du wärest imstande, mich über Bord zu werfen, wenn du dir die geringste Chance ausrechnen würdest, meinen Platz einzunehmen. Doch die Zeit der großen militärischen Ambitionen ist vorbei, mein Junge. Die Geschichte hat einen anderen Verlauf genommen, und wir werden bald eine bittere Lektion lernen müssen.’ „Haben Sie schon einmal von einem gewissen Hitler gehört? … Nein? Sie überraschen mich, Fähnrich. Bringt man Ihnen denn auf der Militärakademie gar nichts mehr bei? Dieser Hitler war ein Gefreiter, der davon träumte, ganze Armeen zu kommandieren, indem er sie auf der Weltkarte in alle Himmelsrichtungen verschob. Eine Armee hierhin, eine andere dorthin … ganz nach seiner Laune und den Eingebungen seines gestörten Geistes. Sein Größenwahn war so ungeheuerlich, daß er sich einen Mißerfolg nicht einmal vorstellen konnte. Er glaubte, durch sein Genie gegen alle Fehler gefeit zu sein. Zu seiner Kampfmethode (von Strategie kann hier wahrhaftig nicht die Rede sein!) hatte er die zum Prinzip erhobene Unterschätzung des Gegners gemacht … Am Ende vergaß er sogar, auf die Ratschläge seiner Marschälle zu hören, die doch als große Kriegshelden galten, und ging mit fliegenden Fahnen in einer der gewaltigsten Niederlagen der Militärgeschichte unter. Was nun uns betrifft, mein lieber Fähnrich, so habe ich den Eindruck, daß wir – wenn Sie mir diesen Anflug von … Defätismus, wie Sie es nennen, verzeihen wollen –, daß wir dieselben Fehler wie der kleine österreichische Gefreite gemacht haben. Mit dem Unterschied, daß es gewisse Entschuldigungsgründe für uns gibt: Unser Schlachtfeld ist das ganze Universum, nicht mehr ein Land oder ein Kontinent. Dessenungeachtet bleibt es wahr, daß wir Gefahr laufen, das traurige Schicksal der großen verfallenden Reiche zu teilen. Für mich ist das alles nicht so ernst, denn ich hatte sowieso keine Zukunft mehr vor mir, aber Sie … Sie sollten versuchen, sich abzusetzen.“ Sigurd umklammerte die Reling so fest, daß seine Knöchel weiß hervortraten. Als er seinen Blick in den von Brian senkte, lag wilder Haß darin. „Ich kann Ihre monströse Philosophie nicht akzeptieren, Baird!“ (Sein Zorn mußte auf dem Siedepunkt sein, sonst hätte er sich nie derart über die Konventionen hinweggesetzt!) „Sie haben mich vom ersten Moment an verabscheut, Sie haben versucht, meine Moral zu untergraben … Sie haben nur von einem geträumt: meine Welt zu zerstören!“ Sieh mal, dachte Brian, da werde ich ja ganz gehörig abgekanzelt! Doch trotz seines scheinbaren Zynismus’ spürte er, wie der Haß wieder Oberhand in ihm gewann und ihn ganz erfüllte. Der Haß, aber auch noch ein anderes Gefühl, das vieldeutiger, hinterhältiger war. Er hatte unrecht daran getan, seinen jungen Untergebenen abermals zu provozieren. Schließlich zeugte dies von einer sehr kleinlichen Haltung und war, mehr noch, ein beträchtlicher und vollkommen überflüssiger Energieverlust. Hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, seinen Fähnrich zu ohrfeigen, und der Furcht, bei einer eventuellen Schlägerei den kürzeren zu ziehen, fragte sich Baird, ob es nicht besser wäre, sich in aller Form zu entschuldigen. „Fähnrich, ich habe mich wohl etwas hinreißen lassen … aus Schwermut, glaube ich. Ich bitte Sie, meine Entschuldigung anzunehmen.“ Die Augen des jungen Mannes flammten. Brian konnte wie in einem offenen Buch in ihnen lesen: ‚Du Dreckskerl’, sagten die Augen, ‚du bildest dir ein, dich mit deiner Entschuldigung aus der Affäre ziehen zu können. Du bist gar nichts, nicht mal ein Mann. Du hättest den Kampf akzeptieren müssen. Damit wir endlich klare Verhältnisse geschaffen hätten. Statt dessen bietest du mir im Austausch für ein paar widerwärtige Höflichkeitsfloskeln einen Waffenstillstand an. Aber ich hasse dich, ich hasse dich, ich hasse dich mehr, als Worte zu sagen vermögen: ICH HASSE DICH, und ich würde sonstwas für das Vergnügen geben, mit dir aneinanderzugeraten oder dich in dieses ekelhafte Gewässer zu schmeißen! Um zu sehen, wie du in diesem eitrigen Fluß untergehst, und deine Knochen zwischen den Kiefern der Ungeheuer, von denen es dort wimmelt, knacken zu hören. Nur dann könnte ich meine innere Fassung wiederfinden und wie ein normaler, gesunder Mensch leben.’ Baird zuckte instinktiv vor diesem überschäumenden Haß zurück, vor den hochgehenden Wogen dieser aufs Töten gerichteten Energie. „Ich weiß, daß ich wirklich zu weit gegangen bin. Wir müssen vereint bleiben, wenn wir uns eine Chance zum Überleben bewahren wollen.“ Er spürte, daß er jetzt zu jedem Kompromiß bereit war, und empfand einen düsteren Genuß dabei, sich vor diesem erbärmlichen jungen Schnösel zu erniedrigen, vor dieser geschwollen daherredenden, lächerlichen Marionette, deren Prinzipien nur zu bald in den Strudeln des Großen Flusses Schiffbruch erleiden würden. Einmal mehr war es Chavez, der dem Leutnant zu Hilfe kam. Diese halbe Portion tauchte immer im richtigen Augenblick auf, als sei er ein speziell zu Bairds Nutzen geschaffener deus ex machina. Die Stimme des kleinen Mannes explodierte in den Ohren des Offiziers wie ein Trompetenstoß: „Leutnant, ich muß unbedingt mit Ihnen reden!“ „Herr Chavez, Sie kommen sehr gelegen. Fähnrich Sigurd und ich sprachen gerade über die schlimme Wendung, welche die Ereignisse zu nehmen scheinen.“ Dann wandte sich Baird, der wieder völlig gelassen war, direkt an seinen kochenden jungen Untergebenen: „Nicht wahr, Fähnrich?“ „In der Tat, Herr Leutnant!“ entgegnete der andere, ohne aus der Fassung zu geraten. „Doch unsere Ansichten divergierten beträchtlich. Der Kommandant war der Meinung, daß jeder Widerstand sinnlos geworden sei. Als Begründung führte er die Vorfälle der letzten achtundvierzig Stunden an. Ich vertrete hingegen eine radikal entgegengesetzte Ansicht. Ich glaube, daß der Augenblick gekommen ist, unsere militärische Stärke unter Beweis zu stellen und …“ „… uns ins Kampfgewühl zu stürzen!“ fiel ihm der kleine Mann ins Wort. „Ich beobachte Sie nun schon eine geraume Weile, junger Mann … und ich bin mir sehr rasch darüber klargeworden, daß Sie nur von einer einzigen Sache träumen: vom Losschlagen, wie man so sagt. Sie würden einen ganzen Planeten in die Luft sprengen, nur um eine Gelegenheit zu erhalten, sich zu bewähren … Leider fange ich an zu glauben, daß die Zeiten der großen kriegerischen Heldentaten vorbei sind. Zumindest in diesem Winkel der Galaxis. Ich bedaure nur, daß die Dummköpfe, die für die militärischen Aktionen verantwortlich sind, dies noch nicht mitbekommen haben und sich einmal mehr weigern werden, ihre Lektion zu lernen …“ Sigurds Gesicht hatte den Farbton von Kreide angenommen, und in seinen grünen Augen zitterte eine undefinierbare Flamme. Er mußte sich sagen, daß er einer Verschwörung gegenüberstand, einem ganzen Netz psychologischer Saboteure, die sich jetzt dreist zu ihrer Gesinnung bekannten. Mit dem Mangel an Nuancen, der das Denken aller Fanatiker charakterisiert, sah er nur einen Ausweg: die sofortige Beseitigung von Leutnant Baird und Señor Chavez. Doch das wäre ein klarer, eindeutiger Fall von Meuterei, und Sigurd wußte, daß ein solcher schwerwiegender Akt der Insubordination fatale Folgen haben konnte. Wer sagte denn, daß ihm die Männer gehorchen würden? Schließlich kannten sie Leutnant Baird seit vielen Jahren (zumindest einige von ihnen), und sie würden einem blutjungen Offizier, der auf der Panik seine erste Fahrt absolvierte, gewiß nur ein begrenztes Vertrauen entgegenbringen. Er zwang sich zur Ruhe, verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, die zur Not für ein Lächeln gelten konnte, und beschloß, sich aufs Argumentieren zu verlegen. „Darf ich fragen, wie die Lektion lautet, welche die Dummköpfe, von denen Sie eben sprachen, lernen sollten?“ fiel er dem kleinen Mann ins Wort. „Ich würde mich glücklich schätzen, mehr darüber zu erfahren.“ „Herr Chavez spricht von einer Lektion in Bescheidenheit. Er ist wie ich der Ansicht, daß man den Gegner niemals unterschätzen sollte. Erinnern Sie sich meiner Anspielung auf den Gefreiten Hitler! … Sie wollten mir etwas sagen, Herr Chavez?“ „In der Tat, aber ich möchte lieber … wenn Sie mich entschuldigen wollen, Fähnrich Sigurd …“ „Ich werde mich zurückziehen, wenn Sie gestatten, Herr Leutnant.“ Der junge Offizier entfernte sich sichtlich erleichtert zum Bug des Kanonenboots. In seinem aufgewühlten Geist hatte die militärische Vernunft, welche der zivilen Vernunft entgegengesetzt ist, wieder die Oberhand gewonnen. Er lehnte sich gegen die Verschanzung und betrachtete sinnend den Vordersteven der Panik, der durch die aufgerauhte See schnitt. Ein paar schuppige Rücken wälzten sich mit vorgetäuschter Trägheit in den grauen Fluten, hielten jedoch einen respektvollen Abstand zu den Kanonen des Schiffes ein. Während er die sonderbaren Ereignisse, die seiner ersten Mission auf Celaeno de Peroyne ihren Stempel aufgedrückt hatten, immer wieder in seiner Erinnerung Revue passieren ließ, war es ihm, als ob er beobachtet würde. Ein äußerst unangenehmes Gefühl, für das er zuerst Baird oder Chavez verantwortlich machte, die jetzt gewiß über ihn redeten. Wieder loderte die Flamme des Zorns in ihm auf, und er sah sich um, um herauszufinden, wer ihn so belauerte. Zu seiner großen Überraschung entdeckte er nur ein paar Schritte entfernt den Bootsmannsmaat Foersen, der lässig gegen eine Stutzbüchse lehnte. Als sich ihre Blicke kreuzten, warf ihm Engelshaar ein gewinnendes Lächeln zu, das so regelwidrig war wie nur möglich, denn auf einem Kriegsschiff der Konföderation wurde man gewiß nicht zu Vertraulichkeiten ermutigt. Doch Sigurd hatte schon während seiner ersten Stunden an Bord der Panik bemerkt, daß die Mannschaft eine gewisse Nonchalance kultivierte, die ein junger Offizier nur mit der ganzen Kraft seiner Überzeugungen ablehnen konnte. Anstatt so tief zu sinken und mit einem verworfenen Geschöpf wie Foersen gemeine Sache zu machen, war es doch besser, unter der Fuchtel eines unfähigen Kommandanten wie Leutnant Baird zu stehen. Doch vielleicht hatte er sich getäuscht, hatte geglaubt, etwas in den Augen von Foersen zu lesen, das in Wahrheit gar nicht darin war, denn als er nun neuerlich seinen Blick auf dem Unteroffizier ruhen ließ, schien dieser völlig in die Betrachtung des linken Flußufers vertieft. Sigurd blickte mechanisch in dieselbe Richtung, stellte jedoch sehr bald fest, daß es nichts zu sehen gab außer den monoton vorbeiziehenden Klippen, die in allen Farben schillerten und von funkelnden Edelsteintupfern übersät waren, feurigen Pünktchen in der dichten, fast undurchdringlichen Pflanzenwand. Sigurd fragte sich, welche schrecklichen Rätsel sich wohl hinter dem Mantel des tropischen Regenwaldes verbergen mochten, welche bedrohlichen, kriegerischen Wesen da wohl hausten. Er selbst mußte sich nun auf ein gigantisches Komplott der Agenten von Lemura gefaßt machen. Während der langen Lehrstunden auf der Akademie von Nova-Concordia hatten ihnen die älteren, von den interstellaren Kämpfen zerrütteten Offiziere anhand blutiger Beispiele eingeschärft, daß man dem Feind auf keinen Fall trauen durfte und daß die ‚einzig akzeptable Art von Frieden der bewaffnete Friede war, eine niemals nachlassende Wachsamkeit. Sie sagten: „Der Friede existiert nicht, er ist nur eine Konsequenz des Krieges, eine kurze Atempause zwischen zwei Phasen der ewigen Auseinandersetzung. Der einzige Gott, dessen Reich niemals untergehen wird, ist der Gott des Schlachtens, gleichgültig welchen Namen die Menschen ihm geben. Möge Ihnen DIES und NUR DIES im Gedächtnis haften bleiben! Was die Zivilisten über den Krieg reden und denken, darf Sie nicht beeinflussen. Die Zivilisten, und ganz besonders jene Zivilisten, die man Politiker nennt, vertreten manchmal die Meinung, daß der Frieden die Basis der zivilisatorischen Entwicklung sei, doch wir Militärs wissen – und zwar aus Erfahrung –, daß diese Annahme jeder Grundlage entbehrt. Sie ist nicht nur aus der Luft gegriffen, sie ist auch gefährlich, denn sie könnte die Völker der Schlaffheit und dem Nichtstun geneigt machen. Das Nichtstun aber ist das Ende jeder Zivilisation und der Beginn der Dekadenz schlechthin …“ Und sie erzählten auf eine sehr überzeugende Weise die historisch verbürgte Anekdote von den Wonnen von Capua, als die siegreichen Truppen eines großen karthagischen Feldherrn ihre Winterquartiere aufgeschlagen hatten, anstatt sofort den Vorteil auszunutzen, den ihnen ihre kürzlich errungenen glanzvollen Siege über ihre eingeschüchterten Widersacher verschafft hatten. Doch sie hatten sich auf ihren Lorbeeren ausgeruht und im Vergnügen gesuhlt wie Wildschweine, die sich grunzend in ihrem Schlammloch wälzen, sie hatten ihre ganze zerstörerische Energie in endlosen Trinkgelagen und niedrigster Herumhurerei vergeudet, während ihre Feinde die Zeit nutzten, um ihre Wunden zu verbinden, ihre Kräfte wiederherzustellen und neuen Mut zu schöpfen. Und ihren Haß liebevoll zu pflegen! Auch jetzt hätte man auf diese Weise vorgehen müssen, hätte Truppen zum Sturmangriff in den Dschungel entsenden, diesen rebellischen Wald mit Laserstrahlen und Flammenwerfern durchkämmen und die tödlichen Keime zerstören müssen, die sich in der günstigen Atmosphäre eines riesigen Treibhauses rasch zu vermehren drohten. „Ich danke Ihnen, Chavez, daß Sie mir aus dieser üblen Klemme geholfen haben!“ sagte eben Leutnant Baird. „Ich bin von Furcht und Zittern erfüllt, wenn ich daran denke, was uns bevorsteht.“ (Er wagte nicht, dem kleinen Mann seinen Traum zu erzählen, obwohl er das Gefühl hatte, daß der andere völlig klar in seinen Gedanken lesen konnte!) „Ich frage mich, was aus uns werden wird …“ Chavez blickte ihn mit einem allzu ernsten Lächeln ein wenig von unten her an: „Was würden Sie sich denn wünschen?“ fragte er dann mit einer merkwürdig sanften Stimme. Alle noch einsatzfähigen Marineinfanteristen waren mit der Waffe im Anschlag längs der Reling aufgestellt. Die Offiziere und Unteroffiziere waren ebenso nervös wie die Mannschaften. Nur der junge Sigurd wirkte ruhig und entspannt. Seine Züge schienen mit einem Thermokauter in das Fleisch seines Gesichts eingeritzt zu sein. Allmächtiger, sagte sich Brian, er sieht wie ein kleiner Kriegsgott aus. In Kürze – vielleicht schon in ein paar Minuten – würden sie den letzten Posten der Konföderation erreichen. Nur eine Krümmung des Flusses trennte sie noch von ihm, doch da die Funkverbindung mit Port-Jaira weiterhin unterbrochen war, hatte der Leutnant guten Grund zu der Annahme, daß sie sich noch VOR Ende der Reise auf einige überaus unangenehme Überraschungen gefaßt machen konnten. Als er die Augen zu dem feindlichen Himmel hob (der bläulichrot war wie die Visage eines alten, an Zyanose leidenden Säufers im beginnenden Endstadium!), gewahrte er das in einem übellaunigen Wind flatternde Emblem der Konföderation: ein blutfarbenes, von einem goldenen Hippogryphen gepacktes Staubgefäß, dessen zwei waagrechte Äste von einem Stern erster Ordnung umschlungen wurden. Bis hin zur Devise in Raumsprache: Honor, Ordo and Autorità! war die ganze Symbolik von einer vollendeten Absurdität. Die Panik hielt sich trotz ihrer Schäden sehr tapfer; sie machte auf ihrer Fahrt stromabwärts immer noch recht ordentliche zwanzig Knoten, und Baird überkam eine jähe Empfindung von Weltschmerz, als ob es zwischen dem Schiff und ihm ein plötzliches, heimliches Einverständnis gegeben habe. Er verspürte einen fast körperlichen Schmerz, als er an die Risse im Rumpf dachte. Das war lächerlich, ja unsinnig, denn er hatte keinerlei gefühlsmäßige Bindung an diese stählerne Hinterlassenschaft, die auf den ungesunden Wassern des Ez trieb. Vielleicht war es ganz einfach so etwas wie das „Syndrom des Gefangenen“, jene plötzliche Furcht davor, aus der Zelle verjagt und in das fürchterliche Leben „draußen“ gestoßen zu werden, so daß die glühend herbeigesehnte Freiheit, auf die man so lange hat warten müssen, auf einmal beängstigender erscheint als die vertraute Gefängniswelt. Die Welt, in der er jahrelang gelebt hatte, ähnelte ein wenig einem riesigen Gefängnis mit seinen dummen Vorschriften, seinen endlosen Fluren und den psychologischen Wachtürmen. Und doch fragte er sich, ob er sich nicht auf der Schwelle zu einem Universum befand, das ungleich größere Schrecken barg als die Welt des Kriegs und der Hinterhalte. Von Furcht erfüllt sagte er sich, daß die Nacht bald anbrechen und dieses phantomhafte Schiff in eine feucht-schwüle Finsternis hüllen werde, die wie ein Vorgeschmack auf die Hölle war. Mechanisch hob er eine Hand zur Stirn und stellte fest, daß sie schweißnaß war und vor Fieber glühte. Daran ist nichts Verwunderliches, bemerkte er bitter, ich bin so oder so erledigt. Mit dem bißchen Stimme, das ihm geblieben war, schrie er: „Mazzini, sagen Sie den Männern, daß sie sich bereithalten sollen. Ich habe so ein Gefühl, als ob wir gleich Ärger bekommen werden.“ Chavez, der mittlerweile zu jeder Tages- und Nachtzeit freien Zugang zur Brücke hatte, feixte: „Sie verstehen sich vortrefflich auf Euphemismen, Leutnant.“ „Vielen Dank für das Kompliment“, gab Baird trocken zurück. Doch keiner in der Mannschaft hatte mehr einen Befehl nötig: Sämtliche Marineinfanteristen, die mißtrauisch zur letzten Schleife des Flusses spähten, welche noch zwischen ihnen und ihren Kameraden lag, wußten, daß sie ganz auf sich selbst gestellt waren und daß sich die Schai-Vögel, die unablässig an dem von der untergehenden Sonne in Brand gesetzten Himmel kreisten, möglicherweise auf ein neues grauenvolles Festmahl vorbereiteten. Im Grunde genommen hätten sie wohl eine apokalyptische Szenerie vorgezogen (denn solche Anblicke waren sie gewohnt!) … eine Leichengrube etwa, deren pestilenzialischer Gestank im Nu ihre kriegerische Glut entfacht und ihnen Schreie des Hasses und der Rache entlockt hätte. Anstatt eines solch brutalen Bilderbogens des Todes fanden sie nur eine weitere Quelle der Beunruhigung und Entmutigung, ein allerletztes Rätsel, das ihrer fiebrigen Einbildungskraft gestellt wurde. Der Posten war in größter Eile verlassen worden. Die auf den Häusern, den Wachtürmen, dem Kai lastende Stille weckte in Brian die traurige Erinnerung an jenen öden Asteroiden, wo er begonnen hatte, seine Seele zu verlieren … HIER nun fand er jene krankhafte Empfindung wieder, völlig AUSSERHALB der Welt zu stehen. Wenn die Nacht in einem Aufflammen von Sternen mit einem Schlag herabgesunken wäre und der Dschungel sich in eine trostlose Weite aus grauem Staub verwandelt hätte, hätte er diese Metamorphose voll Resignation hingenommen. „Das ist unglaublich“, sagte Mazzini. „Wo, zum Teufel, können sie nur hin sein? Es gibt keine Straße, nichts … Und eine Evakuierung über den Fluß würde bei den Schiffen, die sie besitzen, an Selbstmord grenzen … Da könnte man doch glatt den Verstand verlieren … Wenn es wenigstens Nachrichten aus Port-Jaira gäbe!“ Der Obermaat wandte sich mit blitzenden Augen an die beiden Offiziere: „Herr Leutnant!“ „Was gibt’s?“ fragte Baird, bereit, die Zähne zu zeigen. „Wir müssen etwas unternehmen!“ „Und was schlagen Sie vor, Mazzini?“ Alle Gesichter hatten sich unterdessen dem Trio Baird, Sigurd und Chavez zugekehrt. In den Augen der Unteroffiziere und Matrosen flackerte eine perverse kleine Flamme: Sie spürten, daß der geringste Vorfall zur entscheidenden Explosion führen konnte, doch Brian fühlte sich jetzt merkwürdig ruhig, obwohl er den ganzen Tag über keine Drogen genommen hatte. Wenn er auch nichts tun konnte, um das heftige Zittern seiner Hände zu unterdrücken, war sein Geist doch vollkommen klar, und seine Gedanken schwirrten wie Pfeile davon: „Mazzini, da Sie unbedingt irgend etwas tun wollen, bereiten Sie sich darauf vor, mit mir an Land zu gehen. Drei Mann werden, denke ich, für das, was wir HIER ZU tun haben, vollauf genügen! Irgendwelche Einwendungen?“ „Sie haben ihnen den Schneid abgekauft!“ murmelte der Señor Chavez. (Es lag keinerlei Ironie in seiner Bemerkung, im Gegenteil: Baird glaubte einen bewundernden Unterton herauszuhören. Doch die Schlange fing gleich wieder zu zischen an:) „Wie schade, daß Ihnen Ihre schöne Autorität nicht mehr viel nützen wird, Baird!“ „… Vielleicht sind sie nach Port-Jaira evakuiert worden. In Anbetracht der relativen Nähe der Stadt wäre das nicht unmöglich.“ Doch Brian glaubte kein Wort von dem, was er sagte … und seine Gefährten blickten ebenfalls nicht sehr überzeugt drein. Während sie langsam durch die Straßen des verlassenen Lagers schritten, sagte sich der Leutnant bitter, daß er ein Verräter geworden war und seinen Männern absichtlich und aus freien Stücken die Wahrheit verschwieg. Natürlich wußte er seit jenem Traum, der ihn am Ende eines langen Saufgelages mit Chavez überkommen hatte, daß ihm letztlich keine Wahl geblieben und er auf irgendeine Weise dazu gezwungen worden war. ,Während wir in unseren schönen Uniformen herumspazierten, gärte die Hefe der Revolution im Bauch der Welt. Sie nährte sich schweigend in der nächtlichen Gebärmutter und wuchs wie ein alles verzehrender Embryo heran. Niemand ahnte etwas von ihrer gefräßigen Gegenwart, von dem unaufhaltsamen Prozeß ihrer Reifung! … Was aus der Nacht geboren wird, wird der neue Morgen dieser Erde sein. Sucht nur, ihr armen, bis zu den Ohren bewaffneten Dummköpfe, wühlt ruhig im Staub, doch ihr werdet nichts finden … im Gegenteil, ihr werdet euren Verstand verlieren!’ Die düsteren Fassaden verrieten ihnen nichts über das Los ihrer Gefährten, und nachdem Mazzini und seine Leute verzweifelt mehrere Gebäude durchsucht und die Wachtürme bestiegen hatten, beratschlagten sie eine Weile, wobei sie es vermieden, in Richtung ihres Kommandanten zu blicken, der einige Schritte von ihnen entfernt eine Zigarette rauchte. „Ich glaube, wir können umkehren, Herr Leutnant“, sagte der Unteroffizier schließlich, als sie ihr Palaver beendet hatten. „Hier gibt es nichts mehr für uns zu tun.“ Es klang wie eine Totenrede, und Brian dachte, daß es letztlich ja auch genau das war. Die Bohlen des Kais vibrierten unter ihren schweren Stiefeln, als sie schweigend zum Kanonenboot zurückgingen. ,Vermutlich müßte ich eine kleine, den Umständen angemessene Rede halten und die Mannschaft auffordern, all ihre Energie zusammenzunehmen und ihre Kaltblütigkeit und Disziplin unter Beweis zu stellen.’ Aber was konnte er denn dem, was sich die Männer jetzt ganz leise sagen mußten, noch hinzufügen? Gewiß glaubten sie, daß sie die Pforten der Hölle durchschritten hatten und von der Zeit mit einem unentwirrbaren Netz umwoben worden waren. Als er den Befehl zum Ablegen gab, entstand ein Gemurmel unter den Infanteristen, doch sie gehorchten ihm mit einer Promptheit, die verriet, von welchen Ängsten diese Männer besessen sein mußten, die sich auf einer Welt verloren fühlten, deren Gesetze ihnen jäh vollkommen unverständlich geworden waren. ,Etwas Ähnliches muß ein Jäger empfinden, der es gewohnt ist, verschreckte Kreaturen, von Entsetzen geschüttelte „Untermenschen“ gnadenlos zur Strecke zu bringen, und der sich nach einer Kehre der Buschpiste unerwartet einem Tier von unerhörter Kraft und Wildheit gegenübersieht.’ Die Mannschaft der Panik schien es jedenfalls eilig zu haben, dieses trostlose, schweigende Ufer zu verlassen, auf dem eine unaussprechliche Drohung lastete. Am sirupartigen Himmel mit seinen kläglich verdickten Farbtönen, der von einer Dissonanz aus aggressivem Grün und wächsernem Gelb, gespickt mit orangefarbenen Tupfern, beherrscht wurde – den fernen Zeugen von Ereignissen, die Leid über die Menschen der Erde gebracht hatten –, kreisten die Raubvögel in ihrem finsteren, niemals endenden Karussell. Da entsann sich Brian des rätselhaften Balletts, welches die Vögel vor einigen Tagen, als er in Gesellschaft von Sigurd zur Landungsbrücke gegangen war, am Himmel komponiert hatten. Während einiger Augenblicke hatte er geglaubt, daß sich die Vögel bemühten, eine außerordentliche Botschaft in den Raum zu schreiben. Vielleicht hatte er sich nicht geirrt! War es möglich, daß jene Signale ihm gegolten hatten? Ihm, Brian Wendell Baird, einem im Sold der Großen Konföderation stehenden uniformierten Hampelmann? Die Schai-Vögel begannen kreischend das Signal zum Sammeln zu geben, und den Menschen bohrten sich eisige Stacheln ins Rückgrat. Bald würde sich wieder eine Nacht herabsenken, bald würden die Sterne wieder am Firmament aufleuchten und der Mond sich auf seine schimmernde Bahn begeben. Das Kanonenboot glitt lautlos zwischen den gleich weit entfernten Ufern dahin, doch niemand an Bord wagte es einzuschlafen, denn der Schlaf war zum Feind geworden, zum Erzeuger unerträglicher Nachtmahre. Baird griff zu seinem Bordbuch und machte folgende Eintragung: ‚Leutnant Brian Wendell Baird, Kommandant des Kanonenboots Panik, hört mit dem heutigen Tage’ (es folgte das Datum in Großbuchstaben) ‚auf, dieses Bordbuch zu führen. Es ist nämlich sehr fraglich geworden, ob besagtes Buch seinen Vorgesetzten noch in irgendeiner Weise dienlich sein kann.’ Dann schrieb er in sein persönliches Tagebuch: ,Darum also übte diese Welt auf mich die Faszination einer Schlange aus! Ohne es zu wissen, war ich denen von Celaeno de Peroyne immer ähnlicher geworden; unmerklich hatte ich mich mit den Geheimnissen ihrer Philosophie vertraut gemacht. Aus diesem Grund habe ich die Meinen ohne Haß, aber auch ohne Reue hingemordet, womit ich die letzte Grenze überschritten habe. Und doch – werden mich denn all diese mysteriösen Alchimien der Tiefe, diese für die Mitglieder meiner Rasse undurchschaubaren Hexenkünste, retten, wenn es zur entscheidenden Probe kommt?’ Als er diese Zeilen geschrieben hatte, ließ er sich ganz, ganz langsam wie ein etwas verrosteter Mechanismus nach hinten kippen, bis seine Augen direkt zur Decke aufschauten. Der vertraute Anblick der Kabine verschwamm und machte einem gleichförmig blauen Himmel Platz, in dessen Zentrum die Sonne aus Leibeskräften strahlte. Wieder befand er sich zwischen den Sanddünen seiner fernen Vergangenheit. Und diese mit schwert- oder lanzenförmigen Halmen bewachsenen Dünen fielen zum Meer hin ab, einem Ozean, der Hunderte von Lichtjahren von Celaeno de Peroyne entfernt war. Es war, daran erinnerte er sich noch, der letzte Sommer des Friedens – eines jener zahlreichen, so flüchtigen Frieden – und auch der letzte Sommer seiner Freiheit, SIE hielt einen schmalen Gedichtband in ihren braunen Händen. Eine sehr alte Anthologie amerikanischer Gedichte aus dem zwanzigsten Jahrhundert. Wenn man nicht aufpaßte, wehte der Wind die aus dem Leim gegangenen Blätter davon, SIE war nackt und braungebrannt. Vom Kopf bis zu den Füßen. Ihr Gesicht, ihre Brust, ihr Bauch, ihr schönes, rundes Gesäß, alles war von einem vor Gesundheit strotzenden Braun. Sie war braun und warm und gesund, von den Haarwurzeln bis zu den Zehennägeln. Wunderbar ausgeliefert in diesen schweigenden, menschenleeren Dünen. Es war noch sehr früh am Morgen, doch es wurde schon recht heiß. Ihr Zeigefinger stak zwischen den Seiten des Gedichtbandes, und sie neigte ihren Kopf leicht vor, während sie ihn intensiv anblickte. Jahre über Jahre (so viele Jahre!) lagen zwischen ihm und jener Erinnerung, der einzigen Erinnerung, die er gern von der anderen Seite des Spiegels mitgenommen hätte, doch er trug das Brandmal jenes Blicks in sich, dessen unverminderte Intensität er immer noch tief in seinem Schädel spürte. Er rief sich ihre Gesten und ihre Worte ins Gedächtnis zurück und die liebliche Art, mit der sie einige am Vorabend auswendig gelernte Verse aufgesagt hatte: „Körper mein Haus/mein Pferd mein Hund/was wird aus mir/wenn ihr nicht mehr seid …“ Und er hatte weder die Verse noch ihren Rhythmus noch den bittersüßen Eindruck vergessen, den sie bei ihm hinterlassen hatten, SIE rezitierte diese Verse, die voll waren von beunruhigenden Schwingungen, mit einer außerordentlichen Sensibilität, dann schwieg sie und neigte sich ihm mit tränenerfüllten Augen zu. Die Dünen verbargen sie, und sie fragte ihn: „Wenn sie uns unter sich begrüben, wäre das nicht schön?“ Sie hatte manchmal solche brüsken Anwandlungen von Todessehnsucht, doch ihr Körper strahlte so viel Gesundheit aus, war so lebensprall, daß er sie für folgenlos hielt. Ihre Gegenwart erfüllte ihn mit Selbstvertrauen und Stolz. ,Wenn sie uns unter sich begrüben?’ hatte sie gefragt, doch anstatt sie zu verschütten, hatten die Dünen sie vor möglichen Zuschauern beschützt, als sie sich zwischen den Gräsern vereinigten, als er ihren ganzen Körper mit seinen Händen erforscht, als er … Er hatte Angst. Angst vor den Geräuschen der Außenwelt, Angst vor der Bedrohung, die aus der Nacht von Celaeno de Peroyne erwuchs, jener schwammigen Ghoule mit Augen aus Feuer und Onyx. Nach einer Weile erhob er sich von Fieber geschüttelt und ging in den halbdunklen Gang hinaus. Er zögerte ein paar Sekunden, als ob er über ein außerordentlich schwieriges Problem nachsänne, dann legte er das Ohr an die Tür von Moyras Kabine. Von jenseits der metallenen Türfüllung erreichten ihn die schmachtenden Rufe der jungen Frau, und er ballte die Fäuste so heftig, daß sich die Nägel in seine Handflächen gruben. „Chavez“, sagte er mit schmerzenden Schläfen, „sind Sie bei ihr?“ Es schien ihm, daß sich die junge Frau ruhelos auf ihrer Liege hin und her wälzte, wie wenn sie auf einem Grill festgebunden sei. Da er keine Antwort erhielt, öffnete er die Tür. Chavez lag auf dem Boden der Kabine, und von seiner unbedeckten Stirn floß unerschütterlich ein Rinnsal aus Blut. Für einen ganz kurzen Augenblick schien die Zeit stillzustehen, und Baird konnte in aller Muße die Szene in sich aufnehmen: Chavez, der mit gedunsenem Gesicht zu seinen Füßen ruhte, Moyra, die sich nackt und verkrampft wie ein wächsernes Weibchen auf ihrer Koje wand, und, gegen die Trennwand gelehnt und mit herausquellenden Augen, Foersen, das lebende Abbild eines vergessenen heidnischen Gottes. „Foersen! Was machen Sie hier?“ Die Frage fiel in die Stille wie ein Stein in einen reglos daliegenden Teich, und Baird wurde sich plötzlich der Absurdität der ganzen Situation bewußt: diese Toten, die sich noch immer um das Trugbild einer Frau zu schlagen schienen; und er, der sich, der Routine gehorchend, darauf versteifte, eine lächerliche Rolle zu spielen. Er bedauerte, keine Waffe dabei zu haben, als sich Engelshaar nun wie ein Schmetterling, der sich von einem seinen Brustkorb durchbohrenden Pfahl losreißt, von der Wand löste und unter Geknurr und unartikulierten Lauten auf ihn zustürzte. In seinem augenblicklichen Zustand hatte der Bootsmannsmaat mehr von einem reißenden Tier als von einem menschlichen Wesen an sich. In seinen entzündeten Augen flackerte eine wilde Flamme, und als er unter dem Deckenlicht stand, glich sein Haar einer feurigen Mähne: das funkenstiebende Antlitz des Würgeengels. Gegen die metallene Tür gedrückt und jäh von äußerster Mattigkeit überkommen, doch immer noch fasziniert vom Näherrücken seines Feindes, wünschte sich Brian glühend, das Bewußtsein zu verlieren und in ein endgültiges Schweigen, eine letzte Bewegungslosigkeit davonzutreiben. Bald sah er nur noch eine unerträglich verzerrte Maske vor sich, die von einem Kranz gelber Flämmchen umgeben war. Seltsame Klänge – wie ein fernes, oder aber beim Durchgang durch eine Schallkammer verzerrtes Grollen – wirbelten um den Leutnant. Jemand – oder etwas? – begann in einer Sackgasse dieses windigen Labyrinths zu weinen, dann zerplatzte die grinsende Visage, die seinen Gesichtskreis ausfüllte, in purpurne Bruchstücke und schien sich zu verflüssigen, bis sie nur noch ein asymmetrisches Netz ins Violette spielender Rinnen war. Nicht identifizierbare Geräusche nisteten sich in Brians Gehirn ein, und Geschöpfe mit Flügeln aus Leinwand und Seidenpapier flogen schwerfällig in dem grau-gelb-roten Alptraum auf. Später (doch die Zeit hatte abgenommen) erschütterten wütende Massen die metallene Tür und brachten sie trotz des Gegengewichts, das der Leutnant bildete, zum Umkippen, womit der Weg frei war für mißgestaltete, unkenntliche Wesen. Schrille Stimmen (die denen der Schai-Vögel ähnelten) begannen alle gleichzeitig zu krächzen. Da lockerte sich ganz langsam der Druck des Schraubstocks, in den Brian eingezwängt gewesen war, und er gewann die Gewalt über seine Sinneswahrnehmungen und geistigen Fähigkeiten zurück. Er sah, daß in der kleinen Kabine eine lärmende Verwirrung herrschte, denn auf dem Boden lagen jetzt zwei Körper: Foersen war über Chavez zusammengebrochen, und sein nordischer Götterkopf war nur noch ein unsägliches Etwas, eine mit leuchtendem Rot und ein paar honigfarbenen Spritzern vermengte Scheußlichkeit. Moyra kauerte über dem Unteroffizier und hielt in ihren langen, feingliedrigen Händen immer noch die schwere Eisenstange, mit der sie den Schädel von Engelshaar zertrümmert hatte. Brians Geist registrierte all diese Details, und er schloß unter dem Ansturm unheilvoller Eindrücke kurz die Augen: Der Kreis hat sich geschlossen, sagte er sich. Er neigte sich vor und nahm das Gesicht der jungen Frau in seine Hände, vielleicht, um ihr dafür zu danken, daß sie ihm das Leben gerettet hatte, doch sein Blick tauchte bestürzt in zwei blaugrüne Teiche, die so leer waren wie ein stehendes Gewässer. Langsam sank Moyra Farsán in sich zusammen, als ob man ihr plötzlich den Stecker herausgezogen habe, und ihre Porzellanaugen verschleierten sich vollständig. Er wandte sich zu Sigurd um, der ihn wortlos, doch mit eisiger Verachtung beobachtete. „Ist er tot?“ fragte er ihn und deutete auf Chavez. Der junge Mann antwortete nicht. Er schien von seinen eigenen Gedanken hypnotisiert zu sein, daher richtet Baird seine Frage an den Waffenmaat Illić: „Nein“, brummte der Unteroffizier, „aber er wird es nicht mehr lange machen.“ Genau in dem Moment blinzelte der kleine schlechtrasierte Mann und stieß einen Seufzer aus: „Machen Sie sich keine Sorgen um mich, Baird“, sagte er mit sehr schwacher Stimme, „ich weiß alles, was ich wissen mußte …“ Der Leutnant richtete sich auf und steuerte auf die Kabinentür zu: Er erstickte beinahe und hatte Mühe, sich beim Gehen einigermaßen gerade zu halten. Er glaubte einen Augenblick, daß ihn die Männer daran hindern würden, den Raum zu verlassen, doch nach kurzem Zögern gaben sie ihm den Weg frei, und er stieg auf die Brücke der Panik. Ein weicher, klebriger Wind schlug ihm ins Gesicht wie ein feuchtes Wäschestück, und diese widerwärtige Berührung ließ ihn vom Kopf bis zu den Füßen erzittern. „Wenn sie doch ein Ende machen würden“, murmelte er, „wenn sie dem doch endlich ein Ende machen würden!“ Vor dem scharfen Kiel des Bugs glitten einige schuppige Rücken durch die öligen Fluten, und er blickte ihnen nach, bis sie in unmittelbare Ufernähe gekommen waren. Zwischen den Mammutbäumen, deren schwer lastende Kronen sich bis auf die Fluten des Großen Flusses niederzusenken schienen, funkelten die Edelsteine im wächsernen Licht des Mondes mit der heftigen Gleichmäßigkeit des Feuers. Er kletterte auf den Turm, hörte einen Augenblick zu, wie das Emblem der Konföderation im Wind knatterte (flappflappflapp), und fragte sich, ob SIE zwischen den dichten Büscheln giftiger Blumen lauerten, zwischen dem undurchdringlichen Dickicht aus Farnkräutern und Lianen, ihrem Königreich aus Humus und Schatten, Taumel und Flammen … Unten, im Bauch des Kanonenboots, hatte der Radau aufgehört … Die Welt war von Schwindel ergriffen. Das Ende näherte sich mit großen Schritten. Doch das Ende wovon, fragte sich Brian, der auf seinen Befehlsturm geflüchtet war. Das Ende der Zivilisation vielleicht, aber welcher Zivilisation? Der brutale Tod von Chavez hatte ihn mehr gezeichnet, als ihm lieb war. Schließlich hatte dieser kleine Schnüffler überall seinen Senf dazugeben müssen und die Verwirrung der vergangenen Tage noch vermehrt. Seine letzten Worte verfolgten ihn, wie ihn auch die Erinnerung an seinen Traum von der nebligen Festung verfolgte. ‚Machen Sie sich keine Sorgen um mich … ich weiß alles, was ich wissen mußte …’ Die Stille der Nacht war beladen mit Drohungen. Mit geschlossenen Augen, auf die noch warme Reling gestützt, fand Baird die trügerische Landschaft seines brutalen Traums und die Schnauzen der Hunde wieder, die im Fleisch der jungen Frau wühlten, und er biß sich auf die Lippen, bis er sein eigenes Blut schmeckte. Über das verstörte Gesicht von Moyra legte sich ein anderes, das einer Fremden mit hohen Backenknochen, etwas zu vollen Lippen und blitzenden Augen. Bilder folgten aufeinander, während die Hunde sich von dem zerfetzten Körper ihres Opfers entfernten, die Hälse zu dem rötlichen Mond reckten und ein langes, verzweifeltes Geheul anstimmten, als ob sie ihren Irrtum erkannt hätten. Die Unbekannte, die den Platz von Moyra Farsán eingenommen hatte, öffnete den Mund, und ihre Lippen bildeten langsam folgende Worte, die Brian mehr ablas, als daß er sie vernahm: „Bald“, sagte sie, „wirst du in der Lage sein, ALLES ZU verstehen … Bald …“ Doch Brian war wirklich am Ende seiner Kräfte: Tränen der Erschöpfung liefen ihm übers Gesicht, ohne daß er auch nur versucht hätte, sie zurückzuhalten oder wenigstens abzuwischen. Ohne sich dessen bewußt zu werden, sagte er mit lauter, deutlich vernehmbarer Stimme: „Warum machen wir dem nicht ein Ende?“ Als er, da er keine Antwort von der ‚Seherin’ erhielt, schließlich den Mut fand, seine schmerzenden Lider zu öffnen, loderte der Mond am Himmel wie ein monströser Topas, der sich anschickte, auf den Großen Wald zu fallen – eine gleißende Feuersbrunst, welche die edelsteinbesetzten Klippen überfluten und die Kanonen der Panik in einem ungeheuren Aufflammen goldenen Lichts zermalmen würde. Eine ganze Galerie von Personen defilierte in seinem Geist vorbei wie in einem beschlagenen Spiegel: der grausame Hauptmann Vanellen, der ihm selbst noch in seinen Träumen Hinterhalte legte, Leutnant Mortimer, ein armer, in Snobismen erstarrter Hampelmann, der versucht hatte, ihm Sand in die Augen zu streuen, Madame Tuyati, die Große Puffmutter der Nacht, Vassia, deren Geduld vielleicht nur Resignation war, und andere natürlich, viele andere – eine junge Frau zum Beispiel, die alte Liebesgedichte las, oder ein beinahe schon gesichtsloser Mann, der in einem zugleich fanatischen und eisigen Ton richtete, verurteilte und verdammte und dessen strenger Anzug mit den Insignien der Partei geschmückt war … Foersen, Sigurd, Chavez … Strickmann … Doch als er solcherart die Hälfte des Niemandslandes der Zeit durchquert hatte, ertönte eine trockene Stimme in der nächtlichen Schwüle. Es war die des Fähnrichs: „Herr Leutnant“, sagte der junge Mann, „ich habe Sie überall gesucht. Ich werde sie nicht ‚halten’ können … Sie sollten mit Ihnen reden.“ „Worüber denn, Fähnrich?“ Jetzt werden wir die Geschwulst aufschneiden, mein Kleiner, sagte sich Brian, jetzt werden wir unsere Rechnung begleichen … Doch zu seiner höchsten Verblüffung kam Sigurd diesmal nicht mit einem seiner üblichen Argumente bezüglich der Notwendigkeit, die Disziplin aufrechtzuerhalten oder den militärischen Vorschriften zu genügen. Ausnahmsweise einmal machte er einen offenen Rückzieher – auch er wirkte ziemlich entmutigt. „Ich weiß nicht“, stammelte er, „ich weiß nicht … Sie sind der Kommandant, Herr Leutnant …“ „Ganz recht, Fähnrich, ich bin immer noch der Kommandant …“ 10 Port-Jaira das Meer läßt seine ballonartigen grünen Brüste anschwellen unter den weiblichen Schatten werden dich seine Schreie empfangen in einem Zwielicht das im wesentlichen der Dämmerung gleicht doch weiche nicht von deinem Weg ab belaure sorgfältig den Schlingwuchs deiner Gedanken und werde indem du jedes Zeichen errätst die abstrakte Ordnung deren Geometer du bist denn du mußt alle Tage mit deiner beschwerlichen Vollkommenheit leben und du kämpfst mit dem ungleichen Doppelgänger der in deiner Erinnerung aufgetaucht ist weil wir diesen Gesang der dich verfolgt zu einem blutigen Quirl auf dem Grund unseres herausgeforderten Herzens machen werden D.W., 1963 Die Panik lief knapp eine Stunde vor Sonnenaufgang in den Hafen ein. Alle Überlebenden dieser unheilvollen Odyssee verkrochen sich in einem absoluten Schweigen, und es hatte der ganzen Autorität der Unteroffiziere bedurft, um die Männer daran zu hindern, Moyra über Bord zu werfen. Von der Haltung der einen wie der anderen angewidert, irrte Sigurd bleich und grämlich durch das Schiff. Er schien beträchtlich gealtert zu sein, und manchmal zitterten seine Lippen, als ob er gleich anfangen werde zu weinen. Baird verließ seinen Posten auf dem Turm überhaupt nicht mehr, doch das geschah nicht, um seine Autorität unter Beweis zu stellen: Er hatte von da oben die beste Sicht auf das, was sich in der Stadt abspielte. Zwei Stunden zuvor waren sie am letzten Landeplatz der Panik vorbeigekommen, der unter dem düsteren Funkeln der letzten Sterne der Nacht verlassen dalag. Sie hatten ihre Fahrt fortgesetzt, ohne die Geschwindigkeit auch nur für einen Augenblick zu drosseln, denn sie brauchten ihren Fuß nicht an Land zu setzen, um zu wissen, daß es in der gesamten Umgebung keine lebende Menschenseele mehr gab. Die Schiffe, die längs der Uferböschung des Ez ankerten, waren zu Geisterschiffen geworden. Lange bevor sie das Meer erreichten, hatten sie gesehen, wie sich der Himmel rötete, und sich resigniert mit der unmittelbar bevorstehenden Katastrophe abgefunden. Und nun waren sie also da, und Baird konnte sie in all ihrer grausamen Majestät betrachten: Sämtliche von der Konföderation besetzten Stadtteile waren ein Opfer der Flammen geworden. Das Feuer verzehrte mit methodischer Raserei die funktionalen und anmaßenden Gebäude, welche die Eindringlinge im Herzen der Stadt errichtet hatten. Ab und zu kündete eine heftige Explosion von der Zerstörung eines Militärdepots oder eines Elektrizitätswerks. Die Matrosen wohnten schweigend der Vernichtung jener furchteinflößenden Macht bei, die sie letzten Endes für unbesiegbar gehalten hatten. Die meisten von ihnen glaubten trotz der Ereignisse der vergangenen Tage an einen plötzlichen Verrat der Lems, einen brutalen Überfall ihres alten Feindes auf diesen verlorenen Außenposten an den Rändern der Zivilisation. Für sie, die darauf gedrillt waren, zu siegen und Tod und Verzweiflung in den gegnerischen Reihen zu säen, war dies eine unerträgliche Situation. Schon jetzt herrschte keine Disziplin mehr auf der Panik, und Baird war sich völlig darüber im klaren, daß die gesamte Mannschaft und alle Marineinfanteristen ihre Gefechtsstationen im Stich lassen und zu den ausgebrannten Häusern davonlaufen würden, sobald das Kanonenboot angelegt hätte. Sie lechzten nach-sichtbaren, greifbaren Beweisen ihres Unglücks, ihrer verheerenden und wenig ehrenhaften Niederlage. Als die Panik nur noch ein paar Taulängen von der Mole entfernt war, richtete der Leutnant sein elektronisches Fernrohr auf die Höhen der Zitadelle. Er war sicher, dort ein neues Element zu entdecken. „Fähnrich Sigurd!“ rief er. „Ja, Herr Leutnant?“ Er wandte sich um und neigte den Kopf zu dem jungen Mann, der am Fuß des Turms stand: „Was gedenken Sie nun, in dieser … schwierigen Situation, zu tun?“ Sigurd warf ihm einen haßerfüllten Blick zu. „Man könnte glauben“, stammelte er, „daß Sie sich über das, was da geschieht, freuen!“ „Seien Sie kein Narr, Fähnrich! Niemand kann sich über eine solche Katastrophe freuen, doch man muß zugeben, daß wir es nicht anders verdient haben! Übernehmen Sie das Kommando!“ Die Augen des Fähnrichs zur See glitzerten, und er faßte unwillkürlich an sein Koppel: „Ohne Scherz! Sie wollen mich töten, Fähnrich Sigurd! Und zwar genau in dem Augenblick, da Sie Ihre bedingungslose Hingabe an die Sache, die Sie verteidigen, beweisen können! Welche Torheit!“ Allmächtiger! sagte sich Baird. Was ist über mich gekommen, ihn so zu provozieren. Wenn ich nicht den Mund halte, wird er mich tatsächlich noch töten müssen! Doch der junge Offizier wandte sich brüsk ab, ließ die Arme an seinen Hüften herabhängen und verfiel in völlige Reglosigkeit. Baird hatte sich nicht geirrt: Die Männer sprangen vor Wut und Haß heulend auf den menschenleeren Kai. Endlich konnten sie all den Ängsten freien Lauf lassen, die sie während der beklemmenden Stunden einer unerträglichen Erwartung, jener tödlichen Drift zwischen zwei feindlichen Ufern, verdrängt hatten: Von Mordlust erfüllt strömten sie vom Schiff und schwärmten in die Straßen aus, die noch vom Holocaust verschont waren. Manche stimmten kriegerische, die Feinde verhöhnende Gesänge an – die armselige Herausforderung dieser Marionetten an eine absurde Welt, in die sie von ihren Herren verbannt worden waren, wofür ihnen nun die Rechnung präsentiert wurde. Sigurd versuchte, einen der Flüchtenden am Ärmel seiner Uniformjacke zu packen, doch er wurde grob zurückgestoßen, während sich die unflätigsten Beschimpfungen über ihn ergossen. Er wollte seine Pistole ziehen, um das Gleichgewicht der Kräfte wiederherzustellen, doch da sah Baird, wie er jäh taumelte und sich mit beiden Händen den Leib hielt. „Fähnrich“, rief er ihm zu, „lassen Sie das, das hat jetzt keinen Sinn mehr!“ Doch der junge Offizier konnte ihn schon nicht mehr hören: Er lag auf der Brücke, nur ein paar Meter von der Gangway entfernt, die die Männer hastig von der Bordwand auf den Kai geschoben hatten, und Baird erschrak über seine extreme Blässe. Der Leutnant zog seine Pistole und zielte auf den Flüchtenden: „Sie da unten, machen Sie sofort kehrt, oder ich werde Sie niederschießen …“ Der Mann drehte sich um und blickte zum Turm auf: „Leck mich doch, du Hurensohn! ’s ist aus mit den Offizieren! Der Krieg ist zu Ende, und die Welt geht vor die Hunde!“ Von dieser sonderbaren Rede verblüfft, ließ Baird den Arm sinken. Der Mann hatte ja recht, und Sigurd hatte nur das bekommen, was er verdiente. Er war der eifernde Verfechter einer unerbittlichen Gewalt gewesen, deren einzige Philosophie in unersättlicher Machtgier bestand. Er hatte die Verantwortung auf sich genommen und die Folgen dafür bis zur äußersten Grenze der ihnen eigenen absurden Logik tragen müssen. „Leutnant Baird!“ brüllte plötzlich der Matrose. „Schießen Sie mich doch in den Rücken, wenn Sie wollen. Ich verdrück’ mich jedenfalls!“ Als die Brücke der Panik bis auf den leblosen Körper des Fähnrichs zur See vollständig verlassen dalag, stieg Baird ein letztes Mal in den Bauch des Kanonenbootes hinab. Die Leichen von Chavez und Foersen waren in Planen eingewickelt und, mit Ballast beschwert, den dampfenden Fluten des Ez übergeben worden, doch Moyra befand sich immer noch in ihrer Kabine, stumm und reglos, in einen katatonischen Zustand versunken, der ihm mittlerweile keinen Schrecken mehr einjagte. Man hatte (absichtlich?) vergessen, sie mit einem Laken zuzudecken, und ihre Nacktheit dünkte ihn von einer fast gespenstischen Blässe. Sie wirkte sehr unschuldig und schien eventuellen, aus den Grenzbereichen des Schweigens auftauchenden Angreifern gegenüber völlig wehrlos. Ihre Augen waren starr auf die Decke geheftet, eine ihrer Hände ruhte auf dem Bettuch neben ihrer Hüfte, während die andere über dem Nabel lag, und die nur locker geschlossenen Schenkel schienen über den Wundern ihres Leibs zu brüten. Brian neigte sich vor und versuchte, in dem starren Blick einen lebendigen Funken zu entdecken, doch nur die leichte Grimasse, welche die Zähne von Moyra teilweise entblößte, enthielt noch eine Spur von dem, was sie während dieser ganzen verrückten Kreuzfahrt für ihn repräsentiert hatte. In der Tat, dieses Lächeln einer Lebendtoten glich eher einer allerletzten Herausforderung. Er fuhr mit seinen zitternden Fingern über ihr Gesicht, ihre Brüste, ihre Schenkel, als wolle er versuchen, sich mit Hilfe des Tastsinns jene rasenden, grausamen Stunden ins Gedächtnis zurückzurufen, die seine Sinne bis hin zu den Regungen primitivsten Hasses entzündet hatten, dann nahm er eine saubere Decke und breitete sie so über den Körper der jungen Frau, daß nur noch ihr Gesicht und die Schultern herausschauten. Er verließ die Kabine, ohne einen letzten Blick zurückzuwerfen. Auf der Brücke ließ er sich einen Augenblick vom Anblick der Flammen faszinieren, die zu dem Himmel aus Bilsenkraut und Zinnober aufloderten, dann richtete er sein starkes Glas abermals auf die Zitadelle. Sein Herz schlug heftig, und sein Körper wurde manchmal von kurzen, aber sehr schmerzhaften Stichen durchzuckt, die ihn daran gemahnten, daß er seit über zehn Stunden nichts mehr geraucht oder getrunken hatte. Nach einer Weile begannen seine Augen zu tränen, und er wollte eben seine Beobachtung unterbrechen, als er eine vertraute Gestalt auf einer der äußeren Plattformen der alten Festung auftauchen sah. Sie war ganz deutlich zu erkennen, sobald er sein Fernglas auf äußerste Schärfe eingestellt hatte, und er fand sich Auge in Auge mit dem Antlitz seines Schicksals. Der Blick überquerte die Distanz, als wüßte er genau, daß er aus jenem im Hafen auf Grund gelaufenen metallenen Wrack beobachtet wurde, und Bairds Augen waren wie Tore, die einen fremden Willen einließen. Als er seinen Feldstecher senkte, drangen ein schon weit entferntes Gebrüll und das charakteristische Pfeifen konföderierter Kugeln an sein Ohr: Irgendwo in der brennenden Stadt hatte sich eine letzte, sinnlose Schlacht entsponnen. Während einiger Minuten blieb er stehen, ohne daß er gewagt hätte, sich zu rühren, lauschte dem abnehmenden Gefechtslärm und betrachtete den Leichnam von Sigurd, dem eine undefinierbare Mixtur von Gerüchen entströmte – vage vertraute wie auch noch unkenntliche: die Ausdünstungen einer Welt, die starb und wiedergeboren wurde … Er mußte sich an das Näherrücken seines neuen Lebens gewöhnen und seine alten Hüllen abstreifen … Eine ferne, wie von der Nähe des Todes gedämpfte Stimme rief ihm zu: ,Verfluchter Verräter! Du hast uns unseren Feinden ausgeliefert!’ Doch er wurde von Zorn gepackt und brüllte in den Wind und die wirbelnden Rußflocken hinein, die aus dem Bauch des Feuers kamen: „Halts Maul, Vanellen, du bist tot, so wie auch die tot sind, die dir glichen. Für dich und deinesgleichen war hier kein Platz!“ Seine Zähne schlugen vor Wut, vor Ungeduld, vor Fieber aufeinander … Der ganze Himmel knisterte von Funken. Etwas später schritt er über die Gangway. Bevor er den Weg einschlug, der zur Zitadelle führte, drehte er sich ein letztes Mal zur grauen Masse der Panik um, und er glaubte ein unheilverkündendes Bersten und Krachen zu vernehmen, das ihre Aufbauten erbeben ließ und ihre metallenen Eingeweide erschütterte. Der Himmel war ein Brei aus Galle und flüssigem Gold. Er wollte eben in ein schmales Sträßchen einbiegen, als hinter ihm eine Stimme erklang: Es war die einer Frau, die ihn bei seinem Namen rief. Ein Dolchstoß, der ihn zwischen den Schulterblättern traf und am Fleck festnagelte … Ein heftiger, fast körperlicher, aber auch belebender Schmerz: die Rückkehr des Bewußtseins nach einem langen, von Nachtmahren bevölkerten Schlaf, wie er sich sagte. Die verwandelte, gewissermaßen metamorphosierte Stimme von Moyra Farsán (eine Schmetterlingspuppe, die endlich den Kokon der langen Nacht von Celaeno de Peroyne durchstoßen hatte!) ertönte zum zweitenmal. Langsam sah er auf und blickte ihr ins Gesicht. Sie stand auf der Brücke des Kanonenboots, und der bis zu den Wolken reichende Widerschein des Brandes – Gerinnsel aus Feuer und Blut – schmückte sie mit einer üppigen Flammenmähne. Als er das neue Gesicht der jungen Frau entdeckte, stürmten alte, ferne Gefühle auf ihn ein, die im reglosen See seines Gedächtnisses fast ganz auf den Grund gesunken waren. (Körper mein Haus/mein Pferd mein Hund.) Diese sehr alten Worte, die aus einer anderen Welt über die Abgründe von Raum und Zeit hinweg zu ihm gekommen waren, schienen langsam in ein Meer von schmelzendem Metall einzutauchen. Er wurde von Schwindel ergriffen und hätte beinahe das Gleichgewicht verloren, konnte seinen Blick aber trotzdem nicht von der in den roten Tag hineinragenden Silhouette Moyras lösen. Sie hatte über das stählerne Tier triumphiert, das sein Schiff gewesen war, das ihr Gefängnis gewesen war, das ihre Welt gewesen war. UND DAS METALLENE TIER BEGANN NOCH LAUTER IN SEINEN NÄHTEN ZU KRACHEN, ES SANG IN SEINEN SPANTEN, ES ZERFIEL, ES BRACH AUSEINANDER, ALS OB ES SICH IM WIND DER ZEITEN AUFLÖSEN WOLLE. Er spürte den schweren Atem der Stadt in seinem Nacken, vernahm ihre Geräusche, ihr Tosen. Die Welt krümmte sich, zerbrach unrettbar wie der Zweig eines Baums unter dem Gewicht eines monströsen Vogels. Sie würde sich auflösen wie die Panik, dieses Geisterschiff, das verloren im Ozean der Nacht umherirrte. ,Sternenheere werden kommen, um zu zerstören, was bereits tot war, doch aus den Trümmern wird neues Leben entstehen. Und die Krieger von den Sternen werden sein wie die männlichen Insekten nach der Befruchtung.’ Armer alter Mortimer, der du die Wunder transkribiert hast, verschwiegener Dummkopf – du warst im Recht, du hast mit der Spitze deines großen Zehs an die Wahrheit gerührt! Gewiß, du hattest etwas Besseres verdient als einen jämmerlichen Tod, aber was willst du, man wählt sich sein Schicksal nicht selbst. Heute genausowenig wie früher, da die Menschen in den Städten des Elends erstickten, während die Hetzhunde des Todes unaufhörlich hinter ihnen herjagten. Bestimmt gibt es außer mir keinen einzigen lebenden Menschen mehr in dieser Stadt, keinen einzigen menschlichen Menschen, keinen einzigen Söldner der Korruption! Moyra war auf der Gangway, und Brian hatte den Eindruck, daß sie, von einem wütenden Wind gepackt, einen Augenblick schwankte, doch es war nur eine Illusion, ein Spiel des Lichts: Er entsann sich der Glut, die ihn bis ins Mark versengt hatte, als er sich zum erstenmal über diese Frau gebeugt, sie berührt, ihren in tiefem Schlaf liegenden Körper liebkost hatte; als er sich von jenem seltsamen, der Nacht entsprungenen Wirbel hatte davontragen lassen … Er hätte Bestürzung und ungeheures Mitleid für all die Männer empfinden mögen, die in den Straßen von Port-Jaira oder sonstwo auf Celaeno de Peroyne gestorben waren, doch er fühlte sich friedlich und entspannt, und als die junge Frau ihm ihre Hand auf die Schulter legte, brachte er sogar ein Lächeln zustande. Er fand es ganz natürlich, daß sie sich von den Toten erhoben hatte und nicht länger wie eine Marionette mit gerissenen Fäden im Leib der Panik ruhte. „Siehst du“, sagte sie langsam und gelassen, „die Ereignisse haben ihren Lauf genommen …“ Sie gingen nebeneinander durch verwüstete Straßen. Auf einem Platz stießen sie auf den Leichnam von Vanellen. Die großen, offenen Augen fixierten den brandigen Himmel, doch sie drückten nichts aus, es sei denn Überraschung. Der Tod hatte ihn von der Seite erwischt. Lässige, bizarr aufgeputzte Gestalten streiften unbesorgt durch das den Flammen ausgelieferte Port-Jaira. Manchmal neigte sich ihnen das Feuer mit seinen zahllosen Köpfen zu und überschüttete sie mit heißen Liebkosungen, bevor sie ihren Weg fortsetzten. Das Meer von Offuz glitzerte wie ein großer Quecksilberspiegel unter der aufgehenden Sonne. Juni, Juli, August 1978 {1} Anspielung auf den wundervollen Roman „Verlorene Horizonte“ von James Hilton. Shangri-La ist ein in einem weltabgeschiedenen Hochtal Tibets verstecktes Kloster, wo das Leben in einem Zustand permanenten Glücks verstreicht, den allein Weisheit und Seelenfrieden zu schenken vermögen. (Anm. d. Autors) {2} Diese Zeilen sind die vollständige Übersetzung eines Gedichts von May Swenson: Frage. (Anm.d. A.) {3} Da sich die militärische Terminologie im Laufe der Jahre beträchtlich gewandelt hat, wäre es zwecklos, die in dieser Erzählung verwendeten Dienstgrade mit denen vergleichen zu wollen, die heute in der Armee oder der Marine gebräuchlich sind. (Anm. d. A.) {4} Celaeno: eine der Harpyien. In der griechischen Mythologie war ihr Erzeuger Poseidon, Thaumas oder Pontos, ihre Mutter die Erde oder eine Seegöttin. Während Hesiod und Homer sie als geflügelte Jungfrauen beschreiben, als Personifizierungen der Stürme, gehen die Mythenerzähler späterer Zeiten wesentlich weniger rücksichtsvoll mit ihnen um. Die bekanntesten jener Fabelwesen waren Aello, Okypete und Celeno (oder Celaeno), was Sturm, schneller Flug und die Düstere bedeutet. Da sie dem Herrscher des Olymps als Botinnen dienten, nannte man sie, wie die Überlieferung berichtet, meist „Hündinnen des Zeus“. Manchmal von schöner Gestalt, manchmal von abstoßender, grotesker Häßlichkeit, sollen sie kleine Kinder geraubt und die Seelen in den Orkus gezogen haben. Vergil macht höllische Zwitterwesen aus ihnen. Ihr übler Charakter ist jedenfalls sprichwörtlich. Mit dem Gesicht einer Frau, dem Körper eines Geiers und den grausam geschärften Krallen sind die stets hungrigen Harpyien zum Sinnbild der Verderbtheit geworden. Manche Kenner der griechischen Mythologie wollen wissen, daß sie einen fauligen Geruch ausströmten und auf allem, was mit ihnen in Berührung geriet, eine unauslöschliche Schmutzspur hinterließen. (Anm. d. Autors) {5} Hamlet:, … Ich seh’ indes beschämt / Den nahen Tod von zwanzigtausend Mann, / Die für ’ne Grille, ein Phantom des Ruhms, / Zum Grab gehn wie ins Bett; es gilt ein Fleckchen, / Worauf die Zahl den Streit nicht führen kann, / Nicht Gruft genug und Raum, um die Erschlagnen / Nur zu verbergen.’ (Hamlet, IV,4. Übersetzung von Schlegel/Tieck)