Zum Buch: „Willst du mich heiraten?“ Kelly weiß nicht, was sie antworten soll. Sicher, Ross ist lieb, treu und ein guter Freund – aber er ist definitiv nicht das, was ihr Exmann für sie war! Vaughan, dieser wilde, sexy Rockstar, der sie allein mit einer Berührung zum Schmelzen brachte. Aber sie sind längst geschieden, und er hat ihr Herz in Trümmern zurückgelassen. Plötzlich jedoch taucht er wieder in Kellys Leben auf, als hätte er gespürt, dass er sie für immer verlieren könnte … „Ein aufregend sinnliches, prickelndes Vergnügen.“ Jaci Burton, New York Times Bestsellerautorin Zur Autorin: Ihren ersten Roman schrieb Lauren Dane noch auf einem gebrauchten Laptop, der glücklicherweise erst den Geist aufgab, nachdem sie das Buch beendet hatte. Mittlerweile hat sie über 50 weitere Romane und Novellen geschrieben und ist erfolgreiche New York Times-Bestsellerautorin. Lieferbare Titel: Das Beste, was passieren kann Im Rhythmus unserer Herzen Lauren Dane Soundtrack unserer Sehnsucht Roman Aus dem Amerikanischen von Maike Müller MIRA® TASCHENBUCH MIRA® TASCHENBÜCHER erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH, Valentinskamp 24, 20354 Hamburg Geschäftsführer: Thomas Beckmann Copyright © 2016 by MIRA Taschenbuch in der HarperCollins Germany GmbH Titel der amerikanischen Originalausgabe: Back to You Copyright © 2015 by Lauren Dane erschienen bei: HQN Books, Toronto Published by arrangement with Harlequin Enterprises II B.V./S.àr.l Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner GmbH, Köln Umschlaggestaltung: büropecher, Köln Redaktion: Laura Oehlke Titelabbildung: Harlequin; Veremeev / Thinkstock ISBN eBook 978-3-95649-942-5 www.mira-taschenbuch.de Werden Sie Fan von MIRA Taschenbuch auf Facebook! eBook-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing, Dortmund www.readbox.net Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer. Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Wie immer verneige ich mich in Demut und Dankbarkeit vor den Menschen, die alles getan haben, um mich auf jede erdenkliche Weise zu unterstützen. Ohne diese Fürsorge stünde ich in meinem Leben nicht dort, wo ich jetzt stehe. Dass ich das Jahr 2014 überstanden habe, verdanke ich zum großen Teil dieser Großzügigkeit und Liebe. Danke. 1. KAPITEL Kellys erster Impuls war, so zu tun, als hätte sie Ross nicht richtig verstanden. Doch das wäre eine Lüge gewesen, und sie hasste es zu lügen. Trotzdem wusste sie nicht, was sie antworten sollte. Sie war dreiunddreißig Jahre alt. Sie hatte zwei wunderbare Kinder, stand erfolgreich im Berufsleben, und der Mann, mit dem sie sich vorstellen konnte, ein gemeinsames Leben aufzubauen, hatte sie soeben gebeten, seine Frau zu werden. Nur ein bisschen weniger romantisch als gedacht, eher nach dem Motto: Wir übernachten nun schon seit einem Jahr beieinander. Vielleicht sollten wir heiraten. Das wäre doch für alle gut und würde eine Menge Kosten sparen, findest du nicht auch? Konnte sie überhaupt etwas anderes als Ja sagen? Es spielte keine Rolle, dass Ross nicht Vaughan war. Zugegeben, eigentlich spielte es eine große Rolle, dass er nicht der Mann war, der ihr Herz in so viele Einzelteile zerbrochen hatte, dass sie nicht sicher gewesen war, ob sie jemals darüber hinwegkäme. Acht Jahre waren vergangen, seit sie ihren damaligen Mann, den Vater ihrer Kinder, hatte verlassen müssen. Ja, sie hatte gewartet. Darauf, dass er begriff, wie fantastisch sie war, und dass sie gemeinsam eine wunderbare, glückliche Familie sein könnten. Wenn er doch nur endlich mal was auf die Reihe bekäme! Viele Tränen und unzählige einsame Nächte später hatte sie nur eines gelernt: Sosehr sie sich auch das Gegenteil wünschte – Vaughan Hurley war alles andere als eine gute Partie. Schlimmer noch, Kelly war sich nicht sicher, ob er es jemals sein würde. Sie wollte nicht länger darauf vertrauen, dass er endlich erwachsen werden und sich zu einem Mann entwickeln würde, der ihre Liebe verdient hatte. Was hätte sie schon tun sollen? Für immer Single bleiben? Auf etwas warten, das womöglich niemals eintreten würde? Nein, sie hatte das Alleinsein satt. Sie wollte heiraten. Jeden Tag nach Hause kommen, wo jemand auf sie wartete. Ross war ein guter Mann. Und ganz gewiss würde er ein guter Ehemann sein. Sie hatte kein Recht, zu erwarten, dass es andauernd zwischen ihnen knisterte. Sie liebte ihn. Gemeinsam konnten sie ein gutes Leben führen. Er war genau das, was sie brauchte. Sie musste aufhören zu warten. Zeit, nach vorn zu blicken. Sie sah die Güte in seinen braunen Augen. Sicherheit – das war es, was er ausstrahlte. „Also gut. Ja, ich will“, schien eine fremde Stimme zu sagen. Doch Kelly nahm die Worte weder zurück, noch relativierte sie sie. Ross lächelte und schloss sie fest in die Arme. Vaughan Hurley war endlich wieder zu Hause, nachdem er drei Monate mit seiner Band Sweet Hollow Ranch herumgetourt war. Zuvor hatten sie von morgens bis abends an dem neuen Album gefeilt. Eine weise Entscheidung, immerhin lief es für ihn beruflich extrem gut – die Band konnte gute Verkaufszahlen und eine außerordentlich erfolgreiche Tournee vorweisen. Allerdings ließ sich nicht leugnen, dass er sich geradezu in die Arbeit gestürzt hatte. Damit war es jetzt vorbei. Er musste etwas erledigen. Etwas, vor dem er sich jahrelang gedrückt hatte. Vielleicht zu lange. Und es hatte erst der Verlobung seiner Exfrau bedurft, damit er es sich endlich eingestand. „Ich dachte, ich sollte dir sagen, dass Ross mir einen Heiratsantrag gemacht hat, den ich angenommen habe.“ Sein Herz verkrampfte sich, während er sich nach Kräften bemühte, nicht die Fassung zu verlieren. „Wann ist es denn so weit?“ „Wir haben noch kein Datum festgelegt, aber wahrscheinlich erst in einem Jahr.“ Sie sah ihn abwartend an. Herrje, er würde sie anflehen müssen, das nicht zu tun. „Ach so. Herzlichen Glückwunsch.“ Ein kurzes Nicken. „Danke. Viel Spaß auf eurer Tournee.“ Schon hatte sie kehrtgemacht und ihn auf ihrer Veranda stehen lassen. Wie ferngesteuert war er nach Hause gefahren. In den letzten drei Monaten hatte Vaughan an kaum etwas anderes gedacht. Nicht nur an die Verlobung, sondern auch an diese absurde Stille und die Art, wie Kelly darauf zu warten schien, dass er etwas erwiderte, und einfach gegangen war, als er es nicht getan hatte. Und nun stand er da, fühlte sich nach der Tournee wie aufgeputscht und vermisste etwas, das ihm erst bewusst geworden war, als er es verloren hatte. Sie hatten zwei gemeinsame Töchter, die er vergötterte. Nach drei Monaten on the road, in denen er sie nicht hatte küssen oder umarmen können, vermisste er sie nun mehr denn je. Je älter die beiden wurden, desto schwerer fiel es ihm jedes Mal, sie zurückzulassen. Denn wenn er sie das nächste Mal sah – manchmal nur wenige Wochen später –, waren sie größer geworden und hatten viele neue Dinge erlebt, allesamt ohne ihn. Dennoch war er überglücklich, dass sie seine Liebe erwiderten. Seine kleinen Mädchen, die nach ihrem Lieblings-Erdbeershampoo dufteten, sich an ihn kuschelten und ihm Gutenachtküsschen gaben. Wenn die beiden ihn so voller Vertrauen und Liebe ansahen, brach es ihm jedes Mal aufs Neue das Herz und gab ihm zugleich unendlich viel Kraft. Er nahm den kurzen Weg und parkte am Bordstein vor dem Haus, in dem seine Exfrau ihre gemeinsamen Kinder großzog. Ihr Zuhause. Ein Ort, den er nur mit ihrer Erlaubnis betreten durfte. All das war seine verfluchte Entscheidung gewesen. Die ganze Scheidung stand sinnbildlich dafür, dass man bereute, genau das bekommen zu haben, wonach man gefragt hatte. Oben brannte noch Licht. Er hoffte, noch einen kurzen Blick auf die schlafenden Mädchen werfen und wenigstens die Geschenke abgeben zu können. Und sie zu sehen. Noch im Wagen zog er das Handy heraus und schrieb ihr eine Nachricht, dass er draußen stand. Doch sie antwortete ihm nicht. Stattdessen kam Kelly auf die Veranda und winkte ihn zu sich. Schon beim Aussteigen bemerkte er ihren besorgten Gesichtsausdruck. Die Angst packte ihn, als er zu ihr rannte. „Was ist los?“ „Maddie. Sie hat ziemlich hohes Fieber und so starke Bauchkrämpfe, dass sie nicht mal mehr stehen kann. Ich wollte sie gerade in die Notaufnahme bringen. Kannst du mir helfen?“ Vaughan sah sie an – zum ersten Mal seit langer Zeit sah er sie richtig an. Sein Herz setzte immer noch einen Schlag aus, wenn er das tat, doch in diesem Augenblick war ganz klar, dass sie ihn brauchte. Er befreite sich aus seiner Starre und konzentrierte sich auf die Situation. „Ja. Klar, natürlich. Sag mir, was ich tun soll.“ Kelly zögerte einen Moment, leckte sich über die Lippen und deutete nach oben. „Ich hab sie gerade angezogen. Ihre Schuhe habe ich in meiner Tasche. Kannst du die Kleine runtertragen? Dann schließ ich schon mal das Auto auf. Am besten bringst du sie vorne raus.“ Ihre Ansage war knapp und präzise, der intime Moment zwischen ihnen verflog. Ihre Selbstbeherrschung tat ihm gut, sodass er sich ebenfalls zusammenriss. Auf halbem Weg nach oben fiel ihm seine Jüngste ein. „Was wird mit Kensey?“ „Sie schläft bei einer Freundin. Beeil dich, ja?“ Er hetzte zum Kinderzimmer am Ende des Flures. Sein Mädchen lächelte ihn kurz an. „Daddy? Du bist da! Das ist toll! Ich hab Fieber.“ Vaughan bückte sich, hob sie hoch und spürte ihre heiße Wange an seiner. Panik flackerte in ihm auf, doch er zwang sich, ruhig zu bleiben. Maddie brauchte ihn jetzt. „Ich hab schon gehört. Komm, meine Süße. Mom wartet unten.“ Sie nickte schläfrig. Ihre blassgrünen Augen waren vom Fieber ganz glasig. Kelly stand unten an der Tür und führte ihn zum Auto, wo er seine Tochter sanft auf die Rückbank setzte und auf den freien Platz neben sie rutschte. „Mach’s dir bequem, Sternchen. Wir fahren jetzt zum Doktor. Lehn dich an Daddy an.“ Er sah, wie Kelly, die mittlerweile hinterm Steuer saß, ihn durch den Rückspiegel musterte, und konnte ihre Angst förmlich spüren. Gott sei Dank, dass er ausnahmsweise hier war, sodass sie und Maddie das hier nicht alleine durchmachen mussten. Sie sprachen nicht viel, während sie zum Krankenhaus brausten, das nicht allzu weit vom Haus entfernt lag. Auf der Fahrt krampfte Maddie sich einmal kurz vor Schmerzen zusammen und stieß ein Wimmern aus, doch dann ebbte der Bauchschmerz wieder ab. Kelly stellte den Wagen unter dem Vordach der Notaufnahme ab, stieg hastig aus und hielt die Tür auf seiner Seite auf. „Ich bringe sie rein. Ich habe alle medizinischen Infos, und außerdem kennt man mich hier. Parkst du das Auto und kommst dann nach?“ Eine klare Ansage war genau das, was er jetzt brauchte. Als Kelly mit der Kleinen auf dem Arm das Krankenhaus betrat, verschwendete Vaughan keine Sekunde damit, ihnen sehnsüchtig nachzublicken. Er sprang zurück in den SUV und suchte so schnell wie möglich einen Parkplatz. Mit dem Telefon am Ohr, um seine Eltern anzurufen, schaffte er es sogar, sich seinen Kapuzenpullover und Maddies Kuschelschwein zu schnappen, ehe er zurück zu der Doppeltür rannte, die zur Notaufnahme führte. Vaughan stand Kelly auf der anderen Seite der Krankentrage, auf der ihre Tochter lag, gegenüber. Die Schwestern waren dabei, die Liege in den OP zu schieben. Kelly strich Maddie, die von dem verabreichten Beruhigungsmittel schon ganz dösig war, die Haare aus der Stirn und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. Sie sah so klein aus, so verletzlich. Vor lauter Angst klopfte Kellys Herz wie wild, doch sie schaffte es, optimistisch zu klingen und sich zusammenzureißen – weil es ihre Aufgabe war. „Ich hab dich lieb. Ich werde hier sein, wenn du wieder da bist.“ Dass ihre Tochter das bereits erwartet hatte, bedeutete Kelly unendlich viel. Und als Maddie „Hab dich lieb, Mommy“ murmelte, gab ihr das die Kraft, durchzuhalten und der Mensch zu sein, auf den ihre Kinder sich immer verlassen konnten. Vaughan flüsterte Maddie zu, wie lieb er sie hatte, und machte ihr Mut, bevor er neben Kelly trat und zusah, wie das Krankenhauspersonal die Trage den Flur hinunter und durch eine weitere Doppeltür schob. Sie starrte noch immer auf die Stelle, wo Maddie gerade noch gelegen hatte. Ein Schluchzer wollte ihr entweichen, doch sie rang ihn nieder. Zumindest fast. Vaughan nahm ihre Hand und drückte sie. „Alles wird gut, Kel. Das weißt du doch.“ Das machte es ihr nicht gerade leichter, die Tränen zurückzuhalten, doch schließlich nickte Kelly. Sie hatte die Angst in seiner Stimme gehört und wollte ihn beruhigen, schließlich brauchte er sie jetzt auch. Wie alle Mütter hatte sie mehr als genug Erfahrungen mit Platzwunden und mitternächtlichen Pseudokrupp-Anfällen im feuchtnebeligen Badezimmer bei laufendem heißem Wasser. All das hatte ihr gezeigt, wie belastbar Kinder sein konnten. Maddie würde wieder gesund werden, und genau darauf musste sie sich jetzt konzentrieren. Vaughan hatte gewiss noch nie mit nächtlichen Notfällen zurechtkommen müssen. Ein wenig Einfühlsamkeit von ihr tat ihm jetzt sicher gut, und ihr würde es auch nicht schaden. Kelly lächelte ihren Exmann an. „Danke.“ In dem kleinen Wartezimmer ließ sie sich seufzend auf einen der Stühle fallen. Es war fast ein Uhr nachts, und allmählich sank ihr Adrenalinpegel wieder, wodurch sie sich erschöpft und zugleich überspannt fühlte. Zum Glück war Kensey sicher untergebracht, sodass nichts sie beunruhigen musste. In Gedanken ging Kelly ihre Checkliste durch, um sicherzugehen, dass sie nicht irgendetwas Wichtiges vergessen hatte. Vaughan musterte sie kritisch, er sah jedoch schon wieder gefasster aus. „Wann hast du zum letzten Mal was gegessen, Kel?“ Es verwirrte sie, wenn er so war. Es schien viel einfacher, wenn er für längere Zeit aus ihrem Leben verschwunden war. Den Mann, der sich dafür entschieden hatte, seine Familie zu verlassen, um selbst nicht erwachsen werden zu müssen, konnte sie definitiv nicht lieben. Kelly hatte schon zwei Kinder, sie brauchte kein drittes. Sie wollte nicht hinter den flüchtigen Momenten echter Verbundenheit herjagen, wenn sie mit Ross eine dauerhaft stabile Basis haben konnte. Mit ihrem Verlobten, erinnerte sie sich, als sie darüber nachzudenken begann, wie es klang, wenn Vaughan sie so nannte wie eben. Acht Jahre nachdem er ihr das Herz gebrochen hatte und sich ihr endlich die Möglichkeit bot, mit einem anderen Mann eine richtige Familie zu haben. „Ich hab Maddie um fünf Abendessen gemacht. Weil sie sich nicht gut fühlte, hat sie Tomatensuppe und einen Käsesandwich bekommen. Sie hat nicht viel gegessen.“ „Das hat meine Mom mir auch immer gemacht, wenn ich krank war.“ Er lächelte. Ihr Magen schlug einen Purzelbaum. Wahrscheinlich nur, weil sie besorgt war. „Jetzt hast du mir zwar gesagt, was sie gegessen hat, aber nicht, ob du auch etwas abbekommen hast.“ „Jaja, Suppe und ein Sandwich. Und du? Du kommst doch direkt vom Konzert. Ich weiß noch genau, wie du danach immer drauf warst.“ Hitze stieg ihr in die Wangen, obwohl sie versuchte, es zu verhindern. Nach einem Gig hatte er immer einen Bärenhunger gehabt – auf etwas zu essen und auf Sex. Mit keinem anderen hatte es sich so gut angefühlt wie mit ihm. Sie hatte in seiner Garderobe auf ihn gewartet, er war auf direktem Wege zu ihr gekommen. Er nahm sie rau und hart, hinterließ Knutschflecken an Stellen, die nur er zu sehen bekam. Es war unfassbar heiß. So sexy und intensiv, dass sie alles andere vergaß. Und was hatte es ihr gebracht? Sie schüttelte den Kopf, um sich von den Erinnerungen zu lösen, weil es für ihn niemals mehr als nur Sex gewesen war, während es ihr einfach alles bedeutet hatte. So, wie er ihr alles bedeutet hatte. „Wenn du willst, kannst du ruhig gehen. Ich halte dich auf dem Laufenden. Du bist doch sicher todmüde.“ Vaughan sah sie lange an. So lange, dass sie begann, sich unter seinem Blick zu winden. Schließlich sagte er: „Ich will nicht mehr weglaufen.“ Kelly wusste, dass er damit nicht nur die heutige Nacht meinte. Sie zwang sich, nachzuhaken, obwohl sie sich nicht sicher war, ob sie die Antwort wirklich hören wollte. „Bitte?“ Nun war er es, der den Kopf schüttelte. „Ich werde nirgendwo hingehen, Kelly. Ich bin so froh, dass ich bei euch vorbeigekommen bin. Ich bin hier. Das ist unser Kind. Wir können das gemeinsam durchstehen.“ Vielleicht interpretierte sie zu viel hinein, und er hatte gar nicht mehr gemeint als das. Sie war zu müde, um weiter nachzuforschen. Ihre Augen brannten. Sie hatte Magenschmerzen, und sie war nervös und empfindlich. Er war Maddies Vater. Und Kelly war die Beziehung der Mädchen zu ihrem Vater und dessen Familie immer wichtig gewesen. Vaughan war hier, neben ihr, und gab sich alle Mühe. Sie beschloss, ihn gewähren zu lassen und dankbar zu sein. „In Ordnung. Ich bin auch froh, dass du hier bist.“ „Ich hätte da einen Vorschlag. Ganz in der Nähe gibt es einen Imbiss, der rund um die Uhr geöffnet hat. Nichts Tolles, aber ich halte manchmal mit den Mädchen dort, bevor ich sie nach Hause bringe. Ich könnte hinfahren und etwas zu essen holen.“ Kelly ballte die zitternden Hände mehrmals zu Fäusten, um sie etwas aufzuwärmen. Etwas im Magen zu haben wäre gut, da sie beide gewiss noch einige Stunden wach sein würden. Außerdem brauchte sie ein bisschen Zeit für sich, um einen klaren Kopf zu kriegen und ein paar Telefonate zu erledigen. „Ja, das wäre toll. Danke.“ „Ich rufe gleich mal dort an, damit es fertig ist, wenn ich ankomme. In höchstens einer halben Stunde müsste ich zurück sein.“ Vaughan lächelte. „Auch wenn ich es schon mal gesagt habe: Ich bin froh, dass ich heute Abend bei euch vorbeigefahren bin.“ Er reichte ihr seinen Pullover. „Hier. Du siehst aus, als ob du frierst.“ Dann ging er schnellen Schrittes davon. Sie lehnte den Kopf an die Wand und schloss die Augen. Schon vor langer Zeit hatte sie die Hoffnung aufgegeben, dass Vaughan da sein würde, wenn sie ihn brauchte. Und sie wünschte, es wäre ihr egal, dass er ihr in dieser Nacht zur Seite stand. Aber es war ihr nicht egal. Und sie war dumm genug, es zuzulassen. Es kam ihr vor, als hätte sie schon vor der Scheidung versucht, über Vaughan Hurley hinwegzukommen. Von all den Menschen, bei denen sie in ihrem Leben nach Aufmerksamkeit und Zuneigung gesucht hatte, war es allein Vaughan, der noch immer die Hoheit über ihr Herz besaß. Das machte sie so dumm – aber Liebe war eben so. Mit einem Stöhnen setzte Kelly sich auf und zog ihr Handy aus der Tasche, um ihrer besten Freundin eine Nachricht zu schreiben. Stacey war gerade auf der anderen Seite des Landes in Manhattan, wo sie auf irgendeiner Konferenz einen Vortrag hielt. Zwar wünschte Kelly sich, dass Stacey jetzt hier bei ihr wäre, aber dieser Vortrag war eine verdammt große Sache. Deshalb ließ sie ihre Nachricht nicht so düster klingen. Sie gab die wichtigsten Infos durch und drängte ihre Freundin, bloß in New York zu bleiben. Es gab rein gar nichts, was Stacey im Augenblick für sie tun könnte. Aber Kelly wollte sie zumindest auf dem Laufenden halten. Im Anschluss schrieb sie Ross, informierte ihn über Maddies Zustand und versicherte, dass sie ihn anrufen würde, wenn er wach war. Er mochte Vaughan nicht, auch wenn er das vor den Mädchen niemals zeigte. Er mochte es nicht, wenn Kelly Zeit mit ihrem Ex verbrachte – auch nicht bei Familienfeiern. Und er war eifersüchtig darauf, dass Vaughan durch die Kinder mit ihr verbunden war. Als sie dann Vaughans Sweater überzog, begann bei den Erinnerungen an die kurze, schöne gemeinsame Zeit ein Schmerz in ihr zu pochen, an den sie sich vor vielen Jahren gewöhnt hatte. Sie schüttelte das Gefühl ab, indem sie sich ins Bewusstsein rief, dass schon bald die gesamte Hurley-Bande auftauchen würde. Daran hatte sie keinen Zweifel. Wenn Vaughan seine Familie brauchte, ließ die alles stehen und liegen und kam her. Jeder Einzelne von ihnen würde ihn und Maddie unterstützen. Im Grunde war sie dankbar, dass ihre Kinder so viel Liebe erfuhren. Im Grunde. Ihre ehemalige Schwiegermutter mochte Kelly hassen – aber sie liebte ihre Enkelkinder und ihre Söhne. Es stand Kelly nicht zu, über sie zu urteilen. Vor allem weil sie nicht vorhatte, ihre eigene Mutter anzurufen. Rebecca Larsen verbrachte den Sommer in den Hamptons – in dem Haus, das sie sich vom Geld ihrer Tochter gekauft hatte, was die jedoch mehr als befürwortete. Kelly war in einem aggressiven, chaotischen Zuhause aufgewachsen. Als sie mit zwölf die Chance genutzt hatte, zum ersten Mal auf einer Modenschau zu laufen, war ihr bewusst geworden, dass sich ihr damit eine Möglichkeit bot, endlich aus Rebeccas Dunstkreis herauszukommen. Als sie nach Maddies Geburt aus dem Krankenhaus entlassen worden war, hatte sie sich geschworen, diesem kleinen Wesen eine richtige Familie zu schenken. Sie zu beschützen und zu lieben und ihr Bestes zu geben, um ein Kind großzuziehen, das in jeder Sekunde wusste, wie wertvoll es war. Mit einem Seufzer konzentrierte Kelly sich auf die Schwarz-Weiß-Naturfotografie an einer der Wände und lehnte sich auf dem Stuhl zurück. Abschalten war genau das, was sie jetzt brauchte. Sie hatte die Meditationstechnik von einer Mitbewohnerin aus Modelzeiten gelernt, und nun half sie ihr dabei, alles auszublenden, was nichts mit Maddie zu tun hatte. Man konnte nicht sagen, das Muttersein hätte Kelly zu einer richtigen Frau gemacht. Aber ihr Leben bekam so tiefe Wurzeln wie noch nie zuvor. Diese Liebe, die Überzeugung, sich ohne zu zögern für jemanden vor ein Auto zu werfen, hatte ihre gesamte Existenz umgekrempelt. Sie war stark und konnte jeden Morgen in den Spiegel sehen, ohne innerlich zusammenzuzucken. Ihren Kindern ein gutes Vorbild zu sein war manchmal das Einzige, das ihr die Kraft gab, weiterzumachen. Maddie würde wieder gesund werden, weil Kelly die Welt in Stücke reißen würde, um es wahr zu machen. Als Vaughan mit dem Essen zurückkam, gingen sie in den Hauptwartesaal. Man hatte nur Kelly und ihm Zugang zu dem Raum gewährt, der direkt vor dem pädiatrischen Operationsbereich lag, und von ihren Sitzplätzen aus konnten sie die Türen gut im Blick behalten. „Nicht das erste Mal, dass wir nach der Geisterstunde zu Abend essen.“ Er grinste sie an. Sie trug sein Sweatshirt, und obwohl ihre Trennung schon so lange her war, überraschte es ihn nicht, dass es ihn anmachte, sie darin zu sehen. Oder dass es ihn daran erinnerte, wie sie aussah, wenn sie nach einem Auftritt nichts als eins seiner Shirts getragen hatte. Sie wischte sich den Mund ab und knüllte die Serviette zusammen. „Mein Magen ist auch nicht mehr so fit, was er mal war. Aber für ein Essen im Krankenhaus zu dieser nachtschlafenden Uhrzeit ist es wirklich super. Vielen Dank für den Service.“ „So hatte ich immerhin was zu tun. Und wie gesagt: Ich hatte auch Hunger.“ „Ich bin noch gar nicht dazu gekommen, dich zu fragen, wie eure Tournee war.“ In ihrer Stimme lag eine Vorsicht, die er bei ihr bisher nur selten gehört hatte. Bei diesem Thema aber bewegten sie sich auf sehr dünnem Eis. Früher zumindest. Und vielleicht, nur vielleicht, war es seine Schuld. Doch bevor er antworten konnte, stand Kelly lächelnd auf. „Was machst du hier? Ich hab dir doch gesagt, du sollst zu Hause bleiben.“ Vaughan konnte nur schwer ein verärgertes Brummen unterdrücken, das beim Anblick von Kellys Freund Ross in ihm aufstieg, der ins Wartezimmer spazierte und Vaughans Frau fest umarmte – was sie offenbar dringend gebraucht hatte. Vaughan hingegen vermied Umarmungen mit ihr, weil er zu derlei Körperkontakt mit ihr nun mal kein Recht mehr hatte. Ross küsste sie auf die Stirn, und Vaughan hätte dem Kerl am liebsten eine verpasst. Dem Kerl, der sagte: „Ich habe beschlossen, dir diese lächerliche Forderung zu verzeihen, da du unter Stress gehandelt hast. Natürlich komme ich her. Was sollte ich wohl sonst tun?“ Ross’ gesamte Aufmerksamkeit lag auf Kelly, aber Vaughan wusste sehr wohl, dass der andere ihn nicht übersehen hatte. Das wurde deutlich, weil Ross ihm einen langen Blick zuwarf, ehe er Kelly losließ und Vaughan die Hand hinhielt. „Hey. Schön, dich zu sehen, trotz dieser miesen Umstände.“ Ross mochte Vaughan vielleicht nicht, aber er hatte immerhin gute Manieren. Außerdem liebte er Kelly, das war nicht zu übersehen. Wer konnte es ihm verdenken? Kelly war umwerfend. Sie führte ihr eigenes Geschäft, war eine tolle Mutter und klug obendrein. Und lustig. Sie duftete fantastisch, und ihre Haut war wunderbar weich. „Freut mich auch, dich zu sehen.“ Was erstunken und erlogen war. Wie glücklich wäre er, dachte Vaughan, wenn er die Visage dieses Typen nie wieder sehen müsste. Ross wandte sich wieder Kelly zu. „Was machen die mit Maddie?“ Er strich ihr die Haare aus dem Gesicht. „Komm, setzen wir uns.“ Er führte sie zu den Stühlen zurück und beanspruchte den Platz neben ihr. Vaughan nutzte die Gelegenheit, um sich bei seinen Brüdern zu melden, doch obwohl er den beiden frisch Verlobten den Rücken zukehrte, konnte er ihre Spiegelung in dem Fenster sehen, vor dem er stand. Kelly schmiegte sich an Ross – erleichtert, dass er da war. Die Stabilität, die er immer wieder in ihr Leben brachte, beruhigte sie. „Wer ist bei den Mädchen?“ Ross hatte zwei Töchter, die in etwa so alt waren wie ihre eigenen. „Meine Mutter ist rübergekommen. Ich hab deine Nachricht nur zufällig gelesen, als ich zur Toilette musste.“ Er küsste sie auf die Schläfe und raunte ihr zu: „Dachtest du wirklich, ich würde nicht kommen? Wo seine Horde von Familie wahrscheinlich jeden Moment hier einfällt?“ Natürlich hatte er nachempfunden, wie es sich für sie anfühlen würde, die einzige Nicht-Hurley in diesem Raum zu sein. Kelly verschränkte die Finger mit seinen. Ross war genau das, was sie brauchte. Ein Fels in der Brandung. Das, was sie fast ihr ganzes Leben lang vermisst hatte. Dennoch ertappte sie sich dabei, dass sie die Worte im Stillen immer wieder wie ein Mantra wiederholen musste – und zwar nicht, weil es sie so glücklich machte. Sie hatte die Ereignisse gerade zur Hälfte geschildert, als Sharon und Michael Hurley hereinkamen, schnurstracks zu Vaughan gingen, ihn umarmten und leise mit ihm sprachen, ehe sie sich zu Kelly und Ross setzten, um auf Neuigkeiten zu warten. Kurz danach kam der Arzt herein, um ihnen mitzuteilen, dass Maddie bereits im Aufwachraum lag und alles gut verlaufen war. Vaughan stand neben Kelly und drückte bei den guten Nachrichten ihre Hand. Sie gingen zum Aufwachraum, wo sie die Kleine umarmen und ihr sagen durften, wie lieb sie sie hatten. Kelly zauberte Pete aus der Tasche von Vaughans Kapuzenpulli und legte das Stofftier ganz dicht neben Maddie. „Daddy hat Pete mitgebracht, damit er dir Gesellschaft leisten kann.“ Maddie lächelte noch etwas benommen, während ihr die Augen langsam wieder zufielen. „Ich bin so froh, dass du ihn eingesteckt hast“, murmelte Kelly, als sie gingen. „Wirklich?“ Er schien so sehr nach ihrer Anerkennung zu lechzen, dass Kelly Schuldgefühle bekam. „Ja, wirklich.“ „Sie sind Kumpels.“ Er zuckte die Schultern und errötete leicht. Vielleicht hatte er seine Kinder nie zum Zahnarzt begleitet, aber das wusste er. Er mochte auch deren Freunde nicht kennen, aber er wusste, wie sehr seine Tochter dieses Schweinchen liebte und dass es sie trösten würde, es bei sich zu wissen. Er war aufmerksam, wenn es darauf ankam, dachte sie. Zumindest wenn es um die Kinder ging. Was im Großen und Ganzen wichtig war. Sie zwang sich, immer daran zu denken. Vor allem wenn die Verbitterung sie wieder übermannte. Es konnte immer schlimmer sein. „Warte mal kurz. Ich muss noch schnell zum Schwesternzimmer.“ Er stand neben ihr, als sie sich vergewisserte, dass das Personal über die Allergien ihrer Tochter informiert war. Außerdem erkundigte sie sich danach, wann sie Maddie am nächsten Tag besuchen dürften. Bevor sie die Schwingtüren am Ende des Flurs erreichten, die zum Wartebereich führten, bedeutete Vaughan Kelly, stehen zu bleiben. „Danke, dass ich hier sein durfte. Das bedeutet mir sehr viel.“ „Ihr bedeutet es auch viel.“ Er lächelte schief. Ein Lächeln, bei dem sie seinerzeit weiche Knie bekommen hatte. Noch immer machte es sie glücklich und traurig zugleich. „Was kann ich noch tun?“, fragte Vaughan und sah ein bisschen verloren aus. „Ich werde noch ein wenig hierbleiben und dann auch nach Hause fahren. Du solltest dich ausruhen. Schließlich steht heute Abend der letzte Auftritt eurer Tournee an.“ Er legte ihr die Hand auf die Schulter. „Das hier ist millionenmal wichtiger.“ Natürlich war es das, aber es war schön, die Worte aus seinem Mund zu hören. Auch wenn sie ihm nicht so ganz glaubte. Er hatte die Musik nicht nur ein Mal über seine Familie gestellt. Ihr war klar, was diese Tournee bedeutete: Sie gaben der Crew einen Haufen Arbeit und füllten die Stadien mit Fans, die Sweet Hollow Ranch liebten und enttäuscht wären, wenn sie nicht spielen würden. So viele Existenzen, für die er verantwortlich war. „Ich werde nicht sauer sein, wenn du heute spielst. Wenn sich ihr Zustand über den Tag verbessert, gibt es keinen Grund, den Auftritt abzusagen“, sagte Kelly. Was natürlich stimmte. Vaughan wirkte, als ringe er mit sich selbst, und plötzlich schüttelte er den Kopf. „Ezra und Paddy haben meinen Eltern und mir für heute Hotelzimmer gebucht. Wir haben vorhin auch über heute Abend gesprochen und über den Auftritt, und wir waren uns einig, dass wir abwarten wollen, wie es Maddie später geht. Ich werde nirgendwo hingehen, Kel.“ Sie nickte. Auch wenn sie wusste, dass es eigentlich nicht richtig war, denn als sie ihn gebraucht hatte, war er einfach nicht da gewesen. Sie nickte, obwohl sie wusste, dass er ihr Vertrauen in kleine Schnipsel reißen könnte, wenn sie es ihm schenkte. Das würde sie nicht riskieren. Vor allem nicht, wenn es um ihre Töchter ging. Aber was nützte es, ihm das alles zu sagen? Weshalb sollte sie ihn darauf ansprechen und eine Diskussion beginnen, wo sie beide doch so dünnhäutig und müde waren? Vaughan liebte seine Töchter, und die erwiderten seine Liebe. Nur das zählte. Das musste sie sich stets vor Augen halten. Hier ging es um Maddie, die ohne Zweifel von der Anwesenheit ihres Vaters profitieren würde. Und Kensey ebenfalls, denn sie würde sich um ihre große Schwester sorgen. Aber Daddy wäre bei ihr und könnte ihr Mut machen. „In Ordnung.“ „Danke.“ 2. KAPITEL Am nächsten Tag fragte Kelly sich, was sie sich nur dabei gedacht hatte, alle diese Leute zu sich einzuladen. Ihr Haus platzte vor lauter Hurleys aus allen Nähten. Vaughans Brüder waren allesamt da, und jeder hatte eine Frau dabei. Mary, Damiens Frau, war hochschwanger, dennoch bewegte sie sich leichtfüßig durch die Küche und bereitete zusammen mit ihrer Schwiegermutter in einem Tempo immer neues Essen zu, dass Kelly sich allmählich fragte, ob diese Frau nicht vielleicht so eine Zaubertasche dabeihatte wie Hermine in den Harry-Potter-Büchern. Alle schwirrten fröhlich durchs Haus und wirkten rundum zufrieden. Noch vor einem Jahr hätte sie sich allein gefühlt, dachte Kelly. Schrecklich allein. Aber dieses Haus gehörte ihr. Früher hatte sie das Leben vor der Kamera erfüllt, doch nachdem sie sich vom Laufsteg zurückgezogen hatte, gefiel es ihr besser, selbst Fotos zu schießen. Die Wände waren übersät mit Erinnerungen. Vom Sofakissen bis zum Bild an der Wand und dem Teller in der Küche war jeder einzelne Gegenstand hier für Kelly eine Art Talisman. Wie Zauberei, die ihr ein Gefühl von Sicherheit gab. Das hier war ihr Zuhause, ihr Herz. Das konnte selbst eine in ihrer Küche herumwerkelnde Sharon Hurley nicht erschüttern. Dennoch tat es weh, zu sehen, wie herzlich ihre ehemalige Schwiegermutter mit den Frauen ihrer anderen Söhne umging. Ihr gegenüber hatte diese Frau kein einziges Mal auch nur einen Hauch von Wärme durchscheinen lassen. Kelly spürte die Eifersucht und den Zweifel wie ein Messer in sich, doch sie zog es unbarmherzig wieder heraus. Es spielte keine Rolle. Sie war gegangen, und fertig. Ross hatte vor ein paar Minuten das Haus verlassen und seine Töchter mitgenommen. Seine Älteste nahm Klavierunterricht,und anschließend traf man sich zum wöchentlichen Familienessen. Im Haus seiner Exschwiegereltern. Ja, das war irgendwie ärgerlich. Er verbrachte immer noch jede Woche Zeit mit seiner Exfrau und deren Familie – aber nun, da Kelly das Haus voller Hurleys hatte, konnte sie schlecht etwas dagegen sagen. Also hatte sie ihn dazu gedrängt, seine Termine einzuhalten. Es musste dringend Normalität einkehren. Und wenn sie ehrlich war, musste sie ernsthaft darüber nachdenken, wie feindselig Ross sich – natürlich nur unter vier Augen – darüber geäußert hatte, dass Vaughan und seine Familie so oft hier waren. Er fand, dass ihr Lebensstil einen schlechten Einfluss auf die Mädchen hätte. Aber dieser Lebensstil gehörte dazu. Maddies und Kenseys Dad war Vollblutmusiker, daran gab es nichts zu rütteln. Sie wollte nicht, dass ihre Mädchen sich dafür schämten oder ein Problem damit hatten. Das hier war nicht Ross’ Zuhause, und sie hatte seine Zweifel zurückgewiesen – auch wenn ihm das zu missfallen schien. Patchworkfamilien konnten funktionieren. Sie funktionierten. Doch wenn er weiterhin versuchen würde, einen Keil zwischen die Mädchen und Vaughan zu treiben, konnte das ja nichts werden. Und ihr verflixter Exmann machte es auch noch schlimmer. Er sah sie andauernd so an. Nicht nach dem Motto: Wo bleibt das Essen? – wie sich die meisten Leute in solch einer Situation ansahen. Sondern eher nach dem Motto: Ich stehe auf deine Brüste. Die sexuelle Energie zwischen ihnen beiden hatte niemals nachgelassen. Vor Jahren hatte Kelly akzeptiert, dass sie immer für Vaughan brennen würde. Aber abgesehen davon, dass er generell gerne flirtete – das hatte er schon immer gern getan –, bemühte er sich um eine gewisse Leichtigkeit und starrte sie nicht an, als ob er sie am liebsten mit Haut und Haaren verschlingen würde. Als das Essen fertig war, hatte er es mit einer krummen Tour versucht und Kelly und Ross an entgegengesetzten Enden des Tisches platziert, sich selbst aber direkt neben Kelly gesetzt. Er hatte ihr keine Wahl gelassen, und das konnte sie nicht ausstehen. Also hatte sie sich ihren Teller und das Besteck geschnappt und sich zu Ross und seinen Mädchen gesetzt. Vaughan führte irgendwas im Schilde, und sie hatte keine Ahnung, was zum Teufel das sein konnte. Aber sie fand es ganz und gar nicht witzig, dass er sie derart manipulierte. Doch wie bei so vielen Dingen mit Vaughan konnte sie ihn nicht zur Rede stellen. Nicht in einem überfüllten Haus. Nicht vor Kensey. Normalerweise machte es sie traurig, wenn er sich so verhielt. Aber jetzt? War sie wütend. Und wütend war ihr allemal lieber als traurig. Außerdem war es viel leichter, ihm zu widerstehen, wenn sie wütend war. Kelly trat aus einer Seitentür in den Garten hinterm Haus. Sie musste einfach für ein paar Minuten alleine sein, weshalb sie die Privatsphäre – und die Schokolade – des Baumhauses aufsuchte. Sie hatte sich hier oben ein schönes kleines Nest eingerichtet, nachdem die Mädchen von dem selbst gebauten Rückzugsort gelangweilt waren, um den sie sie förmlich angebettelt hatten. Vorhersehbar, das war ihr klar. Aber sie hatte das Ganze eindeutig zum eigenen Vorteil genutzt. Kelly machte es sich in dem niedrigen Klappstuhl bequem und holte das hübsche blaue Einweckglas aus dem kleinen Einbautisch heraus. Darin befand sich ein sinnlicher Regenbogen der Freude. Schokoriegel jeder Art, eine ganze bunte Palette. Blasslila mit silberner Schrift, Mitternachtsblau mit goldenen Sternen, Safrangelb mit mutigem Grün. All ihre Lieblingssorten. Kelly warf einen Blick auf die Strichliste im Innern des Deckels und wählte das blasse Lila: salziges Karamell mit Mandel. Sie machte eine kurze Notiz und schloss den Deckel. Dann lehnte sie sich seufzend zurück und kickte sich die Sandalen von den Füßen. Vorsichtig öffnete sie das Papier und enthüllte die glänzende dunkle Schokolade. Sechs Stückchen. Sie brach zwei ab, teilte sie noch mal, und in dem Augenblick tauchte Vaughans Kopf in der offenen Luke auf. Offensichtlich überrascht, sie zu sehen, murmelte er: „Oh! Entschuldige.“ Er trat den Rückzug an. Und sie hätte ihn gewähren lassen sollen, doch stattdessen rief sie ihn. „Alles in Ordnung?“ Wieder erschien sein Kopf. „Ja. Ich wollte nur …“ „Ein bisschen Ruhe haben?“, fragte Kelly. Erleichterung spiegelte sich auf seinem Gesicht. „Ja.“ Sie hielt ihm den Schokoriegel hin. „Na, dann komm. Ich hab Schokolade.“ Er sah sie an und setzte sich im Schneidersitz neben sie. Sie reichte ihm ein Stück Schokolade und steckte sich das andere in den Mund, ohne sich von Vaughans Gegenwart diesen himmlischen ersten Geschmack ruinieren zu lassen. Köstlich. „Danke, dass du meine Familie eingeladen hast. Ich weiß, dass meiner Mutter manchmal –“ Kelly hob abwehrend eine Hand. „Halt. Falsches Thema. Wir sind nicht mehr verheiratet, und deine Kinder sind nicht in Sicht. Ich brauche also kein bisschen freundlich zu sein. Ich will nicht über Sharon reden. Ihr habt euch alle um Maddie gesorgt. Ihr hattet alle Hunger. Mein Haus steht hier. Kensey freut sich, ihre Onkel und Großeltern zu sehen. Um mehr brauche ich mir keine Gedanken zu machen.“ „Du hast deine Haltung offenbar geändert.“ Ihre Schokomeditation wurde davon erheblich gestört. „Eigentlich nicht, Vaughan. Bei der Sache mit deiner Mutter geht es überhaupt nicht um mich, sondern um dich. Und ich werde nicht für deine Sünden bezahlen. Nicht mehr.“ Sie brach noch zwei Stücke ab und reichte ihm eins. „Ich schätze, das ist nur gerecht.“ „Du schätzt.“ Sie schnaubte. Er schenkte ihr ein schiefes Lächeln. „Hast du Medizin genommen und heimlich Wein getrunken?“ „Schön wär’s. Ich glaube, ich bin betrunken vor Empörung. Das ist der einzige Drink, den ich mir erlauben darf, bis Kensey und ich wieder die einzigen Hurleys in diesem Haus sind.“ „Warum? Es würde niemanden stören.“ „Ich muss einen klaren Kopf behalten, solange deine Mutter in der Nähe ist. Ich weiß nie, wann sie zum Angriff übergehen könnte.“ Das hatte sie gar nicht sagen wollen, aber als die Worte erst mal draußen waren, war Kelly froh darüber. „Es tut mir leid. Dass ich … Herrje, einfach so vieles tut mir leid.“ Einfach so vieles. Kelly seufzte. Sie war erschöpft und hatte die Nase gestrichen voll. Die Wut, die den ganzen Tag wie ein Rinnsal in ihr getröpfelt hatte, fing an, viel freier zu fließen. Acht Jahre waren vergangen, und noch immer konnte er es nicht aussprechen. „Du sagst ja gar nichts“, stellte Vaughan fest. Kelly starrte ihn an, blinzelte. Er hätte in diesem Moment nichts Schlechteres sagen können. „Du wagst es allen Ernstes, so mit mir zu sprechen? Verdammt, Vaughan, wo warst du nur? Hm? Willst du mich verarschen?“ Er zuckte leicht zurück. In der Vergangenheit war das immer der Moment gewesen, in dem sie sich entschuldigt hatte, obwohl sie für gar nichts die Schuld trug. Ein tief verwurzeltes Verhalten, damit ihre Mutter nicht ausrastete, das sie wie einen Spleen aus ihrer Kindheit mitgenommen hatte. Nun aber machte sie den Mund zu und weigerte sich, zu sagen, dass es ihr leidtäte. Weil das nicht der Wahrheit entsprochen hätte. Durch die Wut waren die Ränder des Schmerzes, den die Trennung verursacht und den sie längst überwunden geglaubt hatte, wieder schärfer geworden. Und anstatt davor wegzulaufen, ließ sie sich schneiden. Sie durfte niemals vergessen, was die Liebe zu diesem Mann sie gekostet hatte. Auch wenn sie das Glück, das sie einst geteilt hatten, niemals gegen den Schmerz eintauschen würde, durfte sie sich nicht der Illusion hingeben, dass sie Vaughan trauen konnte, ohne erneut dafür zu bezahlen. Sie wollte nicht mehr bezahlen. Nicht noch einmal. Nicht mal, obwohl die vergangenen Jahre sie reifer gemacht hatten. Sie war dazu einfach nicht fähig, und sie wollte nicht noch mal eine Beziehung führen, in die sie weitaus mehr Gefühle und Energie investierte als ihr Partner. „Also gut. Du nimmst meine Entschuldigung nicht an. Kann ich verstehen.“ Tatsächlich? Jahrelang hatte er dieses Thema gemieden, und plötzlich beschloss er, darüber zu sprechen? Und sie sollte das einfach so hinnehmen, ganz ohne Protest? Ohne auch nur gefragt zu werden, ob sie im Augenblick überhaupt Lust dazu hatte? O Mann – sein Ego war echt unerschütterlich. Anziehend, aber eben auch unerschütterlich. „Ach ja?“ Er machte große Augen. „Du bist sauer.“ Er klang überrascht. Als hätte er so eine Reaktion bei ihr gar nicht in Erwägung gezogen. Kelly wünschte, sie hätte hier draußen eine Flasche Gin versteckt. Schokolade reichte hierfür einfach nicht. „Ja, klar bin ich sauer!“ „Weil ich mich endlich entschuldigt habe?“ Jahre später, und dann auf diese armselige Art und Weise? Aber viel schlimmer war noch, dass eine Entschuldigung in seinen Augen schon immer so auszusehen hatte. Vielleicht lag es daran, dass sie einen fürchterlichen Männergeschmack hatte, dachte Kelly. Sie sollte sich an einen professionellen Kuppler wenden. Der würde jemanden für sie auswählen, und sie könnte all die Kerle meiden, denen sie am liebsten in die Eier getreten hätte. Doch im Augenblick ließ sie sich vom eigenen Wagemut mitreißen. „Ich hätte wissen sollen, dass du, wenn du acht Jahre später endlich mal darüber sprichst, beleidigt bist, weil dir jemand sagt, dass du Verantwortung für dein Leben übernehmen sollst.“ Sie brauchte einen Moment, um die richtigen Worte zu finden. „Einfach so vieles tut mir leid bedeutet alles und nichts! Ich finde, dir sollte beides leidtun. Aber du läufst hier in meinem Haus herum, benimmst dich merkwürdig und entschuldigst dich für nichts und alles, und ich will wissen, was mit dir los ist.“ „Ich will wissen, was mit dir los ist“, konterte er. Es wäre ein Leichtes, ihre Wut gegen die eigene Mutter zu richten. Gegen jemanden, der ein Sturzbach des Negativen war. Aus diesem Grund ließ Kelly es auch nur selten zu, wütend zu werden. Wut war eine Droge, stellte alles auf den Kopf – im eigenen Leben und im Leben der anderen. Wut war wie ein Krebsgeschwür. Und selbst in kleinen Dosen war sie ein Luxus, den Kelly sich bisher nicht hatte leisten können. Trotzdem war sie nun bereit, wenigstens ein bisschen davon herauszulassen – wenn auch mit Vorsicht. Es war überwältigend, es war … echt. So echt, dass sie sich nicht von dem Aussehen des Mannes neben sich beeinflussen ließ oder davon, dass sie ihn noch immer liebte. So sehr liebte. Wütend zu sein war ein guter Schutz gegen seinen Charme und immer noch besser, als ihm in die Eier zu treten. Ein guter Kompromiss also. „Du hast dich kein bisschen verändert.“ Dass sie das nun sagte, machte sie müde und traurig. Kelly stand auf und ging auf die Luke zu, doch er hielt sie am Handgelenk fest. Normalerweise war dieses überfüllte Plätzchen gemütlich, aber jetzt fühlte sie sich eingeengt. „Wie kannst du das sagen?“ Er war ein Stück vorgerutscht und befand sich nun zwischen ihr und dem Ausgang zur Freiheit. „Musst du nicht bald los zu deinem Auftritt?“ Kelly fixierte einen Punkt über seiner rechten Schulter und redete sich ein, es spiele keine Rolle, dass er den Ereignissen gegenüber entweder blind war oder sie nicht gehen lassen wollte, weil er nicht ehrlich zu ihr sein konnte. „Nicht bevor wir darüber geredet haben. Wie kannst du sagen, dass ich mich nicht verändert habe? Das ist unfair, Kel.“ Sie löste den Blick von dem Punkt über seiner Schulter und sah Vaughan direkt in die Augen. „Diese ganze Unterhaltung versaut mir wirklich die Laune.“ Kelly drehte den Ring, den sie am Mittelfinger trug. Die vertraute Bewegung half ihr, die richtigen Worte zu finden. Sie hoffte, dass er ihr wirklich zuhörte. „Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir vor ein paar Jahren schon mal eine andere Version dieser Nicht-Unterhaltung, inklusive nicht ernst gemeinter Entschuldigung. Damals hattest du auch nicht die Eier, laut auszusprechen, was du angestellt hast. Du bist immer noch beleidigt, wenn dir jemand anderes als deine Mutter die Meinung geigt. Sie ist schließlich noch die wichtigste Frau in deinem Leben. Aber du hast Glück: Sie ist ja gleich drüben in meinem Haus. Heb dir deinen Scheiß also besser für sie auf.“ Raue Worte, ja, aber es war die Wahrheit. „Das ist gemein“, erwiderte Vaughan. „Gemein? Verdammt noch mal! Diese Frau hat mich eine Hure genannt! Weil ihr heiß geliebter Sohnemann seine Ehe vergeigt hat und nie den Mumm hatte, ihr die ganze Wahrheit zu erzählen. Sie hält sich in meinem Haus auf, nachdem sie an meinem Tisch gegessen hat. Und wenn wir schon dabei sind: Du bist auch in meinem Haus. Ich habe noch keinen von euch in irgendeiner Form provoziert. Ich bin nicht gemein! Aber ich bin auch kein Fußabtreter. Nicht mehr. Du hast dich vielleicht nicht verändert, aber ich mich schon.“ Er schwieg. „Tut mir leid, dass ich ausgerechnet jetzt damit angefangen habe. Weil ich mich bald in Richtung Stadion aufmachen muss, wie du ja schon gesagt hast. Und weil ich offen mit dir reden will, aber jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist.“ „Das ist es doch nie.“ Sie schob seine Hand beiseite, und er ließ Kelly gehen. Kaum berührten ihre Füße den Rasen, eilte sie auch schon zurück ins Haus und ließ Vaughan allein oben zurück, damit er tun konnte, was auch immer er tun musste. Das kleine Streitgespräch im Baumhaus kam einer Offenbarung gleich. Jahrelang hatte sie sich eingeredet, dass es egal war. Dass sie damit abgeschlossen hatte. Dass sie sich auf die Kinder und auf ihren Beruf konzentrieren musste. Und das musste sie auch. Nach wie vor. Aber diese Wut, die aus ihrem Bauch hochgekocht war, hatte eine Art innere Reinigung bewirkt. Das war belebend! Sie musste Stacey anrufen, um ihr alles haarklein zu berichten. Ihre beste Freundin hatte in den vergangenen Jahren wieder und wieder gebettelt, Kelly solle doch endlich mal ihre Wut zulassen. Nun war sie wütend geworden – und alles fühlte sich anders an. Stacey würde sagen: Ich hab’s doch gewusst. Aber das war okay. Kelly hätte anstelle ihrer Freundin dasselbe getan. 3. KAPITEL Sagst du mir, was mit dir los ist, bevor wir da rausgehen und diesen letzten Auftritt rocken?“ Ezra, Vaughans ältester Bruder und engster Vertrauter, sah nicht von dem Koffer auf, aus dem er seine Gitarre nahm, bevor er sie dem Gitarrentechniker reichte. Sie waren backstage, nur noch wenige Minuten bis zur Show. Ez machte jetzt irgend so einen Meditationskram, anstatt sich völlig zuzudröhnen, und strahlte beständige Ruhe aus. Absolutes Können und Vertrauen. Allein Ezras Anwesenheit führte dazu, dass Vaughan sich besser fühlte. Mehr bei sich. Jeder schien in der Nähe des erstgeborenen Hurley-Sohnes so zu reagieren. Obwohl dieser in der Drogenhölle gelandet war, hatte er sich den Weg zurück freigekämpft. Er war stärker als jeder sonst, den Vaughan kannte. Beschützte jene, die er liebte. Vaughan hatte ihn bereits am Nachmittag um Rat gefragt, doch jetzt noch mal mit Ez zu reden half ihm, die Gedanken zu sortieren. „Ich hab über das nachgedacht, was du vorhin zu mir gesagt hast. Nach unserem Gespräch hatten sie und ich diesen … na ja, man könnte sagen, Streit.“ Der Ältere sah Vaughan jetzt geradewegs in die Augen. „Ein guter oder ein schlechter?“ „Es gibt auch gute? Ach, du meinst die Sorte, nach der man Sex hat? Nein, so einen definitiv nicht. Aber sie hat mich auch nicht mit Glasscherben verletzt. Ich hab ihr gesagt, dass es mir leidtut. Das mit früher. Irgendwie so. Sie fand nicht, dass es eine gute Entschuldigung war. Alter, die ist so was von wütend geworden. Hat mir richtig die Meinung gegeigt.“ Vaughan erzählte Ezra, wie er zufällig in Kellys Baumhausversteck gelangt war und sie gestritten hatten. „Sie regt sich über denselben Schrott auf wie alle anderen. Aber sie wird nur ganz selten wütend.“ Noch nie hatte er jemandem erzählt, was Kelly in ihrer Kindheit hatte ertragen müssen. Anfangs hatte er sich gesagt, dass er damit ihre Privatsphäre respektierte. Ihre persönliche Geschichte war ihre Sache, und er hatte kein Recht, sie weiterzuerzählen. Das war allerdings nur die halbe Wahrheit. Er hatte auch deshalb geschwiegen, weil er genau wusste, was sie durchgemacht, und weil er sie trotzdem verletzt hatte. „Sie kann es nicht ertragen, mit aggressiven Menschen zusammen zu sein. Ihre Mutter, na ja, du hast sie ja kennengelernt.“ Rebecca war unberechenbar. Kelly hatte ihr gesamtes Leben so ausgerichtet, dass ihre Mutter auf der anderen Seite des Landes lebte. Oder – wenn sie gezwungenermaßen am gleichen Ort sein mussten – sie sorgte dafür, dass Rebecca keine Szene machte, denn die verfügte über ein beeindruckendes Repertoire, wenn es darum ging, ein Drama zu veranstalten. Vaughan hatte die Frau nur dreimal erlebt, und bei jeder Begegnung hatte sie eindrucksvoll gezeigt, wie man für größte Zerstörung sorgen konnte. Nur drei Treffen, und das war sein Eindruck. Vaughan konnte sich beileibe nicht vorstellen, wie es für Kelly gewesen sein musste, bei einer Mutter aufzuwachsen, die ein rasendes Inferno und zugleich der narzisstischste Mensch war, mit dem er je zu tun gehabt hatte. Er atmete heftig aus. „Verständlicherweise ist sie nicht besonders scharf darauf, diese Art extremer Gefühle zu zeigen.“ Er nagte an der Unterlippe, während er darüber nachdachte, wie er das alles erklären sollte. „Ich kann dich nicht anlügen, Ez. Jahrelang dachte ich, das Ganze wäre einfach ein Beispiel für eine üble Trennung.“ Und das entsprach auch der Wahrheit. Er hatte die Dinge hinausgezögert, ohne jemals auf Kel zuzugehen und ihr zu sagen, dass sie bleiben sollte. Und dann hatte er sich selbst so viele hübsche Lügen aufgetischt, dass er nicht mehr wusste, was davon eigentlich noch stimmte. Rückblickend schämte er sich für sein Verhalten. Er war jung, egoistisch und mies gewesen. Er hatte gewollt, dass sie einknickte und ihm gestand, dass sie ihn zurückwollte. Weil er zu schwach gewesen war, es als Erster zu sagen. „Ich hab sie verletzt. Sie traurig gemacht. Ihr das Herz gebrochen, so kitschig das klingt. Aber als sie heute so wütend wurde, kam’s mir so vor, als würde sie auf eine gigantische Hupe drücken. Kelly hat ihre ruhige äußere Hülle fallen gelassen und mir eine Seite von sich gezeigt, die ich noch nicht kannte. Bis sie wie ein riesiger Racheengel davongerauscht ist, dachte ich, dass sie total fertig war.“ Vaughan tigerte auf und ab, während um sie beide herum das typische Gewusel wie vor jedem Rock-’n’-Roll-Konzert einsetzte. Seltsamerweise empfand er das als beruhigend. „Ich hab so viel falsch gemacht! Ich war nicht mal in der Lage, mich vernünftig zu entschuldigen – vor acht Jahren nicht und heute auch nicht. Sie hat mich runtergeputzt, ich hab’s nicht anders verdient.“ „Du bist nicht mehr der Typ von damals, Vaughan“, befand Ezra. „Als du geheiratet hast, warst du ein verzogener Bengel. Und als du geschieden wurdest, immer noch. Jetzt bist du ein Mann. Sie sind deine Familie. Lass dich nicht durch deine Angst davon abhalten, das Richtige zu tun. Oder von diesem Ross.“ Vaughan hatte anfangs gar nicht heiraten wollen. Zwar hatte sie ihm die Scheidungspapiere letztlich zuerst gegeben, aber er war es gewesen, der ihr mit Scheidung gedroht hatte, um sie in einer Diskussion zum Schweigen zu bringen. Damals handelte er in der Überzeugung, dass sie sich beruhigen und klein beigeben würde. Er hatte es wiedergutmachen wollen, wenn er von der Tournee zurück wäre. Doch dazu hatte er niemals die Chance bekommen. Zu oft hatte er auf seiner Drohung bestanden, und zu seiner großen Überraschung hatte Kel ihn beim Wort genommen und die Scheidung eingereicht. Dann war ihm sein Stolz in die Quere gekommen. Wenn sie ihre Ehe beenden wollte – nur zu. Er würde auch so ein cooles Leben führen. Das hatte er sich jahrelang eingeredet, wenn er die Straße entlanggefahren war, die von Hood River nach Gresham führte, wo Kelly hingezogen war, damit er möglichst nah bei den Mädchen sein konnte. Er hatte sich gesagt, es sei ohnehin besser, Single zu sein. Dass es in seinem Leben einfach viel zu viele tolle Frauen gab, die nur darauf warteten, von ihm flachgelegt zu werden, und er doch nicht so blöd sein konnte, sich für immer an nur eine einzige zu binden. Und jedes Mal, wenn sie ihm die Tür geöffnet hatte, wusste er, dass all das eine riesige Lüge war. Doch dieser verdammte Stolz übte eine solche Macht auf ihn aus, dass er sich viel zu lange dahinter versteckt hatte. Diese Verlobung hatte ihn aus dem Konzept gebracht, seit nahezu drei Monaten konnte er an nichts anderes denken. Kelly, die Frau eines anderen. Kelly, die neben einem anderen Mann schlief. Seine Kinder, die am Weihnachtsmorgen mit einem anderen Vater aufwachten. Und Ross mochte ihn nicht, so viel stand fest. Auch wenn er vor seinen Töchtern nie ein Wort darüber verloren hatte, fragte Vaughan sich doch, wann sich das ändern würde. „Ich habe Angst, dass ich es nicht schaffe. Dass ich ihr nicht das bieten kann, was sie braucht. Für mich gibt es keine außer ihr. Aber sie hat schon einen Softwareentwickler an ihrer Seite – mit einem großen Haus in einem hübschen Vorort. Dieser Kerl will sie heiraten und mich aus ihrem Leben löschen. Er will meinen Platz einnehmen.“ „Wenn ich ehrlich bin, denke ich, dass du recht hast. Ross hasst dich. Er hasst es, wie du Kelly ansiehst. Er hasst es, wie sie dich ansieht. Das ist echt schade. Aber wenn die Frage ist: er oder du? – dann sorg dafür, dass du es bist. So läuft das in der Liebe.“ Es war längst überfällig, sich einzugestehen, dass er mit seinen vierunddreißig Jahren zeit seines Erwachsenenlebens nur eine Frau geliebt hatte – und das war Kelly. Er hatte die Richtige bereits gefunden. Die Frau, mit der er alt werden wollte. Und ob es Ross gefiel oder nicht: Vaughan nahm sich hier und jetzt vor, alles in seiner Macht Stehende zu tun, um Kelly zu einer zweiten Chance zu bewegen. „Allerdings wird sie nicht zulassen, dass du wieder keine Verantwortung übernimmst. Wenn du nicht zu deinen Fehlern stehst und ihr nicht genau sagst, was dir leidtut und wie du es wiedergutmachen willst – warum sollte sie sich auf dich einlassen? Bequemlichkeit ist schön und gut. Die Realität ist nicht halb so lustig, wenn’s mal schlecht läuft. Du kannst entweder bequem und allein sein oder irgendwelche Mädels vögeln, die du kaum kennst und die dir nichts bedeuten. Oder du kannst hart an dir arbeiten, was eine schmerzliche Erfahrung wird, und am Ende eine Familie mit der Frau haben, die du liebst. Ich wüsste, wofür ich mich entscheiden würde.“ Herrgott, er vermisste das Gefühl zu wissen, dass Kelly zu ihm gehörte. Er musste ein echter, täglicher Teil in Maddies und Kenseys Leben sein. Er würde sich in Portland eine Wohnung suchen und pendeln, wenn nötig. Außerdem würde er sich eine Weile von der Ranch fernhalten. Der Gong ertönte, das Zeichen, dass sie auf die Bühne mussten. Vaughan reckte das Kinn in Ezras Richtung. „Danke dir. Erzähl mir, wie es mit Tuesday läuft.“ Ezras Lächeln bekam etwas Raubtierhaftes, als er an die umwerfende Frau dachte, der er vollkommen verfallen war. „Wir lassen’s langsam angehen. Aber hey, jetzt lass uns die Bühne rocken!“ Als sie vor die grölende Menge aus ihrer Heimatstadt traten, war Vaughan nicht länger besorgt. Er hatte eine Entscheidung getroffen. Eine wichtige Entscheidung. Jetzt musste er sich nur noch eine Strategie zurechtlegen. Stacey hielt Kelly einen Becher frischen Kaffee hin, als ihre beste Freundin ihr die Tür öffnete. „Wird ein langer Tag heute. Ich hab uns eine Stärkung mitgebracht.“ „Ich weiß genau, dass du mich gehört hast, als ich sagte, du sollst bei deiner Konferenz bleiben.“ „Ach, komm schon, als ob ich auf so einen Quatsch hören würde.“ Stacey quetschte sich an Kelly vorbei, warf einen Moment später ihre Tasche aufs Sofa und schlenderte weiter bis zur Küche. „Was gibt’s zum Frühstück?“ „Im Kühlschrank sind schätzungsweise zwanzig Kilo Essen. Vaughans Schwägerin hat gestern eine ganze Schiffsladung mitgebracht und die Leute über mehrere Stunden damit versorgt. Aber es ist immer noch was übrig. Ich hatte Mu-Shu-Schweinefleisch. Allerdings hätte ich das wohl besser nicht erwähnen sollen, weil ich alles aufgegessen habe und nichts mehr für dich da ist. Warum bist du zurückgekommen? Ich dachte, du würdest heute den Vortrag halten?“ „Ich hab denen gesagt, in meiner Familie gäbe es einen Notfall, weshalb ich den Vortrag schon gestern halten durfte. Und wenige Stunden später saß ich im Flieger zu dir“, erklärte Stacey und inspizierte den Kühlschrank. Kelly umarmte sie. „Ich bin so froh, dass du da bist! Seit unserem letzten Gespräch ist wirklich viel passiert.“ „Trink ruhig schon mal deinen Kaffee, während ich wie ein hungriger Bär in den Essensresten stöbere.“ Nun, da Stacey in ihrer Küche stand, war Kelly erleichtert und zugleich ganz hibbelig. „Wie gut, dass du so eine widerspenstige Nuss bist.“ Stacey kam zu ihr zurück und zog sie in die Arme. „Bald geht es Maddie wieder besser.“ „Ich weiß.“ Kelly nippte am Kaffee, während sie dabei zusah, wie Stacey sich Essen auf einen Teller häufte. „Es ist nicht mal das. Ich meine, am Anfang hatte ich natürlich wahnsinnige Angst. Aber mit Maddie ist so weit alles okay. Es ist … Vaughan.“ Stacey schwang sich auf einen Hocker, sodass sie am anderen Ende der Kochinsel Kelly gegenübersaß. „Bitte sag mir nicht, dass du mit ihm geschlafen hast.“ „Ich habe nicht mit ihm geschlafen!“ Sie sprach leise, um nicht ausgerechnet jetzt Kensey zu wecken. Das alles war so hochgekocht, und sie hatte niemanden gehabt, mit dem sie darüber sprechen konnte. Gott sei Dank gab es ihre Freundin. Stacey zog eine perfekt geformte Augenbraue in die Höhe. „Aber du wolltest.“ Die beiden Freundinnen hatten sich vor acht Jahren kennengelernt, Stacey war ihre Scheidungsanwältin gewesen. Nach der Scheidung war sie zwar um einen Ehemann ärmer gewesen, dafür aber um eine Seelenverwandte reicher. Ein ungleiches Paar, aber die zwei ergänzten sich prima. Stacey hatte einen großen Teil dazu beigetragen, dass Kelly die Kraft gehabt hatte, einen sicheren Ort für sich selbst und ihre Kinder einzufordern. Doch so richtig ins Herz geschlossen hatte sie Stacey, als sie ein Gespräch zwischen ihr und Vaughans Anwalt mitbekommen hatte, in dem Stacey ihn eindringlich davor warnte, Kelly zu unterschätzen, nur weil diese zufälligerweise hübsch war. Noch nie zuvor hatte sie jemand derart verteidigt. Sonst hatte alles immer zwei Seiten gehabt. Zu ihren Modelzeiten hatte sie zwar auch Freunde gehabt, aber die waren auf ihrem Weg nach oben immer zu sehr mit sich beschäftigt gewesen. Es gab Leute, zu denen sie seit ihrer Trennung Kontakt hielt, doch Stacey war zur engsten Freundin geworden, die Kelly jemals hatte. Was auch bedeutete, dass man sie einfach nicht anlügen konnte. Kelly schlug die Hände vors Gesicht und stöhnte: „Das will ich immer. Das ist kein Geheimnis. Ich habe das Gefühl, dass ich eins von diesen Tage-ohne-Unfall-am-Arbeitsplatz-Schildern brauche, nur dass auf meinem stehen müsste: ‚Soundso viele Tage, seitdem ich zum letzten Mal Sex mit meinem megaheißen Ex hatte‘.“ Stacey fächelte sich kurz Luft zu. „Er ist ohne Frage megaheiß. Eins der besten männlichen Exemplare, die ich je gesehen habe. Aber er ist auch ein Typ Mitte dreißig, der bei seiner Mutter lebt. Vergiss das nicht.“ Kelly musste lachen. „Er hat sein eigenes Haus. Er lebt nicht bei ihnen.“ Stacey schnaubte. „Ach ja, richtig. Er lebt im Nebenhaus und hat einen eigenen Eingang. Ich bitte dich! Das macht doch keinen Unterschied, Kelly. Du kannst keine Beziehung mit einem Mann führen, der sich andauernd von anderen in Entscheidungen reinreden lässt, die deine Familie betreffen.“ „Ich hasse es, wenn ich nicht einfach sagen kann: ‚Du bist abgestumpft, weil du eine Scheidungsanwältin bist.‘“ „Und warum?“ Stacey wollte, dass Kelly es aussprach. „Weil du recht hast. Teilweise. Plötzlich steht er in meinem Haus. Sicher, ich sehe ihn auch so recht oft, wenn er nicht gerade im Studio steht, Songs schreibt oder durch die Gegend tourt. Er sieht die Mädchen regelmäßig, meine ich. Und das ist auch gut so.“ „Komm zum Punkt und hör auf, dem Mann einen Orden dafür zu verleihen, dass er das macht, was notwendig und normal ist. Es ist keine Heldentat, für seine Kinder da zu sein. Und du solltest es nicht jedes Mal erwähnen, als wäre es ein besonderes Verdienst. Mann! Es ist seine Pflicht, ein guter Vater zu sein.“ Wenn Kelly an ihre Kindheit dachte, konnte sie gar nicht anders, als Vaughan sein Verhalten hoch anzurechnen, weil sie selbst ohne einen Menschen aufgewachsen war, der sie so geliebt hatte, wie er ihre gemeinsamen Kinder liebte. „Was ist mit Vaughan und Kelly? Lass dich von deinem zwanghaften Bestreben, nett zu sein, nicht ablenken. Nicht wenn wir über solche Sachen wie Sex reden. Er reagiert auf deine Verlobung, so viel ist mal klar.“ Der Meinung war Kelly auch. „Mag sein. Als ich ihm davon erzählt habe, schien er jedenfalls mächtig überrascht.“ „Aber der Trottel musste ja den Mund halten, bis er sich damit abgefunden hat.“ Kelly schüttelte den Kopf. „Ich hatte eher das Gefühl, als wäre er weggerannt. Keine Akzeptanz, sondern Verdrängung.“ Eigentlich hätte dieser Unterschied unwichtig sein müssen, war er aber nicht. „Es ist albern und sagt eigentlich gar nichts aus. Aber ich werde das Gefühl nicht los, dass er versucht, sich mir anzunähern. Als wage er einen vorsichtigen Schritt in mein Leben.“ Sie erzählte Stacey von der Sache, die Vaughan am Vortag bei der Sitzordnung abgezogen hatte, und wie er sie im Krankenhaus und auch danach noch unterstützt hatte. Und von dem Streit im Baumhaus. „Du hast ihm die Meinung gegeigt? So richtig?“ Stacey löffelte sich etwas Kartoffelsalat auf ihr Sandwich und garnierte das Ganze mit einer weiteren Scheibe Brot. Kelly schüttelte den Kopf. Aber sie hatte gar kein Recht zu urteilen. Schließlich hatte sie vor sechs Uhr morgens Mu-Shu-Schweinefleisch gegessen. „Auf einmal konnte ich … Ich konnte es einfach nicht zurückhalten. Ich bin supersauer geworden und hab ihm alles Mögliche an den Kopf geworfen. Ich bereue nichts davon. Zuerst dachte ich, es müsste mir leidtun, aber soll ich dir was sagen? Es war die reinste Erleichterung, die Wut endlich rauszulassen. Das Problem ist nur, dass es sich so angefühlt hat, als wäre ein Schalter umgelegt worden. Ich kann nicht aufhören, an ihn zu denken oder darüber zu grübeln, warum er meinen Fragen ausweicht.“ Stacey fuchtelte mit der Gabel in der Luft herum. „Er weicht deinen Fragen aus, weil er dich zurückwill. Ich dachte schon, er würde niemals seinen Hintern hochkriegen und um dich kämpfen. Mutiger Zug, wenn er dahintersteht. Vielleicht kann er es durchziehen. Keiner von euch beiden ist mehr derselbe wie bei eurer Scheidung.“ Kelly blinzelte und suchte sekundenlang nach Worten. „Und was soll Ross davon halten?“ Stacey aß in aller Seelenruhe weiter. „Nur damit ich das richtig verstehe: Du rätst mir nicht, die Tür zu verriegeln und eine fiese Migräne vorzutäuschen?“ „Das würde doch nichts bringen. Ich hab dich lieb und möchte, dass du mit einem Mann zusammen bist, der dich liebt und verdient hat. Ross ist nett, auch wenn er mit der Familie seiner Ex stärker verbunden ist, als meiner Meinung nach normal wäre. Du hast die Meute hier essen lassen, als dein Kind im Krankenhaus lag. Das ist etwas völlig anderes, als jede Woche im Haus der Ex-Schwiegereltern zu Abend zu essen, so wie er das macht. Nichtsdestotrotz wäre Ross ein kompetenter Ehemann. Er ist ein guter Versorger – nicht, dass du das nötig hättest, aber es verrät etwas über seinen Charakter –, und er mag deine Mädchen. Aber er ist nicht verrückt nach dir. Er will dich, aber er vergöttert dich nicht. Und was das Wichtigste ist: Du liebst ihn nicht.“ Automatisch kam Widerspruch aus ihrem Mund. „Und ob ich ihn liebe.“ Kelly seufzte, als würde sie nach etwas suchen, dessen sie sich sicherer war. „Er verkörpert alles, was ich vermisst habe. Stabilität zum Beispiel. Er ist ins Krankenhaus gekommen, weil er wusste, dass die Hurleys auftauchen würden und ich sonst ganz allein wäre. Ich habe seinen Antrag angenommen. Das war genau die richtige Entscheidung.“ Sie nickte energisch, um ihre Worte zu unterstreichen. Stacey sah sie immer noch wortlos an. „Was? Tut mir leid, aber so ist es nun mal! Es war ein logischer Entschluss. Seine und meine Mädchen verstehen sich prächtig. Wir fahren dieselbe Erziehungsschiene. Er ist eine gute Wahl.“ Als sie hörte, wie leer ihre Worte klangen, zuckte Kelly innerlich zusammen. Das Ganze hatte einen verzweifelten Beigeschmack. Aber wenn sie es oft genug wiederholte, würde sie es irgendwann glauben. „Meine Güte. Ja. Ja, Ross ist ein toller Kerl. Und er wird der richtigen Frau ein toller Ehemann sein. Aber du bist nicht diese Frau. Er weiß dich nicht zu nehmen. Noch ist ihm das nicht klar, aber früher oder später wird er es wissen. Und es dir verübeln. Momentan will er mehr, als du ihm geben kannst, weshalb er es hinnimmt, dass du dich mit ihm arrangierst. Aber am Ende wird es euch beide todunglücklich machen. Ich glaube, es wäre ein schrecklicher Fehler, Ross zu heiraten. Ganz gleich, wie es mit Vaughan weitergeht“, gab Stacey zu bedenken. „Die Welt ist voll von netten Menschen, die gute Entscheidungen treffen und damit angeben. Aber diese Dinge reichen nicht aus, um jemanden zu heiraten.“ „Warum hast du mir das nicht früher gesagt?“ Stacey lugte in einige Behältnisse, die sie kurz aus dem Kühlschrank nahm, roch daran, stellte die meisten zurück und brachte die restlichen zum Tisch. „Man kann ja nicht gerade sagen, dass ich mit meinen Gedanken über Ross hinter dem Berg gehalten habe.“ Das stimmte. Aber Stacey war extrem gut darin, hinter den emotionalen, wenn auch nicht notwendigerweise unwichtigen Kram zu schauen, um an den Kern einer Sache zu gelangen. Sie gab gute Ratschläge, auch wenn sie selbst diese nicht immer befolgte. „Okay, aber ob langweilig oder nicht – das würde doch nicht deine Meinung über meine Hochzeit mit ihm beeinflussen. Dafür bist du viel zu zielstrebig und Borg-mäßig. Es wäre irrelevant, solange du keinen guten Grund hättest“, sagte Kelly. „Borg-mäßig?“ Stacey kicherte. „Das ist gut. Aber du hast auch hier recht. Denn selbst wenn ich ihn hassen würde – wenn du ihn lieben würdest und ich der Meinung wäre, dass er dich glücklich macht, würde ich es runterschlucken und die Klappe halten. Ich habe gewartet, bis du mich gefragt hast.“ „Du bist gut in diesen Freundinnendingen. Das wollte ich dir nur mal sagen.“ „Ja, nicht?“ Stacey zwinkerte ihr zu. „Zurück zu Ross: Er ist nett. Na und? Nett?“ Sie streckte die Zunge heraus und machte ein Pupsgeräusch. „Scheiß auf nett. Ich will nicht mal nette Schuhe haben, geschweige denn einen netten Partner.“ Sie legte ihr Sandwich auf den Teller, und nachdem sie damit sorgfältig jegliche Kartoffelsalatreste aufgewischt und alles vertilgt hatte, ergriff sie nachdrücklich Kellys Hand. „Schlägt dein Herz schneller, wenn du ihn siehst? Fühlt es sich so an, als würde die Intensität deiner Gefühle deinen Körper jeden Moment platzen lassen, wenn er deinen Namen sagt? Denn wenn nicht, heirate ihn nicht. Jeden Tag sehe ich eine Ehe nach der anderen in die Brüche gehen, und ja, ich stumpfe dadurch ab, aber es überzeugt mich auch davon, dass glückliche Ehen eine Mischung aus vielerlei Dingen sind. Und ein essenzieller Faktor ist, dass zwischen beiden Partnern die Funken sprühen. Ross würde dein Auto hegen und pflegen. Willst du so jemanden heiraten? Er wüsste, dass du jeden Tag um halb fünf aufstehst, damit du noch Sport machen kannst, bevor der Tag beginnt. Er würde das akzeptieren, weil er weiß, dass du von einer Soziopathin großgezogen wurdest, aber hart daran arbeitest, keine weiteren zwanghaften Verhaltensmuster zu entwickeln.“ „Schon seltsam, dass du ohne zu zögern über meine geistige Gesundheit sprichst“, warf Kelly ein. „Was soll’s. Ich bin sozial inkompetent und nutzlos, wenn es darum geht, außerhalb von meinem Beruf einfühlsam zu sein. Ich sage das, was ich denke. Und genau das brauchst du. Dafür ignorierst du, dass ich auf meine Art seltsam bin.“ Kelly kicherte leise. „Du bist meine Psychopathen-Seelenverwandte.“ „Worauf ich hinauswill: Dass jemand einen kennt – versteht –, ist unheimlich kostbar. Nett ist eine Sache. Aber eine echte Verbindung? Das ist Lichtjahre von nett entfernt. Es ist aber notwendig, wenn man jemanden heiraten will. Mit Ross hast du das nicht, Kelly. Und ich glaube nicht, dass ihr beide so etwas jemals haben werdet.“ Kelly zog die Augenbrauen hoch. „Ich hab keine Lust mehr, Single zu sein. Ich will einen Partner. Ich will jemanden, mit dem ich bis spät in die Nacht lange Gespräche führen kann. Ich will jemanden, zu dem ich nach Hause kommen kann. Abgesehen von den Mädchen, meine ich. Du weißt schon. Ich will mit jemandem zusammen sein. Ross ist nicht so aufregend wie Vaughan, nein. Aber er ist und bleibt eine gute Wahl.“ „Zwischen den Küsten Amerikas gibt es viele Männer. Vor allem, wenn man groß und blond ist, blaue Augen hat und umwerfend ist. Du brauchst nicht jemanden zu heiraten, den du nicht liebst.“ Wieder schwang Stacey die Gabel in der Luft herum. „Im Grunde ist das alles ohnehin egal. Vaughan hat überhaupt nichts in der Art gesagt. Als ich ihn direkt darauf angesprochen habe, hat er nicht geantwortet. Ich bin nur aus dem Gleichgewicht geraten. Schon morgen – oder vielleicht noch heute Abend – wird er auf die Ranch zurückfahren, und dann ist die Sache gegessen.“ Es wäre viel einfacher, über eine Ehe mit Ross nachzudenken, wenn Vaughan wieder aus ihrem Leben verschwunden wäre. „Ich weiß nicht, Kel. Ich meine: Sieh dich doch an. Du bist ganz rot. Er bringt dich durcheinander.“ „Ich hab ja nicht gesagt, dass die Situation dann vorbei ist. Sondern nur seine Rolle darin. Ich muss über die Verlobung nachdenken. In den vergangenen Wochen kamen mir Zweifel.“ Oben hörte sie Kenseys Schritte. Die Kleine ging den Flur entlang, von Kellys Zimmer zu ihrem eigenen. Ihnen blieben höchstens noch fünf Minuten; sie mussten das Gespräch beenden, ehe sie Zuhörer hatten. Stacey zuckte mit den Schultern. „Du weißt, was ich von der Verlobung halte. Wenn du mehr dazu von mir hören willst, lass es mich wissen. Ich versuche nur, die Klappe zu halten und dich zu unterstützen.“ Kelly musste noch mehr lachen. „Du hältst dich aus einer Sache raus? Guter Witz!“ „Ich hab nicht gesagt, dass ich mich raushalte. Ich meinte nur, dass ich dir sage, was ich denke, aber dass du meine Freundin bist und mir dein Glück am Herzen liegt, weshalb ich dich in allem unterstütze.“ „Na schön, hab’s kapiert. War wirklich lieb von dir, dass du hergekommen bist.“ „Kein Ding. Sag mir, was ich für dich tun kann. Ich könnte hier bei Kensey bleiben, während du Maddie abholst. Ich kann mit ihr zusammen zum Krankenhaus kommen oder sie eine Weile mit zu mir nehmen. Oder dafür sorgen, dass die Hurleys sich von dir fernhalten. Was auch immer.“ „Danke. Ich habe das Krankenhaus vorhin schon angerufen, um mich anzumelden. Maddie ist wach, und es geht ihr so weit gut. Sie meinten, ich könne nach acht kommen. Der Arzt gestern sagte, wenn alles weiterhin so gut läuft, könnten wir Maddie heute am späten Vormittag nach Hause holen.“ „Wann kommt Shurley?“ Kelly konnte sich das Kichern nicht verkneifen. „Shurley“ war ihr geheimer Spitzname für Sharon Hurley, damit niemand wusste, dass sie über Vaughans Mutter sprachen. „Vaughan müsste innerhalb der nächsten Viertelstunde hier sein. Wahrscheinlich treffen seine Eltern zeitgleich mit ihm ein oder kurz danach. Ich hoffe, danach. Um mit denen allein zu sein, habe ich noch nicht genug Kaffee intus. Die restliche Meute wird vermutlich hier auftauchen, wenn wir mit Maddie wieder da sind.“ „Wie war es denn gestern? Abgesehen von dem Streit mit Vaughan.“ „Ganz in Ordnung. Alle waren freundlich, alle bis auf eine gewisse Schwiegermutter. Ezra hat eine neue Freundin. Sie ist ziemlich cool. Macht Schmuck. Den werde ich mir mal genauer ansehen für den Laden.“ Kelly war Mitbesitzerin zweier Boutiquen, einer in Portland und der Schwesterfiliale in Manhattan. Sie und ihre Geschäftspartnerin hatten vor Kurzem beschlossen, mehr Accessoires wie Schmuck und Taschen in ihr Sortiment aufzunehmen. Da sie gern Künstlerinnen und Designerinnen aus der Gegend unterstützten, wollte sie Tuesday unbedingt kennenlernen und erhoffte sich, gut mit ihr auszukommen. „Es hätte grauenhaft werden können, aber es war lediglich unangenehm. Hurra. Allerdings werden heute nicht ganz so viele kommen, und das bedeutet, dass ich wohl mehr Zeit mit Shurley alleine verbringen werde. Maddie ist ganz begeistert, dass Vaughan und ihre Großeltern hier sein werden. Ich versuche, mich damit zu motivieren. Es wäre toll, wenn du einfach nur hier sein könntest, um mir – falls nötig – den Rücken zu stärken.“ „Geht klar.“ 4. KAPITEL Kensey sang aus vollem Halse „Me and Bobby McGee“ – das Kind hatte Geschmack! –, als sie die Treppe herunterkam. Als sie die Freundin ihrer Mutter erblickte, hörte sie auf zu singen und kreischte stattdessen Staceys Namen, während sie sich in ihre Arme warf. Lachend umarmte Stacey die Kleine und küsste sie auf beide Wangen, bevor sie das Mädchen wieder absetzte. „Schön, dich zu sehen, Süße.“ „Hast du schon gehört, dass Maddie einen Blinddarmdurchbruch hatte? Sie musste operiert werden, und Daddy hat ihr ein neues Fahrrad versprochen. Aber dann hat sie ihm das Versprechen abgeluchst, dass er mir auch eins kaufen muss. Ganz schön nett von ihr, dass sie daran gedacht hat.“ Staceys und Kellys Blicke kreuzten sich einen kurzen Moment lang. In Kellys Augen flackerte Erheiterung. Als Kelly ihrer Tochter einen Teller mit Toast und Eiern hinstellte, traf Vaughan ein. Er brachte ebenfalls Kaffee sowie eine Schachtel Donuts mit. Er kam kurz in Staceys Blickfeld, die hinter der Kochinsel neben seiner Tochter saß. „Morgen, Kelly.“ Er drehte sich zu Stacey um und hob grüßend eine Hand. „Stacey.“ Zuerst war es merkwürdig gewesen, so eng mit der Anwältin befreundet zu sein, die ihre Scheidung geregelt hatte. Aber seitdem waren viele Jahre vergangen, und inzwischen war es längst nicht mehr so seltsam. Vaughan beugte sich hinunter, um Kensey zu umarmen, die ihren Vater angrinste. „Tante Stacey hat zum Frühstück Kartoffelsalat-Sandwiches gegessen. Sie war in unserem anderen Haus in Manhattan, ich hab ihr gesagt, dass sie mein Zimmer haben kann. Aber Moms gefällt ihr besser.“ „Ihr Bett ist größer. Bei deinem ragen immer meine Füße über den Rand.“ Stacey stand auf und räumte ein paar Teller ab. „Aber ich trage immer deine Klamotten, wenn ich dort bin, Kleines.“ Sie zwinkerte dem Mädchen zu. Kensey schlug sich die Hände vor den Mund und gluckste. „Hast du schon was gegessen? Der Kühlschrank ist voller Reste von gestern, aber ich kann dir auch Rührei machen, wenn du das lieber magst“, schlug Kelly vor. Seine Vorsicht verschwand, während sein Lächeln immer intensiver wurde, bis ihr leicht schwindelig war. „Ich esse erst mal einen Donut und sehe dann weiter. Meine Eltern sind gestern Nacht nach Hause gefahren, aber vor zwanzig Minuten haben sie mich angerufen, um mir zu sagen, dass sie die Ranch verlassen.“ „Sie sind hier willkommen, sobald wir das mit Maddies Entlassung geregelt haben.“ Und zwar hoffentlich nur für kurze Zeit. Die Kleine würde Schlaf und Ruhe brauchen und kein Haus voller Verwandte. „Das weiß ich wirklich zu schätzen. Ich finde, sie sollten ruhig herkommen, sich davon überzeugen, dass es Maddie so weit gut geht, und dann wieder verschwinden. Meine Brüder habe ich gebeten, heute zu Hause zu bleiben. Sie würden sie gern irgendwann diese Woche besuchen kommen, aber das werde ich zuerst mit dir absprechen.“ Kelly beäugte ihn sorgfältig. Dass er so reagiert hatte, war ziemlich rücksichtsvoll von ihm. „Sicher. Sie freut sich immer, ihre Onkel zu sehen, das weißt du ja. Sie kann gar nicht aufhören, von Marys und Damiens Baby zu sprechen und davon, dass sie bald einen neuen Cousin zum Spielen haben wird.“ Kensey räumte ihr Geschirr ab und tänzelte an ihren Eltern vorbei. In siebzig Prozent der Fälle ging, hopste oder rannte ihre jüngste Tochter nicht, um sich fortzubewegen – sie tänzelte und sprang, tanzte den Shimmy und drehte Pirouetten. Kensey hatte schon getanzt, bevor sie überhaupt laufen konnte. „Tante Stacey, machst du mir die Haare?“ „Ja, das wäre mir eine Ehre.“ Hand in Hand gingen die zwei nach oben und ließen Vaughan und Kelly alleine. „Wie willst du es am liebsten machen?“, ergriff Vaughan das Wort. „Ich denke, es wäre das Beste, wenn nur du und ich zum Krankenhaus fahren würden. Okay?“ „Ohne Sharon und Michael?“ Er schüttelte den Kopf. „Und ohne Ross.“ Sie sah ihn argwöhnisch an. „Warum das denn?“ „Ich will einfach ein bisschen egoistisch sein, okay? Ich will derjenige sein, der sie vom Auto ins Haus trägt. Der sie ins Bett bringt, damit du sie zudecken kannst.“ Er machte eine kurze Pause. „Bitte …“ Vaughan wusste, dass Ross mehr Zeit mit seinen Töchtern verbrachte als er. Doch am Vorabend hatte er beschlossen, dass das ein Ende haben musste. Er wollte nicht nur seine Familie zurückgewinnen, sondern sie auch verdienen. Kelly stieß die Luft aus. „In Ordnung. Es ist eine faire Bitte. Solange es wirklich nur du und ich sind.“ Auf der Suche nach den richtigen Worten leckte Vaughan sich über die Lippen. „Es gibt so vieles, was mir leidtut. Gestern bin ich diesbezüglich nicht besonders ins Detail gegangen, und das kann ich auch in diesem Moment nicht. Aber ich arbeite daran. Ich habe so viele Fehler gemacht. Ich verspreche dir, dass meine Mutter sich benehmen wird, wenn sie gleich kommt. Mein Vater und sie haben versprochen, dass sie nicht allzu lange bleiben werden. Sie wissen es zu schätzen, dass deine Tür ihnen offen steht.“ Die Kluft zwischen seiner Mutter und der Mutter seiner Kinder war seinetwegen entstanden, hatte mittlerweile epische Ausmaße angenommen und äußerte sich nun in schmerzhaft korrekter Höflichkeit. Er fand es furchtbar, dass Kelly stets auf der Hut vor einem Angriff seiner Mutter sein musste. Sharon Hurley wollte ihre Familie beschützen, weshalb sie von Beginn an defensiv reagiert hatte. Sie hatte Kelly niemals eine Chance gegeben, und der Spalt zwischen ihnen hatte alles nur noch schlimmer gemacht. Kelly schüttelte den Kopf. „Ich will jetzt nicht darüber reden. Ich muss mich momentan schon um genügend andere Dinge kümmern.“ „Schon gut.“ Vaughan aß den zweiten Donut auf und klopfte sich den Zucker von den Händen. „Eins noch: Ich weiß, dass es ein oder zwei Wochen dauern wird, bis Maddie sich wieder ganz erholt hat, und ich wäre in dieser Zeit gern in ihrer Nähe. Ich möchte mehr Zeit mit den beiden verbringen. Kel, ich habe so viel verpasst. Ich will nicht … Ich bin hier, und in Fällen wie diesem sollte ein Vater einfach da sein. Ich bleibe in meiner Wohnung in Portland und pendle hierher. Helfe bei Schulaufgaben und so. Ich weiß, dass du in deinem Laden arbeitest, während die Mädchen in der Schule sind, also kann ich in der Zeit doch hier sein. Weißt du, ich möchte so gern ein besserer Vater sein. Einer, der sich mehr kümmert. Die beiden sollen darauf vertrauen, dass ich es besser machen werde.“ Und er wünschte nichts mehr, als dass Kelly das ebenfalls tun würde. Vaughan genoss den Anblick, wie die Sonne auf ihren Rücken schien und ihr Haar, das sie zu einem Zopf hochgebunden hatte, golden schimmerte. Sie trug eine Jeans, ein hellblaues Shirt und Sandalen. Obwohl sie nur wenig Make-up aufgelegt hatte, strahlte Kel diese Eleganz aus. Irgendetwas an ihr ließ ihn immer an teuren Champagner denken. Sie schien förmlich auf seiner Zunge zu prickeln und sich dann aufzulösen. Er wusste, dass sie nach demselben Parfum roch, das sie schon trug, seit sie sich kannten: Chanel No. 5. Ihre Töchter waren groß, blond und anmutig wie Kelly, hatten ebenfalls blaue Augen, wenn auch nicht ganz so ozeanblaue wie ihre Mutter, sondern mit einem Grünstich, der von Vaughan kam. Als Kelly zu einer Erwiderung ansetzte, hatte sie sogleich seine volle Aufmerksamkeit: „Maddie fände das großartig. Beide Mädchen fänden es schön, wenn du öfter hier wärst. Aber – je nach Verkehrslage ist dein Appartement genauso weit weg wie deine Wohnung auf der Ranch.“ Einen Moment lang drehte sie ihren Ring. „Wenn du das wirklich machen willst … ich hab ein Gästezimmer mit eigenem Bad. Du könntest die nächsten Wochen hierbleiben.“ „Wirklich?“ Wow, dann könnte er ihnen ganz nah sein. Er würde nicht jeden Abend woanders ins Bett gehen und auf einen Anruf warten, der ihn auf den neuesten Stand brachte. Er wäre für sie da. Für alle drei. Und während er Kelly half, könnte er sie noch mal ganz neu kennenlernen und ihr hoffentlich beweisen, dass er sich wirklich geändert hatte. „Na klar.“ Sie nickte. „Das wäre toll. Vielen Dank. Ehrlich. Das bedeutet mir sehr viel.“ Er nahm sie in den Arm, ließ sie aber gleich wieder los und machte einen Schritt zurück, nachdem er den wunderbaren Duft ihrer Haare wahrgenommen hatte. „Ich kann ziemlich gut kochen. Ich könnte also auch beim Frühstückmachen helfen.“ „Kleine Schritte, Vaughan. Lass uns das alles Stück für Stück angehen.“ „Vertraust du mir nicht?“ Sie legte den Kopf schief und sah ihn an. „Hängt ganz vom Thema ab.“ Er zog die Augenbrauen hoch, doch ihm wollte partout kein Gegenargument einfallen. Er hatte keinen festen Stand, weil er sie tatsächlich im Stich gelassen hatte. Er würde sich beweisen müssen. „Schon gut.“ „Tja, anscheinend habe ich so einiges verpasst“, stellte Ross fest, als er in die Küche trat. In seinem Ton lagen Wut und Anspannung, was genau was bedeutete? Dass er wütend auf Vaughan im Allgemeinen war oder dass er gelauscht hatte? „Dir auch einen guten Morgen. Alles klar?“ „Wie ich sehe, hast du einen neuen Untermieter.“ Er deutete mit dem Kopf in Vaughans Richtung. So miesepetrig hatte sie ihren Verlobten bisher noch nicht erlebt. Er war regelrecht aufgewühlt. Es war ja nicht so, als hätte er sie beide dabei überrascht, wie sie etwas Unanständiges getan hätten. „Allerdings. Vaughan wird im Gästezimmer wohnen, bis Maddie wieder auf dem Damm ist.“ Kelly beschloss, seine Wut zu ignorieren. Alle fühlten sich sichtbar unwohl, und Kelly stand einfach nur da und sah die beiden an. Ihr Leben war schon mal einfacher gewesen. Viel einfacher. „Gibt es ein Problem?“, wollte Vaughan von Ross wissen. Das war der Moment, in dem das Maß voll war. „Warum fragst du ihn? Das hier ist mein Haus.“ Beide Männer sahen sie überrascht an. Als wären sie erschrocken darüber, dass sie eine Meinung über etwas hatte, das in ihrer eigenen Küche geschah. Verdammt! Kensey und Stacey kamen herunter, bevor aus irgendwem noch mehr herausplatzte. Kelly trocknete sich die Hände ab. „Ich gehe nach oben und mache mich fertig. Wir können zusammen zum Krankenhaus fahren, Vaughan.“ Sie gab ihrer Kleinen einen Kuss, die bereits auf ihren Vater zusteuerte. Ross folgte ihr nach oben. Für sie schien er fast perfekt, aber seine Wut schien passiv-aggressiv zu sein, und Kelly stellte fest, dass sie keine Energie hatte, dabei mitzuspielen. Es machte sie nur zusätzlich wütend. Wenn er etwas zu sagen hatte, sollte er es ausspucken, ohne vorher die beleidigte Leberwurst zu spielen. Sie hörte im Nebenzimmer, wie er mehrmals dramatisch seufzte, doch sie behandelte ihn wie ihre Töchter in ähnlichen Situationen und ignorierte ihn, während sie sich ein hübscheres Shirt überstreifte. Dann warf sie einen kurzen Blick in den Spiegel, um sich zu vergewissern, dass der Pferdeschwanz, den sie sich eben schnell neu gemacht hatte, ordentlich saß. Als sie vom Ankleidezimmer zurück ins Schlafzimmer kam, machte Ross endlich den Mund auf. „Er ist einer zu viel hier.“ „Vaughan? Der Mann, dessen Kind im Krankenhaus liegt?“ „Er interessiert sich doch einen Scheiß für die Mädchen! Er benutzt sie nur, um sich an dich ranzumachen. Sie sind für ihn nichts als Werkzeuge.“ Was er da sagte, war so voller Hass und falsch, dass Kelly unweigerlich einen Schritt zurückmachte. Ross bemerkte ihre Reaktion und seufzte beunruhigt. „Diese Sache ist eine Erniedrigung für dich, mich und für Vaughan. Er hat viel falsch gemacht, aber seine Töchter bedeuten ihm alles. Er sollte hier sein, wenn sie ihn brauchen. Und was du da gerade gesagt hast, macht mich echt sauer.“ „Du hast mich nicht mal gefragt, ob er hierbleiben kann.“ „Äh. Nein, habe ich nicht. Vor allem, weil ich bis heute Morgen selbst noch nichts davon wusste. Er hat mir gesagt, dass er in Portland bleiben will, bis Maddie wieder richtig gesund ist, und dass er mir mit den Mädchen helfen will. Soll ich da etwa Nein sagen? Jeden Tag diese Fahrerei. Ich habe ein großes Haus. Seine Kinder leben hier. Ist doch ein sinnvolles Angebot von mir.“ Und sie musste Ross nicht um Erlaubnis fragen! Er war es doch, der andauernd mit seiner Ex und deren Familie herumhing. „Ich fühle mich unwohl dabei, wenn er hier ist.“ Kelly wollte nicht, dass er sich unwohl fühlte. Oder wütend, traurig oder sonst was. „Warum?“ Sie setzte sich auf die Bettkante. „Er ist dein Ex.“ „Du übernachtest mindestens viermal im Jahr im Haus deiner Exfrau. Du verbringst jedes Wochenende Zeit mit ihr und ihrer Familie.“ „Das ist was anderes.“ „Und warum?“ Sie hasste es, andauernd „warum“ zu sagen, aber sie verstand nicht, was mit ihm los war, wo er doch genau dasselbe machte. „Meine Kinder sind bei ihr!“ „Und meine sind hier.“ „Ich will nicht, dass er bleibt. Aber du schon.“ Er sagte es, als ob er so etwas niemals für möglich gehalten hätte. „Wir müssen ja nicht bei allen Dingen einer Meinung sein.“ Sie musste diese Verlobung lösen. Sie sollte es ihm sofort sagen. Es hinauszuzögern war für sie beide nicht fair. Aber sie hatte für den Moment genügend Drama. Sie wollte einfach nur ihr Kind aus dem Krankenhaus holen. Außerdem – so wütend, wie sie war, würde sie ihn nur unnötig verletzen. Und sie musste sich ja nicht ausgerechnet dann von ihm trennen, wenn Vaughan im Haus war. „Wenn er bleibt, können wir nicht zusammen sein. Entweder ich oder er.“ Ross konnte es nicht wissen, aber er stellte das Ultimatum beinahe genauso wie Vaughan, als er vor acht Jahren gesagt hatte: Dann geh doch. Lass dich meinetwegen von mir scheiden, wenn du so unglücklich bist. Oha, das fachte ihre Wut von Neuem an. „Du hast deine Exfrau nach ihrer Nasenoperation drei Wochen bei dir wohnen lassen. Und das, obwohl sie Verwandte in der Stadt hat. Dazu habe ich nie auch nur einen Ton gesagt.“ Allerdings war sie mehrmals kurz davor gewesen. Seine Exfrau gehörte zum Typ „superhilflos“. Andauernd reparierte er irgendetwas in ihrem Haus. Wenn ihre Internetverbindung nicht funktionierte, rief sie ihn an. Wochenlang hatte sie in Ross’ Schlafzimmer kampiert, damit er ihr tagsüber schnell zur Hand sein konnte, wenn sie Hilfe brauchte. Währenddessen war Ross so nett gewesen, im Gästezimmer zu übernachten. Dabei hatte diese Frau sich verdammt noch mal nur die Nase operieren lassen und keine Lebertransplantation hinter sich gebracht. Aber sie war nun mal die Mutter seiner Kinder, und Kelly hatte darauf vertraut, dass er die Entscheidungen traf, die am besten für seine Kinder waren. Und nun tat er dasselbe nicht für sie. „Das war etwas anderes. Sie war auf mich angewiesen. Er hingegen braucht dich nicht. Du brauchst ihn nicht. Du und die Mädchen, ihr seid ohne ihn und seinen Einfluss sowieso besser dran.“ „Wovon zum Teufel sprichst du? Welchen Einfluss?“ „Er tut den beiden nicht gut. Sie müssen weniger Zeit mit ihm verbringen und nicht mehr. Dass du ihn in dein Haus einlädst, bringt diese Ziele nicht näher.“ „Wessen Ziele sind das denn?“ „Wenn wir heiraten, werde ich die Mädchen natürlich adoptieren. Sobald er dich nicht mehr haben kann, wird er ohnehin das Interesse verlieren.“ Kellys Stimme klang eisig, als sie sagte: „Du kennst meine Geschichte und legst mir allen Ernstes nahe, meinen Kindern ihren Vater vorzuenthalten? Willst du mich auf den Arm nehmen?“ „Ich werde ihr Vater sein. Das ist am besten so. Kannst du das nicht sehen? Ich kümmere mich heute um Kensey. Dann kannst du ihm auf dem Weg zum Krankenhaus klarmachen, dass er hier nicht bleiben kann. Ich bin nicht wie dein Vater. Ich werde mich um sie kümmern. Ich werde sie vor allem Bösen beschützen. Dieser Kerl wird ihnen nur wehtun.“ Sie bemühte sich um eine Erwiderung, doch am Ende sah sie wie ein jämmerlicher Goldfisch aus, der den Mund mehrmals öffnete und wieder schloss. „Das kannst du unmöglich ernst meinen. Wo kommt das alles her?“ Das war ja absurd! „Denkst du, ich sehe nicht, wie er dich anschaut? Er lebt sein Leben auf eine Art, die für dich völlig falsch ist. Er hat dich betrogen. Er weiß dich nicht zu schätzen.“ Sie atmete heftig aus und versuchte, ruhig zu bleiben. Doch ihr Geduldsfaden drohte jeden Moment zu reißen. „Ross, ich wusste nicht, dass du das so siehst.“ „Tja, jetzt weißt du es. Tut mir leid, dass ich so hart bleiben muss, aber so ist es nun mal. Ich kann es ihm gern selbst sagen, wenn es dir unangenehm ist.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust, als wäre die Angelegenheit geklärt. „Das wird nicht passieren. Du solltest besser in dich gehen und erkennen, dass du dich total lächerlich machst und Dinge sagst, die du nicht so meinst. Und die du nicht zurücknehmen kannst. Ich habe Vaughan eingeladen zu bleiben, und ich werde diese Einladung nicht zurücknehmen. Das wäre unhöflich. Es würde den Mädchen eine falsche Botschaft vermitteln. Ich will ihm die Möglichkeit geben, sich als Vater mehr einzubringen. Die Mädchen lieben ihn. Er liebt sie. Ende der Geschichte. Versetz dich doch mal in seine Lage: Wenn eines deiner Kinder im Krankenhaus gewesen wäre, würdest du keine Sekunde von ihrer Seite weichen. Und genau so sollte es auch sein. Herrgott, zeig doch mal ein bisschen Mitgefühl!“ „Ich will ihn nicht hier haben! Er versucht, meinen Platz einzunehmen. Wenn ich in dieser Zeit nicht für sie da sein kann, wird er mit Maddie zusammen sein und Vertrauen zu ihr aufbauen. Aber ich könnte das auch. Solche Erfahrungen sind wichtig für Patchworkfamilien, um richtig fest zusammenzuwachsen.“ „Ich glaube, ich kann dich nicht heiraten.“ In ihrem Kopf hatte es sich wie ein panisches, viel zu schnell abgespultes Geheule angehört. Überraschenderweise blieb ihre Stimme ruhig. Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, musste Kelly den überwältigenden Drang niederkämpfen, sich vor Erleichterung mit dem Gesicht voran aufs Bett zu werfen. „Was?“ Ross hielt inne. Auf seinem Gesicht spiegelte sich Überraschung. „Irgendeiner Frau bist du bestimmt ein guter Ehemann, aber ich bin nicht die Richtige für dich. Und du bist nicht der Richtige für mich. Jedenfalls nicht um zu heiraten und das ganze Leben miteinander zu teilen.“ „Ich verstehe nicht …“ „Du hast verlangt, dass ich mich zwischen dir und Vaughan entscheide. Aber das hier hat nichts mit ihm zu tun. Ich entscheide mich für mich und meine Kinder.“ „Das willst du nicht wirklich. Wir sind ein gutes Team.“ Ross verstand es immer noch nicht. Am liebsten hätte sie Maddie aus dem Krankenhaus geholt, sich Kensey geschnappt und wäre mit den beiden vor allen davongelaufen, die irgendeine Entscheidung von ihr verlangten. Nicht dass Ross und sie kein gutes Team waren. Erst vor zwei Tagen war er so lieb gewesen und ins Krankenhaus gekommen. Doch erst jetzt begriff sie, dass er es nur getan hatte, um vor Vaughan sein Revier zu markieren. „Ich finde ja auch, dass wir ein gutes Team sind. Aber nicht für immer und ewig. Ich werde dich nicht glücklich machen. Das würde in unserer Ehe immer und immer wieder hochkochen. Du wirst sie nicht adoptieren! Sie haben Eltern, und keiner von uns würde sein Sorgerecht für Maddie und Kensey einfach so abgeben. Ehrlich gesagt widert es mich an, dass du gedacht hast, ich könnte so etwas wollen. Oder dass du es überhaupt wolltest. Wie wäre es wohl für meine Kinder, wenn ihr Vater sie mit einer Unterschrift einfach so weggeben würde, als wären sie irgendeine ausrangierte Sache?“ Sie nahm den zauberhaften Verlobungsring ab, den er ihr vor drei Monaten angesteckt hatte, und legte ihn in seine Handfläche. „Ich habe dich wie eine Königin behandelt. Dieser Typ wird dich nur wieder verletzen. Denn das ist es, was Männer wie er tun. Und was wird dann mit deinen Kindern passieren? Ich bete zu Gott, dass sie nicht nach ihrer Mutter geraten sind, die sich in Loser verliebt.“ Sie wusste, dass er sehr verletzt war und jetzt zurückschlug, aber sie hatte genug. „Du solltest lieber gehen, bevor einer von uns noch hässlichere Dinge sagt. Ich werde in den nächsten zwei Tagen alles durchsehen und dir das nach Hause bringen, was dir gehört. Ich wünsche dir wirklich alles Gute und hoffe, dass wir nach einer Weile … na ja, eben … wieder vernünftig miteinander umgehen können.“ Sie öffnete die Tür und ging voran nach unten. Sie wollte, dass er das Haus verließ, bevor die Benommenheit nachließ und er ihr eine Szene machen würde. Lachen drang aus dem Wohnzimmer, wo Stacey und Kensey zum wahrscheinlich neunzehnten Mal „Go Fish“ spielten. Kelly schloss die Tür zur Garage auf und zog das Tor hoch. „Hier.“ Schnell zog sie die Schlüssel zu seinem Haus – für Notfälle, da sie immer noch klopfte, wenn sie ihn bei sich besuchte – von ihrem Schlüsselring und hielt sie ihm entgegen. „Es ist leichter für dich, wenn du mir meine auch zurückgibst. Wo wir schon mal dabei sind.“ Sie sah ihn fest an, bis er ihr seinerseits die Hausschlüssel übergab. Neben dem geöffneten Garagentor entdeckte Kelly die Luftpumpe, die sie sich für den Basketball von ihm geborgt hatte, und reichte sie Ross, bevor sie in die Ausfahrt hinaustrat. „Die gehört dir.“ „Du kannst mich nicht einfach so entsorgen.“ Er sprach leise, und Kelly wollte, dass es so blieb. „Ich entsorge dich nicht. Ich löse unsere Verlobung. Du hast offensichtlich große Probleme mit Dingen, die ich nicht ändern möchte. Du und ich – das ist eine Sache. Aber hier geht es um viel mehr als nur darum. Das hier ist etwas, an dem wir nicht vorbeikommen, weshalb wir uns andauernd verletzen werden, und so sollte eine Ehe beim besten Willen nicht aussehen.“ Es war, als hätte ein anderes Wesen die Kontrolle über ihr Sprachzentrum übernommen. So wütend und erschüttert sie auch war – ihre Tochter war im Haus, und sie konnte nicht zulassen, dass diese Sache in das Leben der Kleinen überquoll. „Wenn du wieder zur Besinnung kommst, weißt du ja, wo du mich findest. Tut mir leid, wenn ich übereifrig war. Aber ich weiß, was ich fühle: Uns allen geht es ohne Vaughan Hurley viel besser.“ „Bitte. Geh jetzt. Ich kann nicht glauben, dass ich dir das sagen muss, aber ich werde niemals irgendwen über Madeline und Kensey stellen. Du erwartest von mir, dass ich ihre Bedürfnisse und ihr emotionales Wohlergehen deinen Gefühlen unterordne. Aber so funktioniert das nicht.“ Ross hob zu sprechen an, schüttelte dann aber den Kopf, wandte sich um und stakste zu seinem Wagen. Als er weggefahren war, zog Kelly das Tor zu und ging durch die Garage zurück ins Haus. 5. KAPITEL Den ganzen Tag war es Vaughan gelungen, nichts zu Ross’ kurzem Besuch am Morgen zu sagen. Sie hatten ohnehin nicht viel Zeit zu zweit gehabt. Seine Eltern waren gekommen und bei Kensey und Stacey geblieben, während Vaughan und Kelly losfuhren, um Maddie abzuholen. Und dann hockten seine Eltern stundenlang mit ihnen im Wohnzimmer. Kelly gab sich freundlich, wenn auch reserviert, aber alle waren müde, denn längst war es Zeit für die Gäste, zu gehen. Am Tag zuvor hätte Vaughan sich als genauso einen Gast betrachtet. Aber jetzt konnte er einschreiten und Kelly endlich zeigen, dass er sie wirklich unterstützen wollte. Als er seinen Vater schließlich allein erwischte, bat er ihn freundlich, jetzt die Segel zu streichen. „Wenn es Maddie besser geht, komme ich mit ihr bei euch vorbei. Oder ihr schaut einfach in ein paar Tagen noch mal vorbei. Aber jetzt braucht sie Ruhe.“ Sein Vater lächelte und klopfte ihm auf die Schulter. „Hab lange darauf gewartet, dass du dich für sie einsetzt. Aber lass uns noch ein paar Schritte gehen, bevor wir fahren.“ Die beiden gingen nach draußen. „Hast du einen Werkzeugkasten hier oder weißt, wo einer ist? Mir ist aufgefallen, dass dieser Tritt ein bisschen locker ist.“ Michael deutete zu dem Holz-Spielgerüst mit Kletterwand und Schaukel. „Bestimmt in der Garage.“ Wie sich herausstellte, besaß Kelly eine recht umfangreiche Werkzeugausstattung, sodass es relativ einfach war, die Stufe zu reparieren. „Was machst du hier eigentlich?“, fragte sein Vater, als sie das Werkzeug zurückbrachten. „Ich will das.“ Vaughan zeigte auf die Umgebung, das Haus. „Ich will es mit allem Drum und Dran. Mit Kelly und unseren Töchtern.“ „Wie steht sie dazu?“ „Ich habe ihr nicht gestanden, dass ich sie zurückhaben will. Noch nicht. Aber ich sagte, dass ich in der Nähe sein möchte, bis Maddie wieder ganz gesund ist. Ich kam mir vor, als wäre ich im Leben meiner Tochter nur ein Besucher. Kelly hat bisher immer alles alleine gewuppt. Sie hat die Entscheidungen getroffen. Sie hat sich die ganze Zeit zurückgenommen. Ich hatte immer euch. Sie aber konnte sich auf niemanden verlassen und hat trotzdem alles geschafft und sich obendrein auch noch um mich gekümmert. Ich hätte für sie da sein und ihr eine starke Schulter zum Anlehnen bieten sollen. Und den Mädchen auch. Aber ich war nicht da.“ Vaughan schämte sich zutiefst. „Doch, das warst du. Aber nicht so, wie du gekonnt hättest. Nicht so, wie es deine Pflicht gewesen wäre. Du liebst sie, und sie alle drei lieben dich. Wie hat Kelly denn reagiert, als du meintest, du möchtest bis zu Maddies Genesung in der Nähe sein?“ Seine Dad wollte offenbar nicht um den heißen Brei herumreden. „Sie hat mir angeboten, für ein paar Wochen in ihrem Gästezimmer zu wohnen. Anscheinend hat sie es nicht ernst genommen, als ich meinte, ich würde einspringen und ihr mit den Mädchen helfen. Aber ich werde ihr schon beweisen, dass sie sich geirrt hat.“ „Das ist ein gutes Zeichen. Was wird aus dem Verlobten? Mir ist aufgefallen, dass er heute nicht da war.“ „Ross kam dazu, kurz nachdem sie mir angeboten hatte zu bleiben. Er war nicht gerade erfreut. Sie gingen für ein paar Minuten nach oben, und dann ist sie mit ihm nach draußen in die Garage gegangen. Ich … na ja, ich habe gehört, wie sie ihn bat zu gehen. Ich habe diverse Dinge gehört. Sie hat die Verlobung gelöst, es mir bislang aber noch nicht erzählt.“ Er brauchte seinem Dad nicht im Detail zu schildern, was Ross über ihn gesagt hatte. Es reichte zu wissen, wie Kelly reagiert hatte. „Das ist deine zweite Chance. Es wird dir jedes bisschen Aufmerksamkeit, Mitgefühl und Konzentration abverlangen, und dann noch dreihundertmal so viel dazu – erst dann hast du dir deine Familie verdient. Gib nicht auf. Ich weiß, dass du es schaffen kannst“, ermutigte sein Gegenüber ihn. „Ich habe Fehler gemacht. Viele Fehler.“ „Das hast du. Aber ich schätze, sie auch.“ Vaughan zuckte mit den Schultern. „Ihre Fehler hätten wir wahrscheinlich ausgehalten. Aber ich habe unsere Ehe in den Graben gefahren und bin abgehauen.“ Michael lehnte sich mit dem Rücken an die Wand. „Ich habe das eine oder andere über mein Leben gelernt. Du kannst nicht rückgängig machen, was geschehen ist. Du kannst nicht zurückgehen und es auslöschen. Der Schaden ist passiert, Junge. Du hast ihn verursacht. Das tut weh, und das sollte es auch. Du hast Scheiße gebaut.“ Ein kurzes Prusten entwich Vaughan. Sein Vater war der Ruhige in der Familie. Scheiße war nicht gerade ein Wort, das er sehr oft benutzte. „Allerdings. O Gott, und wie.“ Er rieb sich mit den Händen übers Gesicht. „Ich wusste ja gar nicht, was ich an ihnen hatte. Ich wusste es nicht. Ich dachte, so was würde ich irgendwann ganz leicht noch einmal finden. Wenn ich bereit wäre. Aber es war nicht leicht, weil das, was ich hatte, etwas Besonderes war, und ich glaube, ich bin erst jetzt bereit zu verstehen, wie besonders. Und vielleicht ist es jetzt zu spät – was sich wie irgendein dämlicher Fluch anhört.“ „Ein Mann zu sein bedeutet, zu seinen Fehlern zu stehen. Es ist nicht einfach, aber genau das machst du gerade. Für deine Kinder und für die Frau, die du versuchst zurückzugewinnen. Wir haben dich richtig erzogen. Jeder von euch vier Jungs hatte seine Herausforderungen, aber deine Mutter und ich sind sicher, dass ihr sie erfolgreich meistern werdet.“ „Danke für den Rat und fürs Zuhören.“ „Ich bin nun mal dein Vater. Es ist meine Aufgabe und auf gewisse Weise auch ein Geschenk, dir zu helfen, wenn ich kann. Du weißt, wo du mich findest, wenn du mich das nächste Mal brauchst.“ Sie gingen zurück ins Haus, wo seine Mutter ihre Sachen zusammengesucht hatte und bereit war, sich auf den Rückweg nach Hood River zu machen. Seine Mom war recht freundlich zu Kelly gewesen, doch die hielt Sharon Hurley weiterhin auf Abstand. Sie kam nicht mit nach draußen, als die beiden fuhren, aber seine Mom bedankte sich bei Kelly für die Einladung, und Kelly dankte ihnen fürs Kommen. Immerhin, ein kleiner Anfang. Damit konnte man arbeiten. Stacey und Kensey kamen Händchen haltend nach unten. Schon stürzte sein Nesthäkchen hinüber zu Vaughan. „Ich finde es so klasse, dass du hier bist!“ „He, mein Schatz, ich finde es auch klasse.“ „Ich fahre dann mal nach Hause.“ Stacey umarmte Kelly. „Ruf mich später mal an. Wenn du irgendetwas brauchst und ich herausfinde, dass du mir nicht Bescheid gesagt hast, gibt’s Ärger.“ Die Kleine kicherte albern. „Versprochen. Danke, dass du zurückgekommen bist.“ Kelly drückte ihre Freundin noch ein letztes Mal, bevor diese das Haus verließ. Dann waren sie nur noch zu viert. Vaughan und seine Frauen. „Und jetzt?“, fragte Vaughan. „Kensey sollte noch ihre Buchvorstellung zu Ende schreiben, und ich mache jetzt erst mal die Wäsche.“ „Ich muss morgen zur Schule gehen? Maddie kann zu Hause bleiben und hat Dad ganz für sich alleine. Das ist unfair! Ich würde doch nichts Wichtiges verpassen. Darf ich nicht auch zu Hause bleiben? Bitte, Dad!“ Beim Anblick dieses bezaubernden Gesichts hatte er Schwierigkeiten, Nein zu sagen, und wäre um ein Haar schwach geworden. Doch Kelly kniete sich vor ihre jüngste Tochter. „Jeder in unserer Familie hat seine Aufgabe, weißt du noch? Im Augenblick ist deine wichtigste Aufgabe, zur Schule zu gehen und dein Gehirn zu trainieren. Die deiner Schwester ist es, zuerst wieder gesund zu werden. Dein Dad und ich müssen auch unsere Aufgaben erledigen, nämlich: für euch beide da zu sein. Allen wird es gut gehen, aber wir müssen zusammenhalten.“ Kensey nickte und umarmte Kelly, bevor sie davontrottete, um Hausaufgaben zu machen. „Gut gemacht. Ich hätte das nicht gepackt. Ist manchmal ganz schön schwierig.“ „Aber sie ist auch wirklich gut darin.“ Kellys Lächeln täuschte über die leichte Verärgerung in ihrer Stimme hinweg. „Allerdings. Es ist schwer, ihr etwas abzuschlagen.“ „Ich will, dass die zwei einfallsreich und unabhängig sind. Das wird sie viel weiter bringen, als einfach nur den Rehblick aufzusetzen.“ „Stimmt. Und es ist gut, ihnen beizubringen, dass Köpfchen zu haben wichtiger ist, als hübsch auszusehen.“ Kelly zuckte mit den Schultern. „Ebenfalls eine wichtige Lektion im Leben. Eigentlich wollte ich dir einen Satz Schlüssel geben, aber der Schlosser kommt in ungefähr zwanzig Minuten, um die Schlösser auszuwechseln. Du kriegst deine Schlüssel danach.“ Er legte ihr eine Hand auf den Arm. „Ist alles in Ordnung?“ „Alles gut, ja. Aber du solltest wissen, dass ich heute meine Verlobung mit Ross gelöst habe.“ „Hat er dir wehgetan oder dir Angst gemacht?“ Vaughan war derjenige unter seinen Brüdern, der am wenigsten von Prügeleien hielt, aber plötzlich verspürte er den Drang, jemandem eine reinzuhauen, um Kelly zu beschützen. „Nein, keins von beidem.“ Sie schüttelte den Kopf. „Er ist unglücklich. Er hat mir die Schlüssel zurückgegeben, aber damit ich mich nicht die ganze Zeit frage, ob er vielleicht noch welche hat, hielt ich es für das Einfachste, die Schlösser auszutauschen.“ Vaughan fand nicht, dass es sonderlich einfach klang. Aber wenn Kelly es so wollte, würde es auch so gemacht. Und er würde besonders aufmerksam nach Ross Ausschau halten. „Was ist mit mir? Ich meine, immerhin löst du die Verlobung“, fragte Vaughan. „Das war eine Sache zwischen ihm und mir.“ Er wollte noch etwas sagen, doch da Kensey gleich nebenan saß, ließ er es bleiben. „Na schön. Ich muss noch ein paar Sachen im Gästezimmer verstauen. Vielleicht könnten wir nach dem Abendessen den Zeitplan besprechen. Ich hab es ehrlich gemeint, als ich sagte, ich will dir helfen. Ich bemühe mich, ein besserer Vater zu sein.“ „Lass uns später darüber sprechen. Komm erst mal an. Ich gebe dir auch noch das Passwort für unser Netzwerk. Falls du einen Arbeitsplatz brauchst: Im Gästezimmer steht ein Schreibtisch, und in meinem Büro gibt es einen Drucker.“ Er folgte ihr, als sie ihm zeigte, wo er alles fand, und wenig später war Kelly in der Wäschekammer verschwunden. Allein ging er ins Gästezimmer und begann auszupacken. „Hi, Daddy!“ Kensey hüpfte herein und sprang aufs Bett. „Ich kann nicht glauben, dass du mein Zimmernachbar bist! Allerdings hast du dein eigenes Bad. Das ist auch gut so, weil Maddie jetzt viel zu lange da drin braucht. Und wenn ich mal Pipi muss, darf ich Moms Bad benutzen, wenn ich oben bin.“ Vaughan ließ sich von dem konstanten Redefluss seiner Tochter wie von einem weichen Tuch einhüllen. Wenn sie etwas erzählte, dann immer ohne dramatische Betonung, was er mal bezaubernd und mal anstrengend fand. „Bringst du mich morgen zum Bus? Normalerweise bringt Mom uns hin, aber du hast es noch nie gemacht. Ich möchte gerne, dass die anderen Mädchen sehen, wie mein Dad aussieht. Du hast ja schon dafür gesorgt, dass letztes Jahr meine Lehrerin andauernd nach dir gefragt hat.“ Er verkniff sich ein Lächeln. „Ach ja?“ „Ich bin mit meiner Buchvorstellung fertig. Willst du sie mal lesen und nachsehen, ob ich auch ordentlich geschrieben habe?“ Er öffnete die Arme, und sie warf sich in seine liebevolle Umarmung. „Wir haben uns Filme angesehen und Bücher gelesen, und sie hat mehrmals ein Nickerchen gemacht. Maddie kann zwar noch nichts Festes essen, aber sie ist wach und einsam. Wollen wir nicht alle zusammen oben in ihrem Zimmer essen?“ Vaughan stand dicht neben Kelly, und sie kam sich vor wie eine furchtbar schlechte Person, weil sie an diesem Morgen eigentlich einen anderen Mann hätte heiraten sollen. Aber nun war Vaughan hier und sah so gut aus, dass ihre Hormone ganz schön durcheinandergewirbelt wurden. „Tolle Idee! Ich hatte schon überlegt, sie nach unten zu holen, aber es ist besser, wenn sie im Bett bleibt. Kensey, kannst du die Tabletts rausholen? Ich mache einen Nudelsalat mit Krabben für euch.“ Ihre Tochter reckte die Faust in die Luft und rief „Yes!“, während sie die Tabletts hervorkramte, die sie drei immer benutzten, wenn sie im Wohnzimmer Snacks aßen und sich gemeinsam einen Film ansahen. Kelly füllte ein bisschen warme Hühnerbrühe in einen ihrer Coffee-to-go-Becher und schraubte den Deckel darauf. „Sie meinten, sie kann ruhig schon ein bisschen Brühe trinken. Ich hatte noch welche im Gefrierschrank. Hoffentlich schmeckt dir der Krabbennudelsalat. Ich hätte dich vorher fragen sollen. Aber falls nicht, sind im Kühlschrank immer noch Reste von gestern.“ „Krabbennudelsalat hört sich super an.“ Vaughan lächelte liebevoll, und Kelly wurde bewusst, dass sie zum ersten Mal seit Ewigkeiten alleine in ihrem Haus waren. Keine Hurleys. Kein Ross, keine Stacey. Nur sie selbst, Vaughan und ihre Töchter. Vor langer Zeit hatte sie von solchen normalen Momenten geträumt. Und die Hoffnung darauf aufgegeben. Das hatte sie zumindest gedacht. Die Hoffnung war eine winzige Glut, die in ihrem Bauch schwelte. Gleich neben der Angst. Weil Vaughan ihr das Herz gebrochen hatte. Das hatte so wehgetan, dass sie lange gebraucht hatte, um darüber hinwegzukommen. Aber die Hoffnung gab nicht klein bei, und Kelly fand es gar nicht so verkehrt – solange sie keine großen Erwartungen hegte. Nicht wahr? Sie erteilte Kensey und Vaughan Instruktionen, während sie alle sich ihr Abendessen auf die Tabletts luden und sich auf in Maddies Zimmer machten. „Mach doch ein bisschen Musik an, Mommy“, murmelte die kleine Patientin schläfrig. Kelly stellte ihr Tablett ab und drückte ihr für einen Moment leicht eine Hand auf den Bauch, um den bittersüßen Schmerz wegzumassieren. Maddie nannte Kelly seit ungefähr einem Jahr „Mom“. Nur hin und wieder, wenn sie krank, traurig oder müde war, verfiel sie in die Gewohnheit jener Tage zurück, als sie die Arme um Kellys Hals geschlungen hatte und Mommy alles mit ein paar Küsschen und einer Tasse heißer Schokolade wiedergutmachen konnte. Kelly zog ihr Handy aus einer Tasche. „Was willst du hören?“ „Star Is Born!“, mischte Kensey sich ein. „Ja. Rate mal, welches.“ Sie hatten die Fernsehfassung von A Star Is Born mit Kristofferson und Streisand diesen Winter und Frühling mindestens dreimal gehört, sodass der Soundtrack in diesem Haus mittlerweile zur unangefochtenen Lieblingsmusik avanciert war. „Ich glaub, ich hab eine Idee.“ Über WLAN fand sie den Song. Sie beugte sich hinab, um Maddie einen Kuss auf die Stirn zu geben, bevor sie sich auf dem Boden niederließ. Als das Klavier ertönte, grinste Vaughan. „‚Everything‘. Ich liebe diesen Song.“ Maddie sang leise mit. Normalerweise konnte sie ihn kräftig schmettern, aber da das Kind erst vorgestern aufgeschnitten worden war, fand Kelly, man könne das entschuldigen. Kensey stimmte mit ein, und Vaughan vervollständigte ihren Gesang mit klangvollen Harmonien. Kelly lehnte sich zurück und beobachtete diese unfassbar talentierten Wesen, die gemeinsam sangen, weil sie allesamt genau dafür geboren waren. Und weil sie alle diese natürliche Freude hatten, die sie in die meisten Situationen mitnahmen. Sie lächelte noch immer, als sie das Licht in Kenseys Zimmer löschte, nachdem sie ihre Tochter zugedeckt hatte. Maddie schlief bereits tief und fest. Vaughan stand etwas weiter am oberen Treppenabsatz. „Sie wartet darauf, dass du ihr noch einen Gutenachtkuss gibst“, raunte Kelly, als sie an ihm vorbeiging. „Wunderbar.“ Er ging den Flur hinunter und hatte dabei ein Lächeln auf dem Gesicht, das allein für seine Jüngste reserviert war. 6. KAPITEL Kelly öffnete die Tür zu ihrem Schlafzimmer und fand ihn dort. Er hatte sich eine Schlafanzughose und ein T-Shirt angezogen. „Hi.“ Sie sah ihn an. „Hi.“ Sonst sagte sie nichts. Wie eine Idiotin. „Können wir reden?“ „Ich wollte gerade ein Glas Wein trinken. Brauche ich für dieses Gespräch eins?“ Er verzog den Mund langsam zu einem anzüglichen Grinsen. „Vielleicht.“ Auf engem Raum mit Vaughan allein zu sein war ein zweifelhafter Plan. Aber da sie ohnehin dabei war, per Express in die Stadt der schlechten Entscheidungen zu rasen, konnte sie sich auf der Reise genauso gut entspannen. „Alles klar, ich bin gleich wieder da. Willst du auch ein Glas?“ Er nickte. „Gib mir fünf Minuten.“ Im Gehen machte sie eine ausladende Geste in Richtung Zimmer. „Mach’s dir bequem.“ Wenige Minuten später kam sie mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern zurück. Sie mied das Bett und alles, was damit in Zusammenhang stand, ließ sich auf dem Zweisitzer nieder und goss Rotwein ein, ehe sie es sich bequem machte. „Wie fühlst du dich?“, fragte Vaughan endlich, nachdem er sein Glas zur Hälfe leer getrunken hatte. „Müde. Als ob ich drei Wochen schlafen könnte.“ „Und die geplatzte Verlobung?“ Sie atmete kräftig aus. „Wie geht es dir denn damit?“ „Es tut mir leid, dass du seine Gefühle verletzt hast, aber es tut mir nicht leid, dass du die Verlobung gelöst hast. Bist du dir …? Du hast die Schlösser austauschen lassen. Dann bist du dir also sicher?“ „Zwischen ihm und mir gab es in Erziehungsfragen grundlegende Unterschiede. Und da wollte ich kein Opfer bringen. Heute ist er traurig, aber glaub mir: Irgendwann wird er mich verstehen und wissen, dass es richtig war. Seine Töchter werden mir fehlen.“ Vermutlich mehr als Ross. „Er mochte mich nicht besonders.“ Kelly schnaubte. „Du ihn ja auch nicht.“ „Wir wollten beiden dasselbe.“ Sie kniff die Lippen zusammen, um nicht mit der erstbesten Erwiderung herauszuplatzen. Und auch nicht mit der zweiten. Bei der dritten war sie schon besser in der Lage, ihre Gedanken zu sortieren. „Und das wäre?“ Er lächelte sie an, dass sie eine Gänsehaut bekam. Er war ein menschlicher Churro. Er roch gut, und sie wusste verdammt genau, dass er auch gut schmeckte. Sie könnte ihn vernaschen, doch am Ende täte es ihr leid, die Kontrolle verloren zu haben. Trotzdem verpasste sie nie die Gelegenheit, an einer Veranstaltung teilzunehmen, bei der es Churros gab, diese köstlichen Gebäckteilchen, die mit Zimt und Zucker bestreut waren. Und da saß er, in ihrem Schlafzimmer, mit einem Ständer. Ach, du Schande, er hatte einen Steifen. Sie errötete und sah in ihr Weinglas. „Er und ich wollten dich.“ Mit immer noch hochroten Wangen und sorgfältig darauf bedacht, nur in sein Gesicht zu sehen, wartete Kelly auf den Rest. „Ich wünsche mir, dass du mir die Chance gibst, mich zu beweisen. Und sobald ich das tue, will ich dich zurück.“ Sie wartete darauf, dass es weiterging. Das war ein guter Anfang, aber nicht annähernd genug. Er stellte sein Glas ab und neigte sich vor, die Ellbogen auf den Knien abgestützt. „Ich hab dich gehen lassen. Das hätte ich nicht tun sollen. Viel zu viel Zeit ist verstrichen, bis ich zur Besinnung kam. Aber jetzt bin ich hier, und ich bin bereit, dir zu beweisen, wie sehr ich mich verändert habe. Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben.“ „Ist das alles? Denn wenn ja, werden meine nächsten Worte lauten: Fick dich.“ Überraschung spiegelte sich auf seinem Gesicht, dicht gefolgt von Freude. „Du bist sauer.“ „Warum freut dich das? Hast du dir irgendwo den Kopf angehauen oder so?“ Sie war dermaßen schlecht darin, sich Männer auszusuchen. O Mann … „Du bist echt sexy, wenn du wütend bist. Natürlich auch, wenn du nicht wütend bist.“ „Geschenkt. Du siehst ja selbst, wohin es einen bringt, wenn man süß ist.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Es ist fast acht Jahre her, dass du abgehauen bist. Vieles hat sich verändert. Ich habe mich verändert. Dass ich nicht mehr mit Ross zusammen bin, bedeutet im Hinblick auf dich und mich überhaupt nichts.“ Was eine Lüge war. Wenigstens wurde sie nicht von Gewissensbissen geplagt, weil sie sich vorgestellt hatte, Zimt und Zucker von seinem Bauch zu schlecken. Er besaß den Anstand, verärgert zu sein. „Ich weiß, dass du dich verändert hast. Auf mich trifft das genauso zu. Ich bin nicht mehr das junge, schwanzgesteuerte Arschloch, dem sein eigenes Leben durch die Finger geglitten ist.“ „Und was soll dieser ganze Bullshit bedeuten?“ „Du bist ganz schön abgestumpft.“ Er versuchte es auf die unverschämte Art, und am liebsten hätte sie ihm dafür eins auf die Nase gegeben. „Du hast bislang nicht viel mehr gesagt, als dass du mich immer noch liebst und die Chance bekommen willst, mich zurückzugewinnen. Was bedeutet dir das? Warum sollte ich dir eine Chance geben? Du hast dich für das, was du getan hast, nicht mal richtig entschuldigt.“ „Ich habe eingestanden, dass ich Fehler gemacht habe. Und das stimmt. Ich habe dich zu leichtfertig aufgegeben.“ Mit einer Sache hatte sie richtig gelegen: Nur weil sie sich von Ross getrennt hatte, bedeutete das nicht, dass sie in Vaughans Arme rennen musste. Auch wenn er in ihrem Haus wohnte. Auch wenn sie sich jahrelang gewünscht hatte, die Aufrichtigkeit in seiner Stimme zu hören, die an diesem Abend mitschwang. Doch das reichte nicht. Kelly konnte ihm nicht einfach wieder vertrauen. Noch nicht. Er musste sich nicht nur beweisen, sondern sich für all seine falschen Entscheidungen auch aufrichtig entschuldigen. Sie hatte genügend eigene Probleme und war viel zu beschäftigt, als dass sie sich noch um seine kümmern könnte. Selbst wenn sie gewollt hätte. Wenn Vaughan sie wirklich zurückgewinnen wollte, musste er dafür arbeiten. Sie konnte nur weiterhin hoffen, dass er sich tatsächlich öffnen und seine Fehler von damals zugeben würde. Und wenn er sich wirklich mehr um seine Mädchen kümmern wollte – sie nahm ihn beim Wort. „Kensey muss um sieben aufstehen. Ich kümmere mich heute Nacht um Maddie. Ich werde bei ihr schlafen.“ „Machst du dir Sorgen?“ Er selbst machte ein besorgtes Gesicht, als er näher rückte. „Nein. Aber ich bin ihre Mutter.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich will nur in ihrer Nähe sein, falls sie mich braucht. Und was Kensey betrifft: Am besten stehst du eine halbe Stunde vor ihr auf. Du wirst die Zeit brauchen, um aufzuwachen, dich anzuziehen und dir einen Kaffee zu gönnen.“ Ihre Kleine war ein Albtraum, wenn es darum ging, morgens aufzustehen. „Ihr müsst um fünf nach acht aus dem Haus sein, sonst müsst ihr rennen.“ Sie stand auf, ging zur Tür und öffnete sie schwungvoll. „Gute Nacht, Vaughan.“ „Moment, du schmeißt mich raus? Ich dachte, wir würden noch reden.“ „Das dachte ich auch. Du kannst es gern ein andermal wieder versuchen. Wenn du bereit bist, dich richtig zu öffnen und wirklich zu reden.“ Sie drückte ihm die Weinflasche und ihr mittlerweile leeres Glas in die Hand und schob ihn auf den Flur. „Bis morgen.“ Als sie die Tür geschlossen hatte, lehnte sie sich dagegen, um sich davon abzuhalten, ihn noch mal hereinzubitten. Ein kleiner Matratzenkampf könnte eine Menge angestaute Energie freisetzen. Aber es wäre gewiss auch ein riesengroßer Fehler. Stattdessen tappte sie ins Bad. Kein noch so attraktiver Mann konnte mit einer Duschbrause mithalten. Vaughan lag auf dem Bett, in der rechten Hand einen gelben, linierten Block. Hier und da kritzelte er Worte aufs Papier. Die lyrischen Anfänge eines neuen Songs. Zwar hatte er gehofft, Kel würde ihn an diesem Abend zurück in ihr Leben lassen. Doch zu seiner Überraschung war er nicht geknickt, dass sie ihn aus dem Zimmer geworfen hatte. Dass sie ihn angeblafft und rausgeschmissen hatte, unterstrich nur, dass er ihr nicht gleichgültig war. Sie hatte ihn keineswegs nur toleriert oder kaum Interesse an ihm gezeigt. Nein, wahrlich nicht. Die neue Kelly verlangte bloß, dass er für seine Erlösung etwas tat. Er hätte sagen können, was sie hören wollte. Doch die Worte schienen ihm wie die pure Verhöhnung. Wenn er sie ausgesprochen hätte, wenn er sich völlig geöffnet und zugegeben hätte, dass er die Frau, die er liebte, verraten, ihr Vertrauen missbraucht, ihren Stolz gekränkt und sie alle ruiniert hatte, weil er ein egoistisches Arschloch gewesen war – vielleicht hätte sie einfach erwidert: Stimmt. Und jetzt raus. Und dann wäre es aus und vorbei gewesen. Er hatte diese schrecklichen Dinge getan. Und ja, sie hatte ebenfalls Fehler gemacht. Aber sie war hierhergekommen, in dieses vorstädtische Wunderland, um für ihre Kinder ein Leben aufzubauen. Sie hatte das Modeln praktisch aufgegeben und den Fokus auf die Mädchen gerichtet. Und was sie erreicht hatte, war fantastisch. Ihre Mädchen waren glücklich. Er rollte sich auf den Bauch und schrieb weiter. 7. KAPITEL Kelly drehte das Schild auf der Ladentür um und schloss auf, um Stacey einzulassen. „Ich hab dir einen Smoothie mitgebracht. Mit diesem Vitaminpulver, auf das du so stehst.“ Stacey grinste. „Ich muss gleich bei Gericht sein, aber dein Haus liegt auf dem Weg, und ich muss unbedingt alles über gestern erfahren.“ „Ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll.“ Kelly nahm den Smoothie dankend an. „Am besten die größten Neuigkeiten zuerst.“ Sie hatten am Tag zuvor nicht genügend Zeit gehabt, die ganze Geschichte auszuwerten. Kelly hatte nur erzählen können, dass die Verlobung geplatzt war, weshalb sie sich nun die Zeit nahm, ihre Freundin auf den neuesten Stand zu bringen. Staceys Kinnlade klappte herunter. „Ich dachte, er wäre nur ein bisschen eifersüchtig. Vaughan gehört zu den Menschen, in dessen Nähe andere sich gern aufhalten. Aber das?“ „Nicht wahr? Ich weiß, dass sie sich nicht leiden können. Das ist normal, um Himmels willen. Ross klang gestern wie ein Fremder. Aber so, wie er sich anhörte, bin ich mir sicher, dass er es auch so gemeint hat. Ich empfinde nichts mehr für ihn. Er hat alles abgetötet, was da mal war. Ich hasse ihn nicht. Meine überwältigende Reaktion ist Erleichterung, dass ich ihn nicht heirate.“ „Meine Güte. Du kennst meine Meinung zu der Verlobung, aber es tut mir leid, dass es so schmerzhaft für euch beide abgelaufen ist. Und ja: Man kann einen Menschen, der den Mädchen so etwas antun würde, nicht respektieren.“ „Wie hätte er mir vertrauen können, wenn ich einverstanden gewesen wäre? Er hat schließlich auch Kinder. Wie konnte er nur von mir verlangen, meinen Kleinen so etwas anzutun?“ „Weil er seine Ex nicht darum gebeten hätte.“ „Und ich hätte auch nicht darum gebeten. Die Welt ist voller Eltern, die sich aus dem Staub machen. Vaughan hat sie nicht im Stich gelassen, als er sich von mir getrennt hat.“ Kelly rubbelte sich kurz über die Arme. „Was hat Vaughan gesagt, als du es ihm erzählt hast?“ „Ich habe ihm keine Details verraten. Er wollte wissen, ob er der Grund war. Ich meinte, dass es dabei nur um Ross und mich ging. Dass wir über etwas Grundlegendes unterschiedlicher Meinung gewesen sind und nun nicht mehr heiraten wollen.“ „Hat er dir diese faule Ausrede abgekauft?“ „Es stimmt! Selbst wenn Vaughan –“ „Du meinst, selbst wenn du ihn immer noch lieben würdest?“ „Ich bin doch nicht bescheuert. Ich kann nichts dagegen tun, dass ich ihn liebe, aber ich weiß, wie er ist. Oder vielleicht, wie er mal war. Ich kann etwas für ihn empfinden und trotzdem nicht auf seinen Schrott hereinfallen. Außerdem will ich auf keinen Fall, dass Vaughan denkt, ich hätte Ross seinetwegen verlassen.“ „Und warum nicht?“ „Er hat gesagt, dass er mich immer noch liebt und noch eine Chance will. Und das muss ich ganz strikt von der Sache mit Ross trennen. Ich kann nicht von einem Mann zum nächsten rennen. Das wäre ein schlechtes Beispiel für meine Kinder und richtig dämlich obendrein.“ „Du rennst nirgendwohin. Er hat dir all diese Dinge gesagt, und du hast was genau erwidert?“ „Er hat vieles gesagt.“ Kelly zuckte mit den Schultern. „Aber nichts davon reicht mir. Um das, was passiert ist, tänzelt er herum. Ich hab’s kapiert: Er will es einfach nicht laut aussprechen. Aber wenn er das nicht tut, kann ich ihn unter gar keinen Umständen nah genug an mich ranlassen, um die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Außerdem bin ich viel zu beschäftigt. Vielleicht sollte ich mich von der Vorstellung verabschieden, mein Leben mit jemandem zu teilen. Stattdessen könnte ich mir eins von diesen Boyfriend-Kuschelkissen kaufen. Und ich habe einen Vibrator. Ich weiß mir also durchaus zu helfen, wenn keine Penisse in der Nähe sind.“ Stacey verschluckte sich beinahe an ihrem Kaffee. Nachdem sie sich wieder gefangen hatte, schlug sie vor: „Sieh dir doch erst mal an, wohin das Ganze führt, bevor du den Männern für immer abschwörst und dich an Silikon und Umarme-mich-Kissen hältst. Ich finde es nur fair, ihn die Sache bereinigen zu lassen. Auf die Art könnt ihr beide einen sauberen Strich darunter ziehen.“ Kelly wischte einen Fingerabdruck von der Vitrine, die den schicken, diskret an einer Seite des Verkaufsraums liegenden Kassenbereich umgab. „Er sagt, er will mir im Alltag mit den Mädchen helfen. Offen gestanden habe ich damit gerechnet, dass er heute total versagt. Ich habe letzte Nacht bei Maddie geschlafen. Ich bin früh aufgestanden, um Sport zu machen, und als ich nach dem Duschen in die Küche kam, war Vaughan schon aufgestanden, und die Kaffeemaschine lief. Er hat es geschafft, Kensey um sieben aus dem Bett zu bekommen. Auch wenn ich ein-, zweimal dachte, sie würde ihn umbringen.“ „Das Kind ist morgens schlimmer als ein Bär. Sie hat schon oft bei ihm übernachtet. Wie kriegt er das nur hin?“, fragte Stacey. „Er war ein Wochenend-Dad. Bei ihm zu Hause sind sie aufgestanden, wann sie wollten. Und ins Bett gegangen, wann sie wollten. Bei ihm dürfen sie zu viel Mist essen, und er hasst es, Nein zu sagen.“ „Das einzusehen wird für ihn ein harter Schlag ins Gesicht.“ Stacey grinste, als sie zu diesem Schluss kam. „Mann, das beflügelt mich geradezu.“ Kelly konnte sich das Lachen nicht verkneifen. „Herrgott, er hat es so leicht! Shurley tut einfach alles für ihn.“ „Und zu mir sagst du, ich sei unfair, weil ich ihn einen erwachsenen Jungen genannt habe, der bei seiner Mutter lebt!“ „Er hat immerhin sein eigenes Haus …“, protestierte Kelly. „… das man sehen kann, wenn man auf der Veranda des Hauses seiner Mutter steht.“ „Ich mache mir gleich vor Lachen in die Hose.“ Das Haus von Michael und Sharon stand auf dem höchsten Punkt der Ranch auf einem Hügel. Von dort aus konnte man vermutlich viele Häuser sehen. Kelly fuhr fort: „Was ich eigentlich sagen wollte: Er hat nie ihren Zeitplan berücksichtigen müssen. Sie nie zur Schule bringen müssen, und zwar pünktlich. Das wird eine echte Herausforderung für ihn.“ Und für sie. Weil sie ihm nichts, was er sagte, glauben würde, bevor sie sah, dass er seine Worte in die Tat umsetzte. „Er ist gut zu ihnen. Sie genießen es, ihn um sich zu haben. Das ist ein großer Schritt. Wir werden schon sehen, was als Nächstes passiert.“ Sie hatte Vaughan für den Tag eine lange To-do-Liste geschrieben. Um wie viel Uhr Maddie ihre Medikamente nehmen sollte, wie viele sie davon brauchte. Was sie essen und trinken konnte und wo er alles fand. Sämtliche wichtigen Telefonnummern. Sie hatte vor, den Laden zur gewohnten Zeit zu verlassen, um zu Hause zu sein, wenn der Schulbus ankam. Hoffentlich würde Vaughan bis dahin alles hinkriegen. „Jetzt muss ich mich aber beeilen, wenn ich pünktlich bei Gericht sein will. Aber du musst mich unbedingt auf dem Laufenden halten. Ich hab Maddie gesagt, dass ich später mal vorbeikommen würde. Eigentlich wollte ich uns was zum Mittag mitbringen, was sie betrifft, wird das wohl Pudding sein. Aber das regle ich mit Vaughan, keine Sorge.“ Kelly beschlich der Gedanke, dass das leichter gesagt als getan sein würde. Stacey seufzte. „Du siehst aus, als ob dir ein Pups quersitzt. Hör auf damit. Maddie ist ein großes Mädchen und auch wieder fit genug. Er wird nicht viel tun müssen. Solange er sich Filme mit ihr ansieht und sich von ihr erklären lässt, was in der Welt der Pokémons abgeht, wird es keine Probleme geben.“ „Ich weiß. Er hat sich schon oft alleine um die zwei gekümmert.“ Stacey wusste das natürlich, aber Kelly ging es besser, wenn sie die Worte laut aussprach. Um sich selbst daran zu erinnern. Auf dem Weg nach draußen nahm Stacey sie kurz in den Arm. Dann kam die erste Kundin herein, der Tag begann – und hielt Kelly so sehr auf Trab, dass sie gar keine große Gelegenheit hatte, sich Sorgen zu machen. Am Nachmittag trudelte ihre Aushilfe ein, um sie abzulösen. Auf diese Art hatte sie seit Jahren im Geschäft anwesend sein und die Mädchen trotzdem von der Schule abholen können, und sie hatte nie etwas daran geändert. Sie wusste, dass sie großes Glück hatte, sich diesen Luxus leisten zu können. Kami, ihre Geschäftspartnerin, hatte ein zweijähriges Kind, und sie beide wollten ihren Laden so familienfreundlich wie möglich gestalten. Als sie ins Wohnzimmer trat, blieb sie stehen, um einen Blick auf Vaughan und Maddie zu werfen, die es sich auf dem Sofa gemütlich gemacht hatten und sich einen Film anschauten. Sie sahen sich so ähnlich, dass es sie jedes Mal wie ein Faustschlag im Magen traf. Seine Haare waren durcheinander, und er lächelte Kelly verschlafen an. Das ließ in ihr ein zaghaftes, aber tiefes Verlangen erblühen, ihn zu berühren. „Hey.“ „Hallo.“ Kelly legte ihre Sachen ab und ging zur Couch, um nach Maddie zu sehen. Sie gab ihr einen Kuss auf die Stirn und fühlte, ob sie Fieber hatte. „Wie geht’s dir, Käfer?“ „Ich hab Pudding gegessen, der war megalecker.“ „Pudding macht aus einem Tag einen großartigen Tag. Das sehe ich auch so.“ Maddie lachte. „Heute Abend darfst du etwas Suppe essen. Und ein bisschen Toast.“ „Party!“, scherzte Vaughan, bevor er vom Sofa aufstand und sich streckte. Dabei rutschte der Saum seines Muskelshirts nach oben und enthüllte harte, definierte Bauchmuskeln, die sich oberhalb seiner Hüften abzeichneten. Sie hatte Schwangerschaftsstreifen und er ein Sixpack. „Lass mich doch Kensey von der Bushaltestelle abholen. Dann kannst du hier bei Maddie bleiben“, bot Vaughan an. Kelly brauchte einen Moment, um ihn zu hören. Zu laut war das Rauschen, das beim Anblick seines verfluchten Bauches in ihren Ohren toste. „Geht klar. Aber du musst dich noch umziehen.“ „Hä? Wieso?“ „Weil dich die anderen Mütter auffressen werden, wenn du so bei der Bushaltestelle auftauchst. Dann sehen wir dich nie wieder.“ Für einen kurzen Moment lächelte er schief. „Zu schade, dass ich schon alle Frauen habe, die ich will oder brauche.“ O bitte, dachte Kelly. Wenn er sie haben wollte, musste er noch hart arbeiten. Vaughan eilte nach oben, um sich umzuziehen. „Bin gleich wieder da, Käfer.“ Sie hatte ihre Arbeitskleidung an, hübsch und teuer. Aber nun brauchte sie etwas Legeres, das notfalls reißen oder schmutzig werden durfte, ohne dass es einer Katastrophe gleichkäme. Der Flur vor ihrem Schlafzimmer roch nach ihm. Das Gästezimmer lag auf ihrer Seite des Hauses. Es hatte lange gedauert, bis sie darüber hinweggekommen war, dass ihre Bettwäsche nicht mehr nach ihm roch, und das hier fühlte sich ganz ähnlich an. Als sie nach unten zurückkam, bemerkte sie, dass ihr Haus anfing, sich zu verändern. Nur ein bisschen. In einer Ecke stand ein Gitarrenkoffer, an die Rückseite des Sofas gelehnt. Sein E-Book-Reader lag auf dem Beistelltisch neben dem Sofa. Das war beunruhigend. Weil es ihr so sehr gefiel, ohne dass sie es wollte. Nicht bevor er noch deutlich mehr an sich gearbeitet hätte. Vaughan zog die Haustür hinter sich zu, und Kelly kuschelte sich neben ihre Kleine aufs Sofa. „Ich habe dich heute vermisst. Wie fühlst du dich?“ „Tante Stacey hat Pudding vorbeigebracht. Für Daddy hatte sie ein Sandwich und Pommes dabei. Das war sehr nett. Ich finde es schön, dass er hier ist. Er hat sich Merida mit mir angesehen. Zwei Mal. Ist das nicht toll?“ Ihre Tochter klang, als würde sie Werbung für einen Welpen machen. Nur dass Vaughan viel mehr Ärger bedeutete. Und ohne Zweifel würde Kelly es sein, die sich ums Füttern und Saubermachen kümmern musste. „Ja, das ist toll.“ Aber für diese Art von Beschäftigung waren Eltern nun mal da. Und deshalb war sie auch nicht gewillt, ihm dafür einen Orden zu verleihen. Kurz darauf kam Vaughan zurück, mit einer aufgeregten Kensey an seiner Seite, die ohne Punkt und Komma von ihrem Tag berichtete. Er hatte einen leicht benommenen Gesichtsausdruck aufgesetzt, den Kelly nur allzu gut von sich selbst kannte. Ihre jüngste Tochter hörte nur auf zu plappern, wenn sie aß, trank oder schlief. Kensey umarmte nacheinander Kelly und Maddie und erzählte weiter, während sie ihrer Schwester ein Bündel mit Hausaufgaben reichte, die in der Woche erledigt werden sollten. „Das hat deine Lehrerin im Sekretariat für dich hinterlegt, ich wurde dorthin bestellt! Über Lautsprecher!“ „Oh-oh. Dachtest du, du würdest Ärger bekommen?“ Kensey nickte aufgeregt. „Aber ich hatte ja nichts gemacht, und deshalb dachte ich, irgendwer hätte Lügen über mich erzählt. Doch dann war es bloß wegen deiner Hausaufgaben.“ „Hast du dir hinterher eine gute Geschichte ausgedacht, warum man dich ins Schulsekretariat gerufen hat?“, wollte Vaughan wissen. „Nein. Ich hab gesagt, dass es wegen meiner Schwester war, die den Blinddarm rausgekriegt hat. Man darf sich nicht einfach Geschichten ausdenken, Daddy. Außer man will ein Buch schreiben.“ Er bemühte sich sichtlich, nicht zu lächeln, und Kelly versuchte, nicht sehnsüchtig zu seufzen. Es gab nur wenige Dinge, die noch sexier waren als ein Mann, der einen guten Vater abgab. „Du hast vollkommen recht.“ Vaughan küsste sie auf den Scheitel und schlenderte zum Sofa. „Wie sieht unsere Abendplanung aus, Ladys?“, wechselte er das Thema und ließ sich auf dem freien Platz neben Kelly nieder, ohne auch nur um Erlaubnis zu fragen. „Kensey muss noch ein bisschen lesen.“ Kelly sah die Zettel mit Maddies Aufgaben durch. „Das erledigst du alles im Schlaf, Käfer. Wenn du jeden Tag eine hiervon schaffst, kannst du das Wochenende genießen und trotzdem bis Montag fit für die Schule sein.“ „Ich denke, wenn man aufgeschnitten wird, sollten einem die gesamten Hausaufgaben erlassen werden, solange man krank zu Hause ist“, verkündete Maddie. „Denken ist gut für deinen Kopf.“ Kelly lächelte, als Kensey sich zwischen sie und Vaughan drängelte. „Ich muss Hausaufgaben machen. Und du solltest das auch. Aaron Bertis hat heute nach dir gefragt“, erzählte Kensey ihrer Schwester. Ihr neugieriger Blick sprach Bände. „Er meinte, ich soll dich von ihm grüßen.“ „Wer ist Aaron Bertis?“, mischte sich Vaughan ein. „Maddies Freund.“ Ein lautes Kreischen folgte: „Nein, stimmt gar nicht! Er geht in meine Klasse. Er ist nett, und er hat perfekte Haare.“ Maddie sah ihren Dad an. „Ungefähr so schön wie deine. Aber er ist nicht mein Freund.“ „Freund? Auf keinen Fall.“ Vaughans Gesichtszüge verhärteten sich. „Er hat zwar großartige Haargene, aber sie kennt die Regeln. Sie ist erst in der Fünften.“ Kelly schnaubte kurz und zwinkerte dann Maddie zu, die knallrot geworden war. „Wenn er immer noch perfektes Haar hat und an ihr interessiert ist, wenn sie fünfzehn ist, können wir darüber reden.“ „Fünfzehn?“ Vaughans Stimme brach. „Das ist viel zu früh!“ „Wann hattest du denn deine erste Freundin, Vaughan?“, fragte Kelly betont unschuldig. Sein Gesicht lief rot an. „Das ist was völlig anderes.“ „Warum, Daddy?“, wollte nun Maddie wissen. Kelly nickte. „Ja, warum eigentlich?“ Er sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an, und sie verkniff sich weiterhin das Lachen, wenn auch nur mit Mühe und Not. „Ich denke, siebzehn ist besser.“ Beide Mädchen fingen an zu argumentieren, Kelly stand auf und ließ sie gewähren. Seine einzige Erklärung basierte darauf, dass er eben ein Junge war. Er verdiente es, dass zwei kleine Mädchen wegen dieser Logik auf ihm herumhackten. Ihr Telefon klingelte. Als sie sah, wer anrief, seufzte sie. „Vaughan? Da muss ich drangehen. Bin gleich zurück.“ Er sah sie besorgt an, nickte jedoch. Sie wappnete sich innerlich für das bevorstehende Gespräch und nahm ab, während sie den Flur entlang und nach draußen ging. Sie gab sich alle Mühe, die Mädchen vor deren Großmutter mütterlicherseits abzuschirmen. „Du hast mich schon wochenlang nicht mehr angerufen“, beschwerte Rebecca sich, ohne überhaupt Hallo zu sagen. „Hatte viel zu tun. Was gibt’s?“ „Du musst deinen Angestellten unbedingt sagen, dass ich deine Mutter bin und in deinem Laden in Manhattan einen Rabatt bekomme.“ „Darüber haben wir doch schon gesprochen. Rufst du deshalb an?“ Rebecca meinte, ihre Tochter schulde ihr ein Stück von allem, was sie hatte. Und damit sie zufrieden war – und auf der anderen Seite des Landes blieb –, füllte Kelly ihr Bankkonto regelmäßig auf und schickte ihr Klamotten in das Haus in den Hamptons. Als sie mit nicht mal achtzehn auf dem Höhepunkt ihrer Modelkarriere gewesen war, hatte sie es ihrer Mutter gekauft. „Ich war in der Gegend!“ „Ich hab dir doch schon gesagt, dass du nicht in den Laden darfst. Du wirst keinen Rabatt bekommen. Du wirst dort gar nichts bekommen. Ich schicke dir alles, was dir gefällt und passt. Lass meine Angestellten in Ruhe.“ Offenbar war Kami nicht im Laden gewesen, als Rebecca vorbeigeschaut hatte. Ihre Geschäftspartnerin und Freundin konnte Kellys Mutter nicht ausstehen und hatte kein Problem damit, ihr das unverblümt ins Gesicht zu sagen. „Du könntest dich ausnahmsweise mal auf meine Seite stellen. Aber du hast meinen Rat ja mit Füßen getreten, als du nach Oregon gezogen bist und Kinder in die Welt setzen musstest, anstatt ordentlich Geld zu verdienen, solange du noch jung und schön warst. Und jetzt sieh dich nur an: über dreißig und zehn Kilo fetter als vorher. Konntest deinen Kerl nicht halten und bist in die Scheidung geschlittert. Du weißt echt nicht, was man zum Überleben braucht.“ Zwar hatte es keinen Sinn, sich darauf einzulassen, aber Kelly war am Ende ihrer Geduld, und die Worte sprudelten wie von selbst über ihre Lippen. „Ja, sieh mich nur an. Es muss beschissen für dich gewesen sein, als dein Goldesel beschlossen hat, eine richtige Mutter zu sein. Und trotzdem überlebst du nur, weil ich dich unterstützt habe, seit ich vierzehn war. Deine Rechnungen werden beglichen, und zwar von mir. Hör auf rumzuheulen.“ „Ich kann nicht glauben, wie du mit mir redest!“ Wenn sie sich dadurch doch nur vertreiben ließe … „Ich leg jetzt auf. Halt dich von dem Laden fern, sonst lasse ich Kami eine einstweilige Verfügung erwirken.“ Rebecca ging nicht darauf ein, aber sie legte nach. „Deine Angestellte hat mir erzählt, dass deine Tochter krank ist. Ich sagte, ich hätte keine Ahnung, weil du es ja nicht für nötig gehalten hast, mich zu informieren.“ „Ich wüsste nicht, warum ich das hätte tun sollen. Nett übrigens, dass du mich erst ordentlich runterputzt, bevor du dich nach deiner Enkelin erkundigst. Auch wenn du so tust, als ginge es um dich und deine Gefühle. Warum rufst du wirklich an?“ „Ich hoffe, deine Töchter sind dankbarer als meine.“ Das hoffte Kelly auch. Zumal sie sich alle Mühe gab, eine bessere Mutter abzugeben. „Schönen Abend, Rebecca. Ich habe noch einiges zu tun.“ Sie legte auf und schaltete das Handy aus. Dieser Quälgeist würde mindestens noch ein Mal anrufen oder ihr eine Nachricht schicken, und sie wollte sich im Augenblick mit keinem von beidem befassen müssen. Am besten niemals. 8. KAPITEL Vaughan deckte Maddie zu und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Nacht, Baby.“ „Nacht, Daddy. Ich hab dich lieb.“ Dass seine Töchter ihn liebten, war für ihn das Beste, was es gab. „Ich hab dich auch lieb. Träum was Schönes.“ Kelly kam gerade aus Kenseys Zimmer, als er hineinwollte. Sie hatten sich nie gemeinsam um ihre Kinder gekümmert. Es schien ihn auszufüllen, und dennoch wollte er noch mehr davon. Der gesamte Tag war eine einzige Lehrstunde gewesen. Er sagte der Kleinen Gute Nacht und dass er sie liebte und gab ihr unzählige Küsschen und Umarmungen. Als er wieder im Flur stand, lag ein Lächeln auf seinen Lippen. So müde, wie er sich fühlte, hätte er in sein Zimmer gehen können, aber ihm war nicht nach Schlafen. Er folgte den Geräuschen und ging nach unten in die Küche, wo Kelly soeben überprüft hatte, ob die Tür zur Garage abgeschlossen war. „Nur mein allnächtliches Zuschließritual.“ Sie lächelte, und er hätte sie so gerne geküsst, dass er sich über die Lippen leckte und versuchte, sich daran zu erinnern, wie sie schmeckte. „Gehst du jetzt schlafen? Oder setzen wir uns noch ein bisschen zusammen?“ Argwöhnisch sah sie ihn an, doch schließlich nickte sie. „Klar. Ich habe Bier da, wenn du magst. Ich trinke ein Glas Wein, aber wenn ich mich recht entsinne, magst du Bier lieber.“ Sie reichte ihm ein Bier, schnappte sich den Weißwein aus dem Kühlschrank und nahm sich ein Glas. Die Flasche Bier in der Hand, folgte er ihr zurück nach oben. „Gestern Abend hast du mir Wein angeboten.“ „Stimmt. Da hatte ich keine Lust, dir was anderes anzubieten. Aber heute bin ich netter.“ Sie öffnete die Tür zum Schlafzimmer, warf einen Blick über die Schulter und warnte leise: „Mach es ja nicht kaputt.“ Er hatte es vor acht Jahren kaputt gemacht. Das stand zwischen ihnen. Und Vaughan nahm an, dass sich das auch erst ändern würde, wenn er sich damit auseinandersetzte. Erwachsen zu sein war manchmal echt ätzend. Ihr Duft traf ihn, als sie beide sich setzten. Das hier war ihr Raum. Weiche Bettwäsche in Blau- und Grautönen, die Sessel silberviolett. An den Wänden und in den Regalen gerahmte Bilder von den Mädchen, vereinzelte Naturaufnahmen und Fotos von Kelly mit Freunden. Die Teppiche waren üppig. Feminin. Hier gab es nicht die kleinste Spur von Ross. Statt langsam anzufangen, platzte es aus Vaughan heraus: „Wolltest du ihn wirklich heiraten?“ Kelly zuckte mit den Schultern und machte es sich im Schneidersitz auf einem Sessel bequem. „Ist doch jetzt egal. Es ist vorbei.“ „Hier hängt nicht mal ein Bild von ihm.“ „Bis vor Kurzem standen ein, zwei Fotos von uns beiden auf der Kommode da drüben. Ich hab die Rahmen weggeräumt, als ich seine Sachen zusammengepackt habe. Warum interessiert dich das so?“ Der Blick in ihre himmelblauen Augen, bevor sie zu Boden sah, bereitete ihm Herzklopfen. „Du weißt, warum.“ Sie zeigte ihm den Mittelfinger. „Wofür war der jetzt?“ „Du kommst in mein Haus und redest andauernd darüber, wie sehr du dieses oder jenes willst. Wie sehr dir so vieles leidtut. Aber du kriegst es nicht hin, klar und deutlich auszusprechen, was du willst. Warum also sollte ich dir irgendeinen deiner unausgesprochenen Wünsche erfüllen? Es ist mir herzlich egal, dass du es nicht magst, wenn man dir den Stinkefinger zeigt. Sei ehrlich oder verschwinde sofort aus meinem Schlafzimmer.“ Er wusste nicht, wie er mit dieser Frau umgehen sollte. Und … das führte dazu, dass er sie umso mehr wollte. Diese Kelly war wütend und wollte, dass er sich ein bisschen unterwürfig zeigte. Oder vielleicht auch sehr unterwürfig, wenn man die Glut in ihrem Blick bedachte. Sie verdiente all das, was sie verlangte. Und noch so viel mehr. „Es interessiert mich, weil es mich eifersüchtig macht! Ich kann nicht ertragen, wenn du einen anderen liebst. Oder einen anderen heiratest. Ich kann nicht ertragen, wenn meine Töchter von einem anderen Mann großgezogen werden, den sie Dad nennen.“ Kelly nippte am Wein. „Und? War das so schwer?“ Er legte die Stirn in Falten. „Ja! Es ist nicht einfach, so was zuzugeben.“ Sie zog langsam eine Augenbraue hoch. „Ehrlich? Herrje, ich hab von solchen Dingen wirklich keine Ahnung.“ Er seufzte. „Ich kann nur mit Gewissheit sagen, dass ich total versagt habe. Okay? Ich hab versagt, und ich weiß es. Und jetzt bin ich alt genug, um es auch zu erkennen. Du hattest nie einen Grund, an meinem Pflichtgefühl zu zweifeln.“ „Ich bin kurz davor, dir diesen Wein ins Gesicht zu kippen. Also pass auf, was du sagst.“ Wow. Er setzte sich unruhig hin. Ihm war unbehaglich zumute, zugleich fühlte er Erregung in sich brodeln. „Ich habe nie eine andere geliebt.“ Für ihn hatte es immer nur Kelly gegeben. „Aber das hat dich nicht davon abgehalten, dir von einer Fremden nach eurem Auftritt einen runterholen zu lassen, obwohl du mich hattest.“ Jetzt war es raus. Aber sie war noch nicht fertig. „Du. Hattest. Mich. Ich war da, Vaughan. Schwanger und erschöpft, aber bei dir, weil du mich darum gebeten hattest. Und ich war dir nicht genug. Hast du irgendeine Ahnung, wie sich das anfühlt? Madeline war dir nicht genug. Kensey war dir nicht genug. Keine von uns war dir genug, und ich konnte in deinen Augen sehen, dass du wolltest, dass ich genau das weiß.“ Jedes ihrer Worte bohrte sich tief in seinen Körper. Am liebsten hätte er sich abgewandt, alles geleugnet und behauptet, sie hätte ihn missverstanden. Aber sie kehrte gerade ihr Innerstes nach außen, und das mit Lügen zu missachten erschien ihm wie ein noch größerer Verrat. Er hatte Kelly damals angefleht, ihn auf der Tournee zu besuchen. Maddie war noch ein Baby und Kensey gerade erst unterwegs. Während der laufenden Tournee hatte ihn die Unruhe gepackt. Jeder neue Tag, den er ohne sie verbringen musste, ließ ihn rastloser werden, und er hatte sich gefühlt, als würde seine Familie ihn nach unten ziehen. Sein Verhalten damals zog immer größere und ungleichmäßigere Kreise. Eine Spirale, die immer zerstörerischer wurde – bis zu dem Moment, als seine Frau in die Garderobe platzte und irgendein Groupie mit der Hand in seiner Hose erwischt hatte. Und in diesem Moment war ihm nichts Besseres eingefallen, als Kelly zu fragen, ob sie nicht mitmachen wolle. Niemals würde er ihren Gesichtsausdruck vergessen. Er atmete aus und bemühte sich, den Schmerz in seiner Brust zu ignorieren. „Ja, ich hatte dich. Verflucht, Kelly, du fehlst mir. Es fehlt mir, dass du zu mir gehörst. Es tut mir leid, dass ich mich nicht im Zaum hatte. Es tut mir leid, dass ich mit dem, was wir hatten, derart rücksichtslos umgegangen bin. Es tut mir leid, dass ich nicht begreifen konnte, was ich hatte. Erst als es zu spät war, hab ich’s kapiert, und selbst dann war ich jahrelang zu dumm, wirklich zu verstehen, wie besonders es war. Es tut mir leid, dass ich uns weggeschmissen, dass ich dich verletzt habe. O Gott, all das tut mir so verdammt leid!“ Zwischen ihren Wimpern glitzerten Tränen. „Du und die Mädchen, ihr seid das Wichtigste, was ich jemals hatte, aber ich habe mich nicht entsprechend verhalten. Ich konnte es euch nicht zeigen. Aber jetzt sitze ich vor dir und sage dir, dass es mir leidtut.“ Sie räusperte sich. „Und was dann?“ „Es war mein völliger Ernst, als ich sagte, dass ich noch eine Chance haben möchte. Ich will, dass wir zusammen sind. Ich will, dass wir eine richtige Familie sind. Du, ich, unsere Töchter. Ich will, dass du wieder zu mir gehörst.“ „Einfach so? Alles soll mir nichts, dir nichts wieder gut sein?“ Er wollte sich schon verteidigen, doch der Schmerz in ihrer Stimme hielt ihn davon ab. „Mir ist klar, dass es nicht so einfach ist.“ „Was genau schlägst du denn vor? Den Versuch mit der Ehe hatten wir ja schon. Hat nicht geklappt. Ich habe Jahre gebraucht, um darüber hinwegzukommen, Vaughan. Das schaffe ich nicht noch mal.“ Weshalb es ihn überraschte, wie tief der Schmerz bei ihr saß, wusste er nicht. Er schämte sich dafür, dass er nicht weiter darüber nachgedacht hatte. „Ich war ein Arschloch. Ich schwöre bei meinem Leben, dass ich … Es ist nicht mehr passiert als das, was du gesehen hast.“ Er rieb sich mit den Händen übers Gesicht. „Ich weiß, dass es falsch war. Aber ich habe dich nicht betrogen.“ „Du meinst wohl, bis zu diesem Tag damals hast du das nicht. Denn wenn du denkst, du kannst einfach so hier sitzen und mir erzählen, dass es nicht unter Fremdgehen fällt, wenn eine andere Frau deinen Schwanz in der Hand hält, trägst du für den Rest deines miserablen, verlogenen Lebens besser einen Tiefschutz. Wenn ich mich recht erinnere, hast du mal einem Typen eine reingehauen, weil er mir gesagt hat, dass ich hübsch aussehe. Du misst mit zweierlei Maß. Wie kriegst du das eigentlich hin? Sitzt du einfach da und sagst mit regloser Mine, dass es cool ist, sich von irgendeiner Tussi einen runterholen zu lassen und sie einfach fallen zu lassen, nachdem du ihr in die Hand gewichst hast?“ „Das habe ich nicht! Ich habe das Ganze abgebrochen.“ „Willst du dafür einen Orden?“ „Ich sagte doch schon, dass es mir leidtut.“ „Ach ja?“ Dass sie beinahe schrie, ließ sie beide erstarren. Sie schlug sich die Hand vor den Mund. Tränen nahmen ihr die Sicht. „Bitte geh jetzt.“ „Ich will nicht gehen. Wenn du willst, werde ich dir von jetzt an alle fünf Minuten sagen, dass es mir leidtut – wenn du mir nur noch eine Chance gibst.“ „Denkst du wirklich, dass ich das will? Einen Mann, der sich wie ein Kind verhält und den ich beaufsichtigen und erziehen muss? Ich habe schon zwei Kinder! Ich will nicht dein Gewissen sein. Ich wollte, dass du selbst eins hast.“ In den Jahren seit jenem Abend hatte Kelly immer wieder über diesen einen Moment nachgedacht, in dem sie ihn verdutzt angeguckt und das Leuchten in seinen Augen gesehen hatte. Als hätte er gewollt, dass sie es sah. Als hätte er sie wegstoßen wollen. Es hatte sie tieftraurig gemacht, sie mit Bedauern und unendlichem Schmerz erfüllt. Sein Blick hatte ihrer Ehe den Todesstoß versetzt. Sie konnte nicht mit jemandem zusammen sein, der sie so behandelte. Nie war sie bis dahin wütend auf ihn gewesen. Jedenfalls nicht so. Sicher, sie hatten ihre kleinen Streitereien gehabt. Sie beide waren Künstler, temperamentvoll und unabhängig. Es waren flache, leidenschaftliche, dumme Auseinandersetzungen gewesen, die meist mit unglaublichem Sex und viel Gelächter endeten. Niemand konnte sie so zum Lachen bringen wie er. Was sie nur noch wütender machte. „Ich war jung, dumm und egoistisch. Zerstörerisch. Ich habe Fehler gemacht, Dinge zerbrochen. Wir können nicht das zurückbekommen, was wir mal hatten, und vielleicht ist das auch besser so. Du bist lange vor mir erwachsen geworden. Lass mich dir beweisen, dass ich mich verändert habe. Dass auch ich erwachsen geworden bin. Ich kann der Mann sein, der ich für dich sein muss. Nimm mich zurück, Kel. Sei mein. Diesmal auf ein und derselben Stufe. Ich liebe dich.“ Eine ganze Weile hatte sie sich nach diesen Worten gesehnt. Wenn er sie nur zwei Jahre eher ausgesprochen hätte, wären sie beide schon längst nackt gewesen. Aber mit einer Sache lag er richtig. Sie war erwachsen geworden. Und auch wenn sie nie richtig über ihn hinweggekommen war, wusste sie eines genau: Sie durfte ihn nicht mehr so dicht an sich heranlassen, dass er ihr noch mal das Herz brechen konnte. Nicht bevor er auf seine bewegenden Worte auch Taten folgen ließ. „Was ist für dich jetzt anders? Du bittest nicht nur mich, ein Risiko einzugehen. Die Mädchen sind jetzt so alt, dass sie verstehen würden, wenn du wieder gehst. Ich muss auch an sie denken.“ Die beiden himmelten Vaughan an. Wenn er sie derart enttäuschte, würde das ihre Beziehung zu ihm für immer beeinträchtigen. Er nahm ihre Hände. „Noch ein Grund, warum ich dich liebe. Ich denke auch an die zwei. Verdammt noch mal, bei dieser Sache geht es doch ohnehin auch um sie! In meinem Haus sind sie Besucher, hier sind sie zu Hause. Ich habe eine Menge verpasst. Weißt du, ich bin überglücklich, wenn ich so etwas Banales machen kann, wie Kensey zum Bus zu bringen. Oder wenn ich sehe, wie sie mich anschaut, wenn ich sie abhole. Das ist es, was ich will. Jeden Tag. Und ich will es gemeinsam mit dir.“ Sie schüttelte zweifelnd den Kopf. „Aber woher weißt du, dass du es willst? Du bist erst seit ein paar Tagen hier. Die Wahrheit ist doch, dass wir nie eine richtige Familie gewesen sind. Als wir noch verheiratet waren und Maddie hatten, warst du auch nicht besonders häufig bei uns.“ „Mit euch dreien hier zu sein hat mich auf eine Art glücklich gemacht, die ich nicht beschreiben kann. Ich weiß schon seit einiger Zeit, dass ich einen Weg zurück in dein Leben finden muss. Ich bitte dich um eine Chance, dir zu zeigen, dass ich bereit bin, noch einmal dein Mann zu sein. Bereit, Teil dieser Familie zu sein, mit dir und unseren Töchtern.“ Kelly schluckte nervös. Natürlich, sie wollte es auch. Und zwar so sehr, dass es ihr Angst machte. „Es ist schwerer, als du denkst. Eine Familie sein, meine ich. Stabilität bieten. Verantwortung tragen. Man muss Entscheidungen treffen und dabei ihre Bedürfnisse berücksichtigen. Und meist ist das nicht der Megaspaß. Du musst deine Familie über alles andere stellen.“ „Dann lass mich Teil eurer Familie sein. Lass es mich beweisen.“ Kelly hatte kaum an etwas anderes gedacht. Sie fragte sich, ob sie ein Vollidiot war, weil sie überhaupt nur in Erwägung zog, Vaughan noch eine Chance zu geben. Weil sie ihn so sehr liebte, dass allein die Hoffnung, ihn wieder Teil ihres Lebens nennen zu dürfen, die Angst vertrieb. Beinahe zumindest. Sie atmete kräftig aus. „Wenn wir die Sache angehen, stelle ich ein paar Regeln auf. Bedingungen.“ „Schieß los.“ „Du musst ihnen auf jeden Fall zustimmen, wenn du dein Ziel ernsthaft verfolgen willst.“ „Was immer du willst.“ „Ich bin noch nicht überzeugt, dass du wirklich weißt, was du zu wollen behauptest. Liebe ist unerlässlich. Und ich gebe gern zu, dass ich nie aufgehört habe, dich zu lieben. Aber das reicht nicht. Das, worum du mich bittest, funktioniert in meinen Augen nur, wenn du dir in unserer Familie einen eigenen Raum schaffst. Du sagst, du willst mich zurückhaben und der Mann sein, den ich verdiene. Das bedeutet aber auch, dass du ein präsenter, engagierter Vater sein musst. Mit mir gleichgestellt.“ Er nickte. „Du musst hier sein. Jeden Tag. Früh aufstehen, um die Mädchen für die Schule fertig zu machen und zum Bus zu bringen. Sie nachmittags abholen, bei den Hausaufgaben helfen, gemeinsam zu Abend essen, ins Bett bringen. Ich will, dass du dich mit Wutanfällen und zugeknallten Türen auseinandersetzt. Du musst wissen, dass sie wütend auf dich sein werden, weil du Nein sagst. Aber du musst es trotzdem sagen, weil das deine Aufgabe ist. Was wir früher hatten, hat nichts mehr mit meinem heutigen Leben zu tun. Ich bin nicht mehr … dieses Mädchen.“ Sie hatte Dehnungsstreifen und Cellulitis, dunkle Ringe unter den Augen und zwei Kinder. Er lächelte zaghaft. „Keiner von uns ist mehr wie früher. Ich will dich kennenlernen. Die Kelly von heute. Ich will frühes Aufstehen und Wutanfälle.“ Sie musste lachen. „Du erzählst so viel Blödsinn, Vaughan. Du hast ja keine Ahnung.“ „Okay, wahrscheinlich wirklich nicht. Aber ich will es lernen. Was gibt es noch für Regeln?“ „Warum bist du so zugänglich?“ Er legte die Stirn in Falten. „Bin ich dir zu nett?“ Kelly verschränkte die Arme vor der Brust. „Es ist acht Jahre her. Nenn mir einen Grund, warum ich nicht misstrauisch sein sollte.“ Sofort erwiderte er: „Ich hab dir gesagt: Ich weiß, dass es nicht leicht wird.“ „Meine Regeln sind folgende: absolute Ehrlichkeit. Lügen sind Gift für eine Beziehung. Nicht die kleinen wie Wer hat das letzte Stück Pizza gegessen?, aber solche in der Hinsicht, ob irgendwelche Frauen dein Gemächt begrapscht haben. Ich muss wissen, dass du hundertprozentig ehrlich bist, wenn ich dir eine Frage stelle. Wenn ich herausfinde, dass du lügst, ist es vorbei. Wenn du irgendetwas Verletzendes denkst oder getan hast – darüber kann ich vielleicht hinwegkommen. Aber mit Lügen katapultierst du dich automatisch ins Aus.“ „Ehrlichkeit und voll und ganz für dich und die Mädchen da sein. Einverstanden. Was noch?“ „Du wirst zwischen mir und deiner Mutter stehen. Ich bin es leid, vor dieser Frau für deine Sünden geradezustehen. Wenn du hier bist – und das ist eine weitere Regel –, findet dieses Experiment hier statt und nicht auf der Ranch. Ich werde nicht dort leben.“ Es hatte mal eine Zeit gegeben, als sie sich gewünscht hatte, Sharon Hurley würde sie in ihre Familie aufnehmen. Die Mutterfigur sein, die Kelly nie hatte. Vaughans Mutter hatte sie von Anfang an gehasst. Während der Scheidung waren so manche hitzige, böse Worte zwischen ihnen gefallen. Da war Kelly klar geworden, dass Vaughan seiner Mutter nicht die ganze Wahrheit über die Gründe für ihre Trennung erzählt hatte. „Ich weiß, dass sie oft nur wenig freundlich war. Ich dachte, das würde sich bessern. Sie ist …“ Kelly hob abwehrend eine Hand. Sie wollte keinerlei Entschuldigungen hören. „Es ist mir egal, was sie ist oder auch nicht. Bei unserer Trennung war ich anders. Aber ich bin nicht mehr die Frau von damals. Ich bin nicht mehr bereit, irgendwelchen Bullshit zu tolerieren, den sie von sich gibt.“ Er nickte schnell. „Verstehe. Ich stimme dir zu, dass eine Menge Gründe für dein Haus sprechen. Hier gehören die Mädels hin. Ihre Schule ist hier, genau wie Kenseys Tanzunterricht. Außerdem liegt dann etwas räumliche Distanz zwischen dir und meiner Mutter. Ich muss mit ihr sprechen – ein paar Dinge klarstellen und zu dem stehen, was ich getan habe. Es war nicht richtig, dass ich dich nie vor ihr in Schutz genommen habe. Das ist unverzeihlich.“ Kelly hatte genug davon, sich von Sharon Hurley verletzen zu lassen, und wenn er nicht bereit war, sie vor dieser Frau abzuschirmen, wollte sie es so früh wie möglich wissen, bevor sie sich zu dicht an sie heranwagte. Sie verspürte kein Verlangen, mit einem Mann und seiner Mutter zusammen zu sein. Sharon musste sich verdammt noch mal zurückziehen und endlich lernen, wo sie hingehörte. Und zwar ganz eindeutig nicht ins Zentrum von Kellys Familie. „Kurz gesagt: Wenn du uns zurückwillst, musst du uns an erste Stelle setzen und beschützen.“ Vaughan nickte. „Okay. Das ist fair.“ Sein schiefes Lächeln nahm ihr die Luft. Sie konnte nichts anderes tun als zurücklächeln. „Dann ist alles wieder gut? Ich meine, wir sind auf einem guten Weg?“ „Eine Sache gibt es noch.“ Sie atmete tief durch. „Du musst mir etwas Zeit mit dem, äh, Techtelmechtel geben.“ Er lachte laut auf. „Techtelmechtel?“ „Hör mal, Bürschchen. Was da zwischen uns ist – und schon immer zwischen uns war –, ist so gut, dass ich manchmal alles andere vergesse, weil ich nur an den Sex denken will. Oder weil ich es mit dir tun will. Oder darüber nachdenke, wie wir’s beim nächsten Mal machen. Ich finde, wir sollten umeinander … Ach, keine Ahnung, wie ich das nennen soll.“ „Werben? Buhlen?“ „Ja, aber diese Worte wirken so unschuldig, wenn man bedenkt, was du mit meinem Verstand anstellst, wenn Sex ins Spiel kommt.“ „Oh, là là, dafür hast du dir richtig tolle Geburtstagsgeschenke verdient.“ Es gefiel ihr, dass er sie neckte. Und noch mehr, dass er ihr genau zuhörte und bereit war, die vielen Baustellen zu beseitigen. „Ich war nicht so dumm zu denken, dass wir heute Abend im Bett landen würden – auch wenn die Hoffnung zuletzt stirbt. Zuerst muss ich dir noch zeigen, dass ich tatsächlich in meiner Entwicklung aufgeholt habe. Ich finde auch, dass es gut ist zu warten. Jedenfalls ein paar Tage, oder? Nicht ein Jahr oder so?“ Er sah so wunderbar panisch aus, dass sie einfach losprusten musste. „Nein, nicht ein Jahr oder so.“ „Okay. Ich werde versuchen, die Glut nicht weiter anzufachen – was nicht leicht wird.“ Sie schnaubte. „Alles klar. Und ich werde mein Bestes geben zu widerstehen. Dann sind wir uns also einig. Das ist der erste Schritt in die richtige Richtung.“ „Cool. Und nur um besonders offen zu sein: Ich bin heilfroh, dass du die Verlobung mit Ross gelöst hast. Aber ich sollte ihm auch dankbar sein, dass er dir einen Antrag gemacht hat. Das war wie ein Stein in meinem Schuh, der mich endlich dazu brachte, aktiv zu werden. Trotzdem habe ich ihm gegenüber irgendwie ein schlechtes Gewissen.“ „Wieso denn?“ „Weil er kurze Zeit mit dir zusammen war, und jetzt ist er das nicht mehr. Ich war da. Das ist doch ätzend. Alles für ihn lief gut, und dann kam ich und wollte dich zurück. Er hatte sich ziemlich gut im Griff – mir wäre das an seiner Stelle vermutlich nicht gelungen.“ Es gab keinen Grund, Vaughan zu erzählen, was Ross bei ihrem hitzigen Streit gesagt hatte. Es spielte ohnehin keine Rolle. Warum noch Öl ins Feuer gießen? „Wäre es okay für dich, wenn ich mir meinen Pyjama anziehe und wir danach weiterreden? Ich möchte gern mehr über deinen Laden erfahren.“ Wenn sie dem Ganzen tatsächlich eine Chance geben wollte, musste sie auch wirklich offen dafür sein. Außerdem wollte sie Zeit mit dem Mann verbringen, der von nun an wieder an ihrer Seite sein würde. „Klar. Ich ziehe mich auch um.“ Er grinste, und sie genoss den Anblick, als er, vor Freude strahlend, das Zimmer verließ. 9. KAPITEL Kelly traf sich mit Stacey auf ein frühes Mittagessen in ihrem Büro. Die Nischenkanzlei, die Stacey vor wenigen Jahren mit drei Freunden gegründet hatte, lag zwischen ihrem Zuhause im nahe gelegenen Vorort Gresham und Kellys Laden Chamäleon. Wenn Stacey also nicht bei Gericht sein musste, trafen sie sich mindestens einmal pro Woche zu so einem Mittagessen. Seit dem Gespräch mit Vaughan über eine zweite Chance und den vorübergehenden Einzug waren bereits einige Tage vergangen. Die Freundinnen hatten lediglich ein paar kurze Nachrichten ausgetauscht, dabei hatte Kelly doch so viel zu erzählen. Sie setzten sich an den Tisch in der gemütlichen Küche. „Wie geht’s Miss Madness?“, erkundigte Stacey sich, während sie ihr Sandwich auswickelte. „Du weißt doch, dass wir am Mittwoch einen Arzttermin hatten. Es geht ihr gut. Alles verheilt prima. So gut, dass Maddie es kaum noch abwarten kann, endlich wieder zur Schule zu gehen. Gott sei Dank kann sie am Montag wieder hin.“ „Ich habe praktisch die gesamte Woche bis zehn Uhr abends gearbeitet. Tut mir leid, dass ich schon ein paar Tage nicht mehr da war, um sie zu besuchen.“ Stacey und die Mädchen hatten sich von Beginn an gemocht. Es war schön, so eine Unterstützung für die Kinder zu haben. Und dass diese Liebe von einer echten Freundin kam, machte sie umso wertvoller. Kelly winkte ab und dachte absichtlich nicht darüber nach, wie viele Kalorien und Kohlehydrate sie gerade in sich hineinstopfte. Sie erlaubte sich nur, über Kalorien nachzudenken, wenn sie sich gerade für ein Essen entschied, und selbst dann höchstens für fünf Minuten. „Sie wissen, dass du viel zu tun hast.“ „Trotzdem. Ich muss die Stadt verlassen, um mich um meine Großmutter zu kümmern, aber spätestens am Montag bin ich zurück. Dann komme ich rüber, damit wir uns einen Mädchentag machen können. Aber jetzt musst du mir erst mal von Vaughan erzählen. Ich sterbe vor Neugier!“ „Tja, von seinem Versprechen, hart an sich zu arbeiten, um uns zurückzugewinnen, hab ich dir ja schon erzählt. Er steht früh auf und weckt Kensey. Sie ist überglücklich, dass er bei uns wohnt. Aber ich beobachte ihn genau. Ich bin … keine Ahnung, nervös vielleicht? Er denkt, ein Vollzeitvater zu sein und eine Familie zu haben ist einfach nur toll. Dabei ist es auch anstrengend. Er kann hart arbeiten, das weiß ich. Er lebt auf einer Ranch und spielt in einer extrem erfolgreichen Band. Trägheit ist nicht sein Problem. Nicht so richtig, jedenfalls. Aber ich frage mich andauernd, ob er irgendwann bemerkt, wie anstrengend es wirklich ist, und Panik bekommt.“ „Irgendwelche Anzeichen dafür?“ „Nein.“ „Siehst du. Er war die ganze Zeit ihr Vater. Wenn sie nicht in der Schule saßen und bei ihm waren, hat er dafür gesorgt, dass sie satt waren, genug Schlaf bekamen, und ihnen gesagt, dass er sie liebt. Ich weiß, wovor du Angst hast. Aber er ist nicht deine kaputte Mutter.“ „Er und ich verbringen jeden Abend ein paar Stunden in meinem Zimmer, trinken ein Glas Wein oder ein Bier und reden. Nichts Wichtiges. Über ganz normale Sachen.“ Was es so wesentlich machte, weil sie das Vertrauen zueinander neu aufbauten. „Hast du ihn schon gevögelt?“ „Das hätte ich dir schon längst erzählt! Meine Güte. Noch nicht. Ich habe ihm gesagt, dass ich noch ein bisschen Zeit brauche, und er gibt sie mir. Aber heilige Scheiße, der Mann macht mich mit seinem Geflirte ganz verrückt. Dagegen bin ich machtlos. Ich sage dir: Er hat Superkräfte. Es ist nur noch eine Frage der Zeit. Außer er macht zuerst irgendetwas Blödes.“ „Irgendwelche Besuche von den Hurleys?“ „Sie haben angerufen, um mit Maddie und Kensey zu sprechen, aber niemand ist vorbeigekommen. Schätze, er hat sie gebeten, uns ein bisschen Raum zu geben. Zumindest hoffe ich das. Ein paar Mitglieder seiner Familie kann ich wirklich gut leiden, aber wenn es um meine Beziehung zu Vaughan geht, traue ich der gesamten Bande nicht über den Weg. Noch nicht.“ „Kein Wunder. Wenn ich mich recht erinnere, hat Paddy sich nach der Scheidung eine ganze Weile total danebenbenommen.“ „Ezra war immer freundlich und nett zu den Mädchen. Er wusste, was mit Vaughan los war. Ich glaube, heute weiß Paddy es auch, aber damals vielleicht noch nicht. Es ging irgendwie um Geld, aber das weißt du ja.“ „Ja. Aber ich finde es immer noch total dämlich.“ „Die Sache ist, dass sich seine Eltern nie die Zeit genommen haben, mich kennenzulernen. Sie sahen eine junge hübsche Frau, der sie erst begegnet sind, nachdem die ihren Sohn geheiratet und sich von ihm hatte schwängern lassen. Sharon dachte immer, ich wäre zart und schwach, nur weil ich mir mein Baby nicht auf den Rücken gebunden habe, um mit zwei Hölzchen Feuer zu machen. Und als wir uns scheiden ließen, gab Vaughan mir unsere Wohnung in New York und bestand darauf, die Studiengebühr zu übernehmen, während ich meinen Abschluss machte, damit ich zu Hause bei den Mädchen sein konnte. Ich habe mein eigenes Geld! Ich brauche seins nicht. Er ist derjenige, der wollte, dass es in den Ausgleich aufgenommen wird. Ich hab ihn um nichts dergleichen gebeten. Das weißt du.“ „Und selbst wenn, ginge es Shurley nichts an. Du hattest ein Haus. Du hattest eine erfolgreiche Karriere. In Manhattan. Und du hast beides zurückgelassen, um in Gresham zu leben – für Vaughan, damit er seine Kinder öfter sehen konnte. Was irgendein Dritter darüber denkt, ist irrelevant.“ „Ich bin bei denen nur misstrauisch. Er steht ihnen so nahe. Ich will ihm das nicht nehmen. Es ist gut für die Kinder, seine gesamte Familie in ihrer Nähe zu haben.“ „Es ist völlig in Ordnung, dass du nicht möchtest, dass seine Familie sich in deine Angelegenheiten einmischt. Oder zumindest ihren Beweggründen mit Argwohn zu begegnen, bis du sie besser kennst. Du hast dich verändert. Vaughan hat sich verändert. Ich hoffe, sie alle haben sich verändert.“ „Wir waren sehr jung damals.“ „Wir alle.“ Stacey zwinkerte ihr zu. Die beiden saßen noch eine halben Stunde beisammen, ehe sie aufbrachen – Kelly, um Kensey abzuholen, und Stacey zum Gericht. Als die vier zusammen zu Abend aßen und dabei Teller und Schüsseln herumreichten, lachten und einander von ihren Tageserlebnissen erzählten, merkte Vaughan, wie viel Wunderbares er mit seiner Familie verpasst hatte. Die Schuld hing um seinen Hals wie ein Stein, genauso nutzlos. Er musste mit Ezra reden oder mit seinem Dad. Mit jemandem, der vertrauenswürdig war und ihm einen guten Rat geben würde. Sie hatten ein sehr schönes Wochenende mit einem Film-und-Brettspiel-Marathon verbracht. Er hatte die gesamte Welt bereist, unglaublich viele Dinge gesehen und unternommen, doch die vergangenen Tage waren die lustigsten seit Langem gewesen. Und das alles innerhalb einer Woche. Maddie würde am nächsten Tag wieder zur Schule gehen, und er hatte vor, zur Ranch zu fahren und gewissenhafter zu packen, um langfristig bei den dreien zu leben. Kelly hatte ihm den Raum über der Garage als Musik- und Arbeitszimmer angeboten. Er wollte einen Teil seines Equipments von zu Hause aus dem Studio mitbringen. Hoffentlich würde sich die Gelegenheit bieten, bei dem Kurzaufenthalt mit Ez zu sprechen. „Freust du dich schon auf die Schule morgen?“, wollte Kelly von Maddie wissen. „Ich freue mich nicht auf die Hausaufgaben. Aber ich will meine Freunde sehen.“ „Aber ich freue mich!“, sagte Kensey grinsend. „Wenn du da bist, muss ich im Bus nicht neben irgendwem Ekligen sitzen.“ Kelly lachte. „Ich weiß, dass du schon eine Woche hier bist und wahrscheinlich arbeiten musst, aber kannst du nicht noch bis zum nächsten Wochenende bleiben, Daddy?“ Maddie machte große Kulleraugen, und es zerriss ihm fast das Herz. „Jetzt, wo’s mir besser geht, könnten wir ins Kino gehen!“ Sie hatten mit den beiden noch nicht so richtig über das Ganze gesprochen. Vaughan hatte das Gefühl, dass Kelly ihnen keine Hoffnungen machen wollte. Aber mit jedem Tag, den er hier verbrachte, lebte er sich ein wenig mehr ein. Es machte ihm Spaß, Kensey jeden Tag zur Bushaltestelle zu bringen. Eine der Mütter schien etwas zu freundlich zu sein, doch seine Tochter wusste sofort deutlich zu vermitteln, dass er kein Interesse an ihrer Aufmerksamkeit hatte. Die Mutter zog sich daraufhin zurück, und es kam Vaughan so vor, als hätte er vor Kensey irgendeinen Test bestanden. Jeden Morgen, wenn er sie weckte, warf sie sich ihm glücklich an den Hals. Es gefiel ihm wahnsinnig, dass sie nicht mehr überrascht war, sondern sich mittlerweile daran gewöhnt hatte, dass er sie weckte. Dass er da war und sie ihn knuddeln und küssen konnte. Etwas war zum Leben erweckt worden. Ein tieferes Bedürfnis, seine Familie zu beschützen, weil er die Liebe und Verbundenheit jeden Abend fühlte, wenn er mit ihnen am Abendbrottisch saß. Er sah zu Kelly. Sie sollte entscheiden, wie viel sie ihnen sagen wollte. „Euer Dad wird eine Weile bei uns wohnen. Ist das okay für euch?“, fragte sie. Die Mädchen sahen ihn an. Wie hübsch sie waren. Diese offenen Gesichter, voller Vertrauen und Hoffnung. Die Entschlossenheit machte ihn stark. Er musste es wahr machen. „Ich möchte gern hier sein, um mich um euch zwei zu kümmern. Eure Mom ist so lieb, mich an unserer Familie teilhaben zu lassen. Meint ihr, ihr könntet mir alles beibringen, was ich machen muss, um ein besserer Dad zu sein? Ich brauche da eure Hilfe.“ Seine Töchter warfen sich in seine Arme und bedeckten sein Gesicht mit Küssen. „Ich schätze, das ist ein Ja.“ Kelly lächelte ihn kurz an. Ein ungeschützter Moment, vielleicht der erste, seit sie einige Abende zuvor die Karten auf den Tisch gelegt hatten. „Bin ich froh, dass ihr es auch für eine gute Idee haltet.“ Am liebsten hätte er ihnen gesagt, dass er für immer bleiben würde. Dass er zurückgekehrt war an den Ort, wo er die ganze Zeit schon längst hätte sein sollen. Doch er wusste es besser. Nicht, dass er vorhatte zu versagen. Auf keinen Fall. Aber er wollte es ihnen zeigen und nicht nur leere Worte finden. „Ich wette, Sierras Mom wird sich auch freuen. Sie sieht Daddy so gerne an.“ Kensey sah zu ihrer Mutter und schnitt eine Grimasse. Vaughan wollte keine große Sache daraus machen, aber er war trotzdem erleichtert, als Kelly nur die Augen verdrehte, ohne sich sonderlich beeindruckt zu zeigen. „Er ist ja auch hübsch anzuschauen.“ Kensey wandte sich wieder Vaughan zu, der nun seinerseits eine Grimasse schnitt, sodass seine Tochter lachen musste. „Ja. Er hat ein echt hübsches Gesicht und wunderschöne Augen.“ „Wir haben genauso wunderschöne Augen, weil er unser Daddy ist“, informierte Maddie ihre kleine Schwester. „Alle sehen ihn an. Manchmal geht dadurch alles schneller, weil sie wollen, dass er sie anlächelt.“ Kelly grinste. „Aber meistens dauert es bloß länger, weil sie sich – zumindest sagt Nana das – gar nicht mehr konzentrieren können, weil er so gut aussieht“, ergänzte Kensey. Als Kelly überrascht lachte, entspannte Vaughan sich. „Da ist wohl was Wahres dran. Obwohl eure Großmutter auch ziemlich empfänglich für den Charme eures Vaters ist.“ Gefahr! Zeit, das Thema zu wechseln, dachte Vaughan. „Genug jetzt. Seht euch nur eure Mutter an. Wo wir gerade beim Thema ‚hübsch‘ sind.“ „Unser Schulleiter ist direkt gegen den Fahnenmast gedonnert, weil er Mom angestarrt hat. Er hatte den ganzen Tag ’ne fette Beule an der Stirn.“ Maddie rümpfte die Nase. Vaughan nahm sich vor, Kel unbedingt zu begleiten, wenn sie das nächste Mal mit zur Schule ging. „Es ist ja auch unmöglich, eure Mom nicht anzustarren.“ Das erste Mal hatte er sie auf einer seltsamen Party in Manhattan gesehen. Rockstars und Models waren mit Drinks in den Händen herumstolziert, und mittendrin war Kelly. In diesem Kleid – einem glänzenden, funkelnden goldenen Teil –, das sich eng an ihren Körper schmiegte und dessen Stoff bei jeder Bewegung das Licht einfing. An jenem Abend hatte sie wie ein Racheengel ausgesehen, die Haare streng aus dem Gesicht gekämmt. Kein Schmuck, nur viel Haut, ihr makelloser Körper und das schimmernde Kleid. „Ich hab eure Mom bei einer Party auf der anderen Seite des Raums gesehen. Sofort wollte ich wissen, wer sie war, aber an dem Abend bekam ich nicht die Chance dazu. Dann entdeckte ich sie auf dem Heimflug von der Ostküste in einem Bordmagazin. Sie trug ein Kleid, das wie eine Blume aussah.“ Noch immer konnte er sich an die Aufnahme erinnern. „Ein gemeinsamer Freund half mir dabei, sie anzurufen und mich mit ihr bekannt zu machen.“ Die beiden Mädchen hörten gebannt zu, schließlich bekamen sie solche Details nicht allzu oft zu hören. Beide waren zu jung, als dass sie sich noch an die Zeit erinnern konnten, als ihre Eltern ein Paar gewesen waren. Noch ein Fehler, den er wiedergutmachen musste. „Wohin seid ihr bei eurem ersten Date gegangen?“, fragte Kensey gespannt. „Er hat mir einen Hotdog gekauft, und danach sind wir ins Kino gegangen“, antwortete Kelly. In ihrer Stimme klang ein Lächeln mit. „Ich weiß bis heute nicht genau, worum es in Lost in Translation eigentlich geht“, gab Vaughan zu. „Daddy, hast du deinem Date wirklich einen Hotdog gekauft?“ Maddie schüttelte den Kopf. Vaughan dachte an jenen Abend zurück. „Ich weiß! Aber zum Glück hat sie mir den Fehler vergeben. Es war wirklich spät, euer Onkel und ich waren damals in New York, um ein Musikvideo zu drehen …“ „… und ich bin am nächsten Morgen zur Fashion Week nach London geflogen.“ Er war ihr hinterhergejettet, aber diesen Teil der Geschichte wollte er nicht unbedingt mit den Mädels teilen. Jedenfalls nicht, ohne ihn kräftig zu zensieren. „Ich habe sie angerufen, und sie kam zu unserem Drehort. Ich bot ihr nämlich etwas viel Besseres an als diese Fleischhappen, die schon den ganzen Tag über in Wasser vor sich hin schmoren mussten.“ An dem Tag war sie direkt von einem Shooting gekommen – natürlich schön und glamourös. Sie hatte alleine in New York gelebt, und zwar derart selbstständig, wie es ihm bei seinen Aufenthalten in Manhattan noch immer nicht gelang. Er hätte damals wetten können, dass sie pingelig war und an allem herumnörgelte, stellte aber schnell fest, dass sie unglaublich bodenständig war und es zugleich schaffte, die Welt, in der sie arbeitete, zu dominieren. Sie war stark und ambitioniert, obwohl sie angesichts der zumeist oberflächlichen Einschätzungen wegen ihres Aussehens auch völlig melancholisch oder besessen von ihrem Job hätte sein können. „Komm schon, die Straßenküche damals war nicht die schlechteste“, warf Kelly lachend ein. „Es gibt Tage, an denen ich auf dem Weg von der Arbeit nach Hause nichts lieber essen würde. Aber keine Sorge, Mädels, er hat mich auch an schöne Orte ausgeführt.“ Sie waren ins Kino gegangen, weil Kel nicht denken sollte, dass er nichts anderes wollte, als sie auszuziehen. Obwohl er in Wahrheit an nahezu nichts anderes denken konnte, während sie um kurz vor Mitternacht nebeneinander im Kinosaal saßen. Im Taxi, auf dem Weg zu ihrer Wohnung, hatte er angefangen, sie zu küssen. Und von da an gab es nur noch sie und ihn – seine Hände, sein Mund auf ihr, er in ihr, über ihr, unter ihr. Sie hatten gelacht, und er war so intensiv gekommen wie mit keiner anderen vor oder nach ihr. „Am nächsten Morgen stieg sie in ein Flugzeug, und ich hielt es einen ganzen Tag ohne sie aus, bevor ich ebenfalls in einem Flieger nach London saß.“ Maddie war wie hypnotisiert. „Du bist ihr hinterhergereist?“ „Eure Mutter war ein Star, als wir uns kennenlernten. Sie reiste mehr als ich. Aber ich war gern in ihrer Nähe. Viel lieber als weit weg von ihr. Deshalb flog ich nach Heathrow, rief sie an und fand mich in Nullkommanichts inmitten des Wahnsinns der Fashion Week wieder.“ Sie hatten Maddie später in Paris gezeugt und einen Monat danach in einer heimlichen Zeremonie in Kellys Stadtwohnung in Manhattan geheiratet. „Wir haben Fotos von euch gesehen, von früher. Onkel Paddy hat devise Fotos in seinem Haus.“ Kensey wischte sich den Mund mit der Serviette ab, als sie fertig mit essen war. „Herrje! Das heißt diverse, nicht devise. Eine Devise ist was völlig anderes“, belehrte Maddie im Große-Schwester-Ton, woraufhin Kensey denselben Gesichtsausdruck aufsetzte wie ihre Mutter in der vergangenen Woche mehrmals bei Vaughan. Verärgert. Ungläubig. Kelly klatschte in die Hände, und der aufkeimende Streit verflüchtigte sich. „Genug Erinnerungen für den Moment.“ Sie stand auf und fing an, die Teller abzuräumen. Beide Mädchen sprangen auf, um zu helfen. „Erzählt uns noch mehr“, bettelte Maddie. „Was wollt ihr denn hören?“, fragte Kelly. „Als er mich zum ersten Mal anrief, dachte ich, er wäre euer Onkel Damien. Ich sagte zuerst, dass ich auf keinen Fall mit ihm ausgehen könne, aber ich war traurig, weil ich seinen Bruder ziemlich süß fand.“ Kensey kicherte hinter vorgehaltenen Händen. „Als ich gerade auflegen wollte, begriff ich, dass sie mich für den falschen Bruder hielt“, mischte sich nun Vaughan ein. „Ich stellte klar, welcher Bruder ich in Wirklichkeit war, und dann meinte sie, ich könnte sie ja mal anrufen, wenn ich das nächste Mal in New York sei.“ „Pech für Onkel Damien.“ Vaughan stimmte ihr zu und gab Maddie einen Kuss auf den Kopf, als er die letzten Geschirrteile vom Tisch zusammenräumte. „Ich bringe nachher den Müll raus, wenn du hier fertig bist.“ Kelly sah von der Spüle auf. „Okay, danke. Kannst du noch die Wäsche aus der Maschine in den Trockner räumen?“ Er merkte, dass er sich über ihre Bitte aufrichtig freute. „Wird erledigt.“ Als er wieder nach unten kam, begegnete er auf halbem Weg den Mädchen, die gerade nach oben wollten. „Vergesst nicht, euch vor dem Duschen die Zähne zu putzen“, rief Kelly ihnen vom Küchenabsatz aus nach. „Danke“, sagte er und zog sie in eine spontane Umarmung. Statt sich ihm zu entziehen, erwiderte sie die Berührung, was sich auf einem völlig neuen Level fantastisch anfühlte. „Wofür? Hab ich dein Lieblingswaschmittel gekauft?“ Beinahe schüchtern lächelte sie ihn an, als sie sich von ihm löste. „Dafür, dass du mich an dem hier teilhaben lässt.“ Er wusste nicht genau, wie er in Worte fassen sollte, was es für ein Gefühl war, in ihre Familie eingebunden zu sein. Ein Vater zu sein, der regelmäßig von seinen Kindern besucht wurde, war nicht dasselbe. Und jetzt verstand er das auf eine neue, schmerzhaftere Art. Kelly trocknete sich die Hände ab und lächelte liebevoll. Dieses Lächeln hatte sie ihm seit zehn Jahren nicht mehr geschenkt, und er musste sich an der Arbeitsfläche festhalten, als ihm das klar wurde. „Nicht“, flüsterte sie, während sie nah genug an ihn herantrat, um kurz seine Wange zu streicheln. „Schuldgefühle tun dir nicht gut. Nicht in diesem Moment.“ „Du hast mich erst jetzt wieder richtig angesehen.“ Vaughan räusperte sich. „Es ist schon so lange her. Ich habe das so vermisst! Genauso, wie ich es vermisst habe, mit euch den Alltag zu teilen.“ Zwar hatte er längst begriffen, wie sehr ihm das alles gefehlt hatte. Dass es aber tatsächlich seine eigene Schuld gewesen war und er die verlorene Zeit niemals zurückbekommen würde, diese Erkenntnis traf ihn wie ein Schlag. All die Jahre, in denen seine Töchter größer geworden waren, hatten Kelly und die Mädchen alleine Kämpfe ausgefochten und Siege eingefahren, während er sie besucht und geglaubt hatte, das sei genug. Aber das war es nie gewesen. Sie schwieg. Offensichtlich dachte sie nach. Dann schluckte sie schwer, ehe sie sagte: „Ich freue mich, dass du hier bist. Ich freue mich, dass es die Mädchen so glücklich macht. Dass es dich glücklich macht. Und mich, mich macht es auch glücklich.“ Aus dem Radio klang Otis Redding, und Vaughan grinste. „‚I’ve Been Loving You Too Long‘.“ Er streckte eine Hand aus. „Das schreit nach einem Tanz. Du kannst dich nicht gegen das Schicksal wehren, Kel.“ Sie ergriff seine Hand, ließ sich dicht an ihn heranziehen, schmiegte sich an seinen Körper und spürte, wie er einen Arm um ihre Taille legte, während sie anfingen, sich im Takt zu wiegen. Kelly taumelte am Abgrund, und nachdem er ihr gedankt hatte, ließ sie los. Sie ließ sich fallen, in einen Zustand, in dem es mit Vaughan immer gepasst hatte. Sie hatte sich so sehr danach gesehnt. Viele Jahre lang, nachdem es verloren gegangen war. Manchmal hatte Kelly sich gefragt, ob diese Fähigkeit zusammen mit ihrer Ehe gestorben sein mochte, doch dieser Zweifel schien ihr nun völlig unberechtigt. Hier stand sie jetzt mit dem Mann, den sie liebte, und ließ sich küssen. Sie rechnete mit etwas Langsamem und Sanftem. Doch was sie bekam, verbrannte sie förmlich. Verblüfft nahm sie wahr, wie die raue, sexuell aufgeladene Hitze seines Mundes, seiner Zunge, seiner Zähne das letzte bisschen ihres Widerstandes gegen ihn zerstörte. Genau so hatte er sie bei ihrem ersten Date geküsst, das sich über zwei Tage erstreckt hatte. Das Verlangen nach ihm durchflutete sie und bahnte sich seinen Weg direkt in ihr Innerstes. Sie erwiderte den Kuss, vergrub die Finger in seinen Haaren und zog Vaughan zu sich heran, um ihn noch enger an sich zu spüren. Er stöhnte in ihren Mund und presste sich dichter an sie. Er entschuldigte sich nicht für seinen Ständer und sie sich nicht dafür, wie sehr sie sich danach sehnte, dass er sie hier und jetzt in ihrer Küche nahm. Der Song war zu Ende, als er leise die Tür hinter ihnen schloss. Sanft ließ er die Hände unter ihr Shirt wandern. Nackte Haut auf nackter Haut. Die Berührung seiner Fingerspitzen weckte noch größeres Verlangen. Zischend sog Kelly die Luft ein. Er knabberte an ihrer Lippe, saugte daran. Sie versuchte, so leise wie möglich zu stöhnen und darauf zu lauschen, wann oben das Wasser abgedreht wurde. Gleichzeitig passte sie sich seinen Bewegungen an, erkundete mit den Handflächen den muskulösen Rücken unter seinem Shirt. „O Gott“, keuchte er in ihren Mund. Sie presste sich enger an ihn und küsste ihn erneut, aber nur kurz, bevor sie sich seinem Hals widmete. Vaughan packte ihren Hintern mit beiden Händen, hielt sie fest und rieb sich an ihr, bis sie anfing, hinter den geschlossenen Augen vor Verlangen kleine weiße Sterne zu sehen. Heilige Scheiße, war es wirklich möglich, dass sie bei einer heimlichen heißen Fummelei kam, wie früher in der High-school? Oben ging das Wasser aus, und sie stöhnte. „Warte“, brachte sie irgendwie hervor und legte eine Hand an seine Brust, um ihn davon abzuhalten, die nächste Runde einzuläuten. „Die Mädchen.“ Nun ging auch die andere Dusche aus. „Sie sind beide fertig. Ich muss wieder raus, damit ich hören kann, falls eine von beiden vielleicht ausrutscht. Außerdem kommen sie eh gleich runter. Du hast versprochen, ihnen was vorzusingen.“ Er lehnte die Stirn gegen ihre und atmete schwer. „Gib mir ein, zwei Minuten.“ Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Jeans, dorthin, wo sie seine Erektion spüren konnte. Kelly strich ein paarmal sanft über die deutliche Wölbung. „Du wirst viel länger brauchen als eine Minute, also bloß nicht frech werden.“ „Willst du mich umbringen?“ „Nein. Ich habe vor, dich zu reiten, bis du nicht mehr kannst“, flüsterte sie, bevor sie an seinem Ohrläppchen knabberte. Er zog sie wieder enger zu sich heran. „Dafür wirst du bezahlen.“ „Kann’s kaum erwarten.“ Immer noch lachend liefen sie beide aus der Küche. Mit den Mülltüten, die sie schon in den Flur gestellt hatte, trat er hinaus. „Ich bin wieder da, äh, sobald das hier nicht mehr so auffällt.“ Solange sie später wieder darauf zurückgreifen konnte, dachte Kelly, war sie damit völlig einverstanden. 10. KAPITEL Vaughan duschte und wartete darauf, dass die Mädchen einschliefen. Irgendwie dämlich. Immerhin war er seit einigen Tagen regelmäßig für ein abendliches Gespräch und ein Glas Wein in Kellys Zimmer gegangen, ohne ein Geheimnis daraus zu machen. Aber heute plante er viel mehr, als zu plaudern und etwas zu trinken, und er hatte auch keineswegs die Absicht, um ein Uhr morgens zurück in sein Zimmer zu gehen und sich einen runterzuholen. Auf sein Klopfen hin öffnete sie die Zimmertür, in kurzer Schlafhose und Tanktop. Wortlos ging er hinein und lächelte, als er das Klicken hörte, während Kelly die Tür abschloss. „Ich hab mich noch nie heimlich in dein Schlafzimmer geschlichen, damit meine Kinder nicht hören, wie ich ihre Mutter heißmache“, murmelte er, als sie dicht vor ihm stand. „Heißmachen? Ich dachte, wir spielen eine aufregende Partie Uno.“ Er lachte auf. „Ich habe gestern Abend schon Uno gespielt, nachdem ich von hier weggegangen bin. Und ein Mann möchte nicht unbegrenzt Uno spielen.“ Als Erwiderung zog sie die rechte Augenbraue hoch und schenkte ihm ein Lächeln, das bei ihm sämtliche Sicherungen durchknallen ließ. „Verdammt, bist du schön.“ Er ballte mehrmals die Fäuste, um sein Zittern unter Kontrolle zu kriegen. „Ich hab Schmetterlinge im Bauch.“ Sie nahm seine Hand und hauchte ihm einen kurzen Kuss auf die Handfläche. „Da sind wir schon zu zweit. Aber ich denke, wir beide finden dafür eine Lösung. Haben wir ja schon das eine oder andere Mal. Das ist wie Fahrradfahren.“ Mit einer Hand zog er sich das Shirt über den Kopf. Ihre Augen weiteten sich für einen Moment, bevor sie sich seinem Anblick ergab. „Mannomann, ich mag es, wie du aussiehst, wenn du denkst, was immer du gerade denkst.“ „Ich habe den Nippelring vor ein paar Jahren in einem Video gesehen.“ Sie trat so dicht an ihn heran, dass sie begehrlich über seine Schultern und Arme streicheln konnte. „Ein neues Tattoo hast du auch.“ Er sah zu dem Bild auf seiner Brust. Ein geflügeltes Herz. Maddies und Kenseys Namen waren darin verwoben. „Ich wusste davon. Die Medien lieben es, über dich zu berichten.“ Kelly fuhr mit dem Zeigefinger über die Namen ihrer Töchter. „Aber natürlich hatte ich bisher keinen Grund, es von Nahem zu sehen – bis jetzt. Wirklich, ein kleines Meisterwerk.“ „Danke. Du solltest dein Top auch ausziehen. Das ist nur fair.“ Mit einer flinken Bewegung zog sie sich ihr Tanktop aus und ließ es hinter sich zu Boden gleiten. „Du hast auch ein Tattoo.“ „Meins ist viel seltener im Fernsehen zu sehen“, erwiderte sie lächelnd. „Krokusse. Eine Erinnerung daran, dass selbst im ödesten Winter hinter der nächsten Ecke die Schönheit wartet.“ Er leckte über die violetten und weißen Blütenkelche, die auf ihren wunderschönen linken Busen tätowiert waren. „Schmeckt genauso gut, wie es aussieht.“ Er entdeckte noch eine Tätowierung, als er um sie herumging. Auf ihrem Schulterblatt, knapp neben der Wirbelsäule, saß eine kleine zusammengerollte Eidechse. „Ich erinnere mich gar nicht daran, dass du auf Reptilien stehst.“ „Das ist ein Chamäleon.“ „Ach so.“ Der Name ihrer Boutique. Er stellte sich wieder vor sie. „Ein Chamäleon kann sich direkt vor unseren Augen verstecken und dabei genau das bleiben, was es ist. Ich glaube, das birgt eine gewisse Bedeutung für mich.“ Er hätte es nicht verstanden, wenn sie es ihm in ihrer früheren Beziehung erzählt hätte. Andererseits hatte sie damals noch kein Tattoo. „Es hat sich einiges verändert. Ich freue mich darauf, alles Alte und Neue zu entdecken.“ Sie senkte einen Moment lang den Blick. „Es ist nicht mehr alles dort, wo es mal war. Vor der Geburt der Kinder, meine ich.“ Vaughan trat einen Schritt zurück und musterte sie. Er schüttelte den Kopf. Seit acht Jahren hatte er sie nicht mehr ohne Top gesehen, aber wie früher schon fehlten ihm die Worte. Mit ihren eins fünfundsiebzig überragte sie die meisten anderen Frauen. Honigblondes Haar umrahmte ihr Gesicht und fiel ihr über die Schultern. Sündhaft lange Beine, straffe Oberschenkel und schließlich schmale Hüften, die er mehr als ein Mal fest umklammert hielt, während er Kelly genommen hatte. Die Haut an ihrem Bauch war nicht mehr ganz so fest wie früher, klar. Damals war sie zweiundzwanzig gewesen! Heute aber sah sie nicht weniger atemberaubend aus. Im Gegenteil – er fand sie sogar noch schöner. Vielleicht lag es an ihren nackten Brüsten. Sie blendete ihn. Wie vom ersten Tag an. Das Problem bestand darin, dass Kellys Mutter ihr praktisch eine Gehirnwäsche verpasst hatte. Diese dämliche, grausame Kuh hatte ihrer Tochter eingetrichtert, dass das gesamte Leben von Äußerlichkeiten abhing. Rebecca hatte sie früher schon jeden Tag gewogen, und wenn Kelly auch nur ein Pfund zugenommen hatte, musste ihre Mutter sie unbedingt auf eine noch strengere Diät setzen, als sie ihr ohnehin schon zumutete. Es tat ihm leid, dass Kelly offenbar noch immer daran zu knapsen hatte. Und er würde ihre Bemerkung von eben mit Sicherheit nicht unkommentiert stehen lassen. „Du bist ohne Zweifel die wundervollste Frau, die ich je gesehen habe.“ Er stand nun wieder direkt vor ihr. „Genau hier und jetzt. Auf der ganzen Welt gibt es keine Einzige, die dir das Wasser reichen könnte.“ Mit einem glücklichen Seufzer umfing er ihre Brüste und küsste Kelly. In ihren großen tiefblauen Augen lag nun weniger Zurückhaltung, stattdessen aber deutlich mehr Verlangen. „Ich will dich nackt sehen, und zwar ganz nackt“, presste Vaughan hervor. Sie schob sich Shorts und Höschen nach unten und sah ihn herausfordernd an. Erleichtert, dass sich ihr Misstrauen offenbar gänzlich aufgelöst hatte, schlüpfte er ebenfalls aus seiner Hose. Sie nahm seinen Schwanz in die Hand und umschloss ihn sanft am Schaft. Vaughan hätte sich beinahe verschluckt, als er scharf die Luft einsog. „Funktioniert noch, wie ich sehe.“ „Ach ja? Du bist ganz schön frech geworden.“ Er schob sie rückwärts durchs Zimmer, bis sie auf ihrem Bett landete. „Ich bin immer frech. Gehört zu meinen besten Qualitäten.“ „Gott, wie hab ich das vermisst. Du unter mir, nur darauf wartend, dass ich dir alles gebe, was ich geben kann.“ Kelly blickte nach oben in sein Gesicht. So sah sie ihn am liebsten an, kurz bevor er sie berührte. Seine grünen Augen schienen einen dunkleren Ton anzunehmen, seine Lippen, vom Küssen ganz prall, wurden von einem Bart eingerahmt, den er sich vor einigen Jahren hatte stehen lassen. Ja, Vaughan gefiel ihr, auch wenn seine Haare nach der Tournee ein bisschen zu lang waren. So verwegen sah er noch besser aus als früher, ein wenig wie ein attraktiver Holzfäller. Wie sein ältester Bruder Ezra kam er ganz nach seinem Vater, er wurde mit den Jahren immer attraktiver. Die heiße Spur, die er mit dem kratzigen Bart an ihrem Hals hinterlassen hatte, schien in einer Woge des Verlangens hinabzufließen. Kelly war so feucht, dass es sie früher vielleicht verlegen gemacht hätte. Aber in diesem Moment hätte sie Vaughan am liebsten auf den Rücken geworfen, um ihn zu besteigen. „Sag mir, was du gerade denkst“, forderte er, als er neben sie aufs Bett geglitten war. Er bedeckte einen unsichtbaren Pfad von ihrer Schulter bis zu ihrem Hals hinauf mit Küssen. Immer schon hatte er ihr dieses Gefühl gegeben, dass sie der Mittelpunkt für ihn war. Es war fantastisch gewesen, bis sie bemerkt hatte, dass er es ihr zu selten zeigte. Aber jetzt? Jetzt nahm sie es einfach hin und hoffte, dass mehr dahintersteckte. Doch sie zählte nicht darauf, weil er es noch nicht verdient hatte. Sie wollte, dass er es sich verdiente. Das alles hätte sie ihm sagen können, doch sie wollte nicht reden. Sie wollte ihn in sich spüren, denn so sehr wie heute hatte sie sich seit langer Zeit nicht mehr nach Sex gesehnt. Es spielte keine Rolle, dass sie noch eine Woche zuvor mit einem anderen verlobt gewesen war. Das hier wollte sie schon so lange – und zwar mit genau diesem Mann. Das schlechte Gewissen, Ross ohne Vorwarnung in den Wind geschossen zu haben, würde sich später sowieso von allein zurückmelden. „Mach’s mir. Ich denke an nichts anderes. Immer und immer wieder.“ Er lachte. „Das werde ich. Versprochen.“ „Versprich’s mir nicht, mach es einfach. Ich will Taten sehen, Vaughan.“ Er küsste sie erneut, diesmal länger, sanfter. Er wollte sie schmecken und ließ sich Zeit. „Du warst schon immer dominant. Im Bett ist das einfach fantastisch.“ Er hielt inne, um ihr in die Augen zu schauen. „Ich hab dich so lange nicht mehr nackt gesehen. Es ist noch genauso außergewöhnlich wie in meiner Erinnerung. Also dräng mich nicht.“ „Man merkt, dass du noch nie Sex in einem Haus hattest, in dem zwei kleine Kinder leben.“ Endlich übernahm sie das Kommando und setzte sich auf ihn, und als sie sich heiß, feucht und bereit an seinem Schwanz rieb, stöhnten sie beide. „Wenn die beiden erst in der Schule sind, ist genügend Zeit für einen langen, langsamen Fick.“ „Das werd ich mir für später merken.“ Er versuchte, selbstbewusst zu klingen, aber sie wusste, dass er genauso scharf auf sie war wie sie auf ihn. Er streichelte ihre Schulter, und die Berührung schickte einen Schauer durch ihren Körper, der sämtliche Gefühle, die sie bei ihrer Trennung begraben hatte, zu neuem Leben erweckte. Es traf sie wie ein Schlag. Bittersüß. Zwischen ihnen war noch so viel. Dieser Mann schien auf eine Art zu ihr zu passen, wie sie das bei keinem anderen erlebt hatte. So wie jetzt, so nah beieinander, vertraute sie ihm völlig. Fast war es, als erinnerten sich ihre Körper daran, was sie früher miteinander geteilt hatten. Vaughan wusste genau, wie fest er an ihrem Ohrläppchen saugen durfte, um sie zum Zittern zu bringen und ihr ein gepresstes, lustvolles Stöhnen zu entlocken. Sie ließ die Finger über seine Brust wandern, über seine Brustwarzen, wo er, wie sie wusste, äußerst sensibel war. Unter ihr drängte er sich ihr entgegen, sie spürte seine Erektion an den Innenseiten ihrer Schenkel. Diese sinnliche Liebkosung kehrte ihr Innerstes nach außen. Er hatte viele glückliche Gefühle in ihr geweckt. Und danach hatte sie es nie wieder erlebt. Ganz gleich, wer sie berührt hatte: Einzig dieser Mann schien in der Lage zu sein, ihre Sinne ganz zu entfachen. Sie war ihm schutzlos ausgeliefert. Er spielte auf ihrem Körper, und ihr Herz folgte. Sogar die Art, wie er sie vögelte, war wie Musik. Einer dieser langsamen, rauchigen Songs über Verlangen und Sehnsucht. Die Gefühlstiefe, die er ihr offenbarte, machte sie vollkommen wehrlos. Nicht nur den körperlichen Emotionen gegenüber. Auch vor der gewaltigen und bis vor einer Woche hoffnungslos scheinenden Liebe, die sie all die Jahre mit sich herumgetragen hatte, konnte sie sich nicht schützen. „Komm zurück zu mir“, raunte Vaughan und wechselte, sie umklammernd, die Position, sodass nun er oben war und zwischen ihren Schenkeln knien konnte. Nun war sie ihm gänzlich geöffnet. „Seitdem du weg bist, gab es nicht einen einzigen Moment, in dem ich das hier nicht gewollt hätte.“ Seine sinnlichen Neckereien waren fordernder geworden. In seinem Blick lag Bedauern, aber auch Entschlossenheit. „Ist noch genauso.“ Er strich sanft an ihrem Körper hinab, mit dem Blick seinen Händen folgend, bis zu ihrem Venushügel. „Davon könnte ich nie genug kriegen.“ Mit den Daumen spreizte er sie, nur um sie dann sanft zusammenzudrücken und auf diese Art unglaublich zu stimulieren. Ein heißes Prickeln durchfuhr Kelly, und sie keuchte. „Davon auch nicht.“ Er zog einen Mundwinkel nach oben. „Morgen werde ich da sein. Und übermorgen. Ich bin hier. Das hat sich verändert. Ich bin mir bewusst, wie viel ich verloren habe. Etwas, das ich niemals zurückbekommen werde.“ Er fuhr fort, während er ihre Knospe immer weiter massierte. Das Zuhören fiel ihr unglaublich schwer, doch Kelly kämpfte gegen den Höhepunkt an und konzentrierte sich auf seine Worte. Ja, er hatte ihr gesagt, was sie hören wollte. Was sie hören musste. Und sie war nicht die Einzige, die schutzlos ausgeliefert war. Vaughan vertraute ihr ebenfalls. Sie musste die Vergangenheit loslassen, die sie ihm gegenüber all die Jahre als Schutzschild benutzt hatte. Sie liebte ihn doch schon. Wenn er ging, würde es ihr ohnehin das Herz brechen. Sie nickte. „Du bist hier, hier bei mir. Jetzt.“ Er beugte sich herab, um sie schwindelig zu küssen, sie schlang die Beine um ihn und zog ihn dichter an sich heran. „Ich bin noch nicht fertig.“ Vaughan küsste sie erneut, bevor er sich ihrem Hals widmete. Forschend ließ er die Lippen bis zu ihrer Taille und zurück nach oben zu ihren Brustwarzen wandern. Das Warten hatte sich definitiv gelohnt. Kelly drängte sich ihm entgegen und umschlang seinen Bizeps – eine Menge mehr Muskeln als früher. Unglaublich … Ihre Haut war noch immer so weich und duftete wunderbar, vor allem an der Halsbeuge. Das ließ ihn noch heißer werden. Er wollte mehr. Er mochte Sex, natürlich. Und wie. Aber mit Kel war es intensiver als mit jeder anderen. So war es nur, wenn man die Person, mit der man Sex hatte, liebte. Er müsste lügen, wenn er behaupten würde, es wäre nur eine tolle sexuelle Anziehung. Das hier, das war Liebe. Und eine Menge sexueller Anziehung, keine Frage. Sie wand sich unter ihm, als er an einem ihrer Nippel zu saugen begann. „Gut zu wissen, dass das immer noch funktioniert“, murmelte er, bevor er ihr den einsetzenden Schmerz wegleckte. „Und wie das funktioniert“, keuchte sie, und das machte ihn noch glücklicher – obwohl er geglaubt hatte, das Glücksgefühl ließe sich unmöglich noch weiter steigern. „Ich muss noch ein paar Tests durchführen.“ Küssend bahnte er sich seinen Weg hinab zu ihrem Bauch, und als er an ihrer Muschi ankam, leckte er sie, langsam und intensiv. War. Das. Gut. Das war die Königsklasse: es seinem Partner auf diese Weise zu besorgen. Vor allem, wenn man damit rechnete, dass sich der andere auf dieselbe Weise revanchieren würde. Ihm war es egal. Er wollte, dass seine Partnerin sich gut fühlte. Aber mit Kelly war es so … intim. Er nahm ihren Geschmack tief in sich auf und hatte das Gefühl, ihn nie verloren zu haben. Er hörte nicht auf, ehe sie zu zittern anfing, die Finger in seinem Haar vergrub, sich ihm entgegenreckte und heiser seinen Namen flüsterte, als sie kam. Dann küsste er sich seinen Weg zurück nach oben und stützte sich über ihr ab. „Das funktioniert auch noch. Nur für den Fall, dass es nicht deutlich genug war.“ Ihre Stimme klang so rau wie nach zu viel Whiskey. „Hatte ganz vergessen, dass du immer wie eine Schnulzensängerin klingst, nachdem du ’nen Orgasmus hattest.“ Er küsste sie. „Nur bei dir.“ Ihr Lächeln war etwas schüchtern, etwas überrascht. Er konnte seine Aufmerksamkeit nicht von ihrem Hals lösen, als sie unters Kopfkissen griff und ihm ein Kondom hinhielt. „Zeig mir, ob du immer noch so animalisch knurrst, kurz bevor du kommst.“ Er riss das Päckchen auf, streifte sich das Kondom über und neckte dann sie beide, indem er nur leicht in sie glitt und sich sofort wieder zurückzog. Mit jedem Stoß drang er tiefer in sie ein, aber er zögerte seinen Höhepunkt hinaus. Ob Kinder im Haus waren oder nicht – die Tür war abgeschlossen, und er wollte aus dem Liebesspiel etwas Besonderes machen. Auch wenn er am liebsten wilder gewesen wäre. Um aller Welt zu zeigen, wie sehr sie zu ihm gehörte. Aber das musste er sich verdienen. Kelly hielt die Augen geschlossen, als er langsam und tief in sie eindrang. Immer wieder, bis er ganz in ihr war. Er küsste sie auf die geschlossenen Lider und auf die Wangen, berührte sie so zärtlich, dass sie weinte, noch ehe sie es verhindern konnte. Als sie sich mit dem Handrücken die Tränen wegwischte, hielt er inne. „Tue ich dir weh?“ Sie umfing sein Gesicht mit den Händen. „Jetzt nicht mehr.“ Kelly schlang die Beine fest um seine Hüften, während er sich erneut rhythmisch zu bewegen begann. Quälend langsam, aber so war es am besten. Schließlich erlaubte auch er sich, zu kommen, nachdem er Kelly ein weiteres Mal zum Höhepunkt gebracht hatte. Während er das Kondom entsorgte, lag sie wie benommen in den Laken, doch nicht lange. Kaum war er zurück, legte er sich hinter sie und zog sie eng an sich. „Warum hast du geweint?“ Sie drehte sich in seinen Armen um. „Weil du mich heute Abend berührt hast. Ich habe etwas gefühlt, von dem ich nicht sicher war, ob ich es je wieder fühlen würde.“ Er lächelte beruhigt. „Das ist schön. Mir geht es genauso. Es war sofort wieder da. So ist es nur mit dir. Ich brauchte nur die Hand auszustrecken, und es war da.“ Sie wusste genau, was er meinte. „Ich werde morgen früh auf die Ranch fahren, nachdem ich die Mädchen zum Bus gebracht habe. Ich muss noch ein paar Sachen holen. Aber ich werde rechtzeitig zum Abendessen wieder da sein. Ich dachte mir, ich bringe einfach was zu essen mit.“ Sie nickte und versuchte, nicht darüber nachzudenken, ob er auch wirklich zurückkäme. Ob er nicht zur Ranch fahren würde und sich dort von seiner Mutter ausreden ließe, wieder mit seiner Exfrau zusammen zu sein. „Hast du es ihnen schon erzählt? Deiner Familie?“ „Ezra weiß es. Und meinen Vater habe ich an dem Tag ins Vertrauen gezogen, als du die Verlobung mit Ross gelöst hast. Ich werde morgen mit meinen Eltern sprechen. Möchtest du mitkommen? Ich will dich nicht ausschließen. Besonders nicht nach allem, was früher war.“ „Lieber nicht. Vielleicht fühle ich mich in ihrer Gegenwart irgendwann genauso wohl wie die anderen Frauen an der Seite deiner Brüder, aber im Augenblick halte ich es für keine gute Idee.“ Er seufzte. „Es tut mir leid. Ich hab nicht gedacht … ich habe nicht gedacht, dass es so schlimm war. Herrje, ich bin ja selbst für den Schlamassel verantwortlich. Der einzige Mensch, auf den meine Mutter hört, ist sie selbst.“ Kelly verdrehte die Augen. „Ach komm, sie ist doch nicht blöd. Oder naiv. Nicht mal, wenn es um ihre heiß geliebten Söhne geht. Sie kennt dich und deine Tricks. Sie wollte dich nicht damit konfrontieren. Und das verstehe ich auch. Aber ich bin für ein solches Gespräch mit ihr nicht bereit. Noch nicht.“ Vielleicht niemals. „In Ordnung. Aber ich werde zurückkommen. Wir wollen heute Abend doch gemütlich zusammen essen.“ „Okay. Ach ja, ich brauche Tuesdays Nummer. Falls du Ezra morgen siehst, könntest du ihn danach fragen? Ich möchte mit ihr über den Schmuck sprechen, den sie designt.“ „Schien, als hättet ihr euch gut verstanden, als sie letztes Wochenende hier war.“ „Ich mag sie, sogar sehr.“ Ezras neue Freundin schien Klamotten genauso zu lieben wie sie selbst. Tuesday hatte ein tolles Gespür für guten Stil, und wenn ihre Arbeit nur halb so stylish war wie der Rest von ihr, wollte Kelly die Schmuckstücke von Ezras neuer Freundin unbedingt in ihren Läden anbieten. „Muss ich zurück in mein einsames Bett, oder kann ich hier bei dir schlafen?“, fragte Vaughan. „Ich will vorsichtig sein, was die Kinder angeht. Die Sache zwischen dir und mir ist kompliziert. Aber hey, wir sind erwachsen. Ich mach mir Sorgen um ihr Glück. Ich muss erst noch herausfinden, ob ich auf dein Wort vertrauen kann. Falls nämlich nicht, würdest du nicht nur mir das Herz brechen, sondern ihnen auch.“ Manchmal war es echt ätzend, erwachsen sein zu müssen. Aber eines stand fest: Sie würde sich nicht so verhalten wie Rebecca. Wenn die Mädchen Vaughan im Schlafzimmer ihrer Mutter erblickten, würden sie von Voraussetzungen ausgehen, die Kelly sich selbst noch nicht eingestehen konnte. „Ich finde, wir sollten vorerst noch getrennt schlafen. Manchmal kommen die kleinen Quälgeister mitten in der Nacht zu mir ins Bett. Natürlich würden sie sich wahnsinnig freuen, dich hier zu sehen. Ich glaube trotzdem, wir sollten die Sache ganz langsam angehen. Aber du musst auf keinen Fall sofort rüber.“ Sie lächelte. Er zog sie noch enger an sich. „Hm, hört sich gut an. Und jetzt sollten wir die zweite Runde einläuten.“ Schon zog er die Decke über sie beide, und als seine Hände überall gleichzeitig zu sein schienen, stimmte Kelly einer zweiten Runde bereitwillig zu. 11. KAPITEL Irritiert sah Vaughan zu Kensey, die direkt neben ihm auf dem Boden saß, in Tränen aufgelöst. Er warf Kelly einen fragenden Blick zu, die am Tisch saß und einen Stapel Kalkulationstabellen vor sich liegen hatte. Sie grinste hinter ihrer Kaffeetasse, ohne irgendwelche Anstalten zu machen, einzugreifen. „Was ist los, Miss Kensey?“, fragte er. Sie antwortete mit diversen Schluchzern und Hicksern, weshalb er natürlich keine Ahnung hatte, was sie gesagt hatte. „Sie sagt: Was, wenn die Mädchen in ihrer Klasse Cordsamt blöd finden?“, erklärte Maddie. „Und sie will nicht die Brote essen, wenn da Senf drauf ist.“ Er hatte keinen Schimmer, wie er mit der Hosenfrage umgehen sollte, aber er rappelte sich auf, um ihr ein neues Pausenbrot zu schmieren – diesmal ohne Senf. In der Woche zuvor hatte sie in der Schulmensa gegessen, weshalb es nicht nötig gewesen war, ihr ein Lunchpaket mitzugeben. Nun griff Kelly doch ein. „Komm schon, steh vom Boden auf. Geh nach oben, wasch dir das Gesicht. Du wirst heute die beiden Brote mit Senf essen, das wird dir nicht schaden. Und du wirst dich beruhigen und dich bei deinem Vater für dein Benehmen entschuldigen.“ Kellys Ton erregte seine Aufmerksamkeit genauso schnell wie die seiner beiden Töchter. Nicht wütend, aber deutlich und entschlossen. Das Küken der Familie schniefte, stand umständlich auf und rannte aus dem Zimmer. Nachhaltig beeindruckt, schmierte Vaughan die Brote zu Ende. Als er Maddie ihr Lunchpaket reichte, tätschelte sie seinen Arm. „Sie ist anstrengend, Dad. Mit ihr musst du streng sein.“ Kelly musste husten, um ihr Lachen zu verbergen, und auch Vaughan kämpfte dagegen an. „Du bist ein Künstler. Du weißt doch am allerbesten, wie ihr Typen tickt. Sie ist eben echt temperamentvoll. Aber sie ist wie ein Kätzchen.“ Maddie drehte sich zu ihrer Mutter um. „Oder, Mom?“ Kelly wurde rot, schüttelte den Kopf und lachte offen heraus. „Kensey mag glitzernde Dinge. Manchmal ist es, als müsste man etwas Hübsches schütteln, um den Zauber zu brechen und sie wieder auf den Boden der Tatsachen zu holen.“ „Ach, und so muss man Künstler also behandeln?“, neckte er Maddie. Die nickte ernst. „Ja. Wir sind eben alle ziemlich toll. Wir sind Schneeflocken, sagt Mom immer, aber keine besonderen Schneeflocken, weil die nämlich meinen, sie müssten sich nicht an die Regeln halten.“ „Eure Mutter ist sehr klug.“ Und viel besser in diesen Elterndingen als er. Als seine Jüngste wieder herunterkam, hatte sie sich wieder im Griff. Sie umarmte ihren Vater und entschuldigte sich. Am liebsten wollte er ihr sagen, dass sie sich nicht zu entschuldigen brauchte. Und das hätte er auch getan, wenn sie bei ihm zu Hause gewesen wären. Aber er wollte Kellys Autorität nicht untergraben, denn das wäre ungeheuerlich gewesen. „Bringt ihr beide uns zur Bushaltestelle? Immerhin ist es mein erster Tag nach der OP.“ Maddie sah Vaughan mit einem Bettelblick an, dem er unmöglich widerstehen konnte. „Ich wollte euch eigentlich fahren. Oder wollt ihr lieber den Bus nehmen?“ Kelly war aufgestanden, um Kenseys Haare mit einer Spange nach hinten zu stecken. Maddie nickte. „Meine Freundinnen fahren mit dem Bus. Ich tobe auch nicht rum, versprochen.“ Der Arzt hatte bei dem Termin vor ein paar Tagen gesagt, dass Maddie heute wieder zur Schule könne. Aber sie wirkte so klein. So zerbrechlich. Vielleicht sollte man sie lieber hinfahren, überlegte Vaughan. Was, wenn jemand sie schubste und ihr wehtat? Er hatte das Gefühl, vor allen Eventualitäten furchtbare Angst zu haben. Aber da Kelly alles so perfekt regelte, hängte er sich einfach an sie dran. „Wir können alle zusammen gehen, wenn euer Dad einverstanden ist.“ Kelly drückte Kensey einen Kuss auf den Scheitel. „Klar doch, gerne.“ Er sah auf die Uhr über dem Ofen. „Okay, Ladys. Kurze Badezimmerpause, und dann los.“ Die Mädchen liefen los, und er ging nah an Kelly heran. „Hi.“ Sie lächelte. „Hi.“ „Ich bin beeindruckt, wie du mit ihnen umgehst. Dagegen komme ich mir wie ein Amateur vor.“ „Du liebst sie. Das ist die Hauptsache. Du musst manchmal einfach nur strenger sein. Aber das lernst du noch. Sie werden dich auch dann noch lieben, keine Sorge.“ „Ich hab schon so viel falsch gemacht.“ Manchmal erschütterte ihn das. Dann fragte er sich, ob er für das hier überhaupt gemacht war. Doch ein Blick auf seine drei Frauen genügte, und er wusste, dass es jede Mühe wert war. „Jeder macht Fehler. Ich auch.“ Er küsste sie flüchtig, ging aber ein paar Schritte zurück, als er hörte, wie ihre Töchter wieder heruntergepoltert kamen. Es war dieses Gefühl, an einen Ort zu gehören, der merklich einzigartig war. Nicht annähernd wie das, ein Hurley zu sein, sondern viel, viel mehr als das. „Ich mach mich auf den Weg“, sagte er, als sie beide wieder zu Hause waren. „Sicher, dass du nicht mitkommen willst?“ „Äh, ja. Ganz sicher. Ich hole nachher die Mädchen ab – nur falls du noch ein paar Stündchen mehr Zeit mit deinen Brüdern verbringen möchtest.“ Er nahm ihre Hände. „Ich werde wiederkommen. Ich schwöre es dir.“ Sie seufzte. „Mir bleibt nichts anderes übrig, als dir zu vertrauen.“ Da küsste er sie, mitten in der Auffahrt. Er zog sie eng an sich und zeigte ihr, wie sehr er sie in den letzten Jahren vermisst hatte. Als er den Kuss unterbrach, war er völlig außer Atem und wollte eigentlich nur eines: umgehend mit ihr nach oben in ihr Bett. „Das ist nur eine Anzahlung. Heute Abend treiben wir’s in meinem Zimmer, ich hab mir da schon was überlegt. Und weil es weiter von den Räumen der Mädchen weg liegt, mache ich auch gerne das Knurrgeräusch, auf das du so stehst.“ Sie prustete, sah ihm fest in die Augen und lächelte. „Einverstanden. Allerdings habe ich äußerst hohe Ansprüche.“ Das Letzte, was er tun wollte, war, jetzt in sein Auto zu steigen und wegzufahren. Aber Kelly musste nun mal zur Arbeit, und er musste seine Sachen holen, damit er rechtzeitig bis zum Abendessen zurück sein konnte. Vaughan war die Strecke zwischen Hood River und Kellys Haus schon viele Dutzend Mal gefahren. Normalerweise fuhr er den Hügel hoch, folgte der langen Kurve und war – tadaa! – zu Hause. Die schmiedeeisernen Tore mit dem Logo der Sweet Hollow Ranch hießen ihn willkommen, als er hindurchfuhr. Obwohl er hier jedes einzelne Schlagloch kannte, sann er darüber nach, wie er den Raum über der Garage bei Kelly in einen optimalen Arbeitsplatz verwandeln konnte. Weil er in Gedanken schon anfing, das Haus in Gresham ebenfalls sein Zuhause zu nennen. Er stellte den Wagen auf seinem Parkplatz ab. Drinnen registrierte er die Post, die Ezra auf die Arbeitsfläche in der Küche gelegt hatte. Der Hund hatte schon längst die viel weitläufigere Umgebung schätzen gelernt, die Rebecca dem Vierbeiner bieten konnte, weshalb Vaughan sich außer um seine Töchter um niemanden kümmern musste. Ezra hatte eine Nachricht hinterlassen, dass er den Rasensprenger an eine Zeitschaltuhr angeschlossen hatte, damit das Grünzeug nicht vertrocknete, wenn keiner hier war. Zwischen den Zeilen stand: Es ist schon Mai, du Trottel. Schnaubend zog Vaughan das Smartphone aus der Tasche, um Ezra zu schreiben. Wenn sein Bruder gerade auf einem Pferderücken oder einem Quad saß, würde er sein Telefon weder hören noch auf Vibrationsalarm gestellt haben. Es konnte also durchaus mehrere Stunden dauern, ehe Ezra antwortete. Zwei seiner Gitarren hatte Vaughan bereits nach Gresham gebracht. Nun schnappte er sich seine Mandoline, ebenso wie die Slide-Gitarre und ein bisschen Equipment. Vor seiner Abfahrt bei Kelly hatte er die Rücksitze aus seinem SUV genommen, sodass genug Platz sein würde, um so viel an Ausstattung einzupacken, dass er sich wieder an die Arbeit machen konnte. Das Equipment war bereits verstaut und Vaughan gerade dabei, seine Koffer zu packen, als Ezra im Zimmer stand. „Sieh an, wen haben wir denn da?“ Die Brüder umarmten sich. „Ich hab Wasser in den Kühlschrank gestellt, als ich vorhin ankam. Willst du ’nen Schluck?“, bot Vaughan an. „Klar, gerne.“ Als sie sich mit Getränken versorgt hatten, fing Vaughan an, ein paar Sachen aus der Küche und dem Wohnzimmer in eine Kiste zu packen. „Aha.“ Ezra sah ihn vielsagend an. „Das sieht nach mehr aus als nur ein paar Klamotten, die du brauchst, bis deine Tochter wieder zur Schule geht.“ „Das tut sie übrigens seit heute. Hab sie heute Morgen zum Bus gebracht, bevor ich hier rausgefahren bin. Mann, Ez. Das Mädel hat Biss. Die Operation ist gerade mal eine Woche her, und sie geht schon wieder zur Schule. Ich bleibe nicht nur dort, bis es Maddie besser geht. Es ist mehr. Ich ziehe dort ein. Ich hab zwar noch mein eigenes Zimmer, was echt nervt, aber damit komme ich klar.“ Er fuhr fort, einige seiner Lieblingsbücher in die Kiste zu räumen. „Du sollst wissen, dass ich nach wie vor hier sein werde, um meine Aufgaben zu erfüllen.“ Die Luzernen-Ernte stand kurz bevor, und dann kämen die Sommermonate, in denen es immer eine Menge zu tun gab und die nahtlos in den Herbst übergingen. Die Birnenernte würde vom August bis in den Oktober dauern. Das Obst musste gepflückt und anschließend kühl gelagert werden, um die Reifung nicht zu unterbrechen. Jeder Schritt des Prozesses hatte seine ganz eigenen Herausforderungen. Ezra ackerte viel. Viel mehr als jeder sonst hier. Als die Brüder auf Tournee waren, hatten sie vereinbart, bei Bedarf einzuspringen und Ezra so viel unter die Arme zu greifen, wie er erlaubte. Im Grunde gehörte die Ranch mittlerweile ihrem großen Bruder. Seine Angestellten kümmerten sich um alles, was erledigt werden musste. Aber er war hier, wenn die Band mal nicht zusammen war. Er passte auf, dass ihre Wurzeln nicht gekappt wurden und dass die Ranch, die ihre Eltern aufgebaut hatten, weiter genug Ertrag abwarf, um davon leben zu können. Ezra hatte seinen ganz eigenen Stil, Dinge anzugehen. Deshalb kamen die anderen Brüder nur gelegentlich zum Helfen vorbei, und wenn der Älteste unter ihnen ihre Hilfe nicht wollte, gab er ihnen andere Aufgaben. Das funktionierte gut. „Du hast jetzt etwas viel Wichtigeres zu tun. Konzentrier dich lieber darauf.“ Vaughan hätte seinem Bruder gern erzählt, dass er endlich mit Kelly geschlafen hatte, doch irgendetwas hinderte ihn daran. Außerdem hatte Ezra bestimmt genug eigene Sorgen. „Du arbeitest zu viel. Du musst zulassen, dass andere dich unterstützen.“ Ezra verdrehte die Augen. „Ich hab Angestellte, Vaughan. Das sage ich euch immer wieder. Ist Kellys Ex inzwischen wieder aufgetaucht?“ „Er ist letzte Woche vorbeigefahren, als ich gerade im Vorgarten stand. Als er mich gesehen hat, ist er in Windeseile davongedüst.“ Vaughan hätte dem Kerl an dem Tag am liebsten eine reingehauen, sich dann aber dafür entschieden, Mitleid für ihn zu empfinden. „Echt, so richtig stalkermäßig?“ Es gefiel ihm, dass sein Bruder sich um Kelly sorgte. „Ich glaube nicht. Kam mir eher so vor, als bedauerte er, dass sie ihm weggelaufen ist, aber nicht, dass er für sie einen geheimen Altar in seinem Keller aufgestellt hat. Sie hat ihm letzte Woche ein paar Sachen vorbeigebracht, zusammen mit Stacey. Uff, ich habe ein bisschen Angst vor Stacey. Wahrscheinlich weckt sie in Ross dieselbe Panik.“ „Ist Stacey diese Anwältin? Hammerbeine? Rote Haare?“ „Mit deinem Gedächtnis für Frauen machst du Paddy ernsthaft Konkurrenz. Verdammt.“ „Einige Begabungen verliert man eben nie.“ Ezra grinste, wurde aber sofort wieder ernst. „Bist du glücklich?“ Vaughan lehnte sich gegen die Arbeitsfläche. „Ja. Es ist schwer. Ich mache Fehler. Die Mädchen wissen, dass ich ein waschechter Anfänger bin, und das versuchen sie natürlich auszunutzen.“ Ezra fand das fantastisch. „Sind eben Hurleys.“ „Kelly ist viel disziplinierter als ich. Sie ist ruhiger. Entschlossener. Ich sehe ihr zu und lerne von ihr.“ „Du warst sowieso schon immer ein Schwächling, wenn’s um Frauen ging. Sie ist eine gute Mutter. Zuerst habe ich sie falsch eingeschätzt. Aber deine Töchter sind umwerfend, und das liegt zu großen Teilen an ihr. Apropos Kelly: Wie läuft es denn so zwischen euch beiden?“ Vaughan lächelte, als die Bilder vor seinem geistigen Auge auftauchten. Kelly, die sich ihm entgegenreckte, das Gesicht vor Erregung gerötet. Ein Blick in die Augen seines Bruders, und ihm war klar, dass Ezra Bescheid wusste. Kein Wunder, bestimmt sah man ihm das Glück auch an. Mit so einem sensiblen Radar ausgestattet, würde Ezra irgendwann mal einen großartigen Vater abgeben. „Langsam. Sie wollte es langsam angehen, und obwohl ein Teil von mir das für eine schlechte Idee hielt, muss ich zugeben, dass sie vermutlich recht damit hatte, vorsichtig zu sein“, sagte Vaughan. Weil der Sex zwischen ihnen perfekt war, auch wenn er chaotisch ablief. Das war schon immer ein Teil ihrer Beziehung gewesen, der funktionierte. Er war so gut und riss alle Barrieren zwischen ihnen ein, dass es ein Leichtes gewesen wäre, den Plan über Bord zu werfen, an sich zu arbeiten. Das Vögeln zu genießen und den Rest auszublenden. Was natürlich der Grund dafür war, dass Kel hatte warten wollen. Aber er war verdammt noch mal froh, dass sie der sexuellen Anziehung, die zwischen ihnen herrschte, genauso machtlos gegenüberstand wie er. „Es ist echt gut. Alles. Unbequem manchmal. Ich habe viel kaputt gemacht, weißt du.“ Ezra schnaubte. „Ja, ich glaube, ich kann mir vorstellen, wie sich das anfühlt.“ Sein großer Bruder war in die tiefe Hölle der Abhängigkeit gefallen. Er war vom Pfad der Tugend abgekommen, hatte einen Aufenthalt in einer Entzugsklinik hinter sich und hatte sich alles neu aufgebaut – seine Beziehungen, die ohne Frage existierten, eingeschlossen. Aber wie Ezra nun mal war, trug er all seine Schuld mit sich herum, als hätte er für die eigenen Fehler nicht schon genug bezahlt. „Ich meine das, was ich dir jetzt sagen werde, wirklich liebevoll.“ Vaughan krümmte sich innerlich vor dem, was sein Bruder gleich loslassen würde. Doch der lachte. „Entspann dich. Bisher bist du in deinem Leben fast immer ungeschoren davongekommen. Aber jetzt musst du einiges von dem Mist, den du verzapft hast, wieder geradebiegen. Schlimm genug, dass dein Leben erst entgleisen musste. Steh zu deinen Fehlern und sieh nach vorn – mit diesen drei Mädels, die dich anbeten. Sieh nicht zurück, Vaughan. Sobald man sich mit den Fehlern der Vergangenheit auseinandergesetzt hat, ist es Zeit, in die Zukunft zu blicken.“ „Ich versuch’s.“ „Du fühlst dich fehl am Platz. Nicht hier, sondern in Kellys Haus. Wie ist das für dich?“, bohrte Ezra nach. „Sie … hat ihre Gründe“, erwiderte Vaughan abwehrend. „Das kann ich mir vorstellen. Dafür sind wir aber alle verantwortlich. Wir wollten dich beschützen und waren mehr als unfreundlich zu ihr.“ Wie konnte Ezra bei allen anderen so richtig liegen, sich selbst aber nie eine Pause erlauben? „Und jetzt vertraut sie euch nicht mehr“, meinte Vaughan. Eine Tatsache, die er hasste. Das hier war seine Familie. Er liebte sie. Sie waren ein unglaublich wichtiger Teil seines Lebens, und er wollte, dass Kelly dasselbe empfand. Seine Familie hatte ihre Herzen für seine Schwägerin Mary geöffnet, genau wie für Natalie, die Freundin seines Bruders Paddy, und sogar für Tuesday, die Frau, die Ezra erst seit Kurzem kannte. Kelly jedoch hatten sie nicht aufgenommen. „Schon gut. Du musst zuerst ihr Vertrauen zurückgewinnen. Und dann musst du hier bei uns mit der ganzen Wahrheit rausrücken. Mom wird das Richtige tun, sobald sie alles weiß.“ „Vielleicht. Sie scheint es darauf anzulegen, Kelly nicht zu mögen.“ „Natürlich. Du bist ihr Sohn. Sie würde sogar jemanden umbringen, um uns zu beschützen.“ Ezra zuckte mit den Schultern. „Damals war unsere gesamte Familie anders. Du hast diese Frau mitgebracht, die schwanger und mit dir verheiratet war, bevor unsere Eltern sie überhaupt kennengelernt hatten.“ „Mom hat Kelly nur ein Mal angeguckt, gesehen, wie hübsch sie war, und sie sofort abgeschrieben. Du kannst nicht so tun, als hätte das keine Rolle gespielt.“ Ezra nickte. „Ja, das stimmt wohl. Wir haben Kelly nie besonders gut kennengelernt.“ Vaughan konnte nur hoffen, dass er die Chance bekäme, seine Familie dazu zu bringen, sich zu öffnen. Wenn sie Kelly Zeit gaben, würden sie merken, dass sie mehr war als eine hübsche Frau, die seine Kinder zur Welt gebracht hatte. „Schritt eins ist, Kelly zurückzugewinnen. Der Rest wird sich dann wahrscheinlich ergeben“, grübelte Vaughan. „Nur wenn du dir dafür den Arsch aufreißt.“ „Was du nicht sagst. Wie läuft’s eigentlich mit Tuesday?“ Nach seinem Absturz hatte sein Bruder eine Frau gefunden, die ihr eigenes Päckchen zu tragen hatte. Die zwei passten auf eine Art zusammen, die Ezra verunsicherte. Dass er jedoch an der Beziehung mit ihr festhielt, war in Vaughans Augen eine gute Entscheidung. Ezra schmunzelte. „Das behalte ich lieber erst mal für mich. Wir mögen uns.“ „Na schön. Hilf mir mal, den ganzen Krempel in mein Auto zu laden.“ Während sie noch dabei waren, tauchte ihr Vater auf und winkte. Ein paar Hunde und ein Schwein trotteten hinter ihm her. „Ezra, deine Tiere haben mich heute Morgen besucht. Deine Mutter freut sich wirklich immer darüber, aber dein Schwein wühlt in ihren Blumenbeeten, und ich muss mir dann ihr Gemecker anhören. Du weißt doch, wie sie mit ihren Beeten ist. Beim letzten Mal waren es deine Ziegen, jetzt ist es dein Schwein. Tu mir das nicht an, Junge.“ Ezra war ein kräftiger Mann mit breiten Schultern, der eigentlich nur sprach, wenn es unbedingt nötig schien. Er war eher der wortkarge, schroffe Typ, doch das war alles nur Show. Wenn es um seine Tiere und seine Familie ging, mutierte er zu einem riesigen Marshmallow. Er besaß einen niedlichen, wenn auch nicht gerade cleveren Labrador namens Loopy und ein Schwein namens Violet, das sich für einen Hund zu halten schien – was Ez nicht weiter störte. Im Augenblick allerdings wusste Violet offenbar, dass sie in Schwierigkeiten steckte, und gab einen niedlichen Grunzlaut von sich. Ezra verdrehte die Augen und hockte sich hin, um ihr den Schmutz von der Schnauze zu wischen. „Ich dachte, wir hätten eine Abmachung?“ Loopy leckte ihm über die Wange. „Und was machst du? Du sollst sie doch von diesen Blumenbeeten fernhalten.“ Während sein Bruder so tat, als würde er mit dem Schwein schimpfen, umarmte Vaughan seinen Vater kurz. „Hey, Fremder. Wie geht es meiner Enkeltochter?“ „Sie geht seit heute wieder zur Schule. Kelly musste mir versprechen, mir eine Nachricht zu schicken, falls irgendwas sein sollte. Aber als wir die Kleine heute Morgen zum Bus gebracht haben, war sie fit und glücklich.“ „Gut. Bring sie bald mal wieder mit, damit wir sie auch mal wieder zu Gesicht kriegen, ja? Kelly hat sie mal hergebracht. Als du auf Tournee warst.“ Sein Vater sprach leise. „Zu Moms Geburtstag. Sie waren übers Wochenende hier.“ „Das wusste ich nicht.“ Aber es überraschte Vaughan auch nicht. Trotz ihrer Gefühle Sharon gegenüber war Kelly über ihren Schatten gesprungen, damit die Mädchen seine Familie sahen. „Sie hat ihre Karriere aufgegeben und ist in die Nähe gezogen. Das hätte sie nicht zu tun brauchen. Sie hätte eine Menge Geld verdienen können, wenn sie regelmäßig gemodelt hätte.“ „Natürlich.“ Sein Vater klopfte ihm auf die Schulter. „Er macht das mit den Lektionen, die er erteilt, echt raffiniert“, befand Ezra, als er aufstand und sich die Hände an der Jeans abklopfte. „Vaughan weiß eben, dass ein Vater seine Lektionen bei jeder Gelegenheit einfließen lassen muss. Du wirst das eines Tages auch noch erfahren.“ „Ich habe noch einen langen Weg vor mir, bis ich auch nur halb so gut darin bin wie du“, sagte Vaughan zu seinem Vater. „Ich mache das ja auch schon ein bisschen länger. Kindererziehung hat viel mit der Ehe gemeinsam. Man muss fortwährend daran arbeiten, sonst geht alles den Bach runter. Hoffentlich habt ihr mal alle Kinder, die einfacher sind als meine. Allerdings freue ich mich jetzt schon darauf, wenn einer von euch zur Schule zitiert wird, um sich mit irgendeinem Mist auseinandersetzen zu müssen, den eins eurer Kinder verzapft hat.“ Für einen kurzen Moment packte er Vaughan bei den Oberarmen. „Du kannst es schaffen, mein Junge.“ Und der Moment verstrich. Aber genau das brauchte er. Es war genug, um Vaughan anzuspornen. Ihn daran zu erinnern, was im Leben wichtig war. Er konnte es schaffen. Er würde es schaffen. 12. KAPITEL Kelly war verrückt nach Klamotten. Das war ein Teil des Modeldaseins, den sie geliebt hatte, andernfalls hätte sie die riesige Bandbreite an Design, Stoffen und Styles niemals erfahren. Mit wachsendem Erfolg in der Modelszene kamen die Klamotten allmählich mit den Gigs. Als sie schließlich aufgehört hatte, als Vollzeitmodel zu arbeiten, hatte sie ihre Liebe zur Kleidung natürlich nicht mit aufgegeben, sondern einen riesigen Kleiderschrank in ihrem Appartement in Manhattan mit Bergen von Anziehsachen und Accessoires gefüllt. Der begehbare Schrank, in dem sie in diesem Augenblick stand, war rappelvoll. Ihr Kleiderschrank war ein Ort, an den sie sich nach einem frustrierenden Tag oft zurückzog. Dann ordnete und sortierte sie Sachen neu ein, die sie lange nicht getragen hatte. In jeder Saison traf sie eine kleine Auswahl und spendete das ein oder andere Teil oder tauschte es mit Freundinnen. Einige Kleidungsstücke waren wie Kunst. Kelly ging nicht mehr auf so viele Partys wie früher, obwohl sie nach wie vor Modelkampagnen für zwei Modehäuser machte. Sie hatte ihre Zeit in New York mit den Schulkalendern der Mädchen abgeglichen und ihre Wohnung dort behalten. Es gab gutes Geld für die Modeljobs. Außerdem konnte sie auf diese Art ihren Platz in der Modewelt halten, was wiederum gut für ihre Boutiquen war. Und sie konnte nicht leugnen, dass sie stolz darauf war, was sie sich aufgebaut hatte. Glücklicherweise hatte sie die Möglichkeit gehabt, ihre Liebe zu Klamotten und Mode auf eine Art und Weise auszuleben, mit der sie sich und die Mädchen versorgen konnte. Mehr noch: Sie hatte damit begonnen, etwas zu konstruieren, das Stacey gerne „Kelly Hurley Inc.“ nannte. Schauspielern, Singen oder dergleichen, das alles lag ihr nicht besonders. Dafür gab es andere Dinge, in denen sie gut war. Dinge, die sie mit Stolz in ihren Lebenslauf schrieb. Das war mehr, als Geld nur für sein Äußeres auszugeben. Sie war eine von zwei Geschäftsführerinnen. Sie und ihre Partnerin liebten Innovationen. Und genau deshalb hatte sie sich heute eines ihrer Lieblingsoutfits angezogen und würde sich gleich auf den Weg zum Hood River machen, wo sie zu Mittag essen und mit Tuesday Eastwood über deren Schmuck sprechen wollte. Gerade hatte sie sich einen blauen Lucite-Armreif übergestreift, da klopfte es an der Tür. Vaughan stand mit einem Lächeln vor ihr. „Wow, ich bin beeindruckt. Das ist ja riesig.“ Stolz blickte sie sich in dem Raum um. „Ja. Eigentlich sollte hier noch ein Schlafzimmer mit eigenem Bad entstehen. Aber dann hab ich doch lieber einen Schrank daraus gemacht.“ Genau genommen sogar ein ganzes Ankleidezimmer – einen Ort, an dem sie sich auch schminkte und sich die Haare machte. „Bist du auf dem Weg zum Mittagessen mit Tuesday?“ Er hatte ihr die Nummer erst vor ein paar Stunden von Ezra besorgt und wusste daher, was sie vorhatte. „Ja. Aber ich bin rechtzeitig wieder da, bevor der Schulbus kommt.“ „Kein Problem, falls du es nicht schaffst. Ich bin hier. Ich werde im Büro arbeiten und alles einrichten, aber ich nehme mein Handy und das Festnetztelefon mit hoch. Ich bin also jederzeit erreichbar, falls es ein Problem gibt. Bestell ihr liebe Grüße.“ „Du möchtest wirklich, dass ich sie mag, oder?“ Er fuhr mit dem Finger über ihre Unterlippe. „Na ja, klar. Sie ist die Freundin meines Bruders. Wäre doch schön, wenn du dich mit ihr anfreundest. Und sie versteht sich gut mit Natalie, der Freundin meines anderen Bruders – noch ein Vorteil also. Ich möchte, dass du meine Familie magst.“ „Ich mag es, wie gut sie die Kinder behandeln.“ Sie strahlte, weil sie sich freute, dass sie etwas Nettes sagen konnte, das auch glaubhaft war. „Das bedeutet mir eine Menge. Und was den Rest angeht: Darüber müssen wir definitiv sprechen, aber nicht jetzt.“ Sie machte einen Schritt zurück, um den Körperkontakt zu unterbrechen. Sonst würden sie beide noch im Bett landen, und dann wäre es unmöglich, zeitnah aufzubrechen. Ohne das Thema Familie noch mal anzusprechen, drängte sie sich an Vaughan vorbei, schnappte sich ihre Tasche, schlüpfte in die Schuhe und eilte nach draußen. „Du willst, dass ich mich dir öffne, aber wenn ich es mache, hast du keine Zeit?“, rief er ihr vom Schlafzimmer aus hinterher. Sie war schon drauf und dran, ihm zuzustimmen – hielt dann aber inne. Sie legte die Stirn in Falten. Normalerweise schluckte sie den Ärger herunter, auch wenn jemand ihre Gefühle verletzt hatte. Wenn er bei ihnen war, sollten ihre Töchter sie nur stark sehen. Und sie und Vaughan sollten sie als eine Einheit erleben, bei der einer den anderen mit Respekt behandelte. Offenbar war sie jetzt selbstbewusst – und wachsam – genug, um Respekt einzufordern. Außerdem war nicht jeder Ärger zerstörerisch und hässlich. Und das war auch gut so, weil er sie so wütend machen konnte wie niemand sonst auf der Welt. Statt aber wegzulaufen, die Wut um des lieben Friedens willen runterzuschlucken oder den Konflikt zu scheuen, stellte sie sich ihren Gefühlen. Sie hatten sich versprochen, ehrlich zu sein. Und sie hielt ihr Versprechen. „Ach so, natürlich. Wenn du beschließt, dass du nun bereit bist, über ein Thema zu reden, das du acht Jahre lang gemieden hast, soll ich alles stehen und liegen lassen. Verstehe ich das richtig?“ „Wir können die Dinge nicht klären, wenn du wegläufst, wenn ich endlich darüber rede.“ „Du hast wirklich Glück, dass du mit dem Alter immer attraktiver wirst.“ Er zog die Augenbrauen hoch. „Das klingt wie eine Beleidigung.“ „Schlauer Bursche. Aber auch egozentrisch. Ich treffe mich gleich mit einer potenziellen neuen Geschäftspartnerin, und du erwartest allen Ernstes von mir, dass ich das Meeting absage? Acht Jahre lang hast du geschwiegen. Zwei Wochen in meinem Leben geben dir noch lange nicht das Recht, hier zu stehen und verletzt oder wütend oder sonst was zu sein, alles zu akzeptieren, außer dass ich sage: Ja, wir müssen reden, aber nicht in diesem Moment.“ Der Punkt ging an sie. „Bis später. Achte darauf, dass die Mädels ihre Schultaschen dabeihaben, wenn sie aussteigen“, warf sie hinterher, drehte sich um und ging nach unten. Im Flur nahm sie ihre Schlüssel vom Haken neben der Garagentür und rauschte hinaus. Sie hatte das letzte Wort gehabt, daran würde er eine Weile zu kauen haben. Normalerweise boten ihre Ausflüge nach Hood River keinen besonders großen Anlass zur Freude. Anders jedoch heute. Passend zu Kellys Vorfreude zeigte sich der Himmel strahlend blau. Das Wetter war fantastisch, sie hatte großen Hunger und würde sich gleich mit einer neuen Freundin treffen, die hoffentlich bald zu ihren neuen Geschäftskontakten zählte. Es gab keine Innenstadt, nicht mal eine kleine. Aber Tuesdays Rahmengeschäft lag in einem niedlichen, gut besuchten Einzelhandelsviertel, in dem viele Lädchen dicht nebeneinanderlagen. Als sie hineinging, stellte Kelly fest, dass das hier viel mehr war als ein Ort, wo sich die Leute Kunstwerke rahmen ließen. Dieser kleine Laden hatte den Charme einer Galerie. Tuesday stand vorne und bediente gerade einen Kunden. Und so streifte Kelly durch den Raum, blieb hier und da stehen, um sich etwas anzusehen. Als der Kunde gegangen war und die beiden Frauen alleine waren, lächelte Tuesday und begrüßte Kelly mit einer Umarmung. „Danke fürs Warten.“ „Kein Problem. Ich hab auch ein Geschäft. Ich weiß, wie das ist.“ Kelly deutete auf eine Vitrine. „Ist das von dir?“ Tuesday nickte und nahm ein paar Vorlagetabletts heraus. Wie Tuesday selbst strahlte auch ihr Schmuck eine unglaubliche Lebendigkeit aus. Gewagt, aber schön. Sie arbeitete gern mit verschiedensten Steinen und Fundstücken, und alles war kunstvoll von Hand gefertigt. Auch die Preise erschienen Kelly fair. Sie könnte den Schmuck in ihrer Boutique sogar für das Doppelte verkaufen, selbst dann wären die Stücke immer noch ein Schnäppchen. „Lass uns essen gehen und Ideen austauschen.“ Kelly hatte nicht viele enge Freunde, aber wenn sie jemanden mochte, dann so sehr, dass sie eng befreundet sein konnten oder zumindest gute Bekannte wurden. Tuesday gehörte zu diesen Seelen, die man auf Anhieb mochte. Das hatte sie sofort gemerkt, als die neue Frau an Ezras Seite in ihr Haus gekommen war. Sie aßen zu Mittag und sprachen über die Kinder und darüber, wie es ihnen ging, bis sie schließlich bei Kelly und ihren Gefühlen wegen Vaughans Einzug landeten. Kelly zögerte, weil sie so viele verschiedene Dinge fühlte. Schließlich sagte sie: „Es ist kompliziert.“ Tuesday lachte und tätschelte Kellys Hand. „Das glaube ich dir sofort. Wenn du jemanden zum Reden brauchst: Ich bin da. Wir kennen uns zwar nicht besonders gut, aber manchmal ist das genau das Richtige.“ Vielleicht hatte sie recht? „Im Moment bin ich total durcheinander. Ehrlich gesagt, ich könnte dir deine Frage gar nicht beantworten, weil ich es nicht weiß. Obwohl, nein, das ist gelogen. Ich mag Vaughan. Ich meine, als Menschen – und getrennt von der Tatsache betrachtet, dass er mein Exmann und der Vater meiner Kinder ist. Ich mochte ihn schon immer, von Anfang an. Und es hat mir nicht immer gutgetan. Ich muss mir über vieles klar werden. Zurzeit versuche ich einfach nur, herauszufinden, was ich eigentlich will.“ Sie wollte das, was zwischen ihnen in der Luft lag, wenn sie Sex hatten. Dann war es überhaupt nicht merkwürdig oder zu wenig sicher. Sie vertraute ihm. In den vier Tagen, seit sie das erste Mal wieder miteinander geschlafen hatten, waren sie jeden Abend zusammen gewesen, sobald die Mädchen schliefen. Sie war immer zurück in ihr Zimmer gegangen oder er in seins, auch wenn sie wusste, dass er sich darüber ärgerte. Seiner Meinung nach sollten die Mädchen verstehen, dass er da war, um sie alle zurückzugewinnen. Die Wahrheit war, dass es ein dummer, impulsiver Fehler gewesen war, ihn so schnell in ihr Bett zu lassen. Eigentlich hatte Kelly warten, es langsam angehen lassen wollen. Aber dann war sie schwach geworden, und wenn sie ehrlich zu sich war, bereute sie es auch nicht, weil es sich so verdammt gut anfühlte. Sie wollte nur verhindern, dass ihre Kinder dasselbe fühlen müssten wie sie damals, als ihr Vater das Interesse verloren hatte. Und obwohl sie ihm vergeben hatte und ihm glaubte, dass seine Entschuldigung aufrichtig war, konnte sie das Ganze nicht vergessen. Und es stand immer noch zwischen ihnen, ob sie beide das wollten oder nicht. Heimlicher Sex war eine Sache. Aber wenn Mom und Dad im gleichen Zimmer schliefen, bedeutete es viel mehr als „Dad bleibt für eine Weile bei uns“. Die beiden Frauen bezahlten wenig später und machten sich auf den Weg zurück zu Tuesdays Laden. Es kam Kelly so vor, als wäre ihre neue Freundin im Hinblick auf ihren Hurley genauso unsicher. Keine von beiden wollte bei diesem Thema zu sehr ins Detail gehen, aber Kelly half es schon, zu wissen, dass jemand anderes auch gerade dabei war, eine kompliziert gelagerte Romantikgeschichte zu klären. „Vaughan ist kein schlechter Mensch“, sprudelte es aus Kelly heraus, während sie begannen, den Schmuck, den Tuesday ihr zuliebe aus den verschlossenen Etuis geholt hatte, für Fotos zu arrangieren. Sie wollte die Bilder später ihrer Geschäftspartnerin schicken. „Er wollte einfach nur kein Leben mit mir und den Mädchen. Ich habe sehr lange gebraucht, um darüber hinwegzukommen.“ Als Kelly aufblickte, sah sie in verständnisvolle Augen. Tuesday atmete kräftig aus und begann, davon zu erzählen, wie sie ihren früheren Ehemann, der vor fünf Jahren gestorben war, kennen- und lieben gelernt hatte. Sie lehnte sich gegen den Ladentisch. „Bei uns ging alles ganz schnell. Wir haben uns super verstanden. Er hatte damals Dreadlocks. Wir waren neunzehn.“ Sie lachte. „Ein Jahr später beschlossen wir, alle zusammen in ein großes Haus zu ziehen. Natalie und ich. Und unsere Mitbewohner. Und Eric. Wir gingen zusammen zur Schule, einige von uns waren Arbeitskollegen, wir lebten im gleichen Haus – wir waren eine Familie. Als wir kurz vor dem Abschluss standen, machte Eric mir einen Heiratsantrag. Oder besser gesagt, er und ich redeten über das Leben und die Zukunft und beschlossen zu heiraten. Wir hatten so viele Pläne. Es war eine wirklich tolle Zeit in meinem Leben. Ich erzähle dir das alles, damit du das, was ich als Nächstes sagen werde, etwas besser verstehen kannst.“ Kelly unterbrach das Fotografieren und legte ihr Smartphone auf die Vitrine. Sie spürte die Hitze, die wie eine Welle auf ihr Hals und Gesicht schwappte. Tuesday wusste von Vaughans Untreue. Kelly war sich nicht sicher, wer es ihr erzählt hatte, aber es war recht einfach zu erraten, wohin die Geschichte führen würde. „Ich fand einen Brief. Keinen Liebesbrief“, fügte Tuesday schnell hinzu, „sondern eine Diskussion über die Sache, die er und sie wohl miteinander laufen hatten, während sie in Mittelamerika studierten. Nach dem Motto: Hey, ich hab’s kapiert. Ich habe ihr nie etwas erzählt. Ich weiß, dass du sie liebst, und ich hoffe, ihr werdet glücklich.“ Kelly fühlte so sehr mit ihrer neuen Freundin mit, dass ihr ganz elend wurde. „Ich war gerade dabei, unsere Hochzeit zu planen und meinen Umzug von meiner Heimatstadt nach Seattle zu organisieren, wo Eric einen Job hatte. Irgendwelche Sachen verpacken. Ich konfrontierte ihn mit dem Brief, als er zur Tür hereinkam. Er gab es sofort zu, bat mich um Vergebung. Er sagte, dass er mich liebt und mit mir zusammen sein will. Dass er mich seit seiner Rückkehr von diesem Programm, an dem er vor über zwei Jahren teilgenommen hatte, jeden Tag ganz bewusst ausgesucht hat. Ich ging nach Hause, weil man das in so einer Situation nun mal macht. Meine Mutter war wunderbar. Sie sagte, Liebe könne der Anfang einer Ehe sein, aber es sei die Bindung, die sie zusammenhalte. Glaubte ich, Eric würde es noch mal tun, oder glaubte ich, dass ich, wenn ich ihm vergab, ein wundervolles Leben mit einem Mann führen könnte, der zwar nicht perfekt war, mich aber liebte? Verstehst du, was ich sagen will, Kelly? Viele Leute sagen: ‚Wenn er oder sie mich jemals betrügt, werde ich mich für immer trennen.‘ Und vielleicht ist das unter einigen Umständen auch richtig. Du hast es ja auch getan. Aber wie lange ist das jetzt her?“ Kelly konnte nicht leugnen, dass sie nicht nur Angst davor hatte, wieder verlassen zu werden, sondern auch davor, dass die Leute sie für einen dummen Fußabtreter hielten. Sie hatte Vaughan damals nicht unbedingt wegen dieses einen Zwischenfalls verlassen, sondern weil dieser eben mehr gewesen war, als sie aushalten konnte. Und seine Reaktion hatte sie in ihrer Entscheidung nur noch bestärkt. „Acht Jahre. Vor acht Jahren habe ich die Scheidung eingereicht.“ „Du bist inzwischen ein anderer Mensch. Und er ist das vielleicht auch.“ Tuesday zuckte mit den Schultern. „Vielleicht auch nicht. Aber wenn du es willst, solltest du darüber nachdenken. Scheiß darauf, was die anderen dazu sagen.“ Kelly hatte in ihrem Leben schon viel mitgemacht, aber sie konnte noch nicht abschätzen, ob sie schon dazu in der Lage war, auf die Meinung anderer zu pfeifen. „Warst du damals glücklich? Dass du ihm noch eine Chance gegeben hast?“ Tuesday nickte. „Ja. Ich habe es niemals bereut.“ Sie war ein Risiko eingegangen, indem sie sich mit dieser Geschichte jetzt so geöffnet hatte. Aber genau das hatte Kelly hören müssen. „Ich danke dir, wirklich. Das habe ich jetzt gebraucht. Kann ich noch etwas anderes loswerden – etwas, das nichts mit Männern oder Heiraten zu tun hat?“ Tuesday wirkte neugierig. „Klar.“ „Ich wusste nicht genau, was ich erwarten sollte, als du sagtest, dir würde ein Geschäft für maßangefertigte Rahmen gehören. Aber, Tuesday, das hier ist der absolute Wahnsinn. Das ist eine Galerie. Und so solltest du es auch nennen.“ Durch die Adern dieser Frau floss die Kunst, so viel stand fest. „Schätze, du bist nicht die Einzige, die heute etwas Bestimmtes hören musste. Danke.“ Die beiden umarmten sich herzlich, und Kelly verließ das Geschäft wenige Minuten später mit einem wunderbaren neuen Schmuckstück. Sie war unglaublich froh, heute hergekommen zu sein. 13. KAPITEL Morgen Abend findet in der Grundschule das Fest zum Schuljahresende statt. Bist du dafür bereit?“, wollte Kelly von Vaughan wissen. „Okay. Ja.“ Er lächelte. „Ja. Wie läuft das Ganze denn ab? Was machen wir da?“ „Es gibt Kinderspiele und verschiedenes Zeug, für das man sein Geld rauswerfen kann. Die Lehrer lassen sich Torten ins Gesicht werfen oder bei einem Wurfspiel in einem Wasserbottich versenken. So was halt.“ „Aha. Eine Art Jahrmarkt also. Bei uns gab es das früher in der Schule auch. Bei euch nicht?“ „Nein. Aber ich bin zu anderen Festen gegangen. Und als ich fürs Arbeiten herumgereist bin, war ich in Vergnügungsparks, auf Karussells und Riesenrädern.“ Er stand neben ihr vor der Arbeitsfläche und sah hinaus in den Garten, wo die Mädchen spielten. Ein Abend vor zehn Jahren kam ihm in den Sinn, als sie mit dem London Eye gefahren waren, einem über hundert Meter hohen Riesenrad. „Erinnerst du dich noch an London?“ Ihr Lachen verriet ihm, dass sie sich genau erinnerte. „Wie könnte ich das vergessen. Ich war hochschwanger mit Maddie. Das war meine letzte Reise vor ihrer Geburt.“ An jenem Abend waren sie in der Glasgondel alleine gewesen. Er hatte sich hinter sie gesetzt und die Hände auf ihren Bauch gelegt, während seine Tochter getreten und sich bewegt hatte. Damals hatte er ihre gesamte Zukunft vor sich gesehen und noch keine Angst davor gehabt. Das Elternsein war einfach, solange sich das Baby noch im Bauch der Mutter befand. Mehrere lange Sekunden hing das Schweigen zwischen ihnen. Nicht unangenehm, aber schwer. Wichtig. Sie trocknete sich die Hände ab und räusperte sich. „Wie dem auch sei. Ich hab dir eine Eintrittskarte gekauft, Cookie und Trinkpäckchen inklusive. Nimm alle Ein-Dollar-Scheine mit, die du hast. Für die ganzen Spiele dort, nicht weil es so toll ist, mit Scheinen zu wedeln.“ Er trat näher, legte ihr eine Hand auf die Wange. „Ich habe es vermisst, von dir gefoppt zu werden.“ Er küsste sie schnell, ohne nachzudenken. Erst dann fiel ihm ein, dass sie direkt vor dem Fenster standen. Ein Teil von ihm hoffte, dass die Mädchen es gesehen haben mochten. Als er innehielt, sahen sie einander einfach nur an. Gott sei Dank erstarrte Kelly nicht oder stieß ihn weg, doch dann piepste der Timer vom Ofen, und sie ging hinüber, um ihn auszustellen und das Abendessen herauszuholen. „Die Mädchen sollen reinkommen und abwaschen“, sagte sie, als sie sich ihm wieder zuwandte. „Was meinst du, wie machen wir uns?“ Eigentlich hatte er warten wollen, bis sie das Thema von sich aus ansprach, aber er konnte nicht anders. „Tut mir leid. Ich will dir keinen Druck machen, aber ich würde vor den Mädchen gerne offener mit unserer Situation umgehen. Und vor allen anderen auch. Ich will mit dir ausgehen. Ich will deine Hand halten, wenn wir unterwegs sind.“ Er war nun seit drei Wochen hier, und mit jeder Sekunde fiel es ihm schwerer, Kelly nicht zu berühren, wann immer ihm danach war – und das war ziemlich oft –, oder sie zu küssen, ihre Hand zu halten, was auch immer. Sie setzte zu einer Antwort an, doch in dem Moment stürmte Maddie herein. Statt ihrer Tochter zu sagen, was zu tun war, drehte Kelly sich um und kümmerte sich ums Essen. Sie überließ ihm die Sache. „Maddie, wasch bitte ab und hol deine Schwester auch rein.“ Die Kleine drehte sich um und rief ihre Schwester, so laut, dass er unwillkürlich zusammenzuckte. „Madeline!“ Kelly sprach nicht laut, aber in einem Mama-Befehlston. „Darüber haben wir doch schon gesprochen. Daddy hat dich gebeten, sie zu holen, und du weißt, was er damit meinte.“ Sie zog die Mundwinkel nach unten. „’tschuldigung.“ „Schon gut. Deine Onkel und ich machen das heute noch genauso.“ Vaughan zwinkerte, als Kensey angerannt kam. „Du brauchst nicht so zu brüllen“, fuhr sie die große Schwester an. Das Abendessen verlief deutlich harmonischer, doch als sie gemeinsam abräumten, stießen sie auf ein anderes heikles Thema. „Muss ich irgendwas unterschreiben?“, wandte Kelly sich an Maddie. „Mir fehlen nur noch ein paar Matheaufgaben. Die mache ich morgen früh im Bus.“ „Nein, das wirst du nicht. Du wirst jetzt deine Hausaufgaben nach unten holen und sie hier am Tisch erledigen. Dann sehe ich mir alles an und unterschreibe.“ „Es sind nur zwei Aufgaben. Die sind voll einfach. Ich muss doch auch noch duschen.“ „Nichts von dem, was du gesagt hast, ist eine Antwort auf das, was ich von dir verlangt habe.“ „Daddy meinte, es ist okay.“ Vaughan gab erstaunt zurück: „Ach, habe ich das?“ „Heute. Ich hab dir meine Hausaufgaben gezeigt und gesagt, dass noch ein paar fehlen und ich sie morgen mache, und du hast gesagt, das wär in Ordnung.“ „Denkst du wirklich, dass ich das jemals als Ausrede durchgehen lasse?“ Kelly schüttelte den Kopf. „Sollen wir nicht auf unsere Eltern hören? Er ist doch ein Teil meiner Eltern.“ Vaughan wusste, dass seine Kinder einen starken Willen hatten. Bei ihm benahmen sie sich auch nicht immer wie Engel. Aber diese alltäglichen Diskussionen trafen ihn unvorbereitet. Kel schien damit viel leichter umgehen zu können als er. Kelly seufzte. „Ich bin wirklich enttäuscht von dir, Madeline. Er kannte die Regeln nicht, und das hast du ausgenutzt, um die Antwort zu bekommen, die du hören wolltest. Und jetzt hol deine Hausaufgaben und bring sie augenblicklich nach unten. Ich frage mich ernsthaft, ob es eine gute Idee ist, dich auf das Schulfest gehen zu lassen, wenn du so eine Haltung an den Tag legst.“ Maddie brach in Tränen aus und schlang die Arme um Vaughan, während sie eine Entschuldigung murmelte. Er tätschelte ihre Schulter und kam sich wie ein Ungeheuer vor. „Schon gut, Schätzchen. Ich hab es ja wirklich so gesagt.“ Kellys Haltung versteifte sich. Sie sah ihn aus leicht zusammengekniffenen Augen an, und er wusste sofort, dass er in Schwierigkeiten steckte. „Trotzdem musst du jetzt auf deine Mutter hören.“ Er gab Maddie einen Kuss, bevor sie schmollend das Zimmer verließ. „Ich wusste nicht, dass sie das nicht darf.“ Kelly sah ihn säuerlich an. „Das ist die falsche Entschuldigung. Sie wusste ganz genau, dass du die Regeln nicht kennst. Deshalb hat sie ja auch nicht mich gefragt, sondern dich. Und dann weise ich sie zurecht und sage ihr, dass ich enttäuscht von ihr bin. Und du sagst nur: ‚Hey, ist doch keine große Sache, dass du mich manipuliert hast.‘“ „Ich wollte sie nicht ins offene Messer rennen lassen. Wir brauchen doch nicht so barsch zu sein.“ „Ach nein? Nach knapp drei Wochen als Vollzeitvater bist du Experte genug, um mir zu sagen, dass ich all die Jahre, in denen ich den Kindern geholfen habe, bessere Menschen zu sein, zu barsch war?“ „Das ist unfair. Ich geb mir doch Mühe.“ „Ich habe dir ja auch eben einen Orden verliehen. Er ist unsichtbar, aber er ist wirklich da. Versprochen. Aber jetzt schieb mal deine verletzten Gefühle beiseite. Ich versuche wirklich, ihnen beizubringen, wie sich ihr Verhalten auf andere auswirkt. Es geht dabei ums große Ganze, Vaughan. Sie ist in der fünften Klasse – natürlich will sie ihre Hausaufgaben nicht machen. Aber sie hat deine Unwissenheit benutzt, um ungestraft eine Regel zu brechen. Es geht nicht um die Hausaufgaben, sondern darum, dass sie empathiefähig sein muss. Das ist nicht barsch, sondern unser Job als Eltern. Irgendwann sind die kleinen Biester erwachsen. Und sie sollen Erwachsene sein, die zu ihren Worten und Taten stehen können.“ Im Gegensatz zu dir. Das sagte sie zwar nicht laut, aber es schwang in ihren Worten mit. Und sie hatte recht. „Tut mir leid. Ich hab nicht nachgedacht.“ „Es braucht dir nicht leidzutun.“ Kelly schüttelte den Kopf. „Wir reden später unter vier Augen darüber.“ Er hätte es am liebsten sofort geklärt, aber er wusste, dass ihre Töchter spitze Ohren machten. Sie würden später am Abend darauf zurückkommen. Wenig später war es Zeit, die Mädchen ins Bett zu bringen. Zehn Minuten später hatte Kelly gerade Kenseys Videospiel und die Kopfhörer, die ihre Tochter eben heimlich noch einmal hervorgekramt hatte, in die Time-out-Schublade gelegt, als ihr etwas Wichtiges klar wurde. Vaughan wohnte seit drei Wochen in ihrem Haus. Bis vor Kurzem hatten die Mädchen ihn wie einen Gast behandelt, aber während der letzten Tage waren sie zu ihrem normalen Verhalten zurückgekehrt. Sie gewöhnten sich an seine Anwesenheit. Sie hatten ihre Vorzeigemanieren eingestellt und gaben ihrem Vater einen Vorgeschmack darauf, wie man sich als Alltagspapa fühlte. Sie ging zu seinem Zimmer hinüber und klopfte. Er öffnete, in der Hand seine Gitarre. Dann grinste er sie an, und so unmöglich es auch war – am liebsten hätte sie ihn gleichzeitig geküsst und ihm in die Weichteile getreten. „Vergiss es, Sportsfreund. Davon sind wir noch meilenweit entfernt. Kensey steht immer wieder auf, eben wollte sie noch dieses neue Videoding spielen. Ich gehe jetzt duschen, und deshalb musst du sie ins Bett verfrachten, wenn sie das nächste Mal aufsteht.“ „Ach so. Okay. Klar.“ Sie drehte sich um und wollte ihn schon seinem Schicksal überlassen, kam dann aber doch zurück. „Darf ich dir zu dieser Sache mit Kensey einen Tipp geben?“ Vaughan neigte den Kopf. „Welcher Sache?“ Er war so wunderbar ahnungslos. „Sie will nicht schlafen. Sie will reden und spielen. Lass dich von ihr nicht veräppeln. Bleib standhaft. Bring sie so lange zurück ins Bett, bis sie liegen bleibt.“ „Hat sie vielleicht schlecht geträumt?“ Er beugte sich weit zu ihr herüber. „Glaubst du, sie spürt, dass zwischen uns was läuft? – Siehst du? Wir sollten es ihnen sagen.“ „Zwei verschiedene Themen. Du und ich werden später darüber sprechen, ob wir die Mädchen einweihen. Und was Kenseys Aufstehtick angeht: Sie ist neun. Da ist das normal. So ähnlich wie Maddies Wutanfall vorhin.“ Er sah so traurig aus, dass er ihr leidtat und sie ihm mit den Fingern durch die Haare fuhr. „Sieh es positiv. Bisher haben sie sich auch seltsam benommen. Ich nenne das ‚Vorzeigemanieren‘.“ Sie tat gleichgültig. „Jetzt werden sie in deiner Gegenwart ungezogen. Das ist auch normal. Sie vertrauen dir genug, um sie selbst zu sein – und eben auch ungezogen.“ „Aha.“ Sie hatte das Gefühl, er hatte auf etwas Negatives gewartet, aber sein Lächeln machte sie glücklich. Er küsste sie kurz. „Vielen Dank für deinen Rat.“ „Gern geschehen. Und jetzt gehe ich duschen, und du kümmerst dich um Kensey. Höchstens zehn Minuten, dann ist sie wieder auf. Bleib stark.“ Sie wandte sich zum Gehen. „Wann kann ich zu dir kommen?“ Mit einem Schritt stand er so dicht vor ihr, dass seine warme Haut sie ganz benommen machte. „Wenn du eine halbe Stunde nach ihrer letzten Aktion nichts mehr von ihr hörst, weißt du, dass sie schläft.“ Als sie in ihrem Schlafzimmer ankam, hörte sie, wie Kensey aufstand. „Was ist los, Süße?“, fragte Vaughan, und Kelly überließ ihre gemeinsame Tochter seiner Obhut. Die besten Gedanken kamen ihr immer unter der Dusche, so auch an diesem Abend. Kelly wusste, dass er sich bemühte. Und auch, dass er sich vorhin, bei der Sache mit Maddie, nicht die gleichen Gedanken gemacht hatte wie sie. Sie musste nachsichtig mit ihm sein. Er bemühte sich, und genau das hatte er ihr versprochen. Es war auch nicht sein Verhalten, das sie wütend gemacht hatte. Das war nur der Auslöser gewesen, der ihr vor Augen geführt hatte, dass sie selbst eher wie ein Produkt denn wie eine Person großgezogen worden war. Man konnte das, was man aus gutem Grund tat, und das, was man wegen der eigenen Defizite tat, nicht einfach so entwirren. Nicht wenn es darum ging, die eigenen Kinder zu verantwortungsbewussten Erwachsenen zu erziehen. Der Gedanke, dass ihre Töchter sich zu Teenagern ohne moralische Mitte entwickeln könnten, beunruhigte sie. Wer keine Moral hatte, lief nicht nur Gefahr, schlechte Entscheidungen zu treffen – was jedem mal passierte –, sondern auch solche, die das Leben auf Jahre vermasselte. O Gott. Es war nicht zu übersehen, woher ihre Gedanken kamen. Sie war nicht viel älter als Maddie gewesen, als man sie erbarmungslos in eine sehr erwachsene Welt geworfen hatte. Dass ihr die Horrorgeschichten, die man von so vielen jungen Menschen aus der Modeindustrie hörte, erspart geblieben waren, hatte sie nur dem Glück und der Tatsache zu verdanken, dass andere Erwachsene in jener Welt sie beschützt hatten, anstatt ihr zu schaden. Sie trat aus der Dusche und putzte sich die Zähne. Während sie sich eincremte und in ihren Pyjama schlüpfte, dachte sie daran, wie Vaughan ihr an diesem Abend zugehört hatte. Vorher hatte er sie nie so aufmerksam angesehen, wenn es nicht gerade um Sex oder irgendetwas Lustiges ging. Er war zu sehr darauf konzentriert gewesen, sich keine Sorgen zu machen, als dass er über schwierige Themen hätte sprechen wollen. Noch eine Veränderung, die sie zwischen dem Mann von früher und von heute feststellte. Es war also doch nicht egal, dass er sich verändert hatte. „Ich ertappe mich dabei, dass ich in den Kategorien ‚früher‘ und ‚heute‘ über dich nachdenke“, verkündete sie Vaughan, als sie ihn eine halbe Stunde später in ihr Zimmer ließ. Er wollte etwas erwidern, sah sie dann aber nur wachsam an. Als er merkte, dass sie nicht wütend war, veränderte sich sein Blick. Jetzt guckte er sexy. Einer ihrer Lieblingsblicke. Aber auch einer, bei dem sie dazu neigte, alles zu vergessen – inklusive der Dinge, über die sie beide unbedingt sprechen mussten. Dennoch hielt sie ihn nicht davon ab, sie in seine starken Arme zu ziehen und zu küssen. Die vertraute Verbindung zwischen ihnen knisterte und brodelte. Nur für einen kurzen Moment spürte sie seine Zungenspitze in ihrem Mund, bevor er leicht an ihrer Unterlippe saugte und dann den Kuss beendete. „Also dann. Erzähl mir von diesem Früher-und-heute-Ding.“ Sie ließen sich auf ihr Bett fallen, verschränkten die Beine und sahen einander an. Vor Tagen waren sie von den Sesseln ins Bett umgezogen und dachten keine Sekunde daran, es wieder rückgängig zu machen. „Als ich unter der Dusche stand, habe ich an dich gedacht.“ „Ja? Hast du dabei masturbiert? Und falls nicht – es würde mir sehr gefallen, wenn du das bei der nächsten Gelegenheit nachholst. Vielleicht so in fünf Minuten.“ Kelly lachte auf. „Hör auf! Ich habe an heute Abend gedacht, an die Situation mit Maddie und daran, dass ich deine volle Aufmerksamkeit hatte, als ich dir erklärt habe, warum ich anderer Meinung bin als du. Du hast mir richtig zugehört. Du hast über meine Worte nachgedacht, und ich habe mich respektiert gefühlt.“ Das hatte ihr viel bedeutet, weil Ross ihr manchmal das Gefühl gegeben hatte, sie ginge mit den Mädchen zu locker um. Sein neckendes Grinsen verwandelte sich in ein zärtliches. „Ich respektiere dich ja auch.“ „Früher war ich mir da nicht so sicher.“ Er befreite sich aus ihrer Verknotung, schoss von der Matratze hoch und begann, auf und ab zu gehen. „Das ist unfair.“ „Tut mir leid.“ Sie schüttelte den Kopf, um sich davon abzuhalten, sich dafür zu entschuldigen, offen und ehrlich mit ihm zu reden. „Nein, nein, es tut mir nicht leid, dass ich es gesagt oder gedacht habe. Das ist die ganze Früher-und-heute-Unterscheidung, die ich angestellt habe. Oder versucht habe anzustellen.“ Mit einem schweren Seufzer legte er sich wieder neben sie. „Du und ich hatten schon immer diese intensive körperliche und sexuelle Anziehung und Verbindung“, fuhr sie fort. „Aber früher hättest du in einer Situation wie vorhin nicht gemerkt, dass ich mich ärgere. Du hättest nicht nach dem Grund gefragt. Ich hätte dir vermutlich ohnehin nicht widersprochen. Es ist die Frage nach der Henne und dem Ei, aber das ist wieder eine ganz andere Sache …“ „Aber es ist nicht etwas völlig anderes. Das hängt doch zusammen, meinst du nicht?“ „Ich meine, dass dieses ganze Gespräch niemals stattgefunden hätte, als wir noch verheiratet waren. Weil wir zwar fantastischen Sex hatten, aber nicht auf Augenhöhe miteinander reden konnten. Ich habe dich damals nie zu einem Gespräch gedrängt, und du hast nie ernsthafte Anstalten gemacht, eins zu suchen …“ „Ich habe dich aber immer respektiert.“ „Wenn du mal für ungefähr fünf Sekunden aufhören könntest, mir ins Wort zu fallen, könnte ich auch das verdammte Kompliment loswerden, das ich dir schon seit zehn Minuten machen will“, sagte sie und kam sich dabei nicht besonders schmeichelhaft vor. Er hielt den Mund. „Du bist in dieses Haus gekommen und meintest, du hättest dich verändert und willst mich und die Mädchen zurückhaben. Der heutige Abend hat mir gezeigt, wie sehr du dich verändert hast. Und wie sehr ich mich ebenfalls verändert habe. Du hast mich gefragt, wie wir uns machen, und ich glaube, ich kann sagen: ziemlich gut. Auch wenn du ganz schön streitlustig bist.“ Er beugte sich zu ihr, um sie zu küssen, und lehnte sich dann wieder zurück. „Ich hatte viel damit zu kämpfen, erwachsen zu werden. Ich gebe mir Mühe. Danke, dass du das bemerkt hast. Wie funktioniert diese Früher-und-heute-Sache eigentlich genau? Wägst du das Schlechte gegen das Gute ab?“ „Ja, vielleicht, irgendwie so. Ich bringe dich mal auf den neuesten Stand. Also, als ich letztens nach Hood River gefahren bin, um mich mit Tuesday zu treffen, haben wir uns unterhalten. Über dich und Ezra, aber eher ganz allgemein.“ Kelly wollte nichts übermäßig Persönliches von Tuesday erzählen, aber das, was man sich nebenher erzählte, war ja auch von Belang. „Die Sache mit dem Verzeihen beschäftigt mich nicht weiter. Ich verzeihe dir. Wir hatten eine Beziehung, und die ist zerbrochen. Du warst noch nicht so weit.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du aber auch nicht! Du bist doch diejenige, die die Scheidung eingereicht hat. Ich habe gewiss Fehler gemacht, aber du kannst nicht so tun, als wärest du kein bisschen schuld an allem“, erwiderte Vaughan leise. „Du kannst mich mal, Vaughan Hurley. Wenn du denkst, ich würde so tun, als ob ich keine Makel hätte, kennst du mich kein Stück. Hör auf, deine Misserfolge auf mich zu projizieren.“ Kelly atmete tief durch. „In dem Augenblick, als man mir Maddie auf die Brust gelegt hat, war ich bereit. Davor? Himmel, nein. Ich hatte keine Ahnung. Aber als sie da war, hat sich in mir etwas Wesentliches verändert. Ich wollte das. Ich wollte Babys und eine Familie. Ich wollte, dass meine Kinder es besser haben als ich. Und deshalb habe ich so manches falsch gemacht. Aber ich war vollkommen bereit, eine Familie mit dir zu haben. Nur haben wir dir nicht gereicht.“ Sie hatte gedacht, diesen Schmerz längst überwunden zu haben. „Ich denke ja gar nicht, dass unsere Trennung nur deine Schuld war. Andererseits – fuck off, wenn du meinst, du würdest nicht neunzig Prozent daran tragen. Ich werde deine Fehler nicht zu meinen machen, aber wenn du findest, das sei nötig, damit du einen Platz in unserer Familie einnehmen kannst, kannst du deine Sachen packen, sobald Maddie wieder richtig fit ist.“ Er zuckte zusammen, sagte jedoch nichts. „Zurückblickend betrachtet war mein größter Fehler, die Augen vor der Tatsache zu verschließen, dass du noch nicht bereit warst. Nach einer deiner Tourneen haben wir so begeistert über Babys gesprochen, dass ich mir eingebildet habe, du würdest zur Ruhe kommen, sobald wir zwei Kinder und ein Zuhause hätten. Ich wurde schwanger mit Kensey, aber tief in meinem Herzen wusste ich, dass du nicht dasselbe wolltest wie ich.“ „Ich bereue die Geburt unserer Töchter nicht.“ „Das weiß ich. Wie könntest du auch? Sie sind perfekt, und sie kommen aus uns. Aber du warst nicht bereit, ein Ehemann und Vollzeitvater zu sein. Und ich war eine dieser Frauen, die noch ein Baby bekommen, um ihre Ehe zu retten, was letztlich genau zum Gegenteil führte. Weil nichts anstrengender ist als ein Neugeborenes und ein Kleinkind zusammen.“ Sie lachte, weil die ersten Jahre ihr wie ein Fiebertraum vorgekommen waren. „Aber weißt du was? Ich habe es geschafft. Ich hatte eine beschissene Kindheit, und ich bin fest entschlossen, nichts davon an unsere Mädchen heranzulassen. Ich habe meinen Abschluss geschafft und meine Boutiquen aufgemacht, ich kann mich und meine Kinder versorgen. Auch in Zukunft. Früher hatte ich kein Rückgrat. Und du warst egoistisch. Heute hat keiner von uns mehr diese Eigenschaften.“ Kelly machte eine Pause und rang nach Atem, als hätte sie nach einer längeren Zeit soeben die Wasseroberfläche durchbrochen. Das Herz donnerte in ihrer Brust, als ihr die Kraft dessen bewusst wurde, was sie gerade herausgelassen hatte. Sie vertraute dem Mann, der hier neben ihr lag, genügend, um all das zu sagen. Um wütend auf ihn sein zu können, ohne dass er wegging oder die Wahrheit leugnete. Sie hatte es verdient, dass er seine Fehler zugab, damit sie zu zweit weitermachen konnten. Das war einer dieser Hopp-oder-topp-Momente; und ganz gleich, was geschehen würde, allein das Wissen darum, die Art und Weise, wie sie ihre Schuldhaftigkeit verstand und, noch wichtiger: wie weit sie gekommen war, schien ein schweres Gewicht von ihren Schultern genommen zu haben – und ließ sie gleichzeitig innerlich schwanken. Und dann brach sie in Tränen aus. Vaughan war zutiefst erschrocken, sie weinen zu sehen. Mehrere Momente war er reglos. Zwar hatte er das bei Kelly schon erlebt, aber niemals so. „Ich weiß nicht, was ich machen soll“, gestand er, und ihre weinerlichen Worte waren schon bald nicht mehr zu verstehen, weil sie gleichzeitig zu lachen anfing. Sie packte den Saum seines Shirts und wischte sich damit übers Gesicht. Kurz darauf brach er ebenfalls in Lachen aus und zog sie in seine Arme. „Du hast mein Shirt verrotzt!“ Er küsste sie auf die Schläfe. „Gar nicht. Aber ich werde es tun, wenn ich mal so richtig rotzig bin.“ „Bist du sauer auf mich? Oder traurig oder …? Das ist einer dieser Früher-und-heute-Momente. Mein Gott, werden wir diesen Ausdruck noch häufiger benutzen? Das ist nämlich seltsam.“ „Gab’s in diesem Monolog irgendeine Pointe?“, fragte Kelly, deren trockener Humor allmählich zurückkehrte. „Jetzt bist du gerade ziemlich rotzig. Nicht in der Nase, sondern in deinem Verhalten.“ „Ach was.“ Sie grinste. „Du kannst einfach nur nicht mit einer Kelly umgehen, die sich nicht jedes Mal entschuldigt, wenn sich irgendjemand über irgendetwas ärgert.“ Er zog sich ein Stück von ihr zurück. „Ich will dir ins Gesicht sehen, wenn ich das gleich sage. Außerdem kriege ich einen Ständer, wenn du dich so an mich presst. Das wäre unanständig.“ „Das will ich natürlich nicht.“ „Vielleicht ist da was Wahres dran, dass ich aus dem Gleichgewicht gerate, wenn du ausholst. Die Kelly, die ich geheiratet habe, hat sich öfter entschuldigt. Hat die Wogen zwischen uns viel mehr geglättet als ich. Die Frau, die du heute bist, tut das nicht. Du hast noch nie geweint, um jemanden zu manipulieren. Deshalb haben mich deine Tränen gerade mächtig erschreckt. Auch wenn ich dich natürlich schon mal weinen gesehen habe.“ „Bühnenmenschen“, sagte sie und verdrehte dabei die Augen. Ein Insider. Kellys Mutter brachte dieses Wort immer mit so viel Neid und Wut hervor, wenn ihr ihre Tochter in irgendeiner Weise übermäßig emotional vorkam. „Ich hasse deine Mutter immer noch.“ Kelly zuckte mit den Schultern. „Irgendwo liegt bestimmt ein nationales Register aus, in das du dich eintragen kannst. Als mir die Tränen kamen, war das einer dieser Momente, in denen man völlig kontroverse Gefühle hegt und einige davon sogar miteinander ringen. Man fühlt alles so intensiv und heftig, dass man Panik bekommt und in Tränen ausbricht. Einfach so.“ Er nickte. Am ersten Abend der Tournee, von der er erst vor Kurzem zurückgekehrt war, hatte er nach dem Auftritt einen Weinkrampf bekommen, der ihm die Eingeweide zusammengezogen hatte. Es war einfach so über ihn hereingebrochen, als er unter der Dusche stand. Die Freunde darüber, auf Tour zu sein, einen Haufen Fans zu haben und mit dem Album Erfolge zu verzeichnen, die ihre Erwartungen als Band weit übertrafen. Und dann der Gedanke daran, dass er Kelly nun endgültig verlieren würde. „Ich verstehe dich gut.“ „Um den Kreis zu schließen: Ich führe keine Checkliste. Ich weiß nicht, wann ich mir keine Gedanken mehr wegen etwas machen werde, was vor Urzeiten passiert ist. Ich weiß nur, dass ich mir heute deutlich weniger Gedanken darüber mache als gestern.“ Er grinste. „Können wir es ihnen also sagen?“ „Du bist wie ein Kind an Weihnachten, Vaughan.“ Lachend rollte er mit ihr auf der Matratze herum und landete schließlich obenauf. „Ich will dich jeden Tag von Neuem auspacken.“ Seinetwegen sollten alle wissen, dass sie zusammen waren. Das war der nächste Schritt in diesem Prozess, und er sehnte sich danach. Aber noch mehr sehnte er sich danach, dass sie ihm vertraute und ihn endlich für immer zurücknahm. „Du wickelst mich um den kleinen Finger.“ Ja, er wusste, dass sie hilflos war, wenn er solch einen Charme an den Tag legte. Aber es war ernst gemeint. Er küsste sie und biss ihr dabei neckisch in die Unterlippe. „Stimmt. Funktioniert es?“ Sie musste lachen. „Worauf habe ich mich da bloß eingelassen?“ „Zu spät. Du hast mir schon deine Möpse gezeigt, und jetzt wirst du mich nicht mehr los.“ Er wurde ernst. „Ich liebe dich, Kel. Es tut mir leid, dass ich dir wehgetan und alles vermasselt habe, aber ich bin bei dir, und genau da will ich sein. Genau hier gehöre ich hin.“ Sie atmete aus. „In Ordnung. Aber wir müssen es nicht an die große Glocke hängen. Lass uns einfach langsam weitermachen. Dann sehen sie es, wenn sie so weit sind.“ „Heißt das, ich kann hier bei dir schlafen, damit ich mich beim Aufwachen sofort auf dich stürzen kann?“ „Ich stehe um fünf Uhr auf, um eine Runde Sport zu machen. Wenn du mich vorher weckst, bringe ich dich um.“ „Uuuh. Ja, die neue Kelly macht mich noch heißer als die alte Kelly.“ Er knabberte an ihrem Ohrläppchen, bis sie ihn umschlang und ihm durch die Haare wuschelte. „Kann ich’s meiner Familie auch sagen?“ „Du gibst wohl nie Ruhe?“ Spielerisch gab sie ihm einen Klaps auf den Hintern. „Autsch! Gib ihnen eine Chance.“ „Dasselbe könnte ich auch zu denen sagen.“ Noch etwas, worum er sich kümmern musste. Auf keinen Fall wollte er, dass seine Frau – und das war sein Ziel: sie voll und ganz zurückzubekommen – von den Hurleys ausgeschlossen wurde. Doch bevor er seine Gedanken zum Ausdruck bringen konnte, hinterließ sie eine Spur heißer Küsse an seinem Hals, während sie gleichzeitig ihre Hüften gegen seine presste und sich an seinem harten Schwanz rieb, bis er zu stöhnen begann. „Glaub ja nicht, dass mir nicht bewusst ist, dass du deinen Körper einsetzt, um das Thema zu wechseln“, flüsterte er. Dann knabberte er an ihrem Ohrläppchen und hielt ihre Arme fest, damit sie sich nicht wehren konnte. Ihr Keuchen und die Hitze, die sie ausstrahlte, verrieten ihm, dass Kelly es genauso geil fand wie er. „Funktioniert es?“ Sie wählte absichtlich die gleichen Worte wie er nur wenige Minuten zuvor. Mit einer Hand zog er sich das Shirt aus. „Oh, das tut es immer. Aber auf das Thema Hurley kommen wir später zurück.“ „Zur Strafe dafür, dass ich beim Sex über deine Familie sprechen muss, musst du’s mir einmal mehr besorgen.“ Im Vergleich zu früher war der Sex mit Kelly um eine Dimension reicher geworden. Eine humorvolle, die ihm gefiel. Sie brachte Emotionen mit sich, die ihnen auch früher schon gutgetan hätten, ohne dass sie beide sich dessen bewusst waren. „Darüber würde ich nirgendwo und niemals mit dir diskutieren.“ Er küsste sie hart, und Kelly fuhr mit den Händen über seine nackte Haut. Als er spürte, wie sich ihre Fingernägel leicht in seinen Rücken krallten, machte ihn das nur noch schärfer. 14. KAPITEL Das, was er da mit seiner Zunge machte, raubte Kelly schier den Verstand. Einer der wenigen stimmigen Gedanken, die sie zu fassen bekam, nachdem er angefangen hatte, sie systematisch in Pudding zu verwandeln. „Mommy, boah!“ Das Geräusch einer Tür, die gegen die Wand knallte, lenkte Kellys Aufmerksamkeit auf Maddie, die mit Kensey vor ihnen stand. „Daddy ist nackt in deinem Bett! Macht ihr gerade ein Baby?“ Kensey, von dem Ganzen offenbar gänzlich unbeeindruckt, sprang aufs Bett, Maddie war ihr dicht auf den Fersen. „Nein! Nicht nackt. Mit Hose.“ Die Panik in Vaughans Stimme bewirkte, dass sich ein Lachen in Kellys Bauch zusammenbraute. „Kensey singt in ihrem Zimmer, und zwar lautstark. Ich kann nicht schlafen, und das weiß sie genau, aber sie hört nicht auf.“ Das wollte Maddie offenbar als Erstes loswerden. Obwohl sie verständlicherweise genauso überrascht und neugierig war wie Kensey, musste sie sich über ihre Schwester beschweren, sonst wäre sie explodiert. Das brachte Kelly ebenfalls zum Lachen. Mit einem – anscheinend schmerzvollen – Stöhnen bewegte Vaughan sich von ihr herunter, blieb allerdings auf dem Bauch liegen. Kensey hüpfte auf seinen Rücken und plapperte wie ein Äffchen darüber, warum es so wichtig war zu singen, wenn man sich danach fühlte. Die Situation kam Kelly so absurd vor, dass sie Tränen lachte. Beide Mädchen waren in ihrem Bett, löcherten Vaughan mit Fragen und lachten darüber, dass ihre Mutter kicherte wie ein Backfisch. „Bist du jetzt fertig?“, presste Vaughan amüsiert hervor. „Entschuldige. O Gott.“ Kelly wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und besiegte noch schnell den letzten Nachkicherer, ehe sie sich mit einem Kissen auf dem Schoß aufsetzte und ihre Kinder ansah. Ihre gemeinsamen Kinder. „Ich glaube, wir müssen unseren eigentlichen Plan, es sie selbst herausfinden zu lassen, überdenken“, sagte Kelly zu Vaughan. „Glaubst du?“ Er grinste. Er war so verdammt süß – das wirkte bei ihr immer. Wie dunkle Schokolade und Meersalz auf Mandeln. Er hatte das hier ohnehin die ganze Zeit gewollt. „Okay, dann erklär es ihnen mal.“ Mit einer Handbewegung überließ sie ihm das Wort. Er schubste Kensey sacht von sich herunter und setzte sich neben Kelly, ebenfalls mit einem Kissen auf dem Schoß. „Als ich hier eingezogen bin, ging es nicht nur darum, ein besserer Vater zu sein. Ich hatte auch die Hoffnung, eure Mutter davon zu überzeugen, dass ich nicht mehr der schreckliche Ehemann von früher bin. Deshalb hat sie mir auch eine zweite Chance gegeben. Ich möchte, dass wir eine Familie sind. Wir alle zusammen.“ Kelly nickte angespannt. Zustimmend. „Das möchte ich auch“, warf sie schnell dazwischen. „Allerdings werden wir keine Babys mehr machen.“ Vorerst jedenfalls, vielleicht nie. „Warst du ein ganz schrecklicher Ehemann, Daddy?“ Kensey sah ihn mit großen Augen an. „Ja. Ich hab vieles vermasselt. Eure Mom hatte einen besseren Mann verdient, und dieser Mann bin ich jetzt. Sie gibt mir noch eine Chance, um zu beweisen, dass ich für euch drei das Beste bin. Seid ihr damit einverstanden?“ „Wir lieben dich, Daddy!“ Kensey schlang die Arme um seinen Hals. „Es ist schön, dass du hier bist. Du machst echt gute Lunchpakete und singst uns Lieder vor, während wir das Abendbrot machen.“ „Wird sich denn jetzt was ändern?“ In Maddies Stimme schwang ein wenig Angst mit. Kelly streckte die Hand aus und tätschelte ihr Bein. „Werden wir auf die Ranch ziehen? Müssen wir auf andere Schulen gehen? Alle meine Freundinnen sind hier!“ Maddies Blick glitt zwischen ihren Eltern hin und her. Kelly war Lichtjahre von der Vorstellung entfernt, auf so engem Raum mit ihrer Schwiegermutter zusammenzuleben. Sie mochte ihr Haus und die Gegend, in der sie lebten. Hier hatten die Mädchen ihre Wurzeln, die wollte sie keinesfalls kappen und die Kleinen auf diese Ranch verfrachten – weit entfernt von dem Leben, das sie ihnen in den vergangenen acht Jahren geboten hatte. Dies hier war nicht das Leben, das ihre Mutter für sie entworfen hatte oder das von der Notwendigkeit bestimmt wurde, auf dem richtigen Weg zu bleiben, um ihre Modelkarriere weiter voranzutreiben. Nein, das hier war ihr eigenes Leben. Noch vor acht Jahren war Kelly eine alleinerziehende Mutter zweier Kleinkinder gewesen. Es erfüllte sie mit großem Stolz, dass sie für ihre Töchter hier ein Zuhause aufgebaut hatte. Sie hatte einen Weg gefunden, für sie zu sorgen. Einen Beruf, den sie liebte. Und viele Tränen vergossen, um es so weit zu bringen. Auf der Ranch zu leben würde – zumindest zu diesem Zeitpunkt – einer Nichtanerkennung dieses ganzen Schmerzes gleichkommen. Zum ersten Mal in ihrem Leben war Kelly damals für ihr Glück selbst verantwortlich gewesen. Und trotz aller Widrigkeiten, die sie überwunden hatte, war sie jetzt glücklich. Im Augenblick sogar so glücklich wie schon sehr lange nicht mehr. Aber sie brauchte nicht zu antworten, weil Vaughan das für sie übernahm. „Nein.“ Seine Antwort überraschte Kelly. Sie hatte gedacht, es wäre sein großes Ziel, sie alle auf der Ranch zu vereinen. „Die Boutique eurer Mutter ist in Portland. Ständig von Hood River dorthin zu pendeln wäre eine Zumutung. Außerdem habt ihr Mädchen eure Schulen hier, eure Tanzschule, eure Freunde. Ich sehe keine Notwendigkeit für eure Mutter und mich, von hier wegzuziehen. Und schon gar nicht mitten im Schuljahr.“ Kelly wurde einmal mehr klar, wie sehr er sich verändert hatte. Der Vaughan, den sie geheiratet hatte, hätte nicht mal in Erwägung gezogen, irgendwo anders zu wohnen als auf der Sweet Hollow Ranch. Dort war sein Zuhause. Die Band hatte dort ihr Studio. Ezra, sein bester Freund und Bruder, lebte auf der Ranch. „Aber wir alle haben dort ein Haus“, fuhr er fort. „Es gibt Wochenenden und Ferien. Während der Erntezeit muss ich viel häufiger dort sein. Wir werden also trotzdem viel Zeit in Hood River verbringen können. Diese Ranch ist Teil eures Erbes.“ Kelly wurde bewusst, dass sie diesen wesentlichen Faktor irgendwie vergessen hatte. Ja, es gefiel ihr, dass seine Familie sich so gut mit Maddie und Kensey verstand. Aber die Mädchen sollten eigentlich auch bei der Ernte helfen, als eine Art Liebesbeweis. Immerhin waren sie Hurleys. „Wir werden schon einen Weg finden, wie ihr zwei dort mithelfen könnt“, sagte Kelly. „Ich wette, euer Onkel Ezra hat da ein paar großartige Ideen.“ Als sie Vaughans Lächeln auffing, war sie noch glücklicher, dieses Angebot gemacht zu haben. Sie beide mussten an einem Strang ziehen. Weder wollte sie ihm sagen müssen, was er machen sollte, noch sollte er von früh bis spät herauszufinden versuchen, womit sie glücklich wäre. Das fühlte sich zu sehr nach Kindererziehung an. Sie brauchte einen Partner, einen Anführer ihres Familienteams, der immer an ihrer Seite stand. Kelly machte eine scheuchende Handbewegung. „So, die Damen. Eigentlich solltet ihr seit zwei Stunden schlafen. Der nächste Morgen kommt früher, als ihr denkt, also ab in eure Betten mit euch. Kensey, du hörst auf zu singen und deine Schwester damit zu ärgern.“ Sie und Vaughan brachten die Mädchen zurück in deren Betten, deckten sie zu und gaben ihnen Gutenachtküsse. Als sie den Flur zurück zu Kellys Zimmer gingen, ergriff er ihre Hand. „Das kann ich jetzt einfach so machen. Cool.“ „Du kannst auch gerne dein Zeug hier reinbringen“, bot sie an, als sie an ihrer Tür ankamen. „Nur nicht deine Klamotten. Die kannst du im Gästezimmer lassen.“ Er tat beleidigt. „Meine Klamotten sind wohl nicht gut genug für deinen Märchenschrank, was?“ Sie schüttelte den Kopf. „Mein Schrank ist mein Heiligtum.“ Er küsste sie – froh darüber, dass er das jetzt überall in der Wohnung durfte, was sie umso mehr verzauberte. „Na gut, damit kann ich leben. Bin sofort zurück.“ Mannomann, dachte Kelly, sie musste Stacey beim Mittagessen am nächsten Tag wirklich eine Menge erzählen. Vaughan stand in der Mitte seines Zimmers. Nein, des Gästezimmers. Und er lächelte. Er schnappte sich die Basics. Den Rest wollte er am nächsten Tag rüberholen, um so schnell wie möglich wieder ganz bei ihr zu sein – und ihr dennoch ein wenig Zeit für sich zu geben. Die neue Kelly brauchte das, und der neue Vaughan versuchte, ihr diese Zeit zu gewähren, ehe er ihrer Anziehungskraft erlag. Dieses Gefühl, eine Mischung aus purer Freude und Befriedigung – er liebte es einfach. Und wie! Der Schmerz, den er bei dem Gedanken verspürte, dass er all die Jahre genau das hätte haben können, war zwar dumpfer geworden, erinnerte ihn jedoch fortwährend daran, dass es seine eigene Entscheidung gewesen war. Eine schmerzvolle Lektion für sie alle. Dieser Teil tat noch immer am meisten weh. Er liebte seine Mädchen mehr als alles andere, doch nachdem er sich nun drei Wochen rund um die Uhr um sie gekümmert hatte, mit allem, was dazugehörte, merkte er, dass die Bindung zwischen ihnen enger geworden war. Er würde die fehlenden Jahre niemals zurückbekommen. „In der Kommode dort habe ich ein paar Schubladen für dich freigeräumt.“ Kelly wies auf ein hohes, schmales Schränkchen in der Ecke. „Es macht mir aber wirklich nichts aus, dass meine Klamotten nebenan liegen.“ Sie hatte gerade ein paar Sachen von einem Nachttisch geräumt und blickte Vaughan an. „Die Kommode war eh fast leer. Ich habe achtzehn Monate daran gearbeitet und sie erst zu Frühlingsbeginn hier raufgebracht. Es stört mich nicht, sie zu teilen.“ Kein Zeichen von Misstrauen lag in ihrem Lächeln. „Na gut. Danke. Aber den Schrank nebenan behalte ich trotzdem, damit deiner von meinen Jungsbazillen verschont bleibt.“ „Nach dir habe ich mit niemandem zusammengelebt. Außer mit den Mädchen natürlich. Ich sollte dir wohl sagen, dass ich bei einigen Dingen, wie zum Beispiel meinem Kleiderschrank, total egoistisch bin.“ Keine Entschuldigung. Das war auch so eine Neue-Kelly-Sache. Jeder brauchte irgendetwas, um seinen Egoismus auszuleben. Er war zu egoistisch gewesen und sie nicht egoistisch genug. Sie konnten einander ausbalancieren, ohne umzukippen, wenn sie es richtig anstellten. „Und ich sollte dir sagen, dass ich ein Anrecht auf den Raum über der Garage angemeldet habe.“ Statt sich zu ärgern, schien sie froh zu sein. „Wirklich? Das freut mich. Ich wusste ja, dass du ein paar Sachen hochgebracht hast. Aber ich bin erleichtert, dass es dir dort gefällt.“ „Das Licht ist toll. Außerdem liegt der Raum weit genug weg von den Wohnräumen im Haus – zum Glück auch von den Nachbarhäusern –, sodass ich dort üben kann, ohne Gefahr zu laufen, dass jemand die Polizei ruft.“ „Okay. Gut. Ja. Ich weiß, dass du einen Ort für deine Arbeit brauchst. Und da oben wird dich niemand stören.“ Wenn die Band bereit wäre, am nächsten Album zu arbeiten, würde er sich in der Scheune verkriechen müssen, dem Aufnahme- und Probenstudio auf der Ranch. Aber das wäre frühestens in anderthalb Jahren der Fall. Damien würde bald Vater werden. Ezra war gerade dabei, sich Hals über Kopf zu verlieben, Paddy scharwenzelte um Natalie herum, weil er ihr einen Heiratsantrag machen wollte, aber noch nicht wusste, wie er es anstellen sollte. Alles befand sich im Umbruch, und jeder der Brüder musste den Fokus für eine Weile auf das eigene Privatleben legen. „Ich möchte ein paar Solosachen machen“, sagte Vaughan leise und tastete sich vorsichtig vorwärts, „und deshalb würde ich gern mal den Typen herbestellen, der auch unser Studio in Hood River umgebaut hat, um ein paar Dinge zu verändern.“ „Solo? Wow, Vaughan, das ist toll.“ Kelly ging zum ihm hinüber und schlang die Arme um seine Taille. „Na ja, da bin ich mir noch nicht so sicher. Ich hab in der letzten Zeit viele Songs geschrieben. Und einiges davon passt nicht zu unserem Style. Aber genau das finde ich gut.“ Während der Arbeit an ihrem letzten Album hatte er sich immer wieder mit Paddy angelegt. Vaughan hatte Ideen, die er weiterverfolgen wollte, und er wusste genau, dass sein älterer Bruder immer versuchen würde, alles haarklein auseinanderzunehmen, bis es seinen Vorstellungen entsprach. Er wollte aber nichts ändern. Er musste unbedingt mit seinen Brüdern darüber sprechen. Vaughan hatte weder vor, die Band zu verlassen, noch, sich eine Auszeit zu nehmen. Aber ihm spukte Countrymusik mit Blues-Elementen im Kopf herum, und er wollte sehen, was dabei herauskam. Sie würden ihn in seinen Bestrebungen unterstützen, so waren sie, als Brüder und als Band. Und offenbar traf das auch auf Kelly zu. „In Ordnung. Sag mir, wenn du irgendwas brauchst. Ich … äh, ich freue mich für dich. Ich würde gern mal wieder was von dir hören. Das fehlt mir total.“ Früher hatte er andauernd für sie gesungen oder Gitarre gespielt. Wenn er jetzt hier allein zu Hause war, machte er das immer noch, auch, wenn die Mädchen zuhörten. Aber für die Frau, die er gerade ansah, hatte er noch viel mehr Musik in seinem Herzen. „Ehrlich?“ Sie nickte. Er küsste sie. Zwischen zwei Küssen murmelte er: „Mir fehlt es auch. Und ich werde dir ganz bestimmt ein Privatkonzert geben, wenn ich nicht gerade tief in dir bin.“ Sie stöhnte leise, während er an ihren Lippen knabberte. Dann führte er ihre Arme nach oben, um ihr das Tanktop über den Kopf zu ziehen. „Verdammt, sind die fantastisch. Wenn ich den ganzen Tag mit diesen Brüsten in meinen Händen herumlaufen könnte, würde ich es sofort tun.“ „Du redest vielleicht einen Blödsinn!“ Sie errötete so plötzlich, dass er genau wusste, dass sie geschmeichelt war und nicht verärgert. „Kann schon sein. Aber wenn’s doch darum geht, wie atemberaubend deine Brüste sind? Niemals. Das ist ein steinharter Fakt.“ „Dieses Mal solltest du lieber sichergehen, dass die Tür abgeschlossen ist.“ Mit einem Stöhnen hechtete er zurück zur Tür, die tatsächlich unabgeschlossen war. „Tut mir leid. Ich bin ein Anfänger.“ Und es passte ihm gar nicht, dass sie es nicht war. Ross hatte in diesem Bett gelegen. „Wir brauchen eine neue Matratze.“ Nachdem er sich selbst ausgezogen hatte, schälte er sie auch aus ihrer Hose, bevor er Kelly unter sich gefangen nahm. „Aha? Okay. Du willst eine neue Matratze, meinetwegen. Aber ich liege nackt auf meinem Bett und du über mir. Wie schaffst du das nur jedes Mal? Ist das vielleicht wie in einem dieser Bücher, wo sich der Typ in einen Werwolf verwandelt, man aber nicht genau sehen kann, was da passiert?“ „Du kommst auf Ideen.“ „Schon immer. Aber inzwischen bin ich belesener.“ Er küsste sie. Diesmal ließ er sich Zeit. Niemand würde hereinplatzen und den Moment ruinieren. Langsam ließ er die Zunge an ihrem warmen, weichen Hals hinabgleiten, bis zu der Vertiefung zwischen den Schlüsselbeinen. Er fuhr mit der Zunge darüber, und sie erzitterte. „Du schmeckst so verdammt gut.“ Er spürte ihren festen Busen unter den Lippen, als er sich abwechselnd leckend und saugend den Weg zu ihrer rechten Brustwarze bahnte. „Ich bin mir nicht sicher, welche Seite besser schmeckt. Das muss ich noch rausfinden.“ Er begann ein forderndes Zungenspiel, bevor er über ihren harten Nippel blies und dabei zusah, wie dieser noch steifer wurde. Dann wandte er sich der linken Seite zu, neckte sie, quälte sie. Am liebsten hätte er Kelly verschlungen. „Bitte!“, platzte es aus ihr heraus, nachdem sie sich an seinem Schwanz gerieben hatte. Nackt. So heiß, dass er dachte, dieses geile Gefühl würde ihn umbringen. Sie hatte auf einem Kondom bestanden, bis sie sich beide hatten testen lassen. Vor einer Woche erst. Obwohl er sich unendlich danach sehnte, ohne störendes Latex in sie einzudringen, würde er wohl oder übel noch warten müssen. Alles andere wäre, als würde er seinen eigenen Versprechungen ins Gesicht spucken. „Bitte?“, echote er und ließ die Zunge schneller um ihre Brustwarze kreisen, nur um sich wieder zurückzuziehen. „In mich oder auf mich. Irgendwas! Egal was!“ „Ich liebe es, wenn es dir nicht schnell genug gehen kann. So stürmisch. So sexy.“ Er erbarmte sich ihrer, auch weil er das alles genauso sehr wollte. Ihr Bauch erzitterte, als er sie rings um den Nabel küsste, und ihr Atem verdichtete sich zu einem Keuchen, als er mit den Schultern ihre Beine weit auseinanderdrückte. Da lag sie, nur für ihn. Er wollte sie ansehen, schmecken, berühren, ausfüllen. Wie sie schmeckte, Grundgütiger! Er liebte nicht nur ihren Geschmack, sondern auch die Art, wie sie den Rücken durchbog, als er sie leckte. Vaughan verlor sich in ihr. Er wollte ihr so viel Befriedigung verschaffen wie irgend möglich. Er brachte sie ein Mal zum Höhepunkt, und dann ein weiteres Mal, bevor er sich überhaupt erst den Gedanken erlaubte, sie zu nehmen. Doch kaum hatte er daran gedacht, streifte er sich ein Kondom über. „Dreh dich um. Hintern nach oben, Kopf nach unten.“ „Wozu die Eile?“, fragte Kelly mit lustschwerer Zunge. „Ich konnte mich noch gar nicht bei dir revanchieren.“ Sie liebte es, ihm einen zu blasen. Er fuhr total darauf ab, und es war so dermaßen sexy, wie heiß sie ihn damit machen konnte. Aber Vaughan wollte vögeln. Sobald er in ihr wäre, würde er sich Zeit lassen und alles quälend in die Länge ziehen. Oder er würde sie hart und schnell nehmen, mit Schweißperlen auf der Stirn. Der Sex mit Vaughan war wie eine Wundertüte, die mit Preisen gefüllt war, die man alle unbedingt haben wollte. Kelly drehte sich um, wie er es verlangt hatte. Ihre Knie waren immer noch etwas zittrig. Sie krallte sich ins Laken, als er sich hinter sie kniete. Die Hitze seines Körpers umhüllte ihren Hintern und ihre Schenkel, während sie darauf gierte, dass er sie berührte. Nur ganz leicht fuhr er mit der Spitze seines Schwanzes an ihrer Spalte entlang. Er neckte sie, bis sie einen verärgerten Laut ausstieß. „Ja? Na gut.“ Mit einem langen, tiefen Stoß drang Vaughan in sie ein. Ihre Antwort war ein lautes Stöhnen, das von der Matratze gedämpft werden musste, um die Mädchen nicht zu wecken. Er bestimmte das Tempo, allerdings scheute er sich davor, es schnell und hart mit ihr zu treiben. Doch er wusste genau, was er tat, und sie ließ sich darauf ein. Alles, was er tat, fühlte sich so verdammt gut an, dass sie keinerlei Einwände erhob. Das hier war anders. Diesmal wollte er sie besitzen, das wusste sie. Die Art, wie er sie berührte, nahm in ihrem Bett einen Raum ein, den sie noch nicht kannte. Einerseits verängstigte sie das zutiefst, auf der anderen Seite aber fühlte es sich absolut richtig an. Vielleicht – nein, sogar höchstwahrscheinlich – waren es die zwei Orgasmen, die hier für ihn Partei ergriffen. Aber sie würde einfach weiter genießen, weil es so unendlich viel besser war, als Angst davor zu haben, dass er sie verlassen würde. In dem Zimmer war es still, bis auf das Klatschen von nackter Haut auf nackter Haut und ihre gedämpften Lustgeräusche. Zwischen ihnen knisterte eine derart intensive Energie, dass es keiner Worte bedurfte. Jede seiner Berührungen erzählte ihr etwas. Der Duft ihrer Anstrengung, der Duft von Sex, von Liebe und Lust, das alles verschmolz zu etwas völlig Neuem. Etwas, das mehr versprach. Vaughan war sich nicht sicher, wie viel Zeit vergangen war, seit er tief in sie eingedrungen war. Er wusste nur, dass es keinen Ort auf der Welt gab, an dem er lieber wäre, und keinen Menschen, der ihm jemals so viel bedeuten würde wie diese Frau. Es hatte immer nur sie gegeben. Die Straße war lang und kurvig gewesen, aber dank Kelly und der zweiten Chance, die sie ihm gewährte, waren sie nun hier angelangt. Und während er diesen Moment am liebsten eingefroren hätte, näherte er sich einem gewaltigen explosiven Höhepunkt. Er sah keine Möglichkeit, der Ekstase zu entkommen, in die ihr heißer Körper, der seinen Schwanz so fest umschloss, ihn trieb. Es war so wahnsinnig schön, dass er so intensiv kam wie schon lange nicht mehr. Völlig ermattet ließ er sich neben sie sinken. Nachdem er das Kondom entsorgt hatte, zog er sie fest an sich. „Tja, danach schläft man eindeutig besser als nach einem Glas Wein“, murmelte sie. Vor Verblüffen fing er an zu lachen und umarmte sie fester. „So bin ich halt. Mein großer Freund ist besser als das tägliche Gläschen Wein.“ Sie drückte ihm einen Kuss auf die Schulter. „Das sollte aufs Cover deines nächsten Albums.“ 15. KAPITEL Am nächsten Morgen erreichte Vaughan die frohe Botschaft, dass die nach seinen Wünschen gefertigte Harley Softail, auf die er voller Ungeduld gewartet hatte, endlich fertig und bereit war, von ihm abgeholt zu werden. Die Mädchen waren in der Schule, und Kelly war vor einer halben Stunde nach Portland gefahren. Genügend Zeit also. Allerdings brauchte er jemanden, der ihn begleitete und sein Auto zurückfuhr. Er wählte Ezras Nummer. „Hey, Fremder“, meldete dieser sich. „Tut mir leid. Ich wollte letztens nicht einfach verschwinden.“ „Kommst du voran? Wie läuft’s mit euch beiden?“ Sein Bruder machte keinerlei Anstalten, auf die Entschuldigung einzugehen und sich womöglich noch Vaughans Selbstvorwürfe anzuhören. Vermutlich war das der Grund dafür, dass Ezra, seit Vaughan alt genug war, ihm krabbelnd oder tapsend überallhin zu folgen, stets der beste Freund an seiner Seite war. „Ich muss dir so viel erzählen. Die Mädchen wissen über mich und ihre Mutter Bescheid. Ich bin gestern Abend in ihr Schlafzimmer umgezogen. Es ist zwar noch nicht so richtig fest, aber es geht in eine gute Richtung. Ich wollte hören, ob du Zeit hast, mit mir zusammen meine Harley abzuholen. Ich habe eben Bescheid bekommen, dass sie fertig ist. Auf dem Weg könntest du mich über dein Liebesleben auf den neuesten Stand bringen.“ „Das würde ich gerne. Aber ich fahre für ein paar Tage in die Berge und muss heute deshalb noch so einiges regeln. Tut mir leid. Wir sehen uns, wenn ich zurück bin.“ „In die Berge?“ „Mit Tuesday. Über ihren Geburtstag. Nat und Paddy kommen auch mit.“ Zuerst spürte er die Eifersucht wie einen Stich, weil es ihm fehlte, Zeit mit seinen Brüdern zu verbringen. Und dann wurde ihm klar, dass bei Ezra zurzeit unglaublich viel passierte und er es nicht mitbekam. Allerdings trübte es nicht seine Freude darüber, dass sich zwischen Ez und Tuesday etwas ganz Besonderes entwickelte. Sein Bruder hatte es verdient, von einer außergewöhnlichen Frau geliebt zu werden. „Aha, cool. Na dann, viel Spaß. Aber wenn du so viel zu tun hast – ich bin in einer Stunde da und helfe dir. Die Mädchen sind in der Schule, und Kelly kann sie später vom Bus abholen. Heute Abend ist so ein Schulfest, aber das fängt nicht vor sieben an.“ „Denk nicht mal daran. Du holst schön dein Motorrad ab. Es ist ein sonniger Tag. Genieß die Fahrt, hilf beim Abendessen und geh zu dem Schulfest. Ich brauche dich hier nicht. Ich arbeite mit Fletch.“ John Fletcher war der inoffizielle Boss auf der Ranch. Zwar hatte Ezra die Fäden in der Hand, und auch ihr Vater brachte sich noch ein, wo er konnte. Aber Fletch arbeitete praktisch von Beginn an auf der Sweet Hollow Ranch, und das wusste Vaughan genauso gut wie Ezra. „Ich will dich nicht länger aufhalten. Aber ein Geburtstagsausflug in die Berge mit einem anderen Pärchen – das hört sich so an, als würde es dir und Tuesday gut gehen.“ „Da triffst du den Nagel auf den Kopf.“ Vaughan meinte, das Lächeln in der Stimme seines Bruders hören zu können. „Ich mag sie, ehrlich. Und Kelly mag sie auch. Die beiden tauschen sich regelmäßig aus. Find ich gut.“ „Ich habe gestern noch darüber nachgedacht, dass Tuesday deine Liebste wirklich gernhat und allein das ausreichen dürfte, damit Natalie sie auch mag. Mom merkt das auch noch.“ Vaughan fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Er musste mit seiner Mutter sprechen, und zwar bald, unter vier Augen. Aber bei seinen letzten beiden Besuchen auf der Ranch hatte er es einfach nicht geschafft. Höchste Zeit, nicht länger um die Angelegenheit herumzuschleichen, sondern sie einfach anzurufen und sich mit ihr zum Mittagessen zu verabreden. Oder so. Er stöhnte auf. „Hoffentlich. Aber wie dem auch sei, ich werde nicht wieder richtig auf der Ranch wohnen. Nicht in absehbarer Zukunft. Ich will mit Mom reden und den ganzen Müll aus alten Tagen aus dem Weg räumen, bevor ich irgendwem davon erzähle. Also behalte es für dich.“ „Das brauchst du mir doch nicht zu sagen, du Penner.“ Vaughan lachte schnaubend. „Ich dachte auch nicht, dass du losrennst und eine Annonce in der Zeitung aufgibst. Aber du hast jetzt eine Freundin, und die ist nun mal mit meiner … mit Kelly befreundet.“ „Jaja, ein Mantel des Schweigens um die Sache mit Kelly und Tuesday. Ich ruf dich an, wenn ich von dem Kurztrip zurück bin. Okay?“ „Cool. Viel Spaß, und hör auf, dir die ganze Zeit Gedanken über die Ranch zu machen.“ „Das sagt mir jeder. Bis dann.“ Eine lange Tour demnächst, das klang gut. Dabei konnte er seine Gedanken vielleicht ein wenig sortieren. Nun, da das Wetter sich besserte, könnte er auf dem neuen Bike mit den Jungs zu Wochenendausflügen aufbrechen. Seine Brüder und er hatten das im Vorjahr mit Adrian Brown und dessen Bruder Brody ein paarmal gemacht. Vielleicht, so überlegte Vaughan, würde er Kelly auch ein Motorrad kaufen, damit sie zusammen durch die Gegend fahren konnten. Nur sie beide. Er rief den Chauffeurdienst an, von dem er sich manchmal zu Auftritten kutschieren ließ, und binnen einer Stunde fuhr er auf dem neuen Motorrad vor Kellys Boutique Chamäleon vor. Kelly musste laut loslachen, als alle im Laden erstarrten und neugierig verfolgten, wie Vaughan Hurley den Laden betrat. Er hatte sich den Helm unter den Arm geklemmt, und während er ihr ein Lächeln schenkte, das alles unterhalb ihres Bauchnabels in Aufruhr versetzte, nahm er die Sonnenbrille ab. „Wir müssen zelten fahren“, sagte er, bevor er Kelly küsste. Zum Glück war es keiner dieser langen, sexy Küsse. Aber allein die Berührung seiner Lippen hatte sie kribbelig gemacht. „Sofort?“ Wieder lächelte er und stupste einen ihrer Ohrringe an, sodass er hin und her schaukelte. „Diesen Sommer. Du, die Mädchen und ich.“ „Du bist den ganzen Weg auf einem Motorrad, das ich noch nie gesehen habe, hierhergekommen, um mir das zu sagen?“ „Ich wusste, dass du gesehen hast, wie ich vorgefahren bin.“ Sie streckte den Finger aus. „Du … setz dich da hin. Ich bediene gerade eine Kundin.“ Er gehorchte, immer noch grinsend. „O Gott, gehört der Ihnen?“, fragte ihre Kundin. Kelly warf einen Blick über die Schulter. „So was in der Art, ja.“ „Das ist doch Vaughan Hurley, oder?“ „In der Tat, das ist er.“ Die Frau hielt ihr drei Kleider und eine Bluse entgegen. „Verdammt. Haben Sie ein Glück.“ Kelly gab die Preise in die Kasse ein. „Stimmt. Das kann man so sagen.“ „Ich hoffe, etwas davon färbt auf mich ab.“ Nachdem sie die Dame verabschiedet und hinausbegleitet hatte, wandte sie sich wieder Vaughan zu. „Du bist eine echte Gefahr. Die Frau hat ohne mit der Wimper zu zucken Klamotten im Wert von knapp achthundert Dollar gekauft.“ „Dann sollte ich wohl den ganzen Tag in deinem Schaufenster herumhängen, hm?“ „Ich würde überhaupt nichts mehr auf die Reihe kriegen. Hast du ein Motorrad gekauft? Oder ist es ein altes, das ich noch nie gesehen habe?“ „Ich hab es vor unserer letzten Tournee bestellt und es vor fünfzehn Minuten abgeholt. Du musst dir unbedingt auch eins zulegen. Aber maßangefertigt, damit es auch auf langen Ausflügen bequem ist. Oder du fährst hinten bei mir mit. Ja, wenn ich’s mir recht überlege, klingt das sogar noch besser.“ „War das vor oder nach deiner Idee mit dem Camping?“ „Na ja, also, zuerst dachte ich, du und ich könnten zusammen längere Touren machen. Vielleicht ein paar schöne Wochenendtrips hierhin oder dorthin. Aber dann kam ich auf die grandiose Idee, zusammen mit den Mädchen raus nach Kalaloch zu fahren und am Strand zu zelten.“ „Meinetwegen. Hört sich gut an. Das fänden die Mädels bestimmt auch.“ Sie legte den Kopf schräg und sah Vaughan an. „Bist du nur hierhergekommen, damit meine Kundinnen ihr Geld auf den Kopf hauen und ich alles vergesse, was ich eigentlich noch machen wollte?“ „Danke für die Blumen.“ Er küsste sie noch einmal. „Ich war praktisch in der Nähe, und als ich mir ausmalte, mit der ganzen Familie zelten zu fahren, war ich so glücklich, dass ich dich unbedingt sehen musste.“ Er hatte die perfekte Antwort gegeben. Genau das hatte sie dringender gebraucht, als ihr bewusst gewesen war. „Das macht mich wiederum sehr glücklich“, erwiderte sie leise, als würde sie ihm ein Geheimnis anvertrauen. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich, aus überrascht wurde stolz und dann liebevoll. Sie konnte so viel Liebe darin erkennen, dass sie plötzlich einen dicken Emotionskloß herunterschlucken musste. Er umarmte sie. „Bist du alleine hier? Hast du Zeit für ein frühes Mittagessen mit mir?“ „Ich habe erst vor Kurzem eine meiner Angestellten zur Filialleiterin befördert. Sie fängt heute Mittag an und bleibt bis Ladenschluss.“ Kelly würde seltener in der Boutique stehen, was ihr mehr Zeit für Vaughan und die Mädchen gab. Genauso wie für gelegentliche Einsätze als Model für die Printmedien und natürlich für alles andere, was erledigt werden musste, wenn man zwei Boutiquen besaß und diese erfolgreich führen wollte. „Aber wir können hier kein Mittag essen.“ „Och Mensch, warum willst du nicht mit?“ „Weil du Vaughan Hurley bist. Und wenn wir drei Häuser weiter zum Vietnamesen gehen, wird man dich erkennen. Ich werde nichts zu essen bekommen, und du weißt ja, dass ich dann unausstehlich werde.“ Da war es wieder, das verheerende Lächeln. „Das sagst ausgerechnet du? Du bist Kelly Hurley, und die Leute starren dich doch die ganze Zeit an! Außerdem durfte ich schon miterleben, wie jemand deinem Mittagessen in die Quere gekommen ist. Ich will nicht am Ende alles abkriegen.“ Es gab nicht viele Leute, die sie wegen des Essens aufgezogen hatten. Zumindest nicht auf positive Art. Jedes Mal, wenn jemandem ihre Meinung nicht gefallen hatte, bekam sie Sprüche zu hören wie: „Sei still, sieh einfach nur hübsch aus.“ Die Einstellung ihrer Mutter zum Thema Essen hatte Kelly beinahe in eine ausgewachsene Essstörung manövriert. Was in ihrer Branche ja nun wahrlich regelmäßig vorkam. Leider. Sie aber hatte Glück gehabt und war mit einigen wenigen Narben auf der Seele davongekommen – ein paar schräge Zwänge, die sie dank harter Disziplin unter Kontrolle hatte – und die hinderten sie nicht daran, Schokolade zu essen, was Kelly als Sieg betrachtete. „Dreh doch noch eine Runde. Wir treffen uns in einer Stunde zu Hause. Ich bringe von unterwegs was zu essen mit.“ „Können wir stattdessen nicht lieber Sex haben?“ „Du hast doch gerade ein nagelneues Spielzeug bekommen!“ Er zog sie eng an sich. „Du bist aber mein Lieblingsspielzeug. Ich mag es, bei jeder Gelegenheit mit dir zu spielen.“ Sie küsste ihn, drehte ihn mit sanfter Gewalt um und manövrierte ihn in Richtung Tür. „Geh schon, viel Spaß. Wir sehen uns später, und wenn du brav dein Gemüse aufisst, darfst du danach vielleicht mit mir spielen.“ Kelly versuchte gar nicht erst, ihn heimlich dabei zu beobachten, wie er sich auf das Motorrad schwang und den Motor anließ. Ein Schauer des Glücks lief ihr über den Rücken. Herrgott, wie dieser Mann aussah – ein knallharter tätowierter Typ auf einer knatternden Maschine. Ein Gefühl des Stolzes, das eine ganze Weile anhielt, erfüllte sie. Vaughan hatte einen Arm um Kellys Schultern gelegt. An der anderen Hand hielt er Maddie, und Kensey ging an der Hand ihrer Mutter. Er wusste, dass er heute einen der besten Tage seines Lebens erleben würde. Er hatte eine ausgedehnte Tour mit seinem neuen Motorrad hinter sich, anschließend zu Hause mit seiner Frau zu Mittag gegessen und zum Nachtisch fantastischen – und, da die Mädchen nicht da waren, lauten – Sex gehabt. Und nun war er auf einem Schulfest. Mit seiner Familie. Das war also der Grund, warum er Männer mit einem Ausdruck in den Augen sah, wie er ihn im Augenblick mit Sicherheit auch draufhatte. Eine schöne Frau an seiner Seite. Zufriedene Kinder. In seiner Welt stimmte alles, keine Frage. „Ich bin ein Glückspilz“, stellte Vaughan fest, als er Kelly einen Kuss auf die Schläfe drückte. „Stimmt“, neckte sie ihn. „Und deshalb darfst du mir jetzt auch eine Portion von dem selbst gemachten Kratzeis kaufen.“ Beide Mädchen hielten das ebenfalls für eine gute Idee und stellten sich sofort in die Schlange. Vaughan war noch nicht besonders oft in ihrer Schule gewesen. Er hatte an einer Schulkonferenz teilgenommen und niemals eine Theateraufführung oder eine Musikperformance verpasst. Aber das hier war anders. Er war Vater zweier Schülerinnen. Er gehörte dazu. Nachdem sie das Wassereis erstanden hatten, schlenderten sie zu einer riesigen Hüpfburg hinüber, wo seine Kinder durch ein kleines Loch in der Seite schlüpften und draufloshopsten. „Sie freuen sich, dass du hier bist.“ Kellys Tonfall verriet ihm, dass die Mädchen damit nicht alleine waren. „Ich bin auch froh, hier zu sein. Was ist mit dir?“ „Versuchst du gerade, mich dazu zu bewegen, etwas Nettes über dich zu sagen?“ Fasziniert sah er ihr dabei zu, wie sie versuchte, ernst zu bleiben. Er kannte die Antwort schon, aber er wollte es aus ihrem Mund hören. „Ja.“ „Ich freue mich, dass du hier bist.“ Am liebsten hätte er sie geküsst, doch ringsherum waren viele Kinder und Erwachsene, und er wollte hier kein Aufsehen erregen. Aber er blieb dicht an sie geschmiegt sitzen, während sie beide ihr Kratzeis aufaßen und den Kindern beim Spielen zusahen. Mehrmals wurde er erkannt. Einige Eltern winkten, andere grüßten im Vorbeigehen. Niemand störte ihre Privatsphäre oder verbreitete anderweitig Unruhe. Alle respektierten, dass er mit seiner Familie hier war und nicht als Vaughan Hurley, der Musiker. Als er sich dessen bewusst wurde, entspannte er sich auf eine Art, wie es ihm normalerweise nur auf der Ranch gelang, weit weg von allen anderen. „Nicht, dass Hotdogs, die es dort hinten gibt, keine gute Option für einen Imbiss sind, wenn man auf Tournee ist oder einen Ausflug macht. Aber ich schlage vor, dass wir uns für später noch etwas Richtiges zu essen besorgen. Was meinst du?“, fragte Vaughan. „Irgendwo, wo es keine Papiertischdecken und Buntstifte gibt? Es muss nicht teuer sein, aber ich hätte gerne ein Gericht, in dessen Namen nicht das Wort ‚Nugget‘ vorkommt.“ Lachend umarmte er sie. „Abgemacht.“ Wenige Minuten später versteifte sie sich plötzlich, und gerade als er sie fragen wollte, was los sei, erblickte Vaughan eine schmallippige Frau, die schnurstracks auf sie zukam und Kelly dabei nicht aus den Augen ließ. „Wer ist die Frau?“, murmelte Vaughan. „Die Exfrau von Ross.“ Ross stand eindeutig auf einen bestimmten Frauentyp. Groß und blond, blaue Augen, so wie Kelly. Doch während Kellys Schönheit so hell strahlte wie die Sonne und alle Sterne zusammen, wurde die Attraktivität dieser Frau durch ihr verhärmtes Gesicht und ihr gesamtes Auftreten überschattet. Als sie direkt vor Kelly stand, schürzte sie die Lippen. „Dich hätte ich hier nicht erwartet.“ „Und warum nicht?“ Kelly behielt die Hüpfburg im Blick, und damit ihre Kinder. „Hast du nicht schon genug angerichtet? Hast du keinerlei Schamgefühl?“ Vaughan würde es nicht tolerieren, dass irgendjemand so mit Kelly sprach. „Ich weiß nicht, was Ihr Problem ist, Ma’am, aber gehen Sie bitte weiter. Wir möchten nichts kaufen.“ „Ich wusste es! Ich habe Ross gesagt, dass Sie der Grund für die Trennung sind.“ Die aufgebrachte Frau musterte Vaughan von oben bis unten, diesmal presste sie die Lippen fest aufeinander. Kelly stellte sich zwischen sie beide, und Vaughan wusste, dass sie ihn beschützen wollte. Ihm ging das Herz auf. „Ich bin alles andere als froh darüber, dass ich Ross verletzt habe. Ich verstehe, warum du wütend auf mich bist. Aber offen gestanden, geht unsere Beziehung dich nichts an. Außerdem hast du jetzt ja Dampf abgelassen. Die Leute gucken schon. Ich weiß, dir gefällt das. Ich bin bereit, deinen Wutanfall nicht überzubewerten. Immerhin spielen meine Kinder gerade ausgelassen mit deinen Kindern. Aber wenn deine Haltung sich in irgendeiner Form gegen sie richten sollte, bekommen wir zwei ein ernstes Problem miteinander.“ „Drohst du mir gerade?“ Kelly stellte sich ganz nah vor die andere. „Ich sage dir, dass ich es nicht zulassen werde, dass du meinen Kindern schadest. Und wenn du dich zwischen mich und sie stellst, werde ich dir zu verstehen geben, dass es ein Fehler war. Wenn du das unbedingt als Drohung betrachten willst, nur zu.“ Die Ex machte kehrt und warf einen Blick über die Schulter zu der Hüpfburg, auf dem die Mädchen ausgelassen tobten. „Er ist sowieso viel zu gut für dich. Hier noch ein gut gemeinter Rat: Futter deine Gefühle nicht heimlich auf, Kelly. Das ist nicht gut für deine Taille.“ „Schönen Tag noch. Irgendwo anders.“ Vaughan gab ihr mit einer Handbewegung zu verstehen, schnellstmöglich zu verschwinden, während er um sie herumging, Kelly neben sich. Kels verkrampfte Haltung hing eindeutig mit all dem Hass zusammen, den diese Person gegen sie abgefeuert hatte. Mit einem Winken bedeutete er Maddie, dass sie und Kensey herauskommen sollten. „Hör zu“, flüsterte er Kelly liebevoll ins Ohr. „Wir müssen nur noch ein paar Ringe werfen und an ein paar läppischen Aktionen teilnehmen. Und danach gebe ich meinen drei wundervollen Damen ein Essen aus.“ 16. KAPITEL Stacey fand Kelly im Baumhaus, wohin sie sich zurückgezogen hatte. Seufzend zog Kelly die Beine an, um ihre Freundin hereinzulassen. „Nicht, dass ich unglücklich wäre, dich zu sehen. Aber warum kennt eigentlich jeder meinen Geheimplatz?“ Stacey verdrehte die Augen und setzte sich. „Hab Schokoladennachschub von meiner San-Francisco-Reise mitgebracht.“ Sie hielt mehrere schmale, kunterbunte Riegel in die Höhe. „Okay, du kannst bleiben.“ Stacey kicherte, schon war sie eine Schokolade los. „Gott sei Dank. Warum versteckst du dich hier draußen?“ Kelly untersuchte die verschiedenen Riegel und entschied sich dann für den hellblauen. „Falls ich die Süßigkeiten mit dir teile, können wir dieses Gespräch dann vermeiden?“ „Wenn es um Schokolade geht, gibt es kein Falls. Du wirst mit mir teilen, so viel steht fest. Und nun gib schon dem Zwang nach, den Süßkram aufzulisten, damit ich was davon abbekomme, während du mir erzählst, was los ist.“ „Du bist gemein.“ „Sag bloß! Ich bin Anwältin, Gemeinheit liegt in unserer Natur.“ Kelly bemühte sich nach Kräften, zu strenge Essens- und Figurthemen vor ihren Töchtern zu verbergen. Noch nie hatte sie mit einer von beiden darüber gesprochen, wie viele Kalorien ein Lebensmittel hatte. Aber sie lernten etwas über gesunde Ernährung in der Schule, und sie wollte, dass sie gesund lebten. Natürlich wollte sie nicht, dass die Mädels jeden Bissen Schokolade wie eine Beichte schriftlich festhielten. Sie holte das Einweckglas hervor und listete die Schokolade auf. Es war schon eine ganze Weile her, seit sie versucht hatte, Stacey diese Sache zu verheimlichen. Wahrscheinlich war das echtes Vertrauen. Wenn deine Freunde deine schrulligen Macken einfach akzeptierten und die zum Thema machten, die sie für wirklich schädlich hielten. „Ross hat ihr von meinem Ernährungs-Tick erzählt.“ „Was? Wem hat er davon erzählt?“, hakte Stacey nach. Kelly reichte Stacey den halben Schokoriegel, bevor sie sich selbst ein kleines Stück von ihrer Hälfte abbrach und es genüsslich lutschte. Die Schokolade war mit kleinen Karamellstückchen durchsetzt. Genau so musste es sein. „O Mann, ist das gut.“ „Gern geschehen. Ich bin froh, dass du dich für den hier entschieden hast, denn eigentlich hatte ich zwei gekauft, aber einen habe ich schon gefuttert.“ „Beste-Freundinnen-Provision.“ Kelly zuckte mit den Schultern. „Wie wenn ich den Mädels Pommes klaue. Das muss man einkalkulieren.“ „Allerdings. Erzähl weiter.“ „Beim Schulfest am Freitag – Ross’ Exfrau war da. Sie war vor allen Dingen dämlich, aber dann hat sie einen fiesen Witz über mein Gewicht gemacht und darüber, dass ich meine Gefühle esse.“ Staceys Augen wurden schmal. „Manchmal machen die Leute das, wenn sie herausfinden, dass ich früher gemodelt habe. Viele sind einfach Arschgesichter. Aber ihr Spruch war sehr … speziell.“ Kellys Stimme zitterte leicht. Der Stachel des Verrats saß immer noch tief. „Man sollte meinen, sie würde einen Freudentanz aufführen. Du warst ihr doch nur im Weg. Aber Ross? Verdammt. Das ist schrecklich. Am liebsten würde ich ihm ordentlich eine verpassen.“ Es gab diesen Teil in Kelly, der genau wusste, dass Ross’ Ex nur Blödsinn erzählt hatte. Ein gemeiner Schlag, mit dem sie sie verletzen wollte. Nicht nur mit der Beleidigung an sich, sondern auch damit, dass sie Bescheid wusste. Ross hatte ihr eins von Kellys Geheimnissen verraten. Etwas, das sie ihm anvertraut hatte, damit er sie vor dieser Sache beschützte. Doch er hatte sie nicht beschützt, und das erschütterte sie noch immer zutiefst. „Hast du mit Ross gesprochen?“ „Nein. Es ist erst vor drei Tagen passiert. Aber was soll das auch bringen? Ich kann froh sein, dass ich noch einen Grund mehr hatte, die Verlobung zu lösen, und es nicht nur getan habe, weil ich einen anderen wollte.“ „Wie auch immer. Verdammt noch mal, Kelly, ihr zwei habt nicht zueinandergepasst, und das hier ist nur ein weiteres Beispiel dafür. Ich bin gerne bereit, eine Tüte mit Mist zu füllen, sie anzuzünden und auf ihre Treppe zu werfen. Ich fahre sogar, damit du mitkommen kannst.“ Die Vorstellung brachte Kelly zum Lachen. „Du bist nicht dick. Du bist nicht dünn. Du bist du. Und du bist gesund. Sicher, sie sieht dir ähnlich. Aber sie ist nicht du. Und genau das macht sie verbittert. Es tut mir leid, dass sie so eine dämliche Kuh war und auch dass Ross sich so idiotisch benommen hat.“ „Ich bin saufroh, dass du mir Schokolade vorbeigebracht hast.“ „Ich auch. Hast du mit Vaughan darüber gesprochen? Hat er gemerkt, dass du so bestürzt warst?“ „Er dachte, es läge an der gesamten Unterhaltung und an nichts Speziellem. Ich …“ Er wusste über einiges Bescheid, was sie und diese Themen anging, aber nicht über alles. Nichts über den Mischmasch aus seltsamen Bewältigungsstrategien und Abmachungen, die sie mit ihrem Gehirn getroffen hatte, damit sie ein halbwegs normales Leben führen konnte, wenn es um ihren Körper und ums Essen ging. „Er wird es merken. Und was dann?“ „Ich werde mich schon wieder fangen. Ich bin nur kurz ins Schlingern geraten. Er wird keinen Grund haben, irgendwas zu merken.“ Stacey seufzte. „Nur weil du Buch übers Essen führst, bist du noch lange nicht irre.“ Nun war es Kelly, die seufzte. „Ich denke auch nicht, dass ich irre bin. Aber ich muss mit Vaughan nicht unbedingt so ein detailliertes Gespräch über diese Sachen führen. Es würde einen Haufen Zeit und Energie kosten, alles zu erklären und ihm die Hintergrundgeschichte zu erzählen. Mehr, als es wert wäre.“ „Ich denke nur, dass es gut sein könnte, ihn einzuweihen.“ „Er weiß über so manchen Mist Bescheid, den ich meiner Mutter zu verdanken habe. Aber ich will mich wirklich nicht darin suhlen.“ Stacey winkte ab. „Klar, das verstehe ich.“ „Ich hab dich extra nicht angerufen, um mich bei dir auszuheulen. Ich habe mich alleine mit der Sache auseinandergesetzt.“ „Nein, dazu bist du auch nicht der Typ. Aber du musst dich nicht im stillen Kämmerchen – oder diesem Baumhaus – damit auseinandersetzen. Du hast mich! Du hast sogar Vaughan! Ich war mir nicht sicher, wie er diese ganze Ich-will-dich-zurückgewinnen-Sache hinkriegt, aber er gibt sich richtig Mühe. Das ist nicht zu übersehen.“ „Allerdings.“ Noch ein Grund, die taufrische Beziehung nicht mit diesem Dreck zu verpesten. Kelly klopfte sich die Hände ab und sah wieder zu Stacey. „Warum bist du hergekommen?“ „Ich bin beim Chamäleon vorbeigefahren, wo man mir sagte, dass du heute zu Hause bist. Als ich unten klopfte und ich nichts von dir hörte, dein Auto aber dastand, dachte ich mir, dass du entweder hier draußen bist oder ein Schäferstündchen mit Vaughan hältst.“ Kelly kicherte. Sie fühlte sich schon besser. „Danke fürs Sorgenmachen.“ Sie atmete tief durch. „Manchmal habe ich irgendwie, keine Ahnung, einen Flashback vielleicht. Dann bin ich mit ihm zusammen, lache über irgendwas, bin glücklich, und plötzlich durchzuckt mich blitzartig das Gefühl von damals, als ich an jenem Abend in seine Augen geblickt habe. Es war nicht die Hand dieser Frau in seiner Hose. Ich meine, das hat mich verletzt und wütend gemacht. Aber was unserer Ehe den Todesstoß versetzt hat, war dieses Leuchten in seinen Augen. Die pure Befriedigung. Er wollte, dass ich es sehe. Er wollte mich zurückstoßen. Er wollte sich von dieser zufällig ausgewählten Frau, die er nicht mal genügend respektierte, um sie nach ihrem Namen zu fragen, einen runterholen lassen. Das alles wollte er mehr als mich oder unsere Kinder. Und ich habe es gesehen und wusste es tief in mir drin. Es hat niemals einen anderen Moment in meinem Leben gegeben, der so wehgetan hat wie dieser Blick.“ Kelly löste den französischen Zopf, den sie im Nacken gebunden hatte, und band sich einen lockeren Pferdeschwanz. Stacey lehnte sich mit dem Rücken gegen den Baumstamm und hörte zu. „Ich bin glücklich. Ich habe dieses Leben, das ich bereits abgeschrieben hatte – zumindest zusammen mit ihm. Ich hätte es mit einem anderen führen können, aber ich führe es mit ihm. Es hat immer nur ihn gegeben. Und manchmal macht mir das Angst.“ „Als die Ex so fies war und etwas gegen dich verwendet hat, das du Ross anvertraut hattest, hat dir das nur wieder vor Augen geführt, wie viel du riskierst.“ „Ich habe mehrere Tage damit verbracht, total nachdenklich zu sein, dabei hätte ich einfach nur dich anzurufen brauchen.“ „Ha. Das ist nicht so schwer zu sehen. Du liebst ihn. Und ich sage dir aufrichtig, dass er dich auch liebt. Du hast dich von einem bescheuerten, passiv-aggressiven Jungen scheiden lassen. Aber heute teilst du dein Haus mit einem Mann.“ „Aber Ross ist ein Mann!“ Stacey wischte den Einwand mit einer Handbewegung weg. „Du vergleichst Äpfel mit Birnen. Ross hast du nicht geliebt. Dass er seiner Frau dein Geheimnis verraten hat, verletzt dich nur, weil du ihn nett genug fandest, um ihm zu vertrauen. Verrat durch einen Vertrauten. Das ist nicht dasselbe wie die Tatsache, dass Vaughan dich damals nicht so geliebt hat wie du ihn.“ „Autsch.“ Staceys Gesichtszüge wurden weicher. „Sorry, war wohl zu direkt.“ „Damit muss man wohl rechnen, wenn die beste Freundin eine Scheidungsanwältin ist. Du hast alles im Voraus aufgedeckt“, stellte Kelly trocken fest, und Stacey kicherte. „Dafür kriegst du eine Psychopathin, die schriftlich festhält, wie viel Stückchen Schokolade sie am Tag isst. Ich glaube, ich habe ganz klar das bessere Geschäft von uns beiden gemacht.“ „Du bist wirklich eine Psychopathin, aber nicht weil du religionsgleich Sport treibst oder deine Schokolade zählst. Die Tatsache, dass du ein Doctor-Who-Tattoo haben willst, macht dich seltsam. Das und deine bedauerliche Liebe für Tanzfilme“, stellte Stacey fest. Kelly liebte Musicals und Tanzfilme jeglicher Art. „Deine traurige Weigerung, dich für die ganzen Step Up-Filme zu begeistern, ist eine Dauerenttäuschung für mich.“ „Ich begeistere mich für all die glänzenden Bauchmuskeln. Mehr kann ich dir nicht bieten. Ich lasse dich sogar den Soundtrack hören, wenn wir im Auto sitzen. Diese Dinge fallen in den Bereich normaler Verschrobenheit.“ „Wie wenn du den Fernseher anschreist, wenn die Leute im Film Geständnisse im Zeugenstand ablegen?“, frotzelte Kelly. „Hör auf, mich zu reizen, Fräulein. Du wurdest misshandelt. Dass du es geschafft hast, dir so ein tolles Leben aufzubauen, verdankst du dir selbst und nicht deiner Mutter.“ Diese Diskussion hatten sie schon mehrfach geführt, seitdem Kelly offengelegt hatte, was Rebecca so alles zu verantworten hatte. „Sie war eine schlechte Mom, aber ich wurde nicht misshandelt. Ich hatte ein Dach über dem Kopf. Essen auf dem Tisch. Das hatten andere Kinder nicht. Sie hat mich nie geschlagen.“ „Du weißt sehr wohl, dass es mehr als nur körperliche Narben gibt. Weiß Vaughan alles darüber?“ Niemand wusste alles darüber. Nur Kelly selbst, und dabei sollte es auch bleiben. Die schrecklichste Zeit ihres Lebens war wie unter einer Betonschicht vergraben. Tief unter dem Leben, das sie jetzt führte. „Er weiß ein bisschen was darüber. Als wir uns damals kennenlernten, habe ich Medikamente zuhauf genommen. Amphetamine sind hervorragende Appetitzügler, und zugleich geben sie dir Energie. Dann wurde ich schwanger und legte mir ein Verhaltenskonzept zu. Der Schokoladentick gehört dazu.“ Ihre Hebamme hatte ihr beiläufig einen Therapeuten empfohlen. Um jemanden zum Reden zu haben, wie sie sagte. Weil Kelly nicht nur eine frisch gebackene Schwangere war, sondern auch eine frisch gebackene Ehefrau und Stress in diesem Fall nur natürlich sein würde. Rückblickend war klar, dass ihre Hebamme bemerkt hatte, wie panisch Kelly bei jedem Gramm, das sie zunahm, wurde. Dass sie gereizt war und Hilfe gebrauchen konnte. Letztlich war es ein Arzt, der Kelly die richtigen Werkzeuge an die Hand gegeben hatte, damit sie ihre Probleme weniger selbstzerstörerisch löste als vor der Schwangerschaft. „Ich gebe mir wirklich die größte Mühe, eine gute Mutter zu sein. Ich will niemals so sein wie sie.“ „Vor mir musst du dich niemals verteidigen. Ich sehe dich. Ich weiß, was du alles machst. Ich weiß, wie viel du schon erreicht hast“, erwiderte Stacey und klang dabei so inbrünstig, dass Kelly die Arme um ihre beste Freundin schlang und den Tränen freien Lauf ließ. Im Laufe ihres Lebens hatte Kelly sich im Hinblick auf allgemeine Kritik und Kommentare zu ihrem Aussehen eine dicke Haut zugelegt. Ihr allererster Job war ein Kindermodekatalog und Marketingshoot für ein Kaufhaus gewesen. Damals war sie gerade mal vier. Trotz ständiger Umzüge von einem Wohnsitz zum nächsten, von einem Land ins andere, war es ihrer Mutter gelungen, sie zu Castings zu schicken, bis sie schließlich nach New York zogen, damit Kelly ihre Model- und Schauspielkarriere vorantreiben konnte. Man hatte sie in eine ökonomisch, sozial und emotional hochkomplexe Hierarchie geworfen, und das in einem Alter, in dem sie eigentlich Algebra hätte lernen und zum Tanzunterricht gehen sollen. Das hatte sie stark gemacht. Normalerweise machte es ihr nichts aus, wenn über sie geurteilt wurde, da sie über ein gesundes Selbstwertgefühl verfügte. Immerhin das hatte sie erworben. Aber sie hatte ihre Wutknöpfe, wie Stacey es nannte. Und wenn jemand über ihre Intelligenz oder ihren Erziehungsstil urteilte und sie für unzulänglich befand, machte das Kelly extrem wütend. Aussehen war vergänglich. Viel wichtiger war, dass ein Mensch Herz hatte, und sie betrachtete ihre Kinder als ihr Herz. Als sie sich zurücklehnte, reichte Stacey ihr ein Taschentuch und lächelte sie an. „Wenn du dich jetzt entschuldigst, werde ich wütend. Du bist eine großartige Mutter, und diese verfluchte Ex hat dich an diesem Punkt angegriffen. Ich würde sie für dich jederzeit ordentlich gegen’s Schienbein treten und so tun, als wäre es ein Versehen gewesen.“ „Ich weiß. Und deshalb hab ich dich auch so lieb.“ „Denk darüber nach. Okay? Gewähre ihm etwas mehr Einblick. Wenn er mehr weiß, kann er dich besser verstehen.“ Kelly wusste, dass ihre Seelenverwandte recht hatte. Aber sie hatte keinen blassen Schimmer, wie man ein solches Thema am besten ansprach. „Ich warte einfach, bis sich von alleine eine passende Gelegenheit ergibt. Oder vielleicht eine bis zwei Wochen, weil so etwas normalerweise ja nicht von alleine zur Sprache kommt.“ „Nur wenn du in der Hölle bist.“ „Tja. Du bist Rebecca ja schon begegnet.“ „Nur ein Mal. Und dabei würde ich es auch gerne belassen. Aber mal was anderes: Ich habe für Mittwochabend einen Tisch für zwei in einem todschicken Restaurant reserviert. Aber weil mein Date geschäftlich nach Rom musste, habe ich keine Verwendung mehr dafür. Deshalb schlage ich vor, dass ich herkomme und mit den Mädels abhänge, während du und Vaughan die Reservierung wahrnehmt und mal ein richtiges Date habt.“ Was für ein Segen, dass es Stacey in ihrem Leben gab! „Ehrlich? Du bist die Beste! Tut mir leid, dass dein Date geplatzt ist. Der Magazinautor?“ „Nein. Der hier ist ein Anwalt für internationales Vertragsrecht. Ich stehe nur auf seinen Penis, der all meine Sehnsüchte kennt. Ich versuche, die Sache unverbindlich und oberflächlich zu halten, damit ich nichts Gruseliges über ihn – also den Typen – erfahre, bis ich bereit bin abzuhauen.“ Kelly schnaubte. „Wie romantisch.“ „Pragmatisch. Bis der Kerl auftaucht, bei dem ich genauso verpeilt bin wie du bei Vaughan, hat ein Mädchen schließlich trotzdem so seine Bedürfnisse.“ Lachend lockte Stacey die Freundin aus dem Baumhaus, und sie gingen ins Haus. 17. KAPITEL Es war ja nicht so, dass er Stacey nicht leiden konnte. Sie mochte seine Töchter auf eine unkomplizierte, aufrichtige Art, die er ganz und gar guthieß. Sie und Kelly standen sich sehr nahe, wie Schwestern. Und da Vaughan um die Kraft solcher Beziehungen wusste, fand er das ebenfalls großartig. Aber Stacey kannte all seine schmutzige Wäsche. Und es fiel ihm schwer, sich nicht bei jeder Begegnung mit ihr dafür zu schämen. Während der Scheidung hatte sie ihm und seinem Anwalt gegenübergesessen, und als die Hässlichkeit der gesamten Situation zunahm und immer mehr von seinen Fehlern ans Licht traten, war sein Anwalt zum Angriff übergegangen, und es waren Worte gefallen, die Vaughan extrem bereute. Dass es sich vor den Augen von Kellys bester Freundin abgespielt hatte und er auch jetzt manchmal in ihrem Blick sah, dass sie von seinen dunkelsten Momenten wusste – damit konnte er nur schwer umgehen. Aber sie war Teil dieser Familie. Einer Familie, zu der er auch gehören wollte, weshalb er hart an sich arbeitete. Er würde also versuchen müssen, diesen Menschen richtig kennenzulernen, der für seine Kinder und für Kelly so wichtig war. Außerdem hatte sie ihm die Gelegenheit verschafft, die Frau, die er liebte, heute mal so richtig zu umwerben. „Ich weiß wirklich zu schätzen, was du hier für uns tust“, sagte er zu Stacey, kurz bevor sie aufbrachen. „Es ist mir immer ein Vergnügen, meine Zeit mit Miss Madness und ihrem Komplizen Master K zu verbringen.“ Die beiden Mädels fanden das urkomisch und umarmten Stacey stürmisch. „Welchen Film gucken wir uns an?“, wollte Maddie wissen. „Wie ich gehört habe, soll ich zuerst eure Hausaufgaben kontrollieren. Danach sehen wir uns Filme an. Die Eiskönigin ist übrigens nicht dabei.“ „Och, warum denn nicht?“, schmollte Kensey. „Weil ich mir den mit euch schon ungefähr achttausend Mal angeguckt habe. Von Elsa und Anna habe ich, sagen wir, die nächsten vierzig Jahre genug.“ „Oder bis du selbst Kinder hast“, gab Kelly ihren Senf hinzu, als sie ins Zimmer kam. „Es wird immer irgendeine Eiskönigin geben.“ Verdammt. Vaughan konnte nichts anderes tun als einfach nur dastehen und Kelly anstarren, die in ihrem kurzen Kleid, welches in sämtlichen Blautönen schimmerte, einfach fantastisch aussah. Endlos lange Beine endeten in glitzernden Stilettos. Nicht dass er vergessen hätte, wie sie aussah. Aber wenn sie alle Register zog und sich mal so richtig zurechtmachte, war es, als würde man in die Sonne schauen. „Du siehst wunderschön aus“, bemühte er sich, nicht so baff zu klingen, wie er war. Sie schien tatsächlich etwas verlegen. „Danke, du aber auch. Das hattest du schon immer drauf, Hurley.“ Kelly zwinkerte ihm zu, und er bot ihr den Arm. „Viel Spaß euch beiden. Ja, ich werde sie um neun Uhr ins Bett bringen.“ Staceys Blick brachte Kelly zum Lachen. Sie küssten ihre Töchter und brachen zu ihrem ersten Date seit zehn Jahren auf. Besser gesagt, sie wären aufgebrochen, hätte nicht seine Mutter mit zum Klopfen erhobener Hand auf der Vordertreppe gestanden. „Mom!“ Vaughan umarmte sie. „Was ist los? Alles in Ordnung?“ Sharon hielt mehrere Taschen hoch. „Nur ein paar Sachen für die Mädchen. Ich war gerade für das Baby einkaufen.“ Ihr Lächeln wurde selig. Vaughan fehlte es, sie regelmäßig zu sehen. „Du denkst doch nicht, dass ich meine Mädchen vergessen würde, nicht wahr?“ Kelly machte einen Schritt zur Seite und bat seine Mutter mit einer Geste herein. „Hi, Sharon. Sie sind mit Stacey im Wohnzimmer. Sie werden sich riesig freuen, dich zu sehen. Geh ruhig rein.“ „Oh. Geht ihr aus? Ich hatte damit gerechnet, dass ihr zu Hause seid, weil morgen Schule ist.“ Kelly verkrampfte sich innerlich, und Vaughan seufzte. „Ja, wir gehen was essen.“ „Ich habe ihnen meine Reservierung in einem hübschen, schummrigen, romantischen Restaurant überlassen. Die zwei brauchen mal Zeit für sich.“ Stacey hatte ein freundliches Lächeln aufgesetzt, als sie zum Eingang kam, wo die drei standen. Sie blieb neben ihrer Freundin stehen, eindeutig bereit, sie zu verteidigen. Die Situation war angespannt, Vaughan hasste das. „Ich verbringe gerne so viel Zeit wie möglich mit meinen Patenkindern. Sie sind gerade nach oben gelaufen, um ihre Hausaufgaben wegzuräumen.“ Stacey gab Kelly einen kleinen Schubs in Richtung Tür. „Euch beide sehe ich dann später. Kommt nicht zu spät zu eurem Essen. Und jetzt los, viel Spaß. Sharon und ich kochen uns einfach ein paar Spaghetti.“ Kelly schüttelte den Kopf. „Schon gut. Du kannst deine Reservierung wiederhaben. Du hast noch Zeit. Und ich habe einen Schrank voller Klamotten.“ Auf keinen Fall würde er sein romantisches Abendessen mit Kelly sausen lassen! Sie hatte sich extra so hübsch gemacht. Er wollte auch gut aussehen. Und er wollte ein paar ungestörte Stunden mit ihr, denn nach dem Zwischenfall auf dem Schulfest hatte sie sich am Wochenende ein wenig zurückgezogen. „Das wäre total albern.“ Stacey schob sich an den beiden Turteltauben, die nicht zum Turteln kamen, vorbei und zog Kelly mit sich hinaus zur Auffahrt. Vaughan nutzte die Gelegenheit, seine Mutter in den Hausflur zu schieben. „Worüber ist sie denn jetzt schon wieder verärgert?“, fragte Sharon ihn leise. „Warum bist du so fest entschlossen, sie nicht zu mögen? Was sollte die Anspielung mit der Schule morgen?“ „Das war keine Anspielung. Ich habe nur eine Frage gestellt.“ „Wenn deine Schwiegermutter so etwas zu dir gesagt hätte, wie hättest du das aufgefasst?“ „Ich bin nicht mehr ihre Schwiegermutter. Außer du hast eine Dummheit angestellt, ohne jemandem davon zu erzählen. Hast du?“ „Kelly noch mal zu heiraten wäre keine Dummheit.“ Seine Mutter zog die rechte Augenbraue hoch. Diesen Gesichtsausdruck hatte er seit Jahren nicht mehr gesehen. „In deinem Leben geht offenbar gerade eine Menge vor, von dem du deiner Familie nichts erzählt hast. Möchtest du das korrigieren?“ Er hörte die donnernden Schritte der Mädchen, die oben über den Flur auf die Treppe zuliefen. „Das geht jetzt gerade nicht. Maddie und Kensey sind auf dem Weg nach unten, und wenn sie mitbekämen, wie es zwischen dir und ihrer Mutter aussieht, wären sie total traurig. Wir müssen reden. Ich war nicht immer …“ Er unterbrach sich selbst. Jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt für ein Geständnis. Seine genervte Exfrau stand in der Auffahrt und seine Mutter im Flur, und seine beiden Kinder würden vor Freude ausflippen, dass nicht nur Stacey da war, sondern auch Nana. Sharon seufzte und tätschelte ihm den Arm. „Komm nächste Woche auf die Ranch. Dann reden wir. Tut mir leid, wenn ich irgendwen verärgert habe. Was ich gesagt habe, war nicht als Angriff gemeint.“ „Ich liebe sie, Mom. Du musst unbedingt für dich herausfinden, wie du das akzeptieren kannst.“ „Du hast keine Ahnung, Vaughan. Aber wir sprechen ein andermal. Jetzt geh, führ sie zum Essen aus. Wäre doch schade um eure Aufmachung. Ihr seht beide sehr gut aus.“ Mit einem verärgerten Schniefen ging sie davon und rief nach den Mädchen. „Ich will nirgendwohin gehen! Ich will nicht, dass sie in meinem Haus ist, wenn ich nicht da bin“, flüsterte Kelly, als sie mit ihrer Retterin draußen stand. „Offensichtlich hält sie mich für eine Rabenmutter, weil ich mit Vaughan unter der Woche ausgehe.“ Stacey wischte den Einwand mit einer Handbewegung weg. „Wen interessiert das schon? Sieh mal, Shurley hat Probleme. Aber damit muss Vaughan sich herumschlagen. Du gehst jetzt mit ihm aus. Du wirst dafür sorgen, dass er die Sache wiedergutmacht, mit Schmuck oder einer Reise oder mit was auch immer. Ich bin stinksauer auf dich, wenn du dir von ihr euren Abend kaputtmachen lässt. Ich bin hier bei den Mädchen. Und was für Makel sie auch haben mag, sie liebt die beiden über alles.“ Momentan bestand Kellys größte Sorge darin, dass er sich damit nicht auseinandersetzen würde. Dass er seine Mutter mit ihren Bemerkungen davonkommen lassen würde, anstatt ihr zu sagen, sie solle gefälligst damit aufhören. Anstatt ihr zur Abwechslung mal seine Sünden zu beichten. Stacey hob die Hand zum Schwur. „Ich werde sie nicht vergiften. Oder irgendwas anderes machen. Schon gar nicht vor den Mädchen. Aber sie ist nicht durch und durch schlecht. In ihr muss es einen Teil geben, der weiß, dass sie sich albern benimmt, und der alles besser machen will.“ „Wenn ich noch länger darüber nachdenke, gehe ich auf keinen Fall. Oder noch besser: Wenn Vaughan nicht in den nächsten zwei Minuten hier auftaucht, gehe ich mit dir essen.“ Kelly runzelte wütend die Stirn. „Ach, dann bist du jetzt sauer?“ „Warum hab ich bloß das Gefühl, dass du genau das erreichen wolltest?“ „Weil es besser ist, sauer zu sein als traurig.“ Vaughan kam nach draußen, ein verkrampftes Lächeln im Gesicht. „Bis später, Stacey. Danke noch mal. Wenn sie …. Falls sie …“ „Ich komme schon klar. Ich wünsche euch einen tollen Abend.“ Stacey drehte sich um und ging zurück ins Haus. Das Klacken der Schlösser unterstrich ihren entschlossenen Abgang zusätzlich. Vaughan zeigte auf das Auto. „Abfahrbereit?“ „Was zum Teufel …? Wo kommt das denn auf einmal her?“ Er öffnete die Tür des schmal geschnittenen schwarzen Sportwagens. „Den habe ich ungefähr seit einem Jahr. Aber ich fahre ihn längst nicht so oft, wie ich gern möchte. Ist keine Familienkutsche. Aber ich glaube, es ist das perfekte Auto, um meine Liebste zum Abendessen zu fahren.“ Kelly schnaubte, als sie einstieg. Er schloss galant die Tür hinter ihr und ging um den Wagen herum zur Fahrerseite. Als er sie ins Restaurant führte, hatte sie sich bei ihm untergehakt, und er warf dem Diener, der Kelly aus dem Wagen geholfen hatte, einen vielsagenden Blick zu. Als wolle er unmissverständlich klarmachen, dass er ihr Begleiter war, niemand sonst. Früher hatte er oft eifersüchtig reagiert, angesichts seines Verhaltens damals absolut lächerlich. Nun gab er sich offenkundig als ihr Mann aus, während sie beide auf die Restaurantleiterin zugingen. Aber es war nicht unheimlich oder plump. Es war schön. Die Restaurantleiterin starrte sie an. Der Kellner flirtete mit Kelly, und nachdem sie ihre Bestellung aufgegeben und ihre Drinks bekommen hatten, ergriff Vaughan ihre Hand. „Wollen wir über die Sache mit meiner Mutter reden?“ Im Wagen hatten sie das Thema gemieden. Das war ihr sogar ganz recht gewesen, weil sie ihre Gedanken erst mal sortieren musste. O Mann. Sie würde das Ganze viel lieber ignorieren und so tun, als sei es nie passiert. Aber jahrelanges Ignorieren hatte ihn und sie genau an den Punkt gebracht, wo sie jetzt standen. Zeit, sich zusammenzureißen und sich wie eine Erwachsene zu benehmen. „Nein. Aber lass es uns trotzdem tun.“ Er lächelte und sah dabei so gut aus, dass ihr Puls raste. „Sie hat sich übrigens entschuldigt. Sie hatte bei ihrer Bemerkung zum Ausgehen unter der Woche keine Hintergedanken.“ „Bei mir hat sie sich nicht entschuldigt.“ Er atmete hörbar ein. „Stimmt. Aber bei mir, und ich habe es dir gesagt …“ „Damit du es mir ausrichtest? Das ist nicht dasselbe.“ „Du wirst ihr schon ein Stück entgegenkommen müssen.“ Sie versuchte, ihm ihre Hand zu entziehen, doch er hielt sie fest. Sie akzeptierte es. „Ach ja?“ Sie wusste, dass ihr Lachen leicht hysterisch klang. Aber das sollte er ruhig hören. „Die Sache ist die: Ich kann diese Erklärung akzeptieren. Es muss nicht unbedingt ein negativer Kommentar gewesen sein. Zufällig gehe ich normalerweise unter der Woche nicht aus. Ich kann Größe zeigen und sogar eine halbherzige Entschuldigung akzeptieren, die mir über Dritte mitgeteilt wurde. Aber wenn du oder sonst jemand mir unterstellt, ich wäre den Hurleys nicht entgegengekommen, macht mich das echt wütend.“ Und wie. Das war keine Kleinigkeit. Sharon würde auch weiterhin auf Spontanbesuche vorbeikommen, und wenn sie zusammenblieben, gäbe es Ferien und Familientreffen und diesen ganzen Hurley-Kram. Die Situation mit Vaughans Mutter musste geklärt werden, sonst würden sie es niemals schaffen. Kelly wurde klar, dass sie dieser Tatsache ins Auge sehen musste. Seine Familie stand sich sehr nahe und unternahm andauernd gemeinsam etwas. Wenn er sich entscheiden müsste, würde er sich für sie – Kelly – und die Mädchen entscheiden, so viel stand fest. Aber ein Teil von ihm würde verkümmern, und irgendwann würde er es ihr übel nehmen. „Sogar vor unserer Trennung war klar, dass ich niemals wild genug sein würde, oder was immer es ist, das alle in deiner Familie außer mir haben. Jahrelang habe ich mich bemüht, bis es einfach nur eine Erleichterung war, dass ich mit niemandem von euch mehr etwas zu tun haben musste – bis auf die paar Pflichtbesuche.“ Er zuckte zusammen. „Autsch.“ „Ich hab es jahrelang versucht. Bin hiergeblieben statt in Manhattan, obwohl sich dort damals das Zentrum meines Berufslebens befand. Ich bin dir niemals in die Quere gekommen, wenn du die Mädchen sehen wolltest. Sie waren oft an Feiertagen bei dir. Himmelherrgott, ich habe sie sogar zu deinen Eltern gebracht, wenn du auf Tournee warst! Also nimm dir deine Bemerkung, ich solle mehr geben, und schieb sie dir in den Arsch.“ Vaughan war total verblüfft und starrte sie einfach nur an. Und sie verspürte nicht mal für einen Augenblick das Bedürfnis, sich zu entschuldigen. „Du hast recht. Tut mir leid. Du hast Opfer gebracht. Du hast dich bemüht, damit die Mädchen sich nicht von meiner Familie entfremden. Das sehen sie übrigens auch, Kelly, und sie wissen es wirklich zu schätzen.“ Er atmete schwer, hielt ihre Finger aber verschränkt. „Keiner von uns ist noch derselbe wie vor acht Jahren. Ezra ist durch die Hölle gegangen und hat sich zurück ans Licht gekämpft. Damien hat sich verliebt, hat geheiratet und wird in ungefähr einem Monat Vater. Paddy hat es mit Natalie wie aus heiterem Himmel getroffen, und ich rechne damit, dass er ihr bald einen Antrag machen wird. Sie alle mögen dich. Sie alle haben mir geraten, ich solle zu dir zurückkehren. Mein Vater hat mir einen unheimlich guten Rat gegeben. Sie wollen, dass wir – du, die Mädchen und ich – eine Familie sind! Sie stehen zu hundertzehn Prozent hinter mir und wünschen sich von Herzen, dass wir es schaffen. Ehrlich.“ „Keiner von uns ist noch wie früher, das stimmt. Aber du willst weiterhin beschönigen, was überhaupt zu dem ganzen Drama geführt hat. Und dabei geht es auch darum, wie deine Mutter mich vom ersten Tag an behandelt hat. Es geht hier nicht um meine Opfer, Vaughan. Es geht um die miese Haltung, die deine Mutter mir gegenüber an den Tag gelegt hat, seit sie mir zum ersten Mal begegnete. Sie hält mich für eine geldgeile Hure, und zwar nur deshalb, weil du ihr nie die Wahrheit gesagt hast. Wo ich darüber nachdenke, macht mich das ganz schön sauer.“ „Ich treffe mich nächste Woche mit ihr auf der Ranch, um mit ihr zu reden. Über alles. Und um ihr zu sagen, dass sie dich genauso willkommen heißen muss wie Mary, Natalie und Tuesday. Einen anderen Weg gibt es für mich nicht. Die Sache ist die – und damit will ich sie nicht in Schutz nehmen: Ich denke, dass sie seit einigen Jahren nach einem Weg sucht, zuzugeben, dass sie dich mögen könnte.“ „Ich habe dir schon erlaubt, deinen Schwanz in mich reinzustecken, also hör auf zu lügen!“ Er lachte laut auf und führte ihre Hand an die Lippen, um ihre Fingerkuppen zu küssen. „Das ist nicht gelogen! Ich schwöre es. Sie ist eine Mutter. Sie sieht dich, und niemand kann leugnen, was für einen großartigen Job du bei der Erziehung unserer Mädchen gemacht hast. Wir werden reden. Ich werde ihr alles erklären und, ja, alles gestehen. Und dann wird es für uns alle vorangehen. Du, Maddie und Kensey, ihr kommt für mich an erster Stelle. Glaubst du mir?“ Sie nickte, ohne zu zögern. Sie hoffte nur, dass sie seine Nummer eins bleiben würden und er nicht davonliefe, wenn es mal schwierig würde. Die Wahrheit war: Sie wollte auch mit den Hurleys auskommen. Wollte das Gefühl haben, mehr zu sein als nur die Außenseiterin, die die Kinder vorbeibrachte. „Es wird kein Vorankommen geben, bis sie die Wahrheit erfährt und angemessen darauf reagiert.“ „In Ordnung. Tut mir leid, dass das passiert ist. Ich wollte, dass dieser Abend besonders und romantisch wird.“ Als sie ihm erzählt hatte, was Stacey für sie getan hatte, war Vaughan klar geworden, dass er zwar in Kellys Bett schlief, mit ihr Sex hatte und sich um die Mädchen kümmerte, der Romantik aber viel zu wenig Beachtung beimaß. Der Intimität, die sie beide für ihren Erneuerungsprozess brauchten und die sie so stark machte wie einen Schild, der sie vor jeglichen Orkanen beschützen würde. Er erhob das Glas und stieß mit ihr an. „Auf zweite Chancen.“ „Auf die Vergebung der Sünden.“ Er trank und saß dann eine Weile einfach nur da und beobachtete, wie der Schein der Kerzen ihre Haare golden färbte, ihre Ohrringe funkeln und ihre Nägel glänzen ließ. Ein umwerfender Anblick, den sie mühelos hinbekam. „Du siehst atemberaubend aus. Am liebsten würde ich mir den Löffel schnappen und dich mit drei Bissen auf der Stelle aufessen.“ Sie lächelte, und er lehnte sich weiter zu ihr hinüber. „Das hast du schön gesagt.“ „Manchmal vergesse ich, wie hinreißend du bist. Und dann machst du dich hübsch, oder ich sehe dich in einem deiner fantastischen Arbeitsoutfits, und es fällt mir wieder ein. Ich weiß noch, wie ich mal dabei zugesehen habe, wie du für eine Show geschminkt wurdest. Ich erinnere mich daran, wie du ausgesehen hast, wenn du mit deinem Walk den Laufsteg für dich eingenommen hast. Boom. Boom.“ „Mein Agent bittet mich regelmäßig, den Neulingen beizubringen, wie man richtig läuft. Zweimal im Jahr. Eine Art ‚Einweisung mit Tante Kelly‘. Gott, die sind alle noch so jung! Frische Gesichter aus dem Bus aus Nirgendwo. Wenn ich sie ein Jahr später wiedersehe, zumindest diejenigen, die es geschafft haben, ist die gesamte Frische bereits verblasst.“ „Und wie die Sache mit dem Modeln vergesse ich manchmal auch, dass du als Kind nicht gerade ein normales Leben hattest.“ „Sagt der Rockstar-Rancher.“ Aber sie klang nicht wütend oder traurig. Sondern belustigt. „Als ich in Kenseys Alter war, waren wir auf den Philippinen. Danach lebten wir in der Türkei. Eins muss ich Rebecca lassen: Sie hat jedes verdammte Casting ausfindig gemacht, ganz gleich, wo es stattfand. Dann verließ sie meinen Vater und nahm mich mit. Zurück in den Staaten, musste ich Unterricht nehmen, und ungefähr ein Jahr später wurde ich von Exclusive unter Vertrag genommen. Bei denen bin ich bis heute. Im Juli sind es zwanzig Jahre.“ Vaughan hatte Fotos von ihr gesehen, von einer Vierzehnjährigen auf dem Laufsteg. Sie war Teil einer neuen Modelwelle gewesen. Mitglied der Elitemannschaft sozusagen. Er wollte noch mehr über ihr Leben wissen. Als sie damals ein Paar gewesen waren, hatte sie ihm ein bisschen erzählt, aber er hatte sie nie nach mehr gefragt, als sie von sich aus preisgab. Wahrscheinlich ein Fehler. Und auf jeden Fall einer, den er nicht noch einmal machen wollte. „Siehst du deine Mutter häufig? Oder deinen Vater?“ „Er ist vor drei Jahren gestorben. Er wurde in Tacoma beerdigt, wie ich einige Monate später erfahren habe.“ „Das tut mir leid.“ Er konnte sich nicht vorstellen, wie weh es tun müsste, wenn einer seiner Elternteile einfach so gehen würde. „Menschen sterben eben. Er hat zu viel getrunken, das hat ihn umgebracht. Zumindest hat man mir das gesagt. Als du und ich uns kennenlernten, hatte ich ihn schon lange nicht mehr gesehen oder gesprochen.“ „Du hast mir nie die ganze Geschichte erzählt.“ „Wenn man mit einem umwerfenden Mann ausgeht, ist auch nicht der richtige Zeitpunkt dafür.“ „Es ist ein Teil von dir. Ich will es wissen. Wie könnte ich dich sonst verstehen?“ „Vielleicht hast du recht. Aber nicht jetzt. Nenn mich egoistisch, aber ich möchte einfach einen schönen Abend ohne Drama verbringen.“ „Ich wette, mit Ross gab es nie irgendwelche Dramen.“ Vaughan nahm den gereizten Unterton in seiner Stimme wahr, aber er schämte sich nicht dafür. Auch nicht, obwohl er nur sich selbst die Schuld daran geben konnte. „Bist du eifersüchtig?“ Sie klang ungläubig, und fast hätte er gelacht. Natürlich war er eifersüchtig! „Ja. Er wollte dich heiraten. Meinen Töchtern ein Vater sein. Du hast ihn geliebt. Und nicht mich.“ Ihre Appetizer kamen, und sie schwieg ein paar Momente. „Ich habe nie aufgehört, dich zu lieben. Und was Ross angeht: Ich hatte ihn … gern. Aber wie Stacey mir andauernd aufgezeigt hat, war ich nicht in ihn verliebt. Und ich heirate ihn ja gar nicht. Ich war ein Mal verheiratet, Vaughan, und zwar mit dir.“ „Er hat auf dich aufgepasst, obwohl das meine Aufgabe gewesen wäre.“ „Ich habe auf mich aufgepasst. Ich brauche keinen Aufpasser.“ Nein, den brauchte sie nicht. Sie war schon immer unabhängig gewesen. Aber diese Version von ihr war erwachsen, und er hatte keinen Anteil daran. Jedenfalls nicht im positiven Sinne. „Ross und ich hatten keine Dramen. Obwohl seine Mutter …“, sie sah genervt aus, „… auch in seinem Leben eine große Rolle spielt. Er ist kein dramatischer Mensch. Er ist grundsolide. Früher dachte ich immer, er wäre verlässlich.“ „Früher?“ Sie versuchte, die Worte mit der Hand wegzuwischen, aber damit würde er sich nicht zufriedengeben. Irgendetwas war in ihr hochgekocht, und er wollte wissen, was. „Bitte. Erzähl’s mir.“ „Es ist nicht der Rede wert.“ „Dann ist es bestimmt auch kein Problem für dich, mir davon zu erzählen.“ Kelly grummelte vor sich hin, und er musste sich zusammenreißen, um nicht zu lächeln. „Also gut. Ich glaube, dass er ihr, seiner Ex, von meinem Essensthema erzählt hat.“ „Woher …? Ach du Schande, ihre Bemerkung auf dem Schulfest?“ Vor lauter Mitgefühl verschluckte er sich fast. Kelly nickte. „Das tut mir leid. Das ist echt mies.“ Ihre Unterlippe zitterte, nur ganz leicht, und er sehnte sich danach, Kellys offensichtlichen Schmerz zu vertreiben. „Ich gebe mir wirklich große Mühe, dir nicht das Herz zu brechen oder deine Gefühle zu verletzen. Nicht noch einmal. Aber ihn verstehe ich einfach nicht. Ich dachte wirklich, er hätte mehr auf dem Kasten.“ „Ich schätze, jeder macht Dummheiten, wenn verletzte Gefühle im Spiel sind.“ „Hast du ihn damit konfrontiert?“ Vaughan wusste nicht, wie er es finden sollte, falls ja. „Ich habe das ganze Wochenende darüber nachgedacht. Aber dann wurde mir klar, dass dadurch nichts gewonnen wäre. Es ist vorbei. Immerhin fühle ich mich jetzt nicht mehr ganz so schlecht, weil ich die Verlobung gelöst habe.“ Durch ihren Witz wurde ihm gleich leichter ums Herz. „Ich schätze, ich habe damit gerechnet, dass er verletzt und sogar wütend ist. Aber Ross hat etwas benutzt, das privat war. Etwas, das er nur wusste, weil ich ihn in mein Leben gelassen habe. Er hat es einer Dritten erzählt, und die hat es benutzt, um mich zu treffen. Ich hasse den Gedanken, dass er wusste, was geschehen würde, aber es ist möglich. Natürlich kann es auch sein, dass sie die Bemerkung rein zufällig gemacht hat, weil sie einfach eine gemeine Hexe ist. Aber so oder so – für mich kann nichts Gutes dabei rauskommen, wenn ich ihn damit konfrontiere. Am stärksten ist es wohl, wenn ich nicht zeige, dass sie mich tief verletzt hat.“ Auch wenn das eigentlich nicht nötig sein sollte. „Findest du es cool, wenn ich dir sage, dass ich ihm dafür am liebsten eine verpassen würde?“ Sie lächelte und seufzte glücklich, als ihre Vorspeise kam. „Klar finde ich das cool.“ Sie genossen das Dinner ausgiebig, und als sie zurück zur Garderobe gingen, fühlte sich das Leben ungefähr tausendmal besser an. Richtig toll, dachte Ross. Nachdem sie losgefahren waren, nahm er nicht den Freeway, sondern bog in die andere Richtung ein. „Die landschaftlich schöne Route?“, mutmaßte Kelly. „Nein, auf uns wartet ein Hotelzimmer. Wir haben schließlich noch für einige Stunden einen Babysitter. Ich dachte mir, richtig ungehemmter Hotelsex könnte uns den heutigen Abend versüßen.“ „Meine Güte. Wenn du so weitermachst, wirst du dein nächstes Verdienstabzeichen aber schnell bekommen.“ Kelly drehte sich langsam um, als sie ihre Tasche auf einen Stuhl warf. „Einige sind ja nur auf einen Quickie aus“, sagte sie zu Vaughan, der um sie herumschlich und sie damit ganz nervös und hibbelig machte. „Paddy kommt manchmal mit Natalie her. Er findet es romantisch. Aber du in meinem Hotelzimmer, bereit dafür, dass ich dich rasend mache – das ist tausendmal besser.“ Er trat nah an sie heran und ließ sich auf die Knie fallen. Sie atmete scharf ein und packte ihn für einen Moment bei den Schultern. „Mmmh … Ist schon lange her, dass ich dich aus dieser Perspektive gesehen habe.“ Er rieb kurz mit dem Gesicht an ihrer Mitte, zog dann langsam mit den Händen die Konturen ihrer Wade nach, bis zum Knöchel, wo er ihr zuerst den einen Schuh auszog und dann den anderen. Kelly ließ sich ganz fallen und zerwühlte mit den Händen sein Haar. „So siehst du fast wie ein Pirat aus.“ Er fixierte ihren Mund so lange mit seinem intensiven Blick, bis sie fester zupackte und ihn zu sich hochzog. „He, ihr Beine, ich bin gerade mit so einer Sache beschäftigt. Aber ich mach’s nach Piratenmanier wieder gut und werde mich euch später besonders unnachgiebig widmen.“ „Versprochen?“ Das neckende Flackern in seinen Augen verschwand und wurde von heißem Verlangen abgelöst. Ungeduldig zerrte er an ihrem Kleid. Kelly schob seine Hände weg, um den Reißverschluss selbst zu öffnen, und zwar um einiges vorsichtiger. „Ich will dich nackt sehen“, raunte er und packte abermals den Saum ihres Kleides. „Diesen Wunsch will ich dir gerne erfüllen, aber wenn du dieses Kleid zerreißt, werde ich dir wehtun.“ Mit einer schnellen Bewegung öffnete sie den Verschluss am Hals, und das Kleid fiel zu Boden, sodass sie nur noch mit einem Höschen bekleidet vor ihm stand. „Der. Beste. Tag. Aller. Zeiten.“ „Er wird gleich noch viel besser.“ Langsam, Knopf um Knopf, knöpfte sie sein Hemd auf, fuhr ihm mit den Händen über die nackte Haut, befreite seine Arme und warf das Hemd zu ihrem Kleid. Dann der Gürtel, die Hose aufgeknöpft, und nun war sie an der Reihe, sich hinzuknien. „Hey, ich war gerade dabei, so eine ganz bestimmte Sache zu starten.“ Sie riss ihm die Hose herunter und half ihm, bis er gänzlich nackt vor ihr stand. „Ja?“ Kelly rieb mit der Wange an seinem Schwanz, und er atmete zischend ein, ohne weiter zu argumentieren. Das war auch gut so, denn ihr gefiel die Situation, und sie hatte nicht vor, sich das Ruder wieder entreißen zu lassen. Noch nicht. „Hör ja nicht auf. Nimm ihn in den Mund und schluck.“ Beinahe musste sie husten, weil die derben, schmutzigen Worte sie direkt in den Solarplexus und an südlicher gelegenen Punkten trafen. Dirty Talk war neu, und es gefiel ihr. Sie befolgte den Befehl, nahm ihn so tief in den Mund wie möglich, ehe sie den Kopf wieder zurückzog und von vorne begann. Diesmal lagen seine Hände auf ihren Schultern, damit er auf den Beinen blieb. Das machte Kelly fast genauso glücklich wie die Macht, ihm so viel Lust zu bereiten. Die Muskeln seiner Oberschenkel spannten sich an, als er die Knie durchdrückte, und sie gab einen entzückten Laut von sich. Vaughan fluchte leise. Die Finger auf ihren Schultern verkrampften sich, bis er auf einer Seite losließ, um Kelly übers Haar, die Wange und den Hals zu streicheln. Sie spürte seine Hitze an Wangen und Busen. Jedes Mal, wenn sie ihn bis zum Anschlag in den Mund nahm, pieksten die drahtigen Haare seiner Beine ihre Brüste. Die Lust, die sich langsam in ihr aufbaute, durchdrang jede ihrer Poren. Das war Verbundenheit. Nicht nur ein Blowjob, sondern das tiefste Vertrauen, das sie seit seinem Einzug mit Vaughan erlebt hatte. Seine zärtlichen Berührungen erschütterten ihr tiefstes Inneres. „Immer noch das schönste Wesen, das ich je gesehen habe“, flüsterte er, und sie öffnete die Augen, sodass er ihr ins Gesicht sehen konnte, während sie es ihm besorgte. Er keuchte, als sie das tat. Auch er schien zu begreifen, wie intensiv die Verbindung zwischen ihnen war. Sie brauchte ihm nicht zu sagen, dass sie ihn verstand. Dass sie dasselbe fühlte. Er sah in ihrem Blick, dass sie es wusste. „So nah“, flüsterte er. Kelly fuhr mit den Fingernägeln seine Waden entlang. Dann umfasste sie mit der einen Hand seinen Schwanz am Schaft und begann mit der anderen, seine Eier zu verwöhnen. Er stieß eine Reihe an derberen Flüchen aus, und als er kam, presste er knurrend ihren Namen zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Kelly hatte kaum Zeit, über die Spitze seines Schwanzes zu lecken, da riss Vaughan sie hoch und presste seinen Mund auf ihren. Ein Kuss, der sie schier verbrannte. Er hob sie hoch, warf sie aufs Bett, schmiss sich daneben und rollte sich auf sie. Kelly keuchte auf, als er einen ihrer Nippel zwischen die Zähne nahm und fest und schnell mit der Zunge daran zu spielen begann. Heiße Wellen durchfluteten sie. Er stützte sich gerade ausreichend hoch, um sie überall zu berühren, als er sich über den anderen Nippel hermachte. Gott, dieser Mann würde sie umbringen, wenn er so weitermachte. Irgendwann würde sie explodieren, und dann wäre nur noch ihre Asche übrig. Das war ihr letzter stimmiger Gedanke, während er sich küssend und leckend über ihren Bauch nach unten vortastete, zu ihren Hüften, wo er sich ihren sensibelsten Punkten widmete, bis sie kurz davor war, Vaughan auf den Rücken zu rollen und sich auf seinen Schwanz zu setzen. „Ich glaube, jetzt sind wir bereit, unser erstes wissenschaftliches Experiment durchzuführen.“ „Mach schon!“ Kelly war sich ziemlich sicher, dass sie ein klitzekleines bisschen panisch klang. Er lachte, als er ihre Beine spreizte und über ihren Venushügel pustete, kurz bevor er anfing, ihre Klit zu lecken und daran zu saugen. Die ganze Zeit über hielt er sie mit seinen Händen, die ihr auf einmal so groß vorkamen, weit geöffnet. Helle Lichter blitzten hinter ihren geschlossenen Lidern auf, als sie mit einem lauten Stöhnen kam. Er machte weiter, bis sie ihn wegschob und, eine Hand auf seinem Kopf, im Bett ein Stück nach oben rutschte. Sie hörte Kondompapier knistern und tat überrascht, als sie bemerkte, dass er schon wieder hart war. „Als Frau könnte man sich an diese Art von Erholungszeit gewöhnen.“ Er blieb auf den Knien, zwischen ihren Schenkeln, während sie rücklings auf dem Bett lag. Dann packte er sie, zog sie auf seine Oberschenkel und drang in sie ein. Kelly schlang die Beine um seine Taille. In dieser Position kontrollierte er, wie tief und wie hart er sich in ihr bewegte, und er stieß zu, in gleichbleibendem Rhythmus. „Gut zu wissen, denn ich habe nicht vor, dir die Möglichkeit zu geben, dich wieder an meine Abwesenheit zu gewöhnen.“ Das hoffte sie. Nun, da er wieder bei ihr war, hatte sie sich an ihn gewöhnt – und das nicht nur im Bett. Vaughan ließ sich Zeit, brachte sie bis kurz vor den Höhepunkt und zog sich wieder zurück. Er verlangsamte das Tempo, nur um sie kurz darauf erneut wahnsinnig zu machen. Dann befeuchtete er seine Finger im Mund und massierte damit ihre Klit. Bei allem, was vorangegangen war, brauchte sie nicht mehr, um zu einem überwältigenden Höhepunkt zu kommen. Sie bog sich ihm entgegen und hielt ihn fest umklammert. Stöhnend packte er ihre Hüften und hielt Kelly fest, während er sie tief stieß. Fasziniert beobachtete sie sein Gesicht, als ihn die Ekstase überrollte, sie spürte das Zucken seines Schwanzes, und mehrere kleinere Schauer jagten durch ihren Körper, bis er sich zurückzog und sich, nach Luft schnappend, aufs Bett fallen ließ. Er stand auf und kam nur wenige Momente später mit einem Servierwagen zurück, den sie bei Betreten des Zimmers überhaupt nicht wahrgenommen hatte. „Ich denke, wir haben die Frage geklärt, ob du gekommen bist oder nicht.“ „Wie selbstgefällig.“ Kelly lachte. Er grinste und küsste sie forsch. „So bin ich. Welcher Mann in meiner Position wäre das nicht?“ „Solange du dafür sorgst, dass ich so komme wie eben, bin ich mit deiner Selbstgefälligkeit einverstanden.“ „Ich bin noch lange nicht fertig. Uns bleiben noch ein oder zwei Stunden. Deshalb schlage ich vor, dass wir uns ein wenig Champagner gönnen und dann in die nächste Runde starten.“ „Abgemacht.“ 18. KAPITEL Daddy, singst du nachher mit mir?“, bat Maddie, als sie am nächsten Nachmittag aus dem Bus stieg. Er nahm ihre Hand auf der einen Seite und die von Kensey auf der anderen, und sie gingen zurück zum Haus. „Ich werde immer mit dir singen, Baby. Sag mir wann.“ Der tiefblaue Himmel über ihnen war mit weißen Marshmallow-Wolken durchzogen. Kinder tollten die Gehwege entlang, andere spielten in dem Park, an dem sie vorbeikamen. Und seine Kinder liebten die Musik genauso sehr wie er. Besser ging es nicht. „Mommy hat in zwei Wochen Geburtstag. Ich will ein Lied für sie singen.“ Er blieb stehen und kniete vor seiner Ältesten nieder. „Das ist eine großartige Idee. Sie würde sich riesig freuen. Hast du schon ein Lied im Kopf?“ Maddie nickte. „‚Let Him Fly‘ von Patty Griffin. Das ist ihr Lieblingslied.“ „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das kenne. Aber die Idee finde ich toll.“ Er stand auf, und sie gingen weiter. „Sing’s mir mal vor.“ Die Kleine begann zu singen. Sie hatte schon eine kräftige Stimme, mit der gleichen Tiefe wie ihr Onkel Ezra. Und als er auf den Text achtete, stellte er fest, dass der Song von einer Frau handelte, die einen Mann liebte und gehen ließ. Auch wenn es vielleicht eitel war, er nahm an, dass es um ihn ging. Kaum waren sie zu Hause, arbeitete er bereits einen Plan aus. „Ich habe eine Idee. Kensey, willst du auch etwas zu diesem Geburtstagsgeschenk für Mommy beitragen?“ „Ja, Mann! Ich kann tanzen. Sie mag es, wie ich tanze.“ „Natürlich mag sie es. Ich finde, das ist perfekt. Wollt ihr zwei mit mir auf die Ranch fahren? Ich muss noch ein paar Sachen holen.“ Nun, da sein Arbeitsraum über der Garage Gestalt annahm, wollte er einen seiner kleineren Verstärker und ein paar Stative holen. Er schrieb Kelly eine Nachricht, um sie wissen zu lassen, dass er die Mädchen mit zu seinen Eltern nehmen und dafür sorgen würde, dass sie aßen, ihre Hausaufgaben machten und bis neun wieder zu Hause wären. Dann rief er seine Eltern an, um sicherzugehen, dass sie da waren und Lust auf Besuch hatten. Bei der Aussicht, ihre Enkeltöchter zu sehen, klangen beide begeistert, und so lud er alle ins Auto ein, und los ging es nach Hood River. „Vermisst du es, hier zu leben, Daddy?“, fragte Maddie, als sie darauf warteten, dass sich das große Eisentor vor der Auffahrt öffnete. „Die Zeit, die ich auf manchen Tourneen verbracht habe, war länger als die Zeit, die ich nun schon bei euch lebe.“ Er kurbelte sein Fenster herunter. Er liebte den Duft der Felder, der frischen Luft und des Grüns. „Ich liebe dieses Land. Es ist ein Teil von mir und auch ein Teil von euch beiden. Aber es ist ja nicht allzu weit weg. Wenn ich also hier sein muss, um eurem Onkel Ezra und Poppa bei der Arbeit auf den Feldern zu helfen, ist das kein Problem.“ „Mommy sollte auch hier sein. Wird sie das von jetzt an?“, wollte nun Kensey wissen, als sie die Auffahrt seiner Eltern entlangfuhren. „Das fände ich auch schön, Schätzchen. Das ist komplizierter Erwachsenenkram. Aber ich hoffe, ja.“ Minnie – die Hündin, die theoretisch ihm und den Mädchen gehörte, allerdings zu seinen Eltern übergelaufen war – kam auf ihren winzigen Corgi-Beinchen an der Seite von Michael nach draußen gerannt, als sie ausstiegen. Die Mädchen liebten ihren Grandpa und den Hund über alles, und als Sharon herauskam, liefen sie zu ihr, um sie ebenfalls zu umarmen. Auch Vaughan nahm seine Eltern in den Arm, und gemeinsam gingen sie in die große Küche mit dem angrenzenden Esszimmer. „Wie wär’s mit Pizza? Poppa kann welche holen und vielleicht auch ein bisschen Kakao?“, schlug Sharon vor. „Ihr zwei könnt solange eure Hausaufgaben machen. Dann sind sie fertig, und ihr könnt Zeit mit euren Großeltern verbringen und essen, ohne dass das die ganze Zeit über euch hängt.“ Sie diskutierten zwar nicht, verdrehten aber die Augen. Er ließ es ihnen durchgehen, denn er und seine Hausaufgaben hatten auch keine besonders gute Beziehung zueinander gehabt. Die Mädchen waren gut in der Schule, und das freute ihn. Solange das so weiterging, konnten sie ruhig hier und da mal die Augen verdrehen. „Ich muss ein paar Sachen aus meinem Haus holen“, sagte Vaughan ihnen. „Deine Brüder sind alle drüben bei Ezra“, rief sein Vater. „Iss doch mit ihnen, dann brauchen wir Maddie und Kensey nicht mit dir zu teilen.“ „Den Hund kannst du allerdings mitnehmen. Sie ist so hibbelig, und das Laufen macht sie vielleicht müde“, meinte seine Mutter. Vaughan liebte es, wenn Sharon in seiner Gegenwart so tat, als würde sie mit dem Hund niemals in Babystimme sprechen oder ihm Erdnussbuttersandwiches zu fressen geben. „Willst du Loopy und das Schwein sehen?“, fragte Vaughan den Hund, der als Antwort erfreut herumtänzelte und aufgeregt bellte. „Also schön.“ Er beugte sich runter und küsste seine beiden Kleinen. „Benehmt euch bei euren Großeltern. Ich bin bald zurück.“ Normalerweise hätten sie gefragt, ob sie mitkommen könnten, oder wären zumindest aufgestanden, um ihn nach draußen zu begleiten. Diesmal nickten sie nur und sagten „bis später“. Mehr Beachtung schenkten sie ihm nicht. Erst als er bei sich zu Hause in seinem Studio stand, kam die Erleuchtung. Er war für seine Kinder nichts Ungewohntes mehr. Sie nahmen ihn genauso selbstverständlich wie Kelly. Sie gingen davon aus, dass er zurückkäme und sie bis um neun nach Hause brächte. Und davon, dass ihre Großmutter ein seltenerer Anblick war als Vaughan, obwohl sie diese erst am Tag zuvor gesehen hatten. „Weißt du was, Minnie? Ich glaube, ich habe etwas erreicht, das irgendwie dubios ist und zugleich absolut normal.“ Er lud sein Zeug ins Auto, ehe er zu Ezra hinüberging, um zu sehen, wie es den anderen ging. Als Vaughan das Haus seines Bruders betrat, hörte er, wie seine beiden anderen Brüder Ezra die Meinung geigten, weil er geäußert hatte, dass er Tuesday begehrte und sich trotzdem unwohl damit fühlte. Da drehte er den anderen mal einen Monat lang den Rücken zu, schon musste er mit Höchstgeschwindigkeit zurück in ihr Leben springen. Ez war ein Kontrollfreak. Er war außer Kontrolle geraten, und sein gesamtes Leben war bis auf die Grundmauern abgebrannt. Seitdem er vor einigen Jahren aus der Entzugsklinik entlassen worden war, hatte er dieses Leben geduldig, aber unnachgiebig neu aufgebaut. Gleichzeitig wusste Vaughan, dass sein ältester Bruder sich noch immer dafür schämte, wie er sich als Drogenabhängiger benommen hatte. Dieses Schamgefühl hing ihm wie ein Gewicht um den Hals. Ein Gewicht, das er sich selbst ausgesucht hatte, da der Rest der Familie ihm seine Sünden längst vergeben hatte. Wenn Ezra mit Worten wie begehren um sich warf, bedeutete es, dass er immer noch versuchte, Tuesday nicht zu nah an sich heranzulassen. „Ich finde es interessant, dass du das Wort begehren verwendest“, sagte Vaughan, als er ganz ins Zimmer trat. Wenn er gekonnt hätte, hätte er seinen Bruder mit der Nase auf die richtige Entscheidung gestoßen. Und er fand, dass Tuesday die richtige Entscheidung war. „Der verlorene Hurley kehrt zurück. Nimm dir einen Teller und was zu trinken. Wir schnüffeln in Ezras Liebesleben herum“, erwiderte Paddy. Vaughan ging in die Küche, wo das Essen bereitstand. Eines der Dinge, die er am Leben auf der Ranch am meisten vermisste, war das köstliche Essen seiner Schwägerin Mary. Es war eine Menge passiert, seit sie, gerade aus der Schule raus, mit ein paar Instrumenten, einem Van und einigen Träumen die Welt erobern wollten. Trotzdem war an den alten Zeiten nicht alles schlecht. „In Zeiten wie diesen vermisse ich es, mich zu betrinken, in einer Allee hinter einer beschissenen Spelunke eine Horde Arschlöcher zu vermöbeln und bei Sonnenaufgang mit einem blauen Auge und Blut auf meinem Shirt ins Bett zu fallen. Das Leben war damals einfacher.“ Einige angespannte Momente lang sagte niemand ein Wort, und Vaughan bekam schon ein schlechtes Gewissen, weil er eine Bombe in ein nettes Abendessen geworfen hatte. Aber dann fing Ezra an zu lachen. Ein tiefes Lachen, das aus dem Bauch kam, und alle entspannten sich. Ez zeigte Vaughan den Mittelfinger und wies dann mit dem Kinn auf Paddy und Damien. „Es ist in Ordnung zu lachen. Ich werde nicht losrennen und Heroin kaufen, nur weil mein Bruderherz auf unsere berühmte gewalttätige Vergangenheit anspielt. Aber wenn ich es mache, könnt ihr ihm ja in der Therapie die Schuld geben. So wie ich.“ Im Vorbeigehen umarmte er Vaughan mit einem Arm, nahm sich noch mehr von dem Essen und ging ins Wohnzimmer. Paddy nervte ihn weiter mit der Sache mit dem Begehren, und Ez versuchte offenbar, ihn irgendwie zum Schweigen zu bringen, was aber nicht gelang. Jeder kannte die Schwachstellen des anderen und wusste, wie man ihn provozieren konnte. Schließlich platzte es aus Ezra heraus. „Etwas so sehr zu brauchen ist für einen Junkie kein stabiler Boden.“ Paddy nickte. „Stimmt. Siehst du Ähnlichkeiten zwischen den Situationen?“ „Ich kenne den Unterschied zwischen einer Frau und Drogen.“ Vaughan hörte den defensiven Unterton in Ezras Stimme, aber es war Damien, der es als Erster ansprach: „Hör auf, dich so defensiv zu benehmen, Mann. Vielleicht würde ich dir sogar zustimmen, wenn du ein Junkie wärst. Aber das bist du nicht. Du warst es mal. Jetzt bist du nur ein grantiges Arschloch, das sich viel öfter flachlegen lassen könnte, sich aber lieber selbst bestraft, indem er das, was er braucht, von sich fernhält, um irgendetwas zu beweisen, das keine Rolle spielt. Du hast das Heroin in den Wind geschossen. Tuesday ist keine Droge. Von ihr geht keine Suchtgefahr aus. Du bist nicht außer Kontrolle, nur weil du eine Frau sehr gernhast.“ Ezra grummelte erst nur, während Damien damit fortfuhr, Essen von seinem Teller zu kratzen und es den beiden Kätzchen zu geben, bellte dann aber den Jüngeren an, er solle aufhören, die Katzen zu füttern. Der jedoch ignorierte ihn. Im Grunde ein Tag wie jeder andere für die Hurley-Brüder, dachte Vaughan. Es war nicht das Haus, das er vermisste; es war diese Art der Kameradschaft. „Ich werde eure gottverdammten Kinder alle so dermaßen verwöhnen. Das könnt ihr euch schon mal merken“, knurrte Ezra, als wäre es eine Drohung. Vaughan schnaubte. „Zu spät. Meine Mädchen haben mehr Mist, als sie brauchen, und überall steht der Name Hurley drauf. Kellys Familie ist ein Haufen Arschlöcher, aber ihr schickt meinen Kindern so viel Zeug. Ich hatte keine Ahnung, wie viel, bevor ich jeden Tag in ihrem Haus ein- und ausging.“ „Genau, wie sieht’s denn damit aus?“ Ezra lehnte sich vor. Er wollte die Gelegenheit nutzen, das Thema zu wechseln. Aber Vaughan fiel nicht darauf herein. „Nein. Ich bin hier, um über dich zu sprechen. Und um meine Post und ein paar Klamotten zu holen. Die Mädchen sind bei Mom und Dad und essen Pizza, und danach bringe ich sie nach Hause, weil sie morgen Schule haben. Kelly macht mir die Hölle heiß, wenn sie erst nach neun zurück sind.“ „Wohnst du jetzt da?“, wollte Damien wissen. Er war drauf und dran, ihnen die ganze Geschichte zu erzählen, doch ihm war auch klar, das Ezra es genau darauf anlegte, denn er wollte von sich ablenken. Und wenn jemand ein bisschen zu seinem Glück gezwungen werden musste, dann war es der Älteste unter ihnen. Vaughan nahm sich vor, schon bald mehr von sich zu erzählen. „Im Gästezimmer. Aber noch mal: Zuerst sprechen wir über Ez, und dann erzähle ich euch, was in Gresham los ist.“ Ezra zog die Stirn kraus, gab aber nach und antwortete. „Es gibt nicht viel mehr zu sagen. Ich habe das, was ihr, glaube ich, eine Freundin nennen würdet. Es ist viel ernster als alles, was ich vorher hatte, und meist ist das okay für mich. Ist ja nicht so, als ob niemand davon wüsste. Mein Gott, Paddy und seine Freundin haben erst letztes Wochenende vier Tage mit Tuesday und mir verbracht. Mehr gibt es nicht zu sagen. Danke, dass ihr euch Sorgen macht.“ Paddy schnaubte laut. „Ich bin ja eher neugierig als besorgt. Ich schätze, ihr zwei kriegt das schon hin. Ihre Geschichte ist genauso dunkel und tragisch wie deine, aber sie ist stark. Sie lässt sich von dir nichts sagen, und das gefällt mir.“ Vaughan johlte. Er ignorierte das traurige Gefühl, das in ihm hochkam, weil er die Sache nicht hautnah miterlebt hatte. „Ha! Erzählt mir mehr.“ Und das taten sie. Sie brachten ihn auf den neuesten Stand und berichteten ihm anschließend auch noch, was sich in ihrem Leben gerade so tat. Mary wurde langsam nervös und war mehr als bereit, das Baby zu bekommen. Paddy überlegte, Natalie zu fragen, ob sie bei ihm einziehen wollte, und Tuesday würde ihr Geschäft in Kürze als Kunstgalerie neu eröffnen. „Jetzt du. Wir haben dir von uns erzählt. Was geht bei dir ab?“, forderte Paddy. „Ich arbeite gerade an ein paar Solostücken.“ Jeder seiner Brüder reagierte anders, aber keiner schien traurig oder wütend zu sein. „Du verlässt die Band?“, fragte Damien. „Himmel, nein. Ich habe nur Material, von dem ich denke, dass es nicht unser Sound ist.“ „Aber wenn es dein Sound ist, ist es auch unser Sound“, widersprach Paddy. „Nein. Wenn es unserer sein sollte, würdest du ihn ändern wollen. Ihn dir einverleiben, zum Sweet-Hollow-Ranch-Sound machen. Und das will ich nicht. Ich liebe die Band. Ich liebe es, Musik mit euch zu machen. Aber das hier ist anders.“ Ezra nickte. Er streichelte eine der Katzen, während die andere in dem schmalen Spalt zwischen ihm und der Armlehne eingeschlafen war. „Okay, lass mehr davon hören.“ Aber es war kurz vor acht, und er musste los. „Nächstes Mal. Ich bin nächste Woche wieder hier. Zum Mittagessen mit Mom. Ich muss ihr alles erzählen. Ihre miese Stimmung Kelly gegenüber fußt nun mal nicht auf der Wahrheit. Und ich habe es jahrelang dabei belassen. Höchste Zeit, damit aufzuräumen. Ich will, dass ihr alle versteht, was Kel nach der Scheidung getan hat und was nicht. Sie fühlt sich hier nicht willkommen, und ich verstehe warum.“ Er stand auf, um zu gehen. „Natalie und Mary haben neulich darüber gesprochen. Ich denke, wir alle haben sie falsch eingeschätzt, und das ist alles andere als cool. Ich wäre wirklich wütend, wenn ihr das jemals mit Mary machen würdet“, sagte Damien. „Alles, worum ich euch bitte, ist, Kelly kennenzulernen und ihr eine Chance zu geben. Und das kann ich nicht machen, solange sie das Gefühl hat, niemand hier hätte Lust, sie kennenzulernen.“ Er konnte auf seine Familie zählen, auf ihre Unterstützung. Sie liebten Mary und Natalie und Tuesday, warum zum Teufel also nicht auch Kelly? „Du hast völlig recht“, meinte Paddy, als sie Vaughan gemeinsam zum Auto brachten. „Ich will deine Songs unbedingt mal hören. Nur weil du sie alleine machen willst, heißt das nicht, dass wir nicht für dich da sind. Um dir zu helfen, wenn du willst.“ Das von Paddy zu hören – dem Bruder, den sie auch Esmuss-perfekt-sein-Paddy nannten –, bedeutete eine Menge. Bei der Entwicklung ihres letzten Albums waren sie über Vaughans Herangehensweise mächtig aneinandergeraten. Er respektierte Paddy sehr, und es hatte ihn frustriert, ständig das Gefühl zu haben, ihm nie gerecht werden zu können. Aber das hier war noch viel besser. Und genau das, was er brauchte. Er verabschiedete sich, schnappte sich die Mädchen, setzte den Hund ab und fuhr zurück nach Hause. Den Ort, an dem er so gern seine Zeit verbrachte wie nirgendwo sonst. 19. KAPITEL Ich muss nach New York“, sagte Kelly, als sie die letzte morgendliche Dehnübung beendet hatte und sich ihre Wasserflasche schnappte. Die Sonne war schon vor einer Weile aufgegangen, aber es herrschte noch immer dieses blasse Morgenlicht, welches das Zimmer in diesen seichten Glanz tauchte. Das wurde auch nicht im Geringsten von dem umwerfenden Mann zerstört, der nur mit einer Pyjamahose bekleidet und mit einem unverschämten Zug um den Mund dasaß. Kelly beim Yoga zu beobachten schien zu Vaughans Lieblingsbeschäftigungen zu gehören. Er fläzte sich dann in dem Sessel und las, beschäftigte sich mit seinem eigenen beruflichen Kram oder schrieb. Nie störte er sie oder machte Krach, und sie fand es mittlerweile schön, seine Energie um sich herum zu spüren. „Kann ich mitkommen?“ „Wirklich?“ Das hatte sie überhaupt nicht zu hoffen gewagt. Sie hatte befürchtet, er würde die Sache runterspielen oder nicht ernst nehmen. „Ja. Ich würde gern mal mit dir dorthin zurück. Während du arbeitest, könnte ich den Tag mit den Mädchen verbringen, und wenn du Zeit hast, können wir etwas zusammen unternehmen. Maddie war noch ein Baby, als ich das letzte Mal mit ihr in New York City war.“ Sein Lächeln war so wundervoll, so voller Liebe und Glück, dass sie einige Momente Schwierigkeiten hatte zu atmen. Sie liebte ihn so sehr, dass sie es mit jeder Faser ihres Herzens spürte. Sie hatte ihn niemals nicht geliebt. Noch vor Kenseys Geburt hatte sie angefangen, ihn zu vermissen. Es hatte nicht daran gelegen, dass er arbeitete und sie zu Hause war. Kelly war gern mit Maddie zu Hause gewesen. Vielmehr daran, dass er ein völlig anderes Leben lebte, sobald er zur Tür hinausging. Und das hatte ihm gefallen. Als er kein Teil ihres Lebens mehr gewesen war, hatte sie für lange Zeit einen dumpfen Schmerz verspürt. Und sie vermutete, dass er niemals verschwinden würde. Denn trotz allem war sie nie in der Lage gewesen, diesen Mann nicht zu lieben. Sie hatte es versucht. Gott wusste, wie sehr sie es versucht hatte. Sie hatte ja sogar geplant, einen anderen zu heiraten. Nach ihrer Scheidung war es ihr sehnlichster Wunsch gewesen, dass Vaughan eine Familie mit ihr wollte. Und es war immer ihr sehnlichster Wunsch geblieben. Sein momentaner Gesichtsausdruck reichte, um diverse Knoten zu lösen, die sie lange Zeit mit sich herumgetragen hatte. Und sie erlaubte es sich, wieder ein wenig mehr an ihn zu glauben. „Wenn wir am Freitag nach der Schule aufbrechen und einen Nachtflug nehmen, können wir bis Mittwoch bleiben. Ich möchte nicht die große Eröffnung von Tuesdays Galerie nächste Woche verpassen.“ „Freitag bis Mittwoch ist auf jeden Fall machbar. Lass mich nur noch mit Ez sprechen, um sicherzugehen, dass er mich nicht braucht. Da Ende der Woche die Ferien beginnen, dachte ich, wir könnten ja die Idee umsetzen, die Mädchen ein bisschen mehr in die Arbeit auf dem Land einzubeziehen. Einfach mehrmals in der Woche mit ihnen hinfahren.“ Er hatte durchgesetzt, dass die beiden die Sommerferien über bei ihnen zu Hause verbrachten, und Kelly hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Sie alle hatten eine Menge Spaß, wenn sie zur Ranch rüberfuhren. Dort gab es einen Pool, Pferde zum Reiten und viel Platz zum Rennen und Spielen. Außerdem besaß Ezra diverse Tiere, denen Maddie und Kensey Namen geben durften. Natürlich hießen alle Ziegen Marshmallow. „Gut. Sie brauchen das. Bald werden sie einen Cousin haben. Das wird ihnen auch Spaß machen. Denk nur daran, dir Zeit für deine Musik zu nehmen. Du brauchst das.“ Vaughan stand auf und umarmte sie. Er war warm und roch nach Schlaf. „Wofür ist das?“, fragte Kelly. „Ich arbeite gerade an dem Soloprojekt, von dem ich dir erzählt habe.“ Sie nahm seine Hände. „Du hast nicht viel darüber gesprochen. Erzählst du mir jetzt davon? Vielleicht … würdest du mir was vorspielen?“ Er nickte. „Ja. Das wäre schön. Aber vielleicht lieber später? Zuerst muss ich noch etwas erledigen. Ich fahre heute Morgen noch zur Ranch. Ich will mich mit meinen Eltern auf ein spätes Frühstück treffen.“ „Okay. Ich bin gespannt auf die Details. Ich freue mich für dich. Und ich bin stolz.“ Und sie war auch ein bisschen besorgt, dass er sich von seiner eigenen Familie auf der Ranch entfremden könnte. So seltsam es für Kelly auch war, in der Nähe seiner Eltern und Geschwister zu sein – sie hatte nie gewollt, dass er sich von ihnen isolierte. Nein, sie verstand, wie wichtig sie füreinander waren, als Einheit. Sosehr sie sich auch wünschte, Teil davon zu sein, sie würde niemals wollen, dass er oder ihre Kinder sich davon abwandten. „Ich hatte ohnehin vor, die Racker gleich zu Fuß zur Bushaltestelle zu bringen und sie später abzuholen, um Maddie zum Klavier zu bringen und Kensey zum Ballett. Wenn du sofort fährst, kommst du nicht in den Berufsverkehr und hast mehr vom Tag. Ich weiß, dass du sie vermisst, Vaughan. Das ist eins der Dinge, die ich an dir am meisten mag. Ich würde nie von dir verlangen, das aufzugeben. Es gehört genauso zu dir wie deine Augenfarbe.“ „Findest du? Auch mit dem ganzen Mist, der zwischen dir und ihnen steht?“ „Ich habe in den letzten Jahren viel darüber nachgedacht. Darüber gegrübelt, warum deine Familie und ich uns nie verstanden haben. Ich denke, das liegt vor allem daran, wie ich ihnen begegnet bin. Sie kannten mich nicht, und plötzlich stand ich vor ihnen – jung, schwanger und noch dazu deine Frau. Und es gab keinen Ehevertrag.“ O ja, Sharon hatte sich maßlos darüber aufgeregt. Das war während der Scheidung und im Jahr danach, als alles am schlimmsten war, die größte Waffe in ihrer Sammlung gewesen. „Sie hatte kein Recht, dich so zu behandeln oder so mit dir zu reden.“ „Nein. Und es war deine Aufgabe, ihr das zu sagen. Aber du hast es nicht geschafft. Also habt ihr beide versagt.“ Kelly räusperte sich, als sich das Entsetzen in Vaughans Gesicht spiegelte. Sie hatte ihm das nie gesagt, auch wenn sie es seit Jahren vorgehabt hatte. Und nun, da die Worte endlich raus waren, fiel ein weiteres Gewicht von ihr ab, und sie hatten sich kein Stückchen voneinander entfernt. Im Gegenteil. Er hörte ihr zu, und deshalb reagierte er auch so wie jetzt. Bedauern wurde durch Überraschung abgelöst. Kelly atmete kräftig aus. „Für mich gehört das in die Vergangenheit. Ich musste es nur sagen. Und nun, da ich’s losgeworden bin, fühl ich mich freier. Ich habe mir eingeredet, ich hätte dir vergeben, doch das war nicht so. Jedenfalls bis jetzt nicht.“ Er umarmte sie fest, und sie erlaubte sich, zu glauben, dass er sich geändert hatte. Und dass auch sie sich geändert hatte. „Danke“, murmelte er, bevor er sich von ihr löste. „Wie ich gesagt habe: Der erste Eindruck ist wichtig, und der, den ich hinterlassen habe, war nicht sonderlich gut. Nicht, dass irgendwas nicht mit mir stimmte. Sie hätten wirklich versuchen sollen, ihre Vorurteile zu überwinden.“ Das musste ebenfalls gesagt werden. „Aber du kommst aus einer guten Familie, einer starken Familie, die unsere Kinder liebt, und selbst wenn ich nie so gemocht werde wie alle anderen, will ich genau das für die Mädchen. Zieh dich nicht meinetwegen von ihnen zurück.“ „Na ja, ich möchte nicht, dass meine Töchter damit aufwachsen, dass ihre Mutter bei der Familie ihres Vaters nicht willkommen ist.“ Vaughan fing an, auf und ab zu tigern. „Unsere Beziehung wird nicht funktionieren, wenn sie dich nicht aufnehmen. Nicht wenn ich den engen Kontakt zu ihnen halte.“ Dessen war er sich sicher. „Du hast es mir mächtig übel genommen, dass ich dich nicht verteidigt habe.“ Sie nickte. „Ja. Das habe ich. Und das würde ich auch wieder. Ich bin mir nicht sicher, wie wir das hinkriegen sollen, aber ich will versuchen, unsere Differenzen zu lösen und freundlicher zueinander zu sein, allein schon wegen Maddie und Kensey. Und ich gebe es zu: Ich möchte, dass deine Leute mich mögen.“ Vaughan nahm ihre Hände. Da stand sie und stellte sich selbst wegen eines anderen hintan – und er wollte nicht länger dabei zusehen. „Ich denke, dass wir das hinkriegen.“ Er glaubte nicht, dass noch irgendjemand daran interessiert war, dass sich diese Spannung zwischen Kel und seiner Familie fortsetzte, und nach dem Abendessen letzte Woche mit seinen Brüdern auf der Ranch glaubte er, dass sie alle die Frau, die er liebte, fröhlich willkommen heißen würden. „Ich werde dich nicht noch einmal verlieren. Zeit, dass sie endlich die Wahrheit erfahren.“ In nur wenigen Tagen hätte er fünf Wochen mit seiner alten, seiner neuen Familie verbracht. Es hatte sich so vieles verändert. Genügend, um ihm die Kraft und den Willen zu geben, das Richtige zu tun. Kellys Gesicht hellte sich auf, und er stellte sein Herumgerenne ein. „Dann bringe ich die Mädchen heute also wie an jedem anderen Morgen mit dir gemeinsam zum Bus. Und heute ist Taco-Abend. Ich werde also rechtzeitig zurück sein, weil ich an der Reihe bin, das Essen mitzubringen, wenn du anrufst, um mir zu sagen, dass du Maddie hast und auf dem Heimweg bist, so wie letzte und vorletzte Woche.“ Die Verwunderung darüber war noch immer da. Die Art und Weise, wie er und Kelly angefangen hatten, gemeinsam dafür zu sorgen, dass in ihrer Familie alles lief. Jede Woche vertraute sie ihm ein bisschen mehr an, und jedes Mal war es für ihn wie ein Geschenk. Er würde an diesem Abend um sechs Uhr mit seinen drei Damen Tacos essen, genauso wie an jedem anderen Dienstagabend. „Alles klar.“ Sie stellte sich auf die Zehenspitzen, um ihn zu küssen. Er zog sie an sich und war unglaublich froh, dass sie ihn in so vieles miteinbezog. Es berührte ihn, dass sie darauf bestanden hatte, er solle sein Verhältnis zu seiner Familie so fortführen wie bisher. Und er war fest entschlossen, das Chaos zu bereinigen, das er verursacht hatte. Wenig später folgte er ihr zum Badezimmer. „Wir haben noch ungefähr fünfzehn Minuten Zeit. Irgendeine Idee, was wir damit anstellen könnten?“ Das Shirt, das sie über ihre Schulter warf, beantwortete seine Frage, und er lachte, während er seinen Schritt beschleunigte, um den Abstand aufzuholen. „Schließ die Tür ab“, rief sie, als er Anstalten machte, sie zu packen. „Ups.“ Er drehte sich kurz um, schloss die Schlafzimmertür ab, und als er zurück war, stand sie bereits nackt unter der Dusche. Die Badezimmertür schloss er ebenfalls ab. „Endlich lernst du dazu“, neckte sie ihn. Er zog sich auch aus und stieg zu ihr. Und weil er sie immer wollte, war er schon hart und bereit. Sie küssten sich leidenschaftlich. Er wollte jeden Moment, den sie miteinander teilten, mit Lust füllen und war gierig wie immer. Sie schob sich dicht an ihn heran und verteilte Duschgel zwischen ihren Körpern, bis sie beide glitschig waren. „Mmh. Duschen macht viel mehr Spaß, seitdem du hier wohnst.“ Er lachte, während er ihren Hals mit Küssen bedeckte und seine Position nur leicht veränderte, um seinen harten Schwanz zwischen ihre Schenkel zu bringen. Dann presste er sich dichter an sie. Er drang nicht in sie ein, aber rieb seinen Schwanz an ihr – heiß, feucht und einladend. Sie atmete zittrig ein, und als er in sie eindrang, hauchte er ihr ins Ohr: „Das fühlt sich so verdammt gut an. Mit dir ist immer alles noch heißer als beim letzten Mal.“ Während er sich weiter zwischen ihren Beinen bewegte und sie beide immer weiter in Richtung Ekstase trieb, seifte er ihren Hintern ein, ließ die Hände an ihren Rundungen hinauf und weiter bis zu ihren Brüsten gleiten. Ihre Muschi wurde unmöglicherweise noch heißer, als er seine Stöße fortsetzte. Er war darauf bedacht, den Winkel so zu halten, dass sein Schaft ihre Klit stimulierte – wie zufällig. Als sie kam, biss sie ihm in die Schulter. Der unerwartete Schmerz und ihr Kontrollverlust katapultierten ihn ebenfalls auf direktem Weg zum Höhepunkt. „Besser als eine Tasse Kaffee“, murmelte er, als er sie küsste. 20. KAPITEL Nach einem kurzen Klopfen an der Haustür seiner Eltern öffnete er sich selbst und rief in den Flur, dass er angekommen sei. Er folgte dem Essensduft und dem Ruf seines Vaters bis in die Küche, wo seine Mutter kochte und der Hausherr offensichtlich eben erst von den Feldern hereingekommen war. Die Luzernenernte würde wohl in der nächsten Woche beginnen. Die Ranch brummte vor Aktivitäten, und das bereits seit Stunden. Michael Hurley liebte es, draußen zu sein, liebte das Land und den Ackerbau. Er und Ezra waren sich in dieser Hinsicht sehr ähnlich. Vaughan mochte es, dass die Ranch ihr Land war, aber das war nicht mit dem zu vergleichen, was die zwei dafür empfanden. Er winkte ihm zu. „Hey, Sohn.“ Vaughan umarmte seine Eltern und schenkte sich eine Tasse Kaffee ein. „Wie sieht’s aus? Bleibt es bei der Luzernenernte nächste Woche?“ „Ja.“ „Kelly und ich fahren mit den Mädchen nach New York, aber wir werden am Mittwoch zurück sein. Ich bleibe dann für ein paar Tage hier und helfe euch.“ Als das gesamte Essen auf dem Tisch stand, setzten sie sich, um zu essen. Minnie platzierte ihren dicken kleinen Bauch auf Vaughans Füßen, für den Fall, dass etwas für sie abfallen würde. „Was machst du in Gresham?“, fragte seine Mutter, als sie sich Rührei auf den Teller löffelte. „Ich hole mir meine Familie zurück. Oder, vielleicht stimmt das nicht ganz. Ich verdiene sie mir wohl eher. Ja, genau das tue ich.“ „Warum jetzt? Sie hat dich vor acht Jahren verlassen. Warum will sie dich plötzlich zurück?“ „Sharon, Liebes.“ Michael tätschelte seiner Frau die Hand, und sie sah ihn angsteinflößend an. Vaughans Vater ignorierte es. „Beruhige dich. Dein Südstaatentemperament geht mal wieder mit dir durch.“ „Dieses Mädchen tauchte auf, brachte ihn dazu, sich in sie zu verlieben, und hat sich dann seine Kinder und sein Geld unter den Nagel gerissen. Verrate mir, warum mich das nicht zur Weißglut treiben sollte.“ Vaughan und sein Vater starrten sie beide verblüfft und mit offenem Mund an. Das Chaos war noch viel größer, als er angenommen hatte. Hier spielten viele Emotionen mit, was vollkommen deplatziert war. Er hatte das Ganze so lange köcheln lassen, und jetzt … „Das ist alles meine Schuld.“ Vaughan aß, während er versuchte, die richtigen Worte zu finden. „Was genau meinst du?“ Sharon beobachtete ihn aufmerksam. „Ich hätte mehr darauf drängen sollen, dass sie in die Familie aufgenommen wird. Wir hätten sie willkommen heißen sollen, anstatt ihr zu misstrauen. Ich war viel weg. Abgelenkt. Ich wollte keine große Welle machen, und sie hat es toleriert.“ „Toleriert?“ „Wie kommt es bloß, dass du bei Kelly immer alles besser weißt und so voreingenommen bist? Was ist anders an ihr als an Natalie, Mary oder Tuesday, dass du so vehement gegen sie bist?“ „Sie hat dir das Herz gebrochen! Sie hat deine Kinder gestohlen, als du noch völlig von der Rolle warst, und dann hat sie Geld aus dir herausgeholt. Sie hat ein tolles Haus, ein Multimillionen-Appartement. Ihre Läden. Alles von meinem Sohn bezahlt. Den sie zuvor verletzt hat.“ „Mom …“, begann Vaughan, aber Sharon hob eine Hand. „Ich bin noch nicht fertig, Junge. Also sei still.“ „Das werde ich, aber nicht lange. Ich sage dir: Sei vorsichtig mit dem, was du sagst.“ Er presste die Lippen aufeinander. „Das war vor vielen Jahren. Sie war jung, und ich kann verstehen, warum sie sich an dich geklammert hat. Die Göre eines Soldaten und einer Mutter, die sie ins Showgeschäft gedrängt hat, um die Rechnungen bezahlen zu können. Dann kamst du. Halt den Mund“, warnte sie ihren Sohn, als der ihr erneut widersprechen wollte. Er nickte missmutig, und sein Vater warf ihm einen anerkennenden Blick zu. Vaughan wusste, dass Michael seine Bemühungen um Kelly unterstützte. Dieser Gesichtsausdruck verriet Vaughan also, dass er Sharon ausreden lassen musste, wenn er das Gespräch in die richtigen Bahnen lenken wollte. „Aber dann ist sie hiergeblieben. Deine Töchter sind wundervolle Kinder. Aufgeweckt, liebevoll, künstlerisch. Sie bestärkt sie darin, scheint ihre Talente aber nicht ausnutzen zu wollen. Ich bin auch eine Mutter von Kindern, die Künstler sind. Ich weiß, was das bedeutet, und vielleicht hasse ich diese Frau ja nicht länger. Vielleicht weiß ich sogar zu schätzen, wie sie dafür sorgt, dass wir die beiden so häufig sehen.“ „Ich weiß es zu schätzen, dass du nicht mehr ganz so schlecht über sie denkst, aber nichts von dem, was du bisher gefühlt hast, war fair. Es fußt alles auf einer Lüge. Auf mehr als einer Lüge. Ich habe ihr gesagt, sie soll die Scheidung einreichen. Mehr als ein Mal, wenn sie mich mit meinem Verhalten konfrontierte. Auf die Art konnte ich sie zum Schweigen bringen. Tja, und beim letzten Mal hat sie dann auf mich gehört. Die Wahrheit ist: Ich wollte nicht verheiratet sein.“ Vaughans Vater legte seine Hand auf die Hand seiner Frau, um sie zu besänftigen. Sie war stinksauer, so viel war klar. „Kelly wollte diese Familie. Sie wollte Kinder und Gartenzäune. Sie wollte Fußmatten mit Hunden in Weihnachtspullis. Ich wollte nur sie. Aber sie wollte ein Uns.“ Für ein paar Momente legte er das Gesicht in die Hände. Nichts davon hatte er jemals laut ausgesprochen. Nicht mal ihr gegenüber, wenn er sich bei ihr entschuldigt hatte. Es kam ihm einfach zu grausam vor. Zu beschämend, dass er ein ganzes Jahrzehnt weggeworfen hatte, weil er so ein Arsch gewesen war. Aber er hatte ihr versprochen, für sie einzustehen, und deshalb mussten sie alles erfahren. „Sie hat mich in einer … kompromittierenden Situation mit jemand anderem erwischt.“ Wenn er hundert Jahre alt werden sollte – das Gesicht seiner Mutter würde er nie vergessen. Den Augenblick, mitansehen zu müssen, wie sich ihre Wut in Enttäuschung verwandelte. Seinetwegen. „Sitz nicht an diesem Tisch und benutze hübsche Worte für das, was es wirklich war. Sag mir, was kompromittierend heißt.“ Die Stimme seines Vaters wurde schneidend scharf, und Vaughan zuckte zusammen. „Ich habe sie betrogen. Sie ist zufällig reingeplatzt, als ich eine Hand in meiner Hose hatte, die nicht mir gehörte.“ Es war schrecklich, so schrecklich, seine Eltern derart zu enttäuschen. Erst war er kein guter Mann gewesen, und dann hatte er auch noch zugelassen, dass sie jahrelang schlecht von Kelly dachten, statt zu seinen Fehlern zu stehen. „‚Zufällig reingeplatzt‘ ist eigentlich auch nicht fair. Ich … ich wusste, dass sie kommen würde. Sie war mit Kensey schwanger, hatte ein Kleinkind zu Hause und ist den ganzen Weg gefahren, um mich auf der Tournee zu besuchen, weil ich sie darum gebeten hatte. Ein Teil von mir wollte diesen finalen Stoß, glaube ich. An jenem Abend habe ich ihr gesagt, sie solle doch die Scheidung einreichen, wenn ihr nicht gefalle, was ich mache – und das nicht zum ersten Mal. Davor hatte sie immer einen Rückzieher gemacht und sich entschuldigt. Bei dem Mal aber nicht.“ „Verständlicherweise nicht.“ Die Reaktion seines Vaters verriet ihm, dass er viel mehr von der Wahrheit wusste, als er sich hatte anmerken lassen. Wodurch Vaughan sich nur noch schlechter fühlte. „Ich habe nicht gekämpft. Ich bin weggegangen. Ich liebe meine Kinder, und ich habe sie auch damals geliebt. Aber Kelly hat sie weiß Gott nicht benutzt, um Geld von mir zu kriegen, und ganz sicher hat sie sie mir nicht gestohlen. Komm schon, Mom. Ich habe ihr die Arbeit überlassen, die beiden großzuziehen, während ich mein Leben gelebt habe. Wenn ich ihr das Appartement in Manhattan und Geld gegeben habe, damit sie die Ausbildung beenden konnte, dann nur, weil ich wusste, dass ich im Unrecht war. Und weil sie ihre Karriere aufgab, um meinen Job mit zu übernehmen.“ Vaughan rieb sich die Schläfen. „Meiner Einschätzung nach war es absolut in Ordnung von mir, obwohl sie schon damals ihr eigenes Geld verdient hat. Wirst du mir jetzt sagen, Mom, dass es billig ist, ein Kind großzuziehen? Oder dass es nicht in meiner Verantwortung liegt, sie finanziell zu unterstützen? Sie könnte jetzt genauso gut in einer Wohnung in Manhattan leben, die ihr gehört. Dann würde ich die Mädchen drei bis vier Mal im Jahr sehen. Und ihr sogar noch seltener. Das hat sie aufgegeben, um hierherzukommen und sich hier niederzulassen! Damit die Mädchen ihre Familie öfter sehen können! Sie hat ihre Karriere aufgegeben, und ich hab mich auch nicht ein einziges Mal gefragt, ob es vielleicht richtig war, ihr mein Geld hinterherzuwerfen.“ Vaughan verspürte das Bedürfnis, sich zu übergeben. Er hatte das alles so lange für sich behalten, dass es ihm schwer auf der Seele gelastet hatte. „Ich hätte das Ganze niemals so lange laufen lassen dürfen.“ Seine Stimme versagte. Seine Wangen brannten vor Scham. „Ich war kein guter Mensch. Ich habe sie verletzt und war egoistisch und habe Dinge verpasst, die ich nie zurückbekommen werde. Ich mache ihnen jeden Montag vor der Schule Pancakes. Ich kontrolliere ihre Hausaufgaben und höre mir tausend Geschichten über Sachen an, die mir vollkommen schleierhaft sind, wie Puppen und Filmfiguren und Bücher und Sänger und Spiele und ihre Freundinnen. Nach dem Abendessen singe ich mit ihnen und decke sie jeden Abend zu. Ich habe jetzt eine Familie.“ Sein Vater lehnte sich über den Tisch, um Vaughans Hand zu drücken. „Scham ist in dieser Sache ein absolut angemessenes Gefühl. Ich bin enttäuscht, wenn ich all die Details höre. Enttäuscht von dir und von deinem Mangel an Ehrgefühl. Enttäuscht, weil du zugelassen hast, dass deine Mutter und ich so eine schlechte Meinung von Kelly haben und dass jahrelang diese Spannung herrschte. Nein, du warst kein guter Mann, und am liebsten würde ich dir für das, was du ihr und den Kindern angetan hast, in den Hintern treten.“ Seit mindestens zehn Jahren war Vaughan nicht mehr so kurz davor gewesen zu weinen, wenn sein Vater ihm eine Standpauke gehalten hatte. „Aber“, fuhr Michael fort, „jetzt bist du ein guter Mann. Du stehst zu deinen Fehlern, und du kämpfst, um das zurückzubekommen, was du weggeworfen hast. Darauf kann ich stolz sein.“ Es half ein wenig. Genug, um fortzufahren. „Ich versuche es. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe. Großen Mist. Manchmal, wenn ich darüber nachdenke, bringt es mich schier um. Meine Töchter sind langsam alt genug, um zu wissen, wenn etwas nicht stimmt. Sie sehen Mary hier. Sie sehen, wie sehr ihr Damiens Familie liebt und unterstützt. Und das sollt ihr auch, es ist wichtig. Sie haben Natalie kennengelernt. Ich rechne damit, dass sie sich früher oder später auch zu unserer verrückten Truppe gesellt. Das hier ist ihr Vermächtnis. Das gesamte Land, das wir von der Veranda aus sehen. Sie lieben es, sich schmutzig zu machen und mit Ezra in die Felder zu reiten. Das ist genauso ein Teil von ihnen wie von mir.“ Seine Mutter hatte die ganze Zeit über geschwiegen, aber in ihr arbeitete es. Vaughan konnte sehen, wie sich die Zahnräder drehten, und es verging ein weiterer Moment, ehe sie schließlich sprach. „Warum bist du dann in Gresham, so weit weg von uns? Wenn dieses Land so wichtig ist, warum lebst du nicht hier, sondern dort?“ „Warum wohl? Weil Kelly hier nicht willkommen ist.“ Vaughan mäßigte seinen Ton. Er liebte seine Familie über alles und wollte, dass die Dinge sich besserten. Gleichzeitig hatte er Kel versprochen, sich für sie einzusetzen, und genau das musste geschehen. „Ich bin dort und nicht hier, weil ich mir nichts Grausameres vorstellen kann, als von ihr zu erwarten, in meinem Haus zu sitzen, während alle anderen hier bei euch willkommen sind. Natalie, Mary und Tuesday – allen habt ihr eure Herzen geöffnet. Das kann sie doch sehen! Es ist kein besonders schönes Gefühl, und ich kann es nicht einfach hinnehmen, schon gar nicht, wenn meine Töchter es auch sehen können. Sie müssen erleben, dass ich ihre Mutter respektiere und hinter ihr stehe. Das müssen sie mal von einem Partner bekommen, wenn sie erwachsen sind. Genau das macht ihr ja auch, du und Dad.“ Er war nicht so aufgelöst, dass er das noch lauwarme Brötchen hätte kalt werden lassen müssen. Nachdem er es in drei Bissen verschlungen hatte, kam er zum Thema zurück. „Vor acht Jahren habe ich mich für mich entschieden und nicht für uns. Ja, wir waren jung. Aber ich war derjenige, der unreif war. Dafür will ich jetzt eine Familie mit ihr. Ich liebe Kelly! Sie hat mir eine zweite Chance gegeben. Sogar nach dem ganzen Dreck, den ich damals abgezogen habe.“ Vaughan sah zwischen seinen Eltern hin und her. „Ich war damals nicht bereit. Ich war egoistisch. Und zu welchem Preis? Ich habe vor, sie noch mal zu heiraten. Dieses Mal vor all unseren Freunden und der Familie. Ich will, dass ihr die Frau in ihr seht, die ich kenne, und ich will, dass meine Familie so respektiert und willkommen geheißen wird, wie sie ist. Und das bedeutet: mit Kelly.“ Seine Mutter nahm sich noch etwas Schinken, ohne Vaughan dabei aus den Augen zu lassen. „Dann ziehst du dauerhaft nach Gresham?“, fragte sie schließlich. „Werden wir dich und die Mädchen noch seltener sehen?“ „Lass mich zuerst auf die zweite Frage antworten. Wie oft ihr mich und die Mädchen seht, hängt von euch ab. Ich will sie herbringen. Sie wollen herkommen. Kelly hält es für wichtig, dass sie mit einer gewissen Verbindung zu dieser Ranch und zu dieser Familie aufwachsen. Sie hat mir gesagt, meine Liebe zu euch sei eine der Sachen, die sie an mir am meisten mag. Und deshalb kann ich endlich aufhören, in den Tag hinein zu leben, und endlich die Kurve kriegen. Ich gebe mein Bestes, um alle Familien, in denen ich lebe, zu verdienen. Das bedeutet, dass wir unsere Zeit zwischen dem Haus in Gresham und dem Haus hier aufteilen werden, rings um Stundenpläne, Tanz- und Musikunterricht, Kellys berufliche Verpflichtungen, den Hauptarbeitszeiten auf der Ranch und der Arbeit mit der Band.“ Er aß noch ein paar Happen und schlürfte seinen Kaffee. „Früher habe ich sie nicht beschützt. Ich ließ zu, dass man ihr Vorwürfe machte, obwohl es meine Schuld war. Ich hätte sie beschützen sollen, aber ich hab’s nicht getan. Deshalb tue ich es jetzt. Ich werde alles dafür tun, dass diese Sache für uns alle funktioniert. Aber nicht auf Kellys Kosten. Nie wieder. Ich hätte sie fast verloren. Fast hätte ein anderer Mann meine Kinder großgezogen. Er wollte sie adoptieren. Hat von ihr verlangt, sie mir zu entreißen, mich auszuschließen, um sie als seine eigenen Kinder aufzuziehen. Sie hat ihm gesagt, dass sie die Mädchen niemals von mir oder meiner Familie trennen würde und dass sie jemanden, der so denke, nicht heiraten könne. Sie weiß nicht, dass ich das gehört habe.“ „Also dann, es gibt einiges zu klären, Vaughan Michael Hurley.“ Seine Mutter stand auf, ging zum Sofa und setzte sich wieder. „Wenn ich fertig bin, kannst du den Tisch abräumen und das Geschirr spülen. Aber ich werde eine Weile brauchen. Beweg dein Hinterteil auf dieses Sofa.“ Sie zeigte mit dem Finger, und Vaughan tat schnell wie ihm befohlen. Im Vorbeigehen murmelte sein Vater: „Bring es hinter dich, Junge.“ „Ich will dir mal was sagen. Mein Baby steht mit diesem blonden Gift auf meiner Türschwelle. Mit einem Mädchen, das kaum spricht und dich ansieht, als ob du alles wärst. Du sagst mir, ihr hättet euch ein paar Monate zuvor kennengelernt, du hättest das Mädchen geschwängert und dann geheiratet. Bis exakt zu diesem Moment wusste ich nichts von ihr oder eurer Hochzeit oder dem Baby. Denkst du, das war ein guter Start?“ „Ich denke, genau so ist es passiert, Mom. Was willst du von mir?“ „Ich will nicht die Person sein, die Kelly eine geldgeile Hure genannt hat, die hübsch ist, aber nichts im Köpfchen hat. Du hast mich angelogen, und dann hast du zugelassen, dass ich mich deiner Exfrau gegenüber wie eine Hexe benehme.“ „Du warst auch schon eine Hexe, bevor ich gelogen habe.“ Das Gesicht seines Vaters verdunkelte sich. „Sprich nicht in diesem Ton mit deiner Mutter, sonst sorge ich dafür, dass es nie wieder passiert.“ Vaughan seufzte. „Entschuldigung. Ich sollte nicht so respektlos sein. Ich versuche nur, die Ranch zu einem Ort zu machen, an dem meine Familie sich wohlfühlt. Und momentan ist das nicht der Fall.“ „Was deine eigene Schuld ist“, warf sein Vater ein. „Zum Großteil, ja. Und es spielt nicht mal eine Rolle, weil ich den Schaden nicht rückgängig machen kann und hier bin, um euch darum zu bitten, freundlich zu Kelly zu sein, damit ich sie mitbringen und dafür sorgen kann, dass sie auch ein Teil dieses Lebens wird.“ „Deinetwegen habe ich mich wie die fiese Klischee-Schwiegermutter aufgeführt.“ Sharon schüttelte langsam den Kopf. „Sie war die Erste, und vielleicht habe ich nicht gut reagiert.“ Sie schnaubte. „Nein, nicht ‚vielleicht‘. Ich war defensiv und habe voreilige Schlüsse gezogen, und als ihr euch getrennt habt, habe ich das alles auf sie projiziert statt auf dich. Du warst ein furchtbarer Ehemann, Vaughan. Was bedeutet, dass ich eine furchtbare Mutter gewesen sein muss.“ „Was?“ Genau deshalb hatte er dieses Thema so lange gemieden. Jetzt machte er alle unglücklich! „Hierbei stellt sich doch nicht die Frage, ob du eine furchtbare Mutter bist! Das würde ich niemals sagen. Du bist eine großartige Mutter. Aber du hast Kelly völlig falsch eingeschätzt, und ich habe nichts dagegen unternommen, weshalb das Ganze zu einem riesigen Problem angewachsen ist.“ „Sie hasst uns.“ „Weißt du was, Mom, das glaube ich ganz und gar nicht. Sie will dazugehören. Aber das schaffe ich nicht allein. Damien, Paddy und Ezra wollen es versuchen, und das finde ich toll. Aber ich brauche auch dich und Dad. Auch ihr müsst ihr die Ranch und eure Herzen öffnen. In derselben Form, wie ihr es bei den anderen getan habt. Ich weiß, das geht nicht auf Knopfdruck. Aber es muss geschehen, sonst kann ich nicht hier sein. Versteht ihr?“ „Hat sie dich vor die Wahl gestellt?“ „Ich wähle. Ich. Ich versuche, ein besserer Ehemann zu sein. Wenn ihr von mir verlangen würdet, mich zwischen Kelly und dieser Familie zu entscheiden, würde ich mich für Kelly und die Mädchen entscheiden. Aber das will ich gar nicht. Ich liebe euch. Ich liebe diesen Ort. Ich will meine Kinder auf diesem Land großziehen, zusammen mit ihren Cousins und Cousinen. Nur geht das nicht, solange meine Frau anders behandelt wird. Vor allem wegen etwas, das sie nie getan hat.“ „Du brauchst dich nicht zu entscheiden. Wir haben uns geirrt. Das wissen wir. Aber in den letzten Jahren ist viel geschehen. Es wird nicht sofort klappen, und es wird auch nicht leicht werden“, gestand seine Mutter ein. „Verdammt noch mal, Junge. Du weißt doch, wie sehr ich es verabscheue, mich zu irren.“ Vaughan war so klug, nicht zu lächeln. Sie hasste es, zu Kreuze zu kriechen, aber sie würde es tun. Und er wusste, dass er in irgendeiner Form dafür würde bezahlen müssen. „Es wird nicht leicht werden, nein. Aber sie will es. Gebt ihr eine Chance.“ Und in diesem Moment sagte seine Mutter etwas, worauf er nur hatte hoffen können. „Ihr vier könnt am Abend vor Tuesdays Galerieeröffnung doch zum Abendessen herkommen. Das ist zwar kein riesiger Schritt, aber es ist ein erster in die richtige Richtung.“ In seinem Herzen keimte Hoffnung auf. Als ließe sich das Desaster tatsächlich lösen. „Ich werde mit ihr sprechen. Wir müssen gucken, ob es mit den Flugzeiten passt. Aber ich denke, das ist machbar. Danke, Mom.“ „Bedanke dich jetzt nicht bei mir. Nur als Erinnerung daran, dass ich mich noch entschuldigen muss. Du weißt, wie sehr ich das hasse.“ Sie funkelte ihn an. „Ja, ich auch, Mom. Ich auch.“ 21. KAPITEL Kelly hatte New York von Anfang oft gemocht. Sie war jung gewesen, aber nicht naiv. Zum damaligen Zeitpunkt hatte sie bereits in drei Ländern und diversen Staaten gelebt, und es war nicht so gewaltig wie vielleicht für manch anderen. Alles hier war bunt und laut. Es gab die herrlichsten Gerüche der Welt und ihr komplettes Gegenteil. Die U-Bahn gab ihr Freiheit, die sie gern mit nach Hause genommen hatte. Um Rebeccas prüfendem Blick und ihrer ständigen Beurteilung zu entfliehen. Und in dieses Appartement hatte sie sich in dem Augenblick verliebt, als sie und Vaughan aus dem Fahrstuhl in den Eingangsbereich getreten waren. Breite Fensterwände boten freien Blick über den Central Park. Damals hatte es sich wie eine alberne Extravaganz angefühlt. Angesichts des Preises ganz bestimmt eine Extravaganz. Aber er hatte ihr die Wohnung zur Hochzeit geschenkt. Und während der Scheidung hatte er sie ihr überschrieben. Damals hatte es sich eher wie eine Zurückweisung dessen angefühlt, was sie einst zusammen hatten. Nun aber, Jahre später, konnte sie es anders sehen. Maddie und Kensey hatten auf dem Holzfußboden das Krabbeln und Laufen gelernt. Trotz aller Traurigkeit über die Scheidung hatte diese Wohnung ihr so manchen glücklichen Moment beschert. Sie winkte dem Pförtner zu, als sie die Lobby betraten. „Hallo, liebe Hurley-Familie!“ „Andrew, wie geht es dir?“, fragte Kelly, während er in ihrem Fach nachsah, ob Briefe oder Pakete für sie gekommen waren. Er fand beides und überreichte es Vaughan. „Andrew, das ist Vaughan. Er ist Maddies und Kenseys Vater. Er wird diese Woche mit uns hier sein. Vaughan, das ist Andrew. Er ist unglaublich und kennt die besten Garküchen der Stadt. Wenn du nett zu ihm bist, teilt er seine Weisheit mit dir.“ Der Pförtner errötete, während Vaughan ihm die Hand schüttelte und ihn begrüßte. „Ach was, Miss Hurley. Nun aber Schluss. Es ist immer eine Freude, Sie und die Mädchen im Haus zu haben. Bei so viel Schönheit wird jeder ein bisschen freundlicher.“ Er zwinkerte Kensey zu, die ihm High Five gab. Sie gingen nach oben. Vaughan lächelte, und Kelly fragte sich, was er wohl dachte. Als sich die Türen öffneten und sie in den vorderen Eingangsbereich traten, atmete Vaughan tief ein und ging sogleich weiter ins Wohnzimmer. „Du hast aus dieser Wohnung wirklich ein Schmuckstück gemacht“, stellte er bewundernd fest. „Ist ja auch ein komfortables Haus, mit einem spektakulären Ausblick in einer fantastischen Gegend. Ich kann mich nicht beklagen.“ Sie dankte ihm nicht, weil sie ihm ihren Dank schon längst zurückgezahlt hatte. Sicher, er hatte das Appartement von seinem Geld gekauft, aber danach war er weggegangen und hatte sein eigenes Ding gemacht. Das hier war ihr Zuhause. Ob saumäßig luxuriös oder nicht. Aber es gefiel ihr, ihn hier zu sehen. Es hatte sich immer so angefühlt, als ob er da sein müsste. Und als sie ihre Sachen ablegte und die Mädchen auf ihr Zimmer gingen, beobachtete sie Vaughan dabei, wie er sich überall umsah. „Komm mit nach oben ins Schlafzimmer. Ich mache dir ein bisschen Platz in der Kommode und im Schrank.“ Er nahm ihre Hand und schnappte sich den Weekender, den sie nach oben getragen hatte. „Ach, dann teilst du hier mit mir? Das letzte Mal mit mir muss ja fantastisch gewesen sein, wenn du bereit bist, deinen Kleiderschrank mit mir zu teilen.“ Den letzten Satz raunte er ihr ins Ohr. „Du warst ganz okay.“ Sie zwinkerte ihm zu. Auf dem Weg nach oben rief sie Kensey und Maddie zu, sie sollten sich ihre Schlafanzüge anziehen. „Sie machen diese Reise so oft, dass sie nicht mehr allzu aufgeregt sind.“ Kelly stieß die Doppeltür auf, die zu ihrem Schlafzimmer führte. Einem Raum, in dem sie am Ende langer Arbeitstage oft Zuflucht suchte. „Wow. Das ist ja magazinreif.“ „Ich habe eine Kampagne für Sensei Ross gemacht. Ein Teil des Honorars bestand in Wohndesign. Das hier haben alles er und sein Partner gemacht.“ Der Raum war in Schwarz, Weiß und Grautönen gehalten, aufgelockert durch gelegentliche blaue und grüne Tupfen. Sie deutete auf den Schrank. „Da drin waren Kommoden eingebaut, als wir die Wohnung gekauft haben, erinnerst du dich? Du kannst den hohen Schubladenturm nehmen. Der ist momentan so gut wie leer.“ Sie streifte sich die Schuhe von den Füßen und tauschte ihre wehenden Klamotten gegen einen Schlafanzug. Die Mädchen kamen hereingestürmt, warfen sich aufs Bett, und Kelly gesellte sich dazu und kuschelte sich an ihre Töchter, während sie auf Vaughan warteten. „Heiliger Bimbam, Eindringlinge!“ Er gesellte sich zu ihnen, und es fühlte sich so süß und richtig an, dass er es kaum glauben konnte. „Ich hab Hunger“, maulte Kensey. „Ich denke, dagegen können wir etwas tun.“ Kelly rollte vom Bett herunter, und gemeinsam gingen sie in die Küche. Vaughan war mit Maddie und Kensey in den Central Park und anschließend etwas essen gegangen, während Kelly ein paar Dinge in ihrem Laden erledigte und sich danach zu einer Reihe von Meetings aufmachte. In ein paar Minuten sollten sie sich wieder bei ihr melden, und so stiegen er und die Mädchen kurzerhand in ein Taxi und fuhren zu ihrer Boutique. Dort angekommen, fiel ihm auf, dass das kleine Chamäleon auf den Taschen und dem restlichen Packmaterial dasselbe war wie das, welches sie als Tätowierung trug. Das war keine vollends schöne Sache, weil es bedeutete, dass er sie so ziemlich auf jedem Gebiet unterschätzt hatte. Sie arbeitete verdammt hart, um ein Geschäft aufzubauen, mit dem sie sich selbst und ihre Töchter ernähren konnte. Und sie tat es mit Erfolg. Und lebte ihren Töchtern beispielhaft vor, was man erreichen konnte, wenn man es mit Herz und Verstand tat. Den ganzen Tag lang hatte er seinen Eltern immer wieder Nachrichten geschickt. Sie sollten Kelly und das, was sie tat, durch die Linse dessen sehen, was sie bereits wussten. Nämlich, wie fantastisch ihre Enkeltöchter waren. Er spürte, dass dies der Schlüssel war, um seine Mutter zur Umkehr zu bewegen. Von Mutter zu Mutter. Als er am Tag zuvor die Ranch verlassen hatte, hatte er ganz deutlich gespürt, dass Sharon über alles, was er gesagt hatte, ernsthaft nachdenken würde. Ja, verdammt, sie war leidenschaftlich in allem, was sie tat. Immer darauf bedacht, ihre Familie zu beschützen. Kelly hatte das von Anfang an – zu Recht oder zu Unrecht – getriggert. Seine Mutter war aber auch liebevoll, von Grund auf. Und klug. Vaughan vertraute darauf, dass sie einen Weg finden würde, die Dinge richtigzustellen. In der Zwischenzeit würde er weiter daran arbeiten, seine Brüder und dessen Frauen in sein und Kellys Leben zu holen. Dass sie sich mit Tuesday bereits angefreundet hatte, würde da nur hilfreich sein. Es gab ihnen die Möglichkeit, dann und wann Zeit miteinander zu verbringen und vertrauter im Umgang miteinander zu werden. Die Gelegenheit, im Detail über die Ereignisse des Vortages zu sprechen, hatte sich noch nicht ergeben. Aber er hatte mit den Mädchen geredet und für den Abend ihre Babysitterin bestellt, sodass er mit Kelly essen gehen konnte. „Kann ich Ihnen helfen?“ Eine der Angestellten kam zu ihm rüber. Er lächelte, bei ihm eine automatische Reaktion. „Nein, vielen Dank. Ich warte auf Kelly. Wir wollten uns hier treffen.“ Er zeigte mit dem Kinn zu Maddie und Kensey. Ihr Gesichtsausdruck kühlte augenblicklich ab. „Ach, Sie sind das. Kelly ist hier. Ist gerade eben durch den Hintereingang gekommen.“ Er lachte. „Ich weiß nicht, ob ich mich geschmeichelt oder beleidigt fühlen soll.“ Sie musterte ihn ausgiebig von oben bis unten und zuckte dann mit den Schultern. „Ein bisschen von beidem. Aber sie haben hübsche Kinder.“ „Allerdings.“ „Mommy! Wir haben zum Mittagessen so viele Klöße gegessen!“ Maddie lief zu Kelly hinüber, die aus dem hinteren Raum trat. Vaughan hielt bei ihrem Anblick auf der Stelle die Luft an. Die Frau, mit der er gesprochen hatte, lachte schnaubend. „Und so was haben Sie fallen lassen. Ärgerlich, was?“ Kelly kam direkt von der Arbeit, und so sah sie auch aus. Model, Geschäftsfrau, Modeliebhaberin. Er hatte sich daran gewöhnt, dass sie einen Pferdeschwanz trug, oder auch an die Outfits, die sie in ihrem Laden in Portland anbot. Optimal aufeinander abgestimmt, definitiv attraktiv. Und verdammt sexy an dem Abend, als sie zum Essen ausgegangen waren. Diese Version hier jedoch hatte starke Ähnlichkeit mit der Kelly, die er zuerst gesehen hatte. „Als ich sie zum ersten Mal sah, trug sie ein Kleid, das diesem hier extrem ähnlich war.“ Auch dieses Mal zeigte sie viel Bein – was gut war, weil sie fantastische Beine hatte. Sie fing Vaughans Blick auf und lächelte. „Ich habe Accessoires für Urlaubsmode präsentiert – Sonnenbrillen und Sandalen. Die Sachen durfte ich behalten.“ Man hatte ihr die Haare aus dem Gesicht frisiert. Hinten waren sie offen in großzügige Locken gelegt. „Hast du die Locken auch bekommen? Bleiben die drin?“ Kensey befühlte Kellys Haare. „Nein, Süße. Tut mir leid. Die haben sie mit Lockenwicklern, einer Tonne Haarfestiger und einem Lockenstab gemacht. Die Hairstylisten tun mir leid, denn es hat wahnsinnig lange gedauert.“ „Gefällt mir.“ Es gelang Vaughan, sich loszureißen und zu ihr hinüberzugehen. „Du und ich haben eine Verabredung zum Abendessen. Die Babysitterin kommt in ungefähr neunzig Minuten. Wir sollten uns also auf den Weg machen.“ Ihr Lächeln wurde noch strahlender. „Klingt gut. Mir steht immer noch der Wagen zur Verfügung, den sie mir vorhin geschickt haben. Der Fahrer kann uns fahren und wartet.“ Kelly verabschiedete sich, dann begaben sie sich zurück zum Appartement. Kelly war froh, dass ihr Make-up so toll aussah, denn es passte zu dem Kleid, das Kami ihr nur wenige Stunden zuvor gegeben hatte. Sie tauschte das Haarband gegen ein paar hübsche Haarnadeln mit roten Emailakzenten. Das Kleid war in verschiedenen Goldtönen gehalten. Nur die Taille wurde durch ein dezentes Ochsenblutrot betont. Das hier war kein Kleid, das man trug, wenn man vorhatte, schüchtern zu sein. Vorn hatte es einen schlüssellochartigen Ausschnitt, der so tief geschnitten war, dass ein BH völlig deplatziert gewesen wäre. Gott sei Dank war das Kleid eine Maßanfertigung für Kelly, denn bei jedem anderen hätte eine falsche Bewegung wohl viel zu tiefe Einblicke gewährt. Aber an Kelly saß es perfekt. Sexy. Es zeigte viel Haut, doch da man ihr früher am Tag eine tönende Körperlotion aufgesprüht hatte, war ihr Teint schön warm und harmonierte fantastisch mit den Goldtönen des Kleides. In den Schuhen fand sich das Rot der Haarnadeln wieder. Sie mochte elf Jahre älter sein als bei ihrer ersten Begegnung, aber sie wollte, dass er sie immer so ansah wie vorhin in ihrer Boutique. Das gesamte Outfit war ihr Weg, ihm zu sagen: Vergiss bloß niemals, was du an mir hast. Sie war gerade wieder unten, da kam er die Treppe herunter – natürlich in einem verfluchten Anzug, in dem er so gut aussah, dass sie am liebsten sofort hier gegessen hätte. „Ihr zwei seht so wundervoll aus – als wärt ihr aus einem Buch!“ Kensey schlitterte auf Socken an ihnen vorbei. Er hatte seine Haare an den Seiten nach hinten frisiert, doch sie waren schwer zu bändigen. Kelly wusste, dass sie in spätestens einer Stunde wieder unordentlich aussehen würden, allerdings auf eine dank eines Dreihundert-Dollar-Haarschnitts beabsichtigte Art und Weise. Mit einer Hand strich sie über seine Krawatte. „Wow. Das ist also dein bester Anzug, hm?“ Er grinste. „Gefällt er dir?“ „Und wie. Hattest du den in deinem Koffer?“ „Ich hab doch auch eine Wohnung hier. Wir sind vorhin kurz vorbeigefahren, und ich habe ein paar Klamotten geholt. Du siehst umwerfend aus. Ehrlich.“ Kelly lächelte. Das Kompliment wärmte sie. Es war seltsam, dass er eine Wohnung in der Stadt hatte und sie bis zu diesem Moment nicht ein einziges Mal daran gedacht hatte. Aber es freute sie, dass er seine Sachen in den Schrank gehängt hatte. Sie gaben den Mädchen Abschiedsküsse und verließen die Wohnung. „Wie komme ich eigentlich zu diesem Abend?“, fragte sie, als sie schließlich bei dem Restaurant ankamen. „Als wir letzte Woche essen waren und es anschließend das Dessert in dem Hotel gab, ist mir klar geworden, dass ich meine ganze Energie in die Kinder und unsere Familie gesteckt habe, aber nicht genügend in Vaughan und Kelly – wenn ich nicht gerade mit dir …“ „Du sagst das alles nur, um mich heißzumachen, nicht wahr?“ Es funktionierte. Sie gingen durch eine Seitentür, wo Vaughans Name auf einer Liste stand. Der Restaurantleiter führte sie zu einem Aufzug, zog eine Keycard durch einen Schlitz und schickte die Gäste bis ganz nach oben. Als sich der Aufzug in Bewegung setzte, legte Vaughan einen Arm um ihre Taille und hielt sie fest an sich gedrückt. „Hat’s geklappt? Bist du heiß?“ Kelly betrachtete ihr Spiegelbild in den Türen des Aufzugs. „In mindestens achtundneunzig Prozent der Situationen, die ich mit dir erlebe, lautet die Antwort auf diese Frage: ja.“ „Dann ist das ein sehr positiver Nebeneffekt.“ Man führte sie zu einem Tisch auf der Dachterrasse, die mit üppig mit Blumen und Kräutern bestückten Pflanzenkübeln dekoriert war. Hier und da sah man Windlichter in hängenden Gläsern, die an Glühwürmchen erinnerten. Als sie alleine waren und die Karte durchgingen, hob Vaughan erneut an. „Mary hat mir von diesem Ort erzählt. Sie meinte, hier sei es ruhig, intim und romantisch, und es gäbe tolles Essen – das ich für sie fotografieren soll. Ich wollte etwas ganz Besonderes für uns beide.“ „Sie ist eine Feinschmeckerin? Das hätte ich mir ja denken können, als sie vor ein paar Wochen gefühlt fünfundvierzig fantastische Gerichte mit zu mir gebracht hat.“ „Vor einigen Jahren hat sie einen Luxusnachtclub geführt. Inzwischen hat sie mehrere Kochbücher geschrieben. Und sie arbeitet an einer Website. Feinschmecker ist wahrscheinlich noch zu vorsichtig ausgedrückt. Aber: Ja, das ist sie.“ „Sie ist sehr süß zu den Kindern. Und sie hat sich bei mir nett verhalten.“ „Im Augenblick sind sie ziemlich beschäftigt. Nächsten Monat ist der errechnete Termin. Aber sie hat mir gesagt, dass sie uns alle zum Essen einlädt. Du wirst sie mögen.“ Sie bestellten eine Flasche Champagner und die Vorspeisen, die der Kellner ihnen empfohlen hatte. Vaughan sah vorsichtig zu ihr hinüber. „Alles in Ordnung? Du findest auf der Karte doch ein Gericht, oder?“ „Ich würde am liebsten alles essen. Du musst unbedingt etwas anderes bestellen als ich, damit ich deins mal probieren kann. Sonst kriege ich ein schlechtes Gewissen. Du weißt schon, wenn man etwas bestellt und drei Minuten später denkt, man hätte doch was anderes nehmen sollen.“ Kelly sah von der Karte auf und blickte Vaughan in die Augen. „Warum fragst du?“ „Weil du ein bisschen unentschlossen wirkst. Als würdest du eigentlich lieber nichts wollen.“ Kelly zuckte mit den Schultern. „Ich habe morgen einen Job und diverse wichtige Meetings. Ich muss also genau darüber nachdenken, was ich mir in den Mund stecke. Ich habe gerade nur die Kalorien ausgerechnet.“ „Du siehst toll aus. Du hast eine fantastische Figur. Du kannst zu Abend essen, ohne dir Sorgen zu machen.“ Ach ja, konnte sie das? Wie nett von ihm, ihr die Erlaubnis zu geben. Er hatte ihr mit seinen Worten nur ein Kompliment machen wollen. Das versuchte sie, nicht zu vergessen. Sie wollte sich nicht mit ihm streiten. Es war schön, am Abend hier zu sein und vor allem, dass man spürte, dass der Sommer den Frühling schon bald ablösen würde. Es war süß von ihm, sie hierher zu bringen. Der Ort war ein wohl gehütetes Geheimnis. Sie brauchte sich also nicht mit irgendwelchen Fans zu befassen, die draußen in Schlangen auf ihn warteten, oder mit der Versuchung, die sie darstellten. Er gab sich wirklich große Mühe, und sie musste dasselbe tun und sich verdammt noch mal nicht selbst im Wege stehen. „Erzähl mir von deinem Soloprojekt“, bat Kelly ihn, als ein Jazztrio auf dem Dach gerade Cole Porter spielte. „Das hier könnte locker auch ein Filmschauplatz sein“, überlegte Vaughan. Er musste sich bei Mary auf jeden Fall für den Tipp bedanken, und bei seinem Manager Jeremy, der für ihn diesen Tisch organisiert hatte. „Danke, dass du das für uns gemacht hast.“ „Also, mein Solokram … Mir spuken schon seit einigen Jahren ein paar Ideen im Kopf herum. Ich habe versucht, sie in die Musik der Band einfließen zu lassen. Unser letztes Album war für mich extrem lehrreich. Ich habe mich stark für Dinge eingesetzt, die mir wichtig waren. Einiges davon hat etwas bewegt, und es tat mir gut zu lernen, wie man sich für etwas einsetzt. Und auch, aktiver an unserem kreativen Prozess teilzunehmen.“ Die Vorspeisen kamen, sie bestellten den Hauptgang, und er sprach weiter. „Und dann war die Tournee zu Ende, und ich landete in deinem Gästezimmer. Diese ganzen Veränderungen haben mich irgendwie erschlagen. Ich fing an zu schreiben, um besser damit umzugehen. Zuerst habe ich einfach drauflosgeschrieben. Und dann standen da plötzlich Texte und Songs.“ „Ich freue mich sehr für dich. Ich hoffe, du lässt mich mal was hören.“ „Ich meine, mich daran zu erinnern, dass ein gewisses Model nackt in meinem Bett lag, während ich ihr, mehr als nur ein Mal, etwas auf der Gitarre vorgespielt und dazu gesungen habe.“ „Ich höre dich einfach so gerne singen. Warum willst du die Sachen nicht mit Sweet Hollow Ranch machen?“ „Es ist nicht unser Sound. Es ist mein Sound. Ich will diese Songs singen. Ich will sie nach meinen Vorstellungen produzieren. Ich hab zu Paddy gesagt, wenn es für die Band sein solle, müsse ich Kompromisse eingehen. Aber das will ich nicht. Diese Sachen gehören mir. Und ich will sie so haben, wie sie mir gefallen.“ „Verstehe.“ „Einfach so?“ Vaughan sah erstaunt auf. „Du hast Talent. Eine Gabe. Ich unterstütze dich, damit das zu machen, was auch immer du willst.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Du bist Künstler. Dieser Prozess ist nicht immer vorhersehbar, und manchmal muss man das Drehbuch eben komplett umschreiben. Das ist doch aufregend.“ „Danke für deine Unterstützung.“ Es bedeutet ihm eine Menge. „Ich habe mit meinen Brüdern darüber gesprochen. Sie stehen alle hinter mir. Ich schätze, angesichts der wichtigen Ereignisse, die sich momentan in ihrem Privatleben abspielen, wird die Band frühestens in ein bis zwei Jahren wieder im Studio stehen. Jetzt ist meine Zeit. Ich habe einen Ort, an dem ich arbeiten kann, ich habe die Zeit zum Arbeiten, und in meinem Leben gibt es gerade so viel Freude, Grauen und Verwunderung, dass ich das Gefühl habe: Wenn alles so laut danach schreit, dass ich es mache, und ich es jetzt nicht mache, dann wird das nie was.“ „Ich hab’s kapiert. Wenn du während deiner Arbeit mehr auf der Ranch sein musst, ist das für mich in Ordnung. Das kriegen wir schon hin.“ „Ich habe den Raum über der Garage fertig ausgestattet. Die Schallisolierung ist fertig. Die Boards sind da, auch fast alle Gitarren und noch mehr Equipment. Der Blick aus dem Fenster hat was – die Bäume und Dächer hier und da. Maddie hat Blumenkästen vorgeschlagen, und ich habe ihr versprochen, bald ein paar Blumen mit ihr zu kaufen.“ „Sie ist extrem gut darin, anderen Leuten ihren Willen aufzuzwingen. Wie ihr Vater.“ „Gott sei Dank. Denn hier sitze ich – an einem Tisch mit der schönsten Frau der Welt, die ein Kleid trägt, bei dessen Anblick mir das Wasser im Mund zusammenläuft. Du siehst mich an, schaust durch den ganzen Mist hindurch und liebst mich. Das alles fließt in mein neues Songmaterial mit hinein.“ „Ich bin auch wirklich froh. Ich freue mich schon tierisch darauf, es zu hören, wenn du so weit bist.“ Aus dem Augenwinkel sah er eine Bewegung und drehte sich um. Zwei Frauen an der Bar gegenüber hatten ihn erkannt und machten – für ihr Empfinden unauffällig – Fotos von ihm. Kelly drehte sich ebenfalls um und seufzte. „Es war ja auch zu schön, um wahr zu sein. Das musste früher oder später einfach passieren. Ich hoffe nur, dass wir keine Nippel zu sehen kriegen und uns nicht mit fragwürdigen Angeboten herumschlagen müssen.“ „Lass uns abwarten, ob es noch schlimmer wird oder ob das den Damen vielleicht doch reicht.“ Er nahm ihre Hand. „Lass nicht zu, dass es unser romantisches Date ruiniert.“ Der Ruhm hatte ihm viele Vorteile verschafft. Viel Macht. Und mit Sicherheit auch viel Geld. Diese Dinge wiederum brachten Möglichkeiten mit sich. Doch es gab auch eine andere Seite. Wildfremde Menschen, die auf seinem Rasen kampierten. Erhöhte Sicherheitsausgaben. Kellys Haus hatte er vollständig neu verdrahten lassen, sodass nun alles dem höchsten Sicherheitsstandard entsprach. Wenn er schon die Aufmerksamkeit auf seine Familie lenkte, wollte er zumindest, dass sie sicher war. Und es gab noch den Teil dazwischen. Andauernd erkannt zu werden. An manchen Tagen machte ihn das paranoid. Meistens jedoch gelang es ihm, das zu ignorieren. Für gewöhnlich freuten die Leute sich einfach, ihn zu sehen. Aber natürlich wurde es dadurch schwerer, ein ruhiges, intimes Abendessen mit seiner Frau zu genießen. „Als du mich nach dem Brunch mit meinen Eltern gefragt hast, wurden wir ja leider unterbrochen, und als wir alleine waren, hatten wir andere Dinge zu tun. Ich habe ihnen die Wahrheit gesagt. Die ganze Wahrheit. Inklusive der Nachricht, dass ich ab jetzt in Gresham lebe.“ Kelly lehnte sich ein wenig zurück, doch zu seiner großen Erleichterung kehrte die Vorsicht, die sich über Wochen auf ihrem Gesicht gespiegelt hatte, nicht zurück. „Wie haben sie reagiert?“ Sie nahm einen Schluck Champagner und wartete darauf, dass er fortfuhr. „Ich habe damals meine Pflichten nicht erfüllt. Auf keiner Ebene. Das verstehen sie jetzt. Sie wissen … Meine Mutter weiß, dass sie dich falsch eingeschätzt hat.“ Sie schob ihm die kleinen Süßkartoffel-Windbeutel rüber. Er beäugte sie skeptisch, und sie kicherte. „Stell dir vor, es wären Kroketten. Die sind wirklich gut, ich verspreche es dir.“ „Hättest du das zu Ross auch gesagt?“ Das zu wissen war wichtig. Kelly verzog das Gesicht und zuckte dann mit den Schultern. „Ross hätte jede wie auch immer geartete Krokette gegessen. Wie jeder gesunde Mensch, der nicht allergisch dagegen ist. Eigentlich sollte es unnötig sein, jemanden dazu zu ermuntern, eine Krokette zu essen. Ich muss dir sagen, dass mein Speiseplan jahrelang aus drei Restegabeln Makkaroni mit Käse, ein paar Kroketten und ein bis zwei Weintrauben bestand.“ Ihr Humor war selbstironischer geworden, aber nicht auf verbitterte Art. Kelly fühlte sich wohler mit sich selbst, und das machte sie umso verführerischer. „Ich mag sie genauso sehr wie jeder andere. Aber ich muss feststellen, dass du nicht gerade viele isst.“ Sie schnaubte und verdrehte die Augen. „Glaubst du wirklich, ich würde versuchen, dich auszutricksen, damit du sie isst, als wärst du eins unserer Kinder?“ Er musste der glücklichste Mann der Welt sein, dass er von dieser Frau geliebt wurde. „Ich bin im Moment so verdammt glücklich. Ich liebe dich, und ich freue mich, mit dir hier unter den Sternen zu sitzen. Ich find’s gut, dass du mich aufziehst.“ Kelly war den meisten Menschen gegenüber eher zurückhaltend. Sie war zwar herzlich, aber sie ließ nur die wenigsten dicht an sich heran. An den Ort in ihrem Leben, an dem sie diese weichere Seite zeigte. An dem sie genug Vertrauen hatte, um den anderen aufzuziehen. Er küsste ihre Handfläche. Er hatte ihr Vertrauen ein Mal weggeworfen, aber sie hatte es ihm wieder geschenkt. Und er hatte vor, diese Gelegenheit weitaus besser zu nutzen. „Danke, dass du mich wieder reingelassen hast.“ Bei dem offenen Lächeln, das sie ihm als Antwort zuwarf, wurde seine Hose ein bisschen unbequem. Er probierte eins dieser Süßkartoffeldinger, und es schmeckte wirklich gut – vor allem mit dem scharfen Dip. „Okay, die sind wirklich toll. Nicht so wie all das andere Zeug aus frittierten Kartoffeln, das man irgendwo hineintunkt. Davon könnte ich eine komplette Mahlzeit verputzen.“ Er machte Fotos, und dann fotografierte Kelly ihn, wie er welche aß, damit er Mary die Bilder schicken konnte. „Den Mädchen habe ich auch eins davon geschickt“, sagte Kelly, als sie ihm das Telefon zurückgab. Als es nur ein paar Momente später vibrierte, entsperrte er es und sah ein Foto von seinen Töchtern, die lustige Grimassen schnitten. Vaughan zeigte es Kelly. „Ich schätze, das soll wohl ein Selfie sein.“ „Sie lieben es, wenn du ihnen Fotos schickst. Wenn du auf Tournee bist, bekommen sie dadurch das Gefühl, ein bisschen bei dir zu sein. Wirklich cool, dass du das machst. Ich hab mich nie dafür bei dir bedankt.“ Der nächste Gang wurde serviert. „Die Fotos, die sie zurückschicken, helfen mir, die Zeit zu überstehen. Vor allem an dem Punkt der Tournee, wenn ich fertig mit den Nerven bin. Wenn ich erschöpft und empfindlich bin und einfach nur nach Hause will, wo ich mich sicher fühle. Ich sehe ihre Gesichter und bin in der Lage, einen weiteren Auftritt zu rocken, weil ich weiß, dass sie daheim auf mich warten. Und dass es ihnen gut geht.“ Kelly schluckte schwer und aß langsam weiter. „Was haben deine Eltern gesagt?“, platzte es aus ihr heraus. Er musste nicht nachfragen, was sie meinte. Er wusste, dass sie danach fragte, wie sie auf seine Enthüllung der Wahrheit reagiert hatten. „Sie sind mächtig sauer auf mich. Schlimmer noch: Sie sind enttäuscht. Mein Vater hat gesagt, ich solle mich schämen. Er sagte, ich sei kein guter Mann gewesen. Aber dann meinte er, dafür sei ich es jetzt. Das bedeutet mir viel. Und meine Mutter? Na ja, sie war stinkwütend. Auf mich, weil ich sie dazu gebracht habe, dass sie sich, Zitat: wie die fiese Klischee-Schwiegermutter aufgeführt hat. Kelly, ich weiß, dass es schwer für dich war und dass diese ganze Sache mit mir und meiner Familie es nur noch schlimmer gemacht hat. Aber nachdem sie mich angeschrien haben und meine Mutter mir klargemacht hat, dass ich noch dafür bezahlen werde, dass sie sich für ihr schreckliches Benehmen entschuldigen muss, haben sie uns alle zum Abendessen bei sich eingeladen, für den Abend vor der Galerieeröffnung. Sie haben sich geirrt. Das wissen sie jetzt, und ich hoffe, dass du ihnen noch eine Chance gibst.“ „Dass du ein guter Mann bist, bedeutet mir viel. Ich wollte deinen Versprechungen am Anfang so gerne glauben, aber ich hatte Angst davor. Jetzt bin ich viel weniger ängstlich. Und viel glücklicher.“ „Ich kann nicht alles wiedergutmachen.“ Er hatte so viel Schaden angerichtet, dass er unmöglich erwarten konnte, alles ungeschehen zu machen. „Aber ich gebe mir große Mühe, und du sollst wissen, dass ich froh bin, das zu dürfen. Jeden Tag. Diesmal werden sie es richtig machen. Ich habe ihnen gesagt, dass es notwendig ist.“ Sie stöhnte. „Na toll. Ich hatte dich doch gebeten, genau das nicht zu tun. Jetzt werden sie denken, dass ich dich dazu gezwungen und vor die Wahl gestellt habe. Ich bin die Yoko Ono von der Sweet Hollow Ranch.“ „Ich habe meine Wahl bereits getroffen. Ich bin hier. Bei dir und unseren Töchtern. Ihr seid meine Familie. Der Anfang war für uns alle ziemlich holprig, aber heute sind wir alle älter und weiser. Ich glaube ehrlich, dass alles gut wird. Momentan passieren so viele großartige Dinge, dass es gar keine andere Möglichkeit gibt, als eine große harmonische Familie zu sein.“ „Wenn du das sagst. Ich bin dabei, wenn sie es sind.“ Sie genossen ein schönes, ausgedehntes Abendessen, auch wenn Kelly für seinen Geschmack nicht genug gegessen hatte, was er ihr auch sagte, als sie aufstanden, um zu gehen. Kelly sah ihn wütend an. „Pass auf: Ich habe es dir gesagt. Das ist Teil meines Lebens. Ich muss darüber nachdenken, wie viele Kalorien ich täglich essen kann. Ich muss darüber nachdenken, wodurch ich aufgebläht aussehe. Was zu unreiner Haut führen könnte. Und es gibt Zeiten, da muss ich wesentlich gewissenhafter und kontrollierter sein als andere. Wenn ich vor der Kamera stehen muss, ist zum Beispiel so ein Zeitpunkt.“ „Vaughan? Könnten wir bitte ein Autogramm haben und ein Foto mit dir machen?“ Die zwei Frauen von der Bar fingen sie am Aufzug ab. „Und das hier ist dein Zeitpunkt.“ Kelly ging zur Seite, aber er wusste, dass sie aufgewühlt war. Das war während ihrer Ehe immer ein wunder Punkt zwischen ihnen gewesen, und dann, tja, hatte er ihr einen guten Grund gegeben, seine Interaktionen mit den weiblichen Fans argwöhnisch und wachsam zu beäugen. Er machte ein paar Fotos und unterschrieb auf einer Speisekarte. „Wollt ihr zwei ein bisschen Gesellschaft?“, fragte eine der Frauen. „Verpiss dich, Schlampe.“ Kelly trat in den Aufzug, und er folgte ihr eilig. Unten informierte der Restaurantleiter Vaughan darüber, dass der Wagen am Gehweg bereitstand. Doch nur wenige Meter vor der Tür standen zwei Fotografen, die Fotos von Vaughan machten, wie er mit Kelly im Arm herausspaziert kam. Sie riefen seinen Namen, und dann erkannte einer von ihnen seine Begleiterin. Nun riefen sie ihren Namen und kamen näher heran, doch Vaughan hastete zum Auto, wo der Fahrer die Paparazzi zurückhielt, während Vaughan und Kelly einstiegen. „Bitte entschuldigen Sie, Mr. Hurley. Die sind wie aus dem Nichts aufgetaucht“, sagte der Fahrer, als er sich hinters Lenkrad setzte. „Ich denke, die haben von irgendwem da drinnen einen Hinweis bekommen. Ist nicht Ihre Schuld.“ „Sie sollten über einen Leibwächter nachdenken. Wenn Sie mit Ihrer Frau und den Kindern unterwegs sind …“ Der Fahrer fing Vaughans Blick im Rückspiegel auf. Er brauchte nicht mehr zu sagen. Wenn er bei ihnen war, lebten sie gefährlicher, als wenn er nicht bei ihnen war. Gleich am nächsten Tag würde er Jeremy anrufen und sich mit ihm beratschlagen. Er hatte diverse Fahrer engagiert, und an den Veranstaltungsorten gab es Sicherheitspersonal. Aber eigentlich hatte er kein Interesse daran, sich von einem Bodyguard einschränken zu lassen. Nun aber, da seine Familie bei ihm war, schien es offenbar notwendig zu sein. Sie fuhren nach Hause. Die Spannung zwischen ihm und Kelly war wieder gestiegen. Allerdings war es keine Wut, eher eine dunkle Energie, die sich aufbaute. Ihre gemeinsame Vergangenheit war von finsteren und verworrenen Erinnerungen übersät. Doch da war keine Wut. Und kein Bedauern. Seit sie das Bett miteinander teilten, war die Verbitterung über ihre Trennung weggeschmolzen. Jeden Tag ein bisschen mehr. Jedes Mal, wenn sie irgendein Problem gelöst hatten, machten die Geister bei allem, was so lange Zeit unausgesprochen geblieben war, ein bisschen länger Pause. 22. KAPITEL Das hatte ich ganz vergessen“, sagte Kelly, als sie im Aufzug standen und nach oben zu ihrer Wohnung fuhren. „Was meinst du?“ Sie verschränkte die Finger mit seinen, und während sie sich früher ausgeschlossen gefühlt und den Eindruck gehabt hätte, das Monstrum seines Ruhmes wäre bereit, jeden Moment auf sie loszugehen, hatte sie diesmal das Gefühl, sie würden dem Problem gemeinsam gegenüberstehen. In den vergangenen sechs Wochen war die Realität gedämpft worden. Er war zu Hause. In ihrer vertrauten Umgebung. Die Häuser standen auf großen Grundstücken, weshalb sie viel Privatsphäre hatten. Selbst auf dem Schulfest waren die anderen Eltern extrem gut darin gewesen, sich angemessen zu verhalten, obwohl einige ihn erkannt hatten. In dem Moment, als sie am Flughafen angekommen waren, hatte sie wieder daran denken müssen. Sie hatten bis zur letzten Minute mit dem Einsteigen gewartet, und dennoch waren sie auf dem Flug mehr als ein Mal gestört worden. Und dann der konstante Strom von Frauen, die um seine Aufmerksamkeit buhlten. Junge Küken in Restaurants, die sie zum Gruppensex einluden, als wäre es das Normalste der Welt. Blitzlichter, als Leute ihre Namen riefen, der Fahrer, der ihn anhielt, über einen Bodyguard nachzudenken. Das war es, was eine Beziehung zu ihm nach sich zog. Die Kehrseite der schönen Musik, die er machte. Die Berühmtheit, die um eine Person eine Blase der Unwirklichkeit formte, und zwar zum Guten wie zum Schlechten. „Ich wollte was trinken gehen“, sagte Vaughan. „Tut mir leid, was sich da abgespielt hat. Ich hätte eine bessere Location aussuchen sollen.“ „Nicht das Restaurant war das Problem. Es war klein und intim, kein Ort, an dem es vor Celebrities wimmelt.“ Sie mussten die Diskussion aufschieben, bis sie die Babysitterin bezahlt und sich für die Nacht eingeschlossen hatten. „Wir könnten uns umziehen und auf der Dachterrasse noch einen Drink nehmen.“ Kaum hatten sie ihre Pyjamas an, zog er sie eng an sich. „Du hast in deinem Outfit atemberaubend sexy ausgesehen. Es ist eine Schande, dass du es zum Schlafen ausziehen musstest. Manchmal bis du einfach so schön und perfekt, dass ich das Gefühl habe, dich gar nicht direkt ansehen zu können.“ Sie küsste ihn. „Ich habe mehrere Schränke voller Klamotten. Ich werde mich bald wieder für dich schön machen. Vor allem, wenn du öfter einen Anzug trägst.“ Sie gingen auf die Terrasse vor ihrem Schlafzimmer. „Sieht besser aus, als ich es in Erinnerung habe.“ Vaughan setzte sich neben sie auf das Outdoor-Sofa. „Vor ungefähr fünf Jahren war ein Gartenbauer zum Abendessen bei mir.“ Er zog die Augenbraue hoch, und sie verdrehte die Augen. „Der Ehemann meiner Agentin. Er kam mit seiner Frau und noch ungefähr acht anderen Leuten.“ „Ich versuche gar nicht, blöd zu reagieren. Manchmal kann ich einfach mein Gesicht nicht kontrollieren. Ich weiß, dass ich schuld daran bin, dass ich nicht da war. Ich sehe einfach nur, wie andere Männer auf dich reagieren, egal wo du hingehst. Dadurch werde ich ganz sonderbar.“ „Du wurdest schon sonderbar geboren, Vaughan. Auf jeden Fall kam diese Idee mit der Gartengestaltung von ihm. Ich sagte ihm nur, wie es sich anfühlen sollte, hier zu sitzen, und fuhr zurück nach Oregon. Als ich drei Monate später zurückkam, habe ich mich auf den ersten Blick in das Design verliebt. Am Ende eines langen Tages ist das hier einer meiner Lieblingsplätze.“ „Hier hat man auch ziemlich viel Privatsphäre. Ich erinnere mich noch, dass das einer der Gründe war, warum wir so gerne hier draußen waren.“ „Es ist wirklich beeindruckend, dass du praktisch alles mit einer sexuell konnotierten Erinnerung verbinden kannst.“ „Was soll ich sagen?“ Er grinste. „Du bist unvergesslich.“ Er wurde ernst. „Gleich morgen werde ich Jeremy anrufen, um für die nötige Sicherheit auf unseren Reisen zu sorgen.“ „Wenigstens weiß man, dass er so etwas ernst nimmt.“ Kelly versteifte sich, als sie an die Ermordung von Jeremys kleiner Tochter und an die Entführung und den Überfall auf seine Frau dachte, seinerzeit eine sehr berühmte Musikerin. Die Leute machten oft Witze über den Preis des Ruhms oder meinten, berühmte Persönlichkeit hätten es irgendwie verdient, dass man ihr Leben auseinanderriss, nur weil sie Musik oder Filme machten. Der Ruhm war eine der Verlockungen gewesen, die im Niedergang ihrer eigenen Ehe eine Rolle gespielt hatten. Vaughans ältester Bruder hatte durch Drogensucht Jahre seines Lebens und Erfolgs verloren. Die Art von Ruhm, die Kelly erlebt hatte, war verhältnismäßig gesichtslos gewesen. Irgendwie albern, wenn man über ihren Job nachdachte. Aber die meisten Leute erkannten sie auf der Straße nicht, vor allem nicht, wenn sie sich ganz normal kleidete. „Die Sicherheitsvorkehrungen am Haus habe ich schon auf den neuesten Stand bringen lassen. Dort sind wir so sicher wie möglich, wenn man nicht hinter einer Mauer mit Wachposten in den Türmen lebt.“ „Ich will das nicht.“ Bei einigen Dingen hatte sie nachgegeben, wie etwa bei der Privatschule mit hohen Sicherheitsstandards. Oder bei den Sondervorkehrungen, die sie beim Hausbau berücksichtigt hatte, inklusive einem Panikraum, auf dem Vaughan bestanden hatte. Kelly fuhr fort: „Ich habe Maddie und Kensey ein Leben ermöglicht, das so normal ist wie möglich. So normal, wie es eben sein kann, wenn der Vater und die Onkel Rockstars sind und die Mutter ein Model ist. Sie haben Privilegien. Aber sie haben auch Freunde und Tanzunterricht, und sie müssen nicht in einem Haus leben, das von einer Burgmauer umgeben ist.“ „Was wäre, wenn wir in Gresham ein Haus fänden, das auf einem größeren Grundstück steht? Dann könnten wir ein Tor bauen, ohne dass es sich gleich wie eine Burgmauer anfühlt. Wir könnten es nach unseren Vorstellungen bauen.“ „Ich lebe in einem Haus, das nach meinen Vorstellungen gebaut wurde! Es steht auf einer Fläche von dreitausend Quadratmetern, was nicht gerade klein ist. Und es ist alles andere als unsicher. Ein zu kleines Grundstück ist nicht der Grund, warum sich diese Frauen heute Abend an dich herangepirscht haben – natürlich erst nachdem sie die Paparazzi informiert haben.“ „Du bist ziemlich stur.“ „Ich weigere mich nur, unnütze Dinge zu tun, um das eigentliche Problem auszublenden. Für deinen verdammten Ruhm habe ich schon genug von meinem Leben und meiner Freiheit geopfert. Ich will das Leben deiner Töchter nicht umkrempeln. Ich habe hart dafür gearbeitet, um ihnen ein Leben zu ermög-lichen, in dem sie nicht dafür verantwortlich sind, meine Rechnungen zu bezahlen oder dafür zu sorgen, dass ich mich wichtig fühle. Sie müssen nirgendwo auftreten, um ein Dach über dem Kopf zu haben, und sie werden auch nicht im Badezimmer auf und ab laufen, weil alle um sie herum das auch tun und sie es für ganz normal halten.“ Er hatte den Mund geöffnet und war bereit, sich mit ihr zu streiten, doch dann hielt er abrupt inne. Stattdessen zog er sie so auf seinen Schoß, dass sie einander direkt ins Gesicht blickten. Durch seine und ihre dünne Schlafanzughose war die Reaktion seines harten Schwanzes augenblicklich zu spüren. Er wühlte in ihren Haaren und zog sanft ihren Kopf nach hinten, um ihren Hals und ihre Brüste offen vor sich zu sehen. Er quälte Kelly, leckte, biss und saugte durch den Stoff ihres Trägertops an ihren Brustwarzen. Nachdem sie ihm das Shirt vom Leib gezerrt hatte, versuchte sie, ihn spielerisch zu kratzen, doch er hielt sie fest. Unter einer Reihe von Flüchen schob er sich die Hose runter, befreite seinen Schwanz, riss ihre Shorts herunter und schob ihr Höschen zur Seite, um dann in sie einzudringen, hart und schnell. Noch während sie ihn so spürte, stockte ihr der Atem. Dann sah sie seinen Gesichtsausdruck, während er reglos und offenbar in Sorge, ihr wehgetan zu haben, ihren Hintern fest umklammert hielt. „Alles okay?“, brachte er irgendwie hervor, obwohl sein Blick verschleiert und lüstern war. Sie hatten mehrere HIV-Tests gemacht, allerdings war sie noch nicht dazu gekommen, sich eine Spirale einsetzen zu lassen. „Außer mit den Kondomen verhüte ich nicht. Und so gut es sich auch anfühlt …“ Sie musste innehalten, um sich zu sträuben, als er sich ganz leicht in ihr bewegte und eine wahre Gefühlskaskade in ihrem Körper losbrach. „Ich werde nicht mit dem Feuer spielen. Ich habe schon mal ein Baby bekommen, um eine Beziehung zu retten. Das funktioniert nicht.“ Zwei Kinder waren genug. Vielleicht für immer. Aber ganz bestimmt, bis sie in ihrer Beziehung ein ganzes Stück weiter waren. Er biss die Zähne zusammen und zog sich aus ihr heraus. Sie flitzte in die Wohnung, holte ein Kondom, und keine Minute später machten sie an derselben Stelle weiter, an der sie aufgehört hatten. „Ich liebe es, wenn du oben bist“, sagte er, während er ihr Gesicht über und über mit Küssen bedeckte. „Dann kann ich dich einfach überall anfassen.“ Vaughan unterstrich seine Worte, indem er mit der Fingerspitze ihre Klit streichelte, bis Kelly ganz heiß und ihm völlig ergeben war. Er berührte sie, sodass sie alles um sich herum vergaß. Das hier war anders. Er berührte sie immer noch an den richtigen Stellen, aber jetzt gab es kein Vergessen. Sondern die Gewissheit, dass sich etwas verändert hatte. Sie hatten einen weiteren Schritt gemacht. Hatten kurz das Risiko in Kauf genommen und überlebt. Sich aufeinander zuzubewegen anstatt sich voneinander abzuwenden war für beide ein neuer Prozess. Und wenn es ganz selbstverständlich geschah, bedeutete es die Welt. Er kam nur ganz kurz nach ihr, rasend und heftig. Dann hielt er sie fest an sich gedrückt und bewegte sich eine Weile mit langsamen Bewegungen weiter. „Besser als Drinks in irgendeiner angesagten Bar.“ Irgendwie schaffte er es, aufzustehen, ohne sie loszulassen, und so trug er sie hinein. „Und du brauchst nicht mal eine ganze Flasche zu kaufen, um den besten Platz im Haus zu bekommen.“ „Nicht auf unserer Dachterrasse, meine Schöne. Tief in dir. Das ist der beste Platz im Haus. Und es gehört alles mir.“ Als sie einschlief, ließ sie die Worte nachwirken – und erlaubte sich, glücklich zu sein, während sie beschützt in seinen Armen lag. 23. KAPITEL Zwei Tage später – Kelly, Vaughan und die Mädchen kamen gerade von einem kurzen Besuch auf dem Markt zurück, wo sie Zutaten für das Abendessen besorgt hatten – waren sie fast beim Aufzug angekommen, als Kelly eine Stimme hörte, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte. „Bring die Kinder nach oben“, sagte sie Vaughan und stellte sich zwischen ihre Familie und ihre Mutter. „Warum? Wer ist das?“ Er sah genauer hin und fluchte still, als er Rebecca erkannte. „Was macht sie hier?“ „Ich will nicht, dass die Mädchen mit ihr sprechen. Bitte.“ „Ich komme sofort wieder runter.“ Zusammen mit Maddie und Kensey, die gemerkt hatten, dass etwas nicht stimmte, und anfingen, Fragen zu stellen, betrat er den Aufzug. Kelly wartete ungeduldig, dass sich endlich die Türen schlossen, damit sie sich außerhalb des Blickfeldes ihrer Töchter mit dem Ärger befassen konnte, der hinter ihr wartete. „Die wollen mich nicht nach oben lassen. Ich habe gesagt, ich stehe auf deiner Liste. Sie meinten, ich bräuchte eine Keycard.“ Kelly führte ihre Mutter weg vom Aufzug und zurück zur Eingangstür. „Warum bist du hier?“ „Mrs. Hurley, ist alles in Ordnung?“, fragte der Tagportier. Sie hätten Rebecca niemals hereinlassen dürfen. Ihre Mutter durfte nicht in ihr Appartement und hatte aus gutem Grund keine Keycard bekommen. Aber Rebecca fand meistens einen Weg. Wahrscheinlich hatte sie den Typen zu Tode genervt, bis er sie reingelassen hatte. „Ich glaube schon.“ Kelly wandte sich wieder ihrer Mutter zu. „Ich werde nicht noch einmal fragen. Sag es oder verschwinde.“ „Ich wusste es. Ich habe diese Fotos gesehen, und da wusste ich, dass du diesen Bastard wieder in dein Leben gelassen hast. Was ist denn los mit dir? Hat er dich beim ersten Mal nicht schon genug blamiert? Wie kannst du das nur machen? Wirst du jetzt auch noch die paar Jobs aufgeben, die du noch machst, um zu Hause zu sein und ihm auf Abruf zur Verfügung zu stehen?“ „Keine Sorge, das hat nichts mit deinem Konto zu tun.“ „Du musst nachdenken. Mit deinem Kopf und nicht mit dem Teil deines Körpers, der sich zwischen deinen Beinen befindet. Ein Mann wird dir immer die Vitalität rauben“, fauchte Rebecca und versprühte dabei Verbitterung. „Du hast dich schon mal von ihm ruinieren lassen. Brauchst du so verzweifelt Liebe, dass du dir das noch mal antun musst? Was für Jobs kannst du schon kriegen, wenn dich die Leute als reklamierte Ware einsortieren? Beim ersten Mal warst du jung. Noch dynamisch.“ Sie musterte Kelly von oben bis unten und machte keinen Hehl daraus, dass ihr das, was sie sah, nicht gefiel. Wie aus dem Nichts stieg das Gefühl in Kelly hoch, dass sie fett, hässlich und nicht gut genug war. So wie früher. Und dann sah sie den Gesichtsausdruck ihrer Mutter, der ihr verriet, dass diese Frau nur darauf spekuliert hatte, sie zu verunsichern. Bah. Verschlagene, perfide Hexe. „Sei still. Ich weiß, dass ich dich gebeten habe zu reden, aber das war ein Fehler. Halt deinen Mund. Du hast deine Meinung kundgetan. Ich habe ihr das Gewicht gegeben, das sie verdient. Komm nicht wieder hierher. Oder in den Laden. Wenn mein Geld weiterhin dafür sorgen soll, dass du deinen Lebensstandard halten kannst, dann hältst du jetzt den Mund und lässt mich in Ruhe.“ „Ich bin deine Mutter. Ich habe dich zur Welt gebracht!“ „Dem Herrgott sei Dank, dass ich das überlebt habe. Meine Kinder sind oben. Und dahin gehe ich jetzt auch. Komm nicht wieder. Sprich nicht mit der Presse. Ich werde dir weiterhin Geld überweisen, aber wenn du mit der miesen Tour anfängst, werde ich dir dieses Mal tatsächlich den Geldhahn zudrehen.“ „Nach allem, was ich für dich getan habe? Du undankbares Miststück! Du warst schon immer faul. Wenn ich dich nicht gepusht hätte, wo wärst du denn dann?“ Ihre Mutter machte sich eine patentierte Rebeccabewegung zunutze, indem sie Kelly an den Oberarmen packte, um sie zu schütteln. „Lass sie los! Sofort!“ Vaughan war zurückgekommen, und zwar stinksauer. „Du! Von dir lasse ich mir nicht …“ Rebecca brach mitten im Satz ab, als sich Vaughan zwischen die Frauen drängte, sodass ihr nichts anderes übrig blieb als loszulassen. Er holte ein paar Geldscheine aus seinem Portemonnaie und stopfte sie in ihre Tasche. „Fürs Taxi.“ Ohne sich vom Fleck zu rühren, drehte er den Kopf nach dem Portier um. „Würden Sie ihr bitte ein Taxi rufen?“ „Wird sofort erledigt, Mr. Hurley.“ Vaughan ging, um dem Mann ein Trinkgeld zu geben, und Kelly hörte ihn sagen, dass Rebecca unter keinen Umständen noch einmal hereingelassen werden dürfe. Sie sah ihre Mutter an und schüttelte den Kopf. Das war es, was diese Frau in ihr Leben brachte: Angst und negative Gefühle. Auf gar keinen Fall würde sie ihre Kinder mit diesem Monster zusammenbringen. Sharon mochte auf ihre persönliche Art giftig sein, aber wenn sie an ihre eigene Mutter dachte, spürte Kelly den puren Hass in sich. Rebecca war da, weil sie den Gedanken, dass ihre Tochter glücklich war, nicht ertragen konnte. Wieder machte sie ihre superschnelle, brutale Bewegung. Sie packte Kellys Arm und zerrte in einer Art daran, die ihr nur allzu vertraut war. Kelly stärkte sich innerlich und riss sich los, als Vaughan herübergeeilt kam. „Du kannst mir nicht mehr wehtun, damit ich dir gehorche. Ich bin inzwischen größer als du. Verschwinde, bevor ich mein großzügiges Angebot noch einmal überdenke und lieber die Polizei rufe.“ „Raus hier, Rebecca. Komm nicht auf die Idee, meiner Familie noch einmal zu nahe zu kommen. Das reicht jetzt“, blaffte Vaughan. „Sonst was? Haust du mir sonst eine rein, großer Mann?“, verhöhnte Rebecca ihn. Vaughans Lächeln war alles andere als freundlich. „Ich brauche meine Fäuste nicht, um dir den Teufel aus dem Leib zu prügeln. Versteh das endlich. Geld und Macht sind viel schmerzhafter und für mich viel einfacher einzusetzen, um dich ein für alle Mal aus Kellys Leben zu katapultieren.“ Am liebsten hätte sich Kelly schluchzend in seine Arme geworfen. Er hatte sie beschützt. Nicht nur körperlich. Er hatte ihrer Mutter unmissverständlich klargemacht, dass er sie fertigmachen würde, wenn sie nicht endlich aufhörte. Rebecca erkannte das ebenfalls und machte einen Schritt zurück. „Komm nicht zu mir gerannt, wenn er dich fallen lässt. Noch einmal.“ „Ich renne allerhöchstens vor dir weg.“ Die Unerwünschte ließ noch ein paar Beleidigungen los, ehe sie nach draußen stürmte. Als sie auf dem Weg zurück nach oben waren, umschloss Vaughan sanft Kellys Hand. „Es gibt eine Menge, worüber wir reden müssen. Aber das kann warten, bis du so weit bist.“ „Wie wäre es mit nie? Es ist schlimm. Sie ist furchtbar. Sie ist weg. Ende.“ Sie hatte ihre Töchter viele Jahre lang vor Rebecca abgeschirmt und hatte vor, das auch weiterhin zu tun. Er sagte nichts mehr, weil die Mädchen gleich, wenn sie zu ihnen reingingen, Ablenkung gut gebrauchen konnten. Vaughan wartete, bis sie die Mädchen ins Bett gebracht hatten und Kelly mit ihrem Gesprächstermin fertig war, bevor er auf die Szene in der Lobby zurückkam, die sich früher am Tag ereignet hatte. Sie kam in ihr Zimmer, blieb stehen, um ihm einen Kuss zu geben, und in diesem Augenblick machte er eine schnelle Bewegung und zog sie zu sich auf den Schoß. „Mein hinterhältiger Plan ist aufgegangen.“ „Ach ja? Kommt an dieser Stelle eine Plünderung nach Piratenart ins Spiel?“ „Erzähl mir von Rebecca.“ „Danke, Vaughan.“ „Dafür, dass ich dich nach deiner bescheuerten Mutter frage?“ „Dafür, dass du mich beschützt hast.“ Ihre Stimme brach, und sie hasste diese Schwäche. „Du hast dich zwischen uns gestellt. Du hast dafür gesorgt, dass sie gegangen ist.“ Das hätten nicht viele Menschen für sie getan. Es brachte sie aus dem Gleichgewicht. „Hey.“ Vaughan atmete schwer aus. „Das hätte ich schon vor langer Zeit tun sollen. Sie ist ein schrecklicher Mensch, und die Art, wie sie dich heute Abend behandelt hat, weckt in mir den Drang, irgendetwas kurz und klein zu schlagen. Ich bin jetzt hier. Ich werde dich beschützen.“ Er küsste sie flüchtig. „Also, erzähl mir von ihr.“ „Was gibt es da zu erzählen? Du weißt, dass sie furchtbar war, als ich klein war. Ich überweise ihr Geld, und normalerweise benimmt sie sich und hält sich aus meinem Leben raus. Vor einiger Zeit ist sie hier im Laden aufgetaucht. Sie hat eine Szene gemacht und Gratis-Klamotten verlangt. Ich sagte ihr, sie solle damit aufhören. Ich schicke ihr andauernd Klamotten. Das reicht ihr nicht. Ihr reicht es nie. Aus diesem Grund tue ich alles, was notwendig ist, um einen ganzen Kontinent zwischen uns zu bringen. Wenn ich es nämlich nicht tue, passiert so etwas wie vorhin wieder.“ „Sie ist der Grund, warum du Kalorien zählst und beim Thema Essen Panik kriegst. Ich hasse das! Wie alt warst du, als sie mit dem Mist angefangen hat?“ „Ich zähle Kalorien, weil ich ein Model bin. Aber …“ Kelly machte eine Pause, seufzte tief und fuhr fort: „… ich kann mich nicht daran erinnern, dass es mal nicht Thema war. Sie hatte so ein kleines Buch, das immer in ihrer Handtasche steckte und in dem die Kalorien für alles aufgelistet waren, was man sich nur vorstellen kann.“ Kelly hielt inne und versuchte, das Thema zu wechseln, indem sie begann, sich rhythmisch auf ihm zu bewegen. „Wird nicht funktionieren.“ Sie lachte, weil er schon ganz hart war. „Das sehe ich anders. So, wie ich sitze, scheint es ganz hervorragend zu funktionieren.“ „Ha. Der Teil funktioniert immer, wenn du in der Nähe bist. Aber ich werde nicht das Thema wechseln.“ „Was willst du, Vaughan?“ Ihre Stimme wurde eine Spur lauter. „Soll ich dir erzählen, was für eine furchtbare Mutter sie war? Wie grausam und selbstsüchtig sie war? Das war sie. Und sie ist es noch.“ „Ich weiß bereits, dass sie eine schreckliche Mutter war, und zwar schon seit unserer ersten Begegnung.“ Seine neue Schwiegermutter hatte sich verächtlich übers Showgeschäft und über diese Showbiz-Leute geäußert. Und als Kelly nach Maddies Geburt verkündet hatte, dass sie sich eine Auszeit nehmen würde, hatte es eine hässliche Szene gegeben. Vaughan würde niemals vergessen, wie Rebecca ihrer Tochter gesagt hatte, es sei schlimm genug, dass sie ihren Körper mit einer Schwangerschaft ruiniere, dass die Uhr aber unaufhörlich weiterticke und nur begrenzt Zeit blieb, aus dem eigenen Aussehen Kapital zu schlagen, bevor Kelly sich in eine Schabracke verwandle. „Bitte, können wir nicht das Thema wechseln? Ich tue alles, um sie von den Mädchen fernzuhalten. Maddie hat sie zuletzt gesehen, als sie zwei war. Diese Frau hat keinerlei Beziehung zu ihnen. Ich schicke ihr weder Fotos noch halte ich die Mädchen dazu an, etwas für sie zu töpfern.“ „Aber für meine Mutter machst du das.“ Ja, noch etwas, das er als selbstverständlich hingenommen hatte: wie viel sie für seine Familie tat, obwohl ihr nichts als Feindseligkeit entgegenschlug. „Sie lieben Sharon. Und Sharon liebt sie. Es macht alle glücklich. Aber Rebecca wüsste es überhaupt nicht zu schätzen. Irgendwann würde sie etwas tun, um sie absichtlich zu verletzen, und wozu? Ihnen fehlt nichts, wenn sie in ihrem Leben nicht auftaucht.“ Kelly zuckte mit den Schultern. Er fuhr ihr mit dem Daumen über die Unterlippe. „Was ist mit dir? Was fehlt dir?“ Sie schüttelte den Kopf. „Nichts. Mir fehlt überhaupt nichts. Der einzige Grund, warum ich ihr Geld gebe, ist irgendein diffuses Verantwortungsgefühl. Solange ich dafür sorgen, dass sie in den Hamptons ein Dach über dem Kopf und genug zu essen hat, versucht sie nicht, hier bei mir in Oregon zu sein. Sie hat anderes zu tun, als zu beschließen, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, sich für ihre Enkeltöchter zu interessieren, um irgendetwas von mir zu bekommen. Es geht nur um Geld. Gott sei Dank habe ich welches. Und ich würde es eher ausgeben, um sie uns vom Leib zu halten, als für Taschen oder Autos.“ Sie schaute für eine Weile ins Leere, dann sprach sie weiter. „Ich kann nicht riskieren, dass sie Maddie sagt, sie sei fett. Oder dass sie Kensey mit Süßigkeiten zu bestechen versucht, damit sie funktioniert, nur um später mit ihr zu schimpfen, weil sie sie tatsächlich isst. Rebecca würde diese hübschen kleinen Mädchen sehen und, sobald ich ihr den Rücken zudrehe, anfangen, sie zu Castings zu schleppen. Ich werde diese Furie auf keinen Fall in mein Leben lassen. Nicht wenn uns unsere geistige und körperliche Gesundheit lieb ist. Sie würde sich um unsere Kinder kümmern und ganz nebenbei ihr Gefühl für Schönheit und Spaß auf den Kopf stellen, bis sie anfangen, ihre Körper und ihr Aussehen zu hassen.“ In seinem Eifer, sie zu ermuntern, ihm genau das anzuvertrauen, hatte er vergessen, wie zart sie war. Dumm von ihm, das zu vergessen, wenn er doch jeden Tag ein Dutzend Mal sah, wie stark sie sein konnte. „Ich weiß, dass mein Verhältnis zum Essen gestört ist. Und selbst wenn ich keine Modeljobs habe, ist das so. Aber ich würde lieber sterben, als den Mädchen das zu zeigen oder sie in einem Zuhause mit einer Mutter aufwachsen zu lassen, die ihren Körper hasst. Ich kann mich an keinen Zeitraum erinnern, in dem diese Frau mal nicht auf Diät war. Kein Trend blieb unversucht. Sie ist es, die mir beigebracht hat, dass Amphetamine den Appetit zügeln und einem eine Energie geben, die man eigentlich gar nicht hat, weil man andauernd hungert.“ „Hey.“ Vaughan zog sie zu sich. „Ich weiß, dass du die Mädchen beschützt. Ich weiß, dass du es um ihretwillen machst. Ich wünschte nur, du würdest es auch um deinetwillen machen. Weil du es nämlich wert bist.“ „Versuch nicht, mein Innerstes zu reparieren. Das ist nicht so einfach. Ich gebe mein Bestes. So gesund wie in den letzten Jahren war ich mein ganzes Leben nicht. Ich habe genügend Regeln für mich aufgestellt, damit ich die Kontrolle habe, die ich brauche, aber ich bin nicht besessen. Ich treibe Sport, und wenn ich nicht gerade einen Job habe, ernähre ich mich ziemlich normal. Ich mag mich. Und das sage ich nicht nur, weil du es gern hören willst.“ Jeden Morgen machte sie eine Stunde Sport. Manchmal machte er mit. An ihren Yogatagen sah er ihr am liebsten dabei zu, wie sie sich bewegte. Sinnlich. Geschmeidig. Kraftvoll. Doch gleichzeitig war das Ganze eine Art Ritual, das er nun besser verstand. Er verabscheute den Gedanken, dass sie gegen Dinge ankämpfte, die ihre Mutter tief in ihr gesät hatte. Was für ein Mensch machte so etwas mit einem Kind? Ohne es zu wollen, sprach er den letzten Gedanken laut aus. „Ich glaube nicht, dass sie sich jemals als für einen anderen verantwortlich betrachtet hat“, gab Kelly zurück. „Meine Großmutter war eine sehr strenge Frau. Wenn wir bei ihr waren, was nicht sehr oft vorkam, hat sie ohne Unterlass auf ihrer Tochter herumgehackt. Wenn ich an die paar Male zurückdenke, als wir sie gesehen haben, wird mir klar, wie sehr sie meine Mutter tyrannisiert hat – wegen ihres Aussehens, wegen dem, was sie aß. Sie hat ziemlich jung geheiratet. Ich wette, sie wollte einfach weg von zu Hause. Aber er hat Rebecca nicht gereicht. Verdammt, wir haben ihm nicht gereicht.“ Der Vater, der weggegangen war, ohne sich noch einmal umzudrehen. „Dafür trägst du nicht die Verantwortung, Kel.“ Sie verdrehte die Augen, ohne auf seine Bemerkung einzugehen. „Meine Mutter beurteilt andere danach, wie sie von ihnen profitieren kann. Ich war hübsch und klug, also hat sie mich auf die Modelschiene geschoben. Als es so aussah, als ob ich tatsächlich Erfolg haben könnte, warf sie ihn weg und zog mit mir nach New York. In ihrer Vorstellung sind all die Dinge, die sie in meiner Kindheit gemacht hat – die strenge körperliche Disziplin, das strikte Einteilen der Nahrung und die Zuneigung, die sie mir schenkte, damit ich das tat, was sie wollte –, ein Zeichen dafür, dass sie eine gute Mutter ist. Sie hat mir eine Karriere ermöglicht. Das hat sie unumstritten. Aber zu welchem Preis, hm?“ „Hast du mal eine Therapie gemacht? Ich meine, das ist eine sehr persönliche Frage, und du musst darauf nicht antworten. Aber du hast viel gearbeitet – und zwar um unsere Töchter zu beschützen. Für jemanden, der so eine Mutter und so eine Kindheit hatte, ist es erstaunlich, was für ein tolles Leben du heute führst.“ „Ich habe eine Therapie begonnen, als ich mit Maddie schwanger war.“ „Das wusste ich nicht.“ Wie konnte das sein? Damals war er noch mit ihr verheiratet gewesen. „Warum hast du mir das nie erzählt?“ „Es hätte dich nicht interessiert. Nicht damals. Ich weiß, dass du anderer Meinung bist. Und ich weiß, dass der Mann, der sich gerade erst zwischen eine verrückte Bühnenmutter und ihren Goldesel geworfen hat, sich ganz gewiss dafür interessiert. Aber du warst einfach … Ich brauchte jemanden, der zuverlässig war.“ Der Drang, sich zu verteidigen, stieg in ihm auf. „Das ist unfair.“ „Findest du? Von meiner Warte aus betrachtet, war es auch ziemlich unfair. Trotzdem musste ich handeln, und da niemand da war, an den ich mich anlehnen konnte, habe ich mir Hilfe geholt.“ Ihre Wut verflog, und sie seufzte. „Jedes Kilo mehr, jede Veränderung in meinem Körper hat mich fast wahnsinnig gemacht. Ich war mehrere Jahre bei der Therapeutin. Von Zeit zu Zeit gehe ich immer noch hin, wenn ich es brauche. Aber meistens geht es mir besser.“ Es war nicht so, als hätte er sie damals nicht geliebt. Aber sie hatte recht – er hätte ihrem Problem früher nicht die Bedeutung beigemessen, die es verdiente, und dafür schämte er sich in Grund und Boden. „Warum habe ich das nicht gesehen? Ich meine, ich wusste, dass du dir grundsätzlich Sorgen um dein Gewicht machst. Ich wusste von dem Aufputschmittel vor Maddie. Und sogar von deinem Tick, Schokolade zu zählen. Aber ich hatte keine Ahnung von dem gesamten Ausmaß. Es tut mir leid, dass ich der Sache nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt habe. So verdammt leid. Schon wieder.“ Sie ließ den Blick über sein Gesicht gleiten. In ihren Augen erkannte er mehr als nur Zuneigung. „Ich finde, du solltest das Ganze positiv sehen. Ich bin fertig damit, in die Vergangenheit zu sehen. Du warst nicht bereit für eine Familie. Damals hatte ich nicht das Werkzeug, um damit umzugehen oder es zu ändern. Nach ergebnislosen Jahren bin ich gegangen, weil ich keine andere Wahl hatte, wenn ich mich selbst noch länger respektieren wollte. Aber ich möchte nicht, dass diese Dinge von früher dazu führen, dass du dich wieder und wieder fertigmachst. Du hast mich danach gefragt, und ich hab es dir erzählt, weil ich dir vertraue. Das ist doch der Punkt. Vergiss das nicht.“ Er umarmte sie, wohl wissend, was für ein Glück er hatte – auch wenn er sich dafür hasste, es damals übersehen zu haben. „In Ordnung. Danke, dass du es mir erzählt hast. Und danke, dass du mir eine echte Chance gibst. Ich liebe dich.“ „Ich liebe dich auch. Aber ich freue mich auch riesig, morgen wieder nach Hause zu fahren.“ Am Donnerstag würde die Ernte beginnen, und Jeremy war dann in der Stadt, sodass Vaughan sich mit Bandkram würde befassen müssen. Alles Gründe dafür, dass er nicht sonderlich oft zu Hause sein konnte, weshalb er sich nicht ganz so sehr wie sie darauf freute, New York wieder zu verlassen. Er war verwöhnt, weil er so viel Zeit mit ihnen verbracht hatte. Nun würde er seine Aufmerksamkeit aufteilen müssen, und dazu hatte er nicht die geringste Lust. Jetzt, da er begriffen hatte, wie schön es war, mit dieser Frau eine Familie zu haben, verließ er sie nur äußerst ungern – nicht mal für kurze Zeit. „Komm mit ins Bett.“ Sie küsste ihn. Fordernd. „Immer doch.“ 24. KAPITEL Das mit deiner Mutter ist erledigt.“ Stacey machte es sich neben Kelly auf dem Sofa bequem. „Sie wird sich benehmen. Ich habe mit ihr über die Bedeutung von Grenzen gesprochen. Und dass deine respektiert werden müssen. Im Grunde habe ich ihr gesagt, sie soll verdammt noch mal verschwinden, wenn sie nicht eine ganze Ecke ärmer sein will.“ „Ich danke dir. Du hättest sie in der Lobby in New York sehen sollen. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Aber Vaughan hat sich schützend vor mich gestellt und sie letztlich dazu gebracht zu verschwinden.“ „Sie hat mir erzählt, er hätte ihr gedroht, sie zu ruinieren.“ Kelly zuckte mit den Schultern. „Er hat betont, dass er sie nicht anrühren, sondern mit seinem Geld und seinem Einfluss dafür sorgen würde, dass sie dafür bezahlt, wenn sie mich nicht endlich in Frieden lässt. Ein Teil von mir hat damit gerechnet, dass sie versuchen würde, ihn wegen Körperverletzung oder so anzuzeigen.“ „Ich habe ihr eingeschärft, dass sie sich so verhalten muss, als ob ein Kontaktverbot bestünde. Sie muss das Gebäude mit deinem Appartement und deine Boutiquen meiden. Ich lasse gerade einige Schriftstücke aufsetzen. Eine Erklärung, dass sie künftig auf sämtliche finanzielle Unterstützung verzichtet, sollte sie deine Regeln verletzen. So müsste es eigentlich klappen.“ Ihre Freundin drängte sie schon seit Jahren, mit ihrer Mutter eine Art Abkommen zu schließen. Stacey gefiel es nicht, dass Kelly ihrer Mutter überhaupt Geld gab, aber wenn sie es unbedingt wollte, dann sollte sie sich wenigstens absichern, damit sie diese nervtötende Frau in der Spur und aus ihrem Leben heraushalten konnte. Es war allerhöchste Zeit. Deshalb hatte Kelly die Freundin sofort kontaktiert, als sie vor drei Tagen in Gresham angekommen war, und sie gebeten, einen rechtlichen Rahmen auszuarbeiten, der ihre Familie vor Rebecca schützen sollte. Stacey rümpfte die Nase. „Sie ist wirklich ein Miststück. Das muss ich ihr lassen. Sie kann’s nicht ertragen, dass du wieder mit Vaughan zusammen bist und so glücklich aussiehst. Ich bin froh, dass ich nicht da war – sonst hätte ich ihr noch eine verpasst.“ Kelly lachte. „Genau das will sie doch. Dann hätte sie dich in der Hand, um eine gute Einigung zu erzielen. Gut für sie, natürlich.“ „Toll, dass Vaughan dich beschützt hat. Genau das musste sie sehen! Was war dann nach dieser Szene?“ „Ich habe ihm viel aus meiner Kindheit erzählt. Von ihr und dem Essenskram. Er hat ziemlich cool reagiert. Du lagst völlig richtig, ich hätte es ihm schon längst anvertrauen sollen. Übrigens hat er seinen Eltern die ganze Wahrheit erzählt. Und kommenden Mittwoch fahren wir zum Abendessen rüber.“ „Wow. Wie fühlst du dich dabei?“ „Wertgeschätzt. Es gibt mir das Gefühl, als wäre ich ihm wichtig. Er hat mir zugehört und ist den steinigen Weg gegangen. Er hat darüber gejammert, dass sie wütend auf ihn waren. Aber nur ein bisschen.“ Ihr Vater hatte sich niemals zwischen seine Frau und seine Tochter gestellt, um Kelly zu beschützen. Und Vaughan hatte das bei seiner eigenen Mutter auch nicht getan. Aber jetzt hatte er sich geändert und gab sich Mühe. Was nicht notwendigerweise hieß, dass sie eine ganze Woche mit ihnen auf der Ranch herumhängen würde. Nicht zu diesem Zeitpunkt. „Ziemlich still hier, wenn die Kinder weg sind, hm?“, fragte Stacey. „Es ist ja nicht so, als ob sie nicht schon vorher ein paar Tage am Stück auf der Ranch gewesen wären.“ Vaughan hatte Maddie und Kensey mitgenommen, damit sie bei der Ernte halfen. In Wahrheit ritten sie und spielten Karten mit Sharon und ihrer Tante Mary, aber sie genossen jede Minute. Und da Kelly eine Menge in ihrem Laden in Portland zu erledigen hatte, war sie zu Hause geblieben. Nachdem sie in den letzten Wochen jeden Abend neben Vaughan eingeschlafen war, wenn sie die Mädchen ins Bett gebracht hatten, schlief sie nun seit drei Nächten allein in einem stillen Haus. „Früher habe ich die ersten Tage immer genossen, wenn sie bei ihm waren. Ganz für mich zu sein, niemandem antworten zu müssen, für nichts verantwortlich zu sein. Ich konnte einschlafen und mir im Fernsehen ansehen, was ich wollte. Aber jetzt habe ich mich daran gewöhnt. Ich stehe auf, um meinen Sport zu treiben, und Vaughan ist nicht hier. Die Mädchen kommen nicht zu uns ins Bett und quengeln, weil sie Frühstück wollen. Ich wache andauernd auf, weil es so still ist und ich beunruhigt bin.“ Kelly schniefte. „Aber morgen Nachmittag bringt er sie ja wieder heim. Ihr Manager kommt morgen in die Stadt. Sie gehen also von der Ernte direkt zu dem ganzen Bandkram über. Ich hab ihm vorgeschlagen, einfach auf der Ranch zu bleiben. Dann kann Jeremy, ihr Manager, bei Vaughan unterkommen, und sie können arbeiten. Ich will nicht, dass er nachts um drei noch herfährt. Oder dass die Mädchen bei seinen Eltern schlafen, weil er noch spät mit seinen Brüdern unterwegs ist.“ „Ist das wirklich okay für dich?“ Kelly atmete schwer aus. „Was soll ich machen? Ihn die ganze Zeit kontrollieren? So kann ich nicht leben. Soll ich jeden seiner Schritte verfolgen, damit er treu bleibt und keinen Fehler macht? Entweder will er uns oder nicht. Ich bin nicht seine Mutter. Er muss sich selbst kontrollieren. Ich sehe mir all die Frauen an, die ich während meiner Ehe mit Vaughan kannte, und die einzigen, die immer noch mit ihren Musikermännern verheiratet sind, sind jene, die eine Partnerschaft auf Augenhöhe führen. Paare, die einander an die erste Stelle setzen. Ich kann ihn nicht dazu bringen, das zu tun. Er muss sich selbst überwachen. Ich ziehe zwei Kinder groß, ich muss nicht auch noch ihn großziehen. Wenn ich versuchen würde, mich mit weniger zufriedenzugeben, würde ich am Ende nur mich selbst dafür hassen, und ihn gleich mit.“ Kelly drehte einen ihrer Ringe, während sie darüber nachdachte, welch wahre Worte sie gesprochen hatte. Denn es gab noch etwas, das ihre Töchter niemals sehen sollten. Nämlich ihre Mutter, die von ihrem Vater nicht gut behandelt wurde. „Aber manchmal habe ich immer noch Angst. Ich hatte vergessen, wie es sich anfühlt, mitanzusehen, wie der eigene Mann vollkommen unverblümt angebaggert wird. Ich kann ihm keine geheimen Restaurants und dieses ganze aufregende Nachtleben bieten. Ich bin nicht so aufregend. Und ich bin keine zweiundzwanzig. Meine Möpse waren schon ziemlich lange nicht mehr im Territorium der Zweiundzwanzigjährigen. Mein Gott, hast du mal zweiundzwanzig Jahre alte Möpse gesehen? Die sind verdammt noch mal spektakulär. Sie widersetzen sich einfach der Schwerkraft und sind echt straff. Im Gegensatz zu meinen.“ „Herrje, du bist auf direktem Weg in eine ausgewachsene Schamgefühlspirale! Stopp! Muss ich dich daran erinnern, dass du zu den genetisch Begnadeten gehörst? Hör auf mit diesem Gejammer! Sonst sehe ich mich gezwungen, deinen Kopf gegen den Kühlschrank zu knallen, wie in einem dieser Actionfilme.“ Kelly musste lachen. „Du bist heute Abend ganz schön frech.“ „Ich sage nur, dass Vaughan dich kennt und deine Möpse ganz offensichtlich ziemlich gut findet. Ich verstehe schon, warum du ihn nicht kontrollieren willst. Und ich finde das sehr klug. Paare, die immerzu damit beschäftigt sind, den anderen davor zu bewahren, Blödsinn zu machen, bleiben nur selten zusammen.“ „Er fehlt mir. Aber es sind nur ein paar Tage. Ich gehe nicht davon aus, dass er vorgibt, Luzernen zu ernten, obwohl er in Wahrheit irgendwelche jungen Dinger vögelt.“ „Das ist ja ohnehin nicht das, wovor du Angst hast“, stellte Stacey klar. „Nein. Es ist alles zusammen. Dieses Leben ist nicht immer aufregend. In diesem Leben gibt es Zahnarzttermine und Trotzanfälle und Lehrergespräche. Es gibt Schmutzwäsche und Toiletten, die geputzt werden müssen.“ „Scheiß drauf. In diesem Leben gibt es auch ein Supermodel, das die Mutter seiner Kinder ist. Du bist umwerfend und klug, und du führst dein eigenes Geschäft. Du hast zwei wunderbare Mädchen großgezogen. Du hast Angst, dass das nicht so verlockend ist wie eine schnelle Nummer mit Möpsen, die gerade mal die zwanzig überschritten haben?“ Sie deutete auf Kellys Dekolleté, das ein guter BH durchaus auf dieselbe Weise zur Geltung bringen konnte wie das einer Zwanzigjährigen. „Deine selbstsüchtige, idiotische Psychomutter kannte ihren eigenen Wert nicht. Und deshalb hat sie auch dein Selbstwertgefühl torpediert, damit sie nicht so alleine war. Du bist nicht sie. Hör auf, dir Argumente zurechtzulegen, die dir dein Happy End zerstören.“ Vaughans Muskeln waren schon lange nicht mehr so überstrapaziert worden. Wie Ezra es schaffte, das hier regelmäßig zu machen, hatte ihn immer schon verwundert. Er hatte bei der Ernte geholfen, hatte den Mädchen gezeigt, wie man was machte, und wenn er abends ins Bett fiel, fiel er in einen geradezu komatösen Schlaf. Nun, da er im Alltag hier eine aktivere Rolle übernommen hatte, waren sie mutiger und baten ihn häufiger um Hilfe. Eine schmerzhafte Erkenntnis. Wenn sie in der Vergangenheit auf der Ranch gewesen waren, hatten sie seine Mutter genauso oft um etwas gebeten wie ihn. Doch das hatte sich geändert. So stolz es ihn auch machte, es war noch eine Sache, die er damals wirklich vermasselt hatte und zumindest in der Vergangenheit nicht reparieren konnte. Und es unterstrich einmal mehr, wie viel Kelly getan hatte. Als Alltagsdaddy mit ihnen zu verreisen war weitaus anstrengender gewesen, als er es ich vorgestellt hatte. Zwar waren sie am Flughafen bereits Profis und wussten genau, was zu tun war. Aber man musste sie andauernd im Auge behalten. Kelly schien über einen angeborenen Radar zu verfügen. Wenn eines der Kinder eine gewisse Distanz überschritt, bemerkte sie es augenblicklich und trieb ihr kleines Küken wieder zurück. Bei ihr sah das so leicht aus. Noch vor zwei Monaten hätte er gedacht, er wäre genauso involviert und multitaskingfähig wie sie, wenn es um seine Töchter ging und darum, für sie zu sorgen. Es war ein Wunder, dass Kelly ihm nicht eine Bratpfanne über den Kopf gezogen hatte. Beim Gedanken an sie lächelte Vaughan. Sie fehlte ihm mehr, als er sich hätte vorstellen können. Die Mädchen hatten sie auch vermisst, weshalb er in den vergangenen vier Nächten statt mit seiner Frau mit zwei Kindern und einem Corgi im Bett geendet war. Am vorigen Abend hatte er gewartet, bis die Mädchen eingeschlafen waren, und sich dann aus dem Bett gestohlen, um mit Kelly zu facetimen. „Hab ich dich geweckt?“, fragte er, als sie den Video-Anruf entgegennahm. Sie lag im Bett, schlief aber offensichtlich noch nicht. „Ich habe darauf gewartet, dass du anrufst.“ Als er ihr Lächeln sah, übermannte ihn die Liebe zu ihr mit voller Wucht. „Ich will dir etwas zeigen. Ich habe heute noch ein bisschen an einem Song gearbeitet. Willst du mal hören?“ „Ja klar!“ Er hörte die Freude in ihrer Stimme, sofort ging es ihm besser, und er freute sich noch mehr darüber, dass er Kel angerufen hatte. Er stellte sein Tablet so auf, dass sie ihn sehen konnte, und griff nach der Gitarre. Und dann sang er ihr einen Song über eine Frau vor, die mehr getan hatte, als die meisten wussten. Eine bemerkenswerte Frau, die sein Herz und sein Leben erfüllte. Er wollte ihr das vorsingen, nicht Paddy sollte das tun. Noch ein Grund, warum er das hier als Soloprojekt durchzog. Der Gesichtsausdruck, den sie immer aufsetzte, wenn er ihr etwas vorsang oder vorspielte, traf ihn tief in seinem Bauch, und ihm wurde klar, dass er es vermisst hatte – auch wenn es nur ein paar Tage gewesen waren. Ihre Liebe schien ihn anzutreiben, ihm Kraft und Stabilität zu geben. Als der letzte Akkord verklungen war, klatschte sie Beifall. „Ich liebe es! Das ist wunderbar. Du machst da was ganz Tolles, und ich bin so stolz.“ Genau das hatte er gebraucht. Sie tauschten sich noch ein paar Minuten aus, ehe er wieder ins Bett ging. Vaughan wollte mit Ezra darüber sprechen, aber sein Bruder hatte im Augenblick genug mit seinem eigenen Leben zu tun. Er arbeitete bis zur Erschöpfung. Mehr noch als sonst, und das war schon ungesund. Der älteste Hurley-Bruder war in Tuesday verliebt. Jeder, der Ezra ansah, konnte die Veränderung sehen. Es war klasse. Doch selbst nach all den Jahren, in denen er für seine Familie da gewesen war und sein Leben umgekrempelt hatte, war Ez sich nicht ganz sicher, ob er es verdient hatte, glücklich zu sein. Und bis er das nicht herausgefunden hatte, würde er niemals daran glauben, dass er es auch wert war. Als Vaughan die beiden Mädchen in sein Auto verfrachtete, um sie zurück nach Gresham zu bringen, damit sie früh zu Abend essen und zum Tanz- und Klavierunterricht gehen konnten, wurde ihm klar, dass er nicht alleine in dem Haus auf der Ranch sein wollte. Er wollte mit seiner Familie in seinem Zuhause sein. Aber Jeremy würde in den nächsten Stunden ankommen, und obwohl er Kelly vermisste, war es immer schön, ihren Freund und Manager zu sehen. Außerdem wäre es ja wirklich nur noch eine Nacht. Dann wollte Vaughan ohnehin zurück nach Hause kommen. Er fuhr also in Richtung Gresham ab und runzelte die Stirn, als er Ross’ BMW in der Auffahrt stehen sah. Da die Mädchen bei ihm waren, zerrte er den anderen Mann nicht aus seinem Haus oder warf ihn auf die Straße. Aber er war kurz davor, als er hineinging und Ross’ wütenden Gesichtsausdruck und Kellys Körpersprache sah. Sie hatte einen Tisch zwischen sich und ihren Exverlobten gebracht, und das fand Vaughan gar nicht gut. „Mommy!“ Maddie und Kensey umarmten ihre Mutter, begrüßten Ross und liefen dann nach oben. „Er wollte gerade gehen“, sagte Kelly und nahm dabei Vaughans Hand. Vaughan stellte sich zwischen die beiden. „Na gut. Auf Wiedersehen, Ross. Ich bin in die Garage gefahren. Du bist also nicht zugeparkt.“ „Eigentlich war ich noch nicht ganz fertig. Vaughan, wenn du uns bitte noch einen Moment alleine lassen würdest?“, sagte Ross. Von wegen. Vaughan verzog das Gesicht, dann sah er zu Kelly. Wenn sie ihm ein Zeichen gegeben hätte, wäre er in die Küche gegangen, bis sie fertig wären. Doch das tat sie nicht. Und sie ließ auch seine Hand nicht los. Also würde er bleiben. Er schüttelte den Kopf und wünschte, er hätte einen Grund, dem anderen Mann ins Gesicht zu schlagen. „Ich denke, das ist nicht nötig. Kelly und ich sind wieder zusammen. Das hat sie dir sicher erzählt. Tut mir leid, dass es so gelaufen ist.“ „Du hast mit dieser Sache nichts zu tun.“ Ross blieb unnachgiebig. „Damit, dich aus meinem Haus zu werfen? Da irrst du dich aber.“ „Ross, geh einfach. Du hast doch gesagt, was du loswerden wolltest.“ Offensichtlich wollte Kelly keinen Streit vom Zaun brechen. Vaughan verstand das, aber dieser Kerl hier bewegte sich auf sehr dünnem Eis. Frustriert warf Ross die Hände in die Luft. „Er wird dich sowieso wieder verlassen! Er kann dieses Leben gar nicht wollen. Und was dann? Denkst du, ich warte auf dich?“ „Komm schon. Das hab ich dir doch schon erklärt.“ Kelly sprach bewusst leise. „Auch wenn ich nicht mit ihm zusammen wäre, hätte ich die Verlobung gelöst. Wir haben nicht zueinandergepasst. Es tut mir leid, dass ich dich verletzt habe. Ehrlich.“ Ross stürmte hinaus, und sie seufzte nur, als sie Vaughan ansah. „Das ist also passiert.“ Er schloss sie in die Arme und genoss es. „Ich kann nicht glauben, wie schnell ich mich daran gewöhnt habe, wie du dich anfühlst.“ Vaughan sah ihr aufmerksam ins Gesicht. „Hat er dir Angst gemacht?“ „Nein. Seine Ex hat ihm erzählt, was sie zu mir gesagt hat. Er kam her, um sich zu entschuldigen. Er hat zugegeben, es ihr erzählt zu haben, als er wütend auf mich war.“ „Er hat gesagt, dass er dich zurückwill, oder?“ „Ist doch egal. Ich bin schon vergeben. Danke, dass du die Mädchen nach Hause gebracht hast. Fährst du sofort zurück?“ Eigentlich war das der Plan. Aber jetzt wollte er nicht fahren. Er wollte mehr Zeit mit ihr verbringen. „Ich dachte, wir könnten noch zusammen zu Abend essen, und dann fahre ich. Wäre das okay für dich?“ Ihr Lächeln machte alles besser. „Ja. Das wäre toll.“ Er umarmte sie noch mal, bevor er zur Haustür ging und von innen abschloss. „Er hat aber nicht seinen Schlüssel benutzt, oder?“, fragte Vaughan, als er zu Kelly in die Küche ging. „Nein. Ich habe die Schlösser doch austauschen lassen, als ich mich von ihm getrennt habe, erinnerst du dich? Aber er hat geklopft. Es war alles okay. Wir waren zwei Jahre zusammen. Er macht gerade eine schwere Zeit durch, und ich bin schuld daran. Ich hab ihn verletzt.“ „Du hast dich dafür entschuldigt. Wirst du dich für immer schuldig fühlen, weil du nicht einen Mann geheiratet hast, den du nicht liebst?“ „Nicht für immer. Aber mir hat auch mal jemand das Herz gebrochen. Ich weiß, wie sich das anfühlt. Ich hasse ihn nicht. Ich hasse nur das Benehmen, das er zum Schluss an den Tag gelegt hat. Aber er war immer gut zu den Mädchen. Und zu mir. Ich wollte, dass es ihm besser geht.“ Sie rieb die Handflächen aneinander. „Jetzt ist es vorbei.“ „Warum geht er nicht zu seiner Ex zurück? Die steht doch offenbar noch auf ihn.“ Kelly lachte herzlich. „Sie steht aber nicht auf ihn als Mann. Er ist groß und sieht gut aus, und es wäre gewiss leichter, als sich auf was Neues einzulassen. Sie will einen Ehemann, aber keinen Sex.“ „Iiih. Schlimmer geht’s nicht.“ Er schüttelte sich. „Wie lief die Ernte?“ Sie wechselte das Thema, und er ließ es zu. „Gut. Sehr ertragreich dieses Jahr. Alle haben mit angepackt, auch deine Töchter. Sie haben außerdem dafür gesorgt, dass Mary genug zu trinken hat, und wahrscheinlich haben sie ihr dabei geholfen zu begreifen, dass Kinder zu haben bedeutet, nie wieder ungestört zu sein.“ „Ha. Ich bin froh, dass sie helfen konnten. Geht es ihr gut?“ „Sie fühlt sich unwohl, und ihr ist ständig heiß. Aber dem Baby geht es gut. Sie hat sich nach dir erkundigt und wollte, dass ich die Einladung bei ihnen noch mal bekräftige.“ „Gebongt.“ „Ist es sehr seltsam?“ „Was?“ „Endlich von meiner Familie aufgenommen zu werden?“ „Na ja, das ist eine starke Beschreibung für etwas, das noch nicht passiert ist. Ich freue mich, dass ich eingeladen bin. Dass sie versuchen, einen Schritt in die richtige Richtung zu machen. Aber das ist im Augenblick alles. Natürlich hoffe ich, dass sie mich irgendwann wirklich aufnehmen. Vorerst weiß ich die Geste zu schätzen.“ Einen Moment lang lächelte sie zurückhaltend, doch dann fing sie an zu strahlen. „Wie hat sich das angehört?“ Er umarmte sie. Alles würde gut werden. Das musste es einfach. „Das hört sich richtig an. Und wahr. Wie lief die Inventur?“ Er löste sich von ihr und ging durch den Raum. „Gut so weit. Tuesday ist heute reingekommen, um sich ein Kleid für den großen Eröffnungstag zu kaufen. Sie sieht umwerfend darin aus.“ „Hat sie von Ezra gesprochen?“ Sein Bruder hatte sich über Tuesday ausgeschwiegen, und die viele Arbeit, die die Ernte mit sich brachte, war ihm eine willkommene Ausrede gewesen. Vaughan wusste, dass es Ez gut ging und dass die tiefen Gefühle, die Tuesday in ihm weckte, ihm Angst machten. Jedes noch so kleine Detail, das sein Bruder preisgab, war extrem persönlich, und obwohl Vaughan zu einigen Dingen gerne Kellys Meinung gehört hätte, wollte er ihr nichts erzählen, von dem er glaubte, dass es Ezra nicht recht wäre. Und wenn man bedachte, wie verschwiegen Ez war, bedeutete das: so gut wie alles. „Natürlich. Er ist ihr Freund.“ Kelly lächelte schüchtern. „Aha, so läuft das jetzt also, ja?“ Er schlich sich an sie heran und zog sie wieder eng an sich. „Sie sind beide verschlossene Menschen, weshalb du mir ja auch nicht alle Einzelheiten erzählst. Aber sie mag ihn. Sehr sogar.“ Kelly zögerte, als ringe sie nach Worten. „Zweite Chancen sind wichtig. Das haben Tuesday und ich gemeinsam.“ Ein Gefühl der Demut huschte durch Vaughans Körper. Er stand hier in einem Haus, das er sein Zuhause nannte, nicht nur wegen der Menschen, die darin lebten, sondern auch, weil es ihm gefiel. Jedes Mal, wenn er hereinkam, fühlte er sich aufrichtig willkommen. Er wollte sie. Wollte sie unter sich spüren und jeden Zentimeter ihres Körpers lieben. Aber dort oben stampften zwei menschliche Anti-Baby-Pillen herum und zankten sich bereits wegen irgendeiner Sache, die ohne Zweifel schon bald zu ihnen heruntersickern würde. Und er liebte es wie ein Irrer. Er liebte es, wie er sich dabei fühlte. Vollständig. Zufrieden. Er hatte ein gutes Leben geführt, bevor er vor knapp zwei Monaten in Kellys Gästezimmer gezogen war. Aber das hier? Das hier bedeutete einfach alles. Er verstand, warum es Damien jedes Mal wieder zu Mary zog, wenn sie nicht zusammen waren. „Ich will heute Abend nicht zurückfahren. Ich schlafe hier und fahre gleich morgen früh. Ich habe seit einer Ewigkeit nicht neben dir geschlafen.“ Sie schnitt eine Grimasse. „Vier Tage sind keine Ewigkeit. Jeremy ist in der Stadt und wohnt in deinem Haus. Du willst Zeit mit ihm verbringen. Du warst derjenige, der ihm diesen kleinen Schubs gegeben hat, um zu sehen, ob du Ezra und Jeremy helfen kannst, ihre Freundschaft doch noch zu retten! Natürlich willst du dabei sein, wenn es passiert. Außerdem seid ihr gerade erst mit der Ernte fertig geworden, und das willst du doch bestimmt mit deinen Brüdern feiern. Iss noch mit uns und fahr dann zurück zur Ranch. Allerdings bin ich davon ausgegangen, dass nur die Mädchen hier essen. Es gibt also Hühnchen, Makkaroni mit Käse und Brokkoli.“ Sie zwinkerte ihm zu. „Die heilige Kinderdreifaltigkeit. Bei mir zu Hause waren es Fischstäbchen, Makkaroni mit Käse und Brokkoli.“ „Wir variieren es gerne ein bisschen. Manchmal gibt es auch Reispilau oder Maiskolben, wenn es frische gibt. Wir sind da ziemlich verrückt.“ „Das hat mir gefehlt. Mein Haus mit meiner Familie, mit meinen singenden, tanzenden, sich zankenden Kindern. Meiner Frau, die das Herz von alldem ist.“ Wenn er so sprach, fielen sämtliche Zweifel von ihr ab. Dass sie sich ohne ihn einsam gefühlt hatte, erschien jetzt albern. „Du hast mir auch gefehlt. Ich hab mich total daran gewöhnt, dass du hier bist.“ Sie holte ein paar Sachen aus dem Kühlschrank. „Wir werden morgen auch noch hier sein. Und übermorgen.“ Kelly sagte die Worte, doch sie musste zugeben, dass sie sich in seiner Abwesenheit gefragt hatte, ob er wohl realisierte, dass sein Leben ohne Frau und zwei Kinder viel spaßiger war. Ein dummer Gedanke, genauso wie all ihre anderen Zweifel, wenn er so offen und liebevoll vor ihr stand. „Apropos übermorgen: Vergiss nicht, dass wir am Mittwoch vor der Galerieeröffnung mit meinen Eltern zu Abend essen.“ Sharon startete mit diesem Essen einen Versuch. Kelly hatte starke Bedenken hinsichtlich eines Dinners mit ihren Exschwiegereltern. In Sharons Höhle. Doch sie hatte zugestimmt und versuchte, positiv an die Sache heranzugehen. Dass sie mittlerweile die Wahrheit wussten, war eine Erleichterung. Aber nach der langen Zeit und all den Dingen, die zwischen ihnen getan und gesagt worden waren, würde es nicht gerade leicht werden. Wenn sie aber beide der Meinung waren, Vaughan sei es wert, könnten sie einander vielleicht wenigstens so weit entgegenkommen, dass sie ohne Spannungen zusammen sein könnten. Kelly hatte schon Sorge, dass sie ihr die Schuld für Vaughans Soloprojekt geben würden. Er hatte ihr das Gegenteil versichert, aber sie befürchtete, dass es irgendwann auf sie zurückfiel. Andererseits war sie begeistert, dass er dieses Soloding durchzog. Sie hatte beobachtet, dass sein Selbstvertrauen gewachsen war, als er angefangen hatte, ernsthaft an den Songs zu arbeiten. Er hatte ein Vertrauen in die Arbeit, das täglich größer zu werden schien. Wenn sie wollten, konnten sie ihr ruhig die Schuld geben, aber sie hoffte, dass sie dieses Wachstum und den künstlerischen Ausdruck, der damit einherging, als fantastische Entwicklung betrachten würden. „Ich habe gerade über den Song nachgedacht, den du mir gestern Abend am Telefon vorgesungen hast.“ Kelly schüttelte die angstvollen Gedanken ab. „Tatsächlich? Sah eben eher wie Panik davor aus, mit Sharon und Michael Hurley Schinken zu essen.“ Kelly grinste, ging zur Treppe hinüber und rief nach oben zu den Mädchen, dass sie zum Abendbrot herunterkommen sollten. „Wir wollten doch zusammen essen. Es ist alles in Ordnung. Ich habe wirklich über diesen Song nachgedacht.“ Sie wollte nicht mehr über die Essenseinladung sprechen oder ihm ein schlechtes oder unruhiges Gefühl geben. Er würde schon bald wieder fahren, und sie wollte die Zeit bis dahin genießen. Zehn Minuten später reichte sie die Schüsseln herum, während die Mädchen ihr alles über ihre eigenen Spezialstiefel erzählten, die sie draußen auf dem Feld getragen hatten. „Als ich so alt war wie ihr, hatte ich auch ein Paar“, erinnerte sich Vaughan. „Allerdings keine violetten. Damals gab es nur grüne.“ „Violette Stiefel? Das ist ja cool“, meinte Kelly. „Die hat Onkel Damien für uns besorgt. Er hat auch noch ein winziges Paar für das Baby gekauft, mit Raupen drauf. Die kann es dann anziehen, wenn es rauskommt“, sagte Maddie. „Babys können nicht mal stehen. Was soll das Baby mit Stiefeln anfangen?“ Kensey hatte eindeutig Zweifel an der Sache, und Kelly gab sich Mühe, nicht zu lachen. „Es wird süß aussehen.“ Maddie sprach in diesem Ich-tueso-als-ob-ich-geduldig-bin-Tonfall. „Viele ziehen Babys einfach wie Puppen an.“ Kensey seufzte gequält. „Babyzehen sind süß. Man braucht sie nicht in Stiefeln zu verstecken. Aber vielleicht passen sie ja meiner American-Girl-Puppe. Deshalb habe ich gefragt, ob ich die Stiefel haben kann, wenn das Baby sie nicht mehr braucht, und Tante Mary hat ihr Okay gegeben. Und dann habe ich ihr alles über American-Girl-Puppen erzählt. Sie meinte, ein paar Freundinnen von ihr hätten Babys, und wenn die mal größer werden, hätten sie bestimmt gerne Puppen, und deshalb wollte sie unbedingt mehr darüber wissen, damit die anderen Kinder auch Puppen kriegen und so. Ich habe ihr gesagt, sie könnte Mommy anrufen und sie nach der Adresse von dem Geschäft fragen, in dem wir waren.“ „Das ist sehr hilfreich. Ich bin mir sicher, dass das Baby sehr glücklich sein wird, so wunderbare Cousinen zu haben, die sich mit diesen Sachen schon bestens auskennen.“ Vaughan zwinkerte Kelly amüsiert zu. Wahrscheinlich weil die Mädchen Damien auf die Pelle gerückt waren, und das fand er lustig. „Denkt daran, dass Damien und Mary Ruhe brauchen werden. Also benutzt eure Drinnenstimmen und seid nicht so aufdringlich, wenn ihr auf der Ranch seid.“ „Onkel Damien sagt, wir können jederzeit rüberkommen.“ „Das war an dem Tag, als wir ankamen“, fügte Vaughan vielsagend hinzu und wollte zu verstehen geben, dass die Sache nach mehreren Tagen mit seinen schwatzhaften Mädchen vielleicht anders aussah. Aber er sah belustigt aus. Die Brüder schienen nichts lieber zu machen, als sich gegenseitig zu ärgern, doch die intensive Liebe und die Verbindung, die zwischen ihnen bestand, wirkten jedes Mal wie ein Schlichter. „Onkel Damien muss doch üben. Wir helfen ihm nur.“ Vaughan guckte verschmitzt. „Vaughan Hurley, du Unruhestifter, du!“ Er lachte, genauso wie seine Töchter, die es liebten, wenn Mommy und Daddy sich neckten. Vaughan blieb, bis Kelly losmusste, um die Mädchen zum Tanzunterricht zu bringen. Zur Verabschiedung draußen nahm er alle nacheinander in den Arm, wobei er sich Kelly bis zum Schluss aufhob. „Wir sehen uns morgen. Träum süß. Und schließ nachher gut ab.“ Die letzten Worte sagte er so leise, dass die Mädchen es nicht hören konnten. „Lass ihn nicht wieder rein, okay? Nicht wenn ich nicht da bin.“ Kelly konnte sich nicht vorstellen, dass Ross ihr jemals etwas antun würde. Er hob ja schon kaum die Stimme, wenn er sich ärgerte. Aber nach der letzten Begegnung mit ihm war sie irgendwie nervös. Sie nickte. „Okay. Fahr vorsichtig und mach dir eine schöne Zeit.“ „Hey, meine Schöne. Ich liebe dich.“ Sie wurde rot, und er küsste sie auf beide Wangen und dann auf den Mund. Aus dem Auto drang Gekicher zu ihnen herüber. „Ich liebe dich auch.“ „Pass auf meine Mädchen auf.“ „Immer.“ Er sah ihnen nach, wie sie wegfuhren, und Kelly schob all ihre Ängste so weit weg, wie sie nur konnte. Nachdem sie die Mädchen bei ihren Kursen abgesetzt hatte, machte sie sich auf den Weg zu dem Café, in dem sie immer herumsaß, bis der Unterricht zu Ende war. Normalerweise trank sie Tee und regelte dabei ein paar unkomplizierte Dinge wie E-Mails-Schreiben und dergleichen. Doch bevor sie dazu kam, klingelte ihr Handy. „Hallo?“ Die Nummer hatte dieselbe Vorwahl wie die Ranch, aber es war nicht Vaughan. „Kelly, hier ist Sharon Hurley. Ich wollte mich nur wegen des Essens bei dir melden und sichergehen, dass du nicht gegen irgendetwas allergisch bist.“ Sie sah noch einmal auf ihr Display, nur um sich zu vergewissern, dass es wirklich Sharon war. „Ich … äh … bin gegen nichts allergisch. Aber danke der Nachfrage und für die Einladung.“ „Ich hätte dich persönlich einladen sollen. Das ist mir klar geworden, nachdem Vaughan weg war. Das war unhöflich. Nicht die einzige unhöfliche Sache, die ich in den letzten Jahren gemacht habe. Lass uns morgen reden, wenn ihr hier seid. Das ist nichts, was man am Telefon besprechen sollte.“ „In Ordnung.“ „Dann sehen wir uns also am Mittwoch.“ „Wir bringen Wein mit und irgendwas ohne Alkohol“, hörte Kelly sich sagen. „Ja, das wäre nett. Vielen Dank.“ Einige Momente nachdem sie aufgelegt hatte, sah sie ihr Handy noch immer so an, als könnte es sie beißen. Aber Sharon hatte aufrichtig geklungen. Sogar ein bisschen freundlich. Zum ersten Mal, seit sie Vaughans Mutter kannte, hatte diese zugegeben, dass sie sich unhöflich verhalten hatte. Sollte die ganze Sache am Ende tatsächlich funktionieren? 25. KAPITEL Vaughan wusste, dass er sich dem Unvermeidlichen fügen musste, und deshalb rief er Kelly an. Eigentlich wollte er an diesem Abend nach Hause kommen, aber das war noch ungewiss. „Hey, du.“ Beim Klang ihrer Stimme lächelte er. „Hey. Ich sitze immer noch in einem Meeting. Und sobald wir fertig sind, haben wir noch eins mit dem Marketing. Ich bin mindestens noch drei Stunden hier.“ „Oh.“ Er hörte ihr die Enttäuschung an. „In Ordnung. Aber es ist schon sieben. Du solltest lieber auf der Ranch übernachten, statt noch so spät zurückzufahren.“ Das wusste er auch, aber er wollte nicht. „Vermisst du mich noch gar nicht?“ Sie schwieg eine Weile. „Ich vermisse dich genügend, um mir dann und wann selbst Angst zu machen. Aber das spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass es noch häufiger vorkommen wird, dass du von zu Hause weg bist – wegen der Band oder der Ranch oder weshalb auch immer.“ „Angst?“ „Ich hatte mich daran gewöhnt, dass du weg bist. Jetzt erinnere ich mich wieder daran, wie es sich anfühlt, von dir verlassen zu werden. Das ist ein Gefühl, das ich nicht unbedingt noch mal spüren möchte. Inzwischen hab ich mich daran gewöhnt, dass du in meiner Nähe bist, und wenn ich ohne dich bin, fürchte ich mich davor, das nie wieder zu fühlen. Und genau deshalb musst du heute Nacht dortbleiben.“ „Ich verlasse dich nicht.“ „Der größte Teil meines Gehirns weiß das. Und ich weiß auch, dass wir jetzt, da wir’s noch mal miteinander versuchen, irgendwie mit deinem Job zurechtkommen müssen. Ich kann mir nicht andauernd Gedanken darüber machen. Wieso sollte ich mit dir zusammen sein, wenn ich Angst haben müsste? Egal, das sind nur krause Gedanken. Am meisten vermisse ich es, wie du riechst, wenn du morgens aufwachst. Deine Haut ist ganz warm, und du bist kuschelig. Der Sexteil, der dann folgt, ist auch etwas, das ich vermisse. Aber – yeah! – ich werde beides wieder haben, wenn du morgen nach Hause kommst. Was du tun wirst, weil ich nicht ohne dich zu dem Abendessen mit deinen Eltern fahren werde.“ Sie brachte ihn zum Lachen, was bewirkte, dass er sie umso mehr wollte. „Sie hat mich gestern Abend angerufen. Deine Mutter.“ Vor Überraschung schwieg Vaughan weiter. „Und – ist alles in Ordnung?“ „Überraschenderweise ja. Damit ist natürlich nicht sofort alles wieder gut, aber ihr Anruf hat mir etwas bedeutet. Ich hatte das Gefühl, dass sie sich ehrlich bemüht.“ Erleichtert darüber, dass er niemandem aus der Klemme helfen oder seine Mutter anschreien musste, konnte er wieder sprechen. „Freut mich zu hören.“ Und verdammte Scheiße, genau so war es. „Wir sehen uns morgen. Geh wieder rein. Bring dein Meeting zu Ende. Und genieß die Zeit mit deinen Brüdern.“ „Ich liebe dich, Kel.“ „Ich liebe dich auch.“ Er legte auf und ging wieder hinein, wo Paddy und Damien über irgendetwas stritten, das höchstwahrscheinlich ziemlich dämlich war, weshalb Vaughan sich lieber heraushielt und sich zwischen Ezra und Jeremy setzte. „Soll ich mich einmischen?“ Vaughan nickte in Richtung der zwei Streithähne. Ezra schnaubte. „Nein. Wenn es zu brutal wird, schmeiße ich sie raus, bevor sie noch irgendetwas Wichtiges kaputt machen. Dein schmalarschiger Hund fängt übrigens an, ausgelassen zu bellen, wenn man anfängt zu schreien.“ „Er wird Mom eben jeden Tag ähnlicher.“ Vaughan lachte, und sein Bruder stimmte mit ein. „Alles okay mit Kelly?“, erkundigte sich Ez. „Sie meinte, ich soll hier schlafen, wenn es zu spät wird.“ „Warum bist du dann so unruhig?“ Ezra kannte ihn so gut, dass Vaughan gar nicht erst versuchte, sich herauszureden. „Als ich mit ihr verheiratet war, war ich gerne mit ihr zusammen. Immer. Und wenn ich für Wochen oder Monate weg war, fehlte mir zwar der Sex, aber ich habe nie das überwältigende Verlangen verspürt, schnell zu ihr zu düsen. Und jetzt? Höre ich ihre innere Stimme und will zu Kel! All die Sachen, die ich nun mal machen muss, all die Leute, mit denen ich eigentlich gerne zusammen bin – das ist alles toll und schön. Aber sie ist es, die ich brauche. Ich habe jahrelang in diesem Haus hier gelebt, ich liebe es. Aber wenn ich in Gresham von der Garage ins Haus gehe, bin ich zu Hause. Das ist so … Ich weiß nicht mal, wie ich es ausdrücken soll. Ich wusste nicht mal, dass man solche Gefühle überhaupt haben kann. Das sind meine Kinder, ich war früher mit Kelly verheiratet, und dieses Mal ist es anders. Ich höre mich wie ein Gockel an, aber ich wusste es einfach nicht. Ich schlafe viel besser, wenn sie in meiner Nähe ist.“ „Du bist echt bis über beide Ohren verknallt. Wow.“ Damien gab Paddy einen Stoß und klaute ihm in letzter Sekunde den Stuhl. Der Gefoppte klatschte ihm auf den Oberkopf, und Damien stellte Paddy ein Bein, woraufhin dieser beinahe mit dem Gesicht voran auf die Tischkante geknallt wäre. „Schluss jetzt, ihr Penner. Ich habe zu viel Mist auf meiner Agenda und null Zeit, auch noch wegen einer Platzwunde in die Notaufnahme zu fahren“, blaffte Ezra. „Neun Stiche.“ Vaughan berührte die Narbe an der Seite seines Halses, entlang des Haaransatzes. Hier hatte er sich die Haut an einem rauen Stück Holz aufgerissen, aus dem ein Nagel herausguckte. „Die mussten mir sogar Spritzen geben.“ Er und Paddy hatten damals angefangen, sich herumzuschubsen, was schnell in eine Prügelei ausgeartet war, bis Vaughan den Halt verloren hatte, ausgerutscht und von der Veranda gefallen war. „Mom hat mir dafür buchstäblich in den Hintern getreten“, erinnerte sich Paddy, als er Minnie hochhob und anfing, mit ihr zu sprechen. „Dann hat sie Vaughan die Ohren lang gezogen, weil er sich verletzt hatte, und Ezra, weil er die Schlägerei nicht geschlichtet hatte.“ Ezra sah sie beide finster an. „Obwohl ich gar nicht dabei war. Ihr seid manchmal echte Vollpfosten.“ Damien verdrehte die Augen. „Ihr seid solche Babys. Noch mal zurück zu Vaughan und Kelly: Tuesday hat wirklich einen Narren an Kelly gefressen. Deshalb hat sie Nats von der Sache erzählt. Und Natalie kam zu uns und erzählte Mary davon, und dann hieß es plötzlich: Hey, warum fahrt ihr nicht alle gemeinsam zu Kelly, zeltet in ihrem Garten und sagt ihr, dass ihr euch danebenbenommen habt?“ „Und, warum macht ihr’s nicht?“, fragte Jeremy. Vaughan schüttelte den Kopf. „Zuerst einmal: Kelly fände das schrecklich. Was dieses Thema angeht, ist sie ziemlich sensibel. Sie weiß, was hier alle von ihr dachten. Das würde sie nur an etwas erinnern, das sie und ich unbedingt hinter uns lassen wollen. Wenn ihr euch in ihrer Anwesenheit einfach nicht länger wie Idioten benehmen würdet, wäre das schon mal ein guter Anfang. Wir sind für morgen Abend vor der Galerieeröffnung bei Mom und Dad zum Essen eingeladen.“ „Das ist ’ne echte Challenge für Mom. Als ich vorhin versucht habe, Sport zu machen, hat sie mich die ganze Zeit mit Tuesday genervt. Um ein Haar hätte ich sie dir und Kelly auf den Hals gehetzt, aber so grausam bin ich dann doch nicht. Deshalb habe ich versucht, sie zu Mary und Damien zu schicken, indem ich sie an die Wehen erinnert habe. Aber sie meinte, Mary hätte bloß Übungswehen, was auch immer das bedeutet“, sagte Ezra. Vaughan gab einem der Kätzchen ein kleines Stück Kartoffelchips. „Ich möchte nur, dass hier alle ein bisschen runterfahren und ihr eine Chance geben. Ich erwarte nicht, dass ihr euch Kels Namen auf den Arm tätowieren lasst. Aber sie ist meine Familie. So wie Nats eben Paddys Familie ist. Sie ist die Mutter meiner Kinder und die Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen will. Eine Chance. Das ist alles.“ „Verdammt noch mal! Ich hab euch schon tausend Mal gesagt, ihr sollt aufhören, die Katzen zu füttern“, meckerte Ezra. Das Kätzchen stand auf Vaughans Schulter, schmiegte den Kopf an dessen Ohr und schnurrte so laut, dass es in seinen Knochen vibrierte. „Ich musste fair sein. Ich hatte dem Hund schon ein bisschen Pizza gegeben und der anderen Katze, der mit den irren Augen, eine Weintraube. Alter, ich kenne sonst keine Katze, die Weintrauben frisst“, erwiderte Vaughan trocken, nur um Ezra ein bisschen zu provozieren. „Du bist ein Arschloch.“ „Hab mein Handwerk von dir gelernt, alter Mann.“ Vaughan wackelte mit den Augenbrauen, und Ezra zeigte ihm den Stinkefinger. „Wir geben ihr alle eine Chance, Vaughan. Ehrlich“, sagte Paddy. „Nats und Tuesday gehen am Samstag, wenn Tuesday Feierabend hat, mit ihr in Portland mittagessen und danach noch was trinken.“ Alle sahen ihn an. Weder Vaughan noch Ezra hatte davon gewusst. Paddy machte ein selbstgefälliges Gesicht. „Ja, stimmt. Meine Lady erzählt mir so einige Dinge. Eigentlich wollten sie Mary auch ins Boot holen, aber sie und Damien kriegen am kommenden Wochenende Besuch von ihrer Familie.“ „Also gut, Leute, holt euch was zu trinken und macht ’ne Pinkelpause. In zehn Minuten steht ein Telefonat mit den Leuten unseres europäischen Labels an“, sagte Jeremy, um ihre Konzentration wieder auf das eigentliche Thema zu lenken. Minnie sah ihn so lange an, bis er sie hochnahm und auf seinen Schoß setzte. Die Mädchen hatten viel Zeit mit der kleinen Mieze verbracht, und auch der kleine Hund schien die beiden zu vermissen. Vaughan kannte das Gefühl. „Vaughan.“ Jeremy sprach leise. „Mach das nicht kaputt. Sei der beste Vater und Ehemann, der du sein kannst. Du wirst es nie bereuen. Es fühlt sich großartig an, weil du dafür geschaffen bist. Ich hatte das alles auch mal.“ Jeremy hielt inne. Vermutlich dachte er an sein kleines Mädchen, das gestorben war, und an seine Frau, die nun zu einem anderen gehörte. „Danke.“ „Wenn ich an deiner Stelle und fit genug wäre – ich würde nach Hause fahren, um neben meiner Frau und mit meinen Babys sicher unter einem Dach zu schlafen.“ Jeremy zog eine Schulter hoch. Bevor Vaughan antworten konnte, kamen Paddy und Damien zurück ins Zimmer. Sie hatten den Laserpointer und ein zotteliges Durcheinander, das laut bellte und wild herumwuselte. Minnie sprang von Vaughans Schoß, rannte zu ihren Brüdern und stimmte in ihr Bellen ein. Ezra kam herein und versuchte, die Tiere zu beruhigen. Als das nicht geschah, stürzte er sich auf Paddy, um ihm den Pointer abzunehmen, und gemeinsam krachten sie gegen die Wand neben den Hintertüren. Vaughan schoss dazwischen, um beide Türen zu öffnen, damit seine Brüder in die Nacht hinausfallen konnten und sich niemand durch zersplitterndes Glas noch ernsthafte Verletzungen zufügte. „Jetzt kommt schon, verdammt! Wir müssen diesen Anruf hinter uns bringen, und dann will ich nach Hause zu meinem Bett, in dem meine Frau liegt. Damien und Paddy würden das bestimmt auch sofort unterschreiben. Und Ezra könnte das auch, wenn er aufhören würde, sich einzureden, dass er sich von Tuesday fernhalten muss, um sich irgendeinen Schwachsinn zu beweisen.“ „Scheiße, was weißt du schon darüber?“ Ezra holte aus, und Vaughan konnte der riesigen Faust seines Bruders, die auf seine Nase zuraste, nur knapp ausweichen. Jeremy seufzte. Dann pfiff er in einer beachtlichen Lautstärke und schlug zeitgleich zwei große kupferne Gartenpötte gegeneinander. „Mein Gott. Ich dachte, Erin und Adrian Brown wären schlimm. Aber wegen euch vieren habe ich schon graue Haare bekommen. Und jetzt kommt rein, damit wir bereit sind, Geld zu machen, wenn gleich das Telefon klingelt.“ Er drehte sich um, stellte die Pötte ab und ging zurück ins Haus. Mit ein paar letzten Ellbogenchecks und leisen Beleidigungen halfen die vier einander vom Boden auf, klopften sich die Klamotten ab und stellten alles wieder dorthin, wo es gestanden hatte, bevor es durch die Rauferei umgefallen war. „Hab dich vermisst, Blödmann“, sagte Paddy, als sie zurück ins Haus gingen. Ezra lachte hinter ihnen. Damien musste den Anruf mit einer Tüte gefrorenem Mais auf der Lippe entgegennehmen. Er hatte sie sich aufgeschlagen, als er von der hinteren Terrasse heruntergefallen oder -geschubst worden und ungefähr einen Meter weiter unten gelandet war. „Wahrscheinlich rettet es dir dein hübsches Gesicht, wenn du die meiste Zeit in Gresham bist“, meinte Damien. „Das wäre ein Geschenk für die Welt.“ Vaughan tat, als würde er sich die Nägel an seinem Shirt polieren. „Aber es ist nicht mal eine Stunde Fahrt von hier. Ich weiß zwar nicht, was die ferne Zukunft bringt, aber unser Haus in Gresham hat viele Gästezimmer, und wenn ihr nett seid, dürft ihr vielleicht sogar in Kellys Baumhaus. Im Ernst, sie hat es sich da draußen wirklich schön gemacht. Wenn ich die Sache mit Mom und Kelly wieder hinkriege, werden wir an den Wochenenden wahrscheinlich oft hier sein. Und in den Sommerferien und so. Was ich damit sagen will: Ich muss nicht gleich um die Ecke wohnen, um oft hier zu sein. Die Dinge ändern sich für uns alle. Aber wir sind Hurleys. Wir packen das.“ „Du bist sentimental, nun, da du verliiiebt bist“, sang Damien leise, als der Anruf einging. Kelly setzte sich Kopfhörer auf, drückte auf die Play-Taste und lächelte, als die ersten Töne von Beyoncés „Flawless“ erklangen. Die Mädchen schliefen schon eine Weile, und Kelly öffnete die großen Fenster in ihrem Schlafzimmer ganz weit, kletterte auf das kleine Einbausofa und stellte sich darauf. Bei gelöschtem Licht konnte sie niemand sehen. Sie zündete sich eine Zigarette an und fing an, im Mondlicht, nur mit Höschen und Tanktop bekleidet, zu tanzen. Für Kelly war das hier verboten und wild. Theoretisch hatte sie an dem Tag mit dem Rauchen aufgehört, als sie erfahren hatte, dass sie schwanger war. Aber hin und wieder, wenn sie ganz besonders gestresst war, gönnte sie sich eine Zigarette. Heimlich rauchen und den Qualm auspusten wie ein Teenager. Sie lachte, während sie mitsang und auf dem Sofa auf und ab hüpfte. Als der Song zu Ende war, öffnete sie die Augen und sah Vaughan im Zimmer stehen. Kreischend fiel sie von der Couch. Zum Glück war er schnell zu ihr gelaufen und bewahrte sie vor einem großen Sturz. „Da dreht ein Kerl seiner Frau für eine Minute den Rücken zu, und wenn er wiederkommt, findet er sie halb nackt und mit einer Zigarette auf einem Sofa springend vor. Das ist wie eine Kollision aller großartigen Teeniefilme, die ich je gesehen habe.“ Lachend schlang Kelly die Arme um ihn. Dann zog sie sich wieder zurück, entledigte sich des Beweisstücks und horchte, ob sie mit ihrem Überraschungsschrei die Mädchen geweckt hatte. Maddie würde es ihr noch ewig vorwerfen, wenn sie Kelly rauchen sähe. Und zu Recht. Aus der Sicht eines Kindes gab es kein nur diese drei Mal im Jahr, wenn ich kurz davor bin durchzudrehen. „Ich habe dir doch gesagt, du sollst heute auf der Ranch bleiben.“ Mann, war sie froh, dass er nicht auf sie gehört hatte. Sie rieb sich an ihm wie eine Katze. „Nach dem letzten Meeting hab ich mich blitzschnell aus dem Staub gemacht. Weil ich nämlich hier sein will. Ich fahre morgen zurück. Aber jetzt bin ich erst mal hier. Bei dir. In deinem winzigen Höschen und dem abgetragenen Tanktop siehst du wie ein einziger feuchter Männertraum aus.“ Vaughan ließ die Hände unter ihr Hemdchen gleiten und machte diese fantastischen Dinge mit ihren Brüsten und Brustwarzen. Er zeichnete kleine Muster und zog an ihren Nippeln, während sein Dreitagebart dort an ihrem Hals kratzte, wo er sie gerade küsste. „Niemand kann ins Zimmer gucken. Von dem Fensterplatz aus sieht man kein anderes Haus.“ „Mmh. Pech für die anderen. Weil du ein Hammeranblick bist.“ Er küsste sie langsam, und sie umarmte ihn. Sie wollte ihn gar nicht mehr loslassen. Er war zurückgekommen. „Ist alles okay?“ „Ja.“ Er zog ihr das Top über den Kopf. „Jetzt sogar noch besser.“ „Tür abgeschlossen?“, fragte Kelly. „Mist.“ Er rannte los, schloss ab und war im Nu wieder bei ihr. Ungefähr einen halben Meter vor ihr blieb er stehen und starrte sie an. „Stark und zerbrechlich zugleich. Ich habe dich vermisst, meine Süße.“ „Ich dich auch. Es ist wundervoll, dass du nie auf mich hörst. Manchmal.“ „Hey, ich bin kein Übermensch. Du stehst da, im Mondlicht und mit einem Fetzen Stoff am Leib. Wie soll ich mich da auf etwas anderes konzentrieren als darauf? Und dass du nur für mich so dastehst?“ Ihr stockte der Atem. „Ja, hier bin ich. Nur für dich.“ Als wäre sie allein für ihn bestimmt. Kein anderer passte so zu ihr wie er. Er zog sich aus, während er sie rückwärts zu dem Sofaplatz dirigierte, auf dem sie gerade noch herumgehüpft war. „Hier hatte ich dich noch nicht. Das sollten wir ändern. Leg deine Hände auf die Seite da. Beug dich nach vorne. Ja. Ja, genau.“ Sie tat, was er von ihr verlangte, und drehte sich um, um sich an der Rücklehne des Sofas festzuhalten. Vaughan kniete sich hin und hielt sie von hinten an den Oberschenkeln, während er zuerst mit den Fingern ihre Lippen teilte und dann mit dem Mund. Eine Welle der Lust durchflutete sie. „Niemand und nichts sonst schmeckt wie du“, murmelte er dicht an ihrer Haut. Es gab viele Menschen, mit denen Kelly sprach. Sogar den ganzen Tag lang. Doch es gab nicht viele, denen sie wirklich etwas anvertrauen konnte. Der Mann, der sie in diesem Augenblick berührte, hatte auch nicht immer dazugehört. Aber das hatte sich geändert. Vaughan zu erlauben, sie zu vögeln, war nicht halb so intim wie die Nachricht, die er ihr erst vor wenigen Tagen um zwei Uhr morgens geschrieben hatte. Gefühlvolle Worte. Er würde sie niemals wieder loslassen. „Ich hab mir übrigens die Spirale einsetzen lassen. Wir brauchen also keine Gummis mehr.“ Nicht gerade die romantischsten Worte, aber er kam auf die Füße, presste sich gegen ihren Hintern und drückte die Spitze seines Schwanzes an ihre heiße Spalte. „Der heutige Tag wird immer besser“, raunte er, drehte sie beide um und setzte sich so mit ihr aufs Sofa, dass sie rücklings breitbeinig auf ihm saß. „Reit mich, Kelly.“ Er hielt seinen Schwanz am Schaft fest, während sie ihr Becken langsam anhob, um es dann Stück für Stück wieder abzusenken und ihn in sich aufzunehmen. „Das hat mir gefehlt. Nicht nur weil es sich so gut anfühlt, wenn ich in dir bin, sondern weil du die Einzige bist, mit der es sich so anfühlt.“ Vaughan platzierte heiße Küsse auf ihrem Rücken, während sie sich wieder und wieder auf und ab bewegte. Sie war froh, dass er ihr Gesicht nicht sehen konnte, während er ihr solche Dinge sagte. Vaughan griff um sie herum und massierte sie langsam, als sie so fest nach seinem Unterarm griff, dass sie hoffte, ihm nicht wehgetan zu haben. „Es ist viel härter für mich, zu warten, wenn ich so in dir bin.“ Er strich mit der freien Hand über ihren Bauch nach oben, über ihre Brüste, bis zu ihrer Kehle. Dort verharrte er. Er tat ihr nicht weh, aber hielt sie dort fest, und es machte sie so unglaublich heiß, dass ein Schauer nach dem anderen über ihre Haut jagte. Sie ließ das Becken kreisen. Das fühlte sich so unfassbar gut an, dass sie am liebsten geschmolzen wäre. Sie war kurz davor, zu kommen. Als die erste Welle sie traf, ließ sie sich gehen, ließ sie über sich zusammenschlagen und mit sich in die Tiefe ziehen. Vage nahm sie wahr, dass er ebenfalls gekommen war, doch was ihr viel bewusster war, war die Art, wie er sie festhielt – einen Arm um ihre Taille geschlungen, den anderen noch immer an ihrem Hals – und dabei tief in ihr blieb. Mit einem leisen Seufzen dirigierte er sie zum Bett hinein, wo sie beide unter die Decken krochen. Kelly fand ein Hemd und ihr Höschen zum Anziehen, als Vaughan sie in seine Arme zog. „Ohne diesen Teil zu gehen ist total ätzend. Ich bin verdammt froh, zu Hause zu sein.“ „Ich auch“, erwiderte Kelly und lächelte ins Dunkel. 26. KAPITEL O Gott, Stacey, ich weiß nicht, was zum Teufel ich mir dabei gedacht habe.“ Kelly ging in ihrem Anziehzimmer auf und ab, sah sich die herausgezerrten Berge von Klamotten an und fand nichts davon passend. Stacey war am Telefon, denn sie war gerade zu Besuch bei ihrer Mutter, und die lebte in Eugene. „Ich weiß, dass deine Mutter gerade eine neue Hüfte bekommen hat, aber ist das wirklich wichtiger, als hier zu sein und mir dabei zu helfen, ein Outfit für dieses Dinner herauszusuchen? Egoistisch. Sag ihr ruhig, dass ich das gesagt habe“, witzelte Kelly. Nachdem Stacey zu Ende gelacht hatte, richtete sie ihren Bildschirm neu aus und setzte ihr bestes angsteinflößendes Anwaltsgesicht auf. „Als Erstes musst du mal tief durchatmen. Stell dir vor, du müsstest dieses Problem für eine Kundin lösen, die in deine Boutique kommt. Ein Abendessen mit anschließendem Besuch bei einer Galerieeröffnung. Die Kinder werden bei beiden Anlässen dabei sein. Was gibt es zu essen?“ „Schinken. Man hat mir gesagt, das sei eine ihrer Spezialitäten.“ „Marineblau. Die Farbe steht dir gut. Bewusst einfach und klassisch. Mach dir die Haare zurück.“ „Ein Farbtupfer.“ Kelly fand ein hübsches marineblaues Kleid mit eng anliegendem Oberteil und leicht ausgestelltem Rock. Eine gute Länge. Schmeichelhaft. Kein tiefes Dekolleté. Dazu wählte sie niedliche mandarinenfarbene Pumps. Nicht zu hoch. Und sie hatte eine Tasche, die gut dazu passen würde. Nachdem sie Stacey alles gezeigt hatte – zum Glück gab es Videochats – und deren Zustimmung erhielt, machte sie sich bereit, aufzulegen. „Danke, dass du mich davor bewahrt hast, vom Dach zu springen.“ „Du möchtest, dass sie dich mag. Das ist okay. Sie sollte dich auch mögen. Du bist wunderbar. Wenn sie dich trotzdem nicht mag, dann kann sie mir mal im Mondschein begegnen.“ „Im Mondschein, schon klar. Deine Mutter ist wohl ganz in der Nähe, was?“, sagte Kelly. „Allerdings. Du wirst das ganz toll machen. Du bist großartig. Vaughan liebt dich, deine Töchter lieben dich. Wie kann Shurley da widerstehen?“ „Wir werden sehen. Ich meld mich wieder.“ Kelly beendete den Anruf und zog sich an. Sie fühlte sich wie vor einem Bewerbungsgespräch, was dumm war, aber nicht zu ändern. Sie wollte sich nicht wünschen, dass Sharon sie mochte. Jahrelang war ihre ehemalige Schwiegermutter so unfreundlich gewesen, dass Kelly sich angewöhnt hatte, alles an sich abprallen zu lassen. Aber jedes Mal, wenn sie gesehen hatte, wie Sharon mit Tuesday, Mary und Natalie umging, hatte sie das verletzt – das ließ sich nicht leugnen. Klar, sie wollte das auch. Wollte, dass Sharon sie mit derselben Wärme im Blick ansah wie die anderen. Sicher wäre es auch für die Mädchen schön, wenn Mutter und Großmutter freundlich miteinander umgingen, aber es war mehr als das. Sie sehnte sich danach, dass die andere Frau sie mochte. Dass sie endlich glaubte – und sah –, wie viel Kelly ihre Familie bedeutete. Wie viel ihr Vaughan bedeutete. Dass sie sich so sehr nach dieser Beziehung zu seiner Mutter sehnte, gab ihr das Gefühl, schwach zu sein. Aber sie wollte es einfach. Und Sharons Anruf wäre einem Außenstehenden vielleicht nebensächlich vorgekommen, dabei war es ein riesiges Ereignis. Und das gab Kelly die Kraft, auch weiterhin zu hoffen, dass alles gut werden würde. Am Vorabend war Vaughan zu ihr gekommen. Er hatte sie gewollt. Aber es war nicht nur der Sex gewesen. Er hatte zu Hause sein wollen – dort, wo sie und die Mädchen waren. Bei diesem Gedanken wurde ihr Schritt gleich federnder. Und als sie nach unten kam und beide Mädchen noch immer sauber waren und ihre Haare noch immer gut saßen, wusste Kelly, dass Vaughan und seine Gitarre sie in Schach gehalten hatten. „Ist das eine deiner neuen Ideen?“, fragte sie, als sie den Raum betrat. „Jepp. Bist du fertig?“ „Klar.“ Kelly strahlte. Die Mädchen liefen los, um ihre Sachen zu holen, und waren kurz darauf bereits draußen. Sie versuchte, sich nicht sämtliche üble Szenarien auszumalen, die der Abend bringen könnte, und sang stattdessen zusammen mit den anderen Songs aus dem Radio mit. Vaughan wusste, dass Kelly nervös war, aber er sprach sie nicht darauf an. Was sollte er auch sagen? Sie und seine Mutter hatten eine komplizierte Beziehung zueinander, und nun, da Sharon die ganze Geschichte kannte, glaubte er fest daran, dass sie einlenken würde. Doch der Schaden ließ sich nicht einfach so ausbügeln. Dazu war zu viel geschehen. Er musste einen Weg finden zu vermitteln. Sich zwischen die Frau an seiner Seite und jeden zu stellen, der ihr schaden wollte. Er wusste, dass sie von ihm erwartete, sie zu beschützen, falls seine Mutter zum Angriff übergehen sollte. Und das würde er. Auch wenn er natürlich inständig hoffte, dass es nicht dazu käme. Eigentlich ging er nicht davon aus. Nachdem sie die Auffahrt hinter sich gelassen hatten, stiegen sie aus, und Kelly hielt inne, um den Anblick zu genießen. Der Himmel färbte sich allmählich rosa, die Sonne würde gleich untergehen. „Das ist so toll! Ich habe dieses Fleckchen Erde immer geliebt.“ Er küsste sie auf die Schläfe. „Alles wird gut laufen“, versprach er leise. „Und wenn es doch ein Problem gibt, stärke ich dir den Rücken.“ „Wollen wir hoffen, dass du nicht auf die Probe gestellt wirst.“ Minnie kam die Veranda heruntergerast, doch statt zu Maddie und Kensey zu laufen, sprang sie an Kelly hoch, die den Hund sogleich auf den Arm nahm. „Hallo, Minnie“, sagte Kelly. Den Namen des Hundes rufend, kam seine Mutter nach draußen, doch als sie die vier sah, verflog ihre Verärgerung. „Hallo, meine Süßen! Kommt rein.“ Nachdem sie sich eine Umarmung von ihrer Großmutter abgeholt hatten, rannten sie hinein, um Michael zu suchen. Minnie wollte nicht abgesetzt werden. Als Kelly es versuchte, sah der Hund sie mit großen Augen an und wartete. „Ich glaube, sie mag dich“, sagte Sharon. „Sie hat heute einen meiner Latschen gefressen und versucht nun, sich bedeckt zu halten. Kommt rein.“ Sie winkte sie herein. „Das Essen ist in ungefähr fünfzehn Minuten fertig. Magst du etwas zu trinken, Kelly?“ „Ach, Vaughan, die Getränke sind im Auto. Etwas Wein, Wasser und Saft. Kannst du es holen?“, bat Kelly ihn. Er lief eilig nach draußen, wollte die zwei aber nicht länger als nötig unbeaufsichtigt lassen. Doch als er wieder hereinkam, bot Kelly gerade an, beim Kochen zu helfen. Ein Angebot, das seine Mutter ablehnte, aber auf freundliche Art. Noch zehn Minuten. Sie könnten es schaffen. Michael kam herein, ein Kind unter jedem Arm. Er hatte ein breites Grinsen im Gesicht und freute sich offensichtlich, Maddie und Kensey zu sehen. Das erweichte Kellys Herz jedes Mal. Die beiden liebten die Mädchen. Selbst wenn sie Kelly nicht geliebt hatten – für Maddie und Kensey war immer Platz gewesen. Kelly hatte ihre Großeltern zum letzten Mal gesehen, als sie jünger gewesen war als Kensey jetzt. Aber ihre Töchter waren von Menschen umgeben, die sie gernhatten und als Teil der Familie betrachteten. Falls Kelly in ihrem Leben alles andere versauen sollte, auf diese Sache wäre sie trotzdem stolz. Sie nahmen Platz, und es war eindeutig zu spüren, dass Sharon sich bemühte. Was in diesem Moment genau richtig war. Es ließ sich nicht sofort reparieren. Es würde seine Zeit brauchen, bis sie wieder auf den richtigen Weg kämen, aber Kelly hatte nicht das Gefühl, als würden sie sie wie eine Außerirdische ansehen. Ein paarmal hatte Sharon offensichtlich etwas Persönliches sagen wollen, aber mit den Mädchen und all den anderen Anwesenden war es ihr nicht gelungen. Der Schinken erfüllte die Erwartungen aller, und auch der Rest war köstlich. Vaughan und sein Vater hatten einige Male etwas nervös ausgesehen, aber die beiden Frauen hatten sich große Mühe gegeben, freundlich zu sein. Außerdem waren ja die Kinder da. Selbst wenn Sharon ihre schlechteste Seite gezeigt hatte, so hatte sie dies niemals vor den Mädchen getan. Nach dem Essen spülten sie gemeinsam ab. Zwar war die Stimmung etwas angespannt, weil sich alle so sehr bemühten, nett zu sein, doch als alle fertig waren, um zur Galerieeröffnung aufzubrechen, war Kelly froh, dass sie es gewagt und überlebt hatten. Und sie freute sich auf das fantastische Debüt ihrer Freundin. Sie machten einen kurzen Abstecher zu Vaughans Haus, das Kelly seit der Scheidung nicht mehr betreten hatte. Doch es hatte sich nicht viel verändert. Die Hälfte der Möbel, die hier herumstanden, hatte sie selbst gekauft. „Ja, das ist das Sofa, das du bestellt hast. Ich schlafe immer noch in unserem alten Bett.“ Den ganzen Abend hatte sie sich zusammengerissen. Weil das ihre Aufgabe war. Sie war schließlich erwachsen. Sie aß mit ihren ehemaligen Schwiegereltern zu Abend und schaffte es sogar, eine nette Zeit zu haben. Im Vorfeld hatte sie sich den Kopf darüber zerbrochen, was sie anziehen sollte, aber das war auch okay. Sie hatte sich zusammengenommen und versucht, die Vorstellung hochzuhalten, dass alles in Ordnung sei, während sie in Wahrheit wahnsinnig aufgeregt war und Angst hatte, alles zu vermasseln. Vielleicht hätte sie das Ganze langsamer angehen sollen. Kelly hielt den untersetzten Corgi im Arm, der mit diesem Ort rundum zufrieden zu sein schien, während ihre Töchter eine Hausführung mit ihr machten. Vaughan hatte ihnen zu erklären versucht, dass Kelly vor langer Zeit schon mal hier gewesen war. Aber ihnen ging es viel mehr darum, mit ihrem Wissen anzugeben, als Kelly wirklich herumzuführen. „Ich bin mir nicht sicher, ob es deiner Mutter gefallen würde, wenn ich diese Hündin in unser Auto setze und wir mit ihr wegfahren.“ Vaughan grinste. „Ich hab Minnie für die Mädchen gekauft, ohne dich zu fragen. Weißt du noch? Dann hat meine Mutter sie sich gemopst, während ich auf Tournee war. Aber bei dir sieht sie verdammt glücklich aus. Wir bräuchten eine Hundeklappe.“ „Mach es so, wie du meinst, meine Nummer eins. Ich mag diesen kleinen Hund. Obwohl ich ihn deiner Mutter eigentlich nicht wegnehmen möchte. Ich jedenfalls wäre traurig, wenn jemand mir Minnie wegnehmen würde.“ „Es war von Anfang an nicht so gedacht, dass sie sie für immer bei sich aufnehmen. Nur bis ich von der Tournee zurück bin. Und dann bin ich bei dir eingezogen. Aber ich verspreche dir, es zuerst mit ihr zu klären.“ „Ja, sprich zuerst mit ihr. Lass uns kein Risiko eingehen, das sich vermeiden lässt.“ Sie brachten das Hündchen zurück zu Sharon und Michael, wo Kelly Minnie ins Körbchen setzte. „Ich denke, ich werde dich bald mitnehmen. Aber nicht weitersagen“, flüsterte sie der Hündin zu, die sie abschleckte, bevor sie sich zu einem kleinen Ball zusammenrollte und einschlief. Alle dachten, Kinder zu erziehen sei ganz einfach, bis sie selbst an der Reihe waren. Kelly wollte eigentlich mit niemandem schimpfen, aber Kensey hatte zu viel Zucker gegessen und war alles andere als niedlich und reizend, sondern auf dem besten Weg, görenhaftes Terrain zu betreten, als sie bei der Galerieeröffnung ankamen. Bei ihrer Ankunft hatte sich eine schreckliche Szene zwischen Tuesday und den Eltern ihres verstorbenen Ehemannes abgespielt. Besorgt war Vaughan zu ihr geeilt, während Kelly ihren Töchtern auf Schritt und Tritt folgte, um dafür zu sorgen, dass sie ihre Hände bei sich behielten. Kunstgalerieeröffnungen und Kinder waren zwei Dinge, die man nur sehr vorsichtig aufeinanderprallen lassen sollte. Maddie war geduldiger als ihre kleine Schwester, was dem Alter, aber auch dem Temperament geschuldet war: Sie war selbstreflektiert, dachte viel nach. Kensey dramatisierte alles. Andauernd. Normalerweise bewegte sie sich dabei mit einhundertzwanzig Stundenkilometern. Und genau jetzt wollte sie alles anfassen. Alles. Schließlich nahm Kelly ihre Jüngste bei der Hand. „Wir gehen mal kurz nach draußen“, informierte sie Vaughan, als sie an ihm vorbeigingen. „Du musst ein Auge auf Maddie werfen, wenn du nicht alles kaufen willst, was sie kaputt macht. Tuesday würde es vermutlich bevorzugen, noch irgendetwas von ihren Sachen hier verkaufen zu können.“ Er richtete seine Aufmerksamkeit auf seine älteste Tochter, und Kelly führte Kensey hinaus. Sie setzten sich auf einen Blumenkübel, der in der Nähe stand. „Ich weiß, dass es dort viele Dinge gibt, die du anfassen willst“, schloss Kelly eine kurze Predigt über angemessenes Verhalten von Kindern in Galerien. „Aber weil du Tuesday sehr magst und ihr Talent respektierst, musst du auch vorsichtig mit ihren Sachen umgehen. Wie ein großes Mädchen. Ich weiß, dass du das kannst. Wir bleiben nicht mehr allzu lange, aber sie gehört zur Familie, und wir wollen mit der Familie feiern. Heute ist Tuesdays großer Abend.“ Kensey rutschte von Kellys Schoß. Tuesday stand in der Nähe der Fenster und unterhielt sich mit Vaughan und Ezra. „Wie wär’s, wenn du kurz reingehst und ihr sagst, wie sehr dir ihre Arbeiten gefallen, und dann kommst du wieder zu mir nach draußen? Du kannst hier im Hof tanzen, bis es Zeit ist zu gehen. Okay?“ „Geht klar, Mommy.“ Sie gab Kelly einen Kuss, lief zurück in die Galerie und steuerte direkt auf Tuesday zu. Kelly nahm Kenseys Pulli und ihre Tasche und drehte sich um. Dabei wäre sie um ein Haar in Sharon hineingelaufen. „Entschuldige. Ich habe dich gar nicht gesehen.“ „Ich habe alles gehört“, sagte Sharon. „Ich erinnere mich noch gut daran, wie es war, Kinder in dem Alter zu haben. So viel Energie. Es ist schwer, ruhig zu bleiben.“ „Kensey und das Wort ruhig passen eher schwer zusammen.“ Kelly lächelte, während sie ihre Kinder durchs Fenster beobachtete. „Ich habe mich jahrelang wie eine Hexe verhalten. Es tut mir leid. Ich möchte mich für alles entschuldigen, das grausam und verletzend war. Er hat uns die Wahrheit erzählt. Aber du hättest dazu schon so oft die Gelegenheit gehabt. Warum hast du es nie getan?“ Kelly, die noch damit beschäftigt war, die Entschuldigung zu verarbeiten, suchte nach einer Antwort. „Wenn ich das getan hätte, dann hätte ich den Vater meiner Kinder verletzt. So schmerzhaft es auch war, betrogen zu werden, von ihm weggeworfen zu werden – er liebt Maddie und Kensey. Und dich. Du bist seine Mutter. Was hätte ich sagen sollen? Du wusstest, dass er kein Chorknabe war. Lange bevor ich daherkam. Außerdem war es vorbei. Ich habe dir nichts gesagt, weil das ein Verhalten ist, das meine Mutter an den Tag gelegt hätte.“ „Ihr gegenüber werde ich mich weiterhin wie eine Hexe verhalten.“ „Meinetwegen.“ Kelly musste lachen. „Aber ich hoffe, dass sie nie wieder herkommt.“ „Sie hat dich auch wahnsinnig verletzt.“ Kelly hatte nicht vor, ihre Vergangenheit mit ihrer Mutter vor Sharon auszubreiten. Kleine Schritte waren in Ordnung, aber hier und jetzt alles zu erzählen war zu viel. „Ich habe daraus gelernt und mache es selbst besser. Das Ganze soll lieber dazu führen, dass ich als gutes Beispiel vorangehe, als dass Maddie und Kensey jemals die dunkle Seite meiner Kindheit sehen.“ „Du bist eine gute Mutter. Vaughan liebt die zwei, ohne Zweifel. Er gibt sich auch Mühe. Aber dass sie so fantastische Mädchen sind, haben sie dir zu verdanken.“ Trotz der Überraschung gelang es Kelly, sich bei Sharon für das Kompliment zu bedanken. „Ich … Danke, dass du es mir nicht erzählt hast“, sagte Sharon. „Es war hart, es von ihm zu hören, aber er musste es uns gestehen. Ich habe keine Ausrede für mein abscheuliches Benehmen. Ich könnte dir sagen, dass ich meine Kinder liebe. Aber das tust du auch, und trotzdem hast du es nie eingesetzt, um mich so zu verletzen wie ich dich. Ich habe mich so in dir getäuscht. Eine Verteidigungsmauer errichtet, die niemals notwendig war. Ich schäme mich dafür, es tut mir wahnsinnig leid.“ „Ich … Das habe ich nicht erwartet.“ Aber es war wichtig. Und notwendig. Und es weckte in ihr das Gefühl, gleichzeitig weinen und lachen zu müssen. Als Vaughan damals verkündet hatte, dass er Kelly seinen Eltern vorstellen wollte, hatte sie sich so gefreut. Hatte sich vorgestellt, dass Sharon sie unter ihre Fittiche nehmen und ihr helfen würde, wenn Vaughan mit der Band unterwegs war. Doch das war nie geschehen. Die erste Begegnung war furchtbar gewesen, und auch danach war es nicht besser geworden. Es war an der Zeit, die gesamte Enttäuschung ad acta zu legen. Keine von ihnen war das gewesen, wofür die andere sie gehalten hatte. „Ich liebe Vaughan. Ich will, dass er glücklich ist. Und das kann er nicht, wenn wir nicht gut miteinander auskommen.“ Sharon nickte. „Er war schon immer ein wunderbarer Mensch. Ich dachte immer, du wärst nicht gut genug für ihn. Aber ich habe mich geirrt. Ich hasse es, mich zu irren.“ Gegen ihren Willen musste Kelly losprusten. „Daher hat Vaughan das also.“ „Genau dasselbe sagt mir ihr Vater auch immer, wenn die Jungs Mist bauen.“ Sie streckte Kelly die Hand hin. „Gibst du mir eine zweite Chance?“ Kelly hielt einen Moment inne. Dann ergriff sie die Hand. „Ich finde, zweite Chancen sind extrem wichtig. Ja. Wir werden sie beide nutzen.“ 27. KAPITEL Nachdem Kelly mit duschen fertig war, kam sie nach unten. Normalerweise würden die Mädchen mindestens noch zwei Stunden schlafen, doch zu dieser Jahreszeit ging die Sonne früh auf, und deshalb wollte sie sich schnell einen Kaffee machen und die Stille genießen, solange sie noch währte. Vaughan wartete unten mit ihren Töchtern. Auf dem Tisch standen ein Geburtstagskuchen, Geschenke und Karten. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Und selbst wenn, hätte sie höchstwahrscheinlich sowieso angefangen zu heulen. Ihre Mutter hatte aus Geburtstagen immer etwas Furchtbares gemacht. Was Rebecca betraf, war Altern etwas, wofür man sich schämen musste. Man musste Angst davor haben und völlig durchdrehen. An den Geburtstagen der Mädchen ließ sich Kelly immer etwas Besonderes einfallen, aber bei ihrem machten die Leute keine große Sache. Sogar Stacey wusste um Kellys Desinteresse an ihrem eigenen Geburtstag und respektierte das. „Für mich hat noch nie jemand eine Überraschungsparty zum Geburtstag geschmissen“, brachte sie irgendwie hervor. „Was? Das ist verrückt. Da weiß ich jetzt ja ganz genau, was meine Aufgabe sein wird. Zum Glück stehen uns noch mehr Geburtstage bevor. Die Mädchen haben ein Geschenk für dich, und danach habe ich auch noch eins.“ „Zuerst der Kuchen und die Kerzen!“ Kensey klatschte wie wild in die Hände, was in dieser Situation absolut angemessen war. Sie sangen „Happy Birthday“, zündeten die Kerzen an, und Kelly pustete sie aus und wünschte sich dabei etwas. Maddie stand neben Vaughan, der seine Gitarre in der Hand hielt. Kensey fing zu tanzen an, als die ersten Akkorde von Kellys Lieblingslied erklangen: „Let Him Fly“ von Patty Griffin. Das reichte, um ihr die Tränen in die Augen zu treiben. Dann begann Maddie zu singen, und es gab kein Halten mehr. Unkontrollierte heiße Muttertränen rannen über ihre Wangen. Dieses Kind war etwas Besonderes. Ihre Stimme war ein Geschenk. Kensey war vielleicht ein aufgedrehtes Äffchen, aber sie tanzte, als ob sie dazu geboren war. In ihren Töchtern vereinten sich die besten Teile von Kelly und Vaughan. Zwar mangelte es den Kleinen noch an Geduld, aber dafür steckte unglaublich viel Mitgefühl, Liebe und Kreativität in ihnen. Am Ende klatschte Kelly Beifall und wischte sich mit Papiertaschentüchern über die Augen. „Jetzt ich.“ Vaughan setzte sich hin und begann, einen Song zu spielen, den sie noch nicht kannte. Aber er gehörte definitiv zu den neuen Sachen, an denen er gearbeitete hatte. Der Song handelte vom Verlust der Liebe. Davon, eine ganz wundervolle Beziehung zu haben, aber nicht darauf aufzupassen. Verlust, so viel Verlust, und Schmerz und dann pures Glück. Verbindung. Es wäre kein guter Sweet-Hollow-Ranch-Song gewesen, aber es war ein wunderschöner Song. Ein Vaughan-Hurley-Song. Über Kelly. Über all das Stolpern und die Fehler entlang des Weges und das, was sie heute miteinander verband. „Er heißt ‚Salvation‘“, sagte er, als er geendet hatte. „Wie findest du ihn?“ „Drown, drown in tears, salt salt it dries you out“, zitierte sie, sagte es aber mehr zu sich selbst. „Es ist wunderschön. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Wie ich es in Worte fassen soll, wie sehr mir diese Lieder und der Tanz gefallen haben. Und natürlich der Kuchen. Das ist der schönste Geburtstag, den ich je hatte.“ Und das war die volle Wahrheit. Sie mampften Kuchen, und Kelly ließ nicht zu, dass sie über Kalorien nachdachte. Sie würde ihre Sporteinheit am nächsten Morgen einfach verlängern. Doch im Augenblick hatte sie keinerlei Sorgen. „Oh, das ist für dich.“ Vaughan reichte ihr ein paar Karten und kleine Päckchen, und sie öffnete sie. Einige waren von Stacey. Andere waren von den Mädchen – selbst geschrieben. Es waren sogar welche von seinen Brüdern darunter. Und dann war da noch eine von ihm selbst. Als sie sie öffnete, fiel ein Ring heraus. Sie hielt ihn hoch und blinzelte zu Vaughan hinüber. „Ja. Genau. Ich dachte mir, du solltest mich heiraten. Und diesmal wird es für immer sein. Weißt du, ich hatte ja keinen Schimmer, wie hart du geschuftet hast. Wie es ist, jeden Tag Kinder zu erziehen. Du hast das jahrelang alleine durchgezogen, und ich hatte keine Vorstellung davon. Keine. Vorstellung. Heute schäme ich mich dafür. Jetzt, da ich weiß, wie viel von dir selbst du in unsere Kinder investiert hast. In dein Geschäft. In unsere Kinder. Deine Freunde. Mich. Du tolerierst meine irre Familie. Du machst mich glücklich, Kelly. Glücklicher, als ich es jemals für möglich gehalten hätte.“ Er kniete vor ihr nieder, während ihre Töchter im Hintergrund aufgeregt herumhüpften und kleine quiekende Kiekser von sich gaben, wie sie nur Mädchen zustande brachten. „Kelly Hurley, willst du mich heiraten?“ Alle waren mucksmäuschenstill, während sie jede Regung in Kellys Gesicht aufsogen. Konnte sie das tun? Sie brauchte sich gar nicht erst zu bemühen, ihn nicht zu lieben. Das war unmöglich. Das hatte sie schon lange Zeit versucht – und war gescheitert. Vielleicht war es ja also okay, zuzulassen, dass sie ihn mit ganzer Seele liebte. Da sie das ohnehin schon tat, könnte eine Ehe eine gute Sache sein. „Kommt mir so vor, als wäre es schon immer unvermeidlich gewesen, dass ich deine Frau bin.“ Er küsste und umarmte sie und riss sie beide zu Boden, wo die Mädchen sich lachend und jubelnd auf sie warfen. Sie fragten als Erstes, ob sie Brautjungfern sein dürften. „Kann Minnie auch dabei sein?“, fragte Maddie. „Immerhin wird sie ja bald bei uns wohnen.“ „Noch hat Daddy eure Großmutter nicht gefragt, also sollte es vorerst unser Geheimnis bleiben“, meinte Kelly. „Und danach? Ich wüsste nichts, was dagegenspräche. Ja, Vaughan Hurley, ich werde dich heiraten. Weil du jemanden wie mich und unsere Töchter brauchst, um nicht aus der Reihe zu tanzen.“ Vaughan küsste sie noch ein paarmal. „Wie wäre es mit morgen?“ „Kannst du nicht mal einen Tag warten, bevor du anfängst, widerspenstig zu sein?“, fragte Kelly mit einem Lächeln auf den Lippen. „Es kommt mir so vor, als wäre ich schon seit ziemlich langer Zeit dabei, mir den Weg zu dir zurückzubahnen. Der widerspenstige Teil gehört zum Gesamtpaket. Das beinhaltet verrückte Eltern, Brüder, die es lieben, sich gegenseitig blutig zu schlagen, eine Mischung aus Freundinnen, Ehefrauen und tagtäglich neuen Babys. Wir werden sogar noch Platz für deine beste Freundin machen, die zufälligerweise auch deine Scheidungsanwältin war.“ „Darüber wird sie sich freuen.“ Es waren nicht mal zwei Monate vergangen, seit er in ihr Leben zurückgekehrt war, und doch kam es ihm so vor, als wären Jahre vergangen. Er hatte seine große Liebe um eine zweite Chance gebeten. Eingestanden, dass er ein besserer Vater sein und die Frau kennenlernen wollte, die sie jetzt war. Und sie, sie war das Risiko eingegangen. Vor allem, weil sie ihn so sehr liebte, dass sie nicht bereit gewesen war, endgültig aufzugeben. „Was für ein Segen, dass es zweite Chancen gibt.“ „Ja. Was für ein Segen.“ – Ende – DANKSAGUNG Das war wirklich eine harte Nuss für mich. Ich habe Zehntausende Wörter eines Buches verschrottet, das beinahe fertig war, weil es sich einfach nicht richtig anfühlte. Ich fing von Neuem an. Ich wollte die Balance richtig gut hinbekommen, weil diese Liebesgeschichte ihren ganz eigenen Drall hat und ich allen gerecht werden wollte – meinen Charakteren, meinen Lesern und meiner fantastischen Lektorin Angela James. Als ich ihr das Buch (viel zu spät) schickte, hasste ich es. Ich dachte, es sei schrecklich, und bei der Vorstellung, was Angela dazu sagen wurde, krümmte ich mich innerlich. Aber es gibt einen Grund, warum sie so fantastisch ist. Es gefiel ihr! Jippie! Aber nicht nur das. Sie gab mir auch wertvolle Ratschläge, wie ich die Dinge, die mich gestört hatten, ändern konnte. Sie halten dieses Buch nur in Ihren Händen, weil die Leute mich niemals aufgegeben haben. Ich konnte Deadlines nicht einhalten, weil ich so krank war, aber Harlequin hat mich weiterhin unterstützt. Angela war weiterhin fantastisch, und meine Familie blieb verrückt, aber fantastisch, sodass ich daran glauben konnte, dass es eine zweite Chance in der Liebe gibt, selbst wenn jemand etwas wirklich Schreckliches getan hat. Ich wäre nachlässig, wenn ich nicht die Unterstützung meiner Agentin Laura Bradford erwähnen würde, die niemals mit der Wimper gezuckt hat – auch nicht, als ich sagte: „Ich kann dieses Gespräch jetzt nicht führen, sonst erleide ich einen Nervenzusammenbruch.“ Mein Ehemann, dem ich in jedem meiner Bücher danke, weil er es verdient hat, unterstützt mich weiterhin und ist mein größter Cheerleader. Ich werde geliebt, und dafür bin ich sehr dankbar.