Mehr über unsere Autoren und Bücher: www.piper.de Für Mrs. D., FD und SD Übersetzung aus dem Englischen von Andrea Brandl ISBN 978-3-492-97536-0 Januar 2017 © Mark Dawson 2014 Titel der englischen Originalausgabe: »The Sword of God« © der deutschsprachigen Ausgabe: Piper Verlag GmbH, München/Berlin 2017 Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich Covermotiv: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich Datenkonvertierung: Fotosatz Amann, Memmingen Sämtliche Inhalte dieses E-Books sind urheberrechtlich geschützt. Der Käufer erwirbt lediglich eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf eigenen Endgeräten. Urheberrechtsverstöße schaden den Autoren und ihren Werken. Die Weiterverbreitung, Vervielfältigung oder öffentliche Wiedergabe ist ausdrücklich untersagt und kann zivil- und/oder strafrechtliche Folgen haben. In diesem E-Book befinden sich Verlinkungen zu Webseiten Dritter. Wir weisen darauf hin, dass sich der Piper Verlag nicht die Inhalte Dritter zu eigen macht. TEIL EINS Kapitel 1 Den Mann mit dem schweren Rucksack, der auf dem Seitenstreifen in Richtung Truth marschierte, entdeckte Sheriff Lester Grogan erst, als dieser etwa hundert Meter von ihm entfernt war. Grogan drosselte das Tempo, um ihn sich genauer anzusehen. Von hinten sah er aus wie jeder andere Wanderer, der die Hügellandschaft der Oberen Halbinsel von Michigan durchstreifte. Er wirkte schlank und sehnig, musste aber ziemlich kräftig sein, da er seine Last mühelos zu schultern schien – einen prall gefüllten Rucksack, an dem noch diverse kleinere Taschen hingen, sowie ein Gewehr, das er quer darübergeschnallt hatte. Grogan schloss zu ihm auf, fuhr im Schritttempo weiter und ließ das Beifahrerfenster herunter. »Alles klar so weit?« Der Mann blieb stehen und sah zu ihm herüber. »Ja, wieso?« Grogan musterte ihn kurz. Der Fremde wirkte ungepflegt und abgerissen. Die dunklen verfilzten Haare reichten ihm bis zu den Schultern, und er trug einen dichten, zotteligen Bart. Seine Kleidung war schmutzig, die Jeans an den Säumen ausgefranst und x-mal geflickt, die Wanderschuhe starrten von Schlamm und Staub. Er hatte die kältesten und blauesten Augen, die Grogan jemals gesehen hatte. Ein eisiges Feuer schien in ihnen zu lodern, und während der Mann seinem Blick begegnete, spürte Grogan, wie leises Unbehagen Besitz von ihm ergriff. »Lester Grogan«, stellte er sich vor. »Sie kommen bald nach Truth. Noch zwei Meilen an dieser Straße entlang.« »Ich weiß.« »Und ich bin der Sheriff.« Der Mann nickte nur. »Und Ihr Name, mein Freund?« »John.« »John?« Er brauchte einen Namen, den er durch den Computer jagen konnte. »Genau.« »Haben Sie auch einen Nachnamen?« »Klar.« Allmählich ging Lester das Geplänkel auf den Geist. »Dürfte ich ihn vielleicht erfahren? Oder wollen Sie mich weiter auflaufen lassen?« »Habe ich irgendwas verbrochen?« »Nicht dass ich wüsste. Trotzdem würde ich ganz gern erfahren, wen ich in meiner Stadt begrüßen darf.« »Milton.« »Okay, Mr. Milton, sehr erfreut. Und was machen Sie hier?« »Ich wandere.« »Sie wandern?« »Exakt.« »Wo kommen Sie denn gerade her?« »Aus Trout Creek.« »Und wo wollen Sie hin?« Der Rucksack wippte auf seinen Schultern, als der Mann die Achseln zuckte. »Weiß ich noch nicht«, erwiderte er. »Mal sehen, wo ich lande.« Lester Grogan war seit zwanzig Jahren im Polizeidienst und hatte dabei stets auf seinen Instinkt vertraut. Und dieser Typ ließ bei ihm sämtliche Alarmglocken schrillen: Er war maulfaul, er war patzig, er sah aus wie ein Penner. All diese Eigenschaften bestätigten seinen ersten Eindruck, und der Gedanke, dass der Bursche in seine Stadt wollte, bereitete ihm ernsthafte Bauchschmerzen. »Haben Sie vor, sich länger in Truth aufzuhalten?« »Ich werde mir den Ort mal ansehen.« »Soll ich Sie ein Stück mitnehmen?« Der Mann schüttelte den Kopf. »Nein danke.« Lester öffnete die Beifahrertür. »Im Ernst«, sagte er. »Kommen Sie schon. Und nehmen Sie den Rucksack ab.« »Nicht nötig, Sheriff.« »Steigen Sie ein, Mr. Milton.« Abermals fixierte ihn der Mann mit seinen kalten blauen Augen, und einen Moment lang erwog Grogan, ob er es darauf ankommen lassen sollte. Doch ausgerechnet in der Sekunde, als Lester Grogan nach seinem Revolver greifen wollte, streifte Milton den Rucksack von den Schultern, öffnete die hintere Tür und hievte ihn auf den Rücksitz. Er machte das Gewehr los, platzierte es behutsam neben seiner Tasche und stieg auf den Beifahrersitz. »Okay«, sagte Lester. »Dann mal los.« Lester Grogan fuhr über den schnurgerade nach Westen verlaufenden Highway 28 in Richtung Truth. Sie kamen an den Briefkästen vor den großen Villen am Ortseingang vorbei, am Hinweisschild zum Indoorspielplatz und am Einkaufszentrum mit der Tankstelle, dem Quadverleih und der erst kürzlich eröffneten Pizza-Hut-Filiale. Er lebte hier, seit er aus dem Golfkrieg zurückgekehrt war, und er kannte den Ort und das Umland wie seine Westentasche, die kleinen Läden und Betriebe ebenso wie die Wälder am Stadtrand. Sie fuhren über die Kreuzung, wo der alte McDonald letzte Woche mit seinem Pick-up in einen UPS-Transporter geknallt war, und an Johnny’s Bar vorbei, wo Lester am Vorabend eingeschritten war, weil Thor Bergstroms Junge und zwei Wanderer nach ein paar Gläschen zu viel die Fäuste hatten sprechen lassen. Lester Grogan war nichts Menschliches fremd. Truth war ein hübsches, beschauliches Örtchen mit gut tausend Einwohnern, in dem es für gewöhnlich ausgesprochen friedlich zuging. Als Polizist stand man hier jedenfalls vor keinen besonderen Herausforderungen. Lester neigte nicht zur Angeberei, war aber fest davon überzeugt, dass sich die hiesige Geruhsamkeit vor allem seinem Berufsethos verdankte. Er behielt stets den Überblick und pflegte Probleme von vornherein im Keim zu ersticken. Dafür wurde er schließlich auch bezahlt, und er war stolz darauf, dass er alles bestens im Griff hatte. Die Ampel sprang auf Rot, und Lester hielt an. »Also«, sagte er, den Blick auf die Ampel gerichtet. »Wo kommen Sie her?« »Heute hier, morgen dort«, erwiderte der Fremde. »Gesprächig sind Sie ja nicht gerade.« »Weil ich nichts zu erzählen habe.« »Ihr Akzent … Sind Sie Engländer?« »Ja.« »Diesen Zungenschlag kriegen wir hier in der Gegend nicht allzu oft zu hören.« Milton schwieg. Je länger Lester sich in der Gesellschaft des Fremden befand, desto unwohler fühlte er sich. Zunächst hatte er gedacht, er hätte es mit einem Landstreicher zu tun. Mit jemandem, der nicht in die Idylle ihres schönen Städtchens passte. Doch nachdem er ein paar Worte mit ihm gewechselt hatte, befiel ihn das untrügliche Gefühl, dass dieser John Milton Ärger verhieß. Er war undurchsichtig, verschlossen bis zur Unhöflichkeit, und sein Verhalten machte Lester nervös. Der Kerl hatte ganz offensichtlich etwas zu verbergen. Und Typen wie John Milton hatten in seiner Stadt definitiv nichts zu suchen. Die Ampel sprang auf Grün um. Statt nach rechts ins Ortszentrum abzubiegen, fuhr Lester weiter geradeaus. Milton sah über die Schulter, während das freundliche Städtchen hinter ihnen verschwand. Als er sich wieder zu Lester umdrehte, schien ihm irgendetwas auf der Zunge zu liegen. Lester spitzte die Ohren, doch dann hatte es sich der Fremde offenbar anders überlegt. Ein schmales Lächeln huschte über sein Gesicht, dann hüllte er sich weiter in Schweigen. Kurz darauf passierten sie das Schild mit der Aufschrift: »Sie verlassen jetzt Truth – kommen Sie bald wieder!« Nun herrschte kein Zweifel mehr, was hier gerade lief. Milton schwieg nach wie vor. Lester fuhr noch eine Meile weiter, bis links von ihnen das Blau des East Lake zu sehen war, dann erst ging er vom Gas. Kiesel knirschten unter den Reifen, als er auf einen Schotterparkplatz fuhr, der zu dem weiter unten gelegenen Campinggelände gehörte. Lester schaltete den Motor aus. »Ich hoffe, ich konnte Ihnen behilflich sein.« Milton stieg aus. Dann öffnete er die hintere Tür und nahm seine Ausrüstung vom Rücksitz. »Da unten ist ein Campingplatz.« Lester deutete in Richtung Seeufer. »Die Übernachtung kostet einen Zehner oder so. Falls es irgendwelche Probleme geben sollte, berufen Sie sich auf mich, Sheriff Lester Grogan. Dann drücken sie auf jeden Fall ein Auge zu.« Milton gab immer noch keinen Ton von sich. »Schönen Abend noch«, sagte Lester und schloss die Beifahrertür. Dann ließ er das Fenster herunter. »Passen Sie auf sich auf.« Milton schob den rechten Arm durch den Tragegurt seines Rucksacks und warf ihn sich über die Schulter. Er nahm seine Waffe und sah den Sheriff an. »Also dann. Man sieht sich.« Lester wollte gerade losfahren, hielt aber inne. Er lächelte den Fremden an, und seine Stimme klang stählern, als er erwiderte: »Nein, ganz bestimmt nicht.« Dann startete er den Wagen und legte den Rückwärtsgang ein. Es wurde schnell dunkel. Die Scheinwerfer sprangen automatisch an, und die Insekten tanzten im grellen Licht, das über den See huschte. Der Schotter knirschte unter den Reifen, als Lester auf die Straße setzte und zurück nach Truth fuhr. Kapitel 2 Milton blickte den Rücklichtern des Streifenwagens hinterher, der noch eine halbe Meile geradeaus fuhr, bis die Straße einen Bogen nach links machte und ihn das Dunkel der Bäume zu verschlucken schien. Das Aufeinandertreffen mit dem Sheriff hatte etwas beinahe Komisches gehabt. Er sah an sich hinunter. Er mochte tatsächlich schmuddelig und verwahrlost wirken, aber die letzten Wochen hatte er in der Wildnis zugebracht, wo Luxus eher die Ausnahme war. Was erwarteten die Leute in einer Gegend wie dieser? Einen tadellosen Haarschnitt und manikürte Nägel? Einen Anzug mit Krawatte? In Ohio hatte der ganze Ärger angefangen, und er war zu dem Entschluss gelangt, dass es am klügsten war, möglichst schnell das Weite zu suchen. In Akron hatte er alles besorgt, was er brauchte, und sich dann durch die Wildnis geschlagen, am südlichen Ufer des Eriesees entlang, ehe er in Toledo nach Norden abgebogen und dem See bis nach Michigan gefolgt war. Den Großteil der Strecke hatte er zu Fuß zurückgelegt, nur ab und zu war er ein paar Meilen getrampt. Von Städten hatte er sich tunlichst ferngehalten und sich abgelegene Schlafplätze gesucht, wo er sein Zelt aufstellen konnte. Der Marsch hatte sich als überaus friedliches Erlebnis entpuppt – genau das Richtige, um den Aufruhr in seinem Innern in den Griff zu bekommen. Die lange Wanderung hatte ihn an seine Zeit bei der Armee erinnert, vor allem an die Ausbildung in Brecon Beacons – lange Tage und Nächte, in denen er sich durch die Wildnis geschlagen und sich vor den anderen Soldaten versteckt hatte, die ihn aufzustöbern versuchten. Schon damals war es ihm leichtgefallen, im Verborgenen zu bleiben, und es freute ihn, dass er seitdem nichts von seinen Fähigkeiten eingebüßt hatte. Sein altes Leben als Mitglied der Group hatte ihm öfter mal Entspannungsphasen zwischen zwei Einsätzen beschert, doch dann war er wieder gezwungen gewesen, sich in einer Nobelherberge einzuquartieren, damit ihn die Zielpersonen, die er eliminieren sollte, möglichst nicht bemerkten. Übertriebener Protz und Prunk waren noch nie sein Ding gewesen, ganz im Gegenteil: In den letzten Tagen hatte er festgestellt, dass dieses schlichte, ehrliche Leben genau das war, was er in Wahrheit brauchte. Während er weiter in Richtung Norden quer durch den Straits State Park gegangen war, hatten die Regenfälle eingesetzt. Ein besonders heftiger Guss hatte ihn mitten auf der Straße erwischt. Das Prasseln war so laut gewesen, dass es sogar das Motorengeräusch der Autos übertönt hatte, deren Fahrer seinen ausgestreckten Daumen geflissentlich ignorierten. Innerhalb kürzester Zeit war er nass bis auf die Knochen gewesen. Er hatte sein Zelt aufgeschlagen und sich einen ganzen Tag lang darin verkrochen, doch als absehbar gewesen war, dass sich die Wetterlage nicht nennenswert bessern würde, hatte er seine Sachen gepackt und war weitergezogen. Er musste in Bewegung bleiben, und wenn dies mit gewissen Beschwerlichkeiten verbunden war, ließ sich das nicht ändern. Auf seinem Weg nach Norden hatte es immer weiter geregnet. Die Pfade hatten sich in schlammige Rutschbahnen verwandelt, und er hatte sich vor Sturzfluten in Acht nehmen müssen, weil eben noch trockene Flussbetten mit beängstigender Geschwindigkeit zu reißenden Strömen geworden waren. Sein Plan war gewesen, bis zur Staatsgrenze von Wisconsin vorsichtshalber keinen längeren Aufenthalt in einer Stadt einzulegen. Er war sich sicher, dass er es schaffen würde, ohne der Versuchung nachzugeben. Die Wildnis hatte sein Bedürfnis nach Alkohol geschwächt, und er fühlte sich stabil genug. Die Karte verriet ihm, dass Truth direkt auf seiner Route lag, und mit einem Mal war die Aussicht auf eine warme Mahlzeit, ein heißes Bad und ein sauberes Bett geradezu unwiderstehlich. Und dann das. Es war einfach unglaublich. Er ließ den Blick über den Parkplatz, den Pfad zum See und den schmalen Streifen schweifen, der für die Camper reserviert war. Ein einziges Zelt war aufgebaut. Es war groß und stand direkt neben einem Geländewagen mit Allradantrieb. Angler, vermutete Milton. Die Brise wehte Stimmen heran. Bestimmt konnte er dort unten sein Zelt aufstellen. Der Platz reichte aus, um genug Abstand zu den Anglern halten zu können. Wakewood lag zwanzig Meilen westwärts. Im Schnitt legte er drei Meilen pro Stunde zurück, und wenn er dicht an der Straße blieb, sollte er einigermaßen zügig vorankommen. Er könnte hier sein Lager aufschlagen und wäre, wenn er in aller Frühe aufbrach, schon um die Mittagszeit dort. In diesem Moment ertönte ein Donnergrollen, Sekunden später erhellte ein gewaltiger Blitz den Himmel, und die ersten dicken Tropfen fielen. Wieder zuckte ein Blitz, gefolgt von einem lauten Donnerschlag, diesmal deutlich näher. Milton beschloss, seine Pläne zu ändern. Er würde sich doch von einem voreingenommenen Hinterwäldler-Cop nicht vorschreiben lassen, wo er Rast machen durfte. Also rückte er die Gurte seines Rucksacks zurecht, hob sein Gewehr auf und machte sich auf den Weg zurück nach Truth. Für die Strecke von einer Meile brauchte er zwanzig Minuten. Mittlerweile goss es wie aus Kübeln. Eine regelrechte Sintflut, die mit jeder Minute heftiger zu werden schien. Er kam an dem »Willkommen in Truth«-Schild am Ortseingang vorbei und ging weiter bis zur Kreuzung, wo sie zuvor an der roten Ampel gehalten hatten. Er hatte genau aufgepasst und wusste, wo sich das Zentrum der Kleinstadt befand. Der Regen prasselte immer noch auf den Asphalt. Er überquerte die Straße und ging nach Norden. Nach einer weiteren halben Stunde hatte er das Zentrum von Truth erreicht. Lächelnd musste er daran denken, wie angenehm es war, sich nicht an die Abläufe halten zu müssen, die so viele Jahre lang Teil seines Alltags gewesen waren. Normalerweise hätte er beim Betreten einer Stadt einen sogenannten Surveillance Detection Run durchgeführt – ein Routineverfahren, mit dem er feststellen konnte, ob ihm vielleicht jemand gefolgt war. Das war nun nicht länger nötig, aber alte Gewohnheiten legte man nicht so leicht ab. Truth war eine Kleinstadt, wie sie im Buche stand. Es gab zwar alles, was man brauchte, aber eben auch nicht mehr: zwei Hotels, ein paar Restaurants, eine Handvoll Bars. Und dem Zustand der Häuser und den billigen, flackernden Neonschildern nach zu schließen, lief keines der Lokale sonderlich gut. Orte wie diesen hatte Milton auf seinem Marsch mehr als genug gesehen – dieser Teil von Michigan war eine Arme-Leute-Gegend. An den Straßenecken lungerten junge Männer herum und warfen ihm drohende Blicke zu. Verwahrloste Jugendliche und Schulabbrecher, die mit vergammelten Rostlauben oder altersschwachen Motorrollern herumkurvten, Bier tranken und Zigaretten rauchten, die sie sich eigentlich gar nicht leisten konnten, mexikanisches Dope schnieften und darauf warteten, irgendeine Scheiße zu bauen, die sie für mehrere Jahre hinter Gitter bringen würde. Häuser waren zum Verkauf ausgeschrieben, auch wenn es keinerlei Hoffnung gab, dass sie jemals den Besitzer wechseln würden. Auf seiner langen Wanderung hatte Milton weder einen Lexus noch einen Mercedes zu Gesicht bekommen. Vor den Waschsalons und Billigsupermärkten standen nur verbeulte Fords und alte Chevys. Die verstreuten Gehöfte trugen Namen wie Hope Ranch oder Last Chance – ohne jede Spur von Ironie. Er betrat einen Waschsalon, der noch offen hatte, und fragte nach dem nächsten Hotel. Die Angestellte schickte ihn ein Stück die Straße hinauf, dann nach rechts. Wenige Minuten später stand Milton vor dem Gebäude, das die nur flackernden Leuchtbuchstaben über der Tür als Perkins Village Inn auswiesen. Er trat ein und wischte sich die Regentropfen aus dem Gesicht. Das Mädchen hinter der Rezeption musterte ihn angewidert. Milton runzelte die Stirn, als ihm bewusst wurde, wie er inzwischen aussehen musste. »Hallo«, sagte er. »Ich brauche ein Zimmer.« »Für wie lange?« »Eine Nacht.« Das Mädchen kaute mit gelangweilter Unbekümmertheit ihren Kaugummi weiter und tippte etwas in die Tastatur. »Geht klar«, sagte sie. »Wir haben noch was frei. Macht fünfzig Mäuse. Bezahlung im Voraus.« Milton öffnete den Reißverschluss seines wasserdichten Gürtels, zog ein Geldbündel heraus und zählte zwei Zwanziger und einen Zehner auf den Tresen. Das Mädchen legte das Geld in die Kasse und nahm einen Schlüssel von einem Wandbrett. »Zimmer zwölf«, sagte sie. »Am Ende des Flurs nach rechts, dann gleich auf der linken Seite.« Milton dankte ihr, nahm seinen Rucksack und das Gewehr und ging den Flur hinunter. Das Hotel war alt und heruntergekommen, der Teppich fleckig, und das Mobiliar hatte eindeutig schon bessere Zeiten gesehen. Es schien keine anderen Gäste zu geben, und auch der Parkplatz vor dem Haus war leer. Aber das war ihm egal. Er schloss die Tür zu seinem Zimmer auf und betrat den trostlosen Raum. Die Wände hatten Löcher im Putz, außerdem verlief ein länglicher Streifen von der Decke abwärts, wo es offenbar durch ein Loch im Dach hereingeregnet hatte. Der Teppichboden war feucht, an den Fußleisten entdeckte er Schimmelflecken, und der Vorhang hatte einen langen Riss. Unter einem Bein des Schreibtischs klemmte ein zusammengelegter Bierdeckel, und die Matratze war durchgelegen. Das Bettzeug jedoch schien sauber zu sein, und er konnte nirgendwo Ungeziefer entdecken. Für eine Nacht würde es schon gehen. Wieder verspürte er den gewohnten Drang, den Raum auf Kameras und Wanzen abzusuchen. Aber auch das war überflüssig. Niemand suchte nach ihm. Er war ein Herumtreiber, kaum eines zweiten Blickes würdig. Zumindest war das sein Ziel, auch wenn der Ärger mit dem Sheriff den Verdacht nahelegte, dass er es noch nicht ganz erreicht hatte. Milton stellte den Rucksack ab, legte das Gewehr hin und zog seine nassen Sachen aus. Er würde sie morgen in den Waschsalon bringen. Am Wasserhahn befand sich ein Duschkopf, allerdings war die Halterung abgebrochen, außerdem gab es keinen Vorhang, um zu verhindern, dass das Wasser auf die schmutzigen Fliesen spritzte. Er stieg in die Wanne, drehte den Hahn auf und ließ das lauwarme Wasser über seinen Körper laufen. Je länger es lief, umso wärmer wurde es, und nach zwei Minuten war es brüllend heiß. Milton seifte sich von oben bis unten ein, ehe er sich Kopf und Bart mit dem Shampoo wusch. Danach drehte er den Hahn ab, trat aus der Wanne und trocknete sich vor dem Spiegel ab. So sauber und erfrischt war er schon lange nicht mehr gewesen. Mit der Hand strich er über seinen Bart, der inzwischen ziemlich dicht und lang war und sich nun, da er das Gesicht gewaschen hatte, recht weich anfühlte. Er hatte auch schon früher Bart getragen, in der Armee, so wie fast alle Soldaten. Sein Erscheinungsbild war ein Grund dafür, dass der Sheriff vorhin nicht gerade zimperlich mit ihm umgesprungen war, das war Milton bewusst, störte ihn aber nicht weiter. Er nahm seinen Rasierer aus dem Rucksack, verteilte großzügig Seife in seinem Bart und begann, die Klinge mit behutsamen Bewegungen von der Wange bis zum Kinn zu ziehen. Wieder und wieder wusch er sie ab, bis der Großteil der Haare abrasiert war. Als Rechtshänder war die Gefahr am größten, sich unterhalb des linken Ohrs zu schneiden. Er machte weiter, sorgsam darauf bedacht, nur so viel Druck wie unbedingt nötig auf die Klinge zu geben. Prompt schnitt er sich, doch die Wunde war winzig, und da er die Klinge regelmäßig abgespült hatte, war das Risiko einer Entzündung minimal. Hinterher nahm er sein Werk in Augenschein – es war halbwegs gelungen und würde für den Moment genügen müssen. Vielleicht kam er ja zufällig bei einem Friseursalon vorbei, wo er sich nicht nur anständig rasieren, sondern auch seine wilde Mähne stutzen lassen konnte. Vielleicht. Er trat vor seinen Rucksack – ein teures Modell mit erstklassiger Imprägnierung – und nahm frische Kleider heraus. Seine Laune hob sich merklich, als er sich eine trockene Jeans, T-Shirt und Socken anzog. Nur seine Stiefel waren noch schmutzig. Er nahm die Gratistageszeitung vom Schreibtisch und wischte die gröbsten Schlammklumpen ab. Dann schlüpfte er hinein, band die Schnürsenkel und überlegte, was er am liebsten essen würde. Ein leckeres Steak mit den üblichen Beilagen. Allein bei der Vorstellung lief ihm das Wasser im Mund zusammen. Das Mädchen an der Rezeption verfolgte gelangweilt eine Simpsons-Folge in einem tragbaren Fernseher mit grauenhaft schlechtem Bild, der wie ein Relikt aus den Achtzigern aussah. »Wo kriege ich hier etwas Anständiges zu essen?«, fragte Milton. Sie zeigte in Richtung Tür. »Im Johnny’s. East Helen Street. Fünf Minuten von hier.« »Danke.« Milton machte sich auf den Weg. Der Regen hatte aufgehört, allerdings zogen immer noch dicke Wolken über den Himmel, die ahnen ließen, dass noch mehr kommen würde. Er gelangte in ein Viertel, das aussah, als wäre hier früher die Industrie von Truth angesiedelt gewesen. Es gab mehrere halb verfallene Lagerhäuser, auch hier mit den obligatorischen, längst verwitterten »Zu Verkaufen«-Schildern. Eine einzelne Straßenlaterne tauchte die Überbleibsel eines abgerissenen Gebäudes in trübes, gespenstisches Licht. Die Zinn- und Kupfervorkommen in den Bergen ringsum hatten der Gegend über Jahre hinweg eine stabile Industrie beschert, bis der Abbau zu teuer geworden war und die ausländischen Importe die Preise zu sehr gedrückt hatten, um die Wirtschaftlichkeit der hiesigen Minen noch länger zu gewährleisten. Damit war der Tourismus wieder zur Haupteinnahmequelle der Region geworden, der jedoch starken saisonalen Schwankungen unterlag. Milton ging die Straße entlang bis zu einem einstöckigen Gebäude mit Holzvertäfelung, Buntglasfenstern und einem Schieferdach. Johnny’s Bar, stand in weißen Buchstaben auf einem roten Schild. Auf der Schwelle blieb er stehen. Natürlich war ihm klar gewesen, dass hier auch Alkohol ausgeschenkt werden würde. Und er war zu dem Schluss gelangt, dass er einen Restaurantbesuch schaffen würde. Er würde sich einfach etwas zu essen bestellen und dann wieder gehen. Allerdings war er auf ein Restaurant gefasst gewesen, nicht auf eine Bar, in der feste Nahrung höchstens als Dessert in Betracht kam. All die Sprüche, die er bei den Treffen der Anonymen Alkoholiker gehört hatte, kamen ihm wieder in den Sinn – dass kein Trinker trocken bleiben konnte, wenn er sich ununterbrochen den Versuchungen aussetzte. Wenn du kein Dompteur bist, hast du im Löwenkäfig nichts zu suchen. Er dachte daran zurück, was in Ohio vorgefallen war. Wie nahe er daran gewesen war, sich einen Drink hinter die Binde zu kippen. Er hatte in einer Bar gesessen, und es war ihm als das Natürlichste auf der Welt erschienen, sich einen Whiskey zu bestellen. An diesen Moment erinnerte er sich mit einer Klarheit, als wäre es gestern gewesen: das niedrige Glas vor ihm auf dem Tresen, das Eis, das klirrend in der schimmernden bernsteinfarbenen Flüssigkeit schwamm. Die Versuchung war schier übermächtig gewesen. Er versuchte, diese Grübeleien zu unterlassen. Früher mochte er anfälliger gewesen sein, doch die Zeit des Alleinseins hatte die Schutzmauern erneuert und gestärkt, die er um sich errichtet hatte, um den Versuchungen zu widerstehen. Zumindest hatte es ihm geholfen, die Schuldgefühle, die seit zehn Jahren auf ihm lasteten, in den Griff zu bekommen, ohne dafür zur Flasche zu greifen. Und er hatte Hunger. Wenn er etwas Anständiges in den Magen bekommen wollte, blieb ihm keine andere Möglichkeit als diese Bar. Wieder grollte der Donner, direkt über ihm und so heftig, dass die Verandalampe über seinem Kopf kurz flackerte. Das war der ermutigende Schubs, den er brauchte. Er öffnete die Tür und trat ein. Kapitel 3 Lester Grogan verließ mit seinem roten Chevrolet Silverado den Parkplatz der Schule. Auf dem Beifahrersitz hockte sein Ältester, Billy, und starrte verdrossen vor sich hin, als trüge allein sein Vater die Schuld an all seinen Problemen. Was nicht der Fall war, auch wenn Lester zwischenzeitlich immer wieder Zweifel befielen. Vor einer Stunde hatte Lester den Anruf bekommen: Billy und ein paar seiner Freunde seien erwischt worden, als sie ins Chemielabor der Schule einbrechen wollten. Lesters Stellvertreter, Morten Lundquist, war auf einem Einsatz. Er hätte dafür gesorgt, dass der Vorfall diskret behandelt worden wäre und der Junge Hausarrest bekommen hätte und keine Anzeige, die vielleicht sogar in Billys Vorstrafenregister erscheinen würde. Aber das ging nun nicht mehr. Das Problem dabei war, dass ausgerechnet der Rektor die Jungs erwischt und die Polizei alarmiert hatte. Der Mann hieß Peter Lyle und war bekannt dafür, dass er seine Frau verprügelte. Vor sechs Monaten war Lester zu ihnen nach Hause gerufen worden und hatte die Ehefrau mit blutender Nase im Garten hinter dem Haus vorgefunden. Wenn es eines gab, was Lester auf den Tod nicht ausstehen konnte, dann waren es Männer, die ihre Frauen verprügelten. Er hatte die Tür eingetreten und den Mann am Kragen aus dem Haus gezerrt. Möglicherweise hatte seine Faust auch seine Schläfe erwischt, als er ihm Handschellen angelegt hatte. Vielleicht hatte er in seinem Bericht auch einen gewissen Widerstand gegen die Festnahme erwähnt, obwohl sich der Rektor ehrlich gesagt recht fügsam gezeigt hatte. Lesters Einschätzung nach war jedoch eine geplatzte Lippe das Mindeste, was ein Dreckskerl wie Peter Lyle verdiente. Lester war bitter enttäuscht gewesen, als die Ehefrau sich geweigert hatte, Anzeige zu erstatten. Und noch viel enttäuschter war er gewesen, als sich der Schulrat geweigert hatte, den Mann fristlos zu entlassen. Lesters Frau hatte schon geahnt, dass es Ärger geben könnte, weil Billy kurz darauf auf Lyles Schule kam. Und sie sollte recht behalten: Rektor Lyle tat alles, was er nur konnte, um es Lester heimzuzahlen. Billys Noten verschlechterten sich schlagartig, und selbst kleinste Verstöße gegen die Vorschriften wurden mit drakonischen Strafen geahndet. Lester war die ganze Zeit schon drauf und dran gewesen, Lyle einen Besuch abzustatten – ob er mit ihm Frieden schließen oder ihn warnen würde, dass er als Polizist ihm das Leben mächtig schwer machen konnte, wusste er noch nicht, aber nun hatte Billy seinem Gegner die perfekte Vorlage geliefert. »Was hast du dort getrieben?«, fragte Lester, als er die Stille nicht länger ertrug. »Nichts«, brummte der Junge. »Du hast die Scheibe eingeschlagen.« »War ich nicht.« »Dann eben jemand anderes.« »Joey.« »Aber dir ist trotzdem klar, dass er behaupten wird, du wärst verantwortlich dafür, oder? Es genügt ja schon, dass du dabei warst.« Der Junge schüttelte kaum merklich den Kopf und starrte weiter geradeaus. »Was ist mit dem Joint? War der von dir?« »Nein.« Lester seufzte. »Wem hat er dann gehört?« »Komm schon, Dad, dreimal darfst du raten, wer den da hingelegt hat.« Lester löste kurz den Blick von der Straße und sah Billy an. »Machst du Witze?« Der Junge schwieg und hob zynisch die Brauen. »Verdammte Scheiße!«, schrie Lester und schlug mit der Faust aufs Armaturenbrett. Billy zuckte zusammen und starrte wieder nach vorn. »Dir ist klar, dass du ihm damit genau die Chance gegeben hast, auf die er die ganze Zeit gewartet hat, oder?«, rief Lester. »Wie konntest du so etwas Schwachsinniges tun?« Der Rest der Fahrt verlief in angespanntem Schweigen. Schließlich hielt Lester vor ihrem zweigeschossigen Haus. »Sag deiner Mutter, dass ich noch mal wegmuss.« »Ja, genau«, ätzte der Junge. »Geh nur und lass dich volllaufen. Das löst ja jedes Problem.« Lester wollte ihn zusammenstauchen, doch der Junge war bereits ausgestiegen, schlug die Tür zu und stapfte die Einfahrt hinauf. Zornig legte er den Gang ein und fuhr in die Stadt. In Johnny’s Bar traf Lester auf Leland Mulligan, einen seiner Deputys. Sie setzten sich an den Tresen und sahen sich bei einer Flasche Budweiser ein Footballspiel an. Leland versuchte ihm ein Gespräch über das neue Motorrad aufs Auge zu drücken, das er sich kaufen wollte. In der Bar herrschte ungewöhnlich viel Betrieb: Stammgäste, alte Säcke, die nichts Besseres mit sich anzufangen wussten, als ihre Leber in Alkohol einzulegen und sich zu beschweren, dass es immer beschissener auf der Welt zuging. Ein Tisch wurde von den vier Jägern mit Beschlag belegt, die er am Morgen gesehen hatte, als er in die Stadt gefahren war. An einem anderen saßen drei weitere Gäste: die beiden FBI-Agenten, ein Mann und eine Frau, die wegen einiger Bankräuber herumschnüffelten, die in der Gegend ihr Unwesen trieben, und Mallory Stanton, die Schwester des Schwachkopfs, mit dem er vor fünf Jahren mal mächtigen Ärger gehabt hatte. Daher lauschte Lester seinem Kollegen nur mit einem Ohr, als dieser versuchte, ihm ein Urteil über die Vorzüge von Kawasaki- oder Suzuki-Quads abzunötigen. »Ja, ich weiß, dass das alles japanische Reiskocher sind«, erklärte Leland. »Du wirst sagen, sie sind teuer im Unterhalt, und ich soll lieber eine amerikanische Marke wie Polaris nehmen, aber die haben mir nun mal einen Bombenpreis gemacht, deshalb muss ich mir das echt überlegen.« Lester brummte eine Erwiderung und blendete Leland wieder aus, während er die beiden Agents beobachtete. Gleich nach ihrer Ankunft vor zwei Wochen hatten sie ihn aufgesucht und ihm erklärt, was sie vorhatten. Die beiden waren in einem riesigen GMC Denali angerauscht, einem dieser Luxus-SUVs, der garantiert fünfzig Riesen gekostet hatte und für die Straßen hier etwa so praktisch war wie Sandalen bei einem Meter Schnee. Sie kamen aus Detroit und hatten dieselbe Großstadtarroganz an sich, die Lester von den Touristen kannte, die hier einfielen, um zu jagen und zu angeln: eine unausgesprochene Gewissheit, dass Lester sofort springen würde, wenn sie bloß »Piep« sagten. Er war mit den Gedanken immer noch bei den beiden FBI-Leuten, als die Tür aufging und John Milton eintrat. Er erkannte ihn auf Anhieb wieder, auch wenn er geduscht, sich den Bart abrasiert und frische Kleider angezogen hatte. Milton ließ seinen eisig blauen Blick durch den Raum schweifen, blieb kurz an Lester hängen, dann sah er weg. Lester spürte Wut in sich aufsteigen. Der Mann setzte sich einfach über seine Anweisungen hinweg. Dabei war er der Sheriff, ein Gesetzeshüter. Vielleicht hatte er sich ja nicht klar genug ausgedrückt, nicht so deutlich, dass jegliches Missverständnis ausgeschlossen war. Oder vielleicht wollte der Typ einfach nicht hören. Egal. Lester wusste, dass man sich als anständiger Polizist nicht erlauben durfte, Ungehorsam durchgehen zu lassen. Er kannte Milton zwar nicht, mit diesem Typ Mann hatte er allerdings Erfahrung – sie waren Besserwisser, die sich einbildeten, sie könnten tun und lassen, was ihnen gerade in den Sinn kam. Wenn man Typen wie ihm den kleinen Finger reichte, lag man praktisch schon quer über der Tischplatte. Das konnte Lester unmöglich durchgehen lassen. Gerade als er aufstehen und zu ihm hinübergehen wollte, erhob sich einer der Agents – Wilson? Carlson? – und setzte sich neben Lester. »’n Abend, Sheriff.« Lester nippte an seinem Bier und musterte den FBI-Mann argwöhnisch. »’n Abend.« »Ich dachte, ich sollte Ihnen sagen, dass wir morgen früh aufbrechen.« Clayton. Richtig, so hieß er. Special Agent Orville Clayton. Mittleren Alters, ergrauender Schnauzer, könnte ein paar Pfund weniger auf den Rippen haben. »Haben Sie gefunden, wonach Sie suchen?« »Wir haben getan, was wir konnten.« »Dann sind Sie also auch endlich zu der Ansicht gelangt, dass diese Jungs nicht hier sind?« »Es sieht zumindest nicht danach aus.« »Ich hab’s Ihnen ja gleich gesagt.« »Wenn wir einen Tipp kriegen, müssen wir der Sache nun mal nachgehen, Sheriff.« Lester sah über die Schulter. Milton hatte sich inzwischen auf einen der Plätze für die Gäste gesetzt, die essen wollten, und die Kellnerin, ein hübsches Ding namens Clementine, nahm seine Bestellung auf. »Bevor wir aufbrechen, muss ich noch etwas loswerden«, fuhr der Agent fort. »Ich höre.« »Wir haben uns die ganze Zeit nicht sonderlich willkommen gefühlt, Sheriff. Wir hatten beide das Gefühl, als wären Sie nicht allzu erfreut, uns hier zu haben.« »Das liegt daran, dass Sie nicht auf mich hören wollten, als ich gesagt habe, dass Sie bloß Ihre Zeit verschwenden. Ich habe weder gegen Sie noch gegen Ihre Freundin da drüben etwas, aber ich und auch meine Mitarbeiter halten die gesamte Aktion für reine Zeitverschwendung. Hätten sich diese Burschen tatsächlich hier in den Bergen versteckt, dann hätten wir sie längst gefunden. Wir alle hätten eine Menge Zeit und Energie gespart, wenn Sie gleich von Anfang an auf mich gehört hätten.« »Das mag ja sein, aber wenn Sie mich fragen, sind wir ein Team und sitzen alle im selben Boot. Und Sie würden gewiss davon profitieren, wenn Sie das im Hinterkopf behielten.« Lester verdrehte die Augen. Du lieber Gott, was für ein arroganter Idiot. Sie würden gewiss davon profitieren, wenn Sie das im Hinterkopf behielten? Kurz war er versucht, dem Kerl anständig die Meinung zu geigen, besann sich aber eines Besseren. Damit wäre keinem geholfen. Er und seine hübsche Taschenträgerin würden morgen in ihren superschicken, von seinen Steuergeldern bezahlten Luxusschlitten steigen und in die Stadt zurückfahren, Ende der Geschichte. Was würde es also nützen? Nichts. Nur für seine Stimmung wäre es gut. Als er sich wieder zu Milton umwandte, wurde ihm bewusst, dass er heute noch irgendetwas unternehmen musste, damit die Leute kapierten, dass er – zumindest in dieser Gegend hier – derjenige war, der sagte, wo es langging. Dieser Bursche, der offensichtlich zu dämlich war, um Lesters Anweisung zu befolgen, sollte gleich erfahren, dass er sich zur falschen Zeit am falschen Ort mit dem falschen Bullen angelegt hatte. Milton bemühte sich nach Kräften, die Flaschen hinter dem Tresen zu ignorieren, während er sich ein Steak mit Pommes bestellte und seinen Orangensaft an seinen Platz im Restaurantbereich trug. Er hatte den Sheriff bemerkt und wusste, dass der Sheriff auch ihn gesehen hatte. Einen kurzen Moment überlegte er, ob es vielleicht klüger wäre, sich ein anderes Lokal zu suchen. Er wollte keinen unnötigen Ärger provozieren. Auch sonst hatte er die letzten Jahre alles darangesetzt, möglichst unbemerkt zu bleiben: kein fester Wohnsitz, nichts Schriftliches, keine Kreditkarten. Zwar war durch den Tod von Control und den Einsatz von Michael Pope als neuem Leiter der Group Fifteen sein persönliches Sicherheitsrisiko ein wenig gesunken, aber es war immer schon ein Geheimnis seines Erfolgs gewesen, im Verborgenen zu agieren und möglichst nicht aufzufallen. Daher war es ganz sicher kein besonders schlauer Schachzug gewesen, den Sheriff gegen sich aufzubringen. Anderseits … na und? Was hatte er schon getan? Gar nichts. Er war lediglich auf der Durchreise, wollte etwas zu essen und ein Bett für eine Nacht, mehr nicht. Am Tisch neben ihm saßen vier Männer, die er reflexartig in Augenschein nahm. Sie trugen teure Outdoorkleidung, wie Angler und Jäger aus der Gegend sie sich wohl kaum leisten würden. Ihre Hände waren sauber und glatt, ohne die typischen Schwielen, wie er sie bei den anderen Gästen bemerkt hatte. Vor der Tür hatte ein teurer Jeep gestanden, der vermutlich einem von ihnen gehörte. Die Männer ließen es mächtig krachen. Einer von ihnen, ein blonder Typ mit Bauch und brutalem Blick, bestellte gerade mit lauter Stimme eine weitere Runde Bier. Der Barkeeper tauschte einen Blick mit einem seiner Stammgäste, und Milton fragte sich, ob er sich wohl weigern würde, das Bier auszuschenken. Das könnte interessant werden. Doch dann stellte der Barkeeper vier Gläser auf den Tresen und kassierte. Neben dem Blonden saß ein dünner, rothaariger Typ in einem schwarz-rot karierten Holzfällerhemd. Er hatte strahlend weiße Zähne und massenhaft Sommersprossen im Gesicht. »Ich muss mal pissen«, hörte Milton ihn sagen. Der Typ stand mühsam auf und navigierte vorsichtig die wenigen Meter von ihrem Tisch zu den Toiletten. Miltons Platz befand sich genau dazwischen. Der Typ schwankte heftig von links nach rechts, als befände er sich auf hoher See. Prompt geriet er ins Stolpern, taumelte zwei Schritte, ehe er gegen Miltons Schulter stieß und quer über die Tischplatte fiel. »Alles klar?«, fragte Milton und wollte ihm aufhelfen. »Du hast mir ein Bein gestellt«, nuschelte der Mann und starrte Milton mit zusammengekniffenen Augen an. »Nein«, widersprach Milton. »Sie sind gestolpert. Und jetzt helfe ich Ihnen auf.« Wieder streckte er die Hand aus, doch der Rothaarige schlug sie weg. Milton befahl sich, Ruhe zu bewahren. »Na gut«, sagte er. »Kein Problem.« »Kein Problem?« Der Mann kam wieder auf die Füße und stand, immer noch schwankend, vor Miltons Tisch. »Ich hab kein Problem, Freundchen, aber du hast eines.« Milton erhob sich ebenfalls und trat vorsichtig einen Schritt zurück, um sich Bewegungsfreiheit zu verschaffen. Aus dem Augenwinkel registrierte er, dass der Sheriff die Szene beobachtete. Er hob die Hände. »Ich will keinen Ärger«, sagte er. »Es war ein dummer Zufall. Ihnen geht’s gut. Mir geht’s gut. Nichts passiert. Belassen wir es einfach dabei, ja?« »Und was ist, wenn ich es nicht dabei belassen will?« »Es wäre aber besser, Sie täten es.« »Willst du mir drohen?« Miltons Blick fiel auf die Freunde des Mannes. Inzwischen war der Blonde aufgestanden, der noch ein Stück größer war, als Milton angenommen hatte, knapp zwei Meter groß und bestimmt hundertdreißig Kilo schwer. Sein Körperbau war massig, und der gemeine Ausdruck in seinen Augen verhieß nichts Gutes. Die beiden anderen Typen am Tisch waren ebenfalls aufgestanden, schienen jedoch nicht allzu scharf auf Ärger zu sein. »Ob das eine Drohung sein soll, hab ich gefragt«, wiederholte der Rothaarige. »Nein, ich sehe bloß keinen Grund, weshalb die Sache ausufern sollte.« »Wohl die Weisheit mit Löffeln gefressen, du arroganter Sack, was?« Der Rothaarige holte zu einem Schlag aus, dem Milton mühelos mit einem Schritt nach hinten auswich und dessen Schwung den anderen, als er sein Ziel verfehlte, eine Vierteldrehung um die eigene Achse wirbeln ließ. Milton sah zu, wie der Typ nach hinten wegkippte, und verpasste ihm einen Hieb in die Nieren, sodass er, eine Hand gegen seinen Rücken gepresst, auf die Knie ging. Nun holte der Blonde zum Schlag aus. Seine riesige Faust streifte Miltons Kopf, traf jedoch nicht richtig. Er wollte sich auf ihn stürzen, als Milton das rechte Knie hob, es dem Blonden ungebremst in die Leiste rammte und ihn schließlich mit einem kurzen linken Haken vollends niederstreckte. Der Mann verlor das Bewusstsein, noch bevor sein Kopf den Boden berührte. Milton löste die Faust und bewegte die Finger. Der Schlag war härter gewesen als beabsichtigt. Es würde ihn nicht wundern, wenn der Typ beim Aufwachen feststellte, dass sein Kiefer gebrochen war. Die beiden anderen Jäger hatten zum Rückzug geblasen, nachdem sie mit angesehen hatten, wie ihre Freunde mit zwei Schlägen niedergestreckt worden waren. Milton nahm sein umgekipptes Saftglas, um sich ein frisches zu holen, wandte sich um und blickte direkt in den Lauf von Sheriff Lester Grogans Waffe. »Hände hoch«, befahl der Sheriff. »Ich bitte Sie«, stöhnte Milton. »Hände hoch.« Der Sheriff hatte eine SIG Sauer P226 auf ihn gerichtet, und seine entspannte, gut ausbalancierte Körperhaltung ließ darauf schließen, dass er sehr gut damit umgehen konnte. »Die brauchen Sie nicht«, sagte Milton und deutete auf die Waffe. »Ich sage es nicht noch einmal.« Milton hob die Hände. »Und jetzt?« »Umdrehen.« Milton gehorchte, ließ die Arme sinken und streckte die Hände hinter dem Rücken aus. Der Sheriff legte ihm Handschellen an. »Sie sind festgenommen. Sie haben das Recht zu schweigen. Alles, was Sie sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie haben das Recht, zu jeder Vernehmung einen Verteidiger hinzuzuziehen. Wenn Sie sich keinen Verteidiger leisten können, wird Ihnen einer gestellt. Haben Sie Ihre Rechte verstanden, Mr. Milton?« »Sie überreagieren komplett«, sagte Milton. »Die beiden sind auf mich losgegangen. Jeder hier hat es gesehen.« Der Sheriff kam näher. »Sie hätten auf mich hören sollen. Ich wusste sofort, dass Sie nur Ärger machen, und mein Bauchgefühl täuscht mich normalerweise nicht. Und siehe da – auch jetzt hat es gestimmt.« Kapitel 4 Lester steckte seine Waffe ins Holster und schob Milton Richtung Ausgang. Draußen regnete es in Strömen. Lester stieß einen Fluch aus. Jetzt würde er auch noch nass werden. Er kramte seine Autoschlüssel hervor, entriegelte den Wagen, öffnete die hintere Tür und half Milton beim Einsteigen. Dann stieg er ebenfalls ein und sah zum Eingang der Bar hinüber. Ein Grüppchen Schaulustiger hatte sich versammelt, darunter die beiden FBI-Agenten. Hinter der Agentin sah er Mallory Stanton, die das Geschehen mit unergründlichem Blick verfolgte. Auch ein paar Stammgäste waren herausgekommen, gingen aber wieder hinein, als sie sahen, dass die Show vorbei war. Er hörte die Sirene des Rettungswagens, sah das Blaulicht über die Häuser am Ende der Straße zucken. »Da haben Sie einen echten Volltreffer gelandet«, bemerkte Lester. »Wenn ich mich nicht ganz täusche, haben Sie ihm den Kiefer gebrochen.« »Tja, da habe ich wohl etwas zu fest zugeschlagen.« »Auf jeden Fall hätten Sie sich jemand anderen aussuchen sollen. Das sind nämlich Anwälte aus Detroit. Die kommen jedes Jahr hierher zum Angeln und zur Jagd. Befreundet bin ich nicht mit ihnen, dazu sind sie mir zu arrogant, aber Tatsache ist, dass die Sie garantiert verklagen werden, vor allem wenn Sie ihm tatsächlich den Kiefer gebrochen haben.« »Jetzt machen Sie mal halblang, Sheriff. Ich war wirklich nicht auf Ärger aus. Ich wollte bloß eine Kleinigkeit essen. Sie haben doch selbst gesehen, dass die angefangen haben. Ich habe mich lediglich gewehrt.« »Möglich«, räumte Lester ein und fuhr los. Milton schwieg. Ab und zu warf Lester einen Blick in den Rückspiegel. Der Fremde wirkte nicht sonderlich beunruhigt, und seine Miene war genauso undurchdringlich wie am späten Nachmittag. Bislang hatte sich Lester stets auf seine Menschenkenntnis verlassen können, doch in diesem Fall stand er auf komplett verlorenem Posten. Der Kerl gab ihm Rätsel auf. Das Revier befand sich in der West Harris Street, fünf Minuten von der Bar entfernt. Lester stellte den Wagen auf dem Parkplatz ab, setzte seine Mütze auf – in der vagen Hoffnung, dass sie ihm ein wenig Schutz vor dem Regen bieten würde –, stieg aus und öffnete die hintere Tür. Milton leistete keinen Widerstand und marschierte vor Lester her zum Hintereingang des Gebäudes. Lester schob Milton mit sanftem Nachdruck über die Schwelle und machte Licht. Dann entledigte er sich seiner tropfnassen Jacke, schüttelte sie aus und hängte sie über einen Stuhl. Sie befanden sich im hinteren Teil des Empfangsbereichs. An einem Schrank lehnten ein paar Metallklappstühle, und an der Wand hingen Plakate, die vor Diebstahl und Einbruch warnten, diverse ältere Fahndungsfotos von Kriminellen, von denen einige längst hinter Schloss und Riegel saßen, sowie ein Porträt des Präsidenten. Eine Tür führte hinunter in den Keller, wo sich die einzige Zelle befand. Hinter einer weiteren Tür lag die Toilette. Die vierte führte in Lesters Büro. »Hier herein.« Er knipste das Licht an. Es war ein bescheidenes, spartanisch eingerichtetes Zimmer. Lester war ein Mann der klaren Worte, ein genauso harter Hund wie die Gesetzeshüter, die vor ihm in Truth für Ruhe und Ordnung gesorgt hatten. Er pflegte zwischen Arbeit und Privatleben strikt zu trennen, weshalb er sich keine große Mühe gegeben hatte, dem Büro seinen persönlichen Stempel aufzudrücken. Auf dem Schreibtisch standen zwei gerahmte Fotos, eins von seiner Frau und eins von seinen Kindern, doch das war auch schon alles, was er an Privatem preisgab. Lester trat hinter Milton und löste die Handschellen. »Hätten Sie heute Nachmittag so ausgesehen wie jetzt, hätte ich Ihnen wahrscheinlich keinen zweiten Blick geschenkt.« Milton streckte die Arme und massierte seine Handgelenke. »Sie haben gedacht, ich wäre ein Landstreicher?« »Ja. Normalerweise beurteile ich andere Menschen nicht nach ihrem Äußeren, aber in letzter Zeit hat es bei uns diverse Einbrüche gegeben, die auf das Konto von Fremden gehen. Und ich lasse es nicht gern drauf ankommen.« Milton gab keine Antwort. Stattdessen fasste er einen Rahmen an der Wand ins Auge. »Sie haben gedient?«, fragte er. Lester blickte auf. Was an der Wand über dem Regal mit seinen Schießtrophäen hing, war die einzige Konzession an sein Ego – ein gerahmter Orden. »Selbstverständlich«, erwiderte Lester. »Das ist das Navy Cross.« Lester nickte, ein wenig verblüfft, dass der Fremde so zielsicher erkannt hatte, um was für eine Auszeichnung es sich handelte. Milton stand auf und trat einen Schritt auf die Wand zu. »Kann ich mal sehen?«, fragte er. »Tun Sie sich keinen Zwang an.« Unter dem Orden stand ein längerer Text, den Milton laut vorlas: »Für außergewöhnliche Verdienste als Platoon Commander der Kompanie D, Erstes Bataillon, Fünfte Brigade, Erste Marine-Division der Fleet Marine Force im Kampfeinsatz im Irak wird First Lieutenant Lester Grogan Jr. das Navy Cross verliehen. Sie waren da drüben?« »Dreimal.« Milton las weiter. »Am 10. Juli 2003 entdeckte First Lieutenant Grogans Platoon während einer Vernichtungsmission im Feindesgebiet einen gut getarnten, aber anscheinend verlassenen Bunkerkomplex. First Lieutenant Grogan befahl seinen Männern, sich in Deckung zu begeben. Als er sich dem ersten Bunker näherte, sah er sich plötzlich drei feindlichen Soldaten mit Handgranaten gegenüber. Er überwältigte einen Soldaten und nahm die beiden anderen mit vorgehaltener Waffe gefangen. Von einem seiner Männer begleitet, näherte er sich dem zweiten Bunker und forderte den Feind auf, sich zu ergeben. Als die feindlichen Soldaten stattdessen eine Granate warfen, die in nächster Nähe von ihm explodierte, feuerte First Lieutenant Grogan seinerseits eine Granate, mit der er zwei Gegner eliminierte und die Bunkeröffnung freilegte. Anschließend rückte er zum dritten Bunker vor, als der Feind erneut eine Granate warf, die in gefährlicher Nähe seines Kameraden landete. First Lieutenant Grogan nahm den Feind unter Beschuss, stieß seinen Kameraden geistesgegenwärtig zur Seite und warf sich schützend über ihn. Obwohl er dabei von herumfliegenden Schrapnellsplittern verletzt wurde, gelang es ihm, eine Granate in die Bunkeröffnung zu werfen und die verbleibenden Gegner außer Gefecht zu setzen. Durch seinen Mut, seine Führungseigenschaften und seinen selbstlosen Einsatz hat First Lieutenant Grogan dem Marine Corps und dem United States Naval Service höchste Ehre gemacht.« Milton nickte anerkennend. »Ganz schön beeindruckend, Sheriff.« »Was haben Sie da draußen gemacht?« »Darüber darf ich nicht sprechen.« »Spezialeinheit?« »Mmmh.« »Was Sie nicht sagen.« Lester spürte, wie ihm vor Verlegenheit das Blut in die Wangen stieg. Der britische Akzent – warum war er nicht gleich darauf gekommen? »SAS?« Milton nickte. »Jetzt komme ich mir wie ein Vollidiot vor«, bemerkte Lester. Milton winkte ab. »Und was passiert jetzt?« Lester wusste nicht, was er sagen sollte. »Machen Sie sich keine Sorgen. Bringen wir’s einfach hinter uns.« »Ich muss Sie einbuchten«, sagte er. »Was danach passiert, kommt auf den Kerl an, dem Sie die Fresse poliert haben. Wenn Sie ihm etwas gebrochen haben, fangen Sie sich vermutlich eine Anzeige wegen Körperverletzung ein. Ich schreibe jetzt erst mal nur einen Bericht, den der zuständige Richter vorgelegt bekommt. Außerdem muss ich Sie über Nacht hierbehalten.« »Und wenn er mich anzeigt?« »Dann müssen Sie entweder eine Kaution hinterlegen oder werden innerhalb von achtundvierzig Stunden einem Richter vorgeführt. Aber vielleicht kommt es ja gar nicht so weit. Womöglich kann ich ihn davon überzeugen, von einer Anzeige abzusehen. Er war betrunken. Und er hat angefangen. Das habe ich mit eigenen Augen gesehen.« »Schade, dass Sie nicht ihn festgenommen haben.« »Tja«, sagte Lester. »Jetzt sehe ich das auch so. Tut mir leid, Milton. Es ist nicht Ihre Schuld, aber ich habe seit Tagen nichts als Ärger am Hals. Mein Sohn raubt mir den letzten Nerv, und außerdem treiben sich hier zwei FBI-Agenten herum, die mir das Leben auch nicht einfacher machen. Möglicherweise ist mir deshalb die Galle übergelaufen, als ich Sie in der Bar gesehen habe … Aber wir kriegen das schon hin. Ich kümmere mich darum.« Lester warf einen Blick auf seine Uhr. Es war bereits zehn. »Dann bringe ich Sie jetzt mal in die Zelle.« Als er Milton durch den Eingangsbereich zurückführte, kam Morten Lundquist gerade zur Hintertür herein. »’n Abend, Lester«, sagte er. »’n Abend, Morten. Alles okay?« »Immer dasselbe Theater mit der Alten. Aber sonst alles im grünen Bereich.« Lundquist war Anfang sechzig und seit dreißig Jahren Deputy. Eigentlich hätte er schon seit Ewigkeiten selbst Sheriff sein müssen, doch er war an dem Posten nie interessiert gewesen. Er war ein hochanständiger, zuverlässiger Mann, der Dienst nach Vorschrift machte und sich auf die Rente freute. Früher mal war er so etwas wie eine Vaterfigur für Lester gewesen, und im Lauf der Jahre waren sie enge Freunde geworden. In letzter Zeit beklagte sich Lundquist immer häufiger über seine Frau Patti. Sie nörgelte an ihm herum und befürchtete, dass er nach seiner Pensionierung nur noch zu Hause herumhängen werde. Lester wusste jedoch, dass Lundquist gern mal übertrieb, um für den einen oder anderen Lacher auf dem Revier zu sorgen. Als passionierter Jäger wollte der alte Mann den Herbst des Lebens vorwiegend in der Natur verbringen, und Lester hatte ihn schon des Öfteren auf Streifzügen durch die Wildnis begleitet. »Wen haben wir denn da?« »Er heißt John Milton. Hat sich mit den vier Touristen angelegt, die abends immer im Johnny’s sitzen.« »Mit dem Blonden, der wie ein großer Schmusebär aussieht?« »Aber ebenso gut Linebacker bei den Lions sein könnte? Ja, mit genau dem. Er hat ihn mit einem Schlag auf die Bretter geschickt. Rumms.« »Autsch«, meinte Lundquist. »Dann will ich mich mal lieber nicht mit Ihnen anlegen, Mr. Milton.« »Keine Sorge«, erwiderte dieser. »Ich tue keiner Fliege was zuleide.« »Und was machen Sie sonst so? Beruflich, meine ich.« »Ach, dies und das.« »Er hat ebenfalls gedient«, erklärte Lester. »Ausgezeichnet.« »Morten war auch bei der Army. Vietnam.« »Schon lange her.« »Mag sein. Aber das war kein Zuckerschlecken.« »Weiß Gott nicht. Freut mich, Sie kennenzulernen.« Lundquist schüttelte Milton die Hand, als hätte er seinen lang vermissten Bruder wiedergefunden – oder als wolle er ihm einen Gebrauchtwagen verkaufen. »Ich buchte ihn jetzt wegen einer Ordnungswidrigkeit ein«, sagte Lester. »Er verbringt die Nacht in der Zelle, und morgen lassen wir ihn wieder laufen. Ich schätze, die Gegenseite lässt sich überzeugen, das Ganze nicht zu hoch zu hängen.« Lundquist zog seinen Mantel aus und hängte ihn an einen Haken. »Konntest du inzwischen die Sache mit der Schule regeln?« »Nein«, erwiderte Lester. »Nicht mal ansatzweise.« »Wenn du willst, mache ich mich mal schlau über diesen Lyle. Vielleicht lässt sich ja irgendwas ausgraben.« »Ich weiß nicht, Morten. Ich muss erst mal wieder den Kopf frei kriegen.« »Na gut, dann geh doch nach Hause. Ist ja jetzt sowieso meine Schicht. Ich übernehme den Papierkram.« »Wirklich?« »Na klar. Geh schon. Ich habe alles im Griff.« Lester zuckte mit den Schultern, nahm seinen regennassen Mantel vom Stuhl und zog ihn über. »Tut mir leid, dass Sie die Nacht hier verbringen müssen«, sagte er zu Milton. »Aber so ungemütlich ist unsere Zelle gar nicht, und wenn Sie Morten nett bitten, macht er Ihnen bestimmt einen Kaffee und sorgt dafür, dass Ihre Klamotten bis morgen früh wieder trocken sind.« Milton nickte. »Und noch mal Entschuldigung wegen … na ja, wegen vorhin. Da habe ich echt danebengelegen.« »Vergessen Sie’s. War ja bloß ein Missverständnis.« Mit schlechtem Gewissen eilte Lester zu seinem Silverado. Er stieg ein und startete den Motor, ehe er zurücksetzte und den CD-Player anstellte. Der Regen prasselte gegen die Windschutzscheibe, und während Lester sich auf den Heimweg machte, ertönten die ersten Klänge von Bob Dylans Subterranean Homesick Blues. Kapitel 5 Morten Lundquist öffnete die Stahltür, die zu den Zellen hinunterführte. Kaum war Milton ihm ins Treppenhaus gefolgt, zog er die Tür zu und schloss ab. Sie gingen die Treppe hinunter in das schmucklose Untergeschoss. Die Zelle war ein winziges Kabuff mit raumhohen Gitterstäben, auf das eine Kamera gerichtet war. »Ziehen Sie bitte Schuhe, Hose und Jacke aus«, sagte Lundquist. Milton gehorchte und legte die Sachen über die Stuhllehne, während Lundquist einen Schrank öffnete und einen orangefarbenen Gefängnisoverall mit der Aufschrift »Mich. Department of Corrections« herausnahm. Als Milton sich bückte und hineinschlüpfte, stieß der Deputy einen verblüfften Pfiff aus. »Heiliger Strohsack«, meinte er. »Das nenne ich mal eine Tätowierung.« Zwei Engelsflügel zogen sich über beide Schulterblätter und den gesamten Rücken. Er zuckte die Achseln. »Hat bestimmt mächtig wehgetan, so nahe am Knochen«, vermutete Lundquist. »Ich war betrunken und habe nichts davon mitbekommen.« Milton betrat die Zelle, Lundquist schloss die Zellentür hinter ihm und verriegelte sie. Milton sah sich um – es gab eine Pritsche mit einer dünnen Matratze und eine Toilette. An den Wänden hatten seine Vorgänger ihre Initialen in den Mörtel geritzt. »Haben Sie schon was gegessen?« »Nein«, antwortete Milton. »Laut Vorschrift haben Sie Anspruch auf eine Mahlzeit. Wir haben keine eigene Küche, außerdem wollen Sie bestimmt nicht von mir bekocht werden, aber ich kann etwas bestellen. Mögen Sie Burger?« »Klar.« »Im Johnny’s gibt es gute Burger mit Speck und Käse. Wenn Sie wollen, lasse ich einen für Sie rüberbringen.« »Danke.« »Wollen Sie solange einen Kaffee?« »Bitte.« »Wie trinken Sie ihn?« »Mit Milch und einem Stück Zucker.« »Machen Sie sich’s bequem. Bin gleich wieder da.« Milton setzte sich auf die Pritsche. Eigentlich war es gar nicht so übel hier – zumindest war es sauber, vielleicht sogar sauberer als im Hotel. Und er hatte schon an weitaus schlimmeren Orten übernachtet. Er würde die Nacht hier verbringen, und mit ein bisschen Glück würde der Sheriff ihn morgen früh wieder laufen lassen. Er würde ins Hotel zurückkehren, seinen Rucksack und das Gewehr holen und sich auf den Weg in Richtung Westen machen. Er war unterwegs nach Minneapolis, wo Morrissey in zwei Wochen ein Konzert geben würde. Milton war ein Riesenfan von ihm, und seine Musik beschwor jedes Mal Erinnerungen an seine Zeit bei der Armee herauf. Er dachte an die Songs, denen er auf seinem alten, zerschrammten Walkman gelauscht hatte, während er auf seinem Stockbett in der Kaserne gesessen hatte, ganz ähnlich wie jetzt auf dieser Pritsche. Dabei hatte er an den Blasen herumgepult, die er sich während des ultrabrutalen Selektionsprogramms der britischen Spezialeinheit auf dem Pen y Fan, dem höchsten Berg in den Brecon Beacons, zugezogen hatte. Das Selektionsverfahren hatte fünf Monate die Hölle auf Erden bedeutet. Neunzig Prozent der Männer hatten es nicht geschafft. Zwei waren sogar umgekommen. Doch Milton war unter den zehn Prozent gewesen. Er hörte Lundquist die Treppe herunterkommen. Mit einem Kaffeebecher in jeder Hand schob der Deputy die Tür auf. »Mit Milch und einem Stück Zucker«, sagte er und reichte Milton einen Becher durch die Gitterstäbe. »Der Burger kommt in zwanzig Minuten.« »Danke, sehr nett von Ihnen.« Er winkte ab. »Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.« »Wie?« »Das stammt aus dem Hebräerbrief.« »In der Bibel?« »Genau. Eine ziemlich gute Lebensregel, finde ich.« »Ich hab’s nicht so mit der Bibel«, gestand Milton. »Und Sie brauchen nicht zu fürchten, ein Engel könnte unter Ihrem Dach eingekehrt sein. Ich kann mich nicht erinnern, dass mich je einer so bezeichnet hätte.« Lundquist lachte. »Bitte entschuldigen Sie. Lester sagt immer, ich soll nicht bei jeder Gelegenheit Bibelsprüche aus dem Hut ziehen. Ich weiß ja, dass das nicht jedermanns Sache ist.« Er nahm einen Schluck aus seinem Kaffeebecher. »Aus welchem Teil Englands stammen Sie?« »Aus dem Süden.« »Ich war vor fünf Jahren mal drüben.« »Tatsächlich?« »Ja, ich hab eine Europareise gemacht. Meine Vorfahren stammen aus Dänemark. Die Leute sind im 19. Jahrhundert rübergekommen, zu Tausenden, weil sie dachten, sie könnten in den Minen ein Vermögen verdienen. Einwanderer aus Cornwall, dann die Iren, die Deutschen, die Frankokanadier und viele Skandinavier. Um die vorige Jahrhundertwende stammten drei Viertel der Familien hier aus Übersee. Wahnsinn, was?« Milton nippte an seinem heißen süßen Kaffee. »Am Anfang mag es ihnen ja noch gut gegangen sein, aber jetzt, wo alles dichtgemacht hat und uns nur noch die Touristen geblieben sind? Und wenn ich dann Typen sehe wie die, denen Sie gerade eine Abreibung verpasst haben, frage ich mich, ob es das wirklich wert ist. Verstehen Sie, was ich meine?« Milton zuckte die Achseln. »Na ja, diese Typen in Washington hauen sich doch auf unsere Kosten die Bäuche voll, und was mit uns passiert, interessiert sie einen Scheißdreck«, fuhr Lundquist fort. »Als ich das letzte Mal nach Detroit gefahren bin, kam mir die ganze Stadt wie ein einziges Dreckloch vor, aber es juckt einfach keinen.« Hinter der freundlichen Fassade des Deputy schien plötzlich blanke Wut aufzuflackern. Milton trank den Kaffee aus und reichte Lundquist den Becher. »Keine Ahnung, Deputy. Ich bin nicht sicher, ob ich der Richtige bin, um dazu etwas zu sagen.« »Tut mir leid, ich bin ja schon still. Patti, meine Frau, predigt mir andauernd, dass ich in der Vergangenheit hängen geblieben bin … wie ein Dinosaurier. Vielleicht hat sie ja recht, was weiß ich. Ich kann nur eines sagen: Wenn Sie erst mal so lange Polizist waren wie ich, fällt Ihnen auch auf, dass alles den Bach runtergeht. Mehr sage ich nicht dazu.« Er legte zwei Schalter um, worauf die Deckenbeleuchtung erlosch und stattdessen zwei düstere Wandlampen aufflackerten. »Rufen Sie einfach, wenn Sie was brauchen. Ich bin oben und bringe Ihnen Ihr Essen, sobald es kommt.« Lundquist schloss die Tür, und Milton lauschte seinen Schritten, die sich langsam entfernten. Dann hörte er, wie die Tür ins Schloss fiel und der Schüssel umgedreht wurde. Kapitel 6 Special Agent Ellie Flowers fuhr gemeinsam mit ihrem Kollegen Orville Clayton ins Hotel zurück, stieg aus dem Wagen und rannte los, wobei sie sich eine Ausgabe der USA Today schützend über den Kopf hielt. Ihr Plan ging nicht auf, denn innerhalb von Sekunden war die Zeitung komplett aufgeweicht, und der Regen lief in kleinen Bächen durch die Falten und Knicke. Erst als Ellie in der Lobby stand, drehte sie sich um. Orville war ihr gefolgt und lief gerade über den Parkplatz, sorgsam darauf bedacht, mit seinen lächerlichen maßgefertigten 500-Dollar-Schuhen mit integrierter Erhöhung nicht in eine Pfütze zu treten. Joey Trimble aus der Zentrale hatte mal behauptet, dass auch Napoleon solche Schuhe getragen hätte, weshalb die Kollegen ihm diesen Spitznamen verpasst hatten. Natürlich konnte Orville ihn nicht ausstehen, so wie alles, was ihn daran erinnerte, dass er lediglich eins zweiundsiebzig und nicht eins achtzig war, wie er in seinem Profil auf Match.com angab. Ellie war die Körpergröße ihres Kollegen immer schon herzlich egal gewesen. Nichtsdestotrotz musste sie bei dem Anblick grinsen, vor allem, weil sie im Wagen gerade ziemlich aneinandergeraten waren. Sie war versucht, in ihr Zimmer zu verschwinden, ohne Gute Nacht zu sagen, aber ihr Vater hatte ihr eingetrichtert, stets höflich zu bleiben, also wartete sie. »Scheißregen«, fluchte Orville. Seine nassen Haarsträhnen klebten unvorteilhaft am Kopf. »Je schneller wir von hier wegkommen, desto besser.« »Gute Nacht.« Er musterte sie verwirrt, als hätte er ihre Auseinandersetzung längst vergessen und erwartete, dass sie wie am Abend zuvor mit ihm auf sein Zimmer käme, als wäre nichts geschehen. »Willst du nicht noch mit hochkommen?« »Nein, heute Abend nicht«, antwortete sie. »Wir sehen uns morgen früh.« »Liegt es an dem, was du gesagt hast?« »Nein, es hat etwas mit deiner Einstellung zu tun.« »Was stimmt denn nicht damit?« Sie war hundemüde. »Vergiss es. Ist nicht wichtig. Ich bin müde und will schlafen.« »Was stimmt mit meiner Einstellung denn nicht?« »Gute Nacht.« Sie legte ihm die Hand auf die Schulter und überlegte kurz, ob sie ihm einen Kuss auf die Wange geben sollte, entschied sich jedoch dagegen. Dann lächelte sie traurig und ging in ihr Zimmer. Sie zündete sich eine Zigarette an und wählte eine Nummer auf ihrem Handy. »Hi, hier ist Ellie Flowers. Ich wollte nur sagen, dass ich morgen nicht ins Büro komme. Ja, ich weiß, dass ich es versprochen habe, aber ich bleibe noch ein paar Tage hier. Okay?« Danach machte sie den Fernseher an und zappte eine Weile herum, fand aber nichts Brauchbares – nichts als Werbung, eine Show mit Monstertrucks und eine uralte Komödie, die damals schon nicht lustig gewesen war. Sie zog ihr Handy noch einmal heraus und wählte eine andere Nummer. »Ellie?« »Hallo, Ryan. Bist du beschäftigt?« »Für meine kleine Schwester bin ich nie zu beschäftigt. Wo steckst du?« »In Michigan. Obere Halbinsel. Leider regnet es die ganze Zeit.« »Was treibst du dort oben?« »Erinnerst du dich an diese Jungs, die die Banken ausgeraubt haben? Wir hatten einen potenziellen Hinweis. Nur eine winzige Spur, aber Orville wollte ihr trotzdem nachgehen.« »Bist du mit ihm dort?« »Fang nicht wieder damit an.« »Wie nennt ihr ihn noch mal?« »Napoleon.« »Genau. Napoleon. Ist er auch da?« »Ja. Deshalb habe ich auch so schlechte Laune.« »Ist er immer noch verheiratet?« »Bitte lass das.« Sie drückte ihre Zigarette aus und nahm noch eine aus der Schachtel. An der Tür hing zwar ein Verbotsschild, aber Ellie bezweifelte, dass sich je ein Gast in dieser Klitsche daran gehalten hatte. »Und was hat er angestellt?« »Ich glaube, er bildet sich ein, ich würde deshalb an ihm hängen, weil er eine Ecke älter ist … als hätte ich da so ein Vater-Ding am Laufen, aber darum geht es nicht. Noch nie. Das Problem ist, dass er sich regelrecht in diese Idee verbissen hat und sich einbildet, er könnte mir Ratschläge erteilen, als wäre er tatsächlich mein Vater. Heute Abend war es wieder so, und allmählich habe ich die Nase voll.« »Du kennst meine Meinung dazu.« Sie sog den Rauch tief ein und lauschte dem Regen, der gegen die Fenster prasselte. »Ich hab einfach keine Lust mehr. Das war’s.« »Ernsthaft?« »Ja. Es war von Anfang an eine Schwachsinnsidee.« »Kopf hoch, Schwesterherz.« Sie atmete tief ein und stieß eine Rauchwolke Richtung Zimmerdecke. »Heute Abend habe ich etwas wirklich Krasses gesehen. Wir waren in einer Bar, um mit dem Mädchen zu reden, wegen dem wir hergekommen sind, als zwei Typen Streit mit einem Gast angefangen haben. Einer von ihnen war ein Gorilla, ein richtig fieser Typ, aber der Gast hat die beiden Männer vermöbelt, dass alles zu spät war.« »Klingt nach der perfekten Bar für mich.« »Im Ernst, Ryan. Zwei Schläge – eins, zwei – und schon lagen die beiden Typen am Boden. Der Sheriff hat den Kerl hopsgenommen, aber die beiden hat er in Ruhe gelassen, obwohl sie angefangen haben.« Scheinwerferlicht drang ins Zimmer, als auf dem Parkplatz ein Wagen vorfuhr, und wanderte in einem schmalen Streifen über die Zimmerdecke. Am anderen Ende der Leitung war Verkehrsrauschen zu hören. »Wo steckst du eigentlich gerade?« »Ich sitze im Wagen vor dem Apartment dieser Tussi, die ich für einen Kunden schon die ganze Woche observiere. Dieser Typ ist wirklich der Hammer. Ein echter Drecksack. Sie ist davon überzeugt, dass er seine Sekretärin vögelt, was er auch tut, aber das Problem ist, dass sie schon die ganze Zeit mit dem Pilatestrainer aus seinem Fitnessclub etwas am Laufen hat. Gerade jetzt ist sie mit ihm zusammen. Ich warte nur darauf, dass sie aus dem Haus kommen, damit ich ein hübsches Bildchen von ihnen schießen kann. Danach fahre ich nach Hause und trinke ein gepflegtes Bier.« »Hört sich super an.« »Wie gesagt, solltest du mal keine Lust mehr auf die FBI haben … ich könnte hier unten prima Unterstützung brauchen.« »Echt verlockend.« »Ich meine es ernst.« Sie hielt einen Moment inne, um ihn mit einer zu raschen Absage nicht zu kränken. »Danke für das Angebot, aber … na ja, daraus wird wohl nichts. Die Geschichte mit Orville war ein Fehler. Ich hätte es gar nicht erst so weit kommen lassen dürfen, aber jetzt ist es passiert, deshalb muss ich mich zusammenreißen und die Sache beenden. Und genau das werde ich tun, sobald wir wieder in Detroit sind.« »Wann fahrt ihr zurück?« »Er will morgen los. Ich bleibe noch ein paar Tage.« »Wieso? Denkst du, dass die Jungs sich doch dort oben herumtreiben?« »Keine Ahnung. Wahrscheinlich nicht. Ich bin mir sogar fast sicher. Aber irgendetwas läuft hier, ich weiß nur nicht genau, was. Deshalb will ich mich noch ein bisschen umsehen.« »Falls du dich ein wenig ablenken willst … in zehn Minuten fängt die zweite Halbzeit an: die Steelers spielen gegen die Browns.« »Mist, das habe ich ja komplett vergessen.« Seit ihren Kindertagen war Ellie ein Fan der Cleveland Browns, wohingegen Ryans Herz für die Pittsburgh Steelers schlug. Seit dem College hatten sie eine Dauerwette über fünfzig Mäuse am Laufen, wenn die beiden Footballteams gegeneinander antraten. »Wie steht es?« »Die Browns hängen gnadenlos hinterher. Big Ben macht sie komplett fertig. Doppelt oder gar nichts, um es ein bisschen spannend zu machen?« »Vergiss es!« »Bis bald, Schwesterherz.« »Bis dann.« Ryan war dreiunddreißig, zwei Jahre älter als sie. Als Teenager hatte er als Linebacker im Jugendkader gespielt und die Aussicht auf ein Stipendium an der Penn State gehabt, bis ein Verteidiger ihn umgenietet hatte. Dabei waren alle Sehnen und Bänder in seinem Knie gerissen, die nur reißen konnten. Während der beiden folgenden Jahre hatte er herumgehangen, sich mit Frauen eingelassen, die ihm nicht guttaten, und zu viel getrunken. Eines Tages hatte er endlich begriffen, dass auch er einen angeborenen Drang hatte, die Nase in anderer Leute Angelegenheiten zu stecken, und Ryan Flowers Investigations, Inc. in Melvindale, ein Stück südlich von Detroit, gegründet. Das Geschäft lief gut. Er recherchierte hauptsächlich für Versicherungen und sammelte Beweise über Fahrzeughalter, die Auffahrunfälle fingierten und angaben, dabei eine Verletzung der Halswirbelsäule oder sonstige Blessuren erlitten zu haben – Behauptungen, die sich erst widerlegen ließen, wenn sie dabei fotografiert wurden, wie sie in der Einfahrt Basketball spielten, durch den Park joggten oder mit ihrer kleinen Tochter Flieger spielten. Danach wurden die Anträge auf Schmerzensgeld meist ganz schnell zurückgezogen, und Ryan kassierte einen ansehnlichen Prozentsatz der nicht ausgezahlten Schadenssumme als Provision. Mittlerweile hatte er genug beisammen, um sich eine Dreizimmerwohnung in Riverview zu leisten und sich einen gebrauchten Lexus und einen Fernseher zu kaufen. Es hatte den Anschein, als wäre er ganz zufrieden mit sich und der Welt. Ellie hatte immer schon gewusst, dass sie für die Regierung arbeiten wollte. Ein halbes Jahr lang hatte sie hin und her überlegt, für welchen Bereich sie sich entscheiden sollte, und sogar eine Karriere beim Secret Service in Betracht gezogen – bis sie herausgefunden hatte, dass dort nur Wichtigtuer arbeiteten, die komplett darauf abfuhren, mit dunklen Sonnenbrillen neben einer Limousine herzutraben. Am Ende hatte sie akzeptiert, dass sie dem Beispiel ihres Vaters folgen und zum FBI gehen würde. Ellie war eins zweiundsiebzig, genauso groß wie Orville, und wusste, dass sie ein echter Hingucker war, wenn sie sich ein bisschen ins Zeug legte: Sie hatte ein schmales, fein geschnittenes Gesicht, helle glatte Haut mit vereinzelten Sommersprossen, dickes Haar, das jeden Tag aufs Neue gebändigt werden wollte, und haselnussbraune Strahleaugen. Aber heute Abend hatte sie sich keine Mühe mit ihrem Äußeren gegeben und war noch dazu in ein heftiges Gewitter geraten. Als sie einen flüchtigen Blick auf ihr Spiegelbild erhaschte, schnitt sie eine Grimasse. Sie nahm ihren Gürtel mit der .40er Glock 22 ab, hängte ihn über die Stuhllehne, zog die Pistole heraus und legte sie unter das zweite Kopfkissen auf dem Bett. Seltsames Kaff, seltsame Leute. Lieber kein Risiko eingehen. In einer Kassette im Kofferraum von Orvilles Wagen bewahrten sie noch mehr Equipment auf: eine Pumpgun, einen M4-Karabiner, zwei kugelsichere Westen, Fußfesseln mit Ketten und vier Paar Handschellen. Orville legte großen Wert darauf, dass sie perfekt ausgestattet waren, und erinnerte sie bei jeder sich bietenden Gelegenheit an diesen Fall in Miami 1986, als zwei Vietnamveteranen eine Reihe von Banken überfallen hatten. Ein achtköpfiges FBI-Team hatte die beiden aufgestöbert, allerdings waren die Agents bloß mit Handfeuerwaffen ausgestattet gewesen, während die Täter Gewehre des Typs AR-15 bei sich gehabt hatten. Zwei FBI-Kollegen waren erschossen und fünf weitere verletzt worden. Seit diesem Vorfall hatte das FBI keinerlei Scheu, was schwere Bewaffnung anging. Ellie ließ sich gegen das mit Flecken übersäte Kopfteil des Bettes sinken. Hatten die in der Zentrale wirklich geglaubt, dass der Hinweis sie auf eine heiße Spur führen werde? Und dass sie die ganzen Waffen einsetzen würden? Oder hatte jemand sie mal wieder nur auf die falsche Fährte locken wollen? Vielleicht ja, vielleicht nein. Für eine Agentin war Ellie noch sehr jung, aber sie hatte ihren Instinkt von ihrem Vater geerbt. An der Story des Mädchens aus der Bar war eindeutig mehr dran. Sie konnte sie nicht einfach vergessen und wieder nach Hause fahren. Orville dagegen schon. Genau darüber hatten sie sich in die Haare gekriegt – zumindest vordergründig. Genau genommen ging es bei ihrem Streit um all das andere, was zwischen ihnen schieflief. Orville. Verdammt! Sie schaltete den Fernseher ein und sah, wie die Steelers den Ball von der Mittellinie nach vorn kickten. Der Kickreturner der gegnerischen Mannschaft fing den Ball an der Zwei-Yard-Linie, tänzelte bis zur Fünfzehn-Yard-Linie vor, wo er von einem Gunner niedergerissen wurde, der mit hundert Meilen pro Stunde auf ihn zugeprescht war. Er landete auf dem Rücken, der Ball sprang hoch, und im selben Augenblick hatte ihn sich der Gunner auch schon geschnappt, lief im Zickzack in die Endzone und erzielte den Touchdown, als wäre es das Einfachste auf der Welt. 16:0 – und die Möglichkeit, durch einen Point after Touchdown weiter auszubauen. Ellie dachte an Ryan, der das Spiel über das Autoradio verfolgte, und grinste. Normalerweise war der Deal, dass der Verlierer zum Abendessen einlud. Das würde sie mit Freuden tun, wenn sie dafür wieder einmal einen Abend mit ihrem großen Bruder verbringen durfte. Was wollte sie eigentlich? Im Grunde war doch alles halb so wild. Kapitel 7 Milton erwachte um sechs, als die Sonne aufging. Er fühlte sich ausgeschlafen, schwang die Beine von der Pritsche und absolvierte die Sit-ups und Liegestütze, mit denen er auch sonst den Tag begann. Normalerweise machte er bei jeweils fünfhundert Schluss, doch da er noch genug Energie hatte, setzte er sich mit dem Rücken an die Gitterstäbe, griff nach einer der Querstreben und legte noch zweihundert Crunches drauf. Ein feiner Schweißfilm bedeckte seine Haut, und seine Muskeln brannten wie Feuer, als er fertig war. Lundquist hatte offenbar auf dem Kameramonitor gesehen, dass er wach war. Milton hörte ihn die Treppe herunterkommen. Er hielt ein Tablett in den Händen, auf dem ein Teller mit herrlich duftendem Brot und zwei Becher Kaffee standen. »Morgen, Partner«, sagte Lundquist, stellte das Tablett auf einen Stuhl und reichte Milton den einen Kaffeebecher durch die Gitterstäbe. »Mit Milch und Zucker.« »Danke.« »Außerdem haben Sie doch bestimmt Hunger.« Der Deputy schob den Teller unter der Gittertür durch. »Das ist korppu, eine Art Zwieback mit Zimt, wie man ihn in Finnland isst. Am leckersten schmeckt es, wenn man ihn in den Kaffee stippt. Mein Großvater hat jeden Tag drei Scheiben davon gegessen und ist immerhin hundertdrei Jahre alt geworden – da muss also was ganz Besonderes drin sein, wenn Sie mich fragen. Als ich Patti von Ihnen erzählt habe, ist sie gleich vorbeigekommen und hat Zimtzwieback mitgebracht. Netten Besuch haben wir hier selten. Und ein bisschen Gastfreundschaft ist ja wohl das Mindeste.« Milton biss in den knusprig-süßen Zwieback und hatte im Handumdrehen zwei Scheiben vertilgt. »Danke.« »Gut geschlafen?« »Wie ein Baby.« »Freut mich zu hören. Ich habe übrigens Ihre Kleidung über Nacht auf die Heizung gelegt«, erklärte Lundquist. Er holte ein kleines Bündel, das er auf der Treppe deponiert hatte, und brachte es in die Zelle. »Danke«, sagte Milton und zog sich an. Die Sachen waren noch warm. Er schlüpfte in seine Stiefel und schnürte sie zu. »Der Sheriff ist oben«, sagte der Deputy. »Er will Sie noch mal sehen, bevor Sie gehen.« Lester Grogan saß an seinem Schreibtisch. Er trug seine Uniform: eine khakifarbene Hose und ein dunkelblaues Hemd, das über seinem ausladenden Bauch spannte. Grogan hatte in den letzten Jahren etwas zugelegt. Er drückte Milton freundlich die Hand und bat ihn, Platz zu nehmen. »Konnten Sie schlafen?« »Sehr gut sogar.« »Hat Lundquist Ihnen etwas zu essen geholt?« »Einen Burger.« »Aus Johnny’s Bar? Die sind nicht übel, was?« »Sehr lecker.« Der Sheriff entsprach ganz und gar nicht dem Klischee eines Provinzpolizisten. Milton hatte im Lauf der Jahre so einige kennengelernt: Für gewöhnlich führten sich Sheriffs wie die Könige ihrer Countys auf, hatten Sekretärinnen und großzügige Büros, deren Wände mit Auszeichnungen, Urkunden und Fotos gepflastert waren, auf denen der stolze Gesetzeshüter mit Politikern und Unternehmern in die Kamera grinste. Dazu die obligatorischen Glasvitrinen mit Haschpfeifen und konfiszierten Marihuanazigaretten, Pistolen und rostigen Messern, um Schüler und ihre Mütter vor der großen bösen Welt zu warnen. In Lester Grogans Büro befand sich nichts dergleichen, nur ein Schreibtisch mit reichlich Papierkram und ein paar Aktenschränke, auf denen sich Pappkartons stapelten. »Also, Mr. Milton«, begann er. »Ich habe gute und schlechte Nachrichten für Sie. Ihr kräftiger Freund von gestern Abend – er heißt Alan Hooper – arbeitet für eine große Rechtsanwaltskanzlei in Detroit. Nach allem, was ich gehört habe, soll er eine ziemlich große Nummer sein. Auf dem Nachhauseweg habe ich noch kurz in der Notaufnahme vorbeigesehen. Die schlechte Nachricht ist, dass er einen Kieferbruch erlitten hat. Sie haben ihm den Kiefer sogar doppelt gebrochen. Hooper kriegt eine Drahtschiene verpasst und kann eine Woche lang die Nahrung nur durch einen Strohhalm schlürfen – das volle Programm also.« »Und die gute Nachricht?« »Ich habe heute Morgen ein ernstes Wörtchen mit Mr. Hooper geredet. Er wollte, dass ich Sie sofort dem Haftrichter vorführe, und meinte, er würde eine Zivilklage gegen Sie einreichen, wenn wir Sie nicht wenigstens wegen schwerer Körperverletzung drankriegen. Worauf ich ihm erklärt habe, dass das vielleicht nicht ganz so schlau wäre, weil ich dann nämlich leider durchblicken lassen müsste, dass er mit der Schlägerei angefangen hat. Als ich ihn dann noch darauf hingewiesen habe, das sei für seine Karriere nicht gerade förderlich, hat er sich so fürchterlich aufgeregt, dass ich ihm dann gesagt habe, ich sähe mich gezwungen, ihm Handschellen anzulegen, wenn er sich nicht ganz schnell wieder beruhigen würde. Tja, jedenfalls hat er eingelenkt. Und Sie sind ein freier Mann.« »Danke für Ihre Mühe«, sagte Milton. »Das ist ja sehr erfreulich.« »Nachdem ich Sie derart falsch eingeschätzt habe, war es das Mindeste, was ich für Sie tun konnte.« »Ach was, das wäre doch nicht nötig …« »War mir eine Ehre.« Der Sheriff erhob sich. »Wo sind Sie abgestiegen?« »Im Hotel.« »Soll ich Sie rüberfahren?« »Im Ernst? Unsere letzte Fahrt war ja nicht so der Knaller.« Lester grinste. »Das wird diesmal anders.« »Na dann.« Als Milton ebenfalls aufstand, steckte Lundquist den Kopf zur Tür herein. »Schönen Tag noch«, sagte er. »Grüße an Ihre Frau«, erwiderte Milton. »Und danke für das leckere Frühstück.« Sie verließen das Gebäude durch den Hinterausgang. Lester ging voran zu seinem Ford Taurus, den er zum Streifenwagen umgerüstet hatte. Er öffnete die Türen, und Milton stieg auf den Beifahrersitz. Als der Sheriff wendete, stach Milton der alte Pontiac Catalina ins Auge, der auf der gegenüberliegenden Straßenseite parkte. Es war eine viertürige, ziemlich zerbeulte und mindestens dreißig Jahre alte Limousine. Einer der Kotflügel war braun, der Rest des Wagens schmutzig weiß. Normalerweise hätte Milton dem Fahrzeug keine weitere Beachtung geschenkt, doch er hatte ein Mädchen mit einer Wollmütze bemerkt, das halb geduckt hinter dem Steuer saß und den Streifenwagen im Auge behielt, während Lester einen günstigen Moment abwartete, um sich in den Verkehr einfädeln zu können. Im Rückspiegel beobachtete Milton, wie sich der Pontiac hinter dem nächsten Wagen einfädelte. Als Lester an der nächsten Ampel nach rechts abbog, setzte die Fahrerin des Pontiacs ebenfalls den Blinker, und auch als sie schließlich die Falls Road zum Village Inn hinunterfuhren, folgte ihnen der Pontiac. »Und was haben Sie jetzt vor?«, fragte Lester. »Ich mache mich wieder auf die Socken. Eigentlich wollte ich ja bloß heiß duschen und ausschlafen.« »Und wo geht es hin?« »Nach Westen. Wenn ich hier zeitig wegkomme, schaffe ich es heute vielleicht noch bis Wakewood.« »Zwanzig Meilen? Wenn Sie auf der Straße bleiben, dürfte das kein Problem sein. Am Ortsrand von Wakewood befindet sich ein Campingplatz – heißt Wandering Wheels, glaube ich. Und der Sunday Lake ist auch ein Erlebnis. Und wie geht’s dann weiter?« »Vielleicht gehe ich rüber nach Minnesota.« Sie fuhren am Gelände eines Autohändlers vorbei. Der Pontiac war nach wie vor hinter ihnen. »Sie hatten doch gestern ein Gewehr dabei.« »Das ist im Hotel.« »Benutzen Sie es auch?« Milton nickte. »Was für ein Modell?« »Ruger Hawkeye.« »Ich habe auch eine. Sie sollten es mal mit einer .243 Winchester-Patrone versuchen. Passt wie Apfelkuchen und Schlagsahne.« Während sich der Sheriff weiter über das Gewehr ausließ, hörte Milton kaum noch zu. Seine Aufmerksamkeit galt vor allem dem Pontiac hinter ihnen. Das Mädchen fuhr ihnen weiter nach. Und Milton behielt sie im Auge. Kapitel 8 Es war bereits acht Uhr, als Ellie erwachte. Sie hatte die gesamte zweite Halbzeit verfolgt, die die Steelers mühelos für sich entschieden hatten, und im Geiste bereits eine Liste von Restaurants zusammengestellt, wohin sie Ryan einladen konnte. Zum Beispiel ins Applebee’s, ein hübscher kleiner Laden in der Innenstadt, der erst kürzlich eröffnet hatte. Danach hatte sie sich zwanzig Minuten eines Hockeyspiels angesehen und sich danach bis zwei Uhr früh durch Late-Night-Talkshows und trashige Realitysoaps gezappt. Als sie aufstand, wurde ihr bewusst, dass sie im Hinblick auf Orville zu einer Entscheidung gelangt war. Es war nicht das erste Mal, dass sich die Probleme, die ihr tagsüber noch im Kopf herumgegeistert waren, im Schlaf von ganz allein gelöst hatten. Sie würde mit ihm reden, jetzt gleich, noch bevor er in die Stadt zurückfuhr. Es wäre feige, das Ende hinauszuzögern, außerdem würde sie sich sofort besser fühlen, wenn sie es erst hinter sich gebracht hatte. Sie duschte, wählte ihr Outfit mit Bedacht und machte sich eilig auf den Weg nach unten, um nicht zu riskieren, dass sie der Mut verließ. Orville saß mit einer halb vollen Tasse Kaffee und einem Teller voller Toastkrümel am Tisch und starrte auf das Display seines Handys. Ellie holte sich einen Obstsalat und einen Becher fettarmen Joghurt vom Frühstücksbuffet und trat zu ihm. Das Problem mit Orville war, dass er eine Art sechsten Sinn für heikle Gespräche hatte. Wenn ihn eine entsprechende Vorahnung beschlich, fuhr er sämtliche Schutzmauern hoch und machte es ihr damit praktisch unmöglich, zu ihm durchzudringen. Sie wusste ganz genau, wie das Ganze ablaufen würde: Er würde so tun, als wäre gestern Abend gar nichts passiert, als hätte sie ihn nicht abgewiesen, sondern alles wäre wie immer. »Guten Morgen, Orville«, begann sie. »Ellie, das musst du dir anhören«, sagte er, ohne aufzublicken. Sie spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Sie hatte recht gehabt – er tat wirklich so, als wäre nichts passiert. »Ich lese gerade die Story über diesen Julius Jenkins«, sagte er und tippte mit dem Finger auf das Display seines Handys. »Das ist der alte schwarze Knacker unten in Florida, der wegen eines Überfalls auf einen Geldtransporter angeklagt wurde. Er hat ausgesagt, dass er zwei Ex-Marines beobachtet hat, die das Bargeld aus dem Transporter geräumt haben. Da zieht er eine abgesägte Flinte heraus, zwingt sie, sich auf den Boden zu legen, und haut einfach mit der Kohle ab. Kannst du dir das vorstellen? Der Typ …« »Orville«, sagte sie noch einmal. »Der Typ, steht hier, ist über achtzig und raubt einfach mal zwei verdammte Ex-Marines aus, die noch nicht mal dreißig sind. Und es kommt noch besser: Einer der Marines hat ausgesagt, hinter der Windschutzscheibe des Alten hätte ein Behindertenausweis gesteckt. Ich sage dir was, Ellie, mit jedem Tag wird es schlimmer auf der Welt …« »Orville.« »… vor zehn Jahren hätte es so was jedenfalls nicht gegeben.« »Orville«, unterbrach sie ihn barsch. »Hältst du jetzt einfach mal die Klappe und hörst mir zu?« Er hielt mitten im Satz inne und starrte sie mit offenem Mund an. »Okay, so was zu sagen, fällt mir nicht gerade leicht«, fuhr Ellie fort. »Aber das mit dir und mir … ich habe in Ruhe noch mal über alles nachgedacht und bin zu dem Schluss gelangt, dass es mit uns nicht mehr weitergeht. Wenn du ganz ehrlich bist, musst du zugeben, dass es in den letzten Wochen alles andere als einfach war. Wir streiten ständig …« Es gelang ihm sogar, schockiert auszusehen, als hätte er dieses Gespräch nicht bereits seit Wochen auf sich zukommen sehen. »Geht es um gestern Abend?« »Nein. Doch. Auch, teilweise … aber, nein, eigentlich nicht.« »Vielleicht bin ich ja zu weit gegangen. Schon möglich, dass ich mich ein bisschen wichtiggemacht habe, wie du schon gesagt hast. Wenn du noch ein paar Tage hierbleiben und dich umsehen willst, dann tu das. Rede noch mal mit dem Mädchen, und wenn du das Gefühl hast, dass es den Aufwand wert ist, dann geh mit ihr in den Wald und sieh zu, was du rausfindest. Zwei Tage oder auch drei sollten kein Problem sein.« »Orville«, sagte sie, »es geht nicht nur um gestern Abend, außerdem habe ich Dillard schon gesagt, dass ich noch hierbleiben werde.« Wieder fiel ihm die Kinnlade herunter. »Du hast mit Dillard geredet?« »Ja.« »Über meinen Kopf hinweg?« »Es stand von vornherein fest, dass wir uns sowieso nicht einig werden.« »Aber …« »Wir sollten uns nicht vom eigentlichen Thema ablenken lassen. Was wir gestern Abend gesprochen haben, ist nur ein Symptom, und wenn man das Symptom behandelt, hat man noch lange nicht die Krankheit geheilt. Tatsache ist, dass ich einen Entschluss gefasst habe, und dabei bleibt’s. Es ist vorbei, mehr gibt es dazu nicht zu sagen.« »Na gut«, sagte er. »Verstehe. Wir werden Folgendes tun: Du gehst in den Wald und tust, was auch immer du tun musst. Ich fahre noch heute Vormittag nach Detroit zurück. Wenn du fertig bist, kommst du nach. Wir gehen essen und bereden das alles ganz in Ruhe wie erwachsene Menschen. Hier werde ich das auf keinen Fall besprechen«, erklärte er und deutete auf den schäbigen Frühstücksraum mit der ausgeblichenen Tapete und dem Klapptisch, auf dem das Buffet aufgebaut war. Sein Tonfall war väterlich-entschlossen, als wäre sie ein aufsässiger Teenager, der sich auf keinen Fall davon abbringen lassen will, in einem ganz bestimmten Kleid auf die Straße zu gehen. Vermutlich war das seine Art, Probleme zu lösen: indem er ganz einfach nicht auf das einging, was sie gesagt hatte. Frustriert biss Ellie die Zähne zusammen. Inzwischen waren weitere Frühstücksgäste gekommen, und sie wollte ihm keine Szene machen. »In Ordnung, Ellie?« Sie hatte keine Lust auf Diskussionen. Für sie war die Angelegenheit abgehakt. »Ellie?« »Gut, Orville. So machen wir’s.« Kapitel 9 Mallory Stanton achtete darauf, ausreichend Abstand zum Streifenwagen vor ihr einzuhalten. Sie kannte Lester Grogan, so wie jeder in der Stadt. An sich war er kein übler Kerl. Manchmal allerdings stieg ihm seine Position so zu Kopf, dass er sich einbildete, jeder um ihn herum müsste vor Ehrfurcht in die Knie gehen. Mallory sah das ein bisschen anders, vor allem, seit Arty spurlos im Wald verschwunden war und weder Grogan noch seine Kollegen vom Revier ihre fetten Ärsche hochbekommen hatten, um nach ihm zu suchen. Die Bremslichter des Streifenwagens leuchteten hell im morgendlichen Dunst auf, dann bog der Wagen auf den Parkplatz des Village Inn ab. Mallory war nicht ganz sicher, wie man sich unbemerkt an jemandes Fersen heftete. Vorsichtshalber fuhr sie ein Stück weiter und wendete dann. Als sie zum Hotel kam, verließ der Streifenwagen gerade den Parkplatz, und Mallory fragte sich kurz, ob sie ihre Chance wohl vertan hatte. Während sie dem Wagen unauffällig folgte, versuchte sie festzustellen, ob jemand auf dem Beifahrersitz saß. Als sie sicher war, dass Grogan allein im Auto war, wendete sie erneut und bog schließlich auf den Hotelparkplatz ein. Gerade als sie den Motor ausschalten wollte, wurde die Beifahrertür aufgerissen, und ein Mann setzte sich neben sie auf den Sitz. Hektisch tastete sie nach dem Türgriff, verfehlte ihn aber mehrmals. Er packte sie bei der Schulter. »Immer mit der Ruhe«, sagte er. Mit klopfendem Herzen wandte sie den Kopf und sah ihn an. Es war der Typ aus der Bar, den Lester Grogan festgenommen hatte. Der Mann, den sie eigentlich sprechen wollte. »Wieso verfolgen Sie mich?« Er hatte leuchtend blaue Augen, die ihr bereits in der Bar aufgefallen waren. Diese beiden Typen, die auf ihn losgegangen waren, hätten vermutlich den meisten Angst gemacht, aber er hatte sich nicht beirren lassen, sondern sich mit einem offenbar unerschütterlichen Selbstvertrauen auf den Blonden gestürzt, als würde er keine Sekunde daran zweifeln, dass er die Sache im Griff hatte. Und er hatte recht behalten. In dem Moment hatte Mallory entschieden, dass sie mit ihm reden musste. »Ich muss mit Ihnen sprechen.« »Und deshalb sind Sie mir bis hierher gefolgt? Wieso sind Sie nicht einfach aufs Revier gekommen?« »Sheriff Grogan hält mich für verrückt. Ich kann nicht mit Ihnen reden, wenn er daneben steht.« »Ist Ihnen schon mal in den Sinn gekommen, dass ich Sie auch für verrückt halten könnte?« Die Situation war so absurd, dass sie grinsen musste. »Noch wissen Sie ja nicht, weswegen ich Sie sprechen will.« »Auch wieder wahr.« Er löste seine Hand von ihrer Schulter. »Wie heißen Sie?« »Mallory Stanton. Und Sie sind …?« »John Milton.« Unsicher streckte sie ihm die Hand entgegen. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Milton.« Behutsam ergriff er sie. »Darf ich fragen, wie alt Sie sind, Mallory?« »Neunzehn«, antwortete sie mit bemühter Entschlossenheit, die jedoch nicht sonderlich überzeugend wirkte. »Und wie alt sind Sie wirklich?« »Sechzehn«, gestand sie. Er sah sie durchdringend an. »Fünfzehn.« »Und Sie fahren mit diesem Kübel durch die Gegend?« »In Michigan darf man schon mit vierzehn Auto fahren«, erklärte sie empört. »In Begleitung eines Erwachsenen.« »Na ja … ich habe ja gesagt, dass ich fünfzehn bin. Sind Sie jetzt fertig mit Ihrer Fragerei? Sie sind nicht mein Vater, Mr. Milton.« Wieder sah er sie scharf an, doch dann zeichnete sich ein Anflug von Nachsicht auf seinen Zügen ab. »Also, dann mal raus mit der Sprache, Mallory. Wieso erzählst du mir nicht, was du mit mir besprechen willst?« »Hier? Im Wagen?« »Wo sonst?« »Ich wette, die haben Ihnen im Knast kein Frühstück spendiert. Vielleicht könnten wir ja irgendwo was essen. Ein Stück die Straße runter gibt es einen ganz netten Laden. Ich zahle auch.« »Ich habe genug Geld, Mallory.« »Also kommen Sie mit? Und reden mit mir?« »Klar, wenn du mich nach dem Frühstück wieder hier absetzt.« Das Café befand sich auf der Main Street und war in der ganzen Stadt für seinen Maisbrei bekannt. Mallorys Vater hatte die Besitzerin gekannt, deshalb begrüßte sie sie mit einem Nicken, als sie mit Milton das Café betrat. Mallory senkte den Kopf – nicht aus Unhöflichkeit, sondern um der obligatorischen Frage auszuweichen, wie es ihr ging. Nach seinem Tod hatten sie alle bemitleidet, aber mittlerweile beschworen die neugierigen Fragen und Kommentare bloß Erinnerungen herauf, die sie so verzweifelt zu vergessen versuchte. Viel schlimmer noch waren die Religionsfanatiker. Mallory wusste genau, was sie dachten: Er hatte seinen Tod selbst verursacht und würde dafür ewig in der Hölle schmoren oder im Fegefeuer oder wo auch immer die Leute hinkamen, die Selbstmord begingen. Mallory hatte für diesen Unsinn keine Zeit. Sie war ein pragmatisches Mädchen, und es gab genug praktische Dinge, um die sie sich kümmern musste. Vor allem aber um das Problem, das ihr nachts den Schlaf raubte: Arthur. Sie setzten sich an einen Fenstertisch. Mallory griff nach zwei Speisekarten und reichte Milton eine davon. Die Kellnerin trat zu ihnen. »Was darf’s sein?« »Pfannkuchen, Eier, Würstchen, Bratkartoffeln und Speck, bitte«, bestellte Milton. »Wie möchten Sie Ihre Eier?« »Auf beiden Seiten leicht angebraten.« Die Kellnerin wandte sich an Mallory. »Und du, Kleines?« »Nur eine Tasse Kaffee, bitte.« »Willst du gar nichts essen?«, fragte Milton. »Ich hab eigentlich keinen Hunger«, erklärte sie, obwohl es nicht ganz der Wahrheit entsprach. Ihr Magen war leer, aber das flaue Gefühl rührte eher von ihrer Nervosität her. Die Kellnerin verschwand in der Küche. Mallory wusste nur zu gut, warum sie so nervös war: Dieser Mann war höchstwahrscheinlich ihre letzte Chance, und er sollte sie unter keinen Umständen für verrückt halten, so wie es der Sheriff und einige andere taten, denen sie von ihrem Problem erzählt hatte. Also nahm sie all ihren Mut zusammen. »Danke, Mr. Milton, dass Sie mitgekommen sind.« »Du darfst gern John zu mir sagen.« »Ich würde lieber bei Mr. Milton bleiben.« »Kein Problem. Was dir am liebsten ist.« »Bestimmt halten Sie mich für durchgeknallt, weil ich Ihnen gefolgt bin und so, aber das bin ich nicht. Durchgeknallt, meine ich. Was ich Ihnen gleich erzähle, ist wahr, von vorn bis hinten.« Er nickte. Mallory bemerkte, dass er sie aufmerksam ansah. Also nahm er sie offenbar ernst. Das war schon mal ein gutes Zeichen. Sie holte ein weiteres Mal tief Luft. »Ich wohne am Stadtrand. Wir haben dort ein Wohnmobil, ich und mein Bruder Arthur. Ich nenne ihn Arty. Er ist das, was manche ›ein bisschen schlicht‹ nennen. Bei seiner Geburt gab es Komplikationen. Die Nabelschnur hatte sich um seinen Hals gewickelt. Sein Gehirn hat nicht genug Sauerstoff abbekommen, und er hat einen Hirnschaden davongetragen. Nicht schlimm, er ist nicht komplett gaga oder so, aber eben ein bisschen langsam. Er ist zwanzig, benimmt sich aber die meiste Zeit wie ein kleiner Junge. Dabei ist er echt süß und ehrlich und vertrauensselig, und er ist eben mein Bruder, verstehen Sie?« Mallory schluckte. »Ja, genau. Er ist mein Bruder, und ich habe ihn sehr lieb.« Milton sah sie immer noch an. »Und dann?«, fragte er. »Letzte Woche ist er in den Wald gegangen, ein Stück nördlich der Stadt, und er ist nicht wieder zurückgekommen. Ich suche jemanden, der mir hilft, ihn zu finden und nach Hause zu bringen. Deshalb … na ja …« Sie deutete auf Milton. »Deshalb brauche ich Ihre Hilfe.« »Wie lange ist er schon weg?« »Vier Tage.« »Was ist mit deinen Eltern?« »Meine Mutter ist gestorben, als ich noch klein war. Krebs. Mein Daddy ist seit sechs Monaten tot. Es gibt nur noch Arty und mich.« »Und die Polizei?« »Die Bullen machen keinen Finger krumm. Sie sagen, er wäre schließlich ein erwachsener Mann und könnte kommen und gehen, wie es ihm in den Kram passt. Aber er ist nicht erwachsen, zumindest im Kopf nicht. Er schafft es nicht mal, sich richtig um sich selbst zu kümmern. Er ist einfach nicht in der Lage, sich da draußen in den Wäldern durchzuschlagen.« Wütend kämpfte sie gegen die aufsteigenden Tränen an. Sie hatte sich geschworen, vor diesem Fremden nicht zu weinen. »Ich bin für ihn verantwortlich, Mr. Milton. Es ist meine Aufgabe, mich um ihn zu kümmern.« »Schon gut.« Er lächelte. Sie presste die Lippen aufeinander, fest entschlossen, sich keine Schwäche anmerken zu lassen. Die Kellnerin kam mit Miltons Frühstück und dem Kaffee, was Mallory gestattete, sich ein wenig zu sammeln. »Weißt du denn, wo genau er steckt?«, fragte er. »Ich bin mir ziemlich sicher.« »Aber der Sheriff will nicht hinfahren und ihn holen?« »Wenn er im Wald ist, dann mittendrin. Da kann man nicht einfach mit dem Wagen hinfahren. Man müsste ihm schon zu Fuß nachgehen.« »Wie kommst du dann ausgerechnet auf mich?« »Sie sind doch Fußmärsche gewöhnt, oder?« »Sieht ganz so aus.« Sie hob die Schultern. »Genau so jemanden brauche ich.« »Aber es gibt doch auch noch andere, die dafür infrage kämen, oder nicht? Hier wohnen bestimmt Dutzende, die sich im Gegensatz zu mir in den Wäldern der Gegend gut auskennen. Wieso bittest du nicht einen von ihnen um Hilfe?« »Ich habe Ihnen noch nicht alles erzählt. Das Schlimmste kommt noch.« Milton machte sich über seine Eier mit Speck her. Mallory ertappte sich dabei, dass sie die Fäuste ballte, so fest, dass ihre Fingerknöchel ganz rot anliefen. »Vor etwa sechs Monaten, nachdem mein Daddy gestorben war, sind plötzlich vier junge Männer hier aufgetaucht. Ich hatte sie noch nie vorher gesehen und auch keiner von meinen Schulkameraden. Etwa eine Woche später sind sie wieder verschwunden. Dann haben wir Gerüchte gehört. Die Leute haben erzählt, die Männer würden zu der Bande gehören, die derzeit überall Banken ausraubt, in Michigan, in Wisconsin und auch in Kanada. Lesen Sie Zeitung, Mr. Milton?« »In den letzten Wochen nicht, nein.« »Vor drei Monaten haben vier Männer eine Bank in Marquette ausgeraubt und fünfzigtausend Dollar erbeutet, heißt es. Aber diesmal gab es wohl Probleme, und es ist ihnen nicht gelungen, auf ihren Motorrädern zu türmen, so wie sie es sonst immer gemacht haben. Ein bewaffneter Wachmann kam aus der Bank gelaufen und forderte sie auf, stehen zu bleiben, aber sie haben ihn einfach über den Haufen geschossen.« »Und du glaubst, dass es genau diese vier Männer sein könnten, die plötzlich hier im Ort aufgetaucht sind.« »Ich glaube es nicht nur, ich weiß es.« Sie machte eine bedeutungsvolle Pause. »Arty hat einen Job an der Tankstelle. Na ja … er hatte einen … bevor er einfach abgehauen ist. Jetzt kann er ihn wohl vergessen. Jedenfalls gehört ein kleiner Laden dazu, wo es Autoersatzteile, Getränke, Süßigkeiten und solches Zeug gibt. Eines Tages ist er heimgekommen und hat mir erzählt, diese vier Burschen seien vorbeigekommen, um vollzutanken. Sie hätten ihn angequatscht und mit ihm geredet, als wäre er ihr engster Kumpel. Das Problem mit Arty ist, dass sich die Leute normalerweise bloß über ihn lustig machen. Wenn aber ausnahmsweise mal einer halbwegs nett zu ihm ist, denkt er gleich, derjenige wäre jetzt sein bester Freund. Er ist unglaublich vertrauensselig, Mr. Milton. Er sieht nie das Böse in einem Menschen, nicht mal wenn es allen anderen geradezu ins Gesicht springt.« »Was hat das mit den Bankräubern zu tun?« »Als Arty am nächsten Tag nach Hause kam, war er total betrunken. Sonst trinkt er keinen Tropfen, weil er das Gefühl nicht leiden kann, aber wenn man mit einem Mann wie meinem Daddy zusammengelebt hat, erkennt man die Anzeichen auf den ersten Blick. Er hat genuschelt und konnte kaum noch aufrecht stehen, also habe ich ihn ins Bett verfrachtet und gesagt, dass wir am nächsten Morgen darüber reden würden. Bevor er eingeschlafen ist, meinte er, er hätte ein Geheimnis, würde es mir aber bloß anvertrauen, wenn ich schwören würde, es keinem zu verraten. Einer der Typen hätte ihm seinen Namen genannt. Tom Chandler. Er hat Arty erzählt, er und seine Freunde seien Bankräuber und würden sich im Wald verstecken, in einer von den leeren Kupferminen oben am See, wohin sich heute keiner mehr verirrt.« »Dein Bruder war betrunken. Die Leute erzählen alles Mögliche, wenn sie einen über den Durst getrunken haben.« Mallory spürte, wie ihre Wut wuchs. »Das weiß ich auch. Mein Daddy war ein Säufer. Betrunkene und kleine Kinder sagen immer die Wahrheit, das weiß doch jeder Idiot.« Sie starrte in ihren Kaffeebecher, bis sie sich wieder unter Kontrolle hatte, dann sah sie Milton stirnrunzelnd an. »Am nächsten Morgen habe ich mich mit ihm hingesetzt und noch mal nachgefragt. Anfangs hat er alles abgestritten, aber ich habe gesagt, dass er erst rausdarf, wenn er mir alles erzählt hat. Also hat er ausgepackt. Alles. Sie hätten einen Anhänger für den Truck, mit dem sie zum Tanken gekommen seien, um darauf die Motorräder zu transportieren.« »Wir reden hier von vier Jungs, die mit ihren Motorrädern durch den Wald brettern. So was kommt hier doch bestimmt häufiger vor.« Mallory spürte, wie der Frust in ihr hochkam. Dieser Milton glaubte ihr also genauso wenig wie alle anderen. Sie zog eine zerknitterte Seite aus der Truth News aus ihrer Tasche, strich sie glatt und schob sie Milton hin. Es war ein Fahndungsfoto von Thomas R. Chandler Jr., sechs Monate zuvor von der State Police von Wisconsin aufgenommen – nach einer Verhaftung wegen Körperverletzung. »Das hier stand in der Zeitung«, sagte sie. »Ich habe meinem Bruder das Foto gezeigt und ihn gefragt, ob er den Typ wiedererkennen würde. Er meinte, das sei der Mann, der sich ihm als Tom vorgestellt hätte.« »Das hat nicht allzu viel zu bedeuten, Mallory. Vielleicht hat er es auch nur gesagt, weil er wollte, dass du ihm seine Geschichte abkaufst.« »Arty kann nicht lesen, Mr. Milton. Woher sollte er wissen, dass es sich bei diesem Tom um einen gesuchten Verbrecher handelt?« Nachdenklich betrachtete Milton das Foto. Mallory ertappte sich dabei, dass sie den Atem anhielt. »Na gut, nehmen wir mal an, er hätte sie tatsächlich gesehen. Inwiefern ist das wichtig?« »Weil wir einen Riesenstreit deswegen hatten. Ich habe ihm gesagt, falls sie noch mal auftauchen sollten, dürfte er nicht mit ihnen reden, sondern solle sofort den Sheriff anrufen. Er meinte, ich sei total blöd. Was sie täten, sei doch richtig … Geld von denen zu nehmen, denen es nicht wehtut, wenn sie es nicht mehr haben, um es Leuten zu geben, die es dringender brauchen. Er liebt Märchen und Sagen. Und diese vier Typen haben ihm den Floh ins Ohr gesetzt, dass sie so was wie moderne Robin Hoods sind, verdammte Scheiße noch mal!« Das Schimpfwort war so spontan über ihre Lippen gekommen, dass sie selbst darüber erschrak. »Und du denkst jetzt, dass er sich aufgemacht hat, um sie zu suchen?« »Ich habe gesagt, dass er ab sofort im Wohnmobil bleiben muss«, antwortete sie beschämt. »Natürlich haben wir uns auch deswegen in die Wolle bekommen, aber dann ist er ins Bett gegangen, und ich dachte, das Schlimmste sei überstanden. Dann habe ich gehört, wie er auf dem Handy mit jemandem geredet hat, aber er wollte mir nicht sagen, mit wem. Etwa eine Stunde später habe ich vor dem Wohnmobil ein Motorrad gehört. Als ich aus dem Fenster gesehen habe, saß Arty auf einem Motorrad hintendrauf und fuhr weg. Das ist jetzt vier Tage her. Seitdem habe ich kein Wort mehr von ihm gehört.« Milton legte sein Besteck ordentlich neben dem Teller ab. »Haben Sie zufällig diese Leute gesehen, mit denen ich gestern Abend in der Bar geredet habe?«, fragte Mallory. »Ja.« »Sie sind vom FBI und schon eine ganze Woche hier, weil sie gehört haben, dass sich die vier Jungs hier herumtreiben sollen. Ich habe ihnen erzählt, was passiert ist, aber auch sie haben mir nicht geglaubt. Und helfen wollen sie mir auch nicht. Das war’s. Deshalb brauche ich jemanden wie Sie.« »Du hast mir immer noch nicht gesagt, wie du darauf kommst, dass ausgerechnet ich dir helfen kann.« »Ich würde ja selber losziehen, Mr. Milton. Ich kenne mich da oben in den Wäldern ein bisschen aus, weil mein Daddy mich ab und zu mal mitgenommen hat, aber die Sache ist nicht ganz ohne. Da oben gehen pausenlos Leute verloren, und ich kann leider keine Karten lesen. Wenn man auch nur einen Meter vom Weg abkommt, ist man hoffnungslos verloren.« »Ich weiß nicht …« »Diese Burschen sind Mörder, Mr. Milton. Sie wissen, dass ihnen das FBI auf den Fersen ist. Nehmen wir mal an, ich würde sie finden. Was sollte ich dann tun? Ich bin doch ganz allein. Wie sollte ich gegen sie ankommen? Aber ich habe gesehen, was Sie gestern Abend mit den zwei Typen angestellt haben. Sie wissen, wie man sich verteidigt. Sie würden mit denen fertigwerden, ganz klar.« »Nein«, sagte er. »Bitte.« Er schüttelte den Kopf. »Ich kann dir nicht helfen, Mallory. Du musst die Polizei oder das FBI dazu bringen, dass sie dir zuhören. Wenn diese vier Männer wirklich dort oben in den Wäldern sind, dann werden sie nicht gerade begeistert sein, wenn irgendwer auftaucht und die Nase in ihre Angelegenheiten steckt. Aber die FBI-Agenten können ein bewaffnetes Einsatzteam hinschicken, um sie festzunehmen. Und sollte Arthur bei ihnen sein, bringen sie ihn heil nach Hause.« »Sie haben mir nicht zugehört. Sheriff Grogan denkt, ich will bloß Ärger machen. Er will kein Wort mehr von mir hören, sagt er.« »Ich könnte ja mal mit ihm reden.« »Er hat Sie doch gestern Abend verhaftet. Weshalb sollte er Ihnen eher glauben als mir?« »Dann eben mit dem FBI.« »Die beiden Agents vom FBI fahren heute nach Hause zurück. Das haben sie mir gestern Abend gesagt. Nein, Sie sind meine letzte Chance … oder eben jemand, der so ist wie Sie.« Wieder schüttelte er den Kopf. »Dabei kann ich dir wirklich nicht helfen, tut mir leid.« Sie zog einen zerknitterten 10-Dollar-Schein aus ihrer Jeanstasche und ließ ihn auf den Tisch fallen. »Ich habe doch gesagt …«, begann er. Sie erhob sich so abrupt, dass er sie verblüfft ansah. »Dann los«, sagte sie tonlos. »Wohin?« »Ich hab doch versprochen, dass ich Sie ins Hotel zurückfahre. Gehen wir.« Kapitel 10 Milton ging in sein Zimmer, holte seinen Rasierer aus dem Bad, nahm Shampoo und Seife aus der Dusche und verstaute alles in seinem Kulturbeutel. Eine seltsame Unruhe ergriff Besitz von ihm. In solchen Momenten sehnte er sich nach Routine, nach ein paar vertrauten Handgriffen, die ihm Trost spendeten. Er nahm sein Gewehr, legte es aufs Bett und kramte sein Reinigungsset aus dem Rucksack. Die Waffe war gestern nass geworden, und davon abgesehen hatte er sie seit ein paar Tagen nicht mehr gesäubert. Was die Pflege seiner Waffen anging, war Milton äußerst penibel. Eine Ladehemmung im falschen Augenblick konnte fatale Konsequenzen haben. Milton hatte sich stets als Handwerker gesehen, und jeder gute Handwerker behandelte sein Werkzeug mit Respekt. Er befestigte einen Wattebausch am Ende seines Putzstocks, schob ihn in die Kammer und bewegte ihn methodisch hin und her, um Rückstände und Lösungsmittel zu entfernen, die sich zwischen Verschlusskopf und Kammerende angesammelt hatten. Er überzeugte sich davon, dass die Kammer vollständig trocken war, und nahm sich dann das Patronenlager vor. Der Arbeitsprozess war ihm im Lauf der Jahre in Fleisch und Blut übergegangen und hatte eine geradezu meditative Wirkung. Während er das Schloss und den Zylinderverschluss reinigte, dachte er darüber nach, was ihm seit seiner Flucht aus England widerfahren war, an all die Menschen, deren Wege sich mit den seinen gekreuzt hatten. Er dachte an Caterina und Beau in Mexiko, an Eva in San Francisco, an Michael Pope und Beatrice Rose in Russland. Er dachte an all die Stunden, die er bei den Anonymen Alkoholikern verbracht und anderen Säufern bei ihren Beichten zugehört hatte. Dabei hatte er sich erhofft, in ihren Leidensgeschichten so etwas wie Linderung zu finden, etwas, das die Stimmen in seinem Kopf, die nicht enden wollende schmerzhafte Kakofonie seines Gewissens zum Schweigen brachte. Er dachte an die Meetings der Anonymen Alkoholiker und die Menschen, die sich ihm als Mentor angeboten hatten. Er hatte sich stets verweigert, denn ihm war klar, dass sie ihn irgendwann drängen würden, den Fünften Schritt zu vollziehen. Wir geben Gott, uns selbst und anderen Menschen gegenüber unverhüllt unsere Fehler zu. Und dazu wäre er niemals in der Lage gewesen. Während er den anderen lauschte, die schilderten, wie sie ihre Partner betrogen, ihre Kinder vernachlässigt und überall im Haus Schnaps versteckt hatten, wurde ihm nur jedes Mal erneut bewusst, dass er ganz andere Dinge getan hatte. Er hatte ein paar Mal über seine Vergangenheit gesprochen, aber nur sehr, sehr vage. Die schaurigen Details, die ohnehin strenger Geheimhaltung unterlagen, hielt er tief in seinem Innern unter Verschluss. Und daran würde sich auch künftig nichts ändern. Mein Name ist John Milton, und ich bin Alkoholiker. Außerdem bin ich ein ausgebildeter Killer. Im Dienst für mein Vaterland habe ich hundertsechsunddreißig Männer und Frauen getötet. Und so vermochten ihm die Treffen nur begrenzt Trost zu spenden. Die Gemeinschaft hatte ihm gutgetan, doch manchmal hatten ihn Scham und Schuld übermannt. So war es in Ohio gewesen, als all die Schutzmechanismen versagt hatten. Wenn er betrunken war, quälten ihn keine Schuldgefühle mehr. Nach ein paar Drinks hörte er die vorwurfsvollen Stimmen in seinem Kopf nicht mehr. Sie verstummten, sobald er eine Flasche in der Hand hielt. Und in Ohio wäre er um ein Haar schwach geworden. Er war in eine Bar gegangen, hatte sich einen Whiskey bestellt und das Glas eine halbe Ewigkeit angestarrt – so lange, bis sich die Eiswürfel erst in Eissplitter und die Eissplitter in Wasser aufgelöst hatten. Was kann schon passieren?, hatte er sich gefragt. Gegen einen kleinen Drink war doch nichts einzuwenden. Aber es würde eben nicht bei einem bleiben. So wie all die anderen Male auch. Er hatte das Geld auf den Tresen gelegt und die Bar verlassen. Dann war er mit dem Bus zu einem Outdoor-Laden in den Bergen gefahren, hatte die notwendige Ausrüstung gekauft und war noch am selben Tag losgezogen. Er musste an Mallory denken. Allmählich begann er sich Sorgen zu machen, ob sie das Schicksal zusammengeführt hatte. Die Säufer bei den Anonymen Alkoholikern wurden dazu angehalten, an eine höhere Macht zu glauben, doch Milton war zu oft mit dem Tod in Berührung gekommen, um unvoreingenommen an Gott, Buddha, Mohammed oder sonst wen glauben zu können. Bei den Anonymen Alkoholikern erfuhr man Gott in der Gemeinschaft, doch das erforderte absolute Ehrlichkeit, und die hatte Milton nicht zu bieten. Er hatte versucht, sich spirituell zu orientieren, um seine innere Leere mit Sinn und Bedeutung zu füllen, und tatsächlich war es ihm zuweilen so vorgekommen, als hätte ihn die Vorsehung zu einem bestimmten Zeitpunkt an einen bestimmten Ort geführt, damit er endlich Frieden finden konnte. Und auch wenn er immer wieder den harten Boden der Tatsachen unter sich gespürt hatte, glaubte ein Teil von ihm weiter daran, dass es vielleicht doch so etwas wie Vorsehung gab. Vielleicht war hier ja doch eine höhere Macht im Spiel. Vielleicht hatte er seine Entscheidung zu vorschnell getroffen. Möglich, dass Mallorys Bruder bloß zum Zelten in den Wäldern war. Es kam durchaus vor, dass Jugendliche ausrissen. Wahrscheinlich war die ganze Sache völlig harmlos. Und seinen Zeitplan würde ein kleiner Abstecher Richtung Norden auch nicht durcheinanderbringen. Ihm blieb immer noch genug Zeit, nach Minneapolis zu kommen, und wenn er Morrissey verpasste … na und? Es war garantiert nicht sein letzter Auftritt. Außerdem war er flexibel und konnte frei entscheiden, wohin der Wind ihn treiben sollte. Er rieb ein letztes Mal über den Schlagbolzen, ersetzte die alte Feder durch eine neue und setzte das Gewehr wieder zusammen. Dann schwang er sie über die Schulter, griff nach seinem Rucksack und ging hinunter an die Rezeption. Der Regen lag noch in der Luft. In den Pfützen, die sich im rissigen Asphalt des Parkplatzes gesammelt hatten, glitzerten Sonnenstrahlen. Der Pontiac Catalina stand immer noch an derselben Stelle. Durch die Windschutzscheibe sah er die Streifen von Mallorys Wollmütze. Ja, dachte Milton. Vorsehung. Und bei so viel Hartnäckigkeit … Er würde ihr helfen. TEIL ZWEI Kapitel 11 Ellie ging zur Rezeption. »Ja?«, fragte das Mädchen und löste ihren Blick vom Fernseher, auf dem gerade eine Show lief. »Ich brauche das Zimmer noch länger.« »Wie viele Nächte?« Sie überlegte. Wie lange würde sie wohl brauchen? Zwei Tage? Das sollte reichen. Wie lange konnte es schon dauern, nach Norden zu wandern, wo sich die Bankräuber laut Aussage des Mädchens versteckt hielten, und sich dort ein bisschen umzusehen? Vielleicht sollte sie lieber um drei Nächte verlängern, nur für alle Fälle. Drei sollten genügen. »Drei«, sagte sie. Das Mädchen tippte auf der Tastatur. »Schon erledigt«, sagte sie und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf den Fernseher. Ellie hörte das Quietschen eines Rollkoffers, doch bevor sie sich verdünnisieren konnte, bog Orville mit seinem kleinen Samsonite um die Ecke. »Ellie«, sagte er sichtlich verlegen. »Orville.« »Ich wollte gerade auschecken.« »Klar.« »Bist du sicher, dass du bleiben willst? Das ist die letzte Chance. Ich könnte auf dich warten. Du könntest …« »Ich bleibe.« »Es gibt da einen Einsatz«, fuhr er fort und tippte mit dem Finger auf sein Handy. »Dillard hat mich gerade angerufen. In drei Tagen wird der Vizepräsident in Minneapolis erwartet. Offenbar ist er die ganze Woche auf Wahlkampftour in Minnesota. Es gab im Vorfeld eine Drohung, schätzungsweise war es bloß irgendein Irrer, der sich wichtigmachen wollte, aber Dillard will ein paar Mann als Verstärkung rüberschicken. Lust auf einen kleinen Ausflug?« »Nein, Orville, wir sehen uns dann in Detroit.« Er nickte kurz und trat mit seinem Rollkoffer an die Rezeption. Ellie spürte einen leichten Anflug von Ekel, als ihr schlagartig bewusst wurde, wie absurd es gewesen war, sich auf eine Affäre mit diesem Mann einzulassen. Ryan hatte völlig recht gehabt – was hatte sie sich nur dabei gedacht? Es war das Albernste – nein, das Schwachsinnigste, was sie je in ihrem Leben getan hatte. Ellie verließ die Lobby. Sie musste sich einen Mietwagen organisieren und das Equipment besorgen, das sie für ihren Ausflug in die Wälder brauchen würde. Mallory sah Milton auf den Wagen zukommen und kurbelte das Fenster herunter. »Ich kann auch den ganzen Tag hier stehen bleiben«, sagte sie, und er sah ihr an, dass sie es ernst meinte. Er hatte ihre Beharrlichkeit richtig eingeschätzt, aber nicht damit gerechnet, dass sie derart hartnäckig sein könnte. Sie würde ihm auf die Pelle rücken, bis er entweder nachgab oder die Flucht ergriff … wobei sie sich ihm vermutlich an die Fersen heften würde. »Glaubst du, das bringt was?« »Ich kann ziemlich überzeugend sein.« »Schon gut. Du brauchst nicht länger zu warten.« »Sie machen es also?« Er nickte. »Wider besseres Wissen.« Ein kindliches Lächeln breitete sich auf ihren Zügen aus, was Milton ein weiteres Mal vor Augen führte, wie jung das Mädchen in Wahrheit noch war. »Danke.« Sie strahlte ihn an. »Wann?« »Heute Nachmittag.« »Super. Das kriege ich hin.« Milton runzelte die Stirn. »Was meinst du damit?« »Wie … was ich damit meine? Ich komme natürlich mit.« »Definitiv nicht.« »Doch.« Milton blickte sie durchdringend an. »Du musst hierbleiben, Mallory.« »Nein, ich muss mitkommen.« »Auf gar keinen Fall. Durch dich verliere ich nur Zeit, und je langsamer ich vorankomme, desto länger brauche ich, um deinen Bruder nach Hause zu bringen.« »Tut mir leid, aber das steht nicht zur Debatte.« »Was für ein Glück! Ich debattiere nämlich nicht darüber.« »Dann gehe ich Ihnen einfach hinterher. Was wollen Sie dagegen tun?« »Dich an einen Baum binden.« »Ich meine es ernst.« »Ich auch. Ich kann mich nicht mit vier bewaffneten Männern auseinandersetzen, wenn ich nebenbei noch auf ein Kind aufpassen muss.« »Ich bin kein Kind«, widersprach sie trotzig. »Doch, das bist du, und deshalb bleibst du hier.« Sie schmollte, machte jedoch keine Anstalten nachzugeben. »Ist dir klar, dass es dort, wo ich hingehe, kein Hotel gibt? Kein warmes Bett und leckere Eier mit Speck zum Frühstück? Ich gehe sehr schnell, esse nur wenig und schlafe auf dem Boden und immer nur wenige Stunden. Und«, fuhr Milton fort und blickte zum Himmel, »wie es aussieht, wird es nicht allzu lange trocken bleiben.« »Ich habe auch schon früher auf der Erde geschlafen, Mr. Milton. Ich habe Ihnen doch erzählt, dass mein Vater mit Arty und mir wandern gegangen ist, als wir noch klein waren.« »Das ist nicht dasselbe.« »Ich habe auch schon mal einen Weißwedelhirsch geschossen.« »Aber was ich vorhabe, ist kein Jagdausflug, Mallory.« »Sie sind meinem Bruder nie begegnet und wissen doch gar nicht, wie er aussieht.« »Dann beschreib ihn mir eben.« »Und er kennt Sie nicht. Ich habe ja schon gesagt, dass er eher einfach gestrickt ist. Er kriegt leicht Angst, vor allem, wenn er jemanden nicht kennt. Und wenn Sie Pech haben, haut er einfach ab. Aber wenn ich dabei bin, passiert das nicht. Wenn ich ihm sage, dass er mit uns kommen soll, dann tut er das auch.« Milton blickte in ihr entschlossenes Gesicht und seufzte. Wahrscheinlich war es das Klügste nachzugeben. Außerdem hatte sie nicht ganz unrecht – sollte der Junge es mit der Angst kriegen, war es vermutlich besser, sie dabeizuhaben. Er musste eben dafür sorgen, dass sie aus der Schusslinie blieb, falls es heikel wurde. Außerdem wäre er durch sie gezwungen, sich am Riemen zu reißen. Er hatte schon so oft Mist gebaut und damit anderen Schaden zugefügt. Und er hatte sich geschworen, es nicht mehr so weit kommen zu lassen. »Na gut«, sagte er, »du kannst mitkommen. Aber es gibt ein paar Regeln, über die ich nicht diskutiere. Erstens: Du wirst tun, was ich dir sage, und zwar ohne Widerworte. Zweitens: Du bleibst in meiner Nähe. Drittens: Wenn wir sie gefunden haben, überlässt du es mir, deinen Bruder zu holen. Habe ich mich klar ausgedrückt?« »Glasklar.« »Wie sieht es mit deiner Ausstattung aus?« »Im Kofferraum habe ich einen Schlafsack.« »Und was noch? Isomatte? Kompass? Wasserfilter? Taschenlampe? Erste-Hilfe-Set?« Sie runzelte. »Nichts dergleichen. Nur den Schlafsack.« Milton seufzte ein weiteres Mal. »Gibt es im Ort einen Campingladen?« »Ja. Morrisons.« Sie startete den Wagen. »Sollen wir gleich hinfahren?« »Wieso nicht?« Er setzte sich neben sie und schloss resigniert die Augen. Der Laden war gut sortiert. Sie bekamen alles, was sie brauchen würden. Miltons eigene Ausrüstung war vollständig, trotzdem nutzte er die Gelegenheit, ein paar alte Sachen zu ersetzen und seine Vorräte aufzufüllen. Er suchte einen Rucksack für Mallory aus, den sie noch vor Ort anprobieren musste, damit er sich vergewissern konnte, dass er auch passte. Außerdem packte er alles ein, wovon er glaubte, dass sie es benötigen würden: einen Wasserfilter und Desinfektionstabletten, eine Landkarte und einen Kompass, zwei Schachteln Streichhölzer, ein kleines Erste-Hilfe-Set, Sonnencreme und Insektenschutz. Festes Schuhwerk hatte sie bereits, außerdem eine Fleecejacke, die warm genug zu sein schien. Er suchte Funktionsunterwäsche für sie heraus, eine Regenjacke mit dazugehöriger Hose und ein Paar Goretex-Handschuhe. Er hatte nur ein Einmannzelt dabei, aber da sie klein und schmal war, würde es für sie beide reichen. Ihr Schlafsack war alt und primitiv, deshalb kaufte er einen neuen mit integrierter Isomatte, damit sie es möglichst bequem hatte. Schließlich schob er den Einkaufswagen an die Kasse. Nachdem er dreihundert Dollar für die Einkäufe gezahlt hatte, befanden sich noch tausend Dollar in seinem Geldbündel. Wenn er sich zusammenriss, würde das Geld reichen, um bis ans andere Ende des Kontinents zu gelangen. »Ich bezahle das«, erklärte Mallory. Er bezweifelte, dass sie so viel Geld hatte, und falls doch, hatte sie es bestimmt nötiger als er. »Keine Sorge, wir rechnen einfach ab, wenn wir deinen Bruder gefunden haben.« Während Milton die Sachen in Mallorys Rucksack packte, wandte das Mädchen sich ab und trat auf eine Frau zu, die gerade hereingekommen war und mit konzentrierter Miene den Blick über die Regale schweifen ließ. Ein Lächeln, in dem er einen Anflug von Verlegenheit zu erkennen glaubte, breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als Mallory sie ansprach. Er schwang sich den Rucksack auf die Schulter und schlenderte zu ihnen hinüber. »Fertig?«, fragte er. »Wir sollten allmählich los.« »Mr. Milton, das ist Special Agent Flowers«, stellte Mallory die junge Frau vor, die ihm die Hand entgegenstreckte. »Ellie Flowers.« Sie kam ihm irgendwie bekannt vor. »Ich habe Sie hier schon mal gesehen, oder?« »Ja, gestern Abend in der Bar.« Jetzt fiel es ihm wieder ein: Sie hatte mit Mallory gesprochen. »Richtig, ich erinnere mich«, sagte er. »Und wie heißen Sie?« »John Milton.« »Freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Milton. Mallory hat mir gerade erzählt, dass Sie mit ihr in die Wälder gehen werden.« »Genau. Sie hat gemeint, das FBI sei nicht bereit gewesen.« »Mein Partner wollte tatsächlich nicht. Wir sind nur zu zweit, und er war nicht überzeugt davon, dass die Burschen sich dort oben herumtreiben.« »Sie aber schon?« »Ich weiß es nicht.« »Und wo ist Ihr Partner jetzt?« »Schätzungsweise auf halbem Weg nach Detroit.« »Und Sie bleiben noch hier?« »Nein. Ich werde ebenfalls in die Wälder gehen.« Milton unterdrückte einen tiefen Seufzer. »Sie wissen, was Sie da tun?« »Eine blutige Anfängerin bin ich nicht. Ich war früher einige Male zelten.« »Und haben Sie die entsprechende Ausrüstung?« Sein Blick fiel auf ihre schlichten flachen Lederschuhe. Sie folgte seinem Blick. »Ich bin FBI-Agentin und weiß, was ich tue«, erklärte sie. Er ließ es dabei bewenden. »Was haben Sie eigentlich mit der ganzen Sache zu tun?«, wollte die Agentin wissen. »Mallory hat mich gebeten, nach ihrem Bruder zu suchen. Und ich habe mich bereit erklärt, ihr zu helfen.« »Ich weiß nicht recht. Der Fall ist Bundesangelegenheit. Ich brauche Ihre Hilfe nicht und bin mir auch nicht sicher, ob es angemessen ist … vor allem nach dem, was Sie sich gestern Abend in der Bar geleistet haben.« »Nach dem, was ich mir geleistet habe?«, wiederholte er barsch. »Sie haben doch gesehen, was passiert ist, genau wie alle anderen auch. Die Typen sind auf mich losgegangen.« Sie zuckte die Achseln. »Sie sind unbeherrscht. Wenn Mallory recht hat und die Burschen sich tatsächlich dort oben aufhalten, machen Sie vielleicht alles nur noch schlimmer.« Milton lag eine scharfe Erwiderung auf der Zunge, doch stattdessen zwang er sich, tief durchzuatmen. »Na gut, alles klar. Dann wünsche ich viel Glück.« Mallory fuhr zu ihm herum. »Was soll das heißen?« »Wie Miss Flowers ja bereits sagte … Sie ist Bundesagentin, deshalb brauchst du meine Hilfe nicht. Man sieht sich. Ich habe deine Sachen in den Rucksack gepackt. Du hast alles, was du brauchst.« Mallory machte ein langes Gesicht. »Nein. Ich will, dass Sie mitkommen.« »Aber ich nicht.« Er wandte sich zum Gehen, doch Mallory packte ihn beim Handgelenk. »Bitte«, sagte sie und wandte sich wieder an die FBI-Agentin, ohne Milton loszulassen. »Ich schlage vor, wir entspannen uns jetzt alle mal und fangen noch mal ganz von vorn an, okay? Mr. Milton hat sehr viel Outdoor-Erfahrung, und Sie haben gestern Abend selbst zugegeben, dass das nicht gerade Ihr Spezialgebiet sei, Agentin Flowers. Wäre es nicht besser, wenn er mit uns käme?« »Wie gesagt, das hier ist ein Fall für die …« »Ja, ich weiß«, unterbrach Mallory, »die Suche nach den vier Männern ist ein Fall für die Bundesbehörden. Aber Mr. Milton will mir helfen, meinen Bruder zu finden. Das ist eine Familienangelegenheit und damit etwas völlig anderes.« Agent Flowers wollte etwas erwidern, verkniff es sich jedoch. »Und sollten sich diese vier Bankräuber tatsächlich da oben herumtreiben, ist es ja vielleicht besser, jemanden vom FBI dabeizuhaben, oder was meinen Sie, Mr. Milton?« Milton holte abermals tief Luft. Ihm war klar, dass das Ganze eine Schwachsinnsidee war und dass er in Wahrheit nur den edlen Ritter spielen wollte, doch er lenkte ein. Als Alkoholiker stand es einem nicht zu, sein Ego heraushängen zu lassen, stattdessen galt es, kleine Brötchen zu backen. Und besser für die Gesundheit war es allemal. »Ich erteile aber die Befehle«, sagte er. »Und der Wanderführer bin ich auch nicht.« »Ich brauch keinen, der mich durch den Wald führt, Milton.« Kleine Brötchen backen. Nicht gerade eine leichte Aufgabe. Er schwang sich Mallorys Rucksack erneut über die Schulter. »Besorgen Sie sich, was Sie brauchen, wir treffen uns draußen. Uns bleiben gerade noch acht Stunden Tageslicht. Ich will so weit nach Norden kommen, wie es nur geht, bevor wir unser Lager aufschlagen.« Kapitel 12 Special Agent Flowers hatte einen Cadillac Espace gemietet, und Milton gelangte zu dem Schluss, dass es klüger war, die kurze Strecke mit diesem Wagen zurückzulegen statt mit Mallorys Klapperkiste. Er klappte die hintere Rückbank um, verstaute sein Gepäck und sein Gewehr und legte Mallorys Rucksack daneben. Beim Verlassen des Ladens blieb Agent Flowers mit einem Riemen ihres Rucksacks an der Klinke hängen. Als Milton sie daran zerren sah, trat er neben sie, um ihr zu helfen. »Ich hab’s schon«, wehrte sie gereizt ab. Endlich bekam sie den Riemen frei, und Milton sah zu, wie sie den schweren Rucksack zur Heckklappe schleppte, sorgsam darauf bedacht, nicht in die Pfützen zu treten. Sie war mittelgroß und zartgliedrig, mit schulterlangem braunem Haar, haselnussbraunen Augen und fein geschnittenen Gesichtszügen. Ihren vollen Mund presste sie gerade zu einer schmalen Linie zusammen. Sie hatte sich in der Umkleidekabine des Ladens bereits umgezogen – die wasserabweisende Jacke, die Leggings und Wanderschuhe waren weitaus geeigneter für einen Marsch durch die Wälder als ihr Kostüm, allerdings ging Milton jede Wette ein, dass sie von den neuen Schuhen Blasen an den Füßen kriegen würde. Um zu verhindern, dass sie ihretwegen wertvolle Zeit verloren, war Milton noch einmal in den Laden zurückgegangen und hatte eine antibakterielle Salbe, Zinkpflaster und eine sterile Nadel zum Aufstechen gekauft. »So hatte ich mir das nicht vorgestellt«, sagte er leise zu Mallory, damit Agent Flowers es nicht hören konnte. »Ich denke trotzdem, es ist am sinnvollsten, wenn wir gemeinsam losziehen«, meinte Mallory. »Wir werden sehen, wie es läuft«, bemerkte Milton. Die Heckklappe wurde zugeschlagen. Sekunden später erschien Flowers und setzte sich hinters Steuer. »Fertig?« Milton hielt Mallory die Tür auf und stieg hinter ihr ein. Milton zog die Karte hervor und breitete sie auf seinen Knien aus. Mallory beugte sich darüber, und Ellie drehte sich zu ihnen um. »Also, wo verstecken sich die Burschen wohl?«, fragte Milton. »Was hat Ihr Bruder genau gesagt?« Konzentriert studierte Mallory die Karte und deutete auf eine Stelle am südlichen Zipfel des Lake of the Clouds, einen kleinen See, nur wenige Meilen vom Südufer des Lake Superior entfernt. »Wo genau?«, wollte Milton wissen. »Ich sehe gar nichts.« »Es ist nicht auf der Karte eingezeichnet.« »Was ist nicht eingezeichnet?«, hakte Ellie nach. »Dort gibt es eine alte Kupfermine, die schon vor Jahren stillgelegt wurde. Da sind sie.« »Aber wo sie ist, weißt du nicht genau?« »So ist es. Irgendwo am See.« »Kein Problem«, meinte Milton. »Wenn sie tatsächlich irgendwo dort oben sind, finde ich sie.« »Sicher?«, fragte Mallory. Milton gab keine Antwort, sondern studierte weiter die Karte. »Das ist zwanzig Meilen von hier entfernt. Wir folgen der Straße stadtauswärts, überqueren die Gleise und suchen uns dann eine Stelle, von wo aus wir losgehen können.« Ellie ließ den Motor an. Milton lehnte sich in dem bequemen Ledersitz zurück und kämpfte gegen das ungute Gefühl an, dass sich dieses ganze Unternehmen schon sehr bald als gewaltiger Fehler entpuppen könnte. Kaum hatten sie die Stadt hinter sich gelassen, setzte der Regen ein. Um die Mittagszeit hatte noch hier und da die Sonne hervorgeblitzt, doch nun türmten sich dicke schwarzgraue Wolken vor ihnen auf. Als sie die schmale, von hoch aufragenden Tannenbäumen gesäumte Straße entlangfuhren, zuckte ein gleißend heller Blitz, und Sekunden später begann es wie aus Eimern zu schütten. Innerhalb kürzester Zeit war es stockdunkel. Die Straßenbeleuchtung ging an, und es regnete so heftig, dass Ellie den Fuß vom Gas nehmen musste. Kurz überlegte er, ob sie nicht lieber nach Truth zurückfahren, eine weitere Nacht im Hotel verbringen und am Morgen in aller Frühe aufbrechen sollten. Gerade als er den Vorschlag machen wollte, fiel sein Blick auf Mallory, die so konzentriert und entschlossen wirkte, dass er sich eines Besseren besann. Sie würde sich mit Händen und Füßen gegen alles sträuben, das irgendwie nach Verzögerungstaktik roch. Also hielt er den Mund. Sie würden alle drei ein bisschen nass werden, aber zumindest wären sie unterwegs. Ellie fuhr etwa eine Meile in nördliche Richtung, vorbei an schmalen Anliegerstraßen und Nothaltebuchten links und rechts der Straße. Lediglich zwei Fahrzeuge begegneten ihnen auf der kurzen Fahrt: ein mit Holzstämmen beladener Laster, der so breit war, dass Ellie mit zwei Rädern auf den Seitenstreifen fahren musste, um ihn vorbeizulassen, und ein weiterer Geländewagen, dessen Scheinwerfer wie gelbe Untertassen durch die Regenwand leuchteten. Die von Osten nach Westen verlaufende Bahnlinie bildete die nördliche Stadtgrenze. Sie fuhren über die Gleise und bogen in eine enge Straße ein, die am südlichen Rand eines Maisfelds entlangführte. Mannshohe Pflanzen schwankten in der auffrischenden Brise. Ellie musste auf Allrad umstellen, als die Reifen keinen Halt auf dem matschigen Boden mehr fanden, und machte das Fernlicht an. Nach einer Weile blieb sie stehen und schaltete den Motor aus. Die warme, behagliche Innenbeleuchtung bildete einen scharfen Kontrast zu dem sintflutartigen Regen, der auf das Dach trommelte und sich über die Windschutzscheibe ergoss. Milton nahm erneut die Landkarte in Augenschein. Das Feld war rund eine Meile lang und ebenso breit. Um zum Wald zu gelangen, würden sie quer über das Feld marschieren müssen. Er hatte keine Ahnung, wie schnell die beiden Frauen mit ihren Rucksäcken gehen konnten, aber wenn sie einigermaßen vorwärtskamen, würden sie es noch ein gutes Stück in den Wald hinein schaffen, ehe sie ihr Lager aufschlagen mussten. Drei oder vier Meilen sollten eigentlich machbar sein. »Hier passt es gut«, sagte Milton. »Sie beide können im Wagen bleiben, während ich die Sachen hole und alles vorbereite.« Milton holte den Regenanzug aus seinem Rucksack hinter dem Sitz und zog ihn an. Dann öffnete er die Tür und stieg aus. Abgesehen von Monsun in Asien hatte er noch nie so heftige Regenfälle erlebt, und er war heilfroh, wasserdichte Kleidung zu haben. Seine Stiefel versanken fast bis zum Schaft im Matsch, als er um den Wagen herum zur hinteren Tür trat und die Rucksäcke und sein Gewehr herausnahm. Er drückte die Schutzkappe fest auf das Visier und umwickelte die Mündung mit Isolierband, damit kein Wasser eindringen konnte. Schließlich rief er Ellie und Mallory zu, dass sie jetzt aussteigen konnten. »Ich muss nur noch kurz in der Zentrale anrufen«, rief Ellie. »Zwei Minuten.« Mallory kämpfte sich durch den Schlamm. Milton drehte den Rucksack so, dass sie durch die Schultergurte schlüpfen konnte, doch sie griff stattdessen in die Innentasche ihrer Jacke. Verblüfft sah er zu, wie sie eine .45er herauszog und im oberen Fach ihres Rucksacks verstaute. »Was ist denn das?« »Wonach sieht es denn aus?« Es war eine Ruger P90 mit Holzgriff, die in ihrer zierlichen Kinderhand riesig wirkte. »Was willst du denn mit so einem Ding?« »Mein Vater hatte jede Menge Waffen.« »Die bleibt hier.« »Diese Burschen sind brutale Mörder, Mr. Milton. Was ist, wenn ich mich verteidigen muss?« »Genau dafür bin ich ja da, Mallory. Und deine Freundin vom FBI. Gib mir die Pistole. Ich gehe nicht in diesen Wald, wenn du eine Waffe mit dir herumträgst.« »Dann gehe ich eben mit Ellie.« »Ich bin ziemlich sicher, dass sie dasselbe sagen wird. Soll ich sie fragen?« Mallory blickte auf die Waffe, dann sah sie Milton an, schien zu begreifen, dass er es ernst meinte, und reichte ihm die Waffe. Er ließ das Magazin herausspringen, überprüfte es und schob es wieder hinein, dann verstaute er die Pistole in seinem Rucksack. Eine Handfeuerwaffe hatte er nicht bei sich, und vielleicht würde sie sich ja noch als nützlich erweisen, aber er würde unter keinen Umständen zulassen, dass Mallory sie noch einmal in die Finger bekam. Ellie stieg aus dem Wagen. »Alles klar hier?«, fragte sie und schnitt eine Grimasse. Mallory warf Milton einen flehenden Blick zu. »Alles bestens«, sagte er. »Und? Haben Sie mit der Zentrale gesprochen?« »Nein. Ich habe keinen Empfang hier draußen. Liegt wohl am Wetter.« »Hier draußen stürmt es häufiger so stark«, rief Mallory über das Tosen des Windes hinweg, »und meistens fällt auch das Telefonnetz aus.« »Ist es denn wichtig?«, rief Milton. »Es geht schon.« Er hielt auch ihr den Rucksack hin, und sie schob die Arme in die Schultergurte. »Bereit?« »Ja«, antwortete Ellie. Mallory schien immer noch wegen der konfiszierten Waffe beleidigt zu sein und nickte nur. »Hier entlang«, sagte Milton und wies auf das Maisfeld. »Uns bleiben noch rund drei Stunden.« Er ging voran. Kapitel 13 Ellie bildete das Schlusslicht ihrer kleinen Prozession. Milton gab das Tempo vor, zügig, aber nicht übereilt. Mallory marschierte in der Mitte, leicht vornübergebeugt. Immer wieder rückte sie die Trageriemen ihres Rucksacks zurecht, ein klares Indiz dafür, dass sie mit ihrer Last zu kämpfen hatte. Was Ellie nicht sonderlich überraschte. Auch ihr schnitten die Riemen empfindlich in die Schultern. Sie ließen den Wagen hinter sich und schlugen sich in das Feld. Zwischen den fast zwei Meter hohen Pflanzen befanden sich schmale Schneisen für die Erntemaschinen. Der Pfad war von tiefen, schlammigen Rinnen durchzogen, die den Marsch noch mühseliger machten. Nach einer Weile kam es Ellie vor, als wären sie komplett vom Rest der Welt abgeschnitten. Die Stauden schwankten im pfeifenden Wind, und sie spürte, wie sich ihre Stimmung verdüsterte. Orville kam ihr in den Sinn. Sie sah ihn vor sich, wie er in seinem Wagen nach Detroit zurückfuhr und dabei wie üblich seine grässliche Countrymusic hörte und mit den Fingern den Takt aufs Lenkrad trommelte. Sie fragte sich, ob sie ihn womöglich ein wenig zu schroff zurückgewiesen hatte. Schließlich war er immer noch ihr Vorgesetzter. Ein bisschen mehr Fingerspitzengefühl hätte sicher nicht geschadet. Vielleicht hätte sie einfach noch mal mit ihm essen gehen sollen. Über ihnen hingen schwere dunkle Wolken, und es regnete unablässig weiter. Gott sei Dank waren ihre Stiefel wasserfest. Aber das Leder war steif und rieb an ihrer linken Ferse – verdammt, eine Blase, dabei waren sie gerade erst losgegangen. Du liebe Güte, das würde peinlich werden. Sie zog ihre Kapuze so tief wie möglich ins Gesicht, wischte sich das Wasser von der Stirn und marschierte weiter. Dann erreichten sie das nördliche Ende des Maisfelds, wo der Pfad zunächst in einen kurzen asphaltierten Weg mündete, der dann aber in zähen Morast überging. Sie folgten der Strecke ein paar hundert Meter, bis sie am Waldrand waren. Milton blieb unter einer Eiche stehen, um einen Blick auf seine Karte zu werfen. Sie schienen gut vorangekommen zu sein, jedenfalls wirkte er zufrieden. Dann rief er ihnen durch den prasselnden Regen zu, dass sie dem Pfad folgen mussten, der durch das Unterholz nach Nordwesten führte. Ellie kämpfte sich weiter. Das hatte sie sich anders vorgestellt. Inzwischen war Orville bestimmt zurück in Detroit, vielleicht sogar zu Hause bei seiner Frau. Und auch sie hätte es sich jetzt in ihrem kleinen Apartment gemütlich machen können. Sie hätte ein schönes Bad nehmen, dabei ein Glas Wein trinken und ein bisschen lesen können. Eine heiße Wanne wäre genau das Richtige gewesen gegen die Kälte, die ihr in den Knochen saß, seit sie aufgebrochen waren. Orville hatte ihr gesagt, dass ihm das Städtchen und auch die gesamte Obere Halbinsel schwer auf den Keks gingen und dass er es gar nicht erwarten könne, endlich wieder die Annehmlichkeiten der Zivilisation genießen zu dürfen. Ellie hatte erwidert, sie fände das herablassend, worauf sie sich wieder in die Haare geraten waren. Um fünf gestattete Milton ihnen eine kleine Pause, aber nur für fünf Minuten. Auf der Karte zeigte er ihnen ein Gebiet, das er noch vor Sonnenuntergang erreichen wollte. Sonnenuntergang, dachte sie. Woher sollten sie wissen, wann die Sonne unterging? Wegen der Gewitterwolken war es schon jetzt stockfinster. Milton bahnte ihnen den Weg durchs Unterholz, folgte einem von abgebrochenen Ästen, Gestrüpp und Nesseln übersäten Pfad, der schon bald nicht mehr als solcher zu erkennen war. Alles, was sie hörten, war das Geräusch des Regens in den Bäumen. Ellies Stimmung sank mit jeder Minute. Sie dachte an die vier Burschen, hinter denen Orville und sie die letzten sechs Monate her gewesen waren. Sie waren jung und skrupellos, aber offensichtlich nicht blöd. Nach dem Mord an dem Wachmann in Marquette hatte das FBI mit Hochdruck nach ihnen gefahndet, doch sie schienen sich in Luft aufgelöst zu haben. Alles deutete darauf hin, dass sie in Truth gewesen waren, doch ihr war ein Rätsel, wo sie jetzt stecken mochten. Es gab nicht die geringste Spur – es sei denn, Mallory hatte recht. Regen klatschte ihr ins Gesicht, als sie den Kopf hob und in die Dunkelheit zwischen den Bäumen spähte. Sie ließ sich Mallorys Geschichte noch einmal durch den Kopf gehen. Zugegeben, ihr Bruder war alles andere als ein verlässlicher Zeuge. Sie hatten sich über ihn erkundigt, und die Leute im Ort hatten allesamt so ziemlich dasselbe erzählt: netter Junge, gutgläubig und einfach gestrickt, mit dem aber zuweilen die Fantasie durchging. Er war so etwas wie der Dorftrottel, und Ellie war nicht entgangen, dass einige sich über ihn lustig gemacht hatten – Gemeinheiten, die weniger über den Jungen aussagten als über diejenigen, die sich derart gehässig äußerten. Orville hatte Artys Geschichte kurzerhand ins Reich der Fantasie verwiesen, doch Ellie war nicht so voreilig gewesen. Wie hätte der Junge sonst Tom Chandler identifizieren sollen, obwohl er nicht lesen konnte? Auch das hatte Orville leichthändig abgetan – wahrscheinlich habe ihm jemand den Namen gesagt. Und ganz ließ sich das nicht von der Hand weisen. Letztlich blieb ihr nichts anderes übrig, als Mallory hinauf zum Lake of the Clouds zu folgen, um herauszufinden, welche Version nun stimmte. Sie marschierten für zwei weitere Stunden durch den Wald. Das Gelände stieg leicht an, und Milton erklärte, dass sie etwa tausend Fuß Höhenunterschied überwinden mussten, um zum See zu gelangen. Buchen, Eichen und Ahornbäume säumten ihren Weg. Sie wateten durch ein paar kleine, kristallklare Bäche und kamen schließlich bei einer Stelle heraus, wo das Wasser über ein halbes Dutzend breite Felsstufen talwärts rauschte. »Wie lange müssen wir denn noch gehen?«, jammerte Mallory. »Noch eine Meile.« Sie erklommen das Gelände am Flussufer. Der Weg führte zurück ins Dickicht, wurde schmaler und schmaler, bis sie schließlich nicht mehr weiterkamen. Milton führte sie ein Stück zurück, entdeckte einen anderen Pfad, und sie kämpften sich weiter durch den Wald. Eine halbe Stunde später erreichten sie eine kleine Lichtung, auf der überall herrenlose Maschinenteile und Gerätschaften herumlagen: eine Kabelrolle, Ketten, ein Flaschenzug, ein großer Holzofen, verschiedenste Teile aus Gusseisen und Kufen, die offenbar zu einem Pferdeschlitten gehörten. »Was ist denn das?«, fragte Ellie. Milton klopfte mit den Knöcheln gegen den umgestürzten Ofen. »Ich schätze, hier war früher mal ein Holzfällercamp. Der Kram liegt hier wahrscheinlich schon seit fünfzig Jahren herum.« »Können wir für heute Schluss machen?«, sagte Mallory. »Ich kann nicht mehr.« Milton nahm seinen Kompass und peilte einen hohen Baum in etwa ein, zwei Meilen Entfernung an. Dann blickte er zum Himmel hinauf. »Das reicht für heute«, sagte er. »Wir übernachten hier und gehen morgen bei Sonnenaufgang weiter.« »Wie weit haben wir’s geschafft?«, fragte Mallory. Ihre Wollmütze war klatschnass, und sie sah so elend aus wie eine ertrunkene Ratte. »Ein Viertel der Strecke liegt schon hinter uns.« Ellie sah sich um. Sie hatte keine besondere Outdoor-Erfahrung, aber die Lichtung sah nach einem idealen Platz zum Campen aus. Sie streifte ihren Rucksack von den Schultern und reckte die Arme. »Wie viele Meilen sind wir gelaufen?«, fragte Ellie. »Ungefähr vier.« Sie fühlte sich, als wären es zwanzig gewesen. Ellie hatte eine bessere Kondition als die meisten anderen Agenten, die sie kannte, doch es war weiß Gott etwas anderes, sich in einem klimatisierten Fitnessstudio auf dem Laufband auszupowern, als bei strömendem Regen durch unwegsames Gelände zu stapfen. Ihre teuren Schnürstiefel waren feucht geworden, Insekten hatten sie gebissen, ihre Hose war mit zähem Schlamm verkleistert, und ihr war saukalt. Milton packte sein Zelt aus, trug es zu einer etwas höher gelegenen Stelle, damit sie nicht im Matsch kampieren mussten, und baute es auf. Als er fertig war, hatte Ellie ihr Zelt immerhin schon aufgerichtet. Er half ihr, das Innenzelt zu befestigen und die Matte auszulegen. Dann besah er sich die Schnüre und rammte die Heringe noch ein Stück tiefer in den nassen Boden. »Bin gleich wieder da«, sagte Milton. »Ich besorge nur etwas Feuerholz.« Mallory musterte ihn mit ungläubigem Blick. »Wie wollen Sie denn bei dem Wetter Feuer machen?« »Zeige ich Ihnen dann.« Milton nahm eine kleine Tasche aus seinem Rucksack und machte sich auf zu einem umgestürzten Baum am Rand der Lichtung. »Alles okay mit dir?«, fragte Ellie das Mädchen. »Ich bin total durchgefroren. Und klatschnass.« »Geht mir genauso.« Ellies Zelt war größer als Miltons. »Willst du bei mir schlafen?« »Gern.« Sie verfrachteten die Rucksäcke ins Zelt, kauerten sich zusammen, blickten hinaus und lauschten dem Getrommel der Regentropfen auf der Zeltwand. Milton hockte vor dem umgestürzten Baum, nahm ein Outdoormesser aus seiner Tasche und begann die untere Seite des Stamms mit der Klinge zu bearbeiten. »Meinen Sie, er kennt sich mit so was aus?«, fragte Mallory. »Ich glaube, in der Natur macht ihm so schnell keiner was vor.« »Und was machen wir, wenn wir die Männer finden?« »Du hast doch gesehen, dass er sich zur Wehr setzen kann. Ansonsten weiß ich auch nicht.« »Was macht er da eigentlich?« »Keine Ahnung. Frag ihn doch einfach.« Ellie beobachtete Milton und stellte fest, dass der Baum, an dem er sich zu schaffen machte, von Termiten befallen gewesen war. Mit dem Messer kratzte er das Sägemehl heraus, das die Insekten hinterlassen hatten, ließ es in seine Tasche rieseln und sammelte anschließend ein paar Handvoll trockene Blätter. Dann kehrte er zum Baumstamm zurück, knickte einen dünnen Zweig ab und entfernte die nasse Borke. Er ritzte dünne Kerben in das darunterliegende, trockene Holz, das sich nach außen spleißte, und so fuhr er fort, bis der Zweig wie ein gefiederter Pfeil aussah. Der tote Baum bot ein wenig Schutz vor dem Regen. Milton häufte den Zunder an – das Sägemehl, die Blätter und noch ein paar andere Dinge, die er gesammelt hatte – und erzeugte ein paar Funken mit dem Feuerstahl, den er um den Hals trug. Der Zunder begann zu qualmen und dann kaum merklich zu glühen. Geduldig hockte Milton im Regen, blies auf das Zundernest und wartete, bis die ersten Flammen züngelten, ehe er behutsam Zweige und Kienholzsplitter darüberschichtete. Das Harz im Kiefernholz tat sein Übriges, und eine halbe Stunde später saßen sie zusammen am knisternden Lagerfeuer. »Das haben Sie nicht zum ersten Mal gemacht«, stellte Ellie fest. Er lächelte. »Stimmt.« Er band drei Äste zusammen und nahm eine kleine Pfanne aus seinem Rucksack, in der er ein paar Würstchen briet. Anschließend öffnete er zwei Büchsen mit Bohnen, gab den Inhalt über die Würstchen und rührte so lange um, bis auch die Bohnen ausreichend erhitzt waren. Wegen des Regens hatten sich Ellie und Mallory wieder ins Zelt verzogen, doch der Duft zog direkt zu ihnen herüber. Ellie knurrte der Magen. Die Pfanne in der Hand, sah er zu ihnen herein. »Hier. Würstchen mit Bohnen.« »Englisches Rezept?«, fragte Ellie. »Wollen Sie welche oder nicht?« »Her damit.« »Guten Appetit.« Lächelnd hielt er ihr eine Campinggabel hin, reichte Mallory die Pfanne und verzog sich in sein Zelt. Die Zeltöffnungen lagen sich gegenüber. »Mmmm, das schmeckt ja richtig gut«, sagte Ellie. »Würstchen mit Bohnen. Davon ernähre ich mich jetzt schon seit Wochen.« »Da ist doch noch was anderes drin, oder?« »Wilde Zwiebeln. Ich habe unterwegs ein paar gepflückt. Klein, aber ausgesprochen schmackhaft. Dazu noch ein bisschen wilder Knoblauch.« »Woher wissen Sie das alles?«, erkundigte sich Ellie. Er zuckte mit den Schultern. »Ich war mal Soldat. Ich habe gelernt, mich in der Natur durchzuschlagen.« Ellie zog eine Augenbraue hoch. »Was für ein Soldat?« »Infanterie. Kanonenfutter.« Ellies Neugier war geweckt, und sie fragte sich, ob sie weiter nachbohren sollte, doch Milton starrte mit einem seltsam verlorenen Ausdruck zum Feuer hinüber, weshalb sie sich dagegen entschied. Nachdem sie sich die Pfanne fair geteilt hatten, kramte Mallory eine Tüte Marshmallows aus ihrem Rucksack. »Wann hast du die denn gekauft?«, fragte Milton. »Im Laden.« »Muss mir irgendwie entgangen sein.« »Heißt das, Sie wollen keine?« Er lächelte so breit, dass seine weißen Zähne blitzten, sein erstes echtes Lächeln, seit Ellie ihn kennengelernt hatte. »Das habe ich nicht gesagt.« Mallory steckte drei Marshmallows auf einen Zweig und lief durch den Regen zum Feuer. »Und? Haben Sie sich Ihre Arbeit so vorgestellt, als Sie zum FBI gegangen sind?«, erkundigte sich Milton bei Ellie. »Zumindest hatte ich es mir so erhofft.« »Also mehr als einen Schreibtischjob?« »Ich schätze schon. Ich war ziemlich blauäugig, als ich dort angefangen habe. Manchmal kommt es mir vor, als würde ich den lieben langen Tag bloß Papiere von einer Schreibtischseite zur anderen schieben.« Allmählich begann sich Ellie in seiner Gegenwart wohlzufühlen. Sie konnte zwar nicht hinter seine Maske blicken, doch hatte sie das Gefühl, dass er sie nicht enttäuschen würde, wenn sie ihm ein wenig Vertrauen schenkte. Sie musste daran denken, was er zuvor gesagt hatte. »Und was haben Sie als Soldat gemacht?« Ein Ausdruck des Unbehagens huschte über sein Gesicht, ein kaum wahrnehmbarer Schatten, doch Ellie hatte von jeher ein gutes Gespür für das, was in anderen Menschen vorging. »Alles Mögliche«, erwiderte er dann. »Waren Sie auch im Kampfeinsatz?« Ein dünnes Lächeln umspielte seine Lippen. »Ja.« »Wo?« »Darüber darf ich nicht reden«, erwiderte er. Sie fragte sich, ob er womöglich bei den Special Forces gewesen war. Beim FBI hatte sie Kollegen kennengelernt, die bei der Delta Force gewesen waren, Männer, die sich bezüglich ihrer militärischen Vergangenheit äußerst verschwiegen zeigten. Doch diese Männer trugen Anzüge und gingen einer geregelten Arbeit nach, statt auf eigene Faust quer durch die USA zu wandern. Sie wurde einfach nicht schlau aus ihm. Er musterte sie, bemerkte vielleicht den forschenden Blick in ihren Augen und wechselte das Thema. »Und Sie? Was haben Sie vor dem FBI gemacht?« »Meinen Bachelor in Jura. Und dann den Masterabschluss in Kriminologie in Atlanta.« »Und warum sind Sie zum FBI gegangen?« »Warum nicht?« »Als Anwältin könnten Sie garantiert mehr Geld verdienen.« »Es geht eben nicht immer nur ums Geld.« »Worum dann?« »Mein Vater war ebenfalls FBI-Agent«, erklärte sie. »Unten in Tampa.« »Und Sie sind in seine Fußstapfen getreten.« »Sozusagen.« »Und wie denkt er darüber?« »Keine Ahnung. Er ist tot. Er wurde vor fünfzehn Jahren erschossen, als er gerade aus einer Bank in Jupiter kam.« »Oh«, sagte Milton. »Ich erinnere mich gut, wie er von seiner Arbeit erzählt hat. Damals wurden statt Terroristen und Cyberkriminellen noch Bankräuber und Kidnapper gejagt. Das heutige FBI würde mein Vater nicht wiedererkennen.« »Hört sich ein bisschen an, als würden Sie sich nach den alten Zeiten zurücksehnen.« »Eigentlich nicht. Aber ich habe in letzter Zeit öfter über meine Entscheidung nachgedacht. Und Sie haben recht. Als Juristin wäre ich finanziell wesentlich besser dran.« »Aber?« »Ich wäre mir selbst untreu geworden. Außerdem hat mein Vater mich gelehrt, auf meinen Bauch zu hören. Ich wollte zum FBI. Ich war nur ein bisschen naiv, das ist alles.« Der Regen nahm wieder zu, prasselte gegen die Zeltplanen. Mallory kam mit den Marshmallows zurück. »Was ist eigentlich mit Ihrem Partner?«, fragte Milton. »Was soll mit ihm sein?«, erwiderte Ellie mit einem Anflug von Trotz. »Na ja, anscheinend hat er es ja nicht für nötig befunden, uns zu begleiten. Wieso?« »Er hat mir ja nicht mal zugehört«, warf Mallory bitter ein. »Doch, Mallory«, sagte Ellie und ärgerte sich sofort, dass sie den verdammten Mistkerl auch noch in Schutz nahm. »Ach was, für ihn war das alles bloß Unfug.« »Er glaubt nur nicht, dass sich diese Männer hier in den Wäldern versteckt halten.« »Aber Sie schon?«, hakte Milton nach. »Einen Versuch ist es wert«, meinte Ellie. »Und ganz nebenbei können Sie in Erfahrung bringen, wie das früher so war mit der Verbrecherjagd«, bemerkte Milton ein bisschen sarkastisch. Ellie drohte ihm mit dem Finger, fühlte sich aber keineswegs angegriffen. Er hatte ja nicht ganz unrecht. Vorsichtig zog Mallory die Marshmallows von dem Zweig und reichte jedem eines. Milton aß und leckte hinterher seine Finger ab. »Gibt es sonst noch was in deinem Rucksack, von dem ich nichts weiß?« »Nein.« Mallory grinste. »Mehr nicht.« Milton lehnte sich zurück, stützte sich auf die Ellbogen und blickte eine ganze Weile wortlos in den Regen hinaus. Schließlich richtete er sich wieder auf und bat Ellie und Mallory, sich die Schuhe auszuziehen. Er streifte sich seine eigenen Stiefel ab und ging dann mit den drei Schuhpaaren zum Feuer hinüber, wo er sie unter einen rasch improvisierten Schirm aus Blättern stellte, ein Stück weit von den Flammen entfernt, damit das Leder nur trocknete, aber nicht rissig wurde. Zufrieden atmete Ellie aus, genoss den Nachgeschmack der warmen Mahlzeit auf ihrer Zunge. Es gefiel ihr richtig gut hier draußen. Ellie zog den Reißverschluss ihres Schlafsacks hoch bis zum Kinn und streckte sich aus. Der Regen hatte nachgelassen, und Milton war noch einmal zum Feuer gegangen, um dafür zu sorgen, dass es nicht ausging. Die Flammen loderten empor, das Holz knackte und knisterte. Der Eingang ihres Zelts stand immer noch offen, und sie stellte fest, dass er sich auf einer Isomatte an der Feuerstelle niedergelassen hatte. Er hatte die Knie an die Brust gezogen und starrte gedankenverloren in die Flammen. Milton hatte einen MP3-Player und Kopfhörer dabei, und ein leiser Schlagzeugrhythmus wehte über das Prasseln der Flammen zu ihr herüber. Sie besaß eine gute Menschenkenntnis, doch John Milton schien ihr nach wie vor unergründlich. Er war grüblerisch, schweigsam, ein Einzelgänger. Irgendetwas musste in seinem Leben passiert sein, das ihn zum einsamen Wolf gemacht hatte, und sie fragte sich, ob sie je herausfinden würde, was es war. Sie seufzte und versuchte, es sich auf ihrer Isomatte so bequem wie möglich zu machen. Mallory lag neben ihr und schlief anscheinend schon. Das raue Geheul von Kojoten aus der Ferne drang an ihre Ohren, dann das Knacken brechender Zweige. Sie sah hinaus und beobachtete, wie Milton Feuerholz nachlegte und den Proviant in den Rucksack packte. Dann schlang er ein Seil durch die Trageriemen, warf es über einen Ast und zog es hoch, bis der Rucksack fünf Meter über dem Boden hing. Bären, dachte sie. Er hängte den Proviant in die Bäume, damit keine wilden Tiere herankamen. Dann verknotete er das Seil an einem anderen Baum und kam zurück. »Milton«, rief sie leise, um Mallory nicht zu wecken. Er ging neben dem Zelteingang in die Hocke. »Ja?« »Glauben Sie, dass die Kerle tatsächlich da draußen sind?« Er sah zu Mallory und flüsterte: »Schläft sie?« Ellie nickte. »Wahrscheinlich nicht«, sagte er. »Aber sie glaubt es, und mir macht es nichts aus, vorsichtshalber mal die Lage zu checken.« »Warum helfen Sie ihr? Das haben Sie mir noch nicht verraten.« »Weil es das Richtige ist, denke ich.« Er betrachtete sie. »Ist Ihnen warm genug?« Plötzlich spürte sie, dass sie sich seltsam zu ihm hingezogen fühlte – etwas, womit sie ganz und gar nicht gerechnet hatte. »Alles wunderbar«, sagte sie. »Bleiben Sie im Zelt. Ich habe darauf geachtet, dass nichts herumliegt, aber hier in den Wäldern gibt es Bären. Ich habe heute Nachmittag einen gesehen.« »Wo?« »In der Nähe des Pfades. Etwa eine halbe Stunde bevor wir hier angekommen sind.« »Davon haben Sie ja gar nichts gesagt.« »Ich wollte Sie nicht unnötig beunruhigen.« »Wer sagt denn, dass mich das beunruhigt hätte?« »Niemand. Auf jeden Fall ist es nicht sehr ratsam, nachts einem Bären über den Weg zu laufen.« »Da bleibe ich doch lieber hier bei Ihnen.« »Perfekt«, sagte er. »Dann gute Nacht.« »Gute Nacht, Milton.« Kapitel 14 Ellie brauchte einen Moment, bis sie wieder wusste, wo sie sich befand. Eigentlich hatte sie nicht damit gerechnet, dass sie schnell einschlafen würde, doch sie hatte geschlummert wie ein kleines Kind und fühlte sich ausgeruht und erholt. Sie schlug die Augen auf und sah zu Mallory hinüber, die mit leicht geöffnetem Mund tief und fest schlief. Dann zog sie den Reißverschluss des Zelts herunter und spähte hinaus. Inzwischen hatte es aufgehört zu regnen, und dichter, fast gespenstischer Nebel lag über dem Wald. Milton war bereits auf den Beinen. Er kniete mit nacktem Oberkörper vor dem frisch entfachten Feuer. Darüber trocknete sein Hemd auf einer behelfsmäßig gespannten Leine. Er hatte Wasser erhitzt und wusch sich das Gesicht mit einem kleinen Stück Seife. Ellies Blick fiel auf die tätowierten Engelsflügel, die nahezu seinen gesamten Rücken bedeckten. Milton war nicht besonders groß, aber muskelbepackt, ohne ein Gramm Fett. Sie bemerkte die Narben unter dem Tattoo – die typisch wulstige Haut einer Stichverletzung und die runden, weißlichen Stellen, wo eine Kugel die Haut durchdrungen hatte. Er hatte erzählt, dass er Soldat sei. Aber das konnte nicht die ganze Geschichte sein. Sie räusperte sich leise, als sie aus dem Zelt kletterte. Er wandte sich um. Seifenschaum bedeckte sein Gesicht. »Morgen.« »Morgen.« Er setzte ein Rasiermesser an und zog es in einer langen, geraden Bewegung über seine Wange bis zum Hals. »Gut geschlafen?« »Wie ein Baby.« Er schöpfte warmes Wasser mit den Händen und wusch sich das Gesicht ab. Als er aufstand, bemerkte Ellie weitere Narben auf seinem Oberkörper. »Frische Luft.« Er sog tief den Atem ein. »In geschlossenen Räumen schlafe ich nie so gut wie im Freien.« Ihr Blick schweifte über seinen nackten Oberkörper mit den klar definierten Bauchmuskeln, sah jedoch eilig weg, als ihr die Hitze in die Wangen stieg. Milton, dem ihre Verlegenheit nicht entgangen war, zog grinsend sein kariertes Hemd von der provisorischen Wäscheleine und streifte es über. Über dem Feuer brutzelte Speck in einer Pfanne. Ellie wollte gerade etwas über den köstlichen Duft sagen, als Mallory den Kopf aus dem Zelt streckte und sich schlaftrunken am Kopf kratzte. »Guten Morgen«, sagte Ellie. »Habt ihr das auch gehört?« »Was denn?« »Gestern Abend. So ein Knurren. Da war etwas.« »Ein Hirsch«, sagte Milton. »Ich habe es auch gehört. Er hat geschnaubt.« »Für mich klang das aber nicht nach einem Hirsch.« Milton sah flüchtig zu Ellie hinüber. Was sollte es sonst gewesen sein? Ein Bär? »Hunger?«, fragte er ungerührt. Sie setzten sich um das Feuer und verputzten den Speck mit Brötchen, die Milton aus seinem Rucksack gezaubert hatte und die erstaunlich lecker schmeckten. Ellie stellte fest, dass sie hungriger war als erwartet. Milton kochte Kaffee, den sie abwechselnd aus seinem Alubecher tranken. Ellie hielt den angenehm warmen Becher einen Moment fest, ehe sie ihn an die Lippen führte. Es war ziemlich frisch, und der Nebel lag wie eine dicke Decke über dem Wald und machte nicht den Eindruck, als wollte er sich in nächster Zeit auflösen. Mallory war auffallend still, als mache sie sich Sorgen darüber, was der Tag wohl bringen würde. Milton zog seine Karte aus dem Rucksack und breitete sie auf dem Boden aus. »Wir sind hier.« Er deutete auf einen Punkt etwa vier Meilen von der Stelle entfernt, wo sie den Wald betreten hatten, und fuhr mit dem Finger einige Zentimeter halbrechts nach oben. »Hier könnten sie sich aufhalten, meint Mallory. Das sind von hier aus noch etwas mehr als vierzehn Meilen. Während der ersten drei Meilen ist das Gelände noch einigermaßen eben, dann kommt ein hügeliges Stück und wird oben am See wieder flach. Der Anstieg wird anstrengend, weil wir uns nicht an den offiziellen Weg halten werden. Falls sie sich tatsächlich dort oben aufhalten sollten, müssen wir davon ausgehen, dass er die ganze Zeit bewacht wird.« »Glauben Sie wirklich, dass sie so vorsichtig sind?«, fragte Mallory. »Bisher hat sie noch keiner aufgestöbert.« »Dann halten wir uns eben abseits vom offiziellen Weg«, erklärte Ellie. »Kein Problem.« »Wenn wir zum See kommen, werden wir Tempo rausnehmen. Ich will, dass wir erst bei Sonnenuntergang in die Nähe ihres Lagers kommen, deshalb legen wir am frühen Nachmittag eine Pause von ein, zwei Stunden ein.« »Wunderbar.« »Noch etwas. Falls wir unterwegs jemandem begegnen sollten, sind wir eine Familie auf einer Wanderung zum Lake Superior. Vater, Mutter und Tochter. Verstanden?« Die beiden Frauen nickten. Milton baute die Zelte ab und verbrannte die Abfälle. Wenig später war ihr kleines Lager verschwunden, und alles sah genauso aus, wie sie es am Vorabend vorgefunden hatten – nur die schwelenden Überreste des Lagerfeuers und die schwarzen Schmauchspuren auf dem umgekippten Baumstamm, den Milton benutzt hatte, um das Feuer zu entzünden, ließen erahnen, dass überhaupt jemand hier gewesen war. Milton hatte sich auf den höchsten Punkt der Lichtung begeben und prüfte mit dem Kompass in der Hand noch einmal die Richtung, die er am Vorabend berechnet hatte. Ellie und Mallory halfen sich gegenseitig, ihren Rucksack aufzusetzen. Nach einer Weile kehrte Milton zu ihnen zurück, schnappte sich seinen eigenen Rucksack und schwang ihn sich über die Schulter. »Bereit?« Sie nickten. »Um ein Uhr machen wir Mittagspause. Aber bis dahin geht es zur Sache.« Sie marschierten in derselben Formation wie am Vortag. Milton als Erster, gefolgt von Mallory und Ellie als Nachhut. Nach etwa zehn Minuten kamen sie an den Überresten einer übel zugerichteten Kiefer vorbei: Tiefe, mindestens drei Meter lange Kratzspuren zogen sich am Stamm entlang bis hinunter zum Boden. »Seht ihr das?« Milton zeigte auf den Baum. »War das ein Bär?«, fragte Mallory. »Ja, und zwar ein großer.« Er zwinkerte Ellie zu. Die nächsten beiden Stunden schlugen sie sich durchs Gebüsch und folgten denselben Tierspuren wie am Vortag. Sie kamen an einem Biberteich mit zwei verrosteten Eisenfallen vorbei, die ein Trapper vor Jahren ausgelegt haben musste, durchquerten einen Bach und erklommen den steilen Kamm, der die beiden Bachläufe teilte. Ellie verlor mehrere Mal den Halt und löste kleine Gerölllawinen aus, die ins Wasser rutschten. Mittlerweile hatten sie das bewaldete Gebiet hinter sich gelassen, und es bot sich ein herrlicher Blick auf die höheren Gipfel der Porcupine Mountains. Trotzdem war Ellie heilfroh, als Milton einen Weg entdeckte, der ein Stück unter ihnen verlief, und darauf zuging. Nach einer weiteren Stunde kamen sie an den Überresten eines alten Bahngleises vorbei. »Was ist denn das?«, fragte Ellie. »Offensichtlich verlief hier früher mal eine Bahnlinie.« »Hier in der Gegend gibt es überall Gleise«, erklärte Mallory. »Mit Güterzügen wurden das Kupfer und das Silber aus den Minen abtransportiert.« »Woher weißt du das?« »Mein Vater hat es mir erzählt. Er war oft hier oben.« Sie folgten einem schlammigen, nahezu vollständig überwucherten Pfad nach Norden, vorbei an den Ausläufern der Porcupine Mountains. Schließlich gelangten sie zu einem weiteren Bahngleis, das früher einmal von Osten nach Westen verlaufen war. Milton entschied, in nordöstliche Richtung weiterzugehen. Schließlich kamen sie zu einem Fluss, dem sie stromaufwärts bis zum Mirror Lake folgten. Der See erstreckte sich an der breitesten Stelle über rund eine Meile, und in seiner ruhigen Oberfläche spiegelten sich die Bäume und die am Himmel vorüberziehenden Wolken. »Hier machen wir Rast«, sagte Milton und deutete auf eine lauschige Stelle zwischen zwei Hemlocktannen. Inzwischen hatte die Sonne den Dunst aufgelöst, und es versprach ein warmer Tag zu werden. Der Vormittag war ziemlich anstrengend gewesen, und Ellie war dankbar für die Rast. Sie lehnte ihren Rucksack gegen einen Baum, setzte sich auf den Boden und ließ sich gegen den Stamm sinken. Mallory nahm ihren Rucksack ebenfalls ab und suchte sich eine Stelle am Ufer im Schatten von zwei Bäumen. Milton zog sich unterdessen Hemd und Hose aus. Mallory starrte ihn an, als hätte er den Verstand verloren. »Was machen Sie da?« »Mir ist heiß. Deshalb kühle ich mich ab.« »Sie wollen da rein?«, fragte sie. »Nur ganz kurz.« »Aber das Wasser ist eiskalt.« »Perfekt.« Mit halb geschlossenen Lidern sah Ellie zu, wie Milton sich ins Wasser stürzte, unter der Wasseroberfläche verschwand und in der Mitte des Sees wieder auftauchte. »Und? Auch Lust, eine Runde reinzuspringen?«, fragte Mallory. Ellie hatte sehr wohl Lust, schüttelte aber den Kopf. »Ich glaube, ich bleibe lieber hier draußen.« Die Sonne brannte warm auf ihr Gesicht. Gerade als sie einnickte, hörte sie einen seltsamen Schrei und schlug die Augen wieder auf. Ein riesiger Weißkopfseeadler kreiste über dem See und hielt nach Fischen Ausschau. Milton ließ ihnen ganze zwei Stunden, um sich auszuruhen, und beschäftigte sich mit der Landkarte, während er in der Sonne seine Unterwäsche trocknen ließ. Er gelangte zu dem Schluss, dass sie noch drei oder vier Stunden brauchen würden, vielleicht auch fünf, falls das Gelände steiler sein sollte, als es die Linien auf der Karte erahnen ließen. Dann verschwand er und kehrte zehn Minuten später mit den Händen voller riesiger Blaubeeren zurück, die sie gierig verschlangen. Schließlich machten sie sich wieder auf den Weg. Sie gingen am östlichen Seeufer entlang, bis sie den Little Carp River überquerten, der in den Mirror Lake mündete. Dabei entdeckten sie eine weitere, von Fichten gesäumte Bahnlinie, deren Gleise zwar mit Gestrüpp überwuchert, aber immer noch so glatt wie am ersten Tag waren. Milton nahm an, dass sie zu der Mine führte, die sie suchten. Nach einer Weile kamen sie an einem senkrechten Minenschacht am Fuß eines Hügels vorbei, der jedoch eingestürzt war und in dem sich Felsbrocken und Geröll türmten. Als Nächstes entdeckten sie ein uraltes, auf dem Dach liegendes Autowrack, das unter einigen Hemlocktannen verrottete. Wo einst die Windschutzscheibe gewesen war, ragte der Stamm einer Weißbirke heraus. »Seht euch das nur an«, meinte Milton. »Was ist das?« »Ein Ford Model T. Ich würde sagen, der wurde hier zurückgelassen, als Teddy Roosevelt noch Präsident war.« Der Weg endete am Fuß eines Hangs, den sie hinaufkletterten, wobei sie sich mit den Händen abstützen mussten, als der Pfad immer steiler wurde. Oben auf dem Grat angekommen, packte Milton zuerst Mallorys Hand, um sie hochzuziehen, ehe er Ellie nach oben half. Sein Griff war fest, und es schien ihm keinerlei Mühe zu bereiten, sie hochzuziehen. »Alles klar?«, fragte er. »Bestens.« Milton ließ den Blick über die Hügellandschaft schweifen. Von hier aus bot sich ein Ausblick über den Lake Superior, der hinter dem Cloud Peak und dem Cuyhahoga Peak lag. Unter ihnen erstreckte sich der Wald mit seiner vielfältigen Mischung aus Zuckerahorn, Hemlocktannen, Gelbbirken, Rotahorn, Weißen Zypressen, Linden, Eichen und Zedern. In einer etwa zwei Meilen entfernten Senke glitzerte das Wasser eines Sees im spätnachmittäglichen Sonnenschein. »Das ist unser Ziel«, sagte Milton. »Der Lake of the Clouds.« »Wie lange brauchen wir noch?« »Etwa eine Stunde.« Ellie kniff die Augen zusammen. »Sehen Sie das auch?« Milton nickte und zog ein Fernglas heraus. Er nickte erneut und reichte das Fernglas an Ellie weiter, die einen Blick hindurch warf. »Was ist denn da?«, fragte Mallory ungeduldig. Ellie reichte ihr das Fernglas. Mallory nahm es und spähte hindurch. »Ist das Rauch?« Milton nickte. »Sieht ganz so aus.« »Ein Lagerfeuer?« »Kann sein.« Sie stiegen den Abhang hinunter, und Milton folgte einem kaum erkennbaren Pfad, der sich in nordwestlicher Richtung zwischen den Bäumen hindurchschlängelte. Schweigend marschierten sie weiter. Der Pfad führte zum Ufer des Scott Creek. Ein einzelnes Kabel mit einem halb verrotteten Holzsitz war quer über das Wasser gespannt und mit einem Flaschenzug verbunden. Am Holzsitz hing noch das lose Rückholseil. Mallory blieb stehen. »Ist das …?« »Nein. Das Ding ist uralt. Wahrscheinlich haben es die Minenarbeiter gespannt, um auf die andere Seite zu gelangen. Das ist ganz bestimmt nicht das Werk unserer Bankräuber.« Da drang das jämmerliche Fiepen eines Tiers durch das Unterholz. Milton meinte, es sei ein Bärenjunges, weshalb sie zügig weitergehen sollten. Nach etwa zehn Minuten kamen sie am Eingang einer Höhle vorbei, die unüberhörbar bewohnt war. Sorgsam darauf bedacht, auf Abstand und gegen den Wind zu bleiben, deutete Milton auf Büsche und Sträucher, an denen sich offensichtlich erst kürzlich jemand zu schaffen gemacht hatte, und auf frische Spuren, die den Hang hinunterführten. Ellie war ebenso wenig versessen darauf, herumzustehen und Zeit zu vergeuden wie Milton, also nahmen sie ihre Wanderung erneut auf. Nach ein paar Minuten ließ er sich zurückfallen, um unter vier Augen mit Ellie zu reden, während Mallory vor ihnen herging. Das Mädchen hatte sichtlich mit der Last ihres Rucksacks zu kämpfen. »Haben Sie eine Waffe dabei?«, fragte er. »Klar.« Sie öffnete den Reißverschluss ihrer Jacke, um ihm ihre am Gürtel befestigte .40er Glock 22 zu zeigen. »FBI-Standardausrüstung.« »Und können Sie auch damit umgehen?« »Ich war ganz vorn dabei«, schoss sie zurück, empört über die unterschwellige Beleidigung. »Vorn?« »Obere Hälfte der Gruppe.« »Aha. Obere Hälfte der Gruppe.« Seine Miene verriet, dass er nur so tat, als wäre er beeindruckt. »Um mich brauchen Sie sich jedenfalls keine Sorgen zu machen, falls sie das Feuer eröffnen.« »Das tue ich auch nicht.« »Was ist mit Ihnen?« »Ich habe ja mein Gewehr.« Er wies mit dem Daumen auf die Waffe über seiner Schulter. »Und können Sie damit umgehen?« »Ganz ordentlich.« Schweigend gingen sie ein paar Schritte weiter. »Wieso fragen Sie?«, wollte sie dann wissen. »Ich mache mich nur gern schlau, bevor es Ärger gibt. Vor allem darüber, was die Leute auf meiner Seite so draufhaben.« »Sie glauben also, dass die Typen tatsächlich hier sind?« »Das habe ich nicht gesagt.« Milton sah zu Mallory, die immer noch ein Stück vor ihnen ging. »Bevor wir losgegangen sind, habe ich eine Pistole in ihrem Gepäck gefunden. Natürlich könnte sie die amtierende Schützenkönigin sein, aber das Mädchen ist vierzehn oder höchstens fünfzehn Jahre alt, und die Vorstellung, dass ein Teenager mit einer geladenen Knarre durch die Prärie stolpert, gefällt mir ganz und gar nicht. Sehen Sie das auch so?« »Absolut.« »Gut. Ich habe ihr ins Gewissen geredet und sie schätzungsweise überzeugt, dass es keine gute Idee ist. Ich habe ihre Pistole in meinem Rucksack, nur für den Fall, dass wir eine weitere Waffe brauchen sollten. Aber ich weiß auch, dass Mallory gerissener ist, als man ihr zutraut, und würde die Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass sie nicht vielleicht doch etwas dabeihat. Ich will damit nur sagen, dass es sicherlich schlau wäre, ihr die Waffe abzunehmen, falls Sie sie zufällig mit einer herumhantieren sehen. Okay?« Ellie nickte. »Geht klar.« »Hey!«, rief Mallory. »Worüber redet ihr?« »Über dich, Mallory!«, rief Milton zurück. »Was glaubst du denn?« »Lasst das. Ich bin direkt vor euch.« »Ist dir der Rucksack zu schwer, Mallory?«, erkundigte sich Ellie. »Geht schon.« »Sollen wir zehn Minuten Pause machen?«, fragte Milton. »Nur wenn Sie auch stehen bleiben wollen.« »Will ich.« Sie befanden sich auf einer Anhöhe mit riesigen Nadelbäumen. Milton half den beiden Frauen mit ihren Rucksäcken, dann stellte er seinen eigenen ab, hob beiläufig eine einen Meter lange Schlangenhaut auf und warf sie ins Gebüsch. »Wir haben es fast geschafft«, sagte er. »Wenn wir weitergehen, müssen wir still sein, schließlich wollen wir nicht, dass sie uns kommen hören.« »Alles klar«, sagte Ellie. »Und die Augen offen halten. Es könnte sein, dass sie irgendeine Art Warnsystem installiert haben, falls jemand kommt. Vielleicht einen Stolperdraht oder so etwas. Passt also auf, wohin ihr tretet. Es ist nicht schlimm, wenn wir für dieses letzte Stück doppelt so lange brauchen. Wir haben immer noch genug Tageslicht, daher besteht kein Grund zur Eile.« Kapitel 15 So geräuschlos, wie er nur konnte, führte Milton die beiden Frauen den zerklüfteten, dicht bewachsenen Hügel hinunter. Der Anblick des Lagerfeuers hatte Ellie davon überzeugt, dass Mallory durchaus recht mit ihrer Annahme haben könnte. Es war zwar immer noch denkbar, dass es von ein paar völlig harmlosen Jägern entfacht worden war, aber diese Auslegung erschien ihr mit jeder Minute unwahrscheinlicher. Es wäre schon ein gewaltiger Zufall. Inzwischen hatte sie einen Entschluss gefasst: Sie würde Verstärkung anfordern. Das würde Mallory zwar nicht in den Kram passen, weil sie unbedingt weitergehen wollte, aber vernünftig war es definitiv nicht. Mallory mochte ein starkes Mädchen mit einem ausgeprägten Willen sein, doch man durfte ihr Alter nicht außer Acht lassen. Deshalb war Ellie ziemlich sicher, dass es ihr gelingen würde, sie zu überreden. Aber Milton? Was ihn anging, war sie sich nicht so sicher. Er war schwer einzuschätzen. Milton blieb stehen. Vor ihnen befand sich ein weiterer Minenschacht voller Geröll und Felsbrocken. Vermutlich hatte man ihn aus dem Stein gehauen, um sich Zugang zu den Kupfervorkommen zu verschaffen. »Es ist nicht mehr weit«, meinte er. Sie gingen weiter, Meter um Meter, bis der Wald lichter wurde und der breite, in einer Senke gelegene Lake of the Clouds zu sehen war. Der Hügel, über den sie ins Tal gelangten, endete am Südufer des Sees. Links von ihnen ragte die Klippe empor. Sie war zu steil, als dass sie sie hätten erklimmen können. Milton zog sein Fernglas heraus. Auf der einen Seite der Klippe befanden sich zwei baufällige Hütten, halb verborgen hinter Farnen und in die Felsen gebettet. Eine davon stand sogar mit dem Fundament im Wasser. Dahinter gähnte der dunkle Schlund des Stollens – vermutlich der einstige Zugang zur Mine. »Sehen Sie?«, fragte Milton und reichte das Fernglas Ellie. »Das ist die Mine«, sagte sie. Milton hatte erzählt, dass er bei seinem Marsch durch die Obere Halbinsel an mehreren ganz ähnlichen Minen vorbeigekommen war – die Mehrzahl davon hatten dem Abbau von Kupfer gedient, nur in einigen wenigen hatte man Gold und Silbervorkommen gefunden. Inzwischen waren fast alle stillgelegt, nachdem die besser erreichbaren Adern abgebaut worden waren, und die wenigen noch übrigen waren für eine wirtschaftliche Nutzung ungeeignet. Das galt offenbar auch für diese hier. »Sehen Sie mal!«, zischte Ellie. Milton nahm ihr das Fernglas wieder aus der Hand und spähte zum Ufer hinunter. Drei Männer traten hinter einer der halb verfallenen Hütten hervor, dicht gefolgt von zwei weiteren, die mit den Armen voller Brennholz aus dem Wald traten. Sie trugen das Holz zu einer Feuerstelle und legten es zu den Vorräten, die sie bereits aufgestapelt hatten. Mallory riss ihm das Fernglas aus der Hand und spähte hindurch. »Da ist Arthur«, flüsterte sie eindringlich. »Sehen Sie? Der ganz hinten.« Ellie richtete ihr Augenmerk auf den letzten der fünf Männer, der Mühe zu haben schien, das Holz zu tragen. Während sich die anderen Männer zu ihrem Anführer gesellten, hielt er sich ein Stück abseits. »Wir müssen die Zentrale benachrichtigen«, erklärte Ellie. »Nein«, widersprach Mallory. »Das geht nicht.« »Mallory, da unten sind vier Verbrecher. Wir sind aber nur zu dritt.« »Zu zweit«, korrigierte Milton. »Mallory bleibt hier.« »Aber das wussten Sie doch schon, als wir losgegangen sind«, protestierte Mallory. »Ich wusste nicht, dass sie tatsächlich hier sind«, gab Ellie zurück. »Aber wie wollen Sie das anstellen? Hier draußen gibt es kein Handysignal«, meinte Milton. »Wir gehen nach Truth zurück. Dort rufe ich meinen Partner an, der Verstärkung anfordern soll.« »Nein.« »Dadurch verlieren wir zwei Tage, Mallory, maximal drei.« »Und wo sind die Typen in drei Tagen, was glauben Sie wohl?«, konterte das Mädchen. »Hier.« »Falsch. Sie gehen davon aus, dass das FBI die Suche eingestellt hat. Jemand in der Stadt weiß, dass sie hier sind, und hat ihnen vermutlich längst gesteckt, dass Sie nach Hause zurückgefahren sind. Vielleicht fühlen sie sich ja sicher. Der letzte Bankraub liegt schon einen Monat zurück. Da wird es höchste Zeit für den nächsten.« »Vielleicht aber auch nicht.« »Aber was, wenn doch? Sie haben schon einen Mann auf dem Gewissen. Was, wenn sie noch jemanden töten? Können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren?«, rief Mallory hitzig. »Still«, mahnte Milton streng und legte sich den Zeigefinger auf die Lippen. »Wir können nicht einfach wieder gehen«, fuhr Mallory zornig flüsternd fort. »Das war so nicht abgemacht.« »Nein«, bestätigte Milton. »Es war abgemacht, dass du uns herbringst, damit wir sehen können, ob dein Bruder hier ist …« »Ich kann doch nicht einfach wieder gehen …« »Jetzt, wo ich sehe, dass er tatsächlich hier ist, gefällt es auch mir ganz und gar nicht, ihn hier zurückzulassen«, sagte Milton. Mallorys Wut verrauchte, als sie merkte, dass er auf ihrer Seite war. »Dann helfen Sie mir also?« »Ich bitte Sie, Milton«, schaltete sich Ellie ein. »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein.« »Doch, ist es. So schwierig muss es vielleicht gar nicht sein.« »Wie bitte? Da unten sind vier Männer. Bewaffnete Männer. Die schon jemanden auf dem Gewissen haben. Die werden nicht einfach die Hände heben und sich ergeben.« »Doch, das werden sie tun.« Ellie wandte sich ab und trat zwischen Milton und das Mädchen. »Ich werde nicht zulassen, dass Sie eine Dummheit begehen«, sagte sie zu ihm. »Kann ja sein, dass Sie sich in der Wildnis auskennen und wissen, wie man überlebt, aber das heißt noch lange nicht, dass ich Ihnen zutraue, einfach da runterzumarschieren und vier flüchtige Männer dingfest zu machen. Und zwar Männer, die einen guten Grund haben, sich nicht schnappen zu lassen.« »Sie sollten mehr Glauben in meine Fähigkeiten haben. Denn genau das werde ich tun.« Ellie sträubte sich noch weitere fünf Minuten mit Händen und Füßen gegen Miltons Vorhaben, ehe ihr dämmerte, dass sein Entschluss feststand und sie ihn nicht würde umstimmen können, ganz egal, welche Argumente sie vorbrachte. Zudem waren ihr die Hände gebunden: Sie könnte umkehren und nach Truth zurückkehren, doch Milton hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er nicht warten würde, bis sie zurückkam, um die vier flüchtigen Männer festzunehmen. Also blieb ihr keine andere Wahl, als ihm zu helfen. Es gefiel ihr zwar ganz und gar nicht, aber sie gab nach. Milton drückte ihr sein Gewehr in die Hand. »Wie kommen Sie mit mittleren Entfernungen zurecht?« Leicht widerstrebend sah sie ihn an. »Ich komme klar.« »Obere Hälfte im Kurs?« »Nicht mit dem Gewehr«, gestand sie. »Macht nichts. Ich will auch gar nicht, dass Sie einen von denen treffen. Wir bringen sie lebendig in die Stadt zurück. Sie sollen sie bloß ablenken.« »Aber wie?« »Beobachten Sie, wie ich runtergehe. Schätzungsweise versuchen sie zu ihren Motorrädern zu gelangen, wenn sie glauben, dass es gleich Ärger gibt. Ich kann sie nirgendwo sehen, aber hinter den Hütten verläuft ein Pfad. Vermutlich haben sie sie dort irgendwo abgestellt. Wenn sie losrennen, schießen Sie einfach auf sie, aber ohne jemanden zu treffen.« »Ich soll also danebenschießen, ja?« Er lächelte. »So gesehen … ja. Kriegen Sie das hin?« »Natürlich kriege ich das hin«, gab sie empört zurück. »Gut.« »Aber was ist mit Ihnen?« »Die Typen haben keine Ahnung, was sie da tun«, sagte er. »Ich meine, sehen Sie sich das mal an. Es gibt keinen Wachposten, sie laufen unbewaffnet herum. Schätzungsweise haben sie ihre Waffen in der Hütte liegen lassen. Ich werde also da runtergehen und ihnen sagen, dass es das Beste für sie ist, sich zu ergeben. Und sollten sie anderer Meinung sein, werde ich sie eben vom Gegenteil überzeugen.« »Und wenn Sie das nicht schaffen?« »So schwierig wird es nicht werden, Ellie.« »Aber was, wenn doch?« »Falls ja, gehen Sie nach Truth zurück. Mallory nehmen Sie mit. Sie gehen die ganze Nacht hindurch, immer nach Süden. Bleiben Sie nicht stehen. Bis morgen sollten Sie dort sein. Wenn Sie dort sind, rufen Sie Verstärkung. Solange sollte ich es hier aushalten.« Seufzend schüttelte sie den Kopf. »Aber so weit wird es nicht kommen.« Er zog seine Jacke aus und hängte sie an einen Ast. Dann sah er auf seine Uhr. »Wenn ich es vor acht Uhr heute Abend schaffe, sie zum Aufgeben zu bewegen, dürfen Sie mich zum Essen einladen, wenn wir wieder in Truth sind.« »Wie spät ist es jetzt?« Er lächelte. »Viertel vor.« »Also gut.« Wieder schüttelte sie den Kopf, doch diesmal konnte sie ein Lächeln nicht unterdrücken. »Aber Sie könnten mich auch einfach so fragen, ob ich mit Ihnen essen gehen möchte.« Milton nahm Ellies Glock, ließ das Magazin herausspringen, betrachtete es mit einem zufriedenen Nicken und schob es wieder hinein. »Haben Sie irgendetwas zum Fesseln?« »Nur die hier.« Sie zog ein paar Kabelbinder aus ihrer Tasche. »Die gehen schon.« Wieder sah er auf seine Uhr. »Ich sollte mich beeilen.« Er schlug sich ins Gebüsch, das sie von den Bankräubern trennte. Inzwischen hatten die Männer ein Lagerfeuer angezündet, das in den Abendhimmel loderte. »Behalten Sie mich im Auge.« Und damit war er verschwunden. Kapitel 16 Milton blieb im Schutz der Bäume und des Unterholzes, welches das Camp von allen Seiten abschirmte. Die Gegend war von Sumpfgebieten umgeben, und als es dunkel wurde, schallte vom See und den umliegenden Tümpeln lautes Krächzen und Quaken herüber. Was Milton nur recht war – alles, was ihm das Anschleichen vereinfachte, kam ihm höchst gelegen. Unwillkürlich musste er an Ellie denken. Er war beinahe ein bisschen über sich selbst erschrocken. Seit San Francisco hatte er so gut wie keinen Gedanken mehr an Frauen verschwendet, weil er sich für bindungsunfähig hielt. Er liebte die Rastlosigkeit, blieb selten an einem Ort, war immer in Bewegung, und eine Beziehung würde einen solchen Lebensstil unmöglich machen. Normale Menschen wollten einfach nur ein ganz normales Leben führen, mit Hypotheken, sicheren Jobs, 50-Zoll-Bildschirmen und großen Waschmaschinen. Sie wollten einen Hund, Urlaub und eine gute Krankenversicherung. Sie wollten Kinder. Milton war auf nichts davon scharf. Mittlerweile führte er sein Einzelgängerdasein schon so lange, dass es ihm in Fleisch und Blut übergegangen war. Er wollte kein Mitleid, und er bemitleidete sich auch nicht selbst. Einsamkeit war, zumindest für ihn, ein guter Ersatz für die Meetings bei den Anonymen Alkoholikern, und die langen Tage, an denen ihm nur Selbstgespräche blieben, verstand er als eine Art Meditation, die ihn lehrte, sich selbst besser zu verstehen. Warum also hatte er sie zum Essen eingeladen? Weil sie hübsch und selbstbewusst war? Den ganzen Tag über war sie ihm nicht aus dem Sinn gegangen. Dauernd sah er sie vor sich: wie sie letzte Nacht in ihrem Zelt gelegen und sich der Schein des Feuers in ihren Augen gespiegelt hatte, die Sommersprossen, die man erst bei genauerem Hinsehen bemerkte, die Art, wie sie ihn betrachtet hatte, als er aus dem See gestiegen war, der Anblick ihrer Brüste, die sich unter dem T-Shirt hoben, wenn sie den Rucksack über die Schultern streifte. Auch ihr Hintern war einen zweiten Blick wert gewesen, als sie sich den Hügel hinaufgekämpft hatten. Diese Bilder lenkten ihn ab, obwohl er doch voll konzentriert bleiben musste. Er versuchte sie zu verdrängen, doch im selben Moment erinnerte er sich daran, wie sich ihre Hand in seiner angefühlt hatte, an die Wärme ihres Körpers, als er ihr die rutschige Anhöhe hinaufgeholfen hatte. Er hörte sogar ihre Stimme, den selbstsicheren Unterton, der ihn herauszufordern schien, und musste daran denken, wie sie ihn am Vorabend angesehen hatte, als würde sie nur darauf warten, dass er zu ihr ins Zelt schlüpfte. Einmal mehr fragte er sich, was wohl passiert wäre, wenn er es darauf hätte ankommen lassen. Eine FBI-Agentin. Bei seiner Vergangenheit? War er verrückt geworden? Egal. Jetzt war sowieso nicht der richtige Zeitpunkt, sich darüber Gedanken zu machen. Er brauchte einen klaren Kopf. Wenn die Angelegenheit hier geregelt war, konnte er immer noch versuchen, sich über seine Gefühle klar zu werden. Geduckt huschte er von einer Deckung zur anderen, mied jegliches freies Terrain, außer wenn er absolut sicher war, dass er nicht Gefahr lief, plötzlich doch entdeckt zu werden. Während er sich näher heranpirschte, trug der Wind vereinzelte Gesprächsfetzen herüber. Noch war er zu weit entfernt, um einzelne Worte verstehen zu können, doch der kehlige Tonfall der vier Männer verriet, dass sie betrunken waren. Arthur Stanton saß nah am Feuer, die Knie an die Brust gezogen. Ab und zu winkte ihm einer der Männer zu, worauf er lächelte oder irgendetwas sagte, doch Milton sah genau, dass die Kerle sich bloß über ihn lustig machten. Arthur war für sie nichts weiter als eine Lachnummer. Ihr Hofnarr. Er schlich sich noch ein Stück näher heran, drückte sich hinter eine Eiche und beobachtete das Camp, das nur noch sechs, sieben Meter entfernt war. Auf dem Boden stand ein großer Krug, den sie herumgehen ließen. Milton vermutete, dass sie irgendwo eine Destille hatten und sich die Zeit damit vertrieben, ihren eigenen Schnaps zu brennen, um ihn sich anschließend hinter die Binde zu kippen. Amateure. Sie hatten keinen blassen Schimmer. Umso besser. Er ging hinter einer großen Kiefer in Deckung – dem letzten Baum, der ihn von den vier Kerlen trennte. Sie fühlten sich offenbar völlig sicher, hockten an ihrem Lagerfeuer und ließen den Krug mit dem Schnaps herumgehen. Arthur Stanton sah hundeelend aus. Er war am nächsten an Miltons Standort, was allerdings kein großes Problem war. Falls es zu einer Schießerei kommen sollte, war er weit genug entfernt, um keinen Schaden davonzutragen. Milton hielt Ellies Glock locker in der Hand, konzentrierte sich und ging seinen Plan ein letztes Mal durch. Entscheidend waren die ersten Sekunden. Die Burschen durften nicht den Bruchteil einer Sekunde daran zweifeln, dass er Gebrauch von seiner Waffe machen würde, wenn sie nicht spurten. Er atmete tief durch, während er sich umdrehte und den Abhang hinaufblickte. Ellie und Mallory hielten sich im Dickicht versteckt. Er hoffte, dass Ellie mit dem Gewehr umgehen konnte. Falls nicht, war es ohnehin zu spät, sich darüber graue Haare wachsen zu lassen. Er richtete sich auf, straffte die Schultern und marschierte mit entschlossener Miene ans Lagerfeuer. Drei der Kerle saßen mit dem Rücken zu ihm. Der vierte, ein Typ mit Frettchenvisage und schiefen Zähnen, war offensichtlich voll wie eine Haubitze und sah mit offenem Mund zu ihm herüber. Panik spiegelte sich in seinen glasigen Augen. »Hey, hey«, rief er den anderen zu, während er auf Milton zeigte und sich aufzurappeln versuchte. »Da!« Die anderen wandten sich um. Milton richtete die Pistole auf sie. »Keine Dummheiten«, sagte er mit fester Stimme. Einer der jungen Burschen hatte gebleichtes Haar und Tattoos auf beiden Armen. »Was willst du?«, rief er. »Los, auf den Boden legen, Hände hinter den Kopf!« Der Typ erhob sich und ballte die Fäuste. »Das wird nichts, mein Freund. Vier gegen einen – was glaubst du, wie das ausgeht?« Milton zielte zwei Millimeter über den Kopf des Mannes und drückte ab. Das Echo des Schusses hallte von den Felswänden wider, während die Kugel haarscharf seine Haare streifte. Starr vor Schreck glotzte ihn der Blonde an. »Ihr seid zwar zu viert, aber leider wart ihr so blöd, eure Waffen in der Hütte zu lassen.« »Sie werden uns nicht erschießen«, gab er zurück, aber er klang nicht besonders überzeugt. Einer der anderen, ein junger Mann mit teigigem Gesicht und rotem Haarschopf, rappelte sich ebenfalls auf. Milton verlangsamte seine Schritte, behielt das Quartett jedoch genau im Auge. Dann zielte er ein weiteres Mal und drückte ab. Die Kugel schlug unmittelbar vor den Füßen des Rothaarigen in den Boden ein. Er taumelte nach hinten und stolperte über den Rand der Feuerstelle. Dann drehte er sich um und rannte zur nächstgelegenen Hütte. Im selben Augenblick ertönte ein lauter Knall vom Abhang her. Ellie hatte einen Schuss abgegeben. Erdreich und Steinchen spritzten auf, als sich die Kugel auf halber Strecke zwischen der Hütte und dem Rothaarigen in den Boden bohrte. Er blieb abrupt stehen, verlor das Gleichgewicht und landete prompt auf dem Hintern. »Also, damit wir uns richtig verstehen«, sagte Milton. »Da oben auf dem Hügel sitzt eine Frau, die verdammt scharf schießen kann. Und jetzt hat sie gerade wieder einen von euch im Visier, verlasst euch drauf. Noch so eine Nummer, und einem von euch fliegt die Birne von den Schultern. Und auch ich werde keine Sekunde zögern. Ich knalle euch ab, bevor ihr nur drei Schritte in meine Richtung gemacht habt. Das Spiel ist vorbei, Jungs. Es wäre besser, wenn ihr das schleunigst einseht.« Milton hörte ein Geräusch hinter sich und nahm aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Es war Arthur. Er warf ihm einen kurzen Blick zu, während er die Glock weiter auf den Kopf des Blonden gerichtet hielt. Der Junge lief zum Eingang der Mine. Seine Füße schlurften über den unebenen Boden. »Wer sind Sie?«, fragte der Blonde. »Ich heiße Milton«, sagte er. »Und ihr kommt jetzt mit mir.« Der Blonde gab auf, legte sich flach auf den Boden und verschränkte die Hände hinter dem Kopf – ganz offensichtlich war er der Kopf der Bande, da die anderen sofort seinem Beispiel folgten. Milton kramte Ellies Kabelbinder aus der Tasche und fesselte ihnen nacheinander die Hände auf den Rücken. Einen Augenblick später hörte Milton, wie jemand im Eiltempo den Abhang herunterkam. Es hörte sich an, als würde er sich jede Sekunde überschlagen, und Milton wartete stirnrunzelnd mit der Glock in der Hand, bis er Mallory durch das Unterholz stürzen sah, gefolgt von einer kleinen Lawine aus Geröll. Hinter ihr kam Ellie mit dem Gewehr in der Hand. »Erstklassiger Schuss«, lobte Milton. »Haben die Typen Schwierigkeiten gemacht?« »Kaum. Dazu sind sie viel zu breit. Ich musste ihnen nur kurz klarmachen, dass wir es ernst meinen.« Sie deutete auf Mallory. »Sie war völlig außer sich, als sie gesehen hat, wie ihr Bruder weggelaufen ist. Ich konnte sie nur so lange zurückhalten, bis Sie die Kerle gefesselt hatten.« Das Mädchen war schon auf halbem Weg zur Mine. »Ich kümmere mich um die beiden. Halten Sie die Typen solange mit dem Gewehr in Schach. Okay?« »Kein Problem«, meinte Ellie. Milton lief hinter dem Mädchen her. »Mallory!«, rief er. »He, warte!« Sie schenkte ihm keine Beachtung, stolperte über die feuchten Stufen auf den gähnenden Eingang der Mine zu. Milton blieb ihr auf den Fersen. Die Öffnung war grob in den rötlich braunen Fels gehauen, und es tropfte überall. Vorsichtig setzte er einen Fuß vor den anderen und spürte den glitschigen Boden durch die Sohlen seiner Stiefel. Der Schacht war knapp zwei Meter breit. Ein Rinnsal plätscherte aus dem Innern der Mine über das rutschige Gestein zum Eingang. Im Tunnel selbst war es stockdunkel, und Milton erhaschte gerade noch einen Blick auf Mallorys Rücken, ehe sie in der Finsternis verschwand. »Arty!«, hörte er sie rufen. »Ich bin’s!« Er sah sich vor, so gut es eben ging. Wenn er hier ausrutschte und sich etwas verstauchte oder sogar brach … »Arty!« »Mall?« Plötzlich erhellte der grelle Lichtkegel einer Taschenlampe das Dunkel, huschte über die Wände des Schachts und blendete ihn. Er musste blinzeln, und als sich seine Augen an das Licht gewöhnt hatten, erblickte er Arthur Stanton, der die Taschenlampe an die Tunneldecke richtete. Er stand am anderen Ende des Schachts, vor einem massiven Betonblock mit einem eingelassenen Gitterrost. Feuchtigkeit sickerte durch Ritzen im Beton. Vermutlich befand sich dahinter eine Wasserquelle. Mallory lief zu ihrem Bruder. »Oh, Mallory«, stieß er hervor. »Wie schön, dass du da bist, Mallory.« Der Strahl der Taschenlampe zuckte über die Wände des Schachts, als er die Arme um sie schlang. Milton blieb stehen, da ihm bewusst war, dass der Junge wahrscheinlich Angst vor ihm hatte – für ihn war er ein Unbekannter, und außerdem hatte er eine Pistole in der Hand. Im selben Augenblick fiel Arthurs Blick auf ihn. »Wer ist das, Mall?« »Das ist Mr. Milton«, sagte sie. »Ein Freund.« Milton lächelte. »Hallo, Arthur.« »Sagen Sie einfach Arty«, erwiderte er, immer noch ein bisschen misstrauisch. »Keiner sagt mehr Arthur zu mir.« »Okay, Arty. Alles in Ordnung mit dir?« »Mir geht’s gut.« Er warf seiner Schwester einen Blick zu, als wolle er sie fragen, ob das auch stimmte. »Auf jeden Fall geht es dir jetzt wieder besser«, sagte sie. »Wie wär’s, wenn du Mr. Milton die Taschenlampe gibst?« »Okay.« Milton nahm die Lampe und schwenkte den Lichtkegel durch den Tunnel. Das Wasser reichte ihnen fast bis zu den Knöcheln, und die Wand hinter ihnen war mit Graffiti vollgeschmiert. Sonst fiel ihm nichts Bemerkenswertes auf. Milton ging voran nach draußen, Mallory folgte ihm, während sie die Hand ihres Bruders fest umklammert hielt. Die Sonne stand tief am Himmel, und das schwindende Licht blendete sie, als sie aus dem Schacht traten. Milton blieb stehen und sah ihnen hinterher, während er Ellies Glock in seinen Gürtel steckte. Gerade mal zwei Schuss, mehr hatte es nicht gebraucht, drei, wenn man das Gewehr mitzählte. Keine Verletzten. Das Ganze war ein Klacks gewesen. Doch Milton konnte sich nicht entspannen. Er war erfahren genug, um zu wissen, dass manche Dinge zu schön waren, um wahr zu sein. Er würde sich erst in Ruhe zurücklehnen können, wenn sie wieder in Truth waren und er die vier Burschen dem Sheriff übergeben hatte. Und sie hatten noch einen langen Rückweg vor sich, bevor es so weit war. Milton bat Mallory und Arty, bei Ellie zu bleiben, ehe er sie allein ließ, um das Camp genauer unter die Lupe zu nehmen. Hinter ein paar Bäumen entdeckte er vier Mountainbikes. Die Radspuren ließen darauf schließen, dass es einen Weg gab, der über das östliche Seeufer führte und das Camp mit der Außenwelt verband. Er nahm an, dass es dort eine weniger beschwerliche Route über den Hügelkamm gab, einen Pfad, der zu der alten Gleisstrecke führte, die jenseits der Felsen verlief. Es war ein ziemlicher Umweg, der ihnen aber letztlich zum Vorteil gereichte. Mit ihren Rädern konnten sie die Anhöhen und Täler schneller überqueren als ein Verfolger in einem Jeep. Milton kehrte zum Camp zurück und sah sich die beiden Gebäude genauer an. Die größere Hütte stand auf Pfählen im Wasser. Sie war direkt an die Felsen gebaut und bestand aus Holzbohlen und einem Wellblechdach. Drinnen war es trocken. Auf dem Boden lagen vier Schlafsäcke, daneben stand eine Batterie leerer Bierflaschen. Mit der Schuhspitze hob Milton einen der Schlafsäcke an. Das war also ihre Unterkunft. Ihm entging nicht, dass es nur vier Schlafsäcke waren. Arthur Stanton hatte irgendwo anders schlafen müssen. Es überraschte ihn kein bisschen. Er nahm sich das andere Gebäude vor, das eher ein Schuppen als eine Hütte war. Es wirkte baufällig und sah aus, als wäre es viel älter als die größere Hütte. An den Außenwänden des Schuppens hatte sich kniehoch Sand gesammelt, nur vor der Tür war er weggeschaufelt worden. Er betrat das Gebäude, in dem eine verschlissene Liege stand und gegenüber davon ein Klappstuhl, ein fünfzig Jahre alter Campingherd und ein Regal mit Töpfen und Kochutensilien, Konserven und anderen haltbaren Nahrungsmitteln. Zwei große Papiertüten mit Gemüse und Obst legten den Schluss nahe, dass die Burschen unlängst in einem Supermarkt gewesen waren. Auf dem Boden lagen Fallendrähte, Patronen, Feuerholz, Dosen und alle möglichen Werkzeuge. An der rückwärtigen Wand lehnten die Jagdflinten, an einem Nagel hingen ein teurer Compoundbogen und ein Köcher mit Pfeilen. An der Tür standen zwei Schaufelblätter ohne Stiele. In einem weiteren Regal befanden sich Munitionsschachteln und ein Nahkampfmesser. Der Kadaver eines kapitalen Rehbocks hing von einem Haken an den Deckenbalken. Milton inspizierte das erlegte Tier von allen Seiten. Offenbar war es erst kürzlich geschossen worden. Dann warf er einen Blick auf die Liege. Das Ding war ziemlich ramponiert, die Leinenbespannung hatte einen langen Riss. Wenn Arthur hier geschlafen hatte, dann wahrscheinlich alles andere als bequem. Und wenn den Rehbock nicht bald jemand abzog, würde es hier in Kürze heftig stinken. Er trat wieder nach draußen und ließ den Blick über den See schweifen. Die Sonne ging allmählich unter. Milton trug keine Uhr, weshalb er die Hand vors Gesicht hielt und prüfte, wie viele Finger zwischen die Sonne und den Horizont passten. Jeder Finger stand für eine Viertelstunde. Also noch fünfundvierzig Minuten bis zum Einbruch der Dunkelheit. Mallory und Arty saßen am Ufer. Ellie stand immer noch vor den vier Burschen und hielt das Gewehr locker in den verschränkten Armen. »Na, was machen die Herren?« »Stoßen eine Drohung nach der anderen aus«, erwiderte sie. »Na ja. Große Klappe, nichts dahinter.« »Und wer ist jetzt wer?« »Der Blondie heißt Michael Callow, der Rothaarige ist Tom Chandler. Der Dürre heißt Eric Sellar, und der mit den dunklen Haaren ist Reggie Sturgess. Da wird beim FBI bestimmt der eine oder andere Korken knallen – die Burschen haben uns eine Menge Ärger bereitet.« »Und Sie können sich ans Revers heften, die Kerle dingfest gemacht zu haben.« »Wohl kaum.« »Ich spiele hier jedenfalls keine Rolle. Das ist komplett Ihre Sache.« »Darüber reden wir noch mal.« Sie gab ihm sein Gewehr zurück, und er reichte ihr die Glock. Milton wollte ihr gerade sagen, dass er sich nach Westen aufmachen würde, sobald sie nach Truth zurückgekehrt waren, doch dann erinnerte er sich, dass sie ja essen gehen wollten, und er überlegte einen Moment. Er musste ja nicht sklavisch an seinen Plänen festhalten – warum nicht einfach sehen, was sich ergab? Er hatte keinerlei Verpflichtungen, konnte tun und lassen, was immer er wollte. Was also sprach dagegen, noch einen Tag länger zu bleiben? »Und was machen wir jetzt?«, fragte Ellie. »Wir bleiben über Nacht hier«, sagte Milton. »Es wird gleich dunkel, und es wäre nicht sehr klug, bei Nacht durch die Wälder zu marschieren.« »Sehe ich genauso.« »Wenn wir morgen so früh wie möglich aufbrechen und das Wetter so bleibt, schaffen wir es wahrscheinlich bis morgen Abend zurück. Und dann übergeben Sie die Typen dem Sheriff.« »Eigentlich müsste ich sie bei den Marshalls in Lansing abliefern, aber ich habe jetzt schon gegen so viele Vorschriften verstoßen, dass es darauf auch nicht mehr ankommt.« »Okay«, sagte er. »Das kriegen wir hin. Haben Sie Hunger?« »Und wie.« »Ich auch!«, rief Arty. »Magst du Wild?« »Na klar.« »Dann kümmere dich mal um das Feuer, Arty. Ich mache uns was zu essen.« Milton zog ein großes Jagdmesser aus seinem Rucksack. »Der Rehbock im Schuppen«, sagte er zu Arty. »Wann haben die Typen den erlegt?« »Heute. Michael und Tom waren vorhin auf der Jagd. Mit Pfeil und Bogen.« »Wie lange ist das her? Zwei Stunden, drei Stunden?« »Sie waren erst ein paar Minuten wieder hier, als Sie aufgetaucht sind.« »Gut. Dann kümmerst du dich erst mal ums Feuer, ja? Das kriegst du doch hin, oder?« »Na klar.« Ellie folgte Milton zum Schuppen. »Wie, das sollen wir essen?«, platzte sie heraus und zeigte auf den toten Rehbock, der sich langsam an seinem Haken drehte. »Zum Glück ist das Tier immer noch frisch, obwohl es noch nicht ausgeweidet ist. Haben Sie noch nie Rehgulasch gegessen?« Sie musterte ihn ungläubig. »Im Restaurant schon. Aber nicht in freier Wildbahn sozusagen.« »Glauben Sie mir, das ist eine Delikatesse. Können Sie Blut sehen?« »Wenn es sein muss.« Er nahm das Messer zur Hand, packte den Kadaver nacheinander bei Vorder- und Hinterläufen und trennte mit flacher Klinge die Hufe ab. Dann setzte er das Messer im Genick des Tieres an, schnitt rings um den Hals Richtung Brustbein und dann weiter zu Bauch, Becken und Vorderläufen. Er zog die Haut von Schultern und Nacken, als sei das die leichteste Übung der Welt. Ellie ächzte leise, wandte den Blick aber nicht ab. Schließlich zerlegte er den Bock, trennte das Schulterfleisch ab, fuhr mit der Klinge an der Innenseite des Rückgrats entlang und entfernte erst die hohe Rippe, dann die Filets. Ellie war aschfahl, als er sein Werk beendet hatte. Er grinste. »So etwas Schmackhaftes gibt’s nicht alle Tage.« Er nickte in Richtung der Vorräte. »Und die Küche ist auch sonst hervorragend bestückt.« Sie trat an das Regal. »Kartoffeln, Champignons, Knoblauch, Paprika …« »Sogar Brot ist da. Und alles scheint noch ziemlich frisch zu sein.« »Entweder haben sie sich in Truth mit Fressalien eingedeckt, oder es gibt jemanden, der ihnen die Lebensmittel vorbeigebracht hat.« »Sieht ganz so aus.« »In Truth wären sie mir und meinem Kollegen garantiert aufgefallen.« »Liegt doch auf der Hand, dass sie Hilfe von außen hatten. Schauen Sie sich die Bürschchen doch mal an. Das sind Schwachköpfe erster Güte. Wären die hier auf sich allein gestellt gewesen, hätte man sie schon vor Wochen gefasst.« »Also sollten wir auf dem Rückweg lieber alle Augen offen halten.« »Absolut. Wir müssen verdammt vorsichtig sein.« Milton nahm einen alten Schmortopf vom Regal und trug ihn und die Filets mit nach draußen. Das Feuer brannte hell. Milton verteilte die Holzscheite, stellte den Topf in die Glut, gab eine ordentliche Portion Pflanzenöl hinein und wartete, bis es kochend heiß war. Es zischte und brodelte, als er das Fleisch in den Topf legte, den Deckel verschloss und in den Schuppen zurückging, um Gemüse für die Soße zu schneiden. Drei Stunden später hatte sich das Fleisch dunkel verfärbt und war butterzart geworden. Dazu hatte Milton in Alufolie eingewickelte Kartoffeln in der heißen Asche gebacken und warmes Knoblauchbrot gemacht. Ein geradezu unwiderstehlicher Duft zog durch das Camp und wurde noch intensiver, als Milton schließlich den Deckel hob. Er nahm die Teller, die er im Schuppen gefunden hatte, und häufte großzügige Portionen für Ellie, Mallory und Arty auf, ehe er sich selbst bediente. »Das schmeckt ja himmlisch«, sagte Ellie zwischen zwei Bissen. »Wo haben Sie das denn gelernt?« »Bei der Armee.« »Hä?«, sagte Mallory. »Waren Sie da Koch?« Milton lachte, schob sich eine Gabel voll in den Mund und genoss seine Mahlzeit, ließ sich den rauchigen Geschmack des Fleischs und die würzige Soße auf der Zunge zergehen. Er war völlig entspannt, zufrieden mit sich selbst und daher nicht ganz so wortkarg wie sonst. »Worüber lachen Sie?« »Ich war nicht Koch.« »Und was dann?« Er suchte nach den richtigen Worten. »Problemlöser. Wenn die Regierung zu dem Schluss kam, dass sich eine Krisensituation nicht auf konventionelle Weise lösen ließ, wurde ich oder ein Kollege von mir eingeschaltet, um die Angelegenheit anders zu regeln.« »Anders?«, wiederholte Ellie ironisch. »Klingt ja ganz schön geheimnisvoll.« »Mehr kriegen Sie nicht aus mir raus.« So viel hatte er schon lange niemandem mehr über sich erzählt. Einen Moment lang ergriff leises Unbehagen Besitz von ihm. Seine kleine Untertreibung war nur noch einen Hauch von der Wahrheit entfernt, von dem, was er tatsächlich in der Group getan hatte – und er wollte nicht darüber reden, schon gar nicht mit Zivilisten, die ihn ohnehin nicht verstehen würden. Und erst recht nicht mit Zivilisten, mit denen er sich gerade anzufreunden begann. Wie erklärte man jemandem, dass man ein bezahlter Mörder war? »Schmeckt’s dir, Arty?«, fragte Mallory. »Mmmmh«, machte er wohlig, riss ein Stück Brot ab und wischte damit die Soße von seinem Teller auf. Mallory sah Milton an. »Und die da?« Sie nickte in Richtung der vier gefesselten Männer, die etwas weiter entfernt am Ufer hockten und nicht gerade fröhliche Blicke herüberwarfen. »Was ist mit ihnen?« »Die kriegen aber nichts zu essen, oder?« »Wieso? Ist doch genug für alle da.« »Also, ich würde ihnen nichts geben«, sagte sie. »Das haben diese Verbrecher nicht verdient.« »Das bringt doch nichts, Mallory, ganz im Gegenteil. Wir haben morgen einen langen, anstrengenden Weg vor uns. Und wenn sie den mit leerem Magen antreten müssen, brauchen wir bloß länger.« »Das stimmt«, bestätigte Ellie. Mallory zuckte mit den Schultern. Zugeben wollte sie es nicht, doch insgeheim wusste sie genau, dass er recht hatte. Mit gefesselten Händen konnten die Bankräuber nicht essen, deshalb machte Milton sie nacheinander los und gab jedem fünf Minuten, um sich den Bauch vollzuschlagen. Es war fast Mitternacht, als Eric Sellar, der als Letzter an der Reihe war, seinen Teller geleert hatte. »Und was machen wir jetzt mit ihnen?«, fragte Ellie. »Wir verfrachten sie in die Hütte.« »Und dann?« »Ich bleibe wach und behalte sie im Auge.« »Die ganze Nacht?« »Kein Problem.« »Das ist doch Irrsinn. Wir teilen uns die Nacht auf. Sie übernehmen die erste, ich die zweite Schicht. Sie brauchen auch mal ein paar Stunden Schlaf.« »Ach was, das geht schon.« Aber er sah ihr an, dass jede weitere Diskussion sinnlos war. »Okay, abgemacht.« Sie eilte davon, um zusammen mit Mallory und Arthur die Zelte aufzubauen. Milton bedeutete den vier Bankräubern, vom Boden aufzustehen, und führte sie zu der Hütte, in der ihre Schlafsäcke lagen. Michael Callow, der als Letzter über die Schwelle trat, wandte sich zu ihm um. »Das werden Sie noch bereuen«, sagte er. »Das bezweifle ich.« »Wer sind Sie überhaupt?« »Das habe ich Ihnen schon gesagt. Mein Name ist Milton.« »Aber Sie sind nicht vom FBI.« »Nein. Ich bin bloß ein besorgter Bürger.« »Verarschen können Sie sich selbst.« »Am besten, Sie legen sich erst mal eine Weile hin und schlafen. Wird ein langer Tag morgen.« »Sie sind wegen Arty hier, stimmt’s? Ja, klar! Hat seine Schwester Sie um Hilfe gebeten?« Milton verpasste ihm einen Schubs. »Los, gehen Sie schon rein.« »Ich hätte dem Schwachkopf niemals erlauben dürfen, mit hierherzukommen.« »Warum haben Sie’s dann getan?« »Weil er immer für einen Lacher gut ist – der Junge ist ein totaler Spast, aber echt unterhaltsam. Trotzdem, ich habe versagt. Ich hätte ihn abknallen sollen wie einen tollwütigen Hund, er ist sowieso zu nichts nütze. Aber vielleicht mache ich das ja noch, aber erst, nachdem ich Sie erledigt habe.« »Gute Nacht, Mr. Callow.« »Sie haben keinen blassen Schimmer, mit wem Sie sich eingelassen haben, was? Tja, aber das werden Sie schon noch erfahren. Verlassen Sie sich drauf.« Milton ging nicht auf seine Tirade ein und schloss die Tür hinter ihm. Sie hatte kein Schloss, doch er band ein Seil um den Türknauf und verknotete es an einem Baum hinter der Hütte. Natürlich war sie damit nur unzureichend gesichert, doch niemand würde sie verlassen können, ohne dabei Lärm zu verursachen. Er begab sich wieder ans Ufer. Die Nacht war sternenklar und kühler als erwartet, weshalb er ans Feuer trat und ein paar Äste nachlegte, die aber ein bisschen feucht waren und deshalb ein paar Minuten brauchten, bis sie richtig brannten, doch schließlich loderten die Flammen hoch in die Luft, und wohlige Wärme verbreitete sich um die Feuerstelle. Er ging um das Feuer herum, ließ sich nieder und lehnte sich mit dem Rücken an einen Baumstumpf. Von dort hatte er die Hütte perfekt im Blick. Das Gewehr lag in seinem Schoß. Falls jemand einen Fluchtversuch unternahm, hatte er nicht die geringste Chance. Mittlerweile standen auch die Zelte. Mallory und ihr Bruder hatten sich in das eine zurückgezogen und schliefen anscheinend schon. Ellie trat zu Milton. »Alles in Ordnung mit den beiden?«, fragte er. »Definitiv. Sie ist heilfroh, dass sie ihren Bruder wiederhat.« »Das glaube ich gern.« »Offenbar hat er gar nicht so richtig mitbekommen, was überhaupt los ist.« »Er ist ein netter Junge.« Milton stand auf, suchte sich einen langen Ast und schürte das Feuer. Dann setzte er sich wieder zu ihr, etwas näher als zuvor. Sie sah zu der Hütte hinüber. »Und die Kerle?« »Die kommen da nicht raus, falls Sie das gemeint haben.« »War einfacher als gedacht, oder?« »Habe ich Ihnen doch gesagt.« »Wohl wahr.« Sie verlagerte ihr Gewicht, sodass ihre Schulter die seine berührte. »Und das war das Essen, von dem Sie gesprochen hatten?« »Eigentlich hatte ich etwas anderes im Sinn.« »Ach was. Das war richtig lecker. Sie sind ja ganz schön vielseitig.« »So ein Kompliment hat mir noch niemand gemacht. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern.« Er streckte die Beine, dehnte seine schmerzenden Muskeln, und dann beugte er sich zu ihr und strich ihr das Haar aus der Stirn. Ellie ließ den Kopf an seine Schulter sinken. »Sie sind mir ein Rätsel«, sagte sie. »Eigentlich weiß ich überhaupt nichts über Sie.« Er zeichnete mit dem Daumen die Linie ihres Wangenknochens nach. »Da gibt’s auch nicht viel zu erzählen.« »Das glaube ich nicht«, sagte sie. Dann küsste sie ihn, ganz sanft, und setzte mit einem leisen Lachen hinzu: »Du schmeckst nach Rehgulasch.« Sie fuhr ihm mit den Fingern durch die Haare, ließ die Hand in seinen Nacken gleiten und küsste ihn abermals, diesmal ein wenig fordernder. Ihre Lippen schmeckten süß, und ihr schmaler Körper fühlte sich unwiderstehlich an, doch er gebot sich, nichts zu überstürzen. Er nahm sie in die Arme, zog sie ein bisschen fester an sich, und wieder trafen sich ihre Lippen, während sie murmelte: »Was ist das große Geheimnis, John? Was ist los mit dir?« Fast reflexartig löste er sich von ihr, und sie sah ihn besorgt an. Vorsichtig berührte sie ihn am Arm. »Entschuldige bitte.« »Schon okay.« »Du musst mir nichts sagen, wenn du nicht willst.« »Ellie.« Er, der sonst so schweigsam war, rang nach Worten, suchte nach einer ehrlichen Antwort. »Es gibt Dinge in meiner Vergangenheit, über die ich nicht gerne spreche.« »Wirklich, du brauchst mir nichts …« »Nach meiner Armeezeit habe ich für die Regierung gearbeitet. Zehn Jahre lang, und ich bereue es heute noch, jeden einzelnen Tag davon. Aber ich kann nicht darüber sprechen, aus verschiedenen Gründen. Nicht zuletzt, weil ich mich für meine Taten schäme.« »John …« Sanft schnitt er ihr das Wort ab. »Es spielt keine Rolle.« »Du hast die traurigsten Augen, dich ich je gesehen habe.« Sie zog ihre Jacke und den Pullover aus. Darunter trug sie nur einen BH, den sie ebenfalls auszog. Der orangerote Schein des Feuers huschte über ihren makellosen Körper, und er hatte plötzlich einen Kloß im Hals. Er streckte die Hand nach ihr aus, berührte sie, und ihre Haut fühlte sich an wie aus Seide. Sie streifte ihm die Jacke von den Schultern und schob die Hände unter seinen Pullover. Sie liebten sich am Seeufer im Schein der Flammen, so leise wie eben möglich. Als sie sich schließlich voneinander lösten, war nur das Geräusch ihres Atems zu hören. Dann flüsterte sie: »John?«, doch als er mit einem leisen »Ja?« zurückfragte, schwieg sie, und so deckte er sie mit seiner Jacke zu und hielt sie in den Armen, bis sie eingeschlafen war. Kapitel 17 Um kurz vor fünf Uhr brach der Tag an. Milton hatte Ellie zum leeren Zelt getragen und sie behutsam hineingelegt. Sie war die ganze Nacht nicht aufgetaucht, um ihn abzulösen. Als er eine Runde durch das Camp drehte, um sicherzugehen, dass alles in Ordnung war, sah er, dass sie immer noch selig schlafend dalag. Mallory und ihr Bruder lagen im anderen Zelt. Auch die vier Männer schliefen – ihr Schnarchen war über das Knistern des Feuers hinweg deutlich zu hören. Milton war der Einzige, der wach geblieben war. Natürlich hätte er Ellie wecken können, brachte es aber nicht über sich. Er wusste, dass er den Rückweg nach Truth auch ohne Schlaf bewältigen konnte, außerdem könnte er ja sein Defizit später im Hotel nachholen. Es war eine schöne, friedliche Nacht gewesen. Er hatte die Forellen im See springen gehört, das Platschen einer Biberflosse, die Rufe der Eulen. Über ihm hatten die Sterne an einem atemberaubend schönen Firmament gefunkelt, bei dessen Anblick er sich daran erinnert hatte, wie er vor nicht allzu langer Zeit von der mexikanischen Grenze nach Texas marschiert war. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstumpf, das Gewehr quer über den Schenkeln, und ließ die Atmosphäre auf sich wirken. Seine Gedanken gingen auf Wanderschaft. Er dachte an die zahllosen Nachthimmel, unter denen er geschlafen hatte, seit er aus London geflohen war, die korrupten Mitglieder der Group Fifteen stets im Nacken. Dieses Problem war mittlerweile gelöst, trotzdem verspürte er keinerlei Drang zurückzukehren. Stattdessen sehnte er sich danach, diesen herrlichen Nachthimmel noch oft betrachten zu dürfen. Er dachte an Ellie. Milton ging in den Schuppen, um alles fürs Frühstück zu besorgen. Es gab Speck, Dosen mit Bohnen und Kaffee. Er entzündete das Feuer neu und machte sich an die Arbeit. Als er zurückkehrte, stand sie da. »Morgen«, sagte sie und rieb sich schlaftrunken die Augen. »Morgen.« »Ich habe die ganze Nacht geschlafen.« »Ich weiß.« »Tut mir leid.« »Kein Problem.« »Du hättest mich wecken sollen.« »Nein«, meinte er. »Es war alles ruhig, und ich dachte, du kannst den Schlaf mehr gebrauchen als ich.« Vom Vorabend waren noch gebackene Kartoffeln übrig, aus denen er kleine Küchlein briet. »Wegen gestern Abend …«, begann sie. Er hielt inne und sah sie gespannt an. Ehrlich gesagt konnte er es kaum erwarten, was sie zu sagen hatte. In diesem Moment krochen Mallory und Arty aus dem zweiten Zelt. Er spürte, wie sein Mut sank. »Es war gut.« Sie rieb seinen Arm. Lächelnd reichte er ihr einen Teller voll Bohnen und Speck. Inzwischen waren die Geschwister auch schon ans Feuer getreten. Arty war ein gutes Stück größer als Milton und brachte einige Kilo mehr auf die Waage, was Mallory wie eine Elfe neben ihm wirken ließ. Ihre Augen blitzten vor messerscharfer Intelligenz, während Arty anzusehen war, dass er ein schlichtes, friedfertiges Gemüt besaß. »Hast du Hunger?«, fragte Milton das Mädchen. »Ja«, antwortete Mallory. »Und du, Arty?« »Bärenhunger.« »Lust auf Bohnen und Speck?« »Aber hallo.« »Mit Kartoffelpuffern?« Er nickte eifrig. »Dann setzt euch hin, das Essen ist gleich fertig.« In diesem Moment hämmerte jemand gegen die Hüttenwand – zuerst einer ihrer Gefangenen, dann folgten auch die anderen. Arthur rückte näher an Mallory heran. »Keine Angst«, beruhigte Milton ihn. »Die sind so gut gefesselt, dass sie sich nicht befreien können.« Er gab zwei großzügige Portionen auf zwei Teller und reichte sie den Geschwistern, die damit ans Ufer hinuntergingen und sich über ihr Frühstück hermachten. Ellie trat mit ihrem leeren Teller zu ihm. »Schaffen wir es, die Männer zurück nach Truth zu bringen, was meinst du?«, fragte sie leise, als sie sich davon überzeugt hatte, dass sich die Stanton-Geschwister außer Hörweite befanden. Milton sah zur Hütte hinüber, aus der das lauter und eindringlicher werdende Hämmern drang, und griff nach seinem Gewehr. »Ja, das schaffen wir.« »Dann bist du wohl zuversichtlicher als ich.« »Das wird kein Problem werden.« Er marschierte zur Hütte und löste das Seil, dann trat er einen Schritt zurück und zielte auf die Tür. »Los, raus mit euch«, rief er. »Einer nach dem anderen.« Die vier traten im Gänsemarsch heraus und blinzelten, während sich ihre Augen nach zehn Stunden Dunkelheit allmählich an das helle Sonnenlicht gewöhnten. Sie waren immer noch an den Händen gefesselt, und sollte einer von ihnen auch nur auf die Idee gekommen sein, sich ins Gebüsch zu schlagen und zu flüchten, wurde dieser Gedanke durch das Gewehr in Miltons Hand sofort im Keim erstickt … erst recht, als sie ins Gesicht des Mannes sahen, in dessen eisig blauen Augen nicht einmal der Anflug eines Zweifels stand, dass er, ohne mit der Wimper zu zucken, abdrücken würde. Selbst Callow schluckte die Widerworte, die ihm offenbar auf der Zunge gelegen hatten, ganz schnell hinunter. Milton bedeutete dem Quartett, ans Feuer zu treten, wo er einem nach dem anderen die Fesseln abnahm und ihnen erlaubte, einen Kaffee zu trinken, etwas zu frühstücken und sich im Gebüsch zu erleichtern, ehe er die Fesseln wieder anlegte. Es dauerte fast eine halbe Stunde, bis alle so weit waren, aber Milton wusste, dass es besser war, die Gefangenen mit vollen Mägen zurück in die Stadt zu bringen. Er beäugte sie argwöhnisch und versuchte die Hierarchie innerhalb der Gruppe zu ergründen. Callow war unübersehbar der Anführer, Chandler die Nummer zwei, die beiden anderen waren die Handlanger. Noch etwas fiel ihm auf, als er die Kabelbinder durchschnitt und später neue anlegte: Sie alle hatten eine Tätowierung auf der Innenseite des Handgelenks – eine identische, jeweils zwei Ziffern »1« und »3«, mit einem Doppelpunkt dazwischen. »Was hat das zu bedeuten?«, fragte er Chandler, der als Letzter an der Reihe war. Wortlos drehte der Mann die Hand so hin, dass man das Tattoo nicht mehr erkennen konnte. Milton fragte nicht weiter nach. Dann befahl er den Männern, sich vor den Überresten des Lagerfeuers hinzusetzen, und rief Arty zu sich. »Könnte ich dich kurz sprechen, Arty?«, fragte er. »Klar, Mr. Milton.« Michael Callow starrte Arty voll unverhohlenem Hass an – und Milton sah dem Jungen an, dass er die Hosen gestrichen voll hatte. Seine Hände zitterten, als er ihn am Arm nahm und wegführte. »Ich habe gestern Abend die Waffen der Jungs gefunden«, sagte Milton. »Das FBI braucht sie als Beweisstück. Ich will nicht alle mitnehmen, sie aber auch nicht einfach hier zurücklassen. Die Waffen sind alle geladen, deshalb wäre das Risiko zu groß. Könntest du sie für mich holen?« »Natürlich.« »Ich habe drei gesehen. Weißt du, ob es irgendwo noch mehr gibt?« »Ich glaube nicht.« »Könntest du vielleicht mal nachsehen?« »Klar.« Er hastete davon, und Milton trat zu Ellie und Mallory, die gerade ihren Kaffee austranken. »Seid ihr bereit?«, fragte er. »Ich denke schon«, antwortete Ellie. Mallory nickte mit vollem Mund. »Mallory, du musst deinen Bruder im Auge behalten. Die Jungs haben ihm echt Angst gemacht.« »Ich weiß.« Ihr Blick war eisig. »Um ihn brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen.« »Ich will nicht, dass sie mit ihm reden. Sollten sie es versuchen, müssen wir es unterbinden.« »Wie sollen wir das anstellen?« »Mit einem Knebel im Mund spricht es sich nicht so leicht.« Sie grinste nur, und Milton spielte kurz mit dem Gedanken, den vier Männern einen Knebel zu verpassen, nur um dem Mädchen eine Freude zu machen. »Die vier gehen voran, ich bleibe direkt hinter ihnen, mit der Waffe im Anschlag. Das hindert sie daran, etwas Unüberlegtes zu tun. Wenn ich einen Schuss abgebe, erwischt es gleich alle vier auf einmal.« »Und ich?«, fragte Ellie. »Du bleibst bei mir. Sie sollen wissen, dass du ebenfalls eine Waffe bei dir hast und nicht davor zurückschreckst, sie auch zu benutzen.« Sie drehten sich um, als Arty mit den Gewehren aus der Hütte kam. »Das war’s?« »Mehr habe ich nicht gefunden.« »Gut gemacht.« Eines der Gewehre war doppelläufig. Milton beschloss, es an sich zu nehmen, weil es besser geeignet war, um mehrere Gefangene in Schach zu halten, als sein eigenes. Zwei Patronen waren eingelegt. Mehr brauchte er nicht. Das sollte genügen, um jeden Fluchtversuch im Keim zu ersticken. Falls es ihnen dennoch gelingen sollte, ihn zu überwältigen und das Gewehr in ihren Besitz zu bringen, hatten sie lediglich zwei Schuss. Besser konnte er es eigentlich nicht erwischen. Er legte die beiden anderen Gewehre auf den Boden, zog sein Schweizer Armeemesser heraus und hob das erste Gewehr auf – eine Mossberg 500, nagelneu und bestimmt nicht billig. Er überprüfte das Röhrenmagazin und die Kammer, nahm die Munition heraus, dann öffnete er den Zylinderverschluss zur Hälfte und drehte mit der Messerklinge die Schraube gegen den Uhrzeigersinn. Dann zog er den Lauf heraus und trennte ihn vom Verschlussgehäuse. Danach nahm er die nächste Waffe auseinander und verstaute den Lauf in seinem Rucksack. Die Gehäuse gab er Arty zurück und bat ihn, beide zurück in die Hütte zu bringen. Er trat ans Feuer und stocherte mit einem langen Stock so lange darin herum, bis die Glut erloschen war. Die vier jungen Männer starrten ihn hasserfüllt an. »Bereit, Jungs?«, fragte er. »Wir haben einen langen Marsch vor uns.« Milton peilte mit seinem Kompass einen Baum auf der Anhöhe an, um die einstigen Bahngleise wiederzufinden, die ihnen am Vortag als Orientierungshilfe gedient hatten. Es war ein klarer, heller Tag, dennoch beäugte Milton besorgt die hohen, rasch vorbeiziehenden Wolken und fragte sich, wann der Regen wohl wieder einsetzen würde. Sie verließen das Camp so, wie sie es vorgefunden hatten. Ellie würde in Bälde mit einem FBI-Team zurückkehren, um Motorräder und Waffen als Beweise gegen die Verdächtigen zu sichern. Milton schlang den vier Männern sein Seil um die Taille, dann fesselte er sie mit den Kabelbindern, diesmal vorn statt wie bisher auf dem Rücken. Der erste Teil des Marschs würde sie über steiles Terrain führen, und falls einer von ihnen das Gleichgewicht verlor, würde er die anderen drei unweigerlich mit sich in die Tiefe reißen. »Also gut, los geht’s. Den Hügel dort hinauf.« Sie setzten sich in Bewegung – Eric Sellar, Reggie Sturgess, Michael Callow und Tom Chandler, dann folgten Milton mit dem Gewehr und Ellie mit ihrer Pistole, Mallory und Arty bildeten die Nachhut. Milton hatte sich das mit zwei Patronen geladene Gewehr über die Schulter gehängt und hielt es locker umfasst, einen Finger direkt vor dem Abzugbügel, sodass er jederzeit feuern konnte. Sie folgten den verdrossenen Männern den Hügel hinauf. Einmal verlor Sellar den Halt, als sich eine Ladung Kieselsteine unter seinem rechten Fuß löste. Er fiel auf die Knie und stieß einen wütenden Fluch aus. Milton bedeutete Ellie, Mallory und Arty, stehen zu bleiben. Einen Moment lang war er nicht sicher, ob der Bankräuber ihn nicht nur näher zu sich locken wollte, damit die anderen ihn überwältigen konnten. Doch es geschah nichts dergleichen. Stattdessen beschimpfte Callow seinen Kumpanen sogar noch, weil er ihn um ein Haar mitgerissen hatte. Nach einer Stunde hatten sie den Gipfel erreicht und fanden die Reste eines Kieswegs, der irgendwann endete und die einstige Bahnlinie kreuzte. Milton wies die Männer an, ihr in südwestlicher Richtung zum Mirror Lake zu folgen. Die Bahngleise führten einen leichten Abhang hinab, durch saftige Wiesen mit leuchtend grünem Gras. Als sie eine zehnminütige Rast einlegten, zückte Milton den Kompass, um die Route zum südöstlichen Zipfel des Sees zu berechnen. Um die Mittagszeit erreichten sie den See und machten erneut Pause, diesmal eine halbe Stunde, um ihre Wasserflaschen aufzufüllen. Milton verteilte Energieriegel, die er in Truth gekauft hatte. Sein Vorrat war groß genug, dass jeder später noch einen zweiten bekommen konnte, aber das würde genügen müssen. Ellie, Mallory und Arty saßen ein Stück abseits, unterhielten sich leise und beobachteten das Haubentaucherpärchen, das durch das reglose Wasser glitt und immer wieder untertauchte, um einen der kleinen Bitterfische zu fangen, die unter der Oberfläche umherflitzten. Milton zog seine Karte heraus und berechnete die Route neu. Sie lagen gut in der Zeit. Vom See waren es zwölf Meilen bis nach Truth. Er allein würde die Strecke in drei Stunden schaffen und wäre damit mindestens doppelt so schnell. Aber selbst wenn sie zweimal so lange brauchten, kämen sie immer noch vor Einbruch der Dämmerung in Truth an. »Los, weiter, Leute, gehen wir.« Wenig später begannen die Gefangenen zu meutern. Anfangs hackten sie aufeinander herum: Callow warf Chandler vor, er sei schuld daran, dass sie hopsgenommen worden waren, nur weil er ihm eingeredet habe, es wäre bestimmt ein Heidenspaß, Arty Stanton mit zum See zu nehmen. Da habe es wohl nicht viel Überredungskunst gebraucht, maulte Chandler trotzig zurück. Milton lauschte dem Hin und Her und fragte sich, wie es möglich war, dass man die Burschen so lange Zeit nicht geschnappt hatte. Die Kerle waren ein Haufen schlecht vorbereiteter Amateure, die selbst ein Blinder mit Krückstock problemlos hätte aufstöbern können. Wäre Milton an ihrer Stelle gewesen, hätte er einen Wachposten oben auf den Hügel gesetzt, hätte tagsüber kein Feuer angezündet und striktes Alkoholverbot erteilt. Außerdem hätte er nie im Leben erlaubt, dass ein Wildfremder mitkam, schon gar nicht, um die Langeweile zu vertreiben. Doch trotz ihres kindischen Benehmens und ihrer Unerfahrenheit war es ihnen gelungen, sich wochenlang vor der Polizei und dem FBI zu verstecken, so unvorstellbar es auch erscheinen mochte. Sie gingen am Rand eines sumpfigen, dicht mit Farnen, Stinkkohl und einem grünlichen Moosteppich bewachsenen Zedernwäldchen entlang, als Callow sich umwandte. »Wer sind Sie eigentlich?«, fragte er Milton. »Das geht Sie überhaupt nichts an.« »Wieso? Haben Sie etwa Schiss, was passieren könnte, wenn ich wieder rauskomme?« Milton gestattete sich ein leises Lachen. »Sehe ich so aus?« »Nein. Sie sehen aus, als würden Sie sich hinter der Knarre verstecken. Wieso legen Sie sie nicht einfach hin und machen die Kabelbinder ab? Mal sehen, was für ein knallharter Bursche Sie dann sind.« Milton schenkte ihm ein überlegenes Lächeln. »Da müsste schon ein anderes Kaliber kommen.« »Sag bloß, Sackgesicht …« »Los, weiter«, befahl Milton mit einer knappen Kopfbewegung. »Glauben Sie ernsthaft, dass die mich einlochen?« »Ich glaube es nicht, ich weiß es.« »Einen Scheißdreck wissen Sie. Die schicken mich nicht einfach in den Bau, mein Freund, wegen gar nichts.« »Sie haben einen Mann getötet. Deshalb wandern Sie für sehr lange Zeit hinter Gitter. Sie können froh sein, dass in Wisconsin keine Mörder mehr hingerichtet werden.« Callow zog die Nase hoch und spie einen Schleimklumpen an den Wegrand. »Der weiß doch einen Scheiß«, warf Eric Sellar ein und verzog das Gesicht zu einem freudlosen Grinsen. »Der hat doch keine Ahnung.« »Halt’s Maul, Eric«, warnte Callow. »Ich sag doch bloß …« »Du sagst überhaupt nichts, sondern gehst einfach weiter, kapiert?« Sellar warf Callow einen finsteren Blick zu, gehorchte aber. »Also sind Sie sicher, dass Sie mir nicht zeigen wollen, was für ein harter Hund Sie sind.« Milton rammte ihm den Gewehrlauf zwischen die Schulterblätter. Seine Finger schlossen sich um den Schaft. Etwas an diesem Szenario beunruhigte ihn, und er wusste auch, was es war: Eigentlich sollte Callow vorsichtig sein, stattdessen blies er sich auf wie ein Ochsenfrosch. Immerhin war er gefesselt und musste mit einem Gewehr im Rücken zu Fuß in die Stadt marschieren, wo ihn das FBI in Empfang nehmen und der Justiz zuführen würde. Milton wusste inzwischen, dass Callow nicht gerade die hellste Kerze am Baum war. Dieser Schwachkopf bildete sich allen Ernstes ein, wilde Drohungen vor seinen Kumpanen auszustoßen mache ihn automatisch zur Führungspersönlichkeit. Aber irgendetwas stimmte hier nicht. Die Sache stank. »Ich muss pissen«, sagte Callow. »Können wir mal stehen bleiben?« »Verkneifen Sie es sich. Wir machen erst in einer Stunde wieder halt.« »In einer Stunde? Wollen Sie mich verarschen, verdammt noch mal?« Wieder rammte Milton ihm den Gewehrlauf in den Rücken. »Maul halten und weitergehen.« Um drei Uhr nachmittags ließen sie die Bahnlinie hinter sich. In der Ferne befand sich eine Senke mit einem kleinen, von sandigen Hügeln umgebenen See. Milton verteilte die restlichen Energieriegel und wies die Gruppe an, ein letztes Mal die Trinkflaschen zu füllen. Dann löste er nacheinander die Kabelbinder und begleitete jeden Einzelnen ins Gebüsch, wo sie sich erleichtern konnten. Ellie behielt solange die anderen im Auge. »Hören Sie auf, mich anzuglotzen«, maulte Callow, als er an der Reihe war. »Oder geht Ihnen vielleicht einer ab, wenn Sie mir beim Pissen zusehen dürfen, schwule Drecksau?« »Genau, Callow. Ich stehe total auf Sie.« »Sie klingen wie die letzte Tunte mit Ihrem bescheuerten Akzent.« »Fertig?« »Nö.« »Doch. Hose zu und dann zurück zu den anderen.« Er verpasste ihm einen Stoß zwischen die Schulterblätter, worauf Callow sich in Bewegung setzte. Milton bemerkte Ellies verärgertes Gesicht, als er Callow in die Mitte schubste – die drei hatten seine Abwesenheit offenbar genutzt, um die FBI-Beamtin zu provozieren. »Alles klar?«, fragte er leise, nachdem sie ihren Marsch wieder aufgenommen hatten und die anderen sie nicht hören konnten. »Was für Arschlöcher«, meinte sie. »Ich freue mich schon auf ihre Gesichter, wenn wir sie in Jackson abliefern.« »Was passiert dann mit ihnen?« »Ich rufe meinen Partner an, der ein Überführungsteam hinschickt. Sie werden nach Detroit überstellt, wo sie in Untersuchungshaft bleiben, während wir ausreichend Beweise für einen Prozess sammeln.« »Keine Kaution?« »Für diese Typen? Nie im Leben.« Milton hörte Motorengeräusch. Ein mit Angelausrüstung beladener Geländewagen preschte an der einstigen Bahnlinie ein paar Meter über ihnen entlang. Er lauschte, ob der Fahrer sie womöglich bemerkt hatte und Anstalten machte, umzudrehen und noch einmal nachzusehen, aber das Brummen verklang, und nach fünf Minuten war wieder Stille eingekehrt. Miltons Blick fiel auf die zornigen dicken Wolken, die sich am Himmel zusammenzogen. Die beiden Geschwister traten auf ihn zu. »Ein Sturm kommt auf«, sagte Mallory. »Schon wieder?«, meinte Ellie. »Ich habe noch nie so viel Regen erlebt.« »Das liegt an der Jahreszeit.« Ellie schirmte ihre Augen ab und blickte in den sich verdüsternden Himmel. »Glaubst du, wir schaffen es noch rechtzeitig?« Milton inspizierte seine Karte und versuchte, die Geschwindigkeit der Wolken einzuschätzen. »Nein«, antwortete er. »Ich fürchte, wir werden noch mal nass.« Der Regen setzte ein, als sie noch eine Stunde von Truth entfernt waren. Anfangs war es nur ein leichtes Nieseln, das jedoch mit jeder Minute stärker wurde und sich schließlich zu einem sintflutartigen Guss ausweitete. Die erste Zeit gewährte ihnen das dichte Blätterdach ein Minimum an Schutz, doch allmählich wurden die Bäume lichter und hörten schließlich ganz auf, sodass sie den Elementen schutzlos ausgeliefert waren. Sie verließen den Wald an derselben Stelle, an der ihn Milton, Ellie und Mallory tags zuvor betreten hatten. Die Maisstauden schwankten im heftigen Wind. Im Gänsemarsch gingen sie den Weg zwischen den Pflanzen entlang, während über ihnen der Donner grollte. Ellies Escalade stand noch dort, wo sie ihn zurückgelassen hatten. »Wir passen aber nicht alle rein«, sagte sie. »Ich könnte ja mit Arty in die Stadt fahren und den Sheriff holen«, schlug Mallory vor. Milton schüttelte den Kopf. »Es wäre mir lieber, wenn wir zusammenblieben. Wir können genauso gut zu Fuß weitergehen.« Er hielt sich am Ende der Gruppe, bis sie nach Truth gelangten. Seine Füße schmerzten, und er war todmüde, aber auf eine perverse Art und Weise hatte der Marsch durch den Regen etwas Beruhigendes. Sie überquerten die Bahngleise und gelangten in die Vororte. Das Wetter war die reinste Katastrophe, trotzdem waren erstaunlich viele Leute unterwegs. Milton hatte Mallory gebeten, sie auf dem diskretesten Weg zum Büro des Sheriffs zu bringen, trotzdem blieb es ihnen nicht erspart, ein Stück die Hauptstraße entlangzugehen. In Johnny’s Bar herrschte reger Betrieb, und nachdem ein Stammgast, der draußen vor der Tür eine Zigarette rauchte, sie bemerkt hatte, leerte sich die Bar im Handumdrehen und die Leute starrten sie mit offenen Mündern an. Milton hatte gewusst, dass dies der heikelste Teil des Wegs sein würde: Fast jeder im Ort kannte die vier Bankräuber von den Fahndungsfotos, deshalb hatte sich innerhalb kürzester Zeit ein Grüppchen gebildet, das ihnen mit einigen Schritten Abstand folgte, darunter auch einige Barbesucher, die definitiv nicht mehr nüchtern waren. Ellie trat neben Milton und sah ihn besorgt an. »Das gefällt mir gar nicht«, sagte sie leise. Milton ließ den Blick über ihr Gefolge schweifen. »Mir auch nicht.« »Einige der Leute, die wir befragt haben, sehen in den Jungs so etwas wie moderne Robin Hoods. Von den Reichen nehmen und den Armen geben, dieser ganze Quatsch. Offenbar haben sie einfach vergessen, dass sie auch einen Wachmann abgeknallt haben.« »Das passt eben nicht ins Märchen«, bemerkte Milton. »Hey«, rief jemand hinter ihnen. »Lasst die Jungs doch laufen. Die haben nichts getan.« »Wer hat euch eigentlich zum Sheriff befördert?«, rief ein anderer. »Da läuft doch was schief.« Milton spürte ein Prickeln im Nacken und umfasste das Gewehr fester. »Weit ist es nicht mehr«, sagte Ellie. »Noch fünf Minuten.« »Das kriegen wir hin.« Gerade als sie von der Hauptstraße abbogen, kam Lester Grogan mit einem Gewehr in der Hand auf sie zugelaufen. Die Waffe schwang im Takt seiner schweren Schritte hin und her, und die Handschellen an seinem Gürtel klingelten. Als er sie sah, drosselte er das Tempo. »Ich fasse es nicht!«, stieß er atemlos hervor. »Ich hab’s Ihnen ja gleich gesagt«, erklärte Mallory mit leicht vorwurfsvoller Stimme. »Ich habe Ihnen gesagt, dass sie mit meinem Bruder oben in den Wäldern sind.« »Das stimmt«, gab der Sheriff zurück. »Sieht ganz so aus, als müsste ich mich bei dir entschuldigen. Wo haben Sie sie aufgestöbert?« »Oben in der alten Mine beim Lake of the Clouds.« »Großer Gott«, stieß der Sheriff hervor. »Wie …« »Könnten wir sie in eine Zelle sperren, Sheriff?«, schaltete sich Ellie ein. »Ich würde mich deutlich besser fühlen.« Lester nickte. »Na schön, Leute«, rief er der Menge zu. »Hier gibt es nichts zu sehen. Geht wieder nach Hause und kümmert euch um euren eigenen Kram.« »Komm schon, Lester, das ist doch nicht richtig, sie einfach einzubuchten. Ein Mann ist so lange unschuldig, bis seine Schuld bewiesen ist, oder etwa nicht?«, rief ein riesiger Typ im Karohemd. Lester nickte. »Das ist richtig, Morris, und noch hat keiner Anklage gegen diese vier Jungs erhoben. Das ist jetzt die Aufgabe des FBI.« »Sheriff, bitte«, drängte Ellie. Der Sheriff legte sich das Gewehr über die Schulter. »Los, gehen wir.« Kapitel 18 Lester schloss die Hintertür des Sheriffbüros auf und trat ein. Milton wartete mit dem Gewehr im Anschlag, den Finger locker um den Abzug gelegt, während Callow, Chandler, Sellar und Sturgess ihm nach drinnen folgten. Inzwischen hatte sich die Menge einigermaßen zerstreut, nur ein paar besonders aufgebrachte Sturköpfe hatten sich nicht abschütteln lassen. Milton war heilfroh, sie endlich loszuwerden. Er trat ein und schloss die Tür hinter sich ab. Lester war die Neugier ins Gesicht geschrieben, aber er schien zu wissen, dass seine Fragen erst einmal warten mussten. Er öffnete die Tür zum Korridor und ging voran ins Untergeschoss, gefolgt von den vier Männern und Ellie. Mallory, die die Hand ihres Bruders immer noch nicht losgelassen hatte, blieb oben stehen. »Alles klar?«, fragte Milton. »Ja. Ich wollte mich noch bei Ihnen bedanken.« »Gern geschehen.« »Sie sind der Einzige, der mir zugehört hat.« »Du hast mich zufällig in einem günstigen Moment erwischt.« Er nickte Richtung Untergeschoss. »Ich hab da unten in der Zelle eine angenehme Nacht verbracht. Normalerweise bin ich nicht so nett.« »Arty und ich fahren jetzt mit dem Taxi nach Hause«, sagte sie. »Es war ein langer Tag … für ihn ja noch viel länger, und wir sind beide hundemüde. Meinen Sie, das ist okay?« »Davon gehe ich aus«, meinte Milton. »Ellie wird später deine Zeugenaussage aufnehmen wollen. Und Artys.« »Klar.« »Wie kann sie euch finden?« Mallory nahm einen Flyer von einem Stapel im Regal neben ihr und schrieb ihre Adresse auf. »Die Wohnwagensiedlung, in der wir leben, liegt im Westen der Stadt. Einfach bis zum Ende durchfahren. Unser Wohnmobil ist das direkt am Waldrand.« »Sie findet es ganz bestimmt.« Mallory schwieg einen Moment lang verlegen. Milton berührte ihren Arm, beugte sich vor und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Bis morgen, Mallory. Und schlaf gut.« Dankbar lächelte sie ihn an. Sie schien mit den Tränen zu kämpfen. Milton machte ihnen die Tür auf. Inzwischen hatten sich die Schaulustigen verzogen. Die beiden stiegen in das einzige Taxi des Ortes und fuhren davon. Milton schloss die Tür und ging ebenfalls nach unten. Lester hatte die Zellentür aufgeschlossen und ließ die vier Bankräuber eintreten. »Tut mir leid, wenn es ein bisschen voll wird«, bemerkte er. Callow blieb kurz in der Tür stehen, drehte sich um und blickte Milton ins Gesicht. »Sie haben gerade den Fehler Ihres Lebens begangen, Kumpel«, sagte er, ohne den Sheriff zu beachten. »Und dafür werden Sie bezahlen, das schwöre ich Ihnen. Ihr alle werdet dafür bezahlen.« »Das reicht jetzt, Junge.« Lester legte ihm die Hand auf die Schulter und schob ihn in die Zelle. »Wissen Sie, was die Heilige Schrift sagt?« Milton wandte ihm den Rücken zu. »Lassen wir die Jungs ein bisschen allein, damit sie sich beruhigen können«, sagte Lester und schob Milton hinaus. »Tust du aber Böses, so fürchte dich, denn sie trägt das Schwert nicht umsonst.« Lester schloss die Tür, doch Callow zeterte weiter, sodass seine Stimme immer noch klar und deutlich zu hören war. »Sie ist Gottes Dienerin, die Rächerin zur Strafe über den, der Böses tut.« »Sie haben mehr Geduld als ich«, bemerkte Lester. »Hätte er mir mit diesem Unsinn die Ohren vollgequatscht, hätte ich ihm wahrscheinlich unterwegs eine anständige Tracht Prügel verpasst.« Milton runzelte die Stirn. Irgendetwas an Callows Gezeter machte ihn wachsam, auch wenn er nicht sagen konnte, warum. Lester schloss ab, steckte die Schlüssel ein und ging zur Treppe. »Gehen wir nach oben. Ich kann es kaum erwarten, mir anzuhören, was Sie zu erzählen haben.« Lester setzte Wasser auf und kochte Kaffee für Milton, Ellie und sich selbst. Sie trugen ihre Becher in sein Büro und setzten sich. Lester nahm eine Flasche Whiskey aus dem Regal, die Milton bislang nicht bemerkt hatte. »Einen kleinen Schluck zur Stärkung?«, fragte er. Milton hielt die Hand über seinen Becher. »Für mich nicht, danke.« »Sicher? Der wärmt Sie auf.« »Nein danke.« Er zuckte die Achseln. »Was ist mit Ihnen?«, fragte er Ellie. »Sind Sie dabei?« Sie hielt ihm ihren Becher hin. »Wenn Sie drauf bestehen.« Lester goss zuerst ihr einen anständigen Schluck ein, dann sich selbst. Milton wandte den Kopf ab, um den scharfen Geruch des Alkohols nicht riechen zu müssen. »Also, was ist dort oben passiert?«, fragte er dann. »Wir haben sie geschnappt. Viel mehr gibt es eigentlich nicht zu erzählen.« »Sie beide gegen eine Viererbande. Wie haben Sie das geschafft?« »Die Männer waren ziemlich träge. Außerdem haben sie nicht mit uns gerechnet.« »Sie haben einfach rumgesessen?« »Genau.« »Kommen Sie, Milton. Rücken Sie schon raus mit der Sprache. Wie sind Sie vorgegangen?« Milton schilderte die Ereignisse knapp und sachlich – im Rampenlicht zu stehen lag ihm überhaupt nicht. Ellie hingegen lieferte gern die Details. Lester, der die Füße auf dem Schreibtisch abgelegt hatte, sah Ellie an und nickte in Miltons Richtung. »Hat er Ihnen eigentlich erzählt, was er früher gemacht hat?« »Nicht so genau. Er ist eher zurückhaltend.« »SAS«, erklärte Lester mit einem bewundernden Nicken. »Special Air Service. Während meiner Armeezeit hatte ich mit einigen dieser Jungs zu tun. Knallharte Burschen.« »Das war vor einer halben Ewigkeit.« Milton winkte ab. »In einem anderen Leben.« »Aber vergessen tut man es nie, stimmt’s? Alles, was man dort gelernt hat, bleibt einem ein Leben lang.« »Ganz offensichtlich«, bemerkte Ellie trocken. Milton zog seine nasse Jacke aus und hängte sie über die Stuhllehne. »Vier junge Männer, nicht mal richtig erwachsen. Es ist ein Jammer.« Milton stellte sein Gewehr in den Schrank und setzte sich wieder. Er würde noch eine Nacht im Hotel verbringen – allmählich wurde er zu alt für diese Übernachtungen unter freiem Himmel. Es klopfte an der Hintertür. Lester nahm seine Waffe vom Tisch, stand auf und ging in das Hauptbüro des Reviers. Milton und Ellie folgten ihm. »Ja?« »Wir sind’s, Morten und Lars«, drang eine gedämpfte Stimme herein. Lester wandte sich um. »Alles klar, das sind zwei meiner Männer.« Ellie nickte, und Lester schloss die Tür auf, worauf zwei Männer eintraten, von deren Hutkrempen das Wasser tropfte und sich in Pfützen auf dem Boden sammelte. Milton erkannte Morten Lundquist. Sein Kollege, ein feister Typ mit teigigem Gesicht, wurde ihnen als Deputy Lars Olsen vorgestellt. »Was gibt’s?«, wollte Lester wissen. »Die Stantons«, sagte Lundquist. »Es gab einen Unfall.« »Was?« »Ein Pick-up hat das Taxi gerammt. Der Wagen sieht ziemlich schlimm aus. Ich war als Erster vor Ort.« »Was ist mit ihnen?« »Sie hatten Riesenglück. Mallory hat nur ein paar Schnittwunden und blaue Flecken davongetragen. Der Junge hat sich wohl den Arm gebrochen. Hätte übel ausgehen können.« »Wo sind sie jetzt?« »Auf dem Weg ins Krankenhaus.« »Wo genau ist das passiert?« »Direkt vor Joes Büro. Der Laster ist auf der regennassen Fahrbahn ins Schleudern geraten, konnte nicht mehr anhalten … wie gesagt, sie hatten Riesenglück.« »Wo ist dieses Krankenhaus?« »In Wakewood. Zwanzig Meilen von hier.« »Wollen Sie hinfahren?«, fragte Lester. »Ja, ich nehme mir ein Taxi.« »Das wird ein Problem werden«, wandte Lester ein. »Joes Taxi ist das einzige im Ort, und momentan fährt er definitiv nirgendwo hin. Sie werden wohl in Wakewood anrufen und eines bestellen müssen. Verdammt, ich würde Sie ja selbst fahren, aber ich kann wegen der Jungs da unten nicht weg. Soll ich Ihnen die Nummer holen?« »Ich könnte Sie fahren«, erbot sich Olsen. Milton warf Ellie einen fragenden Blick zu. »Sie sollten hinfahren«, sagte sie. »Ich komme hier schon zurecht.« »Genau«, bekräftigte Lester. »Ich bin ja hier.« »Es wäre kein Problem, mein Wagen steht direkt vor der Tür«, versicherte Olsen. Milton nahm seine Jacke und zog sie über. »Danke«, sagte er. »Das ist wirklich nett von Ihnen.« »Wie gesagt, kein Problem.« »Kann ich mein Gewehr und meinen Rucksack hierlassen, Lester?« »Klar. Ich hoffe, die beiden kommen schnell wieder auf die Beine.« Olsen öffnete die Tür, setzte sich den Hut auf und zog ihn tief ins Gesicht, ehe er gefolgt von Milton nach draußen trat. Ellie zog ihre klatschnasse Jacke aus und trat in die Toilette, um sich mit ein paar Papierhandtüchern das Gesicht abzuwischen. Das Haar klebte ihr am Kopf. Im Augenblick hatte sie nur einen Wunsch – eine heiße Dusche, lange und ausgiebig, um die Kälte aus ihren Knochen zu vertreiben. Nein, dachte sie. Falsch. Eine schöne heiße Badewanne wäre noch viel besser. Sie strich sich das Haar aus dem Gesicht und blickte in den Spiegel. Sie sah katastrophal aus. Unweigerlich wanderten ihre Gedanken zu Milton und ihrem gemeinsamen Abendessen. Was genau hatte er gemeint? In Truth? Oder würde er sie nach Detroit begleiten? Heute hatte er das Thema nicht zur Sprache gebracht, andererseits war auch keine Zeit für Small Talk gewesen. Immerhin hatte er sich um die vier Gefangenen kümmern und dafür sorgen müssen, dass sie alle heil in die Stadt zurückkehrten, was seine volle Aufmerksamkeit gefordert hatte, von der ersten bis zur letzten Minute. Bevor sie sich am Morgen auf den Weg gemacht hatten, war sie angespannt und nervös gewesen, aber das hatte sich nach kurzer Zeit gegeben. Miltons Gegenwart hatte etwas Beruhigendes. Er war ein Mann, der die Dinge in jeder Lebenslage im Griff hatte. Dann wanderten ihre Gedanken zu Orville. Er hätte sich garantiert übers Wetter beschwert, über all die Insekten, die ihnen um die Köpfe summten, über den Schlamm an den Schuhen, über die schiere Tatsache, außerhalb der Stadt zu sein, fernab vom nächsten Handymast und … Scheiße. Orville. Sie hätte ihn anrufen müssen. Schon jetzt hatte sie gegen eine ganze Reihe von Vorschriften verstoßen und sich nicht an die vorgegebenen Abläufe gehalten. Als Erstes mussten die Zivilisten außer Reichweite gebracht werden. Die Stantons waren zumindest nicht länger hier, aber auch Milton betraf diese Vorschrift: Er musste zurück in sein Hotel. Als Nächstes würde sie mit den Marshalls reden müssen. Die Überführung der Gefangenen fiel in ihren Zuständigkeitsbereich. Sie würden einen Transporter herschicken, der die vier mutmaßlichen Bankräuber in die Stadt bringen würde. Orville würde die notwendigen Schritte in die Wege leiten. Möglicherweise stand ihr mächtiger Ärger ins Haus. Ein Korinthenkacker wie Orville konnte ihr so richtig die Hölle heißmachen: eine Agentin ohne Verstärkung, die Jagd auf vier Verdächtige machte, handelte idiotisch, um nicht zu sagen, grob fahrlässig. Sie hätte darauf bestehen müssen, dass sie zurückgingen und Verstärkung riefen, hätte dafür sorgen müssen, dass Zivilisten anwesend waren. Richtig ernst wäre es für sie geworden, wenn etwas passiert wäre: Gegen die Vorschriften zu verstoßen und mit leeren Händen zurückzukommen war eine andere Hausnummer, als gegen die Vorschriften zu verstoßen und vier gesuchte Übeltäter zu präsentieren. Aller Wahrscheinlichkeit nach würde sie noch mal mit einem blauen Auge davonkommen. Sie suchte ihre Taschen nach ihrem Handy ab. Schätzungsweise steckte es noch in ihrer Jacke. Sie zog noch ein paar Papierhandtücher aus dem Spender, wischte sich das Gesicht trocken und warf sie in den Müll, dann kehrte sie in den Einsatzraum zurück. Lundquist und der Sheriff unterhielten sich gerade. »Na, fühlen Sie sich ein bisschen menschlicher?«, erkundigte sich der Sheriff. »Zumindest ein bisschen besser.« »Ziemlich fies da draußen«, meinte Lundquist. »Das können Sie laut sagen.« »Hier bei uns kann es wirklich ungemütlich werden, was, Lester? Und es schlägt in null Komma nichts um. Wie oft müssen wir los und Leuten helfen, wenn es innerhalb von sechs Stunden zwanzig Grad wärmer oder kälter wird.« Sie trat zu ihrer Jacke. »Ich muss mal telefonieren.« »Die Zentrale?«, fragte Lester. Sie nickte. Lundquist, der mit übergeschlagenen Beinen dagesessen hatte, richtete sich auf seinem Stuhl auf. »Sie haben noch gar keine Meldung gemacht?« »Nein. Dort oben hatte ich keinen Handyempfang, und später habe ich es vergessen.« Sie zog ihr Telefon heraus und schaltete es ein. »Das ist kein Problem, ich mache es eben jetzt. Vor morgen früh kommt ohnehin keiner her.« Sie kehrte den beiden Männern den Rücken zu und scrollte sich durch das Kontaktverzeichnis zu Orvilles Nummer. »Nicht.« »Was?« »Legen Sie das Telefon hin.« Es war Lundquist. Seine Stimme war leise und fest. »Morten?«, fragte Lester Grogan verblüfft. Ellie drehte sich um. Lundquist hatte seine Waffe gezogen und zielte direkt auf ihre Brust. »Was soll das?« »Sie werden niemanden anrufen. Legen Sie das Telefon auf den Stuhl.« Ellie starrte auf seine Waffe. »Was machen Sie da, Deputy?« »Morten! Hast du den Verstand verloren?« »Hinlegen! Sofort!« Ellie sah die grimmige Entschlossenheit im Blick des Deputy. Das war kein alberner Scherz. Sie blickte in den Lauf der Pistole, schwarz und mit Chrom, und hob ganz langsam die Hände. »Okay«, sagte sie. »Ich lege das Telefon hin. Immer mit der Ruhe.« »Und jetzt die Waffe.« Sie löste das Holster und hängte es über die Stuhllehne. »Da rüber.« Lundquist deutete auf die Wand, ein Stück vom Waffenschrank entfernt. Wieder gehorchte sie. Ihr Blick fiel auf die Haut an Lundquists Handgelenk, wo sich sein Ärmel ein Stück hochgeschoben hatte, doch bevor sie genauer hinsehen konnte, war er wieder nach unten gerutscht. »Was soll das werden, Morten?« »Steh auf, Lester.« »Was?« »Du hast gehört, was ich sage. Aufstehen. Jetzt sofort.« »Was ist denn in dich gefahren?« Wieder rutschte Lundquists Ärmel hoch, als er die Waffe auf sie richtete. Diesmal konnte Ellie das Tattoo erkennen. 1:3. Jetzt fiel es ihr wieder ein. Die vier Bankräuber in der Zelle im Keller hatten genau dieselbe Tätowierung. Was hatte das zu bedeuten? Der Sheriff gehorchte. Lundquist trat zwischen sie, den Waffenschrank und die Tür. »Dieser Idiot. Wieso hast du nicht dafür gesorgt, dass er wegbleibt? Dann wäre all das nie passiert.« Ein ungläubiger Ausdruck trat in Lesters Gesicht. Allmählich begriff er. »Bitte sag nicht, dass du etwas mit den vier Burschen da unten zu tun hast.« Lundquist ließ ein freudloses Lachen hören. »Doch, das könnte man sagen. Du hast meinen Sohn dort unten eingesperrt, Lester.« »Was?« »Michael. Er ist mein Fleisch und Blut.« »Aber du hast nie …« »Es ist eine Ewigkeit her. Du und ich, damals in Green Bay, weißt du noch?« »Das Mädchen hinter der Bar?« »Ich bin wirklich nicht stolz drauf, aber er ist nun mal mein Sohn. Mein Junge. Das hat doch eine Bedeutung. Gerade du solltest das wissen.« »Genau aus diesem Grund solltest du nichts tun, was euch beide hinter Gitter bringt.« »Das ist nicht das Einzige. Diese Jungs sind Soldaten. Patrioten, Lester. Sie kämpfen gegen die Tyrannei des Staats.« Er spie das Wort förmlich aus. »Die Tyrannei, die Menschen wie diese Schlampe hier darstellen.« »Wovon redest du?« »Ich bin ihr Befehlshaber und werde nicht einfach hier herumsitzen und zusehen, wie die Bundesbehörden sie festnehmen, sie einfach mit ihrer Maschinerie verschlingen und die nächsten fünfzig Jahre verschwinden lassen.« »Sie haben einen Mann getötet, Morten.« »Wir sind mitten in einem Krieg, Lester. Und wenn man ein Omelett will, muss man nun mal ein paar Eier zerschlagen.« Lesters Züge verzerrten sich vor Wut. »Nur die Ruhe«, warnte Ellie, doch Lester hörte sie nicht. »Legen Sie die Waffe hin, Officer«, befahl sie. »Noch ist nichts passiert, was sich nicht wieder hinbiegen ließe.« »Tu, was sie sagt«, warnte Lester. Das war ein Fehler. Blanker Zorn loderte in Lundquists Augen auf. »Der Tag, an dem ich auf eine FBI-Schlampe höre, wird mein letzter auf Gottes Erdboden sein.« Bevor Ellie es verhindern konnte, hatte Lester einen Satz nach vorn gemacht, so schnell, dass Lundquist nicht reagieren konnte. Lester warf sich auf den Deputy und riss ihn mit sich, sodass sie gegen die Wand prallten, während er versuchte, sein rechtes Handgelenk und die Waffe zu fassen zu bekommen. Einen Moment lang rangen die beiden Männer erbittert miteinander. Sie waren ebenbürtige Gegner, doch dann gewann der jüngere und kräftigere Lester die Oberhand und drückte Lundquists Arm in Richtung Boden. Der Ältere stöhnte vor Anstrengung, doch Lester machte keine Anstalten, von ihm abzulassen, sondern hielt seine Hand fest umklammert und versuchte, ihm die Pistole zu entwinden. Lundquist wehrte sich mit aller Kraft und fuhr herum, sodass die beiden Männer in Ellies Richtung stolperten. Mit einem beherzten Schritt trat sie zwischen sie, schlang den Arm um Lundquists Brust und drückte zu. Wieder begann er sich zu wehren und stieß dabei gegen Lester. Ellie verlor das Gleichgewicht und ging zu Boden, während Lester für einen kurzen Moment den Griff um Lundquists Handgelenk lockerte. Ellies Blick schweifte umher. Ihre Waffe. Sie lag immer noch auf dem Stuhl, gerade einmal zwei Meter neben ihr. Verzweifelt riss Lundquist den Arm hoch und feuerte. Stille senkte sich über den Raum. Lester taumelte rückwärts und stieß gegen seinen Schreibtisch. Überraschung zeichnete sich auf seiner Miene ab, gefolgt von Erkenntnis, ehe ihn eine Woge des Schmerzes zu erfassen schien. Er presste sich die Hände auf die Brust, während er gegen seinen Schreibtisch sank. Sekunden später ließ er die Arme kraftlos fallen. Seine Hände waren dunkelrot. Lundquist starrte ihn erschüttert an. »Scheiße, Lester … Wieso musstest du das tun?« Lester glitt an seinem Schreibtisch entlang zu Boden. Sein Hemd war blutdurchtränkt, sein Gesicht kreidebleich. »Wieso musstest du das tun?«, wiederholte Lundquist. Ellie versuchte, nach ihrer Waffe zu greifen. »Keine Bewegung«, warnte Lundquist und zielte auf sie. »Das ist allein Ihre Schuld.« »Machen Sie keine Dummheiten.« »Ihre Schuld!«, schrie er mit einem Nicken in Lesters Richtung. »Allein Ihre. Sie hätten mit Ihrem Partner zurück nach Hause fahren sollen. All das war völlig unnötig. Er hätte nicht angeschossen werden müssen.« »Ich bin Bundesagentin. Sie sind Polizist. Ihnen ist doch klar, was das bedeutet?« »Das ist hier oben aber völlig egal. Sie sind in meiner Stadt. In meinem Zuständigkeitsbereich.« »So läuft das aber nicht.« Sie zeigte auf Lester, dessen rechte Hand zitternd über seiner Wunde schwebte. »Rufen Sie den Notarzt. Wenn er nicht gleich Hilfe bekommt, stirbt er.« »Dafür ist es jetzt zu spät.« Er richtete die Waffe auf sie und bedeutete ihr aufzustehen. Widerstrebend gehorchte sie und trat mit dem Rücken an die Wand, während er die Pistole aus dem Holster nahm und sie in sein eigenes steckte. Dann trat er zur Eingangstür und schloss ab. »Er stirbt, Deputy.« »Falsch. Sie werden mich ab sofort Lieutenant Colonel nennen. Und im Krieg ist es nun mal so, dass Männer sterben.« Er deutete auf die Tür. »Runter jetzt.« Die vier Verdächtigen standen zusammengepfercht in der Zelle. Offenbar hatten sie den Radau im oberen Stock gehört und blickten in einer Mischung aus Angst und Erwartung zur Tür. Ellie ging die Treppe hinunter, dicht gefolgt von Lundquist, der ihr die Waffe in den Rücken drückte. »Dad«, sagte Michael Callow. »Alles klar?« »Mir geht’s gut.« »Ich hab einen Schuss gehört.« »Der Sheriff.« Callows Gesicht verzog sich zu einer hämischen Fratze. »Hast du ihn abgeknallt?« »Ja, hab ich«, antwortete Lundquist barsch. »Er hat es nicht besser verdient.« Die anderen Männer jubelten. Lundquist streckte die Hand durch die Gitterstäbe und verpasste Callow einen Schlag mit dem Handrücken auf die Stirn. »Halt den Mund, Michael. Wärest du nicht so dämlich gewesen, dich erwischen zu lassen, und hätte diese Schlampe ihre Nase nicht in Dinge gesteckt, die sie nichts angehen, und wäre dieser beschissene Engländer nicht hier aufgetaucht, hätte das alles nicht passieren müssen. Planänderung. Wir müssen hier weg.« Callow trat zurück und rieb sich die Stirn, während sich die anderen, sichtlich ernüchtert von Lundquists Wut, auf die Pritsche setzten. »Sind wir so weit, Soldaten?« »Ja, Sir«, antworteten sie wie aus einem Munde. Lundquist zog die Zellenschüssel heraus und schloss auf. Als Erster trat Callow aus der Zelle. »Tut mir leid, Dad«, sagte er leise. »Hoch mit euch, wir haben viel Arbeit vor uns.« Die vier Männer gingen als Erste nach oben, gefolgt von Ellie und Lundquist, der ihr die Waffe immer noch zwischen die Schulterblätter drückte. Obwohl sie lediglich ein paar Minuten fort gewesen waren, hatte sich die Atmosphäre im Einsatzraum komplett verändert. Ellie blickte zu dem am Boden liegenden Lester hinüber, der während ihrer Abwesenheit gestorben war. Seine Leiche war ein Stück tiefer gerutscht, seine Beine lagen lang ausgestreckt am Boden, sein Kopf war zur Seite gefallen. Über die gesamte Vorderfront seines Hemds verlief eine breite Blutspur. Seine Augen waren noch geöffnet und starrten ins Leere. Ellie spürte eine Woge der Übelkeit in sich aufsteigen, schloss jedoch die Augen und kämpfte dagegen an. Keine Schwäche zeigen, sagte sie sich. Nicht vor diesen Männern. »Seht euch das an«, bemerkte Reggie Sturgess. »Mausetot.« »Halt’s Maul, Reggie«, befahl Callow. Lundquist war vor den Waffenschrank getreten, in dem neben Miltons Gewehr auch drei halb automatische Pistolen und zwei Gewehre standen. »Los, nehmt euch etwas heraus.« »Was machen wir mit ihr?«, fragte Tom Chandler und zeigte auf Ellie. »Ich bringe sie zur Farm. In die Scheune.« Callow bewegte den Kopf, sodass die Wirbel knackten. »Und was sollen wir tun?« »Macht hier ein bisschen sauber. Dann holt ihr Leland. Er kennt Mallory Stanton, was es vielleicht ein bisschen leichter macht. Ihr fahrt zu ihrem Wohnmobil, holt sie und ihren schwachsinnigen Bruder und bringt sie auch zur Farm.« »Jetzt gleich?« »Ja, jetzt sofort«, blaffte Lundquist. »Ja, Sir.« Chandler zeigte auf Lesters Leiche. »Und was ist mit ihm?« »Das war dieser Engländer. Lester hat ihn vorgestern verhaftet, bevor er zum See aufgebrochen ist und euch Idioten aufgesammelt hat. Wir sagen einfach, er sei zurückgekommen, um die noch offene Rechnung zu begleichen.« »Und wo ist er jetzt?« »Olsen kümmert sich um ihn. Der wird uns bald keinen Ärger mehr machen.« Kapitel 19 »Scheißwetter.« Olsen deutete nach draußen. Der Regen prasselte auf die Windschutzscheibe und auf das Dach des Streifenwagens. Sie ließen die Stadtgrenze hinter sich und fuhren auf der Landstraße Richtung Westen. Milton warf ihm einen Blick zu. »Sagen Sie mir noch mal, was passiert ist.« »Die beiden saßen im Taxi, und plötzlich ist ihnen ein Wagen von der Seite reingeknallt.« »Ein Wagen?« »Ja, genau.« »Haben Sie nicht vorhin gesagt, es wäre ein Pick-up gewesen?« Olsen nickte eine Idee zu rasch. »Ja, ein Pick-up.« »Haben Sie mit den beiden sprechen können?« »Nur ein paar Worte. Er hatte starke Schmerzen. Mallory war nicht so schlimm verletzt.« »Hat sie irgendwas gesagt?« »Sie wollte nur wissen, wie es ihrem Bruder geht.« »Sonst nichts?« »Tut mir leid, Milton. Ich kann Ihnen nicht mehr erzählen, als es zu erzählen gibt.« Milton musterte ihn abermals. Olsen versuchte ganz normal zu tun, aber irgendetwas irritierte Milton. Er hatte das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte, ohne dass er es konkret benennen konnte. Und dann stach es ihm ins Auge. Olsen hatte seine Hemdsärmel hochgekrempelt, und an der Innenseite seines Handgelenks befand sich eine Tätowierung. 1:3. Miltons Magen verkrampfte sich. »Wie auch immer«, sagte Olsen. »Sie haben diese Burschen oben am See aufgespürt und dingfest gemacht?« Milton ließ sich nichts anmerken. »Exakt.« »Waren Sie etwa mal bei der Polizei?« »Bei der Armee.« »Ah ja.« Sie fuhren weiter, vorbei an dem Campingplatz, wo Lester ihn zwei Tage zuvor abgesetzt hatte. Milton beobachtete Olsens Spiegelbild in der Windschutzscheibe. Mit der linken Hand hielt der Deputy das Steuer, die rechte lag in seinem Schoß. Unruhig bewegte er die Finger, und Milton entging nicht, dass er ihm aus dem Augenwinkel immer wieder nervöse Blicke zuwarf. »Was ist denn das für ein Tattoo?« Olsen hob den Arm, damit Milton es besser sehen konnte, doch dann griff er wieder nach dem Lenkrad, als hätte er eine schwere Dummheit begangen, und drehte seine Hand so, dass die Tätowierung nicht mehr zu sehen war. »Hat es eine bestimmte Bedeutung?« »Nein, überhaupt nicht.« »Aber etwas hat es doch bestimmt damit auf sich.« Olsens rechte Augenbraue zuckte, während er sich offenbar den Kopf zerbrach, welche Lüge er Milton auftischen sollte. »Habe ich mir vor einer Ewigkeit stechen lassen. War gerade erst aus der Highschool raus.« »Ist das ein Bibelvers?« Olsen hob die Schultern. »Die vier Burschen, die ich am See einkassiert habe, tragen alle dasselbe Tattoo.« Olsen schluckte, und sein Adamsapfel hüpfte auf und ab. »Sie schenken anderen Männern ja ziemlich viel Aufmerksamkeit.« Das sollte beiläufig klingen, doch in seinen Worten schwang eine unüberhörbare Unruhe, ja Aggression mit. »In meinem alten Job war Wachsamkeit das A und O«, erwiderte Milton. »Bei der Armee.« »Nein. Bei dem, was ich danach gemacht habe.« »Tatsächlich? Ich meinte etwas anderes. Wer sich andere Männer so genau ansieht wie Sie, könnte leicht in den Verdacht geraten, eine verkappte Schwuchtel zu sein.« Er wandte den Kopf kurz zu Milton, und seine Lippen verzogen sich höhnisch, doch tatsächlich handelte es sich bei seiner Spöttelei nur um ein Ablenkungsmanöver, da er die Hand am Holster und den Verschlussriemen bereits geöffnet hatte – drauf und dran, seine 45er-Halbautomatik zu ziehen. Mit voller Wucht rammte ihm Milton den linken Ellbogen in die Seite. Der Officer stieß ein überraschtes Grunzen aus, während er die Waffe zu ziehen versuchte, die sich im Holster verfangen hatte. Im nächsten Moment gelang es ihm, die Rechte hochzuziehen, Miltons Arm zu blocken und ihm den Ellbogen ins Gesicht zu knallen. Ein scharfer Schmerz zuckte durch Miltons Wangenknochen bis hoch in seine Schläfe. Er war abgelenkt, und Olsen konnte seine Pistole herausziehen. Milton versuchte den Arm des Officers wegzudrücken, doch sein Gurt arretierte, sodass Olsen einen Moment lang die Oberhand gewann. Er musste handeln. Blitzschnell griff er nach links, ließ Olsens Gurtschloss aufschnappen, beugte sich hinüber, packte das Lenkrad und riss es zu sich herum. Der Streifenwagen schlingerte auf der regennassen Fahrbahn, das Heck brach aus, und die Reifen verloren endgültig ihren Griff. Sekundenbruchteile später geriet das Auto ins Kippen, ehe es sich überschlug. Milton riss die Arme hoch, versuchte sich mit den Beinen abzustützen. Er knallte mit dem Kopf gegen das Beifahrerfenster, als sich die Airbags entfalteten und sich der Wagen ein zweites, ein drittes und ein viertes Mal überschlug. Die Fliehkraft drückte seine Knie an das Armaturenbrett, und Glassplitter regneten auf ihn herab, als die Scheiben barsten. Der Wagen überschlug sich ein letztes Mal und blieb auf der Beifahrerseite liegen. Milton merkte, dass er die Augen zusammengekniffen hatte. Irgendetwas lastete auf seiner Schulter, und als er die Lider öffnete, sah er, dass Olsen aus seinem Sitz gerissen worden war und auf ihm lag. Sein Gesicht war eine blutige, von winzigen Glassplittern übersäte Masse. Sein Genick war gebrochen. Als Milton seine Schulter unter ihm wegzog, sackte Olsens Kopf nach hinten wie der einer Gliederpuppe. Er blickte sich um. Das Innere des Streifenwagens war völlig demoliert. Dabei hatten der Überrollbügel und die Knautschzonen den Aufprall des Wagens abgefangen. Alle sieben Airbags hatten sich entfaltet, und das Talkum-Pulver, das sie geschmeidig hielt, schwebte herab, senkte sich wie feiner weißer Schnee auf das zerbeulte Blech und das eingedrückte Dach. Milton stützte sich mit der rechten Hand ab und löste seinen Sicherheitsgurt mit der linken, bevor er sich mühsam hochrappelte – Schwerstarbeit, da er sich zunächst unter Olsens Leiche hervorkämpfen musste. Milton trat die Überreste der Windschutzscheibe aus dem Rahmen und zwängte sich nach draußen. Er sah sich nach Olsens Halbautomatik um, konnte sie aber nirgends entdecken. Möglicherweise war sie aus dem Wagen geschleudert worden, und ihm blieb jetzt nicht die Zeit, sich genauer nach ihr umzusehen. Vorsichtig tastete er seinen Körper ab, doch offensichtlich hatte er keinen größeren Schaden davongetragen, lediglich ein paar mehr oder minder harmlose Prellungen. Er musste zurück nach Truth. Plötzlich befiel ihn ein ungutes Gefühl. Sie waren etwa eine Meile außerhalb von Truth verunglückt. Milton lief zurück, und kurze Zeit später kamen bereits die Villen am Ortsrand in Sicht. Das erste Haus lag hinter einem großen eisernen Tor, in der Auffahrt stand ein Ford Explorer vor einer geschlossenen Garage. Das Tor war verriegelt, weshalb er gar nicht erst versuchte, es mit Gewalt zu öffnen, sondern die obere Kante ergriff, sich hochhievte und auf der anderen Seite heruntersprang. Als er auf dem Kies landete, gingen die Außenlampen an, tauchten die Auffahrt und einen Teil des Gartens in grelles Licht. Der Explorer war abgeschlossen. Er schnappte einen Stein, schlug damit das Fahrerfenster ein, öffnete die Tür, fegte die Splitter vom Sitz und setzte sich hinters Steuer. Dann griff er unter das Lenkrad, entfernte die Abdeckung und schloss die Zündung kurz. Im Erdgeschoss ging Licht an, und fast im selben Augenblick öffnete der Besitzer des Hauses – er trug nur einen Morgenmantel – die Haustür und eilte zu seinem Wagen. Auf dem Armaturenbrett lag eine Fernbedienung. Als Milton sie betätigte, öffneten sich die Torflügel. Er fuhr durch das Tor, bog auf den Asphalt ab und trat aufs Gas. Im Rückspiegel sah er, dass der Mann ihm bis auf die Straße hinterhergerannt war. Milton fragte sich, was geschehen sein mochte. Olsen hatte ihn weglotsen wollen, so viel stand fest. Aber warum? Dann kam ihm die Tätowierung in den Sinn. Olsen hatte dasselbe Tattoo wie die Bankräuber gehabt. Offensichtlich bestand eine Verbindung zwischen ihnen. Er hatte recht behalten: Die Gangster hatten Komplizen vor Ort gehabt. Nur Olsen – oder waren noch andere Polizisten involviert? Lundquist? Mit hoher Wahrscheinlichkeit. Lester? Bis zum Beweis des Gegenteils musste er davon ausgehen, dass sie alle unter einer Decke steckten. Und das wiederum bedeutete, dass die vier Kerle inzwischen wieder frei waren oder es in Kürze sein würden. Er konnte sich zum Revier aufmachen. Aber er hatte sein Gewehr zurückgelassen – und ohne Waffe war er aufgeschmissen. Und was war mit Ellie? Vielleicht war es zu spät, um ihr noch helfen zu können. Dann kamen ihm Mallory und Arthur in den Sinn. Vermutlich befanden sich die beiden allein in der Wohnwagensiedlung und hatten keine Ahnung, was passiert war. Wenn die Verschwörer ihn aus dem Weg räumen wollten – und es sah ganz so aus –, dann waren die Stantons als Nächste an der Reihe. Gab es eine Verschwörung, waren sie Zeugen, die schnellstens verschwinden mussten. Er kramte den Flyer mit der Adresse hervor, die Mallory ihm gegeben hatte. Die Tachonadel stieg auf sechzig Meilen die Stunde, als er das Gaspedal voll durchdrückte. Ellie. Sie war clever, und sie konnte sich wehren. Sie würde keine Dummheiten begehen. Er würde nach ihr suchen, sobald er die Stantons in Sicherheit gebracht hatte. Und wenn sie ihr auch nur ein Härchen gekrümmt hatten, würden sie dafür bezahlen. Er schickte ein Stoßgebet gen Himmel, dass es noch nicht zu spät war. Fünf Minuten nachdem Lars Olsen mit Milton losgefahren war, um ihn ein für alle Mal loszuwerden, traf Morris Finch mit seinem Transporter ein. Er öffnete die hintere Tür des Vans, und Lundquist stieß Ellie Flowers auf die Ladefläche. Sie hatten ihr Handschellen angelegt und sie zur Hintertür hinausgeführt, um auf Nummer sicher zu gehen – Zeugen konnten sie jetzt weiß Gott nicht brauchen. Er hielt sich für einen klugen Kopf, doch die Leute im Ort hatten mitbekommen, dass Flowers eine FBI-Agentin war, und wenn es hart auf hart kam, fiel ihm womöglich keine vernünftige Erklärung für ihre Verhaftung ein. Besser, gar nicht erst schlafende Hunde zu wecken. Finch war ein hochgewachsener, bulliger Mann mit Schmerbauch und rotem Gesicht. Karierte Hosenträger hielten seine Jeans oben. Über seinen kahlen Schädel verlief eine auffällige Narbe. Die Taschen seines Karohemds, in denen seine Brille, jede Menge Stifte und reichlich Zigarren steckten, platzten beinahe aus allen Nähten. »Sind Sie so weit, Lieutenant Colonel?« »Ja.« »Hoch zur Farm?« »Nein«, sagte Lundquist. »Ich habe umdisponiert.« »Inwiefern?« »Wir fahren erst mal rüber zu den Stantons. Ich fürchte, ich habe ein bisschen vorschnell gehandelt. Ich traue Michael nicht über den Weg. Wenn er durchdreht, ist Schluss mit lustig, und seine Jungs sind genauso unberechenbar. Ich hätte die Sache von Anfang an selbst in die Hand nehmen müssen.« »Kann schon sein. Fahren Sie mit mir?« »Ich nehme meinen Streifenwagen.« Während Lundquist auf die Straße setzte, warf er einen Blick zurück zum Revier. Vor seinem geistigen Auge sah er den toten Lester. Jetzt ging es ans Eingemachte. Er liebte historische Dokus im Fernsehen, ganz besonders Sendungen über bedeutende Schlachten. Er dachte daran, wie Julius Cäsar seine Armee über den Rubikon geführt hatte. Von dort hatte es kein Zurück mehr gegeben. Für ihn und die Miliz galt nun dasselbe. Was auch immer nun kommen mochte, die Würfel waren gefallen. Alea iacta est. Kapitel 20 Mallory Stanton schlug vier Eier in eine Pfanne, gab Milch und Käse dazu und verquirlte alles. Seit dem Morgen hatte sie nichts Anständiges mehr in den Magen bekommen. Arty schob ebenfalls Kohldampf – die Jungs hatten ihm offenbar nur ab und zu mal etwas zu essen gegeben. Sie stand in der kleinen Küche und sah zu ihrem Bruder hinüber, der auf dem Mini-Fernseher im Wohnbereich konzentriert ein Spiel der Green Bay Packers verfolgte. Eine Woge der Zuneigung durchflutete sie. Außer ihr hatte er doch niemanden – was natürlich ebenso für sie selbst galt. Für ihn würde sie alles tun. Sie nahm einen Laib Brot aus dem Schrank. Er war schon steinhart, aber getoastet würde man ihn schon essen können. Sie schob zwei Scheiben in die Schlitze, als es an der Tür klopfte. »Mallory?«, fragte Arty nervös. »Erwartest du jemanden, Arty?« »Nein.« »Vielleicht ist es ja Mr. Milton.« Sie wischte sich die Hände an einem Geschirrtuch ab, ging zur Tür und machte auf. Leland Mulligan stand vor ihr und leuchtete ihr mit einer starken Taschenlampe ins Gesicht. Sie schirmte mit der Hand die Augen ab. »Verdammt noch mal, Leland, halt das Ding gefälligst anderswo hin.« »Tut mir leid, Mallory«, sagte er mit dieser albernen Verdruckstheit, die ihr schon früher immer auf die Nerven gefallen war. Mallory verstand zwar nichts von Polizeiarbeit, aber dass ausgerechnet Leland Mulligan als Sheriff’s Deputy für Recht und Ordnung im County sorgen sollte, wollte ihr beim besten Willen nicht einleuchten. Leland war nur vier Jahre älter als sie, und Truth war eine Kleinstadt – deshalb war es unvermeidlich gewesen, dass sich ihre Wege irgendwann kreuzten. Mallory war mit Lelands jüngerem Bruder Kurt auf die Highschool gegangen, und sie und ihre Freunde hatten sich regelmäßig darüber kaputtgelacht, dass Leland offensichtlich auf sie stand. Er war ein ziemlich schlechter Schüler gewesen, ein Unruhestifter, der die anderen terrorisierte und nicht gerade zu den Hellsten gehörte. Die Schule hatte er mit Ach und Krach bestanden und danach ein Jahr lang in der Autowerkstatt seines Vaters gejobbt. Seinen Lohn hatte er für Schnaps, Zigaretten und so ziemlich die hässlichsten Tattoos verschleudert, die Mallory je untergekommen waren. Und dann war er zur Polizei gegangen. »Was willst du, Leland?« »Du musst mitkommen«, antwortete er. »Hör auf mit dem Scheiß.« »Ich mein’s ernst. Ich muss dir ein paar Fragen stellen.« »Musst du das, ja?« »Ja, muss ich.« »Worüber?« »Über deinen Bruder. Was er gesehen hat … von diesen Typen, mit denen er oben im Wald war. Eigentlich muss ich ja mit ihm reden, aber weil er eben so ist, wie er ist, hab ich mir gedacht, es ist vielleicht schlauer, wenn du auch mitkommst.« »Weil er so ist, wie er ist?« Leland wählte seine Worte mit Bedacht. »Na ja, du weißt schon … weil er doch zurückgeblieben ist und so.« »Nicht Arty ist hier der Zurückgebliebene, Leland.« Die Anspielung prallte komplett an ihm ab. »Ich versuche doch bloß, sensibel zu sein … auf seine besonderen Bedürfnisse einzugehen. Ich will nicht, dass er Angst hat.« »Es gibt nichts, wovor er Angst haben müsste. Außerdem spielt es keine Rolle, weil er heute Abend nirgendwo mehr hingehen wird. Wir sind gerade erst nach Hause gekommen. Keine Ahnung, ob du es schon weißt, aber wir sind bei diesem Mistwetter den ganzen Weg vom See hierher gelaufen. Wir sind komplett ausgekühlt und haben Hunger. Etwas zu essen und danach ins Bett, das ist das Einzige, was wir heute noch brauchen, okay? Wenn du mit ihm reden musst, kommen wir gern morgen früh ins Büro des Sheriffs.« Ein Anflug von Verärgerung flackerte in seinem Gesicht auf. »Nein, Mallory, du musst jetzt sofort mitkommen. Und das ist keine Bitte, verstanden? Ich spreche mit dir als Vertreter des Gesetzes.« Sie lachte ihm mitten ins Gesicht. »Ach, hau einfach ab, Leland. Wir gehen heute Abend nirgendwo mehr hin.« Beim Anblick der Röte, die über seine Wangen kroch, musste sie wieder daran denken, wie er früher die anderen Kinder im Ort drangsaliert hatte. Bevor er noch etwas sagen konnte, wurde er unsanft zur Seite geschoben, und die Taschenlampe fiel zu Boden. Der Lichtkegel zeigte einen Moment lang nach oben und tauchte das Gesicht von Michael Callow in kränklich gelbes Licht, ehe die Lampe abrupt erlosch. Callow packte Mallory beim Handgelenk, zerrte sie aus dem Wohnmobil und verpasste ihr einen groben Stoß. Sie stolperte über eine unebene Gehwegplatte und fiel auf Hände und Knie, worauf Callow sie hochriss und so heftig schubste, dass sie erneut stürzte und mit dem Gesicht voran in einer Schlammpfütze landete. Als sie den Kopf hob, sah sie Callow ins Wohnmobil steigen, während drei Gestalten auf sie zutraten. »Arty!«, schrie sie. Ein Rumpeln drang aus dem Gefährt, etwas fiel zu Boden und zerbarst, dann ertönten laute Stimmen. »Arty!« »Halt’s Maul!«, herrschte Eric Sellar sie an, packte sie bei ihrem T-Shirt und zog sie brutal auf die Knie. Sellar war groß und hager, mit schwarzem, zurückgekämmtem Haar und langen Koteletten. Sie hörte Artys Stimme. Er klang wütend. Dann ertönte ein dumpfes Poltern, das die Stoßdämpfer des Wohnmobils quietschen ließ. Augenblicke später erschien Callow mit Arty im Schwitzkasten unter der Tür, stieß ihn in den Schlamm und sprang hinterher. »Arty!« Ihr Bruder wirkte benommen und schien Mühe zu haben, nicht das Bewusstsein zu verlieren. »Er hat mir wehgetan.« Callow schüttelte seine Hand. »Was hat der Typ eigentlich in seinem Spastischädel? Stroh?« Mit einem Ruck zog Sellar Mallory auf die Füße. Sie wehrte sich mit aller Kraft und schaffte es, sich einen kurzen Moment aus seiner Umklammerung zu befreien, holte aus und verpasste ihm einen rechten Haken aufs Kinn, ehe sie eilig zurückwich, wohl wissend, dass sie schleunigst die Beine in die Hand nehmen sollte. Doch dann sah sie ihren Bruder, der bewusstlos zu Boden sank, und spürte, wie auch ihre Beine nachgaben. Sellar rieb sich das schmerzende Kinn, stürzte sich erneut auf sie und schlang beide Arme um ihren Oberkörper. Der Gestank nach Schweiß und Zigaretten stieg ihr in die Nase. »Die hat echt Temperament«, rief er den anderen zu. »Hat mir eine reingehauen, habt ihr das gesehen? Mitten in die Fresse! Der muss ich wohl mal zeigen, wo es langgeht. Ihr Manieren beibringen.« »Klingt vernünftig«, bestätigte Reggie Sturgess. »Mein Typ ist sie sowieso nicht. Zu wenig dran. Mickriger Hungerhaken, wenn du mich fragst.« »Verdammte Scheiße noch mal, Leland«, fluchte Callow. »Du hast doch gesagt, du schaffst es, die beiden ohne großes Trara aus diesem Scheißwohnmobil rauszuholen.« »Sie ist eben unberechenbar«, maulte Leland. »War sie schon immer.« »Weil sie rein zufällig nichts mit dir zu tun haben will? Wenn du mich fragst, kann ich das gut verstehen.« Mallory stieß einen Schrei aus, doch Sellar presste ihr die Hand auf den Mund, hob sie hoch und trug sie im strömenden Regen hinter das Wohnmobil. Kapitel 21 Michael Callow sah zu, wie Reggie und Eric Mallory in die Dunkelheit hinter dem Wohnmobil zerrten. Mallory schrie, zeterte und trat wild um sich, sodass die beiden alle Hände voll zu tun hatten, sie unter Kontrolle zu halten. Schätzungsweise ahnte sie, was gleich passieren würde. Wäre Michael an ihrer Stelle gewesen, hätte er sich ebenfalls mit allen Mitteln zur Wehr gesetzt. Er hätte um sein Leben gekämpft. Leland Mulligan hielt unterdessen Arty mit seiner Pistole in Schach. Arthur Stanton mochte ein Schwachkopf sein, aber er war ein Riesenkerl mit Bärenkräften, und auch er ahnte wohl, was geschehen würde. »Leg ihm Handschellen an«, wies Michael Leland an. Leland nickte. Tom schlang die Arme um Artys Brustkorb und drückte ihn brutal zu Boden, während Leland die Handschellen von seinem Gürtel abnahm und dem Jungen anlegte, zuerst rechts, dann links. »Bring ihn hier rüber«, befahl Michael. »Ich will, dass er alles genau sehen kann.« Michael rauchte seine Zigarette und schnippte den Stummel ins nasse Gras. Während der ganzen Zeit in den Wäldern hatte er keine Gelegenheit gehabt, sich mit einer Frau zu vergnügen. Zwar gab es eine Handvoll Frauen in ihrer Miliz, und ihre Blicke verrieten ihm, dass er nicht zu verachten war. Völlig zu Recht, wie er fand: Er war groß und gut aussehend, mit kräftigen Oberarmen, die er durch stundenlanges Training aufgepumpt hatte, und den geilsten Tattoos der westlichen Welt. Schon in der Schule hatte er nie Probleme gehabt, Weiber aufzureißen. Er hatte als Quarterback gespielt, und zwar so gut, dass sogar ein Stipendium an der Michigan im Gespräch gewesen war – bis ihn die Bullen beim Doperauchen hopsgenommen hatten. Damit hatte er seine Sportlerkarriere vergessen können. Der Vorfall hatte ihn schwer getroffen und ihn für die nächsten Jahre ziemlich aus der Bahn geworfen, aber heute war er älter und klüger und hatte begriffen, dass Gott einen anderen Weg für ihn vorgesehen hatte. Michael war in die Armee eingetreten, sobald sein Vater beschlossen hatte, dass dies der richtige Schritt war. Seine Mama hatte nie Zeit für ihn, außerdem hatte er gerade nichts Besseres zu tun gehabt. Er wurde in den Irak geschickt, wo er Tom, Eric und Reggie kennenlernte. An der Front sahen die Jungs eine Menge Dinge – Dinge, die ihnen halfen, Klarheit in ihre Gedanken zu bringen. Sie alle hatten dieselbe Sicht auf ihr Land: Die Regierung mischte sich in Dinge ein, die sie in Wahrheit nichts angingen, und verletzte die von Gott gegebenen Verfassungsrechte der Bevölkerung. So weit von der Heimat fort zu sein ließ alles so viel deutlicher hervortreten. Du liebe Güte, ihr oberster Befehlshaber war ja selbst ein Moslem! Das konnte doch nichts Gutes für das Land bedeuten. Michael hatte die Jungs stundenlang bearbeitet und ihnen das Wort Gottes gepredigt, bis er sie auf seiner Seite gehabt hatte. Nach ihrer Rückkehr von der Front hatten sie beschlossen zu desertieren, und Michael hatte sie nach Truth mitgenommen, wo sie die Gelegenheit beim Schopf gepackt hatten und der Miliz beigetreten waren. Vier Soldaten, die in die Dienste der einzigen Armee traten, die verhindern konnte, dass das Land komplett vor die Hunde ging. Er rückte seinen Hut zurecht, schob die Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Hose und folgte den anderen hinter das Wohnmobil. Zweimal hatte Milton die falsche Abzweigung genommen und jedes Mal fluchend am Ende einer Sackgasse gewendet, aber dann hatte er die Wohnwagensiedlung endlich gefunden. Mit fünfzig Meilen bretterte er quer durch die Anlage und über die schmale Zufahrtstraße zu der abgelegenen Stelle, wo das Wohnmobil der Stantons stand. Durch ein offenes Tor gelangte man auf einen Weg, der abwärts in eine Senke führte. Bereits von oben sah Milton die Lichter des Gefährts. Er schaltete den Motor und die Beleuchtung aus und ließ den Explorer bis zum Tor rollen. Ein Pick-up stand vor dem Wohnmobil, mit eingeschalteten Scheinwerfern und sperrangelweit geöffneten Türen. Milton biss die Zähne zusammen. Kam er zu spät? Er stieg aus dem Explorer und pirschte sich geduckt über den aufgeweichten Boden zu dem Pick-up. Er war leer. Der Regen prasselte erbarmungslos auf ihn herab. Mit der Hand schirmte er die Augen ab und spähte in die Düsternis. Mallorys Pontiac stand direkt neben dem Wohnmobil, aus dessen Innerem Licht nach draußen fiel. Anhand des Unkrauts, das um die Räder herum wuchs, folgerte Milton, dass das Fahrzeug seit Monaten nicht mehr bewegt worden war. Er ballte die Fäuste und löste sie wieder, während er sich wünschte, er hätte sich zehn Minuten genommen, um nach Olsens Waffe zu suchen. Er hörte wütende Stimmen, die von irgendwo hinter dem Wohnmobil zu kommen schienen. Eilig presste er sich gegen die Seitenwand des Gefährts, als ein weiterer Schrei ertönte, gefolgt von einem klatschenden Laut und einer Männerstimme: »Lasst sie in Ruhe!« Vorsichtig schob er sich um die Ecke. Am liebsten wäre er losgestürmt, doch er wusste, dass Vorsicht jetzt oberstes Gebot war. Erst die Lage sondieren, dann handeln. Diese Taktik hatte ihm häufiger das Leben gerettet, als er zählen konnte. Er spähte um die Ecke. Düsteres Licht drang aus dem Rückfenster des Wohnmobils, gerade hell genug, um den schmalen Streifen zwischen dem Fahrzeug und der Grundstücksgrenze zu erhellen. Milton zählte sieben Personen. Reggie Sturgess, Eric Sellar und ein Unbekannter in Uniform hielten Arthur Stanton fest, was ihnen sichtlich Mühe bereitete, obwohl sie ihm Handschellen angelegt hatten. Alle drei waren bewaffnet. Drei Meter neben ihnen, halb im Dunkeln verborgen, erkannte er Michael Callow und Tom Chandler, der rittlings auf Mallory hockte und mit den Knien ihre Arme auf den Boden drückte. Callow stand hinter den beiden und versuchte, Mallorys strampelnde Beine festzuhalten. Er lachte und meinte, sie solle sich doch nicht so aufregen, sondern sich einfach entspannen und es geschehen lassen. »Vielleicht macht’s dir ja sogar Spaß«, höhnte er. In diesem Moment geschah etwas in Milton – es war, als hätte jemand einen Schalter in seinem Innern umgelegt. Alte Erinnerungen kamen wieder in ihm hoch. Erinnerungen an ein Leben, das er um jeden Preis vergessen wollte, aber nicht konnte. Leise kehrte er zum Wohnmobil zurück und ging hinein. Das Licht, das er von außen gesehen hatte, stammte von einer kleinen Tischlampe im Wohnbereich, die gerade so viel Helligkeit spendete, dass er den Durchgang zum Fahrersitz rechts von ihm und den Korridor zur Toilette im hinteren Teil des Gefährts erkennen konnte. Im rückwärtigen Teil befand sich die Schlafkoje, deren Tür geschlossen war. Lediglich ein schmaler Lichtstreifen drang darunter hervor. Er trat in die Kochnische, wo eine Pfanne mit Eiern auf der Herdplatte brutzelte. In den Schlitzen des Toasters steckten zwei Brotscheiben. Er schaltete den Herd aus. Im Spülbecken lag ein schmutziges Messer. Milton nahm es an sich. Morris Finch ging voran zu der Stelle, wo der alte Stanton sein Wohnmobil abgestellt hatte, bevor er sich vollends zu Tode gesoffen hatte. Vor dem Tor stand ein Ford Explorer und blockierte die Zufahrt. Finch hielt an und stieg aus. »Wem zum Teufel gehört die Karre da?«, fragte er. »Den Stantons jedenfalls nicht.« Lundquist ließ das Fenster herunter. »Nein.« »Soll ich mal nachsehen gehen?« »Nein.« Lundquist stieg aus dem Wagen, beugte sich noch einmal hinein und nahm sein Gewehr. Finch musterte ihn erwartungsvoll. Lundquist deutete auf die hintere Wagentür. »Hol sie raus und bring sie runter.« Er umrundete den Explorer und ging den Weg hinunter in die Senke. Die Scheinwerfer von Leland Mulligans Pick-up fielen auf das Wohnmobil und Mallory Stantons Pontiac. Es war hell genug, um Michael und die anderen hinter dem Wohnmobil auszumachen – er sah Leland und Arthur Stanton, der mit Handschellen gefesselt war. Drei Meter neben ihnen rangen Michael und Tom Chandler mit Mallory Stanton, die auf dem Boden lag und sich mit aller Kraft gegen die beiden jungen Männer wehrte. Wut stieg in ihm auf. Er hatte doch gleich gewusst, dass man ihnen nicht vertrauen konnte. Ihre Aufgabe war ganz einfach gewesen: Zwei Teenager abholen und zur Farm schaffen, und dann so etwas! War das die Disziplin, die man den Soldaten heutzutage in der Armee beibrachte? Kein Wunder, dass dieses Land dermaßen den Bach runterging. Dieses Verhalten war indiskutabel für Männer unter seinem Kommando. Er verstärkte den Griff um sein Gewehr und wollte gerade losstürmen, als er sich noch einmal umdrehte und einen Mann aus der Tür des Wohnmobils treten sah. Eilig duckte er sich. Der Mann presste sich gegen die Wand des Wohnmobils und arbeitete sich Stück um Stück vorwärts. Milton. Mit einem Messer in der Hand. Milton schob sich an der Seitenwand des Wohnmobils vorwärts bis zur Ecke. Dort riskierte er einen Blick. Die vier Männer, die sich am nächsten von ihm befanden, hatten ihm noch immer den Rücken zugekehrt und sahen zu, was Chandler und Callow mit Artys Schwester anstellten. Einer von ihnen stieß einen Jubelruf aus, gefolgt von allerlei Anfeuerungen. Das Messer locker in der Hand, löste er sich aus der Deckung und trat auf die vier Männer zu. Arty war völlig außer sich und warf sich hin und her, sodass Sturgess nichts anderes übrig blieb, als einen Moment von ihm abzulassen. Als er das Gleichgewicht verlor und sich halb um die eigene Achse drehte, sah er Milton durch den strömenden Regen geradewegs auf ihn zusteuern. »Scheiße!«, stieß er hervor. Milton kam immer näher. »Michael!« Doch Callow war viel zu beschäftigt damit, Mallorys Knöchel festzuhalten, als dass er sich hätte umdrehen können. Sturgess taumelte ein Stück rückwärts, unsicher, ob er abhauen oder stehen bleiben sollte. »Michael!«, rief er erneut. In diesem Moment sah er das Messer. Milton rammte es ihm bis zum Heft in den Leib. Er durchstieß die weiche Haut über der Gürtelschnalle des Jungen und zog es mit einer abrupten Bewegung bis zum Brustkasten hoch, dann hielt er inne. Der junge Polizist, den Milton nicht kannte, fummelte hektisch an seiner Pistole herum. Mit drei Schritten stand Milton vor ihm, packte ihn bei den Schultern und riss ihn von den Füßen. Der Junge landete auf dem Rücken, und Milton verpasste ihm mit der Linken einen Schlag in den Magen. Aufgeschreckt durch den Lärm hob Callow den Kopf. Milton riss die Pistole aus dem Holster des jungen Cops. Die Brutalität in Callows Zügen wich blanker Angst. Er ließ Mallorys Beine los, worauf sich das Mädchen mit aller Kraft aufbäumte, sodass Chandler sie kaum mehr halten konnte. Eric Sellar ließ von Arty ab und trat mit erhobener Faust auf Milton zu. Dieser schoss ihm mitten ins Gesicht. Sellar taumelte nach hinten und fiel ins Gras. Beide Hände um den Messergriff gelegt, torkelte Sturgess auf ihn zu. Milton gab einen weiteren Schuss ab und verwandelte Sturgess’ Gesicht in eine undefinierbare blutige Masse. Der junge Mann stolperte über Sellar und war tot, noch bevor er auf dem Boden aufschlug. »Waffe fallen lassen!« Milton wirbelte herum. Michael Callow stand mit einer Waffe in der Hand hinter ihm, riss Mallory hoch und drückte ihr den Lauf an die Schläfe. Milton atmete mehrmals tief durch, um seinen Puls zu beruhigen. »Geht es dir gut, Mallory?« Sie nickte und starrte ihn aus weit aufgerissenen Augen an. »Nichts ist gut!«, schrie Callow. »Das sehen Sie doch. Waffe runter, und zwar schnell!« Milton beachtete ihn nicht. »Arty, ist mit dir alles in Ordnung?« »Die wollten Mallory wehtun«, erwiderte der Junge und versuchte sich von den Handschellen zu befreien. »Das werden sie nicht«, sagte Milton laut genug, dass Chandler und Callow ihn hören konnten. »Niemand wird euch wehtun. Keinem von euch.« »Sie haben wohl nicht zugehört!«, brüllte Callow. »Wenn Sie nicht sofort die Waffe weglegen, blase ich ihr die Rübe weg!« »Und was dann, Michael?« Milton trat einen Schritt auf Callow und Mallory zu. »Bleiben Sie, wo Sie sind!« »Was werden Sie tun, wenn Sie sie getötet haben?« Milton machte keine Anstalten, die Waffe sinken zu lassen. Er hatte zwei Möglichkeiten: Chandler stand ungeschützt vor ihm, aber wenn er ihn jetzt einfach wegpustete, würde Callow wahrscheinlich solche Angst bekommen, dass er ebenfalls einen Schuss abgab. Dieses Risiko konnte er keinesfalls eingehen. Die zweite, weitaus schwierigere Alternative war, Callow das Licht auszublasen. Mallory war ein Leichtgewicht und ein gutes Stück kleiner als Callow, was Milton einen ungehinderten Blick auf seinen Kopf, seine rechte Schulter und sein rechtes Bein gewährte. Sie standen etwa fünf Meter von ihm entfernt. Das Licht war schwach, und die Regentropfen liefen ihm in die Augen. Alles nicht gerade Faktoren, die sich positiv auf seine Zielgenauigkeit auswirkten. Sechzig zu vierzig, dass er traf. Er hielt den Arm ganz ruhig. Callow, der in Panik zu geraten schien, zog Mallory dichter zu sich heran und wich nach hinten zurück. »Ich bluffe nicht.« Milton atmete. Ein, aus. Ein, aus. »Lassen Sie endlich die Scheißwaffe fallen!«, brüllte Callow. Miltons Finger legte sich um den Abzug. Da hörte er einen Schussknall hinter sich. Fast im selben Moment traf ihn eine Kugel in den linken Arm. Die Wucht des Einschlags ließ ihn zwei Schritte vorwärts taumeln, wobei er unwillkürlich die Finger streckte, sodass ihm die Pistole entglitt. Ein brennender Schmerz schoss durch seinen Arm und seine Schulter, so heftig, dass er zu Boden ging. Im nächsten Augenblick pfiff ein zweiter Schuss nur wenige Zentimeter über seinen Kopf hinweg. Seine Instinkte übernahmen das Kommando, und er rollte sich auf die Seite. Eine dritte Kugel schlug direkt vor ihm ins Erdreich und schleuderte ihm eine Ladung Schlamm mitten ins Gesicht. Er stemmte sich hoch und warf sich hinter das Wohnmobil, außerhalb der Reichweite des Schützen. Wer auch immer das gewesen sein mochte. Doch nun befand er sich auf derselben Seite wie Callow. Der junge Mann stieß Mallory von sich, zielte und feuerte. Milton duckte sich. Das Fenster über ihm zerbarst. Scherben regneten auf ihn herab. Er rannte nach vorn zur Fahrertür und konnte nur beten, dass sie nicht abgeschlossen war. Falls doch, hätte Callow freie Bahn, ihn einfach abzuknallen. Michael Callow zielte und feuerte, aber er war viel zu zittrig von dem Adrenalin, das durch seinen Körper rauschte. Der Schuss schlug in die Fensterscheibe der Fahrertür ein, die Milton gerade aufriss. Er zwang sich, tief einzuatmen, dann zielte er erneut, doch Milton schwang sich bereits ins Wohnmobil und schlug die Tür zu. »Scheiße!« Er drehte sich um und sah eine Gestalt, die den Hügel herunter und geradewegs auf sie zugetrabt kam. Im Lichtkegel des Pick-ups erkannte Michael seinen Vater mit einem Gewehr in der Hand. Mallory lag ein Stück von ihm entfernt im Gras und versuchte sich aufzurappeln. Chandler bekam sie zu fassen, zerrte sie hoch und riss sie zur Seite. Michael blickte auf die beiden Männer am Boden. Eric lag reglos da, während Reggies Beine unablässig zuckten. Lange würde auch er es nicht mehr machen. Milton hatte sie beide eliminiert. Michael versuchte sich zu erinnern, wie viele Schüsse er abgegeben hatte und wie viele folglich noch in seinem Magazin sein mussten. »Wo ist er?«, schrie sein Vater über das Rauschen des Regens hinweg, während Michael dämmerte, dass sein alter Herr nicht hatte sehen können, wie Milton sich in Sicherheit gebracht hatte. »Da drinnen.« »Habe ich ihn getroffen?« »In den Arm.« »Und du?« »Nein.« »Gottverdammt noch mal, Michael.« Frustriert biss Michael Callow die Zähne zusammen. »Ich war …« »Sieh zu, dass er da drin bleibt!«, schrie Lundquist. »Ich gehe auf die andere Seite.« Frustriert schlug Callow sich mit den Fäusten auf die Schenkel. Er wünschte sich nichts mehr, als bei seinem Vater Eindruck zu schinden, aber was immer er tat – er versagte auf der ganzen Linie. »Leland, hör zu! Morris steht mit dem Wagen da oben. Geh hoch und hilf ihm, Flowers runterzubringen. Und hol ein Gewehr, wenn du schon dabei bist.« »Und was ist mit ihm?« Michael deutete auf Arthur. Sein Vater wandte sich an Chandler. »Sollte sich der Junge bewegen, knallst du zuerst seine Schwester ab und dann ihn.« »Mallory!«, schrie Arthur. »Beweg dich nicht!«, rief das Mädchen. »Tu einfach, was sie sagen, okay?« Michael sah zu, wie sein Vater mit dem Gewehr im Anschlag immer näher kam. »Milton!«, schrie sein Vater. »Sie sitzen in der Falle. Können Sie mich hören? Kommen Sie raus, damit wir es hinter uns bringen können. Vielleicht muss dem Mädchen und dem Jungen ja gar nichts passieren.« Michael umfasste seine Pistole fester, trat vor und zielte direkt auf die Tür des Wohnmobils. Sollte Milton herauskommen, würde er ihn ohne langes Federlesen abknallen. »Milton!«, schrie sein Vater erneut. Die Stimme aus dem Wohnmobil war gedämpft, aber entschlossen. »Ich habe eine Waffe. Wenn ihr einen der beiden auch nur anfasst, blüht euch dasselbe wie Sturgess und Sellar, das schwöre ich bei Gott.« »Der blufft nur!«, schrie Michael. »Der hat einen Scheißdreck!« »Bist du ganz sicher?«, rief sein Vater. »Ich hab keine Waffe gesehen.« »Mag ja sein, aber bist du wirklich sicher?« »Nein, sicher nicht …« »Herrgott noch mal, Michael!« Callow sah Morris Finch und Leland Mulligan den Hügel herunterkommen, zwischen sich eine Gestalt, deren Kopf schlaff zur Seite hing und deren Füße durch den Matsch schleiften. Wie es aussah, hatte die FBI-Schlampe mächtig eins aufs Maul gekriegt. Grinsend dachte Michael daran, wie sie ihn und seine Komplizen gemeinsam mit Milton durch den Wald gescheucht hatte – tja, sah ganz so aus, als wäre von ihrer arroganten Überheblichkeit nicht viel übrig geblieben. Sie und Milton würden noch bitter bereuen, dass sie sich in die Angelegenheiten der Miliz eingemischt hatten. Kapitel 22 Milton drückte sich ans Fußende des Bettsofas, das auf der einen Längswand des Wohnmobils stand. Er hatte keine Flinte. Nicht einmal die Dienstwaffe des Cops. Michael Callow hatte recht: Er bluffte. Sein Atem kam stoßweise, und jeder einzelne Herzschlag jagte eine neue Schmerzwelle durch seinen Körper. Er streifte seine Jacke ab und biss sich auf die Unterlippe, während er seinen linken Arm aus dem Ärmel befreite. Sein Pullover war blutgetränkt. Dann nahm er die Wunde in Augenschein. Er hatte noch Glück gehabt: Ein paar Zentimeter weiter nach rechts, und die Kugel hätte seine Lunge getroffen – womit es aus gewesen wäre. »Milton!«, bellte Morten Lundquist. »Sie sind erledigt, und das wissen Sie auch! Kommen Sie raus, oder wir durchlöchern die Karre wie einen verdammten Schweizer Käse, verstanden?« Milton streckte die Hand aus, griff nach dem unteren Ende des Vorhangs und zerrte ihn von der Stange. Er riss den beigefarbenen Stoff in der Mitte durch, wickelte ihn sich um den Arm und verknotete ihn so fest wie möglich. Das Material sog sich sofort mit Blut voll. Er hielt den verletzten Arm über den Kopf, schloss die Finger seiner Rechten wie einen Schraubstock darum und versuchte so die Blutung zu stoppen – wenigstens ansatzweise, bis er die Wunde anständig versorgen konnte. »Milton! Ich zähle jetzt bis fünf!« »Von mir aus können Sie zählen, bis Sie schwarz werden, Lundquist.« »Sie sind verletzt, und Sie haben keine Waffe!« »Ach ja? Sind Sie sich da ganz sicher?« »Na schön, dann eben nicht. Los, Feuer frei!« Milton hielt sich den rechten Arm schützend über den Kopf, während eine wahre Kanonade von Schüssen ertönte. Kugeln durchschlugen die dünnen Wände des Wohnmobils, perforierten das Blech und zischten in die Nacht hinaus. Er hörte, wie Lundquist etwas brüllte, als unvermittelt das Feuer eingestellt wurde. Auf allen vieren kroch Milton vorwärts, ergriff das zur Lampe führende Kabel und riss es aus der Wand, sodass es im Inneren des Wohnmobils mit einem Mal stockdunkel war. Es gab mindestens zwei Möglichkeiten, in das Fahrzeug zu gelangen: die offen stehende Seitentür, die von Lundquist und seinen Männern belagert wurde, und die Fahrertür, durch die er selbst hereingekommen war. Dazu kam die Beifahrertür – er konnte nur beten, dass sie verriegelt war – und womöglich noch eine Hintertür. Er musste alle im Auge behalten. »Feuer!« Abermals ging ein Kugelhagel auf das Wohnmobil nieder. Donnernd hallten die Schüsse durch die Nacht. »Das reicht!« Irgendjemand feuerte weiter. »Ich habe gesagt, das reicht!« Ein letzter Schuss verhallte. Wie viele Schützen mochten da draußen sein? Milton meinte, vier verschiedene Waffen gehört zu haben: zwei Gewehre und zwei Pistolen, doch das war nicht mehr als eine Vermutung. Möglich, dass er sich täuschte. »Kommen Sie mit erhobenen Händen raus! Sie haben keine Chance!« »Kommt ihr doch her, dann sehen wir mal!« »Wir sind zu fünft, Freundchen. Sie sitzen hoffnungslos in der Falle.« Fünf. Wertvolle Information. Michael Callow, Tom Chandler, Lundquist und der junge Cop. Wer war der fünfte im Bund? »Außerdem habe ich Sie am Arm erwischt, stimmt’s? Ohne Arzt sehen Sie jedenfalls verdammt alt aus – was meinen Sie, wie lange es dauert, bis Sie verblutet sind?« Der grelle Lichtkegel einer Taschenlampe fiel durch das Fenster und huschte über die Decke des Wohnmobils. Ein weiterer Strahl fiel durch die offene Seitentür. Milton duckte sich. »Wir haben Ihre Freundin vom FBI dabei.« »Sie ist nicht meine Freundin.« »Wollen Sie’s drauf ankommen lassen, dass wir ihr eine Kugel verpassen?« Milton kauerte sich an die Wand und ließ den Blick durch das Wohnmobil schweifen – es musste doch irgendetwas geben, womit er sich irgendwie behelfen konnte. Eine Waffe, dachte er. Mallory hatte gesagt, dass ihr Vater ein Waffennarr gewesen sei. »Das halte ich nicht für sehr schlau«, rief Milton zurück. »Wenn sie sich nicht bei ihrem Partner meldet, haben Sie das ganze FBI auf dem Hals. Wollen Sie es darauf ankommen lassen?« Wo hatte Mallory die Waffen versteckt? »Das hängen wir Ihnen an, Freundchen. Sie sind in unserer hübschen kleinen Stadt aufgetaucht und haben von Anfang an nichts als Ärger gemacht. Der Sheriff wollte Sie hier nicht haben, aber das hat Ihnen nicht gefallen. Sie sind zurückgekommen und mussten sich gleich mit ein paar Gästen in einer Bar anlegen. Wofür es reichlich Zeugen gibt. Sie durften sich erst mal in der Zelle abkühlen und am nächsten Morgen gehen – aber Sie hatten sich keineswegs abgekühlt. Deshalb sind Sie zurückgekommen, haben den Sheriff und die FBI-Lady getötet, als sie ihm zu Hilfe kommen wollte. Und bedauerlicherweise auch noch die beiden armen Kinder, die einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort waren.« Wo, verdammt noch mal, hatte sie … Unter der Sitzbank befanden sich Ausziehschubladen, die er problemlos erreichen konnte, ohne sich erheben zu müssen. Ein Auge auf die offene Tür gerichtet, robbte er zur Sitzbank, öffnete die Schubladen und durchwühlte sie. Papierkram, Zeitschriften, Klamotten, Schuhe, aber keine Spur von einer Waffe. »Komm, Dad, jetzt reicht’s«, sagte Callow draußen. »Immer mit der Ruhe«, gab Lundquist zurück. »Worauf warten wir denn noch?« Dad? War Callow etwa Lundquists Sohn? »Wegtreten, Soldat«, zischte Lundquist. Milton ließ sich die Chance nicht entgehen. »Ich habe Sie gewarnt, mir nicht in die Quere zu kommen, Callow. Das wird ein böses Ende nehmen. Und zwar für euch alle.« »Ihnen ist wohl entgangen, in welcher Lage Sie sich befinden.« Callows Stimme klang wutverzerrt. »Sie sind am Ende!« »Lass dich nicht von ihm reizen. Das ist doch bloß Gelaber«, erklang die Stimme von Lundquist. Milton spähte durch den dunklen Gang in Richtung der Schlafkabine. Wahrscheinlich hat sie die Waffen dort versteckt, dachte er. Vermutlich unter dem Bett oder ganz hinten im Wandschrank, jedenfalls an einem Ort, wo Arty sie nicht finden würde. Doch dort hinzugelangen war ein Ding der Unmöglichkeit, weil er dazu an der offenen Tür vorbeimusste. Und er hätte wetten mögen, dass mindestens zwei Mündungen auf den Eingang des Wohnmobils gerichtet waren. Sobald sie auch nur die geringste Bewegung wahrnahmen, würden sie ihn sofort wieder unter Dauerbeschuss nehmen. Er saß endgültig in der Falle. »Kommen Sie schon, Milton. Bringen wir’s endlich hinter uns.« »Von wegen. Sobald hier einer seinen Kopf reinsteckt, schieß ich ihm die Birne runter.« Er sah nach oben. Über dem großen Fenster befanden sich ein paar Hängeschränke, aber er würde wohl kaum an sie herankommen, ohne sich eine Ladung Kugeln einzufangen. »Geben Sie auf, Milton!« Lundquist schien allmählich die Geduld zu verlieren. »Sonst kann ich für nichts garantieren!« »Dass ich nicht lache! Sie sehen doch selbst, dass Sie nichts erreichen, Lundquist!« »Ihnen wird das Lachen schon noch vergehen! Zeigen Sie’s ihm, Soldat Chandler!« Der dumpfe Donner einer Schrotflinte hallte durch die Nacht. Milton hörte, wie der Schütze durchlud, und dann ertönte auch schon der nächste Schuss, offenbar aus nächster Nähe abgefeuert. Die Schrotladung durchsiebte die dünnen Blechwände, Dutzende von Kugeln zischten über Miltons Kopf hinweg. Durch die Einschusslöcher blitzte der Schein der Taschenlampen, die die Männer draußen in Händen hielten. Wenn der nächste Schuss ein paar Zentimeter niedriger traf, konnte er es komplett vergessen. Lundquist blickte auf die Rauchfetzen, die von der Mündung seines Gewehrs aufstiegen. Er war schon einmal in einer solchen Situation gewesen, damals in Vietnam. Auch einer dieser sinnlosen Kriege, in dem Tausende junger Männer ihr Leben gelassen hatten – Jungs, die keinen blassen Schimmer hatten, was sie dort überhaupt machten. Bis heute hatte sich nichts geändert. Damals Schlitzaugen, heute Kameltreiber. Er erinnerte sich noch genau, wie es vor fast vierzig Jahren gewesen war. Auch damals, während des Monsuns, hatte es wie aus Eimern geschüttet, eine geschlagene Woche lang. Der Schützengraben, draußen der Vietcong. So etwas vergaß man nie. Damals hatte er begonnen, die Regierung zu hassen. Und mit jedem Tag war sein Hass größer geworden. Gott hatte ihm einen Auftrag gegeben. Und von diesem verfluchten Engländer würde er sich ganz bestimmt nicht aufhalten lassen. »Die FBI-Agentin!«, rief er. »Bringt sie her!« Morris Finch und Leland Mulligan zerrten sie über den schlammigen Boden zu ihm. »Runter mit ihr!« Die beiden Männer stießen Ellie Flowers vor ihm in den Schlamm. Sie kämpfte, bis sie immerhin wieder auf allen vieren stand. Lundquist sah auf sie hinunter. Sie war höchstens dreißig, womöglich sogar jünger. Schlank und drahtig. Sie hatte sich mit Händen und Füßen gewehrt und ihm keine andere Wahl gelassen, als ihr ein paar mit der Faust zu verpassen. Ihr rechtes Auge war violett und geschwollen, und unter ihrer Nase klebte verkrustetes Blut. Es war kein besonders erfreulicher Tag für sie gewesen. Und er würde nicht besser werden. »Milton!« Lundquist richtete den Blick auf das halb durchlöcherte Wohnmobil. Keine Antwort. »Ich zähle jetzt bis fünf, und wenn Sie bis dahin nicht mit erhobenen Händen vor mir stehen, wird Ihre Freundin ihr blaues Wunder erleben.« Nichts. »Eins.« Nichts als das Geräusch des Regens. »Zwei.« Nichts als das Geräusch des Regens, der auf das Dach des Wohnmobils und auf seine Hutkrempe trommelte. »Drei.« Morris Finch sah ihn stirnrunzelnd an. »Vier.« Lundquist schloss die Finger um Lauf und Verschluss des Gewehrs. »Fünf!« Er schwang das Gewehr wie einen Schläger und knallte der jungen Frau den Kolben an die Schläfe. Bewusstlos kippte Ellie seitwärts in den Morast. »Das geht auf Ihre Kappe, Milton!«, rief er. »Ich wollte ihr kein Härchen krümmen. Aber Sie haben mir ja keine Wahl gelassen.« Keine Antwort. »Wenn Sie nicht jetzt sofort rauskommen, Milton, mache ich das Mädchen alle, verlassen Sie sich drauf.« Miltons Stimmte hallte kalt, fast unbeteiligt zu ihm herüber. »Ich werde Sie töten, Lundquist. Sie und jeden Einzelnen, der da draußen bei Ihnen steht. Keiner von euch wird entkommen. Das schwöre ich Ihnen.« Lundquist lief ein Schauder über den Rücken, doch ihm war bewusst, dass die anderen ihn beobachteten. Er war ihr befehlshabender Offizier und konnte es sich nicht leisten, auch nur einen Hauch von Schwäche zu zeigen. Also reckte er das Kinn, warf Leland einen Blick zu und deutete auf Arthur Stanton. »Bring den Bengel hierher.« Mallory stieß einen spitzen Schrei aus. Leland schleifte Arty heran und trat ihm von hinten in die Beine, sodass er auf den Knien vor Lundquist landete. Lundquist hielt dem Jungen die Gewehrmündung an den Kopf. »Jetzt sind Sie am Zug, Milton. Wollen Sie den Tod dieses Jungen auf Ihr Gewissen laden? Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.« Milton schloss die Augen und versuchte, die Schmerzen zu verdrängen. Er musste sich konzentrieren. Er hatte gehört, wie Lundquist Ellie kaltblütig niedergestreckt hatte, und ihm war klar, dass der Deputy nicht bluffte – er würde seine Drohung wahr machen, ohne mit der Wimper zu zucken. Für Lundquist gab es kein Zurück mehr. Er hatte einen Menschen getötet, und um das zu vertuschen, musste er weiter über Leichen gehen. Zu verlieren hatte er jedenfalls nichts mehr. Milton zweifelte keine Sekunde, dass er Arty aus dem Weg räumen würde und Ellie ebenso, wenn er es für nötig hielt. Milton schlug die Augen wieder auf, ließ den Blick über den Stofffetzen wandern, den er um seinen Bizeps geknotet hatte. Er musste hier raus. Ellie, Mallory, Arty – er konnte nichts für sie tun. Er saß hoffnungslos in der Falle. Er hatte keine Waffe und war umzingelt von ein paar Hinterwäldlern, die zu allem entschlossen waren und ihn mit Blei vollpumpen würden, sobald er sich aus seiner Deckung begab. Und wenn er tot war, konnte er erst recht niemandem mehr helfen. Vielleicht war ohnehin alles gelaufen. Vielleicht hatten sie nur gnadenloses Pech gehabt. Aber wenn ihm irgendwie die Flucht gelang, würden sie Ellie und die Stantons vielleicht an einen anderen Ort bringen. Und vielleicht konnte er sie dann irgendwie befreien. Viele Unwägbarkeiten. Eins aber war sicher. Todsicher. Dass er sein Versprechen halten würde. Sie würden bezahlen, jeder Einzelne von ihnen. Er musste die Zähne mit aller Macht zusammenbeißen, als er sich hochstemmte. Er sah sich erneut um, diesmal nicht nach einer Waffe, sondern nach einem Fluchtweg. Und im selben Moment wusste er, was er zu tun hatte. »Ellie!«, schrie er. »Mallory! Kopf hoch! Ich werde euch nicht vergessen!« »Milton!«, rief das Mädchen. »Setzen Sie Ihren verdammten Arsch in Bewegung!«, brüllte Lundquist mit gepresster Stimme. Milton robbte zur Fahrerkabine des Wohnmobils, als eine weitere Salve die Wand rechts von ihm durchsiebte und eine Reihe gezackter Löcher hinterließ. Querschläger trafen Töpfe und Pfannen, die von den Regalen fielen und mit dumpfem Poltern auf dem Teppich landeten. Eine Digitaluhr und ein gerahmtes Foto von Mallory und Arty wurden von der Wand gefegt. Er kroch weiter, bis er den Fahrersitz erreicht hatte, sorgsam darauf bedacht, dass sein Kopf nicht hinter der Glasscheibe sichtbar wurde. Die Schlüssel steckten im Zündschloss. Milton wusste nicht, ob der Motor überhaupt anspringen würde. Wann mochte das Wohnmobil zuletzt gefahren worden sein? Hatte sich jemand um die Instandhaltung des Gefährts gekümmert? Befand sich Benzin im Tank? Falls nicht, war er ein toter Mann. Er robbte noch einen knappen halben Meter weiter, griff mit der rechten Hand nach dem Gaspedal und streckte die linke nach dem Zündschlüssel aus. Dann drehte er den Schlüssel, während er mit der anderen Hand das Gaspedal betätigte. Der Motor stotterte und ächzte. Los, komm schon, dachte Milton. Jetzt wusste auch Lundquist, was er vorhatte. »Feuer!« Scherben regneten auf ihn herab, als die Windschutzscheibe zersplitterte. Erneut drehte Milton den Zündschlüssel. Verdammt. Der Motor hustete, spuckte – und dann erwachte er zum Leben, ein leises Grollen, das er durch den Boden spürte. Da der Gang eingelegt war, machte das Wohnmobil einen Satz nach vorn. Er zog die Handbremse an, drückte aufs Gas und ließ wieder los. Das Gefährt schlingerte durch den Morast, während weitere Schüsse durch die Nacht hallten, Kugeln durch die Fenster zischten und im Dach einschlugen, bevor die nächste Salve aus der Schrotflinte die Heckscheibe zertrümmerte. Er ging in die Hocke, drückte sich gegen den Sitz, um wenigstens ein bisschen Kontrolle über das Fahrzeug zu erlangen. Vorsichtig hob er den Kopf über die Fensterkante. Die Zufahrt, die zur Wohnwagensiedlung führte, war vom Explorer blockiert, dahinter standen ein Transporter und ein Streifenwagen, mit denen Lundquist und seine Männer angerückt sein mussten. Durch die Hosenbeine spürte er die scharfen Glassplitter, als er sich auf den Fahrersitz schwang. Er schaltete in den zweiten Gang und konnte es gerade noch vermeiden, den Torpfosten zu rammen, indem er das Steuer in letzter Sekunde herumriss. Er prüfte die Seitenspiegel: Der linke war zerstört worden, doch der andere war noch intakt. Lundquist und seine Männer waren ihm auf den Fersen. Mündungsfeuer blitzte, und wieder zischten Querschläger durch das Wohnmobil. Milton knallte ins Heck des Explorers und schleuderte ihn aus dem Weg. Er hätte es vorgezogen, in einem solchen Wagen zu sitzen, denn er hatte mit Sicherheit mehr PS als das Wohnmobil, doch fehlte ihm die Zeit, um den Wagen zu wechseln. Dreißig Sekunden Vorsprung konnte er vielleicht herausholen. Also los. TEIL DREI Kapitel 23 Milton raste quer durch die Wohnwagensiedlung und auf die West McMillan Avenue. Er riss das Steuer herum, lenkte das Wohnmobil nach rechts und ignorierte das Stoppschild an einer Kreuzung. Anschließend schlitterte er in weitem Bogen um die Kurve, wobei er mehrere vor dem Immobilienbüro North Coast Reality geparkter Autos touchierte. Metall kreischte, Alarmanlagen heulten. Ein Fußgänger schrie ihm lautstark Schimpfworte hinterher, weil er ihn um ein Haar niedergemäht hätte. Er drückte das Gaspedal durch und schaltete in den dritten Gang. Hinter ihm ertönte das Jaulen einer Polizeisirene. Sein Blick fiel auf den Tacho. Fünfzig Meilen, und schon protestierte der Motor lautstark. Wenn er Glück hatte, waren vielleicht sechzig Sachen drin, aber das wäre schon das Höchste der Gefühle. So ein Wohnmobil war nun mal nicht auf hohe Geschwindigkeiten ausgelegt, außerdem hatte dieses Exemplar eine halbe Ewigkeit ungenutzt herumgestanden. Es grenzte schon an ein Wunder, dass die Karre überhaupt angesprungen war, und er wollte es nicht auf die Spitze treiben. Der Wind wehte ihm ins Gesicht und trieb ihm die Tränen in die Augen. Er überholte zwei Autos, die an einer roten Ampel warteten, wich dem von links und rechts kommenden Verkehr aus und fuhr weiter, gefolgt von einem wütenden Hupkonzert. Er setzte zum Überholen eines Holzlasters an, auf dessen Ladefläche sich die Stämme stapelten, und scherte gerade noch rechtzeitig auf die richtige Fahrspur ein, als ihm ein anderer Laster entgegenkam. Zwei weitere zornige Hupen hallten durch die Nacht. Am nördlichen Stadtrand verlief die Bahnlinie, eine eingleisige Strecke zwischen Marquette im Osten und Duluth im Westen. Die rote Schrankenleuchte blinkte bereits, und das Signal ertönte, sodass Milton keine andere Wahl blieb, als das Steuer nach links herumzureißen und auf zwei Rädern um die Ecke zu schlittern, bis er die Kontrolle über das Fahrzeug wiedererlangte. Die Railroad Street verlief etwa eine Meile weit an den Gleisen entlang, in eine kleine Senke und wieder herauf, vorbei an billigen Fertighäusern. Das Sirenengeheul wurde lauter. Hinter ihm bog der Streifenwagen mit flackernden Lichtern von der Hauptstraße ab. Rasch kam er näher. Ihn abzuhängen konnte er komplett vergessen, und wenn er stehen blieb, würden sie ihn abknallen wie einen räudigen Köter. Also blieb ihm nur eine Möglichkeit: Er musste irgendwo hinfahren, wohin sie ihm nicht folgen konnten. Der Motor begann zu keuchen und zu husten. Milton blickte auf die Tankanzeige. Leer. Verdammt! Die asphaltierte Straße ging nahtlos in einen unbefestigten Pfad mit tiefen Schlaglöchern über, die die ausgeleierten Stoßdämpfer des Wohnmobils zum Quietschen brachten. Er verlor an Tempo, ganz im Gegensatz zum Streifenwagen hinter ihm. Noch bevor er den riesigen Zug sah, hörte er ihn – ein Rumpeln und Fauchen, das immer lauter wurde, bis die orangefarbene Lokomotive unmittelbar vor ihm auftauchte. Die Scheinwerfer erhellten die Gleise, und schwarzer Qualm stieg in den nächtlichen Himmel. Die Signalpfeife kreischte, als der Lokomotivführer das Wohnmobil auf den Zug zuschlittern sah. Milton umklammerte das Steuer und drückte das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Inzwischen war der Streifenwagen auf sechs, sieben Meter herangekommen, aber das störte Milton nicht. Im Gegenteil. Er wollte sogar, dass der Abstand kürzer wurde. Genau das war der Plan. Er lenkte das Wohnmobil ein Stück nach rechts, um seinen Verfolgern genug Platz zu lassen, weiter aufzuholen. Als er sich umwandte, sah er Lundquist hinter dem Steuer sitzen, sein Gesicht wurde vom rotierenden blau-roten Licht erhellt. Michael Callow, der neben ihm auf dem Beifahrersitz saß, hatte das Fenster heruntergelassen und richtete eine Waffe auf ihn. Der Abstand zum Wohnwagen war zu gering, um daneben zu schießen. Milton wartete bis zur letzten Sekunde. Die Lok war so nah, dass er die eingestanzte Registriernummer und das wutverzerrte Gesicht des Lokführers erkennen konnte. Er riss das Steuer nach rechts, woraufhin das Wohnmobil zuerst über den schmalen Grünstreifen und dann über die Gleise rumpelte. Einen Moment lang wurde sein Vorwärtsdrall gebremst, dann wurde das Fahrzeug auf der anderen Seite die Böschung hinunterkatapultiert und kam im Graben auf, der das Bahngleis von dem angrenzenden Acker trennte. Der Aufprall riss Milton aus dem Sitz, und er knallte mit der Stirn gegen das Armaturenbrett. Einen Moment lang drehte sich alles, und das schrille Warnsignal des Zuges hallte in seinen Ohren wider. Ihn befiel eine plötzliche Sehnsucht nach Ruhe, und er wünschte sich inbrünstig, das Kreischen in seinen Ohren möge aufhören. Dann normalisierte sich sein Gehör wieder, und das Kreischen wechselte in eine tiefere Tonlage, ein wütendes Brummen, als der Zug an ihm vorbeiratterte. Der Zug … der Zug … Er fuhr auf dem Sitz herum. Mit seinem Manöver hatte er sich nur einen kleinen Vorsprung verschafft. Der Streifenwagen befand sich auf der anderen Seite des Zuges, dafür hatte er selbst kein funktionierendes Fahrzeug mehr, um seinen Verfolgern zu entwischen. Er musste aussteigen und zusehen, dass er sich vom Acker machte. Mit der linken Hand versuchte er, die Tür zu öffnen, doch der Schmerz war zu brutal. Er ließ den Türgriff los und versuchte es mit der anderen Hand, doch je fester er gegen die Tür drückte, umso schärfer wurde der Schmerz. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um sich darüber Gedanken zu machen. Das Wohnmobil war in einem Winkel von fünfzig oder sechzig Grad nach vorn gekippt. Milton drehte sich so um, dass er mit der Rechten über die Lehne greifen und sich aus dem Sitz hieven und sich durch den rückwärtigen Teil des Wohnmobils kämpfen konnte. Er hangelte sich an einer Stuhllehne entlang, an einer offenen Schranktür, einem Stuhlbein. Ihm blieb keine Zeit für eine gründliche Suche, aber ohne jegliche Ausrüstung zu flüchten kam ebenso wenig infrage. Er hatte beschlossen, sich in den Wäldern zu verstecken, bis er Gelegenheit hatte, sich einen Eindruck von der Lage zu verschaffen, doch sein Rucksack mit der Ausrüstung und sein Gewehr lagen auf dem Revier des Sheriffs in Truth. Er brauchte dringend ein paar Sachen, nur das Allernötigste. Er suchte den Wohnraum nach Mallorys Rucksack ab, aber offensichtlich hatte sie ihn im Pontiac liegen gelassen. Er würde improvisieren müssen. Im Schrank fand er eine Tasche. Über seinem Kopf war ein Erste-Hilfe-Kasten befestigt, den er herunterriss und einsteckte. Als Nächstes hob er eine Pfanne vom Boden auf, unter der Spüle fand er eine Taschenlampe, eine Nylonschnur, die als Wäscheleine gedient hatte, ein weiteres Küchenmesser mit Sägeschneide, Kabelbinder, eine Rolle Zahnseide und eine Flasche Desinfektionsgel. Er warf die Tasche in den vorderen Teil des Wohnmobils, dann kletterte er aus dem Fahrerfenster und ließ sich neben ein paar Bäumen ins Gras fallen. Er griff wieder hinein und zog die Tasche heraus. Noch immer fuhr der Zug vorbei: mit Baumstämmen beladene Güterwaggons, gefolgt von mehreren schwarzen Tankwaggons mit Äthylalkohol-Warnschildern. Der Lärm war ohrenbetäubend – ein schrilles Kreischen der Bremsen, als der Zug allmählich an Tempo verlor und vermutlich gleich zum Stehen kommen würde. Was für ein Glücksfall! Damit wäre das Gleis noch eine Weile blockiert. Lundquist, Callow und die anderen hatten zwei Möglichkeiten: Wenn sie ihr Fahrzeug behalten wollten, würden sie ans Ende des Zugs fahren und die Gleise dort überqueren müssen. Oder aber sie warteten, bis der Zug vollends zum Stehen kam, kletterten durch die leeren Waggons und nahmen die Verfolgung zu Fuß auf. Wie auch immer sie sich entscheiden mochten – Milton brachte der unvorhergesehene Stopp einen Vorsprung von schätzungsweise fünf Minuten ein. Er schlang sich die Tasche über die rechte Schulter und schlug sich zwischen die niedrigen Bäume und Sträucher auf die andere Seite des Grabens. Er erkannte das breite Maisfeld, obwohl er ein gutes Stück von der Stelle entfernt war, wo sie es vorgestern durchquert hatten. Dann lief er los. Bei jedem Schritt schoss ein stechender Schmerz durch seinen Arm. Er stolperte über eine tiefe Furche, kam wieder hoch und rannte weiter. Ein Blitz zuckte über ihm auf, sodass er kurz die Bäume, das Unterholz und die bewaldeten Hänge dahinter ausmachen konnte. Dann herrschte wieder tiefe Dunkelheit. Er musste weiter. In einer halben Meile Entfernung kam die Diesellok endlich schnaufend und pfeifend zum Stehen, während die Frachtwaggons polternd gegeneinander gedrückt wurden. Milton hörte Rufe. Lundquist, Callow, Chandler, der Cop und wer sonst noch zu ihrer Geheimmiliz gehören mochte, waren in ihren Fahrzeugen hinter ihm her. Er hielt den Blick stur auf den Boden geheftet, um nicht zu stolpern, nur ab und zu hob er den Kopf, um zu sehen, wie viele Meter ihn noch vom schützenden Wald trennten. Ein Gewehrschuss erschütterte die Dunkelheit, gefolgt von einem schmatzenden Laut, als die Kugel in den Schlamm irgendwo neben ihm einschlug. Dann folgte ein weiterer Schuss, wieder das Schmatzen des Schlamms, diesmal rechts von ihm. Milton wusste, dass er es nicht schaffen würde. Er bog scharf nach rechts ab und rannte weiter durch die Maisstauden. Die saftig grünen Pflanzen überragten ihn um ein gutes Stück – dicke Halme, die an Bambuspflanzen erinnerten, mit wechselseitig angeordneten Blättern. Milton hielt sich schützend die Arme vors Gesicht und rannte weiter. Wieder ertönte ein Gewehrschuss, doch der Schütze ballerte offensichtlich ziellos herum, in der Hoffnung, auf wundersame Weise zu treffen. Die nassen Stauden klatschten ihm ins Gesicht und gegen den Kopf. Der Schmerz in seinem linken Arm wurde mit jedem Schritt schlimmer. Er stolperte über einen Stein und geriet ins Straucheln, spürte, wie er sich beim Aufprall Hände und Knie aufschürfte. Eilig rappelte er sich auf, wischte sich den Schweiß von der Stirn und lauschte angestrengt. Rasche Schritte näherten sich, dann hörte er schwere Atemzüge. »Er ist im Maisfeld!«, schrie eine Stimme. »Da finden wir ihn nie!« »Sieh genauer hin. Er ist verletzt.« »Geh zum anderen Ende. Los, beweg dich. Wenn er auftaucht, knallst du ihn ab!« Ein weiterer Blitz zuckte auf. Milton nutzte die Gelegenheit und bewegte sich möglichst geräuschlos vorwärts. Eine Sekunde lang spähte er über die Spitzen der Pflanzen – keinen Moment länger –, um seine Position zu ermitteln und abzuschätzen, wie weit er vom schützenden Wald entfernt war. Mittlerweile hatte er drei Viertel der Strecke hinter sich und befand sich rund hundert Meter vom Rand des Maisfelds entfernt. Er sah eine Gestalt durch das Feld laufen und drehte sich um. Zwei weitere Männer standen am Rand, neben dem im Graben liegenden Wohnmobil. Sie versuchten ihn zu umzingeln. Es wurde wieder dunkel. Donner grollte. »Milton!«, schrie einer der beiden Männer neben dem Wohnmobil. Es war Lundquist. »Das ist doch alles Schwachsinn! Ich weiß, dass Sie verletzt sind.« Milton tauchte wieder im Feld ab und ließ rund zwei Meter Abstand zwischen sich und den Traktorfurchen. »Notfalls warten wir die ganze Nacht!«, rief Lundquist. So leise wie nur möglich pirschte er weiter. »Sie können genauso gut gleich rauskommen!« Vorsichtig schob er die Pflanzen beiseite. »Sie machen für das Mädchen alles nur noch schlimmer. Wenn Sie jetzt rauskommen, wird vielleicht alles halb so wild. Aber wenn Sie mich noch weiter ärgern, blase ich ihr das Licht aus, das schwöre ich, so wahr mir Gott helfe.« Wieder zuckte ein gleißend heller Blitz auf, und Milton sah, dass ihn lediglich sechs oder sieben Reihen vom Rand des Felds trennten. Dort stand einer der Männer und hielt Wache. Er war mittelgroß und normal gebaut, trug eine Polizeiuniform und war mit einer Pistole bewaffnet. Es war nicht der Typ, dem er die Pistole abgeknöpft hatte, also musste er während der Verfolgung dazugestoßen sein. Vorsichtig schlich Milton weiter. Das grelle Licht des Blitzes erlosch. Inzwischen war er so dicht an den Mann herangekommen, dass er sein Bein hätte berühren können. In diesem Moment drehte der Typ sich um. »Ich sehe nichts!«, schrie er laut und ohne Vorwarnung. »Ich komm jetzt zurück!« Milton hielt den Atem an. »Bleiben Sie, verdammt noch mal, wo Sie sind, George!« Der Mann schien etwas erwidern zu wollen, verkniff es sich aber. Stattdessen stieß er einen unterdrückten Fluch aus und wandte Milton den Rücken zu. Wieder blitzte es. Die Halme ringsum teilten sich, als Milton sich aufrichtete, den rechten Arm fest um die Brust des Uniformierten schlang und ihm die linke um den Hals legte. Er riss ihn nach hinten, fuhr zusammen, als ein heftiger Schmerz durch seinen verletzten Arm zuckte, und zog ihn rücklings in das Feld. Trotz seiner Verblüffung versuchte der Kerl sich aus Miltons Griff zu befreien, doch Milton packte ihn im Genick und riss den Kopf mit einem Ruck herum. Die Wirbelsäule des Cops brach mit einem lautes Knacken, das in einem weiteren ohrenbetäubenden Donnerschlag unterging, dann erschlaffte er in Miltons Armen. Er ließ den Mann zu Boden sinken und nahm ihm die Beretta ab. In seinen Taschen fand er ein Paar Handschellen, ein Taschentuch und eine Handvoll Kleingeld. Milton steckte alles ein, dann ließ er das Magazin aus der Pistole springen, um festzustellen, wie viele Patronen noch drin waren. Nur noch zwei. Mist. Nur zwei Schuss und mindestens vier Männer, die ihm auf den Fersen waren. Keine besonders gute Voraussetzung. Zwar hatte er sich einen Vorteil verschafft, indem er George das Licht ausgeblasen hatte, aber er war verletzt und hatte nicht genügend Munition. Da blieb wohl nur, die Beine in die Hand zu nehmen. »George!«, schrie Lundquist. Milton arbeitete sich zum nördlichen Rand des Felds vor, teilte die Halme und spähte nach links und rechts. Hinter einem Steinwall und dichtem Gestrüpp begann der Wald. Er blieb stehen und wartete auf den nächsten Blitz. Sekunden später war die Landschaft in gleißend helles Licht getaucht, dann wurde es wieder finster. Er trat aus dem Feld. »Halt!« Ein ohrenbetäubender Schuss ertönte, aber entweder hatte der Schütze schlecht gezielt, oder aber er war nervös, verängstigt oder zittrig vor Aufregung – jedenfalls schlug die Kugel direkt vor Miltons Füßen ein und ließ Erdklumpen und Steinchen gegen seine Beine regnen. Er fuhr herum und hob die Waffe. Zwei Männer standen in etwa dreißig Metern Entfernung an der östlichen Ecke des Maisfelds. Wie hatte er die beiden übersehen können? Er feuerte. Die beiden waren zu weit entfernt, als dass er auf einen Treffer hoffen durfte, doch zumindest stoben sie davon und tauchten im Feld ab. Noch ein Schuss. Er rannte die kleine Anhöhe hinauf, wobei sich eine kleine Lawine aus Steinchen unter seinen Schuhen löste. Dann zwängte er sich durch einen schmalen Spalt in der Hecke und sprintete auf die Bäume zu. Hinter ihm ertönten Rufe. Er konnte es schaffen. Sie hatten sich auf dem gesamten Areal verteilt und wussten jetzt, dass er bewaffnet war – nur nicht, dass er so gut wie keine Munition mehr hatte. Schon bald würden sie den Mann finden, den er getötet hatte, und sich überlegen, ob sie es wirklich mit ihm aufnehmen wollten. Das Gestrüpp riss ihm die Beine auf, als er weiter durchs Unterholz preschte. Er brauchte dringend etwas Zeit, um sich zu sammeln. Die Wunde an seinem Arm blutete immer noch und musste so schnell wie möglich versorgt werden. Außerdem musste er sich überlegen, wie sein nächster Schritt aussehen sollte. Ellie, Mallory und Arty steckten in Schwierigkeiten. Und was war mit Lester Grogan passiert? Er ging jede Wette ein, dass die Männer den Sheriff auf dem Gewissen hatten. Milton hatte sich einzureden versucht, er sei fertig mit dem Tod. Aber wie es aussah, war der Tod noch längst nicht fertig mit ihm. Der Tod schien ihn immer wieder aufzustöbern, auch wenn er sich noch tief in der Wildnis versteckte. Milton hatte seine Instinkte tief in seinem Innern begraben, so tief, dass er sie beinahe vergessen hatte, aber Morten Lundquist hatte sie alle wieder heraufbeschworen. Dafür würde er bezahlen. Lundquist und seine Anhänger würden die Jagd nach ihm nicht aufgeben, und sie waren ihm zahlenmäßig überlegen. Vielleicht würden noch andere hinzukommen und ihn verfolgen. Milton war unbewaffnet, mal abgesehen von einem Küchenmesser und einer Pistole mit einer einzigen Patrone. Und er war schwer verletzt. Aber sollte Lundquist ihm weiter auf den Fersen bleiben, würde er ihm dennoch eine Lektion erteilen, an deren Ende er sich wünschen würde, er wäre nie geboren worden. Kapitel 24 Morten Lundquist stand über der Leiche von George Pelham und richtete den Lichtkegel der Taschenlampe auf sein Gesicht. Seine Augen waren ins Leere gerichtet, und sein unnatürlich abgewinkelter Kopf sagte Lundquist alles, was er wissen musste. George war der Sohn von guten Freunden der Lundquists. Er war kaum mehr als ein Junge gewesen und hatte nicht einmal einen Monat der Miliz angehört. Sie hatten Verstärkung gebraucht, um diese beiden FBI-Typen von Michaels Fährte wegzulocken, und George, so fromm und gläubig wie seine Eltern, hatte sich mit Freuden bereit erklärt, ihnen zu helfen. Das Schwert Gottes hatte einen weiteren Märtyrer. »Was sollen wir mit ihm machen?«, fragte Leland Mulligan und zeigte auf den Toten. »Gar nichts.« »Aber wir können doch nicht …« »Wir müssen Meldung erstatten.« »Und was sollen wir sagen?« Nachdenklich betrachtete Lundquist den toten Jungen. Wer auch immer dieser Milton sein mochte – er war entweder ein echter Glückspilz, oder aber er verstand sein Handwerk. Er war ihnen mit dem Wohnmobil durch die Lappen gegangen, hatte sich im Maisfeld versteckt und zielsicher die einzige Schwachstelle in der Kette der Männer ausgemacht, die nach ihm Ausschau hielten. Die meisten wären bereits beim Versuch, in den Wald zu flüchten, erschossen worden. Lundquist hatte schon eine Menge über den SAS gehört. Offenbar wurden die Typen ihrem ausgezeichneten Ruf tatsächlich gerecht. Er schob die Pistole ins Holster zurück. So etwas hatte er in seiner gesamten Polizeilaufbahn nicht gesehen. Das letzte Mordopfer in Truth war Stephen O’Reilly gewesen, der vor zehn Jahren von seiner eigenen Frau erstochen worden war, weil er ein Techtelmechtel mit Bill Pascoes Tochter gehabt hatte. Aber so etwas? Das war eine völlig andere Hausnummer. Und was noch viel wichtiger war – dieser ganze Aufruhr brachte ihr Versprechen, Gottes Werk zu vollenden, ernsthaft in Gefahr. In vier Tagen wurde der Vizepräsident in Minneapolis erwartet. Sie durften auf keinen Fall zulassen, dass das hier den zeitlichen Ablauf durcheinanderbrachte und gefährdete, was Gott ihnen aufgetragen hatte. Aber so weit würde Lundquist es unter keinen Umständen kommen lassen. Er wandte sich seinen Männern zu. »Ich fahre jetzt in die Stadt zurück und mache die Miliz mobil.« »Alle?« »Alle. Ihr bleibt solange hier. Ich nehme an, dass Milton sich in die Wälder geschlagen hat und davon ausgeht, dass wir ihm folgen. Ich will, dass ihr eine Kette bildet mit jeweils fünfhundert Metern Abstand. Auf diese Weise decken wir eine Meile ab.« »Und wenn er rauskommt?«, fragte Leland. »Dann knallen wir ihn ab«, erklärte Michael. Leland sah ihn beklommen an. »Er wird nicht rauskommen, Soldat!«, schnauzte Leland ihn an. »Er ist verwundet, deshalb wird er sich irgendwo im Wald verstecken. Aber wir dürfen kein Risiko eingehen. Deshalb wartet ihr hier, bis ich mit den anderen zurück bin.« »Keine Angst«, sagte Michael, »wir haben hier alles im Griff.« »Tatsächlich?« Lundquist musterte ihn mit unverhohlener Skepsis. Dabei wusste er nur zu gut, dass sein Zweifel den Jungen bis ins Mark traf. Er war zutiefst enttäuscht gewesen, dass Michael oben am See die Zügel derart hatte schleifen lassen, ganz zu schweigen von dem Debakel mit dem Wohnmobil. Nun würde er sich das Vertrauen seines Vaters erst wieder erarbeiten müssen. »Wenn er rauskommt, ist er tot, dafür bürge ich!« »Das will ich hoffen.« Lundquist salutierte. Die Männer erwiderten die Geste. Michael grinste. Sein Vater sah ihm an, dass er völlig aus dem Häuschen vor Aufregung war. Was unter diesen Umständen absolut nachvollziehbar war. Verdammt, Lundquist spürte ja selbst das Adrenalin, das durch seine Adern rauschte. Wann hatte man schon einen Trupp von Männern anzuführen, die einen Flüchtigen verfolgten? Lundquist lief durch das Maisfeld, überquerte das Bahngleis und stieg in den Streifenwagen. Kaum auf der Straße, packte er das Funkgerät und presste es ans Ohr. »State Police«, sagte er. »State Police, hier ist Truth. Truth an State Police, bitte kommen. Bitte kommen.« »State Police an Truth. Bist du das, Morten?« »Nancy?« »Natürlich! Was ist los?« Er gab die Geschichte zum Besten, die er sich im Vorfeld zurechtgelegt hatte: Sie verfolgten einen Mann, der drei Polizisten getötet habe, darunter den Sheriff. Der Täter verstecke sich in den Wäldern nördlich des Presque Isle River, sei schwer bewaffnet und sehr gefährlich. »Gütiger Himmel, Morten! Alles in Ordnung mit dir?« »Ja«, antwortete er und versuchte vergeblich, sich seine Ungeduld nicht anmerken zu lassen. Er musste sich beeilen. »Was kann ich für dich tun?« »Schick alle verfügbaren Männer her. Er treibt sich in den Wäldern herum. Wir müssen eine Kette bilden, damit er uns nicht entwischt. Wir müssen ihn regelrecht einkesseln. Dafür brauche ich Männer an der Bahnlinie im Süden und am Fluss im Norden und für einen zehn Meilen breiten Streifen rechts und links.« »Und was dann?« »Ich gehe mit ein paar Männern los und schnappe ihn mir.« Nancy versprach, sofort die Verstärkung anzufordern, beschwor ihn, vorsichtig zu sein, und legte auf. Er lenkte den Streifenwagen auf die Straße in Richtung Truth und wechselte die Frequenz. »Hier ist Lundquist. Ich wiederhole, hier ist Lundquist. Kommen bitte.« Seth Olsen antwortete: »Morten, was, in Gottes Namen, ist denn heute los?« »Ist Morris schon da?« »Nein, noch nicht.« »Hör zu, er bringt die Stanton-Kinder und dieses Mädchen vom FBI zu euch.« »Und willst du mir verraten, weshalb?« Lundquist schilderte, was vorgefallen war. »Okay«, sagte Seth Olsen schließlich. »Ich sperre sie in die Scheune.« »Gut. Zwei Leichen sind auch noch dabei. Sellar und Sturgess. Du musst sie beseitigen.« Seth schnalzte mit der Zunge. »Ich glaube, die Schweine haben heute noch nichts zu fressen gekriegt.« »Tu, was du tun musst. Wichtig ist, dass keinerlei Spuren zurückbleiben. Offiziell sind sie nie aus diesem Wald herausgekommen. Das FBI wird bald hier auftauchen, und wenn sie erfahren, dass die Typen in der Stadt waren, kriegen sie Zweifel an meiner Geschichte.« »Nur die Ruhe. Es wird absolut nichts übrig bleiben. Du weißt doch, wie Schweine sind. Die fressen alles, vom Kopf bis zu den Füßen.« Lundquist entspannte sich ein wenig. Seth Olsen war sein Brigadehauptmann. Auch er hatte gedient. Wenn er etwas versprach, hielt er Wort. Er war mit Magrethe verheiratet, ebenfalls glühende Verfechterin ihrer Sache und wie ihr Ehemann ein Ausbund an Treue und Zuverlässigkeit. Lars Olsen war ihr Sohn. Eigentlich hätte er ihnen sagen müssen, dass Milton ihren Sohn auf dem Gewissen hatte, aber er konnte jetzt nicht das Risiko eingehen, dass sie in ihrer Trauer ihre Pflichten womöglich nicht erfüllten. Er würde es später erledigen, von Angesicht zu Angesicht. Das war ohnehin besser. »Hast du die anderen angerufen?« »So viele, wie wir nur konnten. Mittendrin sind die Leitungen mal wieder zusammengebrochen – Handy und Festnetz. Wir haben noch etwa die Hälfte erreicht. Die anderen hole ich persönlich her. Die ersten sind schon hier. Wir versammeln uns in der zweiten Scheune. Wo steckst du?« »Ich bin in zehn Minuten da. Over und Ende.« Kapitel 25 Der Transporter, in dessen Ladebereich Mallory Stanton kauerte, war nur mittelgroß und bot kaum genug Platz für sie, Arty, Ellie Flowers und die beiden Leichen. Mallory saß neben Ellie, deren Kopf auf ihrer rechten Schulter ruhte. Arty hockte zusammengesunken gegenüber von ihr. Sie hörte seinen rasselnden Atem. Nach links wollte sie gar nicht erst sehen. Es genügte schon, ständig das Gewicht der einen Leiche an ihrem Bein zu spüren. In jeder Kurve rutschte der leblose Körper ein Stück näher. Draußen wütete der Sturm mit unverminderter Kraft, der gleißende Lichtschein der Blitze drang durch den Spalt in den rückwärtigen Türen. Mallory hatte nur ein einziges Mal hingesehen und die Umrisse der übereinanderliegenden Leichen ausgemacht, die Finger einer geöffneten Hand, die ihren Knöchel streiften. Ein leises Stöhnen drang durch das Dunkel. »Arty!« Ihr Bruder war auf Morten Lundquist losgegangen, woraufhin dieser ihm einen heftigen Schlag mit dem Gewehrlauf verpasst hatte. Erst jetzt schien er allmählich das Bewusstsein wiederzuerlangen. »Arty!« Wieder stöhnte er, machte jedoch keine Anstalten, den Kopf zu heben. »Mallory?« Auch Ellie schien aus ihrem Dämmerzustand erwacht zu sein. Ihre Stimme klang schmerzerfüllt. »Ich bin hier«, sagte Mallory. Sie spürte, wie die FBI-Agentin neben ihr den Kopf hob. »Alles in Ordnung?« Ellies Stimme war kaum mehr als ein raues Krächzen. »Ja. Mir geht’s gut.« »Und deinem Bruder?« »Sie haben ihn bewusstlos geschlagen.« Ellie schwieg. »Ihnen haben Sie auch eins übergebraten.« »Was du nicht sagst.« »Wie geht’s Ihnen?« »Nicht besonders. Mein Kopf fühlt sich an, als würde er gleich platzen.« Mallory hatte schon festgestellt, dass ihre Handschellen eher locker saßen. Bestimmt konnte sie herausschlüpfen, wenn sie sich anstrengte. Sie zog mit aller Kraft daran, doch am Ende hatten sich ihre oberflächlichen Kratzer und Abschürfungen in blutige Striemen verwandelt, und sie spürte einen warmen Tropfen an ihrem Handgelenk entlanglaufen. »Da oben ist ein Schlitz«, sagte Ellie. »Siehst du irgendetwas? Wohin wir fahren, vielleicht?« Der Van hatte keine richtigen Rückfenster, und der schmale Schlitz, der sie vom vorderen Teil des Wagens trennte, war geschlossen. Mallory stand auf, doch sie war nicht groß genug, um hindurchzusehen, außerdem hatte sie Mühe, mit ihren gefesselten Händen das Gleichgewicht zu halten. Als der Wagen um eine Ecke fuhr, wurde sie prompt gegen die Seitenwand geschleudert, geriet ins Straucheln und landete auf den beiden Leichen. Mit einem entsetzten Schrei stieß sie sich ab und ließ sich herunterfallen. »Scheiße, Scheiße, Scheiße!« »Mallory?« »Das sind Sellar und Sturgess. Sie sind beide tot.« »Was?« »Milton hat sie erschossen. Als wäre es das reinste Kinderspiel. Haben Sie das nicht mitbekommen?« »Ich glaube, ich hab einiges nicht mitgekriegt.« So gut es mit ihren auf dem Rücken gefesselten Händen ging, rutschte Mallory zur Seite und lehnte sich gegen die Seitenwand. »Sie haben mich auf dem Revier überwältigt«, berichtete Ellie. »Der Deputy …« »Lundquist.« »Er hat den Sheriff erschossen. Wo ist Milton jetzt?« »Keine Ahnung.« »Du musst mir erzählen, was passiert ist.« Mallory holte tief Luft, dann erzählte sie alles – wie Leland vor dem Wohnmobil aufgetaucht war und sie überreden wollte, ihn aufs Revier zu begleiten. Wie Milton wie aus dem Nichts aufgetaucht war und Sturgess und Sellar über den Haufen geschossen hatte. Wie Callow sie gepackt und damit gedroht hatte, sie zu erschießen. Wie Milton auf Callow gezielt hatte. Und wie Milton selbst angeschossen worden war. Von Morten Lundquist. Was würde jetzt mit ihnen passieren? Wo waren sie da hineingeraten? »Aber sie haben ihn nicht tödlich getroffen?« Mallory schüttelte den Kopf. »Nur in den Arm. Er ist ins Wohnmobil gesprungen und davongefahren. Der Deputy und Callow sind ihm hinterher.« »Er ist also weg?« Mallory nickte. »Hat er uns einfach hängen lassen, was meinen Sie?« »Nein«, antwortete Ellie. »Das glaube ich nicht.« Mallory zog ihre Beine noch ein Stück näher heran, während sie sich wünschte, sie wäre ebenso zuversichtlich wie die FBI-Beamtin. »Wer fährt?«, fragte Ellie. »Morris Finch. Er ist der Klempner im Ort. Das hier ist sein Transporter.« »Mallory?«, meldete sich eine schwache Stimme. »Mallory?« »Ich bin hier, Arty!« Wieder erhellte ein Blitz das Wageninnere, sodass sie erkennen konnte, wie er den Kopf hob. »Alles okay?« »Mein Kopf«, murmelte er. »Du hast mächtig eins auf die Rübe bekommen. Geht es dir einigermaßen?« »Mir ist schwindlig.« »Bleib einfach sitzen. Bestimmt wird es bald besser.« »Eric und Reggie sind tot.« »Sie haben es nicht besser verdient, Arty«, erklärte Mallory mit stählerner Stimme. »Ist Ellie auch hier?« »Ja, ich bin hier.« Mallory hörte ihren Bruder in Ellies Richtung rutschen. »Deputy Morten hat Sie geschlagen, Ellie.« »Ist schon gut. Ich werd’s überleben.« »Wieso hat er das getan? Sie hat doch nichts getan, oder, Mallory?« »Nein, sie hat nichts getan.« »Ich verstehe das nicht. Wo sind wir?« Mallory riss sich zusammen. Sie wusste, dass sie Ruhe bewahren musste, um zu verhindern, dass er ausflippte und damit alles nur noch schlimmer machte. Aber irgendeine Erklärung musste sie ihm geben. »Wir sind in Morris Finchs Transporter.« »Aber wieso?« »Michael Callow und Tom Chandler sind sauer auf uns.« »Und Deputy Lundquist auch.« »Ja, Deputy Lundquist auch. Sie bringen uns irgendwohin. Schätzungsweise wollen sie mit uns reden.« »Aber wieso sind sie böse auf uns? Wegen Mr. Milton?« »Ja, das könnte sein. Bleib einfach sitzen, okay? Bald ist alles wieder gut.« »Und dann können wir wieder nach Hause gehen?« »Ja«, antwortete sie, darauf bedacht, ihre Angst zu verbergen. »Genau, Arthur«, warf Ellie ein. »Es wird alles geklärt, und dann gehen wir nach Hause. Mallory, hast du ein Handy dabei?« »Nein, außerdem würde es sowieso nichts nützen. Das gesamte Netz ist bei dem Unwetter zusammengebrochen.« »Wirklich?« »Es kam vorhin in den Nachrichten.« »Aber vielleicht funktioniert es inzwischen wieder. Wir könnten es ja versuchen. Glaubst du, Sturgess oder Sellar haben eines bei sich?« Mallory drehte sich der Magen um. »Wollen Sie, dass ich nachsehe?« »Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, zu ihnen rüberzurutschen.« Mallory schluckte und drehte sich mit dem Rücken zu den beiden Leichen, dann lehnte sie sich so weit nach hinten, dass sie ihre Taschen abtasten konnte. Sie bemerkte etwas in der Brusttasche der Leiche, die am nächsten zu ihr lag, schob die Hand hinein und zog ein Motorola-Handy heraus, das sie Ellie reichte. »Danke.« Augenblicke später erhellte ein grünliches Licht den Innenraum des Vans. »Kein Empfang«, stellte Ellie fest. »Das gilt für den gesamten Bereich nördlich von Wausau.« »Na toll.« Der Transporter rumpelte weiter. Ellie schwenkte das Handy hin und her. Mallory blickte nach oben. In den Regalen befand sich Klempnerwerkzeug – Rohre, Anschlüsse, Schrauben. Dann fiel ihr Blick auf das Gewirr aus Armen und Beinen neben ihr. Sturgess und Sellar. »O Gott«, stöhnte sie und wich zurück. »Mallory, du musst etwas für mich tun«, sagte Ellie. Mallory schloss die Augen. Trotzdem wollte das Bild der beiden leblosen Körper nicht verschwinden. »Mallory?« »Ja?« »Wenn ich dir eine Telefonnummer sagen würde, könntest du sie dir dann merken?« Mallory schlug die Augen auf und sah zu ihrem Bruder hinüber, der im Halbdunkel kaum auszumachen war. »Arty kann sich gut Zahlen merken.« Das war die reinste Untertreibung. Arty mochte eine ganze Reihe Defizite haben, aber seine Merkfähigkeit war eindeutig seine größte Stärke. Mallory wusste noch, wie sie ihm einmal eine Seite des Telefonbuchs von Truth vorgelesen und er anschließend scheinbar ohne jede Mühe die ersten hundert Namen wiederholt hatte. Als er noch klein gewesen war, hatten die Ärzte gesagt, dass eine solche Gabe bei Menschen wie ihm manchmal vorkomme. »Arty«, sagte Mallory. »Du musst jetzt ganz besonders gut aufpassen, okay? Ellie Flowers will, dass du dir eine Telefonnummer merkst. Würdest du das für sie tun?« »Klar, Mallory.« »Es ist sehr wichtig.« »Wie lautet sie? Ich werde sie mir merken. Ich kann mir Zahlen sehr gut merken.« »Das weiß ich, Arty. Schießen Sie los, Agent.« »Okay. Bereit? 313-338-7786.« Es war eine Nummer aus Detroit. »Hast du sie verstanden?«, wollte Mallory von Arty wissen. »Klar«, antwortete er. »Wiederhole sie bitte für mich.« »313-338-7786.« »Gut.« »Wofür brauche ich die Nummer?«, wollte er wissen. »Das ist die Nummer meines Partners, Agent Clayton«, erklärte Ellie Flowers. »Ich weiß nicht, wohin sie uns bringen, aber vielleicht hat ja einer von uns die Gelegenheit zu fliehen. Falls ja, müssen wir ihn anrufen.« »Aber die Telefonleitungen …« »Vielleicht sind sie bis dahin ja repariert. Er kann uns helfen.« »Okay. 313-338-7786, verstanden.« Auch Mallory versuchte sich die Nummer zu merken, wusste aber bereits jetzt, dass sie sie wieder vergessen würde. »Gut gemacht«, meinte Ellie. »Also, wenn wir unser Ziel erreicht haben, tut ihr, was sie euch sagen. Keine Heldentaten. Keine Widerworte. Verstanden?« »Ja«, antwortete Mallory. »Arty?« »Er macht das schon.« Sie schwiegen. Auch wenn Mallory nicht sah, wohin sie fuhren, bedeutete das noch lange nicht, dass sie aufgeschmissen war. Sie konzentrierte sich auf alles, was sie mitbekam: wie lange sie bereits unterwegs waren, die Geräusche, die Beschaffenheit der Straße. Wenn sie es richtig mitbekommen hatte, war der Asphalt während der ersten fünf Minuten eben gewesen, dann waren sie über irgendeine Erhebung geholpert, dann über eine weitere, ehe die Reifen jenes typische Geräusch machten, wenn man am nördlichen Stadtrand über die Bahngleise fuhr. Als Nächstes war es schätzungsweise weitere zehn Minuten über glatten Asphalt gegangen. Der Transporter wurde langsamer, und die Achse ächzte und stöhnte, als er über holpriges Gelände rumpelte. Im roten Schein der Rücklichter glaubte Mallory heruntergekommene Häuser zu erkennen. »Was ist mit Mr. Milton passiert?«, wollte Arty wissen. »Er ist weg«, antwortete Mallory. »Aber er kommt uns doch holen?« »Keine Ahnung.« Der Van fuhr weitere zehn Minuten über den holprigen Weg, dann bog er scharf nach rechts ab. Die Bremslichter flammten auf, als er zum Stehen kam und der Motor ausgeschaltet wurde. »Wo sind wir?«, fragte Arty. »Weiß ich auch nicht so genau.« Aus einem Impuls heraus versuchte Mallory ein weiteres Mal, sich aus den Handschellen zu befreien, doch das Metall schnitt sich nur umso tiefer in ihre Haut. Sie hörte, wie vorn eine Tür geöffnet wurde, dann Schritte und Stimmen. »Willst du mir vielleicht mal sagen, was hier los ist?«, fragte eine Frau. »Seth meinte, es gäbe ein Problem.« »Gleich, Magrethe«, sagte ein Mann. »Seth sagt, du hättest zwei Leichen und die beiden Stanton-Kinder in deinem Van.« »Und eine FBI-Agentin. Seth hat ganz recht, Magrethe, wir haben tatsächlich ein Problem.« »Und wo steckt Morten?« »Noch unterwegs. Er kommt aber bald. Wahrscheinlich ist er schon auf dem Weg hierher.« »Dann sag mir in Gottes Namen, was hier eigentlich los ist.« »Die Agentin ist mit einem Mann oben bei der Mine aufgetaucht und hat Michael und die Jungs festgenommen.« »Was war das für ein Mann?« »Vor ein paar Tagen ist ein Engländer in Truth aufgetaucht, der bei Johnny’s in eine Schlägerei verwickelt war. Mallory Stanton hat das Ganze angeleiert. Sie hat den Engländer und die Agentin überredet, mit ihr da raufzugehen.« »Was wissen wir über den Kerl?« »Er heißt Milton. Mehr nicht.« »Und wo ist er jetzt?« »Morten ist schon an ihm dran. Der wird keinen Ärger mehr machen.« »Aber die Jungs hat dieser Milton zurückgebracht?« »Genau. Morten hat es über Funk gehört, ist aufs Revier gefahren und hat dafür gesorgt, dass sie wieder rauskommen.« Mallory erkannte die Stimme des Mannes. Es war Morris Finch. »Was meinst du mit dafür gesorgt, dass sie wieder rauskommen?« »Wie ich es gesagt habe. Er hat dafür gesorgt. Lester war da, und er hat ihn erschossen.« »Er hat Lester erschossen?« »Ging nicht anders. Was hätte er denn machen sollen? Hätte er nichts unternommen, wäre das Ganze den Bach runtergegangen. Alles, wofür wir gekämpft haben. Glaubst du etwa, die Jungs hätten das Maul gehalten, wenn das FBI sie erst durch die Mangel gedreht hätte? Nein, verdammt noch mal! Nicht, weil sie nicht hinter unserer Sache stehen, sondern weil sie nun mal nicht die Allerhellsten sind. Es gab keine andere Möglichkeit. Lester oder wir – darum ging es, Magrethe. Morten hat getan, was er tun musste.« Magrethe. Seth. Mallory dachte nach. Magrethe und Seth. Der einzige Seth, den sie kannte, hatte eine Farm am Stadtrand, und je länger sie darüber nachdachte, umso sicherer war sie, dass der Vorname seiner Frau mit M anfing. »Und wo ist Lars?« »Davon hat Morten nichts gesagt. Du kannst ihn ja gleich fragen.« »Bevor die Leitungen zusammengebrochen sind, hat Lars einen Anruf gekriegt und ist davongelaufen wie von der Tarantel gestochen.« »Morten weiß bestimmt, was Sache ist. Los, an die Arbeit. Wir müssen die Agentin und die beiden Kinder erst mal für eine Weile aus dem Weg schaffen. Hast du Platz in der anderen Scheune?« »Ja.« »Und was machen wir mit den Leichen?« »Wir verfüttern sie an die Schweine«, erklärte Magrethe. »Hätte ich bloß nie gefragt.« Mallory hörte Schritte. Jemand trat in eine Pfütze. »Tut, was sie euch sagen«, zischte Ellie. Mallory streckte ein Bein aus und berührte Artys Knie. »Keine Spinnereien, okay?« »Okay, Mallory.« Die Tür ging auf. Morris Finch stand vor ihnen. Das Wasser tropfte von der Krempe seines Huts. Er leuchtete mit einer Taschenlampe ins Innere des Transporters. Der Lichtkegel traf Mallory, die den Kopf abwandte. »Raus da«, befahl Finch. Mallory kam auf die Knie, richtete sich auf und stieg über die beiden Leichen hinweg. Finch packte sie unter den Achseln und hob sie heraus. Mallory stand im prasselnden Regen und nutzte die Gelegenheit, sich umzusehen. Sie befanden sich auf einem Hof mit einer gewaltigen Eiche in der Mitte des Hofplatzes. Das alte Farmhaus hatte eindeutig schon bessere Tage gesehen. Das Erdgeschoss war erleuchtet, und durch die halb geöffnete Haustür drang ein Streifen gelbliches Licht. Mallory war noch nie hier gewesen, doch ihr Instinkt sagte ihr, dass ringsum keine weiteren Häuser standen. Mehrere Autos und Pick-ups standen am Wegrand geparkt, und ein weiterer Wagen schien von der Hauptstraße abzubiegen und näher zu kommen. Sie sah Gestalten im Halbdunkel hin und her huschen. Arty sprang aus dem Transporter und stolperte über eine Pfütze. Morris streckte die Hand nach ihm aus, um ihn zu stützen. »Los«, sagte Magrethe. »Ich ersaufe hier ja noch.« Mallory wandte den Kopf und sah die Frau mit einem Kinderschirm neben dem Transporter stehen – ein rosafarbener Regenschirm mit Minnie-Maus-Aufdruck. Es sah absolut lächerlich aus. In der anderen Hand hielt sie ein Gewehr, dessen Lauf auf den Boden zeigte. Finch half nun Ellie aus dem Transporter. »Los, Morris!«, rief Magrethe ungeduldig. »Auf geht’s.« Sie setzten sich in Bewegung. Innerhalb von Sekunden war Mallory nass bis auf die Knochen und musste den Kopf gesenkt halten, weil sie sich die Tropfen nicht vom Gesicht wischen konnte. Sie gingen einen Kiesweg entlang, vorbei an einem hoffnungslos überschwemmten Gemüsebeet. In der Finsternis machte Mallory zwei riesige Scheunen aus. Durch die geöffnete Tür der einen drangen helles Licht und Stimmengewirr. Die Gestalten, die ihr vorhin schon aufgefallen waren, strömten darauf zu und verschwanden im Innern. Sie erkannte die Motorhaube eines Freightliner-Lasters – sollte es einen Anhänger dazu geben, musste dieser hinter der Scheune verborgen sein. Magrethe trat zur kleineren der beiden Scheunen und schloss sie auf, dann schob sie die Tür auf und trat zurück. Finch leuchtete mit der Taschenlampe in das Gebäude, in dem sich allerlei landwirtschaftliche Gerätschaften befanden: ein Aufsitzmäher, ein Anbaupflug für den Traktor, Säcke mit Futtermittel und in schwarze Folie gehüllte Ballensilage. Magrethe hob das Gewehr an. »Los, rein mit euch.« »Könnten Sie die Handschellen vielleicht abmachen?«, fragte Mallory. »Na gut«, antwortete Finch. Magrethe starrte ihn finster an. »Was zum Teufel tust du da?« »Es sind doch noch Kinder, Magrethe. Und aus der Scheune kommen sie sowieso nicht raus. Also gibt es keinen Grund zur Sorge.« Mallory drehte sich um, damit Finch ihr die Handschellen abnehmen konnte. Als Nächstes löste er Artys Fesseln. »Was ist mit ihr?«, fragte Mallory und zeigte auf Ellie. »Wohl kaum«, erwiderte Magrethe Olsen. Finch durchsuchte die drei und fand im Handumdrehen das Handy, das Ellie an sich genommen hatte. »Keine Dummheiten«, warnte er. »Ihr seid im absoluten Niemandsland. Keiner kann euch hören, und ihr könnt nirgendwohin. Wenn ihr versucht abzuhauen, legen wir euch sofort wieder Handschellen an und befestigen sie an der Wand. Kapiert?« Mallory massierte ihre schmerzenden Handgelenke. »Rein jetzt«, befahl Magrethe. Arty trat zu seiner Schwester. »Ich will da aber nicht rein, Mallory.« »Was ist los?«, fragte Magrethe verärgert. »Er ist nicht gern im Dunkeln«, erklärte Mallory. Magrethe verdrehte die Augen. »Sag ihm jetzt, er soll reingehen, sonst sorge ich dafür, dass er’s tut.« »Bitte, Arty«, sagte Mallory, ohne auf den barschen Tonfall der Frau einzugehen. »Ich bin ja hier. Wir gehen zusammen rein.« Sie sah ihm die Angst an, doch er nickte. »Er ist ein bisschen schlicht«, erklärte Finch. »Schlicht?«, wiederholte Magrethe hämisch. »Bei so was sind die Leute immer so etepetete. Ist doch viel besser, die Dinge beim Namen zu nennen. Der Junge ist zurückgeblieben, Morris. Ein zurückgebliebener Depp.« Die Tür schlug hinter ihnen zu, und von einer Sekunde auf die andere waren sie in völlige Dunkelheit gehüllt. »Mallory!«, rief Arty verängstigt. »Schon gut«, beschwichtigte sie ihn. »Ich bin hier. Bleib einfach stehen.« Vorsichtig tastete sie sich in die Richtung, aus der seine Stimme gekommen war. »Hier bin ich.« »Es ist so dunkel.« »Ich weiß.« Mallory wartete einen Moment, während sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnten. Ganz allmählich gelang es ihr, die Umrisse der Gerätschaften auszumachen. Sie nahm Artys Hand und führte ihn vorsichtig auf die andere Seite der Scheune. »Mallory?«, jammerte Arty. »Mallory, mir gefällt’s hier nicht.« Sie wartete einen Moment, bis sie sicher sein konnte, dass ihre Stimme nicht beben würde. »Wir schaffen das schon«, beteuerte sie. »Setz dich einfach neben mich.« Er gehorchte. Sie setzte sich auf den Boden, der zum Glück trocken war, und lehnte sich mit dem Rücken gegen die rostige Blechwand. »Wir schaffen das schon«, wiederholte Ellie Flowers. »Alles in Ordnung? Wie geht’s Ihrem Kopf?«, erkundigte sich Mallory. »Ganz okay. Mir ist nur ein bisschen schwindlig. Ihr solltet versuchen, ein bisschen zu schlafen.« Mallory wartete, bis Arty sich neben ihr niedergelassen hatte. Er legte den Kopf in ihren Schoß, und sie streichelte seine dichten dunklen Locken. »Wir schaffen das schon«, sagte sie leise, um ihn und sich selbst zu beruhigen. Das Problem war nur, dass sie nicht daran glaubte. Vor allem aber fragte sie sich, wo John Milton gerade sein mochte. Kapitel 26 Zum Hof von Seth Olsen gehörten zwei Scheunen. In der kleineren davon waren die Stanton-Kinder und die FBI-Agentin gefangen. Dort bewahrte Seth seine Gerätschaften, den Treibstoffzusatz für den Traktor und die Düngemittelvorräte auf. In der anderen Scheune lagerte er normalerweise Heuballen, Silage und Futtermittel, aber vor zwei Monaten hatten sie alles ausgeräumt, um die Scheune als Versammlungsort für die Miliz und als Waffenkammer zu nutzen. Lundquist nahm Seth und Magrethe beiseite und berichtete, was mit Lars geschehen war. Seth presste wortlos die Lippen aufeinander, doch abgesehen von den Furchen, die sich noch tiefer in die Haut um seine Augen gruben, deutete nichts darauf hin, welche Wirkung Lundquists Worte auf ihn hatten. Magrethe wurde kreidebleich, stieß einen Schluchzer aus, schüttelte aber barsch die Hand ihres Mannes ab, als er ihre Schulter berührte. Es gehe ihr gut, herrschte sie ihn an. Lundquist wusste, dass die Todesnachricht ihre loyale Entschlossenheit nicht ins Wanken bringen würde. Er ließ die beiden für einen Moment in ihrer Trauer alleine und betrat die größere der beiden Scheunen. An der einen Wand prangte ein durch einen z-förmigen Schnitt geteiltes und gekröntes Schwert – das Emblem vom »Schwert Gottes« –, an der gegenüberliegenden Wand flatterte eine Hakenkreuzfahne. Anstelle eines Kruzifixes gab es in diesem sakral anmutenden Raum ein Schwert mit einem Eisernen Kreuz auf dem Heft – handgeschmiedet von Kenny Woichek, einem der Anhänger. Über der Kanzel hing ein Porträt vom heiligen Georg und dem Drachen, über dessen Horn der Davidstern prangte. Lundquist hatte eine Führungszentrale für die Miliz gebraucht, und die Farm hatte sich als perfekter Ort dafür entpuppt. Einerseits konnte niemand sie unbemerkt betreten, andererseits war das Gelände so weitläufig, dass Unbefugte von außen keine Einblicke in die Aktivitäten der Miliz bekommen konnten. Lundquist hatte seine Leute gut geschult und sie akribisch auf ihre von Gott vorherbestimmte Rolle vorbereitet. Er hatte die Farm in ein Ausbildungslager umgestaltet, inklusive Schießanlagen, gewaltigen Waffenlagern und Unterbringungsmöglichkeiten für jeden, der eine benötigte. In einer Anlage namens Silhouette City konnten die Soldaten auf Ziele mit den Konterfeis von Barack Obama, Jeh Johnson und Janet Yellen schießen. Es gab Checkpoints und eine Hütte an der einzigen Zufahrt, die als Wachposten diente. Wenn die Zeit kam und die letzte Posaune ertönte, würde die Farm als Arche für alle von Gott Auserwählten dienen. Die Mitglieder der Miliz hatten sich bereits in der von Laternen erhellten Scheune versammelt. Lundquist ließ den Blick über die Männer und Frauen in Armeekleidung schweifen und erklomm die Stufen zur Kanzel. Sie waren dreißig. Und sie widmeten sich der Aufgabe mit beeindruckendem Eifer und mit Disziplin. Lundquist musste sich selbst auf die Schulter klopfen – er hatte sie perfekt gedrillt und ihnen augenscheinlich klargemacht, wie wichtig es war, als effektive Einheit zu operieren, deren Zusammenhalt sich durch nichts zerstören ließ. Er hatte sein gesamtes während der Armeezeit erlangte Wissen zur Anwendung gebracht. Das Wort Gottes, dessen Erfüllung er gelobt hatte, verlangte unerschütterliche Loyalität und bedingungslosen Gehorsam. Was er hier sah, zeigte ihm, dass sie sich auf dem richtigen Weg befanden. Und die heutige Nacht würde noch weitere Gelegenheiten bieten, um dies zu beweisen. Er räusperte sich und richtete das Wort an die Anwesenden. »Was wir heute erleben, ist die erste wahre Prüfung, seit der Herr zu mir gesprochen hat. Die erste wahre Prüfung, seit wir begonnen haben, das Wort des Herrn zu verbreiten und damit seine Prophezeiung voranzutreiben, dass wir uns unser Land zurückholen werden. Eine ganze Woche lang waren zwei FBI-Beamte hier in der Stadt, und zumindest der eine ist wieder nach Hause zurückgekehrt. Alles wäre in bester Ordnung gewesen, wenn nicht dieser Kerl aufgetaucht und in die Wälder gegangen wäre, wo er sich unsere Jungs geschnappt hat.« »Der Engländer?«, fragte Barry Forshaw. »Genau der, Barry. Der Engländer. John Milton.« »Wer ist der Kerl?« »Das wissen wir noch nicht genau.« Lundquist ließ seinen Blick über die erwartungsvollen Gesichter schweifen. »Ich bin nicht gerade begeistert davon, wie leicht es ihm die Jungs gemacht haben, sie aufzustöbern und zurückzubringen, trotzdem dürfen wir die Fähigkeiten dieses Mannes nicht unterschätzen. Nach allem, was Soldat Callow und Soldat Chandler erzählt haben, ist der Mann extrem effizient. Er kennt sich in der Wildnis aus und weiß, wie man mit Feuerwaffen umgeht. Viel mehr können wir noch nicht über ihn sagen, fest steht nur, dass er uns eine Menge Ärger gemacht hat.« »Ist der Sheriff tot?«, wollte Vernon Smith wissen. »Ich hab so was läuten gehört.« »Milton hat die Jungs zu Lester gebracht, und diese FBI-Agentin wollte die Marshalls kommen lassen, damit sie sie verhaften. Damit hätten wir unsere Chance, Gottes Wort in die Tat umzusetzen, begraben können. Das durfte ich natürlich nicht zulassen. Was wir hier tun, ist mehr wert als das Leben eines Einzelnen, und Lester hätte niemals verstanden, worum es uns geht und was wir vorhaben. Deshalb habe ich ihn erschossen. Gott sei seiner Seele gnädig.« Percy Fishertons Sohn stieß einen lauten Jubelschrei aus, den einige der Anwesenden mit Gelächter quittierten. »Ruhe, bitte! Lester war ein anständiger Mann, und ich habe es alles andere als gern getan. Der Engländer sollte ebenfalls tot sein. Stattdessen hat er Soldat Sellar, Soldat Sturgess, Soldat Olsen und Soldat Pelham getötet.« Die Stimmung schlug um, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. Einigen der Männer fiel die Kinnlade herunter, andere wiederholten mit ungläubigen Mienen die Anzahl der Toten. »Die Lage ist ernst«, fuhr Lundquist fort. »Diesen Mann müssen wir ernst nehmen. Er hat vier Männer getötet und sich dann in den Wald abgesetzt. Wir dürfen ihn nicht frei dort draußen herumlaufen lassen, nein, wir müssen ihn finden.« Zustimmendes Murmeln. »Wir wissen, dass er ein harter Kerl und ein Profi ist, aber wir wissen auch, dass er eine Verwundung davongetragen hat. Ein Mann mit einer schweren Schussverletzung kann keine großen Distanzen zurücklegen, außerdem ist es dunkel, und er kennt sich nicht so gut in den Wäldern aus wie wir. Wenn ihr mich fragt, wird er sich irgendwo im Wald einen Unterschlupf suchen, seinen Arm versorgen und morgen weiterziehen. Bis dahin hat die State Police den Wald längst umzingelt, sodass er wohl kaum unbemerkt entkommen wird. Und wir haben dreißig Mann, die sich in den Wäldern gut auskennen und sie systematisch durchkämmen. Wie, um alles in der Welt, will der Typ da jemals lebend rauskommen?« Allgemeine Zustimmung. »Und was ist mit der Polizei?«, fragte jemand. »Was passiert, wenn sie ihn vor uns erwischen?« »Das wäre auch kein Problem«, erklärte Lundquist. »Ich habe eine Fahndung rausgegeben und die State Police informiert. Dabei habe ich nicht nur berichtet, dass er Olsen und Pelham umgebracht hat, nein, ich habe ihm auch den Tod des Sheriffs und der Agentin in die Schuhe geschoben. Damit gilt er bei ihnen als Mehrfachmörder, den sie abknallen, sobald sie ihn erwischen. So ersparen sie uns den Aufwand. Falls er es doch irgendwie schaffen sollte, am Leben zu bleiben, wird er zwar den Mord an all den Leuten leugnen, doch damit stünde das Wort eines Herumtreibers, der sich Lesters Anweisungen widersetzt hat und dann auch noch im Johnny’s in eine Schlägerei verwickelt wurde, gegen das Wort eines einheimischen Polizisten. Was glaubt ihr wohl, wie das für ihn ausgeht?« »Übel!«, rief Forshaw. »Genau, Barry. Die Sache geht ganz übel für ihn aus.« Die Männer und Frauen nickten. Lundquist sah ihnen an, dass sie beeindruckt waren. Sie wussten, dass er nicht nur ein schlauer, durchtriebener Mann und ein starker Anführer war, sondern auch mit vollem Einsatz für die Sache kämpfte. Alle wussten das. Allein ihre Reaktion ließ ihn vor Erregung erschauern. Gott hatte ihn für diese Rolle auserwählt, Gottes Geist strömte durch seine Seele wie Wasser in ein leeres Gefäß. Er sprudelte förmlich über. »Was ist mit dem Vizepräsidenten?«, fragte Paula McMahon. »Was soll mit ihm sein?« »Lange dauert es ja nicht mehr, richtig? Drei Tage. Hat der Vorfall Auswirkungen auf unser Vorhaben?« »Nein«, antwortete Lundquist. »Hat er nicht.« Der Vizepräsident wurde in der folgenden Woche zu einer Wahlkampftour durch Minnesota erwartet. Über einen Kumpel von der Polizei in Minnesota hatte Lundquist in Erfahrung gebracht, dass außerhalb von Truth ein Fototermin geplant war, und zwar in einer dieser Raststätten, die bevorzugt von Familien aufgesucht wurden, großzügig gestaltet und für den Sicherheitsdienst nur schwer kontrollierbar waren. Es war ein Ort, an dem praktisch niemand einen Mann würde aufhalten können, der bereit war, im Namen Gottes sein Leben zu lassen. »Ich will ja nicht den Eindruck machen, dass ich an Ihnen zweifle, Colonel, aber was macht Sie da so sicher?« »Was hier gerade passiert, Paula, wird für unser Vorhaben definitiv keine Rolle spielen. Wir werden nämlich eine kleine Jagd veranstalten.« Er deutete auf den hinteren Teil der Scheune. Dort brachte Seth Olsen gerade die Waffen herein, die von dem Geld gekauft worden waren, das die Jungs bei ihren diversen Banküberfällen erbeutet hatten – Automatikgewehre, Karabiner, Pistolen und Jagdflinten, dazu einen schier unerschöpflichen Vorrat an Munition. »Nehmt euch, was ihr braucht, Leute. Wir bilden drei Teams, und jedes davon wird von einem der Männer angeführt, die sich am besten in den Wäldern auskennen. Jesse Kay?« Kay war ein kleiner, drahtiger Kerl und erstklassiger Spurenleser. »Ja, Sir?« »Sie suchen mit zehn Mann das Gebiet westlich der South Boundary Road ab.« Kay salutierte. »Ben Teale?« »Ja, Sir?« Teale war Parkranger und kannte die Wälder wie seine Westentasche. »Sie gehen ebenfalls mit zehn Mann hoch zur Little Carp River Road und dann nach Osten.« Teale salutierte ebenfalls. »Walker Price, Sie und ich gehen mit den restlichen zehn Mann dorthin, wo Milton den Wald das erste Mal betreten hat.« Wieder betrachtete er die Leute vor sich – gottesfürchtige Männer und Frauen, seine Heilige Brigade, die im Namen des Herrn Großes vollbringen würden. Satan hielt sein geliebtes Land im Würgegriff und würde sie alle mit sich in die Hölle reißen, wenn ihm niemand Einhalt gebot. Aber das würde er, Lundquist, nicht zulassen. Allein der Gedanke an die Pracht und Herrlichkeit, die sie schon bald erlangen würden, erfüllte ihn mit Stolz. Er musste kurz schlucken, bevor ihn die Rührung zu übermannen drohte. »Nur zur Erinnerung will ich euch noch einmal sagen, was heute Nacht auf dem Spiel steht«, fuhr er fort. »Amerika ist meilenweit von dem Land unserer Gründerväter entfernt, jener weißen christlichen Nation, die sie einst hätte sein sollen. Juden und Nichtweiße bevölkern das Gelobte Land. Das Leben ist schwer geworden. Farmen und Fabriken schließen, Kleinstädte verwaisen, das einst so dichte Gewebe der amerikanischen Gesellschaft droht zu zerreißen. Verbrechen bleiben ungesühnt, Schulgebete werden nicht länger gesprochen. Scheidung, Abtreibung, Drogenmissbrauch und Homosexualität bedrohen unser Leben. In den Großstädten verdienen sich Menschen eine goldene Nase, indem sie Papiere hin und her schieben, während Farmer weniger Geld für ihre Ernte bekommen, als sie brauchen, um ihr Getreide überhaupt anbauen zu können. Das Zionist Occupied Government will die Weltherrschaft erlangen. Die Medien verbreiten eine nicht enden wollende Flut an falschen Informationen. Und dann besitzen sie die Frechheit, Menschen wie uns vorzuwerfen, wir wollten die Regierung stürzen? Dabei wollen wir sie bloß zurück!« »Ja!« und: »Endlich sagt mal einer, was Sache ist!«, schallte es durch die Scheune, und eine Frau, die die Arme hochgerissen hatte, sah aus, als würde sie jeden Moment ohnmächtig werden. Lundquist spürte die Schweißtropfen auf seiner Stirn, doch statt sie abzuwischen, hob er den rechten Arm und zog den Ärmel nach unten, um das Tattoo zu entblößen. Dann ballte er die Faust und reckte sie. Die anderen taten es ihm nach. Er rezitierte die Worte der Offenbarung, die er als ihr Mantra ausgewählt hatte. »Selig ist, der da liest und die da hören die Worte der Weissagung und behalten, was darin geschrieben ist.« »Denn die Zeit ist nahe«, fielen die Anwesenden ein. »Das Schwert, ja, das Schwert ist geschärft und gefegt.« Wieder stimmten die anderen ein und sprachen mit lustvoller Inbrunst: »Es ist geschärft, dass es schlachten soll; es ist gefegt, dass es blinken soll. Aber er hat ein Schwert zu fegen gegeben, dass man es fassen soll; es ist geschärft und gefegt, dass man’s dem Totschläger in die Hand gebe.« »Und wie sagte schon Jesus?« »Ihr sollt nicht wähnen, dass ich gekommen sei, Frieden zu senden auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu senden, sondern das Schwert.« »Und wer sind wir?« »Das Schwert Gottes.« »Und dies ist das Wort Gottes.« »Lobet den Herrn.« »Amen.« »Amen!« Danach schritten sie zur heiligen Kommunion – ein Tablett mit kleinen Gläsern voll Traubensaft und winzigen Oblaten wurde herumgereicht. Dann ertönten Jubelrufe. Lundquist sah das Feuer in ihren Augen glimmen. Sie würden ihre Pflicht erfüllen, ihre Pflicht im Namen des Herrn. Sie waren wie eine Horde wilder Hunde. Und er würde die Leine lösen. Kapitel 27 In diesem Teil der Wälder kannte Milton sich nicht aus, und innerhalb kürzester Zeit hatte er sich verlaufen. Der Boden war felsig, das Gelände führte über steile Hügel, durch enge Hohlwege, fiel zuweilen abrupt ab. Die Landschaft erinnerte ihn an den Kosovo, wo er häufig hinter den feindlichen Linien operiert und im Dunkel der Nacht gewartet hatte, bis sich ein bestimmtes Ziel zeigte und sein Auftrag erledigt war. Er lief weiter. Seine Muskeln brannten, und sein linker Arm pulsierte schmerzhaft bei jedem einzelnen Schritt. Wenigstens regnete es nicht mehr, und die Wolken ließen ein wenig silbern schimmerndes Mondlicht durch – immerhin so viel, dass er seine Umgebung sehen konnte. Unverdrossen stieg er immer höher, setzte einen Fuß vor den anderen. Sobald er oben war, konnte er sich orientieren und entscheiden, welche Richtung er einschlagen musste. Der Vorhangstoff, mit dem er seinen Arm abgebunden hatte, sein Hemd und der Ärmel seiner Jacke waren blutgetränkt. Zweige schlugen ihm ins Gesicht und gegen die Hände, dorniges Gestrüpp verfing sich in seinen Sachen. Mittlerweile war sein Gesicht von Dutzenden feiner Schnittwunden übersät. Er taumelte auf eine abgeholzte Lichtung zu, wo Baumstämme zum Abtransport aufgestapelt waren. Vor ihm führte eine steile Böschung zu einem Plateau hinauf. Er lief darauf zu, stemmte die Füße ins Geröll und krallte sich an ein paar Wurzeln fest, um nicht wieder herunterzurutschen. Spitze Steinchen bohrten sich in seine Handflächen. Mühsam kämpfte er sich weiter vorwärts. Je höher er kam, desto fester wurde der Boden, und schließlich konnte er wieder stehen. Er hielt inne. Seine Arme fühlten sich an, als wären sie aus Blei, und er schnappte gierig nach Luft. Er sah in die Richtung, aus der er gekommen war. Östlich und westlich von ihm erstreckten sich die Wälder, so weit das Auge reichte. Vom letzten Marsch wusste er noch, dass es überall Brandschneisen und kleine Pfade gab, doch von hier aus konnte er sie nicht sehen. Nach Norden hin stieg das Terrain weiter an, der Baumbestand war dort nur noch spärlich. Südlich von ihm befanden sich der Waldrand und das Maisfeld, dahinter die Bahnlinie und die entfernten Lichter von Truth. Er atmete tief durch und ließ den Blick über die nördlich gelegenen, sanften Hügel schweifen, die für diesen Teil Michigans typisch waren. Er konnte es sich nicht leisten hierzubleiben, sondern musste so viel Abstand wie möglich zwischen sich und Lundquists Männer bringen. Etwa fünfhundert Meter entfernt erspähte Milton einen Bach. Während sich am Himmel erneut dunkle Wolken zusammenballten, folgte er dem Wasserlauf. Immer wieder blieb er stehen und lauschte, doch es war nichts zu hören außer den Geräuschen der Natur: das Zirpen der Grillen, das Kreischen eines Nachtraubvogels hoch über ihm, das leise Plätschern des Wassers. Er fragte sich, ob Lundquist wohl Hunde zur Verfügung hatte, und beschloss, durchs Wasser zu waten, um seine Fährte zu verwischen. Ein Stückchen weiter setzte er seinen Weg am gegenüberliegenden Bachufer fort. Das Terrain fiel jäh ab, und er kam ins Stolpern, während er bis zu den Knöcheln im feuchten Lehmboden versank. Mit dem rechten Fuß verfing er sich in einem Ast, doch es gelang ihm, das Gleichgewicht zu halten. Er schwitzte am ganzen Körper, und in seinem Arm pochte es wie verrückt, doch er folgte dem Bach, der sich hinunter in eine Senke schlängelte. Der Boden war weich und schlammig und stieg langsam wieder an, während der Wasserlauf zwischen zwei hohen Felsen verschwand. Es war sinnlos, im Dunkeln weiterzugehen. Milton hockte sich ans Ufer und spritzte sich Wasser ins Gesicht. Er war zwar ohnehin klatschnass vom Regen, doch das Wasser hatte eine belebende Wirkung, und so konnte er sich in Ruhe Blut, Schweiß und Dreck von der Haut waschen. Er blickte sich um. Das Gelände stieg steil an, doch er entdeckte ein Stück von ihm entfernt einen Felsvorsprung, der Schutz vor Regen bot. Es begann zu donnern und wenig später wie aus Kübeln zu gießen. Unter dem Felsvorsprung war es verhältnismäßig trocken, ein Blätterbaldachin von Ahornbäumen bot zusätzlichen Schutz vor dem Unwetter. Einen besseren Unterschlupf würde er so schnell nicht finden, dachte Milton. Sein Arm tat fürchterlich weh, außerdem war er hundemüde und begann zu frieren. Er musste Feuer machen, sich aufwärmen und seine nassen Sachen trocknen. Sonst lief er Gefahr, sich zu unterkühlen. Er sammelte Zunder – trockenes Gras, das er unter dem ausladenden Blätterdach einer Buche fand, vertrocknete Flechten und Nesseln, Wiesenklee, Geißblattrinde, Kiefernnadeln, Samenkapseln und Moose. Unter dem Felsvorsprung hob er mithilfe seines Messers eine Feuerstelle aus, die er mit Steinen befestigte. Er zog die Beretta aus der Tasche. Eine einzige Patrone war übrig. Aber er konnte keine Unterkühlung riskieren und nicht endlos Zeit verschwenden, um ein Feuer zu entfachen. Also würde er die Patrone opfern müssen. Er häufte den Zunder zusammen, arrangierte ihn zu einer Art Nest und verteilte ein wenig von dem Desinfektionsgel darauf, das er im Wohnmobil entdeckt hatte – der darin enthaltene Reinigungsalkohol würde sein Übriges tun. Dann schob er die Patrone aus dem Magazin, öffnete sie mit dem Messer und streute das Schießpulver auf ein trockenes Stück Rinde, das er vorsichtig in den Zunder bettete, ehe er mit seinem Feuerstahl eine Kaskade von Funken darauf niederregnen ließ. Das Pulver zischte, und dann züngelten die ersten zaghaften Flämmchen. Schützend wölbte er die schwieligen Hände darüber, spürte die schwache Wärme, fachte das Feuer mit aller Behutsamkeit an, und als es allmählich stärker brannte, legte er ein wenig größere Holzstückchen und schließlich ein paar trockene Zweige nach, wobei er penibel darauf achtete, die Flammen nicht zu ersticken. Eine halbe Stunde später betrachtete er zufrieden sein Werk – die Flammen loderten kräftig, und das Feuer verbreitete eine wohlige Wärme. Und jetzt der Arm, dachte er. Nachdem er seine Jacke und den Pullover ausgezogen hatte, wickelte er vorsichtig den Vorhangstoff von seinem Oberarm. Er platzierte die Taschenlampe so, dass er die Wunde genau in Augenschein nehmen konnte. Die Kugel war in seinen Bizeps eingedrungen und durch den Trizeps wieder ausgetreten. Der Einschuss war eine saubere Sache, ein kleiner dunkler Kreis, der letztlich von selbst verheilen würde und um den er sich keine großen Gedanken machen musste. Die Ausschusswunde hingegen sah gar nicht gut aus – ein blutiges, klaffendes Loch, das durch die Rotation des Projektils gerissen worden war. Am Bach reinigte er die Wunde mit Wasser, so gut es eben ging. Es brannte höllisch, als er das Desinfektionsgel auf beiden Wunden verteilte, und er sog scharf Luft zwischen die Zähne. In der Erste-Hilfe-Box befanden sich Nadel und Faden, doch war es besser, die Wunde noch nicht zu vernähen – falls sie sich entzündete, konnte wenigstens der Eiter ablaufen, und es würde höchstwahrscheinlich zu keiner lebensbedrohlichen Wundinfektion kommen. Er wickelte einen Verband um den Oberarm und klebte ein Stück Heftpflaster darüber. Anschließend sammelte er ein paar Farne und bereitete daraus ein Lager unter dem Felsvorsprung. Es war eine wahre Wohltat, sich endlich ausstrecken zu können. Der Rauch, der vom Feuer aufstieg, bereitete ihm keine Sorgen. Die Rauchfetzen verloren sich im Dunkeln, und auch der Schein der Flammen würde jenseits der hoch aufragenden Felsen nicht zu sehen sein. Eine glitzernde Quarzader fiel ihm ins Auge, während er dem Spiel der Flammen an der Felswand zusah. Er legte noch ein paar Äste nach, ließ das Feuer noch einmal richtig auflodern. Dann schloss er die Augen. Er hatte seit fast vierzig Stunden kein Auge mehr zugetan und brauchte dringend Ruhe. Seine innere Uhr, die ihn seit zwanzig Jahren nicht im Stich gelassen hatte, würde ihn wie immer wecken, sobald das erste Licht des Tages am Horizont erschien. Und mit diesem Gedanken, eingehüllt von der Wärme des Feuers, schlief er ein. Kapitel 28 Gerade als hinter ihm aus dem Feld Hundebellen erklang, entdeckte Morten Lundquist seinen Sohn. Michael hatte ein Lagerfeuer entzündet und sich im Schneidersitz davorgesetzt. Sein Gewehr hatte er sich über die Beine gelegt. Lundquist führte seine sechs Männer aus dem Feld heraus und am Waldrand entlang. Das Feuer verströmte eine angenehme Wärme. »Hallo, Dad«, begrüßte Michael ihn. »Alles klar?« »Alles bestens.« Die Männer traten ans Lagerfeuer, einige streckten die klammen Hände aus, um sie zu wärmen. »Irgendein Zeichen von ihm?« »Bisher ist er nicht rausgekommen, zumindest nicht hier.« Noch war Lundquist nicht bereit, seinen Jungen zu loben. Nicht nach dem ganzen Mist, den er gebaut hatte. Das Bellen wurde lauter. Michael hob den Kopf. »Das ist Walker«, erklärte Lundquist und drehte sich um. Walker Price kam mit seinen drei Hunden, die heftig an der Leine zerrten, durchs Maisfeld. Er war Lieutenant in der Miliz, ein guter und höchst vertrauenswürdiger Mann. Seine drei Jagdhunde hatten ausgezeichnete Nasen und würden den Engländer problemlos finden. Vermutlich hätte man Walker auch einem anderen Team zuteilen können, aber wenn Lundquist ganz ehrlich war, wollte er Milton am liebsten selbst schnappen. Er wollte derjenige sein, der ein Exempel an ihm statuierte. Es wäre die perfekte Gelegenheit, seine Position als Anführer zu untermauern – gerade jetzt, bevor sie Gottes Wort endlich in die Tat umsetzten. Lundquist streckte sich. Es war ewig her, seit er das letzte Mal eine Nacht im Freien verbracht hatte. Früher hatte er ganze Wochenenden mit seinem alten Herrn im Freien zugebracht. Voll bepackt waren sie tagelang die Hügel hinauf- und auf der anderen Seite der Halbinsel wieder hinuntermarschiert – um ihn »ein bisschen abzuhärten«, wie der alte Dreckskerl gesagt hatte. Lundquist stammte aus einer Soldatenfamilie. Sein Vater hatte laut eigener Aussage zu Teddy Roosevelts legendären Rough Riders gehört und im Zweiten Weltkrieg die Guerillaeinheiten auf den Philippinen angeführt. Mit sechsundzwanzig war er bereits zum Lieutenant Colonel befördert worden, glatte zehn Jahre vor all seinen Kameraden. »Ich hab massenweise Japsen kaltgemacht«, hatte er stets geprahlt. »Mit dem Messer einfach abgeschlachtet.« Sein Vater war ein strenger, harter Mann gewesen, und Lundquist wusste, dass diese Härte auch in ihm schlummerte, und war seinen eigenen Kindern stets mit eiserner Härte begegnet. Anders ging es doch gar nicht, oder? Wie der Vater, so der Sohn. Michael hingegen war bei dieser Schlampe in Green Bay aufgewachsen, die er damals, vor fünfundzwanzig Jahren, nach einem Saufgelage mit Lester flachgelegt hatte. Er hatte keinerlei Gelegenheit gehabt, seine Erziehung zu beeinflussen. Erst an jenem Tag vor fünf Jahren, als der Bursche mit dümmlichem Gesicht vor seiner Tür gestanden und ihm die Hand hingestreckt hatte. »Dad?«, hatte er unsicher gefragt. Lundquist erinnerte sich daran, als wäre es gestern gewesen. Das Gebell wurde lauter. Lundquists Gedanken schweiften zu der Story, die er den Behörden bei ihrer Rückkehr auftischen würde. Sie würde jeder weiteren Prüfung locker standhalten, daran bestand überhaupt kein Zweifel. Immerhin hatte die halbe Stadt mitbekommen, wie Milton sich in Johnny’s Bar mit den Touristen angelegt hatte. Er hätte sogar jede Menge Zeugen. Das wäre ein eindeutiger Beweis für Miltons Hang zur Gewalttätigkeit. Lester hatte zudem einen Bericht verfasst, wie er ihn vor der Stadtgrenze aufgelesen und mit der Anweisung, sich von Truth fernzuhalten, am anderen Ende der Stadt abgesetzt hatte. Milton hatte sich nicht darum geschert, was wiederum seinen mangelnden Respekt gegenüber Amtspersonen zeigte und womöglich als weiteres Motiv herhalten könnte. Je länger er darüber nachdachte, umso plausibler erschien ihm seine Geschichte. Was war als Nächstes passiert? Milton war zurückgekommen, hatte Lester erschossen und war geflüchtet, als Lundquist und Olsen eingetroffen waren. Sie hatten die Verfolgung aufgenommen, wobei Olsen ums Leben gekommen war. Auch George Pelham hatte er auf dem Gewissen. Drei Polizisten. Verdammt, wenn er es darauf anlegte, könnte er sogar die verdammte Nationalgarde hier antanzen lassen. Er zog seine Tabakdose heraus, drehte sich eine Zigarette und steckte sie an. »Also, was ist der Plan?«, fragte Michael. »Wir setzen die Hunde auf seine Fährte an und lassen sie dann los.« »Jetzt?« »Nein. Wir warten, bis der Morgen graut. Ich will wenigstens ein klein wenig Tageslicht.« »Aber vielleicht ist er ja weitermarschiert. Inzwischen könnte er schon fast am See sein.« Lundquist spuckte eine Tabakfaser aus. »Hast du seinen Arm gesehen? Es hat ihn offenbar ziemlich erwischt. Der Typ kann nicht ewig weitergehen. Vielleicht überschätzt er sich ja auch, und wir finden ihn irgendwo – verblutet.« »Der Typ weiß, was er tut«, wandte Michael ein. »Das ist ein ganz harter Knochen.« Lundquist zog an seiner Zigarette. »Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. Weißt du, was das bedeutet, Michael?« »Geduld.« »Richtig, Geduld. Mit Gottes Willen werden wir ihn finden.« »Ja, Dad.« »Hat er dir irgendetwas Genaueres darüber gesagt, wer er ist und woher er kommt?« Michael schüttelte den Kopf. »Der Kerl redet nicht viel. Aber mit dem Gewehr kann er umgehen, so viel wissen wir inzwischen. Immerhin hat er uns einfach so überwältigt.« »Was wiederum mehr über dich aussagt als über ihn.« »Ich habe mich bereits dafür entschuldigt. Wird nicht wieder vorkommen.« »Das sollte es auch besser nicht.« Lundquist war durchaus bewusst, wie streng er mit Michael war, aber es war nun einmal seine Pflicht, die charakterlichen Mängel seines Sohnes auszumerzen. Wie hieß es so schön in der Bibel? Wer seine Rute schont, der hasst seinen Sohn, wer ihn aber lieb hat, der züchtigt ihn bald. Diese Weisheit beherzigte er nur allzu gern. Disziplin, das war es, was Michael dringend brauchte. Noch befand er sich in den Fängen jugendlicher Dummheit und Leichtsinn, aber all das würde Lundquist ihm schon noch austreiben. Erst dann würde er dem Jungen voll und ganz vertrauen können. Alle neun Männer saßen um das Lagerfeuer herum und warteten auf die Morgendämmerung. Lundquist konnte es zwar kaum erwarten, aber ihm war nur allzu bewusst, mit welcher Leichtigkeit Milton vier seiner Soldaten getötet hatte. Der Mann war höchst gefährlich, vor allem in der Dunkelheit. Es ist klüger abzuwarten, dachte er. Dass er einen kleinen Vorsprung hat, mag ein Nachteil sein, aber verglichen mit der Gefahr, getötet zu werden, liegt die Entscheidung auf der Hand. Michael hatte seinen Entschluss nur murrend akzeptiert. Vorher hatte er seinem Vater fünf geschlagene Minuten damit in den Ohren gelegen, dass sie nun aufbrechen müssten, um Milton nicht noch mehr Vorsprung zu lassen. Schließlich hatte es den Anschein gehabt, als würde Michael seine Befehle infrage stellen, sodass Lundquist keine andere Wahl geblieben war, als ihm das Maul zu stopfen. Mit einer scharfen Bemerkung über sein Versagen oben im Wald hatte er ihn vor den anderen bloßgestellt und ihn für eine Weile zum Schweigen gebracht. Lundquist blickte durch die Flammen zu seinem Sohn hinüber. Dieser hatte die Knie angezogen und starrte mit finsterer Miene ins Feuer. In Michael vermischte sich die Leidenschaft des glühenden Fanatikers mit der Unsicherheit eines Jungen, der dringend seinen Platz in der Welt gezeigt bekommen musste. Er brauchte Hilfe. Er brauchte den Beistand von Gottes Wort, um den richtigen Weg zu erkennen. Und Lundquist würde ihm dabei helfen. Er war zwar kein Seelenklempner, aber im Polizeidienst hatte er so einiges miterlebt und besaß eine ziemlich gute Menschenkenntnis. Um Michael zu durchschauen, brauchte man kein Genie zu sein: Lundquist hatte ihn im Stich gelassen, als er noch klein gewesen war, und nun, da er seinen Vater wiedergefunden hatte, würde er alles tun, um ihn zu beeindrucken und ihm zu zeigen, dass er seiner Liebe wert war. Dieser Umstand war ihm anfangs mehr als gelegen gekommen. Er brauchte kräftige junge Männer, die loyal und vertrauenswürdig waren, und sein eigen Fleisch und Blut war ein guter Anfang. Es war ein Kinderspiel gewesen, dem Jungen vor Augen zu führen, was in diesem Land schieflief und wer die Schuld daran trug. Michael hatte sich nur allzu bereitwillig überzeugen lassen: Lundquist erklärte ihm, wie unverfroren die Politiker dem Volk seine Rechte nahmen und es schamlos ausbeuteten. Die Leute wurden regelrecht gemästet, um irgendwann geschlachtet zu werden. Michael war ein eifriger Schüler und hatte schnell erkannt, wie recht sein Vater mit seinen Theorien hatte. Der Junge hatte zunächst in der Tankstelle am Stadtrand gearbeitet. Da er dort der Miliz nicht von Nutzen war, hatte Lundquist ihn überredet, der Armee beizutreten – eine bessere Ausbildung gebe es nicht für ihn, hatte er erklärt. Und war es nicht blanke Ironie, sich von der Bundesregierung die Ausbildung eines Soldaten zahlen zu lassen, mit deren Hilfe Lundquist sie eines Tages gewaltsam stürzen würde? Außerdem wusste er, dass Michael auch während des Militärdienstes erkennen würde, dass die Regierung nichts als ein korrupter Haufen war, Satansbrut, die ihr eigenes und andere Völker nur für ihre Zwecke ausbeutete und missbrauchte. Und es hatte funktioniert. Michael war ein hervorragender Soldat geworden. Er hatte drei Jahre gedient, hauptsächlich im Irak, doch als Lundquist zur Ansicht gelangt war, dass er keiner weiteren Ausbildung bedurfte, hatte er ihn nach Hause zurückgeholt – gemeinsam mit Sellar, Sturgess und Chandler. Michael war als gutgläubiger Soldat in den Krieg gezogen und als Fanatiker zurückgekehrt, doch wenn man ihn in die richtige Richtung schubste, konnte er sich als überaus effizient erweisen. Außerdem schien Michael ein Talent zum Führen zu haben. Lundquist hatte genau gesehen, wie seine Kameraden ihn in seiner Rolle akzeptiert hatten und wie es ihm mit seiner angeborenen Neigung zur Gewalttätigkeit gelungen war, sie in der Spur zu halten. Das Schwert Gottes brauchte Geld für Waffen. Jahrelang hatte sich Lundquist Gedanken gemacht, wie man Banken in der Gegend überfallen könnte. Dank seiner Position als Deputy war er relativ problemlos an Informationen über die Überwachungssysteme gelangt, an die er sonst nie im Leben herangekommen wäre. Er hatte sich alles genau überlegt: Er würde die Pläne schmieden, die Michael und die anderen dann ausführten. Schon im Vorfeld schloss er sämtliche Risiken aus und machte eine Truppe eiskalter, effektiver Bankräuber aus ihnen. Er schlug vor, Quads als Fluchtfahrzeuge zu benutzen, und legte sich Fluchtrouten zurecht, die eine Verfolgung nahezu unmöglich machten. Nach jedem Überfall sollten sie in der alten Kupfermine oben am See untertauchen, am besten für drei Wochen, zumindest aber lange genug, bis sich die Aufregung ein wenig gelegt hatte. Michael ins Boot zu holen hatte keinerlei Überredungskunst bedurft. Er hatte Wort gehalten und auch seine Freunde überredet. Die ersten vier Überfälle waren reibungslos über die Bühne gegangen. Houghton. Ironwood. Barksdale. Duluth. Dann Marquette. Und der tote Wachmann. Das wäre der Moment gewesen, in dem sie hätten aufhören sollen, aber die Gier war jedes Mal größer gewesen, wenn sie mit Säcken voller Geld zur Mine zurückgekehrt waren. Das Geld floss auf direktem Weg in Waffen, Munition und Sprengkörper. In alles, was sie brauchten. Dann waren sie auf Wisconsin umgeschwenkt. Wausau. Green Bay. Keine weiteren Vorkommnisse. Alles war glatt über die Bühne gegangen. Bis sich die Stantons, das FBI und John Milton eingemischt hatten. Aber Lundquist hatte alles im Griff. Komplett. Er würde dafür sorgen, dass alles wieder glattlief. Michael legte einen langen Ast über die Flammen, die knisterten und fauchten, als das Holz Feuer fing. Allmählich verjagte der Morgen die Schatten der Dunkelheit. Zwanzig Minuten noch, dann würde die Sonne aufgehen. Lundquist ließ den Blick über die Wälder schweifen. Irgendwo dort drinnen beobachtete John Milton denselben Sonnenaufgang wie sie. Wo auch immer er sich über Nacht verschanzt haben mochte – im Tageslicht würde sich sein Versteck gleich viel weniger sicher anfühlen. Die Hunde wurden unruhig. Lundquist drehte sich um und entdeckte Leland Mulligan, der durch das Feld auf ihn zukam. Er hatte ihn nach Truth geschickt, um dort nach dem Rechten zu sehen. »Wird auch langsam Zeit«, knurrte Lundquist ungeduldig. In einer hilflosen Geste breitete Leland die Hände aus. Auch er war einer der Youngster, deren Rekrutierung ein Kinderspiel gewesen war. Seine verstorbenen Eltern waren gottesfürchtige Menschen gewesen und hatten ihren Sohn nach ihren christlichen Werten erzogen. »Und? Wie ist die Lage?« »Alles im grünen Bereich. Die Kinder und die Agentin sind gefesselt und eingesperrt. Magrethe und Morris passen auf, dass sie nicht abhauen, aber das wird nicht passieren.« »Was ist mit der State Police?« »Sie haben noch gestern Abend alle verfügbaren Kräfte losgeschickt. Momentan beziehen sie Stellung und umzingeln ihn. Sie haben versprochen, die Spätschicht früher anfangen zu lassen und die Zahl der Einsatzkräfte zu verdoppeln. Der kommt hier jedenfalls nicht so einfach raus.« »Gut.« Lundquist nahm einen letzten Zug von seiner Selbstgedrehten und warf den Stummel ins Feuer. »Was ist mit Olsen?« Leland zuckte zurück. »Der Unfall war wirklich schlimm. Die Feuerwehr musste den Wagen in zwei Teile aufschneiden, um ihn rauszuholen. Er hat sich fünf- oder sechsmal überschlagen. Ein Wunder, dass Milton heil rausgekommen ist.« »Und George?« »Sie bringen ihn ins Leichenschauhaus. Genickbruch, wenn Sie mich fragen. Keine Ahnung, wer dieser Milton ist, aber Tatsache ist, dass der keine Gefangenen macht. Der meint es echt ernst.« »Tatsächlich?«, bemerkte Lundquist sarkastisch und drehte sich eine weitere Zigarette. »Überlassen Sie das Denken einfach mir, okay, Leland? Das gehört nicht zu Ihren Stärken. Was gibt’s sonst noch?« Leland Mulligan sah beleidigt aus. »Ich hab vom Polizeirevier Miltons Sachen geholt«, erklärte er und hob eine versiegelte Plastiktüte mit Kleidung in die Höhe. Walker Price brachte die Hunde, die eifrig bellend an der Leine zerrten. Lundquist öffnete die Tüte, zog ein Sweatshirt und eine Jeans heraus, beides eindeutig ungewaschen, und warf die Sachen Walker zu, der in die Hocke ging, während sich die Hunde schwanzwedelnd um ihn scharten. Sie vergruben ihre Nasen tief in den Kleidungsstücken, nahmen den Geruch auf und reckten die Schnauzen in Richtung Wald. Der Leithund war ein Weibchen namens Blue, das augenblicklich vorstand, den Schwanz kerzengerade ausgestreckt. »Hat sie die Witterung aufgenommen?« »Allerdings«, bestätigte Walker, während die anderen ihrem Beispiel folgten. Eines der Tiere begann sogar zu heulen. »Sehen Sie nur. Die betteln regelrecht darum, dass ich sie von der Leine lasse. Ich sehe da kein allzu großes Problem.« Lundquist nickte zufrieden. Leland griff nach einer Tasche mit einem Dutzend Schinkenbrötchen, die die Männer gierig verschlangen und mit Kaffee aus der Thermoskanne hinunterspülten. Lundquist spürte, wie ihm das Essen und das heiße schwarze Getränk neue Energie spendeten. Er ließ den Blick über seine Truppe schweifen: Leland Mulligan, Walker Price, Michael Callows, Thomas Chandler, Larry Maddocks, Harley Ward, Dylan Fox, Randy Watts, Archie McClennan. Mit ihm machte das zehn Mann. Das sollte genügen. Wenn Milton sich immer noch im Wald herumtrieb, würden die Hunde seine Witterung aufnehmen und ihn aufstöbern. Zu einer Festnahme würde es nicht kommen. Milton würde den Rückweg im Leichensack antreten müssen. Immerhin war er ein Polizistenmörder. Und sie selbst würden als gefeierte Helden nach Truth zurückkehren. Sie würden Gottes Willen ausführen. Wieder spürte Lundquist, wie ihn Erregung durchströmte. Was sie hier taten, war eine klassische Verbrecherjagd. Milton war die Beute, und er war der Jäger. Ich kriege dich, du elender Dreckskerl, dachte Lundquist. Und wenn ich dich habe, jage ich dir eine Kugel in den Kopf. Kapitel 29 Als Milton erwachte, dachte er im ersten Moment, es sei noch dunkel, doch dann sah er einen schwachen Lichtstreif über dem Hügelkamm. Er schloss die Augen noch einmal für ein paar Sekunden, um sich darüber klar zu werden, wo er sich befand und wie er hierhergekommen war. Das Rauschen des Bachs drang an seine Ohren. Es klang beinahe wie Musik, und plötzlich erinnerte er sich wieder. Abrupt setzte er sich auf und schlug sich zu allem Überfluss den Kopf an. Als er vorsichtig nachfühlte, hatte er Blut an den Fingerspitzen. Das Feuer war komplett heruntergebrannt. Von den Ästen und Zweigen waren nur ein dunkles Häufchen Asche und ein wenig Glut übrig. Milton schwang die Beine herum. Als er sich aufstützte, zuckte ein stechender Schmerz durch seinen Arm. Die Schusswunde – er hatte sie ganz vergessen. Jedes einzelne Detail fiel ihm wieder ein: seine halsbrecherische Flucht mit dem Wohnmobil, das Manöver mit dem Zug, die Typen, die ihn in dem Maisfeld eingekesselt hatten, der Polizist, dem er das Genick gebrochen hatte, seine Flucht in die Wälder. Er ging vor der Feuerstelle in die Hocke, pustete in die Glut, fütterte sie mit dem restlichen Zunder und fachte die Flammen an. Dann gab er ein paar vertrocknete Flechten und ein paar Zweige dazu. Der Wind musste in der Nacht gedreht haben, denn die Felswand hinter ihm war feucht. Auch seine Klamotten waren wieder nass. Er sammelte ein paar Äste und bastelte daraus ein provisorisches Gestell, über das er seine Sachen hängte. Anschließend brachte er das Feuer richtig zum Lodern – so würden seine Sachen wenigstens halbwegs trocken werden. Er ließ sich wieder auf sein Lager sinken. Vorsichtig löste er den Verband und nahm die Wunde in Augenschein. Das Einschussloch hatte sich nicht entzündet, die Austrittswunde aber sah böse aus und roch überdies äußerst unangenehm. Er musste dringend etwas unternehmen, bevor sich der Zustand der Wunde verschlimmerte. Plötzlich fiel ihm Ellie ein. Im nächsten Moment dachte er an Mallory und Arthur. Verdammt, dachte er. Verdammte Scheiße. In was für einen Schlamassel war er da bloß wieder geraten? Was sollte er jetzt tun? Sein Instinkt sagte ihm, schleunigst die Beine in die Hand zu nehmen und das Weite zu suchen, bevor es zu spät war. Er hatte einen anständigen Vorsprung und das Know-how, wie man aus einer derartigen Situation wohlbehalten herauskam. Die Natur würde ihn versorgen, bis er sich in die nächste Stadt durchgeschlagen hatte. Dort würde er in aller Ruhe über sein weiteres Vorgehen nachdenken. Aber das konnte er vergessen. Er konnte sie nicht im Stich lassen. Und eigentlich lag es auch auf der Hand, was hier los war: Aus Gründen, die Milton noch nicht hundertprozentig klar waren, hatte Lundquist die vier Bankräuber befreit – und dann alle Zeugen einkassiert, die wussten, dass die Flüchtigen gefasst worden waren. Mallory, Arthur, Ellie und ihn. Gut möglich, dass die anderen bereits tot waren. Aber er hatte ihnen sein Wort gegeben. Er würde umkehren. Sein Wort zählte etwas. Das galt allerdings auch für Lundquist. Er würde ihn töten. Ihn und alle anderen, die sich mit ihm verbündet hatten. Nachdem er noch ein paar Zweige auf das Feuer gelegt hatte, griff er nach der Beretta, die er dem toten Cop abgenommen hatte. Er prüfte das Magazin. Leer. Er hatte gehofft, nur geträumt zu haben, wie er die letzte Patrone zum Feuermachen benutzt hatte, aber von wegen. Was bedeutete, dass er – abgesehen von dem Küchenmesser – praktisch unbewaffnet war. Wie auch immer. Er spitzte die Ohren und lauschte, doch er hörte nichts außer dem Rascheln des Windes in den Bäumen. Allerdings war es inzwischen so hell, dass der Rauch seines Feuers weithin zu sehen war. Egal, er würde sich hier sowieso nicht mehr lange aufhalten. Er ließ den Blick umherschweifen. Einige Felsen, zwischen denen reißende Bäche in die Tiefe stürzten, ragten fast senkrecht in die Höhe, doch der Pfad, den er aus seiner Position erkennen konnte, war nur etwas für erfahrene Survival-Freaks. Mächtige Buchen und Eschen warfen ihre Schatten über die Anhöhen, auch wenn der Baumbestand sich nahe dem Kamm der Hügelkette ein wenig lichtete. Milton zog sich auf den Felsvorsprung hoch und kletterte noch gut fünf Meter weiter, bis er die obere Kante der Felswand erreicht hatte. Er kauerte sich nieder, kniff die Augen zusammen und blickte gen Süden – die Richtung, aus der seine Verfolger anrücken würden. In der vergangenen Nacht hatte er etwa zwei Meilen zurückgelegt, auch wenn sie ihm wie zehn vorgekommen waren. Er versuchte sich in die Männer hineinzuversetzen, die ihm auf den Fersen waren. Garantiert hatten sie inzwischen die Leiche des Cops gefunden, dem er im wahrsten Sinne des Wortes den Hals umgedreht hatte. Sie waren gewarnt, und sie wussten, dass er bewaffnet war – weshalb sie sich mehr als nur ein bisschen vorsehen würden. Wäre er an ihrer Stelle gewesen, hätte er einen Kordon von Männern ausschwärmen lassen und erst einmal Verstärkung gerufen. Zum Beispiel die State Police. Er hätte per Funk durchgegeben, dass ein zu allem entschlossener Polizistenmörder auf der Flucht sei, und so viele Männer wie möglich auf seine Fährte gesetzt. Und er hätte bis zum Morgengrauen abgewartet. Was hieß, dass sie bereits unterwegs waren. Jetzt, in diesem Augenblick. Letztlich blieben ihm genau zwei Möglichkeiten. Er konnte fliehen. Oder kämpfen. Wobei einiges dafür sprach, die Flucht zu ergreifen. Bei seinem Vorsprung hatte er gute Chancen, seinen Verfolgern zu entkommen. Er vermutete, dass Lundquist das Gelände in Planquadrate eingeteilt hatte, die er systematisch durchkämmen ließ. Möglicherweise hatte er weitere Cops hinzugezogen, und je länger er wartete, desto mehr von ihnen würden ihm auf die Pelle rücken. Wenn er sich jetzt vom Acker machte, konnten sie lange nach ihm suchen – er wäre über alle Berge, bis sie da waren. Doch Milton kannte sich selbst zu gut, als dass er diese Möglichkeit auch nur ansatzweise in Betracht gezogen hätte. Tatsächlich hatte er sie längst verworfen. Lundquist hatte den Sheriff umgebracht. Die Dreckskerle, die er schützte, hatten bei einem Banküberfall einen Wachmann getötet. Sie hatten Ellie geschlagen, Mallory und Arthur in ihre Gewalt gebracht. Es war ungewiss, was sie ihnen antun würden – vorausgesetzt, dass sie überhaupt noch lebten. Fest stand, dass er sich jetzt nicht einfach verdrücken konnte, ohne sie gerettet zu haben oder in ihrem Namen Rache zu nehmen. Niemals. So lief das nicht. Er ließ den Blick über die Landschaft südlich von ihm wandern. Da draußen waren Ellie, Mallory und Arthur, nur einen Steinwurf von Truth entfernt, das er in der Ferne gerade noch ausmachen konnte. Und da draußen war auch Lundquist mit seinen Männern, die ihn zur Strecke bringen wollten. Nein. Flucht war keine Option. Kampf schon. Geröll löste sich unter seinen Füßen, als Milton vorsichtig wieder hinunterkletterte. Er zog seine immer noch feuchten Sachen an, verstaute den Erste-Hilfe-Kasten in seiner Tasche. Dann trat er das Feuer aus, verwischte seine Spuren und machte sich an den Aufstieg. Er würde sich noch ein Stück weiter von ihnen entfernen, nach einem geeigneten Hinterhalt suchen, seine Verfolger dort erwarten und sie ausschalten, einen nach dem anderen. Was ging drüben in Truth vor? Wo befanden sich Ellie und die beiden Stanton-Kinder? Auch das würde er herausbekommen. Und dann würde er sie befreien. Kapitel 30 Wenig später brachen sie auf. Es war sinnlos, noch länger zu warten. Lundquist war zuversichtlich, dass sie am Ende des Tages Milton geschnappt haben würden, und konnte es kaum erwarten, diese ganze leidige Angelegenheit hinter sich zu bringen. Das leicht ansteigende Terrain vor ihnen führte zu den Hügeln und kleineren Bergen, die die natürliche Grenze zwischen den Wäldern und dem Lake of the Clouds bildeten. Noch war der Weg vor ihnen halbwegs eben, sodass sie im Laufschritt vorankamen. Bereits nach wenigen Minuten war Lundquists Haut von einer dünnen Schweißschicht bedeckt. »Erinnern Sie sich noch, als wir das letzte Mal jemanden verfolgt haben?«, fragte Walker atemlos. »Klar.« »War auch nicht anders als jetzt, oder?« »Genau dasselbe.« Es war sechs Jahre her gewesen. Der Mann hieß Gus und hatte einen Wohnwagen in der Siedlung, wo auch die Stantons ihr Wohnmobil stehen hatten. Er stand in dem Ruf, eine Schwäche für kleine Mädchen zu haben. Als ein kleines Mädchen aus dem Ort eines Tages von der Schule nicht nach Hause gekommen war, fuhr Lester zu Gus, in der Hoffnung, ihn von der Liste seiner Verdächtigen streichen zu können. Aber Gus war abgehauen, in die Wälder, über eine ähnliche Route wie Milton. Lester hatte einen Trupp Männer zusammengestellt, bestehend aus einer Handvoll Deputys, Walker mit seinen Hunden und zehn Einheimischen. Sechs Meilen nördlich des Sees hatten sie ihn aufgefunden – zusammengesackt an einem Baumstamm, die Waffe, mit der er sich erschossen hatte, noch im Mund. Zwei Tage später war das kleine Mädchen wieder aufgetaucht. Wie sich herausstellte, hatte Gus mit ihrem Verschwinden rein gar nichts zu tun gehabt. Lundquist hatte sich bemüht, nicht zu viele Gedanken auf den Vorfall zu verschwenden. Gus war vor irgendetwas davongelaufen. Ihn musste das schlechte Gewissen geplagt haben. Das genügte ihm als Erklärung. »Wie weit hat Milton es wohl geschafft, was glauben Sie?« »Nicht weit«, antwortete Lundquist. Nach seiner Schätzung würde ein gesunder, unverletzter Mann, der sich in der Gegend auskannte, etwa zwei Meilen pro Stunde schaffen. Milton hingegen konnte von Glück sagen, wenn er mit seiner Verletzung die Hälfte bewältigte. Wenn er nicht komplett danebenlag, hatte er bestenfalls zwei Meilen zurückgelegt, bevor er irgendwo sein Nachtlager aufgeschlagen hatte. Zwei Meilen waren ein Klacks für Walkers Hunde. Dank Miltons Kleidern hatten sie eine erstklassige Witterung und so sensible Nasen, dass er auch zehn Meilen entfernt sein konnte – es würde ihm rein gar nichts nützen. Die Jagdhunde zerrten ungeduldig an den Leinen und bellten vor Aufregung wild durcheinander. Wenn Walker sie jetzt von der Leine ließe, würden sie garantiert wie die geölten Blitze ihrer Beute hinterherjagen. Der Pfad wand sich quer durchs Unterholz. Lundquist war der Älteste von allen, doch seine langjährige Gewohnheit, morgens nach dem Aufstehen laufen zu gehen, machte sich jetzt bezahlt. Locker trabte er den Weg entlang, wohingegen Michael und die restlichen Männer allmählich ins Schnaufen gerieten. Lundquist wusste, dass er problemlos eine weitere halbe Stunde ohne Pause durchhalten würde. Ein Lächeln spielte um seine Lippen. Sie gelangten zu einem Bach, der quer durch eine Wiese verlief. Die Hunde blieben stehen und schnüffelten den Boden ab. »Was machen sie da?«, fragte Tom Chandler. Walker nahm Blues Leine ab und reichte sie ihm. »Sie haben die Witterung verloren. Wenn Sie mich fragen, ist er durch den Bach gelaufen.« Er deutete auf die andere Uferseite. »Schaffen Sie sie rüber.« »Muss das sein?« »Schaffen Sie sie rüber!«, wiederholte er barsch. Chandler platschte quer durch das hüfthohe Wasser, während die Hündin entschlossen neben ihm herschwamm. Als sie auf der anderen Seite herauskamen, schnupperte Blue augenblicklich den Boden ab, begann im Gras zu scharren und bellte. »Sie hat die Witterung wieder aufgenommen.« Sofort wurden die anderen Hunde unruhig und konnten es kaum erwarten, ihrer Schwester ans andere Ufer zu folgen. Walker führte sie in das eiskalte, rasch dahinfließende Wasser, sorgsam darauf bedacht, im glitschigen Bachbett nicht auszurutschen. Lundquist folgte ihm vorsichtig. Am anderen Ufer schüttelten sich die Hunde und zerrten erneut an der Leine. Der Trupp ging weiter. Allmählich wurde das Gelände steiler, und sie drosselten das Tempo. Lundquist trabte neben Leland her. »Der Kerl meint es ernst, oder?«, fragte Leland. »Er ist Soldat.« »Woher wissen Sie das?« »Er hat es Lester erzählt. British Special Forces.« »Heilige Scheiße.« »Und? Wir sind zu zehnt.« Leland schwieg. »Haben Sie sonst noch was gegen ihn in der Hand?« »Ich habe seine Fingerabdrücke überprüft, während er über Nacht bei uns in der Zelle saß.« »Und?« »Vor drei Monaten wurde er in Texas verhaftet.« »Weswegen?« »Tätlicher Angriff. Kneipenschlägerei.« Lundquist schnalzte mit der Zunge. »Man sollte annehmen, dass er seine Lektion gelernt hat.« »Vielleicht ja nicht. In der Akte steht nämlich, dass am Tag darauf eine Kollegin vom FBI aufgetaucht ist und sich für ihn verbürgt hat. Jetzt wird es allerdings interessant. Der Sheriff hatte gerade keinen Dienst, als Milton festgenommen wurde. Als er am nächsten Tag zum Dienst erschien, hörte er sich die Geschichte mit dem FBI an. Das Ganze kam ihm seltsam vor, deshalb beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen. Also rief er das dortige Büro des FBI an. Es stellte sich heraus, dass es keine Akte über Milton gab. Als er die Agentin beschrieb, die ihn abgeholt hätte, meinten sie, es gäbe bei ihnen niemanden, auf den die Beschreibung auch nur halbwegs passen würde.« Lundquist schüttelte den Kopf. »Wie Sie schon gesagt haben, überlasse ich das Denken Ihnen«, erklärte Leland. »Das ist nicht meine Stärke.« »Sparen Sie sich Ihre Frechheiten«, gab Lundquist zurück, doch seine Neugier siegte über seine Verärgerung. »Vielleicht arbeitet er ja für die Regierung.« Aber änderte sich dadurch etwas? Nur wenn sie ihn lebend aus dem Wald herauskommen ließen, doch das lag ganz und gar nicht in Lundquists Absicht. Schließlich hatte Gott dafür gesorgt, dass John Milton Lundquists Wege kreuzte. Er war ein letztes Hindernis, das es zu beseitigen galt, eine letzte Prüfung vor der glorreichen Tat, die der Herr ihnen aufgetragen hatte. Die Hunde zogen noch fester an der Leine. »Brave Hunde!«, rief Walker. »Brav seid ihr. Und jetzt bringt uns schön zu John Milton.« Kapitel 31 Milton kämpfte sich voran. Er blieb nur stehen, um einen Schluck Wasser zu trinken oder etwas zu essen. Einmal pflückte er eine Handvoll Beeren von einem Strauch und stopfte sie sich hungrig in den Mund. Die leicht säuerliche Süße ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen. Seit dem Rehgulasch hatte er nichts Anständiges mehr gegessen. Und fest stand, dass er nicht ewig mit leerem Magen weiterlaufen konnte. Er zog sein Hemd aus und knotete es sich um die Hüften, um ein bisschen Luft an die Schusswunde zu lassen. Sie schmerzte nach wie vor. Er wandte sich um und versuchte zu schätzen, wie weit er gekommen war. Zwei Meilen in der letzten Stunde? Er lief weiter, trieb sich an, biss die Zähne zusammen, unterdrückte den Schmerz. Nach weiteren zwanzig Minuten aber war er kaum noch auszuhalten. Er stellte sich ans Bachufer und spritzte sich Wasser ins Gesicht, dann besah er sich seinen Arm genauer. Die kreisrunde Eintrittswunde in seinem Bizeps verheilte bereits wieder. Er hatte sie ausreichend gesäubert, und sie würde auch ohne medizinische Versorgung auskommen, vorerst zumindest. Die Austrittswunde am Trizeps hingegen sah ganz und gar nicht gut aus. Das Gewebe am Rand war schwarz – ein typisches Anzeichen, dass die Wunde nicht normal heilte. Wenn er nicht schleunigst etwas unternahm, würde er über kurz oder lang Fieber bekommen, und dann stand er endgültig auf verlorenem Posten. Und noch schlimmer: Wenn die Wunde nicht behandelt wurde, riskierte er eine Gewebsnekrose und würde womöglich seinen Arm verlieren. Er roch den verendeten Hirsch, bevor er ihn sah. Der Kadaver lag nur wenige Meter vom Pfad entfernt im Unterholz. Ein großes Stück Fleisch war aus dem Hinterviertel gerissen worden, wahrscheinlich von einem Wolf. Es stank durchdringend nach Verwesung, und er musste würgen. Den Jackenärmel vor die Nase gepresst, ging Milton neben dem toten Tier in die Hocke und nahm es in Augenschein. Der Kadaver war von weißen und braunen Maden übersät – ein widerlicher Anblick. Milton erinnerte sich, dass man während der Napoleonischen Kriege Verwundete häufig mit Maden behandelt hatte, weil diese für einen schnelleren Abbau von nekrotischem Gewebe sorgten. Die Madenbehandlung war inzwischen durchaus wieder im Kommen: Bei Patienten mit diabetischen Geschwüren an den Füßen verhinderte die Larventherapie häufig eine Amputation. Vielleicht würde diese Methode ja auch in seinem Fall funktionieren? Heutzutage wurden normalerweise in speziellen Laboren gezüchtete, desinfizierte Maden verwendet, doch ihm blieb keine Wahl. Milton klaubte etwa zwanzig Maden vom Hirschkadaver – sie sahen aus wie Schmeißfliegenlarven, ideal für seine Zwecke – und reinigte sie im kalten Wasser des Bachs, so gut es ging. Steril waren sie nicht, aber es musste reichen. Das Risiko musste er eingehen: Die Möglichkeit einer Infektion war immer noch das kleinere Übel – verglichen mit der Option, dass er die Wunde weiter vor sich hin faulen ließ. Bei der Vorstellung, was er gleich tun würde, drehte sich ihm der Magen um. Verdammt, wieso war er plötzlich so zimperlich? Er ließ die Maden auf den Verband fallen, achtete darauf, dass sie genau an der Wunde zu liegen kamen, und wickelte sich den Gazestoff wieder um den Arm. Kapitel 32 Lundquist blickte zum Himmel und erkannte mit dem untrüglichen Gespür des Einheimischen, dass der Sturm innerhalb der nächsten Stunde erneut losbrechen würde. Die Wolken hatten eine unheilvolle, tintige Schwärze – dichte Gebilde, die am Himmel heranzogen wie Vorboten eines Hurrikans. Den ganzen Morgen waren die Hunde der Witterung gefolgt, am Ufer des Bachs entlang und die Hügel hinauf. Milton schien keinerlei Versuch mehr unternommen zu haben, seine Fährte zu verwischen, als wäre es ihm mittlerweile egal. Lundquist wunderte sich, dass sie ihn immer noch nicht eingeholt hatten. Er war verletzt, und sie hatten ein ziemliches Tempo vorgelegt. Zwei geschlagene Stunden lang waren die Männer mit gezückten Waffen durch die Wälder gelaufen, angetrieben von Lundquists bellenden Anweisungen, sich zu konzentrieren und ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Leland Mulligan schnaufte bereits seit einer Stunde wie eine Dampflok, und Walker Price lief der Schweiß in Strömen übers Gesicht. Michael war der durchtrainierteste von allen, zeitweise war er sogar schneller als die Hunde gewesen. Sogar Lundquists Schenkel und Hinterteil brannten, als sie wieder einen Abhang hinauftrabten. Der Pfad führte in eine Schlucht mit Wänden aus Schiefergestein, als die Hunde plötzlich hektisch an der Leine zogen. Ihre Aufregung verriet Lundquist, dass die Beute irgendwo in der Nähe sein musste. »Waffen bereithalten!« Er kannte die Stelle – Whitefish Trail nannten sie die Einheimischen. Der Anstieg vor ihnen war zwar steil, aber es gab einen schmalen Weg, sodass sie ihn ohne große Probleme würden bewältigen können. Er packte sein Gewehr fester. »Hey!«, schrie Tom Chandler von vorn. Walker zog die Hunde zurück und befahl ihnen, Sitz zu machen. Sie befanden sich vor der rechten Wand der Schlucht, wo die Hunde eine Felsnase ausgemacht hatten. Lundquist folgte Chandler, der bereits in den Überresten eines Lagerfeuers stocherte. Walker trat neben sie und ging ebenfalls in die Hocke. »Was sagen Sie?«, fragte Lundquist. Walker nickte. »Er muss hier gewesen sein.« Die Knie protestierten leicht, als Lundquist sich wieder aufrichtete. Gerade als er etwas sagen wollte, ertönte ein gewaltiger Donnerschlag. Er sah zum Himmel: Tiefschwarze Wolken hatten das letzte Stück Blau verschlungen und bedeckten den gesamten Himmel, so weit das Auge reichte. Die Temperatur war merklich gefallen, und als er sich seinen breitkrempigen Hut tiefer ins Gesicht zog, fielen die ersten Tropfen. »Also, Männer!«, rief Lundquist und sah zu, wie die anderen ihre Regenausrüstung auspackten. »Hier hat er letzte Nacht kampiert. Haltet die Augen offen! Die Hunde haben ausgezeichnete Nasen und hatten den ganzen Morgen eine gute Witterung von ihm. Vielleicht ist sein Vorsprung kleiner, als wir denken, und er ist gar nicht weit weg. Wenn wir ihn haben, wird er sich wünschen, er hätte uns nicht bei diesem Sauwetter durch die Pampa gejagt.« »Was machen wir jetzt?« »Wir machen weiter wie bisher. Wir suchen nach ihm, bis wir ihn haben.« Tom Chandler stöhnte. »Was ist?«, herrschte Lundquist ihn an. »Wollen Sie lieber hierbleiben? Haben Sie schon vergessen, was er getan hat? In diesem Acker? Halten Sie es ernsthaft für eine gute Idee, ganz allein hier zu warten? Seien Sie kein Idiot!« Beschämt wandte Chandler den Blick ab. Lundquist zog seinen Hut tiefer ins Gesicht und nickte Walker Price zu. Die Hunde wurden bereits wieder unruhig. Er war nicht weit weg, das hatte Lundquist im Urin. Kapitel 33 Milton lief immer weiter. Ein Stück entfernt erhob sich plötzlich wie aus dem Nichts ein Felsvorsprung zwischen den Bäumen, ein zwanzig Meter breiter Granitblock. Aus der Ferne hörte er Wasser rauschen, das immer lauter wurde, je näher er kam – anfangs kaum mehr als ein Murmeln, schwoll es zu einem Ächzen und schließlich zu einem dröhnenden Rauschen an. Milton folgte dem Pfad, bis er vor einem Wasserfall stand. Ein nackter Felsen ragte aus dem Berg, über den das Wasser in die Tiefe stürzte. Das Flussbett bestand aus weichem Schichtgestein und hatte schmale Kanäle, Vorsprünge, kleine Becken und andere Formen gebildet. Die steile Felswand erschien auf den ersten Blick kaum bezwingbar. Ein dichter Nebel aus winzigen Wassertröpfchen hüllte ihn ein. Hier würde er nicht weiterkommen. Er wandte sich gen Süden, blickte über die sanften Hügel hinweg und fragte sich, wo seine Verfolger inzwischen sein mochten. Zwar hatte er immer noch einen Vorsprung, der aber vermutlich nicht allzu groß war. Er war verwundet, kannte die Gegend nicht und hatte keine Karte bei sich – Nachteile, mit denen sich die Männer, die ihm auf den Fersen waren, nicht herumzuschlagen brauchten. Sollte er umkehren und einen anderen Weg suchen? In diesem Moment hallte Gebell durch die morgendliche Stille. Sie hatten Hunde dabei. Milton gestattete sich ein ironisches Grinsen – genau damit hatte er gerechnet. Falls es ihm nicht gelang, die Hunde abzuschütteln, würden sie ihm so lange auf den Fersen bleiben, bis sie ihn hatten. Er fragte sich, womit sie die Tiere wohl auf seine Fährte gesetzt hatten, als ihm einfiel, dass er seinen Rucksack im Büro des Sheriffs zurückgelassen hatte. Verdammt! Er hätte ihn mitnehmen sollen, als Lars Olsen ihm angeboten hatte, ihn ins Krankenhaus zu fahren. Abgesehen davon, dass es die Suche nach ihm erheblich erschwert hätte, enthielt er alles, was er zum Überleben im Wald brauchte. Es war grob fahrlässig gewesen, den Rucksack zurückzulassen. Wurde er allmählich alt und vergesslich? Wieder bellten die Hunde. Damit war die Entscheidung gefallen. Umzukehren kam nicht mehr infrage. Die Hunde hatten Lundquist und seine Männer auf seine Spur geführt. Schätzungsweise hatten sie inzwischen sein Nachtlager gefunden. Wenn er verhindern wollte, dass sie ihn schnappten, sollte er sich beeilen. Er drehte sich wieder zum Wasserfall um. Er musste etwas unternehmen, um sie weiter auf Abstand zu halten, etwas, das sie in ihrem Fortkommen behinderte. Die Hunde würden Lundquist den Hügel heraufführen, und er musste dafür sorgen, dass sie nicht weiterkamen. Er würde ihn vor die Wahl stellen: Entweder ließ er die Hunde zurück und folgte ihm, oder aber er kehrte um und fand einen anderen Weg, um die Felswand zu erklimmen. Milton hatte diese Wahl nicht: Er musste klettern. Er trat zum Felsen und legte die Hände auf den kalten, glatten Stein, spürte die glitschige Nässe, die feuchte Luft, die ihn umhüllte. Den Beutel ließ er von seiner Schulter gleiten – mit Gepäck war ein sicherer Aufstieg unmöglich. Einen Moment stand er da und dachte nach: Sein linker Arm schmerzte immer noch und war praktisch nicht belastbar. Der Fels war rutschig, und soweit er es von unten sehen konnte, gab es nur wenige Stellen, an denen er sich gut festhalten konnte. Er musste einfach darauf vertrauen, dass er genug Kraft hatte, um sich nach oben zu ziehen. Falls er die Kraft nicht aufbrachte oder es keinen geeigneten Aufstiegsweg gab, würde es heikel werden – er war nicht sicher, ob er in der Lage wäre, an der glatten Wand wieder hinunterzuklettern. Wenn es schlecht lief, könnte er sogar abstürzen. Er holte tief Luft, legte die Finger um zwei Vorsprünge direkt über seinem Kopf und zog sich hoch. Ein brennender Schmerz schoss durch seinen Arm und raubte ihm für einen Moment die Sicht. Er fand eine Vertiefung im Stein, dann noch eine, schob die Füße in Nischen und Löcher und quetschte die Zehen in schmale Spalten. Es donnerte. Drei Meter. Sieben. Sein Arm gab plötzlich nach. Er rutschte ab, seine Füße baumelten hilflos in der Luft. Er riss seine Rechte vor, und seine Finger schlangen sich um eine Wurzel direkt über seinem Kopf, die er umklammert hielt, bis der Schmerz allmählich nachließ. Er machte einige Atemzüge, spürte, wie ihm der Schweiß in die Augen lief, während er sich wieder sammelte. Zehn Meter. Die Hälfte war geschafft. Er tastete mit dem Fuß nach Halt. Sein rechter Stiefel schrammte über den Fels. Er schob ihn in eine Spalte, ehe er die Wurzel losließ und mit der Rechten nach oben tastete, bis seine Finger ein Felsstück fanden und er sich erneut hochhieven konnte. Der Stein war feucht und glitschig, doch seine Finger fanden Halt, und er gewann sein Gleichgewicht wieder. Fünfzehn Meter. Er blickte über die Schulter und sah das Becken unter sich, in das sich der Wasserfall ergoss. Von seiner Position aus wirkte der Abstand zum Boden deutlich größer. Sein Blick schweifte über die scharfkantigen Steine, die im diffusen Nebel des tosenden Wassers wie hungrige Zähne aus dem Felsen zu ragen schienen – bereit, ihn zu packen und zu verschlingen, wenn er nicht aufpasste. Unwillkürlich musste er an die Felswände denken, die er während des Auswahltrainings erklommen hatte – Felswände, die tausendmal schwieriger zu bewältigen gewesen waren als diese hier. Aber, meldete sich die Stimme in seinem Kopf zu Wort, damals warst du auch noch jünger, und du hattest keine Schussverletzung am Arm. Er hob die Linke und hielt Ausschau nach einer Stelle, die ihm Halt bieten konnte. Er schloss die Augen, schlug sie wieder auf, ließ die eine Hand los und wuchtete sich hoch. Sein rechter Fuß rutschte an der Felswand ab, und er fiel. Seine rechte Hand fand keinen Halt mehr. Ihm blieb der Bruchteil einer Sekunde, um sich innerlich für den Schmerz in seinem linken Arm zu wappnen, der sein ganzes Körpergewicht auffangen musste, doch die Gewissheit, dass er gleich kommen würde, half nicht gegen den höllischen Schmerz, der wie eine Woge über ihm zusammenschlug. Er drohte das Bewusstsein zu verlieren, doch seine Finger umklammerten den Fels, während er seinen linken Fuß suchend an der Wand entlangwandern ließ, bis sein Knöchel gegen etwas Spitzes stieß. Schließlich gelang es ihm, seinen linken Fuß hochzuschwingen, ohne das Stechen in seinem Schienbein und seinem Knöchel zu beachten. Er konnte seine Zehen in einen Spalt schieben, und er bekam mit der Rechten eine herabhängende Schlingpflanze zu fassen. Zwanzig Meter. Beinahe geschafft. Er hielt zehn Sekunden lang inne, das Gesicht gegen den feuchten Fels gepresst, und atmete tief ein und aus, während der Schmerz von seinem linken Arm bis hinab in seine Zehen schoss. Etwa anderthalb Meter über ihm entdeckte er eine Vertiefung – einen Spalt, der seinem Fuß ausreichend Platz bieten würde. Er gestattete sich nicht, seine Entscheidung zu überdenken, sondern packte die Schlingpflanze, stieß sich mit dem linken Fuß ab und schlitterte an der Felswand entlang, bis die Schwerkraft ihn nach unten zog. Um wenige Zentimeter verfehlte er die Vertiefung, doch er griff erneut nach oben und tastete umher, bis er die Finger um die scharfe Kante schließen konnte, die sich in seine Haut bohrte. Dankbar presste er sich mit dem gesamten Körpergewicht gegen den Fels. Wieder hörte er die Hunde, diesmal deutlich lauter. Es hörte sich an, als befänden sie sich direkt unter ihm. Ein Gewehrschuss hallte durch den Wald, und die Kugel prallte nur wenige Zentimeter unterhalb von ihm vom Fels ab. Er hatte das Gebell falsch eingeschätzt. Sie waren ihm viel dichter auf den Fersen gewesen als vermutet. »Feuer!«, schrie Lundquist. »Holt den Kerl da runter!« Wieder pfiff ihm eine Kugel um die Ohren und riss Felsstücke aus der Wand. Winzige orangefarbene Funken stoben auf. Er war absolut hilflos. Hektisch blinzelte er gegen die Schweißtropfen an, die sich in seinen Augen sammelten, und blickte nach oben. Ab hier sollte es einfacher werden. Überall im Fels befanden sich kleine Vertiefungen und Nischen, und es gelang ihm, sich mit nur einer Hand vorwärtszutasten und Halt zu finden, ehe er die Beine nachzog. Salziger Schweiß bedeckte seine Stirn, lief ihm in Augen und Mund. Neben ihm stürzte das Wasser krachend und donnernd in die Tiefe, als wollte es dagegen protestieren, dass jemand es gewagt hatte, die Wand zu erklimmen. Jede Sekunde rechnete er damit, von einer Kugel getroffen zu werden. Wieder ertönte ein Schuss. Wieder schlug das Geschoss direkt neben ihm ein. Er überwand die letzten zwei Meter und zog sich über die Felskante. Schwer atmend lag er einen Moment da, wie gelähmt vom heftigen Pochen in seinem Arm. Er schloss die Augen und hielt einen Moment lang den Atem an, ehe er zum Rand des Wasserfalls zurückrobbte und einen flüchtigen Blick in die Tiefe riskierte. Lundquist stand unten und sah zu ihm herauf. Michael Callow, Thomas Chandler und der Cop, den er am Wohnmobil der Stantons gesehen hatte, waren bei ihm, außerdem sechs weitere Männer. Drei Hunde zerrten wild an ihren Leinen und bellten wie von Sinnen. Lundquist hatte sein Gewehr im Anschlag und gab einen weiteren Schuss ab, der jedoch ins Leere ging. Auch die anderen Männer feuerten, doch Milton war längst außer Sichtweite und in Sicherheit. »Feuer einstellen!«, schrie Lundquist. Die Männer schossen weiter. »Aufhören!« Das Echo der Schüsse hallte noch von den Wänden wider, dann verstummte es. »Milton!« Er machte keinerlei Anstalten, aus seiner Deckung zu kommen, sondern blieb auf dem Rücken liegen und sog tief die feuchte Luft ein. »Milton!« Er rollte sich auf den Bauch. »Ich bin hier!« »Sie können vor mir nicht weglaufen!« »Bisher ist es mir ganz gut gelungen!« »Aber das halten Sie nicht ewig durch!« »Ich werde auch gar nicht mehr weiterlaufen, Lundquist. Ich sage Ihnen, was ich tun werde – ich knalle Sie alle miteinander ab!« »Nein«, schrie Lundquist. »Vergessen Sie’s!« Befriedigt registrierte Milton die Wut und die Frustration in der Stimme des Deputys. Er ließ sich also manipulieren. »Der Mann, den ich im Maisfeld kaltgemacht habe … haben Sie seine Waffe gefunden?« »George war ein Idiot. Er hatte nie ein Ersatzmagazin bei sich. Mehr als die paar Kugeln, die noch in der Pistole waren, gibt es nicht. Eine haben Sie schon abgefeuert, mindestens. Also – wie viele haben Sie noch? Fünf? Sechs?« »Kommen Sie hoch, und finden Sie’s heraus! Ich warte auf Sie!« Er kroch wieder zurück. »Sie glauben, das wäre der einzige Weg nach oben? Wir machen einen Bogen. Die Hunde haben Ihre Witterung, und wir haben das gesamte Gebiet umzingelt. Sie sitzen in der Falle. Weglaufen können Sie nicht mehr. Geben Sie auf! Werfen Sie die Waffe runter, und kommen Sie nach!« Milton richtete sich auf. Das Blut schoss aus seinem Kopf in die Beine. Einen Moment lang glaubte er, gleich ohnmächtig zu werden, und sprang auf der Stelle, bis das Gefühl verflogen war. »Milton!« Er stand auf und trabte los, in Richtung Norden, den Hügel hinauf, der vom Plateau wegführte. »Milton!« Er beschleunigte seine Schritte. Immer weiter. »Milton!« Lundquists Stimme ging schon halb im Donnern und Rauschen des Wasserfalls unter, doch Milton hörte dennoch die Wut, die darin mitschwang. Kapitel 34 Special Agent Ellie Flowers hatte höchstens eine Stunde geschlafen. In der Scheune war es kalt und unbequem, doch nicht das trostlose Ambiente hatte sie wach gehalten, sondern die Furcht, was mit ihnen geschehen würde, sobald die Sonne aufging. Und das würde nicht mehr lange dauern. Arty war im Schoß seiner Schwester eingeschlafen und schnarchte leise. Wenn Ellie und Mallory miteinander sprachen, dann im Flüsterton, um ihn nicht zu wecken. Außerdem wollten sie ausschließen, dass ein heimlicher Lauscher etwas mitbekam – gut möglich, dass die Wände Ohren hatten. Sie sprachen darüber, was passiert war und was Morris Finch und Magrethe Olsen mit ihnen vorhaben mochten. Mallory meinte, bei Tageslicht könnten sie sich etwas genauer in der Scheune umsehen. Vielleicht würden sie ja irgendetwas finden, womit sie Ellie von den Handschellen befreien konnten – dann hätten sie vielleicht eine Chance, ihre Kidnapper zu überwältigen und zu entkommen. Ellie war weniger optimistisch. Mallory war noch ein halbes Kind, und ihr Bruder ließ sich zu schnell ablenken, um eine echte Hilfe zu sein. Dann redeten sie wieder über John Milton. Mallory hatte mitbekommen, wie Finch und Olsen gesagt hatten, Morten Lundquist werde sich um ihn kümmern. In dieser Hinsicht war Ellie schon etwas zuversichtlicher. Milton war garantiert nicht so leicht beizukommen, und auch wenn sie bislang kaum mehr als ein paar Stunden in seiner Gesellschaft verbracht hatte, bestand für sie kein Zweifel daran, dass er ein mit allen Wassern gewaschener Profi war. Würde er sie im Stich lassen? Sie glaubte es nicht. Doch als sie schließlich schwiegen und sich die Zeit schier endlos hinzog, begannen Zweifel an ihr zu nagen. Vorausgesetzt, dass ihm die Flucht gelungen war: Wo befand er sich jetzt? Warum sollte er das Risiko einer Rückkehr eingehen, statt sich selbst in Sicherheit zu bringen? Sie kannten sich doch kaum. Und dass sie miteinander geschlafen hatten, musste für ihn ja nichts zu bedeuten haben. Er schuldete ihr gar nichts. Es war dumm von ihr, sich Hoffnungen zu machen. Ihre Situation war aussichtslos. Schließlich schlief Mallory mit dem Kopf an Ellies Schulter ein. Kurz darauf döste Ellie selbst weg. Als schwaches Sonnenlicht durch die Ritzen und Löcher in den Wänden und der Decke fiel, erwachte sie. Auch Mallory regte sich und hob den Kopf. Ellie stemmte sich mit dem Rücken an der Wand hoch. Ihre völlig verspannten Muskeln schmerzten, nachdem sie so lange in derselben Körperhaltung verharrt hatte, und sie versuchte sie zu lockern. Dann ließ sie den Blick über die Wände und die Decke schweifen. Die Sonnenstrahlen erhellten das Innere der Scheune so weit, dass sie sich genauer umsehen konnte. Das Gebäude war zwanzig Schritte lang und zehn Schritte breit. Neben einigen landwirtschaftlichen Geräten standen diverse Fässer und Kisten, doch es war noch zu dunkel, um die Aufschriften entziffern zu können. Ein beißender Geruch ging von ihnen aus, der sie an Ammoniak erinnerte. Dünger? Immerhin befanden sie sich auf einer Farm. Sie sah sich nach Werkzeug um, irgendetwas, womit sie ihren Handschellen oder der Tür zu Leibe rücken konnte, doch sie fand nichts. Sie trat an das Tor und stemmte sich mit der Schulter dagegen. Ein klitzekleines Stück gab sie nach, war aber offensichtlich verriegelt. Keine Chance. Vergebens sah sie sich nach einer anderen Tür um und stieß dann einen tiefen Seufzer aus. Es war frustrierend, wenn auch nicht weiter überraschend. Wäre es so einfach gewesen, aus der Scheune zu fliehen, hätten sie Mallory und ihrem Bruder sicher nicht die Handschellen abgenommen. Sie musste den Tatsachen ins Augen sehen: Hier kamen sie nicht raus. »Und?«, fragte Mallory leise. »Nichts.« »Schauen Sie sich das mal an, Ellie.« Mallory hatte einen Karton mit Broschüren und schlecht gedruckten Flugblättern gefunden. Inzwischen war es hell genug, um die Überschriften und Titel lesen zu können: Verschwörung gegen das Christentum, Der Dreizehnte Stamm, An alle Nichtjuden, White Power, Der Talmud, Das Einmaleins des Judentums, Christliche Patrioten, The Klansman, Aryan Nations’ Newsletter und Christian Vanguard Newsletter. »Was ist das denn?« »Keine Ahnung«, erwiderte Ellie, obwohl sie eine vage Ahnung beschlich. Im selben Moment hörte sie, wie die Tür entriegelt und geöffnet wurde. Eilig legte Mallory die Flugblätter zurück in den Karton, bevor sie sich wieder zu Arthur an die Wand hockten. Das Sonnenlicht stach ihnen in die Augen, als die Tür aufschwang. Ellie blinzelte heftig und hielt sich die Hand vor die Augen. Morris Finchs Silhouette stand in der Tür. Er hielt eine Schrotflinte in den Händen. »Guten Morgen«, sagte er. War ihm nicht bewusst, wie absurd ihnen diese höfliche Begrüßung vorkommen musste? »Konnten Sie ein wenig schlafen?« Ellie erhob sich mühsam. »Wissen Sie eigentlich, was Sie hier tun? Ich bin FBI-Agentin. Und Ihnen ist hoffentlich klar, dass auf die Ermordung eines Bundesbeamten die Todesstrafe steht.« »Mord?«, wiederholte er sichtlich unbehaglich. »Davon kann überhaupt keine Rede sein.« »Aber von Freiheitsberaubung schon, oder?« »Wir erwarten nur ein bisschen Entgegenkommen von Ihnen.« »Lassen Sie uns gehen. Geben Sie mir Ihren Transporter. Ich werde mich dafür einsetzen, dass Sie Strafmilderung bekommen.« »Tut mir leid. Dafür ist einfach zu viel passiert.« »Ach ja? Sie wollen uns also doch beseitigen.« »Nein, das nicht.« »Was bleibt Ihnen anderes übrig, wenn Sie uns nicht freilassen?« »Ich habe das nicht zu entscheiden.« »Wer dann?« »Der Colonel. Er hat hier den Oberbefehl.« »Wer?« »Lundquist.« »Wieso Colonel?« Finch zuckte verlegen mit den Schultern und starrte sie mit ausdrucksloser Miene an. Ellie hielt seinem Blick stand. »Was soll das alles?« »Er entscheidet hier.« »Über was?« Finch schwieg. »Wo ist er überhaupt?« »In den Wäldern.« »Warum?« »Er sucht nach Ihrem Freund – dem Engländer.« Ellie schöpfte wieder Hoffnung. »Was ist passiert?« Finch trat zwei Schritte näher. Ein Gürtel mit protziger Schnalle hielt seine Jeans, die weniger übergewichtige Männer wohl eher beim Sackhüpfen benutzt hätten. Sein teigiges Gesicht schälte sich aus den Schatten. »Er ist ihnen gestern Abend entkommen«, sagte er, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. »Der Colonel und die anderen sind ihm auf den Fersen.« »Sie müssen uns gehen lassen, Mr. Finch.« »Woher wissen Sie meinen Namen?«, fragte er verblüfft, doch dann sah er zu Mallory. »Ach so. Von ihr.« Offenbar war Finch ein bisschen simpel gestrickt. Ellie beschloss, es sich zu merken. Möglicherweise ließ sich daraus ein Vorteil schlagen. »Milton wird Hilfe holen«, gab sie zurück. »Und wenn das FBI hier eintrifft, kann ich kein gutes Wort mehr für Sie einlegen. Mitgefangen, mitgehangen. Entführung einer Bundesbeamtin – wissen Sie, wie lange Sie dafür hinter Gitter müssen?« Finch blickte ins Leere. »Morten wollte ihn austricksen. Er hat ihm erzählt, die Kinder hätten einen Unfall gehabt. Draußen vor der Stadt sollte er eine Kugel in die Rübe bekommen. Aber irgendwie hat er es spitzbekommen und ist abgehauen.« »Ich weiß. Ich war auf dem Revier, als er mit dem Officer losgefahren ist.« Da bemerkte Ellie Finchs geistesabwesenden Gesichtsausdruck. »Hören Sie mir überhaupt zu, Mr. Finch?« »Eins sollten Sie wissen. Der Officer, das war Lars Olsen.« »Und?« »Sie haben gestern Nacht seine Mutter kennengelernt. Magrethe. Ihr und seinem Vater Seth gehört die Farm hier.« »Und?« »Milton hat Lars getötet. Er wurde im Wrack seines Streifenwagens gefunden, sie mussten seine Leiche mit schwerem Gerät herausschneiden. Wie auch immer, Magrethe wollte euch gleich hier an Ort und Stelle abknallen. Ich konnte es ihr gerade noch mal ausreden, aber ich weiß nicht, wie lange ich sie noch davon abhalten kann. Ihr habt keine Wahl – entweder macht ihr, was wir von euch verlangen, oder ich kann für nichts garantieren. Wir haben Gottes Willen zu erfüllen, und ich werde nicht zulassen, dass uns dabei irgendjemand in die Quere kommt. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn ihr am Leben bleiben würdet.« »Sie könnten uns immer noch laufen lassen«, beharrte Ellie. Im nächsten Augenblick hörte sie, wie sich jemand der Scheune näherte. Mit einem flehentlichen Blick beschwor Finch sie, um Himmels willen den Mund zu halten. Einen Moment später betrat Magrethe Olsen die Scheune. Sie hatte eine Schrotflinte unter den Arm geklemmt, und in ihrem Gesicht spiegelten sich Zorn und Hass. Ungeduldig tastete sie nach dem Lichtschalter. Im nächsten Moment flackerten zwei nackte Glühbirnen unter dem Dach der Scheune. Sie schloss die Tür hinter sich und musterte sie. »Der Kerl, mit dem ihr in den Wäldern wart, John Milton. Wer ist dieser Mann?« »Ich weiß es nicht«, antwortete Ellie. »Es wäre besser für euch, wenn ihr mitspielen würdet«, knurrte Finch mit drohendem Unterton. Offenbar wollte er Magrethe zeigen, was für ein knallharter Bursche er war. Mallory trat vor. »Warum wollen Sie das wissen?« »Raus mit der Sprache!«, rief Magrethe Olsen. »Er macht euch ganz schön Ärger, was?«, bemerkte Mallory, und ein schadenfroher Ton schwang in ihrer Stimme mit. Finch runzelte irritiert die Stirn. Ellie drehte sich zu Mallory um und schüttelte fast unmerklich den Kopf. Sie sah es Finch und Magrethe an, dass Milton noch am Leben war, und zum ersten Mal seit Stunden verspürte sie einen Anflug von Optimismus – vielleicht war ja doch noch nicht alles verloren. Mallory schien von Ellies Warnung nichts mitbekommen zu haben. »Und wenn Milton rauskriegt, dass wir hier sind, gibt’s richtig Ärger, verlasst euch drauf.« Magrethe schlug Mallory mit dem Handrücken mitten ins Gesicht. »He!« Arthur rappelte sich auf, doch Magrethe richtete die Schrotflinte auf ihn, und Mallory stellte sich schützend vor ihren Bruder. Die Panik stand ihr ins Gesicht geschrieben. »Wir wissen nicht, wer er ist«, sagte Ellie rasch, um die Aufmerksamkeit der Frau wieder auf sich zu lenken. Magrethe schwang die Schrotflinte herum und richtete sie auf Ellies Brust. »Wollen Sie wissen, was Ihr Freund Milton gestern getan hat? Er hat meinen Sohn umgebracht. Und deshalb sollen Sie sich überlegen, wie weit Sie Ihr Maul aufreißen. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Sie jede Menge über ihn erfahren haben, als Sie mit ihm in den Wäldern unterwegs waren. Also, ich will wissen, was es mit diesem Dreckskerl auf sich hat. Was hat er hier zu suchen?« Ellie starrte auf die Waffe und schluckte. Finch hatte sie nicht zum Spaß gewarnt. Die Frau mit dem wutverzerrten Gesicht bluffte nicht. Sie würde Ernst machen. Ellie kannte diesen Blick. Sie musste ihr irgendetwas erzählen. »Er ist ein Survival-Freak und macht gerade eine Wandertour.« »Wer’s glaubt, wird selig. Er hat meinen Sohn getötet und ist in die Wälder geflohen.« »Er hat gesagt, er wäre Soldat gewesen.« »Bei einer Spezialeinheit«, fügte Mallory triumphierend hinzu. »Halt den Mund, Mallory«, zischte Ellie. Magrethe hob die Waffe ein Stück höher. »Los, spucken Sie’s aus!« »Ja, das stimmt. Bei den British Special Forces. Aber sonst hat er uns nichts erzählt. Er ist ziemlich verschwiegen.« »Sie wissen hundertprozentig noch mehr.« »Nein, das ist wirklich alles. Er spricht nicht viel über sich. Glauben Sie mir – ich hätte auch gern mehr über ihn gewusst, nachdem ich gesehen habe, wie er Callow und seine Komplizen überwältigt hat. Aber ich habe so gut wie nichts aus ihm herausbekommen.« Magrethe runzelte die Stirn. »Was meinst du, Morris?« »Ich glaube, sie sagt die Wahrheit«, erwiderte er ein wenig zu hastig. »Du wirst allmählich weich, was? Du weißt genau, was auf dem Spiel steht. Die FBI-Schlampe weiß genug, um uns für den Rest unseres Lebens hinter Gitter zu bringen, genau wie die beiden Kinder. Wir müssen Gottes Werk vollbringen, und am besten wäre es, ihnen allen eine Kugel in den Kopf zu jagen und sie an die Schweine zu verfüttern. Oder fällt dir irgendein triftiger Grund ein, warum wir sie nicht sofort beseitigen sollten?« Ellie verspürte ein flaues Gefühl im Magen. Auch jetzt glaubte sie nicht an einen Bluff. Finch trat nervös von einem Fuß auf den anderen. »Ich halte das für keine gute Idee. Jedenfalls nicht jetzt. Ihr Freund läuft da draußen immer noch frei herum, und vielleicht brauchen wir die drei noch, falls er noch mehr Ärger macht. Sonst haben wir keinen Trumpf mehr in der Hinterhand. Und wenn der Colonel sie tot sehen wollte, hätte er das doch gesagt, oder?« Magrethes Miene verdüsterte sich noch weiter, doch offenbar hatte er sie überzeugt. Sie trat einen Schritt zurück. »Na schön. Dann lebt ihr eben ein paar Stunden länger, aber wenn ich hier drin auch nur den kleinsten Mucks höre, knalle ich euch ab, einen nach dem anderen. Also seht zu, dass ihr den Bogen nicht überspannt.« Sie wandte sich zum Gehen. »Morris, schaff deinen fetten Arsch hier raus.« Morris Finch warf Ellie einen ernsten Blick zu, dann verließ er ebenfalls die Scheune. Magrethe schloss das Tor, und dann hörten sie, wie der schwere Metallriegel wieder vorgeschoben wurde. »Hör auf, sie zu provozieren«, sagte Ellie Flowers. »Hab ich doch gar nicht!«, gab Mallory zurück. »Und ob. Wenn du es zu weit treibst, erschießen sie uns.« Mallory schwieg. »Das ist kein Spaß!« »Was ist denn los?«, fragte Arty traurig. »Keine Ahnung«, antwortete Ellie. »Hast du irgendwas aufgeschnappt, als du mit den Kerlen oben bei der Mine warst? Haben sie irgendwas erzählt, was uns weiterhelfen könnte?« »Sie haben eine Menge über Gott geredet.« »Was genau?« »Sie haben abends aus der Bibel gelesen.« »Kannst du dich an eine bestimmte Stelle erinnern?« »Schon.« Seine Miene hellte sich auf. »Es sagen ja alle, dass ich ein gutes Gedächtnis habe.« »Dann erzähl.« »Und ich sah den Himmel aufgetan; und siehe, ein weißes Pferd. Und der darauf saß, hieß Treu und Wahrhaftig, und er richtet und streitet mit Gerechtigkeit.« »Weißt du noch mehr?« »Diese werden streiten mit dem Lamm, und das Lamm wird sie überwinden (denn es ist der Herr aller Herren und der König aller Könige) und mit ihm die Berufenen und Auserwählten und Gläubigen.« Arty kam gerade so richtig in Fahrt, als draußen das tiefe Grollen eines schweren Motors erklang. Mallory lief zu der Wand, durch die das Brummen zu ihnen hereindrang, und spähte durch die Ritzen. »Was ist da draußen los?«, fragte Ellie. »Der Truck. Sieh selbst.« Artie half Ellie hoch. Durch die Ritzen sah sie den Freightliner, der zwischen den beiden Scheunen stand. Vier Männer beluden einen zwölf Meter langen Anhänger mit großen Metalltonnen und Fässern, die mithilfe eines Schleppers herangekarrt worden waren – Fässer von der Art, wie sie bei ihnen in der Scheune standen. »Was machen die da?«, fragte Mallory. »Ich weiß es nicht«, meinte Ellie. Doch plötzlich überkam sie eine Ahnung. Sie eilte zu den Fässern an der Wand. Jetzt, da das Licht besser war, konnte sie auch die Aufschrift lesen. NITROMETHAN 99,5% – FEUERGEFÄHRLICH »Was ist das?« »Ein Kraftstoffzusatz. So was Ähnliches wie Benzin.« »Und wieso beladen sie den Truck damit?« Ellie antwortete nicht, aber allmählich dämmerte es ihr. Der verheerende Bombenanschlag auf das Murrah Federal Building in Oklahoma City hatte während ihres Studiums an der FBI-Akademie mehr als einmal auf dem Lehrplan gestanden, und sie erinnerte sich, dass die Attentäter ihren Sprengsatz unter anderem mit Nitromethan gebaut hatten. Den Sprengsatz hatten sie in einen Ford-Transporter geladen, der knapp drei Tonnen Material transportieren konnte. Die Explosion hatte das Gebiet um das Regierungsgebäude in einen Kriegsschauplatz verwandelt. Der Freightliner war zwölf Meter lang. Fast dreimal so groß. Wie viel Tonnen mochte er fassen? Fünf oder zehn Mal so viel? »Wir müssen hier raus«, sagte Ellie. Kapitel 35 Fünf weitere Stunden lief Milton nahezu ohne Pause weiter. Er hatte keine Ahnung, wie lange Lundquist brauchen würde, um einen Umweg zu finden. Er selbst hatte jedenfalls keine Möglichkeit entdeckt, den Wasserfall zu umgehen. Er ging davon aus, dass ihm der Aufstieg eine weitere Stunde Vorsprung eingebracht hatte, vielleicht auch zwei, wenn er Glück hatte. Trotzdem würde Lundquist über kurz oder lang den Hang überwinden, und die Hunde würden erneut seine Witterung aufnehmen. Aber das war in Ordnung. Es kam ihm sogar entgegen. Der Weg kreuzte die alte Bahnlinie, die sie auf ihrem ersten Marsch ins Camp am See überquert hatten. Er kam am Little Carp River und dem Autowrack vorbei. Nach einer weiteren Stunde im Laufschritt stand er auf dem Hügel und blickte auf den Lake of the Clouds, der diesmal seinem Namen alle Ehre machte. Eine tief hängende graue Wolkendecke zog sich bis zum Horizont. Dicke Nebelschwaden waberten über der Wasseroberfläche, und der Regen peitschte ihm ins Gesicht, sodass er kaum die Hand vor Augen sehen konnte. Aber auch das war völlig in Ordnung. Wenn es nach ihm ginge, könnten die Witterungsbedingungen noch viel schlechter sein. Sie glaubten, sie würden ihn jagen, aber sie irrten sich. Das Camp sah noch genauso aus wie zum Zeitpunkt, als sie es verlassen hatten. Die Überreste des Feuers waren noch zu erkennen – kalte Asche, die der Regen in eine matschige Pampe verwandelt hatte. Milton betrat den Schuppen mit den Vorräten und ließ mit zusammengekniffenen Augen den Blick durch den Raum schweifen. Er glaubte sich zu erinnern, vor zwei Tagen einen grünen Erste-Hilfe-Kasten gesehen zu haben. Schließlich entdeckte er ihn. Im Kasten befanden sich Verbandszeug, eine Tube Wundsalbe und zwei Tablettenröhrchen – das eine enthielt Ibuprofenpillen, das andere ein Breitbandantibiotikum, das die Heilung seines Arms unterstützen würde. Außerdem fand er einen Karton mit verschlossenen Mineralwasserflaschen. Milton zog eine heraus, um das Antibiotikum und das Schmerzmittel damit hinunterzuspülen, und trank den Rest aus. Dann zog er sich bis zur Taille aus und löste den Verband. Schwer zu sagen, ob die Madenbehandlung etwas genützt hatte, doch es schien fast, als wäre das Gewebe etwas weniger schwarz und verfault. Er zupfte die Tiere nacheinander heraus, legte sie in seine Hand und wusch die Wunde mit einer weiteren Flasche Wasser aus, ehe er die Salbe auftrug. Anschließend steckte er die Maden wieder hinein, legte eine frische Mullschicht auf und befestigte sie mit Pflasterband. Dann sah er sich um. Sein Blick blieb an einer Holzkiste hängen. Er schob sie von der Wand weg und nahm sie in Augenschein. CORPS OF ENGINEERS – US ARMY war darin eingestanzt. Er kniete sich hin und löste mit dem Messer die Klammern, mit denen der Deckel befestigt war, und riss diesen mit einem Ruck fort. In der Kiste lagen Dynamitstangen fein säuberlich nebeneinander. Zwanzig Stück, vierzigprozentiges Nitro. Vermutlich hatten Callow und die Jungs den Sprengstoff für ihre Banküberfälle gestohlen, für den Fall, dass sie die Tür zu einem Safe sprengen mussten. Es war ein purer Glücksfall, dass das Zeug noch hier herumlag. Und noch dazu trocken und einsatzbereit. Vielleicht war das Glück ja doch auf seiner Seite. Außerdem fand er eine Schachtel voll Schmelzsicherungen mit Metallschutzkappen. Er kippte sie auf den Boden und befestigte eine davon an der Stange. Vermutlich reagierten die Dinger in der Standardzeit von dreißig Sekunden. Er schnappte sich acht Stangen und verstaute sie in seinen Taschen, vier in jeder. Als Nächstes brauchte er ein Feuer. In der Hütte gab es genug Material, das sich als Zunder eignete: alte Zeitungen und das braune Papier, in dem die Dynamitstangen eingewickelt gewesen waren, außerdem ließ sich die Kiste problemlos zertrümmern. Der Compoundbogen hing ebenfalls noch an der Wand. Milton nahm ihn herunter und inspizierte ihn. Es war ein teures Exemplar, mindestens tausend Dollar musste sein Besitzer dafür hingeblättert haben. Ein solcher Bogen erforderte beim Einsatz deutlich weniger Kraftaufwand als ein Recurve- oder Langbogen – perfekt für seinen verletzten Arm. Er stellte den Bogen und den Köcher mit acht Pfeilen auf den Boden. Als Nächstes musste er etwas essen. Wie viel Zeit mochte ihm bleiben? Nicht viel. Er musste sich beeilen. Die Überreste seines Wildgulaschs kamen jedenfalls nicht mehr infrage – es war restlos verschimmelt. Er durchforstete die Regale und stieß auf Tüten mit Studentenfutter, Trockenobst, eine Schachtel Schokoriegel, Knäckebrot und Bohnen in der Dose. Da er dringend Kalorien brauchte, verschlang er alles, was er fand, und spülte es mit einer weiteren Flasche Wasser hinunter. Allmählich fühlte er sich etwas besser. Dank des Schmerzmittels hatte das Brennen in seinem Arm nachgelassen, und sein Magen war angenehm voll. Schon besser. Jetzt war er bereit. Er sammelte alles zusammen, was er brauchte, und hastete quer durchs Camp zum Zugang, der in den finsteren Schlund des Stollens führte, als er Hundegebell zu hören glaubte. Eilig trat er in die Dunkelheit. Kapitel 36 Unter lautem Gebell und Geheul zerrten die Hunde ihr Herrchen den Hügel hinunter. Die anderen Männer folgten ihnen. Lundquists Herz schlug wie verrückt. Milton war hier. Die Hunde spürten es genau. Er spürte es genau. »Augen auf«, warnte er. »Dieser Milton ist ein hinterhältiger Mistkerl.« Er hatte beschlossen, dass es zu gefährlich war, den Wasserfall hinaufzuklettern. Niemand konnte wissen, ob Milton noch dort oben war und sie mit George Pelhams Waffe erwartete. Das Magazin mochte leer sein, aber er würde auch nicht viel Munition brauchen – Milton würde jedem die Rübe wegballern, der versuchte, sich über die Felskante zu schwingen. Dieses Risiko wollte Lundquist keinesfalls eingehen. Er hatte sein Team aufgeteilt – Randy Watts und Archie McClennan waren beim Wasserfall geblieben, für den Fall, dass Milton warten würde, bis sie verschwunden waren, um wieder nach unten zu klettern und sie aus dem Hinterhalt zu überfallen. Randy und Archie waren gute, verlässliche Männer. Lundquist hatte sie in den Wald geschickt, damit Milton sie von oben nicht sehen konnte. Falls er herabkäme, würden sie ihn sofort erschießen. Angeführt von Walker Price, der sich in der Gegend am besten auskannte, war Lundquist mit seinen restlichen Männern in Richtung Osten gegangen. Etwa eine Meile waren sie dem Bergkamm gefolgt, bis zu einer Rinne, die quer durch den Kamm bis zum Plateau ganz oben verlief. Der Aufstieg war immer noch steil, und Lundquist lief der Schweiß in Strömen herunter, aber immerhin hatten sie es geschafft. Der Umweg hatte sie glatte anderthalb Stunden gekostet. Lundquist war frustriert, aber es war nun mal nicht anders gegangen. Price hatte ihm versichert, dass es keine weiteren landschaftlichen Gegebenheiten wie die Wasserfälle mehr gab, aus denen Milton einen Vorteil ziehen konnte. Sie machten sich auf den Rückweg zum Wasserfall, aber noch bevor sie ihn erreichten, hatten die Hunde erneut die Witterung aufgenommen und zerrten in Richtung Norden. Zur alten Mine. Miltons letzte Anlaufstelle, ganz klar. Es konnte nicht anders sein. »Michael!«, rief er. Der Junge kam angetrabt. »Ja, Dad?« »Die Mine … was habt ihr dort oben gelagert?« »Was meinst du damit?« »Was für Waffen?« »Gewehre. Milton hat eines davon mitgenommen, als er uns in die Stadt gebracht hat.« »Und weiß er, wo die andern liegen?« »Er hat sie alle gefunden.« »Also hat er jetzt eins davon.« »Kann schon sein, nur benutzen kann er es nicht.« Michael grinste. »Er hat die Läufe abmontiert.« »Was noch? Pistolen oder irgendwas mit größerer Reichweite?« »Weder noch.« »Munition?« »Nur Patronen.« Na gut, dachte Lundquist. Gehen wir einfach mal davon aus, dass er bloß eine Pistole und eine Handvoll Kugeln hat. Sie waren zu acht. Alle bewaffnet. Lundquist hatte ein Gewehr, Michael ebenfalls, außerdem war er ein ausgezeichneter Schütze. In den Schützengräben im Irak hatte er genug Gelegenheit zum Üben gehabt und sogar einen Orden dafür bekommen, dass er einen dieser Kameltreiber aus tausend Metern Entfernung gen Himmel zu seinen Jungfrauen geschickt hatte. Die Männer würden Milton in seinem Versteck aufscheuchen und hinausjagen, sodass er und Michael ihm das Licht ausblasen konnten. Der Pfad führte sie talabwärts. Allmählich lichteten sich die Bäume, und der See und die einstigen Wirtschaftsgebäude kamen in Sicht – seit vierzig Jahren hatte sich hier nichts verändert. Er ließ den Blick über den See schweifen, dessen Oberfläche sich im Regen kräuselte. Er entdeckte die beiden an die steile Felswand gebauten Hütten am Westufer. Sie waren halb verdeckt von Sträuchern und Bäumen. Dann sah er die Feuerstelle. »Stehen bleiben!« Die Männer gehorchten. Die Hunde knurrten und kläfften, weil sie festgehalten wurden, jetzt, wo sie ihre Beute direkt vor der Nase hatten. Lundquist bedeutete den Männern, sich um ihn zu scharen. »Sind Sie sicher, dass er dort unten ist?«, erkundigte er sich bei Price. Dieser wies mit einem Nicken auf seine Hunde. »Meine Hunde sind sicher. Das reicht doch, oder nicht?« »Sollte es tatsächlich so sein«, sagte Lundquist, »ist hier Endstation für ihn. Im Westen ist die Klippe, hinter ihm der See. Er kann nirgendwohin.« »Was sollen wir machen, Sir?« »Michael und ich bleiben mit den Gewehren hier oben. Alle anderen gehen runter ins Camp und suchen ihn – in den Hütten und im Wald dahinter, bis runter zum See. Er muss hier irgendwo stecken.« »Mit einer Waffe.« »Einer Pistole und einer Handvoll Kugeln. Sobald er sich zeigt, knallen wir ihn ab, das schwöre ich Ihnen. Ich kann mit einem Gewehr umgehen, und Michael war Scharfschütze bei der Armee.« »Das hilft mir auch nicht wirklich weiter«, erklärte Larry Maddocks. »Wenn ich überlege, was er schon angerichtet hat. Nur wegen ihm müssen wir bei diesem Wetter durch die Prärie stolpern.« Michael wandte sich um und trat drohend auf Larry zu, doch Lundquist hielt ihn zurück. »Das reicht jetzt, Larry. Und du, Michael, beruhigst dich. Ihr alle wisst, wozu Milton fähig ist. Wenn wir jetzt aufeinander losgehen, wird es auch nicht besser, das sollte euch doch klar sein, oder?« »Es ist mir klar«, erwiderte Larry. »Genau deshalb wäre mir wohler, wenn Sie runtergehen und nach ihm suchen würden und ich hierbleiben könnte, Sir.« »Aber so habe ich es nun mal entschieden. Haben Sie ein Problem damit, Soldat?« »Nein, Sir.« »Wo sind die Quads?«, fragte Lundquist. »Hinten in einer Höhle«, antwortete Tom Chandler. »Dort haben wir sie versteckt.« »Weiß Milton von den Quads?« »Vermutlich. Er hat sich ziemlich genau umgesehen.« »Das sollten wir im Hinterkopf behalten. Vielleicht versucht er ja abzuhauen.« Michael griff nach seiner Waffe, einem 94er Winchester-Repetiergewehr, das er bereits geladen hatte. »Wenn ich ihn auch nur halbwegs gut sehen kann, niete ich ihn um, das garantiere ich euch.« Milton sah die Männer den Hügel herunterkommen. Sie waren zu sechst – die Vorhut bildete der Typ mit den Hunden, die aufgeregt an ihrer Leine zerrten, hinter ihm kamen Tom Chandler mit dem Gewehr im Anschlag und weitere vier Männer. Am Wasserfall hatte Milton zehn Mann gezählt, also hatte Lundquist offenbar einen Trupp zurückgelassen, schätzungsweise für den Fall, dass Milton umkehren wollte. Wie viele waren wohl dort geblieben? Alle vier? Drei? Oder nur zwei? Und wo steckte Lundquist selbst? War er beim Wasserfall geblieben und hatte sich damit die sicherste Aufgabe zugeteilt? Eigentlich war er Milton nicht wie ein Feigling vorgekommen, aber vielleicht hatte er sich ja geirrt, und der Deputy war doch bloß ein Großmaul. Es wäre nicht das erste Mal. Man wusste immer erst, wie viel Mumm die Leute in den Knochen hatten, wenn es ernst wurde und die Kugeln flogen. Aber egal. Milton würde ihn schon aufstöbern, ganz egal, wo er steckte. Der Mann mit den Hunden blieb am Waldrand stehen und zog die Tiere zurück. Milton holte tief Luft, hob den Bogen und hielt ihn in der linken Hand. Er stand im rechten Winkel zu seinem Ziel, die Füße schulterbreit auseinander, das hintere Bein leicht angestellt. Er nockte einen Pfeil ein, dann hob er den Arm an, bis er sich parallel zum Boden befand, und zog die Sehne zurück. Ein so heftiger Schmerz schoss durch seinen linken Arm, dass der Bogen nach rechts ausbrach. Mit zusammengebissenen Zähnen kämpfte er gegen den Schmerz an, hob erneut den Arm und zielte. Noch waren sie in Deckung, direkt hinter den Bäumen. Milton sah zu, wie ein Mann vortrat, nur für den Bruchteil einer Sekunde. Er trug ein Gewehr bei sich. Trotz des Regens erkannte er die bullige Gestalt auf Anhieb. Lundquist. Im nächsten Moment verschwand er wieder. Die Hunde bellten. Der Mann mit den Hunden ging weiter und verfiel in Laufschritt, gefolgt von den fünf anderen. Gewehre. Pistolen. Milton hielt sich den Bogen an Wange und Nase und nahm sein Ziel ins Visier. Er öffnete die Finger, sodass der Pfeil sich von der Sehne löste. Lundquist lag flach auf dem Hügel, das Gewehr so positioniert, dass er über den Lauf hinwegblicken konnte. Michael neben ihm hatte eine ähnliche Position eingenommen. Irgendwann glaubte er eine Bewegung wahrzunehmen, so flüchtig und lautlos, dass er sie erst wirklich registrierte, als Walker Price rückwärtstaumelte, beide Hände um etwas Langes gekrallt, das aus seiner Brust ragte. Die Leine entglitt seinen Fingern, und die Hunde rannten zuerst los und blieben dann verwirrt stehen. Price machte ein paar Schritte den Hügel herauf, bis Lundquist begriff, was er vor sich sah: In Price’ Brust steckte ein Pfeil. Michael sah es ebenfalls. »O Gott«, stieß er hervor. »Scheiße!« »Was ist los, Michael?« »Das habe ich völlig vergessen.« »Was hast du vergessen?« »Meinen Bogen. Er hat meinen Bogen gefunden.« »Du hattest einen Bogen dabei?« »Klar. Wir mussten doch jagen.« »Aber von einem Bogen hast du mir nichts erzählt.« »Ich hab nicht …« »Was hast du nicht? Du hast nicht nachgedacht! Wie immer!« Walker fiel auf die Knie, und seine Hunde begannen zu heulen. Die anderen fünf Männer befanden sich auf halbem Weg zwischen den schützenden Bäumen und den beiden Hütten. Sie hatten alle mit angesehen, was passiert war. Instinktiv wandten sie sich um und wollten den Rückzug antreten, in der Annahme, dass sie im Schutz der Bäume in Sicherheit wären, aber Lundquist wusste, dass das ein Trugschluss war. »Nein!«, schrie er. »Geht weiter. Geht ins Camp!« Larry Maddocks war der Erste, der kehrtmachte, doch als er loslaufen wollte, rutschte er in einer Matschpfütze aus und landete mit dem Gesicht voran im Schlamm. Gerade als er sich hochrappeln und weiterlaufen wollte, zischte ein weiterer Pfeil durch die Luft und verfehlte ihn nur um wenige Zentimeter. »Verdammt!«, schrie jemand mit erstickter Stimme. Maddocks sprang auf und brachte sich in Deckung. Thomas Chandler, Leland Mulligan, Dylan Fox und Harley Ward waren immer noch mitten auf der Lichtung. »Los, geht ins Camp!«, schrie Lundquist. Michael spähte angestrengt durch das Zielfernrohr seines Gewehrs und schwenkte es hin und her. »Siehst du ihn?« »Los, geht ins Camp!«, brüllte Lundquist den Männern zu. »Er sieht euch!« Tom Chandler hielt auf die Hütten zu, die anderen drei folgten ihm. Lundquist, der angestrengt in den Regen spähte, bemerkte eine Bewegung. »Da!«, rief er. »Im Stollen!« Sie eröffneten das Feuer. Lundquist hielt seine .223 Ruger kerzengerade, zog mit der offenen Hand den Abzug nach hinten, während die Hülse neben seinem rechten Ohr aus der Kammer flog, wieder und wieder und wieder, bis das Magazin leer war. »Hast du ihn?«, rief er Michael zu, während er ein weiteres Magazin aus seiner Tasche fischte. Michael ging deutlich selektiver vor, bis auch sein Magazin leer geschossen war. »Ich bin mir nicht sicher«, sagte er und lud nach. Lundquists Hände zitterten. »Sorg dafür, dass er drinnen bleibt. Die anderen können sich dann von der Seite her vorarbeiten.« Milton presste sich gegen die Felswand, während die Schüsse in die Wände und die Decke des Minenzugangs schlugen. Er befand sich außerhalb der Schusslinie und konnte nun in aller Ruhe abwarten, bis ihnen die Munition ausging. Befriedigt registrierte er, wie zumindest einer der beiden ohne Sinn und Verstand herumballerte und sie auf diese Weise ihre ganze Munition verschwendeten. Das konnte ihm nur recht sein, denn seine eigenen Vorräte waren definitiv begrenzt – er hatte noch vier normale Pfeile im Köcher, dazu zwei »Spezialanfertigungen«. Doch dann hörte es auf. Der zweite Pfeil hatte sein Ziel zwar lediglich um ein paar Zentimeter verfehlt, aber verfehlt war verfehlt. Unter diesen Umständen mit Pfeil und Bogen ein bewegliches Ziel in mittlerer Entfernung zu treffen, wäre schon mit einem gesunden Arm eine echte Herausforderung gewesen. Trotz des Ibuprofens war der Schmerz absolut höllisch, und es hatte ihm alles abverlangt, ihn zu ignorieren und seinen Arm kerzengerade zu halten. Aber er hatte danebengeschossen, und das bedeutete, dass immer noch mindestens neun von ihnen am Leben waren: Lundquist, Callow, die fünf Männer, die zwischen den Bäumen hervorgetreten waren, und die beiden, die er am Wasserfall zurückgelassen hatte. Abgesehen vom Rauschen des Regens hörte er nichts. Er warf einen Blick hinter sich. Das Feuerchen, das er entzündet hatte, brannte noch, und der Rauch zog in Richtung eines Abzugs in der Wand. Milton hatte den jungen Chandler und die beiden anderen Männer ins Camp laufen sehen. Genau wie er gehofft und geplant hatte. Lundquist würde versuchen, ihn hier festzunageln, und dann seine Männer als Verstärkung schicken. In diesem Fall wäre er ihnen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Aber er hatte nicht vor, es dazu kommen zu lassen. Er legte einen weiteren Pfeil ein und hob den Bogen an. Mit ihrem Versuch, zu den Hütten zu laufen und sich dort zu verschanzen, hatten sie ihre Lebenszeit nur minimal verlängert – sonst hätte er sie schon viel früher ausgeschaltet. Es brachte ihnen bloß einen Aufschub. Die beiden Hütten waren gerade einmal fünfzehn, zwanzig Meter von ihm entfernt. Etwa auf der Höhe seines Kopfes befand sich eine Art Vorsprung, der aus dem Fels ragte. Er nahm den Pfeil aus dem Bogen und legte den ersten der »Spezialpfeile« ein – mit dem Pflastertape hatte er eine Dynamitstange zwischen Befiederung und Kopf angeklebt. Er hatte darauf geachtet, die Stange möglichst mittig zu platzieren, trotzdem war ihm bereits jetzt klar, dass er Abstriche machen musste, was die Zielgenauigkeit anging. Aber das war nicht weiter schlimm. Ein Donnerschlag erschütterte den Stollen. Milton spähte nach draußen. Die Wolken hingen so tief, dass er glaubte, sie mit der Hand berühren zu können, und er konnte sich nicht erinnern, je einen so lauten Donnerschlag gehört zu haben. Der Regen rauschte von den Felsen über dem Stolleneingang. Milton bückte sich und hielt die kurze Lunte der an dem Pfeil befestigten Dynamitstange in die Flammen, worauf sie zischte und sprotzelte. Eilig nockte er ihn ein, zog die Sehne an, zielte und ließ los. In einem anmutigen Bogen schoss der Pfeil durch die Luft. Wie aus dem Lehrbuch, dachte Milton. In diesem Moment setzte das Gewehrfeuer wieder ein. Eilig ging er in Deckung. Lundquist lud und feuerte, lud und feuerte, doch bevor ihm erneut die Munition ausging, sah er, wie ein weiterer Pfeil scheinbar ziellos durch die Luft flog. Aber seine Flugbahn war keineswegs ziellos. Der Pfeil landete auf dem Dach der ersten Hütte, wo er zitternd zwischen den verrotteten alten Schindeln hängen blieb. Lundquist starrte auf den Pfeil. Etwas stimmte damit nicht. Er sah einen winzigen leuchtenden Punkt an der Befiederung, der sich bewegte. Verdammt! Ein zweiter Pfeil wurde abgeschossen und landete zwischen den Holzdielen der zweiten Hütte. Auch dieser sah irgendwie seltsam aus. »Lauft!« Die erste Dynamitstange explodierte mit einem heftigen Knall, gefolgt von einer schwarzen Qualmwolke und wild umherfliegendem Schutt. Die Hütte fiel in sich zusammen, als die Holzbretter und Dachschindeln in Stücke gerissen wurden und über dreißig Meter weit umherflogen. Schützend schlang Lundquist sich den Arm über den Kopf und presste das Gesicht in den Schlamm, der ihm in Nasenlöcher und Mund drang. In diesem Moment ging die zweite Stange hoch. Die Hütte stand einige Meter näher bei ihnen. Holztrümmer flogen umher und blieben in den Bäumen über ihnen hängen. Lundquist sah auf. Harley Ward und Dylan Fox, die sich unmittelbar hinter der ersten Hütte aufgehalten hatten, waren beide verschwunden. Tom Chandler hatte gesehen, was passiert war, und war in letzter Sekunde losgelaufen, bevor auch die zweite Hütte in Rauch aufgegangen war. Offensichtlich hatte ihn die Druckwelle erfasst und fortgeschleudert, denn er lag am Seeufer und versuchte gerade wieder auf die Beine zu kommen. Der scharfe Gestank nach Pulver hing in der feuchten Luft. In diesem Moment ertönte ein lautes Knacken im Unterholz hinter ihnen. Die Waffe im Anschlag, fuhr Lundquist herum und sah Leland Mulligan wie aus dem Nichts auftauchen. Seine Kleidung war rußgeschwärzt und zerfetzt. Er taumelte ein paar Schritte vorwärts und fiel neben Larry Maddocks zu Boden. »Was zum Teufel war das?«, stieß Leland mit weit aufgerissenen Augen hervor. Auch Michaels Augen hatten die Größe von Untertassen angenommen. »Dad? Was machen wir jetzt?« Lundquist kam auf alle viere. Der Schlamm tropfte ihm von den Wangen. Mit zitternden Händen hielt er sein Gewehr umklammert. »Lauft«, schrie er. »Lauft!« Kapitel 37 Milton trat aus dem Dunkel des Stollens. Sie hatten die Flucht ergriffen. Er hatte beobachtet, wie sie die Böschung erklommen hatten und in Richtung des Hügelkamms geflohen waren – offenbar, um den langen Rückzug anzutreten und sich in die relative Sicherheit von Truth zu verziehen. Der Anflug eines Grinsens huschte über Miltons Gesicht. Was hatten sie geglaubt? Dass sie eine kleine Verbrecherjagd veranstalten und ihm mir nichts, dir nichts eine Kugel in den Kopf jagen würden? Genau so hatte Lundquist es sich wohl vorgestellt. Was für ein gottverdammter Idiot! Andere vor ihm hatten denselben Fehler gemacht. Einen Fehler, den man nur einmal beging. Lundquist hatte sicher gemerkt, dass Milton die Taktik gewechselt hatte. Er war nicht länger auf der Flucht. Er hatte sie zur Mine und damit in die Falle gelockt. Dabei hatten sie noch Glück gehabt, dass er nur drei von ihnen erwischt hatte. Spätestens jetzt wusste Lundquist, wozu er fähig war – und dass er nicht ruhen würde, bis er seinen Schwur wahr gemacht hatte. Der Kerl mit den Hunden war mit einer Schrotflinte bewaffnet gewesen, doch Milton beschloss, sie sich lieber nicht zu holen. Womöglich waren sie zurückgekehrt und warteten nur darauf, dass er aus der Deckung kam. Die zwei Männer hinter dem ersten Schuppen waren ebenfalls bewaffnet gewesen, doch die Explosion hatte ihre Waffen so weit weggeschleudert, dass es Stunden dauern würde, bis er sie gefunden hatte. Er würde sich auf seinen Bogen verlassen müssen. Milton hielt sich abseits des Pfades und erklomm die Böschung im Schatten der Bäume und Sträucher. Es war zwar ein Umweg, doch der direkte Weg wäre zu riskant gewesen. Zwischen den Bäumen und dem Seeufer befand sich ein breiter Streifen hohes Gras, doch er wagte sich nicht hinein, aus Angst, Lundquist könnte ihn von der Böschung aus sehen. Die Bäume lichteten sich, als er das obere Ende der Böschung erreichte. Vorsichtig bewegte er sich vorwärts, pflügte bäuchlings durch den Schlamm, grub die Zehen in den Morast, den Blick starr nach vorn gerichtet. Der Regen fiel jetzt in Strömen. Larry Maddocks stolperte, rutschte immer wieder im Schlamm aus, während er sich panisch die Böschung zum Hügelkamm hinaufkämpfte, getrieben von dem Gedanken, dass Milton womöglich nur wenige Meter hinter ihm war. Wie hatte das nur passieren können? Verdammt. Vor Angst machte er sich fast in die Hose. Vielleicht kam der Colonel ja zu dem Schluss, dass es besser war, die Sache erst einmal auf sich beruhen zu lassen, zumindest bis ein wenig Ruhe eingekehrt war. Vielleicht war im Augenblick nicht der richtige Zeitpunkt für ihr Vorhaben, und die Verbreitung von Gottes Wort musste einfach noch ein bisschen warten. Larry war ein gottesfürchtiger Mann, so wie sie alle, und dass er bis jetzt lebend davongekommen war, konnte nur ein Zeichen sein. Jedenfalls stand für ihn fest, dass sie ihr Glück nicht überstrapazieren durften. Gott hatte ihnen eine Botschaft gesandt. Fasset eure Seelen mit Geduld. Er musste mit Lundquist reden, sobald er Gelegenheit dazu hatte. Hinter den anderen hetzte er den Hügel hinauf. Er keuchte vor Anstrengung, wagte es kaum, einen Blick zurückzuwerfen. Im selben Moment verfing er sich mit dem Fuß in einer Wurzel und fiel der Länge nach in den Morast. Sein Gewehr flog in hohem Bogen davon. Als er sich aufgerappelt hatte, konnte er es nirgends entdecken. Und die anderen sah er auch nicht mehr. O Scheiße, verdammte Scheiße. Wo waren sie? Der Himmel war nachtschwarz, und ein greller Blitz zuckte über das Firmament. Er wollte nicht um Hilfe rufen, doch die Vorstellung, allein zurückzubleiben, war ihm genauso wenig geheuer. »Hallo?«, rief er mit bebender Stimme. Dann lauter: »Hallo!« Heiliger Jesus! Larry brauchte seine Waffe. Er konnte sie nicht einfach hier zurücklassen. Als er Milton sah, war es zu spät. Der Mann hatte sich im Unterholz verborgen, und während sich seine Umrisse aus dem Regen lösten, fiel Larry auf, dass sein Gesicht komplett mit Schlamm verschmiert war. Nur seine blauen Augen waren zu erkennen, als er das Küchenmesser mit der vollen Wucht seiner Rechten in Larrys Oberbauch rammte. Larry krümmte sich vornüber, spürte die gezackte Klinge, die abwärts durch seine Eingeweide fuhr, und dann das Blut, das sich auf den Boden ergoss, als Milton das Messer wieder herauszog, ein roter Schwall, der vom endlosen Regen fortgespült wurde. Ihm wurde schwindelig, und er nahm nur noch undeutlich wahr, wie er am Revers gepackt und aus dem Schlamm gezogen wurde. Einen Moment später schlug er rücklings im Dickicht auf, und dann sah er sie noch ein letztes Mal, diese erbarmungslosen blauen Augen, ehe sein Blick auf das blutverschmierte Messer fiel, die scharfe Klinge, mit der ihm Milton die Kehle durchschnitt. »Larry?« Lundquist verfluchte ihn innerlich. Auf Larry Maddocks konnte man sich einfach nicht verlassen. Er war die ganze Zeit über ein Risiko gewesen, hatte die Sache auf die leichte Schulter genommen. Ernst nehmen würde er ihre Mission erst, wenn er im Knast saß oder tot in der Botanik lag – und dann war es zu spät. »Larry?« Der Regen prasselte nur so herab, lief über Lundquists Hutkrempe und tropfte in den knöcheltiefen Schlamm. Sie konnten nicht auf ihn warten. »Los, weiter!«, rief er. Sie kämpften sich durch den Morast den Hügel hinauf. »Morten, bitte melden … Morten, hörst du mich?« Die Stimme drang durch das Rauschen und Knistern des Funkgeräts, das er wegen des Regens in der Innentasche seiner Jacke verstaut hatte. »Hier Morris Finch. Morten, hörst du mich?« »Ich höre dich. Was gibt’s, Morris?« Ein gewaltiger Blitz zuckte über den Himmel, und Morris’ nächster Satz ging im statischen Rauschen des Geräts unter. »Was?«, keuchte Lundquist. »Kannst du das wiederholen?« »Hier will jemand mit dir sprechen.« »Wer?«, fragte er schwer atmend. »Verdammt, Morris, die Verbindung ist absolut beschissen.« Das Rauschen legte sich für einen Moment, und eine andere Stimme drang durch den Äther. »Officer Lundquist, hier spricht Colonel Alex Maguire von der Michigan National Guard. Können Sie mich hören?« »Ja, Sir«, sagte Lundquist. »Ich befehlige den Suchtrupp, den Sie … um den Flüchtigen zu finden.« »Schön, Sie zu hören, Colonel.« »Sie haben Glück … sind wir in Fort Custer stationiert, aber wir waren zum Manöver in Nicolet … haben uns dann sofort aufgemacht.« »Wie viele Leute stehen Ihnen zur Verfügung?« »Fünfhundert plus zwei Black Hawks … hat keine Chance … kreisen wir ein und …« »Beeilen Sie sich. Wir haben schon drei Männer verloren, vielleicht sogar vier!« Erneut knisterte es so stark, dass Lundquist nichts mehr verstehen konnte, und als sich das Rauschen abermals gelegt hatte, war wieder Morris dran. »Keine Sorge … das wird schon!« »Morris! Sag ihnen, sie sollen sich beeilen! Dieser verdammte Dreckskerl ist ein Killer!« Wieder zuckte ein Blitz über den Horizont, und das Rauschen bohrte sich geradezu schmerzhaft in Lundquists Gehörgang. Morris Finch antwortete nicht. Am liebsten hätte Lundquist das Funkgerät an den nächsten Baum geschleudert. Aber dann steckte er es doch wieder ein. Er blickte zurück. Von Larry Maddocks war immer noch nichts zu sehen. Neben ihm stolperte Leland gerade die Anhöhe hinauf. Im selben Augenblick ertönte der dumpfe Knall eines Gewehrs. Leland machte noch ein, zwei Schritte im strömenden Regen, dann fiel er vornüber in den Matsch. Er stemmte sich hoch und starrte mit ungläubiger Miene auf seinen Bauch. Das Geschoss hatte ihn im Rücken getroffen, seine Eingeweide zerrissen und war vorn durch seinen Regenmantel wieder ausgetreten. Einen Moment lang stand Lundquist mit offenem Mund da. Er fühlte sich wie gelähmt. Ein weiterer Blitz zerriss das Firmament, blendete ihn wie eine Supernova. »Dad!«, kreischte Michael über das Prasseln des Regens hinweg. Lundquist wandte den Kopf. Hatte sich da irgendetwas im Unterholz bewegt? »Dad! Er ist hier!« Lundquist kniff die Augen zusammen und spähte ins Dunkel. Adrenalin rauschte durch seine Adern, und er spürte, wie seine Hände zitterten. Milton saß ihnen im Nacken. Er befand sich in unmittelbarer Nähe. Walker Price war tot. Leland Mulligan war tot. Larry Maddocks. Harley Ward. Dylan Fox. Tot. Tot. Tot. Sie waren nur noch zu dritt. »Schnell, hinter die Bäume!«, rief er Tom Chandler und Michael zu. Doch sein Sohn schien ihn nicht zu hören. Er hob sein Gewehr und begann wahllos ins Unterholz zu schießen. Die Schüsse peitschten durch den strömenden Regen. »Hör auf damit!«, brüllte Lundquist, den Blick weiter auf die Sträucher gerichtet, hinter denen er einen Schatten, eine Bewegung wahrgenommen zu haben glaubte. »Geht in Deckung!« Michael aber feuerte weiter einen Schuss nach dem anderen ab. Die Augen traten ihm aus den Höhlen, während er wieder und wieder nachlud, der Rückstoß der Waffe seine Schulter ein ums andere Mal erbeben ließ. »Schluss jetzt! Du vergeudest bloß Munition!« Diesmal drang er zu Michael durch. Als er den Kopf wandte, sah Lundquist, dass in den Augen des Jungen panische Angst stand. »Hierher!«, rief er, während er die Böschung hinaufkletterte. Oben standen ein paar hohe Hemlocktannen. Er ging hinter der nächsten in Deckung, und Sekunden später kauerte sich Michael neben ihn. Seine Hände zitterten, während er sein Gewehr sofort wieder hochriss und ins Halbdunkel spähte. Thomas Chandler drückte sich hinter einen der anderen Bäume. »Verdammt«, zischte Michael. »Er hat Leland erschossen.« Lundquist nickte. »Larry hat er wahrscheinlich auch erwischt.« »O Gott.« Michaels Adamsapfel bewegte sich auf und ab, während er sich verzweifelt bemühte, seine Angst herunterzuschlucken. Milton hatte seine Taktik geändert. Lundquist sah gen Himmel. Pechschwarze Gewitterwolken türmten sich über ihnen zusammen, und es hätte genauso gut Mitternacht sein können. Es schüttete wie aus Eimern, so heftig, dass sie keine zehn Meter weit sehen konnten. Lundquist zupfte an seinem Hemd, doch es war so durchnässt, dass es sofort wieder an seiner Haut kleben blieb. »Hört mir zu«, sagte er mit rauer Stimme. »Wenn wir hierbleiben, knallt uns der Mistkerl ab wie Tontauben. Wir müssen hier weg.« »Ach ja? Und wohin?« »Zurück nach Truth.« »Vergiss es. Das schaffen wir nie.« »Ich kenne mich hier in den Wäldern besser aus als er. Wir …« »Lundquist!«, donnerte Miltons Stimme durch das Prasseln der Naturgewalten zu ihnen herüber. Das Herz schlug Lundquist bis zum Hals. Er schluckte. Die Angst schnürte ihm die Kehle zu, doch gleichzeitig packte ihn ein fast biblischer Zorn. »Was wollen Sie, Milton?« »Sie wissen, was ich will.« Offenbar befand er sich unterhalb von ihnen. »Die Nationalgarde wird bald hier sein!«, rief er zurück. »Fünfhundert Soldaten! Sie haben nicht den Hauch einer Chance!« »Das sehe ich anders.« Lundquist warf einen Blick auf seinen Sohn. Michaels Finger schlossen sich fest um sein Gewehr. »Sie haben gefragt, was ich früher gemacht habe. Wollen Sie es immer noch wissen?« »Sie waren Soldat.« »Ein bezahlter Killer, Lundquist. Ich habe für mein Vaterland Menschen getötet. Hundertsechsunddreißig Männer und Frauen.« »Schwachsinn!« Milton antwortete nicht. Lundquist kniff die Augen zusammen, doch nirgends war auch nur die geringste Spur von Milton zu sehen. »Jetzt sind Sie jedenfalls erledigt«, brüllte Lundquist, um ihn wieder zum Reden zu bringen. »Das denken Sie.« »Wie geht’s Ihrem Arm?« Eine kurze Pause. »Besser. Aber für das, was ich mit euch vorhabe, brauche ich sowieso keine zwei Arme.« »Glauben Sie ernsthaft, Sie könnten uns mit Pfeil und Bogen zur Strecke bringen?« »Ich habe jetzt ein Gewehr.« »Sie sind immer noch allein!« »Bis jetzt bin ich bestens klargekommen. Ihr seid nur noch zu dritt, plus die beiden Kerle, die ihr bei den Wasserfällen zurückgelassen habt. Oder habe ich die vielleicht auch schon eliminiert?« Lundquist lauschte, versuchte zu orten, aus welcher Richtung Miltons Stimme kam. Er war nicht allzu weit entfernt, anscheinend ständig in Bewegung, doch ganz sicher war er sich nicht. Miltons Stimme verlor sich zwischen den Bäumen, im Rauschen des unablässig fallenden Regens. Lundquist wischte sich das Wasser aus den Augen. »Milton!« Keine Antwort. »Wir sind Ihnen zahlenmäßig klar überlegen, und Sie haben nur noch einen gesunden Arm. Fünfhundert Soldaten sind hierher unterwegs, und sie haben Unterstützung aus der Luft. Helikopter. An Ihrer Stelle würde ich mit erhobenen Händen herauskommen und beten, dass ich Sie am Leben lasse.« »Vergessen Sie’s.« Lundquist drehte sich zu Chandler und Michael um. »Wir müssen hier weg«, zischte er. »Seid ihr bereit?« Michael sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an, und Chandler war totenblass. Lundquist musterte sie mit finsterem Blick und sah die Böschung hinauf. »Ihr beide geht zuerst. Ich gebe euch Deckung. Seht ihr die Bäume da oben?« Sie nickten. »Wenn ihr es geschafft habt, gebt ihr mir Feuerschutz. Verstanden?« »Ja.« Lundquist hob den Kopf gen Himmel und ließ den Regen einen Augenblick über sein Gesicht strömen. Dann holte er tief Luft und schloss die Finger fester um sein Gewehr. »Los!« Er zielte in die Richtung, aus der er Milton zuletzt gehört zu haben glaubte. Michael und Chandler rannten wie waidwunde Hirsche die Böschung hinauf, suchten verzweifelt nach Halt im Morast. Im selben Moment meinte Lundquist eine Bewegung zwischen den Bäumen auszumachen, dann hörte er den scharfen Knall eines Gewehrs. Er riss seine Waffe herum, zielte und feuerte zwei Schüsse ab, spähte ins Dickicht, kniff die Augen zusammen und spitzte die Ohren. Nichts. Als er einen Blick über die Schulter warf, sah er, dass Michael oben angekommen war, hinter ein paar Felsen in Deckung ging und sein Gewehr auf die Bäume richtete, in deren Schutz sich Milton anscheinend verbarg. Chandler kauerte sich hinter eine mächtige Eiche. Milton hatte sie verfehlt. Er schloss die Augen für eine Sekunde und rief sich einen Bibelspruch ins Gedächtnis. Der Herr ist mein Licht und mein Heil; vor wem sollte ich mich fürchten! Der Herr ist meines Lebens Kraft; vor wem sollte mir grauen! Er öffnete die Augen, zog seine Stiefel aus dem Schlamm und lief los. Wasser spritzte hoch, als er die Böschung hinaufrannte, den Blick bang auf Michaels Gesicht gerichtet, in der Annahme, dass sich jeden Moment das Unausweichliche auf seiner Miene abzeichnen würde und ihn eine Kugel zwischen den Schulterblättern treffen würde, doch in Michaels Augen spiegelte sich nichts als Konzentration. Die Kugel kam nicht. »Hast du ihn erwischt?«, stieß Michael hervor, als er sich neben ihm in Deckung warf. »Ich weiß es nicht«, erwiderte er. »Vielleicht.« Tom Chandler kam zu ihnen geeilt. »Was machen wir jetzt?« »Wir hauen ab. Nichts wie weg.« Kapitel 38 Sie hatten sich auf den Kamm und noch ein Stück weiter durch die Hügel gekämpft, als das Funkgerät knackend zum Leben erwachte. Lundquist hielt es sich ans Ohr, während er weiterlief. »Wir … Hubschrauber … zu … Gewitter.« »Hier spricht Lundquist. Bitte noch einmal. Wiederhole, bitte noch einmal.« »Gefährlich … Blitz … zu Fuß.« »Ich kann Sie nicht verstehen.« Das Funkgerät fauchte und knackte, und als das statische Rauschen endlich verklang, erkannte er die Stimme nicht wieder – womöglich war die Nachricht nicht einmal für ihn bestimmt gewesen. »Verdammt!« Er japste vor Erschöpfung. »Hier ist Lundquist. Wir stehen unter Beschuss. Wir haben mehrere Männer verloren, ich wiederhole, mehrere Männer verloren. Wir brauchend dringend Hilfe.« Ein Blitz zuckte auf, tauchte die Landschaft in helles Licht, gefolgt von ohrenbetäubendem Donner direkt über ihnen. Besorgt blickte Lundquist gen Himmel und fragte sich, ob es so schlau war, umherzurennen, während das Gewitter unmittelbar über ihnen war. »Sie kommen nicht«, stieß Michael hervor. »Ich weiß es nicht … das Wetter …« »Wir sind auf uns gestellt.« Michaels Augen waren immer noch weit aufgerissen. Lundquist war klar, dass sie sich beeilen mussten. Hier waren sie völlig ungeschützt. Milton würde sie nicht einmal suchen müssen, sondern könnte sie aus meilenweiter Entfernung sehen. Ihm fiel die Schlucht quer durch den Kamm wieder ein, die sie auf dem Weg hierher durchquert hatten. Aber wo war sie? Er konnte sich nicht erinnern. Und was war mit den Wasserfällen, die Milton erklommen hatte? Wenn sie den Fluss wiederfanden, konnten sie womöglich hinunterklettern und nach Truth zurückgehen. Solange es ihnen gelang, vor Milton zu bleiben, gab es keinerlei Grund, weswegen sie es nicht heil nach Hause schaffen sollten. »Dad?«, rief Michael. »Wir kriegen das schon hin!«, schrie Lundquist über das Tosen des Sturms hinweg. »Ich kenne einen Weg runter.« »Aber was ist mit …« »Er ist hinter uns, oder?« »Ja.« »Dann sorgen wir dafür, dass es auch so bleibt. Er hat eine Schussverletzung. Wir sind schon halb zu Hause, Jungs, hört ihr? Wir müssen einfach nur weitergehen.« Der Regen rann ihm übers Gesicht, und er wischte sich die Tropfen ab. In diesem Moment riss ihm eine Bö den Hut vom Kopf, aber es kümmerte ihn nicht. Sie setzten sich in Bewegung. Nach ein paar Metern drehte Chandler sich um und spähte durch den Regen hinter ihnen. In diesem Moment trat er in einen Kaninchenbau, verlor das Gleichgewicht und stürzte. Sein Bein brach mit einem ekelerregenden Knacken. Chandler schrie auf. Milton hätte nicht gedacht, dass der Regen noch weiter zunehmen könnte, aber wie es aussah, hatte er sich geirrt. Es goss wie aus Eimern. Reglos stand er auf dem Kamm des Hügels und lauschte angestrengt. Nichts. Kein Geräusch. Nur seine schweren Atemzüge. Die Hügellandschaft sah genauso aus, wie er sie in Erinnerung hatte: breite Kämme mit sanft geschwungenen Gipfeln und breiten, tiefen Tälern. Neben Grasflächen und Sträuchern gab es Nadelgehölze, deren blockförmige Anordnung einen krassen Gegensatz zu der Rundung der Hügel bildete. Milton sah die drei Männer in rund fünfhundert Metern Entfernung. Sie trabten im Laufschritt den Weg entlang, doch dann drehte Chandler sich plötzlich um – vermutlich, um nach ihm, Milton, Ausschau zu halten –, stolperte prompt und fiel hin. Er kippte zur Seite weg und stieß einen so markerschütternden Schrei aus, dass Milton ihn sogar über das Rauschen des Regens und die Donnerschläge hinweg hören konnte. Er beobachtete, wie Callow sich über ihn beugte, dann hallte ein weiterer Schmerzensschrei durch die Luft. Chandler lag immer noch auf dem Boden, als Lundquist stehen blieb, in die Hocke ging und suchend sein Gewehr hin und her schweifen ließ. Milton presste sich auf den nassen Boden und verfolgte das Geschehen weiter. Callow half seinem Kameraden auf, der erneut aufschrie, während er sein Bein aus dem Loch zog. Sie machten sich wieder auf den Weg in Richtung Süden – Chandler hüpfte, von Callow gestützt, auf dem rechten Bein, während Lundquist voraustrabte und sich immer wieder umwandte, um ihnen Feuerschutz zu geben. Ein Bänderriss? Ein gebrochener Knöchel? Oder war womöglich das ganze Bein gebrochen? Anscheinend war das Glück auf seiner Seite, auch wenn ihm die Männer zahlenmäßig und im Hinblick auf die Bewaffnung nach wie vor überlegen waren. Das Magazin des Toten, dem er das Gewehr abgenommen hatte, war fast leer gewesen – und die restlichen beiden Patronen hatte er mittlerweile verschossen. Der junge Cop war an einer Stelle liegen geblieben, wo Milton ihn nicht hätte erreichen können, ohne zu riskieren, selbst erschossen zu werden. Vielleicht sollte er zurückgehen und das Gewehr des Polizisten holen? Doch stattdessen beschloss er, den dreien nicht noch mehr Vorsprung zu gewähren. Der Bogen würde reichen müssen. Mit zusammengekniffenen Augen spähte er in den Regen hinaus. Wenn er ihnen folgte, hatte er nicht den Hauch einer Chance – sie hatten Gewehre und würden einfach losballern, sobald er sich aus seiner Deckung begab. Zwar käme ihm das Wetter zu Hilfe, trotzdem könnten sie ihn zumindest auf Abstand halten, und er war nicht sicher, wie lange er bei diesem Sturm mitten in der Wildnis noch ausharren konnte. Sie hatten eindeutig die besseren Waffen und die geeignetere Kleidung. Ihnen würde der Regen bei Weitem nicht so zusetzen wie ihm. Im Schutz einer Sumpfeiche blieb er stehen und versuchte, sich die Landkarte noch einmal ins Gedächtnis zu rufen. Er musste sich etwas überlegen, um ihnen den Weg abzuschneiden. Lundquist blieb stehen und sah sich um. Der Wind war so heftig, dass er die Augen zusammenkneifen musste. Er wischte sich das Wasser aus dem Gesicht und spürte, wie seine Gesichtsmuskeln von der Anstrengung zu schmerzen anfingen. Weit und breit kein Zeichen von Milton. Wo steckte er? Genau so musste sich ein waidwundes Tier fühlen, dachte er. Verletzt, hilflos, stets in der Gewissheit, dass sein Jäger ihm im Genick saß und nur darauf wartete, ihm endgültig das Lebenslicht auszupusten. »Los, macht schon. Wir müssen uns beeilen.« »Schneller geht es nicht«, rief Michael. »Sein Bein, Dad … Gütiger Gott!« Chandler stöhnte. Der Junge hatte sich das Schienbein gebrochen. Lundquist hatte das Knacken gehört, so laut wie ein Gewehrschuss. Es hatte bis zum Knie in dem Loch gesteckt, und die Hebelwirkung war einfach zu stark gewesen – der Knochen war wie ein Ast in zwei Teile zerbrochen, und die eine Hälfte hatte Gewebe und Haut durchdrungen. Der Junge war kreidebleich und sah aus, als würde er jeden Moment ohnmächtig werden. »Wir müssen ihn zurücklassen.« »Das können wir nicht machen!« »Sonst werden wir seinetwegen sterben.« »Nein!«, schrie Michael aufgebracht. »Kein Mann wird zurückgelassen. Das weißt du genauso gut wie ich.« Verdammt. Wachet, stehet im Glauben, seid männlich und seid stark. Lundquist schlug den Weg nach Süden ein. Er konnte sie sehr wohl zurücklassen. Und eigentlich sollte er es sogar tun. Gott hatte ihn auserwählt, in seinem Namen zu handeln. Michael und Chandler würden dafür sorgen, dass Milton erst einmal beschäftigt war. Außerdem waren da ja noch Randy Watts und Archie McClennan, die er am Wasserfall zurückgelassen hatte. Er könnte also nach Truth zurückkehren – sollte sich doch die Nationalgarde um das Debakel kümmern. Das wäre eine Möglichkeit. Aber … Michael hatte völlig recht. Kein Soldat durfte dem Feind überlassen werden. Verdammt. Er hob sein Gewehr. Der Wind schlug ihm ins Gesicht, und der Regen prasselte auf ihn herab. Immer noch war weit und breit nichts von Milton zu sehen. Los, mach schon, du Dreckskerl, dachte er. Zeig dich endlich. Milton folgte einem Pfad durch eine flache Senke in Richtung Berge. Er rannte so schnell, wie er nur konnte. Dreimal geriet er ins Stolpern und fiel hin, doch jedes Mal rappelte er sich auf und setzte seinen Weg fort, eine ganze Stunde lang. Als er die Schlucht erreichte, war ihm schwindlig vor Schmerz. Inzwischen hatte sich der Fluss in einen reißenden Strom verwandelt, der über die Ufer getreten war und die fruchtbare Landschaft überschwemmte. Vor ihm befand sich der Wasserfall, der mit einem lauten Tosen in die Tiefe stürzte, begleitet vom Prasseln des Regens und den heftigen Donnerschlägen. Milton schlitterte einen Schutthang bis zur Felswand hinunter, als er sie sah. Knapp zwanzig Meter hinter ihm kletterten sie umständlich seitlich an der Felswand hinunter, umspült von den reißenden Fluten. Milton rutschte weiter den Abhang hinunter. Eine kleine Lawine aus Kieselsteinchen löste sich und schlitterte ins Wasser. Vor ihm ragten Felsbrocken am Ufer auf. Er schob sich zwischen sie und ließ sich ins Wasser gleiten. O Gott, war das Wasser kalt! Die Strömung zog an seinen Beinen. Dicke Wurzelstränge einer kahlen Zypresse am Ufer hingen ins Wasser, die Milton mit der Rechten umklammerte, während er sich mit der Linken in einer Spalte festhielt. Er hörte sie näher kommen, ihre Schritte und ihre Stimmen, als sie aufeinander herumhackten. Eilig tauchte er im eisigen Wasser unter. Im ersten Moment fühlte es sich an, als würden tausend Nadeln in seine Kopfhaut getrieben, und er schnappte nach Luft, als ihm das Wasser in die Nase und die Luftröhre drang. Er zwang sich, die Augen zusammenzukneifen und bis fünf zu zählen, ehe er sich zwischen den Wurzeln hochzog und gierig nach Luft schnappte. Inzwischen waren die gedämpften Schritte und Stimmen direkt über ihm. Wieder tauchte er ab und betete, dass sie weitergingen … dass sie nicht stehen blieben … dass die Spitze des Bogens nicht aus dem Wasser ragte. Er betete, dass sie ihn nicht so sahen, hilflos, direkt unter ihnen. Das Wasser schwappte über seinem Kopf, umfing ihn, und er verlor jedes Zeitgefühl. Eine Minute? Dreißig Sekunden? Zehn? Wieder kam er japsend an die Oberfläche, gerade noch rechtzeitig, um Michael Callows Hinterkopf zehn Meter weiter zwischen den Bäumen verschwinden zu sehen. Mit der rechten Hand hielt er sich an einem Felsbrocken fest und stemmte sich aus dem Wasser, dann richtete er sich auf, nockte den vorletzten Pfeil ein und spannte den Bogen. Noch bevor er losließ, wusste er, dass er gleich fallen würde. Das Blut rauschte aus seinem Kopf in die Beine, ihm wurde schwindlig, und er verlor das Gleichgewicht, taumelte den überfluteten Pfad entlang, bis er ins Straucheln geriet und platschend in den Schlamm fiel. Offenbar hatte er aufgestöhnt, denn Chandler, den Callow immer noch stützte, wandte den Kopf und erblickte ihn. Chandler hob seine Pistole und zielte in dem Moment, als Milton die Bogensehne losließ. Der Pfeil traf den Jungen mitten in den Bauch. Er kippte nach hinten, prallte gegen die felsige Wand und glitt zu Boden, sodass sein Freund ihn nicht länger halten konnte. Nun drehte sich auch Callow um. Lundquist, der den Aufruhr mitbekommen hatte, wandte ebenfalls den Kopf. Milton blieb keine Zeit, einen weiteren Pfeil einzulegen. Er sprang auf und rannte los, geradewegs in die beiden Männer hinein. Callow wurde nach hinten gerissen und knallte auf einen riesigen Stein. Das Gewehr fiel ihm aus der Hand, rutschte ins Wasser und war innerhalb von Sekunden verschwunden. Lundquist wusste, dass er eine Menge Kraft hatte, außerdem konnte Milton seinen linken Arm nicht benutzen. Er rollte sich auf ihn, wobei er darauf achtete, sich mit seinem gesamten Körpergewicht auf Miltons rechten Arm zu legen, dann hob er den Unterarm und rammte ihm den Ellbogen mitten ins Gesicht, sodass Milton einen Moment lang schwarz vor Augen wurde. »Ich werde Sie umbringen«, knurrte er. Wieder versuchte er, seinen Ellbogen auf Miltons Stirn krachen zu lassen, doch diesmal riss Milton den Kopf zur Seite. »Michael! Hilf mir!« Lundquist holte aus, doch Milton drückte die Fersen fest in den Boden und stemmte sich mit einer abrupten Bewegung hoch, sodass Lundquist von ihm herunterkatapultiert wurde. Callow lag immer noch auf dem Boden. Lundquist und Milton stolperten den Weg entlang, vorbei an dem reißenden Fluss, aus dem die Gischt hochspritzte. Nur wenige Meter trennten sie noch vom Wasserfall. Wieder gingen sie aufeinander los. Lundquist verpasste Milton einen Hieb, den dieser jedoch routiniert blockte. Anschließend ließ er seine Rechte vorschnellen und packte Lundquist. Dieser hob sein Gewehr an, bis es senkrecht zwischen ihnen klemmte. Da packte Milton seine Hand und bog einen Finger nach dem anderen nach hinten. Schmerzerfüllt verzog der Deputy das Gesicht. Seine eine Hand löste sich, doch mit der anderen hielt er immer noch den Lauf umfangen. Milton verpasste ihm einen Hieb mitten auf die Nase. Endlich ließ Lundquist los und taumelte ein paar Schritte rückwärts, was Milton Gelegenheit gab, das Gewehr an sich zu nehmen und es mit voller Wucht auf die linke Schulter seines Gegners hinabsausen zu lassen. Mittlerweile hatte Lundquist die Kante des Wasserfalls erreicht, der über zwanzig Meter in die Tiefe stürzte. Mit wild rudernden Armen stand er einen Moment lang da – beinahe wie eine Comicfigur –, ehe er einen weiteren Schritt nach hinten trat, keinen Halt fand und in die Tiefe stürzte. Milton ließ sich auf die Knie fallen und rutschte an die Kante. Lundquist schlug mit dem Rücken im Becken auf und verschwand augenblicklich unter der Oberfläche. »Dad?« Callow schob Milton zur Seite, sprang über die Klippe und stürzte ebenfalls in die Tiefe. Noch in der Luft, vollführte er eine Drehung und versank seinerseits in den Fluten. Milton nahm das Gewehr an sich und blickte auf die schaumigen Fluten, doch bisher war nichts von den beiden Männern zu sehen. Auch von den beiden anderen Kerlen war weit und breit keine Spur. Das Wasser rauschte ohrenbetäubend, ein wütendes, gieriges Tosen. Noch immer waren weder Vater noch Sohn aufgetaucht. Offenbar hatte sie die starke Unterströmung erfasst und hielt sie unter Wasser, oder aber sie waren gegen die Felsen geschleudert worden. Milton wartete weitere zehn Sekunden ab, während das Wasser mit unbändiger Kraft über den Felsen rauschte. Und dann entdeckte er sie. Die Strömung hatte sie rund fünfzehn Meter weit fortgespült. Lundquist trieb auf dem Rücken, während Callow ihm die Arme von hinten unter die Achselhöhlen geschoben hatte und ihn mit sich zog. Beide strampelten heftig gegen die Strömung an und näherten sich langsam dem gegenüberliegenden Ufer. Milton hob das Gewehr an und versuchte zu zielen, doch es gelang ihm kaum, den linken Arm zu heben, sodass der Lauf unkontrolliert nach beiden Seiten schwenkte. Er gab einen Schuss ab. Die Kugel landete in den Felsen auf der anderen Seite des Ufers. Er feuerte noch einmal, diesmal ins Wasser. Eine Fontäne spritzte auf. Noch ein Schuss. Viel zu weit rechts. Callow musste mitbekommen haben, dass er und sein Vater unter Beschuss standen, denn statt gegen die Strömung anzukämpfen, ließ er sich einfach treiben, sodass sie in die Mitte des Flusses zurückglitten, wo die Strömung deutlich an Stärke gewann – die beiden Männer wurden hin und her geschleudert und stromabwärts getrieben und befanden sich schon bald außer Sichtweite. Milton schloss die Augen und rollte sich auf den Rücken. Tiefe Schwärze umhüllte ihn. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag riss ihn aus seiner Bewusstlosigkeit. Er hob den Kopf. Hier konnte er auf gar keinen Fall bleiben. Bevor er wieder die Verfolgung aufnahm, ging er zu Chandler zurück, der inzwischen gestorben war – seine Hände krallten sich noch um den Schaft des Pfeils, der aus seinem Bauch ragte. Eilig durchsuchte er die Leiche, fand ein Päckchen Studentenfutter und drei Energieriegel, die er sich in die Taschen steckte – der Junge hatte definitiv keine Verwendung mehr dafür. Dann kehrte er zur Klippe zurück und warf den Bogen in die Tiefe. Schließlich schlang er sich das Gewehr über die Schulter und kletterte über die Felskante, während er sich die ersten Vertiefungen ins Gedächtnis rief, an denen er sich beim Aufstieg festgehalten hatte. Doch inzwischen hatte er spürbar an Kraft eingebüßt. Seine Füße verloren den Halt auf Vorsprüngen und glitten aus Vertiefungen, über die er normalerweise ohne große Mühe nach unten gelangt wäre. Zweimal stürzte er beinahe ab – erst in letzter Sekunde fand er Halt, indem er mit der Rechten nach irgendwelchen Wurzeln griff und sich daran festklammerte, während seine Beine hilflos in der Luft baumelten. Es gelang ihm, die obere Hälfte der Felswand hinabzuklettern, bis ihn zehn Meter über dem Boden die Kräfte verließen. Er war einfach aufs Geratewohl losgeklettert, ohne jeden Plan, und hing nun mitten in dem nackten Felsen, der keinerlei Halt zu bieten schien. Milton war bewusst, dass ihm die Kraft fehlte, wieder hinaufzuklettern oder auch nur ein Stück seitwärts zu rutschen, bis zu dem Teil, der sich leichter bewältigen ließ. Ihm blieb keine andere Wahl. Er schloss die Augen, stieß sich ab und sprang die restlichen fünf Meter in die Tiefe – tief genug, dass seine Beine beim Aufprall wegknickten und er zur Seite kippte. Das Rauschen und Tosen des Wassers schien in seinem Kopf widerzuhallen, ihn wie ein weißer Nebel zu umhüllen, und er spürte, wie er erneut das Bewusstsein verlor. Kapitel 39 Milton versuchte, die Augen offen zu halten, doch seine Lider fühlten sich bleischwer an und fielen wieder zu. Er hörte das Rauschen des Wasserfalls, Stimmen und Motorengeräusch, dann das Zischen eines Flugzeugmotors. Eine Tür ging auf, ganz leise, gefolgt vom Klicken, mit dem ein Magazin einrastete, dann das Knacken einer Kugel, die in die Kammer glitt. Er hörte Kinderstimmen, einen Ball, der auf dem Boden aufkam, aber die Geräusche schienen wie aus weiter Ferne an seine Ohren zu dringen und machten ihm nichts aus. Er trug die Kluft eines Motorradkuriers. Er befand sich in einer Favela, konnte sich aber nicht entsinnen, wo genau, und dann war er plötzlich ganz woanders. Eine Türglocke läutete. Ein Finger drückte auf den Klingelknopf, sein Finger, dann hörte er, wie die Tür entriegelt wurde und sich quietschend öffnete. Er sah das Gesicht eines Mannes, der ihn nicht kannte … doch Milton kannte ihn sehr wohl. Jemand, den er kannte, legte ihm die Hand auf die Schulter und zeigte auf das dunkle Grab. »Wir müssen tiefer graben«, sagte eine Frauenstimme, griff nach der Schaufel und versenkte sie im Erdreich. Sie hatte ein Tattoo, acht schwarze Querbalken, die von ihrer Achselhöhle bis zur Taille reichten. In der Hand hielt sie eine Pistole. Nun stand er an einem Fluss, den er wiedererkannte. Direkt vor ihm fuhr ein Wagen geradewegs auf einen Baum zu, ein Mann stieg aus und lief davon. Milton wusste, dass er ihm eigentlich folgen sollte. Jemand, den er kannte, hielt ebenfalls eine Pistole in der Hand. Er sah Blutspritzer an den Wänden, auf seinem Hemd, auf dem Boden. Er war der Tod und war gekommen, um zu trinken, so viel, wie er nur konnte. Er sah eine Horde Kinder in der Favela mit dem Ball spielen. Noch mehr Blut. Eine Frau. Sie war jung, hübsch und verängstigt. Er sah die Pistolen, alle beide, und sah, wie sie auf die Frau gerichtet wurden, dann ertönte ein Klicken und eine Explosion und dann … Wasser rauschte, als Milton wieder zu sich kam. Er lag auf dem harten unebenen Steinboden, der sich schmerzhaft in seinen Rücken bohrte. Es war stockdunkel. Er schloss die Augen wieder, schlug sie erneut auf. Es war immer noch dunkel. Vorsichtig streckte er den linken Arm aus und versuchte, Druck darauf auszuüben, als sich das vertraute Pochen meldete. Jetzt fiel es ihm wieder ein: Er war angeschossen worden. Er hatte sechs Männer getötet. Weitere sechs Männer, die auf sein Konto gingen. Er dachte an Morten Lundquist und Michael Callow, die über die Klippe in das Becken des Wasserfalls gestürzt und von der reißenden Strömung fortgerissen worden waren. Als er sich auf die rechte Seite drehte, stellte er fest, dass es nicht vollkommen dunkel war. Er sah einen winzigen Lichtschimmer aus der Richtung, aus der das Rauschen kam. Allmählich machte er den gezackten Rand des Höhleneingangs aus. Er sah ein Feuer, nur eine Armlänge entfernt. Nasses Holz, das zischte und sprotzelte. Daneben lag aufgestapeltes Feuerholz. Wer hatte das Feuer gemacht? Er selbst? Obwohl er krampfhaft versuchte, die Augen offen zu halten, wollte es ihm nicht gelingen. Der Schlaf schien ihn übermannen zu wollen, auch wenn er sich noch so sehr dagegen wehrte. Er schloss die Augen wieder. Als er erneut aufwachte, hatte sich der Sturm verzogen. Zwar konnte er immer noch das Rauschen des Wasserfalls hören, doch der Regen schien aufgehört zu haben. Er schlug die Augen auf. Auch in der Höhle war es heller geworden. Sonnenstrahlen drangen durch den Eingang und erhellten die vordere Hälfte. Milton lag auf einem Lager aus Farnwedeln, die zwar etwas feucht, aber zum Glück nicht klatschnass und deutlich bequemer als der blanke Stein waren. Im Feuer neben ihm lagen etliche halb abgebrannte Zweige. Er wusste weder, wie lange er geschlafen hatte, noch, wo er sich genau befand. Er erinnerte sich, dass er Fieber gehabt hatte. Inzwischen schien es jedoch abgeklungen zu sein. Sein Kopf fühlte sich so klar an wie lange nicht mehr. Vorsichtig drehte er den linken Arm, um die Wunde in Augenschein nehmen zu können. Er spürte einen leichten Druck, und wenn er den Finger auf den Verband hielt, nahm er sanfte Bewegungen darunter wahr. Vorsichtig zog er den Verband beiseite und sah die fetten weißen Maden im Fleisch umherkriechen und ihr Werk vollenden. Die Tiere hatten ganze Arbeit geleistet – das nekrotische Fleisch war verschwunden, und das schwärzliche Blut an den Rändern hatte eine hellrote Färbung angenommen. Leiser Wundschmerz machte sich bemerkbar, als er an den Wundrändern zog. Noch ein gutes Zeichen. Vorsichtig begann er den Arm zu schütteln, sodass die vollgefressenen Maden herausfielen. Einen Moment lang lagen sie scheinbar verblüfft über den abrupten Ortswechsel da, ehe sie sich in Bewegung setzten und davonkrabbelten. Er würde die Wunde mit dem Wasser auswaschen, die Salbe auftragen und … Stimmen. Mit angehaltenem Atem lauschte er. Eine Männerstimme, gefolgt von statischem Rauschen. Was hatte das zu bedeuten? War das Lundquist? Nein. Dann fiel es ihm wieder ein: Der Deputy hatte die Nationalgarde angefordert. Fünfhundert Männer. Lundquist hatte ihn gewarnt. Er kroch zum Höhleneingang und spähte hinaus. Er befand sich in einer Nische in der Felswand, geschützt von dichtem Gestrüpp. Eine Patrouille aus vier Männern am Fuß des Wasserfalls, höchstens drei, vier Meter neben ihm. Einer von ihnen hatte ein Feldtelefon auf dem Rücken. Das Rauschen des Wasserfalls übertönte die Stimmen. Er hörte nur einzelne Satzfetzen: »Sektor«, »nichts gefunden« und eine Frage, die mit dem Wort »Befehl« endete. Der Soldat lauschte den Anweisungen am anderen Ende der Leitung, nickte zufrieden und beendete das Gespräch. Anschließend versammelte er seine Kameraden um sich und gab die Befehle an sie weiter. Milton hatte keine andere Wahl, als zu bleiben, wo er war. Falls sie näher kämen, würden sie die Höhle unweigerlich bemerken. Sie würden hineinspähen, sehen, dass sich jemand darin aufhielt, und ihn festnehmen. Und er würde keinen Widerstand leisten, immerhin hatten sie ihm nichts getan, sondern befolgten bloß ihre Befehle. Er konnte sich lebhaft vorstellen, welches Bild Lundquist von ihm gezeichnet hatte. Durchaus möglich, dass ihr Befehl lautete, ihn sofort zu erschießen, wenn sie ihn sahen. Das musste er wohl oder übel akzeptieren. Doch sie wandten sich nach Osten und gingen durchs Unterholz weiter in Richtung Berge. Milton wusste genau, was Sache war: Die Nationalgarde hatte das Areal in einzelne Planquadrate unterteilt, die die Suchtrupps nun systematisch durchkämmten. Und er hatte Riesenglück gehabt, weil er sich offenbar direkt an der Grenze zwischen zwei Sektoren befand. Vielleicht war der Wasserfall die Grenze, und sie hatten die Felswand schlicht vergessen. Seit er nach Truth gekommen war, hatte er das Glück nicht gerade auf seiner Seite gehabt. Vielleicht hatte sich das Blatt ja in diesem Moment gewendet. Er wusste, dass ihm nur ein winziges Zeitfenster blieb, um sich seinen Vorteil zunutze zu machen. Wenn er sich beeilte, erwischte er vielleicht eine Lücke zwischen zwei Teams und schaffte es, den Wald hinter sich zu lassen. Er kehrte zur Feuerstelle zurück und trat die Flammen aus, dann postierte er sich wieder am Höhleneingang und ließ den Blick über den Wald schweifen. Nichts. Er trat in den Sonnenschein, sorgsam darauf bedacht, nicht auf den nassen Felsen auszurutschen, und folgte dem reißenden Fluss, der Lundquist und Callow fortgetragen hatte, in Richtung Süden. TEIL VIER Kapitel 40 Der Fluss hatte Morten Lundquist und Michael Callow stromabwärts getrieben. Lundquist war davon überzeugt, dass sie jämmerlich ertrinken würden – nach den tagelangen sintflutartigen Regenfällen schossen die Wassermassen mit unglaublicher Geschwindigkeit dahin. Er hatte versucht, so lange wie möglich an der Oberfläche zu bleiben, doch er war alt und erschöpft, und das Wasser war eisig. Irgendwann hatte er sich schlicht ergeben. Das Wasser war ihm bereits in Nase und Mund geströmt, als aus heiterem Himmel Michael neben ihm aufgetaucht war, ihn bei den Schultern gepackt und in Richtung Ufer gezogen hatte. Die Strömung hatte ihn umgedreht, und er hatte Milton gesehen, der mit seinem Gewehr an der Wasserfallkante lag und versucht hatte, es auf seinem gesunden Arm gerade zu halten. Doch die Kugel hatte in einen Felsbrocken eingeschlagen, und auch die beiden nächsten Schüsse waren komplett danebengegangen. In diesem Moment hatte Lundquist begriffen, dass sie es schaffen würden. Der Fluss würde sie immer weiter wegtreiben, außerhalb von Miltons Reichweite. Milton würde einige Zeit brauchen, um den Wasserfall herunterzuklettern – falls er es überhaupt schaffte –, und bis dahin wären sie längst verschwunden. Die Strömung trug sie zwei Meilen weit mit sich. Als der Sog endlich schwächer wurde, schwamm Michael ans Ufer und half seinem Vater aus dem Wasser. Zitternd standen sie in der Kälte – dass es nach wie vor schüttete, hatte inzwischen jede Bedeutung für sie verloren. »Wo sind wir hier?«, fragte Michael. Lundquist sah sich um. »Ein gutes Stück südlich.« »Wie weit ist es in die Stadt?« »Keine Ahnung. Drei Stunden zu Fuß vielleicht.« »Wir haben es geschafft. Lobet den Herrn!« »Amen«, murmelte Lundquist, der immer noch am ganzen Leib zitterte. »Hast du das Funkgerät?« Das Funkgerät! Hektisch klopfte er seine Taschen ab, doch sie waren leer. »Wo ist es?« »Ich muss es verloren haben … im Wasser …« Ein Gefühl tiefer Hilflosigkeit überkam ihn. Mit dem Funkgerät hätte er zumindest Hilfe holen können. Er hätte einen Notruf absetzen oder die Nationalgarde informieren können, völlig egal … Er hätte irgendwen rufen können, der sie aus diesen gottverdammten Bergen holte und in die Zivilisation zurückbrachte. Resigniert sank er auf die Knie. »Komm, Dad«, sagte Michael. »Wir müssen in Bewegung bleiben.« »Ich bin so müde.« »Wir haben eine Aufgabe. Das Wort Gottes. Er hat uns nicht ohne Grund verschont.« Kraftlos ließ Lundquist das Kinn auf die Brust sinken. »Denk daran, was in der Heiligen Schrift steht. Seid getrost und unverzagt, fürchtet euch nicht und lasst euch nicht vor ihnen grauen; denn der Herr, dein Gott, wird selber mit dir wandeln und wird die Hand nicht abtun noch dich verlassen.« »5. Mose 31,6«, murmelte er. »Wenn wir hierbleiben, war alles umsonst. Denk nur an die Arbeit, die du in die Sache gesteckt hast. Wir dürfen nicht zulassen, dass es vergebens war. Wir sind das Schwert Gottes. Wir haben eine Pflicht zu erfüllen. Du selbst hast es uns immer wieder gepredigt … Das Ende aller Zeiten, schon vergessen? Wir müssen zum ersten Schlag ausholen.« Lundquist nickte. Der Junge hatte recht. Michael dachte an den Laster und die Ladung, die sie zusammengestellt hatten. All die Mühe. Er dachte daran, was sie erreichen konnten. Der ursprüngliche Plan würde sich nicht länger umsetzen lassen, dafür hatte Milton gesorgt. Aber vielleicht entsprach dieser Plan ja gar nicht Gottes Wille. Vielleicht hatte er eine andere Verwendung für seine Soldaten. Für Lundquist. Er packte Michaels Jacke und zog sich hoch. »Los, gehen wir.« Sie machten sich auf den Weg – ohne zu ahnen, dass Milton sich irgendwo hinter ihnen befand. Lundquist war völlig durchgefroren und wusste, dass sie beide dringend warme, trockene Sachen brauchten, wenn sie verhindern wollten, dass sie an Unterkühlung starben. Er hatte schon oft erlebt, dass Wanderer in ein Unwetter geraten waren und völlig die Orientierung verloren hatten – manch einer hatte nicht einmal mehr gewusst, wer er war –, doch er vertraute darauf, dass Gott schützend seine Hand über sie halten würde. Sie folgten dem Pfad in Richtung Wald. »Wer ist dieser Milton eigentlich?«, fragte Michael. »Was ist er?« »Keine Ahnung«, gestand Lundquist. »Ein Soldat.« »Was er getan hat … ich meine …« »Vielleicht stimmt es ja, was er gesagt hat.« »Dass er ein Profikiller ist?« »Möglich wär’s.« »Der ist doch kein Profikiller«, wiegelte Michael ab, dennoch lag ein Anflug von Zweifel in seiner Stimme. »Er hat …« Lundquist zählte im Geiste die Männer, die auf Miltons Konto gingen. Vier. Oder waren es fünf? Er wusste es nicht mehr. Plötzlich schien die Welt nur noch aus Blut und Tod zu bestehen. Er dachte an das Messer, an die Pfeile, die Explosion, die die beiden Hütten am See erschüttert hatte. Wie viele Männer hatte Milton getötet? Nein, fünf stimmte nicht. Er hatte Sturgess und Sellar vergessen. Der eine erschossen, der andere erstochen. Also waren es sieben? Nein. Mehr. Was war mit Randy Watts und Archie McClennan? Wo steckten die beiden eigentlich? Bestimmt hatte er auch sie getötet. Und dann war da noch Pelham, dem er im Maisfeld das Genick gebrochen hatte, und Lars Olsen, den die Feuerwehr aus dem Autowrack herausschneiden musste. Zwölf. Milton hatte zwölf Männer liquidiert. Zwölf. Eine Erinnerung schob sich in sein ohnehin leicht benebeltes Gedächtnis: Ein Gesicht, verdreckt und bärtig, mit Augen, in denen unverkennbar das Böse stand. Der Mann hatte seinem Trupp in Vietnam angehört und war ein besonders bösartiger Kerl gewesen – ohne jeden Respekt für das Leben und mit einem ganz besonderen Talent, anderen den Tod zu bringen. Lundquist erinnerte sich noch ganz genau an seine Augen – eisig blau, ohne jeden Funken Menschlichkeit darin, als hätte er jedes Mitgefühl in seinem Innern eliminiert. In den Jahren nach seiner Rückkehr aus dem Krieg hatte Lundquist häufig an den Mann gedacht, und seit er zu Gott gefunden hatte, war er ganz sicher, dass er damals in das Antlitz des Satans geblickt hatte. Beim Kampf um das Gewehr auf dem Plateau des Wasserfalls hatte er in Miltons Gesicht geblickt. Und erst jetzt wurde ihm bewusst, dass es dieselben Augen gewesen waren, dasselbe kalte Blau. Er taumelte weiter. Erst als Michael stehen blieb, merkte er, dass er sich die ganze Zeit auf seinen Sohn gestützt hatte. »Hände hoch!« Michael wurde stocksteif. »Dad …« »Was?« »Hände hoch, damit ich Sie sehen kann! Sofort!« Lundquist packte Michaels Schulter und hob den Kopf. Vier Männer in Uniform standen mitten auf dem Weg, zwei mit automatischen Gewehren, die direkt auf sie gerichtet waren. Lobet den Herrn, dachte Lundquist. Lundquist erklärte ihnen, wer sie waren und was sie in die Wildnis verschlagen hatte. Einer der Soldaten gab ihre Beschreibungen über Funk durch, während die anderen aufpassten, dass sich Lundquist und Michael nicht vom Fleck rührten. Als ihre Identität bestätigt war, begleiteten die Männer sie die restliche Meile Richtung Süden. Lundquist zog die Decke, die ihm einer der Soldaten gegeben hatte, enger um sich und spürte, wie das Zittern allmählich nachließ, auch wenn er immer noch entsetzlich fror. Trockene Sachen und etwas Heißes zu trinken stand an erster Stelle. Ein heißes Bad wäre eine tolle Sache, aber dafür war jetzt keine Zeit. Es gab noch so viel zu tun. Sie verließen den Wald und standen vor den Maisfeldern, die die nördliche Stadtgrenze bildeten. Ein mit zwei Soldaten bemannter olivgrüner Humvee erwartete sie bereits. Die beiden Männer stiegen aus. »Lundquist?« »Ja.« »Ich bin Lieutenant Colonel Alex Maguire. Wir haben per Funk gesprochen.« »Freut mich, Sie zu sehen.« »Kann ich mir gut vorstellen. Sind Sie verletzt?« »Nein, Colonel, nur ziemlich durchgefroren.« »Das kriegen wir in den Griff. Wollen Sie mir erzählen, was dort oben los ist?« »Das reinste Massaker.« »Wie viele Opfer?« »Zehn, vielleicht sogar zwölf. Er hat sie alle getötet.« Lundquist dachte an die Männer – Soldaten und gute Christen, die bereit waren, ihr Leben für die gute Sache zu opfern. Übelkeit stieg in ihm auf. »Großer Gott! Dass es schlimm ist, wussten wir ja. Deshalb hat uns der Gouverneur hergeschickt, aber … Jesus Christus, wer ist dieser Kerl?« »Ich habe keine Ahnung.« »Sie haben nie ein Wort mit ihm gewechselt?« »Er hat behauptet, er sei Profikiller. Ich habe das für einen Scherz gehalten, aber inzwischen bin ich mir da …« Lundquist spürte, wie bittere Galle in seiner Kehle aufstieg. Er beugte sich vor und übergab sich heftig ins nasse Gras, über seine Stiefel und seine Hosenbeine. Michael legte ihm die Hand auf die Schulter. »Dad?« Zutiefst beschämt über diese Demonstration seiner Schwäche, schlug Lundquist die Hand seines Sohnes beiseite. Das war doch lächerlich. Erbärmlich. Schließlich hatte er im Krieg zahllose Leichen gesehen. Der Vietcong hatte Milton in punkto Brutalität und Skrupellosigkeit in nichts nachgestanden, im Gegenteil – ihr Erfindungsreichtum beim Töten von Soldaten war geradezu legendär gewesen. Und auch die Amerikaner hatten jeden abgeschlachtet, der ihnen in die Quere kam. Er konnte sich noch gut daran erinnern, an die Erdlöcher voller toter Schlitzaugen, an die stinkenden qualmenden Leiber, die wie Zunder brannten, nachdem sie sie mit dem Flammenwerfer gegrillt hatten. Was war das hier im Vergleich dazu? Ein Witz! Außerdem – was hatte er erwartet? Hier tobte ein Krieg. Es galt das Werk Gottes zu vollenden – jahrelang hatten sie auf genau diesen Punkt hingearbeitet. Natürlich würde Blut fließen, wenn er seine Aufgabe erfüllt hatte. Unschuldige würden leiden müssen, völlig klar. »Alles in Ordnung?« »Ja, mir geht’s gut. Ich bin nur ein bisschen erschöpft. Und ich muss mich dringend aufwärmen.« »Natürlich, Deputy, sofort. Nur noch eine Frage: Wissen Sie sonst etwas über ihn? So wie es aussieht, ist er ein Profi.« Lundquist starrte den Colonel fassungslos an. »Ist das Ihr Ernst? Der Mann hat den Sheriff, drei Deputys, eine FBI-Agentin und die Männer getötet, mit denen ich ihn verfolgt habe. Und mich und meinen Sohn hätte er auch um ein Haar erwischt. Ich würde in der Tat sagen, er ist ein Profi.« »Sie haben völlig recht«, gab der Colonel sichtlich beschämt zurück. »Und was wollen Sie unternehmen, um ihn zu schnappen?« Der Colonel zuckte zusammen. »Ich habe fünfhundert Mann da oben, und jetzt, wo das Gewitter vorbei ist, können wir die Hubschrauber einsetzen. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir ihn haben. Außerdem sagten Sie, er sei verwundet?« »Ich habe ihn am Arm erwischt.« »Umso besser. Es ist nur eine Frage der Zeit, Lundquist.« Kapitel 41 Arthur Stanton wollte nicht gehen. »Ich will dich nicht allein zurücklassen«, sagte er zu Mallory, als sie sich aus seiner Umarmung löste. »Ich will ja auch nicht, dass du gehst«, erwiderte sie, »aber es gibt nun mal keinen anderen Ausweg. Ich bin weder groß noch kräftig genug, um da hochzuklettern, und Ellie Flowers genauso wenig. Aber du schaffst das, Arty. Du kriegst das hin.« Sie blickte zum Scheunendach hinauf – es war geradezu aberwitzig hoch. Arty kletterte gern und auch gut, aber freiwillig hätte er sich so eine Kletterpartie garantiert nicht ausgesucht. Anfangs hatte er zwar sofort zugestimmt, aber jetzt, wo es hart auf hart kam, bekam er kalte Füße. »Mallory …« Sie nahm ihn bei den Schultern und sah ihm ins Gesicht. »Hör zu, Arthur. Du musst da hochklettern und zusehen, dass du rauskommst. Wenn nicht, werden sie uns alle drei erschießen. Verstehst du das?« »Aber wieso denn?« »Weil wir wissen, was sie mit dem Sheriff angestellt haben. Erinnerst du dich daran?« Er nickte. »Und was sie mit Mr. Milton machen wollten. Deshalb bringen sie uns um, wenn wir nicht abhauen.« »Aber du und Ellie, ihr haut doch gar nicht ab, sondern bleibt hier.« »Das stimmt, Arty. Aber du kletterst raus aufs Dach und auf der anderen Seite wieder runter. Dann versuchst du, das Tor aufzumachen.« »Aber was, wenn es abgeschlossen ist?« »Dann läufst du in die Stadt. Lass dich nicht aufhalten, von niemandem. Wir sind auf der Olsen-Farm. Weißt du noch, wo das ist? Vier Meilen südlich von Truth. Du musst so schnell wie möglich in die Stadt und die Nummer anrufen, die Ellie dir genannt hat. Erinnerst du dich?« »313-338-7786.« »Richtig, Arty«, bestätigte Ellie. »Aber was ist, wenn die Telefone immer noch nicht gehen?« »Bestimmt funktionieren sie inzwischen wieder.« »Aber was, wenn nicht?« »Dann musst du umkehren und nach Süden gehen«, sagte Ellie. »Such dir jemanden, der dich irgendwohin fährt, wo es ein funktionierendes Telefon gibt. Oder gleich bis nach Detroit, falls du nirgendwo eines findest.« »Und mit wem soll ich dort reden?« »Sag ihnen einfach, du wärst mit Agent Flowers unterwegs gewesen und sie sei gefangen genommen worden. Sie werden genauer nachfragen, aber du brauchst nur zu sagen, dass sie mit nach Truth zur Olsen-Farm kommen müssen.« »Sie müssen nach Truth mitkommen, zur Olsen-Farm.« »Genau.« Mallory schlang erneut die Arme um ihn. »Ich hab dich lieb, Mallory.« »Ich dich auch. Und jetzt geh, Arty. Los, schnell.« Das etwa sechs Meter hohe Dach wurde von mehreren dicken Balken und Streben gehalten. Einer der Holzträger befand sich direkt neben dem Pflug. Die Schicht aus getrockneter Erde löste sich und rieselte zu Boden, als Arty daran emporkletterte. Oben schwang er sich auf eine diagonale Strebe und zog sich dann mit beiden Händen auf den parallel zum Boden verlaufenden Querbalken. Das Loch im Dach befand sich auf der anderen Seite der Scheune und war nur über die Querbalken zu erreichen. Mit klopfendem Herzen sah Mallory zu, wie Arty vorsichtig einen Fuß vor den anderen setzte, bis er die Mitte des Querbalkens erreicht hatte. Das alte Holz stöhnte und ächzte unter seinem Gewicht, doch Arty schob sich weiter, Schritt um Schritt, bis er die andere Seite des Dachs erreicht hatte. »Kannst du durch das Loch klettern?«, fragte Mallory halblaut. Ein Stück Dachpappe bedeckte die Stelle, wo sich die Schindeln gelöst hatten. Arty drückte mit der Hand dagegen, doch die Pappe war mit Klammern festgetackert. Tastend fuhr er mit den Fingern über die Ränder, bis er eine Lücke gefunden hatte und die Hand hindurchschieben konnte. Mit einem Ruck zog er an, worauf eine der Klammern heraussprang. Wenig später hatte er sämtliche Klammern herausgezogen, sodass die Dachpappe lose herabhing. »Ich hab’s!«, rief er. »Leise«, mahnte Mallory. »Schaffst du es, durch die Lücke zu klettern?« »Ich denke schon.« »Dann los. Aber sei vorsichtig.« Er sah zu ihr herunter. »Los, geh schon, Arty.« Er schwang das Bein hoch und zwängte es durch das Loch. Sekunden später verschwand er in der nächtlichen Dunkelheit. Mallory blickte auf die dichten schwarzen Wolken, die am Himmel vorbeizogen. »Er kriegt es hin, oder?« »Sie können ihm vertrauen«, gab Mallory mit einem Anflug von Trotz in der Stimme zurück. Sie hörten einen Schlag, gefolgt vom Geräusch von Artys schlitternden Stiefeln auf den feuchten Dachschindeln. Mit angehaltenem Atem lauschte Mallory, bis das Geräusch verklungen war und Arty offensichtlich Halt gefunden hatte. Einen Moment lang herrschte Stille, dann ertönte ein Poltern, gefolgt von einem Platschen, als er auf dem aufgeweichten Boden aufkam. Mallory schloss die Augen und ertappte sich dabei, dass sie die Finger gekreuzt hatte. Die beiden Frauen lauschten, als Arty die Scheune umrundete. Mallorys Herz hämmerte wie verrückt. Was, wenn Magrethe Olsen und Morris Finch da draußen waren? Womöglich hatten sie einen Wachposten aufgestellt? Sie stellte sich schon innerlich auf den lauten Knall eines Schusses und das dumpfe Poltern ein, wenn Arty zu Boden fiel. Ihr war speiübel. Aber nichts geschah. Stattdessen hörte sie nur ein metallisches Knirschen, als der Riegel durch die Halterungen gezogen wurde. Sie lief zum Scheunentor, doch der Riegel blockierte. So heftig Arty auch zog und zerrte, wollte er sich keinen Millimeter weiter bewegen. Es gab einen lauten Knall, als er sich mit der Schulter gegen das Tor warf, trotzdem gab das Schloss nicht nach. Er versuchte es ein zweites Mal, wieder vergebens. »Arty«, sagte Mallory, »hör auf.« »Ich kriege es nicht auf.« Sie hörte die Panik in seiner Stimme. »Mach dir keine Sorgen.« Arty brach in Tränen aus. »Es tut mir leid, Mallory.« Wieder ertönte ein dumpfer Knall, als er sich gegen das Scheunentor warf. »Sag ihm, er soll aufhören«, drängte Ellie, »sonst bemerken sie uns noch.« »Ich hab’s versucht, Mallory, aber es geht nicht«, rief der Junge von außen. »Ich kriege es nicht auf.« »Hör auf, Arty.« »Aber was soll ich denn jetzt machen?«, schluchzte er. »Geh nach Truth, so wie wir es vorhin besprochen haben.« »Ich will aber nicht gehen.« »Du musst, Arty. Je früher du die Nummer anrufst, umso schneller sehen wir uns wieder.« »313-338-7786. Ich weiß.« Einen Moment lang herrschte Stille, lediglich das Rauschen des Regens war zu hören. »Okay, Mallory, ich mach’s«, sagte er dann. »Ich hab dich lieb, Arty.« »Ich dich auch.« Sie hörte seine Schritte, die immer schneller wurden, und presste das Ohr auf das knorrige Holz, bis sie verklangen. Heiße Tränen liefen ihr über die Wangen. Kapitel 42 Milton war den ganzen Tag unterwegs gewesen. Er ging davon aus, dass auf den ersten ein zweiter Suchtrupp folgen würde, der die Gegend noch eingehender durchkämmte, und es stellte sich die Frage, wie er sich am besten verhielt. Die Vorstellung, sich tiefer in den Wald zurückzuziehen, war alles andere als verlockend, außerdem wusste er, dass er gar nicht die Kraft dazu aufbringen würde. Die Zeit lief ihm davon. Genauso wie Ellie und den Stantons. Vorsichtig arbeitete er sich durch die Bäume und das Unterholz bis zum Rand eines weiteren Felds, das im Gegensatz zu den anderen jedoch brachlag. Seiner Schätzung nach war es rund eine Meile bis zu Bahnlinie auf der anderen Seite des Felds. Eine Meile. Normalerweise überwand er diese Distanz in gerade einmal fünf Minuten, aber er war müde und verletzt, daher würde es wohl sieben, vielleicht auch acht Minuten dauern. Ohne den Schutz des Blätterdachs kam er sich fast nackt vor. Immer wieder stolperte er über Wurzeln und Löcher in dem frisch gemähten Feld. Das erste Mal schlug er der Länge nach hin, als er ein Viertel der Strecke hinter sich hatte. Er rappelte sich auf und lief weiter, doch wenig später geriet er ein zweites Mal ins Straucheln und landete mit dem Gesicht voran in einer Schlammpfütze. Gerade als er aufstehen wollte, ertönte Motorengeräusch. Er legte sich flach auf das aufgeweichte Erdreich und lauschte mit angehaltenem Atem. Das Geräusch wurde lauter, und dann hörte er das Quietschen von Stoßdämpfern auf der anderen Seite der Bahngleise. Ein Humvee tauchte direkt vor ihm auf, nicht einmal zwanzig Meter entfernt. Er machte den Fahrer und einen Soldaten mit einer Automatikwaffe auf dem Beifahrersitz aus. Das Fahrzeug hielt geradewegs auf den Wald zu. Sie hatten ihn also nicht gesehen. Milton stand auf und rannte los. Er hörte ein anderes Geräusch, das noch lauter als der Humvee war, und blickte beklommen nach oben. Ein schwarzer Punkt näherte sich dem Wald von Norden her – tief und sehr schnell, während das Motorengeräusch mit jeder Sekunde lauter wurde. Als er den Rand des Felds erreichte, sah er erneut nach oben und machte die vertrauten Umrisse eines UH-60 Black Hawk aus. Über ihm befand sich der mit dichtem Gestrüpp bewachsene Bahndamm. Er warf sich kopfüber in die Sträucher, in der Hoffnung, dass sie ihn nicht gesehen hatten. Vorsichtig spähte er zum Himmel hinauf. Schwankend setzte der Black Hawk zur Landung an und berührte etwa sieben oder acht Meter neben dem Humvee den Erdboden. Die Türen gingen auf, und Soldaten sprangen heraus – fünfzehn zählte Milton. Einer von ihnen gab dem Piloten ein Handzeichen, worauf der Hubschrauber wieder abhob. Der Pilot lenkte ihn über die Baumwipfel, dann bog er scharf ab und flog in Richtung Norden davon. Milton verharrte reglos im Gebüsch und betete, dass ihm die Vegetation ausreichend Schutz bot. Die fünfzehn Soldaten nahmen ihre Ausrüstungsrucksäcke ab und bereiteten die Waffen vor. Der Kerl auf dem Beifahrersitz des Humvee sprang heraus, trat zum ranghöchsten Soldaten und erteilte Befehle. Die Soldaten stellten sich in zwei Reihen auf und stapften quer über das Feld. Milton sah zu, wie sie eine Kette mit jeweils einer halben Meile Abstand bildeten. Er blieb liegen und wartete, bis sich seine Atmung wieder normalisiert hatte. Wieder hatte er gewaltiges Glück gehabt. Fünf Minuten länger im Wald, und er hätte in der Falle gesessen. Sie hätten ihn unweigerlich eingekesselt, bis ihm nichts anderes übrig geblieben wäre, als dazusitzen und zu warten, dass sie ihn schnappten. Doch nun bot sich ihm noch eine Chance. Sie dachten, er hielte sich immer noch im Wald auf, und konzentrierten ihre Suche auf dieses Gebiet. Er kroch durch das Gestrüpp bis zu den Gleisen, dann kletterte er auf den Bahndamm. Wieder presste er sich flach auf den Bauch. Die Bahnschwellen befanden sich direkt vor seiner Nase. Von hier aus waren es nur wenige Meilen bis nach Truth. Vorsichtig stemmte er sich hoch und stand einen Moment lang leicht schwankend da, ehe er die Gleise überquerte und die Böschung auf der anderen Seite hinunterrutschte, bis er sicher sein konnte, dass ihn die Soldaten vom Feld aus nicht sehen konnten. Er begann zu laufen, immer schneller, in Richtung Truth. Kapitel 43 Sie wurden mit einem Humvee der Nationalgarde zurückgefahren. Der Fahrer wollte sie nach Truth bringen, doch Lundquist erklärte ihm, dass er und Michael draußen auf der Olsen-Farm wohnten. Er ließ den Fahrer am Anfang des Zufahrtswegs halten, vor dem Tor und dem Wachhäuschen, und sagte ihm, sie würden den Rest des Wegs zu Fuß gehen. Das Letzte, was er jetzt brauchte, waren Soldaten, die auf dem Gelände herumschnüffelten. Der Freightliner stand auf dem Hof, und sie würden sich womöglich fragen, was der Riesentruck dort zu suchen hatte. Und wenn sie einen Blick in den Anhänger warfen … Das Risiko wollte er lieber nicht eingehen. Sie warteten, bis der Humvee kehrtgemacht hatte und über den schlammigen Weg zur Landstraße zurückfuhr. Dann machten sie sich zum Haus auf. Lundquist klopfte an die Tür. Kurz darauf waren Schritte zu hören, und Magrethe Olsen öffnete. Hinter ihr stand Morris Finch, den Arm auf eine Kommode gestützt und eine Pistole in der Hand. »Morten«, platzte Magrethe heraus. »Wir dachten, ihr wärt tot.« »Du darfst den Glauben nicht so schnell verlieren.« Lundquist trat über die Schwelle, gefolgt von Michael. »Was ist passiert?« Finch steckte die Pistole in sein Gürtelholster. »Der Engländer«, sagte Lundquist. »Milton. Der ist passiert.« Mit einem leisen Seufzer ließ er sich auf das Sofa fallen. »Und die anderen?« »Alle tot.« Finch erbleichte. »Was?« »Soll ich es dir buchstabieren, Morris? Milton hat sie umgebracht. Alle.« Die beiden starrten ihn wortlos an. »Gott hat uns eine Prüfung auferlegt. Er will sichergehen, dass wir der Aufgabe würdig sind, die wir für ihn erfüllen sollen.« Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er hundemüde war, kaputt, komplett erledigt. Auch wenn Schlaf im Grunde ein Luxus für Schwächlinge war, brauchte er wenigstens ein paar Minuten Ruhe, ohne von seinem Sohn, Magrethe Olsen oder Morris Finch gestört zu werden. Er musste wieder einen klaren Kopf bekommen und überlegen, wie sie weiter vorgehen sollten. Bevor er sich hinlegte, stellte er sich unter die Dusche und drehte das Wasser auf. Zehn Minuten lang ließ er das brüllend heiße Wasser auf sich herabströmen, massierte es in seine Haare, in seine Haut, in jede einzelne Pore seines Körpers, um die Kälte, die Erinnerung an den eisigen Regen und die grausam kalten Fluten des Flusses zu vertreiben. Unwillkürlich begannen seine Gedanken zu wandern. Fünfunddreißig Jahre war es her. Er hatte Gott gesehen. Er war draußen im Dschungel gewesen. Er, ein achtzehnjähriger Rekrut, den es in die grüne Hölle der Tropen verschlagen hatte. Es war so glühend heiß, dass sein Gehirn zu kochen schien. Sein Einsatztrupp hatte Jagd auf den Vietcong gemacht, doch der Feind hatte sie ausgetrickst und in einen Hinterhalt gelockt. Sie hatten MPs und Granaten, und den Verwundeten schnitten sie mit ihren Messern die Kehle durch. Sie wurden regelrecht abgeschlachtet. Die meisten Männer seiner Einheit waren umgekommen, er hatte als einer der wenigen überlebt. Es war ein Wunder. Er kniff die Augen zusammen, ließ das Wasser über sein Gesicht strömen und rief sich die Ereignisse ins Gedächtnis. Ein gleißendes Licht schimmerte durch die Bäume. Er war ihm gefolgt, und das war seine Rettung. Gelobt sei der Herr! An das, was in den folgenden Stunden passierte, konnte er sich nur bruchstückhaft erinnern – an Lichter, die über den Boden zu schweben schienen, an wunderschöne Klänge, die ihn von überall umgaben, an die ruhige, eindringliche Stimme, die ihn aufrichtete, ihm den Weg wies. Seine Erinnerungen flossen ineinander, während aus Stunden Tage und aus Tagen Wochen wurden. An die genauen Worte konnte er sich nicht erinnern, doch die Botschaft war ihm unauslöschlich ins Gedächtnis eingebrannt. Die Letzten Tage waren angebrochen. Das Ende aller Zeiten nahte. Der Antichrist würde die Macht an sich reißen. Und er, Morten Lundquist, war dazu bestimmt, die erste Salve im letzten großen Krieg abzufeuern, der die Welt von allem Übel befreien würde. Die Wiederkehr des Herrn stand bevor. Er hatte gefragt, wann es so weit sein würde. Du wirst es erkennen. Was war seine Aufgabe? Du wirst es erkennen. Jahre waren vergangen. Er hatte gewartet, und nun war die Zeit gekommen. Er hatte das Licht der Erkenntnis gesehen. Er öffnete die Augen, drehte sich um und ließ sich das Wasser auf den Rücken prasseln. Ihm war bewusst, dass sich ihr Plan nicht wie vorhergesehen in die Tat umsetzen ließ, nicht jetzt, wo die ganze Stadt kopfstand. Immerhin durchkämmte die Nationalgarde gerade die Wälder, und wenn erst bis zum FBI durchgedrungen war, dass eine Agentin vermisst wurde, vielleicht sogar tot war, würden sie im Handumdrehen wieder auf der Matte stehen. Womöglich tanzten sogar die Jungs vom ATF an, dem Amt für Alkohol, Tabak, Schusswaffen und Sprengstoffe. Jedes Kind wusste, welches Drama sich damals in Waco abgespielt hatte. Nur John Milton hatten sie zu verdanken, dass die ursprünglichen Pläne begraben werden mussten. Lundquist hatte alle Weichen gestellt, alles minutiös vorbereitet: eine Reihe von gleichzeitig stattfindenden Anschlägen in Michigan und Wisconsin, heilige Soldaten Christi, die gegen Satan in die Schlacht zogen. Mit dem Attentat auf den Vizepräsidenten hätte es beginnen sollen. Aber das war jetzt nicht mehr möglich. Er musste umdisponieren. Während das heiße Wasser auf ihn herabströmte, schloss Lundquist die Augen und flehte um göttlichen Beistand. Magrethe hatte ihm ein paar Kleidungsstücke von Lars vor die Tür gelegt, die Lundquist anzog. Falls es sie schmerzte, ihn im Karohemd und den Jeans ihres verstorbenen Sohns zu sehen, ließ sie es sich jedenfalls nicht anmerken. Sie stand in der Küche und machte gerade Kaffee, als er runterkam. Morris und Michael, der inzwischen im anderen Bad geduscht hatte, erwarteten ihn im Wohnzimmer. Magrethe brachte den Kaffee herein und schloss die Tür hinter sich. Auf dem Tisch standen Tassen, und Morris Finch schenkte ihnen ein. Einen Moment lang saßen sie schweigend da. Schließlich räusperte sich Michael. »Was machen wir jetzt, Dad?« »Wir lassen erst mal Ruhe einkehren.« »Verdammt, es ist alles schiefgelaufen.« Lundquist spürte, wie blanker Zorn in ihm hochstieg. »Das stimmt nicht«, sagte er mit mühsam beherrschter Stimme. »Mein Junge ist tot«, wandte Magrethe ein. »George Pelham ist tot. Die anderen, die mit euch losgezogen sind, haben ebenfalls ihr Leben verloren. Ich weiß nicht, Morten, aber ich fürchte, dein Sohn hat recht. Die Sache ist komplett aus dem Ruder gelaufen. Das kann nicht das Schicksal sein, das Gott für uns auserkoren hat.« »Das sind Prüfungen, die er uns auferlegt. Wir hätten zusammen mit den anderen sterben können, aber wir sind vom Tod verschont geblieben. Was schließt ihr daraus?« Sie runzelten die Stirn. Keiner antwortete. »Michael?« »Ich würde sagen, wir haben Glück gehabt. Der Sturz in den Fluss hat uns gerettet.« »Nein. Gott hat uns verschont, damit wir sein Werk vollbringen.« Magrethe schüttelte den Kopf. »Für mich sieht das nicht so aus.« »Wo ist dein Gottvertrauen geblieben, Magrethe? Hast du vergessen, was in der Bibel steht? Jesus aber sprach zu ihm: Wenn du könntest glauben! Alle Dinge sind möglich dem, der da glaubet.« Beschämt senkte sie den Blick. »Ja, ich weiß.« »Nichts, was passiert ist, kann meine Hingabe an unsere Sache auch nur ein Jota schmälern. Wir befinden uns im Krieg. Wir kämpfen gegen Satan und seine Verbündeten. Und in Kriegen fallen eben auch Soldaten. Ja, wir haben Gefallene zu beklagen, aber ich werde, verdammt noch mal, dafür sorgen, dass das Blut dieser Männer nicht umsonst geflossen ist. Erinnert ihr euch, was Jefferson gesagt hat? ›Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut von Patrioten und Tyrannen gedüngt werden.‹ Ich werde dafür Sorge tragen, dass ihr Opfer nicht umsonst war, dass der Baum der Freiheit durch sie sprießt und gedeiht, dass man sich an sie als wahre Patrioten erinnern wird – und wenn es mich mein eigenes Leben kostet!« Der Nachdruck seiner Worte machte die anderen sprachlos, und ein paar Sekunden lang war nichts zu hören außer dem Regen, der gegen die Fenster hämmerte. Magrethe wagte es nicht, ihm in die Augen zu sehen. »Und was sollen wir jetzt unternehmen?« »Wir müssen auf die veränderte Situation reagieren. Unser Vorhaben den neuen Gegebenheiten anpassen. Erst mal müssen wir hier weg.« »Und der Vizepräsident?« Lundquist schüttelte den Kopf. »Der Kerl weiß gar nicht, was für ein Glück er hat. Aber wir können nicht auf seine Ankunft warten. Wir suchen uns ein anderes Ziel.« »Aber darauf sind wir nicht vorbereitet. Uns fehlen die Männer, die Milton getötet hat.« »Wir kriegen es auch ohne sie hin.« »Wie denn, Dad?« »Ich habe gebetet, und der Herr hat mir den Weg gewiesen. Unten in Green Bay befindet sich das Bezirksgericht. Die Richter dort sind für jede Menge Schweinereien verantwortlich – Abtreibungen zum Beispiel. An den Händen dieser Dreckskerle klebt Blut. Und was ist mit dem zweiten Zusatzartikel zu unserer Verfassung? Dass unser Recht, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beschnitten werden darf? Und unsere Rechtsprechung versucht ständig, halb automatische Waffen zu verbieten. Diese Hundesöhne wollen unsere Grundrechte abschaffen. Seid ihr dabei? Unterstützt ihr mich, wenn ich den Truck direkt vor das Portal fahre und das verdammte Gebäude in die Luft jage?« Die anderen schwiegen einen Moment. Lundquist hätte es auch allein durchgezogen, doch zu seinem Erstaunen erkannte er, wie wichtig es ihm war, sie allesamt hinter sich zu wissen. Michael erhob sich. »Ich komme mit.« Lundquist hatte bereits geahnt, dass Michael ihm zur Seite stehen wollte, doch brauchte er seine Hilfe nicht, und davon abgesehen war es eine Aktion, die man besser im Alleingang erledigte. Ihm war bewusst, dass er den Anschlag nicht überleben würde, und falls wider Erwarten doch, würden ihn die Bullen hetzen, bis sie ihn zur Strecke gebracht hatten. Er war bereit, und Michael würde ihm bloß die ganze Zeit das Ohr abkauen – und selbst wenn er schwieg, würde er ihn beim Beten stören. »Nein.« Michael schüttelte den Kopf. »Ich lasse dich nicht allein gehen.« »Du wirst hier gebraucht, Michael. In der Scheune sind drei Zeugen, die beseitigt werden müssen, darunter eine FBI-Agentin. Das übernehmt ihr – du, Magrethe und Morris. Knallt sie ab und lasst die Leichen auf Nimmerwiedersehen verschwinden.« Magrethe nickte ernst. Sie war eine knallharte Frau, ganz und gar nicht zimperlich – wie leider so viele Leute heutzutage. Seth hatte es ihr bereits überlassen, das Vieh zu töten, das nicht gerettet werden konnte, und sie hatte kurzen Prozess gemacht, ihnen hinter dem Stall ohne großes Federlesen eine Kugel in den Schädel gejagt. Lundquist wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. »Kriegst du das hin, Michael?« »Logo, Dad. Kein Problem.« »Was ist mit Milton?«, warf Finch ein. »Wir müssen uns wohl darauf einstellen, dass er hier aufkreuzt.« »Aber woher sollte er wissen, dass wir hier sind?« Darüber hatte Lundquist auch schon nachgedacht. Ja, woher sollte er das wissen? Mit hundertprozentiger Sicherheit ließ es sich nicht sagen, aber womöglich hatte er etwas aus Tom Chandler herausgequetscht – oder einem der anderen, die er erledigt hatte. Der Kerl war ein Profi, ein verdammt gerissener obendrein. Ihn zu unterschätzen wäre ein grober Fehler gewesen. »Stellt euch lieber darauf ein, dass er hier auftaucht. Und dann müsst ihr bereit sein. Legt ihn um.« * * * Lundquist öffnete die Hecktür des Anhängers und kletterte auf die Ladefläche. Er zog seine Taschenlampe hervor und ließ den Strahl über die Fässer wandern – sie enthielten Ammoniumnitrat, Diesel und Nitromethan. Die Explosion würde durch vierhundert Pfund TovexBlastrite-Gel ausgelöst werden. Das Kabel des Zeitzünders führte von der Fahrerkabine zu einem Dutzend Sprengkapseln. Tod und Verheerung – er würde ein wahrhaft vulkanisches Zeichen setzen. Wie einst die Israeliten, die mit ihren Posaunen die Mauern von Jericho zum Einsturz gebracht hatten. Und die anderen Milizen würden an ihrer Seite kämpfen. Das Land war ein Pulverfass. Ein Funke genügte. Die Heilige Revolution stand kurz bevor. Die Wiederkunft Jesu, der an der Spitze von Gottes Heerscharen ritt. Er sprang von der Ladefläche auf den schlammigen Boden und machte die Hecktür sorgfältig wieder zu. Michael wartete mit einer M16 in den Händen an der Fahrertür des Trucks. »Es tut mir leid, Dad.« »Was?« »Wir hätten da oben vorsichtiger sein müssen. Dann … dann wäre das alles nicht passiert.« »Es war Gottes Wille«, erwiderte er. »Tu, was ich dir gesagt habe, und wir werden trotzdem Geschichte schreiben.« »Glaubst du wirklich?« Die Zweifel des Jungen waren erbärmlich, ebenso wie sein Buhlen um Anerkennung, doch sosehr ihn die Bedürftigkeit des Jungen irritierte, musste er sich eingestehen, dass er eine tiefe Zuneigung für seinen Sohn empfand. Er ergriff Michaels Hand und drückte sie fest. »Du hast es gut gemacht, mein Junge. Ich bin stolz auf dich. Vielleicht sehen wir uns wieder, wenn alles vorbei ist, vielleicht auch erst im Paradies. Jetzt aber hast du erst einmal eine Aufgabe vor dir. Kann ich mich auf dich verlassen?« »Das kannst du.« Lundquist ließ Michaels Hand los. Der Junge hatte Tränen in den Augen. Er übergab seinem Vater das M16, und Lundquist verstaute es in der Fahrerkabine. Dann stieg er ein. »Viel Glück, Dad«, sagte Michael. »Mit Glück hat das nichts zu tun, mein Junge. ›Verlass dich auf den Herrn von ganzem Herzen und verlass dich nicht auf deinen Verstand, sondern gedenke an ihn in all deinen Wegen, so wird er dich recht führen.‹« »Amen«, sagte Michael. »Amen.« Lundquist ließ den Motor des Freightliners an. Er trat aufs Gas, fühlte die Karosserie unter sich erzittern. Mit immer noch feuchten Augen sah Michael zu ihm auf und schlug die Fahrertür zu. Lundquist legte den ersten Gang ein und fuhr los. Wenn alles glattging, war er in vier Stunden in Green Bay. Kapitel 44 Milton näherte sich Truth ganz langsam und mit größter Vorsicht. Er wusste, dass sich die Suche nach ihm nach wie vor auf den Wald konzentrierte und die Soldaten ihm nicht zutrauten, dass er unbemerkt durch ihre Sperre geschlüpft und entkommen sein könnte. Und selbst wenn er es geschafft haben sollte, würden sie nicht davon ausgehen, dass er versuchen würde, in die Stadt zu gelangen, sondern vermuten, dass er sich einen Wagen besorgen und so schnell wie möglich die Stadt verlassen würde. Aber das lag ihm völlig fern. Er hatte mehrere Versprechen gegeben, die er auch halten würde. Er hatte gelobt, Lundquist zu töten, und genau das würde er tun. Er hatte gelobt, Ellie, Mallory und Arty zu retten, und auch das würde er tun. In der Stadt herrschte eine geradezu unheimliche Stille – weder sah man Menschen auf der Straße, noch herrschte Verkehr. Die Lichter der Ampel spiegelten sich auf dem nassen Asphalt. Vielleicht hatten die Leute ja Angst. Plötzlich wimmelte es von Soldaten, und mehrere Männer waren getötet worden. Ein Irrer lief Amok – und die Menschen verschanzten sich in ihren Häusern. Milton arbeitete sich weiter vor, suchte Deckung in dunklen Gassen, kauerte sich hinter eine riesige Industriemülltonne, tauchte hinter einem Wagen ab oder zwängte sich in einen Hauseingang. Ein dumpfes Motorengeräusch ertönte. Eilig versteckte Milton sich hinter einer Bushaltestelle, als der olivgrüne Humvee mit einem .50-Maschinengewehr auf der Luke mitten auf der Straße vorbeirollte. Milton wartete, bis das Fahrzeug außer Sichtweite war, dann lief er weiter. Er sah ihn, als er an einem Schnellrestaurant vorbeikam, das ihm schon aufgefallen war, als er das erste Mal nach Truth gekommen war. Arthur Stanton. Er stand im Restaurant und hielt den Hörer eines Wandtelefons in der Hand. Milton blieb einen Moment im Türrahmen stehen und ließ den Blick durch den Raum schweifen, bevor er das Restaurant betrat. Direkt neben der Tür stand ein Tisch mit zwei Stühlen. Milton setzte sich so hin, dass er die Tür im Auge behalten konnte, und wartete, während Arty sich stirnrunzelnd den Hörer ans Ohr presste. »Ich hab’s dir ja gesagt!«, rief der Betreiber hinter dem Tresen. »Das komplette Netz ist zusammengebrochen.« Arty legte den Hörer auf die Gabel und wandte sich zur Tür. Sein Gesicht war angespannt und bleich, und es sah aus, als hätte er geweint. Er bemerkte Milton erst, als er ihn am Ärmel zupfte. »Was …?« Angst zeichnete sich auf Artys Miene ab. »Ich bin’s, Arty. Erinnerst du dich? John.« »Mr. Milton.« Arty starrte ihn bestürzt an. Milton deutete auf den Stuhl gegenüber von ihm. »Setz dich.« Unsicher trat Arty von einem Fuß auf den anderen, bis Milton leise seinen Namen wiederholte und ihn erneut am Ärmel zog. »Ich weiß nicht, was ich machen soll«, sagte der Junge. »Wo sind Ellie und Mallory?« Offenbar hatte Arty die Frage nicht mitbekommen. »Ich bin rausgeklettert, durch ein Loch im Dach. Dann hab ich versucht, das Tor aufzumachen, aber es war abgeschlossen. Mallory hat gesagt, ich soll eine bestimmte Nummer wählen: 313-338-7786 – ich hab sie mir gemerkt, sehen Sie? Aber die sagen, dass das Telefon nicht funktioniert, deshalb kann ich nicht anrufen. Mallory hat auch gesagt, ich soll nach Süden gehen, nach Detroit, aber ich weiß nicht, wie ich da hinkommen soll.« »Arty, du musst mir sagen, wo sie sind.« »In der großen Scheune«, antwortete Arty erstaunt, als müsste Milton wissen, wo sich die anderen aufhielten. »Auf der Farm.« Milton fand einen Wagen in einer kleinen Seitenstraße, schlug die Seitenscheibe ein, stieg ein und schloss die Zündung kurz. Arty rutschte auf den Beifahrersitz, und Milton brauste davon. »Wohin?« Arty deutete nach Süden. Milton bog auf die Main Street und fuhr langsam weiter, um möglichst keine Aufmerksamkeit zu erregen. »Du sagtest vorhin, du wärst durchs Scheunendach nach draußen geklettert?« »Ja. Da war ein Loch.« »Und dann?« Arty schilderte ein weiteres Mal, wie er nach Truth gelaufen war, um zu telefonieren. Wieder drohten ihn seine Gefühle zu übermannen. »Keine Angst, Arty, ich bin ja jetzt da«, versuchte Milton ihn zu beruhigen. »Wir kriegen das hin, versprochen.« »Aber was sollen wir tun?« »Wir bringen sie in Sicherheit. Wie viele Leute hast du auf der Farm gesehen?«, fragte Milton. »Eine Frau und Mr. Finch, den Klempner. Da waren noch mehr Leute, aber die sind in die andere Scheune gegangen, und danach haben wir sie nicht wiedergesehen.« »Hatte jemand eine Waffe dabei? Ein Gewehr oder so was?« »Die Frau und Mr. Finch. Sie hatten beide ein Gewehr.« »Sonst noch etwas?« »Nein, ich habe nichts gesehen.« »Das hast du gut gemacht, Arty.« Sie hatten die Stadtgrenze erreicht, und Milton drückte auf das Gaspedal. »Wir schaffen das.« Eine Meile von der Farm entfernt machte Milton die Scheinwerfer aus und ließ den Wagen in die lange Zufahrt zur Farm rollen. Wasser spritzte hoch, als er durch ein tiefes Schlagloch fuhr. Er schaltete auch den Motor aus. »Ich will, dass du hierbleibst«, sagte er. »Aber was ist mit Mallory und Ellie?«, fragte Arty. »Ich werde sie da rausholen. Aber du musst hierbleiben. Verstehst du, was ich sage?« Unbehaglich rutschte Arty auf seinem Sitz herum. »Arty – ich will, dass du hier sitzen bleibst.« »Aber ich will doch nur helfen.« »Das weiß ich, aber ich brauche keine Hilfe. Du würdest nur im Weg stehen. Deshalb musst du hierbleiben.« Widerstrebend gab Arty nach. Milton stieg aus dem Wagen, ging neben ein paar hohen Fichten in Deckung und ließ den Blick übers Gelände schweifen. Die Farm war von einem Zaun umgeben. Etwa dreißig Meter hinter dem Tor stand eine Art Wachhäuschen mit einem hölzernen Schlagbaum wie bei einer Highway-Mautstelle. Milton sah ein helles Rechteck mit einem Schatten – allem Anschein nach stand jemand im Türrahmen. Das Farmhaus befand sich am Ende der Zufahrt. Im Erdgeschoss brannte Licht. Ringsum standen mehrere Wirtschaftsgebäude mit durchhängenden Dächern, ein Silo und eine Art Schlafbaracke, die man vermutlich angebaut hatte, als Farm und Familie immer weiter gewachsen waren. Die Baracke war dunkel, nichts regte sich. Aus einer der beiden Scheunen schien schwaches Licht zu dringen. Etliche Fahrzeuge waren am Straßenrand zwischen dem Wachhaus und der Farm geparkt. Abgesehen davon deutete nichts darauf hin, dass sich jemand auf der Farm aufhielt. In diesem Moment hörte er Motorenlärm und tauchte gerade noch rechtzeitig hinter einem Baumstamm ab, als zwei Scheinwerfer hinter einer der Scheunen sichtbar wurden. Ein riesiger Sattelschlepper rollte langsam auf den Hof, durch das Tor und auf die Straße. Eine Gestalt stand auf dem Hof, doch sie war zu weit entfernt, um auszumachen, um wen es sich handelte. Der Truck holperte über den von Schlaglöchern übersäten Weg auf ihn zu, während die Scheinwerfer über die Felder glitten. Geduckt verharrte er hinter dem Baum und wartete, während der Laster immer näher kam und mit quietschenden Bremsen am Ende der Zufahrt zum Stehen kam, ehe er auf die Hauptstraße einbog. Erst jetzt konnte Milton den Fahrer erkennen. Es war Lundquist. Der Laster war alt und in keinem sonderlich guten Zustand. Der Motor brummte laut, als Lundquist aufs Gas trat. Er fuhr an dem Wagen vorbei, in dem Arty immer noch auf Milton wartete, und verschwand in südöstlicher Richtung. Vorsichtig umrundete Milton das Grundstück, bis er sicher sein konnte, dass er sich unbemerkt Zugang verschaffen konnte. Er fand eine reparaturbedürftige Stelle im Zaun, hob den Draht an und schlüpfte hindurch. Eilig durchquerte er das hohe Gras und arbeitete sich zu einem größeren Gebüsch vor, das auf halbem Weg zu den beiden Scheunen lag. Der hochgewachsene, schlanke Mann, den er zuvor schon gesehen hatte, stand immer noch auf dem Hofplatz, hatte Milton jedoch den Rücken zugekehrt. In diesem Moment trat eine Frau aus dem Haus. Sie hatte eine doppelläufige Schrotflinte in der Hand. Der Mann drehte sich um, und Milton konnte im Schein der Verandabeleuchtung sein Gesicht erkennen. Michael Callow. Milton spürte das Adrenalin durch seine Adern schießen und presste die Lippen fest aufeinander. Das Quietschen einer Tür drang an seine Ohren. Callow und die Frau wandten ihren Blick zu einer der beiden Scheunen, deren Tor sich geöffnet hatte. Zwei Gestalten traten heraus. Mallory. Ellie. Hinter ihnen trat ein großer, feister Mann aus dem Gebäude, den Milton noch nie gesehen hatte. Ellie trug Handschellen. Plötzlich hörte er ein Geräusch hinter sich. Erschrocken fuhr er herum und sah Arthur Stanton, der geduckt in Richtung Hof lief. Milton waren die Hände gebunden. Er konnte nichts tun. Arty hatte ihn entweder nicht gesehen oder war, falls doch, absichtlich um ihn herumgelaufen, weil er genau gewusst hatte, dass Milton ihn sofort zum Wagen zurückschicken würde. Der Junge befand sich rund zehn Meter rechts von ihm und pirschte in Richtung eines Knopfstrauchs. Milton konnte ihn nicht zurückpfeifen, sonst würden ihn Callow und die anderen hören. Aber was würde Arty tun, wenn er nicht einschritt? Milton ahnte es – das Ganze konnte nur ein schlimmes Ende nehmen. Frustriert biss er die Zähne aufeinander. Callow trat vor Ellie und sagte etwas zu ihr, dann stieß er ein bellendes Lachen aus, das von den Gebäuden widerhallte. Er legte ihr beide Hände auf die Schultern und zwang sie, vor ihm auf die Knie zu gehen. Der Mann hinter Mallory tat dasselbe mit dem Mädchen. Die Frau klappte den Verschluss der Schrotflinte zu. Milton konnte nicht länger warten. Wenn er aus der Deckung trat, würden sie ihn sehen, und die Frau würde auf ihn schießen. Eine Ladung Kugeln, abgefeuert aus mittlerer Entfernung, würde ihn hoffnungslos durchsieben. Aber wenn er weiter hier herumstand … Kapitel 45 Ellie kniete im zentimetertiefen Schlamm und versuchte zum x-ten Mal, sich von den Handschellen zu befreien, doch es wollte ihr nicht gelingen. Sie ließ den Blick über Magrethe Olsens schlammbespritzte Stiefel und Beine wandern und weiter nach oben bis zur Mündung der Flinte, die geradewegs auf ihren Kopf gerichtet war. Sie war stets davon ausgegangen, eines Tages in Ausübung ihrer Pflicht zu sterben, so wie ihr Vater. Die Vorstellung war allerdings eher vage gewesen. So etwas passierte nur anderen. Doch nun war alles mit einem Mal schrecklich real geworden. Sie würde hier sterben, auf einer gottverlassenen Farm in der Pampa, im Schlamm und in Schweinescheiße kniend. Ihre Gedanken schweiften zu Orville. Sollte sie wider Erwarten überleben und ihm eines Tages alles erzählen, würde er sich kaputtlachen. Aber sie würde hier nicht lebend rauskommen. »Ich bin Bundesagentin«, sagte sie noch einmal, wohl wissend, dass es ihr nicht weiterhelfen würde. »Sie wissen, was heute Abend hier passiert?« »Wieso erzählen Sie es mir nicht?« »Der Truck ist die größte Bombe, die man je in diesem Land gesehen hat. Im Vergleich dazu war der Anschlag in Oklahoma City Kinderkram.« »Wieso sagen Sie mir nicht, wohin er gefahren ist?« Magrethe Olsen lachte. »Vergessen Sie’s. Wichtig ist nur eins: Der Krieg, den diese Bombe auslöst, wird alle anderen Kriege ein für alle Mal beenden. All die Juden, Nigger und Bohnenfresser, die liberale Intelligenzia, die kranke Regierung – keiner wird übrig bleiben. Kein Einziger. Der Messias kommt. Die Wiederkunft des Herrn, sie steht unmittelbar bevor. Heute Nacht noch.« Aus dem Augenwinkel registrierte Ellie, dass Mallory die Hand um einen großen Stein gelegt hatte. Callow stand direkt hinter ihr. »Los, bringen wir’s endlich hinter uns.« Magrethe hob die Waffe und zielte. Ellie schloss die Augen. Durch die geschlossenen Lider nahm sie eine Bewegung wahr. Sie riss die Augen wieder auf. Arthur Stanton. Er kam durch das Gebüsch gelaufen. Seine Bewegungen waren linkisch, doch er war groß und kräftig. Und er war außer sich vor Wut. Morris Finch stand zwischen ihm und Magrethe. Arty riss den Arm hoch und verpasste dem Fettwanst einen so heftigen Schlag gegen den Kopf, dass dieser sich einmal um die eigene Achse drehte und mit dem Gesicht voran im Schlamm landete. Die alte Frau fuhr herum und richtete die Flinte auf Arty. Die Zeit war zu kurz, um sorgfältig zu zielen, trotzdem feuerte sie eine Ladung ab. Arty schrie auf. Seine Beine knickten weg, und er fiel zu Boden. »Arty!«, schrie Mallory. Milton brach aus dem Gebüsch und stürmte mit gesenktem Kopf los. Rund sieben Meter trennten ihn von Magrethe. Sie stand halb abgewandt von ihm und hatte ihn noch nicht entdeckt. Seine Muskeln brannten, das Adrenalin schoss durch seine Adern. Callow, der ihn bemerkt hatte, stieß einen warnenden Ruf aus. Magrethe wandte sich um und ließ Ellie und Mallory für einen kurzen Moment aus den Augen. Das genügte. Mallory sprang auf. Milton sah den Stein in ihrer Hand. Als Magrethe sich wieder zu Mallory umdrehte, war es zu spät. Milton stürzte auf Callow zu, rammte ihm den Kopf in den Magen und riss ihn mit sich, bis er mit dem Rücken gegen die Scheunenwand knallte. Währenddessen holte Mallory aus und ließ den Stein auf den Kopf von Magrethe niedersausen, die ein paar Schritte rückwärtstaumelte und schließlich umfiel. Dabei ließ sie das Gewehr los, das direkt vor Mallorys Füßen landete. Callow packte Milton an der Schulter und versuchte, ihn mit sich zu Boden zu reißen. Milton rammte ihm zwei Finger in die Augen. Der junge Mann stöhnte auf vor Schmerz, machte aber keine Anstalten, von ihm abzulassen. Milton drückte ihn zu Boden, packte seine Hand und löste einen Finger nach dem anderen, dann holte er aus und ließ seine Rechte auf den Kiefer des Jungen hinabsausen. Callow stöhnte auf, dann wurde er bewusstlos. Mallory bückte sich und hob das Gewehr auf. Inzwischen hatte Magrethe sich aufgerappelt. Blut floss aus einer Wunde an ihrer Schläfe. Mallory zielte mit dem Gewehr auf sie. »Nein, Mallory«, rief Milton. »Gib das her.« Mallory schüttelte den Kopf. Das Gewehr wirkte viel zu groß für das zierliche Mädchen – mit der Linken hielt sie den Lauf, ihr rechter Zeigefinger lag auf dem Abzug. »Mallory!« Milton sah ihr in die Augen, sah die Angst und die Wut darin – Gefühlsregungen, deren Macht ihm nur allzu vertraut war. Wie oft hatte er mit ebendieser Kombination gerungen? »Bitte, Mallory. Tu das nicht.« Sie schüttelte den Kopf. »Doch.« »Es wird dir nicht helfen, dich besser zu fühlen.« »Ist mit Arty alles in Ordnung?«, fragte Mallory die FBI-Agentin. Ellie lief zu Arty hinüber, der sich auf dem Boden wand, eine Hand auf seinen Oberschenkel gepresst. »Eine Fleischwunde, aber es sieht schlimmer aus, als es ist«, berichtete Ellie. Stöhnend berührte Magrethe ihre Stirn und betrachtete dann ihre blutverschmierte Hand. Mallory hielt noch immer die Schrotflinte auf die alte Frau gerichtet. »Mallory.« Milton trat einen Schritt auf sie zu und streckte die Hand nach dem Gewehr aus. »Wenn du das tust, wirst du dich für den Rest deines Lebens hassen. Glaub es mir.« »Hör auf deinen Freund«, sagte Magrethe. Trotz ihrer Benommenheit war die Verachtung in ihrer Stimme unüberhörbar. »Vergessen Sie’s.« »Du wirst mich nicht erschießen, Mädchen.« »Nein?« »Wie heißt die Frau?«, wollte Milton wissen. »Magrethe Olsen«, antwortete Ellie. »Genau. Und Sie haben meinen Sohn getötet!« Die Alte zeigte auf Milton. »Dafür werden Sie für immer in der Hölle schmoren.« Sie lachte gackernd. »Ewige Verdammnis, das ist es, worauf Sie sich gefasst machen können.« Mallory trat einen Schritt nach hinten, um ihr Ziel besser ins Visier nehmen zu können. Magrethe schüttelte den Kopf, als wolle sie ihre Benommenheit verscheuchen. »Ich kannte deinen Daddy, Mädchen. Wusstest du das?« Mallory biss sich auf die Lippe. »Bevor er angefangen hat zu saufen, war er ein anständiger Kerl. Kann sein, dass er es im Leben nicht immer leicht hatte … mit deiner Mutter und deinem Bruder, der geistig behindert ist und …« »Halten Sie den Mund!«, schnitt Mallory ihr das Wort ab. »Trotzdem war er ein guter Mann«, fuhr Magrethe fort. »Grundanständig. Ich war ein paar Jahre älter als er, aber wir kannten uns, so wie man sich hier eben kennt. Und ich sage dir was, Mallory – er wäre stolz auf dich. Und noch was, Mädchen.« »Mallory«, drängte Milton. »Gib mir das Gewehr.« »Er wäre stolz darauf, wie du dich um deinen Bruder kümmerst. Ich meine, ein Junge, der geistig behin…« Mallory riss die Augen auf. »Ich habe Ihnen eben gesagt, dass Sie ihn nicht so nennen dürfen«, sagte sie mit fester Stimme. »Wie? Behindert?« »Noch einmal, dann …« »Dann was? Willst du eine unbewaffnete Frau erschießen? Nein. Das würdest du nie tun, Mallory. Schluss jetzt mit dem Unsinn.« »Ich warne Sie!« »Sei nicht albern. Es ist doch nur ein Wort. Du nennst ihn besonders, aber alle anderen sagen, er sei be…« Der Knall war ohrenbetäubend. Die Wucht des Aufpralls riss Magrethe von den Füßen, und die Kugeln verwandelten ihr Gesicht und ihren Schädel in eine undefinierbare blutige Masse. Reglos stand Mallory da und starrte auf die tote Frau, dann legte sie das Gewehr auf den Boden und ging zu Ellie und zu ihrem Bruder. Kapitel 46 Magrethe Olsen lag reglos im Schlamm. Schweigend starrte Ellie auf die Leiche. Mallory lief zu ihrem Bruder, nahm seine Hand und drückte ihn fest an sich. Milton stützte sich mit der Hand an der Scheunenwand ab und beobachtete sie. »Alles okay mit dir?«, fragte Ellie. »Ehrlich gesagt ging es mir schon mal besser.« »Was ist passiert?« »Ich bin in die Wälder geflohen. Mit Lundquist und seinen Männern auf den Fersen.« »Und?« »Ich bin hier. Sie nicht.« »Was hat das zu bedeuten?« »Sie sind tot, Ellie.« »Wie viele?« »Bei fünf habe ich aufgehört zu zählen.« Nicht die geringste Emotion schwang in seiner Stimme mit. Er klang, als hätte er ein alltägliches geschäftliches Problem gelöst. »Bist du verletzt?« »Ich habe einen Schuss in den Arm abbekommen. Purer Zufallstreffer. Die Wunde muss behandelt werden, aber für den Augenblick geht es.« Der Regen fiel ohne Unterlass, doch Ellie glaubte, noch ein anderes Geräusch wahrzunehmen. »Wir müssen Lundquist aufhalten.« »Als ich kam, ist er gerade mit einem Sattelzug losgefahren. Wo will er hin?« »Keine Ahnung. Callow weiß es, aber er wird es dir nicht verraten.« »Jede Wette«, sagte er grimmig. »Weißt du, was sich in dem Truck befindet?« »Eine Bombe, John. Der Sattelschlepper stand die ganze Zeit neben der Scheune. Ich habe gesehen, wie sie ihn beladen haben. Lauter Fässer mit Düngemittel und Benzin – und Sprengstoff, glaube ich. Die wollen irgendwas in die Luft jagen. Hast du die Zulassungsnummer?« »Weißer Freightliner, BDH 5578.« »Wenn das mein Partner erfährt …«, begann Ellie, doch im selben Moment ertönte das typische Knattern von Rotorblättern, das immer lauter wurde. Ein Hubschrauber. »Ellie, hör mir gut zu«, sagte Milton. »Der Helikopter gehört zur Nationalgarde.« »Das heißt, die werden uns helfen.« »Leider nein. Die wissen bloß, was Lundquist ihnen aufgetischt hat. Sie glauben, ich wäre ein Mörder.« Er deutete auf Magrethe Olsens Leiche. »Wenn sie die tote Frau sehen, werden sie mich sofort erschießen.« »Niemals. Ich werde ihnen erklären, was …« »Hast du irgendeinen Ausweis bei dir?« »Nein. Sie haben mir alles abgenommen.« Milton schüttelte den Kopf. »Dann bleibt uns keine Zeit mehr. Lundquist ist bereits unterwegs, und ich muss ihn aufhalten. Lass uns zuerst Callow ins Haus bringen.« Mallory half Arty auf die Beine und stützte ihn. Milton packte Callow unter den Schultern und schleifte ihn hinterher. Der Black Hawk flog über die Bäume, kreiste knatternd über dem Dach des Farmhauses. Regen spritzte von den Rotorblättern. Eine aufgeschreckte Schar Hühner suchte gackernd das Weite. Sie betraten das Haus. In der Diele stand eine große französische Kommode, auf der sich Teller und anderes Geschirr stapelten. Milton packte das schwere Möbelstück und schob es vor die Tür, wobei die Teller zu Boden fielen und in tausend Stücke zersprangen. »Bist du sicher, dass du das Richtige tust?«, fragte Ellie. »Wenn wir der Nationalgarde das Kommando überlassen, haben wir keine Chance mehr, an Lundquist heranzukommen.« »Sie werden das FBI einschalten.« »Ja, aber bis dahin vergeht wertvolle Zeit, und das können wir uns nicht leisten. Deine Kollegen haben keinen Schimmer, was hier vor sich geht. Sie wissen nicht mal, was mit dir los ist. Wie lange würde es dauern, bis dein Partner hier auftaucht?« »Auf jeden Fall einige Stunden.« »Und bis dahin ist es zu spät. Green Bay, Detroit, Minneapolis, Cleveland, Chicago – wer weiß, wohin Lundquist unterwegs ist. Wenn du recht hast und er so etwas vorhat wie der Oklahoma-Bomber damals, dann stell dir vor, was er mit dem Truck anrichten kann.« »Ich weiß, und das macht mir ernste Sorgen.« Sie runzelte die Stirn. »Und es dürfte verdammt schwer werden, ein Aufgebot zu mobilisieren. Durch das Unwetter sind die Telefonleitungen und Funknetze nördlich von Wausau komplett zusammengebrochen. Jetzt ein Einsatzkommando zu organisieren wäre ein logistischer Albtraum.« »Also bleibt uns keine Wahl, oder? Wir müssen es auf eigene Faust durchziehen.« »Und was willst du jetzt machen?« »Ich werde Callow verhören.« »Verhören? Was meinst du damit?« »Das willst du nicht wissen.« Ellie biss sich auf die Unterlippe. Sie wusste genau, wovon er redete, und trotz allem, was die Miliz ihnen angetan hatte, jagte ihr der Gedanke einen kalten Schauder über den Rücken. »Wir haben jetzt keine Zeit für Streicheleinheiten, Ellie. Ich muss herauskriegen, was er weiß.« »Wirst du ihn … töten?« »So verlockend die Vorstellung sein mag – nein. Das überlasse ich der amerikanischen Regierung.« »Und was soll ich jetzt tun?« Sein Gesicht war eine ausdruckslose, undurchdringliche Maske. »Halt mir die Burschen von der Nationalgarde vom Hals. Ich brauche fünf Minuten mit Callow – und dann so viel Vorsprung, wie du für mich rausholen kannst.« »Wie soll ich das hinkriegen? Ich habe nicht mal meinen Dienstausweis.« »Du schaffst das schon. Sei einfach überzeugend. Fünf Minuten, viel mehr brauche ich nicht.« »Was hast du vor?« »Ich werde mir Lundquist holen.« Michael Callow hörte etwas über den Boden schleifen. Im selben Moment ging ihm auf, dass es seine Füße waren. Starke Arme hatten von hinten seine Brust gepackt. Sein Schädel dröhnte, als hätte ihm jemand einen Schlag mit dem Vorschlaghammer verpasst. Ihm war schwindelig und übel, und als er die Augen öffnete, starrte er an die Decke eines Zimmers, das ihm irgendwie bekannt vorkam. Er erinnerte sich, was draußen auf dem Hof passiert war, und im selben Augenblick kam es ihm hoch. Es war eine regelrechte Eruption – Erbrochenes rann ihm über das Kinn, drang in seine Nasenlöcher und spitzte in einem Schwall auf sein Hemd. Callow fühlte sich total benebelt. Sie befanden sich in der Küche von Seth und Magrethe Olsen. Er erkannte die Wände mit den Holzpaneelen, die Arbeitsflächen aus Speckstein, den Spritzschutz über der Spüle, den massiven Eisenherd, den Esstisch, an dem sie gemeinsam auf die Bibel geschworen hatten, dem Schwert Gottes zu dienen. John Milton ließ ihn los und sah auf ihn herunter. Ihm stockte der Atem, während er sich schlagartig erinnerte, was dieser Mann angerichtet, welche Schneise der Verwüstung und Vernichtung er in den Wäldern hinterlassen hatte. Er versuchte sich aufzurichten – er musste weg von hier, einfach nur weg –, doch seine Beine wollten ihm nicht gehorchen. Milton stemmte die rechte Schulter unter die Tischkante, hob sie ein wenig an und legte ein paar von Magrethes dicken Kochbüchern unter zwei Tischbeine. Dann trat er wieder zu ihm. Callow versuchte, sich zu wehren, doch Milton war bärenstark. In letzter Sekunde wollte Callow noch den Fuß unter einem der Küchenschränke einhaken, doch vergebens – sosehr er auch um sich trat, er richtete nichts aus, außer einen schwarzen Streifen von seinen Gummisohlen auf den breiten Holzdielen zu hinterlassen. Milton packte Callow unter den Armen und hievte ihn so auf die Tischplatte, dass er mit dem Kopf nach unten lag, ehe er seine Arme und Beine mit einer Wäscheleine an die Tischbeine fesselte. Allmählich begann sich der Nebel in Callows Kopf zu lichten. Er wand sich verzweifelt, riss an seinen Fesseln, aber sie waren zu fest. Er kniff die Augen zusammen und überlegte fieberhaft, wie er den Dreckskerl von seinem Vorhaben abbringen konnte, doch im selben Moment spürte er, wie Milton ein Handtuch über sein Gesicht legte. Er sah nichts mehr, war umgeben von nachtschwarzer Dunkelheit. Gedämpft drang Miltons Stimme zu ihm durch. »Michael, sagen Sie mir, wohin Ihr Vater gefahren ist.« »Ich weiß es nicht«, stieß er hervor, während ihm sein eigener heißer Atem ins Gesicht schlug. »Der Truck ist bis oben hin voller Sprengstoff. Sagen Sie mir, was er in die Luft jagen will.« Die Panik schnitt wie ein Dolch durch seine Benommenheit. Er versuchte sich daran zu erinnern, was sein Vater damals an diesem Küchentisch erzählt hatte – die Geschichte von John Wilkes Booth. Und jetzt kamen ihm wieder die Worte in den Sinn, die Booth nach dem Attentat auf Abraham Lincoln in die Menge gerufen hatte. Und genau diese Worte stieß er jetzt ebenfalls hervor. »Sic semper tyrannis!« So immer den Tyrannen! Das Atmen fiel ihm schwer, und kurz fragte er sich, ob Milton ihn überhaupt gehört hatte. Im selben Moment lief ein Schwall Wasser über sein Gesicht. Er hielt die Luft an, so lange er nur konnte, doch irgendwann musste er weiteratmen und sog dabei den klatschnassen Stoff an seine Nasenlöcher. Es war, als würde ihm jemand eine riesige feuchte Faust ins Gesicht drücken, und plötzlich konnte er nicht mehr zwischen Ein- und Ausatmen unterscheiden, hätte nicht sagen können, ob seine Lunge bereits voller Wasser war oder er sich all das nur einbildete. Vor seinem inneren Auge begann alles zu verschwimmen, während ihm das Wasser weiter und weiter übers Gesicht strömte. Es war wie ein letzter Reflex, als er die Faust ballte und sie auf die Tischplatte hämmerte. Das klatschnasse Handtuch wurde von seinem Gesicht genommen. Er blinzelte heftig ins Licht, das ihm plötzlich in die Augen stach, während er spie und prustete und versuchte, das Wasser aus seinen Nasenlöchern zu bekommen. »Wohin ist er unterwegs?« »So fürchtet euch denn nicht vor ihnen! Es ist nichts verborgen, das es nicht offenbar werde …« »Wohin?« »… und ist nichts heimlich, das man nicht wissen werde.« »Immer noch nicht genug?« Sein Puls raste, während er nach Luft rang. »Machen Sie, was Sie wollen. Aus mir kriegen Sie nichts raus!« Er verfluchte sich für die Angst, die in seiner Stimme mitschwang, und schickte ein Stoßgebet gen Himmel: O Herr, gib mir Kraft! »Ich habe noch nicht mal richtig angefangen«, sagte Milton, während er ihm das schwere Tuch wieder übers Gesicht legte. Callow hörte, wie Milton Wasser in ein Gefäß laufen ließ. Dann kam er zurück, und wieder wurde er mit Wasser übergossen. Callow kämpfte mit aller Macht gegen seine Angst und die Übelkeit an, doch vergebens. Er musste würgen, während nackte Panik Besitz von ihm ergriff. Abermals drosch er mit den Fäusten auf den Tisch ein. Dann wurde das klatschnasse Tuch wieder weggezogen. Milton beugte sich über ihn. Diese Augen, so kalt, so erbarmungslos. Es waren die Augen Satans. Ein Schluchzen drang aus Callows Kehle, er schnappte heftig nach Luft, und als er abermals in diese eisblauen Augen sah, wusste er, dass er von diesem Mann keine Gnade zu erwarten hatte. Milton würde ihn töten. »Wo ist er hingefahren, Michael?« »Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte und tilge meine Sünden nach deiner großen Barmherzigkeit. Wasche mich wohl von meiner Missetat und reinige mich von meiner Sünde.« Wasser tropfte auf Callows Gesicht, als Milton das Tuch hob. »Wo ist er hingefahren?« »Nach Green Bay. Zum Bezirksgericht in Green Bay.« Kapitel 47 Milton stellte den Zinnkrug auf den Boden, ließ Callow auf dem Küchentisch gefesselt liegen und ging hinüber ins Wohnzimmer, wo Ellie einen Schlüsselbund gefunden hatte. Einer der Schlüssel passte in ihre Handschellen. Besorgt sah sie ihn an. »Green Bay«, sagte er. »Wo dort?« »Das Gerichtsgebäude. Aber bei einer Bombe von dieser Größe wird der Schaden gewaltig sein.« »Was soll ich jetzt machen?« Er deutete auf ihre Handschellen. »Leg sie Callow an.« »Und dann?« »Dann erklärst du den Soldaten, was vorgefallen ist. Alles. Erzähl ihnen von dem Laster und dass Lundquist wahrscheinlich unterwegs nach Green Bay ist.« »Wahrscheinlich?« »Callow hat zwar die Wahrheit gesagt, aber Lundquist womöglich nicht. Sicher bin ich nicht. Sie müssen sämtliche Ein- und Ausfallstraßen auf der Oberen Halbinsel abriegeln.« »Und du?« »Ich mache mich auf die Suche nach ihm.« Milton sah sie an. Ihr Blick blieb an seinem Arm hängen. Als er die Augen senkte, bemerkte er die frischen Blutflecken auf seinem Pulloverärmel. »John, das kannst du nicht machen. Du bist verletzt.« »Es geht nicht anders. Wenn er angehalten wird, lässt er den Truck hochgehen. Eine Explosion wie diese würde jeden im Umkreis von hundert Metern auf der Stelle töten. Wenn er FBI-Agenten umbringt, wird er bei Soldaten auch keine Skrupel haben. Vielleicht kann ich ihn aufhalten, bevor es dazu kommt.« Ellie war klar, dass sein Entschluss feststand. Statt zu versuchen, ihm das Ganze auszureden, trat sie zu ihm, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss auf die Wange. »Viel Glück.« »Ich kriege das schon hin.« »Denk dran, du schuldest mir immer noch ein Essen.« Lächelnd drückte Milton ihre Hand, dann ging er durch den langen Korridor ins Wohnzimmer, das im hinteren Teil des Hauses lag. Es war stockdunkel. Vorsichtig trat er an das Panoramafenster und blickte auf den Hof hinaus. Weit und breit war niemand zu sehen. Die Turbinen des Black Hawk jaulten, während der Hubschrauber auf der anderen Seite des Hauses herabschwebte. Da hörte er Stimmen. Er schob das Fenster hoch und verzog das Gesicht, als der Holzrahmen quietschend protestierte. Sein Arm schmerzte von der Anstrengung. Als der Spalt breit genug war, schob er sich hindurch und ließ sich auf der anderen Seite ins nasse Gras fallen. Noch mehr Stimmen. Er rannte quer über den Hof zum Carport auf der Ostseite des Hauses, unter dem eine Honda CRF450R stand, eine wendige Enduro, die abging wie eine Rakete. Hervorragend. Die Schlüssel steckten. Milton schob sie von der Wand weg, schwang sich auf den Sattel, drehte den Zündschlüssel um und trat den Kickstarter an. Der Motor jaulte auf, als er Gas gab und quer über den Hof schoss. Zwei Soldaten in Uniform standen direkt vor ihm. »Halt!« Milton manövrierte das Motorrad um sie herum, wobei das Hinterrad im Schlamm durchdrehte, sodass er um ein Haar aus dem Sattel gerissen worden wäre. Er packte den Lenker, wobei ein scharfer Schmerz durch seinen Arm fuhr. Es gelang ihm, das Gleichgewicht wiederzufinden. Ohne sich noch einmal umzudrehen, fuhr er weiter, geradewegs auf die Felder im Süden zu. Ein Warnschuss wurde hinter ihm abgegeben. Er erschrak, duckte sich auf der Sitzbank und drehte den Gashebel noch ein Stück auf. Das Motorrad schoss durch ein offenes Tor und holperte daraufhin einen Abhang hinunter, direkt in das angrenzende Feld hinein. Schlamm spritzte auf, als er darum rang, nicht die Kontrolle über die Maschine zu verlieren. Er bremste etwas ab, dann hielt er auf den Weg zwischen den Getreidepflanzen zu, immer tiefer und tiefer in das Feld hinein. Ellie massierte ihre aufgescheuerten Handgelenke und riskierte einen Blick durchs Fenster. Der Black Hawk auf einem Feld westlich des Farmhauses gelandet war. Noch immer ließ die Vibration der Rotorblätter die Fensterscheiben leise klirren. Ein gleißend heller Suchscheinwerfer glitt über das Haus, blieb am Fenster hängen und erhellte den gesamten Raum. »Was machen wir jetzt?«, fragte Mallory verängstigt. »Du hast doch gehört, was Milton gesagt hat.« »Wir müssen ihnen sagen, dass wir nicht die Bösen hier sind.« »Aber wie?« »Ich übernehme das Reden, Mallory. Du bleibst mit Arty hier. Er braucht Hilfe. Sorg dafür, dass Michael Callow nicht abhaut, okay?« Ellie betrat die Diele und schob die Kommode ein Stück zur Seite, damit sie die Tür weit genug aufmachen konnte. Dann trat sie hinaus auf den Hof. Der Suchscheinwerfer glitt über die Bäume und warf längliche Schatten an die Wand des Farmhauses. Sie machte die Silhouetten von mehreren Männern aus, die geduckt aus dem Feld gelaufen kamen, ehe sie sich in zwei Gruppen teilten – die einen liefen nach rechts, die anderen nach links. Sie postierten sich rings um sie herum, brachten sich in Stellung und hielten die Gewehre auf sie gerichtet. Wieder schweifte der Scheinwerfer über sie hinweg, sodass sie die Augen mit der Hand abschirmen musste. »Hände hoch!«, schrie eine barsche Stimme. Geblendet vom gleißend hellen Licht hob sie die linke Hand. »Wer sind Sie?« »Mein Name ist Ellie Flowers. Ich bin FBI-Agentin.« »Auf die Knie!« »Ich bin FBI-Agentin.« »Sofort!« Sie ließ sich auf die Knie sinken. Einer der Soldaten trat auf sie zu. Er hatte eine Pistole in der Hand, die er auf sie gerichtet hielt. »Identifikation?« »Nein, Sir. Man hat mir meinen Ausweis abgenommen.« »Name?« »Das habe ich doch gerade gesagt. Ellie Flowers.« »Dienststelle?« »Detroit. 477, Michigan Avenue. Der Name meines Partners lautet Orville Clayton. Rufen Sie ihn an.« »Ist sonst noch jemand im Haus?« »Ja. Mallory und Arthur Stanton. Jugendliche aus dem Ort. Arthur wurde angeschossen und muss dringend medizinisch versorgt werden. In der Küche ist ein Mann, wir haben ihn an den Tisch gefesselt. Sein Name ist Michael Callow. Sie sollten mit ihm reden.« »Können Sie mir sagen, was, um alles in der Welt, hier los ist?« »Sichern Sie das Gelände. Ich muss mit Ihrem befehlshabenden Offizier sprechen.« »John Milton – wo ist er?« »Ich muss mit Ihrem befehlshabenden Offizier sprechen.« Kapitel 48 Morten Lundquist war ein erfahrener Soldat, der ähnlich taktisch vorgehen würde wie er selbst. Daher versuchte Milton sich in seine Lage zu versetzen. Der wichtigste Faktor war die Zeit: Wie groß wäre sein Vorsprung? Wenn er an Lundquists Stelle wäre, würde er davon ausgehen, dass er und seine Miliz inzwischen aufgeflogen waren und damit auch sein Plan zu scheitern drohte. Folglich bliebe ihm nur ein begrenztes Zeitfenster für die Umsetzung – und zwar definitiv nicht genug, um sich heimlich, still und leise über abgelegene Straßen in Richtung Süden zu bewegen. Stattdessen müsste er ordentlich auf die Tube drücken. Die Schlussfolgerung daraus: Lundquist würde den schnellsten Weg nach Süden wählen. Milton ging im Geiste die Strecke von Truth nach Green Bay durch. An Lundquists Stelle würde er nach Stannard fahren und dann über die US-45 weiter nach Süden. Ein nagelneuer Freightliner war ein Riesending mit 450-PS-Turbomotor, der locker achtzig Meilen auf den Tacho brachte. Lundquists Karre hingegen war uralt. Also würde er maximal fünfzig Meilen pro Stunde schaffen, zumal die Straße mit Schlaglöchern übersät war. Bei einem Vorsprung von einer halben Stunde konnte er höchstens zwanzig, fünfundzwanzig Meilen vor ihm sein. Das Motorrad schnurrte mit sechzig Sachen locker dahin, doch Milton beschleunigte auf siebzig. Inzwischen sollte Lundquist Union Bay erreicht haben. Eine Stunde noch, dann würde er nach Süden abbiegen und auf den Highway 64 wechseln oder wäre sogar schon im Bergland. In einer Stunde sollte auch Milton es bis nach Iron Mountain geschafft und Lundquist eingeholt haben. Er raste in Höchstgeschwindigkeit weiter, bis er fürchtete, der Kolben würde ihm gleich um die Ohren fliegen. Milton schwenkte aus und überholte einen anderen Sattelzug, dessen Fahrer hupte, als er an ihm vorbeipreschte. Kurz nach der Landung des Black Hawk war auch der Humvee eingetroffen, gefolgt von zwei weiteren, die kurz darauf auf das Gelände rollten. Die Soldaten hatten das Grundstück gesichert und waren dann zu den Nebengebäuden ausgeschwärmt, wo man schließlich die Leiche von Magrethe Olsen entdeckt hatte. Ellie wurde zum ersten Humvee gebracht, aus dem ein Soldat in klatschnasser Tarnuniform stieg. »Ich bin Lieutenant Colonel Alex Maguire«, stellte er sich vor und streckte ihr die Hand hin. Ellie schüttelte sie. »Special Agent Ellie Flowers.« »Ich bitte um Entschuldigung für das Chaos.« »Sie haben meine Identität gecheckt, Colonel?« »Ja, Ma’am. Wir haben mit Ihrem Partner per Funk Kontakt aufgenommen. Er würde Sie gern sprechen.« Ellie nahm das Headset entgegen und stöpselte es sich ins Ohr. »Orville?« »Ellie?« »Ja.« »Großer Gott, Ellie, was ist denn da oben los?« »Ich erkläre dir gleich alles. Ich …« »Hast du die Jungs gefunden?« »Ja, hab ich. Hör mir bitte zu, Orville, nur ein einziges Mal. Du musst mir ganz genau zuhören.« Einen Moment lang herrschte Stille. »Okay, schieß los«, sagte er schließlich betreten. Kurz und knapp schilderte Ellie, was seit Orvilles Abreise vorgefallen war. Auch der Colonel hörte mit, was gut war, denn so musste sie nicht alles zweimal erzählen. Unwichtige Details wie die Tatsache, dass die Mitglieder der Miliz sie geschlagen hatten, unterschlug sie geflissentlich. Auch was zwischen ihr und Milton vorgefallen war, ließ sie sicherheitshalber unerwähnt, denn sie wollte sich nicht mit Orvilles Eifersucht auseinandersetzen müssen. Stattdessen beschränkte sie ihre Schilderung auf die Festnahme der Bande, den Mord an Lester Grogan, die Tatsache, dass sich die Miliz mithilfe des erbeuteten Geldes finanziert hatte, den mit Sprengstoff gespickten Truck und dass Morten Lundquist sich in dieser Sekunde auf dem Weg zu einem verheerenden Attentat befand. Besorgt winkte der Colonel seinen Stellvertreter heran. »Gütiger Himmel«, sagte Orville. »Und weißt du auch, wo das Ganze passieren soll?« »Ich glaube, in Green Bay. Er hat es wohl auf das Gerichtsgebäude abgesehen.« »Du glaubst? Geht es nicht ein bisschen konkreter?« »Das hat uns eines der Mitglieder der Miliz verraten …« Sie unterbrach sich und suchte nach einem passenden Euphemismus. »… unter Umständen, die uns einigermaßen sicher sein lassen, dass er nicht lügt.« »Was zum Teufel soll das denn …« »Es ist überaus wahrscheinlich«, unterbrach sie, bevor er weiter nachhaken konnte. »Aber in einem Umkreis von vier oder fünf Autostunden könnte er überall sein. Mit absoluter Sicherheit kann ich es leider nicht sagen.« Er fluchte leise. »Ich muss jetzt ein paar Anrufe tätigen«, sagte er dann. »Kannst du dich solange um die National Guard kümmern? Sie müssen ihn unbedingt aufstöbern.« »Keine Sorge, Orville. Ich habe hier alles im Griff.« »Du lieber Gott, dir ist klar, was passiert, wenn er mit dem Truck in ein Gebäude rast?« »Das wird er nicht.« »Woher willst du das wissen?« »Weil ihm schon jemand auf den Fersen ist.« »Und zwar?« »Milton.« »Wer zum Teufel ist das?« »Das ist jetzt erst mal egal. Kümmere du dich um deine Anrufe. Alles Weitere besprechen wir später.« Bevor Orville noch etwas sagen konnte, reichte sie das Headset dem Colonel. »Stimmt das alles?«, wollte er besorgt wissen. »Ich fürchte, ja.« »Was vorhin passiert ist, tut mir sehr leid, Ma’am. Wie es aussieht, waren wir komplett auf dem Holzweg.« »Kein Problem, das Gefühl kenne ich. Woher wussten Sie, dass wir hier sind?« »Wir haben zwei Männer im Wald aufgegriffen. Watts und McClennan. Kennen Sie die beiden?« »Nein.« »Sie gehörten zu dem Trupp, der Milton auf den Fersen war. Die beiden haben völlig widersprüchliche Angaben gemacht. Am Ende hat Watts dann erzählt, dass er sich hier melden werde, wenn er aus dem Wald käme.« »Die stecken alle unter einer Decke.« »Wir haben sie in U-Haft genommen, deshalb kann niemandem mehr etwas passieren. Aber woher wissen wir, auf wessen Seite Milton steht?« »Auf unserer.« »Sicher?« »Er hat mir das Leben gerettet. Und jetzt ist er Lundquist auf den Fersen.« »Sie hätten mal das Massaker sehen müssen, das er oben am See angerichtet hat. Acht Leichen. Die Polizei wird gar nicht wissen, wo sie mit der Ermittlung anfangen soll.« »Ich erkläre Ihnen alles, sobald wir in der Luft sind.« Er starrte sie mit offenem Mund an. »Wie bitte?« Sie nickte in Richtung des Hubschraubers. »Können Sie mich mitnehmen?« Kapitel 49 Milton erspähte den Truck, als die Lichter von Watersmeet am Horizont auftauchten. Die US-45 verlief schnurgerade zwischen Birken- und Fichtenwäldern. Bislang hatte kaum Verkehr geherrscht, abgesehen von ein paar Lastern und den Kombis von Jägern, die bei Sonnenaufgang in den Wäldern sein wollten. Er hatte alles aus dem Motorrad herausgeholt, doch jetzt stieß der Motor an seine Grenzen. Er fuhr über siebzig Meilen, und bei diesem Tempo gebärdete sich die Maschine launisch wie ein bockiges Fohlen. Da er sich nicht verraten wollte, fuhr er ohne Licht, was die Verfolgung noch riskanter machte. Die Straße befand sich in einem relativ guten Zustand, war aber an manchen Stellen von Schlaglöchern übersät, und einige Male hatte er alle Mühe gehabt, die Maschine wieder unter Kontrolle zu bringen. Sein linker Arm pochte von der Anstrengung, den Lenker gerade zu halten, und sein rechtes Handgelenk schmerzte vom ständigen Gasgeben. Er sah die Rücklichter des Trucks, als er noch etwa eine Meile entfernt war. Noch war er zu weit weg, um mit Bestimmtheit sagen zu können, dass es tatsächlich Lundquist war, doch er holte rapide auf, und schließlich erkannte er im fahlen Schein des Mondes, dass es sich tatsächlich um den Freightliner handelte. Lundquist fuhr vorsichtig, hielt sich an die Geschwindigkeitsbegrenzung, wollte offenbar nicht auffallen. Sie kamen an einsam gelegenen Häusern und Fabriken vorbei, während sie sich der Stadt näherten, und schließlich erreichten sie die Stelle, wo die US-2 in die US-45 überging. Auf beiden Seiten des Highways befanden sich Tankstellen, eine Raststätte, ein Einkaufszentrum. Wenn Ellie recht hatte und der Truck tatsächlich mit Sprengstoff beladen war … Er hatte mit eigenen Augen Autobomben hochgehen sehen. Besonders genau erinnerte er sich daran, wie die Taliban in Kundus einen Müllwagen in die Luft gejagt hatten. Ein halbes Viertel hatten sie dem Erdboden gleichgemacht – was übrig geblieben war, hatte ausgesehen wie eine Mondlandschaft. Der Truck donnerte weiter über den Highway. Maguire führte Ellie zu dem Helikopter. Schlamm, Äste und Blätter wirbelten durch die Luft, während sie sich in den hüfthohen Einstieg helfen ließ. Sie ließ sich in einen der leinenbezogenen Sitze fallen und gurtete sich an. Maguire setzte sich ebenfalls, reichte ihr ein Paar Kopfhörer und bedeutete ihr, sie aufzusetzen. Die Turbinen vibrierten unter ihnen, und die Rotoren peitschten durch die Äste eines Baums, als sich der Helikopter in die Luft erhob. Maguires Stimme drang durch die Kopfhörer. »Nach Süden also?« »Ja.« »Wir folgen dem Highway 28 und dann der US-45«, sagte der Pilot, während er die Nase des Black Hawk senkte und sie die Farm hinter sich ließen. »Wann ist er losgefahren?« »Vor einer halben Stunde.« »Dann kann er nicht weit gekommen sein. Ich kann die Kiste bis 150 Knoten hochdrehen. Den haben wir im Handumdrehen eingeholt.« »Immer vorausgesetzt, er ist tatsächlich Richtung Süden unterwegs«, sagte Maguire. »Green Bay«, erwiderte Ellie. »Milton war sicher, dass Callow nicht gelogen hat.« Maguire nickte. Die Verantwortung, die auf seinen Schultern lastete, schien ihn mehr als nur ein bisschen nervös zu machen. »Sind wir bewaffnet?«, erkundigte sich Ellie. »Und ob.« Maguire nickte in Richtung der Maschinengewehre an den Seiten des Black Hawk. »Wir haben zwei 7,62-mm-MGs – eigentlich nur für Unterstützungsfeuer, aber sie lassen sich natürlich auch gezielt einsetzen.« »Und Ihre Order?« »Erst mal die Lage sondieren – und dann flexibel reagieren.« Milton hatte sich ein wenig zurückfallen lassen, gab aber nun erneut Gas, um wieder zu dem Truck aufzuschließen, der etwa eine halbe Meile vor ihm lag. Er hatte ungefähr die Hälfte der Distanz zurückgelegt, als der Truck plötzlich beschleunigte. Lundquist musste ihn bemerkt haben. Milton drehte das Gas voll auf, und der Motor der Honda röhrte. Noch vierhundert Meter. Dreihundert. Zweihundert. Hundert. Der Anhänger war schwer beladen und hing tief auf den Achsen. Lundquist konnte nicht noch schneller fahren – womöglich traute er sich auch nicht. Ein paar Sekunden später befand sich Milton direkt hinter den Hecktüren des Trucks, stellte sich auf die Fußraste, beugte sich vor und schloss die Finger seiner Rechten um einen der Türgriffe. Im selben Moment leuchteten die Bremslichter des Trucks rot auf. Das Vorderrad des Motorrads knallte gegen das Heck und geriet einen Sekundenbruchteil später unter das Fahrgestell. Im selben Moment wurde Milton auch schon von der Sitzbank gerissen und prallte unsanft gegen die Hecktür des Freightliners. Mit den Fingern umklammerte er den Türgriff, während seine Füße einen Augenblick über den Asphalt schleiften, ehe er sich hochziehen konnte und es ihm gelang, erst den rechten und dann den linken Fuß auf den Unterfahrschutz zu stellen. Ein dumpfes Geräusch erklang, als von innen irgendetwas gegen die Hecktür prallte. Milton hielt sich am Griff der linken Tür fest und entriegelte die rechte, wurde aber zur Seite gerissen, als Lundquist abermals in die Eisen ging. Als die rechte Tür urplötzlich aufschwang, rollte ein großes Plastikfass an die Heckkante, kippte wie in Zeitlupe über die unzureichende Barriere, knallte auf den Highway, vollführte ein paar aberwitzige Sprünge und verspritzte in alle Richtungen Diesel auf den regennassen Asphalt. Die Tür schwang hin und her, während Lundquist den Freightliner scharf nach links zog. Milton konnte einen Blick ins Innere des Anhängers erhaschen. Ellie hatte recht gehabt: Im Truck befanden sich große Plastikfässer, an denen mit Klebeband Sprengstoff befestigt war. Milton klammerte sich an eine Palette, die an die Heckkante gerutscht war, und versuchte sich ins Innere des Trucks zu ziehen. Wieder bremste Lundquist. Die Räder blockierten und hinterließen eine schwarze Spur auf dem Asphalt, während das Heck nach links und rechts ausscherte. Milton rutschte wieder über die Kante, krallte sich mit aller Macht an der Palette fest. Holzsplitter bohrten sich schmerzhaft in seine Handflächen, doch er ließ sich davon nicht beirren. Ein weiteres Fass schwankte hin und her und kippte um, als der Freightliner abermals ausscherte. Diesel spritzte in alle Richtungen, floss über die Ladefläche und ergoss sich über Milton, seine Hände, seine Arme, seine Brust. Und dann rollte das Fass direkt auf ihn zu. Der Kopilot des Black Hawk hatte eine Karte ausgebreitet und wies dem Piloten den Weg. In geringer Höhe folgten sie der Route, die Lundquist vermutlich genommen hatte, und flogen in östlicher Richtung den Highway 28 entlang, der die Halbinsel von Osten nach Westen durchschnitt. Als sie Stannard erreichten, folgten sie dem Verlauf des Highways Richtung Süden. Ellie ließ den Blick über das Blätterdach des Bond Falls State Park und die vor und hinter ihnen verlaufende Straße schweifen. Sie überflogen Watersmeet in dreihundert Fuß Höhe. »Da!«, sagte der Kopilot. Ellie reckte den Hals, um durch die offene Tür sehen zu können. »Ist er das?«, fragte Maguire. Es war der Freightliner. »Ja«, antwortete Ellie. Sie näherten sich dem Truck, hielten aber weiter einigen Abstand für den Fall, dass es zu einer Explosion kommen sollte. Der Freightliner scherte nach rechts und links aus – und im selben Moment sah sie auch, warum. Eine der Hecktüren stand offen und schwang hin und her, während der Truck von einer Seite zur anderen schlingerte. »Heilige Scheiße«, platzte der Bordschütze heraus. Miltons Beine hingen aus dem Sattelschlepper, und er klammerte sich an eine Holzpalette, die sich zwischen den Türen verkantet hatte. In Ellies Kopfhörern rauschte es, dann hörte sie die Stimme des Piloten. »Hotel two-six, Crazy Horse one-eight. Ziel erfasst. Erbitte Zielfreigabe.« Die Antwort kam von weit her, von einem Kommandoposten irgendwo da draußen. »Alles klar, Crazy Horse. Ziel freigegeben. Over.« »Okay, verstanden.« »Hey!«, rief Ellie dazwischen. Dann wandte sich der Pilot an den Bordschützen. »Das Ziel ist da vorn, gleich hinter den Bäumen.« »Hey!«, rief Ellie erneut, diesmal lauter. Sie begann, die Verschlüsse ihres Sicherheitsgurts zu lösen. Maguire blickte sie entsetzt an. »Ma’am!« »Das können Sie nicht machen! Sie können ihn nicht unter Beschuss nehmen!« »Schnallen Sie sich bitte wieder an.« Milton duckte sich in letzter Sekunde. Das Fass sprang über die Heckkante, verfehlte seine Beine nur um wenige Zentimeter und krachte in hohem Bogen auf den Asphalt. Mit dem rechten Arm zog er sich Stück für Stück in den Anhänger. Beißender Gestank umgab ihn. Es roch durchdringend nach Ammoniak und Diesel, und er spürte, wie er sofort Kopfschmerzen bekam. Lange würde er es hier drin nicht aushalten. Der Anhänger war zwölf Meter lang und zu zwei Dritteln beladen – er sah Fässer, jede Menge Wassergel-Sprengstoff, dreißig Sprengkapseln und an der rechten Wand zwanzig festgezurrte Fünfzig-Pfund-Säcke mit Düngemittel. Milton wusste genug über Sprengstoff, um sich über eins klar zu sein – wenn die Ladung in die Luft ging, würde die Erde kilometerweit erbeben. Ihm wurde schwindelig von den Gasen. Die Hecktür schwang immer noch hin und her, sobald der Freightliner in die Kurve ging oder über ein Schlagloch holperte. Milton ächzte vor Anstrengung, während er eins der Fässer schwer atmend in Richtung der Türen bugsierte. Als er sich fast direkt unter der Kante des Deckenabschlusses befand, kletterte er auf das Fass, verlor um ein Haar die Balance, doch dann stand er zumindest halbwegs sicher, packte die Dachkante mit beiden Händen und zog sich hinauf. Er keuchte, musste all seine Kraft aufbringen, doch dann gelang es ihm, seinen Oberkörper über die Kante zu hieven – und schließlich war er oben. Der Fahrtwind war eiskalt und stach ihm in die Augen. Flach ausgestreckt, klammerte er sich an der Dachkante fest, um nicht von einer Bö heruntergefegt zu werden. Links und rechts huschten die Bäume vorbei, unter ihm das schwarze Band des Asphalts, während er sich langsam vorwärtskämpfte. Zentimeter um Zentimeter. Lundquist riss das Steuer abwechselnd nach rechts und links, spürte, wie der schwer beladene Anhänger ein ums andere Mal gefährlich ausscherte. Er hatte Milton gesehen, wie er hinter ihm her die Straße entlanggerast war. Ihm war bewusst, dass er vorsichtig sein musste: Wenn der Truck kippte, wäre dies das Ende seiner Mission – doch er konnte nicht zulassen, dass Milton ihm einen Strich durch die Rechnung machte. Er griff nach der M16 auf dem Beifahrersitz und zog sie näher zu sich heran. Während er das Steuer abermals herumriss, dachte er daran, was David zu Salomo gesagt hatte. Siehe, ich habe dir geboten, dass du getrost und freudig seist. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. Wieder trat er aufs Gas und riss das Steuer in die andere Richtung. »Sie können nicht schießen!«, rief Ellie. »Der Truck ist bis oben hin voll mit Sprengstoff.« »Genau deshalb haben wir ja keine andere Wahl«, gab Maguire zurück. »Wenn das Ding hier draußen in die Luft geht, erwischt es ein paar Bäume, und das war’s.« »Aber auch Milton!« »Wir wissen doch gar nichts über ihn.« »Ohne ihn wären wir überhaupt nicht hier! Dass wir das Attentat vielleicht verhindern können, haben wir doch nur ihm zu verdanken!« »Das sagen Sie, Agent Flowers. Das Ziel ist freigegeben, und es liegt in meinem Ermessen, den verdammten Truck hier und jetzt in die Luft zu jagen.« »Denken Sie doch mal nach! Geben Sie ihm eine Chance!« »Wenn wir den Dreckskerl weiterfahren lassen, riskieren wir, dass er die Kiste in der nächsten Stadt explodieren lässt!« »Milton wird ihn stoppen!« Ellie war außer sich. »Es ist doch gar nicht nötig, von hier oben einzugreifen!« Die Stimme des Piloten drang durch die Kopfhörer. »Da ist ein Mann auf dem Dach des Trucks.« Der Bordschütze spähte hinaus. »Ich sehe den Burschen auch.« »Das ist Milton!«, schrie Ellie. »Ich eröffne das Feuer«, sagte der Bordschütze. »Okay?« »Sobald du ihn genau im Visier hast«, erwiderte der Pilot. »Lassen Sie ihn doch erst mal machen!« Maguire warf ihr einen Blick zu, während er erneut das Wort an den Bordschützen richtete. »Warten wir noch einen Moment ab.« »Sir?«, rief der Pilot. »Setz dich vor den Truck, und dann lass uns erst mal sehen, was der Kerl treibt. Position?« »Sechs Meilen vor Iron River«, gab der Pilot zurück. »Los, Tempo! Sobald er auf drei Meilen an den Ort herankommt, jag ihn hoch!« Milton hatte den Black Hawk gesehen, etwa hundert Meter links über dem Truck. Ihm war klar, dass sie nicht zu nahe herankommen durften. Falls es zu einer Explosion kam, würde die Druckwelle den Helikopter unweigerlich erfassen. Der Black Hawk knatterte Richtung Süden – mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würden sie nicht zulassen, dass der Truck die nächste Stadt erreichte. Er wäre abgesprungen, damit die Jungs freie Schussbahn hatten, doch dafür fuhr der Freightliner zu schnell. Die Wahrscheinlichkeit, dass er dabei draufgehen würde, war ihm zu hoch. Außerdem hatte er Lundquist ein Versprechen gegeben, das er halten würde, komme, was da wolle. Der Wind zerrte an ihm, während er über das Dach des zwölf Meter langen Anhängers robbte. Er hielt sich an der Dachkante fest und ließ sich auf das Trittbrett hinter der Sattelzugmaschine fallen. Der Griff, mit dem man den Anhänger abkoppelte, befand sich eine Armeslänge unterhalb des Anhängers. Er legte sich auf den Bauch und hangelte sich ein Stück vor, bis er halb auf dem Radkasten hing, zwischen Zugmaschine und Anhänger eingezwängt, unter sich den Asphalt. Nässe sprühte ihm ins Gesicht, und er blinzelte heftig. Im selben Augenblick musste er sich mit beiden Händen festhalten, als Lundquist in eine scharfe Linkskurve ging. Der Anhänger drehte sich auf der Sattelkupplung, und einen Moment lang fürchtete Milton, von ihr zerquetscht zu werden. Die Kupplung streifte seine Schulter, bohrte sich in seinen Deltamuskel, ehe sie sich wieder in die andere Richtung bewegte. Milton rutschte noch ein Stück tiefer unter den Anhänger, streckte sich und bekam den Verschlussgriff zu fassen. Er ließ sich nur im Neunzig-Grad-Winkel zur Zugmaschine herausziehen. Er zog. Nichts. Er streckte sich noch ein Stück, um den Verschlussgriff in einem günstigeren Winkel packen zu können, und zog, bis seine Muskeln brannten. Mit einem Rasseln löste sich der Bolzen und glitt aus der Verankerung. Milton kletterte zurück auf das Trittbrett und kauerte sich an die Zugmaschine. Lundquist trat hart aufs Gas. Durch den Ruck glitt der Königsbolzen aus der Sattelkupplung. Die Straße stieg leicht an, und die Sattelplatte rutschte heraus – wodurch sich der Anhänger von der Zugmaschine löste. Die Druckluftschläuche und die elektrischen Kabel wurden aus den Buchsen gerissen. Da sie nun nicht länger mit Druckluft versorgt waren, blockierten die Federdruckbremsen des Anhängers. Mit einem ohrenbetäubenden Donnern krachte der vordere Teil des Anhängers auf den Asphalt. Funken stoben nach allen Seiten über den Highway, die blockierten Reifen qualmten. Milton hielt den Atem an und wartete auf die Explosion. Nichts passierte. Die Kupplung riss eine Kerbe in den Asphalt, doch wie durch ein Wunder blieb der Anhänger in der Waagerechten und kam nach dreißig Metern zum Stehen. Die Zugmaschine raste weiter. Milton hielt sich an den Druckluftschläuchen fest und zog sich seitlich auf die Zugmaschine. Wasser spritzte auf, während die acht schweren Reifen über den Asphalt pflügten. Er stieg auf den Benzintank, versuchte auf dem nassen Metall Halt zu finden, beugte sich vor und packte den Haltegriff. Dichter Rauch quoll aus dem Auspuffrohr. Er duckte sich und sprang vom Tank auf das Seitentrittbrett. Von dort spähte er durch das Fenster und sah … … in die Mündung einer M16. Im selben Moment zersplitterte das Fenster. Ein Regen von Scherben ging auf ihn nieder. Die rechte Hand am Haltegriff, schwang er sich hinter die Zugmaschine zurück. Es gab keine Möglichkeit, in die Fahrerkabine zu gelangen, ohne sich eine Salve aus Lundquists Sturmgewehr einzufangen. Er hatte keine Ahnung, was er jetzt tun sollte. »Sir?« Der Helikopter war ein Stück vorausgeflogen und hatte dann gedreht. Mit einer Mischung aus Angst und Bewunderung hatte Ellie beobachtet, wie Milton den Anhänger abgekoppelt hatte, der wenig später auf dem kerzengerade verlaufenden Highway zum Stehen gekommen war. Wie durch ein Wunder war er nicht explodiert. Die Zugmaschine befand sich noch etwa zwei Meilen von ihnen entfernt und näherte sich in raschem Tempo. »Sir?«, fragte der Bordschütze. »Wie lautet der Befehl?« »Nehmen Sie ihn unter Beschuss, sobald er nahe genug ist.« »Das können Sie nicht machen!«, rief Ellie. »Wir wissen nicht, ob dieser Irre nicht womöglich Sprengstoff bei sich im Führerhaus hat. Das Risiko können wir nicht eingehen. Wenn Ihr Freund auch nur ein Fünkchen Verstand hat, springt er ab.« »Abspringen? Das wäre Selbstmord!« »Geben Sie einen Warnschuss ab«, sagte Maguire. Der Bordschütze packte sein Maschinengewehr, und Sekunden später zerfetzte ein Kugelhagel den Asphalt, zwanzig Meter vor der herannahenden Zugmaschine. Ohne vom Gas zu gehen, raste Lundquist durch die neu entstandenen Schlaglöcher, eingehüllt in eine Wolke aus pulverisiertem Asphalt. Maguire sah Ellie entschuldigend an, ehe er den Blick wieder auf den Bordschützen richtete. »Feuer!« Kapitel 50 Morten Lundquist blickte zu dem Black Hawk hinauf, der etwa zweihundert Meter vor ihm über der Straße schwebte. Er hatte keine Ahnung, wie Milton es angestellt hatte, aber fest stand, dass er den Anhänger abgekoppelt hatte – offenbar hatte er die Druckluftschläuche herausgerissen. Wann immer Lundquist auf die Bremse stieg, würden sich die Lufttanks weiter entleeren, und wenn sie vollends leer waren, würde die Federdruckbremse blockieren und die Zugmaschine zum Stehen bringen. Also bremste er ganz einfach nicht. Sondern beschleunigte. Sechzig. Fünfundsechzig. Der Hubschrauber schwebte unmittelbar vor ihm in der Luft. Er fuhr direkt darauf zu. Hundertfünfzig Meter. Hundert. Das würde nicht gut enden. Das war’s. Er hatte einen Fehler gemacht. Vielleicht hatte er nicht richtig zugehört. Gottes Wort? Offenbar hatte der Herr andere Pläne mit ihm. Dein Wille geschehe. Inzwischen sah er klar und deutlich vor sich, was er falsch gemacht hatte. Er hatte sich von Milton ablenken lassen, hatte zugelassen, dass dieser Mann seine Gedanken infiltrierte und dass seine Stimme die Stimme Gottes übertönte. Gewiss war Milton ein Handlanger des Satans. Und Lundquist musste ihm Einhalt gebieten. Womöglich war dies die Aufgabe, die der Herr ihm zugedacht hatte. Er blickte zu dem Hubschrauber hinauf, dessen greller Suchscheinwerfer die Straße entlangglitt und auf ihn zukam. Die Führerkabine war von gleißend hellem Licht erfüllt. Blinzelnd löste er eine Hand vom Steuer, um die Augen abzuschirmen, als ein oranger Strahlenkranz in der Mündung des riesigen Maschinengewehrs explodierte. Die Patronen bohrten sich in den Asphalt, durchsiebten das Chassis und die Motorhaube, pulverisierten Kühler und den Motor des Trucks. Flammen schossen aus dem Motorraum, gefolgt von einer dicken schwarze Qualmwolke. Lundquist riss das Steuer nach rechts. Mit sechzig Sachen raste die Zugmaschine geradewegs in den Straßengraben. Ellie umklammerte die Sitzkante, während das Rattern des Maschinengewehrs das Dröhnen des Hubschraubers übertönte. »Scheiße«, stieß der Bordschütze hervor. Die Zugmaschine verschwand aus dem Sichtfeld. »Höher«, rief Maguire. »Wir brauchen bessere Sicht.« Der Pilot zog den Hubschrauber hoch. Der dunkle Wald war von Pfaden und Feuerschneisen durchzogen. Auf eine davon hatte Lundquist die Zugmaschine gelenkt. Von oben waren die gelben Scheinwerfer zu erkennen, die zwischen den Bäumen aufblitzten. Der Pilot nahm die Verfolgung auf. Die Zugmaschine wurde langsamer und kam an einer schmalen Straße schließlich endgültig zum Stehen. »Hier kann ich nirgendwo runter, Colonel«, erklärte der Pilot. »Zu wenig Platz.« »Geben Sie unsere Position per Funk durch. Wie weit sind die Bodeneinheiten entfernt?« »Zehn Kilometer.« »Wie lange können wir hierbleiben?« Der Pilot blickte auf seine Armaturen. »Der Tank ist noch zu einem Viertel voll. Fünfzehn Minuten, wenn wir denselben Weg wieder zurückfliegen wollen.« Der Scheinwerfer schnitt sich durch die dunklen Bäume. Der Soldat schwenkte ihn über die Zugmaschine. »Da ist er«, rief er. Ellie spähte nach unten. Ein Mann bewegte sich langsam und ziemlich ungelenk vorwärts. Der Scheinwerfer erfasste ihn und folgte ihm in nordwestlicher Richtung, während er sich immer weiter von dem Wrack wegbewegte. »Ist das Lundquist oder Milton?« »Lundquist«, sagte Ellie. »Feuer!« Der Bordschütze feuerte eine Salve ab, als Lundquist mit einem Mal aus dem Lichtkegel des Scheinwerfers verschwunden war. »Verdammt.« »Er haut ab«, stieß Maguire zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Ellie starrte nach unten. Wo war Milton? Die Zugmaschine war den Weg entlanggeholpert, hatte kleinere Bäume niedergemäht und Sträucher aus der Erde gerissen. Die Feuerschneise beschrieb eine Kurve, während die Zugmaschine geradeaus weitergefahren war, quer durch ein Feld frisch gepflanzter Fichten und weiter durch einen Bach. Die Windschutzscheibe war beim Aufprall in tausend Scherben zerborsten. Schließlich war die Zugmaschine gegen eine uralte Eiche geprallt und vollends zum Stehen gekommen. Lundquist war wie eine willenlose Gliederpuppe im Führerhaus hin und her geschleudert worden und beim Aufprall schließlich mit dem Kopf gegen das Lenkrad geknallt. Dabei hatte er sich die Lippe durchgebissen und spürte nun, wie das Blut sich in seinem Mund sammelte und ihm übers Kinn lief. Er schnappte sich die M16 und trat die Fahrertür auf, wobei er mit dem Schuh im Trittbrett hängen blieb und prompt in einem Dornenbusch landete. Einen Moment lang lag er ganz still da und versuchte, zu Atem zu kommen. Die Kühlerhaube der Zugmaschine knackte leise, während der Motor allmählich abkühlte. Glasscherben fielen aus dem Fensterrahmen wie Zähne aus dem Maul eines Hais. In diesem Moment erschien der Black Hawk brummend über ihm. Er rannte los. Wieder feuerte der Schütze eine Salve aus dem Maschinengewehr ab – Kugeln zerfetzten das dichte Blätterdach und schlugen in das aufgeweichte Erdreich ein. Taumelnd versuchte er auszuweichen, während der nächste Kugelregen im Stamm einer Eiche einschlug, sodass Rindenfetzen und Holzsplitter in sämtliche Richtungen flogen. Er rappelte sich auf und lief noch tiefer ins Unterholz, wo er einen Moment lang innehielt. Die Stille des Waldes war von den Lauten empörter Tiere erfüllt, die sich lautstark über die jähe Störung beschwerten. Über ihm ertönte das laute Knattern des kreisenden Helikopters. Da drang ein anderes Geräusch an seine Ohren, und er registrierte eine Bewegung. Er fuhr herum, hob die M16 an und gab eine Salve ins Gebüsch ab. Blinde Angst schoss durch seinen Körper wie ein glühend heißer, greller Blitz, so markerschütternd, dass er beinahe seinen eigenen Namen nicht mehr wusste. Doch einen anderen Namen hatte er nicht vergessen. John Milton. Er taumelte weiter. Dornen bohrten sich durch seine Kleider, zerschrammten seine Arme und Beine, aber er spürte den Schmerz kaum. Was jetzt zählte, war, dass er möglichst schnell von dieser Zugmaschine wegkommen musste. Von diesem verdammten Hubschrauber über ihm. Und von John Milton. Er lief und lief und lief. Kapitel 51 Milton blieb stehen. Lundquist war über eine kleine Lichtung gelaufen, doch Milton widerstand dem Drang, ihm zu folgen, weil er wusste, dass es keine Chance gab, dem Lichtkegel des Suchscheinwerfers irgendwie zu entgehen. Er würde wohl oder übel warten müssen, bis der Helikopter weitergeflogen war. Vielleicht war Lundquist ja gar nicht geflüchtet, sondern lag mit seiner M16 irgendwo im Gebüsch auf der Lauer und wartete nur darauf, ihn abzuknallen. Eine blecherne Stimme drang laut durch die Nacht: »Morten Lundquist. Hier ist die National Guard.« Milton sah nach oben. Der Helikopter schwebte gerade einmal fünfzehn, sechzehn Meter über den Baumwipfeln. »Lundquist, Sie müssen sich ergeben!« Milton wusste, dass den Soldaten die Hände gebunden waren. Die Lichtung war definitiv nicht groß genug, um zu landen. Gewehrfeuer blitzte auf der anderen Seite der Lichtung auf, und er sah die Kugeln, die in den Rumpf des Hubschraubers einschlugen. Der Helikopter neigte sich leicht zur Seite, dann war die Lichtung jäh in Dunkelheit getaucht. Milton hörte ein Rascheln im Gebüsch und folgte ihm geduckt. Nach ein paar Metern blieb er stehen und lauschte, als ganz in der Nähe etwas durchs Unterholz brach. Wieder folgte er dem Rascheln, sorgsam darauf bedacht, den Kopf unten zu halten. Lundquist würde nicht ewig durchhalten. Irgendwann würde er müde werden oder die Geduld verlieren und stehen bleiben. Er würde versuchen, Milton in einen Hinterhalt zu locken, daher war äußerste Vorsicht geboten. Doch die Geräusche hielten an – das Rascheln von Laub, das Platschen von Stiefeln, als Lundquist durch einen Bach rannte. Und solange der Deputy weiterlief, konnte er ihm gefahrlos folgen. Als das Geräusch abrupt endete, blieb Milton stehen, warf sich hin und robbte auf dem Bauch weiter, den Blick starr nach vorn gerichtet. Wieder tauchte der Black Hawk auf und ließ die Suchscheinwerfer über das Blätterdach gleiten. Milton hörte einen Fluch, dann das Geräusch von raschen Schritten. Auch er stand auf und lief los. Nach einer Weile verstummten die Schritte wieder. Milton tauchte im Gebüsch ab, wo er mit angehaltenem Atem aufmerksam lauschte. Er sah sich um. Hier war er schon einmal gewesen. Lundquist war im Kreis gelaufen. Wieder ertönte das Platschen von Stiefeln im Wasser. Dann setzte der Deputy sich erneut in Bewegung, stapfte durch das Dickicht und über eine weitere Lichtung. Milton folgte ihm, immer darauf bedacht, den Schutz der Vegetation nicht zu verlassen. Durchs Wasser zu laufen wäre zwar einfacher gewesen, würde jedoch zu großen Lärm verursachen und ihn damit zu einen leichten Ziel machen. Er musste Ruhe bewahren. Lange würde es nicht mehr dauern. Die spitzen Dornen eines Strauchs bohrten sich durch Lundquists Jackenärmel, und der Stoff riss, als er hektisch daran zog. Fluchend kauerte er sich hin – nicht wegen der Jacke, sondern weil ihn allmählich die Verzweiflung zu übermannen drohte. Der Black Hawk zog immer noch seine Kreise über ihm, doch es gelang ihm, zumindest dem Suchscheinwerfer zu entgehen, außerdem würde ihnen irgendwann demnächst der Treibstoff ausgehen, und sie würden wenden müssen. Aber seine Hauptsorge galt nicht dem Hubschrauber, sondern der Tatsache, dass John Milton hinter ihm her war. Er stand wieder auf und kämpfte sich weiter durchs Gestrüpp. Die dornenbewehrten Äste schlugen ihm ins Gesicht, zerschrammten seine Haut auf den Wangen und an den Händen. Schützend hielt er sich den Arm vor die Augen. Zweimal war er in Deckung gegangen und hatte gelauscht, die M16 bereits im Anschlag, um Milton abzuknallen, sobald er vor ihm auftauchte. Der Wald schien von Geräuschen erfüllt zu sein – panische Schreie aufgeschreckter Vögel und anderer Wildtiere, das unablässige Knattern des Hubschraubers –, doch keine Laute, die darauf hindeuteten, dass er verfolgt wurde. Es war, als hätte der Engländer einen sechsten Sinn. Sobald Lundquist stehen blieb, verharrte auch Milton reglos. Aber vielleicht war er ja schon völlig paranoid, und Milton war ihm doch nicht auf den Fersen. Wieder blieb Lundquist kurz stehen, um Atem zu schöpfen. Er war völlig erledigt, seine Knie fühlten sich wie Pudding an, und er hatte keine Ahnung, wo er sich befand. Er folgte dem Bachlauf in Richtung Süden, doch seine Beine waren bleischwer und kraftlos. Er stolperte, blieb in einem Erdloch hängen und knallte mit voller Wucht auf Hände und Knie, wobei er die M16 fallen ließ. Er versuchte, seinen Fuß zu befreien, schien ihn jedoch mit jedem Ziehen und Zerren noch tiefer in dem Erdloch zu verhaken. Endlich bekam er ihn frei und taumelte ein paar Schritte rückwärts, um seine Waffe aufzuheben. Jetzt, dachte er. Der Moment der Abrechnung war gekommen. Er schluckte. Sein Magen fühlte sich ganz flau an. Er hob die M16 auf, ging zum Bachufer und ließ suchend den Blick schweifen. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht können töten. Er lauschte, hörte aber nichts. Doch etwas war anders als vorhin: Der Hubschrauber war verschwunden. Er war nicht nur ein paar Meilen weitergeflogen, sonst hätte er das leise Dröhnen der Motoren noch hören müssen, nein, das Geräusch war restlos verklungen. Jetzt hieß es nur noch Milton oder er. Fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Von der anderen Seite des Baches drang ein lautes Krachen herüber. Er fuhr herum und feuerte. Das Geräusch war ohrenbetäubend und hallte von den Baumstämmen wider. Lundquist stand auf und lief erneut los, rutschte auf einem moosbedeckten Felsbrocken aus, verlor das Gleichgewicht und landete auf dem Rücken. Einen Moment lang drohte er das Bewusstsein zu verlieren, als er mit dem Kopf auf einen Stein knallte. Er lag da, die Augen fest zusammengekniffen, und spürte die scharfkantigen Kiesel, die sich in seinen Rücken bohrten. Und er sprach: Diese Art kann mit nichts ausfahren denn durch Beten und Fasten. Lundquist bekam keine Luft mehr. Er schlug die Augen auf, schloss sie wieder und flehte den Herrn ein weiteres Mal an, dass er ihm Kraft spenden möge. Er versuchte, sich auf die Seite zu rollen, doch es gelang ihm nicht. Er konnte sich überhaupt nicht mehr bewegen. Als er die Augen wieder aufschlug, hockte John Milton auf ihm, die Knie auf seiner Brust, den Arm quer über seiner Kehle. Er versuchte, sich zu befreien. Doch Milton war zu stark. Lundquist öffnete den Mund, um ihn um Gnade anzuflehen, doch ein Blick in die eisig blauen Augen des Mannes ließen die Worte auf seinen Lippen ersterben. Milton packte ihn am Revers und zog ihn in den Bach. Am Ufer war das Wasser seicht, in der Mitte jedoch verlief eine Rinne, die tief genug war, um ihm bis zu den Knien zu reichen. Lundquist registrierte, dass er die Kiesel nicht länger im Rücken spürte. Das Wasser lief ihm über den Hals, dann in Mund und Nase. Er schloss die Augen ein letztes Mal, als Milton seinen Kopf unter Wasser drückte. Es war eisig kalt, so kalt, dass seine Haut prickelte. Ein Gefühl von plötzlicher Lebendigkeit durchströmte ihn, als er den Mund öffnete und das Wasser in seine Kehle strömen ließ. Kapitel 52 Es war halb sieben Uhr abends. Draußen tobte ein heftiger Schneesturm, und allmählich leerte sich das Restaurant. Es befand sich in der Lombardi Avenue, nur einen Steinwurf von Lambeau Field entfernt, wo gleich ein Heimspiel der Packers gegen die 49ers stattfinden würde. An diversen Tischen saßen Schlachtenbummler, Fans in Packers-Trikots, die ihr Essen hinunterschlangen, ehe sie ihre dicken Jacken anzogen und sich zum Stadion aufmachten. Das Restaurant war ein beliebter Treffpunkt, wie Ellie gehört hatte, eine Institution. An den Wänden hingen signierte Fotos von Bart Starr, Brett Favre, Aaron Rodgers. Zwischen den Flaschenregalen und der Registrierkasse prangte ein großes Porträt von Vince Lombardi. Darüber stand: STADT DER SIEGER. Auf einem halben Dutzend Fernsehbildschirmen liefen die Vorberichte zum Spiel. Sie hockte sich an die Bar. Die fünf Männer am Tisch neben ihr waren laut und nervig. Ihrer Unterhaltung entnahm sie, dass sie von außerhalb waren, eine VIP-Loge gemietet hatten und hinterher irgendeinem ausgemusterten Packers-Spieler die Hand schütteln durften, wofür sie eine astronomische Summe hingelegt hatten. Rechtsanwälte oder Steuerberater, schätzte sie, die sonst unter der Fuchtel ihrer Ehefrauen standen und es mal so richtig krachen lassen wollten. Sie hatte gleich bemerkt, dass sie verstummt waren, als sie an ihrem Tisch vorbeiging. Anschließend hatten sie ein wenig leiser gesprochen, anzüglich und verschwörerisch gelacht und immer wieder zu ihr herübergestarrt. Als würde sie nicht kapieren, worüber sie redeten. Als wüsste sie nicht, was als Nächstes kommen würde. Sie war drauf und dran, aufzustehen und zu gehen, beschloss dann aber zu bleiben. Sie brauchte einen Drink und eine Umgebung, die sie auf andere Gedanken brachte. Den ganzen Tag hatte sie im schmucklosen Konferenzraum eines grauen Amtsgebäudes verbracht, und sie war kurz davor, den Verstand zu verlieren. Die ganze Woche hatte sie sich mit nichts anderem als dem Fall befasst. Die Nationalgarde hatte Lundquists Leiche in einem Bach in den Wäldern gefunden. Er war ertrunken. Irgendein Tier hatte bereits sein Gesicht angefressen. Sie hatte die Fotos aus der Gerichtsmedizin gesehen. Nichts für zarte Gemüter. Seine Augen waren verschwunden, die halbe Nase fehlte, und von den Wangen war auch nicht mehr viel übrig. Keinerlei Anzeichen von Fremdeinwirkung, hatte der Rechtsmediziner gesagt. Anscheinend war Lundquist in den Bach gefallen und einfach ertrunken. Ellie wusste, dass die Wahrheit anders aussah. John Milton war an der Straße nach Truth aufgegriffen worden. Orville hatte sich wie immer aufgeführt und genau das getan, was sie erwartet hatte: Er war vorgefahren und hatte mit seiner Marke herumgewedelt, als wäre er der FBI-Chef höchstpersönlich. Dann hatte er quasi ununterbrochen am Handy gehangen und derart auf oberbeschäftigt gemacht, dass Unbeteiligte garantiert zu dem Schluss gekommen wären, er und niemand anders hätte den Fall geknackt. Er hatte einen ebenso unbeholfenen wie halbherzigen Versuch unternommen, sich mit ihr zu versöhnen, doch als sie ihm die kalte Schulter gezeigt und auch noch seine Einladung zum Abendessen ausgeschlagen hatte – er wollte »reden« –, war er mit seiner Geduld am Ende gewesen und hatte sie kurzerhand nach Sibirien beordert, oder besser gesagt nach Green-Bay-am-Arsch-der-Welt. Es war so schnell gegangen, dass sie keine Gelegenheit gehabt hatte, mit Milton zu sprechen. Als sie in Wisconsin angekommen war, hatten die Medien schon von der ganzen Sache Wind bekommen. Es war eine Riesennummer gewesen. Der FBI-Chef trat persönlich vor die Mikrofone und gab zu Protokoll, gegen die Miliz werde rigoros vorgegangen werden. Der Staatsanwalt erhob umgehend Anklage gegen die zwanzig Männer und Frauen, die in den Wäldern festgenommen worden waren, sowie gegen Morris Finch und zehn weitere Verschwörer, die wegen der Vorbereitung eines Attentats, Verschwörung und des versuchten Einsatzes von Massenvernichtungswaffen vor Gericht gestellt werden würden. Milton war der Schlüssel zu allem. Orville höchstpersönlich hatte ihn verhört, und Ellie wäre nur allzu gern dabei gewesen. Eine befreundete Agentin hatte ihr alles brühwarm erzählt. Orville hatte Milton achtundvierzig Stunden lang befragt und ihm folgenden Deal schmackhaft zu machen versucht: Wenn er als Kronzeuge aussagte, sollten alle Anklagepunkte gegen ihn fallen gelassen werden. Doch Milton hatte ihn auf Granit beißen lassen, erst kurz angebunden, dann einsilbig, und schließlich hatte er gar nichts mehr gesagt, außer dass er weitere Gespräche nur mit Special Agent Ellie Flowers führen werde. Und als Orville ihm das verweigerte, hatte Milton auf sein Recht bestanden, ein Telefonat führen zu dürfen. Was dann passierte, war schlicht bizarr gewesen. Wen immer Milton angerufen haben mochte – danach war Schluss mit lustig gewesen. Der FBI-Chef persönlich war aufgetaucht, um mit ihm zu reden. Zunächst war sogar die Rede von einer Auszeichnung gewesen, die Milton aber rundweg abgelehnt hatte, und anschließend hatte Orville erst einmal vor ihm zu Kreuze kriechen und sich entschuldigen müssen. Am Ende hatte Milton sich offenbar bereit erklärt, eine vertrauliche Aussage zu machen, ohne vor Gericht erscheinen zu müssen. Ellie hatte sogar gehört, dass FBI und Staatsanwaltschaft bereits an einer Legende für Milton strickten: dass er von Anfang an ihr Informant gewesen sei. Danach hatten sie ihn gehen lassen. Und er war verschwunden, Rucksack und Gewehr geschultert. Doch dann war es noch schräger geworden. Der FBI-Chef hatte Ellie angerufen und ihr eine satte Gehaltserhöhung in Aussicht gestellt. Allerdings unter zwei Bedingungen: Erstens sollte sie Teil der geplanten Medienkampagne sein. Ziemlich vage, das Ganze – die Details mussten erst noch geklärt werden –, doch es klang, als wollten sie eine Heldin aus ihr machen. Inklusive Interviews, Frühstücksfernsehen, das volle Programm. Die zweite Bedingung lautete, dass Miltons Beteiligung unter gar keinen Umständen an die Öffentlichkeit dringen durfte. Sie wusste, wie das Spiel lief, war sich aber nicht ganz sicher, was sie davon halten sollte. Ihr Dad hätte dem FBI-Chef gesagt, er könne sich seine tolle Medienkampagne in den Hintern stecken, doch Ellie sah die Sache ein wenig pragmatischer. Als Mann konnte man sich ganz andere Dinge herausnehmen. Ellie war jung und ehrgeizig, und inzwischen wusste sie, dass man als Frau die Karriereleiter nicht ganz so schnell hinaufkam. Ein bisschen Entgegenkommen konnte also bestimmt nicht schaden. Und all das hatte Milton mit einem einzigen Anruf bewerkstelligt? Was hatte er für Beziehungen? Sie sagte dem FBI-Chef, sie wolle es sich durch den Kopf gehen lassen. Ellie blickte aus dem Fenster, sah ihr Spiegelbild in der Scheibe, das schicke Kostüm, die neuen Schuhe, und erinnerte sich, wie sie mit Milton durch die Wälder gestreift war. Es war wie die Erinnerung an eine andere Welt. Einer der Männer am Nebentisch stand auf und trat zu ihr an die Bar. »Ist hier noch frei?« Geistesabwesend hob Ellie die Hand. »Ist ein freies Land.« Sie achtete nicht weiter auf ihn. Sie dachte daran, wie Orville und eins dieser FBI-Junggenies – ein oberschlauer Milchbubi, den sie aus Quantico eingeflogen hatten – den Verdächtigen mehrere Tage lang lautstark eingeheizt und sie nach allen Regeln der Kunst ausgequetscht hatten. In Wisconsin sollte es angeblich eine weitere Miliz geben, tapfere Soldaten Christi, die nur auf ein Zeichen für die Wiederkunft des Herrn warteten, um in den heiligen Krieg zu ziehen. Und Ellie war angewiesen worden, der Sache nachzugehen. Irgendwelchen Spinnern, die es vermutlich gar nicht gab. Und jetzt saß sie hier in diesem Kaff. »Kann ich Ihnen einen Drink ausgeben?« »Nein danke«, sagte sie. »Ich heiße Frank.« Er trug ein Packers-Trikot mit der Aufschrift FRANK auf dem Rücken. Es war nagelneu, und er hatte leider vergessen, das Preisschild zu entfernen. Der Barkeeper stellte ein Bier vor sie hin. »Geht auf mich«, sagte der Mann. »Nein«, gab Ellie zurück. »Ich zahle selbst.« Das schien dem Kerl nicht zu gefallen, doch Ellie sah, dass seine Kumpels zu ihnen herüberglotzten, und ihr war bewusst, dass er nicht so leicht aufgeben würde. »Sind Sie auch wegen dem Spiel da?« »Nein.« »Geschäftlich?« »So was Ähnliches.« »Was denn?« »Dies und das.« »Klingt ja geheimnisvoll.« Er lachte. Sie ging nicht darauf ein. »Wollen Sie wissen, warum ich hier bin?« »Nein.« Er fuhr unbeirrt fort: »Meine Kanzlei hat bei einer Benefizauktion für eine VIP-Loge mitgeboten. Billig war es nicht, aber was tut man nicht alles für einen guten Zweck, stimmt’s?« »Hmmm.« Ihr stachen die kleinen Details ins Auge: teure Schuhe, Designerjeans, eine Rolex, die wahrscheinlich so viel kostete wie eine kleine Familienkutsche. »Hören Sie«, sagte er, »wenn Sie heute Abend noch nichts vorhaben, können Sie ja mit uns zum Spiel gehen. Es würde uns freuen, wenn Sie uns begleiten.« Ellie wollte ihm gerade sagen, dass er sich vom Acker machen sollte, als sie vor dem Eingang des Restaurants die undeutlichen Umrisse eines Mannes entdeckte. Er spähte durch die Scheibe, womöglich einfach nur jemand, der sich einen Eindruck vom Ambiente des Restaurants verschaffen wollte. Die Scheibe war leicht vereist, weshalb sie ihn nicht richtig erkennen konnte, doch irgendetwas an seiner Statur kam ihr seltsam bekannt vor. »Und?« Erst jetzt bekam sie mit, dass er die ganze Zeit gequasselt hatte. »Was haben Sie gesagt?« Sie stand so abrupt auf, dass ihr Hocker gegen den Tresen knallte. Frank legte ihr die Hand auf den Arm. »Also, haben Sie Lust, den Abend mit uns zu verbringen?« Der Mann am Fenster wandte sich ab und ging im Schneegestöber davon. »Entschuldigen Sie mich bitte, Frank.« »Ach was, jetzt seien Sie doch nicht so.« »Ich bin nicht an Ihrer Gesellschaft interessiert. Am besten wäre es, Sie würden sich jetzt einfach wieder zu Ihren Freunden setzen. Okay?« Er war offenbar schwerhörig. »Wie heißen Sie eigentlich?« Sie griff in ihre Tasche und hielt ihm ihren FBI-Ausweis unter die Nase. »Special Agent Ellie Flowers«, erklärte sie und verlagerte ihr Gewicht, sodass er die schimmernde Glock 22 an ihrem Gürtel sehen konnte. Er riss die Augen auf. »Sie sind vom FBI?« »Genau. Und ich habe eine Scheißwoche hinter mir, deshalb sollten Sie sich jetzt besser zu Ihren Freunden verziehen. Lassen Sie mich in Ruhe, verdammt noch mal.« Sie lief zur Tür. Kalte Luft schlug ihr entgegen, als sie auf die Straße trat. Schnee rieselte vom Himmel, Eis knirschte unter den Reifen der vorbeifahrenden Autos. Scharen von Fans waren unterwegs, und zwei Blocks weiter sah man die Flutlichter, die das Stadion in gelbliches Licht tauchten. So viele Menschen. Der Mann, den sie gesehen hatte, war in der Menge verschwunden. Sie ging wieder hinein. Franks Freunde amüsierten sich offenbar königlich darüber, dass er sich eine anständige Abfuhr eingefangen hatte. Sie trank ihr Bier aus, bestellte noch eins und setzte sich an einen Fenstertisch. Gedankenverloren starrte sie hinaus in den Schnee, der sich wie eine weiße Decke über die Stadt legte. John Milton schob seinen Rucksack zurecht und setzte seinen Weg durch den Schnee fort. Auf dem Gehsteig wimmelte es nur so von Fans in grünen und rot-weißen Trikots, die dem Spiel entgegenfieberten und sich gegenseitig gut gelaunt anfrotzelten. Zu Hause in England verhielten sich die Fans lange nicht so fröhlich wie hier, dachte er. Mittlerweile war es ein wenig besser geworden, trotzdem konnte man sich immer noch schnell eine blutige Lippe holen, wenn man die falschen Vereinsfarben im falschen Viertel trug. Er blieb an einer Kreuzung stehen – ein anonymes Gesicht in der Menge, so wie es ihm am liebsten war. Dann sprang die Fußgängerampel auf Grün um, und ein berittener Polizist achtete darauf, dass der Menschenstrom sicher über die Straße kam. Er hatte sich drei Tage lang in der Stadt aufgehalten und Ellie ohne große Schwierigkeiten aufgespürt. Ein kurzer Anruf unter einem Vorwand beim FBI in Detroit, und schon hatte er erfahren, dass sie nach Green Bay beordert worden war. Aus dem Internet hatte er erfahren, dass das FBI von mehreren Milizen in Wisconsin ausging. Das örtliche FBI-Büro hatte er im Handumdrehen ausgemacht und dann einfach abgewartet. Er hatte sie ausgespäht. Sie war im Marriott abgestiegen, Zimmer 212. Am zweiten Tag hatte sie um sechs gefrühstückt, war mit dem Taxi zur Arbeit gefahren und um acht Uhr abends ebenfalls mit einem Taxi zurückgekommen. Er war drauf und dran gewesen, bei ihr anzuklopfen und seine Einladung zum Essen zu erneuern. Nicht die originellste Masche, aber es würde funktionieren. Garantiert. Warum hatte er einen Rückzieher gemacht? Auch heute hatte er auf sie gewartet. Um sechs hatte sie ihr Büro verlassen, in einen dicken Wintermantel gehüllt. Nur dass sie diesmal kein Taxi genommen hatte. Er war ihr im Abstand von zwanzig Metern bis zu dem Restaurant gefolgt. Das musste irgendetwas zu bedeuten haben. Er war noch einmal kurz um den Block gegangen, um zu überprüfen, ob ihn womöglich jemand beschattete – alte Gewohnheiten wurde man nur schwer los –, und als er wieder vor dem Eingang stand, hatte sie sich mit einem Mann an der Bar unterhalten. Offenbar wollten sie zum Spiel. Er trug ein Packers-Trikot, sah aber sonst wie ein typischer FBI-Agent aus: untersetzt, kurzes, gepflegtes Haar, unauffällige, aber nicht ganz billige Kleidung. Und wie er die Hand auf ihren Arm gelegt hatte – das sah schon sehr vertraut aus. Sie waren ganz offensichtlich verabredet. Sie hatte nie erwähnt, dass sie eine Beziehung hatte, aber bei einer Frau wie ihr lag das eigentlich auf der Hand. Wie hatte er sich das überhaupt vorgestellt? Dass sie demnächst zusammenleben würden? Sie war FBI-Agentin, und er war, der er war. Und eine Beziehung – so sah er es jedenfalls – konnte nur auf der Basis absoluter Ehrlichkeit und Offenheit gedeihen. Und genau das hatte er nicht zu bieten. Am Ende vergifteten Geheimnisse jede Beziehung, und es gab tausend Dinge, die er nicht preisgeben wollte. Und an einer Wahrheit gab es nichts zu rütteln: Selbst wenn er ihr gegenüber rückhaltlos offen und ehrlich gewesen wäre – sie hätte ihn fortan mit anderen Augen gesehen. Nein. Es hätte niemals mit ihnen funktioniert. Die bloße Vorstellung war eine Schnapsidee gewesen. Sie hatten ein paar wunderbare Augenblicke erlebt, trotzdem war es besser, es dabei zu belassen. Ellie brauchte jemanden, der zu ihr passte. Jemanden aus ihrer eigenen Welt. Einen wie den Mann, der neben ihr an der Bar gestanden hatte. Er dachte an Dinge wie Hypotheken, Kreditkartenabrechnungen und Kinder, an Krankenversicherung, Zahnreinigung, Rentenvorsorge, Sparbücher. Und im selben Moment wusste er, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Es war an der Zeit weiterzuziehen. Also machte er sich auf den Weg. Nach Minneapolis waren es siebenhundert Meilen, die ihn bei diesem Wetter etwa drei Wochen kosten würden. Um rechtzeitig zum Konzert zu kommen, musste er jemanden finden, der ihn mitnahm. Er würde zum Highway 29 gehen, bis zur nächsten Raststätte marschieren und dann nach einem Autofahrer Ausschau halten, der nichts gegen ein bisschen Gesellschaft hatte. Milton setzte seine Kopfhörer auf, dann griff er in seine Tasche, kramte seinen iPod heraus und ging die Playlists durch, bis er die richtige gefunden hatte. Na also, The Smiths. Er nickte im Takt, während das verzerrte Gitarrenintro von How Soon Is Now erklang, streifte sich die Wollmütze über die Kopfhörer und zog seine Handschuhe an. Ein eisiger Windhauch blies ihm ins Gesicht, als er sich gen Westen wandte. Es war so kalt, dass er seinen Atem sehen konnte. Also los.