Mark Bredemeyer Runenzeit Legion der Donnergötter Für Skadi, Thore und Tjorven, die stets ein Lächeln auf meine Lippen zaubern Ein Siebentes kann ich, seh den Saal ich lodern hoch überm Hallenvolk: Nicht brennt er so breit, dass ich ihn nicht bergen könnte; den Segen ich singen kann. Die Zauberlieder Ljodatal, Edda Was zuletzt geschah: Teil 3: Runenzeit - Der Aufstieg des Arminius Bliksmani ist mit seinen machtgierigen Plänen vorerst gescheitert. Das Volk der Angrivarier erscheint ihm plötzlich als zu klein und unbedeutend. Daher bietet er dem mächtigen Langobardenhäuptling Agelhari seine Kampfkraft an. Mit Hilfe des kampfeslustigen Elbevolkes erhofft er sich endlich den Durchbruch auf dem Weg zu einem germanischen Imperium, das es mit dem römischen und dem Marbods aufnehmen kann. Als eine riesige römische Flotte unter Führung des neuen Statthalters Tiberius in die Elbe einsegelt, erkennt er die unausweichliche Niederlage gegen die Übermacht und beschließt, zu den Römern überzulaufen, um von ihnen zu lernen. Doch vorher kommt es zu einem überraschenden Wiedersehen. Witandi, Ingimundi, Ingimer, Lioflike und Frilike sind bei der Rückkehr von der Bernsteininsel von Langobarden gefangen genommen worden. Bliksmani befreit sie widerwillig, bevor er sich den Römern anschließt. Agelhari unterwirft sich anschließend der gewaltigen Streitmacht des Tiberius. Während die Chauken sich endlich auf die letzte Etappe ihrer Heimreise machen, wird Bliksmani den römischen Reiter-Hilfstruppen zugeteilt. Diese stehen unter dem Kommando einiger cheruskischer Adliger, darunter Segimer. Der hat eine wahnwitzige Idee: Um seine eigene Stellung im Stamm zu festigen und von der Kampfkraft des »Blitzschleuderers« zu profitieren, will er Bliksmani adoptieren. Fortan soll Bliksmani »Arminius« heißen – im Anklang an seinen echten Namen »Armin«. Der erkennt schlagartig die schicksalhafte Bedeutung dieser Begegnung: Er ist der Arminius. All sein Wirken, sein Kampf und sein bisheriger Ruhm hatten ihn hierher geführt, um fortan von den Römern Taktiken und ihr Kriegshandwerk zu erlernen. Sein Weg war immer dazu bestimmt, der Freiheitskämpfer Arminius zu werden. Endlich weiß er, was er zu tun hat und welchen Weg er gehen muss. Währenddessen werden die Chauken im kriegszerrütteten Gebiet zwischen Weser und Elbe erneut angegriffen. Dieses Mal von Chatten, die auf Sklavenjagd im Norden unterwegs sind. Ihr Anführer Adgandestri will sie und viele weitere Gefangene nach Mogontiacum, eine Römerstadt im Süden, bringen, um sie dort auf dem Sklavenmarkt zu verkaufen. Doch Witandi und Frilike gelingt die Flucht. Sie folgen dem Sklaventreck fortan in sicherem Abstand, können aber für die anderen aus ihrer Sippe vorerst nichts tun. Der Legat Vinicius, in dessen Legion Arminius nun als Dekurio dient und der selbst jahrelang gegen die Chauken gekämpft hat und von der Kampfkraft der »Blitzschleuder« des Bliksmani weiß, stiehlt eine der Waffen und findet sogar heraus, wie sie funktioniert. In Mogontiacum kommt es zum Showdown. Vinicius will Arminius ausschalten und erhofft sich, mit Hilfe des Gewehrs höhere Ämter, vielleicht sogar die Kaiserwürde zu erlangen. Arminius wiederum findet durch Smeroling, einen windigen chaukischen Händler, den Witandi und Frilike vorher um Hilfe ersucht haben, heraus, dass sein Neffe in der Lagerstadt ist. Auch entdeckt er Ingimundi und die anderen Gefangenen bei den Chatten. Gemeinsam mit Witandi übersteht er einen Anschlag von Vinicius. Sie nehmen ihm die Waffe wieder ab. Im Angesicht des drohenden Todes beichtet Arminius schließlich, dass er in Wahrheit der Vater von Witandi ist, nicht der Onkel. Ihnen gelingt es, die anderen Familienmitglieder zu befreien und im Schutze der Dunkelheit auf einem Lastkahn auf dem Rhein aus Mogontiacum zu fliehen. Nach einer abenteuerlichen Rückreise, bei der sie nochmals angegriffen werden und Stromschnellen überwinden müssen, erreichen sie schließlich die Ems-Mündung. Nur noch das Friesenland trennt sie von ihrer ersehnten Heimat. Doch im Hafen treffen die alten Todfeinde Ingimundi und Thiodarvedi aufeinander. Seit dem Raub des Braunen Stiers durch die Chauken und dem anschließenden Krieg, den Thiodarvedi verlor, stehen die beiden sich unversöhnlich gegenüber. Es kommt zu einer handfesten Auseinandersetzung zwischen den Streithähnen und so landen sie schließlich vor einem römischen Tribunal. Der Richter, ein Legionslegat, bemüht sich um Gerechtigkeit und verfügt, dass Ingimundi die damals geraubten Rinder zurückgeben müsse. Außerdem sollen die beiden Familien ihre Fehde beenden, damit Frieden im Norden einkehrt. Dafür soll Ingimundis Tochter Lioflike einen der Söhne Thiodarvedis heiraten. Endlich können sie ins Chaukendorf zurückkehren. Witandi versöhnt sich mit Julia, die zwischenzeitlich Werthliko geheiratet hat und mit diesem und ihrem gemeinsamen Kind glücklich geworden ist. Zeitsprung ins Jahr 9: Arminius hat es weit gebracht in der römischen Legion. Er ist eingebürgert und sogar zum Ritter ernannt worden und nun ein hoch angesehener Offizier. Im Sommerlager an der Weser trifft er Vorkehrungen für den baldigen großen Aufstand. Unterdessen bekommen die Stämme die Härte der römischen Rechtsprechung brutal zu spüren. Im Chaukendorf wird Werthliko zu Tode gepeitscht, weil er seine Steuern nicht zahlen kann. Julia ist am Boden zerstört. Kurz darauf erscheint ein cheruskischer Reiter, der die Chauken aufruft, am großen Aufstand teilzunehmen. Unter dem Eindruck der Ereignisse schließen sich Witandi und einige weitere an. In der Gegenwart gräbt die Archäologie-Doktorandin Astrid Warrelmann eine uralte Kiste mit eng beschriebenen Papyrusrollen aus. Der Fund ist eine Sensation, stellt sich doch schnell heraus, dass die Notizen von einem Zeitreisenden stammen müssen, der um die Zeitenwende in Germanien gelebt hat. Es handelt sich um die Hinterlassenschaft von Witandi, der im hohen Alter seine Erlebnisse auf jene Papyri niederschreibt, die er einst von dem gestrandeten und verlassenen römischen Frachter in der Nordsee mitgenommen hat. Neue Schriftrollen Der Rhythmus der Trommel glich dem menschlichen Herzschlag. Betörend monoton stimulierte er Energien und Kräfte in Skadi Brock, wie sie es vor ihrer gemeinsamen Zeit mit Hravan nicht für möglich gehalten hätte. Entrückt und doch konzentriert sangen die vier Frauen die alten Lieder dazu. Mit Gesang konnten sie die Magie genauso hervorrufen wie mit einem geübten und starken Willen. Einem Hagedisenwillen. Ja, sie vermochten es mittlerweile sogar, die Magie in diese Welt hineinzulassen; zuerst langsam tröpfelnd, schließlich schnell fließend. Uralte, längst verloren gegangene Hagedisenkünste, gelehrt von der Chaukin Hravan, gelernt und ausgeführt von Skadi Brock und ihren Helferinnen. Die Macht jener Zauberinnen der alten Stämme lebte hier und heute fort. Skadi setzte erneut an, intonierte den leiernden, leisen Sprechgesang in jener ausgestorbenen Sprache – mit Worten, die sie nicht verstand, aber deren Klang sie in- und auswendig kannte. Die schleppende, seltsam klagende Melodie ließ sie stets aufs Neue erschaudern. Sie konnte ihre jahrtausendealte Tradition nur erahnen, doch die Macht, die in ihr lag, war beinahe greifbar. Die Luft schien zu flimmern, der Horizont zu verschwimmen, Geräusche erklangen gedämpfter. Sie befanden sich auf einem guten Weg – ja, einem sehr guten! Sie spürte, wie die Magie in diese Welt sickerte und ihre Kräfte verstärkte. Sie sang jetzt mit noch größerer Inbrunst, achtete dabei aber peinlich genau auf den Ablauf des Rituals. Ein leichter Windhauch kam auf und es wurde fast unmerklich wärmer. Plötzlich ließ jede ihrer Bewegungen die Luft um sie herum knistern. Beinahe konnte sie die funkenschlagende Energie strömen sehen. Penibel befolgte sie jede Anweisung, die sie von Hravan erhalten hatte. Das ganze Ritual folgte einer einstudierten Choreografie, die allerdings noch immer nicht perfekt saß. Eine der Frauen, Luna, hob plötzlich ihre Arme beschwörend gen Himmel – in einem gänzlich falschen Augenblick. Skadi blickte entsetzt zu ihr hinüber, genau wie die anderen beiden. Luna erkannte ihren Fehler sofort. Das sanfte Flimmern und Knistern verwandelte sich urplötzlich in ein bedrohliches, völlig übersteigert klingendes Kreischen. Ihr reich verzierter Stab, geschnitzt aus dem Holz einer an einer Flussquelle gewachsenen Eberesche, fiel klappernd auf die Pflastersteine. Zwischen den Frauen entstand wie aus dem Nichts ein kräftiger Sog, der sich um seine eigene Achse drehte und binnen Sekunden zur Höhe eines Hauses anschwoll. Ein bläuliches Glimmen rund um den steinernen Altar, den sie mitten auf dem Hof aufgebaut hatten und der die Himmelsscheibe barg, nahm Gestalt an. Kurz wurde es grün, verharrte einen Moment in einer eher rötlichen Nuance und erlosch dann fast vollständig wieder zu trübem Grau. Die Frauen sahen mit schreckgeweiteten Augen an dem Ungetüm hoch. Es zerrte und zog an ihnen, wirbelte bereits den ersten Staub und Blätter vom Boden auf. Lunas purpurfarbenes Batikkleid wirkte jetzt so aschfahl wie ihre Miene. Die energiegeladene Luft hatte ihre wolligen Locken wirr in alle Richtungen abstehen lassen, während ihr Mund immer noch wie von selbst den einstudierten Gesang intonierte. Aus dem winzigen, stetig weiter in sich zusammenfallenden Glimmen zuckte plötzlich eine Stichflamme zu ihr herüber. Luna schrie auf und stolperte einige Schritte zurück. Die Flamme wurde länger und länger, schien nach ihr zu greifen. Die Hagedise brach zusammen und der Sog sowie die Flamme mit ihr. Trockenes Laub und Dreck rieselten leise zu Boden. Skadi unterbrach das Ritual mit einem Gesichtsausdruck, aus dem Wut und blank liegende Nerven sprachen. »Verflucht! Bringen wir sie rein, na los! Bei der Muttergöttin – wenn wir so weitermachen, werden wir es nie rechtzeitig schaffen!« Sie blickte in den dämmernden Himmel, der sich im Westen zunehmend mit schwarzen Wolken verdüsterte. Schon fielen die ersten schweren Tropfen. Zu gern hätte sie Hravan zur Unterstützung hier gehabt. Lebhaft erinnerte sie sich an den Tag, als ihnen vor vielen Jahren die knorrige Thiokwala am Osterdeich direkt an der Weser in Bremen aufgefallen war. An jedem sonnigen Nachmittag entdeckten sie die alte Chaukin, die zerlumpt und ziellos zwischen den Sonnenhungrigen auf der grünen Wiese umherirrte. Skadi und die schottischstämmige Moira hatten damals einen kleinen Laden mit Esoterikartikeln, Räucherstäbchen und Runenamuletten betrieben und sich eine ausgedehnte Mittagspause gegönnt. Sie hielten die Alte zuerst für eine Bettlerin, aber ihre Kleidung, ihr seltsam verwittertes Aussehen und letztlich die mysteriösen Tätowierungen auf ihrer Haut hatten sie dazu verleitet, sie mitzunehmen. Was folgte, war an Unglaublichkeit kaum zu überbieten. Denn wie sich herausstellte, war sie eine Runenkundige aus einer längst vergessenen Vergangenheit. Und sie war in ihre Welt gekommen, um einen haarsträubenden Auftrag zu erfüllen. Sie hatten die Alte mit Nahrung versorgt, von ihr gelernt und sie zwischen Fahrenhorst und Bremen hin und her kutschiert, bis sie eines Tages einfach wieder verschwunden war. Doch Thiokwala hatte nachhaltig Eindruck auf die Frauen gemacht. In ihrer Zeit bei ihnen heilte sie Gebrechen durch Handauflegen, sah Dinge, die sie unmöglich wissen konnte, gab ihnen eine bislang ungeahnte Kraft und Energie. Und sie schnitzte ihnen Runenamulette, die nicht einfach nur aus einem Stück Holz mit einem Zeichen darauf bestanden. Ihre Amulette bewirkten etwas. In der Folge fingen sie an, sich mit Runenmagie zu beschäftigen, und sie erlernten ihre Herstellung von der alten Hagedise. Schon bald verkauften sie die Dinger wie verrückt in ihrem Laden, später auch im Internet. Nachdem sich die Wirkung der »Runenzeit«-Amulette herumgesprochen hatte, rissen sie ihnen die Leute fast aus der Hand. Und dann hatte plötzlich Hravan vor ihrer Tür gestanden – sie konnten ihr Glück kaum fassen. Auf Grundlage des von Thiokwala Gelernten bauten sie ihre Kenntnisse in der Runenmagie weiter aus. Sie fuhren mit ihr sogar in den Harz, um konzentriert und zurückgezogen alles zu lernen, was sie über Pflanzen, Steine, fließendes Wasser und die Geister wissen mussten. Und über die Runen. Viola und Luna stießen zu ihnen. Die vier genossen so etwas wie eine Ausbildung – nur dass nie zuvor jemand davon gehört hatte. Sie wurden zu Zaunreiterinnen, Wanderinnen zwischen den Welten, Beschwörerinnen der uralten Kräfte, die den Seelen aller Dinge innewohnten. Hagedisen. Hravans Ziel war klar: Ihr ging es darum, den Nadarwinna, den Schlangenkämpfer und Weltenretter aus der Zukunft, in ihre Welt zu holen. Dort sollte er das drohende Schicksal des Untergangs der letzten freien Stämme abwenden. Aus ihrer Sicht konnte es folglich nicht schaden, auch in der Welt des Nadarwinna ein paar Frauen ihres Schlages zu wissen. Aber das Schicksal der Stämme abzuändern entpuppte sich als äußerst schwierig. Allein der Nadarwinna reichte offenbar nicht aus, er brauchte auch Waffen, viele Waffen, um sich der Übermacht der gepanzerten und bis an die Zähne bewaffneten Soldaten aus dem Römischen Imperium erwehren zu können. Und er wurde von vielen Seiten bedroht, brauchte also Schutz. Zu der Zeit litt Moiras Bruder Malcolm, seit vielen Jahren in der französischen Fremdenlegion tätig und Berufssoldat durch und durch, an einem unheilbaren Hirntumor. Die Ärzte hatten ihn bereits aufgegeben, ihm blieben nur noch wenige Monate zu leben. In einem letzten Akt der Verzweiflung brachte Moira den hoffnungslosen Fall zu Hravan. Malcolm hatte jegliche Hoffnung verloren, betrank sich regelmäßig und verprasste sein Geld. Niemand glaubte mehr an seine Rettung. Doch Hravan gelang das Unmögliche: Nur mit Hilfe des kleinen krummen Zweiges einer Wildkirsche besprach sie ihn unermüdlich. Malcolm ging es von Sitzung zu Sitzung besser, der Tumor schrumpfte, seine Alkoholsucht heilte, bis er schließlich völlig wiederhergestellt war. Die Ärzte sprachen von einem unerklärlichen Wunder und wollten ihn zu diversen Untersuchungen bei renommierten Spezialisten in der ganzen Welt schicken, um diesen Fall intensiv zu beleuchten und zu dokumentieren. Doch Malcolm Whaley lehnte ab. Er wusste, wer ihn geheilt hatte, und das reichte ihm. Er schwor auf sein Leben, dass er nunmehr in der Schuld der alten Hagedise stünde und sie über ihn verfügen könne. Hravan ließ sich auch nicht lange bitten und nannte ihm sogleich ihren Preis. Er müsse eine Reise antreten, von der er wohl nie zurückkehren würde. Am Zielort sollte er die Leibgarde für einen einzelnen Mann sein, dessen Leben er beschützen müsse: Arminius. Whaley willigte ein und stellte keine Fragen. Seitdem hatte er sich vorbereitet, seinen Körper trainiert und gestählt, sich im Schwertkampf ausbilden lassen, Ausrüstung beschafft, Reiten gelernt, ein paar Männer seines Vertrauens rekrutiert, die ihn begleiten würden. Männer, die von dieser Welt nichts mehr außer Ärger zu erwarten hatten und dankbar eine letzte Chance annahmen. Fortan nannten sich die neuzeitlichen Hagedisen sowie die baldigen Leibgardisten des Arminius »Hagalianer«, nach der Schicksalsrune Hagalaz – war es doch das Schicksal selbst, das sie herausforderten. Sie alle bereiteten sich auf die kommende Tagundnachtgleiche vor, die kurz bevorstand. Zusammen packten die Frauen Luna an Armen und Beinen und brachten sie ins Innere des Haupthauses der alten Hofstelle. In einem der zahlreichen Zimmer legten sie die Bewusstlose vorsichtig auf ein Sofa. »Hol bitte Riechsalz, Moira«, bat Skadi. Die Angesprochene ging sogleich hinüber zu einem antiken Bauernschrank, der mit großzügigen handgeschnitzten Ornamenten reich verziert war, und öffnete eine kleinere Tür. Sofort entströmte ihr ein würzig- herber Duft nach Kräutern, Erde und Holz. Sie streckte den Arm aus und griff zielsicher zwischen Unmengen von kleinen Päckchen und Beuteln nach einem Fläschchen. Die zierliche Frau zählte bereits über vierzig Jahre, war dabei aber schlank und beweglich geblieben wie eine junge Katze. Der Wind hatte auch ihre dunklen Haare durcheinandergebracht, sodass diese jetzt wild abstanden und ihr ein etwas zerzaustes Aussehen gaben. Barfuß und in ihrem spitzenbesetzten schwarzen Kleid wirkte ihre zierliche Gestalt auf dem rauen Dielenboden vor dem riesigen Schrank ein wenig verloren. Noch auf dem Weg zurück öffnete Moira die Flasche. Leise murmelnd näherte sie sich Luna. »Ein andres kann ich, den Erdenkindern nützt es, die heilende Hand üben: Es scheucht Krankheit und die Schmerzen alle, heilt Wunden und Weh.« Daraufhin fing sie an, ein Lied zu singen, ebenfalls in jener uralten Sprache. Anschließend brauchte sie das Fläschchen bloß noch in die Nähe von Lunas Nase zu halten, da riss diese schon die Augen auf. Wild mit den Augenlidern flatternd, sah sie sich um. »Was … was ist passiert?« Sie schluckte mehrmals. »Es tut mir so leid. Ich … ich wollte nicht …« »Luna!«, unterbrach Skadi das Gestammel. »Was sollte das? Ich hatte die dritte Strophe erst begonnen. Konzentrier dich gefälligst beim nächsten Mal, sonst schaffen wir es nie!« Die Angesprochene senkte schuldbewusst den Blick. Dies war nicht ihr erster Fehler. Eigentlich scheiterte das Ritual sogar die meiste Zeit an ihr und bis zur Herbst-Tagundnachtgleiche war es nicht mehr lang. Skadi seufzte und nahm ihre Hand. »Geht es dir denn wieder besser?« Luna nickte und setzte sich ein Stück weit auf. »Es tut mir leid. Meine Gedanken sind kurz abgeschweift. Ich bin einfach fertig, weißt du? Seit Wochen proben wir dieses Ritual und haben trotzdem noch nie mehr als diese kleine blaugrüne Flamme gesehen. Bist du sicher, dass es überhaupt funktionieren kann?« Skadi seufzte und lächelte mild. Sie sah erst Luna an, dann die anderen beiden. »Erinnert euch an die Worte der großen Hravan: ›Magie ist wie die rauschenden Blätter an einem Baum. Es braucht Wind dafür.‹ Wir sind der Wind! Um wehen zu können, brauchen wir jedoch Übung. Viel Übung. Außerdem werden wir das wahre Feuer erst sehen, wenn die Tagundnachtgleiche gekommen ist. Nur dann wird es richtig funktionieren. Was sagte Hravan? Das Tor zwischen den Welten sei bereits vor zweitausend Jahren beschworen worden und niemand hat es je geschlossen. Also ist es überall dort, wo die Scheibe ist. Wir müssen das Ritual bloß ausführen, um es sichtbar zu machen und durchgehen zu können. Genügend Energie dafür gibt es nun mal nur diese zwei Mal im Jahr zu den Tagundnachtgleichen. So hat sie es uns doch erklärt, oder nicht?« Fragend sah Skadi eine nach der anderen an. »Sie sagte uns außerdem, dass wir es vergleichsweise leicht hätten. Das Tor überhaupt zu öffnen, das war der wirklich schwierige Teil. Blut und Opfer haben sie erbracht. Davon bleiben wir verschont. Alles, was wir tun müssen, ist, die Energie im exakt richtigen Moment zu beschwören. Wir werden nur diese eine Chance bekommen, sonst liegt ein weiteres halbes Jahr Wartezeit vor uns. Deshalb muss unser Ritual perfekt sein. Die ganze Arbeit war umsonst, wenn es uns nicht gelingt, Malcolm und die anderen punktgenau ins Jahr 9 zu schicken.« Moira warf Skadi einen zweifelnden Blick zu. »Aber selbst Hravan hat es nicht geschafft, Leon und Armin Hollerbeck beim zweiten Feuerritual ins richtige Jahr zu bringen. Wie sollen wir das dann schaffen?« Ein leichtes Zittern überlief sie jetzt, woraufhin sie heftig nieste. Skadi blickte sie entsetzt an. Krankheitsbedingte Ausfälle waren das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnte. »In Ordnung, wir machen eine Pause. Wärmt euch auf, trinkt einen heißen Tee. Wir treffen uns gleich noch mal am Altar. Und ab morgen liegen draußen ein paar Matten aus. Oder du ziehst dir Schuhe an, Moira. Und was Hravan angeht: Vergesst nicht die Situation, in der sie sich damals befand. Armin Hollerbeck wollte alles in die Luft jagen, anschließend der Kampf zwischen ihm und Leon. Beide sind praktisch erst in letzter Sekunde durch das Feuer gegangen, die ganze Lage war unüberschaubar.« »Ich hole die Scheibe herein«, brach Viola jetzt erstmals ihr Schweigen. »Und Lunas Stab.« Skadi nickte und sah der düsteren, stets mürrisch dreinblickenden Frau hinterher. Viola war die Älteste von ihnen und ebenso verbissen von der Sache überzeugt wie Skadi. Sie würde buchstäblich über Leichen gehen, um ihre Mission erfüllt zu sehen: den feigen Mord an Arminius im Jahr 21 zu verhindern und so seine Vision eines großgermanischen Imperiums wahr werden zu lassen. Keine Romanisierung und folglich keine Christianisierung des Abendlandes. Der Fortbestand der alten Religion, der alten Sitten und Bräuche, der alten Kultur. Die Himmelsscheibe unbewacht draußen zu lassen, war tatsächlich viel zu riskant. All ihre Anstrengungen wären umsonst, würde ihnen das Artefakt gestohlen. »Dass Hravan es bei dem Durcheinander damals überhaupt geschafft und die beiden nicht versehentlich ins Mittelalter geschickt hat, ist wirklich mehr als erstaunlich«, sagte Moira augenzwinkernd, während sie Luna eine Decke um die Schultern legte. »Es zeigt, wie mächtig sie ist. Deswegen habe ich auch Vertrauen, dass wir es schaffen können. Natürlich nur, wenn wir uns bemühen!« Skadi warf Luna einen weiteren strengen Blick zu. »Eine Lehrmeisterin wie sie ist ein Wink der Götter. Wir dürfen es nicht vermasseln! Wir sind auserwählt. Das Leben des Nadarwinna hängt von uns ab. Der Kampf gegen die römischen Eindringlinge ist noch nicht verloren. Hier und heute, mehr als zweitausend Jahre später, fechten wir ihn immer noch aus.« »Wenn es Malcolm gelingt, die restlichen Schriftrollen zu besorgen, wissen wir mehr«, bemerkte Moira. Schwungvoll schleuderte sie die Haare zurück und bleckte die Zähne. »Wir könnten sie analysieren und Malcolm sowie den anderen ganz genau sagen, was sie erwartet. Sicherlich enthalten sie auch Hinweise auf Arminius’ Mörder.« »Ja, davon können wir ausgehen«, bestätigte Skadi. »Der gute Leon hat die Dinge so penibel dokumentiert, dass alles andere schon ein verfluchtes Pech wäre.« Sie seufzte. »Allerdings ist die Zeit so knapp, dass kaum noch Hoffnung besteht. In fünf Tagen ist die Tagundnachtgleiche. Wir sind längst noch nicht gut genug für das Ritual, haben viel zu üben. Selbst wenn es Malcolm heute gelingt, die Schriftrollen zu entwenden, bleibt uns zu wenig Zeit, sie zu studieren und einen Plan zu entwickeln. Malcolm muss jetzt in die Vergangenheit geschickt werden! Vielleicht können wir im Frühling noch jemanden hinterherschicken mit weiteren Informationen. Aber falls einem von uns etwas zustoßen sollte … Nein, es ist einfach zu riskant. Wir dürfen nicht warten! Alles könnte umsonst sein, wenn wir diese Chance nicht nutzen. Die Scheibe könnte gestohlen werden oder einer Katastrophe zum Opfer fallen. Malcolm und seine Leute sind ausgebildet und bis an die Zähne bewaffnet. Je früher wir sie losschicken, um Arminius gegen seine Feinde zu beschützen, desto besser.« Skadi half Luna auf. »Geht es?«, fragte sie mitfühlend. Noch etwas wackelig auf den Beinen machte Luna ein paar Schritte. »Ich denke schon. Lasst uns zum Altar gehen.« Die drei Frauen folgten Skadi auf den Flur hinaus. Vor einer doppelflügeligen dunklen Holztür blieben sie stehen. Auf einem kleinen Vorsprung stand ein Schälchen mit Wasser, das einen frischen Duft nach Melisse und Lavendel verströmte. Alle drei tauchten ihre Hände kurz hinein und wuschen sich. Danach öffnete Skadi die Tür zum Altarraum. Dieses war im Grunde bloß ein großes leeres Zimmer, an dessen Kopfende die lebensgroße steinerne Statue eines Stammeskriegers emporragte. Mit der linken Hand umklammerte die Figur Schild und Speer, mit der rechten ein Gewehr. Auf dem Schild war ein Hirsch abgebildet. Ein breites Stirnband hielt ihm die sorgfältig modellierten langen Haare aus dem verwegen und grimmig blickenden Gesicht. Der Oberkörper war von einem Kettenhemd bedeckt, unter dem ein hemdartiger Kittel bis zu den Oberschenkeln hinabreichte. Enge Hosen umschlossen die kräftigen Beine und endeten in etwa kniehohen Schaftstiefeln. Ein wehender Umhang umhüllte ihn und ließ Tatkraft erkennen. Auf dem Sockel war in großen Lettern eine Inschrift zu lesen: »Einer ragte durch den Ruhm seiner Taten über alle hinaus. Er verteidigte die unterdrückte Freiheit vor den Eindringlingen. Er starb, den Auseinandersetzungen derer geopfert, die ihn beschützen sollten. Die bedeutende Zierde der Cherusker – Arminius« Die drei Frauen knieten sich auf den hölzernen Dielenboden, der bei jeder ihrer Bewegungen knarrte. Sie beugten ihre Köpfe vor der Statue und fingen leise, jede für sich, an zu beten. Plötzlich rumpelte es in der Diele, als eine Tür aufgestoßen wurde. Sie unterbrachen ihr Gebet und schauten auf. Wenige Augenblicke später stand Viola im Türrahmen des Altarraums, leicht außer Atem, mit ernstem Gesichtsausdruck. Sie war bis auf die Haut durchnässt, hielt aber die Himmelsscheibe unter ihrem Arm und fest an ihren Körper gepresst. Respektvoll wartete sie ab, bis Skadi, Luna und Moira sich erhoben hatten. »Ich glaube, Malcolm kommt zurück«, sagte sie. »Ich habe Scheinwerferlicht in der Einfahrt gesehen.« »Wir sollten ihm entgegengehen«, beschloss Skadi. »Ich hoffe, er hatte Erfolg.« Skadi wandte sich ein letztes Mal der Arminius-Statue zu, dann verließen sie alle den Raum. Ihre Aufgabe würde um so vieles leichter sein, wenn sie sich mit Hilfe der Schriftrollen zumindest ein wenig vorbereiten konnten. Der Regen hämmerte so stark an die Scheiben des Archäologischen Instituts der Universität Bremen, dass Astrid das Klingeln des Bürotelefons zuerst gar nicht wahrnahm. Ehrfürchtig beobachtete sie den »Weltuntergang« vor dem Fenster und war schlicht dankbar dafür, dass sie hier drin geschützt war. Lediglich aus dem Augenwinkel nahm sie das rote Blinken auf dem Apparat wahr. Eilig griff sie nach dem Hörer. »Doktor Astrid Warrelmann«, meldete sie sich. »Steinhauer hier. Hallo, Frau Doktor. Ich wollte Ihnen nur Bescheid geben, dass die ersten Scans jetzt zur Verfügung stehen. Sie finden sie auf dem Server im Projektordner, wie vereinbart. Wir werden ab sofort täglich weitere hinzufügen. Ich glaube, wir können sagen, dass die neue Technik ein voller Erfolg ist.« Astrids Herz machte einen Sprung. Endlich! Sie ballte ihre freie Hand zu einer Faust und stieß einen lautlosen Freudenschrei aus. Es war geschafft! Jahre waren vergangen, seit die Erlebnisse des Leon Hollerbeck für Wirbel gesorgt und Historiker wie Archäologen in einen wahren Freudentaumel, gar Forscherrausch gestürzt hatten. Natürlich hatte es auch jede Menge Zweifler und Kritiker gegeben, die einen ausgewachsenen wissenschaftlichen Disput auslösten. Fundierte Beweise, die gegen die Echtheit der Dokumente, der Patrone und der gefundenen Truhe sprachen, konnten diese Zweifler jedoch bis heute nicht liefern. Astrid hatte die Entzifferung der Papyrusrollen in der folgenden Zeit in systematischen Untersuchungen und Fachartikeln aufgearbeitet und mit ihrer Hilfe gar promoviert. Schließlich goss sie die »Hollerbeck-Schriftrollen«, wie die Presse sie bezeichnete, sogar in Romanform und veröffentlichte sie mit beachtlichem Erfolg. Leons sehr persönliche Erfahrungen hatte sie dabei um Ereignisse vervollständigt, die sich ohne seine eigene Beteiligung abspielten. Diese Ergänzungen hatten ihr zwar einige Kritik eingebracht, doch aus ihrer Sicht war es notwendig gewesen, um die Handlungsweise der Römer, des Arminius oder anderer besser zu erklären. Insbesondere konnte sie so aber auch die faderen und teilweise sehr sachlichen Passagen aus seinen Notizen verarbeiten. Gleichwohl war immer ein Wermutstropfen geblieben: Nur etwa die Hälfte der Schriftrollen war mit den bis vor Kurzem zur Verfügung stehenden technischen Mitteln lesbar gewesen. Seitdem hatten digitale Analysegeräte jedoch einen beträchtlichen Fortschritt gemacht, sodass es Archäologen weltweit mittlerweile möglich war, antike Papyrusfragmente zu entziffern, die bislang als nicht entzifferbar galten. Diese neuen Bildbearbeitungs- und Scan-Methoden entpuppten sich als wahres Wunderwerk der Technik. Die Forschergruppe unter Astrids Leitung konnte nun endlich sogar die Schriftzeichen auf komplett verklumpten und verklebten Seiten lesen. »Hervorragend, Herr Steinhauer! Ich werde mich gleich einloggen und die Texte analysieren. Wie hoch ist die Lesbarkeitsquote bisher?« »Ich würde sagen, annähernd neunzig Prozent. Hier und da fehlt mal ein Wort, aber ich denke, wir werden die ›Hollerbeck-Schriftrollen‹ trotzdem vollständig entziffern können. Mit einer Pressemeldung sollten wir aber noch warten.« »Verstehe. Ich gehe davon aus, dass Sie die richtige Reihenfolge bei der Entschlüsselung eingehalten haben?« »Natürlich, Doktor Warrelmann. Der Autor war zum Glück klug genug, jedes einzelne Blatt zu nummerieren. Mit der neuen Scan-Technik sind auch diese Ziffern sichtbar geworden – zwar nur als äußerst schwache Schatten am unteren Rand der Rollen, aber immerhin. Die Dokumente folgen direkt auf jene, die Sie vor Jahren bereits mit der alten Methode analysiert haben. Es geht also praktisch nahtlos weiter.« Ein erfreutes Lächeln umspielte Astrids Mund. »Ausgezeichnet. Sind die Daten verschlüsselt?« »Ja. Wir haben dafür erstmals ein 256-Bit-Verfahren eingesetzt. Damit sind sie sicher und vor unbefugten Blicken geschützt.« »Gut. Sie wissen, dass es in jüngster Zeit einige auffällige Vorkommnisse gab. Offenbar ist jemand hinter diesen Schriftrollen her. Ich verlange von allen im Team höchste Diskretion, was unseren Projektfortschritt angeht, sowie die Einhaltung sämtlicher Sicherheitsvorschriften.« »Selbstverständlich.« »Halten Sie mich bezüglich der Entzifferung auf dem Laufenden. Sobald ein neues Dokument auf dem Laufwerk zur Verfügung steht, möchte ich informiert werden.« »Wird erledigt.« Astrid beendete das Gespräch. Ihr Herz klopfte. Sie konnte es kaum erwarten, endlich weitere dieser zweitausend Jahre alten Schriftrollen zu lesen. Sie hatte lange nicht damit gerechnet, dass es überhaupt jemals möglich sein würde. Was sie wohl dieses Mal enthielten? Welche Geheimnisse bargen sie? Gab es gar einen Bericht über die Varusschlacht? Jenes geschichtsträchtige Ereignis, das die Römer auf Jahre hinaus zwang, hinter der Rheinlinie zu verharren und ihre imperialen Expansionspläne auf Eis zu legen. Welch ein Schatz für die Wissenschaft das wäre! So viele ungelöste Fragen rankten sich um diese folgenschwere Schlacht und die Zeit danach. Es war allerdings äußerst wichtig, dass niemand von der Entzifferung weiterer Rollen bereits zu diesem frühen Zeitpunkt erfuhr. Sie hatte absolut kein Interesse an dem zu erwartenden Medienaufruhr, sollten neue Details über den Zeitreisenden Leon Hollerbeck ans Tageslicht kommen. Ihre Arbeit würde praktisch unmöglich werden – und den Ruhm wollte sie natürlich auch für sich. Die Hysterie, welche die »Hollerbeck-Schriftrollen« vor Jahren ausgelöst hatten, war unbeschreiblich gewesen. Sie hatte zeitweise um ihr Leben gefürchtet. Unzählige Verrückte wollten es Hollerbeck nachtun, in die Zukunft, die Vergangenheit oder sonst wohin entfliehen. Sie wurde im Institut und zu Hause belagert, sollte das Geheimnis der Zeitreisen preisgeben. Bis heute schlief sie schlecht und hatte panische Angst davor, jemand würde sie eines Tages entführen. Das Haus in Fahrenhorst musste von einer Sicherheitsfirma bewacht werden, um Heerscharen von Irren davon abzuhalten, nach der Bronzescheibe zu suchen. Soweit sie wusste, war diese sowieso längst verschwunden, offiziell galt sie jedenfalls als verschollen. Die Frauen von »Runenzeit«, dem Online-Händler, der die Runenamulette vertrieben hatte, erwischte es noch härter. Insbesondere die Geschäftsführerin Skadi Brock hatte über Monate mit Hravan, der Chauken-Hagedise, zusammengelebt. Das machte sie nach dem Bekanntwerden der Schriftrollen zu so etwas wie einem Star. Unzählige Zeitungsinterviews bis hin zu Auftritten im Fernsehen folgten. Schließlich wurde es irgendwann wieder ruhiger um sie. Doch ihre Runenamulette waren bis heute ein Verkaufsschlager. Sie hatte sicherlich ein hübsches Sümmchen damit verdient. Soweit Astrid wusste, lebte sie seit einigen Jahren sehr zurückgezogen auf einem abgeschirmten und bewachten Landsitz südlich von Bremen. Ein Klatschblatt hatte vor nicht allzu langer Zeit berichtet, dass Brock mit dem ganzen Rummel nicht zurechtgekommen und übergeschnappt sei. Dass sie eine Sekte mit dem Namen »Hagalianer« gegründet habe und plane, der Chaukenzauberin Hravan in die Vergangenheit zu folgen. Astrid konnte über solch absurde Pläne nur den Kopf schütteln. Als Brock noch mit den Medien sprach, hatte sie viel über Arminius’ Schicksal schwadroniert. Wie tragisch dessen Tod gewesen sei. Welch andere Wege Europas Geschichte genommen hätte, wären seine Ambitionen damals von Erfolg gekrönt gewesen. Ja, sie hatte sogar davon gesprochen, dass die beiden Weltkriege hätten verhindert werden können, wenn es Arminius gelungen wäre, die Stämme zu vereinen. Ein alternativer Geschichtsverlauf ohne die Einflüsse der griechisch-römischen Antike auf die Kultur und Lebensweise der Völker Nordeuropas, keine christliche Missionierung und die darauf folgenden unzähligen Glaubenskriege des Mittelalters und der Neuzeit bis hin zu den nationalistischen Gewaltexzessen des 20. Jahrhunderts. Wie genau Arminius’ Sieg dies alles verhindert hätte, ließ Brock natürlich stets im Dunkeln. Genau solche Verrückte waren es, die Astrid viel zu lange Angst eingejagt hatten und die auf keinen Fall frühzeitig etwas von den aktuellen Entwicklungen erfahren durften. Sie würden alle durchdrehen, nicht nur diese Hagalianer. Es gab noch viele ähnliche Gruppierungen und Irre dort draußen, die das Geheimnis der Zeitreisen jagten und die Gegenwart beeinflussen wollten, indem sie die Vergangenheit veränderten. Was natürlich unmöglich war … Eine Wiederholung der Ereignisse musste Astrid unbedingt verhindern. Sie hatten beinahe ihr Leben ruiniert. Als Folge davon hatte sie psychologische Betreuung in Anspruch nehmen müssen, um sich überhaupt noch bei Dunkelheit auf die Straße zu trauen. Eine Zeit lang war es so schlimm, dass sie bei jedem Klingeln des Telefons bereits einen kleinen Schweißausbruch und Angstzustände bekommen hatte. Sie war verfolgt und bedroht worden. Irgendwann beruhigte sich die Situation zum Glück von selbst. Sie erinnerte sich nicht gern an diese Zeit zurück. Astrid setzte sich an ihren Schreibtisch und öffnete mit einigen Mausklicks das Projektlaufwerk auf dem gesicherten Server. Eine Eingabeaufforderung erschien auf dem Monitor. Bedächtig, um sich nicht zu vertippen und die Sichtung der ersten Dokumente zu verzögern, gab sie ihre User-ID und ihr Passwort ein. Von draußen prasselte der Regen fortwährend wütend an die Scheibe. Es war mittlerweile dunkel geworden. Der Sommer neigte sich dem Ende entgegen und herbstliche Temperaturen hielten bereits Einzug. Das Septemberwetter zeigte sich bisher von seiner scheußlichsten Seite. Da sie in den nächsten Monaten jedoch wahnsinnig viel Arbeit erwartete, legte Astrid auch keinen großen Wert darauf, dass sich dies änderte. Allerdings empfand sie das Trommelfeuer der Tropfen auf dem Glas als ziemlich störend. Wie sollte sie sich dabei bloß konzentrieren? Während der Rechner ihre Login-Daten verarbeitete, warf sie einen genervten Blick zum Fenster. Gedankenverloren betrachtete sie die Silhouetten der Büsche und Bäume und den wenige Meter dahinter liegenden Sicherheitszaun. Wie lange ich wohl dieses Mal für die Sichtung und Analyse der Unterlagen brauche?, überlegte sie. Sechs Monate? Ein Jahr? Wird es für meine Habilitation reichen? Sie spielte seit einiger Zeit bereits mit dem Gedanken einer Professur. Und wenn ich diesen Schritt gegangen bin, könnte ich später weitere Bücher mit Leons Geschichte füllen. Lächelnd lehnte sie sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Gute Aussichten für ein Mädchen aus einfachem Hause. Sehr gute sogar. Doch plötzlich erstarrte sie. Konzentriert kniff sie die Augen zusammen und stierte in die Dunkelheit. Das dort hinten ähnelte verdammt stark einem … einem dunklen Umriss. Nein, eher einem faden Schatten. Dem eines … Mannes?! Direkt neben einem großen Strauch, ganz nahe am Zaun. Sie riss die Augen kurz auf, erkannte nun aber noch weniger, also veränderte sie leicht ihre Haltung und schirmte ihren Blick gegen das grelle Bürolicht ab. Alarmiert versuchte sie zu erkennen, ob es sich um eine Sinnestäuschung handelte. Leider nein. Jemand stand regungslos dort, mitten in diesem fürchterlichen Regen. Er trug einen breitkrempigen Hut und einen langen Regenmantel. Und er hatte sich eindeutig ihrem Fenster zugewandt! Sie sprang auf. Wie konnte das sein? Das Forschungsinstitut wurde von jeder erdenklichen Sicherheitsanlage beschützt, die für Geld zu haben war; von einer hohen Mauer bis zur Videoüberwachung und einem Sicherheitsdienst war alles dabei! Und trotzdem stand jemand dort, keine fünf Meter von ihrem Fenster entfernt, und beobachtete sie! Sie sah, wie die Gestalt die Arme senkte. Offenbar hatte sie sich etwas vor die Augen gehalten. Panik stieg in Astrid auf. Vielleicht ein hochauflösendes digitales Fernglas mit Restlichtverstärker? Um die Eingabe ihrer User-ID und des Passwortes aufzuzeichnen? Sie stöhnte leise und tauchte im selben Moment unter die Kante ihres Schreibtisches ab. Angst legte sich zentnerschwer auf sie. Von einer Sekunde auf die andere fiel ihr das Atmen unendlich schwer. Was, wenn dieser … dieser Kerl herkommt? Zum Fenster?, dachte sie panisch. Was, wenn er es einschlägt und mich angreift? Jetzt zitterten ihre Hände. Ging es um die Schriftrollen? Weiß jemand, dass sie schon lesbar sind? Aber wie? Ich muss hier weg! Sie sah sich um. Bis zur Tür waren es eigentlich nur fünf oder sechs große Schritte, doch die Entfernung erschien ihr in diesem Moment so unendlich groß. Sie war wie gelähmt. Und mit einem Mal waren die alten Ängste wieder da. Bis eben hatte sie sich noch ausgemalt, wie sie diese neue zu erwartende wissenschaftliche Sensation am besten für sich ausschlachten könnte und hatte dabei völlig ausgeblendet, was die Kehrseite der Medaille war. Nun, diese wurde ihr jetzt schlagartig wieder bewusst. Lauter Verrückte leckten sich die Finger nach diesen Schriftrollen. Was, wenn die sie entführten oder gar umbrachten? Sie zitterte. Dennoch – sie musste etwas tun! Astrid atmete tief durch und schob ihren Arm auf die Schreibtischplatte, allerdings ohne den Kopf anzuheben. Sie tastete nach dem Telefon. Währenddessen sah sie sich erneut um. Was, wenn sie aufsprang und der Kerl bereits vor dem Fenster stand? Sie würde vor Schreck tot umkippen. Nein, ausgeschlossen! Am besten blieb sie unter dem massiven Schreibtisch hocken und rief den Sicherheitsdienst. Hektisch tastete sie die Tischplatte ab. Papiere, noch mehr Papiere, Bücher, ein Locher, Bleistift, Tastatur, Maus. Sie streckte sich noch weiter. Das Telefon musste doch irgendwo dort liegen! Sie hörte ein Schaben und Kratzen am Fenster. Jemand machte sich daran zu schaffen. Nein! Das darf doch alles nicht wahr sein! Ich will noch nicht sterben! Wo ist bloß dieser verfluchte Sicherheitsdienst? Der Regen prasselte mit unverminderter Stärke an die Scheibe. Astrid nahm all ihren Mut zusammen und streckte sich, so weit es nur ging. Das Telefon! Endlich! Rasch zog sie ihren Arm zurück, die Finger fest um das Gerät geklammert. Ein Schlag gegen das Fenster ließ sie zusammenzucken. Erneut durchfuhr sie ein eisiger Schreck. Der Verrückte dort draußen war drauf und dran, die Scheibe einzuschlagen! Mit zitternden Fingern wählte sie die Nummer des Sicherheitsdienstes. Krachend zersprang das Fensterglas und regnete auf ihren Schreibtisch. Einige Stücke fielen durch die Lücke zwischen Wand und Tisch und an ihrem Kopf vorbei auf den Boden. Astrid entfuhr ein entsetzter Aufschrei. Sie ließ das Telefon fallen. Wind und Regen erfüllten von einer Sekunde auf die andere ihr Büro und wehten die Papiere durcheinander. Im nächsten Augenblick hörte sie schwere Schuhe direkt über sich auf der Tischplatte, als der Kerl offenbar ins Zimmer kletterte. Panisch kroch sie noch weiter unter den Schreibtisch, kauerte sich ganz dicht an die Wand. Sie wagte kaum zu atmen. Inständig hoffte sie, dass er sie nicht finden würde – was natürlich grotesk albern in diesem kleinen Raum war. Abgesehen davon hatte er sie ja die ganze Zeit von draußen beobachtet und musste folglich gesehen haben, wie sie unter den Schreibtisch gekrochen war. Ist denn keiner mehr hier, der den Lärm hört?, dachte sie verzweifelt. So spät ist es doch noch gar nicht, oder? Tränen stiegen ihr in die Augen, während die plötzlich hereinströmende kühle Luft sie erschaudern ließ. Der Kerl schwang sich vom Tisch herunter und stand eine Sekunde später vor ihr. Er bückte sich zu ihr herunter. »Kommen Sie da raus!«, fuhr er sie barsch an. »Ich habe keine Zeit für Versteckspielchen. Los, los!« Sein Akzent fiel ihr als Erstes auf. Eindeutig ausländisch, vielleicht britisch, dachte sie, während sie zitternd weiter unter dem Tisch verharrte. Eine seiner kräftigen Hände fuhr nach vorne und packte sie am Handgelenk. Sie schrie laut auf. Der Kerl schleuderte im selben Augenblick seinen breitkrempigen Hut auf den Boden und stierte sie aus böse funkelnden, verengten stahlblauen Augen an. »Wenn Sie noch mal schreien, stopfe ich Ihnen das Maul, verstanden?« Eine Wasserlache bildete sich rings um seine Schuhe, während er sich eilig umschaute. Astrid überkam völlig abwegiger Zorn, weil dieser Kerl derart in ihre Privatsphäre eingedrungen war, sie bedrohte, ihre Ordnung durcheinanderbrachte und nebenbei auch noch das gesamte Büro einsaute. Sie würde tagelang nicht arbeiten können! Wirre Gedanken, geboren aus der Angst, die sie weiterhin fest umklammerte. »Was … was wollen Sie?«, fragte sie zaghaft, während er sie wie einen Wurm aus seinem Loch unter ihrem Schreibtisch hervorzog. Der Kerl war groß, sehr groß sogar. Und kräftig. Ein wahrer Schrank, mit breiten Schultern und kahl rasiertem Kopf. Sein glattes Gesicht war braun gebrannt und mehrere kleine Narben auf Stirn und Jochbein sowie sein leicht schief stehendes Nasenbein kündeten davon, dass er wahrscheinlich kein Mann der Diplomatie war, sondern eher ein Straßenschläger oder von einem Sicherheitsdienst mit zweifelhaftem Ruf. »Was glauben Sie, Frau Doktor, hm?« Kurz zeigte er eine Reihe strahlend weißer Zähne. »Ich weiß, welchen Fortschritt Sie aktuell in Ihrem Projekt gemacht haben. Ich will die Ergebnisse! Jetzt! Sofort! Alle! Ohne viel Gerede. Tun Sie es, geben Sie mir die Scans!« Vor Astrids Augen drehte sich alles. Wie kann dieser Kerl davon wissen? Sie hatte doch selbst gerade erst erfahren, dass die Daten zur Verfügung standen. Er muss einen Informanten im Labor haben. »Ich kann Ihnen doch nicht …« Seine Hand zuckte ohne viel Federlesens vor und verpasste ihr eine schallende Ohrfeige. »Oh doch, Frau Warrelmann. Sie werden! Habe ich mich nicht klar ausgedrückt?« Verstört hielt Astrid sich die brennende Wange. Diese Aussprache! Er war eindeutig von den Inseln. Vielleicht Schotte. Kein Amerikaner, dafür rollte er das R nicht stark genug. Oder Ire? Was spielte das überhaupt für eine Rolle? »Sie verstehen nicht …«, presste sie hervor. Am liebsten wäre sie schluchzend zusammengebrochen und hätte sich ihren eigenen Laborkittel über den Kopf gezogen. »Es sind erst einige der Schriftrollen entziffert. Sie sind falsch informiert. Es wird noch dauern, bis alle …« Das Telefon klingelte. Gleichzeitig wandten beide suchend ihre Köpfe. Das Klingeln kam von unter dem Schreibtisch. »Der Sicherheitsdienst«, flüsterte er. »Wie lange brauchen die?« Astrid zuckte die Achseln. Hoffnung keimte in ihr auf. Vielleicht verschwand der Kerl einfach in die Nacht hinaus und alles wäre nur halb so schlimm? »Ich weiß es nicht. Ein paar Minuten. Die sind schnell.« Im nächsten Moment hielt der Mann einen USB-Stick in der Hand und schob ihn in die entsprechende Schnittstelle am Rechner. »Sie rühren sich nicht von der Stelle!«, knurrte er Astrid überflüssigerweise an. Sie war ohnehin starr vor Schreck. »Sind das die Dateien?«, fragte er dann und zeigte auf den Ordner, den sie gerade erst geöffnet hatte, bevor sie unter den Schreibtisch geglitten war, statt aus dem Büro zu fliehen. Sie verfluchte sich jetzt für ihre Feigheit. Langsam nickte sie. »Wie gesagt, es sind nur die ersten paar Rollen. Sie werden nichts damit anf…« »Klappe halten!«, fauchte er und kopierte eilig die Daten. Ein kleines Fenster erschien, das den Kopierfortschritt anzeigte. Der Mann stand derweil wie ein Raubtier da, jederzeit bereit, sich gegen einen eintretenden Sicherheitsmann zu wehren. Das Klingeln des Telefons hielt immer noch an, verstummte in diesem Moment aber. Weitere halb durchnässte Notizen und Ausdrucke wichtiger E-Mails wehten durch das Büro. Der Fortschrittsbalken auf dem Bildschirm näherte sich nur langsam dem Ende. Astrid beobachtete den Mann aus den Augenwinkeln, denn sie hielt ihren Kopf ängstlich gesenkt. Trotzdem hatte sie jede Menge Zeit, sich das Aussehen des Kerls genau einzuprägen. Warum legte er keinen Wert darauf, unerkannt zu bleiben? Sie verstand es nicht. Inbrünstig betete sie erneut, dass er sie nicht umbrachte. Geräusche ertönten draußen auf dem Gang. Unbeeindruckt davon wartete der Mann, bis die Kopie abgeschlossen war. Anschließend zog er den Datenträger heraus und verstaute ihn in einer Tasche unter seinem dunkelgrünen Regenmantel. Er nickte zufrieden, griff nach seinem Hut und schwang sich auf den Schreibtisch. Plötzlich hielt er noch einmal inne. Astrid beobachtete ihn atemlos, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Blitzschnell markierte er mit der Maus alle bereits entschlüsselten Dokumente auf dem Serverlaufwerk und drückte die Löschen-Taste. Eine Fehlermeldung erschien: »Fehlende Berechtigung für diese Aktion«. Der Mann seufzte leise, zuckte aber die Achseln. »Ihr werdet uns trotzdem nicht aufhalten«, zischte er. Dann, eher zu sich selbst murmelnd als an Astrid gewandt: »Wir gehen durchs Feuer, oh ja, das werden wir!« Anschließend verschwand er, so wie er gekommen war, durch das Fenster in die verregnete Nacht. Nahezu zeitgleich öffnete sich die Tür zu Astrids Büro. Ein rundlicher Sicherheitsmann mit einem Telefon in der Hand stand auf der Schwelle und starrte mit aufgerissenen Augen abwechselnd Astrid, das zerstörte Fenster und das Chaos im Zimmer an. »Ach du liebe Güte! Was ist denn hier passiert?«, flüsterte er. Mit weichen Knien rutschte Astrid an der Wand hinab zu Boden. Er eilte zu ihr und schaffte es gleichzeitig, sein Funkgerät zu zücken, einen Alarm zur Zentrale abzusetzen und sie festzuhalten. »Warum hat das so lange gedauert?«, keuchte sie. Der Sicherheitsmann betrachtete eingehend das Fenster und schüttelte empört den Kopf. »Einbruch in Trakt A«, funkte er. »Ruft sofort die Polizei! Und schickt einen Krankenwagen für Doktor Warrelmann!« »Mir fehlt nichts«, schnaubte Astrid und versuchte sich wieder aufzurappeln. Ärgerlich musterte sie den Mann dabei und las sein Namensschild. »Also, Herr Brüning?« »Das eingeschlagene Fenster löste vor«, er sah kurz auf seine Armbanduhr, »exakt vier Minuten den Alarm aus. Ich bin sofort hierher geeilt.« Erstaunt blickte Astrid ihn an. Vier Minuten? Ihr war es deutlich länger vorgekommen. »Sind Sie sicher, dass es Ihnen gut geht?« »Ja«, antwortete sie gereizt und sah auf ihren Bildschirm, auf dem immer noch die Fehlermeldung angezeigt wurde. »Haben Sie eine Ahnung, wer der Eindringling war oder was genau er wollte?« »Nein. Ich habe ihn nie zuvor gesehen. Ein sehr großer und muskulöser Kerl. Sagte etwas wie: Ihr werdet uns nicht aufhalten. Offenbar hat er also Komplizen. Er hat Forschungsergebnisse mitgehen lassen. Streng geheime und sensible Daten. Eine Katastrophe!« Sie schüttelte ungläubig den Kopf. »Er muss hier im Institut einen Informanten haben. Ich glaube, er hat mich mit einem Nachtsichtgerät oder so etwas beobachtet, bis ich am Rechner angemeldet war. Dann hat er genau den richtigen Moment abgepasst, um zuzuschlagen. Wenigstens ist es ihm nicht gelungen, die Daten zu löschen.« »Einen Informanten? Haben Sie eine Idee, wer das sein könnte?« Astrid schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe absolut keine Ahnung.« »Wir könnten die ein- und ausgehenden Telefonate von heute prüfen. Vielleicht nützt es ja was.« »Tun Sie das!«, meinte Astrid. »Aber, wie gesagt, er hat die Forschungsergebnisse mitgenommen, es ist also bereits zu spät. Außerdem glaube ich nicht, dass der Informant so dumm war, eines der Haustelefone zu benutzen. Wir haben trotzdem noch Glück gehabt: Entgegen der Erwartung des Eindringlings befand sich nur ein Bruchteil der neuesten Ergebnisse auf dem Server. Vielleicht kommt er also wieder, um sich auch noch den Rest zu holen …« »Zumindest sind wir vorgewarnt«, entgegnete der Sicherheitsmann und lauschte auf die Schritte, die sich näherten. Die Gebäudeverwaltung, weiteres Sicherheitspersonal. »Sie werden in ein anderes Büro umziehen müssen.« Astrid nickte geistesabwesend. »Wir werden durchs Feuer gehen, hat er auch noch gesagt«, murmelte sie leise, ohne den Sicherheitsmann zu beachten. Meinte er das Tor in die Vergangenheit? Vielleicht ist ja in den Schriftrollen ein Hinweis darauf enthalten – oder auf diesen Kerl? Ich muss sofort anfangen, sie zu lesen! Herausfinden, was der Dieb sucht! Zwei weitere Sicherheitsleute betraten das kleine Büro. »Die Polizei ist unterwegs«, sagte einer von ihnen, während er sich umsah. »Zwei meiner Männer sind draußen und suchen alles ab. Bisher allerdings ohne Erfolg.« »Die Mühe können Sie sich sparen«, entgegnete Astrid. »Der Kerl ist sicher schon über alle Berge. Das war ein Profi. Helfen Sie mir lieber, meine Arbeit in Sicherheit zu bringen.« Zornig blickte sie auf die von Wind und Regen durcheinandergebrachten Papiere. »Wir könnten gleich den ganzen Schreibtisch heraustragen«, schlug jemand vor. Astrid überlegte kurz. Was war mit der Spurensicherung? Egal, sie konnte nicht zulassen, dass weiterer Schaden entstand. »In Ordnung. Die Polizei wird das zwar nicht gutheißen, aber wer weiß, wann sie eintrifft. Meine Unterlagen sind mir wichtiger. Kommen Sie, ich zeige Ihnen, wohin!« Einige Zeit später hatte die Polizei Astrids Aussage aufgenommen und die Aufregung legte sich wieder. Der Institutsleiter war zwischenzeitlich ebenfalls eingetroffen, hatte sich äußerst erschrocken und betroffen gezeigt und sogleich die Verdopplung des Sicherheitspersonals angeordnet. Das Fenster zu ihrem alten Büro war mit Sperrholzplatten zugenagelt, ihre wichtigsten Utensilien in ein freies Büro im ersten Stock geschafft worden. Astrid war völlig erledigt. Die Aufregung und die Angst hatten ihre Spuren hinterlassen. Viele Fragen schwirrten ihr im Kopf herum. Wer war der Informant im Institut? Denn einen solchen musste es geben. Oder hörte jemand gar ihr Telefon ab? Es konnte unmöglich ein Zufall gewesen sein, dass dieser Kerl so punktgenau hier auftauchte, als die ersten entzifferten Dokumente auf dem Server verfügbar waren. Außerdem fragte sie sich, was der Dieb suchte. Und warum wollte er die Daten löschen, wenn sie doch weiterhin im Besitz der Originale waren? Das machte doch gar keinen Sinn. Außer natürlich, er wollte bloß Zeit gewinnen, um sie sich vom Leib zu halten. Aber warum? Wofür Zeit gewinnen? Plötzlich fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Wir werden durchs Feuer gehen. Aber ja! Die Herbst-Tagundnachtgleiche stand unmittelbar bevor. Offenbar plante jemand einen weiteren Sprung durch das Zeittor! Und derjenige fürchtete, dass sie oder irgendwer im Institut versuchen könnte, ihn aufzuhalten. Was für ein Unsinn! Als ob das ihre Aufgabe wäre! Trotzdem wurde ihr schwindelig. Die sich so plötzlich auftuende Möglichkeit, die einzigartige, fantastische Chance, vielleicht selbst durch die Jahrtausende zurückzureisen in die archaische Welt der germanischen Stämme! Leon, Arminius und all die anderen leibhaftig kennenzulernen! Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Was für eine Gelegenheit! Doch der Preis war gigantisch. Mit größter Wahrscheinlichkeit würde sie nie zurückkehren können. Was erwartete sie denn in der Welt der Chauken vor zweitausend Jahren? Sie war dort ein Nichts, ein Niemand, würde in den von Aufständen und Kriegen zerrütteten Stammesgebieten als schutzlose Frau genauso zum Spielball für umherstreifende Krieger werden wie einst Julia. Hier dagegen war sie höchst angesehen, hatte eine ausgezeichnete Ausbildung genossen, eine ruhmreiche Karriere vor sich, die Aussicht auf eine Habilitation, gestützt auf ihre wissenschaftlichen Analyseergebnisse der vielen neu entzifferten »Hollerbeck-Schriftrollen«. Trotzdem – die Verlockung war gewaltig, unbestritten. Es gab jedoch gar keinen Zwang, sich sofort zu entscheiden. Sie setzte sich vor ihren Computer. Sie musste wissen, wann exakt der Zeitpunkt des Herbstanfangs sein würde! Sekunden später las sie es auch schon: 22. September, um 12.44 Uhr. Sie hatte also noch einige Tage Zeit, um so viele der Schriftrollen wie möglich zu lesen und dann zu beschließen, was sie tun wollte. Vor den Sitzenden Bergen Das gräuliche Licht der Morgendämmerung und der Tau in der Luft tauchten die Hofstelle in einiger Entfernung in einen trüben Schleier. Sie lag, wie auch die anderen, die wir gestern bereits aufgesucht hatten, auf einer kleinen Anhöhe unweit des riesigen Moores, das den Sitzenden Bergen vorgelagert war. Eine sechsstämmige alte Weide, deren einzelne Teile in schrägem Winkel eher mühsam gen Himmel wuchsen und einen immens breiten Raum für sich einnahmen, markierte den Weg zu diesem Hof. Wir verließen den uralten Handelsweg, der sich parallel zu den Hügeln durch die feuchten Senken, die Flugsandflächen und am Moor vorbei entlangschlängelte, mit gemischten Gefühlen. Unsere Ankunft würde auch hier nicht auf große Freude treffen. Die Leute taten mir jetzt schon leid. Das ganze Gebiet war von Bauern vom Volk der Chasuarier besiedelt und drohte in den Strudel der kommenden Ereignisse gezogen zu werden, wenn wir nicht handelten. Trotz der frühen Stunde sah ich bereits zahlreiche Gestalten zwischen dem Wohn-Stall-Haus und den umliegenden kleineren Gebäuden geschäftig hin und her eilen. Kein Wunder – es war immer noch Erntezeit. Ingimer und Isenar warfen sich gegenseitig nervöse Blicke zu, als wir beobachteten, wie sich etwa zwanzig Menschen vor einem Getreidespeicher zusammenfanden. Sicher hatten sie schon davon gehört, was sie erwartete. Dass sie noch nicht freiwillig geflohen waren, erschien mir als kein gutes Zeichen. Als wir sie kurze Zeit später erreichten, schlug uns ihre aufgebrachte Stimmung bereits entgegen. Sie tuschelten sichtlich erzürnt miteinander, überall wurden Köpfe geschüttelt oder wegwerfende Handbewegungen gemacht. Ingimer hob seinen Arm zum Gruß, während Isenar und ich fürs Erste im Hintergrund blieben. »Wer hat hier das Sagen?«, fragte er und sah dabei einen großen hageren Mann an, der ganz vorne stand und Ingimer trotzig anblickte. »Ich«, gab der dann auch wie erwartet zu. »Wie ist dein Name?« »Agalstra.« »Ich bin Ingimer, Sohn des Ingimundi, von den Kleinen Chauken am Aha Stegili.« Ein kurzes Zucken um Agalstras Augen verriet, dass er den Namen schon gehört haben musste. »Das sind Witandi Aaroga, Sohn des Arminius, und Isenar, Sohn des Skrohisarn.« Auf Agalstras Stirn erschien jetzt eine tiefe Sorgenfalte. Neugierig musterte er uns, insbesondere das Gewehr auf meinem Rücken. »Ihr seid namhafte Männer – ohne Zweifel. Was sucht ihr bei einem Bauern wie mir? Wie du siehst, müssen wir die Ernte einbringen, trotz des nassen Wetters. Werden wir nicht rechtzeitig fertig, wird das Korn schimmlig. Dann leiden wir in der dunklen Jahreszeit Hunger. Außerdem haben wir dort vorne«, er zeigte zum Hunderte Meter langen Wall, den die Chauken zwischenzeitlich unermüdlich aufschütteten, »reife Erbsen und Rüben. Wir können hier nicht weg.« Ingimer nickte bedächtig. Er wusste, wie mühsam es war, Erbsen bis zur Reife zu bringen. Es musste Hafer dazugepflanzt werden, damit die Erbsen daran emporwachsen konnten und nicht am feuchten Boden faulten. Den ganzen Sommer über mussten die empfindlichen Pflanzen nach jedem einzelnen Schauer per Hand wieder aufgerichtet und gepflegt werden. Eine mühevolle Aufgabe. Der Verlust dieser Ernte traf die Leute hart. Aber der Acker würde in kurzer Zeit ein Schlachtfeld sein. Da war nun mal nichts zu machen, jeder hatte in diesem Krieg Opfer zu bringen. »Ich weiß, Agalstra. Ich verstehe dich. Trotzdem muss ich dich bitten, deine Leute zu nehmen und deinen Hof zu verlassen. Wenigstens für die Dauer von sieben Nächten. Anderenfalls …« Die Sorgenfalte auf Agalstras Stirn wurde jetzt wieder von dem trotzigen Gesichtsausdruck verdrängt. »Anderenfalls was?« Zorn sprach aus seiner Miene. »Niemand hat mir zu sagen, wann ich meine Ernte einbringe. Erst recht kein Chauke. Oder willst du mich im Winter mit Korn versorgen, damit wir zu essen haben? Also, geht wieder! Wir brauchen eure Ratschläge nicht und fürchten uns auch nicht vor dem Kampf. Und sagt euren Leuten, wenn noch ein Einziger versucht, mir Vieh oder Essen abzuknöpfen, bekommt er meine Frame zu spüren.« Aha, sie hatten also zumindest Gerüchte über das Bevorstehende gehört und wussten natürlich auch von den Horden der Stammeskrieger in den Sitzenden Bergen, den nahen Hügeln. Offenbar hatte der eine oder andere schon versucht, hier seine tägliche Essensration durch Diebstahl, Drohung oder Erpressung zu ergänzen. »Das glaube ich dir«, sagte Ingimer ernst und musterte die ganze Schar. »Doch was hier in den nächsten Tagen passieren wird, das ahnst du im Moment nicht einmal, Agalstra. Hier wird es vor Raben nur so wimmeln. Tausende fliehende Feinde werden die gesamte Gegend durchstreifen und jeden erschlagen, der sich ihnen in den Weg stellt. Alte, Frauen, Kinder, die Männer im Kampfesalter sowieso. Wenn dir deine Sippe irgendetwas bedeutet, schaff sie weg von hier. Noch habt ihr genügend Zeit, alles an Vorräten und Vieh aufzuladen. Was ihr hierlasst, wird unweigerlich verloren gehen. Auch euer Leben. Wir haben im Südosten, dort, wo die Kämpfe beginnen werden, angefangen, die Bewohner zu warnen, und nähern uns am Folkobeek dem Ende des Schlachtengeländes.« Ingimer deutete vage auf den keilförmigen Hügelvorsprung, der wie eine Beule aus dem Gebirgszug beinahe bis in das davor liegende Moor reichte. »Dieser Hof liegt allerdings mittendrin. Wir waren schon bei deinen Nachbarn.« Aller Augen huschten ruckartig zum Falkenschnabel genannten Berg, dem Folkobeek, hinüber. Insbesondere die Frauen und Kinder musterten Ingimer jetzt voller Angst und Sorge. Seine eindringliche Warnung zeigte bei ihnen jedenfalls Wirkung. Ein kleines Mädchen fing an zu weinen. Erneut wurde geflüstert und sich leise beraten. Agalstra sah sich irritiert um. Eine resolut wirkende Frau packte ihn am Arm und zog ihn beiseite. Zwei weitere Männer redeten nun ebenfalls auf ihn ein. Der störrische Esel hatte sie alle bisher offenbar hingehalten, doch dass hier etwas Größeres im Gange war, dem auch ein Agalstra sich nicht widersetzen konnte, blieb keinem von ihnen verborgen. Der Sippenführer wehrte sich mit heftigen Gesten, verwies immer wieder auf seine Fähigkeiten im Umgang mit der Frame. Ein junger Kerl, offensichtlich sein ältester Sohn, sprang ihm zur Seite, argumentierte gemeinsam mit ihm. Die beiden waren aber letztlich wohl die Einzigen, die sich auf das Kriegshandwerk verstanden. So ging die Diskussion hin und her. Wir drei warteten ungeduldig, aber freundlich. Natürlich hatten wir Verständnis für ihren Zwiespalt – niemand räumte so ohne Weiteres sein Zuhause und überließ es für viele Tage fliehenden, umherstreifenden oder gar plündernden Horden. Im schlimmsten Fall würden sie nur noch eine Brandruine vorfinden, wenn sie wiederkehrten. »Wann genau wird der Kampf beginnen?«, fragte jemand. »In zwei Tagen, erste Geplänkel schon morgen«, antwortete Ingimer. Unglücklicherweise war die ganze Gegend dicht besiedelt. Es war überall das Gleiche gewesen. Die Gefahr, in der die Bauern hier, am Nordwestrand der Sitzenden Berge, schwebten, war für diese nicht greifbar. Heere in Größenordnungen von mehreren Zehntausend Mann waren für sie schlicht unvorstellbar. Sicherlich hatte der eine oder andere von ihnen in der Vergangenheit an Raubzügen oder Kampfhandlungen teilgenommen. Kriegerscharen von einigen Hundert waren dabei schon gewaltig und beeindruckend. Jedoch war die enorme zerstörerische Kraft, die drei römische Legionen mit Hilfstruppen und Reiterei entfalten konnten, damit nicht vergleichbar. »Wir müssen weiter«, drängte Ingimer. »Ihr seid uns keine Rechenschaft schuldig und könnt frei entscheiden. Wir zwingen euch zu nichts. Ich kann euch aber nur bitten: Entscheidet euch für euer Leben und flieht. Bleibt ihr hier, werdet ihr grausam sterben, so sicher wie der Wolf heute Abend wieder die Sonne fressen wird.« Betreten schauten sie zu, wie wir unsere Pferde wendeten. Ingimer drehte sich ein letztes Mal um. »Sagt, gibt es an diesem Weg noch einen weiteren Hof oder jemanden, den wir warnen sollten?« Agalstra nickte langsam. »Winnehad. Wenn ihr dem Bach ein Stück nach Nordosten folgt, findet ihr ihn, seine Frau und ihre Kinder. Sie schneiden Schilf im Moor und fangen Hasen und Moorhühner, die sie auf den Höfen ringsum eintauschen. Sonst erst wieder auf der anderen Seite des Folkobeek.« Niedergeschlagen wandte er sich ab. Die bevorstehende fluchtartige Räumung seines Langhauses war eine herbe Niederlage für ihn und traf sein Verständnis vom selbstbestimmten, freien Kriegerbauern bis ins Mark. Er konnte seine Sippe nicht verteidigen, das nagte an seiner Ehre und seinem Stolz. Doch so erging es allen hier. Und wer so dumm war, unseren Worten keinen Glauben zu schenken, der würde bald schon von den Resten der sich auflösenden römischen Kriegsmaschinerie zermalmt werden. Schweigend trotteten wir zurück. Als wir die Weide erreichten, wandte Ingimer sich zu uns um. »Winnehad können Isenar und ich übernehmen. Danach müssen wir wieder zum Wall. Du, Witandi, sollst nach Athalkuning Ausschau halten. Mit deinem Aaroga.« Mein Adlerauge genanntes Zielfernrohr prädestinierte mich natürlich für jede Art von Spähauftrag. Ich nickte. »Sei rechtzeitig vor Sonnenuntergang im Lager. Ein paar von uns werden morgen früh nach Südosten aufbrechen, um die römische Vorhut auszukundschaften.« Wir erwarteten jederzeit Pioniere der drei Legionen in der Gegend. Sie würden den Auftrag haben, das Gelände zu erkunden und einen gangbaren Weg für den gewaltigen römischen Heereszug zu finden, der sich über viele, viele Kilometer hinzog. So verabschiedete ich mich bis zum Abend. Entnervt kniff ich mein brennendes Auge zusammen und blinzelte ein paarmal. Seit Stunden trieb mir ein kalter Wind beständig Tränen hinein. Trotzdem sah ich sie jetzt. Die dünne gräuliche Rauchfahne war vor dem düsteren Himmel mit seiner tief hängenden, tristen Wolkendecke beinahe unsichtbar. Das Herbstwetter in Germanien war noch in jedem Jahr eine ziemlich traurige Angelegenheit gewesen. Ich seufzte leise. Immerhin fiel es mir mit Hilfe meines Zielfernrohres nicht allzu schwer, den dunstigen Schleier zu entdecken. Ursache war wohl ein Lagerfeuer, gar nicht weit entfernt von dem baumbestandenen Hügel und der mächtigen Esche, in deren Krone ich hockte. Ich dachte nach, während ich den Lauf der Waffe senkte: Waren das endlich Athalkunings Männer? Vielleicht hatten sie uns knapp verpasst und angesichts der heraufziehenden Abenddämmerung entschieden zu lagern. Für uns alle war dieses Territorium unbekannt, Chasuarierland. Und auf fremdem Gebiet konnte man sich leicht verfehlen, das passierte auch den erfahrensten Männern. Einheimische schloss ich als Urheber des Feuers aus, die hatten im Moment andere Sorgen und waren mit der Flucht beschäftigt. Gehörte es daher vielleicht zu einer Gruppe von Wallarbeitern? Auf einer Länge von fünfhundert Schritten entstanden am Fuß der Hügelkette eine unauffällige Wallanlage aus Grassoden sowie eine Brustwehr aus dichtem Zweiggeflecht. Ich hatte die Konstruktion bereits an etlichen Stellen begutachtet und war erstaunt darüber, wie unscheinbar sie sich in die natürliche Vegetation einpasste. Sie verlief einen guten Speerwurf von dem alten Handelsweg entfernt, auf dem wir heute Morgen geritten waren. Oder konnte es sich gar um erste römische Pioniere oder Kundschafter handeln? Vorboten der gewaltigen Streitmacht, die in Kürze auf dem Rückweg von ihrem Sommerlager an der Weser hierher in die Irre geführt werden würde? Hatten sie gar den Wall entdeckt? Nein – im Allgemeinen waren römische Kundschafter nicht so dumm, so tief im Hinterland mit einem Feuer auf sich aufmerksam zu machen. Außerdem würde Varus seine cheruskischen Hilfstruppen als Späher schicken, da nur sie Land und Leute kannten. Und diese würden wiederum in die Hügel kommen und nicht dort hinten campieren. Blieb eigentlich nur eine der römischen Patrouillen. Diese waren seit etwa zwei Jahren überall anzutreffen. Sie eskortierten Beamte des Imperiums, die fleißig und unbeirrbar die Administration aufbauten sowie Handelsposten und Marktflecken gründeten. Vielleicht hatten sich ein paar dieser Legionäre schlicht verirrt? Sollten wir jetzt überraschend auf eine dieser vielen berittenen Patrouillen treffen, konnte das sehr übel für uns enden. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet und unsere Schar nicht besonders groß. Der ganze Plan konnte scheitern, wenn wir nicht aufpassten. In dem Fall war für uns Chauken vom Aha Stegili der Aufstand bereits vorbei, bevor er überhaupt richtig angefangen hatte. Und unser Wallabschnitt blieb dann unfertig – ein Schwachpunkt, den die Römer ausnutzen würden. Das durfte unter keinen Umständen passieren! Die Bilder von Werthlikos öffentlicher Folter und Hinrichtung durch den römischen Liktoren waren immer noch allzu präsent in meinem Kopf. Er und die unzähligen anderen Opfer der römischen Besatzungsgewalt durften nicht umsonst gestorben sein. Die Römer mussten vertrieben werden. Das schuldeten wir ihnen. Es durfte keine weitere Willkür geben, keine weiteren existenzbedrohenden Steuererhebungen, kein weiteres Unrecht. Wenn ich bloß an Julias Kummer deswegen dachte, drehte sich mir fast der Magen um. Die Arme stand nun wieder alleine da, mit zwei Kindern und ohne Mann. In dieser Welt ein tragisches Schicksal. Ohne die Unterstützung der Dorfgemeinschaft wäre sie zum Verhungern verurteilt. Zorn flammte in mir auf, aber ich war auch zwiegespalten. Werthlikos Tod war so unfassbar sinnlos gewesen. Und natürlich schwang bei jedem Unglück, das Julia widerfuhr, auch eine ordentliche Portion schlechtes Gewissen und Schuld bei mir mit. Damals hatte ich von ihr nichts mehr wissen wollen, da ich mich zwischenzeitlich in Frilike verliebt hatte. Ich fühlte mich jedoch stets ihr gegenüber verpflichtet, das emotionale Leid, das ich ihr angetan hatte, irgendwie wiedergutzumachen. Immerhin war sie ja bloß in dieser Welt gelandet, weil ich seinerzeit dieses Kaminfeuer mit seinen weitreichenden Folgen in Gang gesetzt hatte. Sie hatte Schreckliches durchmachen müssen – die Vergewaltigungen durch die Langobarden, die Gefangenschaft im Römerlager, von meinem Vater geschwängert und verlassen und nun auch noch verwitwet. Wie viel würde sie noch ertragen können? Ich tat zwar, was ich konnte, damit es ihr an nichts fehlte, doch mich ärgerte natürlich, dass sich mein Vater einen Scheißdreck um seinen anderen Sohn, meinen Halbbruder, kümmerte. Ganz genauso wie bei mir … Einige wenige Jahre waren ihr das Glück und die Zufriedenheit mit Werthliko anzusehen, um dann im Sommer so jäh beendet zu werden. Ich musste dabei helfen, Werthlikos Tod zu rächen, keine Frage. Und damit einen winzigen Teil meiner Schuld gegenüber Julia abzutragen. Aber das tausendfache Morden und Sterben, das uns allen bevorstand, war mir auch zuwider. Immer wieder fragte ich mich, ob es nicht einen anderen Weg gab, die Römer dauerhaft zu vertreiben. Natürlich fiel mir nichts ein und ich fühlte mich miserabel deswegen. Ich wollte nicht mehr töten. Ungeduldig scheuchte ich mit der linken Hand ein paar Mücken weg und damit auch die düsteren Gedanken. Die verfluchten Biester waren selbst zu dieser Jahreszeit noch überall. Was auch kein Wunder war, schließlich erstreckte sich nach Norden hin, zwischen Ems, Hase und Hunte, ein schier unendliches Moorgebiet. Mit der Rechten brachte ich mit einem Ruck das Gewehr auf meinem Rücken in eine Position, die mich beim Klettern nicht behindern würde, und begann meinen Abstieg von dem hohen Baum. Der eisige Ostwind, der sich in den vergangenen Tagen durchgesetzt hatte, glitt mühelos durch mein Hemd aus Schafswolle. Sogar das Knurren meines Magens geriet darüber in den Hintergrund. Verdammte Kälte! Dabei hatte die Gelbfärbung der Ebereschenblätter gerade erst begonnen. Das waren ja tolle Aussichten. Mich erwarteten in diesem Frühherbst des Jahres 9 nicht nur tagelange Kämpfe gegen die Legionen des Varus, sondern auch winterliche Temperaturen sowie weiterer Hunger. Ich war bereits jetzt zermürbt, das musste ich zugeben. Von Athalkunings dringend benötigter Verstärkung für unsere kleine Schar chaukischer Krieger war nach wie vor nichts zu sehen, geschweige denn von dem Nachschub an Nahrungsmitteln, den sie hoffentlich mit sich führten. Seitdem ein ganzer Planwagen der Chauken mit Vorräten in den Fluten der Hochwasser führenden Hunte versunken war, stand es um unsere Versorgung nicht gerade zum Besten, genauso wenig wie mit der Anzahl unserer Kämpfer. Fünf Hundertschaften hatte Arminius von Athalkuning und Ingimundi angefordert, doch eine solche Mannzahl war von vornherein illusorisch gewesen – mitten in der Erntezeit. Andere chaukische Häuptlinge hatten abgewunken. Arminius und sein Kampf waren für sie einfach zu weit weg. Folglich lagerten wir hier mit nur etwa vierzig von Ingimundis Männern. Große Hoffnungen, diesen Nachteil auszugleichen, lagen auf mir und meiner »Blitzschleuder«. Ein weiterer Punkt, der mir Bauchschmerzen bereitete. Immerhin bestand unsere Truppe aus ausschließlich kampferprobten Recken, die sich alle bereits einen Namen gemacht hatten. Viele waren sowohl auf der Hegirowisa gegen die Römer wie auch später im Krieg gegen die Friesen und Langobarden dabei gewesen. Athalkuning erwarteten wir hingegen mit wenigstens zwei vollen Hundertschaften. Doch nicht nur aus militärischen Gründen war die Verstärkung mehr als willkommen. Auch der Bau der Wallanlage war mit den paar Männern auf der uns zugewiesenen Breite kaum zu bewerkstelligen. Wir hatten nur noch zwei Tage Zeit, bis die Legionen des Varus in dieser Gegend erschienen. Die andauernden Regenfälle behinderten uns jedoch derart, dass Teile der Anlage erst provisorisch standen. Insbesondere das Einrammen der Stabilisierungspfähle hatte in dem aufgeweichten Boden keinen Sinn, da sie schlicht nicht stehen bleiben wollten. So mussten die Männer mühsam Kies heranschaffen, um sie zu befestigen. Eine absolute Katastrophe, wenn wir nicht rechtzeitig fertig wurden – das konnte unsere Leute das Leben kosten. Wochenlange Arbeit drohte so zwecklos zu werden. Zudem gefährdete es den Plan. Diese Plackerei war auch der Hauptgrund dafür, dass ich bereits jetzt ziemlich zermürbt war. Natürlich abgesehen von der ständigen Angst vor dem, was mich in den nächsten Tagen erwartete. Eine furchtbare Schlacht mit Zehntausenden von Toten. Würde ich das alles unbeschadet überstehen? Unverletzt? Ich hatte eine Familie zu versorgen. Der Gedanke, lebenslang ein Krüppel zu bleiben oder gar in dieser Schlacht zu fallen, ließ mich erzittern. Aber da war ich nicht der Einzige. Viele der chaukischen Kriegerbauern waren von Natur aus eher friedfertig, auch wenn sie sich durchaus zu verteidigen wussten. Wir sehnten uns nicht nach Wodans Halle der Gefallenen, so wie die Langobarden, stürzten uns nicht voller Todesverachtung in einen aussichtslosen Kampf im Streben nach Ruhm, Ehre und heldenhafter Verehrung. Eine gewisse Portion Respekt und Furcht gehörten vor jeden Kampf. Der ständige Krieg war eben nicht meine Welt. Alles in allem fühlte ich mich mehr als beschissen, dennoch wollte ich Werthlikos grausamen und sinnlosen Tod unbedingt rächen. Am Boden angekommen, griff ich nach meinem Umhang, den ich am Baumstamm abgelegt hatte, um mehr Bewegungsfreiheit zu bekommen. Ich nahm das lange rechteckige Stück Stoff und faltete es einmal in der Mitte, bevor ich es mir wieder über die Schultern legte und die zwei Ecken mit einer bronzenen Gewandspange zusammensteckte. Ein Geschenk Frilikes. Für die wunderschönen tiefen Rot- und Blautöne hatte sie eigens Krappwurzeln und Färberwaid von jenseits des Rheins aufgetrieben, keine einfache Sache. In der kommenden kälteren Jahreszeit würde er mir sehr wertvolle Dienste leisten, so versprach es zumindest der dicht gewobene, dicke Stoff. Wehmütig dachte ich an sie sowie meinen kleinen Sohn Ingimodi. In der anderen Welt, der zukünftigen, wären sie bloß eine einstündige Autofahrt entfernt, doch hier und jetzt? Wir befanden uns am Nordrand einer Hügelkette, unweit einer größeren keilförmig vorspringenden Erhebung, des Folkobeek. Die Hügel wurden »Gasitjanbargi« genannt, die Sitzenden Berge. Diesen Namen gab man ihnen, weil sie nicht allzu hoch waren und sich urplötzlich aus der im Norden vorgelagerten Tiefebene erhoben. Zu Füßen der Gasitjanbargi wand sich von West nach Ost ein uralter Handelspfad. Dieser – und das machte dieses Gebiet so ideal für einen Hinterhalt – schlängelte sich am Nordostrand der Sitzenden Berge etwa zehn Kilometer durch waldiges Flachland. Wie ein sich stetig verjüngender Trichter liefen allerdings ein riesiges Moorgebiet im Nordwesten und die Gasitjanbargi immer weiter zusammen, ganz unmerklich und für einen Geländeunkundigen nicht erkennbar. Der zugängliche Bereich zwischen Hügeln und Moor schmälerte sich mit jedem Schritt. Anfangs noch mehrere Kilometer breit, verengte er sich vor dem Folkobeek auf wenige Hundert Meter. Hiervon war wiederum lediglich ein schmaler Sandstreifen begehbar, der Rest bestand aus sumpfigen Feuchtsenken, bei dem derzeitigen Regenwetter kaum durchquerbar. Genau in diesem Flaschenhals – einer natürlichen Barriere, wie geschaffen für eine Falle – entstand der Wall. Hinter ihm würden sich in einigen Tagen die Stammeskrieger versammeln, um zum entscheidenden Schlag gegen Varus’ Truppen auszuholen. Deswegen war dieses Gebiet so ideal und Arminius hatte sie hierher gelockt: Die verbliebenen Römer, welche die vorangegangenen Angriffe überlebt hatten, würden bei einer Attacke an dieser Stelle nirgendwohin mehr fliehen können. Ihr Untergang wäre besiegelt. Selbst der begehbare Boden war tückisch. Er bestand aus rutschiger, toniger Erde. Nach Norden hin erstreckte sich ein schier unendliches Moor, nach Süden hin die waldigen Hügel voll mit Stammeskriegern. Und an eben dieser engsten Stelle gruben und bauten wir – und warteten. Sonst nichts. Harte Arbeit und Warten, seit rund zwei Wochen immer das Gleiche. Warten auf die vielen Späher und Kundschafter meines Vaters mit Nachrichten von Varus’ Heereszug sowie auf die chaukische Verstärkung. Der Plan war eigentlich ganz simpel: Eigens abgestellte Reitereinheiten sollten nordwestlich von hier im Grenzgebiet von Amsivariern und Chasuariern einen Aufstand vortäuschen. Dafür griffen sie römische Patrouillen gezielt an. Diese schwer bewaffneten Trupps, Infanteriesoldaten der 17., 18. und 19. Legion, nahmen im Dienste des Varus zwischen Ems und Elbe polizeiliche Aufgaben wahr. Sie setzten das römische Recht dort um, wo es zu Streitigkeiten kam, als wäre Germanien längst offiziell eine Provinz und nicht nur ein Militärbezirk. Diese verstreuten Gruppen reduzierten natürlich die Größe von Varus’ Heer und es waren mehrere Dutzend dieser Patrouillen mit Stärken von etwa dreißig Mann unterwegs. Überlebende sollten Nachrichten über die Angriffe zurück zum römischen Statthalter bringen, sodass dieser sich gezwungen sehen würde, einzugreifen. Arminius, in den letzten Jahren zu einem hochgeschätzten und geachteten Ratgeber für Varus aufgestiegen, würde ihm schließlich vorschlagen, den Rückmarsch vom Sommerlager an der Weser zu den Winterlagern am Rhein zu unterbrechen und einen Umweg über genau diesen alten Handelspfad am Nordrand der Gasitjanbargi zu wählen. Wenn sein Ego so ausgeprägt war, wie mein Vater es kundgetan hatte, würde der stolze Römer den angeblichen Aufstand um jeden Preis niederschlagen wollen. Und in die Falle laufen. Varus in seinem Vorgehen zu bestärken und entsprechend zu unterstützen, das war die Aufgabe von Arminius. Er hatte den ganzen Plan von langer Hand vorbereitet, wofür ich ihm echten Respekt zollte. Bereits den gesamten Sommer über trieben die eingeweihten Stammesführer ein perfides Spiel mit der römischen Obrigkeit. Unzählige eigentlich unbedeutende und triviale Streitigkeiten sowie läppische Zwistigkeiten waren innerhalb der Stämme der Brukterer, Marser, Chasuarier, Cherusker und Angrivarier losgetreten worden, um möglichst viele der Patrouillen von Varus’ Armee abzutrennen und anzulocken. Im guten Glauben an ihren Auftrag sprachen sie nach langer Anreise vor Ort im Namen des Statthalters Publius Quinctilius Varus römisches Recht. Der Ablauf war immer der gleiche: Die Streitparteien täuschten Einsehen und Verständnis für das nach der Anhörung verkündete Urteil vor. Dabei involvierte die römische Seite die unterschiedlichsten Berufsstände: Rechtsanwälte, Protokollanten, Dolmetscher, Liktoren und, und, und. Der gesamte Apparat wurde beschäftigt gehalten, nur um einen halben Mondlauf später mit einer neuen Streitigkeit aufzuwarten. Außerdem hatte Arminius Varus vorgeschlagen, an zahlreichen strategisch bedeutsamen Stellen wie Furten oder Zusammenflüssen von Gewässern bewaffnete Garnisonen zu errichten und Soldaten dauerhaft dort abzustellen. Auch dies sollte die Mannzahl von Varus’ Armee weiter verringern. Die ganze Farce hatte nur einen Nachteil: Eine große Zahl Legionäre streifte durch genau das Land, in dem heimlich, still und leise eine der größten militärischen Fallen der Geschichte zuschnappen sollte. Von ihnen ging die ständige Bedrohung aus, entdeckt zu werden. Alle beteiligten Stammeskrieger mussten sehr vorsichtig agieren. Tausende von ihnen sammelten sich in den Tälern der Gasitjanbargi und legten dort den besagten Wall am westlichen Ende der Hügelkette an, ansonsten verhielten sie sich absolut ruhig. Allein die Organisation des Nachschubs für diese Männer war ein gigantisches Unterfangen. Deswegen musste der Nordrand der Gasitjanbargi auch unbedingt frei von Römern bleiben. Immerhin kam uns in diesen Tagen zugute, dass die Herbst-Tagundnachtgleiche bevorstand. Dies war ein wichtiger Feiertag, der stammesübergreifend ausgiebig zelebriert wurde. Sowohl in den Dörfern als auch in den heiligen Hainen versammelten sich die Menschen, um gleichzeitig für die Ernte zu danken sowie der Toten zu gedenken und zu opfern. Das Trankopfer frischen Biers war den Römern mittlerweile wohlbekannt und so ließen sie Versammlungen der Stämme zumeist in Frieden, denn mit den Angetrunkenen gab es zu dieser Jahreszeit regelmäßig heftigen Streit und Auseinandersetzungen. Doch was nützten mir diese versteckten Heerscharen in den Hügeln jetzt? Gar nichts! Wenn wir hier auf eine der bis an die Zähne bewaffneten Patrouillen treffen würden, mussten wir alleine klarkommen. Also, wohin nun? Ich dachte weiter nach und sah mich grübelnd um. Zurück zum Lager und Verstärkung holen für einen Spähtrupp oder lieber keine Zeit verlieren und selbst kundschaften? Ich kaute kurz geistesabwesend auf meiner Unterlippe herum, umklammerte dann Lauf und Griffstück meines Gewehres etwas fester und entschied mich für Letzteres. In etwa drei Stunden ging die Sonne unter. Erst zu unserem Lager zurückzureiten, kostete zu viel Zeit. Bis ich jene verdächtige Feuerstelle wiedergefunden hätte, wäre die Dunkelheit bereits hereingebrochen. Jetzt kannte ich wenigstens die grobe Richtung und hatte noch Tageslicht. Ohne dieses durch den fremden Wald zu stapfen – und das mit einer Schar unserer Krieger –, wäre ungefähr so unauffällig wie ein Zebra in einem chaukischen Langhaus. Meine altbekannte Nervosität, die mich immer vor kritischen Situationen heimsuchte, überrollte mich wie eine Flutwelle. Ich schaute mich um. Der Hang war dicht mit Linden, Ahornen und Eschen bewachsen, dazwischen zahlreiche Felsenbirnen und Holundersträucher. Deckung gab es demnach genug. Intuitiv duckte ich mich leicht und ging los. Ich musste höllisch aufpassen, dass ich mich nicht verlief. Das Gelände war abschüssig und steinig, immer wieder durchbrochen von tiefen Kuhlen, meist mit schwarzem, modrig riechendem Wasser gefüllt. Ich brauchte gar nicht lange zu laufen, da konnte ich das Feuer bereits riechen. Wer es auch entzündet hatte, fühlte sich hier sicher. Oder stark genug, um es mit jedem aufzunehmen. Das sprach für Athalkuning. Aber hätte ich in diesem Fall nicht mehr als nur eine Rauchfahne sehen müssen? Also hockte ich mich auf den weichen Boden und lauschte. Zum Glück war die Laubschicht so durchgeweicht, dass sie jede meiner Bewegungen stark dämpfte. Vielleicht fünfzig Schritte trennten mich noch von dem fremden Lager. Das leise Schnauben eines Pferdes drang an mein Ohr. Ansonsten war es völlig ruhig. Athalkunings Hundertschaft war das mit Sicherheit nicht! Ich fasste eine umgestürzte Eiche ins Auge, die mir die Sicht versperrte. Das galt allerdings genauso für jemanden auf der anderen Seite. Sie bot die ideale Deckung. Nach einigen eiligen Schritten hockte ich halb unter dem toten Baumriesen. Während ich abwartete, dass sich mein schneller Atem wieder beruhigte, hing mir der feuchte und erdige Geruch des modernden Holzes schwer in der Nase. Ein unterdrückter Schrei unterbrach meine Gedanken. Der Schrei einer Frau! Verdammt, was hatte das jetzt zu bedeuten? Dass es sich bei den Leuten dort vorne um Athalkunings Männer handelte, wurde immer unwahrscheinlicher. Vielleicht eine Räuberbande? Grimmig erinnerte ich mich an die Chatten um Adgandestri, die Frilike, ihren Vater, mich und einige andere im Dulgubinerland gefangen genommen hatten mit dem Ziel, uns in Mogontiacum als Sklaven zu verkaufen. Damals waren Ingikunno und Ingbearo ums Leben gekommen. Nur unter Einsatz meines Lebens und nach einer höchst dramatischen Rettungsaktion war es mir gelungen, Frilike, Ingimer und meinen Schwiegervater freizubekommen. Die Unruhen der vorausgegangenen Jahre hatten viele Männer mit heruntergebrannten Gehöften zurückgelassen, oft wurden ganze Familien getötet. Der einzige Weg zu überleben bestand für sie in Raubzügen. Und Sklaven waren begehrter denn je. Ich rechnete also mit einer Bande zerlumpter Ausgestoßener, die ihre Handvoll armseliger Gefangener für das Nachtlager fesselten, als ich mich kriechend weiter annäherte. Ich schnappte ein paar Wortfetzen auf, vernahm erneut leises Schnauben, das Scharren von Hufen. Mit der linken Hand bog ich einige Zweige eines jungen Ahorns beiseite und spähte vorsichtig durch die Lücke. Zuerst sah ich römische Schilde, sauber voreinander an einen Baumstamm gelehnt. Ich erstarrte. Als Nächstes eine Gruppe Legionäre, die mit flachen Schaufeln einen Graben aushoben. Ich wandte den Kopf ein wenig und entdeckte eine große Schar Soldaten, die etwas abseits standen. Einige der Männer führten offenbar eine hitzige Diskussion. Verdammt – es grenzte an ein Wunder, dass wir ihnen nicht schon früher über den Weg gelaufen waren! Eine Frau konnte ich bislang nicht entdecken, doch ich wusste, was ich gehört hatte. Ich streckte mich also noch weiter und reckte den Hals. Nebenbei zählte ich die Soldaten und versuchte, zusätzliche Informationen zu sammeln. Zwei Pferde zogen einen Wagen, auf dem sich ein paar Kisten befanden. Diese waren allerdings mit einem groben Tuch abgedeckt. Es handelte sich also um eine Infanterieeinheit, womöglich tatsächlich eine der vielen Patrouillen, die Steuern eintrieben und irgendwelche Gesetzesbrecher verhafteten. Wahrscheinlich waren sie auf dem Weg zu ihrer Legion, um beides dort abzuliefern. Dumpfes Gemurmel erklang. Es kam vom äußersten linken Rand der Truppe. Hinter einem dichten Gebüsch von Traubenkirschen erkannte ich weitere Aktivitäten. Lederharnische und Helme von Soldaten blitzten für kurze Augenblicke in den Laublücken auf, dazwischen karierte Stoffe und das Stück eines gelb-braunen Umhangs. Offenbar schubsten Legionäre ein paar Zivilisten vor sich her. Ein riesenhafter Typ, der die langen dunkelblonden Haare am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, grunzte empört. Ein kurzes, aber heftiges Handgemenge entstand. Ich runzelte die Stirn. Pferdeschwanz? Merkwürdig, eine solche Frisur hatte ich noch nie bei Männern der Stämme gesehen. Sie trugen ihre langen Haare entweder offen, zu einem seitlich am Kopf anliegenden Knoten zusammen- oder einem Zopf auf der Oberseite des Schädels gebunden. Der Gefangene musste von weit her kommen, gehörte vielleicht den keltischen Völkern im Süden oder den Reitervölkern im Osten an. Obwohl ich die Bewegungen nur schattenhaft zwischen den Blättern ausmachte, konnte ich anhand der Oberkörperhaltung erkennen, dass einige von ihnen gefesselt waren. Jemand fiel in das Gebüsch und blieb dort liegen. Zweige und Äste brachen. Für einen kurzen Augenblick war mein Blick auf die Szenerie dahinter frei. Wütende Hände zerrten den anderen wieder hoch. Nun sah ich auch die Frau, zumindest ihre rückenlangen braunen Haare. Sie war von schmächtigem Körperbau, hatte ihr Gesicht aber abgewendet. Aufgrund ihrer Statur schätzte ich sie auf vielleicht dreißig Jahre, nicht älter. Brutal rissen die Soldaten den Gestürzten mit sich. Mit dem Ärmel seines Kittels blieb er jedoch an einem abgebrochenen Ast hängen und der Stoff riss deutlich vernehmbar. »Aua!«, stöhnte der Mann, der ebenfalls sehr groß und auffällig kräftig wirkte. Offenbar schnitt ihm gesplittertes Geäst ins Fleisch. Er wehrte sich jetzt heftig, trat mit einem Bein nach hinten aus und traf einen der Legionäre in den Bauch. Dieser stolperte einige Schritte zurück, prallte gegen den anderen Riesen, der ihm sogleich eine Kopfnuss verpasste. Noch mehr Aufruhr entstand. Ein Soldat schlug mit einem in der Scheide steckenden Schwert auf den Kerl ein. Dieser taumelte zur Seite und riss die dort stehende Frau mit sich. Auch zwei weitere Gefangene, ähnlich bullige Typen, warfen sich ins Getümmel. Das wurde ja immer bunter! Angst hatten sie jedenfalls keine. Irgendwas stimmte jedoch nicht an dieser Szenerie. Ich hatte ein merkwürdiges Gefühl, konnte aber noch nicht festmachen, woran das lag. Als ob mir etwas entginge, das eigentlich augenfällig war … Nur langsam sickerte das bislang Gesehene und Gehörte in meinen Verstand, während ich gleichzeitig darüber nachsann, was am besten zu tun sei. War es jetzt an der Zeit, die anderen zu warnen? Ich kannte die ungefähre Anzahl der Männer sowie ihren Standort. Was wollte ich also mehr? Meine Gedanken kreisten wieder um die Szene vor mir. Es war, als schaute ich auf ein Bild, in dem einige Fehler versteckt waren, die sich erst nach genauem Hinsehen als solche entpuppten. Ich kniff die Augen eng zusammen, um noch angestrengter schauen zu können. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht. Dann traf es mich wie ein Keulenschlag: Aua. Dieses Wort hatte ich lange Zeit nicht mehr gehört! So bekundete kein Mensch der Stämme seinen Schmerz. Dieses Wörtchen war so winzig und unscheinbar – und doch so verräterisch. Beinahe wäre es mir gar nicht aufgefallen. Aua. Ein Wort der zukünftigen Welt, nicht der jetzigen! Es war, als würde mir das Blut in den Adern zu scharfkantigem Eis gefrieren. Plötzlich fühlte ich mich tonnenschwer. Ich musste mehrfach schlucken, doch meine Kehle schien von einer Sekunde auf die andere wie ausgedörrt und rau wie Schmirgelpapier. Was hatte das zu bedeuten? Wer waren diese Leute da vorne? Ich erkannte keinen von ihnen, aber jetzt wusste ich, was mir noch an ihnen aufgefallen war: ihre Statur! Sie erinnerten mich an Bodybuilder mit nahezu dreieckigen Körperschnitten, extrem breiten, kräftigen Schultern, schmalen Hüften und ausgestattet mit Muskelpaketen, selbst bis hier hinten für mich erkennbar. In dieser Welt hatte niemand Zeit oder Energie dafür, seinen Körper derart zu stählen, so ausdauernd zu trainieren. Verwirrt schüttelte ich den Kopf. Vielleicht eine Gruppe Gladiatoren aus den fernen römischen Städten? Doch das beantwortete nicht, wieso einer von ihnen ›Aua!‹ gerufen hatte. Also woher kamen diese Typen? Und vor allem: Wer waren sie? Jedenfalls lieferten sie den Legionären in Anbetracht ihres gefesselten Zustandes einen leidenschaftlichen Kampf. Bisher versuchten die Soldaten erfolglos, ihre Gefangenen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Die Frau schrie auf und unterbrach meine Schockstarre fürs Erste. Es war ein kurzer, erschrockener Ruf, weil einer der taumelnden Riesen sie fast unter sich begraben hätte. Offenbar konnte sie sich jedoch gerade noch so mit einem beherzten Sprung in Sicherheit bringen. Plötzlich erklang von links Hundebellen. Bestürzt blickte ich in die neue Richtung, erkannte aber nichts. Noch mehr grimmiges Bellen. Ein Hund näherte sich! Nun wurde es brenzlig für mich. Falls er mich aufstöberte und zu den Römern gehörte, gerieten wir alle in Gefahr. Auch die Soldaten, die bis eben mit dem Ausheben des Grabens beschäftigt waren, sowie ihre abseits stehenden Kameraden wurden nun auf die Schwierigkeiten mit den Gefangenen aufmerksam. Ein Legionär packte die Frau bei den Haaren und zog sie außer Reichweite der Kämpfenden. Erneutes Bellen. Ich richtete mich ein wenig auf, um besser sehen zu können. Ein weiß-brauner Hund tauchte wie aus dem Nichts hinter dem Legionär und der Frau auf und biss diesem zornig knurrend ins Bein. »Oh Gott, Bruno, nein!«, kreischte die Frau jetzt. Auf Hochdeutsch, nicht in der Sprache der Stämme! Bruno? Das war … Das konnte doch nicht … Doch! Das da vorne war mein Bruno! Was zur Hölle tat er hier? Ich hatte ihn im Dorf Aha Stegili zurückgelassen – selbstverständlich, denn ich wollte ihn natürlich nicht in die anstehende mörderische Schlacht mitnehmen. Viel zu gefährlich für ihn. Wieso war er trotzdem hier? Ich verstand gar nichts mehr, lag einen Moment lang wie gelähmt da, während ich versuchte zu begreifen. Doch war das überhaupt wichtig? Nein. Ich musste handeln. Sofort! Schneller als ein Lidschlag war ich plötzlich erfüllt von Zorn auf jeden, der es wagte, meinem Bruno ein Haar zu krümmen. Ich sprang auf. In diesem Moment ließ der Legionär die Frau los und zog sein Schwert. Wütend trat er nach Bruno und holte mit dem Arm zu einem zusätzlichen Schlag aus. Das Gesicht der Frau war für einen Augenblick erkennbar, als sie dem Gegner von Bruno die Schulter in die Seite rammte. Es war Julia! Wenn ich bis eben noch geglaubt hatte, der Gipfel der Absurdität sei erreicht, so erklomm ich nun ganz neue Höhen. Ungläubig beobachtete ich die Szenerie einen weiteren Augenblick lang. Mein Mund stand sperrangelweit offen, so sehr überrumpelte mich das Geschehen. Was um alles in der Welt taten Julia und Bruno hier? Ich hatte sie beide zuletzt am Tag unseres Abmarsches aus dem Dorf Aha Stegili gesehen. Julia hatte sich zu der Zeit noch nicht annähernd von dem Schock erholt, den Werthlikos Tod im Sommer für sie bedeutete. Wie also kam sie hierher? Plötzlich überlief mich ein eisiger Schauer. Schon einmal war das Dorf schutzlos gewesen. Die Römer hatten das gnadenlos ausgenutzt. Fast wären damals alle in einem Langhaus verbrannt. War etwas Ähnliches wieder geschehen? Frilike und Ingimodi – waren sie in Gefahr oder vielleicht bereits … Ich führte den Gedanken nicht zu Ende. Es war keine Frage, jede Sekunde zählte! Ich musste zu ihr und Bruno – und zwar sofort, bevor es zu spät war! Kaum setzte ich mich in Bewegung, hörte ich zu allem Übel auch noch das Weinen von Kindern. Falls überhaupt möglich, erschrak ich noch mehr. Augenblicklich dachte ich an Hortari und Skrohliko, Julias Söhne, der eine von Armin und damit mein Halbbruder, der andere von Werthliko. War es denkbar, dass auch sie sich dort vorn befanden? Als Gefangene? Sie hatte die beiden stets wie ihre Augäpfel gehütet. Es war also nicht unwahrscheinlich, dass sie bei ihr gewesen waren, als ihr was auch immer passierte. Das, was sie hierher geführt hatte … Um Verstärkung zu holen, war es zu spät. Ich musste alleine zuschlagen. Meine Wut auf diese verdammten Römer steigerte sich weiter. Immerhin hatte ich meine Waffe und ausreichend Munition und die Situation spitzte sich zusehends zu. Gegen einen heranfliegenden Wurfspeer richtete ich damit zwar auch nichts aus, aber vielleicht gelang es mir mit ein paar Warnschüssen, die Römer schnell zu verjagen. Ohne mich mit weiteren Einzelheiten bezüglich eines ausgefeilten Planes aufzuhalten, brach ich durchs Unterholz. Mit wildem Kriegsgeschrei vertrieb ich meine unterschwellige Furcht vor den Waffen der Römer. Brüllend sprang ich über Äste und an Büschen vorbei, knickte mit dem rechten Fuß kurz um, als ich in eine Mulde trat, konnte mich aber gerade noch aufrecht halten, bekam den Zweig eines jungen Ahorns durchs Gesicht gepeitscht, was entsetzlich wehtat und ausgerechnet mein einziges gesundes Auge wie wild tränen ließ, schoss zwei-, dreimal über die Köpfe der erschrocken zu mir herüberblickenden Legionäre zu meiner Rechten und durchbrach schließlich das Traubenkirschengebüsch, hinter dem sich Julia und Bruno befanden. Völlig entgeistert hielten alle mit dem, was sie gerade taten, inne und starrten mich an. Der Krach der kurzen Schussfolge hallte noch in den Baumwipfeln nach und war in seiner brutalen Lautheit und klaren Rohheit wie eh und je eine unbekannte, erschreckende und absolut bedrohliche Zäsur für die Menschen dieser Welt. Alles wurde stehen und liegen gelassen, wenn man das Nahen des Donnergottes vermutete. Nur Bruno zeigte sich wenig beeindruckt und stürzte sich erneut auf das Bein des Legionärs, der Julia zuvor gepackt hatte. Zwei oder drei besonders Tapfere griffen nach ihren Wurfspeeren. Ich stellte die Waffe auf Dauerfeuer um und schoss eine weitere Salve über die Köpfe einer größeren Gruppe von Legionären in die Baumwipfel hinein. Grüne Laubfetzen und Rindenstückchen regneten auf sie herab. Nun gab es kein Halten mehr. Ausnahmslos alle drehten sich um und flohen in den Wald. Selbst Bruno ließ von seinem Opfer ab. Der Römer humpelte den anderen eilig hinterher. Zitternd senkte ich die Waffe. Meine Anspannung war gewaltig gewesen, wie mir erst jetzt bewusst wurde. Im nächsten Augenblick musste ich aufpassen, dass ich nicht stolperte, denn Bruno war außer sich vor Freude und stand aufrecht vor mir, beide Vorderpfoten auf meiner Brust. »Bruno!«, ächzte ich. »Was machst du denn hier, mein Bester?« Julia hockte weiter hinten zwischen einigen Buchen bei zwei kleinen Kindern. Allerdings war sie immer noch gefesselt. Soweit ich erkennen konnte, handelte es sich tatsächlich um Skrohliko und Hortari. Zum Glück sahen sie alle unverletzt aus. Doch erst einmal galt meine Aufmerksamkeit den drei riesenhaften Kerlen, die mich dumpf anglotzten und auf mich zukamen. Einer von ihnen blutete aus einer Stirnwunde, bei einem anderen hing der rechte Ärmel nur noch in Fetzen. Ansonsten waren auch sie wohlauf. Ihre Oberbekleidung entsprach der Stammestracht, aber ihre Beine und Schuhe … Sie trugen schwere Kampfstiefel wie vom Militär und Tarnhosen. Wer zur Hölle waren die? Ein verfluchter Haufen Marines? Mir war klar, dass wir nicht besonders viel Zeit hatten. Die Römer hatten den größten Teil ihrer Ausrüstung zurückgelassen, verfügten aber dennoch über ausreichend Schwerter und Wurfspeere, um uns mit einem Überraschungsangriff zu überwältigen. »Stopp!«, rief ich auf Hochdeutsch und hielt ihnen meine Waffe entgegen. »Keinen Schritt weiter! Wer seid ihr?« Einer von ihnen, der mit den dunkelblonden zu einem Pferdeschwanz zusammengebundenen Haaren, reckte sein markantes Kinn nach vorn. Seine Augen sprühten vor Angriffslust. Er sah furchteinflößend kräftig aus, muskelbepackt und sehnig. Immerhin war ich mir sicher, dass sein Zorn nicht mir galt. Auch die anderen waren aus diesem Holz geschnitzt. »Mach uns los!«, knurrte er kurz angebunden. »Sie werden gleich wiederkommen. Wir haben keine Zeit.« Tatsächlich. Seine Antwort war in feinstem Hochdeutsch formuliert, wenn auch mit einem merkwürdigen Akzent. Absurderweise fand ich es in diesem Moment sehr unhöflich von ihm, dass er sich nicht einmal für die Befreiung bedankte. Ich mochte den Typen bereits jetzt nicht. »Wo ist der andere?«, fragte ich. »Ihr wart doch vorhin zu viert …« Ein heftiger Stoß von links schleuderte mich zu Boden und presste alle Luft aus meinen Lungen. Verdammt, dachte ich noch, meine blinde Seite! Ich hätte vorsichtiger sein müssen. Ich sah einen Schatten über mich hinwegspringen. Bruno! Dann ein kurzes Aufjaulen und ein gerade durchgestrecktes Bein in Kampfsportmanier. Wieder Bruno, der ein Stück zurückflog und sich winselnd und ein wenig hinkend trollte. Ich sah Sternchen. Alles verschwamm. »Ab hier kommen wir alleine klar«, grunzte Nummer vier. »Aber trotzdem danke für die Hilfe.« Im nächsten Moment waren sie über mir und ich fühlte, wie einer von ihnen mein Messer aus meinem Gürtel zog. »Stand das so auch in diesen Schriftrollen, Mal?«, fragte jemand. »Ja«, kam die Antwort von einem glatzköpfigen Riesen mit leuchtend hellblauen Augen. »Darf ich vorstellen? Leon alias Witandi Aaroga. Arminius’ Sohn höchstpersönlich. Ihm haben wir das ganze Geschreibsel zu verdanken. Ihr braucht ihn nicht zu fesseln. Schätze, wir können ihm vertrauen. Hat wirklich ganz schön Mumm in den Knochen, der Bengel.« Erneut wollte ich mich aufrichten. Wohl eher versehentlich traf mich dabei ein schwerer Stiefel am Kopf. Schlaff sackte ich zurück. Dunkelheit umhüllte mich. Legion der Donnergötter Okay, wie besprochen, Malcolm.« Skadi Brock sah zuerst den Anführer der Ex-Fremdenlegionäre an, dann die vier anderen. »Ihr wartet dort hinten bei eurer Ausrüstung. Erst wenn das Feuer seinen vollen Sog entfacht hat, werft ihr alles hinein. Als Letztes springt ihr. Ich weiß natürlich nicht genau, wie lange das Tor geöffnet sein wird, aber ihr solltet euch beeilen. Und denkt daran: Es ist wichtig, dass ihr uns nicht stört.« Voller konzentrierter Anspannung nickten die fünf ihr zu. Hätte sie doch nur alle weiteren Schriftrollen lesen können! Sicherlich war der Ausgang dieser einmaligen Mission darin dokumentiert. Vielleicht begingen sie gerade einen schweren Fehler, handelten übereilt oder vergaßen etwas Wichtiges. Vielleicht hatten sie die Truppe auch nicht sorgfältig genug rekrutiert. Zwar hatte sie Steinhauer mehr Geld geboten, doch weitere Dokumente standen schlichtweg noch nicht zur Verfügung. Im Institut waren sie im Moment einfach noch nicht so weit. »Die Schwarze Liste kennst du«, ergänzte sie und sah Malcolm streng an. »Sie ist zwar sehr kurz, aber im Moment haben wir nicht mehr Informationen. Ich werde versuchen, an weitere Teile der neu entschlüsselten Dokumente zu kommen. Versprechen kann ich allerdings nichts. Sobald wir das Tor erneut öffnen können, werden wir es tun, wie besprochen.« Sie senkte die Stimme und blickte ihn flehend an. »Seid umsichtig! Gewinnt das Vertrauen von Arminius, beschützt seine Freunde und tötet seine Feinde!« Malcolm nickte. Sie hatten oft genug darüber gesprochen, wie sie sich am besten verhielten, sollten sie es tatsächlich in die Vergangenheit schaffen. Skadi musterte die Soldaten ein letztes Mal. Die Männer, auf denen die Hoffnung der Hagalianer lag – ihre Hoffnung auf einen anderen Verlauf der Geschichte. Allerdings konnte man sich einen mieseren Haufen Galgenvögel kaum vorstellen. Skadi hoffte inständig, dass Malcolm – entgegen ihrer Befürchtungen – ein glückliches Händchen bei der Auswahl seiner Spießgesellen bewiesen hatte. Bis auf den Anführer bestand die ganze Schar ausnahmslos aus gescheiterten kriminellen Existenzen, der Bodensatz einer kriegszerrütteten, kränkelnden Welt des 21. Jahrhunderts, ausgebildet im Töten, ohne jegliche Moral oder den geringsten Funken von Anstand. Sie waren unehrenhaft entlassene, teils per Haftbefehl gesuchte Ex-Söldner, in den global tobenden Krisenherden gestählt – sei es in den Drogenkriegen Südamerikas oder im Kampf gegen den weltweit grassierenden Terrorismus. Zum Beispiel Darius, Sohn eines deutschen Stahlbetonbauers, den er nie kennengelernt hatte, und einer ukrainischen Prostituierten, der mit achtzehn bereits einer Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge nur entrinnen konnte, indem er nach Frankreich floh und sich dort freiwillig bei der Fremdenlegion meldete. Infolge einer Befehlsverweigerung jagte man ihn zehn Jahre später mit Schimpf und Schande aus der Truppe. Außerdem Georg Kruppa, genannt Viper, weil er bei der Legion in ungezählten Einsätzen sein eindrucksvolles Nahkampf-Talent mit einem Messer unter Beweis gestellt hatte, mit dem er so schnell und tödlich zustieß wie die besagte Schlange – bis er eines Nachts volltrunken seinen Unteroffizier nach einem verlorenen Kartenspiel erwischte. Ihm blieb nichts als die Flucht und vor den Militärpolizisten der Legion unterzutauchen. Würden sie ihn je erwischen, wäre er geliefert. Ansonsten war da noch der Franzose. Erst Fallschirmjäger, später Kampfschwimmer. Niemand von ihnen kannte seinen vollen Namen, da er seit einem Massaker an Zivilisten irgendwo am Horn von Afrika fahnenflüchtig und untergetaucht war und sowieso ständig die Identität wechselte. Er hatte vor einiger Zeit mit einer Handvoll alter Kameraden Kontakt aufgenommen, um sich Geld zu leihen, so waren sie an ihn herangekommen. Und schließlich Geronimo. Der Vater US-Amerikaner indianischer Abstammung, stationiert in Ramstein, die Mutter deutsch. Ebenfalls ein Leben gekennzeichnet von Gewalt und Vorstrafen, bis auch ihm als jungem Mann nichts anderes blieb, als nach Frankreich durchzubrennen und sich bei der Fremdenlegion zu melden. Neue Identität, neuer Name, weiße Weste. Wer durchhielt, konnte sich für die Zeit nach der Legion reinwaschen. Allerdings brach bei vielen das gewalttätige Gemüt eben doch irgendwann wieder durch, trotz oder gerade wegen des unvorstellbar harten Drills und der Disziplin in der Truppe. Daniel Decker, wie er eigentlich bürgerlich hieß, überfiel vor sechs Monaten im Suff eine Tankstelle, widersetzte sich der Festnahme durch zwei Militärpolizisten, stach einem von ihnen mit einem abgeschlagenen Flaschenhals ein Auge aus und war seitdem auf der Flucht. Malcolm kannte sie alle aus seiner Zeit dort. Wenn es ums Töten ging, gab es keine Besseren. Und sie waren ideal für dieses Himmelfahrtskommando, weil auf jeden von ihnen lange Haftstrafen warteten. Sich auf diesem Weg aus dieser Welt, aus dieser Zeit zu verabschieden, war mehr, als sie je hätten erwarten können. Eine Chance, ein Neuanfang. Er hätte noch zwei, drei weitere Kandidaten gekannt, doch diese Truppe stellte ihn persönlich bereits hochzufrieden, auch wenn er wusste, dass Skadi vom Gegenteil überzeugt war. Noch mehr Leute von diesem Kaliber wären selbst für ihn zu schwer zu kontrollieren gewesen. Er konnte ihnen zumindest ein Stück weit trauen, wenigstens in den ersten Jahren, bis sie in der anderen Welt ihren Platz fanden. Für den Auftrag waren sie jedenfalls ideal: Arminius zu erreichen, sein Vertrauen zu gewinnen, seinen Tod zu verhindern und ihn vor seinen Feinden zu beschützen. Und davon gab es reichlich. Zwar war es Malcolm bloß für einen Teil der neueren »Hollerbeck-Schriftrollen« gelungen, sie zu entwenden, aber es hatte sich trotzdem gelohnt. Ihr Inhalt hatte sich als äußerst wertvoll entpuppt, auch wenn in den paar Dokumenten lediglich ein recht überschaubarer Zeitraum von einigen Tagen beschrieben worden war. Aber es waren entscheidende – und er wusste nun, was zu tun war. Nur er. Skadi und er hatten keinem der anderen einen Blick in die Aufzeichnungen des Leon Hollerbeck gestattet. Das hätte bloß für Unruhe gesorgt. Ihre Vorbereitungen hatten sie pünktlich abgeschlossen. Es war jetzt später Vormittag. Das Ritual stand unmittelbar bevor. »Tut, was sie sagt!«, wies er seine Leute an und schaute Skadi Brock hinterher. »Da hinten rüber!« »Was macht das denn für einen Unterschied, ob wir hier oder da warten?«, knurrte Viper missmutig und rotzte auf den Boden. Es war widersinnig – aber er ließ sich nur ungern Befehle erteilen. »Wenn ich jemanden zum Mitdenken brauche, dann frag ich dich, okay? Also, los jetzt!« Mit weit ausholenden Schritten ging Malcolm voran. Die fünf Kisten enthielten alles, was jeder Einzelne von ihnen in den nächsten Jahren an Ausrüstung benötigte: Waffen, Munition, Rauchgranaten, Signalpistolen, Medizin, Nachtsicht-, Funk- und solarbetriebene Batterieladegeräte, Tabak, Feuerzeuge, Schutzkleidung und viele weitere Dinge. Drei der Kisten umhüllte ein Tarnnetz. Mit den Trageriemen ließen sie sich auf den Rücken schnallen, falls kein geeignetes Transportmittel zur Verfügung stand. Aufgrund ihres enormen Gewichts würde dies allerdings bloß für begrenzte Zeit möglich sein, selbst für Hünen wie sie. Er blickte auf die Uhr. Es war erst kurz vor zwölf. Bei dem Gedanken, jetzt noch fast eine Stunde hier herumzulungern, verzog er das Gesicht, denn er sah der bevorstehenden Aufgabe freudig entgegen. Er hatte sein Leben zurückbekommen – und das hatte einen Grund. Diese Frau, Hravan, hatte ihn geheilt, das stand außer Frage, und er war jemand, der sein Wort hielt. Ja, er konnte es sogar kaum erwarten, es einzulösen, seine Schuld zu begleichen. So war er immer gewesen – ein Mann, für den althergebrachte Werte wie Ehre noch zählten. Er wollte es hinter sich bringen, diesen Sprung oder wie man das nennen sollte, und sich nach der monatelangen Warterei endlich seinem neuen Lebenszweck widmen. Bevor er ging, wollte er sich aber noch von Moira verabschieden, ehe sie völlig entrückt und nicht mehr ansprechbar war. Sein Verhältnis zu ihr war immer innig gewesen und er hatte auch ihr viel zu verdanken. Sein Leben. Hätte sie ihn damals nicht zu Hravan gebracht, so wäre er wohl schon lange nicht mehr als ein Häufchen Asche in einer anonym beigesetzten Urne. Er sah ihr kurz zu, verfolgte ihre geschmeidigen Bewegungen und bewunderte ihre Schönheit. Es gab weniger als eine Handvoll Menschen in seinem Leben, die ihm noch etwas bedeuteten – seine Schwester gehörte dazu. Er verehrte und liebte sie, dessen schämte er sich nicht. Insgeheim war er froh, dass sie nie geheiratet hatte, denn er war sich nicht sicher, ob er seine Eifersucht und seinen Beschützerinstinkt ihr gegenüber hätte kontrollieren können. Nun würde er sie hierlassen und wohl niemals wiedersehen. Es zerriss ihm das Herz, denn das hieß auch, dass er sie schutzlos zurückließ. Doch seine Berufung leitete ihn auf andere Pfade und seinem Schicksal konnte er sich nicht entziehen. Es war so weit. Forschen Schrittes ging er zu ihr hinüber und nahm sie wortlos in den Arm. Sie wusste, was die Stunde geschlagen hatte. Tränen standen ihr in den dunklen Augen. Sie strich sich eine Strähne ihres tiefschwarzen langen Haares aus dem Gesicht und küsste Malcolm auf die Wange. »Leb wohl, Bruder«, flüsterte sie. »Vielleicht gefällt es den Göttern ja, unsere Wege sich wieder kreuzen zu lassen. Wer weiß das schon. Ich werde immer an dich denken. Mein großer Bruder Malcolm!« Sie schlang ihre Arme ein letztes Mal um ihn. Er schaffte es nicht, auch nur ein einziges Wort herauszupressen, also nickte er bloß und ging zurück zu seinen Männern. Schweigsam und mit gesenktem Blick hockte er sich auf die Pflastersteine, breitete ein Rechtecktuch auf dem Boden aus, zog seine Pistole und Reinigungsmittel aus einem Täschchen an seinem Gürtel und fing an, die Waffe auseinanderzubauen. Die anderen beobachteten ihn eine Weile, doch niemand traute sich, Malcolm Whaley anzusprechen. Darius und Geronimo begannen schließlich ebenfalls, ihre Waffen zum hundertsten Male zu reinigen, während Viper und der Franzose bloß die Augen schlossen und dösten. Schweigend kauerten die fünf so auf dem Boden und warteten. Unterdessen lief die Uhr für sie ab. »Und du bist immer noch sicher, dass das hier auch funktionieren wird?« Darius machte eine weitläufige Bewegung mit dem Arm, die vor allem die vier Hagedisen und den kleinen Altar auf dem Hof mit einschloss. Malcolm runzelte die Stirn und sah hoch. Er war offenbar völlig in Gedanken verloren gewesen. »Wie oft willst du mich das noch fragen? Hättest du Hravan kennengelernt, würdest du nicht so dämlich quatschen. Also wart’s doch einfach ab. In einer Stunde ist es so weit.« Darius versuchte gelassen und abgeklärt zu wirken, doch Malcolm sah ihm seine Nervosität an. »Hätte nicht gedacht, dass du Schiss kriegst, Darius. Immerhin warst du im 2. Regiment der Fallschirmjäger und in Mali. Was kann dich da noch schocken?« Die 2. war eine Spezialeinheit der Fremdenlegion und rekrutierte sich nur aus den Besten der Besten. Vor zwei Jahren waren sie maßgeblich an der Niederschlagung eines Aufstandes extremistischer Islamisten in einem monatelangen blutigen und verlustreichen Wüstenkrieg beteiligt. Der Franzose und Geronimo lachten leise, obwohl es ihnen wahrscheinlich auch nicht anders erging – darauf wäre Malcolm jede Wette eingegangen. Nur Viper blickte so grimmig und finster wie eine nicht enden wollende arktische Winternacht. »Hätte ich jetzt schon sterben wollen, wäre ich einfach in diesem Drecksloch in der Sahara geblieben. Da wird man ja wohl mal fragen dürfen.« Mürrisch schaute er zu den vier Frauen hinüber, die ihr Ritual mittlerweile begonnen hatten. Der gleichmäßige Klang der Trommel und ihr Sprechgesang waren deutlich zu hören. »Was soll man denn auch davon halten?«, grummelte Darius verächtlich weiter. »Durch ein Feuer springen und irgendwo in der Steinzeit wieder rauskommen. Das ist doch alles Zeitverschwendung. Totaler Schwachsi…« »Deine Zweifel kommen reichlich spät«, fiel Viper ihm ins Wort. Er wandte sich demonstrativ von Darius ab, streckte sich auf dem Boden aus, platzierte den Kopf auf seinem Rucksack und schloss die Augen. »Vielleicht würde es helfen, wenn du uns mal deinen Plan erklärst, Mal«, warf der Franzose ein. »Was genau werden wir denn tun – vorausgesetzt, wir kommen tatsächlich im Jahr 9 an. Im Altertum, nicht in der Steinzeit«, fügte er mit einem Seitenblick auf Darius hinzu. Der Franzose war sicherlich der Gebildetste unter ihnen, wie Malcolm anerkennend feststellte. »Ich habe mir gedacht, dass ich mir den Atem sparen kann, solange wir noch nicht in der anderen Zeit sind. Aber bevor sich hier einer ins Hemd macht …« Er seufzte vernehmlich und legte seine Pistole zur Seite. »Wir werden exakt dort ankommen, wo wir uns jetzt befinden – nur dass es das Jahr 9 sein wird. Wenn alles klappt wie geplant und die Hagedisen ihren Job richtig machen, werden wir den 23. September haben, den Tag der Herbst-Tagundnachtgleiche. Erst mal angekommen, werden wir ohne Verzögerung zu dem Chaukendorf Aha Stegili aufbrechen. Es liegt nur wenige Kilometer entfernt in südwestlicher Richtung an dem Flüsschen Hache. Der Marsch mit Gepäck wird nicht mehr als ein paar Stunden, maximal einen halben Tag dauern, denke ich. Es gibt ausreichend Wege, die wir benutzen können, wie wir aus Leons Niederschriften wissen. Im Dorf beschaffen wir uns Pferde und einen Wagen. Wir haben lediglich zwei oder drei Tage Zeit, unser Ziel zu erreichen, wo wir …« »Welches Ziel?«, unterbrach ihn Viper spöttisch. »Weißt du etwa, wo wir hinmüssen? Das meiste, was ich in den letzten Wochen zum Thema Varusschlacht gelesen habe, drehte sich um die Frage nach dem wahren Ort der Schlacht. Kalkriese, Eggegebirge, Detmold, irgendwo in Holland. Scheiße, es gibt Hunderte Theorien, mehr als beschissene Gelehrte! Woher weißt du also, großer Malcolm, wohin genau du uns führen willst?« Schweigen. Alle starrten Malcolm an. Der rollte missmutig die Augen. »Ich finde Vipers Frage berechtigt«, meinte der Franzose. »Wir alle haben uns schlaugemacht, Mal. Die Kalkriese-Theorie hat zwar die meisten Anhänger, aber ist sie deswegen auch richtig? Einen zwingenden Beweis gibt es bis heute nicht. Nicht für die Anwesenheit der drei vernichteten Legionen, keine Hinweise auf die Zehntausenden Toten in Form von größeren Knochengruben oder etwas Ähnlichem, lediglich die vielen Münzen, von denen keine nach dem Jahr 9 geprägt wurde.« Erwartungsvoll sah der gewiefte Söldner den Anführer an. Der Franzose war von ihnen allen am weitesten herumgekommen und konnte auch mit dem höchsten Bildungsstand aufwarten. Malcolm seufzte genervt. »Wie immer bist du gut informiert. Aber eines habt ihr vergessen, habt ihr euch nach wie vor noch nicht klargemacht. Bedenkt ihr bei euren Überlegungen auch mal, in was für eine Welt wir kommen werden? Dort, wo wir hingehen, herrscht Ausnahmezustand. Nach jahrelanger Knechtschaft unter den Römern bietet eine Koalition von Stämmen viele, viele Tausend Krieger auf, um die Besatzungsherren zu vernichten. Jeder einzelne dieser Männer kommt aus einem Dorf, hat Familie. Jeder beschissene Germane zwischen Ems und Elbe wird davon gehört haben, wo sich das Heer des Arminius versammelt. Ihr wollt wissen, wie ich euch an den Ort der Varusschlacht führen werde?« Malcolm lachte schallend. »Haltet euch fest: Ich werde fragen!« Erneutes Schweigen, diesmal betreten. Natürlich, das lag auf der Hand. »Ich habe euch eben gerade erklärt, dass wir als Erstes ins Chaukendorf von Leon gehen. Glaubt ihr nicht, dass dort jedermann weiß, wohin die Kriegerschar aufgebrochen ist? Selbstverständlich wissen sie es. Und falls dem – wider Erwarten – nicht so sein sollte, finden wir eben jemanden, der es weiß. Die Chauken sind nicht irgendwelche verblödeten Steinzeitmenschen. Sie werden sehr genau im Bilde sein, wo die Ihren sich herumtreiben. Sie verwenden genauso Bezeichnungen für Orte, wie wir es tun, und sind genauso in der Lage, ihr Wissen zu teilen. Vielleicht sogar noch besser als wir modernen Menschen, weil sie ein Leben lang ohne elektronische Hilfsmittel auskommen müssen, um sich zu organisieren. Was glaubt ihr wohl, was das für Leute waren, die eine solche Scheibe herstellten, mit der Zeitsprünge möglich sind? Das könnte all unsere fortschrittliche Wissenschaft nicht bewerkstelligen. Also, habt Vertrauen! Wenn es nicht der eine Ort ist, dann der andere. Eventuell brauchen wir eben noch ein wenig länger. Wir werden sehen. Es ist völlig egal, ob unser Ziel der Nordrand des Wiehengebirges, das Eggegebirge oder gar die Sommerlager an der Weser selbst sind. Wir brauchen es jetzt noch nicht zu wissen, wir werden es erfahren, sobald wir dort sind. Pferde und Wagen sind für uns …« »Wie sollen wir denn mit einem altertümlichen Pferdefuhrwerk in so kurzer Zeit diese Strecke zurücklegen?«, unterbrach Viper ihn erneut und schüttelte den Kopf. »Wenn alles gut geht, kommen wir Ende September des Jahres 9 an. Genau zu diesem Zeitpunkt fand ja offenbar die Schlacht statt. Wir haben vielleicht zwei bis drei Tage Zeit, mehr doch nicht. Außer natürlich, wir finden dort eine gute deutsche Autobahn vor.« Darius lachte nervös, die anderen blickten bloß ernst und abwartend zu Malcolm. Viper starrte ihn humorlos aus seinen kalten Augen an. »Dann werden wir uns eben etwas einfallen lassen müssen. Zum Beispiel könnten wir die Inhalte der Kisten umpacken und auf Pferderücken verteilen. Wir werden es sehen, wenn wir dort sind. Wir werden improvisieren.« »Und wer soll uns überhaupt die ganzen Pferde geben? Egal, wohin es geht, wir brauchen Pferde – und zwar ausreichend. Was ist, wenn sie nicht genügend haben?« Malcolm verzog verärgert das Gesicht. »Seht ihr? Genau deswegen wollte ich den Plan hier nicht in allen Kleinigkeiten ausbreiten. Weil er aus purer Langeweile bloß zerredet wird. Was seid ihr? Ein Debattierclub, oder was? Verfluchte Scheiße, wir fallen mit unseren halbautomatischen Feuerwaffen in eine Welt ein, in der noch nicht mal Pfeil und Bogen als übliche Kriegswaffen gelten. Die Stammeskrieger erledigen das in guter alter Handarbeit, kämpfen meisterlich mit Speeren, Mann gegen Mann, einige wenige mit Schwertern. Wie kommen wir an die Pferde?« Er schnaubte verächtlich. »Das ist nicht euer Ernst, oder?« Malcolm erhob sich und richtete sich zu voller Größe auf. »Für die sind wir Donnergötter mit der Kampfkraft einer ganzen verdammten Legion! Versteht ihr eigentlich, was ich euch sage? Ihr habt euch immer noch nicht klargemacht, wohin wir gehen werden. Wir sind eine Legion von Donnergöttern!«, dröhnte er lautstark, sah dann aber sofort schuldbewusst zu den Hagedisen hinüber. Anschließend sprach er ein wenig gemäßigter weiter: »Und zwar für alle. Sowohl für die Römer als auch für die Stammeskrieger. Wir nehmen uns, was wir wollen, erfüllen unseren Auftrag und niemand hält uns dabei auf. Mächtige und angesehene Männer werden wir sein. Gefürchtete Krieger. Wir alle. Also hört auf, hier rumzulabern! Bereitet euch lieber vor!« Schweigen. Daraufhin nickten zuerst Viper, schließlich der Franzose und Darius. Sogar Geronimo, sonst so schweigsam wie ein alter Karpfen, grummelte seine Zustimmung zu Malcolms Rede. »Wenn das so ist … Den Plan verstehe ich.« Der Franzose schien zufrieden. Ein sich näherndes Fahrzeug ließ sie alarmiert aufschrecken. Malcolm sah irritiert in Richtung des Weges, der von der etwas entfernten Straße hierher führte. »Verdammt!«, fluchte er. »Wir hätten die Auffahrt absperren sollen, um ungestört zu sein.« Er blickte zu den Hagedisen. Diese schienen bereits in jenem tranceartigen Zustand zu sein, den sie brauchten, um die Kräfte in der Himmelsscheibe zu entfachen. Auf keinen Fall durften sie abgelenkt werden. Und auf gar keinen Fall durfte überhaupt irgendjemand Zeuge dessen werden, was hier demnächst passierte. »Auf, auf! Bewegt euch!«, befahl er. »Wir müssen den Wagen daran hindern, auf den Hof zu fahren.« Schon spurtete er los. Er setzte seine finsterste Miene auf. Ihm war klar, wie er und seine Kameraden auf Fremde wirken mussten – wie ein Trupp G.I.-Joe-Klone. Das hatte aber auch den Vorteil, dass man ihnen mit Abstand und einer angemessenen Portion Furcht begegnete. »Keine Waffen!«, bellte er noch, als er bereits über den Hof rannte, der Zufahrt entgegen. Sie mussten diese Situation anders lösen, auf gar keinen Fall durfte die Polizei eingeschaltet werden. Der Zufahrtsweg war lediglich eine gewundene Schotterpiste, von Gebüsch und einigen Bäumen gesäumt. Wenn sie dem sich nähernden Wagen entgegenliefen, war der gezwungen, anzuhalten. Dies sollte allerdings so weit entfernt wie möglich passieren, am besten hinter der ersten Wegbiegung, um den direkten Blick auf den Altar und die vier Frauen zu verbergen. Malcolm kniff die Augen zusammen, um zwischen dem Geäst den Fahrer des Wagens besser erkennen zu können. Doch das war unmöglich. Immerhin – sie würden es schaffen, das Auto rechtzeitig aufzuhalten. An einer geeigneten Stelle hob Malcolm den rechten Arm und bedeutete den anderen so, innezuhalten. »Stopp, hier warten wir!« Nur wenige Augenblicke später erreichte das Fahrzeug ihre Sperre. Malcolm erkannte die Fahrerin sofort, ließ sich seine Überraschung jedoch nicht anmerken. Es war Doktor Astrid Warrelmann, der er erst vor ein paar Tagen einen Besuch abgestattet und die neu entschlüsselten Dokumente entwendet hatte. Ein Schreck durchfuhr ihn. Sie hatten überhaupt nicht bedacht, dass auch sie die neuen Schriftrollen lesen und sie heute vielleicht stören könnte. Verdammt! Trotz der spiegelnden Frontscheibe erkannte er die Furcht in ihrem Gesicht, als sie die fünf kräftigen Männer die Straße versperren sah. Sie hielt an. Malcolm wartete gar nicht erst ab, ob sie aussteigen würde. Er warf einen Blick auf seine Uhr. Kurz nach halb eins. Sie hatten nicht mehr viel Zeit. Entschlossen trat er an die Fahrertür heran. Die Doktorin ließ das Fenster herunter und blickte ihm eingeschüchtert entgegen. Malcolm beugte sich hinunter, stützte seine Unterarme auf der Tür ab und setzte seine eisernste Miene auf. »Kehren Sie sofort um! Frau Brock ist nicht zu sprechen.« Astrid Warrelmann schluckte deutlich sichtbar, sah zu den vier anderen finsteren Gestalten und schließlich wieder zu ihm. »Ich wollte gar nicht zu Frau Brock … sondern zu Ihnen.« Malcolm hob die Augenbrauen ein wenig. »Zu mir?« Er schüttelte den Kopf. »Was auch immer Sie glauben zu wissen, es ist ohne Belang. Verschwinden Sie, solange meine Laune Ihnen das noch erlaubt.« Doch statt den Rückwärtsgang einzulegen und zu wenden, stellte Astrid den Motor ab. Sie löste den Sicherheitsgurt und öffnete die Fahrzeugtür. Malcolm trat notgedrungen zur Seite. Im nächsten Moment stieg Astrid bereits aus. »Sie alle werden sterben!«, rief sie plötzlich an die Gruppe gewandt und hob beschwörend einen Arm. »Gehen Sie nicht in dieses Feuer! Es wird Ihr Verderben sein.« »Was reden Sie denn da für einen Scheiß?«, fragte Malcolm und trat einen drohenden Schritt auf die Doktorin zu. »Halten Sie die Klappe und verschwinden Sie! Sofort!« Ängstlich wich Astrid zurück. Ihr Blick blieb an den vier anderen hängen. »Wer von Ihnen ist Darius? Hat er Ihnen erzählt, was mit Ihnen passieren wird nach Ihrer Ankunft?« Anklagend zeigte sie auf Malcolm. Dieser runzelte die Stirn. »Halten Sie endlich Ihr verdammtes Maul, Sie Miststück! Wenn Sie nicht sofort in den Wagen steigen und abhauen, werden Sie das bereuen.« Doch Astrid ignorierte ihn. »Die Vergangenheit ist nicht änderbar. Sie werden nichts erreichen. Arminius ist nicht zu retten, egal, was Sie tun. Sie alle opfern sich für eine wahnsinnige Idee. Die Gegenwart ist so, wie sie ist, weil sie alle in der Vergangenheit scheitern werden. Niemand kann das verhindern. Gehen Sie nicht, es wird Ihr Tod sein! Ich bin gekommen, um Ihnen das klarzumachen. Darius, hören Sie mir zu! Sie werden der Erste …« Malcolms Faust traf brutal ihr Gesicht. Schreiend stürzte sie rückwärts taumelnd zu Boden. Erschrocken und ungläubig tastete Astrid mit beiden Händen nach ihrer Nase. Blut schoss daraus hervor. Grelle Sternchen tanzten in ihrem Blickfeld. Ihr Schädel dröhnte. Ächzend sah sie hoch. Der Kerl stand über ihr. In diesem Augenblick ertönte ein dumpfes Grollen, das direkt aus dem Boden aufzusteigen schien und sie alle erzittern ließ. Ein lauter werdender Lärm erklang, der ihn an den Krach von peitschenden Sturmböen erinnerte. Malcolm hielt inne, die Faust bereits zum nächsten Schlag erhoben. Er richtete sich auf, drehte sich um und sah seine Kameraden an. »Zurück!«, schrie er. »Es geht los, wir haben keine Zeit mehr!« Darius, dessen Mund erstaunt offen stand und der verdutzt abwechselnd Malcolm und die Doktorin anstarrte, erhielt keine Gelegenheit mehr, die alarmierenden Worte zu hinterfragen. Er wurde von Malcolm gepackt und mitgezogen. »Seht zu, los, los! Packt euren Kram zusammen! MACHT SCHON, VERDAMMT!« Malcolm brüllte, schwenkte die Arme und trieb sie alle vor sich her. Mit einem kurzen Blick über seine Schulter vergewisserte er sich, dass Astrid noch außer Gefecht gesetzt war. In größter Eile stürmten sie den Weg zurück. Doch als sie sahen, was zwischenzeitlich in der Mitte des Hofes entstanden war, blieben sie stehen und starrten fassungslos das grünliche Feuerungetüm an. Die vier Hagedisen standen rings um das wirbelnde Gebilde wie sturmumtoste Felsen, nach hinten geneigt, breitbeinig, dem Sog trotzend. Ihre Arme hielten sie erhoben, Kleidung und Haare flatterten in den gewaltigen Böen, die von dem Wirbel ausgingen. Sie beschworen das Feuer und hielten es halbwegs in Schach. Nie hätte Malcolm so etwas für möglich gehalten. Er war sich nicht sicher, was er erwartet hatte, aber dieses Ding stammte tatsächlich nicht von dieser Welt, das erkannte er sofort. Die feuergrünen Flammen, das Grollen im Boden, der tosende Sturm, der sich nur dort auf ein paar Quadratmetern austobte – es schien wahrhaftig Magie zu sein, was er dort sah. Er rannte los, zog und stieß die anderen mit sich. Am Rande des Wirbels musste er die Arme schützend vor die Augen halten, denn Staub, Blätter, Zweige und alles, was in den Sog geriet, raste wild durcheinander und bildete einen brodelnden Schleier rings um die Frauen. Sie gelangten zu ihren Kisten mit der Ausrüstung. Eilig griffen sie danach. Malcolm behielt dabei besonders Darius im Auge, der noch ängstlicher und verstörter als die anderen auf das geöffnete Tor reagierte. Natürlich – die Doktorin hatte ganze Arbeit geleistet und den gefährlichen Samen des Misstrauens und der Furcht gepflanzt. Er fluchte leise. Das hätte nicht passieren dürfen! »Los! Schneller, Männer, schneller!«, brüllte er. »Zum Feuer! Werft eure Ausrüstung hinein, wie besprochen! Macht schon!« Eine der Hagedisen knickte plötzlich leicht in den Knien ein. Dieser Fehler warf sie sogleich ein paar Schritte nach hinten. Das Feuer brach sofort in diese Lücke ein, schien sich dort unkontrolliert entfalten, toben und wüten zu wollen, doch die Frau fing sich sogleich wieder. Die Zerstörungskraft dieses Dinges war gewaltig! Die anderen sahen es auch und schreckten erneut zurück. Sie hatten Angst, keine Frage. Malcolm erkannte gerade noch rechtzeitig das Flackern in Darius’ Augen. Bevor dieser sich umdrehen konnte, um davonzulaufen, packte er ihn am Kragen. »Ich helfe dir, durchzukommen«, knurrte er ihn an und zog ihn mit sich, dem Feuer entgegen. Darius wehrte sich kurz, war aber wie gelähmt, auch wegen der schweren, langen Kiste auf seinem Rücken. Immerhin folgten ihnen die anderen, wie Malcolm mit einem kurzen Blick über die Schulter erleichtert feststellte. Je näher sie den lodernden Flammen kamen, desto mehr spürten sie ihre Sogwirkung. Sie brauchten kaum die Füße zu bewegen, sie wurden praktisch inhaliert von dem Ding. Auf der gegenüberliegenden Seite des Hofes sah Malcolm plötzlich etwas aufblitzen. Verdammt! Ein Scheinwerfer! War sie das etwa wieder? Ja, die Doktorin! Malcolm stieß einen wütenden Schrei aus. Was hatte sie vor? Der Wagen raste auf sie alle zu. War diese Frau irre? Warum tat sie das, ja, was ging sie dieser ganze Kram überhaupt an? Malcolm lief noch schneller. Darius geriet ins Stolpern, wäre gefallen, hätte Malcolm ihn nicht mit eiserner Kraft weitergezogen. Die ersten züngelnden Flammen, kalt wie die Nacht, waren nur noch wenige Schritte entfernt, der tosende Wirbel fast in Reichweite. Das Fahrzeug kam immer näher, hielt direkt auf sie, die Hagedisen, das Feuer zu. Malcolm nutzte all seine Stärke und schob Darius nach vorn. Schreiend und strauchelnd fiel der kopfüber in das brüllende grüne Flammenmeer und verschwand darin. Malcolm musste sich mit aller Macht dagegen wehren, ebenfalls einfach so verschluckt zu werden. Er drehte sich halb zur Seite, stemmte sich gegen den Sog und blickte dem Wagen entgegen. Die Kisten seiner Kameraden folgten ins Feuer, danach sie selbst. Er zog seine Pistole. Er durfte nicht zulassen, dass diese irre Doktorin seine Schwester oder eine der anderen Hagedisen verletzte. Allerdings war das Zielen unter diesen Umständen kaum möglich. Er richtete die Waffe nur grob in die Richtung des Autos und feuerte ein paarmal. Offenbar hatte er sie nicht verfehlt, denn Astrid Warrelmann riss das Steuer herum und lenkte den Wagen gegen den massiven Stamm einer alten Eiche. Malcolm wandte sich wieder um. Das Feuer verlor mittlerweile sekündlich deutlich an Kraft. Der Zeitpunkt der Tagundnachtgleiche musste erreicht oder sogar überschritten sein. Er durfte nicht länger warten, das war ihm klar. Die Gefahr, seine Kameraden um Monate oder gar Jahre zu verpassen, war einfach zu groß. Also sprang er. Mit brutaler Macht zog ihn das magische Feuer in sein Inneres. Frohlockend erwartete Malcolm seine Ankunft auf der anderen Seite. Er würde als Donnergott wiedergeboren werden. Er hatte es geschafft! Schwankend erhob sich Malcolm. Er war noch sichtlich benommen, fühlte sich, als wäre er metertief gefallen und hart aufgeschlagen. Sein Kopf dröhnte. Er atmete ein paarmal tief ein und aus, blinzelte und unterdrückte einen starken Brechreiz. Immerhin hatte er sich nichts gebrochen. Langsam blickte er sich um. Hervorragend – es hatte geklappt! Sie waren allesamt angekommen, sogar in einem Stück, wie es aussah. Sie befanden sich inmitten einiger krummer Birken und Kiefern. Der weiche und schwammige Boden federte wenig vertrauenerweckend, als er ein paar Schritte machte. Sofort versanken seine Füße knöcheltief in modrigem Wasser. Vereinzelte Früchte an Sträuchern sowie die gelblichen Blätter verkündeten unmissverständlich die Jahreszeit: Herbst. Ausgezeichnet! Dem faden Licht nach zu urteilen, musste es gegen Nachmittag sein, doch das war schwer zu sagen. Die graue Wolkendecke ließ keinerlei Rückschluss auf den Sonnenstand zu. Etwas in ihm wollte vor Aufregung brüllen, in die Hände klatschen, diesen unglaublichen Moment feiern oder sonst irgendwie zum Ausdruck bringen – doch er blieb stumm und unbewegt. Noch mehr als in den vergangenen Wochen musste er durch seine Souveränität und Kontrolle der Situation herausstechen, wollte keinerlei Emotionen bloßlegen. Er musste diesen Haufen von Drecksäcken in einem heiklen, jahrelangen Kampfeinsatz in dieser fremden Welt anführen und durfte sich keine Fehler leisten. Fehler kosteten Leben und sie waren bloß zu fünft. Keiner von ihnen war ersetzbar. Starb einer, war sein Know-how in dieser Welt unwiderruflich ausgelöscht. Und um Arminius am Leben zu halten, brauchten sie ihr Wissen aus der Zukunft. Von den Nahkampftechniken über Guerilla-Taktiken bis hin zum Umgang mit den verschiedenen Geräten, die sie mitgebracht hatten. Gute Anführer zeichneten sich durch Härte und Verlässlichkeit aus. So hatte er es gelernt. Gefühle konnte er sich nicht mehr leisten. Er würde schlicht tun, was getan werden musste. So war es auch in der Legion gewesen. Also biss er die Zähne zusammen und unterdrückte jegliche Freude, Entsetzen, Erstaunen, Betroffenheit oder was einen sonst übermannte, wenn man zweitausend Jahre in der Zeit zurückreiste. Ein kühler Wind wehte schneidend über seinen rasierten Schädel. Er verengte die Augen zu schmalen Schlitzen und sah erneut zu seinen Kameraden. Sie rappelten sich in diesem Augenblick stöhnend und ächzend auf. Nur Darius stand bereits ein Stück abseits von ihnen auf einem trockenen Büschel Moorgras und starrte ungläubig und mit offenem Mund in die urtümliche, wie verlassene Landschaft, die sie umgab. Er schüttelte den Kopf und sah Malcolm an. Dieser warf einen letzten prüfenden Blick in die Runde. Er zählte fünf Kisten. Wunderbar. Und gleichzeitig völlig verrückt. Soweit schien alles geklappt zu haben. Er wandte sich an Darius. »Alles klar bei dir, Mann?« Darius kniff die Augen zusammen und kam auf ihn zugestapft. Seine kräftigen Arme hielt er leicht nach vorne gestreckt, so, als wolle er Malcolm packen, um ihm den Hals umzudrehen. »Du hast mich hineingestoßen, du Sau! Am liebsten würde ich dich …« Er blieb erst einen Schritt vor Malcolm stehen, der ihn herausfordernd anstarrte. »Ja? Was denn? Nur weil du dir im letzten Moment einscheißt, soll ich dich zurücklassen, oder wie? Wir brauchen hier jeden Mann. Abgesehen davon, dass dir in der anderen Welt nur der Knast geblüht hätte. Also, hör auf zu jaulen, Soldat!« Darius’ Kiefer mahlten sichtbar, als er versuchte, seinen Ärger herunterzuschlucken. »Was hat sie gemeint? Die Doktorin? Wovor wollte sie mich warnen? Sag es mir, verflucht!« Malcolm seufzte theatralisch. »Woher soll ich denn das wissen? Die war total durchgedreht, hast du das nicht gesehen?« Darius schüttelte den Kopf. »Nein. Sie war ganz ruhig, als sie ankam. Sie hat behauptet, diese ganze Mission sei umsonst und für den Arsch. Und dass wir alle sterben würden.« Malcolm lachte schallend auf. Auch die anderen hatten sich zwischenzeitlich aufgerappelt und umringten sie jetzt. »Ja, und? Natürlich werden wir alle sterben!« Er stierte Darius ernst und kalt an. »So wie jeder andere Mensch auch, Mann!«, fügte er mit Grabesstimme hinzu. »Was ist neu daran, hm? Hör endlich auf zu jammern, Darius! Dass dies kein Wellness-Urlaub wird, war dir ja wohl von vornherein klar. Niemand hat ein Geheimnis daraus gemacht, wie tödlich Germanien ist. Lasst uns einfach alle zusammen versuchen, so lange wie möglich zu überleben. Und vielleicht schafft es der eine oder andere von uns und wird mit einem Leben belohnt, das diesen Namen verdient. Etwas, was euch in der Zukunft nicht vergönnt gewesen wäre. Es ist eure letzte Chance, etwas zu erreichen, etwas aus euch zu machen. Also, versaut es nicht!« Er fasste sie alle fest ins Auge. Doch diese Ansprache hatten sie schon oft genug vernommen, sie enthielt nichts Neues. »Das ist doch alles nur Gequatsche. Du hast die Schriftrollen gelesen. Was stand darin? Warum sagst du es uns nicht endlich?« Selbst Viper nickte jetzt zustimmend. »Er hat recht, Mal. Warum verrätst du uns nicht, was drinstand? Würde uns vielleicht helfen, in den nächsten Tagen klarzukommen.« »Ihr wollt wirklich wissen, was ich darin gelesen habe? Ich sag’s euch: nur Gewäsch! Beschreibungen vom Bau einer Wallanlage an einem Ort namens Folkobeek, Kundschaftergänge ins Umland, Leons Gedanken zur kommenden Schlacht. So ein Zeug. Ich weiß nicht, wovon die Doktorin gesprochen hat.« Er war schon immer ein guter Lügner gewesen. Sein Blick blieb fest und standhaft, kein Flackern in den Augen, kein Zucken des Gesichtes oder der Hand. Die anderen glaubten ihm. »Also, ich sag’s jetzt ein letztes Mal. Genug gequatscht! Abmarsch in drei Minuten! Wir haben einen engen Zeitplan und einen wichtigen Termin im Chaukendorf.« Es war ungeheuerlich, mit welcher Gleichgültigkeit die fünf Männer die fremdartige Umwelt, die sie von allen Seiten umschloss, betrachteten und zügig durchschritten. Malcolm trieb sie zu enormer Eile an, insofern blieb ihnen auch nichts anderes übrig. Er wusste, dass die körperliche Anstrengung sie davon abhalten würde, allzu viel zu grübeln – und das war gerade in den ersten Tagen wichtig. Keiner sollte den Wunsch verspüren, zurückkehren zu wollen. Denn in diese Richtung konnten sie nun nicht mehr. Ihre Ausbildungen, Überlebenstrainings und Kampfeinsätze in den Dschungeln, Bergen und Wüsten rund um den Globus hatten sie sicherlich ein Stück weit abgestumpft, was die Wirkung von urtümlichen Buchenwäldern und Moorlandschaften auf sie anging. Dazu kamen die speziellen Charaktere, aus denen die Truppe bestand. Keiner von ihnen hatte sich je sonderlich für naturnahe Wälder interessiert und sie wollten hier nicht damit anfangen. Ihre Kompasse führten sie sicher in östliche Richtung, bis sie einen breiten Pfad kreuzten. Diesem folgten sie weiter in südöstliche Richtung. Sie hielten sich am Rand der bewaldeten hügeligen Ausläufer der Geest, genau dort, wo ein mehrere Hundert Meter breiter trockener Bereich sie von dem Weißen Moor trennte, das Leon und Skrohisarn seinerzeit passiert hatten. Sie waren richtig, zumindest was die Örtlichkeit anging. Ob die Zeit die richtige war, würde sich erst im Dorf zeigen. Als sie den Hohen Berg hinter sich ließen, an dessen Fuß sie die merkwürdige Gesteinsformation des Krummen Schneiders vorfanden, unter der Leon irgendwann die Schriftrollen vergraben würde, ging es in südöstliche Richtung weiter. Nur noch etwa eine Stunde trennte sie von ihrem ersten Etappenziel. Am späten Abend, das letzte Tageslicht spendete gerade eben noch eine trübe Helligkeit, machten sie die ersten langgezogenen Strohdächer des Dorfes Aha Stegili aus. Es lag auf der westlichen Seite der Hache, eines schmalen, aber schnell fließenden Baches. Ein knapp mannshoher Wall sowie ein Graben davor umrundeten es. Ein paar Kinder, die ein Stück außerhalb des Dorfes in einer knorrig verwachsenen alten Hainbuche kletterten und Steine nach Krähen warfen, erblickten den kleinen Trupp schwer beladener Männer und liefen schreiend und gestikulierend ins Dorf. Eine breite Eiche lud zur kurzen Rast ein, bevor die Hagalianer die Holzplanken erreichten, welche die Brücke über den Bach bildeten. Sicherlich würden bald schon die Dorfbewohner nach ihnen sehen wollen. Sie brauchten nichts zu tun – außer zu warten. »Pause!«, grunzte Malcolm und hockte sich hin, um die schwere Kiste und die Tasche auf dem Boden abzustellen. Die anderen taten es ihm gleich. »Hast du eigentlich eine Idee, wie du dich hier verständigen willst?«, fragte Viper und wischte sich dabei mit dem Ärmel ein wenig Schweiß von der Stirn. »Aber vielleicht kannst du ja Chaukisch. Ich hoffe, du hast auch dafür ’nen guten Plan.« Mit dem Kinn deutete er in Richtung des Dorfes. Eine Gruppe näherte sich ihnen. Drei ältere Männer mit kittelartigen Überwürfen in Grau- und Brauntönen und engen Hosen sowie eine Frau. Letztere trug ein langes Kleid in einer verwaschenen rötlichen Färbung und marschierte voran. Einige Habichtfedern flatterten sanft in ihrem Haar. Die Männer waren alle mit gefährlich aussehenden Lanzen bewaffnet. Malcolm blickte ihnen erfreut entgegen und nickte langsam. »Lasst mich mal machen«, sagte er an seine Kameraden gewandt. »Ich weiß, was ich zu tun habe. Ihr haltet allesamt die Klappe.« »Klar, ich vergaß«, sagte Viper und begann, sich eine Zigarette zu drehen. »Du hast es ja schon gelesen. Wir warten also auf deine Anweisungen.« Malcolm wandte sich den Ankömmlingen zu, die gerade die Brücke überschritten. »Hravan!«, rief er. Die Freude in seiner Stimme war nicht zu überhören. Er konnte nicht anders, als zu seiner Lebensretterin zu gehen und sie vorsichtig zu umarmen. Hravan lachte überrascht auf und schob den Riesen sanft zurück. Sie musterte alle mit neugierigen Augen. Freude und Wiedererkennen spiegelten sich deutlich auch in ihrem Blick. Die Federn in ihrem Haar flatterten leicht, während sie immer wieder nickte. Wissbegierig betrachtete sie die anderen Hagalianer, doch diese lümmelten eher achtlos unter dem Baum, rauchten oder aßen eine Ration Trockennahrung. Sofort verengte sich ihr Blick ein wenig, denn das Verhalten der Männer war respektlos. Durch ihre scharfe Hakennase und die tätowierten Linien in ihrem wettergegerbten Gesicht wirkte sie wiederum wie ein stolzer Adler, der gerade seine Beute taxierte. Sie sagte etwas in ihrer Sprache zu Malcolm. Der verstand es natürlich nicht. Doch er antwortete trotzdem, ganz einfach und simpel, mit nur einem einzigen Wort: »Bliksmani.« Er schlug sich mit der flachen rechten Hand auf die Brust, machte eine ausholende Armbewegung, welche die anderen vier mit einschloss, und zeigte nach Süden. »Bliksmani.« Erwartungsvoll blickte er die Frau an. Hravan wusste natürlich, weswegen sie gekommen waren. Sie lächelte breit und entblößte dabei zwei Reihen ziemlich in Mitleidenschaft gezogener Zähne. Sie breitete die Arme aus und machte eine einladende Handbewegung in Richtung des Dorfs. Ihre wachsamen Begleiter ließen ihre Speere sinken. Sie wies einen von ihnen an, ins Dorf voranzulaufen und irgendetwas zu erledigen. Schließlich bedeutete sie Malcolm, ihr zu folgen. Zufrieden schulterte er wieder sein Gepäck und die anderen machten es ihm nach. Das Dorf bestand aus etwa einem Dutzend Langhäusern und doppelt so vielen Wirtschaftsgebäuden. Die Hagalianer sahen sich mäßig interessiert um. Auf den grauen Strohdächern bildete dichtes grünes Moos einen feucht glänzenden Belag, der ein wenig den Eindruck der Vernachlässigung erweckte. Sie waren den Anblick der Dritten Welt gewohnt und für sie war dies hier durchaus vergleichbar. Die handgehauenen, leicht krummen Eichenbalken, der Lehmputz dazwischen, die engen, niedrigen Türen und fensterlosen Gebäude, unzählige Schweine, Gänse, Hühner sowie Ziegen – so oder so ähnlich sah es im 21. Jahrhundert noch in weiten Teilen der Welt aus. Sie hatten die Armut gesehen und erlebt. Für sie war bloß der Feind im übernächsten Jahrtausend ein anderer. Dieser Siedlung waren die vergangenen schweren Jahre unter der römischen Obrigkeit deutlich anzusehen, wie Malcolm meinte. Vieles wirkte verwittert und so, als müsste es dringend erneuert werden. Trotzdem war alles festlich geschmückt. Gebinde aus Stroh und Ackerblumen prangten über jedem Hauseingang. Mehrmals sahen sie Strohmänner, denen Bündel von Korn in die Arme gelegt oder die mit reifen Äpfeln und Rüben zurechtgemacht waren. Am Ast einer alten Eiche hing ein breiter Kranz aus Getreide, von dem in den Farben Rot, Braun und Orange die verschiedensten Früchte, Blumen und Ährenbüschel herabbaumelten. Auf einer Wiese hinter dem letzten Haus bemerkten sie eine Reihe von Haufen aus Holzverschnitt, die wohl am Abend als Erntedankfeuer entzündet werden sollten. Alles deutete darauf hin, dass sie genau zum richtigen Zeitpunkt eingetroffen waren. Vor einem der Häuser wies Hravan Malcolm und die anderen an, ihr Gepäck abzuladen. In diesem Moment kam eine junge Frau aus der niedrigen Tür geschritten, begleitet von dem Mann, den Hravan vorhin vorausgeschickt hatte. Sie war gut aussehend, schlank und hochgewachsen mit glatten braunen Haaren, die ihr offen über den Rücken fielen. Allerdings schien das Leben nicht spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Eine traurige Distanziertheit gegenüber ihrer Umwelt und eine große Portion Verbitterung sprachen aus ihrem Blick. Malcolm lächelte trotzdem breit. »Julia, wie ich vermute? Es freut mich sehr, Sie endlich kennenzulernen.« Er streckte ihr die Hand entgegen. Die Angesprochene riss erschrocken die Augen auf, wich einen Schritt zurück und stieß einen leisen Schrei aus. Dann sagte sie etwas auf Chaukisch. Malcolm lächelte einfach weiter und zuckte mit den Achseln. »Versteh ich nicht«, sagte er schließlich. Julia presste eine Hand auf ihren Mund. Jegliche Gesichtsfarbe war gewichen. Mit der anderen Hand stützte sie sich an der Wand ab. »Was … was soll das?«, ächzte sie auf Deutsch. »Ist das ein blöder Scherz?« »Nein«, gestand Malcolm und ging noch einen Schritt auf sie zu. »Zum Glück nicht. Wir sind gerade erst angekommen und müssen uns dringend …« Im letzten Rest des Tageslichts flog Julias Blick erneut über die Männer. Schock, Entsetzen, Unglaube, Wut – ihre Augen schienen von allem ein bisschen auszudrücken. Ihre Knie knickten ein und sie sackte wie ein nasses Bündel Schilfgras zu Boden. Malcolm hielt sich ungeduldig zurück, während Hravan sich über Julias Schlaflager beugte und ihr im Schein eines Torffeuers irgendein harziges Kräutergemisch unter die Nase rieb. Sie murmelte ein paar Worte und tätschelte ihr dabei sanft die Wange. Die anderen warteten draußen. Verflucht! Malcolm hätte sich denken können, dass ihr Anblick ein Schock für sie sein würde. Was auch sonst? Er machte immer noch zu viele Fehler, meinte alles unter Kontrolle zu haben, obwohl es nicht so war. Er wusste offenbar doch nicht genug über diesen ersten Tag – und das sollte ihm eine Warnung und Lektion für die kommenden sein. Nun verloren sie wertvolle Zeit, verpassten vielleicht sogar den Beginn der Schlacht. Unruhig beobachtete er die alte Schamanin. Kurz darauf schlug Julia endlich die Augen auf. Hravan redete leise auf sie ein. Irritiert blickte sie mehrmals Malcolm an, dann wieder die Hagedise. Diese stand auf und winkte ihn herbei. Zögernd trat er an ihr Lager heran und hockte sich auf den Boden, um sie direkt anblicken zu können. Ein paar lange Sekunden verstrichen, in denen sie sich lediglich gegenseitig musterten. »Ich heiße Malcolm«, sagte er. »Malcolm Whaley. Es tut mir leid, wenn ich Sie erschreckt habe.« Julia setzte sich auf. Sie kniff den Mund fest zusammen, so, als wolle sie verhindern, dass sie einfach losheulte. Schließlich schüttelte sie den Kopf. »Sie haben ja keine Ahnung … Sie können sich nicht mal ansatzweise vorstellen, wie es mir in dieser Welt ergangen, was mir widerfahren ist, wie ich behandelt wurde. Und dann zu sehen, wie andere kommen und gehen, als wäre die Zukunft nur eine kurze Busfahrt entfernt. Diese Welt muss mein Schicksal, mein ganz persönliches Gefängnis sein – und ich weiß nicht mal, womit ich diese Strafe verdient habe.« Tränen stiegen ihr in die Augen und sie verbarg ihr Gesicht in den Decken. »Tut mir leid«, keuchte sie leise. Malcolm setzte seine mitfühlendste Miene auf und nickte bedächtig. »Ich verstehe Sie, Julia. Aber wir haben einen wichtigen Auftr…« »Wie haben Sie es gemacht? Ich meine, den Sprung zwischen den Zeiten? Wie?« Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht und schaute ihn erwartungsvoll an. Malcolm zuckte die Schultern und verlagerte unruhig sein Gewicht von einem Knie aufs andere. Wie sie da lag, sowohl unter als auch auf den zahlreichen Rinderdecken und Schafspelzen, gehüllt in ein Wollkleid und einen dicken Umhang, sah sie plötzlich so wehrlos und verletzlich aus. Malcolm seufzte. Eigentlich wollte er Julia nichts über ihre Mission verraten, doch er brauchte sie als Dolmetscherin hier im Dorf, bis sie hatten, was sie benötigten. Und zwar sofort, nicht erst in ein paar Stunden oder gar Tagen. »Wenn ich richtig informiert bin, ist ihr Ehemann, der Chauke Werthliko, bei einer Strafaktion römischer Beamter ums Leben gekommen.« Julia zögerte kurz mit einer Antwort. Zu schmerzhaft war der Gedanke an jenen schrecklichen Tag im Sommer. Schließlich nickte sie. »Was hat das damit …? Woher wissen Sie das überhaupt?«, fragte sie stotternd. »Wir sind gekommen, um Arminius dabei zu unterstützen, die Römer zu besiegen und die Stammesgebiete zwischen Ems und Elbe dauerhaft zu sichern. Außerdem müssen wir verhindern, dass er einem Attentat zum Opfer fällt. Dafür brauchen wir Sie. Sie können uns helfen, indem Sie …« Julia stieß ein bitteres Lachen hervor. »Natürlich! Um Armin geht es, um wen auch sonst? Immer dreht sich alles nur um ihn. Wie konnte ich auch nur eine Sekunde lang annehmen, dass vielleicht jemand gekommen wäre, um mir zu helfen? Mich hier herauszuholen? Nein, dafür macht sich keiner die Mühe, dieses Tor … dieses Feuerding oder was auch immer es ist … anzuwerfen!« Sie funkelte ihn bitterböse an. »Sie glauben wohl, wenn Sie von Ihren hehren Zielen schwafeln, Befreiung der Stämme und so, können Sie mich beeindrucken? An meinen Wunsch nach Rache appellieren?« Sie schüttelte den Kopf. »Nein! Blutvergießen zieht immer nur neues Blutvergießen nach sich, diese Lektion habe ich bitter gelernt. Werthliko ist tot und nichts auf der Welt wird ihn wieder zurückbringen. Ihr Auftrag ist mir scheißegal! Er interessiert mich nicht, genauso wenig wie Armin. Meinetwegen kann ihn der Blitz beim Scheißen treffen, es kümmert mich nicht.« Sie wandte ihr Gesicht ab. Ein schlechtes Zeichen. Malcolm presste enttäuscht die Lippen zusammen. Auch das hatte er natürlich nicht erwartet. Eine störrische, verbitterte Julia, die sich für ihre Mission einen Dreck interessierte. Dabei lag das doch eigentlich auf der Hand. »Ich bitte Sie! Urteilen Sie nicht vorschnell …« Julia fuhr ruckartig auf. »Vorschnell urteilen?«, schmetterte sie ihm mit schriller Stimme entgegen. »Verschaffen Sie mir ein Rückfahrticket ins 21. Jahrhundert, mir und meinen Kindern, dann helfe ich Ihnen!« »Sie wissen, dass ich das nicht kann«, antwortete er und versuchte seine eigene Gereiztheit nicht durchklingen zu lassen. Auf keinen Fall wollte er sie weiter provozieren. »Aber ich könnte mit Arminius sprechen, wenn wir erst mal da sind. Ich bin sicher, er kann es veranlassen. Viele Hagedisen werden in der Gegend der Schlachtfelder sein. Ich verspreche, mich darum zu kümmern.« Sie sah ihn zweifelnd an und stieß erneut ein bitteres Lachen hervor. »Was sollte Sie wohl dazu bringen, sich an Ihr Wort zu halten, wenn Sie erst haben, was Sie wollen? Nein, ich traue Ihnen nicht. Auch Sie werden mich sitzen lassen.« Malcolm starrte sie noch einen Moment lang an, dann seufzte er. »Ich hätte zu meinem Wort gestanden. Meine Ehre und mein Wort bedeuten mir viel, aber das können Sie natürlich nicht wissen. Sie denken, ich urteile schnell und ohne Sie zu kennen. Nun, das mag stimmen. Doch ich weiß sehr viel mehr über Sie, als Sie in diesem Augenblick ahnen.« Er dachte an die »Hollerbeck-Schriftrollen« und die detaillierten Aufzeichnungen Leons. Keine gute Idee, ihr von deren Veröffentlichung im 21. Jahrhundert in Romanform zu erzählen. Sie würde sich entblößt, gedemütigt und wahrscheinlich noch verletzter fühlen. Also erhob er sich langsam und strich seinen eigenen Umhang glatt. »Sie dagegen wissen nichts von mir, kennen weder mich noch meine Motive. Sie urteilen vorschnell. Das ist schade, denn ich könnte Ihnen tatsächlich helfen. Mir fehlt allerdings die Zeit für langwierige Diskussionen. Ich danke Ihnen, dass Sie mir zugehört haben, wenn auch nur kurz.« Er seufzte erneut. »Da wir es aber sehr eilig haben, werde ich jetzt selbst versuchen, mit Hravan klarzukommen, um das zu bekommen, was wir brauchen.« Er nickte ihr zum Abschied noch einmal zu und verschwand durch den einzigen Zugang nach draußen. Er spürte, wie ihr Blick ihn von hinten durchbohrte. Gut. Sollte sie über seine Worte nachdenken. Vielleicht entschied sie sich ja doch noch anders. Die kühle und frische Nachtluft traf ihn wie ein Schwall kaltes Wasser. Die rauchgeschwängerte Luft im Innern des Hauses war beinahe zum Schneiden dick gewesen, wie ihm jetzt klar wurde. Seine Kameraden empfingen ihn erwartungsvoll. »Wie geht’s weiter?«, fragte der Franzose. »Hilft sie uns?« Malcolm schüttelte den Kopf. »Nein, tut sie nicht. Sie stellt Forderungen, die wir nicht erfüllen können. Franzose, du kommst mit mir. Wir müssen uns jetzt selbst helfen. Wo ist Hravan hingegangen?« Geronimo deutete auf eines der Langhäuser. »In Ordnung. Ihr wartet hier! Und macht keinen Blödsinn! Sprecht mit niemandem, provoziert niemanden, klar?« Die drei Angesprochenen nickten mürrisch. Wenige Augenblicke später betrat er das gedrungene Wohn-Stall- Gebäude. Im Innern roch es stark nach den Ausdünstungen und Hinterlassenschaften von Vieh, vermischt mit dem Rauch des Torffeuers. Hravan befand sich im mittleren Teil des Hauses, wo ein Bronzetopf über einer von Steinen eingefassten Feuerstelle hing. Ein Hauch von Honigduft und leicht angebranntem Getreide überlagerte die anderen Gerüche. Wenig überrascht blickte sie ihnen entgegen. Sie machte eine einladende Handbewegung und wies auf mehrere Holzschemel, die an der Flechtwerkwand standen. »Wir haben keine Zeit«, begann Malcolm zögerlich, wohl wissend, dass er genauso gut Englisch oder Suaheli hätte sprechen können. Hravan sah ihn bloß an. »Pferde«, sagte er schließlich. Linkisch ahmte er einen Reiter nach, mit nach vorne gestreckten Armen und leicht gespreizten Beinen. Es sah lächerlich aus. Der Franzose musste an sich halten, um nicht laut loszulachen. Hravan musterte den Hünen einen Moment, dann verzogen sich die Krähenfüße rund um ihre tief liegenden klugen Augen zu einem angedeuteten Lächeln. Sie entgegnete etwas und schüttelte dabei den Kopf. »Das hieß wohl nein«, knurrte der Franzose überflüssigerweise. Malcolm nickte. »Ich dachte, ihr kennt euch und sie wusste, dass wir kommen. Ein wenig mehr Hilfe hätte ich schon erwartet.« »Ich bin selbst überrascht«, gestand Malcolm. »Nicht, dass ich mit einem festlichen Empfang gerechnet hätte. Trotzdem wäre ein wenig mehr Engagement hilfreich.« Er winkte ab. »Dennoch vertraue ich ihr. Wenn sie keine Pferde hat, hat sie keine, aus welchen Gründen auch immer. Ich denke, wir müssen tatsächlich zu Plan B übergehen und uns die Pferde woanders beschaffen. Hiermit!« Er tätschelte sein Schulterholster und die Waffe darin. Hravan winkte sie erneut heran und wies auf die Holzschemel. Sie füllte bereits etwas von dem süßlichen Brei in flache Schalen, die aus den Schaufeln von Elchgeweihen geschnitten waren. Malcolm wollte die höfliche Einladung nicht abweisen, fühlte sich jedoch hin und her gerissen. Er hatte ein Problem und konnte jetzt unmöglich Brei in sich hineinschaufeln. »In Ordnung, ich helfe euch«, erklang es plötzlich vom Eingang her. Die beiden drehten sich überrascht um. Julia stand dort, die Hände frech in die Hüften gestützt. »Stehen Sie zu Ihrem Wort? Sorgen Sie dafür, dass meine Kinder und ich zurückkönnen?« Malcolm kniff die Augen zusammen, während er sie betrachtete und überlegte, ob er ihr noch trauen sollte. Schließlich stimmte er zu. »Ja. Ich stehe zu meinem Wort.« Julia nickte zufrieden. »Gut. Ich glaube Ihnen und verlasse mich darauf.« Nun kam sie auf die kleine Gruppe zu. »Was wollt ihr von ihr?« »Wir brauchen Pferde und am besten einen Führer, der uns zum Ort der Schlacht bringt. Gut wäre auch ein Wagen für unsere Ausrüstung.« Julia übersetzte für Hravan. Die Hagedise hörte zu und schüttelte wieder bedauernd den Kopf. »Es tut ihr sehr leid«, sagte Julia, selbst ein wenig enttäuscht. »Die guten Pferde sind allesamt mit den Kriegern nach Süden gezogen. Das kann ich bestätigen, auf den Dorfweiden gibt es wirklich kaum noch Tiere. In den letzten Jahren waren die Steuern für die Römer sehr hoch und viele beglichen sie mit ihren Pferden. Es sind noch ein paar alte Gäule da, die sie fürs Pflügen brauchen, sonst nichts. Aber einen Wagen kann sie euch anbieten.« Julia wandte sich erneut an Hravan. Malcolm lauschte der Unterhaltung, während er fieberhaft überlegte. Damit hatte er nicht gerechnet. Er war fest davon ausgegangen, dass es im Dorf genügend Pferde gäbe. Verdammt noch mal! Warum half sie ihnen nicht? »Sag ihr, wir können unserer Bestimmung nicht gerecht werden, wenn sie uns nicht hilft. Sag ihr, die Prophezeiung wird nicht …« Hravan drehte sich abrupt zu Julia um. Sie sprach einige harsche Sätze und machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann schaute sie wieder in ihren Topf. Julia räusperte sich unangenehm berührt. »Was hat sie gesagt?«, fragte Malcolm. »Dass nicht sie euch hergeführt hat, sondern die Götter. Dass nicht sie für euch verantwortlich ist, sondern ihr selbst. Niemand wird in dieser Welt eine schützende Hand über euch halten. Wenn ihr hinkende Wölfe seid, werdet ihr das Rudel verlieren. Das hat sie gesagt.« Julia seufzte und sprach nochmals kurz mit Hravan. »Außerdem sagt sie, dass ihr keinen Führer bräuchtet. Es gibt einen alten Handelsweg – wenn ihr stets auf diesem bleibt, erreicht ihr in wenigen Tagen die Gegend, in der das Land der Chasuarier an die Gebiete der Brukterer grenzt. Ihr erkennt es an den bewaldeten Hügeln, den Gasitjanbargi, welche die Tiefebene und die Moore nach Süden hin begrenzen. Wo genau sich Arminius aufhält, müsst ihr dort in Erfahrung bringen, das weiß sie nicht. In den Hügeln wird es von Kriegern der Stämme wimmeln. Sie betonte mehrmals, dass ihr euch beeilen müsst, denn der Mond ist in drei Tagen ausgeblutet. Sobald er wiedergeboren wird, beginnen die Kämpfe. So ist es immer.« Julia fing Malcolms verständnislosen Blick auf. Sie zuckte die Schultern. »Übersetzt heißt es, dass niemand bei abnehmendem Mond einen Speer in die Hand nimmt. Erst nach dem Neumond in drei Tagen.« Malcolm knirschte verärgert mit den Zähnen. Schließlich straffte er die Schultern. »Unsere Ausrüstung ist zu schwer, um sie alleine eine solche Strecke zu tragen. Wir nehmen die Pferde.« Julia runzelte die Stirn. »Das wird sie nicht zulassen. Sie brauchen die Pferde zum Pflügen. Wie gesagt, sie haben sonst …« »Dann müssen sie eben Ochsen nehmen oder es selbst tun. Keine Diskussion! Zehn Pferde!« »Ihr braucht zwölf«, sagte Julia. »Ich und meine Kinder kommen ebenfalls mit. Denken Sie an Ihr Versprechen!« Sie warf ihm einen strengen, ermahnenden Blick zu. »Das ist nicht Ihr Ernst, oder? Wir ziehen auf schnellstem Weg in ein Kriegsgebiet. Kein guter Ort für eine Frau und Kinder.« Julia nickte. »Ich weiß. Aber wo wären wir sicherer als bei Ihnen? Hier bestimmt nicht. Das Dorf ist schutzlos und mich hält hier nichts mehr. Ich gehe aber davon aus, dass Sie bis an die Zähne bewaffnet sind und sich zu verteidigen wissen. Außerdem wird Armin sich leichter überzeugen lassen, wenn er seinen Sohn in dem Kriegsgebiet weiß. Das wird ihn endlich zwingen zu handeln.« Eine Spur Verzweiflung klang in ihrer Stimme mit. Sie musste wirklich dringend zurückwollen, wie Malcolm fand. Ansonsten wäre sie niemals ein solches Wagnis eingegangen. Und was sollte Armin daran hindern, ihren Arsch einfach wieder hierher zurückzuschaffen? Aber das würde nicht sein Problem sein. Er hatte lediglich versprochen, dafür zu sorgen, dass das Tor für sie geöffnet würde. Irgendwann. Trotzdem konnte er sich unmöglich darauf einlassen. Sein Einstand bei Arminius wäre von vornherein belastet, käme er nicht mit Lösungen für dessen vorhandene Probleme, sondern gleich mit einem neuen. Und die zornige Ex-Frau samt eigenem Sohn an dem Ort zu wissen, wo ein gewaltiges Gemetzel mit Zehntausenden von Toten bevorstand, war ganz eindeutig eines. Er schüttelte erneut den Kopf. »Ich glaube nicht, dass Arminius begeistert wäre, Sie an den Hacken zu haben. Er muss einen Krieg führen. Und gewinnen. Er wird andere Sorgen haben. Außerdem ist es zu gefährlich. Ein verirrter Speer, ein Schleudergeschoss oder ein Pfeil – davor können auch wir Sie nicht schützen.« Julias Augen funkelten. »Dann sehen Sie zu, wie Sie hier weiter klarkommen. Ich gebe Ihnen nur den Rat, nicht Hravan oder sonst wen mit einer Waffe zu bedrohen. Sie werden den gesamten Stamm gegen sich aufbringen, wenn Sie das tun. Und Armin wird Sie niemals als Gefolgsmann akzeptieren können. Er braucht die Chauken nämlich, insbesondere Ingimundi und Athalkuning. Sein Sohn ist ein Chauke. Deswegen wird, nein, muss er zu ihnen halten. Selbst wider jede Vernunft. So ist das hier. Die Ehre und die Sippe zählen mehr als alles andere. Auch wenn Sie und Ihre Waffen ihm noch so willkommen wären. Wenn Hravan sagt, sie kann keine Pferde erübrigen, dann ist das so. Überlegen Sie sich was anderes!« Malcolm seufzte. Verflucht, da hatte sie natürlich recht. So hatte er das vorher gar nicht gesehen. Es lief aber auch nichts so, wie er es sich vorgestellt hatte. Ihm blieb nur übrig, zuzustimmen. Und darauf zu hoffen, dass er Arminius von seinen Fähigkeiten überzeugte. Immerhin konnte er tatsächlich mit ihrer Schutzlosigkeit argumentieren – dass sie hier im Dorf möglichen Überfällen von Friesen oder Langobarden ausgeliefert gewesen wäre. Dass er es als seine Pflicht betrachtet hätte, sie unter seine Fittiche zu nehmen. Ja, das klang halbwegs plausibel. »Nun gut. Wir werden allerdings keine Rücksicht auf Sie nehmen.« Er wusste natürlich, dass er sich damit selbst belog. Kamen Julia und die Kinder erst mal mit, würde er sich um sie kümmern müssen. Oder wollte er Arminius etwa erklären, dass sie alle in seiner Obhut umgekommen waren? Er wandte sich wieder Hravan und dem eigentlichen Problem zu. »Frag sie, ob sie wenigstens einen Vorschlag hat, wie wir schnell an unser Ziel kommen.« Julia richtete die Frage an die Hagedise. Die nickte und erklärte etwas. »Sie weiß von einem Trupp römischer Steuereintreiber, der nicht allzu weit südlich von hier die Dörfer abklappert. Sie treiben offenbar Lebendvieh für die Legionslager an der Lippe ein. Der Trupp ist nicht sehr groß, sie schätzt ihn auf etwa fünfzehn Soldaten, alle beritten und nur leicht bewaffnet. Sie haben die Pferde, die ihr braucht.« Malcolm zog erstaunt die Augenbrauen hoch. Sofort durchschaute er die Absichten dieser klugen Strippenzieherin. Sie spannte ihn also direkt ein, um sich eines ihrer Probleme zu entledigen, und löste seine eigenen dabei gleich mit. Sie wurde die penetranten römischen Blutsauger los und er bekam seine Pferde. »Wo genau?« »Nicht weit. Vielleicht einen halben Tagesritt von hier. Sie folgen dem Handelsweg in südliche Richtung. Wir werden zwangsläufig auf sie treffen, wenn wir uns beeilen.« »Dann soll sie uns zumindest für einen Tag mit Pferden ausrüsten und einen Mann mitgeben. Bevor wir auf die Römer stoßen, kann er alle Pferde des Dorfes nehmen und zurückkehren. Wir überwältigen die Römer und ziehen von dort aus mit deren Tieren weiter. So entsteht dem Dorf kein Nachteil, sie haben ihre Pflugtiere nur einen Tag lang entbehrt und wir kommen schneller voran.« Malcolm schaute die Hagedise erwartungsvoll an. Nachdem Julia ihr den Plan erklärt hatte, nickte sie zustimmend und warf Malcolm einen anerkennenden Blick zu. »Einen Tag lang! Nicht mehr! Sie vertraut deinem Wort.« »Danke ihr in unserem Namen. Und … Warte!« Er schob eine Hand unter seinen Umhang und zog ein Päckchen mit Tabak hervor. Er griff hinein, holte eine ordentliche Portion des duftenden Krautes heraus und überreichte es Hravan. »Rauche es«, sagte er freundlich, machte ein paar andeutende Bewegungen zum Mund und inhalierte dabei. Hravan lächelte jetzt breit und bedankte sich überschwänglich. »Sag ihr, wir brechen gleich auf. Wir haben Licht, das uns den Weg weisen wird.« Malcolm war halbwegs zufrieden. Die Vögel in den Büschen und Bäumen des Wegesrandes kündeten noch in der fast vollkommenen Dunkelheit vom Nahen des Morgens. Leichter Nieselregen begleitete ihre Kolonne seit ihrem Aufbruch und hatte nicht nur Teile ihrer Kleidung durchnässt, sondern auch ihre Stimmung aufgerieben. Mürrisches Schweigen umhüllte die Gruppe wie eine unsichtbare Wolke. Immerhin waren sie im Schein zweier solarzellenbetriebener Handleuchten ein ordentliches Stück vorangekommen, doch es lag noch ein sehr weiter Weg vor ihnen. Zwei altersmüde Pferde, von denen eines leicht hinkte und das andere klapperdürr war, zogen einen flachen Karren, auf dem die fünf Ausrüstungskisten lagen. Obenauf hatten sich Julias beide Söhne unter einer großen Rinderhaut schlafend zusammengerollt. Sie selbst ritt, wie die fünf Ex-Fremdenlegionäre und ihr chaukischer Begleiter. Bruno, den Julia nicht zurücklassen wollte, lief anfangs noch begeistert zwischen, vor und auch hinter ihnen her. Mittlerweile trottete er müde an der Seite von Julias Pferd durch die Nacht. Sie hatte den Hund dabeihaben wollen, damit er sie vor Gefahren warnte und beschützte. Sobald sie Leon traf, würde sie ihn bei ihm lassen, er war schließlich sein Hund. Ihr war egal, was er davon hielt. Hier ging es jetzt ein einziges Mal um sie. Mehrfach hatten sie in den letzten Stunden absteigen müssen, um den Pferden dabei zu helfen, das schwere Fuhrwerk durch besonders tiefen und zähen Morast zu ziehen. Es war teils sehr mühsam gewesen, an anderen Stellen ging es dafür jedoch sehr zügig voran. Malcolm tastete prüfend nach dem Gewehr auf seinem Rücken. Es war nicht die ihm so vertraute FAMAS F-1, die er in der Legion schätzen gelernt hatte, sondern leider bloß eine sperrige AK-47. Zähneknirschend hatten sie sich für dieses Sturmgewehr entschieden, weil es bereits mehrere davon in dieser Welt gab, inklusive reichlich Munition. Immerhin war es das robusteste Gewehr, das er kannte, wenn auch so unpräzise und schwer wie eine Spaltaxt. Seine Langlebigkeit war dagegen unübertroffen. Malcolm wandte sich im Sattel um und an Julia. »Frag den Chauken, wann wir auf die Römer treffen.« Sein Blick fiel auf seine Kameraden, die auf den stämmigen kleinen Chaukenponys einfach grotesk aussahen. Jeder Einzelne von ihnen bekam beinahe die Füße auf den Boden, wenn sie sich nur noch ein Stück weiter streckten. Er bezweifelte, dass sie mit diesen Pferden wirklich schneller vorankamen, aber immerhin schleppten sie ihr gesamtes Gepäck und brauchten keine Pause. Wenn sie doch bloß endlich auf die Römer treffen würden! Julia schloss nach einem kurzen Wortwechsel mit dem Chauken wieder zu ihm auf. »Er ist sich nicht sicher. Hravan hat ihm ein bestimmtes Dorf genannt, in dem sie wohl gestern noch waren. Es liegt in dieser Gegend. Wo genau die Römer lagern, weiß er nicht.« Malcolm dachte kurz nach. Die Schriftrollen waren sehr unspezifisch gewesen, teilweise waren sie ja nur eine Sammlung von Notizen. Über das unmittelbar bevorstehende Ereignis hatte es im Grunde nur einen eher allgemein formulierten Absatz gegeben, so wie Leon viele Dinge nur beiläufig erwähnte. Er rief sich die ungefähre Formulierung in Erinnerung: »Bereits auf dem ersten Drittel des Weges zum Ort der Varusschlacht brachte ein römischer Trupp die Gruppe um Malcolm in ihre Gewalt. Wie Malcolm mir später erzählte, war er trotz Kenntnis dieses Ereignisses nicht in der Lage, es zu verhindern, da ihm der genaue Zeitpunkt und der Ort unbekannt waren. So kurz nach ihrer Ankunft waren ihre Überheblichkeit und ihr Überlegenheitsgefühl noch so ausgeprägt, dass es praktisch unvermeidbar erschien, sie alle durch den Verlust ihres Kameraden Darius wachzurütteln.« Schließlich fällte er eine Entscheidung. Er wollte es jetzt darauf ankommen lassen. Er hatte es satt, hinter jedem Sandhaufen, dickeren Baumstamm oder Brombeergebüsch einen Trupp Legionäre zu vermuten. Das machte ihn noch ganz verrückt. »Pause!«, rief er. »Darius und Geronimo, ihr geht zu Fuß auf Kundschaft! Folgt dem Weg nach Süden. Macht das Lager der Römer ausfindig und kommt schnellstens wieder. Und äußerste Vorsicht! Ich will euch lebend wiedersehen.« Beide nickten. Die dünne Mondsichel spendete gerade so viel Licht, dass sie sich in ihrer Umgebung zurechtfanden. Zum Glück war es wolkenlos. Irgendwo knackte leise ein Zweig, gefolgt vom Flügelschlag einiger Tauben, die in der Nähe aus dem Wipfel eines Baumes aufstiegen. Darius fuhr erschrocken zusammen, während Geronimo den Kopf ein wenig schräg legte und konzentriert lauschte. Schließlich schnaubte er verächtlich und überprüfte das Magazin seines Sturmgewehres, bevor er es über die Schulter streifte. »Ist nichts«, grunzte er. »Und wenn doch – ich fürchte mich nicht.« Zur Bekräftigung seiner Worte drückte er die Waffe fest an seinen Körper. Darius dagegen blickte ein wenig betreten. Die Warnung der Doktorin hallte offenbar immer noch in ihm nach. Sorgfältig bewaffnete auch er sich, dann zogen sie los. Im Laufschritt folgten sie dem Weg und waren schon bald in der morgendlichen Dämmerung hinter der nächsten Wegbiegung und einigen Espen verschwunden. Malcolm schaute ihnen besorgt hinterher. Wenn alles gut lief, würden sie in kurzer Zeit römische Pferde zwischen ihren Schenkeln haben und diese lächerlich kleinen und behäbigen Germanenponys wieder los sein. Wer sagte denn überhaupt, dass sie nicht noch ein zweites oder drittes Mal auf Römer trafen und es dort erst zu dem »Zwischenfall« käme? Im Moment hatten sie doch alle Trümpfe in der Hand. Sie waren vorgewarnt, wussten von den Römern in der Umgebung und stöberten diese gerade aktiv auf. Das sollte eigentlich ein Kinderspiel sein. Immerhin waren sie schwer bewaffnete Elitesoldaten. Ein paar Warnschüsse, vielleicht ein oder zwei Hinrichtungen unter diesen schwert- und speerschwingenden Südländern und sie würden ihnen ganz sicher keine Schwierigkeiten bereiten. Wie war das noch? Donnergötter? Seine Laune besserte sich schlagartig, als er sich seinen Trupp auf hochgewachsenen, schnellbeinigen Kriegsrössern vorstellte. Vielleicht hatte Leon auch etwas missverstanden und Darius war ganz anders umgekommen. Bei einem Unfall zum Beispiel. Vielleicht ein Querschläger oder ein verirrter Speer. Er konnte sich schlicht nicht vorstellen, dass sie im Moment wirklich in Gefahr waren. Julia stieg umständlich von ihrem Pferd, vertrat sich kurz die Beine und verschwand schließlich in den Büschen. Bruno folgte ihr schwanzwedelnd. »Seien Sie vorsichtig und laufen Sie nicht allzu weit weg«, rief er ihr noch gedämpft hinterher, doch da war sie bereits hinter einigen Sträuchern verschwunden. Malcolm drehte sich zum Rest der Gruppe um und fing Vipers Blick auf, der ihr folgte. »Denk gar nicht erst daran, Viper! Sie ist die Mutter des Kindes deines zukünftigen Kommandanten. Schlag sie dir aus dem Kopf, und zwar vollständig!« Viper verzog spöttisch den Mund. »Weiß gar nicht, was du meinst. Bin nur um ihre Sicherheit besorgt.« Er führte sein Pferd kopfschüttelnd zu einer grasbewachsenen Stelle und wenige Sekunden später sah Malcolm das kurze Aufleuchten eines Feuerzeuges und der Geruch von Zigarettenrauch erfüllte die Luft. Zorn loderte in ihm auf. »Mach sie wieder aus!«, zischte er und sah sich nervös um. »Der Feind kann hier überall sein!« Viper warf ihm einen verächtlichen Blick zu. »Na und? Diese Höhlenmenschen werden ja nicht wissen, was sie riechen, oder? Meinetwegen können sie kommen, ich bin bereit.« Mit diesen Worten tätschelte er die Pistole in seinem Gürtelholster. Malcolm machte ein paar drohende Schritte auf Viper zu. »Mach sie aus, habe ich gesagt! Sofort! Wir müssen es ja wohl nicht unbedingt darauf anlegen, entdeckt zu werden.« Viper nahm noch einen tiefen Zug und seufzte widerwillig. »Natürlich, Boss! Wenn du das sagst … Wusste nicht, dass ich dich jedes Mal um Erlaubnis fragen muss, wenn ich mir eine Zig…« Weiter kam er nicht. Etwas Dunkles und Langes kam mit hoher Geschwindigkeit durch die Luft geflogen und hieb mit seinem hinteren Ende hart gegen die Seite seines Kopfes. Bevor er die Zigarette zu Ende ausgedrückt hatte, schlug Viper auf dem Boden auf. Malcolm und der Franzose reagierten sofort. Sie zogen ihre Pistolen und suchten Deckung hinter den nächsten Bäumen. Wie aus dem Nichts tauchten jedoch rings um sie herum in Sekundenschnelle die Umrisse von behelmten Soldaten auf, bewaffnet mit drohend erhobenen Schwertern und Speeren sowie rechteckige Schilde vor sich haltend. Die Römer! Verflucht! Wo sind die so schnell hergekommen? Malcolm hob seine Waffe, fasste den ihm am nächsten stehenden Soldaten ins Auge und wollte gerade abdrücken, als ihn ein harter Stoß in den Rücken brutal gegen den Stamm vor ihm schleuderte. Plötzlich spürte er nur noch Schmerz; im Kopf, in der Schulter, im Brustkorb. Er ächzte schwer und blieb benommen liegen. Kräftige Arme packten ihn und zogen ihn hoch. Aus dem Augenwinkel sah er den Franzosen, der von drei Männern gleichzeitig zu Boden gedrückt wurde. Einer von ihnen, ein kleiner, untersetzter Kerl mit einem Kreuz so breit wie ein Kleinwagen und dunkler Haut, saß mit beiden Knien in seinem Nacken und rammte ihm gerade seine Faust gegen die schutzlose Schläfe. Die strampelnden Bewegungen des Franzosen wurden deutlich langsamer. Von der anderen Seite sah er zwei weitere Soldaten, die Julia zwischen sich hielten. Einer hatte eine Hand auf ihren Mund gelegt, um sie am Schreien zu hindern. Der andere verpasste Bruno einen heftigen Tritt in die Seite, sodass der jaulend den Rückzug antrat. Von gegenüber näherte sich noch eine kleine Gruppe. Sie schleifte Geronimo hinter sich her, der völlig regungslos zu sein schien. Nur Darius fehlte. Und die Kinder. Malcolm stöhnte auf. Es war also passiert. Hier. Und bereits jetzt. So früh. Das hätte er einfach nicht für möglich gehalten. Trotzdem: Er hatte sie wissentlich in diese Situation hineinrennen lassen und seine Überheblichkeit hatte sie offenbar schon den ersten Mann gekostet. Er war ernsthaft erschüttert, wie chancenlos sie gegen diesen blitzartigen Zugriff der römischen Legionäre waren. All ihre modernen Waffen hatten ihnen nichts genützt. Wie es aussah, vermochten diese Männer leise wie Wildkatzen durch den nächtlichen Wald zu schleichen. Trotz des dämmrigen Lichtes schalteten sie ihre Ziele in höchstem Maße organisiert aus. Eins nach dem anderen. Sie brauchten dazu weder Funkverbindungen noch Nachtsichtgeräte, keine Hubschrauber oder Fallschirme. Malcolm biss verbittert die Zähne zusammen. Jeder Atemzug schmerzte. Er fragte sich, ob eine seiner Rippen gebrochen war. Sie hatten nicht einmal einen Schuss abgeben können. Keiner von ihnen. Es war unglaublich. Nach weniger als einem Tag in dieser Welt waren sie bereits in der Gewalt der Römer. Wie blutige Anfänger. Vor einigen Minuten hatte er noch großkotzig darüber sinniert, ob Leons Bemerkung in der Schriftrolle nicht falsch sei. Diese Lektion hatte Malcolm gründlich gelernt, soviel war sicher. Immerhin wusste er, dass sie bald wieder frei sein würden, aber trotzdem. Es zeigte ihm, wie schwierig es sein würde, den Lauf der Dinge zu verändern. Wie schwierig es sein würde, Arminius zu retten. »Darius ist tot!«, rief Geronimo plötzlich laut, kehlig und klagend. Offenbar war er aus seiner Besinnungslosigkeit erwacht. Malcolm hörte ein kurzes Stimmendurcheinander, anschließend einen dumpfen Schlag. Im nächsten Augenblick ereilte ihn das gleiche Schicksal. Das Letzte, was er sah und hörte, war der Hund, der leise winselnd abseits stand und sie beobachtete. Dann umfing ihn gnädige Schwärze. Der erste Kriegsgefangene Nur langsam erwachte ich aus der Dunkelheit. Mein Kopf schmerzte von dem Tritt. Ich fühlte mich benommen. Jetzt bloß keine Gehirnerschütterung, dachte ich träge. Eine sehr undankbare Verletzung für einen Krieger: Die Trübung der Sinne, Kopfschmerzen und die Gleichgewichtsstörungen machten einen im Kampf zu einem leichten Opfer – äußerst schlechte Voraussetzungen für eine Schlacht. Stöhnend stützte ich mich auf meine Ellbogen und sah mich um. Sofort musste ich mir Bruno vom Leib halten, der jede meiner Bewegungen dazu nutzte, mir überfreudig mitzuteilen, dass er ebenfalls zugegen war. Zumindest hatte ich nicht geträumt. Bruno, Julia, Hortari und Skrohliko, auch die vier kräftigen Kerle – alle waren sie tatsächlich hier und starrten mich an. Julia tuschelte leise mit einem von ihnen. Als sie sahen, dass ich wieder zu mir kam, hockte sie im nächsten Moment neben mir und fasste mir helfend unter die Achseln. Auch Hortari und Skrohliko beugten sich dicht über mich, feixten und glucksten, als sie erkannten, dass es wohl doch nicht allzu schlimm um mich stand. »Leon, bist du okay? Du hast einen Tritt abgekriegt und warst kurz weggetreten.« »Aus, Bruno!«, stöhnte ich und versuchte erfolglos, den Hund und seine elend lange, feuchte Zunge von meinem Gesicht fernzuhalten. Endlich reagierte einer der Kerle und hielt ihn zurück. Ich setzte mich ganz auf. Mein Blick war klar, die Kopfschmerzen erträglich. »Ich glaube, es geht schon. Was zur Hölle machst du hier mit den Kindern und Bruno? Und wer sind die?« Ich warf einen verärgerten Blick auf die vier und sah Julia fragend an. Sie wollte gerade zu einer Antwort ansetzen, als einer von ihnen das Wort ergriff. »Wir haben leider keine Zeit für lange Erklärungen. Mein Name ist Malcolm Whaley. Das sind Geronimo, Viper und der Franzose.« Er zeigte nacheinander auf die drei Gestalten. »Wir sind auf dem Weg zu Ihrem Vater. Arminius. Die Römer sammeln sich sicher gerade und werden bald zurück sein. Wissen Sie, wo wir Arminius oder ein paar seiner Cherusker finden können? Wir bringen Waffen und Ausrüstung für ihn.« Verwirrt schaute ich Malcolm an. Wovon sprach dieser Kerl? War er etwa aus der Zukunft gekommen? Und wenn ja, wie? Oder kam er bloß von einem anderen Ort dieser Welt hierher ins Schlachtgebiet? Ich verstand rein gar nichts. »Du. Nennt mich Leon. Oder Witandi. Ja, Witandi …«, fügte ich nachdenklich hinzu. Ich war völlig von der Rolle. »Was sagtest du, woher ihr kommt?« Bei diesen Worten erhob ich mich. »Gut. Das mit dem Du meine ich«, antwortete Malcolm. Er machte eine ungeduldige Handbewegung. »Den Rest erkläre ich später. Wie gesagt, wir sollten hier schnellstens weg.« Ich schüttelte kurz meinen Kopf, dann fühlte ich mich wieder halbwegs klar. »Ja, ja, du hast recht. Aber ihr könnt jetzt nicht zu Armin, er ist wahrscheinlich gerade erst mit seiner Einheit vom Legionszug aufgebrochen, um einen Aufstand, den es gar nicht gibt, niederzuschlagen. Er ist mindestens zwei Tagesritte entfernt von hier. Aber ihr könntet mit mir kommen, zu den Chauken vom Aha Stegili … äh … den … Chauken aus der Gegend von …« Malcolm unterbrach mein Gestotter: »Wir wissen Bescheid, Leon. Wir haben deine Aufzeichnungen gelesen, du brauchst nichts zu erklären. Los jetzt!« Meine Aufzeichnungen? Wovon sprach er? Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, aber er hatte immerhin recht. Die Zeit drängte. Ich stellte meine Fragen also zurück, obwohl sie mich natürlich stark beschäftigten. Ich konnte es kaum erwarten, mich weiter mit ihm zu unterhalten. Im Eiltempo sammelten wir unsere Habseligkeiten ein, wendeten das Fuhrwerk und bugsierten es mitsamt allen römischen Pferden, derer wir habhaft werden konnten, in westliche Richtung. Bruno war außer sich vor Freude und jagte von rechts nach links und wieder zurück, blieb aber stets in meiner Nähe. Ich war glücklich, ihn wiederzusehen, machte mir aber auch Sorgen, dass ihm in den nächsten Tagen etwas geschehen könnte. Julia erzählte mir, wie er ihnen gefolgt war. Was für eine treue Seele! Ich fasste es nicht, dass Julia sie alle in diese Gefahr gebracht hatte. Ich würde sie mir noch vorknöpfen, soviel war gewiss. Nach einiger Zeit bogen wir auf einen Pfad ein, der nach Süden führte, in die Gasitjanbargi. Wir mussten äußerst wachsam sein, um nicht selbst in einen Hinterhalt zu geraten. Sei es durch den Trupp Römer von vorhin oder gar einen neuen. Malcolm wies den Franzosen und Viper deshalb an, zurückzubleiben und sicherzustellen, dass ihnen niemand folgte. Auch wenn unsere Spuren natürlich gut sichtbar waren, schätzte ich die Gefahr als gering ein. Erstens waren die Römer verängstigt wegen der Feuerwaffe. Zweitens vermissten sie außer einigen Pferden ja nichts, sie hatten lediglich eine Beute verloren, die ihnen eher zufällig in den Schoß gefallen war. Für diese würden sie sicher nicht ihr Leben riskieren. Da wir uns nun auf halbwegs sicherem Terrain befanden, schloss ich zu Julia auf. »Also? Ich bin gespannt auf deine Erklärung. Was macht ihr hier?«, blaffte ich sie an. Julia seufzte und warf mir einen herablassenden Blick zu. »Leon, spiel dich bitte nicht so auf. Und verschone mich mit deiner Pseudo-Betroffenheit und deinem anklagenden Ton. Ich bin dir doch scheißegal, seitdem du mich verlassen hast.« Zorn wollte in mir hochsteigen, denn diese alte Vorwurfsleier konnte ich einfach nicht mehr hören. Ganz davon abgesehen, dass es schlicht unwahr und ungerecht war. »Was soll das?«, fragte ich und winkte im nächsten Moment ab. Werthlikos Tod hatte sie ein weiteres Mal schwer mitgenommen. Das entschuldigte so einiges. »Egal. Ich dachte ehrlich, dass wir diese Art des Umgangs hinter uns gelassen hätten, aber du wirst mir wohl mein Leben lang Vorwürfe machen. Sagst du mir trotzdem, was passiert ist? Entgegen deiner Behauptung interessiert es mich sehr wohl, wo du bist, was du machst und vor allem, ob du in Sicherheit bist.« Julia machte eine wegwerfende Handbewegung. »Keine Ahnung. Vor drei Tagen kamen diese Typen abends ins Dorf und verlangten nach Pferden und einer Wegbeschreibung zu Arminius. Sie sind zwölf Jahre nach unserem Verschwinden ins Feuer gegangen, kommen also aus einer noch weiter entfernten Zukunft, als wir es tun. Über sie selbst weiß ich nur, dass sie Armin helfen wollen, diese Schlacht zu gewinnen und zu überleben. Mehr nicht.« Das alles ergab für mich immer noch keinen Sinn. »Aber die Schlacht wird doch sowieso gewonnen. So steht’s in den Geschichtsbüchern.« Ich schüttelte verwirrt den Kopf. »Was weiß ich denn?«, antwortete Julia barsch. »Frag ihn selbst.« »Ja, werde ich. Allerdings habe ich immer noch nicht verstanden, was das alles mit dir zu tun hat. Und mit den Kindern.« »Ich wusste, dass du dich aufspielen würdest als …« »Julia!«, unterbrach ich sie. »Du bist mit meinem Halbbruder, dem Sohn meines toten besten Freundes und meinem Hund in ein Kriegsgebiet gekommen! Als Gefangene der Römer!« Meine Stimme wurde immer lauter. »Ihr alle hättet tot sein können! Entschuldige, aber ja, ich maße mir an, nachzufragen, was es damit auf sich hat!« Julias Blick durchbohrte mich empört, doch das hielt mich nicht von meinem Zorn ab. Ich musste an Dyr denken und daran, was ihm passierte, als er damals mitten in die Schlacht an der Hegirowisa geriet. »Meinst du etwa, ich hab mir das ausgesucht?«, zischte sie. »Was willst du mir eigentlich sagen? Dass ich eine schlechte Mutter bin? Ohne dich wäre ich überhaupt nicht hier!« Entnervt gab ich auf. Aus ihr war keine vernünftige Antwort herauszuholen. So in etwa war jede Diskussion zwischen uns in den letzten vier oder fünf Jahren gelaufen. Seit Werthlikos Tod war es sogar noch schlimmer geworden. Sie fühlte sich einsam und allein. Das verstand ich. Doch ich war nicht dafür verantwortlich. Zumindest meinte ich das. Ich hatte mich vor vielen Jahren neu verliebt und war immer ehrlich mit ihr umgegangen. Offenbar war aber jeder Versuch der Besänftigung im Moment überflüssig. »Vergiss es!«, grollte ich. Ich wollte mich nicht aufregen oder rumstreiten – nicht hier, nicht in dieser Situation und erst recht nicht mit Julia und vor den Kindern. Also atmete ich tief durch, wischte ein wenig Regenwasser aus meinen Augenbrauen und kratze mir die kitzelnde Nase. Leise verfluchte ich das Wetter. Immerhin würden wir gleich den aufwärts führenden Pfad erreichen, der uns in die waldigen Täler der Gasitjanbargi und zu unserem Lager brachte. Dort warteten einige zu einem breiten Dach zusammengebundene Rinderhäute auf uns, die Schutz vor dem beständigen Regen versprachen. Ich beschloss, es mit Julia später noch einmal zu versuchen, und schloss zu Malcolm auf. »Ich habe so viele Fragen, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll«, bemerkte ich neben ihm reitend. Malcolm lächelte dünn. »Kann ich verstehen. Ist im Moment aber nicht der günstigste Zeitpunkt.« »Ich weiß«, entgegnete ich. »Trotzdem: Verrätst du mir, was ihr in euren Kisten dabeihabt?« Jetzt lachte Malcolm. »Alles, was wir brauchen, um einen Krieg zu gewinnen.« Der Weg wurde wieder enger und ich musste mich zurückfallen lassen. Was meinte er genau? Waffen und Munition lagen auf der Hand, aber was sonst? Aber Malcolm war mir zu keiner Auskunft verpflichtet, insofern wollte ich mich zurückhalten. Neugier wirkte kindisch. Ich sah zur Seite und erblickte ein Stück weiter den Wall, aus dessen Schutz heraus wir in wenigen Tagen die Kolonnen des Varus attackieren wollten. Er verschmolz beinahe mit der ihn umgebenden Landschaft, so unauffällig, wie er sich zwischen Bäumen und Büschen dahinschlängelte. Auf der inneren, den Hügeln zugewandten Seite schimmerten matt breite Pfützen auf dem sandig-tonigen Kleiboden. Aus dem Augenwinkel bemerkte ich, wie Malcolm das Bauwerk genau beäugte. »Habt ihr etwa keine Rinnen gegraben, um das Regenwasser umzuleiten?«, rief er mir über die Schulter zu. »Schön blöd! Entweder werdet ihr absaufen, sobald es stärker gießt, oder der weiche Boden wird so glitschig, dass ihr euch ständig aufs Maul legen werdet, solltet ihr einen Speer zu werfen versuchen!« Er lachte leise. »Es liegt doch auf der Hand: Das Wasser wird sich zwischen dem Wall und den Hügeln sammeln. Da müsst ihr wohl noch mal ran.« Ich runzelte die Stirn. Er hatte recht. Die breiten, tiefen Lachen ließen keine andere Schlussfolgerung zu. »Sieht ganz so aus. Ich denke, da wartet wirklich noch ein wenig Arbeit auf uns.« »Und wenn du mich fragst, solltet ihr schnellstens damit beginnen, ansonsten weichen der Boden hinter dem Wall und vielleicht auch der Sockel selbst derart auf, dass das gesamte Ding einfach abrutscht, wenn es noch stärker regnet. Dann ist die ganze schöne Überraschung für unsere römischen Freunde dahin.« Er grinste wölfisch. An einer wuchtigen Erle, deren Krone längst abgebrochen war und an deren Rumpf zahlreiche neue Triebe in alle Richtungen sprossen, verließen wir den Weg auf der waldigen Ebene vor den Hügeln und beschritten einen deutlich schmaleren, steileren Weg. Ich sah mich ein letztes Mal um, suchte nach verdächtigen Bewegungen, konnte aber nichts entdecken. Der Pfad war immer noch breit genug für zwei Reiter nebeneinander. Furchen im Boden zeigten an, dass hier in Friedenszeiten regelmäßig Fuhrwerke durchkamen, vermutlich von Holzarbeitern in den Hügeln. Malcolm ritt einen Moment lang schweigend neben mir, während mir immer noch der Streit mit Julia durch den Kopf ging. Schließlich warf er mir ein schiefes Lächeln zu und machte eine andeutende Kopfbewegung in ihre Richtung. »Ja, ja, die Frauen«, knurrte er. »Läuft wohl nicht mehr so zwischen euch, was?« Er warf mir einen wissenden Blick zu. »Wieso habe ich das Gefühl, dass du alles über mich weißt, Malcolm?«, fragte ich jetzt rundheraus. Der winkte ab. »Nicht alles. Nur das, was du selbst aufgeschrieben hast.« Meine Stirn legte sich erneut in Falten. »Verstehe ich nicht. Erkläre es mir.« Und Malcolm erklärte. Ich erfuhr alles über die Archäologin und ihren sensationellen Fund meiner Aufzeichnungen am Hohen Berg unter dem merkwürdigen Stein, welcher der »Krumme Schneider« genannt wurde. Wie sie nur einen Teil der alten Papyrusrollen in einem ersten Wurf entziffern konnte und deren Inhalt veröffentlichte – ausgeschmückt und in eine lesbare Romanform gegossen. Wie er diese Bücher gelesen hatte wie Millionen andere auch. Und welches Aufsehen es darüber gegeben hatte, welchen Trubel um meine Person, um Runenmagie, um die Scheibe. Und Skadi Brock, deren Verbindung zu Hravan und den Bund der sogenannten »Hagalianer«. Ihren Auftrag. Die Mission. Ihre Ankunft und Gefangennahme. Als er fertig war mit seiner Erzählung, schüttelte ich bloß den Kopf. Das alles war unglaublich. »Das heißt, du kennst jede Einzelheit, die mir in den nächsten Jahren widerfahren wird?« Malcolm schüttelte den Kopf. »Nein, leider nicht. Das wäre wirklich sehr praktisch gewesen.« Er lächelte. »Die entschlüsselten Aufzeichnungen endeten mit Darius’ Tod.« Trotzdem war ich wie vor den Kopf gestoßen. Ich hatte einige Dinge erfahren, die ich erst noch tun würde. Dinge, die in meiner eigenen fernen Zukunft lagen. Dass ich alt und überhaupt diese Aufzeichnungen anfertigen würde, dass sie gefunden und in über zwei Jahrtausenden gelesen würden. Ein faszinierender Gedanke, allerdings fiel es mir auf die Schnelle sehr schwer, das alles zu verstehen. »Aber …« Ich zuckte hilflos mit den Schultern. Ich wusste gar nicht, wo ich anfangen sollte. »Wie soll das gehen? Den Tod von Armin könnt ihr doch gar nicht verhindern. Wärt ihr damit erfolgreich gewesen oder würdet ihr es sein, je nachdem, wie man es betrachtet, hätte ich doch in der Zukunft nicht von diesem Ereignis in den geschichtlichen Quellen gelesen. Von seinem Tod im Jahr 21. Da dies nicht der Fall ist, ist der Lauf der Dinge, zumindest was die wenigen bekannten Fakten angeht, offenbar nicht mehr änderbar. Also, was wollt ihr? Was versprecht ihr euch von eurem Hiersein?« »Erstens glauben wir, dass Arminius erst im Jahr 21 stirbt, weil wir ihn bis dahin beschützen. Er wird schon viel früher das Ziel von Attentaten und Mordkomplotten sein. Dass er überhaupt so lange durchhält, wird unser Erfolg sein. Zweitens werden wir versuchen, selbst dieses Jahr weiter nach hinten zu schieben. Alles passiert so, weil wir hier sind, Leon. Nicht, obwohl wir hier sind. Es ist möglich, die Vergangenheit zu ändern, daran glauben wir. Deswegen sind wir hier.« Ich sinnierte kurz darüber. »Aha. Und wer sagt das? Ich glaube das nämlich nicht.« »Die Hagedisen«, entgegnete der Hagalianer knapp. Ich nickte. Das war ja klar. Hravan war eine überaus fähige und wissende Person, daran hatte ich gar keinen Zweifel. Sie verfügte über Kräfte, die mich immer wieder fassungslos zurückließen, weil sie mir zeigten, dass es Dinge gab, von denen ich schlichtweg nichts wusste. Aber bei dieser einen Sache lag sie falsch, dessen war ich mir sicher. Es war einfach unlogisch. Wie sollte das gehen? Das Geschehene verändern und somit eine andere Zukunft schaffen? Würde sich das Wissen in meinem Kopf schlagartig ändern? Würde ich das merken? Und die Millionen von anderen Menschen, die diese Information kannten? Und wenn danach wieder jemand in die Vergangenheit reiste und diese erneut änderte? Und immer und immer wieder, bis das gewünschte Ergebnis da war? Nein, so konnte es nicht funktionieren, dessen war ich mir sicher. Wer das glaubte, machte sich selbst etwas vor, war ein Traumtänzer. »Ich frage mich, warum ihr meinen Vater überhaupt beschützen wollt? Er ist, gelinde gesagt, in einigen Dingen sehr fanatisch. Er wird schon in wenigen Tagen für ein Massaker mit Zehntausenden Toten verantwortlich sein. Er ist zwar mein Vater und auch ich hege Groll gegen die Römer, aber gibt es keinen anderen Weg? Solltet ihr nicht eher jemanden beschützen, der sich für den Frieden einsetzt anstatt den Krieg?« Malcolm verzog den Mund. »Wir wissen von deiner schwierigen Beziehung zu deinem Vater, Leon. Aber er hat das Zeug dazu, die Geschichte zu verändern. Die ganze Zukunft! Die Stämme zu vereinigen und ein Imperium darauf aufzubauen, das dem der Römer in nichts nachsteht. Überleg mal, welches Leid, wie viele Kriege der Menschheit allein dadurch erspart blieben, dass es keine Christianisierung gibt. Er könnte eine Dynastie gründen ähnlich der Karl des Großen. Und du bist sein Sohn! Du solltest auf seiner Seite stehen und in seine Fußstapfen treten.« Entgeistert sah ich Malcolm an. »Wie kommst du darauf? Ich werde die größenwahnsinnigen Ideen meines Vaters sicher nicht unterstützen. Schlimm genug, dass ihr es tut. Ich will einfach nur leben – und zwar in Frieden. Und damit meine ich, dass ich niemandem Rechenschaft schuldig sein möchte, weder den Römern noch meinem Vater oder einem von ihm installierten Imperium.« Malcolm nickte langsam und sah mich abschätzend an. »Ich habe mir schon gedacht, dass du das so siehst. Wie gesagt, ich habe deine Aufzeichnungen gelesen und kenne deine Gedanken diesbezüglich. Aber ich kann dir nur raten, uns nicht in die Quere zu kommen. Dein Vater hat eine Vision, die wir, die Hagalianer, mit ihm teilen. Und wir werden alles dafür tun, damit sie wahr wird.« Ich schluckte. Das klang wie eine Drohung. Ich konnte sehr gut darauf verzichten, diese vier Kerle zu meinen Feinden zu zählen. Malcolm ließ sich ein Stück zurückfallen und unterhielt sich jetzt leise mit seinen Männern. Na, wunderbar! Als ob ich nicht so schon genügend Sorgen und Probleme hätte! Eine gewaltige Schlacht stand bevor und es würde Tote und Verletzte auch unter uns Chauken geben, da brauchte ich mir nichts vorzumachen. Würde ich weitere Freunde verlieren? Menschen, die mir wichtig waren? Und wie sollte ich Julia, Hortari und Skrohliko beschützen? Zu allem Überfluss musste ich mich nun auch noch mit diesen Söldnertypen herumschlagen. »Du solltest deine Worte mit Bedacht wählen, Malcolm. Ihr werdet Unterstützung brauchen, wenn ihr hier überleben wollt. Einen Stamm, eine Sippe. Ohne seid ihr hier gar nichts, da werden euch auch eure Waffen nicht helfen.« Wir ritten ein paar Sekunden schweigend nebeneinanderher. »Ich gehe davon aus, dass ihr dauerhaft hierbleibt, oder?« Malcolm nickte. »Ja. Wir werden bleiben. Für immer. Insofern hast du nicht ganz unrecht. Allein die Gunst des Arminius wird uns nicht am Leben halten. Aber ich bin lernwillig.« Insgeheim fiel mir ein Stein vom Herzen. Offensichtlich war Malcolm ein verständiger Mensch, mit dem man reden konnte. Noch. Sein Gerede von diesen Hagalianern beunruhigte mich allerdings nach wie vor. Fanatische Menschen waren stets unberechenbar und stellten früher oder später eine Gefahr dar. Ich würde sehr wachsam sein müssen. »Du hast gesagt, dass du die Ideen deines Vaters nicht unterstützt. Was machst du dann hier?« Damit traf Malcolm einen wunden Punkt bei mir. Ich hatte in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht. Anfangs war ich voller Wut und Trauer über Werthlikos Tod gewesen. Mittlerweile musste ich mir allerdings eingestehen, dass ich mich von den falschen Motiven hatte leiten lassen. Nichts würde dies ungeschehen machen. Und das Töten fiel mir nach wie vor sehr schwer. Mein Gewissen plagte mich deswegen und machte mir insbesondere des Nachts zu schaffen. Nein, ich wollte das nicht mehr. Ich war nur aus Pflichtgefühl meiner Sippe und dem Stamm gegenüber hier. Wir mussten gemeinsam kämpfen, um uns gegenseitig zu schützen. Das war der eigentliche Grund meines Hierseins. Seite an Seite bestand zumindest die Möglichkeit, dass wir alle heil wieder nach Hause kamen. »Ich erfülle meine Pflicht«, antwortete ich also nur kurz. Ich wollte keine Grundsatzdiskussion mit Malcolm führen, daher wechselte ich schnell das Thema. »Du hast vorhin eure Geschichte erzählt und warum ihr hier seid. Aber was ist mit Julia? Wieso ist sie hier? Und ausgerechnet mit den Kindern?« »Hast von ihr wohl keine Antworten bekommen, was?«, fragte er augenzwinkernd und ein wenig hämisch, was mich ärgerte. »Was soll ich sagen? Im Grunde hat sie mich erpresst. Wir brauchten dringend einen Dolmetscher im Chaukendorf, um keine Zeit zu verlieren. Ich bat sie zu helfen und sie stellte die Bedingung, dafür mitzukommen. Natürlich lehnte ich ab, aber sie ließ nicht locker.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber warum?«, bohrte ich weiter. »Ich verstehe nicht, was sie hier will.« »Sie ist stinksauer, weil es immer wieder passiert. Das Tor zwischen den Welten. Es öffnet und schließt sich, nur nicht für sie, die als Einzige unbedingt zurückwill. Sie wird von Arminius ihre Rückreise – nennt man das so? – verlangen.« Ich lachte auf. »Das ist totaler Schwachsinn! Warum sollte mein Vater das zulassen? Außerdem hat er überhaupt keinen Einfluss auf die Hagedisen. Sie treffen ihre eigenen Entscheidungen.« »Frag sie selbst. Ich musste ihr zusichern, sie dabei zu unterstütz…« Malcolm unterbrach seinen Satz, reckte sich im Sattel und lauschte. Auch ich hatte etwas gehört. Hufgetrappel von vorne! Malcolm hob die Hand und gebot unserer Gruppe so Einhalt. Wir schauten nach beiden Seiten, um mögliche Fluchtwege zu prüfen. Eine Mischung aus größeren Steinen, Brombeergestrüpp, Büschen und Bäumen setzte uns allerdings enge Grenzen, zumal wir ja auch den sperrigen Wagen mit uns führten. Auf ein Handzeichen hin sprangen Viper, der Franzose und Geronimo von ihren Tieren und flankierten Malcolm, der mit angelegtem Gewehr abwartete. Auch ich nahm meine Waffe zur Hand und verharrte mit klopfendem Herzen. Schließlich tauchten mehrere Reiter auf. Sofort erkannte ich Ingimer, Godimeri und Isenar. »Nicht schießen!«, rief ich und hob beschwichtigend die Hände. Besorgt sah ich mich nach Malcolm und seinen Leuten um. Ich kannte sie nicht und hatte keine Ahnung, wie nervös oder schießwütig sie in solch kritischen Momenten reagieren würden. Der Abzug eines Gewehrs war nun mal schneller betätigt als ein Speer geworfen. »Das sind unsere Leute.« Malcolm nickte und senkte demonstrativ die Waffe. Die anderen machten es ihm nach. Unmittelbar vor uns zügelte Ingimer sein Pferd. Überrascht musterte er meine Begleiter. Sein Blick blieb zuerst an ihren Gewehren hängen. Seine größte Missbilligung erntete Julia. »Wir haben Schüsse gehört, Witandi, und dachten, du wärst in Gefahr. Was ist passiert und wer sind die? Noch mehr elithiodiga?« Ich verkniff mir ein kleines Lächeln. Kommissar Paulus war damals schon »Elithiodig« genannt worden, was »andersvölkisch« bedeutete. Ingimer erkannte Malcolm und seine Leute sofort als das, was sie waren. »Verstärkung für Arminius, wie es aussieht. Gerade angekommen. Allerdings musste ich sie erst mal aus ihrer Gefangenschaft befreien. Römer.« Ingimer sah erst mich mit großen Augen an, dann drehte er sich zu Isenar und Godimeri um. Anschließend lachte er schallend auf und warf seinen Kopf dabei so weit in den Nacken, dass sein Kehlkopf unter dem bärtigen Hals wild auf und ab hüpfte. Seine Frame rutschte ihm dabei fast aus der Faust. Irritiert schaute Malcolm mich an, während seine drei Kameraden eher finster dreinblickten. Ihnen allen war klar, dass Ingimer sich über sie lustig machte. Ich hingegen blickte betreten in die umliegenden Baumwipfel und versuchte, unbeteiligt zu wirken. Beinahe hätte ich angefangen, ein Lied zu pfeifen. »Was habt ihr geredet? Warum lacht er so?«, fragte mich Malcolm, offenbar in dem Versuch, den Ärger in seiner Stimme möglichst zu unterdrücken. Ich machte eine abwiegelnde Handbewegung. »Er ist bloß glücklich darüber, dass wir so fähige Verstärkung bekommen.« Ingimer blickte mich mit wässrigen Augen an. »Im Ernst, Witandi? Das sind Blitzschleuderer, so wie Bliksmani einer ist? Und alle vier waren in der Gewalt der Römer, obwohl gerade erst angekommen? Was für eine Art Verstärkung sollen die denn sein?« Er schüttelte ungläubig den Kopf. »Sie können froh sein, dass sie noch am Leben sind. Ich hoffe, sie wissen zu schätzen, was du für sie getan hast.« Da war ich mir nicht so sicher. Ingimer wendete sein Pferd. »Kommt, wir sollten uns beeilen. Es dämmert bereits. Inathiri war auf Kundschaft und hat berichtet, dass Athalkuning wohl morgen zu uns stoßen wird.« Die zunehmende Dunkelheit machte das Vorankommen auf dem immer schmaler werdenden, mittlerweile von hohen Bäumen gesäumten Pfad in Kürze fast unmöglich. Irgendwann erklang der abgehackte, schäkernde Ruf einer Elster – die Warnung unserer versteckten Wachen, dass Eindringlinge nahten. Endlich! Ich hatte schon Sorge gehabt, dass wir es mit dem Wagen vielleicht nicht rechtzeitig schafften. Gerade noch vor dem Einsetzen völliger Dunkelheit erreichten wir unser Lager. Es befand sich in einem engen waldigen Tal, durch das sich ein winziges Bächlein schlängelte. Eigentlich war es bloß ein Rinnsal, doch es lieferte uns allen ausreichend frisches Wasser. Flache, rauchlose Feuer brannten ringsum und erhellten die Lagerplätze unter den grau schimmernden Buchen und Eschen. Zelte aus Ziegen- und Rinderhaut sowie Dutzende etwa mannshohe Haufen von Eschenspeeren prägten ansonsten das Lagerbild. Ingimundi und die restliche Schar der chaukischen Krieger erwarteten uns bereits. »Ingimer! Witandi! Ich wollte gerade weitere Männer losschicken, als ich die Warnrufe unserer Elstern hörte. Warum hat es so lange gedauert? Und wer ist das?« Neugierig und gleichzeitig skeptisch musterte er die dunklen Silhouetten der Neuankömmlinge. Als er Julia erkannte, zog er erstaunt die Augenbrauen hoch und stapfte empört auf sie zu. Wild wedelte mein hünenhafter Schwiegervater mit den Armen. »Bei den Toten! Was machst du denn hier, Frau? Und dann auch noch mit dem Sohn des Arminius? Welches Kraut hast du gekaut – bist du noch bei Trost?« Seine Stimme bebte förmlich vor Zorn. Nicht zu Unrecht, wie ich fand. Als Häuptling trug er die Verantwortung, auch für die Zurückgebliebenen. Wenn Julia so deutlich und offensichtlich gegen seinen Willen handelte, mangelte es ihr an Respekt. Und Ingimundi konnte sehr zornig werden. Julia zog kleinlaut den Kopf ein. »Ich wollte … Ich kann doch wohl selbst …«, setzte sie mit dünner Stimme zu einer Erwiderung an. »Ruhe!«, unterbrach Ingimundi sie. »Ich will nichts hören! Kein Grund kann wichtig genug sein, dass du ausgerechnet jetzt herkommst und für Durcheinander sorgst. Wir haben Krieg! Du wirst also hier in diesem Lager bleiben und dich kein Stück rühren, verstanden? Kümmere dich um die Verletzten! Und wage es ja nicht, auch nur einen einzigen Fußbreit aus diesem Tal herauszutreten! Ist das klar?« Julia blickte ihn bloß stumm an. Eine trotzige Falte bildete sich auf ihrer Stirn und sie zog die linke Augenbraue hoch. Ihre Schultern strafften sich. Ich kannte sie und wusste in diesem Moment sicher, dass sie genau das nicht tun würde. Sie ließ sich nicht gerne bevormunden, vor allem nicht nach dem, was ihr passiert war. In ihren Augen hatte kein alter Mann das Recht, über ihr Schicksal zu entscheiden. Was ich wiederum ebenfalls verstehen konnte. Doch ihr war die Situation, in der wir uns hier alle befanden, schlicht nicht bewusst. Sie hatte keine Ahnung, was diese sogenannte »Varusschlacht« bedeuten würde und in welcher Gefahr sie und die Kinder schwebten. Ich nahm mir fest vor, sie deswegen noch mal anzusprechen. »Hast du verstanden?«, grollte der Häuptling erneut. Julia nickte jetzt. Ein gehauchtes »Ja …« stellte Ingimundi fürs Erste zufrieden. Nun nahm er Ingimer und mich beiseite. »Wer ist das?«, fragte er und deutete auf die Hagalianer. Die starrten unbeteiligt auf die gesamte Szenerie. Ich erzählte ihm, was ich über sie wusste. »Meinst du, wir können ihnen vertrauen?« Ich bejahte. »Zumindest im Hinblick auf die Römer. Sie kämpfen auf unserer Seite, das ist sicher. Und ihre Kampfkraft wird riesig sein. Alleine die Blitze dieser vier Männer könnten die Legionen des Varus in die Flucht schlagen.« Ingimundi machte ein überraschtes Gesicht, sagte aber nichts weiter dazu. »Trotzdem sollten wir vorsichtig sein. Obwohl sie Arminius nie begegnet sind, haben sie …« Ich suchte nach einer passenden Umschreibung für ihre seltsame Motivation. »Sie haben ihm Treue und Gefolgschaft geschworen. Ihm, nicht uns. Wie du weißt, ist das, was Arminius will, nicht immer das, was auch für uns das Beste ist.« Ingimundi wusste nur zu gut, was ich meinte. Allein, dass er damals auf der Hegirowisa Frilike opfern wollte, um den Zorn der Chauken zu schüren, würde Ingimundi ihm nie vergessen. Julia führte in diesem Moment die Kinder, die sich müde die Augen rieben, an das kleine Bächlein, wo sie sich hinhockten, sich zaghaft wuschen und ein wenig tranken. Demonstrativ wandte sie uns den Rücken zu. »Von Segestes’ Verrat hast du noch nicht gehört, oder?«, fragte mich Ingimundi. »Nein. Was meinst du?« »Diese Kröte hat dem Häuptling der Römer, diesem Varus, alles erzählt. Wirklich alles! Von den erfundenen Aufständen bis hin zu der Falle, die hier am Rande der Gasitjanbargi zuschnappen soll.« Ich schluckte. »Und mein Vater? Ist er …?« »Nein«, winkte der Chaukenhäuptling ab. »Arminius konnte Varus offenbar davon überzeugen, dass Segestes eine missgünstige, falsche Schlange ist. Jeder weiß von ihrer Zwietracht. Als Varus gehört hat, dass Arminius gedenkt, Segestes’ Tochter auch gegen dessen Willen zur Frau zu nehmen, war die Sache für ihn klar. Was für ein Glück für uns! Er vertraut Arminius. Dennoch«, er atmete tief durch, »das hätte auch schiefgehen können.« Das waren in der Tat schockierende Neuigkeiten. Nicht auszudenken, hätte Segestes irgendeinen Beweis angeführt – mein Vater würde wahrscheinlich nicht mehr leben. Aber war das überhaupt möglich? Wieder drehten sich meine Gedanken um die Änderbarkeit von Geschehnissen, die für mich als Mensch der Zukunft in der Vergangenheit lagen und nun Gegenwart waren. Mein Hirn schien sich jedoch sofort verknoten zu wollen, fing ich auch nur an, darüber zu sinnieren. Ich ließ es besser bleiben. »Woher weißt du das alles?«, fragte ich. »Ucromerus kam vorhin mit einer kleinen Schar. Er reitet die einzelnen Lager ab, damit alle Bescheid wissen. Ein Großteil der Cherusker ist heute Morgen in den Gasitjanbargi eingetroffen. Und sie feiern ihren Erfolg. Es war bis zuletzt nicht sicher, ob die Legionen des Varus tatsächlich ihre Marschroute auf Anraten deines Vaters ändern würden. Allerdings hat er wohl als Vorsichtsmaßnahme sein Heer geteilt. Einer seiner Legaten marschiert mit zwei verkleinerten Legionen südlich an den Gasitjanbargi vorbei in Richtung der befestigten Lager im Brukterer-Gebiet.« Ingimundi lachte glucksend, sodass sein schwerer, langer Bart vibrierte. Zufrieden schaute er mich an. »Der Großteil läuft aber in die Falle hinein. Dein Vater ist wirklich unglaublich, Witandi. Sein Heil überstrahlt alles. Ohne ihn wäre das gar nicht möglich. Ein Teil seiner Männer führt gerade Angriffe auf die bewaffneten Garnisonen in dieser Gegend durch, damit von dort keine Verstärkung geschickt wird. Da sie als Varus’ Hilfstruppen bei diesen Vorposten erscheinen werden, bekommen sie überall Einlass und haben leichtes Spiel, alles niederzubrennen.« Zufrieden rieb er sich die Hände. »Der erste Teil von Arminius’ Plan scheint tatsächlich aufzugehen. Nun denn – die Römer werden in zwei Tagen hier sein, direkt nach dem neuen Mond. Morgen muss also unser Wallabschnitt fertig sein!« Er schlug seine Faust in die offene Handfläche. »Am Abend hält Arminius einen Kriegsrat mit allen Hundertschaftsführern ab. Wir drei gehen natürlich hin.« »Nehmt mich mit!« Julia stand plötzlich neben uns. Offenbar hatte sie gelauscht. »Was fällt dir ein?«, herrschte Ingimundi sie an. »Du bleibst hier und gehst nirgends hin! Ich will nichts mehr von dir hören!« Demonstrativ wandte er sich von ihr ab und zog Ingimer und mich ein Stück weiter, wo wir ungestört reden konnten. Empört starrte Julia uns hinterher. »Was machen wir mit denen?« Mit einem Kopfnicken wies er auf Malcolm und seine Leute. »Wir bringen sie morgen früh zu den Cheruskern«, schlug ich vor. »Gut. So soll es sein. Wenn wir den Hügelpfad nehmen, brauchen wir nicht allzu lang bis zu ihrem Lager.« Ich wollte gerade zustimmend nicken, als mir aufging, dass es nicht so einfach sein würde. »Und ihr Wagen? Den können sie nur über den Handelsweg fahren, nicht über den Hügelweg.« Ingimundi winkte ab. »Es versteht sich ja wohl von selbst, dass ab morgen niemand mehr den Handelsweg nimmt, oder nicht? Wir müssen unauffällig bleiben. Viel zu gefährlich.« Ich war nicht sehr zuversichtlich, dass Malcolm das genauso sah. »Sie haben ihre Ausrüstung in den Kisten auf dem Wagen. Unmöglich, dass sie die Sachen selbst durch die Hügel tragen.« Ich machte eine bedeutungsschwere Pause. »Wir sollten das mit ihnen besprechen, Ingimundi.« Der Häuptling grunzte unwillig seine Zustimmung. Die Fremden waren ihm nicht geheuer. Er traute ihnen nicht. Ihre Meinung einzuholen, ging ihm gegen den Strich, das spürte ich. Trotzdem rief ich Malcolm. Fragend sah er uns an, ein höfliches, aber abschätziges Lächeln im Gesicht. Es war offensichtlich, dass er keine Ahnung hatte, wie er sich Ingimundi oder überhaupt einem Stammeskrieger gegenüber verhalten sollte. Er wartete einfach ab, bis er angesprochen wurde, und versuchte bis dahin möglichst respektvoll zu sein. Dass er sich allerdings allen hier um Längen überlegen fühlte, stand ihm förmlich ins Gesicht geschrieben. Seine Größe, Stärke, Ausbildung und Ausrüstung gaben ihm das nötige Selbstvertrauen. »Morgen brechen ein paar von uns zu den Cheruskern auf«, sagte Ingimundi. Mit einem Kopfnicken gab er mir zu verstehen, dass ich übersetzen sollte. Nachdem ich fertig war, sprach er weiter. »Arminius wird auch dort sein. Ihr könnt uns begleiten.« Malcolm hörte mir zu und nickte freundlich lächelnd. »Wir werden den Hügelpfad nehmen müssen. Euren Wagen könnt ihr nicht mitnehmen.« Nachdem ich fertig übersetzt hatte, runzelte Malcolm die Stirn und sah Ingimundi ernst an. »Das geht nicht«, teilte er mir mit. »Wir brauchen die Ausrüstung darauf. Wir nehmen einen anderen Weg. Sag ihm das!« Zorn legte sich wie ein Schatten über das Gesicht des Häuptlings. Er schien kurz zu überlegen, doch dann zuckte er die Schultern. »Ich kann euch nicht daran hindern. Das Lager der Cherusker müsst ihr in diesem Fall allerdings alleine finden. Ich setze meine Leute nicht der Gefahr aus, auf dem Handelsweg angegriffen zu werden.« Als ich Malcolm Ingimundis Entscheidung mitgeteilt hatte, zuckte dieser bloß mit den Schultern. »Beschreibt uns den Weg dorthin. Wir brechen morgen in aller Frühe auf und werden selbst auf uns aufpassen. Das ist kein Problem. Der Häuptling muss niemanden für uns abstellen. Außerdem lassen wir uns sicher nicht noch mal von Römern gefangen nehmen. Wir sind vorbereitet.« Ich erklärte es Ingimundi. Aber ich sah es nicht ganz so wie mein Schwiegervater. »Ich finde nicht, dass wir sie sich selbst überlassen sollten. Erstens könnten sie unnötig viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, wenn sie sich verlaufen. Zweitens könnten sie mit Kriegern anderer Stämme in Auseinandersetzungen geraten, weil sie unsere Sprache nicht sprechen. Vielleicht hält man sie sogar für Römer. Und drittens könnten sie unverhältnismäßig auf Gefahr reagieren und mit ihren Blitzschleudern so viel Lärm veranstalten, dass die gesamte römische Vorhut gewarnt wird. Das können wir uns nicht erlauben. Sie müssen mitsamt ihrer Ausrüstung schnell und unauffällig ins Cheruskerlager gelangen. Dann kann Arminius sie dort einsetzen, wo er es für richtig hält. Wir werden ihre Unterstützung brauchen, Ingimundi.« Seit Tagen geisterten bereits Gerüchte umher, dass viele Hundertschaftsführer, zumeist Kleinfürsten und Unterhäuptlinge, dem Aufruf von Arminius nicht gefolgt seien. Nicht jeder glaubte an die Möglichkeit eines Sieges und fürchtete die Rache der Legionen Roms nach einer Niederlage. Vorbehalte hatte es insbesondere bei den Chatten gegeben, wo unser alter Bekannter und Feind meines Vaters, der Häuptling Adgandestri, an vielen Strippen zog. Nur gut die Hälfte der hervorragenden chattischen Krieger war in den Gasitjanbargi eingetroffen – es waren jene Sippenführer, die Adgandestri nicht nahestanden. Doch so weit brauchte man gar nicht zu schauen. Segestes war ein mächtiger Anführer der Cherusker und seine offene Ablehnung gegenüber Arminius, ja, sein Verrat des Hinterhalts in den Gasitjanbargi hatte ebenso den Effekt, dass viele Cheruskerfürsten sich zierten. Sogar das eher kleine Volk der Marser zeigte sich gespalten. Während sich Häuptling Aesk ohne Wenn und Aber der Stammeskoalition verschrieben hatte, hielt sich der andere mächtige Marserhäuptling Marlohwin zurück und beschwor Untergangsszenarien für sein Volk, sollte es sich an dem Aufstand beteiligen. Nur die Brukterer standen geschlossen hinter Arminius. Allerdings konnten sie keine schlachtentscheidende Übermacht an Kriegern aufbieten, denn auch sie mussten einen Teil ihrer Männer während dieser herbstlichen Erntezeit in den heimatlichen Gefilden behalten, sollte der ganze Stamm im Winter nicht verhungern. Ähnliches galt für die Arminius tief verbundenen Angrivarier: Sie waren exzellente Speerkämpfer, brachten aber sicherlich nicht mehr als sechs oder sieben, maximal acht Hundertschaften auf. Die Chauken wiederum waren kein Kriegervolk, sie kämpften vor allem nicht auf fremdem Territorium. Ihre Abordnung war lediglich auf Armins und mein Verwandtschaftsverhältnis zurückzuführen, meinen Schwiegersohn-Status für Ingimundi und dessen Verschwägerung zum mächtigen und nie kriegsmüden Häuptling der Chauken vom Gastiwallan, Athalkuning. Die suebischen Völkerschaften, zu denen auch die Langobarden gehörten und die ebenfalls allesamt unter der römischen Obrigkeit litten, hatten sich in den letzten Jahren dem Markomannenkönig Marbod zugewandt. Dieser hielt sich bewusst zurück und wartete ab, ob Arminius’ Heil die Römer zu besiegen vermochte. Für eine Koalition stand er derzeit nicht zur Verfügung. Dies alles bedeutete, dass die Heeresstärke der Stämme vielleicht nicht mal eine fünfstellige Größe erreichte. Unser bis an die Zähne hochgerüsteter Gegner wiederum verfügte mit seinen mehr als drei Legionen sowie Hilfstruppen und Kavallerie insgesamt wohl über deutlich mehr als zwanzigtausend Bewaffnete. Unsere einzigen Vorteile waren die Überraschung des Hinterhalts, das Gelände – und unsere modernen Waffen. Die Hagalianer kamen so gelegen, als hätten die Götter persönlich sie und ihre Kampfkraft in die Waagschale geworfen. Ingimundi wusste all das. Wir mussten dankbar für jede Unterstützung sein. Der Chaukenhäuptling seufzte. Ich wusste genau, dass er mit seinem Stolz haderte – schließlich ziemte es sich für seinen Rang nicht, gab er diesem Fremden gegenüber nach. Doch was blieb ihm anderes übrig? Dickköpfigkeit konnte uns alle das Leben kosten. Somit stimmte er zu. Wir drei würden die Söldnertruppe morgen früh nach Südosten, in die Hauptkampfzone führen. »Sag ihm, ich habe nachgedacht. Wir müssen Normalität vortäuschen, es darf auf dem Handelsweg nicht menschenleer sein. Das wäre zu auffällig für römische Kundschafter und würde sie erst recht alarmieren. Also nehmen wir den Weg getarnt als Händler.« Ich war immer noch nicht zufrieden. »Die Römer könnten sie wiedererkennen. Immerhin habe ich heute Nachmittag auf die Steuereintreiber geschossen. Vielleicht sind sie bereits beim Heer eingetroffen und melden den Vorfall, beschreiben Malcolm und seine Leute. Dann sind sie gewarnt.« Ingimundi und Ingimer warfen sich nachdenkliche Blicke zu. Schließlich schüttelte Ingimundi den Kopf. »Bei über drei Legionen im Heer des Varus wird der eine nicht wissen, was der andere tut. Sie werden beinahe täglich Rückkehrer aufnehmen, die angegriffen wurden. Dass die Kundschafter oder die Vorhut, denen wir morgen vielleicht begegnen, ausgerechnet von denen, die ihr heute vertrieben habt, etwas hören, ist so, als wollte man einen Kieselstein in einen See werfen und einen Fisch dabei treffen. Fast unmöglich.« Ich gab ihm recht. Es war sehr unwahrscheinlich. Somit war es abgemacht. Ich wandte mich an Malcolm, um ihm unseren Plan zu erklären. »Das alles aber nur unter einer Bedingung«, fügte ich abschließend an. Mein Herz pochte wild vor Nervosität. Ich war gerade dabei, meine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. »Ihr habt reichlich Waffen und Ausrüstung. Ich will eine kugelsichere Weste für Julia sowie eine gute Pistole und ausreichend Munition. Immerhin habt ihr sie hierher geschleppt.« Ich setzte meine undurchdringlichste Miene auf. Was, wenn er ablehnte? Ich würde sie trotzdem morgen begleiten müssen, so wie Ingimundi es beschlossen hatte. Nur dass dann mein Ruf im Eimer wäre. Ihre futuristische Kriegsausrüstung war ihre Überlebensversicherung in dieser Welt. Gespannt wartete ich auf Malcolms Antwort. »In Ordnung«, sagte er bloß. »Du kannst dir die Sachen nachher abholen. Sobald deine Freundin sie nicht mehr braucht, will ich sie wiederhaben, verstanden?« Ich nickte geschäftsmäßig. »Zeigst du ihr, wie man mit der Waffe umgeht? Oder soll ich …?« »Nicht nötig«, unterbrach ich ihn. »Wenn du mir eine kurze Einweisung gibst, reicht das.« Ich jubelte innerlich. Julia würde ein Mindestmaß an Schutz haben. Leider konnte ich nicht mehr für die Kinder tun, doch ich ging auch nicht davon aus, dass die drei hier oben in den Hügeln ernsthaft in Gefahr gerieten. Im Morgengrauen entstand Unruhe. Hufgetrappel und Rufe weckten mich. Athalkuning und seine Hundertschaft waren endlich eingetroffen. Die Dunkelheit der vergangenen Nacht hatte sie zum Glück nicht davon abgehalten, unser Lager zu finden. Ein glänzendes Beispiel für die Fähigkeiten dieser Männer! Ohne viel Umschweife ließ sich Athalkuning von Ingimundi die derzeitige Situation erklären. Gemeinsam beschlossen die beiden, alle verfügbaren Männer sofort zur Vollendung des Schutzwalls am Fuß der Gasitjanbargi abzuordnen. Die Zähigkeit der Krieger beeindruckte mich immer wieder. Sie mussten die ganze Nacht geritten sein – und das bei Neumond. Trotzdem gönnten sie sich keine Pause, keine Erholung. Es stand zu viel auf dem Spiel. »Schlafen können wir in der Halle der Krieger, an Wodans Festtafel«, dröhnte Athalkunings kehlige Stimme durchs Lager. »Auf, auf! Wir dürfen keine Zeit verlieren! Schon bald verdunkeln die Raben den Himmel und nur die Nornen1 wissen, auf wen von euch sie sich setzen werden.« 1 Schicksalsgöttinnen Mir schmerzten der Rücken und die linke Seite. Mit den Rippen hatte ich die halbe Nacht auf einem Wurzelstück gelegen, Bruno eng an mich geschmiegt. Außerdem war mir eisig kalt. In diesem Augenblick hätte ich ein Königreich für eine Tasse Kaffee und einen Platz am Feuer mit Frilike gegeben. Stattdessen kratzte ich mir die Arme und Achselhöhlen. Ich stand vor Dreck und hatte mich nur zaghaft mit dem kalten Wasser waschen wollen, was ich jetzt deutlich zu spüren bekam. Trotzdem raffte ich mich auf. Ingimer, der mit mir im selben Zelt geschlafen hatte, sah wesentlich frischer aus. Er klopfte mir freundschaftlich auf die Schulter und lachte. »Komm schon, Witandi! Du solltest es mittlerweile gewöhnt sein, unter freiem Himmel zu leben.« Falsch, dachte ich. An manche Dinge gewöhnt man sich nie. »Denk nur an unsere Zeit am Dunklen Fluss, als wir den Braunen Stier gefangen haben. Oder die Kriege gegen die Friesen und Langobarden. Da waren wir viele Monde nicht zu Hause«, fuhr er fort, während er seine Sachen zusammensuchte. »Ich habe bloß nicht so gut geschlafen«, entgegnete ich und winkte lässig ab. »Wirklich? Auf all den Fellen?« Er wies auf den Haufen Rinderfelle. Ingimer kam mit einem einzigen aus. »Du musst in deiner Welt wahrlich ein König gewesen sein.« Ich dachte an ein großzügiges Doppelbett mit Federkernmatratze in einem beheizten Raum und straffte mich. Als ich vor einigen Jahren ungewollt wieder in der Zukunft gestrandet war, ließ mich die Sehnsucht nach dieser Welt fast wahnsinnig werden. In erster Linie hatten mir natürlich Frilike und Ingimodi gefehlt, doch der Geruch eines Torffeuers in einem chaukischen Langhaus und der Rücken eines Chaukenponys waren damals meine größten Wünsche gewesen. All meine Bestrebungen hatten mich wieder hierher geführt. Galt das nun nicht mehr? Unsinn! Ich war einfach fertig. Die bevorstehende Schlacht zerrte an meinen Nerven. Ich war empfindlicher geworden, soviel stand fest. »Nein, ganz sicher nicht. Das Kriegerleben ist einfach nichts für mich. Ich bin froh, wenn wir unverletzt zurückkehren.« Während wir redeten, packte ich ebenfalls meine Sachen zusammen. Bruno beobachtete mich dabei äußerst misstrauisch. Er schien zu argwöhnen, dass uns eine erneute Trennung bevorstand. Ich strich ihm liebevoll über den Kopf. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass Malcolm und seine Leute bereits abmarschbereit waren. Athalkuning war es sowieso und Ingimundi verstaute in diesem Moment seine Habseligkeiten auf dem Rücken seines Pferdes. Das Frühstück fiel wohl aus. Mürrisch beeilte ich mich noch mehr. Schließlich ging ich zu Julia und den Kindern hinüber und berichtete ihr von unserem Auftrag und dass ich wüsste, warum sie hier sei. Außerdem vertraute ich ihr Bruno an. Missmutig wünschte sie mir Glück und versprach, auf den Hund achtzugeben und keine Dummheiten zu machen. Ich sicherte ihr im Gegenzug zu, dass ich bei meinem Vater ein gutes Wort für sie einlegen würde. Kurz darauf löste Tageslicht die Dämmerung ab und wir ritten auf dem Pfad unter den regennassen und tropfenden Bäumen bergab, dem Handelsweg entgegen. Athalkuning und Ingimundi führten uns an und unterhielten sich dabei so angeregt wie zwei alte Kumpel, die sich lange nicht gesehen hatten. Der Rest von uns ritt schweigend hinterher. Um meine Stimmung aufzuheitern, überlegte ich angestrengt, ob die Situation nicht auch etwas Gutes hatte. Schließlich gab es fast an allem eine gute Seite, man musste nur danach suchen. Endlich, als wir am Fuß des Hügels ankamen und ich den Wall erblickte, wusste ich es. Immerhin brauchte ich heute nicht den ganzen Tag in Schlamm und Dreck am Wall zu arbeiten. Erleichtert atmete ich auf. Wir legten fast den gesamten Weg entlang der Sitzenden Berge unbemerkt und problemlos zurück. Ingimundi war ihn schon mehrfach geritten und hielt bereits seit einiger Zeit nach einer auffälligen Gesteinsformation Ausschau, die an einen Opfertisch erinnerte. Kurz dahinter schlängelte sich ein Pfad in die Hügel hoch und führte zum gut versteckten Cheruskerlager. Wir bemerkten die vier römischen Pioniere zuerst gar nicht. Sie hockten auf dem Boden und begutachteten ein besonders schlammiges, aufgewühltes, etwa fünf Schritt breites Stückchen Erde, das einen sumpfigen Teich zu teilen schien. Beim zweiten Hinsehen erkannte ich einen Stoß dünner Pappeln, die etwas abseits lagen und offenbar dazu dienen sollten, diese Stelle abzudecken und für die endlose Zahl an Wagen im Tross der Römer passierbar zu machen. Die zu den Pionieren gehörende Patrouille fällte in einem nahen Wäldchen weitere Bäume, wie wir am Krachen von Holz hören konnten. Sie entdeckten uns, bevor wir überhaupt die Chance hatten, zu reagieren. Einer der Pioniere sprang auf und stieß einen Ruf aus. Wir hielten an. »Ruhig bleiben!«, ermahnte Ingimundi alle, insbesondere die Hagalianer. »Was tun wir?«, fragte Ingimer. Athalkuning räusperte sich und reckte sich in seinem Sattel, um besser sehen zu können. »Wir geben uns als Händler aus, wie besprochen.« Ich zweifelte daran, dass irgendwer unsere Schar als solche ansehen könnte, schwieg aber dazu. Immerhin hatten wir unsere Speere, Schwerter und Schilde auf dem Wagen verstaut, um nicht von vornherein wie Krieger auszusehen. Ich hoffte nur, dass wir genau dies nicht bereuen würden – denn Ingimer, Ingimundi und Athalkuning waren nun unbewaffnet. Das Gewicht des Gewehres auf meinem Rücken gab zumindest mir das Gefühl, mich wehren zu können. Malcolm und seine Gefährten schienen das Gleiche zu denken. Unmerklich zogen sie ihre Handfeuerwaffen aus ihren Gürtelholstern. Viper, der direkt vor mir auf dem Wagen hockte und ihn lenkte, zog ein längliches Rohr aus einer Brusttasche und schraubte dieses auf den Lauf seiner Waffe. Ich wusste sehr wohl, was das zu bedeuten hatte. Jeder Kommentar erübrigte sich. Ingimundi gab ein Zeichen und wir setzten uns wieder in Bewegung. Vor uns versammelten sich derweil die Pioniere sowie die zu ihnen gehörende Patrouille, weitere zwölf Männer. Sie wichen ein Stück zurück, sicherlich, um den weichen Boden und das sumpfige Gewässer nicht im Rücken zu haben. Daraufhin nahmen sie mitten auf dem Weg Formation ein. Es war offensichtlich, dass sie uns nicht vorbeilassen wollten. Ich schluckte schwer und versuchte, ruhig und tief zu atmen, um meine Furcht im Zaum zu halten. Eine Auseinandersetzung war unausweichlich. Am heutigen Tag einen weithin hörbaren Schuss abzufeuern, war allerdings eine denkbar schlechte Lösung in dieser Situation. Vielleicht konnten wir es ja vermeiden. Bevor wir das Schlammloch erreichten, hob Athalkuning die Hand. Wir hielten erneut an. Die Römer starrten uns einen Moment lang an. »Salve!«, rief ein dunkelhaariger Legionär. Er fügte in der Sprache der Stämme hinzu: »Dieser Weg ist gesperrt! Ihr müsst umkehren und den Legionen des Statthalters Platz machen!« Zunächst reagierte keiner von uns. Wir schwiegen. »Natürlich«, entgegnete Ingimer schließlich. »Dafür brauchen wir aber nicht umzukehren. Ein Stück weiter vorn werden wir in die Hügel reiten, dann ist der Weg wieder frei.« Der Soldat schüttelte energisch den Kopf. »Das geht nicht. Wir haben Befehl, niemanden vorbeizulassen. Ihr müsst hier umkehren und euch einen anderen Weg suchen!« »Aber es ist nicht mehr …«, wollte Ingimer erwidern, wurde aber von dem Mann unterbrochen. »Nein! Umkehren! Jetzt! Habt ihr Waffen dabei? Ihr seht nicht wie Händler aus.« Die Situation kippte innerhalb von Augenblicken. Die Soldaten der Patrouille hoben ihre Schilde, sodass ihre Körper fast vollständig verdeckt waren, sowie die Speere. Malcolm wandte sich mir zu. »Was sagt er?« Ich erklärte es ihm. »Der Wagen ist schwer beladen«, startete Ingimer einen letzten Versuch, das Unvermeidliche abzuwenden. Aber es brachte nichts. Waffen zu tragen, war durch den Statthalter Varus verboten worden. Wir sahen ganz offensichtlich nicht nach einfachen Händlern aus und taten nicht sofort, was sie verlangten. Auch wenn sie auf den ersten Blick keine Waffen an uns entdecken konnten, so sprachen die großen Kisten auf dem Wagen doch Bände. Der Soldat gab seinen Leuten ohne eine weitere Antwort ein Zeichen. Sie kamen ein paar Schritte näher und nahmen Gefechtsformation ein. Fünf Soldaten knieten sich hin und hielten die Schilde hoch. Die dahinterstehenden hoben ihre Speere zum Wurf. Ein weiterer Soldat links davon zog sein Schwert, so auch der Anführer. Die Pioniere wichen hastig ein Stück zurück. »Mir reicht’s!«, hörte ich Malcolm jetzt knurren. Er zog seine Waffe und stieg vom Pferd. Geronimo und der Franzose taten es ihm gleich. Viper sprang vom Wagen. Argwöhnisch beobachten die Römer jede ihrer Bewegungen. »Was tut ihr da?«, rief der Soldat herüber. Der Abstand zwischen ihnen und uns betrug etwa zehn Meter. »Wir müssen den Wagen wenden«, beeilte ich mich zu erklären. »Wir werden tun, was ihr sagt.« Ich drehte mich zu Malcolm um. »Was habt ihr vor?«, fragte ich ihn. Doch er beachtete mich nicht. Er besprach sich kurz mit seinen Leuten, in aller Ruhe, so, als gäbe es die auf uns gerichteten zehn Speere gar nicht. Die drei anderen nickten, als Malcolm fertig mit seinen Anweisungen war. Sie zogen ihre Waffen und schraubten – wie Viper – Aufsätze auf die Läufe. Schalldämpfer! Ich schluckte. Sie taten es mit einer Ruhe und Abgebrühtheit, die mir kalte Schauer über den Rücken jagten. Aller Augen hefteten sich erwartungsvoll auf sie, auch die der drei Chaukenhäuptlinge. »Macht Platz, schnell!«, rief ich ihnen jetzt zu. Mein dringlicher Tonfall zeigte Wirkung. Gleichzeitig pressten sie alle ihren Pferden die Hacken in die Seiten und ließen sie ein paar Schritte zurückweichen. Unterdessen entsicherten die vier Hagalianer ihre Schusswaffen, hielten diese vor sich, allerdings noch nicht hoch erhoben, und marschierten in einer Reihe auf die Römer zu. Mir schwante Böses. Das Ganze erinnerte mich an eine bevorstehende Hinrichtung durch ein Erschießungskommando. »Halt!«, rief der Anführer der Patrouille. Sein Blick flackerte. Er war nervös und wusste offenbar nicht, wie er reagieren sollte. Immerhin trugen die Hagalianer keine für ihn erkennbaren Waffen. Auf ein für mich unsichtbares Kommando hin hoben sie alle gleichzeitig ihre Pistolen. Der ahnungslose Römer gab das Zeichen zum Angriff für seine Männer. Er hatte noch nicht einmal die erste Silbe ausgesprochen, da zuckten die Feuerwaffen in den Händen von Malcolm und seinen Leuten und acht der zehn speerschwingenden Legionäre sanken mit Kopfschuss zu Boden. Die letzten zwei fielen im nächsten Augenblick. Der Anführer blieb erstarrt stehen und ließ sein Schwert langsam sinken. Außer einem vielfachen Ploppen war nichts zu hören gewesen. Gespenstische Stille legte sich für einen langen Atemzug über den Ort dieses Massakers. Die drei Pioniere, die ein Stück weiter abgewartet hatten, drehten sich um und liefen davon. »Hinterher!«, rief Malcolm. Kurz darauf hatten sie auch diese drei erledigt. Nur der Anführer war übrig geblieben. Die ganze Aktion hatte nur Minuten gedauert. Ich sah mich nach Ingimundi, Ingimer und Athalkuning um. Kreidebleich saßen sie in ihren Sätteln und murmelten etwas. Obwohl sie meine Waffe seit Jahren kannten und an sie gewöhnt waren, so war doch diese neue Form des beinahe lautlosen Tötens in höchstem Maße erschreckend für sie. Sie fürchteten sich, das las ich in ihren Gesichtern. »Ihn können wir mitnehmen. Vielleicht hat er ja brauchbare Informationen für uns«, teilte mir Malcolm wie beiläufig mit, während er den Römer entwaffnete und ihm schließlich einen Strick um die Handgelenke band. Zitternd und deutlich unter Schock stehend ließ der Mann es wehrlos über sich ergehen. Ich nickte stumm. Mir wurde schlecht, wenn ich nur daran dachte, was mir in den nächsten Tagen noch alles bevorstand. Ingimundi und Athalkuning hatten zwischenzeitlich ihre Speere vom Wagen genommen und waren zu den Toten getreten. Der Häuptling vom Gastiwallan stellte sich vor sie und hob die Arme zum Himmel. Laut rief er: »Die ersten Toten dieses Krieges weihe ich mitsamt ihren Waffen und allem, was sie tragen, dem Tiu!« Er schwang seinen Speer in alle Himmelsrichtungen und kniete sich hin. Ingimundi und Ingimer taten es ihm nach. »Was tun sie da?«, frage Viper. Interessiert sah er den Chauken zu. Ich hatte ihn gar nicht an mich herantreten hören. Es war das erste Mal, dass nicht Malcolm, sondern einer seiner Männer mich ansprach. »Es ist Brauch, dass die ersten Gefallenen ihrem Kriegsgott geweiht werden. Sie nennen ihn Tiu. Mitsamt allem, was sie bei sich tragen. Sie behalten nichts davon, glauben, es bringe Unglück.« Viper zog die Augenbrauen hoch. »So? Warum denn?« »Weil die Seelen der Getöteten in den Waffen weiterleben, die sie getragen haben«, erklärte ich. Der Franzose, Geronimo und Malcolm standen ebenfalls neben mir und schauten dem Treiben der Chauken befremdet zu. »Für die Stämme sind Waffen nicht nur irgendwelche Gegenstände, sondern ein Teil von ihnen. Ihr werdet es noch selbst sehen; vielleicht wird das gesamte Varus-Heer sogar dem Wodan geweiht, der ihnen entweder Sieg oder Niederlage schenkt. Die Krieger werden hier und da ein paar Ausrüstungsgegenstände plündern, aber ansonsten zerstören sie alles, was als Waffe oder Rüstung taugt.« Schweigend beobachteten wir, wie die drei Chauken sämtliche Speer- und Schwertklingen verbogen, um sie anschließend in den Tümpeln zu versenken. Die mit Leder überspannten, bemalten Holzschilde schlugen sie kaputt und warfen die Reste in ein nahes Gebüsch. Schließlich schafften wir die Leichen in die Hügel und sammelten alle Waffen und Gerätschaften auf, bis keine Spuren zurückblieben. Kreidebleich sah uns der Kriegsgefangene dabei zu. Es war ihm deutlich anzusehen, dass er mit seinem Leben bereits abgeschlossen hatte. Der Dornenbusch Tief in den Gasitjanbargi fanden wir bald darauf das Hauptlager der Cherusker. Wir hatten auf dem Weg dorthin bereits mehrere kleinere Lager passiert, die als schützende Vorposten dienten. Überall musterte man unsere seltsame Schar mit großen Augen, da jedermann die vier Hagalianer sofort als Fremde erkannte. Jedoch stellte niemand Fragen, denn im Grunde fanden sich in diesen Tagen ja allenthalben Fremde in den Hügeln ein, von denen die meisten sich untereinander nicht kannten. Immerhin lernte ich, dass sich die unzähligen Lager der verschiedenen Stämme wie an einer Perlenschnur von Westen nach Südosten durch die Gasitjanbargi zogen, immer in sicherer Entfernung zum Handelsweg. So war eine viele Kilometer lange verborgene Frontlinie entstanden, von der die Römer derzeit nicht einmal etwas ahnten. Meinen Vater sah ich bereits von Weitem. Aufgrund ihrer prächtigen römischen Uniformen stachen er und sein Adoptivvater Segimer aus der Masse hervor. Sie waren mitten im Gespräch mit einer Gruppe anderer Uniformträger und Männern in der üblichen Stammeskleidung. Als er die durch uns verursachte Bewegung im Lager bemerkte, entdeckte er auch mich. Seine Augen weiteten sich kurz überrascht, dann erblickte er meine Begleiter. Ungläubig glitt sein Blick an ihnen auf und ab. Schließlich verzog sich sein Gesicht zu einem wölfischen Grinsen. Er sagte etwas zu den Umstehenden und stapfte mit wehendem Umhang durch das schlammige Lager auf uns zu. Ich stieg von meinem Pferd und fand mich im nächsten Moment in einer engen Umarmung mit meinem Vater wieder. Lachend klopfte er mir mehrmals mit der flachen Hand auf den Rücken. »Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Junge!«, feixte er und sah mich an. Du sollst mich nicht »Junge« nennen, fuhr es mir durch den Kopf. »Dass du dir das hier nicht entgehen lassen würdest! So lange haben wir darauf gewartet – Jahre!« »Hallo, Armin«, sagte ich und versuchte ebenfalls ein Lächeln. Ob es Sinn machte, ihm zu beichten, dass ich mich alles andere als freute auf das bevorstehende Schlachten? Nein, eher nicht. »Ich bin froh, dich zu sehen. Du hast dich …« Ich musterte ihn eingehender. »… gut gehalten.« Er strotzte förmlich vor Kraft und Energie. Seine Haut war sonnengebräunt vom Leben draußen, seine kräftigen Schenkel, Arme und Hände kündeten von seiner enormen Stärke. Seine breite Brust hob und senkte sich bei jedem Atemzug, wie ich es vom Anblick eines Hirsches gewohnt war. War dieser Mann wirklich mein Vater? Es war eigentlich kaum zu glauben. Der Prototyp eines Kriegers. »Nicht wahr?«, lachte er. »Aus mir ist richtig was geworden. Schau mal, sie haben mir sogar den Ritterrang verliehen!« Stolz zeigte er mir einen goldenen Ring mit großer geprägter Siegelfläche, den er an der linken Hand trug. Danach rückte er seinen Muskelpanzer mit der darum gewickelten Feldbinde zurecht, um mir die weiße Tunika darunter zu zeigen. Auf dieser waren Purpurstreifen zu sehen. Ich wollte gerade etwas entgegnen, als er eine wegwerfende Handbewegung machte. »Gehört alles zur Täuschung dazu, Junge. Varus frisst mir praktisch aus der Hand, dieser arrogante Schnösel. Dem hätte ich alles erzählen können – Hauptsache, er bekommt die Gelegenheit, seine Tatkraft unter Beweis zu stellen. Ich werde ihn persönlich in Stücke hacken und nach Rom zu Augustus schicken. Wart’s ab!« Er schlug sich mit der Faust in die offene Hand. Dann sah er sich um. »Ich muss gleich weiter, Ingimundi und Athalkuning standesgemäß begrüßen. Habe wenig Zeit. Erzähl doch mal, was gibt’s Neues bei dir? Hast du mich noch mal zum Opa gemacht?« Neugierig blickte er mich an. Es war wie immer: Wenn ich mit meinem Vater unter vier Augen sprach, fühlte es sich sogleich an, als laufe das Gespräch in die falsche Richtung. Was wollte er von mir? Wir trafen uns am Vorabend einer gewaltigen, tagelangen Schlacht nach Jahren erstmals wieder und er wollte jetzt beiläufig Kaffeeklatsch halten? Gab es nichts Wichtigeres zwischen Vater und Sohn zu besprechen als das Abklappern der Standardfragen, deren Antworten ihn im Moment doch sowieso nicht interessierten? Außerdem musste er vor Neugier förmlich platzen, denn er hatte Malcolm und seine drei Schergen doch deutlich gesehen. Was also sollte das? Vielleicht war ich aber auch mal wieder viel zu streng und ungerecht. Neugier ziemte sich nicht für einen Mann seines Ranges und die ungeschriebenen Gesetze der Stämme geboten es nun mal, zuerst und ausgiebig die eigene Sippe und anschließend nach absteigendem Rang alle anderen nacheinander sowie mit gebührender Zeit und dem nötigen Respekt zu begrüßen. Malcolm und Co. waren Unbekannte und standen deshalb zwangsläufig ganz hinten auf seiner Begrüßungsliste. »Nein. Bisher noch nicht. Außer Ingimodi …« »Ich wette, er frisst euch die Haare vom Kopf, was?«, unterbrach er mich lachend und sah sich wissbegierig nach unseren vier Begleitern und den Chaukenhäuptlingen um. Ein weiteres Mal musterte er Malcolm und seine Leute von oben bis unten. Ich wusste genau, dass er es kaum erwarten konnte, von mir los- und weiterzukommen. »Wo wir gerade bei Kindern sind, Armin«, wollte ich ansetzen, um ihn über die Anwesenheit Julias zu informieren, als er mich nochmals unterbrach. »Hör mal, Leon, lass uns nachher weitersprechen. Ich muss noch so viel klären. Ich bin gleich zurück, ja?« Ohne meine Antwort abzuwarten, stapfte er zu Ingimundi und Athalkuning hinüber, um die beiden Häuptlinge angemessen zu begrüßen. Ihm folgten Sechiomeri, der sich allerdings so an die romanisierte Form seines Namens gewöhnt hatte, dass er sich selbst bei Athalkuning als Segimer vorstellte, Cheruiosegi, von den Römern aufgrund seiner hellblonden Haarmähne Flavus – der Helle – genannt, der leibliche Sohn des Segimer und damit der Stiefbruder von Arminius. Schließlich der hoch respektierte Inguiomer, Bruder des Segimer und damit Stiefonkel von Arminius, sowie Ucromerus, der ja gestern bereits kurz bei uns im Lager gewesen war. Die Chaukenhäuptlinge, Ingimer und ich kamen gar nicht mehr zu Atem. Einige weitere bekannte Gesichter, die wir noch von unserem Abenteuer bei den Langobarden an der Elbe kannten, rundeten die Begrüßungsarie ab. Ein lautes Stimmengewirr setzte ein. Die Laune war heiter und gelöst, fast so, als träfe man sich hier für ein großes Sportereignis – ich fand es nett, aber auch befremdlich. Die Hälfte von ihnen konnte morgen schon tot sein. Aber der Einzige, der sich darüber Sorgen machte, war wohl ich. Wahrscheinlich, weil aus mir einfach kein passabler Soldat und Krieger werden wollte. Krieg und Tod waren nichts, dem ich ungeduldig entgegenfieberte. Plötzlich stand Armin wieder neben mir. Offenbar hatte er nun alle Häuptlinge ausreichend begrüßt. Neugierig sah er zu Malcolm und seinen Leuten hinüber, die erwartungsvoll und ergeben unter einer Ulme abwarteten. »Und jetzt verrate mir endlich, wer die sind«, sagte er. Wie gebannt hing sein Blick an dem Wagen mit den fünf Kisten. »Die kommen doch nicht etwa aus der …?« Er wagte nicht, die Frage zu Ende zu sprechen. »Allerdings«, entgegnete ich. »Sie werden dir gefallen. Sind ganz nach deinem Geschmack und nur wegen dir hier.« Armin runzelte die Stirn. »Aber wie …? Kann ich ihnen trauen?« Prüfend blickte er mich an. »Hravan hat das wohl von langer Hand vorbereitet, wenn ich das richtig verstanden habe. Hat ein paar …« Ich suchte nach dem passenden Wort. Immer wenn es um das Feuer und das Tor ging, hörte sich jeder Erklärungsversuch irgendwie lächerlich und unzutreffend an. »… Frauen ausgebildet. Und sie haben die Scheibe aus meinem … deinem … na ja, wessen auch immer … Haus geholt. Offenbar haben sie es geschafft, das Tor zu öffnen. In der Zukunft entsteht so etwas wie ein Kult um dich.« Zum ersten Mal musste ich lächeln. Dieser Gedanke war einfach zu absurd. Den Grund für diesen Kult, nämlich meine Aufzeichnungen, erwähnte ich zunächst nicht. »Sie nennen sich ›Hagalianer‹ und wollen dich beschützen. Sind alles Ex-Fremdenlegionäre und wünschen sich nichts sehnlicher, als deine Bodyguards zu sein. Nach allem, was ich bisher gesehen habe, sind sie dafür bestens ausgebildet und bewaffnet. Obwohl sie noch viel lernen müssen …« Armin schien sprachlos. Verwundert schüttelte er den Kopf. »Das ist unglaublich! Wie haben die das geschafft? Woher wussten sie überhaupt von mir, von allem, was hier passiert? Hravan konnte damals doch noch gar keine Ahnung davon haben.« »Komm, ich bringe dich zu ihnen und stelle dich vor. Dann kannst du dir von ihnen ausführlich berichten lassen.« Gemeinsam gingen wir auf die Gruppe der Hagalianer zu. »Malcolm, das ist Armin, mein Vater«, sagte ich. Kaum hatte ich die Worte ausgesprochen, fielen alle vier vor ihm auf die Knie und neigten die Köpfe. Ich war mehr als erstaunt über diese Geste der Ergebenheit. Mein Vater musterte sie misstrauisch, wie ich mit einem kurzen Seitenblick feststellte. Um uns herum verstummten sämtliche Gespräche. Jedermann beobachtete verwundert die Szenerie, die sich ihnen bot. Mein Vater räusperte sich erst einmal lautstark. Malcolm sah hoch zu ihm. Sein Blick war fest und entschlossen. »Wir sind gekommen, um dir zu dienen, großer Arminius«, sagte er. »Wir bieten dir unsere Waffen, unsere Treue sowie Gefolgschaft und legen unser Schicksal in deine Hände.« Ein Lächeln umspielte jetzt den Mund meines Vaters. Ich wusste, dass ihm das gefallen würde. »Steht auf!«, forderte er die Hagalianer auf. Er bleckte die Zähne und verengte die Augen zu schmalen Schlitzen. So sah er die vier an. »Wir müssen reden«, sagte er langsam. »Ich denke, ich werde euer Angebot annehmen.« Neumond. Eine der düstersten Nächte, an die ich mich erinnerte, war über uns gekommen. Nebliger Dunst lag schwer auf dem Lager, denn es hatte am Nachmittag erneut zu regnen begonnen. Immerhin war die Luft gleichzeitig milder geworden, sodass ich nicht mehr ganz so erbärmlich in meinen ewig klammen Kleidern fror. Zahlreiche Feuer erhellten das kesselförmige Tal inmitten der Gasitjanbargi. Etwa einhundert Hundertschafts- und Unterführer hatten sich mittlerweile eingefunden, um heute Abend letzte Einzelheiten zu Arminius’ Strategie zu erfahren, ihm die Treue zu schwören und an der wesentlichen Opferzeremonie teilzunehmen. Oben in den Hügeln waren Hagedisen und Priester der verschiedenen Stämme bereits seit Tagen dabei, die Gunst der Götter zu erbitten und ihren Willen zu erforschen. Sie sprachen zu den Geistern und opferten verschiedenste Tiere, um aus ihrem Blut und den Eingeweiden Zeichen zum Schlachtverlauf sowie dem Kriegsglück zu lesen. Das Ergebnis ihrer tagelangen Bemühungen war vorhin offenbar einer kleinen Gruppe der wichtigsten Anführer mitgeteilt worden. Nun sprach sich herum, dass hier unten später noch ein Spektakel stattfinden sollte, welches damit im Zusammenhang stand. Ingimer und ich kümmerten uns aber zunächst schweigsam und in uns gekehrt um unser leibliches Wohl. Wir hatten in den letzten Tagen mehrere wilde Möhren, Pastinaken, Rauken und ein paar weitere Rüben bei den Bauern der Gegend ergattern können und hatten diese in einem kleinen Topf über einem abgeschirmten Feuer weich gekocht. Wie immer starrten wir mehr oder weniger trübselig in die spärlich züngelnden Flammen. Die Kälte kroch unaufhörlich in jeden Spalt und jede Öffnung der Kleidung und kühlte uns aus. Die meiste Zeit stocherten wir im Essen oder dem Holz herum, während an den anderen Feuern bereits gezecht und eine Geschichte nach der anderen zum Besten gegeben wurde. Doch uns fehlte etwas ohne Werthliko. »Die haben ordentlich Spaß«, brummte Ingimer, als ein weiteres Mal lautes Gelächter zu uns herüberdrang. »Ja«, bestätigte ich wortkarg. Ich dachte an Frilike sowie Ingimodi und wie gerne ich bei ihnen gewesen wäre. Ich würde hier beim besten Willen keinen Spaß haben können. »Vielleicht sollten wir später Inghard aufsuchen. Der kennt viele Geschichten.« Ich nickte. »Weißt du denn keine? Was erzählt man sich an den Feuern, wo du hergekommen bist?« Ich runzelte die Stirn. Gute Frage. Erst wollte ich die Schultern zucken und mich weiter in Schweigen hüllen, doch dann hatte ich einen Einfall. »Kurze Geschichten, die einen zum Lachen bringen.« Ingimer musterte mich neugierig. »Hast du noch nie erzählt. Heute wäre ein guter Tag dafür.« Eigentlich war mir nicht danach, aber … Ach, scheiß drauf, dachte ich mir. Ich überlegte kurz und nickte schließlich zufrieden. »In Ordnung. Ich habe allerdings viel davon vergessen, die eine oder andere Geschichte bekomme ich dennoch zusammen.« Ingimer rieb sich die Hände und rückte ein Stück näher heran. Neugierig sah er mich an. Sicherlich erwartete er jetzt eine Göttergeschichte oder etwas über einen legendären Helden meines Volkes. Stattdessen holte ich tief Luft und musste mich ein wenig zusammenreißen, um nicht gleich albern loszulachen. Mein Frust war wie weggeblasen. Ich freute mich wahnsinnig auf sein Gesicht, wenn meine »Geschichte« endete. Warum war ich eigentlich nicht schon vorher darauf gekommen? »Ein Langobarde kommt zum Schlafplatz seines Hauses, auf dem seine Frau liegt. Er hat ein Schaf unter dem Arm und sagt: ›Mein Schatz, das ist die Sau, mit der ich immer Liebe mache, wenn du wieder mal nicht willst.‹ Darauf seine Frau: ›Vielleicht hast du es noch nicht gemerkt, aber das ist ein Schaf unter deinem Arm, du Trottel!‹ Er: ›Wer spricht denn mit dir?‹« Zuversichtlich wartete ich Ingimers Reaktion ab. Erst sah er mich an, schließlich klappte sein Unterkiefer fast unmerklich herunter und ich hörte es förmlich hinter seiner Stirn rattern. Dann entglitten ihm die Gesichtszüge und er brüllte los vor Lachen. Er schlug sich mehrmals auf die Oberschenkel und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. »Langobarde mit einem Schaf unterm Arm bei seiner Frau!« Er gluckste erneut. »Das war gut, Witandi! Wer spricht denn mit dir? Ha, ha, ha!« Sein Bart zuckte auf und ab, während es ihn schüttelte. Zufrieden betrachtete ich mein Werk und überlegte bereits, welchen Witz ich ihm als Nächstes auftischen konnte. »Hast du noch so eine Geschichte? Das muss ich Inghard erzählen!« Er kriegte sich gar nicht mehr ein. Ich faltete die Hände in meinem Schoß und grinste übers ganze Gesicht. Ingimer schwieg sofort und hing wie gebannt an meinen Lippen. »Geht ein Friese mit seiner Angebeteten an den Weiden seines Vaters entlang. Da bespringt gerade ein Stier eine Kuh. Säuselt er ihr ins Ohr: ›Das möchte ich jetzt auch gerne.‹ Darauf sie: ›Kannst du doch, sind doch eure Kühe.‹« Und Ingimer grölte ein weiteres Mal. Ich schmunzelte. »Mehr!«, verlangte er, während er sich ein paar Tränen aus dem Augenwinkel wischte. »Lass uns erst mal essen«, grinste ich. »Ist fertig.« Hungrig und deutlich besser gelaunt als vorhin verschlangen wir das Gemüse, einen dünnen Brotfladen sowie ein paar Streifen getrocknetes Elchfleisch, als uns der Ruf zur Versammlung erreichte. Ein Unterführer der Cherusker trommelte die Anführer der Stämme zusammen und rief dazu auf, sich am Großen Stein einzufinden, einem aufrecht stehenden, mehr als doppelt mannshohen Felsbrocken, der im hinteren Teil des Tals zwischen einigen Eichen stand. »Glück gehabt!«, schmatzte Ingimer mit vollem Mund und schluckte den letzten Bissen herunter. Ich wusste, was er meinte. Kaum etwas war ärgerlicher, als ein unter solch mühsamen Bedingungen zubereitetes Mahl nicht anständig genießen zu können. Wir rappelten uns also auf und sahen uns nach den beiden Häuptlingen um. Seit unserer Ankunft hier hatten wir nichts mehr von ihnen gesehen. Malcolm und seine Hagalianer folgten hingegen Arminius auf Schritt und Tritt. Somit reihten nur wir beide uns in den Strom der Stammeskrieger ein, der uns zum Treffpunkt führte. Bereits von Weitem erkannte ich meinen Vater; er stand auf dem Großen Stein. Er hatte seine Uniform eines römischen Reiterkommandanten mittlerweile abgelegt und gegen die Kleidung der Stämme eingetauscht. Ich hatte keine Ahnung, wie er dort hinaufgelangt war, aber es verfehlte seine Wirkung nicht. Beinahe übermenschlich überragte er uns alle. Mehrere hell lodernde Feuer brannten rings um den Großen Stein, spendeten Licht und Wärme und ließen die Silhouette meines Vaters glühen. Sein Schatten zeichnete sich riesenhaft am dahinter liegenden Hang ab. Zu beiden Seiten des Felsbrockens standen jeweils zwei der Hagalianer, alle mit einem Gewehr auf dem Rücken. Direkt vor ihnen war ein etwa zehn mal zehn Schritte messendes Areal durch eine Reihe in den Boden gesteckter Haselnussruten gekennzeichnet worden. Ich wusste, dass Kampfplätze traditionell auf diese Weise markiert wurden, musste allerdings zugeben, dass ich gespannt war, was mein Vater vorhatte. Geduldig wartete er, bis auch die Letzten den Weg in diesen Teil des Tals gefunden hatten und irgendwann völlige Stille herrschte. »Morgen werden Blitz und Donner auf die Legionen Roms niedergehen«, rief er und riss die Arme hoch. »Blitz und Donner – merkt euch meine Worte!« Er machte eine kurze Pause und ließ seinen Blick über die Anführer der am Aufstand beteiligten Stämme schweifen. Hier und da sahen sich die Krieger nervös an – natürlich wusste jeder hier um Arminius’ ehemaligen Kampfnamen »Bliksmani« und hatte von seinen mystischen Fähigkeiten gehört. Ganz geheuer war er keinem von ihnen, denn noch immer hielt sich das Gerücht, er könnte ein Sohn Donars sein. Mein Vater spielte ganz bewusst mit den Ängsten und der Unwissenheit der Krieger, um sie in den nächsten Tagen zu Höchstleistungen anzuspornen. Und mit Hilfe des Waffennachschubs der Hagalianer würde ihm das auch locker gelingen. »Während der letzten Monde habe ich mit den meisten von euch über Boten engen Kontakt gepflegt. Wir haben über unsere Taktik nachgedacht und sie nach und nach verfeinert. Ihr alle wisst, wo und wann ihr entlang der Frontlinie der Gasitjanbargi zwischen dem Alswartabargi im Osten und dem Folkobeek im Westen zuschlagen sollt. Die Arbeiten an den Wällen sind fertig. Ausreichend Durchlässe und sogar eine Toranlage sind darin entstanden – beste Voraussetzungen, um von dort die entscheidenden Angriffe zu führen und die Truppen Roms in den Untergang zu schicken. Ihr alle kennt den Plan. Es wird keine große Feldschlacht geben, bei der die Römer ihre Überlegenheit ausspielen könnten. Nein, ganz im Gegenteil. Wir werden so überlegt vorgehen wie noch nie zuvor. Macht euch bewusst, dass wir keiner zusammengedrängten Armeeeinheit gegenüberstehen, sondern einem langen, dünnen Heereswurm, der sich durch Bergwälder und Sumpfgebiet hindurchwindet – auseinandergestreckt bis auf eine Länge von fast einem Tagesmarsch. Stellt es euch vor, um es zu verstehen: Wenn die Soldaten der Vorhut frühmorgens aufbrechen und losmarschieren, so setzen sich die letzten Einheiten der Nachhut erst am frühen Nachmittag in Bewegung. Und diesen Vorteil werden wir nutzen. Wir werden stets mit einer Übermacht an Kriegern gegen einzelne Einheiten antreten und diese aufreiben. Und was sollen Varus und sein Heereskommando schon dagegen tun? Auf einem schmalen Weg, vollgestopft mit Soldaten, Karren, Vieh, Pferden und Zivilisten? Ohne die Möglichkeit, nach rechts oder links ausweichen zu können? Hinter ihnen diese lange, eingezwängte Kolonne, die unerbittlich nachschiebt und drückt? Es bleibt nur der Weg nach vorne, in unsere Falle am Folkobeek, den Engpass vor unserem Wall. Varus und seine Offiziere werden keine Truppenbewegungen vornehmen können, weil es dafür keinen Raum gibt. Sie werden keine Verstärkung an bedrohte Stellen schicken können. Sie werden auch ihre feststeckenden Wagen nicht befreien können, wenn das Wetter anhält. Ja, sie werden nicht mal auf vernünftige Art und Weise ihre Befehle zwischen den Einheiten weitergeben können.« Er machte eine dramatische Pause. Seine mächtige Stimme schwoll noch weiter an. »Und wisst ihr, was das Beste ist? Es reiten immer noch etwa tausendfünfhundert Stammeskrieger in den Hilfstruppen des Heeres mit! Fast die gesamte Reiterei der drei Legionen ist somit auf unserer Seite. Außerdem die Hilfstruppen-Infanterie, noch einmal so viele Krieger! Das macht zusammen also dreitausend bestens gerüstete und ausgebildete Männer, die auf meinen Befehl hin die Fronten wechseln und für uns, mit uns kämpfen! Sobald die regulären Heeressoldaten merken, dass diese vermeintlichen Kameraden gegen sie sind, werden sie in Panik verfallen.« Armin musterte die Anführer der Stämme. »Unsere Zeit ist gekommen, Männer!«, rief er beschwörend. »Freiheit und Vergeltung – das ist es, was wir wollen! Das ist es, worauf wir alle so lange warten mussten. Freiheit und Vergeltung! Endlich sind wir hier – am Vorabend der Schlacht! Der Neumond im Scheiding, von vielen von euch auch ›Mond der gelben Blätter‹ genannt. So hatten es die Hagedisen und die Priester eurer Stämme verlangt, um das Schlachtenglück nicht zu gefährden. Und so ist es geschehen.« Die Anführer nickten bestätigend. Keiner von ihnen ließ die Sprüche und Vorhersagen der spirituellen Führer außer Acht. »Die Römer sind gekommen, um sich dieses Land – das Land eurer Ahnen – zu nehmen. Sie roden die Wälder, um das Holz nach Süden zu schaffen. Sie brechen die Steine aus den Bergen, graben nach Blei, Zinn und Kupfer, stehlen das Gold aus euren Flüssen. Sie fragen nicht danach, oh nein! Sie unterwerfen ein Volk nach dem anderen, vertreiben es oder siedeln es um, und sie tun anschließend, was ihnen beliebt. Mal trifft es mit euch verfeindete Sippen und Stämme, mal mit euch verbündete. Es mag euch egal sein, was mit euren Feinden passiert, aber darum geht es nicht. Es geht um die fremden Soldaten, die sich das Land in seiner Gänze nehmen, unabhängig von den Grenzen, die sich die Menschen gesteckt haben, die dort siedeln. Einzelne althergebrachte Grenzverläufe und Stammesgebiete interessieren sie nicht. Sie wollen alles! Erst war es das Land westlich des Großen Vaterflusses. Dann das Gebiet bis zum Dunklen Fluss und bis zum Wiesenfluss. Jetzt soll der römische Einfluss bis zum Weißen Fluss2 ausgedehnt werden. Und in ein paar Jahren werden sie auch noch alles östlich davon unter ihre Kontrolle bringen wollen. Ich habe lange genug unter ihnen gelebt, um mir ein Bild davon machen zu können, wie sie vorgehen.« 2 Gemeint sind Rhein, Ems, Weser und Elbe Arminius hielt inne und starrte die Menge mit brennendem Blick an. »Und ich sage euch: Es reicht! Wir müssen sie jetzt stoppen, bevor weitere Legionen in euer Land verlegt werden!« Zustimmende Rufe wurden laut. Es war erstaunlich anzusehen, wie sehr mein Vater die Schar der Anführer mit seinen Worten beherrschte. Auf dem Felsen wirkte er wie ein Rockstar auf der Bühne – gefeiert von seinen Fans. Nur dass er von Hass und Tod sang, von Kampf und Zerstörung, von der Vernichtung Zehntausender Leben. Arminius ballte die Fäuste und hob seine Stimme zu einem donnernden Grollen an. »Sie verbieten euch eure Sitten und erteilen euch Befehle! Verbieten euch freien Männern das Tragen von Waffen, als wüssten sie nicht, dass sie ein Teil von euch sind, lebendig durch eure Seelen! Sie schreiben euch vor, wie ihr Recht zu sprechen habt, wie ihr für Waren bezahlt, und sie verlangen sogar Tribut von euch, indem sie euch Steuern zahlen lassen! Als wäret ihr ihre Untertanen!« Arminius streckte seinen rechten Arm aus und wies mit der Hand auf Einzelne in der Menge. »Doch bevor ihr Untertanen werdet, müsst ihr noch ein letztes Mal besiegt werden, sage ich euch! Wollt ihr euch besiegen lassen?« Ein vielstimmiges, laut gebrülltes »NEIN!« brandete ihm wie eine donnernde Flutwelle entgegen. Arminius nickte zufrieden. »Ich sehe mächtige Männer mit großen Namen unter euch! Dort ist Sechiomeri!« Alle Köpfe wandten sich in Richtung des Angesprochenen. »Erhabener Kriegsfürst der Segiersippe der Cherusker vom einflussreichen Bergrückenvolk. Ein namhafter Mann, geschmiedet in Blut und Feuer, seit Jahrzehnten im Krieg erprobt. Allein er führt weit über zweitausend erfahrene Kämpfer in diese Schlacht.« Ein anerkennendes Raunen ging durch die Menge. Einige stießen Speer und Schild gegeneinander. Segimer aalte sich sichtlich in der Aufmerksamkeit. Dankbar nickte er meinem Vater zu. »Seinen Bruder Inguiomer und seinen Sohn Cheruiosegi hat Sechiomeri ebenfalls an seiner Seite. Tapfere, kluge Männer.« Der beliebte und hoch geachtete Inguiomer ließ ein tiefes Donnergrollen aus seiner Kehle erklingen, das im Kampf den Beginn des Barditus markierte, des Kriegsgesangs der Stämme. Wieder wurden kampfeslustig Schwerter auf Schilde geschlagen und Zustimmung gerufen. »Da hinten sehe ich die furchtlosen Häuptlinge vom Sumpfland-Volk der Cherusker, Ebowino, Colgrin und Branfreti, ebenfalls mit über eintausend Männern gekommen, um zu kämpfen!« Auch sie wurden angemessen durch das traditionelle Waffenklappern geehrt. Zahlreiche Ziegenlederschläuche, die ganz sicher kein Wasser enthielten, wurden erhoben und die Häuptlinge durch einen kräftigen Schluck gewürdigt. Ebowino reckte sein Feldzeichen in die Luft – die bronzene auf einen langen Eschenstab montierte Statuette eines Ebers. Das Klappern der Waffen auf die Schilde schwoll weiter an. Die Menge kam sichtlich in Fahrt. »Und dort hinten sehe ich den mächtigen Chamaventöter Brawalla von den Gelbstein-Brukterern. Seine Zielsicherheit und Kampfkraft mit dem Speer sind legendär. Er führte ein ganzes Heer hierher und seinen Mannen dürstet es nach Blut für die Unterwerfung ihrer Väter durch die Truppen des Römers Drusus vor mehr als zwanzig Jahren!« Der Waffenlärm ebbte gar nicht mehr ab, sondern schwoll zu lautem Getöse an, jedes Mal, wenn ein Häuptling aufgerufen wurde. Viele reckten jetzt ebenfalls ihre mitgebrachten Feldzeichen und Standarten in die Höhe. Zumeist handelte es sich dabei um lange Stangen, geziert von besonders heiligen, kultisch verehrten Tieren in Bronze oder Holz. Viele davon leuchteten in bunten Farben. Einige wenige führten von Querstangen herabhängende Stoffstandarten mit sich, bemalt mit wichtigen Stammessymbolen. Hier und da erklang wieder das kehlige, sich langsam steigernde Kriegsgebrüll. Hinter einem Schild angestimmt, klang es zutiefst bedrohlich. Mein Vater setzte die Aufzählung fort, peitschte die Stammesführer förmlich auf. »Radabarti der Schweigsame, Actumeri Bärenhüfte und viele weitere berühmte und oft besungene Chattenfürsten vom Östlichen Volk aus den Kalten Moorhügeln sind hier, jeder Einzelne von ihnen mit einem großen Kriegeraufgebot! Aesk der Marser, Töter des angesehenen Häuptlings Howar Handramme von den Tenkterern. Die Geschicklichkeit und die Schnelligkeit seiner Krieger sind nur mit denen des Donnergottes selbst zu vergleichen.« Ein Jubelsturm brandete auf. Die Kriegerhäuptlinge ergötzten sich an ihren eigenen klangvollen Namen, die sie sich in unzähligen Schlachten und Scharmützeln mühsam erworben hatten. »Ingimundi und Athalkuning von den Kleinen und Großen Chauken, Bezwinger der Friesen und Langobarden, Erbeuter des Braunen Stiers vom Dunklen Fluss. Zusammen stärker als eine Herde Wisente und listiger als ein Sack voller Sumpfnattern.« Die Stimmung wurde immer ausgelassener. Euphorisch feierte die Masse die beiden Chauken, obwohl sie insgesamt nicht einmal hundertfünfzig Männer zum Befreiungsschlag beisteuerten. Doch mein Vater verstand sein Handwerk ausgezeichnet, peitschte die Menge mit dem Aufruf weiterer namhafter Kriegerhäuptlinge ein, die seinem Ruf gefolgt waren. »Hier vorne sehe ich Ermanarik von den Angrivariern. Allein die Nennung seines Namens lässt den meisten Männern einen eisigen Schauer über den Rücken fahren. Seine Speerkämpfer haben bisher noch jede römische Formation aufgebrochen. Sie sind die Einzigen unter uns, die sich Rom niemals unterworfen haben.« Anerkennende Rufe hallten durch das Tal. Ermanarik, ein vierschrötiger Kerl, dessen ordentlich frisierte lange Haare von einem breiten Stirnband aus dem pockennarbigen Gesicht gehalten wurden, schaute ernst in die Runde und nickte dabei grimmig. »Viele eurer Männer werden sich einen Namen machen können in dieser Schlacht. Unzählige Lieder darüber werden erdacht und gesungen werden und den Mut und die Tapferkeit der Sieger preisen! Donars Blitz soll mich auf der Stelle treffen, wenn nicht noch in zweitausend Jahren von diesem Krieg berichtet wird!« Wieder unterbrach Arminius seinen Redefluss höchst dramatisch. Alle schienen gebannt zu warten, was nun passierte. Doch ihn traf kein Blitz. Er hatte ja auch recht. »Die Götter verlangen aber ihren Tribut für den Sieg«, verkündete Arminius in die Stille hinein. Die einzigen Geräusche waren jetzt das Knistern der vielen Flammen und der leise Ruf einer Eule. »So haben es mir die Hagedisen und Priester gesagt.« Die gebannte Stille hielt an. Wie grausam die kommenden Tage werden würden, war bereits entschieden. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Zeichen günstig standen. Eine Art spiritueller Rat war eigens gebildet worden, um die Kriegsführer hinsichtlich des Götterwillens zu beraten. Er bestand aus namhaften Hagedisen einzelner Stämme, zuvorderst Odalinda von den Cheruskern, sowie einigen Priestern. Solche gab es bei den Chauken nicht, deswegen war dieser Aspekt der Stammeskultur neu für mich. Sie waren für die Wahrung des göttlichen Rechtes zuständig und erkundeten ihren Willen. »Das Heer des Varus soll dem Wodan geweiht werden. Alle Leben, insbesondere die der hohen Offiziere.« Ich horchte auf. Er hatte nichts von den Waffen gesagt. Bisher hatte es geheißen, dass die Hagedisen und Priester darauf bestehen würden, die gesamte Ausrüstung der Armee ebenfalls zu opfern. Dies war nicht unüblich. Ich hatte es selbst schon miterlebt, wie eine solch gigantische Wertvernichtung vonstattengegangen war. Schwerter wurden verbogen und in Flüssen oder Seen versenkt, Schilde zerschlagen, Rüstungen zerstört und unbrauchbar gemacht. Es gab noch den alten Aberglauben, dass die Seelen der Getöteten in ihren Besitztümern fortlebten und den neuen Eigentümern Unheil bringen könnten. Doch dieser Glaube war in den letzten Jahren immer weiter zurückgegangen – er stammte noch aus Tagen, als Kämpfe und gar Kriege eine seltene Ausnahme darstellten und kaum je die normale bäuerliche Bevölkerung betrafen. Aber die zurückliegenden zwanzig Jahre hatten einiges verändert. Die Menschen hatten so viel gekämpft und so viele waren gestorben, dass die Überlebenden auf Beute schlichtweg angewiesen waren, um sich und ihre Familien durchzubringen. So hatten es die Krieger immer öfter darauf ankommen lassen – und siehe da, sie waren mit dem Eigentum der Getöteten davongekommen, ohne besonderes Unheil dadurch zu erfahren. Schweigend ließ mein Vater seinen Blick über die Menge schweifen. Nach einem gefühlt endlosen Augenblick riss er schließlich die Arme hoch. »Dafür schenkt er uns den Sieg!« Überschwängliche Begeisterung machte sich wiederum breit. In den Waffenlärm und das Getöse hinein rief er: »Das ist der Wille des Göttervaters! Sein Zorn, sein Grimm sind die vernichtende Niederlage! Das Feindesheer muss zur Feindschaft des Wodan verflucht werden – zornig wird er sein und blutdurstig! Wir werden ihm das Opfer bringen, das er verlangt. Und die Kampftoten werden das Dankesopfer sein.« Zustimmende Rufe von allen Seiten. »Aber auch der Herr des Krieges fordert seinen Tribut! Wir wollen Tiu ehren und weihen ihm unseren ersten Kriegsgefangenen.« Arminius gab ein kurzes Zeichen und ein Cherusker zog den von uns früher am Tag gefangenen römischen Soldaten an einem Seil hinter dem Großen Stein hervor. Atemlose Stille breitete sich aus. Dann prasselte ein wahrer Sturm wüster Beschimpfungen auf den völlig verängstigten Mann ein. Malcolm und seine Leute bauten sich rings um ihn auf, damit die zuvorderst stehenden Stammesführer den Römer nicht jetzt schon in der Luft zerrissen. »Wir folgen der uralten Sitte und lassen einen Vertreter des feindlichen Volkes gegen einen von uns kämpfen. Der Ausgang des Zweikampfes ist eine weitere Deutung der bevorstehenden Schlacht.« Er gab noch ein Zeichen und der Legionär wurde in den mit Haselstäben abgesteckten Bereich gestoßen. Große Unruhe entstand nun, denn natürlich wollte jeder den Kampf sehen – und so drängelten die Hintersten nach vorne. Ingimer und ich standen mitten in der Menge und hatten keine Chance, näher heranzukommen. Doch ich wollte das auch gar nicht. Ich kannte meinen Vater. Er würde sicherlich für einen Ausgang des Kampfes sorgen, der in seinem Sinne war. Überall rieten und spekulierten die Häuptlinge, wer gegen den Römer antreten sollte. Viele Namen von geachteten und berühmten Kämpfern wurden genannt und erste Wetten abgeschlossen. »Was meinst du?«, fragte mich Ingimer. Bevor ich jedoch antworten konnte, sah ich Malcolm, der sein Kittelhemd auszog und auf die kleine Arena zumarschierte. Er stellte sich in deren Mitte und blickte gelassen in die Menge. Arminius hob beide Arme, um die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu ziehen. Langsam kehrte Ruhe ein, während allenthalben über Malcolm geflüstert wurde. Sein Körperbau war wahrlich beeindruckend. Er maß gute zwei Meter und bestand dabei praktisch nur aus Muskeln. Mit seinem kahl rasierten Kopf und dem grimmigen Blick wirkte er wie einer der Frostriesen aus den chaukischen Sagen. Einen solch hünenhaften Körper hatte hier sicher noch niemand gesehen. »Gegen den Römer tritt Malcolm an. Er gehört zu mir. Kämpft bis zum Tode!« Es war wie immer – mein Vater war ein schlauer Fuchs. Ich musste ihm im Stillen Respekt für diesen Schachzug zollen. Ich hatte mich schon gefragt, wie er die Akzeptanz der völlig unbekannten, stammlosen Hagalianer, die kein Wort der hiesigen Sprache beherrschten, bei den anderen Anführern erreichen wollte. Nun, der Zweikampf war seine Antwort. Mit einem Schlag wusste bald jeder wichtige Häuptling zwischen Nordsee und Weserbergland, wer Arminius’ Leibgarde war. Ich ging davon aus, dass der Legionär keine Chance hatte und dass Malcolm eine regelrechte Show abziehen würde, um die Stimmung richtig kochen zu lassen. Alle hier dürsteten nach Blut, wollten Vergeltung für die Schmach und Schande, die sie seit zwanzig Jahren durch die Römer erlitten. Varus hatte das Fass mit seiner rigiden und strengen Obrigkeitspolitik zum Überlaufen gebracht und das würde der arme Soldat dort vorne gleich als einer der Ersten in diesem Krieg zu spüren bekommen. Mehrere Priester tauchten am Rande des Kampfbereichs auf. Einer von ihnen reichte dem Römer, der nun mit nacktem Oberkörper dastand, ein Schwert, ein anderer Malcolm einen langen Speer. Diese Waffen standen symbolisch für die beiden aufeinanderprallenden Welten. Sobald der Hagalianer seine Waffe in Empfang genommen hatte, senkte er für einen Moment den Kopf und ging in sich. Er schien seinen Gegner und die Umgebung gar nicht mehr wahrzunehmen. Ich sah, wie sein Brustkorb sich langsam und ruhig hob und senkte. Der Römer sah seine Chance offenbar gekommen. Nachdem er Malcolm kurz misstrauisch beäugt hatte, stürzte er sich mit einem lauten Schrei auf ihn. Vermutlich wollte er seinen Leidensweg verkürzen, indem er kurzen Prozess machte. Doch sein wuchtiger Schlag ging ins Leere, als Malcolm sich mit einer ganz leichten Gewichtsverlagerung zur Seite wegdrehte. Der Römer strauchelte und drohte aus der Arena hinauszustolpern. Zahlreiche kräftige Hände hielten ihn jedoch auf und stießen ihn grob und unter vielerlei Schmähungen zurück. Malcolm lächelte bloß mild und musterte den Legionär aus kalten Augen wie ein Habicht seine wehrlose Beute. Dann nickte er ihm auffordernd zu. Offenbar war er sich seiner Sache sehr sicher. Der Römer atmete ein paarmal tief durch. Obwohl er bereit zum Sterben schien, wollte er es seinem Gegner nicht leicht machen. Er tänzelte hin und her, wog die Waffe in seiner Hand mit geübten Bewegungen und näherte sich Malcolm jetzt langsam. Dieser rührte sich immer noch kaum, stand mit leicht gespreizten Beinen da und hielt seinen Speer locker in der Hand. So ließ er den Römer herankommen. Plötzlich schoss dieser vor, täuschte einen seitlich geführten Hieb an, nur um das Schwert stattdessen blitzschnell nach vorne zu stoßen. Malcolm vollführte erneut eine minimalistische Körperdrehung und schlug den Schaft seines Speeres auf den Unterarm des Angreifers. Das Ganze wirkte so beiläufig, dass es beinahe grotesk aussah. Schlagartig wurde mir klar, dass der Hagalianer sicherlich in Nahkampftechniken bestens ausgebildet war. Ich seufzte, denn meine Vermutung bestätigte sich: Der gesamte Kampf war reine Show. Der Römer war nichts anderes als ein Opfer – vor den Augen aller zur Schlachtbank geführt, um öffentlich hingerichtet zu werden. Mit einem gequälten Aufschrei ließ der Römer seinen Schwertarm hängen und wich mit weit aufgerissenen Augen zurück. Malcolm lächelte süffisant und machte einen drohenden Schritt auf den Kriegsgefangenen zu. Dieser sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um, doch die gab es natürlich nicht. Üble Verwünschungen und die bedrohlich erhobenen Waffen der Zuschauer direkt am Rande des Kampfplatzes ließen ihn sich wieder auf Malcolm konzentrieren. Laute Anfeuerungsrufe erklangen inzwischen. Den Männern gefiel die offensichtliche Überlegenheit des Ex-Fremdenlegionärs, insbesondere seine Schnelligkeit und Stärke. Der Römer schien unschlüssig zu sein, was er als Nächstes versuchen sollte. Ich reckte meinen Hals, um besser sehen zu können. Gerade wollte er einen erneuten Vorstoß wagen, als Malcolm blitzschnell nach vorne sprang. Noch in der Luft wirbelte er den Speer über seinem Kopf herum und kam vor dem völlig verwunderten Legionär zum Stehen. Ein langer Schnitt klaffte quer über dessen Brustkorb. Ganz langsam und stoßweise quoll dunkles Blut aus der oberflächlichen Wunde. Ich hatte den Stoß nicht einmal gesehen, geschweige denn irgendjemand hier. Stille – nur unterbrochen vom lauten Stöhnen des Römers, der seine Wunde selbst erst jetzt sah. Entsetzt blickte er an sich herab. Überraschtes und anerkennendes Gemurmel kam überall auf. Stolpernd wich der Getroffene zurück. Mit unbewegter Miene verfolgte Malcolm jede einzelne Bewegung des Mannes. Ich war mir sicher, dass er ihn in Sekunden töten konnte, es aber auf Befehl meines Vaters nicht tat. Mein Blick schweifte hoch zum Großen Stein, wo dieser immer noch stand. Zufrieden lächelnd beobachtete er die Szenerie. Er schien meine Augen auf sich zu spüren und kurz kreuzten sich unsere Blicke. Er nickte mir zu, doch ohne das Lächeln zu erwidern, schaute ich wieder auf die Kämpfenden. Malcolm ging geradewegs auf den Römer zu, der jetzt ängstlich zurückwich. Er hielt sein Schwert zwar noch in Verteidigungsstellung, doch es sah bloß noch jämmerlich aus. Mit einer schnellen Bewegung des Speeres schlug Malcolm es ihm aus der Hand. Praktisch im selben Atemzug trat er dem Legionär mit einer Drehung und unter vollem Einsatz seines Körpergewichtes seitlich gegen das Knie. Schreiend brach der Mann zusammen. Auf allen vieren versuchte er, von Malcolm wegzukriechen, doch es gab keinen Ausweg für ihn. Die Anführer der Stämme forderten jetzt laut den Tod des Römers. Der Hagalianer ging ein paar Schritte zurück und schob stattdessen mit der Spitze seines Fußes das Schwert in Richtung des Römers. Es ihm kurz vorher abzunehmen, war also lediglich eine Machtdemonstration gewesen. Ich schüttelte langsam den Kopf. Dieses grausame Spielchen mit dem Gefangenen stieß mich ab. Ein schneller Tod am Nachmittag wäre sicherlich gnädiger für den Mann gewesen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht nahm er die Waffe und richtete sich nur mit viel Mühe wieder auf. Sein Bein hielt er dabei mit der freien Hand umklammert. Offenbar hatte er größte Schmerzen. Dunkle Blutbahnen zogen sich von seiner Brust bis auf die Oberschenkel hinab. Jemand gab dem Römer einen harten Stoß in den Rücken. Ächzend stolperte er voran und auf Malcolm zu. Dieser verharrte auf seiner Position, bis der Gefangene nahe genug heran war. Was dann folgte, war eine wirklich eindrucksvolle Bestätigung der Fähigkeiten dieses Mannes: Aus dem Stand und blitzschnell führte er einen Sprung mit gleichzeitiger Drehung um seine eigene Achse aus und schmetterte seinem Opfer dabei zuerst die Außenseite seines linken Fußes gegen den Schädel, nur einen Sekundenbruchteil später die Ferse des anderen. Seinen Speer hatte er dabei nicht losgelassen. Ganz im Gegenteil. Kaum stand Malcolm wieder sicher, zuckte sein Arm nach vorne. Die Speerspitze durchbohrte auf seltsam fließend weiche Art die linke Schulter des Mannes. Da der Römer durch die beiden schweren Tritte an seinen Kopf wohl schon k. o. gegangen war, spürte er die neuerliche Wunde offenbar gar nicht mehr. Jedenfalls gab er keinerlei Schrei oder andere Regung von sich, als er wie ein mit Wasser vollgesogenes Stück Treibholz zu Boden sackte. Erneut setzte atemlose Stille ein. Kurz darauf folgte ein Jubelsturm, wie ich ihn selten gehört hatte. Angewidert wandte ich mich vollends ab. Ich rief Ingimer zu, dass ich gehen wolle, und bahnte mir einen Weg aus der begeisterten Meute. Dieses Spektakel brauchte ich mir sicherlich nicht bis zum Ende anzusehen. Der Ausgang der Sache stand sowieso fest: Der Römer musste sterben, möglichst grausam, um den Blutdurst der Männer anzustacheln. Ich setzte meine gesamte Körperkraft und meine Ellbogen ein, um irgendwie aus dem Gewühl herauszukommen. Es war nicht einfach, denn jeder wollte unbedingt sehen, wie es in der kleinen Kampfarena weiterging. Malcolm hatte sich gerade einen Namen gemacht, soviel stand fest. Irgendjemand rief: »Wie ein tretender Vogel! Er kämpft so schnell und erbittert wie ein Hahn!« Andere schnappten das mit dem »tretenden Vogel« auf und riefen nun in der Sprache der Stämme: »Tredanfuglaz! Tredanfuglaz! Tredanfuglaz!« Jemand stieß mir beim Skandieren dieses Namens den Unterarm grob gegen die Nase. Ich wollte wütend herumfahren, doch zwischen all den aufgepeitscht brüllenden Kerlen war dies so sinnlos wie der Versuch, einen See leer zu trinken. »Tredanfuglaz! Tredanfuglaz!« Aus Malcolm Whaley war »Tretender Vogel« geworden. Die Männer hatten es so bestimmt. Ein Stück abseits war es deutlich ruhiger. Dort hockte ich mich in der Nähe eines Feuers auf einen breiten, flachen Stein und sah in den Himmel. Kein einziger Stern war zu sehen. Die Wolkendecke war dicht und leichter Regen fiel. Ich vermisste Frilike und Ingimodi. Was zum Teufel tat ich hier bloß? Ich wollte nicht hier sein. Betrübt blickte ich auf meine Stiefel, deren Schäfte aus Rindsleder bis zur Wade von einer hellen, zähen, unangenehm schweren Matschschicht umgeben waren, die mich beim Laufen behinderte. Ich suchte mir gerade einen Stock, um sie abzuschaben, als plötzlich der Franzose lächelnd neben mir erschien. Ich erschrak. Ich hatte ihn überhaupt nicht kommen hören. »Zu viel Trubel für dich da hinten, was?«, fragte er freundlich. Ich entspannte mich. »Ja. Ich mag grölende Massen nicht – erst recht nicht, wenn sie eine öffentliche Hinrichtung feiern. Letztlich unterscheiden sie sich damit nicht von den Römern.« Der Franzose nickte bedächtig. Er hatte eine ruhige, wenig aufdringliche Art und musterte mich weiterhin aus freundlichen Augen. Trotzdem hatten wir bisher kaum mehr als eine Handvoll Worte miteinander gewechselt. Immerhin duzten wir uns. »Und du?«, fragte ich mit gespielter Neugier. »Interessiert es dich nicht, wie dein Anführer sich schlägt?« Der Franzose schüttelte langsam den Kopf und setzte eine gleichgültige Miene auf. »Mal ist ein exzellenter Kämpfer, musst du wissen. Ausgebildet in unzähligen Techniken. Es gibt kaum jemanden, der ihm im Zweikampf gewachsen ist, erst recht kein einfacher römischer Soldat. Ich mache mir da keine Sorgen. Er wird gewinnen.« »Aha«, entgegnete ich nur. Mehr fiel mir dazu nicht ein. Eigentlich wollte ich größtmöglichen Abstand zwischen mich und diese Sektierer, die meinen Vater wie einen Gott verehrten, bringen. An Konversation war ich nicht interessiert. Schweigend betrachtete ich daher meine Schuhe und überlegte, wie ich am besten mit ihrer Säuberung anfing. Wasser würde die Sache nur verschlimmern. »Wie soll ich dich eigentlich nennen? Leon oder Witandi?«, unterbrach der Franzose meine Gedanken. Ich zuckte die Schultern. »Ist mir egal. Ich denke, wenn du auf Deutsch mit mir sprichst, Leon, und in der Stammessprache Witandi. So ist es am einfachsten.« Der Franzose nickte. »Hab ich mir schon gedacht.« Er schwieg kurz. »Du hast dir einen wirklich großen Namen gemacht in dieser Welt. Respekt dafür. Und enorme Opfer gebracht, Schmerz ertragen. Wir müssen das erst noch.« Er musterte mein blindes Auge einen Moment lang und wies mit einem Kopfnicken zum Kampfplatz hin. »Ich dachte mir, wenn wir die nächsten Tage schon so eng zusammenarbeiten müssen, sollten wir uns wenigstens ein wenig kennenlernen. Viper und Geronimo sind ja nicht so kommunikativ, wie du vielleicht schon gemerkt hast. Aber ich …« »Was genau meinst du mit zusammenarbeiten?«, unterbrach ich ihn und blickte ihn verständnislos an. Der Franzose runzelte kurz die Stirn, dann entspannte sich sein Ausdruck. Ein Lächeln huschte über seine Lippen. »Ach, du weißt es noch gar nicht?«, fragte er. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein. Wie auch? Er war ja bis vorhin mit uns zusammen.« »Was?«, fragte ich ungeduldig. »Was weiß ich nicht?« »Arminius plant, eine Art schnelle Eingreiftruppe aufzustellen. Überall dort, wo die Gefechtslage kritisch ist oder zu werden droht, soll diese das Blatt durch ihre Kampfkraft wenden.« Ein Schreck durchfuhr mich. Ich ahnte, was jetzt kommen würde. »Dein Vater will, dass diese Truppe aus ihm selbst, uns vier und dir besteht. Wir werden bis zum Ende der Schlacht zusammen sein und überall dort, wo nötig, die Kastanien aus dem Feuer holen.« Er grinste breit. »Eine große Verantwortung und vielleicht entscheidend für den Ausgang des Krieges.« Der Schreck war so heftig, dass mir die Ohren klingelten. Für einen kurzen Moment hatte ich das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Es war mir schon schwer genug gefallen, mich gemeinsam und Seite an Seite mit meinen chaukischen Freunden der Schlacht zu stellen. Aber als Kommandotrupp einzugreifen, überall dort, wo der Sieg auf der Kippe stand? Dafür hatte ich weder die Nerven noch die Ausbildung. »Mein Vater vergisst, dass ich kein Soldat bin«, entgegnete ich zornig. »Ich kann das nicht! Und ich will es auch nicht!« Der Franzose nickte verständnisvoll. »Das habe ich auch zu ihm gesagt, Leon. Aber er wollte nichts davon wissen. Er meinte, du wärst nun mal hier und hättest ein Gewehr, mit dem du sehr gut umzugehen wüsstest. Und dass du Mumm in den Knochen hast, weiß wohl auch jeder. Er meinte, dass er nicht auf dich verzichten könne. Er braucht Leute, auf die er sich verlassen kann.« Ich lachte bitter auf. »Verlassen? Wieso sollte er sich auf mich verlassen können? Er zieht mich doch jedes Mal über den Tisch, wenn er die Gelegenheit dazu hat.« Ich winkte ab. »Das kann er vergessen! Und es ist so typisch, dass ich noch nicht mal von ihm selbst erfahre, welche Pläne er mit mir hat. Nichts gegen dich, versteh mich bitte nicht falsch. Aber das entspricht genau seiner Gutsherren-Denkweise. Er überlegt sich was – und das wird dann auch so gemacht. Nein, nicht mit mir!« »Na ja …«, sagte der Franzose zögerlich. »Ganz so ist es nicht, oder? Er hat dich sowohl bei den Langobarden rausgehauen als auch in Mogontiacum.« Finster schaute ich mein Gegenüber an, entgegnete aber nichts. »Ich denke mal, du bist nicht hergekommen in der Erwartung, dich auf die faule Haut legen zu können, also kann ich deinen Zorn nur zum Teil verstehen. Aber du hast recht, wenn du sagst, dass er mit dir hätte reden müssen – zumal es ja morgen offenbar schon losgeht. Um dich milde zu stimmen, hat er aber dem Vorschlag von Malcolm zugestimmt.« Erneut blickte ich ihn verständnislos an. »Was für ein Vorschlag? Wird eigentlich alles über meinen Kopf hinweg entschieden? Verflucht, ich bin doch keine zehn mehr!« »Tja, was soll ich dazu sagen, Leon? Das würde mir auch nicht gefallen. Ich denke, das solltest du allerdings direkt mit deinem Vater klären.« »Das werde ich, darauf kannst du Gift nehmen! Und was ist das nun für ein Vorschlag?« Wütend schabte ich jetzt mit einem Stock den Matsch von meinen Stiefeln. »Es ging um Julia. Und das Tor. Wenn du dich nicht querstellst, sorgt er dafür, dass sie zurückkehren kann.« Der Stock in meiner Hand zerbrach, als ich ihn plötzlich mit aller Kraft zusammenpresste. »Er hat was?« Der Franzose schaute mich bloß an und zuckte mit den Schultern. »Ich habe ihm heute Treue bis in den Tod geschworen, weißt du? Ich werde also nichts Schlechtes über ihn sagen. Aber du solltest mal mit ihm reden, sobald du die Möglichkeit dazu hast.« »Das ist Erpressung! Er weiß genau, dass ich mich Julia niemals in den Weg stellen würde, weil … weil ich mich schuldig fühle!« Ich war wirklich tief getroffen. Dass mein Vater solche Mittel anwendete, um sich meiner Unterstützung zu versichern, hätte ich nie gedacht. »Sieh es doch als Chance, endlich eine schwere Schuld zu begleichen. Und, wie gesagt, zum Kartenspielen bist du eh nicht gekommen. Was ändert sich also für dich? Sicher, drüben bei den paar Chauken ginge es vielleicht ruhiger zu. Vielleicht wärst du auch gar nicht erst in ernsthafte Kämpfe verwickelt, hättest nur noch ein paar Flüchtende zu erschlagen. Dafür bist du zwischen uns aber in guten Händen und kannst eine Menge lernen, du musst nur unsere Befehle befolgen.« Ich sah ihn nachdenklich an. Der Franzose schien wirklich in Ordnung zu sein. Bei den drei anderen war ich mir dagegen nicht so sicher. »Warum seid ihr wirklich hier?«, fragte ich ihn geradeheraus. Erstaunt hob mein Gegenüber die Augenbrauen und nickte langsam. »Du bist ein kluger Bursche, Leon. Gibst dich nicht zufrieden mit dem, was man dir sagt. Du willst den Dingen auf den Grund gehen. Das schätze ich an dir. Habe ich auch schon, als ich deine Schriften gelesen habe. Du hältst ganz schön was aus. Wie du Frilike aus den Händen der Römer befreien wolltest oder wie du den anderen quer durch Germanien nach Mogontiacum gefolgt bist und nie aufgegeben hast. Die Bernsteininsel, der Braune Stier … Was du erlebt und ausgehalten hast, das schaffen andere in ihrem ganzen Leben nicht.« Er sah mich anerkennend an. »Da ich weiß, dass ich dir kein X für ein U vormachen kann und das auch nicht will, bin ich ehrlich zu dir. Obwohl dein Vater es dir im Grunde ja schon erzählt hat, soviel ich weiß …« Ich ahnte, was er mir nun erklären würde. »Es geht darum, ein politisches und militärisches Gegengewicht zum Imperium Romanum zu schaffen. Ein Imperium Germanicum, wenn du so willst – obwohl ich diesen Begriff wegen seiner Vorbelastung nicht gerne höre. Ich habe französische Wurzeln. Mein Volk hat in zwei Weltkriegen unerträgliches Leid von den Deutschen erleiden müssen, wie du sicherlich weißt. Trotzdem unterstütze ich diese Vision mit Leib und Seele, denn dies ist eine andere Epoche – nein, noch eine andere Welt. Die gallischen Stämme, aus denen das spätere Frankreich hervorgehen wird, sind in einem von Rom geführten Vernichtungskrieg vollständig unterjocht worden. Das ist – von heute aus gesehen – über fünfzig Jahre her. Vielleicht ist dir der Name Vercingetorix ein Begriff. Er hat das letzte Stammesaufgebot der Gallier angeführt, wurde bei Alesia vernichtend von Julius Caesar geschlagen, in Ketten durch Rom geschleift, gedemütigt und vorgeführt, schließlich öffentlich hingerichtet. Danach schwang Caesar sich zum ersten römischen Alleinherrscher auf und beendete damit praktisch die Römische Republik. Das gleiche Schicksal droht den germanischen Völkern auf der anderen Rheinseite nun ebenfalls. Die römische Alleinherrschaft und der Verfall des Imperiums in annähernd fünfhundert Jahren von heute an bilden die Grundlage für weitere tausendfünfhundert Jahre Hass, Krieg und Gewalt. Auf diesem Nährboden entstehen die Katholische Kirche sowie das Fränkische Reich – beides gigantische Vernichter germanischer und gallisch-keltischer Kulturen. Wir wollen den Lauf dieser Geschichte ändern, Leon! Noch nie hat die politische Alleinherrschaft irgendwem irgendwann etwas Gutes gebracht. Sie mündet zwangsläufig in Diktatur und Tyrannei – siehe Rom. Wir brauchen ein Gegengewicht in Europa und dein Vater ist der Einzige, dem dies gelingen kann. Er wird von vielen Völkern als magischer Halbgott wahrgenommen, dem sie Treue schwören und folgen. Er kann diesen Krieg zu mehr werden lassen als einem bloßen Aufstand. Verstehst du? Ihm kann es gelingen, die Geschichte umzuschreiben, indem er die Fundamente für eine weitere politische Großmacht legt, die sich Rom entgegenstellt und die dem grenzenlosen Machthunger des Imperiums Einhalt gebietet.« Ich hatte dem Franzosen interessiert zugehört. Nun drängten sich mir Fragen über Fragen auf. »Was macht dich so sicher, dass nicht bloß eine weitere Diktatur entsteht? Und die römische Herrschaft über Gallien nicht einfach durch eine germanische abgelöst wird? Es tut mir leid, aber ich kann nicht glauben, dass jemand, der Macht errungen hat, sie freiwillig wieder abgibt. Du sprichst in Wahrheit doch von endlosen Kriegen, um die Römer zurückzudrängen. Damit ersetzt du aber bloß den heute bekannten Verlauf der Geschichte mit einem anderen ebenso kriegerischen und zerstörerischen. Und wie wollt ihr paar Leute das überhaupt bewerkstelligen? Ihr habt zwar Waffen, seid aber doch nur zu fünft.« »Es soll eine Art Tunnel zwischen den Zeiten entstehen, der zweimal im Jahr offen steht, um praktisch unbegrenzt Nachschub zu bekommen. Dadurch könnten wir viel mehr Männer ausrüsten …« Besonders lautes Johlen vom Kampfplatz unterbrach ihn. Wir schauten gleichzeitig hinüber. Ich stand auf und beobachtete, wie die Masse sich teilte. Ein paar Männer schleiften einen Körper an einem Seil hinter sich her. Zwar konnte ich nichts Genaues erkennen, aber es konnte nur der Römer sein. Erst jetzt sah ich, dass die Priester ihnen vorausgingen. »Was geht da vor sich?«, fragte ich leise, eher an mich selbst gewandt als an den Franzosen. Ich war ganz froh über die Unterbrechung, denn ich glaubte schlicht und einfach nicht, dass eine bereits geschehene Vergangenheit veränderbar war. Waren die Hagalianer und Armin somit verrückt? Hier endeten meine Gedanken stets, denn mir fiel es nicht leicht, in dieser Weise über meinen Vater zu urteilen. Sein Auftritt eben war kraftvoll und umsichtig gewesen, er hatte klug gesprochen und die Anführer mitgerissen. Wie konnte er ernsthaft glauben, dass er den Lauf der Geschichte verändern würde? »Das Tiu-Opfer«, antwortete der Franzose. Beinahe hätte ich schon wieder vergessen, dass ich gerade eine Frage gestellt hatte. »So haben sie es genannt. Tiu-Opfer. Der erste Kriegsgefangene für Tiu.« »Aber ich dachte, der Kampf gegen Malcolm wäre …?« »… der Tod des Kriegsgefangenen?« Der Franzose schüttelte den Kopf. »Nein, Leon. Nach allem, was ich heute gelernt habe, muss er grausamer sterben. Aber eigentlich müsstest du besser wissen als ich, wie es in dieser Welt läuft.« Ich fragte mich, wie man noch grausamer zu Tode kommen konnte als auf einem einige Quadratmeter großen Kampfplatz, umgeben von feindlichen, blutdurstigen Kriegern und einem Hünen gegenüber, der einen in Stücke haute. Aber ich würde es sicher bald erfahren, ob ich wollte oder nicht. Demnach lebte der Römer also noch. »Na ja, die chaukischen Bräuche sind meist nicht ganz so grausam wie die vieler anderer Stämme. Ich habe aber schon davon gehört, dass sich Krieger vor der Schlacht pechschwarz anmalen und die Herzen ihrer getöteten Feinde rösten und verspeisen. Einige Stämme im Süden sollen sogar das Hirn besonders namhafter Krieger essen, um ihre Seelen und deren Kräfte in sich aufzunehmen. Ich bin zwar ein wenig herumgekommen, aber alles weiß ich dennoch nicht. Und Tiu wird auch nicht so stark verehrt wie Ingwio oder Wodan. Nach allem, was ich weiß, war Tiu vor einigen Generationen der oberste Gott für viele Stämme. Heute ist er nur noch Beherrscher des Himmels und Herr über den Krieg, auch über die Rechtsprechung. Trotzdem weiß ich nicht, was sie mit dem Römer vorhaben.« Die gesamte Anführerschaft hatte sich jetzt in Bewegung gesetzt und folgte den Männern, allen voran die Priester, mein Vater und seine neue Leibgarde. Viele schlugen immer noch Waffen und Schilde aneinander und gaben so einen dumpfen Marschrhythmus vor. Der vorderste Priester, ein weißhaariger, hagerer, aber würdevoller Mann, um dessen Schultern ein Umhang aus hellgrauen Wolfspelzen hing, trug eine lange, außerordentlich reich geschmückte Lanze. Ihr dunkler Schaft war rundum mit roten Zeichen und Symbolen bemalt, die ich aus der Entfernung und im Fackelschein nicht genauer erkennen konnte. Ich sah ein paar bunte Bänder, an denen kleine Knochen und Federn hingen und die den mit Leder umwickelten Mittelteil der Waffe abgrenzten. Die auffällig weiße, knochige Hand des ernst blickenden Priesters hielt die zeremonielle Lanze fest umschlossen und kerzengerade, als der vordere Teil der Prozession auch schon vorbeigezogen war. Neugierig, was folgen würde, schlossen der Franzose und ich uns der Gruppe an. Wir reihten uns direkt hinter den Hagalianern und meinem Vater ein. Die Priester folgten einem Pfad, der zur anderen Seite der Schlucht führte. Kurze Zeit später sah ich ihr Ziel: ein gewaltiges Gestrüpp, welches an seinen Rändern von einigen Helfern mit mehreren hoch lodernden Feuern ausgeleuchtet wurde. Ein eisiger Schauer überlief mich, denn nun ahnte ich, was dem Römer bevorstand. Ich hatte ein paarmal von diesem Brauch gehört, den ausschließlich besonders Tiu-verehrende Stämme wie die Tenkterer oder die Semnonen pflegten. Offenbar auch die Cherusker und Marser, denn es waren ihre Priester, die hier momentan den Ton angaben. Vor dem riesigen Dornenbusch hielten sie inne. Ich erkannte armdicke Brombeertriebe mit Dornen, so breit und lang wie ein Finger. Dazwischen wucherten zahllose buschartige Bäume wie Schleh- und Weißdorn. Das Gestrüpp bildete eine undurchdringliche Barriere. Darin herrschte tiefe Dunkelheit. Wer in dessen Griff geriet, würde elendig und jämmerlich zerschnitten und zerschunden und nie wieder losgelassen werden. Eine tödliche Falle. »Ich bin Esago vom Volk der Cherusker!«, rief der Priester mit dem Wolfspelz. Stille kehrte ein. Im Licht der Fackeln funkelten Esagos Augen rötlich. Es dauerte ein paar Atemzüge, bis ich begriff: Der charismatische Priester war ein Albino. »Ihr alle kennt Tilarids, den Zielreiter!« Er schwang die Kultlanze hoch in die Luft. Ein »Zielreiter« verfehlte sein Ziel nie, soviel war klar. Esago ließ seinen bohrenden Blick über die Gesichter der Stammesführer schweifen. »Willst du den Sieg haben, ruf zweimal zu Tiu!«, verlangte er schließlich und stieß die Lanze erneut hoch. »TIU! TIU!«, brandete es ihm entgegen. Esago nickte zufrieden. »Wir haben ein weiteres Vorzeichen von den Göttern erbeten. Und es erhalten! Der Römer hat den Zweikampf verloren und ist damit des Todes!« Esago holte tief Luft und riss nun beide Arme nach oben. »Wie das gesamte Heer, zu dem er gehört!« Wildes Waffengeklapper und begeisterte Rufe erklangen. »Doch wir müssen weiterhin auf die Vorzeichen achten, denn die Götter sprechen durch sie in einem fort zu uns. Achtet auf Raben über euren Köpfen. Umschweben sie euch, so ist euch ihr Heil gewiss. Umgebt euch mit den ruhmgierigsten Recken. Mit ihnen sind die Götter. Lauscht den Wölfen. Ihr Heulen unter den Bäumen kündet von Wodans Gunst. Haltet Ausschau nach dem Gegner. Glück verspricht’s, wenn ihr ihn eher erspäht, als er euch sieht. Aber fürchtet die Gefahr, wenn eure Füße auf dem Weg zur Schlachtstätte straucheln, denn dann begleiten euch die bösen Disen und sie werden euch Wunden wünschen!« Ich sah mich um. Die Männer hörten Esago ehrfürchtig zu. Sie schienen jedes seiner Worte begierig aufzusaugen. Esago blickte nun zu dem Römer. Dieser hockte heftig keuchend auf dem Boden. Er blutete aus mehreren Wunden und war kaum noch in der Lage, aufrecht zu sitzen. Mit einem Zeichen bedeutete der Priester seinen Helfern und allen anderen, die nahe bei dem Verletzten standen, zurückzugehen. Wenige Augenblicke später war ein etwa zwanzig Schritte breites Areal hinter dem Gefangenen leer geräumt. Esago hob Tilarids und nahm vorsichtig Maß. Mir stockte der Atem. Würde er ihn jetzt und hier mit der Lanze aufspießen? »Das Feindesheer verfluche ich zur Feindschaft des Gottes: Zornig ist euch Wodan! Die Kampftoten werden ein Dankopfer an Wodan sein. Erschrecken werden wir euer Volk, eure Führer dem Tod verfallen lassen. Unsere Kriegsfahnen sind über euch erhoben, Feind ist euch Wodan. Zur Schlacht vor den Sitzenden Bergen laden wir euch. Und so lasse Wodan den Speer fliegen, wie ich voraus verkünde!« Esago beugte seinen Oberkörper weit nach hinten, ließ sein Ziel dabei keine Sekunde aus den Augen. Dann schnellte er nach vorne und schleuderte Tilarids in einer ausholenden Bewegung und mit viel Kraft in Richtung des Gefangenen. Der Römer riss erschrocken die Augen auf und folgte der geradlinigen Flugbahn des Wurfgeschosses mit leicht offen stehendem Mund und wässrigen Augen. Doch der »Zielreiter« flog dicht über seinen Kopf hinweg und bohrte sich schließlich federnd in den weichen Boden hinter ihm. Ein Raunen ging durch die Menge. »Ein kraftvoller Flug«, erklärte Esago. Ich verstand. Er hatte gar nicht vorgehabt, den Römer mit dem Speer umzubringen. Nein, er gewann ein weiteres Vorzeichen aus dem Flug des heiligen »Zielreiters«. »Uns erwarten ein kraftvoller Kampf und ein allumfassender Sieg! So gehorchen wir also den Göttern. Den im Zweikampf besiegten ersten Kriegsgefangenen weihen wir dem Tiu. Die gesamte Streitmacht, die mit ihm gekommen ist, weihen wir dem Wodan. So sei es!« Esago gab seinen Helfern erneut ein Zeichen. Vier Männer schritten jetzt auf den Römer zu. Dieser versuchte kriechend, ein letztes Mal davonzukommen. Natürlich kam er nicht weit. Sie packten ihn an Armen und Beinen. »Ich überantworte dich dem Dornenbusch. Mögen die Götter dich so lange darin ausbluten lassen, wie es ihnen gefällt. Möge dein Blut Tius Zorn besänftigen. Möge dein Tod jämmerlich und qualvoll sein.« Die vier Männer schwangen den Römer mehrfach vor und zurück, um ihn möglichst weit in den Dornenbusch schleudern zu können. Als sie ihn losließen, flog er in hohem Bogen mitten hinein in den dornigen Tod. Ein grauenvoll erbärmlicher Schrei löste sich von den Lippen des Geschundenen, als er auf den dicken stacheligen Ästen aufschlug. Einige dünnere Brombeerranken brachen, doch die meisten waren sehr elastisch und gaben nach. Zahllose Dornen fügten ihm genauso viele Wunden zu, aus denen jetzt dickes, dunkles Blut quoll. Schwerfällig glitt er zwischen ihnen in die darunterliegende Finsternis bis zum Boden hindurch. Der Jubel der Krieger übertönte die Schreie des Opfers. Schließlich wandten sich alle ab und überließen den ersten Kriegsgefangenen seinem langsamen und qualvollen Tod, so wie es seit langer Zeit Brauch war. Ich musste mehrmals tief ein- und ausatmen, denn mir wurde schlecht. Ich würde mich nie an diese Art Grausamkeit gewöhnen – und das war auch gut so. Um mir die jämmerlichen Schreie des Gequälten nicht länger anhören zu müssen, ging ich wieder ins Tal zurück. Ingimer entdeckte mich kurz darauf. Gemeinsam suchten wir Ucromerus auf. Er war ein sympathischer Kerl und die Leute, mit denen er am Feuer saß, ebenfalls. Da Ingimer und ich die beiden großen Häuptlinge Ingimundi und Athalkuning aus den Augen verloren hatten und somit die einzigen verbliebenen Chauken hier waren, setzten wir uns zu ihnen. Hörner, bis oben hin mit dem beliebten Honigwein gefüllt, wurden herumgereicht. Die Krieger forderten uns ein ums andere Mal auf, diese nicht schlucklos an uns vorbeigehen zu lassen. Allzu gerne folgten wir der Bitte. Es half mir, das eben Erlebte aus meinem Kopf zu verbannen. Adler im Sturm Es war noch dunkel, als das Schlagen meiner losgerissenen Regenschutzplane mich weckte. Heftiger Wind war aufgekommen und zerrte an Haaren, Kleidung und meinen Satteltaschen. Ich setzte mich auf und sah mich um. Nirgends brannte mehr ein Feuer, aber offenbar war ich nicht der Einzige, der vom Wetter geweckt worden war. Durch die mondlose Nacht und trotz entsprechender Dunkelheit erahnte ich Bewegungen überall um mich herum. Es dauerte noch einige Sekunden, bis sich meine Augen halbwegs an die Bedingungen gewöhnt hatten. Auch Ingimer war bereits wach. »Ich reite mit meinem Vater und Athalkuning zurück ins Chaukenlager«, sagte er. »Was ist mit dir?« Ich erinnerte mich an die Worte des Franzosen von gestern Abend. »Ich glaube nicht. Soweit ich weiß, will Arminius mich in seiner Nähe behalten.« Tastend suchte ich mein Zeug zusammen und bekam gerade noch den Riemen einer meiner Gürteltaschen zu fassen, die sich anschickte, vom heftigen Wind fortgeweht zu werden. In der Ferne erklang das brodelnde, zornige Grummeln eines frühherbstlichen Donners. Das wird ja immer besser, dachte ich mürrisch, während ich erfolglos versuchte, mein Zelt aus Ziegenhäuten in den Griff zu bekommen. Mehrfach peitschte es mir schmerzhaft ins Gesicht. Nicht nur, dass ich die nächsten Tage mit der Hagalianer-Bande und meinem Vater verbringen durfte – nein, das ganze schauerliche Spektakel konnte ich auch noch bei bescheidenstem Wetter genießen. Kurz darauf verabschiedete sich Ingimer. Betrübt sah ich ihm nach. Wann würde ich ihn wiedertreffen? Plötzlich packte mich eine Hand an der Schulter. Ich hatte niemanden kommen sehen und erst recht nicht gehört, deswegen erschrak ich. Ich drehte mich ruckartig um und erkannte den Franzosen. »Du schon wieder!«, rief ich wenig erfreut. Er grinste. »Komm mit!«, sagte er. »Dein Vater will uns sprechen.« Notdürftig raffte ich meine Sachen zusammen und stapfte dann gemeinsam mit dem Franzosen zu Arminius’ Zelt hinüber. Der Rest seiner neuen Leibgarde stand dort ebenfalls versammelt. Eine Taschenlampe blitzte auf und leuchtete mir direkt ins Gesicht. »Ah, da seid ihr ja!« Das Licht verschwand wieder. »Es ist so weit. Wir brechen gleich auf. Witandi, der Franzose, Geronimo, Malcolm – oder sollte ich besser Tredanfuglaz sagen?« Arminius lachte auf. »Viper. Und ich natürlich. Da wir an den Stellungen der Marser, Brukterer und Angrivarier vorbeikommen, werden uns ihre Häuptlinge und Unterhäuptlinge ebenfalls begleiten und zu ihren Kriegern stoßen. Außerdem Ucromerus mit den Besten seiner Speerwerfer.« Er machte eine kurze Pause und sah uns an. Ich überlegte, ob ich meinem Ärger Luft machen sollte, sah jedoch davon ab. Letztlich hatte der Franzose ja recht: Ich war nicht hier, weil ich mich ausruhen wollte. Ich wollte Werthliko rächen und Sicherheit für die Zukunft erstreiten. Ich musste meinen Teil zum Sieg beitragen und wenn der Heerführer mich in seiner »Spezialeinheit« brauchte, dann war es eben so. Eine Art Schicksalsergebenheit machte sich in mir breit. »Heute in den frühesten Morgenstunden, noch im Schutze der Dunkelheit, wurden die ersten Angriffe gegen die Nachhut von Varus’ Heer geführt, etwa zwei Tagesritte südöstlich von hier. Das Gelände im Angriffsbereich ist viel gebirgiger und schroffer als hier. Enge Schluchten und noch dichter bewaldete Täler, Hohlwege, durch die kein geordneter Durchmarsch möglich ist. Etwa dreitausend Chatten, die sich bestens mit solchen Bedingungen auskennen, ließen Fels und Bäume auf die Truppen regnen, bevor sie die Nachhut mit Speeren ausdünnten. Sie werden immer wieder vorauseilen und der Nachhut an besonders engen Stellen in den Bergen auflauern, bis sie so gut wie aufgerieben ist. Dafür ist es wichtig, dass keine Meldereiter das Hauptquartier von Varus erreichen. Wir müssen das verhindern und diese um jeden Preis aufhalten! Die Chatten haben entsprechende Anweisungen und ich vertraue ihnen. Gelingt uns das, wird das die römische Heeresleitung verunsichern und das Auseinanderdriften der Armee wird sie schwächen. Obendrein kommt Varus so nicht auf die Idee, umzukehren und zurückzumarschieren. Morgen wird die Vorhut des Hauptheers hier in der Gegend sein. Ich will mir, wenn möglich, ein Bild von ihrer Marschordnung machen, falls sie überhaupt eine haben. Ihre Geschwindigkeit, Länge und so weiter. Auch will ich wissen, wo genau sich ihr Haupttross befindet, denn aus diesem werden wir unsere Männer in den nächsten Tagen verpflegen. Ihr sollt mich begleiten, damit ihr ein Gefühl für die Situation bekommt, das Gelände, die Römer. Leon, du hast zwar schon gegen sie gekämpft, doch dies hier ist etwas völlig anderes. Ich möchte, dass ihr euch alles, was ihr seht, genau einprägt und lernt!« Dabei musterte er insbesondere die Hagalianer. »Vielleicht könnt ihr eure ersten Kampferfahrungen sammeln gegen einen Feind, wie ihr ihm nie zuvor gegenübergestanden habt. Ich habe ihn lange und intensiv studiert, um zu lernen, wie er besiegt werden kann. Diese Zeit habt ihr nicht, das ist mir klar. Aber ihr solltet ihm zumindest einmal ins Angesicht blicken, sehen, wie er sich bewegt und redet, bevor ihr auf ihn schießt.« Jetzt lächelte er. »Und wenn irgendwie möglich, will ich natürlich auch in Erfahrung bringen, wo sich mein Freund Varus aufhält. Wahrscheinlich inmitten der 19. Legion, seiner bevorzugten. Wir haben einen langen Ritt auf teils sehr unwegsamem Gelände mitten durch die Hügel vor uns. Einen Teil der Strecke können wir auf dem Handelsweg zurücklegen, unten, zwischen Gasitjanbargi und dem Thur to Brook. Ach ja, ich will auch, dass ihr die Sprache der Stämme schnell lernt. Deswegen fangen wir mit den Ortsbezeichnungen schon mal an. Folkobeek, Gasitjanbargi, Thur to Brook. Merkt es euch!« Den letzten Begriff hatte ich noch nie zuvor gehört, trotzdem klang er seltsam vertraut. »Sag das noch mal«, bat ich meinen Vater. Verwundert schaute er mich an. »Was meinst du?« »Das Letzte nach Gasitjanbargi. Was ist das für ein Ort?« »Thur to Brook?« Ich überlegte kurz, dann fiel es mir endlich ein. Erfreut schnippte ich mit den Fingern. »Turtobrog. Das hört sich für mich an wie ›Teutoburg‹.« Die Augen meines Vaters weiteten sich überrascht. »Du hast recht!«, rief er. »Ich habe mich schon lange gefragt, was das für ein Ort sein soll, denn einen Teutoburger Wald gibt es hier weit und breit nicht.« Er grinste. »Willkommen am Rande des Saltus Teutoburgiensis, den ja ein römischer Geschichtsschreiber als Ort für Varus’ Niederlage aufführt! Richtig heißt es also Thur to Brook und ist schlicht die Bezeichnung der Brukterer für das Gebiet nördlich der Gasitjanbargi. Übersetzt heißt es ungefähr ›Durch zum Bruchwald‹ und bezieht sich auf die vielen Flüsse, die aus den Hügeln herabströmen und sich ins Große Moor ergießen, wie die Chasuarier das Gebiet wiederum nennen.« Ich schüttelte den Kopf. »Wenn man bedenkt, dass der Osning eigens in Teutoburger Wald umbenannt wurde und dieser Name dann auch noch auf einen Hörfehler oder eine falsche Überlieferung oder was auch immer zurückzuführen ist … Unglaublich!« »Und aus mir einen Hermann zu machen, das finde ich unglaublich!«, ergänzte er. Trotz meines Ärgers und meiner miesen Laune musste ich lächeln. Die Hagalianer verfolgten unser Gespräch nur schweigend mit ernsten Mienen. Sie brauchten wohl noch ein paar Tage, um sich einzugewöhnen. Der Franzose meldete sich schließlich zu Wort: »Noch mal zurück zu den Kämpfen. Was ich nicht verstehe: Was hindert Varus’ Armee eigentlich daran, einfach umzudrehen und zurückzukehren, sobald sie merken, dass sie nicht gewinnen können? Ein Angriff durch uns auf ihre Nachhut wird daran doch auch nichts ändern. Vielleicht erreichen sie den Engpass am Folkobeek gar nicht?« Fragend sah er in die Runde, doch die anderen glotzten bloß unbeeindruckt zurück. Erst jetzt bemerkte ich die Handgranaten an den Gürteln der Hagalianer. Mein Vater zuckte – zu meiner Überraschung – die Schultern. »Ganz ehrlich? Ich weiß es nicht. Die Geschichtsbücher der Zukunft geben keine vernünftige Antwort auf diese Frage. Natürlich werden wir das Ende des Heereszuges ständig attackieren, um sie weiter in die gewünschte Richtung zu treiben. Allerdings könnten wir sie niemals aufhalten, wenn sie einen geordneten Rückzug durchführen würden. Es wird mit Varus’ Arroganz erklärt, der niemals eine Niederlage in Betracht zieht, weil er sich im Land eines besiegten Volkes wähnt. Und damit, dass er bis zuletzt an einen Sieg glaubt. Aber ich kenne den Mann und so dumm ist er nicht. Er wird davon ausgehen, dass er es weit genug nach Südwesten schafft, wo er sich spätestens in Aliso3 mit den beiden Legionen seines Neffen Asprenas vereinigen kann. Der ist sein wichtigster Legat und befehligt die 1. und die 5., wobei Teile der 1. Legion Germanica ja ebenfalls mit Varus ziehen. Ich denke, die nächsten Tage werden es zeigen. Also los!« 3 Großes Römerlager an der Lippe Ich packte meine Sachen regengeschützt in ein gefettetes Fell unter einen Strauch und wollte gerade mein Pferd holen gehen, als mein Vater mich zurückrief. »Vergiss dein Kinderpony, Junge! Du bekommst ein richtiges.« Verdutzt blickte ich ihn an. Ich hatte mal wieder keine Ahnung, wovon er redete. Im selben Augenblick erkannte ich in der aufkommenden Dämmerung Ucromerus, der aus dem hinteren Teil des Cheruskerlagers kam und mehrere der hochgewachsenen Römerpferde mit sich führte. »He! Ich bin noch nie auf so einem riesigen …«, begehrte ich auf, doch niemand hörte mir zu. Hatte es überhaupt Sinn, mich zu beschweren? Wenn alle es schafften, auf diesen deutlich größeren Tieren zu reiten, würde ich es ja wohl auch können. Und kaum hatte ich mich versehen, drückte mir Ucromerus auch bereits die Zügel eines dunkelbraunen Pferdes mit schwarzem Schweif in die Hand, über dessen Schulter ich gerade so blicken konnte. Es war gewaltig. Und sehr ungewohnt. Ich schluckte schwer. »Du musst mehr mit den Beinen arbeiten als mit deinem Gewicht«, gab der Cherusker mir noch einen freundschaftlichen Rat. Vorsichtig tätschelte ich das Tier und versuchte wenigstens in den verbleibenden Sekunden vor unserem Aufbruch seine Bekanntschaft zu machen. Dann ging es auch schon los. Wir sechs mit Gewehren Bewaffneten ritten voraus. In einigem Abstand folgten uns Ucromerus und seine große Schar Speerwerfer. Anfangs hatte ich arge Mühe, mich auf dem breiten Rücken des Pferdes zu halten. Seine Bewegungen waren viel kraftvoller. Ich musste mich regelrecht bemühen, nicht zur Seite herunterzurutschen. Mir graute vor dem Moment, wenn es in Galopp verfallen würde. Immerhin saß ich aber erstmals in einem Sattel, der mir zusammen mit den Zügeln einen ganz passablen Halt gab. Der vierknäufige Hörnchen- Sattel hatte eine weiche Schaffellauflage, die sich allerdings mit Regenwasser vollsog und meine Hose unangenehm durchnässte. Über uns rauschten die hohen Baumwipfel in der Lautstärke eines vorbeifahrenden Zuges. Der Wind peitschte den Regen senkrecht durch die Luft. Wir alle hielten die Köpfe tief gesenkt, um Augen und Wangen vor dem schmerzenden Aufprall der Tropfen zu schützen. Die Pferde waren bei diesem Wetter natürlich entsprechend unruhig. Auch der Boden drohte von Stunde zu Stunde aufgeweichter und unwegsamer zu werden. Was für ein beschissener Tag für einen Ausritt – aber vielleicht ein guter zum Sterben. Ich erging mich in finstersten Gedanken. Ich war mir zwar sicher, dass es mich nicht treffen würde – aber wenn, dann wollte ich lieber an solch einem als an einem lieblichen Sommertag das Zeitliche segnen. Machte das Sinn? Ich wusste es nicht. Kurz sah ich Frilike und Ingimodi vor meinem geistigen Auge, wie sie friedlich und fröhlich im grünen Gras an der Hache saßen und Schmetterlinge beobachteten. Darauf sah ich die breiten Rücken der Männer vor mir, wie sie ihre zusammengerollten Körper gegen den kräftigen Wind stemmten und dabei trotzdem mit einer gewissen Anmut den Schrittbewegungen der Pferde folgten. Ihre vor der Feuchtigkeit gut verpackten Gewehre schwangen rhythmisch auf und ab. Mehr als einmal hatte ich große Mühe, mein Pferd zu kontrollieren. Obwohl es sehr gut ausgebildet schien, hatte es doch seinen eigenen Kopf. Wollte es an einem Zweig zupfen, so tat es das auch. Wollte es ängstlich vor sich im Wind biegenden Ästen zurückweichen, so konnte ich es nicht davon abbringen. Hielt mein Pferd es für nötig, in eine trabende Gangart überzugehen, so wartete es nicht erst auf mein Kommando, sondern tat es. Ich war schlicht überfordert mit dem Tier, musste aber dennoch sehen, dass ich an den anderen dranblieb und nicht zurückfiel. Wir folgten einem Pfad, der ansonsten wohl nur von Jägern benutzt wurde und von Nordosten nach Südwesten durch die engen Täler und Schluchten der Gasitjanbargi führte. Mittlerweile war er durch die tagelangen Truppenbewegungen so ausgetreten, dass wir bequem auf ihm reiten konnten und schnell vorankamen, auch wenn er nur noch aus Schlamm bestand. Die nach allen Seiten hin aufragenden Berge waren nicht hoch – ich schätzte die größten auf dreihundert Meter –, aber ihre Hänge fielen steil, teilweise sehr felsig ab. Überall wucherte dichte Vegetation. Unendlich viele Verstecke boten sich hier, sogar für größere Kriegergruppen. Es musste früher Nachmittag sein, als ein Gewirr umgestürzter Linden, Eschen und Ahornbäume das Weiterkommen auf dem Weg unmöglich machte. »Absteigen und umrunden!«, brüllte Armin gegen den heulenden Sturm. Mit Handzeichen gaben wir ihm zu verstehen, dass wir bereit waren. Vorsichtig führten wir die nervösen Tiere mitten durch den Wald ein Stück bergab. Der Weg hinunter gestaltete sich aufgrund der aufgeweichten Erde als extrem schwierig. Unzählige halb im Boden verborgene Steine sorgten außerdem dafür, dass jeder Schritt zu einer unfreiwilligen Rutschpartie führen konnte. Über uns rauschten die Bäume, überall brachen Äste und Zweige, Laub wirbelte wütend durch die Luft. Mein Pferd zog ängstlich am Zügel, an dem ich es fest gepackt hielt. Seine Augen waren weit aufgerissen. Das Weiß darin schimmerte hart und grell im Gegensatz zu dem dunklen, nassen Fell drum herum. Ich musste höllisch aufpassen, dass mich das Tier nicht von den Beinen holte oder gegen einen Baum drückte. Ich war so konzentriert darauf, mich und das Tier halbwegs sicher hinter den anderen her durch den Wald zu lotsen, dass ich die vielen halb verborgenen Gestalten um mich herum zuerst gar nicht wahrnahm. Der Wald wimmelte nur so von Stammeskriegern! Sie hockten hier im Schutz von Baumstämmen, Wurzeln und Felsbrocken, um auf einen Angriffsbefehl zu warten. Ich hatte keine Zeit, sie zu zählen, doch es mussten alleine hier schon Hunderte sein. Ich fragte mich unwillkürlich, ob dort unten auf dem schmalen Pass durch die Berge bereits die Legionen Roms vorbeizogen. Die Falle, die mein Vater Varus und seinem Heer gestellt hatte, war dermaßen ausgeklügelt, dass mir schauderte. Sie rannten in ihr Verderben und hatten im Moment noch nicht mal die blasseste Ahnung davon. Endlich ließen wir die unpassierbare Stelle hinter uns und befanden uns wieder auf dem Pfad. Mein Vater wies Ucromerus und dessen Männer an, die Bäume zu entfernen, um es auf dem Rückweg leichter zu haben. Sogleich machten sie sich mit zahlreichen Äxten ans Werk. Wir dagegen bewegten uns so schnell es eben ging weiter. Der Sturm verharrte stets nur kurz und schien dabei tief Luft zu holen, bevor er mit neuer, unbändiger Kraft losbrauste. Das Vorankommen war ein einziger Kampf. Jeder einzelne Meter. Im Moment war mir nicht ganz klar, wie wir es heute noch in unser Lager zurückschaffen wollten. Wir hatten unsere Mission noch nicht mal ansatzweise erfüllt. Abgesehen davon, dass wir nicht so schnell vorankamen, wie Armin es sich wahrscheinlich ausgerechnet hatte … So hielten wir dann auch, um zu beratschlagen. »Ich will wissen, wie es dort unten aussieht!«, rief mein Vater und zeigte auf den parallel zum Pfad verlaufenden breiteren Passweg, der sich durch eine längliche Schlucht wand. Und schon bahnten wir sechs uns erneut zu Fuß und die Pferde per Hand führend einen Weg hangabwärts. Das dichte Blätterdach bot uns ausreichend Schutz. Auf halber Strecke fingen Armin und die Hagalianer an, ihre Tiere festzubinden. Ich schaute mich in meiner direkten Umgebung um. Einige dünne Ahornbäume schienen die beste Möglichkeit zu sein. Ich schlang also die Zügel ein paarmal herum und wandte mich den anderen zu. Sie marschierten bereits los. Ich musste mich beeilen, um zu ihnen aufzuschließen. Wegen des Sturmes brauchten wir nicht darauf zu achten, lautlos zu sein, allerdings hörten wir im Gegenzug auch nichts außer Wind. Nach und nach wurde das Gefälle immer geringer, bis wir schließlich auf flachem Boden liefen. Alle paar Meter blieben wir stehen, hockten uns hin und sahen uns aufmerksam um. Hier unten war jedoch nichts und niemand zu sehen. Ich hatte ein wenig die Orientierung verloren. »Wo ist der Weg?«, fragte ich meinen Vater. Der zeigte bloß mit einer Armbewegung nach vorne und hob zwei Finger. Seiner Schätzung nach also noch zweihundert Meter. Ich sah in die angegebene Richtung, blickte aber bloß auf lichtes grün-gelbes Gebüsch. Ebereschen, Kornelkirschen, Schwarzer Holunder, so weit das Auge reichte. Wir machten weiteren Boden gut. Endlich erkannten wir Bewegungen. Und auch gedämpfte Marschgeräusche waren zu vernehmen. Wir legten uns flach hin und schoben uns fortan auf dem Bauch vorsichtig über das regennasse Laub voran. Wenige Meter weiter war klar, was wir vor uns hatten: das Heer des Varus! Etwa eine Viertelstunde lang blieben wir liegen und beobachteten die Marschierenden aus unserer Deckung heraus. Sie bildeten eine schier endlose Reihe. Und mein Vater hatte recht gehabt: Nicht mehr als vier oder fünf Soldaten marschierten nebeneinander in lockerer Ordnung. Immer wieder wechselten sich Legionäre mit Verpflegungskarren ab, die von Maultieren gezogen wurden. Zivilisten, die als Handwerker, Huren oder schlicht Familienmitglieder den Tross bildeten, Herden von Vieh, kleinere berittene Einheiten. Es war ein buntes Durcheinander. Von einer geordneten Formation konnte überhaupt keine Rede sein. Sie mussten sich ihrer Sache schon sehr sicher sein, dass sie ihre sonst so gepriesene Disziplin so gründlich über Bord warfen. Berichte von Angriffen auf die Nachhut hatten die Heeresleitung offenbar noch nicht erreicht – beziehungsweise wenn ja, nicht zu einer Straffung der Marschordnung geführt. Diese Soldaten hier wirkten eher arglos. Allerdings wurde uns in dem Moment klar, dass eine Aufklärung oder das Kundschaften praktisch unmöglich war. Dies konnte nur ein Teil der Vorhut sein. Sollten wir etwa stundenlang hier liegen bleiben und das vorbeiziehende Heer beobachten, bis irgendwann der Hauptteil in Sichtweite kam? Sicher nicht. Einen besseren Platz zum Spähen würden wir indes auch nicht finden, dafür war das Gelände einfach zu unüberschaubar. Immerhin schienen die Geister der Luft und der Erde mit uns zu sein. Regen peitschte wütend waagerecht durch die Luft und den Legionären direkt in die Augen. Alleine in den fünfzehn Minuten, in denen wir diesen kleinen Ausschnitt der langen Soldatenkolonne betrachteten, stürzten eine Birke und eine morsche Pappel am Wegesrand um und versetzten die Flanke der Marschierenden kurzzeitig in Aufruhr. Ich konnte nur hoffen, dass die Geister uns, die wir hier im Wald hockten, besser gesonnen waren. »Zurück!«, formte mein Vater seinen Befehl überdeutlich mit den Lippen und zeigte in Richtung unserer Pferde. Vorsichtig krochen wir im Schutz des dichten Gebüsches außerhalb der Sichtweite der nahen Legionen. Gerade hatte ich mich wieder aufgerichtet, als eine schnelle Bewegung am Berghang meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ein großer dunkler Schatten bahnte sich dort seinen Weg zwischen Bäumen und Strauchwerk hindurch! Erschrocken wollte ich schon nach meinem Gewehr greifen, als ich erkannte, was es war: ein Pferd! Und wenn es in diese Richtung weiterrannte, drohte es auf die marschierenden Reihen der römischen Soldaten zu treffen und unsere Anwesenheit zu verraten! Die anderen reagierten sofort. Sie verteilten sich und streckten bereits die Arme aus, obwohl das Tier noch gar nicht heran war. Mit einem langgezogenen Sprung setzte es jetzt über einen liegenden Baum hinweg und kam geradewegs auf uns zu. Es war ein dunkelbraunes Tier mit schwarzem Schweif. Entsetzt erkannte ich das mir zugeteilte Pferd. Es musste sich losgerissen haben. Verflucht, warum ausgerechnet das meine? Ich sah, wie mein Vater sich immer wieder nervös nach hinten umdrehte, um zu sehen, ob Gefahr von den Soldaten drohte. Wenigstens kam uns der Sturm zugute. Sein Tosen übertönte alles, sodass wir uns um eventuell entstehenden Lärm durch das fliehende Pferd nicht zu sorgen brauchten. Geronimo lief jetzt mit wedelnden Armen auf das Tier zu, um es abzubremsen. Und es wurde tatsächlich langsamer. Der Hagalianer griff nach den Zügeln und bekam diese für einen kurzen Augenblick zu fassen. Eine besonders heftige Windböe fuhr jedoch in genau diesem Moment durch die Baumkronen und in der Nähe brach irgendwo ein gewaltiger Ast, der krachend zu Boden stürzte. Das Pferd riss den Kopf erschrocken hoch und zurück, stellte sich wiehernd auf seine Hinterbeine und galoppierte erneut kraftvoll aus dem Stand los. Geronimo stolperte einige Schritte nach hinten, bis er fiel und sich auf den Hosenboden setzte. Bestürzt blickte er dem durchdrehenden Tier hinterher. Verdammt, es war mein Pferd! Ich hatte es offenbar nicht ordentlich festgemacht. Mein Pferd – meine Schuld. So einfach war das. Ich war verantwortlich und musste etwas tun. Ich konnte ja schlecht zulassen, dass der ganze Schlachtplan nach hinten losging, nur weil ich zu dämlich war, ein Pferd richtig an einen Baum zu binden. Aber es war vorhin einfach alles so schnell gegangen und die anderen waren mir sowieso schon immer zwei Schritte voraus gewesen … Egal! Beherzt sprang ich dem Pferd in den Weg, ruderte dabei wie wild mit den Armen und rief immer wieder: »Ruhig, Brauner, ruhig!« Etwas Besseres fiel mir nicht ein. Hinter mir wusste ich meinen Vater, Malcolm, Viper und den Franzosen. Wir würden das Tier aufhalten, hier und jetzt! Ich fasste also die Zügel genau ins Auge, die seitlich links am Hals herabhingen. Ich brauchte nur im richtigen Augenblick zuzupacken. Das Pferd hatte etwas von der Wucht seines Ansturms verloren, wohl irritiert von den vielen Menschen in seinem Weg. Seine Augen rollten in wilder Panik und das Weiß darin trat deutlicher denn je hervor. Ich griff zu. Das Tier riss seinen Kopf instinktiv zur Seite, als es meine Hand herannahen sah, doch ich war konzentriert genug, auch darauf schnell zu reagieren. Ich hielt die Zügel fest umklammert, doch dem Pferd fiel nicht ein, deswegen stehen zu bleiben. Es hatte seinen Lauf zwar verlangsamt, doch es lief. Einen Sekundenbruchteil später war es an mir vorbei und ich drehte mich um meine eigene Achse, um nicht niedergetrampelt zu werden. Dabei wickelte sich das flatternde Leder fest um meinen linken Unterarm. Im nächsten Moment riss das Tier mich mit sich. Panik nahm mir jede Möglichkeit zu atmen. Der Vorderhuf hob und senkte sich stampfend in gefährlicher Nähe zu meinen Knien. Jeden Augenblick erwartete ich den dumpfen Schmerz des mich treffenden Fußes. Instinktiv stießen meine Beine sich vom Boden ab, im jämmerlichen Versuch, irgendwie mit dem Tier Schritt zu halten. Die kraftvoll ausholende linke Schulter und der Ellbogen schlugen immer wieder gegen meinen Brustkorb, während ich halb stolpernd, halb laufend an der Flanke des Tieres festhing. Zwar zerrte ich wie wild am Zügel und versuchte, meinen Arm aus der Klemme zu befreien, doch es gelang nicht. Nur beiläufig registrierte ich, wie wir meinen Vater und die anderen hinter uns ließen, derweil das Pferd stur geradeaus galoppierte – direkt auf die römischen Soldaten zu! Meine Hand und mein Arm schmerzten von dem wilden Gezerre. Ich spürte bereits, wie mich meine Kräfte verließen. Mir blieb nur eine einzige Möglichkeit, wenn ich keine schweren Verletzungen davontragen wollte. Und diese waren nur eine Frage der Zeit, denn früher oder später würde ich unter die Hufe des Tieres geraten. Ich musste also versuchen, mich auf den Rücken zu schwingen! Ich konzentrierte mich und probierte, den Laufrhythmus des Pferdes halbwegs nachzuvollziehen. Vor einer dicht stehenden Baumgruppe wurde es jetzt sowieso langsamer und wich nach rechts aus. Das war meine Chance! Ich stieß mich kräftig mit beiden Füßen vom Boden ab und schlang meinen rechten Arm dabei über den Widerrist des Tieres. Zwar riss ich meinen Fuß so hoch ich konnte, doch es war aussichtslos, auf diese Weise auf den Rücken des großen Pferdes zu gelangen. Ich rutschte ab und musste mich ein weiteres Mal bemühen, nicht von den galoppierenden Beinen getroffen zu werden. Das Pferd war in der Zwischenzeit noch langsamer geworden, da es gerade im Begriff war, die Bäume zu umrunden. Gleich aber würde es wieder schneller werden. Ich wollte versuchen, meinen Oberkörper über die Schulter des Tieres zu wuchten und mich an seinem Kammhaar hinaufzuziehen. Im nächsten Augenblick hatte ich mich auch schon abgestoßen. Mein Gesicht grub sich tief ins Fell unterhalb des Widerrists, während meine rechte Hand sich in das lange Fell am unteren Kamm krallte. Ich stieß mich erst einmal, dann ein zweites Mal im vollen Lauf mit den Füßen ab und mit einer gewaltigen Kraftanstrengung bei gleichzeitig strampelnden Bewegungen meiner Beine in der Luft gelang es mir endlich, mich hinaufzuziehen. Keinen Augenblick zu früh, denn schon gewann das panische Tier wieder an Geschwindigkeit. Keuchend und nach Luft schnappend legte ich mich so flach es ging auf den Kamm des laufenden Pferdes, während ich mit rechts die Zügel gepackt hielt und nach wie vor versuchte, die linke schmerzende Hand aus dem verdrehten Leder herauszuwinden. Immerhin hatte ich so einen stabilen Zug auf den Kopf des Tieres. Ich konnte es zumindest ein wenig lenken, doch zum Halten brachte ich es nicht. Wir näherten uns mit unglaublicher Geschwindigkeit dem marschierenden Heereszug – und zu allem Überfluss donnerte es nun auch noch im Sturmhimmel über mir! Das Pferd ließ sich dadurch auch von der langen Kette der Menschen und Wagen nicht aufhalten und wurde nur immer noch schneller. Die Ersten realisierten, was dort auf sie zukam. Ich sah die erstaunt aufgerissenen Augen eines Legionärs, der seinen einfachen Helm mit Wangenklappen zum Schutz vor dem Regen tief in sein junges Gesicht gezogen hatte. Erschrocken hob er seinen lederumwickelten rechten Arm, um auf mich zu zeigen. Seine andere Hand zuckte zu seinen beiden gekreuzten Waffengürteln, wo ein Dolch in einer Eisenscheide sowie ein Kurzschwert steckten. Seinen Schild und sein gesamtes Marschgepäck trug er auf dem Rücken, den Speer quer darüber. An dessen Enden baumelten Töpfe und ein paar Kleinigkeiten. All dies prägte sich mir wie im Zeitraffer ein. Die ihn umgebenden Gestalten sahen alle mehr oder weniger gleich aus. Direkt hinter ihm lief ein Optio, der mir durch seinen mit Schulterschienen verstärkten Kettenpanzer und den langen dunkelroten Mantel, der über der rechten Schulter mit einer Fibel zusammengehalten wurde, ins Auge fiel. Als er mich erblickte, schwang er sofort einen hölzernen Stab mit einer Kugel darauf in meine Richtung. Ich wusste, dass Unteroffiziere einen solchen als Rangabzeichen mit sich führten, um in unübersichtlichen Lagen trotzdem von ihren Leuten erkannt zu werden und Befehle erteilen zu können. Erst jetzt hörte ich das Brüllen des Mannes. Stolpernd kamen die Soldaten zum Stehen. Einige warfen sich zur Seite, andere griffen instinktiv nach den Speeren hinter sich. Ich hatte kaum genug Zeit, um einmal tief Luft zu holen und mich noch weiter auf den Rücken des Pferdes zu pressen, als wir auch schon mitten durch die Kolonne hindurchgejagt waren. Auf der anderen Seite blickte ich mich entsetzt um. Ich erwartete einen Speerhagel, der sich dunkel über mir vor dem Himmel abzeichnen würde, vermutete jeden Moment stechenden Schmerz in den Schultern oder Beinen. Doch nichts dergleichen geschah. Erstaunte, ungläubige Gesichter, das war das einzige, was ich in diesen Sekundenbruchteilen sah. Denn mein Pferd lief immer noch weiter. Auf dieser Seite des Weges lichtete sich der Wald, bis der Boden am Fuß des nächsten Berghanges schließlich morastiger wurde. Nicht weit entfernt ging es steil hangaufwärts. Ich sah mich erneut um. Vier Reiter wendeten in einiger Entfernung ihre Tiere, um mir zu folgen! Scheiße, stöhnte ich innerlich und riss nun verzweifelt an meiner gefangenen Hand. Endlich konnte ich sie befreien. Sobald ich kontrolliert an den Zügeln zog, entspannte sich das Pferd, wurde deutlich ruhiger und reagierte sofort, wie von mir gewünscht. Es atmete ebenfalls schwer. Sekunden später standen wir. Tänzelnd schnaufte der Gaul und wieherte leise. Ich stöhnte. Mir taten alle Knochen weh und der Schreck saß mir immer noch in den Gliedern. Zudem war meine jetzige Situation mehr als bescheiden: Der Heereszug des Varus trennte mich von den anderen, ich hatte einen steilen Hang vor und einen Trupp Reiter hinter mir. Ich saß in der Falle – und zwar so gründlich wie selten. Was also tun? Hektisch blickte ich nach links und nach rechts. Dünne Bäumchen, Büsche, schillernde Pfützen und Steine, so weit mein Auge reichte. Es gab keinen Ausweg. Ich war gefangen! Und die Reiter näherten sich mit hoher Geschwindigkeit. Ich hatte keine Ahnung, was ich tun sollte. Das einzige, was mir einfiel, war die Flucht nach vorn, parallel zum Heereszug und in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Ich überlegte noch, ob ich mein Gewehr vom Rücken nehmen sollte, entschied mich dann aber dagegen. Ich musste mich voll aufs Reiten konzentrieren können. Dafür brauchte ich meine Hände. Schon erschollen Rufe hinter mir. Es war höchste Zeit, von hier wegzukommen! Ich gab meinem Pferd die Hacken und es setzte sich nervös wieder in Bewegung. Zum Glück brauchte es nicht viel mehr Ansporn, um in eine schnelle Gangart zu verfallen. Ich beugte mich abermals tief auf den Rücken des Tieres und hielt mein Gesicht leicht nach unten geneigt. Regen prasselte mir in die Augen. Es war kaum noch möglich, überhaupt etwas zu sehen. Neuerlicher Donner zerriss den Himmel. Mein sowieso schon gereiztes Reittier verfiel in Trab zurück und blieb schließlich schnaufend stehen. Verflucht! Was für ein störrisches Vieh! Energisch trieb ich ihm meine Hacken erneut in die Seiten, zog an den Zügeln, brüllte es an, weiterzulaufen. Doch es nützte alles nichts. Das Pferd hatte sich entschlossen, eine Pause einzulegen. Es ignorierte mich völlig. Ängstlich sah ich mich um. Die vier Reiter schlossen immer weiter auf. Es würde nur noch Sekunden dauern, bis sie mich eingeholt hätten. Ich sprang aus dem Sattel und riss das Gewehr von meinem Rücken. Eilig sah ich mich nach ein wenig Deckung um. Außer einigen dünnen Espen und ein paar Holunderbüschen bot sich allerdings nichts an. Ein kalter Schauer überlief mich. War dies mein letztes Stündlein? War es doch möglich, dass ich jetzt schon starb? Ohne meine Aufzeichnungen je verfasst zu haben? Oder drohte mir gar eine weitere Gefangenschaft? Mir graute allein bei dem Gedanken … Aber so leicht würde ich es ihnen nicht machen, das schwor ich. Ich prüfte das Magazin, entsicherte die Waffe, hockte mich hinter einen der Bäume und legte auf den vordersten der Reiter an. Dieser schwang ein kurzes Schwert und hatte die Zähne grimmig gebleckt. Mein Finger zuckte bereits leicht am Abzug, als er die Zügel eng an sich zog und sein Pferd herumriss. Die anderen taten es ihm nach. Nervös sah er sich in Richtung des Heereszuges auf dem Weg um, dann wieder zu mir. Erst jetzt erkannte ich, dass es sich bei meinen Verfolgern um Angehörige der Hilfstruppenkavallerie handelte. Stammeskrieger! Und das Hirschsymbol auf dem kleinen runden Schild des Mannes wies ihn als Cherusker aus. Was für ein Glück! Er war ein älterer, knorriger Kämpe, dem bereits graue Strähnen durch das rotbraune Barthaar zogen. Ein großes Stück seines linken Ohrs fehlte, wie bei einem Hund, der schon viel zu oft harte Kämpfe hatte bestehen müssen. »He! Was soll das?«, rief er mir ärgerlich zu. »Du gefährdest alles! Für Heldentaten ist es noch zu früh! Wer ist dein Häuptling? Wo sind deine Leute?« Ich senkte mein Gewehr und atmete erleichtert auf. »Das Pferd ist am Abhang durchgegangen. Ich habe es eingefangen und hing am Zügel fest. Ich gehöre zu Ingimundis Männern, den Kleinen Chauken vom Aha Stegili.« Der Alte nickte. »Du hast Glück. Du bist an einer Stelle mit einfachen Soldaten durchgebrochen. Kurz vorher sind an gleicher Stelle die Triarier4 mit dem Aquilifer5 der 17. Legion vorbeigezogen. Die sind aus einem anderen Holz geschnitzt und hätten dich in Stücke gehauen, noch bevor du den Weg überquert hättest.« 4 Elitesoldaten einer römischen Legion, besonders schwer bewaffnet 5 Adlerträger, ranghöchster Feldzeichenträger einer Legion »Aquilifer?«, fragte ich ahnungslos. »Der Adlerträger der Legion, Junge. Er führt den vergoldeten Legionsadler der 17. mit sich, das am höchsten verehrte Heiligtum dieser Einheit.« Jetzt erinnerte ich mich. Natürlich hatte ich schon viel davon gehört, allerdings nie einen zu Gesicht bekommen. »Du hast wohl noch nicht viel Kampferfahrung? Wie heißt du überhaupt?« »Mein Name ist Witandi Aaro…« Weiter kam ich nicht, denn plötzlich brach weiterer Tumult im Heereszug aus. Ich streckte mich, um besser sehen zu können. Einige Zivilisten liefen schreiend und mit den Armen fuchtelnd in unsere Richtung. Die Infanteristen wiederum knieten sich eilig hin und luden ihr Gepäck ab, um hastig an Schild und Pilum6 zu kommen. Nun sah ich auch den Grund dafür: Ein Hagel von Speeren ging auf sie nieder! Der Angriff begann, ausgeführt vielleicht von den Chatten, möglicherweise aber auch den Angrivariern oder Ucromerus’ Cheruskern! Hatte mein Vater das veranlasst, um mir eine Möglichkeit zu geben, wieder auf die andere Seite des Heereszuges zu gelangen? 6 Römischer Wurfspeer »Bei Tiu!«, knurrte der Reiter. »Die Zeit für Heldentaten ist wohl doch schon gekommen. Es geht los!« Er riss sein Pferd herum und gab seinen Mitstreitern ein Signal. »Mögen Tiu und Wodan dir wohlgesonnen sein!«, rief er mir noch über die Schulter zu, dann galoppierten sie los. Ich blieb verwirrt zurück. Was würden sie jetzt tun? Gegen die Stammeskrieger kämpfen? Immerhin ritten sie ja noch in ihrem militärischen Verband mit den restlichen Truppen des Varus und hielten so die Täuschung gegenüber dem Oberbefehlshaber und seiner Führung aufrecht. Doch die Antwort folgte wenige Augenblicke später. Mit hoch erhobenen Schwertern preschten sie durch die Reihen der Leichten Infanterie und mähten ihre ehemaligen Kameraden mit dem scharfen Stahl nieder. Die Fußsoldaten schienen zuerst zu verdutzt, um sich zu wehren. Nur langsam begriffen sie den Ernst der Lage – dass sich zumindest Teile ihrer eigenen Reiterei offenbar in diesem Moment gegen sie wandten. Weitere Reiter kamen aus östlicher Richtung, wahrscheinlich der Rest der Cherusker-Einheit. Auch sie fackelten nicht lange und fielen den Infanteristen ebenfalls in den Rücken. Diese reagierten panisch: Die meisten liefen wild und planlos umher, während eine Feldtuba erscholl und erste Befehle verbreitete. Der Heereszug war ins Stocken geraten – nichts ging mehr. Doch der vordere Teil des Zuges hatte von dem Aufruhr noch nichts mitbekommen und marschierte einfach weiter. Langsam formierte sich allerdings die Gegenwehr. Auf dem schmalen Weg entstand eine lange, dünne Schildwallreihe, die zur Bergseite gerichtet war. Immer noch ging auf einer Breite von mehreren Hundert Metern ein nicht enden wollender Speerhagel auf die Soldaten nieder. Die Angreifer selbst konnte ich jedoch nicht sehen. Überall sah ich Getroffene zusammenbrechen. Die schweren Wurfgeschosse prallten mit solch brachialer Wucht auf die Körper, dass sie problemlos Leder und sogar Kettenhemden durchschlugen. Ein einziges Gerenne, Gedrängel und Geschiebe entstand auf dem schlüpfrig-schlammigen Untergrund. Wer einem Speer schnell ausweichen wollte, lief Gefahr, auszurutschen und sich im Morast wiederzufinden. Andere fielen über die am Boden Liegenden und verstärkten das Chaos nur weiter. Panische Maultiere versuchten, zur Seite auszubrechen, blieben aber ebenfalls im Schlamm stecken, sobald die Fuhrwerke sich quer zu den Wagenrinnen stellten. Ich staunte nicht schlecht. Allein dieser kurze Angriff hatte bereits den gesamten Heereszug und damit alle, die hinter dieser einen attackierten Einheit noch kamen, zum Stillstand verdammt. Ich beobachtete, wie die Männer der cheruskischen Hilfstruppenkavallerie blutige Ernte einfuhren. Ein ums andere Mal ritten sie im Rücken der sich leidlich schützenden Infanteristen auf und ab, schlugen und hackten mit ihren Waffen auf die ungeschützten Flanken der Soldaten ein. Diese wussten nicht mehr, in welche Richtung sie sich zuerst verteidigen sollten. Von weiter vorne sah ich einen Trupp Schwerbewaffneter im Gleichschritt anrücken. Waren das etwa die gefürchteten Triarier, von denen der Cherusker gerade schon gesprochen hatte? Wahrscheinlich. Mir kam sofort ein Gedanke. Ich konnte hier sowieso nicht viel tun und musste zusehen, dass ich wieder auf die andere Seite des Weges kam. Wieso sollte ich nicht versuchen, die peinliche Schmach, dass sich ausgerechnet mein Pferd losgerissenen hatte, mit einem gewagten Coup wiedergutzumachen? Einem, der heute Abend an den Feuern besungen werden würde ... Bei diesem Gedanken grinste ich in mich hinein, während gleichzeitig mein Herz wild ausschlug aus Angst vor dem, was mir gleich bevorstand. Es kam allerdings darauf an, dass ich mich wieder auf mein Pferd verlassen konnte. Ich musterte es. Mittlerweile hatte es sich beruhigt. Friedlich graste es vor sich hin und schien den Tumult in einiger Entfernung gar nicht zu bemerken. Alles, was ich brauchte, waren das Überraschungsmoment, mein Gewehr und ein kräftiger Arm. Ich war der Meinung, dass ich all das mein eigen nennen konnte. In diesem Augenblick erklang unverkennbar das hohle Knallen abgeschossener AK-47-Gewehre. Mein Vater und die Hagalianer griffen nun also ebenfalls ins Kampfgeschehen ein. Ich nahm mein Pferd, sprang in den Sattel und reckte mich, um einen besseren Blick auf das Gefecht werfen zu können. Ich zählte bereits jetzt Dutzende Gefallene und sekündlich kamen weitere hinzu. Sie fielen wie Kornhalme unter einer Sense. Vereinzelt brachen kleinere Trupps von Legionären in Richtung der Berge aus, doch wie es schien, kam keiner von ihnen weit. Ihre Vorstöße endeten durchweg am Waldrand, wo Salven aus den halbautomatischen Gewehren sie niederstreckten. Ob die von ihnen geworfenen Speere irgendwelchen Schaden anrichteten, konnte ich nicht erkennen. Immer mehr Soldaten kamen von beiden Seiten des auseinandergerissenen Heereszuges angelaufen, um die angegriffenen Kameraden zu unterstützen. Auf meiner Seite des Weges war ich dagegen relativ ungestört. Alle Aufmerksamkeit richtete sich auf die bewaldeten Hänge der Gasitjanbargi. Ich trieb mein Pferd erneut an und wartete gespannt, wie es reagieren würde. Von der Bockigkeit und Nervosität von vorhin war nichts mehr zu spüren. Es reagierte tadellos auf meine Anweisungen und so entschloss ich mich endgültig, es zu versuchen. Ich ritt ein kurzes Stück am Hang entlang, parallel zum Weg in Richtung Nordwesten, jetzt wieder im Schutz verstreut stehender dünner Bäume und Büsche. Zu meiner Linken konnte ich den Heereszug weiterhin im Auge behalten. Ich suchte mir eine Stelle, die mir relativ guten Überblick ermöglichte und trotzdem geschützt lag. Ein etwa mannshoher länglicher Findling, umgeben von weiteren dunkelgrau schimmernden Steinen, erfüllte meinen Wunsch. Rasch stieg ich ab, befestigte mein Pferd diesmal mit äußerster Akribie und erklomm den größten von ihnen. Durch mein Zielfernrohr suchte ich die nächsten, westlich von mir gelegenen Truppenteile der Römer ab. Auch hier vorne herrschte Aufruhr. Ich erkannte brüllende Centurionen, die ihre schwer bewaffneten Männer zwischen Viehwagen in Formation brachten und sich anschließend im Laufschritt in Bewegung setzten in Richtung Kampfgebiet. Langsam schwenkte ich das Fernrohr über die Köpfe der Soldaten hinweg – auf der Suche nach einem ganz bestimmten Zeichen. Einen Augenblick später sah ich es. Nur kurz, da der Regen die Sicht verschlechterte und alles und jedes dort hinten kreuz und quer durcheinanderlief. Und was nun? Ich beobachtete den Aquilifer eine Weile. Er war deutlich an einer Art Schuppenpanzer und einem hellen Fell über dem Helm zu erkennen. Er schien ein wenig unschlüssig zwischen den anderen ihn umgebenden, mit Kettenhemd und Speeren bewaffneten Soldaten herumzustehen. Kein Wunder – normalerweise stand er in vorderster Front einer geordneten, diszipliniert taktierenden Legion auf freiem Feld. Auf diese Art der Kriegsführung, Guerilla-Angriffe eines unsichtbaren Feindes, der sich nicht zur offenen Feldschlacht stellen ließ, wussten die römischen Kommandierenden erst einmal keine Antwort. Und der Aquilifer hatte folglich keine Aufgabe. Er hielt zwar den golden glänzenden Legionsadler weiterhin mit Stolz und Würde hoch in die Luft, doch kein Feind erzitterte derzeit bei dem Anblick. Gerade machte sich eine weitere Centurie bereit, abzurücken. Unter dem lautstarken Gebrüll des Centurios, welches seinen quer sitzenden Helmbusch erzittern ließ und sogar schwach bis zu meiner Position herüberdrang, bildete sie eine rechteckige Formation. Zurück blieb der Adlerträger mit einer Handvoll Soldaten. Verletzte, wie es aussah. Einer von ihnen trug seinen Arm in einem Verband, ein anderer hatte den Kopf verbunden. Zwei weitere liefen an Krücken. Vor ihnen befand sich eine Reihe von Wagen, von denen der vorderste im Morast feststeckte. Der Aquilifer war praktisch schutzlos zurückgeblieben. Das war meine Chance! Wahrscheinlich eine einmalige … Ich wartete einige Minuten, bis mir der Abstand zwischen der abrückenden Centurie und dem Aquilifer ausreichend erschien. Dann fasste ich ihn erneut ins Auge. Er unterhielt sich mit den Verletzten, während sie den Weg zum Ort des Kampfgeschehens hinunterblickten. Der hohle Knall der abgefeuerten Gewehrschüsse vermischte sich auf gespenstische Weise mit dem Donnergrollen am Himmel. Wahrscheinlich glaubten die Römer, dass der Zorn der gefürchteten hiesigen Götter sie in diesem Moment traf. Eine heftige Explosion erklang im Wald. Ich senkte den Lauf meines Gewehres und sah nach links hinüber, wo in einigen Hundert Metern Entfernung die Kämpfe stattfanden. Gerade sah ich noch dunkles Erdreich, das zwischen den Bäumen herausgeschleudert wurde und mit Holzstücken sowie unkenntlichen größeren Objekten zu Boden fiel. Körperteile? Mir schauderte. Offenbar hatte einer der Hagalianer eine erste Handgranate gezündet. Ich stellte mir vor, wie verheerend die Wirkung auf die Moral der römischen Soldaten sein musste. Wenn sie bisher an einen einfachen Überfall germanischer Räuberbanden geglaubt hatten, so war ihnen spätestens jetzt klar, dass hier andere Mächte wirkten. Doch mein Mitleid hielt sich in Grenzen. Ich war sicherlich kein Freund des Krieges, doch die Männer dort hinten waren allesamt Berufssoldaten, die sich für mindestens sechzehn Jahre verpflichtet hatten. Ihre Aufgabe war es, in fremde Länder einzufallen, die Völker zu unterwerfen und fortan zu kontrollieren. Und warum? Für einen kargen Sold und um zum Ruhme Roms an wertvolle Ressourcen zu gelangen, damit das Imperium weiter wachsen und gedeihen konnte. Ich dachte an Werthliko und die wunderbaren Jahre, die wir gemeinsam verbracht hatten. Die Abenteuer, die wir erlebt hatten. Er fehlte mir. Ein Stück weit wollte ich das Folgende auch für ihn tun. Ich würde ihm den Adler widmen! Immerhin war er das wichtigste Heiligtum einer jeden Legion, die ganze Ehre, der gesamte Stolz der Truppe wurde durch dieses eine Symbol repräsentiert. Die Soldaten starben für ihren Legionsadler und ihn zu verlieren, bedeutete die größte Schmach überhaupt. Ja – ich wollte dieses blöde Ding, und ich würde ihn für Werthliko erbeuten. Fest entschlossen, es darauf ankommen zu lassen, streifte ich mir den Schultergurt meiner Kalaschnikow über den Oberkörper, sodass ich im entscheidenden Moment beide Hände frei hätte. Ich band mein Pferd los und gab ihm mit einem Schnalzen meiner Zunge das Signal zum Losgaloppieren. Dabei war ich mir sicher, dass der Aquilifer weiterhin seine volle Aufmerksamkeit auf das Kampfgeschehen richten würde. Ich ritt, bis er schräg links hinter mir war. Schließlich wendete ich das Pferd, um mich dem Heereszug zu nähern. An diesem Ende der auseinandergerissenen Truppen gab es so gut wie keine kampffähigen Soldaten mehr. Ich ritt auf die vier stehenden Wagen zu und war somit vor dem Blick des Aquilifer geschützt, selbst wenn er sich umdrehen würde. Doch niemand beachtete mich. Einige Zivilisten versuchten nach wie vor, den stecken gebliebenen Wagen aus dem Morast zu ziehen, und widmeten einem einzelnen Reiter in dem Tumult keine Aufmerksamkeit. Der Lärm vom Kampfplatz sowie das fürchterliche Wetter mit dem peitschenden Regen, den orkanartigen Windböen und dem sporadischen Donner boten beste Deckung und Schutz. Allerdings musste ich meinen Ritt jetzt deutlich verlangsamen. Der Aquilifer stand so hinter dem letzten Wagen, dass ich ihn im Moment nicht sehen konnte. Außerdem würde ich gleich um die Wagenecke herumreiten müssen und das Pferd durfte auf dem rutschigen Boden nicht den Halt verlieren. Wenige Meter davor verfiel das Tier in einen normalen Gang. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mein Gewehr in die Hand nahm und den Lauf nach vorne richtete. Zu meiner Rechten sah ich den dicken Schädel eines Kerls mit einer Schmiedeschürze aus dem Inneren eines Planwagens herausschauen. Er erkannte mich sofort als nicht zu den Truppen gehörig und fing in irgendeiner mir unverständlichen Sprache an zu brüllen. Sogleich verschwand er wieder im Wageninnern. Zum Glück schluckte der Wind seine Worte, sodass für den Augenblick niemand reagierte. Ich konzentrierte mich wieder voll auf den letzten Wagen und das, was mich gleich erwartete. Ich ritt jetzt freihändig, hatte den Kolben meines Gewehres fest in meine rechte Schulter gedrückt und zielte am Kopf des Tieres vorbei. Scheiße, war ich wirklich bereit, den Aquilifer zu erschießen? Was, wenn das Pferd aufgrund des Knalls erneut durchdrehte? Ich schluckte. Und plötzlich war mir, als liefe nicht Regen, sondern heißer Schweiß mein Gesicht hinab. Wie immer hatte ich die ganze Sache nicht zu Ende gedacht. Im nächsten Augenblick stand er schon vor mir. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er mich verwirrt und gleichzeitig erschrocken an. Löwe, dachte ich völlig sinnlos, als ich das helle, wunderschöne Fell musterte, das seinen Kopf und die Schultern bedeckte. Der Oberkiefer des Raubtieres war mitsamt dem Schädel präpariert und über den Helm des Adlerträgers gezogen worden, während das Rückenfell hinter ihm lose herabhing. Die baumelnden Vorderpfoten trug er verknotet über der Brust. Instinktiv zog der Aquilifer seinen Arm zurück und brachte den goldenen Legionsadler, der auf einer roten mannshohen Stange prangte und mit wütend aufgerissenem Schnabel ein paar Blitze mit seinen Krallen umschloss, aus meiner Reichweite. Die dunkelbraunen Augen des Adlerträgers sprangen ängstlich von dem Gewehr in meiner Hand zu meinem Gesicht und wieder zurück. Die Verletzten, mit denen er hier gestanden hatte, erstarrten ebenso. Ich trieb meinem Pferd die Hacken in die Seiten und zwang es so, direkt auf den Adlerträger zuzuhalten. Dieser rief mir etwas zu, was ich natürlich nicht verstand. Ein Mann auf Krücken links von mir griff nach den Zügeln meines Pferdes. »Lass das!«, brüllte ich, doch er reagierte nicht. Von rechts kam der Mann mit dem bandagierten Kopf mit erhobenen Händen auf mich zu. Jetzt reichte es mir. Ich musste etwas tun, wenn das hier nicht gewaltig nach hinten losgehen sollte. Der Aquilifer war gerade im Begriff, sich mit dem Rücken am Wagen entlang Stück für Stück von mir zu entfernen – wohl, um jeden Moment zu türmen. Ich hob die Waffe und drückte ab. Links vom Adlerträger zersplitterte das Holz der Wagenrückwand. Der Knall und der Feuerstoß des Schusses ließen sie alle gleichzeitig entsetzt zu Boden gehen. Mein Pferd wollte erschrocken aufsteigen, doch ich hielt es mit eisernem Druck meiner Schenkel unter Kontrolle. Widerwillig beruhigte es sich. Einzig der Stab mit dem darauf thronenden Adler ragte weiterhin kerzengerade in die Höhe. Ich streckte mich nach vorne, umschloss das nasse, glatte Holz und zog daran. Doch der Mann ließ nicht los! Furchtsam, aber auch wütend blickte er vom Boden zu mir auf. Eine trotzige Falte zog sich jetzt quer über seine Stirn. Er kniff die Augen zusammen und zog seinerseits. Es wäre lächerlich gewesen, wenn es nicht auch um Leben und Tod ginge. Wie zwei Kinder, die sich um ein Spielzeug stritten, zogen wir jeweils zwei-, dreimal an dem Legionszeichen. Da ich das Gewehr nicht mit einer Hand bedienen konnte, ich andererseits aber auch nicht den Legionsadler loslassen wollte, war ich einen Moment lang ratlos. Schließlich tastete der Aquilifer an seine rechte Seite, wo er ein Schwert in einer Scheide trug. Er ließ keinen Deut in seinem Griff nach, während er die Waffe zog. Ich hatte keine Zeit mehr zu verlieren. Auch die Verletzten erholten sich langsam wieder von dem Schreck und rappelten sich auf. Außerdem kamen von weiter vorne die ersten Gestalten in Sichtweite, die den Schuss gehört hatten und sicherlich nachsehen wollten, was den Lärm verursachte. Unter ihnen war der Schmied, der einen Speer mit sich führte, auf mich zeigte und etwas über seine Schulter rief. Ich ließ den Legionsadler los, packte fast im selben Augenblick mein Gewehr, zielte dicht neben den Kopf des Aquilifer und schoss ein weiteres Mal, dann noch einmal. Anschließend hob ich die Waffe und feuerte ein paar Schüsse in Richtung der Anrückenden. Die einen rissen schreiend die Hände hoch und suchten das Weite. Die anderen warfen sich in den Schlamm und versuchten, unsichtbar zu werden. Der Aquilifer jedenfalls hatte vor lauter Schreck endlich den Adler losgelassen, der nun neben ihm im Morast lag. Wimmernd hielt er sich den Kopf und kroch auf allen vieren ein paar Meter davon. Um seine Panik noch zu steigern, brüllte ich ihn mit sinnlosen Worten wie »Weg! Hau ab hier! « an, die er natürlich nicht verstand. Dabei versuchte ich, mein Pferd wieder zu beruhigen, das protestierend wieherte, aufstieg und mit den Vorderläufen ausschlug. Ich konnte mich dabei nur gerade eben so auf dem großen Tier halten. Wir mussten einen äußerst bedrohlichen Eindruck auf diese Römer machen, soviel war sicher. Mein Gebrüll und das durchdrehende Pferd verfehlten ihre Wirkung nicht. Der Aquilifer entfernte sich ein Stück von dem Legionsadler. Ich sah mich hektisch um. Mir blieb nicht mehr viel Zeit. Weiter vorne setzte sich gerade ein kleiner Trupp Infanteristen in Bewegung – zweifellos in meine Richtung. Und gegen einen Speer zwischen meinen Rippen konnte mein Gewehr auch nichts ausrichten. Ich sprang also vom Pferd, umrundete es, allerdings ohne die Zügel loszulassen, und bückte mich nach dem Legionsadler. Mein Arm reichte nicht ganz bis auf den Boden. Verflucht! Ich zog an den Zügeln, doch der Gaul blieb stur stehen und bewegte sich jetzt keinen Zentimeter mehr. Der Aquilifer beobachtete mich aus verengten Augen und schien seine Chance zu wittern. Statt weiter davonzukriechen, erhob er sich langsam, ließ jedoch mein Gewehr, das nach wie vor um meinen Oberkörper hing, nicht eine Sekunde aus dem Blick. Ich streckte mein Bein aus und bekam meinen Fuß unter den Holzstab. Der Aquilifer zog sein Schwert und grinste mich todesmutig an. Mir wurde klar, dass er nie aufgeben würde. Wahrscheinlich war die Schande, die er auf sich lud, wenn er den Adler der Legion nicht mit seinem Leben verteidigte, einfach zu groß, da konnte ich ihn mit noch so vielen Schüssen erschrecken. Ich steckte also in der Klemme. Ich musste die Zügel meines Pferdes loslassen, um meine Waffe erneut zu nehmen. Vor Angst schnürte sich mir die Kehle zu, denn ich wusste, was das bedeutete. Ich ließ los. So plötzlich frei, zögerte das Tier auch keine Sekunde und rannte in Richtung der bewaldeten Hänge davon. Ich dagegen hielt die Kalaschnikow locker vor meinem Bauch und zielte auf den Aquilifer. Dieser erhob sein Schwert zu einem Hieb auf meinen Kopf und sprang auf mich zu. Ich taumelte erschrocken zurück, denn der Mann war schnell, sehr schnell. Ich rutschte aus, spürte, wie ich den Halt verlor und zurückfiel. Im Fallen krümmte ich meinen Zeigefinger. Ein Schuss löste sich und der Rückstoß schleuderte mich noch heftiger zu Boden. Ich landete im tiefen Morast. Die Kugel aus meiner Waffe traf die Schulter seines Schwertarmes und riss den Aquilifer brutal mitten in seinem Angriff von den Füßen. Jaulend fiel er rücklings in den Schlamm, wo er liegen blieb. Ich keuchte schwer. Es hatte nicht viel gefehlt und sein Schwert hätte mich – im wahrsten Sinne des Wortes – einen Kopf kürzer gemacht. Dunkles Blut quoll in pulsierenden Stößen aus einem Loch in seiner weißen Tunika, die er unter dem Brustpanzer trug. Ich sah zu den anderen. Keiner wollte das nächste Opfer sein. Alle um mich herum zogen die Köpfe ein. Erleichtert stieß ich den Atem aus. Erst jetzt merkte ich, dass ich die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Ich bückte mich und griff nach dem Legionsadler. Rückwärts, um alle im Auge zu behalten, stolperte ich mit der Legionsstandarte in der Hand auf den rettenden Waldstreifen am Hang zu. Einige der Infanteristen warfen ihre Speere in meine Richtung, andere kümmerten sich um den verletzten Aquilifer, dessen markerschütterndes Brüllen sogar das Heulen des Sturmes übertönte. Ein Speer flog so dicht an meinem linken Ohr vorbei, dass ich meinte, er hätte ein paar meiner Haare gestreift oder gar abgetrennt. Darüber erschrak ich dermaßen, dass ich über einen Stein stolperte und beinahe gestürzt wäre. Ich drehte mich um und rannte so schnell ich konnte und ohne mich auch nur noch einmal umzuschauen los. Mit festem Griff hielt ich den Legionsadler gepackt, während ich zwischen Holunderbüschen, Faulbäumen und Ebereschen in den Wald eintauchte. Geschafft! Ein unglaubliches Hochgefühl wollte mir schier die Brust zerreißen. Ich hätte schreien und wild herumtanzen können, so euphorisiert war ich von meinem Coup. Dass ich zu Fuß abhauen musste, änderte nichts daran. Ich hatte es getan! Ich hatte einen der kostbaren Legionsadler erbeutet – ganz allein und das Überraschungsmoment nutzend! Mir war bewusst, dass diese Tat für erhebliches Aufsehen sorgen würde. »Für dich, Werthliko«, flüsterte ich, während ich keuchend und schwer atmend weiterlief. Ich rutschte einige Male weg, hielt mich jedoch immer wieder auf den Beinen, weil ich die Adlerstandarte zum Abstützen verwendete. Als Wanderstock war das Ding sehr brauchbar, wie ich teuflisch grinsend befand. Ein Stück vor mir erblickte ich kurz darauf mein Pferd. Nervös von einem Bein aufs andere tänzelnd, stand es vor einem Gebüsch und zupfte zaghaft ein paar Blätter von den Zweigen. Es wich ängstlich zurück, als es mich auf sich zukommen sah. Wahrscheinlich lag das an meiner schlammverschmierten Gestalt. Also rief ich dem Tier einige beruhigende Worte zu, die auch wirkten. Nur wenige Augenblicke später hielt ich die Zügel wieder fest in der Hand und ballte die Faust zu einer siegreichen Geste. »Ja!«, murmelte ich. Ich würde also auch mein Pferd wieder mitbringen. Ein Erfolg auf ganzer Linie! Es war zwar äußerst riskant, vielleicht sogar dämlich gewesen – aber die Sache auch wert! Langsam ging ich in südöstliche Richtung, wo sich meine ursprüngliche Position befand und jetzt das Kampfgeschehen tobte. Mein Vater machte sich ganz gewiss Sorgen. Obwohl – eigentlich war ich mir dessen nicht so sicher. Für ihn zählten zumeist andere Dinge mehr als ich. Sofort vertrieb ich diese miesen Gedanken wieder. Ich musterte den Legionsadler in meiner Hand und verspürte Stolz. Doch schnell holte mich die Kriegsrealität wieder ein. Vom Kampfgebiet kommend, sah ich zwei Männer, die einen Verwundeten davontrugen. Sie liefen direkt auf mich zu! Sein linker Arm, an dem noch ein bunt bemalter Schild baumelte, hing schlaff und in unnatürlichem Winkel herab. Er blutete heftig aus einem tiefen Schnitt im Oberarm und schrie und brüllte aus Leibeskräften. Ich erkannte die Spitze eines herausragenden Knochens, dann waren sie schon an mir vorbei. Bestürzt blickte ich ihnen hinterher. Plötzlich tauchte eine Horde Stammeskrieger auf, die im Laufschritt vom Weg weiter oben herunterstürmten, dem Kampfgeschehen entgegen. Ihren langen Lanzen nach zu urteilen, waren sie Angrivarier. Immer mehr von ihnen brachen durchs Gebüsch. Einer ihrer Anführer sah mich und hielt kurz inne, als er den Gegenstand in meiner Hand entdeckte. Nach wenigen Sekunden war ich von mindestens fünfzig Kriegern umzingelt. Schüsse zerrissen die Luft und sie alle zogen erschrocken die Köpfe ein. Doch die Angrivarier waren diesen Klang gewohnt, mehr als alle anderen. Immerhin hatte mein Vater einige Jahre unter ihnen gelebt und den Namen »Bliksmani« verpasst bekommen. Sie verehrten ihn immer noch und waren sich bis heute nicht sicher, ob er nicht ein Halbgott war – von Donar selbst zu ihrem Volk gesandt als Zeichen seiner göttlichen Anerkennung ihrer herausragenden kriegerischen Fähigkeiten. Geruch nach verschossener Munition erfüllte die Luft. Schreie von Verletzten mischten sich mit gebrüllten Befehlen. Dumpfer Kampfeslärm aufeinanderprallender Schwerter, Speere und Schilde wechselte sich mit dem Donnern von Schüssen aus den Gewehren ab. »Woher hast du das?«, fragte der Angrivarier. Ich grinste böse. »Von den Römern.« Der Krieger hob erstaunt die Augenbrauen. Ungläubig musterte er das Legionszeichen, dann mein Gewehr. »Du bist Witandi. Ich habe schon von dir gehört, Sohn des Bliksmani.« Anerkennend schaute er mich an. »Kommst du mit uns?« Ich nickte. Übermütig reckte ich den Legionsadler in die Höhe und sah die Angrivarier triumphierend an. Sie stießen ihren kehligen Schlachtruf aus und hieben die Schäfte ihrer Lanzen gegen ihre Schilde. Dann liefen sie los. Ich ritt mit ihnen. Meine Euphorie verflog jedoch binnen Sekunden und mir wurde mulmig. Ich umklammerte den Legionsadler fest mit der Hand, was aber auch bedeutete, dass ich mein Gewehr nicht benutzen konnte. Die Angrivarier hatten mich jedoch so vollständig von allen Seiten umzingelt, dass mein Pferd automatisch mit ihnen zu laufen schien. Es passte sich deren Geschwindigkeit an. Und wir hielten direkt auf das Kampfgeschehen zu! Zu meiner Rechten sah ich Mündungsfeuer. Ich erkannte Malcolm und Viper, die Seite an Seite in einer Art provisorischem Kampfstand hinter einigem aufgehäuften Totholz auf dem Boden lagen und die gegnerischen Soldaten ins Visier nahmen. Ich sah mehrere Gruppen von Kämpfenden überall zwischen den Bäumen. Allerdings war ich überrascht, dass es sich dabei nicht um Stammeskrieger aus den Hügeln handelte, sondern hauptsächlich um Kavallerieeinheiten der römischen Hilfstruppen, die bis vorhin noch mit Varus’ Armee marschiert waren. Die Fußtruppen meines Vaters hielten sich im Hintergrund und schleuderten ihre Wurfgeschosse dorthin, wo keine Gefahr bestand, die eigenen Leute zu verletzen. Nur die Angrivarier schienen sich mit dieser Art des Fernkampfes nicht aufhalten zu wollen. Mit wildem Kriegsgeschrei aus ihren rauen Kehlen und mit mir als ihrem Standartenführer stürzten sie sich auf eine Centurie römischer Infanteristen, die sich in einem Rückzugsgefecht gegen etwa halb so viele ehemalige Legionsreiter befand. Im nächsten Augenblick war ich auch schon mittendrin. In der Linken hielt ich mein Gewehr, in der Rechten den Adler. Der dichte Ring kämpfender Angrivarier stieß wie eine wütende Schlange mal in diese, mal in jene Richtung, um mit ihren langen Lanzen den römischen Schilderwall zu durchbohren. Die Centurie hatte sich zu einem Rechteck zusammengezogen und bildete mit ihren eckigen Schilden eine Mauer aus schützendem metallbeschlagenen Holz, aus der ihre Kampfspeere tödlich hervorstachen. Während mein Pferd tänzelnde Schritte mal nach vorne, mal zurück, mal zur Seite machte, um mit der wogenden Masse zu gehen, stürzten sich die mutigsten Krieger gegen die römischen Reihen. Der Standartenträger der Centurie, der mitten in dem Karree der Soldaten stand und sein Zeichen nach oben hielt, entdeckte mich. Er schrie aufgebracht los und zeigte auf mich. Ein Optio und kurz darauf der Centurio sahen schnell, was er meinte. Sie brüllten Befehle, doch gegen die Angrivarier kamen sie im Augenblick nicht an. Ganz im Gegenteil: Sie wurden noch weiter zurückgedrängt, als ein paar Reiter seitlich in ihre Formation einbrachen und mit ihren blutigen Schwertern Metall, Knochen und Holz zerhackten, dass es nur so spritzte. Einige Angrivarier stürmten auf die vorderste Reihe der Römer zu, hielten aber im letzten Moment inne, um ihre langen, robusten Lanzen auf ihrer Schildkante abzulegen. Die Geschicktesten unter ihnen wagten es, laufend über die so gebildete Rampe zu balancieren, um sich am höchsten Punkt abzustoßen und über den vordersten Schildwall der Römer zu springen. Keine Frage – diese Aktion war ein reines Selbstmordkommando, aber sie brachten trotzdem den Tod in die zweite, dritte und vierte Reihe der geordneten Formation und sorgten mit dieser Kampftaktik für Entsetzen, Verwirrung und Durcheinander. Ich hingegen war ausreichend damit beschäftigt, mich auf meinem äußerst nervösen Pferd zu halten. Der Lärm und das Geschrei der Kämpfenden schienen dem Armeetier nichts auszumachen, dafür aber die donnernden Schüsse und das Unwetter. Ich sah eine weitere Centurie im Laufschritt anrücken, wenn auch unter ständigem Beschuss von Wurfgeschossen. Sie kamen zur Verstärkung! Ihr Centurio zeigte deutlich sichtbar auf mich. Es war höchste Zeit, von hier wegzukommen. Der Legionsadler in meiner Hand war die größtmögliche Provokation für die kämpfenden Soldaten. Schon flog ein Speer in meine Richtung. Da er aber im Getümmel geworfen worden war, verfehlte er mich so weit, dass keine wirkliche Gefahr bestand. Doch schon sah ich, wie sich in den hinteren Reihen der Centurie weitere Speerwerfer zurückbeugten und Maß nahmen. Im nächsten Moment flogen noch mehr der tödlichen Waffen. Ich musste erst zur einen, dann zur anderen Seite ausweichen. Getroffene links und rechts von mir sackten aufheulend und unter Schock zu Boden. Sie hatten die Speere nicht kommen sehen. Ein junger Kerl neben mir kreischte vor Entsetzen, während er versuchte, seine aus dem Bauch herausquellenden Eingeweide festzuhalten. Ein Speer hatte ihm die gesamte Bauchdecke aufgerissen! Erneut zerriss ein Donnerschlag den Himmel, begleitet von einer Serie naher Schüsse. Mein Pferd reagierte wieder einmal überhaupt nicht auf mein Kommando und wendete sich immer noch mal nach links, mal nach rechts, sah aber nirgends ein Durchkommen. Wir waren gefangen im Trupp der Angrivarier! Und weitere von ihnen rückten von der Seite an. Der Mittelpunkt des Kampfgeschehens verlagerte sich immer mehr hierher! Ich erkannte Ermanarik, der die Krieger anführte. Er hatte seinen unbekleideten Oberkörper mit blauen Linien überzogen und lief, eine gewaltige Lanze vor sich haltend, brüllend voraus. Krachend trafen Krieger und Soldaten aufeinander. Stahl blitzte, Holz splitterte, Fleisch wurde zerteilt und Knochen zertrümmert. Ein einzelner römischer Infanterist schaffte es trotzdem irgendwie, zwischen all den grimmigen Angrivariern hindurchzuschlüpfen, und stürmte mit erhobenem Speer auf mich zu. Er war nur noch wenige Schritte entfernt. Panisch sah ich mich um. Kein Ausweg! Scheiße! Zum Werfen fehlte dem Mann der nötige Raum nach hinten. Es sah so aus, als wollte er mich vom Pferd stechen. Mein Gewehr! Selten hatte ich es nötiger gebraucht als in diesem Moment. Verflucht, warum hatte ich auch Beenbittar, mein Schwert, nicht dabei? Ich schwor mir, sollte ich das hier überleben, nie wieder ohne diese Waffe loszuziehen. Gerade wollte ich den Legionsadler fallen lassen, als ein Gewehrkolben den Soldaten seitlich am Kopf traf. Der Getroffene verdrehte die Augen, während er zusammensackte. Der Franzose! Mit gebleckten Zähnen stand er zwischen mir und dem Römer, zog einen Dolch aus seinem Gürtel und stieß diesen in den Hals des Legionärs. Mit einem Ruck zog er das Messer zur Seite und wich dann gekonnt der sprühenden Blutfontäne aus. Auch der Franzose verstand sein Geschäft. »Danke!«, rief ich dem Hagalianer zu. Dieser nickte ungerührt, wischte die blutige Klinge an der roten Tunika unter dem Kettenhemd des Soldaten ab und steckte sie wieder ein. Dann sah er nach vorne zur Frontlinie der Kämpfenden. »Du musst hier weg!«, brüllte er. Dem konnte ich nur zustimmen. Er packte mein Pferd bei den Zügeln, wendete es und zog uns in Richtung des Berghanges. Erleichtert wandte ich mich immer wieder um, bis der Kampfeslärm schließlich ein wenig leiser wurde. Niemand folgte uns. Mit weichen Knien stieg ich vom Pferd. »Das war knapp!«, sagte der Hagalianer. »Aber wie ich sehe, warst du nicht untätig.« Er deutete mit einer Kopfbewegung auf den Legionsadler. Ich grinste spitzbübisch. »Dein Vater wird stolz auf dich sein. Er war besorgt, als du in die feindlichen Linien geprescht bist.« Es tat gut zu hören, dass mein Vater sich Gedanken um mich machte. »Wo ist er jetzt?«, fragte ich. »Dort hinten.« Der Franzose zeigte in eine vage Richtung. »Ich glaube, er pfeift die Krieger zurück. Er möchte nicht allzu viel riskieren heute. Er befürchtet wohl, dass Varus den Befehl zum Umkehren geben könnte, wenn die Kämpfe zu heftig werden.« Tatsächlich zogen sich die Krieger unten am Weg langsam wieder zurück. Zahlreiche Verletzte und Tote wurden den Hang hinaufgetragen, fort vom Kampfgeschehen. »Soll ich dich zu ihm bringen?« »Nicht nötig. Ich will ihn nicht stören, während er die Befehle erteilt und den Rückzug koordiniert. Ich werde gleich zu euren Pferden gehen.« »Wie du meinst. Ich muss aber wieder.« Der Franzose zwinkerte mir kurz zu und lief los. Ich hielt auf eine kleine Gruppe Männer zu, die ein paar Verletzte mit sich führten. Ich bot ihnen an, mit meinem Pferd den Transport der Verwundeten zu beschleunigen, doch sie lehnten ab. Nun stand ich also da und versuchte, meine flatternden Nerven zu beruhigen und meinen Puls auf normale Geschwindigkeit zu bekommen. Immer mehr Stammeskrieger strömten an mir vorbei in die Wälder am Berghang, wo sie sich sammelten. Viele waren euphorisch, erzählten sich lautstark, wen sie wie erschlagen hatten. Einige führten bereits ein paar erbeutete Waffen und Schilde mit sich. Ein Krieger stach mir dabei besonders ins Auge: Er hatte sich versilberte Beinschienen, wahrscheinlich die eines Offiziers, angelegt. Der Mann trug außerdem nur knielange braune Hosen, sodass sein Aussehen ziemlich grotesk auf mich wirkte. Doch er lachte und schien großen Spaß an seiner neuen Ausrüstung zu haben. Der eine oder andere nahm mich wahr und vor allem den Legionsadler in meiner Hand. Wildfremde Männer klopften mir anerkennend, lachend oder auch grimmig knurrend auf die Schultern und beglückwünschten mich zu meiner Beute. Sie luden mich ein, mit ihnen zu kommen, doch ich wollte auf den kleinen Trupp warten, mit dem ich hergekommen war: die Hagalianer sowie meinen Vater. Schließlich entdeckte ich sie. Keiner von ihnen schien verletzt. Mein Vater marschierte, umringt von den anderen vier, schnurstracks auf mich zu. Der Franzose hatte ihm offenbar bereits von meinem Coup erzählt, denn ich wurde freudestrahlend von ihm begrüßt. Ungläubig musterte er den Legionsadler. Sein Mund stand offen, während seine blauen Augen in seinem wettergegerbten Gesicht wie Edelsteine leuchteten. »Junge!«, begann er und griff ehrfurchtsvoll nach dem roten Stab, auf dem der goldene Adler thronte. »Du weißt ja gar nicht, was du da geleistet hast! Das ist fantastisch!« Dann zog er mich in seine Arme. Freudig klopfte er mir auf den Rücken, während er mich kräftig drückte. Mir war klar gewesen, dass er stolz und glücklich sein würde, aber diese Geste rührte mich dennoch. Er lachte laut auf. »Ich mache mir seit Tagen einen Kopf darum, wie ich verhindern kann, dass Varus einfach umdreht und zurückkehrt auf die alte Marschroute. Er könnte dem Ärger hier so leicht ausweichen, habe ich gedacht. Doch hier seht ihr den Grund, warum er es nicht tun wird. Hier seht ihr, was ihr in keinem Geschichtsbuch nachlesen könnt: Die Truppen kehren nicht um, weil sie ihren Legionsadler wiederhaben wollen! Versteht ihr?« Begeistert blickte er uns alle an. Ich war ein wenig verwirrt. So weit hatte ich gar nicht gedacht. Für mich war der Raub des Adlers eine Geste der Wiedergutmachung für das durchgegangene Pferd gewesen. Aber was mein Vater sagte, machte Sinn. »Varus führt seine Truppen in den nächsten Tagen immer tiefer ins Verderben, weil er nicht anders kann. Unmöglich, dass er ins Winterlager zurückkehrt ohne diesen Legionsadler. Es wäre eine riesige Schmach, eine unverzeihliche Schande für ihn. Wie soll er das Kaiser Augustus erklären?« Mein Vater strahlte. »Natürlich gar nicht! Er wird dem Adler nachsetzen, um ihn um jeden Preis zurückzubekommen. Ohne es zu wissen, führt er seine Armee damit in die Katastrophe. Das ist ein fehlendes Puzzlestück in der Geschichtsschreibung, das du da mit dir herumträgst, Junge. Der Schlüssel zum Sieg! Alle Achtung vor deinem Mut und deiner Weitsicht! Du hast den Untergang von Varus’ Legionen besiegelt!« Ich schluckte erschrocken. Es passierte nicht alle Tage, dass einem der Tod Zehntausender Menschen aufgebürdet wurde. Ich wollte diese Last nicht tragen, soviel war sicher. Wieso schaffte es mein Vater eigentlich immer wieder, die Dinge so zu verdrehen, dass ich mir am Ende entweder albern, überflüssig, überrumpelt oder verarscht vorkam? Oder dass ich mich einfach nur mies fühlte ... Ich wollte gerade etwas Entsprechendes entgegnen, als sich Ermanarik von den Angrivariern, Aesk der Marser, Brawalla von den Gelbstein- Brukterern und Ucromerus näherten. Der Brukterer war über und über mit Blut und Schlamm bespritzt, grinste aber übers ganze Gesicht. »Die Männer wollen plündern, Arminius«, stellte er fest. Ich ging davon aus, dass er bewusst nicht nach einer Erlaubnis fragte, sondern nur sicherstellen wollte, dass nichts dagegensprach. Auch Aesk und Ermanarik schienen gleiche Anliegen zu haben. Und da Arminius sich nun sicher sein konnte, dass Varus genau das tun würde, was er sich wünschte, gab er seine Zustimmung. »Lasst sie! Sie sollen sich nehmen, was ihnen zusteht.« Zufrieden marschierten die anderen wieder von dannen. »Ich möchte heute Abend mit dir von Lager zu Lager ziehen, Leon. Du wirst deine Beute präsentieren und den Männern so Mut machen, dir in Tapferkeit und List nachzueifern.« Er lächelte breit. »Gehen wir zu den Pferden. Und dabei erzählst du mir erst mal, wie um alles in der Welt du das geschafft hast!« Saat für Zwietracht Die Begeisterung war schier endlos. Der erste Tag der Varusschlacht hatte einen Sieg – wenn auch militärisch unbedeutend – für die Stammeskoalition gebracht. Die Erbeutung des Legionsadlers wurde allgemein als wohlmeinendes Zeichen der Götter verstanden, die offenbar auf unserer Seite standen. Die beteiligten Krieger hatten einen ersten Vorgeschmack auf die Beute bekommen, die ihnen winkte. Dies sprach sich rasend schnell herum. Mein Vater schickte sogar Reiter los, um in der Nähe lagernde, noch unschlüssige Kriegermannschaften zu mobilisieren. Und ich wurde als Held des Tages gefeiert! Wir ritten in jedes Kriegerlager zwischen dem Kampfplatz und dem Cheruskercamp. Arminius ließ mich den Adler in die Höhe recken und er sprach die entsprechenden einpeitschenden Worte dazu. Die Krieger jubelten mir und meiner Beute euphorisch zu und begossen uns so leidenschaftlich mit Honigwein und Gerstensaft, dass mir bald ein intensiver Gärungsgeruch vorauseilte und ich außerdem total besoffen war. Die vier Hagalianer hielten ein ums andere Mal besonders feierfreudige Stammeskrieger davon ab, mich zu packen und vor lauter Begeisterung in die Luft zu werfen. Mein Name wurde an allen Feuern genannt. Jedermann sprach von Witandi Aaroga, dem listigen Erbeuter des Adlers der 17. Legion. Mitten in der Nacht erreichten wir das Cheruskerlager, wo sie mich ein letztes Mal feierten. Mit dem Adler im Arm schlief ich schließlich irgendwann ein. Am nächsten Morgen wollte ich nur langsam wach werden. Mein Schädel dröhnte vom Saufen in der vergangenen Nacht, doch irgendjemand ließ nicht locker, an meiner Schulter zu rütteln. »Wach auf, Witandi! Das Römerheer marschiert seit dem Morgengrauen wieder und auch die Kämpfe gehen weiter. Dein Vater versammelt gerade die Anführer. Er will dich auch dabeihaben.« Stöhnend setzte ich mich auf und sah direkt in die schelmischen Augen des Franzosen. Meine Wange schmerzte. Müde und frierend rieb ich über mein Gesicht. Offenbar hatte ich auf der Holzstange der Standarte gelegen. Nun fühlte sich mein Kiefer an, als hätte er Urlaub in einem Schraubstock gemacht. »Wo denn?«, fragte ich ziemlich unmotiviert. Mir schwindelte und ich hätte mich zu gerne hier und jetzt übergeben. »Im Zelt deines Vaters. Dort hinten.« Der Franzose deutete auf den rückwärtigen Bereich der kleinen Schlucht. »Nun komm schon, sie warten alle!« »Auf mich?«, fragte ich ungläubig. Als ob in diesem Krieg irgendetwas ausgerechnet von mir abhing! Aber er war nun mal mein Vater und der wichtigste Anführer. Ich raffte mich schließlich ganz auf. Etwas zittrig schwankte ich noch ein wenig im Wind, der keineswegs nachgelassen hatte. Es regnete noch immer. Was für eine trübe Welt, was für ein trüber Tag! Nach meinem Höhenflug gestern schien ich wieder auf dem tristen Boden der Realität gelandet zu sein. Mord und Totschlag erwarteten mich und ich konnte nicht behaupten, dass ich dem auch nur ansatzweise erwartungsvoll entgegensah. Nach Ruhm und Ehre strebten doch eigentlich nur die Todessüchtigen. Was hatte ich gestern getan?! Immerhin, dachte ich, wer es trotzdem schafft zu überleben, wird reichlich entlohnt. Ich konnte nicht behaupten, dass ich es in der vergangenen Nacht nicht genossen hätte, derart ausgiebig gefeiert zu werden. Normalerweise blieb ja für Mitläufer wie mich in solch einem Krieg nichts außer Angst, die sich wie eine eiskalte Klaue um die Innereien legte, um fest zuzudrücken. Und dieses Gefühl war pünktlich zum neuen Tag auch wieder da. Es schnürte mir die Kehle zu und machte mich zaghaft und seltsam entschlusslos. Nun musste ich mich doch übergeben. Schon bald fiel mir der Geruch von Rauch auf, der trotz des Regens scharf in der Luft lag. »Was ist das für ein Gestank?«, fragte ich den Franzosen und sah mich nach der möglichen Brandquelle um. »Die Römer haben heute am frühen Morgen angefangen, ihren Tross in Flammen aufgehen zu lassen.« »Bei dem Regen?«, fragte ich verwirrt. Der Franzose zuckte mit den Schultern. »Offenbar bestreichen sie alles mit Pech. Das brennt selbst bei Nässe. Sie gönnen uns wohl die Beute nicht.« Er lachte leise. »Na ja …«, entgegnete ich. »Ich denke eher, dass sie ohne den sperrigen Tross mit seinen unzähligen Planwagen schneller vorankommen und wendiger sind. Schade nur um die ganze Verpflegung.« Wir stapften durch den mittlerweile völlig verschlammten Boden. Ich hatte das Gefühl, bis zu den Knöcheln im Morast zu versinken. Gestern hatte noch eine dicke Schicht Laub den Matsch halbwegs abgedeckt, doch heute war diese so tief in den Boden getrampelt worden, dass die Welt nur noch aus braun-grauem Schleim zu bestehen schien. Der Franzose schlug die Zelthaut im Eingangsbereich beiseite und ließ mich vor ihm eintreten. Stickige Luft stand schwer und unbewegt im Inneren und trug den scharfen Geruch von Schweiß und alkoholischen Ausdünstungen in sich. Mir wurde erneut übel. Allerdings riss ich mich schnell zusammen, denn alle wichtigen Häuptlinge waren hier versammelt und starrten mich an. Ich schluckte. Noch mal … und noch mal. Bis meine Übelkeit sich legte. Alles, was blieb, war die brennende Klaue, die meine Eingeweide fest gepackt hielt. Ich brauchte einen Moment, mich auf die Stimme meines Vaters einzustellen. »… die Kundschafter zurück. Wie ihr wisst, habe ich noch in der morgendlichen Dunkelheit ausschließlich Männer geschickt, die mit mir in den Hilfstruppen gekämpft haben. Folglich erkennen sie die Standarten und Feldzeichen der Truppen dort unten und kennen viele der Einheiten sowie ihre Stärken und Schwächen. Von ihnen habe ich weitere wertvolle Informationen zur Marschordnung der Legionen bekommen, die uns dabei helfen werden, die richtigen Entscheidungen für unseren Angriff zu fällen. Alle drei Legionen haben die Nacht in einem befestigten Marschlager verbracht. Sie sind heute Morgen in geordneter Formation aufgebrochen, Richtung Nordwesten, so wie von uns erhofft. Große Teile des Trosses wurden zurückgelassen und mittlerweile verbrannt, wie man unschwer riechen kann. Der Gegner, mit dem wir es heute zu tun bekommen, wird unseren Angriff erwarten und sich anders zur Wehr setzen als gestern noch. Das Überraschungsmoment zählt nicht mehr. Wir müssen klug und diszipliniert vorgehen!« Der Reihe nach sah mein Vater seine wichtigsten Anführer an. »Es wird bis zum Mittag dauern, bis die Nachhut sich in Bewegung setzt. Wir greifen ab heute verstärkt die vorderen und mittleren Teile des Heereszuges an – also Kopf und Hals der Schlange. Dabei konzentrieren wir uns auf ausgewählte schwächere Einheiten und die Versorgungstrupps mitsamt ihren Wagen. Ziel ist es, die Truppen durch schnelle und massive Verluste zu demoralisieren. Ihre Zelte sollen verbrennen, ihre Vorräte zerstört oder geraubt werden! Deswegen habe ich diejenigen Truppenteile mit Sorgfalt ausgesucht und bestimmt, die wir heute Morgen attackieren. Während wir hier sprechen, marschiert unten die zusammengewürfelte Vorhut von Pionieren aller drei Legionen vorbei. Diese lassen wir vorerst unbehelligt. Sollen sie ihre Arbeit tun und den Weg ebnen für die nachfolgenden Truppen. Genau das wollen wir ja: dass sie den Engpass erreichen, der noch zwei Tagesmärsche von ihnen entfernt liegt. Danach folgen die ausgedünnten Truppen der 18. Aus dieser Legion wurden die Besatzungen für die Garnisonen im Umland abgestellt, außerdem unzählige Patrouillen. Wir greifen sie heute an fünf Stellen gleichzeitig an.« Er zeigte auf eine Karte vor sich. »Der Wall am Engpass vor dem Folkobeek ist noch nicht gänzlich fertiggestellt. Ingimundi überwacht die Arbeiten dort. Segimer und Inguiomer, Aesk, Brawalla, Actumeri und Ermanarik – ihr führt heute die Hauptangriffstruppen.« Der Reihe nach blickte er die Häuptlinge an. Sie hockten im Kreis auf dem Boden, nickten grimmig und schauten dabei unverwandt auf die Karte zwischen ihnen. Keiner von ihnen hatte je zuvor so etwas gesehen: eine Art weiße, glatte und sehr flache Rinde, auf der einer Schlangenlinie den Verlauf des Gebirgsrandes markierte. Deutlich hervorgehoben war der vorspringende Folkobeek im Westen, vor dem der Wall auf einer Länge von etwa sechshundert Metern verlief. Zu beiden Seiten bildeten Bäche seine natürliche Grenze, ergänzt durch tiefe Gräben. Kieselsteine kennzeichneten die Stellen östlich und noch weiter südöstlich davon in den Gasitjanbargi, an denen sich die Hauptheere der verschiedenen Stammeskriegergruppen versammelten. Eine lange Reihe dicker Moosbündel stellte den Heereszug des Varus durch die Gasitjanbargi bis zum Handelsweg dar. Arminius blickte seinen Stiefvater Segimer und dessen Bruder Inguiomer an. »Ihr greift hier an! Wir konzentrieren uns auf die 4., 5. und 6. Kohorte, die sich aus leicht bewaffneten Plänkler-Truppen zusammensetzen. Ich kenne die Centurionen sehr gut. Prügelnde Schurken, die einen Teil des Soldes von ihren Männern einkassieren. Ihre Moral ist schlecht, die Bezahlung seit Monaten ausstehend, sie haben Rekruten dabei und sind durch Krankheiten und Abkommandierungen geschwächt. Die drei Kohorten sind etwas über eintausend Mann stark, sie dürften ein leichtes Opfer sein.« Er deutete auf einen weißlichen Stein, der am Ufer eines Baches positioniert war. »Außerdem wurde mir berichtet, dass Legionspioniere an dieser Stelle gerade mit dem Freimachen des Weges beschäftigt sind, da der Bach vor wenigen Stunden durch die starken Regenfälle über die Ufer getreten ist. Das heißt, sie fällen Bäume und befestigen den Boden, damit ihre Wagen überhaupt durchkönnen. Dadurch wird der gesamte Heereszug aufgehalten. Ideal, um die wartenden Kohorten zu attackieren. Das Gelände ist so beengt, dass sie keine Chance haben werden, sich in ordentliche Schlachtformationen zu bringen. Ihre Geschütze, insbesondere die Skorpione, können so im engen Wald nicht zum Einsatz kommen. Bleibt beweglich! Ihr dürft nie eine feste Front bilden! Dann werdet ihr leichtes Spiel haben. Gegen diese Taktik können sie nichts ausrichten. Während der Kämpfe wird sich das Hauptheer wieder in Bewegung setzen – und das sollen sie auch. Haltet sie nicht auf, denn die nächste Falle wartet bekanntlich bereits auf sie. Ich erwarte, dass sie ihre Flanken rasch verstärken werden, dass dahinter aber das restliche Heer ungehindert weitermarschieren wird. Attackiert diese Flanken, werft Angriffswelle um Angriffswelle aus dem Schutz der Berge gegen sie. Vernichtet sie!« »Verstanden!«, antwortete Segimer, angestachelt von den Worten seines Adoptivsohnes. »Die Männer haben in der Nacht Hunderte weitere Speere aus Eibenholz angefertigt. Es wird viel Blut fließen.« Inguiomer schien nicht ganz so mitgerissen. »Was bringt es, diesen langen Heereszug an einzelnen Stellen anzugreifen? Ich kenne die von dir genannten Einheiten ebenfalls und weiß um ihre geringe Kampfkraft. Von beiden Seiten werden jedoch schnell fähigere Soldaten nachrücken. Wir sollten unsere gesamte Stärke in einer großen Schlacht gegen die Römer richten und sie so schlagen. Wir kämpfen wilder und mutiger als diese öligen Maden. Ihre Lederausrüstung wird vollgesogen sein vom Regen und praktisch unbrauchbar, insbesondere die Schilde. Ihre Bögen werden nicht mehr treffsicher sein, wir haben es in Pannonien selbst erlebt. Außerdem trägt jeder Soldat das Gewicht eines Kindes als Gepäck. Wir können sie mit einem einzigen Überraschungsangriff vernichten.« Arminius schüttelte energisch den Kopf und sah die Häuptlinge der Reihe nach an. »Nein! Ich weiß, dass diese Taktik neu für euch ist und weder dem entspricht, wie eure Väter kämpften, noch dem, wie einige von euch es bei den Römern gelernt haben. Bedenke, Inguiomer, dass die Römer uns etwa doppelt an Mannzahl überlegen sind. In offener Feldschlacht haben wir keine Chance gegen sie – das weiß jeder, der die Römer im Feld hat kämpfen sehen. Ihrer Disziplin, ihren taktischen Kampfformationen und ihrer besseren Bewaffnung und Ausrüstung haben wir nichts entgegenzusetzen. Ihr Gepäck können sie wegwerfen, ihre Schilde trotz Nässe verwenden. Erinnerst du dich nicht mehr an Pannonien? Als Tiberius achtzig Einheiten mit Skorpionen gegenüber der langen Frontlinie der kampfgierigen Feinde hat aufbauen lassen?« Inguiomers Gesichtsausdruck verzog sich jetzt, als hätte er in einen faulen Apfel gebissen. »Für alle, die nicht dabei waren«, fuhr mein Vater fort und sah in die Runde. »Diese Skorpion genannten Geschütze verschießen beinahe armlange Bolzen. Sie haben eine solche Durchschlagskraft, dass sie den ersten Körper, auf den sie treffen, glatt durchbohren und noch die dahinterstehenden Männer töten können. Wer einmal eine solche Bolzenwunde gesehen hat, wird sie nicht vergessen. Sie sind schwarz an den Rändern, weil das Fleisch durch die hohe Geschwindigkeit der Bolzen ansengt.« Alle blickten erschrocken. »Könnt ihr euch vorstellen, wie es ist, wenn achtzig oder gar hundert davon in einer Reihe stehen? Die geübten Mannschaften schaffen es, in der Zeit, die ihr braucht, um bis zwanzig zu zählen, einmal nachzuladen. Achtzig Mannschaften verschießen in dieser Zeit achtzig Bolzen. Sie richten ein Massaker damit an, fast so schlimm wie unsere Blitzschleudern. In den offenen Grasebenen Pannoniens sind sie zu Tausenden gefallen wegen dieser Skorpione – und das noch vor dem höchsten Stand der Mittagssonne und ohne dass ein einziger Legionär auch nur sein Schwert erhoben hätte. Varus hat diese Skorpione ebenfalls und er wird sie einsetzen, wenn wir ihn lassen – sie und die Reiterei, die bereits verlorene Schlachten in Siege wandeln können. Deswegen müssen wir unsere Vorteile nutzen. Und davon gibt es nur wenige: das unwegsame Gelände, den Schutz der Wälder und den Engpass vor dem Folkobeek. Dort müssen wir sie hintreiben, um sie aufzureiben, wenn sie weder vor noch zurück können. Bis dahin zermürben wir sie jeden Tag weiter, indem wir ihnen in die Flanken beißen. Wie ein Rudel Wölfe, das ein Wisent jagt. Die stürzen sich auch nicht als Meute auf das kräftige Tier, sondern verfolgen es, beißen in die Seiten und Hinterbeine, um es durch Blutverlust zu schwächen. Und dann, wenn es so weit ist und der Wisent sich kaum noch auf den Beinen halten kann, reißen sie ihm gefahrlos die Kehle auf.« Die Häuptlinge nickten bestätigend. Dieses Bild verstanden sie sehr gut. Nur Inguiomer schien weiterhin skeptisch. »Aber unsere Kräfte sind begrenzt, selbst gegen die leichter ausgerüsteten Truppenteile. Ich weiß nicht, ob wir diese Art Kampf den ganzen Tag durchhalten können. Bergab, bergauf. Was ist mit den Verwundeten? Wir werden sie nicht schnell genug die Hänge hinaufschleppen können. Besser wäre doch eine ehrliche Schlacht, so wie unsere Väter es immer schon getan haben. Und du hast noch nicht erklärt, wie du verhindern willst, dass die Römer so lange neue Truppen zum Kampfplatz schicken, bis wir aufgerieben sind.« Arminius nickte, als hätte er nur auf diesen Zweifel gewartet. »Ganz einfach: Die anderen vier werden das Gleiche tun.« Er zeigte auf die weiteren Kieselsteine und schob sie langsam aus den Bergen auf den Weg zu. Segimer und Inguiomer fanden sich mit ihren Cheruskern mitten in einer Kette aus Kampfplätzen wieder, die sich wie an einer Perlenschnur durch die Gasitjanbargi bis zum Handelsweg am nördlichen Rand entlangzog. »Ermanarik, du greifst sie am südöstlichen Ende an! Ungefähr dort, wo ihr gestern schon zugeschlagen habt. Die Stelle ist ideal, weil der Berghang dicht bewaldet ist. Ihr habt damit den nötigen Schutz und die Römer sind in ihrer Sicht behindert und können ihre militärische Stärke nicht entfalten.« Der Angrivarier fletschte die Zähne, um seine Zustimmung zu zeigen. Arminius wandte sich an Brawalla: »Deine Brukterer kommen hier ins Spiel, etwa zweitausend Schritte nordwestlich der Angrivarier. Macht es wie Ermanarik und seine Krieger: Bleibt im Schutz der Wälder und Schluchten, nutzt den Hohlweg hier«, er wies auf eine markierte Stelle, »wo die Marschordnung sich zwangsläufig auseinanderziehen wird. Haltet die Römer so lange auf Abstand, wie es nur geht. Setzt alles an Fernwaffen ein, was ihr habt – Speere, Pfeile, Steine, sogar Bäume. Stoßt, wenn die Römer erschöpft sind, kurz aus der Deckung zu und zieht euch anschließend wieder zurück. Wie eine bissige Giftschlange. Euch verfolgende Römer macht ihr an den Hängen nieder. Das Gelände ist auf eurer Seite. Mit ihren einfachen Sandalen und dem schweren Gepäck haben die Römer bergauf bei diesem weichen Boden keine Chance. Ihr kämpft dagegen bergab und seid wesentlich leichter und wendiger. Schone deine Männer, Brawalla! Geh kein Risiko ein! Ihr alle bekommt Ex-Legionäre von mir mit, Cherusker, die die Feldzeichen der Truppen lesen können. Konzentriert euch darauf, die Kohorten der Velites und Hastati anzugreifen. Sobald die schwer bewaffneten Prinzipes und Triarier auftauchen, zieht ihr euch alle zurück. Verstanden?« Der berühmte Kriegshäuptling nickte eifrig. »Ein guter Plan, Arminius. Könnte von mir sein. Ich werde mich daran halten.« »Aesk und Actumeri, ihr haltet die Stellungen westlich der Cherusker, hier und hier! Für euch gilt das Gleiche wie für Brawalla und Ermanarik.« Der Marserhäuptling und der Chatte beäugten misstrauisch die Steine, die Arminius in Bewegung setzte. Nie zuvor hatte einer von ihnen auf diese Weise Krieg geführt. »Haltet ebenfalls den Abstand zu den anderen Kampfplätzen ein. Mindestens zweitausend Schritte, besser noch mehr. So kann niemand überrannt werden. Und wenn doch, schickt ihr einen Boten.« Arminius zeigte auf einen Punkt am Gebirgsweg. »Hier befindet sich dieses Lager. Hier, hier, hier und hier werden den ganzen Tag mehrere meiner Männer sein. Ich will, dass jeder von euch einen Reiter dorthin schickt«, er wies auf die kleinen grauen Steine, »wenn ihr in Schwierigkeiten seid. Meine Männer wissen jederzeit, wo ich mich aufhalte. Sollte einer von euch Hilfe brauchen, komme ich mit meiner Legion von Donnergöttern!« Theatralisch schlug er eine Hand in die andere. »Wir bringen zornigen Blitz und Donner über die Römer, bis sie schreiend davonlaufen, um sich im Sumpf zu verkriechen. So lange, bis ihre hochtrabenden Adler vom Himmel geholt sind und im Staub liegen.« Die Häuptlinge lachten böse auf, doch ganz wohl war ihnen bei diesem Gedanken nicht, wie mir schien. »Tötet so viele, wie ihr könnt! Es wird harte Arbeit für euch alle, das ist mir klar. Tausende müssen heute sterben. Und eure Krieger können sich Namen verdienen, die noch von ihren Kindeskindern mit Ehrfurcht und Anerkennung besungen werden.« Diese Aussicht war ihnen mindestens so viel wert wie die materielle Beute. Die Freude auf den bevorstehenden Kampf war allen deutlich anzusehen. »Und noch etwas habe ich von den Römern gelernt: In Pannonien und Illyrien befahlen die Legaten regelmäßig, in den Gebieten Aufständischer Gefangene an Kreuze zu nageln. Als Abschreckung für die Einheimischen und um ihre Kampfmoral zu schwächen. Sie sollten schlottern vor Angst, den grausamen Gegner fürchten. Sie hatten Erfolg damit.« Er machte eine Pause und sah die Häuptlinge der Reihe nach an. »Wir werden es ihnen nachtun! Hängt ihre Leichen in die Bäume, gut sichtbar für die vorbeimarschierenden Legionen! Nagelt die Gefangenen an Äste und Stämme, sodass ihre Schreie weithin hörbar hallen und Schrecken unter den Soldaten verbreiten! Verbrennt ihre Kadaver, sofern ihr trockenes Holz habt, verstümmelt ihre Leichname! Die Römer sollen den grausamsten aller Gegner fürchten lernen: uns!« Die Häuptlinge stimmten grimmig zu. Und kurz darauf waren sie verschwunden. Ich hatte gehofft, vielleicht noch ein Wort unter vier Augen mit meinem Vater wechseln zu können, doch auch jetzt war er wieder von seinen Hagalianern umgeben. »Macht euch ebenfalls bereit«, sagte Arminius nun auf Deutsch und sah uns alle an. »Wir werden den ganzen Tag zusammenbleiben. Das ist ein Befehl! Keiner von euch weicht mir von der Seite, insbesondere du nicht, Leon!« Erstaunt und verärgert darüber, dass mein Vater mit mir sprach, als wäre ich ein kleiner Junge, wollte ich gerade etwas erwidern, als er Malcolm anherrschte: »Du bist mir persönlich für seine Sicherheit verantwortlich, Malcolm! Verstanden?« Der riesige Hagalianer nickte dienstbeflissen und streifte mich kurz mit seinem harten Blick. Ich war mir nicht sicher, meinte darin aber Geringschätzung zu erkennen. Er griff an seinen Gürtel, aus dem er ein kleines Täschchen aus schwarzem Polyester zog. »Falls du wieder von uns getrennt wirst«, sagte er. »Damit kannst du uns deine Position durchgeben und wir hauen dich raus.« Ich zog bereits die Augenbrauen hoch und wollte schnippisch erwidern, dass ich mir sehr gut auch selbst hatte helfen können, doch meine Neugier siegte. »Was ist das?« »Öffne es!« Ich tat wie mir geheißen und zog ein kleines Funkgerät heraus. »Wir sind alle mit einem ausgerüstet. Es vibriert, wenn dich jemand anfunkt.« Malcolm nahm es mir aus der Hand und demonstrierte mir seine Funktionsweise. »Normalerweise sollten wir es gar nicht brauchen, da wir stets zusammenbleiben. Es ist nur für den Notfall, verstanden?« Ich nickte. »Wie groß ist die Reichweite?«, wollte ich noch wissen. »Unter den hiesigen Bedingungen? Wahrscheinlich nur ein paar Hundert Meter, insbesondere wenn Hügel uns trennen. Es ersetzt nicht Vernunft und Achtsamkeit.« Ein unnötiger kleiner Seitenhieb auf meine Kamikaze-Aktion von gestern, aber das war in Ordnung. Sicherlich war er bloß neidisch. Arminius schien zufrieden. »Dann los! In einer Viertelstunde reiten wir! Wir statten meinem Schwiegervater in spe, Segestes, einen kurzen Besuch ab.« Verwirrt schaute ich meinen Vater an. »Ich dachte, er schließt sich dem Aufstand nicht an und reitet noch für die Römer?« »Das stimmt nur teilweise, du wirst sehen. Los jetzt!« Er scheuchte uns aus seinem Zelt. Mir blieb nichts als mich zu fügen. Kurze Zeit später stand ich mit Pferd, Schwert, Gewehr und ausreichend Munition bestückt bereit. Etwa eine Stunde lang folgten wir dem verschlungenen Bergpfad weiter nach Südosten und kämpften dabei gegen den nach wie vor tosenden Sturm an. In einer tief in den Sitzenden Bergen gelegenen Senke stießen wir schließlich auf Segestes und seine Männer. Die große Schar berittener und bestens bewaffneter Krieger durchlöcherte uns mit mürrischen Blicken, als wir uns unseren Weg durch sie hindurch bahnten, einem quer zwischen Bäumen gespannten Regenschutz aus Häuten entgegen. Ich war Segestes bereits im Jahr 5 an der Elbe begegnet und erinnerte mich an ihn als einen kantigen Mann mit kahlem Kopf. Jetzt, vier Jahre später, hatte er sich äußerlich kaum verändert. Allerdings musterten seine eisigen Augen uns so voller Abscheu und Verachtung, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief. »Sieh an, der treulose Arminius!«, empfing er meinen Vater. Demonstrativ verschränkte er die Arme. Er stand zwischen seinem Sohn Segimundi und seinem Neffen Sesithaki, die ähnlich grimmig blickten. Weder bat er uns abzusteigen noch unter seinen provisorischen Regenschutz zu kommen. »Wegen deines ruchlosen Verrats habe auch ich unserem gemeinsamen Dienstherrn, dem wir einst Gefolgschaft geschworen hatten, den Rücken kehren müssen! Varus traut seinen Hilfstruppen nicht mehr – zu Recht, wie sich zeigt. Nicht mal mir.« Arminius zuckte läppisch mit den Schultern. »Statt mich des Verrats zu beschuldigen, Segestes, solltest du dich eher fragen, ob dein Treueschwur gegenüber einem Mann, der dein Volk unterdrückt und bis aufs Letzte auspresst, wirklich bindend ist. Aber deine Loyalität ehrt dich. Ich bin jedoch nicht gekommen, um mit dir zu streiten.« Segestes rümpfte die Nase und spie einen dicken Klumpen Rotz vor Arminius’ Füße. »Weshalb bist du dann gekommen, großer Blitzschleuderer? Willst du in diesen Zeiten etwa um die Hand meiner Tochter anhalten?« Einige seiner Männer lachten hämisch, verstummten aber sofort, als Arminius spielerisch über den Lauf seiner AK-47 strich, die quer vor ihm auf dem Sattel lag. Mein Vater sah ein paar Sekunden lang auf die schleimige Beleidigung vor sich im Dreck. Ich wartete nur darauf, dass er im nächsten Moment losschlagen würde. Doch zu meiner Überraschung tat er genau das Gegenteil. »Alles zu seiner Zeit, Segestes«, sagte er schließlich überbetont freundlich. »Wir haben einen grandiosen Sieg vor uns. Ich biete dir an, daran teilzuhaben. Und einen Anteil an der Beute. Du siehst, ich trage dir nicht nach, dass du unseren Plan an Varus verraten hast. Ich reiche dir ein allerletztes Mal die Hand zur Versöhnung.« Segestes lachte bitter auf. »Wie gnädig von dir, großer Blitzschleuderer! Doch deine Worte verdrehen die Wahrheit. Dir habe ich niemals Treue und Gefolgschaft geschworen, wie also kann ich dich verraten? Meinen Dienstherrn habe ich vor einer tödlichen Gefahr gewarnt – und das wiederum nennst du Verrat. Du bist eine elende Schlange, Arminius, und genauso wenig vertraue ich dir. Dass du einen grandiosen Sieg vor dir hast, bezweifle ich. Auch ohne die Hilfstruppen ist das Heer des Varus immer noch weit über fünfzehntausend Mann stark, wie du selbst weißt. Falls du glaubst, dass ein Hinterhalt und dein eilig zusammengezimmertes Stammesbündnis dem etwas entgegenzusetzen haben – bitte schön. Ihr reitet auf direktem Wege in Wodans Halle der Toten, soviel ist sicher. Doch diesen Ritt trete ich noch nicht an. Ich werde mich Varus erneut anschließen, sobald du und dein Haufen Abtrünniger im Schlamm verreckt seid. Und dann pisse ich auf deine verfaulenden Knochen, Arminius. Und auf die deines Sohnes ebenfalls.« Er warf einen kurzen hämischen Blick auf mich und wandte sich wieder meinem Vater zu. »Und danach werde ich Thusnelda endlich verheiraten.« Ich hielt den Atem an und rechnete jetzt mit allem. Mein Vater war nicht unbedingt für seine Beherrschtheit und Geduld bekannt. Wie er es trotz dieser Provokationen schaffte, Segestes nicht einfach über den Haufen zu schießen, war mir ein Rätsel. Aber gut – immerhin standen wir einhundert kampfbereiten Cheruskern gegenüber. Würde seine Vernunft über seine Heißblütigkeit siegen? Allerdings musste ich zugeben, dass ich ihm in diesem Fall nur allzu gerne helfend zur Hand gegangen wäre. Dieser Segestes schien ein ausgemachtes Arschloch zu sein und ich nahm mir vor, ihn niemals auf meine verfaulenden Knochen pissen zu lassen. Vorher würde ich ihn höchstpersönlich zur Hölle schicken! Aber nun waren wir hier – und plötzlich fand ich die Idee meines Vaters, ausgerechnet in diese Höhle des Löwen zu reiten, äußerst dämlich. Ich beobachtete, wie seine Kiefer mahlten, wie seine Halsschlagader pochend anschwoll, wie seine kräftigen, knotigen Hände immer fester die ledernen Zügel seines Pferdes umschlossen. Alle Umstehenden warteten gebannt und höchst angespannt ab, was nun passierte. Einzig die Hagalianer hatten aufgrund ihrer mangelnden Sprachkenntnisse nichts mitbekommen. Trotzdem spürten sie natürlich die Feindseligkeit, die so greifbar in der Luft lag wie der nicht enden wollende Regen. »Was ist los?«, zischte mir Malcolm zu. Ich beachtete ihn nicht. »Du machst einen großen Fehler, Segestes«, sagte Arminius schließlich. »Wenn ich mit den Römern fertig bin, komme ich wieder. Und dann wollen wir sehen, wer auf wen pisst.« Mit diesen Worten riss er sein Pferd herum. Er kochte innerlich, das konnte ich ihm ansehen. Ich war unendlich dankbar dafür, dass er sich beherrscht hatte. Unsere Waffen waren denen von Segestes und seinen Männern natürlich kolossal überlegen – trotzdem konnten sie uns schlicht überrennen, wenn sie wollten. Ohne uns noch ein einziges Mal umzusehen, ritten wir zurück. Wortlos folgten wir dem Pfad, bis Malcolm schließlich fragte, was vorgefallen sei. Arminius fand endlich seine Sprache wieder und erklärte es den Hagalianern lautstark, während wir unsere Pferde zu Fuß um einen abgesackten Hang und einige gestürzte Bäume herum führen mussten. Die Wut meines Vaters entlud sich in zornigen Verwünschungen. »Er steht eh auf der Schwarzen Liste«, meinte Malcolm schulterzuckend. »Besser, wir bringen es schnell hinter uns, als ein Risiko mit ihm einzugehen. Ich könnte noch heute Nacht zuschlagen, wenn du es wünschst.« Es war das erste Mal, dass ich diesen Begriff vernahm. »Schwarze Liste?«, fragte ich erstaunt. »Was meinst du damit?« Bevor Malcolm mir antwortete, warf er meinem Vater einen fragenden Blick zu. Dieser nickte unmerklich und mit äußerst grimmiger Miene. »Damit meinen wir die Männer, die deinem Vater gefährlich werden in den kommenden Jahren. Wir werden sie ausschalten, einen nach dem anderen.« Ich schluckte. Die Kaltblütigkeit, mit der er von den geplanten Morden erzählte, erschreckte mich. »Und wie lang ist diese Liste? Wer steht da alles drauf?« »Segestes zum Beispiel.« »Heute werden wir noch nichts unternehmen, Mal«, knurrte mein Vater. »Aber du hast recht, wir sollten es schnell erledigen, bevor er ein echtes Problem wird. Ich will nicht, dass er die Cherusker gegen mich aufwiegelt. Und wenn er diese Berge verlässt, wird es schwierig, ihn erneut aufzuspüren. Wahrscheinlich wartet er noch ab, um zu sehen, wie die Schlacht sich entwickelt. Sollte Varus der Durchbruch oder ein Rückzug gelingen, wird er sich den Römern wohl wieder anschließen.« »Also morgen Nacht?«, fragte Malcolm. Mein Vater nickte. »Ja, morgen. Falls er mit einem Angriff von mir rechnet, dann sicherlich heute. Entsprechend alarmiert werden er und seine Leute sein. Morgen ist es viel besser, er wird sich in größerer Sicherheit wiegen. Aber wir müssen sehr, sehr vorsichtig sein. Er ist Thusneldas Vater. Ich darf auf keinen Fall mit seinem Tod in Verbindung gebracht werden. Wir können ihn also nicht einfach über den Haufen schießen, sondern müssen es so aussehen lassen, als wäre er im Kampf gefallen.« »Warum dieser Hass auf dich?«, fragte ich. »Was hast du ihm getan?« Arminius lachte laut auf. »Was ich ihm getan habe? Es ist die älteste Geschichte der Welt, Junge. Ich habe seine Tochter gevögelt, die der alte Sippenvorsteher und Herr Patriarch aber schon einem anderen versprochen hatte. Seine Ehre ist verletzt, sein Stolz gekränkt, seine politischen Ränkespiele sind nutzlos geworden und, und, und. Außerdem ahnt er, dass ich seinen zukünftigen Schwiegersohn Adgandestri – du kennst das Schwein ja – verkrüppelt habe. Du musst wissen, Segestes ist einer der einflussreichsten Stammesfürsten unter den Cheruskern. Er lässt sich von niemandem reinreden oder Entscheidungen aufzwingen – na ja, außer von den Römern natürlich. Aber so von mir bloßgestellt zu werden, das wird er mir nie verzeihen. Er wird mir auf ewig nach dem Leben trachten. Und zu guter Letzt bin ich nun auch noch dafür verantwortlich, dass er seinen Treueschwur gegenüber Varus nicht halten kann. Segestes ist eben ein Krieger alter Schule. Schwört er etwas, stirbt er auch dafür. Doch Varus hat ihn verjagt, hat ihm zu verstehen gegeben, dass er ihm im Moment nicht trauen kann.« Mein Vater lachte hämisch. »Tja, wieder eine Fehlentscheidung dieser arroganten römischen Sau. Hat den Falschen davongejagt und sich damit noch weiter geschwächt. Segestes wäre ihm tatsächlich bis in den Tod gefolgt. Das hätte uns die Arbeit erspart.« Er warf einen Blick über seine Schulter zurück, während wir die Pferde wieder hangaufwärts zum Weg führten. Sein Gesicht war zwar tropfnass, doch ich konnte seine vor Zorn funkelnden stechend blauen Augen erkennen. »Reicht das an Gründen?« Wie immer hatte ich noch so viele Fragen. »Was ist mit Thusnelda? Wirst du sie heiraten?« Kurz musste ich an Julia denken. Seine Affäre mit ihr damals hatte ich ungeheuerlich gefunden. Wer war wohl die Frau, die das Herz meines Vaters erobert hatte, sodass er sich damit mächtige Männer wie Segestes und Adgandestri zum Feind machte? »Wenn das alles hier vorbei ist – ja.« Er drehte sein Gesicht kurz in den Wind und ließ seine ungeschützte Haut vom Regen peitschen. »Das werde ich. Und vorher pisse ich auf die Knochen ihres Vaters.« Langsam begriff ich, was er mit diesem Ausflug bezweckt hatte. Er wollte Segestes unauffällig loswerden und dafür eignete sich ein Schlachtfeld natürlich am besten. Hätte er ihn überreden können, sich ihm anzuschließen, hätte er ihn »im Eifer des Gefechts« töten lassen. Immer wieder wurden die eigenen Kameraden Opfer von Speeren und Hieben der Mitstreiter, das war leider normal. Deswegen hatte er noch einen Versuch unternommen, ihn zu überzeugen. Es ging also gar nicht um die Steigerung seiner militärischen Streitkraft. Eine Heirat mit Thusnelda war praktisch unmöglich, solange Segestes zwischen ihnen stand. Doch welches normale Mädchen heiratete den Mörder ihres eigenen Vaters? Keines. Er musste also sehr, sehr vorsichtig sein und jede Aggression gegenüber dem Cheruskerfürsten vermeiden. Mein Vater war und blieb ein schlauer Fuchs, auch wenn seine Pläne nicht immer sofort aufgingen. Wir waren mittlerweile wieder auf dem Bergpfad in Richtung Westen unterwegs, als sich uns von vorn ein Reiter näherte. Sofort erkannten wir ihn als einen der Meldereiter, die Arminius zentral am Cheruskerlager postiert hatte, um ihm Botschaften zukommen zu lassen. Er sprang von seinem Pferd, das nervös auf dem schmalen Weg tänzelte, und lief uns entgegen. Atemlos berichtete er: »Arminius! Gut, dass ich euch so schnell finde! Inguiomer hat die erste und zweite Kohorte der 18. attackiert. Doch die Römer sind heute Morgen viel besser organisiert. Sie haben Nägel unter ihre Schuhe gesetzt und finden so Halt auf den waldigen Hängen. Sie haben hart zurückgeschlagen. Zuletzt sind sie in die Lücke zwischen den Cheruskern und Brawallas Brukterern gestoßen und greifen die Häuptlinge jetzt von den Seiten an. Inguiomer ist schnell in Bedrängnis gekommen, Brawalla hält deswegen auch nicht mehr lange durch. Segimer tut, was er kann. Sie alle sind jedoch kurz davor, sich zurückzuziehen, um das Schlimmste zu verhindern.« Mein Vater fluchte laut auf Deutsch. »Verdammte Scheiße! Dieser Drecksack hält sich nicht an meine Befehle! Er hat die Elitesoldaten der Legion angegriffen, dieser Schwachkopf!« Er holte tief Luft. Vor den Männern durfte er keine Schwäche zeigen. Er sprach also in der Stammessprache weiter: »Die Römer attackieren die Flügel? Genau das hatte ich befürchtet, aber wegen des Wetters und des rutschigen Bodens wieder verworfen. Aber die Soldaten des Varus sind harte Hunde, ohne Frage. Nägel unter den Sohlen? Sehr erfindungsreich.« Er wandte sich zu uns um. »Also gut, jetzt kommt es auf uns an. Wir werden den mutigen Römern die Hölle auf Erden bringen. Seid ihr bereit?« Die Hagalianer stießen wie aus einem Munde ein kampfbereites »Jawohl!« hervor, dem ich mich erst einen Moment später anschloss. Übelkeiterregende Angst gewann für einen kurzen Augenblick überhand in mir, doch ich rang sie nieder. Ein weiteres Mal rief ich mir die Bilder Werthlikos und meiner Familie in Erinnerung. Die Römer mussten raus aus diesem Land! Endgültig, ohne Wenn und Aber! Wir rissen unsere Pferde herum und trieben sie in Richtung des Kampfgeschehens. Bevor wir auch nur in die Nähe des Kampfplatzes kamen, hörte ich bereits den Lärm. Obwohl der Regen nach wie vor auf uns niederprasselte und der orkanartige Wind die Wipfel der gewaltigen Baumriesen mit der gefühlten Lautstärke einer vorbeistampfenden Wisent-Herde rauschen ließ, waren das Geschrei der Kämpfenden und die aufeinanderprallenden Waffen, Schilde und Rüstungen unüberhörbar. Direkt hinter einer Biegung des Weges trafen wir unvermittelt auf zahlreiche verletzte und tote Stammeskrieger. Unverkennbar handelte es sich bei ihnen um Brawallas Brukterer. Statt sich rechtzeitig zurückzuziehen, hatten sich die meisten dieser jungen Männer sicherlich ihrer jugendlichen Kriegslust und Unerschrockenheit hingegeben, die ihnen zum Verhängnis geworden waren. Nun lagen sie vor uns im Schlamm, krümmten und wanden sich vor Schmerzen, schrien erbärmlich oder stöhnten leise. Wer konnte, presste sich ein Stück durchnässten Stoffes auf seine verdreckte Verletzung, doch viele schafften nicht einmal mehr das. Die scharfen stählernen Hiebwaffen der Römer hatten tiefe Scharten in Arme, Beine, Schultern oder Bäuche der zumeist nur unzureichend geschützten Männer geschlagen. Ihre Holzschilde hielten einem direkten Zweikampf meist nicht lange stand, im Gegensatz zu den metallumrandeten römischen Schilden. Nun verbluteten sie zu Dutzenden einfach so, alleine, in Regen und Dreck, kläglich, aber im festen Glauben, dass ihr tapferer Tod im Kampf wenigstens ihre Eintrittskarte in Wodans Halle der Krieger war. Weitere Verwundete schleppten sich mit letzter Kraft den Hang hoch und ließen sich dort fallen, wo noch ein wenig Platz war. Ich fühlte mich an die Schlachten auf der Hegirowisa gegen die Römer in den Jahren 1 und 2 erinnert, später auf der Blänken Lieste gegen die Langobarden und ihre suebischen Verbündeten, danach gegen die Friesen. Ich hatte damals gehofft, nie wieder auf diesen Anblick zu stoßen. Und diese Scharmützel waren erst der Beginn … Mein Vater hob seinen Arm und hielt sein Pferd an. Er schien ungerührt. Ich rief mir in Erinnerung, dass er die letzten vier Jahre in der römischen Armee gekämpft und als Befehlshaber sicherlich viele solcher Szenerien erlebt hatte. »Absitzen! Wir lassen die Pferde hier! Nehmt eure Waffen und so viel Munition, wie ihr tragen könnt!« Es wurde ernst. Mein Puls explodierte förmlich, als ich die Aufforderung meines Vaters vernahm. Das große Töten begann nun auch für mich. Doch ich folgte seinen Anweisungen fast wie betäubt. War ich bereit für das Kommende? Nochmals rief ich mir Werthlikos schlaffen toten Körper in den Sinn sowie Frilike und Ingimodi, die ich vor der Willkür der römischen Obrigkeit beschützen musste. Ich brauchte die Wut und den Zorn in mir, musste mich selbst anstacheln, um die Kämpfe durchzustehen. Für das Bevorstehende war dies bitter nötig. Ich konnte die Drecksarbeit nicht anderen überlassen, sondern musste mich beteiligen. Es war meine Pflicht. Ich würde kämpfen und töten müssen – vielfach. Ein wasserdichter Armeerucksack, den ich von dem Franzosen bekommen hatte, war prall mit Munition gefüllt. Außerdem nahm ich mein Schwert Beenbittar und befestigte es an meinem Gürtel. Ich ging nicht davon aus, in direkte Zweikämpfe verwickelt zu werden, trotzdem fühlte ich mich besser, wenn ich es mit mir führte – nur zur Sicherheit. Auf einen sperrigen Schild verzichtete ich allerdings, schließlich trug ich, wie auch die anderen, eine kugelsichere Weste. Während ich eilig meine Sachen zusammensuchte, warf ich verstohlene Blicke zur Seite auf Viper und Geronimo. Die beiden redeten kaum, lediglich Viper hatte durch den einen oder anderen bissigen Kommentar auf sich aufmerksam gemacht. Verbissen stapelten sie endlos viele Magazine für ihre Kalaschnikows in große Taschen und nahmen vom Elend und Sterben um sie herum wenig Notiz. Kurz darauf marschierten wir in einer Reihe hintereinander – angeführt von meinem Vater – zwischen den Verwundeten und Toten hindurch, direkt auf das Zentrum der Kämpfe zu. Überall herrschte wildes Durcheinander. Die Brukterer auf der einen Seite, die Cherusker auf der anderen, keilförmig dazwischen kantige römische Soldaten, die wütend und verbissen in beide Richtungen kämpften. Vom Weg am Fuß der Hügel drängten weitere Legionäre nach und trieben die Brukterer den Hang hinauf. Immer wieder erklangen Signalhörner, die einzelnen Centurien neue taktische Anweisungen übermittelten, gebrüllte Befehle, das Kriegsgeheul der Stammeskrieger und die Schmerzensschreie der Verwundeten und Sterbenden. Begleitet wurde das Schlachtorchester vom tosenden Wind und den rauschenden Bäumen. Sehnlichst wünschte ich mich an einen anderen Ort. An der seitlichen oberen Flanke nahmen wir Aufstellung. Keine zwanzig Schritte entfernt von uns rangen einige Brukterer mit ein paar Legionären. Sie waren also schon bis hier oben vorgedrungen! Arminius’ Strategie war folglich bislang nicht aufgegangen und ich fragte mich, was mein Vater als Nächstes vorhatte. Ich musste nicht lange warten, bis ich meine Antwort erhielt. Er hockte sich auf ein Knie, stützte einen Arm darauf ab und legte an. Im nächsten Augenblick erklang der Schuss und einer der kämpfenden Legionäre brach wie vom Blitz getroffen zusammen. Mein Vater wandte sich uns zu. »Los jetzt!«, brüllte er. »So arbeiten wir uns den ganzen Hang hinunter. Auf geht’s! Abstand zueinander: zwanzig Meter.« Im Laufschritt nahmen wir unsere Positionen ein. Auf einer Breite von etwa einhundert Metern gingen wir in Stellung. Ich befand mich in der Mitte, hatte Malcolm direkt zu meiner Rechten. Ganz außen mein Vater. Links von mir Viper, Geronimo und der Franzose. Der Schuss hatte zwar für Aufsehen und Unruhe auf beiden Seiten gesorgt, aber die Kämpfe gingen unbeeindruckt weiter. Gerade marschierte ein geordneter Haufen von Inguiomers Cheruskern von der linken Seite heran. Ihr rauer und wilder Gesang, der ihre Helden und die Götter pries, begleitete die ins Gefecht Vorrückenden und gellte den verharrenden Römern in den Ohren. Der Lärm ihrer Waffen, die sie aufeinanderschlugen, hallte dumpf und gefährlich zwischen den hohen Buchen und Eschen dieses Waldabschnitts wider. Im nächsten Moment feuerten die drei Hagalianer zu meiner Linken nahezu gleichzeitig und ohne Unterbrechung auf die etwa achtzig Mann einer römischen Centurie, die sich gerade in Stellung brachten, um die Cherusker aufzuhalten. Es dauerte nur Sekunden, da lagen Dutzende von ihnen getroffen am Boden. Der Rest sah sich hilfesuchend und verwirrt um und versuchte, die Quelle des Lärms sowie des plötzlich über sie hereinbrechenden Todes zu finden, entdeckte die Hagalianer aber nicht. Sie drehten sich um und flohen. Ich wandte meinen Blick von dem Geschehen zu meiner Linken ab und meinem eigenen Aktionsbereich zu. Trotz allem hatte ich immer noch Hemmungen, einfach so römische Legionäre abzuknallen – eiskalt und gnadenlos. In vergangenen Schlachten hatte ich mein Gewehr stets dazu benutzt, die Truppführer zu verletzen, um die betroffenen Einheiten auf diese Weise führerlos zu machen. Das wollte ich auch hier wieder tun. Ich nahm also einen Dekurio ins Visier, der gemeinsam mit seinen Männern in einen Schwertkampf mit Brawallas Kriegern verwickelt war. Es kostete mich einige Überwindung, doch schließlich drückte auch ich ab. Zu meiner Rechten waren Malcolm und mein Vater bereits die ganze Zeit über dabei, die vor ihnen liegenden Bereiche von Römern zu säubern. Der Dekurio schrie auf und fasste sich an den Oberschenkel, wo ich ihn getroffen hatte. Ich konnte das Blut deutlich sehen, das aus der Wunde quoll. Im nächsten Augenblick spaltete ein Schwerthieb seinen Schädel. Die Legionäre des Dekurio wichen sofort ein paar Schritte zurück. Einige sahen sich um, doch sie waren gezwungen, weiterzukämpfen. Ich erkannte, dass mein Vorgehen keinen Sinn machte. Jeder verletzte Römer würde sowieso sterben, ich entzog mich bloß meiner Verantwortung in diesem Krieg. Ein weiteres Mal rief ich mir ins Gedächtnis, warum ich hier war – und änderte fortan meine Strategie. Als Nächstes nahm ich mir einen Centurio vor und zielte auf seinen Leib. Im letzten Moment machte der jedoch eine ruckartige Bewegung, sodass ich ihn nur am Bein traf. Das eben Geschehene wiederholte sich. Wenige Augenblicke später rammte ein Brukterer dem Gestürzten seinen Speer in die Brust. Sorgfältig suchte ich meine nächsten Opfer aus und schaltete eines nach dem anderen aus. Offenbar ließ ich mir aber zu viel Zeit zwischen meinen Schüssen, denn die Männer des Centurio hatten mein Mündungsfeuer entdeckt. Einer von ihnen zeigte auf mich, ein paar andere hoben ihre Wurfspeere. Ich hatte nicht mal Zeit aufzuspringen, schon bohrten sich die Geschosse rings um mich in den Boden. Einer schlug nur etwa eine Handbreit vor der Mündung meines Gewehres tief in den aufgewühlten schwarzen Schlamm ein. Die Wucht des Aufpralls ließ dicke Spritzer in den Lauf meiner Waffe und in mein Auge regnen. Ich war blind! Entsetzt sprang ich auf und zog eine Ecke meines Umhangs hoch, um mein Gesicht zu reinigen. Es war jedoch nicht einfach, denn ich verschmierte bloß den Schlamm. Darum schaute ich direkt in den Regen und blinzelte ein paarmal. Endlich konnte ich wenigstens wieder – wenn auch nur verschwommen – Konturen erkennen. Und ich sah die Römer, die mit erhobenen Kurzschwertern auf mich zustürmten! Prima! Das hatte ich nun von meiner vorangegangenen Rührseligkeit! Sie näherten sich schnell und hatten eindeutig mich zum Ziel! Ich bückte mich nach meinem Gewehr, das komplett im Matsch lag, riss es hoch und hielt es halb blind in Richtung der Feinde. Dann drückte ich ab. Nichts passierte. Ich fluchte zitternd. Ladehemmung! Ich riss am Ladehebel, doch der saß fest. Auch das Magazin ließ sich nicht mehr herausziehen. Das Metall knirschte und knackte unwillig vom Schlamm, der dazwischen saß. Verdammte Scheiße! Ich sah wieder hoch. Ich hatte keine andere Wahl: Ich zog Beenbittar und stellte mich den Legionären breitbeinig und starr vor Entsetzen. Nur Sekunden später erreichten sie mich. Der Erste von ihnen holte noch im Lauf mit dem Schwert aus – in der Hoffnung, durch seinen Sturmangriff leichtes Spiel mit mir zu haben. Sein Schild hing abgewandt an seinem linken Arm, sodass ich nur einen Schritt zur Seite treten musste und Beenbittar in seine völlig ungeschützte rechte Brustseite stieß. Erst erstaunt, dann entsetzt brach er vor mir zusammen. Allerdings war dadurch kaum etwas gewonnen. Weitere Legionäre bedrängten mich schon im nächsten Augenblick. Ich fing einen Schlag auf meinen Hals ab, wich zurück und schlug mit einem kräftigen halbrunden Hieb zu. Die Klinge meines »Knochenbeißers« traf leicht angewinkelt auf einen Schild und prallte daran ab, ohne irgendwelchen Schaden anzurichten. Vier grimmig dreinblickende Legionäre standen mir gegenüber. Sie verteilten sich sofort, um mich einzukreisen. Verzweifelt blickte ich mich um, doch es war niemand in der Nähe, der mir hätte helfen können. Jeder hatte seine eigenen Probleme. Ich hatte keine Chance gegen sie, das wusste ich. Was sollte ich also tun? Ich werde leben, dachte ich immer wieder. Ich habe alles aufgeschrieben. Aber wie, aber wie? Die Legionäre waren nur noch wenige Schritte entfernt. Der äußerste linke sah mich wohl mindestens genauso ängstlich an wie ich ihn. Er war jung, hatte dunklen, zarten Bartflaum am Kinn und war sicherlich noch ein Rekrut. Auch seine Ausstattung wies darauf hin. Die beiden rechten trugen mittellange Kettenpanzer, versilberte Zierbleche am Gürtel und einen Riemenschurz mit ebenfalls versilberten Beschlägen. Sie waren deutlich älter und schienen sehr viel erfahrener. Der vierte war irgendwas dazwischen. Instinktiv, ohne weiter darüber nachzudenken, wusste ich, was ich tun musste: Ich griff den Rekruten an! Mit einem wilden Schrei sprang ich auf ihn zu, schwang Beenbittar mit aller Kraft in einem weiten Bogen auf die lediglich in Fellhüllen steckenden Beine des Jünglings. Dieser wollte erschrocken zurückweichen und geriet dabei ins Stolpern. Da ich bergab stürmte, hatte er mir außer einem kläglichen Versuch, seinen Schild herabzusenken, um den Schlag abzufangen, nichts entgegenzusetzen. Er war nicht schnell genug. Beenbittar hieb ihm eine tiefe Wunde unterhalb des Knies. Das hässliche Knacken und Krachen seiner Knochen bestätigte mir den Erfolg meines Ausfalls. Mit gellendem Schrei brach er zusammen. Die anderen drei waren meiner Bewegung jedoch gefolgt. Nun standen wir uns auf etwa gleicher Linie gegenüber, den Vorteil, bergab zu kämpfen, hatte ich somit verloren. Immerhin hatte ich nun einen Gegner weniger vor mir. Die anderen machten einen bedrohlichen Schritt auf mich zu, während ihr Kamerad hinter ihnen immer noch furchtbare Schmerzensschreie ausstieß und sich dabei sein zerschmettertes Wadenbein festhielt. Eine Bewegung ließ meinen Blick für einen Sekundenbruchteil seitwärts gehen. Zwei Brukterer stürmten heran – meine Rettung! Einer der erfahreneren Legionäre folgte meinem Auge. Sofort drehten sich zwei von ihnen um und gingen in Angriffsposition. Einen Augenblick später krachten die Stammeskrieger praktisch ungebremst und mit Todesverachtung in die beiden Legionäre. Ohne zu zögern, griff ich den dritten an. Doch mein Schwertstreich war diesmal schlecht geführt. Ich hatte die Schulter des Soldaten treffen wollen, doch die Schneide in der Hektik erneut leicht geneigt gehalten. So rutschte sie wieder wirkungslos ab. Immerhin ließ die Wucht des Schlages den Mann zurücktaumeln. Sein Schwertarm hing schlaff und betäubt herab. Er fauchte und zischte vor Schmerz, während ich einen Schritt auf ihn zuging. Blitzschnell und für mich völlig unerwartet schlug er mit dem linken Arm und seinem Schild zu. Da dieser halb mannshoch war, traf er mich vom Unterleib bis zum Gesicht praktisch überall gleichzeitig – besonders schmerzhaft am Kinn, dort, wo er mit seiner Faust das eisenbeschlagene, lederbespannte Holz umklammerte und der Schildbuckel mich erwischte. Halb betäubt stolperte ich rückwärts. Bevor ich einen klaren Gedanken fassen konnte, krachte der Schild erneut gegen meinen Kopf – und wieder und wieder. Als wäre seine wütende Faust ein Hammer, der ein Stück Blech platt klopfen wollte, drosch er auf mich ein. Sein Schwertarm war wohl immer noch zu gelähmt, um mich einfach abzustechen. Ich lag nun rücklings auf dem Boden, der Legionär auf mir, während er mich niederdrückte. Ich versuchte ihn mit Beenbittar seitlich am Kopf zu erwischen oder wenigstens an der Schulter, am Rücken oder Brustkorb, doch der Helm des Kerls saß fest auf seinem Schädel und schützte ihn vor dem Schlimmsten. Ohne es zu sehen, spürte ich, wie er nach seinem Dolch tastete. Offenbar konnte er seinen rechten Arm wieder halbwegs bewegen. Panisch strampelte und trat ich um mich, um freizukommen, doch das Körpergewicht und der sich schmerzhaft in meinen Bauch bohrende Schildbuckel hielten mich am Boden. Dann kam mir die rettende Idee – der Dolch des Römers auf seiner rechten Seite! Sofort begann ich, mit meiner freien linken Hand danach zu suchen. Ich fühlte die durchtränkte Tunika, nasses Leder, den Gürtel mit den Metallbeschlägen, die Messerscheide. Und die tastenden Finger des Mannes, der den gleichen Plan hatte. Erschrocken schaute er mich über den Rand seines Schildes hinweg an. Um ihn abzulenken, zog ich ein weiteres Mal meine Knie an und stieß sie nach oben, traf allerdings, wie vorher auch schon, bloß seine Oberschenkel und den unteren Schildrand. Gleichzeitig schlug ich erneut mit Beenbittar zu, richtete aber wiederum keinen Schaden an. Immerhin ließ seine Konzentration für den winzigen Bruchteil einer Sekunde nach. Meine Hand umklammerte den Griff des Dolches und mit einer ruckartigen Bewegung zog ich ihn heraus. Wildes Triumphgefühl erfüllte mich. Der Mann realisierte, was gerade geschehen war, und versteifte sich in Erwartung der kalten Klinge in seinem Körper. Sein rechter Arm tastete fiebrig nach meinem linken, doch es war zu spät. Ich rammte ihm den Dolch seitlich in den Hals, so tief und so fest, dass ich spürte, wie ich die Halswirbel streifte. Mein Gegner zuckte ein paarmal wild, bis er schließlich auf mir erschlaffte. Eine warme Blutfontäne ergoss sich über meine Brust, den größten Teil hielt der Schild jedoch von mir fern. Mit einem Ruck stieß ich den Körper von mir und richtete mich keuchend auf. Stolpernd kam ich auf die Beine. Ich war nur knapp dem Tod entronnen. Keine drei Schritte entfernt kämpften die Brukterer noch immer mit den anderen beiden Legionären. Einer der Stammeskrieger blutete aus einer langen Schnittwunde am Kopf. Ich bückte mich und hob zitternd Beenbittar auf, fest entschlossen, meine Lebensretter nun im Gegenzug ebenfalls zu retten. Der Rekrut am Boden wimmerte nur noch, doch ich beachtete ihn nicht. So lautlos wie nur möglich näherte ich mich den Kämpfern. Einer der Römer hatte mir den Rücken zugedreht. Ich würde leichtes Spiel haben. Einen weiteren so engen Todestanz wie gerade eben wollte ich auf jeden Fall vermeiden. Hinterrücks den Schädel des Legionärs zu spalten, erschien mir in der jetzigen Situation der einfachste Weg. Doch der zweite Römer sah mich – und warnte seinen Kameraden. Sofort sprang dieser zur Seite und wich zurück. Der Blick dieses erfahrenen Kämpen ging abschätzend zwischen mir und dem Brukterer hin und her. Ich ahnte, dass er die gleichen Gedanken hegte wie ich noch vorhin. Wer von uns wäre für ihn der leichtere Gegner? Wen könnte er mit einem schnellen Angriff ausschalten, um sich dann dem Verbliebenen zuzuwenden? Seine Wahl fiel auf mich. Natürlich. Ich war blutüberströmt und sah sicherlich nicht so wild aus wie der bemalte, grimmig knurrende und brüllende Brukterer, mit dem er bereits einen minutenlangen Zweikampf ausfocht. Leichtfüßig sprang ich zurück, als sein Schwert zum tödlichen Biss nach mir schnappte. Im selben Augenblick ließ ich Beenbittar herabfahren. Sauber durchtrennte ich seinen Unterarm. Zwar war dieser mit dicken Lederriemen zum Schutz umwickelt, doch meine scharfe Klinge konnten diese natürlich nicht aufhalten. Ungläubig sah der Legionär seine Hand, etwa die Hälfte seines Unterarms sowie sein Schwert zu Boden fallen, wo es im Schlamm noch eine halbe Drehung bergab schaffte, um dann endgültig liegen zu bleiben. Im nächsten Moment folgten Aufschrei und Schock. Der Mann ging brüllend in die Knie, warf seinen Schild von sich und umklammerte mit der Linken seinen Armstumpf. Blut ergoss sich pulsierend auf seine Oberschenkel. Ungerührt hob der Brukterer eine schwere Keule vom Boden auf, die er bei seinem Eintreffen noch mit sich geführt hatte, trat vor den Römer hin und schlug ihm damit den Schädel ein. Der letzte verbliebene Legionär sah sich um, stellte fest, dass es nunmehr eins gegen drei stand, und floh bergab. Erleichterung machte sich in mir breit. Dann wurde mir schlecht. Mein Magen schien sich einmal um sich selbst zu drehen. Kurz dachte ich, dass ich mich übergeben müsste, doch so weit kam es glücklicherweise nicht. Meine Knie waren allerdings weich wie Butter. Während ich mit mir selbst beschäftigt war, beendete der andere Brukterer die Leiden des jungen Rekruten. Vorsichtig tastete ich meinen Kopf ab. Außer einigen Prellungen am Oberkörper und zerschrammten Händen sowie einem schmerzenden Gesicht schien ich nichts Schlimmeres abbekommen zu haben. Nachdem ich wieder etwas Kraft gesammelt hatte, sah ich mich um. Überall wurde gekämpft, jedoch nur noch in kleinen Gruppen, verteilt im gesamten Geländeabschnitt um mich herum. Die eigentlichen Hauptkampflinien der Cherusker zu meiner Linken und Brukterer zu meiner Rechten konnte ich aufgrund der dicht stehenden Bäume und sowieso schlechten Sicht durch den Regen gar nicht erkennen. Momentan drohte mir also an meinem derzeitigen Standort keine Gefahr. Erst jetzt nahm ich wieder das beständige Krachen der Schüsse wahr. Sie zeigten offenbar ihre Wirkung. Der Plan meines Vaters, den keilförmigen Vorstoß zwischen die beiden Stammesheere und die daraus folgenden Attacken der Flanken zu verhindern, schien aufzugehen. Das Kampfgeschehen hatte sich dorthin zurückverlagert, wo mein Vater es haben wollte. Entsprechend hatten sich Malcolm und Viper, zwischen denen ich als Scharfschütze gelegen hatte, immer weiter von mir entfernt. Was sollte ich also tun? Die beiden Brukterer waren bereits verschwunden. Erst jetzt bemerkte ich meinen Verlust: mein Gewehr! Es hatte mich im Stich gelassen, nun musste ich es wieder funktionstüchtig bekommen. Es lag – halb in den Boden gedrückt – neben meinem Munitionsrucksack im Schlamm zwischen den Leichen der Römer. Eilig packte ich alles und brachte es zu einem dichten Gestrüpp aus Brombeeren und Stechpalmen, das um den umgeknickten Stamm einer pilzübersäten alten Buche wucherte. Hier war ich vor Blicken verborgen und konnte mich der Reinigung meiner Waffe widmen. Der Speereinschlag vorhin hatte ganze Arbeit geleistet. Die meisten beweglichen Teile waren schlammverkrustet und knirschten hässlich, als ich die Waffe auseinanderbaute. Mit einem öligen Tuch reinigte ich alles und setzte es hastig wieder zusammen. Ein kurzer Test bestätigte mir, dass es reibungslos funktionierte. Anschließend stand ich auf. Wohin jetzt? Ich sah bergab, wo ich schemenhaft viele kämpfende Gestalten erkennen konnte. Nach links schien die Dichte der Kämpfenden zuzunehmen. Also wandte ich mich dorthin. Ich reinigte Beenbittar so gut es ging und befestigte es wieder an meinem Gurt. Mit dem Rucksack auf dem Rücken und meiner AK-47 vor mir ging ich langsam bergab, auf die Hauptkampflinie der Cherusker zu. Nur etwa hundert Meter weiter erreichte ich Viper. Er hockte hinter einem der zahlreichen moosüberwucherten Felsbrocken, die verstreut überall herumlagen. Sein Standort war gut gewählt. Das Gelände fiel hier leicht ab, sodass er einen guten Überblick hatte. Außerdem standen die riesigen alten Buchen hier weit auseinander und es gab kaum Gestrüpp oder Gestein dazwischen. Der Lauf seiner Waffe ragte durch einige Wurzelenden hindurch und war somit praktisch unsichtbar. Präzise wie ein Uhrwerk feuerte er in die Reihen kämpfender Römer. Trotzdem schienen sie in der Überzahl zu bleiben. Es wimmelte nur so von halbwegs geordneten Rechteckformationen, die immer wieder ein Stück vorrückten und die Cherusker zurückdrängten. Erstaunt sah der Hagalianer auf, als ich plötzlich neben ihm stand. Blitzschnell hielt er eine Pistole in der Hand, die er auf mich richtete. Zum Glück erkannte er mich, bevor es ein Unglück gab. Stirnrunzelnd musterte er mein verbeultes Gesicht, meine blutige Kleidung und schließlich mein Schwert, auf dem hier und da immer noch Blutflecken zu sehen waren. »Schleich dich nie wieder so an mich ran, Arschloch!«, presste er zornig hervor. Sodann wandte er sich erneut dem Schlachtgeschehen zu. »Tut mir leid«, entgegnete ich, irritiert über seinen harschen Ton. »Aber mich lautstark anzukündigen, hielt ich ebenfalls für keine gute Idee.« Ich ließ mich neben ihm nieder und bereitete mein Gewehr vor. »Was denkst du, was du da tust?«, fragte Viper, ohne mich anzuschauen. Seine Abneigung mir gegenüber war nur allzu deutlich. Woher diese rührte, wusste ich allerdings nicht. Ich nahm mir vor, nicht darauf einzugehen, denn so, wie ich ihn bisher wahrgenommen hatte, sprang er mit jedem so grimmig um. »Das Gleiche wie du natürlich.« Seine Meinung konnte mir egal sein, insofern nahm ich mir vor, mich nicht weiter um ihn zu kümmern. »Dein Befehl lautet anders. Halt dich gefälligst daran! Du sollst die mittlere Stellung halten, also verpiss dich zurück an deinen Platz!« Während er sprach, feuerte er in die etwa hundertfünfzig Meter entfernte Flanke einer römischen Kampfformation. Ich hatte gerade mehrere Nahkämpfe mit gestandenen Legionären überlebt und fühlte mich für den Moment kühn und dem Hagalianer gewachsen. Ungerührt ging ich daher neben ihm in Position und schaute durch mein Zielfernrohr. Bisher hatte ich nur auf die kämpfenden Römer geachtet, nun musterte ich in der Vergrößerung ihre Gegner. Eine Gruppe Stammeskrieger war arg in Bedrängnis geraten. Eingekeilt zwischen zwei Rechteckformationen wehrte sich etwa ein Dutzend Cherusker gegen die von beiden Seiten auf sie einstechenden Legionäre. Mitten unter ihnen erkannte ich ihren hochgewachsenen Anführer. Seine hellblonden Haare klebten nass an seinem Schädel, trotzdem war es unverkennbar Cheruiosegi alias Flavus, der Stiefbruder meines Vaters! In diesem Augenblick fiel der Mann neben ihm, durchbohrt von einem römischen Pilum. Ich ließ mein Gewehr sinken und wandte mich an Viper. »Dort vorne ist Flavus! Wir müssen ihm helfen, sonst ist er verloren!« Viper zuckte bloß mit den Schultern, reagierte ansonsten aber nicht. Er feuerte einen weiteren Schuss ab, dann setzte er sich auf, um das Magazin zu wechseln. »He!«, schimpfte ich empört. »Hast du mich denn nicht gehört? Wir müssen …« »Gar nichts müssen wir!«, unterbrach mich Viper barsch. »Wir halten uns an die Befehle von Arminius, verstanden? Und sein Befehl lautet, die Römer durch gezielte Dezimierung zurückzudrängen, nicht einzelnen Personen zu helfen. Erst recht nicht diesem Flavus! Der steht sowieso auf der …« Viper sprach nicht weiter, sondern rammte das neue Magazin in sein Gewehr und ging wieder in Schussposition. Ich stutzte. Was hatte er sagen wollen? Ging es wieder um diese Schwarze Liste? Ich verstand es nicht. Wenn die Hagalianer meinen Vater beschützen wollten, galt dies nicht auch für dessen Stiefbruder? Die Ränkespiele wurden mir langsam zu viel. Kurz entschlossen packte ich mein Gewehr und sprang auf. Viper ließ im selben Augenblick sein eigenes sinken. Plötzlich stand er vor mir. Seine kleinen schwarzen Augen verengten sich zu schmalen Schlitzen. »Ich sagte, wir halten uns an die Befehle! Gewöhn dich daran! Keine Alleingänge mehr, Soldat! Du gefährdest uns alle.« Seine rechte Hand wanderte wie zufällig sehr nah an seinen Gürtel, in dem ein äußerst gefährlich aussehendes Kampfmesser steckte. Viper war etwa so groß wie ich, allerdings ungleich kräftiger. Seine ledrige, braun gebrannte Haut glänzte feucht vom Regen, während er mich ohne zu blinzeln anstarrte. Ich wich zurück. »Was soll das? Drohst du mir?« Im selben Moment ärgerte ich mich jedoch über meine dämliche Frage. Wenn das hier keine Bedrohung war, was dann? Er ging einen Schritt auf mich zu. Der Kampfeslärm von weiter unten drang immer deutlicher zu uns. Was sollte ich tun? Mich fügen? Pah! Warum sollte ich diesem Kerl gehorchen? Trotz und Wut breiteten sich in mir aus. Wut, weil dieser Kerl es überhaupt wagte, mir Befehle zu erteilen. Soldat? Pah! Mir kam ein neuer Gedanke. Was konnte er mir schon antun – immerhin war ich der Sohn seines Herrn und Meisters. Ich grunzte also ein »Leck mich am Arsch!« und sprang mit einer einzigen raschen Bewegung aus der flachen Kuhle, die der aufrecht stehende Wurzelteller in den Boden gerissen hatte. Ich spürte Vipers Hand, die nach mir griff, mich an der Schulter packen wollte, aber an dem nassen Stoff abglitt. Der Hagalianer stolperte und ich nutzte die Gelegenheit. Mit aller Kraft rannte ich los, drehte mich noch einige Male furchtsam um, doch er folgte mir nicht. Gerade sah ich noch, wie Viper mir zornig hinterherstarrte, bevor ich meinen Blick wieder nach vorne richtete und mich auf das Bevorstehende konzentrierte. Was genau hatte ich eigentlich vor? Wieder mal war ich vorgeprescht, ohne wirklich zu wissen, wie ich mein Ziel erreichen wollte. Auf Vipers Hilfe konnte ich jedenfalls nicht bauen. Ganz im Gegenteil. Dadurch, dass ich mich nun in seinem Schussfeld befand, verdammte ich ihn zur Untätigkeit. Doch das alles kümmerte mich im Moment wenig. Ich wollte Flavus aus seiner Bedrängnis befreien, bevor es zu spät war. Ich rannte bergab und bewegte mich folglich sehr schnell – zu schnell. Mehrfach geriet ich ins Schlingern und stürzte fast. Schon bald trennte mich nur noch ein Steinwurf von der linken Flanke einer Kohorte römischer Legionäre. Ihre breite Front verharrte in Rechteckformation, zu allen Seiten geschützt durch die großen Schilde. Aus den Lücken dazwischen ragten abwehrend die Speere der Soldaten. Von mir aus gesehen links befand sich die Gruppe eingekesselter Cherusker, die von zwei Seiten immer stärker bedrängt wurden. Noch schwer keuchend von meinem Sprint durch den umkämpften Wald kniete ich mich hin. Ich stellte meine Waffe auf Dauerfeuer und legte auf die nur schlecht geschützten Beine der Legionäre an. Hier erhoffte ich mir die größte Wirkung. Größtenteils steckten sie in dünnen Stoffhosen oder waren mit Beinhüllen aus glattem Leder umwickelt. Wenn es mir gelang, die linke Flanke so durcheinanderzubringen, dass die Formation auseinanderbrach, konnten die Cherusker und damit Flavus sich ganz auf den Feind auf ihrer anderen Seite konzentrieren. Ich zog den Abzug und schwenkte den Lauf leicht von links nach rechts. Das Dauerfeuer hämmerte den harten Kolben schmerzhaft gegen meine Schulter und schüttelte meinen gesamten Oberkörper unsanft durch. Ich musste die Zähne zusammenbeißen und einen Schmerzensschrei unterdrücken. Der brutale Kampf von vorhin forderte immer noch seinen Tribut. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis das ganze Magazin leer geschossen war. Das Ergebnis meines Einsatzes war entsetzlich: Zahlreiche Legionäre brachen auf der Stelle zusammen, ihre Beine zerfetzt, die Knochen gebrochen, unfähig zu gehen oder gar wegzulaufen. Ich musste schwer schlucken und konnte das Kreischen und Heulen der Verletzten kaum ertragen. Wie ich diesen Mist hasste! Trotzdem wechselte ich rasch das Magazin. Keiner der Getroffenen würde überleben. Entweder sie verbluteten oder die Cherusker gaben ihnen den Rest. Ich versuchte nicht mehr daran zu denken. Schließlich befand ich mich in einem Krieg und der Aggressor war direkt vor mir. Hätte einer dieser Berufssoldaten Gnade mit mir gehabt? Eher nicht. Die Formation war mächtig ins Wanken geraten. Die gesamte linke Flanke hatte sich aufgelöst und die Legionäre im Inneren des Rechtecks entblößt. Ich legte erneut an. Zum Glück war das Chaos so groß, dass im Moment niemand auf mich achtete. Und wenn ich mich nicht beeilte, würden die Cherusker in die aufgebrochene Formation eindringen und ich konnte nichts mehr tun. Schon sah ich Flavus heranstürmen, umringt von seinen tapfersten Kriegern. Sie hatten es offenbar auf einen der Centurionen der Kohorte abgesehen. Gerade wollte ich die zweite Salve abfeuern, als ein harter Schlag auf die rechte Schulter mich schmerzgekrümmt zusammensinken ließ. Mein Arm war taub. Ich ließ die Waffe fallen und warf mich praktisch im selben Moment panisch auf den Rücken. Mit strampelnden Beinen versuchte ich, rückwärts vor meinem Angreifer davonzukriechen. Sofort hatte ich Regentropfen im Auge und ich blinzelte heftig – immer in der Erwartung, jeden Moment das hasserfüllte Gesicht eines Römers über mir zu sehen, der mir genüsslich seinen Gladius7 zwischen die Rippen schob. Umso erstaunter war ich, als ich Viper und Malcolm erkannte. Letzterer hielt seine Kalaschnikow erhoben. Offenbar hatte er mir gerade den Kolben der Waffe übergezogen. Beide knieten sich hin, um nicht gleich gesehen zu werden. 7 Römisches Kurzschwert »Bist du verrückt geworden?«, rief ich empört und rieb weiter meine Schulter. »Ich helfe Fl…« »Schnauze!«, antwortete Malcolm. Er packte mich am Kragen. »Viper hat mir erzählt, was du vorhast. Lass es! Dieser Flavus muss alleine klarkommen.« Ich wollte etwas entgegnen, doch Malcolm unterbrach mich mit einer herrischen Armbewegung, bevor ich überhaupt dazu kam. »Die Befehle deines Vaters sind eindeutig. Und du hast sie zu befolgen! Verstanden?« Ich schüttelte den Kopf. »Ihr …« Malcolm packte noch fester zu und drehte den Stoff unter meinem Kinn zusammen, sodass ich kaum noch Luft bekam. Ich versuchte mich strampelnd zu wehren, doch dieser Kerl war mir körperlich weit überlegen. Viper starrte mich nur böse an. »Verstanden?« Bevor ich antworten konnte, schauten beide überrascht auf einen Punkt hinter mir. Offenbar näherte sich jemand. Das raschelnde Laub und die brechenden Zweige ließen keinen anderen Schluss zu. Das können nur Römer sein, dachte ich panisch. Malcolm ließ mich los und die beiden Hagalianer erhoben sich rasch. Verflucht, wie sollte ich mich in dieser Situation wehren? Ich drehte mich auf meinen linken Ellbogen und warf dabei einen Blick über meine Schulter. Nein, das waren keine Römer. Ich erkannte Ucromerus und ein paar seiner Leute. »Witandi!«, rief er und musterte die Hagalianer misstrauisch. Malcolms und Vipers Körperhaltung und ihr Angriff auf mich gerade eben sprachen für sich. »Wodan muss dich geschickt haben! Du hast uns den Arsch gerettet, als du deine Blitze auf die Römer schleudertest! Wir wollten eigentlich einen Boten zu Arminius schicken und nach Unterstützung fragen, Flavus hat dich aber hier oben entdeckt und mich hergeschickt. Die Kohorte hinter uns macht uns arg zu schaffen und er wollte dich bitten, dort ebenfalls deine Blitzschleuder einzusetzen. Dann sah ich, wie Tredanfuglaz dich schlug.« Ich erhob mich mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ich konnte von Glück sagen, wenn mein Schlüsselbein nicht gebrochen war. Wut stieg in mir auf. Malcolm ahnte wohl, welche Gedanken sich hinter meiner Stirn abspielten. Demonstrativ legte er eine Hand an seinen Gürtel – in die Nähe seines Pistolenhalfters. Verflucht! War ich diesen irren Sektierern jetzt eigentlich total ausgeliefert? Wenn ich etwas Falsches sagte, waren die beiden offenbar bereit, die Cherusker über den Haufen zu schießen. Um Ucromerus nicht zu gefährden, beschloss ich, mich bei nächster Gelegenheit bei meinem Vater zu beschweren und die Sache vorerst auf sich beruhen zu lassen. »Das war ein Missverständnis. Alles in Ordnung.« Ucromerus gab sich mit der Antwort jedoch nicht zufrieden, sondern blickte erneut skeptisch auf Malcolm und Viper. »Das sah aber nicht so aus, Witandi. Auf mich wirkte es eher so, als wollten sie dich daran hindern, auf die Römer zu schießen – was unseren Tod bedeutet hätte. Du musst wissen, wir haben dich schon seit deinen ersten Schüssen beobachtet, Flavus und ich.« Er machte eine kurze Pause, bevor er weitersprach. »Die beiden sprechen doch nicht die Sprache der Stämme, oder? Sie verstehen uns also nicht.« Ucromerus war ein kluger Mann, er hatte es immerhin als Cherusker zum Dekurio bei einer römischen Reitereinheit gebracht. Doch schwebte er in diesem Augenblick in Lebensgefahr, ohne es zu ahnen. »Wirklich, Ucromerus, ein Missverständnis. Zeig mir, wo ich die Römer noch angreifen soll.« Ohne die beiden Hagalianer noch eines Blickes zu würdigen, schloss ich mich Ucromerus an. Malcolm und Viper mussten vor Wut schäumen, dass ich sie hier so stehen ließ, doch es war mir egal. Ich war ihnen keine Rechenschaft schuldig – und wenn sie verstehen wollten, was vor sich ging, sollten sie die verdammte Sprache lernen. »Du bleibst besser bei uns!«, hörte ich Malcolms drohende Stimme in meinem Rücken. Natürlich auf Deutsch. Dann vernahm ich gleich zweifach das unverkennbare metallische Klacken eines Hahnes, der gespannt wurde. Langsam drehte ich mich um. Überrascht riss ich die Augen auf und duckte mich instinktiv. Das Urteil der Runen Der Tag der Entscheidung rückt näher, Skadi«, sagte Viola, als sie an diesem Nachmittag auf der alten Holzbank vor dem Haus saßen und in die untergehende Sonne schauten. Ihr Farbenspiel war wie immer eine Pracht und tauchte die kahlen Äcker im Westen in glühend oranges Licht. »Ich habe heute Morgen den Tau gesammelt, um die Runen damit zu benetzen, wenn es so weit ist. Wir sollten sie aber bald befragen. Du weißt, dass Luna und Moira ebenfalls Klarheit wollen.« Skadi seufzte und zog die Decke noch enger um ihre Schultern. Ihr ging es ja nicht anders, doch sie fürchtete sich auch vor der Entscheidung der Runen. Was, wenn diese gegen sie sprachen? »Jede Einzelne von uns würde alles dafür geben, durch das Tor zu gehen«, sagte sie bedächtig. »Und egal, auf wen die Runen jetzt zeigen mögen – es heißt nicht, dass die Nicht-Erwählten nicht zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls die Chance bekommen.« »Richtig«, entgegnete Viola. »So sehe ich das auch. Wir wollen schließlich einen dauerhaften Tunnel zwischen den Zeiten schaffen, der sich zu jeder Tagundnachtgleiche beschreiten lässt. Es spricht ja nichts dagegen, dass die beiden, die als Nächstes gehen, nicht im Jahr darauf tauschen. Moira zum Beispiel wird ihren Bruder irgendwann wiedersehen wollen.« »Das ist das Unwichtigste«, winkte Skadi ab. »Arminius braucht den Tunnel zwischen den Welten, um sich und die Hagalianer dauerhaft mit Nachschub versorgen zu können. Er muss am Leben bleiben, darauf kommt es an. Moira hat längst mit Malcolm abgeschlossen. Sollte sie ihn dennoch wiedersehen, wird die Freude umso größer sein. Wichtiger ist, dass unsere Kräfte und Fähigkeiten so ausgeprägt sind, dass nur noch zwei von uns reichen, um den Zauber durchzuführen.« Sie schwiegen eine Weile und sahen der Sonne hinterher, die langsam hinter dem Horizont versank. »Wann werden wir es tun?«, fragte Viola schließlich erneut. »Ich hatte in der letzten Nacht einen Traum«, antwortete Skadi gedankenverloren. Viola wusste natürlich von Skadis besonderen Fähigkeiten. Sie hatte das zweite Gesicht – Geschehnisse, die anderen verborgen blieben, offenbarten sich ihr. Hravan hatte dies damals erkannt und sie wohl deshalb ins Vertrauen gezogen. Skadi blickte in die Vergangenheit und in die Zukunft mit einer von Raum und Zeit unabhängigen Seele. Doch was sie schaute, wurde ihr sehr wohl bewusst und blieb nicht verdeckt unter einer undurchdringlichen, traumhaften Nebelbank, so wie es bei anderen der Fall war. Aus diesem Wissen konnte ihre leibhafte Existenz Handlungen im Hier und Jetzt ableiten und den Lauf der Dinge beeinflussen. Das machte sie zu einer mächtigen Frau. »Die Muttergöttin ist mir darin erschienen. Doch sie zeigte mir nicht, was ich begehrte zu sehen. Stattdessen sah ich einen Schild und ein Kettenhemd, beide mit Blut besudelt. Außerdem eine blutige Tür und die strahlende Sonne über allem.« Viola blickte sie erschrocken an. »Was bedeutet das?«, fragte sie. Skadi wartete, bis auch der obere Rand der Sonne ganz hinter dem Horizont verschwunden war. »Dass wir Besuch bekommen. Schon bald. Und uns schützen sollen. Jemand will uns schaden, noch in diesem Sommer. So deute ich die Sonne.« »Wer? Und warum? Weißt du es?« Viola war jetzt sichtlich nervös. »Das hat mir die Muttergöttin nicht verraten. Aber ich habe da so eine Ahnung. Erinnerst du dich an die Archäologin, die unser Ritual gestört hat? Die Bücherschreiberin?« »Ich war sehr tief in dem Zauber versunken, um alles richtig zu machen«, antwortete Viola. »Ich kann mich nur sehr dunkel und schemenhaft an das Auto und die Frau erinnern. Aber ich weiß natürlich, was du meinst. Während des Rituals habe ich sie aus dem Augenwinkel wahrgenommen. Eigentlich dachte ich bislang, dass es keine Bedeutung hatte. Unser Zauber war trotzdem erfolgreich. Wir waren alle so glücklich, dass wir es geschafft hatten.« »Richtig. Aber nach dem Traum habe ich heute den ganzen Tag nachgedacht. Und eines ist mir klar geworden: Diese Frau weiß Dinge, die wir nicht wissen, aber wissen sollten! Wir haben völlig außer Acht gelassen, dass sie mit ihrer Technik und Wissenschaft in den letzten Monaten die Schriftrollen weiter entziffert hat. Wo hatten wir nur unsere Köpfe? Vielleicht hat sie darin etwas gelesen, was sie dazu veranlasst, uns schaden zu wollen. Nur so kann ich mir den Traum der Muttergöttin erklären. Ich bin mir sicher, dass wir uns vor ihr schützen müssen, sonst wird etwas Schreckliches geschehen.« »Aber wenn du auch Blut an der Tür gesehen hast, lässt es sich dann noch verhindern?« Skadi blickte sie jetzt böse an. »Wenn du glaubst, dass die Dinge unabänderlich sind, ist all unser Tun zwecklos. Wir versuchen doch, die Vergangenheit zu ändern, Viola. Vertraue den Nornen! Sie entscheiden unser aller Geschick, über unser Verhängnis, unseren Tod. Das Schicksal ist die höchste Macht, der alle unterworfen sind, selbst die Himmlischen. Warum sollten wir hier sein und tun, was wir tun, wenn nicht aus dem Grund, weil die Schicksalsfrauen es so vorgesehen haben? Vertraue!« »Und was sollen wir jetzt wegen deines Traumes tun?« »Ich weiß es noch nicht«, entgegnete Skadi. »Auf jeden Fall sollten wir die beiden Weltenwanderinnen bestimmen. Heute Nacht noch. Ich habe bereits alles aus dem Altarraum zusammengesucht und in den Hain der Muttergöttin gebracht.« Am späten Nachmittag fand Astrid die neuesten Entzifferungen der »Hollerbeck-Schriftrollen« auf dem Projektlaufwerk. Seitdem hockte sie wie gebannt vor dem Bildschirm und las. Mittlerweile war es zwei Uhr morgens und sie war äußerst beunruhigt. Es war allerdings zu spät, um noch tätig zu werden. Doch am kommenden Tag würde sie die Polizei informieren. Sie musste versuchen, diese verrückten Weiber irgendwie aufzuhalten. Zwar hatte sie keine Ahnung, ob sie Erfolg haben konnten, aber die Idee, einen dauerhaften Tunnel zwischen den Zeiten zu etablieren, um praktisch unbegrenzt Waffen, Munition, medizinische Ausrüstung und wer weiß was noch alles in die antike germanische Welt zu schaffen, würde früher oder später ganz sicher dazu führen, dass die Vergangenheit durcheinandergeriet. Mit unabsehbaren Folgen für die Gegenwart. Ihr schauderte bei dem Gedanken an ein Imperium Germanicum. Sollten die Hagalianer Erfolg haben, würde die Welt, die sie kannte, nicht mehr existieren. Sie selbst würde wahrscheinlich nicht mal geboren werden. War so etwas tatsächlich möglich? Sie lehnte sich zurück. Dieser Gedanke war interessant. Veränderte jemand so grundsätzlich die Vergangenheit, dass zweitausend Jahre Geschichte anders verliefen, würden dann nicht auch die Menschen andere sein? Jeder Geborene war doch ein Produkt seiner Zeit und deren Umständen. Würde sie existieren? Und was war mit diesen Zauberweibern und Armin Hollerbeck? Wäre er überhaupt je in die Vergangenheit zurückgereist und würde die Geschichte ändern wollen, wenn diese nicht genau so verlaufen wäre? Ihrer eigenen Logik zufolge mussten die Hagalianer scheitern. Doch wollte sie es wirklich darauf ankommen lassen? Nein, sicher nicht. Sie musste etwas tun! Nachdenklich blickte sie auf die Zeilen auf dem Bildschirm. Ganz klar – sie hatte hier die nächste wissenschaftliche Sensation vor sich. Eine so persönliche Beschreibung der Varusschlacht stellte eine wahre Schatztruhe für Wissenschaftler aller Art dar. Heerscharen von Archäologen würden sich aufmachen und anhand der Schilderungen des Leon Hollerbeck die Kampfplätze aufsuchen, die bis heute unentdeckt waren. Sie konnte es kaum erwarten, bis der nächste Schwung Schriftrollen eingescannt, die längst verblichene Tinte durch die neue Technik sichtbar gemacht, das Ganze in lesbaren Text gewandelt und ihr zur Analyse vorgelegt wurde. Doch was genau hatte sie eigentlich vor sich? Hinweise auf eine Straftat, die bald geschehen würde? Oder schon geschehen war? War es strafbar, einen Zeittunnel zu erschaffen? So ein Unsinn! Was sollte sie der Polizei erklären? Sie dachte weiter nach. Wie konnte sie die Hagedisen aufhalten? Gewalt durfte und wollte sie natürlich nicht anwenden. Die Polizei würde sie zwar einschalten, aber das führte voraussichtlich zu nichts. Nachdenklich tippte sie sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. Ihr Blick fiel auf die Bücherwand. Grübelnd betrachtete sie die vielen Einzelwerke. Auch die von ihr verfassten Bücher waren darunter. Gedankenverloren griff sie nach dem ersten und blätterte ein wenig darin herum. Ihre Augen huschten über die Zeilen des Kapitels »Der Zauber«. Plötzlich setzte sie sich ruckartig auf. Das war es! Gegen den Zauber der Hagedisen konnte sie nichts unternehmen, doch sie konnte ihnen das Einzige nehmen, was sie brauchten, um überhaupt zaubern zu können: die Himmelsscheibe! Und diese hatten sie sogar selbst gestohlen, soviel war klar. Allerdings gab es niemanden, der deswegen je eine Anzeige gemacht hätte. Wie auch? Armin und Leon Hollerbeck lebten in der Vergangenheit. Aber lag jetzt nicht auf der Hand, was zu tun war? Sie schlug das Buch zu. Sie musste die Himmelsscheibe stehlen! Doch ihre Euphorie über diesen grandiosen Einfall kühlte sich schnell wieder ab. Ächzend lehnte sie sich in ihrem Bürostuhl zurück. Tat sie das, machte sie sich strafbar und war am Ende selbst diejenige, die möglicherweise Ärger mit der Polizei bekam. Außerdem – wie sollte sie das anstellen? Sie war Wissenschaftlerin, Archäologin, entzifferte uralte Texte und schrieb entsprechende Abhandlungen darüber. Hatte sie mit den neuen Entzifferungen nicht genügend Material, um weitere akademische Lorbeeren zu ernten? Ihre Habilitation in Angriff zu nehmen? Warum sollte sie sich aufhalten mit den Aktivitäten von irgendwelchen Spinnern, an deren Erfolg sie sowieso nicht glaubte? Weil sie gefährlich sind, flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Weil sie, wenn sie wider Erwarten doch Erfolg haben, dein ganzes Leben ruinieren könnten, vielleicht sogar deine Existenz auslöschen. Und die deiner Eltern. Und die ihrer Eltern und so weiter … Es stimmte. Sie konnte unmöglich weiterarbeiten und so tun, als wäre nichts geschehen, während einige Kilometer weiter ein paar durchgeknallte Zauberinnen mit ihrer magischen Himmelsscheibe zu jeder Tagundnachtgleiche modernste Technik in die Antike verfrachteten. Was hinderte sie denn daran, eines Tages einen Panzer, Hubschrauber, ja, vielleicht sogar eine Atombombe in die Vergangenheit zu schicken? Rom dem Erdboden gleichzumachen und die Weltherrschaft an sich zu reißen? Jetzt übertreib mal nicht, Astrid, meldete sich die Stimme in ihrem Kopf erneut. Werd nicht gleich hysterisch! Nein, natürlich nicht. Das war ein weit hergeholtes Schreckensszenario. Trotzdem konnte sie nicht untätig bleiben. Die rituellen Vorbereitungen dienten nur als Mittel zum Erreichen des Ziels – der Deutung der Zeichen. So hatten sie es von Hravan gelernt. Sie brauchten vor allem eines: Konzentration. Eigens dafür waren sie in den kleinen Holunderhain ein Stück hinter dem Haus gegangen, wo Skadi bereits alles vorbereitet hatte. Einige lodernde Fackeln und der volle Mond am fast wolkenlosen, tiefschwarzen Himmel spendeten ausreichend Licht. Unzählige Sterne funkelten wie winzige silberne Kristalle über ihren Köpfen. Auf dem Boden lag eine weiße Decke. Bis auf den regelmäßigen Ruf eines Kauzes herrschte absolute Stille. Wie immer gab es einen sorgfältig mit Haselnuss- und Ebereschenruten abgesteckten und so markierten Bereich, in dem sie ihr Ritual abhalten würden. Um sich einzustimmen und den nötigen Grad an Konzentration zu erreichen, sangen sie leise die neun Hauptlieder, die der Göttervater von Meister Mimir, dem weisen Riesen, gelernt hatte. Diese Zauberlieder halfen bei der Entschlüsselung des Urteils, das die Runen fällen würden. Sie wollten das Runenorakel über jede Einzelne von ihnen befragen. Das war eine sehr heikle Sache, die durchaus unangenehme Antworten herbeiführen konnte. Gerade deshalb war es so wichtig, die Runen konzentriert und ganzheitlich wahrzunehmen und zu deuten. Jeweils drei sollten es ein, ganz nach uralter Tradition. Die erste Rune war immer positiv besetzt, denn sie zeigte auf, was gegeben war, die Verwurzelung der Gegenwart in der Vergangenheit. Die zweite würde die negative sein, denn was sie enthielt, musste erst in der Gegenwart noch in die Tat umgesetzt werden. Die dritte Rune schließlich war die ausgleichende, neutrale. Sie zeigte, wohin die Zukunft führen würde, unter den gegebenen Voraussetzungen. Die Fackeln brannten langsam herunter und die Frauen wippten noch lange im Zustand tiefster Konzentration vor und zurück, sich an den Händen haltend. Als der Mond spät in der Nacht exakt über ihnen stand und sie alle direkt in sein fahles silbriges Licht tauchte, stellte Skadi den Beutel mit den Runen in ihre Mitte. In dem braunen Leder befand sich ein besonders wertvoller Schatz: Jede einzelne Rune war aus einem anderen Holz geschnitzt – jenem, das genau zu den Eigenschaften des Zauberzeichens passte. Viel Zeit war vergangen, bis sie die Bäume an passenden Orten und im richtigen Alter gefunden hatten. Doch es hatte sich gelohnt. Die ihnen innewohnende Kraft war herausragend. Die Treffsicherheit ihrer Aussagen suchte ihresgleichen. Skadi blickte in die Runde. »Zeit ist’s zu raunen. Lasst uns schauen und über die Zeichen nachsinnen. Die uralte Weisheit der Natur und die allseits vergessene Magie der großen Mutter Erde werden uns helfen, herauszufinden, was als Nächstes zu tun ist. Heute gingen wir zu den schlafenden Bäumen im Wald, wo wir die letzten Zauberzweige fanden. Hier sitzen wir nun. Fang an, Luna! Lass deine Finger die passenden drei Runen für dich ertasten.« Luna tat wie ihr geheißen. Ihre rechte Hand verschwand in dem Beutel, in dem sie einige Zeit suchend verbrachte. Sie zog einen der dünnen hölzernen Stäbe heraus und legte ihn, während sie in den Himmel schaute, längs vor sich. So verfuhr sie auch mit dem nächsten Runenlos, das sie rechts neben das erste platzierte. Als sie das dritte ermittelt hatte, legte sie es wieder unbesehen rechts neben das zweite. Selbst im Mondlicht waren die mit Kohle gefärbten Einritzungen in den Hölzern deutlich sichtbar. Endlich senkte sie ihren Blick auf die drei von ihr gezogenen Runen. Lange betrachtete sie die Stäbe. »Raido, Berkanan, Naudiz. Ritt, Birke in gestürzter Lage, die gewendete Notrune«, murmelte sie. »Hm.« »Es gab eine unstete Zeit für dich, in der du auf der Suche warst«, meinte Skadi schließlich und deutete auf Raido. »Dann fandest du die schützende Burg der Mutter und wurdest als Letzte in unsere Gemeinschaft aufgenommen. Doch würdest du uns jetzt verlassen, könntest du nichts für uns tun.« Sie zeigte auf Naudiz, die alles verneinende Rune. »Du bist es nicht – noch nicht. Raido wächst als Wurzel der Vergangenheit weiter. Du wirst in ferner Zukunft vielleicht die sein, die geht. Sieht eine von euch die Zeichen anders?« Moira und Viola schüttelten langsam die Köpfe. Die Runen raunten eindeutigen Rat. Selbst Luna musste dies einsehen. Sie verzog das Gesicht und seufzte. »Ich vertraue dem Urteil der Zeichen. So sei es denn. Ich bleibe. Die Zeichen haben mir gezeigt, wo meine Wurzeln sind – umso leichter fällt es mir zu sehen, wohin meine Zukunft wächst.« Alle konnten ihre Enttäuschung nachvollziehen. Luna hatte im Vorfeld der Entscheidung immer wieder betont, wie sehr sie eine solche Aufgabe mit Stolz erfüllen würde. Skadi blickte als Nächstes Moira an. »Bist du bereit?« Die Angesprochene nickte kurz und atmete tief durch. Eine einzelne Wolke schob sich vor den Mond und nahm diesem einen Großteil seines Lichts. Geduldig warteten die Frauen, bis die Wolke weitergezogen war. Als der Mond sie wieder ungehindert erleuchtete, zog Moira ohne weitere Aufforderung ihre drei Runenlose. Wie schon bei Luna, sahen die vier Hagedisen die Zeichen lange Zeit prüfend an. »Sowelo – Sonne und Sieg. Uruz – Auerochse und Urquell. Durisaz – Dorn, Riese, Kraft«, las Moira vor. »S.U.D. Süd, Süden. Dort, wo das Feuer herrscht, das Reich des Feuerriesen Surt liegt. Der finstere Surt, der aber auch für die Kraft der Energien steht. Ich denke, damit sind die Römer gemeint. Die Runen empfehlen die Hinwendung dorthin und versprechen einen möglichen Kraftgewinn.« Skadi und die anderen lauschten gebannt. Ihrer Meinung nach deutete Moira die Zeichen richtig. »Sieg, Urquell, Kraft«, bestätigte Skadi. Sie deutete auf Uruz, die mittlere Rune, die für die Gegenwart stand. »Sie steht im Zentrum des gegenwärtigen Geschehens und weist den Weg zurück zum Urquell, also zu den Ursachen. Ist dieser Weg geschafft, so steht dir ein Kampf bevor. Dieser muss zwingend mit einem Sieg beendet werden, soll dir Kraft daraus erwachsen.« »Ich muss mich den Römern stellen«, murmelte Moira. »Ich werde also gehen.« »Ja«, beschied Skadi knapp. »Doch gewinnst du den Kampf nicht, erwartet dich statt Kraft der Dorn. Ein hartes, leidvolles Leben.« Sie atmete tief durch und sah Viola an. »Wollen wir mit dir weitermachen?« Die Angesprochene nickte. Moira steckte die drei von ihr gezogenen Zeichen wieder zurück in den Beutel und übergab ihn. Viola hob gerade den Blick zum Himmel und murmelte dabei leise einige Worte, als ein kaum hörbares Klirren aus Richtung des Hauses sie alle erschrecken ließ. »Was war das?«, fragte Luna, die Schreckhafteste unter ihnen, und sah zu dem Gebäude hinüber. Dort war allerdings nichts zu erkennen. »Das kam von der anderen Seite des Hauses«, antwortete Skadi zischend. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so schnell geschieht.« Mit diesen Worten sprang sie auf. »Was meinst du?«, fragte Luna verwirrt. »Dass was so schnell geschieht?« »Löscht die Fackeln und kommt! Ich erkläre es euch nachher.« Wenige Augenblicke später rannten sie tief gebückt auf das Haus zu. Astrid war so unwohl wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie war dabei, eine Straftat zu begehen und sich vielleicht ihre gesamte Karriere zu ruinieren, sollte sie erwischt werden. Immer wieder blieb sie im Schatten eines Gebüsches hocken, kaute nervös auf ihrer Unterlippe und ging ihre Optionen durch. Die vier Hagedisen einfach schalten und walten zu lassen, kam für sie nicht infrage – dafür war deren Treiben viel zu gefährlich. Die Polizei zu rufen war zwecklos – es lag nichts gegen Skadi Brock und ihre Spießgesellinnen vor. Also musste sie selbst tätig werden. Sie hatte keinen klaren Plan, keine wirklich zündende Idee. Sie wusste nur, dass sie schreckliche Angst hatte. Zum Glück schien der Mond hell, sodass sie kein zusätzliches Licht brauchte, um zu sehen, wo sie hintrat. Eine Viertelstunde beobachtete sie nun schon das dunkel und ruhig daliegende historische Bauernhaus und fragte sich, was sie als Nächstes tun sollte. Als ein einsamer Wagen sich auf der entfernten Landstraße näherte, presste sie sich fast panisch auf den Boden. Minutenlang blieb sie so liegen, bis erneut völlige Stille einkehrte. Nur der gelegentliche Ruf eines Kauzes war zu hören. Es war unheimlich hier im Dunkeln, im Gebüsch, auf diesem fremden Grundstück, das diese neumodischen Hexen bewohnten. Schließlich raffte sie sich auf. Vorsichtig näherte sie sich der Vorderseite des breiten historischen Baus. Sie zählte sechs der alten Sprossenfenster, ungefähr mittig erkannte sie die Eingangstür. Zur Linken waren die Fenster verhüllt, deswegen ging sie davon aus, dass es sich um die Schlafzimmer handelte. Also huschte sie zur entfernten rechten Seite des Hauses hinüber. Aber wo sollte sie nach dieser Scheibe suchen? Wo bewahrten die Frauen wohl ein solch wertvolles Objekt auf? Sie musste zugeben, dass sie keine Ahnung hatte. Leider gaben die bisher von ihr entschlüsselten Schriftrollen auch keinen Aufschluss darüber. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ins Haus einzudringen und auf ihr Glück zu hoffen. Lief alles zu dieser nachtschlafenden Zeit gut, würden die Damen nie erfahren, wo ihre kostbare Himmelsscheibe abgeblieben war. Am äußersten rechten Fenster blieb sie stehen und hielt inne. Ihr Herz pochte so stark in ihrer Brust, dass sie fast fürchtete, diese würde gleich zerrissen werden. Sie raffte all ihren Mut zusammen und leuchtete mit ihrer Taschenlampe in den Raum hinein. Atemlos schwenkte sie den Lichtkegel hin und her. Das Zimmer war mehr oder weniger leer. Einige Pappkartons auf dem Boden und ein paar gestapelte Möbelstücke waren alles, was sie erkennen konnte. Sofort schaltete sie die Lampe wieder aus und blickte sich nervös um. Vor Angst und Anspannung fiel ihr sogar das Atmen schwer. Während der emotionale Teil ihres Verstandes ihr riet, schnellstens kehrtzumachen und das Weite zu suchen, flüsterte ihr der rationale Teil leise zu, dass dieses Zimmer ideal sei, um in das Haus einzusteigen. Ein weiteres Mal sah sie sich um. Sie drehte die Taschenlampe in ihrer Hand so, dass der Metallgriff nach vorne zeigte, und schlug diesen zaghaft gegen die kleine rechteckige Glasscheibe des Sprossenfensters, die dem innen liegenden Fenstergriff am nächsten war. Dann zuckte sie zusammen. Das Fenster war nicht zerbrochen, doch der von ihr verursachte Lärm erschien ihr als unerträglich laut. Sie erwartete jeden Moment das Heulen einer Alarmanlage, Lichter, die im Haus angingen, Stimmen, sich öffnende Türen. Nichts davon geschah. Erneut blickte sie sich um, atmete tief ein und schlug diesmal fester zu. Die Fenster waren alt und nicht mal doppelt verglast. Die einfache Scheibe bekam mehrere Risse. Mit ihrem Ellbogen drückte sie vorsichtig gegen das gesprungene Glas. Es brauchte nicht viel Druck ihrerseits, dann brachen einige große Stücke heraus, fielen auf der Innenseite zu Boden und zerbarsten klirrend. Der unverkennbare Klang zersplitternden Glases ließ sie ein weiteres Mal erstarren. Es musste weithin hörbar gewesen sein! Und was konnte es um diese Zeit anderes bedeuten, als dass jemand einen Einbruchsversuch unternahm? Sie duckte sich tief in den Schatten einer nahen Eibe und zählte langsam bis zehn. Als immer noch nichts passierte, war sie sich sicher, dass sie wie durch ein Wunder unentdeckt geblieben war. Sie näherte sich dem zerstörten Fenster, griff in die entstandene Öffnung und drehte den Fenstergriff. Kurz darauf schwang es auf. Es war so weit! Wenn sie jetzt einstieg, gab es kein Zurück mehr. Sie verdrängte jeden weiteren Gedanken und kletterte ins Innere des Hauses. In dem Zimmer hielt sie sich allerdings nicht lange auf. Sie wollte so schnell wie möglich wieder raus und weg von hier. Vorsichtig öffnete sie die Tür und blickte in den dunklen Flur. Lediglich hereinschimmerndes Mondlicht erhellte ihn stellenweise. Ein eigentümlicher Geruch, der sie an sommerliche Wiesen erinnerte, hing schwach in der Luft. Auf Zehenspitzen schlich sie weiter. Eine Holzdiele knarrte. Erschrocken verharrte sie in der Bewegung. Ihr Atem stockte. Doch nichts passierte. Zu beiden Seiten des Flures befanden sich Türen, von denen glücklicherweise alle offen standen. Vorsichtig schaute sie hinein. Weitere ungenutzte Räume, die Küche, ein kleines Gäste-WC. Der Geruch wurde mit jedem Schritt, den sie tat, intensiver. Lavendel, schoss es ihr durch den Kopf. Das war es, was sie roch! Gemischt mit etwas – doch sie konnte es beim besten Willen nicht genauer bestimmen. Zu ihrer Rechten erkannte sie eine große doppelflügelige Holztür. Und im selben Augenblick entdeckte sie auch die Quelle des nun noch intensiveren Geruchs: Ein Schälchen auf einem Wandvorsprung enthielt ein Duftwasser, das ihn verströmte. Ihr Herz machte einen Satz. Sie war sich sicher, dass dieser Raum eine besondere Bedeutung hatte. Hoffentlich fand sie die gesuchte Himmelsscheibe darin. Mit äußerster Vorsicht drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür. Dahinter war es stockfinster. Trotzdem trat sie mit einem dumpfen Gefühl von Sorge und Furcht ein. Eine Diele knarrte leise. Sie lauschte auf Schlafgeräusche. Nichts. Ihre Brust schien beinahe vor Anspannung zu zerreißen, so heftig raste ihr Puls. Mit zitternden Fingern schloss sie die große Tür lautlos von innen. Sie griff nach ihrer Taschenlampe, schaltete diese ein – und erschrak. Zuerst dachte sie, jemand stünde auf der anderen Seite des Raumes und würde nun direkt auf sie zukommen. Doch es war bloß eine Statue. Aber was für eine! Sie war imposant und sehr lebensecht modelliert – zumindest im Lichtkegel einer Taschenlampe und von einem vor Angst schlotternden Einbrecher betrachtet. In den nächsten Sekunden erkannte sie immer mehr Details: Die Statue war aus hellem Stein gehauen und zeigte einen erhaben blickenden Krieger mit einem Umhang, der Schild, Speer und ein Gewehr hielt. Sie hatte keine Ahnung, was sie davon halten sollte. Ihre Hoffnung, hier fündig zu werden, schwand mit jeder weiteren Sekunde. Sie war schon viel zu lange in diesem Haus. Aber was hatte sie erwartet? Dass sie durch das Fenster einstieg und die Himmelsscheibe auf einem Silbertablett, abholbereit und mit besten Grüßen versehen vorfinden würde? Sie schaute sich leise seufzend um, während sie zu dem Bildnis hineilte. Hier gab es sonst nichts. Der Vollständigkeit halber musste sie sich diese merkwürdige Statue aber aus der Nähe ansehen. Sie registrierte die Details: das Stirnband, das Kettenhemd, der Hirsch auf dem Schild. Doch warum das Gewehr? Auf dem Sockel war eine Inschrift zu lesen, die sie atemlos entzifferte. »Einer ragte durch den Ruhm seiner Taten über alle hinaus. Er verteidigte die unterdrückte Freiheit vor den Eindringlingen. Er starb, den Auseinandersetzungen derer geopfert, die ihn beschützen sollten. Die bedeutende Zierde der Cherusker – Arminius.« Natürlich! Beinahe hätte sie sich mit der flachen Hand vor den Kopf geschlagen. Wahrscheinlich beteten diese Verrückten auch noch die Statue an, verehrten Arminius praktisch göttergleich. Warum war sie nicht gleich darauf gekommen? Gerade wollte sie kopfschüttelnd aufstehen, als sie den schmalen messingfarbenen Griff unter der Inschrift erblickte. Er war so tief angebracht, dass er gar nicht ins Auge fiel, wenn man sich nicht so weit hinunterbeugte, wie sie es getan hatte. Ihr Herz machte einen erneuten Satz. Arminius zu Füßen. Er beschützt etwas, was in der Erde liegt, dachte sie. Die Symbolik ist eindeutig. Atemlos umfasste sie den Griff. Mit einem leichten Scharren zog sie eine breite Holzkassette hervor. Diese war mit dunkelrotem Samt ausgeschlagen und mit einer dicken Glasplatte bedeckt. Was darunter lag, erkannte sie sofort, obwohl sie die Scheibe nie zuvor gesehen, sondern nur von ihr gelesen hatte. Sie war es! Nur mit Mühe unterdrückte sie einen erleichterten Jubelschrei. Hastig hob sie die Glasabdeckung an und griff nach der uralten bronzenen Himmelsscheibe. Jenem Objekt, das Kräfte freisetzen konnte, von der die Menschheit der heutigen Welt abschätzig glaubte, dass sie dem Reich der Fantasie entstammten. Angefertigt von Zauberkundigen in lange zurückliegenden Zeiten, als alle Dinge gerade erst erschaffen, die Menschen aus Esche und Ulme geschnitzt worden waren und die Götter noch zwischen ihnen wandelten, erinnerte sie sich und schauderte kurz. Sie sprang hoch und stürmte zur Tür. Sie hatte es geschafft, jubelte sie innerlich. Gleich war sie hier raus und verschwunden – und der Spuk der Hagedisen vorbei, die kontinuierlich Waffen in die Antike schafften, um die Vergangenheit zu verändern! Die Tür flog krachend auf. Der Knall riss sie abrupt aus ihrem Triumph. Eine Sekunde später ging das Deckenlicht an und alle vier Hagedisen drängten sich gleichzeitig durch die breite Tür. Eine von ihnen schwang eine Sandschaufel, eine andere einen Reisigbesen. Die dritte hielt eine schwere Klempnerzange und die vierte einen dicken Eichenknüppel. Einen Moment lang starrten sie sich gegenseitig an. Es gab nichts, was Astrid zur Verteidigung oder zur Beschwichtigung hervorbringen konnte – dafür war die Situation einfach eindeutig. Solche Angst und Panik erfüllten sie, dass ihre Knie beinahe nachgaben. »Gib sie her!«, bellte die Frau, die sie als Skadi Brock aus Zeitschriften und Fernsehinterviews kannte. Drohend hob sie die metallene Zange. »Sofort!« Astrid war wie versteinert. Was geschah nun mit ihr? Würden sie sie töten? Wenn sie die Scheibe in diesem Augenblick herausrückte, kam sie vielleicht nicht lebendig aus dem Haus. Ziemlich sicher nicht. Diese Frauen waren fanatisch, das war ihr absolut klar. Und sie musste davon ausgehen, dass sie alles tun würden, wirklich alles, um ihre Ziele zu erreichen. Sie nahm ihren verbliebenen Mut zusammen. »Nein!«, entgegnete sie. »Erst lassen Sie mich gehen!« Ungläubig und voller Zorn starrten die vier Frauen sie und die Scheibe an. »Ansonsten werde ich sie zerbrechen!« Drohend hob sie die dünne Bronzescheibe hoch und schob ihr Knie ein Stück nach vorne, um anzudeuten, wie genau sie das bewerkstelligen würde. »Sie müssen mich gehen lassen! Ich habe eine Nachricht hinterlassen, falls ich nicht zur Arbeit erscheine. Damit weiß man, dass ich hier bin.« Astrid hoffte, dass ihr Bluff nicht allzu durchschaubar war. Doch Skadi zuckte unbeeindruckt die Schultern. »Wir wollen nur die Scheibe zurück. Sie ist unser. Sie wissen nichts damit anzufangen und sind hier eingebrochen, um sie zu stehlen.« »Genau genommen haben Sie sie selbst gestohlen«, entgegnete Astrid nun immer selbstbewusster. »Aus dem Haus der Hollerbecks. Da sie dort im Boden gelegen hat, ist entweder Leon Hollerbeck oder das Land Niedersachsen rechtmäßiger Eigentümer, das müsste ein Gericht entscheiden. Aber Sie, Frau Brock, ganz bestimmt nicht. Außerdem ist einer Ihrer Leute doch vorher schon in mein Büro eingebrochen und hat wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse gestohlen, oder etwa nicht?« Skadi schnaubte vor Wut. »Armin Hollerbeck hat uns die Himmelsscheibe überlassen! Wir sind sehr wohl die …« Astrid lachte laut auf. »Dann kann er ja persönlich vor einem Gericht erscheinen und das bestätigen. Vielleicht rufen wir einfach die Polizei, um das zu klären.« Skadi wurde ungeduldig. »Was soll diese alberne Diskussion? Sie sind doch die Archäologin, die die Schriftrollen des Leon Hollerbeck entschlüsselt, oder? Was wollen Sie? Sie können ja wohl kaum abstreiten, dass Sie hier eingebrochen sind. So wie ich das sehe, sitzen Sie erst mal ganz tief in der Tinte, bis die Eigentumsverhältnisse an der Himmelsscheibe geklärt werden. Also seien Sie nicht dämlich und geben Sie sie mir! Ich verspreche Ihnen, dass wir Sie gehen lassen.« Astrid dachte fieberhaft nach. »Legen Sie die Waffen weg und machen Sie mir Platz! Eine von Ihnen kann mich in einigem Abstand zu meinem Wagen begleiten. Erst wenn der Motor läuft, überreiche ich ihr die Scheibe aus dem Fahrzeugfenster.« Die Reaktion war wenig positiv. Alle hoben gleichzeitig ihre Kampfgeräte und machten einen Schritt auf sie zu. Astrid wich zurück und drohte ein weiteres Mal, die Scheibe über ihrem Knie zu zerbrechen. »In Ordnung«, lenkte Skadi mit finsterer Miene ein. »Aber Sie legen die Scheibe auf den Boden, bevor Sie in den Wagen steigen!« Astrid hatte sowieso nicht erwartet, dass die Hagedisen sie mit ihrem kostbaren Objekt so weit gehen ließen. Sie nickte. Erwartungsvoll blickte sie auf die vier Frauen. Ihr Herz schlug heftiger denn je und sie musste sich konzentrieren, um nicht einfach den weichen Knien nachzugeben. Was für ein Albtraum! Sie würde die Scheibe nicht bekommen, war beim Einbruch erwischt und erkannt worden und hatte es nur einer glücklichen Fügung zu verdanken, dass die Frauen sie nicht anzeigten, um bloß keine Aufmerksamkeit auf die Himmelsscheibe zu lenken. Alle vier senkten jetzt ihre Kampfgeräte und wichen in den Flur zurück. Astrid atmete tief durch. Es würde ein Spießrutenlauf für sie werden. »Ich möchte, dass die Waffen auf den Boden gelegt werden!«, sagte sie bestimmt. »Und dass mir niemand zu nahe kommt! Ich werde diese Scheibe ansonsten zerstören, das schwöre ich!« Sie hoffte, dass ihre entschlossene Miene die Aussage angemessen unterstrich. Auf ein Handzeichen von Skadi befolgten alle die Aufforderung. Astrid setzte sich in Bewegung und mit jedem Schritt, den sie tat, wichen die vier noch weiter zurück. Sie erreichte den Flur. Fragend sah sie Skadi Brock an. »Nehmen Sie diesmal die Tür«, sagte diese mit böse funkelnden Augen. Astrid beobachtete die Hagedisen äußerst argwöhnisch, während sie den Weg zur Haustür zurücklegte. Sie traute den Frauen nicht und rechnete jeden Augenblick mit einem Angriff. Doch der kam nicht. Unbehelligt gelangte sie zum Eingang und hinaus. Kühle Nachtluft umfing sie. Eine wahre Wohltat, nachdem gerade eine heiße Angstwelle nach der anderen über sie hereingebrochen war. Ihr Wagen stand am oberen Ende der langen Zufahrt nahe der Straße. Sie sah sich um und erkannte Skadi Brock, die ihr folgte. Die anderen drei blieben tatsächlich zurück. Dann rannte sie los. Immer wieder sah sie sich um, doch Skadi klebte scheinbar ohne Mühe an ihren Fersen. Kurz verschwendete sie einen Gedanken daran, sich nicht an die Abmachung zu halten, aber ihre Angst vor dieser Frau war viel zu groß. Sie schien gut in Form zu sein und ihr Zorn würde sie sicherlich furchtbar treffen – zumal sie ja erkannt worden war. Nein, daran war nicht zu denken. Etwa zehn Meter vor ihrem Auto blieb Astrid stehen. Sie wandte sich keuchend um und blickte Skadi an. Weiße Atemwolken stiegen aus ihrem Mund und ihrer Nase auf. Trotz der nächtlichen Kälte schwitzte sie. »Bleiben Sie dort stehen!«, sagte sie bestimmt. »Ich lege die Scheibe hier ab. Warten Sie mit dem Aufheben, bis ich zurückgesetzt habe und auf dem Weg zur Straße bin!« Skadi entgegnete nichts, sie starrte sie bloß an. Eine Wolke verdüsterte für einen kurzen Moment die Nacht. Erneut stieg Panik in Astrid auf. Sie konnte Skadi nicht mehr erkennen und wich unbewusst einige Schritte zurück. Mit weit aufgerissenen Augen versuchte sie, die plötzliche Dunkelheit zu durchdringen. Stürmte dort ein Schatten auf sie zu? Instinktiv duckte sie sich. Hörte sie das Knirschen von Skadis Schuhen auf dem Weg? Sie wich noch weiter zurück und kämpfte dabei gegen die in ihr aufsteigende Angst an. Jeden Moment erwartete sie, eine schwere Rohrzange über den Kopf gezogen zu bekommen. Im nächsten Augenblick war die kleine Wolke vorübergezogen und gab das silbrige Licht des Mondes wieder frei. Astrid erkannte, dass die Hagedise sich nicht von der Stelle gerührt hatte. Erleichtert atmete sie auf. Ohne ein weiteres Wort legte sie die Scheibe mitten auf den Weg. Sie warf einen letzten Blick auf Skadi, drehte sich um und rannte los. Nervös tastete sie im Laufen in ihrer Jackentasche nach dem Autoschlüssel. Fast hatte sie ihren Wagen erreicht, als sie den Schlüssel aus der Tasche zog. Der Anhänger verhakte sich jedoch im Tascheninneren an einem losen Faden. Astrid zog zu hektisch. Sie riss den Schlüssel zwar los, aber der fiel zu Boden und rutschte ein Stück unter das Fahrzeug. Sie fluchte und hätte am liebsten losgeheult. Sie wollte nur noch weg. Hierher zu kommen, war die mit Abstand blödeste Idee, die sie je gehabt hatte. Sie schaute sich wieder um. Skadi hatte natürlich keinen Moment gezögert. In diesem Augenblick hob sie gerade die Himmelsscheibe vom Weg auf. Astrid warf sich auf den Boden und tastete suchend nach dem Schlüssel. Unter dem Wagen konnte sie nichts erkennen, dafür war selbst das Licht des vollen Mondes zu schwach. Außerdem lag hier überall Schotter, was das Tasten erschwerte. Aber weit konnte das verdammte Ding ja nicht sein. Während ihre Hand von links nach rechts und zurück glitt und dabei über die scharfkantigen Steine fuhr, sah sie immer wieder über ihre Schulter nach hinten. Skadi war auf dem Weg zu ihr! »Nein, nein!«, wimmerte sie leise. Sie erkannte gerade noch, wie die Hagedise sich nach etwas bückte, als ihre Finger endlich über das kühle Metall des Schlüssels streiften. Sie wollte lieber nicht wissen, was Skadi jetzt in der Hand hielt, sondern sprang auf und öffnete ihren Wagen. Innerhalb von Sekunden war sie drin und verschloss als Erstes die Türen. Dann startete sie den Motor. Etwas krachte gegen die Scheibe der Fahrertür. Erschrocken zuckte Astrid zusammen und hätte beinahe den Motor wieder abgewürgt. Die Scheibe war in unzählige Stücke zersprungen, hielt aber noch. Die Frau hatte einen Stein nach ihr geworfen! Skadi Brock musste komplett verrückt sein. Astrid sah nun vor lauter Panik gar nichts mehr und trat nur noch ängstlich das Gaspedal durch. Der Wagen machte einen Satz nach vorne, doch sie musste ihn wenden. Sie jammerte leise. Hätte sie im Vorfeld vernünftig nachgedacht, hätte sie den Wagen natürlich bereits in die richtige Richtung zeigend abgestellt. Hektisch riss sie das Lenkrad herum. Sie streifte einige Büsche, deren Zweige hässlich kreischende Geräusche verursachten, als sie am Lack entlangschrammten. Sie war gerade dabei, ihr gesamtes Auto zu ruinieren. Dann krachte wieder etwas gegen die Fahrertür – diesmal immerhin nicht an die Scheibe. Offenbar warf die Hagedise erneut mit Steinen. Endlich hatte Astrid den Wagen gewendet und gab Gas. Im Scheinwerferlicht tauchte Skadi Brock auf – mitten auf dem Weg, direkt vor ihr. Und sie hielt schon wieder etwas in der Hand. Astrid rechnete jeden Augenblick mit dem Aufschlag eines weiteren Steins. Deshalb nahm sie ihren Fuß auch nicht vom Gas. Nun ging alles sehr schnell: Astrid sah die vor Schreck aufgerissenen Augen der Zauberin. In ihrer Hand hielt sie nur die Himmelsscheibe – sonst nichts. Skadi sprang mit einem Satz zur Seite, ließ dabei aber die Scheibe fallen. Astrid riss das Steuer ein Stück herum, sodass es gerade so reichte, Skadi nicht zu überfahren. Sie spürte jedoch, dass sie über irgendetwas hinwegrollte. Dann war sie an der Hagedise vorbei und auf dem Weg zur Straße. Sie sah in den Rückspiegel und erkannte erleichtert, dass Skadi immer noch aufrecht stand. Im nächsten Augenblick bückte sie sich jedoch, um etwas aufzuheben. Astrid war noch einmal davongekommen, wie es schien. Sie schwor sich, nie wieder in die Nähe dieser Frauen zu kommen. Der Centurio Hinter Malcolm und Viper war wie aus dem Nichts ein Trupp römischer Legionäre aufgetaucht. Im Schutz der natürlichen Bodenunebenheiten sowie der vielen Felsbrocken war es ihnen gelungen, sich uns ungesehen von Westen her zu nähern. Die beiden Hagalianer hatten es gerade noch geschafft, rechtzeitig ihre Pistolen zu ziehen, und feuerten nun auf die vordersten der schwertschwingend heranstürmenden Legionäre. Zwei stürzten zu Boden. Ucromerus und seine Krieger warfen sich den Römern sofort entgegen. Genau wie den Hagalianern, so gelang es auch mir nicht mehr, mein Gewehr zu heben und zu entsichern. Außerdem schmerzte meine Schulter noch viel zu sehr. Ich stolperte zurück. Entsetzt realisierte ich, dass dies mein Ende hätte sein können, wenn nicht erst Malcolm und Viper und danach die Cherusker hier aufgetaucht wären. Alleingänge in dieser Situation zu unternehmen, zeugte von meiner schlechten Urteilskraft, wie ich mir bitter eingestand. Doch ich hatte im Moment ganz andere Sorgen. Einer der Legionäre war ein hochdekorierter Centurio, wie ich an seinem quer gestellten Helmbusch erkannte. Er trug einen kurzen Kettenpanzer und zahlreiche militärische Auszeichnungen in Form von goldenen Halsreifen und Zierscheiben auf der Brust. Seine Beinschienen waren mit irgendeiner Darstellung verziert, von seinem kostbaren silberbeschlagenen Gürtel hingen Dolch und eine edelsteinbesetzte Schwertscheide. Das Schwert hielt er hoch über seinen Kopf erhoben, als er brüllend auf mich zustürmte. Trotz seines wild verzerrten Gesichtes kam er mir bekannt vor. Mit seinem kantigen glatt rasierten Kinn und der gepflegten Zahnreihe sah er irgendwie vornehm aus, fast erhaben. Seine hellbraunen Augen strahlten unter anderen Bedingungen vermutlich eine freundliche Wärme aus. Nun waren sie weit aufgerissen und verrieten seine Kampfbereitschaft. Trotzdem schien er nicht hierher in die dunklen Buchen-Urwälder Germaniens zu passen, in den Regen und Schlamm und die Kämpfe. Ich federte in der Hüfte zurück und wirbelte mit diesem Schwung zur Seite. Ich war noch lange nicht bereit zu sterben. Deutlich spürte ich, wie das Schwert dicht an meiner Schulter die Luft zerteilte. Zum Glück hatte der Centurio so viel Kraft in seinen Ansturm und den Schlag gelegt, dass er stolpernd an mir vorüberstürzte. Ich gewann einige wertvolle Sekunden. Sie reichten nicht, um mein Gewehr abzustreifen, zu entsichern und in die richtige Position zu bringen, aber immerhin um Beenbittar ein weiteres Mal zu ziehen. Ich schwang das Schwert nun ebenfalls durch die nasse Luft, aber der Centurio war zu gut und zu erfahren, als dass er nicht längst damit gerechnet hätte. Mein Stahl traf auf seinen. Klirrend und knirschend verfingen sich unsere Klingen für einen Moment. Auge in Auge standen wir uns gegenüber, eine lange Sekunde, in der ich seinen nach Kräutern riechenden Atem vernahm und jede Falte seines vornehmen Gesichts aus nächster Nähe erkennen konnte. Er war stark, sehr stark. Doch auch ich war schon lange nicht mehr der Schwächling, der diese Welt einst ängstlich erkundet hatte. Die gewaltige Kraftanstrengung, die es mich kostete, den Centurio ein Stück den Hang hinabzustoßen, ließ mich schwer grunzen. Erschrocken taumelte er ein paar Schritte zurück. Mir fiel erstmals auf, wie fasziniert er mein Gewehr betrachtete, das an einem Gurt über meinem Oberkörper baumelte. Offenbar wusste er genau, worum es sich dabei handelte. Im nächsten Moment war der Römer wieder mit erhobenem Schwert heran. Ich hatte keinen Schild, um den zu erwartenden Schlag abzufangen, nur Beenbittar. Ich riss es hoch. Plötzlich machte mein Gegner aus der Bewegung heraus einen beinahe unmöglichen weiteren Satz auf mich zu und stach mit dem lanzenartig geführten Schwert blitzschnell zu. Die Spitze traf genau auf das Schulterstück meiner Kalaschnikow, die mir nach vorne auf die Brust gerutscht war, und wurde von dort seitlich an mir vorbei abgelenkt. Trotzdem streifte mich die beidseitig geschärfte Klinge und riss Stoff und das Fleisch darunter auf – ausgerechnet dort, wo meine kugelsichere Weste sich zur Achselhöhle hin öffnete. Der Schmerz war scharf und unmittelbar. Ich keuchte erschrocken, war mir aber bewusst, was für ein Glück ich gehabt hatte. Ein tödlicher Stoß, wäre die AK-47 nicht gewesen! Nun geriet ich ins Trudeln. Der Schock über die unerwartete Finte und den Treffer ließ mich zurücktaumeln. Doch der Römer setzte mir gnadenlos nach. In mir schrie alles danach, mich einfach umzudrehen und davonzulaufen. Diesen Mann würde ich im Zweikampf niemals besiegen können, dafür war er zu gut. Allerdings blieb selbst für eine Flucht keine Zeit. Erneut stürmte er auf mich zu und führte sein Schwert mit Schwung in Richtung meines Kopfes. Hastig warf ich mich ein weiteres Mal zur Seite, spürte die kleinen Tröpfchen, die vom Stahl der Waffe auf mich geschleudert wurden und meine Sicht noch weiter behinderten. Er traf meinen durch die Luft wirbelnden blau-roten Umhang, das Geschenk Frilikes, und zerteilte ihn. Ich musste etwas tun, sonst würde dieser Mann Kleinholz aus mir machen – es war nur eine Frage der Zeit! Ich sammelte all meine Kräfte und holte zu einem harten Gegenschlag aus, doch meine Klinge fand ebenfalls nur prasselnden Regen. Der Römer tauchte blitzschnell auf meine blinde Seite weg. Eiskalt nutzte er diese offensichtliche Schwäche von mir aus. Erschrocken wich ich zurück und drehte mein Gesicht nach rechts und links. Überall tobten die Kämpfe, wie ich gerade erst realisierte. In diesen paar Sekunden war um mich herum ein richtiges Schlachtengetümmel entstanden! Offenbar waren Flavus’ Cherusker nach und nach hergeeilt, um Ucromerus und mich zu unterstützen. Leichen bedeckten den Boden, zumeist Erschossene, die das Pech hatten, ins Visier von Malcolm und Viper zu geraten. Plötzlich tauchte der Centurio wieder vor mir auf, natürlich zu meiner Linken. Er griff ein weiteres Mal an. Gerade noch rechtzeitig riss ich mein Schwert hoch, um einen nach unten geführten Hieb abzuwehren, der meinen Schädel sauber gespalten hätte. Die Klingen krachten mit solcher Wucht aufeinander, dass diese die Finger meiner Schwerthand betäubte. Ich federte den heftigen Stoß in den Knien ab und schleuderte den Angreifer mit der geballten Kraft meines ganzen Körpers zurück. Wankend stolperte er rückwärts. Ich beobachtete ihn wachsam, während wir uns wie zwei Raubtiere maßen und umkreisten. Immerhin keuchte er jetzt ebenfalls schwer, genau wie ich. Von der Seite näherte sich eine Gestalt. Ich erlaubte mir für den Bruchteil einer Sekunde einen Seitenblick. Es war Malcolm! Er rannte und hielt dabei sein großes Kampfmesser mit abwärts gerichteter Klinge in der Hand. Von seiner Pistole war nichts zu sehen. Etwa zwei Meter vor dem Römer setzte Malcolm fürchterlich brüllend zum Sprung an. Der Centurio erkannte die Gefahr einen Augenblick zu spät, hob aber dennoch instinktiv seinen Schild. Schon prallte der schwere Hagalianer auf ihn. Der Römer wurde zurückgeschleudert, verlor das Gleichgewicht und fiel scheppernd zu Boden. Nur sein Schild trennte ihn von dem mordlüsternen Malcolm, der wie von Sinnen auf ihn einhackte. Bisher hatte er den Römer jedoch bloß am Hals erwischt, wie eine pulsierend blutende Wunde zeigte. Er wehrte sich genauso inbrünstig, trat, biss und schlug nach dem Angreifer. Einen Moment lang sah ich den beiden wie ein Unbeteiligter zu und war froh, diesen zähen Gegner los zu sein. Auch Malcolm biss sich an dem Mann die Zähne aus. Gerade kassierte er einen üblen Tritt mit dem Knie zwischen die Beine. Voller Schmerzen bäumte er sich auf. Drohend schwang ich Beenbittar, bereit einzugreifen und den Centurio ins Jenseits zu schicken, doch es war unmöglich, mit dem Schwert zwischen die Kämpfenden zu gehen. Die Gefahr, Malcolm zu verletzen, war zu groß. Ohne weiter darüber nachzudenken, steckte ich Beenbittar in die Scheide zurück – und griff nach meiner AK-47, die noch immer vor meiner Brust hing. Ich entsicherte und zielte, doch es hatte keinen Sinn, die beiden waren zu fest ineinander verkeilt. Ein Speer flog haarscharf an meinem Ohr vorbei. Ich hatte ihn nicht kommen sehen. So war mein Schreck darüber fast noch gewaltiger als beim Angriff des Centurios vor einigen Minuten. Ich spürte den scharfen, kalten Luftzug, der mich für den Bruchteil einer Sekunde streifte, und sah dem Wurfgeschoss wie versteinert hinterher. Nur wenige Zentimeter weiter rechts und er hätte meinen Kopf aufgespießt. Meine Knie wurden weich. Ich kniete mich kurz hin und versuchte mich zu beruhigen. Feigling! Stell dich nicht so an! Hilf Malcolm, auch wenn er ein blödes Arschloch ist, schoss es mir durch den Kopf. Ich nahm also mein Gewehr, drehte es um, sodass der Kolben nach vorn zeigte. Damit würde ich hinter die Kämpfenden treten und dem Centurio auf den Kopf schlagen, bis Malcolm die Kontrolle gewann. Doch ich kam nicht mehr so weit. Eine knatternde Salve von Schüssen erklang und ein Stück links von mir brach ein halbes Dutzend Legionäre zusammen. Gleichzeitig erschienen Hunderte Stammeskrieger am Wegesrand über uns. Ich hatte sie noch nie zuvor gesehen, es musste sich um einen neu hinzugestoßenen Kriegerverband handeln. Mit hoch erhobenen Speeren, Schwertern und tödlich schweren Holzkeulen stürmten sie brüllend hangabwärts und erschlugen dabei jeden Römer, der ihnen nicht rechtzeitig entkam. Eine weitere Salve untermalte das Kriegsgeschrei, dann noch eine und noch eine. Der Boden war nun bedeckt mit Toten. Weiter unten, wo ich mich befand, hielten die Kämpfenden inne. Die meisten der Römer nutzten diese unverhoffte Gelegenheit, um alles stehen und liegen zu lassen, sich umzudrehen und hangabwärts zum Heereszug zurück zu fliehen. Ich sah mich um. Mein Vater war mit dem Franzosen und Verstärkung erschienen. »Rückzug! Lasst sie laufen!«, brüllte er lautstark und feuerte weitere Salven in die Rücken der fliehenden Legionäre. Offenbar wollte er nicht, dass die Stammeskrieger ihnen nachsetzten. Auch der Centurio nutzte die Gunst des Augenblicks und Malcolms sekundenlange Irritation. Bevor der Hagalianer ihn aufhalten konnte, hatte der Römer sich aus seiner Umklammerung befreit und stand aufrecht. Sein Blick fiel auf Arminius, der sich breitbeinig weiter oben postiert hatte, das Gewehr angelegt, und in eine andere Richtung feuerte, schließlich auf mich und meine Blitzschleuder. Ich las in seinen Augen und erkannte, dass er genau wusste, was ich in meinen Händen hielt, ob aus vergangenen Schlachten oder vom gerade Gesehenen. Sicherlich betrachtete er die Waffe als ein Instrument der Götter, einen todbringenden Zauberstab. Jeden Moment würde er fliehen. Er brüllte seinen verbliebenen Männern etwas auf Lateinisch zu. Die flohen sofort – soweit sie dazu noch in der Lage waren. Und auch der Centurio rannte los. Malcolm wollte ihn noch aufhalten, war jedoch nicht schnell genug. »Stopp ihn!«, rief er mir zu, doch ich hörte nicht auf ihn. Aus irgendeinem Grund hinterließ der Centurio Eindruck bei mir. Es war wie ein Déjà-vu. Vielleicht hatte ich ihn vor vielen Jahren auf der Hegirowisa gesehen, beim Überfall der Römer auf die Zusammenkunft. Damals war Skrohisarn gefallen, der freundliche alte Schmied, der mich aufgenommen und durchgefüttert hatte. Und plötzlich wusste ich es wieder: Dieser Centurio war mit vielen seiner Kameraden vor den Schüssen geflohen, die mein Vater aus dem Schutz der Dünen auf sie abfeuerte. Ich erinnerte mich so gut an ihn, weil die verbliebenen Römer am Strand sich immer wieder panisch nach dem Mündungsfeuer umgeschaut hatten. Ich war damals von zwei Legionären bedrängt worden, die in buchstäblich letzter Sekunde von mir abließen. Dieser eine Centurio hatte die Nerven aber nicht verloren und sich als einer der Letzten in die Fluten der Weser gestürzt, wo ein rettendes Kriegsschiff die Flüchtenden aufgesammelt hatte. Seine Ruhe und Umsicht waren mir damals schon aufgefallen. So traf man sich also wieder ... Malcolm stürmte auf mich zu, stieß mich zurück und entriss mir mein Gewehr. Seine Attacke kam so unerwartet, dass ich keinen Widerstand leistete. Er drehte sich um, legte auf den Centurio an, der bereits ein gutes Stück entfernt zwischen den hohen Stämmen einiger Bäume zu verschwinden drohte, und drückte ab. Die Kugel schlug direkt neben dem Fliehenden im Holz ein. Holzsplitter und Borkenstücke mischten sich unter den prasselnden Regen und ließen den Römer erschrocken zusammenzucken. Er stolperte, stürzte und prallte gegen einen Felsbrocken. Malcolm stieß einen Siegesschrei aus, ließ das Gewehr achtlos vor meine Füße fallen, zog sein Kampfmesser und rannte los. Was würde er tun? Ich lief ihm einige Schritte hinterher, unschlüssig darüber, was ich selbst machen sollte. Malcolm erreichte den immer noch benommen am Boden liegenden Offizier. Doch statt ihm die Kehle durchzuschneiden, packte er ihn am Fußknöchel und schleifte ihn den Hang hinauf. Er wollte ihn gefangen sehen, nicht tot! Irgendwie war ich froh darüber, dass er den wehrlosen Centurio nicht kaltblütig abgeschlachtet hatte. Allerdings war mir klar, dass den Römer nichts Gutes erwartete. Dann sah ich mich um, einfach nur dankbar dafür, dass ich noch lebte. Vorsichtig betastete ich die Wunde an meiner Seite. Der Schnitt war nur oberflächlich, brannte aber höllisch. Der Franzose tauchte neben mir auf. »Alles in Ordnung?«, fragte er und musterte mich besorgt. »Nein«, antwortete ich säuerlich. »Also … eigentlich ja. Bis auf den Kratzer hier geht es mir gut. Von deinen beiden Kollegen drohte mir allerdings mehr Gefahr als von den Römern.« Das stimmte natürlich nicht, doch ich war wirklich böse auf Malcolm und Viper. »Mit einer solchen Wunde ist nicht zu spaßen, Leon. Sie wird sich entzünden, wenn du nichts unternimmst. Im Lager haben wir reichlich Jod zum Desinfizieren.« Ich nickte. »Wer sind die Männer?« Ich zeigte auf die gerade erst eingetroffenen Krieger. Gemeinsam mit Flavus’ und Ucromerus’ Cheruskern waren sie dabei, die Verletzten zu töten. »Dein Vater hat vor einigen Tagen bereits eine größere Streitmacht vom Heer des Varus abkommandiert, um verstreute kleinere römische Garnisonen zu attackieren, meist einfache Vorposten. Der Auftrag ist erledigt. Die Männer sind zurückgekehrt. Es gibt nur noch die großen Lager an Lippe und Rhein, östlich davon ist nichts mehr.« Die umfassende Planung meines Vaters überraschte mich. »Was ist mit Phabiranum und Tuliphurdum an Weser und Aller? Sind sie auch zerstört?« Vor Jahren war ich von meinem Vater im besetzten Römerlager Phabiranum gefangen gehalten worden. Die riesigen steinernen und prachtvoll ausgestatteten Gebäude hatten damals ordentlich Eindruck auf mich gemacht. Die Erinnerungen an die Ereignisse um das Wiedertreffen mit Julia, das Erdloch und meine gefährliche Flucht mitsamt der Waffe meines Vaters waren dagegen eher bitter. »Soviel ich weiß, übernehmen das die Chauken. Dein Vater hat deswegen eine kleine Abordnung nach Norden geschickt.« »Noch mehr Männer für meinen Vater«, sagte ich. »Es scheint, dass ihn nichts aufhalten kann.« »Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen, Junge. Nichts wird ihn aufhalten!« Der Franzose wandte sich zum Gehen. »Malcolm und Viper haben nur versucht, dich zu schützen, und ihre Befehle befolgt. Trage es ihnen nicht nach. Und nun geh deine Wunde versorgen!« Mit diesen Worten verschwand er in Richtung meines Vaters. Dieser war vollauf damit beschäftigt, Anweisungen zu geben. Die Krieger sollten sich neu formieren, Verletzte sollten in die Stammeslager gebracht und neue Wurfwaffen besorgt werden. Zahllose Männer waren damit beschäftigt, die Leichen zu fleddern und alles Verwertbare mitzunehmen. Dabei machten sie kurzen Prozess: Sie schnitten oder hackten begehrte Objekte von den Rüstungen oder Körpern einfach ab. Es war ein scheußlicher Anblick und ich wandte mich um. Mein Blick fiel auf eine kleine Gruppe römischer Gefangener, die am Stamm einer großen Eiche hockte. Der Centurio, gegen den Malcolm und ich gekämpft hatten, war auch darunter, außerdem zwei weitere Centurionen und ein Standartenträger. Mittlerweile hatte mein Gegner sich von seinem Sturz erholt. Mit einer Mischung aus Stolz und Angst beobachteten sie Arminius und einige weitere Anführer des Aufstandes, die nicht allzu weit von ihnen eine laute Diskussion führten. Segimer schien ihr Wortführer zu sein und redete lautstark auf meinen Vater ein. Anklagend wies er auf Malcolm. Flavus stand dicht hinter ihm, die Hagalianer ein wenig abseits. Sie schienen sowohl unbekümmert als auch unbeteiligt, obwohl ihnen klar sein musste, dass es um sie ging. Neugierig trat ich auf die Gruppe zu. »Ich habe ihnen von Anfang an nicht getraut, Arminius. Sie sind aus dem Nichts erschienen. Selbst du kanntest sie nicht. Heute wäre mein Sohn ihretwegen fast getötet worden, außerdem eine Reihe weiterer guter Gefolgsleute, darunter Ucromerus, einer meiner treuesten Männer. Was gedenkst du zu tun?« Mein Vater hob beschwichtigend die Hände. »Ihr alle wisst, wie das Blut eines Mannes im hitzigen Gefecht überkochen kann. Ich habe mit Tredanfuglaz gesprochen und er sagt, es sei ein Missverständnis gewesen. Ich vertraue ihnen. Und ihr solltet es auch.« »Um was für eine Art Missverständnis hat es sich denn dabei gehandelt?«, fragte Inguiomer laut und sah Arminius herausfordernd an. »Mein Neffe ist sich sehr sicher, dass Witandi von Tredanfuglaz und dem, den ihr ›Schlange‹ nennt, daran gehindert wurde, ihm zu helfen. Warum können die beiden nicht für sich selbst sprechen?« Zustimmende Rufe von allen Seiten ertönten. Wütend blickte Arminius in die Runde und hob erneut die Hände. »Ihr wisst, dass sie der Stammessprache nicht mächtig sind. Außerdem hat Tredanfuglaz nur wenig später das Leben von Flavus, Ucromerus, Witandi und anderen gerettet, als überraschend der kleine Römertrupp auftauchte. Ich beschwöre euch, lasst uns auf die vor uns liegenden Kämpfe …« »Da ist Witandi! Lasst ihn sprechen!«, rief Flavus dazwischen und unterbrach meinen Vater. Alle Augen richteten sich auf mich. Verdutzt starrte ich zurück. Ich kam mir vor wie das sprichwörtliche Kaninchen, das sich plötzlich vor dem weit geöffneten Maul einer Schlange wiederfindet. Statt irgendetwas zu sagen, stand ich einfach nur da, presste weiterhin meine linke Hand unter meine rechte Achselhöhle, wo meine Wunde immer noch leicht blutete, und wartete ab. Mein Vater fasste mich streng ins Auge und sprach jetzt langsam und sorgsam betont. Es klang fast drohend, warnend. Ich saß also in der Zwickmühle. Einerseits stimmten die Anschuldigungen, die Segestes, Inguiomer und Flavus vorbrachten. Andererseits würde ich mich mit der Bestätigung dessen direkt gegen meinen Vater wenden. Ich warf einen Blick zu Malcolm hinüber. Der verstand natürlich kein Wort und hatte folglich auch keine Ahnung davon, dass hier gerade sein Leben am seidenen Faden hing. Seelenruhig kratzte er mit der Spitze seines Messers Dreck unter seinen Fingernägeln hervor. Letztlich war doch nichts passiert, oder? Ich zuckte die Achseln und winkte ab. »Ja, sie haben mich geschubst, das ist richtig. Sie sagten, ich hätte meine Position verlassen und damit deinen Befehl nicht befolgt.« Das entsprach sogar der Wahrheit. Erleichtert warf mein Vater die Arme in die Luft. »Da hört ihr es! Können wir jetzt weitermachen? Da unten warten noch einige Tausend Römer auf ihren Tod. Wir wollen sie doch nicht enttäuschen, oder?« Mit wölfischem Grinsen sah er sich um, doch den meisten der Männer war das Lachen vergangen. Segimer und die anderen schienen nicht zufrieden. Argwohn und Zweifel an den Fremden und ihren Absichten machten sich breit – und Arminius konnte nichts dagegen tun. Aber es war mitten am Tag, an vielen Stellen entlang der Gasitjanbargi tobten die Kämpfe und die Schlacht war noch lange nicht gewonnen. So versuchte mein Vater, die cheruskischen Anführer wieder auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. »Sammelt die kampffähigen Männer hier oben! Wir haben Verstärkung bekommen und sollten schon bald den nächsten Angriff führen.« Streng sah er Segimer, Inguiomer und die anderen an. »Schlagt mit der gleichen Taktik zu wie heute Morgen! Wurfgeschosse aus dem Schutz des Waldes, kurze Attacken auf den Feind, schnelle Rückzüge. Lasst die Römer nicht wieder so geordnet auf den Hängen kämpfen! Jede taktische Formation muss in ihren Anfängen zerschlagen werden!« Zähneknirschend stimmten die Cherusker zu, nicht ohne einen letzten hasserfüllten Blick auf die Hagalianer zu werfen. »Leon!« Mein Vater war zur Seite getreten und winkte mich heran. Er sprach deutsch. »Es war sehr klug von dir, dass du kein weiteres Öl ins Feuer gegossen hast. Ich danke dir dafür.« »Du brauchst mir nicht zu danken. Mir war klar, was geschehen wäre, hätte ich die Vorwürfe bestätigt. Ich habe kein Interesse daran, dass mehr Blut als nötig vergossen wird.« Mein Vater runzelte die Stirn. »Ach, Junge! Dein Problem ist, dass du dich stets von den falschen Motiven leiten lässt. Bevor ich es vergesse: Geh gleich ins Lager und versorge deine Wunde. Es ist Jod …« »Ich weiß«, winkte ich ab. »Der Franzose hat’s mir schon erzählt.« Alle schienen sehr besorgt um mich zu sein. »Gut. Und nimm die Gefangenen mit. Sie sollen bis morgen im Lager untergebracht und bewacht werden.« Ich nickte. »Und jetzt erzähl mir, war wirklich passiert ist!« Ich tat ihm den Gefallen. Als ich fertig war, warf er einen Blick auf seine Leibgarde und schüttelte den Kopf. »Das war tatsächlich sehr dumm von Malcolm. Ihm hätte klar sein müssen, dass wir Gewehrträger ständig unter Beobachtung stehen. Letztlich ist es mein Fehler. Die Jungs haben nur die Schwarze Liste im Kopf und wollen diese schnellstmöglich abarbeiten. Doch so funktioniert es natürlich nicht. Wir haben noch Jahre, um …« Ich erinnerte mich an Vipers Worte. »Aber wieso Flavus? Er war dir bisher überaus wohlgesonnen.« Mein Vater nickte. »Das stimmt. Doch ich erwarte, dass er sich von mir abwenden wird. Irgendein Zwist wird zwischen uns entstehen. In ein paar Jahren kämpft er wieder auf Seiten der Römer – gegen mich! So steht’s in den Geschichtsbüchern.« Ein erschreckender Gedanke kam in mir auf. »Was, wenn dieses Ereignis die Hagalianer sind? Oder sogar das gerade Erlebte?« Mein Vater sah mich fragend an. »Ich verstehe nicht.« »Aber es liegt doch auf der Hand! Erkennst du es nicht? Es gibt einen Begriff dafür. Warte mal …« Ich überlegte kurz. Dann fiel es mir wieder ein. »Selbsterfüllende Prophezeiung. Eine andere Person verhält sich so, wie du es erwartest, weil du sie letztlich durch dein eigenes Verhalten oder die Umstände dazu zwingst. Nichts anderes passiert doch hier. Die Hagalianer vergraulen Flavus, der sich später gegen dich wendet. Ich wette mit dir, dass dieses Ereignis heute die Wurzel allen Übels in Bezug auf deine Streitigkeiten mit Segimers Sippe ist. Du solltest dich sofort von Malcolm und seinen Männern trennen!« Empört schaute mein Vater mich an. »Spinnst du? Jeder Einzelne von ihnen kämpft wie einhundert Stammeskrieger. Ich kann nicht auf sie verzichten.« Seine Verbohrtheit ärgerte mich wie eh und je, machte mich aber auch wütend. »Und genau deswegen wirst du deinem Schicksal nicht entgehen, Vater.« »Ach, hör doch auf!«, winkte er ab. Dennoch stapfte er wutentbrannt zu Malcolm und Viper hinüber. Kurz darauf hörte ich, wie er sie zusammenfaltete. Ich bekam nur Brocken seiner Worte mit, konnte mir aber denken, wovon seine Standpauke handelte: »Mitdenken«, »Cherusker zu Feinden machen«, »Flavus ist mein Stiefbruder«, »Vollidioten«, »Niemals wieder so eine Dummheit«. Während Malcolm einsichtig nickte und betreten zu Boden schaute, starrte Viper meinen Vater bloß wortlos an. Seine Miene war zwar völlig ausdruckslos, aber mich hätte es nicht gewundert, wenn er ihm jeden Moment einen Faustschlag verpasst hätte. Ich zweifelte stark an der Loyalität dieses Mannes. Fürs Erste konnte ich jedoch nichts mehr tun, also wandte ich mich um und den Gefangenen zu, um sie hier wegzuschaffen. Marcus Caelius war zutiefst erschüttert. Nicht nur über die absolut ehrlose Tat der Hilfstruppen, die ihren Treueeid gegenüber ihren Befehlshabern so schändlich verraten hatten, sondern auch über die vielen Bleischleudern, die er heute sehen musste, und das Gemetzel, das sie unter seinen Leuten anrichteten. Und wie er sich an dieses merkwürdige Gerät erinnerte! Bei den Blitzen des Jupiter8 – jene Tage damals vor acht Jahren an den Ufern der Visurgis9 und später in Phabiranum10 würde er nie vergessen! Er hatte den damaligen Oberbefehlshaber aller Truppen, Ahenobarbus, persönlich vor dieser bleirotzenden Donnerschleuder gewarnt, doch niemand schenkte ihm Glauben. Viele hatten diese Ignoranz mit dem Leben bezahlt. Schließlich mussten sie gar die befestigten Weserlager für einige Zeit räumen. Ein Debakel sondergleichen und ein Schandfleck in der ansonsten so glorreichen Historie der 18. Legion Augusta! 8 Oberster römischer Gott 9 Römische Bezeichnung für den Fluss Weser 10 Römerlager an der Weser bei Bremen Doch was hier passierte, übertraf die Schmach von damals sogar noch. Es gingen Gerüchte um, der Legionsadler der 17. sei von den Aufständischen erbeutet worden. Eine ungeheure Vorstellung! Wenn das wahr sein sollte, war dies die größte Demütigung seit Lollius. Auch ihre Grausamkeit war außergewöhnlich: Während der letzten Meilen hatte er unzählige tote, verstümmelte oder gar noch lebende Kameraden in Bäumen hängen sehen, am Halse aufgehängt, teils festgenagelt an den massigen Stämmen. Obwohl Caelius den Anblick aus den besetzten Territorien vielfach gewohnt war, erschreckte es ihn doch, wenn er seine eigenen Waffenbrüder, Bürger Roms, so misshandelt sah. Und als wäre das alles nicht bereits schlimm genug: Die Hilfstruppen unter so namhaften Männern wie Arminius und Segimerus waren offenbar nicht nur desertiert, sondern machten nun auch noch mit niederstem germanischen Räubergesindel gemeinsame Sache. Er kannte den Kerl, der ihm und den anderen Offizieren eben mit Lederbändern die Handgelenke zusammengeschnürt hatte. Vor acht Jahren hatte genau dieser Mann brennende Ölamphoren mitten unter die Truppen und auf die ankernden Schiffe am Visurgisufer geschleudert – und so entscheidend zu ihrer bitteren Niederlage beigetragen. Wieso war ausgerechnet er jetzt hier? Es gab nur eine logische Erklärung: Arminius und Segimerus hatten sie tatsächlich in eine Falle gelockt, wie der Cheruskerfürst Segestes es vor Tagen bereits dem Varus höchstselbst prophezeit hatte. Und nun? Dieser einäugige Dieb zerrte ihn, den hochdekorierten Marcus Caelius, Sohn des Titus, Träger der Bürgerkrone11 und Centurio 1. Ordnung, sowie weitere Offiziere wie einfache Sklaven durch diesen schlammigen Urwald. Ihm war es leider nicht gelungen, diesen Halsabschneider umzubringen, aber bei den drei Parzen12 – er schwor, dass er beim nächsten Versuch erfolgreich sein oder sein Leben opfern würde! 11 Eine der höchsten militärischen Auszeichnungen im Römischen Reich; wurde für das Retten von Leben in einer Schlacht verliehen 12 Römische Schicksalsgöttinnen Ein einfacher Krieger, seiner Kleidung nach ein Cherusker, trieb ihre kleine Gruppe jetzt vor sich her, immer dem Einäugigen mit der Bleischleuder nach. Der Cherusker schien verletzt zu sein, so wie er sich eine Hand an die Brust presste. Caelius hatte genügend Verwundete in seinen dreiundfünfzig Jahren auf Gaias13 Antlitz gesehen, um einen zu erkennen. Allerdings hatte er den Räuber wohl nicht allzu schwer getroffen, dafür bewegte er sich noch zu geschmeidig. Aber es war eine Schwachstelle, die er sich merken würde. Außerdem bestand eine sehr gute Möglichkeit, dass der Wundbrand den Kerl in den nächsten Tagen dahinraffen würde. Immerhin starben die meisten Männer seit eh und je nicht auf dem Schlachtfeld, sondern daneben. Jede noch so kleine Schramme mit einer Klinge, die kurz zuvor noch im Gedärm eines anderen gesteckt hatte, trug den Tod mit sich. Er selbst hatte zum Glück keine schlimmeren Verletzungen davongetragen, außer einigen heftigen Prellungen vom Kampf mit diesem riesenhaften Ungetüm. 13 Gaia ist die sowohl von Griechen als auch Römern verehrte aus dem Chaos entstandene Erde Caelius sah sich um. Er lauschte den Rufen und Befehlen der Barbaren, verstand er doch nach so vielen Jahren, die er in diesem finsteren Landstrich bereits stationiert war, leidlich ihre Sprache. Caelius hatte sich stets für Kunst und Kultur interessiert und war stolz auf seine natürliche Begabung, Neues schnell zu erlernen. Das Problem war bloß, dass die Stämme westlich des Rheins keine Kultur besaßen, die diesen Namen wirklich verdiente. Jedenfalls keine, die der griechischen, römischen, ja, nicht mal der ägyptischen nahekam. So war ihm lediglich dieses gutturale Geknurre als Zeitvertreib geblieben, denn wer wusste schon, wozu dieses Wissen einmal gut sein würde. Sein Onkel war mit dem Handel gallischer Weine in Bononia14 reich geworden. Vielleicht konnte er, wenn Germania eines Tages eine reguläre römische Provinz sein sollte, Zinn und andere Metalle von hier aus mit großem Gewinn handeln. Da waren Sprachkenntnisse sicherlich hilfreich. Doch erst mal galt es, die eigene Situation entscheidend zu verbessern. Überall um ihn herum war der Hang mittlerweile bevölkert von Barbarenkriegern. Teile von Uniformen der römischen Hilfstruppen stachen ihm ringsum ins Auge. So etwas hatte er noch nicht erlebt! Desertierende Einheiten waren zwar keine Seltenheit, doch nie zuvor hatten diese sich in einem solchen Ausmaß anschließend gegen ihre früheren Kameraden gewendet. Caelius konnte nur von Glück sagen, dass Varus mehr als drei Legionen zur Verfügung hatte. Sobald das Gelände es hergab, würde er sie in entsprechende Schlachtordnung kommandieren und den Aufrührern den Garaus machen. Bis dahin musste er, Caelius, sich selbst helfen. Sicherlich nahm dieses Räuberpack ganz gezielt Offiziere wie ihn in Gefangenschaft, um hinterher ein Lösegeld für ihre Freilassung zu erpressen. Letztlich ging es diesen marodierenden Banden doch immer nur um Beute. Ehre und Treue bedeuteten ihnen offenbar gar nichts. Die Legion würde ihre Lehren daraus ziehen, soviel war sicher. Wenn er nur daran dachte, dass der alternde Princeps Augustus15 durch eine Leibwächtergarde aus Batavern bewacht wurde, denen er blind vertraute – ihm wurde ganz schlecht bei dem Gedanken. Soweit er wusste, waren Bataver, Chatten und Cherusker ursprünglich alle vom gleichen Schlag. Ein Volk, das sich irgendwann in grauer Vorzeit aufgrund innerer Zwistigkeiten gespalten und neuen Lebensraum erobert hatte. Konnte man der einen Gruppe nicht mehr trauen, konnte man das bei keinem von ihnen. Nun rächte sich, dass diesem verschlagenen Volk so viel Vertrauen entgegengebracht worden war – und das einzig und allein wegen ihrer Fähigkeiten als Krieger. Varus hatte sich dermaßen von den Erfolgen des Arminius einlullen lassen, dass er diesem zuletzt blind folgte. Caelius dagegen hatte dem Sohn des Cheruskerfürsten immer schon misstraut. Niemand war je Augenzeuge von dessen – zugegebenermaßen herausragenden – Erfolgen bei der Niederschlagung des pannonischen Aufstandes16 gewesen. Stets waren er und Segimerus mit ihren Cheruskern im Morgengrauen aufgebrochen, um Revolten in dem fremden Territorium niederzuschlagen. Sobald die regulären Legionstruppen an den Orten des Geschehens eintrafen, fanden sie immerfort nur noch die Überbleibsel regelrechter Massaker vor. Doch niemand hatte zu viele Fragen gestellt, denn die Kommandeure Tiberius und Saturninus brauchten die schnellen sowie vollständigen Siege dieses Arminius. In dieser Zeit hatte sich Caelius sehr gut mit einem weiteren Cheruskerfürsten angefreundet, Segestes, einem wahrhaft anständigen Mann, der den alten Werten von Ehre und Treue genauso anhing, wie ein römischer Bürger es tat. Dieser mochte den siegreichen Fürstensohn und Emporkömmling ebenso wenig wie er. Einmal deutete er an, dass Arminius gar nicht der leibliche Sohn des Segimerus sei und dass er dessen wahre Herkunft nicht kenne. Caelius war sich sicher, dass dies stimmte, wirkten die beiden doch beinahe gleich alt. Es hatte sogar Gerüchte gegeben, bei Arminius handele es sich um die frühere Geißel der Römertruppen in Germanien, Bliksmani. Doch diese Gerüchte wurden von oberster Stelle im Keim erstickt, angeblich um Arminius nicht zu beleidigen und seine Siege für das Römische Imperium nicht mit Makeln zu behaften. Segestes hatte zuletzt alle Legaten und Tribunen17 davon überzeugt, dass die Berichte von den vermeintlichen Aufständen bei Stämmen zwischen Amisia und Lupia18 eine Falle waren, in die Varus mitsamt der 17., 18. und 19. Legion gelockt werden sollte, um ihn im tiefsten Urwald zu vernichten. Tagelang hatte es kein anderes Thema mehr gegeben, jeder Offizier war aufgeschreckt und wachsam. Nur Varus ließ sich nicht überzeugen, schob die Unkenrufe des Segestes auf dessen persönliche Fehde mit Arminius und sprach diesem sein volles Vertrauen aus. 14 Bologna 15 Princeps ist der Titel für den römischen Kaiser, im Jahr 9 war dies Augustus 16 Revolte gegen das Römische Reich im kurz zuvor eroberten Pannonien (6 bis 9 n. Chr.) 17 Legat: Kommandeur einer Legion, vergleichbar mit einem General; Tribun: hoher Offizier; jede Legion verfügte über sechs Tribune 18 Ems und Lippe Varus’ Plan bestand darin, das aufständische Gebiet wie eine Zange zu umschließen: Die von ihm geführten mehr als drei Legionen sollten sich von Südosten her nähern, während sein Neffe, der Legat Lucius Nonius Asprenas, mit der 1. und 5. Legion von Südwesten her vorrückte. Arminius hatte Varus in diesem Plan bestärkt – und jetzt verstand Caelius auch, warum. Das gewaltige Fünf-Legionen-Heer war so beinahe halbiert worden. Varus’ Vertrauen in den Cheruskerfürsten ging sogar so weit, dass er ihn mit seinen Männern losziehen ließ, um zu kundschaften und die Garnisonen im Umland zu warnen. Was für eine Täuschung! Was für eine Enttäuschung! Nun steckten sie mittendrin im Schlamassel. Sobald er zurück bei seiner Truppe war, würde er über alles Gesehene detailliert Bericht erstatten, soviel war sicher. Und er würde dafür sorgen, dass der Princeps in Rom vor seinen Batavern gewarnt wurde. Wenn es nicht schon zu spät war … Er musterte Volesus und Papius vor sich, zwei altgediente, hochdekorierte Centurionen wie er. Beide hatten Hiebwunden an Beinen und Armen abbekommen. So schleppten sie sich eher mühsam den Hangpfad entlang, ihrem unbekannten Ziel entgegen. Sie ließen ihre Köpfe hängen, stöhnten leise vor sich hin und schienen jedwede Hoffnung verloren zu haben. Auf sie konnte er nicht zählen, wenn er fliehen wollte. Also war er auf sich allein gestellt. Verstohlen blickte er auf sein Handgelenk, während er achtgab, in dem zähen Schlamm nicht auszurutschen. Er dankte seinem Vater für das umsichtige Geschenk, das er ihm schon vor Jahren in seiner Ledermanufaktur in Bononia gemacht hatte: ein mit dünnen Eisenbändern durchsetztes Lederarmband, das seine Knöchel vor Schlägen schützte. Doch es besaß zusätzlich ein filigran und von außen unsichtbar hineingearbeitetes Futteral, in dem eine kurze, aber äußerst scharfe, biegsame und etwa daumenlange Klinge steckte. Diese hatte er noch nie gebraucht, allerdings würde sich das wohl bald ändern. Es juckte ihm förmlich in den Fingern zu probieren, ob er sie mit den gefesselten Händen erreichen konnte. Doch er musste sich gedulden, bis er Ruhe hatte. Sollte ihm die schmale und regennasse Klinge hier aus den Fingern gleiten, so war auch diese letzte Hoffnung dahin. Lieber sann er über einen Fluchtplan nach. Sich in den dichten Wäldern zu verstecken, würde kein Problem sein. Sicherlich hatten die germanischen Räuber andere Sorgen, als Zeit und Männer in seine Suche zu investieren. Aber wohin sollte er fliehen? Ein fast durchgängiger Riegel von Stammeskriegern zog sich entlang des gesamten Hangpfades, wie er mit zunehmendem Schrecken feststellte. Offenbar warteten sie hier oben als taktische Reserven im Hinterhalt. Es musste also eine ausgeklügelte Strategie hinter den Angriffen stecken, zumal der Heereszug an verschiedenen Punkten angegriffen wurde, nicht bloß an dem einen, wo er gekämpft hatte. Seinen Schätzungen nach tummelten sich allein hier oben Tausende. Und wenn ihn nicht alles täuschte, waren die Männer, die sie passierten und die ihn mit tödlich kaltem Grimm verächtlich anstarrten, keine Cherusker. Es handelte sich also nicht bloß um irgendeinen lokalen Aufstand, nein, dies war allem Anschein nach eine stammesübergreifende Revolte! Es grenzte fast an ein Wunder, dass niemand ihnen im Vorbeigehen die Kehlen durchschnitt, so hasserfüllt, wie man sie beobachtete. Schließlich betrat der Einäugige einen Pfad, der zu ihrer Linken noch tiefer in die Hügel hineinführte und somit weg von den Kämpfen. Das war gut! In seiner römischen Offiziersuniform würde Caelius nicht weit kommen, wenn er auch nur einem einzigen Barbaren in die offenen Arme rannte. Langsam nahm sein Plan vor seinem inneren Auge Gestalt an: Bei der erstbesten Gelegenheit würde er ins dichte Unterholz türmen. Mit ein wenig Glück konnte er mögliche Verfolger schnell abschütteln. Anschließend wollte er sich nach Westen wenden und dem Heereszug vorauseilen. Sobald er die Feinde hinter sich gelassen hatte, musste er wieder Richtung Norden, hügelabwärts, bis zum großen Heerweg laufen. Entweder würde er dort bereits auf die Vorhut des Heereszuges treffen oder dieser ostwärts entgegeneilen. Ein einfacher Plan, aber effektiv. Er umlief die feindlichen Truppen und würde dem Oberbefehlshaber Publius Quinctilius Varus wertvolle Informationen zu Truppenstärke und Taktik liefern. Ein schmerzhafter Stoß zwischen die Schulterblätter riss ihn aus seinen Gedanken. Empört wandte er sich um. Es war der hinkende Cherusker, der ihn speerschwingend anwies, schneller zu laufen. Erst jetzt bemerkte er, dass er etwa zehn Schritte hinter den am Bein verletzten Papius zurückgefallen war. Obwohl es seinen Stolz kränkte, von dieser hässlichen germanischen Nebelkrähe geschlagen zu werden, hielt er sich mit Gegenwehr zurück. Er wollte durch nichts auffallen, um seine Flucht nicht zu gefährden. Also beeilte er sich und holte schnell auf. Bald darauf erreichten sie eines der Räuberlager in einer langen, schmalen und waldigen Schlucht zwischen zwei Hügeln. Der Boden lag voller Geröll und Felsbrocken. Ein kleiner Bach wand sich an seiner tiefsten Stelle hindurch. In einem dichten haushohen Dornengestrüpp erblickte er den verdrehten und völlig zerschundenen Körper eines Mannes. Die dicken, scharfen Spitzen des Gestrüpps hatten ihn so zerschnitten, dass er jämmerlich verblutet sein musste. Caelius erschauderte vor Abscheu. Aufgrund der kurz geschnittenen dunklen Haare des Mannes ging er davon aus, dass er einer seiner Kameraden gewesen sein musste. Erwartete ihn das gleiche Schicksal? Nein, eher würde er sich die Pulsadern mit den Zähnen aufreißen, bevor er sich von den Barbaren auf diese Art abschlachten ließ. Hunderte Zelte schillerten im Regen. An den vielen Verletzten mit Rüstungsfragmenten der 18. sowie den typischen Legionszelten aus Ziegenhaut erkannte er, dass hier hauptsächlich die desertierten Cherusker hausten. Es war ein Lager, wie er viele in der Vergangenheit in Germanien, Pannonien oder Illyrien zerstört hatte. Nester von Unruhestiftern, räuberischem Gesindel, brandschatzenden Mörderbanden. So wie diese hier! Kaum zu glauben, dass sie bis vor Kurzem noch zur ehrbaren und hoch angesehenen 18. Legion Augusta gehört hatten. Der Einäugige mit der Bleischleuder hielt inne und besprach sich kurz mit dem Hinkenden. Er zeigte mehrmals auf seine rechte Seite, deshalb vermutete Caelius, dass er seine Wunde versorgen wollte. Sehr gut! Somit blieb nur noch der Hinkende als Wache übrig. Unauffällig blickte er sich um. Mehrere Hundert Verletzte lagen zumeist unter breiten Abdeckungen aus aneinandergenähten Rinderhäuten, die sie vor dem Regen schützten. Zwischen ihnen liefen Männer in weißen gewandartigen Überwürfen – ihre Priester – sowie zauberkundig aussehende Frauen geschäftig hin und her, um zu helfen und sie zu versorgen. Das Wehklagen der Verletzten klang wie Musik in seinen Ohren. Sollten sie doch alle hier im Schlamm krepieren und im Orcus19 tausend Jahre lang bestraft werden und unermessliche Leiden erfahren! Immerhin sah er nur vereinzelt kampffähige Männer. Vielleicht war tatsächlich noch nicht alles verloren. 19 Unterwelt der Toten im Glauben der Römer Der Hinkende führte sie an all den Leidenden und Versehrten vorbei in einen rückwärtig gelegenen Teil der Schlucht. Ein einzelner Stein ragte mehrfach mannshoch auf. Zu seinen Füßen hockten mehr als ein Dutzend weitere Gefangene: Standartenträger diverser Kohorten, deren Namen er nicht kannte, die Centurionen Crispinus und Valerianus, der Militärtribun Decimus Valerius, einige Dekurionen. Allen sah er die vergangenen Kämpfe an. Sie waren blutbefleckt, kleinere Wunden bedeckten ihre Hände, Arme und Gesichter, aber sie lebten. Beinahe regungslos beobachteten sie, wie der Hinkende seine letzte Fuhre römischer Offiziere zu Boden stieß und den jetzigen Wachmann daraufhin ablöste. Der Blick der Männer war leer und Caelius wusste auch, warum. Sie alle fühlten sich entehrt. Sie waren in Gefangenschaft geraten, hatten ihre Männer oder die Feldzeichen zurückgelassen oder gleich ganz verloren. Dabei hatten sie einen Eid auf ihr Leben geschworen, dass sie genau dies niemals zulassen würden. Caelius empfand genauso, nur mit dem Unterschied, dass er ein kleines Fünkchen Hoffnung verspürte, einen Teil seiner verlorenen Ehre wieder zurückzugewinnen. Caelius ließ sich zu Boden stoßen und hielt seinen Blick gesenkt. Zumindest so lange, bis der Hinkende sich ächzend unter einen kurzen Vorsprung des Felsens gehockt und sich seinen Umhang über den Kopf gezogen hatte. Langsam massierte er seinen Knöchel und sah zum Lager hinüber. Caelius konnte sein Glück kaum fassen. Ein Hinkender als einzige Wache! Wenn er seine Hände freibekam, hatte der Kerl noch nicht einmal den Hauch einer Chance, ihn einzufangen. Und bis Hilfe zur Stelle war, würde Caelius schon so tief im Unterholz stecken, dass er in Sicherheit war. Sein Herz pochte. Nervös sah er sich nach seinen Kameraden um, doch niemand schien ihn zu beachten. Keine verschwörerischen Blicke, keine geheimen Gesten. Offensichtlich war er der Einzige, der seine Schmach überwinden und zumindest versuchen wollte zu fliehen. Er sah ein weiteres Mal mit gesenktem Kopf zu dem Hinkenden hinüber. Der war dermaßen mit sich selbst beschäftigt, dass Caelius wahrscheinlich einfach hätte aufstehen und gehen können, ohne dass der Schwachkopf es bemerkte. Er drehte seine Arminnenseiten hoch. Die Lederfessel schnitt schmerzhaft in sein Fleisch, doch er achtete nicht darauf. Zum Glück konnte er seine linke Hand leicht in Richtung des Handgelenkes bewegen, doch es reichte nicht ganz, um an den unteren Rand des Lederarmbandes zu gelangen und diesen so hochzuklappen, dass er die dünne Klinge zu fassen bekam. Angstschweiß trat auf seine Stirn und mischte sich mit dem Wasser des endlosen kühlen Regens. Sollte er jemandem signalisieren, dass er Hilfe brauchte? Was war mit Volesus? Er blickte zu ihm. Nein, der saß zu weit weg. Direkt neben ihm hockte irgendein Feldzeichenträger der 17., dessen Unterlippe ohne Unterlass zitterte. Bei diesem Anblick verzichtete er lieber auf Hilfe und starrte erneut auf seine Hände. Immerhin war das Leder so mit Wasser vollgesogen, dass es sich ganz ordentlich dehnen ließ. Er atmete noch einmal tief ein und nahm sich vor, dieses Mal mehr Kraft in die Drehbewegung zu stecken – auch auf die Gefahr hin, dass der Hinkende auf seine angespannten Schultern aufmerksam wurde. Caelius drehte daraufhin seine linke Hand mit allen zur Verfügung stehenden Kraftreserven in Richtung seines rechten Unterarmes. Mit der Spitze seines Zeigefingers erreichte er tatsächlich das Ende des Lederarmbandes und schaffte es, sie darunterzuschieben. Seine Fingerkuppe klemmte nun zwischen dem gestrafften Armband und der stählernen Klinge. In dieser unnatürlichen Haltung versuchte er, sie mit sanften Bewegungen herauszuziehen. Hoch konzentriert gelang es ihm, sie Stück für Stück in die gewünschte Richtung zu schieben. Das plötzliche laute Husten des unbekannten Feldzeichenträgers neben ihm ließ ihn zusammenzucken. Vor Schreck hätte er seinen Finger beinahe wieder herausgezogen. Er verdrehte die Augen, um unauffällig zu der Wache hinüberzuschauen, doch die war immer noch mit ihrem Fuß beschäftigt. Also probierte er es weiter. Es dauerte auch nicht lange und er konnte die Klinge vorsichtig herausziehen. Glücklich, aber mit rasendem Puls starrte er das kurze Stück geschärften Stahls an. Ohne zu zögern, ging er zum nächsten Schritt über: Caelius drehte die Klinge so, dass er mit gemächlichen Bewegungen den dicken Lederriemen an seinem rechten Handgelenk durchschneiden konnte. Die letzten dünnen Fasern riss er mit einer sanften Drehung seines Armes auseinander. Er war frei! Zur Sicherheit nahm er die Klinge in seine Faust, sodass zwischen Mittel- und Ringfinger noch ein kurzes Stück des scharfen Stahles herausragte. Das reichte zur Notwehr, falls erforderlich. Jetzt musste er nur noch einen guten Moment abpassen. Er schaute zur westlichen Seite der schmalen Schlucht. Tropfnasses Dickicht erwartete ihn dort. Zwar würde er hangaufwärts fliehen müssen, doch mögliche Verfolger hätten mit den gleichen Bedingungen zu kämpfen wie er. Wichtig war folglich, dass er einen entsprechenden Vorsprung bekam. Der Hinkende erhob sich und humpelte einige Schritte in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Offenbar wartete er auf jemanden – vielleicht sogar auf den Einäugigen mit der Bleischleuder. Im Moment drehte er ihnen jedenfalls den Rücken zu. Ohne auch noch einen einzigen weiteren Gedanken an einen Plan zu verschwenden, nutzte Caelius seine Chance. Er sprang auf und rannte los! Erschrocken wichen seine Kameraden zur Seite, als er sich plötzlich zwischen ihnen bewegte und geduckt auf das nächste Gebüsch zulief, das Deckung verhieß. Jeden Augenblick erwartete er einen Schrei, einen warnenden Ruf, sogar den peitschenden Donnerhall der Bleischleuder – doch all das blieb aus. Hinter einem dicht gewachsenen Haselnussstrauch hielt er kurz inne und ließ sich auf das dicke, feuchte Laub sinken. So hatte die Nässe doch auch etwas Gutes: Die getränkten Blätter dämpften jeden Schritt, den er tat. Der beständig prasselnde Regen entpuppte sich als ein weiterer Verbündeter, denn er hatte jedes der von ihm verursachten verräterischen Geräusche geschluckt. Keuchend vor Anspannung blieb er einen Moment lang liegen. Gerade als er erneut aufspringen wollte, um die nächste Etappe in Angriff zu nehmen, ertönte jedoch ein Ruf. Caelius warf sich ein weiteres Mal flach auf den Boden und kroch halb unter das dichte Grün des Haselnusslaubes. Bei Fortuna20, dachte er, warum bin ich nicht weitergelaufen? 20 Römische Glücksgöttin Er hatte gehofft, dass es ein wenig länger dauern würde, bis sie sein Fehlen bemerkten. Wo würden sie ihn suchen? Vorsichtig schob er ein paar Zweige zur Seite, um zurückzublicken und besser abschätzen zu können, was ihn möglicherweise als Nächstes erwartete. Doch der Grund für den ärgerlichen Ruf des Hinkenden war nicht sein Fehlen, sondern dass Centurio Papius offenbar seinem Beispiel folgen wollte, dies aber mit seinen gefesselten Händen so ungeschickt angestellt hatte, dass die Wache aufmerksam geworden war. Der Cherusker humpelte zu Papius hinüber und stieß ihn mit dem Schaft seiner langen Lanze unsanft wieder zu Boden. Ein Schwall ärgerlicher Worte kam über seine Lippen, doch niemand verstand sie. Immerhin schaute keiner seiner Kameraden auffällig in seine Richtung. Der Cherusker schien nicht zu bemerken, dass jemand fehlte. So wandte er sich um und Ruhe kehrte wieder ein. Caelius zählte langsam bis fünfzig, dann wagte er es erneut. Auf allen vieren kroch er wie ein schlammverschmiertes Tier auf ein paar moosüberwachsene Felsbrocken zu, blieb in deren Deckung und erreichte schließlich den Gehölzrand. Als das Blattwerk genügend Schutz bot, erhob er sich endlich. Er hatte es tatsächlich geschafft, er war entkommen! Und es war so einfach gewesen! Es tat ihm zwar leid, dass er seine Kameraden zurücklassen musste, doch es nützte nichts. Vielleicht gelang ihnen ja ebenfalls noch die Befreiung, wenn die Angreifer erst einmal zurückgedrängt waren. Jetzt galt es, auf schnellstem Wege Varus und die Legaten der Legionen zu erreichen, zumindest einen der Tribune. Er sah sich um. Der Hang war steil, aber nicht besonders hoch. Es würde ihn viel Kraft kosten, insbesondere wenn er mehr solcher Hügel überqueren musste. Also begann er den Aufstieg. Glücklicherweise hatte er Thiaminus, einen seiner Dienstsklaven, gestern Nacht noch Nägel durch seine Schuhsohlen treiben lassen. So hatte er einen wirklich guten Halt auf dem schlüpfrigen Boden. Keuchend und trotz der Kälte und des Regens schwitzend erreichte er schon bald die Kuppe des Hügels. Das Cheruskerlager lag hinter und unter ihm, als er mit dem Abstieg auf der anderen Seite begann. Da der Wind hier oben noch heftiger blies, rauschten die hohen Bäume fast ohrenbetäubend. Er hörte nicht einmal den Lärm der nahen Schlachtfelder. Eilig lief er weiter. Einige Stunden waren verstrichen, als Caelius den Entschluss fasste, sich wieder in nördliche Richtung zu bewegen. Gefahr durch Verfolger drohte ihm hier sicher nicht mehr. Er hatte aber keine Ahnung, wie weit sich die Frontlinie der Feinde hinzog. Er musste also damit rechnen, dass auch in dieser Gegend noch germanische Kriegereinheiten lagerten und die Hänge zur moorigen Ebene besetzt hielten. Immerhin erstreckte sich der Heereszug der drei Legionen über viele römische Meilen. Er wusste nicht mehr, wie viele der langgezogenen, schmalen Täler er mittlerweile durchquert hatte. Fast in jedem davon hatte er im vorderen Bereich Zelte und aufgespannte Häute ausgemacht. Natürlich – irgendwo mussten die vielen Tausend Krieger, die sich in diesen Bergen tummelten, ja auch bleiben, wenn sie nicht gerade seine Kameraden abschlachteten. Er musste äußert vorsichtig sein. Allerdings konnte er es vergessen, mit seiner römischen Uniform unentdeckt an diesen zahlreichen Menschen vorbeizukommen. Früher oder später würde man auf ihn aufmerksam werden und dann war er geliefert. Den schweren Kettenpanzer und die Beinschienen hatte er wegen des Gewichtes bereits vor Stunden abgelegt, doch seine rote Tunika, seine Schuhe, erst recht die kunstvoll verzierte und edelsteinbesetzte, aber leere Schwertscheide wiesen ihn immer noch als Römer aus. Was er brauchte, waren einer dieser germanischen Umhänge, ein paar Beinlinge sowie eine Lederkappe, um seinen römischen Militärhaarschnitt zu verbergen. Bis dahin musste er sich tarnen. Also wählte er eines der unzähligen Schlammlöcher, kniete sich hin und fing an, den leuchtenden Stoff seiner Tunika mit der feuchten Erde einzureiben. Doch das dauerte zu lange. Schließlich biss er die Zähne zusammen, hielt die Luft an und wälzte sich mehrfach in der kalten, nassen Lache hin und her, bis sein ganzer Körper schlammverschmiert war. Eine dicke Schicht gelben Buchenlaubes bedeckte ihn, was seine Tarnung zusätzlich verstärkte. Wenn er sich geschickt anstellte, würde ihn so niemand entdecken. Schon nach wenigen Schritten erkannte er, dass auch das nächste Tal ein Lager beherbergte. Er schlich näher heran. An hohen Holzstangen baumelten ein paar der Feldzeichen der Barbaren. Caelius bemerkte einen Habichtkopf und irgendein barbarisches Gestänge, an dem Hunderte von Habichtfedern schlaff und regenschwer im Wind schwangen. Da er lange Zeit im Weserlager Phabiranum stationiert gewesen war, wusste er sofort, mit welchem Volk er es hier zu tun hatte: den Chauken! Diese Erkenntnis war höchst interessant, wenn sie ihn auch über alle Maßen schockierte. Denn damit bestätigte sich seine Vermutung, dass es sich bei diesem Überfall nicht nur um einen lokal geführten Raubzug handelte, sondern tatsächlich um eine groß angelegte Revolte. Chauken lebten etwa einhundert römische Meilen nördlich von hier und befanden sich, ähnlich wie die Cherusker, im Status eines Verbündeten des Römischen Reiches. Entsprechende Verträge mit den chaukischen Häuptlingen waren bereits vor Jahren geschlossen worden. Seitdem hatte es keinerlei Aggressionen mehr gegeben. Varus würde schäumen vor Wut. Und Caelius war nun sogar noch motivierter, es zurück zum Heer zu schaffen, um seine Informationen loszuwerden. Das helle Lachen von spielenden Kindern riss ihn urplötzlich aus seinen Gedanken. Ein Hund bellte und eine Frauenstimme rief etwas in der Sprache der Barbaren. Alarmiert duckte sich Caelius. Er konnte es nicht fassen. Hatten die Chauken sogar ihre Familien in diese Schlacht mitgebracht? Auf allen vieren kroch er weiter in Richtung der Geräusche. Auch dieses Tal wurde von einem schmalen Bach durchzogen. Sonst sicherlich bloß ein dünnes Rinnsal, war er aufgrund der starken Regenfälle nun zu einem schnell fließenden Gewässer angewachsen. An dessen Ufer sah er zwei Jungen, die Frau und den Hund. Einer der Jungen spritzte dem anderen gerade etwas Wasser ins Gesicht, worauf dieser erneut laut auflachte. Er tauchte einen großen Beutel aus Leder in den Bach und füllte ihn. Ansonsten war weit und breit niemand zu sehen. Caelius dachte fieberhaft nach. Konnte ihm eine Geisel weiterhelfen? Nein, eigentlich nicht. Er würde bloß langsamer vorankommen, seine Anwesenheit verraten und letztlich wusste er auch nicht, was ihr Leben irgendwelchen Kriegern bedeutete, denen er über den Weg lief. Wahrscheinlich gar nichts. Außerdem war da noch der Hund. Und schlussendlich war er auch noch unbewaffnet. Mit der Schwertscheide als Keule würde er nicht einmal die Barbarenfrau und ihre Kinder erschrecken. Während diese weiter am Bachufer herumtollten, stromerte der große braun-weiße Hund durchs hohe Gras. Die Frau folgte dem Tier mit ihren Blicken und sah nun genau in Caelius’ Richtung. Etwas an ihr kam ihm seltsam bekannt vor. So wie sie da stand, die aufrechte Haltung, das dunkelbraune Haar, auch wenn es klatschnass an ihrem Kopf klebte, die feinen Gesichtszüge. Caelius kniff die Augen zusammen und kroch noch ein paar Meter vorwärts. Sein Herz schien ein weiteres Mal vor Aufregung zerspringen zu wollen, immerhin befand sich dort vorne – nur einen guten Steinwurf entfernt – ein Hund. Doch bei dem stürmischen Wetter und dem Regen bestand kaum Gefahr, dass dieser ihn witterte. Diese Frau! Verflucht und beim Arsch des Vulcanus21 – woher kannte er sie? 21 Gott des Feuers und der Schmiedekunst Dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: JULIA! Er hatte sie damals halbtot und vergewaltigt von diesem schmierigen Chauken Smeroling in Phabiranum gekauft und vom Lagerarzt wieder aufpäppeln lassen. Einige Wochen lang hatte sie bei ihm gelebt und er brachte ihr erste Grundzüge seiner Sprache bei. Im Zuge der folgenden Unruhen war sie aus seiner Unterkunft verschwunden. Unglaublich – da vorne stand tatsächlich jene Julia von damals! Caelius erinnerte sich an seine Gefühle in jener Zeit, wie fasziniert und angezogen er von ihr gewesen war. Sie war ihm so rätselhaft und schön erschienen, gleichzeitig so fremdartig und doch so vertraut. Ihr Name deutete auf die alte römische Adelssippe der Julier hin, auch ihre feinen Gesichtszüge, ihre gepflegte Haut und ihre Zähne. Sie war ihm wie ein Wesen aus einer anderen Welt vorgekommen. Und jetzt? Was sollte er tun? Sich zu erkennen geben? Das musste ein Zeichen der Götter sein, anders konnte er sich ihr erneutes Aufeinandertreffen nicht erklären. Und diesmal würde er nicht zulassen, dass sie einfach so verschwand. Verwirrt und fasziniert beobachtete der Centurio jede ihrer Bewegungen. Waren das ihre Kinder? Wahrscheinlich, so wie sie auf sie achtete. Nachdem die beiden Jungen einige Zeit gespielt hatten, wollte Julia sich offenbar wieder in Richtung des Lagers wenden. Erst jetzt entdeckte er die mit Häuten umwickelten Bündel, die ein Stück abseits im Gras lagen. Brach sie mit ihren Kindern gerade zu einer Wanderung oder einem Marsch auf? So sah es aus. Nun musste er sich schnell entscheiden. Doch sie nahm ihm diese Entscheidung ab, indem sie einen für ihn unsichtbaren Pfad beschritt und gleichzeitig eine Sturmböe mit derartiger Lautstärke durch die Bäume rauschte, dass diese sogar einen Schrei von ihm verschluckt hätte. Und ehe er sich versah, liefen die Kinder und der Hund bereits hinter ihr her. Die kleine Gruppe verschwand zwischen dem tropfnassen Grün. Offenbar hatte auch sie nicht vor, den etwas breiteren, von zahllosen Stammeskriegern bevölkerten Bergpfad weiter nördlich zu benutzen. Fasziniert davon, sie an einem solchen Tag ausgerechnet hier zu entdecken, entschloss er sich, ihr zu folgen. Vielleicht kannte sie sogar einen sicheren Weg aus den Hügeln heraus. Getrieben von der Erinnerung, sie damals gerettet und beschützt zu haben, erhob er sich und schlich ihnen nach. »Ich kann nicht mehr!«, stöhnte der kleine Hortari, drehte sich zu Julia um, die hinter ihm und Skrohliko lief, und verzog trotzig das Gesicht. Auch Skrohliko blieb stehen. Julia erkannte, dass er nur mühsam ein Weinen unterdrückte. Obwohl sie noch nicht lange auf diesen engen und steilen Hügelpfaden unterwegs waren, zehrte die Anstrengung schon jetzt an den geringen Kräften der Kinder. Julia hatte volles Verständnis dafür, doch was blieb ihnen in dieser Situation anderes übrig? Seit Tagen hatte sie mit sich gerungen. Heute Morgen hatte sie endlich den mutigen Entschluss gefasst, nicht länger zu bleiben und den schwachsinnigen Befehlen eines Ingimundi zu gehorchen. Sie hatte einen Plan – und zwar einen richtig guten. Einen, der sie und die Kinder am Ende nach Hause bringen würde, ins 21. Jahrhundert. Dafür musste sie als Erstes diesen Segestes finden. Offenbar war er der Einzige, der sich hier traute, Armin in die Suppe zu spucken. Und offenbar war dieser Segestes außerdem der Einzige, der ein echtes Druckmittel gegen Armin in der Hand hatte: seine Tochter und damit Armins neueste Liebschaft Thusnelda oder wie auch immer diese Tussi hieß. Julia war es egal. Sie würde Segestes’ Vertrauen gewinnen und dann einen Weg finden, Armin zu erpressen, sie und die Kinder endlich durch das Feuer zurückkehren zu lassen. Auf Malcolms Wort wollte sie sich nicht verlassen. Nach und nach war ihr klar geworden, dass er ihr das Blaue vom Himmel heruntergelogen hätte, nur um sie für seine Sache zu gewinnen. Nein, sie musste sich schon selbst helfen. Alles hatte sich gestern Abend gefügt. Aus einem Gespräch zwischen Athalkuning und Ingimundi hatte sie aufgeschnappt, dass Segestes fürchtete, Arminius könne sich an ihm rächen, weil er sich nicht an dem Aufstand beteiligte. Offenbar schreckte dieser Segestes nicht einmal davor zurück, Armin offen zu beschimpfen und zu beleidigen. Julia hatte still in sich hinein lächeln müssen, als sie das hörte. Sie hätte Armin ebenfalls nur allzu gerne ein paar deutliche Takte geflüstert, insbesondere da er sie zuletzt wie eine Leibeigene behandelt hatte. Allerdings brauchte sie ihn noch. Dieser Segestes war also in den westlichen Teil dieser kalten und nassen Hügel geritten – wohl, um wieder zu den Römern zu stoßen, wenn sie die Angriffe auf ihrem Weg zum Rhein hinter sich gelassen hatten. Der Cherusker lagerte demnach nur etwa eine Fußstunde vom Chaukenlager entfernt am Hang eines gut zu verteidigenden Hügels. Das war ihre Chance! »Es ist nicht mehr weit«, beruhigte Julia die Kinder auf Deutsch. Sie nutzte jede Gelegenheit, wenn sie mit Hortari und Skrohliko alleine war, ihnen ihre Muttersprache näherzubringen. »Hinter dem nächsten Hügel müsste es schon sein.« »Können wir eine Pause machen?«, fragte Hortari. »Ich muss mal.« Julia seufzte. Wenn die Kinder jetzt bockig wurden, war ihr auch nicht geholfen. Misstrauisch sah sie sich um. Sie waren allein mit den hohen Bäumen und dem Regen. Außerdem war der treue Bruno ja auch noch da. »In Ordnung, aber beeil dich. Wir wollen nicht länger als unbedingt nötig im Nassen stehen.« Zum Glück gab es nur diesen einen Trampelpfad, verirren war also ausgeschlossen. Als sie den nächsten, bereits deutlich flacheren Hügel hinabstiegen, konnte sie zwischen den Bäumen auf der anderen Seite der vor ihnen liegenden Senke die charakteristischen gegerbten Ziegenfelle erkennen, die zum Schutz vor dem Regen überall aufgespannt waren. Segestes’ Lager! Hier und dort stiegen dünne Rauchfahnen auf. Ihr Herz schlug wild vor Aufregung. Sie hatte keine Ahnung, wie man sie empfangen würde. So kurz vor dem Ziel haderte sie nun aber doch mit ihrem Entschluss. Was, wenn sie ihre Kinder in Gefahr brachte? Angst schnürte sich wie ein dünnes Band um ihre Kehle. Was, wenn diese Cherusker ihr und den Kindern etwas antaten? Krieg machte die Männer zu Bestien, das wusste jede Frau. Die allgegenwärtige Rohheit und die Gewalt verleiteten sie dazu, Dinge zu tun, die sie unter normalen Umständen verabscheuen würden. Auch Kindern gegenüber. Und jetzt begab sie sich freiwillig unter eine Meute solch wilder Bestien, ohne einen von ihnen auch nur zu kennen. Niemand würde sie dort im Notfall beschützen. Ihr Plan erschien ihr mit einem Male nicht mehr so klug. Sie war bereits drauf und dran, wieder umzukehren, als plötzlich ein Ruf aus einem breitstämmigen Bergahorn erklang. Sie schrak zusammen. Die Entscheidung war ihr offenbar abgenommen worden. »Da sind wir«, sagte sie mit zittriger Stimme zu den Kindern. Freudig vernahmen diese die guten Nachrichten. »He! Ihr da! Stehen bleiben! Wer seid ihr? Wo wollt ihr hin?« Julia blickte hoch und erkannte erst jetzt den gut getarnten Stammeskrieger, der – in einen dicken dunkelgrünen Umhang gehüllt – auf einem breiten Ast saß und von dort die gesamte Senke überblickte. In einer Hand hielt er einen kurzen Speer, den er auf sie richtete. Von seiner Lederkappe floss das Wasser in einem beständigen Rinnsal vor seinen Augen und seiner Nase herab. »Ich bin Julia von den Aha-Stegili-Chauken. Das sind meine Kinder. Auch der Hund gehört zu uns. Wir wollen Segestes aufsuchen. Ich habe etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen.« Der Mann lachte hörbar. »Aha! Und was kann das sein?« »Meine Nachricht ist nur für seine Ohren bestimmt. Wo finde ich ihn?« Ein hämisches Schnauben erklang, das wohl auch ein Lachen darstellen sollte. »Bist du dämlich, Weib? Frauen und Kinder sind hier nicht erwünscht. Falls du es noch nicht bemerkt hast: Es herrscht Krieg! Was seid ihr? Flüchtlinge?« »So etwas in der Art.« Julia musste sich zusammenreißen, damit ihre Stimme nicht allzu sehr zitterte. Sie legte ihren beiden Söhne links und rechts schützend die Arme um die Schultern. »Ich habe eine wichtige Nachricht für Segestes. Sie betrifft Arminius. Führst du mich nun zu ihm? Es ist wirklich dringend.« Offenbar war der Name des aufständischen Cheruskerfürsten das richtige Stichwort für den Mann im Baum. Er zeigte auf eine der breiteren Ziegenhautplanen zu ihrer Linken. »Hast du Waffen dabei, Weib?« »Nein.« Die Wache seufzte. »In Ordnung. Geh dort rüber, da müsstest du ihn finden.« Julia nickte zum Dank und stapfte erleichtert weiter. Überall um sie herum hockten mürrisch aussehende Cheruskerkrieger unter provisorischen Regenschutzen und würfelten, pflegten ihre Waffen oder starrten Julia bloß feindselig an. Immerhin hielt niemand sie auf. Eine fremde Frau mit Kindern stellte in ihren Augen keine Gefahr dar. Kurz darauf erreichte sie den Unterstand. Mehrere rechteckige Ziegenhautzelte waren hastig zusammengenäht und mit Seilen an Bäumen befestigt worden. Weitere Hautbahnen, die aufrecht zwischen den Stämmen hingen, boten seitlichen Schutz. So war ein halbwegs trockener Bereich von etwa fünf mal fünf Schritten Fläche entstanden. Immer wieder fuhr der Wind unter die Häute, blähte diese mit Kraft auf und drohte sie wegzureißen. Bisher hielt das Konstrukt dem allerdings stand. Ein Dutzend Männer diskutierte aufgeregt miteinander. Als man sie bemerkte, verstummten die Gespräche nach und nach. Aller Augen ruhten nun auf ihr. »Ich suche Segestes«, rief sie laut und deutlich. Ein breitschultriger Mann mit kahlem Kopf und dichtem langen Bart, der ihm bis auf den mächtigen Brustkasten fiel, trat hervor. Seine kleinen Augen musterten sie und ihre Kinder erstaunt. »Wer bist du?«, fragte er. Sie sagte es ihm. »Von den Chauken?« Er nickte wissend. »Ein paar von euch lagern nicht weit von hier. Du trägst einen seltsamen Namen für eine Chaukin. Doch komm erst mal herein! Ich bin Segestes. Warum suchst du mich?« Julia nahm all ihren Mut zusammen. »Ich hörte, du seist ein ehrbarer Mann, einer, der sein Wort hält und nicht bricht.« Segestes verengte misstrauisch die Augen. »Ich nehme an, du meinst, nicht so wie Segimer und Arminius, unsere glorreichen, aber treulosen neuen Anführer?« Er stieß ein bitteres, raues Lachen aus. »Doch was gehen dich die Zwistigkeiten der Cherusker an, Julia von den Chauken?« »Mehr als du im Moment noch ahnst. Kann ich dich alleine sprechen?« Ihre Direktheit schien ihn zu überraschen. Der eine oder andere der Männer lachte leise, erwartete, dass ihr Anführer die freche Chaukin abwies. Doch der musterte Julia bloß ein weiteres Mal intensiv und machte eine Handbewegung. »In Ordnung. Männer, lasst mich allein mit der geheimnisvollen Julia von den Chauken! Ich habe so ein Gefühl, dass es sich lohnen wird.« Obwohl das in keiner Weise obszön gemeint war, verstärkte sich das Gelächter noch. Julia fing eine Reihe lüsterner Blicke auf. »Raus mit euch, wird’s bald!«, rief Segestes und scheuchte auch die letzten seiner Gefolgsleute in den Regen. Nun waren sie unter sich. Segestes trat vor sie und musterte sie eindringlich. »Weißt du, Julia, ich bin jetzt einige Jahre mit römischen Legionen durch die Lande gezogen und ich habe in dieser Zeit viele Menschen kennengelernt. Ich könnte sogar sagen, dass ich ein guter Anführer für meine Männer bin, gerade weil ich ein guter Menschenkenner bin.« Er machte eine Pause, warf ihr einen forschenden Blick zu und betrachtete sie erneut lange und intensiv, dann die Kinder und zuletzt Bruno, der im Regen höchst interessiert an einigen Gräsern schnupperte. »Du bist anders als all die Menschen, die ich kennengelernt habe. Das sehe ich sofort.« Er nickte bedächtig und kaute kurz auf seiner Unterlippe, so, als denke er nach. »Zum einen wäre da dein Name. Zum anderen die Art, wie du dich bewegst, wie du hier hereintrittst und die Aufmerksamkeit auf dich ziehst. Du trägst zwar chaukische Kleidung, aber ich wäre ein Narr, anzunehmen, du wärst als eine von ihnen geboren. Ich frage dich also noch einmal: Wer bist du?« Julia schluckte. Sie hatte nicht wirklich viele Gedanken daran verschwendet, was genau sie Segestes sagen wollte und was nicht. Nun war es zu spät: Sie musste intuitiv handeln. Ihr Gefühl sagte ihr, dass Segestes ein kluger und umsichtiger Mann war und dass sie ihm trauen konnte. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als ihm die Wahrheit zu sagen. Zumindest einen plausiblen Teil davon … »Ich bin vom gleichen Stamm wie Arminius. Wir sind von …« Sie stockte kurz, überlegte. Sie wusste, dass Leon an dieser Stelle stets von einem Stamm weit im Osten sprach. Doch sie hatte keine Ahnung, was genau Segestes über Armin wusste, also ging sie kein Risiko ein. »… von weit her gekommen. Unser Volk lebt ähnlich wie die Römer, deswegen tragen wir auch teilweise ihre Namen. Ich kenne ihn sehr gut, musst du wissen. Wir haben eine Zeit lang als Mann und Frau zusammengelebt.« Segestes hob die Augenbrauen. »So gut kennst du ihn also, ja?« Der Cherusker sah auf Hortari und Skrohliko. »Ist er ihr Vater?« Ein furchtbarer Moment der Panik erfasste Julia. Segestes war der erklärte Feind von Armin. Würde er Hortari deswegen etwas antun, ihn gar gegen Armin als Druckmittel einsetzen? Durch ihre Reaktion verriet Julia sich selbst. »Also ja«, sagte er nachdenklich, aber ohne eine Spur von Boshaftigkeit. Eher sprachen Güte und Freundlichkeit aus seinen Augen, als er die Kinder betrachtete. Julia beschloss erneut, diesem Mann zu vertrauen. Letztlich blieb ihr auch nichts anderes übrig. Die Kinder standen in einer Ecke des Zeltes und studierten aufgeregt miteinander diskutierend die dort lagernden Schwerter. »Hortari ist sein Sohn, Skrohliko nicht«, gab sie schließlich mit gesenkter Stimme zu. Segestes entging ihre Furcht nicht. »Keine Sorge, Julia von den Chauken, ich werde deinen Kindern nichts tun. Ich liege im Zwist mit den Verrätern Arminius und Segimer, nicht mit dir oder ihnen. Sogar Inguiomer hat sich als ehrlos erwiesen. Du hast nichts von mir zu befürchten. Erzähle mir mehr von dir!« Julia war ihre Erleichterung deutlich anzumerken. Sie hatte zwar die Pistole unter ihrem Umhang, hätte diese aber nur im äußersten Notfall eingesetzt. Jetzt war sie sicher, dass sie diese nicht benötigte. Sie schickte die Kinder spielen, um mit Segestes in Ruhe weiterreden zu können. »Nachdem ich Arminius verlassen habe – wir haben nie den heiligen Ehebund geschlossen –, bin ich vor einigen Jahren von den Chauken aufgenommen worden, habe einen von ihnen geheiratet und glücklich gelebt. Bis römische Steuereintreiber meinen Mann erschlugen.« »Ah«, sagte Segestes. »Davon habe ich gehört. Wie hieß er doch gleich? Ich habe ihn am Weißen Fluss22 kennengelernt, beim Truppenaufmarsch des Tiberius gegen die Langobarden. Er war ein sehr guter Mann. Werthliko … ja, so hieß er, oder?« 22 Elbe Julia nickte traurig. »Ja. Es war … schrecklich.« Sie unterdrückte aufkommende Tränen. »Die Stämme haben recht, wenn sie wegen solcher Strafaktionen durch römische Liktoren aufbegehren«, stimmte Segestes nachdenklich zu. »Das darf niemals wieder passieren. Aber einen Treueeid zu brechen, macht einen Mann ehrlos und wiegt genauso schwer. Für dauerhaften Frieden müssen wir einen Weg dazwischen finden und beschreiten. Einen, der die Römer im Zaum hält und uns unsere Freiheit lässt.« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Aber deswegen bist du sicher nicht hier. Was willst du also von mir? Warum bist du gekommen und setzt dich damit dem Zorn des Vaters deines Sohnes aus?« »Arminius hat etwas, was ich brauche«, sagte sie. »Und du hast etwas, was Arminius will, aber nicht bekommen soll. Außerdem trachtet ihr euch gegenseitig nach dem Leben. Ich glaube, ich weiß einen Weg, wie wir beide das bekommen, was wir wollen, und Arminius das, was er verdient.« Segestes runzelte die Stirn. »Das hört sich sehr rätselhaft an, geheimnisvolle Julia von den Chauken. Es scheint, als hättest du lange darüber nachgedacht, was du mir sagen willst, und jetzt verstehe ich dich nicht. Erkläre es mir.« Julia seufzte. Ihr wurde klar, wie unverständlich ihr Sprüchlein auf diesen cheruskischen Kriegerfürsten wirken musste. »Ich will zu meinem Stamm zurückkehren, doch es ist ein langer und sehr mühevoller Weg. Nur Arminius kann mir dabei helfen. Aber diese Hilfe verweigert er mir.« »Das verstehe ich nicht«, unterbrach Segestes. »Wieso suchst du dir nicht einfach einen Führer, der den Weg kennt? Wofür brauchst du Arminius?« Julia überlegte kurz, wie sie dem Cherusker am besten ihr Dilemma erklären konnte. »Stell dir vor, du wirst irgendwo in einem fernen Land ausgesetzt. Du weißt nicht, wie du dort hingekommen bist. Nur eine einzelne Person weiß, wo deine Heimat liegt. Niemand sonst hat je von ihr gehört und erst recht kennt niemand den Weg. Doch diese eine Person hilft dir nicht freiwillig. Du bist also gezwungen, in diesem fernen Land zu leben, oder du schaffst es irgendwann und mit welchen Mitteln auch immer, diese Person davon zu überzeugen, dir zu helfen.« Sie zuckte mit den Schultern. »Besser kann ich es nicht erklären.« Segestes wirkte nach wie vor nicht überzeugt. »Deine Heimat scheint unermesslich weit weg zu sein. Du musst dich doch aber an irgendetwas erinnern. Seid ihr über ein größeres Wasser gekommen oder durch hohe Berge? Wie lange hat die Reise hierher gedauert? Ich bin weit herumgekommen, musst du wissen, war mit der 18. in Pannonien und Dalmatien. Das liegt viele, viele Tagesmärsche entfernt von hier. Ich habe riesige Gebirge gesehen, deren Gipfel immer weiß von Schnee sind, selbst im Sommer. Dort, wo sie enden, beginnt das Reich der Himmelsgötter, heißt es. Noch weiter im Osten gibt es keine Wälder mehr, sondern unendliche Steppen, auf denen nur Gras wächst und die von einer Vielzahl von Bächen durchzogen sind. Die Wisentherden dort sind so groß wie das Volk der Cherusker. Die Pannonier erzählten wiederum von noch ferneren Ländern, von Völkern, die ihre Kinder in Wolfskuhlen werfen, um sie im frühesten Alter bereits im Kampfe zu härten, und die auf fliegenden Pferden reiten. Ich habe viel gesehen und noch mehr gehört. Beschreibe mir dein Volk und dein Land, vielleicht kann ich dir doch helfen.« Julia würde Segestes nichts vormachen können, soviel war klar. Wenn sie Hilfe von ihm erwartete, musste er ihr trauen. Offenbar erkannte der Cherusker eine Lüge, sobald man sie ihm auftischte, also beschloss sie, bei der Wahrheit zu bleiben. Er würde zwar nichts damit anfangen können, aber letztlich war das ja auch Sinn der Sache. Nicht er konnte sie ins 21. Jahrhundert zurückbringen, sondern Armin. »Ich kann es versuchen. Das Land heißt Deutschland. Dort werden fast alle Häuser aus Stein gebaut, ähnlich wie in Rom. Nur viel höher. Sie haben fließendes Wasser darin, statt eines Feuers ein Stück Metall, das ihnen im Winter Wärme spendet, und kleine Kugeln an der Decke, die leuchten. Menschen reisen nicht auf Pferden oder zu Fuß, stattdessen in Wagen, die eine Art Zauberkraft antreibt.« Segestes schlug plötzlich eine Faust in die andere offene Hand. »Arminius’ Bleischleuder stammt auch von dort, richtig?« Julia nickte. »Kugeln, die leuchten …« Segestes winkte ab. »Du musst mir später mehr davon erzählen! Ich will alles hören! Allerdings hast du recht damit, dass ich von einem solchen Land tatsächlich noch nichts gehört habe. Ich bin sicher, auch sonst niemand. Was meintest du damit, ich hätte etwas, was Arminius nicht bekommen soll, aber will? Meinst du meine Tochter, Thusnelda?« »Ja. Nach allem, was ich weiß, liebt er sie und will sie gegen deinen Willen zur Frau nehmen.« Segestes grunzte heißblütig. Von einer Sekunde zur anderen fiel seine ruhige Gelassenheit von ihm ab und ein gefährliches Glitzern trat in seine Augen. »Nur über meine Leiche! Eher schicke ich sie für den Rest ihres Lebens nach Rom ins Exil, bevor ich sie Arminius zur Frau gebe! Dort endet selbst die Macht, die ihm seine Bleischleuder verleiht. Gegen Rom kann auch er nichts ausrichten und Thusnelda wäre sicher vor ihm.« »Genau«, stimmte Julia zu und sah ihn listig an. »Du hast es gerade selbst gesagt: Nur über deine Leiche gibst du sie ihm zur Frau. Ich denke, das weiß er – und genau deswegen bist du in Gefahr. Du weißt sehr wohl, wozu er mit seiner Bleischleuder imstande ist. Wenn er will, tötet er dich aus großer Entfernung, und niemand kann es verhindern.« Segestes verzog das Gesicht. »Was meinst du, weswegen ich mich in diesem Tal verkrieche wie ein Marder in seiner Baumhöhle? Mir ist klar, wozu er fähig ist, doch ich kann nichts dagegen tun.« Julia schüttelte den Kopf. »Doch, du kannst«, widersprach sie. »Und ich helfe dir dabei.« Ungläubigkeit vermischt mit einem Hauch von Spott breitete sich auf seinem Gesicht aus. Betont höflich fragte er: »Wie kann mir Julia von den Chauken gegen den Zorn des Blitzschleuderers helfen?« »Arminius soll mich nach Hause gehen lassen. Dafür versprichst du ihm deine Tochter. Ich gebe dir etwas, was seine Blitzschleuder aufhalten kann, sodass du vor ihm sicher bist. Sobald ich und meine Kinder aufgebrochen sind, erhältst du sogar eine eigene Blitzschleuder von mir. Ich bringe dir den Zauber bei, mit dem du sie kontrollierst. Dann tötest du Arminius und verhinderst so, dass er am Ende Thusnelda heiratet. Du und ich, wir bekommen, was wir wollen, und Arminius das, was er verdient.« Julia zuckte mit den Achseln und sah Segestes fragend an. »Was kann die Blitzschleuder aufhalten?«, fragte er skeptisch nach einem langen nachdenklichen Moment. Julia stand auf und schob ihren Umhang, den sie bislang fest um ihren Körper geschlungen hatte, beiseite. Darunter kam die kugelsichere Weste zum Vorschein. »Das!«, erwiderte sie und schlug mehrmals mit der flachen Hand auf den schutzplattenverstärkten Polyester. Argwöhnisch betrachtete er das ungewöhnliche Kleidungsstück. »Es hält auch leicht Messerstiche ab. Du kannst es gern probieren.« Segestes strich langsam und sehr vorsichtig über die Oberfläche. »Warte! Ich zieh sie aus«, sagte Julia. Mit einer schnellen Bewegung riss sie die seitlichen Klettverschlüsse auf. Erschrocken sprang Segestes bei dem unbekannten Geräusch zurück. Julia hatte auf diesen dramatischen Effekt gebaut und versprach sich davon, dass es den Cherusker überzeugen würde, eine Art magische Rüstung vor sich zu haben. »Gib mir dein Messer«, sagte sie zu ihm und ließ die Weste vor sich auf den Boden fallen. Segestes gab es ihr. Julia bückte sich und hackte mit aller Kraft auf den Brustbereich ein, drehte die Weste und tat das Gleiche am Rücken. Winzige Risse im Polyester zeigten, wo die Klinge eingedrungen, dann aber von den darunterliegenden Schutzplatten abgeprallt war. Der verblüffte Blick des Cheruskers sprach Bände. Trotzdem schüttelte er den Kopf. »Mag sein, dass es stimmt, was du sagst, Julia von den Chauken. Er könnte mich aber hier oder hier treffen.« Er wies auf seinen Hals und seinen Kopf. »Und ich werde nicht zulassen, dass er Thusnelda nimmt. Ihm etwas vorzugaukeln, wäre falsch und ehrlos.« Julia versuchte sich ihre Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Er wird dich hinterrücks töten, um das zu bekommen, was er will! Das weißt du, hast es selber gesagt. Ist das ehrenvoll? Wo ich herkomme, nennt man das untätig und feige.« Sofort machte sich Wut auf seinem Gesicht breit. Unauffällig ließ Julia ihre Hand in Richtung ihrer Pistole wandern. Sie war gerade dabei, aus Verzweiflung zu improvisieren, und hatte keine Ahnung, wie weit sie gehen konnte bei diesem Cheruskerfürsten. Sie setzte alles auf eine Karte – auch auf die Gefahr hin, zu verlieren. Doch eines war ihr klar: Segestes fürchtete sich vor Armin. Zu Recht. Ihr Gegenüber war ohne Zweifel ein absolut ehrenhafter Mann, doch im Moment verbarg er sich hinter dieser Ehre, nutzte sie als Ausrede. Vielleicht hatte sie mehr Erfolg, wenn es ihr gelang, ihm seine Furcht zu nehmen. Gerade wollte der Cherusker etwas auf ihren Vorwurf entgegnen, als sie die Waffe zog. Sofort trat Panik in seine Augen. Er griff nach seinem Messer, doch dieses lag auf dem Boden. Auch sein Schwert war außer Reichweite. Entsetzt wich er zurück und hob die Hände. Julia lächelte entschuldigend. »Ich bin nicht gekommen, um dir etwas zu tun, Segestes. Ganz im Gegenteil. Ich brauche deine Hilfe! Und um dir zu beweisen, dass ich es ehrlich meine, habe ich diese Bleischleuder mitgebracht. Ich bringe dir alles bei, was du darüber wissen musst – wenn du mir hilfst«, fügte sie noch an. Segestes beruhigte sich langsam wieder. Doch die Waffe in Julias Händen ließ er nicht aus den Augen. »Du bist sehr überzeugend«, sagte er schließlich. »Und ich habe keinen Grund, an deinen Worten zu zweifeln, wie ich sehe.« Julia redete nun beschwörend auf ihn ein: »Du kannst ihm zuvorkommen, glaub mir. Ich bin deine einzige Chance, seinen Zorn zu überleben. Wenn du es nicht tun willst, sag es jetzt und ich verschwinde. Ich finde einen anderen Weg, mein Ziel zu erreichen. Aber für dich gibt es keinen Ausweg. Du bist ein todgeweihter Mann.« Ihre harten Worte trafen ihn sichtlich. Und mit einem Mal fielen all seine Würde, sein Schutzpanzer aus Ehre und Redlichkeit sowie seine aufgesetzte Furchtlosigkeit von ihm ab. Sein Gesicht war aschfahl. Die Züge wirkten eingefallen. Plötzlich stand er als der alte Mann vor ihr, der er war. Julia steckte die Waffe wieder ein. »Du hast recht, Julia von den Chauken. Zwar fürchte ich den Tod nicht, denn auf mich wartet die Halle der Krieger, doch bin ich noch nicht bereit, dorthin zu gehen. Vielleicht ist deine List tatsächlich der einzige Weg, Arminius aufzuhalten, bevor er das ganze Volk der Cherusker mit seinem Gift verdirbt. Ich habe nie an die Prophezeiung der Hagedisen geglaubt, weißt du? Dass er der Nadarwinna ist, unser Befreier, und der römischen Schlange den Kopf abschlagen wird. Ich glaube nicht daran. Am Ende des Tages werden die Römer uns besiegen und ich sage dir auch, wie. Es muss nicht zwingend im Kampf sein. Sie werden uns mit ihrer Art, wie sie Handel treiben, erobern. Ich sehe doch, wie die Habgier in den Augen der Männer lodert. Alle wollen Beute, Sklaven, Silber, Pferde, was auch immer. Der Tag wird kommen, da wird es sie nach den kleinen glänzenden Metallscheiben gelüsten, welche die Römer ›Geld‹ nennen. Es ist nicht aufzuhalten. Gier wird uns besiegen. Und deswegen hält niemand Rom auf. Auch nicht Arminius.« Segestes straffte sich. Seine Kraft und Lebendigkeit kehrten in seinen Ausdruck zurück. Julia konnte nicht umhin, die Klugheit und Weitsicht dieses Mannes zu bewundern. Er hatte ein paar sehr richtige Feststellungen gemacht. »Ich werde über deinen Plan nachdenken, Julia von den Chauken. Aber ich sage dir noch einmal: Ich überlasse ihm meine Tochter nicht. Dafür hasse ich ihn zu sehr. Vielleicht …« »Julia!«, unterbrach ihn ein lauter Ruf. Segestes und Julia drehten sich überrascht in die Richtung, aus der er gekommen war. Ein völlig durchnässter und erschöpft blickender Römer in den Resten einer teilweise zerfetzt an seinem Körper herabhängenden Centurio-Uniform starrte sie an. Zwei der Cherusker begleiteten ihn. »Julia!«, rief er noch einmal, um den Wind und den Regen zu übertönen. Julia betrachtete den Mann irritiert. Doch bevor sie reagieren konnte, riss der Römer einen Arm hoch und legte ihn sich mit den Worten »Marcus Caelius!« auf die Brust. Sofort erinnerte sie sich. An den Namen und das Gesicht. Er war ihr Retter gewesen, hatte sie in die Sicherheit des Römerlagers Phabiranum geholt – in einer so lange zurückliegenden Zeit, dass sie ihr wie aus einem anderen Leben erschien. Düster, verschwommen, irgendwie surreal, voller Gewalt und Schmerz. Dieser Mann hatte sie vor dem sicheren Tod gerettet, als sie selbst noch gar keine Ahnung von ihrem Aufenthaltsort, geschweige denn der Zeit gehabt hatte. Marcus Caelius! Es war unglaublich, dass sie ihn hier traf! Zu ihrer Überraschung trat Segestes vor und erhob den rechten Arm zu einem römischen Militärgruß. Anschließend ging er dem Römer entgegen und sprach ihn auf Lateinisch an. Julia verstand kein Wort davon. »Marcus! Was machst du hier? Bist du verletzt? Berichte!« Segestes zog Caelius aus dem Regen und bot ihm einen Sitzplatz auf einigen ausgebreiteten Schafsfellen an, die Schutz vor dem nassen Laubboden darunter boten. Erschöpft sank dieser darauf nieder. »Überall toben die Kämpfe. Arminius führt Tausende gegen uns in die Schlacht. Es ist ein riesiges Gemetzel. Es gibt bereits mehr Tote, als ich zu zählen vermag. Ihre Leiber bedecken den Waldboden über viele Meilen. Sogar der Adler der 17. wurde erbeutet – eine Katastrophe! Augustus wird toben, wenn er davon erfährt.« Caelius machte eine kurze Pause, in der er durchatmete und sich das tropfende Regenwasser aus den Augen wischte. »Ich wurde vor einigen Stunden erst gefangen genommen, konnte aber fliehen. Dann sah ich diese Frau, Julia, der ich einst in Phabiranum half. Ich folgte ihr bis hierher in der Hoffnung, dass sie mit ihren Kindern den Kämpfen auf mir unbekannten Wegen entfliehen will. Als ich dich erkannte, dankte ich Fortuna für mein Glück. Ich weiß, dass du den Verrat von Segimerus, Arminius und den anderen nicht billigst. Du hast den Generalstab sogar davor gewarnt, nur war Varus so dumm, eher diesem Verräter zu glauben.« Caelius ergriff beschwörend Segestes’ Arm. »Trotzdem – ich muss einen Weg finden, Arminius’ Horden zu umgehen und Varus ein weiteres Mal zu warnen! Ich denke, er ist jetzt zur Vernunft gekommen, so heftig, wie unsere Verluste sind. Die Legionen sind des Todes, wenn er sie nicht umkehren lässt! Ich habe mehrere Männer mit Blitzschleudern gesehen – sie mähen unsere Soldaten weg wie eine scharfe Sense das trockene Sommergras! Hilf mir!« Segestes nickte. »Hier bist du erst einmal in Sicherheit, Marcus. Allerdings gibt es von hier aus kein Durchkommen zu Varus. Weiter westlich wartet sogar noch ein Engpass auf die Legionen. Arminius hat einen Wall errichten lassen, fast eine halbe römische Meile lang. Ich fürchte, das Schlachten wird da seinen Höhepunkt finden, wenn die Truppen zwischen diesem Wall und dem Thur to Brook eingepfercht sind. Von dort gibt es kein Entkommen mehr. Was auch immer danach von Varus’ Legionen übrig bleibt – ich schließe mich ihnen an, um auf schnellstem Wege nach Aliso oder gar Vetera23 zu reiten.« Segestes Stimme bebte vor Zorn. »Einen solchen Verrat hat es noch nie zuvor gegeben! Bei Wodans Wölfen, ich werde Arminius, Segimerus und Inguiomerus dafür zur Rechenschaft ziehen, Marcus! Das schwöre ich hiermit! Und ich weiß auch schon, wie.« 23 Römerlager am Rhein, heute in der Gegend von Xanten Mit diesen Worten drehte er sich zu Julia um. »Julia von den Chauken, ich habe meine Meinung geändert. Ich helfe dir – und du hilfst mir! Ich muss Arminius aufhalten!« Julias Blick sprang zwischen Caelius und Segestes hin und her. Was auch immer die beiden gerade besprochen hatten – es hatte zu einem Sinneswandel bei ihm geführt. Nun gut, ihr konnte es nur recht sein, also nickte sie. »Ich werde einen Boten zu ihm schicken. Wenn er kommt, teile ich ihm mit, unter welchen Bedingungen ich ihm meine Tochter zur Frau gebe. Dann töte ich ihn, um die Ehre und das Ansehen des Cheruskervolkes wiederherzustellen.« Rabenfutter Die verschließbare und mit einer »3« markierte Kiste aus hartem Kunststoff stand an ihrem Platz, so wie von Malcolm beschrieben. Ich öffnete sie und betrachtete den Inhalt. Sie enthielt jede Menge Tabletten, Antibiotika und Schmerzmittel, soweit ich das erkennen konnte, außerdem Desinfektionsmittel sowie Verbandszeug. Die Literflaschen mit der rotbraunen Jodtinktur sprangen mir sofort ins Auge. Schnell hatte ich alles beisammen, was ich brauchte. Ich entkleidete meinen Oberkörper und betrachtete die Wunde. Zum Glück war sie nicht besonders tief, eigentlich bloß ein langer Kratzer – fast ein Wunder, wenn ich das Kampfgeschehen Revue passieren ließ. Trotzdem schmerzte der Schnitt, als ich großzügig das Jod darauf verteilte. Nachdem ich mir selbst mehr schlecht als recht eine Mullbinde um die Brust geschlungen hatte, fühlte ich mich schon besser. Ich wusste nicht, ob ich übertrieb, aber jede Sekunde, die die Wunde unbehandelt und nicht desinfiziert blieb, bescherte mir ein ungutes Gefühl. Bilder von eitrigen Entzündungen und ekelerregendem Wundbrand schossen mir in den Kopf – ich hatte das alles zu oft in vergangenen Kämpfen gesehen. Und dann war da auch noch mein Auge, das ich an eine solche Infektion verloren hatte. Erleichtert trat ich vor das Zelt. Sollte ich sofort wieder zurück an die Frontlinie? Ich entschloss mich, zuerst nach Alfni, dem verletzten Cherusker, sowie den Gefangenen zu sehen. Zwar hatte ich strikte Anweisung, dass die Medikamente ausschließlich für Arminius, die Hagalianer und mich bestimmt waren, doch ich pfiff darauf. Solange ich die Möglichkeit dazu hatte, würde ich ihm etwas gegen seine Schmerzen und die Schwellung an seinem Fußknöchel bringen. Ich schnappte mir eine entsprechende Salbe sowie die angebrochene Jodflasche. Auf meinem Weg in den rückwärtigen Teil der Schlucht ließ ich keinen einzigen Verletzten aus und desinfizierte im Vorbeigehen zahlreiche Schnittwunden. Kurz darauf fand ich Alfni. »Wie geht’s deinem Fuß?«, fragte ich ihn. Er sah mich zuerst mürrisch an, dann voller ängstlichem Respekt, als er mein Gewehr bemerkte. »Ich kann ihn kaum bewegen. Stehen geht auch nicht mehr. Je länger ich herumsitze, desto schlimmer wird es.« »Du solltest nach vorne zu einer der Heilerfrauen gehen. Hier, nimm das mit und sag ihr, dass du es von mir hast. Sie soll die Salbe auf deinem Knöchel verteilen.« Ich reichte sie ihm. Alfni blickte fragend auf die Gefangenen. »Was ist mit denen? Einer muss bei ihnen bleiben – und es kommen laufend mehr.« »Natürlich. Ich übernehme das.« Ich ließ meinen Blick über die Gruppe schweifen. Unwillkürlich suchte ich nach dem Centurio, der mir die Kerbe in die Seite geschlagen hatte. Entdecken konnte ich ihn nicht. Nun war ich beunruhigt. Irritiert trat ich einen Schritt vor und betrachtete jeden Einzelnen der etwa dreißig Gefangenen noch einmal intensiver. Es waren ausschließlich Centurionen, Dekurionen sowie eine Handvoll Tribune und Standartenträger. Doch mein Gegner von vorhin war nicht darunter! »Alfni, da fehlt einer. Mindestens einer. Ein Centurio.« Der Cherusker schaute erst mich erschrocken an, dann die Gefangenen, schließlich wieder mich. »Keine Ahnung, wen du meinst«, entgegnete er achselzuckend. »Hier war alles ruhig. Einer hat versucht abzuhauen, aber er kam nicht mal weiter als ich pissen kann. Aber selbst wenn einer entkommen sein sollte – was macht das schon? Es kommen noch mehr, viel mehr. Weit schafft ein Entflohener es sowieso nicht. Wohin sollte er auch? Vielleicht versteckt er sich ja irgendwo im Wald und beobachtet uns.« Ich blickte mich um. Außer dem undurchdringlichen, tropfnassen Grün, das sich zu beiden Seiten die Hänge hinaufzog, war nichts Verdächtiges zu sehen. Ich gab Alfni recht. Was machte es schon, wenn einer entkam? Es war nicht an mir, über sein Schicksal zu entscheiden. »In Ordnung. Belassen wir es dabei. Nun geh und lass dir helfen! Danach kommst du wieder. Ich muss zurück zu den Kämpfen.« Alfni musterte meine Waffe. »Nein, Witandi, geh du! Es wäre unverzeihlich, wenn meine Stammesbrüder sterben, während du mit deinem Zauberspeer hier bloß ein paar Gefangene bewachst. Ich kann auch später noch zur Heilerin gehen.« Er hatte recht. Ich musste zurück. Die Koalition der Stämme hatte einen Krieg zu gewinnen. Nur darauf kam es an. Es ging um unser aller Zukunft. Vielleicht würde ich genau die eine Kugel abfeuern, welche die entscheidende Wende zu unseren Gunsten brachte. Ich zögerte nun nicht mehr. Meinen Vater und seine Hagalianer zu finden, war denkbar einfach. Das Funkgerät brauchte ich jedenfalls nicht dazu. Die fünf Gewehre machten einen weithin hörbaren Krach, der das Tosen des Windes, das Rauschen der Baumwipfel, das Prasseln des Regens sowie das Geschrei der Kämpfenden übertraf. Eigentlich war ich nicht lange fort gewesen, doch es schien lange genug gewesen zu sein. Das Schlachtbild, das sich mir an den Hängen der Gasitjanbargi darbot, war nicht mehr von der Ordnung und dem wohlüberlegten Schlagabtausch des Vormittages geprägt. So weit mein Auge reichte – was zugegebenermaßen angesichts der Geländesituation nicht sehr weit war –, rangen kleinere und mittlere Gruppen von römischen Legionären und Stammeskriegern miteinander. Einzelne Kämpfe, Mann gegen Mann, komplettierten das Bild. Ich besah mir die verzerrten, schlamm- und blutbespritzten Gesichter der Kämpfenden, wie sie regendurchnässt, keuchend und ächzend aufeinander einhieben, versuchten, den entscheidenden Treffer zu landen, nur um sich im nächsten Augenblick einem weiteren Feind gegenüberzusehen. Und plötzlich fühlte ich mich schrecklich müde und schlaff. Doch es gab keine Pause, kein Innehalten, kein Durchatmen. Für die anderen nicht und deshalb auch nicht für mich. Ich umklammerte Beenbittar mit schmerzhaft festem Griff und versicherte mich des beruhigenden Gewichtes meines Gewehres auf den Schultern. Ich machte mich innerlich bereit für den nächsten Kampf, versuchte, ruhig zu atmen und meinen schon wieder galoppierenden Puls zu mäßigen. Würde ich mich jemals an dieses Gefühl gewöhnen? Doch was sollte ich tun? Mich einfach ins Getümmel stürzen? Ich entschied mich dagegen. Zuerst ließ ich meinen Blick noch einen Moment weiter schweifen und versuchte abzuschätzen, wie es in diesem Kampfabschnitt um einen Sieg unserer Leute stand. Tote und Verletzte waren wie immer in solchen Schlachten ein verlässlicher Gradmesser für den Erfolg der einen oder anderen Seite. In diesem Fall zählte ich deutlich mehr römische Gefallene. Und dies war auch klar, denn die Stammeskrieger überragten die meisten Römer an Höhe und hatten deshalb eine größere Reichweite beim Einsatz von Hiebwaffen. Diesen Nachteil glichen die Legionen Roms in der Regel leicht mit ihren Kampfformationen aus – doch in dieser Schlacht war alles anders. Keine einzige Centurie kämpfte mit den eingeübten Taktiken, denn das Gelände verhinderte dies. Und dann waren da noch die Gewehre. Schnell erkannte ich, dass überall dort, wo eine Centurie, geschweige denn eine Kohorte sich zusammenschließen wollte, Gewehrfeuer die Ansammlung wieder sprengte. Die Legionäre wussten aber keinen Fluchtweg und wurden sofort von den Stammeskriegern attackiert, sodass diese unüberschaubare Anzahl an Scharmützeln entstand. Trotzdem folgten ständig weitere Soldaten vom Heereszug. Zuerst entdeckte ich Malcolm und Viper, beide in einem flachen Graben hockend und sich gegenseitig den Rücken freihaltend. Sie feuerten unablässig. Segimer und Inguiomer standen, umringt von ihren besten Kriegern, mittendrin im Kampfgeschehen, hieben und stachen die Römer nieder, als wären sie weiches Frühlingsgras. Ihren römischen Kameraden war es längst nicht mehr möglich, die Toten zu bergen. Nach der unvermeidlichen Fledderung der Leichen am Abend und in der kommenden Nacht würden sie als Rabenfutter liegen blieben, stumme Tribute an die zornigen Kriegsgötter und Zeugen der blutigen Niederlage Roms, die sich hier anbahnte. Meinen Vater konnte ich nirgends entdecken, doch ich hörte immer wieder Schüsse, die von weiter links kamen, also westlich von mir. Kurioserweise stand ich mitten in diesem chaotischen und heillosen Schlachtgeschehen einige Zeit einfach nur da. Niemand beachtete oder attackierte mich. Alle waren so sehr damit beschäftigt, das Leben ihres Gegenübers zu nehmen, dass ich mich fast ungehindert bewegen konnte. Ich beschloss also, die westlicher gelegenen Kampfabschnitte aufzusuchen, wo die Chatten, Marser und schließlich – am anderen Ende der Front – die Chauken antraten. Wahrscheinlich war mein Vater dort, um sich auch bei diesen Stämmen blicken zu lassen, was sicherlich gut und wichtig für die Moral der Kämpfer war. Außerdem gab es ohne Zweifel auch im westlichen Kampfabschnitt Anlass genug, mit Hilfe eines Sturmgewehres das Kampfgeschehen zu beeinflussen. Und ich brauchte neue Befehle. Der alte war ja offensichtlich überholt. Natürlich hätte ich mir einfach irgendwo Deckung suchen und wahllos Römer erschießen können, doch das widerstrebte mir, so paradox das auch klang. Ich griff nun doch nach dem Funkgerät. Irgendwie kam mir dessen Verwendung inmitten dieses ganzen Hauens und Stechens arg seltsam vor. Niemand beachtete mich jedoch, also hob ich das kleine schwarze Gerät mit der robusten Antenne an den Mund. »Ähem …«, räusperte ich mich zunächst. »Armin? Kannst du mich hören?« Daraufhin starrte ich den handgroßen Apparat abwartend an. Es dauerte nur wenige Sekunden, bis mein Vater sich mit erstaunlich klarer Stimme meldete. »Leon? Was gibt’s?« »Ich brauche neue Befehle. Wo soll ich hin?« Knistern. Rauschen. Schließlich: »Ich brauche dringend Unterstützung. Bei den Marsern, unten am Hauptweg, Richtung Wall. Mach schnell!« Ich verstaute das Funkgerät und machte mich eilig auf den Weg. Vorsichtshalber hielt ich mein Gewehr entsichert und im Anschlag vor mir. Trotzdem wäre ich ohne Chance gewesen, hätte mich die kleine Gruppe flüchtender Legionäre angegriffen, die urplötzlich aus dem Gebüsch am rechten Wegesrand hervorbrach. Sie waren allerdings unbewaffnet und kannten nur eine Richtung: in die Hügel. Mit wilder, ungezügelter Kraft rannten sie einige Meter vor mir auf den Weg, beachteten mich dabei überhaupt nicht, folgten diesem ein kurzes Stück und schlugen sich ins Gebüsch zu meiner Linken, wo sie meinem Blick entschwanden. Mein Herz raste noch immer von dem unerwarteten Schreck. Mehr als ihr bloßes Auftauchen bestürzten mich jedoch die Panik und das Grauen in ihren angstverzerrten Gesichtern. Diese Männer hatten ihren eigenen grausamen Tod vor Augen und wahrscheinlich schon zahllose Freunde, Bekannte, vielleicht sogar ihre Frauen und Kinder im Tross sterben sehen. Alles, was ihnen geblieben war, schien die nackte Angst zu sein. Ich atmete tief durch und beschloss, noch vorsichtiger zu sein. Kurz nach diesem Ereignis erreichte ich das nächste Schlachtfeld. Verletzte Stammeskrieger sammelten sich hier oben auf dem Weg, so wie es auch schon weiter östlich gehandhabt wurde. Blutige Arm- und Beinstümpfe, schwerste Schnittwunden an Torso oder Kopf, ausgeschlagene Zähne und Augen, Knochenbrüche in jeder Variation – es war kein einfacher Gang. Das Heulen und Klagen, das Stöhnen und teils laute Schreien hallten lange in meinen Ohren nach. Es gab hier kaum jemanden, der sich um die Verletzten kümmerte, offenbar sollten sie auf dem Schlachtfeld selbst nicht im Weg sein und wurden deswegen hier hoch verfrachtet. Zum einsamen Sterben im Schlamm. Immerhin würden die weiblichen Schlachtfeldgeister, an die alle Stammeskrieger so glühend glaubten und die sie so stark wie ihre Götter verehrten, die meisten von ihnen bald schon abholen, um sie in des Göttervaters Halle der erschlagenen Krieger zu bringen. Das spendete ihnen Trost und Kraft, um halbwegs freudvoll zu sterben. Seitlich des Pfades stapelten sich bereits die Leichen. Es handelte sich um Chatten; für mich unverkennbar, ich hatte ja lange genug unter ihnen gelitten und erkannte sie an ihren Haartrachten und der typischen Kleidung der Bergvölker. Die lebenden Chatten gingen dagegen, angeführt von Radabarti dem Schweigsamen und Actumeri Bärenhüfte, nach der mittlerweile bewährten Methode vor. Ich blickte den Hang hinab und entdeckte überall zwischen den Bäumen die Kriegerhorden, wie sie die weit verstreuten Römer in kleinen Trupps niederrangen. Sie waren die Ersten, auf die ich traf, die ganz ohne Unterstützung unserer Schusswaffen kämpften und offenbar auch derzeit noch kein Problem damit hatten. Kein Wunder – ihr Ruf als ausgezeichnete Krieger und zähe Kämpfer war weithin bekannt. Ich dachte an den Tag zurück, an dem Chatten Ingbearo und Ingikunno ermordet hatten. Zum Glück kam das Gewehrfeuer von noch weiter westlich, sodass mir meine Entscheidung leichtfiel. Diese Leute sollten alleine klarkommen, auf mich brauchten sie nicht zu zählen. Zwar waren es damals Adgandestris Männer gewesen, die uns auf ihrem Sklavenraubzug gefangen genommen hatten, doch die Wunden saßen immer noch tief. Ich verspürte eine tiefe Abneigung gegen alles Chattische. Also drängte ich mich zwischen den vielen Verletzten durch, bis ich auch diesen Frontabschnitt hinter mir ließ. Das Gewehrfeuer wurde mit jedem Schritt, den ich tat, lauter. Ich näherte mich nun also dem Aesk und seinen Marsern zugewiesenen Schlachtfeld. Der Häuptling der Marser war ein allseits gefürchteter Mann. Und auch seine Krieger standen ihm in Grausamkeit, Standhaftigkeit und Geschicklichkeit im Umgang mit der Kriegslanze in nichts nach, so wurde es zumindest erzählt. Angeblich hatte er Howar Handramme, den Ersten unter den Häuptlingen der verfeindeten Tenkterer, vor einigen Sommern nach einem Raubzug in einem schier unglaublichen Zweikampf besiegt. Demnach waren die Marser von den Tenkterern gestellt und umzingelt worden. Die beiden Häuptlinge handelten den Zweikampf untereinander aus, der Sieger sollte die Beute behalten dürfen. Nun zog sich der Kampf – der Legende nach – einen Tag und eine Nacht hin, da keiner der beiden auch nur die winzigste Lücke in seiner Verteidigung oder die kleinste Unachtsamkeit zuließ und es sich bei beiden um Ausnahmekämpfer handelte. So sollten sie auch mehr als zwei Dutzend Lanzen und Schilde während dieser Mann-gegen-Mann-Schlacht zerschmettert und verschlissen haben. Im Morgengrauen des zweiten Tages hätte ein grotesker Zufall Howar Handramme schließlich das Leben gekostet: Eine fette Hummel soll ihm ins Auge geflogen sein. Seine Schildhand sei reflexartig nach oben gezuckt und Aesk hätte den Moment sofort genutzt und Howar seinen Speer in die Seite gerammt. Dann hätte er seinen Schild fallen lassen, sich ein langes Messer geschnappt und dem zusammenbrechenden Tenkterer-Häuptling vor den Augen seiner entsetzten Leute den Kopf ganz langsam und genüsslich vom Körper geschnitten, um diesen anschließend auf seine Lanze zu spießen. Schließlich zogen die Marser unbehelligt mit ihrer Beute und Howars Kopf ab, um ihren Sieg zu feiern. Ich hatte schon einige sagenhaft anmutende Heldengeschichten an den Feuern der Stammeskrieger gehört, aber ich wusste nicht so recht, was ich von dieser halten sollte. Das Gewehrfeuer war ganz nah. Marser sah ich hier allerdings keine. Ich blickte den Hang hinab. An seinem Fuße wimmelte es von geschäftig hin und her eilenden Kriegern – Kampflärm drang von noch weiter vorne an mein Ohr. Offenbar war die Offensive der Marser noch voll im Gange. Dass es hier oben keinerlei Verletzte gab, konnte nur eines bedeuten: dass die Schlacht so schwer tobte, dass dafür keine Zeit blieb. Ich vernahm allzu deutlich das Brüllen, Schreien, Gewieher und Hufgetrappel zahlreicher Pferde sowie den dumpfen Klang von Waffen, die auf lederbezogene Holzschilde krachten, und eilte hangabwärts. Je näher ich dem Kampfgeschehen kam, desto unübersichtlicher wurde die Lage. Wie auch schon auf den anderen Schlachtfeldern wurde hier in Hunderten kleinen Scharmützeln miteinander gerungen, doch es gab einen entscheidenden Unterschied: Die exzellent ausgebildete und bewaffnete Legionsreiterei war anwesend und fügte den angreifenden Marsern schwere Verluste zu. Die schnaufenden Schlachtrösser und ihre schwertschwingenden Reiter stoben immer wieder in marsische Hundertschaften hinein und sprengten diese auseinander. Eilig und äußerst vorsichtig schlüpfte ich zwischen den Kampfreihen hindurch, dem Gewehrfeuer entgegen. Mein Vater musste hier irgendwo sein. Schließlich sah ich ihn. Umringt von einem beweglichen, wogenden Wall Marserkrieger, unter ihnen auch der grimmig brüllende Aesk, hielt er seine AK-47 im Anschlag. Geschützt durch seine Mehler ST-Schutzweste mit dem charakteristischen hohen Kragen stand er weithin sichtbar auf einer leichten Erhebung etwa fünfzig Schritte vom Heereszug des Varus entfernt. Eine nur mäßig bewachsene, sumpfige Wiese erstreckte sich hier in Richtung Norden, wo der Thur to Brook lag, sowie nach Westen. Arminius erschoss jeden Legionsreiter, der ihnen zu nahe kam, mit einem kurzen Feuerstoß aus seinem Sturmgewehr. Wie es aussah, hatte er bereits zahlreiche Reiter auf diese Weise ausgeschaltet. Die hoch erhobenen Schilde der Stammeskrieger schützten ihn vor einem Hagel aus Schleuderbleien, Pfeilen und Speeren, der aus allen Richtungen und beständig auf ihn einzuprasseln schien. Was die Krieger nicht abfingen, prallte an seiner kugelsicheren Weste ab. Trotzdem blutete er aus mehreren Wunden an Armen und Beinen. Doch er ließ sich nicht beirren. Mit angelegter Waffe drehte er sich langsam um die eigene Achse, fasste immer wieder neue Ziele ins Auge und gab mit der Präzision einer Maschine tödliche Schüsse ab. Aber offensichtlich reichte das nicht. Und nun entdeckte ich auch, warum. Die Legionsreiterei war nicht zufällig genau hier. Ein massiver Pulk schwerstbewaffneter Elitesoldaten, umringt von leichteren Einheiten und großen Teilen der verbliebenen Reiterei, kündete davon, dass mein Vater die Kämpfe direkt vor die Füße des Statthalters Varus getragen hatte. Unterstützt wurde meine Vermutung von der Sichtung einer besonders prunkvollen, gut geschützten Wagenkolonne, die im Schlamm feststeckte, sowie einer hohen Dichte an Feldbannern, Standarten und sogar eines weiteren Legionsadlers. Ein opulent uniformierter Legat der Reiterei gab Befehle an seine Männer, schickte den einen mit neuen Anweisungen hierhin, den nächsten dorthin. Dann endete das Gewehrfeuer jäh. Mein Vater ließ seine Waffe sinken und hantierte am Magazin herum, während er sich leicht duckte, um in der Feuerpause nicht getroffen zu werden. Ich sah sein grimmiges, verärgertes Gesicht und wusste gleich, dass ihm die Munition ausgegangen sein musste. Gleichzeitig mit dem Ende der Feuerstöße löste sich eine kleine Reitergruppe aus dem Schutz der Wagenkolonne und galoppierte rasch heran. Ich erkannte, dass der Reiterei-Legat an der Spitze ritt. Das Donnern der Hufe ließ den Boden erzittern. Schwarzer Schlamm flog in hohem Bogen in alle Richtungen. Etwa zwanzig Schritte vor Arminius’ lebendem Schutzwall aus Marsern kam die Gruppe zum Stehen. Ich nutzte die allgemeine Ablenkung, um zwischen den Kriegern hindurch zu meinem Vater vorzudringen. Er registrierte meine Anwesenheit jedoch nicht, sondern hielt den Legaten fest im Blick und wandte mir den Rücken zu. »Gaius Numonius Vala«, brüllte er über die Köpfe der Krieger hinweg und schwang drohend seine Waffe in Richtung des Reiteroffiziers. Es folgte irgendwas auf Lateinisch – seinem Tonfall nach zu urteilen, eine Schmähung. Vala lachte zornig auf und erwiderte etwas. Mein Vater nestelte wie wild an seinem Gürtel herum, doch alle seine Magazintaschen schienen leer zu sein. »Dich krieg ich noch, du Bastard!«, knurrte er. Ich sah, wie Vala einigen Reitern Befehle erteilte und auf meinen Vater wies. Er wollte uns angreifen! »Ich habe noch Munition!« Ich packte meinen Vater am Arm und drehte ihn zu mir herum. Überrascht starrte er mich an. »Leon!« Sein Blick fiel auf die Magazine, die ich ihm hinhielt. Damit hatte sich mein Vorrat schlagartig fast halbiert. »Schnell! Sie werden gleich lospreschen!«, drängte ich. Ohne ein weiteres Wort nahm mein Vater die Magazine und lud sein Gewehr nach. Keine Sekunde zu früh, denn schon galoppierte eine riesige Truppe Römer direkt auf uns zu. Mit ihren Stoßlanzen und den längeren, Spatha genannten Schwertern sowie der Schuppenpanzerung und den länglichen Schilden erinnerten sie mich an mittelalterliche Ritter. Sie bildeten eine bedrohliche und tödliche Walze, die mit atemberaubender Geschwindigkeit auf uns zurollte. Ich schätzte ihre Zahl auf mindestens einhundert, wahrscheinlich sogar deutlich mehr, da mir die Vordersten die Sicht versperrten. Mir war klar, dass sie frontal in uns hineinstampfen würden, ohne Rücksicht auf das eigene Wohl. Oberstes Ziel war es sicherlich, Arminius gefangen zu nehmen oder zu töten. Ich fackelte daher nicht lange. Es war klar, was die Stunde geschlagen hatte. Sie oder wir. Und ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Ich stellte mich neben meinen Vater auf die Bodenerhebung und überragte neben ihm, Schulter an Schulter, die umstehenden Marser. Den kleinen Hebel an der Seite meiner Kalaschnikow hatte ich auf Feuerstoß gestellt. Die beängstigend breite und sich schnell nähernde Reiterfront war bereits so nah heran, dass ich das feuchte Schimmern der fein geschliffenen Lanzenspitzen sehen konnte. Fast gleichzeitig feuerten wir und Valas Männer wurden auf schreckliche Weise für die Unvorsichtigkeit ihres Legaten bestraft. Er hatte die kurze Feuerpause meines Vaters von vorhin als seine Chance erkannt, sofort anzugreifen, anstatt ihn einzukesseln und später zu ergreifen. So hielten unsere Kugeln furchtbares Blutgericht unter den Reitern. Innerhalb von Sekunden versank die gesamte Einheit in einem Chaos aus brodelndem Blut, zerschmetterten Knochen sowie brüllenden Reitern und Tieren. Natürlich stürzten die hinteren über die zusammenbrechenden vorderen Reihen und uns war es ein Leichtes, einen nach dem anderen schlichtweg abzuknallen. Meine bisherigen Hemmungen und mein Zaudern beim Töten warf ich über Bord. Es ging um unser nacktes Überleben. Einige todesmutige Marser verließen überschwänglich das Abwehrbollwerk um Arminius herum, um aus sicherer Entfernung ihre Lanzen in die zuckenden Gestalten der tödlich Verletzten zu stoßen. Es war das reinste Massaker! Wir schossen jeder zwei Magazine leer. Danach drohte keine Gefahr mehr. Ganz im Gegenteil: Schock und Entsetzen breiteten sich rasend schnell unter den römischen Zeugen aus. Selbst Vala, der sich mit einer kleinen Gruppe Stabsoffiziere im Hintergrund gehalten hatte, schien zunächst wie festgefroren. Das Herz seiner Reiterei war in wenigen Sekunden dem Erdboden gleichgemacht worden. Für einen stolzen römischen Offizier, wie er sicherlich einer war, musste der Anblick seiner niedergemetzelten Kameraden unerträglich sein. Viele weitere waren ja vorher bereits von meinem Vater oder von den lanzenbewehrten Marsern niedergemacht worden. Ich beobachtete, wie er – ohne sich überhaupt noch einmal umzublicken – seinem Pferd die Hacken in die Seiten stieß und Richtung Westen losgaloppierte. Floh er? Vielleicht wollte er sich den Legionen dieses Asprenas anschließen, die ja angeblich irgendwo auf der anderen Seite der Gasitjanbargi unterwegs waren. Ich wusste es nicht. Ganz offensichtlich und zu Recht stand Vala wohl unter Schock. Ein paar seiner verbliebenen Reiter folgten ihm. Langsam ließ ich mein Gewehr sinken. Die Gefahr war fürs Erste gebannt. Nun hing der Geruch des Krieges und des Todes schwer in der Luft. Kot, Urin, Blut, Erbrochenes – dazu das herzzerreißende Kreischen der Pferde und das elende Heulen der Verwundeten. Es war nicht zu ertragen. Ich würgte, wandte mich ab. Am liebsten hätte ich mir Ohren, Auge und Nase zugehalten. Ich wollte gar nicht daran denken, wie viele Menschen ich gerade getötet hatte. Und plötzlich erbrach ich bittere und heiße Galle. Mein ganzer Bauch verkrampfte sich. Ich musste mich auf meinen Knien abstützen, die außerdem noch weich wurden. Keuchend betrachtete ich den schleimigen Faden, der sich aus meinem geöffneten Mund baumelnd bis zum schlammigen Boden hinabzog. Das Leben ist ein seidener Faden, dachte ich bizarrerweise. Jederzeit kann er reißen. Der Schleim löste sich und fiel in den Dreck zu meinen Füßen. Niemand nahm Notiz davon. Im Gegenteil. Die Marser waren völlig aus dem Häuschen. Sie jubelten und grölten, brüllten und stießen dabei übelste Verwünschungen gegen die Sterbenden aus. Ich spürte brennende Tränen in meinen Augen, doch ich hielt sie mit aller Kraft zurück. Was war nur aus mir geworden? Eine mörderische Kampfmaschine, die unzählige Male getötet hatte. Ich war ein Verdammter, ein Verfluchter! Und ich fragte mich unwillkürlich, ob ich jemals dafür zur Rechenschaft gezogen würde. Aesk übertönte jetzt seine grölenden Krieger. »Männer!«, rief er – und die meisten schenkten ihm ihre Aufmerksamkeit. Aesk wandte sich um und zeigte mit seinem blutverschmierten Schwert in Richtung des Adlers der 18. Legion. »Lasst uns den römischen Adler vom Himmel holen!« Begeistert schlugen die Männer ihre Waffen auf die Schilde. Einige rannten los, um Verstärkung aus dem nahen Waldrand zu mobilisieren. Aufgrund der katastrophalen Niederlage der elitären Reiterei war die Moral der einfachen römischen Infanteristen ohnehin an einem Tiefpunkt angekommen. Ich konnte die Fliehenden gar nicht mehr zählen, so viele waren es. Alle wollten ebenfalls gen Westen, Richtung Rhein, entkommen, denn dass im Osten nur der Tod auf sie wartete, war ihnen bewusst. Unwillkürlich fragte ich mich, ob sie den paar Chauken in die Arme rannten, die dort hinten den langen Wall hoffentlich zu Ende gebaut hatten. Morgen würde es an diesem zur entscheidenden Schlacht kommen, wenn der Plan meines Vaters aufging. Ich dachte an die zahlreichen Legionäre, die in die Hügel geflüchtet waren. Und plötzlich überlief mich ein eisiger Schauer. Meine Übelkeit war wie weggeblasen. Julia und die Kinder! Bruno! In dem ganzen Durcheinander hatte ich seit vorgestern nicht einen einzigen Gedanken mehr an sie verschwendet. Waren sie sicher in dem chaukischen Hügellager? In der gesamten Gegend wimmelte es mittlerweile von fliehenden und verschreckten Soldaten. Das Gesicht des Centurios, dem es heute Mittag gelungen war zu fliehen, tauchte vor meinem inneren Auge auf. Plötzlich hatte ich ein sehr schlechtes Gefühl, eine Vorahnung. Ich musste nach ihnen schauen, so schnell wie möglich. Insbesondere, da ja die chaukischen Männer alle am Wall arbeiteten. Ingimundi hatte Julia deutlich klargemacht, dass sie das Lager nicht verlassen durfte. Und mir fiel ein, dass sie eine Waffe und die kugelsichere Weste hatte. Immerhin. Beruhigt atmete ich tief ein. Machte ich mir zu viele Gedanken? Nein, sicher nicht. Ich würde es mir nie verzeihen, wenn ihnen etwas zustieße und ich es hätte verhindern können. Die im Takt auf und nieder springenden Marser rissen mich aus meinen Sorgen. Weiterhin stießen sie Waffen und Schilde gegeneinander und stimmten jetzt einen dumpfen, grollenden Gesang an. Immer mehr von ihnen strömten von den nahen Hängen herab und gesellten sich dazu. Sie bereiteten sich auf einen Sturmangriff vor und versetzten sich dafür in aufgepeitschte Rage. Ich sah ihre wallenden Bärte, ihre wilden Blicke und ihre scharfen Waffen und hatte keinen Zweifel daran, dass schon bald der zweite Legionsadler erbeutet sein würde. Ich beschloss, meinem Vater Bescheid zu sagen, was ich vorhatte. Er stand bei Aesk. Dieser redete zornig und armfuchtelnd auf ihn ein. Was war da los? Während ich zu ihnen lief, versuchte ich, nicht mehr auf das blutige Schlachtfeld zu blicken. Einige der Marser konnten das Fleddern der Leichen einfach nicht abwarten und machten sich bereits jetzt daran, die offensichtlich wertvollsten Stücke von den Uniformen und Körpern zu reißen, zu schlagen oder zu schneiden. Römer, die noch zuckten, sahen dem stets gleichen Schicksal ins Auge: Den einen schlug man mit Keulen oder Steinen die Schädel ein, den anderen wurden die Hälse durchgeschnitten. Es war der reinste Schlachthof. Das Klagen und Jammern der Sterbenden verhallte ungehört. Ich starrte bewusst in den Himmel, wollte für den Moment nichts mehr davon sehen. Der Regen hatte deutlich nachgelassen; zum ersten Mal seit mehr als vierundzwanzig Stunden. Auch der Wind hatte zuletzt einiges an Kraft eingebüßt. Ich atmete tief durch. Mein Vater wandte sich zu mir um, als ich an die beiden herantrat. »Die Götter müssen wirklich mit uns sein, Junge«, strahlte er übers ganze Gesicht, froh, eine Gelegenheit zu haben, um sich kurz von Aesk abzuwenden. »Du bist genau im richtigen Moment aufgetaucht. Ich wäre sonst am Arsch gewesen. Vala, dieser Hurensohn, hatte es nur auf mich abgesehen. Hast du gesehen, wie er mit eingekniffenem Schwanz geflohen ist?« Arminius sah erst mich triumphierend an, dann Aesk. Beide brachen in schallendes Gelächter aus. So mies schien dessen Laune also nicht zu sein. »Und jetzt reitet er wahrscheinlich zu Segestes, dieser kleinen Zecke im Fleisch der Römer. Will sich unter seinen Schutz stellen, um seine jämmerliche Haut zu retten. Zusammen werden sie vielleicht versuchen, nach Vetera zu entkommen oder Asprenas in die Arme zu laufen. Er wird schon noch sehen, was er davon hat.« Mein Vater legte verschwörerisch den Arm um meine Schulter und zog mich ein paar Schritte zur Seite. »Segestes?«, fragte ich erstaunt. »Lagerte er nicht heute Morgen noch östlich von hier?« Mein Vater nickte. »Ja, aber er macht sich aus Angst vor mir in die Hosen und hat sein Lager dort hinten irgendwo aufgeschlagen.« Er deutete vage in südwestliche Richtung. »Segestes und Vala sind gute Freunde, musst du wissen. Vala war einer der stärksten Befürworter von Segestes, als dieser mich bei Varus anschwärzte und unsere Aufstandspläne verriet. Jetzt gibt es ein Problem: Aesk hat von seinen Männern Informationen darüber bekommen, dass Segestes entflohene römische Offiziere bei sich aufnimmt und ihnen hilft. Du hast eben gesehen, wie sehr ihn das erzürnt. Er verlangt von mir, dass ich mich darum kümmere. Und er hat recht damit. Ich muss noch vor der Abenddämmerung aufbrechen. Er wird sich heute Abend noch für eine Seite entscheiden müssen – oder sterben. Und dieses Mal habe ich einen guten Grund, ihn zu töten, ohne dass es einen Stammeskrieg auslöst, sollten diese Anschuldigungen stimmen. Nicht mitzukämpfen, ist die eine Sache, doch den besiegten Unterdrückern Asyl zu bieten, eine andere. Dafür hat niemand Verständnis.« »Es geht los!«, grunzte Aesk ungeduldig, der offenbar mit der Anzahl der versammelten Männer zufrieden war und immer noch nicht genug Blut vergossen hatte. »Warte!«, rief ich und packte meinen Vater am Arm, der sich Aesk zuwenden wollte. »Ich sorge mich um Julia, Hortari und Skrohliko. Sie sind schutzlos im Chaukenlager und die Hügel sind voll von fliehenden Römern. Ich gehe zu ihnen und schaue nach dem Rechten.« Arminius überlegte kurz. »Nein, warte auf mich, ich komme mit dir! Es ist zu gefährlich für dich alleine. Und unsere Richtung ist eh die gleiche. Doch erst soll Aesk sich diesen Legionsadler holen – er hat ihn sich verdient. Dann reiten wir mit ein paar seiner Männer als Verstärkung. In Ordnung?« Ich nickte, froh darüber, Hilfe zu bekommen. »Außerdem hockt Varus dort hinten in dem Wagen, zittert und schwitzt sicherlich Blut und Wasser, der Ärmste!« Er lachte erneut auf. »Als Nächstes ordnet er wahrscheinlich an, hier an Ort und Stelle ein provisorisches Marschlager aufzubauen, dieser Wurm!« Er packte mich an der Schulter. Seine Augen glühten vor Eifer, während Regenwasser seine Nase heruntertropfte. »Wir haben die einmalige Chance, dieses Arschloch hier und jetzt zu erledigen. Hilf mir dabei, bevor wir in die Hügel reiten!« Gehetzt sah ich über meine Schulter auf die Berge, danach wieder zu dem weiter hinten liegenden Wagen des Statthalters. Ich hatte kein gutes Gefühl bei der Sache. »Aber in den Büchern steht, er nimmt sich selbst das Leben.« Mein Vater lachte auf. »Scheiß drauf! Wen interessiert, was in den Büchern steht? Ich nehme mein Schicksal selbst in die Hand, schon vergessen?« Ich hielt den Versuch für Zeitverschwendung. Andererseits hatten römische Geschichtsschreiber vielleicht auch hinsichtlich Varus’ Tod gelogen oder falsche Informationen gehabt. Ich schnaufte ungeduldig, stimmte jedoch seufzend zu. »Okay, eine Hand wäscht die andere. Aber danach will ich sofort nach Julia sehen. Versprich es mir! Selbst wenn wir Varus lebendig gefangen nehmen – ich bin dann weg!« Mein Vater kniff die Augen zusammen, als würde er überlegen. Schließlich nickte er. »Versprochen. Wie viel Munition hast du noch?« Ich prüfte meinen Gürtel. »Zwei volle Magazine und das in meiner Waffe.« »Okay, gib mir eins. Ich brauche dir nicht zu sagen, dass wir sparsam damit umgehen müssen. Wir begleiten den ersten Angriff von Aesk, erschrecken die Bannerträger und den Aquilifer. Varus’ Leibgarde wird von dem Angriff abgelenkt, wahrscheinlich sogar gezwungen sein, einzugreifen. Das ist unsere Chance! Wir können den Ruhm für seine Ergreifung ganz alleine ernten, Junge! Wir beide, Vater und Sohn, schlagen der Schlange im Alleingang den Kopf ab!« Die kräftigen Muskeln an seinem Hals ließen die Adern deutlich hervortreten, während er sich voller Inbrunst einen solchen Coup vorstellte. »Sollten wir nicht lieber auf Malcolm oder ein paar andere von diesen Hagalianern warten? Als Verstärkung?« Er winkte ab. »Nein. Unsere Namen werden unsterblich, wenn wir es alleine schaffen. Und Zeit haben wir auch keine mehr. Aesk drängt, auch unsere Kräfte schwinden und Varus kann jederzeit zwischen weiter hinten liegende Truppenteile flüchten und sich uns so entziehen. Jetzt ist der Moment, ich spüre es. Außerdem brauche ich ebenfalls einen solchen Triumph, wie du ihn mit dem Adler hattest. Was eignet sich wohl besser dafür als Varus persönlich?« Da gab ich ihm recht. Arminius gab Aesk ein entsprechendes Zeichen und hängte sich die Kalaschnikow so über die Schulter, dass er sie mit einer Hand bedienen konnte. In die andere nahm er sein Kurzschwert, das er noch aus seinen römischen Dienstzeiten besaß. Ich tat es ihm nach und blieb dicht hinter ihm. Gemeinsam mit Aesk führte er die große Kriegerschar an. Wir mussten einen größeren Umweg in Kauf nehmen, um die apokalyptisch anmutende Schlachtbank zu umrunden, die wir angerichtet hatten. Kreuz und quer lagen die blutenden und gebrochenen Körper, Gliedmaßen standen in den unnatürlichsten Winkeln ab und das Schreien und Wehklagen von Tier und Mensch nahm einfach kein Ende. Zahlreiche Marser schwärmten immer wieder aus, um verwundeten Überlebenden, Menschen wie Pferden, auch das letzte Lebenslicht auszublasen. Die meisten waren letztlich gar nicht durch unsere Kugeln gefallen, sondern in dem Durcheinander gestürzt und mit Knochenbrüchen liegen geblieben, begraben unter den schweren Körpern der sie umgebenden Tiere. Unverletzte Pferde, die hier und dort nervös anfingen, Grünzeug zu fressen, wurden eingefangen und weggebracht. Sie waren von großem Wert für die Stammeskrieger. Mir ging es auch wieder besser. Ich beschloss, mich meinem Schicksal zu fügen und mich den daraus erwachsenden Dämonen zu einem späteren Zeitpunkt zu stellen. Aber zuerst musste dieser Krieg gewonnen werden – für Skrohisarn, Werthliko und all die anderen! Aesk begann jetzt einen aggressiven Gesang und Hunderte Kehlen stimmten von einem Augenblick auf den nächsten ein. Ein paar Kriegshörner erklangen. Die Situation ließ mich vor Ehrfurcht erstarren. Eine Gänsehaut überzog meine Arme und meinen Nacken, als ich dem vielstimmigen stampfenden Gesang der Marser lauschte. Die nach Blut und Schweiß stinkende Menge stieß mir fortwährend Ellbogen, Knie und Füße von allen Seiten in den Körper, während ich mit ihr gezogen wurde. Die Krieger hatten immer noch nicht genug vom Kämpfen. Ich musste höllisch achtgeben, zwischen diesen blutgierigen Recken nicht versehentlich mit Schwert, Speer oder Keule niedergestreckt zu werden, weil jemand nicht richtig aufpasste. Wenn nötig, würden sie bis zum letzten Mann für ihre Freiheit und ihre althergebrachte Lebensweise ohne römische Bevormundung kämpfen, das war in jedem einzelnen der grimmigen, trotzigen Gesichter erkennbar. Auf den letzten Metern liefen wir mit großen Schritten, als könnte keiner von uns es erwarten, endlich weiteres Feindesblut zu vergießen. Die Marser fürchteten den Tod nicht, was ein unschätzbarer Vorteil für diese Männer war. Die wahren Freuden erwarteten sie erst in der nächsten Welt, der Halle der Krieger, und einige von ihnen konnten offenbar nicht schnell genug die Reise dorthin antreten. Ihr Ansturm war ein einziger atemloser, entfesselter Rausch voller Verlangen, den Feind zu zerstören. Ich hörte, wie mein Vater seine ersten Schüsse abgab, dann prallten wir mit einem dumpfen Krachen auf unsere Gegner. Die Vorwärtsbewegung kam unsanft zum Stehen. Ich stieß zuerst schmerzhaft mit dem Gesicht und dem geöffneten Mund auf den nackten, mit Ruß verschmierten, salzig schmeckenden Rücken meines Vordermanns. Nur einen Wimpernschlag später rannten die Nachfolgenden in mich hinein und drohten mich zu zerquetschen. Kurz kam ich mir wie eine Laus zwischen den Fingern eines Riesen vor. Nur mit größter Mühe gelang es mir, meinen Kopf zu drehen und mich aus der misslichen Situation zu befreien. Mein Kiefer und die rechte Wange schmerzten, außerdem war ich mir nicht sicher, ob ich mir nicht die Nase gebrochen hatte. Sie tat höllisch weh, auch schmeckte ich Blut. Doch ich hatte keine Zeit für weitere Gedanken. Ich stand in der dritten oder vierten Reihe, ein Stück hinter meinem Vater, und wurde immer weiter nach vorne gedrängt. Römische Speere stachen mit tödlicher Präzision aus der geordneten Formation. Wie immer verbargen sich die Legionäre hinter einer undurchdringlichen Wand aus eng aneinanderliegenden Schilden. Stahl zuckte und blitzte auf, wo ich nur hinsah. Für einen kurzen Augenblick ergriff mich panische Angst, in der Masse abgestochen zu werden, ohne die Angreifer überhaupt gesehen zu haben. Ich blickte an mir herab und wich einen Schritt zurück. Auch dass ich auf dem linken Auge blind war, machte es nicht besser für mich. Mein Gesichtsfeld war eingeschränkt – normalerweise kaum ein Problem für mich, doch dies hier war die unübersichtlichste, tödlichste Hölle, die ich mir ausmalen konnte. Vor und neben mir sanken immerwährend Männer zusammen, nachdem sie von irgendwoher eine Wunde bekommen hatten. Pfeile, zum Glück nicht sehr viele, abgeschossen von für uns unsichtbaren Bogenschützen im Hintergrund, prasselten alle paar Sekunden auf uns nieder. Und ich stand schutzlos und eingezwängt mittendrin, nicht einmal in der Lage, meinen Schwertarm zu heben, so eng war es. Verzweifelt suchte ich meinen Vater. Der stand nur wenige Meter vor mir. Erst jetzt bemerkte ich, dass er mir etwas über die Schulter zubrüllte. Es war jedoch unmöglich, seine Worte zu verstehen. Das Geschrei der Kämpfenden tönte so laut wie Donner im Herzen eines Gewitters. Aber seine Handzeichen waren eindeutig: Ich sollte mich seitwärts aus der brodelnden Masse der Krieger herausarbeiten. Ich setzte meine energischste Miene auf und bahnte mir mit vollem Körpereinsatz – rempelnd, stoßend und laut fluchend – einen Weg aus der Kriegerschar. Die hier zusammengezogenen Truppen umringten den pompösen Wagen des Statthalters halbkreisförmig. Um den Plan meines Vaters umzusetzen, würden wir also einen ziemlich weiten Bogen um die Kämpfenden machen müssen. Und wir würden, je näher wir Varus kamen, auf immer bessere Soldaten treffen. Seine Leibgarde bestand aus zähen Elitesoldaten, die wir sicher nicht im normalen Zweikampf besiegen konnten. Ich hatte keine Ahnung, wie er es schaffen wollte, durch diese Mauer aus Stahl, Leder und hartnäckigem Kampfgeist zu brechen. Kurz darauf stieß er zu mir. Wir standen an der äußersten rechten Flanke der Stammeskrieger, ungefähr dort, wo der Halbkreis der Römer sich nach hinten krümmte. Deren seitliche Flanke, im Moment untätig, hatte sich in der bewährten Schildkrötenformation gegen Fluggeschosse gesichert und verbarrikadierte so den Zugang zum dahinter stehenden Wagen des Varus. Hektisch nestelte mein Vater an einer seitlichen Tasche seiner Hose herum. Fluchend zog er schließlich einen dosenähnlichen Behälter heraus, dann noch einen. Ich konnte nicht anders und schaute mich ständig ängstlich in alle Richtungen um. Jeden Moment erwartete ich eine Abteilung Römer, die sich auf uns stürzte, während wir hier herumstanden. »Was machst du denn bloß?«, fragte ich drängend. »Was hast du vor? Hier können wir uns gleich eine Zielscheibe um den Hals hängen. Scheiße! Ich glaube, der da vorne hat gerade auf uns gezeigt!« Mein Vater ignorierte mich. Ich sah, wie in etwa zwanzig Schritt Entfernung Aufregung entstand, als ein Centurio auf uns deutete. »Beeil dich! Einer deiner alten Kameraden scheint dich erkannt zu …« Arminius knurrte etwas, dann zog er an einer Lasche am oberen Ende der Dose, bog den Oberkörper zurück und warf das Ding genau vor die Legionäre am hinteren Ende des Halbkreises. »Rauchgranaten!«, rief er mir grinsend zu. »Wir haben gleich ungefähr fünf Minuten Zeit. Fünf Minuten, nicht mehr!« Eine Sekunde später folgte eine weitere, die er vor den Füßen der vorderen Soldaten platzierte. Zunächst passierte nicht viel. Eher unspektakulär machte zuerst die erste, danach die zweite Granate ein leise ploppendes Geräusch. Dünne Fäden roten Nebels entwichen der Dose und stiegen geisterhaft schön und mit tänzelnder Anmut in die Höhe. Doch innerhalb von wenigen Sekunden plusterten sich diese zu einer monströsen wabernden Masse auf, die in kürzester Zeit die gesamte rechte Flanke der römischen Abwehr einhüllte. Laute entsetzte Schreie erklangen. Schilde schepperten unsicher gegeneinander, Waffen klirrten ängstlich und ich konnte mir vorstellen, welches Grauen die abergläubischen römischen Soldaten gerade packte, während sie sich von dem roten Nebel umhüllt sahen. Verwirrt stolperten sie durcheinander. Ich konnte nur schemenhaft am Rand der undurchsichtigen Zone erkennen, was in ihrem Inneren passierte. Die Verwirrung und Furcht der Soldaten mündeten zweifellos jeden Augenblick in nackte Panik. Mein Vater rannte zur Flanke des nebligen Gebildes, legte die Hände zu einem Trichter um den Mund und brüllte etwas auf Lateinisch. Kam jemand aus dem roten Smog in seine Richtung gestolpert, so hieb er ihn mit einem schnellen Streich seines Kurzschwertes nieder. Ich folgte ihm, während er ein weiteres Mal rief. Als er mich kommen sah, grinste er. »Ich sage ihnen, dass der Blutatem des zornigen Mars sie umhüllt und sie des Todes sind, wenn sie nicht auf der Stelle fliehen!« Jetzt nahm er sein Gewehr in die Hand und gab mir zu verstehen, das Gleiche zu tun. »Los! Wir laufen außen herum!« Eilig setzten wir uns in Bewegung. Die undurchdringliche Nebelbank zog sich bis zu ihren bereits langsam zerfließenden Rändern etwa fünfzig Schritte hin. Unbehelligt liefen wir an der im Chaos versinkenden rechten Flanke entlang, nutzten eine breite Lücke zwischen den Soldaten und schlüpften hinter ihre Linie. Mein Vater gab zwar einen Schuss ab, wenn ihm ein Soldat zu nahe kam, doch eigentlich war das Munitionsverschwendung. Niemand hatte die Absicht, uns anzugreifen. Sie waren viel zu sehr damit beschäftigt, dem blutigen Atem ihres wütenden Kriegsgottes zu entkommen. Unerwartet schnell lag der Wagen direkt vor uns. Lediglich einige dünne blassrote und versprengte Dunstschleier waren bis hier hinten gekommen. Diese konnten niemanden verschrecken, erst recht nicht die mehr als zwanzig kantigen Prätorianer, die uns jetzt grimmig anstarrten. Augenblicklich wurden Befehle gebellt. Die Männer nahmen in zwei Angriffsgruppen schützend vor dem Wagen Aufstellung. Ein paar von ihnen hoben bereits ihre Wurfspeere. Angsterfüllt sah ich mich nach irgendeiner Deckung um. Doch hier war nichts. Nur aufgewühlter schwarzer Schlamm, niedergetrampelte Grassoden, im Rücken ein oder zwei sich auflösende Centurien, weiter hinten die kämpfenden Truppen und weitere rings um den Wagen des Varus, die sicherlich ebenfalls zum Stab gehörten. »Schieß!«, befahl mir mein Vater – es war tatsächlich unsere einzige Option. Wir feuerten ein paar Schüsse ab und trafen auch, aber die Wirkung war nicht die gewünschte. Die Prätorianergarde war aus anderem Holz geschnitzt als die einfachen Infanteristen. Zwar stand ihnen ebenfalls die Furcht ins Gesicht geschrieben, denn die Schüsse übertönten das gesamte Kampfgeschehen und hallten lauter als jeder Donner wider, doch sie hielten trotzdem die Stellung. Die ersten Speere kamen so präzise und mit einer solchen Wucht geschleudert auf uns zu, dass uns nur noch ein eiliger Sprung zur Seite davor bewahrte, aufgespießt zu werden. Hart landete ich im Matsch, bekam den Mund voll knirschenden Dreck, war für einen Moment blind auch auf meinem rechten Auge und konnte kaum atmen, da ich unglücklich auf dem Oberkörper gelandet war. Um mich und meinen Vater herum schlugen die Speere ein. Mit dem Unterarm wischte ich mein Gesicht notdürftig sauber und sprang wieder auf. In Panik und immer noch halb blind stellte ich den kleinen Hebel erneut auf Automatik und zog den Abzug. Wenige Sekunden tanzte und ratterte die Kalaschnikow in meinen Händen, dann war das Magazin leer geschossen. »Nicht, Leon!«, hörte ich meinen Vater rufen, doch es war schon zu spät. Benommen blickte ich durch den Qualm, der aus dem Lauf der Waffe aufstieg, auf die Soldaten vor uns. Ich hatte ein paar von ihnen getroffen, aber die meisten Kugeln hatten wohl nur die Luft zerschnitten und keinen Schaden angerichtet. Die verletzten Kameraden wurden schnell beiseitegeschafft, während die anderen bereits wieder in Angriffsformation übergingen. Arminius hob die Waffe drohend hoch und zielte damit genau auf den Kopf des Befehlshabers. Er ging ein paar Schritte auf ihn zu und brüllte dabei etwas auf Lateinisch. Ich wusste, dass er bluffte, denn seine Kugeln reichten ganz sicher nicht für sie alle. Und irgendwie mussten wir ja auch noch entkommen. Sein Mund war zu einer Mischung aus Zähnefletschen und höhnischem Grinsen verzogen. Der Befehlshaber und seine Männer wichen ein wenig zurück, doch zur erhofften Flucht der Prätorianer kam es nicht. Plötzlich öffnete sich eine hölzerne Tür am mannshohen Aufbau des Wagens und schwang nach außen auf. Aus der Dunkelheit des Inneren schaute ein kleiner, leicht übergewichtiger Mann mit kurzen schwarzen Haaren. Er trug eine prachtvolle ritterliche Rüstung, die vor Silber und Abzeichen nur so strotzte. Das musste er sein: Varus höchstpersönlich! Auf seinem Muskelpanzer prangten Blitzbündel, halb bedeckt von einer mehrfach um seine Brust geschlungenen purpurnen Feldbinde. Seine Füße steckten in so kostbar verarbeiteten roten Lederstiefeln, wie ich sie bislang noch nicht gesehen hatte. Außerdem trug er einen karmesinroten Feldherrenmantel, eigentlich eher eine Art Umhang, über der linken Schulter und dem Arm – eindeutiges Zeichen seines hohen Ranges. An seinem Gürtel hing eine mit reichlich Gold und Silber überzogene Schwertscheide, aus der ein mit goldenem Adlerkopf verzierter Griff ragte. Der Kaiser von Rom hätte nicht prunkvoller daherkommen können, wie ich fand. All die strahlende Schönheit seiner Aufmachung wirkte grotesk deplatziert inmitten dieser mörderischen Szenerie aus Schlamm, Blut, Tod, Gestank und dem Geschrei der Verletzten und Sterbenden. Seine protzige Rüstung war hier so nutzlos wie ein abgebranntes Streichholz. Der Blick des Mächtigen barg eine Mischung aus Neugier und Furcht, aber auch Genervtheit, so, als empörte es ihn, dass man die Kämpfe ausgerechnet vor seiner »Haustür« austrug. Als er meinen Vater erkannte, verzerrte sich seine Miene vor blanker Wut. Hastig brüllte er Befehle und wies mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ihn. Die Prätorianer setzten sich in Bewegung. Armin, der bisher auf den Befehlshaber von Varus’ Leibwache gezielt hatte, schwenkte den Lauf seiner Waffe in Richtung des Statthalters. Dieser zog den Kopf nicht zurück in sein Schneckenhaus, wohl in Unkenntnis der Gefahr, in der er schwebte. Ich zog mein Schwert, was mir in dieser Situation zwar irgendwie sinnlos erschien, mir aber immerhin das Gefühl gab, auch etwas zu tun. Ohne weiter zu zögern, schoss mein Vater. Die erste Kugel schlug direkt neben Varus’ Kopf in die Holzbohlen seines Wagens ein. Splitter flogen umher. Der Statthalter jaulte so erbärmlich auf wie ein junges Kätzchen, das man seiner Mutter entriss. Sofort hielt er sich das Ohr. Ich sah Blut, das zwischen seinen ringbesetzten feisten Fingern hindurchsickerte. Ich hielt den Atem an. Was würde die Leibgarde tun? Dann hörte ich meinen Vater fluchen und sah, wie er die Mündung seiner Waffe leicht korrigierte und erneut schoss. Indes regnete eine Handvoll Speere auf ihn nieder, von denen ihn – wie durch ein Wunder – nur ein einziger seitlich am Brustkorb streifte. Dank seiner kugelsicheren Weste wurde er lediglich zurückgestoßen, feuerte aber noch zwei wertvolle Patronen in die Luft. Varus’ Jaulen war zwischenzeitlich zu einem durchgehenden klagenden Schreien geworden. Er hielt sich den rechten Oberarm, aus dem er nun ebenfalls blutete. Da er nicht in den Wagen zurückgeschleudert worden war, vermutete ich, dass er nur einen Streifschuss abbekommen hatte. Einige Sekunden lang wanderte sein entsetzter Blick zwischen der Wunde am Arm und Arminius hin und her, dann keuchte er etwas in Richtung des Befehlshabers der Leibgarde und taumelte schließlich zurück. Die Wagentür fiel krachend zu. Mein Vater fluchte laut, zielte ein weiteres Mal auf die Prätorianer und feuerte. Ich hörte jedoch lediglich ein metallisches Klicken. Auch sein Magazin war leer geschossen! Sofort verließ mich jeder Mut. Wie sollten wir hier nur wieder wegkommen? Wir befanden uns praktisch im Inneren der Höhle des Löwen, eingekesselt zwischen kämpfenden Infanteristen, die uns zwar zumeist den Rücken zuwandten und noch versuchten, Mars’ Todesatem zu entkommen, sowie den Resten der Varus-Leibgarde. Meiner Meinung nach bestand unsere größte Chance zu überleben darin, die Flucht durch die Mitte anzutreten. Die Prätorianer gingen bereits in Angriffsstellung und näherten sich uns mit gezogenen Schwertern. Dabei fächerten sie ihre Reihen so auf, dass sie uns in wenigen Sekunden eingekreist haben würden. »In den Nebel!«, brüllte ich. Unschlüssig sah mein Vater ein letztes Mal zum Wagen des Statthalters, dann auf die anrückende Leibgarde. Auch er begriff, dass unser Coup gescheitert war. Endlich drehte er sich um und rannte mir entgegen. Nur Augenblicke später tauchten wir in das sich langsam auflösende Rot ein. Stellenweise konnte ich tatsächlich die Hand vor Augen nicht sehen. Die wie aus dem Nichts plötzlich vor meinem Gesicht auftauchenden Römer wirkten jedoch ausnahmslos verstört und verängstigt. Niemand griff uns an, ja, sie realisierten nicht einmal, dass wir Stammeskrieger unter ihnen waren. Ihr einziges Bestreben war es, diesen Nebel hinter sich zu lassen. Doch die meisten irrten offenbar nur mit ausgestreckten Armen und ihre Götter anwinselnd im Kreis herum. Ich hielt meinen Vater am Unterarm gepackt und zog ihn mit mir, während ich rüde und rücksichtslos jeden aus dem Weg rempelte, der uns behinderte. Immer wieder sah ich mich um. Die Prätorianer hatten uns offenbar aus den Augen verloren, denn niemand war uns direkt auf den Fersen. Kurz darauf erreichten wir die andere Seite der Nebelbank. Dort ließ ich Armin los. Wir rannten etwa hundert Schritte, bis wir keuchend unter dem Stamm einer Krüppelkiefer in Sicherheit waren. Nur langsam fiel die Todesangst von mir ab, während mein Vater schon wieder grinste und die Achseln zuckte. »War ’n Versuch wert, oder nicht? Immerhin haben wir das fette Schwein ordentlich erschreckt. Ich wette, er hat sich vollgepisst, als es so richtig krachte und ihm die Splitter um die Ohren flogen.« Wahrscheinlich war es so, allerdings hatte sich meine Fähigkeit, Spott und Euphorie zu empfinden, kurzzeitig verabschiedet. »Das wäre fast schiefgegangen!«, keuchte ich immer noch. »Ach was! Du denkst immer viel zu negativ, Junge! Was alles hätte passieren können, interessiert doch keine Sau! Wir sind hier und das in einem Stück, das ist alles, was zählt.« Er sah zu den Marsern hinüber. Aesk und seine Leute hatten die Infanteristen massiv zurückgedrängt, aber noch hielten sie dem Ansturm stand. Der Adler der 18. ragte hoch in den Himmel und war zusätzliche Motivation für die kämpfenden Truppen. Doch die Stammeskrieger hatten den Aquilifer bereits eingekesselt. Es war nur noch eine Frage der Zeit, bis auch dieses höchste Feldzeichen aus römischen Händen gerissen wurde. Schon sah ich den emporgestreckten goldenen Adler über den Köpfen schwanken. »Ich geh jetzt endlich nach Julia und den Kindern schauen«, sagte ich schließlich. Mein Vater nickte. »Ja, ich stehe zu meinem Wort. Aesk kommt alleine klar. Ich habe sowieso keine Munition mehr hier. Lass mich wenigstens noch ein paar Männer zur Unterstützung holen. Du gehst schon mal vor. Treffpunkt da vorne, an der dicken Erle mit der abgebrochenen Krone!« Er zeigte auf den markanten Baum am Waldrand in einiger Entfernung. »Alles klar.« Schon war Arminius aufgesprungen und rannte in Richtung des Kampfplatzes. Ich dagegen wandte mich ab und schritt langsam zum Treffpunkt, genau dort, wo der Hügel steiler anstieg. Den Geruch dieses Schlachtfeldes würde ich nicht so schnell aus der Nase bekommen – und die gewonnenen Eindrücke sicher auch nicht aus meinen Träumen. Aber ich hegte keinerlei Zweifel daran, dass die Marser heute Nacht die Erbeutung des Legionsadlers feiern würden. Kurze Zeit später stieß mein Vater mit sechs Marsern zu mir. Er grinste übers ganze Gesicht. »Aesks Männer schlagen sich prächtig! Nicht mehr lange und sie tragen einen grandiosen Sieg davon. Den Adler haben sie schon – sie erschlagen gerade die ersten Gefangenen damit. Vor den Augen der letzten kämpfenden Truppen. Hat man so etwas je zuvor gehört?« Er lachte hart. »Varus’ Schande ist unendlich. Aber Verstärkung rückt an. Ich habe Aesk geraten, sich zurückzuziehen, will er den Sieg nicht zu einer Niederlage werden lassen. Wir müssen unsere Karten der Reihe nach ausspielen und dürfen nie zu viel riskieren.« »Deine Taktik ist goldrichtig«, entgegnete ich. »Obwohl unsere Aktion gerade eben nicht so recht in dieses Bild passt …« Ich zuckte die Achseln. »Allerdings ist dein Sieg nicht mehr umzukehren, davon bin ich überzeugt. Alles entwickelt sich so, wie wir es erwarten konnten. Trotzdem mache ich mir aber noch große Sorgen um …« Arminius winkte ab und begann, einige der übelsten Kratzer, Schrammen und Schnitte, die er bei den letzten Gefechten abbekommen hatte, mit einem Desinfektionsspray zu behandeln. Ich half ihm, sie anschließend zu verbinden. »Ich weiß. Glaub mir, ich will ebenfalls nicht, dass Hortari etwas zustößt. Er ist mein Sohn, genau wie du. Wäre die dumme Gans aber gar nicht erst hergekommen, hätten wir das Problem auch nicht, hab ich recht?« Ich zuckte wieder mit den Schultern. »Wir sollten uns beeilen. In spätestens zwei Stunden dämmert es.« »Das Chaukenlager ist nicht weit von hier. Schau, dort hinten!« Er wies in Richtung des Folkobeek auf einen lichten Espenhain am Fuß des Hanges. Der Handelsweg schlängelte sich unweit daran vorbei. »Durch die Bäume fließt ein Bach. Direkt dahinter beginnt das östlichste Ende des Walls, den die Chauken zu Ende gebaut haben. Deine Chauken.« Er zwinkerte mir zu. »Sie sind also nicht weit.« »He, ich weiß genau, wo ich hier bin! Meinst du, ich habe die letzten Wochen unter einem Stein gepennt?« Wieso schaffte er es immer wieder, mich so schnell auf die Palme zu bringen? Sehr gut erinnerte ich mich an Agalstra und seine Sippe, die wir erst vor wenigen Tagen vor der sich anbahnenden Gefahr gewarnt hatten. Sein Hof lag ganz in der Nähe. Ob sie wohl geflohen waren, so wie Ingimer es ihnen empfohlen hatte? Ich schaute noch einmal zum Kampfplatz bei Varus’ Wagen hinüber. Der Heereszug war dort geteilt worden und der westliche Teil der Truppen, die Vorhut, dank abgefangener Meldereiter in Unkenntnis der dramatischen Situation. »Wo genau befindet sich die Vorhut?« Arminius grinste. »Gute Aufklärung ist alles, mein Junge. Sie sind dort hinten, allerdings können sie uns nicht sehen und wir sie von hier aus auch nicht. Die scheißen sich in die Hosen und graben sich tief in den Boden ein, bis das Hauptheer da ist. Die werden sich noch wundern, wie sehr dieses geschrumpft ist! Es sind nur Pioniere, zwar an die eintausend, aber ihre Aufgabe ist hauptsächlich das Bäume Fällen und Wege Anlegen. Der Boden da vorne ist ziemlich sandig und völlig aufgeweicht. Wir brauchen sie nicht zu fürchten. Morgen früh kümmern wir uns um sie, sobald das Heer wieder aufgebrochen ist.« Vor dem Bachlauf bogen wir in das dichte Gebüsch ab und folgten einem erkennbar ausgetretenen Trampelpfad. In den letzten Tagen schien er sehr beliebt gewesen zu sein. Nun ging es erneut hinauf in die Hügel. Bald darauf erreichten wir das Chaukenlager. Menschenleer lag es vor uns. Immerhin konnte ich keine Spuren eines Kampfes entdecken. Aber wo war Bruno? Kein wachsames Gebelle, kein Entgegenkommen, wenn jemand sich näherte? Ich war beunruhigter denn je. Langsam gingen wir durch die Reihen der chaukischen Zelte, bis wir schließlich eine dünne Rauchfahne weiter hinten zwischen einigen Holunderbäumen entdeckten. Erleichtert atmete ich auf. »Dort brennt ein Feuer. Das werden sie sein«, sagte ich und eilte in die Richtung. Unglaublich, dass die Krieger bei all dem Regen immer noch genügend Feuerholz besaßen. Sie betrieben eigens zu diesem Zweck sogenannte »Trocknungsfeuer«, die sehr langsam brannten und kontinuierlich Wärme abgaben, um das um sie herum gestapelte Feuerholz anzutrocknen. Arminius folgte mir mit den Marsern. Meine Enttäuschung war grenzenlos, als ich Folke entdeckte, einen Chauken vom Aha Stegili, der unter einer großen quer gespannten Abdeckung Holz sortierte und an mehreren kleinen Feuern trocknete. Sein linker Arm hing schlaff an seinem Körper herab und war sicherlich der Grund für seine Anwesenheit hier. »Folke, wo sind Julia und die Kinder?«, rief ich ihm zu. Erschrocken blickte der drahtige Chauke mit den weißblonden Haaren und dem dünnen Bärtchen auf. Offenbar hatte er uns weder gehört noch mit jemandem gerechnet. »Witandi!«, entgegnete er. Sein Blick wanderte ehrfürchtig zu Arminius, den Marsern, dann wieder zu mir zurück. Dann zuckte er die Schultern. »Weiß nicht. Habe sie zuletzt gesehen, als es stark regnete.« Er hielt die Hand leicht schräg. Eine alte Angewohnheit der Chauken, einen Zeitpunkt daran festzumachen, in welchem Winkel der Regen in dem besagten Moment gefallen war. Ich nickte und überlegte kurz. Er meinte in etwa die Mittagszeit, die viele Stunden zurücklag. »Und seitdem nicht mehr? Wohin könnten sie gegangen sein? Hast du hier irgendwo Römer gesehen?« Meine Beunruhigung wuchs weiter. Meist trog mich mein Gefühl nicht. Folke verzog den Mund und schien zu überlegen. »Also, Römer habe ich hier keine gesehen. Und wenn, dann hätte ich sie erschlagen.« Er grinste breit. Ich war mir sicher, dass es eher andersherum gekommen wäre, aber ich hielt meine Zunge im Zaum. »Weiß nicht, wo sie hin sein könnten, Witandi. Denke mal, Pilze und Beeren suchen. Das haben sie die letzten Tage gemacht. Hat das Trockenfleisch viel …« »Ja, ja«, unterbrach ich ihn und winkte ab. Dann wandte ich mich zu meinem Vater um. »Scheint, als wären sie verschwunden. Ich habe ein wirklich beschissenes Gefühl.« Einen Moment lang standen wir unschlüssig herum. »Wo genau ist das Lager von Segestes? Wisst ihr das?« Dagfari und Eirulf zeigten beinahe gleichzeitig in südwestliche Richtung. Arminius hob erstaunt die Augenbrauen. »Du glaubst doch nicht, dass …« Ich zuckte die Achseln. »Wir müssen eh das umliegende Gebiet nach ihnen absuchen. Dabei sollten wir uns Richtung Südwesten orientieren. Vielleicht haben sie sich verlaufen und Segestes’ Männer haben sie mitgenommen.« Mein Vater nickte. »Das würde ihm ähnlich sehen. Immerhin hat sie meinen Sohn dabei. Gut, lasst mich noch etwas Munition mitnehmen, dann reiten wir! Auf zu diesem Drecksack!« Die beiden Marser übernahmen die Führung. Wir folgten dem Bachlauf tiefer in die Hügel hinein, bis wir nach kurzer Zeit auf einen Weg stießen, der nach Westen führte. Das hohe, nasse Gras war hier deutlich sichtbar niedergetrampelt. »Der Pfad ist gerade erst benutzt worden. Von mehr als einer Person«, rief Dagfari. Mein Puls schlug nun schneller. Ich hoffte inständig, dass wir sie alle gesund vorfanden. Als wir den folgenden Hügel auf der anderen Seite wieder hinabritten, glitt Eirulf plötzlich vom Rücken seines Pferdes und bückte sich dicht über den Boden. Sofort folgte ich ihm. »Was hast du gefunden?«, fragte ich. Eirulf wies auf einen großen braunen schmierigen Haufen. »Das ist Hundekacke«, meinte er sachlich. »Bruno!«, entgegnete ich. Andere Hunde gab es hier weit und breit nicht. Zumindest hatte ich keine gesehen. Die Stämme der Gegend führten auch keine in die Schlacht, so wie es im Süden häufig der Fall war. Insbesondere von den keltischen Völkern hatte ich das schon gehört. »Also sind sie hier tatsächlich vorbeigekommen.« »Der Regen hat dem Haufen einige Zeit zugesetzt«, ergänzte Eirulf. »Ist schon älter.« »Dann weiter!«, drängte ich. »Wir dürfen keine Zeit mehr verlieren!« Ohne Zwischenfälle erreichten wir kurz danach einen cheruskischen Wachposten, der uns aus dem Wipfel eines Baumes ironisch zurief: »Der Häuptling wird sicherlich erfreut sein, dich schon wieder zu begrüßen!« Damit meinte er natürlich meinen Vater. Bevor der jedoch etwas erwidern konnte, schaltete ich mich ein. »Sind eine Frau und zwei Kinder hier vorbeigekommen? Und ein Hund?« Der Wachposten schwieg kurz. Schließlich schien er zu dem Schluss zu kommen, dass die Herausgabe dieser Information niemandem schaden würde. »Ja. Sie wollte zu Segestes. Warum? Ist sie dir weggelaufen?« Der Mann lachte jetzt keckernd. Wir hatten es hier offenbar mit einem wahren Spaßvogel zu tun. »An deiner Stelle hätte ich sie ja gar nicht erst mitgebracht. Viel zu gefährlich. Aber ihr Chauken seid ja ein großes Volk, wie man hört, da habt ihr wohl genug Weiber.« Er lachte erneut. »Vielleicht komme ich ja mal hoch in den Norden, wenn das hier vorbei ist, und suche mir eine aus.« Ohne dem Mann weitere Beachtung zu schenken, gab ich meinem Pferd die Hacken. Ein dumpfes, weithin hörbares Röhren ertönte aus dem Baumwipfel. Es klang wie das eines alten Hirsches, produziert mit Hilfe eines dünnen, länglichen Rohres. Segestes wurde vorgewarnt. Dann folgten noch weitere. Ich zählte acht dieser Töne und ahnte, was sie bedeuteten: acht Männer, bewaffnet, Gefahr. Sicherlich waren die helleren Töne, die für junge Hirsche standen, den ungefährlichen Besuchern vorbehalten. Nun denn, so wussten wir jetzt wenigstens, was uns erwartete. Wir entsicherten vorsichtshalber unsere Waffen und hielten sie im Anschlag. Ich rechnete zwar nicht damit, dass Segestes uns angreifen würde, doch man konnte ja nie wissen. Schließlich erreichten wir zum zweiten Mal am heutigen Tag sein Lager. Ich hatte ein ungutes Gefühl und wusste beim besten Willen keinen guten Grund, warum Julia ausgerechnet hierher kommen sollte. Im nächsten Moment erklang Hundegebell. »Bruno!«, rief ich erleichtert. Zwischen einigen Büschen und Bäumen sah ich ihn, genau wie er im selben Augenblick uns. Wie ein weiß-brauner Blitz kam er auf mich zu geschossen. Ich sprang vom Pferd, um ihn ebenfalls gebührend in Empfang nehmen zu können. Was die wachsamen Cherusker, die überall bewaffnet hervorkamen, darüber dachten, war mir egal. Auch die Marser begutachteten mein Treiben eher mit Befremden. Mich scherte das nicht. Keiner von ihnen ahnte auch nur im Geringsten, woher Bruno und ich kamen und was wir gemeinsam durchgemacht hatten. Er war für mich wie eine Brücke in eine weit entfernte Vergangenheit und so lieb und teuer wie sonst nur Ingimodi und Frilike. Immerhin war nun klar, dass wir Julia, Hortari und Skrohliko ebenfalls hier vorfinden würden. Ich packte mein Pferd am Halfter und folgte den anderen, die bereits einige Schritte voraus waren. Bruno wich mir nicht mehr von der Seite. »Arminius!«, dröhnte es lautstark. Segestes trat mit seinen ergebensten Kriegern vor, unter ihnen auch Segimundi und Sesithaki. Seine Gestalt wirkte auffällig anders als sonst, irgendwie kantiger. Er grinste über das ganze Gesicht. »Waren meine Worte heute Morgen nicht deutlich genug? Oder hast du vielleicht Sehnsucht nach mir?« Ich brauchte einen Moment, um die Veränderung zu erkennen. Dann sah ich es. Der hoch stehende Nackenschutz, das glänzende nylonartige Gewebe … Er trug eine kugelsichere Weste! Was zur Hölle ging hier vor? Hatte er Julia entführt und ihre Sachen an sich genommen? Auch meinem Vater fiel das ungewöhnliche Kleidungsstück sofort auf. »Ich sehe, du hast dich neu eingekleidet, geschätzter Stammesfreund. Wie kommst du dazu?« Seine Überraschung und Wut merkte ich ihm deutlich an. Ich konnte nur hoffen, dass Julia nichts Törichtes angestellt hatte. Die ganze Situation war überaus skurril. Unweit von hier tobte die entscheidende Schlacht zur Befreiung Germaniens und der Heerführer der vereinigten Stämme musste sich um seinen verschwundenen Sohn sorgen sowie mit quertreibenden Stammesgenossen herumärgern. Segestes lächelte selbstgefällig. »Das Heil meiner Sippe ist legendär, Arminius. So ist das Kriegsglück stets mit mir gewesen. Die Dinge fügten sich immer so, dass es zum Besten für mich und meine Leute war. Was ist mit dir? Kennst du deine Ahnen überhaupt, Adoptivsohn des Segimer?« Eine solche Frage stellte eine enorme Provokation dar. Jemand, der seine Ahnen nicht kannte, war ein ehrloser Mann. Doch mein Vater ging zum Glück nicht direkt auf diese Frechheit ein. »Gebietet deine Ehre es dir, die Offiziere des Feindes zu beschützen? Die Männer, die Befehl gaben, die Cherusker zu bekämpfen und in die Knie zu zwingen? Steuern und Abgaben von ihnen zu fordern, militärischen Dienst, sogar die Kinder ihrer Edelleute als Geiseln ins Römische Reich zu verschleppen?« Arminius spuckte verächtlich aus und machte einen drohenden Schritt auf Segestes zu. Ich wusste, dass es in ihm brodelte. »Nach der Schlacht, wenn wir die Offiziere und Tribunen den Göttern opfern, sollten wir auch deinen Schädel an eine Donareiche nageln, du verlogene, ehrlose Natter!« Auch Segestes trat vor. »Sei vorsichtig mit deinen Worten, Arminius! Dein Mut, hierher zu kommen, ehrt dich zwar, doch bin ich mir nicht sicher, ob es nicht eher Dummheit und Stolz sind, die dich leiten. Ich fürchte dich nicht. Geh jetzt, bevor ich dich einfange, in einen Sack stecke und von einer Herde Hirsche zerstampfen lasse!« Breitbeinig, eine Hand am Schwertgriff und gut geschützt unter seiner Weste stand er da wie ein gefährlicher Dorn im Fleisch meines Vaters. Ich hielt den Atem an, rechnete mit dem Schlimmsten. »Nicht, bevor du mir antwortest!«, sagte mein Vater mit vor Zorn zusammengepressten Zähnen. »Woher hast du die Weste? Wo sind Julia und die Kinder?« »Hört auf, euch zu streiten!«, vernahm ich jetzt Julias Stimme. Sie hatte etwas abseits unter einem Regendach gestanden. Ich streckte mich ein wenig und sah, wie sie Hortari und Skrohliko einem von Segestes’ Männern übergab und näher kam. Erstaunt starrte ich sie an. Es wirkte nicht so, als wäre sie unter Zwang hier. »Was machst du hier, Julia?« Arminius’ Stimme war scharf und schneidend. Er sprach deutsch. »Beruhige dich!«, antwortete sie und hob beschwichtigend die Hände. »Ich habe die Nase voll gehabt von Ingimundi und seinen Befehlen. Da bin ich abgehauen.« Ich blickte sie entgeistert an. »Aber warum ausgerechnet hierher?«, schaltete ich mich ein. »Du warst sicher im Chaukenlager. Die Kinder …« Julia winkte ab. »Die Kinder und ich sind hier genauso sicher, Leon. Glaubt mir, aus meiner Sicht seid ihr zwei nicht unbedingt die vertrauensvollsten Menschen, die ich kenne. Um genau zu sein: Mein ganzes Leben ist nur noch ein Haufen Scheiße wegen euch beiden. Also kommt mir bloß nicht mit eurer selbstgerechten Wir-beschützen-dich-Nummer.« Sie lachte bitter und wurde lauter. »Für mich klingt das alles nur verrückt. Der Feldherr und sein Junior schreiben Geschichte. Blabla.« Sie atmete tief ein und kam noch näher. Ihre Stimme zitterte ein wenig. Sie wirkte, als stünde sie kurz vor einer Explosion. »Ich will hier einfach nur weg, kapiert ihr das eigentlich jemals? Nach Hause! Sofort! Ohne Wenn und Aber! Was glaubt ihr wohl, was ich gedacht habe, als die fünf Supermänner in dem Steinzeitdorf, das ich seit Jahren mein Zuhause nennen muss, zur Tür reinspaziert kamen? Als wäre es das Normalste der Welt, zweitausend Jahre durch die Zeit zu reisen, um mal eben bei Familie Feuerstein hallo zu sagen!« Sie stemmte die Hände ärgerlich in die Hüften. Aus ihren Augen sprühten Funken. »Hä? Was glaubt ihr? Dass ich morgens aufwache und mich für meine Kinder freue, die nie zur Schule gehen werden und in ein paar Jahren vielleicht elendig an einer Lungenentzündung krepieren, weil der nächste beschissene Arzt Jahrtausende entfernt ist? Verdammt, der Arztberuf ist ja noch nicht einmal erfunden worden!« Sie schrie jetzt beinahe. Mein Vater und ich schwiegen betreten. Die gesamte Situation wurde immer skurriler. Kein anderer der Anwesenden hatte überhaupt eine Ahnung, was sie erzählte. »Ich sag euch, was ich dachte, als diese fünf Rambo-Typen hereingeschneit sind: Verdammt, wenn die herkommen können, kann ich auch wieder zurück! So einfach ist das. Aber nein, Vater und Sohn Allmächtig wollen das ja nicht! Die beiden nehmen für sich zwar in Anspruch, mit ihrer Zeitmaschine hin und her zu hüpfen zwischen den Jahrtausenden, wie es ihnen gerade gefällt, aber die dumme Julia? Die soll mal schön mit ihrem Arsch in dem Scheiß-Dorf an diesem Scheiß-Bach bei diesem Scheiß-Stamm bleiben und sich von ’nem alten Häuptlingsopa Scheiß-Befehle geben lassen! Und wenn es irgendjemandem einfällt, ihren Mann umzubringen, dann ist das halt so. Shit happens!« Ihre Stimme brach nun beinahe. »Hilft der dummen Julia jemand? Nein, natürlich nicht. Die Herren Weltenretter sind zwar bis an die Zähne mit Gewehren und Handgranaten bewaffnet, aber gerade dann, wenn es darauf ankommt, ist nichts davon zur Hand.« Sie fing an zu weinen und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Ihre Knie wurden weich und sie wankte. Ich hatte schreckliche Schuldgefühle, dass wir es tatsächlich so weit hatten kommen lassen. Nicht einen Gedanken hatte ich je daran verschwendet, wie wir Julia wieder nach Hause bringen konnten. Sie hatte verdammt noch mal recht. »Lasst mich gehen!«, schluchzte sie weiter. »Hier gibt es nichts und niemanden mehr für mich.« Ich schluckte schwer, wollte zu ihr gehen, sie in den Arm nehmen und trösten, doch mein Vater hielt mich zurück. »Nein, Julia. Das geht nicht. Du kannst meinen Sohn nicht …« Wütend schaute sie hoch. »Deinen Sohn? Was für einen Unterschied macht er denn für dich, Armin? Wann hast du ihn das letzte Mal gesehen? Du würdest ihn nicht mal erkennen, wenn er vor dir stünde. Ich flehe euch an, helft mir! Leon, du bist es mir schuldig!« »Lass uns darüber sprechen, wenn die Schlacht vorbei ist, Julia«, sagte ich beschwichtigend. »Ich verspreche es dir. In diesem Augenblick ist es nur wirklich ziemlich unpassend. Aber ich werde mich darum kümmern.« »Nein!«, entgegnete sie wütend. »Die Zeit war nie passender. Helft mir und den Kindern. Jetzt!« »Warum er?«, fragte mein Vater und wies auf Segestes. Julia blickte kurz zu dem Cheruskerfürsten hinüber. »Weil er etwas hat, was du willst, und ich mir sicher war, dass du mir nicht freiwillig hilfst.« Während ich im ersten Moment nicht verstand, wovon sie sprach, nickte mein Vater sofort. »Du hattest immer schon ein Händchen für diese Art von … Hm, wie soll ich das nennen? Intrigen?« Julia blickte ihn müde an und zuckte die Achseln. »Ist mir egal, wie du das nennst, Armin. Ich habe eine Abmachung mit Segestes. Hilfst du mir, dann stellt er sich dir und dieser Thusnelda nicht mehr in den Weg.« Armin schürzte die Lippen. »Und was bekommt er dafür?«, fragte er lauernd. Ich befürchtete das Schlimmste. »Das hier!«, sagte Julia triumphierend und zog die Pistole unter ihrem Gewand hervor. Sie hielt sie Segestes hin. Mein Herz schien stehen zu bleiben und ich verfluchte alle Götter für Julias Torheit. Mein Blick ruckte erschrocken zu meinem Vater hinüber, anschließend zurück zu Julia und Segestes. Dieser griff lächelnd nach der Waffe. Dann brach die Hölle los. Mein Vater riss sein Gewehr im selben Augenblick hoch, als Julia die Waffe präsentierte. Natürlich konnte er niemals zulassen, dass sie einem seiner Erzfeinde in die Hände fiel. Als Segestes danach griff, legte er auf den Cheruskerfürsten an und feuerte. Die Kugel traf Segestes in die Brust und schleuderte ihn zurück. Seine Krieger hoben sofort ihre Wurfspeere und gingen in Angriffsstellung. Während ich zur Seite wegtauchte, um dem drohenden Geschosshagel zu entgehen, sah ich, wie der Reiterlegat Vala mit seinen Leuten sowie der Centurio, mit dem ich heute Morgen noch gekämpft hatte, aus einem Versteck hervorbrachen. Also stimmten die Anschuldigungen. Segestes gewährte dem Feind Unterschlupf! Auch sie schwangen Speere und nahmen Maß für ihren Wurf auf uns. Die Entfernung war gering. Schon im nächsten Moment regneten die schweren Spieße vom Himmel auf uns nieder. Ich riss Bruno mit mir hinter den schützenden Stamm eines dicken Bergahorns. Als der erste Hagel vorbei war, rief ich ihm panisch »Lauf!« zu und stieß ihn fort. Er spürte die Gefahr und gehorchte zum Glück. Ich hob mein Gewehr und schaute vorsichtig um den Baum herum nach vorne. Eirulf und ein weiterer Marser lagen von Speeren durchbohrt am Boden. Das abgehackte Bellen der Kalaschnikow meines Vaters erklang. Offenbar war er unverletzt geblieben. Einer von Valas Männern und zwei von Segestes’ Cheruskern brachen getroffen zusammen. Julia stand wie angewurzelt zwischen den Fronten. Ein Speer schlug knapp neben mir in den Boden ein. Ich duckte mich eilig wieder hinter den Baum und nestelte an meinem Gewehr herum, um es in Schussposition zu bekommen. Daraufhin riskierte ich einen weiteren Blick. Ich erkannte Vala, der vor Julia stand und versuchte, ihr die Waffe zu entreißen. »JULIA, LAUF!«, brüllte ich aus vollem Hals. Die Antwort war ein Speer, geworfen von einem seiner Männer. Noch mehr Schüsse erklangen. Und bevor ich mich wieder hinter den schützenden Stamm rollte, sah ich, wie Vala seinen Speer drohend erhob. Ich zitterte vor Angst. »Nein, nein, nein!«, murmelte ich immer wieder. Was passierte hier nur? Der Speer prallte gegen die andere Seite des Baumes, ohne weiteren Schaden anzurichten. Mit rasendem Herzen schaute ich wieder in Julias Richtung, endlich bereit, Vala zu erschießen, falls er die Hand gegen sie erhob. Doch ich konnte sie nirgends sehen. Erleichtert atmete ich auf. Ihr war es offenbar gelungen, sich in Sicherheit zu bringen. Hektisch suchte ich das Gelände ab, entdeckte sie aber nicht. Die Angreifer, Römer und Cherusker, kamen mit gezückten Schwertern näher. Die unverletzten Marser hatten sich in das Gebüsch zu meiner Rechten gerettet und schickten sich an, jeden Augenblick todesmutig loszustürmen. Ich legte an und wollte gerade abdrücken, als der geflohene Centurio mich mit seinem entsetzten Ausruf überraschte: »Julia!« Der Römer ließ sein Schwert fallen und bückte sich ins hohe Gras. Ich hielt meine Waffe direkt auf ihn gerichtet, jeden Augenblick bereit, den Abzug zu betätigen. Wieso rief der Römer ihren Namen? Er konnte unmöglich die Julia meinen, oder? Ich war völlig verwirrt. Vielleicht hatte er ja bloß ein lateinisches Wort gerufen, das sich so ähnlich anhörte? Ich wischte die Gedanken beiseite, es ging hier um unser Leben. Julia war sicherlich bei Hortari und Skrohliko. Ich krümmte also meinen Finger und spürte bereits den Widerstand. Dann erkannte ich, dass er jemanden auf den Armen trug. Und im nächsten Moment sah ich auch, wen: Julia! Sie spuckte Blut! Entsetzt ließ ich die Waffe sinken. Der Centurio hob sie ein wenig an. Oh nein! Sofort sah ich den Speer, der flach in ihrer Seite steckte. Sie war hinterrücks getroffen worden! Sie wollte sich aufbäumen, doch ihr fehlte die Kraft dazu. Lediglich einer ihrer Arme zuckte schwach. Ihre Lippen bewegten sich und ich sah, wie ihre Augenlider wild flatterten. Das durfte doch nicht wahr sein! Wieso sie? Der Speer hatte Julia schwer verletzt und sie brauchte auf der Stelle Hilfe. Die Blutung musste gestoppt werden! Panisch blickte ich mich nach unseren Feinden um, ließ dabei aber Julia und den Römer nicht aus den Augen. Immer wieder versuchte sie einen Arm zu heben und ich ahnte, dass sie wohl in Richtung der Kinder zeigte. Sie sorgte sich um sie, selbst jetzt noch, im Angesicht ihres Todes. Brennende Tränen stiegen in mir auf und der Schmerz des Unaussprechlichen schnürte mir die Kehle zu. Sie durfte nicht sterben! Ich wollte gerade aufspringen, als ein weiterer Speer sich nur eine Handbreit von meinem Gesicht entfernt neben mir in den Boden bohrte. Schreck, Angst und Wut ließen meine Hände zittern. JULIA! Oh nein, Julia! Ich konnte nichts anderes mehr denken. Doch wenn ich jetzt meine Deckung verließ, war ich ebenfalls geliefert. Und da ich nicht wusste, wo sich die Kinder oder Bruno befanden, konnte ich auch nicht einfach so blindlings ins Gebüsch feuern. Die Gefahr, sie zu treffen, war zu groß. Ich hörte weder die Schüsse meines Vaters noch das Brüllen der vorstürmenden Marser noch das Geschrei von Skrohliko und Hortari, auch nicht das wütende Rufen Segestes’. Ich wollte hin zu ihr, helfen, doch es war unmöglich. Wenige Zentimeter weiter rechts und links wartete der sichere Tod auf mich. Das konnte, das durfte nicht wahr sein! Ich wagte einen erneuten Blick. Der Centurio war aufgestanden und hielt Julia in den Armen. Ich sah ihre schlaff herabhängenden Arme, Beine, ihren Kopf, der im Nacken hing. Aus ihrem Mund rann immer noch Blut und auch aus ihrer Seite quoll es unaufhaltsam. Der Speer schien sie regelrecht aufgerissen zu haben. Hatte Vala sie etwa abgestochen, um an die Waffe zu kommen? Ich biss mir auf die Unterlippe, um nicht loszuschreien. Mir wurde klar, dass sie keine Chance hatte. Sie würde sterben. Sterben! Wut, Trauer, Fassungslosigkeit, Ekel – all das übermannte mich gleichzeitig. Und was hatte dieser Römer mit ihr vor? In mir schnappte irgendetwas über. Ich durfte ihm Julia nicht überlassen, musste verhindern, dass er sie entführte! Mit einem Satz stand ich auf, hielt die Waffe in Bauchhöhe und trat vor, bereit, mit Feuerstößen aus dem Gewehr jeden Feind in die Unterwelt zu schicken. Bevor ich aber auch nur einen einzigen Schuss abgeben konnte, traf eine Kugel aus der Waffe meines Vaters den Kopf des Centurios. Er wurde zurückgerissen, als das Geschoss durch seine Stirn eindrang und in einer Explosion aus Blut, Gehirnmasse und Knochensplittern auf der Rückseite wieder austrat. Als er zusammenbrach, begrub ihn Julia, die er vor sich her trug, unter sich. Segestes hatte sich mittlerweile erhoben und brüllte seinen Männern zu, sich im Wald in Sicherheit zu bringen. Sie flohen. Vala und seine Reiter hatten sich auf ihre Pferde geschwungen. Voller Panik brachen diese mit brachialer Gewalt durch das Geäst und dem Ausgang des schmalen Tals entgegen. Mit einer Mischung aus unbändiger Wut und Trauer erschoss ich jeden Feind, der mir ins Visier lief. Wer zurückblieb, starb ohne Gnade, unabhängig davon, ob es Segestes’ Männer oder Römer waren. Im Schlamm des Hügelwaldes servierten wir den Kriegsgöttern und Aasfressern der Gasitjanbargi ein weiteres Bankett aus Blut, Tod und Leichen. Krähen, Ratten, Wölfe, Füchse, Marder würden sich daran gütlich tun. Und Raben. Wir produzierten reichlich Rabenfutter. Aber warum ausgerechnet Julia? Als sich nichts mehr rührte, ging ich zu ihr hinüber und zog sie von dem Römer herunter, von dem ich keine Ahnung hatte, wieso er ihren Namen rief. Sie musste ihn hier kennengelernt haben, in den paar Stunden vor unserer Ankunft. Vielleicht hatte er sie gemocht? Ich würde es nie erfahren. Es spielte auch keine Rolle mehr. Julia war tot. Ich ließ meinen Tränen freien Lauf. Was diese Frau durchgemacht hatte, war unsäglich. Ihr grausames Schicksal machte mich ein weiteres Mal fassungslos. Nun würde sie nie mehr leiden, nichts mehr erdulden müssen. Mein Vater trat heran. Er suchte nach der Waffe, fand sie aber nicht. Wir brauchten das Offensichtliche nicht auszusprechen: Vala hatte sie! Obwohl er immer wieder argwöhnisch zum Waldrand blickte, wirkte auch er ernsthaft betroffen. »Verflucht, das hat sie nicht verdient«, murmelte er. Kein Wort über ihr törichtes Verhalten. Es änderte sowieso nichts mehr. Ich schwieg einige Zeit. »Hättest du sie gehen lassen?«, fragte ich schließlich mit tränenerstickter Stimme und strich der Toten einige dunkle, klebrige Haarsträhnen aus dem Gesicht. Arminius zögerte mit seiner Antwort. »Ich weiß es nicht«, gab er ehrlich zu. »Ich glaube nicht.« Dann ging er. »Ich hole die Kinder.« Mit diesen Worten ließ er mich bei Julia zurück. Lediglich zwei der Marser hatten den Angriff überlebt, darunter Dagfari. Gemeinsam hoben wir die Leichname auf die Pferde. Ich breitete eine Decke über Julia aus, bevor mein Vater mit den Kindern zurückkehrte. Sie sollten ihre Mutter auf keinen Fall so sehen. Der schwere Kloß in meiner Kehle nahm mir immer mehr die Luft. Je ruhiger mein Körper nach der Anspannung des Gefechtes wurde, desto entsetzlicher fühlte ich mich. Julia war tot. Was sollte aus den Kindern werden? Ich schüttelte stumm den Kopf und weinte bitterlich. Die armen Kinder! Ich fragte mich erneut: Was sollte nur aus ihnen werden? Wer würde sich um sie kümmern? Ich natürlich. Gemeinsam mit Frilike. Das schwor ich mir sofort. Ich würde sie wie meine eigenen behandeln. Für Julia und für Werthliko! Ihnen sollte es an nichts fehlen. Sie sollten glücklich sein. Auch ohne ihre Mutter und ihren Vater – wenn das überhaupt möglich war. Ich schluchzte erneut und bettete meinen Kopf auf Julias Körper, der nun wie ein Sack über dem Rücken des Pferdes hing. Eine Hand rutschte unter der Decke hervor. Ich ergriff sie und presste die nasse und kalte Haut an meine Wange. Tränen flossen aus meinen Augen wie der Sturzbach des Regens in den letzten Tagen aus dem Himmel. Ich würde diese Schuld für den Rest meines Lebens mit mir herumtragen, das wusste ich in diesem Moment. Und das zu Recht. Wegen mir war sie überhaupt in dieser Welt gelandet und ich hatte sie ihrem Schicksal überlassen. Ich schob Julias schlaffe Hand wieder unter die Decke und verschnürte alles fest. Kurze Zeit später erschien mein Vater mit den beiden Kindern. Sie waren völlig verstört, weinten und riefen nach ihrer Mutter. Ich wischte meine Tränen fort, ging zu ihnen und kniete mich vor sie hin. »Habt keine Angst mehr, Jungs, der Krach ist vorbei. Wir kehren jetzt zum Lager zurück.« Dann nahm ich beide in den Arm. »Wo ist Mutter, Onkel Witandi?«, fragte Hortari, der Ältere von beiden. Ich war froh, dass sie offenbar nicht mit angesehen hatten, wie Julia von dem Speer durchbohrt worden war. »Sie musste gehen, Hortari. Sie liebt euch unendlich, aber sie konnte nicht anders. Ihr werdet bei mir bleiben.« »Wieso hat sie sich nicht verabschiedet?«, fragte der kleinere Skrohliko erschrocken. Ich riss mich zusammen, um nicht erneut loszuheulen. »Es ging alles ganz schnell. So ist das manchmal bei den Erwachsenen. Aber sie liebt euch.« »Ist sie zu Vater gegangen?«, fragte Hortari. Ich nickte. »Ja, sie ist jetzt bei eurem Vater.« Beide fingen an zu weinen. »Wir wollen auch dahin! Zu Mutter und Vater!« Ich weinte mit ihnen, hielt sie ganz fest, während es mich schüttelte. Es war der traurigste Moment in meinem Leben. Der Jüngere von beiden, Skrohliko, war völlig aufgelöst und das Schluchzen ließ seinen gesamten Körper erbeben. Dabei umklammerten mich seine kleinen Hände voller Verzweiflung. Hortari vergoss ebenfalls bittere Tränen, während er verstört und stocksteif den Blick nicht von der blutigen Szenerie abwenden konnte. Schließlich seufzte ich. »Kommt, wir müssen weg von hier.« Mein Vater nahm Hortari vor sich aufs Pferd, ich Skrohliko. So ritten wir eilig zurück. Ich verfluchte den Krieg. Ich verfluchte die Römer. Ich verfluchte den Tod und das unbarmherzige Schicksal. Hätte Julia doch bloß nicht diese Waffe gezogen! Vielleicht wäre es dann nicht so weit gekommen. Ich verdrängte den Gedanken jedoch sofort wieder, denn er war nutzlos. Ihre Verzweiflung hatte sich überhaupt nur so weit entwickeln können, weil mein Vater und ich bloß an uns selbst gedacht hatten. Und die Waffe hatte ich ihr besorgt. Es war tragisch. Ich schlang einen Arm um Skrohliko, damit er nicht vom Sattel rutschte, und wischte mir mit meinem nassen Ärmel weitere Tränen aus dem Augenwinkel. Bruno war im Augenblick der einzige Glückliche, denn er war endlich wieder bei mir. Im letzten Lager Wirst du sie Vala überlassen?«, fragte ich meinen Vater und meinte natürlich die Pistole aus dem Bestand des Franzosen. Wir waren gerade im Chaukenlager angekommen, wo Geronimo bereits als Eskorte für Armin wartete. Sie hatten sich über Funk verständigt und der Hagalianer brachte dringend benötigten Munitionsnachschub mit. »Falls er je herausfindet, wie das Ding zu bedienen ist«, winkte er ab, »hat er nur die Patronen im Magazin. Wie viel Schaden kann er damit anrichten?« »Mit jeder Kugel kann er eines unserer Leben nehmen«, entgegnete ich. Arminius schürzte grimmig die Lippen. »Ich weiß. Was schlägst du vor? Wir wissen nicht mal, wo er hin ist. Wahrscheinlich Asprenas entgegen. Vielleicht zu seiner Legion zurück.« »Er ist der Mörder von Julia«, fuhr ich stur fort. »Wir müssen ihn aufhalten!« »Das wünsche ich auch, Leon. Wirklich. Das Geschehene ist tragisch und wenn wir Vala erwischen, bekommt er seine Strafe.« Ich hoffte es. »Und Segestes? Was gedenkst du wegen ihm zu tun?« »Diesen Scheißkerl würde ich am liebsten über den Haufen schießen, aber dafür fehlt die Zeit. Bis ich eine Schar vertrauenswürdiger Männer versammelt habe, ist er sowieso schon über alle Berge. Wahrscheinlich brechen sie in diesem Moment bereits auf. Entweder nach Aliso, um sich in Sicherheit zu bringen, oder direkt in sein Dorf, das ja auch nicht allzu weit von hier entfernt liegt.« »Jemand erzählte, dass sein Sohn Segimundi heute Morgen in Kämpfe verwickelt gewesen sei. Auf unserer Seite.« Arminius nickte und rieb sich das Kinn. »Ja. Hab ich auch gehört. Ich denke, er ist hin und her gerissen zwischen der Loyalität zu seinem Vater und der Gier nach fetter Beute. Angeblich haben er und seine Männer reichlich Silber eingesackt.« »War er nicht sogar römischer Priester in der Ubierstadt oder so etwas?« »Ja. Aber seine Treue den Römern gegenüber ist genauso flatterhaft wie meine.« Er lachte leise. »Nun reitet er neben seinem Vater als Anführer einer Hundertschaft. Wir dürfen ihn ebenso wenig aus den Augen verlieren wie Segestes.« Er rieb sich die Hände, während er nachdachte. »Ich kann nur eines tun. Jemanden losschicken, um Thusnelda vorzuwarnen und wegzuschaffen. Und zwar bevor Segestes sie wer weiß wohin schleift, um sie vor mir zu verstecken. Ich muss sie schneller finden!« »Ja, gute Idee. Wen willst du schicken? Malcolm?« »Ich hatte tatsächlich an einen der Hagalianer gedacht, den Gedanken aber wieder verworfen. Sie sind noch nicht so weit, solche Aufträge auszuführen. Kein Gefühl für die Leute, die Sitten, von der Sprache ganz zu schweigen. Außerdem muss es schnell gehen. Nein, ich kann nur Cherusker schicken, die das Territorium des Stammes kennen und Thusnelda ohne Umwege finden. Ich denke, Ucromerus ist der beste Mann dafür. Er ist nicht versippt mit Segestes und ich vertraue ihm.« »Ich hoffe, es gelingt ihm. Segestes scheint dich regelrecht zu hassen und tut alles, um dir zu schaden.« Mein Vater nickte. »Mehr denn je. Ich traue ihm auch alles zu – selbst, dass er seiner Tochter etwas antun würde, nur um sie nicht mir zu geben.« Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Was wusste ich schon von den Gründen für die tiefe Feindschaft zwischen den beiden? Abgesehen davon war mir so kurz nach Julias Tod nicht nach Diskussionen zumute. Ich wechselte das Thema. »Was machen wir mit den Jungen?« Ich wusste, dass er in Kürze weiter musste, und wollte diese Frage unbedingt vorher klären. Hortari und Skrohliko waren jetzt erst einmal bei Folke, dem sie beim Feuerholztrocknen helfen konnten. Bruno hatte ich dort angebunden, damit er bei ihnen blieb. Mein Vater kratzte sich grüblerisch am Kinn. »Gute Frage. Hm … Der Kleine hat noch einen Onkel, oder?« Ich nickte. »Isenar. Er ist auch hier. Das heißt, unten am Wall. Außerdem ist da noch Hravan, Skrohlikos Großtante. Er hat eine große Familie im Aha Stegili. Er wird schon zurechtkommen. Aber Hortari?« »Du fragst dich sicher, ob ich ihn mitnehmen möchte zu den Cheruskern. Aber er kennt dort niemanden.« Er schwieg kurz, schüttelte schließlich vehement den Kopf. »Bei den Stammeszwistigkeiten wäre er in ständiger Gefahr. Nein, schlimmer, er wäre sogar ein Spielball für die anderen Häuptlinge. Und ich könnte nicht für seine Sicherheit garantieren. Am besten ist der Junge dort aufgehoben, wo er sich zu Hause fühlt. Und du bist sein Bruder. Gut, Halbbruder, aber das ist so gut wie das Gleiche, macht keinen Unterschied. Kann er bei dir bleiben?« Ich lächelte matt. »Ich bin froh, dass wir uns darüber einig sind. Natürlich kann er das. Ich wollte das sowieso vorschlagen. Er und Ingimodi spielen jeden Tag miteinander, und mit Skrohliko ebenfalls. Es wird leichter für die Kinder sein, wenn sie im gewohnten Umfeld bleiben. Vielleicht vermissen sie ihre Mutter dann nicht ganz so sehr. Und Frilike wird ihn wie ihren eigenen Sohn großziehen, da bin ich sicher. Er wird es gut bei uns haben.« Arminius nickte zufrieden und drückte meine Schulter. »Gut, mein Junge. Sehr gut. Ich danke dir. Mehr können wir nicht tun, denke ich.« »Ich könnte mit Ingimundi sprechen. Wenn du nichts dagegen hast, sollten Isenar und ich die beiden schleunigst zurück ins Aha Stegili bringen. Hauptsache, weg von hier.« »Morgen geht die Schlacht in die entscheidende Phase – und zwar direkt dort unten am Wall«, murmelte mein Vater nachdenklich und zeigte mit dem Daumen nach Norden. »Die Kinder sollten dann nicht mehr hier sein, da stimme ich dir zu. Aber du kannst auf keinen Fall mitreiten. Wir brauchen dich hier, Leon. Dich, deine Waffe, deine Erfahrung. Du musst bleiben! Außerdem muss jemand für Julias Bestattung sorgen.« Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Er hatte recht – das war meine Aufgabe. »Ich habe einen Vorschlag: Du gibst der Eskorte von Isenar und noch zwei, drei anderen Chauken den nötigen Geleitschutz nach Norden bis außerhalb des Kampfgebietes. Ihr brecht sofort auf, denn noch ist es ruhig dort unten und ihr kommt nach Norden durch. Sobald sie auf sicherem Terrain sind, kehrst du zurück. Und spätestens übermorgen sollten wir die Zeit finden, Julia angemessen zu bestatten. Ob Erde oder Feuer, wir müssen das nicht in diesem Augenblick entscheiden. Was meinst du?« Mein Kopf war leer vom vielen Nachdenken. Ich nickte nur. Ehrlich gesagt, war ich ganz dankbar dafür, die Gelegenheit zu bekommen, meine eigene Trauer ein Stück weit zu bewältigen. Ich brauchte jetzt eine Aufgabe, um mich abzulenken. Der Geleitschutz war genau das Richtige. Mich in dieser Situation ausschließlich um die Kinder zu kümmern, wäre einfach zu viel gewesen. Ich war froh darüber, dass andere diese schwierige Aufgabe übernahmen. Auch kam mir die Erkenntnis gelegen, dass es mit der Bestattung von Julia noch etwas Zeit hatte. »Ich gehe Isenar suchen. Anschließend reiten wir. Ich werde in der Nacht, spätestens am frühen Morgen zurück sein.« Mein Vater klopfte mir erneut auf die Schulter. »Sei vorsichtig, Junge! Pass auf, dass Varus’ Heer nicht zwischen dich und uns gerät. Du solltest die Hügel wieder erreichen, bevor sie morgen früh ihren Marsch aufnehmen, verstanden? Sonst bist du von uns abgeschnitten.« Ich erinnerte mich an die Situation gestern, als das Pferd durchgegangen war. Auch da hatte ich mich plötzlich auf der anderen Seite des römischen Heeres wiedergefunden. Zwar hatte ich Angst gehabt, doch mein Durchbruch zurück zu unseren Leuten hatte mir immerhin einen Legionsadler beschert. Ich war mir sicher, dass ich es schaffen würde. »Meinst du, du hast genügend Munition?«, fragte er. »Ich denke schon«, nickte ich. »Du gehst Kämpfen aus dem Weg, hörst du? Priorität hat Hortaris Sicherheit. Ich will, dass er heute noch aus dem Kriegsgebiet dieser Hügel rauskommt! Also los! Such Isenar, schnapp dir ein paar Männer und dann weg mit euch! Du findest mich kommende Nacht im Cheruskerlager. Willst du die Marser mitnehmen?« Ich blickte zu Dagfari und dem anderen hinüber, schüttelte aber den Kopf. »Nein. Je kleiner unsere Gruppe, desto unauffälliger sind wir. Ich schaffe das schon.« »Gut. Ich sage den Marsern, dass sie Julias Leichnam an einem trockenen Ort bei den Chauken ablegen sollen. Warte mal, da fällt mir etwas ein! Ich bin sicher, es wird dir heute Nacht gute Dienste leisten, wenn du auf dem Weg zurück bist.« Er kramte in seiner Satteltasche herum und zog schließlich eine schwarze wasserdichte Tasche heraus. »Was ist das?«, fragte ich. Wortlos öffnete er sie und zog eine Art Fernglas mit einer daran befestigten Kopfhalterung hervor. »Ein Nachtsichtgerät. Mit frischen Akkus drin. Stammt von unseren Freunden.« Er reichte es mir. »Weißt du, wie so etwas funktioniert?« Stumm schüttelte ich den Kopf. Er zeigte es mir. »Das wird mir sicher helfen, nachher den Weg zu finden. Danke!« »Hier hast du auch noch eine vernünftige Taschenlampe. Ist zwar schwer, macht dafür aber eine halbe Ewigkeit Licht. Bis später, Leon! Pass auf dich auf! Ich muss jetzt schnellstens zu Ucromerus.« Ich nickte ihm zu und führte das Pferd zum Pfad in Richtung Hang. Nun, da ich für kurze Zeit alleine war, atmete ich tief durch und stieß ein bitterliches Stöhnen aus. Meine Lippen zitterten, meine Knie waren weich und mein Brustkorb fühlte sich an, als laste ein Felsbrocken auf ihm. Der Tod war seit einigen Jahren mein schattenhafter Begleiter geworden. So viele geliebte Menschen hatte ich sterben sehen, doch es schien, als schmerzte jeder weitere noch ein wenig mehr. Diese Wunde würde nicht heilen, dessen war ich mir sicher. Sie wurde nur immer tiefer. Ich dachte an Skrohisarn, sogar an Dyr, seinen Hund, den ich so ins Herz geschlossen hatte. Isernolf, Werthliko, viele andere, die auf den Schlachtfeldern gegen Römer, Langobarden und Friesen ihr Leben gelassen hatten. Und nun reihte sich Julia in diese traurige Aufzählung ein. Stumm ließ ich den Tränen nochmals freien Lauf. Es regnete nicht mehr und so erreichten sie unverdünnt und salzig meine Lippen – ein allzu bekannter Geschmack. Ich weinte nur, wenn jemand starb. Doch es tat auch gut. Die Tränen wirkten befreiend und nahmen die dumpfe, schwere Last ein kleines Stückchen von meinen Schultern. Als es schließlich hügelabwärts ging, riss ich mich zusammen. Ich zwang mich, nicht mehr an die Toten, sondern an die Lebenden zu denken. Dafür brauchte ich einen klaren Kopf, denn die Kinder mussten in Sicherheit gebracht werden. Kurz darauf erreichte ich den Wall. Ingimundi und seine Männer kämpften einen fast aussichtslosen Kampf gegen die abrutschende, aufgeweichte Erde des aufgeschütteten Damms, den schlüpfrigen Tonboden dahinter, wo die Krieger sich verteidigen sollten, und das vom Hang herabfließende Regenwasser, das sich am Wall staute. Zwar hatten sie Abflussgräben gebuddelt, doch diese verstopften bei jedem unachtsamen Schritt, den jemand über sie tat und dabei den Rand lostrat. Zweigbündel aus Birkenreisig, Haselnuss- und Weidenruten sollten Abhilfe schaffen. Sogar an Drainagegruben hatten sie gedacht. Diese waren vor dem Damm angelegt und mit weiterem Reisig gefüllt worden, sodass einerseits das ablaufende Wasser in ihnen versickern konnte, andererseits aber Fallgruben entstanden. Genial, wie ich fand. Teilweise verlief der Wall nicht geradlinig, sondern eher im Zickzack, mit zahlreichen Biegungen. So fanden mehr Krieger dahinter Platz und angreifende Römer konnten von mehreren Seiten attackiert werden. Alle eilten geschäftig hin und her. Auf der dem Handelsweg zugeneigten Seite war der Wall mittlerweile bestens getarnt. Dicht herabhängendes Blattwerk, Sträucher und Büsche verschleierten die Sicht auf ihn vom Weg her. Der Bereich vor dem Bollwerk war dagegen akribisch gesäubert worden, um ein freies Sichtfeld auf den angreifenden Feind zu bekommen und diesem keine Gelegenheit zur Deckung zu verschaffen. Ein Meisterwerk der Tarnung und Täuschung! Ich zollte Ingimundi und seinen Leuten Respekt für ihre Leistung der letzten Tage. Die Römer würden sich einer breiten Front ausgesetzt sehen, aus deren Schutz die guerillaartigen Attacken der Stammeskrieger erfolgen sollten und hinter die man sich mühelos wieder zurückziehen konnte. Ich fand Ingimundi schnell. Er stand an einem der Walldurchlässe. Dieser war sogar mit einer Art Tor aus quer zusammengebundenem leichten Espenholz ausgerüstet. Einem Ansturm Tausender Feinde würde es nicht standhalten, doch das war auch nicht sein Zweck. Zumindest konnte man nicht einfach so von außen hinter die befestigte Linie spazieren, aber es ermöglichte unseren Kriegern den gleichzeitigen Ausbruch, auch Reitern. Befehlsgewohnt musterte er jeden Meter des Bauwerkes kritisch und gab Anweisungen zur Verbesserung, insbesondere der Brustwehr. Der palisadenbewehrte Wall verkleinerte den Engpass für die bald hier vorbeiziehenden Truppen noch weiter. Ich stellte mir vor, wie die Römer auf der Länge eines halben Kilometers mit dem Thur to Brook im Norden und dieser befestigten Verteidigungslinie im Süden, von der aus die Angriffe erfolgen sollten, in der Falle saßen. Im Osten wurde der Sack schließlich zugemacht und ihnen der Rückweg abgeschnitten. Nur nach Nordwesten, zur Ems hin und weit dahinter zum Rhein, sowie nach Süden hin zu den Lippelagern würde die Flucht für einige wenige möglich sein. Ich erzählte Ingimundi und Ingimer von Julias Flucht aus dem Chaukenlager und den tragischen Ereignissen im Folgenden. Ihre Bestürzung stand ihnen deutlich ins Gesicht geschrieben. Julia war in den letzten Jahren ein respektiertes und angesehenes Mitglied der Stammesgemeinschaft geworden. Dass sie auf diese Art und Weise hier in den Gasitjanbargi, fernab von zu Hause und so kurz nach dem Tode Werthlikos ihre ewige Ruhe fand, war für sie kaum zu fassen. Niemand hatte damit gerechnet, dass sie die Befehle Ingimundis missachten würde. Schließlich erklärte ich ihnen meinen Plan bezüglich der Jungen. Sofort ließ Ingimundi Isenar, Inathiri und Godimeri kommen, damit sie uns begleiteten und die Kinder letztlich in die heimische Sicherheit zurückbrachten. Schleunigst eilten wir zum Lager, wo sie ihre Sachen holten und wir sie übernahmen. Auch Bruno sollte wieder zum Aha Stegili zurückkehren. Mit Hortari vor mir auf dem Pferd und meinem Hund an einer langen Leine ging es erneut los. Zwischenzeitlich war es früher Abend geworden. Wir hatten maximal noch zwei Stunden Tageslicht. Die wollte ich auch ausnutzen, um möglichst viel Abstand zwischen die Gasitjanbargi und uns zu bringen. Aus weiter Entfernung hörte ich immer wieder Schüsse aus den Hagalianer-Gewehren, zwischendurch gedämpfte Explosionen, die wie der Schluckauf eines gigantischen Riesen klangen. Die Kämpfe tobten nach wie vor unerbittlich. Malcolm und seine Leute waren den ganzen Tag über unermüdlich im Einsatz gewesen. Ich war froh, dem wenigstens für einige Stunden entkommen zu sein. Die Kinder schwiegen, auch die drei Chauken. Wir wussten, dass nun der gefährlichste Teil unseres Weges vor uns lag. Äußerst wachsam sahen wir uns in alle Richtungen um, als wir uns dem Handelsweg näherten. Nirgends waren Römer zu erkennen. Die Hauptkämpfe tobten nur wenige Kilometer östlich von hier. Wie mein Vater richtig behauptet hatte, trieben sich in dieser Gegend lediglich Pioniere herum, für die Wegbefestigung an kritischen Stellen zuständig. Auf diese mussten wir achtgeben, möglicherweise auch auf fliehende römische Kampfeinheiten. Ich schaute nach Norden, wo der verkümmert aussehende Moorwald wucherte: Birken und Kiefern, Faulbäume und Ebereschen. Dann wies ich nach Westen. Wir mussten den Thur to Brook umrunden. Vor uns lag eine breite Feuchtsenke, die nur an den äußersten Rändern passierbar war. Ich hatte ein ungutes Gefühl. Sollten wir hier irgendwo Römern begegnen, säßen wir in der Falle. »Los geht’s!«, rief ich und trieb meinem Pferd die Hacken in die Seiten. Die anderen taten es mir nach. Hier und da entdeckten wir einzelne römische Soldaten, die tot am Wegesrand lagen. Vermutlich hatten sie verwundet die Flucht angetreten und es nicht weiter als bis hierhin geschafft. Immer wieder scheuchten wir Krähen, Raben und sogar einen Fuchs auf, die sich an den Leichen zu schaffen machten. Die leer gepickten Augenhöhlen in den teils blutigen, bleichen und starren Gesichtern stierten düster in den Himmel und verängstigten die Kinder. Skrohliko, anfangs noch tapfer alles ertragend, fing bald darauf bei jedem neuen Toten an zu weinen und nach seiner Mutter zu rufen. Es war entsetzlich. Und ich konnte beim besten Willen nicht verstehen, wieso Julia mit den Kindern hergekommen war. Alles hätte geklärt werden können – aber nicht hier! Schließlich passierten wir eine kleine Gruppe von Eschen, in deren Äste jemand ein paar Römer gehängt hatte. Offenbar lebendig, denn die meisten von ihnen hatten bis in den qualvollen Tod hinein versucht, die Schlinge um den Hals zu lockern, wie ihre eingeklemmten Finger verrieten. Ein grässlicher Anblick, der die Kinder weiter verstörte. »Halt ihm ab jetzt die Augen zu!«, forderte ich Isenar auf und tat das Gleiche mit Hortari. Als die Dämmerung einsetzte, hatten wir die Gasitjanbargi ein gutes Stück hinter uns gelassen. Zu gefährlichen Situationen war es glücklicherweise nicht gekommen. Kleinere Kriegergruppen der Amsivarier kamen uns mehrfach entgegen, doch wir ließen uns nicht aufhalten und mieden Gespräche. Sie hatten vom bisherigen Verlauf der Schlacht gehört und wollten ebenfalls einen Anteil an der zu erwartenden Beute haben. Die Landschaft wandelte sich von der kargen, moorigen hin zu einer waldigen, die immer wieder von Rodungen mit Feldern und Viehweiden durchsetzt war. Auf einem breiten Karrenweg bogen wir nach Osten ab in Richtung Hunte. Diesem Weg folgten wir noch ein gutes Stück, doch schließlich forderte die Dunkelheit ihren Preis. Wir konnten kaum noch die Hand vor Augen erkennen, geschweige denn den Weg. Die Pferde hatten ihren Schritt stark verlangsamt und stolperten immer wieder. »Halt!«, rief ich. Hortari, der eng an mich geschmiegt unter meinem wärmenden Umhang im Sitzen schlief, wachte auf. »Was ist? Sind wir zu Hause?«, murmelte er schlaftrunken und rieb sich die Augen. Dann gähnte er ausgiebig. »Nein, noch nicht«, antwortete ich und streichelte dem Jungen sanft über den Kopf. »Ihr werdet hier rasten bis zum Morgengrauen. Morgen erreicht ihr das Dorf. Es ist nicht mehr weit.« Hortari gähnte erneut. Die anderen stiegen bereits von ihren Pferden. Isenar musste Skrohliko an Inathiri reichen, da er gar nicht erst erwachte. Er schlief tief und fest und ließ sich durch nichts stören. Sie wickelten den kleinen Jungen in eine dicke Decke und legten ihn sanft an den Wegesrand. Zum Glück regnete es nicht. »Ich muss leider umkehren, Hortari. Den Rest des Weges müsst ihr morgen ohne mich schaffen, in Ordnung?« Der Junge schaute mich missbilligend an. »Gehst du zurück zu der Schlacht? Zum Kämpfen?« Ich nickte und grinste schief. »Die brauchen mich. Ohne mich geht da gar nichts.« Hortari sah mich mit großen Augen an. Er nahm meine Worte offenbar für voll. »Wann kommt Mutter?«, fragte er unvermittelt. Ich schluckte. Es bedurfte wohl noch vieler erklärender Gespräche, bis die Jungs wirklich begriffen, dass ihre Mutter nicht mehr zurückkehren würde. Es brach mir das Herz, die Worte erneut aussprechen zu müssen. Mit jedem Mal schien es schwerer zu werden. Ich ging in die Hocke, um ihm in die Augen sehen zu können. Aufgrund der Dunkelheit befand sich mein Gesicht dabei direkt vor seinem. »Sie kommt nicht, Hortari. Das habe ich dir doch schon gesagt«, erklärte ich sanft. »Sie musste zu deinem Vater gehen. Sie konnte nicht anders. Du wirst zu mir und Tante Frilike ins Haus ziehen. Was hältst du davon, hm? Dann kriegst du ein Schlaflager gleich neben Ingimodi, so wie ihr es schon immer haben wolltet.« »Oh ja!«, rief Hortari glücklich. »Neben Ingimodi!« Ich strich ihm über den Kopf und drückte ihn fest an mich. »Ich komme nach Hause, sobald ich kann.« Ich legte ihn zu seinem Bruder und setzte mich zu ihm, bis er schlief. Bruno hatte sich währenddessen eng an mich geschmiegt und schien die Nähe und Wärme meines Körpers zu genießen. So hielt er ganz still. Schließlich drehte er sich auf seinen Rücken und wedelte kurz mit der Rute. Ich vergrub meine Finger in seinem klammen, aber trotzdem weichen Fell und kraulte ihn ausgiebig. Bruno grunzte genießerisch, während er versuchte, sich gleichzeitig an mein Bein sowie den Boden zu pressen. Ich genoss den Moment der Ruhe und des Friedens. Es war merkwürdig, aber jedes Mal, wenn ich mir die Zeit nahm, mich zu Bruno zu setzen, ergriff mich eine tiefe, umfassende Entspannung. So lauschte ich dem sanften Flirren der flatternden Espenblätter in der Dunkelheit über mir, welches das dumpfe Rauschen der Kronen einiger alter Eichen in der Nähe bedächtig unterstrich. Wenn es doch nur immer so friedlich bleiben könnte! Unwillkürlich sah ich Frilikes Gesicht vor mir. Ich vermisste sie. Ich versuchte mir vorzustellen, wie sie roch, sich bewegte, wie sie sich mit mir unterhielt. Obwohl ich noch gar nicht so lange weg von zu Hause war, fiel es mir nicht ganz leicht. Erschreckend. Ich sah sie jede Nacht in meinen Träumen, fühlte sie dort, als läge kein Raum, keine Entfernung zwischen uns. Doch Träume waren anders, viel intensiver und oft auch realistischer. Versuchte ich mir das Gleiche im Wachzustand vorzustellen, fiel es mir äußerst schwer. Aber sie war in meinem Herzen. Darin trug ich sie bei jedem Schritt, den ich machte, mit mir. Genau wie meinen kleinen Ingimodi. Ich wusste, dass meine Liebe zu ihnen mein Leben lang bestehen und uns nie mehr loslassen würde, bis wir in die nächste Welt gingen. Ich seufzte leise und versuchte eine einzelne Träne wegzublinzeln, die sich tollkühn einen Weg bis in mein Auge gebahnt hatte. Musste ich wirklich zurück auf das Schlachtfeld? Warum? Wer zwang mich dazu? Warum ritt ich nicht einfach mit den Kindern und pfiff darauf, was die anderen sagen würden? Ich wollte kein Blut mehr sehen, keine Toten betrauern, nicht mehr kämpfen müssen. Ich war müde davon. Das eine will man, das andere muss man, dachte ich und richtete mich auf. Bruno grunzte, als wollte er mir zu verstehen geben, dass ich auf keinen Fall gehen könne. Dabei schlang er eine Pfote um meinen Unterarm und leckte genüsslich die Innenseite meiner Hand ab. Es kitzelte und ich zog meine Hand weg. Ich wuschelte ihn ein letztes Mal und erhob mich. Die Zeit war gekommen – ich musste mich von den drei Chauken verabschieden und zurückkehren. Und wenn es nur dafür war, Julia angemessen zu beerdigen. »Mögen die Götter und Geister mit dir sein, Witandi. Sieh zu, dass du ordentlich Beute machst. Und dass unser Anteil nicht vergessen wird.« Ich versprach es. Kurze Zeit später führte ich mein Pferd auf dem Weg zurück. Ich trug nun das Nachtsichtgerät auf dem Kopf, ließ es aber ausgeschaltet. Dafür hielt ich die Taschenlampe auf den Weg gerichtet, damit mein Pferd gut sehen konnte. Zuerst war es ungewohnt für das Tier, ohne Tageslicht in eine schnellere Gangart zu wechseln. Doch nach und nach gewöhnte es sich an den schwankenden Lichtkegel und vertraute ihm. Schließlich verfiel es sogar in einen langsamen Galopp. Die Nacht war kühl, aber immerhin war der Himmel zum ersten Mal seit einigen Tagen aufgerissen. Ich sah vereinzelte Sterne. Wir kamen gut voran – für die momentanen Boden- und Lichtverhältnisse nicht selbstverständlich. Den gesamten Ritt über ging mir der Reiterkommandeur Vala nicht aus dem Kopf. Ich war mir sicher, dass er den Speer geschleudert hatte, der Julia zum Verhängnis geworden war. Er lebte noch und Julia war tot. Außerdem trug er jetzt eine Waffe. Es war nicht auszuschließen, dass er mit ein bisschen Probieren herausfand, wie diese funktionierte. Permanent kreisten meine Gedanken um die Szene, wie der Centurio Julia hielt, Vala den Speer schleuderte, ich mich hinter den Baum zurückzog. Dann – Julia in den Armen des Centurios. Ihr starres Gesicht. Vala. Langsam wurde mir klar, was ich tun musste. Als ich die Eschen erreichte, in denen die aufgeknüpften Römer baumelten, hatte ich bereits eine ganz gute Vorstellung davon, wie ich vorgehen wollte. Was ich als Erstes brauchte, fand ich hier. Es hing direkt über mir. Sorgfältig beleuchtete ich jeden einzelnen Leichnam von oben bis unten. Einige sahen auf den ersten Blick brauchbar für meine Zwecke aus, bis ich die dunklen Flecken zwischen ihren Beinen entdeckte. Bei Eintritt des Todes lösten sich alle Muskeln im Körper, Darm und Blase entleerten sich. Dermaßen verunreinigte Kleidung kam für mich natürlich nicht infrage. Nur bei einem Einzigen waren die Sachen weder blutbefleckt noch die Beinkleider beschmutzt. Die Größe des Legionärs konnte ein Problem werden, doch für meinen Plan musste es reichen. Zwar sträubte sich alles in mir dagegen, die Uniform eines Toten anzuziehen, aber da musste ich durch. Ich legte die Taschenlampe weg und schaltete das Nachtsichtgerät ein, mit dessen Funktionsweise Armin mich vertraut gemacht hatte. Die Dunkelheit erwachte zu einem grünlich schimmernden Leben, als ich meinen Kopf von links nach rechts drehte. Es war wirklich erstaunlich, gleichzeitig aber auch ein wenig unheimlich. Überall um mich herum erblickte ich leuchtende Tieraugen, die mich aus der Sicherheit irgendwelcher Verstecke unter Büschen beobachteten. Ich wandte mich dem Baum zu. Es würde einfach sein, hinaufzuklettern. Er hatte weit ausladende Äste, die tief hingen. Ich musste lediglich darauf achten, dass kein Zweig mir das Nachtsichtgerät vom Kopf fegte. Ohne Probleme erreichte ich das Seil, an dem der Tote hing. Ich schnitt ihn los und sah dem Körper hinterher, wie er dumpf auf den Boden schlug. Kurz darauf war ich dabei, ihn zu entkleiden. Ich hatte den Mann bewusst auf den Bauch gerollt, um ihm bloß nicht ins Gesicht blicken zu müssen. Was ich tat, war bereits bizarr genug, um mich in den nächsten Nächten in meinen Träumen heimzusuchen, da konnte ich die erstarrte Fratze eines Gehängten nicht auch noch gebrauchen. Die Uniform auszuziehen, erwies sich als schwieriger als gedacht. Zuerst entfernte ich die beiden gekreuzten Waffengürtel, die mit verzinnten Gürtelblechen besetzt waren. Dolch und Schwert fehlten natürlich. An einem der Gürtel hing ein aus Lederstreifen bestehender Riemenschurz, an deren Enden ein paar Anhänger mit kleinen Abbildungen baumelten. Danach machte ich mich am Kettenpanzer zu schaffen. Es kostete mich einiges an Kraft, die schwere Rüstung über seinen leblosen Körper zu streifen. Darunter kam ein dick wattierter Waffenrock zum Vorschein – dieser wirkte beinahe wie ein modernes Hemd. Als ich auch dieses zusammengefaltet neben mir gehortet hatte, nahm ich zum Schluss noch die dünnere Tunika, die als Unterhemd diente, die dicken und wärmenden um seine Unterschenkel gewickelten Tücher, seine genagelten Sandalen und seinen gepolsterten und mit Leder umwickelten Armschutz an mich. Ich merkte mir genau, wie er die einzelnen Bestandteile seiner Kleidung befestigt hatte, damit es hinterher möglichst echt wirkte. Endlich begann ich, mich in die neuen Sachen zu zwängen. Der Mann war zwar einen guten Kopf kleiner als ich gewesen, doch die Tunika war recht weit geschnitten, sodass ich sie überstreifen konnte. Auch das Kettenhemd hatte breite Öffnungen für Arme und den Kopf, es war lediglich zu kurz für meinen längeren Oberkörper. Doch das würde nicht auffallen. Beim Helm hatte ich keine Chance. Der war definitiv zu klein. Ich sah mich um. Zwei weitere lagen in der Nähe des Baumes, sie gehörten zu den anderen Toten. Ich schritt hinüber und probierte sie aus. Einer von ihnen passte besser. Sehr gut! Ich blickte an mir herab und sah einen waschechten Legionär! Schild und Waffen fehlten zwar, doch das war nicht weiter schlimm. Die meisten Legionäre entledigten sich auf der Flucht ihres Gepäcks. Auch mein Bart störte nicht, denn keiner der Legionäre war glatt rasiert. Lediglich mein langes Haar war ein Problem. Römer waren nicht langhaarig. Ich band es zu einem Pferdeschwanz zusammen und steckte es in die Tunika. Darüber legte ich das typische Allzweckhalstuch, das jeder Legionär mit sich führte. In dieser Dunkelheit würde niemand etwas bemerken, selbst bei Fackelschein nicht. Nun war ich zufrieden. Wenigstens war ich nicht blond. Meine hellbraunen Haare würden nicht auffallen. Ich reckte und streckte mich. Kein Problem. Der Stoff lag weich und anschmiegsam auf der Haut. Selbst das Kettenhemd behinderte mich nicht in meinen Bewegungen. Allerdings spürte ich bereits nach wenigen Minuten das enorme Gewicht der Rüstung auf meinen Schultern und war sicher, dass mich morgen ein Muskelkater quälen würde, wenn ich dieses Ding die ganze Nacht trug. Ich verstaute meine eigenen Kleider und hängte mir mein Gewehr wieder um. Verdammt, ich brauchte noch etwas, um die Waffe zu verhüllen! Ich nahm mir vor, zu diesem Zweck dem nächsten Toten die Tunika vom Leib zu schneiden. Weiter hinten lagen einige Plänkler niedergemetzelt am Wegesrand. Sie trugen keine Rüstung über ihren Tuniken, sodass ich leichter an den Stoff herankam. Endlich war ich so weit. Mein Puls pochte wild bei dem Gedanken, bald in der Höhle des Löwen zu stehen. Ich verstand kein Wort ihrer Sprache, wusste kaum etwas über ihre Armee, trotzdem wollte ich es wagen. Einige Zeit später näherte ich mich dem Engpass vor dem Folkobeek. Von hier aus war es nicht mehr weit bis zum Lager der Römer. Ich musste höllisch aufpassen: Sollte ich Römern begegnen, konnte ich mich nicht erklären. Und lief ich Stammeskriegern über den Weg, würden sie natürlich nur einen weiteren Römer sehen und kurzen Prozess machen wollen. Doch niemand störte mich. Es musste etwa drei Uhr morgens sein, als endlich das Marschlager von Varus’ Armee aus der dunklen Nacht auftauchte. Zahllose brennende Fackeln und Feuer machten es weithin sichtbar und kündeten gleichzeitig davon, dass kaum einer der Überlebenden an Schlaf dachte. Ich wählte eine gute und abgelegene Stelle, um mein Pferd anzubinden, anschließend ging es zu Fuß weiter. Ich hatte schon einige Römerlager gesehen, doch dieses hier wirkte selbst in der Dunkelheit und vom Fackelschein erhellt kümmerlich. Die Seitenlängen maßen wenig mehr als einhundert Meter, was winzig für ein Lager dreier Legionen war. Normalerweise wurde ein römisches Marschlager von einem Wall geschützt, der aus dem Grabenaushub davor aufgeschüttet wurde und wie mit der Schnur gezogen gerade und gleichförmig verlief. Doch was ich hier vorfand, war nur ein müder Abklatsch davon. Offenbar war alles eilig und in größter Not errichtet worden. Der Wall bestand mehr oder weniger nur aus einer langen Reihe Hals über Kopf ausgehobener Hügel; die obligatorische Palisade fehlte fast vollständig. Gewöhnlich hoben sich hinter dem Wall Tausende der weißlichen Ziegenhautzelte in verschiedenen Größen gegen die Nacht ab – auch diese gab es so gut wie gar nicht. Vermutlich war der Tross mit der Ausrüstung der Legionen mittlerweile völlig aufgerieben worden. Dafür gab es deutlich mehr Wachposten als üblich. Alle paar Meter erkannte ich die Umrisse von Legionären, dazwischen steckten Fackeln im Boden. Zu denen hielten sie allerdings gebührenden Abstand, sicherlich um nicht zur ausgeleuchteten Zielscheibe für aus der Dunkelheit geschleuderte Speere zu werden. Vereinzelt sah ich weitere Legionäre, die humpelnd, ächzend und stöhnend aus den umliegenden Gebieten in Richtung des Lagers unterwegs waren. Ich konnte nur mutmaßen, was sie hier draußen zu dieser Zeit noch taten. Am wahrscheinlichsten war, dass sie in einiger Entfernung von ihren Einheiten getrennt worden waren und bis jetzt gebraucht hatten, das Marschlager ausfindig zu machen, ohne dabei entdeckt zu werden. Andere waren verletzt und insofern sehr langsam. Wieder anderen mochte die Flucht aus der Gefangenschaft gelungen sein. Ich schaute mir genau an, an welcher Stelle sie Einlass begehrten. Das Tor schien auf der dem Thur to Brook zugewandten Seite zu sein. Also musste ich das Lager umrunden. Es war überlebenswichtig für mich, dass ich nicht auffiel. Deswegen wechselte ich in einen humpelnden Gang und beugte dabei meinen Oberkörper so nach vorne, dass es aussah, als litt ich Schmerzen. Ein Stück vor mir liefen zwei Männer mit leeren Pfeilköchern auf dem Rücken und Stirnbändern. Ihre roten Tuniken hingen nur noch in Fetzen an ihnen herab. Aus mitgehörten Gesprächen der Stammeskrieger wusste ich, dass es sich bei ihnen um kretische Bogenschützen handelte. Die beiden konnten sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten. Einer von ihnen hielt sich den Kopf und wimmerte leise. Ich folgte ihnen, allerdings mit einigen Schritten Abstand. Immer wieder drangen die Geräusche entfernter Tumulte an mein Ohr. Offenbar gab es vereinzelte Angriffe auf das Lager, doch sicherlich keine groß angelegten Aktionen. Die beiden Kreter zuckten dann jedes Mal zusammen und drängten sich ängstlich aneinander. Sie mussten Furchtbares erlebt haben, um so verstört zu sein. Doch Mitleid hatte ich kaum mit ihnen. Sie hätten auf ihrer Insel bleiben und einem anderen Beruf nachgehen können. Im Namen des Imperiums hier stationiert zu werden, um das Land östlich des Rheins zu unterjochen, war seit Jahrzehnten nur den Härtesten in der römischen Legion vorbehalten, da Land und Leute rau und kalt waren. Eine Wehrpflicht gab es jedoch nicht. Die Soldaten hatten sich sämtlich freiwillig zur Armee gemeldet und gewusst, worauf sie sich einließen. Nun war es zu spät, das eigene Schicksal zu bejammern. Ich dachte an Werthliko, an Julia, an die vielen Toten von gestern und heute. Nein, Mitleid war in diesen Zeiten fehl am Platz. Auf der Nordseite gab es eine Aussparung im Wall, die als Durchlass fungierte. Die Wachen waren zwar äußerst aufmerksam, winkten die heranwankenden Truppenreste aber ohne Behinderung durch. Ich schloss zu den Kretern auf, marschierte dicht hinter ihnen zwischen den knapp mannshohen Wällen hindurch – und war drin! Einfach so. Der eine Kreter, der unverletzte, drehte sich um. Wahrscheinlich suchte er einen Arzt für seinen Kameraden. Sein Blick fiel zuerst auf mich. Mit spröder Stimme sagte er etwas zu mir. Im ersten Moment zuckte ich erschrocken zusammen. Dann zeigte ich auf meinen von dem Tuch verdeckten Hals und grunzte unverständlich. Der Kreter nickte bloß. Ich atmete erleichtert aus, als die beiden sich wieder abwandten. Sie nahmen an, ich sei verletzt und könne nicht sprechen. Sehr gut. So würde ich es jedes Mal machen. Dann sah ich mich um. Ich wollte nicht nur Vala finden, sondern – wenn möglich – auch einige Informationen über die Anzahl der Männer und die Ausrüstung sammeln. Hell genug war es, denn überall loderten große Feuer. Als Erstes fiel mir auf, dass es kaum noch Lasttiere und Ochsengespanne gab. Auch die Versorgungswagen, von denen ich seit gestern viele Hundert im Heereszug gesehen hatte, gab es nicht mehr. Das Lager bestand mehr oder weniger aus einer Handvoll Zelte und, so schätzte ich, einigen Tausend Soldaten in katastrophalem Zustand, die ohne Zeltdach über dem Kopf unter freiem Himmel auf dem schlammigen Boden lagen. Ich stellte mir vor, wie ihr Kampfgeist und ihr Mut an einem absoluten Tiefpunkt angekommen sein mussten. Die unbesiegbare römische Armee war deutlich sichtbar geschlagen. Ich lief langsam zwischen unzähligen Reihen von Soldaten hindurch, die einfach nur ängstlich und zermürbt in die Leere starrten oder die Augen geschlossen hielten, um endlich ein wenig dringend benötigten Schlaf zu bekommen. Viele andere waren verletzt. Ich hörte Wehklagen in jeder Lautstärke und aus allen Richtungen – von leisem Ächzen bis hin zu brüllenden Schmerzensschreien. Es war eine düstere Nacht auf blutgetränktem Boden. Und das Sterben war noch lange nicht vorbei. Am anderen Ende des Lagers entstand erneut Unruhe. Ich sah brennende Fackeln, die über den Wall geflogen kamen, hörte laute Rufe in der Stammessprache, ein irres Lachen, gebrüllte Befehle auf Lateinisch. Wahrscheinlich die typischen Mutproben der Jungkrieger, die sich voreinander beweisen mussten. Sie schlichen sich möglichst dicht an den Wall heran und versuchten sicherlich, die Wachen zu töten. Die Schlafenden rissen bei dem Lärm erschrocken die Augen auf und sahen sich panisch um. Sie waren völlig fertig. Von ihrer Abhärtung und Disziplin war nichts mehr geblieben. Was ich hier vorfand, würde den kommenden Tag nicht überleben, dessen war ich mir sicher. Am Rande des östlichen Walls entdeckte ich eine kleine Gruppe Zivilisten. Waren sie der letzte Rest des Lagergefolges? Nun schauderte mir doch. Die Soldaten Roms durften offiziell nicht heiraten, trotzdem hatten sie ihre Frauen dabei, meist sogar die Kinder. Mit dem Tross zogen sie überall dorthin mit ihren Männern, wohin es sie verschlug. Der Verlust ihrer Familien musste für die Überlebenden ein weiterer Schock sein. Auch die Heerscharen von Huren, Handwerkern und Sklaven hatten es nicht bis hierher geschafft. Ich hatte fürs Erste genug gesehen. Vala war Legat und Kommandant der Reiterei, soweit ich wusste. Folglich suchte ich gezielt nach Pferden. Weiter hinten sah ich welche, also hielt ich darauf zu. Es war jedoch nur eine kleine Gruppe Männer mit kleinwüchsigen Tieren. Die Legionsreiterei um Vala sah anders aus, imposanter. Als ich näher kam, wusste ich auch, warum: Es handelte sich um die letzten Reste der gallischen Auxiliarreiterei. Die Krieger trugen bunt gefärbte Kittelhemden unter ihren Kettenpanzern und darüber karierte Mäntel. Außerdem waren ihre Schilde flach und oval geformt. Nein, hier würde ich Vala sicher nicht finden. Schließlich konzentrierte ich mich auf die wenigen verbliebenen Zelte im Lager. Vielleicht war er ja dort? Möglicherweise besprach er sich mit den anderen Heerführern. Bisher hatte ich viel Glück gehabt. Niemand beachtete mich. Aber mir war klar, dass sich das ändern würde, sobald ich in die Nähe der Offiziere gelangte. Trotzdem – ich musste es darauf ankommen lassen, deswegen war ich schließlich hergekommen. Im Zentrum des Lagers waren die letzten Zeltbestände der drei Legionen aufgebaut worden. Ich zählte mehr als zwanzig und war mir sicher, dass Varus in einem der größeren zu finden war, wahrscheinlich in Lagebesprechungen mit seinem Stab vertieft. Tatsächlich fand ich eine Gruppe der hochgewachsenen römischen Pferde, die misslaunig den schlammigen Boden nach letzten Resten von Grünzeug absuchten. Hafer für die Reittiere gab es offenbar auch nicht mehr. Sie gehörten zu Varus’ Prätorianerleibgarde sowie zur Führung der Legionsreiterei. Ich ging langsamer und hielt mich noch tiefer gebeugt, um nicht aufzufallen. Hier lagen keine Soldaten schmerzgepeinigt im Schlamm. Überall gab es kleinere oder größere Gruppen von Unteroffizieren und Offizieren, die hektisch miteinander debattierten und wohl verzweifelt nach Auswegen aus der katastrophalen Situation suchten. Ich sah Tribune, Centurionen, Dekurionen, hochrangige Beamte, sogar zwei der Lagerpräfekten höchstselbst. Ihre Kleidung wies jedenfalls ihren hohen Rang aus. Im Gegensatz zu den einfachen Soldaten trugen diese Männer langschaftige Lederstiefel, Purpurstreifen auf ihren Tuniken und Leibbinden als Zeichen für ihren ritterlichen Stand. Edelsteinbesetzte silberne Scheibenfibeln und kostbare Goldringe funkelten im Schein der Fackeln. Dann entdeckte ich tatsächlich den Mörder Julias! Vala stand etwas abseits mit einigen weiteren Legionsreitern. Er hatte sich offensichtlich wieder halbwegs hergerichtet nach seiner Rückkehr ins Lager. Er trug jetzt einen unverzierten bronzenen Muskelpanzer, den er vorhin noch nicht angehabt hatte. Am auffälligsten war sein Offiziershelm, ausgestattet mit Stirnschirm und einem purpurnen Rosshaarschweif. Seine Füße steckten in geschnürten Reitstiefeln. Er trank hastig aus einem Schlauch und biss von etwas ab, das ich nicht erkennen konnte. Gierig kauend und schluckend herrschte er einen Kameraden an, doch natürlich verstand ich nichts. Ich ging noch näher heran. Dabei suchte ich seinen Gürtel nach der Pistole ab, entdeckte sie aber nirgends. Gerade wollte ich mich noch weiter auf ihn zubewegen, als eine laute, herrische Stimme seinen Namen brüllte: »Vala!« Der Reiterkommandeur ließ erschrocken Essen und Trinkschlauch sinken und drückte beides seinem Nachbarn in die Hand. Mit einer hastigen Armbewegung wischte er sich über den Mund und zischte dabei so etwas wie »Varus«. Ich erkannte das Wort lediglich, weil er es mehrfach wiederholte. Hatte der Statthalter nach ihm verlangt? Das würde seine Eile erklären. Ich folgte ihm mit dem Blick und sah, wie er in einem der Zelte verschwand. Erst jetzt bemerkte ich, dass es das einzige war, vor dem vier hünenhafte Prätorianer Wache standen. Gerade wollte ich unauffällig zur Rückseite des Zeltes humpeln, als Vala schon wieder daraus hervortrat. Er hielt direkt auf eines der Pferde zu. Aus einer Satteltasche zog er ein kleines Bündel und lief damit, es vorsichtig vor sich her tragend, zurück ins Zelt. Ich war mir absolut sicher, dass es sich dabei um die Pistole handelte. Mein Herz pochte, als ich gebannt jeden seiner Schritte verfolgte. Plötzlich legte sich eine Hand schwer und hart auf meine Schulter. Erschrocken sah ich mich um und blickte einem Wächter der Prätorianergarde direkt in die stahlharten Augen. Der Kerl war genauso groß wie ich, nur ungleich kräftiger. Er trug eine Fackel in der linken Hand und hielt sie so, dass er mich ansehen konnte. »Quid facis?«, herrschte er mich an. »Hm? Quid facis, miles?« »Miles« bedeutete Soldat, soviel kriegte ich gerade noch zusammen. Das andere ging wohl in die Richtung »Was machst du hier?«. Ich versuchte es mit der Strategie, die ich vorhin bereits bei dem Kreter angewendet hatte. Ich krächzte unverständlich und berührte vorsichtig meinen Hals, als hätte ich dort große Schmerzen. Dabei verzog ich gequält das Gesicht, machte eine ausholende Handbewegung und zuckte gleichzeitig fragend die Schultern. Der Prätorianer nickte. Er brummte etwas mit »ne« und »medicus« und scheuchte mich unmissverständlich davon. Besonders theatralisch humpelnd ging ich wieder auf die Reitergruppe zu. Niemand beachtete mich. In einem passenden Moment tauchte ich in den Schatten zwischen zwei Zelten ab. Hier konnte ich ungestört von den Blicken anderer direkt auf die Rückseite des Zeltes zulaufen, in dem Vala erneut verschwunden war. Die Wachen hielten sich lediglich vor dem Eingang auf. Sicherlich rechnete niemand damit, dass sich jemand innerhalb des Lagers unbefugten Zutritt zu Varus’ privaten Gemächern verschaffte. Und das wollte ich ja auch gar nicht, nur Vala fürs Erste im Auge behalten. Ich versicherte mich, dass das Funkgerät vollständig ausgeschaltet war. Auf der Rückseite hockte ich mich so in den Schatten der dahinter stehenden Zelte, dass ich in der dunklen Nacht nicht entdeckt werden konnte. Ich hörte die gedämpften Stimmen zweier Männer aus dem Inneren. Mit einem Messer schnitt ich vorsichtig einen Spalt in das Leder und schaute hinein. Vala drehte mir den Rücken zu. Seitlich neben ihm stand Varus höchstpersönlich! Sein linker Arm hing in einer eng sitzenden Schlinge und war dort, wo der Schuss ihn gestreift hatte, in dicke Verbände gehüllt. Auch sein Ohr war bandagiert. Die Wulst an seinem Kopf gab ihm ein grotesk aufgeblasenes Aussehen. Er schien Schmerzen zu haben und übellaunig zu sein. Vor sich hielt er die Pistole, die Vala Julia abgenommen hatte. Der Statthalter hob sie mit der rechten Hand hoch, hielt sie in den Schein mehrerer Fackeln und beäugte sie, während er unaufhörlich schimpfte. Vala nickte hin und wieder ergeben, hob beschwichtigend die Hände und versuchte, Varus die Waffe abzunehmen. Doch dieser schenkte dem Reiterkommandeur keinerlei Beachtung. Wahllos drückte er auf der Oberfläche der Pistole herum, zog am Spannhebel, bis er einrastete, lockerte diesen dann wieder und blickte in den Lauf der Mündung. Wiederholt legte er einen Finger intuitiv um den Abzug und betätigte ihn. Nichts passierte. Ich schluckte erschrocken. Wenn er so weitermachte, war es nur eine Frage der Zeit, bis er den Sicherungshebel fand. Was sollte ich tun? Was konnte ich tun? Ich war ratlos. Im Moment sah es eher so aus, als würden sie sich selbst verletzen als einen von uns. Somit stellte die Waffe in ihren Händen vielleicht doch keine so große Gefahr dar, wie mein Vater befürchtete. Ich beschloss, mich einfach zurückziehen, zu warten, bis Vala das Zelt verließ, und ihm zu folgen, bis sich eine Gelegenheit ergab. Im Schutz der Dunkelheit konnte ich mich für Julias Tod an ihm rächen und ihm die Waffe abnehmen, sofern er sie dann überhaupt noch besaß. Im Moment sah es eher so aus, als hätte der Statthalter großen Gefallen an diesem für ihn unbekannten Ding gefunden. Ich beobachtete die beiden noch einige Sekunden, doch langsam wurde mir das zu riskant. Wenn man mich hier erwischte, war ich geliefert. Gerade wollte ich die Lücke im Zelt sorgsam verschließen, als ich sah, wie Varus den Sicherungshebel betätigte. Erschrocken hielt ich inne. Unweigerlich würde jetzt etwas passieren! Intuitiv spannte ich jeden Muskel in mir an, um rechtzeitig in Deckung zu gehen, sollte er in meine Richtung zielen. Doch in völliger Unkenntnis der Funktionsweise der Waffe schob er den Sicherungshebel sofort wieder in die ursprüngliche Position. Ich atmete aus. Noch mal Glück gehabt! Doch was tat er jetzt? Er wiederholte es. Vor, zurück, vor, zurück, vor. Varus spielte so verwirrend schnell mit den einzelnen beweglichen Teilen der Pistole herum, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis er im entsicherten Zustand den Abzug betätigte. Vala wollte ein weiteres Mal danach greifen, doch Varus schien völlig aufgedreht. Sein Gesicht verzerrte sich vor Eifer, Zorn, vielleicht auch Schmerz und Schmach. Ich entdeckte Schweißperlen auf seiner Stirn. Wahrscheinlich witterte er die Chance, die Katastrophe noch aufzuhalten, wenn er diese Blitzschleuder zum Funktionieren bekam. Ich wusste mittlerweile nicht mehr, wann die Pistole tatsächlich schussbereit war und wann nicht. Nun schlug er sie mehrfach auf seinen Oberschenkel und stieß etwas aus, das verdächtig nach einem Fluch klang. Zum x-ten Mal drehte er den Lauf der Waffe nach vorne, um in die Mündung hineinzustarren. Wütend bohrte er mit dem kleinen freiliegenden Finger seiner verbundenen Hand darin herum und fing ein weiteres Mal an zu schimpfen. Feine Speicheltröpfchen benetzten die Waffe, aber auch den Brustpanzer von Valas Uniform, während der mittlerweile mit stoischer Gelassenheit die kindlichen Bemühungen seines Herrn beobachtete. Wie lange sollte ich mir dieses klägliche Spektakel noch anschauen? Erneut wandte ich mich zum Gehen. Ich zog meinen Kopf zurück und schaute vorsichtig nach links und rechts. Niemand da. Ich hatte freie Bahn. Von irgendwoher erklang Kriegsgeschrei, dann ein durchdringendes Geheul, das nicht mehr abriss. Ganz im Gegenteil, es wurde immer schlimmer. Wahrscheinlich folterten Stammeskrieger einen Gefangenen in Hörweite des Lagers. Plötzlich zerriss ein Schuss die Nacht! Ein Schuss in unmittelbarer Nähe! Erschrocken ließ ich mich zu Boden fallen und schlug die Hände über den Kopf. Mein Puls hämmerte. Lautes, markerschütterndes Geschrei drang aus dem Zelt. Ich war verwirrt und es dauerte ein paar Sekunden, bevor mir klar wurde, was das bedeutete. Ich rappelte mich mit weichen Knien auf und schaute durch das Loch. Varus lag am Boden und krümmte sich heftig. Vala hockte gebeugt über ihm, hielt den Statthalter hilflos an der Schulter und brüllte schließlich etwas in Richtung des Eingangs. Prätorianer kamen herbeigelaufen. Entsetzt sahen sie ihren verletzten Herrn, der stark aus einer Bauchwunde blutete. Die Pistole lag ein paar Meter entfernt auf dem Boden, gar nicht weit von mir. Er musste sie erschrocken fortgeschleudert haben, als sich der Schuss löste. Eine gute Chance, an die Waffe zu kommen, doch das Zelt füllte sich zu rasch mit hohen Offizieren, wohl den Angehörigen von Varus’ Stab, schließlich einem Medicus. Ich konnte nicht riskieren, allzu lange zuzuschauen. Fieberhaft dachte ich nach. Was sollte ich tun? Wenn Varus starb, würde die Nachricht für noch mehr Unruhe, vielleicht sogar Panik sorgen. Ich musste hier weg! Aber ohne die Waffe und ohne Valas Leben wäre diese ganze Aktion völlig sinnlos gewesen. Unschlüssig blickte ich erneut in das Zelt. Es herrschte eine gigantische Aufregung. Der Arzt schien nichts für den Statthalter tun zu können. Dessen Blut ergoss sich unaufhörlich dunkel und glänzend auf den teilweise mit Teppichen ausgelegten Boden. Seine Bewegungen waren langsamer geworden, sein Brüllen schwächer. Es war klar, dass er gerade starb. Einige rüttelten an Vala und schrien ihn an. Er hatte alle Hände voll zu tun, das Geschehene zu erklären. Dass ein Schuss gefallen war, ging offensichtlich in dem Wirrwarr völlig unter. Niemand kümmerte sich um die Pistole, nicht einmal der Reiterkommandeur. Natürlich, immerhin lag der oberste Heerführer und Statthalter in Germanien verblutend am Boden. Ein ritterlicher Offizier beugte sich hinunter zu Varus und zog dessen Schwert. Blut war in die Scheide gesickert und bedeckte die Klinge. Laut rufend zeigte der Mann das prunkvolle Schwert mit dem goldenen Adlerkopfgriff herum. Ich war verwirrt. Was passierte jetzt? Dachten die hier Versammelten etwa, Varus hätte Selbstmord begangen? Aus Erzählungen wusste ich, dass eine solche Tat von sieglosen Feldherren erwartet wurde – insofern ergab diese Szenerie für die meisten der Hereinstürmenden durchaus Sinn. Der Statthalter und Heerführer Publius Quinctilius Varus hatte, die Niederlage vor Augen und nicht mehr an einen Sieg glaubend, lieber den ehrenvollen Selbstmord gewählt als den aufständischen Barbaren in die Hände zu fallen. Dann geschah etwas Unglaubliches: Nahezu direkt vor meinen Augen kniete sich einer der Tribune auf den Boden. Er zog seinen Brustpanzer mit einer einzigen geschmeidigen Bewegung über seinen Kopf, bis er nur noch seine untere Tunika trug. Er hielt sein Schwert in der Hand, die Spitze in aufsteigendem Winkel auf seinen Bauch zeigend. Noch einmal winkte er einen Kameraden herbei und sprach ein paar Worte zu ihm. Varus war noch nicht ganz tot, als der Tribun sich mit Hilfe seines Unterstützers die Klinge in den Magen stieß, sie hochriss und damit das Herz traf. Röchelnd und mit schmerzverzerrtem Gesicht kippte er nach vorne über. Das geräumige Zelt brodelte nun förmlich. Der säuerliche Geruch von Schweiß, aber auch der des Todes drangen jetzt sogar bis nach draußen in meine Nase. Weitere hohe Offiziere knieten sich hin, schienen es dem Statthalter nachmachen zu wollen. Niemand von ihnen glaubte mehr an einen Sieg. Und keiner von ihnen wollte lebendig in die Hände der Stammeskrieger fallen. Mit Varus’ Tod war jegliche Hoffnung verloren. Sie gingen fest davon aus, dass ihr Heerführer sich selbst gerichtet hatte, worauf die Bauchwunde letztlich ja auch schließen ließ. Offenbar nahmen die höchsten Offiziere an, Vala hätte ihm assistiert. Ungläubig beobachtete ich den Freitod eines guten halben Dutzends weiterer Offiziere: Legaten, Tribune, altgediente und ehrwürdige Centurionen. Vala rannte entsetzt zwischen ihnen umher, hob beschwörend die Arme und versuchte, seine Offizierskameraden vom Selbstmord abzuhalten. Doch nur wenige hörten ihm überhaupt zu. Sie alle hatten in den letzten beiden Tagen eine wahrgewordene Hölle durchlebt, Tausende Soldaten verloren, sie gefoltert und gehängt am Wegesrand erblickt. Nun war auch noch ihr Anführer von ihnen gegangen und niemand von ihnen sah auch nur den leisesten Hauch einer Möglichkeit, die finsteren Wälder Germaniens lebendig zu verlassen. So jedenfalls erklärte ich mir den plötzlichen Dammbruch in der Bereitschaft, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Es war schlimmer als in einem Schlachthaus. Blut, Gedärme, der üble und durchdringende Geruch nach frischem Kot und Urin – ich beugte mich zur Seite und erbrach mich ächzend. Was hier gerade passierte, war einfach nicht auszuhalten. Es war eine der grässlichsten Szenerien, die ich in meinem gesamten Leben zu sehen bekommen hatte. Nachdem ich die frische Luft tief eingeatmet hatte, wusste ich, was zu tun war. Das Chaos hinter diesen Lederhäuten war so gewaltig, dass niemand mich auch nur bemerken würde. Ich sah, wie Vala schließlich verzweifelt aus dem Zelt floh. Also verbreiterte ich meinen Schnitt und schuf eine Öffnung, die groß genug war, dass ich mühelos hinein und wieder heraus gelangen konnte. Prätorianer waren gerade dabei, den Leichnam des Varus hochzuheben und von hier wegzuschaffen. Überall rannten Uniformierte vor und zurück, sie rempelten mich an, brüllten ihre Befehle, beachteten mich dabei aber kein Stück. Irgendwo hier muss sie doch liegen, fluchte ich innerlich und arbeitete mich suchend Schritt für Schritt voran. Ich ließ meinen Blick überallhin schweifen. Es war nicht einfach. Die Teppiche waren schlammverschmiert und aufgewühlt, alles klebte und stand von dem vielen Blut. Die Körper der Toten lagen kreuz und quer in dem großen Zelt verteilt. Schließlich entdeckte ich die Waffe! In dem ganzen Durcheinander war sie von zahlreichen Soldatenschuhen tief in den Boden getreten worden. Ich bückte mich, hob sie auf und steckte sie zu dem Bündel, in dem sich mein Gewehr befand. Dann kämpfte ich mir den Weg zum Zelteingang frei, bevor mir erneut schlecht wurde. Dort, wo noch vor kurzer Zeit die vielen Offiziere der drei Legionen aufgeregte Diskussionen geführt hatten, war jetzt durch die Prätorianer in Windeseile ein großer Haufen Holz aufgeschichtet worden. Dazu schleppten die Männer alles heran, was trocken war und zu brennen versprach. Offenbar hatten sie es sehr eilig damit, dem Statthalter eine Feuerbestattung zukommen zu lassen. Nicht mal sein Leichnam sollte dem Feind in die Hände fallen. Die Prätorianer wurden jetzt von einem Mann angewiesen, den ich vorhin schon für einen der Lagerpräfekten gehalten hatte: einem kahlköpfigen, untersetzten Offizier, der eine prächtige Tunika trug, über die er zum Schutz gegen Regen und Kälte einen Mantel geworfen hatte. Als er mit dem Holzstoß zufrieden schien, ließ er Varus darauf betten. Keine Zeremonien, keine Reden, keine persönlichen Gaben. Der Regen wurde wieder stärker und so legten sie rasch Feuer. Das klamme Holz brannte jedoch nur mäßig. Ich bezweifelte, dass es tatsächlich genügend Hitze entwickeln würde, um den Leichnam des Statthalters in Asche zu verwandeln. Zwischenzeitlich hatte die Morgendämmerung eingesetzt. Dichter Nebel waberte über die Hänge der Gasitjanbargi und legte einen alles verhüllenden Schleier über das, was sich in den Wäldern der Hügel zusammenbraute. Aber es war zu hören – und wie! Von den Hängen hallte das rhythmische Schlagen von Waffen auf Schilde wider. Ich konnte die bedrückende und beklemmende Atmosphäre im Lager förmlich greifen, so präsent war sie. Das Gefühl, hier eingekesselt zu sein, nicht entkommen zu können, heute ein weiteres Mal dem Tod entgegenzutreten, war allgegenwärtig. Ich musste weg, bevor es zu spät war! Ein durchdringendes Hornsignal ließ die noch ruhenden Soldaten aufschrecken. Offenbar war es Zeit für die Männer, ihr wahrscheinlich letztes Lager zu räumen und sich marschbereit zu machen. Ich brach unterdessen in Richtung des Walldurchlasses auf. Nach und nach schien sich herumzusprechen, dass sich die Heeresleitung gerade selbst gerichtet hatte. Hier und da sah ich Soldaten, die es den Offizieren nachtaten, doch ich entdeckte auch zahllose Gesichter, auf denen sich Unverständnis und Wut abzeichneten, und Gruppen einfacher Infanteristen, die hektisch diskutierten. Sie beschimpften ihre Centurionen. Die sowieso kaum noch vorhandene Ordnung löste sich nun gänzlich auf. So wie es aussah, standen die Truppen kurz vor einer Meuterei. Andere wiederum waren damit beschäftigt, das wenige verbliebene Marschgepäck zu verstauen und ordentlich zu sichern. Alles, was klappern oder sonst wie Lärm verursachen konnte, wurde schalldämpfend umwickelt. In die Glocken der etwa fünfzig von ursprünglich mehreren Tausend Maultieren wurden eilig herausgerupfte Pflanzen gestopft, damit auch diese keinen Ton mehr von sich gaben. Weiter vorne entdeckte ich eine kleine Gruppe Reiter, die auf dem Hauptweg des Lagers in Richtung des Ausgangs preschte. An dem wehenden purpurnen Rosshaarschweif erkannte ich den Vordersten als Vala. Floh er etwa? Enttäuscht sah ich ihm hinterher. Rache für Julia würde ich wohl nicht mehr bekommen. Unbehelligt erreichte ich das Lagertor. Hier bekam ich allerdings ein Problem. Hinter Vala und seinen Reitern war das provisorische Tor aus zusammengenagelten und mit dicken Seilen umbundenen Baumstämmen wieder verschlossen worden. Und im Moment schien niemand außer mir den Wunsch zu verspüren, die Sicherheit des Lagers zu verlassen. Ich musste mir also etwas einfallen lassen, wenn ich nicht mit den Römern gemeinsam untergehen wollte. Die Wachen zum Öffnen auffordern, das konnte ich ja schlecht. Ich überlegte kurz, ob ich an einer anderen Stelle einfach den Wall erklimmen sollte, verwarf den Gedanken jedoch wieder. Auf der Außenseite verlief ein Graben, in dem ich unter Umständen aufgrund der schlammigen Erde stecken blieb. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis eine misstrauische Wache mich befragte oder mich in der allgemeinen Aufregung mit einem Wurfspieß erledigte. Nein – ich musste wohl oder übel warten, bis das Tor sich erneut öffnete. Also wanderte ich ein paar Minuten durch die Reihen der hier lagernden Legionäre und ließ meinen Blick suchend schweifen. Die Männer sollten annehmen, ich suche nach jemandem. Weitere Hornsignale ertönten. An der Ostseite des Lagers nahmen erste Einheiten Aufstellung. Es war ganz offensichtlich eine Spähereinheit, ergänzt durch einen großen Trupp Pioniere und Geleitschutz. Alles in allem etwa zweihundert Soldaten. Das war meine Chance! Das Tor wurde bereits für den Trupp geöffnet. Gut so! Der eine oder andere Wachsoldat auf dem Wall fing nämlich schon an, mich misstrauisch zu beäugen. Ich lungerte hier so augenfällig herum, dass ich jeden Moment einen Ruf in meine Richtung erwartete. Also schloss ich mich den Pionieren an. Sie waren mit Spitzhacken, Schaufeln und Äxten zusätzlich zu ihrer standardmäßigen Bewaffnung ausgerüstet. Neben diesen schwer beladenen Todgeweihten wirkte ich mit meinem tunikaumwickelten Bündel im Arm ungefähr so unauffällig wie ein feuchter Scheißhaufen auf einem Obstteller. Ich spielte hier mit meinem Leben, wenn mir nicht bald eine gute Idee kam! Schon sah ich einen Centurio, der mich soeben ins Auge fasste. Sein Blick verfinsterte sich sogleich. Er packte seinen Züchtigungsstock mit festem Griff und schritt direkt auf mich zu. Scheiße! Jetzt hatte ich es zu weit getrieben. Entweder war es an der Zeit, kurzen Prozess zu machen, über Funk Hilfe anzufordern und mein Gewehr herauszuholen, oder … Ein lautstarker Streit lenkte unser aller Aufmerksamkeit um. Zwei Männer in den auffälligen Tuniken, die sie als Lagerpräfekten auswiesen, marschierten auf das Tor zu und brüllten sich dabei gegenseitig an wie die Kesselflicker. Einer der beiden, der untersetzte, kahlköpfige Kerl, den ich bereits bei Varus’ Verbrennung gesehen hatte, zog am Mantel des anderen, um ihn zurückzuhalten. Dieser, ein grauhaariger alter Recke mit dichtem, aber gepflegtem Vollbart und breiten Schultern, schüttelte ihn ab und stieß ihn schließlich zurück. Ich warf einen schnellen Blick zu dem Centurio, in dessen ungnädige Aufmerksamkeit ich eben noch geraten war. Er beachtete mich jedoch nicht mehr und stand stramm. Erst jetzt bemerkte ich, dass ein lockerer Haufen Legionäre in Manipelstärke, also etwa zweihundertfünfzig Männer, den beiden Lagerpräfekten eher zaghaft folgte. Was war hier los? Leider verstand ich kein Wort von dem, was die Lagerkommandanten sich gegenseitig an den Kopf warfen, aber mir fiel auf, dass die zweihundert Mann des Spähertrupps, dem ich mich gerade anschließen wollte, sehr unruhig wurden und halbherzig Aufstellung nahmen. Nun begriff ich: Irgendeine Art von Konfrontation spielte sich hier ab. Von Minute zu Minute wurden die Fronten klarer. Der kahlköpfige Lagerpräfekt, Eggius mit Namen, wie immer wieder um mich herum gemurmelt wurde, schien den anderen, Ceionius, den Grauhaarigen, von etwas abhalten zu wollen. Eggius baute sich mit verschränkten Armen vor Ceionius auf. Die Geste besagte deutlich: Hier kommst du nicht vorbei! Weiter hinten im Lager machte sich noch mehr Unruhe breit, als ohnehin schon herrschte. Überall sah ich Soldaten Aufstellung nehmen. Einige schlossen sich sogar dem Pulk der Ceionius-Treuen an. Dieser brüllte immer lauter, fuchtelte mit den Armen, wies nach hinten, nach vorne, auf Eggius, die Soldaten, machte eine alles umfassende Handbewegung und stieß Eggius schließlich zornig beiseite. Mit einem Wink befahl er den wartenden Soldaten, ihm zu folgen. Gerade als sie sich in Bewegung setzten und die Eggius-Treuen sich anschickten, ihnen den Weg zu versperren, erklang aus den Wäldern plötzlich ein vielstimmiges Kriegsgeheul. Es war markerschütternd und ließ selbst meine Nackenhaare aufrecht stehen. Eine Gänsehaut überzog im Nu meinen Körper. Ergänzt wurde das Gebrüll durch das rhythmische Schlagen von Waffen. Die im Lager herrschende Unruhe wurde von Panik abgelöst. Hörner erklangen und befehligten irgendwelche Abteilungen in irgendwelche Stellungen. Ich drehte mich um und reckte den Hals. Aus südöstlicher Richtung, von den Hängen der Gasitjanbargi, näherten sich Krieger. Wie dunkle Rinnsale ergossen sich die Horden aus dem dichten Grün des Waldrandes und stürmten über die lichte Fläche auf das Lager zu. Ich wandte mich zum Tor. Die Wachsoldaten waren gerade dabei, es wieder zu verschließen! Ich rannte also los. Ceionius und die Seinen setzten sich ebenfalls in Bewegung. Der Lagerpräfekt brüllte die Soldaten an, das Tor geöffnet zu lassen. Sie gehorchten nervös. Der andere Kommandant, Eggius, hatte sich fluchend und schimpfend abgewandt und schien seine Kräfte eher auf die Abwehr der neuerlichen Attacke konzentrieren zu wollen. Für mich war diese Meuterei – ich ging davon aus, dass es sich nur um eine solche handeln konnte – ein Glücksfall. Mit dem Strom der Meuterer schwappte ich durch das Tor. Wie ein dicker Pfropfen quetschten wir uns nahezu gleichzeitig hindurch – immer in der Erwartung, von den zurückbleibenden Truppen aufgehalten zu werden. Schließlich war ich durch. Ich hatte es geschafft! Ängstlich sah ich mich um, so wie die anderen in den hinteren Reihen. Jede Sekunde erwartete ich den harten Einschlag eines Speeres in meinem Rücken, sah mich bereits von der Wucht des Aufpralls nach vorne geworfen und blutend und röchelnd im Schlamm liegen. Doch die beiden Torwächter sahen uns nur mit einer Mischung aus Mitleid und Zorn an. Sicherlich dachten sie, wir wären arme, durchgedrehte Seelen, die mit dem wahnsinnigen Druck nicht mehr klarkamen. Was die anderen betraf, so lagen sie wohl richtig. Einer nach dem anderen warf Waffen und Schild in den Schlamm. Anschließend nahmen sie Aufstellung und marschierten mit erhobenen Händen, Ceionius voran, in Richtung der angreifenden Stammeskrieger an der Südseite des Lagers. Dies war doch keine Meuterei! Nein, Ceionius wollte sich ergeben, wohl um sein Leben zu retten. Der Lagerpräfekt hatte die völlig hoffnungslose Situation erkannt und desertierte nun mit einer Handvoll Männer. Die Wachen auf den Wällen sahen ihnen nur fassungslos hinterher, wandten sich dann aber ab, um zur anderen Lagerseite zu stürmen, wo erneut Kämpfe tobten. Ich blickte mich ein letztes Mal um. Die Stammeskrieger schwenkten lange Lanzen, auf denen die Köpfe getöteter Legionäre steckten und die hoch über den Wall hinausragten. Ich konnte die grausig entstellten Fratzen selbst hier hinten noch erahnen. Völlig unbeachtet blieb ich zurück. Was für ein Glück! Unter normalen Umständen wäre ich selbstverständlich verfolgt oder gleich als Fahnenflüchtiger hingerichtet worden. Doch jetzt? Die Truppe war praktisch bereits aufgelöst und jeder sah zu, dass er für sich das Beste herausholte. Und für die meisten bestand das offenbar darin, wenigstens noch über den Zeitpunkt des eigenen Todes entscheiden zu können. Nun gut … Also lief ich. Zwischendurch wandte ich mich noch einmal um, da mich das Schicksal von Ceionius und den Seinen doch interessierte. Ich entdeckte ihn kniend vor einem der Unterhäuptlinge. Immerhin – wenn er jetzt noch lebte, ging sein Plan vielleicht auf und er geriet in Gefangenschaft, anstatt zu sterben. Wahrscheinlich spekulierte er darauf, später gegen Lösegeld freizukommen. Ich lief weiter. Der Regen wurde stärker. Urplötzlich kamen Windböen auf, Wipfel naher Eichen bogen sich und ihr Laub rauschte weithin hörbar. Ich wusste genau, was das bedeutete. Ich hatte keine Lust, den Tag erneut in klammen Kleidern zu verbringen, wie schon so oft in den letzten Wochen. Ich hatte von den alten Recken gelernt und machte es ihnen nun nach. Noch bevor der Starkregen kam, riss ich mir Kettenhemd, Tunika und alles Weitere vom Leib, bis ich nur noch die Sandalen und den Lendenwickel trug. Wahrscheinlich war es sowieso besser, die Kleidung des Feindes schnellstmöglich loszuwerden. Und immerhin würde ich nach dem Guss eine trockene Tunika zum Abtrocknen haben. Ich warf die Rüstung weg und wickelte das Kleidungsstück gut ein. Keinen Augenblick zu früh! Aus dem beschaulich vor sich hin gießenden Nass entwickelte sich ein heftiger Platzregen, begleitet von wilden Windböen. Das Lager lag mehrere Hundert Meter hinter mir. Mein Pferd stand irgendwo in dem endlosen Meer aus Krüppelkiefern und Moorbirken, Faulbäumen und Ebereschen, das sich vor mir ausbreitete. Der peitschende Wind schlug die harten Regentropfen mit einer solchen Gewalt an meinen nackten Körper, dass ich schleunigst halb unter einen großen Findling kroch, dessen windabgewandte Seite ein Stück überhing. So wartete ich zitternd ab, zusammengekauert wie eine Feldmaus. Das kurze Aufbrausen der Wettergötter dauerte etwa zehn Minuten, doch in dieser Zeit hatten sie wahre Wassermassen aus dem Himmel herabregnen lassen. Den Römern musste der Wolkenbruch den letzten Rest gegeben haben. Wie üblich, hatten sie alle Bäume und Büsche im Lager gefällt – was in diesem Fall bedeutete, dass sie dem Unwetter schutzlos ausgeliefert waren. Ich wartete weitere fünfzehn Minuten. Irgendwann nieselte es nur noch sanft und ich wagte mich aus meinem Unterschlupf hervor. Die Sonne war zwischenzeitlich aufgegangen, wobei sie sich nicht etwa zeigte. Es war schlicht Tag geworden. Als ich mir die trockene Tunika überstreifte, konnte ich mir den Anflug eines Lächelns nicht verkneifen. Ich hatte alles richtig gemacht. Zwar fror ich, was die Schnittwunde an meiner Seite sich schmerzhaft zusammenziehen ließ, auch plagten mich die diversen blauen Flecken von den Kämpfen gestern, doch ich lebte – und hatte trockene Kleidung. Bedachte ich die Gesamtsituation, war allein dies gar nicht mal so schlecht. Es gab Zeiten, da lernte man, sich über die kleinen Dinge zu freuen … Kurz darauf fand ich mein Pferd. Mit hängenden Ohren und gesenktem Kopf stand es unter einer krummen Kiefer, deren Krone – durch einen früheren Blitzschlag gespalten – herabhing wie die gebrochenen Finger einer zerschmetterten Hand. Das leise Schnauben des Hengstes verhieß Freude – trotz der dicken Tropfen, die aus den Ästen und Nadeln über ihm unaufhörlich auf ihn hinunterfielen. Schnell wechselte ich meine Kleidung und schwang mich ein weiteres Mal in den Sattel. Der Folkobeek war mein Ziel. Ich konnte den Handelsweg bereits in einiger Entfernung sehen, da er sich als dunkel schimmerndes breites Band durch die ansonsten grüne Umgebung schlängelte. Im selben Augenblick entdeckte ich die Reitergruppe. Zuerst dachte ich, es wäre ein größerer Trupp Stammeskrieger. Vorsichtig näherte ich mich und erkannte schließlich auch römische Pferde. Ein Haufen Männer lag am Boden. Tot, soweit ich das erkennen konnte. Ich sah, wie einer der Stammeskrieger mit einer langen Lanze ausholte und zustach. Einer der Liegenden bäumte sich ein letztes Mal auf und fiel dann wieder schlaff zurück. Ich ritt zu ihnen. Etwas irritierte mich an dieser Szenerie und ich brauchte einen Moment, bis ich darauf kam, was es war: Die Stammeskrieger wirkten in ihrer gesamten Aufmachung anders als diejenigen, unter denen ich in den letzten Wochen gelebt hatte. Ihre Kleidung war sauber, die Männer waren sorgsam frisiert und rasiert, ihre Umhänge leuchteten in prachtvollen Farben und ihre Hosen trugen sie auf mir unbekannte Weise in kniehohen Schnürstiefeln aus hellem Leder. Je näher ich kam, desto mehr Details erkannte ich. Die acht Männer waren allesamt mit protzigem Goldschmuck behangen, den sie in Form von fingerdicken Hals- und Armreifen oder Ringen zur Schau stellten. Bei einem von ihnen, vielleicht war er ihr Anführer, prangten zahlreiche Goldringe auf der Brust, fein säuberlich in mehreren Reihen aufgenäht. Der Mann trug sein rötlich schimmerndes Haupthaar, das ihm lediglich bis in den Nacken reichte, pfleglich gestutzt sowie einen breiten Oberlippenbart. Seine Wangen wirkten frisch rasiert, was im ersten Moment einen beinahe grotesken Eindruck auf mich machte, bedachte man den triefend nassen Schlamm und Dreck, der uns umgab. Aufmerksam sahen die acht mir entgegen. Es erschien mir höflich und respektvoll, wie sie einige Schritte zurücktraten und damit den Blick auf die Leichen freigaben, in deren Blut sie standen. Ich sah auf die getöteten Römer, sah den Offiziershelm mit dem purpurnen Rosshaarschweif, zur Hälfte in den weichen Untergrund getreten. Der größte Teil des hübschen Purpurs war mit schwarzem Schlamm besudelt. Einer der Toten trug einen bronzenen Muskelpanzer, halb verdeckt von einem roten Umhang. Er lag mit dem Gesicht nach unten. In seinem Nacken klaffte eine tiefe Wunde, sodass sein Kopf unnatürlich gestreckt wirkte. Es war Vala! Sie hatten ihn zur Strecke gebracht, wer auch immer sie waren. Der Rothaarige hob einen Arm zum Gruß. Ich brachte mein Pferd zum Stehen, hielt eine Hand aber vorsichtshalber auf meinem Gewehr. »Du musst Witandi, das einäugige Adlerauge, sein! Nicht ganz ungefährlich hier heute Morgen für einen einzelnen Reiter, was?« Der Mann zwinkerte mir fröhlich zu. Ich war perplex. Wieso kannte der Kerl meinen Namen? Er benutzte zwar die Sprache der Stämme, doch betonte er die Worte auf eine fremdartige Weise und flötete sie in einem mir völlig unbekannten und ungewohnten Singsang. Seine Leute starrten mich bloß stumm an. Plötzlich neigte er leicht den Oberkörper und deutete damit eine Verbeugung an. Wieder etwas, was ich in dieser Form noch nie bei einem Stammeskrieger gesehen hatte. »Oh, entschuldige bitte, ich vergaß, dir meinen Namen zu nennen. Ein Mann sollte immer wissen, wen er vor sich hat. Ich bin Katwalda der Wohlredende, Sohn von Katubad dem Ertrinkenden, Heerzieher der Gothonen vom Grasmeerland. Mein König, die Donnerstimme Marbod, Sohn des Wolfbod, Herrscher über die Grenzlandstämme, schickt mich, den großen Arminius Blitzschleuderer aufzusuchen und ihm am zweiten Tage nach dem Mondtod in der Spanne der gelben Blätter etwas zu übergeben. Natürlich nur, wenn der Schlachtverlauf es zulässt. Ich fragte also an dem beulenartigen Hügel dort hinten, den ihr Falkenschnabel nennt, nach ihm. Man sagte mir, die beste Chance, ihn zu finden, wäre, erst dich zu finden. Du würdest heute während der Morgenstunden hier vorbeimüssen. So haben wir auf dich gewartet. Wir«, er machte eine ausholende Handbewegung, die seine Begleiter einschloss, »damit meine ich natürlich meine Weggefährten, alles gute und treue Markomannen.« Ich hatte einige Mühe, jedes Wort zu verstehen, denn dieser Katwalda hatte eine nie zuvor gehörte Art, die Silben mit einem Zungenschlag sozusagen weichzuspülen. Deswegen musste ich ihn wohl eher dümmlich angeschaut haben, als er fortfuhr. »Na ja, die Einzigen, die hier während des entsetzlichen Regenschauers vorbeikamen, waren diese Reiter. Sie hatten es sehr eilig, nach Westen zu gelangen. Wir fürchteten, sie könnten sich dir vielleicht in den Weg stellen und dadurch unsere Suche verzögern. Nun kamst du allerdings von Osten. Aber gut, so haben wir euch und eurer Sache einen kleinen zusätzlichen Dienst erwiesen, nicht wahr?« Er seufzte schwer. »Du musst wissen, dass wir schnellstmöglich ins Grasmeerland zurückwollen, denn frostige Nächte sind nicht fern und so erfreulich wie ein Brombeerdorn im Zeh, wenn du verstehst, was ich meine.« Er lachte leise. Mir fiel weiterhin nichts Besseres ein, als blöd zu glotzen. Brombeerdorn im Zeh? Wovon sprach dieser Kerl? »Ich spreche von einem Ritt, der beinahe eine gesamte Mondphase dauert und sehr beschwerlich ist. Weißt du also, wo wir den Blitzschleuderer finden?« Ich überlegte einen Moment und nickte. Im Grunde reichte diese kurze Geste für alles, was Katwalda von sich gegeben hatte. Ja, ich bin Witandi. Ja, ich weiß, wo Arminius ist. Alles andere nahm ich zur Kenntnis. Ich sah erneut auf die toten Körper. Ich musste sichergehen. Wortlos stieg ich also ab und stapfte zu dem Reiter mit dem metallenen Brustharnisch hinüber. Ich beugte mich über ihn und hob den Kopf ein wenig an, sodass ich sein Gesicht erkennen konnte. Ja, eindeutig. Ich ließ ihn los. Mit einem leisen feuchten Klatschen fiel er in den Schlamm zurück. Gut. Das war erledigt. Ich wandte mich an Katwalda. »Was willst du ihm überbringen?« Der Markomanne kniff die Augen zusammen und betrachtete mich finster. Seine Höflichkeit schien wie weggeblasen. »Ich weiß nicht, wie es bei euch gehandhabt wird, Witandi Aaroga, aber im Reich von König Marbod ist es so, dass Nachrichten ihrem Empfänger und nur ihrem Empfänger übergeben werden.« »Ich bin sein Sohn«, erwiderte ich und schickte mich an, mein Pferd zu besteigen. »Und bevor ich fremde Männer zu meinem Vater geleite, will ich wissen, was sie im Schilde führen. Das ist so, da, wo ich herkomme.« Ich wendete mein Pferd, um in Richtung des Walls davonzureiten. »Warte, Witandi Aaroga!« Katwalda räusperte sich. »Das … ähm … wusste ich nicht. Du bist also sein Sohn?« Er musterte mich stirnrunzelnd und machte ein Zeichen zu einem seiner Männer. Dieser eilte sogleich zu einem der Pferde und führte es am Halfter zu Katwalda. »Ich bin gerne bereit, dir einen Blick auf die Botschaft zu gewähren. Zumal du sowieso nicht wissen wirst, was das merkwürdige Ding ist, welches Marbod für Arminius bestimmte. Ich vermag es nicht einmal vernünftig zu beschreiben, deswegen solltest du es dir einfach ansehen. Ich bin sicher, dass sich deine Sorgen dann in Luft auflösen werden.« Er fing an, in einer Satteltasche herumzukramen. Zwischenzeitlich reckte ich mich auf dem Rücken meines Pferdes und schaute nach Osten. Ich wollte nicht ewig auf diesem Weg herumstehen. Jederzeit konnte uns eine Hundertschaft Pioniere oder ein Trupp Späher entdecken. Der Markomanne schnalzte schließlich mit der Zunge. Ganz unten wurde er endlich fündig. Er zog ein kleines ledernes Bündel hervor. Vorsichtig, beinahe andächtig faltete er es in seiner ausgestreckten Hand auseinander. Es schien sehr leicht zu sein. Eine kleine Ecke des Inhaltes wurde sichtbar, als er Stück um Stück die Hülle zurückklappte. Und die Farbe dieser Ecke war – leuchtend gelb! Neongelb! Mein Atem stockte. Der Farbton kam mir seltsam bekannt vor. Er hatte eine unverwechselbare Nuance, auch wenn ich diese seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte. Ein weiterer Teil wurde sichtbar. Dann noch einer. Mein Puls raste jetzt so schnell, dass ich glaubte, meine Brust müsse zerspringen. Nervös fuhr ich mit den Fingern durch mein feuchtes Haar. Ungläubig betrachtete ich das, was Katwalda mir endlich auf der flachen Hand präsentierte: einen etwa fingerbreiten, noch original aneinanderklebenden neongelben Haftnotiz-Zettelblock. Sogenannte Post-its. Und auf dem obersten Blatt stand in feiner Schönschrift: »Für Arminius, den Fürsten der Cherusker. Im September des Jahres 9. König MARko BODewig« In Deutsch! Die Ecken des obersten Zettels bogen sich leicht nach oben, wohl vom ständigen Hochklappen, um die darunterliegenden zu erreichen. »Alles in Ordnung?«, fragte Katwalda und sah mich besorgt an. Ich nickte stumm. Und fassungslos. »Du siehst, ich habe nicht übertrieben. Ich kenne keinen Baum, der solch gelbe Blätter trägt, und du wohl auch nicht. Es ist Sache der Könige, sich damit zu befassen.« »Herr, schau!«, unterbrach uns einer von Katwaldas Männern. Er zeigte nach Osten. Eine rechteckige Formation aus Soldaten näherte sich. Hektik brach unter den Markomannen aus. »Das kommt von Marbod?«, fragte ich endlich, als ich mich halbwegs wieder gefangen hatte. Katwalda eilte zu seinem Pferd. Auch seine Männer sprangen in die Sättel. »Ja, sagte ich doch«, rief er über seine Schulter. »Warte erst, bis du hörst, warum man ihn die Donnerstimme nennt. Du wirst es nicht glauben.« Ich schluckte. Die dumpfe Ahnung, dass ich es wohl doch sehr gut glauben konnte, beschlich mich. Und eines war jetzt sicher: Hier waren Mächte am Werk, von denen ich, nein, wir alle bisher noch nichts ahnten. Es konnte kein Zufall sein, dass ein Arminius, ein Marbod und wer weiß, wer sonst noch, offenbar aus entfernten Jahrtausenden stammten. Die zwei größten Stammesführer dieser Zeit! Nun gab er sich also zu erkennen. Und wann wäre dafür ein besserer Zeitpunkt als so kurz vor dem Sieg über Varus? Ich erinnerte mich an Hravans Worte: »Doch die Götter hatten versprochen, Hilfe zu schicken – nicht einen der ihren, nein, ebenfalls einen Weltenwanderer, unvorstellbar weit gereist, mit der Weisheit und Klugheit des Einäugigen selbst gewappnet. Er würde diese Welt vor der großen, endgültigen Dämmerung schützen oder den Untergang zumindest aufhalten.« Hatten die Götter vielleicht nicht bloß auf ein Pferd gesetzt, sondern gleich mehrere ins Rennen geschickt? So sah es für mich in diesem Moment aus. Und es bedeutete auch, dass diese Macht im Hintergrund tatsächlich existierte. Mir wurde schwindelig. Ließen sie die Menschen etwa für sich kämpfen? Gegen ihren eigenen Untergang? Darum, nicht von römischer und später christlicher Kultur überrannt zu werden, die dazu führen würde, dass der Glaube an sie, die alten Götter, nach und nach aushöhlte, um schließlich mit Feuer und Blut ausgetrieben zu werden und im Folgenden ganz zu verschwinden? So in etwa hatte es auch Malcolm erklärt. Aber das war absurd! Wie sollte ich mir das vorstellen? Dass die Götter, allen voran der einäugige Wodan höchstpersönlich, irgendwo dort oben in ihren Götterburgen weilten und über ihren Untergang sinnierten, sich Strategien zur Vermeidung überlegten? Waren denn Götter ohne ein Volk, das an sie glaubte, dem Untergang geweiht? Vielleicht. Unwillkürlich blickte ich in den Himmel. Rufe, Gebrüll um mich herum, doch ich hörte nichts mehr. Nur Rauschen in meinen Ohren, meinem Kopf. Wen gab es noch – oder hatte es gegeben? Ich versuchte mich an die großen Häuptlinge der verschiedenen Stämme zu erinnern, von denen ich einst gelesen oder hier gehört hatte: Da war Maelo, legendärer König der Sugambrer. Oder Ariovist, gefürchteter Fürst der Sueben. Was war mit Boiorix, dem sagenhaften Kimbernkönig? War die große Völkerwanderung der Kimbern, Teutonen und Ambronen in Wahrheit keine Flucht vor sich verschlechternden Lebensbedingungen an der Nordsee gewesen, sondern der erste große und gezielte Versuch, Roms Vormachtstellung zu stürzen? Sozusagen eine göttergelenkte Flutwelle, bestehend aus ganzen Völkerschaften? All diese Könige und Stammesfürsten hatten sich in den vergangenen Jahrzehnten gegen Rom erhoben und sich mit Klugheit, List und Einfallsreichtum einen unsterblichen Namen gemacht. Waren sie alle bloß weitere Figuren im großen Kampf der Götter gegen ihren eigenen Untergang? Ich würde es vielleicht nie herausfinden … Jemand gab meinem Pferd einen Schlag auf die Flanke und wir ritten los. Frau Holle und die Bodewigs Sie ist zerstört!«, ächzte Skadi fassungslos und betrachtete die verbogene uralte Bronzescheibe. Sie lag zwischen ihnen auf dem Boden des Altarraums, wo die Hagedisen vor der Arminius-Statue Platz genommen hatten. Was das für ihre Mission bedeutete, vermochte sie im Moment nicht zu überblicken. War dies noch der Wille der Götter oder hatten andere, stärkere Mächte das Ruder übernommen? In diesem Augenblick tat sie sich sehr schwer damit, den Verlust der Scheibe lediglich als Schlag anzusehen, den die Schicksalsgöttinnen für sie vorsahen. Sie blickte ihre Gefährtinnen der Reihe nach an. »Nach jetzigem Stand wird niemals wieder jemand den Weg zwischen den beiden Welten wandern. Das Tor ist zu. Das bedeutet, dass es keinen Nachschub mehr gibt für Arminius. Er und die anderen sind auf sich allein gestellt. Nur die Götter können ihnen jetzt noch helfen und unsere Sache zu einem erfolgreichen Ende bringen.« »Diese verfluchte Irre!«, grollte Moira. »Warum wollte sie uns schaden? Was geht sie überhaupt an, was wir tun?« »Wir sollten es ihr heimzahlen«, knurrte Luna. »Ihr auch etwas nehmen, was ihr heilig ist.« Viola warf einen warnenden Blick zu Skadi hinüber. Die Wut der Gefährtinnen musste gebremst werden – solange es noch ging. »Als Erstes bringen wir die Scheibe morgen zum Hufschmied«, sagte Skadi. Ihre Stimme klang allerdings matt und müde. Sie wirkte alles andere als überzeugend. »Vielleicht kann er ja noch etwas retten.« »Und wenn nicht?«, fragte Moira erneut. Sie glaubte fest an ihre Sache und ihr Zorn saß tief. Sie würde ihren Bruder wohl nie wiedersehen. »Nehmen wir ihren Überfall auf uns einfach so hin?« Luna schüttelte den Kopf. Plötzlich bröckelte ihre Fassade. Tränen rannen ihr über die Wangen. »Es war ein lange ersehnter Traum für mich. Diese andere Welt …« Ihre Schultern bebten und ihre Gefühle brachen aus ihr hervor. Bittere Enttäuschung und nackte Wut standen in ihren Augen, als sie den Blick wieder hob. »Ich habe wirklich daran geglaubt, dass wir es schaffen.« Betrübt blickten sie alle auf die uralte, unermesslich wertvolle Himmelsscheibe, die vor ihnen auf einem roten Samttuch lag. Sie hatten den Rest der Nacht damit verbracht, ihre Einzelteile zusammenzusuchen. Soweit sie wussten, war sie die einzige ihrer Art. Und zerstört. Eines der Autoräder war genau über sie hinweggerollt und hatte sie tief in den kiesigen Boden gedrückt. Sie war zerbrochen. Die Ränder bogen sich stark deformiert nach oben, außerdem war sie völlig zerkratzt. Ein Riss durchzog das größte Stück und verlief zu allem Überfluss auch noch mitten durch eine Reihe der filigranen goldenen Symbole. Einige waren abgeplatzt, konnten aber wenigstens geborgen werden. Andere waren unwiederbringlich zerstört – zermalmt zwischen Reifen und Steinen. Es gab wirklich keinen Grund, noch Hoffnung zu haben, dass dieses verbogene Stück Metall auch nur ansatzweise imstande sein würde, jene Kräfte zu entfesseln, die schließlich das Tor zwischen den Welten öffneten. Skadi seufzte und fasste ihre Nachbarinnen an den Händen. Diese taten es ihr nach, sodass sie einen Kreis bildeten. »Die Sonne geht bald auf. Lasst sie uns im Holunderhain begrüßen und zur Muttergöttin beten. Vielleicht geschieht ja ein Wunder. Und falls nicht, werden wir unsere Arbeit trotzdem fortsetzen. Alles passiert aus einem Grund. Meistens verstehen wir diesen nicht. Wir müssen nun erst recht an unserem Glauben festhalten.« Ein knappes Jahr später war die Angst noch immer ein ständiger Begleiter Astrids. Die Ereignisse auf dem Hof der Skadi Brock hatten ihr in den Folgemonaten viel mehr zu schaffen gemacht, als sie es für möglich gehalten hatte. Sie plagte sich mit Schuldgefühlen wegen ihres Tuns, gepaart mit der Angst, dass die Frauen Rache an ihr üben würden. Sie wagte sich kaum mehr alleine nach draußen, pendelte praktisch nur noch zwischen ihrer Wohnung und ihrem Büro im Archäologischen Institut der Universität Bremen. Sie bereute ihren Einbruch in Skadis Haus zutiefst und wünschte, sie hätte das Ganze rückgängig machen können. Doch das konnte sie nicht. Und der Hass und Zorn dieser Frauen verfolgte sie bis in ihre Träume. Zwar hatte sie nie wieder etwas von ihnen gehört, aber die Ereignisse jener Nacht lasteten dennoch schwer auf ihr. Fast hätte sie Skadi Brock überfahren und bis heute wusste sie nicht sicher, worüber sie in dieser letzten Sekunde, als sie endlich den Wagen in Richtung der Straße gelenkt hatte, gerollt war. Die Himmelsscheibe? Brocks Fuß oder Bein? Sie fürchtete Rache. Ein Messer im Rücken, Gift in ihrer Milch im Kühlschrank, durchschnittene Bremsleitungen am Auto, eine Giftspinne unter ihrem Bett, was auch immer. Vielleicht sogar einen dunklen Zauber. Oder einen Fluch. Das belastete sie. Es machte sie krank. Sie dachte kaum mehr an etwas anderes. Natürlich beeinträchtigte diese Angst ihre Arbeit. Und das war auch schon der nächste Punkt. Was sie zuletzt in den neuesten Entzifferungen der Schriftrollen gelesen hatte, steigerte ihre Sorgen und ihre Unschlüssigkeit nur noch weiter. Ihrem Chef, dem Leiter des Instituts, Professor Schönfeld, war ihre Gedankenverlorenheit natürlich nicht entgangen. Er hatte sie um eine Besprechung gebeten. Unruhig saß sie jetzt in seinem Büro, knetete nervös ihre Handballen und schaute gehetzt hin und her. Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn. Lag es daran, dass der Juni bislang sehr warm war? Oder waren es schlicht die Angst, der Druck, der Stress? Sie hatte eigentlich keine Zeit für ein solches Gespräch. Ihre Gedanken überschlugen sich: Wolfgang Bodewig. Bodewig? Bodewig? Was sollte sie tun? Ihn ausfindig machen? Und wenn sie ihn tatsächlich fand, sollte sie ihn anrufen? Oder doch hinfahren und persönlich ansprechen? Ihn warnen? Verflucht, warum machte sie diese Dinge alle mit sich selbst aus? Das Schicksal der Welt lag nicht in ihren Händen, also warum tat sie so? »Ah, guten Tag, Frau Warrelmann.« Schönfeld stand mit ausgestreckter Hand vor ihr. Sie hatte ihn gar nicht bemerkt. Erschrocken sprang sie auf. Sie würde sich jetzt endlich zusammenreißen müssen, ansonsten war sie die längste Zeit die verantwortliche Archäologin für die Entzifferung der »Hollerbeck-Schriftrollen« gewesen. »Guten Tag, Professor Schönfeld.« Sie versuchte ein Lächeln, das ihr aber wahrscheinlich misslang, so falsch, wie es sich anfühlte. Sie glaubte, einen ersten Hauch von Missfallen im Knick einer Falte am linken Auge des Professors auszumachen. Verdammt! Lächle, blöde Kuh, dachte sie wütend. Und sie lächelte sanft. Sie setzten sich. »Na, was machen die Buchverkäufe, hm?« »Oh, seit öffentlich wurde, dass derzeit weitere Schriftrollen des Leon Hollerbeck analysiert und entziffert werden, sind die Verkaufszahlen wieder sprunghaft angestiegen. Die Konten des Instituts sind gut gefüllt.« Sie versuchte ein weiteres Lächeln, diesmal ein aufmunterndes. Sie hatte Hollerbecks Erlebnisse nur unter der Auflage in Romanform gießen dürfen, dass achtzig Prozent aller Einnahmen dem Archäologischen Institut und seiner Arbeit zugutekamen. Die ersten drei Teile waren zwischenzeitlich in mehr als dreißig Sprachen übersetzt und veröffentlicht worden. »Gut, gut. Das höre ich doch gerne.« Der Professor schien zufrieden. »Und was macht ihre aktuelle Arbeit? Wie kommen Sie mit Hilfe der neuen Technik voran?« »Wir arbeiten sehr präzise und nehmen uns die Zeit, die wir brauchen, Herr Professor«, log sie. In Wirklichkeit verschlang sie jedes neu entzifferte Fragment, sobald es auf dem Server lag. »Wir dürfen uns keine Fehler leisten und wollen den angeschlossenen Forschungsdisziplinen eine hundertprozentig korrekte Wiedergabe der Aufzeichnungen von Hollerbeck übergeben.« Der Professor nickte bedächtig und strich sich den langen grauen Bart. »Trotzdem bin ich nicht ganz zufrieden, Frau Warrelmann. Bezüglich Ihrer eigenen Habilitation mache ich mir Sorgen. Sie hatten viel Stress, der Druck der Öffentlichkeit, dann der Einbruch … Ich frage mich, ob das nicht vielleicht zu viel für Sie ist. Doktor Müller könnte …« »Nein, nein!«, winkte sie hastig ab. »Ich schaffe das. Es gibt keinen Grund für Sie, beunruhigt zu sein. Glauben Sie mir!« Doktor Müller in ihrem Projekt wäre für sie der größte anzunehmende Unfall. Sie versuchte, Ruhe und Professionalität auszustrahlen. Der Professor sah sie jetzt ernst an. »Nun ja …«, sagte er langsam. »Sie wirken manchmal ein wenig … wie soll ich sagen … fahrig. Sie arbeiten sehr viel, kommen morgens als Erste und gehen als Letzte. Sie müssen achtgeben, dass Ihr Privatleben nicht zu kurz kommt, verstehen Sie? Werden Sie mehr auf sich aufpassen?« Sie bemühte sich um ein besonnenes Lächeln und stimmte zu. Sie musste den Professor jetzt unbedingt in Sicherheit wiegen, sonst würde er ihr weiter auf die Nerven gehen. Jede Sekunde, die sie hier saß, erschien ihr verschwendet. Sie hatte so viele Dinge zu tun, so viele Dinge zu entscheiden. Was sollte sie mit der Information bezüglich Wolfgang Bodewig anfangen? Sollte sie den Mann irgendwie informieren oder warnen? Immerhin ging es auch um ein Kind. Nervös sah sie aus dem Fenster, erwartete beinahe, in das Antlitz Skadi Brocks zu schauen. Ihr wurde heiß, als sie an den bösartigen Blick dachte, mit dem diese Hexe sie zuletzt bedacht hatte. »… nicht ganz glauben. Aber gut. Wir sollten öfter miteinander sprechen, Frau Warrelmann. Frau Warrelmann?« Astrid blinzelte kurz, dann konzentrierte sie sich wieder auf Schönfeld. »Ja, natürlich. Das wäre mir auch sehr recht, Herr Professor.« Sie hatte keine Ahnung, wovon er sprach, doch er stand auf und reichte ihr die Hand. Nachdem sie sein Büro verlassen hatte, lehnte sie sich an die Wand und atmete tief durch. Das war gerade noch mal gut gegangen! Sie setzte derzeit alles aufs Spiel – und sie war sich dessen vollkommen bewusst. Sie war wie besessen von diesen »Hollerbeck-Schriftrollen« und ihren Inhalten. Doch warum mischte sie sich überhaupt ein? Bisher war nichts außer Ärger dabei herausgekommen. Sie gab sich einen Ruck, strich sich die Bluse glatt und ging aufs Treppenhaus zu. Dabei fasste sie einen Entschluss: Der Professor hatte recht! Sie würde NICHT weiter nach diesem Bodewig forschen und sie würde heute mal früher Feierabend machen. Sie wollte das Thema fürs Erste verdrängen. Astrid schloss die Augen und atmete tief ein und aus. Schon fühlte sie sich ruhiger, leichter, wie von einer Last befreit. Ihr Telefon klingelte. Astrids Herz pochte plötzlich wie wild. Was, wenn …? »Anonymer Anrufer« las sie auf dem Display. Sie kniff die Lippen zusammen, atmete tief durch, schalt sich eine ängstliche Närrin und nahm das Telefonat an. »Ja?«, fiepte sie vorsichtig. Einen Moment herrschte Stille. »Astrid Warrelmann?«, fragte dann eine dunkle Frauenstimme. SIE war es! Astrid erkannte die Stimme sofort. Sie hatte sie bis in ihre Träume verfolgt. Es war eindeutig IHRE Stimme. Sie antwortete nicht. »Hallo? Astrid Warrelmann? Antworten Sie! Brock hier. Skadi Brock.« Astrid schluckte mehrmals schwer. Fast ein Jahr war vergangen, seitdem sie diese entsetzlichen Dummheiten begangen hatte. Sie schloss die Augen. Das Weiß des Treppenhauses blendete sie, ließ sie plötzlich schwindeln. Weiße Wände, weiße Decke, weiße Stufen. Alles war so kalt. Sie musste sich setzen. Hatten die Hexen sie so lange schmoren lassen, um sie zu quälen? Um sich jetzt endlich, nach so vielen Monaten, zu rächen? »Wa… was wollen Sie von mir?« »Ihnen von meinen Träumen erzählen.« Astrid runzelte verwirrt die Stirn. Die Frau tickte doch nicht ganz richtig. »O… okay.« Sie hörte, wie sich die Hagedise kurz räusperte. Konnte es sein, dass auch sie ein wenig nervös war? Vielleicht ging es ja gar nicht darum, Rache zu üben. »Ein dunkler See, Blätter auf einem Stein, Wind kommt auf und bläst sie weg. Das Wasser teilt sich, die Blätter fallen hinein. Ein Brunnen, ein Holunderbaum, dessen Äste bis tief in den Schacht hineinreichen. Wohlriechende Holunderblüten, die durch die Luft wirbeln. Fruchtbare Erde, gelb blühendes Johanniskraut. Sommersonnenwende.« Astrid verstand gar nichts. Was sollte das? »Etwas passiert, Frau Warrelmann. Etwas Entscheidendes. Und ich muss herausfinden, was es ist. Darf ich Sie Astrid nennen?« »J… ja«, stammelte sie. Endlich riss sie sich zusammen. Verdammt, wer war sie eigentlich, dass sie sich so unterkriegen ließ? Sie holte tief Luft, stand auf und ging die Treppen hinunter und hinaus ins warme Sonnenlicht. In der gepflegten Gartenanlage des Institutes blühten die Azaleen und Rhododendren, die Insekten summten und am Himmel war keine einzige Wolke in Sicht. »Was ist mit damals?«, fragte sie jetzt rundheraus. »Werden Sie …? Ich meine, wollen Sie …?« Skadi Brock lachte laut auf. »Skadi. Nenn mich Skadi. Rächen? Nein, warum sollte ich? Wir sind kein Haufen bösartiger Hexen, weißt du? Natürlich ist deine Tat unverzeihlich, denn du hast die Scheibe zerstört. Sie war das Tor in die andere Welt, ein unersetzliches Artefakt, magiebeladen und einzigartig. Trotzdem gefiel es den Schicksalsgöttinnen, die Dinge in jener Nacht so zu lenken. Also muss es einen Grund dafür geben. Du brauchst unsere Rache nicht zu fürchten, falls du das meinst. Sag bloß, du hast die ganze Zeit …?« Sie ließ die Frage unausgesprochen. Astrid schloss kurz die Augen. »Ha! Das nenne ich eine gerechte Strafe!«, spottete Skadi, um gleich darauf wieder ernst zu werden. »Vergiss es! Was passiert ist, ist passiert, und nichts kann das rückgängig machen. Wir blicken nach vorne. Was denkst du eigentlich von uns?« Langes Schweigen. »Da sind diese Träume, die ich seit einigen Tagen habe. Immer gleich. So kurz vor der Sommersonnenwende träume ich zwar oft, doch diesmal ist es anders. Schweißtreibend, intensiv, ich rieche die Luft und die Blüten, schmecke das Wasser, bekomme eine Gänsehaut. Eine starke, spürbare Präsenz. Vielleicht durch die Anwesenheit der Muttergöttin? Ich weiß es nicht. Etwas passiert. Etwas Wichtiges, Entscheidendes. Du musst wissen, dass der See und der Brunnen, auch der Holunder, dass dies alles Symbole der Muttergöttin sind. Ich dachte, du könntest mir helfen. Du könntest mir verraten, was du in den Schriftrollen von Hollerbeck gelesen hast. Vielleicht hilft mir das.« »Das ist geheim«, antwortete Astrid reflexhaft. »Ich … ich meine, das unterliegt strengster Vertraulichkeit. Ich musste Unmengen an Papierkram …« »Verschone mich mit deiner lächerlichen Bürokratie!«, unterbrach Skadi sie rüde. »Denkst du nicht auch, dass du mir einen Gefallen schuldig bist?« Astrid schwieg und seufzte schließlich. »Ja. Irgendwie schon. Was soll ich tun?« Skadis Stimme wurde jetzt leiser, nachdenklicher. »Ich brauche irgendeinen Anhaltspunkt, der mir den Traum erklärt. Es ist sehr ungewöhnlich, mehrere Tage hintereinander exakt den gleichen zu haben. Was hast du über Malcolm und die anderen gelesen?« »Ich bin mitten in Hollerbecks Beschreibung der Schlacht gegen Varus. Deine Leute kämpfen Seite an Seite mit Arminius. Ich wüsste nicht, was ich dir dazu mehr sagen soll. Leon hat einen Legionsadler erbeutet, sie haben viele Gefangene …« »Nein, nein«, entgegnete Skadi und stöhnte leise. »Es muss etwas anderes sein. Etwas, was mit der Muttergöttin zu tun hat. Vielleicht auch nur im weiteren Sinne. Gibt es keine ungewöhnlichen Ereignisse?« Kurz dachte sie an Katwalda und seine Nachricht, von dem sie zuletzt gelesen hatte. Doch was konnte das mit den Träumen dieser Hexe zu tun haben? »Nun komm schon, Astrid! Muss ich dir jedes Wort aus der Nase ziehen?« Astrid antwortete nicht. Sie wollte diese schreckliche Frau einfach nur loswerden, aber sie traute sich nicht, aufzulegen. »Da du ja scheinbar darauf bestehst, werde ich dich also doch noch mal daran erinnern, wie sehr du in meiner Schuld stehst, werte Frau Archäologin. Du bist bei uns eingebrochen, hast die Himmelsscheibe von uns gestohlen und sie zerstört. Vielleicht sollten wir doch bei dir zu Hause vorbeischauen.« »Das war keine Absicht«, platzte es aus Astrid heraus. »Abgesehen davon, wart ihr nie die rechtmäßigen Eigentümer. Ihr habt sie selbst gestohlen.« »Macht das deine Aktionen besser, liebe Astrid? Ich bin gespannt, was dein Professor dazu sagt, wenn ich ihm die Aufnahmen unserer Webcam zukommen lasse, die dich mitten in der Nacht im Altarraum des Arminius zeigen.« Astrids Puls setzte einen furchtbar langen Moment aus. Bluffte die Hagedise? Oder hatte sie tatsächlich einen solchen Videobeweis? Scheiße! »Ich weiß nicht, was ihr von mir wollt«, wimmerte sie leise. Ihre Karriere, alles stand auf dem Spiel. Dieser Einbruch war der größte Fehler ihres Lebens gewesen und drohte nun, sie zu zerstören. Sie war erpressbar geworden und lebte in ständiger Angst. So konnte es nicht weitergehen. Sie war bereit, alles dafür zu tun, damit wieder Normalität einkehrte. »Denk nach«, sagte Skadi sanft. »Wir wollen dir nicht schaden. Wir hätten es längst tun können, aber wir sind keine Racheengel oder was immer du dir in deinen Gedanken ausgemalt hast. Du kannst uns auch die Entzifferungen der Schriftrollen geben, doch diese zu lesen, kostet unter Umständen zu viel Zeit. Du musst überlegen und mir alles erzählen! Was hast du zuletzt gelesen?« Astrid beruhigte sich wieder. Sie hatte das Gefühl, dass alles vielleicht doch noch gut werden könnte. »Ein Markomanne. Katwalda. Er hatte eine Nachricht für Arminius dabei. Am vorletzten Tag der Schlacht.« »Eine Nachricht? Was für eine Nachricht?« »Auf einem Post-it. So einem Haftnotizzettelchen. Kennst du vielleicht, diese gelb…« »WAS?«, unterbrach Skadi sie. Sie kreischte beinahe vor Zorn. »Und das erzählst du erst jetzt? Fällt das für dich etwa nicht unter die Kategorie ›ungewöhnlich‹?« »Ich dachte … Ich wusste nicht … Ich wollte ja …« Astrid kniff die Augen zusammen. Sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. »Okay, ganz langsam. Erzähl mir alles der Reihe nach! Aber nicht am Telefon. Wir müssen uns treffen.« Astrid wusste, dass ihr nichts anderes übrig blieb. Sie musste sich ihren Ängsten stellen, um sie zu überwinden. Etwa eine Stunde später saß Astrid mit Moira und Skadi auf der Terrasse ihres Hofes. Ein Sonnenschirm schützte sie vor der heißen Sonne. Moira goss ihnen allen kalte selbst gemachte Zitronenlimonade in die rotbraunen Tonbecher. Duftender Lavendel blühte in einigen großen Töpfen neben ihnen. Es hatte Astrid echte Überwindung gekostet, an diesen Ort zurückzukehren, doch wahrscheinlich war es für ihren inneren Frieden das einzig Richtige. Die Frauen hatten sie kühl und distanziert, aber freundlich und respektvoll empfangen, sodass sich ihre Nervosität weiter legte. Niemand hatte mit einem Zauberstab auf sie gezeigt und einen Fluch ausgestoßen, worüber sie sehr froh war. Sie wollte diesen Frauen helfen und dann nach Möglichkeit nie wieder in ihrem Leben etwas von ihnen hören. Sie liebte ihre Arbeit über alles und würde sie durch nichts mehr gefährden. »Hollerbeck schreibt davon, wie er diese Nachricht in Form eines kleinen Stapels dieser Klebezettel völlig überrascht entgegennimmt, da sein Vater gerade nicht in der Nähe ist. Für ihn ist natürlich sofort klar, dass sie nur von einem weiteren Zeitreisenden sein kann. Da er seine Aufzeichnungen aber erst Jahrzehnte später anfertigt, vermischt sich manchmal die Chronologie der Ereignisse. So notiert er, dass er in späteren Jahren Marbod, wie Marko Bodewig in der alten Zeit heißt, auch persönlich traf. Dieser habe ihm seine Geschichte erzählt, soweit der sich überhaupt daran erinnerte. Er sei als Junge zur Sommersonnenwende des Jahres, das dem Tode seiner Mutter folgte – wobei er dieses nicht mehr genau benennen konnte; wie gesagt, er war zur fraglichen Zeit ein Kind von etwa zehn Jahren –, mit seinem Vater, Wolfgang Bodewig, einem Religionslehrer, auf dem Huldasee zum Angeln gewesen. Diesem See oder Teich haftete irgendein alter Aberglaube an. Markos Vater, ein strenger Katholik, habe seinem Jungen die Allmacht des Herrn und der Jungfrau Maria vor Augen führen wollen, indem er seine Familie öfter zu alten heidnischen Kultstätten brachte. So lehrte er ihnen wohl die Geschichte des Siegeszuges des Christentums oder so ähnlich. Jedenfalls gab es eines Tages ein Unglück, bei dem die Mutter von Marko ertrank. Offenbar fuhren sie in der Folge aber weiterhin regelmäßig zurück zu diesem See, um ihr zu gedenken und ihrer Seele nahe zu sein. Und an besagtem Tag – es war die Sommersonnenwende ein Jahr später – habe sie der See verschluckt und in der alten Zeit wieder ausgespuckt.« Skadi starrte Astrid wie elektrisiert an, während sie erzählte. Und auch Moira schien an ihren Lippen zu hängen. »Stopp, stopp! Ich bin mir nicht sicher, ob ich das richtig verstehe«, unterbrach Skadi sie dennoch. »Dieser Junge, Marko Bodewig, ist der Markomannenkönig Marbod?« Ungläubig starrte sie Astrid an. Diese zuckte mit den Achseln. »Zumindest laut Aussage von Leon Hollerbeck. Das dürfte für eine weitere handfeste Überraschung in der Fachwelt sorgen, nicht wahr?« Zum ersten Mal breitete sich die Andeutung eines Lächelns auf ihrem Gesicht aus. »Allerdings. Das klingt sehr unwahrscheinlich.« Die Hagedise rieb sich grübelnd den Nasenrücken. »Obwohl … andererseits, warum nicht? Wenn Arminius Armin Hollerbeck ist, warum sollte Marbod nicht Marko Bodewig sein? Das ist eine sehr, sehr interessante Erweiterung für meine Sicht auf die Dinge.« Sie schwieg einen Augenblick lang. »Wo ist dieser See?« »Ich habe bereits versucht, im Internet einen Huldasee ausfindig zu machen, vernünftige Ergebnisse bekam ich jedoch nicht.« »In welcher Sprache hat Hollerbeck das Wort geschrieben?«, fragte Skadi. Astrid sah sie erstaunt an. »Das ist in der Tat merkwürdig. Seine Aufzeichnungen sind größtenteils auf Deutsch verfasst, nur einzelne Wörter, in der Regel Eigennamen, schreibt er in der alten Stammessprache. So auch Hulda. Er schrieb eindeutig Huldasee. Einen solchen gibt es aber nicht.« »Wahrscheinlich ist ein Holle-See gemeint. Das Wort Hulda ist alt, meint aber das Gleiche. Beides sind Namen für die Muttergöttin, so wie viele weitere auch: Frigg, Frija, Freke, Perchta, Hertha und, und, und. Hulda oder Holle sind eher als Attribute der Muttergöttin zu verstehen. Darin steckt das Wort ›hold‹, da sie die Holde, die Liebliche, die Gutmütige ist.« »Vielleicht meint er ja den Holleteich?«, warf Moira ein. »Auf dem Hohen Meißner?« Astrid sah die beiden Frauen verwirrt an. »Im Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner, einem Berg in Nordhessen, soll die Muttergöttin ihr unterirdisches Reich gehabt haben. Nach uralter Überlieferung brachte sie dort die Kinder aus den Tiefen des Wassers ans Licht der Welt. Frauen mit Kinderwunsch sind jahrhundertelang dorthin gepilgert, um mit Blumen und anderen Opfergaben die Muttergöttin milde zu stimmen. Der Teich ist nicht besonders groß, war jedoch einst wohl sehr tief und einsam gelegen. Dass darin jemand ertrunken wäre, ist mir unbekannt. Wir fahren öfter hin, um zu opfern. Außer letztes Jahr …«, fügte sie nachdenklich an. »Da waren wir mit den Vorbereitungen für Malcolm und seine Leute beschäftigt.« »Was ist mit diesem Wolfgang Bodewig?«, fragte Moira. »Hast du ihn ausfindig gemacht?« Astrid schüttelte den Kopf. »Nein, die Suchmaschine lieferte nahezu sechshundert Treffer. Und ich hatte bisher keinen Grund, ihn ernsthaft aufzuspüren, also habe ich es dabei belassen. Eigentlich wollte ich mich in diese Dinge nicht mehr so …« »Der Hohe Meißner liegt in Nordhessen«, unterbrach Moira. »Es macht Sinn, die Suche auf dieses Gebiet zu beschränken. Kassel und Göttingen sind die nächsten größeren Städte. Das sind genügend Informationen, um ihn aufzuspüren, falls er noch in dieser Welt ist. Eine Ertrunkene im Holleteich auf dem Meißner und ein Sohn namens Marko. Ich mache mich gleich mal an die Arbeit!« Die Hagedise sprang auf und stürmte ins Haus. Skadi warf Astrid einen langen, nachdenklichen Blick zu. »Erzähl mir mehr! Was hast du noch erfahren?« »Nicht viel. Weiter bin ich noch nicht gekommen. Nach ihrer Ankunft in der alten Welt stoßen die Bodewigs auf einige Markomannen, die sie unter ihre Fittiche nehmen. Nach meinen Recherchen muss das so um das Jahr 20 vor Christi Geburt gewesen sein. Sie erwerben sich rasch hohe Anerkennung, wie genau, das weiß ich nicht. Eine Donnerstimme wird erwähnt, doch damit kann ich im Moment noch nichts anfangen. Jedenfalls wird der kleine Marko aufgrund seiner herausragenden Fähigkeiten mit anderen Kindern aus dem markomannischen Adel als Geisel nach Rom gegeben. Ein übliches Verfahren, um sich die fortwährende Treue von Verbündeten zu sichern. Die Kinder werden romtreu erzogen und kehren irgendwann als geläuterte und zivilisierte Persönlichkeiten zurück, die ihre Stammesbrüder aus dem Dunkel der Barbarei ins sonnige Licht des Imperiums führen sollen. Bekanntlich erfreute er sich der persönlichen Gunst von Kaiser Augustus, so notieren es jedenfalls antike Geschichtsschreiber. Diese historisch verbürgte Tatsache erscheint jetzt natürlich in ganz anderem Licht.« Skadi nickte. »Ja. Wahrscheinlich imponierte er allen mit seinen Fähigkeiten zu lesen und zu schreiben. Kein Wunder, dass der Kaiser von diesem Wunderkind beeindruckt war.« Sie konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Eine faszinierende Geschichte. Für mich bedeutet sie im Moment jedoch nur eines: Es gibt ein weiteres Tor! Unsere Mission ist noch nicht gescheitert. Eine von uns muss den Weg gehen, um es dauerhaft offen zu halten, damit die Götter siegen können. Ich wusste, dass wir Hagalianer nicht am Ende sind.« Die Freude und Erleichterung über diese Erkenntnis stand ihr förmlich ins Gesicht geschrieben. Astrid runzelte nur die Stirn. Von Göttern und Missionen wollte sie lieber nichts wissen. Aber der kleine Junge ging sie etwas an. »Ihr könnt machen, was ihr wollt, das sehe ich mittlerweile ein. Aber ihr lasst doch hoffentlich nicht zu, dass dieser Junge in dem See ertrinkt?« »Wieso ertrinkt?« Unverständnis sprach aus dem Blick der Hagedise. »Ist Leon Hollerbeck etwa verbrannt? Oder Armin? Du hast es gerade selbst gesagt: Der See verschluckt ihn und spuckt ihn zwei Jahrtausende früher wieder aus. Der Junge wird leben und Geschichte schreiben. Wieso willst du dich erneut einmischen?« »Aber der Schock! Und die Trennung von seinem Vater! Das dürfen wir doch nicht zulassen! Jetzt, da wir vielleicht herausfinden können, wo sie wohnen, müssen wir diese Katastrophe verhindern, sofern sie noch nicht geschehen ist. Der Junge könnte ein normales Leben führen, zur Schule gehen, einen Beruf finden und …« »Schluss jetzt!«, unterbrach Skadi sie zornig. »Was maßt du dir eigentlich an? Ich stelle mit großem Bedauern fest, dass du offenbar doch nichts dazugelernt hast. Dein Horizont ist dermaßen beschränkt, dass es kaum zu fassen ist. Meinst du wirklich, das alles passiert rein zufällig? Die Nornen lenken die Geschicke aller Welten, selbst der Götter. Zweifle nicht an ihnen und versuche nicht, dich ihnen ein weiteres Mal in den Weg zu stellen, Astrid Warrelmann. Es könnte dir nicht wohl bekommen.« »Aber das macht doch gar keinen Sinn!«, begehrte sie trotz der unverhohlenen Drohung weiter auf. »Marbod war in späteren Jahren eher ein Freund der Römer und Feind des Arminius. Es läge sogar in eurem Interesse, ihn aufzuhalten.« »Im Gegensatz zu dir erhebe ich keinen Anspruch darauf, alles zu verstehen.« »Und deswegen schickt ihr Leute und Ausrüstung in die Vergangenheit, um sie zu ändern? Wäre die heute existente Vergangenheit nach deiner Logik dann nicht genauso unabänderliches Schicksal, der frühe Tod des Arminius schlicht etwas, was ihr im großen Plan eurer Götter nicht versteht? Das ist doch Schwachsinn, was du erzählst! Du widersprichst dir.« Astrid wurde jetzt wütend. »Ihr solltet sehr, sehr vorsichtig sein mit dem, was ihr da tut! Ihr greift in etwas ein, was ihr nicht versteht.« Skadi nickte zurückhaltend. »Ich weiß. Es gibt viele ungelöste Fragen und wahrscheinlich finden wir nie eine Antwort darauf.« Astrid beruhigte sich wieder. »Was meinst du?«, fragte sie. Skadi sah nachdenklich in die Ferne. »Zum Beispiel nach der Art des Tores. Nach allem, was wir wissen, war bisher eine alte Himmelsscheibe, die … sagen wir mal … spezielle Fähigkeiten besaß, nötig. Wie ist das bei diesem Teich? Liegt eine solche Scheibe auf dem Grund des Gewässers? Warum öffnete sich ausgerechnet dort ein solches Tor? Und warum wies dieses Tor nicht in dieselbe Zeit wie die Scheibe aus Armins Haus, sondern auf einen Zeitpunkt über zwanzig Jahre früher?« Astrid musste ihr beipflichten. »Da hast du es. Das Ganze ist ein einziges Rätsel und deshalb umso gefährlicher. Und niemand weiß, wie viele Tore es noch gibt, geschweige denn, wer letztlich dahintersteckt. Ich glaube, es dürfte klar sein, dass es kein Zufall ist. Die beiden größten Heerführer jener Zeit kommen eigentlich aus unserer Welt. Es ist fast so, als hätte jemand sie absichtlich dorthin verfrachtet. Und damit meine ich nicht euch Hagedisen.« Astrid musste bei ihren eigenen Worten schlucken. Ihr Gesicht verlor merklich an Farbe, als ihr klar wurde, was sie gerade gesagt hatte. »Die alten Götter sind keine bizarren Ammenmärchen irgendwelcher altertümlicher Zivilisationen, Astrid. Du bist Wissenschaftlerin, deswegen fällt es dir sicher schwer, das in voller Konsequenz zu akzeptieren. Die Welt heute hat keinen Raum mehr für die Dinge, die jenseits des Erklärbaren liegen. Deshalb werden sie geleugnet oder für abwegig gehalten. Doch das sind sie nicht.« Skadi beugte sich vor und fasste Astrid fest ins Auge. »Es gibt sie. Auch heute noch. Die Götter sind dort draußen irgendwo, aber versteckt und beinahe machtlos heutzutage. Aber sie sind da, immer noch ständig im Kampf gegen ihren Untergang. Die alten Geschichten sind alle wahr, Astrid.« Ihre Stimme war jetzt nur noch ein eindringliches Flüstern. »Hravan erzählte uns, dass sie einst fast allmächtig waren. Bloß eine einzige Macht stand über ihnen – das Schicksal, verkörpert durch die drei Nornen. Diesen und niemand anderem mussten sie sich fügen. Heute sind die meisten der alten Götter tot, glaubt man den Überlieferungen. So wie das alte Göttergeschlecht der Asen einst die noch älteren Wanen zurückschlug, so überkamen schließlich auch Wodan und seine Asen der riesige Winter und die anschließende Dunkelheit. Ihr Schicksal war unabwendbar, doch das wussten sie damals natürlich nicht. Wir müssen aber damit rechnen, dass die Überlebenden des Götteruntergangs gegenwärtig noch walten. Und die Zukunft von heute an kennt niemand und somit auch nicht das Schicksal. Zu handeln macht folglich Sinn. Ich sage dir, die Götter lenken uns zum jetzigen Zeitpunkt genauso wie einstmals.« Eine Gänsehaut überlief Astrid. In diesem Augenblick kam Moira wieder heraus. »Im letzten Jahr ist tatsächlich eine Magdalena Bodewig aus Niestetal bei Kassel unter ungeklärten Umständen in dem Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner ertrunken«, unterbrach sie das erhitzte Gespräch. »Das war eine Riesensache damals. Ihr Mann heißt Wolfgang. Ob sie einen Sohn namens Marko haben, konnte ich nicht herausfinden, aber es können nur sie sein. Wir haben ihn!« Die Anführerin der Hagedisen riss erschrocken die Augen auf, als sie murmelnd nachrechnete. »Letztes Jahr? Dann ist dieses Jahr … Und morgen ist Sommersonnenwende! Bei der gütigen Muttergöttin, wir müssen uns beeilen!« Sie sprang auf und sah auf die Uhr. Es war bereits später Nachmittag. »Wir können nur das Nötigste zusammenpacken. Ruf Luna und Viola an, Moira! Wir fahren noch heute Abend. Wann genau ist der Zeitpunkt der Sonnenwende?« »12.01 Uhr morgen Mittag.« Skadi stieß einen erleichterten Seufzer aus. »Da haben wir wenigstens noch ein bisschen Zeit. Such das Schlauchboot, ja? Es müsste irgendwo auf dem Dachboden liegen. Morgen zur Mittagszeit muss eine von uns auf dem See sein!« Astrid erhob sich. »Ich will euch nicht länger im Weg sein. Tut, was ihr tun müsst. Ich wünsche euch viel Glück dabei.« Sie wandte sich zum Gehen. »Halt!«, befahl Skadi jedoch. »Du gehst nirgendwo hin! Ich traue dir nicht, deswegen kommst du mit uns.« Astrid überlief ein eisiger Schauer. »Vergiss es! Wir sind quitt. Du wolltest eine Erklärung für deine Träume und ich habe sie dir geliefert. Ich gehe jetzt. Ich habe noch viel zu tun.« »Tust du nicht!«, entgegnete Skadi kalt, zog eine Pistole unter dem Tisch hervor und richtete sie auf Astrid. Diese schluckte schwer und ließ sich wieder auf den Stuhl fallen. Nun war sie erneut da, die Angst. Nie zuvor hatte jemand eine Waffe auf sie gerichtet. Mit was für Leuten hatte sie sich bloß eingelassen? Was für eine riesengroße Dummheit, ausgerechnet hierherzukommen! Sie hatte sich ein wenig Seelenruhe davon erhofft, und nun? »Was … soll das?«, stammelte sie. »Wollt ihr mich gegen meinen Willen mitschleppen? Zu diesem See?« »Teich«, korrigierte Moira. »Es ist ein Teich, kein See.« »Ja«, sagte Skadi einfach nur. »Bis alles vorbei ist. Danach kannst du dich wieder in deinem kleinen Büro verkriechen, Papyrusrollen durch Maschinen entziffern und dich für das Werk des Leon Hollerbeck feiern lassen.« Aua, das hatte gesessen! Astrid kniff die Augen zusammen. »Das ist Entführung!« »Es ist die Quittung für deinen Einbruch. Natürlich kann ich alternativ auch die Videodatei an deinen Herrn Professor Sowieso schicken. Außer, du begleitest uns freiwillig. Dann bräuchten wir uns nicht darum sorgen, ob du Dummheiten machst, liebe Astrid. Außerdem kannst du uns bei der Gelegenheit noch den Rest von dem erzählen, was Hollerbeck niedergeschrieben hat. Wir sind sehr gespannt darauf.« Skadi legte den Kopf ein wenig schief und lächelte grimmig. Astrid stimmte schließlich zu. »Okay, okay. Ist ja gut. Ich begleite euch freiwillig. Ich muss sowieso mal raus. Es gibt keinen Grund, irgendwelche Videos zu veröffentlichen. Aber ich will, dass es danach gelöscht wird.« Diese Forderung war lächerlich, das wusste sie selbst. Unzählige Kopien konnten an noch mehr Orten gespeichert sein. »Sehr gut! Somit brauchen wir das ja nicht mehr.« Skadi steckte die Waffe weg und erhob sich. »Wir haben jetzt zu tun. Gib mir dein Handy und deine Autoschlüssel! Ansonsten bleibst du einfach hier sitzen und rührst dich nicht, verstanden?« Astrid griff in die Innentasche ihrer Jacke und zog ein Mobiltelefon heraus. Es war ihr Diensthandy, das ihr vom Institut überlassen worden war. Sie reichte es Skadi, die es zufrieden einsteckte. Nachdem sie auch ihren Wagenschlüssel abgegeben hatte, verschwanden die Hagedisen im Haus. Mit pochendem Herzen tastete Astrid vorsichtig die andere Innentasche ihrer Jacke ab. Ihr Privathandy steckte noch darin. Niemand war auf die Idee gekommen, sie zu durchsuchen. Nach einer Weile zog sie es halb heraus und stellte es auf stumm. Der Akku war noch voll, sodass es in jedem Fall morgen funktionierte, falls sie es brauchte. Etwas beruhigter lehnte sie sich zurück. Der sie umgebende Hochwald aus Buchen, Eschen, Ulmen und Bergahorn war wunderschön, das musste Astrid trotz der grotesken Umstände einräumen. Zwischen den Bäumen bedeckten Bergholunder und Seidelbast sowie zahllose Kräuter und Wildblumen den Boden nahezu vollständig. Sie hatten den Wagen auf einem Parkplatz abgestellt. Die Hagedisen wollten sich dem Teich nun nähern, ohne entdeckt zu werden. Niemand sollte aufgeschreckt oder die Ereignisse in irgendeiner Form durcheinandergebracht werden. Dafür nahmen sie den Umweg durch die Wälder in Kauf. Nach einiger Zeit erreichten sie eine regelrecht kahle Stelle, bestehend aus dem Ausläufer eines Felsenmeeres am Berg. Flechten, Moose und Farne bildeten das einzige Grün hier oben. Astrid spürte jeden zurückgelegten Schritt in ihren untrainierten Waden und Oberschenkeln. Der Wegfall der schattenspendenden Baumkronen führte außerdem dazu, dass die Sonne zu dieser frühen Stunde bereits heiß auf sie niederbrannte. Doch es dauerte nicht lange und sie drangen in einen dunklen, dichten Fichtenbestand ein. Zur Abwechslung ging es mal abwärts. »Die Bäume reichen bis an den Rand des Teiches«, flüsterte Skadi, obwohl es dafür eigentlich keinen Grund gab, und stellte schnaufend ihren Rucksack ab. Luna und Viola, die gemeinsam das schwere Schlauchboot in Form eines luftleeren, zusammengeschnürten Pakets schleppten, taten es ihr nach. Sie waren dankbar für jede Pause. »Auf der anderen Seite des Teiches befindet sich eine grüne Wiese. Wenn hier jemand zeltet und angelt oder zum Baden herkommt, dann hat er dort drüben seine Sachen. Das restliche Seeufer ist eher sumpfig.« »Vielleicht hättet ihr ja zuerst nachschauen sollen, ob die Bodewigs überhaupt hier sind«, meinte Astrid. »Falls nicht, hättet ihr euch die Schlepperei nämlich sparen können.« Skadi warf ihr einen eisigen Blick zu. »Es wird so sein. Warum hätte Hollerbeck es sonst notieren sollen?« »Lasst uns doch einfach nachschauen«, schlug Moira vor und machte bereits ein paar Schritte auf den Waldsaum und das dahinterliegende Ufer zu. Astrid erkannte das Funkeln einer ruhigen dunklen Wasseroberfläche zwischen einigen Zweiglücken. Der Teich war ganz nah. Die vier Hagedisen setzten sich in Bewegung. Der Boden war übersät mit knochentrockenen Fichtennadeln und ausgedörrtem Geäst. Bei jedem Schritt knackte und krachte es. »Psst!«, zischte Skadi. »Luna und Viola, ihr wartet hier! Es reicht, wenn Moira nachschauen geht. Sie versteht vom Schleichen noch am meisten.« Moira nickte und setzte ihren Weg fort. Von dieser Stelle aus konnte sie aber offenbar nicht allzu viel erkennen, deswegen verschwand sie schon bald zwischen den Bäumen. Astrid beobachtete die Frauen misstrauisch und mürrisch. Sie war müde, ihr tat mittlerweile alles weh und sie hatte keine Lust mehr, Angst zu haben. Die letzte Nacht war furchtbar gewesen. Sie hatte in einem viel zu engen alten Kombi in der Mitte der Rückbank eingezwängt zwischen Viola und Luna gesessen und versucht, ein wenig Schlaf zu finden. Ein unmöglicher Wunsch, denn ihr Kopf war jedes Mal haltlos zur Seite gerutscht, was die Hagedisen jeweils mit einem rüden Schulterstoß quittiert hatten. Sie hatte keine Ahnung, wie sich das alles hier heute entwickeln würde. Sie wusste nur, dass sie nicht tatenlos zusehen konnte, wie ein Kind Opfer dieses ganzen Wahnsinns wurde. Sie nahm einen Schluck aus einer Wasserflasche und tastete unauffällig mit der Arminnenseite die um ihre Hüfte geschlungene Jacke ab. Deutlich spürte sie die kleine Ausbeulung, die das Handy verursachte. Sehr gut! Moira näherte sich einige Minuten später. Ihr Gesicht war stark gerötet, ob vor Anstrengung oder Aufregung, das wusste Astrid nicht. Die anderen scharten sich sofort um sie. »Ein Mann und ein Junge, etwa zehn Jahre alt, auf der gegenüberliegenden Seite des Teichs, nahe beim Schilf«, keuchte sie. Offenbar war sie gerannt. »Sie angeln.« »Fantastisch!«, sagte Skadi und blickte sie alle mit leuchtenden Augen an. »Es passt zusammen. Dies ist unsere einzige Chance! Moira, für dich haben die Runen damals gesprochen. Also wirst du gehen! Du musst einen Weg finden, wie wir das Tor in der Jetztzeit wieder öffnen können. Vielleicht gibt es eine andere Scheibe, die irgendwo sicher versteckt werden kann über die Jahrtausende. Finde Hravan und sprich mit ihr! Du kannst auch versuchen, mehr über diesen Teich in Erfahrung zu bringen und wie er als Tor genutzt werden kann. Botschaften könnten uns über Hollerbeck hinterlassen werden.« Skadi drehte sich zu Astrid um und warf dieser einen durchdringenden Blick zu. »Sobald irgendwelche Botschaften für uns in den Schriftrollen auftauchen, wirst du uns informieren, nicht wahr?« Astrid versuchte es mit einer Mischung aus Nicken, um weiteren Ärger zu vermeiden, und trotzigem Achselzucken. Die Anführerin der Hagedisen wandte sich wieder an Moira: »Du weißt, was wir vergangene Nacht besprochen haben. Lasst uns also jetzt alles vorbereiten. Das Schlauchboot muss aufgeblasen, das Paddel zusammengesteckt, die Ausrüstung und Kleidung für Moira zusammengepackt werden. Sie braucht Vorräte und alles muss wasserdicht verpackt sein.« Sie sah auf die Uhr. »Es ist bereits nach halb elf. Wir haben nicht mehr viel Zeit. Um Punkt zwölf Uhr muss Moira auf dem Wasser sein! Los!« Während die Frauen umständlich das Boot auseinanderfalteten und die Luftpumpe in Stellung brachten, wandte sich Astrid an Skadi. Sie gingen ein paar Schritte zur Seite, damit die anderen sie nicht hören konnten. »Bitte hör mir ein letztes Mal zu, Skadi!«, drängte die Archäologin. »Lass nicht zu, dass dieses Kind zur Mittagszeit in diesem Teich ist! Wenn ihr wirklich glaubt, dass sich etwas Außergewöhnliches ereignen wird, ist es eure Pflicht …« Skadi unterbrach sie mit einem genervten Seufzer. »Du gibst einfach nicht auf, oder? Eigentlich bewundernswert, aber dir dürfte aufgefallen sein, dass wir hier gerade andere Sorgen haben. Hör du mir also ein letztes Mal zu: Auch wenn es in dieser Welt so aussehen wird, dem Kleinen wird nichts zustoßen. Er wird ein langes und erfülltes Leben als ein König mit viel Macht führen, Abenteuer erleben, Rom in der Antike kennenlernen und erst im Jahr 37 sterben. Dann wird er fast siebzig Jahre alt sein. Was willst du also? Ich verstehe dich nicht. Sogar sein Vater bleibt – Hollerbecks Schriften nach – bei ihm.« »Der kleine Marko wird aber sehr bald schon von seinem Vater getrennt und nach Rom verfrachtet.« »Wo es ihm offenbar ausgezeichnet ergehen und er in der Gunst des Kaisers höchstpersönlich stehen wird. Ihm wird es an nichts fehlen. Hör auf, dir den Kopf über Dinge zu zerbrechen, die du nicht ändern wirst und auch nicht kannst!« »Natürlich können wir es. Hier und jetzt!« Astrid blickte die Hagedise wieder trotzig an. »Nein!« Skadi schüttelte den Kopf. »Aber Moira nimmt einige wichtige Erkenntnisse mit: Marbod wird in seinen jungen Jahren gegen Rom aufbegehren, sich dann aber wieder auf die Seite des Imperiums schlagen und gegen Arminius agieren. Das wird so um das Jahr 9, das Jahr der Varusschlacht, sein. In den Folgejahren bleibt er untätig und unterstützt den Freiheitskampf der Stämme nicht mehr. Warum? Was ist ihm widerfahren, dass er diese Chance verstreichen lässt? Er hat seinen Stamm bereits um das Jahr 10 vor Christi Geburt aus dem römischen Einflussbereich im Maingebiet weit nach Osten geführt, in ein Land voller keltischer Völker, und konnte dort in Ruhe seine Macht und sein Königreich auf- und ausbauen. Vielleicht kann Moira versuchen, den älteren Marbod zu überzeugen, seine Strategie zu ändern.« »Du vergisst bloß, dass Moira dafür über ein Jahrzehnt warten muss – und das in der damaligen Zeit! Wer weiß denn schon, wohin es sie verschlagen wird, ob sie überhaupt noch lebt, geschweige denn, ob sie je an Marbod herankommen wird?« Astrid schüttelte zweifelnd den Kopf. »Das Ganze ist ein Himmelfahrtskommando für Moira – und das weißt du auch. Ihre Chancen sind gleich null. Eine Nachricht über Hollerbeck hinterlassen?« Sie lachte höhnisch. »Der Mann schreibt seine Memoiren im hohen Alter, vielleicht im Jahr 50 oder 60 nach Christi Geburt. Moira kommt angeblich im Jahr 20 vor Christus an! Sollte sie Leon Hollerbeck während der Varusschlacht antreffen, ist sie bereits eine alte, gebrechliche Frau. Wie wahrscheinlich ist es wohl, dass sie überhaupt unter den damaligen Umständen in ein solches Kriegsgebiet gelangt? Ich sag nur Regen, Sturm und Unwetter! Und weiter – selbst wenn sie es schaffen sollte und wirklich auf Hollerbeck trifft und ihm ihre Geschichte erzählt, glaubst du im Ernst, dass er sie einige Jahrzehnte später aufschreiben wird? Dass er überhaupt noch etwas davon weiß?« Astrid bedachte die Hagedise mit einem Blick, den man einem abscheulichen, schleimigen Wurm in seinem Lieblingsessen zuwerfen mochte. »Du spinnst ja!«, beendete sie ihr Plädoyer einigermaßen unelegant. Skadi kniff die Augen zusammen und sagte einen sehr langen Moment gar nichts. Astrid erwartete einen Wutausbruch, eine schallende Ohrfeige, eine üble Beschimpfung. Doch erstaunlicherweise geschah nichts davon. Skadi drehte sich nur um und murmelte etwas, was wie »Wir werden es darauf ankommen lassen« klang, dann war sie auch schon bei den anderen Frauen und überprüfte die Ausrüstung für Moira. Astrid wusste nun, was sie zu tun hatte. Sie würde alle Hebel in Bewegung setzen, um die kommende Katastrophe zu verhindern! Es ging auf elf Uhr zu. Rettungskräfte würden sicherlich ein Weilchen brauchen, bis sie aus der nächsten Ortschaft hier oben waren. Nervös sah sie den Frauen bei ihren Vorbereitungen zu. Fieberhaft überlegte sie, wie sie es am besten anstellen sollte. Sie durfte kein Risiko eingehen und auf keinen Fall erwischt werden. Jetzt, da sie ein wenig Zeit brauchte, kam es ihr vor, als zerränne sie mit wahnsinnigem Tempo zwischen ihren Fingern. »Ich muss mal!«, sagte sie schließlich, doch niemand beachtete sie. Alle waren viel zu sehr mit dem Aufpumpen des kleinen Schlauchbootes beschäftigt. Die Düse hielt nicht in der Öffnung und rutschte ständig heraus, sodass ein Teil der Luft wieder entwich. Die Frauen hatten alle Hände voll zu tun. Astrid erhob sich und ging ein paar zaghafte Schritte in den Fichtenwald hinein. Sofort erklang Skadis Stimme: »He, wo willst du hin?« »Hab ich doch gesagt: Ich muss mal!« »Bleib, wo wir dich sehen können!« Ohne zu antworten, drehte Astrid sich um. Ihr Puls raste wieder, so wie er es immer tat, wenn sie gegen irgendeine Regel verstoßen oder etwas Unerlaubtes tun wollte. Sie wandte den Kopf leicht zur Seite, um aus dem Augenwinkel die Hagedisen zu sehen. Sie musste ein paar Fichtenstämme zwischen sich und die Frauen bringen, um die Sicht zu behindern, durfte sich dabei aber nicht allzu weit entfernen, um keinen Verdacht zu erregen. Außerdem musste sie leise sprechen können, ohne dass man sie hörte. Ein paar Schritte weiter hatte sie die ideale Stelle gefunden. Eine flache Mulde, an deren Rand ein abgebrochener Fichtenast lag. Dieser bot ausreichend Sichtschutz, verbarg sie allerdings nicht vollständig. Trotzdem wagte sie es: Mit einem schnellen Handgriff löste sie die Jacke von ihrer Hüfte. Sie drehte erneut leicht den Kopf, um die Hagedisen zu beobachten, doch niemand folgte ihr. Skadi reckte kurz den Hals, sah sie hier stehen, wie sie sich offensichtlich entkleidete, und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Boot zu. Astrid atmete tief durch, öffnete ihren Gürtel und zog die Hose herunter. Mit einer schnellen Bewegung holte sie dabei das Handy aus der Jackentasche. Rasch wählte sie die Notrufnummer, während sie am Boden hockte. Zum Glück hatte sie ausreichend Empfang. Sofort meldete sich eine Stimme. »Notrufzentrale hier. Wie kann ich Ihnen helfen?« »Bitte, hier wird bald jemand ertrinken!«, flüsterte Astrid und sah sich verstohlen nach den Hagedisen um. Sie hielt den Kopf gesenkt und tat so, als stütze sie die Arme auf den Knien auf. Das Handy hatte sie dabei unter ihren langen Haaren versteckt. »Um zwölf Uhr! Im Holleteich auf dem Hohen Meißner. Ich kann nicht viel reden, die dürfen es nicht sehen.« »Wie ist denn Ihr Name?«, fragte die Stimme auf der anderen Seite ganz sachlich und ruhig. »Wer darf Sie nicht sehen?« »Ist doch egal!«, zischte Astrid leise. »Bitte glauben Sie mir! Es wird ein Unglück geben! Schicken Sie die Feuerwehr, die sollen ein Boot mitbringen. Holleteich auf dem Hohen Meißner. Punkt zwölf Uhr.« Damit trennte sie die Verbindung und ließ das Telefon schnell wieder in ihrer Jacke verschwinden. Sie erhob sich. Alles war gut, niemandem schien etwas aufgefallen zu sein. Das Ganze hatte noch nicht mal eine Minute gedauert. Langsam beruhigte sie sich ein wenig. Sie konnte nur hoffen, dass ihr Anruf ernst genommen wurde. Und abwarten. Innerlich jubilierte sie. Diesem ganzen Wahnsinn musste ein Ende gesetzt werden! Immer mehr Menschen und Material wurden in die Antike geschickt – wohin sollte das bloß führen? Falls es doch gelang, die Vergangenheit zu verändern, hätte das unabsehbare Folgen für die Gegenwart, dessen war sie sich absolut sicher. Niemandem stand es zu, rückwirkend derart in den Lauf der Dinge einzugreifen. Erst recht nicht diesen verrückten Weibern. Als das Boot endlich einsatzbereit war, begannen die Frauen sich von Moira zu verabschieden. Tränen flossen, Umarmungen wurden ausgetauscht, endlos viel Glück gewünscht, kleine Andenken mitgegeben. Astrid saß ein Stück abseits und beobachtete das Treiben von Minute zu Minute mit wachsender Besorgnis. Wo waren der Hubschrauber, die Martinshörner der Rettungswagen, die Feuerwehr, die Polizei, wer auch immer? Weiterhin herrschte idyllische Stille, lediglich unterbrochen durch das Klopfen eines Spechtes und das gelegentliche Summen einer Biene, die sich bis hierher verflogen hatte. Die Sonne stand bereits sehr hoch am Himmel. Schließlich brachten die Frauen das Boot und Moira zum Ufer hinunter. Beinahe ungläubig beobachtete Astrid, wie Moira in aller Seelenruhe das kleine Schlauchboot bestieg, sich hinhockte und in Kanumanier ein Paddel in die Hand nahm. Ein großer Rucksack, eingeschlagen in eine blaue Mülltüte, lag vor ihr. Gerade in dem Moment, als sie sich vom Ufer abstoßen wollte, erklang ein lautes Klatschen. Astrid sprang auf und kam ebenfalls ans Wasser, wo sie durch die Fichtenzweige hindurch über den Teich schaute. Gedämpftes Lachen, dann noch mehr platschendes Wasser. Das schrille Quieken einer Jungenstimme. Astrid entdeckte sie nun auch. Gebannt starrte sie auf die beiden Gestalten, die sich dort hinten im hüfthohen Wasser gegenseitig mit dem kühlen Nass bespritzten. Sie keuchte leise. Verdammt, es lief tatsächlich alles auf die Vorhersage von Hollerbeck hinaus! Und von irgendwelchen Rettungskräften gab es weiterhin keine Spur. Doch jetzt! Plötzlich erklang in großer Ferne ein Martinshorn. Immerhin näherte es sich ganz eindeutig und mit hoher Geschwindigkeit. Astrid sah erneut auf die zwei vermeintlichen Bodewigs. Sie hatten einige Worte miteinander gewechselt und lärmten nun nicht mehr. Eher andächtig schwammen sie in dem stillen Teich und tauchten hin und wieder in das dunkle Gewässer ein, um kurz darauf nach Luft schnappend wieder an die Oberfläche zu kommen. Astrid stellte sich vor, wie es für die beiden sein musste, die Mutter und Ehefrau hier verloren zu haben und trotzdem so mutig wiederzukommen. Was hatte Hollerbeck geschrieben? Sie wollten ihrer Seele nahe sein. Ein wunderschöner Gedanke, wie sie fand. Das immer lauter werdende Martinshorn riss sie zurück ins Hier und Jetzt. »Verdammt, was soll das?«, stöhnte Skadi leise. »Die wollen doch wohl nicht hierher?« Wild sah sie sich um, suchte Astrids Blick. »Hast du etwas damit zu tun?«, fragte sie drohend, doch Astrid hob nur unschuldig die Hände. »Wie denn?«, fragte sie zurück und sah wieder auf das Wasser hinaus. Vater und Sohn ließen sich nicht beirren. Wieso auch? Der Himmel war blau, kein Wind kräuselte das Wasser, alles schien in bester Ordnung. Eher erstaunt bemerkten sie Moira, die in ihrem Schlauchboot auf die Teichmitte zupaddelte. Ein fast absurder Anblick, bedachte man die geringe Größe des Gewässers. Doch die beiden Schwimmer zogen unbeirrt ihre Kreise, Vater und Sohn dicht beieinander, weiterhin andächtig schweigend und ganz offensichtlich die kühle Erfrischung genießend – als das Wasser sich plötzlich kreisförmig in der Teichmitte wellte. Astrid hatte das Gefühl, als wäre die Temperatur schlagartig um einige Grad gesunken. Ihr fröstelte. Wind kam auf. Der Specht schwieg. Etwas passierte. Entsetzt blickte sie auf den Teich. Vater und Sohn waren genauso überrascht, aber nicht wirklich beunruhigt. Dafür war das Gewässer viel zu klein, das Ufer zu nah. Astrid sah, wie Wolfgang Bodewig mit den Achseln zuckte und etwas zu Marko sagte, dann schwammen sie mit gerecktem Hals noch einige Meter weiter. Moira war mittlerweile ungefähr in der Mitte des Teiches angekommen und damit nahe bei den beiden Bodewigs. Auf der gegenüberliegenden Uferseite erschienen plötzlich mehrere Feuerwehrmänner, die ebenfalls ein Schlauchboot zwischen sich trugen, eines von diesen neuen ultraleichten. Innerhalb von Sekunden erfassten sie die bizarre Situation, den kleinen Teich, den überraschenden Wind, das Paddelboot und die zwei Schwimmer, einer davon ein Kind. Sie erahnten die drohende Gefahr eher, als dass sie erkennbar gewesen wäre. Einer von ihnen rief etwas zu den Bodewigs hinüber, doch eine plötzliche Windböe schluckte seine Worte. Er rief wieder und wieder, doch die Schwimmer auf dem Wasser schienen die wie aus dem Nichts aufgetauchten Feuerwehrleute noch gar nicht bemerkt zu haben. Innerhalb von Sekunden schwoll der Wind zu einem wütenden Heulen an und übertönte damit jedes andere Geräusch. Astrid konnte es nicht fassen. Zwei der Feuerwehrmänner rissen sich jetzt die Jacken von den Schultern und zogen Rettungswesten über, dann ließen sie das Boot zu Wasser und sprangen hinein. Derweil wurde der Wind sogar noch kräftiger. Astrids Blick sprang ungläubig zwischen den Rettern und den Schwimmern im Wasser hin und her, die mittlerweile verzweifelt versuchten, gegen die zur Teichmitte drückende Strömung anzuschwimmen. Doch es wirkte, als paddelten sie auf der Stelle. Nur wenige Meter trennten sie voneinander und trotzdem schien es unmöglich zu schaffen. Dann geschah etwas, was Astrid noch weniger glauben konnte: Mitten im Teich bildete sich ein Strudel, direkt zwischen den Bodewigs auf der einen und Moira auf der anderen Seite! Er war nicht groß, maß vielleicht drei Meter im Durchmesser, doch er drehte sich immer schneller, als würde eine unsichtbare Windhose über dem Wasser hängen und ihren langen, spitzen Rüssel in dieses hineinbohren. Eine Art dunkler sich drehender Schlund entstand auf diese Weise – und die Bodewigs sowie Moira waren sehr nahe an dessen Rand! Nahm der Strudel weiter an Fahrt auf, konnte Astrid schon förmlich sehen, wie alles im Wasser dort hineingerissen würde. Wie hatte das nur so schnell gehen können? Fassungslos schüttelte sie den Kopf. Und das Schlimmste war, dass die Bodewigs das wirbelnde Ungetüm in ihrem Rücken immer noch nicht bemerkt zu haben schienen, denn sie riefen und winkten verzweifelt zu den anrückenden Feuerwehrleuten hinüber. Astrid wollte zu einem warnenden Schrei ansetzen, doch ihre Kehle war wie zugeschnürt. Dafür hob einer der Männer im Boot ein Megaphon an seinen Mund, um den pfeifenden Wind zu übertönen. Seine dröhnende Stimme hallte im nächsten Moment über den See: »Achtung! Bleiben Sie ruhig! Wir sind gleich bei Ihnen.« Verwirrt sahen sich die Bodewigs im Wasser nach der vermeintlich drohenden Gefahr um und entdeckten den Strudel. Zu spät! Der Junge kreischte hilflos. Der Vater tat sein Bestes, um Marko zu packen und irgendwie aus der Gefahrenzone zu ziehen. Doch der Rand des Strudels hatte sich mittlerweile zu weiß schäumenden geschürzten Lippen aufgerichtet und verbarg für die Schwimmenden den Blick in den dahinter klaffenden Schlund, der endlos in die Tiefe zu führen schien. Alles ging ganz schnell. Das wirbelnde Wasser erfasste sie im selben Moment wie Moira und zog sie mit unerbittlicher Kraft in die sich drehende Strömung rund um das klaffende Loch in dem kleinen Teich. Moira stieß einen spitzen Schrei aus, als ihr Boot heftig ins Schaukeln und Schlingern geriet und sie darin von links nach rechts geschleudert wurde. Ihr einziges Paddel ging über Bord und verschwand Sekunden später in dem dunklen Wirbel. Die Feuerwehrleute waren zwischenzeitlich so nahe herangekommen, dass einer der Männer versuchte, den Jungen mit ausgestrecktem Arm zu erreichen. Der andere bemühte sich derweil mit aller Macht, nicht in die kreisförmige Strömung zu geraten. Der erste Feuerwehrmann lehnte sich dabei in dem verzweifelten Versuch, wenigstens das Kind zu packen, so weit aus dem schwankenden Boot heraus, dass er das Megaphon verlor. Fast wäre er selbst hinterhergestürzt, doch er konnte sich gerade noch so halten. Im nächsten Moment verschwand auch das Megaphon in dem Strudel, genau wie eine große Tasche mit Ausrüstung aus dem Rettungsboot. Sie drohten jetzt jeden Augenblick zu kentern! Der lenkende Feuerwehrmann wendete all seine Kraft auf, sich ein Stück weit von dem wirbelnden Abgrund zu entfernen. Wolfgang und Marko Bodewig hatten jedoch keine Chance. Beide schrien wie verrückt, ruderten mit den Armen verzweifelt in der Luft herum in der Hoffnung, jemand würde sie herausziehen, und schwammen im nächsten Augenblick wieder um ihr Leben. Für jeden Meter, den sie sich von dem Strudel entfernten, zog dieser sie sofort zwei Meter heran, wobei sie im Wasser immer schneller rotierten. Es dauerte nur Sekunden, bis ihnen die Kraft ausging. Zuerst verschwand der Junge, danach sein Vater. Astrid stieß einen entsetzten Schrei aus. Ein dumpfes Grollen ertönte von irgendwo tief unter ihren Füßen und jagte ihr eine Gänsehaut über den gesamten Körper. Die Luft schien zu vibrieren, sie knisterte förmlich vor Spannung. Astrid fürchtete sich wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Etwas war in diese Welt gekommen – und es hatte eine Präsenz! Neue kräftige Windböen kamen auf. Sie waren so stark, dass die Bäume sich bogen. Überall hörte sie splitterndes Holz, als Stämme unter dem enormen Druck brachen. Der Sturm entlaubte innerhalb von Augenblicken ganze Schneisen und wühlte das Wasser immer weiter auf. Der gesamte Teich wurde für kurze Zeit zu einem einzigen brodelnden Strudel. Auch Moiras Boot kippte jetzt um und schleuderte sie mitsamt ihrem Rucksack in den gefräßigen Schlund. Wie die anderen verschwand sie schreiend und wild mit den Armen rudernd in dem Abgrund. Die Naturgewalt erreichte ihren Höhepunkt, als plötzlich noch mächtigere Windböen über das Wasser peitschten und das Boot der Feuerwehrleute praktisch vom See weg aufs Land fegten. Brutal wurde es durch ein Schilfdickicht geschleudert und landete im Morast am gegenüberliegenden Ufer. Astrid erkannte, dass die beiden Männer regungslos liegen blieben. So etwas hatte sie noch nicht erlebt! Die Kräfte der Natur waren – erst einmal entfesselt – furchteinflößend. Der Boden unter ihr grollte ein weiteres Mal volltönend und gewaltig, aber auch zunehmend dumpfer. Es klang wie der Schluckauf eines Riesen. Und dann, als hätte jemand einen Schalter umgelegt, war schlagartig alles vorbei. Der Schlund schloss sich, das Wasser wurde wieder ruhiger und der Wind verzog sich. Nur eine Minute später schien es, als wäre nichts passiert. Sogar die Luft erwärmte sich wieder und die ersten Libellen zogen an ihren Gesichtern vorbei. Der Specht nahm seine Arbeit wieder auf. Einzig die entlaubten und umgeknickten Bäume, die durcheinandergewirbelte Feuerwehrtruppe und die verschwundenen Menschen zeugten vom gerade Geschehenen. Astrid sank auf die Knie. »Nein«, rief die Wissenschaftlerin. Für dieses Phänomen gab es keine logische Erklärung. »Nein, nein! Das ist verrückt!« Sie schlug sich die geballten Fäuste an die Stirn, zweifelte an ihrem Verstand. Dann sah sie zu Skadi auf. Die Hagedise blickte triumphierend in die Runde. »Sie hat es geschafft!« Obwohl sie ebenfalls bleich vor Schreck war, grinste sie jetzt übers ganze Gesicht. »Wir sind wieder im Spiel.« Plötzlich verstand Astrid. Erstaunt hielt sie kurz inne, dachte nach, dann schüttelte sie müde den Kopf. Sie wusste nun, was dieser vermeintliche Erfolg für die Hagalianerinnen tatsächlich bedeutete. »Gerade wurde bewiesen, dass nichts änderbar ist. Gar nichts. Geschehenes ist geschehen, egal, was ihr oder sonst wer tut. Ihr seid gescheitert, wisst es bloß noch nicht.« Skadi und die anderen wussten natürlich nicht, dass sie versucht hatte, das hier zu verhindern – und trotzdem war es zwecklos gewesen. Leon Hollerbeck hatte es in der Vergangenheit so aufgezeichnet, weil es ihm berichtet worden war – schließlich war es dem jungen Marbod so passiert. Und nichts hatte das ändern können. Astrid war sich sicher, dass sie die Bodewigs an einen Baum hätte ketten können, am Ende wären sie trotzdem in diesem Teich gelandet. Es war schlicht nicht änderbar. Genauso wie alles andere. Sie war mehr denn je davon überzeugt, dass es den Hagalianerinnen ebenfalls nicht gelingen würde, Arminius’ Tod abzuwenden, bevor er es schaffte, die Stämme zu einen. Ihr ganzer Kampf war sinnlos. Nichts würde den Verlauf der vergangenen Geschehnisse ändern können. Sie erhob sich und stapfte müde und um das Kind trauernd davon, während die anderen ihr verständnislos nachstarrten. Eines war jedoch sicherer denn je: Mit den Mitteln der Wissenschaft ließ sich das gerade von ihr Gesehene nicht erklären. Natürlich war ihr gefestigtes Weltbild bereits ins Wanken geraten, als sie Hollerbecks Schriftrollen entdeckte und damit die Existenz von Zeitreisen bewiesen war. Denn kein einziger wissenschaftlicher Erklärungsansatz hatte bislang begreiflich machen können, wie das möglich sein konnte. Folglich lag es auf der Hand, dass andere Kräfte in dieser Sache am Werk waren, Kräfte, die in der heutigen Zeit leichtfertig abgetan wurden. Aber es war das eine, nur davon zu lesen, und das andere, diese Kräfte zu erleben. Was sie heute gesehen, was sie gespürt hatte, ließ sie erschaudern. Tatsächlich musste sie, die Doktorin der Archäologie, habilitierende Wissenschaftlerin, die an methodische und systematische Forschung glaubte, sich selbst eingestehen, dass vielleicht wirklich so etwas wie alte Götter hinter diesem Tor zwischen den Welten steckten. Doch warum ausgerechnet Marko Bodewig, Leon Hollerbeck oder Armin Hollerbeck? Und wer war noch betroffen? Was hatten diese Menschen, dass sie für jene Missionen in der Vergangenheit infrage kamen? Und wieso offenbarten sich diese Kräfte plötzlich so deutlich? Das hatten sie nie zuvor getan. Es gab schlicht keine ähnlichen Vorkommnisse, zumindest keine dokumentierten. Es schien, als würfen die Götter die letzten Reserven in die Schlacht – ohne Rücksicht auf Verluste. War es ihnen egal, dass Heerscharen von Wissenschaftlern sich auf die Suche nach ihnen machen würden? Astrid eilte hastig in Richtung des geparkten Wagens weiter. Sie wandte den Kopf, als sie zwischen den Bäumen eine Bewegung wahrnahm. Sie sah genauer hin und erkannte eine schnell dahinhuschende Gestalt in einem nachtblauen Mantel, kaum mehr als ein Schatten. Der kurze Blick reichte aber, um den brustlangen grauen Bart wahrzunehmen, der die Gestalt als älteren Mann auswies. Er trug einen Hut mit breiter Krempe, den er tief ins Gesicht gezogen hatte. In einer Hand hielt er einen langen Stock oder Wanderstab, sie war sich nicht ganz sicher. Dann war er auch schon zwischen einigen Fichten verschwunden. Astrid erschrak und stolperte, als sie zwei riesige grauschwarze Hunde hinter ihm her springen sah, die ebenso schnell verschwanden. Am Himmel über ihr erklang unvermittelt das laute und durchdringende Krächzen eines Raben. Ein plötzliches Frösteln überzog sie trotz der mittäglichen Hitze. Astrid wurde schwindelig. Ihre Knie waren so weich geworden, dass sie unmöglich auch nur noch einen einzigen Schritt weitergehen konnte. Auf ihren Schultern lastete unversehens ein Gewicht, von dem sie nicht wusste, woher es gekommen war. Und schlagartig wurde ihr klar, was sie zu tun hatte: Sie musste diese Geschichte weiterschreiben, sowohl mit Hilfe von Hollerbecks Schriftrollen als auch mit dem eigenen Erlebten, sicherlich auch dem einen oder anderen selbst Ersonnenen! Obwohl die Hagalianer mit ihrem Plan scheitern würden, wovon sie fest überzeugt war, so konnte sie selbst, Doktor Astrid Warrelmann, einiges mit dem geschriebenen Wort bewirken. Und vielleicht hätten die alten Götter am Ende so ja doch gewonnen, ihren Untergang alleine dadurch abgewendet, dass sie in aller Munde waren. Astrid atmete ein paarmal tief durch und erhob sich. Eine tiefe innere Ruhe hatte Besitz von ihr ergriffen und gab ihr neue Kraft. Sie lächelte. Alles erschien ihr plötzlich so klar und logisch. Ein Kribbeln erfüllte ihre bis eben noch schmerzenden Muskeln. Sie fühlte sich stark. Man sagte den alten Göttern ja außerordentliche Klugheit, List und Gerissenheit nach. Sie ahnte, warum. In Vergessenheit gerieten sie jedenfalls nicht, wenn sie so auf sich aufmerksam machten. Das Gewicht nassen Leders Klamme Nebelschwaden hingen an diesem Morgen über den durchnässten Hügeln, als ich meinen Blick über die vielen verschiedenen Aufmachungen der Heiligen schweifen ließ. Die einen hatten sich Streifen blauer Farbe auf den Körper gemalt, die anderen mit Blut komplizierte Runenmuster. Manche waren halb nackt, doch die meisten trugen rituelle Mäntel und Kopfbedeckungen aus Sumpfgras oder den Häuten und Federn heiliger Tiere. Ich betrachtete den Angrivarier. Seine leuchtend orangefarbenen, an ein Feuer erinnernden, zu wilden Spitzen zusammengedrehten Haupt- und Barthaare drohten im Regen zu zerfließen. Bahnen rötlicher Farbe zogen sich bereits quer durch sein Gesicht und über seine nackte Brust, wo sie sich mit dem Blut eines geopferten Ziegenbocks vermischten. Um seine Lenden trug er lediglich ein dünnes Leinentuch. Immer wieder beobachtete ich, wie er und die anderen sich aus ein paar Krügen bedienten, die an einigen Ästen baumelten. Diese enthielten ein bierartiges Getränk auf der Basis von Bilsenkraut oder Tollkirsche, je nachdem, zu welchem Behälter sie griffen. Die halluzinogene Wirkung dieser Gebräue zeigte sich stets recht schnell. Die Trinkenden wirkten sofort enthemmt, fassten nach Dingen, die nur sie sehen konnten, hatten einen seltsam entrückten Blick und bewegten sich auf eine eigentümlich leichte Art und Weise. Mit anderen Worten: Sie standen der Geisterwelt nun besonders nah oder befanden sich sogar in ihr. Der Angrivarier tanzte mittlerweile wild und hemmungslos zum rhythmischen Klang einer Wisenthauttrommel und dem Klackern einiger aufeinandergeschlagener Hölzer und Knochen. Die chaukische Hagedise warf immer wieder die Arme gen Himmel, sodass sich die Federn ihres Habichtmantels entfalteten und sie tatsächlich wie ein übergroßer Raubvogel wirkte, wozu auch die schnabelartig geformte Kopfbedeckung beitrug. Odalinda und einige cheruskische Schamanen hatten sich riesige Geweihe aufgesetzt. Ich fragte mich, was das für gigantische Hirsche gewesen sein mochten, deren Kopfschmuck sich mir heute hier präsentierte. Am ungewöhnlichsten führten sich jedoch die zwei Marser auf. Sie beteten einen Kriegsgott an, dessen Namen ich nie richtig verstehen konnte. Zwischendurch riefen sie immer wieder die Muttergöttin ihres Stammes, Tanfana, an, von der ich ebenfalls nie zuvor gehört hatte. Einer der beiden Priester trug einen reich verzierten, blitzblank glänzenden Brustpanzer eines römischen Offiziers und allerlei magische Zeichen auf der Haut, die zwar an Runen erinnerten, aber doch anders aussahen. Wenn sie nicht gerade irgendein Kraut rauchten, führten sie kurze, gleichfalls mit diesen Zeichen dekorierte Speere gegeneinander, die glücklicherweise stumpfe Klingen besaßen. Die beiden waren so zugedröhnt, dass sie sich ständig gegenseitig damit verletzten, allerdings nie wirklich schwer. Sie schienen auf Eingebung ihrer Geister hin die kommenden Kämpfe vorwegzunehmen und über den Sieger zu entscheiden. Wie nicht anders zu erwarten, unterlag der mit dem Brustpanzer immer wieder den schauspielhaft geführten Angriffen des anderen. Der Kultplatz war eingefasst mit einem rot gefärbten langen Faden, der zwischen den Büschen und Bäumen gespannt war. Von Ästen baumelten zahllose rituelle Symbole und Zeichen, dazwischen sogar erbeutete Feldzeichen des Feindes. Eine der alten Zauberinnen saß ein wenig abseits. Sie fiel mir auf, weil sie immerfort das Gleiche zu tun schien: Sie warf ein Sammelsurium von Steinen in kalte Asche und las daraus. Einmal schlenderte ich kurz zu ihr hinüber, leise und unauffällig, da ich nicht stören wollte, und wagte einen Blick auf ihr Handwerkszeug. Es dauerte einen Moment, bis ich erkannte, dass es keine Steine, sondern Fossilien waren: der versteinerte Riesenzahn vielleicht eines Urzeithais, Abdrücke eines handtellergroßen Seepferdchens sowie eines Fisches, Muscheln und ein erstarrter Seeigel. Relikte aus Urzeiten, die Jahrmillionen hatten kommen und gehen sehen und deswegen besondere Kräfte in sich bannten. Ich fragte mich bloß, woher sie das wissen konnte. Ich betrachtete die alte Frau genauer. Ihr Kopf mit dem verfilzten, wirren grauschwarzen Haar war ungewöhnlich weit nach vorn gezogen und der obere Rücken so stark gerundet, dass mir eigentlich nur der Begriff »Buckel« dazu einfiel. Ihr Gewand aus grober Wolle war vielfach geflickt und hatte offensichtlich schon viele Sommer und Winter gesehen. Sie murmelte unentwegt, doch wegen der Gesänge der anderen konnte ich kaum ein Wort verstehen. Von welchem Volk mochte sie stammen? Ich entdeckte keinerlei Stammesabzeichen an ihr. Auch sonst wirkte sie seltsam neutral. Die Alte verlagerte ihr Gewicht ein wenig und kurz erblickte ich etwas, was mich mehr als erstaunte. Ihre Füße steckten in flachen Lederschuhen, Mokassins ähnlich. Soweit war das nichts Ungewöhnliches, obwohl derartiges Schuhwerk nicht unbedingt der Jahreszeit entsprach. Aber nicht ihre Fußbekleidung überraschte mich, sondern dass sie Strümpfe trug! Keine neuzeitlichen, denn sie waren aus einem groben Wollstoff gewebt – aber es blieben Socken. Und solche hatte ich in meinen rund acht Jahren in dieser Welt noch nie zuvor gesehen. Im Winter wickelte jedermann Tücher um Füße und Waden, bevor man in sein Schuhwerk schlüpfte, doch so etwas wie form- und passgenau gewebte Socken waren schlicht noch nicht erfunden. Dachte ich … Warum war ich eigentlich noch nicht darauf gekommen, die Frauen im Dorf zu bitten, mir ein Paar anzufertigen? Ich merkte es mir für die Zeit nach meiner Rückkehr. Woher kam aber diese Zauberin? Nun war mein Interesse erst recht geweckt. Ich besah sie noch genauer. Ihre Haut war wettergegerbt, ihre Finger und Handgelenke von Arthrose gezeichnet. Alles an ihr bezeugte ein Leben in der rauen Natur dieser Zeit und dieser Welt. Ich war verwirrt. Mein Blick glitt zum nächsten Baum, wo ihre Sachen standen. Ein Haufen Zeug, darüber eine lange Stange, an der ein Bündel aus Ziegenhaut hing. Nichts Auffälliges. Trotzdem ging ich zu ihr hin und vor ihr in die Hocke. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Ich sah, dass mein Vater jeden Moment aufbrechen wollte. »Wer bist du?«, fragte ich deshalb rundheraus. Die Alte, die gerade wieder ihr Sammelsurium an Steinen auflas, hob erstaunt den Blick. Aus verschleierten, ziemlich zugedröhnten Augen sah sie mich an. Ein paar Sekunden vergingen. Mit ihrem fast zahnlosen Mund blies sie eine Haarsträhne aus ihrem Auge. »Ich bin die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft«, krächzte sie schließlich. Ich nickte. So etwas hatte ich schon erwartet. Warum konnten diese Zauberleute eigentlich nie normal sprechen? Ständig verklausulierten sie alles mit mystischem Blabla. Ich erinnerte mich an den alten Athilari, der mir einst in Athalkunings Dorf die Runen gedeutet hatte. Hravan war anfangs auch nicht besser gewesen. Ich strich über meinen Bart und schaute sie geduldig und liebenswürdig an. »Von welchem Volk stammst du?«, versuchte ich es mit einer neuen Frage. Als ob ich gar nicht da wäre, warf sie ihre Steine ein weiteres Mal. Dann sprach sie leise: »Wir sind alle ein Volk, Junge. Stammen wir nicht alle vom Erdgeborenen ab?« Ein heiserer Husten schüttelte sie. »Du störst mich und meine Herrin beim Liedzauber. Was willst du?« Nun sah ich, dass sie auf einer Unterlage aus Wildkatzenfellen saß. »Bist du Chattin?«, fragte ich, ohne wiederum ihre Frage zu beantworten. Endlich ließ sie von ihren Steinen ab und betrachtete mich ernsthaft. Das Weiß ihrer Augäpfel war so blutunterlaufen, wie ich es nie zuvor gesehen hatte. Es war, als wären ihre Augen glühende Feuerbälle und ihr Blick ein heißes Messer, das mühelos durch mein Fleisch schnitt. Nervös senkte ich sofort die Lider, schaute auf ihre Socken, was ihr nicht verborgen blieb. »Ah, jetzt verstehe ich!«, sagte sie und schmunzelte plötzlich. »Du musst Witandi sein. Ich habe mich schon gefragt, ob ich je einen von euch zu Gesicht bekommen würde. Es gab einst Zeiten, da verzehrte ich mich nach diesem Moment. Doch die Jahre haben mich glatt geschliffen und gleichgültig gemacht, so wie ein Fluss einen Kieselstein. Heute ist es mir egal, selbst mein Bruder ist mir egal. Das Schicksal ist unabänderlich, nur so viel ist sicher: Die Nornen lassen sich nicht in die Suppe spucken, weißt du?« Sie lachte keckernd. »Warum sollte ich ihn noch sehen wollen? Ich bin jetzt eine alte Frau, gehe bald zur Verhüllenden. Er soll mich so in Erinnerung behalten, wie er mich einst kannte.« Ich verstand kein Wort. Wovon sprach diese Alte? Und woher kannte sie meinen Namen? Nun gut, ich musste zugeben, dass ich mittlerweile ungefähr so bekannt war wie ein Zebra in einer Herde Chaukenponys. Trotzdem – sehr seltsam. »Wer ist dein Bruder?«, fragte ich. »Da wunderst du dich, was?« Sie gluckste und hustete sofort. Ich seufzte. Offenbar verschwendete ich bloß meine Zeit. Mein Vater machte unauffällig ein Handzeichen in meine Richtung. Ich erhob mich und sah mich um. Die rund zwei Dutzend heiligen Männer und Frauen tanzten und sangen, kämpften und beschworen die Geister und Götter hier oben in den Hügeln immer noch für den siegreichen Kampf. Aber die Alte hatte mir ein weiteres Mal vor Augen geführt, dass sie alle in einer Art Zwischenwelt lebten – zwischen den Lebenden hier und den Geistern auf der anderen Seite. Ein normales Gespräch mit ihnen war in den seltensten Fällen möglich. Seufzend sah ich die weißen Hengste unter einer windgepeitschten Eiche stehen. So schöne Tiere! Ich wollte mir lieber nicht ausmalen, wie ihr Schicksal aussehen mochte. Mein Blick traf erneut den meines Vaters. Er nickte langsam. Stumm hatten wir mit einigen der Häuptlinge die Rituale verfolgt, gespannt auf die weiterhin positiven Zeichen hoffend. Und sie waren meinem Vater geliefert worden. Auch seine wichtigsten Heerführer Segimer, Actumeri, Ermanarik, Brawalla und Aesk nickten. Die Geister hatten ihre Zeit bekommen, nun war es Zeit zu kämpfen. Noch den ganzen Tag würden die Heiligen hier oben für einen Blick auf das vor uns liegende Schicksal und den Schlachtverlauf beten. Nach einer kurzen Verabschiedungszeremonie, bei der wir mit einem in Blut getauchten Eibenzweig besprenkelt wurden, machten wir uns an den Abstieg vom Hügel. Plötzlich tauchte die Alte noch einmal vor mir auf. Sie humpelte und ging stark gebückt. Mit erstaunlich festem Griff packte sie meinen Arm und hielt mich zurück. »Sage deinem Freund Malcolm, der jetzt Tredanfuglaz genannt wird, ich werde ihn aufsuchen.« Verdutzt blickte ich sie an. »Woher kennst du den denn? Er ist erst seit wenigen Tagen hier. Hat er gegen irgendwelche …?« … Regeln verstoßen, wollte ich eigentlich fragen. Ich erinnerte mich an den Kampf gegen den Römer, den Malcolm vor Hunderten ausgetragen hatte. Er war ebenfalls über Nacht bekannt geworden. Es war nichts Ungewöhnliches, dass sie seinen Namen wusste. Die Alte ignorierte aber meine Frage, sie drehte sich bereits wieder um und humpelte zum Kultplatz zurück. Ich zuckte die Achseln. Trotzdem war mir all das ein Rätsel. Was konnte sie von dem Hagalianer wollen? Nun gut, wenn ich Malcolm sah, würde ich vielleicht daran denken, aber mich beschäftigten eigentlich ganz andere Dinge. Katwalda und seine Botschaft zum Beispiel. Nicht weit von dem Kultplatz entfernt, direkt am Berghang, lag ein strategisch günstiger Aussichtsposten. Dort holte ich meinen Vater und Segimer ein, denn sie nutzten die Übersicht von hier oben für ihre Planungen. »Sieh mal!« Er reichte mir ein Fernglas und deutete auf drei Gebilde ein Stück entfernt im Thur to Brook. »Das sind ja … Wachtürme?«, rief ich überrascht. Ich hatte keine Ahnung von deren Existenz gehabt. Mein Vater grinste. »Na ja, eher so was wie Geschütztürme. Drei an der Zahl. Dort werde ich nachher mit Malcolm und dem Franzosen sein. Jeder von uns wird in einem davon hocken. Mit unseren Kugeln treiben wir die Römer immer wieder vor den Wall, sodass ihr sie in aller Ruhe massakrieren könnt.« Allein bei der Vorstellung grinste er noch breiter. »Die Dinger stehen so weit im Moor, dass kein Römer da einfach hinspazieren kann.« »Und wie kommt ihr dahin?«, fragte ich. »Mit einer Spezialanfertigung. So einer Art Ski aus Brettern. So ähnlich wie die Eisensucher an der Weser sie tragen, erinnerst du dich?« Ich nickte. »Damit geht’s ziemlich schnell. Aber die Türme sind der Wahnsinn, oder? Das Beste ist, dass man sie vom Weg unten nicht sehen kann. Nur von hier oben. War meine Idee.« Ich musste zugeben, dass sie wirklich gut war. Der größte und tödlichste Feind einer jeden Schlacht war die Angst. Deswegen bemalten sich die Stammeskrieger und schrien und brüllten wie zornige Bären, deswegen schlugen sie blitzartig aus dem Hinterhalt zu, deswegen versuchten sie, möglichst fürchterlich unter den Feindesreihen zu wüten. Nur um Angst zu erzeugen! Und aus einem unerreichbaren Hinterhalt beschossen zu werden, die Kameraden rings um sich fallen zu sehen, das erzeugte ganz sicher genügend Angst, um auch das letzte bisschen Kampfgeist in den Legionären zu pulverisieren. »Dann kann ja nichts mehr schiefgehen«, bestätigte ich. Und meinte es auch so. Doch jetzt wollte ich endlich meine Frage loswerden, bevor wir gleich schon wieder getrennte Wege gingen. »Hast du sie getroffen? Hast du es schon gesehen?« Er schaute mich erstaunt und verwirrt an. »Was meinst du?« Also nicht. »Die Markomannen. Und den Gothonen. Ein gewisser Katwalda hat eine Nachricht für dich. Von Marbod, der sich selbst König nennt.« »Ach so, das. Ich habe gehört, dass sie eingetroffen sind. Aber warum beunruhigt dich das so sehr? Was ist das für eine Nachricht?« »Du hast sie dir also noch nicht angeschaut?« Mein Vater schüttelte den Kopf. »Nein, verdammt, du hast doch gesehen, dass ich keine Zeit hatte! Marbod ist mir natürlich ein Begriff. Ich bin mit Saturninus vor einigen Jahren sogar gegen ihn gezogen und habe ein paar Dinge über ihn gelesen. Wie man hört, ein kluger und weitsichtiger Mann mit erstaunlichen Fähigkeiten. Der Feldzug musste damals allerdings abgebrochen werden. Wegen des Aufstandes in Pannonien. Aber du hast meine Frage nicht beantwortet: Was ist damit?« Ich schluckte. »Sie ist geschrieben auf einem … einem … also, einem Post-it.« Mein Vater schaute mich verständnislos an. »Einem was?« »Kennst du diese leuchtend gelben Klebezettel? Katwalda hat einen Block davon bei sich. Marbods Nachricht ist darauf geschrieben – in Deutsch.« Die Augen meines Vaters weiteten sich, während sein Unterkiefer sich stumm hob und senkte. Nie zuvor hatte ich ihn so gesehen: gleichzeitig dümmlich schauend, überrascht und vollständig sprachlos. Er glotzte mich aus seinen blutunterlaufenen, übermüdeten Augen an, unfähig, eine vernünftige Antwort zu geben. Segimer kam heran. »Arminius, wir müssen weiter!«, drängte er. »Die Männer werden unruhig. Die Römer marschieren bereits.« Erst jetzt fand er seine Sprache wieder. »Ich komme ja schon, wartet noch kurz.« Er wandte sich mir wieder zu. »Ich habe keine Ahnung, was ich davon halten soll. Mir fehlt auch jetzt die Zeit dafür. Aber das sind sehr seltsame, beunruhigende Informationen. Wir sprechen später darüber, wenn auch diese Schlacht gewonnen ist. Lass dich nicht in Stücke hauen! Bleib gesund! Und mach dir keine Sorgen wegen der Markomannen. Egal, wer Marbod ist und was er will, wir sind in Sicherheit. Okay? Und nun geh zu Ingimundi. Dein Platz ist heute bei ihm und seinen Chauken. Viper und Geronimo werden ein Auge auf dich haben, damit dir nichts geschieht. Ihr müsst das strategisch höchst bedeutsame Ostende des Walls verteidigen.« »Warte! Ich muss dir noch von dem erzählen, was ich im Römerlager sah. Es ist genauso seltsam, dürfte uns heute aber den entscheidenden Vorteil bringen.« Ich erzählte ihm also in knappen Worten alles, was ich wusste: über die Verzweiflung der letzten Soldaten, den Selbstmord der Offiziere und des Varus selbst, seine Verbrennung. »Ich bin stolz auf dich, Leon, ganz ehrlich. Du bist zehnmal mehr wert als jeder Kundschafter. Dank dir weiß ich nun, dass wir nur noch eine kurze Schlacht vor uns haben. Ich werde meine Befehle entsprechend anpassen. Und nun geh! Bleib gesund, mein Sohn!« Er klopfte mir kurz auf die Schulter, dann verschwand er. Ich blieb verdutzt zurück. Sein Lob ging mir nahe. Nie zuvor hatte er mich »mein Sohn« genannt – und es gefiel mir seltsamerweise. Ich hatte mir seinen Respekt erworben, endlich. Eigentümlich beschwingt von der guten Entwicklung unserer gegenseitigen Beziehung machte ich mich auf den Weg zum Wall. Kurz darauf traf ich bei meinen Leuten ein. Keine Sekunde zu früh, wie sich zeigte. Durch mein Fernglas blickend gewann ich schnell die ersten Erkenntnisse – und wusste, warum die letzten Legionäre den heutigen Tag nicht überleben würden. Was den Legionen Roms ansonsten zum entscheidenden Vorteil gereichte, nämlich die wohldurchdachte und einheitliche, qualitativ sehr hochwertige Bewaffnung und Ausrüstung, wurde ihnen unter diesen Bedingungen zum Verhängnis. Die zahlreichen Lederelemente, die sie am Körper trugen, mussten dermaßen von dem Regen vollgesogen sein, dass es sich auf viele zusätzliche Kilogramm summierte und ihre Beweglichkeit stark verlangsamte. Ich beobachtete ihre Gesichter und sah, wie sie insbesondere unter dem Gewicht ihres Schildes stöhnten. Dieser bestand aus aneinandergeleimten, mit Leder überzogenen Brettern. In der Mitte saß ein metallener Buckel sowie auf der Innenseite eine eiserne Schildfessel für den Griff. Normalerweise schützte eine Hülle aus Haut diesen Schild vor Wind und Wetter, doch wegen der ständigen Alarmbereitschaft war ihnen deren Verwendung offenbar untersagt worden. War der Schild auch sonst schon nicht leicht, so musste es jetzt die Hölle sein, das schwere, fast 1,30 Meter hohe Ding mit dem angewinkelten Arm anständig nach oben zu halten. Und das über Kilometer und Kilometer durch das unwegsamste Gelände, welches ich mir im Moment nur denken konnte. In trockenem Zustand wog er bereits an die zehn Kilo, jetzt kam durch das vollgesogene Leder und Holz sicher noch einiges hinzu. Jeder Schritt ließ die Soldaten knöcheltief im Schlamm versinken und raubte ihnen Stück für Stück weitere kostbare Kraft. Ich ließ das Fernglas sinken und nickte Ingimundi zu. Wir befanden uns am östlichsten Ende des Walls, dort, wo seine Flanke durch einen breiten, schnell fließenden Bachlauf zusätzlich geschützt wurde. Ingimundis Zeichen wurde von Athalkuning erkannt, der sich umwandte und es an die nächste Kampfgruppe, die Marser unter Aesk, weitergab, dieser wiederum an eine breite Front von Cheruskern und so weiter. Tausende tummelten sich in den Wäldern hinter dem Wall und leckten sich begierig die Finger nach römischem Blut und wertvoller Beute. Die praktisch veranlagten Stammeskrieger hielten nicht viel von militärisch einheitlichem Auftreten: Ganz den Witterungsbedingungen angepasst, hatte sich so gut wie jeder seines Hemdes und Umhangs entledigt und den Schild gleich ebenfalls im Lager gelassen. Die Beweglichkeit der Männer war somit unübertroffen. Wie die Ameisen konnten sie sich in dem schwierigen Gelände bewegen, den Wall herauf- und herabklettern, Bäume erklimmen, über Findlinge springen. Dieser Vorteil wog den Nachteil des fehlenden Schutzes auf. Mehr als ein paar Wurf- und Hiebwaffen sowie ihren Todesmut brauchten sie nicht, um in den Krieg zu ziehen. Doch erst wenn der vordere Teil der römischen Marschkolonne das westliche Ende des Walls in etwa fünfhundert Metern Entfernung erreichte, würde der Angriff erfolgen. Ziel war es, die verbliebenen rund viertausend Mann möglichst breitflächig zu erwischen, damit der Kampf rasch vorbei war. Und das würde er – selten war ich mir einer Sache sicherer gewesen. Viper und Geronimo hockten rechts und links von mir, beide mit Gewehren und Handgranaten ausgestattet. Mein Vater, Malcolm und der Franzose saßen im Thur to Brook auf den Geschütztürmen. Wir hatten vorhin kurz Funkkontakt gehabt. Alles lief nach Plan, die Fluchtwege waren versperrt, es gab praktisch kein Entrinnen mehr. Während die römischen Truppen hier in den Engpass und damit in ihr Verderben liefen, strömten bereits einige Tausend Meter weiter östlich scharenweise Stammeskrieger auf den Handelsweg, um im Laufe des Tages den Resten der Varianischen Legionen in den Rücken zu fallen. Die einzige unverstellte Fluchtmöglichkeit war der Weg in den Thur to Brook. Dort warteten jedoch drei Sturmgewehre und der feuchte Tod im Moor. Ich atmete tief durch, froh, dass es bald vorbei sein würde. Mein Kopf war schwer und meine Gedanken träge – der ewig gleiche Preis für eine durchlebte Nacht und damit einhergehenden Schlafmangel. Die ersten Kampfhandlungen würden meinen Kopf allerdings wieder klar werden lassen, soviel war sicher. Adrenalin war immer noch der beste Wecker. Ruhig und ohne auch nur den leisesten Laut von uns zu geben, gelang es uns tatsächlich, die in einiger Entfernung durch den anhaltenden Regen vorbeimarschierenden Truppen nicht auf unsere Anwesenheit aufmerksam zu machen. Ich hob mein Fernglas ein weiteres Mal. Die lange Kolonne marschierte in Reihen mit drei, manchmal vier Männern nebeneinander. Niemand trug mehr irgendwelches Marschgepäck. Die durchnässte Kleidung am Leib und ihre Bewaffnung waren alles, was sie noch hatten. Hungrig, ängstlich, erschöpft und müde, so sahen sie in meinen Augen aus. Hier und da ließ jemand seinen Schild sinken, wurde jedoch stets sofort vom bellenden Ruf eines der wenigen verbliebenen Centurionen ermahnt. Keine stolz wehenden Standarten mehr, keine prahlerische Reiterei, keine aufgeblasenen Tribune oder erhabenen Legaten. Rom war hier und heute auf dem Boden der Tatsachen angekommen, die Allmachtsfantasien des vergöttlichten Augustus bekamen an diesem historischen Tag einen so herben Dämpfer, dass er darüber ergrauen und sich bis zu seinem Tode grämen würde. Nur noch die Widrigkeit der Natur Germaniens und der Zorn seiner Völker blieben. Das vom westlichen Ende der Angriffsfront erwartete Zeichen erreichte Ingimundi. Die ersten Truppenteile waren am Wallende angekommen. Wie verabredet, setzten die Stammeskrieger zu einer rhythmisch gebrummten Kriegshymne an, die in abgehackten Worten den Feind verschmähte und die eigene Kraft, den Mut und die Furchtlosigkeit herausstellte. Untermalt wurde diese Hymne durch eine Art kehliges Knurren, das aus den Mündern Tausender einfach nur furchterregend klang. Wer seinen Schild dabeihatte, stieß die Laute in die Innenseite hinein, sodass sie von dort noch dumpfer als ohnehin schon widerhallten. Gleichzeitig hieben die Männer ihre Klingen gegeneinander. In diesem Moment stiegen mehrere Leuchtkörper in den Himmel, rot glühende Sonnen, abgeschossen aus Malcolms Signalpistole. Zwar wäre die Wirkung im Morgengrauen noch furchterregender gewesen, doch auch an diesem düsteren und stürmischen Tag taten sie ihren Dienst. Die Römer mussten glauben, dass die wilden und gefürchteten Götter höchstpersönlich aus dem Himmel herunterfuhren, um in die Schlacht gegen sie zu ziehen. Sogar den eigenen Leuten war das glühende Leuchten nicht geheuer. Der Gesang wurde kurzzeitig leiser. Ich beobachtete zahllose erschrockene Mienen, die das Schauspiel mit gemischten Gefühlen betrachteten. Einerseits wussten sie, dass ihnen nichts von den Lichtern drohte, andererseits fürchteten sie die Geistermächte, die in diesem Leuchten wohnten. Nach kurzer Zeit war der Spuk jedoch vorbei. Der Schlachtengesang nahm wieder an Intensität zu und hielt minutenlang an; eine dumpfe, immer weiter aufbrausende Melodie. Ich sah, wie die Augen der Männer um mich herum leuchteten, wie sie aufgeschaukelt wurden durch dieses starke Gefühl der Gemeinsamkeit, das der Schlachtengesang hervorbrachte. Stammeszwistigkeiten hin oder her, in diesem Moment waren alle vereint, kämpften für das gemeinsame Ziel und die Beute. Wen auch immer die Götter heute zu sich holten, jeder konnte sicher sein, dass er nicht einsam den Strohtod starb, sondern inmitten der Kampfgefährten. Das stachelte an und gab Mut. Einige Marser und Brukterer hatten ihre Hörner mitgebracht und stießen jetzt hinein. Das war das Zeichen – es ging los! Die Strategie war allen klar. Ich hoffte, dass sich auch jeder daran hielt. Insbesondere Inguiomer hatte mal wieder dagegen aufbegehrt und die kluge, abwartende und kontrollierte Vorgehensweise meines Vaters offen kritisiert. Doch es war dabei geblieben: Jeweils zehn Hundertschaften sollten ausbrechen, die Flanken aufmischen und dann schnell zurückkommen in die Sicherheit hinter dem Wall. Mein Vater hoffte darauf, dass die römischen Befehlshaber den Fehler machen würden, immer wieder ihre unbeweglichen Einheiten zur Verfolgung der Flüchtenden hinterherzuschicken. Sein Ziel war klar: mit möglichst geringem Blutzoll schrittweise die Resttruppen aufzureiben. Zum ersten Mal während des gesamten Schlachtgeschehens würde ich wieder mit meinen chaukischen Stammesgenossen Seite an Seite stehen. Die beiden Hagalianer bildeten so etwas wie meine Leibwache, sehr zu meinem Ärger. Ich drehte mich zu Viper auf meiner linken Seite um, während die Männer sich erhoben und ihre Waffen ergriffen, dabei letzte Weihegebete zu den Kriegsgöttern Wodan und Tiu, zu Donar sowie der Göttermutter Hulda und ihren Schlachtengeistern ausstoßend. Sie boten ihr Leben für einen ruhmreichen Kampf. »Komm mir nicht in die Quere!«, warnte ich ihn. »Wenn ihr versucht, mich von irgendwas abzuhalten, erschieß ich euch! Das ist mein voller Ernst!« Die Geschichte mit Ucromerus hatte ich noch nicht vergessen. Um möglichen Ärger von Arminius fernzuhalten, würden sie jeden Mann opfern. Das konnte ich nicht zulassen. Viper musterte mich mit seinen durchdringenden, kalten Augen. »Nun tu mal nicht so hart, Junge! Wir wollen doch nur dein Bestes.« Sein hämisches Grinsen ließ mich das Gegenteil vermuten, aber ich wusste, dass er eigentlich recht hatte. Sie würden mein Leben beschützen, denn sollten sie damit scheitern, wäre ihr eigenes in den Augen meines Vaters verwirkt. Keine einfache Situation für diese Kerle, aber das war nicht mein Problem. Ich mochte Viper am allerwenigsten von der Truppe und ließ ihn das auch spüren. »Und stoß keine leeren Drohungen aus!«, zischte er anschließend. »Du machst dich nur lächerlich.« Ich wollte etwas erwidern, doch Ingimer stand plötzlich über mir. »Los, Witandi, komm! Worauf wartest du noch? Lass uns das Blut unserer Feinde vergießen!« Er wandte sich um und drängte zum nächsten Walldurchlass, wo bereits großer Andrang herrschte. Ich umklammerte Beenbittar und hängte mir mein Gewehr über die Schulter auf den Rücken. Wie ein Pfropfen quetschten wir uns durch die schmale Öffnung im Wall, bis wir endlich auf der anderen Seite waren. Athalkuning und Ingimundi sammelten die Männer um sich, die ungeduldig ihre Waffen wogen und nach Norden zum Heereszug schauten. Die Situation war bizarr für mich. Ich fühlte mich, als würde ich in den Katakomben eines großen Stadions warten und jeden Moment mit meiner Mannschaft aufs Spielfeld laufen. Nur dass dieses Spiel den Tod oder schwere Verletzungen für viele mit sich bringen würde. Ich beobachtete Farsturing und Giskregi, wie sie scherzten und sich betont lässig gaben, doch entging mir das leichte Zittern ihrer Hände nicht. Inghard, selbst Anführer einer halben Hundertschaft an Männern und Ingimundis Bruder, grinste grimmig und fletschte immer wieder die Zähne, während er die Schärfe seiner Speerschneide mit dem Daumen ein weiteres Mal prüfte – als hätte sich in den dreißig Sekunden seit der letzten Prüfung irgendetwas daran geändert. Einige hockten sich ein letztes Mal hin, um ihr Geschäft zu erledigen, denn es war eine Tatsache, dass die Angst vor dem Kampf im wahrsten Sinne des Wortes die Eingeweide fest umklammert hielt und auspresste. Auch ich kannte dieses Gefühl nur zu gut, insbesondere, wenn man auf den Einsatz warten musste. Die ersten Männer liefen los, die Häuptlinge und besten Krieger an ihrer Spitze. Ingimer stand somit ebenfalls in der vordersten Reihe, doch ich folgte ihm. Mir wiederum blieben die beiden Hagalianer dicht auf den Fersen. Niemand, der es nicht selbst erlebt hatte, konnte auch nur erahnen, wie anstrengend der Ansturm mit erhobenen Waffen über eine Entfernung von mehreren Hundert Metern durch unebenes Gelände war. Ich trug zusätzlich noch das Gewicht des Gewehres auf meinem Rücken sowie die Munition am Gürtel, sodass ich bereits nach kurzer Zeit schwer keuchte. Der Boden war nass. Jeder Schritt drohte darin zu versinken. Wenigstens hatte auch ich mich jeglichen unnützen Gramms an Kleidung und Ausrüstung entledigt – und trotzdem: Ich glaubte, vor Erschöpfung jeden Moment zusammenzubrechen, Adrenalin hin oder her. Doch ich riss mich zusammen und machte ein wenig langsamer, als die ersten Chauken kurz vor der breiten Schildfront stehen blieben, welche die Römer vor uns aufgebaut hatten. Ein Hagel von Wurfgeschossen prasselte im nächsten Augenblick auf die undurchdringlich anmutende Formation nieder, aus der lediglich die scharfen Spitzen der römischen Kampfspeere herausragten: Steine, Speere, sogar schwere Äste, hier und dort der abgeschlagene Schädel eines Römers. Scheppernd glitt das meiste von der Schildwand ab, ohne Schaden anzurichten. Immerhin hatten zwischenzeitlich mein Vater und die beiden Hagalianer ihre Arbeit aufgenommen und unterstützten unseren Ansturm, indem sie die Reihen der Römer auf der anderen Seite aussiebten. Allerdings waren wir zu weit östlich von den Türmen, als dass es eine große Wirkung gehabt hätte. Der Hauptteil der Kämpfe spielte sich vor dem zentralen Teil des Walls ab – und dort standen auch die Geschütztürme im Thur to Brook. Links von uns traten die Marser mit zwei Hundertschaften nahezu gleichzeitig an, dahinter die Brukterer und so weiter. Angriff auf ganzer Linie! Natürlich mussten die Speerträger nach vorne, denn es gab fürs Erste keinen direkten Kampf Mann gegen Mann. Angriff bedeutete in diesem Fall lediglich, dass die vordersten Stammeskrieger ihre Wurfgeschosse loswurden und danach die langen Lanzen in die ungeschützten Körperteile der vordersten römischen Reihen rammten: die Unterschenkel und Füße sowie die Lücken zwischen den einzelnen Schilden. Wurde ein Gegner getroffen, kam es zu einem blitzschnellen Stellungswechsel innerhalb der römischen Formation. Der Verletzte wurde nach hinten durchgereicht und aus der zweiten Reihe rückte ein frischer Soldat nach. Es war mühsame Kleinarbeit, eine solche Formation aufzubrechen. Die Soldaten des Imperiums waren in jahrelangem Drill auf Präzision und Disziplin getrimmt worden. Ohne Angriffsbefehl des Centurios konnte man sich an einer solchen Schilderfront den Kopf einrennen – oder Schlimmeres. Aber die beiden Hagalianer und ich hatten natürlich noch ein ganz besonders bösartiges Ass im Ärmel. Während überall die blutigen Stiche und Hiebe mit den Langwaffen ausgetauscht wurden, nestelten Viper und Geronimo an ihren Gürteln herum und entnahmen diesen jeweils zwei Handgranaten. Gleich würde es abscheulich werden. Aber so war der Krieg, da machte ich mir mittlerweile keine Illusionen mehr. Ein widerwärtiges Geschäft, nur von Tod und Leid angetrieben. Und je härter wir heute hier gegen das Imperium zurückschlugen, umso nachhaltiger würde der hoffentlich irgendwann folgende Frieden sein. Auch ich hielt jetzt einen der kleinen Sprengsätze in der Hand, wartete nur noch auf das Zeichen der beiden Hagalianer. Ungeduldig schaute ich zu ihnen hinüber. Mir war sowieso nicht wohl dabei, diese Dinger mit mir herumzuschleppen. Eine der Granaten gleich loszuwerden, bedeutete ein gewisses Gefühl der Befreiung für mich. Was sie auslöste, sobald sie erst einmal scharf und geschleudert war, wagte ich mir hingegen nicht vorzustellen. Die runden Minibomben würden ein schreckliches Gemetzel in den dicht gestaffelten Reihen der Römer anrichten. Ich sah erneut zu Viper und Geronimo. Viper schien irgendein Problem mit einer der Granaten zu haben. Offenbar konnte er sie nicht von seinem Gürtel lösen. Währenddessen tobte nur wenige Schritte vor uns der Kampf. Ich beobachtete Ingimer, wie er, mit seinem Schild auf dem Rücken, sein Schwert mit beiden Händen packte und wie besessen auf die Schildfront der Römer einhackte. Mehrmals gelang es ihm, Schilde zu spalten. Einem unvorsichtigen Soldaten, der sich zu dicht an einer Lücke aufhielt, zerschmetterte er das Schlüsselbein. Doch ich nahm auch die Toten und Verletzten auf unserer Seite wahr. Einer von Athalkunings Männern lag zuckend im Schlamm, eine Blutfontäne spritzte ihm aus dem zerfetzten Hals. Niemand konnte ihm mehr helfen. Die Männer stolperten über seinen Körper und liefen Gefahr, in die Reichweite römischer Speere zu kommen. Giwis, ein Chauke aus dem Aha Stegili und herausragender Geschichtenerzähler in den kalten Monaten, fiel in diesem Moment. Ein Stoß mit einem Schild hatte ihn stürzen lassen. In dem allgemeinen Getrampel und Geschrei war er nicht schnell genug hochgekommen. Ein Römer aus der ersten Reihe erkannte seine Chance. Er stieß nur ein einziges Mal blitzschnell mit seinem Speer zu und bohrte Giwis den scharfen Stahl zwischen die Rippen. Entsetzt beobachtete ich die grausige Szene, konnte aber nichts tun. Der Chauke bäumte sich ein letztes Mal auf und erschlaffte, während seine Gliedmaßen noch unkontrolliert zuckten. Und der Himmel weinte seine Tränen dazu. Alweri, einer der jüngeren Söhne Athalkunings, verlor seinen Schild-Unterarm und stolperte von der Frontlinie zurück, dem Wall entgegen, um sich den Stumpf abbinden zu lassen, aus dem in pulsierenden Schüben helles Blut quoll. Er torkelte und wankte wie ein betrunkener Matrose bei schwerem Seegang, während er uns den Rücken kehrte. Dass er überhaupt mit dieser Verletzung laufen konnte, war erstaunlich genug. Ein anderer taumelte an mir vorbei, das rechte Auge eine einzige blutige und breiige Masse. Das Blut färbte sein ganzes Gesicht, seinen Bart und seine Brust rot. Einen Lidschlag später war auch er verschwunden. Das alles war bloß der Blutzoll weniger Augenblicke und des Bereichs direkt vor meiner Nase. Wie viele Männer würden allein bei dieser ersten Angriffswelle auf der gesamten Linie fallen? Ein schriller Pfiff ließ mich aufschrecken. Viper nickte mir zu. Wie verabredet, war Geronimo etwa zehn Schritte weiter gelaufen, sodass wir drei jetzt ungefähr den gleichen Abstand zueinander hatten. Ein weiterer Pfiff ertönte. Dann riefen wir gleichzeitig »THUNAER!« – das Wort für Donner. Sofort zogen sich die Stammeskrieger zurück, zumindest alle, die es in ihrem Kampf- und Blutrausch überhaupt mitbekamen. Im nächsten Moment warfen wir unsere Granaten – nicht allzu weit, nur etwa zehn bis fünfzehn Schritte über die Köpfe der Legionäre hinweg. Ich warf mich in den Schlamm und hob beide Arme schützend über meinen Kopf. Schon ließen die drei dumpfen Explosionen den Boden erzittern. Die darauffolgende Stille war beinahe noch schrecklicher als das Geschrei, das dieser wiederum folgte. Ich blickte hoch und sah Fleisch herabregnen. Und Stücke von Knochen, Schilden, Fetzen von Kleidung, Leder, Holz, Metall. Die apokalyptische Verwüstung, welche die Sprengsätze inmitten der bis eben noch ordentlichen Formation angerichtet hatten, war unbeschreiblich. Ich sah die Blinden und Tauben, die sich verwirrt, aber unverletzt zwischen ihren entstellten und verstümmelten Kameraden erhoben, ohne auch nur die geringste Ahnung zu haben, was ihnen gerade widerfahren war. Sie rollten zerstörte Körper beiseite, schoben die Reste von Gliedmaßen von sich selbst herunter und taumelten umher, bis sie von den ersten anstürmenden Stammeskriegern niedergemacht wurden. Ich sah die vielen Toten, die wir so plötzlich und so vollständig vom Antlitz dieser Erde befördert hatten, dass ihre Götter sich wahrscheinlich über den unvermittelten Andrang auf die Unterwelt wunderten. Und ich sah die zahllosen Verwundeten, die entweder von Granatsplittern oder zerfetzten, umherfliegenden Rüstungsteilen getroffen worden waren. Sie schrien, kreischten, stöhnten, ächzten, je nach Schwere ihrer Verletzung, wälzten sich auf dem Boden oder lagen dort, zu keiner Bewegung mehr fähig, die bleichen Gesichter dem kalten, nassen Himmel entgegengereckt, auf den gnädigen, erlösenden Stoß oder Hieb wartend. Und sie mussten nicht lange warten … Die Taktik meines Vaters, kurz aber heftig zu attackieren und sich danach schnell wieder zurückzuziehen, ging auf. Auch die letzten Stammeskrieger hatten sich von dem lauten Knall der Explosionen mittlerweile erholt. Mit wütend erhobenen Schwertern und Speeren richteten sie die verbliebenen Überlebenden, dann war das Werk getan. Eine Lücke von etwa einhundert Metern klaffte in dem Heereszug. Einige Legionäre flüchteten ins nahe Moor, doch die allermeisten, die noch konnten, schlossen sich den hinter oder vor ihnen liegenden Einheiten an. Sie suchten den Schutz der restlichen Gemeinschaft, was ich verstand. Nützen würde es ihnen allerdings auch nichts mehr. Heute sollten sie alle sterben. Ein organisierter Massenmord an den Mördern, damit wir in Zukunft in Freiheit leben konnten. Jemand blies die Auerochsenhörner zum Rückzug. Ohne erkennbare Ordnung stürmten wir zum Wall zurück und brachten uns dahinter in Sicherheit. »Witandi! Du bist unverletzt geblieben, den Göttern sei Dank!« Ingimer hatte sich neben mir auf die grassodenbesetzte Innenseite des Walls geworfen. Auch er hatte bis auf ein paar Schrammen nichts abbekommen. »Ja. Ich habe dich kämpfen sehen. Du wirst immer besser! Furchterregend, wie du auf die Schilde eingedroschen hast.« Ich versuchte ein Grinsen. Herumalbern lenkte von den Tragödien des Tages ab. »Nicht so gut wie ich, aber es hat gereicht.« Ingimer lachte auf. »Wir einfachen Krieger haben eben keine Donnerkugeln, die wir gemütlich aus der zweiten Reihe werfen können, weißt du? Für uns ist Kampf noch Handarbeit.« Ich nickte ernst. »Du hast dein Leben riskiert, mein Freund, ich weiß das. Ich bin froh, dass ich wenigstens noch dich habe, also pass auf dich auf. Wir waren ein gutes Gespann, wir drei, damals am Dunklen Fluss. Ich wünschte, Werthliko wäre noch unter uns.« »Ja, das wünschte ich auch. Aber wenn ich falle, dann im Kampf. Ich setze bestimmt keinen Fuß in die Unterwelt, wo die Alten und Kranken sich nach ihrem Tod tummeln.« Ich warf einen Blick über den Wall. Nichts. Noch war alles ruhig, kein Römer näherte sich über die Weideflächen und früheren Äcker, die es hier bis vor wenigen Wochen noch gegeben hatte. Aber das war nur eine Frage der Zeit, dessen war ich mir sicher. Mein Vater kannte die Denkweise der Römer. Sie würden zuerst versuchen, den Wall für sich einzunehmen, bevor sie ein weiteres Mal unter großen Verlusten an dem Bauwerk vorbeimarschieren mussten. »Meinst du, Werthliko ist dort? Im Totenreich der Hel?«, fragte ich ihn. Ich war mir nicht sicher, was ein Mann in ihrem Glauben bei Tod durch Auspeitschen zu erwarten hatte. »Oder in der Halle der Krieger bei Wodan und den vielen anderen?« Ingimer schüttelte traurig den Kopf, während er sein Schwert reinigte und ein paar Splitter aus seinem Schild schnitt. Überall um uns herum lagen die Männer flach auf dem Boden, pflegten sich und ihre Ausrüstung und unterhielten sich leise. »Nein. Er ist nicht im Kampf gefallen. Er wird nie wieder in eine Schlacht ziehen.« »Hast du deinen Vater deswegen so gedrängt, hier dabei zu sein? Damit du den Kriegertod stirbst?« Mein Gesichtsausdruck in Anbetracht dieser Vorstellung musste Bände für ihn sprechen. Ingimer verzog das Gesicht. »Nein. Ich will ein klares Zeichen setzen. Oft hadere ich mit dem Weg, den er für unsere Leute einschlägt. Auf der einen Seite unterwirft er sich den Römern, obwohl diese meinen Bruder Ingimodi töteten, und auf der anderen Seite stellt er sich still und leise hinter Arminius mit nicht mehr als einer Handvoll Männern. Was soll das? Versuche ich, mit ihm darüber zu sprechen, wie es weitergeht und was das Beste für unsere Leute ist, geraten wir in Streit. Aber ich habe sowieso schon immer quer gelegen mit ihm, das weißt du ja. Seit Ingimodis Tod lässt er mich spüren, dass er der erste und beste Stammhalter für meinen Vater gewesen wäre. Mir wäre es jedenfalls recht, wenn die Götter mich vom Schlachtfeld zu sich holen, nicht vom Strohlager. So viele Gelegenheiten bieten sich uns ja nicht.« Ich hatte Ingimers älteren Bruder Ingimodi, nach dem ja auch mein Sohn benannt war, nur kurz, am Abend vor der schicksalhaften Schlacht auf der Hegirowisa, kennengelernt. Allen Erzählungen nach musste er eine wahre Lichtgestalt gewesen sein. Dass Ingimundi den Tod seines Erstgeborenen bei einem Gefecht mit römischen Soldaten nie wirklich überwunden hatte, war tatsächlich allseits bekannt. Aber versuchte er nicht vielleicht gerade deswegen auch seinen zweiten Sohn zu schützen? Um ihn nicht ebenfalls zu verlieren? »Na ja, in den letzten Jahren hat es ständig Gelegenheiten gegeben. Ich erinnere dich an die Kämpfe gegen Friesen und Langobarden, die Schlacht an der Blänken Lieste. Dennoch finde ich, dass du deinem Vater Unrecht tust. Sicher, er ist oft barsch, manchmal auch ein wenig verbittert, doch er liebt und achtet dich sehr, deswegen geht er oft mit großer Bedachtsamkeit vor. Urteile nicht zu hart über einen Vater, der einen geliebten Sohn verloren hat, mein Freund.« Ingimer blickte mich schweigend und gedankenverloren an, während ich einen nervösen Blick über den Wall warf. Tod und Gewalt umgaben uns, aber war dies nicht vielleicht der beste Ort, um über die zu sprechen, die man liebte? Ich sorgte mich darum, dass er dieses Mal etwas Unbedachtes tun und übermäßige Risiken eingehen würde. »Dein Vater wird bald zu alt für die Häuptlingswürde sein. Und das Dorf wird sicher noch lange Zeit einen klugen Mann an seiner Spitze brauchen.« »Vielleicht«, seufzte Ingimer. »Ich …« »Ingimer!«, unterbrach uns der kehlige Ruf seines Vaters. Leicht gebückt, sodass sein Kopf nicht von der anderen Seite des Walls aus gesehen werden konnte, stapfte er durch knöcheltiefe Pfützen auf uns zu. »Du hast dich wacker geschlagen, Sohn!«, sagte er mit leuchtenden Augen und voller Anerkennung, als er uns am Wallende erreichte. »Du hast hier hinten weiterhin das Kommando. Ich verlasse mich auf dich. Du musst verhindern, dass es den Römern gelingt, das Wallende zu umgehen und uns in den Rücken zu fallen. Das würde eine Panik auslösen. Und hab ein Auge auf die beiden Vögel da!« Er wies auf Viper und Geronimo. »Ich traue ihnen nicht.« Ingimer nickte gehorsam. Das Lob seines Vaters bedeutete ihm viel, das hatte er eben erst zum Ausdruck gebracht. Ich war mir sicher, dass die beiden sich zusammenraufen und ihre Differenzen früher oder später ausräumen würden. »Ich habe deswegen die Flanke zum Bachlauf mit noch mal zwanzig Männern gesichert. Sie häufen auch weitere Hindernisse an. Da kommt niemand mehr durch.« »Achtung!«, zischte jemand. »Da vorne kommen sie! Späher, so wie es aussieht.« Jede Unterhaltung verstummte. Durch die brusthohe Palisade aus Weidengeflecht und einigen dickeren Hölzern, die uns allerdings nur eher dürftigen Schutz bot, lugte ich auf das Vorfeld. Ich brauchte einen Moment, bis ich die Bewegungen selbst erkannte. Ein Trupp Römer huschte in verschiedene Richtungen über die Weideplätze und Ackerflächen vor uns, jedes Gebüsch als Deckung nutzend. Wie viel wussten sie bereits von dem Wall? Er verbarg sich ganz ausgezeichnet hinter einem dünnen Gebüschsaum, war aber aus einer Entfernung von rund hundert Schritten unübersehbar. So dauerte es auch nur wenige Augenblicke, bis der erste Späher stehen blieb, die Länge des Bauwerkes betrachtete, seine Nachbarn warnte und sie bald darauf wieder verschwanden. Wir mussten nicht allzu lange warten. Die Römer mobilisierten ihre letzten Kräfte, wie es schien. Eine breite Front von mindestens zehn Centurien walzte kurze Zeit später auf unseren östlichsten Wallabschnitt zu. Ich schluckte schwer. Plötzlich war es wieder da – dieses Gefühl, als quetsche jemand meine Eingeweide zusammen. Jede Sekunde zog sich endlos hin, während ich die leicht schwankende Masse bewaffneter Männer auf uns zukommen sah. Meine Kehle fühlte sich mit jedem Atemzug rauer an, daran konnte auch der Regen nichts ändern. Der Wind kühlte meine schweißnasse Stirn, trotzdem spürte ich eine unangenehme Hitze in mir. Mein Mund war so trocken, dass ich nicht sicher war, ob ich überhaupt einen Ton würde hervorbringen können, selbst wenn ich es unbedingt wollte. Ich sah, wie eine oder zwei Hundertschaften sich aus der Flanke lösten und auf das Wallende zuliefen. Sie wollten das Bollwerk also von der Rückseite erobern, so wie Arminius und Ingimundi es gerade eben vorhergesagt hatten. Was sollten wir tun? Was sollte ich tun? Abwarten? Ich wandte mich an Viper. »Schick Geronimo als Unterstützung für die Männer dort zur Ostflanke! Niemand darf hinter den Wall gelangen.« Viper blickte mich wie immer grimmig an, gab meine Bitte aber an den anderen Hagalianer weiter. Dieser zuckte nur mit den Achseln und rührte sich ansonsten nicht. »Unser Auftrag lautet, dich zu beschützen, sonst nichts«, meinte Viper kalt und wandte sich wieder den anrückenden Truppen zu. Verdammt, fluchte ich innerlich. Was sollte ich mit diesen Kerlen bloß anfangen? Ich musste mich also selbst darum kümmern. Ich blickte wieder nach vorne. Die Wurfweite für die römischen Speere war erreicht. Was würden sie tun? Geordnet angreifen oder wie Hunde, die man plötzlich von der Kette ließ? Im nächsten Moment brüllte jemand: »Todesregen!«, und ich sah in den Himmel. Die hinteren Reihen der Soldaten hatten unbemerkt von uns ihre Speere geschleudert, im Schutz der Vorausmarschierenden. So konnten wir kaum noch reagieren. Ich kauerte mich mit über dem Kopf verschränkten Armen tief in eine schlammige Kuhle, die allerdings überhaupt keine Deckung bot. Mein Magen krampfte sich zusammen, mein Puls raste, meine Hände zitterten. Jeden Augenblick erwartete ich einen dumpfen Schlag, gefolgt von stechenden Schmerzen. Ich spürte, wie Speere sich in meiner unmittelbaren Nähe in den Boden bohrten, doch ich blieb unverletzt. Erleichtert hob ich den Kopf. Ingimer hockte bereits über mir und grinste mich irre und voller Todesverachtung an. Bei seinem dreckverschmierten Anblick musste ich lachen und klopfte ihm freudig auf die Schulter. Ich griff nach Beenbittar und rappelte mich ebenfalls auf. »Todesregen!«, erklang es gleich noch mal. Und wieder warfen wir uns hin. Wieder prasselten die Wurfgeschosse um uns herum nieder. Füße hämmerten auf dem Boden, römische Befehle wurden gebrüllt, doch es erfolgte noch kein Angriff. Ich war nicht der Einzige, der erstaunt hochkam, um zu schauen, was gerade passierte. Vor dem Wall eilten Dutzende Römer in einem Mordstempo zum Graben, um diesen mit Reisig und Geäst aufzufüllen, das sie in großen Haufen vor sich her trugen. Die angespitzten Pflöcke, die darin aus der Erde ragten, würden so ihre Wirkung verlieren. Die Speerangriffe hatten ihnen also bloß die notwendige Zeit verschafft. Als diese Taktik durchschaut war, brüllten Athalkuning, Ingimundi, Ingimer und weitere Hauptmänner nahezu gleichzeitig ihre Befehle zur Verteidigung der Anlage. Nur einen Augenblick später sangen unsere Kalaschnikows ihr tödliches Lied. Unsere Geschossgarben spalteten ihre Reihen wie Äxte trockenes Brennholz. Zusätzlich richteten unsere Krieger die aufgesammelten Römerspeere gegen die Angreifer. Hier und da flogen sogar schwere Steine. An einigen Stellen war der Schaden am Wall jedoch bereits angerichtet. Ohne größere Probleme stürmten die Soldaten den flachen Abhang hinauf, rutschten zwar manchmal weg, erreichten aber erstaunlich schnell die leichte Palisade und verteilten sich an ihr entlang. Sie rissen und rüttelten daran, manche legten sogar Schlingen um die Hauptpfosten. Erst jetzt entdeckte ich die Maultiere, an deren Hälsen die anderen Enden festgemacht waren. Damit hatten wir nicht gerechnet! Jetzt wurde es eng. Zu eng, um das Gewehr weiter einzusetzen. Ich legte es ab. Dumpfe Wut auf jene, die mein Leben und das meiner Familie bedrohten, breitete sich in mir aus. Im nächsten Moment tauchte direkt vor mir ein Gesicht auf, ausgemergelt und hager, der Mund weit zu einem Schrei geöffnet, den ich in dem plötzlichen Tumult nicht hörte. Sein Helm hing ein wenig schief. Seine krumme Nase und die Wangen waren tropfnass, bedeckt mit einer Mischung aus Schweiß und Regenwasser, sein stinkender Atem wallte mir entgegen. Während mein Kopf noch leer schien, zog ich mit einer einzigen fließenden Bewegung Beenbittar, holte zu einem erbitterten Schlag aus und ließ die Klinge niederkrachen. Ich war größer als die meisten und hatte dadurch eine größere Reichweite – ein unbezahlbarer Vorteil. Und ich war wütend. Metall kreischte, als Beenbittar auf den eisernen Schildrandbeschlag des Römers traf, diesen durchtrennte, sich durch das Holz fraß und schließlich in die Schulter des Mannes. Gebrüll und Schreie von allen Seiten. Die friedliche Idylle, in der im Frühjahr noch Ochsen träge einen Pflug durch die Erde am Hang der Gasitjanbargi gezogen haben mochten, war längst vorbei. Der Getroffene vor mir stolperte entsetzt zurück und hätte mein Schwert, das sowohl in seinem Schild als auch in seinem Knochen feststeckte, fast mitgerissen. Mit einem widerlichen Knirschen löste es sich und der Mann fiel in den flachen Graben, wo er den Nachrückenden als noch lebende Brücke diente. Beinahe wäre ich selbst zurückgefallen, doch ich wich bereits einem Speerstoß aus, stieß meinerseits mit meinem Schwert zu, traf aber nicht. Jemand prallte gegen meine Schulter, dann ein anderer in meinen Rücken, während alle gleichzeitig versuchten, den Ansturm abzuwehren. Ein paar Schüsse krachten unmittelbar neben mir, doch sie verstummten abrupt. Aus dem Augenwinkel sah ich Viper und Geronimo, die in dem dichten Handgemenge ihre Waffen nicht einsetzen konnten, da sie vor und zurück gestoßen wurden und gleichzeitig Klingenhiebe mit den stählernen Läufen ihrer Waffen abwehren mussten. Sobald sie die Chance hatten, feuerten sie zwar auf die andere Seite der Palisade, ich nahm aber erstaunt zur Kenntnis, dass die Römer sich von dem Lärm und der Wirkung der Waffen nicht mehr abschrecken ließen. Mit dem Tod so dicht vor Augen war ihre Furcht offenbar dem Kampfesmut gewichen. Ingimer neben mir hieb eines der Seile durch, das bereits um einen Pfostenkopf lag, verlor dabei sein Schwert und rang mit bloßen Händen einen Angreifer zurück, seine eigene Waffe vor sich im Schlamm. Gerade holte er zu einem mächtigen Schlag mit der Stirn auf das Nasenbein seines Gegners aus, als ich diesem mit der flachen Seite meiner Klinge einen Hieb gegen den Hinterkopf verpasste. Um Ingimer nicht zu verletzen, setzte ich noch mit dem Knauf gegen das Kinn des Mannes nach, bis er losließ und auf der anderen Seite der Palisade halb bewusstlos zu Boden sackte. Ich drehte mich zurück, um meinen Platz in der Verteidigungslinie wieder einzunehmen. Es durfte keine Lücke entstehen. Begrüßt wurde ich von einem schweren Schlag eines römischen Schildes auf meine verletzte Seite. Der Schmerz war beinahe übermächtig. Ich schrie wie wild, um ihn weniger zu spüren. Zorn brodelte in mir. Bewusst presste ich meine Wunde fest gegen die Palisade, der Schmerz sollte mein eigener Schutzschild sein, und stieß Beenbittar dabei wie einen Speer hinab auf die ungeschützten Beine eines Angreifers. Ich traf ihn irgendwie, denn plötzlich hatte ich keinen Gegendruck mehr. Noch im Aufrichten schwang ich die Klinge hoch und traf den Römer zwischen den Schenkeln – seinen Schild hielt der in dieser Sekunde seitlich am Körper und nicht davor. Tief drang der scharfe Stahl in seinen schutzlosen Unterleib. Blut spritzte und wurde nur von der Palisade aufgehalten, die uns nach wie vor trennte. Der Mann brüllte vor Schmerz, klammerte sich verzweifelt an die nächste Pfahlbefestigung und hielt sich dabei das gespaltene Fleisch am Bauch. Ein Siegesschrei brannte in meiner Kehle, während jede Vernunft mich verließ. Grausam berechnend hieb ich nach seinem Unterarm und trennte diesen vom Rest des Körpers. Die Klinge fuhr durch ihn hindurch wie ein heißes Messer durch Butter. Der Römer keuchte, taumelte zurück und prallte gegen seinen Hintermann, der gerade mit seinem Speer in Ingimers Richtung stach. Ich spürte, wie die Kampfeswut sich in mir Bahn brach wie selten zuvor, die Ekstase über die gewonnenen Kämpfe mich nur weiter anstachelte. Bei jedem wütend und kraftvoll geführten Schlag stieß ich ein kehliges Fauchen aus. Ich war so sehr zu einem Stammeskrieger geworden, dass ich es selbst kaum bemerkt hatte. »Nicht Ingimer!«, brüllte ich zornig und hieb auf den Speerstecher ein. Splitter aus seinem Schild flogen mir ins Gesicht, so heftig war der Schlag. Ein paar Blutstropfen folgten dem Holz und wieder prallte etwas gegen meine Schulter. Mein Arm wurde taub. Ich sah eine Bewegung aus dem Augenwinkel, eine römische Klinge, die auf meinen Kopf heruntersauste. Ich fing sie mit meiner eigenen ab, sie stießen aufeinander und rutschten knirschend aneinander entlang. Doch mein Arm war zu schwach, um dem Druck standzuhalten. Das Schwert entglitt mir. Ich wollte einen Schritt zurückweichen, aber hinter mir lag jemand, ein Chauke, dem eine hässliche tiefe Wunde das halbe Gesicht entstellte; seinen Namen wusste ich in diesem Moment nicht. Mein Arm brannte, meine Lunge sowieso, mir wurde schlecht. Die Luft um mich herum schien zu brennen, nein, sie war eisig – eigentlich wusste ich es gar nicht. Ich taumelte. Ein Römer versuchte die Palisade dort zu erklimmen, wo ich eben noch gestanden hatte. Unschlüssig, was ich dagegen tun sollte, wankte ich wie ein angeschlagener Baum. Ingimundi, der zwischen unseren Reihen hin und her eilte, Befehle bellte und aushalf, wo es nötig war, stand plötzlich vor mir. Erneut krachten irgendwo Schüsse, Blut und stinkender Glibber benetzten meine linke Wange, ich schmeckte Salz. Etwas streifte meine Stirn, schnell und hart. »Bist du verletzt?«, brüllte er mir ins Gesicht, während die Schlacht tobte. Ich schüttelte den Kopf. Ich war mir nicht sicher, glaubte es jedoch nicht. Immerhin erholte ich mich von dem heftigen Schlag, wenn auch nur langsam. »Dann zurück in die Reihe! Los!« Wie nebenbei wandte er sich um, hieb über den Rand der Palisade und verpasste dabei einem Angreifer ein klaffendes Loch im Schädel, direkt unterhalb seines Ohres. Eine dunkle Masse quoll zäh aus der tiefen Wunde und blieb am Schwert des Häuptlings haften. Mit einem groben Stoß schob er den Getroffenen zurück, dann sah ich, wie er hinterherschaute. »Der Graben ist fast voll!«, brüllte der alte Recke jetzt heiser. »Die Körper und das Holz müssen da raus!« Ich war wieder halbwegs klar, also schritt ich hinter Ingimundi her. Dieser war erneut in einen Zweikampf verwickelt. Ich drängte mich an seine Seite und hieb wie von Sinnen auf die anstürmenden Soldaten Roms ein. Viper und Geronimo feuerten dicht neben mir in die Menge, doch es war gefährlich. Sie mussten aufpassen, nicht die eigenen Leute zu erwischen. Vom offenen Wallende an der Ostflanke her hallten laute Rufe. Die Männer dort waren in arge Bedrängnis geraten, so wie es aussah. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass der Kampf zu diesem Zeitpunkt doch noch auf Messers Schneide stehen könnte. »Folgt mir!«, rief Ingimer einigen seiner Leute zu, die in zweiter Reihe und als Nachrücker für Verletzte standen. In diesem Moment spannte sich eines der Seile um einen der kopfhohen Stützpfosten. Kurz darauf krachte die Palisade auf einer Länge von mindestens sechs Schritten nieder. Das Maultier lief panisch los, mit dem Palisadenstück im Schlepptau, und fegte damit unzählige Legionäre von den Beinen. Da es für das Tier kein Durchkommen durch die dicht stehenden Centurien vor dem Wall gab, wandte es sich um und lief wieder direkt auf uns zu. An einer Seite hing das Geflecht weiterhin am Restzaun. Das Maultier drohte in kürzester Zeit die halbe Palisade niederzureißen und den Wall schwer zu beschädigen. Viper blieb nichts anderes übrig, als das durchgehende Tier schnellstens zu erschießen. Es setzte bereits über den Graben. Seine kräftigen Beine strampelten verzweifelt im rutschigen Schlamm nach Halt, als der Schuss krachte. Schrill kreischend brach das arme Tier auf dem Wall zusammen, wo es noch zuckte und mit den Hufen austrat, bevor es sich im Sterben versteifte. Die Römer strömten nun todesmutiger denn je den flachen Wall hinauf und standen kurz davor, uns zu überrennen. Irgendwo fing jemand an, eine Schlachtenhymne zu singen. Wer konnte, stimmte ein. Der dumpfe und doch melodiöse Gesang, untermalt vom Krachen der zusammenschlagenden Waffen, vom Rasseln der römischen Rüstungen, von den Schreien der Kämpfenden, vom Zischen und Keuchen der Wütenden, von den dumpfen Schlägen der Getroffenen, vom Knacken und Brechen der Holzschilde sowie gegnerischen Knochen – all das gab uns neue Kraft. Ingimundi neben mir, mit Blut über dem ganzen Gesicht. Viper, der abwechselnd in die eine Richtung schoss und in die andere mit dem harten Kolben ausschlug. Ingimer, der immer noch lachte, während Schlamm und Blut auf ihn spritzten, als er sich mit der Verstärkung für die Ostflanke einen Weg bahnte. Sein Schwert fuhr unaufhörlich auf und nieder, hackte, stach, verletzte, tötete. Wo war meine eigene Waffe? Ich stolperte, hielt mir die schmerzende Seite, schlug einen Schild in Trümmer, rammte einem anderen meinen Knauf in den geöffneten Mund, sodass die Zähne herausbrachen und der Getroffene gurgelnd nach Atem rang. Ein Schlag gegen meinen linken Arm, ich drehte mich halb herum, holte aus und stieß zu, sah nur den roten Stoff einer Tunika, den ich mit meiner Klinge aufriss, bis ich auf etwas Härteres darunter traf. Ich zog die Klinge mit einem Ruck hoch, drehte sie dabei und fühlte, wie jetzt etwas Weiches in meinem Gegner riss, so wie vorher der Stoff. Mein Kopf dröhnte. Ich merkte, dass ich mitsang. Eigentlich hatte ich mitgeschrien, meine Kehle war bereits heiser. Doch ich machte weiter. Plötzlich ging Ingimundi neben mir in die Knie. Ein römisches Schwert war, von oben kommend, durch seine rechte Schulter gefahren und steckte nun tief in seinem Fleisch. Entsetzt riss ich die Augen auf. »Ingimundi getroffen! Ingimundi getroffen!«, brüllte ich wie von Sinnen und hieb auf seinen Gegner ein, der am Griff seiner Waffe zog, sie aber nicht schnell genug frei bekam. Ohne mit der Wimper zu zucken, spaltete ich ihm den Schädel – und das trotz des Helms. Ich trat dem Legionär mit Wucht gegen die Brust, sodass er zurückfiel und ein paar seiner Leute mitriss. Ein kurzer Moment Atempause. Helfende Hände kamen von hinten, griffen Ingimundi unter den Achseln und zogen den halb bewusstlosen, schlaffen Chaukenhäuptling weg vom Wall in den sicheren Bereich dahinter. Die Lücke wurde sofort geschlossen. Keuchend sah ich ihnen hinterher, suchte Ingimer, spuckte aus und stellte nebenbei fest, dass mein Rotz mehr aus Blut denn aus Speichel bestand. Meinen Schwiegervater hatte es übel erwischt. Ich war mir nicht sicher, ob er eine solche Wunde überleben würde. Ich kämpfte aufkommende Tränen der Wut nieder, packte den Griff meines Schwertes fester und überlegte kurz, ob ich auch lieber zum Gewehr greifen sollte. Der Wunsch, Ingimundi irgendwie zu rächen, und sei es mit einem Massaker, war beinahe übermächtig. Ich erinnerte mich an Dyrs Tod damals auf der Hegirowisa und wie ich danach praktisch Amok gelaufen war. Machte es wirklich einen Unterschied, aus welchen Motiven man in einer Schlacht seine Gegner niedermetzelte? Ich watete doch jetzt bereits wieder knöcheltief im Blut unserer Feinde. Aber irgendwie fühlte es sich trotzdem falsch an – und das Risiko, meine Freunde zu treffen, war zu groß. Was war jetzt mit der Ostflanke? Dort wurde genauso heftig gekämpft. Die Römer ließen sich kaum aufhalten. Ohne Rücksicht auf Verluste rannten sie gegen uns an, sicher in dem Glauben, dass so oder so nur noch der Tod auf sie wartete. Wahrscheinlich wollten sie möglichst viele von uns mit sich in die Unterwelt reißen, wenn es schon nicht anders ging. Doch sie würden irgendwann müde werden und eine Pause brauchen. Ich suchte den schlammigen, aufgewühlten Boden nach dem Platz ab, an dem ich vorhin, als alles noch so aufgeräumt gewirkt hatte, mein Gewehr gelassen hatte. Jetzt sah ich nur noch trampelnde und stampfende Gestalten. Verdammt, wie dumm von mir! Keine Chance, es zu finden. Die Hagalianer! Suchend glitt mein Blick über die Kämpfenden. Die beiden hatten keine Zeit mehr, auf mich aufzupassen, so wie es aussah. Mit römischen Schwertern bewaffnet, schlugen sie sich wacker an vorderster Linie. Viper haute jemandem gegen den freiliegenden Hals und ein langer Schrei drang aus dem weit aufgerissenen Mund des Getroffenen. Geronimo ließ sein Schwert kurz sinken, griff nach seiner Waffe, die an einem Gurt um seine Schulter hing, und versuchte eiligst, das Magazin zu wechseln. Ich rannte zu ihm hinüber und packte ihn am Arm. »Komm!«, brüllte ich ihm ins verzerrte Gesicht. Ohne eine Antwort abzuwarten, zog ich ihn durch die Hölle der Schlachtbank, zu der dieser Wallabschnitt geworden war. Große Teile des Bauwerkes waren abgerutscht, der Graben zugeschüttet. Wenigstens entdeckte ich aus den Hügeln nachströmende Kriegerscharen, die zu Hunderten die Mannschaften am Wall unterstützen würden. Trotzdem war die Gefahr noch nicht gebannt. Einige Römer rannten uns entgegen – und zwar auf unserer Seite des Walls! Speere flogen ihnen hinterher. Wir mussten die Köpfe einziehen, um nicht getroffen zu werden. Ich sprang auf den ersten von ihnen mit erhobener Klinge zu, verfehlte ihn aber irgendwie, rutschte aus und stieß schmerzhaft gegen eine krumme Birke. Die raue Borke riss den Stoff meiner Hose am rechten Oberschenkel auf und zerkratzte mir die Haut darunter. Ich ächzte, biss die Zähne zusammen und sah mich panisch nach den Römern um. Geronimo erschoss einen aus nächster Nähe, dann stand ich schon wieder, humpelnd und wankend zwar, aber ich stand. »Zurück, zurück!«, schrie der Hagalianer, doch ich konnte nicht, dafür quälte mich mein Knie zu sehr. Ein Römer stürmte auf mich zu, er schwang sein Schwert grimmig dabei. Geronimo traute sich nicht zu schießen, er hätte mich ebenso treffen können. Voller Furcht sah ich den Römer näher kommen, noch fünf Schritte, vier, drei, zwei … Ich besann mich des ältesten Tricks der Welt und ließ mich plötzlich fallen. Sein Stoß ging ins Leere. Er hatte keine Zeit mehr auszuweichen und stolperte über mich, während ich gleichzeitig schon wieder aufsprang, herumwirbelte, den Schwung für meinen Schlag nutzte und ihn am rechten Oberarm traf. Ich hatte alle Kraft in den Hieb gelegt. Der scharfe Stahl drang durch bis auf das Kettenhemd, das seinen Oberkörper schützte. Der Arm fiel schlaff und bleich vom Torso des Mannes ab, die Hand immer noch das Römerschwert umklammernd. Doch ich hatte nicht einmal genügend Zeit, meiner Glücksdise zu danken, schon war der Nächste heran und ich noch auf dem Boden. Die Klinge meines Gegners zerschnitt die Luft so nah vor meiner Nase, dass ich die vom Stahl abspritzenden Regentropfen auf meinen Lippen schmeckte. Meinen blutigen Lippen! Ich schwang Beenbittar in einem weiten Halbkreis auf Kniehöhe, bis es einen Knochen fand, in das es beißen konnte. Der Römer sackte zusammen, schreiend, keuchend, röchelnd. Ich hatte seine Kniescheibe zerschlagen. Unbarmherzig schlug ich erneut zu, jetzt auf das andere, das ungeschützte Bein. Die Klinge fuhr tief in das behaarte, schlammverschmierte Fleisch des Oberschenkels. Jaulend stürzte der Kerl, ließ endlich Schwert und Schild fallen, kroch heulend auf den Ellbogen und Unterarmen davon, die nutzlosen Beine hinter sich her schleifend. Geronimo stellte sich ihm in den Weg, hob einen der herumliegenden Speere auf und rammte ihn dem Mann durch Nacken und Hals bis in den weichen Boden darunter. Als Nächstes zog der Hagalianer mich hoch und hielt mich kurz fest, da er wohl nicht sicher war, ob ich stehen bleiben würde. Wenige Augenblicke später nickte ich aber bereits und wies zur Ostflanke. »Ingimundi wurde getroffen, wir müssen jetzt Ingimer helfen!« Ich humpelte los. Mit jedem Schritt ging es besser. Ich blickte nach vorne, aber auch zurück. Mir kam es vor, als würde auf jedem Quadratmeter Boden gekämpft. Ein solch erbittertes Abschlachten hatte ich noch nicht erlebt. Dies war nicht einfach nur ein Kampf um Ruhm, Ehre, Rache oder ähnliche Motive. Sämtliche Gesichter, in die ich blickte, kündeten von der Schicksalhaftigkeit dieses Morgens. In den Rinnen, die wir eigentlich für das Regenwasser vom Berg gebuddelt hatten, floss das Blut der Gefallenen, ja, es strömte regelrecht bergab. Es war, als würde der Folkobeek selbst bluten. Wir erreichten die Ostflanke. Die zwei Centurien waren durch das Wasser gewatet, das schnell, klar und kalt floss. Die meisten Soldaten standen bis zu den Oberschenkeln darin, während sie versuchten, eine Formation aufrechtzuerhalten, bei der die vorderste Linie das Wallende attackierte. Hin und wieder gelang es einem der Legionäre, seitlich an den verteidigenden Stammeskriegern vorbeizuhuschen, doch insgesamt hielten wir die Stellung noch ganz ordentlich. Ich stellte mich mit Geronimo an Ingimers Seite. Der Wall zog sich an diesem östlichen Ende einige Schritte den Hang hinauf, hatte statt eines Grabens davor allerdings nur noch den Bachlauf als natürliches Hindernis. Ein Römer sprang zu meiner Rechten über den Wall. Sofort trafen ihn zwei Speere, sodass er laut aufschreiend zurückkippte. Einer der Chauken neben mir stieß ein wenig voreilig mit seiner langen Lanze nach einem schwer gepanzerten Legionär, verfehlte diesen jedoch und wurde seinerseits von einem heranfliegenden Speer getroffen. Die Spitze bohrte sich durch seine linke Wange, riss ihm das Jochbein weg, entblößte seine Augenhöhle und drang schließlich neben seinem Ohr wieder aus dem Schädel. Der Chauke stolperte zurück und schlug Ingimer mit dem schweren federnden Speerschaft schmerzhaft ins Gesicht. Dessen Nase fing sogleich an zu bluten und seine Lippe platzte auf. Die so entstandene Lücke nutzte der nächste Römer, ein junger Kerl mit brauner Haut und wutverzerrter Miene, der üble Verwünschungen zu brüllen schien, während er mit seiner Klinge auf uns eindrosch. Jemand stürmte mit angelegter Lanze auf ihn zu, doch der Römer wehrte den Angriff gekonnt mit seinem Schild ab, schlug erneut nach Ingimer und hätte ihm fast ein Ohr abgetrennt. Der Römer stand vor uns und holte nun zu einem Schlag nach mir aus. Geronimo trat ihm geistesgegenwärtig die Beine weg, sodass er stürzte. Ingimer schlug ihm mit dem Knauf seines Schwertes zwischen die Augen. Eine hässliche Platzwunde entstand, aus der dickes Blut sickerte. Erschrocken riss der Legionär seinen Kopf herum, sodass das Blut in alle Richtungen spritzte, dann öffnete er seinen Mund und spuckte eine rote Masse aus: ein Stück seiner eigenen Zunge, die er sich abgebissen hatte. Ingimer grinste mordlustig, schrie etwas, was ich nicht verstand, und haute dem Römer sein Schwert in den ungeschützten Hals. Der behelmte Schädel klappte zur Seite auf die Schulter, während der Körper ein letztes Mal zuckte. Ich drehte mich um und sah einen Römer mit dem Rücken zu mir auf einen Chauken einschlagen. Ich packte das Heft meiner Waffe fest mit meiner blutverschmierten Faust und hieb eher ungezielt auf den Bereich zwischen seinen Schulterblättern ein. Der Getroffene zog instinktiv den Kopf ein und tauchte zur Seite weg in der Hoffnung, so dem nächsten Schlag zu entkommen. Doch daraus wurde nichts. Nahezu gleichzeitig hackten der Chauke und ich auf die ungeschützten Teile seiner Rückseite ein, Beine, Rücken, Hinterteil. Wieder einer weniger. Ich sah mich um. Römer, wohin ich auch blickte. War einer getötet, stand der nächste schon bereit, gleiche Uniform, gleiche Waffen, eine unendliche Flut von rotberockten Mördern. Plötzlich erschallten römische Hörner von irgendwo hinten am Handelsweg. Immer und immer wieder. Ein Centurio brüllte Befehle und die Römer zogen sich hastig zurück. Kaum jemand folgte den Fliehenden sofort, dafür war die Erschöpfung bei unseren Männern zu groß. Doch wie es aussah, hatten wir den Ansturm erfolgreich abgewehrt. Alles in allem hatte der Angriff vielleicht eine Viertel-, maximal eine halbe Stunde gedauert. Aber die hatte es in sich gehabt! Wie eine zurückschwappende Welle verschwanden die Römer und ließen nur die unzähligen Toten und all die Verwundeten zurück, die zu schwach für den Rückzug waren. Viele der Stammeskrieger gaben sich damit jedoch nicht zufrieden, wollten ihren Blutrausch bis zum Ende ausleben. Sie lechzten förmlich nach noch mehr Opfern für die erbarmungslosen Götter. Schon bald formierten sich Kriegergruppen an den Walldurchlässen zu Horden von rachsüchtigen Todbringern, den vollkommenen Sieg vor Augen. Sie jagten den sich Zurückziehenden hinterher, trieben sie in den Thur to Brook oder in die eigenen Klingen. Auch Ingimer wollte sich ihnen anschließen, doch ich hielt ihn zurück. »Dein Vater. Er wurde verwundet.« Ich spürte, wie er sich im ersten Moment losreißen wollte, den bestialischen Glanz des Blutrausches immer noch in den Augen, dann jedoch zur Besinnung kam. »Mein Vater?«, wiederholte er langsam. Er schien verwirrt. »Was ist mit ihm?« »Ein Schwert hat ihn an der Schulter erwischt. Sah übel aus, aber er wurde sofort in Sicherheit gebracht. Vielleicht solltest du …« »Wo ist er?«, unterbrach er mich. »Oben bei den Heilern?« »Ja, ich denke schon. Wie gesagt, er wurde sofort …« Einen erneuten Angriff würde es sicherlich nicht geben, jetzt, da so viele den restlichen Truppen nachsetzten. Insofern wies er einige Männer an, die Stellung zu halten, und verschwand in Richtung des Chaukenlagers. Ich sah mich unschlüssig um. Die plötzlich nachlassende Spannung ließ mich ein wenig schwindeln. Ich lehnte mich mit dem Rücken an das, was einmal der Wall gewesen war. Er war größtenteils abgerutscht, niedergetrampelt von Hunderten Füßen und sogar Hufen. Beide Seiten waren gepflastert mit Toten. Von der Palisade war an dieser Stelle nichts mehr zu sehen. Überall stöhnten die Verletzten. Stammeskrieger wurden zu den Heilern geschafft, Römer getötet. Die üblichen Nacharbeiten, wenn das große Schlachten vorbei war. Ich konnte nicht behaupten, dass ich noch irgendetwas dabei empfand. Ich fühlte mich nicht mehr wie ein Mensch, nur noch wie eine Tötungsmaschine mit einem Stück Stahl in der Hand. Viper und Geronimo setzten sich wortlos in meine unmittelbare Nähe. Ich betrachtete sie und fragte mich, ob sie in den modernen Kriegen des 21. Jahrhunderts auch nur ansatzweise so etwas erlebt hatten. Aber ich hatte keine Lust zu sprechen. Jetzt nicht. Auch nicht über dieses Thema. Irgendwann vielleicht. Ein verkohlter Kopf Ein Stück entfernt entstand Tumult. Mein Vater war auf einem Pferd erschienen, mit einigen Häuptlingen und dem Markomannenboten Katwalda an seiner Seite. Unterhäuptlinge und einfache Krieger unterbrachen ihre Beschäftigung und kamen zu ihm, um ihm Respekt und Bewunderung für diese letzte gewonnene Schlacht zu zollen. Arminius’ Gesicht verzog sich zu einem huldvollen Lächeln, während er mit jedem Einzelnen der Männer einige Worte wechselte. Seine Kleidung war dunkel von Blut, aber offensichtlich war es nicht seines. Er ist nicht nur auf dem Geschützturm geblieben, sondern hat wieder mit dem Schwert in der Hand selbst mitgekämpft, dachte ich, aber weiter oben am Wall, bei den Cheruskern. Sein Blick wanderte zufrieden über das Hunderte Meter lange Schlachtfeld. Die Zahl der Toten war auf die Schnelle nicht erfassbar, aber ganz offenkundig ging sie erneut in die Tausende. Und das Nachspiel einer jeden kriegerischen Auseinandersetzung hatte bereits begonnen: Wehe den Besiegten! Die Sieger nahmen sich ihren Lohn, plünderten die Gefallenen, töteten skrupellos die Verletzten und setzten gefangen, bei wem es lohnte. Dann blieb meines Vaters Blick kurz an den noch immer Kämpfenden vorne am Handelsweg hängen. Er gab einige Anweisungen und sofort sammelten seine Hauptleute zusätzliche Kriegermannschaften, um sie als Verstärkung gegen das verbliebene Häuflein von Varus’ Legionen zu führen. Schließlich entdeckte er mich, da ich mittlerweile mit den beiden Hagalianern auf dem Wall stand, und er ritt mir entgegen. Katwalda, Malcolm und Inguiomer folgten ihm. Ich war mehr als gespannt darauf, was es mit Marbods Nachricht auf sich hatte. »Auch weiter oben am Wall konntet ihr das letzte Aufgebot zurückschlagen, wie ich sehe«, rief er mir zu. »Und du bist unverletzt geblieben.« Ich nickte und wartete, bis er von seinem Pferd gestiegen war und mit Malcolm im Schlepptau vor mir stand. »Ja. Du auch, wie ich sehe. Es war ein überraschend hartes Ringen. Sie sind zäh, das muss man ihnen lassen. Nichts haben sie uns geschenkt, gar nichts. Ihre Anführer bliesen zum Rückzug, als die Truppen hier hinten kurz davor waren, uns am offenen Wallende zu überrennen. Es war reines Glück.« Arminius winkte ab. »Quatsch, Junge! So etwas gibt es nicht. So oder so hätten wir sie überrannt.« Er wies auf Katwalda. »Schau mal, wen ich mitgebracht habe.« Er sprach deutsch mit mir. »Ja«, nickte ich. »Hast du Zeit gefunden, dir endlich diese Nachricht anzuschauen? Diese … Zettel?« Mein Vater drehte mich ein Stück zur Seite, sodass unsere Gesichter verborgen waren und nur noch Malcolm uns hören konnte. »Er ist wie wir«, sagte er leise, obwohl er deutsch sprach und niemand sonst uns verstand. »Und doch anders. Ich weiß nicht, ob er noch … wie soll ich sagen … ganz richtig tickt.« Mit ernsten Augen sah er mich an. »Marbods Verdienste sind groß, keine Frage. Man hört erstaunliche Sachen von ihm. Er hat ein stehendes Heer aufgebaut, angeblich um die siebzigtausend Mann stark, eine Stadt gegründet, ein sehr fortschrittliches Warenhandelssystem errichtet. Einiges lässt sich besser erklären, nun, da wir wissen, wer er ist. Aber seine Nachricht ist höchst beunruhigend. Er hat andere Ziele als ich. Ganz andere. Ich fürchte, wir werden noch böse aneinandergeraten. Lies selbst!« Er reichte mir den Block aus der Zukunft. Ich hatte lange nichts Vergleichbares mehr gefühlt, nur kurz heute Morgen, und so beließ ich meine Finger länger als nötig auf der vollkommen glatten Papieroberfläche. Ich klappte den ersten Zettel zurück und las den folgenden Text: »Herzlichen Glückwunsch zu diesem wichtigen Sieg, Arminius. Doch hier darf der Weg nicht enden, hier muss etwas Neues, etwas Aufregendes beginnen.« Die Zettel waren klein und so musste ich ein weiteres Mal umblättern. Gebannt las ich die Worte, die etwa den halben Block ausfüllten. »Bevor ich zu viel verrate, möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Marko Bodewig. Geboren wurde ich im Jahr 2008 in Kassel und ich besuchte die vierte Klasse der Grundschule, bevor ich im Sommer des Jahres 2018 durch die Hand Gottes und gemeinsam mit meinem Vater in diese Welt gezogen wurde. Anfangs davon überzeugt, in eine Art Himmel gelangt zu sein, wurde uns recht schnell klar, dass wir unser irdisches Dasein fortführten, nur unter neuen Bedingungen. Ausgerüstet mit einem solarbetriebenen Megaphon und einer Erste-Hilfe-Box der Feuerwehr sowie einzig den Kleidern, die wir am Leibe trugen, wanderten wir durch die unberührte Wildnis. Mein Vater, fest in seinem Glauben an Gott den Allmächtigen, kannte sich leidlich mit dem aus, was die Natur an Essbarem zu bieten hatte, und so litten wir zumindest nicht den allerschlimmsten Hunger. Bald schon trafen wir auf Menschen. Sie waren Wilde, ohne Zweifel, doch sehr aufmerksam, hilfsbereit und zuvorkommend. Sie jagten Biber, deren Felle sie begehrten, und hatten sich weiter als sonst üblich von ihrem eigentlichen Heimatsitz entfernt. Da wir ganz offensichtlich Hilfe benötigten, bekamen wir diese von ihnen. Heute weiß ich, dass es um das Jahr 20 vor der Geburt unseres Herrn Jesus Christus gewesen sein muss, als sich diese Dinge ereigneten. Nun, um es abzukürzen: Die Jäger fanden ihre Biber und zogen bald darauf mit uns in ihre Heimat zurück, ein Gebiet weitläufiger Ebenen, umgeben von Hügelketten und von einer Vielzahl von Flüssen durchzogen. Mein Vater machte sich im Volk der Markomannen, den ›Grenzlandmännern‹, wie sie allgemein genannt werden, rasch einen Namen, da der Herr ihn mit vielerlei Kenntnissen und großem handwerklichen Geschick ausgestattet hatte. Das erste Jahr war kaum vorüber, da wurde er bereits hoch geachtet. Das Megaphon brachte ihm den Beinamen ›Donnerstimme‹ ein und er übernahm die Stammesführung. Er führte das Kummet ein, die Dreifelderwirtschaft, baute Wind- und Wassermühlen.« Kurz unterbrach ich mein Lesen. »Was ist ein Kummet?«, fragte ich. »Ich wusste, dass du das fragst«, antwortete mein Vater. »Hab so was mal in Albanien gesehen, deswegen weiß ich das zufällig. Es ist so ein mit Leder gepolsterter Zugring um den Pferdehals. Nur wegen dieser Dinger haben die Bauern die lahmarschigen Zugochsen ablösen können, eigentlich aber erst im Mittelalter. Dieser Bodewig war ein schlaues Kerlchen.« Ich nickte. Das Vorgehen der Bodewigs erinnerte mich an meine Hilfestellung bei Skrohisarn damals. Ich las weiter. »Meinem Vater war meine Bildung stets sehr wichtig. So setzte er meine schulische Ausbildung auch ohne entsprechende Lehrmittel und rein aus seinem Gedächtnis fort. Er sorgte sogar dafür, dass auch die markomannischen Kinder das Rechnen und Schreiben erlernten, und ersparte es sich nicht, das Wort des Herrn unter die Heiden zu bringen. Ganz im Gegenteil – er sah es als seine persönliche Mission, als seine heilige Pflicht an, diese guten Menschen in den Schoß Gottes zu führen. In Abwesenheit eines echten Priesters weihte er sich selbst und führte das Sakrament der Taufe ein, nachdem er immer mehr der Heiden zum wahren Glauben bekehren konnte – und das, obwohl der Heiland noch gar nicht geboren war. Die Wege des Herrn sind doch wahrlich wundervoll! Doch der Frieden war nur von kurzer Dauer. Römische Truppen sorgten ständig für Unruhe. Sie vertrieben die benachbarten Hermunduren, siedelten ganze Dörfer um, brachten Krieg und Unheil. Auch die Markomannen konnten sich dem nicht entziehen. Bei einer Strafaktion wurden die Kinder der Edelinge als Geiseln nach Rom gebracht, um durch eine entsprechende Erziehung romanisiert zu werden. Fast sieben Jahre lebte auch ich dort und errang in dieser Zeit die Gunst des Princeps Augustus höchstpersönlich. Wegen meines außergewöhnlichen Verstandes und meiner Redegewandtheit suchte er stets das Gespräch mit mir und erfüllte mir schließlich jeden Wunsch. Im Jahre 10 vor der Geburt unseres Herrn Jesus Christus kam ich als junger Mann zurück und fand meine neue Heimat immer noch im Kampf gegen die Römer vor, schlimmer denn je. Der Feldherr Drusus ging gnadenlos gegen uns und befreundete Stämme vor, zwang uns in seine Knechtschaft. Mein Vater lag zu diesem Zeitpunkt im Sterben und trug mir auf, sein Werk, die Missionierung der Markomannen, fortzuführen und die wirtschaftliche Kraft des Volkes zum Wohle aller zu steigern. Dazu sollte ich das Volk nach Osten führen, in die fruchtbaren Ebenen zwischen Elbe, Moldau und Donau. Und so tat ich es. Ich gehorchte dem letzten Wunsch meines geliebten Vaters und machte mich daran, einen modernen Staat mit christlichem Leitbild aufzubauen, beschützt durch ein stehendes Heer, regiert aus einer echten Stadt, der ich meinen Namen gab: Marobodum.« »Marobodum?«, fragte ich meinen Vater. »Offenbar hat er sich selbst bereits zu Lebzeiten ein Denkmal gesetzt.« »Tja, ganz schön selbstverliebt, dieser Kreuzfahrer, was? Aber lies weiter, das Beste kommt erst noch.« Ich wandte mich den letzten Zettelchen zu. »Saturninus, den ich aus meiner Zeit in Rom sehr gut kenne, erzählte mir vom furchterregenden Bliksmani, der über Blitz und Donner zu gebieten vermag. Von Agelhari, dem Ersten unter den Ersten bei den Langobarden, erfuhr ich noch mehr über dich und deine Fähigkeiten. Vertrauenswürdige Söldner, die mir unterstehen und bei den Römern als Hilfstruppen dienen, berichteten mir von deinem Aufstieg in Varus’ Legionen. So hatte ich in den letzten Jahren stets aus der Ferne ein Auge auf dich gerichtet. Vielleicht können unsere Wege in Zukunft nebeneinander verlaufen, Arminius. Gemeinsam haben wir die einmalige Gelegenheit, meine Erfolge, die ich bei den Markomannen erzielte, auch auf die Menschen der anderen Stämme zu übertragen. Ich habe hierbei bereits große Fortschritte gemacht – Hermunduren, Quaden, Semnonen, Gothonen, ja, sogar Teile der keltischen Lugier zähle ich bislang zu meinem Stammesbund, darunter auch die Vandalen. Denn sind wir am Ende nicht allesamt Gottes Kinder? Mit deiner Fähigkeit, die militärischen Kräfte der Stämme zwischen Rhein und Elbe, Nordsee und Alpen zu einen, kombiniert mit meinen Möglichkeiten sowie den Stämmen östlich der Elbe, können wir ihnen allen das Reich Gottes bringen. Was für eine unglaubliche Chance, nicht wahr?« Ich schluckte. Das Reich Gottes? Als ob die Leute keine anderen Sorgen hatten! Mich beschlich das Gefühl, die Worte eines Irren zu lesen, auch wenn jeder einzelne Buchstabe sehr sorgfältig und offensichtlich mit einem Hang zur Präzision geschrieben worden war. Ich hatte keine Ahnung, worauf dieser Marbod hinauswollte. »Ich schlage deshalb einen Zusammenschluss unserer Kräfte vor und einen Friedenspakt mit Rom. Der Heiland braucht Schutz – und zwar im Heiligen Land. Wir müssen dringend reden. Bitte gib Katwalda deine Antwort mit. Ich vertraue ihm. Auch ein persönliches Treffen ließe sich bewerkstelligen, obgleich ich annehmen möchte, dass es derzeit zu viele andere Dinge gibt, die deine Aufmerksamkeit erfordern. Hochachtungsvoll und voller Respekt, MARko BODewig, König der Markomannen und vereinigten Völker.« »Der Heiland braucht Schutz?«, fragte ich verwirrt. »Meint er das, was ich denke?« Mein Vater nickte und Malcolm starrte mich mit undurchdringlicher Miene an. »Ich denke schon. Wen sollte er sonst meinen? Jesus von Nazareth dürfte zu diesem Zeitpunkt ein Knabe sein. Die Geburt des Christentums steht erst noch bevor. Verstehst du jetzt, was ich meine? Dieser Marbod will versuchen, Jesus zu beschützen, sicherlich vor den Römern. Er will nach Jerusalem oder Palästina oder was weiß ich, wohin. Und er braucht mich und meine Waffen dafür.« Malcolm verzog grimmig das Gesicht. »Und?«, fragte ich. »Was hältst du von diesem Vorschlag? Liegt ja irgendwie nahe, auf so eine Idee zu kommen, oder?« Arminius knurrte leise. »Nur, wenn einem dieser Christenmessias irgendetwas bedeutet. Ich habe in meinem Leben andere Erfahrungen gemacht – nämlich, dass man solchen Leuten niemals trauen kann! Meistens nutzen sie ihre Religion bloß, um Dummheiten und Gräueltaten in ihrem Namen durchzuführen, nicht, um solche zu verhindern. Dabei fühlen sie sich auch noch stets im Recht.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe andere Sorgen, wie du dir denken kannst. Und eine ist gerade dazugekommen. Er ist sehr mächtig, wie du eben gelesen hast. Sein Einfluss reicht weit. Er gebietet offenbar bereits über mehr Stämme als ich dachte. Wir müssen klug vorgehen. Ich kann Marbod nicht vor den Kopf stoßen. Ein Zweifrontenkrieg ist selbst für mich zu viel. Rom genügt fürs Erste als Gegner, ich brauche Ruhe und Frieden im Osten und keine Markomannenarmee in meinem Rücken. Also muss ich einen Weg finden, diesen selbst ernannten König und angehenden Retter des Heilands ruhigzustellen.« »Und wie willst du das anstellen? Für mich hört sich sein Geschreibsel wie das eines überheblichen und selbstgefälligen, aber sehr klugen und mächtigen Herrschers an. Er wird sich von dir nicht an der Nase herumführen lassen.« Mein Vater rieb sich nachdenklich das Kinn und sah kurz zu Katwalda hinüber, der mit Inguiomer in ein Gespräch vertieft war. Vom Weg erklangen immer noch das Geschrei der Sieger und der Flüchtenden sowie das Rasseln und Scheppern von aufeinanderkrachendem Metall. »Dieser Katwalda darf keine unserer Waffen oder sonstiges Zeug aus der Zukunft aus der Nähe sehen. Er soll seinem Herrn nicht mehr berichten können, als dass wir hier und heute einen großartigen Sieg über die Römer errungen haben.« »Aber er hat schon so einiges mitbekommen«, gab ich zu bedenken. »Unsere Waffen lassen sich nicht vor ihm verheimlichen. Und sie sind Zeichen deiner Macht, die Marbod fürchtet. Schließlich weiß er ja bereits davon.« Mein Vater verzog den Mund und starrte in die Ferne. »Du hast recht. Außerdem gefährden wir nur unseren Sieg, wenn wir Rücksicht nehmen müssen. Vielleicht sollte ich ihn einfach töten.« Malcolm nickte zustimmend. Doch auch hier widersprach ich. »Das wäre unklug. Du würdest dir Marbod ohne wirklichen Grund jetzt schon zum Feind machen.« »Ich sollte dich zu meinem persönlichen Berater ernennen, Leon. Was also schlägst du vor?« Ich zuckte die Schultern. »Bekunde Marbod deinen Respekt und versuche gleichzeitig, Zeit zu schinden«, sagte ich leichthin. Mein Vater sah mich skeptisch an. »Aha. Und wie stelle ich das am besten an?« Erwartungsvoll betrachtete er mich. Dann hatte ich eine schelmische Idee, die nicht ganz ernst gemeint war: »Schick ihm doch deine neue Leibgarde. Natürlich nur mit einer einzigen Waffe. Sie könnten sein Vertrauen gewinnen und herausfinden, was er vorhat. Und zu gegebener Zeit handeln.« Ich warf einen entschuldigenden Blick auf Malcolm, konnte mir ein freches Grinsen aber nicht verkneifen. Dieser runzelte nur ärgerlich die Stirn, sagte aber immer noch nichts. »Unsinn, Junge! Klamauk ist das Letzte, was ich jetzt gebrauchen kann. Und ganz sicher tue ich nichts, was Marbod stärken wird. Ich brauche diese … diese Hagalianer.« »Ich habe eine bessere Idee«, meldete sich Malcolm nun notgedrungen doch zu Wort. »Übersende ihm die Leiche. Varus’ Leiche.« Mein Vater sah Malcolm forschend an und dachte darüber nach. »Ja, gute Idee. Viel mehr nach meinem Geschmack. Eigentlich steht geschrieben, es sei nur der Kopf, den ich Marbod schicke. Aber ich muss mich ja nicht an alles halten, nur weil ein Römer es so aufgeschrieben hat. Vielleicht sollte ich sogar gerade deswegen versuchen, die Dinge anders zu machen. Einfach nur, um zu sehen, ob es klappt. Der tote Varus ist der untrügliche Beweis meiner Macht, welcher gleichzeitig die Botschaft spiegelt, was mein Ziel ist: die Römer zwischen Elbe und Rhein zu besiegen.« »Marbod könnte ihn aber auch als Warnung verstehen, dir nicht in die Quere zu kommen«, sagte ich und warf Malcolm einen argwöhnischen Seitenblick zu. »Ich glaube nicht, dass du ihn auf diese Weise ruhigstellst.« »Wir brauchen ihn nicht zu fürchten«, knurrte Malcolm. »Wir könnten ihn jederzeit in einer Kommandoaktion ausschalten, wenn wir es wollten. Zeigen wir ihm unsere Macht und Stärke und halten nicht hinterm Berg damit. Oder meinst du etwa, all die Schüsse und Explosionen wären seiner Abordnung verborgen geblieben? Sie werden über alles berichten, sobald sie zurück sind. Wir sollten Stärke demonstrieren und nicht Schwäche vortäuschen. Eine klare Linie fahren.« Ich lachte leise. »Kommandoaktion? So wie ihr euch gleich in der ersten Nacht von den Römern habt gefangen nehmen lassen? Tut mir leid, aber ich habe nicht gerade grenzenloses Vertrauen in euer Können. Mir gefällt die umsichtige und vernünftige Denkweise meines Vaters wesentlich besser.« »Das zählt doch gar nicht!«, wurde Malcolm jetzt wütend. »Wir waren neu und haben einen einzigen Fehler gemacht. Das passiert uns nicht wieder.« »Ach nein? Seid ihr jetzt nicht mehr neu in dieser Welt, oder was? Nach diesen paar Tagen? Und apropos Fehler: Die Cherusker habt ihr ja schon gegen euch aufgebracht. Für mich klingt das nicht unbedingt nach einem großen Erfolg.« Ich wandte mich direkt an meinen Vater. »Diesen Marbod zu provozieren, ist nicht klug. Daraus kann nur Unheil erwachsen. Siehst du denn nicht, was passiert? Genau an dieser Stelle haben wir tatsächlich die Chance, den Lauf der Geschichte zu ändern. Schick ihm statt Provokationen eine versöhnliche Geste, damit der Frieden gewahrt bleibt zwischen ihm und uns. Ich bitte dich! Wenn du das jetzt tust, wird genau das eintreffen, was in den Geschichtsbüchern steht, und Marbod wird dein großer Widersacher, ein arger Feind für dich. Merkst du nicht, dass diese Hagalianer nur das Gegenteil von dem erreichen, was sie sich eigentlich vorgenommen haben? Sie wollen den Lauf der Dinge ändern, um dich zu beschützen, doch ihr Einfluss auf dich und ihre Entscheidungen führen dazu, dass es genau so kommt wie erwartet.« »Genug!«, unterbrach mein Vater unser Gezänk. Er hob abwehrend die Hände und trat einen Schritt zurück. »Leon, dein Gequatsche über das Schicksal und so geht mir allmählich auf den Geist. Ich war immer ein Mann der Taten. Das werde ich auch bleiben. Daher habe ich mich gerade entschieden – für die klare Linie!« Enttäuscht sah ich meinen Vater an. Soviel also zum Thema Vernunft. Malcolm warf mir einen triumphierenden Blick zu. »Holt mir Varus – oder was von ihm übrig ist! Den ganzen verdammten Leichnam, auch wenn er bis zur Unkenntlichkeit verbrannt ist! Leon, du weißt, an welcher Stelle im Lager er zu finden ist. Wenn wir Glück haben, ist das Antlitz des hochwohlgeborenen Edelmannes noch erkennbar. Malcolm, du begleitest ihn! Nehmt auch Inguiomer sowie ein paar Krieger mit. Und Katwalda. Dann kann er aus erster Hand von unserem vernichtenden Schlag gegen die Weltmacht Rom berichten.« Mit diesen Worten nahm er seine Waffe, winkte Viper und Geronimo zu sich heran und schritt weit ausholend auf die versprengten Scharmützel rund um den alten Handelsweg zu. Als er an Inguiomer und Katwalda vorbeikam, rief er ihnen etwas zu, woraufhin sie sich in unsere Richtung in Bewegung setzten. Malcolm und ich starrten uns einen unbehaglichen Moment lang an. Schließlich seufzte ich und baute mich trotzig vor ihm auf. »Mir gefällt das alles nicht«, knurrte ich ihn an. »Du magst ihn um den Finger gewickelt haben, aber das wird dir bei mir nicht gelingen.« Malcolm musterte mich abschätzig. »Hast du in deinem früheren Leben zu viele Filme geguckt, oder was? Niemand will dich um den Finger wickeln. Dafür bist du viel zu unwichtig. Ich brauche nur zu schnippen – und du bist tot. Kapier das mal!« Mit einem widerwärtigen Geräusch zog er Rotz hoch und spuckte mir einen fetten gallertartigen Klumpen direkt vor die Füße. Anschließend wandte er sich um und stapfte in Richtung des Handelsweges davon. Erschrocken starrte ich ihm hinterher. »Du Arsch drohst mir nicht!«, zischte ich leise, dann setzte auch ich mich in Bewegung. Wahre Jagdszenen spielten sich im Engpass vor dem Folkobeek ab. Die letzten Überlebenden liefen, nein, sie stolperten um ihr Leben. Kaum jemand entkam. Der tiefe, sumpfige Schlamm, durchsetzt von dem niedergetrampelten Gras und Farn, bremste die Bemühungen der Flüchtenden und saugte mit tödlicher Gier an ihren Füßen, so, als wolle er sie nicht wieder hergeben. Egal, wohin ich schaute, meist dauerte es nicht lange, bis schließlich ein Wurfspeer die oftmals zerschundenen und aus vielerlei Wunden Blutenden niederstreckte. Einige wagten die Flucht vor dem Gemetzel in kleinen Gruppen, doch auch das nützte den wenigsten. Viele wurden von johlenden und waffenschwingenden Kriegergruppen direkt ins tödliche Moor getrieben, nicht ohne vorher einen Speer über ihre Köpfe zu werfen und so ihre Weihung an Wodan nochmals zu bekräftigen. Das ungeheuerliche Blutbad neigte sich dem Ende entgegen. Überall sah ich blutüberströmte Verwundete, die wieder zu Bewusstsein kamen und versuchten, sich inmitten der Leichenberge zu erheben. Umherstreifende Stammeskrieger, die sich von den letzten Scharmützeln abgewendet hatten, um ihre Belohnung in Form von Beute zu kassieren, schlugen sie sofort und gnadenlos nieder. Besonders grausig war der Anblick derjenigen, die zur Flucht nicht mehr fähig waren und ihre Nacken und Kehlen entblößten in der Hoffnung, ein schnelles Ende zu finden ohne weitere Qualen und Leiden durch Folter. Wahre Leichenberge türmten sich überall dort auf, wo die Frontsoldaten der römischen Einheiten als Ganzes von ihren Hinterleuten über bereits Gefallene geschoben worden waren oder sich zurückgezogen hatten. Die blutigen Körper auf dem Boden ließen die noch lebenden Kameraden stolpern oder ins Rutschen geraten und so zu leichten Zielen werden. So waren ganze Hügel aus Leichen entstanden, auf denen sich die Toten beider Seiten stapelten. Ihr Anblick war schauderhaft. Dicht an dicht, in tödlicher, fast friedvoll anmutender Umarmung, mit zerschlagenen Schilden, entzweigebrochenen Speeren und den gezückten Schwertern ruhten sie nun hier, bis jemand sich erbarmte, ihnen ein ordentliches Begräbnis zu gewähren. Unser Weg führte uns mitten hindurch. Eine endlose Abfolge menschlicher Überreste, stets das gleiche Bild. Sie wiesen uns den Weg zum letzten Lager der Römer. Zeitweise stapften wir mit unseren Pferden durch einen Sumpf aus rotem Schlamm und Blutlachen. Die Zehntausenden Liter Blut, die hier vergossen worden waren, sprengten schlichtweg meine Vorstellungskraft. Je näher wir dem Lager kamen, welches ein paar Kilometer östlich des Engpasses lag, desto größer wurde die Totendichte. Die Nachhut der Varus-Truppen war hier früher am Tag niedergemetzelt und das hastig und behelfsmäßig hergerichtete letzte Marschlager überrannt worden. Nun lag es in Trümmern. Stammeskrieger fledderten zur Stunde immer noch alles Verbliebene, während gleichzeitig einige Chatten die Prätorianer-Ehrenwache des Varus, die wohl letzten Überlebenden, niederhauten. Ohne uns allzu sehr um das Geschehen ringsum zu kümmern, ritten wir langsam die Hauptstraße des Lagers in Richtung der zentral gelegenen notdürftigen Kommandantur entlang. Die kleine Prätorianergruppe hatte den Angreifern nichts entgegenzusetzen. Ein paar der Elitesoldaten wurden schließlich gefangen genommen. Die Chatten schlugen sie mit langen, dünnen Stangen halb tot oder brachen ihnen die Knochen, stachen mit Lanzen in ihre Gliedmaßen oder verbrannten ihnen die nackten Rücken mit dem Feuer einiger Fackeln. Die Schreie der Gequälten gellten weithin hörbar. Jemand fing ein Maultier ein und band sogleich ein Seil um dessen Hals sowie um den Fuß eines Gefangenen. Unter lautem Johlen und Gegröle wurde das Tier nun durchs Lager getrieben und schleifte den sich heftig wehrenden, aber chancenlosen Mann mit sich. Jedes Mal, wenn der Geschundene zu nahe an den Stammeskriegern vorbeikam, schlugen und stachen diese nach ihm, warfen Steine oder anderes gefundenes Material der Truppen, einer gar einen Kessel. Ein weiterer, der fortzukriechen versuchte, um nach irgendetwas zu greifen, wurde mit Knüppeln geschlagen. Die Grausamkeiten kannten keine Grenzen. Ein paar der Soldaten wurde die Uniform unsanft vom Leib geschnitten, ohne allzu sehr darauf zu achten, ob man Tuch oder Fleisch traf. Anschließend wurden die Blutüberströmten nackt durch die noch schwach glimmenden Feuer der Scheiterhaufen getrieben, immer und immer wieder – nur zur Belustigung der siegreichen Krieger. Der Geruch ihrer versengten Körper hing schwer in der Luft. Auch ihre grausigen Schreie hallten durchs gesamte Lager. Ich wandte mich dem Holzstoß zu, in dem die Leiche des ehemaligen Statthalters lag. Er war relativ früh erloschen, so wie auch die anderen. Offenbar hatte man nach dem erfolglosen Verbrennungsversuch bei Regen den Haufen mit Erde überdecken wollen, doch auch dies war nicht beendet worden. »Das ist er.« Ich wies auf den Holzstoß und Inguiomer und Malcolm nickten. Nur Katwalda schien mir nicht zuzuhören. Er war deutlich erkennbar überrascht. Während wir auf den Scheiterhaufen des Varus zumarschierten, sprach ich ihn an. »Warum schaust du so? Hast du etwas anderes von den Männern erwartet?« Katwalda registrierte mit kurzer Verzögerung, dass ich ihn angesprochen hatte. »Nein, nein. Es ist das Recht der Sieger, mit den Besiegten zu verfahren, wie sie es wünschen. So war es immer und wird es auch immer sein. Nein, mich verwundert, wie umfassend und vollständig Arminius’ Sieg ist. Der Princeps, der Senat in Rom – sie werden toben vor Wut und die geballte Kraft des Imperiums gegen euch Aufständische schicken, wenn sie von dieser Niederlage erfahren, soviel ist sicher. Es gibt bloß einige Hundert Überlebende, wenn überhaupt.« »Hast du Angst, dein Herr Marbod könnte sich, wenn er sich mit Arminius verbündet, für die falsche Seite entscheiden? Für ein sinkendes Schiff?« Katwalda runzelte die Stirn. »Deine Wortwahl ist ansprechend, Witandi Aaroga. In der Tat – diese Schlacht hat dein Vater gewonnen, doch den ganzen Krieg? Augustus wird neue Legionen schicken, schon allein um die Schmach der verlorenen Adler zu tilgen. Und sein Nachfolger ebenfalls und dessen wiederum … Was ich sagen will: Werdet ihr einen solch langwierigen Krieg gegen einen so mächtigen Gegner durchstehen?« Er wiegte abschätzend das Haupt. »Ein bisschen weniger Sieg hätte es vielleicht auch getan und wäre einem langfristigen Friedenspakt sicher zuträglicher gewesen, meinst du nicht auch?« Das war tatsächlich ein interessanter Gedanke, wie ich fand. Ein bisschen weniger Sieg … Je mehr wir die wilde Bestie Rom reizten, desto umfassender wurde der Wunsch nach Bestrafung und Rache für uns. Bisher war die Denkweise gewesen, einen Sieg so total wie nur möglich davonzutragen, um Rom abzuschrecken und dauerhafte Freiheit zu erlangen. Aber erreichten wir dadurch nicht genau das Gegenteil? Seine Gedanken stimmten mich nachdenklich. »He, ihr da! Verschwindet, wir müssen da mal ran!«, rief ich einigen Chatten zu, immer noch unter dem Eindruck des eben von Katwalda Gesagten. Diese verdammten Chatten hatte ich noch nie gemocht. Auch an Varus’ Scheiterhaufen hatten sich welche zu schaffen gemacht, natürlich ohne zu wissen, wessen Leichnam sie da vor sich hatten. Sie waren gerade dabei, die kokelnden Holzstöße auseinanderzuziehen, um sich auch hier mit der Folterung einiger Gefangener zu vergnügen. Die Gruppe von etwa einem Dutzend Kriegern musterte uns feindselig. »Sucht euch einen anderen Spielplatz!« Damit wandten sie sich wieder ihren Tätigkeiten zu. Die völlig verdreckten und aus zahlreichen Wunden blutenden Römer betrachteten uns aus ängstlichen, aber hoffnungsvollen Augen. Inguiomer sprang helfend ein. Er war ein bekannter Anführer der benachbarten Cherusker und ein Bruder des Segimer. Sein Wort hatte entsprechendes Gewicht, auch wenn Chatten und Cherusker oft in Zwietracht miteinander lagen. »Wir sind im Auftrag des Arminius hier, um einen Leichnam zu bergen. Lasst uns unsere Arbeit tun!« Sofort betrachtete einer der Chatten, wohl der Anführer, den Scheiterhaufen argwöhnisch. Es war ihm regelrecht anzusehen, wie es in seinem Kopf klick machte. »Es gab Gerüchte, dass ihr oberster Häuptling, dieser Varus, tot sei, sich selbst umgebracht hätte. Aber wir konnten es nicht glauben. Was wäre das für ein Häuptling, der seine Männer in einen Kampf ziehen lässt, dem er selbst entflieht?« Er machte ein paar Schritte auf den Holzstoß zu und bückte sich ein wenig, um zwischen die dicken angebrannten Bohlen schauen zu können. Er pfiff leise durch die Zähne. »Dieser prunkvolle Mantel, die Rüstung! Das könnte er tatsächlich sein!« Er richtete sich wieder zu seiner vollen Größe auf. »Ich sag euch was: Richtet Arminius aus, dass wir Varus als Trophäe behalten! Brukterer und Marser, ja, sogar die Chauken haben die Adler«, sagte er verächtlich. »Wir haben nichts. Wir nehmen dafür den Häuptling, bringen ihn ins Dorf von Actumeri und spießen diese Natter auf einen baumhohen Pfahl, damit er seine toten Augen über das ganze Land, das er begehrte, schweifen lassen kann.« Er gab seinen Männern ein Zeichen. Sofort fingen diese in einer wahnwitzigen Geschwindigkeit an, den sorgsam aufgeschichteten Holzstoß auseinanderzureißen. Inguiomer hob energisch die Hand. »Halte ein, Chatte! Wir sind auf direkten Befehl des Arminius hier. Wenn ihr nicht sofort …« Der Chatte sowie ein paar seiner Leute kamen drohend auf uns zu. Sie umklammerten ihre Stoßlanzen fester. Aus dem Augenwinkel sah ich, wie ihre römischen Gefangenen die Chance erkannten und davonliefen. Niemand folgte ihnen und der Zorn des Chatten wuchs umso mehr. »Ein paar Tote mehr oder weniger – wer zählt sie heute schon?«, zischte er und machte eine unmerkliche Handbewegung. Katwalda neben mir zuckte zusammen. »Malcolm«, sagte ich bloß und griff gleichzeitig nach Waffe und Funkgerät. Vielleicht war das verdammte Ding ja doch zu etwas nütze, denn bisher hatte ich es nicht wirklich oft gebrauchen können. So weit kam ich jedoch nicht. Während ich es noch aus der Tasche fummelte und vorsorglich einen Warnschuss in die Luft abgab, zielte der Hagalianer auf den Anführer der Chatten – und erschoss ihn! Die Kugel schlug dem Krieger mitten in die Brust und warf ihn mehrere Schritte nach hinten. Entsetztes Schweigen. Jedes erdenkliche Augenpaar war in diesem Moment auf uns gerichtet. Wie in Zeitlupe wandte ich meinen Kopf zu Malcolm um. »Doch nicht töten, du schießwütiges Arschloch!«, keuchte ich. Im nächsten Augenblick setzten sich die etwa einhundert Chatten, die das Lager plünderten, in Bewegung. Von allen Seiten kamen sie angerannt. Es würde nur wenige Sekunden dauern, bis sie uns erreichten. »Was hast du getan, du Idiot?« Ich riss mein Pferd herum und gab Warnschüsse in alle Himmelsrichtungen ab. Endlich merkte auch Malcolm, was er uns für einen Bärendienst erwiesen hatte, und tat es mir nach. Diesmal achtete er peinlich genau darauf, niemanden zu erschießen. »Ich dachte, das schreckt sie ab«, rief er mir zu. »Falsch gedacht!«, brüllte ich zurück und gab immer wieder Schüsse ab, bis die Ersten in sicherer Entfernung endlich stehen blieben. »Diese Männer fürchten den Tod nicht, sie suchen ihn sogar in der Schlacht! Du kannst sie nicht abschrecken. Für sie ist es das Größte, im Zweikampf zu sterben. Jetzt bleiben sie auch bloß stehen, weil sie nicht ehrlos abgeschossen werden wollen wie fliehende Kaninchen.« Mühsam hielten wir die Chattenkrieger in Schach, während Inguiomer und die Cherusker die Arbeit der Chatten im Eiltempo fortsetzten. Je mehr Holz sie wegräumten, desto deutlicher offenbarte sich, dass der Regen am frühen Morgen das Feuer schon im Ansatz erstickt haben musste. Die unteren Holzbohlen waren stark verbrannt, aber der Leichnam des Varus war lediglich stellenweise angekokelt. Er war mehr oder weniger intakt. Doch die Chatten drängten immer näher heran. Sie schäumten vor Wut, vereinzelt schleuderten sie Wurfspeere auf uns, zumeist blieb es aber bei üblen Beschimpfungen und Schmähungen. Gemeinsam zerrten die Cherusker die Leiche aus dem Holzstoß und ließen sie in den Schlamm klatschen. Die Chatten wurden jetzt immer wütender. Ein paar Steine flogen. Die meisten richteten keinen Schaden an, doch einer traf Katwalda an der Brust. Jammernd vor Schmerz krümmte er sich auf dem Pferderücken zusammen. »Wir haben keine Zeit mehr, wir müssen los!«, rief ich Inguiomer zu. Unschlüssig schaute dieser auf den Leichnam, dann auf die vor Wut schäumenden Chatten. Er fällte eine Entscheidung. Einer seiner Cherusker packte Varus und warf ihn auf eine der Holzbohlen, sodass sein Oberkörper und Kopf darauf zum Liegen kamen. Inguiomer zog sein Schwert, zielte kurz und hieb kraftvoll auf den Nacken des römischen Edelmannes ein. Die Klinge schnitt nicht ganz sauber durch den Hals, sondern blieb irgendwo in der Schulter stecken. Er musste heftig daran rütteln, um sie wieder frei zu bekommen. Die Chatten brüllten noch zorniger. Inguiomer stellte sich in einem exakt rechten Winkel zu dem Toten auf und schlug erneut zu. Er verfehlte jedoch den ersten Schnitt und hackte eine neue Kerbe ein Stück darüber. Wiederum ging der Schlag nicht ganz durch. Eilig zerrte er sein Schwert nochmals aus der Wunde und schlug ein drittes Mal zu. Endlich hatte er den Kopf des Statthalters abgetrennt. Dieser fiel träge in den Schlamm, wo er noch eine halbe Drehung machte und mit dem Gesicht nach unten liegen blieb. Inguiomer schob sein Schwert in die Scheide, bückte sich und packte den Schädel, indem er in den offen liegenden Hals hineingriff und seine Finger um die verbliebenen Halswirbel schloss, die fest mit dem Schädelknochen verbunden waren. Mit wenigen Schritten waren die Cherusker bei ihren Pferden und sprangen hinauf. Es war allerhöchste Zeit. Die Chatten ließen sich durch Warnschüsse kaum noch davon abhalten, uns anzugreifen. Lediglich die abschreckende Wirkung der donnernden Waffe, der aufspritzende Schlamm, wenn ich ihnen eine Kugel direkt vor die Füße schoss, und die damit einhergehende Furcht vor jedweder Magie hielt sie noch ab, uns sofort zu töten. Inguiomer presste Varus’ Kopf fest in seine Armbeuge, während er seinem Pferd die Hacken in die Seiten trieb. In vollem Galopp ließen wir den Scheiterhaufen hinter uns. Ich ließ Katwalda nicht aus den Augen und sah zu, dass er den Anschluss nicht verlor. Malcolm schoss auf zwei weitere Chatten, die versuchten, nach dem Zaumzeug von Inguiomers Pferd zu greifen, als er an ihnen vorbeipreschte. Krieger anderer Stämme, die ebenfalls im Lager plünderten, sahen unserem fluchtartigen Ritt erstaunt hinterher. Endlich ließen wir das ehemalige Lagertor hinter uns und befanden uns, soweit man das überhaupt sagen konnte, in Sicherheit. Wir waren gerade so entkommen! Wir nahmen den gleichen Weg zurück. Obwohl sich in mir alles dagegen sträubte, nahm ich weitere Details des Leichenfeldes wahr, das den Untergang dreier römischer Legionen darstellte. »Sieh nur, dort und dort! Überall!«, wies Malcolm auf einzelne Tote, deren Häupter seltsamerweise in der Erde zu stecken schienen. »Was meinst du, ist mit ihnen passiert?« Ich zuckte die Achseln. Katwalda, der sich wohl denken konnte, worüber wir sprachen, erklärte es mir. »Eine merkwürdige Eigenart einiger Römer: Statt sich das Leben mit einer scharfen Waffe zu nehmen, ziehen sie es vor, Gruben mit den bloßen Händen auszuheben, ihre Köpfe hineinzubetten und sich anschließend selbst mit Erde zu bedecken.« »Um zu ersticken?«, fragte ich überflüssigerweise. Der Gothone nickte und ich erklärte es Malcolm. Ich mochte mir nicht ausmalen, in welcher Verzweiflung diese Leute sich buchstäblich das eigene Grab geschaufelt hatten. Und doch gab es sicherlich Hunderte, wenn nicht gar Tausende, denen es noch schlimmer ergehen würde: den Bewegungsunfähigen. Sie würden langsam verbluten oder an Auszehrung sterben, des Nachts würde sie die Kälte heimsuchen, während die Wildtiere darauf lauerten, ein Festessen abzuhalten. Vor meinem inneren Auge sah ich schon die zahllosen Ratten, Krähen, Raben und Marder, die auf den Gesichtern der Gefallenen hockten, ihre Augäpfel herauspickten und an den Wundrändern nagten, während Füchse und Wölfe sich lieber am Muskelfleisch und den Innereien zu schaffen machten. Schließlich erreichten wir wieder das Vorfeld des Walls und hielten nach meinem Vater Ausschau. Er war weit und breit nicht zu sehen. Eine gebückte Gestalt zwischen den Toten, langsam in unsere Richtung humpelnd und mit einer ungewöhnlichen Erhebung auf ihrem Rücken, fiel mir ins Auge. Schnell erkannte ich, dass es sich dabei um die eigentümliche Alte mit den Strümpfen handelte. Und mir fiel ein, dass ich Malcolm noch nichts von ihren Worten erzählt hatte. Ich zeigte also auf sie. »Siehst du das alte Weib da hinten? Sie ist eine der Zauberinnen.« Malcolm blickte in die Richtung und zuckte mit den Schultern. »Sie sagte was davon, dass sie dich aufsuchen wolle.« Malcolm warf mir einen genervten Blick zu. »Warum? Was will die alte Schachtel von mir? Ich habe keine Zeit für irgendwelchen Hokuspokus. Ich muss Arminius wiederfinden.« »Sie hat es mir nicht gesagt«, entgegnete ich. »Ich wollte es dir auch nur ausrichten.« Ich ließ mich ein wenig zurückfallen, da ich keine Lust auf Malcolm an meiner Seite hatte. Dabei warf ich einen weiteren Blick auf die eigentümliche Erscheinung der Zauberin. Sie würde unseren Weg kreuzen, denn sie hielt jetzt in einem schrägen Winkel auf uns zu. Das Ding auf ihrem Rücken nahm immer weiter Gestalt an. Ich musste mein Auge aber schon arg anstrengen, um es auf die Entfernung genau erkennen zu können. Ich hatte zwar eine Ahnung, worum es sich handeln könnte, verwarf die Idee jedoch wieder, so abwegig war sie. Doch je näher wir kamen, desto mehr verfestigte sich mein Eindruck. Also packte ich mein Gewehr mit dem Zielfernrohr. Wie erwartet, brachte mir dieses aber nichts, solange ich auf dem schaukelnden Rücken eines Pferdes saß. Ich schüttelte den Kopf und schob die Waffe wieder zwischen meine Schulterblätter. Die Alte machte schließlich weiter vorne eine Pause am Wegesrand, wohl um abzuwarten, bis wir an ihr vorbeikamen. Dabei nahm sie dieses Ding von ihren Schultern und zurück blieb lediglich der Altersbuckel. Als sie es abstellte, erkannte ich es sofort. Ich hatte doch gleich gewusst, dass irgendetwas an ihr merkwürdig war! Trotzdem konnte ich meine Überraschung nicht gänzlich verbergen und gab einen entsprechend erstaunten Laut von mir. Malcolm drehte sich sogleich zu mir um, sah meinen Gesichtsausdruck und folgte meinem Blick. Dieser ruhte auf dem Gepäck der Alten. In Windeseile saugte ich die sichtbaren Details mit den Augen auf: Neben einer langen Stange, an der ein Bündel aus Ziegenhaut hing, lag ein halb geöffneter Rucksack! Er sah stark mitgenommen und ausgebleicht aus, als wäre er schon Jahrzehnte alt. Er war vielfach mit Leder geflickt und ausgebessert worden – aber er blieb ein Rucksack, aus irgendeinem Kunststoff der Zukunft gefertigt! Ich konnte sogar noch Reste seiner ursprünglichen Farben erkennen. Grün und Blau. Die innere Gummibeschichtung, die sicherlich für die Wasserundurchlässigkeit sorgte, war aufgerissen und zigfach geplatzt, aber offenbar erfüllte das alte Ding noch immer seinen Zweck. Die Frage war natürlich, woher die Alte ihn hatte? Vielleicht von Marbod oder seinem Vater? Malcolm machte sich wohl ganz ähnliche Gedanken, denn sofort lenkte er sein Pferd zu der Alten hin. Er hatte es sich wohl doch anders überlegt. Dann erst fiel ihm offenbar ein, dass er der Stammessprache – bis auf wenige Worte, die er in den letzten Tagen aufgeschnappt hatte – ja gar nicht mächtig war. Noch während er sich zu mir umdrehte, rief ich ihm schon zu: »Ich komme!« Natürlich war auch ich neugierig geworden. Die Alte hatte es sich zwischen ein paar niedergemetzelten Bogenschützen gemütlich gemacht. Der sie umgebende Gestank und der blutgetränkte Boden beeindruckten sie offensichtlich nicht. Sie hatte bloß einen Blick für Malcolm, auf dem ihre dunklen, leicht entzündet wirkenden Augen unentwegt ruhten. Mich beachtete sie gar nicht. »Mal!«, krächzte sie schließlich mit ihrer gebrochen klingenden Stimme. Eine seltsame Mischung aus Worten in Deutsch und der Stammessprache folgte: »Ich habe nichts anderes erwartet, als dass du dir bei den Stämmen schnell deinen Platz erkämpfst. ›Tretender Vogel‹ nennen sie dich jetzt also. Das ist lustig, weil du nie etwas für Vögel übrig hattest.« Sie gluckste leise. »Tretender Vogel, ich bin so froh, dich noch einmal sehen zu können. Ich habe nicht mehr viel Zeit hier, die Schatten winken bereits und zerren an mir. Ich habe dir ein …« »Halt!«, unterbrach ich die Alte. »Tredanfuglaz versteht kein Wort von dem, was du sagst. Ich muss es ihm erst übersetzen.« Sie nickte und ich tat es. Ihre Worte halfen jedoch nicht dabei, unsere Verwirrung aufzulösen. Malcolm zuckte die Achseln und knurrte etwas, in dem ich das Wort »Rucksack« erkannte. »Woher hast du das?«, fragte ich somit als Nächstes und wies auf das alte Ding. Doch sie ignorierte meine Frage, hatte immer noch bloß Augen für Malcolm. Plötzlich griff sie nach seinen Händen. Er wollte erst zurückzucken, besann sich dann aber eines Besseren. Es hätte recht albern wirken können, wenn er Angst vor der Alten zeigte. »Mal Whaley!«, krächzte sie erneut und fuhr in extrem holprigem, kaum erkennbarem Deutsch fort: »Mein Bruder! Ich bin es doch, Moira! Erkennst du mich denn gar nicht?« Nur wenige Male zuvor hatte ich jemanden von einer Sekunde zur nächsten so sehr in Schockstarre verfallen sehen. In Malcolms hartem, kantigem Gesicht erschlafften die Muskeln. Sein Kiefer klappte ein Stück auf, sein Blick wurde einen Moment lang schwammig. Wie ein Karpfen, der nach Atem rang, kam nur langsam wieder Bewegung in seine Züge. Sein Mund öffnete und schloss sich ein paarmal, allerdings ohne dass er dabei auch nur einen Ton produzierte. Ich wusste zwar nicht, was hier vor sich ging, hatte auch keine Ahnung, ob Moira tatsächlich Malcolms Schwester war, und wenn ja, was sie an diesem Ort tat, aber so wie die beiden sich anstarrten, beschlich mich das Gefühl, dass auf meine Dienste ab sofort verzichtet werden konnte. Ich hob die Hände und trat einen Schritt zurück. »Das klärt ihr am besten unter euch. Ihr braucht mich ja wohl nicht zum Dolmetschen.« Es war schon erstaunlich: An einem einzigen Tag erfuhr ich von der Existenz zweier weiterer Zeitreisender! Das alles war nur noch irrsinnig. Ich verstand es nicht. »Ich habe den Kampf um die Urquelle nicht gewonnen, lieber Bruder«, klagte Moira plötzlich. Ich sah mich erneut nach ihr um. Wovon sprach sie? Auch Malcolm blickte sie immer noch erschüttert, betroffen, aber auch mitleidig an. Ich sah Tränen in seinen Augenwinkeln. Offenbar tickte sie nicht mehr ganz richtig. »Die Runen«, zischte sie. »Die Runen haben es damals schon gesagt. Uruz wusste es. Wenn ich verliere, droht mir Durisaz. Ein dorniges Leben. Ich habe den Kampf verloren, Malcolm. So ist es geschehen. Durisaz.« Ihre letzten Worte flüsterte sie. Ich verstand sie kaum noch. Malcolm verharrte regungslos. Plötzlich aber grinste seine Schwester. »Komm her zu mir!«, raunte sie und deutete mit ihrem Zeigefinger an, dass er sich zu ihr hinunterbeugen sollte. »Es geht um das Tor. Und um ein Geheimnis. Nur du sollst es wissen, Bruder, nur du!« Malcolm tat, wie ihm geheißen, und Moira warf mir einen giftigen Blick zu, der nichts anderes besagte, als dass ich überflüssig war. Also wandte ich mich ab und ging langsam zum Pferd zurück. Inguiomer hatte freundlicherweise gewartet, wirkte nun aber doch ungeduldig. »Können wir endlich weiter?«, fragte er unwirsch. »Ansonsten kannst du Varus’ Kopf ja auch selbst tragen, Witandi. Das halb verkohlte Ding stinkt und es beschmutzt meinen Umhang.« Katwalda warf mir einen zustimmenden Blick zu. Ich winkte ab. »Ist ja schon gut. Es geht weiter. Malcolm lassen wir hier. Er muss …« Ich überlegte kurz. »… ein paar Dinge regeln. Also los!« Wir fanden meinen Vater weiter vorne am Wall, wo er dabei zusah, wie eine Gruppe von etwa hundert Gefangenen in die Hügel getrieben wurde. Als er uns bemerkte, suchte sein erwartungsvoller Blick uns ab und blieb schließlich an dem runden Ding hängen, das Inguiomer in seiner Armbeuge hielt. »Habt ihr mir doch nur den Kopf gebracht?«, fragte er. »Was ist mit dem Rest? Und wo ist Malcolm?« Ich berichtete ihm von unseren Schwierigkeiten mit den Chatten, bis er schließlich die Fäuste ballte. »Sie sind einfach zu eigensinnig, diese Bergleute! Es ist unverzeihlich, dass sie euch und dich, meinen Sohn, angegriffen haben! Das wird noch ein Nachspiel haben – auch für Malcolm.« Katwalda lauschte der Unterhaltung mit unbewegter Miene. Ich fragte mich, ob es eine gute Idee war, diesen Kerl überall zuhören zu lassen, und nahm mir vor, meinen Vater später darauf anzusprechen. Fürs Erste führte ich ihn beiseite und berichtete ihm von der merkwürdigen Alten, die sich Malcolm als seine Schwester Moira vorgestellt hatte. Auch mein Vater wusste nichts davon, doch jetzt galt es, andere Dinge auf den Weg zu bringen. Die Schlacht war mehr oder weniger vorbei und gewonnen. »Inguiomer«, wandte sich Arminius an seinen Stiefonkel. »Sorge dafür, dass der Kopf des Varus eine angemessene Reiseverpackung erhält.« Er rief Katwalda heran. »Du bist natürlich herzlich eingeladen, heute Abend die Bestattung unserer Toten und danach unseren Sieg mitzufeiern.« Katwalda nickte freundlich und nahm die Einladung dankend an. »Du wirst dich wahrscheinlich gefragt haben, warum du mit meinen Leuten in das Römerlager geritten bist, um die Überreste des Statthalters einzusammeln.« »Ja, tatsächlich konnte ich bei diesem Ausritt über das Schlachtfeld nicht nützlich sein. Aber ich habe mir einen guten Eindruck über das Kampfgeschehen und die Größe deines Sieges verschafft. Wann gedenkst du mir deine Antwort für König Marbod mitzugeben, großer Arminius?« Mein Vater musterte ihn einen Moment lang abschätzend und versuchte wohl herauszufinden, ob der Gothone ihn mit seinem schwülstigen Gerede auf den Arm nehmen wollte oder das schlichtweg seine Art war. Er entschied sich für Letzteres, wie ich erleichtert feststellte. »Morgen erhältst du den Kopf des Varus. Er ist die Antwort auf die Nachricht deines Herrn. Er wird sie verstehen. Bestell ihm meine allerbesten Wünsche und dass ich ebenfalls sehr hoffe, dass wir unsere Kräfte gegen Rom bündeln können.« »Sonst nichts?«, fragte Katwalda, ein wenig verwirrt dreinschauend. »Ich meine, ist das alles, was ich meinem Herrn ausrichten darf?« Arminius lachte jetzt schallend auf. Das war meist kein gutes Zeichen. »Habt ihr das gehört?«, fragte er erst mich, dann die Umstehenden. »Ist das alles, fragt dieser Gothone! Der Schädel des toten Varus, des gefürchteten Statthalters in Gallien und Germanien, in einem Sack steckend und als Geschenk für den König der Markomannen! Ist das alles?« Mein Vater unterbrach sein Gelächter jäh und trat dicht vor Katwaldas Gesicht. »Was hast du denn noch erwartet?« Katwalda machte einen Schritt zurück, jetzt deutlich eingeschüchtert. »Etwa, dass ich an deine Seite springe und mit einem Heer nach Marobodum eile, um seine Befehle entgegenzunehmen?« »Vielleicht … Ich könnte mir … ich meine …«, stotterte Katwalda. »Nimm diesen Scheißkopf und bring ihn zu deinem Herrn!«, wiederholte Arminius noch einmal. »Berichte Marbod, wie viele tote Römer du hier gesehen hast. Berichte ihm davon, wie Arminius den drei Legionen des Varus eine eigene Legion von Donnergöttern entgegengestellt hat, um sie vollständig zu vernichten.« Seine Stimme wurde jetzt leiser, bedrohlicher. »Erzähle ihm, was Arminius’ Feinden widerfährt.« Dann wandte er sich ab und stapfte zu seinen Leuten hinüber. Katwalda blieb wie begossen zurück. Trauerlied der Espen Ich hatte jetzt Wichtigeres zu tun, als mich um den erschrockenen Gothonen zu kümmern, den ich eigentlich schätzen gelernt hatte. Ingimundi war schwer verletzt worden und ich hatte keine Ahnung, wie es um ihn stand. Ich wollte nach ihm schauen, konnte vielleicht sogar etwas für ihn tun. Außerdem war Julias Verbrennung zu organisieren, denn heute Abend war Totenzeit. Ich eilte also zum Lagerplatz der Chauken. Dort fand ich meinen Schwiegervater in einem üblen Zustand vor. Er lag mit freiem Oberkörper, halb auf seine unverletzte linke Seite gedreht, auf einigen schmutzigen Rinderfellen unter einem v-förmig aufgespannten Zeltdach. Sein rechter Arm hing schlaff und bewegungsunfähig an seiner Seite, nur notdürftig mit einem aus Gras geflochtenen Seil an seinem Rumpf befestigt. Eine Heilerin hatte großflächig blutfarbene Mansdror-Paste auf den tiefen Schnitt aufgetragen. Ich erschrak, da ich die Färbung zunächst für Blutverlust hielt. Ingimer klärte mich schnell auf. Zwar wusste ich von den hervorragenden Eigenschaften der Salbe, die aus dem roten, blutähnlichen, öligen Auszug der Blüten des Johanniskrauts gewonnen und mit Kamille und Schweinefett angerührt wurde, allerdings schien mir ausschließlich diese Medizin unter den hier herrschenden hygienischen Bedingungen und bei der Tiefe der Verletzung keine ausreichende Behandlung zu sein. Die Wunde blutete nur noch leicht, klaffte jedoch etwa einen Zentimeter weit auf. Ich hockte mich neben Ingimundi, der leise ächzte und stöhnte und bei jedem Zucken eines Muskels in seinem Körper das Gesicht vor Schmerz verzog. Ich besah mir die Wunde genauer. Ich war kein Mediziner, aber es lag auf der Hand, dass das Schlüsselbein sowie das darüber und darunter liegende weiche Gewebe sauber durchtrennt worden waren. Wenn diese große Wunde sich entzündete, hätte er keine Chance. Ich beugte mich dicht über sein Gesicht und berührte seinen Arm. »Wie geht es dir?«, fragte ich. Sein Blick aus schmerzgetrübten Augen verriet seine Qual. Ich erinnerte mich nur zu gut an meine eigene Verletzung vor einigen Jahren. »Kopf schmerzt«, presste er mühsam hervor. Speichel rann aus seinem Mundwinkel und floss die Wange herab, bis er auf die Decken tropfte. Außerdem schwitzte er und wirkte völlig verkrampft. Ich tätschelte ihm den Arm und wandte mich an Ingimer. »Die Mansdror-Salbe wird nicht reichen«, sagte ich zu meinem Freund und Schwager. Da es kein Wort in der Stammessprache für »Entzündung« gab, musste ich meine Gedanken umschreiben. »Du weißt, wie gefährlich die Wundgeister sind. Diese Wunde ist so groß, dass sie unweigerlich kommen werden.« Ingimer nickte betrübt. »Ich weiß. Aber er ist stark. Er kann es schaffen.« Ich schüttelte den Kopf. »Das hat nichts mit seiner Stärke zu tun. Die Geister kommen nahezu überall vor, auf jeder Klinge, selbst im Boden, der Erde. Sie sind hier und stärker als jeder von uns. Wir müssen schnell handeln, damit sie sich nicht in ihm ausbreiten können.« »Du hast dich mit solchen Dingen immer ausgekannt«, antwortete er. »Ich vertraue dir. Sag, was ich tun soll!« »Du musst die Wunde unbedingt sauber halten, Ingimer! Koch ein paar Tücher für die Dauer ab, die ein Mann braucht, um eintausend Schritte zu gehen. Damit wäschst du die gesamte Wunde aus. Ich will nichts von dieser Salbe darin sehen, verstanden?« Er nickte ergeben. »Und decke seinen Körper warm zu, nur den Bereich um die Wunde nicht. Er darf nicht auskühlen. Ich werde in der Zeit etwas besorgen, was ihm besser hilft. Die Wunde soll nach der Reinigung nicht abgedeckt werden, sie muss atmen! Die Geister kriechen bevorzugt in solche Wunden, die von der Luft abgeschnitten sind. Warte, bis ich wieder da bin! Er darf auf keinen Fall vorher verbunden werden.« Ich sprang auf. Die medizinischen Vorräte der Hagalianer befanden sich im Cheruskerlager. Es würde ein paar Stunden dauern, bis ich zurück war. Hoffentlich war es dann nicht schon zu spät. Ich sah mich um. Dutzende Verletzte galt es alleine hier zu versorgen – wie viele es insgesamt waren, wagte ich gar nicht erst zu schätzen. Von den hilfsbedürftigen Römern ganz zu schweigen. Diese vegetierten elendig vor sich hin und hatten nichts außer im besten Fall einen schnellen Tod zu erwarten. Mich plagte schon jetzt das schlechte Gewissen, im Grunde nur Ingimundi helfen zu können, helfen zu dürfen. Die Heilmittel waren natürlich nur in geringen Mengen vorrätig und für den Eigenbedarf von Malcolm und seinen Leuten sowie Arminius gedacht. Und das war auch das Problem, vor dem ich stand: Die Medizin gehörte nicht mir, ich musste sie also stehlen. Und so gut wie sicher würde der Diebstahl früher oder später auffliegen und nur ich dafür infrage kommen. Was sollte ich also tun? Um Erlaubnis fragen? Den Gedanken verwarf ich sofort wieder. Die Ansage war klar gewesen, dass die Medikamente nur für meinen Vater, die Hagalianer und vielleicht noch mich bestimmt waren. Und wenn ich meinen Vater fragte? Ihm würde Malcolm niemals widersprechen. Aber wenn er ablehnte, aus welchen Gründen auch immer, hatte ich gar keine Chance mehr. Blieb also nur der Diebstahl, um auf Nummer sicher zu gehen. Der Weg zum Cheruskerlager gestaltete sich schwieriger als angenommen. Überall versperrten Stammeskrieger im Siegestaumel die Wege. Viele waren bereits heftig angetrunken. Ich fragte mich, wo sie die Tränke so schnell herbekommen hatten. Aber die Krieger waren immer schon äußerst findig gewesen, was deren Beschaffung anging. Entlang des Weges hielt man mich vielfach auf, denn natürlich erkannten mich viele als denjenigen, der den römischen Händen den ersten Legionsadler entrissen hatte. Ich lehnte jeden angebotenen Tropfen jedoch strikt ab – hätte ich nur ein Zehntel davon zu mir genommen, so wäre ich bereits auf halbem Wege volltrunken im nassen Gebüsch zusammengesackt. Im Cheruskerlager sah es ähnlich aus wie bei den Chauken. Es hatte sich hauptsächlich in eine Art Feldlazarett verwandelt, in dem die verschiedenen sich auf die Heilkunst verstehenden Kräfte geschäftig hin und her eilten, Kräuter zu Getränken und Tinkturen verarbeiteten, Salben herstellten, Wunden behandelten und verbanden, Knochenbrüche schienten oder den Todgeweihten Schilde und Waffen an die Seiten legten. Mit beißendem Rauch, dem Klappern von schamanisch aussehenden und mit vielerlei Knochen, Federn, Hölzern und ähnlichen Utensilien behängten Stäben sowie uralten Gesängen versuchten sie hier und dort noch böse Geister zu vertreiben – mit welchem Erfolg, wusste ich nicht. Was Ingimundi betraf, so wollte ich lieber einer Impfung gegen Wundstarrkrampf vertrauen und hoffte inständig, dass ich entsprechend fündig wurde. Die Hagalianer waren weit und breit nicht zu sehen. Gut! Ich wusste, wo ich zu suchen hatte, und machte mich direkt auf den Weg dorthin. Zum Glück schenkte mir hier niemand Beachtung. Die Kiste mit der Nummer »3« stand noch genauso da, wie ich sie zuletzt gesehen hatte. Eilig beugte ich mich darüber und wollte sie öffnen. Der Deckel ließ sich vielleicht fünf Millimeter bewegen, mehr nicht. Erschrocken versuchte ich es erneut, diesmal mit mehr Kraft, und noch ein drittes Mal. Schließlich entdeckte ich die Bohrungen an der Front und der Seite und das kleine Schloss, das hindurchgeschoben worden war. Einer der Hagalianer hatte die Kiste gesichert! Scheiße, verdammt!, fluchte ich innerlich und sah mich um. Kein Hagalianer in Sicht. Ich rüttelte an der Sicherung, die natürlich festsaß. Es war nur eines dieser kleinen Vorhängeschlösser, aber es sah äußerst stabil aus. Sollte ich es kaputt schlagen? Dabei würde ich vielleicht den Inhalt der Kiste beschädigen, außerdem wäre der Diebstahl dann allzu offensichtlich. Also keine gute Idee. Ich sprang auf und ging einige Schritte auf und ab. Ich fluchte erneut und raufte mir die Haare. Was zur Hölle sollte ich tun? Von einer Sekunde zur anderen fasste ich einen Entschluss. Ich nahm mein Gewehr, drehte es mit dem Kolben nach vorne, trat vor die Kiste und schmetterte die Waffe von oben herab gegen das Schloss. Ich brauchte ein paar Anläufe, bis es endlich auseinanderfiel. Dies war ein Notfall. Ich hatte schlichtweg keine Zeit, lange nach irgendwem zu suchen, der mir eine Erlaubnis erteilen konnte. Ich wühlte mich durch die verschiedensten Medikamente, räumte ein wuchtiges Buch mit dem Titel »Kompendium der Krankheiten« beiseite und nahm dabei sauberes Verbandsmaterial und Desinfektionsmittel an mich. Schnell fand ich das, was ich hauptsächlich suchte: eine Box, in der steril verschweißte Verpackungen lagen. In einigen befanden sich Spritzen mit der Aufschrift »Tetagam®P«. Durch die Bezeichnung stellte ich sofort eine Beziehung zu den Tetanus-Erregern her, die Wundstarrkrampf auslösten. Ich konnte zwar nicht hundertprozentig sicher sein, aber tat ich gar nichts, würde Ingimundi wahrscheinlich an der Wunde sterben. Da nahm ich lieber das Risiko auf mich, ihm eventuell das falsche Serum injiziert zu haben. Eine andere Box fiel mir ins Auge, die mit »Penicillin G und V« beschriftet war. Scheiße, brauchte ich so was nicht auch noch? Ich wusste es nicht. Sicherheitshalber griff ich hinein und nahm ein Päckchen der Tabletten an mich. Dann verriegelte ich die Truhe wieder, allerdings ohne das Schloss. Kurz darauf war ich auf dem Rückweg. Mittlerweile wurde allenthalben fleißig gearbeitet. Verbrennungsgruben mussten ausgehoben werden. Der Klang zahlloser Äxte, die Bäume für Feuerholz fällten, hallte durch den kühlen, aber langsam trocknenden Wald. Gegen Abend traf ich erneut im Chaukenlager ein. Ingimundi lag immer noch an Ort und Stelle, nun allerdings gut zugedeckt und mit sauberer Wunde. Ingimer war nirgends zu sehen. Ich hockte mich neben den Häuptling und untersuchte den Schnitt ein weiteres Mal. Er sah wirklich übel aus, in Ermangelung tiefergehender Kenntnisse traute ich mir aber kein Urteil darüber zu. Die Wundränder waren stark gerötet und nässten unaufhörlich. Ich sah mich nach Tüchern um, verwarf den Gedanken jedoch sofort wieder. Für eine erneute Reinigung mussten sie frisch abgekocht werden. Das würde jetzt warten müssen. »Ingimundi, hörst du mich?«, sprach ich ihn an. Er reagierte nicht. Sein Zustand schien sich verschlechtert zu haben. Egal. Ich kramte meine Mitbringsel aus meinem Gepäck, als ich Hufgetrappel und Aufruhr hinter mir vernahm. Hastig blickte ich mich um. Mein Vater war eingetroffen und unterhielt sich mit Ingimer. Ich sah nur, wie er diesem anerkennend auf die Schulter klopfte, hinter ihm das wie immer grimmig dreinschauende Gesicht Malcolms. Auch Viper, der Franzose und Geronimo waren dabei. Eile war geboten, bevor die ganze Truppe gleich hier auftauchte. Ich nahm das Desinfektionsspray zur Hand und sprühte großzügig den gesamten Schulterbereich damit ein. Sofort füllte sich die Luft mit dem scharfen Geruch. Ich sah mich erneut um. Verdammt! Ingimer führte sie hierher! Sicherlich hatte er nichts ahnend davon berichtet, dass ich mich auf den Weg gemacht hatte, um Hilfe für seinen Vater zu holen. Arminius brauchte nur eins und eins zusammenzuzählen und würde sofort wissen, worin diese bestand. Jetzt entdeckten sie mich und Ingimer schritt noch schneller aus. Ich musste Tatsachen schaffen! Eilig riss ich die Packung mit der Tetanus-Injektion auf und beachtete die Anrückenden nicht. Ich presste die Luft aus der Spritze, setzte sie an Ingimundis Oberarm an und injizierte ihm das Serum. Gerade als ich die Nadel wieder herauszog, erreichten sie mich. Viper reagierte als Erstes. »He, was machst du da?«, rief er zornig und stürzte heran. Rabiat entriss er mir die leere Spritze sowie das Spray. Seine Augen funkelten vor Zorn, als er mich zurückstieß. Unsanft prallte ich gegen den bewegungslosen Ingimundi. »Bist du verrückt geworden? Wie bist du daran gekomm…« Ingimer, zuerst verwirrt, dann empört, schrie auf und warf sich nun seinerseits auf Viper. Er schlang seinen rechten Arm um den Hals des Hagalianers und riss ihn zurück, weg von mir und seinem Vater. Er verpasste ihm einen kräftigen Schlag gegen den Kehlkopf, gefolgt von einem Tritt in den Bauch. Ihrem Waffenbruder zu Hilfe eilend, stürzten sich nun Geronimo und Malcolm auf Ingimer. Sie stießen ihn brutal zur Seite. Er bekam mehrere Tritte und Schläge ab, bevor mein Vater endlich die Hände hob und »Aufhören!« brüllte. Einige Chauken kamen waffenschwingend herbeigeeilt. Ich sah Mordlust in ihren Augen. Niemand durfte den wahrscheinlich nächsten Häuptling ungestraft schlagen. Sicherheitshalber griffen die Hagalianer deshalb auch zu ihren Waffen. Die Situation drohte außer Kontrolle zu geraten. Zum Glück stellte sich mein Vater zwischen die streitenden Parteien. Grimmig wandte er sich an Viper: »Schluss jetzt! Sofort! Ich höre! Wie kannst du es wagen, meinen Sohn, anzugreifen? Und das auch noch direkt vor meinen Augen!« Viper richtete einen anklagenden Finger auf mich. »Er hat unsere medizinischen Vorräte gestohlen! Ich bewahre sie für uns alle«, er machte eine Geste, die uns sechs »Donnergötter« umfasste, »in einer Kiste auf, die eigens mit einem Schloss gesichert ist. Er muss sie aufgebrochen haben, um den Inhalt zu stehlen. Die Vorräte sind für UNS, ansonsten sind sie schon bald aufgebraucht.« »Stimmt das?«, fragte mich mein Vater mit hochgezogenen Augenbrauen. Ingimer hatte sich indes wieder aufgerappelt, während sich immer mehr Chauken um uns herum versammelten. Da wir uns auf Deutsch unterhielten, verstanden sie uns nicht. Absurderweise fiel mir in diesem Augenblick ein, dass ich ein Schmerzmittel für Ingimundi vergessen hatte. Verärgert ballte ich die Fäuste. »Es war ein Notfall! Was sollte ich denn machen? Stundenlang nach dem da suchen, damit ich einen Schlüssel für das alberne Vorhängeschlösschen bekomme? Du siehst doch, in welchem Zustand Ingimundi ist. Ich kann ihn ja wohl unmöglich so …« »Ich verstehe dich, Leon. Trotzdem darfst du nicht einfach nach Belieben die Vorräte von Malcolms Leuten plündern. Sie gehören dir nicht. Viper hat recht, das war Diebstahl.« Viper warf mir einen triumphierenden Blick zu. »Trotzdem hast du klug gehandelt, Leon«, ergänzte mein Vater mit einem Seitenblick auf die Hagalianer. »Wir folgen einem höheren Ziel. Ingimundi und seine Treue sind sehr wichtig für unsere Sache. Wir brauchen ihn, um die Mittelweser zu sichern und in den nächsten Jahren zu überwachen. Dein Tun war nicht eigennützig, sondern tatsächlich ein Notfall.« Ich atmete erleichtert auf. Arminius wandte sich an Viper. »Wenn du dich je wieder an meinem Sohn vergreifst, lasse ich dich bei lebendigem Leib häuten, verstanden? Dass du das außerdem noch in meinem Beisein gewagt hast, ist unverzeihlich. Greif niemals mehr irgendeinen meiner Leute an, wenn ich es nicht befohlen habe!« Seine Stimme war scharf und schneidend geworden. Viper, der sich eben noch im Recht gewähnt hatte, schien den Tadel kaum glauben zu können. In einer Mischung aus Erstaunen und Zorn verengten sich seine funkelnden Augen. Seine Wut war ihm deutlich anzumerken. Abwechselnd warf er Ingimer und mir tödliche Blicke zu. »Was soll das?«, presste er schließlich mühsam kontrolliert hervor. »Mein Befehl war, auf die Ausrüstung achtzugeben, dafür zu sorgen, dass niemand unbefugt Zugang dazu hat oder sie gar stiehlt. Genau das ist jetzt aber passiert – trotzdem handele ich falsch, wenn ich den Täter finde und bestrafe? Das verstehe ich nicht, Arminius.« Mein Vater schien ebenfalls kurz vor einer inneren Explosion. »Was bist du, Viper, ein Schwachkopf?« Nun baute er sich dicht vor dem Hagalianer auf. »Muss ich dir jede Scheiß-Ausnahme von der Scheiß-Regel erklären, oder wie? Wenn mein Sohn für seinen Schwiegervater eine verdammte Spritze braucht, um ihm das Leben zu retten, dann ist das ein Fall, den ich bei meiner Befehlserteilung vorher nicht bedacht habe, verfluchte Kacke!« Die letzten Worte schrie er, seine Halsadern traten hervor und kleine Speicheltröpfchen flogen Viper um die Ohren. Dieser presste die Lippen zusammen. Eine solche Demütigung hatte er nicht erwartet. Er kochte vor Wut. Ich rechnete mit allem und schob sicherheitshalber eine Hand in die Nähe meiner Waffe, um schnell reagieren zu können. Doch der Hagalianer hatte sich unter Kontrolle. Er tat nichts Unbedachtes, sondern wandte sich hilfesuchend an Malcolm. »Würdest du vielleicht auch mal was dazu sagen, großer Anführer?« In seiner Stimme schwang Verachtung mit. Malcolm zuckte die Schultern. »Arminius hat doch recht, oder? Du hast überreagiert.« Viper, der jetzt erkannte, dass er allein gegen alle stand, schnaufte zornig, machte eine wegwerfende Handbewegung, drehte sich fluchend um und stapfte mit einem Rest an Würde davon. Mein Vater atmete tief durch, wandte sich an den Sohn des Chaukenhäuptlings und hob entschuldigend die Hände. Er erklärte, dass es ein Missverständnis gewesen sei, und entschuldigte sich in Vipers Namen, da dieser die Sprache ja nicht beherrsche. Ingimer hörte regungslos zu, aber es war klar, dass nach Cheruskern und Chatten nun auch die Chauken nicht unbedingt zu den großen Freunden der Hagalianer gehörten. Diese Typen waren so plump in ihrem Auftreten, dass sie sich ganz von selbst in die Ecke manövrierten. Ohne meinen Vater stünden sie ziemlich alleine da. Schließlich senkte dieser seine Stimme. »Die Toten werden bei einbrechender Dunkelheit den Göttern übergeben. Bringt sie also rechtzeitig herunter.« Damit verabschiedete er sich. Wie es mit Julia weiterging, schien ihn nicht zu interessieren. Nun gut, ich hatte nicht wirklich etwas anderes erwartet. Ingimer bedankte sich bei mir für das, was ich für seinen Vater getan hatte, und führte mich anschließend zu Julias in Decken gehülltem Leichnam. Dann ließ er mich mit ihr alleine. Ich saß noch eine ganze Weile neben Julia auf dem Boden und ließ die letzten Jahre Revue passieren. Unsere gemeinsamen Tage in der anderen Welt, die Nacht, die alles änderte, das Wiedertreffen in Phabiranum, als sie bei meinem Vater, damals noch Bliksmani, Zuflucht gesucht hatte, geschändet und beinahe hoffnungslos. Ihre Empörung und ihr Entsetzen darüber, dass ich mich zwischenzeitlich in Frilike verliebt hatte, danach ihre Flucht vor meinem Vater und die Aufnahme im Chaukendorf. Zuletzt war sie mit Werthliko und als Mutter überaus glücklich gewesen, bis zu seinem Tod. Und nun war sie selbst von uns gegangen, eine der letzten Brücken in die alte Welt. Alles in allem hatte das Glück es nicht gut mit Julia gemeint, viel zu selten hatte es sich gezeigt – und wenn, dann immer nur kurz. Ich hatte keine Ahnung, nach welchen Kriterien Glück und Unglück bei den Menschen verteilt wurden, aber ich war mir sicher, dass Julias Mischung aus beidem ungerecht gewesen war. Schließlich suchte ich ihre Sachen zusammen. Ein paar der Leute packten mit an und halfen mir, sie auf den Rücken meines Pferdes zu verfrachten. Ich wollte einen guten Platz für sie in den Verbrennungsgruben finden, soweit das überhaupt möglich war. Am Fuß der Hügel angekommen, erschrak ich. Das Landschaftsbild hatte sich stark verändert. Weite Teile der ehemals waldigen Hänge der Gasitjanbargi waren nahezu kahl geschlagen. Unmengen an Holz wurden benötigt, um die vielen Toten zu Asche zu verbrennen – und dabei handelte es sich nur um die der Stämme. Die römischen Toten blieben unbeachtet zum Verrotten liegen. Entlang des Walls zog sich eine lange Reihe flacher Gruben hin, die bereits jetzt mit Holz, vielen Toten und noch mehr Holz aufgefüllt worden waren. Hier war die Anzahl der Getöteten besonders hoch gewesen. Julia sollte aber nicht irgendwo, sondern am östlichen Ende bei den anderen Chauken bestattet werden. Also machte ich mich auf den Weg dorthin. Dabei bot sich mir ein eindrucksvoll schmerzliches Bild: Auf unzähligen Pfaden strömten fackeltragende Prozessionen von Stammeskriegern aus den Gasitjanbargi hinab in die Ebene und hielten mit weiteren Toten, die sie herbeibrachten, auf die Gruben zu. Ich entdeckte Athalkuning, Ingimer und die anderen direkt neben einem Espenwäldchen, das an einigen Stellen ziemlich tiefe Einschnitte hatte hinnehmen müssen. Die etwa dreißig toten Chauken waren größtenteils bereits sorgfältig auf einer dicken Schicht mehrere Meter langer, gespaltener und den Grubenboden fast völlig bedeckender Baumstämme platziert worden. Auf Reisig und Ähnliches musste verzichtet werden, da die Regenfälle der letzten Tage alles dünne Holz unbrauchbar gemacht hatten. Doch es ging auch so. Immerhin war es seit heute Mittag trocken geblieben. Für die Krieger war es das Allerwichtigste, dass sie mit Waffen und Schilden ausgestattet wurden, wenn sie ihren Weg antraten. So war es auch hier geschehen. Die beiden Anführer begrüßten mich still und andächtig. Farsturing und Giskregi halfen mir, Julias Leichnam am Rand der Grube abzulegen, an einem Platz, den ich aussuchte. Ich legte ihre Sachen zu ihr, eine Ledertasche, einige Kleidungsstücke, einen Kamm aus Horn, einige Utensilien, die der Körperpflege dienten, und was mich am meisten rührte: ein Armkettchen, an dem die durchbohrten Milchzähnchen von Hortari hingen. Erneut vergoss ich Tränen um sie und bedauerte unendlich, dass wir uns in den letzten Jahren so sehr voneinander distanziert hatten. Ich würde sie vermissen. Nicht viel später setzte die Dämmerung ein. Athalkuning hob die Arme. Nach und nach verstummten die Stimmen. Die Köpfe wandten sich dem Häuptling zu. Der räusperte sich und trat nervös von einem Bein aufs andere. Ich bemerkte sofort, dass Reden zu halten nicht seine Sache war. »Wir haben hier einen wichtigen Sieg errungen, Männer«, rief er. »Einen, für den wir das Blut unserer Leute vergossen haben. Und das vieler weiterer. Ich habe einen Sohn verloren, Alweri, einen guten Sohn. Er war tapfer, stark, er stammte von Ingwio ab und er fiel heute trotzdem. Gewiss ist, dass er nun in der Halle der Krieger bei Wodan sitzt, Auge in Auge mit seinen Ahnen. Dort wird er sich mit ihnen messen, mit ihnen trinken und essen und wieder in die Schlacht ziehen. Alweri. Ein guter Sohn. Jeder von euch kennt die Toten, die hier vor uns liegen. Da sind Faning aus dem Aha Stegili sowie Erlandi, Flein und Agerist. Auch Folke, Giwis und …« Eine Weile sah ich den ziehenden Wolken am Himmel zu, dann schloss ich die Augen. Ich konnte mich kaum auf die zwar gut gemeinten, aber holprigen Worte Athalkunings konzentrieren. Immer wieder blickte ich zu dem in dunkle Decken gehüllten Leichnam Julias hinüber. Rauch von benachbarten Feuern mischte sich zunehmend in die Luft und raubte mir einen Moment später den Atem. Das knisternde Prasseln sich entwickelnder, verzehrender Flammen drang aus einiger Entfernung an mein Ohr. Die ersten Totenfeuer brannten. Außer Asche und Erinnerungen blieb nichts von ihnen in dieser Welt. All das wurde auf bittere Weise von dem Trauerlied untermalt, das die Espen nun zu singen begannen. Ein leichter Wind war plötzlich aufgekommen und hatte ihr Laub in Bewegung versetzt. Normalerweise erklang das Lied dieser Bäume heiter und beflügelt, regte die Sinne an und trieb den Geist des Zuhörenden dazu, neue Wege beschreiten zu wollen. Doch an diesem Abend empfand ich es anders. Die heutige Melodie flüsterte schlecht gelaunt und lahm eine traurige Abfolge undeutlicher Misstöne, die nur dazu taugte, die tiefe Trauer und den Schmerz bei der Verabschiedung der Toten zu steigern. Jammernd flatterten die Blätter im sachten Wind, trübselig rauschten die lichten Wipfel im herbstlichen Dämmerlicht. Tränen wegblinzelnd blickte ich zu ihnen hoch. Ich lauschte oft dem Lied der Espen. Dieser Anlass erschien mir als richtig, es wieder zu tun. Doch ihr heutiges Lied war nicht von einer gewöhnlichen Traurigkeit, nicht von jener einfältig seufzenden Sorte, die einen befällt, wenn man etwas Liebgewonnenes verliert, das zwar unersetzbar ist, aber irgendwie doch verzichtbar. Vielmehr war es eine vielstimmige, nervöse, flatterhafte Traurigkeit – eine, die mir zu verstehen gab, dass mir noch viel bevorstand und unser Kampf und damit auch unser Leidensweg noch lang, hart und steinig sein würde. Ich sah mich wie trudelndes Herbstlaub diesen Weg hinabgeweht werden, entschlossen einem vagen Ziel entgegen, aber doch immer wieder nach links und rechts abdriftend sowie die großen traurigen und beunruhigenden Momente im Leben mitnehmend – jene, die Verlust, Furcht und Sorge bedeuteten. Mehr denn je empfand ich meine Zukunft als höchst ungewiss. »… die Flammen euch aufnehmen, auf dass der emporsteigende Rauch euer Wegweiser sein möge in die Hallen der Krieger.« Athalkuning beendete seine Trauerrede und gab einem Priester ein Handzeichen. Dieser sprach ebenfalls noch einige Worte, dann weihte er die eine Hälfte der Toten dem Wodan, die andere der Muttergöttin und ihrem Totenheer. Schließlich entzündete man mit Schweinefett und verschiedenen Harzen bestrichene Hölzer, die so in der Grube verteilt waren, dass nach und nach alles darin in Brand geriet. Es ging erschreckend schnell, bis die ersten Flammen auch an Julias Körper leckten und ihn schließlich verschlangen. Trinkhörner mit Met und Bier aus vergorenem Brot wurden jetzt herumgereicht und wir rückten ein wenig ab von dem Feuer. Niemand wollte den Geruch des brennenden Fleisches seiner Freunde oder Verwandten direkt in der Nase haben. »Wir trinken zu Ehren der Toten!«, riefen die Häuptlinge – und so geschah es. Mit fortschreitender Stunde wandelte sich das Totenfest zur Siegesfeier über Varus. Meine extrem düstere Stimmung hellte sich nach und nach ein wenig auf. Die anderen flüchteten sich in den Glauben, ihre Toten seien ab jetzt in guten Händen, und somit setzte sich allgemein wieder Lebensfreude gegen die Trübsal durch. Denn so sehr die Freunde, Bekannten und Verwandten, die hier verbrannten, vermisst wurden, so sehr freuten sich die Männer auch über die reichhaltige Beute, die sie gemacht hatten. Viele der persönlichen Dinge, welche die Legionäre bei sich getragen hatten, nahmen die Männer aus abergläubischen Gründen zwar nicht an sich – und dazu gehörte auch der größte Teil der Schwerter, Schilde sowie Rüstungsteile, da sie mit Insignien beschriftet waren und deswegen ein Tor für die rachsüchtigen Geister der Getöteten darstellen konnten –, aber das, was blieb, war immer noch kostbar genug. Jetzt, also mitten in der Nacht, wurde gesungen und gelacht, gescherzt, geblödelt und geprahlt. So war es immer schon gewesen. Während ich mich mit Ingimer und Farsturing unterhielt, kam Inghard irgendwann heran, einer der Brüder Ingimundis. Er war sichtlich angetrunken. »Witandi!«, lallte er und nahm einen weiteren Schluck aus seinem riesenhaften Trinkhorn. »Danke für das, was du mit Ingimundi getan hast – was auch immer es war. Ich habe ihn vorhin noch gesehen und …« Er rülpste vernehmlich, sprach dann aber weiter, als wäre nichts gewesen. »… es schien ihm bereits ein wenig besser zu gehen. Heute Mittag habe ich ihn schon in die Halle der Krieger reiten sehen.« Ich hielt ein kleines Horn in der Hand und er stieß so krachend mit mir an, dass es wie Donnerhall klang. Wundersamerweise trug mein Trinkhorn keine Schäden davon. »Bei der Gelegenheit: Wisst ihr eigentlich, woher der Donner kommt?«, fragte er. Ingimer rollte mit gespielter Genervtheit die Augen. »Ja, lieber Onkel. Aus deinem Arsch, wie du uns sicherlich gleich beweisen willst, oder?« Inghard brach in schallendes Gelächter aus und wir stimmten ein. »Nein, nein.« Er winkte ab. »Ich erzähle es euch. Die Geschichte habe ich schon als Kind gehört.« Sogleich spitzten ein paar der Umstehenden die Ohren, denn Inghard war weit über sein Dorf hinaus bekannt dafür, ein guter Geschichtenerzähler zu sein. So standen wir in gebührendem Abstand zu den prasselnden Flammen und lauschten seinen Worten – eine nette Abwechslung zu den Gräueln der letzten Tage, wie ich fand. »Eines Tages passierte Schreckliches: Den Göttern wurde der Braukessel entführt! Wutentbrannt schickte der Göttervater selbst seine beiden Besten los, um ihn wiederzubeschaffen. Denn was sind die Hallen der Götter ohne das zünftige Bier, das immer in ausreichenden Mengen zur Verfügung stehen muss?« Daraufhin stießen die Männer erst einmal minutenlang grölend an, bevor Inghard weitererzählen konnte. »Also, wie gesagt, Tiu und Donar machten sich zu den Riesen des Eismeeres auf, um deren größten Kessel zu stehlen. Die Riesensippe wehrte sich mit aller Macht, aber es nützte ihnen nichts. Tiu und Donar töteten alle Riesen und brachten den Kessel der Einfachheit halber als Himmelsgewölbe an. Da wird nun das Götterbier gebraut, das bei den großen Gelagen in den Hallen der Götter aufgetischt wird. Immer wenn der Himmel voller Wolken hängt, wird also das Götterbier gekocht. Und wenn es donnert, putzt Donar höchstselbst den Sudkessel.« Donnerndes Rufen und Grölen ertönte und machte in seiner Lautstärke selbst dem schrubbenden Donar alle Ehre. Beinahe alle Chauken versammelten sich um Inghard. »Noch mehr! Noch eine Geschichte!«, skandierten sie. Wir alle sehnten uns nach diesen Tagen der Qualen, der Entbehrung, der Gewalt und des Verlustes nach ein wenig Unterhaltung. Inghard wusste darum und lächelte breit. »Schenkt mir mal jemand nach hier? Bei trockener Kehle will mir einfach nichts einfallen.« Sein Wunsch wurde ihm rasend schnell erfüllt. »In Ordnung«, murmelte er und tat gedankenverloren. »Wie wäre es mit der Geschichte von Donar, wie er die Gezeiten schuf?« Lauter Jubel. »Loki, der Trickser, schaffte es ja immer wieder, den gutgläubigen Donar reinzulegen, das wissen wir alle. Einmal machte er sich dafür den gewaltigen Durst Donars zunutze. Loki, der ewige Widersacher, hatte mit dem Donnergott um eine Trinkprobe gewettet. Donar trank stundenlang, das Bier floss ihm in Strömen durch den roten Bart, bildete bereits einen See unter seinen Füßen und blähte seinen Bauch zur Größe einer Wolke auf – aber das Horn voller Bier wurde und wurde nicht leer. Viel zu spät erst entdeckte der Donnergott, dass der listige Loki das Ende des Horns mit ausgehöhlten Baumstämmen verlängert, mit dem Meer verbunden und das Wasser so verzaubert hatte, dass es nach Bier schmeckte! Donar verlor schließlich die Trinkprobe, denn das ganze Meer schaffte er dann doch nicht. Und jedes Mal, wenn das Meer sich zurückzieht und den Boden darunter preisgibt, so wisst ihr nun, dass Donar wieder einen ordentlichen Schluck aus seinem Bierhorn gezogen hat. Prost!« In die Begeisterungsstürme der Männer platzte ein Reiter. Ich hatte ihn eben schon beobachtet und gesehen, dass er an jedem Feuer hielt, um etwas zu verkünden. Es wurde ruhig, sodass der Mann seinen Spruch aufsagen konnte. »Arminius wird sprechen, sobald der Mond am höchsten steht! Am Wall!« Mit diesen Worten stieß er seinem Pferd die Hacken in die Seiten und hetzte zur nächsten Versammlung. Ingimer war mir einen fragenden Blick zu. »Du wirst heute wohl keine deiner lustigen Geschichten erzählen, oder?«, fragte er. Ich schüttelte den Kopf. »Sicher nicht.« Er nickte. »Schade. Dafür hätte ich sogar auf deinen Vater verzichtet.« Er grinste. Natürlich wollten wir hören, was Arminius zu sagen hatte. Ein paar der anderen zeigten ebenfalls Interesse, doch der überwiegende Teil der Männer blieb lieber unter sich. Große Menschenansammlungen waren ihnen seit jeher zuwider. Weiter hinten, auf dem Handelsweg, strömten bereits Scharen fackeltragender Krieger in die angegebene Richtung. Mit etwa einem Dutzend Leuten machten wir uns gleichermaßen auf den Weg. Mein Vater war zwischenzeitlich nicht untätig gewesen. Auf dem am meisten umkämpften Areal waren die Toten beiseitegeschafft worden. Hohe Feuer loderten überall und beleuchteten eine Art Allee, bestehend aus den wertvollsten Beutestücken. Was für ein Teufelskerl, dachte ich anerkennend. Ganz nach römischem Vorbild hatte er eine große Beuteschau organisiert und führte den eigenen Leuten in einer Art Triumphzug den erzielten Erfolg nochmals vor Augen. Es blitzte und glänzte nur so vor silbernen Kelchen und Essgeschirr, goldenen Lampenhaltern, unzähligen Münzen, die sich in Bergen auf langen Tischen häuften. Kostbare Schwertgehänge und verzierte Waffen der adligen Offiziere lagen in einer Reihe mit erlesen gearbeiteten, silberbeschlagenen Helmen und Gesichtsmasken, Brustharnischen, Schienbeinpanzern, Zaumzeug, Geschirranhängern und unzähligen anderen Dingen. In endlos anmutender Abfolge entdeckte ich Bekanntes und Unbekanntes. Es war wahrhaft beeindruckend. Auf riesigen Haufen stapelten sich die Schwerter und Lanzen, die Schilde mit ihren eisernen Buckeln und Beschlägen, die Dolche, Bögen, Pfeile, Kettenhemden und Schuppenpanzer. Zahllose Legionsstandarten flatterten sanft im Nachtwind. Dazwischen entdeckte ich auch die drei erbeuteten Legionsadler sowie Dutzende anderer Feldzeichen irgendwelcher Centurien und Kohorten. Am Adler der 19. schien sogar noch Blut zu kleben. Die Spitze eines der vergoldeten Flügel war abgebrochen und in den Krallen, die ein Bündel Blitze umklammert hielten, hatten sich ein paar Kleidungsfetzen verfangen. Vor und hinter mir hörte ich die Stammeskrieger anerkennende Rufe ausstoßen. Fast alle hatten in den vergangenen Tagen ja an überschaubaren Abschnitten gekämpft, immer in Gruppen mit speziellen Aufgaben und streng organisiert. Die Bedeutung und Größe dieses Sieges hatten sie im Grunde noch gar nicht wirklich vor Augen geführt bekommen. Wie auch? Erst nach dem Sieg, beim Ritt oder Durchwandern des sich kilometerlang hinziehenden Schlachtfeldes und nun auch beim Anblick der schier unermesslichen Beute, wurde vielen wahrscheinlich das erste Mal klar, was hier in den letzten Tagen geschehen war. Und mein Vater verstand es wie immer exzellent, die Gefühle der Stammeskrieger für seine Zwecke zu nutzen. Diese Machtdemonstration und prunkvolle Zurschaustellung der kostbarsten Beutestücke würde allen in Erinnerung bleiben und jeder einzelne dieser Männer würde davon erzählen, wenn er nach Hause kam. Am Ende der Beuteschau warteten schließlich ausgewählte Kriegsgefangene, ausnahmslos die noch lebenden Befehlshaber oder hohe Würdenträger, die an Varus’ Seite ihr römisches Recht bei den Stämmen angewendet hatten. Liktoren, Rechtsanwälte, Ärzte, auch die beiden Lagerpräfekten sah ich wieder. Ceionius lebte demnach noch, aber Eggius auch. Die beiden wandten demonstrativ ihre Gesichter voneinander ab. Alle waren in dicke eiserne Ketten gelegt, ebenfalls Teil der Beute. Einige flehten und beteten leise, andere riefen immer wieder Arminius’ Namen. Sicherlich kannten sie meinen Vater noch aus der Zeit, als er auf ihrer Seite gestanden hatte, und erhofften sich nun, von ihm verschont zu werden. Doch die meisten waren mehr oder weniger verletzt und wirkten teilnahmslos, als hätten sie mit ihrem Schicksal bereits abgeschlossen und warteten nur noch auf den erlösenden Tod. Ein junger Tribun fiel mir ins Auge. Mit wild entschlossenem Blick sah er sich um. Ich reckte meinen Hals, um ihn besser sehen zu können. Was hatte er vor? Plötzlich schmetterte er sich das Ende der Kette, mit der er gefesselt war, mit solcher Wucht seitlich gegen die Stirn, dass sofort das Blut in hohem Bogen herausspritzte. »Caldus!«, rief der Lagerpräfekt Eggius in seiner Nähe und sank entsetzt auf die Knie. Der Angesprochene wiederholte seine Tat jedoch noch einmal und noch einmal, bis schließlich die dunkle Gehirnmasse aus dem aufgeplatzten Schädel quoll. Die umstehenden Wachen lachten bloß und johlten. Angewidert wandte ich mich ab. Der Trubel wurde unterbrochen, als mein Vater eine Art Tribüne vor dem Wall, etwa zwanzig Schritte lang und eilig aus Holz gefertigt, erklomm. So überragte er alle. Links und rechts von ihm erhoben sich Galgen in den dunklen Nachthimmel. Hinter ihm versammelten sich die wichtigsten Häuptlinge. Etwas abseits bemerkte ich Geronimo und den Franzosen, wie immer wachsam und mit ihren Gewehren im Anschlag. Malcolm war nicht zu sehen. Und Viper? Ich musste meinen Blick weiter schweifen lassen, bis ich ihn im Halbschatten einer Eiche entdeckte. Katwalda stand neben ihm. Beide waren wild am Gestikulieren und versuchten offenbar, sich mit Händen und Füßen irgendetwas begreiflich zu machen. Ich hoffte, dass sich nicht neuer Ärger anbahnte. Aber wahrscheinlich stritten sie sich bloß um ein prall gefülltes Trinkhorn. Mein Blick wanderte zurück zu meinem Vater. Dieser wartete so lange, bis von selbst Stille einkehrte. Erst als nur noch das schwache Wimmern einiger Gefangener zu hören war, hob er in einer theatralischen Geste die Arme zum Himmel. »Die Götter waren mit uns!«, rief er und die Krieger jubelten laut. »Die römischen Verbrecher, die sich damit brüsteten, uns wie Vieh abzuschlachten, die sich anmaßten, über unser Leben mal im Zorn, mal mit Nachsicht zu richten, diese Römer liegen jetzt hier zu unseren Füßen! Von uns in den Dreck getreten, wo sie hingehören! Zermalmt durch unsere vereinten Kräfte, zerstört bis in die letzte Centurie! Das ist euer Sieg! Die Götter sind mit uns! Wodan und Tiu haben unser Bitten erhört! Geben wir ihnen noch heute Nacht, was ihnen gebührt!« Erneut triumphierten die Männer, schlugen Waffen auf Schilde, riefen und grölten. Immer wieder skandierten einige Arminius’ Namen. Der gab jetzt Segimer ein Zeichen und ein Cherusker führte einen der in Zivil gekleideten Römer auf die Tribüne, einen etwas beleibten, ältlichen Mann. Mit weit aufgerissenen ängstlichen Augen musterte er die Häuptlinge, dann die Menge. Er stammelte etwas Unverständliches. »Diese Natter«, mein Vater wies auf den Mann, »hat sich den ganzen Sommer über angemaßt, Cherusker nach seinem Recht zu verurteilen. Er sprach Strafen aus, Verbannungen und verhängte oft genug grausamen Tod. Er war schlimmer als jeder römische Soldat!« Ich beobachtete, wie der römische Rechtsanwalt oder Richter Arminius’ Worten lauschte, sicherlich aber nichts verstand. Als der Zorn der Menge sich nun gegen ihn richtete, brach er vor Angst in die Knie. »Zuletzt ließ er einen Neffen Segimers zu Tode peitschen, weil dieser sich weigerte, sein Haupt tief genug vor Varus in den Staub zu drücken. Die Begründung: Missachtung der hoheitlichen Stellung des Statthalters im Range eines Legaten und Prätors. Varus, der eigentlich Nachsicht üben wollte, wurde von diesem Mann so lange beeinflusst, bis dieser das Urteil schließlich verhängte und ausführen ließ.« Branfreti und Colgrin hielten den Mann fest, während Ebowino ihm den Mund aufriss. Segimer packte die zuckende Zunge, zog sie brutal weit heraus und hielt plötzlich einen römischen Dolch in der Hand. Im nächsten Moment schnitt er dem Mann die Zunge ab und warf sie achtlos ins Feuer. Dickes Blut quoll dem Gefangenen aus dem Mund. »Hör auf zu jammern, du Natter!«, fauchte Segimer den Mann an. Ihm schien eine Idee zu kommen, denn er griff an seinen Gürtel und hielt im nächsten Moment etwas in der Hand, was ich nicht genau erkennen konnte. Dann stellte er sich vor den zappelnden, sich windenden Römer und verdeckte damit die Sicht auf ihn. Segimers Oberkörper ruckte hin und her, während er – mit dem Rücken zu uns – schnelle Bewegungen ausführte. Ich hatte keine Ahnung, was er dort trieb. Schließlich trat er zur Seite und gab die Sicht auf den Gefangenen erneut frei. Er hatte ihm den Mund zugenäht! »Diese Natter zischt nicht mehr!«, rief er und die Männer stimmten ihm begeistert zu. Vor unseren Augen erstickte der Römer an seinem Blut, das ihm aus der Nase und den winzigen verbliebenen Öffnungen seines Mundes quoll. Gleichgültig stießen sie ihn von der Tribüne in den Schlamm, wo er zuckend liegen blieb. Der Nächste wurde nach oben gebracht: erneut einer von Varus’ Anwälten. Radabarti, einer der Chattenhäuptlinge, hatte wohl eine Rechnung mit ihm offen. In nicht ganz so dramatischer Aufführung wie zuvor Segimer nahm er ihm die Ketten ab, während zwei Krieger ihn mit aller Kraft auf den Boden drückten. Radabarti nahm eine Axt, zielte kurz und hackte ihm anschließend mit grimmiger Miene beide Hände ab. Der Anwalt kreischte entsetzt und wie von Sinnen, also stopfte der Chattenhäuptling ihm einen Fetzen seiner blutgetränkten Tunika zwischen die Zähne. Schließlich stieß er ihn in Richtung eines der Galgen. Dort legte man ihm eine Schlinge um den Hals und zog ihn mühelos unter großem Jubel und Applaus hoch über die Tribüne. Seine Beine zuckten und strampelten im Todeskampf, während die handlosen Unterarme, aus denen das Blut wild umherspritzte, immer wieder verzweifelt zum Seil strebten, das sich seitlich an seinem Nacken straff spannte. Gurgelnd und röchelnd wurde er schwächer, während schaumiger Speichel aus seinem aufgerissenen Mund quoll und von seiner geschwollenen Zunge tropfte. Die Augen drohten ihm schließlich aus dem Kopf zu springen und nicht viel später versteifte er sich zum letzten Mal. Es gab noch weitere Rechtsanwälte unter den Gefangenen und der Zorn schien auch auf sie besonders groß zu sein. Keiner von ihnen kam mit einem gnädigen, schnellen Tod davon. Dem Nächsten stachen sie die Augen aus, einem schnitten sie zusätzlich die Ohren ab und hängten ihn an den anderen Galgen. Für die Häuptlinge hatten diese Männer sich durch ihre kaltschnäuzige und gnadenlose Ignoranz in besonderer Weise schuldig gemacht, denn sie hatten bei Streitigkeiten nicht zuhören, Beweise nicht sehen wollen, sinnlose und unverständliche Dokumente aufgesetzt und für drakonische Strafen bei absoluten Nichtigkeiten gesorgt. Aufgrund ihrer Auslegung römischer Gesetze hatte Varus wahre Blutbäder unter cheruskischen und chattischen Familien anrichten lassen und die Zahl ihrer Opfer war immens. Die öffentliche Folter der Täter war eine späte Genugtuung für die Männer. Auch die Liktoren, jene grausamen Vollstrecker von Auspeitschungen und anderen Strafen im Namen Roms, sahen nun ihrem Tod ins Auge. Der Mörder Werthlikos war ebenfalls unter ihnen. Ich erkannte ihn sofort, weil er alle Aufmerksamkeit auf sich zog, als er laut heulend um Gnade winselte. Sie wurden mit Schlägen, Tritten und Peitschen zu nahen Eschen und Eichen mit starken Querästen getrieben. Erst hackten die Krieger ihnen Hände und Füße ab, um sie anschließend – einen nach dem anderen – langsam und noch lebend am Hals hängend hochzuziehen, bis die Bäume mit ihren gespenstisch zuckenden Leibern vollhingen. Als sich keine starken Äste mehr finden ließen, köpften Actumeri, Brawalla, Aesk und die anderen sie kurzerhand und nagelten die Schädel gut sichtbar an die Stämme. Mein Vater hob erneut die Arme und wartete, bis wieder halbwegs Ruhe herrschte. »Lange haben wir Gerechtigkeit gefordert und nichts als Strafen und hohe Abgaben bekommen. Kein Dorf wurde von Varus’ Beamten verschont. Jeder von uns hat geliebte Menschen verloren. Aber die Zeit der Vergeltung ist endlich gekommen! Wir haben unsere Freiheit wiedergewonnen«, erklärte er. »Wir haben diese teuer mit unserem Blut erkauft. Viele haben ihr Leben gegeben, ihre Unversehrtheit, doch die Namen der Toten sollen unvergessen bleiben! Ihre Namen sollen an den Feuern ihrer Sippen besungen und in Ehren gehalten werden, denn sie erwirkten etwas unsagbar Wertvolles – etwas, was nur mit Blut, Mut und Tatkraft erstritten werden kann. Sie haben Heil über ihre Sippen, ihre Häuptlinge, ja, ihre Stämme gebracht – ein Heil, das noch lange fortleben wird durch ihre Kinder und Kindeskinder! Ehrt die Toten! Heil ihnen! Das, was sie durch ihre Aufopferung vollbracht haben, ist die Freiheit, in der wir fortan leben können!« Arminius erntete gewaltige Zustimmung für seine Worte. Zum ersten Mal sah ich mich um, versuchte die Zahl der Leute hier abzuschätzen. Es mussten Tausende sein. Allerdings war es unmöglich, in den hinteren Bereichen auch nur ein Wort des Gesagten zu verstehen. So verbreitete sich Arminius’ Rede wie ein Lauffeuer durch Weitersagen und der Jubel erklang teilweise erst zeitversetzt. »Jenen, die mir vorwerfen, ich wäre ein Verräter, da ich Varus Treue geschworen hatte, sei gesagt: Wenn man einer Schlange den Kopf abschlagen will, muss man sich ihr ruhig und freundlich nähern, ansonsten wird man gebissen. Ich habe Varus getäuscht, das ist richtig. Doch seht nun her, wofür es gut war!« Cheruiosegi und Segimer reichten ihm eine Auswahl römischer Feldzeichen, Standarten sowie die drei Legionsadler herauf. Betont respektlos warf man diese vor seine Füße. »Varus dachte also, ich wäre sein Hund und würde angelaufen kommen, wenn der Herr ruft. Und dass ich tatenlos zusehe, wie ein Unrecht nach dem anderen im Namen des römischen Senats und Volkes an unseren Leuten ausgeführt wird. Er dachte, er würde mich beherrschen. Ha!« Mein Vater lachte laut auf, spuckte auf die teils geheiligten Feldzeichen der besiegten Legionen, dann öffnete er unter stürmischem Jubel seine Hose und urinierte vor aller Augen drauf. Als er fertig war, sprach er in aller Seelenruhe weiter. »Varus wusste, wen er vor sich hatte.« Und plötzlich brüllte er mit drohend erhobenem Arm: »Bliksmani, den Blitzschleuderer! Er wusste von meinen früheren Taten und dachte, ein Offizierstitel, die Erhebung in den Ritterstand sowie reichlich Gold würden mich bestechen, so wie es sicherlich unter den gierigsten und verkommensten der römischen Adelssippen gang und gäbe ist. Er sah meine Siege in Pannonien und Gallien und dachte, er hätte mich gefügig gemacht, fühlte sich in seiner grenzenlosen Überheblichkeit bestätigt. Auch das eine Eigentümlichkeit der römischen Lebensart. Wie aufgeblasen, selbstherrlich und dumm sind diese Römer eigentlich? Meinen, die Macht ihres Imperiums im Rücken gäbe jedem einzelnen ihrer Befehlshaber das Recht, zu tun und zu lassen, was ihm beliebt! Uns wie Vieh zu behandeln, das man zusammentreibt und umsiedelt, wenn es dem Feldherrn gelegen kommt! Ihre Liktoren zu schicken, um uns das Fleisch von den Knochen zu peitschen, nur weil irgendein zwanzigjähriger Rechtsanwaltsjüngling einen römischen Text zitiert! Nein, sage ich! Bauen wir ein eigenes Imperium auf! Setzen wir ihnen etwas entgegen! Sichern wir unsere Freiheit und treten wir geeint auf! Und wir sollten gleich damit anfangen! In den nächsten Tagen brechen wir zu den römischen Lagern an der Lippe auf. Dort irgendwo verbergen sich zwei weitere Legionen, die Varus unterstanden und jetzt von seinem Neffen Asprenas geführt werden. Wollen wir diese Made entkommen lassen?« »NEIN!«, hallte es ihm entgegen. »Wollt ihr die Römerlager an Ort und Stelle stehen lassen?« »NEIN!« »Oder wollt ihr sie in Schutt und Asche legen?« »SCHUTT UND ASCHE!« »Unser Kampf geht weiter! Wollt ihr mir folgen?« Wie aus einer Kehle hallte der zustimmende Jubel der Krieger so ehrfurchtgebietend wie grollender Donner über das Gelände. Arminius hob ein gewaltiges Trinkhorn und genoss minutenlang die Bestätigung und Anerkennung, das Johlen und Grölen. Immer wieder trank er demonstrativ, um seinen Männern zu zeigen, dass die Zeit des Feierns gekommen sei, bevor es in die nächste Schlacht ging. Das Bier schwappte nur so über seinen Bart und die gesamte Brust, tränkte sein Hemd, doch ihn störte es nicht. Ekstatisch feierten er und die anderen Häuptlinge noch lange Zeit auf der Tribüne zwischen den Getöteten. Erst als die Priester der verschiedenen Stämme sich langsam bei den verbliebenen Gefangenen einfanden, nun ausschließlich Militärs, kehrte wieder etwas Ruhe ein. Esago, der wolfspelzbehangene Hohepriester der Cherusker, stellte sich jetzt vor die feiernde Kriegerschar, Tilarids, die heilige Kultlanze in der Faust haltend. Sofort breitete sich ehrfürchtige Stille aus. Seine weißen Haare wehten sanft im Wind. Esago sprach nicht besonders laut und trotzdem hörten auch die Hintersten, was er zu sagen hatte. »Schenkt mir Gehör, ihr hohen und niederen Söhne des Heimdall! Dreimal muss der Sieg euer sein, bevor eure Sippen geheiligt sind und das Gegnerheer zertrümmert. Dreimal müssen ihre Hallen brennen, eure Speere ihre Leiber schlitzen, sonst werden Wiedergeborene auferstehen. Streift die Flur und jagt sie, erfüllt ihre Luft mit Gift und brecht ihre Wände herab. Dreht ihnen Fesseln aus ihren Därmen, flechtet sie fest in den Wäldern, denen Wasserquellen innewohnen, jenen Wäldern, die geweiht sind den Höchsten. Der Wolf kann Leichen reißen – doch vermögt auch ihr solches zu vollbringen? Die Prophezeiung ist wahr geworden, ihr habt sie mit dem Fleisch gefallener Männer erfüllt, der Nadarwinna ist gerötet vom Blut. Doch die Sonne wird schwarz werden, so wie die Sommer, wenn ihr meinen Rat nicht befolgt! Dreimal – sonst ist Gewonnenes verloren.« Der Albino-Priester ließ seinen lodernden Blick über die bedrückt Dastehenden kreisen. Er nickte grimmig, umklammerte Tilarids noch fester und führte die Priesterschar von der Tribüne. Zögerlich setzte Stimmengemurmel ein. Wer bisher geglaubt hatte, die Römer seien fortan das Problem von jemand anderem, war gerade eines Besseren belehrt worden. Auch Arminius schien ein wenig verstört von den düsteren Weissagungen des Esago. Schließlich fand er seine abschließenden Worte. »Dem Wodan die Eschenopfer, dem Donar die an den Eichen, der Frigga die an den Linden!«, erklärte er feierlich und bereits lallend und alle stimmten zu. »Tiu erhält seinen Teil der Beute im Thur to Brook. Dazu wird morgen eine Abordnung der Priester zum Diumari aufbrechen, einem großen flachen Wasser nördlich von hier. Wer einen Wagen und Ochsen entbehren kann, möge den Priestern dabei helfen, Tius Waffenopfer dorthin zu bringen. Zur Tagesmitte wird die restliche Beute aufgeteilt: Silber, Gold, Pferde und Sklaven. Übermorgen ziehe ich weiter nach Südwesten, um Asprenas, diese Kröte, zu zertreten und sämtliche Römerlager niederzubrennen. Folgt mir und noch mehr Beute und Ruhm werden euer sein!« Mit diesen Worten traten er und die Häuptlinge ab. Während die restlichen Gefangenen an den Ketten gepackt und weggeführt wurden, gab es im Wäldchen dahinter Tumult. Ich reckte den Hals und entdeckte erst jetzt, dass es dort zahlreiche weitere gefesselte Römer gab. Einfache Soldaten. Einige von ihnen hatten offensichtlich eine Wache überwältigt und nun konnten die meisten fliehen. Ein paar Stammeskrieger setzten ihnen zwar nach, gaben jedoch rasch auf. Eine Verfolgung im nachtschwarzen Wald war aussichtslos und letztlich kam es nicht darauf an, ob sie entkamen. Hunderte weitere blieben in Gefangenschaft und würden zwischen den Stämmen aufgeteilt werden, so wie die besonders wertvollen Beutestücke. Die Prozession in den Wald, angeleitet durch die Priester, wurde dadurch nicht gestört. Ich hatte bereits gehört, dass Teile der Haine eigens für die Götteropfer geweiht worden waren. Hierhin ging es nun für die Offiziere. Umgestürzte Bäume oder flache Findlinge würden als Altäre herhalten müssen, um auf ihnen das Blut der Opfer zu vergießen. Ich wollte mir das nicht mehr ansehen und wandte mich Ingimer zu. Rings um uns herrschte großes Gedränge, denn ein Teil der Krieger strömte jetzt in Richtung dieser heiligen Haine, der Rest zurück zu ihren Leuten an den Totenfeuern. »Was machen wir?«, fragte ich ihn. Er gab mir per Handzeichen zu verstehen, dass er auch lieber zurückkehren wollte. Auf dem Weg ins Lager gingen wir eine ganze Weile schweigend nebeneinander her. »Dein Vater ist ein großer Mann«, stellte Ingimer schließlich fest. Ich seufzte. Dem konnte ich wohl kaum noch widersprechen. »Ja«, sagte ich. »Was hast du jetzt vor? Reitest du mit ihm?« »Ich habe bereits darüber nachgedacht«, gab er zurück. »Ich denke, es ist das Beste, erst mal meinen Vater nach Hause zu bringen. Aber so oder so gibt es Entscheidungen zu treffen.« »Er kann nicht Häuptling bleiben, oder?« »Nein. Selbst wenn er überlebt, auch dank deiner Hilfe, wird er nie wieder einen Speer oder ein Schwert führen können. Jemand muss ihn ablösen.« »Das kannst nur du sein.« Ingimer schwieg lange. »Nicht unbedingt. Du weißt, dass der Häuptling auf einem Thing frei gewählt wird. Natürlich sind die Sippen, in denen das Heil besonders stark ist, meistens diejenigen, die den Häuptling stellen. Aber in unserem Fall, am Aha Stegili, gibt es ja noch jemanden, der infrage käme …« Ich brauchte einen Moment, bis ich verstand, worauf er hinauswollte. »Du … du glaubst doch nicht im Ernst, dass ich …?« Ich starrte ihn entgeistert an, aber es war dunkel und nur vereinzelt erhellte Fackelschein unsere Gesichter. Ich hatte keine Ahnung, was in ihm vorging. »Warum nicht? Dein Vater ist ein großer Mann und du stehst ihm kaum nach, Witandi. Deine Erfolge und Taten sind legendär und du bist der Schwiegersohn meines Vaters. Viele Männer würden dir folgen.« Ich winkte ab. »Das würde aber voraussetzen, dass ich Häuptling werden will. Das ist aber nicht der Fall, glaub mir. Für mich bist du der beste Mann. Der Einzige, der infrage kommt. Niemand sonst. Ich werde beim Thing für dich stimmen.« Ingimer schwieg. »Würdest du das wirklich tun? Mir deine Unterstützung geben?« Ich war erstaunt. »Natürlich, mein Freund! Was denkst du denn? Du kannst auf mich zählen, Ingimer. Immer!« Da hielt er an und packte meinen Arm. »Danke! Das vergesse ich dir nie.« Unvermittelt zog er mich heran und presste mich ein wenig unbeholfen an sich. Eine große Freundschaftsgeste, die mich sehr rührte. »Du kannst ebenfalls immer auf mich zählen, das verspreche ich dir!« »Bleibt doch alles in der Familie«, grinste ich, aber mit diesem Spruch konnte er nichts anfangen. »Nur Werthliko fehlt«, sagte er schließlich, als wir weitergingen. »Ja«, nickte ich. »Aber immerhin haben wir ihn gerächt.« »Nicht zu knapp«, lachte Ingimer. »Nein. Da kann sich keiner beschweren«, lachte ich ebenfalls. »Nicht zu knapp. Werthliko wäre stolz gewesen, dass wir seinetwegen ein solches Blutbad veranstaltet haben.« Zum ersten Mal fühlte ich mich im Angesicht des uns allseits umgebenden Todes ein kleines bisschen weniger mörderisch, blutbesudelt und schuldbeladen. Und das tat richtig gut. Zur Mittagszeit, also der angekündigten Beuteverteilung, fanden wir Chauken uns ebenfalls ein. So gut wie jeder Krieger, der uns über den Weg lief, wirkte äußerst verkatert und schlecht gelaunt. Trotzdem wollte sich natürlich niemand das Spektakel entgehen lassen. Wohin ich auch schaute, pickten Heerscharen von Krähen eifrig Erbrochenes vom Boden auf, ohne Scheu vor den Menschen und direkt zwischen den zahllosen Alkoholleichen, die immer noch überall herumlagen. Die Allee der Beuteschau war wieder abgebaut worden – dafür gab es jetzt fünf unterschiedlich große Haufen, die aus den achtlos aufeinandergestapelten Kostbarkeiten bestanden, die den Stammesführern gleich übergeben werden sollten. Sklaven und Pferde standen ein wenig abseits, ebenfalls in fünf Gruppen verschiedener Größe. Je nach gestelltem Aufgebot der einzelnen Stämme sollten die obersten Häuptlinge stellvertretend für ihre Leute die eroberten Schätze entgegennehmen und selbst für die weitere Verteilung sorgen. Der kleinste Haufen gehörte uns Chauken. Ich erkannte den von mir gekaperten Legionsadler darin, wusste aber auch nicht so recht, was ich damit eigentlich anfangen sollte. Mir war es ja nie um Beute gegangen, sondern um Vergeltung, Freiheit und zukünftige Sicherheit für meine Familie. Ingimer, ein paar weitere Leute und ich sammelten alles ein: zwei eisenbeschlagene Truhen, einen Haufen Silberbesteck und einen Sack voll Münzen, ein paar prunkvolle Rüstungsteile sowie zwei mit Edelsteinen besetzte Schwertscheiden inklusive Klingen, den Legionsadler, vierundzwanzig Pferde sowie sechzig arme Soldatenschweine, die ab sofort ihr Leben als Sklaven im Norden fristen würden. Für unser kleines Aufgebot eine ganz ansehnliche Entlohnung, bedachte man, dass die Taschen der Krieger sowieso schon überquollen von dem, was sie in den letzten Tagen zusammengefleddert hatten. Ich hatte keine Lust, mir die weitere Beuteverteilung anzuschauen, denn meine Gedanken kreisten ausschließlich um unsere lange ersehnte Rückkehr zum Aha Stegili. Ich verzehrte mich nach Frilike, vermisste meinen kleinen Ingimodi, wollte endlich wieder Ruhe und Frieden. Der Gedanke an Julias mutterlose Kinder versetzte mir zwar einen Stich, doch immerhin waren sie gesund und heil aus dieser ganzen Sache herausgekommen. Wir hatten unsere Pferde bereits aus den Gasitjanbargi herausgeführt und am Rande des Moors festgebunden, damit wir schneller aufbrechen konnten. Niemand von uns wollte Arminius noch zur Lippe oder gar zum Rhein folgen, diesen Kampf sollten die dort heimischen Stämme gemeinsam mit meinem Vater ausfechten. Wir würden uns um die Sicherung des Gebiets zwischen Ems und Elbe kümmern, so wie abgemacht. Ich war froh, dass Athalkuning und Ingimer darüber einer Meinung waren, und meine gute Laune war trotz meines Katers beständig am Wachsen. Fast hätte ich beschwingt pfeifend durch die Gegend laufen können, alle paar Schritte Luftsprünge durchführend, Ingimer umarmend und meinen Jubel herausschreiend, so sehr freute ich mich, diesen Ort endlich zu verlassen. Aber natürlich war das für einen Krieger wie mich nicht angemessen, also versteckte ich mein Frohlocken tief in mir hinter einer Maske aus Würde. Für den Transport der Verwundeten hatten wir einige der Karren beschlagnahmt, auf die wir diejenigen betten konnten, die nicht imstande waren, aufrecht sitzend zu reiten. Dazu gehörte auch Ingimundi, dessen Wunde sich bislang zwar nicht entzündet hatte, der aber durch den Blutverlust immer noch arg geschwächt war. Eine dicke Schicht Decken und Felle sollte ihn so gut es ging polstern, trotzdem würde die rumpelige Rückfahrt für ihn eine wahre Tortur werden. Auf dem Weg zu unseren Pferden sah ich Malcolm und die alte Frau, die sich als seine Schwester Moira ausgegeben hatte, ein Stück abseits sitzen. Siedend heiß fiel mir erst jetzt die seltsame Begegnung mit ihr wieder ein. Der Rucksack, ihr gebrochenes Deutsch! Seit unserer Trennung auf dem Schlachtfeld hatte ich keinen Gedanken mehr an die beiden verschwendet. Nun war ich aber doch neugierig und dachte, dass es auf die paar Minuten nicht ankäme. Also ging ich zu ihnen. Sie saßen an einem kleinen Feuerchen, auf dem ein Topf mit Wasser stand. Malcolm war gerade dabei, wilde Pastinaken zu schneiden, wohl um sie weichzukochen. Moira wirkte heute noch gebrechlicher als gestern. Wie um alles in der Welt hatte sie es bloß hierher geschafft? »Hallo«, begrüßte ich sie. Malcolm hob den Blick, völlig ungerührt von der Aufbruchsstimmung um ihn herum. Sie hatten sich an den Rand eines kleinen Holunderhains gesetzt, ein Stück abseits der nächsten verrottenden Römerleichen. Moira wippte ihren Oberkörper sanft vor und zurück, während ihre Lippen sich leicht bewegten. Auf mich wirkte sie ein wenig entrückt. Der Holztiegel vor ihr ließ darauf schließen, dass die Mahlzeit für sie bestimmt war, Malcolm sich also um sie kümmerte und sie somit tatsächlich seine Schwester aus der Zukunft war. »Was macht sie hier?«, fragte ich deswegen rundheraus. Malcolm seufzte. »Das ist eine wirklich unglaubliche Geschichte«, antwortete er bedächtig. Dann erzählte er mir, was er von ihr erfahren hatte. Von der Hagedise namens Skadi Brock, die in den Besitz der Himmelsscheibe aus meinem Haus gelangt war, hatte ich ja bereits gehört. Doch nun erfuhr ich davon, wie diese zerstört wurde und wie Moira ausgerechnet mit dem kindlichen Marbod und seinem Vater in diese Welt gelangt war – eigentlich, um diesen im Sinne der Hagalianer zu beeinflussen, um den Boden für eine große Koalition der Germanenfürsten zu bereiten. Mit wachsendem Staunen hörte ich mir alles an. »Wo genau befand sich dieses Tor?«, unterbrach ich Malcolm. Ich erinnerte mich an Marbods Notizen, in denen er lediglich von der Hand Gottes gefaselt hatte, die ihn und seinen Vater hergeführt hätte. »In einem kleinen Gewässer auf einem Berg in Nordhessen. Der sogenannte Frau-Holle-Teich auf dem Hohen Meißner.« »Nie gehört«, zuckte ich die Achseln. »Dennoch – das ist echt ein Hammer! Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich dachte stets, dass … na ja … unser Tor das einzige sei.« Ich winkte ab. »Erzähl weiter!« »Die Jahre nach Moiras Ankunft in dieser Welt verliefen völlig anders als geplant«, fuhr Malcolm fort. »Es lagen wohl einige Tage zwischen ihrem Eintreffen und dem der Bodewigs und so verlor sie schnell deren Spur. Sie konnte auch niemanden fragen, da sie die Sprache nicht beherrschte und nicht mal einen Namen für den Jungen und seinen Vater hatte. Sie wusste ja bloß, wie er sich als Erwachsener nennen würde. Einige Chatten griffen sie halb verhungert in der Wildnis auf, verschleppten sie nach Gallien und verkauften sie in die Sklaverei. Über fünfundzwanzig Jahre lebte sie dort als Haussklavin und Heilerin in der Villa eines reichen Großgrundbesitzers.« Malcolm blickte zu Boden, aber ich sah seine angespannten Kiefermuskeln und wusste sogleich, dass ihn das Schicksal seiner Schwester stark bewegte. Er atmete ein paarmal tief ein und aus, bevor er weitersprach. »Es fehlte ihr an nichts, wie sie mir versicherte, und die Herrin hat sie auch immer gut behandelt. Trotzdem …« Er seufzte. »Ihre besten Jahre hat sie als Sklavin verbracht! In Marbods Nähe ist sie erst vor wenigen Jahren gekommen. Ihr Leben – verschwendet!« Aus seinen letzten Worten klang Bitterkeit. Ich wusste kaum, was ich dazu sagen sollte. »Das ist … schrecklich«, stammelte ich schließlich. »Wie hat sie es dennoch bis hierher geschafft?« Ich warf einen Seitenblick auf Moira, betrachtete die tiefen Falten, die ihre Haut überzogen. Welch unermesslichen Leidensweg sie wohl durchlebt hatte? Eine Frau des 21. Jahrhunderts als Sklavin in Gallien! Mir schauderte alleine schon deswegen, weil ich selbst, aber auch Julia, Frilike oder Ingimer genau diesem Schicksal im letzten Moment entkommen waren. In diesem Augenblick wurde mir klar, wie viele das nicht schafften, wie viele Leben auf diese Weise gestohlen wurden. Sklaverei war ein Teil dieser Welt und betraf unzählige arme Kreaturen. »Ihre Herrin schenkte ihr vor sechs Jahren die Freiheit. Moira machte sich sogleich nach Osten auf, dem Rhein entgegen, brauchte aber alleine für diese Strecke ein ganzes Jahr. Von dort aus unternahm sie eine unglaublich weite Reise, den Rhein hinauf, über Land zur Donau, diese hinauf bis zur Moldau und von dort wieder zu Fuß bis nach Marobodum. Weitere anderthalb Jahre verstrichen, in denen ihre Gesundheit und Kräfte nach und nach schwanden. Einzig ihrem Können als Heilerin war es zu verdanken, dass sie überlebte, denn überall gab es Arbeit für sie. Eines Tages erreichte sie schließlich die Festung des Marbod. Doch sie wurde bitter enttäuscht. Sie beschrieb mir Marbod als eitlen und grausamen Despoten, der die alten Götter und die Prophezeiung, wie sie es nennt, verspottete.« Er sah mich fragend an. »Kannst du was damit anfangen?« Ich zuckte die Achseln. Ich wollte natürlich nicht mehr preisgeben als unbedingt nötig. »Na ja, sie mochte nicht drüber sprechen. Jedenfalls wurde sie davongejagt, entging nur aufgrund ihres Alters einer Tracht Prügel. Ist das nicht eine Schande? Ihr Leben in dieser Welt ist ein einziges Debakel gewesen, völlig verschwendet. Geschickt, um Marbod zu unterstützen, und der jagt sie davon! Sie brauchte weitere zwei Jahre, bis sie Oppidum Ubiorum24 erreichte. Dort hörte sie vom neuen Statthalter in Germanien, Varus, und erinnerte sich daran, dass die Varusschlacht irgendwann bevorstand. Als eine alte Frau, die sie zu dem Zeitpunkt bereits war, bereitete sie alles dafür vor, den Ort der Schlacht aufzusuchen, um mich ein letztes Mal in ihrem Leben wiederzusehen. Sie konnte ja davon ausgehen, mich hier anzutreffen.« 24 Früher Name für Köln, bedeutet »Stadt der Ubier« Ich schluckte schwer. »Weißt du, wie alt sie ist?« »Sie sagt, sie hätte irgendwann aufgehört, die Winter zu zählen. Aber es müssen über siebzig sein. Sie fühlt sich alt und krank und glaubt, dass sie nicht mehr viel Zeit hat.« Malcolm wandte den Kopf zur Seite. Ich konnte nur erahnen, wie nah ihm ihr Schicksal ging. Vor wenigen Tagen noch hatte er sie als Frau in den besten Jahren in den Armen gehalten, sie hatten sich voneinander verabschiedet – und nun traf er sie als tragisch gescheiterte Greisin wieder, in sich zusammengefallen und gebrechlich. Es war unfassbar! »Und nun? Was werdet ihr tun? Hast du schon eine Idee?« Der große Hagalianer zuckte müde die Achseln. »Soll ich ehrlich sein?« Er sah mich aus blutunterlaufenen Augen traurig an. Jede Kraft schien von ihm gewichen. Vielleicht war ihm erst jetzt bewusst geworden, worauf er und die anderen sich hier eigentlich eingelassen hatten. Was es wirklich bedeutete, die andere, zukünftige Welt hinter sich zu lassen. »Ich habe keine Ahnung. Ich weiß es nicht. So einfach ist das.« Er rümpfte die Nase und stocherte mit seinem Messer in dem köchelnden Wasser herum. Ich sah kurz zu Moira. Es war nicht erkennbar, ob sie uns überhaupt zuhörte. »Kann sie ja wohl schlecht hierlassen, oder? Und ich kann sie genauso schlecht mitnehmen. Ich habe Arminius meine Treue geschworen, verstehst du?« Ich nickte. Das wusste ich sehr wohl. »Ich … könnte«, begann ich stockend. Wollte ich das jetzt wirklich sagen? Mein Kopf sagte nein, mein Bauch ja. »Wir brechen gleich auf. Zum Aha Stegili. Mit Ochsenkarren wegen der Verwundeten. Ich könnte …« Malcolm sah mich einen Moment lang mit großen Augen an. »Das würdest du tun? Aber wer soll sich um sie kümmern? Sie ist doch schon so alt …« »Bisher ist sie auch ganz gut klargekommen, oder?« Ich wusste, dass ich damit falsch lag. Ihr Zustand konnte sich täglich verschlechtern – bis hin zu einer umfassenden Pflegebedürftigkeit. »Das ist ein sehr großzügiges Angebot von dir, Leon. Aber ich kann sie dir nicht einfach aufdrücken. Das geht nicht. Sie soll niemandem zur Last fallen.« »Scheiße«, nickte ich. »Scheiße«, bestätigte er. Plötzlich ruckte sein Kopf hoch und er sah an mir vorbei. Seine Miene verdüsterte sich noch weiter. »Was ist denn jetzt schon wieder los?«, murmelte er. Ich drehte mich um und sah sofort, was er meinte. Mein Vater, Segimer, Inguiomer, Cheruiosegi, Geronimo und der Franzose kamen in vollem Galopp angeritten. Sie hielten direkt auf uns zu. Vorsichtig wich ich zurück, die stampfenden Beine und Dampf aus den Nüstern ausstoßenden Pferde fest im Blick. Allesamt schauten sie äußerst grimmig drein und schafften es beinahe, uns über den Haufen zu reiten. Erst im letzten Moment zügelten sie die Tiere. »Was ist los?«, fragte Malcolm verärgert. Er hatte sich schützend vor Moira gestellt. »Viper!«, keuchte mein Vater. »Habt ihr ihn gesehen?« Ich schüttelte den Kopf. Malcolm blickte erstaunt in die Runde. »Nein«, entgegnete er. »Warum? Was hat er ausgefressen?« »Er ist abgehauen, so wie es aussieht! Und zwar mit Packpferden und einem Großteil der restlichen Munition, Waffen, Ausrüstung – einfach alles. So viel die Pferde tragen konnten.« »WAS?«, rief Malcolm, nun ebenfalls zornesrot, und ballte die Fäuste. »Wann? Er kann noch nicht weit sein.« »Wir wissen es nicht«, knurrte Geronimo. »Außerdem gibt es keine eindeutigen Spuren.« Er machte eine alles umfassende Geste. »Zu viele Füße, zu viele Hufe.« »Er kann praktisch überall sein«, bemerkte Arminius. »Wir haben schlicht keine Ahnung.« »Ich verstehe das nicht«, sagte Malcolm. »Er kennt niemanden, versteht die Sprache nicht. Was soll sein Ziel sein? Wo will er hin?« »Seine Möglichkeiten dürften tatsächlich sehr beschränkt sein«, überlegte ich. Mir fiel ebenfalls keine vernünftige Erklärung ein. Cheruiosegi und Inguiomer blickten äußerst finster drein. »Ich habe diesen Kerlen nie vertraut, Arminius«, erklärte der Bruder des Segimer. »Sie tauchten hier einfach auf und schworen dir ihre Treue. Doch niemand kennt sie, selbst du nicht, wie du zugabst. Seitdem haben sie bloß Unruhe gestiftet. Dieser Viper hat fast dafür gesorgt, dass mein Neffe und Segimers Sohn, dein Stiefbruder Cheruiosegi, getötet wurde, indem sie den tapferen Witandi davon abhielten, ihm zu helfen. Sie sind mächtige Donnergötter, ja, aber du hast sie nicht im Griff, Arminius. Keinen von ihnen. Sie sind wie Wölfe, die sich nicht zähmen lassen.« Inguiomer starrte Arminius einen Moment lang an und ließ die Worte wirken. Segimer rutschte unruhig auf dem Pferderücken hin und her. Wirklich widersprechen konnte ihm keiner, nicht mal mein Vater. »Verstehe ich das richtig«, fiel nun auch Cheruiosegi ein, »dass dieser Viper den Großteil eurer Blitzschleudern und der Ausrüstung, für die du sie überhaupt erst in unsere Reihen aufgenommen hast, mitgenommen hat? Die da«, er wies auf die anderen Hagalianer, »sind also keine Donnergötter mehr?« So konnte man es auch sehen. Malcolm schaute verärgert, weil auf ihn gezeigt wurde, er aber kein Wort verstand. »Natürlich! Du siehst doch ihre Blitzschleudern, oder etwa nicht?«, entgegnete mein Vater gallig. »Dennoch werden wir auch die anderen wiederbeschaffen!« Er warf seinem Stiefbruder einen zornigen Blick zu. Wahrscheinlich wollte er, dass dieser die Klappe hielt, doch diesen Wunsch tat er ihm nicht. »Du hast uns alle davon überzeugt, dass wir diese Schlacht gewinnen können – und du hast dein Wort gehalten, Arminius. Aber wie wollen wir auch die nächsten Kämpfe gewinnen, wenn so wichtige Krieger wie die Donnergötter nicht an dein Heil glauben? Segestes ist weg, die meisten Chatten sind weg, nachdem sich herumgesprochen hat, dass Donnergötter ihre Waffen auf sie gerichtet haben. Und sogar Katwalda ist mittlerweile mit einer Botschaft für Marbod aufgebrochen, die diesen in die Arme Roms treiben wird. Ich verstehe dein Handeln nicht, Stiefbruder. Vielleicht willst du es uns ja erklären.« Inguiomer nickte zustimmend und sah Arminius erwartungsvoll an. Nur Segimer fühlte sich sichtlich unwohl. Das Gesicht meines Vaters war inzwischen knallrot angelaufen. »Was soll das?«, fragte er. Jedes einzelne Wort war wie ein Schlag für ihn gewesen. »Ich kann nicht für Viper sprechen. Ich weiß auch nicht, warum er abgehauen ist. Vielleicht glaubt er, dass er es auf eigene Faust schafft mit den Blitzschleudern und anderen Dingen, was weiß ich? Vielleicht ist er auch einfach nur übergeschnappt. Wir werden ihn finden und wir holen uns zurück, was unser ist! Was hat dieser ganze Scheiß mit Segestes und Marbod zu tun?« Arminius lenkte sein Pferd gefährlich nahe an Cheruiosegis Seite und beugte sich zu ihm vor. »Auf wessen Seite stehst du eigentlich, Flavus?« Den römischen Namen von Cheruiosegi sprach er mit solcher Verachtung aus, dass ich fürchtete, Segimer würde einschreiten. Immerhin war Cheruiosegi sein leiblicher Sohn. Doch er tat nichts. »Das ist genau die richtige Frage, Arminius«, zischte Cheruiosegi. »Ein Hund, der jedem ans Bein pisst, bekommt früher oder später einen Tritt. Das solltest du wissen. Und du solltest dich entscheiden: entweder deine Donnergötter oder ich! Dieses Gesindel spricht nicht unsere Sprache, weiß nichts von uns und steht auch nicht mit eiserner Treue hinter dir. Frage dich, mit wem du in die nächste Schlacht ziehen willst. Ich kehre erst zurück, wenn du dich für das Richtige entschieden hast.« Damit riss der Cherusker sein Pferd herum und stürmte davon. Ich sah meinen Vater an. Seine Miene verriet eine Mischung aus Überraschung und Zorn. Ich kannte Cheruiosegi nicht sehr gut, aber mich überraschte am ehesten sein Mut. Ich wusste, dass er als Jugendlicher einige Jahre in Rom gelebt hatte und ausgebildet worden war, wie so viele andere Fürstensöhne, deren Geiselkinder im römischen Sinne erzogen werden sollten. In der römischen Armee hatte er es in den letzten Jahren ebenfalls weit gebracht. Angeblich hätte er kurz vor der Ernennung zum Centurio gestanden, als die Cherusker fast geschlossen meuterten. Ich vermutete, dass er sich gezwungen gefühlt hatte, auf der Seite seines Vaters Segimer, seines Onkels Inguiomer und seines neuen Stiefbruders Arminius zu stehen, obwohl er dies wahrscheinlich gar nicht wollte. Aus seiner Sicht hatte er auf eine Karriere in der größten Armee der Welt verzichtet – und nun fragte er sich, wofür? Warum hatte er all das auf sich genommen – schließlich war es ihm ja vorher auch schon gut ergangen. Vielleicht fühlte er sich sogar ein wenig überlegen, kannte er doch Rom und die Römer am besten von allen hier. Segimer blickte seinem Sohn stirnrunzelnd nach. Er schien hin und her gerissen, entschied sich aber, ihm nicht zu folgen. »Der wird sich schon wieder beruhigen«, winkte mein Vater ab. Inguiomer war anderer Meinung. »Was gedenkst du jetzt zu tun, Arminius?«, fragte er. »Wenn du Cheruiosegi nicht verlieren willst, solltest du deine Entscheidung schnell treffen.« Mein Vater schnaufte. »Was für eine Entscheidung? Wir kämpfen gemeinsam – bis zum Ende! Wer das anders sieht, kann gehen! Ich zwinge niemanden, an meiner Seite zu stehen.« Er warf einen prüfenden Blick auf Segimer. Doch für diesen schien sich die Frage nicht zu stellen. Er stand unverrückbar hinter Arminius. »Geronimo! Du bist ein Meister im Spurenlesen. Finde Viper, egal, wie, egal, wo! Bring mir die Sachen zurück – so schnell es geht! Der Erfolg unserer weiteren Unternehmungen hängt daran! Ich gebe dir zwei Cherusker mit, die dich begleiten. Brich sofort auf! Noch mal: Die Zeit drängt! Morgen ziehen wir nach Südwesten, um Asprenas aufzuspüren. Ich brauche Munition, Handgranaten, Sprengstoff – das volle Programm. Ohne werden wir es nicht schaffen, die römischen Lager einzunehmen. Besonders Aliso nicht. Es ist gigantisch, zwar nicht so groß wie Areppum, aber dort gibt es, zumindest nach meinem Wissensstand von vor ein paar Tagen, noch einige Hilfstruppeneinheiten und eine Notbesatzung.« Geronimo nickte und machte sich sogleich auf den Weg ins Cheruskerlager, um seine Sachen zu packen. Mein Vater wandte sich indes an Malcolm, den Franzosen und mich. »Meine Legion der Donnergötter ist auf euch drei zusammengeschrumpft. Ich brauche euch – mehr denn je! Ihr kommt mit mir, um Asprenas zu verfolgen.« Der Franzose nickte ergeben, doch ich erstarrte. Auch Malcolm zuckte unmerklich zusammen. Er blickte kurz zu seiner Schwester hinüber, aber die hustete bloß in ein Tuch und schien weiterhin völlig teilnahmslos. »Nein!«, entgegnete ich scharf. »Ich kann nicht mitkommen. Ich kehre zurück ins Dorf, so wie abgemacht.« Der Kopf meines Vaters ruckte zu mir herum. »Leon! Sei vernünftig! Du kannst in dieser Situation nicht zurück an dein Torffeuer gehen! Du wirst deine Familie noch früh genug wiedersehen. Wenn wir Asprenas jetzt nicht nachsetzen und die Infrastruktur der Römer zerstören, stehen sie im übernächsten Frühjahr wieder hier! Und dann werden sie noch ungnädiger sein als bisher. Es geht jetzt um alles oder nichts. Und ich brauche dich, deine Erfahrung, dein Können im Umgang mit der Waffe. Du bist nicht ersetzbar.« Ich spürte, wie mich alle Kraft verließ. Er hatte ja recht. Hier ging es um mehr als meinen Fronturlaub. Hatte ich mir nicht sowieso die ganze Zeit etwas vorgemacht? War es je realistisch gewesen, zu denken, dass mit ein paar Wochen Abwesenheit von zu Hause mein Zutun in dieser Sache erledigt sei? Was für ein Blödsinn! Und nun platzte die Blase und ihr unangenehmer, stinkender Inhalt überschüttete mich. »Ich habe bloß noch drei Magazine mit Munition«, entgegnete ich schwach. »Was soll ich damit schon ausrichten?« Ich wusste, dass es nutzlos war. Frilike, Ingimodi, ade! Vor dem Winter würde ich sie nicht wiedersehen. Ich konnte bloß alles daran setzen, dass der kommende Feldzug schnellstens und erfolgreich über die Bühne ging. »Viper hat zwei Kisten zurückgelassen. Also ist fürs Erste noch genug da«, meinte mein Vater. »Das«, meldete sich Malcolm zu Wort, »ist meine Schwester Moira. Sie ist bereits seit rund dreißig Jahren in dieser Welt. Ich kann sie nicht hier zurückgelassen.« Er warf Arminius einen hilflosen Blick zu. Doch der sah bloß mit finsterer Miene zu Moira hinüber und entdeckte in ihr nur eine uralte Frau, die in sich zusammengesunken und teilnahmslos auf dem Boden hockte. Er winkte ab. »Ich habe gerade andere Sorgen, Malcolm. Finde eine Lösung – und zwar schnell! Im Morgengrauen brechen wir auf.« Er gab Segimer und Inguiomer ein Zeichen, woraufhin auch sie davonpreschten. Ich sah ihnen noch lange nach, dann wandte ich mich wieder Malcolm zu. »Scheiße«, sagte er. »Ja, scheiße«, bestätigte ich. Wir schwiegen eine Weile. Ich beobachtete, wie Ingimer und Athalkuning jede Menge Anweisungen gaben, hierhin und dorthin zeigten, Befehle brüllten, irgendwelche Sachen besser verpackten und Lederriemen nachzogen, weitere Decken für die Verletzten heranschafften. Zum ersten Mal fühlte ich mich wenigstens ein bisschen mit Malcolm verbunden. »Ich rede mit Ingimer. Mach dir keine Sorgen um deine Schwester. Jemand aus dem Dorf wird sich um sie kümmern, bis du sie abholen kommst.« Malcolm reagierte zuerst nicht. Schließlich seufzte er schwer. »Das werde ich dir nicht vergessen, Leon. Ich stehe in deiner Schuld.« Ich lachte gequält. »Tja, wer weiß, vielleicht ist das ja noch mal zu etwas gut.« Ich winkte ab. »Du wirst noch sehen – die eigene Menschlichkeit in diesem Wahnsinn zu bewahren, ist eine schwere Aufgabe. Da muss man dankbar sein, wenn man die Chance erhält, auch mal etwas zu tun, was anderen hilft und sie nicht tötet.« Malcolm nickte. »Ich weiß, was du meinst. Ich habe zwar viel Kampferfahrung gesammelt in meinen Jahren bei der Legion – aber das ist mit dem hier nicht vergleichbar. Und ich hätte niemals für möglich gehalten, dass ich das mal so sehen könnte. Früher haben wir in getarnten Erdlöchern gelegen und über weite Distanzen anonyme Gegner getötet, die selbst in irgendwelchen Stellungen lagen. Unserem Feind Auge in Auge gegenüberzustehen, war die absolute Ausnahme. Natürlich sind wir hin und wieder mal in ein Dorf eingedrungen, in Mali oder Somalia oder den Drogenkriegen in Französisch-Guayana, aber da gab’s einen Schuss in den Kopf für den Feind, ein sauberes kleines Loch, aus dem ein wenig Blut quoll, die Austrittswunde hinten hat man meist nicht mal gesehen. Hier bin ich gestern knöcheltief durch Blut gewatet, du hast selbst drin gestanden. Pfützen aus Blut! Gedärme, aus denen die Scheiße nur so rauskam, stinkende Haufen von Innereien, ein ekelhaftes Durcheinander von abgeschlagenen Köpfen, Händen, Armen, Beinen und gespaltenen Rümpfen. Es war wie ein einziger großer Schlachthof.« Er winkte ab. »Ich weiß, was du meinst. Wir müssen zusammenstehen und helfen, wo es geht, ansonsten hören wir auf, Menschen zu sein.« In der Nacht starb Moira. Sie sollte eigentlich am nächsten Morgen mit einer kleinen chaukischen Nachhut unter Führung von Giskregi Richtung Aha Stegili transportiert werden. Doch bevor es so weit war, erlosch ihr Lebenslicht. Malcolm hatte mich bereits gegen Mitternacht geweckt und mich gebeten, ihm zu helfen, Moira umzubetten, da es ihr schlecht ginge und sie Fieber hätte. All das hatte nichts mehr genützt. Vielleicht hätten einige der von Viper gestohlenen Medikamente noch etwas ändern können, doch wer wusste das schon? Ich half Malcolm, Holz für die Verbrennung ihres Leichnams heranzuschaffen. Kurz vor der einsetzenden Morgendämmerung übergaben wir sie in einer kurzen, aber feierlichen Zeremonie den Flammen. Schweigsam und scheinbar gefasst führte Malcolm alles Notwendige durch, um seiner Schwester einen angemessenen Abgang aus dieser Welt zu bescheren. Seinen Schock darüber, die so unerwartet wiedergefundene Schwester sogleich erneut zu verlieren, konnte er vor mir aber nicht verbergen. Es schien fast so, als sei sie einzig und allein noch am Leben geblieben, um diesen einen Tag des Wiedersehens zu erleben. Für mehr hatten ihre Kräfte nicht gereicht. Den Tag verbrachten wir schweigend auf den Pferderücken, während wir den kürzesten Weg, westlich an den Gasitjanbargi vorbei, in Richtung Lippe nahmen. Die Streitmacht war etwa zehntausend Mann stark, bestehend aus größeren Kampfverbänden der Cherusker, Brukterer, Marser, Angrivarier sowie einigen wenigen Chatten. Von Letzteren hatten sich die meisten tatsächlich abgesetzt und Arminius den Rücken gekehrt, so wie von Cheruiosegi prophezeit. Lediglich ein junger Chattenfürst namens Arpo, der seinen Namen mit noch mehr Siegen verbunden sehen wollte, hielt meinem Vater die Treue. Kundschafter eilten voraus und sondierten die Lage an der Lippe. Für die Römer war dieser Fluss seit etwa zwanzig Jahren von ganz besonderer Bedeutung: Ausgehend vom Rhein, floss er beinahe schnurgerade mitten ins germanische Herzland und bildete sozusagen ein natürliches Einfallstor sowie einen gut schiffbaren Transportweg mit Rheinanschluss. Es verwunderte also nicht, dass die Römer Lager und Kastelle an seinen Ufern gebaut hatten; wie an einer Perlenschnur aufgereiht und stets im Abstand von fünfundzwanzig bis maximal dreißig Kilometern zueinander. Dies entsprach der durchschnittlichen täglichen Marschleistung einer Legion. So konnte man also von der stark befestigten Rheingrenze in mehrtägigen Märschen sicher und mit garantierten Unterbringungs- und Verpflegungsmöglichkeiten bis zu den Lippe-Quellen nahe dem Cheruskerterritorium vordringen, begleitet von einer Flotte aus Truppentransportern und Kriegsschiffen, die eigens für die Binnenschifffahrt konstruiert waren. Unser Ziel war es, dieses Einfallstor für die römischen Truppen ein für alle Mal zu verschließen. Am Abend lagerten wir in der Ebene. Wie ein Heuschreckenschwarm strömten die Männer in alle Richtungen, um Holz, Nahrungsmittel, Getränke und was sonst noch nötig war von den armen Bauern im Umland zu requirieren. Da wir das Chasuarier-Territorium aber mittlerweile verlassen hatten und wir uns nun im Gebiet der verbündeten Brukterer befanden, gab es strengste Anweisungen, niemanden auszuplündern oder gar zu verletzen. Niemals sollte mehr als der sechste Teil des Eigentums der Bauern beschlagnahmt werden. Die Männer hielten sich daran. Am zweiten Tag kamen wir bereits in die Nähe der Lippe, die von den Stämmen wegen ihrer Fließgeschwindigkeit »Laufendes Wasser«, also Lupiha, genannt wurde. Auch die ersten Kundschaftertrupps erreichten uns an diesem Nachmittag. Ohne eine Pause einzulegen, ließ mein Vater sich von ihnen auf dem Rücken seines Pferdes berichten. Und eigentlich klang die letzte Meldung für meine Ohren gar nicht so schlecht. »Asprenas hat von deinem Sieg über Varus erfahren«, berichtete der alte cheruskische Kundschafter, der bereits mit Arminius und Segimer in der römischen Armee gedient hatte. Er kannte alle Befehlshaber, Taktiken und die Lager. »Wir haben östlich von Aliso ein paar Legionäre erwischt, die zum Holzfällen abkommandiert waren. Diese hatten brauchbare Informationen für uns. Nicht ganz freiwillig, wir mussten ein bisschen nachhelfen.« Er lachte spitzbübisch und spuckte einen dicken Klumpen Rotz ins Gras. »Was so eine heiße Messerspitze bei einem Hispanier alles bewirken kann! Na ja … also … angeblich ist Asprenas bereits vor zwei Tagen Richtung Rhein gezogen, nach Vetera, wie es hieß. Varus zu helfen, habe er schnell verworfen, denn er hielt unseren Aufstand für so gut ausgeführt und Varus’ Lage für so aussichtslos, dass er keine weiteren Truppen opfern wollte. Seine größte Sorge sei, dass du den Aufstand zum Rhein und auf die andere Seite, nach Gallien, tragen könntest. Seine Legionen verstärken jetzt also Vetera.« Arminius schnaufte verärgert. »Verdammt! Den Kopf dieses arroganten Mistkerls hätte ich Marbod auch noch gerne hinterhergeschickt. Was ist mit den Lagern?« »Ich kann dir nur zu den Lagern östlich von Aliso berichten. Areppum und Adenum sind jeweils mit einer Notmannschaft besetzt, angeblich einer Kohorte, also etwa fünfhundert Männer. Die beiden befestigten Marschlager dazwischen sind verlassen.« »Hm«, machte mein Vater. »Bei der Größe der Lager ist eine Kohorte ein Witz. Da sind weite Teile der Befestigungsanlage nur spärlich bewacht. Das müssen wir sofort ausnutzen! Wie steht es mit Aliso?« Der Alte verzog das Gesicht. »Drei kampffähige Kohorten unter dem Kommando des Lagerpräfekten der 19., Caedicius. Außerdem viele Flüchtlinge. Wer aus den Gasitjanbargi entkommen konnte, ist dorthin gegangen. Zusätzlich noch alle Zivilisten aus Adenum und Areppum. Und eine Einheit Bogenschützen. Die guten aus Kreta, ein paar aus Syrien, alle von der Legio V Alaudae. Die hat Asprenas wohl als Verstärkung dort gelassen.« »Ach du Scheiße!«, stöhnte mein Vater. »Die sind wirklich gut. Ich habe mal ein paar von ihnen beobachtet, wie sie auf vierzig Schritt Entfernung Spatzen von einem Zweig schossen, um sie anschließend über einem Feuer zu rösten. Und Caedicius ist ein tapferer Mann. Wir müssen klug vorgehen. Wie ist er überhaupt entkommen? Am zweiten Tag der Schlacht sah ich ihn noch durchs Fernglas, wie er eine Bestandsaufnahme im Tross der 19. durchführte. Varus muss ihn nach Aliso beordert haben, ohne dass wir es bemerkten.« Noch am selben Tag schickte Arminius eine Abordnung Brukterer und Angrivarier los – alles in allem etwa dreitausend Mann –, um Adenum und Areppum zu stürmen und, wenn möglich, niederzubrennen. Weitere tausend wurden nach Westen entsandt, um ein anderes Marschlager, das derzeit aber ebenfalls ohne nennenswerte Besatzung dalag, dem Erdboden gleichzumachen. Die Hauptstreitmacht, zu der auch ich gehörte, hatte Aliso zum Ziel – die letzte römische Bastion zwischen Rhein und Elbe. Die Verfolgung des Asprenas gaben wir auf, da er uns entkommen war. Aliso Aliso war wahrhaft beeindruckend. Ich kannte ja bereits die Lager Phabiranum und Tuliphurdum, aber dieses übertraf beide an Größe, Pracht und Wuchtigkeit noch um ein Vielfaches. Unmittelbar nördlich der Lippe erstreckte sich ein natürliches Plateau, welches die Flussniederung weitläufig überragte. Unten am Fluss wuchsen riesige Weiden und Pappeln, sicherlich um die dreißig Meter hoch. Vom Plateau aus war gerade noch ein Teil ihrer Wipfel zu sehen. Aliso war mitten auf dieser Hochebene errichtet worden und bot einen weiten, unversperrten Blick in alle Richtungen. Das gesamte Gelände rings um das Lager hatte man komplett kahl geschlagen, sodass wir uns aus einiger Entfernung einen ersten Eindruck verschaffen mussten, kauernd in den Wipfeln der Bäume im umliegenden Wald. Ich nutzte mein Fernglas, um das Lager ausgiebig zu erkunden, und versuchte gleichzeitig auch einen Überblick über die Anzahl der Verteidiger zu bekommen. Die Befestigungsanlagen waren beeindruckend. Die uns zugewandte Lagerfrontseite maß nach meiner vorsichtigen Schätzung etwa einen halben Kilometer. Die Seiten des Lagers zogen sich über weitere dreihundert Meter hin. Ringsum verlief ein v-förmiger Doppelgraben mit steilen Wänden, jeder schätzungsweise sechs Meter breit und, nach den Angaben meines Vaters, locker zweieinhalb Meter tief. Wer dort hineinfiel, hatte keine guten Chancen, wieder herauszukommen, soviel war sicher. Dahinter ragte die riesige Wallanlage empor, ein etwa drei Meter hohes Holz-Erde-Konstrukt, wiederum durch eine Brustwehr aus massiven Palisaden aufgestockt. Regelmäßige Aussparungen sorgten für ausreichend Möglichkeiten für die Verteidiger, Speere, Pfeile, Schleuderbleie und sonstige Wurfgeschosse auf potenzielle Feinde hageln zu lassen. Etwa alle fünfzig Meter überragte ein nach oben offener Turm die Palisade. Jeder einzelne davon bot gut und gerne zehn bis fünfzehn Bogenschützen Platz. Kurzum: Aliso war nicht einfach nur ein befestigtes Römerlager, es war ein Bollwerk! Nach Osten hin war es sogar noch einmal erweitert worden. Ein Angriff von dieser Seite erschien völlig aussichtslos, denn Gräben und Wälle des Hauptlagers und des Anbaus lagen dort dicht nebeneinander. Gewaltige Toranlagen mit Wachtürmen stellten die einzigen Unterbrechungen der Verteidigungsanlagen dar, eine auf jeder Seite des viereckigen Lagers. Wie zu erwarten, bestanden die regulären Zugänge ins Innere lediglich aus schmalen Dämmen über die Doppelgräben, die zu den Toren führten. Die Straßen im Inneren von Aliso erinnerten eher an Flugzeuglandebahnen als an herkömmliche Wege. Schnurgerade durchzogen sie das riesige Gelände, die Hauptstraße knapp fünfzig Meter breit, die von West nach Ost verlaufende Via Principalis immer noch eindrucksvolle dreißig Meter. Parallel zur Lagerumwehrung verlief eine weitere Straße, an der sich zahllose Kasernengebäude befanden. Mein Vater, der vor drei Jahren hier gewesen war, berichtete von Werkstätten, Töpfereien, Speichern, Magazinen, Schuppen und Ställen, verschiedenen Lazaretten. Je weiter mein Blick jedoch von den Lagermauern ins Innere schweifte, desto imposanter und repräsentativer wurden die Gebäude: Da das Lager im Notfall bis zu drei Legionen beherbergen konnte, gab es also auch die entsprechende Anzahl an Unterkünften für die höchsten Offiziere. Jede Legion hatte alleine sechs Tribune, dazu die Gebäude für die vielen Centurionen und natürlich Legat und Präfekt, den Verwaltungssitz sowie das Stabsgebäude. Den Eindruck, es eher mit einer Stadt als mit einem Militärlager zu tun zu haben, verstärkte der Schiffsanlegepunkt unterhalb der Ummauerung. Bootshäuser und andere Bauten reihten sich dort aneinander, außerdem eine größere Anzahl ziviler Gebäude, die zu einer Lagervorstadt gehörten, wie ich sie schon einmal in Mogontiacum gesehen hatte. Diese hier war längst nicht so groß, bestand aber trotzdem aus mehreren Dutzend Häusern. Allerdings wirkte sie verlassen. Auf der Westseite erstreckte sich darüber hinaus ein Gräberfeld, das imposante hoch aufragende Grabanlagen barg. Etwas abseits davon gab es auch noch einen Töpfereibezirk. Für einen Erfolg versprechenden Angriff bot sich eigentlich nur das im Nordwesten gelegene Tor an. Im Süden verhinderte der Fluss eine geordnete Attacke, der Osten war durch den Anbau doppelt gesichert und im Westen lagen zu große offene Flächen, auf denen sich die Verteidiger zu gefährlichen Ausfällen formieren konnten. Hinter dem nordwestlichen Tor gab es diesen Platz nicht – dort reihten sich die Kasernengebäude für die einfachen Soldaten eng aneinander. Manöver würden für die Römer nicht so ohne Weiteres möglich sein. Arminius und die anderen Häuptlinge beschlossen, keine Zeit zu verlieren. Unsere Verpflegung würde nicht ewig reichen und auf einen geregelten Nachschub für die vielen Tausend Krieger brauchten wir nicht zu setzen. Sie hofften auf einen schnellen Sieg, um die Streitmacht dann in Richtung Rhein zu führen. Allerdings war es für meinen Vater zwingend notwendig, dafür die von Viper geraubten Waffen wieder in seinen Besitz zu bekommen. Händeringend erwarteten wir also die Rückkehr Geronimos und der Kisten. Als dies jedoch auch am dritten Tag nach unserer Ankunft in den Aliso umgebenden Wäldern nicht geschah, setzte sich die Meinung durch, es erst einmal ohne die Unterstützung der Sprengkörper zu probieren. Nur Inguiomer hatte Bedenken. Er blickte Segimer und meinen Vater ernst an. Ein bitterer Zug hatte sich um seine Mundwinkel gelegt. »Was ist mit Cheruiosegi? Seit du ihn vertrieben hast, ist er verschwunden, Arminius. Was, wenn er sich in diesem Lager befindet? Habt ihr darüber schon mal nachgedacht?« Sein Blick ruhte insbesondere auf Segimer. »Wenn er tatsächlich dort drin sein sollte, kann er jederzeit bei Nacht und Nebel herauskommen«, entgegnete mein Vater. »Er weiß ja jetzt, wo er uns findet.« Doch Segimer schüttelte den Kopf. »Ich kenne meinen Sohn. Er hat bis vor wenigen Tagen noch auf unserer Seite gekämpft. Auch wenn ihm das eine oder andere nicht passt – dass er deshalb zum Feind überläuft, ist ausgeschlossen.« Inguiomer blickte ihn mitleidig an. »Segimer, warum weigerst du dich, den Tatsachen ins Auge zu sehen? Dein Sohn hatte eine glänzende Karriere in der römischen Armee vor sich. Er ist hin und her gerissen, weiß noch nicht, wofür er sich entscheiden soll. Die Verlockungen sind groß für einen jungen Krieger in seinem Alter.« Segimer winkte ab. »Wenn er nicht weiß, ob er sich für seine Sippe, seinen Stamm und seine Freiheit entscheiden soll, sondern den Rang eines Reiterdekurios in den Hilfstruppen des Feindes vorzieht, werde ich ihn nicht aufhalten. Beides geht nicht – diese Zeiten sind endgültig vorbei. Und ich bin bereit, mein Leben dafür zu geben, dass sie nie wiederkehren!« Inguiomer kniff die Lippen zusammen. Er warf uns allen einen grimmigen Blick zu und stapfte davon. Am Tag unseres ersten Angriffs erwachte ich noch in der Dunkelheit, wie so oft in den letzten Wochen. Der Wald war klamm und neblig und mein Kreuz schmerzte mittlerweile durchgängig vom Schlafen auf dem harten Boden. Ich konnte nur hoffen, dass die Erstürmung Alisos – meine persönlich letzte Etappe in diesem Kampf – schnell geschafft war. Mein Blick fiel auf in der Dunkelheit liegende längliche Gebilde: Leitern. Am Vorabend hatten die Männer eilig Hunderte davon hergestellt. Der Plan war recht simpel: Im Morgengrauen sollte eine Streitmacht von etwa zweitausend Kriegern mit Hilfe der Leitern die Mauern am Nordwesttor erstürmen und das Tor öffnen, um den unten wartenden Rest der Armee ins Innere zu lassen. Mein Vater, Malcolm und ich sollten als Scharfschützen die Verteidiger von der Brustwehr schießen. Wir erwarteten unseren Sieg spätestens zur Mittagszeit. Ich schob mir eine Handvoll matschiger Brombeeren in den Mund, brach ein Stück aus einem steinharten Laib Fladenbrot und trank ein paar Schlucke eisigen Wassers dazu. Ohne Weiteres hätte ich meinen kleinen Finger für eine Tasse Kaffee gegeben! Außerdem fühlte ich mich ziemlich allein. Ingimer und die Chauken waren mittlerweile sicherlich schon im Aha Stegili angekommen. Ich mochte mir nicht ausmalen, was Frilike gefühlt und gedacht haben musste, als die Männer ohne mich zurückkehrten. Meine neuen Kameraden waren Segimers Gefolgsleute, die ich aufgrund meiner mürrischen Stimmung aber noch nicht wirklich gut kennengelernt hatte. Kurz darauf schlich die leiterbewehrte Angriffsschar auf Aliso zu. Die nördliche Lagerseite war gut und gerne fünfhundert Meter breit, doch unsere Angriffskräfte sollten sich auf den Bereich zu beiden Seiten des Tors konzentrieren. Mit den Leitern wollten wir zuerst im Schutz der Dunkelheit über die Gräben gelangen. Anschließend sollte mit ihrer Hilfe die Holzpalisade auf dem Wall überwunden werden. Als wir die Wälder verließen, wurde es ernst. Die bloß mit nachwachsenden Sträuchern bedeckte Ebene rund um das Lager bot so gut wie keine Deckung, erst recht nicht für Tausende. Nun ging es um Schnelligkeit und Präzision. Schnaufend und kalte Atemwolken ausstoßend rannten wir, noch im Schutz der Morgendämmerung, auf das Nordwesttor zu. Hier und da stolperte jemand und riss Nachfolgende mit sich zu Boden, doch im Großen und Ganzen gelang unser Vorrücken relativ lautlos. Etwa sechzig Schritte vor der Wallanlage nutzten Malcolm, der Franzose und ich ein paar Findlinge, die verstreut zwischen fingerdicken jungen Birken und Ahornen herumlagen. Wir wählten sie als Deckung und blieben dort. Völlig außer Atem beobachtete ich die anderen Krieger, unter ihnen auch mein Vater, die weiter auf das Lager zuliefen. Ich hoffte inständig, dass die Aktion reibungslos gelingen würde – und wurde sogleich enttäuscht. Ein Hornsignal erklang und Fackelschein huschte im nächsten Moment auf einem Laufgang hinter dem oberen Teil des Palisadenschutzes vor und zurück. Innerhalb von Sekunden erhellten sich alle Wachtürme und dunkle Umrisse erschienen vor dem grauen Nachthimmel. Ich schluckte. Befehle wurden gebrüllt und Einheiten rannten hinter der Palisade auf dem Wall entlang und nahmen Position ein. Das war’s also mit dem Überraschungseffekt! Ich war tief enttäuscht. Unsere Angreifer hatten sich zwischenzeitlich geteilt: Eine Hälfte stürmte links des Tors heran, die andere rechts davon. Obwohl es noch nicht einmal hell geworden war, stellten sich bereits weit über hundert Bogenschützen auf. Ich sah, wie sich ihre Oberkörper auf der Palisade nach hinten beugten, als sie die Bögen spannten. Laut vernehmlich klang das Sirren der zurückschnellenden Sehnen bis zu uns herüber und der Tod regnete auf die ungeschützten Männer hernieder. So gut wie niemand führte einen Schild mit sich und es war reine Glückssache, ob man getroffen wurde oder nicht. Auf der gesamten Angriffslinie sah ich die Stammeskrieger durchbohrt zu Boden sinken. Ich hatte die überraschende Szenerie kaum vollständig überschaut, als auch schon der nächste Pfeilhagel niederprasselte. Weitere Männer stürzten verletzt und kampfunfähig auf die kalte, harte Erde. Ich konnte nur hoffen, dass meinem Vater nichts passierte. Wenigstens trug er die kugelsichere Weste. Deutlich sah ich die Mündung seiner Waffe aufblitzen, wenn er einen Schuss abgab. Das machte ihn natürlich in besonderem Maße zur Zielscheibe, doch wie immer fürchtete er weder Tod noch Teufel. Er ging davon aus, dass sein Todestag im schlimmsten Fall etwa ein Jahrzehnt in der Zukunft lag, im besten sogar noch später. Er fühlte sich schlichtweg unverwundbar und erntete mit seinem furchtlosen Furor im Kampf natürlich allerhöchste Anerkennung von den anderen Kriegern. Einige Tapfere schafften es, bis zum Wall vorzudringen. Doch es waren viel zu wenige. Jeder, der die Leitern hinaufstürmte, wurde entweder bereits auf selbiger wie ein lästiges Insekt abgeschossen, oben mit einem Speerstich erwartet oder schlicht samt Leiter zurückgestoßen. Daran konnte auch mein Vater nichts ändern. Der Angriff entwickelte sich zu einem Desaster! Malcolm zeigte auf die beiden am besten ausgebauten Türme rechts und links des Nordwesttors. Zwischenzeitlich war die Dämmerung so weit gewichen, dass wir mit unseren Gewehren halbwegs die Chance hatten, auf diese Entfernung etwas zu treffen. Munition war erneut ein kostbares und rares Gut geworden und jede Kugel sollte sorgsam eingesetzt werden. Wir drei kommunizierten per Handzeichen miteinander und feuerten schließlich nahezu gleichzeitig. Tatsächlich trafen wir auch, aber einen spürbaren Effekt hatte das nicht. Eine Salve Pfeile nach der anderen regnete herab und schaltete jedes Mal Dutzende Angreifer aus. Das Vorfeld war bereits übersät mit den Liegengebliebenen. Nicht mal wir Donnergötter konnten eine Wendung herbeiführen, dafür war unsere sparsam eingesetzte Feuerkraft zu gering und die Anlage schlicht zu weitläufig. Die Schüsse, sonst vom Feind wie nichts anderes gefürchtet und mit vernichtendem psychologischen Effekt, wirkten eher wie vereinzelte Nadelstiche. Mein Vater erkannte dies und befahl den Rückzug – keinen Moment zu früh. Unsere Verluste waren verheerend, gingen bereits in die Hunderte. Wie die Hasen flohen wir stolzen Stammeskrieger in die Wälder zurück. Cherusker, Brukterer, Marser, alle miteinander. Konnte sich der Hochmut, der sich nach dem Sieg über Varus breitgemacht hatte, so schnell verflüchtigen? Wir trafen meinen Vater nicht weit entfernt auf einer Lichtung wieder. Er hielt gerade eine Lagebesprechung mit den anderen Häuptlingen ab. Alle redeten durcheinander und gestikulierten wild, bis mein Vater brüllte: »Ruhe! Sofort!« Zornesrot blickte er in die Runde. »Wir waren leichtfertig, haben uns zu überlegen gefühlt. Das wird uns nicht noch einmal passieren. Als Erstes holen wir die Verletzten dort weg!«, befahl er. »Heute Nacht schlagen wir erneut zu. Diesmal mit der Faust des Donnergottes!« Ich wusste, was er meinte, und im nächsten Moment schwenkte er sie auch schon hoch über seinem Kopf. Eine der wenigen verbliebenen Handgranaten – nun unsere kostbarste Waffe in diesem Kampf. Er wandte sich an Segimer. »Lass ein tragbares Dach bauen! Es muss sieben Männer vor Pfeilen von oben, vorne und den Seiten beschützen und doch so leicht sein, dass sie damit laufen können. Drei rechts, drei links, einer in der Mitte. Heute Abend muss es fertig sein!« Den Rest des Tages bekam ich meinen Vater kaum zu Gesicht. Die Bergung der Verletzten dauerte an und war genauso ein Himmelfahrtskommando wie der erste Versuch der Erstürmung des Lagers, denn die römischen Bogenschützen schossen ohne Unterlass auf jeden, der sich näherte. Jeder geborgene Stammeskrieger bedeutete für sie natürlich ein potenziell genesender und damit in ein paar Tagen wieder zur Verfügung stehender Feind. Im Schutz hoch aufragender Schildwände gelang es trotzdem, einen Großteil der Verletzten einzusammeln. Wer zu dicht am Wall lag und sich rührte, war zwischenzeitlich sowieso schon mit einem weiteren Pfeil endgültig erledigt worden. Die Römer gingen dabei genauso gnadenlos vor wie kurz zuvor noch die Stammeskrieger. Am Abend rief mein Vater uns schließlich zu sich. Vor ihm lag das bei Segimer in Auftrag gegebene Schilddach. Es war erstaunlich, was die Männer in so kurzer Zeit geleistet hatten, und dabei zeigten sie wie immer einen außerordentlichen Sinn fürs Praktische. Ein Rechteck von drei mal vier nahtlos aneinandergebundenen römischen Schilden war als Ganzes auf einem Gestänge unterarmdicker, schnurgerade gewachsener junger Ahornbäume befestigt worden. Durch die Verwendung der Beuteschilde hatte das Konstrukt auf der Unterseite ausreichend Griffmöglichkeiten, sodass ein Balancieren und Tragen für die Männer leicht möglich war. Vorne und an den Seiten verlief eine weitere Reihe quer liegender Schilde ringsum. Einfach, aber effektiv! »Wie viel Munition habt ihr noch? Wie viele Granaten?«, fragte mein Vater. Wir legten alles zusammen und machten eine Bestandsaufnahme. Das Ergebnis war ernüchternd: knapp zweihundert Schuss sowie drei Sprengsätze. Mein Vater verzog das Gesicht. »Scheiße! Aliso ist eine harte Nuss. Wir müssen sehr bedacht mit dem hier umgehen.« Er seufzte und schlug eine Faust in die Handfläche; eine seiner typischen Gesten. »Wir werden genau einen Anlauf wagen heute Nacht. Wenn dieser scheitert, bleibt uns nichts anderes übrig, dann stellen wir uns auf eine langwierige Belagerung ein.« Er stellte uns seinen Plan vor. »Ich komme ebenfalls mit, laufe aber nicht unter der Schildkröte. Außerhalb der Reichweite ihrer Pfeile gebe ich euch Rückendeckung. Hat jeder von euch verstanden, was zu tun ist?« Wir nickten. In den nächsten Stunden bereiteten wir uns vor. Die Truppen wurden eingeteilt und rückten bereits zum Waldrand vor. Falls wir Erfolg haben sollten, durften die Stammeskrieger keine Zeit verlieren und mussten sofort in der Lage sein, Aliso zu erstürmen. Allein bei dem Gedanken an die bevorstehende Mission wurde mir speiübel. Aber die Aussicht auf unseren Durchbruch war so vielversprechend, dass ich bereit war, das Risiko einzugehen. Die Nacht war zum ersten Mal seit Längerem wolkenlos und so spendete die zunehmende Mondsichel gerade genügend Licht, um uns einen halbwegs sicheren Tritt zu ermöglichen. Als wir in die ungefähre Reichweite römischer Pfeile gerieten, erhoben die beiden Hagalianer sowie vier junge Cherusker die »Schildkröte«, wie mein Vater das Konstrukt genannt hatte. Er selbst blieb zurück, zusätzlich ausgestattet mit dem Nachtsichtgerät. Ich lief unter dem schützenden Dach als der mittlere Mann und hatte die Handgranaten dabei. Unser Ziel war das Tor. Am Abend hatten wir das Laufen im Schutz der »Schildkröte« zwar ausreichend geübt, nun zeigte sich allerdings, dass es bei Nacht und auf diesem gerodeten Waldboden, aus dem zahllose austreibende Büsche, Bäume, Ranken, Brombeeren, Gräser und Stümpfe ragten, unmöglich war, schneller voranzukommen. Mein Herz pochte und ständig blickte ich ängstlich durch die schmalen Lücken zwischen den Schilden, immer in der Erwartung, heranstürmende Römer zu sehen. Immerhin erreichten wir den äußersten Graben, bevor sie uns entdeckten. Sofort herrschte Aufruhr auf den beiden Wachtürmen. Mit butterweichen Knien setzte ich mechanisch einen Fuß vor den anderen, während die sechs Träger sich nicht beirren ließen und weiter auf das Tor zuhielten. Instinktiv zog ich den Kopf ein – und schon hagelten die ersten Pfeile auf uns herab. Die Schilde reichten nicht ganz bis zum Boden, was unsere größte Schwachstelle darstellte. Rings um uns herum schlugen die Geschosse in der festgetrampelten Erde des Damms und sogar zwischen unseren Beinen ein. Endlich eröffnete mein Vater aus dem Hintergrund das Feuer und der Pfeilhagel ließ kurzzeitig nach. »Nach rechts! Nach rechts!«, brüllte Malcolm, als wir in Richtung des inneren Grabens abzudriften drohten. Der Franzose und die beiden Cherusker auf der rechten Seite waren unwillkürlich nach links ausgewichen, weil der Pfeilbeschuss sie stärker traf. Ich versuchte, einen Blick nach vorne zu werfen. »Das Tor ist noch zehn Schritte entfernt. Absetzen!«, rief ich. Das war unsere vereinbarte Entfernung. Die sechs senkten die »Schildkröte« und wir knieten uns darunter. Lediglich eine Schildhöhe stand uns nun noch als Deckung zur Verfügung. Malcolm und der Franzose krochen nach hinten zur Öffnung, beugten sich heraus und feuerten schräg nach oben in die Wachtürme. Nun kam ich an die Reihe! Flink krabbelte ich unter der »Schildkröte« hervor und nahm Maß. Ein perfekter Wurf schien verdammt schwer. Ähnlich einer Boulekugel musste ich die runde Granate so dicht es nur ging vor das hölzerne Tor befördern. Bei einem zu starken Wurf würde sie abprallen und ein Stück zu uns zurückrollen. Erstens würde das Tor dann vielleicht nicht ausreichend beschädigt und zweitens konnte die Sprengung uns verletzen. »Bereit!«, brüllte ich, hinter unserer Deckung stehend. Jetzt kam der kritischste Moment. Ich betete, dass meine Weste mich schützen möge. Malcolm und der Franzose verschwanden sofort im Inneren unseres Schildpanzers und einen langen Augenblick später hoben sie das Konstrukt wieder an. Noch waren die Bogenschützen in Deckung vor den Gewehrschüssen – und ich stand wurfbereit und ungestört vor dem Tor. Ich hielt die Luft an, zielte und schleuderte die Granate in einem gefühlvoll und konzentriert geworfenen Bogen in der Hoffnung, sie würde nur Zentimeter vor dem Tor aufprallen. Allerdings konnte ich das Ergebnis nicht abwarten. »Los!«, rief ich und die »Schildkröte« setzte sich rückwärts in Bewegung, während ich unter das schützende Dach schlüpfte. Wir hatten nur wenige Sekunden Zeit, möglichst viel Abstand zwischen die Explosion und uns zu bringen. Schon schlugen die ersten Pfeile wieder rings um uns ein, als die heftige Detonation der Granate die Luft zerriss. Die Druckwelle fegte uns allesamt von den Füßen. Es war, als hätte ein unsichtbarer Riese der »Schildkröte« einen gewaltigen Tritt verpasst. Wir überschlugen uns und rollten wild durcheinander. Eine der Befestigungsstangen brach, ein paar der seitlichen Schilde wurden in Gänze abgerissen oder zerfetzt. Holztrümmer und Erde regneten auf uns hernieder. Ich schleuderte mit dem Gesicht voran in einen spitzen Ellbogen, schrie vor Schmerz auf, prallte gegen einen verkanteten Schild, bekam plötzlich keine Luft mehr und landete schließlich mit weit aufgerissenem Mund auf dem Boden. Ich schmeckte Erde, Blut und Geröll. Spuckend, hustend und nach Luft ringend kam ich wieder hoch. Klingeln in meinen Ohren. Helle Pünktchen vor meinem Auge. Pochender Schmerz im Gesicht, dumpfer in der Brust. Erst jetzt bemerkte ich, dass ich außer diesem Klingeln nichts mehr zu hören schien. Einer der Cherusker hielt sich sein Bein. Ich sah an ihm hinab. Seine Hose war am Oberschenkel völlig zerfetzt. Blut sickerte dick und beständig aus einer großen Wunde, aus der ein scharfkantiges Stück Holz ragte. Ich blickte mich weiter um. Auch die anderen ächzten und stöhnten, rollten sich hin und her, doch niemand sonst schien so stark verletzt. Alle hatten zahlreiche Schrammen und Kratzer abbekommen, glücklicherweise jedoch nicht mehr. Der Franzose und Malcolm standen als Erste wieder auf den Beinen. Sie zogen die Cherusker aus den Trümmern der »Schildkröte«. Wankend erhob ich mich und half ihnen. Mir war, als müsste ich mich übergeben, aber ich dachte nur an die Pfeile, die jeden Moment erneut auf uns herabregnen konnten. Wir mussten hier weg! Und zwar sofort! Wir packten also den Schwerverletzten und schleiften ihn außer Reichweite der Mauerschützen. Über meine Schulter hinweg sah ich mich irgendwann um. Die Granate hatte das Tor zerfetzt. Es hatte also geklappt! Jetzt erkannte ich auch die anstürmenden Stammeskrieger. Ich konnte immer noch nichts hören, nicht mal ihr wildes Kriegsgeheul. Wie die Wellen der Nordseebrandung schwappten sie über uns und an uns vorbei, Hunderte, nein, Tausende. Immerhin hatte jeder Einzelne diesmal einen Schild dabei. Um nicht umgerannt zu werden, blieben wir erst mal etwas abseits stehen. Bei den Gräben kam der Ansturm ins Stocken. Der Damm war zwar mehrere Meter breit, bot aber höchstens sechs oder sieben Männern nebeneinander Platz. Viele wurden bei dem ungestümen Vormarsch von den Nachdrängenden in die Gräben gestoßen. Die Bogenschützen hatten ihre Arbeit wieder aufgenommen und spickten die drängelnden Stammeskrieger mit ihren Pfeilen. Im Fackelschein erkannte ich, wie aus dem Inneren des Lagers ein riesiges Ersatztor herangerollt wurde. Die Krieger, die es durch die Öffnung zwischen den Wachtürmen schafften, sahen sich einer Übermacht Infanteristen gegenüber, die jeden Eindringling sofort in Stücke hackten. Als der Großteil des Heeres an uns vorbei war, setzten wir unseren Weg mit dem verletzten Cherusker fort. Mehr konnten wir jetzt nicht tun. Immer wieder blickte ich zurück, doch das Bild änderte sich nicht: Der Pulk Stammeskrieger drängte sich auf dem engen Damm, während das dünne Rinnsal nach Aliso einfallender Männer massakriert wurde. Und irgendwann war die durch unsere Sprengung entstandene Öffnung so weit verschlossen, dass nur der Rückzug blieb. Wir waren erneut geschlagen worden! In den folgenden Tagen herrschte großes Rätselraten. In erster Linie versuchten alle Verletzten, unter diesen kärglichen Umständen zu genesen. Es dauerte über eine Woche, bis auch ich halbwegs wiederhergestellt war, all meine Prellungen und Schürfwunden abheilten und ich sicher sein konnte, keine gefährlichen Entzündungen auszubrüten. Mein Vater musste eingestehen, dass ihm die Strategien für die Eroberung Alisos ausgegangen waren, ebenso wie den anderen Häuptlingen. Diese Festung war alles andere als schnell zu knacken. Von Geronimo, Viper sowie den so dringend benötigten Sprengsätzen und der Munition fehlte nach wie vor jede Spur. Unsere verheerenden Verluste in diesen ersten Tagen übertrafen sogar die während der gesamten Schlacht gegen Varus’ Legionen. Immerhin hatten wir einige Gefangene gemacht. Dabei handelte es sich um besonders wagemutige Soldaten, die sich am gesprengten Tor den Angreifern in den Weg gestellt und nicht rechtzeitig wieder in Sicherheit gebracht hatten. Dreißig von ihnen ließ mein Vater an einem tristen, kalt-grauen Herbstmorgen enthaupten. Die Krieger steckten die Köpfe anschließend auf lange Spieße, welche dann gerade außerhalb der Reichweite der tödlichen Bogenschützen in die Erde gepflanzt wurden. Der Schreck der Belagerten war allerdings nur ein schwacher Trost. Die Aktion brachte uns keinen einzigen Schritt voran. Während der folgenden Tage errichteten wir einen halbkreisförmigen Belagerungsring um Aliso, der auf beiden Seiten des Lagers bis an den Fluss Lupiha reichte. Vor und hinter dem Ring entstanden weitere Wachstationen, etwa alle einhundert Meter entlang des Waldrands, außerdem tiefer im Wald und schließlich an allen Wegen zum Lager. Ein Entkommen für die Eingeschlossenen war praktisch unmöglich. Ich suchte meinen Vater auf und verkündete ihm, dass es für mich hier nichts mehr zu tun gäbe. Die Munition ging aus und eine langwierige Belagerung konnte auch ohne mich stattfinden. Ich wollte unbedingt nach Hause zurück, bevor der erste Schnee kam. Ich war bereits drauf und dran zu packen, als am sechzehnten Tag der Belagerung einer unserer Kundschafter eintraf und vermeldete, dass er in einiger Entfernung vier Männer mit Packpferden gesehen hätte. Er sei sich sicher, einen von ihnen als Geronimo erkannt zu haben. Gesprochen hätte er sie allerdings nicht. Mein Vater beschwor mich, noch zu warten, bis die Ausrüstung eingetroffen sei, denn dann würde die Erstürmung ganz schnell gehen. Doch es kam niemand. Trotzdem sagte ich zu, zwei weitere Wochen zu bleiben, erklärte aber, nach Ablauf dieser Frist endgültig und unwiderruflich den Ritt nach Hause anzutreten. Am sechsundzwanzigsten Tag der Belagerung sichteten unsere Kundschafter am Fluss drei Versorgungskähne, die Nachschub für Aliso bringen sollten. Ein eilig aufgebotenes Heer von Kriegern verhinderte, dass die Boote anlegten, indem sie – nach Römerart – Brandpfeile abschossen. Die schweren Kähne passierten den Bootsanleger des Lagers, wendeten irgendwo weiter flussaufwärts und zogen kurz darauf wieder an Aliso vorbei in Richtung Rhein. Erneut beschossen wir sie in der Hoffnung, eines von ihnen auf einer Sandbank oder am Ufer auflaufen zu lassen. Der Nachschub, den sie mit sich führten, wäre auch für uns mehr als willkommen gewesen. Doch die drei Kapitäne folgten der Devise »Augen zu und durch!« und verschwanden unbeschadet hinter der nächsten nebelverhangenen Flussbiegung. Immerhin hatten wir verhindert, dass das Lager sich mit neuen Nahrungsmitteln eindeckte. Unsere Belagerung lief immer mehr auf die langwierige Taktik des Aushungerns hinaus. Wir mussten ab sofort aber davon ausgehen, dass die Außenwelt von den Ereignissen hier erfuhr. Und wahrscheinlich reagieren würde. Wir konnten uns vorstellen, wie der Anblick der wieder abziehenden Lastkähne die desolate Stimmung der Eingeschlossenen nochmals senkte. Mein Vater beschloss daher, die Gunst der Stunde zu nutzen und einen weiteren Angriffsversuch zu unternehmen. Die Brandpfeile hatten uns auf die Idee gebracht – außerdem war uns aufgefallen, dass uns immer öfter Holzsammler in die Arme liefen, was auch verständlich war: Die Temperaturen sanken beständig, vereinzelt hatte es sogar schon Bodenfrost gegeben. Die Leute in dem Lager froren sich schlicht und ergreifend den Hintern ab, genau wie wir hier draußen. Bald gingen die Sammler immer größere Risiken ein, nur um an verwertbares Holz zu kommen. Die meisten schlichen in den dunkelsten Stunden aus dem Osttor, hatten aber rund dreihundert Meter offenes Gelände zu überwinden, bis sie den Waldrand erreichten. Viele wurden dabei geschnappt. Ein paar Hundert unserer Männer sammelten eilig alles verfügbare Holz auf, um es unter dem Schutz der bewährten Schildkrötendeckung vor den Lagertoren aufzuschichten. So erreichten wir erstens, dass die Leute drinnen so gut wie keinen Holznachschub mehr bekamen, und vielleicht konnten wir die Lagereingänge damit auch endlich so nachhaltig beschädigen, dass eine Erstürmung erfolgreich war. Doch nur wenige Stunden nachdem die Holzhaufen unter Einsatz von Blut und Leben aufgeschichtet worden waren und uns ausreichend hoch erschienen, fing es an zu schneien. So ein verfluchtes Pech! Bei diesem nassen Wetter bekamen wir ganz sicher kein Tor zum Brennen! Der frühe Wintereinbruch traf mich besonders hart, bedeutete er doch, dass ich meine Heimreise gen Norden buchstäblich auf Eis legen musste. Meine Stimmung steigerte sich dadurch nicht unbedingt. Ich fragte mich, warum ich nicht schon längst abgehauen war. Die Wege waren bereits nach wenigen Stunden nicht mehr erkennbar, der Boden rutschig und nicht trittsicher genug für mein Pferd, die Temperaturen dauerhaft unter null Grad. Kein Wetter für einen mehrtägigen Ritt. »Warum sind wir noch hier?«, fragte ich meinen Vater wütend am dreiunddreißigsten Tag der Belagerung. »Was willst du überhaupt mit Aliso? Wir haben Hunderte verloren, Caedicius vielleicht ein Dutzend! Es ist Winter, wir sind ohne Vorräte und die Männer sind kampfesmüde. Von Viper und Geronimo keine Spur. Sobald es taut, bin ich weg, darauf kannst du dich verlassen!« Für mich völlig überraschend nickte mein Vater verständnisvoll. »Mach das, Junge. Es tut mir leid, dass ich dich so lange für nichts habe hier ausharren lassen. Du solltest nach Hause gehen zu deiner Familie und dich erholen. Und was den Sinn dieser Belagerung betrifft: Ich frage mich auch langsam, ob Aliso die Mühe wert ist.« Er seufzte schwer und trank einen großen Schluck warmes Bier. Wir befanden uns in einer aus groben Holzbohlen gezimmerten Hütte. Zwischenzeitlich war ein richtiges kleines Dorf inmitten der Wälder entstanden, da die Männer in den Zelten ansonsten schlicht erfroren wären. Die Hütten waren mit Unmengen an Moos und Fichtenzweigen ausgepolstert und boten extrem rauchige Luft, aber auch halbwegs Wärme. Tag und Nacht brannten Feuer darin, für Licht und zur Erwärmung von Hitze speichernden Steinen. »Es geht eher um den symbolischen Akt, verstehst du? Aliso darf diesen Winter nicht überleben. Es ist der Stachel in meinem Fleisch, der Stachel im Fleische Germaniens. Ich kann nicht eher hier weg, bevor das Lager fällt. Und glaub mir: Im Moment sehne auch ich mich nach nichts mehr als nach einer wohligen Unterkunft und der weichen Umarmung einer Frau.« Ich war beeindruckt. Ich konnte mich nicht daran erinnern, ihn jemals über seine wahren Gefühle sprechen gehört zu haben. Sein Image als Vollblutfeldherr war ihm stets über alles gegangen. Er schaffte es, mich zu besänftigen. »Was, wenn sie noch Monate aushalten?« »Irgendwann müssen sie dort raus«, ächzte er. »Aber das kann noch dauern, du hast recht.« »Planst du schon irgendwelche Aktionen fürs nächste Jahr?« Er schüttelte den Kopf. »Wunden lecken, die Männer schonen. Das kommende Jahr soll im Zeichen des Friedens stehen. Die Menschen der Stämme sollen auskosten können, was es bedeutet, wieder frei zu sein. Sie sollen sich dessen bewusst und mir dafür dankbar sein. Und vielleicht werde ich heiraten …« Jetzt grinste er übers ganze Gesicht. Doch dann verdüsterte es sich sofort wieder. »Sofern Thusnelda noch da ist. Ich kann nur hoffen, dass Ucromerus Erfolg hatte und Segestes, dieser miesen Natter, zuvorgekommen ist.« »Da du nichts mehr gehört hast, gehe ich davon aus. Keine Nachrichten sind meist gute Nachrichten.« Im selben Augenblick musste ich allerdings an Geronimo denken, aber ich beließ es dabei. Statt zu verschwinden, wurde die Schneedecke dicker und dicker. Wochenlang passierte gar nichts. Es gab immer wieder einmal kleinere Versuche, das Lager zu attackieren, aber wir holten uns stets nur blutige Nasen. Nach jedem Angriff sammelten wir die abgeschossenen Pfeile der Römer auf und bauten eigene Bögen aus Eibenholz. Im Folgenden ließen wir dann Pfeilhagel um Pfeilhagel auf die Verteidiger herabregnen, doch diese waren natürlich wesentlich besser geschützt hinter ihrer Brustwehr und auf den Türmen. Den einen oder anderen trafen wir zwar, aber insgesamt blieben auch diese Bestrebungen nutzlos. Am sechzigsten Tag taumelten uns zur Mittagszeit, mitten im dichtesten Schneetreiben, ein paar unserer eigenen Leute entgegen. Ein erbärmlicher Haufen, bis auf die Knochen abgemagert, dreckiger als eine Rotte Wildschweine nach einem Schlammbad und überzogen mit verkrustetem Blut. Den Grund dafür sahen wir sofort: Ihnen allen waren die Hände abgeschlagen worden, bevor man sie freigelassen hatte. Nur notdürftig hatte man ihnen die Unterarmstumpen mit verdreckten Tüchern abgebunden und die Wunden mit glühenden Eisen versiegelt. Doch warum hatten die Eingeschlossenen sie nicht einfach getötet, anstatt sie monatelang durchzufüttern? Die Antwort lieferte einer von ihnen recht zügig. »Sie haben uns durch riesige Vorratshallen geführt. Die Getreidesäcke stapeln sich bis unter die Decke. Ihr Kommandant erklärte uns, dass sie Vorräte für drei Legionen sowie zusätzliche Hilfstruppen eingelagert hätten, doch nun wäre bloß ein kleiner Teil der Männer dort. Wir sind gestern von Sonnenaufgang fast bis zur Mittagszeit von einem Vorratsraum zum nächsten geführt worden. Eine Belagerung ist aussichtslos.« »Kannst du beschwören, dass du stets andere Vorratsräume gezeigt bekommen hast?«, fragte Malcolm, der die Stammessprache mittlerweile ganz passabel beherrschte. Mein Vater, Segimer, Brawalla und ich sahen den Krieger erwartungsvoll an. Dieser zuckte bloß die Schultern und blickte in die Runde. »Nein, sie haben uns die Augen zugebunden, sobald wir nach draußen traten und zum nächsten Raum geführt werden sollten.« »Ha! Wusste ich es doch!«, rief Malcolm. »Davon habe ich mal was gelesen – das ist eine Finte! Das war immer wieder derselbe Raum! Sie wollen uns weismachen, dass sie noch lange durchhalten können, aber das Gegenteil ist der Fall.« »Es wird langsam eng für sie«, knurrte der Brukterer-Häuptling. »Sonst würden sie nicht auf solche Täuschungen zurückgreifen. Sie haben sogar unsere Leute mit ihren kostbaren Vorräten durchgefüttert, nur damit wir darauf hereinfallen.« Er hatte recht. Doch wie es um die Vorräte im Lager wirklich stand, wussten wir immer noch nicht. Weiterhin hieß es abwarten. Ab dem siebzigsten Tag begannen die Vorbereitungen für das Fest der Wintersonnenwende, das kurz bevorstand. Um das Fest angemessen feiern zu können, mussten die Jagdtrupps fast einen ganzen Tag lang marschieren, bis sie endlich auf Wildschweine und Elche, ein paar Wisente und Rotwild stießen. Schließlich aber kehrten sie mit genügend frischem Fleisch für alle zurück. Die Brukterer, in deren Gebiet wir uns ja die ganze Zeit über aufhielten, und die angrenzenden Marser sorgten für alle weiteren Dinge, insbesondere ausreichend Honigwein und Bier. Bei sanftem Schneefall feierten wir drei Tage lang im fackelerleuchteten Wald und platzierten währenddessen als neuerlichen Gruß an die Eingeschlossenen weitere aufgespießte Schädel vor ihren Toren. Statt einer Kapitulation ließ Caedicius mit einem Pfeilregen antworten. Ein paar Tage später überschlugen sich die Ereignisse. Während einer Nachtwache griffen einige Marser eine Gruppe Kinder auf, die zum Holzsuchen losgeschickt worden waren. Mein Vater, Segimer und ich holten die schmutzigen kleinen Gestalten ins warme Innere unserer Hütte, wo sie uns mit ängstlich aufgerissenen Augen anstarrten. Arminius fasste ein etwa zehnjähriges Mädchen ins Auge, offensichtlich die Älteste unter ihnen. »Wie heißt du?«, fragte er freundlich im Latein der Soldaten. Sie druckste einen Moment lang herum, dann sagte sie laut und deutlich: »Celia.« »Warum schicken eure Eltern ausgerechnet euch, die Jüngsten, zum Holzsuchen?« Ihr Mund verzog sich jetzt trotzig, denn sie meinte wohl, sie müsste ihre Eltern verteidigen. »Sie sind tot. Wegen euch. Ihr habt sie getötet!« Arminius übersetzte für mich. Ich war ergriffen und beeindruckt zugleich. Celia hatte Mumm in den Knochen. »Das tut mir leid für dich. Doch deine Eltern hätten nie herkommen dürfen. Dies ist unser Land und deine Leute wollten es uns wegnehmen, verstehst du?« Sie starrte ihn weiter an, während die anderen Kinder sich nur schüchtern und ängstlich in eine Ecke kauerten. Ein Marser kam herein, bei sich einen Krug warmer Ziegenmilch. Er reichte ihn den Kindern und diese tranken begierig reihum, bis er leer war. Ich bat den Marser, mehr zu holen. »Noch mal: Warum sucht ihr das Holz? Gibt es keine Erwachsenen, die das machen können?« »Ihr tötet sie doch alle«, gab das Mädchen zurück. »Uns tötet ihr hoffentlich nicht.« »Wie kommt ihr raus aus dem Lager? Wir bewachen alle Tore, haben euch aber nicht bemerkt. Also, wie macht ihr das?« Die Kleine schwieg. »Sag es mir! Wie?« Die Stimme meines Vaters klang jetzt drohend. Mir war nicht wohl dabei, Kinder auf diese Weise zu verhören. Ich wollte gerade einschreiten, als ein anderes Mädchen mit eingefallenen Wangen und fleckiger Haut schluchzend zu weinen anfing. Unsere Augen richteten sich auf sie. »Wer bist du?«, fragte mein Vater. »Und warum weinst du?« Sie schwieg. Ein Junge rammte ihr seinen Ellbogen in die Seite und raunte ihr etwas zu, das verdächtig nach »Halt bloß die Klappe!« klang. In der Stammessprache! »He, du!«, rief mein Vater sogleich. »Wie heißt du?« In diesem Augenblick wurde der schwere Pelz am Eingang der Hütte zur Seite geschoben und Inguiomer trat ein. Ein Schwall eisiger Luft folgte ihm. Er blies sich wärmenden Atem in die Handflächen und rieb diese kräftig aneinander. Mit verengten Augen betrachtete er die Kinder. Sein Blick blieb an dem immer noch leise weinenden Mädchen hängen. »Thuslifa?«, fragte er ungläubig. Die Angesprochene blickte erschrocken hoch. Kein Zweifel, das war der Name des Mädchens. Arminius sah Segimers Bruder erstaunt an. »Du kennst sie?« Der große Cherusker nickte. »Ja. Sie ist die jüngste Tochter von Segimundi, soweit ich weiß.« »Segestes Sohn?«, fragte ich überflüssigerweise nach. »Bei Iduns Titten!«, flüsterte mein Vater. Er machte jetzt einen wütenden Schritt nach vorn und beugte sich drohend zu den Kindern hinab. »Ist Thusnelda etwa auch da drin? Sprich!« Celia zuckte beim Klang seiner donnernden Stimme zusammen. Thuslifa schluchzte einfach weiter. Ein paar Sekunden vergingen noch, bis Celia antwortete: »Ich habe von einer Frau mit diesem Namen gehört. Sie wird von ihrem Vater eingesperrt, weil sie fliehen will.« Bei diesen Worten versteifte sich der ganze Körper meines Vaters. Ich fürchtete, er würde gleich explodieren. Er ballte die Fäuste und die Muskeln seiner Wangen arbeiteten wie wild. »Also ist Segestes mit seiner ganzen Sippe hier?« Celia wusste es nicht. Nur, dass es ebenfalls eine große Gruppe von Stammesleuten hinter den Mauern gab, die genauso eingeschlossen war wie die Römer. »Den Namen Segestes habe ich oft gehört. Aber ich kenne all die Leute nicht. Wir suchen doch nur Holz, damit wir nicht erfrieren.« Mein Vater wandte sich Thuslifa und den anderen Cheruskerkindern von Segestes’ Sippe zu, doch diese kniffen ihre Münder zusammen und sahen angestrengt zu Boden. »Wie kommt ihr rein und raus?«, fragte Segimer jetzt freundlich weiter an Celia gewandt. »Wir bewachen die Tore sehr gut und euch haben wir nie herauskommen sehen.« »Durch den Tunnel«, wisperte sie schließlich. »Welchen Tunnel?« Segimer, mein Vater und ich warfen uns alarmierte Blicke zu. Wir ahnten Böses. »Schon vor zwei Monden, als der Boden noch nicht so hart war, mussten wir ihn graben, um raus- und wieder reinzukommen. Er ist ganz eng, sodass nur kleine Kinder durchpassen. Wir benutzen ihn, um Holz für alle zu suchen. Fast jede Nacht! Er ist weit weg vom großen Tor und von seinem Ausgang ist es nicht weit bis zum Waldrand. Da sind viele Büsche, die uns schützen.« In ihrer Stimme schwang ein wenig Stolz mit. »Friert ihr sehr im Lager?« Celia schwieg zuerst. Schließlich zuckte sie die Achseln und nickte zaghaft. »Aber der Kommandant lässt manchmal ein Gebäude abreißen und wir dürfen dann das Holz verbrennen. Es ist zu dick zum Feueranmachen, deswegen müssen wir kleinere Stücke suchen. Es ist nicht viel, wird aber sorgfältig verteilt. Der Kommandant ist sehr streng. Es gibt von allem immer nur ein bisschen. Bis ihr wieder verschwindet, sagt er.« »Was esst ihr und wie oft?« Erschrocken riss sie die Augen auf. Ich konnte mir denken, dass ihnen auf gewissen Fragen die Antworten eingetrichtert worden waren, falls sie je geschnappt würden. Die kommende Lüge stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Wir haben reichlich zu essen. Zweimal, jeden Tag.« Die anderen Kinder blickten verlegen zu Boden. Wir beließen es dabei. »Hast du gehört, ob die Erwachsenen mal über die Aufgabe des Lagers gesprochen haben?« Celias Blick sprang plötzlich nervös zwischen uns hin und her. »Ne… nein«, stotterte sie. Der Marser kam mit weiterer warmer Ziegenmilch und einigen Brotfladen zurück. Gierig stürzten sich die Kinder darauf. »Also?«, versuchte mein Vater einige Minuten später, an die letzte Frage anzuknüpfen. »Ich habe gehört, dass mehr Soldaten zu Hilfe kommen«, entgegnete Celia schmatzend. »Viele. Dass sie euch vertreiben werden.« Wir horchten interessiert auf. War dies die Wahrheit oder bloß ein weiterer Trick, um uns zum Abzug zu bewegen? Immerhin war es sehr wahrscheinlich und seit der geplatzten Nachschublieferung nur eine Frage der Zeit, wann Aliso diese Unterstützung gesandt bekam. »Was genau hast du gehört?« »Ein anderer Kommandant, jemand ganz Wichtiges aus Rom, ein Tiverus …« »Tiberius?«, korrigierte mein Vater. »Ja, so heißt er. Tiberius. Er kommt mit einer Armee. Alle sprechen davon, schon seit vielen Tagen. Wann genau, weiß ich nicht. Bitte, ich weiß es nicht.« Sie senkte den Kopf und zitterte merklich. Die Befragung nahm sie ziemlich mit. »Nur noch eine letzte Frage: Woher wisst ihr das mit Tiberius?« Schuldbewusst blickte sie umher. »In den dunkelsten Nächten schafft es hin und wieder ein Boot unbemerkt bis zum Anleger. Von dort schießen sie Pfeile mit Botschaften ins Lager hinein.« Ich warf meinem Vater einen Blick zu und er nickte. Das reichte. Der Marser führte die Kinder hinaus und in eine andere Hütte. Nur noch Segimer, Inguiomer und ich blieben mit Arminius zurück. »Ich frage mich bloß, was aus Ucromerus geworden ist«, sagte er leise. »Der sollte Thusnelda eigentlich vor ihrem Vater finden und in Sicherheit bringen.« »Er ist offenbar zu spät gekommen«, bemerkte Inguiomer wenig hilfreich. »Vielleicht ist er ja auch in dem Lager?« Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Natürlich! Auch Segimer nickte jetzt grimmig. »Das wäre ein Verbrechen, welches dem Thing vorgetragen werden muss! Cherusker nehmen Cherusker gefangen und verschleppen sie in ein römisches Lager? Dafür gehört er gehängt!« Inguiomer schüttelte energisch den Kopf. »Damit spaltest du den Stamm nur noch weiter. Viele können Segestes sogar verstehen: Er hat einen Eid geschworen und steht bis in den Tod dazu. So wie unsere Väter es früher auch getan hätten«, fügte er mit einem Seitenblick auf Arminius hinzu. Immer wieder zeigte sich, dass der Stamm schon jetzt in eine Fraktion pro Arminius und eine pro Segestes geteilt war. Wir mussten sehr behutsam vorgehen, wollten wir die Kluft nicht noch weiter vertiefen. Zornig stapfte mein Vater hinaus in die kalte Winterluft. Der Eidbruch gegenüber Varus würde immer gegen ihn ausgelegt werden, das wusste er. Kurz darauf kam die Versammlung der Häuptlinge ein letztes Mal zusammen. »Wir können von Glück sagen, dass wir noch rechtzeitig von Tiberius erfahren haben«, sagte Brawalla, als Arminius die neuesten Nachrichten verkündet hatte. »Eine weitere Belagerung ist sinnlos«, teilte Ebowino von den Sumpfland-Cheruskern kurz und knapp mit. Colgrin stimmte zu. »Sie können nicht heraus und wir nicht hinein. Dein Kriegsglück ist bereits im Winterschlaf, Arminius.« Aesk, der Marserhäuptling, sah meinen Vater abschätzend an. Natürlich, solange es gut lief, war er der Held, wenn nicht, der Schuldige. »Nun haben wir so lange ausgeharrt und es gibt keine Entlohnung, keine Beute?«, fragte Ermanarik, der Angrivarier, enttäuscht. »Wie soll ich das meinen Leuten erklären?« Arminius zuckte die Schultern und lächelte jovial. »Sie können ja bleiben und sich Tiberius in den Weg stellen. Da können sie reichlich Ruhm, Ehre und Beute gewinnen.« »Du weißt, dass das unser Untergang wäre«, grunzte Branfreti und sah zu Segimer hinüber. Der nickte widerwillig. Arminius hob jetzt zornig die Hände. »Wir haben lediglich das Wort eines kleinen Mädchens und ihr pisst euch schon in die Hosen? Ich kann verstehen, dass ihr kriegsmüde seid und euch unter eure gewärmten Felle legen wollt, mit euren Frauen im Arm und einem Trinkhorn am Mund. Ich jedenfalls werde hier ausharren, bis Tiberius tatsächlich die Lupiha hinaufgesegelt kommt.« »Ich glaube, der Einzige, der sich nach den Armen einer Frau sehnt, bist du, Arminius«, knurrte Branfreti säuerlich. »Und zwar nach Thusneldas. Ich bin nicht hier, um Segestes’ Sippe zu vernichten. Das ist nicht mein Kampf. Er ist Cherusker, so wie wir, vergiss das nicht. Wir sind wegen der Beute hier und sonst nichts.« Segimer hob versöhnlich die Hände. »Das ist nur zu verständlich, Branfreti. Die Dörfer deiner Männer sind nicht weit von hier, so wie die von Colgrin, Aesk und Brawalla. Ihr könnt jederzeit abziehen, wenn ihr wollt. Falls Tiberius nie auftaucht und die Geschichte bloß erfunden ist, reicht unsere Streitmacht immer noch aus, um die Eingeschlossenen zu besiegen, wenn sich die Möglichkeit dazu ergibt. Sie dürften so geschwächt sein, dass sie leichte Beute sind.« »Es ist nur eine Frage der Zeit, wann sie Hilfe bekommen«, sagte Brawalla bestimmt. »Selbst wenn die Geschichte dieses Mädchens gelogen ist. Allerspätestens, wenn es taut. Und unsere Leute sind auch nicht mehr in der besten Verfassung, vergesst das nicht, Arminius und Segimer. Wir ziehen ab! Wir haben lange genug hier ausgeharrt.« Branfreti und Colgrin schlossen sich dem an, außerdem Aesk. Meinem Vater blieb also nur ein Bruchteil der bisherigen Kampfkraft. Die meisten Brukterer und Marser hatten es tatsächlich nicht sehr weit bis in ihre Heimatdörfer, konnten also bereits am nächsten Tag aufbrechen. Nur die beutegierigsten Männer unter ihnen blieben zurück, denn sie gaben die Hoffnung immer noch nicht auf, das sicherlich reich ausgestattete Lager doch noch plündern zu können und so den verdienten Lohn für die harten letzten Wochen zu ergattern. Die Cherusker vom äußersten Rand ihres Stammesgebiets, wozu Arminius, Segimer, Inguiomer und Ebowin gehörten, die Angrivarier und ich mussten uns dagegen noch gedulden, bis milderes Wetter einsetzte. Und Segimer stand ohnehin in unverbrüchlicher Treue zu meinem Vater, ganz egal, ob dieser beschloss, im tiefsten Winter noch länger hier auszuharren oder nicht. Da der Belagerungsring um Aliso nun nicht mehr geschlossen war, konzentrierten wir uns auf die Bewachung der Zufuhrwege und des Flusses. Kein Boot sollte des Nachts mehr unbemerkt bis an den Bootsanleger gelangen können. Außerdem wurde ein Wachposten in der Nähe des Tunnelausgangs postiert, aber natürlich tat sich dort nichts mehr, nachdem die Kinder nicht zurückgekehrt waren. Vielleicht schafften wir es ja doch noch, sie auszuhungern, bevor Tiberius eintraf. Ein paar Tage später nahmen wir einen abgemagerten Soldaten gefangen, der mitten in einer dunklen Neumondnacht versucht hatte, am Fluss zu angeln. Er hatte aus eigenem Antrieb und purer Verzweiflung gehandelt. Der Hunger hinter den hohen Palisaden und Wällen war mittlerweile also doch gewaltig. Der Soldat wurde etwas robuster befragt als die Kinder und er bestätigte das Anrücken von Tiberius’ Armee. Außerdem lieferte er einige überraschende Erkenntnisse: Die Eingeschlossenen hatten herbere Verluste erlitten als von uns angenommen. Selbst gegen unsere stark geschrumpfte Zahl konnten sie in offener Schlacht nicht mehr antreten. Pfeile gab es jedoch noch jede Menge, sodass wir auch nicht hineinkonnten. Die Pattsituation hielt also weiter an und mein Vater traf eine Entscheidung. Er wollte mit Caedicius sprechen und ihm ein Angebot machen. Ein cheruskischer Reiter, des Lateinischen mächtig, wurde waffenlos und mit friedvoll erhobenen Armen vor das Nordwesttor geschickt. Dort übermittelte er den Wachen die Botschaft, dass Arminius, Fürst der Cherusker, mit dem Lagerpräfekten Caedicius über den Abzug der Eingeschlossenen verhandeln wolle. Treffpunkt sei zur Mittagsstunde genau in der Mitte der Freifläche zwischen Lager und Wald. Keine Waffen, zwei Begleiter. Unser Reiter wartete die römische Antwort ab und kehrte zurück. Caedicius hatte angenommen! »Was willst du ihm anbieten?«, fragte ich meinen Vater. Segimer, Inguiomer, Ebowino und Ermanarik sahen ihn ebenfalls erwartungsvoll an. »Wir werden sehen, was drin ist. Caedicius ist ein harter Hund.« Wie immer ließ er sich nicht in die Karten schauen. Zur Mittagszeit machten Segimer, mein Vater und ich uns bereit. Ich trug eine der Pistolen im Hosenbund – nur für den Fall, dass es unerwartete Probleme gab. Dann ritten wir los. Der eisige Wind strich kräftig über die Freifläche und führte kleine Schneeflöckchen mit sich. Ich hatte mir ein halbes Dutzend Hemden übereinandergezogen und Umhänge übergeworfen, aber gegen die schneidende Kälte schien nichts wirklich zu helfen. Mein Auge tränte und der Atem stieg in dicken weißen Wolken vor meinem Gesicht auf. In einiger Entfernung sah ich drei Reiter auf uns zukommen. Sie waren ebenfalls dick verhüllt, aber mein Vater erkannte den Vordersten trotzdem sofort als den Lagerpräfekten. »Nun wird sich zeigen, wie schnell auch wir hier wegkommen«, knurrte er. Seitdem er erfahren hatte, dass seine Thusnelda die ganze Zeit schon zu den Belagerten zählte, von ihrem Vater eingesperrt, damit sie keinen Fluchtversuch unternehmen konnte, war er wortkarg und grimmig geworden. Ich war mir sicher, dass er Segestes bei der erstbesten Gelegenheit dafür bezahlen lassen würde. Ich fürchtete zunächst, Caedicius könne ihn gar mit zur Verhandlung gebracht haben, aber dem war zum Glück nicht so. Das hätte ein Desaster gegeben. Die Reiter blieben etwa drei Meter entfernt vor uns stehen. Die feindseligen Blicke des Lagerpräfekten und meines Vaters trafen wie zwei scharfe Klingen aufeinander. »Sei gegrüßt, Caedicius!« »Arminius«, nickte der Angesprochene. Er wirkte hager und erschöpft. Ein eiserner Zug umspielte seine Lippen und ließ mich ahnen, dass dieser Mann in den letzten Monaten harte Entscheidungen getroffen hatte, um die Menschen in dem Römerlager durchzubringen. »Ich kann nicht behaupten, erfreut zu sein, dich zu sehen.« »Das musst du auch nicht. Sparen wir uns die Höflichkeiten. Wir wollen doch schließlich alle schnell zurück an unser wärmendes Feuer und eine dampfende Mahlzeit zu uns nehmen, oder?« Er lachte hämisch. Caedicius starrte ihn bloß wortlos an. »Was willst du?« Mein Vater richtete sich jetzt stocksteif im Sattel auf. »Segestes und seine Tochter Thusnelda. Außerdem das Lager als Belohnung für meine Männer. Dafür bekommt ihr freien Abzug und euer Leben.« Genau das hatte ich mir bereits gedacht. Caedicius offenbar auch. Er wirkte wenig überrascht. »Woher weiß ich, dass ich einem Verräter wie dir trauen kann? Du könntest uns genauso hinterhältig abschlachten, wie du es mit Varus getan hast.« Ich erstarrte. Alle anderen auch. Wie würde mein Vater auf diese Provokation reagieren? Außer dem Heulen des Windes und dem gelegentlichen Schnauben eines Pferdes war nichts zu hören. Doch mein Vater blieb erstaunlich ruhig. Er lächelte jovial, als er sagte: »Du wirst dich schon auf mein Wort verlassen müssen, werter Caedicius. Du lebst doch noch, oder? Also, beschwer dich nicht. Lehnst du meinen Vorschlag ab, werden wir euch bis zuletzt aushungern.« Caedicius bleckte die Zähne. »Ich denke mal, du weißt, dass der neue Oberkommandierende, Tiberius, im Anmarsch ist, oder? Dessen Eintreffen hat sich zwar leider aufgrund des harten Winterwetters verzögert, aber er und seine Armee werden kommen. Wir brauchen bloß abzuwarten und zuzusehen, wie sie die kümmerlichen Reste deiner geschrumpften Räuberbande massakrieren.« Mein Vater stellte jetzt ein breites Lächeln zur Schau. Er würde sich nicht provozieren lassen, außerdem kannte er die Verhandlungstaktiken der Römer zur Genüge. »Wenn dem so wäre, wärst du nicht hier. Also halte mich nicht zum Narren, Caedicius! Mag sein, dass Tiberius Hilfe versprochen hat, doch in Wahrheit hast du nicht die geringste Ahnung, wann diese eintrifft. Hab ich recht?« Caedicius’ Miene blieb unbewegt. Ich ging davon aus, dass mein Vater ins Schwarze getroffen hatte. »Wenn du meine beiden Bedingungen erfüllst, und das dürfte dir sehr leichtfallen, wie ich meine, kannst du Tiberius ja entgegeneilen. Also? Wie entscheidest du dich? Noch mehr Hunger und Kälte oder Freiheit?« Caedicius starrte ihn lange Zeit völlig bewegungslos an. Die Uhr tickte für die Eingeschlossenen, soviel war klar. Wahrscheinlich grassierten bereits erste Krankheiten, die auf den Nahrungsmangel zurückzuführen waren. Schließlich nickte der Römer. »Ich habe dein Wort, dass du uns unbeschadet zum Rhenus ziehen lässt?« »Ja. Du hast sogar mein Ehrenwort. Sag mir bloß, wann.« »Wir brechen morgen auf. Durch das Westtor. Wenn deine Männer die Wege freigegeben haben.« Arminius nickte. »So sei es. Niemand wird dir im Weg stehen. Sofern du mir vorher Segestes und Thusnelda übergibst …« Caedicius kniff die Lippen zusammen. Das würde für ihn nicht leicht durchzusetzen sein. Segestes’ Männer würden gegen die Auslieferung ihres Sippenführers Sturm laufen und sie mit allen Mitteln verhindern. Der Lagerpräfekt hatte jede Menge Überzeugungsarbeit zu leisten, bevor er wirklich abrücken konnte. Oder würde er es innerhalb des Lagers zu einer bewaffneten Auseinandersetzung kommen lassen? Ich hätte gerne gewusst, wie er das Problem lösen wollte. »Sie werden am Nordtor auf dich warten.« Mit diesen Worten riss er sein Pferd herum und preschte zurück zum Lager. Seine beiden Begleiter folgten ihm. Wir sahen ihm noch hinterher, bis das Tor sich wieder schloss. Ich wandte mich zu meinem Vater um. »Traust du ihm?« Er zuckte mit den Schultern. »Darauf kommt es nicht an. Er hat keine andere Wahl. Er steht mit dem Rücken zur Wand und wenn er jetzt nicht reagiert, bekommt er sowieso ein Problem. Meiner Meinung nach wird er Segestes’ Männer allesamt gefangen nehmen müssen. Ich wette, dass wir sie morgen Nachmittag irgendwo dort drinnen weggesperrt antreffen werden. Sesithaki, Segimundi und wie sie alle heißen. Die Römer haben bei derlei Verrat keine Gewissensbisse. In jedem Einzelnen von ihnen steckt tief verwurzelt die Ansicht, dass wir alle doch bloß Barbaren sind, aufrecht gehende Tiere, die sich prima zum Kämpfen und Arbeiten eignen, wenn sie gut dressiert sind. Und wenn sie nicht mehr gebraucht werden, wirft man sie eben weg. War Segestes bislang ein Freund und Verbündeter Roms, so sucht man sich morgen eben jemand anderen in dieser Rolle.« Er winkte ab. »Es ist egal, ob ich ihm traue. Wichtig ist, dass wir das Lager plündern und zerstören und Thusnelda in Sicherheit ist.« Auch an diesem Tag war von einer Armee des Tiberius immer noch nichts zu sehen. Mein Vater hatte extra ein paar Späher nach Westen geschickt, um Gewissheit zu erlangen. Ich machte mich bereit, am nächsten Tag, nach dem Abzug der Römer, nach Hause zurückzureiten. Am Abend zogen jedoch neue Wolken auf, stürmischer Wind brauste bei einsetzender Dunkelheit über das Land und die Temperaturen fielen noch weiter. Enttäuscht fragte ich mich, ob ich je zurückkommen würde. Und ausgerechnet heute Nacht hatte ich noch ein letztes Mal Wachdienst. Es gab eine kurze Diskussion, ob Wachen überhaupt noch notwendig wären, da ja morgen der Abzug der Belagerten bevorstand. Einige Häuptlinge sprachen sich dagegen aus, doch mein Vater bestand darauf, bis zur letzten Minute wachsam zu bleiben, schließlich hatte er die Quellen gelesen und wusste um den darin berichteten Ausbruchsversuch des Caedicius. Diese Quellen vermischten allerdings römische Propaganda derart mit der Wahrheit, dass wir uns nicht darauf verlassen mochten. Der Bericht konnte falsch sein, also ging er lieber kein Risiko ein, um Thusnelda nicht doch noch zu verlieren. An den strategisch wichtigen Punkten hielten wir also nach wie vor die Wachstationen besetzt. Da ja bereits viele der Krieger abgezogen waren, musste beinahe jeder in einer der Schichten zum Wacheschieben ran. Die vorderste Kette von Wachposten ließ Arminius sogar doppelt besetzen. Trotzdem war es unmöglich, auf der gesamten Länge des Belagerungsringes eine lückenlose Bewachung zu organisieren. Teilweise betrugen die Löcher zwischen den Posten einhundert Schritte. So rächte sich nun, dass der Großteil des Heeres bereits abgezogen war. Neumond lag ein paar Nächte zurück und dichte graue Wolken bedeckten den Himmel. Es war so dunkel, dass man seine Hand kaum vor den Augen sehen konnte. Außerdem pfiff und heulte der stürmische Wind derart, dass ich mich fragte, wie der Nachbarposten überhaupt einen Warnruf von mir hören sollte. Selbst die Funkgeräte waren bei diesem Sturm nutzlos, man verstand kein Wort. Ich saß nordwestlich des Lagers in einer der äußersten Wachstationen, einem Hochsitz mitten auf einer Lichtung, um die der gnadenlos eisige Wind besonders heftig fegte. Die Baumwipfel um mich herum bogen sich gefährlich und immer wieder unterbrach das gespenstische Krachen brechender Äste den Sturm. Zuerst entging mir die lange Reihe vorbeischleichender Gestalten im völlig lichtlosen Wald. Erst ein verzweifeltes Rufen, mehr oder weniger direkt unter meinem Hochsitz, anfangs noch aus einer Kehle, kurz darauf aus vielen, ließ mich erschrocken hochschnellen. Hastig griff ich nach dem Nachtsichtgerät, während ich immer mehr dieser Rufe hörte. Als hätte sich jemand verlaufen. Ich brauchte ein paar Minuten, bis ich das verdammte Ding endlich angelegt hatte, doch was ich dann sah, jagte mir einen gehörigen Schrecken ein. Ein schier endloser Zug Frauen, Kinder und Verletzter stand wankend und zitternd zwischen den Bäumen, in Lumpen und notdürftige Überwürfe gehüllt. Sie blickten in die unterschiedlichsten Richtungen, wirkten völlig orientierungslos. Von der Existenz des Hochsitzes und mir darauf ahnten sie nichts. Es war tatsächlich stockfinster. Wo waren die Männer? Die Soldaten? Erneut erklang flehentliches Rufen, diesmal noch lauter. Die meisten wandten sich dabei nach Westen, doch einige auch in die entgegengesetzte Richtung. Mit meinem Nachtsichtgerät sah ich das Meer hell leuchtender grüner Punkte, die ihre Augen darstellten, weit aufgerissen. Sie alle hielten sich gekrümmt, denn die Kälte setzte ihnen offenbar schwer zu. Aus westlicher Richtung hörte ich plötzlich Holz brechen, als sich eine Gruppe Soldaten den Weg zu den Verlorenen bahnte. So langsam verstand ich: Offensichtlich marschierten die Legionäre um einiges schneller und hatten Frauen, Kinder und Verletzte in der Dunkelheit schon in kürzester Zeit abgehängt. So zurückgelassen, war ihnen nichts anderes geblieben, als um Hilfe zu rufen. Die Soldaten versuchten die kurz vor einer Panik Stehenden zu beschwichtigen und beschworen sie gleichermaßen, leise zu sein. Ich fürchtete gleichzeitig um mein Leben, hatte aber wenigstens einen sicheren Standort, an dem ich lediglich unentdeckt bleiben musste. Alleine hätte ich gegen diese Vielzahl keine Chance gehabt, auch wenn es sich dabei durchweg um armselige Gestalten handelte. Ich mochte gar nicht an den Zorn meines Vaters denken, wenn er hiervon Wind bekam. Offenbar hatte der Lagerkommandant Caedicius sich entschieden, bereits früher das Feld zu räumen – und zwar ohne Konflikt mit Segestes’ Cheruskern. Thusnelda war ganz sicher irgendwo hier unter den Fliehenden – und mit Sicherheit gegen ihren Willen. Hätte ich doch nur gewusst, wie sie aussah! Plötzlich entstand Aufruhr. Tiefer im Wald, dort, wo die Sichtweite meines Geräts nicht mehr hinreichte, hatte offenbar ein anderer Wachposten etwas bemerkt. Eine Frau kreischte, was selbst im Sturm noch deutlich zu hören war. Die Soldaten setzten sich sofort in Bewegung, doch sie kamen nur langsam voran, hielten die Arme weit vor sich gestreckt, um nicht gegen Bäume, Büsche oder andere umherirrende Gestalten zu prallen. Das Chaos dort unten war unglaublich. Aus allen Richtungen drang nun Geschrei zu mir herüber, ohne dass ich erkennen konnte, was der Auslöser dafür gewesen war. Wahrscheinlich die schlichte Panik, ohne Licht in völliger Finsternis durch einen sturmumtosten Wald zu marschieren, in dem auch noch hinter jedem Baum der Feind lauern konnte. Alle rannten durcheinander, stießen sich gegenseitig um und verstärkten mit ihrem Geschrei die Massenpanik nur noch weiter. Mehr unserer Stammeskrieger wurden jetzt angelockt. Sie trugen Fackeln mit sich, doch der Wind zerrte so heftig an ihnen, dass sie so gut wie kein Licht spendeten. Auch sie tappten im Dunkeln umher. Nun trafen weitere römische Soldaten ein, die offenbar ebenfalls umgekehrt waren, sowie einige der gegnerischen Stammeskrieger. Das mussten Segestes’ Männer sein! Ich beobachtete ihre hektischen Absprachen, ihr planloses Umherirren. Ein paar Leute wurden wieder zurückgeschickt, wobei ich mich fragte, wie um alles in der Welt sie den Weg fanden. Von Osten her wurde das Geschrei indes immer lauter. Ich vermutete, dass mehr unserer Männer eingetroffen und auf die Frauen und Kinder geprallt waren. Eine Art Massenflucht in westliche Richtung setzte jetzt ein. Dabei schaffte jedoch niemand auf dem unwegsamen, rutschigen Waldboden mehr als zwei Schritte, ohne zu stürzen und weitere Personen mit sich zu reißen. Im nächsten Augenblick erschallte der durchdringende Ton von Legionstrompeten. Sie übertönten alles – den Sturm, das Geschrei, die rauschenden Bäume. Weithin hörbar vernahmen wir alle das Angriffssignal einer römischen Legion. War Tiberius doch noch eingetroffen? Mitten in der Nacht? Bei diesen Bedingungen? Ich konnte das nicht glauben und war mir sicher, dass Caedicius uns zu täuschen versuchte. Was ihm auch gelang … Eine Gruppe der zu uns gehörenden Angrivarier zog sich heftig gestikulierend ins Dunkel des Waldes und aus meinem Blickfeld zurück. Erneut erklangen die Trompeten. Sie waren nah. Sehr nah. Trotz allem, was ich zu wissen glaubte, wurde mir immer mulmiger. Was, wenn es doch Tiberius war? Vielleicht aus Nordwesten anrückend und deswegen unseren Spähern entgangen, die lediglich die Lippe hinabgeritten waren? Sie würden mich auf meinem Hochsitz abfackeln, sobald sie mich entdeckten. Während ich noch mit mir rang, ob ich das Chaos für mich nutzen, hinabklettern und einfach abhauen sollte, bemerkte ich ein heftiges Gerangel unter den Fliehenden. Eine hochgewachsene Frau, deren Hände und Füße locker zusammengebunden waren, trat und schlug plötzlich um sich. Ihr Ziel schien ein Kerl zu sein, der schräg hinter ihr stand und sie an einem längeren Strick festhielt, so, als bestünde Gefahr, dass sie fliehen könnte. Ich beugte mich weiter vor, um besser zu sehen. Es war schwierig, mit dem Nachtsichtgerät Genaueres zu erkennen, da die Konturen der vielen sich Bewegenden sehr verwaschen waren und sich mir ausschließlich in unterschiedlichen Grün- und Grautönen bis ins Schwarze hinein darstellten. Wer war die Gefangene? Eigentlich konnte es sich nur um eine einzige Person handeln. Aber das wäre unglaublich! Würde Segestes seine Tochter so entwürdigen, sie auf diese Weise durchs Unterholz schleifen lassen? Andererseits – zuzutrauen war es ihm sehr wohl. Auch ich kannte die historischen Quellen und wusste um ihr späteres Schicksal. Ihr Vater würde in einigen Jahren sogar so weit gehen, sie von den Römern in Ketten einem jubelnden Mob präsentieren zu lassen. Ich beschloss also zu handeln! Rasch kletterte ich von meiner Wachstation herab. Ich musste aufpassen, dass ich nicht zu Boden gestoßen und niedergetrampelt wurde. Der Großteil der Fliehenden war allerdings schon an mir vorbei, einige rappelten sich noch vom letzten Sturz auf oder stolperten ziellos ein wenig abseits durch die Nacht, immer dem Lärm hinterher. Die Frau hatte sich zwischenzeitlich losgerissen und kauerte nun hinter einem Baumstamm, während ihr Bewacher wütend und mit ausgestreckten Armen umherstakste und halb tastend, halb rufend versuchte, sie aufzuspüren. »Bei Lokis Arsch!«, fluchte er. »Thusnelda! Dein Vater wird dich weichprügeln, wenn du nicht sofort …« Er prallte gegen einen Baum, blieb mit seinem Umhang an einem Brombeergestrüpp hängen und rutschte schließlich auf dem glatten Boden aus. Er schimpfte noch mehr. Gespannt wartete ich, was er nun tun würde, während es um uns herum immer ruhiger wurde. Hinter mir ertönten weiterhin die Trompeten. Thusnelda dagegen harrte mucksmäuschenstill im Schutze des Baums aus. Der Cherusker entfernte sich langsam, folgte ebenfalls den schwächer werdenden Hilferufen und dem Getrampel der anderen und rief dabei immer wieder den Namen von Segestes’ Tochter. Kurze Zeit später war auch er in der Dunkelheit verschwunden. Der Sturm schluckte das sich entfernende Geschrei, sogar die Legionstrompeten. Ich sah zu der verängstigten, zitternden Frau hinüber, die an Handgelenken und Fußknöcheln gefesselt in der Finsternis kauerte und mit weit aufgerissenen Augen umherstarrte. Sie traute sich kaum zu atmen und presste die Lippen fest aufeinander, wohl um am Ende nicht doch noch durch Zähneklappern aufzufallen. Sie wirkte so verletzlich, dass ich kaum wagte, mich endlich bemerkbar zu machen. »Thusnelda?«, fragte ich schließlich leise, um sie nicht allzu sehr zu erschrecken. Trotzdem fuhr sie so heftig zusammen, als hätte sie der Blitz getroffen. Natürlich antwortete sie nicht. Aber das machte nichts. »Mein Name ist Witandi. Ich bin Arminius’ Sohn. Er hat dir bestimmt von mir erzählt. Du bist jetzt in Sicherheit. Ich komme zu dir, entferne deine Fesseln und dann gehen wir zu meinem Vater. Verstanden?« Sie blickte weiterhin mit aufgerissenen Augen in meine Richtung, konnte mich aber nicht erkennen. Wahrscheinlich witterte sie eine Falle. »Ich weiß, dass du neben dem Baum hockst, Thusnelda. Bitte vertrau mir. Ich komme jetzt. Hab keine Angst! Bleib nur ganz ruhig. Die anderen sind weg. Ich bringe dich in Sicherheit, wenn du mich lässt.« Nun reckte sie den Kopf ein wenig. Wie ein völlig verstörtes Reh versuchte sie weiterhin die Dunkelheit zu durchdringen, schien aber gleichzeitig bereit, sich zu verteidigen, sollte es nötig sein. »Wie … wie heißt dein Kind?«, fragte sie stotternd und mit zittriger Stimme. »Ingimodi«, antwortete ich. »Meine Frau heißt Frilike. Ich lebe im Dorf Aha Stegili. Ich bin’s wirklich. Auch wenn wir uns bislang nie begegnet sind, musst du mir glauben. Lass uns von hier verschwinden, bevor dein Vater mit mehr Männern zurückkehrt, um dich zu suchen.« Mit wenigen Schritten war ich bei ihr. Sie hörte mich natürlich, schrak aber dennoch zusammen, als ich sie plötzlich am Arm berührte. »Ich durchtrenne jetzt deine Fesseln, also halt still«, sagte ich. Sie zitterte immer noch wie Espenlaub. Die Mischung aus Angst und Kälte hielt sie weiterhin fest umklammert. »Danke«, murmelte sie unaufhörlich. »Danke, danke! Mein Vater ist völlig verrückt geworden. Ich glaube, er hätte mich lieber umgebracht, als mich Arminius zu geben.« Ich zog sie hoch und stützte sie die ersten Meter, bis ihre eiskalten Muskeln und Gelenke wieder halbwegs in Schwung kamen. Sie an der Hand hinter mir her ziehend, schlichen wir zurück zu unserem Lager. Dort herrschte Aufruhr. Natürlich hatten die Trompeten alle in Alarmbereitschaft versetzt. Es wurde allgemein angenommen, dass tatsächlich Tiberius auf die Belagerer vorrückte. Die einen wollten fliehen, die anderen sich zum Kampf rüsten, dazu der Sturm und die tiefe Dunkelheit. Diese Nacht hatte es wirklich in sich! Auch bei den Stammeskriegern war die Panik nah und wenn nicht schnell etwas geschah, würde es auch hier drunter und drüber gehen. Ich brüllte also so laut ich konnte: »DIE EINGESCHLOSSENEN AUS ALISO SIND GEFLOHEN! SIE SIND WEG!« Die Nachricht machte die Runde wie ein Lauffeuer. Ich wollte noch eine Erklärung zu den Trompeten anfügen, aber Tiberius war den meisten plötzlich egal. Erstaunt nahm ich im schwachen, sturmverwehten Fackelschein wahr, wie alle aufgeregt durcheinanderriefen. Doch nicht etwa, um sich vor den vermeintlich heranrückenden frischen Truppen in Sicherheit zu bringen. Das Einzige, was ich aus zahllosen Kehlen hörte, war »Beute« und »plündern«. In Windeseile rüsteten sich Gruppen von Stammeskriegern und entschwanden sämtlich in Richtung des Lagers. Offenbar wollten sie dem Gerücht auf den Grund gehen. Ich konnte nur hoffen, dass die Legionstrompeten wirklich nur eine Finte von Caedicius gewesen waren, ansonsten würde mein Vater ob dieser Disziplinlosigkeit toben. Sein restliches Heer zeigte überhaupt kein Interesse an der Verfolgung der Geflohenen oder gar der Erkundung eines eventuell sich nähernden Feindes. Dieses Ereignis belegte ein weiteres Mal, dass die Stämme nur widerwillig und in Ausnahmefällen einem Oberkommando gehorchten und ansonsten kaum zu kontrollieren waren. Mir konnte es egal sein. Ich wollte in dem ganzen Durcheinander einfach nur meinen Vater finden, um ihm Thusnelda zu präsentieren. Ich fand ihn in der Hütte, wo er mit den anderen Häuptlingen und den Hagalianern das weitere Vorgehen besprach. Als ich eintrat, nickte er bloß kurz, wandte sich aber wieder Segimer zu. Aus dem Augenwinkel registrierte er jedoch, dass noch eine Person die Hütte betreten hatte. Die Augen Inguiomers, Segimers und Ebowinos weiteten sich voller Erstaunen. Arminius’ Kopf fuhr herum und sein Blick blieb ungläubig an Thusnelda hängen. Ohne zu zögern, sprang er ihr entgegen und schloss sie mit einer Mischung aus Jubel und Seufzen in die Arme. »Thusnelda!«, rief er. »Ich bin so froh, dass du in Sicherheit bist! Ich habe erst vor Kurzem erfahren, dass du da drin bist!« Sie nickte stumm und fing vor Erleichterung an zu weinen. »Wie hast du sie bloß gefunden?«, fragte mein Vater und musterte mich voller Anerkennung und Dankbarkeit. »Du bist wirklich ein Teufelskerl, weißt du das?« Er lachte und das Glück sprühte nur so aus seinen Augen. Ich erklärte ihm mit wenigen Worten, was geschehen war. Er lauschte schweigend, währenddessen klammerten sie sich wie zwei Ertrinkende aneinander – ein für mich sehr ungewöhnliches Bild. Meinen Vater bei einer Gefühlsregung zu ertappen, war so selten wie eine Mondfinsternis. Und nun das hier! Ich war gerührt und dachte natürlich an mein eigenes Wiedersehen mit der Familie. Die beiden schienen sich wirklich zu lieben. Wir anderen sahen lächelnd zu und freuten uns für sie. Thusnelda war gesund und sicher. Konnte es einen freudigeren Abschluss dieser langen Hängepartie geben? Schließlich wandte Arminius sich zu uns um. »Nun geht schon nachsehen, was da draußen los ist! Wenn die Männer plündern wollen, werden wir sie nicht aufhalten können, aber zumindest ein Trupp soll nach Tiberius Ausschau halten. Wir müssen Klarheit haben!« Bei seinen letzten Worten hatte er Malcolm angesehen. Dieser zog den Franzosen mit sich, um den Auftrag auszuführen. Am nächsten Morgen lag dichter Nebel über den Ufern der Lippe und den angrenzenden Wäldern. Der Sturm hatte mildere Temperaturen gebracht und ich beschloss, noch heute mit den Angrivariern nach Norden zu ziehen. In der Luft hing schwerer Brandgeruch. Nach der gründlichen Plünderung des Lagers waren alle Holzgebäude und die Tore angesteckt worden, allerdings verhinderte die Witterung ein rasches Ausbreiten der Flammen. Aus den Gesprächen der Männer vernahm ich, dass die Beute äußerst zufriedenstellend gewesen war. Die Geflohenen hatten im Grunde die gesamte Lagereinrichtung zurückgelassen. Von einer Zerstörung hatten sie wohl abgesehen, um uns nicht vorzuwarnen. Insbesondere die Stabsgebäude und die Kommandantenwohnhäuser mit ihrer reichen Ausstattung waren von den Stammeskriegern bis aufs Letzte leer geräumt worden. Jeder Einzelne machte mehr Beute, als er tragen konnte. Nachdem ich mein Zeug zusammengesucht, Vorräte gepackt und mein Pferd vorbereitet hatte, suchte ich meinen Vater noch einmal auf, um mich von ihm zu verabschieden. Es musste schon auf die Mittagsstunde zugehen. Natürlich fand ich ihn mit Thusnelda an seiner Seite. Offenbar waren Malcolm und der Franzose gerade erst zurückgekehrt. Und nicht allein! Geronimo, heruntergekommen, die Kleidung in Fetzen hängend, aber in dicke Felle gehüllt, hager, durchgefroren und mehr tot als lebendig aussehend, war bei ihnen. »Wo kommt der denn her?«, fragte ich verwundert, während ich mit dem Finger auf ihn zeigte. »Wir haben ihn in den Wäldern aufgespürt. Er hat versucht, sich ohne Pferd zu uns durchzuschlagen. Hat die vergangenen Wochen in irgendwelchen Hütten und Erdlöchern gehaust und seinen letzten Schuss Munition vor drei Tagen für einen Rehbock verbraucht. Er wäre verhungert, wenn wir ihn nicht gefunden hätten.« Ich war schockiert. »Scheiße! Was ist passiert? Und wo ist Viper?« Geronimo knurrte leise. »Keine Spur von ihm. Nach unserem Aufbruch haben die beiden Cherusker und ich tagelang die Gegend nach Spuren abgesucht, aber nichts gefunden. Schließlich sind wir einer großen Gruppe Cheruskerkrieger in die Arme gelaufen. Waren aber wohl die Falschen, wie es aussieht … Segestes und seine Männer auf dem Weg nach Aliso. Sie zwangen meine Begleiter, sich ihnen anzuschließen, mich wollten sie sofort töten. Ich konnte allerdings entkommen, wie man sieht.« Er grinste schief. Ich hatte ihn bisher noch nie so viel am Stück reden hören. »Na ja, dann lief ich den Weg durch die Schluchten und Berge bis zu den Gasitjanbargi zurück, aber da war niemand mehr. Nur die verrottenden, stinkenden Leichname der Römer, Pferde und was weiß ich noch. Ich wusste lediglich, dass ihr nach Süden wolltet, aber wo dieses Aliso genau liegt, das wusste ich nicht. Ich machte mich trotzdem auf den Weg. Hin und wieder traf ich auf jemanden, aber niemand verstand mich. Sprache und so, ihr kennt das ja … Ich war auf mich allein gestellt und fing an, meine Munition gut einzuteilen und vorsichtig zu sein. Während der kältesten Wochen blieb ich in einer verlassenen Köhlerhütte, trank geschmolzenen Schnee und aß Rehfleisch und hin und wieder ein wenig Gras.« Er grinste erneut. »Na ja … und alles andere, was man im Winter in einem Wald eben so findet. Es reichte zum Überleben. Ich erkundete das Gelände, zog weiter die Lippe hinauf und wieder herunter, fand aber nur abgebrannte Römerlager. Die Kälte trieb mich in die Hütte zurück. So vergingen die Wochen. Heute bin ich dann wohl mal in die richtige Richtung gelaufen und plötzlich standen diese beiden Vögel vor mir!« Er wies auf Malcolm und den Franzosen. »Sie wollten mich erst erschießen, wunderten sich dann aber wohl, warum ein Yeti sie mit ›Scheiße, da seid ihr ja endlich!‹ anredete.« Wir mussten lachen. Im nächsten Moment blieb uns dieses jedoch im Halse stecken. »Das heißt natürlich, dass unsere gesamte Ausrüstung weiterhin verloren bleibt«, grunzte mein Vater säuerlich. »Wenn ich diesen Dreckskerl je in die Finger kriege!« »Wir werden ihn früher oder später finden«, sagte Malcolm. »Verlass dich drauf!« Mein Vater nickte. »Wärm dich erst mal auf, Geronimo! Und dann schlägst du dir den Bauch so richtig voll.« Er wandte sich mir zu. »Ich kann mir denken, was du vorhast.« »Ja. Es wird Zeit für mich.« Ich blickte Thusnelda an. »Entschuldige noch mal, dass ich dich gestern Nacht so erschrecken musste. Ich hoffe, dir geht’s schon wieder besser.« Sie strahlte übers ganze Gesicht und schlang ihre langen Arme um mich. Ihr weiches Haar roch nach Moos, Rinde und Feuer. In diesem Moment sehnte ich mich so sehr nach meiner Frilike, dass es mich beinahe zerriss. »Ich bin dir auf ewig zu Dank verpflichtet, Witandi! Alleine hätte ich nicht gewusst, wohin. Wahrscheinlich wäre ich jämmerlich in der Dunkelheit erfroren.« »Ja«, bestätigte mein Vater. »Du warst der Retter in der Not und ich bin stolz auf dich, mein Junge! Du kommst immer mehr nach deinem Vater.« Er grinste und klopfte mir auf die Schulter. Thusnelda gab mich wieder frei und lächelte mich weiter an. Ich mochte sie. Ihre warmen Augen strahlten Güte und Klugheit aus und doch war sie tatkräftig und verfolgte unnachgiebig ihre Ziele – zumindest nach dem, was ich von ihrem Martyrium in den letzten Wochen wusste. Es tat gut zu wissen, dass ich in meinem Vater ein Stück Familie wiedergefunden hatte. Nie war es besser zwischen uns gelaufen. Misstrauen und Argwohn waren von beiderseitigem Respekt abgelöst worden. Mein Vater nahm mich jetzt am Arm und führte mich nach draußen. »Lass uns noch ein paar Worte wechseln, bevor du reitest.« Er holte tief Luft. »Du weißt, dass wir noch einiges zu erledigen haben. Viper zum Beispiel.« Er hob bereits abwehrend die Hände, bevor ich auch nur Atem holen konnte. »Ich weiß, ich weiß! Er ist nicht dein Problem und Malcolm, der Franzose und Geronimo sind auch noch da. Ich erinnere dich aber nur ungern daran, dass wir alle ein Interesse daran haben, diese Ausrüstung wiederzubekommen. Auch dir wird schnell die Munition ausgehen – und was dann?« Er seufzte. »Aber darum kümmern wir uns im Frühjahr …« Jetzt packte er mich noch fester und beugte sich vor, um mir etwas ins Ohr zu flüstern. »Ich werde sie fragen, ob sie mich heiraten will. Also mach dich auf eine Einladung gefasst.« »He, das ist ja wunderbar!« Ich freute mich für ihn. »Das wäre fantastisch! Frilike und ich werden gern kommen.« »Nicht nur ihr, hoffe ich doch. Die chaukische Verwandtschaft soll bitte schön vollständig erscheinen, wenn es so weit ist. Ich rechne fest damit, dass es Ingimundi bis dahin besser geht.« »Wir werden sehen. Was hast du als Nächstes vor? Kehrt ihr zurück in Segimers Dorf?« »Ja. Mein ursprünglicher Plan, bis zum Rhein vorzurücken, ist ja nicht aufgegangen. Asprenas sichert die Grenze nach Gallien und unser Aufstand bleibt erst mal auf das rechtsrheinische Gebiet begrenzt. Ich werde also Thusnelda in Sicherheit bringen, das hat Vorrang. Ihr Vater soll nie wieder seine dreckigen Finger nach ihr ausstrecken können. Mir schwebt da so eine Art Neubau in Segimers Dorf vor – eine Art wallumringtes Fort zum Schutz vor Segestes und möglichen anderen Feinden. Marbod wird schon bald Probleme machen und die Römer werden auch nicht lange brauchen, bis sie zurück sind und auf Rache sinnen. Du siehst also, die Arbeit wird nicht weniger. Ganz im Gegenteil. Aber nun sieh zu, dass du endlich zu deiner Familie verschwindest! Und grüß bitte alle!« Er zog mich erneut in seine Arme, drückte mich fest und entschwand anschließend ohne ein weiteres Wort. Mein Abschied nahm ihn mehr mit, als ich es für möglich gehalten hätte. Ein schönes Gefühl. Ich verabschiedete mich von den anderen. Thusnelda lud mich und meine Familie ein, jederzeit ihre Gastfreundschaft in Anspruch zu nehmen. Sie wollte Frilike, meine Kinder sowie Hortari unbedingt kennenlernen. In der Tat sah ich einem Besuch im Frühjahr mit Freude entgegen. Thusnelda hatte auch mein Herz im Sturm erobert und ich freute mich für meinen Vater, dass er eine solch gute Wahl getroffen hatte. Kurze Zeit später ritt ich mit den Angrivariern gen Norden. Wir hatten nur noch eine Nacht im Freien vor uns. Und die würde ich auch noch schaffen, bis ich endlich wieder zu Hause war und Frau, Kinder und Hund in die Arme schließen konnte. Marbod Dicke Pelze schützten den König der Markomannen vor der eisigen Kälte. Er mochte es, auf den hoch aufragenden Türmen seiner Festung zu stehen, die Dächer seiner Stadt überblicken zu können und die Augen über den Ringwall und die Palisade bis in die Ferne schweifen zu lassen, wo die endlosen Ebenen von dichten Wäldern bewachsen waren. Zahlreiche Bachläufe schillerten zwischen den blattlosen Winterbäumen, stauten sich vereinzelt zu Seen und hier und da auch zu Sümpfen, bevor sie sich irgendwo in größere Flüsse ergossen. In einiger Entfernung erkannte er Wassermühlen an ihren Ufern, die in diesen Zeiten so einzigartig waren wie das saphir- und rubinbesetzte Geschmeide des Herrschers und seiner Gattin. Ein herrliches Land! So reich an Holz und Wild! So fruchtbar! Es produzierte so viel Korn und Mehl, dass er es sich leisten konnte, einen Teil davon zu exportieren. Ein kostbares Paradies. Sein Paradies, welches der Herr ihm in die Hände gelegt hatte, auf dass er es behüten und vermehren möge. Wäre doch nur sein Vater noch da! Es verging kein Tag, an dem er diesen nicht vermisste. Er hatte stets auf jede Frage eine Antwort gewusst, für alles einen Plan gehabt. Doch nun traf er, Marbod, die Entscheidungen und eigentlich fiel es ihm nie sonderlich schwer, das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Er war auf einem guten Weg – und er hatte große Pläne. Trotzdem drängte die Zeit. In einigen Jahren musste er so weit sein. Dann sollte sein Königreich so groß, unabhängig und mächtig sein, dass er es wagen konnte, Rom Bedingungen zu stellen, auf die der Princeps eingehen musste. Doch bis dahin lagen noch viele kleine Schritte vor ihm. Er blickte nach Osten. Zwischen den großen, jetzt brachliegenden Ackerflächen sah er eine sich nähernde Karawane, die dem gut ausgebauten, auf den letzten Metern sogar gepflasterten Handelsweg folgte. Sie brachten Pelze, geräucherte Fische und Edelmetalle aus fernen Landen und würden mit gutem Marobodumer Stahl wieder abziehen. Sehr gut! Das Geschäft florierte. Er sah zum westlichen Stadttor hinüber. Zwischen den hohen Dächern der Getreidespeicher meinte er eine lange Reihe schwer bepackter Händler zu erkennen, die sich gerade anschickten, die Stadt zu verlassen. Doch zuerst gewährten die Wachen einer kleineren Gruppe Reiter Einlass. Sofort fragte er sich, wann Katwalda wohl zurückkehrte. Oder war er es gar, dort hinten am Westtor? Eine eisige Brise trieb ihm Tränen in die Augen. Er zog die Pelze noch enger um seinen Hals. Seine größte Sorge galt seit jeher seiner Gesundheit. Dank des unglaublichen Wissens und Erfindungsreichtums seines Vaters hatten sie viele komfortable Neuerungen in diese Welt gebracht – aber die moderne Medizin gehörte leider nicht dazu. Ein grippaler Infekt konnte sein Ende bedeuten. Er schüttelte seine Ängste ab. Vertrauen in seinen Herrn, den einen Gott, das war es, was er brauchte. Die Gruppe Reiter näherte sich auf einer der breiten Hauptstraßen der Stadt, die in den letzten Jahren mit rasender Geschwindigkeit rund um seine Hügelfestung entstanden war. Ehrfurchtsvoll wichen die vielen Menschen, die dort unten ihren Geschäften nachgingen, zurück. Er kniff die Augen zusammen und erkannte tatsächlich Katwalda. Der Gothonenhäuptling war zurückgekehrt. Und das offenbar ohne einen einzigen seiner Männer zu verlieren! Wenn er richtig zählte, war die Schar sogar noch angewachsen, auch die Zahl der Pferde. Einige von ihnen schienen schwer bepackt. Marbod verließ den Aussichtsturm und eilte die enge und dunkle hölzerne Treppe hinab, um Katwalda unten in der Halle zu empfangen. Das Warten hatte endlich ein Ende. Was hatte Arminius wohl auf seine Nachricht geantwortet? Immerhin lebte seine Gesandtschaft noch, was ein gutes Zeichen war. Langsam durchschritt Marbod die großzügige Halle seiner Burg. Der Duft frischer Kräuter lag in der Luft, so wie er es angeordnet hatte. Unter jedem seiner Schritte knirschte der saubere und ordentlich geharkte Sand. Ein paar seiner Amtsträger sowie einige Soldaten seiner Leibgarde saßen im vorderen Bereich an hölzernen Bänken und Tischen unter sorgfältig gegerbten Fellen und kunstvoll gefertigten Wandbehängen. Sie tuschelten leise, als er den Raum in Richtung seines Throns durchschritt. Die Männer respektierten ihn in höchstem Maße, aber sie mochten ihn nicht. Das Verbot ihres unseligen allgegenwärtigen Würfelspiels, ihrer Rumhurerei und des Alkohols vor der Dämmerung hatte sie schwer getroffen. Doch Marbod hielt seine Soldaten mit strengster Disziplin und Drill bei der Stange. Und der Erfolg gab ihm recht: Nur auf diese Weise war es ihm gelungen, ein stehendes Heer aus mittlerweile über sechzigtausend Kriegern aufzubauen sowie eine Reitereinheit von knapp viertausend Männern. Bereits vor sieben Jahren war seine Macht dem Princeps Augustus ein dermaßen großer Dorn im Auge gewesen, dass der sage und schreibe zwölf Legionen unter der Führung von Tiberius und Saturninus geschickt hatte, um ihn zu vernichten. Er hätte keine Chance gehabt. Während des römischen Vormarschs auf Marobodum war dann allerdings der Aufstand in Pannonien losgebrochen – zugegeben, nur aufgrund seiner Anstachelung der dortigen Stammesfürsten. Wie erhofft, waren die Legionen daraufhin umgelenkt worden und er hatte eine weitere Verschnaufpause bekommen. Zeit, um sich seine Strategie für die Zukunft genau zu überlegen, Verteidigungsanlagen zu errichten und gezielt aufzurüsten. Nun war er stärker denn je. Trotzdem musste er sich für eine Seite entscheiden – Rom oder Arminius. Sein Vater hatte ihm schon früh eingebläut, dass die Herbst-Tagundnachtgleiche des Jahres 9, des Jahres, in dem Sabinus und Camerinus Konsuln in Rom seien, ein folgenreicher Wendepunkt werden würde. Und dass Arminius aus der gleichen Zeit wie er selbst stammte, von der Marbod freilich nichts weiter als ein paar nebulöse Erinnerungen besaß. Und nun war es so weit. Seine Soldaten hatte er zu halbwegs gottgefälligen Menschen herangezogen – auch wenn es noch oft der Peitsche bedurfte, die Männer an die Regeln eines frommen Lebens zu erinnern – und er war zuversichtlich, in Arminius einen ebenso vernünftigen Christenmenschen und Verbündeten vorzufinden. Wenn er ihm erst seine Vision enthüllte, würde Arminius sicherlich genauso erschauern wie er selbst. Denn es war kaum vorstellbar, dass der Erlöser lebte, während er hier war. Einige Tausend Kilometer entfernt im Heiligen Land, eine schier unüberbrückbare Distanz, aber er lebte. Natürlich, noch war er ein Kind, doch schon bald … Marbod musste sich wappnen und Männer und Material bereitstellen, um den Heiland zu schützen. Er selbst konnte es bereits heute kaum erwarten, in wenigen Jahren aufzubrechen und dem Heilsbringer gegenüberzustehen. Doch noch hatte er den Römern außer einem Riesenheer nichts entgegenzusetzen. Deswegen erhoffte er sich Unterstützung durch Arminius, der früher »Bliksmani« genannt worden war. Die vielen Geschichten über ihn quollen vor vermeintlicher Magie nur so über, doch Marbod wusste es besser. Vor einigen Jahren war eine Frau hier gewesen, eine alte gallische Sklavin. Erstaunlicherweise sprach sie deutsch, kam angeblich wie er aus der Zukunft und erzählte ihm ein närrisches, völlig verworrenes Märchen, in dem er als eine Art Übervater für die Freiheit eines Häufchens Stämme herhielt. Er hatte ihr Geschwätz abgetan und diese Moira davongejagt. Schließlich war er von Gott an diesen Platz gesetzt worden und sicher nicht von einem Rudel geifernder Zauberinnen. Lediglich ihr Alter und ihre offensichtliche Verrücktheit hatten ihn davon abgehalten, sie steinigen zu lassen. Doch eines hatte ihm seitdem zu denken gegeben: Erst sie hatte ihn auf Bliksmani aufmerksam gemacht und prophezeit, dass dieser sich zum geachteten römischen Hilfstruppenoffizier Arminius weiterentwickeln würde. Und dass er schließlich Varus verraten und vernichten würde. Dies wiederum deckte sich mit dem, was sein Vater ihm erzählt hatte. Und das alles war wahr geworden. Im Nachhinein ärgerte er sich, dass er sie so schnell wieder fortgejagt hatte, denn ihre anfangs unglaubwürdig anmutenden Berichte über Gewehre und Handgranaten aus der Zukunft schienen sich bewahrheitet zu haben. Bliksmani – der Blitzschleuderer. Genau das, was er für seine Vision, für den Heiland brauchte. Und seitdem reifte der Plan in ihm, Arminius als Verbündeten zu gewinnen. Der Cheruskerfürst konnte nur zustimmen, davon war er überzeugt. Welcher aufgeklärte Mensch könnte denn auch ernsthaft und auf Dauer die Augen vor der allumfassenden Barbarei dieser Heiden verschließen? War es nicht die oberste Aufgabe eines jeden zivilisierten Menschen, die zurückgebliebenen Ureinwohner dieses Kontinents auf den Weg Gottes zu führen und eine Institution zu etablieren, die fortan auf den Glauben und die Frömmigkeit aller achtete? Eine Art Urkirche mit ihm als erstem Glaubensvater? Die Geschichte des Christentums würde umgeschrieben werden müssen, wenn sein Lebenswerk getan war. Marbod ließ seinen Blick schweifen, während er seine Gedanken abschüttelte und sich auf die vor ihm liegende Aufgabe konzentrierte. In einer Ecke gleich neben einem der warmen Kamine saßen seine Frau Loga sowie vier seiner sieben Kinder. Sie übten sich im Lesen, so wie er es ihnen aufgetragen hatte. Sehr gut! Der Schlüssel zur Frömmigkeit lag im geschriebenen Wort. Die Bibel seines Vaters hatte er selbst mehrfach abgeschrieben, nicht nur, um ihren Inhalt mit großem Eifer zu erlernen, sondern auch, um einige Sicherheitskopien zu haben. Auch von seiner Familie verlangte er strengste Disziplin. Seine jüngste Tochter Batia lugte vorsichtig zwischen den Seiten hervor, als er sie passierte, senkte aber sogleich wieder den Blick. Sie war immer noch böse auf ihn, weil er ihre Katzen hatte ersäufen lassen. Dass diese halbwilden Kreaturen sich in der ganzen Festung vor aller Augen fortwährend paarten und die vielen Tiere zu einer regelrechten Plage mutierten, interessierte das Mädchen natürlich nicht. Egal, sie würde schon darüber hinwegkommen. Er erreichte das Podest, auf dem sein schlichter Holzthron stand, erklomm es und nahm Platz. Nur wenige Augenblicke später umgaben ihn sein schmeichlerischer Truchsess und ein Knecht, der ihm einen Tonbecher mit Ziegenmilch reichte sowie einen Silberteller, auf dem in Honig getauchte Apfelscheiben lagen, außerdem der Hofmarschall. Marbod hob bloß die Hand und keiner von ihnen wagte es, auch nur einen Ton zu sagen. Untertänig nickten sie. Die große Flügeltür am Südende der Halle öffnete sich und zwei Wachposten gewährten Katwalda Eintritt. Dieser schritt direkt auf den Markomannenkönig zu. Unter dem Arm trug er einen Beutel. »Mein König!«, rief er ehrerbietig, bevor er ein Knie beugte und sein Haupt neigte. »Mein treuer Katwalda«, antwortete Marbod und musterte den Gothonen neugierig. »Erhebe dich!« Rechts und links von seinem Thron befanden sich breite offene Kamine, die sowohl Licht als auch Wärme in die Mitte der Halle abstrahlten. Katwalda richtete sich gerade auf und öffnete sogleich seinen schweren Wintermantel. Dabei hielt er weiterhin an seinem Mitbringsel fest. »Du bist schnell zurückgekehrt. War die Gastfreundschaft der Cherusker nicht in deinem Sinne?« Katwalda senkte ergeben den Blick. »Doch, Herr. Soweit man das vom Lager am Rande eines Schlachtfeldes sagen kann … Ich habe viel Blut gesehen. Und du hattest recht, Herr: Arminius ist als Sieger aus seinem Kampf gegen Varus hervorgegangen.« »Komm heran und berichte mir detailliert!« Marbod wandte sich an den Truchsess. »Bring ihm Speise und Trank!« Sofort verschwand der Angesprochene mit dem Knecht und Katwalda begann zu erzählen – von der Übergabe der Nachricht an Arminius und dessen Sohn, den Ablauf der mehrtägigen Schlacht, dem ständigen Streit zwischen den Stämmen sowie innerhalb der Cherusker und natürlich von der Gewalt der Donnerstöcke. Marbod war sprachlos. Er wandte sich zunächst ab und dachte eine Weile nach. Ihm war es wichtig, sich niemals irgendeine Blöße zu geben. Niemand sollte ihn je ratlos erleben. Er hatte tausend und mehr Fragen, doch alle würden seine pure Neugier und Ahnungslosigkeit offenbaren. Also stellte er sie nicht. Eine andere Sache war allerdings genauso interessant. »Arminius hat also einen Sohn, der die Nachricht ebenfalls mit den Augen essen konnte?« Es gab kein Wort für »lesen« in der Stammessprache, deswegen nutzte er diese Umschreibung. »Und er hat mehrere Männer, die Blitz und Donner auf den Feind zu werfen vermögen?« Er erinnerte sich dunkel an Dinge wie Pistolen und Gewehre, mit denen er als Junge hin und wieder bei Freunden gespielt hatte. Selbstverständlich hatte er nie eine echte Waffe gesehen, geschweige denn in der Hand gehalten, dennoch wusste natürlich jedes Kind darum. Die Beschreibung deckte sich jedenfalls mit dem, was die verrückte Moira ihm damals offenbart hatte. Meinte der Gothone etwa tatsächlich solche Waffen? Ach, wäre doch nur sein Vater hier! Der hatte in seinem früheren Leben sicherlich mal echte gesehen und hätte den Bericht des Gothonen entsprechend einschätzen können. War diese Moira am Ende gar nicht verrückt gewesen? Ein kalter Schauer überlief ihn. Aber was sollte er dazu sagen? Dieser Teil des Berichts klang doch sehr unglaubwürdig. Vielleicht übertrieb Katwalda, um sich wichtig zu machen? Marbod kritisierte diese Eigenschaft an dem Gothonenhäuptling sowieso schon seit Längerem. Er hatte ihm in zu kurzer Zeit zu viel Macht und Möglichkeiten der Einflussnahme zugebilligt und nun dankte es ihm dieser Schuft, indem er ihn unwissend und dumm dastehen ließ. Nun ja, er würde sich zur rechten Zeit um Katwalda kümmern … »Auch sein Sohn Witandi verfügt über einen solchen Donnerstock«, ergänzte der Gothone. Marbod runzelte die Stirn. Mit was für einer machtvollen Sippe bekam er es hier zu tun? Arminius schien ein mächtiger Verbündeter zu sein, wie er ja auch kürzlich erst bewiesen hatte. Marbod war überaus froh, dass er den Schritt gewagt hatte, ihm diese detaillierte Nachricht zukommen zu lassen. »Aber – wie gesagt – sie sind alle untereinander zerstritten. Ich wurde sogar Zeuge, wie Krieger der Chatten beinahe Arminius’ Sohn getötet hätten, weil der sie beim Plündern störte. Es gibt keinen wirklichen Zusammenhalt, jeder Stamm, ja, sogar jede Sippe verfolgt die eigenen Interessen. Die Cherusker sind so entzweit, dass der Bruder des Arminius ihm den Rücken gekehrt hat.« »Er hat auch noch einen Bruder?«, fragte Marbod verwirrt. Katwalda nickte eifrig. »Ja, sogar sein Vater und sein Onkel waren da. Soweit ich das sagen kann, ist aber keiner von ihnen in der Lage gewesen, deine Nachricht mit den Augen zu essen. Auch habe ich nur Arminius selbst, seinen Sohn und die anderen Donnerstockträger die Königssprache sprechen hören. Nie seinen Vater, Onkel oder Bruder.« Katwalda zuckte hilflos die Achseln. »Ich habe es leider auch nicht ganz verstanden, mein König.« Marbod entschloss sich, endlich die entscheidende Frage zu stellen. »Wie lautet seine Antwort auf meine Nachricht?« Katwaldas Miene verfinsterte sich von einer Sekunde zur nächsten. »Er hat keine Zeichen geritzt, mein Herr. Er bat mich, dir dies hier zu übergeben und dazu folgende Worte zu sprechen: Nimm diesen Scheißkopf und bring ihn zu deinem Herrn! Berichte ihm, wie viele tote Römer du hier gesehen hast! Berichte ihm davon, wie Arminius den drei Legionen des Varus eine eigene Legion von Donnergöttern entgegengestellt hat, um …« Marbod unterbrach Katwalda mit einem zornigen Schrei. »Donnergötter?« Er erhob sich und machte einen Schritt auf den Gothonen zu, den Zeigefinger dabei drohend auf ihn gerichtet. »Wage es nie wieder, den Namen des Herrn in dieser Halle zu verspotten, hörst du? Nie wieder! Es gibt keine anderen Götter neben dem EINEN! Pass auf, was du sagst, oder ich lasse dich auspeitschen!« Katwalda wich einige Schritte zurück. Stumm starrte er Marbod ob dieser Drohung an. Es war eine unglaubliche Dreistigkeit, einen Gothonenhäuptling mit der Peitsche zu bedrohen. Andererseits hatte Marbod tatsächlich die Macht, dies zu tun. Er hatte eine ganze Reihe mächtiger Stämme unterworfen und die Gothonen zählten nun mal dazu. Katwalda hatte selbst erlebt, wie Marbod drei Häuptlinge der Quaden in eine Linde hängen ließ, was allgemein als besonders herabwürdigend galt, war die Linde doch ein Baum mit weiblichen Attributen: weiches Holz, herzförmige Blätter. Der Grund für diese entwürdigende Art zu sterben war schlicht, dass sie sich vor zwei Wintern, als die zwölf Legionen anrückten, geziert hatten, gegen eine mögliche römische Übermacht anzutreten. Eine Gruppe fliehender Hermunduren hatte er in einen See treiben lassen, bis sie dort alle jämmerlich ersoffen waren, Frauen und Kinder, Junge und Alte. Oh ja, wenn Marbod es wollte, würde er ihn auspeitschen lassen, Häuptling hin oder her. »Ja, mein Herr. Entschuldige. Ich wiederhole doch nur, was Arminius …« »Wiederhole nichts, was gotteslästerlich ist! Du musst es den Barbaren im Westen nicht nachtun, wenn sie in ihrer Unwissenheit den einen Gott verspotten! Außerdem lügt er. Wie können eine Handvoll Männer eine Legion ausmachen? Er muss verrückt sein! Doch nun fahre fort – was hat Arminius weiterhin gesagt?« Katwalda überlegte kurz, ob er zu bedenken geben sollte, dass diese paar Männer mit ihrer Kampfkraft eine gesamte Legion ziemlich gut aufwogen. Dann entschied er sich dagegen. Wer es nicht mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte es nicht glauben. Also fuhr er fort. »Gut. Wo war ich? Berichte, wie Arminius den Legionen des Varus seine Donnerstockträger entgegengestellt hat, um sie vollständig zu vernichten! Berichte ihm, was Arminius’ Feinden widerfährt!« Ein wenig ängstlich sah Katwalda zu Marbod auf, der immer noch dicht vor ihm stand. Er nahm all seinen Mut zusammen und legte den Beutel auf die oberste Stufe des Thronpodests, direkt vor die Füße des Königs. Sorgfältig und vorsichtig wickelte er mehrere Lagen dicker Tücher ab. Sofort erfüllte erstickender Gestank die Luft rings um den Thron. Marbod keuchte zornig und wandte seine Nase schützend ab. »Was tust du, Narr? Was ist das?« Der verwesende Schädel des einstigen römischen Statthalters in Germanien lag halb auf die linke Wange gekippt zwischen ihnen. Das Fleisch war schwarz angelaufen und aufgedunsen, die Augen nur noch zu erahnen, die Konturen völlig eingefallen. Das spärliche Haar stand wirr in alle Richtungen ab. Fast schien es, als würde der grässliche Kopf den Markomannenkönig mit hochgezogenen Lippen höhnisch angrinsen. »Das soll ich dir mit der Botschaft überreichen, mein König. Es ist der Kopf des Varus – das, was seinen Feinden widerfährt.« Katwalda neigte erneut sein Haupt. Er fürchtete sich vor einem Zornesausbruch. Marbod war ein gefährlicher Mann. Die Barmherzigkeit, die er stets predigte, schien ihm selbst fremd zu sein. »Was … was bildet dieser Arminius …?!« Marbod schüttelte drohend die Fäuste. Sein Gesicht war rot angelaufen und jeder in Blickweite des Königs zog ängstlich den Kopf ein. »Diese barbarische Drecksau! Wagt es, mir einen vergammelten Kopf zu schicken?!« Marbod holte aus und trat mit voller Wucht dagegen. Varus’ Kopf flog dicht an Katwaldas Brust vorbei, drehte sich dabei ein-, zweimal um sich selbst und schlug schließlich mit einem dumpfen Geräusch auf dem hölzernen Boden auf, wo er noch ein Stück rollte, bis er schließlich liegen blieb. Ein abgebrochener Zahn und eine dünne Spur schwarzen und verwesenden Gesichtsfleisches markierten den Weg des makabren Wurfgeschosses. Hier und da quiekte ein Kind erschrocken auf, doch die in der Nähe befindlichen Mütter schlossen diese sogleich schützend in die Arme und hielten ihnen die Augen zu. Mit einem schnellen Schritt war Marbod bei Katwalda. »Was hat er noch gesagt? Hat er über mich gespottet?« Katwalda hob abwehrend die Hände. »Nein, mein König. Nichts dergleichen. Ich glaube bloß, dass er … dass er meint …« »Dass er was meint?« Marbods Stimme wurde noch schneidender. »Dass er alleine bereits stark und mächtig genug ist, es mit Rom aufzunehmen. Um deinen Zorn zu dämpfen, habe ich …« Doch Marbod hatte sich schon wieder abgewandt. Er verschränkte die Arme und rieb sich grübelnd das glatt rasierte Kinn. »Wenn er wirklich solche Waffen besitzt, kann ich es sogar verstehen«, murmelte er leise und sah ins Feuer. »Wenn ich doch auch nur …« Er straffte sich wieder. »Nun gut. Arminius scheint nicht der Klügste zu sein. Er hat zwei Fehler begangen. Erstens: Er hat ein Bündnis mit mir ausgeschlagen. Zweitens: Er hat mir das Mittel in die Hand gegeben, um mich beim Princeps wieder etwas beliebter zu machen. Augustus hat es mir übel genommen, dass ich – seinem Vorbild folgend – ein Imperium errichte. Doch übersende ich ihm die einzig verbliebenen Gebeine eines so hochgestellten Mannes und dazu noch angeheirateten Verwandten, wird er mir sicher wieder wohlgesonnener sein. Und ich könnte dem Princeps helfen, Arminius zu vernichten.« Marbod klatschte laut in die Hände und rief den Truchsess herbei. »Sorg dafür, dass der Kopf des Varus in einer mit edlem Tuch ausgeschlagenen Kiste verpackt und nach Rom geschickt wird! Noch heute!« Der Truchsess nickte und eilte sogleich zu Varus’ Überresten, um sie einzusammeln. »Zurück zu dir, Katwalda! Wo sind diese Donnerstöcke, von denen du sprachst, jetzt? Bei den Cheruskern?« Katwaldas Mund verzog sich zu einem stolzen Lächeln. »Ja. Doch ich habe dir etwas mitgebracht, mein König. Eine Überraschung.« Marbod zog die Augenbrauen hoch. »Ich mag keine Überraschungen. Was ist es? Sprich!« Katwalda drehte sich zur Hallentür um und gab einem der Wachposten ein Zeichen. Dieser nickte stumm, öffnete die Tür und rief jemanden herein. Ein Mann betrat den Raum. Er war hochgewachsen und breitschultrig, mit kräftigen Muskeln. Sein Gang wirkte trotzdem leichtfüßig und federnd, so wie bei den wirklich guten Kriegern. Marbod musste sofort an seine Harier denken, ein furchterregendes kleines Völkchen mit furchterregenden archaischen Sitten, die einzig und allein den Zweck hatten, die Männer des Stammes zu den besten Kämpfern zu machen. Was hatte das zu bedeuten? Der Mann hatte schwarze schulterlange Haare und dunkle Augen, was eher ungewöhnlich für einen Harier war. Außerdem trug er am Gürtel ein langes Messer mit einem matt schillernden Griff. Kein Holz, kein Leder – sondern Kunststoff! Marbod riss für einen Moment überrascht die Augen auf. Der Mann kam schnurstracks auf ihn zu. Vor dem Podest angekommen, verbeugte er sich. »Wer ist das?«, fragte Marbod an Katwalda gewandt. Dieser lächelte schelmisch. »Mein König, frag ihn bitte selbst. In der Königssprache.« Verdutzt blickte Marbod wieder auf den Mann hinunter. Er brauchte ein paar Sekunden, bis er seine Überraschung überwand, dann fragte er in leicht brüchigem, seit dem Tod seines Vaters recht ungeübten Deutsch: »Wer bist du, Fremder?« Der Mann hob sein Haupt und sah dem König fest in die Augen. »Mein Name ist Georg Kruppa. Aber eigentlich nennt man mich nur Viper. Wegen meiner Schnelligkeit.« Er lächelte. »Ich war einer der Kämpfer des Arminius. Nun biete ich dir meine Dienste an.« Marbod schnappte vor Überraschung nach Luft. Er war verwirrt. »Viper?« War dieser Mann eine Schlange? Warum sonst sollte man ihn so nennen? Und wie konnte er einem Mann vertrauen, der sich von seinem Herrn abwendete? »Warum hast du Arminius verlassen, Viper?« Marbod setzte sich auf seinen Thron und betrachtete den Krieger trotz seines Misstrauens neugierig. Viper richtete sich wieder zu voller Größe auf. »Sagen wir mal so: Er hat mich wie einen Hund behandelt. Und ich lasse mich nicht gerne treten.« »Treue bedeutet dir also nichts, Schlangenmann?« Marbod sah Viper lauernd an. Dieser lächelte und nickte. »Ich habe geahnt, dass du mich das fragen würdest, König Marbod. Treue ist ein hohes Gut, aber sie beruht auf Gegenseitigkeit. Respekt und Vertrauen sind die Fundamente der Treue. Beides habe ich vermisst. Arminius nahm meine Dienste als selbstverständlich hin und würdigte sie in keinster Weise. Ganz im Gegenteil. Ich habe seinen Respekt vermisst. Deswegen entschied ich mich schon nach kurzer Zeit zu gehen.« »Und zukünftig für mich zu kämpfen?« Viper nickte. »Wenn du es wünschst. Ich habe viel Erfahrung und kann dir sicher hervorragende Dienste leisten. Dafür möchte ich allerdings auch die Anerkennung, die mir zusteht. Einen entsprechenden Rang.« Marbod hatte schon oft aufstrebende und machtgierige Recken vor sich gehabt. Er wusste also, wie an mit solchen umging. »Weißt du, warum sie mich Marbod nennen, Schlangenmann?« Viper zuckte die Achseln. »Nein.« »Mein früherer Name lautete Marko Bodewig. Marbod ist natürlich eine elegante Abkürzung dafür, doch er hat auch eine andere Bedeutung. Eine tiefere. In der Sprache der Stämme bedeutet er ›Gebieter über die Rösser‹.« Marbod betrachtete Viper eingehend. Doch wenn dieser beeindruckt war, ließ er es sich nicht anmerken. »Ich verfüge über außergewöhnliche Fähigkeiten, Viper. Deswegen bin ich der unangefochtene Herrscher in diesem Reich. Selbst die Pferde weichen ehrfürchtig vor mir zurück, wenn ich meine Donnerstimme erhebe.« Der Markomannenkönig griff hinter sich und zog ein altes abgegriffenes Megaphon hervor. Stolz und voller Erwartung blickte Marbod auf den Hagalianer. Viper ließ sich nun doch zu einem erstaunten Blick hinreißen. »ICH BIN MARBOD DONNERSTIMME, GEBIETER VON DER GNADE DES HERRN!«, rief er durch den elektronischen Verstärker. Wie vom Blitz getroffen warfen sich alle Umstehenden zu Boden, als die Stimme durch die Halle donnerte. Nur Viper schien wenig beeindruckt, wie Marbod überrascht und missmutig feststellte. Der frühere Hagalianer rang sich ein Lächeln ab. »Sehr beeindruckend, König Marbod«, nickte er jovial. »Mach mich zu deiner rechten Hand und du wirst es nicht bereuen, das verspreche ich dir. Ich verfüge ebenfalls über außergewöhnliche Fähigkeiten.« Marbod betrachtete ihn nachdenklich, nachdem er das Megaphon wieder hinter dem Thron abgelegt hatte. »Und das verlangst du einfach so, ohne dass ich dich kenne oder überhaupt irgendein Zeichen deines Könnens gesehen habe? Für einen Mann, der sich selbst nach einer Schlange benennt, bist du ziemlich kühn.« Viper lächelte erneut. »Ich habe etwas mitgebracht, was dich freuen dürfte. Einen Beweis für mein Können, wenn du so willst. Lass uns einen deiner Türme erklimmen, dann zeige ich es dir.« Der Markomannenkönig zögerte kurz, bevor er zustimmte. »Lass mich noch schnell etwas holen«, sagte Viper und verschwand aus der Halle. Er kehrte mit etwas Länglichem im Arm zurück, das in eine Decke eingeschlagen war. »Was ist das?«, fragte Marbod in scharfem Ton. »Bitte gestatte mir, es dir oben zu zeigen. Du wirst begeistert sein, das verspreche ich dir.« Der Herrscher über die Markomannen betrachtete den Neuankömmling einige Sekunden lang schweigend. »Verbürgst du dich für ihn?«, fragte er schließlich an Katwalda gewandt. »Selbstverständlich, mein Herr. Ich hätte ihn niemals zu dir vorgelassen, wenn ich ihm nicht vertraute. Er hat mit Arminius gebrochen und sucht nun einen neuen Herrn, denn er hat sonst niemanden. Er ist auf deine Gunst angewiesen und weiß genau, dass du ihn sofort töten lassen könntest. Trotzdem ist er gekommen. Dieser Mann wird sehr nützlich für uns sein, Herr, du wirst es gleich selbst sehen.« »Es könnte auch eine gut durchdachte Falle des Arminius sein, meinst du nicht?« Katwalda schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht, Herr. Arminius hegt keinerlei Groll gegen dich. Er fühlt sich bloß stark genug, seine Ziele auch allein durchsetzen zu können. Er herrscht viele Tagesritte entfernt westlich von hier und fühlt sich durch dich nicht bedroht. Vielleicht in Zukunft irgendwann, aber nicht jetzt.« Marbod nickte. »Noch nicht, du hast recht. Im Moment hat er keinen Grund, mich zu fürchten. Doch wenn seine Macht erst gefestigt ist, wird er anders denken. So wie ich keinen Herrscher neben mir dulde, wird er es auch nicht tun.« Er schwieg einen Augenblick. »Unser Krieg kommt erst noch. Und ich sollte darauf vorbereitet sein.« Er dachte an die Warnungen seines Vaters. Der hatte ihn stets auf die Möglichkeit eines solchen Konflikts hingewiesen, doch Marbod war noch ein Kind gewesen und hatte vieles von dem, was sein Vater ihm über die Zukunft prophezeite, nicht verstanden. Dunkel erinnerte er sich an ausschweifende Erklärungen zu römischen Feldzügen und diesem aufstrebenden Cheruskerfürsten Arminius. Sein gebildeter Vater hatte ihm viel von der anderen Welt erzählt, aus der sie beide gekommen waren. Und dass es Gott gefallen hatte, sie hierher zu verpflanzen, dass es eine Art Wunder gewesen sei. Ein Wunder, ja, so hatte er es immer genannt. Die weisen Frauen der Markomannen hatten damals bei ihrer Aufnahme in den Stamm noch von irgendwelchen alten Prophezeiungen gesprochen, von seinem Vater und ihm als Gesandte der Götter, die den Untergang des Stammes aufhalten würden. Doch sein Vater hatte diesen heidnischen Unfug nie ernst genommen und seine Position im Stamm auf eine andere Basis gestellt: Wohlstand, militärische Stärke und das Wort des einen Gottes, das er nie müde wurde durch sein Megaphon lautstark zu verkünden. Die alten Zauberinnen waren schließlich eine nach der anderen erkrankt und verstorben, sogar ihre Schülerinnen. Ein weiteres Wunder, so hatte sein Vater ihm in ruhigen Stunden augenzwinkernd erklärt. So war an die Stelle der heidnischen Zauberei und der obskuren Prophezeiungen das klare Wort Gottes getreten, das erst sein Vater und nun er, Marbod, predigte – und die Aufforderung, sich Arminius entweder zum Verbündeten zu machen oder, wenn es nicht anders ginge, ihn zu bekämpfen und zu vernichten, bevor dieser ihn vernichtete. Also führte Marbod Viper hinauf auf den Turm, auf dem er bis vor etwa einer Stunde noch selbst gestanden hatte. Katwalda und eine Wache begleiteten sie. Oben angekommen, sah er Viper neugierig an. »Was willst du mir zeigen?« Mit wenigen geschickten Handgriffen packte der frühere Hagalianer sein Gewehr aus. Als Marbod erkannte, was er vor sich hatte, sog er scharf die Luft ein. Die Donnerstöcke aus Katwaldas Erzählung waren tatsächlich Schusswaffen aus der Zukunft! Das war unglaublich! Moira hatte recht gehabt und er hatte sie verhöhnt. Vorsichtig streckte er die Hand aus und berührte das schwarze glänzende Metall sowie das glatte braune Holz. Elegant und fremdartig. Marbod konnte seine Begeisterung nur schwer unterdrücken. Vielleicht handelte es sich bei diesem Gerät tatsächlich um eine funktionierende Waffe. Sie sah zumindest aus wie eine. Das Plastikgewehr, mit dem er als Junge öfter bei seinem damaligen Nachbarn gespielt hatte, war zwar anders geformt gewesen, doch dabei hatte es sich ja auch um ein Kinderspielzeug gehandelt, in das sie Platzpatronenringe einlegten, damit es echt klang, wenn sie den Abzug betätigten. Eingehender betrachtete er das Gewehr, das Viper hochhielt. Es hatte ebenfalls einen Abzug und eine Zielvorrichtung, außerdem – als markantestes Merkmal – einen Kolben, um die Waffe beim Zielen an die Schulter legen zu können. Unter dem Lauf hing eine gebogene, längliche Vorrichtung. So etwas hatte er wiederum noch nie gesehen. »Was ist das?«, fragte er. »Das Magazin«, erklärte Viper. »Es enthält die Munition.« Marbod nickte wissend, obwohl er die Waffe so entgeistert anstarrte wie ein Kind sein erstes Weihnachtsgeschenk. »Zeig es mir!«, forderte er Viper auf. Dieser lächelte erneut. »Gerne. Worauf soll ich zielen?« Marbod zeigte auf einen Baum, etwa fünfzig Meter entfernt. Viper nickte. »Du solltest dir die Ohren zuhalten. Es ist laut. Sehr laut.« Marbod presste sich mit vor Spannung aufgerissenen Augen die Hände seitlich an den Kopf. Viper legte an, zielte kurz und zog vorsichtig den Abzug. Der folgende Knall war ohrenbetäubend, sodass Marbod einige Schritte zurücktaumelte. Ein kleiner Feuerstoß schoss vorne aus dem Lauf heraus und nahezu gleichzeitig zersplitterten Holz und Rinde an dem Baum und regneten zu Boden. Ein goldfarbenes Metallteil kullerte vor Marbods Füße. Er nahm die Hände von den Ohren und hob es auf. »Ist es kaputt?«, fragte er und konnte seine Enttäuschung kaum verbergen. »Nein«, lachte Viper. »Das ist die Patronenhülse. Nach jedem Schuss wird eine ausgeworfen. Du kannst sie behalten.« Marbod schloss die Faust um die noch warme Hülse. Er sah sich nach Katwalda und der Wache um. Beide standen bleich und starr in einer Ecke. Überall herrschte Aufruhr. Türen öffneten sich und erschrockene Gesichter schauten heraus. Jeder einzelne Hund Marobodums bellte, kleine Kinder schrien. Die Straßenhändler, die gehört hatten, von wo der Lärm gekommen war, knieten entsetzt im Schlamm und sahen zur Festung hinauf. Marbod war mit dieser Wirkung zufrieden. »Wie viele Gewehre hast du?« »Eines.« Der König verzog enttäuscht das Gesicht.»Wie viele hat Arminius?« »Fünf«, sagte Viper. »Aber sie dürften mittlerweile keine Munition mehr haben.« Er grinste breit. »Du hast Munition?« Viper nickte und Marbod schaute wieder zufriedener. »Du wirst mir beibringen, wie es zu bedienen ist!«, befahl der König. Viper stimmte zu. »Außerdem habe ich eine Aufgabe für dich. Ich unterstelle dir die Harier. Gute, furchtlose Krieger. Ich will, dass du sie ausbildest und sie zu den besten Kämpfern dieser Zeit machst. Du bekommst dafür alles, was du brauchst. Bring ihnen all deine Techniken und dein Wissen bei. Stellst du mich zufrieden, mache ich dich zu meiner rechten Hand und ernenne dich zum Marschall der Markomannen.« Vipers Augen flackerten gierig auf. Er hatte nicht eine Sekunde lang daran gezweifelt, dass er Marbod tief beeindrucken konnte. Und er hatte auch schon eine Vision: Aus diesen Hariern würde er die härtesten Drecksäcke formen, die diese Welt je gesehen hatte. Einen Haufen Kommandokrieger, die nur bei Nacht und Nebel agierten, bestens in der Kunst der Tarnung sowie allen möglichen tödlichen Nahkampftechniken ausgebildet. Eine Armee von Schattenkriegern. Seine persönliche Armee! Seine Zukunftsaussichten hatten sich schlagartig verbessert. Zwischen Arminius und dessen zerstrittener Sippe, seinem eitlen Sohn Leon und dem besserwisserischen Malcolm war er nur einer unter vielen gewesen. Unter diesem König konnte er sich hingegen schnell einen Namen machen. Und wer wusste schon, ob er nicht eines Tages an seine Stelle treten würde? Ihm standen alle Möglichkeiten offen, Argumente hatte er ja mehr als genug. Die »Legion der Donnergötter« gab es nicht mehr. Seine Schattenkrieger sollten bereits in naher Zukunft ihren Platz einnehmen und das Schicksal dieser Welt entscheiden. Dass er den größten Teil der Ausrüstung in einer abgelegenen Felshöhle der Gasitjanbargi mitten im Gebiet der Marser versteckt hatte, bevor er zu Katwalda gestoßen war, brauchte er zu diesem Zeitpunkt niemandem zu erzählen. »Du bist sehr gnädig«, sagte Viper und neigte sein Haupt. Er lächelte immer noch. Ende Teil 4 Fortsetzung in Runenzeit - Schicksalsrunen Glossar Personen * Historische Hagalianer Skadi Brock: Anführerin der Neuzeit-Hagedisen, Schülerin von Hravan Viola: Hagedise Luna: Hagedise Moira: Hagedise Malcolm Whaley / Tredanfuglaz: Hagalianer Georg Kruppa / Viper: Hagalianer Darius: Hagalianer Der Franzose: Hagalianer Geronimo: Hagalianer Angrivarier Ermanarik: Angrivarier-Häuptling Brukterer Brawalla: Häuptling der Gelbstein-Brukterer Chasuarier Agalstra: Bauer Winnehad: Bauer Chatten Actumeri: genannt »Bärenhüfte«; Chattenfürst vom Östlichen Volk aus den Kalten Moorhügeln Adgandestri*: oft auch Gandestrius oder Adgandestrius; chattischer Häuptling, bot dem römischen Senat an, Arminius zu vergiften, wenn Rom ihm das Gift dafür lieferte Arpo*: Chattenfürst Radabarti: genannt »der Schweigsame«; Chattenfürst vom Östlichen Volk aus den Kalten Moorhügeln Chauken Agerist: Krieger Alweri: Sohn von Athalkuning Athalkuning: Häuptling der Großen Chauken Erlandi: Krieger Faning: Krieger Flein: Krieger Folke: Krieger Giwis: Krieger Ingimer: Sohn von Ingimundi Ingimundi: Häuptling der Kleinen Chauken vom Aha Stegili Isenar: Krieger Cherusker Alfni: Krieger Arminius*: Fürst der Cherusker, der den Römern im Jahre 9 n. Chr. in der Varusschlacht mit der Vernichtung von drei Legionen eine ihrer verheerendsten Niederlagen beibrachte. Die antiken Quellen bieten nur wenige biografische Angaben zu Arminius, ebenso wie sein germanischer Name unbekannt ist. Sein Vater Segimer (lat. Segimerus) hatte eine führende Stellung in seinem Stamm. Velleius Paterculus nennt ihn Princeps gentis eius (»Erster seines Stammes«), was mit der Bezeichnung »Fürst« übersetzt wird. Der Name seiner Mutter wird nie genannt. Sein Vater stand – wie sein Onkel Inguiomer – auf der Seite der Römer und führte die prorömische Partei unter den Cheruskern an. Ebenso wie sein Bruder Flavus diente Arminius als Führer germanischer Verbände längere Zeit im römischen Heer und wurde so mit dem römischen Militärwesen vertraut. Dabei erwarb er sich das römische Bürgerrecht sowie den Rang eines Ritters und erlernte die lateinische Sprache. In den Jahren 6 – 7 n. Chr. war er mit seinem Verband an der Niederschlagung des pannonischen Aufstandes beteiligt. Arminius besiegte in der Varusschlacht 9 n. Chr. durch einen überraschenden Schlag die römische Besatzungsmacht am »Saltus Teutoburgiensis« (Teutoburger Wald). Er wurde im Jahr 21 n. Chr. von seinen »Verwandten« getötet, vorher hatte bereits der chattische Fürst Adgandestrius dem römischen Senat angeboten, Arminius zu vergiften. Branfreti: Cheruskerhäuptling vom Sumpflandvolk Cheruiosegi / Flavus*: Sohn des Segimer, (Stief-)Bruder des Arminius Colgrin: Cheruskerhäuptling vom Sumpflandvolk Ebowino: Cheruskerhäuptling vom Sumpflandvolk Esago: Priester Inguiomer*: Inguiomer war der Bruder des Segimer, des Vaters von Arminius, und kam im Jahr 15 n. Chr. seinem Neffen im Kampf gegen Germanicus zu Hilfe. Er wollte sich jedoch der klug abwartenden Strategie Arminius’ nicht beugen und verlor dadurch den Sieg über das Heer des Caecina bei dessen Rückzug durch die moorigen Landschaften. Inguiomer wurde selbst verwundet. Auch im Folgejahr konnte er keine Erfolge erringen. Bald darauf schlug er sich – vielleicht aus Neid gegenüber seinem Neffen – auf die Seite Marbods. Sechiomeri / Segimer*: Cheruskischer Stammeshäuptling, Vater des Arminius und des Flavus Segestes*: Cheruskischer Stammeshäuptling, Vater der Thusnelda, die Arminius heiraten wird, sowie des Segimundus, Onkel des Sesithakus Segimundi*: Sohn des Segestes Sesithaki*: Neffe des Segestes Thuslifa: Tochter Segimundis Thusnelda*: Tochter des Segestes / Verlobte von Arminius Ucromerus: Krieger Markomannen Katwalda*: oft auch Catualda; Gothonenhäuptling, vertreibt Marbod im Jahr 19 n. Chr. und übernimmt die Herrschaft über die Markomannen. Um 21 n. Chr. wird auch Katwalda vertrieben. Marbod*: Marbod war der bedeutendste markomannische Herrscher (geboren um 30 v. Chr. – 37 n. Chr. in Ravenna). Er führte den Stamm aus der drohenden römischen Umklammerung im Maingebiet ostwärts in das von den Boiern verlassene Böhmen und nördliche Mähren. Mit dieser Maßnahme festigte er seine Herrschaft und bewahrte die Markomannen vor dem Ende ihrer politischen Selbstständigkeit – denn Tiberius führte damals Zwangsumsiedlungen zur Vernichtung der Macht der Suebenstämme durch. Marbod nahm den Königstitel an und scharte um die Markomannen, teils durch kriegerische Aktivitäten gegen Nachbarvölker, einen von ihm beherrschten mächtigen Stammesbund. Marser Aesk: Marserhäuptling, Töter von Howar Handramme Dagfari: Krieger Eirulf: Krieger Tenkterer Howar: genannt »Handramme«, Tenkterer-Häuptling Römer Asprenas*: Lucius Nonius Asprenas, 30 v. Chr. – 20 n. Chr., Neffe des Varus, befehligte als Legat seines Onkels Varus ab dem Jahr 7 n. Chr. die Legionen I Germanica und V Alaudae in Germanien. Während Varus und sein Heer im Jahr 9 von Arminius in der Varusschlacht vernichtend geschlagen wurden, gelang es Asprenas, mit seinem Zwei-Legionen-Heer in das Winterlager am Niederrhein (Vetera beim heutigen Xanten) zu entkommen und die Rheinlinie für Rom zu sichern. Allerdings warf man ihm später vor, sich am Besitz der Gefallenen bereichert zu haben. Laut Cassius Dio eilte Asprenas nach der Varus-Niederlage den aus dem Kastell Aliso an der Lippe flüchtenden Legionären und Zivilisten vom Rhein her entgegen. Augustus*: geboren als Gaius Octavius, nach seiner Adoption Octavianus; der erste römische Kaiser, 63 v. Chr. – 14 n. Chr.; Großneffe, Adoptivsohn und Erbe von Julius Caesar, Gründer der julisch-claudischen Kaiserdynastie. 27 v. Chr. verlieh ihm der Senat den Ehrennamen Augustus (dt.: »der Erhabene«). In einer militärischen Katastrophe endeten seine Bestrebungen, das rechtsrheinische Germania Magna zu einer römischen Provinz auszubauen. Caedicius*: Caedicius war Centurio, Primus Pilus (ranghöchster Centurio einer Legion) und Praefectus Castrorum (Lagerpräfekt), also der höchste aus der Centurionenlaufbahn aufgestiegene Offizier einer Legion. Im Jahr 9 war er Kommandeur des Kastells Aliso und verteidigte es erfolgreich gegen die Germanen des Arminius. Caelius*: Marcus Caelius war Centurio der Legio XVIII Augusta. Er ist nur bekannt durch ein Ehrenmal (Kenotaph), das in der frühen Neuzeit im Castra Vetera (in der Nähe von Xanten) aufgefunden wurde und den Tod des Marcus Caelius in der Varusschlacht bezeichnete. Ceionius*: Lagerpräfekt im Jahre 9 Celia: Mädchen im belagerten Aliso Eggius*: Lagerpräfekt im Jahre 9 Drusus*: Nero Claudius Drusus Germanicus, römischer Feldherr, Bruder des Kaisers Tiberius, 38 – 9 v. Chr.; drang als Statthalter der gallischen Provinzen im Kampf mit den Germanen (12 – 9 v. Chr.) bis zur Elbe vor. Auf dem Rückmarsch starb er nach einem Sturz vom Pferd. Seine Söhne waren Germanicus und der spätere Kaiser Claudius. Germanicus*: Nero Claudius Germanicus, Sohn des Drusus, Vater des späteren Kaisers Caligula, Großneffe des Augustus, römischer Feldherr, bekannt durch seine Feldzüge in Germanien. Germanicus unterstützte Tiberius bei der Niederschlagung des pannonischen Aufstandes und bei der Sicherung der Rheingrenze nach der Varusschlacht. Im Jahre 13 übernahm er den Oberbefehl am Rhein und musste im folgenden Jahr, nach dem Tod des Augustus, eine Meuterei der Legionen niederschlagen, die ihn gern zum Kaiser (statt Tiberius) ausgerufen hätten. Saturninus*: Gaius Sentius Saturninus war ein römischer Politiker und Feldherr der Augusteischen Zeit. In den Jahren 4 bis 6 n. Chr. kämpfte Saturninus unter dem Kommando des Tiberius in Germanien, wofür er mit den Ornamenta Triumphalia ausgezeichnet wurde. Tiberius*: eigentlich Tiberius Iulius Caesar Augustus; vor der Adoption Tiberius Claudius Nero, römischer Kaiser (14 – 37 n. Chr.); unterwarf im Auftrag seines Stief- und Adoptivvaters Augustus 15 – 13 v. Chr. das Alpengebiet, übernahm nach dem Tod seines Bruders Drusus den Oberbefehl in Germanien. In den Jahren 4 – 6 n. Chr. durchzog er Germanien bis zur Elbe, wo er sich mit einer Flotte vereinigte und die Langobarden unterwarf. Danach zog er ab und schlug 6 – 9 n. Chr. den pannonischen Aufstand nieder, wobei erstmals Arminius der Cherusker auftauchte. Als Kaiser Tiberius setzte er ab 14 n. Chr. die Politik des Augustus fort. Vala*: Gaius Numonius Vala, Legat der Reiterei unter Varus Varus*: Publius Quinctilius Varus (47/46 v. Chr. – 9 n. Chr. in Germanien) war ein römischer Senator und Politiker der Augusteischen Zeit. Von 7 – 9 n. Chr. war Varus Legatus Augusti pro praetore in Germanien, wo er mit harter Hand für die Einhaltung römischen Rechts und für Ordnung und den Ausbaus Germaniens zur römischen Provinz sorgte. Trotz einer konkreten Warnung des Cheruskers Segestes traf Varus keinerlei Vorsichtsmaßnahmen auf seinem Heereszug, als er sich im Jahr 9 n. Chr. mit drei Legionen auf dem Rückzug in sein Winterlager am Rhein befand. Die Germanen unter dem Cheruskerfürsten Arminius lockten ihn in einen Hinterhalt und schlugen ihn in der sogenannten Varusschlacht vernichtend. Die Schlacht gilt mit dem Verlust von drei Legionen und ebenso vielen Reiterabteilungen sowie sechs Kohorten als eine der größten römischen Niederlagen. Varus nahm sich noch auf dem Schlachtfeld das Leben. Die Stämme Amsivarier: Germanischer Stamm an der Ems im heutigen unteren Emsland, der von Tacitus als südlicher Nachbar der Friesen erwähnt wurde. Seit der Ankunft des Drusus (12 v. Chr.) waren sie mit Rom verbündet, nahmen aber an dem Aufstand unter Arminius teil (9 n. Chr.) und wurden von Germanicus dafür bestraft. Angrivarier: Die Angrivarier waren ein germanisches Volk, das am rechten Weserufer (vom Einfluss der Aller bis zum Steinhuder Meer) lebte und nördlich an die Chauken, südlich an die Cherusker und östlich an die Langobarden grenzte. Als Germanicus 16 n. Chr. gegen die Cherusker vorrückte, regten die Angrivarier in seinem Rücken einen Aufstand an, wurden aber durch Stertinius bald zur Ruhe gebracht und blieben seitdem den Römern ergeben. Bataver: Germanischer Stamm an der Rheinmündung, erhob sich 69/70 n. Chr. unter Civilis erfolglos gegen die römische Oberhoheit (seit Ende des 1. Jahrhunderts v. Chr.); gingen im 4. Jahrhundert in den Franken auf Brukterer: Germanisches Volk im Münsterland, 4 n. Chr. von den Römern unterworfen, kämpften 69/70 mit den Batavern gegen Rom; 97 von Chamaven und Angrivariern aus der Heimat verdrängt; gingen im 4./5. Jahrhundert im Stammesverband der Franken auf Chasuarier: Kleiner Stamm, welcher nur selten in den Aufzeichnungen der Römer Erwähnung findet; siedelten im 1. Jahrhundert an der Hase, einem Nebenfluss der Ems, nördlich des Wiehengebirges Chatten: Seit dem 1. Jahrhundert in Nordhessen (im Gebiet der Flüsse Eder, Fulda und Lahn) ansässig; sie bedrohten mehrmals die römische Rheinfront; im 5. Jahrhundert kam das Stammesgebiet unter fränkische Herrschaft Chauken: Vom 1. bis 3. Jahrhundert zwischen Ems- und Elbmündung bezeugt; Tacitus schilderte die Chauken als wehrhaftes, aber friedliches Volk, das ein großes Gebiet bewohnte und bei seinen Nachbarn hoch angesehen war. Nach anderen Quellen waren sie jedoch auch als Seeräuber berüchtigt; sie vertrieben die Amsivarier im Jahr 58 aus dem Gebiet der Emsmündung. In den Marschgebieten zwischen Ems- und Elbmündung siedelten die Chauken auf künstlich angelegten Hügeln (Wurten, Warften). Cherusker: Germanischer Volksstamm im Wesergebiet zwischen Teutoburger Wald und Harz. Seit 4 n. Chr. unter römischer Oberhoheit, erlangten die Cherusker unter Führung von Arminius 9 n. Chr. im Kampf gegen Varus und 15/16 gegen Germanicus die Unabhängigkeit wieder. Im 1. Jahrhundert n. Chr. von den Chatten unterworfen. Die Cherusker sind vermutlich im Stammesverband der Sachsen aufgegangen. Gothonen: Früher Name für die Goten; ein ostgermanischer Volksstamm aus der Weichsel-Gegend, der in späteren Jahrhunderten vielfach in Konflikte mit dem Römischen Reich geriet Harier: Bis heute ist unklar, ob die Harier einen eigenen Volksstamm bildeten oder eine Art Kriegerkaste der Lugier waren. Tacitus (Germania 43,4) schrieb zu ihnen: »Dagegen die Harier übertreffen die kurz zuvor aufgezählten Stämme nicht nur an Stärke, sondern sind außerdem furchtbar anzusehen und helfen ihrer angeborenen Wildheit noch durch künstliche Mittel und günstigen Zeitpunkt nach. (Denn) schwarz sind die Schilde, bemalt die Oberkörper; finstere Nächte wählen sie zum Kampf, und so jagen sie schon durch die grauenhafte, schattenhafte Erscheinung des gespenstischen Heeres Schrecken ein, da kein Feind dem entsetzlichen, gleichsam infernalischen Anblick standhält; denn zuerst werden in allen Schlachten die Augen bezwungen.« Langobarden: Zu den Sueben gehörender elbgermanischer Stamm, der um Christi Geburt an der Niederelbe siedelte. Die Langobarden wurden bereits im Rahmen eines Feldzuges des Tiberius im Jahre 5 n. Chr. zur Elbe erwähnt. Der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus schrieb: »Die Macht der Langobarden wurde gebrochen, eines Stammes, der noch wilder als die germanische Wildheit ist.« Lugier: Ostgermanische Stammesgruppe im Gebiet des heutigen Schlesien, Teilvölkerschaften bildeten die Vandalen und Harier Markomannen: Suebischer Volksstamm der Germanen, der im Maingebiet siedelte (siehe auch -> Marbod). 58 v. Chr. kämpften markomannische Hilfstruppen unter Ariovist gegen Caesar. Im Jahr 9 v. Chr. wurden sie von Drusus besiegt und zogen sich daraufhin weiter bis Böhmen zurück, in ein Gebiet, das von den keltischen Boiern größtenteils verlassen worden war. Den unvollendeten Feldzügen des Tiberius in den Jahren 4 – 6 n. Chr. folgte ein Friedenschluss mit den Römern. Nach der Varusschlacht sandte Arminius Marbod, dem König der Markomannen, das abgetrennte Haupt des Varus als Zeichen, sich ihnen anzuschließen. Marbod stand jedoch weiterhin zum römischen Friedensschluss und schickte das Haupt zum römischen Kaiser Augustus, der für eine würdige Bestattung sorgte. Im Jahr 17 n. Chr. kam es schließlich zum Kampf zwischen den Markomannen und den unter Arminius vereinten Stämmen. Quaden: Suebischer Volksstamm, siedelte ursprünglich im Maingebiet. Die Quaden zogen mit den Markomannen nach Böhmen und ließen sich im nördlichen Niederösterreich und in der Südwestslowakei nieder, gehörten dem von Marbod gegründeten Reich an und standen unter starkem römischen Einfluss Semnonen: Zu den Sueben gehörender elbgermanischer Stamm; siedelte zwischen mittlerer Elbe und Oder (im heutigen Brandenburg und südlichen Mecklenburg). Auf ihrem Gebiet lag das Hauptheiligtum der Sueben, ein heiliger Hain. Teile der Semnonen, die zuletzt 178 n. Chr. bezeugt sind, wanderten nach Südwesten ab und gingen in den Alemannen auf Sueben: Gruppe germanischer Völker, die im Gebiet der Elbe siedelten. Die Sueben stießen unter Ariovist nach Gallien vor, wurden aber 58 v. Chr. zurückgedrängt. Seit dem 1. Jahrhundert n. Chr. zählte man zu ihnen die Langobarden, Semnonen, Hermunduren, Markomannen, Angeln und Quaden Tenkterer: Stamm der Rhein-Weser-Germanen; sie überschritten 56 v. Chr. den Rhein, 55 v. Chr. von Caesar zurückgedrängt. Die Tenkterer siedelten dann zwischen Sieg und Lippe und gingen später in den Franken auf. Usipeter: Germanisches Volk am rechten Mittelrhein. Die Usipeter überschritten 55 v. Chr. den Rhein, wurden aber von Caesar zurückgedrängt; später in den Franken aufgegangen Vandalen: Ostgermanisches Volk, gehörte zur Stammesgruppe der Lugier. Bekannt sind sie durch ihre Eroberungs- und Wanderungsbewegungen zur Völkerwanderungszeit, also etwa im 5. Jahrhundert, größtenteils nach Spanien und schließlich nach Nordafrika. Mit der Zerschlagung des Vandalenreichs im 6. Jahrhundert durch oströmische Truppen verlieren sich ihre Spuren. Orte Adenum: Römerlager an der Lippe bei Oberaden; dass es ein solches Lager dort gegeben hat, ist unbestritten, der echte Name ist allerdings nicht erhalten geblieben Aha: Bedeutet »Fluss« = Hache Aha Stegili: Bedeutet »Abschüssige Stelle am Fluss« = Ingimundis Dorf an der Hache Aliso*: Römerlager an der Lippe bei Haltern, allerdings ist die Gleichsetzung Aliso = Haltern umstritten Alswartabargi: »Schwarzer Berg«, im Osten des Wiehengebirges Amisia*: Lateinisch. Bedeutet »Dunkler Fluss« = Ems Areppum: Römerlager an der Lippe bei Delbrück-Anreppen; dass es ein solches Lager dort gegeben hat, ist unbestritten, der echte Name ist allerdings nicht erhalten geblieben Diumari: Dümmer See Folkobeek: Kalkrieser Berg Gasitjanbargi: Wiehengebirge Hegirowisa: »Wiese der Reiher«, Schlachtfeld der Chauken gegen die Römer Lupia*: Lateinisch für Lippe Lupiha: Fluss Lippe Marobodum: Befestigter Königssitz des Marbod, genaue Lage bis heute unbekannt Mogontiacum: Lateinisch für das heutige Mainz Oppidum Ubiorum: »Siedlung der Ubier«, Lateinisch für das heutige Köln Phabiranum*: Im Jahr 150 n. Chr. erwähnte der alexandrinische Geograf Claudius Ptolemaeus eine Siedlung Fabiranum, auch Phabiranum geschrieben. Der spätere Name Bremen – lateinisch Brema – könnte so viel bedeuten wie »Am Rande liegend« und bezieht sich auf den Rand einer Düne. Im Gebiet um Bremen siedelte um die Zeitenwende der Stamm der germanischen Chauken. Ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. sind die Sachsen nachweisbar. In Bremen-Seehausen wurden Reste eines kleinen römischen Flottenstützpunktes ausgegraben, angelegt nach der Varusschlacht. Rhenus*: Lateinisch für Rhein Saltus Teutoburgiensis*: Teutoburger Wald, Thur to Brook bei den Brukterern, bedeutet »Durch zum Bruchwald« Tuliphurdum*: Römerlager an der Mittelweser im heutigen Großraum Verden / Dörverden Vetera: Auch Castra Vetera, römisches Legionslager in der Provinz Germania inferior nahe dem heutigen Xanten am Niederrhein. Vetera gehörte zu den bedeutendsten Garnisonen an der Nordflanke des römischen Imperiums und war in seiner Frühzeit eine wichtige Aufmarschbasis für die rechtsrheinischen Expansionsbestrebungen der Römer Wisuraha / Visurgis*: Bedeutet »Fließt durch Wiesen« = Weser, Lat.: »Visurgis« * Historische Begriffe Germanische Götterwelt Ägir: Meerriese, Herr des Meeres, Gatte der -> Ran, Vater der neun Wellenmädchen Balder: Lichtgott, Gott der Reinheit, Schönheit und Gerechtigkeit. Er ist Gott des Frühlings und durch sein Schicksal sterbender und auferstehender Gott. Sein Tod ist der Vorbote des Weltenuntergangs. Disen: Schutzgeister, Schicksalsgöttinnen (»die drei -> Nornen«), Allgemeinbezeichnung für Fruchtbarkeits- und Schicksalsgöttinnen, geisterhafte Frauen (Idisen, Walküren) Donar: Im Nordischen: Thor. Er ist »der Donnerer«, erstgeborener Sohn -> Wodans, Donner-, Gewitter- und Fruchtbarkeitsgott und für Götter wie Menschen Beschützer vor den gefürchteten Riesen. Mit dem Donnerhammer Mjöllnir stürmt er auf seinem von zwei Ziegen gezogenen Wagen über den Himmel, wovon Blitze und Donner entstehen. Fenriswolf: »Würgerwolf«, Dämon in Wolfsgestalt, welcher dereinst die Welt vernichten wird Forseti: Forseti ist der germanische Gott des Rechts und des Gesetzes, Vorsitzender der Thing-Versammlung und gilt auch als Gott des Windes und des Fischfangs. Halle der Toten: Gemeint ist die »Walhalla«. Hierhin wurden die im Kampf Gefallenen von den Walküren gebracht – im Gegensatz zu denen, die den Strohtod gestorben waren. Diese kamen zur -> Hel Heimdall: Der »Weiße Gott«, Beleuchter der Welten, »Goldzahn«, weiser Wächter des Himmels, einer der Söhne des -> Wodan Hel: Name des Totenreichs und der Totengöttin selbst Heti und Skado: Auch »Hati« und »Sköll«; zwei Wölfe, die den Mond und die Sonne über den Himmel jagen. Sie beide gelten als die Söhne des Fenrir, ihre Mutter ist eine Riesin (»Alte vom Eisenwald«), die wolfsgestaltige Kinder gebiert. Zu Ragnarök (Weltenschicksal) werden Hati und Sköll die Verfolgten einholen und packen, der Mondhund Managarm wird den Mond verschlingen und das verspritzte Blut die Sonne verdüstern. Holda: Die »Holde«, Mutter- und Erdgöttin, Gattin des Wodan. Ihr ist der Holunder geweiht, sie ist gleichermaßen die freundliche, mildtätige Göttin wie auch die unholde Todesgöttin. Andere bekannte Namen sind (Frau) Holle, Frigg(a), Frija, Nerthus, Hertha, Jörd. Ingwio: Fruchtbarkeits- und Vegetationsgott, der über Regen und Sonnenschein und das Wachstum der Erde herrscht. Sohn des Mannus (Sohn des Tuisto, der seinerseits die Erde geboren hatte) und Stammvater der Ingwäonen. Ingwio hatte zwei Brüder, auf die jeweils andere Stammesteile zurückgehen: auf Irmin die Herminonen und auf Istwio die Istwäonen. Loki: »Der Feurige«, »der Trickser«, »der Lodernde«: Gott des Feuers und der Listen, Vater des Fenriswolfs, Gestaltenwandler, der den Göttern immer wieder schadet und durch seine Taten letztendlich den Untergang der Welten heraufbeschwört. Midgardschlange: Dämonische Riesenschlange, die dereinst für den Untergang der Welt mitverantwortlich sein wird. In der nordischen Mythologie eigentlich Verkörperung des die Landmassen umschlingenden Weltmeeres. Wenn sie sich im Wasser wälzt, verursachen ihre Bewegungen gewaltige Sturmfluten. Im Buch wird sie als »Weltenschlange« dargestellt, deren Vernichtungswille mit der vernichtenden Schlagkraft der Armeen Roms gleichgesetzt wird. Nornen: Schicksalsgöttinnen, siehe auch -> Disen. In der Edda heißen sie Urd (das Gewordene), Verdandi (das Werdende) und Skuld (das Werdensollende), d. h. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Sie wohnen an der Wurzel der Weltenesche -> Yggdrasil an einem Brunnen, der nach der ältesten Norne Urdaborn heißt. Sie lenken die Geschicke der Menschen und Götter. Ragnarök: Weltenschicksal, bedeutet das Ende der bisherigen Welt. Dem allgemeinen Untergang fallen nahezu sämtliche Götter, Riesen und Menschen zum Opfer, ehe eine erneuerte Welt des Friedens beginnt. Nach dem gewaltsamen Tode Balders kündigt sich Ragnarök durch Vorzeichen an: Der »Fimbulwinter« lässt die Welt gefrieren, ihm folgt ein gewaltiger Weltenbrand, die Erde versinkt in einer durch die Midgardschlange ausgelösten Überschwemmung, die Sonne verfinstert sich. Ran: Meeresgöttin, Frau des Meerriesen Ägir und Mutter der neun Wellenmädchen Tiu: Auch Tiwaz/Teiwaz, Ziu oder Tyr, der »Einhändige«, ursprünglich oberster Himmelsgott, später nur noch Gott des Krieges. Schutzgott der Rechte des Things. Verlor eine Hand an den Fenriswolf, einen gewaltigen Dämon in Wolfsgestalt. Wodan: Auch Wotan oder »der Einäugige«, »Rabenfütterer«, »Hängegott«, »Raterfürst«, im Nordischen als Odin bekannt. Wodan ist die alles durchdringende, schaffende und bildende Kraft. Er lenkt im Krieg und führt zum Sieg, ist Spender der Dichtkunst, opferte sein Auge, um aus dem Brunnen der Weisheit trinken zu dürfen, hängte sich vom Speer verletzt in den Weltenbaum für das Wissen um die Runen. Mit seinen Brüdern erschuf er einst die Menschen. Den Himmelsgott Tiu der frühen Zeiten löste er als oberster Gott ab. Yggdrasil: Nordische Bezeichnung in der Edda für die riesenhafte immergrüne Weltenesche, die alle Welten beherbergt. Sie ist ein Sinnbild der Schöpfung als Gesamtes: räumlich, zeitlich und inhaltlich. Der Weltenbaum steht im Zentrum der Welt und verbindet alle Welten (die drei Ebenen Himmel, Mittelwelt und Unterwelt) miteinander. Römische Götterwelt Dis Pater: Römischer Gott der Unterwelt und des Reichtums Juno: Schutzgöttin der Frauen und der Familie, Tochter des Saturn, Mutter des Mars Jupiter: Der höchste römische Gott, Herrscher des Himmels und des Lichts, des Blitzes, Regens und Donners. Er ist Gott des Krieges und Bewahrer von Recht und Wahrheit. Seine Attribute sind Blitz und Zepter. Mars: Gott der Vegetation und des Frühlings (Leben), aber auch des Krieges (Tod) Merkur: Gott des Handels, Götterbote und Seelengeleiter Minerva: Jungfräuliche Göttin der Künste und Fertigkeiten, Weisheiten und Wissenschaften Parzen: Die drei Schicksalsgöttinnen, den griechischen Moiren oder den germanischen Nornen vergleichbar Quirinus: Schutzgott der Bauern sowie Kriegsgott Venus: Römische Göttin der Liebe Vesta: Römische Göttin des Staatsherdes und des in ihrem Rundtempel auf dem Forum Romanum gehüteten Staatsfeuers, das von den Vestalinnen (Priesterinnen) gehütet wurde und niemals verlöschen durfte. Vulcanus: Gott des Feuers, der Blitze und der Schmiedekunst Rückblick auf Band 1 Runenzeit - Im Feuer der Chauken Der Student Leon Hollerbeck entfesselt in seinem alten Kamin ungewollt einen mysteriösen Feuersturm, der ihn in das Jahr 1 n. Chr. zurückschleudert. Anfangs zutiefst verzweifelt, doch dann kämpferisch will er in dieser gnadenlosen und fremdartigen Welt überleben – und wird vom Stamm der Chauken aufgenommen. Als Chauke »Witandi« wehrt er sich schließlich gegen machtgierige Römer und grausame Langobarden und beweist so Mut und Tapferkeit. Doch schon bald stellt er fest, dass er offenbar nicht der einzige Zeitreisende ist. Bei einem Überfall der Römer auf eine Versammlung der Germanen hört er Schüsse, findet sogar Patronenhülsen und macht eine erschütternde Entdeckung … erhältlich als: Hardcover: 978-3-941757-18-9 Taschenbuch: 978-3-943450-04-0 E-Book Rückblick auf Band 2 Runenzeit - Krieg um Germanien Nachdem der »Gewaltige Krieg« zwischen Chauken, Friesen, Langobarden und Römern endlich beendet scheint, werden Witandi und Frilike auf tragische Weise auseinandergerissen. Durch Jahrtausende getrennt, gelingt Witandi unter großen Opfern schließlich die Rückkehr – schwer verletzt und Jahre später. Verzweifelt macht er sich von Neuem auf die Suche nach Frilike, die unerreichbar auf der sagenumwobenen »Bernsteininsel« in der Nordsee mit den Häuptlingssippen der Chauken überwintert. Der Weg dorthin scheint unbezwinglich, denn Langobarden streifen plündernd durch die Chaukenmark und die Römer ziehen eine riesige Flotte in der Nordsee zusammen. Aber Witandi bekommt unerwartete Hilfe … erhältlich als: Hardcover: 978-3-941757-19-6 Taschenbuch: 978-3-943450-05-7 E-Book Rückblick auf Band 3 Runenzeit - Der Aufstieg des Arminius Mit einer gewaltigen Streitmacht durchziehen die Römer das gesamte germanische Stammesgebiet bis zur Elbe. Selbst die kriegerischen Langobarden werden unterworfen. Germanien scheint besiegt! Doch für einen Mann bietet sich jetzt die Gelegenheit, endlich seine Pläne wahrzumachen: Bliksmani! Er schließt sich den cheruskischen Reitertruppen an, die für die Römer kämpfen. Unterdessen fürchten Witandi und Frilike erneut um ihr Leben: Sklavenjäger vom Volk der Chatten durchstreifen die von den Unruhen zerrütteten Stammesgebiete im Norden und nehmen sie während ihrer Rückreise von der Bernsteininsel gefangen. Sie sollen ins Legionslager Mogontiacum verschleppt werden – dort kommt es zu einem überraschenden Wiedersehen! Die Prophezeiung der Hagedisen erfüllt sich und Witandi erfährt die ganze ungeheuerliche Wahrheit … erhältlich als: Hardcover: 978-3-941757-26-4 Taschenbuch: 978-3-943450-06-4 E-Book Der Autor Mark Bredemeyer, geboren 1971 in Bremen, wuchs in Weyhe- Leeste auf. Nach seinem Abitur studierte er Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bremen, um dann für eine internationale Unternehmensberatung als IT-Berater tätig zu werden. Mit der Runenzeit-Saga verband er seine Leidenschaft für germanische Geschichte und seine Passion für das Schreiben. Von Mark Bredemeyer erschien 2013 im Dresdner Buchverlag (Taschenbuch-Imprint EDITIA) ebenfalls der Öko-Thriller »Grüne Guerilla Fraktion« (ISBN: 978-3-943450-19-4). Danksagung Mein besonderer Dank gilt der hoch motivierten Steffi Bredemeyer, die es wirklich nicht leicht hat, die nie versiegende Flut von Manuskriptseiten, die ich ihr ständig aufbürde, lesend zu bewältigen und wertvolles, detailliertes Feedback zu geben. Zudem ist sie immer wieder Diskussionspartnerin, wenn meine Gedankenflüsse drohen, sich ineinander zu verknoten. Was täte ich nur ohne dich, liebe Steffi? Weiterhin möchte ich ein riesengroßes Dankeschön an meinen Autorenkollegen Joachim Sohn aussprechen, der in kurzer Zeit und mit viel Hingabe den vorliegenden Band Probe gelesen und kommentiert hat. Ein kolossaler Dank gilt an dieser Stelle auch einmal dem tollen Verlag für die unermüdliche Arbeit, insbesondere Peggy und Dirk Salomo. Außerdem Kristina Gehrmann, aus deren begabten Fingern das – meiner Meinung nach – wieder grandiose Cover stammt. Ebenfalls danke ich meinem langjährigen Freund Dicki Pauls für seinen Einsatz unter erschwerten Bedingungen. Schlussendlich danke ich selbstverständlich allen treuen Lesern und Runenzeit-Fans, deren Anregungen und Tipps, die mich über die verschiedensten Kanäle erreicht haben, ich weitestgehend in diesem und den folgenden Runenzeit-Bänden berücksichtigt habe. Ich hoffe, ihr findet euch wieder und bleibt bis zum Finale dabei. Impressum Dresdner Buchverlag Epub-Version: Dezember 2014 PDF-Version: Dezember 2014 © Dresdner Buchverlag Weimarische Str. 7, 01127 Dresden • www.dresdner-buchverlag.de • kontakt@dresdner-buchverlag.de Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Urheberrecht am Text: Mark Bredemeyer Coverbild: Kristina Gehrmann Layout: Jörg Hausmann • www.heizfrosch-werbung.de Karte am Buchende erstellt durch den Autor Satz: Dresdner Buchverlag ISBN Printausgabe Hardcover: 978-3-941757-44-8 ISBN Printausgabe Taschenbuch: 978-3-943450-28-6 ISBN E-Book-Ausgabe Epub: 978-3-941757-46-2 Preis E-Book-Ausgabe Epub: 9,99 Euro