Daniela Danz wurde 1976 in Eisenach geboren. Sie studierte Literaturwissenschaft und Kunstgeschichte in Tübingen, Prag, Berlin, Leipzig und Halle, wo sie über die Architektur von Krankenhauskirchen promovierte. Sie arbeitet als Autorin, leitet das Schillerhaus in Rudolstadt und hat einen Lehrauftrag an der Universität Hildesheim. Zuletzt wurde sie 2014 mit dem Rainer-Malkowski-Preis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und 2016 mit einem Stipendium der Deutschen Akademie Rom ausgezeichnet. Sie lebt mit ihrer Familie in Kranichfeld. Bücher im Wallstein Verlag: Türmer. Roman (2006); Pontus. Gedichte (2009); V. Gedichte (2014). Daniela Danz Lange Fluchten Roman In dankbarer Erinnerung an Heiner Bauer Inhalt I II III IV V VI VII VIII VIX X XI XII XIII XIV XV XVI XVII XVIII XIX XX XXI XXII XXIII XXIV XXV XXVI XXVII I Man kann die Luft schneiden, der Rauch steht in dem engen Raum. Die Trophäen an der Wand scheinen ohne System angeordnet: verschiedene Geweihe, auch ganz unbedeutende, eine größere Menge Fangzähne auf einer an die Wand geklebten Plastikschiene, Hasenpfoten und eine schüttere Lunte. Auf dem Spind umgekippt eine präparierte Amsel, darüber ein abgeschnittener Gänseflügel, der lange nichts mehr entstaubt hat. Die Jacke an einem Fleischerhaken, eine halbe Wurst an einem anderen, ein 10 × 42-Dachkantglas, ein Regalbrett mit ein paar Büchern: Amanns Kerfe und Bodenpflanzen des Waldes, ein tschechisches Ornithologielexikon, etwas Geologie, Krimis und Romane, ein verschweißter Bildband über den Zweiten Weltkrieg und ein serbokroatisches Wörterbuch. Auf einem klebrigen Tisch zwischen Papieren und leeren Verpackungen ein Gurkenglas voller Kippen und Asche. In einem Sessel daneben sitzt er. Er sieht aus dem Containerfenster auf ein paar Sträucher, eine Sandkiste, die schief hängende Schaukel, den roten Lada Niva. Er raucht. Die verdreckten Stiefel noch immer an den Füßen, die Filzweste über dem Hemd. So sitzt er seit Stunden, seit er am Morgen aus dem Wald gekommen ist. Im Kühlschrank ist nichts. Seine Frau hat das untere Geschoss des Containers aufgegeben, ist mit den beiden Jungen in die oberen zwei Räume gezogen. Die haben Fenster nach Westen und Osten. Oben hat sie einen eigenen Kühlschrank. Überhaupt hat sie einiges, was man zum Leben braucht, einiges mehr als er. Vorhin, als er kurz austreten war, hatte es in der nebligen Morgenluft nach gebratenem Schinken gerochen. Er war zwanzig Stunden im Wald gewesen, ohne zu essen. Aber hoch konnte er nicht gehen. Die Jungen sollten ihn so nicht sehen. Die mussten erst in die Schule. Dann konnte er hochgehen, essen, vielleicht etwas schlafen. Schlaf brauchte er nicht viel. Sieh, das ist die eine Möglichkeit. Wir könnten auch zurückgehen bis zu der Stelle, an der es abbrach, das alte Leben. Oder waren es viele Stellen? Der Wind bläst, wo er will, und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er fährt. Er sieht nach dem Regal, er könnte die Kiste mit den Fotos herunterholen. Fotos des Lebens, das er hatte. Kindheit, ja, er hat eine Kindheit gehabt, aber was hatte er getan in all der Zeit? An den langen Nachmittagen, den dunklen Abenden im Winter und in den hellen Nächten? Hatte er im Dickicht gesessen und seine Kindheit geträumt, das würde erklären, warum sich nichts fand, was ihm darüber Auskunft geben konnte, ob er nur als Träger altmodischer Hosen herumgelaufen war oder was ihn beschäftigt hat? Keine Postkarten, keine Liebesbriefe, nichts. Urlaubsbilder, Ostsee, Tschechoslowakei, Harz. Dann setzt seine Erinnerung ein: der Sommer, als er sechzehn geworden war und den Mopedführerschein bekam. Wacklige Bilder mit Blitzlicht von nächtlichen Partys, sein Freund Henning mit Glatze, weil er eine Wette verloren hatte. Dann ein Bild von seiner Vereidigung, ein paar Posen mit dem G3. Bilder von seinen Söhnen, Bilder von Urlauben – Spanien, Österreich, Ostsee. Ein Bild, auf dem er hier auf seinem Sofa im Container sitzt und ruhig in die Kamera sieht, um ihn Kartons, es muss kurz nach dem Einzug gewesen sein. Wer hatte ihn da fotografiert? War er da noch ganz? Zumindest hatte er einen Beruf, den einzigen Beruf, für den er gemacht war: Soldat. Soldat auf Zeit, und sie war abgelaufen, die Zeit. Nun war er Zivilist. Oder sollte es sein. Damals als sein Großer geboren wurde, hatte er es probiert, und tatsächlich, sie hielt, die Illusion, eine ganze Weile: einfach ein Mann sein, ein Mann mit Familie. Es gab einen Traum, den er in den letzten beiden Jahren vier Mal geträumt hatte, immer genau gleich: Er rennt über eine Feuertreppe aufs Dach einer Fabrikhalle, seine Söhne auf dem Arm, sie sind noch klein, und hinter sich hört er die Verfolger, und er will diesen Moment ausdehnen, dieses Gefühl, die Kinder zu retten, das Rechte zu tun, überhaupt ein Gefühl zu haben. Will es bis auf die Spitze treiben und wirft die Jungen über die Dachkante nach unten. Den Rettern zu, die dort sein müssen. Erst den einen, dann den anderen, damit sie in Sicherheit sind und er die Verfolger aufhalten kann. Aber als er sich zu den Verfolgern umdreht, ist da niemand, nur Wind. Und Anne kommt in einem Cocktailkleid mit einer Gruppe Feiernder aufs Dach, und sie lachen und es ist Silvester. Und ihn graut, ihn graut so sehr, dass er aufwacht. Er versucht wieder einzuschlafen, um über die Dachkante hinuntersehen zu können, seine Söhne zu sehen, es war ja nicht hoch, ein paar Meter vielleicht. Aber er schläft nicht mehr ein, und alles bleibt wahr. Sie leben im Raum über ihm, ja, sie leben, aber nicht durch ihn, nur trotz ihm, und die zwei Meter zwischen ihm und ihren Betten sind so weit wie irgendwas sonst auf der Welt. Die Schaukel vorm Fenster hängt da ohne Bewegung, ihm ist schlecht, er holt sich ein Bier aus dem Kasten, um etwas im Magen zu haben. 6.50 Uhr. Jetzt würde Anne im Schlafanzug die Brote für die Jungen in die Schultaschen stecken und warten, bis sie ihre Jacken und Schuhe angezogen hätten. Ihre Haare nur lose zusammengebunden. Man könnte sie lieben, es liegt gewiss nicht an ihr. Sie ist schön mit ihrer durchsichtigen Haut und den kühlen Augen, ordentlich, ein durch und durch ordentlicher Mensch. Und ihre Haare haben den Geruch all der Dinge, die echt sind: Sommerhitze, Küchendunst oder rauchige Herbstluft, wenn sie hereinkommt vom Wäscheaufhängen. Früher, wenn er mit ihr geschlafen hatte, rochen ihre Haare am anderen Tag noch nach ihnen beiden. Neulich hat er in der Stadt zwei fremde Beine unter einem engen Rock gesehen, fest und mit sicherem Tritt gingen sie die Straße entlang, er sah den straffen Wechselschritt unter dem Rock. Das schien ihm kurz wie der unbewachte Einlass in die Liebe, der über die Feuertreppe. Hochrennen, reinstürmen, einnehmen. Er wollte nicht das Gesicht der Frau sehen, nichts sonst von ihr, er wollte nur das Gefühl behalten. Ging hastig zum Auto, den Takt ihrer Schritte noch im Kopf. Nach Hause, schnell, die Treppe hoch, klopfen – nein, er klopfte nicht, er hatte klopfen wollen, aber es war weg, das Gefühl. Die Schaukel hing da, genauso wie heute und jeden Tag, der Motor seines Autos tickte nach, und er wusste nicht mehr, was er gewollt hatte. Immerhin kam Wut in ihm hoch, mit der er gegen ihre Tür trat. Sie öffnete nicht, vielleicht hatte sie schon Angst vor ihm oder glaubte, er wäre wieder betrunken. Er hört Wasserrauschen. Was soll werden aus diesem Tag, der wie eine üble Wüste vor ihm liegt? Schlafen. Aber er kann es nicht, in ihm rennt etwas, rennt und dreht sich. Und die Schaukel hängt einfach vom Baum herunter. Seit dem Abend, als er sich an eines der Seile gehängt hatte und daran schaukelte und brüllte und hinter dem Containerfenster seine Familie stand, beschämt, wie er wohl bemerkte. Wann hatte er ihn bekommen: diesen ersten Riss, einen Haarriss? Etwas läuft seitdem aus ihm heraus, einfach fort. Er denkt daran, wie Anne eine Vase hochheben und untersuchen würde, wo sie undicht war. Sie würde den Riss nicht finden, aber die Wasserlache immer wegwischen. Sie konnte ein Leben leben, bei dem alles, was schiefging, wieder gerade wurde. Alles, was bei ihm schief wurde, blieb schief, keiner konnte das wieder richten. Auch diese Schaukel, wie sie da schief hängt, gehört offenbar zu seiner Welt, sonst wäre sie von Anne schon längst wieder gerade aufgehängt worden. Jetzt Schritte auf der Treppe, die Erschütterung des ganzen Containers, weil die Jungen wieder versuchen, nebeneinander zu rennen. Immer stürzen sie so die Treppe hinunter. Immer mit diesem Geräusch, das nur er kennt, weil hier unten sonst niemand ist. Aber was soll er sagen – dass es ihn wahnsinnig macht? Jetzt rausgehen, sagen, dass es ihn wahnsinnig macht. Er drückt den Rest seiner Zigarette aus. Hört von draußen den Klingelton dieser diabolischen Mickey-Mouse-Melodie. Der Große sagt: »Alex? Ja, ich bin schon los.« Er hat eine schöne Stimme bekommen. Er braucht seinen Vater nicht mehr. Der Kleine hat ihn nie gebraucht. Er sinkt tiefer in den Sessel und steckt sich eine neue Zigarette an. Wenn Anne jetzt auch losfahren würde, könnte er hoch und nachsehen, was sich zu essen fände. Ich gehe ins Gras. Es ist hoch, geht mir bis zur Hüfte, Gänge darin, Höhlen, es führt mich irgendwohin, und ich soll folgen, ich folge, und es ist warm und Bienen fliegen. Ein Hase flüchtet, ich will mich hinlegen, aber es führt immer ein Gang weiter. Die Gänge sind schmal, und ich trete die langen Halme nieder. Ich sollte zurückgehen, die Wiese ist unter allem Summen totenstill, gespenstisch. Etwas lauert. Ich fasse nach der Pistole. Ich sollte umkehren. Zirpen. Ich sehe am Waldrand eine Kanzel, ein sicherer Ort. Ich klettere die Leiter hoch, die Tür ist nicht verschlossen. Ich öffne sie, sehe Füße, eine braune Cordhose. Ein Mann liegt auf dem grünen Teppichboden, er schläft. Race Cup Freestyle steht auf der Jacke. Die Sonne zeichnet durch die Bretterwand schmale Streifen auf sein Gesicht. Ich betrachte immerfort das Muster an seinen Schläfen. Die warme Sonne, Zirpen aus der Wiese, eine Biene. Ich steige auf in die Luft und höre mich summen. Ich fliege zurück zu meinem Stock, kilometerweit mit schweren Beinen. Ich summe. Der Anlasser ihres Autos muckert, er hätte danach schauen sollen, schon seit Wochen. Jetzt. Jetzt rausgehen und das richten. Aber sie wird es schon hinkriegen. Ihm ist, als habe sich die Schaukel eben bewegt. Er war schon zu oft nicht zur Stelle gewesen, wenn sie ihn brauchten, das ist es. Nach fünf Versuchen springt der Motor endlich an. Er atmet auf. Sie fährt weg, alles ist plötzlich leicht. Vielleicht ist sie das Problem und nicht er. Er geht hoch, brät sich ein paar Eier, schaltet den Fernseher an, die Welt ist noch da, man kann in sie zurückgelangen, er fühlt in den Beinen Müdigkeit aufsteigen. II Als er aufwacht, ist es dunkel, dunkel und still. Er sucht seine Uhr. 22.17. Er hat noch immer die Jagdsachen an. Vielleicht sollte er ausgehen, es ist Freitagabend. Er ruft Thomas an, Musik im Hintergrund, Party. Jetzt fällt es ihm ein, der Geburtstag. Er hatte über ein halbes Jahr nicht angerufen, seit dem letzten Treffen nicht. »Mensch, dass es dich noch gibt.« Alles so normal. Ja, er komme vorbei, müsse sich nur umziehen. Von oben leise der Fernseher. Soll er Anne fragen, ob sie mitwill? Nein, vielleicht hat sie sich schon ausgezogen, die Haare offen, weich, müde. Und dann die Frage, was er heute gemacht habe – nein, besser nicht. Die Musik wummert ihm schon am Hauseingang entgegen, er nimmt in ihrem Rhythmus drei Stufen mit einem Mal, in den dritten Stock muss er. Die Tür kracht unten ins Schloss. Atari Teenage Riot. Er hat solche Lust auf diese Party, jede Faser seiner Hose und seines Shirts fühlt er an sich, die Haut an den Wangen spannt noch vom Rasieren. Die Bässe jetzt nur noch eine Treppenwindung entfernt. Die Wohnungstür steht offen. Er steht auf der Schwelle, sekundenlang zögert er, Anspannung wie am Rand eines Wasserbeckens, ein Pool mit blauem Wasser, die Sonne knallt, er ist nackt, hebt die Arme über den Kopf und springt hinein. Unter Wasser das kräftige Gleiten, der Auftrieb, die Last des Wassers, da durchstößt sein Kopf die Oberfläche, die Bässe sind wieder da, Susa steht neben ihm, er beugt sich hinunter zu ihr, umfasst sie, wie zart sie ist, küsst sie auf die Wange und schiebt sie beiseite, er will in die Mitte des Raums, mit ein paar kräftigen Zügen hineinspringen in die erregten Menschen, hindurchschwimmen durch diese zuckenden Frauenkörper und auftauchen auf der anderen Seite, die warme Sonne auf der Haut, Helligkeit. Und dann rennen, rennen, rennen, splitternackt. Er wird aufgehalten: Einer umarmt ihn, klopft ihm auf den Rücken. Ja, ringen, im Knäuel über den Boden rollen. Er versucht ihn umzuwerfen, aber sie geraten nur leicht ins Wanken, lachen und lösen sich voneinander. Er biegt in den Flur ab. Er hätte gern, dass diese Wohnung wie ein Laufband wäre, endlos lang bis zur Erschöpfung. Hier steht die Anlage, es klopfen ihm verschiedene Bekannte auf die Schultern, aber es ist so laut, dass kein Gespräch möglich ist. Vor den Boxen ist noch Platz, und er beginnt zu tanzen. Er tanzt mit geschlossenen Augen, um niemanden ansehen zu müssen. Eine Straße in der Mittagshitze, der Asphalt flirrt in der Ferne. Links und rechts endlose Felder ohne ein Gehöft. Ich zähle die Büsche, beginne nach jedem zehnten von vorn, ich suche die Stelle, ein Auto überholt mich, es hält. Er hält, das Lied hält, die Stimmen, überall Stimmen, Lachen, mit einem Mal ist alles laut, er reißt die Augen auf, alles voller Menschen um ihn, der Ausgang ganz hinten, er stößt die neben ihm Stehenden zur Seite, er bahnt sich einen Weg, manche halten ihn auf, wollen ihn nicht durchlassen, er rennt, er sieht die Tür, das Treppenhaus, die Klinke und die Straße. Bremsen, er rennt, bis er Stiche in der Lunge spürt, lässt sich gegen einen Baum fallen, umarmt ihn, die raue Rinde, beißt etwas davon ab. Es schmeckt nach Rinde. Es schmeckt einfach nur nach Rinde. Verdammt! Es passiert immer wieder, es kommt, ohne dass er es kommen sieht. Nur ganz kurz vorher ist so ein Moment, wo er noch rechtzeitig abbiegen könnte, wenn er sich nicht verlieren würde, wenn er sich im Griff behielte, aber er verpasst ihn immer. Es hilft nur, im Container zu sitzen, allein bleiben, keinen ranlassen. Mann! Er schlägt gegen den Baum, und es tut weh, zum Glück tut es weh. Es ist doch alles normal, er sieht an sich herunter, alles sieht normal aus. Gut, es war nichts, die Musik war einfach zu laut, zu schnell. Er kann zurück. Er wird da jetzt wieder hingehen, nicht wie vorhin, sondern ganz kontrolliert, sich unterhalten, alles normal. Susa steht an der Tür: Was los war eben? Jetzt hat er es in der Hand, abwiegeln oder etwas in Richtung Wahrheit. Ihre nackte Schulter, so glatt, so hell. Er fasst sie an der Schulter, schiebt sie in eine ruhige Ecke, er merkt, wie sie sich schieben lässt. Eine Möglichkeit blitzt auf. Diese Nacht vor Jahren auf dem Scharfenstein. Er dreht sie zu sich, sie lässt sich drehen, er hat sie halb im Arm. Etwas aus dem Vorhof der Wahrheit erzählen, jedenfalls erzählen, eine Geschichte, dass sie bei ihm bleibt. Vom Fuchs, dem Traumfuchs, der plötzlich aus dem Nichts auftaucht und da ist mit seinem roten Fell und der weißen Lunte. Den er streichelt, über die Schnauze, die ganze schöne Form des Kopfes, dessen Fell sich legt unter seiner Hand, der furchtbar zahme Fuchs. Aber er muss erzählen von irgendeinem Anfang, hineinspringen ins Reden. »Ich saß gestern am Waldrand«, ein ungelenker Anfang, aber irgendwie muss er beginnen. »Stunden, ewig. Es war wie früher, mit siebzehn, als ich im Wald saß und die Zeit verging und es Abend war. Da war plötzlich der Fuchs da, wie aus dem Erdboden heraus. Er schnürt durch die Wiese, geduckt, dann bleibt er stehen, wittert, sieht in meine Richtung, durchs Fernglas sieht er mich direkt an und kommt auf mich zu. So weit, dass er mich wittern müsste, zumal der Wind in seine Richtung steht. Ich kann die Entfernung nicht mehr einschätzen, aber ich kann auch das Glas nicht runternehmen, weil er mich dann bemerken würde. Da knallt es. Es sieht aus, als ob er fällt, aber weil ich das Glas heruntergerissen habe und mich kurz orientieren muss, sehe ich es nicht richtig. Ich sehe etwas Dunkles in der Wiese liegen, größer als ein Fuchs. Ich nehme wieder das Glas und suche es, und plötzlich ist da ein Mann, der mich ansieht. Direkt in die Augen, er hebt sein Gewehr und zielt auf mich …« Er hätte nicht so lange stehen sollen nach dem Anfall vorhin, jetzt wird ihm schwindlig. Er hält sich an ihrem Ärmel fest, der über den Oberarm herunterrutscht, dass man ihren BH sieht, er schämt sich, aber er kann nichts machen, seine Beine sind wie nicht mehr vorhanden. Sie zieht ihn zur Fensterbank hinter ihr. Streichelt lange seine Hand. Allmählich kehrt seine Kraft zurück. »Ist es besser?«, fragt sie. »Ja, ist wieder okay.« Sein Mund ist trocken. »Hier muss es doch auch was zu trinken geben«, überspielt er seine Scham. Sie bahnen sich einen Weg durch die Leute, der Widerstand all der Körper tut gut, er zieht Susa an der Hand hinter sich her. Er schiebt sie vor sich an den Tisch mit den Getränken, langt über ihre Schulter und schenkt ihr ein Glas Wein ein. Von hinten hält er es vor ihren Mund, und sie trinkt gehorsam. Sie dreht sich zu ihm um. Weil sie so dicht vor dem Tisch steht, ist ihr Gesicht ganz nah an seinem Kinn, er spürt ihre weiche Brust. Sie setzt ihr Weinglas an seine Lippen, und er trinkt es ganz aus. »Lass uns gehen, Susa«, sagt er, und sie nickt. Ihr weiches, warmes Haar bedeckt seine Brust wie eine Decke, der Waldboden unter ihm fühlt sich an wie ein Nagelbrett. Selbst diese leichten Frauen werden nach einiger Zeit schwer. Er sieht die Buchenkronen über ihrem Kopf und manchmal einen Stern hindurch. Dieser Tag hatte genau drei leichte Momente: als Anne weggegangen war, als er auf der Schwelle zu Thomas’ Wohnung stand, und jetzt. Vielleicht aber auch schon mehr eben als jetzt, vielleicht ist das schon wieder die beginnende Schwere. Susa stützt sich auf und sieht ihn an. Sie hatte eigentlich die ganze Zeit gar nichts gesagt, nicht mal seinen Namen geflüstert oder so etwas. »Hier jagst du?«, fragt sie jetzt. Seltsame Frage. »Nicht hier, auf der anderen Seite. Da hinten auf der Kanzel bin ich oft.« »Wann jagt man denn?« »Kommt drauf an, meist in der Dämmerung.« »Und da sitzt du dann stundenlang? Was machst du die ganze Zeit?« »Jagen.« Sie lacht, wirft eine Handvoll Blätter auf ihn. Sie kennt ihn nicht, sonst würde sie nicht mehr so einfach fragen. So wie Anne kaum mehr fragte. »Du sitzt die ganze Zeit herum und jagst. Im Kopf oder wie?« »Ja, das trifft es wahrscheinlich.« Sie zieht das Gummi seiner Unterhose lang und lässt es schnippen. Er verzieht das Gesicht, als ob es schmerzt. »Entschuldige. Ich hab das Gefühl, du bist nicht ganz hier.« Sie kennt ihn nicht. »Du bist entweder betrunken oder hast Gewissensbisse wegen Anne.« Gar nichts weiß sie. Und er weiß nicht, ob es ihn stört oder nicht, dass sie so naiv ist. Anne würde mit ihm schweigen, vielleicht wusste sie auch nichts, aber sie scheuchte ihn nicht auf. Susa kommt ihm wie seine Tochter vor, er lächelt, streicht über ihr Haar. »Gib mir mal meine Hose«, flüstert sie ihm ins Ohr, als wäre es ein Geheimnis. Er kramt Zigaretten heraus, bietet ihr eine an. Sie rollt sich von ihm herunter, dann rauchen sie. Das ist eigentlich am seltsamsten, diese Momente, wenn alles so einfach ist, wenn es sich anfühlt, als fielen alle Gewichte ab, und wenn man sich gar nicht mehr spürt. Gestern hat er dort drüben gesessen und gedacht, dass die Zeit stehengeblieben sei, dass er da einfach sterben könnte. Weggehen aus sich selbst. Er merkt, wie er allmählich aus dem Moment zu fallen droht. Nicht abdriften jetzt. Ein Gespräch anfangen. »Damals auf dem Scharfenstein«, beginnt er, ohne zu wissen, worauf es hinauslaufen soll, »wolltest du doch mit Thomas zusammenziehen. Ihr wart doch …« Susa legt ihm einen Finger auf den Mund: »Nicht jetzt, das ist ganz lange her.« Aber das Schweigen, in das sie jetzt fallen, ist nicht mehr das alte. Susa bricht es schließlich, indem sie fragt: »Du wolltest damals in den Kosovo?« Jetzt möchte er ihr die Hand vor den Mund halten, aber das würde ihre Neugier erst recht anstacheln. Er schweigt sehr deutlich. »Musst du morgen früh irgendwo sein, kann ich dich hinfahren?«, fragt er. Sie setzt sich mit einem Ruck auf und fängt an, den Waldboden nach ihren Sachen abzutasten. Wenn sie etwas von ihm findet, schleudert sie es auf seinen Bauch. »Wir waren fast ein Paar. Du erzählst mir hier Storys vom Fuchs, und wenn ich dich was frage, kriege ich keine Antwort.« Furchtbar. Schimpfende Frauen, er erträgt das nicht, das konnte er schon bei seiner Mutter nicht ertragen. Egal, was er jetzt sagt, Hauptsache, sie hält den Mund. »Also: Ich war nicht im Kosovo. Sie haben mich zurückgestellt. Und jetzt sind meine zwölf Jahre rum, ich bin draußen. Und die sind froh, weil ich nämlich nicht mehr so richtig funktioniere.« »Na, sei doch auch froh.« »Es scheint sehr schwer zu kapieren zu sein, dass es Menschen gibt, die ihren Beruf nicht aufgeben wollen, weil es eben das ist, wofür sie gemacht sind.« »Dann mach halt weiter.« »Susa, das geht nicht! Ich war auf Zeit, und von da führt eben kein Weg weiter. Ich hab ein bisschen Mist gebaut, und sie übernehmen heute sowieso fast niemanden mehr. Wenn du es genau wissen willst: Seit einem Jahr warte ich auf eine Entscheidung, ob ich eine sogenannte Wehrdienstbeschädigung habe oder nicht. Wenn ja, gibts Geld, wenn nein, gibts nichts.« Susa schiebt mit den Füßen Äste zusammen. Er weiß nicht, ob sie gerade nachdenklich oder bockig ist. Oder ganz was anderes. Ständig haben die Leute Befindlichkeiten, ständig muss man Rücksicht nehmen und vorsichtig sein. Ihm wird langsam kühl, er würde sich jetzt gern anziehen und gehen. Was hatte diese Aktion überhaupt gebracht? Vor allem würde er Susa jetzt gerne wieder loswerden, doch das war ja vorhin schon gescheitert. Susa hingegen läuft sich jetzt erst warm: »Wobei hast du denn Schaden genommen, wenn du nicht im Einsatz warst? In Deutschland kann einem doch nichts passieren.« Und als er keine Antwort gibt, fährt sie fort: »Damals auf dem Scharfenstein hattest du beim Schlafen so ein komisches Zucken im ganzen Körper gehabt. Da dachte ich schon, dass das nicht normal ist.« »Was du alles weißt!«, erwidert er sarkastisch. »Mensch, Susa, du hast, seit ich bei der Armee war, ein einziges Mal eine Nacht neben mir verbracht, wenn ich mich richtig erinnere.« »Cons, jetzt weich nicht aus.« Ihr Ton ist wieder gereizt. Eine gute Psychologin ist an ihr wirklich nicht verlorengegangen. Immerhin hat er jetzt seine Unterhose gefunden und kann sie anziehen. »Es ging mir nicht gut damals. Was weiß ich, vielleicht hab ich irgendwas geträumt. Ich träume manchmal heftig. Und ja: Ich wollte in den Einsatz, ich wollte in den Kosovo. Was bin ich denn sonst für ein Soldat! Was soll denn das für ein Beruf sein, dass man ausgebildet wird für einen Ernstfall, dem man ausweicht. Ich kann alles, was ich brauche, ich kann es sogar besser als mancher andere, der hindurfte. Manche wollen überhaupt nicht. Aber ich wollte, ich wusste, dass ich voll einsatzfähig bin, aber sie haben es mir nicht geglaubt. Es lief ein Disziplinarverfahren, weil ich mich ein paar Wochen vorher unerlaubt aus der Kaserne entfernt hatte und nicht sagen konnte, warum ich weg bin – und erst nach drei Tagen zurück war. Ich wusste es selbst nicht, ein Aussetzer einfach.« Er versinkt kurz in Gedanken, immer, wenn er davon redet, was selten genug ist, denkt er, es könne ihm doch noch einfallen, weshalb er damals in den Wald gegangen war. Es fällt ihm auch diesmal nicht ein. Er sieht Susa zu, die gerade eine Strähne vor ihr Gesicht hält und untersucht. »Du findest das nicht schlimm, dass ich nie in den Einsatz konnte, ich weiß, niemand findet das schlimm. Aber für mich war es eben, als würde man mich für die einzige Aufgabe, zu der ich wirklich fähig bin, ablehnen. Man hat mich nicht gebraucht.« So viel hat er seit Jahren nicht mehr darüber geredet. »Ja, und das mit der Beschädigung hat Anne sich ausgedacht, weil ich einfach nichts anderes mehr finde, weil wir kein Geld haben. Es gab mal einen Unfall bei einer Schießübung nachts mit Gefechtsmunition. Ein Schuss hatte sich aus der Kurzwaffe eines Kameraden gelöst und mich am Oberarm getroffen, ich hatte einen Schock, aber das war dann wieder okay. Es gab ein Verfahren, fahrlässige Körperverletzung, und das wars. Diese Anerkennung ist meine einzige Chance, dass ich Geld kriege, dass alles wieder normal wird, dass wir das Haus fertig bauen …« Er kann nicht mehr reden, denkt: Also los, Susa, sags schon. »Dass alles wieder normal wird – ihr lebt jetzt seit drei Jahren in einem Container. Cons, überleg mal, das ist doch nicht normal. Vielleicht hatten die wirklich recht, dass sie dich nicht in den Einsatz geschickt haben.« Prima, das ist genau, was an der Stelle kommen muss. Er hat diese Gespräche so satt. Und Susa will in der Wunde herumstochern, aber das kann er auch: »Nein, das ist nicht normal!«, schreit er Susa an. »Und du wolltest damals irgendwie ein Kind von einem, der normal ist, nicht wahr?« »Hör auf mit dem Kind!«, schreit sie zurück. »Wer weiß, was dich gepackt hat in deinem Privatkrieg. Ich wills gar nicht wissen, ich hab genug Krieg mit dir gehabt.« Verbissen suchen beide ihre Sachen zusammen. Er ist zum Glück zuerst fertig, geht zum Auto und fährt los. Im Rückspiegel sieht er, wie sie ihm im BH nachrennt. Er hatte ja gefragt, ob er sie irgendwohin fahren könne. In einem deutschen Wald kann man sich nicht verirren, morgen früh wird sie den Weg schon finden, und sowieso ist es ihm egal. Er hat Durst. Er parkt seinen Niva so dicht hinter dem Ford seiner Frau, dass sie morgen nicht rauskommen würde. Dann geht er zur Küche hoch, schaut in den Kühlschrank, nimmt sich eine Flasche Wasser und macht dabei so viel Lärm wie möglich, aber keiner kommt. Sie schlafen. Susa fällt ihm noch einmal ein, als er wieder nach unten geht, um sich auf die Couch zu werfen, weil es ein guter Moment zum Einschlafen scheint. Susa, wie sie rüber zu seiner Kanzel geht. Bestimmt hat sie Angst und will irgendwo oben sein, in den paar Stunden, bis es dämmert. Oder ein freundlicher Verehrer holt sie im Wald ab. Das würde er gern hören, wie sie ihren Standort beschreibt. Sie weiß doch nicht mal, was eine Wetterseite ist. Der Gedanke an ihre absolute Unbeholfenheit belustigt ihn. III Am andern Morgen klopft Anne an der Tür, er solle sie rauslassen. Was das jetzt wieder soll, und er sehe schlimm aus. »Du siehst schlimm aus«, sagt sie, nicht vorwurfsvoll und nicht mitleidig, sondern mehr so, als würde sie ein Tagebuch über ihn führen. Sie sagt, dass sie bei Henning neue Metastasen festgestellt hätten und es jetzt in die dritte Runde ginge. Es sehe nicht gut aus. Er hört das alles im Liegen an, steht dann auf, schiebt sie, weil sie noch immer in der Tür steht, beiseite und setzt sein Auto zurück. Dann legt er sich wieder hin. Sie steht unschlüssig in der Tür, er sieht sie von der Couch aus an: Eine Frau steht in seinem Zimmer, eine gutaussehende Frau, die die Nacht über geschlafen hat und nun klar im Kopf ist, ein bisschen traurig oder müde. Eine patente Frau, mit den zwei halbwüchsigen Jungen ganz allein, so ein Pech mit dem Mann. »Na?«, fragt er auffordernd. »Im Kühlschrank ist noch was von gestern Abend.« »Ich weiß.« »Hast du Post bekommen?« »Du leerst doch den Briefkasten.« »Ja, du hast Post bekommen. Was stand denn drin?« »Dass ich zum Versorgungsamt gehen soll. Aber ich geh nicht hin.« Sie sieht aus dem Fenster, er folgt ihrem Blick. »Ich will heute die Schaukel reparieren.« Er sagt das, als würde er jeden Tag ein neues Projekt in Angriff nehmen, heute die Schaukel, morgen den Schuppen. Als hinge die Schaukel nicht seit zwei Jahren so vor seinem Fenster. »Für wen willst du die denn reparieren?« »Für die Jungen.« »Die schaukeln nicht mehr.« »Dann für ihre Freunde.« »Hast du hier schon mal Freunde gesehen? Die treffen sie doch nicht hier …« »Weil sie sich für ihren Vater schämen müssen«, setzt er ihren Satz fort. »Weil sie kein eigenes Zimmer haben.« »Genau, weil sie kein Zimmer haben, weil ihr Vater es nicht schafft, diesen Rohbau da drüben bewohnbar zu kriegen.« »Das wollte ich doch gar nicht sagen. Ich hab doch auch keine Zeit, mich zu kümmern. Wir machen eins nach dem anderen. Jetzt warten wir erst mal ab, was der Arzt sagt.« »Ja«, sagt er knapp, »dann warten wir erst mal noch den dritten, vierten und fünften externen Gutachter ab und wissen in acht Jahren, dass ich nur ein bisschen komisch bin und es schon als Kind war.« Sie schluckt. »Ich will ja nur, dass du Ruhe findest.« »Ich auch«, sagt er und dreht sich zur Wand. »Wirklich.« Sie breitet die alte Wattejacke über ihn. Er drückt sich tief in die Polster, um nicht loszubrüllen. Diese unendliche Engelsgeduld! Diese Rücksichtnahme und Vorsicht! Sie sollte ihn rausschmeißen. Ihm drohen. Irgendwas! Immerhin, sie geht. Als sie raus ist, ist im ersten Moment wieder alles leicht. Er hat für den Moment das Gefühl, den Faden seines Lebens wieder in die Hand zu bekommen. An Susa denkt er noch einmal, sie wird jetzt schon im Bett liegen. Seine Wut ist er noch immer nicht losgeworden, er könnte sie anrufen und mit ihr streiten. Er sucht sein Handy, findet es endlich oben in der Küche. Die Jungen scheinen noch zu schlafen. Ihre Freunde bringen sie also nicht mit hierher. Ob der Große schon eine Freundin hat? Er hat darüber noch nie nachgedacht. Warum nicht, er selbst hatte schon eine mit zwölf. Was man damals so Freundin nannte. Ihn befällt eine kleine Zärtlichkeit für den Großen, wie er da in seinem schlaksigen Körper eine Ecke sucht, sein wachsendes Ich auszustrecken, und wie er überall aneckt: ans Testosteron, an Noten, an das Rätsel Mädchen, vielleicht auch an seinen Vater. Er würde gern die Tür einen Spalt öffnen, aber er traut sich nicht. Es ist schon schlimm, dass die Jungen kein eigenes Zimmer haben. Und was haben sie nicht alles versprochen bekommen, wenn das neue Haus mal fertig wäre, um sie damals aus G. hierher zu locken. Seitdem war der Faden abgerissen, er wusste nicht, ob sie hier eigentlich Fuß gefasst hatten, ob sie Freunde hatten. Der Große fuhr alle paar Wochen seine alten Freunde besuchen. Ob Anne sich auskannte in ihm? Wie kann das eine Frau können, in einem angefangenen Mann? Ach, er würde so gern die Zeit zurückdrehen. Nur das, sonst nichts. Nicht mal für sich, aber für diese drei Menschen, mit denen er lebte. Nur wohin zurück, wo hatte sein Leben angefangen wegzurutschen? Als er nicht in den Einsatz konnte, nur wegen eines idiotischen Aussetzers. Danach war alles doch wieder normal geworden, zwei Söhne, genug Geld, ein Leben zwischen Kaserne und zu Hause. Er hatte auch als Kind keine Probleme mit seinen Eltern, nichts, was nicht völlig normal gewesen wäre. Natürlich kann man jeden Charakterzug als Schaden ansehen. Damit verdienen ja manche Leute ihr Geld. Aber bei ihm war da nichts, eine strenge Kindheit. Aber das würde er jetzt sogar verteidigen. Und danach waren die Mädchen wichtig, der ganze Körperkram. Wie wäre er froh, wenn er jetzt noch ein Stück davon hätte. Zeit hatte er in seiner Kindheit gehabt, war tagelang im Wald gewesen, ziellos allein umherstreifend. Immer schon zum Leidwesen seines energischen Vaters, für den er nichts als ein Schwächling war. Als er neun war, ein Kind, ein richtiges Kind, hatte er einen Ast mitgebracht, mehrfach gegabelt und verzweigt: Ich habe den Hirsch erlegt, hatte er gerufen, und seine Enden vorgezählt. Sein Vater hatte ihn ernst angesehen, war in den Keller gegangen, hatte seine Mauser aus dem Schrank genommen und durchgeladen. »Willst du?«, hatte er gefragt. Für den einzigen Sohn seines Vaters war das keine Frage, es war eine Anweisung. Sie waren hinaus aufs Feld gegangen. Er hatte die ganze Zeit an den Rückstoß gedacht, der ihm von einem bloßen Luftgewehrschuss an einer Schießbude schon als der schmerzvollste Schreck seines Lebens in Erinnerung war. Er hatte den Schmerz mit der geschätzten Schusskraft der Mauser potenziert. Der Vater hatte etwas erklärt, aber er hatte nicht zuhören können. Es gab so vieles gleichzeitig, und er wusste ja, es würde schrecklich werden. Er hatte die Mauser angesetzt, sie tief in die Schulter eingezogen und abgedrückt, als sein Vater schrie: »Tiefer!«, und der Schuss knallte, während er den Rückstoß fast gar nicht merkte. Nur die Schwere des Gewehrs oder der plötzliche Widerwille, es festhalten zu müssen. Jedenfalls hatte er es wie ein glühendes Eisen fallen lassen. Sein Vater hatte getobt: weil er seine Mauser hatte fallen lassen, weil er den Schuss auf Kopfhöhe statt ins Gras abgegeben hatte, weil er nicht sein Sohn sein könne. Er steht am Küchenfenster und merkt, dass selbst diese zu seiner Qual so oft hervorgeholte Erinnerung ihn nicht mehr schmerzt. Wieder ist etwas tot, als stürben allmählich alle Nerven, alle Empfindungen in ihm ab. Weswegen war er hochgekommen? Er will jetzt wieder schnell nach unten, ehe die Jungen aufwachen. Ach ja, das Handy. Er sieht es auf dem Kühlschrank liegen. Das hätte sie ihm vorhin auch sagen können. Eine neue Nachricht. Stimmt, er hat seit gestern Abend nicht mehr danach gesehen: »hab dich gestern auf dem fest gesehen, aber dann warst du weg.« Wer schreibt das? »hätte gern mit dir in alten zeiten geschwelgt. robert.fschjgbtl.373« Robert? Er kennt keinen Robert. Oder doch? Robert Block. Aber wie kam der zu Thomas? In alten Zeiten schwelgen – ein seltsamer Ausdruck. Nie würde er das sagen. Wie hatte ihn Robert überhaupt wiedererkannt? Ein paar Bilder tauchen auf. Er wählt den Rückruf, Roberts Stimme, ja, jetzt erinnert er sich. Fast ist es schön, und seit Ewigkeiten mal ein normales Telefonat. Was man so redet nach Jahren Funkstille, es gelingt ihm, alle Klippen zu umschiffen. Robert will ihn einladen zu einem Ausflug. Noch so ein Ausdruck. Ein Ausflug, übernächstes Wochenende, warum nicht. Dann ruft er jetzt auch gleich Henning an, nicht lange überlegen, einfach anrufen. Hennings Stimme klingt fremd, er merkt, wie er nichts vom Schwung des letzten Gesprächs mit in dieses hinüberretten kann. Er würde am liebsten auflegen. Alle Fragen sind falsch: »Wie geht es dir?« »Wie soll es mir gehen, ich hab übermorgen die nächste OP, und dann beginnt die Chemo.« »Ja«, sagt er. Ihm fällt nichts ein. »Und Ellen?« »Die ist mit den Kindern zu ihrer Mutter gefahren. Dass die das nicht so mitkriegen.« Kurze Pause. »Dass die mich nicht so sehen.« Wieder Pause. »Ist ein verdammt hartes Wochenende. Ich hab echt nicht gedacht, dass es wiederkommt.« Schweigen. Er ist sich nicht sicher, ob Henning nicht sogar weint. Er hält das Handy etwas von sich, das ist zu viel. Er müsste jetzt sagen, dass er vorbeikommen will. Er nimmt das Handy wieder ans Ohr und sagt es, auch wenn er nichts so wenig will wie das. Sondern sich nach diesen ganzen Gesprächen, die ihn so unglaublich viel Kraft gekostet haben, einigeln, keinen mehr sehen. Auch keine verdammte Schaukel reparieren, die vorm Fenster genau in seinem Blickfeld hängt. Aber wenn er sich für morgen Nachmittag verabreden würde, vielleicht hätte er sich bis dahin erholt … Henning sagt: »Kannst du machen, wenn du willst.« Henning weiß doch, was ihn das kostet, oder er weiß es nicht, und vielleicht gibt es bei ihm kein Kosten mehr. Ihr habt alle Zeit Arme bei euch, mich aber habt ihr nicht allezeit. Er würde das jetzt gern laut sagen, so einen Spruch, um nicht mehr immer über Persönliches reden zu müssen: ich, du, wir, wie es mir geht, wie es dir geht. Über irgendeine alte Anekdote reden, wie mit Robert eben, ein paar unverfängliche Dinge. »Na, dann«, sagt er, »bis dann.« IV Er ist mit Putzen gerade bei seiner Mauser angekommen, die Einzelteile liegen sorgfältig aufgereiht auf dem Tisch, als er ihren Ford kommen hört. Annes Stimme und die des Großen, ein Streit. Mitten in der Nacht. Wahrscheinlich hat er früher heimkommen sollen, sich nicht dran gehalten, und dann ist sie ihn holen gefahren. Da fliegt die Tür auf, der Große tritt ein und baut sich vor ihm auf. Cons muss den Kopf in den Nacken legen, um ihn anzusehen. »Ich hab Susa im Laden getroffen.« Nein, er hat keine Kraft mehr heute, er wollte längst schon schlafen, es ging nur nicht. Was wird Susa ihm erzählt haben? Er drückt sich in die Polster, sitzen bleiben, aussitzen. Er bläst in den Lauf seiner Mauser, poliert ihn mit dem weichen Tuch. Sein Herz rast, er hat Angst vor seinem Sohn! »Ich wünschte, dich hätte der Typ bei der Schießübung damals richtig getroffen und du wärst auf deinem Truppenübungsplatz liegen geblieben.« Sein Sohn reißt ihm den Lauf aus den Händen und wirft das Gewehr gegen das Regal. »Noch nicht mal ein Arm fehlt dir oder ein Bein, nicht mal in einem richtigen Krieg warst du. Und liegst den ganzen Tag hier rum. Wie es uns geht, interessiert dich einen feuchten Dreck. Und wenn du deinen Arsch mal hochhebst, dann baust du nur Scheiße. Und Mama hilft dir auch noch und verteidigt dich. Sie sollte dich rausschmeißen samt deinem ganzen Jagdgerümpel.« Er tritt gegen einen Zehnender, der aus dem Regal ragt. Sitzen bleiben, Aussitzen. Cons sieht zum Fenster, das Zimmer spiegelt sich darin, ein Mann im Sessel, ein Jugendlicher neben ihm, der sich jetzt die Rotze mit dem Ärmel abwischt. Die Schaukel sieht er in der Dunkelheit nicht mehr, er hat sie heute doch nicht repariert. Was sagt man jetzt zu seinem Sohn? Der meint wahrscheinlich, ihn verletzt zu haben, schön wärs. Cons steht fürs Erste auf, um sich ein Bier zu holen. Er bringt zwei Flaschen aus dem Kasten zurück, hält ihm eine hin: »Willst du?« Sein Sohn sieht ihn entgeistert an, alles bleibt stehen im Raum, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, dann dreht er sich um, geht Richtung Tür. Aber plötzlich fährt er noch einmal herum und tritt mit Wucht gegen den Laugebottich vor dem Regal. Alles fließt über den Boden. Cons sieht, wie der heruntergefallene Brief mit dem Termin aufweicht und auf der trüben Brühe treibt, er merkt, wie er mit wegfließt, sich auflöst, nichts Festes ihn begrenzt. Er möchte winseln. »Sag deinem Bruder nichts davon«, bringt er mit Mühe heraus, »bitte sag ihm nichts.« Er fleht, er kann nicht mehr, nicht noch eine Front. Sein Sohn sieht ihn verächtlich an und schaltet beim Hinausgehen das Licht aus. Die Morgendämmerung vorm Fenster, die trostlose. Er möchte jetzt aufstehen und weggehen. Dein stolzer Gang, an dem ich dich immer schon von weitem erkenne, hatte Anne einmal gesagt. Ob er mittlerweile schon anders geht? Oder ob man ihm noch nichts ansieht? Er könnte alles vergessen, mit stolzem Gang aufbrechen in ein neues Leben, nicht das jetzige, nicht das frühere. Eine neue Aufgabe. Kapitän wollte er mal werden. So wie der Leichtmatrose Dick Sand, der mit fünfzehn Kapitän der Pilgrim wird. Cons versucht, sich an den Fortgang der komplizierten Geschichte zu erinnern, aber ihm kommt nur eine Passage in den Sinn, die er wieder und wieder gelesen hat, obwohl es ihn vor ihr gegraut hatte. Wie der Sklavenzug durch den Busch zieht und etwas Grausames, furchtbar Grausames geschieht, aber er weiß nicht mehr, was, erinnert sich nur an das Gefühl beim Lesen. Und er merkt, wie er schon an etwas anderes denkt, aber versucht, es noch mit der Erinnerung an Dick Sand zu verhindern: wie er die Stufen der Kanzel nicht hinaufgehen darf, nicht den Mann sehen. Die Lichtstreifen auf seinem Gesicht, die stumpfen Haare, Race Cup Free Style. Dick Sand, ruft er wie ein Drillinstructor immer wieder lautlos in sich hinein, Dick Sand, Dick Sand, Dick Sand, um das Bild zu bekämpfen. Er springt auf und lässt sich mit gestreckten Armen in den Liegestütz fallen, es ist nass an den Händen. Die Lauge. Der Brief vor ihm ist ganz durchgeweicht, ihn ekelt. Er springt in die Hocke und weiß, dass er hier wegmuss, raus. Im Dauerlauf zur Kanzel. Als er hochsteigt, die Tür vor sich sieht, erschöpft von der langen Strecke, kommt ihm der Gedanke, es könne dahinter einer liegen, einer, der sich hingelegt hat, um nicht mehr aufzustehen, der einfach liegen geblieben ist. Er zögert, aber schließlich öffnet er die Tür. Niemand ist da. Aber was soll er jetzt tun. Er hat kein Gewehr dabei, nichts. Er kann nur hier sitzen und schauen. Nun ist es schon hell und der Wald längst erwacht. Die kühle Morgenluft tut gut. Er ist heute niemandes Feind als sein eigener. Constantin, ist alles in Ordnung? Ja, warum nicht? Du bist so still und warst heute noch gar nicht draußen. Es ist alles in Ordnung. Du bist spät heimgekommen gestern, oder? Ja, aber jetzt bin ich ja da. Jetzt bleibe ich auch da. Wie meinst du das? Gar nicht, ich bin einfach da. Später Vormittag, als er zurückkommt. Anne hängt Wäsche auf, duftende weiße Wäsche. Arme Jungen, wahrscheinlich riechen sie auch so nach Weichspüler wie die Schlackse, die früher manchmal im Zugabteil auf dem Weg zur Kaserne neben ihm saßen. Er fühlt sich klar und rein nach dem Morgen im Wald, geht zu ihr hinüber, sie hängt weiter die Wäsche auf, er steht mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen daneben, sie schweigen. Dann fragt sie: »Willst du mit uns essen? In einer halben Stunde ist es fertig, ich hab Gulasch gekocht.« Ja, er will mit ihnen essen, aber der Große fällt ihm ein. »Wenn ich euch nicht störe«, sagt er. Sie hält inne und sagt mit einem müden, hoffnungslosen Ausdruck, aber sehr deutlich: »Du störst uns nicht.« Er möchte sie in den Arm nehmen, seine Muskeln spüren, die ihre Weichheit umschließen. »Danke«, sagt er stattdessen und geht zum Container, er will sich rasieren, etwas Frisches anziehen. Noch immer die Lauge, aber er öffnet das Fenster und versucht, nicht auf den Boden zu sehen. Später würde er sich darum kümmern. Jetzt hat er eine Verabredung. Mit seiner Familie, mit Anne, mit den Jungen. Sie hat Servietten hingelegt, wie für seltenen Besuch. Überhaupt, er sieht sich um, die Sonne scheint herein, und Anne hat es irgendwie wohnlich gemacht. Sie hat sich auf eine längere Zeit hier eingerichtet, sie glaubt nicht mehr an unser Haus, denkt er. »Setz dich«, sagt sie mit belegter Stimme, wie zu einem Fremden, und er tut es gehorsam. Sie fischt die Knödel aus dem Wasser und trennt die Scheiben mit einem Bindfaden. Wie an Weihnachten. Hat sie mit ihm gerechnet? Der Kleine kommt, befangen setzt er sich auf den Stuhl neben ihm. »Hallo Papa.« – »Hallo.« Bist du gewachsen!, möchte er sagen. Er hat ihn so lange nicht von Nahem angesehen. Die zarte Haut und das klare Gesicht mit den braunen, blitzenden Augen, der niedrige Haaransatz mit den immer verwuschelten Haaren. Was macht die Schule?, möchte er fragen. Nein, er ist doch kein Onkel auf Besuch. Aber was sagt ein Vater jetzt? Der Große scheint tatsächlich nichts erzählt zu haben, denn der Kleine schaut ihn scheu an, als er wieder zum Herd sieht, wo Anne noch immer hantiert. »Soll ich dir helfen?«, fragt er. Sie wendet sich zu ihm um, lächelt. »Nein, bin gleich fertig.« Er merkt, wie der kurze Wortwechsel dem Kleinen guttut. Mein Gott, wie wenig es braucht für so einen Jungen, nur ein bisschen Frieden, einen Vater, der am Tisch sitzt. »Kommt dein Bruder auch?«, fragt er ihn. Anne ruft zum Essen, öffnet dann die Tür zum Zimmer der Jungen einen Spaltbreit und fragt vorsichtig: »Kommst du?« Ohne eine Antwort wird die Musik abgeschaltet. Ebenso schweigsam setzt sein Sohn sich an den Tisch. In der alten Sitzordnung. Ob sie sie sonst ändern, fragt sich Cons, ob der Große sich auf seinen Platz vor dem Fenster setzt? Wie läufts in der Schule?, möchte er fragen. Aber er hat kein Recht dazu. »Braucht ihr die Schaukel eigentlich noch?«, fragt er schließlich in dem beiläufigsten Ton, der ihm gelingt. »Was?« Der Große sieht ihn feindselig an. »Eure Mutter hat gesagt, ihr seid eigentlich zu groß.« »Ich fass es nicht!«, er schüttelt den Kopf, sein Junge, aber er sagt nichts mehr und schöpft bis zum Rand Soße auf seinen Teller. »Genug, Chris«, sagt Anne leise und legt die Hand auf die Kelle. »Ich würde sie noch nehmen«, meldet sich der Kleine jetzt unsicher und schaut abwechselnd seine Mutter und seinen Vater an. Die Kelle? Die Schaukel? Cons spürt, dass es nur darum geht, ruhig zu bleiben jetzt, aber ihn verwirrt das alles. Er holt tief Luft. »Dann repariere ich sie demnächst.« Er sagt demnächst und hat tatsächlich das Gefühl, das richtige Wort gefunden zu haben, eines, das wahr ist und für das er sich nicht verstellen muss und das trotzdem niemanden verletzt. Die Sonne mit ihrem klaren Licht leuchtet so freundlich, Cons studiert das Blumenmuster auf der Serviette. »Ich vermisse euch da unten in meiner Räucherkammer.« Er weiß nicht, woher, aber mit einem Mal hat er den Mut zu einem solchen Satz, den er bis eben noch nicht einmal gedacht hatte. Der Stuhl des Kleinen kratzt über den Boden, er ist aufgesprungen, um ihn von hinten zu umarmen. »Papa«, sagt er in seine Haare und drückt die verschränkten Arme auf Cons’ Brust. »Wir vermissen dich auch.« So schlicht und wahr kann nur Anne solche Sätze sagen. Der Große schweigt, aber es wirkt nicht wie ein abweisendes Schweigen. Seltsam, der Groll sollte in seinem Alter länger schwelen. Cons sieht den Staub glitzern, den der aufsteigende Dampf verwirbelt. Er hat das Gefühl, in einem Boot zu sitzen, gegenüber seine Frau, dazwischen die Jungen und er rudert sie über den glitzernden See. Keiner muss reden, alle lauschen auf das Geräusch der Ruder und halten die Gesichter in die Sonne. Er kann sie betrachten, diese friedlichen Gesichter, er rudert sie hinaus in die Sonne, in die Mitte des Sees. Sie können ihm vertrauen. V Einen Zipfel hat Cons zu fassen gekriegt, er hält ihn fest. Er beseitigt am Abend noch die Sauerei in seinem Zimmer. Er trinkt Wein mit Anne draußen auf dem Haufen Pflastersteine, den sie für ihr Haus geschenkt bekommen haben, vor fast zwei Jahren, Unkraut ist durchgewachsen. Anne bewundert die kleinen blasslila Blütchen daran. Sie rauchen, er hat lange nicht mehr mit Anne geraucht, früher haben sie das oft gemacht, auf dem Balkon in G. Und manchmal vor dem Bungalow am Wochenende, wenn die Kinder endlich schliefen. Früher haben sie auch manchmal auf der Wiese miteinander geschlafen. Nein, nicht manchmal, denkt Cons, viermal. Denn es musste Sommer sein, es mussten die Kinder schlafen, und er durfte nicht in der Kaserne sein. »Wo sind die ganzen Jahre hin?«, sagt er zu Anne. »Wir hatten in den dreizehn Jahren ja nicht mal so viel Zeit wie eine Teenieliebe im letzten Schuljahr.« »Ja, so fühlte es sich auch an, wenn du dann wieder heimkamst: keine Ahnung, wer du schon wieder warst, jedes Mal ein anderer. Wir haben immer wieder von vorne anfangen müssen.« Anne sieht ihm aufmerksam in die Augen. Was für ein Grau, denkt Cons, wie beim ersten Mal, als sie ihm im Zugabteil gegenübersaß und von ihrem Buch aufsah. Mit diesem direkten Blick, der ihr eigen war. Sie hatten beide lange aus dem Fenster gesehen und waren dann in den Augen des anderen hängengeblieben. Kurz bevor sie ausstieg, hatte sie ihre Adresse in das Buch, in dem sie gelesen hatte, geschrieben und es ihm gegeben. Die vierzig Tage des Musa Dagh. Eines der wenigen Bücher, das er von Anfang bis Ende durchgelesen hatte und dessen Geschichte sich mit der Frühzeit ihrer Liebe verflochten hatte. Einer Liebe, bei der es ihnen nicht um ein kleines Glück gegangen war und die eigentlich immer aus Kämpfen bestanden hatte. Vielleicht war es auch mehr eine Gemeinschaft als eine Liebe gewesen. Wenn sie ihn ansah wie jetzt, seine sehr schöne Frau, war im Grau ihrer Augen wieder alles lebendig, was sie so unentrinnbar aneinander gebunden hatte und noch immer band. »Als ich das erste Mal hierher kam, in unser neues Zuhause, in dem ich dich gleich allein gelassen habe, standst du am Regenfass. Und du hast den Himmel angesehen und den Wald oder auf die Grillen gehört.« Er schweigt. Ich habe mich neben dich gestellt, denkt er, und wir haben gemeinsam in das Feld gegenüber gesehen, und plötzlich roch ich es: das Haferstroh, und hörte das Rascheln des Windes in den trockenen Rispen. Ich hätte dich an der Hand fassen sollen und in das Feld hineingehen mit dir, immer weiter gehen. In die erschreckende Leere des Getreidefeldes hinein, wo nichts war als das tote, trockene Rascheln. »Cons«, sie reißt ihn aus seinen Gedanken, »geh morgen zu dem Termin.« »Welcher Termin?« Doch als er fragt, fällt es ihm ein: der Brief. 10 Uhr hatte da gestanden oder 11. »Ach, ich weiß«, setzt er schnell hinzu, er will darüber mit Anne nicht reden. »Ich habe Henning versprochen, vorbeizukommen.« »Du kannst danach noch zu Henning. Henning hat Zeit.« Ruckartig wendet er sich ihr zu. Tatsächlich, sie hatte das nicht aus Versehen gesagt. Er drückt seine Zigarette aus, bläst den letzten Rauch langsam in die Luft. Sie fasst nach seiner Hand, aber er zieht sie weg. »Ich nehme die Kinder mit zur Schule und fahre dann gleich weiter, vielleicht komme ich auch schon eher dran, wenn ich da bin. Gute Nacht, Anne.« Er steht auf und geht zum Container hinüber. »Willst du vorher bei uns was essen?«, ruft sie ihm halblaut nach. »Nein«, ruft er zurück, ohne sich umzudrehen. VI Der Große zögert etwas, ehe er seinen Rucksack in den Kofferraum wirft. Cons wartet, die Hand an der offenen Kofferraumklappe: »Wie du willst.« »Nur bis zum Edeka«, sagt der Große und wirft den Rucksack jetzt doch hinein. Er schämt sich, sein Sohn, mit seinem Vater gesehen zu werden, oder er will nichts annehmen von ihm, keine Verbindlichkeit. Gut, wie er will, das Ganze kommt Cons ohnehin falsch vor. Anne steht auf der Treppe und winkt, er würde jetzt am liebsten kurz das Steuer verreißen, aber er beherrscht sich. »Habt ihr Sport heute?«, fragt er zur Rückbank. Was für eine blöde Frage, er würde sie an Stelle seiner Söhne nicht beantworten. Der Große antwortet auch nicht, aber der Kleine sagt brav: »Nein.« Cons gibt es auf zu reden und drückt den Zigarettenanzünder. Auf dem Edeka-Parkplatz lässt er die Jungen aussteigen. Es nieselt, und sie ziehen ihre Kapuzen über. Er sitzt unschlüssig im Auto und sieht ihnen nach. Die Rucksäcke hängen tief von den Schultern herunter, es sieht nicht schön aus, denkt er. Der Große ist inzwischen genauso groß wie er selbst, auch seine Haare sind schwarz und etwas widerspenstig, man könnte sie glatt verwechseln, hatte Anne neulich gesagt. Umso seltsamer, dass er fast nichts von ihm weiß, von beiden nicht, eigentlich hat er in den letzten Monaten so gut wie gar nicht darüber nachgedacht, wie es ihnen geht. Jetzt sind sie hinter einer Gruppe Mädchen seiner Sicht entzogen. Wird schon gehen, denkt er und lässt den Motor an. Er parkt in der Mitte des Parkplatzes, zieht den Zündschlüssel aus dem Schloss. Er steigt aus und schließt ab. Diese furchtbare Alltäglichkeit, diese ewig gleichen Handlungen. Er geht auf das Haus zu, ein Verwaltungsmonster aus Backstein und Glas. Männer in Anzügen, Leistungsträger, gehen schnell an ihm vorbei, begegnen anderen Männern, Frauen, man grüßt. Mahlzeit ist das Passwort, mit dem man dazugehört. Er merkt, wie sein Gang sich von dem der anderen unterscheidet. Er versucht, ihrem Gehen, so nennt er es abschätzig, seinen Gang entgegenzusetzen, seinen stolzen Gang, aber es gelingt ihm nicht. Die gläserne Eingangstür öffnet sich, nirgends ein Widerstand. Nein, er fragt nicht den Pförtner, er sucht den Raum mit der Nummer 423 selbst. »Alexander Steger« steht auf dem Schild neben der Tür, drei leere Stühle davor. Er setzt sich. Er hat einmal gelernt, eine Strategie zu entwickeln, »Führen mit Auftrag«, er muss das Heft in die Hand kriegen jetzt. Er sitzt hier, weil Anne gesagt hat, er solle hingehen zu dem Termin. Er hat den Termin, weil Anne gesagt hat, er solle sich um die Anerkennung einer Wehrdienstbeschädigung kümmern. Jetzt, mit dem neuen Gesetz, wäre das möglich. Er hat keine Ahnung, ob es möglich ist, er hat sich einen Termin geben lassen, weil Anne es wollte. Ja, seit zwei Monaten fehlt das Geld, die Übergangszeit nach Ausscheiden aus dem Dienst ist schon seit März vorbei. Jahrelang noch hatte er den Traum vom Berufssoldaten geträumt, aber er blieb Soldat auf Zeit, und entsprechend ohne alles stand er jetzt da. Ja, er hatte gedacht, wenn diese Zeit vorbei ist, würde von selbst etwas passieren, irgendetwas. Er hatte nicht mal probiert, etwas anderes zu finden. Vielleicht ist das neue Gesetz das Wunder, auf das er gewartet hat. Eine Frau in einem gelben Kleid geht vorbei und sieht ihn an, als suche sie seine Beschädigung. Alles dran, Arme, Beine. Alles okay mit ihm, was will er hier? Er will weg, schnell, ehe die Tür aufgeht. Er fragt den Nächsten, der vorbeikommt, nach dem WC. Den Gang geradeaus und die letzte Tür rechts. Den Gang geradeaus, er beginnt zu rennen, die Treppe hinunter, ein gelbes Kleid. Der Ausgang, die Glastür, er rennt, prallt zurück, sein Kopf dröhnt. Die Tür steht offen jetzt, um ihn Leute, der Pförtner, danke, nein, es ist alles gut. Er geht gemessen zum Auto. Braucht zwei zitternde Hände, um den Schlüssel ins Schloss zu stecken. Lässt sich auf den Sitz fallen. Eine Straßenbahn hält gegenüber auf der Straße, Leute steigen aus, Leute steigen ein. Würde seine Beschädigung anerkannt – aber das wird sie nicht, er hat ja nichts –, dann könnte er kostenlos Bahnfahren. Dann würde er den Ausweis zeigen, und der Schaffner würde denken: Was hat der? Ich seh gar nichts. Und die neben ihm sitzen, würden verstohlen schauen und vorsichtig sein. Nein, er hat nichts. Es ist nichts, er will auch nichts haben. Anne soll selbst einen Antrag stellen, wenn sie einen Antrag stellen will. Sie soll sich scheiden lassen. Das wäre sowieso das Beste. VII Er hat es bis jetzt rausgeschoben, später Nachmittag, fünf Straßen noch bis zu Hennings Haus. Es regnet, der warme Regen tut gut, sein Hemd klebt ihm auf der Haut. Anne liebte es, wenn er ein nasses Hemd trug, sich an seinen Haarspitzen Tropfen sammelten, sie strich die an seiner Wange herunterlaufenden Tropfen von seinem Unterkiefer wie von einer Traufe. Sie hat es lange nicht mehr getan. Cons versucht, sich Henning vorzustellen. Das ist nicht einfach, denn in den letzten Wochen hat er jedes Mal anders ausgesehen. Das letzte Mal war sein Gesicht lang und hager gewesen. Schöner als je, todernst, ein völlig neues Gesicht innerhalb von Wochen. Was wird diesmal sein? Cons drückt den Klingelknopf, und nach einer langen Weile, in der er hofft, dass vielleicht niemand da ist, tönt der Summer. Im Aufdrücken der Tür denkt er noch: Wie seltsam, dass all diese Technik nicht mal im Angesicht des Todes versagt. Dieselben mechanischen Geräusche, egal, ob es um ein Leben oder auf einen Kaffee geht. Das gleiche Geräusch wird die Tür machen, wenn die Bestatter kommen und Henning abholen. Und früher, als Henning mit zwei Pizzas und vier Bierflaschen in der Hand sich mit der Schulter gegen die Tür gestemmt hat, klang es genauso: das Hochrutschen des Riegels und sein Zurückschnappen in die alte Position. Wie gut, dass er oben wohnt, noch sechs Treppen, um sich vorzustellen, wie Henning heute aussehen wird. Cons hatte eigentlich immer Angst vor Henning gehabt, denn Henning war immer wahrhaftig, ja, anders konnte man es nicht sagen – wahrhaftig, selbst wenn er sich irrte. Und er irrte sich oft, aber für den Moment stimmte auch das. Er sagte immer klar, was falsch war, man hatte das Falsche gekauft oder das Falsche gemacht, Unzulängliches gesagt. Aber wo man wirklich nicht anders konnte, da urteilte Henning nie, da schonte er einen. Überhaupt war sein Schweigen Schonung, und es machte nichts, dass man auch da wusste, wie unzulänglich man war, denn alles war verziehen durch Hennings eigene Unzulänglichkeit. Noch eine Treppenwendung – dort oben kann er schon stehen, groß und anders. Aber er steht nicht da, nur die Tür steht offen. Cons geht rein und schließt sie leise hinter sich. Schleich nicht, hört er Hennings Stimme vorwurfsvoll in seinem Inneren, bist früher doch auch nicht geschlichen. Und klopft deshalb laut an die Tür zu Hennings Zimmer. Hast doch früher auch nicht geklopft, denkt er noch, aber Henning sagt schon: »Ich musste mich wieder hinlegen, du brauchst ja eine halbe Ewigkeit die Treppe hoch.« Henning liegt auf einem Sofa. Unordentlich, denkt Cons. Ihm fällt auf, dass die anderen Bettlägerigen, die er in seinem Leben besucht hat, immer ordentlich dalagen. Wartend, bereit, und nur man selbst brachte Unordnung ins Zimmer. Henning liegt inmitten zerwühlter Decken in einem Unterhemd und einer grauen Stoffhose. Er ist mager und bleich mit kurzen struppigen Haaren und tiefen Furchen von den Nasenwurzeln zu den Mundwinkeln. Er verzieht den Mund etwas, während er sich von Cons betrachten lässt. Als ob die Krankheit nur dazu diene, Henning in kurzer Zeit zu einem immer deutlicheren Menschen zu machen. Ja, deutlich war er, dass es wehtat. Alles Zufällige war verschwunden aus seinen Zügen, aus seinem Körper. Aber was sollte man nun noch sagen? Cons zieht sich einen Stuhl vom Schreibtisch neben Hennings Bett und setzt sich darauf. »Ja«, sagt Henning, »so sieht es aus.« Das ist wahr, denkt Cons, alles sieht einfach nur noch aus, es gibt nichts dahinter, keinen Grund, keine Erwartung, keine Hoffnung. Man musste hierbleiben, man konnte nicht wie bei anderen Kranken über Pläne reden. Und alles, woran man bei einem Sterbenden dachte, waren Pläne und Vergangenes, denn der Augenblick war immer schlimm und trostlos, daran wollte man nicht denken, nur dass er vorbeiginge. Hier im Zimmer stand die Zeit oder sie war abwesend, weil hier ihr Ende erreicht war. Was sollte er sagen? »So sieht es aus«, sagt Henning noch einmal, »und du brauchst auch nichts übers Wetter zu sagen, denn es ist das einzige Wetter, das ich habe. Wenn es pisst, dann pisst es vielleicht bis ans Ende meiner Tage, bis morgen zum Beispiel, wer weiß.« Vielleicht hätte er ein Geschenk mitbringen sollen, denkt Cons, damit hätte man sich beschäftigen können. In sein Grübeln hinein fragt Henning: »Wie ist das eigentlich, wenn bei der Truppe einer stirbt?« »Weiß nicht, ist nur einmal einer, den ich kannte, gestorben. Ein dummer Unfall eigentlich. Da dachten alle, es hilft am besten, wenn man bei denen, die ihn kannten, nicht mehr dran rührt.« Wieder stockt er kurz, Henning sieht ihn aber noch immer an, ohne zu reagieren. »Ich meine, im zivilen Leben hilft man den andern ja, wenn man nicht einfach so weitermacht, und bei der Armee ist es eben genau anders«, fährt Cons zögerlich fort. Jetzt aber scheint Henning sich zu ärgern, und Cons setzt noch zögerlicher hinzu: »Glaub ich, ich weiß nicht, so nah war ich nicht dran.« Da bricht es aus Henning heraus, er richtet sich auf: »Die machen doch alle so weiter, die wollen alle nichts als es abschütteln, aufwachen und alles wieder gut. Ist ja verständlich, ich will mich auch abschütteln, loswerden will ich mich, abschaffen. Geht aber nicht, es dauert eben, es dauert sinnlos lange.« Henning sinkt zurück aufs Kissen und stöhnt dabei. Cons schweigt, ein Sterbender hat immer recht. Und Henning redet weiter: »Hier geht es auch grad so weiter, wenn ich tot bin. Wenn euer Computer abstürzt, werdet ihr euch auch nach meinem Tod wieder aufregen, als gäbs kein Morgen. Wenn ihr irgendwo 50 Euro gespart habt, freut ihr euch wie blöd, und wenn gar nichts passiert, regt ihr euch übereinander auf. Alles wird genauso weitergehen ohne mich. Einer ist ans Ufer geschwommen, und ihr strampelt weiter. Nein, einen hats auf den Grund gezogen – ich weiß es nicht. Siehst du, das ist mein Problem.« Er trommelt an die Wand. »Wirst du um mich trauern?«, fährt er fort. »Ich trauere um mich. Eigentlich bin ich mir nur sicher, dass meine Eltern mich nicht vergessen, wenigstens werden sie es mir übelnehmen, dass ich vor ihnen gestorben bin. Und was ist überhaupt vergessen?« Jetzt rollt er sich auf die andere Seite, ein leichtes Stöhnen, aber nicht, um Mitleid zu erheischen, er hat schon immer gesagt, wie es ihm grad geht: Leute, ich muss mal pissen, und wenn wir jetzt noch länger hier rumstehen, fällt mir der Schwanz ab. Cons lächelt kurz, als ihm die Szene bei Chris’ Schuleinführung einfällt. Henning redet, zur Wand gedreht, weiter: »Ich hab mal was echt Grausames gesehen, auf nem Friedhof. Da war ein Grabstein, wo draufstand: ›NUR WER VERGESSEN IST, IST WIRKLICH TOD.‹ Alles in Großbuchstaben, und tot war auch noch mit d hinten geschrieben, dass du gleich ein Gerippe vor dir siehst.« Cons schweigt, er weiß nicht genau, was daran das Schlimme ist, aber Henning war ungeduldig, wenn man etwas nicht gleich kapierte. Zum Glück fährt Henning von selbst fort, noch immer gegen die Wand redend. Er spricht leise, weil der Krebs auch seine Stimme angefressen hat, und Cons muss sich anstrengen, alles zu verstehen, er will nicht nachfragen müssen. »Als ob die, die noch am Leben sind, darüber bestimmen, wann ich wirklich tot bin. Als ob es auf deren Gnade ankäme, sich an mich zu erinnern.« Er atmet tief ein und dreht sich wieder zu Cons: »O Mann, es wär schon okay, wenn es nicht so lange dauern würde. Was machst du jetzt eigentlich den ganzen Tag?« »Zusehen, dass ich durchkomm. Bin oft im Wald. Häng im Zimmer rum und versuch, aufzustehen und was anzufangen.« »Und das Haus?« »Unverändert. Keine Fenster, keine Türen. Steht da wie ein Denkmal. Ich geh manchmal rein, wenn Anne arbeitet und die Jungen in der Schule sind. Wenn ich durch die Räume gehe und mir vorstelle, wie es sein könnte, wenns fertig ist, weiß ich, dass ich es nicht mehr fertig machen werd. Wir sollten es verkaufen, aber ich kann darüber mit Anne nicht reden, und ich weiß auch grad nicht, wie es mit dem Geld wird.« »Hm, hab ich gehört, dass du auf dem Trockenen sitzt, weil die dich hängenlassen. Ich wusst schon, warum ich nicht in den Verein wollte. Mach uns mal nen Kaffee, wo du grad stehst.« Henning versucht ein Grinsen. Cons ist ganz froh, dass Henning nichts weiter zu dieser Sache fragt, er hat jetzt ein paar Stunden nicht daran gedacht. Seltsamerweise macht ihn Hennings Sterben lebendig. Er denkt, während der Kaffee durchläuft, darüber nach, was das für eine Lebendigkeit ist, jedenfalls keine von der Sorte, wie er sie sich in den letzten Jahren durch Sport oder das Jagen verschafft hat, und wohl nicht mal so eine wie damals, als er mit sich im Reinen war, sondern etwas Neues. Als könnte man sich auf den Tod freuen, weil da noch was kommt. So wie Henning geworden war, jetzt, wo er eine Weile nicht da war, die Konturen ganz klar, die Gedanken einfach, das machte die Nähe zum Tod. Das hat einer nicht, den es plötzlich rausreißt. Gut, Henning bezahlte einen hohen Preis dafür, und sein Publikum waren die Treuen der letzten Zeit, die anderen würden ihn so nie kennen. Keiner wird verstehen, wenn er mal tot ist, wie er wirklich war, dass er weise war, nicht im Reden, sondern im Sein. Man müsste eine Legende erzählen, die Legende von Henning, den der Tod erleuchtet und erhoben hatte. Cons findet keine saubere Tasse mehr und nimmt zwei Gläser. Auf der Schwelle dreht er um, stellt die Gläser wieder ab. Sie sind zu heiß, Henning ist ein Todkranker, er kann solche kleinen Pannen nicht mehr wegstecken. Es ist nicht mehr viel Zeit, auch nur eine kleine Unachtsamkeit wieder auszubügeln. An einer Hand, die Cons erst danach zu Gesicht bekommen würde, waren die Male abgezählt, die er mit Henning Kaffee trinken wird. Vielleicht war es jetzt das letzte Mal. Er wäscht zwei benutzte Tassen vom Küchentisch ab und füllt den heißen Kaffee hinein. Man hat Angst, etwas falsch zu machen, aber es gibt eigentlich keine Fehler mehr vor Henning. Beziehungsweise alles ist falsch. Natürlich ist alles falsch, weil es ungerecht ist: dass Cons lebt und das Leben gar nicht will, das er hat, und Henning sterben wird. Henning kann ehrlich sein, er kann alles sagen, alles fragen. Wieder ist er überrascht von Hennings Aussehen, als er das Zimmer betritt. Diesmal sieht er jünger aus, als Cons es erwartet hat, wie ein ernster Schüler auf dem Nachhauseweg. Hennings Hand zittert mit der schweren heißen Tasse in der Hand. »Milch fehlt«, bemerkt er. Cons holt sie, setzt sich wieder. Schweigen. Früher war alles so leicht, und jetzt diese zähen Gespräche. Cons fehlt die Kraft, sich ein passendes Thema auszudenken. »Genau«, sagt Henning in die Stille hinein, als hätte er ihr Gespräch die ganze Zeit weitergeführt, »dann kommt das erste Weihnachten ohne mich und dann mein erster Geburtstag ohne mich. Aber den hast du ja schon immer vergessen.« »Im Februar, oder?« »Im Mai.« Henning streckt sich, ihm tut wieder etwas weh, Cons kann sich nicht vorstellen, welche Art Schmerzen Henning hat. Und vor allem nicht, wozu Henning das erträgt, wenn es sowieso keine Hoffnung gibt. »Was soll ich machen?«, sagt Henning, als hätte er gerade das gleiche gedacht, »das Stück elendes Leben, das ich jetzt noch zu Ende lebe, gehört dazu.« Er will trinken, aber der Kaffee ist noch immer zu heiß. Wieder die strengen, tiefen Falten an der Nasenwurzel. »Eigentlich ist mein Leben, wenns dann vorbei ist, nur für euch abgeschlossen. Für mich bleibt es offen, weil ich das Ende ja nicht mehr erlebe. Diesen ganzen kaputten Körper lass ich euch zurück. Gib mir mal das Kissen da. Tja. Das hätten wir nicht gedacht im Russenbunker.« Vielleicht würde er sich zur Zerstreuung gern mal an damals, als sie Kinder waren, erinnern. Cons kramt in seinen Gedanken, ob ihm eine Anekdote einfällt. Er würde sich selbst gern an etwas erinnern, womit er sich auskennt. Er würde auch gerne mal nach der Uhrzeit sehen, aber sein Handy ist in der Jackentasche im Flur. Ihm ist noch immer nichts eingefallen, und nun ist die Pause auch schon zu groß, um mit einem Weißtdunoch anzufangen. Wer weiß, wo Henning schon wieder ist, er hat die Augen geschlossen. Vielleicht ist er müde und will lieber schlafen. Er könnte kurz rausgehen, denkt Cons, um nach der Zeit zu sehen. Vielleicht die Kaffeetassen wegbringen. Es dämmert draußen. Cons sieht auf eine Hauswand ohne Ende, kein Baum, kein Himmel. Vielleicht sieht man etwas anderes von da aus, wo Henning liegt, sie waren ja im dritten Stock. »Rutsch mal, ich will mal sehen, was du von dort aus so siehst.« Henning grinst, ein gelungenes Grinsen, es ist kurz wie früher, im Russenbunker vielleicht oder später in der alten Klinik. »Mein Gott«, sagt Henning, »ein Halbtoter und ein Psycho in einer Dreizimmerwohnung, den Film will auch keiner sehen.« »Aber ein paar sehen den Film schon, oder?«, meint Cons mit einer Kopfbewegung zum gegenüberliegenden Haus. »Da müssten wir vielleicht mal ein bisschen Butter bei die Fische geben«, und schiebt einen Arm unter Hennings Kopf, den anderen legt er über seine Brust. »Weißt du«, sagt Henning ruhig, »ich möchte nochmal unter einem blühenden Apfelbaum liegen. Aber die blühen erst wieder im nächsten Frühling, und der findet ohne mich statt. Ich hoffe, dass es dann wenigstens ohne Ende schüttet.« Das hohe Gras, die Stille der Wiese, Bienen in den Blüten, der betörend süße Duft. Verdammt, Cons merkt, wie er abgleitet, er hat im Moment keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Er zieht seinen Arm unter Hennings Kopf hervor, springt auf, rennt zur Jacke, sieht auf das Handy, einundzwanzig Uhr. Verdammt, er kann jetzt nicht so abhauen, aber er muss raus, ganz schnell raus. Er steht unschlüssig im Flur. »Ist was passiert?«, fragt Henning aus dem Zimmer, seine Stimme so dünn. »Ich muss heim, ich komm morgen wieder«, er flieht aus der Wohnung. Draußen ist es noch immer schwül. Er beginnt zu rennen. Am Fluss bleibt er stehen, hier geht es nicht weiter, er müsste über eine der großen Brücken. Er sieht die Leute mit den Hunden, die Radfahrer, Kinderwagen, so friedlich ist das, dass ihm ist, als stünde er in der Luft, in dem Moment, wenn der Fallschirm sich geöffnet hat und man schwebt statt zu fallen. Aber er öffnet sich nicht. Cons’ Beine werden weich, er fällt. Der Himmel, die Wiese. In seinem Nacken krabbelt etwas. Ameisen, er springt auf. Zwei kleine Jungen mit Fahrrädern stehen da und lachen, sie müssen ihn beobachtet haben, er merkt, wie eine mächtige Wut in ihm aufsteigt, die Spannung bläst ihn auf bis zum Platzen, er rennt auf die Jungen zu, aber sie steigen auf die Räder, und er muss die Verfolgung aufgeben. Er tritt gegen einen übervollen Papierkorb. Nochmal und nochmal, bis der Kunststoffeinsatz splittert. Langsam wird es besser. Eine Frau mit Kinderwagen sieht ihn ängstlich an und dreht um, auch auf der anderen Seite sind ein paar Spaziergänger stehen geblieben. Er geht in ihre Richtung, und sie weichen vor ihm zur Seite. Auch gut, denkt er, ihr sollt auch wissen, was Angst ist. Er geht sein Auto suchen, findet es endlich in einer der Nebenstraßen, nahe bei Hennings Wohnung. Was Henning jetzt macht? Ob er nochmal zu ihm hochgehen soll? Aber er traut sich selbst nicht recht, es ist nicht ganz vorbei. Heimfahren vielleicht, hinlegen. Es wird schon dunkel, aber noch immer Zeit genug für einen Ansitz. Ihm ist jetzt, als wäre heute der Tag, um den Fuchsrüden zu kriegen, auf den er seit Monaten wartet. Ihm ist, als stünde er jetzt gerade am Waldrand und äugte über das Feld in seine Richtung. VIII Als er den Niva neben der Kanzel parkt, ist es schon fast dunkel, eigentlich zu dunkel für einen Ansitz, eigentlich auch zu spät für den Rüden. Er weiß, dass er zurückfahren müsste. Er müsste schlafen. Noch hat er keinen Blick durch das Glas zum Waldrand gewagt. Er versucht sich an der Landschaft festzuhalten: die dunklen Umrisse der Bäume, das hohe, vom Wind leicht bewegte Gras. Vielleicht liegt er irgendwo darin. Er wird den Gedanken nicht los, dass der Rüde da ist. Übers Feld kann er ja mal mit dem Glas sehen: der Waldrand schwarz, kein Fuchs. Vielleicht hat er ihn verpasst, er ist ja auch nicht ganz bei sich. Heimfahren jetzt, sich hinlegen. Nur noch einmal nachsehen, ob er drüben was erkennen könnte: die Schneise, das Himbeergestrüpp, eine Plastiktüte. Er wendet sich halb zum Gehen. Aber da. Das ist er! Er ist doch da, drückt seinen Fang auf den Boden, vielleicht in eine warme Fährte, er jagt. Jetzt runter hier, jetzt heim, er ist heute nicht konzentriert genug. Aber er bleibt stehen, sucht den Rüden mit dem Nightforce. Es dauert zu lange. Als er das Nightforce herunternimmt, kann er ihn in der Dunkelheit des Waldrands kaum noch ausmachen, weiß, dass er diesen Schuss nicht im Griff hat. Aber ein letztes Restlicht ist noch da, ein schwacher Schein in seinem Rücken, wenn er länger zögert, sieht er überhaupt nichts mehr. Er entsichert, wartet, bis er meint ihn von der Breitseite zu haben, und drückt ab. Das Geschoss reißt das Tier auf dem Hinterlauf zusammen, im selben Moment das Klagen. Aber es bewegt sich noch ziemlich schnell Richtung Schneise. Cons lädt durch und schießt ein zweites Mal, jetzt bleibt der Fuchs liegen, aber Cons hört ihn unvermindert klagen. Ein schreckliches Geräusch. Er müsste für den Fangschuss hinübergehen, aber dieses Geräusch ist plötzlich so schlimm – ein Menschenschreien, er muss es loswerden. Er sieht nur den Kopf noch über dem Gras, hält leicht darunter, um ihn auf jeden Fall zu erwischen. Er hätte nicht bleiben dürfen. Seine Hand zittert, er drückt nochmal ab, das Klagen hört nicht auf, das niedergedrückte Gras im Umkreis von drei Metern, der waidwunde Körper rutscht auf dem Boden, er sieht einen Lauf schlagen. Auf dem Bretterboden der Kanzel die drei leeren Hülsen, er hat keine Patronen mehr. Unten auf dem Beifahrersitz liegen noch welche. Er greift nach dem Handlauf und hangelt sich an ihm die Leiter hinab. Mit fahrigen Fingern sucht er nach dem Schlüssel, stellt dann aber fest, dass er gar nicht abgeschlossen hatte. Der Rucksack mit den Patronen liegt auf dem Beifahrersitz, die Pistole daneben. Er will nur kurz noch ausruhen, sich kurz ins Auto setzen, die Tür schließen. Der Schlüssel fällt ihm aus der Hand, er tastet nach ihm im dunklen Fußraum, findet ihn schließlich, sucht das Zündschloss, das Zündschloss ist weg, nein, er findet es, steckt den Schlüssel hinein, umdrehen, anlassen, das klappt wie am Schnürchen. Er legt den Rückwärtsgang ein. Der Weg ist breit, ganz gerade bleiben. Ganz langsam fahren, langsamer als Schritt. Nicht, dass einer da läuft, nur niemanden anfahren. Aber die Augen schließen, es ist nichts zu sehen, gar nichts. Alles schwarz. Ich stehe auf der Lichtung, immer an derselben Stelle, aber da ist auch Meer mitten im Wald, und ein Schiff ist darauf, mit dem ich fahre, ein Schiff mit Segeln. Die Wellen glitzern still, und neben mir meine Familie wie gemalt. Unscharf, nur ich ganz scharf über der Reling, jemand sieht meine Stirn im Fadenkreuz. Wie war ich auf diese Lichtung gekommen? War das Wald, glatte graue Buchenstämme, oder waren es Soldaten? Meine Männer, Gegner? Ein Befehl, und ich wüsste es, aber ich kann nicht sprechen. Mein Gaumen hat die falsche Form. Bin ich das Tier? Habe auf weiten Wegen mich gegen den Wind bewegt, um zur Äsung zu kommen. Habe nicht die geringste Witterung eines Menschen bekommen, und hier steht geschlossen eine halbe Kompanie um mich. Vielleicht schlafe ich, schlafe oder bin tot. Ja, vielleicht bin ich tot, und die Lichtung ist der Tunnel. Über mir die laublosen Kronen drehen sich in den weißen Himmel. VIX Mein Gott, wie hat er die Unordnung seines Lebens satt. Als er am Morgen auf der Couch erwacht, ist der Raum hell, man sieht den verschmierten Dreck auf dem Tisch, den überquellenden Aschenbecher. Unter dem Tisch Papier. Er überlegt, wie lange es dauern würde, diesen Raum aufzuräumen und zu putzen. Er überlegt, ob er diesen Raum jemals in einem ordentlichen Zustand gekannt hat. Ja, anfangs, als er als Wohnzimmer diente. Mit dem Fernseher, der Couch, dem Tisch davor, Rauchen war natürlich verboten, der Kleine auf dem Sofa. Anne in einem Licht wie diesem neben ihm sitzend, die weichen Haare des Kleinen streichelnd. Wie der Schlaf plötzlich über diese kleinen Kinder kam, mitten im Spiel oder im Trotz schliefen sie ein, wie sie gerade waren, auf den Knien, den Kopf vor sich auf den Händen, den Hintern hoch in die Luft gestreckt, auf einer Truhe zusammengerollt. Na ja, denkt er, viel anders kann er gestern auch nicht eingeschlafen sein, aber er will nicht an gestern denken. Er könnte Anne bitten, hier für ihn zu putzen, sie würde es vielleicht sogar gerne tun, denn das hier versprach schnelle Erfolge. Wieder eine Entscheidung, die er nicht treffen kann. Ein Klopfen, er meint kurz, sich getäuscht zu haben, aber es klopft tatsächlich an seine Tür, wer kann das sein? Die Jungen müssen schon längst in der Schule sein. Vielleicht Anne? Aber von oben hört er jetzt auch Geräusche, viertel neun, warum ist sie eigentlich noch zu Hause? Nein, er kann nicht öffnen, keinen hier reinlassen. Er stellt sich schlafend für den Fall, dass derjenige zum Fenster hereinsehen würde, und wartet ab. Es klopft noch einmal, energischer, keine Schritte zum Fenster. Oben gehen die Schritte schneller, dann wird Anne bald gehen – ihre Hektik, immer kurz bevor sie losgeht, hier muss sie noch etwas holen und da etwas wegräumen. Vor seiner Tür nun sich entfernende Schritte im Kies. Er atmet aus und steht auf, schaltet seinen Elektrokocher an, um sich Kaffee zu kochen. Wer wohl geklopft hat? Er öffnet die Tür einen Spaltbreit und sieht kurz vor dem Wald noch Susas wippenden Pferdeschwanz, Susa joggend in einer grauen Laufhose und einem weißen Shirt. Es ist schon warm draußen, er steht in der Tür, denkt kurz, wie schön es ist, die Tür zu öffnen und auf der Wiese zu stehen, da hört er Anne oben heraustreten. Er kann jetzt nicht schnell zumachen, und sie ist seine Frau, sie weiß sowieso, wie es bei ihm aussieht, in ihm, es gibt nichts zu beschönigen. Er tritt ganz heraus, um sie nicht zu erschrecken, wenn sie vorbeigeht. »Morgen, Anne«, sagt er. »Morgen, Cons.« Sie verzieht den Mund ein wenig zu einem Lächeln. »Alles gut?«, fragt er, um etwas zu sagen. »Ja, klar«, sagt sie, jetzt schon vor ihm, er staunt immer wieder, wie klein sie ist, er stellt sie sich, wenn er sie nicht sieht, immer größer vor, vielleicht wegen ihres energischen Kinns, ihrer ernsten Augen. »Na, ich muss los«, sagt sie nach einer kurzen Weile, in der beide nicht wissen, was sagen, und geht ein paar Schritte weiter. Wie in sicherer Entfernung dreht sie sich aber noch einmal um und fragt: »Was ist denn gestern rausgekommen?« Er weiß erst nicht, was sie meint. Dann fällt es ihm ein, die Sache mit der Wehrdienstbeschädigung. »Ich muss nochmal hin«, es soll beiläufig klingen, aber sie hat nun doch noch Zeit: »Das ist klar, aber was haben sie gesagt?« Er hat keine Lust, zu lügen. »Ich war dort, bin aber nicht reingegangen.« Sie schaut auf den Boden, auf ihre Schuhspitze, die anfängt, im Kies zu graben. »Ja«, sagt sie und noch einmal »ja«, wobei die Schuhspitze in den Kies stößt. »Dann lassen wirs vielleicht.« Sie sagt das ohne Groll. Die Sonne scheint auf ihre Haare, sie glänzen wie Metall. Sie werden nach Sonne riechen jetzt, denkt er. Einmal an einem Bergfluss hatte sie einen Zitronenfalter auf dem Pony sitzen. Nur du kannst so großherzig sein, denkt er und hat ein Gefühl, als sollte er sich für dieses Nachgeben bedanken, aber es wird nur ein »Ja, ist besser – hab einen schönen Tag«. Sie hat schon verstanden: »Du auch, Cons«, sie lächelt ein trauriges Lächeln, trotzdem ist etwas wie früher. Er möchte sie umarmen, doch sie ist zu weit weg. Als sie weggefahren ist, möchte er doch wenigstens etwas Ordnung machen, er duscht sich oben, unten bei ihm gibt es nur kaltes Wasser, und zieht frische Sachen an. Robert fällt ihm ein und das Wochenende, er weiß ja gar nicht die Uhrzeit, den Ort und wo es eigentlich hingeht zum Ausflug. »Ausflug« passt aber schon zu diesem lichten Sommermorgen. Robert liegt noch im Bett, als er ihn anruft. Um die Zeit?, wundert sich Cons, sie haben neulich gar nicht darüber gesprochen, was er jetzt eigentlich mache. Würde er dann im Auto erzählen, sagt Robert, er hole ihn ab, sie führen zusammen. »Nach Frauenwald, mehr wird nicht verraten.« Cons weiß nicht mal, wo Frauenwald liegt. Nun gut, dann eben ein Überraschungsausflug. Als er aufgelegt hat, fällt ihm auch Henning ein, er hat heute noch gar nicht an ihn gedacht. Er sollte sich entschuldigen für sein Weglaufen gestern. Und plötzlich ist ihm, als müsste er das gleich, unverzüglich tun, jederzeit kann er Henning das letzte Mal gesehen haben. Den Niva hat er gestern Nacht drüben beim Haus geparkt, damit ihn keiner hört oder wer weiß, warum. Die Sonne scheint auf das niedrige, langgestreckte Dach des Rohbaus. Das Grundstück war so billig hier gewesen, und sie hatten immer davon geträumt, zwei Häuser in einem zu haben. Einen Turm du und einen ich, hatten sie gesagt, früher, wenn sie abends an der Rühloff’schen Villa vorbeigingen und sich ihr Leben ausmalten. Trockenes Rispengras überwuchert die Fläche vor dem Eingang. Es hat die planierte Erde schon an sich gerissen und wird leicht vom Wind bewegt. Aber es ist alles noch gut, denkt Cons, als er das Fundament begutachtet, kein Riss zu sehen. Er tritt durch die Türöffnung in das, was einmal ihr Haus werden soll. Als hätte einer das Geräusch eben angeschaltet, hört er jetzt die Heimchen aus der Wiese. Seine Schritte hallen auf dem Beton. Er geht zum Flur, diesem langgestreckten schmalen Flur, den ihnen der Architekt hatte ausreden wollen. Die Sonne zeichnet gleichmäßig Streifen von Licht und Schatten auf den Boden. Ja, das haben sie gewollt: eine Weile zu brauchen, um zueinander zu kommen. Am Abend, als sie hier standen, an der Stelle, wo jetzt das Haus ist, hat Anne ihm ins Ohr geflüstert, dass sie diese Entfernung wolle, damit sie seinen Gang hören könne, wenn es zu ihr käme. Ja, sein Gang, er läuft etwas den kahlen Flur entlang – eigentlich ist das Haus schön, so wie es jetzt ist, alles ist noch offen, nichts ist festgelegt. Alles ist groß und ohne Alltag, alles ist roh. Er bleibt an einem Fenster stehen, sieht die Sonne hinten über dem Feld. Wie langsam doch Zeit vergeht, denkt er. Eigentlich ist es ein Wunder, wie sie überhaupt vergehen kann. Er versucht, sich das Feld im Winter vorzustellen, aber es gelingt ihm nicht, es ist ewiger Sommer, er steht in einem ewigen Rohbau, und dies ist ein Tag, der kein Ende nehmen wird. X Nach langem Suchen hat er endlich einen Parkplatz gefunden, irgendwie war das auch ein Grund, weshalb er Henning immer so selten besucht hat. Nun ist das nicht mehr wichtig, im Gegenteil, es ist natürlich das Geringste, einen Parkplatz zu finden. Die Straße ist wie immer voller Menschen. Es würde ihn wahnsinnig machen, in einem fort diese fröhlichen Menschen. Manchmal fühlt er sich schon ziemlich alt mit seiner Abneigung gegen Großstädte. Aber tröstlich natürlich, dass Henning seinen Hang zur Pampa auch nicht versteht. Wie wird es heute mit ihm stehen? Kurz bevor er auf den Klingelknopf drückt, erinnert er sich, dass er beim letzten Mal etwas mitbringen wollte, und geht die Straße wieder zurück. Essen, Trinken geht nicht, das war irgendwie schwierig, aber Henning redete auch nicht drüber. Blumen? Er kauft schließlich in einem Laden eine Taschenlampe mit Generator. Keine Ahnung, warum, aber er ist zufrieden mit seiner Wahl. Und tatsächlich, als er später Henning die Lampe gibt, lächelt der, kurbelt sie an und leuchtet sein Gesicht von unten an, was wirklich gespenstisch aussieht – wenn das früher mal so geklappt hätte. Aber sonst: Henning empfängt ihn an der Tür, er ist heute auf. Seine weißen, nackten Beine in kurzen Shorts. Voll der Sportler, denkt Cons. Sein Körper sieht ganz unversehrt aus. »Scheiße«, sagt Henning und grinst, es geht ihm gut, wie es scheint. Als sie in der Küche sitzen, sagt er mitten in das schönste Gespräch darüber, wie sich in einem Zimmer eine Hängematte anbringen ließe: »Wenn ich tot bin, kriegst du deine Briefe an mich, vielleicht hilfts dir, wieder der Alte zu werden.« Die Briefe! Daran, dass Henning sie alle aufgehoben haben könnte, hat Cons noch nie gedacht. Er hätte sie am liebsten gleich. Ob er Henning fragen sollte, ob er sie ihm jetzt schon geben könne? Nein, das geht nicht. »Danke«, sagt er und schämt sich für seine Ungeduld oder für seine Geduld, er schämt sich, weil er Hennings Tod gerade akzeptiert hat, nur weil er die Briefe lesen möchte. Vielleicht hatte Henning beim letzten Mal recht und sie würden einfach alle weitermachen. Und Hennings paar Sachen würden aufgeteilt werden. Ob er ein Testament gemacht hat? »Hallo«, sagt Henning, ihn aus seinen Grübeleien reißend. »Ich hab vielleicht nicht mehr so viel Zeit, dass du hier ewig rumsitzt und über irgendwas brütest. Fass dich doch mal kurz, was du eigentlich für ein Problem hast. War schon nicht so golden, dass du gestern einfach abgehauen bist.« Henning lag wie immer richtig. Was mit ihm war, musste sich doch auf irgendeinen Punkt bringen lassen. »Ich weiß es auch nicht. Ich weiß nicht, warum ich so neben mir steh, seit Jahren eigentlich, inzwischen weiß ich auch nicht mehr, wie es wäre, nicht neben mir zu stehen.« Ja, das traf es fürs Erste wohl ganz gut. Henning hatte sich zurückgelehnt und schien fest entschlossen zuzuhören, bis Cons fertig war. »Und dann packt mich manchmal plötzlich Panik, wie gestern, da musste ich weg. Am schlimmsten ist aber, dass ich wie tot bin. Ich brauch das nicht mehr, dass mich jemand umarmt oder sonst was, schon gar nicht von Anne, bei fremden Frauen gibt es wenigstens noch einen Kick.« »Du säufst auch?«, sagt Henning mehr als Feststellung denn als Frage. »Ja, klar, das ist das Leichteste, ich hab ja auch nichts zu tun. Ich sitz da rum in meiner Butze, und nichts passiert, Anne ist auf Arbeit, die Jungen sind in der Schule. Und ich liege ihnen auf der Tasche. Aber da brauch ich nicht zu jammern, ich müsste mir halt meinen Schaden bescheinigen lassen. Aber weil ich gar nicht weiß, was ich habe, schaff ich das nicht.« »Ich hab das Gefühl, du willst nicht wissen, was du hast. Hör mal, du kannst nicht richtig schlafen, du hast Angst, du bist kalt wie ein toter Fisch, das ist nicht nur ein bisschen depri. Das ist was Konkretes, und das hat vermutlich einen Grund, und ich wette, du wüsstest sogar, welchen, wenn du nicht immer davor abhauen würdest. Vielleicht hast du Angst, dass es dich wieder umhaut, wenn du dich dran erinnerst. Wenn du mich fragst, hat es mit deinem Aussetzer damals zu tun. Du musst dich doch an irgendwas erinnern können, wenigstens daran, was vorher war?« Von keinem als Henning würde Cons sich diese Predigt gefallen lassen. Er sieht Krümel auf den weißen Fliesen liegen. Es müsste mal wieder geputzt werden, denkt er. Hennings nackte, weiße Beine. Spatzen vor dem offenen Fenster zum Hinterhof. Wie konnte er nur so viel Wesen um sich machen, wo Henning so wenige gute Stunden noch hatte. »Was hättest du denn gemacht, wenn ich jetzt nicht gekommen wäre?«, fragt er nach einer Weile, um das Thema zu wechseln. »Ich hätte eine Hängematte in mein Zimmer gebastelt, das heißt erst mal nach einer Bohrmaschine herumtelefoniert. Kannst du mir deine borgen?« »Ja, klar«, Cons rappelt sich auf, er ist froh, wenigstens etwas Kleines für Henning tun zu können. »Dann hol sie gleich, ich muss sowieso jetzt schlafen, und bring sicherheitshalber noch ein Seil mit, die Matte ist, glaub ich, nur zweifünfzig und das Zimmer vier Meter.« »Da musst du die Haken aber weit oben setzen«, meint Cons. »Natürlich, ganz oben«, erwidert Henning, schon auf der Bettkante. Er stöhnt, als er sich hinlegt. »Diesen ganzen kaputten Körper lass ich euch zurück«, sagt er wieder, aber mehr zu sich. Zumindest will Cons das annehmen, er fühlt sich immer noch schuldig, so lange von sich erzählt zu haben. Und plötzlich wird es grau im Zimmer, eine Wolke muss sich vor die Sonne geschoben haben. Alles ist trostlos und tot, eigentlich nicht zum Aushalten. Cons spürt Wut in sich aufsteigen, dass Henning so langsam stirbt. Kann der nicht einfach tot sein, wie im Krieg, bums, weg, und das Leben geht weiter. Hier dieser Kaugummi Zeit, der sich endlos zieht. Und immer noch mehr konnte man offenbar sterben, bevor man endlich tot war. Er war zur Tür gegangen, weg hier, aber Henning ruft ihn nochmal zurück: »Wenns dann so weit ist – die Briefe liegen in der Kiste dort oben auf dem Schrank.« »Ja«, sagt Cons, aber er muss jetzt raus hier: »Bis nachher, ich bring dann noch die Bohrmaschine.« »Leg sie vor die Tür, wenn ich nicht aufmach.« Cons schämt sich für seine Wut, aber er ist froh, draußen zu sein, nimmt drei Stufen auf einmal. Auf der Straße wieder die fröhlichen Menschen. Dumme, fröhliche Menschen, die ewig leben werden, während Henning dort oben stirbt. XI Es ist noch Sommer, es ist noch immer endloser Sommer. Es ist noch immer der Tag, an dessen Morgen er über die Wiese zum Haus gegangen war, der Morgen, an dem er Susas Pferdeschwanz hatte davonwippen sehen. Der Morgen nach der Nacht auf der Kanzel, an die er sich mittlerweile kaum noch erinnern kann. Was für ein endlos langer Tag. Sechzehn Uhr, als er den Niva zu Hause parkt. Die Jungen sitzen in der Sonne, der Kleine schnitzt an einem Stöckchen, der Große schraubt an seinem Rad rum. Die Tür oben steht offen, und Musik dringt nach draußen. Harmlose Radiomusik, was für eine Idylle. Das Gesicht des Großen verfinstert sich leicht, als Cons den Motor abstellt. Wobei er es offenbar mehr aufsetzt, dieses Gesicht, als dass er wirklich finsterer Laune wäre. Er ist drüber weg, über das Vaterding. Der Gedanke macht Cons mutig, hinüberzugehen, sich neben den Großen zu stellen, ihm zuzusehen. Der Kleine kommt gleich auf ihn zu, zeigt ihm den Pfeil, den er für Anne schnitzt, wie er freudig mitteilt. Cons nimmt ihn hoch und hebt ihn in die Luft. Ihm ist kurz, als würde er auftauen – der warme Sommer, die Schramme an der Stirn seines Sohnes, sein von der Sonne gebleichtes Haar – eine warme Welle rollt auf ihn zu. Er hält den Kleinen in die Luft und lässt sich überrollen von diesem Gefühl. Er nimmt den Kleinen herunter, schließt ganz fest seine Arme um ihn. Der Große sieht sie an, verwundert, alles hält für einen Augenblick. Wüst im Wind der Milan, steht, schwankt in einer Bö. Kreist über der Wiese. Verharrt. Schießt herab und erhebt sich wieder in die Luft. Die leuchtenden Beeren der Ebereschen am Waldrand und das niedergedrückte Gras dort, wo einer gelegen hat, lag, liegen wird. Der Milan mit seiner Geduld, der böige Wind. Er setzt den Kleinen ab, gibt ihm einen Klapps, fragt den Großen, wo die Bohrmaschine ist. »Im Schuppen, nehm ich an«, der wundert sich noch immer. Und auch Cons wundert sich, er geht zum Schuppen und findet nach einigem Suchen die Bohrmaschine. Auch einen Strick findet er. Ihm fällt ein, dass die Jungen noch nie eine Hängematte hatten, auch wenn die Bäume hier dicht genug stehen. Er wird seinen Jungen eine Hängematte aufhängen. Also wieder in die Stadt, eine kaufen, da kann er auch gleich die Bohrmaschine vorbeibringen. Er parkt direkt vor Hennings Haus im Halteverbot, Henning scheint zu schlafen, er öffnet nicht, aber die Haustür ist nur angelehnt. Cons geht hoch und legt Bohrmaschine und Strick vor die Tür. Er bleibt kurz stehen. Ob er noch einmal klingeln soll? Er zögert, lauscht auf die Musik aus der Nachbarwohnung. Im Fernseher eine Sendung über irgendeine Katastrophe, und die Männer schauen unverwandt hin. Das Gurgeln von Wasser aus dem Spülbecken. Der Staub in der Luft, der Geruch von Geschwafel und Ressentiments. Nein, es ist gut, wenn Henning schlafen kann. Aber es ist so schwer, zu gehen, ohne ihn gesehen zu haben. Verdammt, Henning, ich würde dir gern ein paar Löcher in die Wand bohren, wenn ich schon sonst nichts tun kann. Cons fühlt Tränen in seine Augen steigen, er hat seit Jahren nicht geweint, ausgerechnet jetzt Tränen. Eine Politesse steht unten neben seinem Auto und ist gerade im Begriff, seine Nummer einzugeben. Cons geht zu ihr, und ehe sie ihn etwas fragen kann, sagt er: »Heute nicht, heute bitte nicht«, und sie sieht ihn an mit erstaunlich blauen Augen, und dann packt sie ihr Gerät ein und nickt und geht weiter. Siebzehn Uhr dreißig. Wenn er jetzt noch beim Edeka halten würde, könnte er schauen, ob Susa da wäre. Ja, sie ist da, er sieht ihren blonden Pferdeschwanz und hört, wie sie freundlich den Preis nennt, und sieht sie Geld in die ausgestreckte Hand einer Kundin legen. Er beeilt sich, in die Deckung der Regale zu kommen, bevor sie ihn sieht. Dann nimmt er den teuersten Pralinenkasten aus dem Regal und legt ihn auf Susas Kassenband. Sie ist gerade um die Ecke mit Einräumen beschäftigt und ruft: »Komme gleich«. Schwungvoll setzt sie sich auf ihren Stuhl, zieht die Pralinen übers Band, und indem sie »neun neunzig« sagt, sieht sie ihn. »Cons!«, sie scheint sich zu freuen. »Gerade heute Morgen war ich bei dir, aber du warst nicht da.« Er lächelt. Susa lächelt auch und sagt noch einmal »neun neunzig«. Er bezahlt, hält ihr die Pralinen entgegen und sagt: »Für dich, schöne Frau.« Sie scheint sich wirklich zu freuen. Dann kramt sie unter ihrem Kittel in ihrer Gesäßtasche und bringt einen Zettel zum Vorschein: »Ich hab von einem Freund, der auch beim Bund war, eine Adresse von einem, der so ähnliche Probleme wie du hat.« »Was hab ich denn für Probleme?« »Komm schon, Cons, nimm sie halt mit, und wenn dir danach ist, rufst du da mal an. Ich wollte dir nur helfen.« Ja, so war Susa, man konnte darüber noch nicht mal wütend sein. Deswegen war sie auch wegen neulich nicht sauer, weil sie einem Kranken ja nicht böse sein wollte, die Sanitätsschwester Susa, die aufopferungsvoll von einem Halbzerschossenen zum nächsten läuft. »Mit dir in der Hauptrolle sollten sie mal einen Film drehen«, sagt er zu ihr, und sie lächelt wieder. Letzten Endes war immer alles ganz leicht und einfach mit Susa. »Komm mal raus aus deinem Verschlag, ich will dich in den Arm nehmen«, sagt er, und sie beugt sich erst vor, um nachzusehen, ob kein Kunde kommt, dann geht sie zu ihm herum. Ihr Körper ist wie für seinen gemacht, das hat ihn immer verwirrt. Bei Anne hatte er dieses Gefühl nie. Susa ist größer, kräftiger und weicher. Er streicht ihr über die Schlüsselbeine, die mochte er an ihr schon immer am liebsten. Sie trägt ein kleines silbernes Schiff um den Hals, und es sieht nicht nach Modeschmuck aus, sondern als ob es etwas bedeutet. »Was hast du denn da?« »Hat mir ein Kapitän geschenkt«, antwortet sie und lächelt etwas verlegen. »Und dann musste er in See stechen«, sagt Cons und zerrt ein wenig an der Kette, wie um sie abzureißen. »Lass!«, sie zieht seine Hand weg. Eine alte Frau mit einem Rollator betritt das Geschäft, und Susa tritt einen Schritt von ihm weg, sagt: »Guten Tag.« »So ists recht«, meint Cons spöttisch. »Vergiss die Pralinen nicht.« Und es amüsiert ihn für den Moment, dass sie ein paar Extrarunden würde joggen müssen. Die Sonne steht schon niedrig, als Cons wieder zu Hause ankommt, zwischen Haus und Waldrand in einem rötlichblauen Dunst. Wie auf einem Bild von Caspar David Friedrich, nur dass der Rohbau die Ruine spielen muss. Und er macht den Mann von hinten, den einsamen Mann in der Dämmerung. Oben im Container brennt Licht, die Jungen sind vielleicht schon im Bett. Er würde trotzdem die Hängematte noch anbringen. Ob sie sie annehmen würden von ihm? Er würde auch die Schaukel herunternehmen. Der Sommer liegt vor ihnen, die langen Abende. Die Jungen mussten doch auch irgendwann Ferien haben, fällt ihm ein. Er schämt sich, nicht zu wissen, wann das sein würde. Anne würde Urlaub genommen, vielleicht etwas geplant haben. Vielleicht schon nächste Woche, vielleicht ohne ihn. Sie waren ohnehin meist ohne ihn gefahren, entweder war er im Einsatz gewesen, oder er wollte am Haus bauen. Aber das war ja alles ihr gemeinsames Leben gewesen, Rücken an Rücken hatten sie sich als kleines Kommando die Aufgaben aufgeteilt. Jetzt stand er mit dem Rücken zur Wand. Wie hatte das alles kommen können? Nein, in sein Verlies will er heute Abend nicht, er legt sich in die Hängematte. Die Luft riecht würzig nach wildem Thymian, und das Zirpen der Grillen breitet sich wie ein Teppich über die Wiese. Er denkt an Henning: Warum eigentlich wollte er eine Hängematte im Zimmer. Er müsste ihn noch einmal hierher holen, das musste doch gehen. Seltsam, dass heute der Tag war, an dem er die Schaukel abgenommen hat, an dem die Jungen ihre erste Hängematte bekamen, es war so einfach gewesen. XII Ein guter Tag. Anne kommt mit seinem Handy herüber, er hatte es offenbar bei ihr oben liegengelassen, als er nach dem Essen zum Rohbau gegangen war, um die Holzbalken für die Zwischenwand zuzuschneiden. Er geht ihr entgegen, spürt seinen Körper in jeder Faser, das Bauen heute hat ihm gutgetan, er könnte auch bald Feierabend machen, es dämmert schon. »Wer ist dran?«, fragt er. »Ellen.« Ellen? Cons ist für einen Moment, als könne er dieses Ding, das ihm Anne entgegenhielt, nicht anfassen. Er muss sich sehr beherrschen, es ihr nicht aus der Hand zu schlagen, er will Ellen nicht hören, warum ruft sie an! Er will es nicht wissen. »Henning hat sich erhängt. Als ich heute Nachmittag mit den Kindern von meiner Mutter zurückgekommen bin, hing er da. In seinem Zimmer. Der Arzt sagt, er muss es gestern Abend gemacht haben.« Sie macht eine Pause. »Und kein Brief, kein Zettel.« Cons hört ihr Schnaufen. Nein, nein. Halt still, das ist der Regen. Es ist Regen, nur Regen. Hörst du? Nein, du musst nicht raus. Es regnet doch. Guck, man sieht ja kaum den Wald. Wie der Regen hier prasselt. Komm, es ist nicht so wichtig, es reicht, wenn du später kommst. Bei dem Regen. Hör dir das an, wie der runterkommt. »Nur, dass du es weißt.« »Ja, ist richtig.« Unter mir lag wie ein Schneefeld die Wolkendecke, fest und so, als ob man darübergehen könnte, durch dieses klare Licht. Alles blendete, und nur der geringste Teil des Gipfels erhob sich über diese weiße Ebene. Ich war am äußersten Punkt. Und nichts war übrig als ich und das Licht. Der Strick, die Bohrmaschine. »Da musst du die Haken aber ganz hoch setzen.« Hatte Henning etwas darauf erwidert? Cons hatte ihm den Strick gebracht, gestern um diese Zeit hatte er ihm die Bohrmaschine gebracht, und er hatte nichts geahnt, vollkommen blind war er gewesen. Hatte Henning gesagt »Bring die Bohrmaschine heute noch«? Hätte er sie nicht später bringen können oder übermorgen oder gar nicht? Henning war tot? Wieso war Henning tot? Gab es dafür irgendeinen Grund? Außer dieser Bohrmaschine und diesem Strick gab es keinen. Was sollte Henning umbringen, groß und stark, wie er war? Cons kann sich keinen an der Decke hängenden Henning vorstellen. Er hat ihn doch noch im letzten Sommer in weißen Leinenhosen gesehen, heiter und gelassen vom Wald herüberkommend. »Diesen ganzen kaputten Körper lass ich euch zurück.« Anne steht noch immer da mit geradem Mund, er hasst es, wenn sie diesen Mund hat. Er will nicht mit ihr reden. Oder schweigen, noch schlimmer. Er will weg. Er steckt das Handy ein und sagt: »Er ist tot. Erhängt hat er sich. Ich muss noch mal weg«, und geht zum Niva, aber sie holt ihn ein, versucht ihn am Arm zurückzuhalten. »Cons, wo willst du hin? Bleib hier, du kannst jetzt überhaupt nichts machen.« Er dreht sich um, wendet sich ihr zu, er ist ganz ruhig, es ist nicht so, wie sie denkt, er will nur kurz ein Stück fahren. Er parkt auf dem unkrautüberwachsenen Platz vor der alten Klinik. Das Dach des rechten Flügels war nun auch eingestürzt, aber dort oben war noch das Fenster. Man musste da noch hinkommen. Sie haben das ganze Gebäude mit einem Bauzaun umzäunt. Ein lächerliches Hindernis. Der Geruch im Inneren überwältigt ihn, es ist der Geruch seiner Jugend, nach DDR riecht es, immer noch, nach überspielten Kassetten, nach den freien Abenden, an denen sie mit der Clique hierher fuhren, die Mopeds hinter dem Haus abstellten, rauchten und wie sie dann in den Fluren Knaller zündeten und sie in die Zimmer warfen, wegrannten. Die Flure mit dieser grünlichen, abwaschbaren Farbe, von der nun kaum noch Fetzen an der Wand hingen. Damals war die Klinik noch gut gegen Einbruch gesichert, aber das machte es nur verlockender. Die Waschräume waren fast intakt, nur ein paar Türen von den Klokabinen fehlten. Henning konnte auf dem Klo stehend bis ins Pissoir pinkeln. Wie sie mit den Betten Rennen in den Fluren gefahren waren, hinten an die an der Wand aufgestellten Matratzen knallten und Martin sich den Arm dabei gebrochen hatte. Oder wie der Gaskocher hochgegangen war und Schmitti mit Verbrennungen ins Krankenhaus musste. Henning hatte ihn auf dem Moped hingefahren, wegen der Kühlung durch den Fahrtwind hielten sie das für eine gute Idee, aber Schmitti hatte sich kaum halten können. Cons ist im dritten Stock angekommen, es ist eine helle Nacht, und durch die scheibenlosen Fenster fällt das Mondlicht auf die langen Flure. Es knirscht unter seinen Sohlen, Scherben und Putz. Er ist seit jenem Abend vor sechzehn Jahren nicht wieder hier gewesen. Vor sechzehn Jahren. Henning hatte ihn an diesem Abend ins Leben zurückgeholt, aber es fühlt sich jetzt wieder wie damals an: ein grundloses Weitermachen, wo man schon den Mut gehabt hatte, einen Punkt zu setzen, und ihn danach nicht mehr fand, diesen Punkt, von dem aus man sich aus den Angeln heben kann. Es war das erste Zimmer im Westflügel gewesen. Cons findet es gleich. Er geht zum Fenster. Sieht hinaus in die Nacht. Kein Gefühl, sein Körper erinnert sich an nichts, kein Punkt. Jetzt, wo Henning nicht mehr da ist, ihn zu retten. Henning musste an diesem Abend sein Moped vor der alten Klinik gesehen und ihn gesucht haben. Wieso war er eigentlich hierher gekommen und wieso allein? Ein scharfer Schmerz durchfährt ihn: Er würde Henning das nicht mehr fragen können, er würde es nie erfahren. Gestern hatte er noch fragen können, gestern war so unendlich viel Zeit gewesen, und nun ist Hennings Zeit vorbei. Ich hab vielleicht nicht mehr so viel Zeit, dass du hier ewig rumsitzt und über irgendwas brütest. Henning hatte den Punkt gefunden. Und Cons hatte ihm die Bohrmaschine dazu gebracht. Er zieht einige Scherben, die Reste der Fensterscheibe, aus dem morschen Holzrahmen und setzt sich wie an jenem Abend ins Fenster. Unter ihm der Parkplatz, auf dem nur sein Auto steht, Büsche, der Wald. Vielleicht hatte Henning ihn damals auch schon von unten gesehen. Dann hatte er nur so getan, als suche er ihn, als er durch die Flure lief und seinen Namen rief. Er war, als er im Türrahmen erschien und Cons im Fenster sitzen sah, direkt auf ihn zugelaufen und hatte ihn an den Schultern nach hinten auf den Boden gezogen, dass er halb hinfiel. »Du Arsch«, hatte er geschrien und »Hau ab, verdammt! Hau ab!« Er hatte ihn den Flur entlanggejagt, und Cons war gerannt, er war vor Henning weggerannt, den Flur entlang und die Treppen runter und aufs Moped und Henning hinter ihm her, bis Cons ihn schließlich abhängen konnte. Er hatte sich in die Wiese fallen lassen, und da waren diese Sterne, immer mehr Sterne, als ob sie sich anknipsten, weil er zu ihnen hochsah, und er war froh, einfach froh. Er war dann noch zu Henning gefahren und wollte sich bedanken, aber sein Vater hatte gesagt, er sei nicht da. Und dann war Henning weg, wochenlang, und alle dachten, er wäre nach Bratislava, wovon er immer erzählt hatte, aber er war irgendwo in Mecklenburg gewesen und wollte auch danach nichts darüber erzählen. Und Cons war dann eingezogen worden. Viel später hatten sie einmal darüber gesprochen wie über einen Jungenstreich. Henning hatte gefragt, warum er habe springen wollen. Und Cons hatte gesagt: wegen der Sache mit Katharina. Aber das war nicht Katharina allein, das war, weil er an diesem Punkt gestanden hatte, wo es genauso gut weitergehen wie aufhören konnte. Sonst hätte er ja auch verweigern können, wenn nicht alles so unwichtig gewesen wäre und deshalb so einfach. Springen schien einfach, dienen schien einfach. Er hatte dieses Gefühl später noch einmal, als er mit Anne vor der Standesbeamtin stand. Aber all das hatte er Henning nicht gesagt. Cons schwingt seine Beine wieder ins Zimmer. Ihm ist, als ob Henning jeden Moment hereinkommen könne. Er lauscht, aber alles ist still. Er geht auf den Flur hinaus. Kaum hört er wieder seine eigenen Schritte, ist ihm, als könne ihr Geräusch Hennings Schritte übertönen. Er bleibt wieder stehen, lauscht. Nichts. Selbst sein Atmen erscheint ihm zu laut, um den Atem eines anderen wahrzunehmen. Überall gehen Zimmer vom Flur ab, überall könnte Henning stehen, auf ihn warten, wie in einem Hinterhalt. Cons beginnt schneller zu laufen. Zu rennen. Über die Scherben und die heruntergefallenen Putzstücke, in den nächsten Flur, die Treppe hinunter. Erst auf dem Parkplatz hält er inne. Hier hat er das Terrain im Griff, dreht sich einmal um die Achse. Sein Puls beruhigt sich nur langsam. Er lässt sich auf den Boden fallen. XIII Ellen muss nicht lange suchen, sie holt den Karton mit den Briefen aus Hennings Zimmer. Cons würde am liebsten gleich wieder verschwinden. Er hat sich auch ins Halteverbot gestellt, denn er wollte nicht bleiben, nicht kondolieren, nicht die Kinder sehen. Was soll man auch zu den Kindern sagen. Er hat Ellen wortlos umarmt, das war in Ordnung gewesen, aber nun ist ihm alle Kraft abhandengekommen, auch nur einen einfühlsamen Satz zu sagen. Er sagt stattdessen, dass er im Halteverbot steht, Ellen nickt, und Cons geht zur Wohnungstür zurück. Die Tür zu Hennings Zimmer ist einen Spalt geöffnet. Nein, Cons wird dieses Zimmer nie mehr betreten, er wird diese Wohnung nie mehr betreten. Er sieht die Bohrmaschine neben der Tür liegen. Soll er sie mitnehmen? Nein. Ellen weiß nicht, dass es seine ist, niemand weiß das. Er geht schnell vorbei, einen Abschiedsgruß murmelnd. Der Große hat tatsächlich die Hängematte in Besitz genommen, Cons sieht seinen Rucksack neben der Fichte stehen. Er geht ein paar Schritte zur Hängematte hin, bis er ihn sehen kann. Der Junge bemerkt ihn nicht, und Cons sieht jetzt auch, dass er Ohrstöpsel in den Ohren hat. Cons stellt sich vor ihn hin, der Große nimmt, ohne zu erschrecken, in aller Ruhe einen Ohrstöpsel aus dem Ohr. »Ich wollte nur Hallo sagen«, sagt Cons. »Hallo«, erwidert sein Sohn etwas verwundert. Pause. »Ich muss noch mal in den Wald.« »Ja, klar.« Sein Sohn steckt den Ohrstöpsel wieder ins Ohr. Cons geht zum Auto, also gut, dann würde er wohl jetzt in den Wald fahren, auch wenn er das bis eben noch nicht wollte. Aber warum nicht. Er könnte die Briefe dort lesen. Oben auf der Kanzel, da würde ihn keiner stören. Anne kommt oben aus der offen stehenden Tür. »Schön, dass du wieder da bist. Warst du bei Ellen? Wie geht es ihr denn?« Sie fragt das alles vorsichtig, mit sogenanntem Einfühlungsvermögen. Was geht Anne überhaupt Henning an? Du kannst danach noch zu Henning. Henning hat Zeit. »Ob ich Ellen mal anrufen soll?«, fragt sie. »Vielleicht kann ich ihr die Kinder abnehmen. Oder sie will mal mit jemandem reden. Es ist ja jetzt auch so viel zu entscheiden.« Was ist denn jetzt zu entscheiden?, denkt Cons. Alles, aber auch alles ist für Henning entschieden. Er öffnet die Fahrertür des Niva und sagt halblaut: »Ich glaube, sie braucht keine Hilfe. Ich muss nochmal einkaufen.« »Würdest du mir eine Packung Milch mitbringen?« »Hm, wenn ich dran denk.« »Danke.« Nein, auf keinen Fall wird er jetzt einkaufen. Er wirft beim Rückwärtsfahren einen Blick auf den Karton mit den Briefen auf der Rückbank. Gestern noch hätte er einiges darum gegeben, sie lesen zu können. Und jetzt hatte er sie, und nie wieder würde Henning in seinem Auto sitzen. Er startet lauter als gewollt, es staubt. Die Tür zur Kanzel steht offen, sein letzter Ansitz fällt ihm wieder ein. Es ist dämmrig und er sucht im Handschuhfach lange nach einer Taschenlampe. Wie viele Briefe mochten es sein? Seit Jahren hatte er keinen Brief mehr geschrieben. Hatte er Hennings Briefe auch noch? Die mussten ja irgendwo sein, er kann sich nicht erinnern, sie weggeworfen zu haben. Im Moment würde er Hennings Briefe an ihn viel lieber lesen. Es durchfährt ihn, dass Henning außer seinen Eltern, der Einzige war, der ihn seit seiner Jugend kannte, den Cons, der er früher war und den er schon selbst nicht mehr kannte. Unschlüssig sitzt er im Auto, vielleicht sollte er umkehren, ein bisschen mit Anne reden, schlafen. Aber schließlich nimmt er den Karton und klettert auf die Kanzel. Eine leere Patronenhülse rollt über den Bretterboden, als er sich hinsetzt, den Karton auf seine Knie stellt. Camel. Er dreht den Karton, damit er das Seitenetikett lesen kann. Schnürschuh, Dunkelbraun, Größe 46. An die kann er sich sogar noch erinnern, das war die Zeit, als Henning weiße Leinenhosen trug. Vielleicht war es ganz leicht, die Briefe zu lesen. In Erinnerungen zu schwelgen. Er hebt den Deckel hoch. Obenauf liegt ein an Constantin Staas, Fallschirmjägerkaserne Seedorf, adressierter Brief. Er ist zugeklebt und offenbar nicht abgeschickt worden. Cons holt kurz Luft und reißt ihn dann auf. Ein kleiner linierter, aus einem Ringbuch herausgerissener Zettel steckt darin: 17. Mai 2002 Hm, Cons, kann dich nur mit der Post erreichen, Telefon gibt es bei der Truppe wohl nicht. Es wär aber mal wichtig. Ich hab heute auf der Straße Anne getroffen, und es ging um dich. Ich bin also offensichtlich nicht der Einzige, dem aufgefallen ist, dass du in letzter Zeit wie ein Zombie durch die Gegend läufst. Sie hat mir von dir erzählt, nichts, was ich mir nicht schon dachte. Ich glaub aber, wenn ich dir nicht ins Gewissen rede, sie wird es nicht machen. Hör zu: Ich bin mir sicher, dass das letztes Jahr bei der Übung mehr war als ein Aussetzer, wie du es nennst. Entweder du hattest einen solchen Aussetzer, dass du dich wirklich nicht erinnern kannst, oder du willst dich nicht erinnern an etwas, das in den Stunden im Wald passiert ist. Ich glaube, du willst dich nicht erinnern, weil ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, wie man sich nicht mehr erinnern kann. Ich würd, glaub ich, wieder in den Wald fahren, wo das war, und mich zu erinnern versuchen. Glaub mir, du findest sonst keine Ruhe, und es macht dich kaputt. Das ist bis jetzt gutgegangen, weil du weiter alles korrekt machst und alles normal läuft und es der Armee letzten Endes egal ist, wie es dir geht. Wenn es nämlich nicht mehr geht, dann schicken die dich weg und suchen sich einen andern. So siehts aus. Also mach was! Ich hab dich im Kasten. Ciao H. Warum hatte Henning diesen Brief nie abgeschickt? Es passte gar nicht zu ihm, Briefe zu schreiben und dann nicht abzuschicken. Er war immer gerade, brutal gerade. In Cons’ Kopf verwirren sich die Gedanken. Einen Brief zu lesen, der für ihn bestimmt war und der nun der Brief eines Toten war, quasi ein Vermächtnis … Als hätten diese Worte die Unendlichkeit überwunden, nach Jahren angekommen, als der, der sie sagte, schon längst nicht mehr lebt und der, der sie jetzt hört, längst nicht mehr der ist, dem sie galten. Cons starrt auf Hennings Handschrift. Er hatte das immer gedacht, dass er den Arsch hochkriegen könnte und alles wieder wie früher werden würde, aber jetzt war ihm klar, dass dazwischen eine Wand war, und diese Briefe waren nur wie das Abbrennen eines Streichholzes, wenn man durch einen völlig finsteren Wald kommen will. Man sieht ein paar Schritte lang etwas und denkt, dass man durchkommt, weil es bei Licht so einfach ist, aber dann ist es aus, und man stolpert über den nächsten Ast, weiß nicht vor noch zurück. Und man reißt wieder ein Streichholz an, bis es ans letzte geht. Cons durchblättert, die Taschenlampe im Mund, den Stapel in der Kiste nach anderen zugeklebten Briefen. Er muss nicht lange suchen, um einen zweiten zu finden. Diesmal reißt er den Brief nicht auf wie ein Junkie, er nimmt sein Messer. Einen bräunlichen, schief gefalteten Zettel, eng mit Bleistift beschrieben, nimmt er heraus. 3. Oktober 2002 Mensch, Cons, eben haben sie was zum Jahrestag der Übernahme der NVA durch den Bund gebracht. Was für ein Wahnsinn! Um Mitternacht ziehen alle die Uniform des Feindes an und geloben, von nun an ihm zu dienen. In den Aufnahmen sehen sie auch ganz schön bedröppelt aus beim Morgenappell mit rotem Barett und neuer Uniform. Daneben die Köche und was sonst so zivil dazugehört, und die haben dieselben Klamotten an wie am Tag davor. Ich musste jedenfalls dick an dich denken und an deinen ganzen Überbau von Gehorsam aus Einsicht, in den du dich verrannt hast. Jeder normale Mensch ist froh, wenn er irgendwie um diese Schleiferei drum rumkommt. Du hast schon ein großes Talent, dich unglücklich zu machen. Das mit Silvester wird leider nichts werden. Ellen will mal mit mir allein sein, und ich folge gerne, wie du dir denken kannst. Telefon hast du nicht? Das ist Mist, denn wie soll ich dir bekanntmachen, dass ich komme. Du darfst dann halt nicht sauer sein, wenn ich einfach vor der Tür stehe oder Tor oder hinter was ihr euch da verschanzt. Es ist schon komisch, aber meine ganze freie Zeit verwende ich für Ellen. So kriegt ihr alle ein wenig weniger ab, aber wenn ich in ihr erst mal drin bin, wird das besser. Verzeih mir meine nichtgeschriebenen Briefe. Irgendwie lass ich dich ganz schön hängen in deinem Knast. Aber du wolltest dich ja auch lieber herumkommandieren lassen, anstatt wie ich mit einer Braut im Bett herumzuhängen. Wobei, irgendwie kann ich das schon auch verstehen. Und eigentlich find ich es ziemlich cool. Ich glaube jedenfalls. Du bist echt der Einzige, der tatsächlich nicht anders kann, zumindest habe ich noch keinen anderen kennengelernt. Ein Künstler bist du eigentlich. Deine Muse H. Deine Muse. Henning konnte das. Aber warum hatte er auch diesen Brief nicht abgeschickt? Vielleicht war es einfach Zufall. Cons sucht jetzt alle Briefumschläge mit Hennings Schrift heraus, sie sind alle zugeklebt, und es sind vier. Alle mit der Anschrift der Seeburger Kaserne und Hennings Leipziger Adresse als Absender, also von 2002 und 2003. Er stellt die Kiste von seinen Knien hinunter ins Dunkel der Kanzel, öffnet alle vier Briefe und legt den kleinen Stapel neben sich auf die Bank. Dann starrt er eine Weile in die Dunkelheit. Eine helle, sternklare Nacht. Mit Sternen konnte er nie etwas anfangen. Wie blind der Mensch in der Nacht ist, was für eine Schwäche, denkt er und wünscht sich, jetzt sein Gewehr und ein Nachtsichtgerät dabeizuhaben, zu jagen und keine Briefe von Henning, keinen toten Henning zu haben. Scheiße, sagt er. Aber der Wald frisst es auf, sein Wort, und er tritt gegen die Bretterwand, die noch ein wenig nachzittert. Irgendein kleines Tier unten rennt erschreckt weg. Immerhin. Er nimmt den obersten Brief und holt einen kleinen, ungefalteten Zettel heraus. Es ist kein Datum darauf. Ach Cons, ich bin wieder zurück in meinem Netz voller Knoten. Die alte Einsamkeit ist wieder da. Beide sind da: Ellen und die Einsamkeit, beide gleichzeitig. Die Zeit, die stillgestanden hat letztes Jahr, mit unserer ersten heftigen Liebe, hat wieder angefangen, weiterzulaufen. Das Ziel, das ständig vor einem lag, liegt plötzlich hinter einem, und man weiß nicht mehr, wohin. Die Zeit ist furchtbar, diese Reise, die ein Treiben ist. Ich würd sagen, mach du’s besser, aber was du schreibst, klingt nicht so. Wenn du mal schreibst. Aber ich glaub, das ist das Problem, es gibt nichts mehr zu schreiben. Du kennst dich nicht mehr aus, in dir, in der Welt. Ich kenn mich auch nicht mehr aus in dir. Das kann so nicht laufen. Ich hätte Lust, dich ordentlich zu vermöbeln. Und hör mir bloß mit deiner fixen Idee vom Dienen auf, du verschanzt dich dahinter wie ich hinter meiner Idee, ein Werk zu schaffen. Wir sollten einfach mal wieder eine Tour machen. Komm raus und schlag ein. Schreib schnell. Dein Henning Hätte es etwas genützt, wenn er die Briefe bekommen hätte? Wenn er gewusst hätte, dass Henning so früh stirbt. Aber er hat es ja noch nicht mal gemerkt am Tag, als er sich erhängt hat. Er hatte ihm sogar die Bohrmaschine gebracht! Für eine Hängematte! Schnell nimmt er den nächsten Brief. 23. April 2003 Mir geht es nicht gut, fühle mich alt und verkorkst, irgendwie verloren. Es ist offenbar unmöglich, mit der Frau, mit der man zusammen ist, zusammenzuleben. Wir tun uns miteinander verdammt schwer, finden und finden keine Worte für die Sprache, die wir sprechen. Wir reden nicht, wir leben, aber frag mich bitte keiner was. Ich weiß es nicht. Früher dachte ich, es ist mir nichts wichtiger, als die Menschen gleich Nüssen zu knacken, auf schnellstem Weg zum Kern zu kommen, sie wie Burgen zu erobern, an ihre Macht zu kommen. Aber irgendwann wird man dieses Kampfes müde, lässt stehen, was man nicht stehenlassen kann, lässt ab von den Mauern, der Burg, die man erobert hat und deren Schätze man doch nicht finden kann, deren König sich im Turm verschanzt, zu dem man keinen Schlüssel hat. Der Turm, dessen Türen nicht so einfach einzurennen sind, weil sie dick sind, verdammt dick und gut gesichert. Und man sitzt davor, hat gekämpft und gerackert, geblutet, geschwitzt und verzweifelt versucht, versucht und versucht und kann einfach nicht mehr. Man versteht nicht, weshalb man bleibt und diesen Scheißturm belagert Tag für Tag, wo man doch einfach gehen könnte. Verdammt, schreib mir endlich wieder. Henning Cons faltet den Brief zusammen und steckt ihn wieder in den Umschlag, Tränen sind ihm in die Augen gestiegen, und er lässt sie laufen. Er lehnt seinen Kopf gegen die Seitenwand. Nach einer Weile schreckt er hoch, versucht sich zu orientieren. Er muss eingeschlafen sein im Sitzen. Nacht, die Kanzel, die Briefe. Die Taschenlampe strahlt einen kleinen Kreis auf die Bretterwand. Als er den Zettel aus dem in seinem Schoß liegenden Umschlag nimmt, fällt er ihm aus der Hand auf den Boden der Kanzel, er sucht ihn und sieht ihn in der Nähe der Leiter leuchten. Er beugt sich vor und stößt mit dem Kopf gegen ein herausstehendes Rundholz. Ein kurzer Anfall von Wut, die keinen Halt findet und verfliegt. Alles ist so mühselig, er lehnt sich zurück und starrt wieder in die blöden Sterne. Schließlich angelt er mit dem Fuß nach dem Zettel, schiebt ihn dabei aber durch einen Spalt im Bretterboden. Er will nicht mehr, er will gar nichts mehr, alles ist so unendlich, so unendlich mühselig. Er hat dieses Gefühl so über, und eigentlich ist es auch das, weshalb er aufgehört hat, etwas am Haus zu machen. Alles, was er aufbaute, riss er durch die nächste Arbeit wieder ein, er hatte Rasen gesät und ihn beim nächsten Arbeitsschritt wieder kaputt getreten, weil er nicht bedacht hatte, dass er durch diesen Eingang so oft würde hineinmüssen. Alles war so umständlich, besonders, wenn man es schnell machen wollte, und alles dauerte unendlich lange. Jetzt lag der Brief unten im Gebüsch, und man musste hinunter, ihn suchen und wieder hoch. Er würde gerne einmal an einen aufgeräumten, sauberen Ort gehen. Ein aufgeräumtes, sauberes Leben haben. Er hatte keine Lust mehr aufs Briefelesen, Trauer war auch mühselig, immer wieder musste man die Erinnerung hervorholen, nur damit sie einen wieder von sich stieß und niederwarf. Man rappelte sich auf, versuchte es wieder, und wieder warf es einen hin. Cons nimmt die Kiste, drückt den Deckel, der nicht passen will, so darauf, dass er an den Ecken einreißt, und klettert hinunter. Er stellt den Karton auf den Beifahrersitz, der Deckel rutscht in den Fußraum, und mit einer Anstrengung, die ihm immens vorkommt, stellt Cons nun den Karton in den Fußraum, wo er weniger in Gefahr ist, herunterzufallen. Er schlägt die Tür zu und macht sich auf die Suche nach dem Zettel. Nach einer Weile findet er ihn und überfliegt die wenigen Zeilen: Mann, Cons, euer Telefon scheint schwer kaputt zu sein. Zweimal hast du mich begrüßt und dann gleich aufgelegt. Ich hätte aber sowieso schon viel eher schreiben müssen. Gammel, Krankheit und eine durchgekrachte Prüfung haben es verhindert. Ich hoffe, dass es dir gutgeht, dass wir uns vor dem 1. September nochmal sehen und dass jemand euer Telefon heile macht. H. Ärgerlich steckt er den Brief in die Hosentasche. Nichts steht da, Belangloses. Zwei Minuten, die Henning sinnvoller hätte verbringen können, was er sich dann wohl auch gedacht hatte und den Brief nicht abgeschickt hatte. Okay, nach Hause. Als er den Motor anlässt, hat er Lust, rückwärts gegen einen Baum zu fahren. XIV Zwei Uhr dreißig, als er zu Hause ankommt. Er öffnet die Autotür, bleibt ratlos im Auto sitzen. Lässt seinen Kopf auf das Lenkrad sinken, er würde gern einschlafen, aber er ist jetzt nicht mehr müde. Unten im Fußraum steht der Karton, ein paar Briefe sind herausgefallen, er beugt sich über den Beifahrersitz und sammelt sie wieder auf. Seine Schrift ist darauf. Er weiß, dass es seine Schrift ist, er erkennt sie wieder, aber sie ist ihm fremd. Es ist eine nach allen Seiten ausbrechende, in unterschiedlichen Höhen tanzende Schrift. Ein disziplinloses Gekrakel, denkt er verächtlich, vielleicht aus Neid auf den, der dies schrieb, der zwar angeschlagen war, aber noch nicht festgefahren. Seltsam genug, dass er einmal Briefe geschrieben hat. Henning war der Einzige gewesen, dem er geschrieben hatte, und früher noch Anne. Was soll man auch aufschreiben, was ist für einen anderen am eigenen Leben interessant? Was geht es irgendjemanden an? Anne schrieb viele Briefe, und er hatte sich immer gefragt, was sie da alles hineinschrieb. Aber er hatte nie in einem gelesen, auch nicht, wenn er offen auf dem Schreibtisch lag, weil sie wegen irgendeiner Störung plötzlich aufgestanden war. Kontrollieren wollte er sie nie. Wenn sie allerdings jetzt noch in einer gemeinsamen Wohnung leben würden, würde er auch in ihren Briefen lesen, wenn ihn gerade interessieren würde, was sie schrieb. Er hatte die Geduld, oder was auch immer es war, nicht mehr, ihre Beziehung wie etwas Zerbrechliches zu behandeln. Wenn es zerbrach, dann zerbrach es. Anne würde es schon wieder heil machen. Oder nicht, dann blieb es eben in Scherben. Warum sollte noch etwas heil sein in seinem Leben. Ob eigentlich alle Briefe, die er Henning jemals geschrieben hat, in diesem Karton waren? Auch die von ganz früher? Er hebt die Kiste auf den Sitz und holt einen Stapel heraus, sie sagen ihm alle nichts und sehen aus wie Erbmasse, die man entsorgt, weil einen ein fremdes Leben nichts angeht. Weil man ohnehin nichts von dem versteht, was darinsteht. 1998, 1996, der unterste von 1993. Da war er zweiundzwanzig, Lichtjahre entfernt. Davon will er jetzt nichts wissen. Aber vielleicht sollte er doch noch die Briefe lesen, die er eigentlich hatte lesen wollen. Auf einem der Stempel kann er das Datum des 27. 11. 99 entziffern. Ja, Henning, so sieht es aus. Meine Einheit ist heute in Prizren angekommen. Ohne mich. Ich hab ehrlich überlegt, mich dahin zivil durchzuschlagen und den Kosovaren anzubieten. Aber das ist nicht das, was ich wollte. Ich wollte EINGESETZT werden und das tun, wozu ich ausgebildet wurde. Es tötet mich, hier zu sitzen. Gruß Cons Er hatte gedacht, es würde ihn erschüttern, seine alten Briefe zu lesen, aber er findet es allenfalls interessant. Sie setzen nichts in Gang, wecken keine Erinnerungen. Nur aus Neugier liest er weiter. 24. 12. 99 Allerliebster Henning! es schreibt dir in schönster Weihnachtsstimmung ein junger Familienvater. Die Ente brät im Ofen, am Baume glänzen die Lichter, die Kindlein spielen und Anne singt, was will ich mehr. Hier eine Skizze von einem Ort, den es für mich nicht gibt, aber irgendwann geben muss. Ganz haben sie mich noch nicht kleingekriegt. Hasta la vista baby Cons Cons faltet den im Brief liegenden Zettel auseinander. Mit Bleistift gezeichnet, findet sich darauf eine ziemlich akkurate perspektivische Darstellung von zwei übereinandergestapelten Containern, der obere über eine Treppe erreichbar. Fast identisch mit ihren jetzigen. Er ist verblüfft. Hatte er damals schon die Idee mit den Containern? Er dachte, das wäre erst nach dem gescheiterten Hausbau gekommen. Unter der Skizze standen die Zeilen: »Und da alles nicht so einfach ist und der Krieg wenigstens das ist, was man kennt, lässt es sich ganz gut einrichten darin. Muss ja.« Das Lied hatten sie früher immer gehört, aber er kam nicht mehr auf den Namen der Band. Egal, sowieso, Henning konnte er nicht mehr fragen. Er nimmt sich einen neuen Brief vor. Es sind Aufkleber daraufgeklebt wie von einem Flugzeugbausatz oder etwas Ähnlichem. Der Stempel ist vom 9. irgendwas 2000. Weißt du, Henning, manchmal muss ich alles in mir abtrennen, um überhaupt etwas tun zu können. Mich vollständig in verschiedene Teile zerlegen wie so einen Playmobilpolizisten, Helm ab, Haare ab, Weste ab, sonst komm ich nicht durch. Mir geht so vieles durch den Kopf, und dann wieder kann ich gar nicht denken. Was soll’s. Cons Der nächste Brief ist am 20. 7. 2000 abgestempelt. Also danach. Zwei Wochen nach der Übung. Soll er ihn lesen? Sein Mund ist trocken. Aber eine Hoffnung steigt auf und breitet sich in ihm aus: Vielleicht war alles nicht so schlimm, und er hatte sich nur hineingesteigert. Hier würde es drinstehen, einfach in ein paar Worten. Er öffnet den Brief hastig: Wie steht’s, alter Freund? Was macht die Arbeit? Hier ist es mächtig heiß, und wir brüten in unsrer Seedorfer Sommerfrische. Zur Abkühlung hatten wir die letzte Zeit ein paar längere Märsche und neulich auch eine Übung. Das mit unserer Fahrt nach G. wird nichts, ich hab hier grad ein paar Schwierigkeiten. Tut mir leid, kann ich dir jetzt auch nicht erzählen. Cons Nichts hatte er also davon geschrieben. Auf der Rückseite des Briefes stand unter dem Absender etwas mit Bleistift, das er nicht lesen konnte. Etwas wie, »Laufender stets im hellen Meinen, worauf aber warten kann«. Das ergab keinen Sinn. Wieso schrieb Henning überhaupt etwas auf seine Briefe? Cons verstand Henning immer weniger, seit er tot war. Es war ihm, als hätte er all die Jahre einen anderen gekannt. Aber vielleicht war er einfach auch zu sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen. Hatte er eigentlich irgendetwas in der Ellengeschichte geantwortet? Henning hatte sich am Anfang so hineingestürzt, was Cons recht übertrieben vorkam, zumal er selbst sich schon ziemlich von Anne entfernt hatte. Sie waren da ja auch schon ein altes Paar, Eltern noch dazu. Während Henning meinte, das Himmelreich hätte seine Pforten aufgestoßen, um Ellen und ihn hineinzubitten. Es war anstrengend gewesen, und Cons hatte Hennings Versuche, ihm Ellen vorzustellen, mehrmals vereitelt. Er wollte das Wunderweib nicht sehen und schon gar kein Urteil abgeben, auf das Henning so gespannt war. Eigentlich begann da die Zeit, in der sie einander aus den Augen verloren. Er klappt den Karton zu und geht zum Container. Genug für heute, genug verloren. Schlaf. XV Ein grüner Opel Astra. Hennings Auto vor dem Fenster. Wie eine Welle rollt es über ihn. Er springt vom Sofa und reißt die Tür auf, aber es ist Ellen. Ellen, wie sie langsam die Tür öffnet. Er möchte seine zuschlagen, aber er beherrscht sich. Geht steif zu Ellen, gibt ihr die Hand, nuschelt etwas. Sie nickt, sie sieht grau aus, und alles ist langsam an ihr. Sie geht ums Auto und holt die Bohrmaschine aus dem Kofferraum. Cons ist etwas schwindlig. Er ist auch zu schnell aufgesprungen eben. Er hat auch die Nacht fast nicht geschlafen. »Danke«, sagt er und trägt die Bohrmaschine zum Schuppen. Jemand hat ihn abgeschlossen, er möchte davortreten und die Bohrmaschine auf den Boden werfen, aber er steht, gegen die Schuppentür gelehnt, und riecht das warme Holz und drückt den Bohrmaschinenkoffer an sich. Woher weiß Ellen, dass es seine ist? Und wer hatte den Schuppen abgeschlossen? Ein Komplott, die Frauen. Die Frauen mit ihrer sanften Duldsamkeit. Er presst jetzt seinen Unterarm gegen die Tür, dass es wehtut. Ellens Schritte die Treppe hoch. Die leisen Stimmen der beiden Frauen, dann geht die Tür zu. Er atmet auf. Wirft den Koffer auf den Boden und tritt kräftig gegen die Tür. Es bereitet ihm Genugtuung, dass sie noch eine Weile von seinem Tritt zittert. Jetzt würden sie da oben alles richtig machen, alles aufarbeiten und alles bereden, und es war ja jetzt auch so viel zu entscheiden. Stundenlang würde entschieden werden. Deutschland, wie schön ist Deutschland, wo man Sonderurlaub bekommt für Todesfälle, wo die Bestatter diensteifrig zur Stelle sind, wo man sich das Bild für die Anzeige aus dem Katalog aussuchen kann. Soll die Freundin des Bruders auch auf die Anzeige? Nur keinen vergessen. Wer vergessen ist, ist wirklich tot. Nach vier Stunden hört er Ellen wieder ins Auto steigen und wegfahren. Endlich kann er rausgehen, ohne Gefahr zu laufen, sie sehen zu müssen. Er geht zum Briefkasten. Ein Umschlag mit schwarzem Rand, es war also schon längst geschehen mit der Anzeige. Er bringt ihn Anne hoch, die gerade angefangen hat, Abendessen zu kochen. Sie sieht ihn mit rotgeweinten Augen an und sagt: »Das ist von Henning, wir haben gerade darüber gesprochen.« »Nein«, erwidert er, »das ist nicht mehr von Henning.« Anne zieht die Brauen hoch und öffnet den Brief mit dem Küchenmesser, das sie am Waschlappen abgestreift hat. Cons sieht schnell aus dem Fenster. Wegfliegen, so wie die Krähenschwärme im November, wenn man in die Hände klatscht, aufstieben. Die Schaukel fehlt ihm, er hat sie immer angesehen, wenn er hier oben aus dem Fenster sah. Annes Stimme: »Freitag um zehn ist die Beerdigung auf dem Nordfriedhof.« Aufstieben, kreisen, sich niedersetzen. Ihm fehlt jede Vorstellung. Er merkt, wie er von sich weggeht und nur seine Hülle dort am Fenster stehen lässt. »Sollen wir die Jungen aus der Schule nehmen?« Fragt Anne das sich oder ihn? Fragt sie das überhaupt? »Weiß nicht«, sagt Cons, »ich geh nicht hin.« »Du gehst nicht zu Hennings Beerdigung?« Aufstieben, alle durcheinander, das Krächzen und Rauschen. Anne sieht ihn an. »Was?«, fragt er. »Ach, die Beerdigung … Brauch ich nicht.« »Brauchst du nicht? Um dich geht es nicht, Cons.« Ein ungewohnt scharfer Satz von ihr, er horcht auf. »Nein, um die Toten geht es nicht«, erwidert er gleichgültig, »es geht nur um die Lebenden.« Bevor Anne reagieren kann, geht die Tür auf, der Große kommt rein, hinter ihm der Kleine. Aufstieben mit dem Schwung der aufgehenden Tür, der auf den Boden geworfenen Rucksäcke. Aufstieben, bevor das Netz über einen fällt. Aber es ist schon gefallen, die Jungen halten inne, schauen gebremst, das Leuchten aus ihren Gesichtern verschwindet, der Große bekommt einen genervten Ausdruck. Vielleicht von Cons’ Gegenwart. Er merkt es, er stört seinen Sohn nur noch. »Was geht?«, fragt der Große, ohne es wissen zu wollen, der Kleine guckt ein wenig ängstlich. »Euer Vater will nicht zu Hennings Beerdigung.« »Klar«, sagt der Große. »Wieso ist das klar?«, fährt Anne ihn an. Dieser Angriff hätte ihn treffen sollen, nun traf er seinen Sohn. Ob das oft so ist?, geht Cons durch den Kopf. Anne hatte ihn in den letzten Jahren immer geschont – stand dafür der Große in der Schusslinie? Er sieht ihn sich an: Was für ein ordentlicher Kerl, aber verschlossen, unergründlich. Annes Lippen hat er, aber die öffnen sich jetzt nicht für eine Antwort auf die Frage seiner Mutter. Cons könnte jetzt gehen, es ist alles gesagt. Er steht auf, der Kleine öffnet ihm die Tür, eine seltsame Geste, findet Cons. Aber draußen zieht der Kleine, der mit ihm zur Tür hinaus ist, an seinem Ärmel, um ihn am Runtergehen zu hindern. »Papa, kommst du zu meiner Beerdigung, wenn ich vor dir sterbe?«, fragt er. Cons schaut ihn an, ihm ist, als ob plötzlich ein Nebel sich hebt und alles ganz klar und greifbar ist. Er beugt sich etwas hinunter, fasst den Kleinen an den Schultern: »Du stirbst nicht vor mir.« Der Kleine schmiegt sich in seinen Griff: »Kommst du zu Mamas Beerdigung?« Cons lächelt und nimmt ihn hoch, er hat ihn lange nicht hochgenommen, er ist schwerer geworden. »Mama stirbt auch nicht«, sagt er und fühlt sich wie eine Eiche, einzeln, auf einer Anhöhe. »Kommst du zu Chrisis Beerdigung?«, fragt der Kleine unbeirrt weiter. Cons trägt ihn zum Niva und stellt ihn auf die Ladefläche, ihre Köpfe sind jetzt auf einer Höhe. »Hör zu. Wir wissen nicht, wann wir sterben. Jetzt leben wir, und ich will vom Sterben gar nichts wissen.« Ja, so ist es, es ist Sommer, und er will nichts wissen vom Sterben, von Hennings nicht und von keines Menschen. Ihm ist, als könnte er alles abschütteln, als könnte alles klar und einfach werden. »Machst du eine Reise mit mir? Mit mir und mit Mama und Chris?«, fragt er den Kleinen, der daraufhin zu hüpfen anfängt. Seine Schuhe knallen auf das Metall der Ladefläche. »Ei-ne Rei-se, ei-ne Rei-se«, ruft er rhythmisch dazu. Dann hält er inne und fragt: »Und wohin?« »Ans Meer«, sagt Cons. »Ans-Meer, ans-Meer«, der Kleine hüpft weiter, bis Cons ihn festhält und herunterhebt. »Ist gut, ist gut jetzt – geh wieder hoch zu Mama, ich komme auch gleich. Na geh schon.« Er gibt ihm einen leichten Klaps auf den Hintern. Zögerlich geht der Kleine die Treppe hoch. Als er oben vor der Tür ist, kaum zwanzig Schritt von Cons entfernt, winkt er. Warum winkt er jetzt? Er hat ihm doch gesagt, dass er gleich nachkommt. Aber es stimmt, er will nicht nachkommen. Sein kleiner Sohn weiß, dass er nicht nachkommen wird. Und dass er in den Niva steigen und wegfahren wird. Erst mal nur weg. Wie ein Schlag trifft ihn die Traurigkeit über sich selbst. Er wartet noch, bis der Kleine zögerlich hinter der Tür verschwindet. XVI Immer noch weiß er nicht, wohin er eigentlich will. Vielleicht zur alten Klinik. Als er aber davor steht, hat er keine Lust auszusteigen, was soll er hier? Vielleicht will er einfach nur fahren, vielleicht würde es auch nach der Rückfahrt schon wieder in Ordnung sein, und er könnte zurück zu seiner Familie. Als er an der Kaufhalle vorbeifährt, fällt ihm die Milch ein. Die Milch, die er gestern, oder war es schon vorgestern gewesen, hat holen sollen. Er wendet und freut sich über diese ihm plötzlich eingefallene Aufgabe, die gleich noch sein unvermitteltes Verschwinden rechtfertigen könnte. Halbwegs wenigstens, denn er ist mittlerweile über eine Stunde unterwegs. Schon von draußen sieht er Susa an der Kasse sitzen. Sie kommt ihm jetzt gerade recht. Er nimmt im Vorbeigehen zwei Milchpackungen aus dem Regal und geht zur Kasse. Es ist nicht mehr voll im Laden, und er ist gleich dran. »Na, da hast du dich aber beeilt«, begrüßt ihn Susa. Und weil er sie etwas verständnislos ansieht, setzt sie hinzu: »Es ist kurz vor sechs, und ich schließ jetzt zu.« »Ach, stimmt«, murmelt er, während er die Milch aufs Band legt. »Ich muss jetzt auch schnell heim«, sagt Susa, indem sie die Milch über den Scanner zieht, »Kata wartet auf mich, die Oma holt sie immer aus dem Kindergarten, wenn ich lange Dienst habe.« »Ja, stimmt«, murmelte er wieder. Susa schiebt die Packungen die Warenrutsche hinunter und sieht ihn an. »Sag mal, stimmt was nicht bei dir?« »Nein, nein, alles in Ordnung«, er versucht es mit einem Lächeln, was nur halbwegs gelingt. »Ich hab grad Zeit«, fährt er dann betont munter fort und kommt sich dabei wie der Assistenzarzt einer Vorabendserie vor, »und Kata hab ich auch ewig nicht gesehen, da könnte ich ja noch mithelfen, die Oma nach Hause zu schicken.« »Da bist du allerdings der Richtige, sie hat sich erst neulich wieder darüber aufgeregt, wie du mich damals hast sitzenlassen.« »Susa, jetzt fang doch nicht schon wieder mit dieser einen Nacht an.« »Diese eine Nacht hätte mich immerhin beinahe zur Mutter deines Kindes gemacht.« »Das haben wir doch entschieden, das hatte ja keine Zukunft.« Er war froh, dass der Laden leer war und der Fleischer schon dichtgemacht hatte. »Es war immerhin der vierte Monat, und ich habe das entschieden.« Sie atmet durch und verzieht den Mund. »Jetzt nimm deine Milch und komm halt mit, ich muss nur noch die Abrechnung machen, dann komm ich nach.« Sie schiebt ihn raus und schließt hinter ihm ab. Eine Viertelstunde wartet er, dann kommt sie in einer weißen Lederjacke mit einem flatternden blauen Tuch in den Haaren heraus. Hübsch war sie schon immer gewesen und von dieser unerschöpflichen Susa-Frische, trotz acht Stunden Kasse. Sie gefällt ihm ungemein an diesem Sommerabend. Schade eigentlich, dass sie die Oma heimschicken wollten, die könnte sich schon noch ein paar Stündchen nützlich machen. Die Missstimmung von vorhin ist ganz verschwunden, und Susa hakt sich zum Gehen sogar bei ihm unter, erzählt von Katas Schule und vom geplanten Urlaub. Sie tut ihm gut, die plappernde Susa an seiner Seite. Ihre Mutter ist schon auf dem Sprung und begnügt sich mit einem knappen Gruß und einem misstrauischen Blick auf die offensichtlich traute Zweisamkeit, ist aber schnell verschwunden. Kata sitzt vor dem Fernseher und nimmt auch nicht groß Notiz von ihnen, so dass sie sich ungestört in die Küche setzen können. Susa holt eine Flasche Rotwein aus dem Regal und legt ihm auffordernd den Korkenzieher daneben. Anne würde das nie machen – selbst ist die Frau –, für Susa hätten sich die Frauenrechtlerinnen nicht so ins Zeug legen müssen. »Gläser brauchen wir nicht, wir trinken aus der Flasche, wie früher.« Ihre leichte Stimmung ist verflogen, sie setzt die Flasche mit heiligem Susa-Ernst an und reicht sie ihm danach über den Tisch: »Auf die alten Zeiten!« »Auf alles, was wir mal waren«, er trinkt. Lieblicher Susa-Wein. Tatsache, solches Zeug hatte sie früher auch immer angeschleppt, und sie hatten sie damit aufgezogen, Henning und er. So unglaublich lange war das her, und nun, da Henning nicht mehr lebte, würde es das, selbst wenn er einmal wieder der Alte wäre, auch nie mehr geben. Er würde sie gerne nach Henning fragen, aber er weiß nicht, wie er die Frage stellen soll. Er hat auch keine Übung mehr mit richtigen Gesprächen. In seine Grübeleien hinein sagt sie: »Ich war so verdammt stolz auf euch damals. Auch wenn ich nicht wusste, warum ich dabei sein durfte, denn eigentlich habt ihr euch nur gegenseitig gebraucht. Trotzdem war es für mich das Größte, mit euch umherzuziehen, und wir waren eine Legende: Henning, Cons und Susa. Habt ihr das eigentlich mitgekriegt?« »Schon, aber das war uns egal, du kannst dir ja vorstellen, wie solche Legenden von Jungs kommentiert werden.« Er hält ihr grinsend die Flasche hin, und sie setzt sie langsam an, ohne den Blick von ihm zu lassen. Das konnte sie schon immer, und das war immer alles im Lot gewesen mit ihnen dreien. Aber es stimmte, ohne sie hatte man es aushalten können, ohne Henning war es nicht gegangen. Sie stellte die Flasche genau in die Mitte zwischen ihnen. »Weißt du noch, wie wir drei mit Gasmasken durch den Wald zu Kauts Hütte gekrochen sind«, sagt sie, »und wie der Kaut da gerade rausgekommen ist zum Pinkeln … und uns beinah getroffen hätte, weil wir uns ja nicht regen durften.« Ja, tatsächlich, jetzt, wo sie davon erzählt, kriegt er einen Zipfel zu fassen von seinem früheren Leben. Er erinnert sich, dass sie unter dem Gummi wie die Schweine geschwitzt hatten und an den Geruch des verschimmelten Filters. Susas Erinnerungen konnten wirklich aus Dreck Gold machen. Es war einfach eine Schnapsidee gewesen, und er hatte tatsächlich Angst gehabt, in dem Ding zu ersticken, als sie da vor Kauts Hütte lagen. »Wo hatten wir die eigentlich her, die Gasmasken?«, fällt ihm da ein, denn dieser Moment der Erinnerung steht wie in einem Nichts, er kann ihn mit nichts verbinden, während Susa offenbar alles wie in einem Spielfilm vor sich sieht. »Na, Henning hatte die mitgebracht«, sagt sie, »weißt du nicht mehr? Er hatte doch eine ganze Waffensammlung in seinem Zimmer. Äxte, Messer, Macheten, diese Sterne – Wurfsterne.« Sie sieht ihn an wie eine Tochter ihren vergesslichen Vater. Aber er weiß es nicht mehr, er weiß es wirklich nicht mehr, und es kommt ihm auch nicht plausibel vor. Henning und Waffen. Wer weiß, mit welchem Film Susa da ihre Legende zusammenwarf. »Henning war ein Antimilitarist vorm Herrn«, sagte er. »Kann schon sein. Ich glaub auch nicht, dass seine Sammelei was mit Militär zu tun hatte. Die Waffen haben ihm einfach gefallen.« Einfach, das war natürlich wieder Susa-Welt. »Es gibt immer einen Grund, warum einem etwas gefällt«, belehrt er sie. »Ja, klar. Ich glaub ja, dass er diese Dinger liebte, weil sie an sich ungefährlich sind, wenn man sie nicht als Waffe benutzt. Man hat mit ihnen beide Möglichkeiten. So wie mit dir.« Dabei sieht sie ihn herausfordernd an. »Wie meinst du das?« »Na, dass ihr beide ein Herz und eine Seele wart, ist ja auch kein Zufall gewesen.« Nein, jetzt fängt sie wieder mit ihrer Wald-und-Wiesen-Psychologie an. Sollte er den Abend vielleicht etwas aktiver in eine andere Richtung lenken? Aber Katas Film würde wohl auch nicht ewig dauern. Er nimmt die Weinflasche und sieht sich das Etikett an: »Der ist nicht schlecht, gibts den bei euch im Laden?« »Nee, so was haben wir nicht, den hab ich mal für spezielle Anlässe gekauft«, sagt sie mit einem Lächeln. Selbst als alte Frau würde sie noch schön sein mit diesem Gesicht, in das man einfach gern hineinsah wie in eine Landschaft. Mit all dem ganzen Susa-Zauber um sich herum, mit ihren Bändchen und Tüchern und ihrer Buntheit, selbst ihre Küche war voll davon. In diesem Moment geht ihm auf, warum sie ihm auch die Nacht neulich im Wald verziehen hat. Es war sein abweisendes, karges Leben, das sie anzog, warum auch immer, so wie ihn der ganze Spielkram anzog, mit dem sie sich umgab, ihre hartnäckige Leichtigkeit. Dabei war sie nicht oberflächlich, ganz sicher nicht. »Weißt du eigentlich, dass Henning immer geglaubt hat, dass du der Besucher warst, von dem der Mann, der damals auf dem Hochsitz verhungert ist, in seinem Tagebuch geschrieben hat?«, fragt sie unvermittelt in seine Gedanken hinein. »Welcher Mann?« Cons ist, als wäre plötzlich etwas in die friedliche Welt dieser Küche eingebrochen, und er kann nicht genau sagen, was. Er ist gleichzeitig todmüde und hellwach, er greift nach dem Korkenzieher, wird sich dessen bewusst und legt ihn wieder hin. »Von welchem Mann sprichst du?«, fragt er noch einmal, diesmal beherrschter. »Na, der Mann, der damals auf den Hochsitz da oben bei Eutin geklettert war und sich zu Tode gehungert hat, weil seine Frau ihn verlassen hat.« »Der hat das nicht wegen seiner Frau gemacht, sondern weil er nutzlos war, ein völlig nutzloser Mensch mit nichts als seinem Willen, sein Leben bis zum Schluss selbst in der Hand zu haben.« Cons hält inne, er ist laut geworden. Susa sieht ihn durchdringend an. »Na also, du weißt doch, wen ich meine.« »Ja.« Er lässt sich gegen die Stuhllehne fallen. Er weiß, wen sie meint. »Ich wollte dir nur sagen, dass Henning mehr als einmal zu mir gesagt hat, dass er denkt, dass du, als du bei der Übung abgehauen bist, den getroffen hast. Ich meine, der lag da auf dem Hochsitz, und du musst ja auch irgendwo die Nacht verbracht haben, und Hochsitze sind sowieso dein Ding.« Sie sieht ihn erwartungsvoll an. »So ein Unsinn.« Cons fühlt kalten Schweiß auf seinen nackten Unterarmen. Er ist froh, dass er sitzt und dass Susa weiterredet: »Der Mann hat doch ein Tagebuch geschrieben, das der Dings, na, dieser Regisseur von Zweimal gestern, dann verfilmt hat.« Sie sieht ihn noch immer mit dem gleichen Blick an. »Da kommt doch einer zu ihm hoch, so ziemlich in der Mitte, wo er noch ganz gut beieinander ist, und die sitzen dann nebeneinander … so eine lange Einstellung in der Dämmerung, wo die einfach nur sitzen, und hinten sieht man die Autobahn … Hast du den nicht mal gesehen?« »Nein. Kenn ich nicht. Hab ich nicht mitgekriegt.« »Na, soll ich mal Ellen fragen, ob sie den noch hat? Henning hatte ihn sich …« »Nein«, unterbricht Cons sie schroff. Und sanfter, denn sie soll nicht denken, dass er vor etwas Angst hat, fügt er hinzu: »Ich hab auch gar keinen DVD-Player. Und ich muss jetzt los, Anne wartet.« Er steht auf und geht zur Küchentür, Susa folgt ihm und hält ihn an der Hand zurück. »He«, sagt sie leise und lehnt ihren Kopf an seine Brust, »hab ich irgendwas Falsches gesagt? Ich wollte dir das doch nur wegen Henning sagen, der hat ständig von dir geredet und was wir machen können mit dir, weil der wusste, dass du, dass …« »Lass, ist schon gut«, er streichelt ihren Kopf, und sie stehen eine ganze Weile so, im Nebenraum ist der Film jetzt offenbar zu Ende, ein paar schnelle laute Jingles tönen herüber, und da kommt auch Kata, etwas benommen vom Fernsehen und gefangen in einer Geschichte, die sie nicht kennen. Sie bleibt verwundert stehen. Offenbar hatte sie ihn vorhin gar nicht richtig wahrgenommen, und nun stand ihre Mutter da mit einem Mann. Aber sie waren bei Katas Erscheinen schon auseinandergefahren, Susa geht in die Knie und zieht Kata zu sich auf den Schoß. »Schau mal, wer da ist. Kennst du den noch?« Die Kleine schüttelt mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf. »Das ist Constantin«, fährt Susa fort, und Cons lächelt von oben herunter, aber das stimmt Kata nicht gnädig. Ihr Trotz gefällt ihm, er würde sich auf solche Freundlichkeiten an ihrer Stelle auch nicht einlassen. Es fehlte nur noch, dass Susa sagt: Sag mal Hallo! Und Susa sagt: »Sag mal Hallo!« Kata schüttelt wieder den Kopf. Und dann beschließt sie offenbar, ihn zu ignorieren, und wendet sich ihrer Mutter zu. »Die haben das Reh totgeschossen«, sagt sie. »Echt? Das arme Reh. Wer macht denn so was?« »Die Jäger mit den Gewehren«, Susa sieht zu ihm hoch mit einem Blick, der wohl heißen sollte: Siehst du, so welche seid ihr. Cons fühlt sich unwohl, er will jetzt gehen, aber etwas muss er Susa noch fragen: »Wieso hat Henning dir das eigentlich alles erzählt?« Susa richtet sich auf: »Wem sonst? Wir drei haben uns damals geschworen, dass nichts uns trennen soll, erinnerst du dich nicht? Ich dachte neulich im Wald schon, dass du es vergessen haben musst. Ich war oft bei Henning in der letzten Zeit, du ja weniger, dabei warst du so wichtig für ihn. Er hat gesagt, dass er Angst hat, dich alleinzulassen, wenn er stirbt. Nicht Ellen und die Kinder – dich.« Susa sieht Tränen in Cons Augen steigen, sie verstummt. Es ist ganz still, nur der Kühlschrank brummt. Cons betrachtet die beiden kleinen Tropfen auf Susas roten Küchenfliesen. XVII Sein Auto steht als einziges auf dem Kaufhallenparkplatz. Er hat Lust auf Krach. Wie furchtbar waren diese stummen Dinge, die ihn immer wieder genauso erwarteten, wie er sie zurückgelassen hatte. Jede Fahrt, die sein Leben aufnahm, bremsten sie wieder aus. Neben ihm im Fußraum noch immer die Kiste mit den Briefen und die Milchpackungen. Er langt über sie, um eine CD aus dem Seitenfach der Beifahrertür zu angeln, findet aber nichts Passendes. Also gut, dann kann er grad so gut nach Hause fahren, die Milch bringen. Vielleicht ist es ganz einfach. Er könnte Anne anrufen und fragen, ob er noch etwas zum Abendessen mitbringen soll. »Cons?« Anne ist erstaunt, als er anruft. Sie hatte mit ihm offenbar nicht mehr gerechnet, sich nicht mal gefragt, wo er war. »Ich bin in zwanzig Minuten da. Soll ich Pizza mitbringen?« »Ja, warum nicht«, antwortet sie zögerlich, sie scheint immer noch verwirrt. »Wie früher, eine Salami, eine Schinken?« »Ja, aber zwei mehr.« Jetzt hat sie sich, vernünftig wie sie ist, gefangen. »Such du aus.« »Dann – bis gleich.« »Bis gleich, Cons.« Er konnte sie lächeln hören, so hatte sie früher am Telefon geklungen. Früher, als es die Jungen noch nicht gab, als sie noch nicht in verschiedenen Welten lebten. In den letzten Jahren hatten sie kaum noch miteinander telefoniert, es gab nicht mal etwas abzusprechen, Anne regelte alles ohne ihn. Aber das war immer noch besser als diese zähen Telefonate, die sie in der Zeit geführt hatten, als die Jungen noch klein waren. Die schmutzigen Telefonkabinen im Mannschaftsheim, und immer eine Schlange davor an den Abenden. Die Kritzeleien auf dem Tisch und an der Wand, die Kritzeleien der anderen, in die man hineinkritzelte. Nicht wissen, was man erzählen soll, denn es geschah ja nichts. Nachfragen, wie es in der fernen Welt zu Hause stand. Wie sollte es stehen: Kindergarten, Windeln wechseln, Erkältungen. Schleppende Gespräche, Schraffuren, die Geräusche der anderen von draußen, die warteten, Quengeln bei Anne im Hintergrund: »Na, dann.« »Ja – dann …« »Grüß den Großen.« »Pass auf dich auf.« »Was soll mir hier passieren.« Früher hatte sie gesagt, dass sie ihn liebe, statt dass er auf sich aufpassen solle. Er kurbelt das Fenster herunter, wenigstens der Fahrtwind sollte für ein bisschen Krach sorgen. Ein lauer Sommerabend. Vielleicht würde sie draußen stehen, wenn er jetzt käme, in einem Sommerkleid. Wenn sie so dastünde, diesmal, dann wäre alles wieder gut, dann wäre er geheilt, dann könnte sie ihn erlösen. Sein Magen krampft sich vor Aufregung zusammen, als er um die letzte Kurve fährt. Nein, niemand steht da, nur der Rohbau, der Container, ihr Auto, der Schuppen und der immer gleiche Wald. Was hatte er gedacht, was hatte er sich eingebildet? Er hat kein Recht, enttäuscht zu sein. Er nimmt die Briefkiste, die Pizzakartons und die Milchpackungen, bringt die Briefe in sein Zimmer und geht die Treppe nach oben, die Tür steht offen. Er hört Annes Stimme und die des Kleinen. Er zögert kurz, dann zieht er sich mit der freien Hand schwungvoll am Handlauf zum Eingang hoch. Anne steht an der Spüle und lächelt ihn über die Schulter an, sie trägt ein hellblaues kurzes Kleid mit Blümchen. »Schön, dass du Milch gekauft hast«, sagt sie. »Schön, dass ihr auf mich gewartet habt.« »Komm mal mit«, Anne wischt sich die Hände an ihrem Kleid trocken und geht an ihm vorbei die Treppe hinunter. Er folgt ihr zum Haus hinüber. Was mochte sie ihm zeigen wollen, einen Schaden? Aber doch nicht heute. Sie geht die Treppe hinauf, und er folgt ihr. Ihr Kleid schwingt mit jedem Schritt zur Seite und gibt den Blick auf ihre Oberschenkel frei. Ihr gerader Rücken, ihre schulterlangen glatten Haare. Sie führt ihn auf den Dachboden. An einem der hinteren Sparren bleibt sie stehen. »Schau, da!«, flüstert sie. Ein Schwalbennest. »Sie haben Junge. Wie gut, dass noch keine Fenster drin sind.« Sie nimmt seine Hand und drückt sie. »Ach, Anne«, sagt er und nimmt sie in die Arme. »Komm!«, flüstert er ihr nach einer Weile ins Ohr. »Wir stören sie beim Füttern. Ich trag dich, zwei Füße sind leiser.« Als sie draußen sind, sagt sie an ihn geschmiegt: »Der Kleine hat gesagt, wir fahren zusammen weg, ans Meer?« »Ja, wir machen eine Reise.« XVIII Anne hat seinen Hochzeitsanzug gefunden, er war in den Kisten, die sie im Schuppen gestapelt und seit dem Umzug nicht ausgepackt hatten. Nun sitzen sie in Annes Auto, eine Familie auf dem Weg zur Beerdigung eines Freundes. Die Jungen hören ihre Musik, Anne schaut aus dem Seitenfenster. Cons denkt an letzte Nacht, an die feinen Schweißperlen auf ihrer Nase. Es sind noch nicht viele Leute da, als sie ankommen. Ein paar frühere Mitschüler erkennt er, und deren alt gewordene Eltern. Susa, die mit dem Aufstellen eines Tisches für das Kondolenzbuch beschäftigt ist. Ellen. Wenn Henning nur schon unter der Erde wäre. Ellen und Anne umarmen sich. Er gibt ihr die Hand, im Hintergrund hört er Lachen von einer Männergruppe, vielleicht kann er sich dazustellen. »Kannst du den Sarg mittragen? Wir wollen keinen Wagen nehmen«, fragt ihn Ellen. »Ja, natürlich.« »Dann gehst du am besten gleich vorn.« Henning und der Sarg sind schwerer als gedacht und eine Last, wie er noch nie eine getragen hat. Seine Hände schwitzen vor Angst, er könnte stolpern oder der Griff glitte ihm aus der Hand. Der Weg ist zu uneben, als dass sie in einen gemeinsamen Takt kommen könnten. Aber es ist gut, noch einmal mit Henning durch ihr altes Dorf zu gehen, die Straße entlang, wo früher – nein, es gibt kein Früher. Es gibt einen toten Henning, und es gibt Cons, der Hennings Sarg trägt. Es gibt die Hunde, die wie in einer Staffel durchs Dorf bellen, es gibt ab und an ein Auto, ein Auto mit unbeteiligten Insassen, denen dieser schwarze Zug egal ist. Es gibt den Friedhof und die Gräber, die jemand bepflanzt und gießt, zwanzig, dreißig Jahre, und es gibt eine Grube mit einem Erdhaufen daneben. Dort stellen sie Henning ab. Wundere dich nicht, dass ich dir gesagt habe: Ihr müsst von neuem geboren werden. Der Satz geht Cons im Kopf herum, als er versucht, die Sache vorbeigehen zu lassen. Dann dieser ewig langsame Gang zum Grab, um eine Schaufel Erde hineinzuwerfen. Was würde Henning dazu sagen? Ja, das war das ganze Problem, man wusste schon früher nie, was Henning zu etwas sagen würde, und nun würde man es auch nie mehr erfahren. Keiner wird mir den Kopf geraderücken. Anne kann das nicht, die Jungen schon gar nicht. Es ist einfach keiner mehr da. Er ist an der Reihe, vergisst das mit der Schaufel, öffnet nur die Hand über dem Grab, um die Blumen herausfallen zu lassen. Wenn man selbst hineinfallen könnte, und Erde drauf und gut. Ihr müsst von neuem geboren werden. Wo kam dieser Satz nur her? Aus der Predigt vorhin? Er geht ihm wie ein Schlager durch den Kopf, als er aus der Reihe vorm Grab abtritt, zu den am Rand Stehenden hin. Nein, hier will er nicht stehen. Wo ist eigentlich Anne? Er sieht sie nicht, geht weiter, den Hang hinunter, ein schöner Ort für die Ewigkeit, von neuem geboren. Er geht zum Friedhofstor hinaus und die Straße hinunter. Hennings Elternhaus liegt klein hinter Büschen verborgen, die Kirche, in der er aufgebahrt war, das Ortsschild. Ein Laster hupt langgezogen, ja, er sollte rechts gehen. Der nächste Ort heißt Hauheim. Es gibt eine Schenke, in der bestellt er sich ein Bier. Würde er vor seinem Tod so vieles so klar sehen können, wie Henning es gesehen hatte? Er war stattdessen immer dümmer geworden mit den Jahren. Er verstand immer weniger. Alles war immer verworrener geworden. Es blieb ihm nichts, als sich an Fakten festzuhalten. Was war Fakt jetzt? Henning war nicht mehr da. Na und? Er hatte ihn auch so manchmal monatelang nicht gesehen, früher noch weniger. Henning würde nie wiederkommen. Ja, Cons würde vielleicht auch nie wieder zu sich kommen. Der alte Cons war tot, wie Henning tot war. Oder war es doch etwas anderes, sich selbst zu überleben. Die Jungen hätten ohne ihn vielleicht einen besseren Vater. Henning würde sagen: Das ist aber wohl noch ein Unterschied. Oder würde er das nicht sagen? Er könnte auch sagen: Du warst doch schon immer lebensmüde, sonst wärst du doch gar nicht bei dem Verein geblieben. Auslandseinsatz, der ganze Mist. Bei Cons’ letztem Besuch hatte Henning noch gesagt, ihm fast hinterhergerufen, als er schon aus der Tür war: »Ich kann auch gesund werden, es braucht nur ein Wunder! Oder was meinst du?« Aber Cons hatte nichts mehr gesagt, jetzt fällt es ihm ein, dass er Henning auf seine letzte Frage keine Antwort gegeben hatte. Dass er ihm dieses Wunder nicht möglich gemacht hatte. Er hatte daran gar nicht wieder gedacht, wie hat er das vergessen können? Der Wirt will ihm kein Bier mehr geben. Er meint, Cons würde mit seinem Gebrüll die Gäste verjagen. Hat er gebrüllt? Etwas später steht Anne da, mit den Jungen. Die Jungen in Anzügen, Anne in ihrem schwarzen Kleid. Sehr schön. Eine richtige Familie. Ihm ist schwindlig, als er aufsteht. XIX Das Klingeln seines Handys weckt ihn: »Wo bleibst du denn?« Wessen Stimme ist das? Er zögert, versucht, aus seinem Traum herauszufinden, in dem Henning und er mit dem Auto in einer Schneewehe steckengeblieben sind. Nebel. Cons bemüht sich, das Auto freizuschaufeln. Henning bleibt auf dem Fahrersitz sitzen. Als Cons vor ihm an die Scheibe klopft und ruft, dass er helfen soll, merkt er, dass Henning ganz starr ist, er öffnet die Tür, und Henning fällt tot heraus in den Schnee, ist verschwunden, Cons gräbt nach ihm und gräbt und kann ihn nicht finden, das Auto aber startet plötzlich, ein Bulldozer ist es, und fährt rückwärts aus der Schneewehe heraus, Henning sitzt am Steuer, Cons ruft, aber Henning blickt die ganze Zeit nach hinten. Den rechten Arm hat er um Susa gelegt, die neben ihm sitzt und Zeitung liest. »Hallo«, ruft es wieder, »hier ist Robert. Bist du noch da?« Robert Block, Seedorf. »Hast du es vergessen? Ich hab dich doch für heute zu einer Überraschungstour eingeladen?« Die Verabredung, genau. Der Ausflug nach – wie hieß es? – vergessen. War das heute? Wie spät mochte es sein? »Richtig«, sagt Cons, langsam fällt es ihm wieder ein, »ich hab verschlafen, bin in einer halben Stunde da.« Sein Kopf brummt, er sucht ein T-Shirt, Unterhosen, Strümpfe, und ziemlich lange nach einer vollen Wasserflasche. Hatte Robert gesagt, was sie da machen würden? Er erinnert sich nicht, er hat auch keine Lust, nochmal anzurufen. Was sollte er schon brauchen, es ist ihm sowieso egal, er will da nicht hin. Aber es war so verabredet, und hier hat er auch nichts zu tun. Er stellt den Motor ab und sieht sich auf dem Parkplatz um. Samstagvormittag. Welcher mochte Robert sein? Er hat kein Gesicht mehr vor Augen, und selbst wenn, das war mehr als zehn Jahre her. Er steigt aus und lehnt sich mit dem Rücken an die Fahrertür. Worauf hat er sich da eingelassen … Wer weiß, was das für ein Kandidat war, dieser Robert. Und warum Cons? Hätte der nicht jeden anderen ausfindig machen können zum »Schwelgen«? Als er langsam schon wieder einsteigen und sich verdrücken will, sieht er einen Mann seines Alters zielstrebig von der anderen Seite des Parkplatzes auf sich zukommen. Jeans, T-Shirt, braune Haare. Das wird er sein. Cons kommt nichts an ihm bekannt vor. Der andere aber erkennt ihn offenbar, begrüßt ihn mit einer Umarmung. »Hallo Constantin, schön, dass es geklappt hat. Dein Auto sieht geländegängiger aus, lass uns das nehmen, oder? Aber es ist besser, ich fahre, ich kenn den Weg«, sagt er umschweiflos. Es ist ein schöner Tag, und es ist okay mit Robert. Autobahn, warmer Fahrtwind. Jetzt wo er diesen Robert bei den paar Sätzen, die sie zu Beginn der Fahrt wechseln, von der Seite betrachtet, erinnert sich Cons auch wieder an ihn. Ein schweigsamer Außenseiter. Er hatte damals nicht viel mit ihm anzufangen gewusst, aber er hatte ja auch selbst gar nicht recht dazugehört. Ja, jetzt fällt es Cons ein: Es hieß, dass Robert Block irgendetwas hinter sich habe, worüber er nicht reden wolle, und um nicht gefragt zu werden, rede er eben überhaupt nicht. Cons könnte ihn jetzt fragen. Autofahrten waren gut für diese Fragen. Aber er ist müde und verspürt keine Lust auf ernste Gespräche. Dass er noch immer nicht weiß, wohin sie fahren, gehört inzwischen auch zu dieser seltsamen Reise. Gefahren werden, ohne zu wissen, wohin, das gab es nur, als er noch Kind war. Ab und an döst Cons ein und schreckt vom Herabsinken seines Kopfes hoch. Die Landschaft wird hügeliger, Laubwald, sie fahren von der Autobahn ab und über langgestreckte Straßendörfer, kein Mensch ist zu sehen. Dann biegt Robert in einen Forstweg ein. Cons betrachtet den Wald, ein lichter Buchenwald, er ist immer neidisch auf diese Wälder. Wo er jetzt lebt, gibt es sie nicht. Aber hier, wo es sie gibt, könnte er nicht leben, alles zu eng und beschaulich. Trotzdem liebt er das flackernde Licht unter dem hohen Gewölbe des Laubs, und den Geruch der zwischen den Fingern zerriebenen Blätter, die feinen silbrigen Seitenhaare an den Rändern; das Leuchten des goldenen Laubs im Herbstnebel und im Winter die stahlgrauen glatten Stämme. Im Nadelwald seiner Kindheit gab es einen Teil, in dem nur Buchen, hohe alte Buchen, standen. Eine Buche gehörte ihm. Sein Vater war an seinem siebten Geburtstag mit ihm dorthin gegangen und hatte über seinem Kopf Cons’ Initialen in die Rinde geschnitten. Er musste stehen bleiben die ganze Zeit, durfte sich nicht bewegen. Der Vater erklärte ihm, wie das Wort Buchstabe entstanden war, dass man die Zukunft erkennen wollte mit Stäbchen aus Buchenholz, er redete und redete auf ihn ein, es hatte auch etwas mit seiner Zukunft zu tun, aber auf welche Weise, hat er vergessen. Dass der Vater ein blau kariertes Hemd trug, weiß er noch und dass es warm war. Er durfte erst hinschauen, als die Buchstaben fertig waren. Das weiße Fleisch des Stammes leuchtete aus den ausgefransten Umrissen – sein Name hatte den Baum verwundet. »Constantin«, sagte sein Vater, der zufrieden war mit seinem Werk und dem er sein Entsetzen nicht offenbaren durfte, »der Baum ist jetzt dein Bruder und dein Spiegel. Er wächst mit dir und wird mit dir alt.« Es ging noch um Beständigkeit, sie hatten das immer gesagt, dass er deswegen so heiße. Er war als Junge stolz darauf, bis er erkannt hatte, dass es ihre Geschichte, die seiner Eltern war, nicht seine. Dass er nichts mit dieser Beständigkeit zu tun hatte, denn sie wurde ihm bloß vorgesagt. In seinen letzten Jahren zu Hause legte er es darauf an, unbeständig zu sein, zum Schluss sogar sein Leben wegzuwerfen. Ja, an die Buche hatte er damals auch kurz gedacht, als er im Fenster saß und springen wollte. Sie fiel ihm manchmal ein, zuletzt eigentlich … Sein Oberkörper stößt an Roberts, das Auto sitzt auf, das klang nicht gut. Robert steigt aus, um nachzusehen, ob die Wanne noch heil ist. Er geht einmal ums Auto, bückt sich, dann steigt er wieder ein. Es scheint alles gutgegangen zu sein. »Ist nicht mehr weit«, sagt er, als er den Motor wieder anlässt. Cons ist es egal, er will nirgends ankommen. Sie halten auf einem asphaltierten Platz, auf dem etliche Fahrzeuge parken, ein tarngrüner Wartburg darunter, Kübelwagen und ein Panzer. Auf dem Platz stehen etliche Männer in Uniformen herum, Einstrichkeinstrich, Bundeswehr, verschiedene Kombinationen, Phantasieuniformen, einer mit rotem Che-Guevara-Shirt. Im Hintergrund ein Bunkereingang, hinter dem sich ein Erdwall erhebt. »Was ist denn das?«, fragt Cons entgeistert. Robert lächelt ihn an: »Wir sind da. Kennst du so was?« »Nein.« Aber er ahnt es. Es scheint sich um eine Ansammlung von Freizeitsoldaten zu handeln, die hier ein Wochenende lang Armee spielen. »Das ist nicht dein Ernst, Robert.« »Komm, kuck dirs erst mal an«, sagt Robert und steigt aus. Cons zieht es vor, sitzen zu bleiben. Robert läuft zu der bunten Truppe hinüber. Ein Schrank in Ausgehuniform begrüßt ihn mit Schulterklopfen, Robert ist hier offenbar nicht das erste Mal. Er winkt Cons, dass er kommen soll. Also gut. Der Schrank begrüßt auch ihn mit einem markigen Händedruck: »Welche Einheit?« »Ausgemustert«, antwortet Cons. »Fallschirmjägerbataillon 373«, berichtigt ihn Robert eifrig. »Sehr schön«, sagt der Schrank, als wäre das ein Verdienst. »Na, dann man los, wir haben nur noch auf euch gewartet.« »Antreten«, schreit er über den Platz, und tatsächlich formiert der Haufen sich in einer Linie. »Kamerad Tontaube, ich habe Antreten gesagt!«, schreit er erneut mit Blick auf Cons, der noch immer an der gleichen Stelle steht. »Ich geh mich frischmachen«, gibt Cons zurück und wendet sich zum Gehen. »Dort hinten.« Der Schrank zeigt überflüssigerweise auf den Bunker und wendet sich dann wieder schneidig den anderen zu: »Meine Herrn, ich begrüße Sie zum ersten Fahnenappell unserer heutigen Gefechtsübung.« Cons schlendert auf den schleusenartigen Eingang des Bunkers zu, über dessen Dach ein Tarnnetz gehängt ist. Drinnen steht alles voll mit Militärgerümpel, es riecht stockig. Er geht immer weiter durch den engen Gang, bis er in den Schlafraum kommt. Acht Doppelstockbetten mit harter karierter Bettwäsche und kratzigen NVA-Schwarzdecken. Er setzt sich auf den einzigen Stuhl im Raum und steckt sich eine Zigarette an. Hätte Robert einen Ton gesagt, wohin er mit ihm wollte. Aber nun war er da. Cons beschließt, noch bis zum Essen zu bleiben, er hat einen Bärenhunger und kann sich schon wieder nicht mehr erinnern, wann er das letzte Mal etwas gegessen hat. Jetzt war es halb sechs, da sollte es wohl bald etwas geben. Draußen kommt es ihm noch schwüler vor als vorhin. Der Appell ist offenbar beendet, und die Leute mühen sich tatsächlich, einen Grill anzuwerfen. Er stellt sich etwas abseits an den Waldrand und wartet ab. Robert kommt zu ihm herüber: »Ist nicht dein Ding? Ich war schon zwei Mal hier und dachte, wir könnten uns mal wieder treffen. Und so beim Kaffee, das ist doch unwürdig.« Er macht eine kurze Pause. »Du warst der Einzige, mit dem man reden konnte damals.« »Viel hast du ja nicht geredet, wenn ich mich richtig erinnere.« »Nee, das war auch ne beschissene Zeit.« Robert stößt mit seiner Stiefelspitze in den weichen Waldboden. Ein fernes Donnergrollen ist zu hören. »Es wird ein Gewitter geben, ist auch verdammt schwül«, sagt Robert, »lass uns schnell was essen, ehe es losgeht.« XX Als sie sich gerade an den Tisch gesetzt haben, fallen die ersten dicken Tropfen. Sie suchen vor dem einsetzenden heftigen Regen Schutz unter einem breiten Ahorn am Rand der Lichtung. Noch halten die Zweige das meiste ab, nur ein paar Spritzer tropfen auf ihre Teller. Sie essen schnell und schweigend. »Rauchst du?« Cons hält Robert die Schachtel hin. Der Rauch ihrer Zigaretten vermischt sich mit dem vom Boden aufsteigenden Wasserdampf. »Schön, nicht wahr?«, sagt Robert. »Ja, sehr schön«, bestätigt Cons. Schweigen. »Und haben die dich übernommen?« Cons’ Frage platzt unpassend in die Stille. »Ich hatte vier Jahre, und das hat gereicht. Es gibt weiß Gott noch ein anderes Leben. Ich hab in Leipzig studiert, und jetzt bin ich bei einer Firma, die Solarzellen baut.« »Aber zu solchen Soldatenspielen fährst du dann«, Cons stellt den Teller so hart auf den Boden, dass der Salat über den Rand rutscht. Regen tropft auf den Teller und bildet eine kleine weißliche Pfütze. Robert kaut ungerührt weiter. Beim Bunkereingang haben sie angefangen, Gitarre zu spielen. Cons springt auf und geht vor Robert im Kreis herum. Er würde Robert gern anschreien, aber er kann nicht auf den Punkt bringen, was ihn so wütend macht. »Jetzt hock dich wieder hin«, sagt Robert, als er seinen Teller saubergekratzt hat, »ich hab ja verstanden, dass das hier nicht dein Ding ist.« Weil ihm das Herumlaufen auch keine Erleichterung verschafft hat, hockt Cons sich wieder neben Robert und zerbricht einen Ast in kleine Stückchen. »Erzähl doch mal was von dir. Ich hab das damals immer bewundert, wie du im Brustton der Überzeugung von der Inneren Führung gesprochen hast. Ehrlich, erinnerst du dich, wie du mir mal gesagt hast, dass das quasi die Kunst des Dienens ist? Dass die Armee das Modell einer Gesellschaft sei, jeder an seinem Platz und jeder seinem Auftrag verantwortlich.« Cons erinnert sich nicht, das gesagt zu haben. Es waren schon seine Ideen damals, und er hatte auch wirklich nicht hinterm Berg gehalten damit. Aus Roberts Mund aber klingt es unglaubwürdig. Überhaupt hat er Robert größer in Erinnerung gehabt. Cons weiß nicht, was er mit größer meint, aber dieses Wort trifft es schon. Jedenfalls war er nicht so redselig wie jetzt. »Das mit der Kunst hat mich echt interessiert«, fährt Robert unbeirrt fort, »ich meine, Militär ist ja nun das Gegenteil von Kunst, keine Freiheit, kein Sinn, nur Zerstörung und Drill. Aber wie du es mir erklärt hast, war es absolut einsichtig. Dass der Staatsbürger in Uniform – schon diese Sprechblase, an die keiner geglaubt hat – dass der eigentlich ein Künstler ist.« Er beginnt sich, mit dem Messer in der Luft herumfahrend, warmzureden. »Der Soldat muss abwägen, was das Richtige ist, immer das Ganze im Blick, und das auf Messers Schneide, oder so hast du gesagt.« Da Cons nicht widerspricht, redet er weiter. »Na, da jedenfalls, wo Töten und Leben lassen aufeinandertreffen. Und das permanent. Also im Einsatz natürlich, sonst ist es ja nur eine Idee. Warst du mal im Einsatz?« »Nein.« Cons zerbricht den Ast in immer kleinere Stückchen und schnippt sie auf die nasse Wiese. »Hättest du aber machen sollen.« Robert sieht Cons prüfend an. »Hätte mich jetzt mal interessiert, ob das deine Einstellung verändert hätte.« »Ja, das wäre interessant gewesen. Ich hol uns noch ein Bier.« Als Cons zurückkommt, lehnt Robert am Baum und telefoniert. Cons bleibt etwas abseits stehen. Der Regen hat nachgelassen. Ein schneller Guss, das würde nicht alles gewesen sein, es war immer noch schwül. Die Lichtung dampfte wie ein Wasserkessel. Robert legt auf und ruft ihm zu: »Bring mal her, das Bier, bei all der Nässe will man ja nicht die ganze Zeit auf dem Trockenen sitzen. Du bist also dabeigeblieben, du warst doch auch auf Zeit«, offenbar will er das unterbrochene Gespräch fortsetzen, »und jetzt bist du also nicht mehr dabei?« »Ja, zwölf Jahre – und die sind seit zwei Jahren rum.« »Und nun?« »Nichts.« Cons nimmt einen langen Zug aus der Flasche. »Wie, nichts? Du hattest doch sicher einen Plan, was du machen willst, wenn du fertig bist, und die müssen einem da doch auch helfen, wenn man so lange dabei war.« Wie naiv Robert ist. Der Regen tropft vom durchnässten Laubdach, so dass es unter dem Ahorn jetzt nasser ist als auf der Wiese. Noch immer grollt es in der Ferne. Von Westen her scheint wieder etwas heranzuziehen. Er sieht den am Baum lehnenden Robert an. »Also gut, Gefreiter Block, dann will ich dir mal ein bisschen was über mein Leben erzählen«, sagt er mit so lauter Stimme, als hätte er einen ganzen Trupp vor sich. »Jawohl, ich habe gern gedient. Und ich war gut, ich war anerkannt, ich war gut ausgebildet, ich habe meinen Dienst ernst genommen. Und ich habe gedacht, dass sie mich übernehmen, denn es gab nicht viele, die mir das Wasser reichen konnten. Dann kam der Kosovo. Das war der Ernstfall, für den ich immer trainiert hatte. Das war gar keine Frage, da musste ich dabei sein. Ich hab mich gemeldet und wurde auch ausgewählt und einsatzfit gemacht, aber eine Woche bevor es losgehen sollte, hatte mein kleiner Sohn Masern, und sie haben mich zurückgestellt. Einen Einsatz im nächsten Kontingent konnten sie nicht garantieren, haben sie gesagt, aber ich sollte dann schon noch irgendwann mit. – Schon noch irgendwann, das hab ich nicht ausgehalten. Ich wollte bei den Ersten sein. Stattdessen lief alles im alten Trott weiter, und dann gab es auch noch eine große Übung. Angriff auf ein Waffenversteck, Aufklärung der feindlichen Kräfte. Und alles lief schief, ständig mussten wir auf etwas warten. Kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn man dann die anderen noch bei Laune halten muss und immer dran denkt, wo man jetzt eigentlich hingehört?« Robert sieht ihn aufmerksam an. »Nein, kannst du nicht.« Cons fängt an umherzugehen. »Am späten Abend hatten wir dann den Gefechtsstand der gegnerischen Seite ausfindig gemacht, aber die Verstärkung saß woanders fest, und wir konnten nichts machen. Die Warterei nervte mich bis aufs Blut. Ich hätte kotzen können, weil ich hier Ernstfall üben sollte. Wie eine hutzelige Ballettlehrerin, die selbst nicht mehr auf die Bühne kann. Ich ließ in den Verfügungsraum zurückverlegen, die Ausrüstung prüfen, essen – was man halt so macht, um die Männer zu beschäftigen. Ein paar Tage vorher erst war bei Prizren ein Kamerad zu Tode gekommen, ungeklärte Umstände hieß es, und wir beschäftigten uns. Ich ging zum Waldrand hinüber, weil ich Angst hatte, auszuticken. Und als ich da war, bin ich immer weiter in den Wald gegangen. Ich weiß nicht wie, ich habe mir immer gesagt: Jetzt geh zurück, du bist Vorgesetzter, du bist in einer Übung. Aber ich konnte nicht mehr zurück, ich bin immer weitergelaufen, immer weiter, aus dem Waldstück raus, dann querfeldein bis zu einer riesigen Lichtung. Aber das war eine seltsame Lichtung, etwas war seltsam, es war so ganz friedlich, und ich hatte das Gefühl, etwas müsse explodieren. Wie Minensuchen.« Robert streift sich mit der Hand das Wasser aus den Haaren, Cons rinnt es übers Gesicht, es stört ihn nicht. »Und ich hatte da gedacht, ich müsse mich irgendwie in Sicherheit bringen, und hab eine Kanzel am Waldrand gesehen. Eine Schlafkanzel, weißt du, so ein geschlossener Hochsitz, wo auch eine Matratze reinpasst. Der Schweiß lief mir runter, und dann bin ich auf die Kanzel rauf, die Stufen schon morsch und die Tür nicht abgeschlossen, und ich hab sie aufgemacht und …« Cons stockt. »Hast du mal … Kannst du dich an den Film erinnern, Zweimal gestern hieß der …« Cons wartet auf eine Reaktion Roberts, aber der schüttelt nur leicht den Kopf. »Wo der Mann auf der Kanzel … wo der sich zu Tode hungert?« »Nee, nie gesehen. Wieso jetzt?«, fragt Robert. »Du hast das auch damals nicht mitbekommen … das stand in allen Zeitungen … ’99 war das … Zeitsoldat war der …?« »’99 – nee, weiß ich wirklich nicht mehr.« Cons atmet hörbar. Wie konnte man das nicht mitbekommen haben? »Ja, ich dachte, das wäre der, auch wenn er es ja nicht sein konnte«, sagt er nach einer ziemlichen Pause. »Wer jetzt?« »Der Mann, der da verhungert ist.« »Da ist einer verhungert? Wieso ist der verhungert?« »Der ist da hochgegangen, um zu verhungern.« Hatte Robert ihm gar nicht zugehört? »Und er hat ein Tagebuch geschrieben darüber.« »Darüber, wie er verhungert? Krass! – Und du hast den da getroffen?« »Nein!« Cons will mit einem Mal nichts mehr erzählen, er hat noch nie mit jemandem darüber gesprochen, warum dann ausgerechnet dieser wildfremde Robert? Warum bei dieser saudummen Militärfolklore. In dieser Scheißnässe. »Wie spät ist es eigentlich?«, fragt er Robert. »Keine Ahnung, vielleicht gegen neun. Aber was war denn da auf der Kanzel?« Cons zieht seine Zigarettenschachtel vor und schüttelt zwei Zigaretten heraus. »Ich brauch noch Zigaretten. Wer weiß, wie lange hier die Tanken aufhaben.« »Ich hab noch welche«, bietet Robert ihm an. »Nee, lass mal, und morgen ist Sonntag. Ich hol mir noch ne Packung.« »Wo willst du die denn jetzt herholen, du kennst dich doch hier gar nicht aus?« Schon im Weggehen sagt Cons: »Da find ich schon was, kann ein bisschen dauern. Bis gleich.« XXI Cons ist erleichtert, als er im Auto sitzt. Ihm ist, als wäre er knapp einer Gefahr entronnen. Er wirft noch einen Blick auf die Gurkentruppe vorm Bunkereingang und tritt aufs Gas. Der Waldweg war ihm bei der Herfahrt viel länger vorgekommen. Als er auf eine geteerte Straße einbiegt, liegen die Gestalten dieses Tages schon weit hinter ihm. Fernes Wetterleuchten. Der Regen ist stärker geworden. Zusammen mit dem hektischen Geräusch der Scheibenwischer und der unbekannten Landschaft erzeugt er ein angenehmes Gefühl von Isolation, eine Kapsel, in der Cons sicher ist vor menschlichem Zugriff. Es dämmert. Rechts und links Wald, kein Dorf, kein Haus. Er muss nicht überlegen, wohin er fahren soll, einfach Richtung Nordost, und Stunden liegen vor ihm, in denen er sich entscheiden kann, was er jetzt machen will. Es kommt ihm vor, als wäre er heimatlos, er kann sich nicht vorstellen, wieder die Tür des Containers aufzuschließen, anzukommen – er kann sich nicht vorstellen, irgendwo anzukommen. Das Zuziehen seiner Tür gestern, als er in Eile vom Container aufbrach, kommt ihm jetzt endgültig vor. Nicht denken, fahren. Gänzliche Dunkelheit, nur seine Scheinwerfer erhellen ein paar Bäume am Straßenrand. Ein erster Blitz. Der Regen ist so dicht, dass Cons kaum noch etwas sieht. Kein Fahrzeug kommt ihm entgegen. Er hätte nichts dagegen, wenn die Welt jetzt untergehen würde. Ein lauter Donner. Er und die Gewitterfront bewegen sich aufeinander zu, Euphorie breitet sich in ihm aus. Da klingelt es. Er versteht das Geräusch erst nicht. Es kommt aus seiner Jackentasche auf dem Rücksitz. Er langt nach hinten, und schließlich hat er das Handy herausgekramt. Ellen. Die Stimme von Ellen, unwirklich in dieser Welt, in der niemand mehr lebt außer ihm. Ein Blitz. Ihre ersten Worte bekommt er nicht mit. Vielleicht sollte er wieder auflegen, vielleicht ein Traum, ein Spuk. Donner. Jetzt dringt etwas von einem Brief zu ihm, den sie in der Unordnung auf Hennings Schreibtisch gefunden hat. Sie hat ihn geöffnet. Sie dachte, ein Abschiedsbrief, aber er ist für Cons. Wieder ein Blitz. Helles Schweigen. Donner. »Was ist das für ein Geräusch, Cons? Wo bist du?« Cons antwortet nicht, die Scheibenwischer quietschen. »Hör mir zu, ich les ihn dir vor. – Cons?« »Ja.« »Ich les den Brief jetzt vor.« »Ja.« Er hört nichts. »Ellen?« »Ja, gleich, ich … ich … also, ich les jetzt vor …« Sie macht erneut eine Pause, und er ist sich nicht sicher, ob die Verbindung abgebrochen ist. Doch dann hört er sie wieder: »›Wenn alles glattgeht, gibt es mich morgen nicht mehr.‹« Schluchzen, Regen. »Entschuldige«, sagt Ellen, »jetzt les ich weiter: ›Meine Zeit ist um, deine noch nicht. Damals als du aus dem Fenster springen wolltest, habe ich dich festgehalten, jetzt stoß ich dich. Cons, du musst springen. Du musst zurück in den Wald gehen, aus dem du nie wieder rausgekommen bist. Ich habe dir das schon lange sagen wollen, aber du hättest nicht auf mich gehört. Jetzt kannst du nicht mehr widersprechen, denn das ist mein letzter Brief an dich. Du wirst folgen müssen, das hast du ja gelernt. Ciao für immer, Cons, du musst ohne mich weiter, und ich muss es auch. Ewig dein Henning‹.« Die letzten Worte bringt Ellen nur noch mit tränenerstickter Stimme hervor. Sekundenlang ihr Weinen, die Scheibenwischer, dazwischen der Donner. Cons fährt an den Straßenrand, er zittert und weiß nicht mehr, welches das Bremspedal ist. Endlich steht das Auto, er schaltet das Handy aus. Der Regen rauscht auf das Dach und läuft in Strömen die Scheibe hinab. Als er die Tür öffnet, kracht ein Donner so laut, als ob er neben ihm eingeschlagen hätte. Das Gewitter ist jetzt direkt über ihm. Er läuft in den Wald hinein, er weint. Er schreit gegen den Regen an, stolpert, stößt an Äste, Bäume, er sieht fast nichts. Die Blitze folgen schneller aufeinander und erhellen den Wald. Er kämpft sich weiter, von seinen Haaren läuft ihm das Wasser in die Stirn und vermischt sich mit seinen Tränen. Das Hemd klebt ihm auf der Haut, immer wieder bleibt er an einem Ast hängen, bis er das Hemd ganz aufreißt. Im Licht eines Blitzes sieht er vor sich eine Lichtung. Er läuft auf sie zu, stolpert über einen Baumstumpf und fällt zu Boden. Liegen bleiben, denkt er kurz, aber er will noch bis zur Mitte der Lichtung. Als er sich aufrichten will, sieht er im Schein eines starken Blitzes ein paar Meter hinter sich am Waldrand einen Hirsch. Hell und reglos steht er da und sieht Cons an. Sein vom Bast überzogenes Geweih schimmert weich und verletzlich. Sein Blick ist Hennings Blick. Du lebst, Cons! Spring! Dunkelheit. Vollkommene Dunkelheit. Cons verharrt reglos. Das Bild brennt noch nach. Der Blick aus den hellen Augen, streng und gnädig. Ein paar Meter nur entfernt. Er könnte hinübergehen. Aber er bleibt liegen, kann sich nicht rühren. Starrt in die Dunkelheit. Eine Ewigkeit, scheint ihm. Langsam richtet er sich wieder auf, um die Lichtung zu überblicken, aber als es wieder blitzt, ist kein Hirsch mehr zu sehen. Cons lässt sich wieder auf den Waldboden fallen, der weich unter ihm nachgibt. Er riecht den kräftigen Duft des nassen Bodens. Liegen bleiben, endlich. Ende der Jagd. Die Kuhle, in der er liegt, hat die Form seines Körpers. Er lässt den Regen seine Kleider durchnässen, er ist müde, sterbensmüde, und denkt, denkt es noch oder träumt es schon, wie Triebe aus ihm hervorwachsen, Ranken, Gestrüpp. XXII Eine Hornisse schreibt mit ihrem Flug eine Schlaufe um meine Hüfte und zieht sie fest. Dass ich einen Leib bekäme wie sie, ein solches Wesen und Facettenaugen. Dass ich die Welt sähe als abermalige Wiederholung derselben Bilder, verstünde die Ornamente des Geschehenen. Eine Lichtung, wo ich umstellt bin von Bäumen, die alle mich ansehen als mein sicheres Ende, nein Anfang. Oder – habe ich Anfang gesagt? Auch ich bin von allen Seiten zugleich ein Gesicht, rundum schauend. Ist das noch das Unentschiedene, oder bin ich schon hinübergegangen, bin ich zurückgekehrt? Buchen bilden einen Kreis um mich, und die Jahreszeit ist Frühsommer. Ich zwinkere durch den Wald – ein eher nicht zu mir gehörender Versuch, jetzt noch rauszukommen. Ich bin zu einem Mann zusammengetrieben in der Mitte des Kreises, alle, die ich bin, sind zu einem versammelt, von Stämmen umstellt, gestellt und vielleicht schon gerichtet. Nur ein Weg ist offen: Aus mir heraussteigen in die Luft, mich zurücklassen dort auf der Lichtung, den Mann, den tapferen Mann. Aus dem steigt etwas heraus, das ist nicht tapfer, nicht feig, nicht einmal schön. Man kann es den Rest nennen oder das Gegenteil des Rests, das Eine, das Gewandelte, vielleicht auch ein Anderes, das ganz Andere. Lässt den Mann auf der Lichtung zurück. XXIII »Anne! Kannst du mit den Jungen zur alten Klinik kommen? Ich warte dort auf dich, wir fahren ans Meer.« Er legt auf. Es klingelt, aber er geht nicht ran. Nein, keine Nachfragen, sie soll einfach ein paar Sachen zusammenpacken. Es gibt da nichts zu fragen. Die alte Klinik hat er gesagt, er ist sich gar nicht sicher, ob Anne die kennt, und der nächstgelegene Treffpunkt ist es auch nicht. Aber dort hat einmal sein Leben angefangen. Dort in den langen weißen Fluchten mit dem Rhythmus der Lichtstreifen, die durch die Türen fallen. Er war wieder zum Ausgang gelaufen, wo er doch hatte springen wollen. Sechzehn Jahre war das her. Eine sechzehnjährige Ruine muss man auch erst mal werden. In einer Stunde wird er dort sein. Der Morgen ist frisch und klar, die Autobahn fast leer. Er wird nach Weißenhaus fahren mit Anne und den Jungen. Erst mal nur nach Weißenhaus, dann wird er weitersehen. Von dort sind es nur ein paar Kilometer bis zum Truppenübungsplatz. Und er wird am Meer sein, wie an den besten der Seedorfer Sonntage. Als er auf den Parkplatz einbiegt, sieht er schon ihr Auto. »Das ging aber schnell«, ruft er ihr beim Aussteigen über das Autodach zu. Sie lächelt ihn an. »Ich hatte schon gepackt, als du anriefst.« Er fragt nicht, woher sie wusste … es war nicht wichtig, nicht nach dieser Nacht. Nur kurz streift ihn der Gedanke, welches Mysterium die Ehe ist, ein größeres als die Liebe. Anne trägt ein Kleid, das er nicht kennt. Er schaut ihr zu, wie sie einen Koffer in den Kofferraum hebt, ihre Armmuskeln, ihre Wirbelsäule, die sich durch den dünnen Stoff abzeichnet. Der Große hilft. Schweigsam. Nein, leicht wird es nicht, aber er kann nicht in den Container zurück, in das provisorische Leben, das sich wie ein Gurt um ihn gezogen hat. Der Kleine strahlt und versucht, seine Aufregung zu beherrschen. Sie haben sogar an die Hängematte gedacht. Sie fahren los. Anne verteilt Brote mit Spiegelei. Cons dreht die Musik laut, selbst der Große scheint sich innerlich lang zu machen. Cons beobachtet ihn im Rückspiegel, wie er kauend mit seiner verspiegelten Sonnenbrille aus dem Fenster schaut und wegen seiner Ohrstöpsel vermutlich gar nichts mitbekommt. Der Kleine redet und redet, aber keiner hört ihm zu und es macht ihm nichts aus. Anne holt einen Taschenspiegel raus und zieht ihre Lippen nach. Er hat sie lange nicht so gesehen. Sie legt ihre Hand auf seinen rechten Oberschenkel. Er mag das nicht, weil es ihn beim Schalten stört, aber heute ist es schön. »Wo fahren wir eigentlich hin?«, fragt Anne durch den Lärm der Musik und des Fahrtwinds. »Nach Weißenhaus«, schreit Cons zurück. »Das ist direkt am Meer, und da gibt es auch genug freie Quartiere.« Anne ist zufrieden, und er genießt ihre stumme Anlehnung. Es ist acht Uhr dreißig, in fünf Stunden können sie in Weißenhaus sein. Mein Gott, war es vielleicht all die Jahre so leicht gewesen, dieses ganze verdrehte Leben hinter sich zu lassen? Einfach ans Meer fahren, mit der Familie ans Meer fahren, den Container hinter sich lassen. So einfach, wie nicht zu springen, wenn einer kommt und einen anschreit: Du Arsch. So einfach, wie weiterzuleben, wenn ein anderer den Kampf verloren hat und tot ist. Darum ging es doch im Soldatenspiel, für das er fast sein halbes Leben lang trainiert hatte: Wer lebt, hat gewonnen, so lange, bis er tot ist. Er drückt den Zigarettenanzünder und kramt im Seitenfach nach einer Schachtel, doch gleich fällt es ihm ein: die Kinder. Der Kleine ist eingeschlafen. Der Große scheint mit seiner Sonnenbrille noch immer aus dem Fenster zu sehen, oder er ist auch eingeschlafen. Cons dreht die Musik leiser. »Er wollte erst nicht mitkommen«, Anne sagt es leise mit einem Blick auf Chris, »aber ich habe ihm gesagt, dass es vielleicht der letzte Urlaub sein könnte, den wir alle zusammen machen.« Cons nickt, obwohl er sich fragt, wie sie das meint. Wieso der letzte? Chris war zwölf. Oder dreizehn. Ganz kurz ist Cons darüber unsicher, versucht sich an den letzten Geburtstag zu erinnern, den vorletzten. Er hatte mal gegrillt für Chris und seine Freunde, aber das war schon lange her. »Geht er denn gerade gern in die Schule?«, fragt er, um das Gespräch nicht gleich wieder verebben zu lassen. Er hat lange nicht mit Anne über die Kinder gesprochen. So wie früher, als das ihr gemeinsamer Auftrag war, wie sie manchmal gesagt hatte, um ihn wegen seines Redens von der Auftragstaktik aufzuziehen. In den ersten Jahren bei der Armee hatte er sogar überlegt, ob ihm das nicht Auftrag genug sein sollte, ob er nicht die paar Jahre noch runterreißen sollte und dann etwas Ziviles machen. »Ich weiß es nicht, ich weiß nichts mehr über ihn«, Anne nimmt ihre Hand von seinem Bein. »Ich denke manchmal, es bedrückt ihn etwas, aber kann sein, er ist in der Schule ganz anders. Ich glaube, die Jahre, in denen wir ihn gekannt haben, sind vorbei. Er lebt zwar noch bei uns, aber eigentlich ist er schon weg. So schnell ging das, und wir haben unser Leben zu viert noch gar nicht angefangen.« »Aber er ist doch erst zwölf.« Da Anne nicht protestiert, wird es wohl stimmen. »Er wünscht sich ein eigenes Zimmer«, sagt sie. »Ja, wir sollten dort wegziehen, das Haus wird nie fertig.« Sie sieht ihn überrascht an: »Und die Schulden?« »Es gibt keine Schulden, Anne, keine wirklichen Schulden, es ist nur Geld. Wir müssen nur aufbrechen.« Sie sagt nichts. Sie fragt nicht, wohin, dabei wüsste er es: sich irgendwo, nicht in Deutschland, aber in Kroatien vielleicht, ein Stück Land kaufen, es beackern. Anne könnte die Kinder unterrichten, sie würden praktische Dinge lernen. Wenn Henning überlebt hätte, er hätte etwas gemacht, das keiner von ihm erwartet hätte. Er hatte immer etwas gemacht, das keiner erwartet hatte. Sich in die Arbeit gestürzt wie in eine Liebe, eine krakenhafte Liebe. Hatte seine Wohnung aufgegeben und war ganz in die Werkstatt gezogen, eine Pritsche an der Wand, überall der weiße Staub. Äxte aus Ton hatte er gebaut wie für eine ganze Armee. Dann war er von einem auf den anderen Tag weg gewesen, ein Schild an seiner Werkstatttür: Bin in Bratislava. Warum eigentlich Bratislava? Einen Winter war er dort, und Cons hatte ihn nie gefragt, was er da gemacht hatte. Henning konnte viele Leben in einem leben, und wenn er ein zweites gehabt hätte … vielleicht wären sie zusammen nach Kroatien gegangen. Mit Henning hatte er sich vorstellen können, zu leben. Eigentlich besser als mit Anne und den Kindern. Jede Familie stutzt ihre Mitglieder auf kleine Haken zurecht, die wie Kettenglieder aneinander hängen und einander mitreißen, gekrümmt und richtungslos, aber untrennbar. Er versteht Chris, denkt er und betrachtet seinen Sohn im Rückspiegel. Mit seinem offenem Mund sieht es aus, als würde er staunend hinter den verspiegelten Gläsern in die vorbeiziehenden Wolken schauen. Er lässt sich, denkt Cons, von Anne durch den Tag schleifen, unwillig hinterherstolpernd, er wartet, lauert darauf, die Bindung zu knacken und zu fallen. Zu fallen oder zu springen. Der Hirsch. Es war, als würde der seine Gedanken, seitdem er heute Morgen, als es dämmerte, im nassen Gras aufgewacht war, frierend, klamm, befremdet, immer wieder auf sich ziehen, egal, wohin sie fliehen wollten. Im Kreis der Familie hatte er gemeint ihn zu vergessen, umstellt von Frau und Kindern wollte er sich schützen vor dem insistierenden Blick, den er auf sich ruhen fühlte, dem Blick Hennings oder des Hirschs. Wie kann ein Hirsch wie Henning blicken? Wenn er nicht so genau gewusst hätte, in diesem Moment, dass Henning ihn ansah, mit den Augen dieser ERSCHEINUNG ansah, er würde es nicht glauben. Erscheinung, er hält sich an dem Wort fest. Ja, eine Erscheinung war es, und jetzt, da er auf der schnurgeraden Autobahn zwischen Baruth und Zossen ein Wort gefunden hat, das den Hirsch, den Augenblick, den Blick beschreibt, kann er es greifen, kann es in sein Leben einfügen. Er merkt, wie er wieder Boden unter den Füßen bekommt, nachdem dieser Tag bis jetzt seltsam widerstandslos durch ihn hindurchgegangen ist. Er betrachtet seine Hände am Lenkrad, sieht die Adern sich abzeichnen, die rauen Stellen an den Fingerknöcheln. Ja, es gibt diese Hand, es gibt diese Nacht, es gibt ihn. Es gibt ihn inmitten seiner schlafenden Familie, wie er lächelnd feststellt, als er jetzt zu Anne sieht. Sie hat den Kopf an den Gurt gelehnt, der unter dem Gewicht leicht mitschwingt. Wie man so schlafen kann, ist ihm rätselhaft. Aber sie hatte immer den Schlaf eines Vogels. Er ist wach, sehr wach, obwohl er nicht lange geschlafen haben konnte heute Nacht. Ein guter Moment, die Sonne scheint, es geht vorwärts, er ist allein. Allein und mächtig: Er erschafft den Schlaf seiner Familie. Er ist ein Gott, ein Heiliger. XXIV Der Kleine muss mal, es wäre nur noch eine halbe Stunde, aber die hält er nicht aus. Also machen sie Pause kurz vorm Ziel. Anne geht mit dem Kleinen, der seltsam schamhaft nicht einfach neben dem Auto die Sache erledigen möchte, in den Wald. Der Große steigt auch aus und geht zum Pinkeln hinter das Auto. Cons, mehr aus Langeweile, stellt sich vor das Auto und tut es ihm gleich. Die flachen Bässe aus dem Kopfhörer seines Sohnes vermischen sich mit dem Geräusch des einträchtigen Plätscherns. Ob es seinem Sohn unangenehm ist, neben ihm zu pinkeln? Aber nun kann er es auch nicht mehr ändern. Früher hatten sie manchmal einen Wettbewerb daraus gemacht; wer es am weitesten schaffte oder am längsten. Cons schaut zu, wie das Wasser von den grünen Blättern rinnt und im weichen Waldboden schnell versickert. Der Boden ist ganz trocken, fällt ihm auf. Er fragt Chris, ob es letzte Nacht geregnet hat, aber der hört ihn nicht. Das fast synchrone Geräusch der Reißverschlüsse. Aber auch das hört Chris nicht, vielleicht hatte er gar nicht mitbekommen, dass Cons auf der anderen Seite des Autos gestanden hatte. Sein überraschter Blick, als er sich jetzt zurück zum Auto dreht, scheint das zu bestätigen. »Hat es gestern Nacht geregnet?«, fragt ihn Cons, schon um von der Situation abzulenken. Sein Sohn zieht einen Stöpsel aus dem Ohr, und Cons stellt seine Frage zum dritten Mal. »Nee, glaub ich nicht«, sagt Chris und steckt den Stöpsel wieder ins Ohr hinein. Cons überlegt, ob er Robert anrufen sollte, denn mit einem Mal zweifelt er. Am Regen, an seiner Fahrt mit Robert, an dem, was er in der Nacht gesehen hat. Anne kommt aus dem Wald zurück, sie singt. Einen Schlager, wie es sich anhört. Es hat ihn an Anne immer befremdet, dass sie so albern sein konnte. Aber Robert kann er nun wirklich nicht anrufen, den hat er ohne Auto stehenlassen. Jetzt würden sie wohl zum Abschlussappell antreten. Wie schön mussten sanfte Erinnerungen sein. Ihm wurde auf einmal bang. Alle sitzen im Auto, warten, dass er sie fahren würde, dass er sie leiten würde. Er hat eigentlich überhaupt keine Ahnung, ob es in Weißenhof Quartiere gibt, er hat keine Ahnung, wie er auch nur drei Tage mit seiner Familie in einer Wohnung aushalten soll. Und wie soll er sie finden, die Stelle. Die Stelle im Wald, wegen der er diese Reise macht. Ihm ist, als könnte er nicht einmal den Arm heben. Anne kurbelt vom Beifahrersitz aus das Fenster runter: »Was ist?« Er kann nicht antworten. »Komm«, sagt sie, »ich löse dich mal ab«, und kriecht auf die Fahrerseite. Sie fragt nicht weiter, und er ist ihr dankbar. Als alles ausgepackt und in den Schränken verstaut ist – was für ein Aufwand, nur um Urlaub zu machen –, stehen sie unschlüssig neben der Küchenzeile. Anne hatte etwas Nettes gefunden, wie sie meinte. Sie hatte bei verschiedenen Häusern geklingelt, verhandelt, war weitergefahren. Er hatte sich geschämt, dazusitzen wie ein Invalide. Die Wohnung hier war nun nicht besonders schön, aber dafür billig. Ein Zimmer für die Jungen, Anne und er auf der Ausziehcouch im Wohnzimmer. Wie geht wohnen? Wann fängt wohnen an, jetzt, wo es nichts zu tun gibt in einer Wohnung? Ist wohnen schon die Arme herabhängen lassen, dastehen, verlegen sein? »Ich koch uns was«, sagt Anne. »Wie du willst«, sagt Cons, nicht ganz passend, aber etwas muss er ja sagen. Er schaltet den Fernseher an und sieht aus der Glastür daneben an den Lamellenzaun des Nachbargrundstücks, hinter dem sich vermutlich Mülltonnen befinden. Wenn er schon nicht weiß, wie wohnen geht, wie soll er dann Urlaub machen? Was könnte man machen, dass die Zeit vergeht? Er würde jetzt gerne rauchen, diese schrecklich ordentliche Ferienwohnung verqualmen. »Was sollen wir denn heute noch machen?«, fragt Anne vom Herd herüber. »Schlafen«, antwortet Cons. Könnte man diesen Tag nicht einfach beenden, indem man noch ein bisschen in den Fernseher starrt und dann alle ins Bett gehen? Dann wäre er allein, da wäre es sicher um vieles einfacher. »Aber wir haben doch noch nicht mal das Meer gesehen«, beharrt Anne. Eine Frau mit einem Handtuch auf dem Kopf hebt tatsächlich einen Mülleimer hinter dem Zaun hoch und schüttet ihn aus. »Ich glaube, der Müllplatz ist gleich neben uns, am Ende auch die Glascontainer«, sagt Cons. »Was?«, fragt Anne und dreht sich zu ihm um. »Na, dann gehen wir nach dem Essen gleich noch ans Meer.« Er braucht sowieso Zigaretten. Anne rührt weiter in ihren Töpfen. »Ich hab vorhin im Vorbeigehen ein Plakat gesehen, dass man hier abends mit dem Schiff eine Fehmarn-Rundfahrt machen kann.« »Ja«, sagt Cons, »das können wir auch machen.« Ihm ist, als ob er tot umfallen müsse. Als ob er sein Leben keinen Schritt weiter mehr tragen könne. »Wenn ich es mir richtig gemerkt habe, fährt das Schiff um sechs ab Heiligenhafen. Das schaffen wir.« Anne sieht ihn an, als erwarte sie eine Bestätigung. Er weiß nicht, ob er das schafft. »Sicher«, sagt er, »ich geh mal das Auto aufräumen.« »Aber wir können jetzt essen.« Anne sieht ihn enttäuscht an. XXV Es handelt sich immerhin um ein Segelschiff, stellt Cons zu seiner Erleichterung fest, als sie im Hafen ankommen. Wenigstens kein Dampfer oder so was, wenigstens mit ein bisschen Handarbeit. Alte Liebe steht auf dem Rumpf. Er wird es schon überstehen. Der Kleine tanzt vor Begeisterung im Kreis, als er das Schiff sieht. Wie Anne den Großen überredet hat, mitzukommen, ist für Cons ein Wunder. Außer ihnen steht noch eine Gruppe von sechs Leuten an der Anlegestelle, sichtlich in fortgeschrittener Stimmung. Anne schaut verstohlen zu ihnen hin, sie liebt Feste, Feiern, Tanzen. Alles nicht seine Sache, aber er hat sie auch nie daran gehindert. Ob sie zu Hause manchmal wegging? Die Kinder waren groß genug, und er würde das vermutlich gar nicht mitbekommen. Ein Mann kommt auf sie zu und stellt sich ihnen als der Kapitän vor. Nicht schlecht aussehend, findet Cons, Typ »Junger Seebär«, eine tiefe, angenehme Stimme. Die Maritimen haben ihn immer irritiert, mit denen fand sich kaum eine gemeinsame Sprache, denn eigentlich waren die nur ins Wasser und in ihre Schiffe vernarrt – eine Wissenschaft, von der er wenig verstand. Der Kleine bestürmt den Kapitän gleich mit Fragen nach den Segeln, dem Steuerrad. Der Große hatte von selbst die Stöpsel aus den Ohren genommen, bevor der Kapitän ihm die Hand gab. Natürliche Autorität offenbar. Sie gehen an Bord, die erheiterte Gruppe folgt ihnen, einer stolpert, Gelächter. Das kann ja lustig werden, denkt Cons. Und auf so einem Schiff gibt es denkbar wenig Gelegenheit, einander aus dem Weg zu gehen. Er würde sich an den Kapitän halten, um dem allen zu entgehen. Aber nun stehen sie erst mal auf Deck herum wie Stockfische. Anne will mit dem Kleinen das Schiff erkunden, sagt sie und nimmt dabei Cons’ Arm von ihrer Schulter. Er hatte ihn offenbar um sie gelegt, stellt er erstaunt fest, das macht er sonst nie. Der Große ist auch irgendwohin verschwunden, und Cons beschließt, zum Heck zu gehen, um zu rauchen. Der Rest hat sich auf der Bugseite oder unter Deck verteilt, nur der Kapitän steht am Ruder. Cons stellt sich mit dem Rücken zu ihm direkt an die Reling und klopft eine Zigarette aus der Schachtel. Gut, dass es Abend war, dann mussten sie wenigstens nicht noch die Mittagshitze auf dem Meer ertragen. Kaum hat er einen Zug getan, hört er es hinter sich sagen: »Wer an Bord raucht, den holt der Klabautermann.« Er wendet sich zum Kapitän, so eine Grütze konnte nur ein Maritimer von sich geben. Er hat keine Lust, über so etwas zu lachen. Aber wie Cons jetzt merkt, lacht der Kapitän auch nicht, sondern steht ungerührt am Steuer. »Mach die Kippe aus, Mann«, brummt er. »Warum?« Cons ärgert sich über den rüden Ton, sollte der Typ nicht freundlich sein zu seinen Gästen? »Weil ich es sage«, gibt der Kapitän durchaus nicht unfreundlich, aber knapp zurück. »Aha.« Cons tritt die Zigarette auf den Planken aus. »Aufheben«, fordert der Kapitän, nun eindeutig unfreundlich. Cons zögert kurz, dann bückt er sich, hebt die Zigarette auf und geht. Will dieser verdammte Tag überhaupt kein Ende nehmen? Als er übers Deck geht, langsam, um nicht zu schnell die dreißig, vierzig Schritt bis zum Bug hinter sich zu haben, sieht er seinen Kleinen hinter der Kajüte kauern und am Mastbaum hochschauen. »Na, was gibts zu sehen?« Der Kleine zuckt zusammen. »Kuck mal, Papa, wie sich das Segel dreht.« »Hm«, sagt Cons, und nach einer Weile des gemeinsamen Hinaufstarrens, »wo ist denn Anne?« »Die ist bei den Leuten da hinten. Einer von denen ist auch Skipper, hat er mir erzählt.« »Aha.« »Der mit dem Pferdeschwanz, kuck.« »Ah.« Cons schaut sich das Grüppchen an, zu dem sich Anne gesellt hat. Gelächter weht herüber. Der mit dem Pferdeschwanz unterhält offenbar die ganze Gruppe, und Anne scheint sich auch nicht schlecht zu amüsieren. Na dann. Er hat keine Lust mehr, zu Anne zu gehen und, er wäre weiß Gott fehl am Platz in der heiteren Runde. »Und wo ist Chris?«, fragt er weiter. »Der hilft dem Smutje.« »Der steht in der Küche und kocht?«, fragt Cons ungläubig nach. »In der Kombüse«, berichtigt ihn sein Sohn. Mein Gott, hatte denn seine ganze Familie den Verstand verloren auf dieser Dschunke? »Der ist cool, der Smutje«, setzt der Kleine hinzu, »der kann 2 Minuten und 30 Sekunden die Luft anhalten. Ich schaff nur 40 Sekunden, soll ichs dir mal zeigen?« »Später. Ich will mal nach Chris sehen.« Er braucht eine kurze Weile, bis seine Augen sich an das Dunkel der Kajüte gewöhnt haben. Tatsächlich findet er, als er den Essensraum durchquert hat, in dem ein großer Tisch mit einer Eckbank und ein paar Stühlen steht, Chris in der Küche mit dem Smutje, einem eher schmächtigen, jungen Mann, dem man seinen Beruf so gar nicht ansieht. »Na, fleißig?«, fragt Cons, an den Türrahmen gelehnt. »Das ist mein Vater«, stellt sein Sohn ihn dem Smutje vor, der ihm eine nur flüchtig an der Schürze abgewischte Hand reicht. »Und das ist wohl der Smutje«, stellt Cons fest, nachdem sein Sohn die Vorstellung hier für beendet erachtet. »Du kannst decken«, fordert ihn der Smutje umstandslos auf, »Geschirr ist unter der Eckbank.« »Natürlich.« Cons stellt also das Geschirr auf den Tisch, alles Geschirr, das da ist, und hört währenddessen die beiden in der Küche reden: »Und seit wann bist du dabei?«, setzt der Smutje ein offenbar unterbrochenes Gespräch fort. »Seit einem Dreivierteljahr.« »Da dürftest du bald einen Kickflip hinkriegen.« »Krieg ich, Ollie, Treflip und Kickflip.« »Was hastn für ’n Board?« »’n Darkstar.« »Nicht billig. Hat dein Dad gesponsert?« »Nee, hab ich selbst gekauft.« Davon weiß er gar nichts, denkt Cons. Wo sollte Chris denn da fahren? Hatte er einfach zu wenig gefragt, oder erzählte ihm Chris solche Dinge, die er dahergelaufenen Köchen erzählte, eben nicht? Aber ein Geheimnis schien es auch nicht zu sein, denn die beiden flüsterten nicht gerade. Cons kommt sich alt vor, schlagartig, ein alter Soldat. Gab es nicht diese Bilder von zerlumpten Gestalten? »Kannst Bescheid sagen, dass es Essen gibt«, ruft der Smutje aus der Küche. Das hatte noch gefehlt. »Chris, geh mal hoch«, ruft Cons in die Küche zurück. »Kann nicht.« Dann musste er wohl ran, zumindest zur Spaßgesellschaft, den Kapitän sollte der Kleine rufen. Er sieht Annes Kleid und ihre Haare im Wind wehen. Sie lacht, er hält kurz inne, so hat er sie lange nicht gesehen, jetzt legt der Pferdeschwanz offenbar in einem Scherz seinen Arm um ihre Taille. Cons stellt sich hinter die beiden, er überragt den Pferdeschwanz mindestens um einen halben Kopf. »Es gibt Essen«, sagt er. Anne fährt herum: »Hast du mich erschreckt!« »Sinnlos, zu flüstern bei eurer Lautstärke.« »Komm, stell dich mit her, die sind aus Dresden. Das hier ist Ralph«, stellt sie ihre neue Bekanntschaft vor. »Mit ph«, fügt sie mit einem Grinsen zum Pferdeschwanz hinzu, die Gruppe prustet. Die Typen mit der Spezialschreibung hatte er schon beim Bund gefressen. Cons ist als habe er Anne für immer verloren. Als kletterte er einen tiefen Brunnen hinauf und sie würfe zerstreut das Seilende herunter. »Es gibt Essen«, sagt er noch einmal und wendet sich zum Gehen. »Dein Göttergatte ist wohl eher einer von der ernsten Sorte, was, Anne?«, hört er noch. Was sie erwidert, hört er nicht mehr. Er hat keine Lust auf Essen, aber wo soll er hin? Er setzt sich schließlich auf ein Bänkchen an der Kajütenrückwand, in der Hoffnung, dass hier keiner auf dem Weg nach unten vorbeikommt. Von drinnen hört er sie klappern und lachen. Keiner ruft ihn, keiner sucht ihn, auch gut. Er geht zum Bug und blickt aufs Wasser. Das glitzernde, silberne Wasser. Kann es sein, dass ihn das Meer hierhergelockt hat, um ihn ins Verderben zu stürzen? Was für ein Wort – VERDERBEN, aber es ist ebenso da wie ERSCHEINUNG. Die Minuten klatschen eine nach der anderen gegen den Bug, größere, kleinere Minuten und verlaufen sich in der endlosen Zeit, um woanders neu geboren zu werden als neue anschwappende Minuten. Im Inneren der Kajüte geht es hoch her, eine Rundfahrt ist das schon lange nicht mehr. Der Kapitän ist seit Stunden verschwunden. Die Segel eingeholt, schaukeln sie ein bisschen auf den Wellen herum. Ihn beschleichen Gedanken, dass das alles kein Zufall ist, alles ist so absurd, seit sie dieses Schiff betreten haben. Entweder er träumt, oder das ist ein böser Scherz. Inzwischen ist es dunkel geworden, ihn fröstelt. Ob er hineingehen soll, vielleicht ist es ein ganz normales Gelage, vielleicht ist Anne wieder normal, und wo waren eigentlich die Jungen? Noch ein bisschen will er warten, dann würde er gehen. Er schaut in den Sternenhimmel. Früher, in Seedorf, wenn er nicht schlafen konnte, war er manchmal auf den Kasernenhof gegangen und hat ihn angesehen, eine hohe, lichte Kuppel. Etwas, wobei sich nichts, aber auch rein gar nichts denken ließ, es war einfach nur da, unendlich anwesender Raum. Die Tür geht auf, der Kapitän kommt heraus, geht zum Heck und schifft über die Reling. Dann rumort er herum, und schließlich hört Cons lautes Motorgeräusch. Dieselgeruch weht herüber. Vielleicht sollte er Anne retten, denkt er jetzt. Die Lichter von Heiligenhafen kommen schon in Sicht. Vielleicht ist es ein abgekartetes Spiel und auch die sogenannten Dresdner gehören dazu. Er öffnet die Tür zur Kajüte und klettert die Treppe in den Essensraum hinunter. »He«, ruft ihm eine der Frauen entgegen, »wir dachten schon, du wärst über Bord gegangen.« Anne sitzt in der Mitte der Eckbank, die Jungen sieht er nicht, wahrscheinlich sind sie in der Küche. »Komm, Anne, es ist spät, wir müssen jetzt gehen, die Kinder müssen ins Bett«, sagt er. »Ach, nein!«, sie verzieht ihr Gesicht ganz komisch, wahrscheinlich ist sie betrunken. »Anne«, wiederholt er recht laut, »komm jetzt, wir müssen gehen.« »Ihr müsst sowieso gehen«, schaltet sich wieder die Frau ein, »aber Anne lasst ihr da. Die bringen wir euch morgen früh in aller Frische … äh … Frühe.« Prusten. Cons reißt die Tür zur Küche auf, die Jungen sitzen tatsächlich auf dem Boden, der Kleine kauert in der Ecke. Der Große lehnt mit geschlossenen Augen an der Wand, die Stöpsel in den Ohren. Cons spürt einen heftigen Schmerz, er hat sie im Stich gelassen. Er muss sie hier rausholen. Er nimmt den Kleinen auf den Arm. »Chris, komm, wir sind da«, weckt er den Großen, indem er seine Wange streichelt. Er hat nicht geschlafen. Widerstandslos folgt er ihm. Als Cons die Treppe hochgeht, hört er hinter sich Stühle schieben. Gott sei Dank. Offenbar stört es die Gruppe, als alle aus der Kajüte herausgekrochen sind und fröstelnd an Deck stehen, nicht, dass das Segelschiff jetzt mit Motor fährt. Endlich sind sie da, Cons trägt den Kleinen über die Gangway an den Strand, Chris folgt ihm. Am Ufer angekommen, dreht er sich um. Anne steht noch immer inmitten der Gruppe an Bord. »Was ist?«, ruft er hinüber. »Wir haben doch auch noch gar nicht bezahlt«, wendet sie ein und verdreht dabei wieder die Augen. »Haben wir. Gleich am Anfang.« Cons will weg, einfach nur weg von diesem Ort, das Gewicht des Kleinen tut ihm gut, es ist real. »Aber das Essen und so«, Anne macht eine theatralische Geste. Er kann nicht mehr, er versteht Anne nicht. »Dann bezahl doch.« »Ich hab nicht mehr so viel dabei.« Er hatte auch nichts mehr dabei, da brauchte er nicht nachzusehen. Was für ein Theater! »Dann muss sie eben als Pfand dableiben«, ruft der Kapitän, der sich an den Leinen zu schaffen macht. Wieder klingt es wie ein Scherz. Tatsächlich aber kommt er herüber und baut die Gangway ab. »Moment«, sagt Cons und setzt seinen Fuß auf das Metall, ganz daraufzustellen wagt er sich wegen des Kleinen auf seinem Arm nicht. Der Kapitän zieht die Gangway unter seinem Fuß weg, und schneller als Cons reagieren kann, aufs Schiff hinüber. Jetzt setzt Cons doch den Kleinen auf den Boden. Der kippt zur Seite, und er muss ihn hinlegen. »Lass jetzt, Cons, ich kann doch nachkommen. Fahr du mit den Jungen schon los.« Es klang vernünftig. War er vielleicht verrückt? Der Kleine fing, halb aufgewacht, zu weinen an. XXVI Lass mich noch einmal erzählen. Jetzt ist alles ganz klar und voller Zusammenhänge. Wir fuhren nach Hause, ja, nachdem wir Anne auf dem Schiff zurückgelassen hatten, fuhren wir nach Hause. Ich schloss die Tür der Ferienwohnung auf und brachte die Jungen ins Bett. Ich legte mich auf das Sofa und schlief. Ich habe geschlafen. Als wäre diese Nacht eine der zahllosen ohne Anne. Am nächsten Morgen war Anne noch immer nicht da. Wir warteten bis Mittag, dann fuhren wir los, sie zu holen. Das Schiff war weg, als wir im Hafen ankamen. Ich stieg aus und las den Fahrplan. Es gab darauf keine »Alte Liebe«. Die Jungen fragten die Passanten danach, aber die Leute meinten, sie hätten nie von einem solchen Schiff gehört. Andere meinten, es habe das Schiff mal gegeben, aber seit dem Besitzerwechsel hätten sie es nicht mehr gesehen. Wieder andere glaubten, es liege jetzt vor Rostock. Wir fuhren nach Hause und warteten. Ich briet Spiegeleier und las dem Kleinen vor. Cinderella, weil es nichts anderes in der Wohnung gab. Er weinte, und ich tröstete ihn. Ich telefonierte mit dem Hafenamt, mit Annes Eltern, mit der Polizei. Ich sagte den Jungen, dass die Polizei sie ja finden würde. Ich wusste, dass ich Anne verloren hatte. Der Große hat nicht geweint, er hat Musik gehört. Die Cornflakes waren schon am Abend des ersten Tages alle. Ich konnte in der Wohnung nicht mehr schlafen und holte mir in der nächsten Nacht eine Decke aus dem Auto, ging bis zu den Dünen und legte mich dort ins Gras. Dahinter war das Meer, ich konnte es hören, das Meer, auf dem Anne noch immer lachte. Oder weinte sie? Auch am nächsten Tag fuhren wir zum Hafen und am übernächsten und am überübernächsten. Mein Geld wurde knapp. Ich lieh mir etwas von Chris. Wir verstanden uns gut, ja, doch. Die Zeit verging sehr langsam. Das Geld reichte nicht mehr für die Wohnung, wir hätten nach Hause fahren müssen, aber es reichte auch nicht für Benzin. Wir packten unsere Rucksäcke, ich nahm die Mauser und Munition mit und sagte den Jungen, dass wir eine Abenteuertour machen würden. Ich war froh, dass mir das Wort eingefallen war. Wir liefen eine Weile den geraden Weg nach Süden, der Kleine hatte mich an der Hand gefasst und wimmerte manchmal im Gehen. Trotzdem lief er die ganze Zeit, ohne sich zu wehren. Der Große ging mit seiner verspiegelten Sonnenbrille hinter uns, er sagte nichts. Die Mücken umschwirrten uns, einmal roch es nach Fuchs. Wir rasteten um die Mittagszeit und aßen ein paar grindige Himbeeren. Ich sah, dass der Kleine zerstochene Beine und Arme hatte, und auf seinen Wangen die Streifen der herabgelaufenen Tränen. Ich drückte mit dem Fingernagel ein Kreuz in die Stiche, damit das Jucken verginge. Die Jungen sagten, sie hätten keinen Hunger, und so aßen wir nichts weiter als die Beeren. Wir hielten uns jetzt östlich. In dieser Gegend begegneten wir nur noch wenigen Leuten. Am Abend suchte ich einen Schlafplatz für uns und baute den Jungen aus ein paar Seilen und einer Plane einen Unterstand, den ich mit Laub auspolsterte. Ich wollte sie mit der einzigen Decke, die wir mitgenommen hatten, zudecken, aber der Große legte sich etwas abseits ins Moos, er nahm auch zum Schlafen nicht die Sonnenbrille ab, und ich ließ ihn gewähren. Der Kleine schlief sofort ein, und ich ging mit meiner Mauser weiter, um etwas Essbares zu jagen. Es war schon recht dunkel, als ich einen mittelgroßen Hasen schoss. Ich hängte ihn gleich dort an einem Baum auf, zog ihm das Fell ab und nahm ihn aus. Die Eingeweide vergrub ich, aber den Balg stülpte ich wieder um, schabte die Fleischseite bis auf die Lederhaut ab und nahm ihn als Kissen für den Kleinen mit. Früher hatte er die abgeschnittenen Hasenpfoten, die mein Vater ihm geschenkt hatte, immer gemocht. Es war eine recht helle Nacht, und ich hörte den Großen ein klein wenig schnarchen, als ich zurückkam. Ich deckte ihn mit meiner Jacke zu, hob den Kopf des Kleinen an und schob das Hasenfell darunter. Es war noch weicher als seine blonden Haare und die zarte Haut seiner Wangen. Leise trug ich Äste zusammen und schichtete ein Feuer auf. Es musste etwa halb elf sein, denn es war seit einiger Zeit vollends dunkel im Wald. Am anderen Morgen zündete ich das Feuer an, noch bevor die Jungen erwachten. Ich spießte den Hasen auf einen Stock, und als der Kleine sich, den inzwischen hart werdenden Balg an die Brust gedrückt, fröstelnd an mich schmiegte, lag schon Bratengeruch in der nebligen Morgenluft. Ich fragte den Kleinen, ob er den Balg behalten wolle, und als er nickte, baute ich aus Stöcken einen Rahmen, um ihn daraufzuziehen. Ich rieb die Innenseite mit Salz ein, das ich aus der Ferienwohnung mitgenommen hatte. Der Große war währenddessen auch aufgestanden und schaute mit seiner Sonnenbrille ins Feuer. Wir teilten das Fleisch des Hasen auf und aßen es, dann packten wir unsere Sachen, banden auch den Balg auf meinen Rucksack und gingen weiter. Mir schien, dass der Kleine nun nicht mehr so oft an Anne dachte, er rannte jetzt auch manchmal vorweg, versuchte den wieder hinter uns laufenden Großen mit einem Stock zu provozieren und suchte Pilze. An einem kleinen Bach füllten wir unsere Flaschen auf, und nachdem der Kleine und ich uns entkleidet und gewaschen hatten, streckten wir uns in der Sonne aus. Das Bächlein plätscherte leise über die Kiesel, und eine Libelle setzte sich auf den Bauch des Kleinen. Ich fiel in einen leichten Schlummer: Anne, die Jungen und ich gingen an Bord eines Frachters. Die Jungen sollten als Hilfsmechaniker arbeiten, Anne sollte putzen. Sie suchten gemeinsam nach einem Lappen, offenbar hatte man auf dem Frachter noch nie einen gebraucht. So zog Anne schließlich ihr Kleid aus und wischte damit den Boden der Kammer, in der ich bleiben sollte. Die Kammer bekam nur durch ein Bullauge etwas Licht, das manchmal unter und manchmal über der Wasserlinie lag, es war stickig, und Anne arbeitete sich verbissen bis zur Tür vor. Dann stand sie auf, wrang ihr Kleid in den Eimer aus und warf es sich im Aufstehen über die nackte Schulter. In Unterwäsche salutierte sie und zog, ohne meine Reaktion abzuwarten, die Tür von draußen zu. Ich war gefangen, ich wusste es und brauchte nicht zu probieren, ob die Tür sich öffnen ließe. Ich legte mich auf die Pritsche und sah zu, wie die grauen Wellenberge der endlosen Wasserlandschaft vorm Bullauge sich auftürmten, das Wasser an die Scheibe klatschte und dann wieder der Horizont in Sicht kam. Dann kamen die Jungen herein und brachten einen Teller Linsensuppe und ein Glas Wasser. Sie könnten nicht bleiben, weil der Käptn immer auf die Uhr sähe und nicht wolle, dass sie mich besuchten. Sie sagten: »Sei froh, Cons, dass wir dir noch was bringen können, mach keinen Lärm, uns gehts gut.« – »Aber habt ihr gar keine Zeit für euch, müsst die ganze Zeit für ihn arbeiten, was gibt es denn so viel zu tun? Ich kann euch helfen, ich habe viel Zeit.« Als ich das sagte, wunderte ich mich, dass sich das so sagen ließ. Ich hatte nicht viel Zeit, nein, die Zeit brachte mich um. »Habt ihr Anne gesehen?«, fragte ich die Jungen, »muss sie viel arbeiten?« Sie sahen zu Boden, etwas stimmte nicht. Ich hätte die Knie der Jungen umfassen wollen, nur damit sie mir etwas sagen. »Wir müssen jetzt wirklich, Cons, wir kommen ein andermal wieder, mach dir keine Sorgen.« Sie schlossen die Tür hinter sich. Ich sah wieder durch das Bullauge aufs Meer. Inzwischen klatschte das Wasser stärker gegen das Glas, die Suppe auf meinen Knien schwappte nach beiden Seiten über den Tellerrand, bis der Teller fast leer war. Das Wasserglas fiel um, als ich danach greifen wollte. Die Tür öffnete sich, und Anne kam herein, um zu putzen. Sie trug keine Unterwäsche mehr, war ganz nackt, und sie begann an der Tür. Ich zog meine Beine auf die Pritsche hoch und schämte mich. Ich hätte mich gern ins Meer gestürzt, in das unordentliche Meer. Krampfhaft versuchte ich mich zu erinnern, wer ich war. War ich nicht ein Buchhalter gewesen, der redlich von seinem Beruf lebte? Aber andere Länder kamen vor. Vielleicht Pilot? Ich sah auf den Horizont über der Wasserlinie, aber fühlte keine Verbindung dazu. Etwas gab es, zu dem ich eine Verbindung hatte, aber ich wusste nicht mehr, was es war. Ich sah einen Tropfen Wasser die Scheibe hinabrinnen, ruckartig und im Zickzack von der Bahn eines früher hinabgelaufenen Tropfen zu einer anderen. Es gab eine Erklärung dafür, sicher gab es die. Anne stand auf, als sie an der Schiffswand angekommen war, und öffnete das Bullauge. Ich schrak hoch. Ich sah die Jungen mit den Füßen im Wasser am Ufer des Bachs sitzen. Sie aßen Brötchen mit Käse. Ich fragte sie, woher sie die hätten, aber sie antworteten nicht, sondern standen auf, zogen ihre Schuhe an, packten die Sachen und gingen los. Mir blieb nichts, als ihnen hinterherzulaufen. Sie liefen sehr zügig, als hätten sie ein Ziel, und zögerten auch an Kreuzungen nicht. Ich verstand das nicht, sie waren so einig und zielstrebig. Etwas war geschehen. Es wurde dämmrig, und sie liefen noch immer. Schließlich bauten sie sich im moosigen Boden einer Lichtung ein Lager und deckten sich mit der Decke zu. Ich sah die Bäume an und glaubte, dass sie sprechen müssten mit mir. Ich merkte es, der Wald bereitete sich darauf vor, mich einzuweihen in etwas, das ich nicht verstand. Ich nahm die Sonnenbrille des Großen und ging ins Dunkel des Waldes. Ein Grünspecht lachte. Ich kam an eine Tannendickung und kroch unter den dichten niedrigen Ästen hindurch. Ich fühlte, dass ich bald am Ziel meiner Reise sein würde. XXVII Dann kam der letzte Tag, den ich mit meinen Jungen verbrachte. Sie wurden wach, als ich in meinem Rucksack nach Patronen suchte. Sie wollten gleich aufbrechen, und ich folgte ihnen, obwohl ich großen Hunger hatte. Gegen Mittag kamen wir an eine Bundesstraße, an der entlang wir weiterliefen. Es war sehr heiß und windstill, der Asphalt flimmerte in der Ferne. Ich bat die Jungen anzuhalten, aber sie fielen trotz der Hitze in einen Laufschritt. Ich lief hinter ihnen her, obwohl ich mich zu schwach dazu fühlte. Plötzlich schrie der Große vor Schmerz auf. Er hatte sich den Fuß verstaucht. Ich wollte ihn bis zum nächsten Dorf tragen, aber er ließ es nicht zu. Der Kleine weinte, sein Kopf war rot und heiß. Alle Kraft hatte ihn mit einem Mal verlassen, und er lag im Staub des Straßenrandes wie eine angefahrene Katze. Ich sagte dem Großen, dass ich Hilfe holen ginge, und legte ihm mein mit Wasser getränktes Hemd in den Nacken. Aber er riss es herunter und warf dem Kleinen, den ich auf meine Schultern gehoben hatte, einen vernichtenden Blick zu. Ich versprach, mich zu beeilen, ließ ihm mein Wasser da und ging die Straße weiter. Es war ein unendlich langer Weg und ein paarmal dachte ich, ich müsste zusammenbrechen. Ich lauschte ängstlich, ob ich den Atem des Kleinen noch hören konnte und fühlte von Zeit zu Zeit seinen Puls. Endlich sah ich in der Ferne ein Haus, mit letzter Kraft langte ich dort an. Es war ein Gasthof, wie über der Tür geschrieben stand. Von drinnen schlug mir muffige, aber immerhin kühlere Luft entgegen, als ich die Tür öffnete. Der Gastraum war bis auf einen Tisch mit zwei Männern, die auf einen Fernseher starrten, leer. Ich legte den Jungen auf eine Eckbank und fühlte noch einmal seinen Puls, der nun sehr schwach war. Die Männer nahmen keine Notiz von uns. Im Fernseher lief eine Sendung über eine Katastrophe, zerstörte Häuser waren zu sehen und Autos, die auf den Dächern lagen, ein Sturm vielleicht. Ich bat den Wirt um Wasser und flößte es dem Kleinen ein, der sich allmählich etwas erholte. Ich fragte nach einem Auto und erzählte von dem Großen, der an der Straße auf mich wartete. Der Wirt meinte, er habe kein Auto, und auf meinen Blick hinüber zu den Männern: die hätten auch keins, die bräuchte ich nicht zu fragen. Ich könne seinen Handwagen nehmen, der im Schuppen stehe, anders könne er mir nicht helfen. Ich bat ihn, den Kleinen dalassen zu dürfen, was er mürrisch zuließ, stürzte ein Glas Wasser hinunter und machte mich mit dem Handwagen eilig auf den Weg zurück. Als ich die Stelle erreichte, an der ich den Großen zurückgelassen hatte, fand ich ihn nicht mehr. Mein Hemd lag noch immer da, aber er war weg. Nirgends war etwas zu sehen, kein Zeichen, alles leer und still. Ich hatte ihn verloren, ich hatte meinen Jungen verloren, die Verzweiflung packte mich, ich ließ den Wagen stehen und rannte, immer wieder strauchelnd, zum Gasthaus zurück. Ich stieß die Tür auf und wusste, ohne den Gastraum zu betreten, dass der Kleine weg war. Ich schrie den Wirt an, wo der Junge sei. Der antwortete, dass hier kein Junge gewesen sei. Er fragte die Männer vor dem Fernseher, ob sie einen Jungen gesehen hätten, und sie schüttelten den Kopf. Ich trat gegen den Tresen und warf einen Stuhl um, da kamen sie blitzschnell von hinten, wanden mir die Arme auf den Rücken, nahmen mir die Mauser weg und warfen mich auf die Straße, ich hörte das Geräusch eines Riegels und wusste, dass es sinnlos war, dagegenzuschlagen. Aber ich schlug und schrie und heulte, bis ich vor der Tür niedersank und liegen blieb. Henning hockte neben mir, er rüttelte an meiner Schulter und sagte: »Steh auf, du musst weiter.« Ich rappelte mich auf und überquerte die Straße, folgte einem Feldweg, dann einem anderen bis zu einem Maschendrahtzahn, an dem ich entlanglief. Ich erkannte die Gegend. Ich lief immer weiter, bis der Zaun endete, dann ging ich quer über die Wiesen zum Wald. Das Unterholz schlug an meine Brust. Etwas zog mich. Tiefer in den Wald hinein, durch eine Schonung, auf einen hohen Buchenwald zu. Die geraden, astlosen Stämme öffneten sich zu einer langen Flucht, an deren Ende es hell wurde: eine große Lichtung. Ich ging in das hohe Gras, Henning sagte, ich solle ihm folgen. Ich folgte, es war warm und die Bienen flogen. Ein Hase flüchtete, ich wollte mich hinlegen, aber Henning trieb mich immer weiter. Die Sonne blendete mich. Ich sah im Gegenlicht ein Tier auf mich zukommen. Ich blieb stehen und hielt die Hand über die Augen: eine Bracke. Sie schnupperte an mir, setzte sich dann erwartungsvoll vor mich hin und leckte mir die Hände ab, als würde sie mich kennen. »Na, du«, sagte ich, »hilfst du mir suchen?« Als hätte der Hund verstanden, stand er auf und lief zum Waldrand hinüber. Ich wollte ihm folgen, aber er war so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war. Ich suchte den Rand der Lichtung ab, lauschte, aber nirgends fand ich ein Zeichen. So ging ich zurück in die Mitte der Lichtung. Obwohl es Abend wurde, war es noch immer drückend heiß. Ich schloss die Augen, und eine Ewigkeit verging. Doch dann berührte etwas Feuchtes meine Hand – der Hund war wieder da. Ich kniete mich nieder, streichelte und zauste ihn. Ich war so froh. Nun war alles gut. Wie hatte ich es vergessen können: es war um ihn gegangen, um diesen Hund, der nun zu mir zurückgekehrt war. Die warme, knisternde Wiese, die Vogelstimmen und der Teppich der Grillen. Ich stieg auf in die Luft und hörte mich summen. Ich flog zurück zu meinem Stock, kilometerweit mit schweren Beinen. Ich summte. Die Autorin dankt der Stiftung Niedersachsen für die Unterstützung ihrer Arbeit und Berthold König für fachlichen Rat. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © Wallstein Verlag, Göttingen 2016 www.wallstein-verlag.de Vom Verlag gesetzt aus der Garamond Umschlagfoto © Christian Pelant Druck und Verarbeitung: Pustet, Regensburg ISBN (Print) 978-3-8353-1841-0 ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2955-3 ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2956-0