DARREN SHANs DÄMONICON – VIERTER ROMAN »Ich bin schon beinahe zur Tür hinaus, als ein Atemhauch meinen Nacken streift. ›Becccc...‹ Ich bleibe stehen, wirbele entsetzt herum, die Augen weit aufgerissen.« Wenn die Dunkelheit hereinbricht, geht eine Schrecken erregende Horde auf die Jagd – und ihre Beute sind Menschen! Nur Bec, ein Waisenkind mit besonderen Kräften, scheint das Grauen noch aufhalten zu können. Doch dafür muss sie den geheimnisvollen Tunnel finden, durch den die Dämonen Nacht für Nacht in die Welt der Menschen gelangen. Bei ihrer Suche bekommt Bec unerwartete Hilfe... Dämonicon Die neue Serie von Kultautor Darren Shan im Knaur Taschenbuch Verlag! Dämonicon 1: Fürst der Schatten Dämonicon 2: Höllenkind Dämonicon 3: Dämonenspiel Dämonicon 4: Blutige Nächte Dämonicon 5: Höhle des Todes Dämonicon 6: Ewige Verdammnis Weitere Bände sind in Vorbereitung! Über den Autor: Darren Shan ist das Pseudonym des Schriftstellers Darren O’Shaughnessy, der 1972 in London geboren wurde. 1978 zog seine Familie nach Limerick in Irland. Darren studierte Soziologie und Englisch und arbeitete danach einige Jahre für eine Fernsehfirma, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. »Der Mitternachtszirkus«, erster Band seiner zwölfbändigen Vampirserie, machte Darren Shan über Nacht berühmt und wurde in über zwanzig Sprachen übersetzt. Die Serie verkaufte sich weltweit bereits über zehn Millionen Mal. Wenn Darren Shan nicht an seiner neuen Serie arbeitet, dem »Dämonicon«, genießt er seine umfassende Filmsammlung, lange Spaziergänge, Fußball und Reisen. Weitere Informationen zum Autor finden Sie unter: www.darrenshan.de DARREN SHANs DÄMONICON Blutige Nächte Roman Aus dem Englischen von Sabine Reinhardus Knaur Taschenbuch Verlag Die englische Originalausgabe erschien 2007 unter dem Titel »Bec« bei HarperCollins Children’s Books, London Besuchen Sie uns im Internet: www.knaur.de Wenn Sie mehr unheimliche Geschichten voller Spannung und Abenteuer lesen wollen, schreiben Sie mit dem Stichwort »Dämonicon« an mystery@droemer-knaur.de Deutsche Erstausgabe Oktober 2007 Copyright © 2007 by Darren Shan Copyright © 2007 für die deutschsprachige Ausgabe by Knaur Taschenbuch. Ein Unternehmen der Droemerschen Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. GmbH & Co. KG, München. Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden. Redaktion: Angela Troni Umschlaggestaltung: ZERO Werbeagentur, München Umschlagabbildung: getty images / The Image Bank Satz: Adobe InDesign im Verlag, Vlad Druck und Bindung: Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN 978-3-426-63553-7 Für Bas, Priesterin von Shanville OBES (Orden der blutigen Eingeweide) gehen an: Emma »Morrigan« Bradshaw Geraldine »Sarsaparilla« Stroud Mary »Macha« Byrne An der Drechselbank Stella, »die Bardin« Paskins Begleiter der Mission Der Christopher-McLittle-Clan Der Anfang Schreie im Dunkeln. Mutter presst, und nach langem Kampf gleite ich aus ihrem Körper auf das blutüberströmte Gras. Beim ersten Atemzug schreie ich vor Kälte auf. Mutter lacht schwach, hebt mich auf, nimmt mich in die Arme und gibt mir zu trinken. Gierig presse ich die Lippen an ihre Brust, während meine winzigen Hände und Füße zittern. Der Regen prasselt auf uns nieder und spült das Blut von meiner verschrumpelten, warmen Haut. Als ich sauber bin, birgt Mutter mich in ihren Armen und schützt mich vor Wind und Regen. Trotz ihrer Müdigkeit darf sie sich nicht ausruhen, sie muss weiter. Sie küsst mich auf die Stirn, rappelt sich seufzend auf und taumelt durch den Regen. Obwohl sie häufig strauchelt und fällt, lässt sie mich nicht los. Banba wollte nie glauben, dass ich mich an meine Geburt erinnern kann. Sie sagte, das sei selbst für eine mächtige Priesterin oder Druidin unmöglich. Sie hielt alles für reine Einbildung. Doch es war keine Einbildung. Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis und weiß noch genau, wie ich mitten in der Wildnis roh und brutal in diese Welt geschleudert wurde. Wie ich mich an meine Mutter klammerte, während sie sich durch den Regen kämpfte, mir leise vorsang und mich dabei zu wärmen versuchte. Meine Gedanken wirbelten durcheinander, die Welt drang bruchstückhaft und verwirrend auf mich ein. Sogar als Neugeborenes spürte ich die Verzweiflung meiner Mutter. Ihre Angst steckte mich an. Obgleich ich zu klein war, um wahres Entsetzen zu empfinden, fühlte ich es in meinem Herzen und zitterte. Nach unzähligen qualvollen Stunden brach sie schließlich vor dem Tor einer Feste zusammen, die ein schützender Wall umschloss – jener Hügelfeste, in der ich nun lebe. Sie war zu schwach, um nach Hilfe zu rufen, lag auf dem regennassen Boden, stützte meinen Kopf und lächelte, während ich das Gesicht verzog und aufstieß. Nach einem letzten Kuss presste sie mich an ihre Brust, und ich saugte gierig, bis keine Milch mehr kam. Immer noch hungrig, begann ich zu schreien. Goll hörte mein Jammern in der feuchten Morgendämmerung und machte sich auf die Suche. Der alte Krieger fand mich, wie ich schwach in den Armen meiner kalten, steifen, leblosen Mutter zappelte. »Wenn du dich an so vieles erinnern kannst, musst du doch auch wissen, wie du heißt«, zog Banba mich häufig auf. »Sie hat ihrem kleinen Mädchen bestimmt einen Namen gegeben.« Falls Mutter mir einen Namen gab, hat sie ihn jedenfalls nicht laut ausgesprochen. Ihren Namen kenne ich ebenfalls nicht und habe keine Ahnung, warum sie so einsam und elend in der Fremde sterben musste. Obwohl ich mich an jede Kleinigkeit in meinem Leben erinnern kann, weiß ich nicht das Geringste vom Leben meiner Mutter. Ich weiß nicht, wo ich herkomme und wer ich wirklich bin. Diese Geheimnisse werde ich vermutlich nie lüften. Ich suche häufig Trost in meinen frühen Erinnerungen, um die Schrecken der Gegenwart zu vergessen. Ich denke dann an meinen ersten Tag zurück, als Goll mich in die Feste trug und witzelte, was er da für eine große Ratte gefunden habe; und an die anschließende Debatte, ob man mich draußen, gemeinsam mit meiner Mutter, dem Tod überlassen oder mich in den Clan aufnehmen sollte. Nachdem Banba mich einer eingehenden Prüfung unterzogen hatte, verkündete sie, ich sei ein Kind der Magie, und sie werde mich zur Priesterin erziehen. Einige der Männer waren dagegen und misstrauten mir, doch Banba entgegnete, der Feste drohe ein Fluch, wenn sie mich wegschickten. Am Ende bekam sie, wie stets, ihren Willen. Ich wuchs in Banbas winziger Hütte heran. Die anderen mussten sich die Hütten teilen, doch einer Priesterin stand eine eigene Unterkunft zu. Ich lag auf dem warmen Grasboden, und Banba fütterte mich mit Ziegenmilch, die sie durch ein Tuch presste. Mit großen Augen starrte ich in die Welt, die abwechselnd hell und dunkel wurde. Wenn die Großen die Lippen bewegten, vernahm ich Geräusche, die ich nicht verstand. Ich krabbelte, machte die ersten Schritte, wuchs geistig und körperlich heran, lernte mit jedem Tag dazu, juchzte beglückt über meine ersten, mühsam gebrabbelten Worte. Ich begriff, dass ich einen Namen hatte – Bec. Das bedeutete: ›Kleines‹. Goll hatte mir den Namen gegeben, als er mich damals fand. Ich war sehr stolz darauf, denn er war das Einzige, was ich besaß. Niemand konnte mir diesen Namen je wegnehmen. Als ich größer wurde, unterwies mich Banba in der Kunst der Magie. Ich war eine gelehrige Schülerin und behielt jeden Zauberspruch, den sie mir beibrachte, sofort im Gedächtnis. Natürlich besteht Magie nicht nur aus Zaubersprüchen. Eine Priesterin muss die Macht der Welt in sich aufnehmen und ihre Kräfte aus der Natur und den Elementen schöpfen. Darin war ich nicht sonderlich geschickt. Ich zweifelte, ob je eine mächtige Priesterin aus mir werden würde, aber Banba sagte, das würde ich mit der Zeit schon lernen, wenn ich mir nur Mühe gab. Schon von klein auf spürte ich, dass ich nirgends dazugehörte. Die anderen Kinder nahmen sich vor der Schülerin der Dorfpriesterin in Acht. Ihre Mütter hatten ihnen wohl eingeschärft, mich keinesfalls zu verletzen, da ich sonst ihre Augen in trübe Teiche und ihre Zähne in winzige Schlammbrocken verwandeln könne. Meine Einsamkeit bedrückte mich. Immer wieder fragte ich Banba nach meiner Herkunft und ob es einen Ort gebe, an dem ich willkommen sei. »Priesterinnen sind nie willkommen«, erwiderte sie geradeheraus. »Man hat uns gern in der Nähe, falls eine Missernte droht oder eine Frau kinderlos bleibt. Doch im Grunde traut uns keiner über den Weg. Man zieht uns nur dann ins Vertrauen, wenn es unbedingt nötig ist. Daran musst du dich gewöhnen, meine Kleine.« Abgesehen von der Einsamkeit, war mein Leben gar nicht so übel. Eine Priesterin hat immer genug zu essen, denn aus Angst vor Verwünschungen buhlen alle um ihre Gunst. Die Wirksamkeit meiner Zaubersprüche verschaffte mir Respekt und Geschenke. Die Dörfler fragten sich, wie mächtig ich einmal werden würde und ob ich dazu beitragen könnte, unsere Feste besser zu schützen. Darüber musste Banba oft lachen und meinte, entweder seien die Menschen zu misstrauisch oder sie erwarteten zu viel. Einige behandelten mich normal, wie Goll der Einäugige, der früher den Clan angeführt hatte. Es scherte ihn nicht, dass ich eine Fremde war und Priesterin werden sollte. Für ihn war ich einfach nur ein kleines Mädchen. Da er mich damals vor dem Tor aufgefunden hatte, hegte er mir gegenüber Vatergefühle und verwöhnte mich bisweilen sogar. Er spielte häufig mit mir, setzte mich auf seine breiten Schultern, trug mich durch die Feste und grunzte dabei wie ein Schwein. Die Erwachsenen lachten und verspotteten ihn deswegen, aber die Kinder liebten ihn. Obwohl er sich früher als ebenso tapferer wie erbarmungsloser Krieger hervorgetan hatte, war er im Herzen ein kleiner Junge geblieben. Das war meine schönste Zeit. Ich träumte von einer Zukunft als Magierin. Von Ernten, die wir einbrachten, Vieh- und Schafherden, die wir hüteten. Man erwartete nicht von mir, dass ich bei der Feldarbeit half, aber wenn ein Kind faul war und ich meine Hilfe anbot, wies man mich auch nicht ab. Manche Kinder freundeten sich sogar mit mir an. Sie sprachen heimlich mit mir und ließen mich mitspielen, ohne dass ihre Eltern davon wussten. Spielen... arbeiten... die magischen Künste erlernen. Es waren gute, einfache Zeiten. Das Leben ging seinen natürlichen Lauf, wie seit Anbeginn der Welt. Alles war so, wie es sein sollte. Bis die Dämonen kamen. Verluste Der Schrei eines Jungen durchdringt die nächtliche Stille. Im Handumdrehen sind alle auf den Beinen. Noch während ich mich rasch auf meinem Wachposten neben dem Tor umdrehe, hasten mehrere Krieger zu dem Kind hinüber. In der Dunkelheit leuchten Fackeln auf. Im Getümmel erkenne ich Ninian, er ist ein Jahr jünger als ich und hat noch nicht viel Erfahrung als Wachposten... und einen doppelhäuptigen Dämon, zusammengestückelt aus dem Fleisch und den Knochen Toter... Blut. Goll hat das Kind als Erster erreicht. Er ist nackt bis auf den Lendenschurz, so, wie es sich früher für Krieger ziemte, und hält Kurzschwert und Axt in der Hand. Schwungvoll holt er aus und treibt das Axtblatt tief in einen der Köpfe des Dämons. Das Ungeheuer kreischt auf, lässt Ninian aber nicht los, sondern versetzt Goll mit seinem fleischlosen Arm einen gewaltigen Abwehrhieb. Dann schlägt der Dämon die Zähne seines unverletzten Kopfes tief in Ninians Kehle. Der Schrei des Jungen reißt ab und weicht einem grausigen Röcheln. Conn und drei weitere Krieger jagen an Goll vorbei und stürzen sich auf den Dämon, der den Jungen hochreißt, ihn wie einen Schläger schwingt und zwei der Angreifer niederstreckt. Conn und ein weiterer Mitstreiter halten sich jedoch auf den Beinen, und Conn bohrt seinen Speer in das Auge des Ungeheuers. Der Dämon heult auf wie eine Todesfee. Ena, die zweite Angreiferin, packt den Kopf des Ungeheuers und dreht ihn, bis das Genick bricht. Ein Mensch würde mit einer solchen Verletzung sterben, aber Dämonen sind aus anderem Holz geschnitzt. Ein gebrochenes Genick macht sie lediglich wütend. Mit einer Hand reißt sich der Dämon das zerschmetterte Haupt von den Schultern und drischt damit auf Ena ein. Sie lässt jedoch nicht locker, sondern dreht den Schädel des Ungeheuers mit energischem Ruck in die entgegengesetzte Richtung, bis er ein zweites Mal bricht. Als sich der Kopf lockert, zieht sie rasch ein Messer aus der Tasche auf ihrem Rücken und treibt es bis zum Heft in den halb verwesten Schädel. Sie erweitert die Einstichstelle, spreizt die Wundränder, greift hinein und zieht eine Handvoll Gehirnmasse heraus, die sie mit einer Fackel anzündet. Während der Dämon heulend und blindlings nach dem brennenden Gehirn hascht, reißt Conn ihm den zweiten Kopf aus der Hand. Er schleudert ihn zu Boden und zermalmt ihn mit mächtigen Axthieben. Der Dämon erschauert und sackt zusammen. »Da kommen noch mehr!«, ertönt ein Warnruf aus der Nähe des Tores. Ganz entgegen ihren sonstigen Gepflogenheiten greifen die Dämonen heute erst kurz vor Morgengrauen an. Die meisten unserer Krieger, die die gefährlichen Nachtwachen übernehmen, haben sich bereits zum Schlafen zurückgezogen. Kurz vor Tagesanbruch lösen wir Kinder sie ab. Normalerweise ist auf uns Verlass, doch zu dieser frühen Stunde sind die meisten von uns schläfrig und nachlässig. Wir sind schlecht auf den Angriff vorbereitet. Die Dämonen haben sich leise angeschlichen und sind eindeutig im Vorteil. Alle stürzen aus ihren Hütten, packen Speere, Schwerter, Äxte und Messer. Männer und Frauen rennen zum Schutzwall, die meisten sind nackt, sogar jene, die sonst vor einem Kampf ihre Kleider anlegen – zum Anziehen ist keine Zeit. Dämonen poltern gegen das Tor, erklimmen den Wall, ziehen sich an den zugespitzten Holzpfählen hoch und klettern hinüber. Das zweiköpfige Ungeheuer sollte uns womöglich nur ablenken. Oder es hatte keinen besonders ausgeprägten Orientierungssinn, wie viele Leichendämonen. Krieger klettern die Leitern hinauf oder hieven sich auf den Befestigungswall. Die Anzahl unserer Gegner ist schwer zu schätzen, es müssen jedoch mindestens fünf oder sechs sein. Zwei davon sind echte Dämonen – Fomorii. Befehle bellend, hat Conn das Tor erreicht. Er brüllt alle kleinen Wachposten an, die ihre Position am Ausguck verlassen haben. »Zurück mit euch! Haltet Ausschau! Gebt uns Bescheid!« Die vor Angst schlotternden Kinder kehren auf ihren Platz zurück und spähen mit erhobenen Fackeln in die Dunkelheit. Eines nach dem anderen ruft: »Nichts zu sehen!«, »Nichts!«, »Nichts!« Doch dann ertönt statt des Entwarnungsrufes ein Schrei: »Hier sind drei!« »Mir nach!«, brüllt Goll zu Ena und den anderen gewandt. Nach dem Kampf gegen den Dämon haben sie am Tor Stellung bezogen, falls ein zweiter Angriff erfolgt. Angeführt von Goll steuert die Gruppe auf das Dämonentrio zu. Die Zornesmiene des alten Kriegers gilt nicht etwa den Dämonen, sondern ihm selbst. Er ist wütend über seinen Fehler. Er wird sich kein zweites Mal übertölpeln und niederschlagen lassen. Während der Kampf wogt, ziehe ich mich ins Innere der Feste zurück und warte. Ich darf nicht kämpfen und mein Leben aufs Spiel setzen, denn ich bin zu wertvoll für die Gemeinschaft. Handeln darf ich erst, wenn die Dämonen die Barrikaden überwunden haben oder ein besonders mächtiger Fomorii auf uns losgeht. Wobei allerdings weder ich noch die anderen wissen, ob ich viel gegen ihn ausrichten könnte. Trotzdem gelte ich als mächtige Priesterin und Beherrscherin der Magie. Die Lüge hat etwas Beruhigendes, und wir klammern uns alle an diesen Strohhalm. Die kleineren Kinder der Feste scharen sich um mich, während ihre Eltern auf Leben und Tod mit den widerwärtigen Monstern der Anderwelt kämpfen. Die älteren Geschwister haben sich am Wall verteilt. Sie reichen den Erwachsenen die Waffen und halten sich bereit, um nötigenfalls selbst in die Bresche zu springen. Dabei sind sie noch völlig ohne Kampferfahrung und können nicht viel ausrichten. Ich würde tausendmal lieber am Wall stehen, als bei den Kleinen zu bleiben, darf aber meine Pflicht nicht vernachlässigen. Jeder von uns trägt sein Scherflein bei, eigene Wünsche müssen zurückstehen. Die Sicherheit der Feste und des Clans und der Leute hat Vorrang. Immer. Ein Fomorii hat die Holzpfähle überwunden. Er gleicht einer Kreuzung aus Mensch und Keiler, in seinem ausladenden Kiefer blitzen menschliche Zähne und Hauer. Seine Augen leuchten gelb und dämonisch, er hat keine Hände, sondern Klauen. Der Fomorii bellt und bespuckt die Krieger, die ihn angreifen wollen. Sein blutiger Auswurf trifft eine der Frauen mitten ins Gesicht. Unter Schmerzensschreien wankt sie zurück und stürzt von der Wallmauer. Ihr Fleisch wirft Blasen, das Dämonenblut brennt wie Feuer. Als ich zu der Verletzten stürze, erkenne ich Scota, mit der ich gelegentlich die Hütte teile. (Seit Banbas Tod lebe ich reihum in den Hütten der anderen.) Ihre blasse Haut hat einen schaurigen dunkelroten Ton angenommen, Fleischstücke platzen heraus. Das Dämonenblut brodelt, Scota schreit vor Schmerzen. Ungeachtet der sengenden Hitze und der ätzenden Blutstropfen lege ich eine Hand auf ihre Stirn und murmele einen Beruhigungszauber. Sie seufzt, entspannt sich und schließt die Augen. Rasch nestele ich einen kleinen Beutel von meinem Gürtel, öffne ihn und streue grobe grüne Körner aus, die ich mit meinem Speichel zu einer dicken Paste vermische und auf Scotas entstellte Züge auftrage. Der Zersetzungsprozess kommt augenblicklich zum Stillstand. Sie wird überleben, aber entsetzliche Narben zurückbehalten. Die Wunden kann ich später mit anderen Tinkturen säubern. Zuerst müssen wir mit den Dämonen fertig werden. Obwohl der Keilerdämon bereits mehrfach von den Schwertern und Messern unserer Krieger durchbohrt ist, setzt er sich immer noch geifernd und um sich schlagend zur Wehr. Ich wüsste zu gern, woher diese Ungeheuer ihre unnatürliche Kraft nehmen. Hinter mir gellen Schreie – die Kinder! Ein spinnenförmiger Fomorii krabbelt gerade aus der Hütte, in die der Fluchttunnel aus der Feste mündet. Offenbar hat der Dämon den verborgenen Einstieg jenseits des Walles entdeckt, ist hineingekrochen und hat die Planken über dem Loch durchbrochen. Conn hat die Schreie ebenfalls vernommen und blickt sich suchend nach Kriegern um, die den Kindern zu Hilfe eilen könnten. Doch bevor er einen Befehl zu erteilen vermag, werfen sich Ronan und Lorcan, zwei rothaarige, knapp sechzehnjährige Zwillinge, dem Dämon in den Weg. Der jüngere Bruder der beiden, Erc, ist vor einigen Monaten getötet worden. Die Zwillinge haben sich schon als Kinder durch besondere Tapferkeit ausgezeichnet, aber seit dem Tod ihres Bruders sind sie wie Besessene hinter den Dämonen her. Conn stürzt sich erneut auf die Angreifer am Tor, ohne weitere Krieger für den Kampf gegen den Spinnendämon abzurufen. Er hat volles Vertrauen zu den Zwillingen. Die beiden sind zwar noch jung, zählen jedoch zu unseren tüchtigsten Kriegern. Ronan und Lorcan nähern sich der Spinne. Erst jetzt erkenne ich den Hundekopf und den Schwanz an ihrem Leib. Dämonen sind häufig eine Mischung aus mehreren Tieren. Banba hat seit je behauptet, Dämonen bedienten sich nur deshalb unserer Tierformen, weil sie zu phantasielos seien, sich eigene Körper auszudenken. Ronan, der größere der beiden, hat eine Lockenmähne und hält zwei Messer mit säbelartigen Klingen in der Hand. Lorcan, kurzhaarig und mit Ohrringen, zückt Schwert und Sichel. Die Zwillinge sind mit beiden Händen gleichermaßen geschickt. Doch noch ehe sie zum Angriff übergehen, schießt das Ungeheuer einen Schwall Haare auf sie ab. Die acht Beine des Wesens sind von Haaren umschlungen, die beim Abschnellen wie winzige Pfeile durch die Luft surren. Die Geschosse zwingen die Brüder zum Innehalten. Schützend bedecken sie die Augen mit den Händen und zischen wütend, aber unverletzt. Als der Fomorii unter bösartigem Bellen auf sie zukrabbelt, müssen sie wohl oder übel zurückweichen und blindlings nach ihrem Angreifer schlagen. Natürlich könnte ich Conn zu Hilfe rufen, möchte die Sache aber lieber selbst in die Hand nehmen. Ich werde kein unnötiges Risiko eingehen, sondern nur dafür sorgen, dass die anderen Krieger sich ungestört den größeren und beängstigenderen Dämonen widmen können. Spornstreichs laufe ich zu den Bienenstöcken. In Friedenszeiten, bevor die Angriffe anfingen, standen sie vor der Feste, doch für manche Dämonen ist Honig ein unwiderstehlicher Leckerbissen, und wir mussten die Stöcke in Sicherheit bringen. Im Augenblick herrscht Ruhe im Bienenstock. Ich greife in einen hinein, hebe vorsichtig eine Handvoll Bienen heraus und murmele dabei einen Zauberspruch, der mich vor ihren Stichen schützt. Dann eile ich zu den Zwillingen, baue mich hinter ihnen auf, öffne die Hand und flüstere den Bienen einen Befehl zu. Sie erwachen in meiner Hand unter lautem Summen zum Leben. »Achtung!«, rufe ich. Ronan und Lorcan blicken mich überrascht an und springen beiseite. Ich öffne die Finger, und die Bienen schwirren direkt in die Augen des Spinnenhundes und stechen zu. Wimmernd schlägt der Fomorii um sich und versucht, mit den Beinen nach seinen Augen zu schlagen. Er achtet nur noch auf die stechenden Bienen. Ronan und Lorcan treten neben ihn. Vier Klingen gleißen im Licht der Fackeln auf – vier haarige Beine wirbeln durch die Dunkelheit. Der Dämon bricht zusammen. Er hat die Hälfte seiner Beine verloren und ist obendrein blind. Ronan tritt vor, zielt und versenkt das Messer tief im Schädel des Ungeheuers. Der Spinnenhund versteift sich und gibt mit einem letzten Jaulen den Geist auf. Ronan zieht die Klinge mit einem Ruck aus der Wunde und wischt das Blut an seiner Lockenpracht ab. Sein rotes Haar ist bereits dunkel von Dämonenblut, und Lorcans Stoppeln sind ebenfalls blutverklebt. Die Zwillinge waschen sich nie. Ronan sieht mich grinsend an. »Gut gemacht.« Damit eilen die beiden auch schon Conn und dessen Mitstreitern zu Hilfe, die noch immer alles daransetzen, die Dämonen zurückzutreiben. Ich werfe einen Blick auf das Kampfgetümmel. Goll schlägt sich wacker – die Dämonen ziehen sich zurück. Nur der Keilerdämon, den unsere Krieger mit vereinten Kräften über die Holzpfähle zurückgedrängt haben, klammert sich noch hartnäckig an den Latten fest. Die anderen Dämonen haben längst das Weite gesucht. Als die Zwillinge jetzt mit gezückten Klingen nahen, tritt auch das Ungeheuer unter schrillem Kreischen den Rückzug an. Connla, der Sohn unseres Anführers, schleudert einen Speer hinter dem Keiler her und bricht in Triumphgeheul aus. Anscheinend hat er ihn getroffen. Connla bückt sich nach einem zweiten Speer, zielt und lässt die Waffe unvermittelt sinken. Die Dämonen ziehen sich zurück. Wir haben überlebt. Noch ehe wir aufatmen können, ertönt ein Brüllen, in dem sich Wut und Trauer mischen. Es dringt vom hinteren Teil der Feste zu uns herüber – Amargen, Ninians Vater, hält sein totes Kind in den Armen. Er hat fünf Kinder verloren, Ninian war der letzte Nachkömmling. Die Dämonen haben seine gesamte Familie ausgelöscht, auch seine Frau ist ihnen zum Opfer gefallen. Conn eilt auf der Wallkrone zu Amargen hinüber, um ihn zu trösten, soweit er das vermag. Ehe er ihn erreicht hat, springt der Trauernde mit besessenem Blick auf und stürzt zu dem Kampfwagen, mit dem unsere besten Krieger früher in die Schlacht zu ziehen pflegten. Seit vor über einem Jahr die Angriffe der Dämonen begonnen haben, ist niemand mehr damit gefahren. Conn, der Amargens Absicht durchschaut, hechtet mit einem wilden Aufschrei vom Wall auf ihn herunter. Amargen bleibt stehen, zückt sein Schwert und richtet es auf Conn. »Ich bringe jeden um, der mich aufhalten will.« Kein Zweifel, er meint es ernst. Conn weiß, dass er den verwirrten Krieger nur mit Waffengewalt aufhalten kann, und er lässt Amargen nach kurzem Zögern ziehen. Kopfschüttelnd wendet er sich ab und bedeutet seinen Männern, das Tor zu öffnen. Amargen spannt hastig ein Pferd vor den Wagen – eher ein Karren und keine der prächtigen Goldkutschen, in denen die Helden der Legenden einst in den Kampf zogen. Es ist unser letztes Pferd, ein knochiger, ausgemergelter Klepper. Als Amargen dem Tier einen kräftigen Schlag auf die Kruppe versetzt, fällt es überrascht in Galopp und rast mit Amargen, der unter wildem Brüllen hinter unseren Feinden hersetzt, durch das aufgesperrte Tor. Das Schnauben der Dämonen, die kampfeslüstern stehen bleiben, ist unüberhörbar. Das Tor schließt sich. Oben auf dem Wall beobachten einige von uns schweigend und traurig den Kampf. Die meisten ersparen sich jedoch den Anblick. Kurz darauf vernehmen wir Schreie. Die Schreie eines Mannes. Entsetzlich, aber nicht ungewohnt. Nach einem stummen Gebet für den Unglücklichen kümmere ich mich um die Verletzten. Ich klettere auf den Wall, um zu sehen, wer meine Hilfe benötigt. Der Kampf ist vorbei, jetzt müssen wir unsere Verwundeten versorgen. Es ist an der Zeit für Magie. Zeit für Bec. Flüchtlinge Der Himmel ist wolkenlos und das Wetter so schön wie lange nicht mehr. Das ist gut zum Heilen, die Sonne gibt mir Kraft. Sie fließt von meinen Fingern in die Verwundeten. Ich beschränke mich nach Möglichkeit auf Pasten und Heiltränke und setze Magie nur bei gefährlichen Verletzungen ein – bei Scota und einigen anderen, die das Feuerblut der Fomorii getroffen hat. Die aus dem Schlaf gerissenen Krieger sind müde. Später werden sie sich ausruhen, doch direkt nach der Schlacht sind sie zu aufgewühlt, um sofort in ihre Hütten zurückzukehren. Es dauert ein oder zwei Stunden, bis das Kampffieber abebbt. Nun trinken sie Coirm, den selbst gebrannten Schnaps, essen Brot und palavern über die Ereignisse und die Dämonen. Mir geht es gut. Ich habe beinahe die ganze Nacht geschlafen, da ich erst am frühen Morgen zur Wache eingeteilt war, kurz vor dem Angriff der Dämonen. Um diese Zeit habe ich häufig Wachdienst. Nachdem ich die Schwerverletzen versorgt habe, begebe ich mich auf einen Rundgang durch die Feste, um sicherzugehen, dass ich niemanden übersehen habe. Früher hielt ich unsere Feste für riesig, hinter der Schutzmauer standen zehn Hütten, und es war reichlich Platz für alle. Mittlerweile erscheint mir das Dorf so eng wie die Schlinge eines Henkerstricks. Im letzten Jahr sind viele neue Hütten gebaut worden, um die Flüchtlinge aus anderen Tuatha aufzunehmen. Viele in unserer Gegend waren gezwungen, ihr Dorf zu verlassen und sich bei uns in Sicherheit zu bringen. Inzwischen stehen nicht mehr zehn, sondern zweiundzwanzig Hütten in unserer Feste, und obgleich wir die Wälle im Frühling erweitert haben, herrscht immer noch Platznot. Die Beanspruchung meiner magischen Kräfte hat mich müde und hungrig gemacht. Meine Kräfte sind denen Banbas weit unterlegen. Die Sonne spendet mir zwar Energie, doch das allein reicht nicht. Ich brauche Essen und Trinken. Allerdings keinen Coirm, davon wird mir schwindlig und übel, sondern Milch mit Honig. Goll sitzt niedergeschmettert neben den Milcheimern und kratzt sich die Stirn über dem erblindeten rechten Auge. Früher war er unser König und der mächtigste Mann im gesamten Tuath. Er herrschte über alle befestigten Siedlungen, und man munkelte sogar, er könne König der Provinz werden! Unser Land ist in vier große Gebiete unterteilt, über die wiederum vier mächtige Könige herrschen. Goll war der Erste, der den Versuch unternahm, die Befehlsgewalt über die gesamte Provinz zu erringen. Die Aussicht versetzte alle in Aufregung. Die Könige in unserem Tuath und viele aus angrenzenden Gebieten unterstützten Goll, doch leider büßte er beim Kampf ein Auge ein und musste den Plan aufgeben. Deswegen ist er aber keineswegs verbittert. Er beklagt sich nie und nimmt sein Schicksal gelassen hin. Heute Morgen ist Goll in düsterer Stimmung, denn er hasst es, Fehler zu begehen. Der alte Kämpe tut mir leid, daher setze ich mich neben ihn und biete ihm etwas Milch an. »Nein, Kleines«, erwidert er mit mattem Lächeln. »Das war nicht deine Schuld«, sage ich aufmunternd. »Die Fomorii hatten einfach Glück.« Goll grunzt abfällig. Damit wäre das Thema normalerweise erledigt, doch Connla steht in unserer Nähe. Er hält einen Becher Coirm in der Hand und prahlt damit, dass er einen Dämon mit einem Speer erledigt habe. Als er hört, was ich sage, lacht er auf. »Mit Glück hat das nichts zu tun! Goll ist einfach ein klappriger alter Ziegenbock.« Goll erstarrt und funkelt Connla drohend an. Der junge Krieger ist achtzehn Jahre alt, unverheiratet und gilt als einer der begehrtesten Junggesellen im ganzen Tuath. Er ist hochgewachsen und schlank, trägt einen sorgsam geflochtenen Zopf und keinen Vollbart, wie die anderen Männer, sondern einen Schnauzbart und überdies mehrere Tätowierungen. Eine schöne Fibel schließt seinen reich verzierten Umhang, und im Unterschied zu den meisten Männern, die eine gegürtete Tunika bevorzugen, sieht man ihn häufig in knielanger Hose. Connla hat als erster Mann in unserer Feste solche Hosen getragen und bereits einige Nachahmer gefunden. Seine Stiefel sind aus feinstem Leder und üppig mit Riemen aus Rosshaar verziert. Sein Erscheinungsbild ist königlicher als das seines Vaters, und wenn Conn einmal stirbt, gehört Connla zu den ersten Anwärtern auf den Thron. Viele junge Frauen im Tuath himmeln den Königssohn seines guten Aussehens und seiner Zukunftsaussichten wegen an. Ein tüchtiger Krieger ist er allerdings nicht. Jeder weiß, dass Connla sich im Kampf nicht besonders hervortut und keineswegs zu den Tapfersten gehört. »Zumindest war ich dabei«, knurrt Goll. »Aber wo hast du gesteckt, Connla – warst du vielleicht gerade damit beschäftigt, deinen Zopf zu flechten?« »Ich war mitten im Kampfgetümmel«, sagt Connla empört. »Ich habe einen Dämon zu Boden gestreckt. Ich glaube, ich habe ihn getötet.« »Von wegen«, höhnt Goll. »Du hast ihn hinterrücks erstochen, als er weglief.« Langsam und zynisch klatscht er Beifall. »Wie tapfer!« Mit einem wütenden Ausruf packt Connla seinen Speer. Goll ergreift die Axt. »Genug!«, bellt Conn, der alles beobachtet hat. Er ist stets zur Stelle, wenn sein Sohn in Schwierigkeiten gerät. Mit finsterer Miene tritt der König auf die beiden zu. »Ist es nicht schon schlimm genug, dass wir jede Nacht gegen Dämonen kämpfen müssen? Wollt ihr euch jetzt auch noch gegenseitig an die Gurgel?« »Er hat an meinem Mut gezweifelt«, beschwert sich Connla. »Und du hast ihn einen alten Ziegenbock genannt«, gibt Conn zurück. »Reicht euch die Hände, und begrabt euren Streit. Für solche Kindereien haben wir keine Zeit. Benehmt euch gefälligst wie Männer.« Goll seufzt und streckt die Hand aus. Connla ergreift sie, doch sein Händedruck ist nur kurz und sein Gesicht wütend, als er sich zu seinen Freunden zurückbegibt, die ihn immer begleiten. Während sie aufbrechen, schwadroniert er bereits wieder über den Dämon, den er aufgespießt und dem er den Todesstoß versetzt haben will. Ohne Unterlass rühmt er sich seiner großen Geschicklichkeit und seines unerhörten Mutes. Etwas später wird das Tor geöffnet, und die Kühe und Schafe werden auf die Weide geführt. Glücklicherweise greifen die Dämonen nur nachts an. Wenn sie uns auch bei Tage zusetzen würden, wären wir nicht mehr imstande, unser Vieh zu füttern und die Felder zu bestellen. Ich unternehme einen kurzen Spaziergang, denn sobald meine Pflichten es erlauben, verlasse ich die Feste nur zu gern, um mir die Beine zu vertreten und frische Luft zu schnappen. Langsam schlendere ich zu der kleinen Anhöhe hinter unserer Siedlung. Vom Hügel aus reicht der Blick über den Sionan-Fluss hinweg bis zu einem hohen, etwas weiter entfernten Gebirgszug. Viele unserer Männer waren schon dort in den Bergen, um zu jagen oder zu kämpfen. Ich würde gern einmal den Gipfel erklimmen und die Welt von oben betrachten, aber die Reise dauert mehrere Tage und Nächte. Solange die Dämonen uns angreifen, ist im Traum nicht daran zu denken. Und soweit wir wissen, werden uns die Dämonen für immer angreifen. In solchen Augenblicken fühle ich mich einsam und verzweifelt. Ich wünschte, Banba wäre noch hier. Sie war viel mächtiger als ich und konnte in die Zukunft sehen. Sie ist im letzten Winter gestorben, ein Dämon hat sie getötet, als sie dem Kampfplatz zu nahe kam. Ein mit Stoßzähnen statt Armen bewehrter Fomorii hat sie auf dem Gewissen. Ihr Todeskampf dauerte zwei Nächte und Tage. Mit Banbas Tod war auch meine Lehrzeit zu Ende. Ich arbeite seither an den Zaubersprüchen, die sie mir beigebracht hat, doch ohne Lehrer mache ich keine Fortschritte, und meine Magie nimmt mit jedem Tag ab. »Wo soll das alles nur hinführen, Banba?«, murmele ich und lasse den Blick über die Hügel in der Ferne schweifen. »Werden uns die Dämonen am Ende alle auslöschen? Werden sie eines Tages die Welt beherrschen?« Stille. Eine Brise schüttelt die Zweige. Ich studiere die Bewegungen der Äste, kann jedoch keine Zeichen darin lesen. Anscheinend ist es nur ein ganz gewöhnlicher Wind und nicht Banbas Stimme aus der Anderwelt. Nach einer Weile verabschiede ich mich stumm von den Hügeln und kehre in die Feste zurück. Auf mich wartet viel Arbeit. Auch wenn die Welt in Flammen aufgeht, wir lassen uns davon nicht beirren. Die Dämonen dürfen nicht glauben, sie hätten uns geschlagen. Sie dürfen keinesfalls erfahren, dass wir kurz vor dem Zusammenbruch stehen. Nach einer raschen Mahlzeit aus in Milch eingeweichtem Brot, mache ich mich an meine täglichen Aufgaben. Zuerst kommt das Weben dran. Darin bin ich geübt, meine Finger schlängeln sich wie Aale über den Webstuhl. Keine ist so schnell wie ich. Meine Stoffe sind zwar nicht die besten, dafür aber im Handumdrehen fertig. Anschließend sammele ich den Honig aus den Bienenstöcken. Die Bienen gehörten Banba, sie brachte sie mit, als sie sich vor vielen Jahren in der Feste niederließ. Nun bin ich für sie verantwortlich. Früher habe ich mich vor den Tieren gefürchtet, inzwischen jagen sie mir keine Angst mehr ein. Nectan kommt vom Fischen zurück. Mit einem Schlag streckt er direkt vor mir zwei große Forellen nieder und befiehlt mir, sie auszunehmen und zu schuppen. Nectan war früher ein Sklave und wurde in der Fremde als Junge gefangengenommen. Goll hat ihn im Kampf gegen den König eines anderen Clans gewonnen. Nectan gehört zu unserer Sippe wie alle anderen auch und ist, abgesehen von seinem Namen, ein freier Mann. Ich nehme gern Fische aus. Manche Frauen können den Geruch nicht ausstehen, aber mich stört das nicht. Außerdem lese ich in den Eingeweiden gern nach Zeichen oder Geheimnissen aus meiner Vergangenheit. Bisher sind mir zwar noch keine Deutungen gelungen, doch ich gebe die Hoffnung nicht auf. Die Frauen mahlen das Korn in Steintrögen, um daraus Brot oder Brei zu machen. Manche sind damit beschäftigt, die Strohdächer instand zu setzen, sie decken sie neu oder reparieren die schadhaften Stellen. Ich würde gern einmal eine Hütte bauen; zuerst den Kreis auf den Boden zeichnen und die Wände allmählich vom Grundriss aus hochziehen. Häuser haben etwas Magisches. Banba hat mir mal gesagt, alle unnatürlichen Dinge, wie Kleider, Hütten und Waffen, seien nur durch Magie entstanden. Ohne Magie würden die Menschen nicht anders leben als die Tiere. Die meisten Männer schlafen, nur einige reinigen ihre Waffen und besprechen die Ereignisse der vergangenen Nacht. Diesen Angriff haben wir erstaunlich schnell abgewehrt. Die Dämonen haben sich rasch zurückgezogen, und es waren auch nicht so viele wie sonst. Manche halten dies für ein Zeichen, dass die Fomorii bald aussterben und in die Anderwelt zurückkehren. Doch das sind Träumer. Der Krieg mit den Dämonen ist noch lange nicht zu Ende. Um das zu wissen, brauche ich nicht mal Fischeingeweide! Fiachna arbeitet allein, begradigt krumme Schwerter, befestigt neue Stiele an den Äxten und schleift Messer. Wir sind weit und breit der einzige Clan mit einem eigenen Schmied. Dafür hat Goll gesorgt, als er noch König war. Die meisten Schmiede ziehen von einem Clan zum anderen, je nachdem, wo es Arbeit für sie gibt. Wenn wir einen Schmied dafür bezahlten, dass er sich bei uns niederließe, so überlegte Goll, würden die Leute aus dem ganzen Tuath, aus allen Hügelfesten, Stein- oder Inselfesten (den Cathairs oder Crannogs) mit ihren reparaturbedürftigen Waffen zu uns kommen, statt, wie bisher, zu warten, bis zufällig ein Schmied des Weges kam. Goll hatte recht. Dank Fiachna wurde unsere Feste zu einem wichtigen Treffpunkt – bis die Angriffe anfingen. Die Dämonen haben viele Routinearbeiten unmöglich gemacht. Niemand verlässt mehr den Schutz seiner Feste, es sei denn, er befände sich auf der Flucht vor den Fomorii. Als sich die Gelegenheit bietet, gehe ich zu Fiachna hinüber, der energisch auf eine besonders widerspenstige Klinge einschlägt. Ich beobachte ihn schweigend, spiele dabei mit einer Locke meines kurzgeschnittenen roten Haares und lächele schüchtern. Ich mag Fiachna. Er ist kleiner als die anderen Männer und dünn, was ziemlich ungewöhnlich für einen Schmied ist. Aber er ist sehr talentiert und durchaus kräftiger, als er aussieht. Er schwingt mühelos die schweren Hämmer und Waffen. Wenn ich heiraten dürfte, würde ich gern Fiachna zum Mann nehmen. Von der Größe her passen wir jedenfalls gut zusammen. Vielleicht liegt es an dem Namen, den Goll mir gegeben hat, vielleicht ist es auch reiner Zufall, aber ich bin eines der kleinsten Mädchen der Feste. Es liegt jedoch beileibe nicht nur an seiner Körpergröße. Mir gefällt Fiachnas freundliches Wesen und auch sein nettes Gesicht. Er trägt einen kurzen dunkelblonden Bart, der sein Lächeln nicht verbirgt. Die meisten Männer haben so dichte Bärte, dass man ihren Mund nicht erkennen kann und daher auch nie weiß, ob sie nun lächeln oder die Mundwinkel herabziehen. Ich träume oft davon, dass ich Fiachnas Frau bin, seine Kinder zur Welt bringe und gemeinsam mit ihm gegen die Dämonen kämpfe, aber das ist ausgeschlossen. Ich bin zwar beinahe im heiratsfähigem Alter – mein Blut kam schon vor einigen Jahren, früher als bei den meisten anderen Mädchen –, doch heiraten werde ich nicht. Magie und Ehestand schließen einander aus. Priesterinnen und Druidinnen verlieren ihre Macht, wenn sie sich verlieben. Manchmal bin ich traurig deswegen und wünsche mir, dass ich normal wäre, meine Magie verlieren und eine Familie gründen könnte, genau wie die anderen Mädchen. Allerdings sind das sehr selbstsüchtige Gedanken, die ich nach Möglichkeit von mir fernhalte. Mein Volk braucht meine Magie, obwohl meine Gabe nicht besonders ausgeprägt ist und ich dringend einen Lehrer benötige. Trotzdem ist es immer noch besser, als überhaupt keinen Zauberer in der Feste zu haben. Fiachna sieht auf und ertappt mich beim Starren. Er lächelt, aber nicht so selbstgefällig wie Connla grinsen würde, wenn er mich dabei erwischte, wie ich ihn heimlich betrachte. »Das mit den Bienen hast du vergangene Nacht gut gemacht«, sagt der Schmied mit seiner sanften, melodischen Stimme, die eher elfenhaft als menschlich klingt. Puterrot stammele ich: »Das war doch nichts Besonderes«, strecke den großen Zeh über den Rand meiner Sandale und bohre ihn in den Boden. »Deine Magie nimmt mit jedem Tag zu«, fährt Fiachna fort. »Bestimmt wirst du einmal eine mächtige Priesterin sein.« Obwohl wir beide wissen, dass das eine Lüge ist, muntern mich seine Worte auf, und unwillkürlich grinse ich ihn an wie ein Honigkuchenpferd. Da ruft auch schon Cera nach mir, die mich beim Färben der Wolle braucht. »Soll ich dir bei den Waffen helfen?«, frage ich Fiachna rasch und hoffe auf einen Vorwand, damit ich bei ihm bleiben kann. »Ich kann Klingen segnen und mit einem Zauberspruch stählen. Dann sind sie schlagkräftiger.« Der Schmied schüttelt den Kopf. »Nicht nötig. Ich bin fast fertig mit der Arbeit. Heute Nachmittag kümmere ich mich um das Werkzeug für die Feldarbeit.« »Oh.« Ich verberge meine Enttäuschung so gut es geht. »Falls du mich brauchst, kannst du einfach nach mir rufen.« Fiachna nickt. »Danke, Bec. Das mache ich bestimmt.« Die schlichten Worte gehen mir den ganzen Nachmittag über nicht mehr aus dem Kopf und bringen mich zum Lächeln, während ich Wollstrang um Wollstrang in ein großes Fass mit blauer Farbe tunke. Als sich die Männer am Nachmittag allmählich rühren und die Frauen das Abendessen vorbereiten, meldet ein Wachposten überraschend: »Von Norden nähert sich eine Gruppe!« Sein Ruf versetzt die Feste im Nu in Alarmbereitschaft. Für gewöhnlich greifen Dämonen nicht so früh am Tage an – die Sonne geht erst in zwei Stunden unter –, aber inzwischen haben wir gelernt, dass wir uns auf nichts mehr verlassen können. Innerhalb von Sekunden sind alle Männer bewaffnet. Die Kriegerinnen werfen schnell Schiffchen, Kämme, Werkzeuge und Töpfe beiseite und eilen zum Wall. Alle, die sich außerhalb der Umfriedung befinden, werden zurückgerufen und treiben das Vieh hastig vor sich her. Conn tritt mit vom Schlaf verklebten Augen aus seiner Hütte in der Dorfmitte und wirkt nicht im Mindesten beunruhigt. Eine besorgte Miene ziemt sich nämlich nicht für einen König. Er klettert auf den Wall und schlendert gemächlich zum Ausguck. Sein Blick weilt in der Ferne, und Connla ruft ihm von unten zu: »Sind es Dämonen?« »Ich glaube nicht«, knurrt Conn. »Die Gestalten sehen menschlich aus. Aber vielleicht sind es Tote.« Die Toten kehren oft zurück, um uns zu plagen. Die Dämonen scharren die Leichen aus den Dolmen und Steingräbern und erwecken sie mit dunkler Magie zu neuem, bösartigem Leben. Mitunter nähen sie auch die Teile mehrerer Leichen aneinander. Wir wissen nicht, warum sie das tun. Vielleicht können einige von ihnen sich keine Gestalt geben und müssen dafür die Toten schänden. Inzwischen haben wir alle Grabstätten in der Nähe aufgesucht und die Leichen verbrannt, doch es gibt unzählige versteckte, vergessene Gräber, und die Dämonen stöbern unentwegt neue Leichen auf. Manchmal kommt es uns so vor, als gebe es mehr Tote als Lebende in dieser Welt. Conn bleibt einige Minuten lang stehen, während sich einige andere Mitglieder des Clans allmählich zu ihm gesellen, die Augen mit der Hand abschirmen und die sich nähernden Gestalten beobachten. Als die scharfäugigsten, Ronan, Lorcan und Ena, sich sichtlich entspannen, weiß ich auch ohne Worte, dass alles in Ordnung ist. Allerdings steht es allein Conn zu, die Entwarnung auszusprechen. Endlich lächelt er. »Keine Sorge«, sagt er, »Das sind Menschen. Lebende.« In der Feste kehrt aufs Neue Ruhe ein, und alle machen sich wieder an ihre Arbeit. Wir sind neugierig, wer auf dem Weg zu uns ist, doch in Kürze werden wir ohnehin mehr darüber erfahren. Wozu herumstehen und rätseln, wenn wir alle Hände voll zu tun haben? Eine halbe Stunde später treffen die Fremdlinge, mitgenommen und erschöpft, ein. Vier Männer, drei Frauen und vier Kinder. Wir kennen sie – es sind die MacCadans. Als die Dämonen zum ersten Mal angriffen, sandte Conn einen Boten zu Cadan und fragte ihn, ob er bereit sei, sich mit uns zu verbünden. Zwischen uns gab es seit langem Zwist und böses Blut, doch Conn wollte Frieden schließen, damit wir uns gemeinsam gegen die Dämonen zur Wehr setzen konnten. Cadan lehnte das Friedensangebot ab und behauptete, seine Leute würden mit der Gefahr allein fertig. Seither haben wir nichts von ihnen gehört. Cadan selbst befindet sich nicht unter den elf Ankömmlingen, die von einem alten Krieger – noch älter als Goll – angeführt werden. Der Greis hinkt und beginnt mitleiderregend zu zittern, sobald er stillsteht. Am Tor gibt er sich als Tiernan MacCadan zu erkennen und bittet um Einlass. Die elf Besucher trotten mit schweren Füßen in die Feste, bleiben stehen und lassen die Köpfe hängen. Conn geht direkt auf Tiernan zu, heißt ihn mit einer herzlichen Umarmung willkommen und fragt, ob sie hungrig und durstig seien. Tiernan bestätigt beides, woraufhin Conn sofort die Anweisung erteilt, ein Mahl vorzubereiten. Die Frauen machen sich unverzüglich an die Arbeit. Conn geleitet die Gäste zu dem Platz vor seiner Hütte und fordert sie auf, sich zu setzen. Obwohl sie nicht viel bei sich haben – ein paar Kleider, Waffen, einige Werkzeuge –, ist offensichtlich, dass es sich um ihr gesamtes Hab und Gut handelt. Ich weiß ebenso gut wie Conn und alle anderen, was geschehen ist, aber wir schweigen und lassen Tiernan erklären. Die Dämonen hatten den Clan beinahe überwältigt, das Ende war schon seit langem abzusehen, doch sie hielten eigensinnig durch, wider besseres Wissen. Ihre fähigsten Krieger waren bereits von den Fomorii getötet worden, man hatte ihnen die Kinder genommen, das Vieh abgeschlachtet, die Ernte verwüstet. »Die meisten wollten nicht länger bleiben«, seufzte Tiernan. »Wir hielten es für Wahnsinn und schlugen vor, uns mit unseren Nachbarn zusammenzutun. Doch Cadan weigerte sich. Er sagte, dass wir wie Feiglinge dastünden, wenn wir jetzt aufgäben. Er war ein stolzer, unbeugsamer Mann. Schließlich klappte auch er zusammen, wie alle Unbeugsamen. In der vergangenen Nacht haben ihn die Fomorii zusammen mit drei anderen Männern verschleppt. Heute haben wir im Morgengrauen unsere letzten Habseligkeiten zusammengerafft und uns hierher auf den Weg gemacht. Wir hoffen, dass wir gemeinsam mit euch kämpfen und euch alle nötige Hilfe anbieten können...« Tiernan verstummt. Zwei der Männer sind schwer verletzt, und er selbst ist auch kein junger Hecht mehr. Eine der Frauen ist Kriegerin, die anderen beiden nicht. Die Kinder sind zu klein zum Kämpfen. Tiernan versucht, es so klingen zu lassen, als bedürften wir ihrer Hilfe, aber in Wirklichkeit suchen sie nur nach einem sicheren Zufluchtsort. Sie aufzunehmen ist ein Akt der Barmherzigkeit, kein Bündnis zwischen Ebenbürtigen. Die Männer der Feste sitzen im Kreis um die Neuankömmlinge. Ich muss mich mit einem der hinteren Plätze begnügen und darf überhaupt nur deswegen so dicht herankommen, weil man mich für magische Fragen benötigen könnte. Auf den meisten Mienen lese ich Zweifel. Die Feste ist bereits restlos übervölkert. Wir müssten den Ringwall vergrößern, um noch elf weitere Menschen aufzunehmen, kein leichtes Unterfangen, wenn man Nacht für Nacht von Dämonen angegriffen wird. Tiernan spürt die ablehnende Stimmung und fährt hastig fort: »Wir bauen unsere eigenen Hütten, unsere Frauen sind tüchtig und die Kinder ebenfalls. Wir erbitten eure Gastfreundschaft für einige Wochen, werden jedoch alles daransetzen, so schnell wie möglich eine neue, eigene Feste zu errichten. Wir werden euch nicht zur Last fallen. Außerdem sind wir stärker, als wir aussehen. Sogar unser Jüngster hat bereits Erfahrung im Kampf. Wir...« »Nur ruhig, mein Freund«, fällt ihm Conn ins Wort. »Wir freuen uns, dass ihr zu uns kommt, statt einen der vielen anderen Clans aufzusuchen. Es ist uns eine Ehre, euch aufzunehmen. Ich bin sicher, ihr werdet uns eine große Hilfe sein.« Tiernan blinzelt überrascht, denn auf einen so freundlichen Empfang hat er nach der jahrelangen Fehde nicht zu hoffen gewagt. Er unterdrückt die aufsteigenden Tränen und lächelt. »Ihr seid ein wahrer König«, entgegnet er. »Und ein wahrer Freund«, erwidert Conn und erteilt dann lautstark Befehl, Unterkünfte für die MacCadans herzurichten. Nicht alle sind damit einverstanden – Connlas Gesicht ist finster wie der winterliche Himmel –, doch niemand wagt es, einen Streit mit dem König vom Zaun zu brechen, schon gar nicht vor unseren Gästen. Gehorsam schicken sich alle an, Betten, Kleider und alles Nötige von einer Hütte zur nächsten zu bringen und noch enger zusammenzurücken, um für die Neuankömmlinge in unserem von Dämonen gepeinigten Clan Platz zu schaffen. Der Junge Kurz vor Sonnenuntergang, als die Vorbereitungen für das Mahl bereits weit fortgeschritten sind, erschallt erneut ein Ruf vom Ausguck. »Jemand läuft auf die Feste zu!« Mit Blick auf Tiernan hebt Conn fragend eine Braue. Die beiden haben sich über ihre Kämpfe gegen die Dämonen ausgetauscht, und ich sollte in der Nähe bleiben. Unser Barde floh kurz nach Beginn der Angriffe, und seither gehört es zu meinen Aufgaben, die Geschichte unserer Clans zu bewahren. Ich habe zwar nicht das geringste Erzähltalent, verfüge aber über ein ausgezeichnetes Gedächtnis. »Es ist keiner von uns«, sagt Tiernan. »Wir haben alle Überlebenden mitgenommen.« »Ist es ein Dämon?«, ruft Conn zu dem Wachposten hinüber. »Sieht nicht so aus«, tönt es zurück. »Ich glaube, es ist ein Junge. Er läuft allerdings ungewöhnlich schnell..., ich bin mir nicht sicher.« Gemeinsam mit Tiernan und einigen Kriegern erklimmt Conn erneut den Wall, ich folge ihnen vorsichtig. Ich bringe mich nach Möglichkeit nicht unnötig in Gefahr, aber ein einziger Dämon im schwindenden Tageslicht kann nicht allzu bedrohlich sein. Als die Gestalt sich nähert, erkennen wir, dass es sich um einen Jungen in meinem Alter oder ein wenig älter handelt, dessen Kopf beim Laufen merkwürdig schwankt. Er rennt direkt zum Tor, ohne Conns laute Aufforderung, seinen Namen zu nennen, zu beachten, bleibt stehen und blickt uns einfältig an. Sein Haar ist dunkel, die Augen sind klein, und trotz Conns gebrüllter Drohung, ihm einen Speer ins Herz zu bohren, wenn er uns nicht sagt, was ihn herführt, lächelt er breit. Dann setzt er sich hin, pflückt eine Blume und fängt an, mit den Blütenblättern zu spielen. Conn sieht zugleich ärgerlich und verwirrt aus. »Ein Trottel«, grunzt er. »Das könnte eine Falle sein«, gibt Tiernan zu bedenken. »Dämonen schicken keine Menschen, um uns in die Falle zu locken«, widerspricht unser König. »Aber Ihr habt doch gesehen, wie schnell er gelaufen ist«, sagt Tiernan. »Dabei wirkt er überhaupt nicht müde, er schwitzt nicht mal. Vielleicht ist er gar kein Mensch.« »Bec«, ruft Conn. »Spürst du etwas?« Ich schließe die Augen und konzentriere mich auf den Jungen. Dämonen haben eine andere Aura als Menschen, sie strahlen die Energie ihrer eigenen Welt aus. Ein wenig davon spüre ich auch bei diesem fremden Kind. Noch bevor ich Conn davon berichten kann, stellt sich eine plötzliche Veränderung ein. Ich schlage die Augen auf und bemerke, dass sich das Licht um den Jungen verändert hat. Mir ist, als sähe ich durch eine dichte Nebelwand zu ihm hinüber. Überrascht kneife ich die Augen zusammen. Statt des Jungen steht dort mit einem Mal meine Mutter. Jeder Zweifel ist ausgeschlossen, ich habe sie oft in meinen Erinnerungen gesehen. Sie sieht genauso aus wie am Tag meiner Geburt – am Tag ihres Todes. Ausgezehrt, bis auf die Knochen abgemagert, mit dunklen Augenringen und blutbefleckt. Doch ihre Augen blicken liebevoll – die Liebe zu mir ist darin deutlich zu sehen. Während ich meine Mutter benommen, aber furchtlos mustere, dreht sie sich um und weist nach links, ohne den Blick von mir zu lösen. Sie sagt etwas, doch ich kann ihre Worte nicht verstehen. Stirnrunzelnd deutet sie mit dem Finger nachdrücklich in Richtung Westen. Als sie erneut ansetzt, um etwas zu sagen, lichtet sich der Nebel. Ihre Gestalt schimmert auf. Ich blinzele verwirrt, und mein Blick gleitet zurück zu dem Jungen, der noch immer mit der Blume spielt. »Bec«, höre ich Conns Stimme. Er schüttelt mich vorsichtig. »Alles in Ordnung?« Zitternd sehe ich auf und will im ersten Augenblick Conn von meiner Vision erzählen, entscheide mich dann jedoch dagegen. Dies war meine erste Vision. Ich will erst in Ruhe darüber nachdenken, bevor ich mit jemandem darüber rede. Ich mustere den Jungen, hole tief Luft und versuche, mich zu beruhigen. »I-ich glaube, e-er ist e-ein Me-mensch«, stottere ich. »Trotzdem ist er anders als wir, ich spüre Magie in ihm. Vielleicht ist er der Schüler eines Druiden.« Das ist bloß geraten, aber eine bessere Erklärung fällt mir nicht ein. »Ist er gefährlich?«, fragt Conn. Eine heikle Frage. Wenn ich mich täusche, wird man mich dafür verantwortlich machen. Zuerst überlege ich, ob ich vorsichtshalber besser die Ahnungslose spiele, doch dann zupft der Junge ein Blütenblatt ab und legt es auf seine herausgestreckte Zunge. »Nein«, erwidere ich voller Überzeugung. »Er ist harmlos.« Das Tor öffnet sich, einige unserer Leute drängen hinaus und scharen sich um den Jungen. Mich haben sie ebenfalls mitgenommen, falls er nicht unsere Sprache spricht. Eine Priesterin besitzt die Gabe, in vielen Zungen zu reden. Ich spreche zwar keine andere Sprache, aber das wissen die anderen nicht. Bisher hat mich noch niemand danach gefragt, und ich habe keine Notwendigkeit darin gesehen, es jemandem auf die Nase zu binden. Insgeheim hoffe ich, dass sich der Junge ein zweites Mal in meine Mutter verwandelt, doch er verändert seine Gestalt nicht mehr. Das Kerlchen ist dünn und schmutzig, sein dichter Schopf struppig und ungepflegt. Die knielange Tunika ist mit verkrustetem Schlamm bedeckt, er trägt keinen Umhang und ist barfuß. Sein Blick irrt unruhig umher. In der Scheide an seinem Gürtel steckt ein langes Messer, er macht jedoch nicht die geringsten Anstalten, es zu zücken und wirkt auch keineswegs alarmiert, als wir uns nähern. »He!«, blafft Conn und versetzt dem Knie des Jungen einen vorsichtigen Schubs mit dem Fuß. Keine Reaktion. »He! Wer bist du? Was willst du hier?« Keine Antwort. Conn öffnet den Mund, um das Kind erneut anzuschreien, hält dann aber inne und nickt mir auffordernd zu. Ich lecke mir nervös die Lippen und kauere neben dem sonderbaren Knaben nieder. Ich beobachte, wie er mit der Blume spielt, und achte auf seine Augen- und Kopfbewegungen. Inzwischen glaube ich nicht mehr, dass er der Schüler eines Druiden ist. Conn hatte recht, der Kleine ist ein Einfaltspinsel, allerdings einer, den die Götter mit besonderen Gaben bedacht haben. »Das ist eine schöne Blume«, sage ich leise. Der Junge sieht mich an, grinst und wirft mir die Blume zu. Als ich sie auffange, pflückt er eine zweite, hält sie sich über den Kopf und zwinkert mir zu. »Kannst du sprechen?«, frage ich. Keine Antwort. Gerade will ich ein zweites Mal fragen, als er plötzlich brüllt: »Blume!« Bei seiner lauten Stimme zucke ich zusammen, den Männern ringsum ergeht es nicht anders. Wir lachen verlegen. Der Junge mustert uns begeistert. »Blume!«, wiederholt er genauso laut. Sein Lächeln erlischt. »Dämonen. Töten. Komm mit.« Er springt mit einem Satz auf die Füße. »Komm mit! Renn schnell!« »Moment«, beschwichtige ich. »Es ist beinahe Abend, wir können jetzt nicht von hier weggehen. Die Dämonen werden bald unterwegs sein.« »Dämonen!«, ruft er erschrocken. »Töten! Komm mit!« Er packt mich an der Hand und zerrt mich hoch. »Warte«, sage ich und verliere allmählich die Geduld. »Wie heißt du? Woher kommst du? Warum sollten wir dir vertrauen?« Der Junge starrt mich verständnislos an. Ich hole tief Luft und frage betont langsam: »Wie heißt du?« Schweigen. »Woher kommst du?« Stille. Ich wende mich Conn zu und zucke die Schultern. »Er ist ein Narr. Wahrscheinlich ist er aus seinem Dorf geflohen und...« »Komm mit!«, ruft das merkwürdige Kind. »Renn schnell! Dämonen!« »Bec hat recht«, schnaubt Connla. »Warum sollte jemand solch einen Trottel auf...« »Renn schnell«, fällt ihm der Junge keuchend ins Wort. »Renn schnell!«, beharrt er, und seine Miene hellt sich plötzlich auf. Er weicht zurück, schlängelt sich so geschickt durch die Reihen der Krieger, als wären sie Schilfrohr, und läuft einmal um die Feste herum. Sekunden später steht er lächelnd wieder vor uns, ohne das geringste Anzeichen von Anstrengung. »Renn schnell!«, wiederholt er mit Nachdruck. »Woher kommst du, Renn Schnell?«, erkundigt sich Goll und verpasst dem Kleinen, der uns nicht sagen kann, wie er heißt, damit kurzerhand einen Namen. »Findest du zu deinen Leuten zurück?« Für einen Augenblick starrt der Junge den alten Krieger an. Vermutlich hat er die Frage nicht begriffen. Dann nickt er jedoch und blickt in die untergehende Sonne. »Schweinsfüße«, sagt er nachdenklich. Eine Sekunde lang sehe ich meine Mutter in die gleiche Richtung deuten, doch diesmal ist es nur die Erinnerung, keine Vision. Goll wirft Conn einen Blick zu. »Wir sollten ihn hereinbringen. Bald wird es dunkel. Drinnen können wir ihn weiter befragen, obwohl ich bezweifle, dass wir mehr aus ihm herausbekommen.« Conn zögert und wägt die Gefahr für seine Leute ab. Dann bedeutet er seinen Männern mit einem Fingerschnippen, sich um den Jungen zu kümmern, und kehrt mit Tiernan ans Lagerfeuer zurück, um das Ereignis zu erörtern. Trotz seiner schmächtigen Gestalt futtert Renn Schnell für zwei. Beim gemeinsamen Mahl stopft er mehr in sich hinein als jeder andere, doch keiner nimmt es ihm übel. Mit seinem sonnigen Wesen muntert er uns auf, obwohl er nicht richtig sprechen kann, abgesehen von gelegentlichen Ausrufen wie »Dämonen!«, »Komm mit!« oder seinem Lieblingsspruch »Renn schnell!«. Wie Goll richtig vorhergesagt hat, ist der Junge nicht in der Lage, uns mehr über seinen Clan mitzuteilen. Wir erfahren weder, wo er herkommt, noch, wie groß die Not ist. Normalerweise würde ihn niemand beachten, wir haben auch so schon Probleme genug. Doch heute Abend herrscht am Lagerfeuer eine aufgeräumte Stimmung. Die Ankunft der MacCadans hat uns zuversichtlich werden lassen. Zwar sind die elf Neuankömmlinge eher eine Sorge mehr als ein Segen, nichtsdestotrotz keimt in uns mit einem Mal wieder Hoffnung auf. Wenn auch die anderen Clans den Weg zu uns finden, könnten wir die Feste ausbauen, eine schlagkräftige Armee aufstellen und die Dämonen für immer fernhalten. Verrücktes Wunschdenken, mag sein, trotzdem glauben wir fest daran. Oder wie Banba immer zu sagen pflegte: »Verzweifelte und Verdammte schöpfen Hoffnung aus einem Häufchen Rattendreck.« Daher denken wir nun besonders gründlich über Renn Schnell nach. Die Männer bereden in aller Ausführlichkeit, wie lange der Junge gebraucht haben mag, um herzukommen, und warum man ausgerechnet einen Einfaltspinsel zu uns geschickt hat. »Sie haben ihn bestimmt ausgesucht, weil er so schnell läuft«, sagt Goll. »Ein Hase mit einer unvollständigen Botschaft ist immer noch besser als eine Schnecke, die mit der vollständigen Botschaft ihr Ziel nicht erreicht.« »Vielleicht stecken ja auch die Fomorii dahinter«, entgegnet Tiernan misstrauisch. »Sie könnten seinen Clan vernichtet und ihm den Verstand verwirrt haben und schicken ihn nun, damit er uns in die Falle lockt.« »Ihr habt eine ausgesprochen hohe Meinung von den Fomorii«, sagt Conn. »Sie sind dumpfe Wesen ohne jeden Verstand.« »Wohl wahr«, stimmt Tiernan zu. »Anfangs waren unsere Gegner auch nicht die hellsten, aber allmählich sind sie schlauer geworden. Wir hatten einen gut versteckten unterirdischen Fluchtweg. Zuerst stöberten ein oder zwei Dämonen den Eingang gelegentlich und eher zufällig auf, wussten jedoch nichts damit anzufangen. In letzter Zeit haben sie den Tunnel hingegen regelmäßig benutzt und uns gemeinsam mit den Fomorii in die Zange genommen. Mit einem Mal dachten und planten sie eher wie Menschen.« Conn streicht sich nachdenklich über das Kinn. Unser größter Vorteil im Kampf gegen die Dämonen besteht in unserer geistigen Überlegenheit – abgesehen davon, dass sie uns nur angreifen können, wenn es dunkel ist. Sollte es jedoch Dämonen geben, die gewitzter sind als unsere bisherigen Gegner... »Meiner Ansicht nach ist das keine Falle«, äußert Fiachna ruhig. Meist hört er nur schweigend zu, und alle sind überrascht, dass er sich mit einem Mal zu Wort meldet. Er sitzt neben Renn Schnell und untersucht das Messer des Jungen. »Der Junge riecht nicht nach Dämonen, oder, Bec?« Ich nicke eifrig, entzückt, dass Fiachna mich vor allen anderen zur Kenntnis nimmt. »Nicht der geringste Geruch«, stoße ich etwas atemloser als beabsichtigt hervor. »Renn Schnell sagt die Wahrheit«, fährt der Schmied fort. »Seine Leute sind in Not, er war der Einzige, den sie schicken konnten. Wahrscheinlich ist der Junge ihre letzte Hoffnung.« »Na und?«, schnaubt Connla. Sein misstrauischer Blick spricht Bände. »Wir brauchen auch Hilfe, wir haben es genauso schwer wie die anderen. Was erwarten sie denn? Sollen wir unsere Krieger für sie in die Schlacht jagen und Kinder und Frauen den Fomorii überlassen?« Er spuckt aus. »Trotz der harten Worte stimme ich meinem Sohn zu«, murmelt Conn. »Allianzen sind eines, aber wie Sklaven um Hilfe zu flehen... zu bitten, dass wir zu Hilfe kommen, anstatt sich selbst auf den Weg hierher zu machen...« »Vielleicht können sie nicht mehr reisen, weil zu viele von ihnen verletzt oder zu alt sind«, wendet Goll ein. »In diesem Fall lohnt es sich ohnehin nicht mehr, sie zu retten«, entgegnet Connla und lacht aus vollem Hals. Seine Anhänger stimmen ein – das Wolfsrudel folgt dem Leitwolf. »Wir sollten gehen«, grollt der Einäugige. »Oder zumindest einen Boten aussenden. Wenn wir ihre Bitte ausschlagen, versagt man vielleicht auch uns eines Tages die Hilfe.« »Nur Schwächlinge betteln um Hilfe«, beharrt Connla. Goll lächelt, und ich spüre, welche Antwort er darauf parat hat, nämlich ungefähr die folgende: »Dann dauert es ja nicht mehr lange, bis du betteln gehst.« Glücklicherweise ahnt auch Conn den drohenden Streit, und ehe Goll eine Beleidigung ausstoßen kann, die mit Blut vergolten werden muss, sagt der König: »Selbst wenn wir ihnen helfen wollen, wissen wir nicht, wohin wir gehen sollen. Zu diesem kleinen Holzkopf hier habe ich jedenfalls kein Vertrauen.« »Wenn die Rechtssprecher noch hier wären, könnten sie uns beraten«, sagt Fiachna. »Die Rechtssprecher!«, höhnt Connla. »Sind sie nicht als Erste geflohen, als die Dämonen kamen? Fluch den Rechtssprechern!« Zustimmendes Murmeln erhebt sich, sogar unter jenen, die nicht zu den Parteigängern des Königssohnes gehören. Die Rechtssprecher haben uns im Stich gelassen, und das verzeihen ihnen nur die wenigsten. Während die Männer weiter das Für und Wider abwägen, sitzen die Frauen schweigend hinter ihnen. Die Kinder spielen oder sind eingenickt, und die Wachposten auf dem Wall halten Ausschau nach Dämonen. Goll und Fiachna sind der Meinung, dass wir eine kleine Gruppe mit Renn Schnell losschicken sollten, um dem Clan des Jungen zu helfen. »Es ist kein Zufall, dass er am selben Tag wie die MacCadans hier eingetroffen ist«, sagt Goll. »Gestern hätten wir keinen Mann entbehren können, aber jetzt haben wir unerwartet Verstärkung bekommen. Das ist ein Zeichen.« »Verstärkung?«, höhnt Connla lautstark und wirft den MacCadans einen verächtlichen Blick zu. »Connla!«, weist ihn sein Vater barsch zurecht, ehe der hitzköpfige junge Krieger unsere Gäste weiter beleidigen kann. Erst als Conn sicher ist, dass sich sein Sohn zurückhält, beugt er sich vor, nimmt einen Schluck Coirm und denkt angestrengt nach. Als König wagt er es nicht, ein mögliches Zeichen der Götter zu missachten, dennoch zweifelt er, ob es sich tatsächlich um ein Zeichen handelt. In dieser Situation gibt es nur eine Person, die er um Rat fragen kann. »Bec?« Die Frage kommt nicht unerwartet, und ich bleibe gefasst. Ich hatte Zeit genug, um mir die Antwort vorab zu überlegen. Ich glaube, wir sollen Renn Schnell begleiten. Das war der tiefere Sinn der Vision. Der Geist meiner Mutter hat mir befohlen, dem Jungen zu folgen. »Wir sollten ihnen helfen«, flüstere ich. Connla verdreht die Augen, aber ich achte nicht auf ihn. »Dank der MacCadans sind wir stärker geworden und können für kurze Zeit einige unserer Krieger entbehren. Ich glaube, dass Renn Schnell den Weg zu seinen Leuten finden wird und dass uns Unheil droht, wenn wir die Bitte ausschlagen.« Conn nickt langsam. »Wen sollen wir schicken? Ich möchte niemandem den Befehl dazu erteilen. Gibt es Freiwillige?« »Ja«, sagt Goll sofort. »Da ich mich dafür ausgesprochen habe, muss ich auch gehen.« »Ich begleite dich«, lässt sich Fiachna ruhig vernehmen. »Du?« Conn mustert ihn verständnislos. »Du bist kein Krieger.« Der Schmied hält das Messer des Jungen hoch. »Dieses Metall habe ich noch nie gesehen. Es ist härter und zugleich leichter als unseres. Wenn ich das Geheimnis seiner Herstellung ergründen kann, wäre ich in der Lage, bessere Waffen zu schmieden.« Er senkt das Messer. »Wenn Ihr es befehlt, bleibe ich, aber ich möchte gern mitgehen.« »Nun gut«, seufzt Conn. »Allerdings brauchst du jemanden, der dich beschützt.« Er blickt sich nach einem weiteren Krieger um. Es gibt viele, unter denen er wählen könnte, doch er will keinen Ehemann oder Vater zu dieser gefährlichen Aufgabe verpflichten, daher bleiben nur die Jüngeren. Während sein prüfender Blick über deren Reihen wandert, verändert sich plötzlich seine Miene, und ein entschlossener Ausdruck tritt in seine Augen. Er zeigt auf Connla. »Mein Sohn wird dich beschützen.« Connla starrt seinen Vater fassungslos an, und viele andere sind nicht minder überrascht. Dies ist eine gefährliche Mission, die Dämonen sind allgegenwärtig, und die Aussicht, zu überleben, ist denkbar gering. Dennoch befiehlt Conn seinem eigen Fleisch und Blut, die sichere Feste zu verlassen und einen Schmied zu beschützen. Die meisten verstehen nicht, warum, aber ich ahne, was ihn dazu veranlasst hat. Conn möchte, dass sein Sohn eines Tages in seine Fußstapfen tritt. Wenn der König heute Nacht stürbe, gäbe es viele Nachfolger, die in Frage kämen. Connla müsste sich gegen harte Konkurrenz behaupten. Besteht er hingegen dieses Abenteuer und kehrt mit blutiger Klinge als ruhmreicher Held zurück, sieht die Sache schon anders aus. Dann könnte er es schaffen. Und wenn die Mission fehlschlägt und er stirbt? Nun, das liegt ohnehin in den Händen der Götter. Gegen sein eigenes Schicksal ist man machtlos. Noch während Connla seinen Vater verdutzt anblinzelt, erheben sich Ronan und Lorcan. »Wir schließen uns ebenfalls an«, erklärt Ronan und streicht sich die blutrote Mähne aus dem Gesicht. Conn ächzt. Obwohl noch so jung, zählen die Zwillinge zu unseren besten Kriegern. Es widerstrebt ihm, die beiden gehen zu lassen, andererseits kann er ihnen die Bitte nicht abschlagen, ohne sie zu beleidigen. Schließlich nickt er widerwillig. »Noch jemand?«, fragt er. »Ich«, sagt eine Frau der MacCadan und tritt einen Schritt vor. »Mein Name ist Orna MacCadan. Ich vertrete meinen Clan und danke euch auf diese Weise für eure Gastfreundschaft.« Orna ist die Kriegerin, die mir aufgefallen war. Conn lächelt. »Habt Dank. Wenn das alle sind...« Ein letztes Mal lässt er den Blick über die Anwesenden schweifen. Seine Miene besagt deutlich, dass sechs Leute seiner Meinung nach mehr als genug sind. Trotzdem reckt sich eine weitere Hand in die Höhe. Eine kleine Hand. Meine. »Ich will auch gehen.« Conn ist erstaunt, ebenso wie alle anderen. »Bec«, sagt Goll. »Das ist kein Ausflug für ein Kind.« »Ich bin kein Kind mehr«, gebe ich zurück. »Ich bin Priesterin. Na ja, angehende Priesterin.« »Das wird gefährlich«, warnt Fiachna. »Diese Aufgabe ist für Krieger bestimmt.« »Du gehst doch auch«, erinnere ich ihn. »Dabei bist du kein Krieger.« »Ich muss mitgehen, falls sich ein Schmied in diesem Dorf befindet, der mich lehren kann, wie ich bessere Waffen herstelle.« »Vielleicht kann ich dort ebenfalls etwas lernen«, erwidere ich und wende mich Conn zu. »Ich muss mit. Ich spüre, dass wir scheitern könnten, wenn ich hier bleibe. Ich weiß nicht, was ich beitragen kann – unter Umständen gar nichts –, aber glaubt mir, ich muss unbedingt mitreisen.« Conn schüttelt besorgt den Kopf. »Das kann ich nicht zulassen. Seit Banbas Tod bist du unsere einzige Verbindung zum Reich der Magie. Wir brauchen dich.« »Fiachna braucht Ihr auch«, rufe ich aus. »Trotzdem lasst Ihr ihn gehen.« »Fiachna ist ein Mann«, entgegnet Conn ungerührt. »Er hat das Recht, selbst zu entscheiden.« »Genau wie ich«, schnaube ich, hebe die Stimme und wiederhole mit Nachdruck: »Genau wie ich! Wir Magier leben nach eigenen Gesetzen. Banba war für mich verantwortlich, nicht Ihr. Sie lebte hier aus freiem Willen, und dasselbe gilt für mich – wir gehören nicht zum Clan. Ihr hattet keine Macht über Banba, und Ihr habt auch keine Macht über mich. Seit sie tot ist, habe ich mein Leben selbst in die Hand genommen und gehorche anderen Stimmen als denen, die sich hier erheben. Diese Stimmen sagen mir, dass ich gehen muss. Wenn Ihr mich daran hindert, geschieht es gegen meinen Willen und damit gegen den Willen der Götter.« Tapfere, herausfordernde Worte, die Conn nicht einfach beiseitefegen kann. Obwohl ich genauso wenig Priesterin bin wie die Kühe auf der Weide, ist meine Verbindung zu allem Magischen dennoch enger als die der anderen Bewohner der Feste. Auf dem Gebiet legt sich keiner mit mir an. »Sei’s drum«, gibt Conn wütend zurück. »Wir haben bereits einen ehemaligen König, den Schmied, zwei unserer besten Krieger, einen Gast und meinen Sohn zu diesem tollkühnen Unternehmen verpflichtet – warum also nicht auch unsere junge Priesterin!« Mit diesen bitteren, gereizten Worten ist über mein Schicksal entschieden, und ich darf mich zurückziehen. Ängstlich und aufgeregt trotte ich zu meiner Hütte, um ein letztes Mal in der sicheren Umfriedung der Feste zu schlafen, bevor wir am nächsten Morgen früh aufbrechen und uns Dämonen und all den anderen Gefahren, die dort draußen auf uns lauern, stellen müssen. Der Fluss Die Nacht verläuft ruhig und ohne Angriffe. Ein gutes Omen. Wir machen uns bei Sonnenaufgang auf den Weg und nehmen rasch Abschied von Verwandten und Freunden. Während wir davongehen, würde ich am liebsten auf die Hütten und Wälle der Feste zurückschauen, die ich vielleicht nie mehr wiedersehe. Damit würde ich jedoch das Unglück herausfordern, und so hefte ich den Blick auf den vor uns liegenden Pfad. Der Himmel ist wolkenbedeckt, es regnet häufig und ist herbstlich kühl. In diesem Jahr geht der Sommer spät zu Ende, doch wenn ich die Luft tief einatme, weiß ich genau, dass er vorbei ist. Vielleicht ist es ein schlechtes Vorzeichen, ausgerechnet dann aufzubrechen, wenn eine Jahreszeit zu Ende geht, aber deswegen mache ich mir lieber keine Sorgen. In gleichmäßigem Tempo marschieren wir in östlicher Richtung voran und entfernen uns dabei nicht allzu weit vom Lauf des Sionan. Da unsere Boote vor einigen Monaten bei einem Dämonenangriff zerstört worden sind, können wir den Fluss erst etwas weiter östlich überqueren, wo das Bett schmaler wird, und von dort aus nach Westen marschieren. Noch ist der Boden fest, und auf den Waldwegen kommen wir gut voran. Ronan und Lorcan bilden die Vorhut, gefolgt von mir, Orna und Renn Schnell. Der Junge würde uns am liebsten vorangehen, doch wir halten ihn zurück, sonst verschwindet er womöglich wie ein Kaninchen im Unterholz. Connla und Fiachna wandern direkt hinter uns. Der verdrossene Königssohn hat seit unserem Aufbruch kein Wort gesagt. Goll bildet das Schlusslicht. Während wir laufen, grübele ich mit wachsendem Unbehagen, warum ich die Feste verlassen wollte. Ausschlaggebend war die Vision meiner Mutter, aber es gab noch einen weiteren Grund – Angst. Die Feste kam mir mit jedem Tag kleiner vor, und mitunter fühlte ich mich derart beengt, dass ich kaum Luft bekam. Ich hatte viele Alpträume, in denen ich in der Falle saß, während die Wälle immer dichter auf mich zu rückten und mich schließlich zu Tode quetschten. Wenn unsere schlimmsten Befürchtungen eintreten und wir einer Horde Dämonen zum Opfer fallen, bleibt mir ein solches Ende hoffentlich erspart. Habe ich möglicherweise die Vision selbst hervorgerufen, damit ich die Feste verlassen kann? Ich bin mir zwar beinahe sicher, dass es eine echte Vision war, doch der Verstand spielt einem mitunter seltsame Streiche. Vielleicht ist es närrisch, vor seinen Ängsten davonzulaufen, und ich komme vom Regen in die Traufe? Wenn es jedoch keine Selbsttäuschung und die Vision echt war, warum sollte der Geist meiner Mutter mich ins Verderben schicken? Sie würde mich niemals drängen, mein Leben leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Am Ende will sie mir helfen, das Geheimnis meiner Vergangenheit zu entschlüsseln. Ich habe mich immer danach gesehnt, mehr über meine Mutter, meine Herkunft und meinen Clan zu erfahren, und Renn Schnell kann mich womöglich dabei unterstützen, die Wahrheit herauszufinden. Sollte das nur Wunschdenken sein und meine Vergangenheit auch weiterhin ein Geheimnis bleiben, könnte das bedeuten, dass unsere Feste dem Untergang geweiht ist. Der Geist meiner Mutter hat die Vernichtung der MacConn vorausgesehen und wollte mich auf diese Weise retten. So oder so, in jedem Fall steht fest, dass ich aus rein selbstsüchtigen Motiven gehandelt habe. Die MacConns brauchen mich, ich hätte sie nicht im Stich lassen dürfen, nur weil ich Angst habe, weil ich meine eigenen Leute suchen will oder meine Haut retten möchte. Ich sollte umkehren und den Clan mit meiner Magie so gut beschützen, wie ich es vermag. Andererseits könnte meine Mutter mir auch aus anderen Gründen erschienen sein, und ich helfe dem Clan, indem ich an dieser verrückten Mission teilnehme. Banba sagte immer, wir sollten dem Ratschlag der Geister stets folgen, obwohl wir uns vorsehen müssten, weil sie uns gelegentlich aufs Glatteis führten. Ana, hilf! Mir dröhnt der Schädel vom vielen Nachdenken. Ich sollte aufhören und meinem Gehirn eine Pause gönnen. Außerdem ist es im Augenblick ohnehin sinnlos, sich Sorgen zu machen. Wir sind bereits eine halbe Tagesreise von der Feste entfernt und schaffen es vor Anbruch der Nacht nicht mehr zurück. Umkehren ist also ausgeschlossen. Am Morgen sind alle schweigsam und in sich gekehrt und denken an die Zurückgebliebenen und die ungewisse Zukunft. Mittags machen wir Rast. Ronan und Lorcan haben ein paar Kaninchen gefangen, die wir zusammen mit einigen Beeren roh verzehren. Anschließend zwingen die vollen Mägen uns zu einem etwas langsameren Tempo, und als Fiachna Orna nach ihrem Messer mit den drei Klingen fragt, entspinnt sich ein leises, zwangloses Gespräch. Wir überschütten die Kriegerin mit weiteren Fragen, denn die Mitglieder eines Clans wissen alles voneinander. Orna und Renn Schnell sind die einzigen Unbekannten, und da der Junge sich darauf beschränkt, bei Fragen nur zu grinsen und den Blick abzuwenden, richtet sich die gesamte Aufmerksamkeit auf Orna. Sie war viermal verheiratet und hat von jedem Mann Kinder. Sie sagt, sie hätte Männer gern, könne es aber nie lange mit einem aushalten. Goll lacht und meint, sie seien ja wie geschaffen füreinander, da er in einigen Jahren sowieso das Zeitliche segnen werde. »Außer Erinnerungen wird nichts von mir zurückbleiben«, bemerkt er grinsend. »Aber immerhin sind es gute Erinnerungen. Als junger Mann habe ich drei Frauen gehabt und keine davon enttäuscht.« »Wenn man mal davon absieht, dass du ein Auge und die Königswürde verloren hast«, entgegnet Connla mit gemeinem Grinsen. Golls Laune sinkt augenblicklich. »Du solltest ihn nicht herausfordern«, flüstert Fiachna ungehalten. »Er ist doch nur ein nutzloser Alter«, entgegnet Connla. »Mein Vater ist König, und ich gedenke, ihm auf den Thron zu folgen. Ich kann mit dem alten Ziegenbock reden, wie es mir passt.« »Wir sind nicht mehr in der Feste«, sagt Fiachna. »In dieser kleinen Gruppe sind wir alle aufeinander angewiesen. Vergiss nicht – eines Nachts könnte dein Leben in Golls Hand liegen.« Während Connla mürrisch das Gesicht verzieht und darüber nachdenkt, erkundige ich mich nach Ornas Kindern. Waren sie gestern unter den Neuankömmlingen? »Nein«, erwidert die Kriegerin kurz angebunden, und ihr glattrasierter Schädel schimmert im Regen. Auf ihre Wangen sind die Zeichen Nuadas, der Kriegsgöttin, tätowiert, dunkelrote Spiralen, die den Blick auf hypnotische Weise gefangen nehmen. »Sie sind tot. Die Dämonen haben sie vor einer Woche umgebracht.« »Ana möge sie behüten«, murmele ich unwillkürlich. »Ana möge sie bei den Toten behalten«, erwidert Orna tonlos. »Hast du die Leichen nicht verbrannt?« »Wir konnten sie nicht finden. Die Dämonen sind durch den Tunnel eingedrungen und haben alle Kinder, die dort spielten, mitgenommen. Ich habe ihnen hundertmal gesagt, dass sie nicht in den Tunnel dürfen, aber Kinder hören ja nicht.« In Ornas Blick mischen sich Trauer und Zorn. Sie ist eine Kriegerin und darf die Toten nicht beklagen, doch Frauen sind nun mal viel mitfühlender als Männer. Orna ist zwar genauso stark und tapfer wie ein männlicher Krieger, aber ihr Herz gleicht meinem, und im Innersten spüre ich, dass sie weint. Als wir am Abend eine Moorlandschaft durchqueren, üben sich Ronan und Lorcan mit Orna im Kampf. Einige ihrer Finten mit dem Messer sind den Zwillingen neu, und die beiden trainieren, bis sie die neue Technik vollendet beherrschen. Im Gegenzug kennen die Brüder viele Griffe und Tricks, mit denen sie Orna überraschen. Sie bringen ihr einige davon bei und versprechen, ihr in den kommenden Tagen noch weitere zu zeigen, sobald wir Rast machen. Früher hielten die Krieger ihre Kampftechniken streng geheim. Sie nahmen sich sogar vor ihren Nachbarn in Acht, denn die Freunde von heute hätten jederzeit die Feinde von morgen sein können. Doch seit die Fomorii aufgetaucht sind, teilen Krieger, Schmiede und Zauberer ihr Wissen. Die Dämonen haben die verschiedenen Tuatha des Landes stärker vereint, als es ein König je vermocht hätte. Leider können wir uns nicht zusammenschließen und die Dämonen auf offenem Feld zum fairen Kampf herausfordern. Ich bin sicher, wir würden gewinnen. Obwohl Dämonen nicht so klug sind wie Menschen, sind sie um einiges hinterlistiger. Sie lauern überall, bedrohen die Menschen an den Wegen und Überlandrouten, erschweren uns das Reisen und damit auch die Bildung neuer Allianzen. Wir teilen zwar unsere Waffen und Kampftechniken, sobald sich die Gelegenheit bietet, aber ich fürchte, das geschieht viel zu selten. Während Ronan und Lorcan mit Orna kämpfen, fragt Connla Fiachna um Rat. Der Königssohn hat eine Idee für einen neuartigen, mit verschiedenen scharfen Widerhaken versehenen Speer und möchte Fiachnas Meinung dazu hören. Der Schmied hört aufmerksam zu und erläutert ihm dann, warum die Waffe nicht funktionieren kann. Connla ist enttäuscht, doch Fiachna muntert ihn auf und sagt, er könne vielleicht gemeinsam mit dem Schmied im Dorf von Renn Schnell etwas zustande bringen, das sich an Connlas Idee anlehnt. Ich führe eine etwas einseitige Unterhaltung mit Renn Schnell, forsche erneut nach seinem richtigen Namen und seiner Herkunft, falls er denn noch Familie hat. Er bleibt mir die Antwort jedoch schuldig. Nach einer Weile gesellt sich Goll zu uns. »Schwierigkeiten, Kleines?«, fragt er. »Er will mir einfach nichts erzählen«, stelle ich ärgerlich fest. »Dabei kann er das bestimmt. Wenn es ihm gelingt, uns zu sagen, dass seine Leute Hilfe benötigen, muss er doch auch in der Lage sein, uns seinen Namen zu nennen.« »Mitunter lässt sich nur schwer ergründen, was in den Köpfen Verwirrter vor sich geht«, sagt Goll und zerzaust den Schopf des Knaben. »Meine zweite Frau hatte einen schwachsinnigen Bruder. Er konnte sich weder selbst anziehen noch eine Waffe handhaben oder eine Mahlzeit zubereiten. Dennoch war er ein begnadeter Flötenspieler und trotz seiner Hilflosigkeit im Alltag jedem Mann auf der Flöte haushoch überlegen.« »Was ist aus ihm geworden?«, erkundige ich mich. Goll zuckt die Achseln. »Eines Tages hat er sich verirrt und vergiftete Beeren gegessen.« »Beeren!«, ruft Renn Schnell und reibt sich den Bauch. Auf bestimmte Worte reagiert er sehr heftig und wiederholt sie dann. »Seit der letzten Mahlzeit ist noch nicht viel Zeit vergangen«, ermahne ich ihn. »Du musst bis zum Abendessen warten.« »Beeren«, sagt er erneut, diesmal in traurigem Ton. Dann stampft er ein paarmal mit dem Fuß auf und blickt mich hoffnungsvoll an. »Renn schnell?« »Nein«, stöhne ich. »Jetzt nicht. Du musst bei uns bleiben.« »Renn schnell«, seufzt er und stampft erneut auf, um mir zu zeigen, dass er wie ein Wirbelwind davonsausen könnte, wenn ich ihm nur die Erlaubnis gäbe. Goll lacht. »Ein munteres Kerlchen. Mit dem hast du wirklich alle Hände voll zu tun.« »Vielleicht schubse ich ihn einfach ins Wasser, wenn wir den Sionan überqueren«, bemerke ich gereizt. »Dann finden wir sein Dorf nicht«, gibt Goll zu bedenken. »Ich bin mir sowieso nicht sicher, ob wir dieses Dorf je finden werden«, grummele ich. »Woher wollen wir wissen, dass er uns den richtigen Weg zeigt? Er könnte ebenso gut aus einem südlichen Gebiet kommen.« Goll blinzelt mich mit dem gesunden Auge an. »Du bist in finsterer Stimmung, Kleines. Müde?« »Nein.« Goll kitzelt mich am Kinn, bis ich lache. »Müde?«, bohrt er. »Ja«, bekenne ich seufzend. »Ich bin so lange Fußmärsche nicht gewohnt. Außerdem geht ihr so schnell! Meine Beine sind viel kürzer als eure.« »Du hättest Bescheid sagen sollen.« »Ich wollte ja nicht wie ein... ein...« »... ein Kind wirken?«, beendet Goll lächelnd den Satz. »Aber du bist ein Kind. Und obendrein ein besonders kurz geratenes.« »Dass ich klein bin, bedeutet noch lange nicht, dass ich nicht mithalten kann!«, brause ich auf und schreite schneller aus. Doch nach fünf oder sechs Schritten legt Goll mir seinen kräftigen kurzen Arm um die Taille und hebt mich hoch. »Nein!«, rufe ich. »Lass das!« »Hör auf zu zappeln«, entgegnet er und setzt mich auf seine Schultern. »Vielleicht brauchen wir dich später noch. Wenn du völlig erschöpft bist, kannst du uns nicht helfen.« »Ich verwandele dich in einen Frosch, wenn du mich nicht sofort runterlässt!«, drohe ich, bin aber insgeheim sehr froh. Nachdem ich mich eine Minute ehrenhalber gewehrt habe, gebe ich mich geschlagen und lasse Goll für den Rest des Tages mein Pferd sein. Hoch oben auf seinen Schultern genieße ich den weiten Blick und schone meine Kräfte, für den Fall, dass ich in der Dunkelheit gegen die Dämonen kämpfen muss. Als es Abend wird, erreichen wir die Furt am Sionan, wo das Flussbett schmal, seicht und leicht zu überqueren ist. Hier verläuft die Grenze zweier Tuath, und früher befand sich an dieser Stelle eine der größten Festungen der Provinz. Einige hölzerne Straßen führen immer noch zu dem einst eindrucksvollen Bauwerk. Früher waren viele Karren auf dieser Route unterwegs und die Straßen in gutem Zustand. Inzwischen gleicht die Feste einem Steinbruch, und die Wege sind reparaturbedürftig. Gerüchte, die Feste sei von Dämonen überrannt worden, waren bis zu uns gedrungen, doch wir hatten gehofft, es handele sich dabei um eine Falschmeldung. In der Nacht hätten wir hier Schutz finden können. »Was jetzt?«, fragt Connla und mustert das verwahrloste Bauwerk, einst der Stolz der ganzen Provinz. »Sollen wir den Fluss überqueren oder hier unser Lager aufschlagen?« »Überqueren«, sagen die Zwillinge wie aus einem Mund. »Auf dieser Seite sind wir nicht sicher«, fügt Ronan hinzu. »Wo die Dämonen schon angegriffen haben, scheuen sie vor einem zweiten Angriff nicht zurück«, stimmt Lorcan zu. »Viele kommen nicht über fließendes Wasser hinweg«, merkt Ronan an. »Am gegenüberliegenden Ufer sind wir sicherer.« Connla nickt, wirkt aber besorgt. Am anderen Ufer stehen lediglich einige Hütten, die Siedler aus dem angrenzenden Gebiet bewohnen. Früher pflegten sie alle Reisenden, die den Fluss überquert hatten, zu begrüßen und nahmen sie auch meist auf. Die Hütten sind zwar unversehrt, doch von den Bewohnern ist keine Spur zu sehen. Vielleicht verstecken sie sich oder sind alle getötet worden, und die Dämonen haben in den Hütten Zuflucht vor dem Sonnenlicht gesucht. »Kommt«, sagt Goll, setzt mich ab und übernimmt die Führung. »Die Sonne geht bald unter. Überqueren wir den Fluss und suchen uns einen Unterschlupf.« In den zahlreichen kleinen Kanus am Ufer haben jeweils vier Menschen Platz. Wir teilen uns in zwei Gruppen auf. Ronan, Lorcan, Renn Schnell und ich bilden die eine, und Lorcan packt das Tau an unserem Boot und hat es beinahe an Land gezogen, als mich blitzartig eine innere Vorwarnung überkommt. »Lorcan! Nicht!«, schreie ich. Geistesgegenwärtig lässt er das Tau los und springt zurück, gerade noch rechtzeitig, ehe ein riesiger, dämonischer Aal wie ein Pfeil aus dem Boot schnellt und sich auf ihn wirft. Der ungeheuerlich große Kiefer des Wesens ist mit Reißzähnen bestückt, die besser zu einem Bären passen würden. Der Dämon schnappt nach Lorcans Kopf und verfehlt ihn nur um Haaresbreite. Er stürzt schwer zu Boden, krümmt sich zornig und will Lorcans Bein packen. Ronan tritt neben seinen Bruder und stößt mit dem Schwert zu, um dem Dämon die Augen auszustechen. Doch das Biest ist blind und bewegt sich mit Hilfe anderer Sinnesorgane. Mit einem Satz ist Orna auf dem Rücken unseres Angreifers und hackt mit zwei Messern, die jeweils drei Klingen besitzen, auf ihn ein. Er wölbt und windet sich verzweifelt, doch die Kriegerin lässt sich nicht abschütteln und bohrt ihm die Fersen in die Flanken. Ihr Gesicht ist verzerrt, als sie hasserfüllt schreit, und ihre Tätowierung kräuselt sich vor Wut. Connla zielt, holt aus und schleudert seinen Speer tief in den Rachen der Bestie. Würgend wirft der Dämon den Kopf nach unten, um den Speer auszuspucken. Nun stürzt Goll vor, packt den Schaft des Speeres und stößt ihn unter heftigen Drehungen noch tiefer in die Gurgel unseres Feindes. Der Dämon zuckt, und seine Gegenwehr erlahmt. Mit einem Mal sind alle Krieger über ihm, hacken auf ihn ein wie Ameisen, die einen Dachs angreifen. Fiachna, Renn Schnell und ich sehen aus der Nähe zu. »Meinst du, ich sollte ihnen helfen?«, fragt Fiachna und deutet auf die Axt an seinem Gürtel. »Nicht mehr nötig«, versichere ich ihm. Minuten später ist der Kampf vorbei, und der Aaldämon liegt zerfetzt in einer grauen Blutlache, den Rachen in einem letzten Todesfauchen weit aufgerissen. Goll zieht den Speer mit einem Ruck heraus und reicht ihn Connla. Lachend klopft er dem jüngeren Krieger auf den Rücken. »Ein meisterhafter Wurf!« Connla lächelt ein wenig dümmlich. »Eigentlich habe ich auf den Kopf gezielt«, gesteht er mit ungewohnter Bescheidenheit. »Ich habe großes Glück gehabt.« »Im Kampf würde ich mich immer für Glück statt Geschicklichkeit entscheiden«, entgegnet Goll und versetzt ihm einen zweiten Klaps. Die beiden grinsen sich an wie die besten Freunde. »Ich habe noch nie gegen einen Wasserdämon gekämpft«, bekennt Orna und wischt ihr Messer am Gras ab. Sie taucht den Mittelfinger in das graue Blut und reibt die Flüssigkeit in die spiralförmigen Tätowierungen auf ihrer Stirn. »Sie sind selten«, sagt Ronan, der den Dämon eingehend studiert und mit einem Fuß auf den Rücken dreht. »Wir können froh sein, dass es noch hell ist, sonst wäre er viel stärker gewesen.« »Los, kommt«, murmele ich und blicke mich besorgt um. »Bald geht die Sonne unter. Dann werden noch weitere folgen.« Das bringt alle zum Schweigen. Nachdem wir uns rasch vergewissert haben, dass im zweiten Boot keine Dämonen stecken, klettern wir hinein und überqueren den Fluss so schnell wie möglich, den Blick auf die Wasseroberfläche geheftet und ständig auf der Hut vor einem weiteren Angriff aus der Tiefe. Die Steine Als unsere Boote anlegen, rührt sich nichts. Niemand tritt aus einer der Hütten, um uns zu begrüßen. Sobald wir auf festem Boden stehen, beäugen wir die Behausungen misstrauisch. Es ziemt sich eigentlich nicht, fremdes Gebiet ohne vorherige Ankündigung und geführt von einem Würdenträger aus den eigenen Reihen zu betreten, aber die Zeiten haben sich geändert. Viele der alten Gesetze gelten nicht mehr. »Ihr in den Hütten!«, ruft Goll, falls sich doch noch Lebende im Dorf befinden. Schweigen. »Wollen wir nachsehen, ob noch jemand da ist?«, schlägt Fiachna vor. »Dann hätten sie uns längst geantwortet«, sagt Connla. »Vielleicht haben sie Angst oder hocken in einem unterirdischen Versteck«, gibt Orna zu bedenken. Ronan deutet schweigend auf eine Stelle links neben den Hütten. Meine Augen sind nicht so scharf wie seine, daher dauert es eine Sekunde, bis ich erkenne, was er entdeckt hat: Ein kleiner Arm, wahrscheinlich der eines Kindes, liegt auf der Erde. Seufzend zieht Goll sein Schwert und setzt sich an die Spitze unserer Gruppe. »Los«, befiehlt er barsch, und wir marschieren schnell und angespannt weiter. Da wir keinen Unterschlupf entdecken, bleibt uns nichts anderes übrig, als nach Einbruch der Dunkelheit weiterzulaufen und darauf zu hoffen, dass wir alle Dämonen, die uns wittern, durch unser rasches Tempo abhängen. Ich versuche mir einzureden, dass uns sowieso niemand bemerkt. In diesen unruhigen Zeiten treiben sich nur Narren zu so später Stunde im Freien herum. Die Fomorii rechnen nicht mit nächtlichen Wanderern und halten vielleicht nicht einmal mehr Ausschau. Ein dummer, kindischer Gedanke. Trotzdem sieht es eine Stunde lang so aus, als könnte ich recht behalten. Wir bemerken keine Dämonen, und unsere Hoffnung wächst. Doch dann vernehmen wir ein unmenschliches Heulen, zwar noch ein ganzes Stück hinter uns, aber trotzdem bereits beunruhigend nahe. Wir bleiben lauschend stehen, als andere Stimmen das Heulen erwidern. Vor meinem geistigen Auge sehe ich schon, wie sich eine Truppe von Dämonen und Untoten zusammenrottet. Sie versammeln sich um denjenigen, der unsere Fährte gewittert hat, schnüffeln und belecken den Boden, beben vor Aufregung – und nehmen in langen Sprüngen unsere Verfolgung auf. »Vielleicht sind sie hinter jemand anderem her«, sagt Connla, doch seine Worte klingen hohl. Die Dämonen haben uns aufgespürt, kein Zweifel. »Laufen wir etwas zügiger«, befiehlt Goll mit unbewegter Miene. Renn Schnell hebt rasch den Kopf. »Renn schnell?«, fragt er eifrig. »Ja«, bestätigt Goll und packt den Jungen, der davonflitzen will. »Aber nicht ganz so schnell.« Wir hören, wie die Dämonenhorde hinter uns durch das Unterholz bricht, Äste abreißt und kleinere Bäume umtrampelt. Noch nie habe ich derart aufgeregte Dämonen erlebt. Vermutlich ist es harte Arbeit für sie, eine Feste anzugreifen, und obendrein frustrierend, sich mit dem Geruch der Beute in der Nase durch die Wallanlagen zu kämpfen und nicht selten Fehlschläge hinnehmen zu müssen. Hier draußen brauchen sie uns dagegen einfach nur zu jagen und können sich dann ungehindert auf uns stürzen. Sie hetzen uns wie eine Hundemeute. Wir halten derweil nach einer Stelle Ausschau, die sich zur Verteidigung eignet, eine Höhle wäre beispielsweise perfekt. Wir könnten uns alle hineinzwängen, die Dämonen bis zum Morgengrauen in Schach halten und danach fliehen. Doch bisher haben wir keine einzige Höhle entdeckt. Goll bleibt auf einer kleinen, gerodeten Lichtung stehen. Bevor die Dämonen kamen, wollte hier jemand vermutlich Platz zum Weiden schaffen oder Hütten bauen. Goll sieht sich prüfend um. »Hier doch nicht«, japst Connla, dessen Gesicht vor Anstrengung dunkelrot angelaufen ist. »Viel zu ungeschützt.« »Was Besseres haben wir nicht«, schnauft Goll und deutet auf einen moosüberwucherten Holzstapel. »Wir können ein Feuer anzünden, ein paar zusätzliche Bäume fällen und in den Boden rammen. Wir verschanzen uns dahinter, damit die Dämonen uns nicht alle zugleich angreifen.« »Aber...« Hilfesuchend wendet sich Connla den anderen zu, doch Ronan, Lorcan und Orna zücken bereits die Waffen, während Fiachna seine Axt nimmt und prüfend die Bäume mustert. Natürlich ist unsere Lage hoffnungslos. Doch welche Wahl haben wir? Wir können uns nur so gut wie möglich verbarrikadieren und unseren Widersachern trotzen, bis sie unsere Verteidigung mühelos zerstören, und zu guter Letzt als unbeugsame, stolze Krieger sterben. Während ich überlege, welche Zaubersprüche ich anwenden könnte, schiebt sich eine kleine Hand in meine. Als ich mich umsehe, lächelt Renn Schnell mir zu. »Renn schnell?«, flüstert er. »Jetzt nicht«, seufze ich. Der Junge runzelt die Stirn. »Renn schnell«, wiederholt er energisch. Ich schüttele den Kopf. »Wir müssen bleiben und kämpfen. Kannst du kämpfen? Weißt du, wie...« Die Finger des Jungen schließen sich fester um meine, und er zischt mit entschlossener Miene: »Renn schnell!« Dann sagt er unter aufgeregtem Deuten: »Kleine Würmer!« Zuerst will ich ihm gereizt den Mund verbieten, halte dann jedoch inne. Das magische Prickeln in den Fingern des Jungen ist unverkennbar. Ich senke den Kopf. Seine Hand leuchtet schwach. Der Junge folgt meinem Blick und sieht dann zu mir auf. »Kleine Würmer«, wiederholt er etwas leiser. »Goll!«, rufe ich. Der alte Krieger wirft mir einen raschen Blick zu. »Wir gehen weiter.« »Aber...« »Keine Widerrede!« Gemeinsam mit Renn Schnell eile ich bereits davon. »Hier ist unser Tod gewiss, wenn wir dagegen weiterlaufen...« Da ich nicht sicher bin, was uns erwartet, verstumme ich, doch in meinem Herzen spüre ich, dass es besser ist als alles, was uns hier bevorsteht. Alle sehen mich an, zwischen Hoffnung und Misstrauen schwankend. »Es gibt sicher bessere Stellen als diese«, sagt Fiachna. »Zur Not würde es reichen. Wenn sie uns im offenen Gelände erwischen, sind wir verloren. Bist du dir wirklich sicher...?« »Ja«, knurre ich. »Wir müssen weiter. Sofort. Sonst ist es um uns geschehen.« »Überleben wir dann?«, fragt Connla zweifelnd. »Vielleicht.« Das genügt nicht. Die anderen misstrauen meinem Instinkt. Sie werden hierbleiben. Ich öffne den Mund, um sie aufs Neue zu überzeugen, da senkt Orna ihr Messer und stellt sich neben mich. »Ich glaube dem Mädchen.« »Warum?«, fragt Goll eher neugierig als herausfordernd. Die Kriegerin zuckt die Achseln. »Das sagt nur mein Gefühl.« Lorcan tippt mit der Messerspitze gegen einige seiner Ohrringe. »Ich weiß zwar nicht genau, ob wir überleben, wenn wir weitergehen, aber ich bin mir völlig sicher, dass wir sterben, wenn wir bleiben.« Goll blickt einen nach dem anderen fragend an. Sie beantworten die stumme Frage mit müden Blicken und entmutigtem Achselzucken. »Nun gut«, erklärt er und schiebt das Schwert in die Scheide. »Bec – du gehst voran.« Wir rennen davon. Schwitzend und angstvoll hören wir das Trampeln der heranjagenden Dämonen hinter uns. Sie haben uns beinahe erreicht, nur noch wenige Minuten, und wir müssen innehalten, kämpfen – und sterben. Die Bäume umstehen uns so dicht, dass kein Ausblick möglich ist, und obendrein ist es dunkel. Viel zu dunkel. Als ich aufsehe, fällt mein Blick auf Kleinholz, Kleiderfetzen, abgerissenes Dachstroh und allerlei andere, nicht genauer zu erkennende Teile, die auf den Baumkronen zu einem rohen Dach zusammengefügt sind und jegliches Mond- oder Sternenlicht abschirmen. Mir sinkt der Mut. Das ist eine Falle! Ich habe mich getäuscht. Renn Schnell sollte uns in den Untergang führen, und wir sind darauf hereingefallen. Gerade will ich zu einem verspäteten Warnruf ansetzen, als... wir plötzlich ins Freie gelangen und überrascht stehen bleiben. Wir befinden uns auf einer Lichtung, in deren Mitte sich ein Ring aus Felsblöcken erhebt. Die meisten davon sind größer als ich, einige überragen sogar Ronan und Connla, die wahrlich keine Zwerge sind. Die Steine sind in regelmäßigen Abständen angeordnet, verwittert und mit Moos und Kletterpflanzen überwuchert. Ein Ort der Magie, und diese Magie stammt aus uralter Zeit, der Zeit der Alten Geschöpfe, als sich in unserem Land noch die Götter tummelten. Die Dämonen sind uns jetzt so dicht auf den Fersen, dass uns ihr widerwärtiger Gestank bereits in die Nase steigt. »Kommt!«, schreit Fiachna. Wir folgen seinem Ruf, eilen zu dem Ring aus Steinen und bereiten uns auf den Kampf vor. Hastig drängen wir uns in die Mitte des Kreises. Die Steine bieten uns zwar nicht viel Schutz, verhindern aber immerhin, dass die Dämonen sich alle zugleich auf uns stürzen und uns innerhalb von wenigen Sekunden den Garaus machen können. Das wird uns zwar auch nicht retten, doch man soll die Hoffnung bekanntlich nie aufgeben. Zumindest nicht, bis man den Fomorii in die Hände fällt. Lorcan springt auf einen Stein, der vor langer Zeit umgestürzt ist. Er schwenkt sein Schwert über dem Kopf und fordert die aus dem Waldsaum stürmenden Dämonen mit wüsten Schmähungen zum Kampf heraus: Dutzende verstümmelter, entsetzlicher Dämonen mit Bärenleibern und Adlerköpfen, wolfsähnliche Gestalten, deren nach außen gestülpte Innereien am Körper baumeln, Klauen, Reißzähne, blutrote Augen. Wirklichkeit gewordene Alpträume, wohin wir blicken. Die Dämonen rücken langsam heran. Vermutlich wollen sie den Angriff genießerisch in die Länge ziehen und mit uns spielen. Doch mit einem Mal halten sie inne und brechen in Wutgeheul aus. Während wir alle verblüfft auf die Dämonen starren, die mit den Fäusten auf den Boden hämmern, die Fänge in die Erde schlagen und uns in ihrer unverständlichen Sprache verfluchen, tritt Renn Schnell an meine Seite. Er legt mir eine Hand auf die Schulter und sagt mit vertrauensvollem, leisem Lächeln: »Kleine Würmer.« Die Dämonen sind der Alten Magie nicht gewachsen. Sie dürfen dem Ring aus Steinen nicht zu nahe kommen und können uns nicht angreifen. Dennoch versuchen es einige von ihnen im Lauf der Nacht. Sie rennen mit gesenkten Köpfen und trotzigem Gebrüll dagegen an, doch ein jeder bleibt abrupt mitten im Lauf stehen oder prallt zurück, als sei er gegen eine Wand gelaufen. Ich wünschte, wir würden die Magie der Alten Geschöpfe kennen, dann könnten wir jede Feste mit einem Ring aus Steinen schützen und unser Land wieder sicher machen. Doch diese Geheimnisse sind verlorengegangen. Banba sprach häufig von den Magiern jener längst vergangenen Zeiten, aber abgesehen von einigen Geschichten und Legenden, die sie selbst als Kind gehört hatte, wusste sie nicht viel von ihnen. Nachdem wir unsere unerwartete Rettung ausgiebig bejubelt haben, untersuchen wir den Ring aus Steinen genauer. Was wir entdecken, dämpft unsere Begeisterung erheblich. Überall liegen Knochen herum. Einige stammen von Tieren, aber zum größten Teil handelt es sich um Menschenknochen. Sie sind in der Kreismitte gestapelt und nach Westen ausgerichtet. Die Sonne geleitet die Verstorbenen in die Anderwelt, und wenn die Toten nicht eingeäschert werden, bahrt man sie in Richtung der Bahn auf, die das Gestirn durchläuft. Die Knochen sind nicht so alt wie die Steine, an vielen haften noch Fleischfetzen oder Haare. »Man muss sie nach ihrem Tod hierher gebracht haben«, sagt Orna. »Wahrscheinlich um zu verhindern, dass die Fomorii sie wieder zum Leben erwecken.« »Schon möglich«, sagt Fiachna. »Aber warum hat man sie nicht einfach verbrannt?« »Unter Umständen sind diese Leichen ein Teil der Magie«, mutmaßt Ronan. »Vielleicht benötigen die Steine die Energie von Verstorbenen.« »Wozu soll das gut sein?«, wendet Goll ein. »Warum schleppt man Leichen hierher, um Dämonen von dem Steinkreis zu bannen?« Das Rätsel beschäftigt uns die ganze Nacht – bei dem Geheul der Dämonen ist an Schlaf ohnehin nicht zu denken – und löst sich beim Morgengrauen. Als die Sonne aufgeht, treten die Dämonen den Rückzug an, weichen allerdings nur bis an den Waldsaum zurück. Von dort aus, im Schutz des Unterstandes, behalten sie uns mit bösartigen Mienen und unter schrecklichem, langsamem, drohendem Stampfen im Auge. »Die Dämonen haben das Schutzdach unter den Bäumen gebaut«, stelle ich fest, und mir wird plötzlich schlecht. »Die Menschen aus der Gegend haben wahrscheinlich jede Nacht Schutz in diesem Ring gesucht. Die Dämonen rasten vor Zorn, bis sie eine Idee hatten. Sie haben sich unter die Bäume zurückgezogen und von dort aus die Menschen beobachtet. Es gab kein Entkommen. Die Menschen sind hier in diesem Ring langsam verhungert und verdurstet.« »Die meisten Toten tragen nicht einmal Waffen«, seufzt Goll. »Wahrscheinlich haben sie sich in Sicherheit gewiegt und sind nachlässig geworden. Wozu Waffen anlegen, wenn ihnen innerhalb des Steinkreises keine Gefahr droht? Sie haben nicht einmal den Versuch machen können, sich den Weg in die Freiheit zu erkämpfen.« »Und wir sitzen jetzt ebenfalls in der Falle«, merkt Connla mit finsterem Blick auf mich an. »Bec trifft keine Schuld«, braust Fiachna auf. »Ohne sie wären wir längst tot.« »Richtig«, gibt Connla mürrisch zu. »Wobei ich lieber im offenen Kampf sterben würde, statt mich wie ein Fuchs aushungern zu lassen.« »Lass dich nicht aufhalten«, entgegnet Goll. »Die Dämonen warten. Sie haben bestimmt nichts gegen einen Kampf einzuwenden, falls du ein rasches Ende vorziehst.« »Vielleicht wäre ein Kampf mit dir auch keine schlechte Idee«, faucht Connla. »Männer sind so kindisch«, schaltet sich Orna ein, bevor zwischen den beiden ernsthaft Streit aufflammt. »Statt dankbar für diesen zusätzlichen Tag zu sein, knurrt ihr euch an wie Hunde.« »Wofür sollte ich dankbar sein?«, schreit Connla. »Wir sind umzingelt! Wir werden genauso elend sterben wie die anderen vor uns. Unsere Knochen werden allmählich zu Staub zerfallen, unbegraben und unbeachtet von den Göttern.« »Nicht unbedingt«, widerspricht Orna. »Der Unterstand der Dämonen ist nicht besonders groß, und wir sind bewaffnet. Wenn wir ihre Abwehrreihen durchbrechen, können sie uns nicht verfolgen.« »Das ist kein Kinderspiel«, sagt Ronan und mustert prüfend unsere Umgebung. »Bei dem großen Abstand zwischen Kreis und Waldrand ist ein Überraschungsangriff ausgeschlossen. Sie sehen sofort, welche Richtung wir einschlagen, und können uns auflauern.« »Wir sollten uns in mehrere Gruppen aufteilen und in unterschiedliche Richtungen fliehen«, hält Orna dagegen. »Wahrscheinlich kommen nicht alle von uns durch, aber ein paar könnten es schaffen.« »Die Stärksten«, sagt Fiachna leise, mit Blick auf Renn Schnell und mich. »Was ist mit den Schwachen und Jüngeren?« »Wir machen das Beste daraus«, entgegne ich trotzig. Fiachna braucht mich nicht in Schutz zu nehmen. Ich bin zwar keine Kriegerin, aber ich kann auch kämpfen und habe keine Angst vor dem Tod. Ich möchte genauso behandelt werden wie die anderen, nicht wie ein hilfloses Kind. »In diesem Fall sollten wir keine Zeit verlieren«, stellt Goll fest. »Sobald ein Tagesmarsch Abstand zwischen uns und diesen Ungeheuern liegt, können sie uns nicht mehr einholen. Falls wir die Entscheidung hinauszögern, warten sie, bis es dunkel wird, und jagen uns hinterher.« »Meiner Ansicht nach haben wir keine andere Wahl«, sagt Lorcan. »Draufschlagen, schnell rennen und...« »Renn schnell!«, ruft Renn Schnell. Wir lächeln ihm zu, doch anscheinend ist ihm der Witz völlig entgangen. »Renn schnell!«, wiederholt er laut. »Renn schnell.« »Sachte«, bemerkt Goll und streckt die Hand aus, um den aufgeregten Jungen zu beruhigen. Doch der Kleine weicht ihm aus. »Renn schnell!«, beharrt er. Ehe wir ihn daran hindern können, verlässt er den sicheren Steinkreis und saust auf die Bäume zu – und auf die Dämonen. »Renn Schnell!«, schreie ich. »Komm zurück!« Er achtet nicht auf meinen Ruf, hält jedoch kurz vor dem Waldrand inne. Die Dämonen haben sich dort bereits fauchend und vor Gier sabbernd zusammengerottet und versuchen den Jungen zu packen. Jeder will ihn als Erster erwischen und sich an seinem Fleisch laben. Doch Renn Schnell weicht allen Händen, Pfoten und Klauen geschickt aus und fängt an zu... zu... Nein! Obwohl ich meinen Augen kaum traue, besteht kein Zweifel – der Junge fängt an zu tanzen! Das ist verrückt, unglaublich. Lächerlich. Nichtsdestotrotz tanzt er unverdrossen weiter. Es ist weder ein anmutiger noch ein mächtiger magischer Tanz. Er hüpft einfach von einem Fuß auf den anderen, klatscht oder wedelt mit den Händen und begleitet sich selbst mit einer Folge von schiefen gebrummten Tönen. Die Dämonen gebärden sich bei diesem Anblick wie wild und geraten in ungezügelte Wut. Renn Schnell quält sie, indem er knapp außerhalb ihrer Reichweite herumhüpft und sie verspottet. Vor Zorn fallen sie beinahe übereinander her, während sie vergeblich nach ihm schnappen, um ihn zu Boden zu werfen und seinen Unverschämtheiten ein rasches Ende zu bereiten. Einige verlassen sogar den schützenden Unterstand und schnellen ungeachtet der brennenden Sonnenstrahlen auf ihn zu. Renn Schnell windet sich wie ein Aal, springt in alle Richtungen, läuft hierhin und dorthin und tanzt dabei unentwegt. Dann dreht er eine große Runde, und die Dämonen folgen ihm. Er kommt nun auch an jenen Ungeheuern vorbei, die sich bisher nicht vom Fleck gerührt haben und ein oder drei Augen auf uns gerichtet hielten. Als der Junge sich ihnen nähert, verlieren sie ebenfalls jegliches Interesse an uns und heften sich hechtend und Gift spuckend gemeinsam mit der unmenschlichen Horde an seine Fersen. Innerhalb von wenigen Minuten achten die Dämonen nur noch auf Renn Schnell, stolpern ihm unter Getöse hinterher und verstricken sich dabei gegenseitig in Prügeleien. Dämonen sind nun einmal keine logisch denkenden Wesen. Jetzt haben sie anscheinend völlig den Verstand verloren und sind nur noch auf diesen tanzenden Dorn in ihrer Seite versessen. Uns haben sie darüber vollkommen vergessen. »Das ist ja nicht zu glauben«, sagt Goll, der die Vorstellung mit weit aufgerissenen Augen verfolgt. »Seht nur, wie er ihnen davontanzt«, murmelt Fiachna. »Er schlüpft durch ihre Finger wie Rauch.« »In dem Narren steckt mehr, als wir dachten«, bemerkt Connla, in dessen Stimme ein missbilligender Unterton mitschwingt. Er schätzt keine Überraschungen, nicht einmal die angenehmen. »Kommt«, sagt Orna. »Der Junge hat dafür gesorgt, dass eine Lücke entstanden ist. Nutzen wir die Gelegenheit, bevor die Dämonen wieder bei Sinnen sind.« »Was ist mit Renn Schnell?«, frage ich. »Um den brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, sagt Goll lachend. »Er kommt nach. Ich glaube, nicht einmal alle Dämonen dieses Landes zusammen könnten diesem Bürschchen gefährlich werden.« Der Gedanke, den Jungen zurückzulassen, widerstrebt mir. Ich beobachte, wie er unsere Feinde am Waldrand umtanzt, neckt und reizt. Ich bemerke außerdem, dass einer der Dämonen sich nicht an der Verfolgungsjagd beteiligt. Er hält sich, ohne auf den Aufruhr zu achten, ein wenig abseits, den Blick unverwandt auf den Steinkreis gerichtet... und damit auf uns. Ich kann ihn aus der Entfernung nicht genau erkennen, doch seine Haut sieht blassrot und klumpig aus, als sei sie aus Ton. Er steht nicht auf dem Boden – sondern schwebt einige Zentimeter darüber. Dieser Fomorii hat etwas besonders Verstörendes an sich. Er ist anders als die Dämonen, die ich kenne. Doch ehe ich vorrücken und ihn genauer mustern kann, versetzt mir Goll einen Stoß in den Rücken. »Lauf wie der Wind, Kleines«, befiehlt er. »Und um Neits willen, bleib nicht stehen, und sieh dich auch nicht um.« Bevor ich seine Aufmerksamkeit auf den schwebenden Dämon lenken kann, bellt er einen Befehl. Mit gesenkten Köpfen jagen wir in die Freiheit, und unsere Füße wirbeln hohe Staubwolken auf. Plötzlich beherrscht mich nur noch der Gedanke an Flucht, alles andere ist in der kühlen Morgenluft wie weggewischt. Die künstliche Insel Renn Schnell stößt eine Stunde später zu uns. Da ich viel früher mit ihm gerechnet habe, bin ich besorgt und habe bereits mehrmals daran gedacht, umzukehren. Als er endlich auftaucht, verstehe ich, wo er so lange geblieben ist – unterwegs hat er Blumen gepflückt und sich daraus eine Halskette geflochten. »Rübenkraut!«, ruft er strahlend und winkt uns mit der Kette zu. Wir empfangen ihn unter großem Hallo, lachen und umarmen ihn und rufen alle durcheinander. »Das war unglaublich!« »So etwas habe ich noch nie gesehen!« »Du musst ein Sohn der Götter sein!« »Die Dämonen haben schon gedacht, sie hätten uns erwischt, aber mit Renn Schnell haben sie nicht gerechnet.« Der Junge lächelt verwirrt und ohne unsere Aufregung recht zu begreifen. Ich glaube, Dämonen an der Nase herumzuführen ist für ihn nichts Besonderes, und sein Kranz aus Blumen erfüllt ihn mit wesentlich größerem Stolz. Nachdem wir ihn alle gebührend gefeiert haben, setzen wir unseren Marsch fort, um vor Einbruch der Dämmerung so viel Abstand wie möglich zwischen uns und die Dämonen zu bringen. Der Tag ist regnerisch, und binnen kurzem sind wir bis auf die Knochen durchnässt. Doch das stört uns nicht im Geringsten. Nachdem uns die Flucht vor den Dämonen unerwartet geglückt ist, nehmen wir den Dauerregen gern in Kauf. Am späten Nachmittag unterhalten Fiachna und ich uns über den Kreis aus Steinen und überlegen, wie alt er wohl gewesen sein mag, wer ihn erbaut hat und welchem Zweck er ursprünglich gedient hat. »Schade, dass es damals noch keine Ogham-Steine gab«, sagt Fiachna. »Dann wüssten wir, wer die Erbauer waren. Sie hätten durch ihr schriftliches Zeugnis weitergelebt.« »Kannst du denn Ogham lesen?«, frage ich. »Ein wenig. Ein Barde hat es mir einmal beigebracht, als er meine Arbeit nicht bezahlen konnte. Und du?« »Nein. Banba mochte Ogham nicht. Sie sagte, das Wissen über Magie dürfe man nicht aufzeichnen, es müsse von Mund zu Mund weitergegeben werden.« »Vielleicht hat sie recht«, antwortet Fiachna. »Andererseits gehen deswegen viele Geschichten verloren. Ich glaube...« Er bleibt stehen und kneift die Augen zusammen. »Connla!«, ruft er. Der junge Königssohn marschiert seit einigen Stunden an der Spitze unseres Trupps. Als Connla sich umdreht, deutet Fiachna auf eine Stelle zu seiner Rechten. »Hier steht ein großes, merkwürdiges Gebäude. Sieht beinahe aus wie eine Kirche.« Neugierig eilen die anderen herbei. Auch ich erkenne jetzt die Spitze des Gebäudes, das der Schmied entdeckt hat. Etwas Derartiges kenne ich nur vom Hörensagen. Es ist eine christliche Kirche. Ich wusste nicht, dass eine davon so nahe an unserem Tuath errichtet wurde. Als wir uns der Kirche nähern, fühle ich mich merkwürdig angespannt, wie jedes Mal, wenn ich von dieser aufkommenden Religion höre. Obwohl die Christen erst vor kurzem in unserem Land aufgetaucht sind, kann man sich kaum noch vorstellen, wie es ohne sie war. Sie haben sich ungefähr so schnell vermehrt wie Kaninchen, Gebiet um Gebiet mit ihren Kirchen und unnatürlichen Bräuchen erobert und alle bekehrt, denen sie begegneten. Bis jetzt habe ich noch keine Christen getroffen, man hat mir jedoch erzählt, sie seien mächtig, voller Überzeugungskraft und hätten kein Verständnis für die Denkweisen anderer. Sie seien der unerschütterlichen Ansicht, dass jeder ihren Glauben teilen müsse und ihr Gott der einzig wahre sei. Bevor die Fomorii auftauchten, galt unsere größte Sorge den Christen. Obwohl unser Gebiet weit entfernt von den infizierten Tuath liegt, wussten wir schon lange, dass eine Begegnung früher oder später unvermeidlich sein würde. Wie es heißt, sind Norden und Osten des Landes bereits bekehrt, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis ihre Priester – vielleicht sogar ihr höchster Priester, Padraig höchstpersönlich – auch in unser Gebiet vorstoßen. Werden sie uns ebenfalls bekehren? Wird Conn ihnen, genau wie viele andere Könige, seine Unterstützung zusagen und uns befehlen, ihre Anschauungen zu übernehmen, unseren Göttern abzuschwören und uns ihren Bräuchen anzupassen? Schwer vorzustellen. Unsere Religion ist alt, und unsere Götter sind für uns so heilig und wahr wie unsere Ahnen. Unser Leben fußt auf den alten, gerechten Gesetzen und wird von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter weitergegeben. Wie könnten wir das innerhalb von Tagen komplett ändern und zu anderen Menschen werden? Ich hätte es für unmöglich gehalten, doch einige Berichte haben mir zu denken gegeben. Die Christen verstehen zwar nichts von Magie, sind aber im Besitz anderer Mächte. Auf ihrem Siegeszug vom anderen Ende der Welt haben sie unterwegs beinahe alle Menschen unterworfen. Die Vernunft sagt mir, dass wir gegen ihren überzeugenden Zauber ebenso wenig gefeit sind wie jeder andere Clan. Früher hielten wir das Christentum für das schlimmste Übel. Doch dann sind die Dämonen gekommen, und wir haben begriffen, dass es auf der Welt noch größere Feinde gibt als die Anhänger jenes Gottes, den sie Christus nennen. Vorsichtig schleichen wir auf die Kirchentür zu, und ich spüre die dunkel pochenden, quälenden Kräfte im Inneren. Mein Kopf schmerzt. Diese Kirche hat eine andere Ausstrahlung als unsere heiligen Stätten. Sie ist ein Bauwerk der Macht, nicht der Magie. Am Portal halten wir inne und zögern, hineinzugehen, falls sich Dämonen im Inneren verbergen. Bisher habe ich immer gedacht, eine Kirche böte ebenso viel Schutz vor den Fomorii wie ein Ring aus Stein. Doch trotz ihrer Macht fehlt es den Christen am Wissen der Alten Geschöpfe. Es ist offensichtlich, dass dieses Gebäude angegriffen wurde und Dämonen die Hand im Spiel hatten. Durch die offene Tür können wir das Gemetzel erkennen. Alles ist voller Blut und Leichenteile. Inmitten des Gebäudes ist der Kopf eines Mannes – vielleicht der des Priesters – auf einer Speerspitze aufgespießt. Man hat ihm die Lider abgerissen, die Augen ausgestochen und ihm mit Blut dämonische Zeichen auf Stirn und Wangen geschmiert. »Das habe ich bei Dämonen noch nie erlebt«, sagt Goll und reibt sich die leere Augenhöhle. »Für gewöhnlich greifen sie an und töten, schleppen dann einige Leichen weg und lassen alle anderen einfach liegen. Das hier sieht anders aus.« »Es erinnert eher an das, was wir mit unseren Feinden nach der Schlacht tun«, stimmt Fiachna zu. »Wenn man nun noch an die Falle denkt, die sie um den Steinkreis aufgebaut haben, gibt es eigentlich nur eine Antwort. Tiernan hat recht gehabt – die Dämonen sind intelligenter geworden.« Als ich das höre, wird mir schlecht. Wenn die Dämonen künftig geplant vorgehen und kämpfen wie Menschen, können sie uns innerhalb von wenigen Monaten auslöschen. Wir bleiben einen Moment in der Tür stehen und betrachten die Gesichter der Toten, bevor wir mit sinkendem Mut weitermarschieren. Jeder von uns fragt sich insgeheim, ob uns an unserem Ziel ein ebenso schrecklicher Anblick erwartet. Gegen Abend macht sich langsam Sorge unter uns breit. Wo sollen wir die Nacht verbringen? Es wäre vermessen, auf einen zweiten Ring magischer Steine zu hoffen. Wir sind erschöpft vom langen Marsch und dem Mangel an Schlaf. Wenn wir nicht bald einen geeigneten Zufluchtsort finden, befürchten wir das Schlimmste. Unversehens stürmt Renn Schnell nach vorn, bleibt stehen, blickt zu uns auf und winkt uns aufgeregt zu sich. »Bockige Frösche!«, ruft er. »Renn Schnell!« Damit jagt er los und verschwindet zwischen den Baumstämmen. »Anscheinend geht unsere Reise zu Ende«, lächelt Connla. »Ich dachte, wir müssten viel weiter marschieren.« »Die Götter sind mit uns«, grunzt Goll und packt Connla am Arm, als dieser hinter dem Jungen hersetzen will. »Sieh dich vor. Vergiss nicht, warum wir hergekommen sind. Diese Menschen stecken in Schwierigkeiten, und wir wissen nicht, was uns erwartet. Womöglich sind sie von Dämonen eingekesselt, genau wie wir am Steinkreis.« Connla zögert und tritt dann einen Schritt zurück. »Was schlägst du vor? Sollen wir zusammen hineingehen oder erst einen Späher senden?« »Wir bleiben zusammen«, entscheidet Goll nach kurzem Nachdenken. »Wenn wir uns trennen, schwächt uns das nur. Zieht eure Waffen, und schleicht euch heran.« Wir folgen seinem Befehl. Langsam nähern wir uns und mustern dabei aufmerksam Äste und Wurzeln; mitunter tarnen sich wurmähnliche Dämonen als Wurzeln und schnappen nach arglos Vorübergehenden. Einige Minuten später erreichen wir eine Lichtung und stehen am Ufer eines Sees. In der Mitte der künstlich angelegten Insel erhebt sich eine Feste, ein Crannog. Die kleine, von Holzpfählen gesäumte Siedlung umfasst etwa sechs Hütten. Über dem Tor befindet sich ein Ausguck, und nach den hier und dort am Ufer umherliegenden Teilen zu urteilen muss es früher eine Brücke gegeben haben, die wahrscheinlich der Dämonen wegen zerstört wurde. Nun kann man nur schwimmend oder in einem der Kanus hinübergelangen, die neben dem Tor vertäut sind. »Hallo!«, ruft Goll. Der Ruf verhallt nach kurzem Echo unerwidert. Strahlend hüpft Renn Schnell auf und ab und streckt die Hand nach dem Boot aus, als könne er sich über den See hinwegdehnen und die Pfähle der Mauer berühren. »Ist da jemand?«, ruft Goll erneut. Als sich nichts rührt, fügt er hinzu: »Wir wollen euch helfen, euer Junge hat uns erzählt, dass ihr in Schwierigkeiten steckt. Wir sind hier, um...« Er verstummt, da offensichtlich niemand den Ruf erwidert. »Das ist ein Geisterdorf«, sagt Ronan. »Wir kommen zu spät«, schnaubt Connla. »Das wissen wir noch nicht«, widerspricht Fiachna. »Vielleicht halten sich die Bewohner in einem Tunnel versteckt und können uns nicht hören.« »Ihr beide denkt offenbar ständig, alle würden sich unter der Erde verbergen«, gibt Connla ungehalten und mit Blick auf Fiachna und Orna zurück. »Warum wollt ihr einfach nicht wahrhaben, dass niemand antwortet, weil sie alle tot sind?« »Ich hoffe lieber auf das Beste«, erwidert Orna mit schmalen Lippen. »Auch wenn ich genauso gut weiß wie du, wie unwahrscheinlich das ist.« »Rauch Brot«, verkündet Renn Schnell überraschend und lehnt sich so weit über den Uferrand, dass er beinahe in den See plumpst. »Richtig«, bemerkt Goll. »Nach diesem langen Weg kehren wir nicht einfach um. Zumindest können wir auf der Inselfeste übernachten.« »Falls dort nicht bereits Dämonen hausen«, merkt Connla an. »Falls dort nicht bereits Dämonen hausen«, pflichtet Goll ihm bei. »Darüber sollten wir uns zuerst einmal Klarheit verschaffen. Lorcan, kannst du hinüberschwimmen und uns dann mit dem Boot ans andere Ufer bringen?« Der Zwilling ist der beste Schwimmer in unserem Tuath. Schon mit zwölf Jahren schlug er die meisten erwachsenen Männer im Wettkampf. Er tritt ans Ufer und mustert prüfend das Wasser, ob sich dort Dämonen verbergen. Obwohl er nichts Verdächtiges entdeckt, bedeutet das keineswegs, dass der See sicher ist – tagsüber suchen die Ungeheuer häufig in der Tiefe Schutz vor den Sonnenstrahlen. Ohne ein weiteres Wort entkleidet sich Lorcan rasch, taucht ein und schwimmt mit kräftigen Zügen zur Insel hinüber. Wir beobachten ihn nervös, Ronan sogar mit schussbereit eingelegtem Pfeil. Sein Bruder erreicht das andere Ufer jedoch wohlbehalten, hievt sich an Land und hält nur für ein kurzes Dankgebet an die Götter inne. Nachdem er sich das Wasser aus dem blutverklebten Stoppelhaar gestrichen hat, löst er das Tau eines mit Leder bespannten Kanus, rudert rasch zu uns zurück und lässt dabei die untergehende Sonne nicht aus den Augen. Goll, Renn Schnell und Orna setzen als Erste über, dann rudert Lorcan zurück und bringt auch uns andere sicher auf die Insel. Am Tor schnuppere ich prüfend, ob ich Dämonengeruch wittere, doch die Luft ist rein. Vermutlich befinden sich keine Ungeheuer in der Siedlung, aber völlig sicher bin ich nicht. »Sollen wir durchs Tor, oder klettern wir über den Zaun?«, fragt Goll. »Das Tor steht offen«, sagt Fiachna. Goll kneift ein Auge zu und kichert. »Ich konnte schon mit zwei Augen nicht besonders viel erkennen, aber nur mit einem...« Er sieht sich um. »Wir gehen rasch hinein und ziehen uns beim leisesten Anzeichen von Gefahr ans Tor zurück. Je nachdem, mit welchem Gegner wir es zu tun bekommen, entscheiden wir, ob wir kämpfen oder fliehen.« Wir holen tief Luft, zücken die Waffen und schreiten auf Golls Wink gemeinsam durchs Tor. Keine Dämonen. Aber auch keine Bewohner. Nur ein paar Hühner und jede Menge Blut. Während wir kurz hinter dem Tor stehen bleiben, jagt Renn Schnell lachend hinter den Hühnern her, die laut gackern und aufgeregt mit den Flügeln schlagen. Er könnte sie mit Leichtigkeit fangen, will aber offenbar nur spielen. »Glaubst du, dass sie alle tot sind?«, fragt Orna argwöhnisch. Der Geruch nach frischem Blut ist so durchdringend, dass sie die Nase kräuselt. »Falls sie sich nicht versteckt haben, dann schon«, grunzt Goll. »Wir sollten in den Hütten nachsehen«, schlägt Fiachna vor. »Einverstanden.« Goll deutet auf Ronan, Fiachna, Connla und mich. »Ihr haltet euch rechts, wir links. Wir treffen uns in der Dorfmitte.« »Was ist mit Renn Schnell?«, will ich wissen. Goll sieht zu dem Jungen hinüber, der noch immer die Hühner jagt. »Ich glaube kaum, dass er uns eine große Hilfe wäre.« Wir machen uns schnell an die Arbeit. Der Sonnenuntergang steht unmittelbar bevor, bald bricht die Zeit der Fomorii an. Die Außenwand der ersten Hütte ist völlig durchlöchert. Vorsichtig spähen wir von außen hinein. Abgesehen von dem blutbefleckten Boden ist sie leer, wir entdecken weder eine Falltür noch ein Versteck und gehen weiter. Die zweite Hütte ist wesentlich kleiner, der Eingang sogar winzig, und in der Wand sind keine Löcher. Innen ist alles dunkel verschattet. Wir stecken den Kopf durch die Öffnung und warten, bis sich unsere Augen an die Dunkelheit gewöhnt haben. Allmählich können wir einzelne Gegenstände erkennen, Töpfe, einen kleinen Tisch, einen zerbrochenen Stuhl. Auf dem Boden liegen Webteppiche, unter denen sich ein unterirdischer Gang verbergen könnte. Vorsichtig schlüpfen wir in die Hütte, Ronan zuerst, ich als Letzte, und vergewissern uns, dass keine geflügelten Dämonen unter dem Strohdach lauern. Die Männer suchen unter den Läufern, finden jedoch nichts. Einer nach dem anderen verlassen wir die Hütte, ich bin erneut die Letzte und schon beinahe zur Tür hinaus, als plötzlich etwas hinter mir atmet. »Becccccc...« Ich bleibe stehen, wirbele herum, die Augen weit aufgerissen, mein Herz pocht wie rasend. Ich starre in die Schatten. Obwohl ich nichts sehen kann, weiß ich genau, dass ich nicht allein bin. Ich möchte so schnell wie möglich hinaus oder die anderen um Hilfe rufen, doch ich kann nicht. Meine Zunge ist erstarrt, nicht vor Furcht, sondern mit Hilfe von Magie. Lange, entsetzliche Sekunden verstreichen. Plötzlich schnellt aus der Dunkelheit eine Klaue auf mich zu... eine Fratze... glühende Augen... ein Maul mit Fängen... und der Dämon hat mich gepackt! Drust Ich vergeude keine Zeit mit Schreien, sondern wende instinktiv Magie an. Rasch stoße ich einen Zauberspruch hervor, und meine Lippen bewegen sich schnell wie nie zuvor. Meine Hand wird mit einem Mal siedend heiß. Statt dass ich versuche, mich dem Griff meines Feindes zu entwinden, womit der Dämon rechnet, umfasse ich seine Klaue, um sie zu versengen. Leider gelingt es mir nicht. Obwohl meine Hände bereits glühen, packen mich die Klauen noch fester, und wir leuchten beide heller und heller, wie bei einem Wettstreit. Sekundenlang sind wir fest aneinandergekettet, wortlos hefte ich den Blick auf meine Hände und die Klauen meines Gegners. Mit einem Mal bemerke ich, dass es keine Klauen sind – sondern Hände. Weiche Haut, acht Finger, zwei Daumen. Die Haut ist dunkel, doch es ist kein dämonisches Dunkel, sondern menschliches. Ich sehe auf, kann jedoch im magischen Glühen das Gesicht meines Angreifers nicht erkennen. Nach kurzem Überlegen lasse ich die Energie in mir versiegen. Das Licht erlischt, erneut liegt alles in tiefem Schatten. Meine Augen brauchen eine Weile, um sich an das Dunkel zu gewöhnen, dann erkenne ich, dass ich mich nicht getäuscht habe – vor mir steht ein Mann, kein Monster. Und er lächelt mich an. »Schön«, sagt der Mann. »Du besitzt magische Kräfte – zumindest einige – und Verstand. Du bist gut genug.« Damit stürmt er an mir vorbei aus der Hütte und macht die anderen mit einem lauten Ruf auf sich aufmerksam. »Ihr könnt aufhören zu suchen. Hier seid ihr sicher, es gibt keine Dämonen. Kommt her, und lasst euch sagen, warum ich euch diesen Jungen geschickt habe.« Der Name des Fremden ist Drust. An seiner blauen Tunika und dem glattrasierten, tätowierten Schädel erkennen wir sofort, dass er ein Druide ist. Nachdem er uns herbeigerufen und seinen Namen genannt hat, hüllt sich Drust in langes Schweigen. Er entfacht ein Lagerfeuer und verhindert mit einem Zauberspruch, dass verräterischer Rauch aufsteigt, der die Dämonen anlocken könnte. Nach einer Weile nimmt er – mit bloßen Händen – einige heiße Steine aus dem Feuer und schichtet sie in einer mit Wasser gefüllten Mulde aufeinander. Als das Wasser die richtige Temperatur hat, legt er mit Stroh umwickelte Fleischstücke hinein. Schweigend und misstrauisch beobachten wir Drust und warten, bis er wieder das Wort ergreift. Ich habe noch nie einen Druiden gesehen. Herumziehende, mit minderer Magie begabte Männer sind mir bereits häufiger begegnet, aber noch nie einer der berühmten Seher. Allein Drusts Tätowierung ist verwunderlich genug. Sie besteht aus einer Sternkarte, nur dass sich die Sterne bewegen wie echte Himmelskörper und langsam ihre Bahn auf seinem blanken Schädel ziehen. Als das Fleisch zur Zufriedenheit des Druiden gegart ist, baut er sich vor uns auf und lässt seinen berechnenden Blick über uns wandern, um einen nach dem anderen zu beurteilen. Mir scheint, als würde sein Blick am längsten auf mir ruhen, doch vielleicht bilde ich mir das nur ein. Wir sind alle beunruhigt. Zwar haben wir großen Respekt vor Druiden, fürchten sie aber auch. Sie sind Menschen, aber darüber hinaus noch etwas anderes, sie sind mächtig und haben eigene Regeln und Anschauungen. Es heißt, sie würden den Göttern Kindesopfer bringen, Nachkommen mit Dämonen zeugen, Hügelfesten vernichten und Flussläufe umlenken. Schließlich sieht Drust zu Renn Schnell hinüber, lächelt und schnippt mit dem Finger. Renn Schnell stürzt zu ihm wie ein Hund zu seinem Herrn. Drust zerzaust den unordentlichen Schopf des Jungen, und sein Lächeln wird noch breiter. »Gut gemacht, Bran«, lobt er. »Bran!«, rufe ich aus. »Ist das sein richtiger Name? Das hat er uns nie erzählt. Wir haben ihn Renn Schnell genannt, weil...« Drust mustert mich gelassen, und ich stocke. Sein Blick ist nicht bedrohlich, aber ohne jede Wärme. Er studiert mich ebenso unbeteiligt, wie ich tote Dämonen betrachte. »Ja«, antwortet der Druide schließlich mit fremdem Akzent. »Er heißt Bran. Er hat es euch nicht gesagt, weil er sich keine Namen behalten kann.« Drust spricht langsam, die vertrauten Worte klingen von seinen Lippen ungewohnt. Ich glaube nicht, dass unsere Sprache seine Muttersprache ist. »Stammt Bran aus diesem Dorf«, fragt Fiachna ruhig, »oder ist er Euer Schüler?« Drust hebt spöttisch eine Braue. »Glaubt Ihr allen Ernstes, ich würde einen Idioten zum Schüler nehmen?« »Der Junge ist zwar schlicht, aber besonders begabt«, erwidert Fiachna. »Er ist schnell und besitzt andere Kräfte als normale Menschen.« Drust nickt. »Deswegen habe ich ihn auch zu euch geschickt. Trotz Brans magischer Gaben entwickelt sich sein Gehirn nicht weiter. Der Junge wäre für mich genauso nutzlos wie für seine eigenen Leute.« Er hält inne und fügt hinzu: »Wobei ich bezweifle, dass er aus dieser Siedlung stammt, auch wenn ich ihn hier gefunden habe.« Drust lässt das Haar des Jungen los, der aufsieht, um sich zu vergewissern, ob der Druide ihn erneut streichelt oder nicht. Dann kommt er zu mir und setzt sich neben mich. Abwesend streiche ich ihm über den Handrücken, während die Unterhaltung weitergeht. »Und Ihr?«, fragt Goll. »Woher stammt Ihr?« Drust zeigt Richtung Osten. »Seid Ihr ein Pikte?«, fragt Connla. »Drust ist ein piktischer Name.« »Ich bin als Pikte geboren, bevor ich zum Druiden wurde.« Die Pikten sind ein altes Volk, die von Osten über das große Wasser gekommen sind. Ich wusste nicht, dass einige von ihnen noch leben. Ihr Volk starb allmählich aus, sie wurden getötet oder sind in mächtigeren Stämmen aufgegangen. Drust muss einer der letzten Abkömmlinge der Pikten sein. Ehe wir weitere Fragen stellen können, zeigt der Druide auf Goll und sagt: »Seid Ihr der Anführer der Gruppe?« »Nein«, entgegnet Goll. »Wir haben keinen Anführer. Da ich der Älteste bin, kann ich jedoch für alle sprechen.« Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie Connla im ersten Moment aufbegehren will – vermutlich hält er sich selbst für den rechtmäßigen Anführer –, sich dann jedoch eines Besseren besinnt und schweigt. »Dann werde ich meine Worte an Euch richten«, verkündet Drust. »Ich mache es so einfach wie möglich. Ich bin hier, um den Angriffen der Dämonen ein Ende zu bereiten. Dazu brauche ich eure Hilfe. Ihr müsst mich begleiten.« Damit schweigt er, als seien diese kargen Sätze deutlich genug. Golls Augenfältchen vertiefen sich. »Das müsst Ihr uns schon ein wenig genauer erklären, Druide oder nicht«, murmelt er. »Zunächst einmal möchten wir wissen, was hier geschehen ist und wo Brans Leute geblieben sind.« »Dämonen«, antwortet Drust achselzuckend. »Die Angriffe haben lange vor meiner Ankunft begonnen. Brans Stamm, die MacRoth, waren erschöpft und standen kurz vor der Niederlage. Unmittelbar nach meiner Ankunft sind sie ihren Feinden schließlich erlegen.« »Die Dämonen haben alle Dorfbewohner getötet?«, vergewissert sich Goll und der Druide nickt. »Warum seid Ihr dann noch am Leben?« Obwohl er die Frage so arglos wie möglich stellt, ist der lauernde Unterton nicht zu überhören. Es ist seltsam, dass alle gestorben sind und nur dieser Fremde verschont geblieben ist. Goll will unbedingt wissen, ob Drust den Clan der MacRoth betrogen hat – und ob er uns ebenfalls betrügen wird. »Die Dämonen konnten mich nicht sehen«, erklärt Drust. »Ebenso wenig wie eure Leute, als sie die Hütte betraten, in der ich mich aufhielt. Ich kenne einige Verhüllungszauber, die mich unsichtbar machen. Mit etwas mehr Erfahrung hätte eure junge Priesterin durch mein Schutzschild sehen können, doch sie ist noch keine Meisterin ihres Fachs.« »Warum habt Ihr dann nicht auch die MacRoth mit einem Schutzzauber gerettet?«, fragt Orna wütend. Drust schnaubt verächtlich. »Magie hat ihre Grenzen. Ich kann nur eine Handvoll Menschen verbergen, nicht sechzehn.« »Wenn Ihr schon nicht alle retten konntet, warum nicht wenigstens acht?«, knurrt Lorcan. »Oder vier? Oder zumindest einen?« »Wie eure eigene Zauberin euch bestätigen kann – auch wenn sie noch nicht ganz trocken hinter den Ohren ist –, ist Magie äußerst anstrengend. Ein Verhüllungszauber für mehrere Menschen hätte mich vollständig erschöpft. Um alle vor der Bedrohung der Dämonata zu retten, benötige ich meine gesamten Kräfte.« »Dämonata?«, fragt Ronan mit gerunzelter Stirn. Er hat die Hand nicht vom Bogen genommen, um bei einer verdächtigen Bewegung des Druiden sogleich einen Pfeil abschießen zu können. »Meint Ihr damit die Fomorii?« »Das sind keine Fomorii«, entgegnet der Druide von oben herab. »Die Fomorii sind grausame Menschen, die mit Dämonen nicht sonderlich viel gemein haben. Die Dämonata hingegen stammen direkt aus jenem Reich, das ihr die Anderwelt nennt. Ihre Kräfte sind anders beschaffen, Menschen können ihnen nichts anhaben. Man kann sie letztlich nur mit Hilfe von Magie besiegen.« »Viele Dämonen, die wir getötet haben, wären da bestimmt anderer Ansicht«, sagt Connla selbstgefällig. »Das waren bloß die Getreuen«, erwidert Drust. »Schwache, geistlose Kreaturen. Sie sind die Vorboten der Dämonata, wie Ratten, die auf eine nahende Seuche hindeuten. Gegen die echten Dämonen sind eure Waffen nutzlos.« Unsere Mienen verdüstern sich. Obwohl wir bereits vermutet haben, dass bald intelligentere und mächtigere Dämonen auftauchen würden, hören wir zum ersten Mal, dass wir diesen Feinden hoffnungslos unterlegen sein sollen. Falls der Druide die Wahrheit sagt, wäre das gleichbedeutend mit dem Ende von allem, was wir kennen und lieben. Mit spöttisch gewölbter Braue wartet Drust auf weitere Fragen, macht allerdings keinen Hehl daraus, das er jedes weitere Wort für reine Zeitverschwendung hält. Goll lässt sich davon nicht beirren. »Ihr habt also danebengestanden und zugesehen, wie die Dämonata die MacRoth auslöschten. Darauf kommen wir später noch zurück, zuerst erzählt Ihr uns einmal...« »Darauf kommen wir mit Sicherheit nicht zurück«, fällt ihm der Druide ins Wort. »Die MacRoth sind für mich ebenso bedeutungslos wie ihr. Mein Ziel besteht einzig und allein darin, dieses Land zu retten, ganz gleich, ob dabei nun sechzehn, sechzig oder sechshundert Menschen ums Leben kommen. Der Untergang der MacRoth’ war unausweichlich. Da ihr Leben oder Sterben keinerlei Auswirkung auf meine Mission hat, habe ich mich aus ihren Angelegenheiten herausgehalten und werde auch mit euch nicht anders verfahren, wenn ich feststelle, dass ihr mir nicht mehr von Nutzen seid.« Goll wird blass vor Wut, hält sich jedoch im Zaum und sagt mit gepresster Stimme: »Dann verratet uns doch einmal, wie wir Euch von Nutzen sein können. Wenn Ihr wirklich so mächtig seid, was haben wir dann hier verloren? Wir sind gekommen, um Menschen in Not beizustehen und nicht einem verfluchten Druiden, der unserer Hilfe nicht bedarf.« »Ich benötige sehr wohl eure Hilfe«, gibt Drust ungerührt zurück. »Ich habe eine weite Reise unternommen, um die Dämonenflut an der Quelle einzudämmen. Solche Reisen sind nicht einmal für mächtige Druiden wie mich gefahrlos. Allein schaffe ich es nicht. Als ich mich vor Monaten auf den Weg machte, befand ich mich in Begleitung einiger Gefährten, die alle ums Leben gekommen sind. Ich brauche neue Krieger, die an ihre Stelle treten.« »Sind wir damit gemeint?«, fragt Connla lachend. »Ihr glaubt tatsächlich, dass wir Euretwegen kämpfen und sterben?« »Ja, wenn ihr klug genug seid«, erwidert Drust. »Die Dämonata ist euer Problem. Sie können nicht übers Wasser in mein Land vordringen. Wenn mein Rettungsversuch fehlschlägt, so trifft das vor allem euch und euer Volk.« »Mit den Dämonen werden wir selbst fertig«, sagt Lorcan eisig. »Wir benötigen keine Unterstützung von Euresgleichen.« Drusts Lachen verärgert uns, doch er kommt uns rasch zuvor und sagt: »Bisher habt ihr nicht gegen die Meister, sondern nur gegen deren Getreue gekämpft. Die Dämonen oder die erbarmungswürdigen Untoten bilden lediglich die Vorhut. Zwischen diesem Land und der Anderwelt ist ein Tunnel geöffnet worden, durch den Dämonen ungehindert in unser Land eindringen können. Noch ist der Tunnel schmal, doch er wird mit jedem Tag breiter, und allmählich überschreiten immer größere, intelligentere und stärkere Dämonen die Grenze zu unserer Welt. Sie werden bei Tag und Nacht ihr Unwesen treiben und können, wie ich bereits sagte, ausschließlich mit Hilfe von Magie bekämpft werden.« Er schweigt. Unsere Gesichter sind aschfahl, und niemand, nicht einmal der hitzköpfige Connla, bringt ein Wort heraus. Nachdem der Druide die Wirkung seiner Worte genau abgemessen hat, fährt er langsam und mit fester Stimme fort: »Die Druiden kommen euch nicht zu Hilfe, denn diese Insel ist unserer Kontrolle entzogen worden – die Christen haben uns von hier vertrieben. Die meisten Druiden sind der Ansicht, dass es keinen Unterschied macht, ob die Insel nun von Christen oder Dämonen beherrscht wird. Nicht wenige gäben sogar den Dämonen den Vorzug, so groß ist ihr Hass auf die Christen.« »Aber sie werden uns alle abschlachten!«, rufe ich entsetzt. »Ja.« Der Druide verzieht keine Miene. »Wenn ich sie nicht daran hindere.« »Ganz allein?«, höhnt Connla. »Es gibt erst einen Tunnel, und er ist im Augenblick noch ungeschützt«, erklärt Drust. »Wenn es uns gelingt, diesen Riss zwischen den Welten zu schließen, können die Dämonen nicht mehr eindringen. Für diese Aufgabe genügt ein einziger Mann, vorausgesetzt, er weiß, worauf er sich einlässt, und er ist mächtig genug. Dieser Mann bin ich.« »Aber warum?«, fragt Fiachna. »Warum ist es den anderen Druiden gleichgültig und Euch nicht?« »Ich habe meine Gründe«, erwidert Drust vage und senkt zum ersten Mal den Blick. »Sie gehören allerdings nicht hierher.« Er sieht uns fragend an. »Kann ich nun auf eure Hilfe zählen oder nicht?« »Was sollen wir denn tun?«, erkundigt sich Goll. »Ihr sollt die Dämonata aufhalten«, stöhnt Drust. »Habt Ihr denn nicht zugehört?« »Ich habe sehr wohl zugehört«, entgegnet Goll und lächelt bitter. »Ich will wissen, wie wir helfen können, worin genau unsere Aufgabe besteht.« »Ich muss nach Westen«, sagt Drust, »an die Küste. Dort kann ich herausfinden, wo der Tunnel liegt.« »Das wisst Ihr gar nicht?«, fragt Fiachna. Der Druide schüttelt den Kopf. »Ich habe gemeinsam mit meinen Gefährten danach gesucht und dachte zuerst, ich könnte ihn allein finden. Doch das war ein Irrtum.« »Wie wollt Ihr den Tunnel an der Küste entdecken?«, forscht Orna. »Das ist meine Sache«, gibt Drust kurz angebunden zurück. »Wenn ihr euch der Herausforderung stellt, besteht eure Aufgabe darin, mich auf der Reise zu beschützen. Sagt mir jetzt, ob ihr dazu bereit seid oder nicht. Lehnt ihr ab, schicke ich Bran erneut auf die Suche, nach einem anderen Clan, dessen Gesinnung nobler ist.« Mit einem Satz ist Connla auf den Beinen und greift zum Schwert, um Drust niederzustrecken. Doch kaum hebt der Druide die Hand, bleibt Connla wie angewurzelt stehen. Ein einfacher Erstarrungszauber – Banba hat mir einige davon beigebracht –, aber vollendet ausgeführt. Der Königssohn steht da wie eine Holzfigur. Drust wirft Goll einen fragenden Blick zu. Der alte Krieger ist im Zwiespalt. Er vertraut dem Druiden zwar nicht, und uns anderen ergeht es ebenso, aber was ist, wenn Drust die Wahrheit sagt? »Kommt zu unserer Feste, und erzählt Eure Geschichte dem König«, schlägt Goll schließlich vor. »Wenn er entscheidet, Euch zu helfen, kann er noch mehr...« »Dafür ist die Zeit zu knapp«, unterbricht Drust. »Entweder begleitet ihr mich morgen früh, oder ihr kehrt nach Hause zurück, und ich suche nach anderen Verbündeten.« Goll seufzt, zutiefst besorgt. Er sieht uns ratsuchend an. »Ich vertraue ihm nicht«, sagt Orna und macht das Zeichen zur Abwehr böser Geister. »Ich gehöre jedoch nicht zu Euch und werde mich Eurer Entscheidung anschließen.« »Wir haben es bis hierher geschafft«, äußert Ronan. »Wir schaffen es auch noch weiter.« »Vielleicht könnten wir von ihm lernen, wie man besser mit Dämonen fertig wird«, bemerkt Lorcan. Den Zwillingen gefällt die Idee, den Druiden zu begleiten, weitere Gefahren zu überwinden und gegen Dämonen zu kämpfen, so viel ist sicher. Die beiden sind jung und blutdurstig. Ruhm auf dem Schlachtfeld liegt ihnen mehr am Herzen als das Wohlergehen des Clans. »Ich schwanke noch«, erklärt Fiachna. »Unsere Leute werden sich Sorgen machen, wenn wir so lange wegbleiben. Vielleicht sollten wir einen oder zwei von uns zurückschicken, Bec, zum Beispiel.« Drust kommt meinem Protest noch zuvor. »Nein!«, erwidert er unerwartet heftig. »Wenn ihr zustimmt, kommt auch das Mädchen mit. Sie ist schwach und undiszipliniert, aber ich werde mit ihr arbeiten. Sie ist wertvoll für uns.« »Connla?«, fragt Goll. Der erstarrte Königssohn kann erst antworten, als Drust mit einer erneuten Handbewegung den Zauber löst. Connla blickt den Druiden hasserfüllt an und spuckt vor seinen Füßen aus. »Meine Antwort lautet: Fluch ihm und seiner niederträchtigen Art! Wo waren die Druiden, als die Dämonen kamen? Wir werden uns auch ohne sie durchschlagen, das tun wir sowieso schon die ganze Zeit.« »Und wenn uns die Dämonenhorden irgendwann auch bei Tag angreifen?«, gibt Fiachna leise zu bedenken. »Wenn sie mächtiger sind als unsere bisherigen Angreifer? Tüchtiger, brutaler und obendrein unsterblich?« »Warum sollten wir ihm glauben?«, entgegnet Connla. »Vielleicht belügt er uns, damit...« »Denk an den Steinkreis und die Kirche«, mahne ich ihn. Ohne ausdrückliche Aufforderung darf ich mich eigentlich nicht in das Gespräch einmischen, aber ich kann einfach nicht schweigend zuhören. »Das war das Werk schlauer, verschlagener Dämonen. Er hat recht, Connla, und das weißt du auch.« Bei diesen Erinnerungen schwindet die Entschlossenheit des Königssohns sichtlich. »Es wäre jedenfalls eine große Ehre«, merkt Fiachna listig an. »Wenn Drust Erfolg hat und wir dazu beitragen können, wird man uns in der ganzen Provinz als ruhmreiche Helden feiern.« Das gibt den Ausschlag. Wenn Connla das ganze Land rettet, ist ihm die Königswürde gewiss, ja, vielleicht sogar die Herrschaft über die gesamte Provinz. Womöglich sogar die über alle Provinzen. Schon viele haben dieses Ziel erfolglos verfolgt, dennoch träumen alle ruhmesdurstigen Krieger davon. »Nun gut«, stimmt Connla zu. »Begleiten wir ihn.« Goll nickt widerstrebend. »Damit ist es entschieden.« »Das dachte ich mir schon«, stellt der Druide mit einem selbstgefälligen Lächeln fest, wendet seine Aufmerksamkeit wieder dem kochenden Fleisch zu und legt noch ein paar heiße Steine ins Wasser, damit die Hitze konstant bleibt. Talent Die Nacht verläuft ruhig. Die Dämonen halten alle Bewohner auf der Insel für tot, und wir sind in Sicherheit. Wir schlafen tief und sind sogar für Alpträume zu erschöpft. Als wir am Morgen erfrischt erwachen, ist der Druide bereits auf den Beinen. Er hat die kalten Fleischreste vom Vorabend aufgeschnitten und Haferbrei gekocht, den wir im Morgengrauen schweigend verzehren. Fiachna sucht im Dorf erfolglos nach Werkzeugen des Schmieds oder anderen Waffen, die dem Messer des Jungen gleichen. Wir anderen stöbern nach Proviant und Waffen. Schließlich drehen wir dem Federvieh den Hals um, stecken die Eier und einige Scheiben gedörrtes Schweinefleisch ein. Mehr Kostbarkeiten gibt es hier nicht. Als wir zum Aufbruch bereit sind, sagt Drust, er müsse zuerst noch ein Gebet sprechen. Er wählt eine Stelle mit freiem Blick auf die aufgehende Sonne, kniet nieder, schließt die Augen und fängt an zu meditieren. »Wie lange braucht er wohl?«, fragt mich Connla. »Fünf oder zehn Minuten.« Ehrlich gesagt habe ich nicht die leiseste Ahnung, möchte jedoch vor dem Königssohn nicht unwissend dastehen. »Zeit genug für eine schnelle Rasur«, stellt er fest. Er füllt einen Eimer mit Wasser, taucht das Gesicht hinein, nimmt ein kleines Messer und wartet, bis sein Barthaar eingeweicht ist. Während er aufmerksam sein Spiegelbild mustert, schabt er sich das Haar von Wangen und Kinn. Die meisten unserer Männer tragen Bärte, Connla hingegen bevorzugt glatte Wangen. Goll zieht ihn deswegen manchmal auf und sagt, er sehe aus wie ein Mädchen. Bran – es fällt mir schwer, mich an Renn Schnells neuen Namen zu gewöhnen – beobachtet Connla fasziniert. Wahrscheinlich hat er noch nie einen Mann gesehen, der sich rasiert. Der Junge passt besonders gut auf, als Connla sich vorsichtig neben der Oberlippe rasiert und einen Schnauzbart stehenlässt. Als der Königssohn die Rasur beendet hat und die Klinge säubert, packt Bran unvermittelt ein Büschel Haare und reißt es mit einem kräftigen Ruck heraus. Connla schreit vor Schmerz und Überraschung auf. Bran hebt die Barthaare mit stolzgeschwellter Brust in die Höhe. Anscheinend hat er gedacht, Connla hätte den Schnurrbart übersehen, aber der ist da anderer Ansicht. Unter Wutgebrüll lässt er die Faust kreisen. Der Junge weicht ihm geschickt aus, das Haarbüschel immer noch hochgereckt. Als der Königssohn sich auf ihn stürzen will, gibt Bran Fersengeld und stößt dabei unentwegt hervor: »Renn schnell! Renn schnell!« Lautstark fluchend setzt Connla mit gezücktem Schwert hinter ihm her. Wir anderen biegen uns vor Lachen. Wir wissen genau, dass Connla Bran nicht einholen kann. Wenn der Junge zu flink für Dämonen ist, haben Menschen erst recht keine Chance. Nachdem der Königssohn sowohl Bran als auch uns mit einer abschließenden Schimpftirade bedacht hat, hastet er wieder zum Wassereimer. Mit düsterer Miene betrachtet er seinen zerrupften Schnurrbart und rasiert ihn schließlich vollständig ab. Bran schlüpft verstohlen an meine Seite und streckt mir schüchtern die haarige Beute entgegen. »Abfall«, sagt er und drückt mir das Büschel in die Hand. Ich umarme den Jungen begeistert, und Goll versetzt ihm einen herzlichen Klaps auf den Rücken. Der alte Krieger hat Lachtränen in den Augen. »Für ein paar Stunden sollte er Connla besser nicht über den Weg laufen«, sagt Fiachna glucksend. »Später wird er sich schon beruhigen, aber jetzt herrscht erst mal Gewitterstimmung.« »Keine Sorge«, erwidere ich grinsend und halte Bran fest im Arm. »Ich passe auf ihn auf.« »Abfall«, wiederholt der Junge und streichelt die Schnurrbarthaare so liebevoll, als seien es Blütenblätter, was eine neuerliche Lachsalve auslöst. Kurz nach Sonnenaufgang hat Drust sein Gebet beendet, und wir marschieren los. Bran trottet unbeschwert neben uns her, ohne etwas von Connlas finsteren Blicken zu ahnen. Ich behalte den Jungen in meiner Nähe, falls der zornige Krieger versuchen sollte, sich zu rächen. Das halte ich zwar für unwahrscheinlich, andererseits werde ich nicht recht schlau aus Connla. Er ist unberechenbar. Man kann nie wissen, wie er auf einen Witz reagiert und ob er sich eine harmlose Neckerei zu sehr zu Herzen nimmt. Während Bran zufrieden neben mir hertrabt und in die Landschaft lächelt oder zum Himmel und den Vögeln hinaufblinzelt, beobachte ich ihn nachdenklich. Vermutlich hat er seine Familie und Freunde beim Überfall auf die Inselfeste verloren, doch der Verlust scheint ihn nicht weiter zu stören. Zuerst hat er mir leidgetan, aber allmählich beneide ich ihn beinahe. Es muss schön sein, kein Leid zu empfinden. Nach allem, was ich weiß, wird dieses Land, sollte Drusts Mission misslingen, binnen kurzem von Dämonenscharen überrannt werden. Ich wünschte wahrlich, mein Kopf wäre ebenso leer wie der des schnellfüßigen Jungen. Wir gehen Richtung Westen und kommen gut voran. Nach einer Weile lässt sich Drust zurückfallen, gesellt sich zu mir und schubst Bran beiseite. Der Druide stellt mir viele Fragen, erkundigt sich eingehend nach meiner Vergangenheit, Banba und meiner Ausbildung. Er möchte wissen, was ich kann und wie mächtig ich bin. Für mein gutes Gedächtnis hat er nur Verachtung übrig, es interessiert ihn nicht im Geringsten. Als er nach meiner Familie fragt, antworte ich, ich sei eine Waise unbekannter Herkunft. »Du hast keine Ahnung, zu welchem Volk du gehörst?«, bohrt er. »Nein.« Ich halte inne. »Wisst Ihr es?« Er runzelt die Stirn. »Woher sollte ich das wissen?« Ich zucke die Achseln, verschweige meine Vision und die Möglichkeit, dass meine Mutter mich ausgeschickt hat, um meinen Clan zu finden. Drust horcht mich weiter aus, erkundigt sich nach meiner Magie, welche Zauber ich kenne und wo meine Stärken liegen. Obwohl dazu kein Anlass besteht, ist mir bei diesem Kreuzverhör unwohl. Schließlich ist es ganz natürlich, dass sich ein Magier für die Fähigkeiten eines anderen Magiers interessiert. Trotzdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hinter Drusts Fragen mehr als harmlose Neugierde steckt. Mir scheint, als wollte er mich auf die Probe stellen und gezielt nach meinen Schwachstellen bohren. Mir fällt wieder ein, was er in der Hütte zu mir sagte – »Du bist gut genug« –, und mein Unbehagen wächst. Während der kurzen Mittagsrast hält sich der Druide abseits. Statt zu essen zieht er ein Brett aus dem Beutel auf seinem Rücken. Es sieht sonderbar aus und ist in gleich viele schwarze und weiße Quadrate unterteilt. Das Brett ist ungefähr so dick wie mein Daumen und aus Kristall. Drust stellt es ab und schüttelt mehrere kleine, seltsam geformte Figuren ins Gras. Als er die Figuren auf dem Brett anordnet, begreife ich, dass es sich um eine Art Spiel handeln muss. »Schach«, sagt Orna, als Drust den ersten Zug macht. Drust sieht eifrig auf. »Spielt Ihr?« »Nein. Ein Sklave in unserem Tuath hat solch ein Spiel besessen, doch es war den Männern vorbehalten. Ich kenne nur ein paar Regeln vom Zusehen.« »Schade«, seufzt Drust. »Es ist lange her, seit ich meine Fähigkeiten an einem Gegenüber erprobt habe.« Dann widmet er sich ausschließlich dem Spiel. Zuerst bewegt er eine Figur, die einem Pferdekopf gleicht, anschließend einen der einfachen schwarzen Steine. Alle haben nur Augen für das Brett, etwas Derartiges hat noch keiner von uns gesehen. Orna erklärt uns die Regeln, während Drust spielt, aber sie sind schwer zu verstehen, zumal die Kriegerin sich nicht immer sicher ist. »Das Ziel besteht also darin, zu verhindern, dass der eigene König geschlagen wird?«, fragt Lorcan. »Ja«, bestätigt Orna. »Warum kämpft er dann nicht?«, will Ronan stirnrunzelnd wissen. »Ein König sollte ein tapferer Krieger sein, doch in diesem Spiel verstecken sich die Könige in den hintersten Reihen wie Hasenfüße.« »Das Spiel stammt aus einem fernen Land«, erklärt Orna. »In manchen Gebieten ist es Sitte, dass Könige nicht selbst kämpfen, sondern einen Stellvertreter in die Schlacht schicken.« Unter den Männern erhebt sich zorniges Brummen. »Das ist nicht richtig!« »Barbaren!« »Die würden sicher nicht lange gegen Dämonen bestehen!« Ohne auf die Männer zu achten, lasse ich Drust nicht aus den Augen. Seine langen, schlanken Finger, an denen ich keine Narben erkennen kann, bewegen die Figuren mit raschen, geschickten Bewegungen über die Felder. Ich habe das Gefühl, als könne er uns ebenso mühelos umherschieben wie Figuren auf einem Spielbrett. Vielleicht hat er das sogar bereits getan. Nach der Mahlzeit gesellt sich der Druide wieder zu mir. Doch statt mich weiter auszufragen, sagt er: »Ich könnte dir etwas beibringen, wenn du lernen willst.« »Schach?«, frage ich eifrig. »Nein. Magie.« Ich bleibe stehen und sehe ihn so verblüfft an, als hätte er mir eine Ohrfeige versetzt. Fiachna und Connla, die hinter uns gehen, halten ebenfalls an und legen sofort die Hände an die Waffen. Um den Fragen meiner Mitstreiter auszuweichen, laufe ich rasch weiter. Drust hält mit mir Schritt, und Bran jagt auf meiner anderen Seite nach einem Schmetterling. In meinem Kopf herrscht ein schreckliches Durcheinander. Einerseits möchte ich für mein Leben gern Magie von einem Druiden lernen, denn sie sind viel mächtiger als Priesterinnen. Andererseits ziemt sich das nicht für mich. Männer unterrichten Jungen, und Frauen unterrichten Mädchen. So ist es seit je gewesen. »Ich würde dir natürlich nicht alle Zauber beibringen, die ich einen männlichen Schüler lehren würde«, sagt Drust, der meine Gedanken liest. »Manche Geheimnisse schicken sich nicht für Frauen, genau wie auch du gewisse Geheimnisse kennst, die deinem Geschlecht vorbehalten sind. Ich könnte jedoch an deiner Technik arbeiten, deine Schwachstellen aufspüren und verbessern und dir einige neue Zauber beibringen, die für dich angemessen sind.« »Aber Männer... und Frauen... das gehört sich nicht«, stammele ich und laufe bei dem Gedanken, meinen Geist mit einem Mann zu teilen, rot an. Sollte ich bei ihm in die Lehre gehen, führt kein Weg daran vorbei. »Nur weil es sich nicht gehört, muss es sich nicht gleich von selbst verbieten«, erwidert der Druide. »Ich würde es auch vorziehen, einen Jungen zu unterrichten, aber wir haben keine Wahl. Entweder wir sind mutig und machen das Beste aus unserer Lage, oder wir wahren den Anstand und lassen die Gelegenheit ungenutzt verstreichen. Wie denkst du darüber, Bec?« Er wartet auf meine Antwort. Nach langem Schweigen nicke ich schließlich benommen. »Ich würde... gern... Eure Schülerin sein.« »Gut«, sagt und legt die Finger seiner Linken auf meine Stirn. »Schließ die Augen, und denke an den Mond. Ehe wir mit dem Unterricht beginnen, bringe ich dir bei, wie du all den Unsinn, der sich in letzter Zeit in deinem Gehirn angesammelt hat, vertreiben kannst. Dein Geist gleicht dem eines Menschen, nicht dem einer Priesterin.« Eine brausende Woge durchfährt meine Glieder. Mein Kopf, mein Körper, mein Geist... mit einem Mal ist alles erfüllt von Magie. Seit vier Tagen sind wir nun unterwegs und übernachten stets unter freiem Himmel. Wenn der Abend dämmert, legen wir uns einzeln oder paarweise im Schutz der Bäume nieder. Drust kommt nacheinander zu jedem von uns, berührt unsere Stirn und murmelt Zaubersprüche. Wir dürfen uns während der Nacht nicht bewegen, nicht einmal, um uns zu erleichtern. »Wenn es gar nicht anders geht, müsst ihr das eben an Ort und Stelle erledigen«, sagt er. »Bleibt, wo ihr seid, sonst brecht ihr den Zauber.« Die erste Nacht verläuft ungestört, weder Dämonen noch Untote tauchen auf. Eingemummelt neben Goll schrecke ich immer wieder aus dem Schlaf auf, bin mir der Magie des Druiden deutlich bewusst – die Luft um mich herum flackert –, und ich frage mich, ob der Zauber hält. In der zweiten Nacht stolpert ein aus mehreren Menschen zusammengeflicktes Ungeheuer vorbei, das unter Ächzen mit seinen Knochenfingern in der Erde scharrt. Sein wütender Hunger lässt es nicht einmal vor Insekten zurückscheuen. Das Wesen ist nur fünf oder sechs Schritte von dem Schlafplatz entfernt, den ich mit Orna teile. Wir halten beide den Atem an, und ich spüre, wie die Finger der Kriegerin zu ihrem Schwert gleiten. Ich möchte gern »Nein!« flüstern, habe jedoch Angst, das Wesen könnte uns dann bemerken. Die untote Kreatur bleibt stehen, vermutlich hat sie uns entdeckt. Orna stößt ein leises Zischen aus. Sie ertastet den Schwertknauf und umklammert ihn. Plötzlich jagt ein Fuchs unter einem Busch hervor und ergreift die Flucht vor dem Ungeheuer. Aufheulend setzt das Wesen hinter dem Fuchs her und schwingt dabei die Arme wie Flügel. Nach einigen Sekunden bricht Drust das Schweigen. »Die Einzigen, die nicht nach ihren Waffen gegriffen haben, sind Goll und Bec. Und Goll schläft.« Er legt eine kurze Pause ein, und ich spüre, dass er lächelt. »Nun habt ihr meine Magie auf dem Prüfstand erlebt, und ich hoffe, ihr handelt beim nächsten Mal nicht so unüberlegt. Ihr hättet um ein Haar unser Versteck preisgegeben.« Danach schlafen wir besser, obwohl einer von uns immer die Augen offen hält, nicht nur, um vor den Untoten und der Dämonata auf der Hut zu sein – sondern auch vor dem geheimnisumwitterten Drust. Der Druide nimmt mich in die Lehre. Er ist ein gestrenger Meister. Ich lerne schnell und spüre, wie meine Macht stetig zunimmt. Trotzdem bin ich nicht in der Lage, die neuen Zaubersprüche anzuwenden, die er mir beibringt. Die Magie der Männer unterscheidet sich von der Magie der Frauen. Wir ziehen unsere Kraft aus der Erde, den Bäumen, dem Wind, der Sonne und dem Mond und lassen die natürliche Magie der Welt in uns einströmen. Wir sind Geschöpfe der Natur, und so wie Bienen den Honig, sammeln wir die Magie aus Land und Luft. Drusts Magie ist vollkommen anders beschaffen. Er enthüllt mir nur Bruchstücke seiner Geheimnisse, scheint jedoch seine Macht vor allem aus den Sternen zu schöpfen, weniger aus Sonne und Mond. »Dort oben sind die Götter immerzu in Bewegung«, eröffnet er mir in der vierten Nacht. Bisher hat Drust allein geschlafen, doch heute hat er mich aufgefordert, die Nacht neben ihm zu verbringen. Am wolkenlosen Himmel sind die Sterne gut zu sehen. »Ebenso wie die Dämonen und die Geister der Toten. Sie bekämpfen, plagen und lieben sich genau wie wir, aber ihre Taten sind bedeutender und ihre Gestalten hundert- oder tausendmal größer als unsere.« Er blickt wie gebannt zu den Sternen hinauf, in deren Schimmer ich die langsam kreisenden Himmelskörper auf seinem Schädel erkennen kann. Zum ersten Mal ist sein Gesichtsausdruck milde. »Auf der Erde nehmen sie eine Gestalt an, die der unseren gleicht«, fährt er fort. »Sonst wäre unsere Welt zu klein für sie. Doch dort oben...« Er seufzt. »Männliche Magie entspringt Kräften, die die Götter, die Toten und die Dämonen hervorbringen. Wir haben gelernt, diese Quellen der Macht anzuzapfen, so wie Priesterinnen Wurzeln oder Bärenherzen anzapfen. Aber die schiere Größe, die Gefahren...« Vorsichtig dreht er sich ein wenig zur Seite, um den Verhüllungszauber nicht zu brechen, und lässt den Blick auf mir ruhen. »Die Menschen sind nicht dazu bestimmt, das Universum mit den Göttern zu teilen. Dieses Leben ist nicht für Schwächlinge wie uns gemacht. Dennoch ist es uns Druiden gelungen, einige ihrer Geheimnisse zu enträtseln. Wir haben uns an sie geheftet wie Würmer an die Schwingen der Adler und dabei etwas über ihre Wahrheiten und die Bedeutung der Flüge herausgefunden. Aber wir können nun einmal nicht fliegen, auch wenn es uns mitunter für kurze Zeit gelingt, und früher oder später ist es unvermeidlich – und wird immer unvermeidlich sein –, dass wir aus den Lüften herabstürzen. Druide zu sein bedeutet, Freundschaft mit dem Tode zu schließen, ihn eine Weile zu umarmen, mit ihm zu tanzen und schließlich von ihm dahingerafft zu werden. Deswegen können wir niemals die Herrschaft über die Welt erringen. Wir besitzen zwar die Macht, uns alle untertan zu machen, doch unser Streben und Trachten nach mehr, der stetige Versuch, in noch höhere Regionen vorzustoßen, trägt bereits den Keim unseres Untergangs in sich.« Er schweigt, und sein Blick wandert wieder zur Himmelsdecke. Er wirkt besorgt. »Wir hätten die Christen schon vor langer Zeit auslöschen können, damals waren sie noch schwach. Hätten wir geahnt, welche Bedrohung sie einmal darstellen würden, hätten wir ihnen die Zungen festgebunden und ihre Hände in Stein verwandelt. Dann hätten sie kein mündliches oder schriftliches Zeugnis hinterlassen, und ihre Religion wäre mit ihnen untergegangen. Doch wir hatten nur die Anderwelt im Sinn, die Sterne und Götter, und haben dabei die Welt um uns herum vergessen. Als wir schließlich die Augen senkten und den Blick durch heimatliche Gefilde schweifen ließen, war es bereits zu spät.« »Ihr könntet den Siegeszug der Christen immer noch aufhalten«, murmele ich und hoffe, dass er mich nicht bestraft, wenn ich anderer Meinung bin. Drust ist ein sehr strenger Lehrmeister. Bei jedem Fehler schlägt er mir auf den Kopf, versetzt mir derbe Fußtritte oder drischt mit einem Seil auf mich ein, in das er Knoten geknüpft hat. Banba war auch streng, aber nicht so grausam wie Drust. »Glaubst du?«, seufzt Drust. »Du bist nicht die Einzige, die so denkt. Manche kehren deswegen der Welt der Menschen den Rücken und verstecken sich in Höhlen oder in den Tiefen des Waldes. Ich bin anderer Ansicht. Die Zeit der Druiden ist vorbei. Zwar zweifle ich nicht daran, dass wir überleben, wenn auch in anderer Gestalt. Doch unsere Macht ist dahin, und wir werden nie wieder in so schwindelerregende Höhen aufsteigen.« Anschließend versinkt er erneut in Schweigen, und ich hüte mich, ihn zu stören. Ich sehe hinauf zu den Sternen, bis mir die Augen zufallen, denke über seine Worte nach und versuche, mir eine Welt vorzustellen, in der es keine Druiden und keine Magie mehr gibt. Erst kurz vor dem Einschlafen begreife ich, dass auch für mich in jener Welt kein Platz mehr wäre. Ich marschiere mit halb geschlossenen Augen und spüre die Kraft, die mich umgibt, ebenso wie die Macht der Sterne und Wesen, die zwischen den Himmelskörpern treiben. Während ich einen kleinen Stein in der Hand halte, versuche ich, diese Kraft in mich aufzunehmen und murmele einen Zauberspruch vor mich hin, den Drust mich gelehrt hat. Gelingt der Zauber, wird der Stein für ein oder zwei Sekunden in der Luft schweben. Beim entscheidenden Wort gerate ich jedoch ins Stottern, und der Versuch misslingt. Sofort versetzt Drust mir einen groben Hieb auf den Hinterkopf. »Konzentriere dich gefälligst!«, blafft er. »Ich konzentriere mich ja!«, gebe ich hitzig zurück. In der letzten Stunde hat er mich mindestens siebenmal geschlagen, und allmählich habe ich genug. »Ich kann mit dieser dummen Männermagie einfach nichts anfangen. Ernennt doch Bran zu Eurem Lehrling!« Bran, der summend hinter uns geht, hebt sofort den Kopf. »Dümmer als du kann er sich jedenfalls nicht anstellen!«, faucht Drust und schlägt erneut zu, dieses Mal noch kräftiger. Jetzt reicht es mir! Meine Rechte zuckt, ich werde zurückschlagen, mal sehen, wie ihm das schmeckt! Doch ehe ich dazu komme... »Die Leute sagen oft, ich sei zu klein für einen Schmied.« Drust und ich blicken überrascht auf. Fiachna, der vor uns läuft, ist stehen geblieben und dreht sich zu uns um. »Das hier hat nichts mit Euch zu tun«, grollt Drust. »Habe ich das etwa behauptet?«, entgegnet Fiachna. »Ich habe lediglich angemerkt, dass viele Leute denken, ich sei zu klein für einen Schmied. Ihrer Ansicht nach muss ein Schmied wie ein Muskelprotz aussehen, der gleichzeitig zwei schwere Hämmer schwingen und Eisen mit bloßer Hand verbiegen kann. Tatsächlich trifft das auch für die meisten Schmiede zu. Trotzdem ist es nicht unbedingt nötig.« Nun lächelt er uns an. »Mein Meister war ein freundlicher Mann. Er hatte ein verstümmeltes Bein. Als Kind hatte er es sich gebrochen, und die Wunde war nicht richtig verheilt. Obwohl er in seinem Leben nie gekämpft hat, schmiedete er prächtige Waffen. Während der Arbeit redete er gern und plauderte wie im Selbstgespräch vor sich hin. Die Leute hielten ihn für verrückt, aber das war er keineswegs. Er sprach mit dem Eisen, lernte vom Material und brachte es schließlich behutsam und mit leichter Hand in genau jene Form, die er haben wollte – und die das Material haben wollte.« »Ich verstehe nicht...«, sagt Drust, doch Fiachna lässt ihn nicht ausreden. »Auf diese Weise hat er auch mich unterwiesen. Er hat mich nie geschlagen, angeschrien oder die Geduld verloren. Ich war weder sein erster noch sein letzter Lehrling. Er hatte schon seit einer Weile Knaben bei sich aufgenommen, ihnen alles beigebracht, was er wusste, sie beobachtet und schließlich ziehen lassen, wenn er spürte, dass sie nichts mehr von ihm lernen konnten.« Nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: »Ohne mich in Eure Angelegenheiten einmischen zu wollen, aber vielleicht wäre das der beste Weg, Bec etwas beizubringen. Es sei denn, Ihr glaubt, dass sie sowieso nichts lernen kann.« »Und ob sie lernen kann!«, ruft Drust. »Sie hat Talent, das weiß ich genau.« »Dann helfen Schläge doch auch nichts, oder?«, stellt Fiachna mit ruhiger Stimme fest. »Mein Meister sagte immer, mit Schlägen könne man niemandem etwas beibringen. Jeder müsse auf seine eigene Weise und in seinem eigenen Tempo lernen. Blindes Drängen schade nur, man solle zwar entschieden, aber nicht grausam sein. Grausamkeit ist wie eine Schranke, und Schranken halten die Menschen auf.« »Meine Meister haben mich bei jedem Fehler bis zur Bewusstlosigkeit geprügelt«, entgegnet Drust und klingt wie ein trotziges Kind. »Habt Ihr denn etwas gelernt, während Ihr bewusstlos wart?«, fragt Fiachna unbeeindruckt. Drust will erst zu einer aufgebrachten Antwort ansetzen, stockt dann aber und runzelt die Stirn. »Man lernt nur schwer, wenn man nichts mehr von der Welt wahrnimmt«, bemerkt Fiachna und nickt langsam. Danach dreht er sich wieder um und marschiert weiter. Drust hat mein Lächeln bemerkt und verzieht mürrisch das Gesicht. »Ich lasse mich nicht gern von einem Schmied belehren«, sagt er hochnäsig, und mir vergeht augenblicklich das Lachen. Doch plötzlich wird seine Miene sanfter. »Andererseits schlagen nur Esel einen guten Rat in den Wind, weil er von einer unerwarteten Seite kommt. Nun gut, Bec MacConn. Wir haben es auf meine Weise versucht, jetzt versuchen wir es mit Fiachnas Vorschlag. Keine Schläge in den nächsten Tagen. Solltest du währenddessen Fortschritte machen, schön und gut. Andernfalls...«, sein Grinsen wirkt gezwungen, »... muss ich wohl wieder andere Saiten aufziehen.« Ich schlucke schwer und schwanke zwischen Erleichterung und Furcht. Dann hole ich tief Luft, entspanne mich, nehme abermals die Macht des Himmels in mich auf, stimme den Zauberspruch an und konzentriere mich mit aller Kraft darauf, den Stein zum Schweben zu bringen. Ein Überraschungsgast Wir verbringen eine weitere Nacht im Freien und suchen Schutz im flachen Gelände, auf einem mit Geröll und Steinen übersäten Feld. Was meine magischen Fortschritte betrifft, ist der Tag wiederum enttäuschend verlaufen. Abgesehen davon, dass Drust mich nicht mehr schlägt, hat sich nichts verändert. Ich durchschaue die neue Magie einfach nicht und wünschte, Drust würde sich auf die natürlichen Zauberkräfte konzentrieren und mir auf diesem Weg weiterhelfen. Obwohl Banba eine gute Lehrmeisterin war, sind meine Kräfte bereits ein wenig eingerostet. Meiner Ansicht nach wäre es besser, wenn wir mit der Magie weitermachten, die mir von klein auf vertraut ist. Doch Drust weigert sich standhaft und behauptet, er könne und wolle nicht mit den Methoden einer Priesterin arbeiten. »Deine früheren Fähigkeiten nutzen mir nichts!«, erwidert er barsch, wenn ich wieder mal die Notwendigkeit, neue Zauber zu lernen, in Frage stelle. »Ich brauche mehr!« Wofür nur? Warum braucht er mich? Worauf will er mich vorbereiten? Ich schlafe tief und träume von glücklicheren Zeiten, als Banba noch lebte und uns keine Dämonen behelligten. Als das Leben noch sicher war. Mitten im schönsten Traum raunt eine innere Stimme: »Wach auf.« Connla hält seit einigen Stunden Wache, ich muss ihn ablösen. Es bereitet mir keinerlei Schwierigkeiten, mich ohne fremde Hilfe zu wecken. Das war einer der ersten Zauber, die Banba mir beigebracht hat. Eine Priesterin muss stets die Kontrolle über ihre Träume behalten, sonst läuft sie Gefahr, im Schlaf ein gewaltiges Chaos heraufzubeschwören. Eingewickelt in meinen Umhang, den ich mir über den Kopf gezogen habe, liege ich auf dem Rücken neben Orna. Um Drusts Verhüllungszauber nicht zu brechen, drehe ich mich vorsichtig um und sehe zu Connla hinüber. Und erblicke an seiner Stelle einen Dämon. Im ersten Moment glaube ich, noch zu träumen, denn offenbar hat der Dämon Connla nicht angegriffen. Kniend beugt er sich über den Königssohn, den Kopf wie im Gespräch dicht an den seinen gelegt. Als ich die Ohren spitze, höre ich ihn flüstern. Ein Regentropfen fällt mir direkt zwischen die Augen, ich blinzele und erwache mit einem Ruck aus meiner Benommenheit. Mit einem Satz springe ich auf die Füße und brülle aus Leibeskräften: »Dämonen!« Sofort sind alle mit gezückten Waffen auf den Beinen. Ronan legt einen Pfeil in den Bogen, zielt und... hält inne, als der Dämon ihn ansieht. Ronans Finger zittern, sein Gesicht zuckt, die Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. Etwas hindert ihn daran, den Pfeil abzuschießen. Der Dämon hat ihn außer Gefecht gesetzt. Lorcan geht mit gezogenem Schwert und erhobener Axt zum Angriff über, den Mund zum Kriegsschrei aufgerissen. Der Dämon hebt eine klumpige, blassrote Hand. Lorcan stockt und bleibt wie angewurzelt stehen. Er ist nicht imstande, sich dem Dämon auf Reichweite zu nähern. Goll und Orna machen ebenfalls Anstalten, sich auf das Ungeheuer zu stürzen, als Drust ruft: »Nein! Bleibt zurück!« Der Druide hat sich mit verschränkten Händen aufgesetzt. Seine Lippen bewegen sich schnell, während er den Blick auf den Dämon heftet. Er wirkt eher zielbewusst als erschrocken. Niemand rührt sich, alle Blicke ruhen auf dem Dämon und Drust. Inzwischen haben sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt, und ich nehme den Angreifer deutlich wahr. Er ist groß, hat acht Arme, unförmige Hände und Fleischstreifen anstelle von Beinen und Füßen. Er schwebt in der Luft, ohne den Boden zu berühren. Seine Haut ist blassrot und mit Blut befleckt. Im ersten Augenblick denke ich, es sei Connlas Blut – ich bin überzeugt, dass der Königssohn tot ist –, bis mir die blutigen Risse und Schrunden in der Haut des Dämons auffallen. Das heraussickernde Blut verleiht ihr einen ungesunden Rotton. Das Ungeheuer ist völlig kahl, seine Augen sind dunkelrot mit schwarzen Ringen in der Mitte der Augäpfel. Statt der Nase befinden sich in der Mitte des Gesichts nur zwei ausgehöhlte Vertiefungen. Das Wesen hat auch kein Herz – sondern ein Loch in der Brust, in dem sich unter Zischen und Fauchen aalartige Kreaturen winden. Nachdenklich legt der Dämon den Kopf schief und lächelt Drust traurig an. »Ihr seid mächtig, Druide, und das Mädchen könnte es auch sein, wenn sie nur endlich von Euch lernen würde.« Ich bin wie gelähmt vor Entsetzen. Nie zuvor habe ich einen Dämon in unserer Sprache sprechen hören. Es – er – hat eine tiefe, betrübte Stimme, die anders klingt als die eines Menschen, doch die Worte sind gut zu verstehen. Ein Dämon, der wie ein Mensch spricht, muss auch wie ein Mensch denken können. Das bestätigt Drusts Prophezeiung und unsere schlimmsten Befürchtungen. Auf einmal dringt die Bedeutung seiner Worte zu mir durch. Offenbar weiß der Dämon, dass Drust mein Lehrmeister ist. Entweder kann er Gedanken lesen oder... »Er ist uns gefolgt!«, kreische ich und trete einen Schritt auf die herzlose Kreatur zu. »Bec!«, zischt Drust. »Halte dich raus.« »Aber...« »So viel Unglück«, murmelt der Dämon. »So viel Qual. Eure Mission ist zum Scheitern verurteilt, binnen kurzem wird dieses Land in den Händen der Dämonen sein. Alle werden sterben, Kleines. Deine Leute müssen ihr Leben lassen, weil du versagt hast. Welche Demütigung! Welche Schuld!« Ich lausche ihm zitternd und will seine Worte nicht wahrhaben. Aber sie klingen so überzeugend, als wisse er genau, was die Zukunft für uns bereithält. Seine mitleidige Stimme hat etwas Tröstliches. Während mir dieser Gedanke durch den Kopf geht, breitet der Dämon zwei seiner vielen Arme aus und nickt mir aufmunternd zu. »Komm zu mir«, haucht er. »Finde Erquickung in den Armen des liebenden Lord Loss.« Seine Macht und die verheißungsvollen Worte ziehen mich unwiderstehlich an. Ich rücke näher. Der Dämon, Lord Loss, lächelt und nickt erneut. Irgendwie kann es nicht richtig sein, dass ich seiner Aufforderung folge, doch plötzlich hat mich tiefer Kummer überwältigt, und er scheint der Einzige zu sein, der ihn lindern kann. Mit einem Mal steht Drust neben mir und redet hastig auf mich ein. »Benutze Magie. Dies ist ein Dämon aus der Anderwelt, von den Sternen. Er strahlt Macht aus, nimm sie dir, handle. Kämpfe.« Ungeachtet der Worte des Druiden zieht es mich weiter voran. Die Gedanken wirbeln in meinem Kopf nur so durcheinander. Sobald ich diesem Dämon zu nahe komme, sterbe ich. Er wird alles Leben aus mir saugen und mich dann achtlos beiseiteschleudern oder zu einem Leben als Untote verdammen. Mit einigen alten Zaubersprüchen will ich zur Gegenwehr ansetzen, aber meine Lippen versagen mir den Dienst. Drusts Warnung hallt in meinem Schädel wider. Dieser Dämon gehört zu den Sternen, er strahlt eine ungeheure Macht aus. Ich erinnere mich an die letzten Unterrichtsstunden, an die Zauber, die Drust mir beibringen wollte, und wie er mich ermutigte, die Kraft der Sterne in mich aufzunehmen und die Magie aus himmlischen Quellen in mich strömen zu lassen. Mit Verstand, Herz und Geist zugleich strecke ich mich Lord Loss entgegen. Ich spüre seine Macht und Magie und lasse sie in mich fließen. Wütend entreiße ich sie ihm und fülle mich damit bis zum Bersten, bis mir das Haar mit einem Ruck zu Berge steht. Meine Augen sind weit aufgerissen, die Arme ausgebreitet. Der Dämon keucht auf und erhebt sich einige Meter höher in die Luft. Kraft meiner neuen Magie schwebe auch ich inzwischen und schöpfe Macht aus dem Himmel statt aus der Erde. Ich werde zu einem Wesen der Luft. Ich drehe die Handflächen in Richtung Boden. Zwei große Steine lösen sich und schweben zu mir hinauf, während Erde und Kies von ihnen rieselt. Rasch lege ich die Hände unter die Steine, blicke prüfend von der einen Hand zur anderen, von einem Stein zum anderen – und schließlich zu Lord Loss hinüber. Ich lächle und stoße die beiden Steine mit einem Ruck nach vorn. Sie fliegen wie zwei gewaltige Katapulte auf meinen Widersacher zu. Der Dämon reißt abwehrend die Arme hoch, woraufhin die Steine sich in Staubwolken und spröde Bruchstücke auflösen. Alle gehen in Deckung, um nicht durchbohrt zu werden. Alle, außer mir und Lord Loss. Bewegungslos verharren wir in der Luft und messen einander mit Blicken ab. Einige der Splitter haben tiefe Risswunden in den Wangen des Dämons hinterlassen. Er wirkt weder wütend noch überrascht, sondern lediglich traurig. »Welche Begabung«, seufzt der Dämon. »Welche Verschwendung. In so jungen Jahren zu sterben, wenn man so viel erreichen könnte...« »Genug!«, brüllt Drust unvermittelt, steht auf und legt seine rechte in meine linke Hand. Neue Energie durchpulst mich, mir ist, als könnte ich mit der ausgestreckten Hand den Himmel berühren und die Sterne zusammenpressen. »Geht oder kämpft!«, schreit Drust. »Kämpfen?«, höhnt der Dämon kichernd. »Ich könnte euch beide mühelos vernichten.« Langsam hebt er eine Hand in unsere Richtung, hält inne und lässt sie wieder sinken. »Aber wo bleibt dann der Sportgeist?«, murmelt er. Damit dreht er sich langsam um und schwebt in die Dunkelheit. Gerade als ich denke, er sei nun endgültig verschwunden, tönt ein Ruf aus der Finsternis. »Du hast mich bestohlen, Bec, und dich fremder Magie bedient. Daraus werden dir Qualen und großer Kummer erwachsen. Und der Tod.« Nach einer Kunstpause fügt er hinzu: »Von morgen an.« Dann ist er endgültig verschwunden, und es herrschen nur noch Schweigen, Verwirrung und Entsetzen. Connla lebt. Kaum ist der Dämon verschwunden, rappelt er sich bleich und zitternd auf. Er behauptet, er habe geschlafen und sei erst bei meinem Schrei erwacht. Magie habe ihn daran gehindert, sich zu bewegen. Drust untersucht ihn, um festzustellen, ob der Dämon sich von ihm genährt hat, kann jedoch keine Bissspuren entdecken. Mich interessiert weder Connla noch warum Lord Loss ihm etwas zugeflüstert hat, statt ihn zu töten. Mich interessiert nur noch die Magie. So mächtig und vor Leben sprühend habe ich mich noch nie gefühlt. Mit einem Schlag hat sich die ganze Welt verändert. In der Dunkelheit sehe ich so klar wie bei Tage, die Sterne leuchten heller als der Mond, und ihr vielfarbiges Funkeln schimmert durch die Wolkendecke. Obendrein sind sie untereinander verbunden! Das habe ich bisher nicht gewusst. Die Himmelsdecke gleich einem riesigen Wurzelreich, in dem alle Sterne zusammenhängen. Die Verbindungen zwischen den Gestirnen sind wie magische Adern. Der Himmel lebt, und ich kann daraus ebenso Macht schöpfen wie aus Bäumen oder Rotwild, so wie Banba es mich früher lehrte. Ich lasse die Macht in mich strömen, will alles, den ganzen Himmel, jegliche Magie, die er enthält. Ich kann zur Göttin werden, den Lauf der Welt mit einem Fingerschnippen verändern. Ich kann... »Nein«, sagt Drust leise, und ich bemerke erst jetzt, dass er die Hände dicht über meine Schultern hält, ohne mich zu berühren. Seine Augen sind dunkel. »Du musst aufhören.« »Warum?«, flüstere ich und sauge die Macht der Gestirne weiter in mich ein. »So viel Kraft kann dein Körper nicht aufnehmen. Er wird sich auflösen, und du stirbst.« »Niemals«, ächze ich. »Mit dieser Magie werde ich alles fertigbringen.« »Nein«, entgegnet er fest. »Sie wird dich zerstören.« Ich will ihm nicht glauben, ich will nicht aufhören. Doch seine Miene lässt keinen Zweifel daran, dass er die Wahrheit sagt. Er ist kein Lehrer, der mir meinen Fortschritt neidet – er macht sich Sorgen und will mich retten. Widerwillig gehorche ich und kappe den verführerischen Strom der Magie. Um mich wird es dunkel, ich bin erneut Mensch. Drust legt mir die Hände auf die Schultern. Sein Blick ist voller Wärme. »Das hast du gut gemacht«, lobt er. »Ich habe es geschafft«, erwidere ich ungläubig. »Ich habe die Magie benutzt. Eure Magie.« »Ja«, erwidert er, ohne mich loszulassen. »Ich habe noch nie erlebt, dass jemand so rasch vom Schüler zum Meister wird. Der Dämon sagte, du hättest Magie von ihm gestohlen. Die Macht, die...« »Ich wollte nicht stehlen«, antworte ich ruhig. »Ist das schlecht?« Der Druide schüttelt den Kopf und lächelt verhalten. »Nein, nur unerwartet.« Er nimmt die Hände von meinen Schultern. »Aber nun wollen wir uns wieder hinlegen und den Verhüllungszauber sprechen. Die anderen Dämonen sind vielleicht nicht so schnell zum Rückzug bereit wie Lord Loss.« »Wisst Ihr, wer er ist?«, frage ich. »Warum konnte er sprechen? Was meinte er damit, dass uns von morgen an Tod und Kummer erwarten?« »Darüber reden wir gleich«, sagt Drust. »Zuerst die Zauber. Diesmal kannst du mir helfen. Hör genau zu, und mach mir dann alles nach.« Er zeigt es mir, und ich versuche es. Und es klappt. Mühelos. »Lord Loss gehört zu den Mächtigen der Dämonata«, erklärt Drust mir kurz darauf. Wir liegen alle dicht nebeneinander. Es ist zwar mitten in der Nacht, aber nach diesem aufregenden Erlebnis kann niemand schlafen. »Er ist ein Dämonenmeister.« »Ihr habt doch gesagt, dass sie noch nicht durch den Tunnel kommen können«, merkt Fiachna an. Drust nickt nachdenklich. »Sobald der erste Dämonenmeister den Tunnel überwunden hat, erweitert sich der Gang. Scharen von Dämonen, die unseren bisherigen Feinden weit überlegen sind, werden eindringen und sich voller Gier an die Vernichtung der Menschen machen. Diese Dämonen sind wild, unförmig und monströs. Wir werden genau wissen, wann sie eintreffen, denn dann erfüllen die Schreie ihrer Opfer die Luft. Ich glaube nicht, dass Lord Loss durch den Tunnel eingedrungen ist oder erst seit kurzem die Grenze zu unserer Welt überschritten hat. Er war unserer Sprache mächtig, und dazu benötigt sogar ein Dämonenmeister etwas Zeit. Meiner Ansicht nach ist er schon seit vielen Jahren unter uns.« »Wie denn?«, fragt Orna überrascht. »Die Dämonen sind doch erst im letzten Jahr gekommen.« »Nein«, widerspricht Drust. »Einige sind schon früher hier aufgetaucht. Manche Menschen können Dämonen herbeirufen, die dann für kurze Zeit in unsere Welt eindringen, wahllos töten und sich schließlich wieder in ihr widerwärtiges Reich zurückziehen. Dieser Dämon schien sich hier ganz wie zu Hause zu fühlen.« Nach kurzem Nachdenken fährt er fort: »Vieles, was wir über die Dämonata wissen, ist von den Alten Geschöpfen, die einst in unserer Welt lebten, auf uns übergegangen. Dies war ihre Welt. Sie unterrichteten die ersten Druiden, erzählten ihnen von den Dämonen und brachten ihnen bei, wie man gegen diese Feinde kämpft. Einen Teil ihres Wissens haben sie uns jedoch vorenthalten, vielleicht war das unumgänglich, da sie Götter sind und wir nur Menschen. Bisher habe ich geglaubt, Dämonen könnten lediglich durch einen Tunnel in unsere Welt eindringen. So haben es zumindest die Alten Geschöpfe an uns weitergegeben. Offensichtlich gibt es Ausnahmen. Lord Loss muss eine davon sein.« »Seid Ihr denn sicher, dass er ein Dämon ist?«, fragt Goll. »Mir ist er eher wie ein Fomorii aus den alten Legenden vorgekommen.« »Er war zweifellos ein Dämon«, sagt Drust. »Doch er ist eine besondere Erscheinung. Die meisten Dämonen dürstet es nur nach Blut, auch die Dämonenmeister machen da keine Ausnahme. Lord Loss hingegen wirkt recht zivilisiert und eher grausam als brutal. Er hätte uns töten können und hat stattdessen von Sportgeist und späteren Qualen gesprochen. Er...« »Die Steine!«, platze ich heraus. Noch während ich darüber nachdenke, ob er uns bei Tage gefolgt ist und sich in der Nacht herangeschlichen hat, fällt mir etwas ein. Die anderen starren mich verständnislos an, und ich erzähle von dem Dämon, den ich erblickt habe, als wir in dem Ring aus Steinen in der Falle saßen. »Nur einer der Dämonen hat nicht auf Bran geachtet. Er hat sich abseits gehalten und uns nicht aus den Augen gelassen, während er in der Luft schwebte. Das muss Lord Loss gewesen sein. Seither folgt er uns.« »Warum denn?«, fragt Orna. »Aus Spaß«, erklärt Drust mit besorgter Miene. »Ich glaube, dieser Dämon ist ebenso niederträchtig wie die anderen, aber die Todesangst der Menschen bereitet ihm größeren Genuss als ihr Blut. Kummer ist sein Elixier. Er muss gespürt haben, dass dir Qualen bevorstehen, und hat sich an unsere Fersen geheftet, um zu warten, bis das Elend beginnt.« »Da kann er noch lange warten«, verkündet Goll gereizt. »Ich lasse mich von einem Dämon nicht übers Ohr hauen. Jetzt wissen wir, dass er da ist, und können uns gegen ihn zur Wehr setzen.« »Vielleicht«, antwortet Drust düster. In seinen dunklen Augen erkenne ich den Abglanz der Furcht. Kinder der Finsternis Am nächsten Tag geht es im selben Tempo weiter, doch diesmal marschiert die Angst mit. Wir haben die Drohungen des Dämonenmeisters beileibe nicht vergessen, wir sind alle gereizt und geraten schon beim geringsten Anlass aneinander. Als Connla am späten Morgen einen harmlosen Scherz über Golls blindes Auge macht, kontert der Ältere mit beißender Kritik an dem Königssohn, der während der Wache eingeschlafen ist. Als die beiden daraufhin beinahe aufeinander losgehen, müssen wir die Streithähne gewaltsam trennen. Ronan und Lorcan haben sich von allen am besten im Griff. Die Zwillinge kennen keine Angst vor dem Tod. Für sie ist diese Reise ein großes Abenteuer, und vermutlich hoffen sie geradezu auf einen Dämonenangriff, damit sie noch mehr unserer Widersacher zur Strecke bringen können. Für mich geht der Unterricht weiter. Ich habe befürchtet, die Magie könne mich bei Sonnenaufgang verlassen, weil die Kraft der Sterne nur während der Nacht wirksam ist. Drust lehrt mich jedoch, wie man zu jeder Zeit Macht aus den Gestirnen schöpft. »Die Sterne sind immer da, auch wenn wir sie nicht sehen«, erklärt er. »Tagsüber sind wir zwar schwächer, aber längst nicht so schwach wie die Dämonen. Im Unterschied zu uns Menschen sind die meisten von ihnen unfähig, am Tage Macht aus den Gestirnen in sich aufzunehmen.« Nach dem gestrigen Durchbruch fühle ich mich wie ein Kleinkind, das nach seinen ersten Schritten alles emsig zu erforschen beginnt. Plötzlich kann ich mühelos Dinge bewegen, Steine und Äste oder dergleichen, und mein Tatendrang macht nicht einmal vor Bran halt, den ich während einer Rast und ohne dass er es bemerkt, in die Lüfte hebe und ein paar Zentimeter weiter wieder auf dem Boden absetze. Die Übung strengt mich zwar an, sie erschöpft mich aber nicht, und ich habe mich schon nach kurzer Zeit wieder erholt. Drust sagt, darin sei ich besonders begabt, etwas Vergleichbares habe er nur selten gesehen. Als ich ihn frage, ob es eine Grenze dafür gebe, was ich bewegen und anheben kann, erwidert er, Grenzen gebe es immer, er habe allerdings keine Ahnung, wo die meine liege. Ich schlage vor, versuchsweise einen Baum zu entwurzeln, doch er meint, für eine solche Kraftprobe sei es noch zu früh. Auf anderen Gebieten bin ich allerdings nicht so talentiert. Drust will mir beibringen, Feuer zu entfachen und in den Händen zu halten, sei es als Fackel oder als Waffe. Während mein Lehrmeister eindrucksvolle Feuersäulen auflodern lässt, züngeln bei mir gerade mal ein paar schwache Flämmchen, die mir obendrein die Hände versengen. Er unterweist mich auch in Schutzzaubern, wie etwa dem nächtlichen Verhüllungszauber, doch die sind erheblich komplizierter. Richtig angewandt sorgen sie dafür, dass ein Dämon mich nicht mit Klauen oder Zähnen, sondern lediglich mit Magie angreifen kann. Andere Zauber schützen mich sogar vor fremder Magie, aber sie sind noch schwieriger. Bei beiden Methoden sind meine Fortschritte eher bescheiden, trotzdem ist Drust mit mir zufrieden. Der Unterricht ist anstrengend, ich fühle mich wie ausgehöhlt und bin leicht reizbar. »Wie steht es mit einem Angriffszauber?«, frage ich am Nachmittag und denke nicht ohne Besorgnis an die bevorstehende Nacht und die Gefahren, die auf uns lauern. »Für uns geht es nur ums Überleben«, sagt Drust und sieht sich um. Die anderen befinden sich in einiger Entfernung, lediglich Bran trottet wie ein treues Hündchen hinter uns her. Der Druide senkt die Stimme. »Bei einem Angriff solltest du nur an dein eigenes Leben denken. Ich brauche dich, Bec, und dein Volk braucht dich auch. Wirf dein Leben nicht weg, indem du ein anderes, unbedeutendes zu retten versuchst.« »Soll ich etwa danebenstehen und zusehen, wie meine Freunde abgeschlachtet werden?«, frage ich eisig. »Du musst«, gibt er zurück. »Ausgeschlossen. Das kann ich nicht. Dann müsstet Ihr mir zumindest verraten, wozu Ihr mich braucht.« Drust zuckt die Achseln. »Ich habe dir lediglich einen Rat gegeben. Es steht dir frei, ihn zu missachten. Aber jetzt wollen wir uns mit einem anderen Zauber beschäftigen, der dir das Aussehen eines Riesen verleiht. Gewisse Dämonen lassen sich damit in die Flucht schlagen.« Kein Wort, warum ich so wichtig für ihn bin oder warum ich unbedingt am Leben bleiben soll, während er offenbar bereit ist, den Tod der anderen hinzunehmen. Einige Stunden vor Sonnenuntergang ist der Unterricht zu Ende, damit Drust und mir noch Zeit bleibt, uns für mögliche nächtliche Kämpfe zu rüsten. Ich denke ständig darüber nach, welche finsteren Pläne Lord Loss wohl hegen mag. Ob er ganze Dämonenhorden auf uns hetzen wird? Truppen Untoter? Vielleicht graben sie sich von unten an uns heran oder fallen vom Himmel auf uns herab. Wie mächtig ist der Dämonenmeister? Auch Drust weiß es nicht, und wir werden erst Gewissheit haben, wenn das herzlose Ungeheuer zuschlägt. Die allgemeine Nervosität steckt sogar Ronan und Lorcan an. Sie haben zwar keine Angst zu sterben, fürchten aber, ein Überraschungsangriff könnte ihr Leben auf schmähliche Weise beenden. Merkwürdigerweise wirkt Connla gelassener als die anderen. Sonst eher ein Nervenbündel, stolziert er munter umher, treibt uns an und mahnt, wir sollten uns keine unnützen Sorgen machen. Er benimmt sich wie ein König, was allein nichts Ungewöhnliches wäre, doch dass er sich im Angesicht der drohenden Gefahr so verhält, ist sonderbar. Vielleicht erfüllt sich der Wunsch seines Vaters, und Connla reift allmählich zu einem echten Führer heran. Eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang bleibt Drust auf einem Hügel stehen und sagt: »Hier.« Goll blickt sich um. »Seid Ihr sicher? Hier kann man uns von überall sehen.« »Wenn Lord Loss die Dämonen zu uns führen will, können wir uns ohnehin nicht verbergen«, entgegnet Drust. »Zumindest haben wir von hier aus einen guten Überblick und entdecken unsere Feinde rechtzeitig. Die erhöhte Lage ist außerdem günstig für Bec und mich. Hier oben können wir die Kraft der Gestirne besser in uns aufnehmen.« Während die anderen sich für die Nacht einrichten, frage ich Drust, ob er die Wahrheit gesprochen habe oder Goll nur beruhigen wollte. »Es ist wahr«, sagt er. »Erhöhte, baumlose Stellen sind für Magier ideal, um die Kräfte des Himmels aufzunehmen.« »Aber gilt das nicht auch für die Dämonen?«, will ich wissen. Drust zuckt die Achseln. »Darüber wollen wir lieber nicht nachdenken.« Als alle bereit sind, sprechen Drust und ich die Verhüllungszauber. Falls Lord Loss die anderen Dämonen zu unserem Lagerplatz führt, werden diese Zauber uns nicht viel nützen, doch sie schützen uns immerhin vor herumstreunenden Feinden. Während die Stunden verstreichen, lässt der heftige, schwere Regen allmählich nach, auch wenn der Himmel nicht aufklart. Wir schweigen. Nach einer Weile fällt mir auf, wie hungrig ich bin. Vor lauter Sorge um einen guten Lagerplatz haben wir das Essen vergessen. Jetzt ist es jedenfalls zu spät, und ich muss bis zum nächsten Morgen warten – und hoffen, dass ich bis dahin nicht selbst verspeist worden bin. Mitternacht. Trotz der dichten Wolken kann ich das immer genau sagen. Ich wünschte, ich könnte mich zusammenrollen wie ein Igel und einschlafen. Der heutige Tag war nach der vorhergehenden schlaflosen Nacht besonders lang. Außerdem bin ich furchtbar hungrig. Dennoch traue ich mich nicht, die Augen zu schließen, man weiß nie, wie rasch die Dämonen angreifen. Ein paar schlaftrunkene Sekunden können den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen. Inzwischen graut beinahe der Morgen, und ich bin trotz bester Vorsätze eingedöst und befinde mich im Halbschlaf, ein gefährlicher Zustand, der mich den Bedrohungen beider Reiche ausliefert. Banba hat mich stets angehalten, entweder zu schlafen oder wach zu bleiben, aber niemals zwischen beidem zu schwanken. Da reißt mich ein Schrei aus der Benommenheit. Er klingt wie der Schrei eines Kindes, aber das ist ausgeschlossen. Wir sind an keiner Siedlung vorbeigekommen, und ein Kind würde niemals allein in der Dunkelheit herumwandern, schon gar nicht in diesen gefährlichen Zeiten. Als ich mich umsehe, stelle ich fest, dass die anderen ebenfalls erwacht sind und die Augen auf die Stelle richten, aus welcher der Schrei ertönt ist. Ronans Bogen ist gespannt, der Pfeil schussbereit. »Nicht bewegen«, flüstert Drust laut genug, damit es alle hören. »Der Zauber ist noch intakt. Vielleicht hat es nichts mit...« »Mutterrrrrr...«, ertönt ein zweiter Klageruf, diesmal deutlicher, und wir vernehmen eine von Schmerz und Kummer erfüllte Mädchenstimme. »Hilf uns... Mutterrrr«, erklingt eine andere Stimme, die eines Jungen. »Es ist so kalt... Mutterrrr.« Ein dritter Ruf, wieder eine Jungenstimme, die sich deutlich jünger anhört als die beiden anderen. »Was ist das?«, fragt Lorcan und zupft nervös an seinen Ohrringen. »Ich weiß es nicht genau«, antwortet Drust. »Nur Dämonenmeister können menschliche Stimmen nachahmen. Die Untoten sind stumm. Vielleicht hat Lord Loss einen minderen Dämon beeinflusst.« »Mutterrrr... nimm uns in die Arme.« Beim Klang der Mädchenstimme jagen mir eiskalte Schauer über den Rücken. Am liebsten möchte ich zu dem Kind hinlaufen und es in die Arme schließen, obwohl ich weiß, dass es kein menschliches Wesen sein kann. Die Stimme hört sich so jung, ängstlich und verloren an. »Das gefällt mir überhaupt nicht«, murmelt Goll, dessen Auge nach links und rechts huscht und nach Gestalten in der Dunkelheit späht. »Vielleicht sind es wirklich Kinder«, sagt Fiachna. »Die Dämonen benutzen sie, um uns eine Falle zu stellen.« »Nein«, sagt Orna mit zitternder Stimme. »Sie... ich...« »Mutterrrr...«, ruft der ältere Sohn wie zur Antwort. Orna erhebt sich. »Nein!«, bellt Drust, doch sie tritt ohne auf ihn zu achten einen Schritt vor, die Hände über der Brust gefaltet. Auf ihrem Gesicht zeichnen sich Entsetzen und überschäumende Freude zugleich ab. Im Schatten rührt sich etwas, drei Gestalten kommen näher. Drust flucht und schleudert einen Feuerball den Abhang hinunter, um sie zu beleuchten. Wir erkennen drei vorwärtstaumelnde Kinder. Untote. Ihre Körper sind nahezu unversehrt, die meisten Gliedmaßen sind noch vorhanden, und auch die Köpfe sitzen auf den Schultern. Trotzdem sind es keine lebenden Kinder. Sie bewegen sich ungelenk, dem einen Jungen fehlt ein Auge, dem anderen fehlen die Ohren, und das Mädchen hat einige Finger eingebüßt. »Meine Kinder!«, stößt Orna heiser hervor, und obwohl ich vor Angst schlottere, erstarre ich bei diesen Worten. Die Kriegerin macht einen zweiten Schritt den Hügel hinunter. »Orna!«, zischt Goll. »Bleib stehen! Das sind nicht deine Kinder, das ist nur ein Trick!« »Natürlich sind es meine Kinder«, erwidert sie tränenüberströmt. Aus ihr spricht jetzt nicht mehr die Kriegerin, sondern die Mutter. »Das ist ein Trugbild«, sagt Drust leise. »Vermutlich sind es die verkleideten Leichen anderer Kinder.« »Nein«, entgegnet Orna. »Meine Kleinen würde ich überall wiedererkennen.« »Mir ist so kalt... Mutterrrr!« »So allein... Mutterrrr!« Orna macht den dritten Schritt. »Sie werden dich töten!«, sagt Fiachna, steht auf und bricht den Verhüllungszauber. Mit ausgestreckter Hand tritt er auf Orna zu. »Wenn du zu ihnen gehst, schlachten die Kinder dich genauso ab, wie die Dämonen sie abgeschlachtet haben. Es spielt keine Rolle, ob sie mal deine Kinder waren, jetzt gehören sie der Dämonata und Lord Loss.« Zu unserem Schrecken brüllt er: »Ihr steckt doch da draußen, Lord der Dämonen, oder? Beobachtet alles grinsend, nicht wahr?« Keine Antwort, nur die Schreie der Kinder. Fiachna hat Orna erreicht und macht Anstalten, sie zu uns zurückzuführen, aber ehe er sie berühren kann, weicht sie ihm aus und zieht ein Messer. »Bleib stehen!«, faucht sie. Der Schmied blinzelt überrascht und senkt die Hände. Orna sieht ihn an, ihr Blick ist herzzerreißend. »Das sind meine Kinder«, wimmert sie. »Ich kann sie nicht im Stich lassen. Sie rufen nach mir.« »Mutterrrr«, erschallt es jämmerlich aus allen drei Kehlen. »Das ist Wahnsinn«, sagt Goll, und als er neben Fiachna tritt, richtet sich Ornas Klinge auch drohend auf ihn. In Golls wütendem Blick mischen sich Verachtung und Mitgefühl. »Leg die Waffe nieder, und komm zu uns. Beim Morgengrauen wirst du deine eigene Torheit erkennen.« »Aber sie sind meine...« »Nein!«, schreit Goll erbittert. »Sie sind nur ein Haufen verwestes Fleisch. Sieh sie dir doch einmal richtig an, Weib! Betrachte sie mit Auge und Verstand, nicht mit dem Herzen. Deine Kinder sind tot, finde dich damit ab. Lass dich von diesen Gestalten nicht in die Irre führen.« »Aber wenn... vielleicht könnten sie...« Ornas Schultern sacken herab, sie schluchzt noch heftiger. Als Fiachna auf sie zugehen will, hält Goll ihn fest und schüttelt den Kopf. Noch nicht. »Können wir den Zauber brechen?«, frage ich Drust. »Die Trugbilder auflösen, damit sie wirklich erkennt, wer dort unten steht?« »Nein«, entgegnet der Druide knapp. »Orna sieht nur mit dem Herzen, dagegen hilft keine Magie.« »Ich könnte eines der Wesen mit dem Pfeil treffen«, sagt Ronan und zielt sorgfältig. Orna knurrt wie ein wildes Tier. »Dann stirbst du auf der Stelle.« »Lasst sie doch ziehen«, höhnt Connla grausam. »Wozu sollten wir sie aufhalten, wenn sie unbedingt Dämonen bemuttern möchte?« »Bricriu!«, stößt Goll hervor. Das ist der schlimmste Fluch für Verräter, aber Connla lächelt nur. »Bitte, Orna«, sage ich leise und versuche es auf anderem Weg. »Ich brauche dich, du bist wie eine Mutter für mich. Lass mich deine Tochter sein. Ich ertrage es nicht, wenn du uns verlässt.« Orna blickt sanfter und lächelt. »Du bist ein gutes Kind, Bec, und ich liebe dich beinahe so sehr, wie ich meine... Kleinen geliebt habe.« Sie schüttelt kaum wahrnehmbar den Kopf. »Doch du bist kein Fleisch von meinem Fleisch. Sie dagegen sind es, und sie rufen mich.« »Aber...« Weiter komme ich nicht. Unversehens und zu unserer Überraschung setzt Orna den Hügel hinunter und den drei untoten Kindern entgegen, die bereits die Arme nach ihr ausstrecken und vor Freude juchzen. Als Fiachna hinter ihr herstürzen will, stolpert er über Golls ausgestrecktes Bein. Der Schmied erhebt sich wütend und wirbelt zu Goll herum, doch der alte Krieger streckt ihm friedfertig die erhobenen Handflächen entgegen und sagt leise: »Möge Macha ihr beistehen.« Fiachnas Wut verraucht augenblicklich. Er wendet sich dem Hügelabhang zu und folgt Orna mit den Augen. »Warum hast du mich nicht gehen lassen?«, murmelt er. »Vielleicht hätte ich sie aufhalten können.« »Nein«, erwidert Goll entschieden. »In ihrer Verzweiflung war sie uns bereits entglitten.« Orna hat die Kinder erreicht und hält inne. Statt sich auf die Kriegerin zu stürzen, stehen die drei reglos da, starren sie an und erwarten mit ausgestreckten Armen ihre Umarmung. Ich frage mich einen Augenblick, ob ich mich am Ende getäuscht habe. Vielleicht sind sie wirklich Ornas Kinder und wollen ihr nichts Böses. Doch dann versetzt Drust mir einen heimlichen Stoß und weist nach rechts, weiter den Hügel hinunter. Mein Blick fällt auf die Gestalt des Dämonenmeisters, dessen unmenschliche Augen auf die Frau und die Kinder geheftet sind. Ein niederträchtiges Lächeln umspielt seine Lippen. Ronan schießt rasch hintereinander zwei Pfeile auf Lord Loss ab, doch beide erreichen ihr Ziel nicht, sondern prallen an einer unsichtbaren Mauer ab. Der Dämonenmeister wirft nicht einmal einen Blick in unsere Richtung. Orna kniet nieder, breitet die Arme aus und zieht die Kinder an sich, auf deren Gesichtern sich heimtückische Schadenfreude spiegelt. Der ältere Junge streichelt zart und liebevoll über den zarten Nacken der Kriegerin – und schlägt dann die Zähne hinein. Orna erstarrt, gibt jedoch keinen Laut von sich. Das Mädchen schnappt nach ihrem Arm und nagt daran wie an einem Knochen. Der Kopf des kleineren Jungen gleitet nach unten, er zerreißt Ornas Tunika, und obwohl ich es nicht sehen kann, weiß ich, dass er keine Milch, sondern Blut trinkt. Die Kriegerin drückt die Kinder noch enger an sich und summt dabei ein leises Wiegenlied. Entsetzt keuche ich auf und wende den Blick von dem grausigen Anblick der Kinder ab, die ihre eigene Mutter fressen. Fiachna tritt neben mich, hält mich fest, und ich vergrabe das Gesicht an seiner Brust. »Nicht weinen, Kleines«, murmelt er. »Sie ist glücklich. Sie glaubt, dass sie wieder mit ihren Kindern zusammen sei. Wir könnten uns alle glücklich schätzen, wenn wir so freudig in den Tod gingen.« »Das sind nicht... ihre Kinder!«, schluchze ich. »Es sind...« »Ich weiß«, flüstert er und streicht mir übers Haar. »Aber Orna glaubt es, und das allein zählt.« Ich kehre dem Gemetzel den Rücken zu, doch obwohl ich die Hände auf die Ohren presse, höre ich immer noch das Geräusch zerreißenden Fleisches, Ornas schmerzerfülltes Stöhnen und das wohlige Grunzen der untoten Bestien. Nach einer Weile können auch die anderen den schrecklichen Anblick nicht mehr ertragen und wenden sich bleich und mit traurigem Blick ab. Nicht einmal der grausame Connla, der Orna als Erster aufgegeben hat, macht eine Ausnahme. Nur Bran ist sitzen geblieben, schaut schweigend und mit schief gelegtem Kopf zu. Verständnislos runzelt er die Stirn, als sei er nicht sicher, was das alles zu bedeuten hat, und erwarte ein überraschendes, lustiges Ende. Als ich es schließlich nicht länger aushalte, gehe ich zu ihm, drehe ihn um und setze mich neben ihn. An den törichten Jungen gelehnt, achte ich darauf, dass er nicht zurückblickt, damit Orna von fremden Blicken ungestört und in Würde sterben kann. Familie Wir brechen in aller Frühe auf und warten nur, bis Drust die sterblichen Überreste der Kriegerin verbrannt hat, um sie davor zu bewahren, dass sie als Untote ins Leben zurückkehrt. Die Dämonen nehmen ihre Opfer häufig mit sich. Ich glaube, dass Lord Loss die Kinder weggeschickt hat, damit uns Ornas Knochen und Fleischfetzen noch tiefer verstören. Schweigend marschieren wir weiter und denken daran, wie unsere Begleiterin bereitwillig in ihren abscheulichen Tod ging. Weilt ihr Geist nun bei ihren Kindern in der Anderwelt, oder ist sie zu ewiger Suche verdammt? Selbst Drust ist in düsterer Stimmung und verschiebt den Unterricht, was beweist, dass er trotz seiner Härte ebenso menschliche Gefühle hegt wie wir. Je weiter wir nach Westen vorstoßen, desto karger und steiniger wird der Boden. Die Bäume wachsen nur noch spärlich, es gibt keine Felder mehr, kaum Tiere und keinerlei Spuren von Besiedelung. Dennoch sind die Dolmen und Keilgräber ein untrügliches Zeichen, dass hier einst Menschen gelebt haben oder noch leben. Die meisten Dolmen sind umgestürzt worden, die Steine liegen verstreut, und die Gebeine, die sie einst beherbergten, sind zu Asche verbrannt. Die Verschlusssteine der Keilgräber sind zerstört, entweder von Dämonen oder Menschen. Würden wir hineingehen, stießen wir sicher auf verkohlte Asche oder schlafende Untote. Ich glaube nicht, dass die Toten hier unversehrt und friedlich schlafen können. Am Nachmittag gelangen wir zu einem kleinen Dorf mit wabenförmigen Steinhäusern. Die Siedlung ist schon alt und nur durch einen morschen, niedrigen Wall geschützt. Die Häuser sind in schlechtem Zustand und teilweise eingestürzt. Zuerst halte ich die Ansiedelung für ein Geisterdorf, dessen Einwohner tot oder geflohen sind, doch dann sehe ich aus einigen Häusern Rauch aufsteigen und höre eine Frau mit ihrem Kind schimpfen. Wir wechseln einen überraschten Blick, in dieser feindlichen, ungeschützten Umgebung auf Menschen zu stoßen. »Menschen oder Dämonen?«, fragt Fiachna. »Ich weiß es nicht.« Drust schnuppert prüfend. »Ich nehme den Geruch von etwas Unmenschlichem wahr, aber...« Er schnüffelt erneut. »Es gibt auch Menschen. Eigenartig.« »Sollen wir weitergehen?«, erkundigt sich Goll. Nach kurzem Nachdenken schüttelt der Druide den Kopf. »Wir müssen uns ausruhen, in letzter Zeit haben wir zu wenig geschlafen. Wir brauchen einen geschützten Ort.« »Aber wenn es hier Dämonen gibt...«, murmelt Goll widerstrebend. Drust blickt zum Himmel hinauf. »Bis zum Sonnenuntergang haben wir noch viel Zeit. Wir sind vorerst sicher. Außerdem bin ich neugierig, ich will wissen, was diese Leute hier machen – und wieso die Dämonata sie noch nicht abgeschlachtet haben.« Zwar führt ein schmaler Pfad ins Dorf, doch wir klettern über die Mauer, falls am Eingang Fallen lauern. Innerhalb der Umfriedung drängen sich zottige Schafe und Ziegen, die bei unserem Anblick laut blökend Reißaus nehmen. Ein Junge steckt den Kopf aus einer der Hütten. Er hält eine Schlinge in der Hand und setzt zu einem Ruf an. Offenbar glaubt er, ein wildes Tier habe die Schafe und Ziegen verängstigt. Als er uns sieht, verwandelt sich sein Zornesruf in einen Warnschrei. »Fremde!« Innerhalb von Sekunden stürzen zwei Männer, drei Frauen und drei Kinder – zwei Mädchen und ein Junge – aus den Häusern. Sie sind mit Speeren und plumpen Schwertern bewaffnet und bauen sich drohend vor uns auf. Ohne zurückzuweichen, heben wir ebenfalls die Waffen, bis Goll uns den Befehl erteilt, die Schwerter zu senken. Er hebt die Rechte, schreitet auf die Gruppe zu und ruft einen Gruß. Einer der Männer kommt Goll mit misstrauischer Miene entgegen, seine Knopfaugen mustern uns argwöhnisch. Die beiden tauschen leise einige Worte, und schließlich wendet Goll sich uns mit einem auffordernden Nicken zu, während der Mann zu seiner Gruppe zurückkehrt. Goll stellt uns vor, und im Gegenzug erfahren wir von dem Sprecher der Dörfler, dass es sich bei den Bewohnern um den Clan der MacGrigors handelt. Der Name des Sprechers ist Torin, der andere Mann heißt Ert und die Frauen heißen Aideen, Dara und Fand. Die Namen der Kinder teilt man uns nicht mit. »Sie sind auf einer Mission unterwegs«, erklärt Torin seinen Leuten. Er ist klein, kräftig und dunkelhäutig. »Sie wollen die Dämonen aufhalten.« Eine der Frauen, Fand, bricht in Lachen aus. »Dieses kleine Häuflein von acht Menschen?« »Im Zweifelsfall genügt ein einziger Mensch«, gibt Drust zurück. »Wir haben nicht viel für Druiden übrig«, sagt Ert und spuckt vor Drusts Füßen aus. »Ihr seid längst nicht so mächtig, wie ihr vorgebt. Wir hatten Abmachungen mit Euresgleichen und sind betrogen worden.« »Wie hat man euch denn betrogen?«, fragt Drust mit kalter Höflichkeit. »Darüber können wir später noch reden«, erwidert Torin und wirft Ert einen verärgerten Blick zu. »Zunächst einmal seid ihr uns willkommen. Wir weisen euch nicht ab. Allerdings können wir euch jedoch nichts zu essen anbieten. Wenn ihr hungrig seid, müsst ihr auf die Jagd gehen.« Mit zusammengekniffenen Augen sieht er zur Sonne hinauf. »Allzu lange würde ich damit aber nicht mehr warten.« Die Frau namens Aideen deutet auf zwei heruntergekommene Häuser in der Nähe des Walles. »Dort in diesen Hütten könnt ihr von uns aus übernachten«, sagt sie. »Solange ihr nicht herumwandert, kann euch nichts geschehen.« »Wir werden euch dann später rufen«, fügt die dritte, Dana, hinzu. »Danke«, murmele ich, als die Männer die Antwort schuldig bleiben. »Keine Ursache«, erwidert Aideen. Sie will sich erst abwenden, bleibt dann aber stehen und mustert mich eingehend. »Komm einmal her, Mädchen«, befiehlt sie. Vorsichtig trete ich näher. Als die Frau plötzlich den Arm nach mir ausstreckt, weiche ich ihren zersplitterten Nägeln aus und bereite mich darauf vor, einen Zauberspruch hervorzustoßen. Sie spreizt die Finger, bedeutet mir, dass sie keine bösen Absichten hegt, und lächelt schief. Ich halte still, während sie mich beim Kinn nimmt und mir den Kopf zurückbiegt. »Was ist mit ihr?«, fragt Torin. »Ihr Gesicht«, murmelt Aideen und dreht mein Kinn in Torins Richtung. Er runzelt die Stirn. »Sie ähnelt... aber, das kann doch nicht... Mädchen! Wie lautet dein Name? Woher kommst du?« »Bec«, antworte ich. »Ich stamme von der Feste der MacConn.« »Bist du eine von ihnen?«, fragt er weiter. »Hat deine Mutter zum Clan der MacConn gehört?« »Meine Mutter ist tot«, erwidere ich leise. »Niemand weiß, wer sie war oder woher sie kam. Sie ist kurz nach meiner Geburt gestorben.« »Sie ist Aednats Tochter!«, keucht Aideen und umklammert mein Kinn. »Sie muss es sein!« Mich durchfährt ein Schock. Plötzlich taucht vor meinem geistigen Auge das Gesicht meiner Mutter auf. Es ist das erste Mal, dass ich ihren Namen höre. »Ihr kennt meine Mutter!«, rufe ich aus. »Sie war meine Schwester«, stößt Aideen heiser hervor. »Dann stamme ich also aus diesem Dorf? Meine Mutter hat hier gelebt?« Als Aideen verwundert nickt, wirbeln meine Gedanken durcheinander, und mein Herz pocht wie rasend. »Warum hat sie ihr Zuhause verlassen?«, rufe ich aufgeregt. »Was ist geschehen? Wer war mein Vater? Lebt er noch? Wisst Ihr...« »Genug jetzt«, schneidet mir Torin das Wort ab und funkelt mich böse an. Dass ich zu seinen Leuten gehöre, ist offenbar keine freudige Überraschung für ihn. »Wir müssen in Ruhe nachdenken. Wir werden heute Abend darüber sprechen.« Damit steuert er auf das große Steinhaus zu und winkt den anderen, ihm zu folgen. Wir bleiben zurück, wechseln fragende Blicke und gehen zu den kleineren Häusern hinüber, um uns für die Nacht einzurichten. In meinem Kopf dreht sich alles. Dass mich der Geist meiner Mutter nach Westen schickte, hatte ich ebenso vergessen wie meine Vorahnung, sie wolle mir vielleicht dabei helfen, das Geheimnis meiner Vergangenheit zu lüften. Insgeheim habe ich nie daran geglaubt, je die Wahrheit über meine Familie herauszufinden, sondern es für einen kindischen Traum gehalten. Doch nun bin ich gegen alle Erwartung hier gelandet, an diesem sonderbaren Ort, und muss mich plötzlich mit dem Namen meiner Mutter und meiner eigenen Geschichte auseinandersetzen. Aednat. Ich habe sofort gewusst, dass dies ihr Name war. Vielleicht macht die Magie mich so sicher, aber ich glaube, ich hätte es in jedem Fall gespürt, auch ohne die neue Macht, die in mir heranreift. Ich kenne nur ihren Namen. Wer war sie? Warum hat sie hier in dieser Einöde gelebt? Warum hat sie mich fern von ihrer Familie zur Welt gebracht und ist in der Fremde gestorben? Ich möchte alles wissen, sofort alle Antworten auf meine Fragen erhalten. Ich möchte auf der Stelle zu dem großen Steinhaus hinüberlaufen und Aideen und Torin dazu zwingen, mir die Wahrheit zu sagen. Doch dies ist ihr Zuhause, sei es auch noch so karg, und es wäre respektlos, unaufgefordert das Wort an sie zu richten. Wenn es ihr Wunsch ist, dass ich warten soll, werde ich mich fügen – auch wenn es mir noch so schwerfällt. Vor Sonnenuntergang gehen die Zwillinge auf die Jagd. Wild ist in dieser unwirtlichen Gegend rar, trotzdem kommen die beiden mit zwei Hasen, einer Krähe und einem kleinen Fuchs zurück. Während sie jagten, pflückten Fiachna, Bran und ich Beeren und Wurzeln, und nun haben wir genug für ein reichliches Mahl. Es bleibt sogar noch etwas übrig, das wir Fand anbieten, als sie uns nach Sonnenuntergang abholt. »Wir haben unser eigenes Essen«, erwidert sie kurz angebunden. Auf dem Weg zum größten Haus dringt plötzlich ein entsetzliches Heulen aus einer der halb eingestürzten Hütten. Instinktiv greifen unsere Krieger nach ihren Waffen, aber Fand beruhigt sie mit einer Handbewegung. »Euch droht keine Gefahr«, sagt sie. »Das waren Dämonen«, grollt Goll, ohne das Schwert zu senken. »Nein«, entgegnet Fand. »Das war mein Bruder.« Wir starren sie ungläubig an. Seufzend geht sie zu der Hütte, aus welcher der Schrei erklungen ist. Vorsichtig folgen wir ihr. Fand kauert sich am Eingang nieder und deutet ins Innere. Wir gehen neben ihr in die Hocke. Durch die Löcher im Dach dringt schwaches Abendlicht, und wir erkennen ein Tier, das in der Mitte der Hütte mit einem Seil an einem Felsblock festgebunden ist. Trotz der menschenähnlichen Gestalt ist es vollständig behaart, hat Klauen und gelbe Augen. Als es uns sieht, faucht es und zerrt angriffslustig an dem Seil. »Das ist dein Bruder?«, fragt Goll misstrauisch. »Er heißt... hieß... Fintan«, sagt Fand. »Was ist mit ihm geschehen?«, frage ich und blicke mit einem mulmigen Gefühl im Bauch in die gelben Augen. Obwohl sie entstellt sind, besitzen sie eine beunruhigende Ähnlichkeit mit meinen eigenen. »Ist er untot?« »Nein«, sagt Fand und erhebt sich. »Wir erzählen euch alles im Gemeinschaftshaus. Kommt.« Als wir zögern, lächelt sie schwach. »Keine Sorge, hier kann euch nichts passieren. Fintan und die anderen sind angebunden.« »Gibt es etwa noch mehr davon?«, fragt Ronan. »Vier.« Fand stockt, und ihre Miene verdüstert sich. »Bis jetzt.« Sie verschwindet geduckt durch die niedrige Eingangstür und geht zum größten Haus. Nach einem letzten Blick auf das an den Stein gefesselte Wesen – es sieht aus wie eine Kreuzung zwischen Wolf und Mensch –, folgen wir ihr, ohne die Waffen loszulassen. Dabei sind wir immerzu auf der Hut vor Schatten, in deren Dunkelheit ungefesselte Bestien lauern könnten. Die Hütte bietet kaum Platz für uns alle, und es herrscht drangvolle Enge. Die MacGrigors sind ärmlich gekleidet – die meisten ihrer Kinder sind nackt – und völlig verwahrlost. Zerzauste, ungewaschene Mähnen, kunstlose Tätowierungen, eingerissene Nägel, blutunterlaufene Augen. »Sie haben Fintan gesehen«, erklärt Fand, nachdem wir uns gesetzt haben, und beklommenes Schweigen tritt ein. »Gut«, grunzt Torin. »Das erspart uns lange Reden.« Er sammelt seine Gedanken, wirft mir einen raschen Blick zu und erzählt uns dann die traurige Geschichte – meine Geschichte. Vor einigen Generationen zeugten die Ahnen der MacGrigors Nachkommen mit den Fomorii. Sie glaubten, diese Halbdämonen könnten binnen kurzem das Land unterwerfen, und taten sich mit ihnen zusammen. Als die Fomorii geschlagen wurden, jagte man auch die MacGrigors und brachte sie als Verräter zur Strecke. Einige von ihnen überlebten jedoch und tauchten unter. »Hätten sie auch nur geahnt, welches Schicksal ihnen bevorsteht, wären sie wahrscheinlich geblieben und hätten mit dem Tod vorliebgenommen«, sagt Torin bitter. Einige der Kinder, die der Verbindung zwischen Menschen und Fomorii entsprangen, kamen missgebildet oder als Dämonen zur Welt und wurden umgehend getötet. Die meisten sahen allerdings menschlich aus, wuchsen heran, und einige Jahre lang schien alles in bester Ordnung zu sein. »Dann setzten die Veränderungen ein«, seufzt Torin. »Ab einem gewissen Alter – meist kurz bevor sie erwachsen wurden – haben sich einige der Kinder verändert. Es ist immer bei Vollmond geschehen. Ihre Körper krümmten sich, ihnen sprossen überall Haare, die Zähne wurden zu Reißzähnen, die Nägel zu Klauen. Innerhalb von wenigen Monaten sahen sie völlig entstellt aus, bis sie am Ende wilde, unmenschliche Bestien waren, die nicht mehr sprechen konnten und niemanden mehr erkannten. Ließ man sie frei laufen, töteten sie wahllos.« Man brachte die befallenen Kinder um, während die gesunden heranwuchsen und eigene Nachkommen zeugten. Für eine Weile wähnten sich unsere Ahnen in Sicherheit, zu Unrecht, wie sich bald herausstellte. Manche Kinder der Überlebenden verwandelten sich ebenfalls und nach ihnen deren Enkel und auch ihre Nachkommen. »Die Krankheit schlägt unvorhersehbar zu und kann jeden befallen«, erklärt Torin. »Manchmal verwandeln sich vier oder fünf Kinder einer Generation, dann wieder sind es nur zwei. Allerdings gab es noch nie eine Generation, in der keine Kinder erkrankten.« Als ihr Verrat in Vergessenheit geraten war und die MacGrigors sich wieder unbehelligt zeigen konnten, suchten sie Hilfe bei Priesterinnen und Druiden, doch keine Magie konnte sie von dem Fluch erlösen. Sie schlugen sich weiter durch, brachen die Zelte ab, sobald man ihr dunkles Geheimnis entdeckt hatte, und lebten abgeschieden von anderen Clans. Mitunter töteten sie ihre Kinder sehr früh, dann wieder – wie in Fintans Fall – ließen sie sie am Leben, in der Hoffnung, dass sie sich eines Tages wieder in normale Menschen verwandeln oder von einem Druiden geheilt werden könnten. »Unser Leben ist schrecklich«, sagt Torin leise und starrt abwesend vor sich hin. »Wir warten darauf, ob unsere Kinder sich verwandeln, füttern diejenigen, die der Fluch getroffen hat, und versuchen uns daran zu erinnern, wie sie einst waren. Ich würde die armen Bestien lieber töten, aber...« Fand und Torin wechseln einen feindseligen Blick. »Und Bec?«, fragt Fiachna, der meine Ungeduld spürt. »Ihre Mutter hat also zu eurem Clan gehört?« »Wenn Aednat ihre Mutter war, ja«, sagt Torin. Wieder mustert er mich düster. »Aednat hat sechs Kinder zur Welt gebracht, und keines ist von dem Fluch verschont geblieben. Als sie zum siebten Mal schwanger wurde, viele Jahre nachdem sie mit ihrem Mann übereingekommen war, keine Kinder mehr zu gebären, raste Struan vor Zorn. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, ein weiteres Kind großzuziehen und es dann eines Tages, wenn es dem Fluch anheimfiel, töten zu müssen. Doch Aednat wollte das Kind unbedingt behalten. Sie glaubte, es bliebe vielleicht verschont, die Götter belegten sie sicher nicht siebenmal hintereinander mit dem Fluch. Aednat war bereits älter, die meisten gleichaltrigen Frauen konnten keine Kinder mehr empfangen. In ihren Augen war das ein Zeichen dafür, dass sie ein gesegnetes und gesundes Kind zur Welt bringen würde. Doch Struan war anderer Ansicht, und wir ebenfalls.« »Einige haben gedacht wie sie!«, unterbricht Aideen bitter, schweigt jedoch, als Torin sie drohend anfunkelt. »Wir haben beschlossen, das Kind noch vor der Geburt zu töten«, fährt Torin mit rauer Stimme fort. »Das war Struans Wunsch, und wir hielten es für das Richtige. Struan ging mit Aednat in die Wälder, um dort, im Verborgenen, die Tat zu begehen, doch keiner von uns hatte geahnt, wie sehr Aednat dieses Baby wollte. Sie wehrte sich erbittert und erstach Struan schließlich. Ich glaube nicht, dass sie ihn töten wollte, aber...« »Meine Mutter hat meinen Vater umgebracht?«, stoße ich fassungslos hervor. »So ist es«, sagt Torin und durchbohrt mich fast mit seinem Blick. »Gewiss hat sie das nicht beabsichtigt, aber die Wunde war zu tief. Er starb, und sie ergriff die Flucht. Als wir seine Leiche entdeckten, war sie bereits über alle Berge. Wir folgten ihr, um den Mord an Struan zu rächen, doch nach einigen Tagen verloren wir ihre Spur. Als wir zurückkehrten, beteten wir, dass sie sterben möge. Ich bin froh, dass unsere Gebete erhört worden sind.« Entsetzt weiche ich zurück und will ihn für diese frevelhafte Äußerung verfluchen, aber als Fiachna warnend meinen Arm drückt, schweige ich. »Jetzt haben wir natürlich nichts mehr mit dem Mädchen zu schaffen«, sagt Torin finster. »Es gehört zu eurem Clan. Trotzdem entstammt sie einer verfluchten Blutlinie und dem Schoß einer Mörderin. In ihrem Alter zeigt sich allmählich die böse Wirkung des Mondes. Wenn ihr sie am Leben lasst, könnte sie sich durchaus in eine Bestie wie Fintan verwandeln. Falls ihr meinen Rat hören wollt...« »Nicht nötig«, gibt Goll kurz angebunden zurück. »Ganz wie ihr möchtet«, erwidert Torin bereitwillig. »Aber nehmt euch bei Vollmond vor ihr in Acht.« Er fällt in Schweigen. Mein Atem geht so schwer, als sei ich gerannt. Ich denke an das liebevolle, erschöpfte Gesicht meiner Mutter und versuche mir vorzustellen, wie sie meinen Vater tötete. Dann erinnere ich mich an den verwandelten Jungen, halb Mensch, halb Tier, in der Hütte und stelle mir vor, dass mir dasselbe Schicksal droht. Ich wünschte, die Geheimnisse der Vergangenheit wären im Verborgenen geblieben! »Was ist mit den Dämonen?«, fragt Drust, vielleicht, weil er mich vor dumpfen Grübeleien bewahren will, vielleicht aber auch, weil er keinerlei Interesse an meiner Vergangenheit oder Torins niederschmetternder Vorhersage hat. »Greifen sie euch denn nie an?« »Nein«, erwidert Torin. »Obwohl es ihnen ein Leichtes wäre, in euer Dorf einzudringen?« Torin zuckt die Achseln. »In der Nähe haben früher andere Sippen gelebt, die aus unterschiedlichen Gründen aus ihren Stammesgebieten vertrieben und zu Zwangsansiedelungen in dieser Einöde gezwungen worden sind. Die Dämonen haben sie im letzten Jahr getötet. Wir haben die Monster von Zeit zu Zeit gesehen, aber uns lassen sie in Ruhe.« Drust nickt. »Dann haben sich eure Ahnen nicht mit einem Fomorii, sondern mit einem richtigen Dämon eingelassen. Einige Dämonen haben gemeinsam mit den Fomorii gekämpft. Die meisten greifen ihre eigenen Leute nicht an, insbesondere nicht, wenn sie stattdessen Menschen töten können. Als ihre eigenen Verwandten haben sie euch verschont – zumindest vorerst.« »Von der Dämonata haben wir bereits gehört«, antwortet Torin. »Andere Druiden, jene, die wir aufgesucht und um Hilfe gebeten hatten, haben davon gesprochen. Sie sagten, dies sei ein dämonischer Fluch, deswegen könnten sie uns auch nicht helfen.« Er beugt sich vor. »Ihr wisst auch nicht zufällig...?« Er lässt die Frage in der Luft hängen. Nach kurzem Nachdenken erwidert Drust: »Vielleicht wäre ein Dämonenmeister imstande, euch von dem Fluch zu befreien, doch ich kenne keinen Menschen – ob Druide, Priesterin oder einen anderen –, der dazu in der Lage wäre.« »Ihr meint also, die Dämonen könnten uns heilen?«, fragt Fand rasch. »Möglicherweise einer der mächtigeren Dämonenmeister.« »Wisst Ihr, wo wir einen finden können?« Drust setzt zu einer Antwort an, um von Lord Loss zu erzählen, stockt dann jedoch und schüttelt den Kopf. »Die Dämonenmeister sind noch nicht bis in diese Welt vorgedrungen. Falls sie eines Tages kommen, wird es nicht schwer sein, herauszufinden, wo sie stecken. Ich bezweifle allerdings, dass sie euch retten, sie sind von Natur aus nämlich alles andere als hilfsbereit.« Wir unterhalten uns noch eine ganze Weile, und ich stelle jede Menge Fragen über meine Eltern, möchte erfahren, was sie für Menschen waren und wie sie gelebt haben. Aber Torin bleibt mir die Antwort schuldig, weist Aideen und Fand scharf zurecht, sobald sie mir Auskunft erteilen wollen, und kommt sofort auf etwas anderes zu sprechen. Ich spiele mit dem Gedanken, ihn mit Magie gefügig zu machen, doch Drust durchschaut mich und raunt mir ins Ohr: »Hier ist weder die Zeit noch der Ort für Magie. Halte dich im Zaum.« Nachdem die MacGrigor uns noch mehr von ihrem traurigen Schicksal und dem harten Überlebenskampf in dieser Einöde berichtet haben, erzählt Drust von unserer Mission. Er spricht von dem Tunnel zwischen der Dämonenwelt und unserer und wie er ihn schließen möchte. Allerdings verschweigt er, wie er herausbekommen will, wo dieser Tunnel liegt und warum er nach Westen geht – zum Ende der Welt. Als es Zeit zum Schlafen ist, ziehen wir uns in die Steinhäuser zurück und richten uns so bequem wie möglich ein. Für mich war dieser Abend Offenbarung und Enttäuschung zugleich. Ich habe zwar einiges über meine Vergangenheit erfahren, aber bei weitem nicht alles. Die MacGrigors hätten mir so viel mehr erzählen können, doch Torin hasst meine Mutter, weil sie den Clan verraten, ihren Mann getötet und alle verlassen hat. Da sich sein Hass nicht mehr auf sie richten kann, hasst er stattdessen mich. Er wird mir nie von ihr erzählen und es auch den anderen nicht gestatten. Bevor ich mich hinlege, frage ich Drust, warum er Torin nichts von Lord Loss gesagt hat. »Wenn sie ihn fänden, könnten sie ihn vielleicht überzeugen, dass er ihnen hilft«, bemerke ich. Dabei kommt mir der Gedanke, dass die MacGrigors mir gegenüber nicht mehr so verschwiegen wären, wenn ich dazu beitragen könnte, dass man den Fluch von ihnen nimmt. »Wohl wahr«, erwidert Drust eisig. »Aber von Lord Loss wissen wir nichts weiter, als dass er uns verfolgt. Wenn wir ihnen das preisgeben, könnten sie vielleicht auf den Gedanken kommen, uns als Lockvögel hier festzuhalten.« »Aber wir sind ihnen doch überlegen«, widerspreche ich. »Wir sind stärker und besser bewaffnet, außerdem besitzen wir beide magische Kräfte. Sie können uns nicht gegen unseren Willen hierbehalten.« »Möglicherweise«, sagt Drust. »Trotzdem möchte ich kein unnötiges Risiko eingehen. Die MacGrigors oder ihre Nachkommen müssen ein andermal einen Dämonenmeister aufspüren und um Hilfe bitten.« Damit dreht er sich um und fällt in Schlaf, ohne sich um irgendwelche Verhüllungszauber zu scheren. Hier, in diesem mit einem grausamen Fluch belegten Dorf, sind wir sicher. Die Quelle Noch stundenlang quälen mich die Gedanken an meine Eltern, Aednat und Struan, die Tragödie, die sie getrennt und mich in diese Welt gebracht hat. Torin hat recht. Ich bin von Geburt an verflucht. Auf mir lastet überdies ein doppelter Fluch; ich bin nicht nur eine Angehörige dieses Clans, sondern auch die Tochter einer Mörderin. Betrachtet man alle Nachkommen der MacGrigors so ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich mich in ein Monster verwandele, am größten. Grausame Vorstellungen, wie es sein muss, die Kontrolle über meinen Verstand zu verlieren und die körperlichen Veränderungen zu spüren, bis ich allmählich zu einer Bestie wie Fintan werde, martern mich noch lange. Bisher dachte ich immer, mir könne nichts Schlimmeres als der Tod bevorstehen, nun weiß ich es besser. Angesichts dieser Sorgen rechne ich schon nicht mehr damit, je wieder einzuschlafen, aber irgendwann siegt die Müdigkeit über meine Ängste, und ich versinke in einen unruhigen, mit Träumen von Wolfsmädchen und toten Kindern bevölkerten Schlaf. Am nächsten Morgen erwache ich spät. Die anderen sind bereits aufgestanden, doch da die meisten auch erst seit einer Stunde auf den Beinen sind, ist mein schlechtes Gewissen nicht allzu groß. Zuerst fürchte ich, meine Freunde könnten mich, nachdem sie das Geheimnis meiner Herkunft und die von mir ausgehende Bedrohung kennen, anders behandeln, aber wie sich rasch herausstellt, bin ich für sie nach wie vor dieselbe. Vermutlich haben wir genug andere Sorgen. Was ist schon ein möglicher Halbdämon gegen ganze Horden von ausgewachsenen Dämonen, mit denen wir es bald zu tun bekommen könnten? Ronan und Lorcan haben einen weiteren Hasen erlegt, den Fiachna gerade am Spieß brät. Zusammen mit den Resten der gestrigen Mahlzeit beginnen wir den Tag mit einem reichhaltigen Mahl. Wir bieten den MacGrigors erneut davon an, doch sie schlagen die Einladung wiederum aus. Sie sind zu stolz, um sich am Feuer anderer zu bedienen. Nach dem Essen zeigen sie uns den schnellsten Weg zur Küste und winken uns zum Abschied hinterher. Aideen sieht aus, als würde sie mir gern alles Gute wünschen, doch sie wagt es nicht, in Anwesenheit des finsteren Torin ein freundliches Wort an mich zu richten. Ich wünschte, ich könnte hier bleiben und mir seinen Respekt und seine Liebe erkämpfen. Aber ich habe eine Mission zu erfüllen, und obwohl ich sie nicht genau kenne und obendrein Drust misstraue, wäre es verkehrt, die anderen im Stich zu lassen. Falls ich überlebe, kann ich vielleicht zurückkehren und mir in meiner wahren Heimat einen Platz suchen – sei es auch nur, um neben meinen Schicksalsgenossen in Ketten zu liegen, falls mein Körper sich verändern sollte. Einer der menschlichen Wölfe heult bei unserem Abschied wie wahnsinnig, als spüre er die Nähe eines verwandten Geistes und singe für das Biest, in das ich mich womöglich eines Tages verwandele. Während wir uns auf den Weg machen, denke ich über meine Familie, die MacGrigors, nach. Ich frage mich, was aus ihnen wird, wenn unsere Mission misslingt und die Dämonen das Land überrennen. Werden diese Jammergestalten alles sein, was von unserem Volk übrig bleibt? Wird man sie ihres vergifteten Blutes wegen verschonen und als die einzigen Menschen unter all den Dämonen am Leben lassen? Unterwegs nehmen wir den Unterricht wieder auf. Ich übe mich in den Zaubersprüchen, die Drust mir bereits beigebracht hat, und lerne noch einige neue hinzu. Wie ich zehn Minuten lang den Atem anhalte. Wie ich meine Finger so abkühle, dass sich alles durch meine Berührung in Eis verwandelt. Wie ich ein Spiegelbild von mir selbst erschaffe, um Menschen und Dämonen zu verwirren. Wie ich einen Stein mit Hilfe von Magie schärfe und in ein Messer oder einen Speer verwandele, wenn Magie allein nicht ausreicht. Ich staune über meine raschen Fortschritte. Als Banba mich unterrichtete, dauerte es bisweilen eine Woche, bis ich einen neuen Zauber beherrschte. Jetzt brauche ich nur noch wenige Minuten dafür und habe manchmal schon alles verstanden, ehe Drust seine Erklärungen beendet hat. Obwohl die Zaubersprüche mich ermüden, laugen sie mich nicht vollständig aus, und ich erhole mich jedes Mal in Windeseile. Drust ist genauso überrascht wie ich und wird nicht müde zu betonen, wie außergewöhnlich flink ich alles lerne, deutlich flinker als alle seine anderen Schüler, und wie tief meine Magie reiche. Zuerst halte ich das für Schmeicheleien, mit denen er mich aufmuntern und von dunklen Grübeleien über die MacGrigors abhalten will. Im Lauf des Tages wird mir jedoch klar, dass ihn meine Fortschritte allmählich beunruhigen. »Was habt Ihr denn?«, frage ich ungehalten, als er zum zwanzigsten Mal düster vor sich hin brummelt. »Seid Ihr denn nicht froh, dass ich so gut vorankomme?« »Natürlich«, sagt Drust. »Jeder Lehrer freut sich, wenn er derart mühelos so viele Kenntnisse vermitteln kann. Aber es ist unnatürlich. Gewiss, alle Magie ist unnatürlich. Wir formen die Gesetze des Universums nach unseren Bedürfnissen. Jeder Schüler ist anders, lernt und entwickelt sich auf seine eigene Weise. Trotzdem gibt es bei allen Gemeinsamkeiten gewisse Lernschritte, die alle durchlaufen, Muster, die sich gleichen. Nur bei dir nicht.« Er sieht mich durchdringend an. »Anfangs warst du wie alle anderen Schüler. Langsam, unwillig, Gewohntes aufzugeben, und erst nach und nach bereit, dich der neuen Welt der Magie zu öffnen. Mit einem Mal bist du völlig verändert, und ich weiß nicht, was ich davon halten soll.« »Das ist gar nicht so merkwürdig«, erwidere ich leise. »Nachdem ich meinen ersten Zauber beherrscht habe, ist es mir leichtgefallen. Ich habe mich bloß am Anfang so schwergetan.« »Nein«, widerspricht Drust. »Dahinter steckt noch etwas anderes. Ich...« Zögernd fährt er fort: »Ich möchte in deinen Geist blicken, meine Gedanken mit deinen vereinen, um zu erfahren, was diese Veränderung bewirkt hat.« Ich verstumme. Mit Banba habe ich häufig Gedanken und Geist geteilt, das gehört zur Ausbildung einer Priesterin nun mal dazu, und ich hatte auch damit gerechnet, dass Drust dasselbe von mir erwartete, aber jetzt kommt er zum ersten Mal darauf zu sprechen. Den Geist miteinander zu teilen ist eine sehr persönliche, private Angelegenheit und unter Frauen schon schwer genug, doch mit einem Mann... »Für mich ist es auch nicht einfach«, erklärt Drust ruhig. »Ich kann dich nicht zwingen, aber ich habe gute Gründe für meine Bitte. Deine Entwicklung macht mir Sorgen, und ich habe einen Verdacht, welchen Grund es dafür geben könnte. Um sicher zu sein, muss ich jedoch in deinen Geist blicken.« »Warum könnt Ihr mir nicht einfach sagen, was Ihr befürchtet?«, stöhne ich. »Warum müsst ihr so ein Geheimnis daraus machen?« »Geheimnisse gehören zur zweiten Natur aller Druiden und Priesterinnen«, erklärt er. »Wir leben in einer Welt der Wunder und Mysterien. Wenn ich dir sage, dass es unumgänglich ist, muss dir das genügen. Meine Gründe sind ohne Bedeutung. Entweder du vertraust mir oder nicht.« Am liebsten würde ich ein langes Gesicht ziehen und sagen, dass ich ihm nicht traue, bloß um ihn zu ärgern. Doch seine Sorgen beunruhigen mich ebenfalls. Er hat recht; so schnell lernt kein normaler Schüler. Banba pflegte stets zu sagen, Unwissenheit sei die größte Gefahr, die es für Magier gebe. Solange man seine eigenen Fähigkeiten und die Magie, die man ausübe, nicht gründlich kenne, falle man früher oder später unbekannten Kräften anheim. »Nun gut«, seufze ich. »Blickt in meinen Geist, aber nicht zu lange. Findet, was Ihr sucht, und zieht Euch sofort wieder zurück. Andernfalls werde ich mich zur Wehr setzen.« Drust nickt und lächelt säuerlich. Übergangslos nimmt er meine Hand und lenkt seine Gedanken auf mich. Ich spüre seine Gegenwart augenblicklich, als habe er die Tür zu meinem Geist geöffnet und sei hindurchgetreten. Seine Magie strömt in mich, sickert durch meine Haut. Das meiste fließt durch seine Finger, dringt aber auch aus anderen Stellen seines Körpers, aus den Beinen, der Brust und dem Kopf. Seine Macht umhüllt mich wie eine Wolke, verschluckt, schmeckt und prüft mich. Binnen kurzem ist es, als teilten zwei Menschen einen Körper. Meine Gedanken, meine Vergangenheit, meine Träume und meine Magie gehören nun ihm. Trotz meiner Anspannung laufe ich weiter. Solange ich gehe, bleibt zumindest ein Hauch von Trennung zwischen uns erhalten. Dann bin ich mir meiner selbst noch bewusst und weiß, wer ich bin, war und sein möchte. Sobald ich stehen bleibe, werde ich zu Drust und verliere mich in ihm. Auf der Suche nach den Quellen meiner Magie dringt er immer tiefer und tiefer ein, tiefer als Banba je zuvor, und entdeckt meine geheimsten Wahrheiten, Wünsche, Hoffnungen, Zuneigungen und Befürchtungen. Er stößt sogar noch weiter vor, in Bereiche reiner Magie, bohrt sich in mein Innerstes, sucht immer eifriger... Mit einem Mal flammt etwas in mir auf. Ich spüre, wie ein Blitz von tödlicher Macht auf Drust schießt, den ich nicht aufhalten kann, obwohl ich weiß, dass er meinen Lehrer das Leben kosten wird. Er entstammt einem Ort, über den ich keine Kontrolle habe und von dessen Existenz ich bisher nichts ahnte. Mit zunehmender Kraft fliegt der Pfeil auf Drust zu. Er wird ihn töten! Ihn in Stücke reißen! Er... Plötzlich ist der Druide verschwunden, und der Kontakt zwischen uns bricht ab. Er ist der drohenden Gefahr körperlich und geistig ausgewichen. Ich vernehme seinen Schrei. Einen schmerzerfüllten Schrei, keinen Todesschrei. Dann stürze ich mit lautem Stöhnen zu Boden. In meinem Schädel faucht eine Feuersbrunst. Ich spüre, wie der gewaltige Energieblitz im Nichts verglüht und an den Rändern meines Bewusstseins zerrt, ohne mich jedoch zu verletzen, so wie er Drust verletzt hat – und beinahe getötet hätte. Helles Sternenlicht gleißt auf, ein roter Schleier senkt sich vor meinen Augen. Als er sich lichtet, umstehen die anderen Drust und mich. Auf ihren Mienen zeichnen sich die Sorge um mich und deutlicher Argwohn gegen den Druiden ab. Obwohl Drust zusammengekrümmt und bewegungslos am Boden liegt, haben die Zwillinge die Schwertspitzen auf ihn gerichtet. Connla, der hinter den beiden steht, überprüft bereits mit der Hand die Schärfe seiner Klinge. Sein Blick wandert zwischen Ronan und Lorcan hin und her. Fiachna mustert mein Gesicht, schiebt mir die Lider hoch und überzeugt sich davon, dass mir nichts zugestoßen ist. Bran steht in der Nähe und nagt ängstlich an seiner Unterlippe. »Mir geht es gut«, stammele ich und schiebe Fiachna weg. Meine Haut ist noch empfindlicher als sonst, jede Berührung schmerzt. »Was hat er dir angetan?«, fragt Ronan und setzt die Schwertspitze drohend an Drusts Kehle. Wenn ich ihm nur den geringsten Vorwand liefere, wird er zustoßen. »Runter mit dem Schwert«, eilt Connla dem Druiden unerwartet zu Hilfe. »Lass ihn in Ruhe.« »Wenn er Bec verletzt hat, wird er dafür büßen!«, knurrt Ronan. »Er hat mir nichts getan«, stoße ich hervor. Am liebsten würde ich nur stumm daliegen und wieder zu Kräften kommen, fürchte jedoch um Drusts Leben, wenn ich schweige. »Wir... wir haben an einem Zauberspruch gearbeitet, und plötzlich hat es Schwierigkeiten gegeben. Er wollte mir helfen.« Die anderen sehen erleichtert aus, nur Ronan wirkt verärgert, weil man ihm die Beute vorenthält. Nachdem alle die Schwerter zurück in die Scheide gesteckt haben, fragt Goll, wie lange es dauert, bis Drust sich erholt hat und wir weitergehen können. Ich muss ihm die Antwort schuldig bleiben und bitte die anderen, uns allein zu lassen. Kaum sind sie außer Hörweite, rutsche ich zu Drust hinüber und flüstere ihm ins Ohr: »Könnt Ihr mich hören?« Nach langer Pause ertönt ein zittriges »Ja.« »Was ist geschehen?«, zische ich. Drust rollt sich auf die Seite und streckt langsam die Glieder. Auf seiner rechten Hand zeichnen sich hässliche Brandmale ab, und auch an seinen Schläfen haben sich rote Striche eingeätzt, als seien Flammen um seinen Kopf gezüngelt. »Ich hatte recht«, krächzt er. »Womit?« »Was die Quelle deiner Magie betrifft.« Seine Finger zucken, und er stöhnt auf. Trotz meiner Schmerzen beuge ich mich vor und spreche einen Heilungszauber. Als die verbrannte Haut langsam abkühlt, sieht mich Drust ohne die geringste Spur von Dankbarkeit an. »Als du gegen Lord Loss gekämpft hast, ist die Magie in dir zum Ausbruch gekommen.« »Ich weiß. Ich habe sie ihm gestohlen.« Der Druide schüttelt den Kopf. »Nein, das ist nur die halbe Wahrheit. Er hat sie dir gegeben.« Verständnislos runzele ich die Stirn. »Lord Loss hat zugelassen, dass du dich seiner Magie bedienst«, erklärt Drust. »Genauer gesagt, hat er sie dir angeboten. Er tauchte in dich ein und berührte den... nun... nennen wir es mangels besserer Ausdrücke den Feuerstein deines Geistes. Er schuf magische Funken und entfachte sie zum Leben. Nur seinetwegen bist du so mächtig – er hat die magische Flamme in dir zum Leuchten gebracht.« Ich erbleiche. »Wollt Ihr damit sagen, die Magie, meine Zauberkraft, das alles kommt nur durch ihn?« »Genau.« »Aber warum?«, rufe ich aus. »Warum sollte ein Dämon einem Menschen Macht verleihen?« »Das weiß ich nicht«, erwidert Drust. »Ich weiß nur eines: Ich habe dich für meine Schülerin gehalten, doch das war ein Irrtum. Du bist die Schülerin des Dämonenmeisters.« Sein misstrauischer Blick schneidet mir so tief ins Herz, als hätte er mir ein Messer in die Brust gebohrt. Die Auswanderer Am Nachmittag kommen wir nur langsam voran. Das Wetter ist schlecht, das Gelände unwegsam, und Drust ist noch nicht wieder auf dem Posten. Mein Magieblitz hat ihn in Lebensgefahr gebracht, und obgleich er sich gerade noch rechtzeitig aus meinem Geist zurückgezogen hat, ist er schwer angeschlagen. Trotz aller Heilungszauber, die er vor sich hin murmelt, bereitet ihm jede Bewegung Schmerzen. Der Unterricht findet vorerst nicht statt, und Drust hält sich von mir fern. Er bildet mit Goll und Fiachna den Schluss der Gruppe. Ich kann es ihm nicht verübeln, schließlich traue ich mir selbst nicht mehr über den Weg. Keiner weiß, was Lord Loss in meinem Schädel und meinem Herzen angerichtet hat. Vielleicht hat er mir irgendwelche Zerstörungszauber eingeflößt und mich dazu verdammt, meine Freunde zu hintergehen und zu töten. Wir sollten den anderen sagen, welche Gefahr von mir ausgeht, aber bisher hat Drust sie nicht eingeweiht, und mir fehlt dazu der Mut. Wahrscheinlich würden sie mich zwar am Leben lassen, doch könnten sie mir unmöglich weiterhin vertrauen. Sie würden mich ausschließen, ich wäre nicht mehr länger ihre Freundin, sondern möglicherweise eine Feindin. Ich marschiere stumm weiter, behalte meine Ängste für mich und grübele, ob und wann das Tier in mir wohl zum Ausbruch kommt – sei es als ein magisches Wesen, das Lord Loss erschaffen hat, oder als eine der Bestien der MacGrigors. Am Spätnachmittag erblicken wir das Meer. Tiefblau wirft es sich mit weißen, rasch aufeinanderfolgenden Wellenkronen gegen die Felsen am Strand und brüllt dabei wie ein Ungeheuer. Die See dehnt sich schier endlos. Eigentlich hatte ich gehofft, ich könnte von hier aus einen Blick auf die Gestade von Tir na n’Og erhaschen, dem legendären Ort zwischen dieser und der Anderwelt. Falls er jedoch tatsächlich dort draußen liegen sollte, wie die Legenden behaupten, ist er für Menschenaugen – und für magische Augen – eindeutig zu weit entfernt. Von einem Hügel aus bewundern wir den Anblick des Meeres. Sogar Drust fährt sich mit der Hand über die Stirn und starrt mit weit aufgerissenen Augen zum Horizont, als könne er nicht glauben, was er da sehe. »Welch wilde Schönheit«, murmelt Goll und lächelt, als der Wind ihm Haar und Bart zerzaust. Er streicht sich über die leere Augenhöhle. »Als junger Mann habe ich das Meer schon mal gesehen, damals konnte ich alles noch deutlich erkennen. Aber selbst mit einem Auge ist der Anblick überwältigend.« »Wo hört das Wasser auf?«, fragt Lorcan, späht nach beiden Seiten und dann geradeaus. »Das weiß niemand«, meldet sich Drust zum ersten Mal an diesem Nachmittag zu Wort. »Manche sagen, es sei unendlich, andere behaupten, dass es bis ans Ende der Welt reiche und dort im Nichts verrinne. Einige beharren sogar darauf, das Meer führe mittels Magie zur anderen Seite der Welt. Sie sagen, wenn man bis dorthin segelt, stößt man irgendwann im Osten des Landes wieder ans Ufer. Aber genau weiß es niemand.« »Und Tir na n’Og?«, erkundigt sich Fiachna. »Liegt es auch dort draußen?« Der Druide zuckt die Achseln. »Vielleicht. Es gibt...« Er hält inne, schnuppert und blickt gen Westen. »Bald werden wir Menschen begegnen, die zu wissen glauben, wo Tir na n’Og liegt. Du kannst sie fragen. Sie können dir bestimmt eine bessere Antwort geben als ich.« Nach dieser sonderbaren Bemerkung marschiert Drust den Hügel hinunter, einem weiter südwestlich gelegenen Punkt an der Küste entgegen. Wir anderen berauschen uns noch einen Augenblick an der herrlichen Aussicht, ehe wir dem Druiden widerstrebend folgen. Schon jetzt können wir es kaum erwarten, bis wir das Meer von neuem sehen. Kurz vor der Abenddämmerung erblicken wir sie. Seit einer Stunde wandern wir an der sonderbar geformten, flachen, zersplitterten Steinküste und geraten dabei nicht selten ins Stolpern. Hier spürt man die ganze Gewalt des Meeres: den Wind, die Gischt und das Erzittern des Bodens, wenn die Brandung aufläuft. Ich bin erstaunt, dass das Land dem Ansturm so lange standgehalten hat. Die Kraft der Erde muss größer sein, als ich ahnte, wenn es ihr gelungen ist, diesen unbarmherzigen Feind abzuwehren, Tag um Tag, Nacht um Nacht, Jahr um Jahr. Wie gebannt blicken wir auf das Wasser, sehen die Wellen heranrollen und sich überschlagen, ohne dass je eine der anderen gleicht. An manchen Stellen steigen sie in mächtigen Gischtsäulen auf und übersprühen uns mit nebelfeinen Tröpfchen. Es ist, als würde man ein sich ständig veränderndes Bild betrachten. Das fesselnde Schauspiel lenkt uns vollkommen ab, daher haben wir die Wanderer vor uns fast erreicht, als Lorcan, der an der Spitze geht, plötzlich aufsieht und feststellt, dass wir nicht allein sind. »Fremde!«, ruft er, bleibt abrupt stehen und deutet nach vorn. Ich kneife die Augen zum Schutz vor der Gischt zusammen und erspähe eine Gruppe von zwanzig bis dreißig Personen, die auf ein großes Boot zusteuert, das in einer geschützten Bucht auf den Wellen schaukelt. »Dämonen?«, fragt Connla und stellt sich auf die Zehen, als könne er dadurch besser sehen. »Nein«, sagt Drust und marschiert an Lorcan vorbei, ohne anzuhalten. »Menschen?«, ruft Goll ihm nach. »Nein«, tönt es zurück. Wir wechseln einen zweifelnden Blick und traben hinter dem Druiden her. Die Wanderer sind Gestalten der Legenden. Riesige Giganten, in etwa so lang wie drei oder vier Männer. Zarte, spindeldürre Wesen, vielleicht die griesgrämigen Leprechauns der Mythen. Schlanke, anmutige Elfen mit spitzen Ohren. Weinende, bleiche, dunkeläugige Todesfeen. Manche gleichen eher Dämonen als Menschen. Druiden und Priesterinnen befinden sich ebenfalls darunter. Sie alle gehören zu dem langen Zug, der sich langsam zum Boot schiebt, wo einige andere Wesen bereits geduldig warten. Sie sitzen oder stehen, das Gesicht nach Westen gewandt, und harren der Dinge. »Bei Morrigans Milch!«, keucht Goll und macht ein Zeichen zur Abwehr des Bösen. Dann bleibt er verwirrt stehen. Obwohl sie zweifellos magische Geschöpfe sind, geht nichts Unheilvolles von ihnen aus. Die Wanderer haben die Augen auf den Pfad und das Boot gerichtet und entdecken uns erst, als einer der Druiden aufblickt. Er löst sich aus der Gruppe und kommt auf uns zu. Während er sich nähert, versetzt Ronan Drust einen heimlichen Rippenstoß und flüstert: »Ist er gefährlich?« »Nein«, erwidert der Druide. Er bleibt stehen, verschränkt die Arme vor der Brust und erwartet den anderen gelassen. »Wer sind sie?«, will Fiachna wissen und betrachtet die stämmigen, brutal aussehenden Riesen. Wir haben von diesen tapferen Kriegern und Halbgöttern schon viele denkwürdige Geschichten gehört, die von Generation zu Generation weitergegeben und ausgeschmückt werden. Genau wie Fiachna und die anderen habe ich immer geglaubt, bei jenen Sagengestalten aus alter Zeit handele es sich um besonders hochgewachsene, ansonsten aber völlig normale Krieger. Wir haben uns wohl getäuscht. »Die Magie dieser Wesen schwindet«, antwortet Drust. »Sie sind nach den Alten Geschöpfen gekommen und haben sich in der Magie der Vergangenheit entfaltet. Jetzt verlassen sie uns. Die Magie der Alten Geschöpfe ist beinahe erloschen, und alle, die davon gezehrt haben, verschwinden mit ihr. Ihre Zeit in dieser Welt ist abgelaufen. Sie ziehen nach Westen, auf der Suche nach Tir na n’Og oder dem Tod entgegen.« Seine Augen blicken traurig und sehnsüchtig zugleich. Offenbar möchte er gerne mit ihnen gehen. »Sind sie auf der Flucht vor der Dämonata?«, frage ich leise. »Nicht unbedingt«, sagt Drust. »Die meisten kommen aus fernen Ländern, manche gar von der anderen Seite der Welt. Sie sind auf der Flucht vor den Christen und anderen Anhängern neuer Religionen. Die Welt hat sich gewandelt, und in den nächsten Jahrhunderten stehen uns weitere Veränderungen bevor. Die alte Magie hat ihre einstige Macht verloren, und für jene, die sie ausüben, ist kein Platz mehr. Sie wollen einem würdelosen Ende zuvorkommen und verlassen uns.« »Warum kämpfen sie nicht?«, forscht Goll. »Sie haben gekämpft, aber nur Narren kämpfen weiter, wenn die Schlacht verloren ist. Alles hat ein Ende. Dies ist der Untergang der großen Magie und damit all jener, die mit ihr verbunden waren.« Der andere Druide hat uns erreicht und bleibt stehen. Drust erwidert sein Nicken, und der Fremde mustert uns neugierig. »Suchst du einen Platz auf unserem Schiff, Bruder?«, fragt er. »Nein«, erwidert Drust. »Mich führen andere Gründe her.« »In diesem Jahr werden nicht mehr viele Boote in See stechen«, sagt der Druide. »Dieses ist vielleicht das letzte, das vor Frühlingsbeginn ablegt. Wenn du es verpasst...« »Ich habe etwas zu erledigen.« »Dies ist ein gefährliches Land«, bemerkt der Druide. »Einige von uns sind auf der Reise hierher ums Leben gekommen. Wenn du wartest und die Dämonata in den nächsten Monaten die Überhand gewinnt, wird vielleicht nie mehr ein Boot auslaufen.« »Meine Mission hat mit der Dämonata zu tun«, erklärt Drust. »Wenn ich erfolgreich bin, werden noch weitere Boote auslaufen.« Der Druide hebt eine Braue. »Du hast dich zum Kampf gegen die Dämonen entschlossen?« »Ja«, erwidert Drust mit ruhiger Stimme. »Ein gefährliches Vorhaben. Willst du dadurch den Weg nach Westen frei halten?« »Nein«, gibt Drust lächelnd zurück. »Wir alle sollten uns für dieses Ziel opfern, aber nur die wenigsten sind dazu bereit, und auch ich bin keine Ausnahme. Ich habe persönliche Gründe.« Der Druide erwidert Drusts Lächeln. »Was für Gründe du auch haben magst, ich wünsche dir viel Glück. Sollte es dir gelingen, den Tunnel zwischen dieser Welt und dem Reich der Dämonata zu schließen, wird man deinen Namen in den Ländern des Westens preisen... oder im Reich der Toten.« Beide Druiden blicken zu dem Boot und den Passagieren hinüber. Nur noch eine Handvoll Wesen sind am Strand und lösen die Taue. Solch ein Boot habe ich noch nie gesehen, es ist lang und schmal, und an den Masten in der Mitte sind große Segel befestigt. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass es seetüchtig sein soll. »Was ist mit deinen Gefährten?«, fragt der Druide, der uns nacheinander ansieht und den Blick schließlich nachdenklich auf mir ruhen lässt. »Suchen sie Zuflucht bei uns? Einige Plätze sind noch frei. Wenn sie die Gelegenheit beim Schopf ergreifen wollen, könnten wir sie aufnehmen.« Nach einem kurzen Seitenblick auf mich, wendet sich Drust den anderen zu. »Wenn ihr gehen wollt, werde ich euch nicht daran hindern. Es könnte jedoch sein, dass ich in den nächsten Tagen und Nächten eure Hilfe brauche. Bedenkt – wenn ich scheitere, werden eure Leute den Preis dafür zahlen.« »Tir na n’Og«, flüstert Goll mit leuchtenden Augen, während er zu den Booten hinübersieht. »Jetzt dorthin zu gehen... für immer zu leben, wenn man dem Tode bereits so nah ist...« »Der verdiente Lohn für ein rechtschaffenes Leben«, sagt Fiachna leise. »Du solltest gehen, alter Freund.« Mit leicht geöffneten Lippen haucht Goll: »Ja.« Doch dann setzt er eine entschlossene Miene auf und lacht bellend. »Nein. Tir na n’Og ist für die Schönen und die Magier bestimmt – nicht für ein altes Schlachtross wie mich! Außerdem, was soll ich dort bis in alle Ewigkeit anfangen? Etwa mit den Riesen Hurling spielen?« Er dreht sich um und winkt abwehrend. »Vor zehn Jahren hätte ich vielleicht etwas anderes gesagt, aber wenn ich jetzt ginge, käme ich mir wie ein Narr vor. Wer weiß, vielleicht finden sie ja auch nichts als Meer? Ich bin bereits zur See gefahren, und mir war in meinem ganzen Leben noch nie so übel.« »Vielleicht ein anderer von euch?«, fragt der Druide höflich und ohne den Blick von mir abzuwenden. »Ich würde für mein Leben gern in den sagenumwobenen Wäldern von Tir na n’Og jagen«, seufzt Lorcan träumerisch. »Aber ich muss meinem Clan beistehen, bis die Dämonen besiegt sind oder ich tot bin. Falls wir Erfolg haben, werde ich im nächsten Jahr hierher zurückkehren und um einen Platz bitten.« Goll versetzt Connla einen Stoß mit dem Ellenbogen. »Wie steht’s mit dir, junger König? Deine Eitelkeit ist ein offenes Geheimnis. In Tir na n’Og würdest du niemals älter werden und für alle Zeiten so schmuck und ansehnlich bleiben wie jetzt.« Connla schnaubt verächtlich. »Die Königswürde aufgeben, um dort als Bauer zu leben? Niemals!« »Du scheinst dir deiner Königswürde ja sehr sicher zu sein«, murmelt Goll. »Könnte es sein, dass du etwas weißt, was uns vorenthalten wird?« Connla läuft rot an. »Natürlich nicht. Ich wollte nur... ich meine...« Er räuspert sich und funkelt Goll böse an. »Ich muss mich vor deinesgleichen nicht rechtfertigen.« »Friede«, sagt der Druide beschwichtigend. »Wenn ihr uns nicht begleiten wollt, muss ich jetzt Abschied nehmen. Bald wird es Abend, und wir möchten auslaufen, bevor uns irgendwelche Dämonen angreifen. Die wildesten unter ihnen tauchen häufig auf der Jagd nach reicher Beute an der Küste auf.« »Wir haben dich bereits zu lange aufgehalten, Bruder«, sagt Drust und verbeugt sich. »Geh nun. Möge die Gnade der Götter mit euch sein.« »Hab Dank, Bruder – möge der Segen der Götter auf deinem ehrenvollen Trachten ruhen«, erwidert der Druide, verbeugt sich ebenfalls, nickt uns anderen zu und kehrt zum Boot zurück. Die Wesen lösen gerade das letzte Tau, und als er das Ufer erreicht, gleitet das Boot langsam davon. Der Druide beschleunigt seinen Schritt und setzt mit einem magischen Luftsprung an Deck. Er winkt uns zum Abschied, und lässt sich dann zum Bug gewandt nieder, der wie ein Pfeil auf die untergehende Sonne gerichtet ist. Wir sehen zu, wie das Boot sich entfernt, langsam die Segel setzt und sie mit magischem Wind aufbläht. Dann gleitet es mit unglaublicher Geschwindigkeit davon, beinahe ohne das Wasser zu berühren. Bereits nach wenigen Minuten ist es nur noch ein winziger Punkt am Horizont, bevor es – zumindest für meine Augen – verschwindet. Langes, nachdenkliches Schweigen senkt sich über uns. Den Blick auf die untergehende Sonne gerichtet, versuchen wir, an der Horizontlinie einen letzten Blick auf das Boot und seine Passagiere zu erhaschen. Schließlich reißt uns Goll aus der Versunkenheit, als er dem Druiden einen derben Klaps auf die Schulter gibt. »Nun, Drust«, dröhnt er, »wo sollen wir uns heute Nacht verkriechen? Eure Freunde sind auf hoher See vor Dämonen und Untoten sicher, aber wir liegen hier wie auf dem Präsentierteller, nicht wahr?« Der Druide blickt sich um. Er sieht aus, als sei er aus einem Traum erwacht »Ihr habt recht. Hier sind wir vollkommen ungeschützt. Etwas weiter unten an der Küste befindet sich jedoch eine Stelle, die von Alter Magie beschirmt wird. Wenn wir vor Einbruch der Dunkelheit dort sein wollen, müssen wir uns allerdings beeilen.« »Können wir nicht hier bleiben und uns mit einem Verhüllungszauber schützen?«, frage ich. »Nein«, sagt Drust, der sich bereits zum Gehen anschickt. Er schlägt einen schnellen Schritt an und wirkt plötzlich beflügelt. »Du hast es doch selbst gehört – hier treiben sich Dämonen herum.« »Dämonen sind überall«, wendet Fiachna ein. »Wohl wahr«, stimmt Drust zu. »Doch nur mutige Dämonen wagen sich an magische Orte. Ein mutiger Dämon ist für gewöhnlich auch ein mächtiger Dämon, und ich möchte nicht darauf vertrauen, dass wir ihm durch einen Verhüllungszauber entgehen können. Lauft los, und spart euch euren Atem. Falls wir es nicht rechtzeitig bis zu unserem Ziel schaffen, stehen euch heute noch schwere Kämpfe bevor, und die Monster, mit denen ihr die Klingen kreuzt, werden mit Sicherheit bösartiger und hartnäckiger sein als alle eure bisherigen Gegner.« Der Fluch Der Tag neigt sich dem Ende entgegen, als wir eine Steilklippe erklommen haben. In der letzten halben Stunde sind wir ununterbrochen geklettert, ohne das Meer zu sehen. Hingerissen von der prächtigen Aussicht, bleiben wir stehen. Direkt zu unseren Füßen stürzt der Rand der Klippen so jäh in die Fluten hinab, als hätte ein göttliches Messer das Festland mit einem Hieb durchgetrennt. Unwillkürlich trete ich einen Schritt vom Abgrund zurück, und die anderen tun es mir nach. Nur Drust hat keine Angst. Lächelnd deutet er auf eine Reihe von Klippen, die wie die Finger eines Riesen in die See ragen. Der Anblick ist atemberaubend. Nicht einmal Goll hat je etwas Derartiges gesehen; als er als junger Mann bis an die Küste vorstieß, befand er sich weiter im Norden. Atemlos starren wir auf die eigenwilligen Felsformationen. »Dort drüben«, sagt Drust, »der dritte Felsvorsprung vom Ende aus gesehen, das ist unser Ziel.« Mit Blick auf die Sonne und die umliegende Landschaft fährt er fort: »Dort sollten wir in Sicherheit sein. Dämonen ist das Pulsieren der Alten Magie zuwider, und sie gehen ihm für gewöhnlich aus dem Weg. Trotzdem dürfen wir nicht säumen, man kann nie wissen.« Rasch geht es wieder den Hügel hinunter und weiter an der Küste entlang. Über uns richten sich Seemöwen in ihren Nestern für die Nacht ein, sie keckern und kreischen. Einige Kaninchen beobachten uns aus sicherer Entfernung, hinter ihnen grast ein kleines, zotteliges Pony. Ich kann mir kaum vorstellen, wie es allein in dieser von Dämonen heimgesuchten Wildnis überleben soll. Am Fuß der Senke wird der Boden fest und steinig. Man kann auf dem Bauch bis an den Rand der Klippen kriechen und direkt in die Tiefe blicken. Drust marschiert weiter – die grandiose Aussicht lässt ihn kalt, er will nur so rasch wie möglich zu unserem Ziel gelangen. Wir anderen dagegen können der Versuchung auf einen derart eindrucksvollen Meeresblick nicht widerstehen. Bäuchlings rutschen wir an den Klippenrand, ans Ende der Welt, und die Aussicht übertrifft meine kühnsten Träume. Ich lege das Kinn knapp hinter dem Felskamm auf und klammere mich fest an den Boden. Mir ist, als schwebte ich in der Luft und ließe wie ein Vogel oder ein Gott den Blick über die Meeresoberfläche schweifen. Von hier oben erspähe ich die Köpfe der nistenden Möwen. Die weißen Schaumkronen, die sich am Fuße der Klippen gegen die Felsen werfen, leuchten in der Dämmerung, ein ohrenbetäubendes Tosen und Krachen erfüllt die Luft, und es riecht nach Vögeln und Salz. Auf einmal verspüre ich den heftigen Drang, mich über den Klippenrand in die Tiefe zu stürzen. Was für ein schöner, makelloser Tod... sekundenlang fliegen... zu einem Teil der See werden, die mich immer und immer wieder gegen die Felsen schleudert, bis nichts mehr von mir übrig ist, bis ich gemeinsam mit Nixen und anderen Geschöpfen der Tiefe in die Anderwelt eingesogen werde. Mit einiger Mühe unterdrücke ich den selbstmörderischen Impuls. Küstenbewohner stumpfen vermutlich mit den Jahren gegen den Ruf der See ab, aber für Landratten wie unsereins ist es hier gefährlich. Als ich aufblicke und im Halbdunkel die Gesichter meiner Mitstreiter mustere, sehe ich, dass ich nicht die Einzige bin, die den dunklen Ruf vernommen hat. Aber ich lese in ihren Mienen noch etwas anderes, etwas, das auch ich verspüre – Triumph. Ich habe dem Ruf der See widerstanden. Das Meer kann mir nichts mehr anhaben. Ich bin stärker als der Ozean. Der Sieg beschwingt mich, macht mich beinahe ein wenig überheblich. Es dauert eine Weile, bis wir uns von dem Anblick losreißen können. Mir kommt es wie mehrere Stunden vor, aber schätzungsweise sind es nur einige Minuten. Connla macht als Erster kehrt und erhebt sich erst in sicherer Distanz zum Klippenrand, wo ihn der Wind nicht packen und hinunterschleudern kann. Als Nächster steht Ronan auf, deutlich dichter am Abgrund und ohne Angst vor der wirbelnden, unbändigen Bö. Die beiden folgen Drust, und eine Minute später erhebt sich auch Goll und gibt damit den anderen das Signal zum Aufbruch. Allein Bran kann sich kaum trennen und deutet so begeistert auf die Möwen hinunter, als kenne er sie alle persönlich. Ich rufe ihn mehrmals, doch er rührt sich nicht vom Fleck. Verärgert – ich habe das Meer lange genug betrachtet – drehe ich mich um und zerre ihn an den Beinen weg. »Komm schon«, befehle ich barsch, als er Anstalten macht, sich erneut zum Klippenrand zu schlängeln. »Wir müssen hinter den anderen her. Hier ist es nicht sicher.« »Eier kochen Blatt«, gibt Bran zurück und nickt zustimmend. Er wirft noch einen bedauernden Abschiedsblick zum Klippenrand, bevor er sich erhebt, seine Hand in meine legt und gemeinsam mit mir hinter Lorcan und den anderen hertrabt. Wir haben die Gruppe fast eingeholt, als die Dämonen angreifen. Sie bohren sich wie wild gewordene Würmer aus dem Erdreich. Es sind ungefähr ein Dutzend oder mehr. Sie sind vielgliedrig, haben mehrere Köpfe, und ihre Klauen gleichen den Zweigen eines Baumes. In ihren Mäulern blitzen Reißzähne, sie sabbern und heulen – vertraute dämonische Töne. Die meisten stürzen sich auf Fiachna, Lorcan und Goll, einige andere greifen Ronan und Connla an. Einer schwankt hinter Drust her, der bereits ein ganzes Stück entfernt läuft, und ein weiterer schnellt auf Bran und mich zu. Aus meinem Inneren lasse ich Magie aufsteigen, wobei ich im Eifer des Gefechts vollkommen vergesse, dass es sich dabei um dämonische Magie handelt und ich unbekannte Kräfte entfesseln könnte. Während sich meine Lippen wie rasend bewegen, fülle ich die Hände mit Feuer und schleudere eine Flammengarbe auf unseren Angreifer, auf dessen Schultern ein Bären- und ein Fuchskopf sitzen. Er sackt kreischend zu Boden, und Bran springt lachend über dem um sich schlagenden Dämon hin und her, als sei er ein brennendes Hüpfseil. Der Dämon hat Drust beinahe eingeholt. Der Druide macht eine rasche Handbewegung und spricht einen Zauber. Der Angreifer wirbelt über seinen Kopf hinweg über den Klippenrand und stürzt unter hasserfülltem Brüllen in die Tiefe. Die anderen wehren sich mit Schwert und Axt gegen die Ungeheuer. Drust, der ihnen erst zu Hilfe eilen will, bleibt unvermittelt stehen und starrt landeinwärts. Ich folge seinem Blick und erkenne in der Ferne eine in der Luft schwebende Gestalt. Sogar im Dämmerlicht ist unverkennbar, um wen es sich handelt: Lord Loss. Ein hundeähnliches Wesen springt neben ihm auf und ab. Nach kurzem Zögern jagt Drust weiter an den Klippen entlang unserem Ziel entgegen, wo wir, wie er behauptet, in Sicherheit sind. Das Kämpfen – und Sterben – überlässt er den anderen. Ich verfluche den Druiden und schlage mich bis zu der Stelle durch, wo Lorcan, Goll und Fiachna mit den Dämonen kämpfen. Der Boden ist schlüpfrig von all dem Blut und übersät mit abgehackten Dämonengliedmaßen, darunter sogar ein oder zwei Köpfe. Trotzdem geben sich die Dämonen nicht geschlagen und versuchen, die beiden Krieger und den Schmied in Richtung der Klippen abzudrängen, um sie in die Tiefe zu schleudern. Als ich die Hand auf den ledernen Rücken eines Dämons lege, der mindestens doppelt so groß ist wie ich, sieht er auf mich herunter und lacht. Rasch lasse ich meine Fingernägel wachsen und bohre sie tief in das Monster, durchstoße Haut, Knochen und innere Organe. Die Höllenkreatur würgt und spuckt Blut, während meine Fingernägel am Bauch des Ungeheuers wieder austreten. Ich stoße ein weiteres Wort hervor und ziehe mit einem Ruck die Hand heraus. Die Nägel bleiben stecken. Der Dämon geht zu Boden, erschauert und rührt sich nicht mehr. Ein anderer Dämon hat bemerkt, was ich getan habe, und stürzt sich brüllend auf mich. Keine Zeit mehr für Magie. Auf dem Rücken liegend, strecke ich die Beine in die Luft und halte so dem Angriff meines Feindes stand. Das Ungeheuer holt mit der Klaue zum Schlag aus und verfehlt nur knapp mein Gesicht. Ich deute auf seine Augen, die Worte sprudeln mir nur so von der Zunge. Der Schädel meines Angreifers explodiert und bespritzt mich mit Blut und Gehirnmasse. Noch während ich mich erhebe, um einen dritten Dämon in die Mangel zu nehmen, dringt aus einiger Entfernung ein menschlicher Schrei an mein Ohr. Ein stierköpfiger Dämon hockt auf Fiachnas Brust. Er hat ihm bereits ein Stück Fleisch aus der Schulter gebissen und will ihm an die Kehle. Mit einem Hechtsprung werfe ich mich auf das Ungeheuer, packe sein Maul, nähere mein Gesicht den blassroten, aufgeplatzten Lippen und atme tief aus. Ein Nebelhauch strömt ihm entgegen, er hustet und will mich anfauchen, doch vergebens. Der Nebel verklebt ihm die Kehle, und er schnappt umsonst nach Luft. Manche Dämonen brauchen nicht zu atmen, doch dieser gehört nicht dazu. Röchelnd plumpst er zur Seite und schabt verzweifelt an seinem Hals, während er langsam erstickt. Inzwischen haben Goll und Lorcan den anderen Dämon mit vereinten Kräften über den Klippenrand befördert und konnten in letzter Sekunde einer zuckenden Tentakel ausweichen, die sie mitzureißen drohte. Mit einem raschen Blick überzeugen sich die beiden, dass wir alle Monster besiegt haben, und eilen dann Ronan und Connla zu Hilfe. Bran und ich stürzen hinterher. Als die beiden Krieger wie angewurzelt stehen bleiben, befürchte ich das Schlimmste. Doch als ich mich im Laufen auf weitere Zauber vorbereite, erblicke ich nur fliehende Dämonen und Connla, der stolz am Rand der Klippen steht und den Ungeheuern allerlei farbenfrohe Verwünschungen hinterherruft. Wir treten vorsichtig näher. Der Königssohn strahlt uns an, und von seiner Klinge tropft graugrünes Dämonenblut. »Feiglinge!«, sagt er lachend. »Sie haben Angst gehabt zu kämpfen. Ich habe sie verjagt. Habt ihr gesehen, wie...« »Ronan«, fällt ihm Lorcan ins Wort und späht suchend umher. »Wo ist mein Bruder?« Connla seufzt. »Sie haben ihn ins Meer gestürzt.« Lorcan starrt ihn wortlos an, geht zum Klippenrand und blickt in die Tiefe. Wir lassen die Köpfe hängen, unsere Siegesfreude ist jäh erloschen. Meine Kehle ist wie zugeschnürt, und mein Atem geht so schwer wie der des Dämons, den ich erwürgt habe. Blitzartig sehe ich Ronan vor meinem geistigen Auge: wie er kämpfte, jagte, lachte, wie er das Blut aus seinem Lockenschopf schüttelte, während er den Dämonen entwischte, die uns am ersten Abend verfolgten. Er wäre damit zufrieden gewesen, im Kampf zu sterben, aber das macht seinen Tod nicht leichter für mich. »Er hat tapfer gekämpft«, sagt Connla, wahrscheinlich um Lorcan zu trösten, aber sein Ton klingt so herablassend, als spräche er zu einem kleinen Kind. »Ist er vor oder nach der Flucht der Dämonen hinuntergestürzt?«, erkundigt sich Goll. »Natürlich vorher«, antwortet Connla und runzelt die Stirn. »Sie haben ihn gewaltsam hinuntergestoßen. Er stand zu dicht am Klippenrand und war ihnen ausgeliefert.« »Nachdem sie Ronan getötet haben, sind sie einfach auf und davon? Ohne dir ein Haar zu krümmen?« Obwohl Goll einen gleichmütigen Ton anschlägt, ist die Herausforderung nicht zu überhören. »Sie haben eben gesehen, dass sie mit mir kein so leichtes Spiel haben«, schnaubt Connla. »Was Ronan angeht, hatten sie Glück, aber als sie auf mich losgehen wollten, haben sie gleich erkannt, dass sie mir nicht gewachsen waren, und sind um ihr elendes dämonisches Leben gerannt.« Mit zunehmendem Unwillen mustert er uns nacheinander. »Besonders erfreut scheint ihr darüber nicht zu sein«, murmelt er finster. »Es ist nur etwas merkwürdig«, sagt Fiachna unbehaglich. »Dämonen kämpfen nicht auf diese Weise. Jemanden im offenen Gelände zu stellen... bei zahlenmäßiger Überlegenheit... noch dazu nach Einbruch der Dunkelheit... und dann einfach die Flucht zu ergreifen.« »Was willst du damit...«, setzt Connla brüllend an. »Genug jetzt«, beendet Lorcan den Wortwechsel und wendet sich mit starrer, resignierter Miene von den Klippen ab. »Ronan ist tot. Wir können ihm nicht mehr helfen. Mir ist es egal, warum die Dämonen geflohen sind, und jetzt ist nicht der richtige Augenblick, um einen Streit vom Zaun zu brechen.« Goll und Fiachna blicken betreten zu Boden, ebenso wie der junge Königssohn. »Er ist nicht durch eigenes Verschulden gestorben«, sagt Connla. »Die Dämonen haben ihn überrumpelt. Es war einfach Pech, dass er so dicht an den Klippen stand. Ich konnte ihm leider nicht mehr helfen.« Lorcan nickt langsam. »Am Ende entscheidet immer das Glück über das Schicksal eines Kriegers. Du brauchst dich nicht zu rechtfertigen.« Sein Blick wandert zu Drust hinüber, der in einiger Entfernung im Laufschritt auf unser Ziel zueilt, und ein zorniges Funkeln blitzt in seinen Augen auf. »Was allerdings diesen Feigling angeht...« Damit rast er hinter dem Druiden her, und nachdem wir einen besorgten Blick gewechselt haben, setzen wir uns ebenfalls zügig in Bewegung, beunruhigt von der Vorstellung, was geschehen mag, wenn der finstere Krieger Drust zur Rede stellt. Wir holen den Druiden erst am Felsvorsprung ein. Die weit ins Wasser ragende Klippe ist dicht mit Gras bewachsen und vom Westwind umtost. Drust hat sich mit dem Rücken zur kräftigen Bö niedergelassen und betrachtet die Figuren auf dem Schachbrett vor sich. »Druide!«, schäumt Lorcan und stürmt mit langen Schritten auf ihn zu, doch Drust hebt nicht einmal den Blick. »Ihr habt uns im Stich gelassen und den Dämonen zum Fraß vorgeworfen! Was habt Ihr zu Eurer Verteidigung zu sagen?« Keine Antwort. Drust ist völlig in sein Schachspiel vertieft. Lorcan hebt die Axt in seiner Rechten, sein junges Gesicht ist hasserfüllt. Ich will ihn aufhalten, wage es aber nicht, mich einzumischen. Um ehrlich zu sein, ist mir Drusts feige Flucht ebenfalls zuwider, und ich möchte, dass er bestraft wird. Mit einem warnenden Aufschrei greift Connla nach seinem Messer und will eingreifen, doch bevor er dazu kommt, sagt Drust gelassen: »Hier könnt ihr mir nichts anhaben. Falls ihr es doch versucht, werdet ihr es büßen.« Im selben Moment schmilzt das Axtblatt, und der Stiel verwandelt sich in einen Feuerstrahl. Mit einem lauten Schmerzensschrei lässt Lorcan die Waffe fallen. Ich blinzele überrascht – diese Magie kam nicht von Drust, sondern schien direkt der Erde zu entströmen. »An diesem Ort ist Gewalt verboten«, sagt Drust und sieht auf. »Noch einmal, und es ist um Euch geschehen.« Lorcan greift mit der unverletzten Hand nach dem Schwert und hält dann fluchend inne. Mit einem Tritt befördert er die qualmenden Reste seiner Axt beiseite und wendet sich angewidert ab. Ohne das geringste Anzeichen von Scham begegnet Drust unseren anklagenden Blicken. »Lord Loss hat diesen Angriff vorbereitet und die Dämonen hergeführt. Er wusste im Voraus, dass wir hier vorbeikommen würden. Zuerst hielt ich die Attacke für einen Hinterhalt und brachte mich in Sicherheit, wie es mir die Pflicht gebietet. Erst jetzt ist mir klar geworden, dass es sich lediglich um ein grausames Spiel gehandelt hat. Das konnte ich jedoch zunächst nicht wissen. Ich habe mich also richtig verhalten.« »Wovon redet Ihr?«, wettert Goll. »Ronan ist tot. Das war kein Spiel.« Drust schüttelt den Kopf. »Wäre es ein echter Hinterhalt gewesen, hätten sich die Dämonen auf mich gestürzt. Lord Loss folgt uns schon seit langem, er belauscht uns und weiß über unsere Pläne Bescheid. Wenn er uns wirklich hätte aufhalten wollen, wäre ich nicht mehr am Leben. Ihr anderen zählt nicht. Deswegen bin ich einfach losgerannt. So kurz vor dem Ende wollte ich unter keinen Umständen mein Leben aufs Spiel setzen.« »Wohl gesprochen, doch wie man es auch dreht und wendet, es läuft immer auf eines hinaus – Feigheit«, lässt sich Fiachna vernehmen. »Nennt es meinetwegen Feigheit«, entgegnet Drust ungerührt. »Ich habe jedoch von Anfang an keinen Hehl daraus gemacht, dass euer Leben bedeutungslos für mich ist. Ihr habt mir geholfen, bis hierher zu kommen, und damit einer edlen Mission gedient. Dafür bin ich dankbar, trotzdem macht es euch nicht bedeutender, was die großen Zusammenhänge betrifft.« Goll lacht bitter auf. »Vermutlich habt Ihr als Kind nicht viele Freunde gehabt.« »Druiden brauchen keine Freunde«, erwidert Drust und widmet sich wieder dem Schachspiel. Besorgt lasse ich den Blick über den Felsvorsprung schweifen. Es ist beinahe dunkel. Deutlich höre ich das Heulen der Dämonen, die Connla verjagt hat. Lord Loss ist immer noch dort draußen, ich fühle mich ungeschützt und seinem Angriff preisgegeben. »Seid Ihr sicher, dass uns hier nichts geschehen kann?«, frage ich. »Ja«, erwidert Drust. »Das ist ein Ort der Alten Magie. Minderen Dämonen ist der Zutritt verwehrt. Dämonenmeister können den Boden hier betreten, dürfen jedoch keine Gewalt ausüben.« »Man sollte den Göttern auch für kleinere Wohltaten dankbar sein«, höhnt Connla. »Gibt es an der Küste noch mehr Orte wie diesen, wo wir in der Nacht Schutz finden?« »Nein«, antwortet Drust. »Das wäre auch überflüssig. Wir sind am Ziel.« Damit ist das Gespräch für ihn beendet, und er heftet den Blick wieder auf das Schachbrett. Wir starren auf das Gras, die Steilküste zu beiden Seiten des Felsvorsprungs, das sich endlos dahindehnende Meer und fragen uns, aus welchem Grund er uns wohl zu diesem verlassenen Fleck geführt haben mag. In der zunehmenden Dunkelheit bläst der Wind tiefschwarze Wolken über das Land, und sie öffnen ihre Schleusen direkt über uns. Zuerst bin ich froh darüber, dass mir der Regen das Blut von Gesicht und Hals spült, doch meine Begeisterung lässt nach, als es allmählich kalt wird. Um mich vor Regen und Wind zu schützen, entfache ich ein magisches Feuer, und wir kauern uns darum, eng in Tücher und Umhänge gehüllt und vor Feuchtigkeit und Kälte zitternd. Obwohl ich Fiachnas verwundete Schulter behandelt habe, hat sie eine hässliche dunkelrote Farbe angenommen. Wahrscheinlich ist es mir nicht gelungen, das Dämonenblut vollständig zu entfernen. Im Augenblick sieht die Verletzung noch nicht allzu gefährlich aus, aber ich muss sie im Auge behalten. Lorcan schweigt in sich gekehrt und denkt an seinen toten Bruder. Wenn ein Krieger einen Menschen verloren hat, der ihm nahesteht, gibt es nicht viele Trostworte. Krieger müssen mit dem Tod leben. Zumindest ist Ronan im Kampf gestorben. Lorcan wird ihn vermissen, doch das Leben geht weiter. In Weinen und Wehklagen auszubrechen wie Frauen und Kinder, bringt die Toten nicht zurück. Drust lässt sich in seinem Schachspiel nicht stören. Er beugt den Kopf schützend darüber und schiebt, nach langen Denkpausen, die Figuren abwechselnd über die Felder. Vielleicht war das sein Ziel – einen geschützten Ort aufzusuchen, wo er Tag und Nacht in Frieden gegen sich selbst spielen kann. Nach einer Stunde hört der Regen auf, und Mondlicht schimmert durch die Wolken. Wir sollten eigentlich dankbar sein, doch jetzt, da es etwas heller ist, erkennen wir mit einem Mal die schwebende Gestalt des Dämonenmeisters, der uns vom Anfang des Felsvorsprungs aus aufmerksam beobachtet. Mit einem Schrei springen wir auf die Füße, und die Männer ziehen ihre Schwerter. Goll will sich unter Gebrüll als Erster auf den Dämonenmeister stürzen, erinnert sich aber rechtzeitig, was mit Lorcans Axt geschah. Also senkt er das Schwert und beäugt Lord Loss nervös. Ohne auf den alten Krieger zu achten, legt der Dämonenmeister den Kopf zur Seite, um Drust besser sehen zu können. Das Schachspiel scheint ihn außerordentlich zu faszinieren. Er schwebt näher heran, und etwas bewegt sich unterhalb seiner Taille, wo die Beine in langen Fleischstreifen enden. Plötzlich fällt mir wieder das hundeähnliche Wesen ein, das ich vorhin gesehen habe. Ich spähe hinunter und erkenne einen großen Hund, dessen dunkler grün und braun gefleckter Kopf mit den bösen, gelben Augen allerdings lang und eigentümlich flach ist. Das Ungeheuer hat keine Pfoten, sondern Hände. Frauenhände. Lord Loss gleitet mühelos an Goll vorbei. Der Hundedämon will ihm zuerst folgen, bleibt dann jedoch stehen und weicht knurrend ein paar Schritte zurück. Drust hatte also recht. Der Zugang zu diesem Ort ist minderen Dämonen verwehrt. Lord Loss schwebt zu Drust hinüber, und wir scharen uns in einiger Entfernung um ihn, misstrauisch und fasziniert zugleich. Bisher haben wir Dämonen nur im Kampf erlebt. Zum ersten Mal sehen wir einen unserer Gegner aus der Nähe. Ein sonderbares Gefühl. Ich spüre die Magie, die ihn knisternd umgibt. Sie ähnelt der Magie des Druiden und auch meiner eigenen, doch im Unterschied zu der unseren entströmt sie ihm gleichmäßig und unveränderlich. Als das Spiel zu Ende ist, stellt der Druide die Figuren zu einer neuen Partie auf. »Was spielt Ihr da?«, erkundigt sich Lord Loss mit trauriger Stimme. »Schach«, antwortet Drust. »Kennt Ihr das Spiel nicht?« »Nein.« »Wie bedauerlich.« »Ich würde es aber gern lernen.« Der Druide schweigt überrascht. »Widmen sich Dämonen etwa Menschenspielen?« »Nein«, erwidert Lord Loss. »Aber dieses hier interessiert mich. Ich habe es noch nie gesehen. Und das Brett... es ist voller Magie.« »Dieses Schachbrett ist einzigartig«, sagt Drust und lächelt stolz. »Mein Meister hat mir erzählt, es sei das ursprüngliche Spielbrett, das die Alten Geschöpfe uns zum Geschenk gegeben haben. Mein Volk hat es für viele Jahrhunderte verwahrt, und vor den Druiden haben es andere magische Wesen beschützt. Vor langer Zeit erfand einer der einstigen Besitzer des Brettes zum Zeitvertreib ein Spiel. Er schnitzte die ersten Spielfiguren, die sich inzwischen zu dem entwickelt haben, was Ihr nun seht, und so entstand das Schachspiel.« »Das Brett war also ursprünglich gar nicht für dieses Spiel bestimmt?«, fragt Lord Loss. »Nein.« »Worin bestand dann sein Zweck?« Drust zuckt die Schultern. »Das weiß niemand. Wie Ihr bemerkt habt, ist es ein magischer Gegenstand, doch sein Geheimnis hat man nie entschlüsselt.« »Vielleicht könnte ich es herausfinden«, sagt Lord Loss. »Vielleicht«, pflichtet Drust bei und lächelt. »Ein anderes Mal.« »Warum nicht jetzt?«, erkundigt sich der Dämonenmeister eifrig. Drusts Lächeln wird noch breiter. »Das ist nicht möglich. Ihr müsst jetzt leider gehen.« »Keineswegs«, erwidert Lord Loss ungehalten. »Oh doch«, gibt Drust zurück. Er hebt eine Hand, und der Dämonenmeister schwebt zurück. »Was geschieht hier?«, ruft er entrüstet und versucht vergeblich, anzuhalten. »Nur ein unbedeutender kleiner Zauber«, erwidert Drust kichernd. »Es ermüdet mich, dass Ihr Euch an unsere Fersen heftet. Das hier wird Euch für eine Weile auf Abstand halten.« »Nein!«, brüllt Lord Loss. »Ihr habt keine Macht über mich! Ihr seid nur ein Mensch! Ihr könnt einem Dämonenmeister keine Befehle erteilen!« »Normalerweise nicht«, murmelt Drust. »Aber hier ist die Magie anders beschaffen. Auf diesem Felsvorsprung bin ich in der Lage, besondere Dinge zu tun – und Ihr könnt Euch nicht dagegen wehren. Dieser Magie seid Ihr nicht gewachsen.« Mit finsterer Miene streckt der Dämonenmeister seine acht Arme aus, und ich spüre, wie sich all seine Macht auf Drust richtet und plötzlich erlischt, als er begreift, welche Auswirkungen sein blinder Zorn hätte. »Ihr seid sehr schlau«, faucht der Dämon und schwebt weiter zurück. »Aber sobald ich normalen Boden unter den Füßen habe, kehrt meine Macht zurück. Ich werde einfach warten und Euch folgen. Und beim nächsten Mal töte ich Euch.« Drust schüttelt den Kopf. »Der Zauber hält nicht lange, aber für ein paar Tage seid Ihr außer Gefecht gesetzt, egal, wohin Ihr geht.« Er krümmt einen Finger, und der Dämonenmeister bleibt stehen. »Ich könnte den Zauber jedoch auch jetzt aufheben, falls Ihr zu einem Handel bereit wärt.« »Zu welchem Handel?«, knurrt Lord Loss. »Ich möchte gern etwas wissen«, erklärt Drust. »Sagt mir, warum Ihr uns folgt und uns eine Falle gestellt habt, ohne mich zu töten. Was habt Ihr davon?« »Ich nähre mich an menschlichem Kummer«, sagt Lord Loss gestelzt. »Ich folge Euch, weil ich weiß, welch elendes Schicksal Euch bevorsteht. Euer Leid verschafft mir Genuss.« »Nein«, sagt Drust. »In diesem Land herrscht wahrlich kein Mangel an Leid. Ich glaube nicht, dass Ihr uns zufällig aus Tausenden gequälten Seelen ausgewählt habt.« Lord Loss zuckt die Schultern und lächelt. »Aus welchem anderen Grund denn sonst?« »Ihr habt Euch an diesem Mädchen zu schaffen gemacht«, entgegnet Drust, und ich weiche dem fragenden Blick der anderen aus. »Ihr habt Eure Magie in sie einströmen lassen. Warum?« »Ich mag sie eben«, sagt der Dämon glucksend. »Ich wollte ihr nur helfen.« »Antwortet mir aufrichtig«, fordert Drust ungehalten. »Sonst verbanne ich Euch.« »Das halte ich für unwahrscheinlich«, schnurrt der Dämonenmeister und deutet dann mit einem Arm auf Goll. Unversehens und mit einem überraschten Ausruf kehrt uns der alte Krieger den Rücken zu und jagt davon. Für eine Schrecksekunde glaube ich, Lord Loss wolle ihn über die Klippen stürzen lassen, begreife aber bald, dass er weitaus schlauere Absichten hegt. Er lässt Goll in Richtung des ungeschützten Festlands laufen, wo der Hund bereits vor Entzücken kläfft und nur darauf wartet, ihn in Stücke zu reißen. »Goll!«, schreie ich und versuche vergebens, ihn mit Magie aufzuhalten. »Befreit mich«, sagt Lord Loss. »Auf der Stelle. Sonst stirbt dieser Mensch von der Hand meiner ewig treuen, ewig bösen Vene.« »Nein«, gibt Drust zurück. »Es wird Euch nichts anderes übrig bleiben«, grollt der Dämonenmeister. »Sonst steht den anderen das gleiche Schicksal bevor.« »Nein«, wiederholt Drust. »Nun gut«, höhnt Lord Loss. »Vene! Pack ihn!« Unter Kläffen und Jaulen springt der Dämonenhund aufgeregt hin und her und bleckt die Reißzähne. Goll hat das Festland beinahe erreicht. Nur noch wenige Sekunden und... Plötzlich hat Bran den alten Krieger überholt und steht direkt neben Vene. Er klopft sich einladend auf die Knie und pfeift den bösartigen Dämon wie einen zahmen Hund heran. Mit einem Satz schnellt Vene auf den Jungen zu, und wir keuchen entsetzt auf. Doch dann beobachten wir mit aufgesperrten Mündern, wie die Dämonenhündin Bran übers Gesicht leckt und sich sogar zutraulich auf den Rücken rollt, als wolle sie gekrault werden. »Vene!«, blafft Lord Loss. »Hör auf damit! Töte ihn!« Statt zu gehorchen, jault Vene vor Vergnügen, als Bran sie am Kinn krault. Kichernd spielt er mit ihr, als sei sie eine ganz normale Hündin, macht sanft gurrende Geräusche und murmelt dabei vor sich hin. Lord Loss reißt vor Überraschung die Augen auf, und uns ergeht es ebenso. Plötzlich bricht Fiachna in lautes Lachen aus, und wir stimmen ein, deuten auf den Jungen und die Hündin, während Goll neben den beiden steht. Wir biegen uns vor Lachen, wischen uns die Tränen aus den Augen, und sogar der ernste Drust kann ein Lächeln nicht unterdrücken. Der Dämonenmeister dagegen reagiert ausgesprochen humorlos. Wütend blickt er zuerst auf die Hündin und dann auf uns. Schließlich heftet er die Augen auf Drust und faucht: »Was ist das für ein Junge?« »Ich weiß es nicht genau«, antwortet Drust kichernd. »Ich wusste zwar, dass er über besondere Magie verfügt, aber bisher habe ich seine Fähigkeiten offenbar völlig verkannt. Vielleicht ist dies nur eines seiner geringeren Talente. Wer kann schon wissen, wozu er noch imstande ist?« Drusts Lächeln ist nun wie weggewischt. »Vielleicht kann er sogar einen Dämonenmeister töten?« Lord Loss erbebt, sei es aus Furcht oder Empörung. »Ihr habt mich gedemütigt«, zischt er. »So ist es«, stimmt der Druide aufgeräumt zu. »Dafür werdet Ihr bezahlen.« Mit sieben Armen zugleich deutet Lord Loss auf uns. »Ich belege euch mit einem Fluch, der euch alle zerstören wird. Ob ihr eure Mission erfolgreich zu Ende bringt oder nicht, für den Rest eures erbärmlichen kurzen Lebens werdet ihr keine frohe Stunde mehr erleben.« »Euer Fluch schreckt uns nicht«, schnaubt Drust. »Und jetzt verschwindet – in nächster Zeit will ich Eure Visage nicht mehr sehen.« Drust wedelt mit seiner Rechten, und Lord Loss fliegt davon, als hätte ihn eine kräftige Bö weggepustet. Er schießt rückwärts über den Felsvorsprung, schnappt im Vorbeifliegen nach seinem Hund und reißt ihn an der Schnauze aus Brans Arm. Vene heult erstickt auf, und der Junge streckt die Hand aus und winkt ihr hinterher. Kurz darauf hat die Dunkelheit das Gespann verschluckt. Unsere Begeisterung, dem Dämonenmeister eins ausgewischt zu haben, hält noch lange an. Doch allmählich schleicht sich leise Beklommenheit in unser Gelächter. Mit dem Fluch eines Dämons ist nicht zu spaßen. So froh wir im Augenblick auch sein mögen, bin ich mir dennoch sicher, dass insgeheim jeder von uns über diesen Fluch grübelt und sich fragt, welchen Preis wir eines Tages für unseren kurzen Triumph zahlen müssen. Die Alten Geschöpfe Drust spielt unentwegt Schach, während wir um das Feuer hocken. Nach überstandener Gefahr reden die anderen über das Gespräch zwischen dem Druiden und Lord Loss. Ich spüre, wie sie mich argwöhnisch betrachten. Schließlich stellt Fiachna die Frage, die allen auf der Zunge liegt: »Was wollte Drust damit sagen, dass sich Lord Loss an dir zu schaffen gemacht hat?« Ich seufze niedergeschlagen. »Meine Magie hat außergewöhnlich schnell zugenommen. Ich bin mit einem Mal von der ahnungslosen Schülerin zu einem beinahe ebenso mächtigen Magier geworden wie Drust. Das liegt an Lord Loss. Er hat mir etwas von seiner Macht verliehen. Deswegen kann ich auf einmal Dinge vollbringen, die meine begrenzte Erfahrung weit übersteigen.« »Warum sollte er das tun?«, fragt Goll ungehalten. »Das wissen wir nicht«, erwidere ich ehrlich. »Jedenfalls bestimmt nicht, um uns zu helfen. Wir können uns aber einfach nicht erklären, wieso meine plötzlichen Kräfte ein Nachteil für uns sein sollten, es sei denn...« Ich schlucke und spreche schweren Herzens aus, was ich denke, seit Drust mir die Wahrheit offenbart hat. »Es sei denn, es gibt noch einen verborgenen Zauber, von dem wir nichts wissen. Wenn ich mächtig genug bin, kommen vielleicht zerstörerische Kräfte in mir zum Ausbruch und vernichten alles.« »Unter uns steckt also ein Wolf im Schafspelz«, grollt Lorcan bitter, und der ätzende Hass in seinen Worten ist gewiss dem Verlust seines Bruders zuzuschreiben. »An diesem Ort sind wir machtlos, ein paar Meter weiter dagegen kann uns keiner daran hindern, ihr die Kehle aufzuschlitzen...« »Still«, befiehlt Goll. »Aber...« »Still!«, wiederholt Goll zornig. Er lächelt mich an. »Das glaube ich nicht, Bec. Ich kenne dich von Kindesbeinen an. Du würdest keiner Fliege etwas zuleide tun, ob mit oder ohne Absicht. Der Dämonenmeister irrt, wenn er glaubt, dass er dich für seine Zwecke missbrauchen kann.« Tränen steigen mir in die Augen. Es ist lange her, dass ich geweint habe, das ist den Schwachen vorbehalten, aber Golls freundliche Worte haben den Damm gebrochen, und meine Wangen sind nass und salzig. »Goll hat recht«, meldet sich Fiachna zu Wort und wischt mir mit dem Daumen die Tränen ab. »Von dir haben wir nichts zu befürchten, Bec.« »Natürlich nicht«, stimmt Connla ihm zu und überrascht alle, als er mich kurz an sich drückt. Er wirft Lorcan einen strafenden Blick zu. »Wenn ihr alle so darüber denkt, will ich nicht streiten. Trotzdem werde ich ein Auge auf sie haben, insbesondere bei Vollmond, immerhin wäre es gut möglich, dass sie sich in eine wilde Bestie verwandelt, falls ihr das bereits vergessen habt. Sobald ich glaube, dass sie gefährlich werden könnte...« »... sagst du uns Bescheid, und wir reden in aller Ruhe darüber«, beendet Connla den Satz mit strenger Miene und im befehlsgewohnten Ton eines Königs. »Verstanden?« Lorcan bleckt die Zähne, nickt jedoch unwirsch und wendet sich trotzig ab. Ich kann ihm die ungewohnten Hasstiraden nicht verübeln. Es ist schrecklich, jemanden zu verlieren, den man liebt, selbst für einen Krieger, der nicht zulassen darf, dass ihn der Kummer überwältigt. Kurz darauf schlüpft Bran zu mir, blickt verwundert auf meine feuchten Wangen, fährt mit dem Finger darüber und steckt ihn sich nachdenklich in den Mund. »Steinig!«, verkündet er rätselhaft, bettet den Kopf an meine Schulter, schließt lächelnd die Augen und schlummert ein. Einige Stunden später hat Drust eine weitere Partie beendet. Er packt Figuren und Schachbrett ein, stellt die Tasche ab und erhebt sich. »Bec«, zitiert er mich heran. Vorsichtig löse ich Brans Kopf von meiner Schulter und folge der Aufforderung. »Es ist an der Zeit«, verkündet Drust und sieht mich feierlich an. »Wofür?«, frage ich erstaunt. »Ich habe die Gezeiten abgewartet«, lautet seine undurchsichtige Antwort. »Jetzt ist der richtige Wasserstand erreicht, aber viel Zeit haben wir nicht. Wir müssen uns sputen.« »Ich verstehe nicht. Was...?« Ich stocke. Statt zu antworten, legt Drust seine Kleider ab. Ich habe schon viele nackte Männer gesehen – Krieger, die nach alter Art mit entblößtem Körper kämpfen –, doch der Druide wirkt völlig anders. Seine Nacktheit hat etwas Beunruhigendes, als sähe ich etwas von ihm, das ich nicht sehen sollte. Mit einem Mal schreckt Goll auf, grunzt überrascht und springt auf die Füße. »Was tut Ihr...« »Ihr bleibt hier«, erwidert Drust mit blitzenden Augen. »Bec und ich müssen euch für eine Weile verlassen. Wir kommen bald zurück.« »Wohin geht ihr?«, fragt Fiachna misstrauisch, erhebt sich ebenfalls und stellt sich, genau wie Lorcan, neben Goll. Connla bleibt auf dem Rücken liegen und beobachtet uns mit mäßigem Interesse. Bran schlummert tief und fest. Drust nickt zum Klippenrand hinüber. »Unter unseren Füßen liegt das Reich der Alten Geschöpfe. Sie sind wahrscheinlich die einzigen Wesen der Alten Magie, die noch unter uns sind. Sie allein können uns sagen, wo sich der Tunnel zwischen unserer Welt und dem Reich der Dämonata befindet. Haltet euch zurück und schweigt. Vor uns liegt eine schwierige Aufgabe. Wir müssen uns konzentrieren.« Drust sieht mich an. »Zieh deine Kleider aus«, ordnet er an, und obwohl mir nichts Gutes schwant, gehorche ich. »Wir gehen zum Klippenrand und springen hinunter. Vorher sprechen wir noch zwei Zauber, damit wir einige Minuten lang den Atem anhalten können und außerdem warm bleiben. Das Wasser ist nämlich außerordentlich kalt.« »Aber... die Tiefe... ich kann nicht schwimmen... die Felsen...«, stammele ich. »Du brauchst dich nicht zu fürchten«, versichert Drust und nimmt meine rechte Hand. »Ich bin bei dir und führe dich. Solange du die Zauberformeln richtig sprichst und nicht in Panik gerätst, kann dir nichts passieren.« »Wie kommen wir denn zurück?« »Wir werden klettern«, sagt er und lacht über meine entgeisterte Miene. »Das ist gar nicht so schwer. Vertrau mir. Tot nützt du mir nichts, ich passe schon auf dich auf.« »Immerhin habt Ihr mich heute Abend den Dämonen zum Fraß vorgeworfen«, murmele ich. »Richtig«, stimmt er zu. »Aber ich wollte mein Leben nicht aufs Spiel setzen. Besser einer von uns beiden überlebt als keiner. Trotzdem brauche ich dich, Bec. Wärst du gestorben, hätte ich mir einen anderen Lehrling suchen müssen.« »Warum?«, frage ich. »Warum bin ich so wichtig für Euch?« »Das wirst du bald erfahren«, verspricht Drust und wendet sich dem Klippenrand zu. »Wirst du mir helfen? Ich gebe dir mein Wort, dass die Zukunft dieses Landes davon abhängt.« Ich will nicht. Aber zum Umkehren ist es zu spät, wir haben schon zu viel aufs Spiel gesetzt und einen hohen Blutzoll gezahlt. Wortlos gehe ich neben Drust auf die Klippen zu. Wir murmeln die Erwärmungszauber und atmen langsam und tief durch. Die anderen – mit Ausnahme von Bran – beobachten uns zweifelnd. Wir haben nun den Klippenrand erreicht. Tief unten türmt sich die Brandung, die Wellen werfen sich gegen die Felsen und zerbersten am Fuße der Klippen. So muss der Eingang zur Anderwelt aussehen, nur ein Narr würde auf die tosende See blicken, ohne Furcht zu verspüren. Und nur jemand, der normale, gewöhnliche Dummheit bereits weit hinter sich gelassen hat, würde auch nur einen Augenblick lang daran denken, sich in diesen röhrenden, unheilvollen Abgrund zu stürzen. Schnell sehe ich zu Drust auf und bin bereits im Begriff, den Atemzauber aufzuheben und ihm zu sagen, dass ich meine Meinung geändert habe, dass es Wahnsinn sei, was er von mir verlangt, und dass ich ihm nicht gehorchen würde. Doch ehe ich dazu komme, ist der Druide bereits abgesprungen, die Finger fest um meine geschlossen. Er reißt mich mit sich. Ich stürze. Das Land verschwindet. Ich tauche ein in die Finsternis... in mächtiges Brüllen... in Entsetzen und den sicheren Tod. Der Sturz dauert nicht so lange, wie ich dachte, höchstens ein paar Sekunden. Dann folgt der jähe Aufprall. Wir tauchen tief ins Wasser ein. Meine Zähne wackeln so heftig, dass ich schon fürchte, sie könnten sich lockern und sich mir bis ins Gehirn bohren. Sogar mit dem Erwärmungszauber ist das Wasser eisig kalt. Hier unten ist es viel dunkler als in der nächtlichen Welt. Wir gleiten zunehmend langsamer in die Tiefe, die Wassermassen schließen sich fest um mich, und ich spüre den Sog der Wellen. Vor meinem geistigen Auge tauchen Bilder auf, wie ich gegen die Felsen geschleudert werde. Panisch trete ich abwehrend in Richtung der Felsen – sie müssen ganz nah sein – und will aufsteigen, um zu schreien. Drusts Finger zerquetschen mir beinahe die Hand, und der unerwartet heftige Schmerz lenkt mich von Kälte und Finsternis ab. Als ich versuche, ihm die Hand zu entreißen, drückt er noch fester zu. Plötzlich flackert ein Licht auf, und sein Gesicht ist dicht vor meinem. Seine zornigen Augen befehlen mir, die Gegenwehr aufzugeben und mich zu fügen. Als ich gehorche, lockert er seinen Griff. In seiner Hand schimmert es auf, und eine Flamme verbreitet dumpfes Licht. Diesen Zauber kenne ich nicht, ich frage mich, ob ich das auch schaffen könnte. Währenddessen blickt Drust sich prüfend um und bewegt sich dabei stetig voran, wobei er nur mit den Beinen paddelt und den Arm suchend von links nach rechts gleiten lässt. Ein Fischschwarm zieht an uns vorbei, entweder sehen die Tiere uns nicht oder unsere Gegenwart hat nichts Beunruhigendes für sie. Ich sehe ihnen verwundert hinterher und denke einen Augenblick darüber nach, welche sonderbaren Veränderungen in meinem Leben eingetreten sind und wie viel Wunderbares ich seither erleben durfte. Man neigt dazu, rasch alles für selbstverständlich zu nehmen, aber dies hier hat noch kein Mensch je gesehen. Die Welt der Magie steckt voller Wunder, da ist es nur recht und billig, ab und zu innezuhalten und sie zu würdigen. Die Felswand lenkt mich ab. Der zerklüftete, mächtige Steinblock ist mit Muschelbänken überwuchert und von Seegras umwogt. Drust hält direkt darauf zu, und wir kommen zügig voran. Als er in die Tiefe steuert, sieht es aus, als würden wir im nächsten Augenblick gegen die Felsen geschleudert und zerschmettert, doch im letzten Moment erspähe ich eine Öffnung – die Mündung eines Tunnels. Die Wellen spülen uns hinein, und ich weiß nicht recht, ob wir dies allein mit magischen Kräften bewirken oder ob uns die Strömung zu Hilfe kommt. Unbehindert gleiten wir in den Tunnel, die Wände und Drusts Zauber schützen uns vor dem Wasser. Das Licht in der Hand des Druiden erlischt. Tiefe Finsternis umhüllt uns. Eine Zeit lang vernehme ich nur das Rauschen und Gurgeln der Wellen, aber es jagt mir keine Angst ein, sondern wirkt sonderbar beruhigend. Es erinnert mich an meine Geburt, als ich durch den Tunnel im Schoß meiner Mutter in diese Welt getreten bin. Vor uns schimmert es schwach. Sekunden später drückt uns die Strömung in ein Becken mit lauwarmem Wasser. Wir treiben bis an die Oberfläche, wo mich Drust an Land schiebt und hinter mir herauskrabbelt. Er berührt meine Lippen und nickt. Ich hebe den Atemzauber auf und hole tief Luft, schlotternd vor Kälte. Drust reicht mir die Hand und hilft mir auf die Füße. Dann berührt er mich an den Schultern, und sofort flammt Hitze in mir auf, die mich rasch trocknet. Der Druide lässt mich los und sieht auf. Als ich seinem Blick folge, schnappe ich nach Luft. Wir befinden uns inmitten einer riesigen Höhle. Sie ist so hoch, dass ich nicht einmal die Decke erkennen kann. Überall ragen mächtige Steinsäulen empor, zwanzig, dreißig oder mehr. Und auf jeder Säule ist – etwas. Mir fällt kein anderes Wort ein, um den Anblick zu beschreiben. Bunte, sich langsam bewegende, schier endlos hohe Lichter, deren Farben sich mit dem Wechsel der Formen verändern. Ihr dumpfes Licht erhellt die riesige Höhle. Aus diesen Formen strömt eine mächtige, mir gänzlich unbekannte Magie. Nein, das stimmt nicht. Ich habe diese Magie bereits mehrmals gespürt, im Ring der Steine, der die Dämonen bannte, und vor einigen Stunden, als Lorcans Axtblatt wie Blei geschmolzen ist. »Was ist das?«, hauche ich. »Die Alten Geschöpfe«, flüstert Drust zurück. Auf seinem Gesicht liegt ein seltsames Lächeln, als er mit strahlenden Kinderaugen die Lichter wie ein neues Spielzeug mustert. »Die Zauberer der Vorzeit. Die Schöpfer der Erde, des Lebens, vielleicht sogar der Götter. Manche sagen, sie kämen von den Sternen, andere behaupten gar, sie seien Gestirne, jedenfalls deren weltliche Form.« Drust geht einige Schritte voran, umrundet langsam alle Säulen und betrachtet die leuchtenden Gestalten ausführlich. Auf den meisten Pfeilern sind alte Zeichen eingeritzt, die allerdings keine Ähnlichkeit mit den Einkerbungen der Ogham-Steine aufweisen. Diese hier sehen aus wie lange, komplizierte Schriftzeichen. Wenn sie Worte darstellen, müssen sie einer Sprache entstammen, die weit schwieriger ist als die unsere. »Niemand weiß, wie zahlreich diese Geschöpfe einst waren«, sagt Drust im Gehen. »Vielleicht gab es Tausende. Sie beherrschten diese Welt, die für sie wie ein Laufstall, eine Zuchtweide oder ein Experiment gewesen sein mag. Wir können darüber nur Vermutungen anstellen. Die meisten zogen weiter, nahmen ihre Magie mit sich und kehrten zu den Sternen oder in andere Gefilde zurück. Vielleicht sind sie auch gestorben, wir wissen es nicht. Die Alten Geschöpfe standen in Verbindung zu unseren Vorfahren, doch seit einigen Generationen sind sie verstummt. Viele Druiden trauerten ihren einstigen Meistern nach und baten sie, uns dabei zu helfen, die Welt vor der Dämonata zu schützen, und uns an den Wundern und der Magie der Sterne teilhaben zu lassen. Aber selbst die Alten Geschöpfe sind den Gesetzen des Universums unterworfen, und diese besagen, dass es für alles eine Zeit gibt. Nichts bleibt unverändert.« Er hält vor einer der Gestalten inne und starrt hinauf. Schließlich streckt er die Hand aus, zieht jedoch rasch die zuckenden Finger zurück. »Man hat mir gesagt, dass alles Leben erlischt und alle Länder untergehen, dass sie zu Staub zerfallen und von entfesselten Stürmen verweht werden, sobald die Alten Geschöpfe diese Welt verlassen. Ich glaube nicht daran. Ich denke, wenn sie diese Welt und alles Leben – insbesondere uns Menschen – erschaffen haben, dann taten sie es aus Liebe. Wer weiß, vielleicht haben sie noch andere Wesen erschaffen oder erschaffen zukünftige neue Welten, die sich wie Perlen an einer Schnur durch das Universum reihen. Sie sind unsere Schöpfer, haben uns in der Kindheit beigestanden und sind dann weitergezogen. Aber womöglich kehren sie eines Tages zurück, um nach dem Rechten zu sehen, nachdem sie uns lange genug freie Hand gelassen haben. Vielleicht sind unsere Nachfahren dann wie sie – Mütter und Väter der Welt und allen Lebens...« Er verstummt. Seine Worte sind sonderbar und schwer zu verstehen. Noch nie zuvor habe ich jemanden über diese Dinge reden hören. Mir schwirrt der Kopf, als ich versuche, mir die Welt so vorzustellen, wie Drust sie beschrieben hat, voller Wesen, die größer als Götter sind. Plötzlich spricht eine der Gestalten – oder alle zugleich. »Warum Seid Ihr Gekommen?« In der Stimme scheinen sich alle Stimmen der Welt zu vereinen, die Worte sind poetisch und schlicht, laut und leise, sie ertönen in meinem Kopf und aus allem, was mich umgibt. Sie klingen warm und tröstlich, nicht hinterlistig oder drohend. Lediglich matte Neugierde schwingt darin mit. »Wir suchen nach Antworten«, erwidert Drust und neigt ehrerbietig den Kopf. »Ich weiß, es ist kühn, Eure Ruhe zu stören und Euren Wunsch nach Frieden zu missachten, aber...« »Dies Sind Unruhige Zeiten«, vollendet die Stimme den Satz. Eine kurze Stille tritt ein. »Die Dämonata Sind In Die Menschenwelt Eingedrungen. Wir Wussten Es Nicht. Doch Es War Auch Nicht Unerwartet. Sie Waren Und Werden Immer Eine Bedrohung Sein. Der Kampf Zwischen Dämonen Und Menschen Wird Wieder Und Wieder Aufflammen, Bis Sie Euch Besiegen.« »Oder bis wir sie besiegen?«, fragt Drust hoffnungsvoll. »Nein«, tönt es zurück. »Die Dämonata Sind Kreaturen Reiner Magie. Ihre Macht Ist Größer Als Die Der Menschen. Kein Höheres Wesen Kann Daran Etwas Ändern. Einst Haben Wir Die Menschen Vor Den Übergriffen Der Dämonen Beschützt. Doch Unsere Zeit Hier Ist Zu Ende. Wir Können Nicht Bleiben Und Die Dämonenhorden Abwehren.« »Aber Ihr könnt uns doch dabei helfen, die jetzigen Angreifer aufzuhalten«, ächzt Drust. Die Verzweiflung in seiner Stimme ist nicht zu überhören. Als er aufsieht, sind seine Augen rot unterlaufen. Plötzlich begreife ich, dass er weint. »Zeigt mir, wo der Eingang des Tunnels liegt, und sagt mir, wie man ihn schließt.« Abermals herrscht Stille. Dann erklärt die Stimme: »Unsere Zeit Ist Binnen Kurzem Abgelaufen, Doch Solange Wir Noch Hier Verweilen, Helfen Wir Euch, Wie Wir Es Stets Getan Haben.« Eine der Gestalten krümmt sich und schillert nacheinander in Grün, Braun, Grau und Blau, bis sich schließlich die stark verkleinerten Umrisse eines Landes abzeichnen. Obwohl ich solch ein Bild noch nie gesehen habe, weiß ich sofort, was es ist. »Eine Landkarte«, murmele ich. »Richtig«, sagt Drust und studiert das Bild eifrig, indem er darin auf eine mir unbekannte Weise liest. Rechts befindet sich ein leuchtender Punkt, etwa so groß wie der Nagel meines kleinen Fingers. »Dort liegt der Tunneleingang?«, fragt Drust. »So Ist Es.« »Das ist nicht allzu weit entfernt.« Der Druide wirkt aufgeregt. »Wenn wir uns beeilen, könnten wir in acht oder neun Tagen Fußmarsch dort sein.« »Wohl Wahr.« Die Karte verschwindet, und die leuchtende Gestalt nimmt wieder ihre ursprüngliche, ständig wechselnde Form an. »Doch So viel Zeit Habt Ihr Nicht.« Drust runzelt die Stirn. »Was wollt Ihr damit sagen?« »Die Dämonata Sammelt Sich«, erklärt die Stimme. »Wir Spüren Es Jetzt, Da Wir Sie Ins Auge Gefasst Haben. Wir Spüren Ihr Ziehen Und Zerren Am Gewebe Des Universums. In Zwei Tagen Und Nächten Überschreitet Der Erste Dämonenmeister Die Grenze Zu Dieser Welt.« Drusts Gesicht nimmt eine kränkliche, fahle Farbe an. »Nein! Das darf nicht sein! Wir sind unserem Ziel so nah! Wir müssen sie aufhalten! Ihr müsst uns helfen!« »Das Ist Unmöglich«, sagt die Stimme. »Wir Sind Hier Eingeschlossen, Und Unsere Kräfte Schwinden. Wir Können Nichts Für Euch Tun.« »Aber...« Drust sinkt auf die Knie. »Sind wir etwa dem Untergang geweiht? Gibt es denn gar keine Hoffnung mehr?« »Es Gibt Immer Hoffnung«, antwortet es. »Ihr Habt Zwei Tage Und Zwei Nächte.« »Aber so schnell kommen wir nicht voran, nicht einmal mit Magie«, klagt Drust. »Ihr Müsst Einen Weg Finden«, sagt die Stimme. »Oder Zugrunde Gehen.« Der Druide nickt bitter und ringt um Fassung. Als er das Wort erneut an die Alten Geschöpfe richtet, hat er sich wieder um Griff. »Falls wir rechtzeitig dort sind, können wir dann den Tunnel schließen?« »Ihr Könnt Es«, erwidert es. »Doch Diese Antwort Kanntest Du Bereits.« Drust wirft mir einen Seitenblick zu und leckt sich die Lippen. »Ja«, krächzt er. »Ich hatte gehofft... ich dachte, es gäbe vielleicht noch andere Möglichkeiten.« »Nein«, tönt es entschieden zurück. »Nur Diese Eine.« »So sei es denn«, sagt Drust, dessen Miene noch unbewegter ist als sonst. »Wird sie leiden? Ein Dämonenmeister hat sie verzaubert. Könnte ihr das schaden?« »Nein«, lautet die Antwort. »Im Gegenteil. Ohne Seinen Zauber Wäre Sie Für Diese Aufgabe Nicht Geeignet.« Drust sieht verwirrt aus. »Wisst Ihr, warum...«, setzt er an, doch ich kann mich einfach nicht länger im Zaum halten und falle ihm ins Wort. »Verzeiht«, sage ich mit bebender Stimme. »Wie können wir den Tunnel schließen? Worin besteht meine Aufgabe?« »Wirst du wohl still sein!«, herrscht mein Lehrer mich an. »Du hast kein Recht, hier zu sprechen! Dieser Ort ist...« »Friede«, unterbricht unser Gegenüber ihn freundlich, aber bestimmt. »Alle, Die Zu Uns Kommen, Haben Das Recht Zu Sprechen. Das Mädchen Hat Eine Frage Gestellt. Sie Wird Eine Antwort Erhalten.« »Aber ich habe sie nur hergebracht, um mich von ihrer Reinheit zu überzeugen!«, ruft Drust. »Sie hat kein...« Der Boden erbebt, und einer weiteren Warnung bedarf es nicht. Der Druide schließt den Mund und lässt den Kopf hängen. »Ein Menschlicher Zauberer Erschuf Den Tunnel Zwischen Eurer Welt Und Dem Reich Der Dämonata«, erklärt die Stimme. »Er Muss Ausgelöscht Werden, Damit Sich Der Tunnel Schließt. Für Diesen Zauber Ist Ein Opfer Unumgänglich.« »Ein Menschenopfer?«, rate ich. »Nicht Allein. Der Tod Eines Menschen Könnte Den Tunnel Nicht Schließen. Damit Der Zauber In Kraft Tritt, Muss Ein Magier Sterben.« Die Stimme verklingt. Drusts Miene ist wehmütig und entschlossen zugleich. »Ein Druide Muss Sterben«, tönt es abschließend. »Oder Eine Priesterin.« Die Zähmung Die Alten Geschöpfe sind verstummt, und ich spüre, dass ihr Schweigen endgültig ist. Drust spürt es ebenfalls. Er stellt keine weiteren Fragen und bereitet alles für unseren raschen Aufbruch vor. Nachdem wir den Atem- und den Erwärmungszauber gesprochen haben, nimmt er meine Hand – wobei er mir tunlichst nicht in die Augen sieht –, und wir tauchen gemeinsam in das Wasserbecken und kehren zur Mündung des Tunnels zurück. Da wir diesmal gegen die Strömung ankämpfen müssen, habe ich angenommen, der Rückweg würde weitaus länger dauern, doch es geht überraschend schnell. Wir schießen aus dem Tunnel heraus, steigen an die Oberfläche und verharren dort, während wir von Wellental zu Wellental auf und ab schaukeln. Ich hüte mich, den Atemzauber zu brechen, denn die Wassermassen schlagen mir immer noch über dem Kopf zusammen. Mit der freien Hand deutet Drust zu den Klippen hinüber, und im ersten Moment zweifele ich ernsthaft an seinem Verstand. Diese Steilklippen kann man unmöglich überwinden, geschweige denn sie überhaupt lebend erreichen. Trotzdem gehorche ich, als er uns in Richtung Festland führt und dem Sog der Wellen trotzt. Auch an der Wasseroberfläche bewegen wir uns mittels Magie vorwärts und gleiten wie Seevögel dahin. Wind und Wellen zerren gereizt an unseren Körpern, als wären sie darüber empört, dass wir den Kampf gegen die Elemente aufnehmen. Wir haben die Steilwand beinahe erreicht, noch eine Welle, und ich kann die Steine mit ausgestreckten Fingern berühren. Wir halten inne und lassen uns treiben, erneut steigen und fallen wir mit den Wogen, ohne uns dabei von der Stelle zu bewegen. Drust legt seine freie Hand auf meine und schiebt mich voran, bis ich den Felsen berühre. Anschließend wiederholt er die Prozedur, bis auch meine andere Hand am Gestein aufliegt. Als er mich im nächsten Augenblick komplett loslässt, stürmen Wind und Wellen auf mich ein und drohen mich wegzureißen. Ich kralle die Finger in die Steinwand, und mein Kreischen bricht den Atemzauber. Sofort legt Drust einen Arm um mich und brüllt mir ins Ohr: »Du sollst hinaufklettern! Los! Dreh dich nicht um!« »Dann stürze ich ab!«, schreie ich gellend. »Ich ertrinke!« »Wenn du nicht endlich hochkletterst, ertrinkst du ganz bestimmt!«, blafft er und bohrt mir das Kinn in den Nacken. Da mir keine andere Wahl bleibt, als entweder zu klettern und den Tod zu riskieren oder nicht zu klettern und mit Sicherheit zu sterben, schiebe ich meine Linke vorsichtig an der Wand hoch und taste nach einem Haltepunkt. Nachdem ich einen kleinen Vorsprung entdeckt habe, ruhe ich mich einen Augenblick aus und wende zum Schutz vor der Gischt mein Gesicht dem Felsen zu. Dann schiebe ich auch die andere Hand nach oben. Meine Füße folgen automatisch und suchen dabei nach einem Halt. Während ich mich hinauftaste, stützt mich Drust mit einer Hand. Als ich außer Reichweite geklettert bin, ruft er mir zu, dass ich anhalten solle, und macht sich ebenfalls an den Aufstieg. Danach ist die Reihe wieder an mir. So arbeiten wir uns Zug um Zug nach oben, bieten dem zornigen Heulen der See die Stirn und schrecken die Möwen aus dem Schlaf. Drust greift nur dann zur Magie, wenn ich abrutsche, und hält mich auf diese Weise in der Luft fest, bis ich wieder festen Halt habe. Einmal sehe ich nach unten und bereue es auf der Stelle. »Wir schaffen es nie«, schluchze ich, als ich spüre, wie meine Kräfte schwinden. Ich bin überzeugt, dass ich gleich zusammenbreche und mich nicht mehr mit Hilfe meiner Magie vorwärtsbewegen kann. »Und ob wir das schaffen«, erwidert Drust stur und zwickt mich, damit ich weiterklettere. Als ich nicht mehr glaube, dass dieser Alptraum je ein Ende nehmen könnte, erreichen wir endlich die Spitze der Klippe, und mehrere hilfsbereite Hände hieven uns über den Klippenrand aufs Gras und tragen uns zu unseren Kleidern. Fiachna muss mir beim Anziehen helfen – meine Finger sind völlig taub. Sie bestürmen uns mit Fragen: Wo wir waren, wie wir überlebt und was wir gesehen haben. Sie haben uns bereits für tot gehalten, und die Begeisterung, dass wir lebend vor ihnen stehen, lässt sie drauflosplappern wie kleine Kinder. Stumm, ohne eine einzige Frage zu beantworten, schlüpft Drust in seine Kleider. Ich bin ebenso wortkarg und zum Reden viel zu erschöpft. Als wir angezogen sind und die Kleider sich wunderbar warm an meine Haut schmiegen, teilt der Druide den anderen mit, dass er zuerst Zeit für ein Zwiegespräch mit mir benötigt. Er geht mit mir an der Klippe entlang zu einem Felsblock, der uns Schutz vor dem ärgsten Wind bietet. Wir machen es uns so bequem wie möglich, Drust facht ein magisches Feuer an, dessen Flammen hoch aufzüngeln. Mit weit aufgerissenen Augen starrt er in die Glut. Über seine Lippen kommt kein Wort. »Warum habt Ihr mir nichts gesagt?«, frage ich, als ich nicht mehr vor Kälte schlottere und endlich wieder sprechen kann. »Das war ausgeschlossen«, erwidert er. »Dann hättest du mich nie und nimmer begleitet.« »Wer weiß.« »Nein. Du hättest kein Vertrauen zu mir gehabt. Ebenso wenig wie die anderen.« »Wie lange wolltet Ihr das Geheimnis denn noch hüten?«, frage ich schneidend. »Bis wir den Tunnel erreicht haben? Und mir dann den Garaus machen, ehe ich die Frage stellen kann?« »Ja.« Er wirft mir einen arroganten und zugleich beschämten Seitenblick zu. »Deswegen war ich anfangs auch ein so strenger Lehrer. Natürlich wollte ich, dass deine magischen Kräfte so schnell wie möglich zunehmen, denn du warst bei weitem nicht mächtig genug. Aber ich wollte auch unnahbar wirken, ich wusste ja bereits, welches...« Schweigend starrt er wieder in die Flammen. »Seid Ihr allein zu Eurer Mission aufgebrochen oder in Gesellschaft eines anderen Zauberers?« Er nickt. »Ein Lehrling hat mich begleitet, jeder erwachsene Druide hätte sich strikt geweigert. Ich habe dir doch schon erzählt, dass sie die Christen hassen und nicht viel dagegen einzuwenden hätten, wenn die Dämonen an die Macht kämen. Es ist mir gelungen, einen Lehrling zu finden, der die Küste gut kennt und dessen Sippe immer noch hier lebt. Er war mit Freuden bereit, sein Leben einem höheren Zweck zu opfern, falls es nötig sein sollte.« »Falls?«, wiederhole ich mit vor Hohn triefender Stimme. »Habt Ihr ihm etwa vorgegaukelt, das sei nicht unbedingt nötig?« Drust läuft rot an. »Ich habe ihm gesagt, es gebe vielleicht noch eine andere Möglichkeit. Das war zumindest nicht gelogen. Bevor ich die Alten Geschöpfe befragt habe, habe ich stets gehofft...« Er verstummt aufs Neue. »Ist das denn wirklich der einzige Ausweg?«, murmele ich nach einer Weile. »Die Alten Geschöpfe behaupten es jedenfalls«, seufzt er. »Vielleicht täuschen sie sich?« Er schüttelt den Kopf. »Also müssen wir dorthin, und Ihr müsst mich töten«, stoße ich hervor. Drust hebt den Kopf so rasch, dass seine Nackenwirbel knacken. »Wie bitte?«, keucht er. »Wenn wir den Tunnel nur auf diese Weise schließen können, bleibt uns wohl nichts anderes übrig.« »Du meinst, du würdest mich...« Er stockt und kratzt sich am Kopf. »Warum? Jetzt, wo du Bescheid weißt, brauchst du nicht mehr mitzukommen. Es steht dir frei, nach Osten aufzubrechen und dich in Sicherheit zu bringen. Du könntest eine mächtige Priesterin werden, vielleicht sogar eine weibliche Druidin. Damit wärst du zwar die Erste, doch immerhin beherrschst du die männliche Magie. Du musst nicht bleiben – und sterben.« Ich gaffe ihn an, als hätte er plötzlich den Verstand verloren. »Aber dann bleibt der Tunnel geöffnet«, sage ich langsam. »Die Dämonenmeister werden in unsere Welt eindringen. Sie werden alle töten oder zu einem Sklavendasein als Untote verdammen. Das kann ich doch nicht zulassen.« »Nicht einmal, wenn es deinen eigenen Tod bedeutet?«, fragt Drust. »Natürlich nicht.« Ich blicke ihn verständnislos an. »Wie könnt Ihr mich das überhaupt fragen? Ihr müsst doch dasselbe empfinden! Oder wieso habt Ihr sonst die ganze Mühsal auf Euch genommen und Euer Leben aufs Spiel gesetzt?« Diese Frage ist Drust sichtlich unangenehm. »Ich habe andere Gründe als du. Dies sind nicht meine Leute, ihr Schicksal liegt mir nicht am Herzen. Außerdem hatte ich nie vor zu sterben. Trotz der Gefahr hatte ich stets die Hoffnung – und ich habe sie übrigens immer noch –, mit heiler Haut davonzukommen. Dir hingegen steht der sichere Tod bevor. Wie kannst du mich da weiterhin begleiten wollen?« »Wie könnte ich mich anders entscheiden?«, frage ich schlicht zurück. »Was gilt schon ein einzelnes Leben gegen Tausende anderer? Ich würde mit Freuden in den Tod gehen, wenn ich dadurch Menschen retten könnte, die mir nahestehen.« »Auch die Leben all jener, die du nicht kennst?« »Ja.« Drust lacht leise und düster auf. »Einer meiner Lehrer sagte immer, wir Druiden verstünden nichts von gewöhnlichen Menschen, wir seien zu lange von ihnen getrennt gewesen und könnten sie einfach nicht mehr begreifen. Ich war damals anderer Meinung, doch jetzt weiß ich, dass er klüger war als ich. Eure Denkweise und unsere unterscheiden sich voneinander wie Tag und Nacht. Ein Druide würde niemals sein Leben wegwerfen, um andere zu retten. Manche opfern sich, wenn sie sich davon größere Macht in der Anderwelt versprechen, aber ich kenne nicht einen Druiden, der so denkt wie du.« »Dann sind sie eben Dummköpfe«, entgegne ich. »Ein einzelner Mensch ist bedeutungslos. Nur der Clan zählt.« Drust schüttelt den Kopf. »Welch ein Unterschied«, murmelt er, doch sein Blick ist voller Respekt. »Nun gut, Bec. Damit geht unsere Mission weiter, auch wenn ich nicht mehr auf einen glücklichen Ausgang hoffe und fürchte, dass wir zu spät kommen werden. Sollten wir es trotzdem schaffen, weißt du, was dir bevorsteht?« »Ja.« »Du unterwirfst dich meiner Führung, folgst meinen Befehlen und lässt zu, dass ich dich im Notfall töte?« Nach kurzer Pause erwidere ich mit leiser, fester Stimme: »Ja.« »Du bist eine wahre Heldin.« Er lächelt matt. »Jetzt leg dich schlafen, kleines Mädchen. Morgen müssen wir in aller Frühe aufbrechen, heute Abend sind wir nicht mehr in der Verfassung für einen langen Marsch. Wir werden uns so rasch wie möglich nach Osten vorarbeiten.« »Kann ich bei den anderen schlafen?«, frage ich. »Bist du meiner Gesellschaft etwa überdrüssig?« Er kommt meiner Antwort mit einem Grunzen zuvor. »Natürlich, es sind deine Leute. Du kannst so viel Zeit mit ihnen verbringen, wie du möchtest.« »Danke.« Ich stehe auf, gehe um den Felsen herum und senke den Kopf zum Schutz vor der kräftigen Bö. Unversehens vernehme ich ein Geräusch, das sich wie Hufgetrappel anhört, doch als ich suchend durch Wind und Regen spähe, kann ich nichts erkennen. Auf dem Weg zu den anderen zerbreche ich mir darüber nicht weiter den Kopf – hier kann uns schließlich nichts geschehen –, trotzdem gerate ich ins Grübeln. Wahrscheinlich hat mir meine Phantasie einen Streich gespielt, und es war bloß ein Kaninchen oder ein Fuchs. Andererseits hätte es auch ein Mensch sein können, und zwar einer, der besonders schnell rennen kann. Zurück bei den anderen, frage ich Bran, ob er das Gespräch zwischen Drust und mir belauscht hat, doch er lächelt so närrisch wie eh und je und brabbelt sein übliches Kauderwelsch. Ich habe ein ungutes Gefühl, als ich mich neben ihm zum Schlafen ausstrecke, aber dann kuschelt sich der Junge an mich und flüstert leise »Blume«, während er die Arme um mich legt. Im Nu ist mein Argwohn verflogen, und ich muss über mich selbst lachen. Das war bestimmt nicht Bran, sondern ein wildes Tier. Und selbst wenn er es gewesen ist, was ist schon dabei? Von diesem Jungen habe ich nichts zu befürchten. Welchen Schaden könnte dieser arme, unschuldige kleine Einfaltspinsel schon anrichten? Früh am Morgen scheucht uns der Druide auf. Er verkündet, man habe ihm offenbart, wo der Eingang des Tunnels liege, erwähnt allerdings mit keinem Wort, dass ich geopfert werden muss, damit das Loch sich schließt. Anschließend umreißt er kurz unser größtes Problem. »Der Tunnel liegt östlich von eurem Dorf«, sagt er. »Daher haben wir einen Marsch von mindestens einer Woche vor uns. Uns bleiben jedoch nur noch zwei Tage und Nächte, ehe der Dämonenmeister den Tunnel durchbricht und das Unglück seinen Lauf nimmt.« »Also haben wir verspielt«, stellt Goll leise fest. »Wir sind zu spät.« »Wahrscheinlich«, stimmt Drust ihm zu. »Trotzdem sollten wir nichts unversucht lassen. Wir marschieren so schnell wie möglich voran. Zwischendurch rennen wir oder fahren mit Booten und Flößen, wann immer sich die Gelegenheit bietet. Außerdem beten wir zu den Göttern, dass auch die Dämonen einige unerwartete Hindernisse überwinden müssen.« »Wie wäre es mit Magie?«, fragt Fiachna. »Könnten wir damit nicht etwas schneller vorankommen?« Er hat eine schlimme Nacht hinter sich. Das Dämonengift hat sich weiter ausgebreitet, und inzwischen hat sein ganzer Oberkörper eine beunruhigend dunkelrote Farbe angenommen. Er leidet unter Schüttelfrost und schwitzt entsetzlich. Ich habe erfolglos versucht, ihn zu heilen, und als ich Drust um Hilfe bat, sagte der Druide schlicht, mit derartigen Verletzungen kenne er sich nicht aus. »Manche Zaubersprüche beschleunigen unser Lauftempo«, sagt Drust, »sie sind jedoch ungeheuer anstrengend und fordern unsere Körper zu derartigen Höchstleistungen heraus, dass wir Gefahr laufen, binnen kurzem tot zusammenzubrechen. Falls es sich nur um einen Marsch von einem oder zwei Tagen handelte, wäre ich bereit, das Risiko einzugehen. In unserem Fall ist die Entfernung jedoch zu groß. Sobald wir unserem Ziel näher sind, können wir mehr aufs Spiel setzen, aber jetzt ist es dafür noch zu früh.« »Und wenn Ihr nur einige von uns verzaubert?«, fragt Lorcan. »Wir könnten dann die anderen tragen.« Drust blinzelt überrascht. »Wie Pferde?«, fragt er. »Warum nicht?«, gibt Lorcan schulterzuckend zurück. »Wenn die Dämonen die Grenze überwinden, sterben wir sowieso. Bec und Bran sind noch zu klein, und Fiachna ist angeschlagen, aber wir anderen...« »Ich bestimmt nicht!«, ruft Connla aus. »Ich hetze mich nicht für den verdammten Druiden zu Tode.« »Dann möchtest du also lieber von der Hand der Dämonen sterben?«, fragt Goll kühl. »Ich werde nicht...«, setzt Connla an, bricht jedoch ab und knurrt. »Ich meine, ich hätte nichts dagegen, meine Kräfte mit den Dämonen zu messen. Jedenfalls vertraue ich ihnen mehr als diesem Kerl hier. Bei Dämonen weiß man wenigstens, woran man ist.« »Du bist ein Esel«, sagt Goll geradeheraus und wendet sich dann Drust zu. »Auch ohne unseren jungen Königssohn könnten Lorcan und ich dich und Bec tragen. Bran kann ohnehin mühelos Schritt halten. Das bedeutet zwar, dass wir Fiachna zurücklassen müssen, aber er macht es wahrscheinlich sowieso nicht mehr lange.« Er grinst den Schmied betreten an. »Entschuldige, dass ich nicht lange um den heißen Brei herumrede.« »Mach dir deswegen bloß keine Sorgen«, keucht Fiachna und grinst zurück. »Vielleicht möchte Lorcan mich gar nicht tragen«, sage ich leise, als mir sein gestriger Wutausbruch einfällt. Der junge Krieger grummelt vor sich hin, verkündet dann aber mit lauter Stimme und gesenktem Blick: »Ich war unglücklich über Ronans Tod und habe aus lauter Wut Dinge gesagt, die ich nicht so gemeint habe. Ich bitte dich um Verzeihung.« »Nicht nötig«, sage ich lächelnd. Lorcan sieht auf, erwidert mein Lächeln und blickt mit zusammengekniffenen Augen zu Drust hinüber. »Nun? Könnte das gehen?« »Sicher bin ich mir nicht«, erwidert der Druide, der fieberhaft nachrechnet. »Wir könnten in einem Tag ungefähr die Hälfte des Weges zurücklegen, allerdings nur dann, wenn ihr die ganze Zeit rennt, was euren sicheren Tod bedeutet.« »Das spielt keine Rolle«, schnaubt Goll. »Danach steht euch immerhin noch ein Marsch von drei bis vier Tagen bevor. Wenn ihr auch die Nacht hindurch lauft...« »Es reicht trotzdem nicht«, murmelt Drust. »Nach eurem Tode könnten Bec und ich mit Hilfe von Magie zwar schnell vorankommen, wir müssten aber häufig rasten, damit wir am Ziel noch bei Kräften sind. Alles in allem benötigen wir mindestens zwei Tage, was insgesamt drei Tage ergibt. Bis dahin haben die Dämonenmeister die Grenze zu unserer Welt längst überschritten.« »Zumindest besteht Hoffnung«, sagt Lorcan. »Wir müssen es versuchen, einverstanden?« »Wenn Ihr zu diesem Opfer bereit seid«, erwidert Drust langsam. »Dann ja.« »Ihr seid verrückt«, höhnt Connla. »Ihr bringt euch selbst für nichts und wieder nichts um, anstatt das Vernünftige zu tun.« »Was wäre in diesem Fall das Vernünftige?«, fragt Goll honigsüß. Connla deutet nach Westen. »Wir sind an der Küste, ihr Narren! Sucht euch ein Boot, setzt die Segel, und verschwindet, bevor die Dämonen euch alle abschlachten.« Goll schüttelt den Kopf. »Ich hatte zwar noch nie eine hohe Meinung von dir, aber das hätte selbst ich nicht erwartet. Feige Flucht, wenn wir vielleicht Leben retten können? Einen Rückzieher machen, wenn ein Krieg bevorsteht? Du kannst keiner von uns sein. Conn muss einen Wechselbalg aufgezogen haben.« »Glaubst du?«, knurrt Connla und zückt das Schwert. »Dann pass mal gut auf, alter Mann, wie dir dieser Wechselbalg die Eingeweide durchbohrt und...« »Renn schnell!« Der Schrei, den Bran mit unerwartet lauter Stimme ausgestoßen hat, rüttelt uns alle auf. Lorcan, der dem Jungen am nächsten steht, hält sich instinktiv die Ohren zu und schneidet eine Grimasse. Die Hände in die Hüften gestemmt, blickt uns der sonderbare Junge von der Inselfeste mit funkelnden Augen an. »Renn schnell!«, wiederholt er mit Nachdruck und mustert uns nacheinander wie ein Richter die keifenden Kläger. Dann deutet er auf das in einiger Entfernung grasende zottelige Pony, das wider Erwarten die Nacht überlebt hat, und sagt in einem Ton, der keinen Widerspruch duldet: »Seifenblase.« Damit saust er wie ein Pfeil davon und ist kurz darauf außer Sicht. Verdutzt starren wir hinter dem Jungen her. Das hitzige Wortgefecht bricht jäh ab, und die Streithähne sehen verlegen drein. »Wohin er wohl geht?«, fragt Fiachna in die Runde. »Dieser Junge ist sogar sich selbst ein Geheimnis«, antwortet Drust, seufzt und wirft Lorcan und Goll einen Blick zu. »Aber zum Wundern bleibt uns keine Zeit. Falls wir wie geplant vorgehen wollen, sollten wir unverzüglich aufbrechen. Vorausgesetzt, ihr beiden seid euch immer noch sicher...« Als die beiden Krieger nicken, winkt Drust sie zu sich heran und beginnt, einen Zauberspruch zu murmeln. »Nein«, sage ich und trete zwischen die drei, den Blick auf den davoneilenden Bran geheftet. »Ich glaube, wir sollten noch einen Augenblick warten.« »Bec, ich weiß, dass du uns helfen möchtest...«, setzt Goll an, doch ich schüttele den Kopf. »Hier geht es um etwas anderes. Ich vermute, dass Bran einen Plan hat. Er kann uns helfen.« »Wie denn?«, fragt Drust. »Mit Seifenblasen?« »Ich weiß es nicht. Wir können meinetwegen losmarschieren, sollten aber mit den Zaubersprüchen warten, bis wir wissen, was Bran im Sinn hat.« »Und wenn er überhaupt nichts im Sinn hat?«, erkundigt sich Drust. »Wenn er einfach nur zum Spaß herumrennt oder weil wir ihn aus der Fassung gebracht haben? Vielleicht kommt er gar nicht mehr zurück.« »Diese Fragen kann ich Euch nicht beantworten. Ich glaube nur, dass es ein Fehler wäre, im Augenblick Magie anzuwenden.« Drust mustert mich schweigend und beunruhigt. Auch die anderen blicken mich besorgt an, doch ihre Mienen verraten, dass sie die Entscheidung dem Druiden überlassen. »Nun gut«, sagt Drust schließlich widerstrebend und lacht auf. »Ich muss mindestens so verrückt sein wie dieser Junge, trotzdem verlasse ich mich auf dein Gefühl. Vorerst halten wir uns mit Zaubersprüchen zurück. Sobald ich überzeugt bin, dass du dich getäuscht hast, ist allerdings Schluss damit. Einverstanden?« Ich nicke zögernd und bete insgeheim, dass ich mich nicht in Bran, dem kleinen Einfaltspinsel, getäuscht habe. Anfangs kommen wir gut voran. Lorcan hat mich Huckepack genommen. Allein Fiachna kann kaum noch mit uns Schritt halten; wir müssen ihn bald zurücklassen, und er wird einsam in der Wildnis sterben. Die Vorstellung ist mir unerträglich, und ich erinnere mich an meine kindlichen Träume, als ich daran dachte, der Magie abzuschwören und seine Frau zu werden. Doch Träume sind Schäume, man muss den Tatsachen ins Auge sehen. Nur wenige von uns werden die nächsten Tage überleben, vielleicht sterben wir alle. Wenn Fiachna nicht mithalten kann, müssen wir eben ohne ihn weiterziehen. Gerade als ich daran denke, stolpert er – Goll hat ihn schon halb geschleppt –, sackt zusammen, bleibt liegen und knetet sich den dunkelroten Nacken. »Ich kann nicht mehr«, sagt er ruhig. »Geht ohne mich weiter.« »Wir könnten... falls dir das lieber ist...«, brummt Goll und berührt den Knauf seines Schwertes. »Nein«, antwortet Fiachna mit mattem Lächeln. »Ich möchte lieber hier liegen bleiben, die Wolken am Himmel treiben sehen und warten, bis meine Zeit gekommen ist. Das ist friedlicher.« »Und die Schmerzen?«, fragt Goll. »Erträglich«, erwidert der Schmied. »Die Nacht war viel schlimmer. Das Feuer hat sich in Eis verwandelt. Es tut zwar immer noch weh, aber es ist auszuhalten.« »Nun gut.« Goll verabschiedet sich von dem Verletzten, Lorcan auch und Connla ebenfalls, obwohl sein Abschiedsgruß kurz und gleichgültig ist. Drust breitet die Hände über Fiachna aus. »Ich werde für Euren Geist beten. Wenn wir erfolgreich sind, berichte ich allen, wie tapfer Ihr gewesen seid und wie tief ich in Eurer Schuld stehe.« »Habt Dank«, sagt Fiachna, hustet und erschauert. Ich knie neben ihm nieder. Noch vor wenigen Wochen hätte ich meine Tränen unterdrückt, nun lasse ich ihnen freien Lauf. Es ist mir egal, ob sich das ziemt. Fiachna wird mir schrecklich fehlen, und ich möchte, dass er es weiß. »Ich könnte... wenn es irgendwas... ich wünschte...« Mir wollen keine passenden Worte einfallen, schließlich gebe ich es auf, lege die Arme um Fiachna und küsse ihn zum Abschied. Ein richtiger Kuss, wie zwischen Mann und Frau. Zum ersten Mal küsse ich auf diese Weise, und wahrscheinlich wird es auch das letzte Mal sein. Der Schmied lächelt, als ich die Arme von ihm löse. »Ich habe schon seit einigen Jahren ein Auge auf dich geworfen, Kleines. Wenn du keine Priesterin wärst...« Er streicht mir mit kalten, bebenden Fingern über die Wange. »Vielleicht in der Anderwelt?« »Ich werde dafür beten«, schluchze ich, stehe auf und taumele davon. Ich wische mir die Tränen ab und sehe mich nicht mehr um, sonst könnte ich womöglich zusammenbrechen und darum bitten, dass ich bei ihm bleiben darf. Doch das ist unmöglich. An diesem traurigen Tag ist Fiachna dazu verurteilt, einsam zu sterben, wenn wir rasch vorankommen und den baldigen Tod vieler Menschen verhindern wollen. Ich höre Lorcan fragen: »Brauchst du eine Waffe?« Fiachna erwidert: »Nein. Ich habe mein Messer. Wenn ich bis zum Abend noch nicht tot bin, kommen bestimmt Dämonen, die sich darum kümmern.« Ich haste davon, die anderen folgen kurz darauf. Connla ist auch dabei, obwohl ich beinahe damit gerechnet habe, dass er sich hier von uns trennt. Der Verlust eines weiteren geliebten Freundes hat aufs Neue unsere Reihen gelichtet. Eine Stunde später marschieren wir in stetigem Tempo voran. Stumm wälze ich trübe Gedanken, ob Fiachna inzwischen seiner Verwundung erlegen oder immer noch am Leben ist. Da vernehmen wir von der anderen Seite des Hügels Geräusche. Es klingt wie sich näherndes Donnergrollen, das allerdings aus dem Boden und nicht vom Himmel zu kommen scheint. Überrascht bleiben wir stehen, und Connla stößt hervor: »Pferde!« Einen Augenblick später sehen wir sie auch schon über den Hügel galoppieren, insgesamt sind es sieben Tiere. Sechs davon sind reiterlos, auf dem siebten sitzt – Bran! Er lacht, als sich die Pferde um uns drängen, springt herunter, deutet auf die Herde und ruft: »Seifenblase! Renn schnell!« »Unglaublich!« Goll schreit vor Begeisterung auf. »Wirkt der Zauberspruch auch bei Tieren?«, frage ich Drust rasch. »Ja.« Er lächelt verwundert. »Mit ihrer Hilfe kommen wir so rasch voran, dass wir sogar gelegentlich eine Pause einlegen und trotzdem noch rechtzeitig unser Ziel erreichen können.« »Ist es denn auch schnell genug?«, will ich wissen. »Sind wir am Tunnel, ehe...« »Gut möglich«, erwidert Drust. »Doch wir wollen die kostbare Zeit nicht mit langen Reden verschwenden. Sitzt auf!« Als Goll mich auf eines der kleineren Pferde hebt – es ist mein erster Ritt, ich bin etwas nervös – und die anderen ebenfalls aufsitzen, blickt sich Bran suchend nach Fiachna um. »Drust«, rufe ich und mache eine bezeichnende Kopfbewegung zurück. »Könnten wir...?« »Das hat keinen Sinn«, antwortet er so sanft wie möglich. »Fiachna stirbt in jedem Fall, sei es allein oder auf dem Pferderücken. Wahrscheinlich lebt er sowieso nicht mehr.« Ich denke darüber nach und stelle mir vor, wie schwer es wäre, ein zweites Mal Abschied von Fiachna zu nehmen. Dann nicke ich traurig und breche wieder in Tränen aus. »Willst du ein Pferd?«, fragt Goll den Königssohn schroff. Der hochnäsige Krieger mustert ihn von oben herab. »Natürlich. Warum denn nicht?« »Vorhin hattest du schließlich noch andere Pläne. Um an die Küste zu gelangen und ein Boot zu suchen, brauchst du kein Pferd.« Connla zieht eine verächtliche Miene. »Ich habe nie behauptet, dass ich euch verlasse. Ich habe nur gesagt, es wäre das Vernünftigste. Ich scheue die Herausforderung nicht.« Während Goll ihn noch ungläubig mustert, schwingt er sich auf eines der Rösser und thront in königlicher Haltung auf dessen Rücken, ruhiger und gelassener als jeder andere von uns. Drust beginnt mit den Zaubersprüchen – ich helfe ihm, nachdem ich beim ersten Pferd zugesehen habe –, und kurz darauf preschen wir davon. Das siebte Tier stürmt ohne Reiter hinter uns her, kann jedoch bei diesem von Magie beschleunigten Tempo nicht mithalten. Bald gibt es auf und trabt in die Richtung davon, aus der es gekommen ist, während wir dahinfliegen und sogar den entrüsteten Wind überflügeln. Tag der Entscheidung Wir bewegen uns so rasch voran, als gehörten wir nicht zu dieser Welt. Die Pferde jagen in unglaublicher Geschwindigkeit und ohne die geringsten Anzeichen von Erschöpfung dahin. Die Tiere schwitzen und schnaufen erst, wenn wir auf Drusts Befehl hin anhalten und rasten. Wir reiben sie trocken, damit sie warm bleiben, suchen ihnen Wasser und lassen sie eine Weile grasen. Die anderen brennen vor Ungeduld und können es kaum erwarten, weiterzureiten, doch Drust sagt, wir dürften die Pferde nicht allzu erbarmungslos vorantreiben. »Ich behalte die Zeit genau im Auge«, erwidert er, von den Fragen meiner Mitstreiter gereizt. »Das ist meine Mission. Ich allein weiß, was möglich und was unmöglich ist, wann es schnell gehen muss und wann wir rasten.« Während die Pferde grasen, gesellt sich der Druide zu mir. »Nach dem Aufsitzen möchte ich, dass du neben mir reitest«, ordnet er an. »Unterwegs bringe ich dir die Zauber bei, mit denen man den Tunnel schließt.« »Warum? Ich dachte, Ihr würdet sie sprechen?« »Das habe ich allerdings vor. Aber falls mir etwas zustößt...« »Die Alten Geschöpfe haben gesagt, ein Magier oder eine Priesterin müsse geopfert werden.« Drust seufzt. »Wohl wahr. Aber wenn es zum Äußersten kommt, musst du es mit einem deiner Leute versuchen. Sprich den Zauber – er ist recht kompliziert, doch du könntest es fertigbringen –, und such dir ein Opfer.« Zögernd schweift sein Blick über meine Freunde und bleibt schließlich auf Bran hängen. »Nein«, sage ich sofort. »Er ist auch eine Art Zauberer«, entgegnet Drust. »Von allen vieren wäre er am besten geeignet. Mit ihm wäre...« »Nein«, bekräftige ich. »Goll und Lorcan würden mit Freuden ihr Leben hingeben, vielleicht sogar Connla, obwohl ich da so meine Zweifel habe, aber Bran würde nicht einmal verstehen, was ich von ihm verlange. Wie soll er sich denn da entscheiden? Ich töte niemanden, der nicht weiß, was ihm bevorsteht.« »Ich glaube, du unterschätzt den Jungen«, brummt Drust. »Wäre es nicht sowieso am besten, wenn er keine Ahnung hat, was du planst? Du könntest die Tat rasch ausführen, ehe er weiß, was geschieht.« Eigensinnig schüttele ich den Kopf. »Wenn es sein muss, bitte ich einen der anderen. Ich werde Bran nicht töten.« »Auch nicht, wenn du weißt, was im Falle unseres Scheiterns auf dem Spiel steht?«, fragt Drust drohend. »Selbst dann nicht«, stammele ich. »Gewisse Dinge darf man einfach nicht tun, sonst sind wir keinen Deut besser als die Dämonen – wahre Ungeheuer, denen allein ein Leben in der Finsternis angemessen ist.« Drust zuckt ärgerlich die Achseln. »Wie du willst. Wenn wir Glück haben, kommt es gar nicht erst dazu. Ich wollte dich nur auf die Möglichkeit aufmerksam machen.« Er steht auf und befiehlt Bran, die Pferde zusammenzutreiben. Obwohl die Tiere uns beim Reiten gehorchen, werden sie zu Wildpferden, sobald sie grasen und sich selbst überlassen sind. Sie hören dann nur auf den Jungen. Kurz darauf galoppieren wir weiter, jagen durch die Wälder, und während ich neben Drust dahinpresche, lehrt er mich die Zaubersprüche, die hoffentlich den Tunnel zwischen unserer Welt und dem Reich der Dämonata zerstören. Im Laufe des Tages halten wir mehrmals an. Bei der dritten Rast bricht eines der Pferde tot zusammen. Von da an reite ich gemeinsam mit Bran weiter, die Hände locker um seine Taille gelegt. Es ist deutlich zu spüren, dass es ihm gefällt, wenn ich hinter ihm sitze. Immer wieder lehnt er den Kopf zurück und schmiegt ihn an meine Wange. Als die Nacht hereinbricht, suchen wir uns einen Schlafplatz. Diesmal stellen Lorcan und Goll keine Fragen, doch ihre besorgten Mienen verraten auch so, dass sie es für besser hielten, wenn wir weiterritten. Drust bemerkt es, und obwohl er unwillig das Gesicht verzieht, nimmt er sich die Zeit, ihnen seine Entscheidung zu erklären. »Wir sind heute außerordentlich rasch vorangekommen. Wenn sich die Pferde in der Nacht ausruhen, können wir morgen ein noch schnelleres Tempo anschlagen und sind bereits am Nachmittag am Tunnel. Wenn wir dagegen die Nacht durchreiten, werden die Tiere noch vor Morgengrauen verenden, wir müssten laufen – und wären nicht rechtzeitig am Ziel.« In der Nacht streifen unzählige Dämonen unter Schnaufen und Schlurfen dicht an uns vorbei. Es sind mehr als je zuvor, wahrscheinlich weil wir uns allmählich dem Tunnel nähern. Die Pferde vor den Dämonen zu verbergen ist kein leichtes Unterfangen, doch Bran hat die Tiere vor Einbruch der Dunkelheit im Kreis aufgestellt und sich in ihrer Mitte schlafen gelegt. Sobald eines von ihnen unruhig wird, beruhigt er es und sorgt dafür, dass sie sich nicht rühren und uns verraten. Ich kann nicht schlafen. Dies ist wahrscheinlich meine letzte Nacht. Es ist entsetzlich, vor Kälte und Furcht schlotternd in der Dunkelheit zu liegen, genau zu wissen, welches Schicksal einem bevorsteht, und über den Tod und alle, die man verlassen muss, nachzugrübeln. Warum konnte ich nicht im Kampf sterben, schnell und ohne dass ich Zeit gehabt hätte, über die Anderwelt und mein vergangenes Leben nachzusinnen? Diese Warterei ist schlimmer als der Tod. Mitten in der Nacht und der Einsamkeit überkommen mich plötzlich Zweifel. Ich könnte fliehen und mich mit Connla davonstehlen. Ich frage mich sowieso, warum er bei uns geblieben ist. Er hätte an der Küste seines Weges gehen können, oder als Bran die Pferde brachte. Er hat behauptet, er scheue die Herausforderung nicht, doch vielleicht hat er nur Angst davor, sich allein und ohne den Schutz der Gruppe durchzuschlagen. Wenn ich bereit wäre, ihn zu begleiten, würde er die Gelegenheit bestimmt beim Schopfe packen. Gemeinsam wären wir ein mächtiges Gespann. Wir könnten uns zu Herrschern eines weit entfernten Gebietes machen, Connla als König, ich als allmächtige Priesterin und Königin. Ein verführerischer Gedanke, aber ich kenne meine Pflichten und weiß, dass mein Leiden kurz sein wird und ich Frieden in der Anderwelt finde. Trotzdem bin ich tief im Inneren noch ein junges Mädchen, das sich vor der Dunkelheit fürchtet. Ich möchte heranwachsen und mehr über die Welt und mein eigenes Leben erfahren. Leise weine ich vor mich hin und denke an das entsetzliche Opfer, das ich bringen muss, an all die Freuden, die ich niemals kennenlerne, und die Liebe, die mir nun auf ewig versagt bleibt. Am liebsten würde ich zu Connla schleichen und ihn bitten, mit mir zu fliehen. Wir würden uns aufs Pferd schwingen, davonreiten und diesen Alptraum ein für alle Mal hinter uns lassen. Aber ich widerstehe der Versuchung. Mein Pflichtgefühl ist stärker als meine Angst. Gegen mein Zittern und meinen rasenden Herzschlag kann ich zwar nichts ausrichten, doch ich kann mir die Tränen abwischen und tapfer ausharren. Und das tue ich auch. Die Vorstellung, bald sterben zu müssen, ist mir entsetzlich, ich hätte nie gedacht, dass ich je derartige Angst verspüren könnte, aber es ist nun einmal mein Schicksal, und wenn dies der Wunsch der Götter ist, dann soll es geschehen. Lieber sterbe ich für meine eigenen Leute, als in einem fremden Land zu herrschen und mich ein Leben lang meiner Feigheit zu schämen. Kurz vor Morgengrauen kehren viele der Dämonen zurück, manche schleppen Jagdtrophäen mit sich – Köpfe, Gliedmaßen, Rümpfe, mitunter sogar lebende Kinder, die in panischer Angst um sich treten und durchdringend schreien. Die Rufe der Ärmsten sind herzzerreißend, doch wir können nichts tun, ohne unser Versteck preiszugeben. »Diese Kinder sind die letzten Opfer«, flüstert Drust mit stählernem Blick. »Von morgen an werden die Dämonen niemanden mehr töten.« »Versprecht Ihr mir das?«, frage ich. Furcht und Zweifel nagen an mir. Verzweifelt versuche ich an seiner Miene zu erkennen, ob er lügt und mir damit den willkommenen Vorwand zur Flucht liefert. »Ich verspreche es«, erwidert Drust ruhig. »Es wird zwar nicht einfach, aber nachdem wir schon so weit gekommen sind, bin ich sicher, dass es uns gelingen wird.« Er schweigt. »Bist du immer noch bereit?« »Natürlich«, gebe ich kurz angebunden zurück, als sei ich beleidigt, dass er mir so viel Wankelmut zutraut. Tröstend legt er mir die Hand aufs Knie. »Es wird schnell gehen und nicht wehtun. Ich gebe dir mein Wort.« Ich zucke die Achseln, als verschwendete ich keinen Gedanken daran, und höre dem Trampeln der Dämonen zu, während ich versuche, nicht auf die Schreie der Kinder zu achten. Bei Tagesanbruch weichen die Schrecken der Nacht, und alles sieht wieder friedlicher aus. Der letzte Sonnenaufgang meines Lebens wird passenderweise von einer dichten Wolkendecke verhüllt. Wie ich gehört habe, sind Regenwolken in manchen Ländern höchst selten, dort strahlt angeblich den ganzen Tag die Sonne am klaren blauen Himmel. Das sind gewiss Märchen, die man sich zum Zeitvertreib erzählt. Diese Welt ist dazu bestimmt, eine dichte graue Hülle zu tragen. Es wäre unnatürlich, wenn den ganzen Tag die Sonne schiene. Drust begutachtet die Pferde und befindet eines für zu geschwächt zum Reiten. Wir lassen es frei, und nach ein paar gemurmelten Worten von Bran trabt es auf der Suche nach einem saftigen Fleckchen Gras davon. Vielleicht wird dieses als Einziges von unserer Gruppe überleben. Vor dem Aufbruch hält Drust eine letzte Rede. Langsam und nachdenklich wandert sein Blick über uns alle, Connla, Lorcan, Goll und schließlich mich. »Ich habe die ganze Zeit über so gehandelt, als würde mich euer Schicksal nicht kümmern. Anfangs war das auch so, ihr wart nichts als Personen, die ich für meine Zwecke einspannen wollte und wie Schachfiguren auf einem Brett herumgeschoben habe. Etwas anderes konnte ich mir nicht erlauben. Inzwischen sind langsam und beinahe unbemerkt von mir selbst Veränderungen eingetreten. Ihr seid mir zu Freunden geworden. Ihr wart treu und tapfer, habt das Wohlergehen anderer über euer eigenes Leben gestellt und alles riskiert, als ich euch versprochen habe, diese Welt von Dämonen zu befreien. Deswegen sage ich jetzt zu euch als meinen Freunden: Ihr dürft gehen. Nur Bec und ich müssen weiter. Wenn alles gelingt, wird es keinen weiteren Kampf geben. Falls es misslingt und wir kämpfen müssen, dann könnt auch ihr nicht viel gegen die Übermacht der Dämonen ausrichten. Ihr dürft gehen und ohne Scham oder Schuldgefühl zu den Euren zurückkehren.« »Ein edelmütiges Angebot«, erwidert Goll mit warmer Stimme. »Trotzdem bleibe ich. Ich will wissen, wie die Sache ausgeht, damit ich später zu Hause davon erzählen und mich im Ruhm sonnen kann. Ich wollte schon immer Teil einer Legende sein.« »Das gilt auch für mich«, sagt Lorcan. »Außerdem möchte ich noch ein paar Dämonen zur Strecke bringen, bevor Ihr sie für immer aus unserem Land verbannt. Um Ronans willen.« Aller Augen richten sich auf Connla. »Mich werdet Ihr so schnell nicht los«, sagt er ruhig und trotzig. Drust lächelt. »Wahre Kriegernaturen, einer wie der andere.« Er streckt eine Hand aus, die wir nacheinander ergreifen, bis unsere Hände aufeinanderliegen, sogar Brans, der misstrauisch blinzelt, als befürchte er irgendeinen Trick. »Bis zum Ende«, sagt Drust schlicht. »Bis zum Ende«, bekräftigen wir. »Der Dämonen!«, fügt Goll hinzu, und alle lachen. Wir schwingen uns auf die Pferde – diesmal reitet Drust mit Bran, während ich hinter Lorcan sitze – und preschen davon. Unsere letzte Reise. Unsere letzte Herausforderung. Mein letzter Tag. Diesmal übe ich mich in den Schließzaubern. Dabei handelt es sich um mehrere Zauber zugleich. Solche, mit denen man zerborstenes Gestein zusammenfügt, den Boden in Bewegung versetzt oder eine magische Spalte schließt. Es sind die schwierigsten Sprüche, die ich je erlernt habe, und obwohl meine Zauberkraft so rasch zugenommen hat, verlangen sie mir einiges ab. Ich verhaspele mich ständig und bringe trotz meines ausgezeichneten Gedächtnisses ein ums andere Mal die Reihenfolge durcheinander. Drust ist geduldig wie ein Lamm. Beharrlich wiederholt er die Zauber, und die besonders komplizierten Wörter und Ausdrücke muss ich immer wieder langsam nachsprechen. »Das ist auch nützlich für mich«, sagt er, als wir eine kurze Pause einlegen. »Ich habe diese Zaubersprüche nämlich noch nie benutzt. So kann ich mir die richtige Reihenfolge besser merken und spreche die einzelnen Wörter deutlich aus.« »Wenn ich... wenn ich den Zauber an Eurer Stelle sprechen muss«, sage ich zögernd. »Zu welchem Zeitpunkt soll ich dann das Opfer bringen?« »Wenn die Zeit gekommen ist, wirst du es wissen«, antwortet er. »Die Zauber werden dich führen. Der richtige Zeitpunkt ist nicht festgelegt, die Zauber verändern sich jedes Mal, je nach den Gefahren, die dem Sprecher drohen. Sie wandeln sich sogar noch, während du sie aussprichst. Solange du dich deutlich an die ursprüngliche Zauberformel erinnerst und nicht ins Stottern gerätst, kann dir nichts geschehen. Die neuen Zauber werden dich geleiten.« »Was, wenn mir ein Fehler unterläuft? Soll ich dann aufhören und von vorne beginnen?« »Nein«, sagt er rasch. »Du darfst auf gar keinen Fall aufhören, auch wenn du ein falsches Wort gesagt oder gestottert hast. Du musst einfach weitermachen und hoffen, dass der Fehler unbedeutend war. In diesem Tunnel sind Kräfte am Werk, die sich gegen deinen Zauber richten. Sobald die Dämonata unseren Plan durchschaut hat, wird sie mit aller Macht versuchen, uns an seiner Umsetzung zu hindern. Die Formeln schützen uns, hoffe ich jedenfalls, aber wenn sie versagen, benötigen unsere Widersacher nur eine Sekunde, um uns auszulöschen.« Schade, dass er mir nichts Ermutigenderes mitzuteilen hat, doch jetzt schlägt die Stunde der Wahrheit, auch wenn sie noch so unbequem ist. Also höre ich genau zu und wiederhole alles Wort für Wort. Ich hoffe jedoch inständig, dass ich diese Aufgabe nicht übernehmen muss. Ich zweifle nicht nur, ob ich es schaffe, die Zauberformel richtig auszusprechen, sondern weiß auch nicht, ob ich es fertigbringe, die Waffe gegen einen Freund zu erheben und ihn zu töten. Unter der Erde Der Tunnel. Verbindung zwischen unserer Welt und dem Reich der Dämonata. Durchschlupf der Dämonen, Quell der Alpträume. Wir sind angekommen. Bis zum Sonnenuntergang dauert es ungefähr noch eine Stunde. Wir haben die Pferde freigelassen, kauern hinter Büschen und nehmen die Stelle in Augenschein, insbesondere die Mündung des Tunnels. Sie ist von Bäumen umstanden, deren Kronen mit Kleiderfetzen, Holzstücken und Leichen bedeckt sind. Auf diese Weise ist ein undurchlässiges Dach entstanden, ähnlich wie jenes am Steinkreis, wo wir vor einigen Tagen, die ewig zurückzuliegen scheinen, Schutz gesucht haben. Unter den Bäumen lungern ganze Dämonenhorden, die meisten schlafen allerdings. Einige kämpfen, spielen mit den Leichen oder fressen. Die Horde vereint Dämonen in allen denkbaren abstoßenden Formen und Farben, nebst etlichen Untoten. »Da kommen wir niemals durch«, wispert Goll. »Ich könnte sie ablenken«, schlägt Lorcan vor. »Ich könnte sie von der Seite angreifen, währenddessen schleicht ihr euch unbemerkt hinein.« »Nein«, sagt Goll. »So leicht lassen sie sich nicht übertölpeln. Vielleicht könnte Bran noch mal tanzen und sie weglocken.« »Renn schnell«, versichert der Junge unter heftigem Nicken. »Es sind zu viele«, murmelt Drust. »Damit kann er nicht alle ködern.« »Was ist mit Magie?«, frage ich. »Ein Verhüllungszauber?« »Das ist unsere einzige Hoffnung«, stimmt Drust zu. »Aber auch darauf ist kein Verlass. Diese Dämonen sind unseren bisherigen Gegnern weit überlegen, und ihre Meister haben sie hier zur Bewachung des Tunnels zurückgelassen.« »Dann wäre es also durchaus möglich, dass sie den Verhüllungszauber erkennen«, bemerke ich. »Wohl wahr. Trotzdem müssen wir es riskieren. Wir sprechen einen starken Zauber über dich, mich und Bran und rücken anschließend vor. Goll, Lorcan und Connla greifen gleichzeitig von drei verschiedenen Seiten an, um die Dämonen abzulenken.« »Klingt vernünftig«, stellt Goll fest. »Wie steht es denn mit dir, mein stolzer, jugendlicher...?« Er stockt, zieht die Brauen zusammen und starrt Connla verwundert an. Der eitle Krieger hat sich in beide Handflächen geritzt, tupft Blut auf Wangen und Stirn und murmelt dabei leise Beschwörungen oder Gebete vor sich hin. »Was soll das?«, fragt Goll argwöhnisch. Connla verstummt und lächelt. »Ein bisschen zusätzlicher Schutz kann nie schaden.« »Das wird dir auch nichts helfen.« »Warten wir’s ab«, erwidert der Königssohn grinsend und blickt beiläufig über den Busch hinweg auf die Dämonen. »Ich bin so weit. Sagt mir Bescheid, wenn es losgeht.« Drust mustert ihn beunruhigt und überrascht zugleich. Connla gehört keineswegs zu den Kriegern, die unbeschwert in die Schlacht ziehen. Trotzdem ist er auf einmal die Ruhe selbst, gelassener als wir alle und damit das Abbild eines Mannes, der entweder nichts zu verlieren hat oder nicht weiß, dass er gerade im Begriff dazu ist. »Versteht Ihr, worüber wir reden?«, erkundigt sich Drust. »Ihr werdet im Kampf sterben. Wir brauchen Zeit, um den Schließzauber zu sprechen. Die Dämonen töten Euch, während wir noch damit beschäftigt sind.« »Kümmert Ihr Euch um Eure Magie, Druide«, erwidert Connla lachend. »Wir kümmern uns derweil ums Kämpfen.« »Endlich wird ein Mann aus dir«, bemerkt Goll trocken und wendet sich Drust zu. »Wir drei greifen also die Dämonen an, während ihr euch allein durchschlagt?« Der Druide zögert und ändert mit einem Mal den Plan. »Nein. Vielleicht hat man einigen Dämonen befohlen, den Eingang auch bei einem Angriff nicht zu verlassen. Es ist besser, wenn sie erst einmal keinen Verdacht schöpfen. Wir bleiben zusammen und rücken geschlossen vor. Sobald sie den Verhüllungszauber entdecken, laufen Bec und ich zum Eingang hinüber, und ihr versucht erst dann, die Dämonen aufzuhalten.« »Wir lassen euch nicht im Stich«, verkündet Connla großspurig. Drust und ich konzentrieren uns auf unsere Magie. Obwohl ich kein Auge zugetan habe, hat mich die nächtliche Rast doch erfrischt. Ich spüre, wie die Magie mich durchströmt, stärker als je zuvor. Als ich die Formel spreche, füge ich, einer spontanen Eingebung folgend, noch einige neue Einfälle hinzu und verbessere Drusts ursprünglichen Zauber. Sofort spürt der Druide die Kraft des neuen Zaubers. Er ist erstaunt, überlässt sich jedoch meiner Führung, und wir hüllen unsere kleine Gruppe vorsichtig ein. »Dieser Zauber wird uns folgen«, erkläre ich ihm, als ich fertig bin. »Wir brauchen ihn beim Gehen nicht zu beschwören und können uns ganz auf die vor uns liegende Aufgabe konzentrieren.« »Wie hast du das fertiggebracht?«, fragt er ein wenig neidisch. Ich zucke die Achseln. »Es ist mir einfach eingefallen.« Drust seufzt. »Welch ein Talent. Du könntest so vieles bewirken, vielleicht mehr, als jeder andere Magier vor dir. Ich wünschte...« Er stockt und macht sich bereit. Rasch überprüft er, ob jeder bewaffnet ist (abgesehen von Bran, dem Einfaltspinsel). Dann kommen wir hinter dem Busch hervor und betreten das Lager der Dämonata. Der Zauber hält. Wir schleichen uns durch die Reihen der Dämonen, bahnen uns vorsichtig zwischen Tentakeln und verkrümmten Gliedmaßen einen Weg, ohne auf den Verwesungsgestank und die noch ekelhafteren Ausdünstungen der Dämonen zu achten. Die meisten sind weitaus größer als jene, die unsere Feste angegriffen haben, und sehen auch grimmiger und stärker aus. Wenn sie unsere Widersacher gewesen wären, hätte gewiss niemand aus unserem Clan überlebt. Dabei sind sie nicht einmal die mächtigsten, sondern lediglich besonders treue Diener der Dämonenmeister. Bis zu diesem Augenblick habe ich insgeheim noch daran gezweifelt, dass die Dämonen die Herrschaft über unser Land erringen, und stattdessen gehofft, meine Leute könnten durch hartnäckige Gegenwehr die Ungeheuer am Ende zurückwerfen. Der Anblick dieser Horde belehrt mich jedoch eines Besseren. Falls wir versagen und die Dämonenmeister die Grenze zu unserer Welt überschreiten, ist unser Untergang unabwendbar. Das ganze Land wird sich dann binnen einer Woche in eine rauchende Trümmerlandschaft verwandeln, in der Knochenhaufen und verwestes Fleisch den Vormarsch der Angreifer markieren. Bran betrachtet die Dämonen neugierig und lächelt den besonders scheußlich entstellten Monstern zu. Connla begnügt sich mit einem kurzen, ungerührten Blick und verhält sich so gleichgültig, als handelte es sich um eine Herde zotteliger Schafe. Wir anderen sind von Abscheu und Furcht erfüllt. Plötzlich hebt ein vierköpfiger, rothäutiger Dämon den Kopf und sieht mir direkt in die Augen. Ich erstarre und bin mir sicher, dass er uns entdeckt hat. Doch das Ungeheuer rülpst nur ohrenbetäubend und spuckt uns eine halb zerkaute Hand vor die Füße, ehe es den Kopf schläfrig auf die Brust zurücksinken lässt. Auf Zehenspitzen steige ich über die verweste, mit Erbrochenem bespritzte Hand hinweg, und mir wird beinahe schlecht, als wir uns an dem dösenden Monster vorbeipirschen. Wir haben die Tunnelmündung fast erreicht. Sie gleicht einem normalen Höhleneingang, obwohl die Erde ringsum aufgewühlt worden ist, um den Einstieg zu vergrößern. Direkt am Eingang befinden sich keine Dämonen, sie sind alle mindestens sechs oder sieben Schritte entfernt. Wir schlüpfen zwischen zwei unförmigen Dämonen hindurch auf die Lichtung. Drust geht zum Rand der Tunnelmündung und wirft einen Blick hinunter. Als ich neben ihn trete, bohrt sich zu meinen Füßen ein langer, abschüssiger Gang ins Erdreich, dem eine unnatürliche Hitze entströmt. Mir wäre es am liebsten, wenn Drust hier oben mit den Zaubersprüchen begänne und den Eingang verschlösse, statt uns in den Schacht und zu dem entsetzlichen Grauen zu führen, das uns dort unten erwartet. Aber der Druide deutet mit dem Finger in den Gang. Er will sichergehen, dass alle verstanden haben, was er vorhat. Dann duckt er sich in die Mündung, tastet nach irgendwelchen Haltepunkten und steigt in die Dunkelheit hinab. Ich folge ihm, anschließend tauchen Bran, Lorcan und Goll in den Gang hinein. Connla bildet den Abschluss. Das Gestein ist zwar heiß, doch gerade noch erträglich zum Anfassen. Die vielen Vorsprünge sorgen für einen leichten Abstieg. Nach einer Weile krümmt sich der Gang nach links. Hinter der Kurve herrscht undurchdringliche Finsternis. Ich bleibe stehen, werfe einen letzten Blick auf den bedeckten, aber dennoch schönen Abendhimmel und verschwinde dann in der ewigen, dämonischen Nacht. Langsam ertasten wir uns den Weg. Da Drust keinen Lichtzauber spricht, halte auch ich mich zurück. Überraschenderweise endet der Abstieg bereits nach wenigen Metern, und als wir auf flachem Boden stehen, überfällt uns mit einem Mal tiefe Ratlosigkeit. Wir haben Angst weiterzugehen. Womöglich stehen wir auf einer Plattform, die über einen tiefen Abgrund ragt. »Ich werde den Weg mittels Magie erkunden«, flüstert Drust. »Versuch du es auch, und erforsche den Pfad in Gedanken, Vielleicht können wir auf diese Weise herausbekommen, wo wir stecken und was vor uns liegt.« Ich schließe die Augen – obwohl das in der Finsternis keinen Unterschied macht – und strecke meine geistigen Fühler aus. Leider bin ich darin nicht sonderlich gut. Ich spüre lediglich, dass wir von einem großen Raum umgeben sind, einer Art Höhle, deren genaue Ausmaße ich nicht erfassen kann. Ich habe keine Ahnung, wie der Boden hier beschaffen ist, ob er nach einigen Schritten jäh ins Nichts führt oder mit Fallen übersät ist. Glücklicherweise beherrscht Drust diese Technik viel besser als ich und seufzt nach einer Minute erleichtert auf, wie jemand, der endlich gefunden hat, wonach er so lange suchte. »Alles in Ordnung«, verkündet er mit aufgeregter Stimme. »Wir sind am Ziel.« In seiner Linken erstrahlt ein Licht. Er facht die Flamme langsam an, bis sie seine Handfläche ausfüllt, und hält sie hoch, bis die gesamte Höhle beleuchtet ist und uns den Anblick betörender Naturwunder und entsetzlichen Grauens bietet. Sonderbare V-förmige, glitzernde Formationen einer gesteinsartigen Substanz hängen in den unterschiedlichsten Größen von der Decke herab oder ragen vom Boden auf. Von den Spitzen der herabhängenden Formen tropft Wasser auf den Boden oder auf das von unten aufragende, spitz zulaufende Gestein. An einigen Stellen sieht es aus, als versuchten Höhlendecke und Boden, sich zu ergreifen und miteinander zu verschmelzen. Zwischen Boden und Decke haben sich die Wände in teils riesigen, teils winzigen Wölbungen aufgeworfen. Zu unserer Rechten rauscht ein Wasserfall, das Wasser tritt wie von Geisterhand am oberen Rand der Höhle aus und verschwindet in einem Spalt am Fuß der Felsen. Gott weiß, wohin es fließt. Genau so habe ich mir die Anderwelt oder Tir na n’Og vorgestellt. Diese Höhle scheint nicht mehr zu unserer Welt zu gehören. Bis auf das Plätschern des Wassers ist es vollkommen still und friedlich. Mir ist, als schliefe ich und könnte in einen hundertjährigen Schlummer versinken, ohne mich beim Erwachen auch nur einen Deut verändert zu haben. In dieser Höhle ist die normale Zeit außer Kraft gesetzt, und falls die Zeit hier doch existieren sollte, so verstreicht sie sanft, langsam und unmerklich. Dann aber bemerken wir das Grauen, das jede Vorstellung übersteigt. Und ebenso schwer zu beschreiben ist. In einer der Höhlenwände klafft eine Öffnung. Das ist der Beginn des Tunnels. Um die Öffnung herum und darin erkennen wir den entstellten Körper eines Mannes. Er hängt kopfüber davor, sein Nacken ragt aus dem Gestein hervor. Sein Körper umschließt die Öffnung und ist mit dem Felsen verschmolzen. Weiter links ist ein Arm zu sehen, ein Bein rechts unten. Brust und Bauch sind aufgerissen, und in der Mündung zeichnen sich die Eingeweide ab. Im ersten Moment halte ich den Anblick für eine seltsame Gesteinsformation und glaube, der Kopf solle nur die merkwürdige Form der Öffnung unterstreichen. Dann denke ich, der Körper befinde sich an der Außenseite des Felsens und die Einzelteile seien gewaltsam in das Gestein gedrückt worden. Doch als wir stumm und fassungslos näher treten, muss ich feststellen, dass weder das eine noch das andere der Fall ist. Der Körper ist der Felsen. Irgendwie existieren die beiden zusammen, leben am selben Fleck, als sei der Mann in den geschmolzenen Felsen getreten und auseinandergerissen worden, während das Gestein erstarrte. Welch ein entsetzlicher Tod! Wurde er geopfert? Haben die Dämonen das Gestein zum Schmelzen gebracht und dann... Plötzlich hebt sich der Kopf, und die Lider öffnen sich flackernd. Ich unterdrücke einen Schrei, die anderen schnappen nach Luft. Goll, Lorcan und Connla zücken die Waffen. »Nein«, sagt Drust und bedeutet uns, ruhig zu bleiben. »Er kann uns nichts tun.« »Sei dir da mal nicht so sicher«, krächzt der Mann im Felsen. »Bei Balors Auge!«, ruft Goll aus. »Es spricht.« »Was ist das?«, fragt Lorcan. »Was für ein...« Er bleibt stehen, und seine Augen verengen sich zu Schlitzen. Er tritt einen Schritt vor, betrachtet das Gesicht eingehend und blickt zu Drust hinüber. »Druide, was ist das für ein Zauber? Das ist Euer Gesicht!« Ich verstehe seine Worte erst, als ich den Mann im Felsen erneut ansehe und die Ähnlichkeit mit unserem Begleiter erkenne. Kurz geschorenes Haar, gequälte Augen, ein Bart, aber unverkennbar Drusts Züge, sein Mund, seine Miene. »Sein Name war Brude«, sagt Drust ruhig und ohne den Blick von seinem Ebenbild zu lösen. »Er ist mein Zwillingsbruder, ein Druide wie ich.« »Bruderrrrrr«, seufzt der Mann, der Brude war – oder immer noch ist –, und kichert knarrend. »Bist du... gekommen... um den Sieg... zu bestaunen?« »Brude hat die Christen abgrundtief gehasst, mehr als alle anderen«, sagt Drust, ohne auf die Frage einzugehen. »Ich habe nie gewusst, warum.« »Sie... sind... unser Verderben«, zischt Brude, und in seinen Augen flackert wilder Zorn. »Sie ändern, was... unveränderlich bleiben muss. Sie... zerstören.« »Er hat beschlossen, sie zu bekämpfen«, fährt Drust fort. »Er hat nach einem Weg gesucht, um sie zu vernichten. Die Magie hatte versagt, ebenso wie schiere Gewalt, als er vergebens versuchte, sich ihnen mit einem Heer entgegenzuwerfen. Schließlich verfiel er darauf...« Drust verstummt und fährt dann mit erhobener Stimme fort: »Er hat einen Tunnel zwischen unserer Welt und dem Reich der Dämonata geöffnet und die Dämonen eingeladen, die Grenze zu überschreiten. Er ist an dem Gemetzel und den Toten schuld. Er ist derjenige, den wir aufhalten müssen, wenn wir den...« »Deswegen seid Ihr also gekommen!«, rufe ich plötzlich aus. »Die anderen Druiden haben Euch die Hilfe verweigert, aber Euer Zwillingsbruder hat diese Invasion herbeigeführt. Ihr habt Euch schuldig gefühlt und es nicht ertragen, dass seinetwegen so viele Menschen sterben mussten.« Drust nickt langsam. »Als Kinder standen wir uns einmal sehr nahe, wir waren wie zwei Teile eines Körpers. Wenn er sich schnitt, empfand ich Schmerzen. Wenn ich glücklich war, lachte er. Mit der Zeit hat sich das geändert, aber die Verbindung zwischen uns ist nie abgerissen. Was er getan hat, war falsch. Das Christentum kann man nicht bekämpfen – und selbst wenn man es könnte, ist es unverzeihlich, dabei Dämonen um Hilfe zu rufen. Es war mir unerträglich, dass mein Bruder, mein eigen Fleisch und Blut, sich derart an der Menschheit verging. Ich musste ihn aufhalten.« »Ihr habt also keineswegs aus reinem Edelmut gehandelt«, stellt Connla amüsiert fest. »Ihr wolltet uns nur retten, weil Euch die Pläne Eures Zwillingsbruders widerstrebt haben.« Drust zuckt die Achseln. »Spielen meine Beweggründe denn eine Rolle? Ich möchte dem Wahnsinn ein Ende bereiten. Das sollte genügen.« »Du kannst es... nicht aufhalten«, knurrt Brude. Aus der Nähe kann ich seinen Herzschlag sehen, der den Stein zum Pulsieren bringt. Er lebt also nicht nur im Felsen, sondern haucht auch dem Stein Leben ein. »Es muss ein Ende haben«, widerspricht Drust. »Was du getan hast, war falsch. Die Dämonata wird alles vernichten. Sie werden sich nicht auf diese Insel beschränken, sondern irgendwann auch aufs Festland gelangen, sich über die gesamte Welt verbreiten und alles Leben auslöschen.« »Gut«, gurgelt Brude. »Das... ist mir nur recht. Abgesehen... von uns. Die Druiden werden bleiben... und nicht untergehen. Nur die Schwachen... sind zum Untergang verdammt. Die Starken... werden überleben. So... soll es sein.« Drust schüttelt den Kopf. »Auch die Druiden werden am Ende untergehen. Die Dämonen teilen nicht, und sie herrschen nicht. Sie verschlingen nur. Alle werden ihnen zum Opfer fallen, ob Menschen, Priesterinnen oder Druiden. Ausnahmslos.« Brude schnaubt verächtlich. »Meinetwegen. Besser... die Welt gehört den Dämonen... als diesem... Christenabschaum.« »Das ist doch alles sinnlos«, grunzt Goll. »Wir könnten hier bis in alle Ewigkeit weiterreden, ohne voranzukommen. Soll ich kurzen Prozess mit ihm machen und ihm den Kopf abhacken?« »Das wird nichts nützen«, versichert Drust, tritt näher und wendet den Blick von seinem Bruder ab, um mich heranzuwinken. »Brudes Geist ist bereits in den Felsen eingedrungen. Er und der Tunnel sind eins, er kann nicht mehr getötet werden. Wir können ihn nur vernichten, indem wir den Tunnel schließen.« »Dann lasst uns das möglichst schnell hinter uns bringen und von hier verschwinden«, sagt Lorcan mit besorgtem Blick auf Brude und zupft nervös an seinen Ohrringen. »Du bist... auch ein Zwilling«, lässt sich Brude bitter vernehmen. »Das... spüre ich. Was würdest du... davon halten, wenn dein Bruder... dich umbringen wollte?« »Wenn ich an deiner Stelle wäre, würde ich sagen, er hat allen Grund dazu«, entgegnet Lorcan entschlossen. »Du lügst«, faucht Brude. »Ein Zwilling... sollte nie die Hand... gegen sein Fleisch und Blut erheben.« Plötzlich überzieht ein Lächeln sein Gesicht. »Doch... in diesem Fall wird es... nicht dazu kommen. Ich rieche... einen Freund unter meinen... Feinden. Er wird... mich beschützen.« Goll runzelt die Stirn. »Was soll das heißen?« »Hört nicht auf ihn«, murmelt Drust. »Er ist verrückt. Lasst uns einfach...« Lorcans Schmerzensschrei unterbricht ihn. Als ich herumwirbele, sehe ich den jungen Krieger zu Boden stürzen. Er presst eine blutüberströmte Hand gegen seine Brust. »Dämonen!«, ruft Goll, dreht sich blitzschnell herum und zückt das Schwert. Verblüfft blickt er sich um, als er keinen Dämon hinter Lorcan entdeckt, sondern nur Connla – mit blutigem Schwert und dem Lächeln eines Mörders. Ehe einer von uns etwas unternehmen kann, rast der Königssohn zum Höhleneingang und brüllt in den Schacht: »Dämonata! Eilt mir zu Hilfe! Unter euch sind Feinde.« Goll stößt einen abscheulichen Fluch aus und stürzt quer durch die Höhle, doch da hören wir die Dämonen bereits durch den Eingang und zu uns herunterpoltern. Goll hält unsicher inne. Ohne auf den Tumult über uns zu achten, tritt Drust dicht an seinen Bruder heran und zischt mir dabei aus dem Mundwinkel zu: »Ich fange jetzt mit dem Zauber an. Sobald ich die ersten Worte gesprochen habe, können wir den Tunnel betreten und die restlichen aktivieren.« »Was ist mit...«, setze ich an. »Zu spät!«, brüllt er. »Vielleicht können die anderen die Dämonen ein paar Sekunden aufhalten. Beten wir, dass uns genügend Zeit bleibt.« Mit rasend schnellen Lippenbewegungen fängt er an zu murmeln, und als er die Hände hebt, leuchten sie dunkelblau. Brude verflucht ihn, aber Drust lässt sich nicht beirren. Ich wende meine Aufmerksamkeit Connla und Goll zu. Vergnügt pfeifend steht der Königssohn neben dem Eingang und reinigt sich die Fingernägel mit der Spitze seines blutigen Messers. Goll hat Lorcan auf die Füße geholfen. Anscheinend hat Connla das Herz des Kriegers verfehlt. Bran starrt unterdessen mit schief gelegtem Kopf auf Lorcans blutige Brust. Er weiß nicht, was er davon halten soll. Aus dem Schacht dringen aufgebrachte Rufe zu uns. Offenbar haben sich alle Dämonen zugleich in den Tunnel gestürzt und versperren sich jetzt gegenseitig den Weg. Lange kann das Gerangel nicht dauern, ein paar Minuten noch, und sie werden auf uns losgehen. »Warum hast du das getan?«, schreit Goll Connla an. »Jetzt müssen wir alle sterben!« »Du musst sterben«, erwidert Connla verschlagen. »Ich nicht. Ich habe eine Abmachung mit Lord Loss getroffen.« »An jenem Abend, als er mit dir geflüstert hat!«, sage ich keuchend, und mit einem Mal fällt mir ein, wie der Dämonenmeister sich über Connla beugte und ihm etwas zuraunte. »Richtig«, lächelt Connla. »Ich habe wach gelegen, und er ist zu mir gekommen. Er hat mir alles über Drusts Mission erzählt, ebenso wie über seine wahren Beweggründe und was geschehen würde, falls... falls er scheitert. Für meine Unterstützung hat er mir große Macht versprochen. In der neuen Welt werde ich ein König sein und über all jene herrschen, die die Dämonen verschont haben.« »Hast du denn nicht richtig zugehört?«, schreie ich. »Sie werden niemanden verschonen.« »Natürlich werden sie das«, lacht Connla. »Jeder Meister braucht Sklaven.« »Hat Lord Loss das gesagt?«, frage ich. »Nein, nicht direkt, aber das versteht sich doch von selbst.« »Du bist ein Trottel!«, schäumt Goll. Er mustert Connla mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen. »Was meinst du mit Unterstützung? Was hast du für die Dämonen getan?« »Ich habe sie auf dem Laufenden gehalten«, murmelt Connla. »Ihnen alles über euch und eure Vergangenheit, eure Stärken und Schwächen berichtet. Ich habe ihnen von Ornas Kindern erzählt, deswegen kam Lord Loss auch auf die Idee, sie ihr zu schicken. Außerdem habe ich ihm noch ein paar andere Dienste erwiesen...« Den Geräuschen nach zu urteilen ist der Weg durch den Schacht jetzt frei, und die Dämonen kommen rasch voran. Unsere Zeit ist beinahe um. Ich werfe Drust einen verzweifelten Blick zu, aber seine Lippen bewegen sich noch immer, und er ist keinen Schritt vorgerückt. »Schnell!«, herrscht Goll den Königssohn an. »Wir haben nur noch wenige Sekunden, und ich will nicht sterben, ohne das volle Ausmaß deines Verrates zu kennen.« »Nun gut.« Connla grinst zu Lorcan hinüber. »Ich habe Ronan getötet und ihn den Klippenrand hinabgestoßen.« Lorcan setzt zu einem Fluch an, verzieht jedoch vor Schmerz das Gesicht, stürzt zusammengekrümmt zu Boden und ächzt. »Und Fiachna«, fährt Connla fort und lacht mir zu. »Lord Loss hat mir einen Beutel mit vergiftetem Pulver gegeben. Als alle schliefen, habe ich es in seine Wunde gestreut. Ich...« Den nächsten Satz kann er nicht mehr vollenden, denn der erste Dämon stürzt durch den Eingang in die Höhle. Er stolpert, fällt aufs Gesicht, rappelt sich aber in Sekundenschnelle wieder auf. Benommen blickt er sich um und sucht nach der Gefahrenquelle. Kaum hat er Connla entdeckt, schwankt er auf ihn zu, schnüffelt, hält inne, dreht sich um und heftet den Blick auf uns, ohne dem breit grinsenden Verräter noch weitere Aufmerksamkeit zu schenken. Kreischend steuert er auf uns zu. Goll wirft sich ihm entschlossen in den Weg, bohrt sein Schwert in den Kopf des Angreifers und schleudert ihn mit derben Fußtritten den herannahenden Dämonen entgegen. Lorcan schüttelt den nahen Tod ab und setzt den Ungeheuern mit ungestümen Schwerthieben zu. Dabei hält er eine Hand auf die Brust gepresst, um die Blutung zu stillen. Bran tut sein Möglichstes, um unsere Widersacher abzulenken – insbesondere um Drust zu schützen, der immer noch vor seinem abtrünnigen Bruder steht und Zaubersprüche murmelt –, und tanzt wie ein Irrwisch durch die Höhle, kreuz und quer zwischen den Dämonen hindurch, was diese verwirrt und in Rage versetzt. Ich lasse die Magie aus mir herausströmen und entfessele sie. Zuerst setze ich einen Dämon in Brand, dann lasse ich die Augen eines anderen heraustreten und treibe einen dritten in den Wahnsinn, indem ich sein Gehirn zusammenquetsche, woraufhin er seine Gefährten anfällt. Die Zauber gehen mir rasch über die Lippen, Macht durchzuckt mich, baut sich auf, durchdringt mit beängstigender Geschwindigkeit meine Finger, Lippen und Augen. Sekunden später bringe ich den feisten Wanst eines Dämons zum Explodieren, löse einige Brocken des V-förmigen Gesteins aus der Wand, lasse sie auf die Horde niederprasseln und bringe dabei etliche unserer Widersacher zur Strecke. Doch meine magischen Kräfte reichen nicht aus, die Zahl unserer Gegner nimmt unentwegt zu, ein endloser Strom von Dämonen ergießt sich in die Höhle. Lorcan ist unter einer wahren Lawine von Angreifern begraben. Ein beringtes Ohr wirbelt durch die Luft – das ist das Letzte, was ich von dem Krieger sehe. Golls Bauch ist aufgerissen, und die Dämonen haben ihm mit ihren Klauen das halbe Gesicht zerfetzt, dennoch hält er dem Ansturm stand und kämpft trotz aussichtsloser Lage weiter. Ich kann den alten Krieger nicht mehr retten. Bran ist immer noch unversehrt und schlängelt sich geschickt durchs Kampfgetümmel, aber was nützt uns das? Mein Blick fällt auf Connla, der unter den Dämonen umherstolziert wie ein Herr zwischen seiner Hundemeute. Viele knurren ihn misstrauisch an, lassen ihn jedoch in Ruhe, sobald sie den Blutgeruch wahrnehmen. Lachend betrachtet er das Schlachtfeld, fischt nach seinem Messer und holt aus, um den Druiden niederzustrecken. Im ersten Augenblick will ich ihm mit einem Zauberspruch das Hirn erhitzen, bis es Blasen wirft, doch dann kommt mir eine bessere Idee. Ein Bewegungszauber. Blitzschnell spreche ich die Formel, woraufhin Connla quer durch die Höhle schießt und unterhalb des Wasserfalls gegen die Wand prallt. Stöhnend geht er zu Boden, erhebt sich allerdings unverletzt und schüttelt das tropfnasse Haar, als der Wasserfall über ihn hinwegrauscht. »Da musst du dich schon etwas mehr anstrengen«, frohlockt er und wischt sich die Augen trocken. »Das glaube ich kaum«, gebe ich zurück. Mein Ton macht ihn stutzig. Ein Dämon in seiner Nähe, dessen Kopf bis auf das dritte Stirnauge recht menschlich aussieht, beschnüffelt Connla erst unsicher und stößt dann ein begeistertes Zischen aus. Er klappt das Maul weit auf und entblößt mehrere Reihen säbelscharfer Zähne sowie einige gespaltene Zungen. Der Königssohn starrt den Dämon verwirrt an, bis er plötzlich begreift: Das Wasser hat ihm das Blut vom Gesicht gewaschen! Panisch versucht er, sich die Handflächen erneut aufzuschlitzen, um seine Wangen mit Blut zu beschmieren, aber der Dämon kommt dem Schutzzauber mit einem Sprung zuvor, schlägt die Zähne in Connlas Gesicht und beißt ihm den Mund weg. Während er wie von Sinnen um sich schlägt, stürzt der Königssohn zu Boden, und im Handumdrehen fallen die Dämonen über ihn her. »Ha!«, ruft Goll zutiefst befriedigt über den grausamen Tod seines Stammesgenossen. »Das hat er wahrlich verdient! Gut gemacht, Kleines!« Da holt ein Dämon den alten Krieger mit einem Tritt von den Beinen. Dämonenkörper umdrängen ihn, und der einäugige einstige König, der wie ein Vater für mich war und dem ich meinen Namen verdanke, ist nicht mehr. Nun bin ich allein, doch bleibt mir keine Zeit zu trauern. Die Dämonen rücken heran und nehmen mich ins Visier, ohne sich weiter um den tanzenden Bran zu scheren. Obwohl ich ihnen jeden Zauber entgegenschleudere, über den ich gebiete, und durchaus einigen Schaden anrichte, kann ich sie nicht alle töten. Sie kommen immer näher, haben mich fast erreicht. Nur noch wenige Sekunden, dann ist einer von ihnen in Reichweite und... Eine Hand packt den Halsausschnitt meiner Tunika und zerrt mich rückwärts. Ich will aufschreien, aber der Stoff zieht sich würgend eng um meine Kehle zusammen und erstickt meinen Ruf. Im nächsten Moment schmettert mich etwas zu Boden, ich rappele mich hastig auf und versuche, ein Wort hervorzubringen, um wenigstens noch einen Dämon mit mir in den Tod zu reißen... Und stocke. Ich befinde mich mitten in dem Tunnel aus Eingeweiden, Drust steht neben mir. Die Dämonen rotten sich heulend an der Mündung zusammen und recken die Hände nach uns. Mit aller Kraft und vor Zorn jaulend versuchen sie, uns einen Hieb zu versetzen – vergebens. Die unsichtbare Barriere, die Drust und mich von den Ungeheuern trennt, können sie nicht überwinden. »Ein guter Anfang«, stellt der Druide fest. Er lächelt kurz, schreitet mit halb geschlossenen Augen tiefer in den Tunnel und murmelt bereits den nächsten Zauberspruch. Ich lache hysterisch und schneide den rasenden Dämonen Fratzen. Doch als mir der Tod meiner Freunde bewusst wird, vergeht der Anfall von wahnsinnigem Humor mit einem Schlag. Als ich versuche, die Leichen von Goll und Lorcan zu erspähen, versperrt mir die dichte Traube von Dämonen die Sicht. Bran ist ebenfalls nicht zu sehen, aber seinetwegen mache ich mir keine Sorgen. Trotz seiner beschränkten geistigen Fähigkeiten ist er eine Art Zauberer. Die Dämonen werden ihm bestimmt nichts zuleide tun. Mit einem tiefen Seufzer wische ich mir die Tränen ab, denke an Goll und Lorcan, an die schönen Erinnerungen und gemeinsamen Abenteuer. Dann verbiete ich mir jegliche Rührung, stähle mich, kehre den Dämonen den Rücken zu und trabe hinter Drust her, meinem raschen Tod entgegen, der zugleich unseren Sieg verheißt. Das Opfer Die Wände des Tunnels sind heiß und fleischig. Durch das gedämpfte Licht in Drusts Händen sehe ich mehr von Brude, als mir lieb ist. Viel mehr. Auf obszöne Weise ist sein Innerstes bloßgelegt. Alle Körperteile, die menschlichen Augen normalerweise unzugänglich sind, blubbern und gurgeln in den Gesteinsschichten. Brude schreit, als wir den Tunnel seines Körpers betreten, seine Verwünschungen übertönen gerade noch das Bellen und Heulen der Dämonen. Er verflucht uns, droht uns mit einem gewaltsamen Ende und rät uns, auf der Stelle umzukehren. Als das nicht hilft, versucht er uns mit der Aussicht auf Macht, ein langes Leben und Schutz durch die Dämonata zu ködern. Wir schreiten unbeirrt voran. Drust stimmt mächtige Zauberworte an, während ich ihm gehorsam folge und auf seine Befehle warte. Als wir tiefer in den Tunnel eindringen, verklingt Brudes Stimme allmählich, bis wir nur noch ein fernes Murmeln vernehmen. Auch die Wand hat sich verändert, sie ist härter und felsenähnlicher geworden, aber immer noch durchsetzt von schmalen Linien. Ich glaube, es sind Venen. Insgeheim erwarte ich, dass Drust innehält, einen Zauber spricht und das Opfer bringt, aber er läuft langsam und ohne zu zögern weiter und folgt dem Tunnel, der sich abschüssig und vielfach gewunden wie eine Schlange ins Erdreich bohrt. Eigentlich würde ich gern fragen, warum er die Sache nicht endlich hinter sich bringt, damit er sich selbst so schnell wie möglich in Sicherheit bringen kann, bevor die Wände zusammenrücken, scheue jedoch davor zurück, ihn beim Sprechen der Zauberformeln zu unterbrechen. Ich habe Angst, seine Konzentration zu stören. Der magische Schutz könnte zerreißen und den Dämonen Gelegenheit geben, hinter uns herzurennen. Nach einer Weile mündet der Tunnel abermals in eine Höhle. Sie ist deutlich kleiner als die erste und nicht sonderlich eindrucksvoll. Ein großes Wasserbecken füllt fast den ganzen Raum. In der Mitte des Beckens ragt eine Insel aus Knochen auf. Darauf befindet sich ein hoher, rechteckiger Stein, der mich an den Steinring erinnert, in dem wir Schutz vor den Dämonen fanden. Drust steht am Beckenrand, betrachtet den Stein aufmerksam und murmelt unermüdlich Zaubersprüche vor sich hin. Schließlich schweigt er, sieht mich an und lächelt müde. »Ein Magnetit«, sagt er. »Ein mächtiges Werkzeug alter Magie. Wir nehmen an, dass die Alten Geschöpfe mit Hilfe dieser Steine die Position unserer Welt markiert haben. So konnten sie die Erde jederzeit aus dem Weltraum aufspüren. Die Alten Geschöpfe haben die Macht aus den meisten dieser Steine herausgezogen, aber diesen haben sie aus unbekannten Gründen entweder übersehen oder absichtlich zurückgelassen. Brude hat ihn gefunden und damit den Tunnel geöffnet. Wir werden die Macht des Magnetiten jetzt gegen ihn selbst richten.« »Ist es denn nicht gefährlich für Euch, hier innezuhalten?«, frage ich und werfe einen beunruhigten Blick über die Schulter. »Im Augenblick sind wir in Sicherheit«, erwidert Drust. »Die Zaubersprüche schützen uns vor den Felsen, Brude und...« Er deutet mit dem Kopf auf einen hinter der Knocheninsel liegenden Punkt. Mit einiger Mühe kann ich an der entgegengesetzten Seite des Wasserbeckens einen weiteren Tunnel erkennen, dessen Wände aus roten Spinnweben und Fleischstreifen bestehen. »Führt dieser Tunnel ins Reich der Dämonata?«, frage ich. »Ja. Auf der Seite der Dämonen hat sich ein Dämonenmeister der gleichen Verwandlung unterzogen wie mein Bruder und diesen Tunnel erschaffen. Der Magnetit verbindet die beiden Schächte, saugt die Macht aus Brude und dem Dämonenmeister, verknüpft ihre Körper und die unterschiedlich beschaffenen Tunnelgewebe miteinander. Die minderen Dämonen waren bereits in der Lage, sich hindurchzuquetschen, und sobald die beiden Tunnel miteinander verschmelzen, ist der Zugang auch für die Dämonenmeister geöffnet. Dann können sie ihren Dienern in unsere Welt folgen. Damit ist der Untergang der Menschheit besiegelt.« »Was geschieht, wenn ein Dämon den Tunnel durchquert und Ihr gerade Eure Zauberformeln sprecht?« Drust überlegt einen Augenblick. »Ich könnte nicht aufhören. Du müsstest an meiner Stelle kämpfen.« Er mustert mich prüfend. »Alles in Ordnung?« »Ja.« Ich befeuchte die Lippen, mein Mund ist von der Hitze des Tunnels und der Höhle wie ausgedörrt. »Goll und Lorcan sind tot, Connla ist ebenfalls nicht mehr am Leben. Ich habe seinen Schutzzauber gelöst.« »Gut«, brummt Drust beifällig. »Und Bran?« »Ich weiß nicht, wo er steckt. Als wir in den Tunnel gegangen sind, hat er noch gelebt, aber die Dämonen waren in der Überzahl.« »Falls ich jemals mit heiler Haut aus dem Tunnel kommen sollte, werde ich nach dem Jungen Ausschau halten«, verspricht der Druide. »Wenn er lebt, werde ich ihn unter meine Fittiche nehmen.« Er strafft sich, schüttelt die Müdigkeit ab, steigt ins Wasser und beginnt erneut mit den Zauberformeln. Für eine Sekunde starre ich auf die Knocheninsel – man kann unmöglich erkennen, ob es sich um menschliche oder dämonische Knochen handelt – und folge ihm dann ins Becken. Trotz der in der Höhle herrschenden Hitze ist das Wasser kühl, wenngleich nicht so kalt wie das Meer. Wärmezauber sind nicht notwendig. Den Blick auf den Magnetiten geheftet, wate ich hinter Drust her und frage mich düster, ob er wohl meine Knochen oben auf dem Haufen liegen lässt, wenn er sein Werk vollendet hat. Das seichte Wasser reicht mir bis knapp an die Oberschenkel. Wir haben die Insel bald erreicht, und Drust erklimmt den Stapel aus Gebeinen. Obwohl die morschen Knochen unter seinen Füßen nachgeben, klettert er unbeirrt und ohne seine Zaubersprüche zu unterbrechen weiter auf den Magnetiten zu und bedeutet mir, ihm zu folgen. Das Licht in seiner Hand hat mittlerweile einen rötlichen Ton angenommen, und die Knochen, insbesondere die Schädel, sehen aus, als stünden sie in Flammen. Ich versuche, den Anblick der Gebeine zu vermeiden, während ich zu dem knienden Drust krieche, der mit ausgestreckten Händen am Magnetiten verharrt, bereit, ihn im richtigen Augenblick zu umklammern. Während der Druide unaufhörlich murmelt, spähe ich in den Tunnel, der ins Reich der Dämonata führt, um rechtzeitig auf der Hut vor herannahenden Dämonen zu sein. Doch die Monster ahnen entweder nichts von der drohenden Gefahr, oder sie können den Gang nicht so rasch durchqueren. Nichts rührt sich. Ich sehe weder Schatten, noch vernehme ich verdächtige Laute. Meine Gedanken schweifen zu den Knochen und dem Magnetiten. Wer hat sie wohl hierhergebracht? Der Stein wurde von den Alten Geschöpfen aufgestellt, aber woher stammen die Knochen? Hat Brude sie an den Fuß des Steins gelegt? Oder waren es die Dämonen? Oder handelt es sich dabei ebenfalls um ein Werk der Alten Geschöpfe? Haben sie Menschenopfer gebracht, um diesen magischen Ort zu erschaffen, ebenso wie Drust mich opfern will? Trotz meiner Unruhe betrachte ich die Schädel eingehend und frage mich, ob diese Menschen außerhalb der Höhle oder hier unten getötet worden sind. Gingen sie freiwillig in den Tod? Was mögen sie in ihren letzten Minuten gedacht haben? Haben sie dem Tod so tapfer ins Auge geblickt, wie ich es hoffentlich tun werde, oder sind sie am Ende zusammengebrochen und haben um Gnade gewinselt? Drusts zunehmend lauter werdende Stimme reißt mich aus meinen Grübeleien. Er hat die Hände auf den Magnetiten gelegt und nähert sich allmählich dem Stein, während er tiefer und tiefer in das engmaschige Netz der Zauberformeln eindringt. Ich lausche seinen Worten. Sie sind schwer zu verstehen, weil er mit rasender Schnelligkeit spricht, aber nach einer Weile schnappe ich zumindest einige Wörter auf. Er ist bei einem der letzten Zauber angelangt. Jetzt dauert es nicht mehr lange. Zeit für ein Gebet, ehe... Plötzlich stößt Drust einen Schrei aus, lässt den Stein los und greift sich an den Rücken. Als ich blitzschnell den Blick senke, erkenne ich den Dolch, der sich mit noch zitterndem Griff bis zum Knauf in seine Haut bohrt. Ich wirbele herum und erwarte, Connla oder einen Dämonen vorzufinden. Doch mein Blick fällt auf einen gänzlich unerwarteten Angreifer. Bran! Mit ausgestrecktem Arm und sonderbar leerem Gesichtsausdruck steht der Junge am Beckenrand. Er hat den Dolch geworfen. Mein Herzschlag setzt für einen Moment aus. Hat uns Bran die ganze Zeit über hinters Licht geführt? Ist er ein Spion, der nur auf den richtigen Augenblick gelauert hat, um dann zuzuschlagen? Unmöglich! Niemand hätte sich so lange verstellen können. Dennoch steht er mit ausgestrecktem Arm da und hat den Dolch in Drusts Rücken gebohrt. Der Druide stürzt seitlich zu Boden und sieht Bran. Sein überraschter Ausruf geht in einen Schmerzensschrei über. Ich möchte einen Zauber entfesseln, den Jungen – den Mörder – zurücktreiben und ihn töten, sofern ich das fertigbringe. Aber es ist Bran! Erst wenn ich sicher bin, kann ich... »Warum?«, keucht Drust. Der Junge blinzelt. Er blickt den Druiden mit finsterer Miene an, sieht dann zu mir und bricht in Tränen aus. »Blume!«, ruft er und kommt mit schleppendem Schritt und rudernden Armen, ganz ohne seine gewohnte Leichtfüßigkeit, zu uns herübergewatet. »Bec!«, krächzt Drust. »Halte ihn auf.« »Nein«, seufze ich, und die Zauberformel erstirbt auf meinen Lippen, als ich Brans Tränen sehe und mit einem Mal begreife, warum er so gehandelt hat. »Wir haben nichts mehr von ihm zu befürchten.« Unter Schluchzen erreicht das Kind die Insel, wirft sich mir in die Arme und ruft ein ums andere Mal: »Blume!« Ich fange ihn auf, halte den weinenden Jungen fest an mich gedrückt, streichele ihm übers Haar und murmele beruhigende Worte. Dann blicke ich über seinen Kopf hinweg auf den verwundeten Druiden. »Er hat unser Gespräch an der Klippe belauscht«, flüstere ich. »Er hat gewusst, was Ihr vorhattet, und wollte verhindern, dass Ihr mich tötet. Auf seine verquere Weise liebt er mich. Er wollte Eure Pläne nicht durchkreuzen, sondern mich retten.« Drust knirscht vor Wut mit den Zähnen. »Dieser kleine Idiot! Hat er denn keine Ahnung, was geschieht, wenn...« »Nein«, falle ich ihm ruhig ins Wort. »Nicht die geringste. Ich bin seine Freundin, vielleicht der einzige Mensch auf der Welt, dem er sich nahe fühlt. Er wusste nur, dass ich nicht sterben durfte. Verurteilt ihn nicht, er konnte nicht anders.« Drusts Züge glätten sich. »Ja«, sagt er und lacht leise. »Du hast recht. Das ist zwar kein echter Trost für uns, aber...« Seine Augen zucken zum Magnetiten hinüber. Er reckt sich, stöhnt auf und sackt zusammen. »Ich schaffe es nicht, Bec.« Mich überläuft ein kalter Schauer. »Ihr müsst!« Er schüttelt den Kopf. »Noch ist es nicht zu spät, die Zaubersprüche entfalten nach wie vor ihre volle Wirkungskraft, wenn wir das Werk rasch genug fortsetzen. Bran hat mich schwer verletzt. Ich kann nicht weitermachen.« »Aber Ihr müsst!«, rufe ich erneut. »Ihr müsst es wenigstens versuchen! Ihr dürft nicht einfach liegen bleiben und aufgeben.« »Ich spreche nicht davon, dass ich aufgebe«, erwidert er mit traurigem Lächeln. »Ich kann die Zauberformel nicht vollenden – das kannst nur du.« »Um dann Bran zu opfern?«, frage ich langsam und fürchte die Antwort im Voraus. »Nein, du Närrin«, blafft der Druide. »Wozu zwei Opfer, wenn das eine bereits halb tot ist? Ich bin am Ende, und selbst wenn ich die Formel noch sprechen könnte, käme ich nicht lebend aus diesem Tunnel heraus. Du musst meinen Part übernehmen, die restliche Formel sprechen, mir die Kehle aufschlitzen und das Blut über den Magnetiten strömen lassen.« Ich starre ihn fassungslos an. »Halte keine Maulaffen feil, die Zeit drängt«, knurrt er. »Ich habe nur noch wenige Minuten zu leben, du darfst nicht zögern, Bec. Sprich die Zauberformeln. Töte mich. Rette deine Leute vor dem Zorn der Dämonata, und bringe dich und Bran in Sicherheit.« Seine letzten Worte reißen mich aus der Erstarrung. Der Junge hat alles riskiert, um mich zu retten, ich darf nicht zulassen, dass er durch die Dämonen stirbt. Ich löse seine zitternden Hände von meinem Nacken und schiebe ihn mit beruhigendem Lächeln sachte von mir weg. Dann gehe ich mit schweren Schritten zu Drust hinüber. »Was muss ich tun?« »Weißt du, wo ich aufgehört habe?«, fragt er. »Nein.« »Du musst dich erinnern«, beharrt er, »du hast ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Konzentriere dich.« Obwohl es nur schwerfällt, gehorche ich ihm. Mit tauben Fingern krame ich in meinem stets zuverlässigen Gedächtnis und erinnere mich an den Zauber, den Drust intonierte, als Bran ihn unterbrach. »Ich weiß es wieder«, murmele ich. »An der Stelle musst du beginnen«, sagt der sterbende Druide. »Breite die Arme aus. Lege sie um den Magnetiten, wenn du zum Ende kommst, und mache dann mit der nächsten Formel weiter. Von da an sollte alles mühelos gehen.« »Und das Opfer?«, frage ich. »Wann...« »Du wirst es wissen«, schwört er. Ein tiefer Atemzug, ein schneller Blick in den Tunnel der Dämonata, um sicherzugehen, dass uns von dort keine Gefahr droht. Dann beginne ich. Die Worte kommen mir wie von selbst über die Lippen. Diese Höhle birgt gewaltige Mächte. Das habe ich sofort gespürt, als wir sie betreten haben, sogar noch, als wir uns im Freien befanden, aber erst jetzt, da ich mich der Magie öffne, erkenne ich das volle Ausmaß. Der Stein umschließt unvorstellbar mächtige magische Kräfte. Wenn ich diese Kräfte nur lang genug anzapfe, ist mir alles möglich. Ich beende die Zauberformel und umfasse den Magnetiten mit beiden Händen. Doch als ich den nächsten Zauber sprechen will, entströmt dem Stein eine solche Macht, dass mir die Worte in der Kehle stecken bleiben. Mir ist, als würde die Magie der Gestirne durch mich hindurchfließen, ich sehe das Universum und das nächtliche Firmament. Ich könnte die Hand ausstrecken, die Erde verlassen und mit den Alten Geschöpfen die Sterne erforschen. Meine Welt erscheint mir plötzlich winzig und unbedeutend, kaum der Rede wert. Mit dieser Macht könnte ich eigene Welten und ihre Bewohner erschaffen, wäre dann nicht mehr Priesterin oder Königin, sondern eine Göttin. Das Schicksal flüstert mir zu, fordert mich auf, meiner neuen Bestimmung zu folgen, neue Wege zu beschreiten, auf göttlichen Spuren zu wandeln und nie mehr Furcht noch Schmerz zu spüren. Ich muss nur die Hand ausstrecken. »Regenbogen«, flüstert Bran, berührt meinen Arm und sieht mir ernst in die Augen. Ich spüre, wie die Macht auch in den Jungen strömt und ihn wieder verlässt. Nicht, weil er sie nicht aufnehmen könnte, sondern weil er es nicht will. Die Versprechen der Gestirne interessieren ihn nicht, seine Sorge gilt ausschließlich mir. Könnte er sprechen, würde er wahrscheinlich sagen: »Alle Macht des Universums verblasst, wenn man nicht mit denen zusammen sein kann, die man liebt.« Und er hat recht. Warum zur Göttin werden, wenn ich dafür alle, die ich liebe, opfern muss? Ich will keine Welt voller ehrfürchtiger Sklaven, sondern nur ein Dorf mit Freunden, die mich willkommen heißen. Lächelnd nicke ich Bran zu. Er erwidert mein Lächeln und gibt meinen Arm frei. Ich schließe die Augen, sammle mich, verbanne die Versuchung der Sterne und beginne mit dem nächsten Zauber. Während ich spreche, kommt ein heißer, beißender Wirbelwind auf, der mit zunehmender Schnelligkeit und Kraft die Insel umkreist. Drust und Bran kauern am Magnetiten, ohne ihn zu berühren, aber so nahe wie möglich, um vor dem überirdischen Wind Schutz zu suchen. Auf einmal vernehme ich Schreie. Zuerst halte ich sie für Geräusche, die der Wind hervorbringt, bis ich begreife, dass sie aus dem Tunnel kommen, der die Höhle mit dem Reich der Dämonen verbindet. Die Dämonata wissen, was hier geschieht, sie spüren, wie der Zugang zu unserer Welt zusammenzubrechen droht. Doch außer hasserfülltem Kreischen, das der Vorbote ihres bevorstehenden Unglücks ist, scheint ihnen jegliche Gegenwehr unmöglich zu sein. Die Zauberformeln sprudeln in rasender Geschwindigkeit von meinen Lippen, ich weiß kaum, was ich sage. Es war dumm von mir, mich um Versprecher zu sorgen, der Zauber spricht sich wie von selbst. Ich könnte nicht einmal aufhören, wenn ich es wollte, denn ich habe keine Kontrolle mehr. Die Magie regiert. Abermals habe ich eine Formel beendet, befeuchte die Lippen, öffne sie, um mit der nächsten zu beginnen, und halte inne. Die Zeit ist gekommen. Mir bleibt nur noch ein Zauberspruch, und den muss ich nach dem Opfer sprechen. Drust weiß es ebenfalls. Ohne dass ich etwas sage, hievt er sich hoch und lächelt mich gequält an. »Ein langes Leben für dich, Bec. Und ein schönes dazu.« Ich muss ihm die Antwort schuldig bleiben, meine nächsten Worte müssen magische sein, da die Abfolge keinesfalls unterbrochen werden darf. Drust humpelt zur anderen Seite des Magnetiten und beugt das Kinn über den Stein, dann legt er den Kopf zurück und entblößt seine Kehle. Ich löse die Hand vom Stein und drücke den Nagel meines Zeigefingers in seine Haut. Mit Tränen in den Augen lächele ich ihm zu. Schließlich ritze ich ihm mit dem magisch gehärteten und geschärften Nagel die Kehle auf. Ein warmer Strahl sprudelt hoch und strömt über den Magnetiten, der das Blut aufsaugt und in gierigen Zügen trinkt. Drust zittert, fällt aber nicht zur Seite. Glücklicherweise kann ich sein Gesicht nicht sehen. Er hält sich aufrecht und nährt den Stein mit seinem Blut, durch Magie oder Willenskraft gestählt – ich vermag es nicht zu sagen. Erst als der Stein in gleißend gelbem Licht aufzuckt, erschlafft der Druide. Für Trauer bleibt mir keine Zeit. Mit triumphierendem Gebrüll stoße ich die Worte des letzten Zaubers hervor. Der Magnetit erbebt, die Höhle gerät ins Wanken, der Wirbelsturm hat seinen Höhepunkt erreicht, fegt die obere Knochenschicht von der Insel und droht auch Bran und mich zu packen und an der Wand zu zerschmettern. Doch bevor es dazu kommt... Zieht er weiter. Der Sturm tost durch den Tunnel – Brudes Tunnel – und nimmt an Kraft zu, als er durch die Gestalt des Druiden hindurchjagt. Er füllt die nächste Höhle, heult den Schacht entlang, entlädt sich mit übernatürlicher Geschwindigkeit ins Freie und säubert die Erde von allen Dämonen und Untoten. Wie eine mächtige Woge rauscht er über unsere Feinde hinweg, reißt sie mit sich bis an die Küste, wo er für einen kurzen, schrecklichen Moment innehält... und zurückkehrt zu seinem Ursprung, zu dieser Stelle. Danach wird er seine dämonischen Gefangenen in ihre eigene Welt zurückbefördern und sie ihrem Schicksal überlassen. Auf diesen Augenblick will ich nicht warten. Die Magie sagt mir, was nun geschehen wird. Sobald der Sturm den letzten Dämon in sein eigenes Reich zurückgefegt hat, gefolgt von Brudes versteinerten Knochen, werden sich der Tunnel und der Riss zwischen den Welten schließen. Jeder, der sich dann noch hier befindet, wird von den zusammenrückenden Felsen zu Tode gequetscht oder ist dazu verdammt, langsam in ewiger Finsternis zu sterben. Flucht Wir rennen in Richtung Tunnelmündung, aber der Sturm, der zu seiner Quelle zurückkehrt, weht uns mit aller Kraft entgegen. Die Strecke wird zum Windkanal. Der Wind ist nicht das einzige Hindernis. Alle Dämonen und Untoten, die er mit sich führt, wirbeln in einem wilden Durcheinander durch den Gang. Sie prallen gegen uns, strecken uns nieder, versuchen uns zu packen und mit sich in ihre Welt zu reißen. An Gehen ist nicht zu denken. Bäuchlings robben wir uns voran, und selbst das wäre für normale Menschen unmöglich, da der Wind und die darin gefangenen Dämonen den gesamten Schacht ausfüllen. Aber wir sind keine normalen Menschen, sondern verfügen über magische Kräfte, und mit Hilfe dieser Magie beschütze ich uns. Ich schöpfe aus allen Quellen in mir und um mich herum, aus meinem Körper und sogar den Tunnelwänden, um ein Schutzschild um uns herum zu errichten. Dem Wind sind wir dennoch ausgeliefert, aber die meisten Dämonen prallen an dem Schild ab und richten keinen größeren Schaden an. Die meisten, wohlgemerkt, nicht alle. Mitunter durchbrechen einzelne Gliedmaßen oder Fänge die Abschirmung und teilen mächtige Hiebe aus oder fügen uns Schnittwunden zu. Anfangs hat Bran noch gekichert und alles für einen Riesenspaß gehalten, doch inzwischen ist ihm das Lachen vergangen. Im Licht, das ich zur besseren Sicht erschaffen habe, kann ich sein blutverschmiertes Gesicht sehen. Sein rechter Arm ist bereits mehrfach gebrochen und baumelt nutzlos an seiner Seite. Mir ergeht es nicht besser, und ich muss ein ums andere Mal innehalten, um mir das Blut aus den Augen zu wischen. Etliche Zehen an meinem linken Fuß habe ich bereits eingebüßt, doch für eine genauere Untersuchung ist jetzt keine Zeit. Das Rückenteil meiner Tunika ist ebenso zerfetzt wie die darunterliegende Haut. Doch die grausamen Schmerzen können mich nicht beirren, ich kämpfe unverdrossen gegen den Wirbelsturm an und nehme die Faustschläge der Dämonen gleichgültig hin, während ich mich durch den Tunnel schiebe, angetrieben von der Hoffnung auf Flucht und Leben. Wir kriechen keuchend voran. Allmählich schwinden meine Kräfte, und die Hiebe der Dämonen treffen uns zunehmend häufiger. Die letzten Zauberformeln am Magnetiten haben mich vollständig erschöpft. Als ich den Stein umfasste, war ich allmächtig, nun bin ich so schwach wie lange nicht mehr. Jede Bewegung ist qualvoll, ganz zu schweigen vom Sprechen der Formeln. Am liebsten würde ich die Abschirmung aufgeben und meine schwachen Kräfte ausschließlich zur Fortbewegung nützen, doch dann wäre es innerhalb von Sekunden um mich und Bran geschehen. Ich spiele sogar mit dem Gedanken, den Jungen im Stich zu lassen. Es ist schon mühsam genug, mich selbst zu schützen. Wenn ich mich nur um mich selbst kümmern müsste, könnte das meine Überlebenschance erheblich vergrößern. Aber ich höre nicht auf die verräterische Stimme, keuche auf, als mir erneut Krallen übers Rückgrat ritzen, und schließe die Abschirmung fester um uns. Gleichzeitig lösche ich das Licht. Es kostet mich zwar nicht viel Kraft, doch am Ende könnte noch der winzigste Rest von Magie in mir den Ausschlag geben. Ich möchte nicht kurz vor dem Ausgang aufgeben müssen. In der Finsternis kann ich unmöglich erkennen, wie weit es noch bis zum Ende des Tunnels ist. Langsam schieben wir uns in dem betäubenden Wind und unter den zahllosen Schlägen der Dämonen voran. Ich kann den Schutzschild nicht länger aufrecht halten und verwurzele uns mit Magie am Boden, wenn Schläge niedergehen oder der Wind an uns reißt. Kurze Kraftproben anstelle auslaugender, langer Zauber. Das ist nicht ungefährlich, denn falls ich bewusstlos liegen bleibe, ist unser Schicksal besiegelt. Aber eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Wie lang ist dieser verfluchte Tunnel nur? Auf dem Hinweg sind wir so rasch vorangekommen – oder war das lediglich eine Täuschung? Vielleicht hat sich der Gang ausgedehnt, und Brude hat ihn verdoppelt oder gar verdreifacht, um uns die Rückkehr zu erschweren? Ist das möglich? Keine Ahnung, ich will es lieber nicht glauben, sonst verzweifle ich noch, und wir sind zum Untergang verurteilt. Stück um Stück kämpfen wir uns unter Qualen voran, schmerzgepeinigt und schwach. Jeder Atemzug kostet Kraft. Bei jedem Zauber, den ich aus den Tiefen meines Geistes zu Tage fördere, denke ich unweigerlich: »Das war jetzt aber die letzte Formel. Ich kann nicht mehr.« Trotzdem überrasche ich mich immer wieder selbst mit einem winzigen Rest von Kraft hier, einem letzten Aufglimmen von Energie dort. Bran kriecht neben mir durchs Dunkel. Die treue Seele. Immer wieder tasten seine Hände nach mir, er will sichergehen, dass ich mich noch neben ihm befinde. Ich nehme ihn nur wie durch einen Nebel wahr. Im Unterschied zu uns hat der Ärmste bestimmt nichts von der Gefahr geahnt. Oder vielleicht doch? Ich werde es wohl nie erfahren. Manches versteht er zwar, aber war ihm auch klar, worauf er sich da eingelassen hat? Ich lausche seinem abgerissenen Keuchen. Der Gedanke erstirbt unvollendet. Ich kann ihn hören. Seit wir kriechen, haben der tosende Wind und das Kreischen der Dämonen alle anderen Laute übertönt. Als ich den Kopf hebe, begreife ich, dass der Wind abgeflaut ist. Es ist vorbei. Was wiederum bedeutet... Panisch fache ich erneut ein Licht an, das uns nach der Dunkelheit blendet. Zuerst schließe ich die Augen, schlage sie dann jedoch widerstrebend auf und starre verzweifelt nach vorn. Ich erwarte, nichts als Felsen zu sehen, unter denen wir beide lebendig begraben sind. Im ersten Augenblick glaube ich, wir seien verloren und müssten unseren Sieg am Ende doch mit dem Leben bezahlen. Mir sinkt der Mut, und ich bin kurz davor, in entsetztes Schluchzen auszubrechen. Plötzlich sehe ich eine Lücke! Noch ist der Ausgang nicht verschlossen. Wir sind nicht mehr weit davon entfernt. Die Wände haben sich verfestigt, die Spuren von Brudes Venen oder Eingeweiden sind getilgt. Allerdings rücken die Wände aufeinander zu, und die Tunnelmündung wird stetig enger. Noch können wir hinaus, aber die Zeit ist knapp. Bald ist der Spalt zu schmal. Wir müssen uns beeilen – schnell – auf der Stelle! »Bran!«, keuche ich und rappele mich mühsam auf. Ich bin so schwach, so entsetzlich erschöpft. Ein letzter Kraftakt, eine allerletzte Anstrengung, dann sind wir in Sicherheit, können schlafen, uns erholen, sind von den Dämonen erlöst. Dann haben wir alle Zeit der Welt. »Bran!«, rufe ich und zerre ihm den Kopf hoch. Er sieht sich benommen und niedergeschlagen um. Als er die Öffnung bemerkt, schöpft er neue Hoffnung. Er springt auf die Beine, taumelt, findet schließlich das Gleichgewicht, packt meine Hand und hechtet unter beglücktem Glucksen vorwärts. Mehr tot als lebendig wanken wir auf die Mündung zu, die in gleichmäßigem Tempo enger wird. Wenn wir uns weiterhin so schnell bewegen... wenn wir nicht zusammenbrechen... wenn wir den Mut nicht verlieren... Wir schaffen es! Ich will mich nicht von verfrühten Hoffnungen übermannen lassen, womöglich bringt das die Götter gegen uns auf, aber wenn wir unser langsames, beständiges Tempo beibehalten, bin ich sicher, wir... Etwas fällt mich hinterrücks an. Ich schreie vor Schmerz und Überraschung auf und stürze zu Boden. Zähne schließen sich um mein Bein und beißen es durch bis auf den Knochen. Ich kreische und versuche vergeblich, den Angreifer abzuschütteln. Das Licht erlischt allmählich, doch im Halbdunkel erkenne ich meinen Widersacher, es ist kein anderer als der Lieblingsdämon des Dämonenmeisters – Vene! Der Dämon mit dem Hundeleib und den Frauenhänden. Das Ungeheuer nagt an meinem Bein und fügt mir entsetzliche Qualen zu. Unter neuerlichem Kreischen trete ich erfolglos mit dem freien Fuß nach dem Wesen. Plötzlich ist Bran neben uns und versucht, die Hündin von mir wegzureißen. Als das fehlschlägt, kniet er nieder, streichelt ihr den Kopf, lächelt verzagt und murmelt ihr etwas ins Ohr. Kurz darauf lässt Vene mich los, jault freudig und fällt wie schon einmal seinem Zauber anheim. Sobald ich befreit bin, betäube ich den Schmerz, überlasse es Bran, mit der Hündin fertig zu werden, und blicke zur Lücke hinüber. Mein Magen krampft sich zusammen. Diese Verzögerung hat unser Ende besiegelt. Wir schaffen es nicht einmal mehr, wenn wir rennen. Tief in meinem Inneren suche ich nach einem letzten Rest Zauberkraft, dringe bis in den Kern meines Geistes vor, und versuche, uns wie zwei Pfeile in die Sicherheit schwirren zu lassen. Doch ich finde nichts. Ich bin mit meiner Magie am Ende. Nur ein kleiner Zauber ist vielleicht noch möglich – dann ist es vorbei. Der Kummer überwältigt mich. Wahnsinn steigt in mir auf. Ich banne ihn und wende mich Bran zu. Er spielt immer noch mit Vene, während sein Blick unruhig zwischen mir und der Lücke hin und her wandert. Er weiß, dass ich es in meinem Zustand nicht mehr schaffe, und er weiß auch, dass er es noch schaffen kann, wenn er mich im Stich lässt. Aber er wird mich nicht im Stich lassen. Er wird bei mir bleiben, mich vor den Dämonen schützen und gemeinsam mit mir in den Tod gehen. »Bran«, schluchze ich, »du musst los.« Er lächelt mich nur an. »Bran! Nun mach schon!« Wieder ein Lächeln. Er lässt mich nicht allein, er ist mein treuer Freund, der lieber mit mir stirbt, als ohne mich in Freiheit zu leben. Ich erwidere sein Lächeln. »Nun gut.« Seufzend reiche ich ihm die Hand, die er arglos nimmt. Mit der Berührung lasse ich den letzten Rest meiner Magie in ihn strömen, ein rascher, improvisierter Zauber, mit dem ich in seine Gedanken eindringe und ihm dabei bildlich vor Augen führe, wie er davonjagt, durch die Mündung ins Freie stürzt und nicht mehr zurückkehrt. Mit aller Magie, über die ich noch gebiete, rufe ich ihm zu: »Renn schnell!« Er saust davon, rennt gegen seinen Willen los, schreit vor Überraschung und Furcht auf. Er fliegt den Tunnel hinauf, springt durch das Loch und läuft weiter, noch immer Sklave meiner Magie. Traurig winke ich ihm hinterher und atme lange und bebend aus. Nun bin ich allein – und zum Untergang verdammt. Nachdem Bran verschwunden ist, habe ich mit dem nächsten Angriff der Dämonenhündin gerechnet, doch sie lässt mich in Ruhe und beschränkt sich auf ein drohendes Knurren. Ich sehe zu, wie sich die Lücke weiter schließt. Bald ist sie nur noch so groß wie ein Säugling und verengt sich immer mehr, bis nur noch ein Arm hindurchpasst. Gerade als ich überlege, ob ich der Tortur ein Ende bereiten und das Licht löschen sollte, erscheint ein Gesicht an dem winzigen Loch zur Außenwelt. Es ist Bran. Der Zauber ist erloschen. Er ist zurückgekehrt und will zu mir, er möchte bei mir sein. Aber die Lücke ist zu eng, er schlägt dagegen, zieht daran, steckt die Finger hinein und versucht verzweifelt, den Riss zu erweitern. Vergebens. Die Felsen rücken unaufhaltsam aufeinander zu, der Spalt ist jetzt nur noch fingerbreit. Im letzten Moment presst Bran den Mund dagegen und schreit in haltlosem Schmerz und Verlust: »Bec!« Es ist das einzige Mal, dass er mich beim Namen nennt. Dass er überhaupt jemanden beim Namen nennt. Seine Angstschreie durchbohren mich wie Säbelstiche, und mir steigen Tränen in die Augen. Ich öffne den Mund, um seinen Namen zu rufen und ihn ein wenig zu beruhigen... doch in diesem Augenblick schließen sich die Felsen und ein lautes Rumpeln übertönt Brans Rufe. Ich starre auf die Felswand. Ich schließe den Mund. Das Licht erlischt. Tiefe Finsternis umgibt mich. Der Kreis schließt sich Verloren in diesem Schattenreich, kralle ich die Finger in den Boden und ziehe mich weg von Vene, deren Knurren verstummt ist. Ich will zu der Stelle, wo eben noch die Lücke klaffte. Ich frage mich, ob sich der restliche Tunnelschacht genauso schließt wie diese Öffnung, aber in der Dunkelheit lässt sich das nicht feststellen. Wahrscheinlich ist es auch besser so. Banba pflegte zu sagen, Wissen sei Macht, und meist hatte sie damit auch recht. Doch hier bedeutet weniger Wissen auch weniger Sorge und Qual. Leise weinend krieche ich voran, wappne mich gegen den Biss von Venes Fängen. Gewiss wird sie zunächst ein wenig mit mir spielen und sich erst dann auf mich werfen, wenn ich am wenigsten damit rechne. Warum ist sie nicht mit den anderen Dämonen in ihr Reich zurückgekehrt? Wie konnte sie nur bleiben? Ohne ihren Angriff hätte ich überlebt, wäre mit Bran im Freien, im gemeinsamen Freudentaumel über die geglückte, knappe Flucht, bevor wir unsere Toten beweinen und uns dann... Nein, mit diesen Gedanken quäle ich mich nur selbst. Ich habe es nicht geschafft, Vene hat mich lange genug daran gehindert. Ich sitze in der Falle, muss mich damit abfinden und Trost darin suchen, dass mein Leiden bald ein Ende haben wird. Meine Linke berührt die Felswand, ich habe das Ende des Tunnels erreicht. Ich presse das Ohr an das Gestein, um zu lauschen, ob ich Bran noch höre, aber es herrscht völlige Stille, und auch das Rumpeln hat aufgehört. Das Gestein strahlt keine Wärme mehr ab und kühlt ohne den Leib des Druiden Brude rasch aus. Vielleicht wird Vene ebenfalls in ihr Reich zurückgesogen. Vielleicht erhole ich mich, und es gelingt mir, zu dem Magnetiten zurückzukehren. Ich könnte mich erneut an dem magischen Stein stärken und den Felsen gewaltsam überwinden. Mit Hilfe meiner Magie ein Loch ins Gestein brechen und... Hinter mir schimmert ein grünes, pulsierendes Licht auf. Begleitet von einem traurigen Kichern. Als ich mich langsam umdrehe, weiß ich bereits, was mich erwartet. »Arme kleine Bec«, sagt Lord Loss, der nicht weit von mir entfernt über dem Boden schwebt. Seine Haut ist klumpig wie eh und je, und das Blut, das aus den Schrunden sickert, überzieht ihn mit einem rötlichen Glanz, während sich die aalartigen Schlangen in seiner Brust ringeln. Er hält Drusts Beutel in der Hand, durchwühlt mit einigen seiner Hände den Inhalt und streicht liebevoll über das Schachbrett, das sich darin befindet. Der Dämonenmeister schwebt näher heran. Hinter ihm hockt Vene mit bösartig funkelnden Augen. Lord Loss zieht eine der Schachfiguren aus dem Beutel und betrachtet sie. »Ganz allein«, seufzt er, ohne mich anzusehen. »Alle Freunde sind tot oder unerreichbar. Es gibt keinen Ausweg. Wenn du dieses Ende vorausgeahnt hättest, wärst du vielleicht doch bei deinen Leuten geblieben. Oder hättest nicht deine gesamte Magie am Magnetiten verschleudert.« »Wir haben gesiegt«, fauche ich. »Wir haben alle Dämonen zurückgeschickt.« »Tatsächlich?« Lord Loss reißt erstaunt die roten Augen auf und lässt die Figur wieder in den Beutel fallen. »Wieso bin ich dann noch hier?« Er grinst, als ich die Antwort auf die Frage schuldig bleibe. »Arme Bec. Du weißt so wenig vom Universum. Ich betrete eure Welt nicht durch den Tunnel. Schon lange ehe Brude seinen Verrat begangen hat, bin ich durch euer Land gestreift. Dein Wind – so eindrucksvoll er auch gewesen sein mag – konnte mir nichts anhaben. Dafür bin ich zu mächtig.« »Als Drust Euch verbannt hat, habt Ihr keinen besonders mächtigen Eindruck gemacht«, höhne ich. Ein Zucken überläuft das Gesicht meines Widersachers. »Da muss ich dir recht geben. Trotzdem würde ich den Mund nicht so voll nehmen, wenn ich an deiner Stelle wäre. Drusts Zauber war klug, aber jetzt musst du teuer dafür bezahlen. Erinnerst du dich an meinen Fluch?« »Ich fürchte mich nicht vor dem Fluch eines Dämons«, erwidere ich. »Wer weiß, ob du damit gut beraten bist«, gibt er mit finsterer Miene zurück. »Menschen sollten sich hüten, einen Dämonenmeister zu verspotten. Wir sind gefährliche Feinde. Hättest du mich nicht verhöhnt, dann hätte ich dich vielleicht verschont. Ich habe dich gern gemocht, Bec. Ich habe dir etwas von meiner Magie gegeben und mich bereits darauf gefreut, dich heranwachsen zu sehen.« »Warum habt Ihr mir etwas von Eurer Magie gegeben?«, frage ich, von Neugier überwältigt. »Wir hätten sonst niemals den Tunnel schließen können.« Lord Loss lächelt selbstgefällig. »Ich bin der Wächter des Kummers, ich nähre mich vom Unglück der Menschen, und deswegen ist mir diese Welt mit ihren traurigen, schmerzgeplagten Bewohnern lieb und teuer. Wären die Dämonata hier eingedrungen, hätten sie alles zerstört. Dämonen sind gewöhnliche, hasserfüllte Geschöpfe, sie hätten binnen kurzem ausnahmslos allen Menschen den Garaus gemacht und innerhalb von wenigen Jahren meine Lieblingsspielzeuge vernichtet. Da konnte ich doch nicht einfach die Hände in den Schoß legen, oder?« Ich starre ihn ungläubig an. »Ihr habt eure eigenen Leute verraten und sie betrogen? Ihr habt mir absichtlich die Macht verliehen, den Tunnel zu schließen?« »Natürlich«, erwidert er kichernd. »Versteht sich, dass ich dabei so unauffällig wie möglich vorgehen musste. Schließlich wollte ich nicht riskieren, dass die Dämonata meinen Kopf fordert. Doch indem ich dir die Mittel in die Hand gegeben habe, Brudes Tunnel zu schließen, habe ich für Frieden in dieser Welt gesorgt und meine sterblichen Getreuen vor großem Elend bewahrt.« »Aber...« Die Gedanken in meinem Kopf wirbeln nur so durcheinander. Mit einem Mal durchschaue ich alles. »Connla hat für Euch gearbeitet und Drust vor jeder Bedrohung geschützt.« »Mein Wolf im Schafspelz«, bestätigt Lord Loss lachend. »Spaßeshalber habe ich ihn einige der anderen töten lassen, ihm jedoch befohlen, dich und den Druiden zu beschützen. Am Ende hat er das vergessen und die Dämonen gerufen, um euch alle auszulöschen. Beinahe hätte er dadurch alles verdorben, aber glücklicherweise hast du ihn erledigt, obwohl ich das gern selbst übernommen und ihm weitaus schlimmere Qualen zugefügt hätte.« »Warum habt Ihr ihn überhaupt für Eure Zwecke eingespannt und gegen uns aufgehetzt?«, rufe ich aus. »Wir haben doch alle dasselbe Ziel verfolgt.« »Natürlich um euch leiden zu lassen«, sagt Lord Loss, dessen Lächeln immer breiter wird. »Ich wusste, dass er Zwietracht unter euch säen und köstliches Unglück und Elend über euch bringen würde. Ich habe mich selten so großartig amüsiert.« Sein Lächeln erlischt. »Bis mich dieser Druide verbannt hat.« Auf sein Fingerschnippen hin kommt Vene angetrabt. Lord Loss krault der Dämonenhündin mit einer seiner acht verstümmelten Hände den Kopf. »Du hättest gehen können«, flüstert er. »Dein Tod ist sinnlos, lebend wärst du für mich von größerem Interesse gewesen. Der Kummer wäre dir wie ein Schatten gefolgt, das spüre ich genau, und ich hätte dich begleitet und mich an dem Elend ergötzt, dessen Verursacherin und Leidtragende du bist. Leider darf das nicht sein, denn in meinem Zorn habe ich euch mit einem Fluch belegt. Als Geschöpf, das zu seinem Wort steht, muss ich den Fluch nun erfüllen.« Er entfernt sich, und das grünliche Schimmern verblasst. Vene hat sich nicht von der Stelle gerührt, und allmählich gesellen sich etwa zwanzig Dämonen zu ihr. In den leeren Augenhöhlen des einen lodern glühende Feuerbälle, und er hat den Körper eines Kleinkindes, ein anderes hat einen Schuppenleib, wieder ein anderer gleicht einem Rieseninsekt, in dessen Hinterleib messergroße Stacheln stecken. »Meine Getreuen«, haucht Lord Loss und verschwindet langsam in der Finsternis. »Ihr Hunger nach Fleisch ist größer als meiner.« »Nein«, wimmere ich und klammere mich an die Wand. »Bitte nicht, ich tue alles, was Ihr verlangt. Ich...« Doch dann verstumme ich und reiße mich zusammen. Ich erinnere mich, wer ich bin, wessen Blut in meinen Adern strömt und zu welchem Clan ich gehöre. »Auf Wiedersehen, Bec«, ruft Lord Loss leise. »Ihr sollt verdammt sein!«, rufe ich ihm herausfordernd hinterher. Dann erlischt das Licht, und Dunkelheit umfängt mich. Für einen Augenblick herrscht Stille. Dann ertönt ein Keckern. Ein Knurren. Klauen und Finger tappen auf mich zu. An den Felsen gelehnt, warte ich schicksalsergeben. Kein Weinen. Kein Betteln. Ich will würdevoll in den Tod gehen, wie es sich für eine wahre Priesterin oder Kriegerin geziemt. Die Geräusche kommen näher. Zischen. Knistern. Zähne und Fänge knirschen. Ich lege den Kopf an den Felsen, starre ins Nichts und versuche so tapfer wie möglich zu sein. Finger berühren meine verletzten Beine. Klauen und Tentakel strecken sich forschend aus. Dann fallen sie über mich her, traktieren, beißen, schlagen, schlitzen. Ihr Atem schlägt mir heiß und kalt ins Gesicht, während sie sich um mich zusammenrotten. Ich stelle mir ihre gewaltigen Kiefer, Fratzen und Fänge vor. Zitternd presse ich die Zähne aufeinander, wild entschlossen, meine Tränen zu unterdrücken, die Lord Loss solchen Genuss bereiten. »Ich schreie nicht«, befehle ich mir. »Niemals! Niemals! Ich...« Immer wieder schlagen sie mir die Zähne ins Fleisch, in alle Körperteile zugleich. Fingernägel bohren sich tief in meine Eingeweide, Hände wühlen sich in mich und zerren mein Innerstes heraus, kratzen an der Innenseite meiner Haut. Sie reißen mich in Stücke. Der Schmerz ist unerträglich. Ich verliere die Herrschaft über mich. Mein Mund öffnet sich, meine Sinne schwinden, mein Gehirn rast. Das Letzte, was ich vernehme, ehe der Wahnsinn und die Dämonen mich verschlingen, ist das Echo meines eigenen entsetzten, entfesselten Todesschreis im Tunnel. Schreie im Dunkeln.