Massimo Carlotto Am Ende eines öden Tages Kriminalroman Aus dem Italienischen von Hinrich Schmidt-Henkel, Katharina Schmidt und Barbara Neeb Die im folgenden Werk dargestellten Ereignisse und Personen und die darin enthaltenen Namen und Gespräche beruhen allein auf der Vorstellungskraft und dem freien künstlerischen Ausdruck des Autors. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen, Personen, Namen oder Orten ist rein zufällig und nicht beabsichtigt. Impressum Der Autor dankt Marcella D. R. Catignani, Valeria Pollino, Matteo Strukul und Marco Videtta Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Tropen www.tropen.de Die italienische Originalausgabe von »Arrivederci amore, ciao« erschien unter demselben Titel im Verlag Edizioni e/o, Rom © 2001 by Edizioni e/o, Rom und wurde erstmals 2007 auf deutsch veröffentlicht © 2007 by Tropen Verlag, Berlin Das Mittelstück »Einige Monate später« wurde von Massimo Carlotto eigens für diese Ausgabe verfasst Die italienische Originalausgabe von »Am Ende eines öden Tages« erschien unter dem Titel »Alla fine di un giorno noioso« im Verlag Edizioni e/o, Rom © 2011 by Edizioni e/o, Rom Für die deutsche Ausgabe © 2016 by J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten Umschlag: Herburg Weiland, München Unter Verwendung einer Illustration von © Florian Bayer Datenkonvertierung: Tropen Studios, Leipzig Printausgabe: ISBN 978-3-608-50137-7 E-Book: ISBN 978-3-608-10934-4 Dieses E-Book basiert auf der aktuellen Auflage der Printausgabe. Inhalt I Arrivederci amore, ciao Prolog 1 Flora 2 Francisca 3 Luana 4 La Nena 5 Roberta II Einige Monate später III Am Ende eines öden Tages 1 Am Ende eines öden Tages 2 Herzkönig 3 All out 4 Ylenia 5 C’est lundi 6 Ombretta 7 Man at work I Arrivederci amore, ciao Die Wiedereinsetzung in die früheren Rechte bringt die Nebenstrafen und jede andere strafrechtliche Wirkung der Verurteilung zum Erlöschen, sofern nicht das Gesetz etwas anderes bestimmt. Artikel 178 des italienischen Strafgesetzbuches Die Wiedereinsetzung in die früheren Rechte wird gewährt, wenn fünf Jahre seit dem Tag verstrichen sind, an dem die Haftstrafe vollstreckt oder auf andere Weise erloschen ist und der Verurteilte wirkliche und dauernde Beweise guter Führung gegeben hat. Artikel 179 des italienischen Strafgesetzbuches Prolog Der Kadaver des Alligators trieb im Wasser, den Bauch nach oben gekehrt. Man hatte ihn abgeschossen, weil er dem Lager allmählich zu nah gekommen war und niemand einen Arm oder ein Bein riskieren wollte. Der süßliche Geruch der Verwesung mischte sich mit dem des Dschungels. Die erste Hütte stand rund hundert Meter von der Stelle am Ufer entfernt. Der Italiener plauderte gelassen mit Huberto. Er bemerkte meine Anwesenheit. Er drehte sich um und lächelte mich an. Ich zwinkerte ihm zu, und er redete weiter. Ich trat hinter ihn, atmete tief ein und schoss ihm in das Genick. Er fiel ins Gras. Wir packten ihn an Armen und Beinen und warfen ihn neben den Alligator. Das Tier bauchoben, er bauchunter. Das Wasser stand derart zäh und reglos, dass Blut und Hirnfetzen sich kaum mehr als über die Größe einer Untertasse ausbreiten konnten. Huberto nahm mir die Pistole ab, steckte sie sich in den Hosenbund und schickte mich mit einem Nicken zurück ins Lager. Ich gehorchte, obwohl ich lieber noch eine Weile den Körper im Wasser betrachtet hätte. Ich hätte nicht gedacht, dass es so leicht ist. Ich hatte den Lauf auf seine blonden Haare gerichtet, ohne den Kopf zu berühren, damit er sich nicht umdrehte und ich ihm nicht in die Augen sehen musste, dann hatte ich abgedrückt. Der kurze, trockene Knall hatte die Vögel verscheucht. Es hatte einen leichten Rückschlag gegeben, aus dem Augenwinkel hatte ich gesehen, wie das Magazin der Halbautomatik die nächste Kugel lud. Eigentlich war mein Blick auf seinen Hinterkopf konzentriert. Ein rotes Einschussloch. Perfekt. Die Kugel hatte beim Austritt an der Stirn eine ausgefranste, klaffende Wunde hinterlassen. Huberto hatte ihn sterben sehen, ohne mit einer Faser seines Leibes zu zucken. Er wusste, dass es geschehen würde. Der Italiener musste beseitigt werden, und er hatte sich angeboten, ihn in die Falle zu locken. Seit einiger Zeit war der Italiener ein Problem. Nachts, wenn er sturzbesoffen war, belästigte er die Gefangenen. Am Abend zuvor hatte der Comandante mich in sein Zelt beordert. Er saß auf einer Pritsche, eine schwere Pistole in den Händen drehend. »Eine Neunmillimeter aus chinesischer Herstellung«, erklärte er, »die exakte Kopie der Browning HP. Die Chinesen kopieren alles. Sie arbeiten sauber und genau. Wenn die Schriftzeichen nicht wären, würdest du sie für ein Original halten. Aber die Mechanik ist Scheiße. Bleibt mitten im Nachladen hängen. Äußerlich perfekt, aber im Inneren funktioniert nichts … Genau wie der chinesische Sozialismus.« Ich nickte, um Interesse zu heucheln. Comandante Cayetano war ein legendärer Guerilla-Anführer. Und einer der wenigen Überlebenden. Er war über sechzig und trug einen langen, dünnen Spitzbart à la Onkel Ho, und ganz wie der vietnamesische Revolutionsführer war auch er lang und dünn. Als Sohn eines Zuckerbarons hatte er sich schon in seiner Jugend auf die Seite der Armen und der Indios geschlagen. Ein konsequenter Typ. Hart und mutig, der hatte was in der Hose. Gewiss hatte er mich nicht zum Plaudern holen lassen. Das hatte er nie getan. Ich war ihm nicht sympathisch. »Leg ihn um.« Er hielt mir die Pistole hin. »Ein Schuss genügt.« Ich nickte nochmals. Ich ließ keine Überraschung erkennen und fragte nicht, wen ich umlegen sollte. Ich hatte genau verstanden. »Warum ich?« Die Frage war meine ganze Reaktion. »Weil du auch Italiener bist. Ihr seid zusammen gekommen, ihr seid Freunde. Besser, die Sache bleibt in der Familie«, sagte er in einem Ton, der keine weitere Frage zuließ. Ich nickte zum x-ten Male, und am nächsten Abend drückte ich ab. Niemand im Lager machte eine Bemerkung zu dem Vorfall. Alle hatten es erwartet. Das war alles, diese Exekution aus dem Hinterhalt war meine ganze Erfahrung als Guerillakämpfer. Einen töten, der genau wie ich beschlossen hatte, sein Leben dem Kampf eines zentralamerikanischen Volkes zu widmen. Mit Worten. In Wahrheit waren wir zwei arrogante Arschlöcher, waren aus Italien geflohen und vor den Fötzchen der Universität, wurden wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und irgendwelchen belanglosen Attentaten per Haftbefehl gesucht. Und dann war da noch die Bombe, die wir vor der Industrie- und Handelskammer gelegt hatten und die einen Nachtwächter tötete. Einen Pechvogel kurz vor der Pensionierung. Die Tasche war ihm aufgefallen, er war vom Fahrrad gestiegen und hatte den dämlichen Einfall, die Nase reinzustecken. Den Zeitungen konnten wir entnehmen, dass er allabendlich dort vorbeikam. Wir hatten das einfach nicht kontrolliert, waren zu beschäftigt damit, in der Kneipe mit den Aktionen anderer anzugeben. Nach einer halben Stunde auf der Wache beschloss ein Mädchen, mit dem ich seit ein paar Wochen ging, auszusagen und unsere Namen zu verraten. Wir mussten in aller Eile über die französische Grenze. Als wir dann ein Jahr später in Paris erfuhren, dass wir zu einer Haftstrafe verurteilt waren, sahen wir einander in die Augen und beschlossen, Helden zu spielen. Nur war der Dschungel eine andere Nummer als das Quartier Latin, er war nicht Bergamo und auch nicht Mailand. Und wenn der Feind dich fasste, steckte er dich nicht in den Bau, sondern zog dir bei lebendigem Leibe das Fell über den Kopf. Bei unserer Ankunft waren wir voller Begeisterung und gesundem revolutionärem Eifer, aber nach einer Woche hatten wir begriffen, dass das Leben bei der Guerilla die Hölle war. Glücklicherweise wurden wir nie an vorderster Front eingesetzt. Zum direkten Kampf mit den Rangern der Diktatur und ihren amerikanischen Ausbildern fehlte uns der Mumm, anders als den schweigsamen Indios. Die lächelten nie. Sie lebten und starben unbewegten Gesichts. Mein Freund war mit der Zeit durchgedreht. Er hatte angefangen zu trinken und mit den Soldaten, die unsere Einheit bei ihren Hinterhalten gefangen nahm, seine seltsamen Spielchen zu treiben. Ich hatte ihn gewarnt, dass man in dieser Gegend kein Verständnis für gewisse Schwächen hatte, aber er hörte auf niemanden mehr. Er verbrachte die Tage wie ein Roboter in Erwartung der Nacht. Ich nutzte die Ankunft eines Trupps von Fernsehleuten aus Spanien, um Comandante Cayetano, den gefährlichen Kämpfen und der gerechten Sache, die mir mittlerweile scheißegal war, zu entkommen. Eine kurzbeinige, dickärschige Journalistin hatte ein Auge auf mich geworfen. Ich gab ihr das Gefühl, ein berauschendes Abenteuer mit einem der letzten Kämpfer der Internationalen Brigaden zu erleben. Nach ein paar leidenschaftlichen Nächten erwirkte sie beim Comandante, dass er mich als ihren Assistenten bei den Interviews abstellte. Ich floh zu Fuß über die Grenze nach Costa Rica, nachdem ich versprochen hatte, zu ihr nach Madrid zu kommen. Aber ich hatte keine Papiere, und mit der Aussicht auf lebenslänglich nach Europa zurückzukehren, schien mir immer noch ein zu großes und sinnloses Risiko. Lieber suchte ich mir eine Arbeit am Strand. Investoren aus Europa, vor allem aus Italien, hatten angefangen, an der wunderschönen, unversehrten Küste Hotels hochzuziehen. Es gab keine Verträge, keinerlei Bodennutzungspläne, und die Frage der Baugenehmigung wurde mit einem schlichten Schmiergeldsystem geregelt. Vom Paradies auf Erden zum Paradies aus Beton. Neben Italienisch sprach ich Spanisch und kam mit Französisch sehr gut zurecht. Eine italienische Hotelbesitzerin stellte mich als Barkeeper ein, eine stinkreiche Vierzigerin, sie lebte getrennt, hatte keine Kinder. Eine geschäftstüchtige Mailänderin. Eine von denen, die wissen, woran sie mit einem sind. Als ich mich vorstellte, musterte sie mich von oben bis unten. Der Anblick schien ihr zu gefallen, aber dumm war sie nicht. Sie sagte mir ins Gesicht, ich sei eindeutig ein Terrorist auf der Flucht. Einer von diesen Idioten, die ihr Auto abgefackelt hatten, um mitten in Mailand eine Barrikade zu errichten. Sie wusste noch das Datum. Ich auch. Drei Tage des Zorns, die ganze Stadt stank nach Benzin und Tränengas, zwei Tote, Varalli und Zibecchi. Ich tischte ihr eine kitschige, aber glaubwürdige Story auf. Sie schärfte mir ein, mich unauffällig zu verhalten; die costa-ricanische Polizei hatte keinerlei Sympathien für politische Flüchtlinge. Verglichen mit dem Dschungel erschien mir dieser Ort wirklich wie das Paradies, und zum ersten Mal seit meiner Flucht plante ich, Wurzeln zu schlagen. Mein Schicksal allerdings lag in den Händen der Chefin; nach Feierabend in ihr Bett zu schlüpfen, schien mir die beste Methode, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Sie hieß Elsa und war nicht übel. Klar, am Strand liefen viel schönere und jüngere Frauen herum, aber ich war nicht in der Position, mir solchen Luxus zu erlauben. Sie war ziemlich kompliziert und ließ sich vor dem ersten Kuss zwei Monate umwerben. Sie glaubte nicht daran, dass meine Liebe echt war, und auch fast nichts von dem, was ich ihr erzählte. Es fiel mir nicht schwer zu lügen, es machte mir Spaß, so konnte ich mir eine neue Identität zulegen wie mit gefälschten Papieren. Innerlich. Es erlaubte mir, längere Zeit an meinem wirklichen Leben, das ich zu hassen begonnen hatte, nichts ändern zu müssen. Dieses Leben machte mir Angst. Es beruhte schon zu lange auf Absichtserklärungen, denen ich nie treu geblieben war. Mangels Mut. Im Grunde hatte ich es immer gewusst. Aber es war leicht, in der Kneipe und bei Versammlungen sich selbst und andere zu belügen. Nicht alle waren so wie ich. Im Gegenteil. Ich gehörte jener Minderheit an, die in der Bewegung Freiräume und gesellschaftliche Möglichkeiten gefunden hatte, die die Familie ihnen immer versagt hatte. Hätte ich geahnt, dass der Preis in lebenslänglichem Knast bestehen würde und darin, dass ich einen Freund umlegen müsste, dann wäre ich schön brav zu Hause geblieben und hätte mir geduldig die idiotischen Reden von meinem Alten angehört, das schwachköpfige Gesülze meiner Mutter und die Bigotterien meiner Schwestern. Elsa vögelte gern morgens, bevor sie das Frühstück für die Gäste richten musste. Ich dachte immer, das sei ihr lieber, weil der Sex dann nicht zu lange dauerte. Sie war dabei hastig und fantasielos. Orgasmus. Kuss auf die Stirn. Zigarette. Nach zwei Jahren betrog ich sie zum ersten Mal, mit einer anderen Vierzigerin. Einer aus Florenz, sie hatte eigentlich Mann und Schwägerin an den Hacken, aber wegen sonnenempfindlicher Haut saß sie die meiste Zeit an der Bar. Gin Tonic und großer Mitteilungsdrang. Ein bisschen Übergewicht, aber ein hübsches Gesicht und ein schelmischer Blick. Sie machte mir unmissverständliche Avancen. Und sie war nicht die Einzige, die anderen waren alle jünger und appetitlicher. Aber ich hatte eben eine Schwäche für Vierzigjährige. Mich berauschte die Vorstellung, in ihr Leben einzudringen und mit ihrer Verletzlichkeit zu spielen. Ich betrog Elsa ohne jedes schlechte Gewissen. Danach kamen andere. Ich war etwas über dreißig und hatte einen Knackarsch, wie Elsa sagte. Die Bar war ein strategisch günstiger Posten, und es brauchte keine großen Verführungskünste. Einen Schlafzimmerblick und ein freundliches Lächeln aufsetzen und immer ein offenes Ohr haben. Auf diese Weise verbrachte ich sieben Jahre. Als Elsa dann unerwartet in den Raum hinter der Bar kam und mich mit einer Deutschen überraschte, war alles vorbei. An ihren Namen kann ich mich nicht erinnern, nicht mal an ihr Gesicht, aber diese Frau hat mein Leben verändert. Dieser eine Fick hat mich auf einen Schlag alles gekostet, was ich hatte. Am nächsten Morgen verließ ich das Hotel, eine Tasche in der Hand und nur noch mit dem Wunsch zu verschwinden. Die ganze Nacht hindurch hatte Elsa mir die Arie der betrogenen Wohltäterin vorgeleiert und geschworen, dass sie sich rächen würde. Sie war schon in Ordnung, aber wenn sie wütend war, wurde sie unberechenbar. Ich konnte gerade noch den Pass eines spanischen Gastes aus Alicante mitgehen lassen, der mir einigermaßen ähnlich sah, dann ging ich zu einem Fälscher, einem Stammgast der Bar, der mein Foto einsetzte, und nahm ein Flugzeug nach Paris. Als ich am Flughafen angekommen war, hatte ich eigentlich nach Mexiko fliegen wollen. Das war mir am logischsten erschienen. Dann gingen drei Stewardessen der Air France vor mir her. Ich blieb stehen und beobachtete sie, bewunderte ihre Ärsche. Und dieser Anblick brachte mich zu der Entscheidung, meinem Leben eine Wende zu geben. Es war Intuition, mehr nicht, aber stark genug, dass ich meinen Fluchtplan änderte, trotz des internationalen Haftbefehls, mit dem ich seit zehn Jahren gesucht wurde. Während des Fluges nahm die Intuition allmählich Form an, wurde zu einer unwiderruflichen Entscheidung, dann zu einem glasklaren Plan, und sobald ich in Paris durch den Zoll war, steuerte ich das erste öffentliche Telefon an. Es war nicht leicht, den Mann aufzutreiben, den ich suchte, aber es gelang mir. Er war überrascht, nach so langer Zeit von mir zu hören, und fragte gleich, ob ich Probleme hätte. Ich seufzte und sagte, ich müsse ihn umgehend sehen. Wir trafen uns zur Mittagessenszeit in einer Brasserie gegenüber der Metrostation Gobelins. Ich war früher dort und beobachtete eine Weile die Leute, die ein- und ausgingen. »Enrico, warum bist du zurückgekommen? Was ist passiert? Und Luca?«, fragte er, bevor er aus der Jacke war. Er benutzte unsere Decknamen. Sergio, mein Führungsoffizier aus der Zeit des Pariser Exils, hieß in Wirklichkeit Gianni. Er war immer eine mittlere Charge gewesen und hatte in Frankreich nur Karriere machen können, weil die dicken Fische im Knast gelandet waren. Ich sah ihn an. Ein Bauerngesicht, die Hände voller Schmieröl. Offenbar arbeitete er in irgendeiner Werkstatt. Zeitlebens stand er um fünf Uhr morgens auf, um sein Klassenbewusstsein unter der arbeitenden Bevölkerung zu verbreiten. »Luca ist seit ein paar Jahren tot«, sagte ich. »Sie haben ihn dabei erwischt, wie er mit dem Schwanz von einem der gefangenen Offiziere rumspielte, und haben ihn umgelegt.« »Machst du Witze?« Ich sah ihn nur wortlos an. »Und du?«, fragte er leise. »Mir ist das alles auf den Sack gegangen, jetzt bin ich wieder hier.« Sergio biss in sein Sandwich, um Zeit für eine Antwort zu gewinnen. Er kaute bedächtig und trank seinen Rotwein mit einem Zug halb aus. Ihm war klar, dass ich ein Problem war, und zwar seins. »Was hast du jetzt vor?« Nun war der Augenblick gekommen, meine Karten auszuspielen. »Ich gehe nach Italien zurück. Ich stelle mich als Kronzeuge und fange ein neues Leben an.« Er wurde blass. »Das kannst du nicht machen. Die Überläufer haben uns schon so viele Leute gekostet. Wir sind seit vielen Jahren inaktiv, Enrico. Es gibt die Organisation nicht mehr, keine Organisation gibt es mehr. Der bewaffnete Kampf ist vorbei.« Ich fiel ihm ins Wort. »Dann gibt es ja kein Problem.« »Doch. Du kennst jede Menge Genossen, die nie identifiziert wurden. Alles Leute, die heute ein ganz normales Leben führen. Sie haben es nicht verdient, ins Gefängnis zu kommen.« Ich zuckte mit den Schultern. Ich an seiner Stelle hätte mich wütend angesehen und Todesdrohungen gezischt. Er begnügte sich mit einer schmerzerfüllten Grimasse. »Was ist mit dir passiert?«, fragte er und strich sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich hab dieses Scheißleben satt«, gab ich trocken zurück. »Ich habe nicht die geringste Absicht, den Rest meines Lebens im Exil zu verbringen und jeden Tag Angst zu haben, dass ich wegen ein paar Flugblättern und einem dämlichen Nachtwächter in den Knast wandere.« Sergio versuchte einen letzten verzweifelten Appell an meine Ideale und Werte. Ich bremste ihn mit einer Handbewegung. »Such du eine Lösung, Gianni.« Ich nannte ihn bei seinem Klarnamen. »Sonst lasse ich alle auffliegen. Und deine Schwester übrigens gleich mit, obwohl sie mit nichts was zu tun hatte. Ich erzähle, dass sie mir damals den Sprengstoff gebracht hat, und schon haben die Bullen sie kassiert.« Ich stand auf und ging, ohne ihn noch einmal anzusehen, ließ das halbe Bier und mein Sandwich auf dem Tisch. Das war ärgerlich. Ich hatte kaum Geld, an diesem Tag würde ich mir nichts mehr leisten können. Ich klopfte systematisch bei allen Bekannten aus meiner ersten Pariser Zeit an, und zwar bei denen ohne direkte Verbindungen nach Italien. Ich wusste zwar, dass ich von pensionierten Guerilleros nichts zu befürchten hatte, aber man kann nie vorsichtig genug sein. Ich hatte einen gefälschten Pass, in Italien wartete der Haftbefehl. Ein kleiner Hinweis, und sie würden mich in die Bastille sperren, zu den Basken und Islamisten. Bei einem Paar aus Uruguay fand ich Unterschlupf, Verbannten einer früheren Generation. Er Ingenieur, sie Psychiaterin. Die Frau hörte mir verständnisvoll zu. »Eine Woche«, sagte sie am Ende und hielt dabei den Daumen hoch, damit es ja kein Missverständnis gab. Wenn du in einer europäischen Großstadt in der Scheiße sitzt, ein Dach überm Kopf und drei regelmäßige Mahlzeiten pro Tag suchst, ist es das Beste, systematisch die große Weide der Singles abzugrasen. Wenn du außerdem ein gutaussehender Typ bist und über einige Erfahrung mit späten Mädchen verfügst, wie bei mir der Fall, dann verbessert das deine Chancen beträchtlich. Ich setzte mich in einen Sessel und sah die Samstagsanzeigen in der Libération durch. Natürlich musste ich eine Auswahl treffen, bei der mit gesunder progressiver Gesinnung zu rechnen war, nur so konnte ich mich als Kämpfer für die Freiheit der Dritten Welt präsentieren. Ich strich alle unter Dreißigjährigen und alle, die Kinder an den Hacken hatten, und antwortete auf rund fünfzehn Anzeigen mit Voicebox. Briefe hätten mir zu lange gedauert. Eine Woche darauf schaffte ich meine Siebensachen in Régines Wohnung nahe der Place de la République. Unser erstes Rendezvous hatte in einer Kunstgalerie stattgefunden, bei einer Fotoausstellung. Die Künstlerin war ihre Freundin, sie fand es reizvoll, sich inmitten von Leuten zu treffen, die sie kannte. Ich war entschlossen, den Handel zu besiegeln. Alle anderen Kontakte waren ergebnislos geblieben, ich nahm mir vor, nicht den Schwierigen zu spielen und all meinen Charme auszupacken. Aber Régine war hässlich wie die Nacht, und ich musste mich schwer beherrschen, um nicht auf dem Absatz kehrtzumachen und in der Menge auf den Champs-Élysées unterzutauchen. Sie war siebenundvierzig, höhere Angestellte, lebte seit Jahren getrennt. Ihrem Gesicht und ihrem Körper war anzusehen, dass sie sich gehen ließ und erst dann beschlossen hatte, es mit Kontaktanzeigen zu versuchen, als sie erkannt hatte, dass es zu spät war, um noch einmal der Frau gleichen zu wollen, die sie einst war. Anfangs wunderte sie sich, dass ein zehn Jahre Jüngerer ihr den Hof machte, aber dann ließ sie sich von ihrer Lust auf Sex davon überzeugen, die Gelegenheit beim Schopf zu packen. Ihr einzureden, dass sie eine große Liebesgeschichte erlebte, war leichter, als sie zu vögeln, aber am Ende schlug sie mir von sich aus ein Zusammenleben auf Probe vor, mit der Ausrede, ich bräuchte eine Wohnung und in Paris eine zu finden, könne schwierig werden. Sie erwies sich als äußerst aufmerksame Liebhaberin, und meine Situation war wirklich komfortabel. In Wahrheit war sie eine kleine, unscheinbare Frau, ebenso unansehnlich, wie ihr Leben öde war. Sie musste doch irgendwo tief in ihrem Herzen an all den Lügen zweifeln, die ich ihr unablässig auftischte, alles andere war unmöglich. Aber die Einsamkeit machte sie blind und taub. Immerhin brachte sie ihr letztes bisschen gesunder Menschenverstand dazu, Bargeld und Schmuck hinter Schloss und Riegel zu halten. Diese Tortur ging ein paar Monate. Am Ende hatte Sergio sich etwas einfallen lassen. Er bestellte mich in dieselbe Brasserie wie voriges Mal. Als ich ankam, saß er schon da, in den Anblick eines Viertelchens Roten vertieft. Die reinste Karikatur. Vielleicht träumte er von der Bar um die Ecke zu Hause in Italien, wo er vor vielen Jahren nach der Arbeit ein Stündchen herumsaß, sich den Geschmack der Eisenhütte aus dem Mund spülte und über Politik diskutierte, über die Chefs herzog und über die Parteiführer, die die gemeinsame Sache verraten hatten. Ich setzte mich grußlos vor ihn. »Und?« »Wir wollen dir ein Angebot machen«, fing er an. »Dein Urteil ist rechtskräftig, eine Wiederaufnahme des Prozesses ist die einzige Möglichkeit. Wir haben einen Genossen, der schon lebenslänglich sitzt, überreden können, für dich die Beteiligung an dem Attentat zu gestehen. Er wird erzählen, die Sache belaste sein Gewissen, er hätte das damals mit Luca zusammen durchgezogen, und er wird einige überzeugende Details bringen. Die Anwälte sagen, das funktioniert todsicher, aber mit etwas Knast musst du schon rechnen.« »Wie lange?« »Zwei, drei Jahre, solange das Verfahren läuft. Damit das mit der Gewissenssache glaubwürdig wirkt, kann der Genosse erst gestehen, nachdem du dich gestellt hast. Dann sind da noch die Nebenklagen, aber die sitzt du ab, bis die Wiederaufnahme durch ist.« Das war nicht, was ich wollte. Ich zündete mir eine Zigarette an. »Zu lange«, flüsterte ich. Sergio schüttelte den Kopf. »Auch wenn du bereust und aussagst, stecken sie dich für eine Weile in den Bau. Die Anwälte sagen, das ist das beste Angebot auf dem Markt der Scheußlichkeiten.« »Provozier mich nicht«, sagte ich ruhig. »Ich habe gekündigt, jetzt verhandele ich nur noch über die Abwicklung des Ladens.« Ich bestellte mir ein Bier und überdachte den Vorschlag, während ich rauchte. »Einverstanden. Ich stelle mich an der Grenze.« Sergio seufzte erleichtert. Er zog Block und Stift aus der Tasche. »Schreib alles auf, was du von dem Abend damals weißt, vor allem die Details. Sein Geständnis muss präzise sein.« Während ich schrieb, fragte er, ob ich nicht wissen wolle, was die Freunde und Genossen von früher zu meinem Verrat gesagt hatten. Ich lächelte. »Das weiß ich so schon. Sie haben mich einen Scheißkerl genannt und Rache geschworen: einen Kopfschuss oder einen mit dem Eispickel wie damals Trotzki. Nichts als heiße Luft. Wie immer.« »Willst du nicht mal wissen, welcher Genosse deine Strafe auf sich nimmt?« »Nein. Das lese ich dann in der Zeitung. Außerdem macht er das nur, weil er keine andere Wahl hatte. Ich wette, unter denen, die ich sonst verraten würde, ist jemand, der ihm nahesteht.« Ich klappte das Notizbuch zu und warf einen Geldschein auf den Tisch. »Du hättest wirklich den Tod verdient«, sagte er ernst. »Mach dich nicht lächerlich.« Ich ging, sicher, dass ich ihn nie wiedersehen würde. Ein paar Wochen später brach ich mit einem Schraubenzieher Régines Schreibtischschublade auf, nahm Schmuck und Geld und verließ ihr Leben für immer. Ich hatte vor, mich am nächsten Tag der italienischen Polizei zu stellen, aber bevor ich in den Knast wanderte, wollte ich mir noch einen schönen Tag machen. Den Schmuck versetzte ich für wenig Geld bei einem Hehler in Barbès und nahm in der Gare de Lyon den Zug nach Nizza, wo ich mir ein Zimmer im Luxushotel, eine teure Nutte und ein gutes Restaurant gönnte. Als ich am nächsten Morgen aufwachte, hatte ich keinen Franc mehr in der Tasche. Zur Grenze kam ich per Anhalter. Bevor sie mich ins Gefängnis San Vittore brachten, lieferten die Bullen mich bei der Antiterror-Spezialeinheit im Polizeihauptquartier von Mailand ab. Sie setzten mich in einen Verhörraum. Eine Menge Kippen am Boden, an den grünlichen Wänden einige Blutspritzer und viele Kaffeeflecken. Die Bullen zielten gern mit Pappbechern voll miesem Kaffee nach den Verdächtigen, um ihnen zu zeigen, dass sie ihre Lügengeschichten nicht schluckten. Insgesamt war ich innerlich ruhig. Ich hatte mich gestellt und in die Hände des Gesetzes begeben. Was sollten sie mir jetzt noch anhaben? Ein Typ kam herein, meine Akte unterm Arm. Er war groß, dick, hatte ein niederträchtiges Gesicht und trug einen gut geschnittenen Anzug. Ich senkte den Blick zu seinen Schuhen. Unverkennbar kostspielig. Entweder aus reicher Familie oder korrupt. Ich entschied mich für die zweite Alternative und entspannte mich. Er knallte die Papiere auf den Tisch und setzte sich. »Ferruccio Anedda. Ich bin der Leiter der Spezialeinheit.« Ich beschränkte mich auf ein serviles Nicken. Bullen haben immer gern die Situation im Griff. Ich wollte keinen Ärger. »Wer hat dich dazu gebracht, Südamerika zu verlassen?«, fragte er, um mir gleich zu zeigen, dass sie mehr wussten, als ich dachte. »Das war meine eigene Entscheidung. Ich will reinen Tisch machen …« Er versetzte mir unter dem Tisch einen Tritt. »Wir wissen alles. Du hast die Arschlöcher in Paris erpresst, und jetzt wollen sie dem Gericht eine Komödie vorspielen.« Ich sah ihn bewundernd an. »Habt ihr einen Spion in Paris?« Er neigte den Kopf zur Seite. »Einen?«, fragte er ironisch. »Was wollt ihr?« »So gefällst du mir«, sagte er zufrieden. Dann schlug er einen anderen Ton an. »Wir wollen die Namen von allen, die nie identifiziert wurden. Vor allem die der Unterstützer. Sonst gehe ich mal in einem passenden Moment auf einen Schwatz beim vorsitzenden Richter vorbei, und dann musst du für die Sache mit dem Nachtwächter ganz allein geradestehen.« »Die Anwälte sagen, ich soll mich nicht als Kronzeuge zur Verfügung stellen«, wagte ich zu bemerken, um den Verhandlungsspielraum auszutesten. »Wir wollen dich nicht als Kronzeugen. Wozu auch. Die Organisation ist seit Jahren aufgelöst. Wir wollen nur die Leute beobachten, für den Fall, dass es einem von denen in den Sinn kommt, die Sache wiederzubeleben, dann bemerken wir das sofort und ersparen uns einen Haufen Arbeit.« »Und was hab ich davon, außer dass ich den Nachtwächter los bin?« »Du kriegst kein lebenslänglich, reicht dir das nicht?« Ich breitete die Arme aus. »Ich kann euch sehr nützlich sein.« Der Bulle prustete. »Wir können dafür sorgen, dass dein Aufenthalt im Knast etwas bequemer wird.« Ich zündete mir eine Zigarette an und durchstöberte mein Gedächtnis. Eine Stunde darauf war die Organisation ein für alle Mal erledigt. Ich hätte auch noch Informationen über andere Gruppen auf Lager gehabt, die ich im Laufe der Jahre kennengelernt hatte, aber ich wollte nicht alles Pulver auf einmal verschießen. Dieses Wissen konnte mir später noch nützlich sein. Ich war schon immer ein guter Zuhörer, und das Milieu des bewaffneten Kampfes in Italien glänzte durch restlose Missachtung sämtlicher Sicherheitsregeln. Angeblich waren diese Regeln eisern und dazu geeignet, die Organisation zu schützen, aber in Wirklichkeit respektierte sie kein Mensch, jeder gab seiner Schwäche für Klatsch und Tratsch bereitwillig nach. Bereits am selben Nachmittag saß ich im Gefängnis. Sie brachten mich direkt zur Aufnahme, wo Anedda einem Unteroffizier etwas ins Ohr flüsterte, der sich zu mir drehte und mir zuzwinkerte. Der Häuptling der Spezialeinheit hatte ihm gesagt, was Sache war. Ich sollte auch für das Wachpersonal den Spitzel machen. Ein Beamter nahm mich beim Arm und führte mich zu einem Tresen, wo er ein Registerbuch aufschlug, das aussah, als stammte es aus dem neunzehnten Jahrhundert. »Nachname?« »Pellegrini.« »Vorname?« »Giorgio.« »Geburtsort und -datum?« »Bergamo, achter Mai 1957.« Der Wachmann hielt inne. »Am achten Mai«, wiederholte er. »Heh, der da ist an Gilles Villeneuves Todestag geboren!« »Wusste ich nicht. In welchem Jahr war das?« Der Gefreite sah mich verblüfft an. »Vor zehn Jahren, 1982. Die größte Katastrophe der Motorsportgeschichte.« Er deutete auf eine Wand, wo mit dem Foto des Formel-1-Fahrers und Ferrari-Wimpeln ein kleiner Altar errichtet war. Dann zeigte er mit dem Finger auf meine Nase. »In diesem Büro hier ist man für den AC Milan und Ferrari, verstanden?« In San Vittore lebte ich mich sofort ein. Man konnte leicht eine ruhige Kugel schieben, Hauptsache, man beachtete die ungeschriebenen Gesetze und schiss auf den Rest. Sie gaben mir einen Besen und setzten mich in der Putzkolonne ein. Ich sollte den Gang fegen und die Augen offen halten, vor allem, was die Ausländer anging. Hin und wieder brachten sie mich in ein kleines Zimmer neben dem Wachraum und fragten mich über verschiedene Mitgefangene aus. Ich begriff schnell, dass der Trick darin bestand, über diejenigen, die in der Direktion keine Sympathien besaßen, schlecht zu reden, auch wenn sie sich nichts zuschulden kommen ließen. Mal erfand ich etwas, mal berichtete ich, was ich gesehen hatte. Dann und wann kreuzte Anedda auf, hatte Nachfragen, wollte Verschiedenes genauer hören. Wenn ich etwas brauchte, feilschte ich darum, alles in allem war dieser Bulle ganz locker. Bald nahm er die Gewohnheit an, mir eine Flasche Whisky mitzubringen. Er war mein einziger Besuch. Von meiner Familie kam nie jemand. Am Tag meiner Flucht nach Paris hatten sie mich verstoßen. Mein Vater hatte mir seine Verwünschungen nachgeschrien, als ich die Treppen unseres Mietshauses runterrannte, ohne mich noch einmal umzudrehen. Anfangs litt ich sehr darunter, aber dann hatte das Schicksal mich weitergetragen, und jetzt dachte ich nicht mehr daran. Den Standhaften, der den Tod des Nachtwächters auf sich nahm, kannte ich gut. Er hieß Giuseppe, einer, der sich nicht auf die Kronzeugenregelung eingelassen hatte, sondern Kommunist und Revolutionär geblieben war. Er hatte bei Dalmine gearbeitet, im Röhrenwerk, wie schon Vater und Großvater vor ihm. An der Küchenwand Fotos von Gewerkschafts- und Parteivorstand, von Lenin, Togliatti und Berlinguer. Dann hatte er einen anderen Weg eingeschlagen und war in den Untergrund gegangen. Ein Kronzeuge hatte ihn reingeritten, aber er hatte den Mund nur aufgemacht, um im breitesten Bergamasker Dialekt zu erklären, er sehe sich als politischen Gefangenen. Die in Paris hatten offenbar die Sparschweine geschlachtet. Sie besorgten mir einen Anwalt, der früher im »Soccorso rosso«, der linken Häftlings-Hilfsorganisation, aktiv gewesen war und jetzt als Mitglied einer neuen Mitte-Rechts-Partei ordentlich Karriere machte. Er sagte, er habe meinen Fall übernommen, weil Revisionen gerade in Mode seien, jede Menge Publicity einbrächten und er hier überdies konkrete Aussichten auf Erfolg sehe. Er erwies sich als äußerst geschickt, auch im Umgang mit der Presse. Die Tageszeitungen berichteten über mich und auch ein paar Illustrierte. Die Tage vergingen, und ich begann, mir Gedanken über die Zukunft zu machen. Um nicht mit leeren Taschen hier herauszukommen, machte ich, von den Beamten gedeckt, verschiedene kleinere Geschäfte. Eine Zeit lang nahm ich einen brasilianischen Transvestiten unter meine Fittiche. An den ungeraden Tagen wurde geduscht, dann organisierte ich ihm ein paar Nummern, nicht mehr als fünf hintereinander, um nicht allzu sehr aufzufallen. Einmal Blasen eine Stange Marlboro, und zwei pro Fick. Er bekam zehn Prozent und die Sicherheit, dass ihm niemand das Gesicht zerschnitt. Die Wachleute besuchten ihn morgens um vier beim Zählappell. Aber das ging mich nichts an. Auch weil da nichts zu holen war. Das Gefängnispersonal zahlte nicht. In meiner Zeit in San Vittore machte ich viele interessante Bekanntschaften. Profis aus den verschiedensten Bereichen boten mir ihre Freundschaft an. Früher, da wäre ein Abtrünniger, der zudem noch im Verdacht steht, für die Bullen zu spionieren, abgestochen worden, sobald er die Nase aus der Zelle gesteckt hätte, aber auch der Knast war nicht mehr das, was er mal gewesen war. Die Mühlen der Gerechtigkeit fingen an zu mahlen. Lang sam, aber stetig. Der Oberste Gerichtshof entschied auf Wiederaufnahme und übergab den Fall an das Berufungsgericht von Mailand. Während des Prozesses vermied Giuseppe sorgfältig, mir ins Gesicht zu sehen. Mein Anwalt erklärte dem Gericht in seinem Plädoyer, dieses Verhalten liege dar an, dass er sich schäme, weil er mich zu einem heimatlosen Vagabundendasein gezwungen habe. Ein Blinder hätte gesehen, dass es die reine Verachtung war. Aber auch in den Gerichtssälen waren die siebziger Jahre Vergangenheit. Die Urteilsfindung nahm nicht mehr als ein paar Stunden in Anspruch, nur so lange, bis das Strafmaß bestimmt war. Ich wurde freigesprochen. Noch ein paar Monate Knast wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, und dann sollte der Albtraum endlich vorbei sein, der vor vielen Jahren begonnen hatte, als Sergio mich in eine Bar am Stadtrand bestellt und mir vorgeschlagen hatte, mich der Organisation anzuschließen. Als Kommunist und Untergrundkämpfer. Eines Morgens sagten sie, ich solle Matratze, Laken und Blechgeschirr im Magazin abliefern. Ich war gerade achtunddreißig geworden. Am Ausgang erwartete mich Anedda. »Vergiss nicht, du gehörst der Spezialeinheit von Mailand«, sagte er laut. »Ich bin in Rente«, entgegnete ich verärgert. Er stieß mich brutal gegen die Wand. »Du hast mir jede Menge zu verdanken, und vergiss nicht, dass ein anderer für dich im Gefängnis sitzt.« Ich befreite mich aus seiner Umklammerung und ging davon, dicht an der Gefängnismauer entlang. Ich beobachtete die Freiheit auf der anderen Straßenseite, war aber noch nicht bereit, sie in Besitz zu nehmen. Dann, unterm Wachturm angelangt, überquerte ich die Straße. 1 Flora Das Heimweh nach dem Dorf, aus dem ich stamme, und dem sorglosen Leben von einst war zu einer Kindheitserinnerung erstarrt. Wenn meine Großeltern väterlicherseits, die unmittelbar außerhalb Bergamos wohnten, uns besuchten, brachten sie mir und meinen Schwestern immer eine Schachtel »Otello Dufour« mit. Die besten Bonbons der Welt. Ich schnappte mir eine Handvoll dieser Köstlichkeiten und verkroch mich mit einem Abenteuerroman von Emilio Salgari in meinem Zimmer oder im Garten, wickelte einen Bonbon nach dem anderen aus, legte ihn mir behutsam auf die Zunge, ließ ihn langsam zergehen. Immer mündeten die innigsten und herzzerreißendsten Erinnerungen während der Jahre meiner Flucht und im Gefängnis in dem Bedürfnis nach einem dieser Schokoladenbonbons mit Likörfüllung. Wer einsitzt, muss unablässig daran denken, was er in Freiheit als Erstes tun wird. Meine Sehnsucht trug den Markennamen Dufour. Ich betrat die erste Konditorei und kaufte eine ganze Schachtel. Aber schon, als ich sie öffnete, war mir klar, dass da etwas nicht stimmte. Die Pralinen waren oval statt rund, die Oberfläche bestand nicht mehr aus glatter, geheimnisvoll dunkler Schokolade, sondern war heller und mit Haselnussstückchen gesprenkelt. Ich steckte sie in den Mund und musste feststellen, dass sie überhaupt nichts mehr mit den Otellos von früher gemein hatten. Ich fühlte mich betrogen und hätte am liebsten losgeheult. Jahrelang hatte ich von etwas geträumt, das es nicht mehr gab. Ich ging in den Laden zurück, und die Inhaberin bestätigte mir, dass Otello jetzt der Name für eine Art gefüllter Haselnusspralinés war. »So was essen die Leute heutzutage eben lieber.« Sie zuckte mit den Schultern. Ich warf die Schachtel in einen Mülleimer. Ich war enttäuscht und besorgt. Wenn ich beim ersten Wunsch, den ich mir nach der Zeit im Gefängnis erfüllte, derart reingelegt wurde, dachte ich, dürfte mein künftiges Leben nicht gerade ein Spaziergang werden. Auch Mailand hatte sich verändert. Die Stadt wimmelte von halbverhungerten Ausländern, die das reiche Europa belagerten. Ich war exakt in derselben Lage. Ich war allein, und nach all den Jahren kam es mir vor, als würde ich Italien noch weniger kennen als sie. Ich suchte in einem Kloster Zuflucht, das Exhäftlingen Beistand leistete. Dort sprach ich lange mit einem Priester, einem hartherzigen Mönch vom Orden der Mercedarier, der schon zu lange in den Gefängnissen ein- und ausging, als dass ich ihm irgendwelche Märchen hätte erzählen können. Zu ihm war ich ehrlich. »Ich habe Angst. Ich weiß nicht, wie ich mich in dieser Welt zurechtfinden soll, sie ist anders, als ich sie kannte.« Er fixierte mich lange. »Ich habe in den letzten Jahren ein Auge auf dich gehabt. Du bist ein Mistkerl. Einer von den Schlimmsten.« Dann gab er mir ein paar Klapse auf die Knie. »Aber jeder hat eine zweite Chance verdient. Du kannst für eine Weile hierbleiben, aber wehe, du führst dich auf wie in San Vittore.« Ich bedankte mich bei ihm, und während ich mich zum Gehen wandte, fügte er hinzu: »Und spar dir die Mühe, so zu tun, als wärst du gläubig. Das ist hier nicht nötig.« Das Geld, das ich im Knast gespart hatte, zerrann mir zwischen den Fingern, und was ich im Kloster verdiente, indem ich für eine auf TV-Shopping spezialisierte Firma Schuhregale zusammenbaute, reichte nicht mal für Zigaretten. Jedes Mal, wenn ich ausging, war ich hinterher ein bisschen ärmer. Eine Trattoria als Abwechslung zu dem fürchterlichen Fraß, den bei den Mönchen ein Exjunkie-Paar zusammenkochte, eine Straßenhure als Ausgleich zu der erzwungenen Enthaltsamkeit im Knast, mehr konnte ich mir nicht leisten. Ich ging ins Stadtzentrum und sah stundenlang Leuten und Autos nach. Hier war wahnsinnig viel Geld unterwegs, die Leute troffen nur so vor Selbstsicherheit. Ich hingegen fühlte mich verloren. Ich versuchte, ein paar elegante Mittvierzigerinnen anzumachen. Mailand war voll von Frauen wie Régine, nur waren sie sehr viel anmutiger und aufreizender. Diät, Sportstudio, Friseur. Mich erregte, dass sie immer so miteinander wetteiferten, was Schönheit und Sinnlichkeit anging. Aber keine Hoffnung, auch nur bemerkt zu werden. Mir stand ins Gesicht geschrieben, dass ich ein Außenseiter war. Ich wollte mir eine Arbeit suchen, aber mir wurde klar, dass das kein gangbarer Weg war, sonst wäre ich für immer und ewig am Arsch gewesen. Wäre eine arme Sau geblieben. Ich hatte für die Zukunft etwas ganz anderes vor, als aus der Küchenecke eines Schnellimbisses mit nach Fett stinkenden Haaren der Welt zuzusehen. Geld. Ich brauchte Geld, um aus dem Scheißdreck rauszukommen, in dem ich gelandet war. Dann würde ich eine angesehene Position einnehmen und von Kopf bis Fuß picobello gekleidet durchs Zentrum spazieren, mit gelassenem Siegerlächeln. Denselben Irrtum wie alle, die ich in San Vittore gesehen hatte, würde ich nicht begehen: als kleiner Verbrecherarsch Geld machen zu wollen. Wer es so angeht, hat nur eine einzige Aussicht, nämlich den Knast. Nur wenn das Geld gesellschaftlichen Aufstieg versprach, war es wert, dafür vor Gericht gezerrt zu werden. Als ich noch bei meinen Eltern lebte, bevor ich in den Untergrund ging und mir das Gehirn zukleistern ließ, gehörte ich zu den besseren Kreisen von Bergamo. Wenn ich daran dachte, wie ich diese Gesellschaft verachtet und verspottet hatte, bekam ich Lust, mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen. Bald wusste ich nicht mehr weiter. Ich hätte nicht mal einfach irgendwo einbrechen können. Die Stadt war verriegelt und verrammelt, alles, wo man noch rankam, war fest in der Hand von Banden aus dem Osten, aus Nordafrika oder Asien. Der Priester zwang mich, einen Job in einer Kneipe anzunehmen. Das war mein Glück. Eines Morgens servierte ich einem alten Bekannten aus San Vittore einen Espresso. Er stammte aus Bari und hatte seine Haftstrafe verkürzt, indem er einen Boss der apulischen Mafia, der Sacra Corona Unita, verpfiff. »Und, wie geht’s so?«, fragte ich mit einem Blick auf seinen gut geschnittenen Anzug. »Mir gut«, antwortete er und schaute seinerseits auf meine Plastik-Armbanduhr. »Aber du, was machst du hier hinter der Bar? Das ist doch Verschwendung. Bist du krank oder was? Ein kräftiger junger Mann wie du könnte sich seine Brötchen auf eine etwas würdigere Art und Weise verdienen, oder?« Er hatte einen beleidigenden Ton angeschlagen, und ich hätte am liebsten das Messer genommen, mit dem ich die Zitronenschale runterschnitt, und ihm das Gesicht zerfetzt. Stattdessen lächelte ich ihn an. »Ich warte noch auf eine passende Gelegenheit.« Er trank seinen Kaffee, dann winkte er mich heran. »Ich habe im Veneto einen Laden aufgemacht, bei Treviso«, erklärte er. »Eine Lap-Dance-Bar, ein Lokal, wo hübsche Mädchen oben ohne tanzen, die Gäste sabbern und stecken ihnen Geldscheine in den Slip. Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann und der sich um die Kontakte zwischen den Gästen und den Mädchen kümmert. Vielleicht interessiert dich das ja.« »Die Bezahlung?« Er entblößte eine Reihe nikotingelber Zähne. »Die ist gut, sehr gut. Versprochen.« »Dann interessiert es mich«, sagte ich eifrig. Er steckte mir eine Visitenkarte mit Reklame für das Lokal zu. Es hieß Blue Sky. Wie originell. »Komm morgen Abend hin.« Als er die Tür zum Gehen aufmachte, fiel ihm noch etwas ein, und er kam zurück. »Ich weiß, dass du ein Spitzel bist«, flüsterte er. »Ich auch. Nur, dass du Bescheid weißt und mir nicht in die Quere kommst.« Das Blue Sky war eine Exdiskothek. Die verlassene Landschaft ringsum garantierte den Gästen eine gewisse Diskretion. Eine Geldfabrik, in der, wie der Besitzer erklärt hatte, ein paar Dutzend Mädchen den Gästen mit dem Hintern vor der Nase rumwackelten, und die steckten ihnen Geldscheine in den Tanga. Nicht alle waren Schönheiten. Das Gesicht zählte aber auch kaum. Einstellungsvoraussetzung waren in dieser Reihenfolge: Titten, Beine, Größe, Arsch. Für zweihundert Scheine pro Tag musste ich mich um die Gäste kümmern, die eine Privatvorstellung wünschten. Sie kamen zu mir, deuteten auf eine Tänzerin, und wenn die frei war, brachte ich sie in ein Séparée, wo sie exklusiv für diesen Gast tanzte. Dann und wann konnte ich einem ein Trinkgeld rauslocken, der Lohn war nicht schlecht, aber auch dieser Job würde mich nicht wirklich weiterbringen. Allenfalls würde ich selber mal so einen Schuppen besitzen. Wie der Mann aus Bari mit seinen Goldkettchen am Handgelenk und um den Hals und den vier Zentimeter langen Nägeln an den kleinen Fingern. Ein respektabler Gangster. Aber so einer wie er wollte ich nicht sein. Das Veneto hingegen gefiel mir. Ein Grenzgebiet, in dem jeder die Chance hatte, sich eine erfolgreiche Zukunft aufzubauen. Ein bisschen Fantasie und Initiative, Tatkraft und vor allem keine Angst, den Nächsten in den Arsch zu ficken. Besonders den Staat und seine Scheißsteuern. Ich kannte Leute, die nichts als Lumpen auf dem Hintern hatten, aber dann fanden sie das passende Business, und jetzt saßen sie mit demselben Hintern auf den Ledersitzen ihres Mercedes und hauten an einem Abend mit den Mädels eine Million Lire auf den Kopf. Nach drei Monaten Knechterei beschloss ich also, den Boss zu betrügen. Das war nicht ohne Risiko, der Typ war so schlau, misstrauisch und aufmerksam, wie man sein muss, wenn man sich Respekt verschaffen will. Damit jeder klar sah, woran er bei ihm war, trat er immer in Gesellschaft seiner beiden rumänischen Gorillas auf, zwei stämmigen, brutalen Exbergarbeitern. Sie hatten zur Truppe von Miron Cozma gehört, der seine Bergleute nach Bukarest geführt hatte, um den aufständischen Studenten eine Abreibung zu erteilen. Die beiden waren nicht wieder in die Kohlegruben zurückgekehrt, sondern über die Grenze gegangen, um ihr Glück zu suchen. Ich wollte schlauer sein als mein Boss und zweigte für den Anfang erst mal was von den Einnahmen aus den Einzelvorstellungen ab. Dazu vermittelte ich bevorzugt diejenigen Mädchen, die bereit waren, mir eine Beteiligung zu geben. Zehn Prozent pro Kunde. Das brachte nochmal drei-, vierhunderttausend Lire pro Abend. Da ich selbst Buch führte und die Einnahmen verwahrte, konnte ich an Abenden, an denen es hoch herging und die Mädchen über zwanzig Privatvorstellungen gaben, einen Gast »vergessen« und das Geld einstecken. So konnte ich an den Wochenenden bis auf eine Million pro Abend kommen. Eines Samstags kurz vor Schließung des Lokals winkte mir eine zickige Slowenin, ich solle ihr nach hinten in ein Séparée folgen. Sie machte mir eine Szene, zeterte, sie wolle ihr Geld zurück, sonst würde sie dem Chef alles verraten. Auf diesen Moment war ich natürlich vorbereitet und reagierte unverzüglich. Ich schlug ihr in den Magen, weit oben, denn die beiden Rumänen hatten mir erklärt, dass Ohrfeigen den Nutten nichts ausmachten, die seien sie gewohnt. Sie fiel zu Boden. Ich packte sie bei den Haaren, zwang sie auf die Knie und steckte ihr den Schwanz in den Mund. Ich spürte, wie sie sich entspannte, sie dachte, sie komme billig weg. Ich ließ sie machen. Dann zog ich sie jäh hoch, drehte sie um, knallte sie gegen die Wand, riss ihr den Slip runter und fickte sie in den Arsch. Sie wollte sich losmachen, aber ich drehte ihr die Arme auf den Rücken und hielt sie fest. »So, erzähl das den anderen«, sagte ich, als ich mir die Hose zuknöpfte. »Und nicht vergessen: Wer nicht mitspielt, reist nach Hause. Ich kenne die richtigen Leute bei der Polizei. Verstanden?« Sie ließ den Kopf hängen. Ich nahm sie beim Kinn. »Du brauchst nichts zu befürchten. Ich verzeihe dir, ich lasse dich nicht ausweisen.« »Entschuldigung. Ich wollte keinen Ärger machen«, sagte sie unter Tränen. »Braves Mädchen. Was ein bisschen Erziehung doch bewirkt.« Ich tätschelte ihr die Wange. Die dumme Pute war voll reingefallen. Außerdem war sie kaum neunzehn und erst vor kurzem gekommen. Sie träumte davon, sich als Tänzerin in Las Vegas das Höschen mit Dollars vollstopfen zu lassen. So dämlich, wie sie war, würde ihr das nie gelingen. Mittlerweile konnte ich mir eine Mietwohnung im Städtchen leisten. Bisher wohnte ich in einem Zimmer über dem Club. Natürlich half mir ein Makler, der bei uns Kunde war. So lief das bei uns. Wenn einer was brauchte, wandte er sich an den passenden Gast. Im Ort kannten sie uns alle, auch diejenigen, die das Blue Sky noch nie betreten hatten, und begegneten uns mit aufgesetzt moralischer Empörung, wie zu Zeiten der Freudenhäuser, typisch bigotte Dörfler. Sogar die Witwe Biasetto, unsere Putzfrau, erlaubte sich verächtliche Bemerkungen. Aber die Gäste hatten wir bei den Eiern. Wir wussten alles über sie, bei den Mädchen beichteten sie gründlicher als sonntags in der Kirche. Jetzt, wo ich meine Wohnung bezog, die Hälfte eines Zweifamilienhauses, die ich dank verschiedener Möbelhändler, die sich gern im Séparée aufhielten, günstig hatte einrichten können, bewegte ich mich ungeniert durch den Ort, ohne mich um die Blicke der Leute zu kümmern. Ich hätte mir auch einen ordentlichen Wagen leisten können, aber so was fällt auf, vor allem den Carabinieri, die mich jedes Mal anhielten, wenn sie mich sahen. Die Kontrolle meiner Papiere ergab, dass ich ein Exterrorist war, das war ihr Vorwand, meinen Wagen zu durchsuchen und mich über die Geschäfte meines Chefs auszuquetschen. Sie hofften, Koks bei mir zu finden, das im Blue Sky nur so vom Himmel schneite, aber so blöde war ich nicht. Also musste ich mich mit einem gebrauchten Fiat Panda begnügen. Mit diesem Kleinwagen sah ich aus wie der letzte Laufbursche. Ich tröstete mich mit dem Traum von der dicken Kutsche, die ich mir irgendwann anschaffen würde. Eines Nachmittags im Winter, als ich unter den Arkaden der Ortsmitte bummelte, blieb ich vor dem Schaufenster eines Schuhgeschäfts stehen. Der Inhaber war hemmungslos scharf auf Tänzerinnen und Koks. An der Kasse bemerkte ich eine schöne Vierzigerin, blond, Stupsnase, volle Lippen, blaue Augen. Ich wechselte an ein anderes Schaufenster, um einen besseren Blick auf sie zu haben. Sie trug ein schwarzes, sehr eng geschnittenes Kostüm und schwindelerregend hohe Absätze. Ich ging hinein, um ein Paar Mokassins anzuprobieren, die ich nicht brauchte, und sorgte dafür, dass sie mich bediente. Um ihre Augen spann sich ein Netz aus feinen Fältchen, sie hatte den harten Gesichtsausdruck einer Frau, die sich ihren Wohlstand hatte hart erkämpfen müssen. Ich fand heraus, dass sie Flora hieß. Ich flirtete ein wenig mit ihr und kaufte die Schuhe. An den Tagen darauf ging ich wieder hin, und wenn ihr Mann nicht da war, nutzte ich die Gelegenheit für einen kleinen Plausch. Sie wurde immer abweisender. Eines Morgens sah sie sich um, ob auch wirklich keine Kunden im Laden waren, und sagte mir in klaren Worten, ich solle aufhören, ihr nachzustellen. Sie sprach Dialekt, mit Ausdrücken, so hart wie Ohrfeigen. Ich brummelte irgendwelche Entschuldigungen und ging. Ich wollte sie vergessen, aber Flora ließ meine Gedanken nicht los, im Gegenteil, sie wurde zu einer fixen Idee. Von morgens bis abends dachte ich nur an sie. Eines Nachts kam ihr Mann ins Blue Sky. Er wollte Kokain auf Kredit besorgen. In diesem Augenblick war mir klar, wie ich seine Frau ins Bett bekommen konnte. Ich fing an, ihm reichlich Drogen und Mädchen zu beschaffen, mit dem Versprechen, er könne zahlen, wann immer er wolle. Er ließ sich einwickeln wie der letzte Idiot. Dann eines Tages tauchte ich bei ihm im Geschäft auf. Ich winkte ihn zu mir. Flora war auch da, ich zwinkerte ihr zu. »Deine offene Rechnung beläuft sich inzwischen auf zwanzig Millionen. Jetzt geht’s so langsam mal ans Zahlen.« Er wurde blass. »So viel habe ich nicht. Du musst dich gedulden.« »Ich habe so viel Geduld, wie du willst«, log ich mit gespieltem Verständnis. »Das Problem ist der Boss. Du weißt, wie die ticken, diese Scheißsüditaliener, wenn einer nicht zahlt, sehen sie rot. Er schickt dir die Rumänen, und die brechen dir Arme und Beine. So funktioniert das.« »Hilf mir, bitte«, jammerte er verzweifelt. »In einer Woche verdoppelt sich die Summe. Du kennst die Regeln. Du bist kein kleiner Junge mehr.« »Hilf mir, wir sind doch Freunde.« Ich tat so, als würde ich Flora erst jetzt bemerken. »Wer ist die schöne Dame?« »Meine Frau«, antwortete er überrascht. Ich packte ihn am Arm und drückte brutal zu. »Dann weißt du, unter welchen Bedingungen ich dir helfen kann.« Ich ließ locker und ging. An diesem Abend ließ sich der Schuhhändler nicht im Blue Sky blicken. Ein paar Tage später, als ich morgens um vier das Lokal verließ, blinkte ein Wagen auf. Ich ging hin. Es war Floras Hyundai-Coupé. Sie ließ die Scheibe hinunter. »Ich fahre hinter dir her«, sagte sie ohne jede Emotion. Zu Hause bat ich sie, es sich im Wohnzimmer bequem zu machen. Sie zog die Pelzjacke aus. »Fickst du mich hier oder im Bett?«, fragte sie ätzend. »Verschwinde«, gab ich zurück. »Sag deinem Mann, morgen sind die vierzig Millionen fällig, oder die Rumänen kommen. In den Laden. Dann weiß der ganze Ort, wie er das Geld verhurt.« Sie hob resigniert die Arme. »Entschuldigung.« Die Puppe ließ sich also zähmen. Ich beschloss, sie noch ein bisschen zappeln zu lassen, und setzte sie vor die Tür. Zwanzig Minuten ließ ich sie in der Kälte stehen. Sie bewegte sich nicht von der Stelle, sondern klingelte unentwegt. »Hau ab«, rief ich durch die Sprechanlage. »Lass mich rein. Sonst sieht mich noch wer.« Ich drückte auf den Türöffner und ging zum Sofa. Als sie eintrat, bedeutete ich ihr, sich neben mich zu legen. Ich streichelte ihr mit dem Handrücken das Gesicht, dann griff ich ihr unter den kurzen Lederrock und spielte mit dem Bund der Nylonstrümpfe. »Du hast dich zurechtgemacht wie eine Nutte«, lachte ich, um sie zu beleidigen. Sie senkte den Kopf. »Weil ich es muss, um den Laden und unseren Ruf zu retten. Meinen und den von meinem Mann, dem Arschloch. Übrigens, wie lang soll das hier gehen?« »Bis dein Mann seine Rechnung beglichen hat. Ohne Zinsen natürlich. Die Zinsen zahlst du.« »Unter einer Bedingung: Mein Mann betritt euren Laden nie wieder.« »In Ordnung.« Das war mir nur recht. Natürlich durfte ich nicht riskieren, dass der Bursche zugekokst und besoffen anfing, die Geschichte mit seinen Schulden rumzuerzählen. Mein Chef würde das sofort erfahren. Ich näherte mich ihr, um sie zu küssen. Sie schob mich weg. »Nein, keine Küsse.« Ihre Weigerung erregte mich nur noch mehr. Ich zwang sie, mir in die Augen zu sehen. »Jetzt werden wir beiden knutschen wie zwei Teenies bei ihrem ersten Mal, sonst ist der Handel geplatzt.« Die Sache mit Flora ließ mich unkonzentriert werden. Sobald ich an sie dachte, bekam ich einen Ständer, und wenn ich es nicht mehr bis nachts aushielt, ging ich in der Mittagspause in den Laden, wartete, bis die Angestellten weg waren, und legte Flora im Lager zwischen den aufgestapelten Schuhkartons flach. Als zwei Rumäninnen neu ins Blue Sky kamen, machte ich mir nicht viele Gedanken und verlangte auch von ihnen meinen Anteil. Logischerweise erzählten sie das sofort den beiden Gorillas. Am Feierabend kam der Boss lächelnd zu mir und bat mich, mal ins Büro zu kommen. Die Rumänen brachen mir den linken Arm. Der Knochen knackte wie ein trockener Ast, es tat unerträglich weh. Ich kotzte auf die Auslegeware. Dafür kassierte ich noch einen Faustschlag auf den Bruch. Dann setzten sie mich in einen Sessel vor den Boss. »Zugegeben, das hast du raffiniert angestellt.« Er betrachtete die Nägel seiner kleinen Finger. »Intelligente Menschen verdienen Respekt. Darum hab ich meinen Männern gesagt, sie sollen dir nur ein bisschen wehtun. Die Mädchen verdienen eigentlich wirklich genug. Du steckst ab sofort das Geld von jeder zehnten Séparéenummer ein, aber für die Kasse. Wenn ich dich noch einmal dabei erwische, dass du etwas veruntreust, landest du unter der Erde. Die Jungs können tüchtig graben.« Ich sah die beiden Gorillas an. Erst würden sie mich zu Tode prügeln, dann die Schaufeln aus dem Kofferraum holen. »In Ordnung. Wird gemacht«, versprach ich, erleichtert, dass er von der Erpressung des Schuhhändlers nichts zu wissen schien. Sonst wäre der andere Arm auch fällig gewesen, und ich hätte Flora vergessen können, genau wie die zwanzig Millionen Lire, die ich irgendwann von ihrem Mann kassieren wollte. Am nächsten Abend sahen mich die Tänzerinnen zufrieden und mit verächtlichem Lächeln an. Um für Ruhe und Ordnung zu sorgen, musste ich eine Szene im Hinterzimmer hinlegen und ein paar Cremedöschen an die Wand pfeffern. Wieder verdiente ich nur zweihundert Scheine pro Abend, und die Aussicht darauf, mit leeren Taschen dazustehen, zwang mich zu raffinierteren Lösungen. Trotz aller Gedanken an Flora. Diese Frau hasste mich. Nie im Leben würde sie freiwillig mit mir ins Bett gehen. Genau das machte mich scharf. Ich zwang mich, bei der Arbeit nicht an sie zu denken, und bald hatte ich meine Finanzen wieder im Griff. Der Inhaber einer Werkstatt, in der falsche Florentiner Spitzen hergestellt wurden, bat mich um Hilfe beim Einschleusen einer Gruppe bulgarischer Stickerinnen. Das war kein Problem. Er zahlte fürstlich. Das Gerücht machte die Runde, dann brauchten ein paar andere Geschäftsleute, die im Auftrag einer aus dem Fernsehen bekannten Jeansmarke Hosen nähten, Arbeitskräfte aus China. Es ging darum, einen Lieferwagen von Mailand nach Treviso zu fahren, und der Umschlag, den ich mir als Vorauszahlung geben ließ, war prall mit Fünfhunderttausendern gefüttert. Der Inhaber einer Fischzucht beauftragte mich, den Teich eines Konkurrenten zu vergiften. Als ich die Kanister ausleerte, fing das Wasser an zu brodeln, und tote Forellen trieben an die Oberfläche. Ich machte immer alles mit Ruhe, Angst hatte ich nie. Ich dachte nur an das Geld. Im Blue Sky verkehrten natürlich allerlei Kriminelle. Italiener wie Ausländer. Aber mit diesen Leuten wollte ich nichts zu schaffen haben, ich begegnete ihnen höflich, aber distanziert. Trotzdem hatte ich ein Auge auf sie, und bald war mir klar, dass ehrbare Bürger und Gauner sich hervorragend ergänzten. Häufig war ich Zeuge, wenn sie miteinander Geschäfte machten, vor allem in Versicherungsdingen: Scheunenbrände, Diebstahl aus Lastern, Raub. Verbrechen oder Unfälle, bei denen Waren verlorengingen, die es nur auf dem Papier gab. Die Ordnungshüter kontrollierten das Lokal, aber auch sie bekamen ein schönes Stück vom Kuchen ab. Der Chef versorgte sie mit Handgeld und Informationen, das war seine Art, das zu managen. Das erste richtige Geld machte ich, indem ich einen Familienvater reinlegte, der ganz wild auf die Tänzerinnen war, zu seinem Unglück aber mit seinem Gehalt als Finanzbeamter auskommen musste. Das erste Mal kam er gemeinsam mit zwei Industriellen aus der Gegend. Ich war schon vorab informiert und hatte ein paar Privatvorstellungen mit den hübschesten Mädchen arrangiert. Sofort war klar, dass dem Typen eine Dominikanerin besonders gefiel, groß und schlank. Ich organisierte dem Herrn eine Nummer im Séparée. Dem Mädchen sagte ich, sie solle es ihm mit dem Mund besorgen, die beiden Begleiter würden gut dafür zahlen. Bald war er ein Stammgast. Zunächst gab er nicht mehr aus, als er sich leisten konnte, und ich musste ihm lange zureden, bis er mir glaubte, dass ich ihm zinslosen Kredit verschaffen konnte. »Das ist dasselbe, wie wenn du ein Auto auf Ratenzahlung kaufst«, lächelte ich. Schließlich gab er nach, und als die Schulden für ihn unbezahlbar waren, legten die beiden Industriellen ihm dar, wie er sich aus der Affäre ziehen konnte, indem er bei ihren Unternehmen beide Augen zudrückte. Er hatte sich genauso willig verarschen lassen wie Floras Mann. Während meiner Zeit im Blue Sky sah ich viele wie diese beiden. Dabei lief das Spiel doch mit offenen Karten. Ich habe immer gedacht, dass diese Leute, mal abgesehen von den Naivlingen und Idioten, nur darauf warteten, sich reinziehen zu lassen. Die Falle mit den Tänzerinnen oder dem Kokain war für sie die willkommene Gelegenheit, den Sprung zu machen und das Leben zu genießen. Das Lokal war eine Welt für sich, die nur nachts existierte und tagsüber verschwand. Mit der Zeit bekam ich Angst davor. Wenn ich hier noch lange arbeiten würde, könnte ich mich nie mehr daraus befreien. Irgendwann würde ich die echte Wirklichkeit von dieser falschen mit ihrem Zwielicht und den grell geschminkten Gesichtern der Tänzerinnen nicht mehr unterscheiden können. Als meine Ersparnisse sich auf sechzig Millionen Lire beliefen, sah ich den Moment gekommen, mich nach etwas anderem umzusehen. Nur war es nicht so leicht, von dem Boss loszukommen. Ich konnte nicht einfach kündigen. In seiner Denkweise als süditalienischer Mafioso gebührte diese Entscheidung ihm allein, und bislang war ich ihm noch nützlich. Während ich auf eine günstige Gelegenheit wartete, meinen Vertrag mit dem Blue Sky aufzulösen, wurde ich eines Nachts von den Rumänen gerufen. Sie wollten vier Albanern eine Lektion verpassen, die ein paar von unseren Tänzerinnen im Ort belästigt hatten. Ich wollte ihnen erst ausreden, mich zu der Strafaktion mitzunehmen, aber mir war klar, dass ich mich nicht allzu sehr sträuben durfte, sonst riskierte ich selbst eine Tracht Prügel. Wir nahmen einen gestohlenen Wagen. Einer der beiden gab mir einen Spatenstiel. Die Albaner wohnten in einem zwischen rauhreifbedeckten Weinbergen und Sojabohnenfeldern isoliert gelegenen Bauernhaus. Der Plan der Gorillas war schlicht. Tür eintreten, brüllend reinrennen, nach rechts und links austeilen. Das Schicksal bescherte mir den Einzigen der vier Albaner, der mit einem Messer bewaffnet war. Ich versuchte, ihm eins überzuziehen, aber er wich aus, und der Schlag landete auf seinem rechten Knie. Vor Schmerz wurde er ohnmächtig. Einer der beiden Rumänen bellte, ich solle ihm das Gesicht zu Brei hauen. Wütend schlug ich zu, dreimal. Zu Hause musste ich meine Hose wegwerfen, so voller Blut war sie. Der Vorfall beschäftigte die örtlichen Zeitungen eine Weile. Einen Toten hatte es gegeben, eingeschlagener Schädel. Vielleicht war das meiner. Vielleicht auch nicht. Die Albaner waren für alle Gesindel, und in der Bar des Ortes wurde die Sache mit einer Runde Prosecco gefeiert. Eines Morgens nach der Arbeit wartete Flora im Wagen vor meiner Wohnung. Lächelnd ging ich hin. Eigentlich waren wir nicht verabredet, und für einen Moment gab ich mich der Illusion hin, sie hätte Sehnsucht nach mir. Sie ließ das Fenster hinunter und lächelte mich an wie nie zuvor. Sie trug schwarze Handschuhe und reichte mir einen Umschlag heraus. »Hier, die zwanzig Millionen. Restlos. Endlich bin ich dich los«, sagte sie befriedigt. Ich erstarrte. Ich wollte sie nicht verlieren, die Macht, die ich über sie genoss. »Flora …« »Flora am Arsch«, unterbrach sie mich wütend. »Verschwinde aus meinem Leben.« Sie ließ den Motor an und wurde von der Nacht verschluckt. Ich wusste, dass ich sie für immer verloren hatte. Wenn ich sie bedrängte, würde sie sich bei meinem Boss beschweren, und dann säße ich wirklich in der Scheiße. Ich ging hinein. Mit einem Messer löste ich die Fliesen unterm Wachbecken und versteckte das Geld bei meinen übrigen Ersparnissen. Achtzig Millionen. Damit sollte sich doch etwas anfangen lassen. Am nächsten Tag spazierte ich durch die Ortsmitte. Als ich an Floras Geschäft vorbeikam, blieb ich nicht mal vorm Schaufenster stehen. Ich war wieder auf der Suche nach einer Frau und suchte den Ort geduldig ab. Aber eine, die so schön und sinnlich war wie sie, fand ich nirgends. In der Nacht darauf, nach einem langweiligen, wenig belebten Abend, verließ ich das Lokal etwas früher als sonst. Ich fuhr in einen Nachtclub nach Jesolo, es hieß, da arbeite eine englische Animierdame von über vierzig. Eine Enttäuschung. Ein dünner Hering ohne Busen. Ich lud sie zu einem Drink ein, ließ mir ein bisschen dummes Zeug erzählen und ging wieder nach Hause. Dann und wann wäre ich gern zu Flora gegangen, aber ich beherrschte mich, aus Angst. Nur deswegen. Sonst hätte ich jeden Unsinn getan, um wieder bei ihr zu sein. Dann fing ich etwas mit der Witwe eines großen Mafioso aus Mailand an. Ihr Mann war in einem Spezialgefängnis ermordet worden, so hatte sie Macht und Geld verloren und musste sich als Hure in den Hotels durchschlagen. Sie spielte die feine Dame von Welt, die sich um die kahlköpfigen fünfzigjährigen Vertreter mit dickem Portemonnaie kümmerte. Ich sprach sie an, nachdem ich beobachtet hatte, wie sie erfolglos versuchte, mit dem Inhaber einer Käsefabrik aus dem Aostatal ins Gespräch zu kommen. »Bin ich dir nicht ein bisschen zu reif?«, fragte sie erstaunt. Ich betrachtete sie. Sie musste früher äußerst attraktiv gewesen sein, jetzt, mit über fünfzig, kämpfte sie mit der Zeit und den Falten, um nicht für dreißig Scheine pro Nummer auf der Straße anschaffen gehen zu müssen. »Willst du jetzt einen trinken oder zurück zu dem Käsetypen?«, unterbrach ich sie. Sie war lebenserfahren und sympathisch, plauderte gewandt, aber nicht zu viel, um nicht geschwätzig und aufdringlich zu wirken. Mit ein paar geschickten Fragen fand ich heraus, dass es für sie nicht besonders gut lief. Genau das hatte ich hören wollen. Mich erregte die Vorstellung herauszufinden, wie weit sie sich für ein bisschen gutes Geld erniedrigen lassen würde. Irgendwann, sie erzählte gerade ein paar Anekdoten von einer Reise nach Wien, unterbrach ich sie. Ich neigte mich vor und flüsterte ihr eine Zahl ins Ohr. Dann fragte ich sie, ob sie bereit wäre, etwas Bestimmtes mitzumachen. Sie tat empört, aber ich konnte ihr am Gesicht ansehen, dass sie schon beschlossen hatte, es zu tun. So spielte ich ein paar Monate lang mit ihrem Selbstwertgefühl. Mehr als einmal hatte sie Tränen in den Augen, wenn ich ihr das Geld gab. Eines Nachts fragte sie mich, wie ich so widerlich sein konnte. Dann ging sie. War auch besser so. Ich hatte es selber satt, außerdem ging die Geschichte ganz schön ins Geld. Aber ihre Frage machte mich nachdenklich. Sie hatte recht, ich war widerlich, ein Mistkerl, wie der Priester gesagt hatte. Deswegen schämte ich mich aber kein bisschen. Es war mir zwar bewusst, aber es tat mir wirklich gut, Frauen auf diese Weise zu unterwerfen. Es half mir zu überleben. Meine Vergangenheit zu ertragen, die Schikanen meines Chefs und die Scheißatmosphäre im Lokal. Im Grunde war das alles ein Tauschhandel, der beiden Seiten zugutekam. Ich war nicht immer so gewesen, aber die Erfahrungen, die ich gemacht hatte, hatten mich verändert. Tiefgreifend. Ich konnte spüren, dass etwas in mir zerbrochen war. Irgend so ein Psycho-Arsch hätte vielleicht gesagt, der Knast hatte mich innerlich aus dem Gleichgewicht gebracht. Im Grunde war das Verhältnis zwischen Wachen und Insassen nicht so anders als meines zu Flora oder der Witwe. Vielleicht war es auch schon früher passiert. In Paris oder in Südamerika. Aber ich hatte keine Lust, allzu viel darüber nachzugrübeln. Für mich war San Vittore ein großer, unzusammenhängender Haufen von Erinnerungsbruchstücken, Geräuschen und Gerüchen. Mit einiger Konzentration hätte ich das alles im Gedächtnis vernünftig ordnen können. Aber ich hatte Angst, daran zu zerbrechen. Es war noch nicht lange genug her. Einen Sinn in meinem Leben, eine mögliche Zukunft konnte ich nur erkennen, indem ich mich immer wieder in Extremsituationen brachte. Ich war gern ein Mistkerl. Endlich hatte ich die Möglichkeit, zu den Gewinnern zu gehören. Es wurde Sommer. Das Geschäft lief immer lebhafter, ich hatte noch keine Gelegenheit gefunden, mich abzusetzen, ohne den Boss zu kränken. Eines Tages sagte der Barkeeper, ich hätte Besuch. Ich erkannte den Mann von hinten. Zu oft hatte ich ihn den Wäschekarren durch den Flur von Bau sechs in San Vittore schieben sehen. Er hieß Francesco Casu, genannt Ciccio Formaggio, denn sein sardischer Nachname bedeutete tatsächlich »Käse«. Nach Sardinien fuhr er aber nur im Sommer, seine Großeltern besuchen. Sonst lebte er in Mailand, wo er auch geboren war. Auch ihm hatten die Außerparlamentarischen das Gehirn gewaschen, auch er hatte ein paarmal tapfer Riesenblödsinn gebaut, dann hatte er sich schnappen lassen und als Kronzeuge ausgesagt. Ich hatte keinerlei Respekt vor diesem Typen, er war ein absoluter Loser, und ich hoffte, dass er nicht die ganze Reise gemacht hatte, um mich wegen eines Jobs anzubetteln. Aber ich irrte mich. Er war es, der mir einen Job anbot. Einen Raubüberfall. Eine Milliarde Lire. Mindestens. Ich sah ihm direkt in die Augen. »Wieso kommst du ausgerechnet zu mir?« Er breitete die Arme aus. »Ich habe zwar den Tipp bekommen, aber ich habe keine Ahnung, wie man so was durchzieht. An dich habe ich wegen deiner Erfahrungen bei der Guerilla gedacht. Du kannst sicher eine militärische Operation planen.« »Wer hat dir den Tipp gegeben?« »Er arbeitet bei einem privaten Sicherheitsdienst.« »Die singen als Erste.« Er senkte die Stimme. »Wenn es ans Teilen geht, legen wir ihn um. Dann springt für alle mehr raus.« »Wer weiß sonst noch von der Sache?« »Der Typ, von dem ich den Tipp habe, und du, sonst niemand.« »Das Ziel?« »Ein Geldtransport in der Provinz Varese. Jeden Samstagabend fährt er bei einem Einkaufszentrum vor, um die Wocheneinnahmen abzuholen, pünktlich wie die Schweizer Eisenbahn. Zwei Männer steigen aus, holen das Geld aus der Geldklappe der Hauptkasse und verschwinden wieder.« »Kommt das hin von wegen eine Milliarde Lire?« »Ja. Ich sage ja, mindestens eine Milliarde. Mein Mann sagt, weniger als eineinhalb Milliarden sind es nie.« Ich trank meinen Gin Fizz und überlegte. Die Summe war das Risiko wert, wieder im Gefängnis zu landen, vor allem, wenn nur zwei, drei Leute sie teilen mussten. Der Tippgeber würde als Erster dran glauben müssen, dann Ciccio Formaggio, der war zu dumm, als dass ich ihn mit einem Geheimnis weiterleben lassen konnte, das mich betraf. Für die anderen würde ich mir später was ausdenken. »Bevor ich mich entscheide, will ich mir den Ort ansehen.« »Kein Problem. Ich organisiere dir das.« Samstags darauf schob ich einen randvollen Einkaufswagen über den Parkplatz des riesigen Supermarkts. Ich tat so, als wüsste ich nicht mehr, wo ich meinen Wagen geparkt hatte, und ließ dabei die in die Außenwand eingelassene Stahlklappe nicht aus den Augen, hinter der das Geld wartete. Laut Ciccio Formaggios Informanten musste der Transporter in wenigen Minuten eintreffen. Pünktlich kam der Panzerwagen auf den Parkplatz gerollt. Es war halb neun Uhr abends. Die Wachmänner warteten ein paar Minuten mit dem Aussteigen, um sicherzugehen, dass keine verdächtigen Bewegungen zu sehen waren. Zwei stiegen aus, Fahrer und Beifahrer, der dritte Mann blieb hinten im Laderaum. Falls nötig, konnte er durch die Luken das Feuer eröffnen. Die beiden öffneten die Klappe, nahmen die Geldsäcke heraus und stiegen wieder ein, das Ganze in weniger als einer Minute. Unmöglich, sie anzugreifen, zu entwaffnen, den Dritten in Schach zu halten und mit dem Geld abzuhauen. Sie zu eliminieren war die einzige Möglichkeit. Ich schaute mich um. Zweihundert Meter Luftlinie entfernt stand ein vierstöckiges Wohnhaus mit Dachterrasse. Ich ging hin und wartete, dass jemand hineinwollte. Eine Frau mit Kindern kam. Als sie die Tür öffnete, tauchte ich aus dem Nichts auf, meine Einkaufstüten in der Hand. Mein Aussehen, der Anzug, mein offenes Lächeln und die Tüten sorgten dafür, dass sie mich hineinließ. Über die Treppen gelangte ich aufs Dach. Wie ich es mir gedacht hatte: Von hier oben hatte man freie Sicht auf die Geldklappe. Zwei Scharfschützen könnten ohne weiteres die beiden Wachmänner in dem Moment abschießen, in dem sie das Geld herausnahmen. Der Dritte würde im Laderaum in der Falle sitzen, ein paar Salven auf die Luken würden genügen, um ihn in Schach zu halten. Dann konnte man an den beiden Toten vorbeifahren und die Säcke einladen. Geschätzte Zeit der Operation: eine Minute. Ich rauchte noch eine Zigarette und rechnete aus, wie viele Leute nötig wären. Neben mir, Ciccio und seinem Informanten brauchte man zwei Scharfschützen auf dem Dach und drei Leute im Wagen. Insgesamt also acht. Abzüglich Wachmann und Ciccio, die keinen Pfennig sehen würden, war die Torte durch sechs zu teilen. Also mindestens hundertsiebzig, maximal zweihundertfünfzig Millionen pro Kopf. Zu wenig, um lebenslänglich zu riskieren. Da hieß es, die Anzahl der Berechtigten noch ein wenig zu reduzieren. Ich stieg in den Wagen und fuhr nach Varese, wo Ciccio Formaggio in einer Sandwichbar auf mich wartete. »Und?«, fragte er besorgt. Ich trank einen langen Zug eiskaltes Bier. »Es braucht seine Zeit, so einen Coup vorzubereiten. Wir müssen einen Plan machen, Waffen und Autos besorgen, ein Versteck organisieren und vor allem die richtigen Leute auftreiben.« »Was denkst du, wann schlagen wir zu?« »Frühestens im Oktober.« Ich deutete mit dem Zeigefinger auf ihn. »Ich mache mit, aber unter einer Bedingung: Ich habe das Kommando, und ab jetzt machst du nur noch, was ich dir sage, sonst nichts.« »Klar. Kein Problem.« »Du bist der Verbindungsmann zu deinem Informanten. Fertig. Wehe, du versuchst irgendwas anderes.« »Eh, mein Freund«, wehrte er sich beleidigt. »Das ist meine Idee. Vergiss nicht, wenn du reich wirst, dann verdankst du das einzig und allein mir.« Ich starrte ihn an. Ciccio war wirklich ein Idiot. »Entschuldige, eigentlich hast du recht, aber ich will, dass von Anfang an Klarheit herrscht. Von uns beiden will doch keiner wieder ins Gefängnis, oder?« »Nein.« Ich klopfte ihm freundschaftlich lächelnd auf die Schulter und freute mich schon darauf, ihn abzuknallen. Auf der Autobahn überlegte ich, wie sich mein Vertrag mit dem Blue Sky auflösen ließ. Für den Boss würde ich immer ein Laufbursche bleiben. Es interessierte ihn nicht, was aus mir wurde, solange er mich benutzen und irgendwann, wenn er mich nicht mehr brauchte, wegwerfen konnte. Er war Kronzeuge und Spitzel, und wie die meisten von uns hatte er weiter irgendwelche kriminellen Machenschaften am Laufen. Seine Schwachstelle war das Kokain. Die Kontrolleure von der Antimafia-Einheit konnten bei vielem die Augen zudrücken, bei Huren und Wucherkrediten, aber bei Drogenhandel wurden sie stinkig und holten die Handschellen raus. Also passte er in Sachen Koks gut auf. Ich hatte eine Weile gebraucht, bis ich wusste, wer seine Lieferanten waren. Aber wie alle Gangster konnte er es nicht lassen, bei den Mädchen, die er vögelte, herumzuprahlen. Einer Tänzerin, die schnupfte wie ein Staubsauger, hatte er eine schöne Ladung Schnee versprochen, aber sie sollte sich noch etwas gedulden, die Lieferung komme erst in zwei Tagen. Das Mädchen hatte mich gefragt, ob ich ihr zur Überbrückung was besorgen könne, daher wusste ich, wann die Ware kommen sollte. Am Tag der Übergabe beschattete ich ihn. Mitten am Nachmittag traf er in einem Kaufhaus in Treviso einen Ausländer mit olivbraunem Teint. Sie benutzten den alten Trick mit dem Hosenprobieren und betraten nacheinander dieselbe Umkleidekabine. Der Kurier ließ dort drinnen ein elegantes Köfferchen stehen. Mein Boss nahm es an sich und hinterlegte das Geld. Danach ging wieder der Ausländer mit einer anderen Hose hinein und holte es sich. Ich verfolgte den Dealer bis zum Parkplatz und schrieb mir sein Kennzeichen auf. Bevor ich arbeiten ging, gönnte ich mir zur Feier des Tages ein Abendessen in einem Luxusrestaurant. Jetzt hatte ich vor meinem Boss schon sehr viel weniger Angst. Nun gab es zwei Möglichkeiten, um im Blue Sky aufzuhören: den Boss an die Sacra Corona Unita verkaufen, die hatte schon seit einer Weile eine Rechnung mit ihm offen, weil er diesen Boss aus Tarent verpfiffen hatte, oder eben an die Bullen. Es galt, das Pro und Contra sorgfältig abzuwägen. Ich durfte mir keinen Fehler erlauben. Die apulische Mafia würde ihn abstechen wie ein Zicklein oder ihn voll Blei pumpen, das Problem also mit der Wurzel ausrotten, nur konnte ich absolut nicht sicher sein, dass sie mich nicht gleich mit um die Ecke brachten, schließlich war ich ein möglicherweise unbequemer Mitwisser. Die Alternative mit den Bullen war weniger gefährlich, dafür komplizierter. Welchem Bullen durfte ich vertrauen? Sie machten es wie die Gangster, benutzten einen und beseitigten ihn dann. Nur taten Polizei und Carabinieri das nicht wegen offener Rechnungen, sondern aus Verachtung. Sie mit ihrem Hungerlohn, der Gefahr, den Magengeschwüren teilten die Welt in beschützenswerte Bürger und Abschaum ein, den es ins Gefängnis zu bringen galt. Abschaum, den sie hassten, dem sie ins Gesicht spuckten und in die Eier traten. Aber bei Anedda, dem Leiter der Spezialeinheit, hatte ich das Gefühl, ihm über den Weg trauen zu können. Irgendwas hatte er an sich, was mich glauben machte, er sei innerlich verfault. Nicht nur korrupt. Verfault. Genau der richtige Verbündete. Ihm meinen Boss auf einem Silbertablett zu servieren, das würde seinen Hunger stillen. Alles andere würde ich ihm später vorschlagen. Ich blinkte und fuhr auf eine Raststelle. Klo, Kaffee, Telefon. In dieser Reihenfolge. Ferruccio Anedda war wirklich elegant. Er hatte nicht nur einen guten Geschmack, er wusste die Sachen auch mit Stil zu tragen. Ein wirklich feiner Herr. Sogar nach dreihundert Kilometern Autobahn hatte sein cremeweißer Leinenanzug nicht mal eine Falte. Ich kam sofort zum Punkt, er hörte aufmerksam zu. Hinterher zündete er sich die Zigarette an, die er bislang zwischen Daumen und Zeigefinger hin- und hergedreht hatte. Er steckte den Zettel mit dem Kennzeichen des Dealers ein, erst dann sagte er etwas: »Bravo, Giorgetto Pellegrini. Du willst den Boss ficken, und ich soll dir erlauben, die Knete von dem Koks einzusacken.« »Da machen wir doch halbe-halbe«, schlug ich prompt vor. Ich hatte das ein wenig zu laut gesagt, aus Angst, ich könnte mich in ihm getäuscht haben. »Eine Erfolgsmeldung und Geld. Zwei super Gründe, meinen Vorschlag anzunehmen«, fügte ich hinzu, um meine Anspannung zu verbergen. Anedda war ein zu alter Hase, um dieses Detail nicht zu bemerken, und er spielte mit meiner Angst, indem er mir lange unverwandt in die Augen starrte. »Siebzig zu dreißig. Für wen hältst du dich, dass du denkst, du kannst auf die Hälfte Anspruch erheben?« Ich breitete die Arme aus. »Entschuldigung.« Wir befanden uns auf einem Sträßchen etwas außerhalb des Ortes. Obwohl es Nacht war und der Bulle die Fenster hinuntergelassen hatte, war es so heiß in seinem Wagen, als würde das Blech die tagsüber gespeicherte Hitze abstrahlen. Mir klebte der Hemdkragen am Hals. Ich hasste es zu schwitzen. Anedda hingegen wirkte wie frisch geduscht. »Also, meine Kollegen und ich erwarten deinen Boss vor dem Kaufhaus und greifen uns ihn und das Koks«, rekapitulierte er. »Du stellst unterdessen den Kurier in der Umkleide, ziehst ihm eins über und schnappst dir das Geld. So sieht dein Plan aus?« »Ja.« »Nicht verkehrt. So ersparen wir uns einen Haufen Umstände. Bist du auch sicher, dass die Übergabe immer an demselben Ort stattfindet?« Ich betrachtete schweigend die Spitzen meiner Schuhe. Diese Möglichkeit hatte ich ganz übersehen. Ich fühlte mich wie damals, als ich feststellen musste, dass ich den Zeitplan des Nachtwächters nicht überprüft hatte und die Bombe diesem Idioten in den Händen hochgegangen war. »Ich frage dich das«, fuhr Anedda fort, so ungerührt wie ein Pistolenlauf, »weil ich keine Lust habe, jede Menge Ausreden zu erfinden, warum ich ein ganzes Einsatzkommando aus Mailand brauche und die Kollegen aus Treviso übergehe, und dann ist das Ganze ein Schlag ins Wasser. Und ich stehe da wie das letzte Arschloch. Und fange mir einen Mordsanschiss ein. Einen von denen, die dir die Karriere versauen. Falls das passiert, mach ich dich alle, Pellegrini. Verlass dich drauf.« Da hatte ich nicht den geringsten Zweifel. Ich musste mich schnell entscheiden. Die Operation abblasen oder ihm einfach versprechen, dass es keine Überraschung geben würde? Ich beschloss, es zu riskieren. Sonst würde der Coup im Einkaufszentrum für immer ein Traum bleiben, und ich war zu alt, um mir vergeudete Gelegenheiten entgehen zu lassen. Ich musste es riskieren. Außerdem, schon rein statistisch gesehen war es unwahrscheinlich, dass ich zweimal Pech haben würde. »Keine Sorge, Anedda«, sagte ich, »ich verschaffe dir deine Erfolgsmeldung und Geld. Für dich wird das ein super Geschäft.« Der Kokainvorrat im Blue Sky schien unerschöpflich. Ich verfolgte den Drogenhandel anhand einiger Gäste, die koksten und mir Gefallen schuldeten. Die Spannung machte mir schwer zu schaffen. Jetzt hätte mir eine Frau gutgetan. Eine wie Flora. Aber ich musste warten. In manchen Situationen ist man besser allein. Mein Boss hatte keine Mitinhaber. Konnte er gar nicht. Und wenn Anedda ihn sich geschnappt hatte, konnte er dem Lokal und der Freiheit Lebewohl sagen. Seine Freunde bei der Antimafia-Einheit würden machtlos sein. Anedda würde seinen eigenen Arsch mit einer hübschen Pressekonferenz sichern. Zeitungen, Radio und Fernsehen, und er und seine maskierten Männer hinter einem Tisch mit einem schimmernden Schneegebirge. Anedda hatte ich gesagt, im Lokal selbst gebe es nichts Interessantes zu holen. Tänzerinnen und zwei Gorillas. Aber noch während ich es sagte, hatte ich einen Einfall. Sogar zwei. Mit dem ersten konnte ich mich bei den Rumänen revanchieren. Bei Regen schmerzte der Arm, den sie mir gebrochen hatten, und erinnerte mich an die Demütigung. Ich sagte zu Anedda, sie hätten mir verraten, dass sie den Albaner in dem Bauernhaus umgebracht hatten. Er spitzte die Ohren. »Ich war gerade am Überlegen, was ich den Kollegen hier vom Ort überlassen könnte, damit sie die Kröte leichter schlucken. Ein aufgeklärter Mord ist immer eine hübsche Reklame, auch wenn es ein unbedeutender Fall ist. Irgendwelche Details, mit denen wir sie festnageln können?« Ich grinste. »Sie haben die Prügel und Hämmer in einen Graben geworfen.« »Und ganz zufällig weißt du, in welchen.« Ich grinste erneut. Der zweite Einfall betraf das Humankapital des Lokals, also die Tänzerinnen. Das Blue Sky würde man konfiszieren und sie auf die Straße setzen. Wirklich zu schade. Ich hingegen könnte einen guten Schnitt machen, indem ich sie an die Banden von Kosovaren verkaufte, die seit einiger Zeit hier im Nordosten herumschnüffelten, auf der Suche nach Tänzerinnen für ihre Clubs in Priština. Der ruhmreiche Befreiungskrieg war schon seit einer Weile beendet, aber die Kfor-Truppen, die Friedenssicherer, waren noch nicht abgezogen. Und wie alle Soldaten wollten auch sie sich vergnügen und vögeln. Daher hatte die kosovarische Mafia, ein direkter Ableger der albanischen, von heute auf morgen die verschiedensten Lokale aufgemacht. Die Lap-Dance-Bars warfen am meisten ab, aber professionelle Tänzerinnen waren schwer zu finden. Das größte Hindernis waren die Mädchen selbst, sie wollten um nichts in der Welt den Albanern in die Hände fallen. Ich könnte die Verwirrung nach der Festnahme meines Chefs nutzen, um dieses nette kleine Geschäft durchzuziehen. Alle Mädchen auf einmal könnte ich wohl nicht verschwinden lassen, aber fünf oder sechs waren vorstellbar. Anedda durfte ich davon nichts erzählen, und es war ein großes Risiko, aber die Püppchen würden mir nochmal mindestens fünfzig Millionen einbringen. Also besuchte ich einen Nachtclub, in dem der Boss der Kosovaren verkehrte. Gegenüber den italienischen Handlangern prahlte er damit, dass er als Mitglied der UÇK jede Menge Serben umgelegt habe. Ich tat so, als würde ich ihm mit ängstlicher Bewunderung zuhören, dann schlug ich ihm das Geschäft vor. Er akzeptierte die Verkaufssumme ohne viel Gerede, sagte, er werde mir einen von seinen Leuten schicken, der sich die Mädchen ansehen und aussuchen würde, und war überhaupt so freundlich, dass ich beschloss, auf keinen Fall unbewaffnet zu dem Treffen zu gehen. Die Tage vergingen, der Koksvorrat schwand, der Augenblick, mich von meinem Boss zu befreien, rückte näher. Mir wurde klar, dass ich mir allmählich einen sicheren, geheimen Unterschlupf besorgen musste. Die Bullen durften mich nicht im Lokal antreffen, und sowieso würden sie früher oder später auch mit mir ein Wörtchen reden wollen. Besser, ich blieb in Deckung, bis Anedda meine Lage mit seinen Kollegen ausgehandelt hatte. Ich kannte nur eine Methode, um einen sicheren Ort zu finden. Ich durchkämmte die Anzeigen in den Tageszeitungen der Region, mied die aus der Provinz Bergamo und schaute besonders um Varese herum. Ich suchte etwas nicht allzu weit vom Ort des geplanten Überfalls. Aber als ich nach rund zehn Tagen erfuhr, dass mein Boss bald seinen Lieferanten treffen würde, legte ich diesen Teil des Plans auf Eis und besann mich auf eine gute Bekannte: die Witwe. Sie besaß eine Wohnung in Mailand, das hatte sie mir anvertraut, bevor sie mich durchschaut hatte. Ich klopfte an ihre Zimmertür in einem Hotel in Udine. Sie vergnügte sich gerade mit einem Sechziger, der, als er mich sah, begriff, dass er sich besser wieder anzog und verschwand. Sie hingegen bedeckte nicht einmal ihre Blöße. Sie nahm sich eine Zigarette vom Nachttisch und setzte sich auf den Rand des ungemachten Betts. »Was willst du?«, fragte sie und fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Ich antwortete nicht, sondern musterte das Zimmer. Schäbig und verdreckt. »Mit all dem Geld, das du von mir gekriegt hast, könntest du dir etwas Besseres leisten.« Sie schüttelte den Kopf. Hinter dem wehenden Haar verzog sich ihr Gesicht zu einer bitteren Grimasse. Es dauerte nur diesen einen Augenblick, schon hatte ich sie wieder in der Hand, das war mir klar. Mein Geld hatte sie derart angeekelt, dass sie alles verspielt hatte. Bis zur letzten Lira. »Du hast es im Kasino durchgebracht, oder?« »Sozusagen. Ein Spielsalon hat’s auch getan.« Ich hatte nicht viel Zeit und legte einen drauf. »Und jetzt sitzt du wieder ohne Mäuse da und musst alten Männern einen blasen.« »Was willst du?«, wiederholte sie. »Du fährst mit dem Zug nach Mailand in deine Wohnung und bringst mich für ein paar Monate da unter. Ich zahle gut.« Sie starrte mich an. Sie hatte begriffen, dass ich ein Versteck brauchte. Nicht umsonst war sie die Witwe eines Mafiabosses. »Aber kein ekliges Zeug. Deine Spielchen stehen mir bis hier«, zischte sie zänkisch. Offenbar dachte die feine Dame, sie könne die Rollen umkehren, weil ich ihre Hilfe brauchte. Diese schüchterne Rebellion erregte mich wie schon lange nichts mehr. Ich betrachtete die faltige Haut an ihrem Hals, die schlaffe Brust, die Cellulitisstreifen an den Oberschenkeln. Dann griff ich sie bei den Haaren und zwang sie auf ihr Bett, das Gesicht nach unten. Vom Nachttisch nahm ich die Flasche Fernet, mit der sie sich den Mund spülte, wenn sie einen ihrer Kunden gelutscht hatte, und setzte sie ihr sanft zwischen die Hinterbacken. Eine unendliche Minute lang bewegte ich meine Hand nicht. Ihr sollte restlos bewusst werden, was ich vorhatte. Und sie benahm sich gut. Sie wusste, sie war auf der Verliererseite und befand sich auf der hierarchischen Leiter dieses Milieus ganz unten. Sie tat alles, um mich zu überzeugen, dass sie begriffen hatte, wo ihr Platz war. Als ich Anedda informierte, dass die Übergabe innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden stattfinden würde, sagte er, er habe den Kurier anhand des Kennzeichens identifizieren können. Der Wagen gehörte einer Italienerin, die in Mailand lebte, einer Hure im Ruhestand. Ihr Lebensgefährte war ein wegen Dealerei vorbestrafter Bolivianer namens Jesús Zamorano. Am entsprechenden Abend rückte er mit seinem Kommando an, es bestand aus älteren, erfahren wirkenden Beamten. Sie gehörten der Generation der Terrorbekämpfer an, sie hatten uns gejagt und das Leben schwergemacht. Wir trafen uns auf dem Festland bei Venedig, auf dem Parkplatz einer Pension. Anedda winkte, ich solle ihm folgen. Er gab mir ein kleines Gerät, halb Mobiltelefon, halb Rasierapparat. »Ein Elektroschocker«, erklärte er. »Damit setzt du den Bolivianer außer Gefecht, dann ist er für mindestens zehn Minuten weg vom Fenster.« »Eine richtige Pistole wäre mir lieber.« Er lachte ungeduldig. »Besser, wir vermeiden in einem Kaufhaus Schießereien und Tote. Das hier ist diskreter.« Auf einmal war es mir klar. »Du willst den Kurier gar nicht kassieren.« »Natürlich nicht. Ich schenke ihn ein paar Kollegen in Mailand, denen ich noch was schulde. In solchen Fällen darf man sich nicht lumpen lassen. Dein Boss genügt völlig, um mich groß rauszubringen.« Die Nacht im Lokal war ziemlich belebt, und mein Boss lächelte, zufrieden, dass das Geschäft so gut lief. Ich hätte zu gern gewusst, wo er sein Geld unterbrachte. Vielleicht im Ausland, aber ich schätzte ihn so ein, dass er seine Mäuse in der Nähe behalten wollte. Das Blue Sky war die reinste Goldgrube, wahrscheinlich hatte er ein paar Milliarden auf der hohen Kante. Die Anwälte würden ihn eine hübsche Stange Geld kosten, aber trotzdem würde ihm mehr als genug bleiben, um ein gutes Leben zu führen. Wenn er irgendwann wieder aus dem Knast raus war. Jemand tippte mir auf die Schulter. Ein Kosovare, er kam die Mädchen aussuchen. Er besah sie sich eine gute Weile, dann wählte er sieben aus. »Macht siebzig Millionen«, sagte ich hart. Er lächelte versöhnlich. »Kein Problem, mein Freund.« Ich sah ihn nicht an, sonst hätte er womöglich erkannt, dass mir seine Absicht, mich zu verladen, vollkommen klar war. Sie wollten die Tänzerinnen gratis abschleppen, aber ich konnte bei dem Treffen schlecht mit Aneddas Elektroschocker aufkreuzen, den würden sie mir in den Hals stopfen. Ich beschloss, entweder eine tauglichere Waffe aufzutreiben oder die Sache in den Wind zu schreiben. Gegen vier Uhr morgens verließen die letzten Gäste das Lokal. Ich fuhr schnell nach Hause, packte die Koffer und lud sie in den Panda. Nach ein paar Stunden Schlaf ging ich unter die Dusche und fuhr nach Treviso. Zum x-ten Mal kontrollierte ich, ob der Akku meines Handys geladen war. Anedda wollte anrufen, sobald mein Boss beim Kaufhaus auftauchte. Kurz nach elf Uhr morgens klingelte es. Ich trieb mich schon eine ganze Weile in der Haushaltswarenabteilung im obersten Stockwerk herum. »Er betritt jetzt das Kaufhaus«, meldete Anedda. Langsam ging ich zur Rolltreppe. Von hier oben konnte ich auch den Bolivianer sehen, der in der Spielzeugabteilung herumschlenderte. Auch er erhielt jetzt einen Anruf und ging in die Herrenabteilung. Sie benutzten dieselbe Umkleidekabine wie letztes Mal. Als mein Boss mit dem Kokain wegging, trat ich an die geschlossene Tür, hinter der der Kurier wahrscheinlich das Geld zählte. Ich schob sie auf und setzte dem Mann den Elektroschocker auf die Brust. Er sackte ohne einen Laut zusammen, ich trat ein und zog die Tür hinter mir zu. Dann öffnete ich den Koffer. Voller Geldscheine. Ich durchsuchte Zamorano und fand unter seiner Jacke links am Leib eine Doppelflinte mit abgesägten Läufen, ein vierzig Zentimeter langes Spielzeug, geladen mit Schrot für die Wildschweinjagd. Die ideale Waffe für ein geschäftliches Treffen mit der kosovarischen Mafia. Ich verließ die Kabine und ging rasch zur Treppe. Auf der Straße bemerkte ich ein gewisses Durcheinander. Eine Menge Schaulustiger scharte sich um zwei Zivilfahrzeuge der Polizei. Ich ging zum Parkplatz, versteckte den Koffer und die Lupara unterm Sitz und fuhr zurück nach Hause, schön vorsichtig, um auch ja keine Verkehrsregel zu brechen. Ich gelangte zum Blue Sky, das zu dieser Tageszeit verlassen dalag, und holte den Lieferwagen, der sonst zu allen möglichen Transporten diente. Am Abend zuvor hatte ich die Schlüssel mitgehen lassen, die immer neben der Registrierkasse hingen. Dann klapperte ich die Wohnungen der Tänzerinnen ab, die für die Lap-Dance-Bars von Priština auserkoren waren. Sie wohnten alle in der Nähe. Ich klopfte an, erzählte, eine Razzia sei im Gang und der Boss habe mich beauftragt, sie zu verstecken. Keine Einzige machte Theater. Die Geschichte war zu plausibel. Der Laderaum hatte keine Fenster, so bekamen sie nicht mit, wohin ich sie brachte. Mit den Kosovaren war ich auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums am Stadtrand von Mestre verabredet. Sie waren zu fünft, angeführt von dem Kerl, der im Lokal gewesen war. Sie kamen lächelnd auf mich zu. Mir war sofort klar, was sie vorhatten. Sie wollten mich umringen und aufs herzlichste begrüßen, und einer jagte mir ein Messer zwischen die Rippen. Ganz diskret. Ein Stich genau an der richtigen Stelle, direkt ins Herz. Dann hätten sie mich wie einen Freund, der einen über den Durst getrunken hat, zu ihrem Wagen geschleift. Ich lehnte mich an den Lieferwagen und holte die Lupara unter der Jacke hervor. Sie blieben auf der Stelle stehen und zeigten die bloßen Hände. Echte Profis. Das Zeichen war klar, es bedeutete Waffenstillstand, sie wollten verhandeln. Mir rann der Schweiß in Strömen über Rücken und Gesicht, brannte mir verflucht in den Augen, aber ich hätte auf keinen Fall die Hände von der Waffe genommen. Ein älteres Ehepaar kam mit seinem Einkaufswagen vorbei, bemerkte die Szene und eilte weiter. »Geld morgen, heute nicht geht«, sagte der Anführer. »Ihr Hurensöhne, ihr wollt mich verarschen. Zieht Leine, oder ich schieße.« Sie sprangen in zwei dicke Autos und schossen reifenquietschend davon. Ich sperrte die Hintertür des Lieferwagens auf. »Raus«, rief ich den Mädchen zu. »Das Lokal ist dicht, für immer. Sucht euch einen anderen Job.« Die Lupara in meinen Händen war das entscheidende Argument. Sie fragten nicht lange, sondern nahmen die Beine in die Hand und rannten weg. Von Angst und Wut geschüttelt, stieg ich in den Lieferwagen. Ich schlug mir mit der Hand vor die Stirn. Feste. Ich wollte mir wehtun. Was war ich für ein Arschloch! Mich für siebzig verkackte Riesen umbringen zu lassen. Künftig musste ich vorsichtiger sein. Sonst würde ich es nie schaffen. 2 Francisca Für ein Treffen mit Anedda musste ich die Wohnung der Witwe verlassen. Aber mit meinem Geld allein lassen konnte ich sie nicht. In der Scheißbude war keine Stelle zu finden, wo ich es ordentlich verstecken konnte. Die alte Hure brauchte nur einmal in meinem Koffer nachzusehen, schon könnte sie meine Ersparnisse im nächsten Kasino verpulvern. Das war ein echtes Problem. Ich ging hinunter und kaufte in der Apotheke um die Ecke ein Babyfläschchen und im Laden eine Flasche Fernet. Die Witwe lag in der Badewanne. Ich klebte ihr die Nase zu und zwang ihr zwei Schlaftabletten und den Schnuller in den Mund. »Trink«, befahl ich. Wahrscheinlich dachte sie, das sei wieder mal eins von meinen Spielchen, und gehorchte ängstlich. Sie konnte es nicht erwarten, dass ich abhaute und sie endlich Ruhe vor mir hatte. Ich setzte mich auf den Wannenrand und zündete zwei Zigaretten an. Eine steckte ich ihr zwischen die Lippen. »Komm ja nicht auf die Idee zu kotzen.« Sie hätte am liebsten eine ihrer üblichen ätzenden Bemerkungen losgelassen, das konnte ich ihr an den Augen ansehen, aber sie beherrschte sich. Ich glaube, mehr aus Resignation als vor Angst. Damit sie nicht absoff, zog ich den Stöpsel raus, und das Wasser floss ab. »Rühr dich nicht von der Stelle, bis ich wieder da bin.« »Lass mich ins Bett gehen. Da kann ich schlafen. Wenn ich so nass bin, hol ich mir noch den Tod.« Ich seufzte. Ich hatte keine Lust, Zugeständnisse zu machen. »Nein. Du bleibst hier.« Ferruccio Anedda hatte mich vor den Eingang eines McDonald’s gegenüber vom Hauptbahnhof bestellt. Den Koffer mit dem Geld hielt ich fest in der Hand. Und zwar mit allem Geld. Er sollte mir meine dreißig Prozent selbst auszahlen. Eher wie ein Bandenchef als wie ein Polizist. Aber nun, einer fängt als Ehrenmann an, irgendwann macht er sich die Hände schmutzig und das Herz und das Hirn gleich mit. Er kam in einem Fiat Brava und winkte aus dem Fenster, dass ich einsteigen solle. »Hast du die Zeitung gelesen?«, fragte er zufrieden. Ich schüttelte den Kopf. »Oder ferngesehen?« »Ich sehe nicht fern und lese keine Zeitung. Ist mir alles scheißegal.« »Schade. Die Operation hat viel Aufmerksamkeit erregt, und die Kollegen im Veneto konnten nicht meckern. Der Polizeipräsident persönlich hat gratuliert.« Ich nickte feierlich. Anedda parkte in einer wenig befahrenen Seitenstraße. Er deutete auf das Köfferchen. »Wie viel?« »Exakt zweihundert.« Er hieb mir mit dem Ellbogen aufs Jochbein. Ein trockener, gezielter, kraftvoller Hieb, dank Erfahrung und Training ganz selbstverständlich ausgeführt. Mir verschwamm alles vor den Augen, ich legte den Kopf aufs Armaturenbrett. »Ich hab da was von einer merkwürdigen Sache auf einem Parkplatz in Mestre gehört«, zischte er wütend. »Ein Typ hält mit seiner Lupara eine Gruppe Arschgesichter in Schach, und dann kommen ein paar nuttige Mädchen hinten aus einem Lieferwagen raus und rennen weg wie die Hühner.« Zu leugnen wäre sinnlos gewesen. Anedda hätte mich umgebracht. »Ich hab Scheiße gebaut.« Nochmal der Ellbogen, diesmal aufs Ohr. Verhörtechnik. In seiner langen, ehrenwerten Laufbahn hatte er wahrscheinlich eine Menge Studenten und extrem linke Arbeiter verprügelt. Ich begriff, dass er sich austoben musste und ich besser stillhielt. »Du hast mich verladen wollen, aber weil du ein Loser bist, wäre die Sache um ein Haar schiefgegangen. Wenn die Carabinieri dich in die Finger gekriegt hätten, wären wir beide im Gefängnis gelandet.« Er zog den Zündschlüssel aus dem Schloss und ratschte mir damit über die Wange. Wortlos nahm ich ein Taschentuch und drückte es auf die Wunde. Ich klappte die Sonnenblende herunter, wischte mit den Fingern den Staub vom Schminkspiegel und sah nach. Der Schnitt war nur ein paar Zentimeter lang. Nichts Großes. Genug, um mir klarzumachen, wer jetzt und in Zukunft das Sagen hatte. »Du brauchst eine Lektion«, fuhr der Bulle fort, jetzt ruhiger. »Statt dreißig Prozent kriegst du zehn.« Ich schüttelte den Kopf. »Gib mir dreißig, und ich lass dich bei einer Sache mitmachen, mit der du wirklich reich wirst.« »Ach ja? Noch ein Großhandel mit Nutten?«, antwortete er höhnisch. »Ein Geldtransporter.« Er zündete sich eine Zigarette an. »Wie viel?« »Eine Milliarde auf jeden Fall, wahrscheinlich anderthalb.« »Lass hören.« »Gib mir dreißig Prozent.« »Nur, wenn mich dein Vorschlag interessiert.« Ich berichtete ihm alles, mit sämtlichen Details. »Und was willst du von mir?«, fragte er hinterher. »Du wirst ja wohl nicht erwarten, dass ich mir eine Strumpfmaske überziehe.« »Natürlich nicht«, antwortete ich. »Du musst mir nur ein paar Leute nennen, die ich noch für den Coup brauche. Ich war zu lange weg vom Fenster. Die Typen, die ich aus San Vittore kenne, will ich nicht fragen. Sie kennen mich, und ich kann nicht ausschließen, dass sie singen würden, wenn was schiefläuft.« »Mehr nicht?« »Noch eine Kleinigkeit, die ist für die Sache selbst eigentlich nicht entscheidend. Sagen wir, es wäre sinnvoll, wenn wir mit weniger Leuten teilen müssen.« Er grinste. »Wie viele willst du umlegen?« »Zwei sind schon tot, sie wissen es nur noch nicht. Bei den anderen müsste man sehen. Ich hab gedacht, ich hol alle Mann fürs Teilen zusammen und … verteile ein bisschen Blei, mit deiner Hilfe.« Er zog seinen Revolver und hielt ihn mir an die Seite. »Vielleicht bekommst du Lust, mich gleich mit kaltzumachen.« »Vielleicht hast du dasselbe vor.« Ferruccio schob die Beretta wieder ins Halfter und wechselte das Thema. »Ich soll dir also ein paar Leute besorgen, die zu allem bereit sind.« »Ist das schwierig?« Er lachte prustend. »Ach was. Es war nie so leicht, ein paar verzweifelte Typen aufzutreiben. Heute findest du an jeder Ecke welche. Dieses Land ist der reinste Elefantenfriedhof geworden, alle kommen zum Sterben her.« Er wurde wieder ernst und fing an, das Geld zu zählen. Meinen Anteil steckte er in einen Umschlag und sagte, ich solle abhauen. Er würde sich übers Handy melden. Wo ich wohnte, fragte er nicht. Entweder wusste er es, oder es war ihm scheißegal. Ich hielt ein Taxi an und ließ mich zweihundert Meter von der Wohnung entfernt absetzen. Die Witwe lag immer noch schlafend in der Badewanne. Ich hob sie mühsam hoch und legte sie aufs Bett. Dann stellte ich mich vor den Badezimmerspiegel. Meine Wange war geschwollen, der Schnitt hatte aufgehört zu bluten. Ich durchwühlte das Badezimmerschränkchen und fand Pflaster und Desinfektionsmittel. Das gab sicher eine Narbe. Ein Ambulanzarzt hätte das mit ein paar Stichen flicken können, aber der Schnitt sah exakt nach dem aus, was er war: ein Denkzettel. Besser, ich riskierte keine Komplikationen. Es war still in der Wohnung, ich warf mich in einen Sessel und zündete mir eine Zigarette an. Ich musste ein Versteck für das Geld finden. Schließlich konnte ich die Witwe nicht jedes Mal, wenn ich aus dem Haus musste, einschläfern wie heute. Sonst würden all die Schlaftabletten und der Fernet sie noch umbringen. Verfrüht. Dass sie irgendwann sterben musste, war mir die ganze Zeit klar. Nach dem Überfall konnte ich mir keine Schwätzer leisten. Bislang wusste sie noch nichts, aber sie hatte mit dem Geschäft zu viel Erfahrung, als dass sie meinen Aufenthalt in Mailand nicht mit dem Überfall zusammenbringen würde. Ein Milliardencoup mit zwei Toten bleibt nicht unbeachtet. Ciccio Formaggio musste allein schon wegen der theoretischen Möglichkeit, dass er redete, verschwinden, aber bei der Witwe hatte ich nicht den geringsten Zweifel, dass sie singen würde. Schon aus Rache. Um noch einmal im Leben den Kopf zu erheben. Ich musste einen Moment abwarten, in dem ich sie beiseiteschaffen konnte, ohne dass es auffiel, die Nachbarn hatten mich sicher schon bemerkt. Ich stand auf und durchsuchte die Wohnung nach einem geeigneten Versteck. In einem Zimmer fand ich einen Schrank, der zu schwer war, als dass sie ihn allein bewegen konnte. Ich ging in ihr Zimmer zurück und schaute nach, ob sie noch schlief. Dann teilte ich das Geld in Päckchen auf und verstaute es in Gefrierbeuteln, die ich mit Reißzwecken an der Rückseite des Schranks befestigte. Dann schob ich ihn wieder an die Wand und kontrollierte, dass man die Beutel nicht sehen konnte. Nicht gerade ein geniales Versteck, aber etwas Besseres wusste ich im Moment auch nicht. Ich zog mich um. Mittlerweile war die Witwe aufgewacht, tat aber so, als würde sie schlafen, damit ich sie ihn Ruhe ließ. »Ich gehe nochmal raus. Du bleibst hier und siehst fern. Auch dafür wirst du bezahlt.« Erst auf der Straße wurde mir klar, dass ich gar nicht wusste, wohin. Die Orte, die ich aus der Zeit kannte, in der ich als ratloser entlassener Häftling ohne eine Lira dastand, wollte ich nicht wiedersehen. Ohne Ziel lief ich los. Es war ein schöner Septemberabend, ich wanderte lange herum, sah mir Schaufenster und Leute an. Dann fand ich einen Platz in einem Restaurant voller Gäste, die aßen, tranken und schwatzten. Ich war der Einzige, der nichts zu tun hatte, als sich umzusehen. Das tat ich, bis der Kellner mir mein Risotto brachte. Irgendwann kam der Koch aus der Küche. An seinem Verhalten erkannte ich, dass er zugleich der Inhaber des Restaurants sein musste. Er ging von Tisch zu Tisch und erkundigte sich bei den Gästen, ob alles zu ihrer Zufriedenheit war. Bei manchen setzte er sich für ein paar Minuten dazu und plauderte ein wenig. Die Leute wussten diese Aufmerksamkeit zu schätzen. Dann kam er zu mir. Er beäugte mich, befand, ich sei nur ein Gelegenheitsgast, und begnügte sich damit, beiläufig zu fragen, ob ich mit Essen und Service zufrieden sei. Statt einer Antwort deutete ich auf den Stuhl zu meiner Rechten. »Ich lade Sie zu einem Glas Wein ein.« Kurz war er verblüfft, dann folgte er meiner Aufforderung. Mit einem Wink orderte er ein Glas Wein. »Ich habe auch mal in einem Lokal gearbeitet«, erzählte ich ihm. »Und die Gäste haben mich respektvoll behandelt, ganz wie Sie. Sie verstehen, was ich meine?« Er nickte und rückte sich das Halstuch zurecht. Er war um die fünfzig, dünn, aber muskulös. Sein Kittel war vollkommen fleckenfrei, auch seine Hände waren sauber und gepflegt. Einer, der es geschafft hatte. »Ich will mich beruflich neu orientieren«, fuhr ich fort, »und da frage ich mich, ob es eine gute Investition ist, ein Restaurant zu eröffnen. Wissen Sie, ich arbeite gern so unter Menschen …« Er leerte sein Glas auf einen Zug. Er hatte nicht im Geringsten vor, sich länger mit mir zu unterhalten. »Ich weiß ja nicht, in welcher Art Lokal Sie gearbeitet haben, aber das Gaststättengewerbe ist eine ernsthafte Sache«, erklärte er besserwisserisch. »Man braucht eine entsprechende Ausbildung und viele Kenntnisse, etwa in weinkundlicher Hinsicht. Vielleicht wäre eine Pizzeria passender. Alle essen Pizza, egal, ob sie gut ist oder schlecht«, schloss er und stand auf. Wohlerzogen reichte er mir die Hand und ging weiter zum nächsten Tisch. Pizzeria am Arsch, dachte ich und beobachtete ihn weiter. Ich würde mein Geld nicht in so was Billiges stecken. Mittlerweile hatten sogar die Chinesen Pizzerien. Bei den Risiken, die ich eingehen musste, um mir eine anständige Zukunft aufzubauen, verdiente ich etwas Besseres. Vor allem, was das Niveau der Gäste anging. Ich brauchte einen neuen, unbefleckten Ruf, und den konnten mir nur anständige Leute verschaffen. Welche mit dickem Geldbeutel und den richtigen Bekannten. Ich wollte ein Luxusrestaurant aufmachen. Natürlich dachte ich nicht im Entferntesten daran, selbst den Koch zu spielen. Ich würde einfach Profis engagieren und als Chef auftreten, an den Tischen und an der Kasse. Es war nur eine Frage des Geldes. Wenn du ein Außenseiter bist, im Knast warst, stehen dir tausend Hindernisse im Weg. Und alles kostet das Doppelte. Ich zahlte und brach auf. Als ich müde wurde, ging ich ins Kino. Amerikanischer Film. Langweilig. Also zurück zur Witwe. Als sie den Schlüssel im Schloss hörte, lief sie rasch in ihr Zimmer und sperrte die Tür hinter sich zu. Kurz war ich versucht, sie in Ruhe zu lassen, aber ich wollte mich noch ein bisschen vergnügen. Ich klopfte an und zwang sie, auf allen vieren ins Wohnzimmer zu kommen. Ferruccio, der Bulle, ließ eine Woche lang nichts von sich hören. Am Samstag fuhr ich wieder zum Einkaufszentrum hinaus, um Zeitplan und Strecke des Geldtransporters zu kontrollieren. Das war der einzige Moment, in dem es mir gelang, die Langeweile zu vertreiben. Die Stadt stieß mich ab wie einen Fremdkörper, die Restaurants boten mir die einzige Zerstreuung. Jeden Tag zweimal. Ich ging nur in welche, die ein bestimmtes Niveau versprachen. Derselbe McDonald’s wie letztes Mal, derselbe Wagen. Anedda bewegte sich rasch durch den Verkehr, immer den Rückspiegel im Auge. Er war unablässig auf der Hut. »Ich hab die richtigen Leute aufgetrieben«, verkündete er. »Drei spanische Anarchisten, zwei Männer und eine Frau, die nach einem anderen Überfall geflohen sind und null Chance haben davonzukommen.« »Und?«, drängte ich. Er lachte schroff. »Zwei kroatische Ustaša-Kämpfer. Kriegsverbrecher, aber hervorragende Schützen.« Ich schüttelte den Kopf. »Das klappt nie und nimmer. Die arbeiten auf keinen Fall zusammen.« »Klar doch«, entgegnete Ferruccio. »Sie stecken wirklich restlos in der Klemme und brauchen dringend das Geld. Außerdem müssen sie gar nicht zusammenarbeiten. Die Kroaten auf dem Dach, die Spanier in dem Wagen, der das Geld einsammelt.« Er hatte recht. Keine schlechte Idee. »Und wenn sie weg sind, wird niemand sie vermissen, was?« »Genau. Unter deinem Sitz sind zwei Aktendeckel mit allen Infos über sie, die du brauchst, Fotos und momentane Adressen. Eigentlich sollten sie festgenommen werden, aber das hab ich abbiegen können. Du hast zehn Minuten zum Lesen. Die Sachen kann ich nicht rausgeben.« Erst die Kroaten. Romo Dujić, genannt Černi, der Schwarze, vierundvierzig, und Tonči Zaninović, zweiundvierzig Jahre alt. Milizen aus dem zweiundsiebzigsten Polizeibataillon, angeklagt wegen Beteiligung an diversen ethnischen Säuberungsaktionen. Im Bericht wurden sie als Sniper bezeichnet, Scharfschützen. Das war für mich das einzige Detail von Interesse. Ich sah mir die Fotos an. Üble Visagen. Gefährliche Leute. Die würden sich nicht so leicht umlegen lassen. Sie waren in einer kleinen Wohnung in Giambellino untergekrochen, Mieterin war eine kroatische Prostituierte. Solidarität und Patriotismus. Dann die Spanier. Sebastián Monrubia, Esteban Collar und María Garcés. Neununddreißig, sechsunddreißig und einunddreißig Jahre alt. Decknamen Pepe, Javier und Francisca. Sie eine absolut heiße Braut, die beiden anderen hatten dumpfe, fanatische Gesichter. Idealisten, die sich der Selbstaufopferung geweiht hatten. Die würden sich ohne Problem beseitigen lassen. Die spanische Justiz suchte sie wegen eines Überfalls, der böse ausgegangen war, ein Polizist tot, einer schwer verletzt. Sie versteckten sich in der Wohnung eines italienischen Genossen, der in einem autonomen Sozialzentrum arbeitete und als Einziger ans Telefon ging. Ich verstaute die Papiere wieder unterm Sitz und zündete mir eine Zigarette an. »Morgen kontaktiere ich beide Gruppen.« »Wie willst du an sie rankommen?« Diese Frage hatte ich erwartet. Das war schließlich der kritischste Augenblick der ganzen Operation. Ich brauchte einen überzeugenden Vorwand. Sehr überzeugend musste er sein. »Ich sage ihnen, dass ich ein Spitzel bin und sie entdeckt habe, aber weil ich finde, dass sie in Ordnung sind, verpfeife ich sie nicht an die Bullen, sondern schlage ihnen einen einfachen Überfall mit großer Beute vor.« Anedda drehte sich zu mir um. »Etwas weniger Riskantes ist dir nicht eingefallen? Diese Leute dürften Verräter nicht sonderlich schätzen. Wenn du Pech hast, stechen sie dich gleich ab.« Ich zuckte mit den Schultern. »Aber wie sollte ich sie glauben machen, dass ein Gangster sie gefunden hat? Dann schon besser eine Halbwahrheit.« Der Bulle ließ mich in der Nähe des Bahnhofs Cadorna raus. Ich spazierte umher, bis ich Hunger bekam. Dann ging ich in ein Restaurant. Um acht Uhr morgens klingelte ich am Unterschlupf der Kroaten. Ich wollte, dass sie noch verschlafen waren. Die Frau machte auf. Sie hieß Bazov, der Vorname war unaussprechbar. Für eine Hure gibt es nichts Schlimmeres als einen komplizierten Namen, also nannte sie sich im Milieu Luana. Sie stammte aus Vukovar. Flüchtling im eigenen Land, dann Flüchtling in Italien, dann die Straße. Sie hatte noch halbgeschlossene Augen. »Was willst du?«, nuschelte sie. »Von dir nichts. Ich habe mit Černi zu sprechen und mit seinem Kumpel, Zaninović.« Sie wurde blass und war sofort hellwach. Panisch schüttelte sie den Kopf. »Kenne ich nicht«, log sie. Ich zwickte ihr fies in eine Brustwarze. Noch so ein Trick, den mir die Rumänen vom Blue Sky beigebracht hatten. »Hol sie her«, befahl ich ihr. Entsetzt schlug Luana mir die Tür vor der Nase zu. Ich hätte die Tür eintreten und einfach reingehen können, aber vielleicht lauschten die beiden ja und warteten bewaffnet und für jede Eventualität gerüstet. Ich sah, dass jemand mich durch den Spion beobachtete. Ich regte mich mit keiner Faser. Černi selbst machte mir auf. Eine Hand auf der Klinke, in der anderen eine dicke Automatikpistole. »Ciao, Romo«, begrüßte ich ihn. »Ich hab mit dir zu reden.« Er schaute hinaus, zur Kontrolle, ob ich allein war. Dann blickte er mich wieder an. Er war groß und kräftig, mit einem furchteinflößenden Gesicht. Sein fräuleinhaft kleiner Mund stand in heftigem Kontrast zum rasierten Schädel, dem vierkantigen Kinn und den Skinhead-Kampfstiefeln. Als ich seinem blassblauen Blick begegnete, dem Blick eines in der Falle sitzenden Tiers, wurde mir klar, dass es nicht so leicht sein dürfte, diesen Mann umzubringen und sein Stück vom Kuchen zu behalten. Mit einem Ruck des Kopfes winkte er mich hinein. Kaum war ich über die Schwelle, drückte er mich an die Wand, um mich zu durchsuchen. Professionell. Wie auch anders, er war einen guten Teil seines Lebens lang Bulle bei der Staatspolizei gewesen. Mit der Pistole wies er mich in den Flur. Wir betraten eine geräumige Küche, wo uns sein Kumpel erwartete, die Pumpgun im Anschlag. Er zielte auf mein Gesicht. Wenn er abdrückte, würde es mir den Kopf vom Leib pusten. Romo bellte einen Befehl, und Tonči senkte die Waffe. Ich lächelte ihn an. Er war groß und sehnig, hatte von jahrelangem Krafttraining deutlich ausgeprägte Muskeln. Auch sein Schädel war rasiert, am Kinn seiner Verbrechervisage spross ein dünner blonder Spitzbart. Der klassische Schlächter. Sie boten mir einen Stuhl an. Der Tisch war noch vom Abendessen gedeckt, Teller und Besteck für zwei. Die Kleine ging also vorm Abendessen anschaffen. Ich zündete mir eine Zigarette an. »Sprich«, befahl Černi auf Italienisch im Verhörton. Der Beruf lag ihm in den Genen. »Ich arbeite für die Polizei«, erklärte ich. »Ich helfe bei der Fahndung. Für Geld. Ich bin kein Patriot wie ihr. Ich habe euch entdeckt, jetzt könnte ich euch an die Bullen verkaufen, aber ich will euch lieber einen Job anbieten.« Černi übersetzte das dem anderen. Dann blickte er mich wieder an. »Was für Job?« »Überfall auf einen Geldtransporter.« »Wir haben nie Überfälle gemacht.« »Ihr wartet auf einem Dach und legt zwei Wachmänner um, mehr nicht.« Ich machte die Geste des Gewehranlegens. »Scharfschützen.« Sie diskutierten miteinander. »Wie viel Geld für jeden?« »Mindestens zweihundert Millionen Lire. Damit kommt ihr überall hin.« »Warum sollen wir dir trauen?« »Weil ihr bis zum Hals in der Scheiße sitzt. Ihr versteckt euch hier, das heißt, eure Freunde zu Hause haben euch abgeschrieben. Ihr seid verurteilt, sie wollen euch opfern, die einzige Möglichkeit, euren Arsch zu retten, besteht darin, genug Kohle zusammenzubringen, dass ihr über den Ozean kommt, aus Europa weg.« »Und wenn wir nein sagen, vielleicht weil wir dir nicht trauen? Spitzel verraten jeden, egal wen.« »Dann sucht ihr euch besser ein anderes Versteck, denn dann taucht hier demnächst die Polizei auf.« Romo verzog hämisch den Mund. »Wir können dich auch jetzt umlegen, dann kannst du nicht mehr zu deinen Freunden von der Polizei gehen.« Ich schüttelte enttäuscht den Kopf. »Schade. Ich hätte dich für klüger gehalten. Denkst du, ich bin hergekommen, ohne entsprechende Vorkehrungen zu treffen?« Er stand auf und nahm sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. »Gefällt mir nicht, mit Spitzel gemeinsame Sache machen.« »Was willst du sonst tun?«, unterbrach ich ihn hart. »Ich habe euch nicht verraten, weil ihr gute Schützen seid und der Überfall mir mehr einbringt. Fertig.« Wieder besprachen sie sich. Tonči schien mir der Beeinflussbarere von beiden zu sein. Romo kratzte sich den Dreitagebart. »Gut, wir machen mit. Aber pass auf, Italiano. Wir machen keine Scherze.« Ich wischte die Drohung mit einer Handbewegung beiseite und schilderte ihnen die Details des Coups. Wie ich feststellen konnte, verfügten sie über eine hübsche Sammlung, darunter zwei russische Dragunov-Präzisionsgewehre mit Zehn-Schuss-Nachladeautomatik und Infrarot-Nachtsichtgeräten. Man hängt eben an seinem Werkzeug und mag sich davon nicht so ohne weiteres trennen. Romo übersetzte Tončis Frage, wie und wo die Beute geteilt werden solle. Die beiden waren tatsächlich nicht auf den Kopf gefallen. Ihnen war schon klar, dass das der Moment war, wo es für sie gefährlich werden konnte. Ich antwortete, darüber hätte ich noch nicht nachgedacht, und Romo warnte mich, sie würden nur mitmachen, wenn sie alle Einzelheiten kennen. Ich sagte, sie sollten sich keine Sorgen machen, und ging zur Tür. Erstmal ging ich einen Kaffee trinken, zur Entspannung. Diese beiden waren wirklich zum Fürchten. Gefährliche Fanatiker, Profis in Sachen Gewalt und Grausamkeit. Ich ließ mir das Gespräch Satz für Satz durch den Kopf gehen und kam zu dem Schluss, dass sie versuchen würden, die gesamte Beute zu ergattern. Sie hatten nichts zu verlieren, warum sollten sie Zeugen hinterlassen. Der Augenblick des Aufteilens drohte in einem Blutbad zu enden. Dabei sollte es doch nur eine Hinrichtung werden. Ich beschloss, jetzt den Spaniern einen Besuch abzustatten, und stieg in die Straßenbahn. Ich benutzte lieber öffentliche Verkehrsmittel, so konnte ich leichter beobachten, ob mir jemand folgte. Außerdem schaute ich gern durch die Fenster auf die Straßen und den Verkehr hinaus. In der Wohnung war niemand. Der Gastgeber war wohl zur Arbeit. Es war elf Uhr vormittags, ich nahm an, dass sie einkaufen waren, es sei denn, sie überfielen gerade eine Bank, um nicht aus der Übung zu kommen. Dann fand ich sie in einer Bar. Ich ging am Fenster vorbei und sah, wie sie gerade frühstückten, Hörnchen, Cappuccino und Milchshake. Ich ging hinein, nahm einen Stuhl und setzte mich an ihren Tisch. Die beiden Männer schoben die Hand in die Jackentaschen, sie suchten den beruhigenden Abzug ihrer Pistolen. Ich musterte sie mit einem herausfordernden Blick. Die Frau sah mich nur an. Sie war der Boss. Kein Zweifel. Ich legte die Hände auf den Tisch, um zu zeigen, dass ich keine bösen Absichten hatte. »Pepe, Javier, Francisca. Erfreut, eure Bekanntschaft zu machen«, sagte ich freundlich auf Spanisch, indem ich ihre Decknamen benutzte. »Wer bist du?«, fragte sie. »Einer, der alles über euch weiß.« »Bist du ein Genosse?«, fragte Pepe. Ich zog eine Grimasse. »Ich war einer. Jetzt hab ich aufgehört zu träumen und mich stattdessen aufs Geldverdienen verlegt.« »Wer bist du?«, wiederholte Francisca. »Du sprichst Spanisch wie ein Mexikaner.« Ich betrachtete sie. Sie sah wirklich gut aus. Schwarzes Haar, schwarze Augen. Makelloses ovales Gesicht. Üppige Brüste, unterm Minirock schauten lange Beine hervor. Das einzig Unpassende waren die flachen Schuhe, aber die trug sie, um jederzeit wegrennen zu können. Schade, dass sie nicht mein Typ war. Erstens zu jung und außerdem mit Sicherheit eine von den Nervensägen, die sich nie unterordnen können, schon gar nicht einem Mann. Ich überhörte ihre Fragen und bestellte den dritten Kaffee des Tages. Dann zündete ich mir eine Zigarette an. Erst danach redete ich. »Ich bin ein Informant der Polizei. Eigentlich wollte ich euch für Geld an die Bullen verkaufen, aber ihr habt Glück, ich habe Verwendung für euch bei einem Job.« »Was für ein Job?«, fragte die Frau. »Überfall. Geldtransporter. Zweihundert Millionen pro Kopf.« Die drei sahen einander an. Die beiden Männer zielten jetzt in den Jackentaschen auf mich. Sie hätten allzu gern abgedrückt, aber das Café war ein zu belebter Ort. »Wir arbeiten nicht mit Dreckskerlen zusammen«, sagte Francisca. Ich sah ihr lächelnd in die Augen. »Aha, dann solltet ihr euch aber beeilen.« Ich nickte zur Tür. »Euer italienischer Freund, seine Süße und die anderen aus dem Sozialzentrum könnten ganz schön Schwierigkeiten kriegen.« »Hurensohn«, fluchte Pepe. »Die wissen nichts. Sie denken, wir sind drei spanische Genossen, die Ferien machen.« »Ich weiß. Aber denkt ihr, das hindert die italienische Polizei und die Stadtverwaltung daran, ein autonomes Zentrum hochzunehmen, das ihnen schon lange auf die Eier geht, und ein paar Rechnungen zu begleichen? Das wäre nicht das erste Mal, dass so was in Italien passiert. Eher die Regel.« Ich sah sie an. Mir war sonnenklar, was sie jetzt dachten. Andere als sie wären schleunigst verschwunden, und es wäre ihnen egal gewesen, ob jemand ihretwegen im Gefängnis landet. Aber Genossen nicht. Konsequenz, Verantwortungsbewusstsein und Solidarität im Kampf. Ich weidete mich an ihrer Bestürzung. Genau dieselben Mienen wie einst Giannis in der Brasserie in Paris. Sie würden annehmen. Sie konnten doch nicht die Schande eines Verrats mit ins Grab nehmen. Wie passend, so würden sie reinen Gewissens sterben. »Verpiss dich«, befahl die Frau. »Wir müssen beraten. Wir sehen uns morgen wieder hier, zur selben Zeit.« Ich ging spazieren, bis es Zeit fürs Mittagessen war. Dann wählte ich sorgfältig ein Restaurant aus und rief Ferruccio, den Bullen, an. Er fragte, wo ich sei. Zwanzig Minuten später kam er herein, tadellos und elegant gekleidet wie immer. Der Wein, den ich bestellt hatte, war ihm nicht genehm, er ließ ihn austauschen, ohne mich nach meiner Meinung zu fragen. Bullengehabe. »Machen sie mit?«, fragte er. Ich schilderte alles detailliert, wie immer, wenn ich mit ihm zu tun hatte. Auch meinen Verdacht, was die Kroaten anging, verschwieg ich ihm nicht. »Auch die Spanier könnten versucht sein, sich die ganze Beute zu sichern«, überlegte Anedda. »Und zugleich würden sie zwei kroatische Faschisten und einen Spitzel kaltmachen.« Daran hatte ich nicht gedacht. Eigentlich war das eine richtige Überlegung, aber ich kannte die linksextremen Idealisten allzu gut, um das für möglich zu halten. Trotzdem, besser, wir gingen keinerlei Risiko ein. »Wenn wir die Beute aufteilen, musst du an Ort und Stelle sein, versteckt, um im richtigen Moment rauszukommen und mir zu helfen.« »Sieben sind zu viel«, meinte er. »Fünf«, korrigierte ich. »Ciccio Formaggio und sein Informant sind schon am Abend davor fällig.« »Um die kümmerst du dich?« »Ja.« Er zog seinen Krawattenknoten zurecht. »Fünf sind auch nicht wenige, aber das sollte gehen. Jetzt brauchen wir noch ein unbewohntes Haus auf dem flachen Land.« »Das ist deine Sache. Du bist hier aus der Gegend.« Zum x-ten Mal schaute er sich diskret um, ob etwa ein bekanntes Gesicht zu sehen war. Beruhigt stand er auf und ging, ohne seinen Anteil an der Rechnung hinzulegen. Die Witwe hatte sich betrunken. Ich fand sie bäuchlings auf dem Sofa liegend. Das Zimmer stank nach Rauch und Schnaps. Ich riss die Fenster auf, machte einen starken Kaffee und füllte die Badewanne mit kaltem Wasser. Die alte Schlampe hatte extra gesoffen, um sich mir zu entziehen. Am nächsten Morgen in der Bar erschien nur María Garcés alias Francisca. Sie trug einen Pferdeschwanz, ihre Jeans betonten Hintern und Beine. »Allein?« »Besser nur eine im Knast als alle drei.« »Stimmt. Man kann nie vorsichtig genug sein. Also, wie habt ihr euch entschieden?« »Wir können nicht verantworten, dass Unschuldige wegen uns ins Gefängnis müssen. Das Problem ist, dass du keinerlei Sicherheitsgarantie bietest. Das Ganze kann eine Falle sein, vielleicht knallst du uns ab oder verkaufst uns trotzdem an die Polizei, nachdem wir die Sache durchgezogen haben. Oder du denunzierst die italienischen Genossen, wenn wir erstmal weg sind. Bei solchen Scheißkerlen wie dir kann man nie wissen.« Es tat ihr gut, mich zu beleidigen. Sie war wütend und voller Verachtung, vor allem, weil sie genau wusste, dass ich sie in der Hand hatte. »Wenn du mit der Scheiße fertig bist, können wir den Plan durchsprechen.« Ich schilderte ihr den Ablauf der Operation, ohne Ort und Tag zu nennen, genau wie bei den Kroaten. Als sie mich fragte, wer die übrigen Komplizen seien, redete ich erst nur von Romo und Tonči. Aber als sie hörte, dass es Ustaša-Kämpfer waren, ließ sie eine Reihe von zischenden Flüchen los. Ich wartete, bis sie sich ausgetobt hatte. Als ich ihr sagte, dass sie die beiden nach der Verteilung der Beute fertigmachen könnten, beruhigte sie sich. Ihr Gesichtsausdruck verriet, dass auch die Spanier selbst diese Möglichkeit erwogen hatten. Ferruccio hatte recht gehabt. Außer Ciccio Formaggio, diesem Deppen, und seinem Informanten wollten alle, die mitmachen würden, die Konkurrenz aus dem Weg schaffen. Aber wegen der Spanier ließ ich mir keine grauen Haare wachsen. Sorgen machte ich mir wegen der Kroaten. Und wegen Anedda. Der Bulle war eine Unbekannte in dieser Rechnung. Ihm traute ich alles zu. Auch, mir die letzte Kugel zu reservieren, nachdem alle anderen eliminiert waren. Ich hatte nicht die Absicht, ihn umzubringen. Er konnte mir noch nützlich sein. Aber ich würde ein Auge auf ihn haben, und wenn er versuchen sollte, mich reinzulegen, würde ich es ihm ohne Zögern mit gleicher Münze heimzahlen. »Ich will den Ort sehen und den Transporter, wie er das Geld abholt. Und die Fluchtwege checken.« Mit diesen Forderungen holte sie mich aus meinen Gedanken. Ich stoppte sie mit einer Handbewegung. »Ich zeige euch ein Video. Leute, nach denen gefahndet wird, haben dort nichts verloren. Oder wollt ihr alles versauen? In zehn Tagen schlagen wir zu.« Am nächsten Samstag wollte ich mit einer Kamera vor Ort sein und filmen, eine Woche danach sollte die Aktion steigen. Sie starrte mich hasserfüllt an. »Die Sache stinkt immer mehr nach einer Falle.« »In Wirklichkeit stinkt sie nach Geld, nach sonst gar nichts, aber du bist dermaßen in deiner Rolle als harte, gewissenhafte Kämpferin gefangen, dass du es überhaupt nicht merkst.« Sie hob die Hand, um mich zu ohrfeigen. »Pass auf, wir sind in der Öffentlichkeit«, warnte ich sie in ruhigem Tonfall. Sie senkte die Hand wieder. »Wenn du versuchst, uns zu verarschen, bist du fällig.« Ich seufzte. Sie war unerträglich. Es würde mir ein Vergnügen sein, sie abzuknallen. Ich lächelte schmallippig. »Wir sehen uns in genau einer Woche wieder. Ich sage euch noch, wo. Und bring deine sauberen Freunde mit. Dann mache ich euch mit dem Rest der Gruppe bekannt.« Ciccio Formaggio traf ich zum Mittagessen. Als er auf der Speisekarte die Preise sah, fing er an zu maulen. »In was für einen Laden hast du mich denn gelockt? Das sind ja Wucherpreise.« Ich prustete. »Geschwätz! Du machst nächste Woche einen Riesengewinn, und jetzt jammerst du über Restaurantpreise?« Seine Miene hellte sich auf. »Wir ziehen es also durch?« »Ja. Ich hatte nur ein paar praktische Details zu klären.« »Was muss ich tun?« »Zwei Autos besorgen. Viertürer und keine lahmen Enten. Du stellst sie in zwei verschiedenen Parkhäusern unter, die weit genug voneinander entfernt sind, und bringst mir die Parkscheine.« »Treffen wir uns wieder hier?« »Nein, nein«, antwortete ich freundlich. »Wenn du mir die Parkscheine gibst, sage ich dir, wohin du mit deinem Informanten kommen musst, damit ihr euch euren Anteil abholen und das Leben genießen könnt.« Eilig lernte ich den Gebrauch der Videokamera, die mich einen Haufen Geld gekostet hatte. Ich brauchte gute Bilder für den Rest der Gruppe. Als der Transporter kam, um die Wocheneinnahmen abzuholen, wartete ich auf dem Dach, wo ich die Kroaten plazieren würde, bereit, ein Filmchen im Wert von eineinhalb Milliarden zu drehen. Hineingekommen war ich mit einem Nachschlüssel, den Ciccio Formaggio mir am Abend davor besorgt hatte. Es war schon dunkel, aber der Parkplatz des Einkaufszentrums war taghell erleuchtet. Wie das letzte Mal wartete das gepanzerte Fahrzeug ein paar Minuten mit laufendem Motor. Dann gingen die Türen auf, und die Wachmänner kamen heraus, die Hand am Schaft ihrer Pistolen, dicker halbautomatischer Waffen mit Dreißig-Schuss-Magazin. Waffen, die für einen Schusswechsel auf kurze Distanz und mit einem sichtbaren Gegner geeignet waren, gegen Scharfschützen aber nichts brachten. Sie trugen kugelsichere Westen, aber die würden gegen die kriegstaugliche Munition von Romo und Tonči nichts ausrichten können. Die gepanzerten Geschosse würden durch die Körper hindurchgehen wie ein Messer durch ein Stück weiche Butter. Abgesehen davon würden die Sniper sowieso auf den Kopf zielen. Die beiden Wachmänner würden umkippen wie zwei Ochsen beim Schlachter. In Italien Geldtransporter zu überfallen, war lohnend und überhaupt nicht kompliziert. Man musste nur Mumm genug haben, lebenslänglich zu riskieren. Die beiden Männer öffneten die stählerne Klappe und nahmen die Säcke mit dem Geld heraus. Durch das Objektiv verfolgte ich ihr Fahrzeug, bis es hinter einer Kurve verschwand. Zur Sicherheit sah ich mir den Film sofort an. Perfekt. Ich hatte den anderen als Treffpunkt eine Wohnung bei den Kanälen genannt, in der illegal gespielt wurde. Jetzt am Sonntagmorgen war kein Mensch hier, und der Inhaber, ein kleiner Gangster, den ich aus San Vittore kannte, hatte mir für ein paar Hunderter den Schlüssel überlassen. Als ich die Tür öffnete, schlug mir der Gestank von Rauch, Schweiß und Elend entgegen. Ich riss die Fenster auf, ein vergeblicher Versuch, etwas frische Luft hereinzubekommen. Spärliche Möblierung, runde Plastiktische mit grünen Decken, alte, wacklige Holzstühle. Die einzig neuen Gegenstände waren der Fernseher und der Videoplayer. Am Boden daneben ein Stapel Pornokassetten, mit denen sich die Gäste die Zeit vertrieben, bis sie wieder an der Reihe waren zu spielen. Ich zündete mir eine Zigarette an und postierte mich am Fenster, von wo aus ich die Straße beobachten konnte. Als Erste kamen die Kroaten. Wachsam, die Hände in den Taschen, jederzeit bereit, die Pistolen zu ziehen und loszuschießen. Ich wartete auf der Türschwelle, die Hände vorm Leib sichtbar, und bat sie herein, damit sie die Wohnung durchsuchen konnten. Absolut nicht beruhigt, setzten sie sich auf ein Sofa, von wo aus sie den Eingang im Blick hatten. Die Spanier kamen eine halbe Stunde zu spät. Pepe und Javier betraten die Wohnung als Erste, die Revolver hinterm Rücken versteckt, und stellten sich neben die Tür. Dann erst kam Francisca herein. An dem Tag sah sie noch besser aus. Sie trug ein elegantes Kostüm, passende Schuhe und Handtasche, schwarze Nylonstrümpfe. Mich würdigte sie keines Blickes. Sie blieb mitten im Zimmer stehen und fixierte die beiden Kroaten. Romo und Tonči betrachteten sie ihrerseits. Černis lüsterner Blick beunruhigte mich. Die Spanierin gefiel ihm. Wahrscheinlich hätte er sie nur zu gern vergewaltigt und dann umgebracht. Da täuschte ich mich sicher nicht, in Mittelamerika hatte ich genügend Gelegenheit gehabt, mich mit den Gewohnheiten der Soldateska vertraut zu machen. Mir war scheißegal, was für ein Ende die Spanierin nehmen würde, aber unser Plan durfte nicht für einen Fick riskiert werden. Als den Kroaten klar wurde, dass die Begleiter der schönen Frau Waffen hinterm Rücken trugen, legten sie sich ihre Halbautomatischen auf die Knie. Die Spannung war mit Händen zu greifen. »Knarren weg«, sagte ich entschlossen. »Konzentriert euch jetzt auf den Plan. Nächsten Samstag steigt unsere Sache.« Ich verdunkelte die Wohnung und drückte auf den Knopf des Videoplayers. Die Bilder huschten über den Bildschirm und beanspruchten die Aufmerksamkeit aller, was für etwas Entspannung sorgte. Ich zeigte den ganzen Film ohne Unterbrechung, dann spulte ich zurück und ließ ihn von vorn laufen, stoppte ihn zwischendurch mit der Pausentaste, um Details zu besprechen. Es dauerte seine Zeit, denn Tonči brauchte immer erst eine Übersetzung, aber am Ende waren alle überzeugt, dass es so funktionieren würde. Auf einer Straßenkarte zeigte ich ihnen, wie sie zum Einkaufszentrum kamen und was ich als Fluchtweg geplant hatte. Beide Gruppen sollten je einen der Wagen benutzen, die Ciccio Formaggio geklaut hatte, und mich nach dem Überfall bei einer Tankstelle an der Straße nach Varese treffen. Von dort aus würde ich sie zum Aufteilen der Beute zu einem allein gelegenen Landhaus bringen. Danach würden sich unsere Wege trennen. Die Anarchisten standen auf und verließen die Wohnung. Francisca drehte sich noch einmal um und sah Romo in die Augen. Sie hatte die Gelüste des Ustaša-Kämpfers erraten, und ihre Antwort war dieser herausfordernde Blick. Den Mann beeindruckte das nicht im mindesten, er leckte sich provozierend langsam die Lippen. Die beiden Kroaten warteten zehn Minuten, bevor sie grußlos gingen. Ich rauchte noch eine. Dann nahm ich die Kassette aus dem Videoplayer und zertrat sie. Keine Beweise hinterlassen. Die Trümmer tat ich in eine Plastiktüte, in die ich auch die gefüllten Aschenbecher leerte. Ich versicherte mich, dass keine Spur unserer Anwesenheit in der Bude zu sehen war, dann ging ich durch die menschenleeren Straßen zu der Bar, wo der Inhaber der Wohnung auf mich wartete. Ich ließ ihm die Schlüssel und die zweite Hälfte der Miete in die Hand gleiten. Dann ging ich wieder Richtung Stadtmitte. Ich musste in aller Ruhe nachdenken und setzte mich in ein Fischrestaurant. Ich hatte großen Appetit und bestellte kalte und warme Antipasti, danach Linguine mit Hummer und einen Fritto misto aus Fischen und Calamari. Der Sommelier trat an meinen Tisch. Würdevoll empfahl er mir einen Weißwein aus dem Collio. Während er dessen Vorzüge aufzählte, spähte ich in die Karte und sah, dass die Flasche geschlagene fünfzigtausend kostete. Der musste gut sein, da gab es nichts. Mit einem Kopfnicken bestätigte ich seine Empfehlung. Als ich endlich allein war, betrachtete ich im silbernen Platzteller lange mein verzerrtes Spiegelbild. Dann stellte ich im Geiste eine Liste der Personen auf, die sterben mussten. Die Witwe, Ciccio Formaggio, der Wachmann, von dem er den Tipp hatte, Romo, Tonči, Pepe, Javier und Francisca. Acht. Zu viele, wenn sie denn miteinander zusammengehangen hätten. Das taten sie aber nicht, und die Leichen der Ausländer würden nie entdeckt werden. Flüchtig auch als Tote. Um die ersten drei musste ich mich selbst kümmern. Das Problem mit der Witwe hatte ich nach der Hälfte der Antipasti gelöst. Sie würde nach der üblichen Methode einschlafen, Fernet und Schlaftabletten in der Badewanne. Dann würde ich sie an den Beinen hochziehen, bis ihr Kopf unter Wasser geriet. Die Nachbarn, daran gewöhnt, dass sie längere Zeit weg war, würden keinen Verdacht schöpfen, und wenn sie wegen des Gestanks die Polizei riefen, würden alle, Gerichtsmediziner inklusive, an einen Unfall glauben. Die Presse würde sich daran erinnern, wessen Frau sie gewesen war, und ihr eine mit Erinnerungen und Mitleid gespickte Nachricht widmen. Dienstag früh würde ich sie umbringen, drei Tage nach dem Überfall, wenn der erste Wirbel sich gelegt hatte. Dann wollte ich ins Veneto umziehen und ein neues Leben anfangen. Beim Gedanken an die Witwe bekam ich einen Ständer und die eine oder andere versaute Idee, wie ich mich mit ihr amüsieren könnte. Aber das ließ ich besser bleiben. Wenn der Leichenbeschauer Spuren von meinen Spielchen entdeckte, kam er am Ende noch auf merkwürdige Gedanken. Die beiden anderen mussten am Abend vor dem Überfall dran glauben. Ich wollte Ciccio zu mir bestellen, damit er mir die Autoschlüssel gemeinsam mit seinem Informanten brachte. Sollte er fragen, warum der unbedingt mitkommen sollte, würde ich sagen, dass ich seinen Partner von Angesicht zu Angesicht sehen wollte, damit es nachher im Moment des Teilens keine böse Überraschung gäbe. Eine bescheuerte Ausrede, auf die nur ein Idiot wie Ciccio Formaggio hereinfallen konnte. Sein Freund vom Sicherheitsdienst würde das sowieso schlucken, er war ein unbeschriebenes Blatt ohne jede Erfahrung abseits des Legalen. Und Ciccio würde ihm gegenüber für mich geradestehen. Während ich an den Hummerschalen lutschte, überlegte ich, wie ich sie umbringen könnte. Bei so etwas ist die einfachste, schnellste und sauberste Lösung immer die beste. In diesem Fall ein Genickschuss. Die Kugel zerstört das Gehirn, das Opfer hat nicht mal Zeit, der Welt Lebewohl zu sagen. Der ganze Sabber, Blut, Knochensplitter und Hirnmasse, spritzt exakt auf der dem Einschuss gegenüberliegenden Seite hinaus. Ich würde auf der Rückbank ihres Autos sitzen und sie von dort aus kaltmachen. Erst den Fahrer. Dann den anderen. Mit Pistole und Schalldämpfer. Damals in Mittelamerika, als ich Luca hinrichtete, dröhnte mir der Schuss in den Ohren und beraubte mich so eines Teils des Staunens und des Machtgefühls, das man empfindet, wenn man einem Mann das Leben nimmt, indem man abdrückt. Danach würde ich die Leichen mit Benzin übergießen, und die Bullen hätten einige Zeit zu basteln, bis sie die verkohlten Reste identifizieren könnten. Sobald dann feststünde, dass es sich um einen umgekrempelten Exterroristen und einen Wachmann handelte, würde man sofort die Verbindung zu meinem Überfall erkennen. Genau das wollte ich. Diese Spur würde nirgendwohin führen, und da Anedda als Chef der Spezialeinheit an den Ermittlungen teilnahm, konnte er sie nötigenfalls von mir ablenken. Bei den anderen fünf, den Kroaten und den Spaniern, sah die Sache schon komplizierter aus. Sie umzubringen war riskant. Da musste ich auf Leute schießen, die damit rechneten und das Feuer erwidern konnten. Aber ich würde es schaffen. Lebend. Sie nicht. Sie würden nie wieder so einen Fritto misto aus Fischen und Calamari essen, wie ich ihn gerade serviert bekommen hatte. Glutheiß und so zart, dass die Bissen im Mund zerflossen. Ich würde sie zu dem Landhaus führen, und dort würde Anedda plötzlich auftauchen und sie mit einem Kugelhagel eindecken. Dann könnte ich mit der Lupara meinen Teil erledigen. Eigentlich wäre der günstigste Augenblick später, während des Aufteilens. Aber da bestand die Gefahr, dass uns einer von ihnen zuvorkam, das Geld mit Blut befleckt oder eine Ladung Schrot abbekommen würde. Die Leichen würden wir vergraben, und so würde von ihnen für die nächsten zwanzig Jahre nichts bleiben als ihre Namen und Gesichter in den Unterlagen der Ausländerpolizei. Zum Abschluss gönnte ich mir ein Stück neapolitanischen Kuchen mit Quark- und Weizenkörnerfüllung. Der Sommelier tauchte wieder auf und schlug mir dazu einen sizilianischen Süßwein vor. Um einem Vortrag über Süßweine zu entgehen, sagte ich sofort, das sei einer meiner Lieblingsweine. Jetzt war der Moment, über die zeitliche Organisation nachzudenken. Jede militärische Operation – und das war ein Überfall auf einen gepanzerten Geldtransporter, garniert mit einem knappen Dutzend Toten, ganz sicher – musste mit der Präzision einer Schweizer Uhr ablaufen. Ich rekapitulierte jede einzelne Phase des Coups, und als ich zahlte, fühlte ich mich wie neu. Reich und als Sieger. Genau so fühlte ich mich. 3 Luana Montag, 14 Uhr Anedda war nervös. Und hatte es eilig. Man erwartete ihn im Polizeipräsidium zur Vorbereitung einer Razzia im Versteck algerischer Terroristen, einer Gruppe von Fanatikern, die Frauen und Kindern die Kehle durchzuschneiden pflegten. Wie immer blickte er beim Fahren häufig in den Rückspiegel. »Und?« Ich brachte ihn auf den neuesten Stand. »Sieht gut aus, finde ich«, bemerkte er zufrieden. »Ich brauche eine Pistole mit Schalldämpfer.« »Für wen?« »Ciccio Formaggio und den anderen.« »Die Leichen?« »Werden flambiert.« »Und die Witwe?« Dieser verdammte Bulle wusste also genau, wo ich wohnte. Eine Art, mir mitzuteilen, dass ich nicht zu versuchen brauchte, ihn reinzulegen. Ich reagierte mit keiner Faser. »Natürlicher Tod. Selbstmorddrama, Einsamkeit.« Er kicherte belustigt. Dann wurde er wieder ernst. »Ich habe auf dem Land ein verlassenes Haus ausfindig gemacht, genau das Richtige für uns. Niemand in der Nähe, der die Schüsse hören könnte, und wir müssen nicht einmal Gräber graben. Neben dem Haus ist eine alte Zisterne, wo wir sie reinwerfen können. Übermorgen fahren wir hin und sehen uns das an. Da bringe ich auch die Waffen mit.« Er fuhr an den Bordstein. Wir hatten nichts mehr zu besprechen. Mittwoch, 11 Uhr Schöne, warme Sonne. So einen Oktober hatte es schon seit Jahren nicht mehr gegeben. Das Dach der Ställe und des Kornspeichers neben dem verlassenen Bauernhof waren seit langem eingefallen. Das Haus hingegen wirkte noch solide. Türen und Fenster waren zerschlagen, die Wände voller Schmierereien. Drinnen Spuren von Übernachtungen, eine aufgeschlitzte Matratze. Anedda holte eine schwere Tasche aus dem Wagen und ging vor mir in die Küche, einen großen Raum mit breitem, rußgeschwärztem Kamin und abgegriffenem Spülstein. In der Mitte ein alter Holztisch. »Den habe ich da hingestellt. Ich hab ihn im Obergeschoss gefunden.« Dann erklärte er mir seinen Plan: »Wenn ihr ankommt, ist es stockdunkel. Du steigst aus dem Wagen, beleuchtest Eingang und Flur mit der Taschenlampe, bringst sie alle hier rein und machst die Campinglampe an. Dann sagst du den Spaniern, sie sollen die Säcke auf den Tisch stellen. Ich bin hinterm Fenster versteckt. Sobald das Geld auf dem Tisch liegt, eröffne ich das Feuer.« Ich betrachtete den Raum. »Dann stehe ich mitten im Schussfeld.« »Nein«, antwortete der Bulle. »Du musst nur sofort links neben dem Kamin in Deckung gehen. Von dort aus kannst du in aller Ruhe schießen.« Der steinerne Vorsprung war tiefer als ein Meter, etwas höher als eineinhalb. Besser als nichts. Im Winkel mit der Wand befand sich eine kleine Konsole. Das ideale Versteck für die Lupara, die mich vor den Albanern gerettet hatte. Ich wickelte sie aus den Tüchern, kontrollierte, ob sie geladen war, und lehnte sie auf die Konsole. Das war genau die richtige Waffe für einen Innenraum. So aus der Nähe war das Ziel unmöglich zu verfehlen. »Brauchst du Munition?« Ich schüttelte den Kopf. »Sowieso keine Zeit zum Nachladen.« Anedda öffnete die Stofftasche. Er zog eine Pumpgun mit ausziehbarem Schaft heraus, zwei großkalibrige Revolver und eine 22-Millimeter-Halbautomatik mit Schalldämpfer. Eine typische Hinrichtungswaffe, früher wegen der geringen Durchschlagskraft des Kalibers von den Killern verschmäht, dann hatte die amerikanische Mafia sie erfolgreich eingesetzt, und so war sie in Mode gekommen. Ich nahm sie zur Hand, um sie zu untersuchen. Das Magazin war voll mit gepanzerten Geschossen. »Woher kommen die?« »Ein Souvenir von einer Razzia«, antwortete er vergnügt. »Eine gute alte Bullensitte, sich ein Erinnerungsstück zu sichern. Die Terroristen hatten von denen immer jede Menge.« Er gab mir einen der Revolver. Eine .357 Magnum aus spanischer Produktion. »Leg ihn neben die Lupara. Vielleicht brauchst du ihn.« Ich deckte die Waffen mit einem Stück Stoff zu und sah mir noch einmal genau den Raum an, um mir sämtliche Einzelheiten einzuprägen. Dann folgte ich dem Bullen hinters Haus. Er hob einen alten, durchgerosteten Metalldeckel hoch. Ich sah hinunter. Am Grunde der betonierten Zisterne stand etwas Regenwasser, nicht mehr als zwei Zentimeter hoch. Dieses große Loch würde das Grab für fünf unserer Komplizen werden. »Da tun wir sie rein.« »Besser nicht«, wandte ich ein, »nach vier, fünf Tagen verpestet der Aasgeruch die ganze Gegend. Und auf den Feldern in der Umgebung wird gearbeitet.« »Wir tun ein paar Bretter darüber und schaufeln Erde darauf. Dann haben sie eine Weile Ruhe.« Mittwoch, 19 Uhr »Das Schönste an dieser Stadt ist die Zeit des Aperitifs«, meinte Ciccio Formaggio, als er die Bar betrat. »Die Tresen sind voll mit allem, was das Herz begehrt, und hinterher kannst du dir das Abendessen sparen.« »Hast du die Wagen besorgt?«, fragte ich und ging zu einem etwas abseits stehenden Tisch. »Ja. Einen Escort und einen Renault 21, beides unauffällige Modelle.« »Hoffentlich keine lahmen Enten.« »Nein«, antwortete er selbstsicher. »Ich hab sie ausprobiert, sie sind schnell, es macht richtig Spaß. Aber zur Sicherheit hab ich einen Ölwechsel gemacht, Luftfilter und Zündkerzen ausgetauscht, den Reifendruck kontrolliert und vollgetankt.« »Großartig«, lobte ich ihn. »Ich bin eben ein Profi«, entgegnete der Idiot selbstzufrieden. »Wann bringst du sie in die Parkhäuser?« »Freitag spätvormittags. Die Bullen durchsuchen die Parkhäuser jetzt oft auf der Jagd nach gestohlenen Kutschen. Die kennen den Trick mittlerweile auch.« Der Kellner brachte uns zwei Negroni und einen Teller mit Knabberzeug. »Willst du keine?«, wunderte sich Ciccio und stopfte sich gleich den Mund mit Erdnüssen voll. Ich antwortete nicht. Er war mir einfach zu dämlich. Ich redete über unsere Aktion und nannte ihm den Namen einer Bar an der Porta Romana, wo er mir die Parkscheine übergeben sollte. »Bring deinen Informanten mit. Ich möchte ihn sehen, bevor wir uns zum Aufteilen der Beute treffen.« Der Exterrorist rutschte unbehaglich auf seinem Stuhl herum. »Ja, genau darüber wollte ich mit dir reden. Der Wachmann, von dem ich den Tipp habe, will sich niemandem zeigen. Nicht mal, um seinen Anteil zu kassieren. Den soll ich ihm bringen.« Ich lachte nur. »Dein Freund kommt sich wohl schlau vor. Wenn er in Verdacht gerät, kann er sich damit rausreden, dass er dir davon erzählt hat, und du, der Vorbestrafte, hast sein Vertrauen ausgenutzt und den Überfall organisiert. Sein Wort gegen deins. Du wanderst ins Gefängnis, er hat das Geld, das hat er bis dahin schön ins Trockene gebracht.« Ciccio Formaggio sah mich an. Ganz offensichtlich nagte der Zweifel an ihm. »Warum sollte er mich reinlegen? Er weiß genau, wie schnell ich ihm ein Messer in den Bauch ramme«, zischte er kriegerisch. Ich legte ihm die Hand auf den Arm. Ein wahrer Freund. »Wenn alle ihn getroffen haben, kann er niemanden mehr reinreiten. Wenn wir ihn kennen, können wir uns rächen, zum Beispiel, indem wir verraten, welche Rolle er in dem Ganzen gespielt hat.« Der Exterrorist war noch nicht überzeugt. Wider Willen musste ich ihm einen Teil des Plans verraten. »Wir müssen zwei von seinen Kollegen ausschalten. Der Sicherheitsdienst wird umgekrempelt werden. Du verstehst, wir müssen ihn bei den Eiern haben, sonst gehen ihm womöglich die Nerven durch.« Ciccio nickte. »Scheiße, zwei Tote«, meinte er halblaut. »Gut, ich bringe ihn mit. Keine Sorge.« Freitag, 19 Uhr 30 Der Wachmann war ein großer Junge, keine dreißig Jahre alt, und wie ich es mir gedacht hatte, war er nicht heller als Ciccio Formaggio. Er fand einfach, er habe auch ein Recht auf einen kleinen Teil der Reichtümer, die er jeden Tag für einen Hungerlohn beschützte. Er hatte sich ängstlich aus der Legalität herausbegeben, weil er genau wusste, dass Ehrlichkeit ihm allerhöchstens eine magere Rente bescheren würde. Aber jetzt wollte er sich zurückziehen. Schluss mit diesen Kneipengesprächen, bei denen es immer leicht aussieht, das Leben beim Schlafittchen zu packen. Das hier war eine ernste Sache, dieses Geld spielte eine andere Musik. Damit ließen sich Autos kaufen und Frauen, die er sich sonst nie hätte erlauben können, andererseits konnte er dafür geradewegs ins Gefängnis wandern. Und dort waren Wachleute nicht gern gesehen, auch wenn sie die Seite gewechselt hatten. All das ließ sich ihm von den Augen ablesen. Ihn zu eliminieren war unvermeidlich. Wenn den die Bullen in die Zange nähmen, würde er schon bei der ersten Frage auspacken. Noch so ein Loser. Ich machte einen auf sympathisch. Zwinkerte ihm zu und schlug ihm auf die Schulter. Der Junge hieß Ausonio. Wahrscheinlich würde ich an diesem Abend den letzten Träger dieses Namens umbringen. Ich gab ihnen etwas zu trinken aus. Nur eine Runde. Ich wollte hier raus. Ich freute mich darauf, sie zu töten. Die Pistole hing mir schwer in der Jackentasche. In der anderen Tasche hatte ich den Schalldämpfer. Den ganzen Nachmittag über hatte ich geübt, ihn blitzschnell auf den Lauf zu schrauben. Jetzt war ich bereit, das Feuer zu eröffnen, wenn ich bis fünf gezählt hatte. Der Wachmann knöpfte sich die billige Lederjacke auf. An einer Wölbung des Pullovers erkannte ich, dass er eine Pistole im Hosenbund stecken hatte. Er würde nicht mal mehr zu dem Gedanken kommen, sie zu benutzen. »Hier sind die Schlüssel und die Parkscheine«, sagte Ciccio und schob mir einen Umschlag über den Tisch. »Ihr seid mit dem Auto gekommen?«, fragte ich beiläufig. »Mit seinem.« Ciccio deutete mit dem Daumen auf seinen Genossen. »Perfekt«, sagte ich. »Jetzt zeige ich euch den Ort, wo wir die Beute unter uns aufteilen.« »Muss ich denn wirklich mit?«, stotterte Ausonio schüchtern. Ich breitete die Arme aus. »Kein Mensch zwingt dich dazu. Aber dann platzt die Sache, und meine Kumpel sind auf dich sauer. Sie werden sagen, du hast sie Zeit und Geld gekostet, und dann werden sie dir eine Lektion verpassen.« Der Junge wurde blass und ließ den Kopf sinken. Er hatte eine lichte Stelle am Hinterkopf und neigte etwas zu Schuppen, was er offenbar nie konsequent bekämpft hatte. »Ich gehöre nicht zu diesen Kreisen, manche Sachen mache ich eben nicht.« »Da hast du recht. Man braucht ein bisschen Geduld mit ihm. Er gehört eigentlich nicht zu uns«, meinte Ciccio zu seiner Verteidigung. »Jetzt kennt er die Regeln.« Ich beendete die Diskussion. »Gut, gut, ich mache alles mit«, stammelte der Wachmann. Ich stand auf. »Kommt.« Ich stieg in meinen Panda, sie nahmen Ausonios Fiat Tipo. Ich führte sie aufs Land, in die Gegend von Cusago. Auf einem unasphaltierten Weg hielt ich rund fünfzig Meter von einem verlassenen Bauernhaus entfernt und streifte mir Lederhandschuhe über. Dann ging ich zum Tipo und stieg ein, setzte mich in die Mitte der Rückbank. »Dort ist es«, sagte ich und zog Pistole und Schalldämpfer aus der Tasche. »Morgen kommt ihr hierher, um elf Uhr abends, nicht früher. Ihr blinkt dreimal mit den Scheinwerfern, damit ich weiß, dass ihr es seid.« Sie hörten konzentriert auf meine Worte und blickten beide zum Haus. Ich entsicherte, streckte den Arm aus und schoss Ausonio, dem Wachmann, ins Genick. Blut spritzte auf die Windschutzscheibe. Dann richtete ich die Waffe auf Ciccio Formaggio, den Idioten. Noch ein Blutspritzer. Der Schalldämpfer unterdrückte den Lärm beider Detonationen. Die Patronenhülsen flogen klimpernd ans Fenster zu meiner Rechten. Jetzt erfüllten der Gestank des Schießpulvers und die plötzliche Stille des Todes den Wagen. Ich musste die Hülsen suchen, um keine Spuren zu hinterlassen, und die Pistole mitnehmen, ebenso die Halbautomatik des Wachmanns. Dann den Benzinkanister aus meinem Wagen holen, Feuer legen und verschwinden. Ich hatte keine Zeit zu verlieren. Jede ohne guten Grund am Ort einer Tat verbrachte Sekunde ist Wahnsinn. Das wusste ich genau, dennoch holte ich in aller Ruhe Zigaretten und Feuerzeug aus der Hosentasche. Und rauchte. Eine ganze Zigarette. Ich langte in den Wagen und machte das Innenlicht an. Dann zog ich ihnen die Portemonnaies aus den Taschen und wühlte in ihrem Leben herum. Papiere, Ausweise, Fotos. Ausonio lächelnd zwischen zwei alten Herrschaften. Mama und Papa. Ich zerriss das Bild mit einem Ruck. Zehn Minuten später machte ich die zweite Zigarette an. Ein paar Züge, dann warf ich sie in den benzingetränkten Innenraum des Tipo. Samstag, 11 Uhr 30 Die Spanier kamen zu spät, wie immer. Die Hände in den Taschen, betraten sie die Bar. Pepe ging zum Tresen und bestellte einen Orangensaft. Javier trat an meinen Tisch. Ich gab ihm den Schlüssel und den Parkschein. Schweigend ging er wieder. Sein Genosse bezahlte den Saft, im Hinausgehen streifte mich nur sein zerstreuter Blick. Samstag, 14 Uhr Anderes Stadtviertel, andere Bar. Romo Dujić, genannt Černi, trank ein alkoholfreies Bier. Kein Alkohol vor der Arbeit mit einem Präzisionsgewehr. Tonči Zaninović, der zweite Mann, saß an einem anderen Tisch, den Blick auf die Straße gerichtet. Ich warf den Umschlag auf den Tisch. »Schlüssel und Parkschein.« Der Kroate nickte. An diesem Tag mochte keiner reden. Samstag, 20 Uhr 32 Nach dem Raub konnte ich anhand von Zeitungsberichten und Interviews mit den Zeugen in regionalen und landesweiten Radiosendern den Hergang rekonstruieren. Der Panzerwagen kam pünktlich um halb neun. Zwei Minuten lang kontrollierten die Männer die Umgebung. Dann stiegen der Fahrer und ein zweiter Wachmann aus, öffneten die Stahlklappe und nahmen die Geldsäcke; in diesem Moment wurden sie von mehreren Geschossen getötet. Gianni Casiraghi, einundvierzig, getrennt lebend, zwei Töchter, wurde ins Gesicht und in die Kehle getroffen. Walter Salemme, neunundzwanzig, verheiratet, ein Kind von vier Monaten, in die Schläfe. Er war tot, bevor er am Boden lag. Ein parkender Renault 21 schoss reifenquietschend zu den auf dem Asphalt liegenden Geldsäcken. Die Zeugen waren sicher, dass eine Frau am Steuer saß. Die Scharfschützen beschossen unterdessen den hinteren Sichtschlitz des Transporters, um den dritten Wachmann daran zu hindern, dass er das Feuer erwiderte. Das war jedoch ganz und gar überflüssig. Als Antonio Donati, dreiunddreißig, verheiratet, keine Kinder, mit ansehen musste, wie seine Kollegen mit tödlicher Präzision abgeschossen wurden, warf er sich flach auf den Boden des Wagens und betete schluchzend. Vor Entsetzen vergaß er sogar, über Funk die Zentrale zu alarmieren. Zwei Männer stiegen aus dem Renault. Einer sammelte die Geldsäcke auf, der andere gab ihm mit zwei Pistolen Deckung. Die Zeitungen überboten sich gegenseitig mit computergenerierten Skizzen des Tatorts und an den Haaren herbeigezogenen Thesen. Die einzige zutreffende Annahme betraf die Verwicklung eines Mitarbeiters der Sicherheitsfirma. Ciccios und Ausonios Leichen hatte man zwar schon gefunden, aber sie waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, es würde einige Zeit dauern, bis man ihre Identität ermittelt hatte. Die Nachrichten von dem Überfall standen ein paar Tage lang auf den Titelseiten, nicht nur wegen der beiden Toten, der Beerdigungsfeierlichkeiten mit kirchlichen Würdenträgern und Gemeindetrauer, sondern auch wegen der Höhe der Beute: eine Milliarde siebenhundert Millionen Lire. Anders als sonst ließen die Ermittler nur allgemeine und wenig informative Details verlauten. Der Ablauf des Coups und die rund zwanzig Patronenhülsen aus russischer Fabrikation ließen offenkundig auf eine gefährliche ausländische Bande schließen. Eine schwierige Ermittlung, in der jede Einzelheit wichtig werden konnte und nicht öffentlich werden durfte. Samstag, 21 Uhr 15 Die Tankstelle war seit halb acht geschlossen. Ich stand in meinem Panda hinter der Autowaschanlage, von der Landstraße aus nicht sichtbar. Schließlich wollte ich nicht, dass irgendeine Streife auf mich aufmerksam wurde. Der Escort der Kroaten kam, dicht gefolgt vom Renault mit den Spaniern. Ich ließ den Motor an und fuhr ihnen bis zum Ziel voraus. Ich war zufrieden. Zufrieden und erregt bei der Vorstellung, reich zu werden. Die letzte Hürde bestand darin, die Leichen meiner Komplizen in die Zisterne zu schleifen. Samstag, 22 Uhr 40 Um Straßensperren zu umfahren, mussten wir kleinere, oft unasphaltierte Straßen benutzen. Schließlich hielt ich, schaltete eine kräftige Taschenlampe an und gab den anderen Zeichen, mir zu folgen. Das verlassene Bauernhaus lag in tiefem Dunkel. Kurz regte sich niemand von den anderen. Dann steckten alle die Hände in die Taschen, und der Kontakt mit den Abzügen ihrer Pistolen beruhigte sie so weit, dass sie ins Haus kamen. In der Küche zündete ich die Campinglampe an, sagte zu den Spaniern, sie sollten das Geld auf den Tisch legen, und bewegte mich in Richtung meines Verstecks hinterm Kamin. Anedda eröffnete das Feuer zu früh und versaute alles. Er traf Pepe in die Brust und schoss Javier in die Seite. Allerdings waren Francisca und die Kroaten noch gar nicht richtig in der Küche. Sie zogen sich durch den Flur aus dem Schussfeld zurück. Ich griff die abgesägte Flinte und neigte mich vorsichtig aus der Türöffnung, bereit zum Losfeuern. Aber mich empfing ein Kugelhagel, ich musste in Deckung gehen. Javier jammerte leise. Ich nahm die Pistole und gab ihm den Gnadenschuss. »Du hast Scheiße gebaut«, zischte ich wütend Anedda zu, der inzwischen durchs Fenster hereingekommen war. »Wir haben das Geld.« Er deutete zu den Säcken auf dem Tisch. »Jetzt gehen wir raus und beenden die Sache«, fügte er hinzu und löschte die Lampe. Aber wir saßen im Haus in der Falle, denn die Kroaten hatten die Gewehre mit den Nachtsichtgeräten aus dem Wagen mitgenommen. Geschützt von der Dunkelheit, konnten sie uns im Visier behalten, und wir sahen gar nichts. »Sie haben uns am Arsch.« »Wir müssen verhandeln«, riet der Bulle. »Wozu sollen wir uns gegenseitig umlegen«, rief ich. »Wir geben euch die Hälfte vom Geld und dann ciao!« »Alles Geld«, rief der Kroate. »Du kannst nicht verhandeln.« »Wir halten bis morgen durch, dann könnt ihr euch eure Nachtsichtgeräte in den Arsch stecken.« Er antwortete nicht. Offenbar besprachen sie die Situation. »Was ist mit der Spanierin?«, fragte Anedda. Stimmt ja. Francisca. »Keine Ahnung«, antwortete ich. »Entweder haben sie sie schon kaltgemacht, oder sie hat sich irgendwo in der Nähe versteckt.« »Was tun wir?« »Wir bleiben in Deckung, mehr können wir nicht tun. Du sicherst die Tür, ich das Fenster.« Romos Stimme unterbrach uns: »Okay. Werft zwei Säcke raus, dann gehen wir.« »Schlaues Kerlchen«, kommentierte Ferruccio. »Red keine Scheiße, sonst machen wir es uns hier bis morgen gemütlich«, rief ich. »Das Geld gibt’s gegen eure Gewehre. Und keine weiteren Diskussionen.« »In Ordnung.« Die nächsten zehn Minuten vergingen mit Verhandlungen, wie die Übergabe vonstattengehen sollte. Endlich lagen die beiden Dragunovs und die Geldsäcke nebeneinander vorm Haus. Erst jetzt machte ich die Taschenlampe wieder an und zerteilte die Dunkelheit mit dem Lichtstrahl, bis ich Romo und Tonči sah, die hinter einem der Wagen in Deckung saßen. Aber sie waren nicht allein. Černi hatte Francisca bei den Haaren gepackt und hielt ihr ein Messer an die Kehle. Der andere hielt uns mit einer Pistole in Schach und ihn wiederum Anedda, der ihn nicht aus dem Visier der Pumpgun ließ. Der Kroate grinste. »Ihr geht. Wir bleiben hier und machen uns mit spanische Hure gute Zeit.« Mit einem Kopfrucken versuchte Francisca, sich die Kehle an dem Messer aufzuschlitzen. Aber sie hatte kein Glück. Romo schlug ihren Kopf gegen den Wagen, sie rutschte ohnmächtig zu Boden. Die beiden Ustaša-Kämpfer kannten gewiss Mittel und Wege, um sie wieder zu sich zu bringen. »Und jetzt?«, fragte ich Ferruccio leise. Er zuckte mit den Schultern. »Die Spanierin muss sowieso sterben. Während die beiden sie sich vornehmen, machen wir sie fertig. Die beiden Geldsäcke gehören jedenfalls uns.« »Hast du einen Plan?« »Nein, aber eine Idee: Wir unterhalten uns mit Luana.« »Sehr gut. Die weiß sicher, wo die beiden Schweinehunde sich verstecken werden.« »Was ist?«, rief der Kroate. »In Ordnung, wir ziehen ab«, sagte ich laut. »Aber wir dürfen die Leichen nicht rumliegen lassen. Bevor ihr geht, müsst ihr sie in die Zisterne hinterm Haus werfen.« »Kein Problem«, antwortete Černi. »Jetzt geht von den Autos weg«, befahl ich. Ich lief zum Punto, raste im Rückwärtsgang zu Anedda hin, der mir Deckung gab, ließ ihn einsteigen und trat das Gaspedal durch. Sonntag, 1 Uhr 25 Luana ging in der Via Novara beim Stadion San Siro auf den Strich, aber in dieser Nacht hatte sie noch niemand gesehen. »Die ist zu Hause«, sagte ich zum x-ten Mal. Wir fuhren zwar mit Aneddas Auto, und er hätte den Dienstausweis der Spezialeinheit vorweisen können, aber ich fühlte mich nicht sicher, solange ich bis an die Zähne bewaffnet und mit zwei Säcken voller Geld herumfuhr. Ihm war das egal. Er fühlte sich unverwundbar. Er fuhr langsam und suchte die Bürgersteige ab, auf denen überall osteuropäische Nutten standen. Das war ihre Gegend. »Sie ist ganz sicher zu Hause und wartet auf die beiden«, wiederholte ich nochmals. »Gut, fahren wir hin. Ich hätte sie lieber auf der Straße kassiert.« Zwanzig Minuten danach wollte ich auf die Klingel ihrer Wohnung drücken. Der Bulle bremste mich mit einer Handbewegung. Er trat einen Schritt zurück und verpasste dem Türschloss einen Fußtritt. Die billige Tür sprang krachend und splitternd auf. Er ging hinein, die Pistole in beiden Händen schussbereit vorm Leib. Ich zog ebenfalls den Revolver und folgte ihm. Luana Bazov, aus Vukovar geflohen, befand sich im Schlafzimmer und packte die Koffer. Als sie uns sah, erstarrte ihr Gesicht zu einer Maske des Entsetzens. »Tu ihr weh«, befahl mir Anedda. Das brauchte er mir nicht zweimal zu sagen. Ich tat so, als wollte ich ihr ins Gesicht schlagen, sodass sie die Hände abwehrend nach mir ausstreckte. Ich packte einen ihrer Finger und drehte ihn rasch so um, dass er brach. Ihr blieb vor Schmerzen die Luft weg. Ich schubste sie aufs Bett. Ferruccio setzte ihr die Pistole auf die linke Brust, direkt über dem Herzen. »Nutte ist Nutte, tot oder lebendig. Wie ist es dir lieber?« »Lebendig«, schluchzte die junge Frau. »Wo verstecken sich Romo und Tonči?« »Ich weiß nicht, wo sie sind«, antwortete sie verzweifelt. »Also tote Nutte«, grinste der Bulle und spannte den Hahn der Pistole. Sie fürchtete sich vor den beiden Killern mehr als vorm Tod. Die Ustaša-Kämpfer und ihre Freunde konnten sich an ihrer Familie rächen. Ich beugte mich über sie. »Wenn du uns hilfst, sie zu finden, bringen wir sie um. Dann siehst du sie nie mehr wieder, und niemand weiß, dass du mit ihrem Tod zu tun hast.« »Wirklich bringt ihr um Schwein von Romo?« Meine Rechnung war aufgegangen. Ich lächelte sie komplizenhaft an. »Ja.« Luanas Gesicht bekam wieder Farbe, sie setzte sich hin und erzählte uns, dass sie die beiden in einer anderen Wohnung erwarten sollte, die sie vor ein paar Tagen gemietet hatte. Dort wollten sie sich verstecken, bis der erste Wirbel sich gelegt hatte. Dann mit dem Zug nach Genua und per Schiff direkt nach Paraguay. Černi hatte beschlossen, dass sie zu ihm gehörte und ihm überallhin folgen müsse, aber sie hasste ihn. Sie nannte uns die Adresse, gab uns die Schlüssel und verriet uns das Klingelzeichen. Einmal kurz, zweimal lang. »Und du verschwindest aus Mailand«, riet ihr Anedda. »Wenn ich dich noch einmal sehe, bist du tot.« Ich deutete auf die Frau. »Sollen wir wirklich eine Zeugin leben lassen?« Er sah Luana an. »Über diese Sache zu reden, wäre das Dümmste, was sie tun kann.« »Sie könnte die beiden anderen warnen.« Er schüttelte den Kopf. »Wird sie nicht.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich finde, das ist ein unnötiges Risiko. Aber egal, du bist der Boss.« Im Hinausgehen drehte ich mich nochmal zu der Nutte um. »Du hast Glück, dass du noch lebst. Pack dir Eis auf den Finger und geh zum Arzt.« Vor Erleichterung, dass sie dem Tod entgangen war, brach sie in Tränen aus. Ferruccio, der Bulle, lächelte zufrieden über seine Großmütigkeit. Eine Riesendummheit. Huren darf man nie trauen. Aber ich wagte nicht, noch etwas zu sagen. Vergebliche Mühe. Er würde sich nicht umstimmen lassen. »Jetzt schnell«, sagte Ferruccio, als wir im Wagen saßen. »Wir müssen vor ihnen dort sein.« »Wie willst du sie in der Wohnung fertigmachen? Wir können in dem Haus keine Schießerei riskieren.« »Hast du die Pistole mit dem Schalldämpfer?« »Die ist bei der Witwe. Ich wusste nicht, dass ich sie heute brauche.« »Dann müssen wir es ohne schaffen.« Wir parkten ein Stück entfernt und näherten uns vorsichtig dem Haus, kontrollierten aufmerksam die parkenden Autos. Weder der Renault noch der Escort waren zu sehen. Ich klingelte an der Tür, einmal kurz, zweimal lang. Eine Minute später betraten wir die Wohnung, die Pistolen im Anschlag. Leer. Bis auf die Koffer der beiden Ustaša-Kämpfer. Wir durchsuchten sie hastig. Kleidung, drei Pistolen und ein paar Schachteln mit Munition. Anedda zeigte auf eine davon, die denselben Typ Patronen enthielt, mit denen die Kroaten die beiden Geldboten erschossen hatten. »Die finde ich, wenn ich mit meinen Männern diese Wohnung durchsuche, und dann kann ich absolut sicher darauf schließen, dass das die Leichen der beiden Scharfschützen sind. Gut für meine Karriere.« Er rieb sich erfreut die Hände. Ich sah ihn bewundernd an. »Du traust dich was. Und wie willst du die Wohnung ›entdecken‹?« »Der Klassiker: dank eines Hinweises.« »Klar. Damit könnt ihr Bullen alles erklären.« »Beklag dich nicht. Denk lieber daran, dass sich auf diese Weise die Ermittlungen endgültig auf die Ustaša richten werden und wir aus dem Schneider sind.« Er sah auf die Uhr. »Unsere Freunde dürften mittlerweile mit der Kleinen fertig sein. Wir sollten uns bereitmachen, sie hier zu empfangen.« In der Küche drehte er den Tisch um und brach ein Bein ab. »Wir machen das nach der Ruanda-Methode. Schnell, leise, tödlich.« Zwanzig Minuten später klingelte es dreimal. Ich machte auf. Romo kam als Erster herein, gefolgt von Tonči. In den Händen hatten sie die Gewehrfutterale und die Geldsäcke. Bevor sie es sich versahen, hatten sie die Läufe unserer Pistolen im Genick. »Hinknien, die Hände hinterm Kopf verschränkt«, befahl Anedda. Romo gehorchte sofort, sein Freund brauchte keine Übersetzung. Ich ließ ihnen keine Zeit zum Nachdenken, sondern legte die Pistole beiseite, nahm das Tischbein, holte aus und schlug es mit aller Kraft Černi über den Schädel. Dann holte ich nochmals aus und zog Tonči Zaninović eins über. Ich trat einen Schritt zurück und betrachtete den Schauplatz: zwei Körper am Boden, mit eingeschlagenen Schädeln, Blutspritzer an den Wänden, auf meinen Schuhen und auf Aneddas Hosenbeinen. Der Bulle tastete nach ihren Schlagadern. »Sie leben noch.« Ich zischte einen Fluch zwischen den Zähnen hervor und durchsuchte ihre Koffer. Dann brachte ich den Gürtel eines Bademantels und eine Schlafanzughose. »Kümmer du dich um den anderen«, sagte ich und legte Romo ein Pyjamabein um den Hals. Wenn man einen Tatort zu schnell verlässt, übersieht man womöglich irgendein Detail, mit dem man die Ermittlungen auf sich lenkt. Anedda und ich bedienten uns in der Garderobe der Toten und zogen uns um. Unsere Kleidung verschwand samt Gürtel, Pyjama und Tischbein in einem Abfallsack, den wir in einem anderen Stadtteil wegwerfen würden. Der Bulle suchte nach Spuren. Falls es denn welche gab. Wegen Fingerabdrücken brauchten wir uns keine Sorgen zu machen, wir hatten Handschuhe benutzt. Aber die Profile unserer Schuhsohlen waren klar und deutlich auf dem Fußboden zu sehen. Ich suchte Eimer und Putzlappen und beseitigte das Problem. Endlich gingen wir zufrieden. Anedda würde am nächsten Abend wieder hierherkommen, diesmal in einer blauen Jacke mit der Aufschrift »Polizei« auf dem Rücken. Ich war mir immer noch nicht sicher, ob ich ihm wirklich trauen konnte. Jetzt brauchten wir die Beute nur noch durch zwei zu teilen. Vielleicht bekam er doch noch Lust, alles allein zu behalten. Als wir ins Auto stiegen, steckte ich die Hand in die Tasche und griff den Knauf der Pistole. Die Bewegung entging ihm nicht, aber er ließ sich nichts anmerken. »Wann willst du die Witwe beseitigen?«, fragte er. »Dienstag, bevor ich aus Mailand weggehe.« »Das könnte zu früh sein. Morgen im Dienst sehe ich, wie die Stimmung so ist. Warte meinen Anruf ab, bevor du was unternimmst.« »Gut.« »Das Geld behältst du. Wir teilen es auf, bevor du abreist. Gleich nachdem du deine Gastgeberin versorgt hast.« Ich schluckte vor Überraschung. »Machst du Witze?« »Nein. Ich kann mich auf dich verlassen, du würdest nie wagen, mich reinzulegen. Das kannst du dir nicht erlauben.« Er hatte recht. Er würde mich überall auftreiben. »Wirf die Säcke weg und verstau das Geld in Reisetaschen.« In der Wohnung der Witwe herrschte tiefe Stille. Wie immer. Wenn der Fernseher nicht lief, war es, als ob niemand zu Hause wäre. Das Telefon klingelte nie, das Handy nur selten. Anrufe von früheren Kunden, die sich Sorgen machten, weil sie in diesem oder jenem Hotel nicht mehr anzutreffen war. Diese Frau war herzzerreißend einsam, und Einsamkeit war das Einzige im Dasein, das mir Angst machte. Wenn du allein und mittellos bist, wirst du zur leichten Beute. So wie sie. Aber das würde mir nie passieren, mein Leben sollte anders aussehen, ich würde mich im Alter auf keinen Fall in so einer Situation befinden. Diese dumme Frau war nicht vorausschauend gewesen und hatte ihre Karten schlecht eingesetzt, allzu lange hatte sie die Rolle der Witwe vom großen Boss gespielt. Aber die Leute vergessen schnell, und so war sie immer tiefer gesunken, bis sie unausweichlich im Abgrund gelandet war. Jetzt fehlte nur noch ein unverdienter, grausamer Tod, und für den würde ich sehr bald sorgen. Ich ging in mein Zimmer und warf die Geldsäcke, die Pistole und die Lupara aufs Bett. Da spürte ich jemanden hinter mir. Ich drehte mich langsam um und blickte der Hausherrin in die Augen. Sie trug ein schwarzes Kostüm, Nylonstrümpfe und hochhackige Lackschuhe. Ihr Haar war zu einem schlichten Knoten gebunden, das Gesicht perfekt geschminkt. Zum ersten Mal sah sie aus wie eine wirkliche Dame, nicht wie eine alte Schlampe. »Willst du ausgehen?«, fragte ich. Sie schüttelte den Kopf und deutete auf die Säcke. »Ich habe ferngesehen. Mir war die ganze Zeit klar, dass du irgendwas vorbereitest und ich eine unbequeme Zeugin bin.« Sie zog sich die Manschetten ihrer Seidenbluse zurecht. »Ich war einmal eine elegante Frau, und wie eine elegante Frau möchte ich sterben.« Ich betrachtete sie weiter, wortlos. Mein Schweigen bestätigte ihren Verdacht, aber es wäre vergeblich gewesen, sie beruhigen zu wollen. Dass sie nicht geflohen war, zeigte ihre Bereitschaft, ihrem Mann ins Jenseits zu folgen, und auch, dass ich es sein sollte, der sie dahinbrachte. »Keine Sorge, nicht heute Abend.« Die Witwe nickte. Sie setzte sich mit anmutig zusammengelegten Beinen aufs Bett und zündete sich eine Zigarette an. Langsam streichelte sie über die Säcke. »Als mein Mann noch lebte, ließ er mich nach den Überfällen immer das Geld zählen. Ich musste mir dazu die Fingernägel dunkelrot lackieren, mit einem Nagellack von Chanel, und er setzte sich in einen Sessel und sah mir zu, wie ich mit den Banknotenbündeln hantierte. Und hinterher schliefen wir miteinander. Während er in mir war, roch er an meinen Fingern den Duft des Geldes. Dann machte er Karriere und schickte andere, die für ihn die Banken überfielen. Er dehnte das Geschäft aus, Drogen, Glücksspiel, Geldwäsche, und von da an hatte er auch andere Frauen. Ich spazierte mit Pelz und Juwelen durch Mailand, wie eine Prinzessin, aber ich schlief allein. Ich habe nie aufgehört, ihn zu lieben, ich gehöre zu den Frauen, die nur einen einzigen Mann im Leben lieben, und seit sie ihn mir umgebracht haben, bin ich eben ›die Witwe‹. Für immer.« Ich konnte mich an den Tod ihres Mannes erinnern. Der Boss befand sich im Hof des Hochsicherheitsgefängnisses von Cuneo, als ihn eine Gruppe von Killern der Camorra umringte und mit Messern auf ihn losging. Als Zeichen ihrer Verachtung schnitten sie ihm das Herz aus dem Leib und warfen es in den Staub. »Nach der Beerdigung«, erzählte sie melancholisch, »machten mir ein paar von den neuen Bossen lange den Hof. Nur um die Frau vom Alten zu vögeln. Ein gefahrloses Vergnügen, etwas für Feiglinge, aber ich habe sein Andenken geehrt und bin lieber untergegangen, als da mitzuspielen. Dann bist du aufgetaucht. Durch dich habe ich begriffen, dass es einfach demütigend ist, so weiterzuleben. Ich habe keine Angst zu sterben, mein Grab ist schon lange bereit. Neben meinem Mann. Das Einzige, worum ich dich bitte, ist, dass du mich nicht unnötig leiden lässt und dafür sorgst, dass ich elegant bin, wenn sie mich finden, so wie jetzt. Die Zeitungen sollen nicht schreiben, dass ich gestorben bin wie eine Pennerin.« Ich lächelte sie an. »Keine Sorge, du wirst wunderschön sein«, log ich. Mein Plan für sie sah anders aus. Dann wechselte ich das Thema. »Ich bin müde, zähl du das Geld und teil es durch zwei.« »Da sind ja nicht viele übriggeblieben. Wirkliche Gentleman-Gangster.« Ich ging unter die Dusche, den Gestank von Tod und Angst abwaschen, der mir in Hirn und Kleidung hing. Langsam entspannte ich mich und fühlte mich zufrieden. Zwei Bankkonten und Milliardär. Nicht schlecht für einen, der mit Aussicht auf lebenslänglich aus Mittelamerika zurückgekommen ist. Endlich war ich reich und konnte mir nach all den Mühen das Leben aufbauen, auf das ich ein Anrecht hatte. Auch das Verhalten der Witwe trug zu meinem Hochgefühl bei. Ich hatte keine Lust auf neue Verwicklungen. Als ich im Schlafzimmer nachsah, war sie noch am Zählen. Ich ging ins Wohnzimmer, goss mir einen Schluck ein und machte den Fernseher an. Auf allen Programmen Sondersendungen über den Raubmord im Einkaufszentrum. Fast überall dieselben Bilder: die zugedeckten Leichen der Wachmänner und die Kriminaltechniker bei der Arbeit. Ich hob das Glas und prostete mir für meinen Plan zu. Schlicht und einfach, also genial. Die Witwe kam ins Zimmer. »Eine Milliarde und siebenhundertvierzig Millionen. Glückwunsch.« Dann blickte sie auf den Bildschirm. »Früher hat das Milieu den Witwen Geld gegeben. Auch denen der Bullen.« »Erzähl doch keinen Quatsch«, entgegnete ich boshaft. »Das Märchen hat dir dein Alter erzählt, damit du denkst, er ist ein feiner Herr. Jetzt verschwinde, geh in dein Zimmer.« In dieser Nacht schlief ich mit der Pistole unterm Kopfkissen. Rational gesehen, wusste ich, dass ich in Sicherheit war, aber ich konnte die Anspannung nicht unterdrücken und schreckte beim leisesten Geräusch auf. Als ich morgens aufwachte, saß die Witwe im Morgenrock auf der Bettkante. Ihr Haar fiel offen auf die Schultern, sie roch sauber. Sie zündete sich eine Zigarette an und erzählte Anekdoten aus der Zeit, als sie noch etwas darstellte. Wirklich eine Nervensäge. Am liebsten hätte ich sie weggeschickt, aber besser, ich brachte sie nicht gegen mich auf. Dann würde sie weniger Probleme machen, wenn es daranging, das irdische Dasein zu verlassen. Dann und wann nickte ich, um Interesse zu heucheln, aber meine Gedanken waren woanders, nämlich bei Flora. Ein paar Minuten lang gab ich mich dem unmöglichen Traum hin, sie mit der Macht des Geldes wiederzugewinnen. Bei der Erinnerung daran, wie ich sie im Hinterzimmer des Schuhladens flachgelegt hatte, wurde mein Schwanz steinhart. Ich zog ihre Hand unter die Bettdecke. »Mach dich nützlich«, sagte ich. Die Zeit kroch, die Warterei auf Aneddas Anruf wurde mir unerträglich lang. Allmählich verlor die Witwe die Nerven; Zeiten äußerlicher Ruhe wechselten mit langen Weinkrämpfen. Im Fernsehen liefen unablässig Nachrichtensendungen. Als ich eines Abends auf dem Bildschirm Anedda sah, der sich bei einer Pressekonferenz spreizte, weil man »den Unterschlupf der Räuber und die Leichen von zweien von ihnen, wahrscheinlich kroatischen Extremisten«, entdeckt hatte, machte ich aus. Jetzt brauchte ich keine Nachrichten mehr zu sehen, jetzt wusste ich, an welchem Punkt die Ermittlungen waren. Alles unter Kontrolle. Ich packte. Die Kleidung in Koffer, das Geld in Reisetaschen. Am Montag läutete mein Handy. »Morgen früh werden die Straßensperren aufgehoben«, teilte Ferruccio mir kurz mit. »Du kommst um Punkt zehn vor das Restaurant, in dem wir zu Mittag gegessen haben … mit meiner Reisetasche, versteht sich.« Er lachte kurz. Die Witwe hingegen weinte. Still, aber unaufhaltsam. Sie hatte geschwollene, rote Augen. Ich legte ihr den Arm um die Schultern. »Vielleicht hilft dir ein heißes Bad. Das wird dir guttun.« Ich stellte das Wasser an, half ihr beim Ausziehen und tat Badesalz und Schaumbad in die Wanne. Dann füllte ich ihr Trinkfläschchen mit Fernet und Schlafmittel. Als sie mich damit kommen sah, erschrak sie. »Nein, ich geh erst in drei Tagen«, log ich, um sie ruhigzustellen. Ich steckte ihr den Schnuller in den Mund und laberte sie mit einer unglaublichen Dosis leerer, aber süßer Worte voll. Sie schluckte alles bis zum letzten Tropfen, ein braves Mädchen. Fünfundzwanzig Minuten später schwanden ihr die Sinne. Ich nahm ihre Füße unter die Achseln, packte ihre Knie und zog sie hoch, bis ihr Kopf unter Wasser war. Der Überlebenstrieb ließ sie ein paar Zuckungen vollführen, um wieder aus dem Wasser zu kommen, aber die waren nur schwach und unkoordiniert. Als ich sicher sein konnte, dass sie tot war, ließ ich sie wieder in die Wanne gleiten. Dann tilgte ich in der Wohnung sämtliche Spuren meiner Anwesenheit, Fingerabdrücke inklusive. Gleichzeitig durchsuchte ich sämtliche Ecken und Winkel, vielleicht gab es ja doch irgendwas von Wert. Und das war mein Glück, denn die alte Hure hatte versucht, mich zu verarschen. In einer Schublade war ein Umschlag versteckt, mit der Aufschrift »Für den Fall meines Todes«. Darin mehrere Blatt Papier mit unsicherer, aber vollkommen lesbarer Schrift. Wenn das in die falschen Hände geraten wäre, hätte es mir lebenslänglich eingebracht. Ich zitterte auf einmal wie Espenlaub, voller Panik durchsuchte ich die Wohnung mehrmals von oben bis unten. Als ich am nächsten Morgen aufbrechen wollte, war ich bei der Vorstellung, die Witwe könnte womöglich weitere Briefe versteckt haben, kurz versucht, Feuer zu legen. Aber ich fing mich wieder und konnte mich davon überzeugen, dass niemand so etwas finden würde, nicht einmal die Bullen, wenn ich es nicht gefunden hatte. Endlich hatte ich genug Kraft, die Tür zu öffnen und zu gehen. Ich beschloss, Anedda nichts davon zu erzählen. Die Möglichkeit, dass ich in Verdacht geriete, könnte ihn dazu bringen, mich als Gefahr zu betrachten. Und mir einen Kopfschuss zu verpassen. Ferruccio, der Bulle, kam mit einem Zivilwagen des Polizeipräsidiums. Ich öffnete die Tür und stellte die Tasche mit seinem Anteil auf den Beifahrersitz. Er legte den Gang ein, winkte mir kurz zu und fuhr los. Ich blickte dem Wagen nach, bis er im Verkehr verschwand. Ich hatte recht gehabt, diesem äußerlich so eleganten, innerlich verfaulten Bullen zu vertrauen. Das würde ich später noch bitter bereuen. Dass ich das in dem Moment noch nicht wissen, ja mir nicht vorstellen konnte, ist keine Entschuldigung. Bei einer Sache wie dieser hätte ein Toter mehr keinen Unterschied gemacht. Einfach, weil man Bullen nicht trauen darf. Genau wie Huren haben sie immer noch einen allerletzten Gefallen, den sie von dir verlangen. Und der dich reinreißt. Statt der Tasche hätte ich die Pistole mit dem Schalldämpfer durch die Tür stecken sollen. Drei, vier Schüsse, und die Sache wäre ein für alle Mal erledigt gewesen. Und ich hätte mit niemandem teilen müssen. Mein Irrtum war anzunehmen, dass ein Bulle, mit dem ich gemeinsame Sache gemacht hatte, mir immer noch mal nützlich sein könnte. Doch kaum hatte ich das Räuber-und-Gendarm-Spiel verlassen und begonnen, mich in der wirklichen Welt einzurichten, begriff ich, dass in ihr die Bullen keinen Pfifferling wert sind. Es gab ein Dickicht von »Dienstleistern«, jeder hatte seine Spezialität, seine Bekanntschaften, seine Kontakte, jeder präsentierte dir seine gepfefferte Rechnung. Sie waren es, die die Probleme lösten. Auf die Gesetze und die Gesetzeshüter wichsten sich alle einen ab, und zwar gewaltig. Ich stieg in meinen Panda, der jetzt mehr als eine Milliarde in von der italienischen Notenbank gedruckten Scheinen transportierte. Ich nahm die Autobahn. Wie meine Zukunft aussehen sollte, wusste ich noch gar nicht so genau, aber ich wusste, dass ich in die richtige Richtung fuhr, dorthin, wo alle, die was im Kopf und in der Hose haben, es weit bringen können: in den Nordosten, ins Land der Sieger. 4 La Nena Einige Tage nach meinem einundvierzigsten Geburtstag zog ich in eine Stadt im Veneto. In welche, tut nichts zur Sache. Ob Padua, Treviso oder Vicenza, die Geldgier war überall gleich groß. Trotzdem war meine Wahl nicht zufällig. Ich wollte in derselben Stadt leben wie Sante Brianese, ein Rechtsanwalt, der mir helfen sollte, meinen Platz in der Welt der ehrbaren Bürger zu finden. Seinen Namen hatte ich in San Vittore von einem früheren Bankdirektor gesagt bekommen, der wegen Betrug und Hinterziehung einsaß und mir Brianese als Tipp gab, falls ich mal einen Rechtsverdreher bräuchte. »Von Jura hat er keinen blassen Schimmer«, hatte der Mann gesagt, »aber er ist wahnsinnig geschickt darin, all die vielen kleinen Probleme zu lösen, die ein Prozess so mit sich bringt, vor allem, wenn es darum geht, Geld aus illegalen Quellen zu investieren.« Anfangs hatte ich mich nicht an ihn wenden wollen, ich dachte, ich würde allein zurechtkommen. Aber ziemlich bald wurde mir klar, dass ich meine Papiere nicht in Ordnung hatte, ich konnte nicht einmal eine Wohnung anmieten, und bei jeder Polizeikontrolle machten mir meine Vorstrafen eine Menge Ärger. Brianese empfing mich in einer zurückhaltend, schlicht und teuer eingerichteten Kanzlei. Er war mittelgroß, aber sichtlich von häufigem Tennisspiel durchtrainiert, ein eleganter, vertrauenswürdig wirkender Mann. Sein kantiges Gesicht, das eines Maklers aus dem neunzehnten Jahrhundert, wirkte, als könne er jedes Problem lösen. Als ich ihm sagte, woher ich die Person kannte, die mir geraten hatte, mich an ihn zu wenden, forderte er mich auf, ihm einen Vorschuss auf sein Honorar bar auf den Tisch zu legen. »Gut.« Er steckte sich die Banknoten in die Jackentasche. »Jetzt sind Sie mein Mandant. Reden Sie ganz offen.« Ich beschränkte mich darauf, ihm meine Situation als Exhäftling zu schildern, der ein gewisses Kapital zur Verfügung habe und es in der Gastronomie investieren wolle. »Kommen Sie morgen zur selben Zeit wieder.« Mit diesen Worten entließ er mich. »Sie haben mir Ihre Lage sehr gut klargemacht, aber Sie werden verstehen, dass ich erst noch einige Informationen einholen muss.« »Ihr Problem heißt Wiedereinsetzung in die früheren Rechte«, erklärte er anderntags. »Unserem Strafgesetzbuch gemäß hat ein rechtskräftig Verurteilter bei tadelloser Führung frühestens fünf Jahre nach Abbüßung der Strafe die Möglichkeit, bei der zuständigen Staatsanwaltschaft einen Antrag auf Rehabilitation und Streichung aus dem Vorstrafenregister zu stellen. Von der Wirkung her ist es dann, als hätte der Betreffende sich nie etwas zuschulden kommen lassen.« »Und alles wird einfacher«, bemerkte ich. Er lächelte. »Ja. Genau. Da nun, soweit ich verstanden habe, seit Abgeltung Ihrer Strafe rund drei Jahre vergangen sind …« »Drei Jahre und zwei Monate.« »Dann können wir also in zwei Jahren ein entsprechendes Verfahren in die Wege leiten, immer vorausgesetzt, dass Sie seit Ihrer Entlassung aus dem Gefängnis keinerlei Gesetzesverstoß begangen haben und das auch weiterhin so bleibt.« Ich rutschte unbehaglich auf dem Stuhl hin und her. »Na ja, ich habe einige Zeit in einem Nachtclub gearbeitet. Das Lokal wurde häufig von Polizei, Carabinieri und Zollbehörde kontrolliert, mein Name steht ganz sicher in den Akten, umso mehr, als der Inhaber jetzt wegen Drogenhandel im Gefängnis sitzt.« »Waren Sie persönlich von den Ermittlungen betroffen?« »Nein.« »Dann brauchen wir uns keine Sorgen zu machen. Wichtig ist nur, dass Sie ab sofort jeden Kontakt zu zwielichtigen Kreisen vermeiden. Aber das scheinen Sie ja vorzuhaben, da Sie im Gaststättengewerbe investieren wollen, einem lukrativen und absolut ehrbaren Bereich.« »So ist es. Ich habe eine gewisse Summe zur Verfügung und plane, ein Restaurant der gehobenen Kategorie zu führen.« »Wie viel?« »Eine Milliarde Lire.« »Die Ersparnisse eines ganzen Lebens«, scherzte der Anwalt. »Hier bei uns ist es egal, woher das Geld kommt«, fügte er hinzu, nun wieder ernst. »Es darf nur nicht nach unsauberen Geschäften riechen, sondern muss nach harter Arbeit und produktiver Intelligenz duften. Verstehen Sie, was ich sagen will?« »Absolut. Genau deswegen bin ich zu Ihnen gekommen.« »Und damit haben Sie recht getan. Halten Sie sich genau an meine Anweisungen, und ich garantiere Ihnen, Sie erreichen, was Sie sich vorgenommen haben.« Die erste Anweisung betraf sein Honorar. Für die Machbarkeitsstudie verlangte er zwanzig Millionen, und zwar in bar. Bevor ich ging, wollte er wissen, wo ich wohnte. Ich nannte ihm den Namen eines Hotels am Stadtrand, er war entsetzt. Vorwurfsvoll schüttelte er den Kopf. »Es gibt so viele Polizeikontrollen in der Gegend. Wenn die feststellen, dass Sie keine Arbeit haben, riskieren Sie ein Aufenthaltsverbot.« Aus der Schublade holte er einen kleinen Schlüsselbund. »Ein Freund von mir besitzt in der Stadtmitte eine Gästewohnung. Klein, aber komfortabel.« Ich streckte die Hand aus. »Wie viel?«, fragte ich. »Zwei Millionen pro Monat.« Der Anwalt hatte die Wahrheit gesagt. Die kleine Wohnung war geschmackvoll eingerichtet und bot eine zauberhafte Aussicht über die Dächer der Kirchen und alten Stadthäuser. Ein Blick ins Bad und in den Kühlschrank genügte mir, um zu erkennen, dass hier noch nie jemand dauerhaft gewohnt hatte. Diese Wohnung war ein Liebesnest. Wahrscheinlich gehörte sie Brianese selbst, und er nutzte sie mit seinen Freundinnen und für die eine oder andere kleine Orgie. Ich zog um, nahm aber nur die Geldtaschen und die Pistole mit dem Schalldämpfer mit. Alle Kleidung hatte ich tags zuvor in einen Müllcontainer geworfen, denn ich hatte beschlossen, mir einen neuen Look zuzulegen und mich endlich von einem Schneider einkleiden zu lassen. Wie ein respektabler Bürger. Zur Kosmetikerin ging ich auch. Während ich darauf wartete, dass ich mit der Maniküre an die Reihe kam, blätterte ich zerstreut in einer Zeitschrift. Auf einmal sah ich ein Foto von der Witwe, als sie noch jung und fröhlich war. Die Zeitschrift widmete ihr gut drei Seiten. Ich hielt mich nicht damit auf, den Artikel zu lesen, Zeitverschwendung. Der Titel genügte mir: »Unglück oder Selbstmord?« Rund zehn Tage darauf betrat ich Brianeses Kanzlei, gekleidet wie ein feiner Herr. Der Anwalt musterte mich ohne jeden Kommentar. Ich machte es mir bequem und zündete eine Zigarette an. »Ich habe gute Nachrichten für Sie«, begann der Anwalt und blätterte in verschiedenen Unterlagen auf seinem Schreibtisch. »Aber bevor ich Ihnen mein Projekt darlege, möchte ich über das Honorar reden.« »Wie viel?«, unterbrach ich ihn. »Dreihundert Millionen, in monatlichen Raten zahlbar, bis das Verfahren durch ist, und danach für die Dauer von fünf Jahren zehn Prozent vom Umsatz Ihres Lokals.« Ich blickte ihn ungläubig an. Das kam mir irrsinnig viel vor. »Und mit welchen Garantien?« Brianese zog die Schultern hoch. »Keinen. Aber die Erfolgsaussichten sind sehr gut.« Ich hätte ihn bedrohen, ihm eine Kugel im Kopf versprechen können für den Fall, dass die Sache nicht lief oder, schlimmer noch, dass er mich verladen würde. Aber dieser Mann war nicht dumm. Die Geschäftsrisiken eines Restaurants mussten ihm bekannt sein, und ganz sicher kannte er dasjenige, das er mir vermitteln wollte. »Einverstanden, Avvocato. Ich höre.« Das La Nena war eine traditionsreiche Osteria in der Altstadt, geführt von zwei alten Leutchen. Toni und Nena. Sie war einst eine äußerst attraktive Frau gewesen und hatte vielen Gästen den Kopf verdreht. Jetzt, mit gut siebzig, wollte sie sich so bald wie möglich mit ihrem Mann in einem Haus auf dem Lande zur Ruhe setzen. Beide Kinder hatten studiert und wollten nicht in die Fußstapfen der Eltern treten. Brianeses Plan sah vor, dass ich zunächst als Kellner in der Osteria anfing und nach und nach die Leitung übernahm. Nach der Rehabilitation würde ich Eigentümer werden und das Lokal nach Lust und Laune umgestalten. In der Zwischenzeit sollte ich Fortbildungskurse besuchen, um mit dem Beruf vertraut zu werden. Toni und Nena waren natürlich einverstanden und hatten den Preis für die Übernahme des Lokals bereits festgesetzt. Die Hälfte war bei meiner Einstellung fällig, die andere bei Abschluss des Verkaufs. »Ihre Vergangenheit werden wir nicht verschweigen«, hatte der Anwalt erklärt. »Die Leute würden ohnehin davon erfahren, und das wäre schlimmer. Ich werde Sie als ehrlichen Mann einführen, der das Opfer schlechten Umgangs wurde, aber bereit ist zu zeigen, dass er sich geändert hat und zu etwas taugt. Sie müssen sich unauffällig verhalten, zugleich aber freundlich sein und Sympathien erwerben. Vor allem dürfen Sie kein Zeichen von Wohlstand an den Tag legen. Was Sie da anhaben, hängen Sie erst mal schön in den Schrank und holen es wieder raus, wenn das Lokal Ihnen gehört. Bis dahin kleiden Sie sich im Kaufhaus ein, wie alle Kellner. Teuren Restaurants und Nachtclubs gehen Sie aus dem Weg. Ihr Leben wird sich einzig und allein zu Hause und bei der Arbeit abspielen. Ich besorge Ihnen die richtige Kundschaft. Ausgesucht, erstklassig. Nach und nach formen wir das zu einem exklusiven Restaurant um. Ich habe vor, in die Politik zu gehen, und das La Nena könnte mein Club werden.« »Politik? Wie, in die Politik?« »Eine gemäßigte Partei mit Regierungsaussichten«, antwortete er mit einem Zwinkern. »Ich vertrete eine Gruppe von Händlern und Kaufleuten, die allzu lange im Abseits des politischen Lebens unserer Stadt gestanden haben, zwangsweise. Aber jetzt hat sich der Wind gedreht, und wir planen, unseren Einfluss zu vergrößern. Hier und auch in Rom. Sie werden verschiedene Bekanntschaften machen können, die Ihnen nützlich sein werden, um sich einen Platz in der Bürgerschaft unserer Stadt zu erarbeiten. Was halten Sie davon?« »Wenn man es so hört, klingt es wie der perfekte Plan«, antwortete ich vorsichtig. »Das ist es auch«, betonte er gekränkt. »Solange Sie nicht irgendwelchen Mist bauen und alles zunichtemachen.« »Ich habe nicht die geringste Absicht, das zu tun.« Brianese wechselte das Thema. »Da Sie Ihr Kapital für meine Aufwandsentschädigung und die Anzahlung des Restaurants anbrechen müssen, kann ich Ihnen eine vertrauenswürdige Person benennen, mit deren Hilfe Sie einen Teil des Geldes wiederbekommen können.« »Auf welche Weise?« »Kredite. Hohe Kredite, kurzfristig und hochverzinslich. Wenn Sie weiteres Kapital zur Hand haben, investieren Sie es, das ist wirklich ein gutes Geschäft.« So redete er noch eine ganze Stunde. Anweisungen, Ratschläge, Warnungen. Der Typ aus San Vittore hatte recht gehabt. Sante Brianese war wirklich mit allen Wassern gewaschen und dachte an alles. In ein paar Jahren würde ich mir eine schöne Position aufbauen und die Vergangenheit ein für alle Mal hinter mir lassen können. Als ich aus der Kanzlei kam, war ich versucht, mir zur Feier des Tages einen Besuch im Luxusrestaurant zu gönnen, aber ich erinnerte mich an die Ermahnungen Brianeses und ging in ein Selbstbedienungsrestaurant einer großen Kette. Und dann sofort nach Hause. An den folgenden Tagen traf ich verschiedene Personen, die Brianeses Vertrauen besaßen und die steuerliche Seite der Operation betreuen sollten. Außerdem lernte ich den Mann kennen, der die Wucherkredite vermittelte. Ein Bankdirektor gab ihm Personen an, die dringend einen Kredit benötigten. Das Geld kam dann von einem Finanz- und Vermittlerkonsortium, das sich auch gleich selbst um das Eintreiben der Kredite kümmerte. Die Sache war gut ausgetüftelt, und er versuchte mich zu überreden, dass ich ihm zweihundertfünfzig Millionen anvertraute, aber ich gab ihm am Ende nur siebzig. Ich behielt lieber den größten Teil auf der Seite, falls irgendwas schieflief und ich gezwungen sein sollte, Hals über Kopf die Stadt zu verlassen. Schließlich führte mich Brianese in mein zukünftiges Lokal. Es lag in einer alten Straße nahe dem Marktplatz, unter den Arkaden. Toni und Nena empfingen den Anwalt mit ängstlichem Respekt. Offenbar schuldeten sie ihm große Dankbarkeit. Mir drückten sie nur die Hand, mehr nicht. Er sah aus wie ein Säufer am Ende seiner Laufbahn. Sie hingegen war voller Energie und versuchte immer noch, als Frau Wirtin aufzutreten. Sie trugen blaue Kittel, wie ich sie seit meiner Kindheit nicht mehr gesehen hatte. Auch die Gäste waren nicht mehr jung, abgesehen von ein paar Grüppchen von Studenten und Faulenzern mit Rastalocken und Piercings, die ich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit hier vertreiben wollte. Das Lokal – ein einziger großer Raum voller Tische und Holzstühle – roch nach aufgewärmtem Essen, abgestandenem Rauch und schalem Wein. Der Marmortresen erstreckte sich über eine gesamte Querseite. Nach hinten ging es zu den Toiletten, eine Tür führte auf einen Hinterhof, von dem aus man auch in das mit Ballonflaschen gefüllte Lager kam. Überall Ölgemälde verschiedenster Art. Offenbar hatte Toni eine Zeit lang gescheiterten Künstlern erlaubt, mit ihren Werken eine Mahlzeit zu bezahlen. Nena berichtete mir, dass sie die Osteria nach dem Krieg aufgemacht hatten. Die Juden, denen das Lokal zuvor gehört hatte, waren 1944 von den Faschisten deportiert worden. Seither hatte sich nichts geändert. Derselbe Wein wie jeher, dasselbe Speisenangebot. Kuttelsuppe, Stockfisch mit Polenta, Gulasch, geschmortes Huhn. Am Tresen Teller, darauf Schweinsfüße, Fleischbällchen, kaltes Omelett, hartgekochte Eier mit sauer eingelegtem Gemüse, gegrillte Presswurst und kleine gekochte Tintenfischchen. Brianese hatte mir erzählt, dies sei eine der letzten altertümlichen Kneipen Italiens. Gerade kürzlich hatte eine Vereinigung sie in eine Liste historischer Lokale aufgenommen, die es zu erhalten gelte. Der Anwalt hatte ganz andere Pläne. Ein befreundeter Architekt sollte es in ein modernes Restaurant verwandeln, mit lachsrosa gestrichenen Wänden und französischen Möbeln. Er hatte nicht ganz unrecht. Diese Osteria konnte auf jeden Fall einen Eimer Farbe gebrauchen. Anfangs spülte ich Gläser und Teller und servierte bei Tisch. Die Osteria öffnete um sieben Uhr früh und schloss abends um acht. Völlig erledigt ging ich nach Hause. Dusche, ein Teller Pasta, dann zum Unterricht zu Cavaliere Minozzi. Vierzig Jahre lang hatte er das beste Restaurant der Stadt geführt, bis er wegen Spielschulden die Lieferanten nicht mehr bezahlen konnte. Fast wäre er vor Gericht gelandet, aber Avvocato Brianese hatte rettend eingegriffen und die Gläubiger beruhigt. An diesem Punkt hatten Minozzis Kinder verlangt, dass er das Restaurant verkauft und sich zur Ruhe setzt. Jetzt war er ein rüstiger Alter, der mich im Gegenzug für seine Lektionen zu langen Kartenspielen zwang. Er spielte wie ein Zuchthäusler, hinterlistig und mit schneller Hand, und ich hielt ihm tapfer stand. Ihm machte es einen Heidenspaß, und so schnappte ich zwischen den Runden die wichtigsten Ratschläge für meinen späteren Beruf auf. Seine bessere Hälfte, eine winzige, mütterliche Frau, versorgte uns unterdessen mit Kuchen und Likör. Cavaliere Minozzi erwies sich als unschätzbarer Lehrer. Nach einigen Monaten führte ich die ersten beiden tiefgreifenden Neuerungen in der Geschichte des La Nena ein. Ich schaffte den offenen Wein und die kleinen alten Gläschen ab und besorgte an ihrer Stelle eine Auswahl von Flaschen der besten Weingüter des Veneto, des Trentino und Friauls, dazu einige besonders gute Rotweine aus dem Piemont und der Toskana. Die DuralexGläser ersetzte ich durch Kelche und Sektflöten. Natürlich gingen zugleich die Preise hoch, und als Erstes suchten die Rentner sich einen anderen Ort, um ihr Viertelchen für zweitausend Lire zu trinken. Toni und Nena bedachten mich mit stummen, vorwurfsvollen Blicken. Wenn ihre alten Stammgäste sie nach einer Erklärung fragten, konnten sie nur allgemein und ausweichend antworten. Toni wiederholte die ganze Zeit wie ein Automat: »Jaja, das sind eben die modernen Zeiten. Nichts ist mehr, wie’s mal war.« Als Nächstes erneuerte ich das Angebot am Tresen. Wurst und Schinken, Sandwiches, Tramezzini. Diese beiden Neuerungen und eine gründliche Reinigung des Lokals genügten schon, um nach und nach andere Gäste anzuziehen. Nach den alten Männlein machten sich die Studenten und Alternativen aus dem Staub. Die Osteria geriet eine Zeit lang in die Miesen, doch die Einnahmen aus dem Geldverleih machten den Verlust glücklicherweise mehr als wett. Dank Brianeses Werbung wurden wir allmählich von besserer Kundschaft frequentiert. Sie kamen zum Aperitif vorbei. Ein Glas Prosecco, etwas zum Knabbern. Und ein Haufen guter Ratschläge. Jeder wusste etwas zu empfehlen, vom Wein bis zum Salat. Meistens Namen und Begriffe, die ich noch nie gehört hatte. Leuten eines gewissen Niveaus schien es nur noch ums Geld zu gehen und darum, was sie in den Mund bekamen. Bald war mir klar, dass sich in unserem Land etwas geändert hatte. Und zwar das Verhältnis zum Geschmack. Ich nutzte einen Tisch zur Auslage von Lifestyle-Zeitschriften und Gastronomieführern. Die Gäste fragten ständig danach, um ihren Freunden irgendwelche Restaurantkritiken oder Besprechungen eines Barrique-Weins zu zeigen. Alle gaben sich als Feinschmecker. Diese Veränderungen waren zu viel für Toni und Nena, sie baten Brianese um Erlaubnis, sich vorzeitig zurückzuziehen. Der Anwalt sagte, sie sollten das Gerücht verbreiten, dass sie verkaufen wollten und ich so lange vertretungshalber das Lokal führen würde. Als Erstes stellte ich ein paar junge Männer für den Tischservice ein. Auf Rat einer Antiquitätenhändlerin kleidete ich sie wie die Kellner einer Pariser Brasserie. Trotz meiner Bemühungen und der Qualität von Appetithappen und Weinen blieb das Lokal immer noch eine schlichte Osteria. Schwachstelle war die Küche. Die neuen Gäste vermissten Nenas schwere, fetttriefende Gerichte keineswegs. Cavaliere Minozzi stellte mir eine Speisekarte mit leichten Gerichten, etwas Pasta und vielen Salaten zusammen. Ich fand einen jungen, gerade von der Fachschule kommenden Koch, und so konnte ich innerhalb kurzer Zeit einen Kreis von Stammgästen binden, die regelmäßig zum Mittagessen kamen. Ich schrieb mich bei einem Fortbildungskurs für Sommeliers ein und nahm an sämtlichen Veranstaltungen der verschiedenen Feinschmeckerzirkel teil. Fast allabendlich gab es Weinproben und Vorträge, und ich muss schon sagen, es war ein Vergnügen. Nach APO-Leuten, Guerillakämpfern, Knastbrüdern und Raubmördern befand ich mich endlich unter normalen Menschen, Leuten, die ein absolut normales Leben geführt hatten. Schule und Universität, Berufsausbildung und Ehe. Ich beneidete sie, und dieses neue, der Arbeit gewidmete Leben war derart verschieden von dem, das ich bis zu dem Tag geführt hatte, an dem ich die Witwe ertränkte, dass die Erinnerung daran immer unwirklicher wurde. Ich fühlte mich innerlich ruhiger, entdeckte neue Empfindungen und begann Dinge zu schätzen, die mir bislang egal gewesen waren, Musik zum Beispiel und Kino. Es gab verschiedene Frauen, die mir gefielen. Aber ich wusste nicht, wie ich mich ihnen nähern sollte. Bei denen würden Erpressung und Gewalttätigkeiten nicht funktionieren. Sie gehörten einer anderen Welt an. Die Gerüchte über meine Vergangenheit hatten, von Brianese absichtlich genährt, die Runde durch die Stadt gemacht, aber mir kamen niemals negative Bemerkungen zu Ohren. Neugier gab es allerdings. Große Neugier. Hin und wieder erkundigte sich jemand nach meinen Erfahrungen in der Terroristenszene oder im Gefängnis. Dann wurde es auf einmal ganz still im Lokal, und alle sahen mich erwartungsvoll an, auf meine Antwort gespannt. Auf diese Situation hatte der Avvocato mich gut vorbereitet, und mit betrübtem Gesicht befriedigte ich die Neugier. In diesem Kreis befanden sich auch frühere Genossen. Öfter kamen sie mit Verschwörermiene auf mich zu und vertrauten mir an, dass sie in dieser oder jener Gruppe der revolutionären Linken mitgekämpft hatten. Eines Tages brachte ein gerade aus Venedig kommender Anwalt die Nachricht von den abschließenden Urteilen gegen die Lotta-Continua-Führer um Adriano Sofri wegen des Calabresi-Mordes. Das La Nena war zum abendlichen Aperitif gut gefüllt. Das Urteil wurde mit beifälligen Rufen quittiert, ein paar Damen quietschten vor Freude. Sante Brianese rief zu einem allgemeinen »Gläser hoch!« auf, und plötzlich waren aller Augen auf mich gerichtet. Ich begriff, was gemeint war. »Das geht aufs Haus!«, rief ich fröhlich und hob eine Flasche Prosecco hoch. Meine Blicke suchten die Exrevolutionäre, und ich sah, wie einer deutlicher zeigen wollte als der andere, dass er die Brücken zur Vergangenheit abgebrochen hatte. Ich lächelte zufrieden. Ich befand mich in guter Gesellschaft. Der richtige Durchbruch aber kam erst, als ich das Lokal bis um ein Uhr nachts geöffnet halten konnte. Ich musste noch mehr Personal einstellen, aber der Kreis der Gäste wuchs beträchtlich. Die Frühschicht übergab ich einem der jungen Männer, der sich bereits als vertrauenswürdig erwiesen hatte. Ich kam dann gegen elf und blieb bis zum Schluss. Die Abendgäste waren ganz andere als tagsüber. Der eine oder andere ließ sich zwar auch mal mittags sehen, aber viele kamen ausschließlich spätabends, nach dem Essen. Bald war mir klar, dass sie alle mit Brianese verbunden waren, beruflich oder politisch. Oder beides. Auf Rat eines Innenausstatters hatte ich die Neonlampen durch sehr viel gemütlichere Wandleuchten ersetzt. Abends war von der Kneipenatmosphäre nichts mehr zu spüren. Der kluge alte Minozzi hatte mir eine Liste von feinen Spirituosen zusammengestellt, die diese Gäste gern tranken, wenn sie mit ihren Freunden an den Tischen plauderten. Sante Brianese trat als Hausherr auf. Er ging von Tisch zu Tisch, schloss das eine oder andere Geschäft ab und erweiterte den Kreis seiner Unterstützer. Seine Ziele waren klar. Erst für eine Legislaturperiode Regionalratsabgeordneter, dann nach Rom ins Parlament. Ich zweifelte nicht im Geringsten daran, dass ihm das gelingen würde, und nach der Ehrerbietung zu urteilen, mit der sie den Mann behandelten, dachten viele andere dasselbe. In Wahrheit war ihm die Politik herzlich egal. Sie war für ihn nichts als ein Instrument, um seine eigenen Ziele zu erreichen. Größtenteils illegale. Sein Spezialgebiet waren Wirtschaftsvergehen. Leute, die mit Drogenhandel oder Prostitution zu tun hatten, ließen sich in meinem Lokal nicht blicken. Ausländer ebenso wenig. Auch keine ehrlichen. Brianese hatte begriffen, dass die berühmte »Lokomotive«, wie die Medien es nannten, nämlich das nordostitalienische Wirtschaftsmodell, in dem sich legale und illegale Wirtschaft zu einem einzigen System mischten, die Möglichkeit bot, nicht nur Reichtum, sondern auch eine beträchtliche Machtposition zu erringen. Und diese Möglichkeit wusste er intelligent zu nutzen. Geschäfte, Verbrechen und Politik. Die Mafia moderner Prägung hatte Schule gemacht. Unter seinen engsten Mitstreitern befanden sich verschiedene Expolitiker und frühere Verwaltungsangestellte, die im Zuge von »Tangentopoli«, der großen Aufdeckung des Schmiergeldsystems, in Schwierigkeiten geraten waren. Auch der frühere Kommandant der Steuerfahndung gehörte dazu. Er hatte gerade sechs Jahre abgerissen, wegen Amtsmissbrauch und Korruption. Die Richter waren überzeugt, dass er ein beträchtliches Vermögen hatte auf die Seite schaffen können. Eine Weile hatten sie auch im Ausland nach dem Geld gefahndet, aber vergeblich. Brianese hatte ganze Arbeit geleistet. Die meisten waren Parteigänger der Mitte-Rechts-Politik und träumten davon, es der Verwaltung, die gegen sie hatte ermitteln lassen, heimzuzahlen, und ebenso den politischen Kräften, die daran mitgewirkt hatten. Ein paar andere vertraten Positionen, die auf Eigenständigkeit oder gar völlige Unabhängigkeit der Region zielten, aber abgesehen von der einen oder anderen Diskussion ging es absolut ruhig zu. Den einzigen unangenehmen Vorfall gab es nicht wegen Politik, sondern wegen Musik. Am ersten Todestag von Lucio Battisti hatten ein paar Fans des verstorbenen Musikers einen Gedenkabend organisiert. Sie kamen mit Schallplatten und Gitarren. Gesänge, ein paar Tränen, viel Applaus. Irgendwann kam ein Typ an den Tresen, der den ganzen Abend abseits gesessen hatte. Mir war er bis dahin nicht weiter aufgefallen. Er war groß, dick, blauäugig. Und vor allem betrunken. Er winkte mich zu sich. »Battisti hat das Gewäsch der italienischen Spießbürger gesungen«, sagte er leise. »Für solche Bemerkungen bist du hier am falschen Ort«, warnte ich ihn. »Diese Texte sind nichts als abgeschmackte Banalitäten, und die Musik …« »Wenn du aufhörst, geb ich dir einen aus«, unterbrach ich ihn. »Ich trinke auf Fabrizio De André!«, rief er laut. Und ein Inferno brach los. Die Battisti-Fans beschimpften ihn. Einer schrie: »Scheißkommunist!«, und alle verlangten, dass ich ihn vor die Tür setzte. Signora Cardin, Besitzerin eines Kosmetiksalons, wäre fast auf ihn losgegangen. Um die Sache beizulegen, musste ich dem Kerl zweimal in den Bauch boxen. Dann packte ich ihn am Kragen und zerrte ihn hinaus. Meine Gäste klatschten und bejubelten mich, viele klopften mir auf die Schultern. In dieser Nacht hatte ich den ersten Fick meines neuen Lebens. Gianna, sie zählte zu den Stammgästen, hatte mir schon seit einiger Zeit tiefe Blicke zugeworfen. Eine hübsche Brünette um die vierzig. Durch den Tratsch ihrer Freundin wusste ich, dass ihr Mann sie seit einiger Zeit vernachlässigte, wegen der Arbeit. Offiziell ein kleiner Handwerker mit Familienbetrieb, gehörte ihm in Wahrheit eine größere, auf Pflasterarbeiten spezialisierte Firma. Die jedoch für das Finanzamt nicht existierte. Über alles, Infrastruktur, Geräte, Personal, wurde verdeckte Buchhaltung geführt. Dass seine Geschäfte mit Volldampf liefen, zeigten der Schmuck und die Pelze, die seine Frau nicht gerade diskret spazieren führte. Sie plauderte bis zum Lokalschluss mit mir am Tresen. Ich ging ihr ins Lager voraus und griff ihr unter den Rock. Sie erwies sich als geschickte, leidenschaftliche Liebhaberin. Wir trafen uns öfter, und es war jedes Mal ein Vergnügen. Dann lernte ich Nicoletta kennen. Blond, hochgewachsen, schlank und mit zwei großen Möpsen, so weiß wie Milch. Sie war eine heftige Raucherin und große Liebhaberin alten Rotweins, beschäftigte sich mit Haute Couture und trug immer die elegantesten und teuersten Kleider. Hermès und Chanel. Die Stücke gehörten zu ihrer Kollektion. Ausnahmslos gefälschte Ware, aber für viele Damen der feinen Gesellschaft und auch manchen Händler war das ein zu vernachlässigendes Detail. Ein paarmal hatte sie schon vor Gericht gestanden, aber Brianese hatte sie immer wieder rausgehauen. Ihr brauchte ich nicht erst das Lager zu zeigen. Sie lebte von ihrem Mann getrennt in einer kleinen, komfortablen Villa am Stadtrand. Sie schaute mehrere Abende pro Woche vorbei, wartete, bis ich das Eisengitter heruntergelassen hatte, und nahm mich mit zu sich nach Hause. In dieser Zeit beschloss ich, mir selbst etwas anderes zu suchen als das Liebesnest des Anwalts. Ich wurde in einem Maklerbüro vorstellig, und siehe da, als Garantie genügte es, dass ich den Namen meines Lokals nannte. Ich mietete eine Wohnung in der Nähe der Osteria. Nicoletta half mir, sie einzurichten. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, dass eine Wohnung wirklich meine war. Mit Nicoletta Möbel und Einrichtungsgegenstände auszusuchen, hatte mich das Vergnügen kennenlernen lassen, etwas mit einer Frau zu teilen. Ich bekam Sehnsucht nach einer dauerhaften Beziehung. Über die körperliche Anziehung und eine gewisse Sympathie hinaus war weder mit Gianna noch mit Nicoletta etwas in dieser Richtung anzufangen. Aber für mich war das etwas ganz Neues. Ich hatte nicht das Bedürfnis gespürt, sie zu unterwerfen oder ihr Leben zu kontrollieren, wie bei Flora oder der Witwe. Was aber auch nicht bedeutete, dass meine sexuellen Vorlieben sich geändert hätten. Ich empfand einfach immer neue Gefühle. Vielleicht passiert ja genau das, wenn man sein Leben ändert. Exakt nach einem Jahr forderte Brianese den ersten Gefallen von mir. Einen gut bezahlten, aber doch einen jenseits der Legalität. Eine Haushaltswarenhändlerin aus derselben Provinz hatte sich von einer Wahrsagerin fünfundfünfzig Millionen Lire abknöpfen lassen, damit die ihre Tochter von einer schweren Magersucht heilte. Der Anwalt wollte, dass ich das Geld zurückholte. »Ich führe jetzt ein anderes Leben«, beschied ich ihm kurz. »Natürlich. Und mit fantastischem Erfolg. Aber du hast trotzdem ein paar Erfahrungen, über die keiner von uns anderen verfügt. Die musst du selbstverständlich für deine Freunde nutzen. Du weißt selbst gut genug, dass es Situationen gibt, die sich nur ohne Hilfe der Justiz lösen lassen.« »Das bedeutet, es wird noch andere solcher Gefallen geben?« »Gut möglich. Du hattest jetzt genug Zeit, dich umzuschauen und zu sehen, dass du hier ein Vermögen verdienen kannst, genug, um ruhig und zufrieden zu leben, wenn du die richtigen Freunde hast. Aber Freundschaften müssen eben gepflegt werden …« »Risiken?« »Verschwindend gering. Außerdem sind das alles nur Kleinigkeiten. Und vergiss nicht, falls nötig, rette ich deinen Arsch.« »Als Sie mir von dem Rehabilitationsverfahren erzählt haben, sagten Sie, ich soll mich von gewissen Kreisen fernhalten und mich absolut legal verhalten …« Er unterbrach mich mit einer ungeduldigen Geste. »Wo ist das Problem?« »Ich möchte das Verfahren nicht gefährden.« »Kein Problem. Mein Wort darauf.« Ich sah ihn an. Ich hatte nicht die geringste Lust, all das, was ich mit so viel Mühe aufgebaut hatte, wieder zu verlieren. Aber ich verdankte Sante Brianese alles, also musste ich tun, was er von mir verlangte. Immer. Ich musste ihm gehorchen wie ein Diener. »Einverstanden.« Jetzt lächelte der Anwalt wieder, und er erzählte mir, mit allerlei Scherzen und Anekdoten durchsetzt, die Geschichte mit dieser Wahrsagerin. Die Sache lief immer nach demselben Muster. Jessica, die Seherin, pries ihre Dienste in einem Lokalsender an. Die wegen ihrer Tochter verzweifelte Händlerin hatte einen Termin mit ihr vereinbart. Für zweihunderttausend Lire hörte Jessica sich die Sorgen der Mutter an und versprach, die geheimnisvollen okkulten Kräfte zu befragen, ob es eine Lösung für das Problem gebe. Den nächsten Termin machten sie für zehn Tage später aus. In der Zwischenzeit setzte die Hexe wie immer einen Privatdetektiv auf die Händlerin an, mit dem Auftrag, möglichst viel über sie herauszufinden, vor allem über ihre finanziellen Möglichkeiten. Beim nächsten Treffen trug Jessica eine finstere Miene zur Schau. Ohne weitere Umschweife erklärte sie ihrer Kundin, dass die Lage ihrer Tochter sich von Stunde zu Stunde verschlechtere und nur eine esoterische Behandlung sie retten könne. Und so erleichterte sie die Mutter im Laufe von vier Sitzungen um einen schweren Batzen Geld. Als deren Mann von der Sache erfuhr, wandte er sich an den Anwalt. Jessica empfing ihre Kunden in verschiedenen Städten der Region. Ich machte einen Termin in Mestre aus. Dort war ich nie länger gewesen, mich kannte niemand. Ein Typ mit Rausschmeißergesicht führte mich zu der Wahrsagerin. Als er die Tür öffnete, zog ich ihm eins mit einem Strumpf voller Geldmünzen über. Bevor er umfiel, stieß ich ihn mit aller Kraft ins Zimmer. Er landete auf dem Teppich, direkt vor Jessicas Schreibtisch. »Gott im Himmel!« Die Frau sprang mit einem Satz auf. Ich brachte sie mit einer Ohrfeige zum Schweigen. Ich hatte eine extravagante Person erwartet, nicht einfach eine übergewichtige Fünfzigerin mit toupiertem Haar, jeder Menge Ringen an den Wurstfingerchen und einem geblümten Kleid. Ich packte sie beim Hals. »Du hast drei Tage Zeit, um der Mutter von der Kleinen das Geld zurückzuzahlen.« Sie nickte. Ich sah, dass ich sie noch nicht genug erschreckt hatte, und brach ihr den Arm, so, wie es die beiden Rumänen bei mir gemacht hatten. Die Wahrsagerin wurde bewusstlos. Ich hätte sie gern noch mehr bedroht, aber ich konnte sie nicht wieder zu sich bringen. Ihr Pech. Wenn man einen Kredit zurückfordert, ist es wichtig zu zeigen, dass man vor keiner Brutalität zurückschreckt. Ich schlug ihr noch ein paarmal ins Gesicht und machte ihr ein für alle Mal die Nase platt. Dann kümmerte ich mich um ihren Gorilla. Ein paar Tritte ins Maul und die Eier. Anzeige erstatten würde jedenfalls keiner der beiden. Jessica zahlte fristgemäß zurück, drei Tage später hatte ihre Kundin alles Geld wieder. Brianese war hochzufrieden und überreichte mir einen Umschlag mit meiner Belohnung. Ich nutzte sie als Anzahlung für einen neuen Wagen. Es war Zeit, den alten Panda zu verschrotten. Ich bestellte wieder einen Kleinwagen. Die Zeit für dicke Autos war noch nicht gekommen. Später bat man mich noch um andere Gefälligkeiten. Aber der Anwalt respektierte immer unsere Absprache, dass es sich um kleinere Sachen handeln musste. »Deine Rolle ist es, unseren Freundeskreis gegen Angriffe von außen zu verteidigen«, erklärte er mir einmal. »Die Legalität wiederherzustellen. Unsere eigene, versteht sich.« Meistens musste ich nur ein bisschen die Muskeln spielen lassen. Manchmal brauchte ich nicht einmal Gewalt einzusetzen, wie im Fall der Kundin einer Bankfiliale des Landkreises, die behauptete, der Filialleiter habe sie genötigt, für einen Kredit von dreihundert Millionen Lire Bürgschaften zu unterzeichnen. Ich brauchte ihr nur zu empfehlen, die Anzeige doch lieber zurückzuziehen. Bei anderen Gelegenheiten war ich gezwungen, wirklich hart durchzugreifen. So im Fall einer Hure aus Triest, Alexia, die einen lieben Kunden meines Lokals erpresste. Dieser Mann, der begüterte Inhaber einer Schraubenfabrik, hatte die junge Frau in einem Nachtclub kennengelernt. Sie hatte ihn für eine halbe Million Lire zu sich nach Hause abgeschleppt, und während sie im Bett waren, filmte eine im Bücherschrank versteckte Kamera, wie sie miteinander schliefen. Jetzt verlangte Alexia zweihundert Millionen Lire, sonst würde sie sowohl an die Gattin als auch an die beiden Tageszeitungen der Stadt anonyme Päckchen schicken. Ich begleitete den Mann zu der Wohnung, wo die Geldübergabe stattfinden sollte. Als die Frau durch den Türspion blickte, sah sie nur ihren Kunden, doch als sie öffnete, stand ich da. Erschrocken versuchte sie den Unternehmer zurückzurufen, der bereits wieder die Treppe hinunterging. Ich verpasste ihr einen Haken auf den Mageneingang und schubste sie in die Wohnung. Sie gab die Videokassette heraus und beteuerte, dass es keine Kopien gebe, aber ich glaubte ihr nicht. Ich fesselte sie auf einen Stuhl. Dann holte ich aus der Küche ein Paket grobes Salz, einen Trichter und eine Karaffe voll Wasser. Eine absolut regelkonforme polizeiliche Verhörmethode. Bei der zweiten Karaffe verriet sie mir, dass sie im Wäscheschrank zwischen den Betttüchern zwei weitere Kassetten versteckt hatte. Alexia hatte das Hühnchen gründlich rupfen wollen. Dem Unternehmer sagte ich, es gebe noch mehr Kopien der Aufnahme, und um sie zu bekommen, müssten wir zwanzig Millionen Lire berappen. Er zahlte ohne Widerrede. Einmal wurde ich mit einem Diebstahl beauftragt. Einem gut bezahlten, der Auftraggeber kam wohl aus der Pharmaindustrie, nehme ich an. Ich musste im Krankenhaus aus einer bestimmten Abteilung verschiedene Unterlagen mit Patientendaten besorgen. Ein Kinderspiel. Der Anwalt hatte recht gehabt, auch, was die Frage der Freundschaft anging. Seit meine Gäste bemerkt hatten, dass ich sein Vertrauen genoss, behandelten sie mich anders als zuvor. Nicht als einen der Ihren, aber doch als einen, mit dem man Geschäfte machen konnte. So schloss ich mich zwei weiteren Kreditwucherern an und wurde Gesellschafter in einer illegalen Strickmanufaktur, in der chinesische Arbeitskräfte beschäftigt waren. Vor allem investierte ich in schnell abgewickelte, lukrative Sachen, von Weinlieferungen bis zu Möbeln, von Silvesterkrachern bis zu Computern. So war Nordostitalien: ein rascher Kreislauf von Waren und Geld. Man musste nur den richtigen Kreisen angehören. Und dieser war der richtige, in jeder Hinsicht. Zu den Freunden gehörten auch eine Reihe Bullen, vom Schutzmann bis zu verschiedenen Carabinieri. Diejenigen, die zu Brianeses Hofstaat gehörten, waren fleißige Besucher des La Nena. Andere kamen dann und wann mal zum Aperitif vorbei. Anfangs machten sie mich nervös. Dann gewöhnte ich mich an sie. Der Anwalt lobte bei jeder sich bietenden Gelegenheit meine Anstrengungen zur Resozialisierung. Mit der Zeit fingen sie an, mich nach verschiedenen Gästen auszufragen. Das überraschte mich nicht sonderlich. Viele Wirte sind Informanten. Ein paar Leute bekamen Schwierigkeiten wegen dem, was ich über sie geflüstert hatte, aber es ging immer nur um kleine Sachen. Raubkopien von Filmen, betrügerische Reisevermittlungen, Kunstschmuggel. Alles von kleinen Kriminellen betrieben. Leuten, die schnell Geld machen wollten und eine scheinbar leicht begehbare Abkürzung gewählt hatten. So leicht, dass sie sich den Luxus erlaubten, zu viel zu quatschen. Ich für meinen Teil war mehr als froh, der Ordnungsmacht Informationen liefern zu können. Das half, den Weg zu meiner Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ebnen. Einmal kam auch die Spezialeinheit im Antiterrorkampf. Unmittelbar nach dem Mord an D’Antona durch zwei Brigate-Rosse-Leute. Sie sagten, ich solle sie benachrichtigen, falls irgendwelche früheren Genossen aus der Zeit des bewaffneten Kampfes bei mir auftauchten. »Zu mir würden die nie kommen.« »Wer weiß. Jeder macht mal einen Fehler«, entgegnete der Ältere. »Uns interessieren vor allem die aus den Sozialzentren«, erklärte der andere. »Die besuchen mein Lokal nicht.« »Das stimmt. Aber halt die Ohren offen, ja?« »Ja.« Ich war sicher, dass ich recht hatte. Die ganze Stadt wusste, dass das La Nena von einem Exterroristen geführt wurde. Und den Typen aus den Sozialzentren war völlig klar, auf welche Weise ich einer langen Haftstrafe entgangen war. Das hatten sie mir gezeigt, indem sie an meine Jalousie »Pellegrini Verräter« schmierten. Mehrmals. Ich lackierte das über, und sie kamen mit einer Sprühdose roter Farbe wieder. Eines Nachts schrieb jemand »Nach Seattle ist nichts mehr, wie es war«. Den Slogan kannte ich. Er stand an allen Wänden. Ich ließ ihn stehen. Er galt nicht mir. Sante Brianese wurde Regionalratsabgeordneter. Nach einer geschickt geführten Wahlkampagne konnte er sich ein Referat sichern, das gute Geschäfte versprach. Er feierte im La Nena. Ströme von Champagner, Umarmungen mit den alten Freunden, Handschläge der neuen. Sein Hofstaat wurde immer größer. Ich nahm die Getränke aufs Haus, denn ich freute mich aufrichtig über seinen Erfolg. Auch weil ich spürte, dass ich die Rehabilitation so gut wie in der Tasche hatte. Noch vier Monate, dann war die Fünfjahresfrist vorbei. Und wenn das Verfahren in Gang gebracht war, musste ich nur noch warten, bis die Ermittlungen geführt und das Datum der Anhörung festgesetzt war. Acht Monate, maximal zehn. Mit vierundvierzig konnte ich dann ein vollwertiger Bürger sein. An jenem Abend kam Brianese zu mir und legte mir den Arm um die Schultern. »So langsam wird es Zeit, dass du dir eine anständige Frau suchst«, sagte er väterlich. »Die Gerüchte sagen, du bist ein Schürzenjäger, und das ist nicht gut. Hier bei uns heiratet man in der Kirche. Wenn du den Segen des Priesters erst hast, kannst du alles vögeln, was dir vors Rohr kommt.« Seine Worte ließen mich zum ersten Mal erwägen, ob ich nicht heiraten sollte. Eine gute Idee. Mit einer Frau zu leben, das konnte nützlich und angenehm sein. Ich fing an, mich umzuschauen. Sofort fiel mir eine Frau von rund fünfunddreißig Jahren auf, die jeden Tag im La Nena zu Mittag aß. Sie hieß Roberta. Soweit ich wusste, war sie in einer Notarskanzlei angestellt. Sie kam immer mit ein paar Kolleginnen und bestellte leichte Gerichte. Obwohl für meinen Geschmack etwas zu jung, gefiel sie mir wegen ihrer Schüchternheit. Wenn ich von Tisch zu Tisch ging, pflegte ich mit den Gästen zu scherzen. Zu den Frauen war ich übertrieben galant, so hatte es mir der Avvocato empfohlen. Sie senkte jedes Mal den Blick, und auf ihrem hübschen Mund erschien ein verlegenes Lächeln. Meine Beobachtungsgabe sagte mir, dass sie eine von Natur aus unterordnungswillige Frau war und man sie nicht erst zu der Rolle zwingen musste. Körperlich fand ich sie attraktiv. Groß, schlank, gut gebaut. Die Brust war nicht gerade üppig, aber durchaus vorhanden, und sie hatte einen hübschen kleinen Hintern. Schulterlanges hellbraunes Haar rahmte ein anmutiges Gesicht mit ebenmäßigen Zügen ein. Nur die Beine waren nicht besonders. Ich schielte darauf, als sie sie übereinanderschlug, und stellte fest, dass ihre Knöchel eher dicklich waren und die Schenkel Cellulitisstreifen aufwiesen. Unvollkommenheiten, die sie mit Sicherheit verletzlich und zuwendungsbedürftig machten. Ich begann, ihr den Hof zu machen. Blicke, Lächeln, kleine Aufmerksamkeiten. Sonst wusste ich nichts über sie. Ich bat Nicoletta, meine Exloverin mit den gefälschten Chanelkostümen, ein bisschen herumzufragen. So erfuhr ich, dass Roberta nach sechs Jahren die Beziehung zu einem Mann beendet hatte, der sie nicht zum Altar führen wollte. Sie lebte allein am Stadtrand, hatte eine Zweizimmerwohnung in einem großen Haus mit Eigentumswohnungen. »Das ist doch nicht die richtige Frau für dich«, meinte meine Informantin. »Eifersüchtig?« Sie schüttelte den Kopf. »Roberta ist ein altmodisches Mädchen. Hochzeit, Kinder, Weihnachtsbaum …« Ich lächelte zufrieden. »Genau das, was ich suche.« Nicoletta gab mir einen Klaps auf die Wange. »Na dann mal viel Glück.« Die Gelegenheit, mit ihr anzubandeln, ergab sich, als sie einmal Kopfweh hatte. Sie kam zu mir an den Tresen und bat mich um eine Tablette. Ich sah in einer Schublade nach. »Ich habe Aspirin da.« »Nein danke, dagegen bin ich allergisch.« »Eine Tante von mir war auch allergisch gegen Aspirin. Ich weiß noch, sie musste immer sehr aufpassen. Warte, ich frage mal den Koch. Er hat immer einen Vorrat an Schmerzmitteln, er leidet öfter unter Migräne.« Ich kam mit einer Tablette aus der Küche zurück. Sie kontrollierte den Namen des Mittels. »Ja, das ist sehr gut. Vielen Dank.« »Mittwoch ist hier Ruhetag. Hast du Lust, mit mir auszugehen?« Sie sah mich an. »Wohin?«, fragte sie vorsichtig. »Wie wär’s mit Kino und Pizza?« Sie tat so, als würde sie nachdenken. »Einverstanden.« Der Film war ein Schmachtfetzen mit Richard Gere in der Hauptrolle. Seine Frau stirbt bei einer Operation, und er wird ein besserer Mensch. So einen öden Film hatte ich noch nie gesehen, aber Roberta war ganz begeistert und weinte die ganze Zeit. »Wunderbar. Eine große Liebesgeschichte. Hat es dir gefallen?« »Sehr.« In der Pizzeria nutzte ich ihre Gemütsverfassung, um ihr eine kleine maßgeschneiderte Geschichte aufzutischen. »Ich habe die längste Zeit meines Lebens über Fehler gemacht«, fing ich an. »Jetzt versuche ich, alles wiedergutzumachen. Vor allem das, was ich meiner Familie angetan habe. Mein Vater und meine Mutter sind an gebrochenem Herzen gestorben. Meine Schwestern wohnen weit von hier entfernt, und ich traue mich nicht, sie zu besuchen.« Sie legte ihre Hand auf meine. Dann erzählte ich ihr, wie schlechte Vorbilder und dunkle, destruktive Mächte meinen jungen Geist auf Abwege gebracht hatten. Paris. Mittelamerika. Die Rückkehr nach Italien. Das Gefängnis. Ein unzusammenhängendes Wirrwarr von Lügen, alles mit brechender Stimme vorgetragen. »Das ist das erste Mal, dass ich mich traue, all das jemandem zu erzählen«, sagte ich schließlich. »Ich freue mich, dass ich es bin. Ich hatte etwas über deine Vergangenheit gehört, aber ich wusste nicht, dass du so gelitten hast.« Dann hatte sie das Bedürfnis, ihrerseits von sich zu erzählen. Sie redete über ihre Arbeit, die Familie und vor allem über Alfio. Er war ihre große Liebe gewesen, aber als es ans Heiraten gegangen wäre, hatte er sich aus dem Staub gemacht. Sie hatte kaum darüber hinwegkommen können, und jetzt war sie nicht sicher, ob sie es mit einem anderen Mann noch einmal versuchen wollte. Ich zeigte mich voller Verständnis und gab alle möglichen Banalitäten über die Ernsthaftigkeit der Gefühle von mir, um sie zu beruhigen. Schließlich schilderte ich ihr meine Träume und Pläne, eine klare und deutliche Botschaft. Das Porträt meiner Idealfrau war ihr wie aus dem Gesicht geschnitten. Ich begleitete sie bis zur Haustür und verabschiedete mich mit einem züchtigen Kuss auf die Wange. Wie immer lächelte sie verlegen und schlug die Augen nieder. Von da an gingen wir jeden Mittwoch miteinander aus. Im ersten Monat gab es nichts als Kino, Theater, Restaurants. Dann kam sie eines Abends zu mir nach Hause. Nach dem Abendessen setzte ich mich auf dem Sofa dicht neben sie und fing an, sie zu küssen. Sie ließ mich an ihre Brust, aber als ich den Reißverschluss ihrer Hose aufmachte, meinte sie, das sei ihr noch zu früh. Als sie sich den Mantel anzog, beschloss ich, es zu riskieren. Es war so weit, ich wollte feststellen, ob ich sie richtig eingeschätzt hatte. »So verlierst du mich. Für immer«, sagte ich mit dünnem Stimmchen. Sie erstarrte. Dann zog sie sich den Mantel aus und kam aufs Sofa zurück. »Mach ein bisschen Musik an. Bitte.« Ich hatte nichts Besonderes im Haus. CDs, die ich für neuntausend Lire im Supermarkt gekauft hatte. Die meisten Wiederauflagen alter Schallplatten, Musik, die ich als Jugendlicher gehört hatte, wenn ich samstagnachmittags auf Feten ging und mit meinen Klassenkameradinnen eng umschlungen tanzte und versuchte, ihnen an die Titten zu fassen. Ich griff nach der erstbesten CD. Greatest Hits von Caterina Caselli. Roberta war miserabel im Bett. Sie konnte nur die Beine breit machen. Obwohl ich es ihr gern so richtig besorgt hätte, benahm ich mich wie ein vollendeter Gentleman und bedeckte sie mit Zärtlichkeiten. Neun Musikstücke hörte ich an, bevor ich sie so weit hatte. Den ersten kleinen Schrei ließ sie los, als die Caselli gerade »Arrivederci amore, ciao, die Wolken sind schon weiter« sang. Als ich aufstand, um das Kondom wegzuwerfen, bat sie mich, das Stück noch einmal zu spielen. »Es heißt Mit dir zusammen bin ich nicht mehr.« »Ich weiß. Es ist ein trauriges Lied, aber ich hab es immer sehr gern gemocht.« Ich folgte ihrer Bitte. Und es wurde »unser« Lied, eine jener für Verliebte typischen Peinlichkeiten. Ich benutzte es als Zeichen, wenn ich mit ihr ins Bett wollte. Was nicht allzu häufig vorkam. Ich wusste nicht recht, was ich mit einer Frau anfangen sollte, die keine Lust hatte, mir den Schwanz zu lutschen oder ihn hinten reinzubekommen. Dafür hatte sie andere Qualitäten, und weil ich sie heiraten wollte, machte ich keine große Sache daraus. Sie war liebevoll, zuvorkommend und ging einem nicht auf die Eier. Und sie war fleißig im Haushalt. Ich war gern mit ihr zusammen. Sie stopfte die Löcher in meinem Leben. Nachts. In der Freizeit. Als Paar machte alles mehr Spaß. Endlich begriff ich, warum die Leute eine Ehe eingehen, und ich verlor keine Zeit, sondern brachte die Sprache schnell aufs Heiraten. Um ihre kitschigsten Träume zu erfüllen, fuhr ich eines Mittwochabends mit ihr nach Venedig. Großes Restaurant und Gondelfahrt samt Serenade. Auf dem Markusplatz gab ich ihr ein kleines Etui in die Hand. »Möchtest du mich heiraten?«, fragte ich genau in dem Augenblick, als sie überrascht einen Fünfzehn-Millionen-Lire-Ring erblickte. Natürlich hatte ich nicht so viel bezahlt, aber das war sein Wert. Roberta brach vor Glück in Tränen aus. Sie umarmte mich und küsste mich über und über. In dieser Nacht hatte ich eine leidenschaftliche Frau in den Armen, und mir wurde klar, dass ihr nur die Sicherheit über meine wirklichen Absichten gefehlt hatte. Sie wollte gewiss sein, zum Altar geführt zu werden. Wir beschlossen, das Datum für kurz nach der Rehabilitation festzusetzen. Unsere Verlobung feierten wir im La Nena. Brianese erhob sein Sektglas auf unser Glück. Ab da verkehrte ich auch in der Familie meiner Zukünftigen. Und in ihrem Freundeskreis. Häufig gingen wir mit einem anderen Paar aus. Luciano und Martina. Auf den ersten Blick erkannte ich, dass sie nicht so eine Langweilerin war wie meine Roberta. Dann und wann kreuzte ich ihren vor Anspielungen schweren Blick. Ihr stumpfer, unsympathischer Mann rechtfertigte diese Glut voll und ganz. Meiner Verlobten entging das nicht. Eines Abends machte sie mir zu Hause die erste Szene. Am liebsten hätte ich sie geschlagen, um ihr den Mund zu stopfen, aber ich beschränkte mich darauf, ihr gut zuzureden. Sie war eine von diesen Frauen, die sich mit Leib und Seele einem Mann hingeben, aber keinerlei Unsicherheit ertragen können. Angriff ist die beste Verteidigung, ich tat alles, um sie davon zu überzeugen, dass sie der wichtigste Mensch in meinem Leben sei. Es war wirklich nicht schwer, sie glücklich zu machen. Ein klein wenig Aufmerksamkeit genügte, ihre Wünsche waren derart vorhersehbar. Manchmal überraschte ich sie. Mit Luxus. Wenn ich ein gutes Geschäft machte oder meinen Anteil aus dem Wuchergeschäft bekam, besorgte ich ihr teure Geschenke. Wie für eine feine Dame. Sie wusste nicht, dass ich reich war, und dachte, ich hätte mich dafür krummlegen müssen. Als sie sich so weit beruhigt hatte, ging ich mit Martina ins Bett. Endlich echter Sex. Aber ich musste teuer dafür bezahlen. Sie vertraute den Seitensprung einer Freundin an, und so ging er von Mund zu Mund, bis er Roberta zu Ohren kam. Ich leugnete strikt. Am Ende tat sie so, als würde sie mir glauben, aber ihr Vertrauen zu mir hatte Sprünge bekommen. Bald stellte ich fest, dass meine Verlobte mich bespitzelte. Sie durchsuchte meine Taschen und mein Portemonnaie, kontrollierte auf der Suche nach Spuren anderer Frauen die Anrufe auf meinem Handy. Ich tat so, als ob ich es nicht bemerkte. In Zukunft würde ich besser aufpassen müssen. Sante Brianese bestellte mich in seine Kanzlei. Das Rehabilitationsverfahren war jetzt angelaufen. Die Staatsanwaltschaft würde demnächst mein polizeiliches Führungszeugnis anfordern und Nachweise meiner finanziellen Situation. »Ich habe schon alles Nötige in die Wege geleitet«, sagte er. »Wir brauchen uns überhaupt keine Sorgen zu machen.« Wie üblich behielt er recht. Sämtliche Berichte waren positiv. Der Richter setzte die Anhörung für den nächsten Monat fest. Nur noch dreißig Tage trennten mich von meinem neuen Leben. Dann würde ich wieder wählen und tausend andere Dinge tun können, vor allem bräuchte ich keine Angst mehr vor Polizeikontrollen zu haben. Ich schlug Roberta vor, dass wir sofort nach der Entscheidung des Gerichts heirateten. Gerade noch genug Zeit, um eine Traumhochzeit vorzubereiten. Sie hatte auch schon darüber nachgedacht, und es zeigte sich, dass sie sehr klare Vorstellungen von dem Ganzen hatte. Auch von der Hochzeitsreise. Malediven. Die reizten mich zwar nicht besonders, aber ich hütete mich, irgendwelche Einwände zu machen. Die Vorbereitungen würden sie beschäftigt halten und sie endlich von ihren Zweifeln ablenken, ob ich sie nicht doch mit Martina betrogen hatte. Zum ersten Mal fühlte ich mich wirklich wohl. Und unangreifbar. Die Vergangenheit konnte mir nichts mehr anhaben. 5 Roberta Ich hatte mich zu sicher gefühlt. Ein unverzeihlicher Irrtum. Wirklich sicher kann man sich nur fühlen, wenn man sich im Leben nichts hat zuschulden kommen lassen. Einer wie ich musste sich mit der Wahrscheinlichkeit begnügen. Allerhöchstens hätte ich mich »relativ« sicher fühlen dürfen. Und immer wachsam bleiben müssen. Jetzt aber kam einer meiner zahlreichen Irrtümer aus der Vergangenheit hoch und erwischte mich kalt. Anedda. Ich blickte hoch, da stand er vor mir. Als Allererstes dachte ich, ich hätte ihn doch umbringen sollen, damit er nie wieder in meinem Leben auftaucht. Das hier war ganz sicher kein Höflichkeitsbesuch. Ferruccio, der Bulle, saß in der Scheiße. Und zwar bis hierhin. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass er restlos verzweifelt war. Der Anzug zerknittert, unrasiert, ungekämmt, die Augen fiebrig glänzend. Vor mir stand nur noch das Gespenst des Mannes, den ich gekannt hatte. Sein Blick sagte mir, dass ich seine letzte Hoffnung war. Ich goss ihm einen Brandy ein. Einen billigen, der sonst in den Kaffee kam. Er kippte ihn auf einen Zug. »Ich muss mit dir reden«, sagte er rauh. Die Spannung zwischen uns war sichtbar wie der Rauch seiner Zigarette. »Ich hab dir nichts zu sagen.« »Wir treffen uns heute Abend bei dir zu Hause.« »Du hast mich nicht verstanden.« »Du hast nicht verstanden«, zischte er, arrogant wie üblich. »Tu, was ich dir sage, ohne Widerrede.« Während er ging, starrte ich seinen Rücken hasserfüllt an. Dann schaute ich, ob die Gäste etwas von unserem Wortwechsel mitbekommen hatten. Alles schien ruhig. Ich goss mir zwei Finger hoch Lagavulin ein. Die Wärme des Whiskys vertrieb für einen Moment die Kälte, die meinen Magen umklammert hielt. Jetzt war auch ich verzweifelt. Anedda wollte mich mit Sicherheit in irgendeine beschissene Sache reinziehen, die alles, was ich aufgebaut hatte, gefährden würde. Achtzehn Tage vor meiner Anhörung. Diesen Schicksalsschlag hatte ich nicht verdient. Ich ließ das Metallgitter vor dem Lokal herunter und ging nach Hause. Der Bulle hatte mich nicht nach der Adresse gefragt. Er wusste wohl schon alles über mich, was er brauchte. Als ich die Haustür aufsperrte, sah ich im Augenwinkel Anedda aus einem nachtschwarzen Alfa Romeo steigen. Er folgte mir schweigend und warf sich auf das Sofa. »Ich bin so was von fertig!«, rief er. Er zog eine Zigarette aus einem Päckchen, das ebenso zerknittert war wie sein Anzug. »Was willst du?« Er machte keine langen Worte. »Du musst einen für mich umlegen.« »Kommt nicht in Frage«, entgegnete ich. »Ich bringe niemanden für dich um. Ich lebe jetzt ein anderes Leben.« »Ich weiß. Du bist ein anständiger Mann geworden. Aber wenn du mir diesen Gefallen nicht tust, bin ich geliefert. Und um den Schaden zu begrenzen, müsste ich kollaborieren. Dann ziehe ich dich mit mir in den Abgrund.« Na bravo. Er hatte mich am Arsch. Ich goss mir etwas zu trinken ein. »Um wen geht es?« »Um einen von meinen Informanten. Ein Scheißalgerier, Mitglied bei der Islamischen Heilsfront. Wir haben ein paarmal Geschäfte miteinander gemacht. Dann ist er verschwunden. Jetzt habe ich erfahren, dass er mit den Carabinieri gemeinsame Sache macht. Wenn ich dem nicht sofort das Maul stopfe, reißt er mich gewaltig rein. Die ehrenwerten Carabinieri schaffen es immer, dass einer ihnen alles erzählt.« »Wo wohnt er?« »In Bologna. Ich habe drei Tage und drei Nächte gebraucht, um seinen Unterschlupf herauszufinden. Habe Himmel und Erde in Bewegung gesetzt.« »Und warum erledigst du den Job nicht selbst?« Er lachte los. »Würde ich ja gern. Aber in dem Moment, wo das Arschloch in die bessere Welt wechselt, werde ich in meinem Büro in Mailand sitzen. Ich brauche ein absolut wasserdichtes Alibi.« »Also haben sie dich schon im Verdacht?« »Ja. Aber sie haben noch nichts Konkretes gegen mich in der Hand. Jetzt wird ermittelt, weil ich der Verbindungsmann des Algeriers war.« »Was ist passiert?« »Nichts, das dich was angeht.« »Ich riskiere doch nicht blind lebenslänglich. Ich will wissen, was los ist.« »Ein Kurier aus dem Iran. Ein Koffer voller Dollars. Willst du noch mehr wissen?« Ich schüttelte den Kopf. »Wie soll er sterben?« »Kopfschuss. Hast du noch die 22er mit Schalldämpfer?« »Ich lebe jetzt ein anderes Leben. Ohne Waffen.« »Dann besorg ich dir eine.« »Wann soll ich ihn kaltmachen?« »Übermorgen. Hoffentlich ist es dann noch nicht zu spät.« »Und dann?« »Wie dann?« »Kommst du dann jedes Mal an, wenn du in der Scheiße sitzt und einen zum Aufräumen brauchst?« »Immer mit der Ruhe. Wenn das vorbei ist, siehst du mich nie wieder.« Da wurde mir klar, dass Anedda auch mich aus dem Weg schaffen wollte. Sonst hätte er mir mit all seiner Arroganz klargemacht, dass ich ihm immer zu Diensten zu sein hatte. Aber er hatte aus der Geschichte mit dem Algerier gelernt. Kein Zeuge, kein Risiko. Ich hörte den Schlüssel in der Wohnungstür. Roberta. Ich hatte gedacht, sie wollte den Abend bei ihren Eltern verbringen. Sie kam ins Wohnzimmer gelaufen. »Liebling, ich habe eine Überraschung!«, rief sie fröhlich. »Eine CD von Alessandro Haber mit Mit dir zusammen bin ich nicht mehr.« Als sie den Unbekannten bemerkte, verstummte sie. »Entschuldigung«, stotterte sie verlegen, »ich dachte, Giorgio wäre allein.« Der Bulle stand auf. »Ich wollte gerade gehen«, sagte er müde lächelnd. »Ich bringe dich zur Tür.« »Wie ich sehe, gehst du nicht mehr zu den Professionellen«, bemerkte er halblaut. »Ich lebe jetzt ein anderes Leben«, sagte ich zum x-ten Mal. »Morgen Vormittag komme ich in deinem Lokal vorbei«, versprach Anedda. Mit einem unterdrückten Fluch schloss ich die Tür. »Wer war das?«, fragte meine Verlobte. Ich zuckte mit den Schultern. »Ein Winzer«, antwortete ich kurz angebunden. »Und was wollte er?« »Mir ein Geschäft vorschlagen.« »Wieso hier zu Hause? Sonst kommen die immer ins Lokal.« Roberta stellte zu viele Fragen. Ich umarmte sie. »Komm, lass uns unser Lied hören, ich kann’s kaum erwarten.« Sie lächelte zufrieden und vergaß ihre Neugier. Kurz darauf erfüllte die warme Stimme des Schauspielers, der sich als Sänger versuchte, das Zimmer. In dieser Nacht war sie es, die Sex wollte. Das Letzte, wonach mir der Sinn stand. »Ein andermal«, sagte ich trocken. Ihre Gegenwart nervte mich. Ich wollte allein sein, um nachzudenken. Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden sollte ich einen Mann umbringen und musste versuchen, nicht zu enden wie er. Ich konnte nicht schlafen. Roberta neben mir schlief ruhig, die Hand auf meiner Brust. Das Problem bestand nicht darin, den Algerier zu töten, sondern zu verhindern, dass Ferruccio danach auch mich kaltmachte. Er hatte sicher schon einen Plan. Am Todestag des Maghrebiners würde er allerdings kein Risiko eingehen. Er brauchte sein Alibi, das würde ihn im Polizeipräsidium festhalten. Für mehrere Tage. Bis er sicher sein konnte, dass er den Korruptionsverdacht los war. Dann würde er noch einige Zeit warten und mich eines Abends beim Nachhausekommen abknallen. Oder er würde sich auf ein Glas von mir einladen lassen. Noch wahrscheinlicher. Dann würde er auch Roberta eliminieren müssen. Sie hatte sein Gesicht gesehen. Und mit mir zusammen. Angst hatte ich keine. Aber die Unvorhersehbarkeit des Schicksals quälte mich. Ein Leben als Spielball der Ereignisse war mir eine unerträgliche Vorstellung. Wenn ich das hier überlebte, was käme dann als Nächstes? Ein Tumor? Ein Autounfall? Dass man Brianese verhaftete? Ich bekam Herzrasen und musste aufstehen. Was zum Teufel geschah mit mir? Ich ging wieder ins Wohnzimmer und zwang mich fernzusehen. Einen Film mit Franco Franchi. Es ging um ein Mönchlein, das seine Tante besucht, die ein Bordell führt. Nach einer Weile beruhigte sich mein Herzschlag. Ich ging ins Schlafzimmer nachschauen, ob meine Verlobte schlief. Dann hebelte ich im Flur mit einem Schraubenzieher ein Stück der Scheuerleiste ab. In einer Mauernische lag ein Plastiktütchen verborgen. Ich hatte Anedda angelogen. Die Pistole war noch da. Man weiß ja nie, was noch passiert. Und ich hatte recht getan. Die 22-Millimeter-Ruger, mit der ich Ausonio und Ciccio Formaggio erschossen hatte, war demontiert, die Einzelteile in ölgetränktes Tuch gewickelt. Lauf, Abzug, Schaft, Magazin. Ich schraubte den Schalldämpfer auf und ließ den Bolzen schnappen. Ich war bereit, mein Leben auf die einzige Weise zu verteidigen, die ich kannte. Dann ging ich wieder ins Bett. Roberta umklammerte mich. Ferruccio ließ sich kurz nach Mittag blicken. Er bestellte einen Espresso. »Heute Nacht komme ich bei dir zu Hause vorbei. Ich bringe dir das Foto von dem Typen und die Waffe.« »Nein«, antwortete ich prompt. »Meine Freundin ist da. Wir treffen uns auf dem Parkplatz beim Busbahnhof.« Er dachte kurz über die Änderung seines Plans nach. »Okay. Um halb zwei. Pünktlich.« Es war Anfang März, nachts war es noch empfindlich kalt. Ich zog eine dunkle Jacke an und setzte eine warme Wollmütze auf. Beides Geschenke meiner Zukünftigen. Lederhandschuhe hatte ich noch nachmittags gekauft. Ich nahm das Fahrrad aus dem Lager und fuhr zum Treffpunkt. Das Fahrrad war ein Bianchi aus den fünfziger Jahren, restauriert und neu gestrichen. Es war teuer, aber ich hatte nicht widerstehen können, mein Opa hatte genauso eines gehabt. Wenn ich ihn als kleiner Junge besuchte, setzte er mich immer auf die Stange und fuhr mit mir im Dorf herum. Ich benutzte es jeden Tag im Stadtzentrum, das jetzt für den Autoverkehr gesperrt war. Der Parkplatz beim Busbahnhof war nicht gerade leer. Hier und da standen Wagen, in denen sich nigerianische oder albanische Huren mit ihren Freiern vergnügten. Der schwarze Alfa Romeo stand mitten auf der großen Fläche. Ferruccio, der Bulle, wollte sehen können, wer sich ihm näherte. Ich hielt neben der Beifahrertür. Er gab mir Zeichen einzusteigen. Mit dem Fuß klappte ich den Fahrradständer herunter und machte die Tür so weit auf, dass ich die Pistole hineinstecken konnte. Ich drückte zehnmal ab. Alles, was das Magazin hergab. Der Schalldämpfer sorgte dafür, dass die Schüsse nicht zu hören waren, und begrenzte die Qualmentwicklung. Wer auf dem Parkplatz war, konnte in der Dunkelheit sicher die zehn Blitze sehen, ganz ähnlich denen beim Fotografieren. Aber ansonsten war absolut nichts zu sehen und zu hören. Das Arschloch war tot. Sein Kopf ruhte auf dem Lenkrad. Die Augen waren aufgerissen. Etwas Blut rann ihm aus dem Mund. Sanft schloss ich die Tür, stieg auf mein Fahrrad und radelte langsam davon. Handschuhe und Pistole warf ich in einen Müllcontainer. Um die Ruger tat es mir leid. Sie hatte mir treue Dienste geleistet, aber jetzt war sie verbrannt. Patronen und Hülsen waren in Aneddas Körper und Wagen geblieben. Die Pistole zu behalten, wäre Selbstmord gewesen. Ich war zufrieden. Aber nicht beruhigt. Um der Überraschung willen hatte ich auf einen sichereren Plan verzichten müssen. Lieber hätte ich ihn an einen abgelegenen Ort auf dem Land gelockt und Wagen samt Leiche abgefackelt. Aber er war zu klug, um in eine so simple Falle zu gehen. Wenn der Tote entdeckt war, würden die Ermittler das Material finden, das er mir zugedacht hatte. Die Pistole und das Foto des Algeriers. Das Risiko war, dass er möglicherweise noch etwas dabeihatte, das erlaubte, eine Verbindung zu mir herzustellen. Eine Notiz. Eine Adresse. Eine Telefonnummer. Es wäre klüger gewesen, für kurze Zeit unterzutauchen. Aber das konnte ich nicht tun. Ich hätte zu vielen Leuten zu viel erklären müssen. Ich konnte nur warten. Und eine Verhaftung riskieren. Zu Hause erwartete mich Roberta. Sie saß lesend auf einem Sessel. »Wo bist du gewesen?« »Ich hab noch mit Brianese woanders was getrunken.« »Habt ihr über die Anhörung gesprochen?« »Ja. Jetzt ist es nicht mehr lange hin.« »Du bist nicht bei dieser Frau gewesen?« »Bitte, Liebling, fang nicht wieder damit an.« Sie warf die Einrichtungszeitschrift auf den Couchtisch und breitete die Arme aus. »Komm zu mir.« Ich ließ mich streicheln. Ich brauchte Entspannung. Mit geschlossenen Augen ließ ich Aneddas Tod Revue passieren. Es war unumgänglich gewesen, ihn zu töten. Und befriedigend. Zu töten hatte mir immer gefallen. Schon seit damals, als ich meinem Freund Luca in dem beschissenen mittelamerikanischen Dschungel ins Genick geschossen hatte. Auch Ferruccio, dem Bullen, hätte ich gern einen Genickschuss verpasst. Ihn getötet, ohne das ganze Magazin zu verschießen, wie ich es hatte tun müssen, weil ich nicht sicher sein konnte, ihn mit einem Schuss tödlich zu treffen. Auch schwer verletzt hätte er seine Neunmillimeter ziehen und es mir mit gleicher Münze heimzahlen können. Die Ermittler schlossen sicher auf einen eiligen, unvorbereiteten Mörder. Mir wäre es lieber gewesen, sie hätten sich dem Werk eines Profis gegenübergesehen. Der Genickschuss hat etwas Feierliches, wie ein Gerichtsurteil. Er ist Gerechtigkeit. Zwei Tage später erschienen in den Zeitungen die Berichte über den Fund von Aneddas Leiche. In der Stadt gab es kein anderes Gesprächsthema. Teams der landesweiten Fernsehsender kamen. Die Journalisten verbreiteten die These, es sei eine Tat des internationalen Terrorismus. Aber das Interesse der Medien daran, die Sache warmzuhalten, war größer als das der Ermittler. Kollegen wie Staatsanwaltschaft wussten offenbar, dass der Getötete nicht in Ausübung seiner Pflicht umgekommen war. Und sie hatten kein einziges Indiz in der Hand, das Auskunft über den Täter geben konnte. Wer sich am Ort des Verbrechens aufzuhalten pflegte, hatte nichts Ungewöhnliches bemerkt. Die Aufmerksamkeit für den Fall hielt ein paar Tage an, dann wurde er von anderen Ereignissen überlagert. Auch meine Spannung ließ nach. Ich war jetzt überzeugt, dass die Ermittlung nichts ergab, das auf mich hindeutete. Mein Plan war aufgegangen. An diesem Abend kam ich etwas später nach Hause als sonst. Neben dem Telefon fiel mir Robertas Handtasche auf. Ein unerwarteter Besuch. Sie war seit ein paar Tagen erkältet und lieber bei ihren Eltern geblieben. Sie saß im Wohnzimmer. Im Dunkeln. »Geht es dir nicht gut, Liebling?«, fragte ich besorgt. Sie antwortete nicht. Ich machte das Licht an. Sie hatte verheulte Augen und in der Hand ein Exemplar der örtlichen Zeitung. Sie hielt sie mir so hin, dass ich deutlich das Foto von Ferruccio erkannte. Meine Welt brach zusammen. Das Schicksal ließ mich nicht aus den Klauen. Erst Anedda. Und jetzt wurde meine eigene Verlobte zu einer Bedrohung. »Das ist der Mann, der letzte Woche hier bei dir saß«, sagte sie anklägerisch. »Du irrst dich. Zeitungsfotos können täuschen.« »Im Fernsehen haben sie Archivbilder gezeigt. Er war es, ganz sicher. Und in der Nacht, als er erschossen wurde, warst du nicht zu Hause.« »Willst du sagen, du glaubst, ich hätte ihn umgebracht?«, fragte ich ungläubig. Sie schluchzte los. »Ich weiß nicht, was ich denken soll. Aber ich bin sicher, dass er hier war.« Ich reagierte beleidigt. »Ich hab dir gesagt, es war nicht er. Außerdem war ich mit Brianese zusammen, als er erschossen wurde. Frag ihn doch, wenn du mir nicht glaubst.« Ich wusste genau, sie würde es nie wagen, den Avvocato mit so einer Frage zu belästigen. Meine Antwort hätte sie beruhigen sollen, aber der Zweifel nagte noch immer an ihr. Ich umarmte sie. »Wie kannst du mich nur für einen Mörder halten? Soll ich vor Schmerzen umkommen?« Sie zog mich an sich. »Ich kann nicht glauben, dass du ein Ungeheuer bist, aber du hast diesen Polizisten gekannt, und du musst der Staatsanwaltschaft erzählen, was du weißt.« Mir erstarrte das Blut in den Adern. Die Sache lief aus dem Ruder. Ich musste mir etwas ausdenken, sonst würde sie selbst zu den Bullen gehen und melden, dass sie Anedda achtundvierzig Stunden vor dem Mord bei mir gesehen hatte. Ich nahm ihr Gesicht in die Hände. »Ja, ich habe ihn gekannt«, gab ich zu. »Ich war einer seiner Informanten. Die Terroristen sind dabei, sich neu zu organisieren, und meine Erfahrungen waren ihm nützlich. Ich habe dir das nicht erzählt, weil das sehr heikle und geheime Ermittlungen sind. Aber ich habe ihn nicht umgebracht. Merk dir das, ein für alle Mal.« »Noch ein Grund, dass du deine Situation klärst.« Sie ließ einfach nicht locker. »Was du weißt, kann doch dabei helfen, den Mörder und seine Komplizen zu fangen.« »Ausgeschlossen. Aber auch wenn das so wäre, dann müsste ich meine Deckung verlassen und würde selbst zum Ziel. Ich müsste mich verstecken, das Lokal schließen, und ich könnte nicht mehr mit dir zusammenleben.« Dieses Argument brachte sie in schwere Konflikte mit ihrem Bürgersinn. Es war Zeit, die Dosis zu erhöhen. »In ein paar Tagen kann ich den Makel der Vorstrafe tilgen. Ein neues Leben wartet auf mich. Mit dir. Wenn ich jetzt zur Polizei gehe, wird das Verfahren unterbrochen, wer weiß, wie lange wir dann noch warten müssen. Zwing mich nicht, auf dich zu verzichten. Ich will dich heiraten. Und ich will ein Kind mit dir.« Die Soap-Opera funktionierte. Roberta heulte wie ein Schlosshund und legte den letzten Zweifel ab. Ich schob Caterina Casellis CD in den Player und spielte Mit dir zusammen bin ich nicht mehr, nahm Roberta in die Arme und trug sie ins Bett, wo ich ihr süße Liebesworte ins Ohr flüsterte. Als sie einschlief, seufzte ich erleichtert. Vorerst war ich in Sicherheit. Aber in Zukunft? Ich war unvorbereitet gewesen und hatte ihr die falsche Lüge aufgetischt. Stattdessen hätte ich ihr sagen müssen, dass ich schon mit den Ermittlern geredet, aber meine Deckung als Informant gewahrt hätte. Jetzt war es dafür zu spät. Die einzige Hoffnung bestand in der Heirat. Darin, sie unauflöslich an mich zu binden. Bis jetzt hatte ich mich einer kirchlichen Heirat strikt verweigert. Gleich nach dem Aufwachen würde ich ihr sagen, dass ich es mir anders überlegt hätte und wir in ihrer Heimatgemeinde heiraten würden. Und ohne ein einziges Mal den Ehevorbereitungskurs beim Pfarrer zu versäumen. Unsere Vereinigung sollte gesegnet sein. Und von allen Sünden frei. Das war der entscheidende Schachzug. Meine Verlobte beruhigte sich und erwähnte das Thema Anedda nicht noch einmal. Sie beschäftigte sich wieder mit den Hochzeitsvorbereitungen. Und ich lernte ihren Beichtvater kennen, Don Agostino, der uns zum Sakrament der Ehe hinführen würde. Einen alten, mürrischen, haarspalterischen Priester. Schon bei der ersten Begegnung herrschte gegenseitige Antipathie. Aber ich war zu allem bereit, um sie zum Altar zu führen. Dann kam der Tag der Anhörung für die Rehabilitation. Der zuständige Richter verlas ein langes Schriftstück und stellte mir ein paar Fragen. Schließlich gab er dem Vertreter der Staatsanwaltschaft das Wort. Der sagte nur einen einzigen Satz: »Die Staatsanwaltschaft erhebt keine Einwände.« Brianese redete fünf Minuten lang. Mit klaren, wirkungsvollen Worten beschrieb er meinen Willen zur gesellschaftlichen Wiedereingliederung. »Wie ist es gelaufen?«, fragte Roberta ihn, als wir aus dem Saal kamen. »Gut. Jetzt brauchen wir nur noch die Entscheidung abzuwarten. Wie Giorgio dir wohl schon gesagt hat, wird sie schriftlich mitgeteilt. Ein paar Tage Geduld werdet ihr noch haben müssen.« Wir feierten im La Nena. Nach Lokalschluss, um nicht zu viel Aufsehen zu erregen. Ein Dutzend Freunde und der Avvocato. Champagner, Gänseleber und eine Torte. Sante Brianese erzählte lustige Anekdoten aus dem Gerichtssaal. Plötzlich hörte ich Roberta fragen: »Was sagt man eigentlich im Gericht zu diesem Polizisten, der am Busbahnhof erschossen wurde?« Brianese zuckte mit den Schultern. »Wenig bis gar nichts. Die Spezialeinheit ermittelt, und die lassen nie was durchsickern. Um die Wahrheit zu sagen, ich habe diesen Fall kaum verfolgt. An dem Abend war ich in Rom für einen Prozess beim Kassationsgericht, und als ich zurückkam, wurde darüber schon nicht mehr geredet.« Arschgefickt. Genauso fühlte ich mich in diesem Moment. Ich feierte meine Rehabilitation, und meine Verlobte schaufelte mir mit ihrer idiotischen Fragerei ein Grab. Roberta war leichenblass und starrte mich verzweifelt an, bis zum Ende des kleinen Festes. Wortlos gingen wir nach Hause. Sie schloss sich im Bad ein und weinte. Zum zweiten Mal innerhalb weniger Tage befiel mich tiefe Hoffnungslosigkeit. Wenn sie sich beruhigt hatte, würde sie Erklärungen verlangen. Und keine Lüge der Welt würde mich aus diesem Schlamassel befreien können. Ich konnte nur hoffen, den Schaden zu begrenzen. Unerwartet stand sie vor mir. Die Wimperntusche war in Streifen auf ihrem Gesicht verlaufen. »Wo warst du in dieser Nacht?« »Brianese hat sich geirrt. Er ist sehr beschäftigt. Er hat das verwechselt.« »Wo warst du?«, schrie sie. »Vielleicht irre ich mich auch. Ich weiß nicht mehr genau, vielleicht war ich spazieren.« »Wo?«, schrie sie aus Leibeskräften. Mir blieb nur noch eine Alternative, um ihren Verdacht auf eine andere Spur zu bringen. »Na gut. Du hast es so gewollt«, schrie ich meinerseits. »Bei einer Frau.« »Du Bastard!« Sie ging auf mich los, versuchte, mir ins Gesicht zu schlagen. »Du warst mit Martina im Bett, mit dieser Schlampe, was?« »Nein. Ich hab eine von der Straße genommen.« Ich umarmte sie fest. »Das war doch nur körperlich. Ich liebe nur dich allein.« Sie wand sich los und rannte wieder ins Bad. Zehn Minuten später ging die Tür auf. Sie hatte sich das Gesicht gewaschen und sich gekämmt. »Ich werde dich nicht heiraten.« »Was sagst du da?« »Ich dachte, du wärst nicht so einer. Aber du bist ein Lügner, mehr nicht.« »Du bist jetzt durcheinander. Zu Recht, aber das ist der falsche Moment, um unsere ganze Zukunft zu zerstören.« Sie ging, ohne zuzuhören. Ich sank aufs Sofa. Am liebsten hätte ich die Whiskyflasche geleert, aber ich musste nachdenken. Roberta zu verlieren, war nicht schlimm. Im Gegenteil. Unsere Beziehung war am Ende, und jetzt noch die Heirat weiter zu betreiben, wäre Irrsinn gewesen. Ich würde wenig schmeichelhafte Gerüchte über sie in Umlauf bringen. Nach einer Weile würde das Gerede nachlassen. Sie zu ersetzen, wäre nicht weiter schwierig. Das wirkliche Problem lag woanders. Würde sie über den Mord an Anedda den Mund halten, oder würde sie ihn gegenüber ihrer Mutter erwähnen, den Freundinnen, Don Agostino? Die Antwort lag auf der Hand. Sie würde jede Menge Erklärungen dafür geben müssen, dass sie die Hochzeit abgeblasen hatte, und dabei würde sie ganz sicher erwähnen, wie sie mich gezwungen hatte, ihr den Seitensprung zu beichten. Und dabei würde auch Aneddas Besuch bei mir zur Sprache kommen. Irgendjemand würde sie dann überreden, damit zu den Bullen zu gehen. Aber das wäre nicht einmal nötig, um die Polizei auf meine Spur zu bringen. So eine Geschichte würde allerlei Gerede provozieren, und irgendwann würde es den falschen Leuten zu Ohren kommen. Anedda mochte zwar ein korrupter Bulle sein, trotzdem wollten seine Kollegen wissen, wer ihn mit Blei vollgepumpt hatte. Ich erwog eine Flucht. Genug Geld hatte ich ja, um ziemlich weit zu kommen. Aber dann hätte ich alles wieder neu aufbauen müssen. Das war nicht gerecht. Und plötzlich war mir klar, dass ich Roberta umbringen musste. So weit hätte ich gar nicht gehen wollen, aber die Grundregel »Kein Zeuge, kein Risiko« traf hier voll und ganz zu. Ebenso klar war aber auch, dass das keine einfache Sache sein dürfte. Bei einem gewaltsamen Tod würde der Verdacht sofort auf den Verlobten fallen, der zwar kurz vor der Rehabilitation stand, aber dennoch mit einer einschlägigen Vergangenheit belastet war. Sie hingegen war ein anständiges Mädchen, gewissenhaft bei der Arbeit, tief religiös. In ihrer Welt galt Mord nicht als wahrscheinliches Ereignis, sondern war derart außergewöhnlich, dass die Gesetzeshüter zu ernsthaften Ermittlungen gezwungen wären. Wäre sie eine Hure, ein Junkie, eine Pennerin, eine Asylbewerberin oder einfach die Frau von irgendeinem Loser, dann würde so ein Mord eine kurze Notiz in der Zeitung und einen halbseitigen Polizeibericht nach sich ziehen, fertig. Ich ließ mir verschiedene Möglichkeiten durch den Kopf gehen. Die überzeugendste wäre, das Verbrechen als Tat eines Verrückten hinzustellen. Trotzdem würden die Bullen sofort bei mir aufkreuzen. Wie ich die Sache auch drehte und wendete, ich blieb der Hauptverdächtige. Mit geschlossenen Augen dachte ich daran zurück, wie ich Roberta zum ersten Mal in der Osteria bemerkt hatte. Die Erinnerung an den kleinen Wortwechsel löste einen Gedanken aus. Erst erkannte ich seine Tragweite nicht. Doch dann wurde er immer deutlicher und nahm die Gestalt einer Idee an. Und dann die eines Plans. Ich stand früher auf als sonst. Dann wartete ich, bis Don Agostino die Sieben-Uhr-Messe beendet hatte. Ich passte ihn ab, als er zum Pfarrhaus zurückkam, begleitet von zwei Ministranten. »Ich muss mit Ihnen reden. Es ist sehr wichtig.« »Ich habe jetzt keine Zeit«, antwortete er abweisend. »Es geht um Roberta und mich. Es ist etwas Schlimmes passiert. Bitte, nur ein paar Minuten.« Er erhob die Augen gen Himmel. »Warte in meinem Büro, ich ziehe mich um, dann bin ich für dich da.« Er ließ eine gute halbe Stunde auf sich warten. Die Krümel auf seiner Soutane zeigten, dass er die Pause zum Frühstücken genutzt hatte. »Also, was ist passiert?« »Padre, ich habe etwas Böses getan. Ich habe Roberta betrogen«, sagte ich sofort, um seine Aufmerksamkeit einzufangen. Er sollte sich an jedes Wort dieses Gesprächs erinnern. »Neulich Nacht habe ich der Versuchung nicht widerstehen können und den Körper einer Prostituierten gekauft. Meine Verlobte hat mich zu Hause erwartet, und da wurde mir klar, was für einen Fehler ich begangen hatte. Erst hat mir der Mut gefehlt, ihr zu gestehen, was ich getan hatte, und ich habe sie belogen, um zu erklären, was ich nachts draußen zu tun hatte. Eine Reihe von Ereignissen hat mich dann gezwungen, die Wahrheit zu sagen.« »Tja, Lügen haben kurze Beine«, meinte er befriedigt. »Und was willst du jetzt von mir?« »Roberta will mich nicht mehr heiraten. Sie müssen auf sie einwirken, dass sie es sich noch einmal überlegt. Mit mir will sie nicht mehr reden.« »Vielleicht bist du nicht der richtige Mann für sie. Ihre Eltern waren schon die ganze Zeit dieser Meinung. Deine Vergangenheit ist alles andere als sauber, und selbst jetzt noch, wenige Monate vor der Hochzeit, führst du einen unmoralischen Lebenswandel.« »Es war ein Moment der Schwäche. Das wird nicht wieder vorkommen. Ich liebe Roberta so sehr. Ich bin sicher, dass ich sie glücklich machen kann.« »Gut, ich versuche, mit ihr zu reden. Aber versprechen kann ich dir nichts. Zu lügen und zu Prostituierten zu gehen, das sind schwere Sünden. So etwas hat dieses Mädchen nicht verdient.« Ich setzte eine betrübte Miene auf und ging ohne ein weiteres Wort. Als Nächstes ging ich in die Bibliothek des Viertels. So früh am Tag waren die meisten Besucher Rentner. Ich fand das Buch, um das es mir ging, und kontrollierte, ob meine Erinnerungen zutrafen, dann ging ich zur Arbeit. Der Tag verlief ruhig. Ein Kunde bat mich um einen Kredit. Fünf Millionen. Er wollte sie mir in der Woche darauf zurückzahlen. Ich akzeptierte. Es war schon früher vorgekommen, dass ein Stammgast mich um eine kleinere Summe in bar gebeten hatte. Bis jetzt hatte ich sie an einen der Wucherer verwiesen, mit denen ich zusammenarbeitete. Recht bedacht, konnte ich auch selbst ein kleines Kreditgeschäft im Lokal aufbauen. Immer nur kleine Summen, das war das Geheimnis, um die Ordnungskräfte nicht auf den Plan zu rufen. Den ganzen Tag über trat ich fröhlich auf. Mit verschiedenen Gästen redete ich über meine bevorstehende Hochzeit, bat sie darum, mir Blumenhändler und Fotografen zu empfehlen. Kurz vor Geschäftsschluss rief mich Roberta an. »Ich habe mit dir zu reden.« »Don Agostino?« »Ja. Er hat mich überzeugt. Wir müssen den Grund unserer Herzen erforschen und prüfen, ob unsere Gefühle wirklich ernsthaft sind.« »Ich warte zu Hause auf dich.« Sie schaute jämmerlich aus der Wäsche. Und müde. Sie nahm in einem Sessel Platz. »Es tut mir weh, dich so leiden zu sehen.« »Du allein bist schuld daran.« »Was haben deine Mutter und deine Freundinnen gesagt?«, fragte ich, um das Terrain zu sondieren. Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe noch nichts erzählt. Ich schäme mich zu sehr für dich.« »Gut, dass du mit niemandem gesprochen hast. Ich bin sicher, wir können das ausräumen, und alles wird wieder so wie zuvor.« Sie holte ein Taschentuch aus der Handtasche und fing an, leise zu weinen. »Ich vertraue dir nicht mehr.« »Bitte weine nicht. Ich kann dann nicht reden.« Sie trocknete sich die Augen und putzte sich die Nase. »Mir ist es im ganzen Leben noch nicht so schlecht gegangen.« Ich streichelte ihr die Wange. »Hast du zu Abend gegessen?« Sie schüttelte den Kopf. »Ich kriege nichts herunter.« »Aber so wirst du mir noch krank!«, rief ich besorgt. »Ich esse zu Hause etwas.« »Ich habe ein paar Cannelloni mit Ricotta aus dem Lokal mitgebracht. Ich wollte mich gerade zum Essen hinsetzen. Komm, iss mit mir.« Ich stellte einen Teller dazu und goss ihr ein Glas Wein ein, während das Essen in der Mikrowelle warm wurde. Ich ließ sie zugreifen. Sie nahm nur ein Stück. Ich gab ihr die Käsereibe. Wir aßen schweigend. »Don Agostino findet, du bist ein Mann, der nicht für die Ehe geeignet ist. Er ist überzeugt, dass du ein unmoralischer Mensch bist.« »Er irrt sich.« »Warum bist du dann zu dieser Prostituierten gegangen?« »Das ist deine Schuld. Du erfüllst mich sexuell nicht.« Sie errötete vor Scham. »Ich brauche Zeit. Du bist sehr erfahren, außerdem gefallen mir verschiedene Sachen einfach nicht, die du mit mir machen willst. Ich finde sie schmutzig, unnatürlich für zwei Menschen, die heiraten wollen.« »Ist das deine Meinung oder die von Don Agostino?« »Er ist mein Beichtvater.« »Aber er hat überhaupt keine Ahnung von diesen Dingen. Er ist ein schlechter Ratgeber. Was denkst du zum Beispiel, wenn du es dir selber besorgst?« »Hör auf. Ich will nicht über so was reden.« »Statt diese Fantasien in den Beichtstuhl zu tragen, solltest du sie im Bett ausleben. Wir hätten viel mehr Spaß miteinander, und ich bräuchte nicht mit Prostituierten zu vögeln.« »Lass diese Wörter. Ich mag so was nicht hören.« »Warum hat Alfio dich sitzenlassen?« »Das geht dich nichts an.« »Weil du ihn nicht befriedigt hast. Das ist es. Er hat die Verlobung aufgelöst, ich suche mir mein Vergnügen woanders. Und der Nächste, was glaubst du, wird der tun?« Sie brach in Tränen aus. Ich beschloss, sie jetzt sanfter anzufassen. Hauptsache, sie war überzeugt, dass meine nächtliche Eskapade rein sexuell begründet war. Ich umarmte sie fest. »Ich liebe dich, Roberta, ich will dich nicht verlieren. Ich schwöre dir beim Andenken an meinen Vater und meine Mutter, dass ich zu keiner anderen Frau mehr gehe. Ich werde nur noch mit dir schlafen. Ohne dich zu irgendwas zu zwingen, das dir zuwider ist.« Sie nahm mein Gesicht in die Hände und sah mir direkt in die Augen. »Das schwörst du, wirklich?« »Ich schwöre es. Don Agostino hat mir klargemacht, dass der Sex nicht das Wichtigste am Eheleben ist.« »Ich würde dir so gern glauben.« »Glaub mir, und ich mache dich glücklich.« »Ich weiß nicht. Erst die Geschichte mit dem erschossenen Polizisten. Und jetzt diese Demütigung, dass du mich mit einer von der Straße betrügst.« »Denk nicht mehr daran. Denk an unsere Zukunft.« »Ich kann nicht«, entgegnete sie verzweifelt. »War sie hübscher als ich?« Ich lächelte. »Das geht doch gar nicht.« »Eine Negerin?« »Nein.« »Hast du sie auf den Mund geküsst?« »Nein.« »Hast du ein Kondom benutzt?« »Ja.« »Erzähl mir, was ihr gemacht habt.« »Jetzt ist aber Schluss. Das ist demütigend für uns beide.« Das anschließende Schweigen war voller Spannung. Ich ließ sie ein wenig in Ruhe, bot ihr eine Zigarette an und noch ein Gläschen. Dann schaltete ich den Fernseher ein, die Nachtwiederholung der satirischen Nachrichtensendung Die schleichenden Reporter. Angesichts der harmlosen Blödeleien besserte ihre Laune sich sofort. Ich bot ihr ein Stück Tiramisù an, ihren Lieblingsnachtisch. Der Koch vom La Nena machte besonders gutes. »Du willst mich über den Bauch einfangen, was?«, meinte sie scherzhaft. »Auf jeden Fall. Liebe geht durch den Magen.« Sie aß zwei Portionen. Ich goss ihr dazu einen alten Marsala ein. Dann stand sie auf. »Ich gehe nach Hause.« »Bleib hier, bitte. Beieinander zu sein, das wird uns guttun.« »In Ordnung. Ich bin sowieso zu müde, um noch zu fahren.« Als sie aufwachte, brachte ich ihr das Frühstück ans Bett. Latte macchiato und ein paar gefüllte Kekse. »Ich möchte dich behandeln wie eine Prinzessin.« Sie lächelte mich an. »Ich muss mich beeilen, sonst komme ich zu spät zur Arbeit.« »Wir sehen uns zum Mittagessen im Lokal.« Mittags servierte ich ihr Linguine al pesto. Mit viel Parmesan. Ihre Laune hatte sich schon gebessert, auch wenn sie sich noch matt fühlte. Und ein hartnäckiger Ausschlag im Gesicht und an den Händen plagte sie. »Du agierst den Stress der letzten Tage aus«, meinte ich. »Das geht bald vorüber.« Als sie abends wieder ins La Nena kam, war der Ausschlag schlimmer geworden und hatte sich auf Brust und Leisten ausgebreitet. »Geh zu mir nach Hause. Ich komme nach, sobald ich kann. Und iss nicht zu viel. Vielleicht hast du etwas nicht vertragen. Im Kühlschrank steht Joghurt.« Ich wartete ein Stündchen. Dann sagte ich zu den Kellnern, ich machte mir Sorgen um meine Verlobte, die sich nicht wohl fühle, und bat den Ältesten, sich bis zur Schließung um alles zu kümmern. Als ich in meine Wohnung kam, bemerkte ich den Joghurtbecher auf der Armlehne des Sessels. Ich nahm ihn in die Hand. Er war leer. Dann ging ich ins Schlafzimmer. Roberta lag auf dem Bett, im Nachthemd. Reglos. Das Gesicht von dicken, rosafarbenen Quaddeln entstellt. »Es geht mir nicht gut. Bitte ruf einen Arzt.« »Das wird nicht nötig sein«, sagte ich. Sie befühlte ihr Gesicht. »O Gott«, ächzte sie. »Was ist bloß los?« Ich setzte mich auf den Rand des Betts. »Du stirbst, Roberta. Du hast große Mengen Aspirin zu dir genommen. Und du weißt, wie gefährlich der Wirkstoff für dich ist.« »Was sagst du da?« »Ich habe zerstoßene Aspirintabletten in alles getan, was du in den letzten vierundzwanzig Stunden gegessen hast. In die Cannelloni, die Milch, den Parmesan …«, erklärte ich und tat die Tablettenschachtel, die ich verwendet hatte, in ihre Handtasche. »Du hast mich vergiftet.« »Ja. Ich habe mich daran erinnert, wie du mal gesagt hast, dass du gegen Aspirin allergisch bist. Eine Tante von mir war das auch. Das hat mich immer beeindruckt, ich konnte gar nicht glauben, dass so eine Arznei tödlich sein kann.« »Bitte ruf einen Arzt, ich flehe dich an.« »Wir brauchen keinen Arzt. Die Diagnose ist klar.« »Warum willst du mich umbringen?« »Ich kann nicht dulden, dass du in der Gegend herumerzählst, dass du Anedda bei mir gesehen hast. Oder dass ich in der Nacht, als er starb, nicht zu Hause war.« »Warst du es denn?« »Ja. Und frag mich nicht, warum. Bete lieber. Wie ich heute in der Bibliothek nachlesen konnte, bleiben dir laut der internationalen medizinischen Fachliteratur noch höchstens zwei Stunden, bis du hinüber bist.« Sie griff sich an den Hals. »Ich kriege keine Luft mehr.« »Ah ja, Atemnot. Es geht zu Ende, meine Hübsche.« Roberta krallte sich am Leben fest. Sie begann mich zu verfluchen. Allerdings konnte sie nur noch flüstern. Es klang scheußlich. Ich ging ins Wohnzimmer und machte die Stereoanlage an. Caterina Casellis Stimme erfüllte die Wohnung. Man bräuchte ein derart reines Herz Dass man in diesem Schlamm den klaren Himmel sehen könnte Man müsste wirklich lieben Nur keine Angst Roberta war in der Zwischenzeit blau angelaufen. Lippen und Fingernägel. Zyanose. Von ihren Lippenbewegungen konnte ich ablesen, dass sie dabei war, ihre Seele dem himmlischen Vater zu empfehlen. Ich sah auf die Uhr. Entweder erstickte sie, oder sie starb an Herz-Kreislauf-Versagen. Wichtig war nur, dass sie abtrat. Sobald sie das Bewusstsein verloren hatte, rief ich den Notarzt. Und zog mir zum Empfang den Schlafanzug an. »Ich bin aufgewacht, und da lag sie so neben mir.« Als sie hinausgetragen wurde, war sie noch am Leben. Aber sie würde es nicht schaffen. Zu spät. Ich seufzte erleichtert. Ich hätte es nicht mehr ertragen, den Verliebten zu spielen. Wenn ich an den ganzen Soap-Opera-Scheiß dachte, den ich in der letzten Zeit hatte von mir geben müssen, drehte sich mir der Magen um. Bei der Autopsie wurde die Todesursache festgestellt. Atemstillstand. Die toxikologische Untersuchung brachte zutage, welche Substanz ihn verursacht hatte. Die Eltern schworen, nie im Leben würde ihre Roberta Acetylsalicylsäure einnehmen. Sie waren derart überzeugt, dass ein paar Carabinieri in Zivil mich zu Hause aufsuchten. Das La Nena war wegen des Trauerfalls geschlossen. »Waren Sie darüber informiert, dass Ihre Verlobte gegen Aspirin allergisch war?«, fragte der Maresciallo. »Nein. Das wusste ich nicht.« »Wieso nicht?« »Wieso nicht was?« »Wieso Sie es nicht wussten.« »Sie hat es mir nie gesagt.« »Der Gerichtsmediziner sagt, der Todeskampf müsse einige Zeit gedauert haben. Wie kommt es, dass Sie nichts bemerkt haben?« »Roberta war mittags bei mir im Lokal, sie sagte, sie fühle sich nicht recht wohl …« »Das ist uns bekannt. Wir haben das Personal verhört. Beantworten Sie unsere Frage.« »Als ich nach Hause kam, lag Roberta im Bett. Sie schlief schon …« »Sie schlief nicht. Sie lag bereits im Todeskampf …« »Es sah aber aus, als ob sie schlafen würde. Ich habe mir den Schlafanzug angezogen und mich neben sie gelegt.« »Und Sie wollen gar nichts bemerkt haben?« »Nein.« »Sie haben ihr nicht einmal einen Gutenachtkuss gegeben?« »Nein.« »Eigenartig. Als Verliebter oder Verlobter würde man das eigentlich.« »Gestern Abend nicht.« »Und wann haben Sie bemerkt, dass es Ihrer Verlobten nicht gut ging?« »Ich musste auf die Toilette und machte das Licht an. Und da habe ich bemerkt, dass Robertas Gesicht geschwollen und ihre Lippen ganz violett waren. Ich habe sofort den Notarzt gerufen.« »Und als Sie ins Bett gingen, haben Sie das geschwollene Gesicht nicht bemerkt?« »Nein. Sie lag auf der Seite.« Sie schwiegen eine Zeit lang und blickten mich ratlos an. »Hatten Sie ein gutes Verhältnis zueinander?«, fragte der Maresciallo. »In der letzten Zeit hatten wir ein paar Meinungsverschiedenheiten. Aber die waren alle beigelegt.« »Meinungsverschiedenheiten? Welcher Art?« »Ich glaube nicht, dass Sie das etwas angeht.« »Es geht uns sehr wohl etwas an.« »Spiel dich nicht auf, Pellegrini«, kam der Brigadiere dazwischen. »Auch wenn sie dich jetzt reinwaschen wollen, für uns bist und bleibst du ein Verbrecher. Und mit Verbrechern machen wir kurzen Prozess.« »Tut, was ihr wollt.« »Don Agostino hat uns eine interessante Geschichte erzählt.« »Ja, ja, schon gut. Ich war bei einer Nutte.« »Weißt du noch, bei welcher?« »Nein.« »Aber wo du sie aufgegabelt hast, wirst du ja wohl noch wissen?« »An der Umgehungsstraße, im Industriegebiet.« »An welchem Tag?« Ich zuckte mit den Schultern. »Daran erinnere ich mich nicht. Warum soll das so wichtig sein?« »Wir werden dafür bezahlt, dass wir Fragen stellen. Auch unwichtige.« »Willst du eine wichtige hören?« Ich breitete die Arme aus. »Nur zu.« »Hast du dem Mädchen das Aspirin gegeben?« »Nein.« »Wo hatte sie es dann her?« »Aus der Apotheke, denke ich.« »Ihre Angehörigen sagen, das ist unmöglich. Sie wusste, dass es sie umbringen würde.« »Ich habe keine Ahnung.« »Hat sie an den Tagen vor ihrem Tod über Kopfweh, Menstruationsbeschwerden, Fieber oder sonstige Schmerzen geklagt?« »Mir hat sie nur gesagt, sie habe einen lästigen Ausschlag.« »Sonst nichts?« »Sonst nichts.« Der Maresciallo klappte das Notizbuch zu und ging zur Tür, prompt gefolgt von seinem Untergebenen. Er legte die Hand auf die Klinke, dann drehte er sich zu mir um. »Robertas Tod lässt sich nur mit drei Hypothesen erklären: Unfall, Mord oder Selbstmord. Dass es ein Unfall war, können wir getrost ausschließen. Entweder hat sie beschlossen, Schluss zu machen, weil sie die Demütigung nicht ertragen konnte, oder du hast sie umgebracht.« »Warum hätte ich Roberta umbringen sollen? Ich habe sie geliebt, ich wollte sie heiraten.« »Ach ja. Das Motiv«, sagte er nachdenklich. »Wenn es nach mir ginge, ich würde dich ins Loch stecken, bis die Ermittlungen beendet sind, aber kein Untersuchungsrichter unterschreibt mir einen Haftbefehl auf einen bloßen Verdacht hin und ohne Motiv.« »Wir sehen uns bald wieder«, sagte der Brigadiere. »Vielleicht bei uns in der Kaserne.« Ich ging in die Küche und machte mir einen Kaffee. Dann zündete ich eine Zigarette an und genoss sie in aller Ruhe. Es hatte geklappt. Die Bullen hatten nichts gegen mich in der Hand. Die Ermittlung würde ohne Ergebnis bleiben. Alles war nur eine Frage der Zeit. Da war ich sicher. Zur Sicherheit rief ich bei Avvocato Brianese an. »Mach dir keine Sorgen, Giorgio«, sagte er verständnisvoll. »Ich rede mit dem Staatsanwalt. Und ich werde mal unsere uniformierten Freunde bitten, sich der Sache anzunehmen. Ich garantiere dir, diese beiden machen dir keinen Ärger mehr.« Ja, die Freunde. Bei der Beerdigung waren sie alle zur Stelle. Sogar die Geldverleiher. Nur Robertas Eltern und übrige Angehörige würdigten mich in der Kirche keines einzigen Blickes. Irgendwie machten sie mich für diesen Todesfall verantwortlich. Sante Brianese kam zu mir und setzte sich neben mich. Er drückte mir den Arm. »Ich habe vorhin ein Schreiben vom Gericht erhalten. Die Rehabilitation ist durch.« Ich brach in Tränen aus. Vor Glück. Ich hatte es geschafft. Der Albtraum war vorüber. Endlich war ich einer wie alle anderen. Ein ganz normaler Bürger. Ich wischte mir die Augen. Ich konnte nicht erwarten, dass dieser Zirkus hier zu Ende war. Jemand nahm meine Hand. Martina. In ihrem Blick las ich die Entschlossenheit, Robertas Platz einzunehmen. Ich erwiderte den Druck ihrer Hand. Ich würde sie heiraten. Und ich würde niemanden mehr töten. Das brauchte ich jetzt nicht mehr. Endlich hatte ich alle Verbindungen zur Vergangenheit gekappt. Meine Gegenwart und Zukunft wurden durch eine Gemeinschaft repräsentiert, die großen Sinn für Freundschaft und gegenseitige Hilfe besaß. Und fürs Geschäft. Ich würde als ehrlicher, geschätzter Bürger angesehen, der einfach seinem Broterwerb nachging, sonst nichts. Und seinen Wohlstand genoss. Der Friedhof wurde von einer schönen, warmen Sonne beschienen. Der Trauerzug folgte dem Leichenwagen in tiefer Stille. Nur die Schritte auf dem Kies waren zu hören. Mein Kranz war der größte. Auf die Schleife hatte ich schreiben lassen »Arrivederci amore, ciao«. Etwas anderes war mir nicht eingefallen. II Einige Monate später Ich war gerührt und mir liefen sogar einige Tränen die Wangen hinunter, als ich in der Warteschlange vor dem Wahllokal stand. Wählen zu dürfen war der Beweis, dass ich jetzt wieder ein Bürger wie jeder andere war und meine Vergangenheit als Terrorist endgültig ausgelöscht war. Natürlich machte ich mein Kreuz bei Avvocato Sante Brianese, der beschlossen hatte, sich in den Dienst des gesamten italienischen Volkes zu stellen, und für das Parlament der Republik kandidiert hatte. Allerdings erst, nachdem er eine geheime Absprache mit einer Seilschaft von Unternehmern getroffen hatte, die sehr daran interessiert waren, sich millionenschwere Ausschreibungen im Bereich der öffentlichen Infrastruktur zu sichern. Überall wurden schließlich neue Autobahnen gebraucht, Streckenabschnitte für Hochgeschwindigkeitszüge, Brücken und Umgehungsstraßen. Außerdem musste Venedig davor bewahrt werden, in den Fluten zu versinken, und das mit pharaonenhaften und unglaublich teuren Projekten, deren Effizienz keineswegs feststand und gegen die regelmäßig von Wissenschaftlern und Umweltschutzorganisationen Protest eingelegt wurden. Brianeses Wahlkampf war im wahrsten Sinne des Wortes fürstlich verlaufen, die »Freunde« hatten sich äußerst großzügig gezeigt und Sante sich als sehr geschickt darin bewiesen, das Geld in Aperitifs und Abendessen zu investieren, zu denen er bekannte, einflussreiche Persönlichkeiten eingeladen hatte, die in der Lage waren, in ihren Vierteln und am Arbeitsplatz die Wahlentscheidung entsprechend zu beeinflussen. Im Volksmund wurden sie »Stimmenfänger« genannt. In der pyramidenartigen Hierarchie der Partei waren das jene Leute, die einen Kandidaten unterstützten, um im Fall seines Sieges die Brosamen an Geld und Macht aufzusammeln, die dann für sie abfielen. »Man muss die Politik immer in Bewegung halten«, wiederholte mein Mentor wie ein Mantra den Industriellen gegenüber, die immer noch nicht begriffen hatten, dass sich im Nordosten unseres Landes nur bereichern konnte, wer Teil des »Systems« war. Brianese hatte lange geschwankt, ob er sich den großen öffentlichen Bauvorhaben oder dem Gesundheitswesen widmen sollte, auch dies ein saftiger Brocken öffentlicher Gelder, der nur darauf wartete, dass man ihn sich schnappte, doch schließlich hatte er auf Asphalt und Zement gesetzt, denn dadurch bekam er Zugang zu landesweiten Projekten, die von seinem Parteiflügel entwickelt wurden. Ich hatte daran meinen Anteil gehabt, indem ich das La Nena zur Verfügung stellte, das so zum Hauptquartier für die Anhänger Brianeses geworden war. Nun wollten wir die Wahl feiern, und ich hatte dafür schon eine unsinnige Menge an Prosecco bereitgestellt. Ich war auf den Wagen eines sicheren Siegers aufgesprungen und wollte einen entsprechenden Posten in seinem Gefolge ergattern. Nach Robertas Begräbnis hatte ich mich noch der Illusion hingegeben, ich könnte mit meiner brutalen, kriminellen Vergangenheit abschließen, aber nach ein paar Monaten, in denen ich ein tadelloses Leben geführt hatte, war mir klar geworden, dass ich nie ein ehrbarer Bürger werden würde. Weil ich mich schrecklich langweilte, hatte ich die Zeit genutzt, um Martina abzurichten, doch ich würde sie erst nach einer angemessenen Trauerzeit heiraten können, damit es kein übles Gerede gab. Robertas Geist schwebte noch über der Stadt, und etliche Leute hätten etwas dagegen einzuwenden gehabt, dass ich allzu schnell eine neue Frau gefunden hatte, so kurz nach dem Ableben meiner Verlobten, die ich doch eigentlich gerade zum Altar führen wollte. Also hatte ich Martina aus meinem öffentlichen Leben herausgehalten und besuchte sie nur heimlich, um sie nach meinen Wünschen zu formen. Sie war aufmerksam und eifrig bemüht. Ihr ganzes Leben lang hatte sie darauf gewartet, dass ein Mann ihr Leben bis in die kleinste Einzelheit beherrschte, und ich entsprach genau dem, was sie suchte. Ich schwor ihr Liebe und bestrafte sie für den geringsten Fehler. Obwohl sie ein schlichtes Gemüt war, hatte sie dennoch ab und zu Anwandlungen von eigenständigem Denken und äußerte ihre Meinung, dann ließ ich sie in kleinen, aber wiederholten Dosen Gewalt spüren, damit sie sich an ihre Lektionen erinnerte. Außerdem hatte ich ihr noch nicht verziehen, dass sie ihren Freundinnen von unserem ersten Fick erzählt hatte, was Roberta schließlich dazu gebracht hatte, mir nicht mehr zu vertrauen. Martina hatte bewiesen, dass sie schnell dazulernte. Sie würde eine perfekte Ehefrau abgeben. Brianese hatte gewartet, bis ich mich an mein neues Leben gewöhnt hatte, dann war er gekommen, um mir die Rechnung zu präsentieren. Ich war ihm zwar immer nützlich gewesen und hatte ihn üppig bezahlt, doch nun machte er den Denkfehler, dass ich auf ewig sein dankbarer Diener sein würde. Das war ich keineswegs. Ich war nichts weiter als ein Klient, der sich an ihn gewandt hatte, weil er der Einzige war, der mein Strafregister löschen konnte. Diesem Irrtum erlag er, weil er mich für einen x-beliebigen Kriminellen hielt, einen Wasserträger, der Führung und Schutz benötigte. Er hatte nicht begriffen, dass ich von Natur aus einen Hang zum Verbrechen hatte und dazu neigte, Mitmenschen intelligent und zu meinem Vergnügen aufs Kreuz zu legen. Er hatte nicht die geringste Vorstellung davon, wie gefährlich ich sein konnte. Und wie tödlich. Ich hatte versucht, ihm das irgendwie begreiflich zu machen, aber er hatte mir nicht einmal zugehört. Ich hatte mir das aber nicht weiter zu Herzen genommen. Wir würden perfekt harmonieren, solange es mir nützte. Ich hatte mir überlegt, einen Nuttenring auf die Beine zu stellen. Und zwar diskret und nur Mädchen auf höchstem Niveau. Korruption und Sex waren unzertrennlich. In nur wenigen Wochen hatte ich mithilfe von Nicoletta, die sich als ausgezeichnete Madame herausgestellt hatte, seinen Wunsch erfüllt. Prostitution ist schließlich immer ein gutes Geschäft, sehr ertragreich und noch dazu äußerst nützlich, um den Freundeskreis zu erweitern. Aber ich hatte Brianese klar und deutlich die Grenzen meiner Dienste aufgezeigt. »Ich bin zu solchen ›Gefallen‹ nur dann bereit, wenn sie mir auch Geld in die Kasse bringen.« Der Avvocato hatte mir die Wange getätschelt. »Aber sicher! Dann investierst du dieses Geld in meine Geschäfte. Jetzt bist du so weit, die Welt der Ehrenmänner zu betreten.« Er log. Er würde mich niemals als seinesgleichen betrachten, aber auch für mich galt die Devise, dass Geld die Macht hat, einen als jemanden erscheinen zu lassen, der man nicht ist. In dem zutiefst befriedigenden Gefühl, meine Pflicht als vorbildlicher Bürger erfüllt zu haben, verließ ich das Wahllokal. Martina wartete im Wagen auf mich. Sie hatte schon in ihrem Wohnviertel gewählt. Ich sah verstohlen auf die Uhr. In knapp zehn Minuten begann die Messe, aber sonntags gab es in diesem Teil der Stadt praktisch keinen Verkehr. Wir würden pünktlich zur Kirche kommen, wo Don Franco seit urdenklichen Zeiten und mit fester Hand der Pfarrei Santa Bertilla vorstand, nur einen Katzensprung entfernt von meinem Restaurant. Nach Robertas Tod hatte ich zwar meine Probleme mit den Carabinieri gelöst und die Verdächtigungen der Presse und der öffentlichen Meinung abwiegeln können, doch die Kirche stand mir weiterhin feindlich gegenüber. Robertas Beichtvater Don Agostino, der uns auch hätte trauen sollen, hatte meine hübsche Geschichte nicht geschluckt und hielt mich immer noch für einen Mörder, der seiner gerechten Strafe entging. Rein rechtlich zählte sein Urteil nicht, aber im Veneto hatten die Geistlichen große Macht, und ich konnte es mir nicht leisten, sie als Gegner zu haben. Da konnte mir nicht einmal Brianese helfen, er hätte nie gewagt, für einen wie mich seine ausgezeichneten Beziehungen zum Klerus aufs Spiel zu setzen. Seit einer Weile ließ ich mich also zur heiligen Messe bei Don Franco blicken und spendete großzügig in die Kollekte. Die gemeinsamen Kirchgänge mit Martina waren auch insofern nützlich, weil ich dadurch die Stadt auf meine künftige Hochzeit vorbereiten konnte und so auf jeden Fall zu meinem Image als gerettetem Sünder beitrug. Meine Anwesenheit dort bedeutete soziale Bestätigung, ich war einer von ihnen. Wir platzierten uns in einer Bank im Blickfeld des Pfarrers. An diesem Tag reihte ich mich dann auch in die Schlange der Gläubigen ein, um die Kommunion zu empfangen, aber dieser miese Dreckskerl verweigerte sie mir. Er sah mir mit mühsam unterdrückter Verachtung in die Augen. Dann flüsterte er heiser: »Nein.« Einen endlos langen Moment blieb ich wie erstarrt stehen, dann kehrte ich schnell an meinen Platz zurück in der Hoffnung, dass niemand etwas bemerkt hatte. Das war pure Illusion, einige Gläubige musterten mich bereits hochmütig, und zweifellos würde das Gerücht innerhalb von wenigen Stunden die Runde machen. Dies war schlimmer als ein Gerichtsurteil. Ich hatte einen Fehler begangen und ich musste ihn schleunigst wieder beheben. Doch in diesem Moment hatte ich keine Ahnung, wie ich das anstellen sollte, ich fühlte mich gedemütigt und vernichtet. Am liebsten hätte ich dem Pfaffen den Hostienteller aus der Hand gerissen und damit so lange auf ihn eingeschlagen, bis man sein Gesicht nicht wiedererkannt hätte. Meine Verlobte hatte nichts bemerkt, und so blieb ich bis zum Ende, um nicht den Eindruck zu erwecken, ich würde vor dem Urteil des Pfarrers die Flucht ergreifen. Wir fuhren nach Hause, wo ich Martina unverzüglich befahl, sie solle sich ausziehen und auf allen vieren das Sofa umkreisen, auf dem ich saß. »Habe ich etwas angestellt?«, fragte sie besorgt. »Nein, amore. Das hilft mir beim Nachdenken.« Sie lächelte erleichtert und gehorchte bereitwillig. Während ich ihren hübschen weißen Arsch betrachtete, wie er sich vor mir wie der einer Stute bewegte, machte ich mich daran, die schlimme Lage zu analysieren, in die ich mich gebracht hatte, aber ich hätte nie im Leben gedacht, dass ich auf so klare Ablehnung stoßen würde. Und das in aller Öffentlichkeit. Ich versank in meine Gedanken und entwickelte Pläne. Martinas Jammern brachte mich wieder in die Wirklichkeit zurück: »Ich kann nicht mehr.« Ich streichelte ihr über den Kopf. »Halt noch ein bisschen durch. Tu es für mich.« Schluchzend schüttelte sie den Kopf und sank in sich zusammen. »Bitte, lass mich ein wenig ausruhen.« »Daran ist nur dein üppiges Frühstück schuld. Vielleicht solltest du heute Mittag- und Abendessen auslassen«, meinte ich sanft. Martina hätte mich sicher gern daran erinnert, dass sie nur ein Magerjoghurt und zwei Zwiebäcke gegessen hatte, stattdessen nickte sie und lächelte mich an. Wie hätte ich sie nicht lieben können? Am frühen Nachmittag meldete sich Brianese per Telefon. »Was zum Teufel hast du dir dabei gedacht?«, fuhr er mich an. »Willst du, dass sie dich aus der Stadt jagen?« »Ich finde schon einen Weg, das wieder in Ordnung zu bringen«, erwiderte ich. »Das hoffe ich für dich. Und für mich. Ein befreundeter Monsignore hat mich angerufen, aus Sorge um meinen guten Ruf«, stellte er klar und legte auf. Ich ließ Martina auf dem Sofa vor dem Fernseher zurück und ging. Als Erstes schaute ich im La Nena vorbei, um zu hören, wie das Mittagessen gelaufen war, und musste erfahren, dass einige Reservierungen storniert worden waren. Don Francos Szene hatte also unmittelbare Auswirkungen. Ich ging ohne Vorankündigung zu Nicoletta. Sie öffnete mir tipptopp gekleidet und wollte gerade ausgehen. »Ich muss die Mädchen abholen und sie zu ihrem Job bringen. Sie haben eine ›Nachmittagsrunde‹ mit zwei Franzosen, die gerade ihr Geld im Casino verlieren.« Ich nickte zustimmend. »Dann mach ich es kurz: Ich brauche Informationen über Don Franco Arzenton, den Pfarrer von Santa Bertilla.« »Den kenne ich nicht.« »Aber du fickst doch mit diesem Versicherungsdetektiv, wie heißt der noch?« »Artemio. Aber der hat mir klipp und klar gesagt, dass ich ihn um keine solchen Gefallen bitten soll.« Ich hob die Brauen. Der Typ, mit dem sie sich traf, konnte sich Zugang zu besten Informationen aus erster Hand beschaffen, weil sein Bruder bei der Finanzpolizei war. Das war nicht die Antwort, die ich von ihr erwartet hatte. »Du wirst ihn aber überzeugen, dass er das Leben dieses Pfarrers durchkämmt. Ich will alles über ihn wissen. Auch über seine Familie.« Nicoletta seufzte tief. »Na gut. Ich geb dir Bescheid.« Meine Geschäftspartnerin fürs horizontale Gewerbe hielt ihr Versprechen. Zwei Tage später kam sie ins La Nena in Begleitung eines Mittdreißigers mit rasiertem Schädel und einem gepflegten Bart. »Ich bin Artemio«, stellte er sich vor. »Angenehm«, sagte ich und sah unauffällig zu Nicoletta hinüber, um zu verstehen, was ihr Freund bei mir wollte. Doch ihr Gesicht verriet nichts. »Ich weiß, dass Sie Informationen über einen gewissen Geistlichen haben wollen«, sagte der Mann. »Genau. Don Franco Arzenton.« »Ich habe sie dabei«, fuhr er fort, holte einen Umschlag aus seiner Jackeninnentasche und legte ihn auf den Tresen. »Aber das ist das erste und letzte Mal, dass ich mich für so eine Bitte hergebe.« Dieser Mann war ein richtiges Arschloch, und ich musste ihn einfach beleidigen. »Was schulde ich Ihnen für Ihre Mühe?« Er lief knallrot an. »Ich bin nicht käuflich«, zischte er wütend. »Nicoletta hat mich so lange bearbeitet, bis ich nachgegeben habe, aber ich bin selbst hergekommen, um Ihnen den Bericht persönlich zu überbringen, weil er nichts Wichtiges enthält, und um Sie davor zu warnen, damit Missbrauch zu treiben oder ihn an die Medien weiterzugeben.« Ich streckte den Zeigefinger vor und schob den Umschlag langsam auf ihn zu. »Ich mag keine Warnungen«, sagte ich ganz ruhig. »Ich möchte einfach mehr über den Pfarrer wissen, weil er eine ganz schlechte Meinung von mir hat und ich den richtigen Weg finden will, um das Missverständnis aus dem Weg zu räumen, das zwischen uns steht.« »Ich habe einer Freundin einen Gefallen getan und möchte nicht, dass diese Geschichte auf mich zurückfällt«, erwiderte er, bevor er auf dem Absatz umdrehte und kerzengerade zur Tür lief. Nicoletta wollte ihm hinterher, aber ich hielt sie zurück. »Der gute Artemio weiß nicht, dass du einen Nuttenring leitest, oder?« Sie entwand sich meinem Griff. »Er hat keine Ahnung. Artemio glaubt, ich verkaufe immer noch Dessous. Manchmal mag ich einfach einen ›anständigen‹ Bürger treffen, dann fühle ich mich wie ein normaler Mensch«, erklärte sie bitter. Ich warf ihr einen scharfen Blick zu. »Muss ich etwa glauben, dass ich dir nicht mehr trauen kann?« Nicoletta wusste nur zu gut, was für ein Schicksal meine Komplizen erwartete, die moralische Anwandlungen bekamen, und erschrak. Zu Tode. Und das zu Recht. »Ich werde ihn nicht mehr treffen«, versprach sie hastig. Sie war blass geworden, und ihre Oberlippe zitterte leicht. Ich glaubte ihr. »Tu einfach, was von dir erwartet wird, und halt unser Geschäft am Laufen.« Ich hätte sie jetzt gern in den Keller gebracht, um sie mir vorzunehmen, aber ich musste mich um den Priester kümmern. Sie kannte mich gut genug und begriff, was mir durch den Kopf ging, deshalb verschwand sie. Ich öffnete den Umschlag und las die wenigen Zeilen auf dem einzigen Blatt darin. Don Franco Arzenton war vor vierundsechzig Jahren in Bondeno, einem Kaff in der Provinz Ferrara, zur Welt gekommen. Ein allseits geschätzter und beliebter Geistlicher, der über wichtige Kontakte verfügte. Es gab weder böse Gerüchte über ihn noch unterstellte ihm jemand unziemliches Verhalten. Kurz gesagt bedeutete das, dass der Priester unangreifbar war und dass er, falls er doch irgendein Geheimnis hatte, es gut zu bewahren wusste. Ich sah mir die Informationen über seine Familie an. Er hatte zwei jüngere Schwestern, Mirella, Klausurschwester in einem Kloster in der Nähe von Neapel, und Clotilde, die immer noch in Bondeno lebte, verheiratet mit einem gewissen Marino Baletta und dreifache Mutter. Zwei Söhne und eine Tochter, Fioralice, zwanzig Jahre alt, die in Venedig Architektur studierte. Im Gegensatz zu ihren Brüdern lebte sich noch zu Hause. Fioralice. Was für ein bescheuerter Name. Sie war Don Francos einzige Nichte. Und dazu das Nesthäkchen. Vielleicht auch der Liebling des Geistlichen. Aber auf jeden Fall der seiner Schwester. Ich hatte schon lange gelernt, dass auch der härteste, anständigste Mann zum Verhandeln bereit ist, wenn der befürchtete Verlust größer war als der Wert des Feindes, der ihn erpresste. Und ich war für diesen Pfarrer bloß ein niederes Wesen, ein zweitrangiger Sünder, den er vor den Augen seiner Gläubigen mit Füßen treten konnte, um so die eigene Redlichkeit unter Beweis zu stellen. Dieser Gedanke brachte mich zu dem Entschluss, die Leitung des La Nena vorübergehend meinem vertrauenswürdigsten Angestellten zu überlassen und mich auf den Weg zu machen, um die junge Fioralice kennenzulernen. Das Leben einer Studentin läuft nach ewig gleichen Mustern ab. Jeden Morgen von Montag bis Freitag früh aufstehen, den Zug besteigen, der die Menschen vom Land in die Stadt bringt, wo die Universität ist. Dann Vorlesungen, zwischendurch ein Brötchen, danach die Bibliothek und schließlich wieder die Eisenbahnfahrt nach Hause. Ich setzte mich in dem mit Pendlern gut gefüllten Waggon Fioralice gegenüber und tat so, als würde ich in einem Roman lesen. Zunächst hatte ich überlegt, mich an sie heranzumachen, aber sie war nicht der Typ, der der Anziehungskraft eines reifen Mannes erlag. Sie war hübsch, und auf ihrer Stirn stand ganz klar braves Mädchen geschrieben. Kein bisschen Make-up, eine schlichte, altmodische Frisur, Billigkleidung aus dem Kaufhaus, flache Schuhe. Aber ich mochte diese jungen Dinger sowieso nicht. Ich zog verunsicherte Vierzigjährige vor. Unauffällig schoss ich mit meinem Handy ein Foto von ihr. Das war nicht das erste, das ich von ihr machte. Ich hatte sie schon vorhin aufgenommen, als sie ihr Fahrrad abstellte, und bei sechs anderen Gelegenheiten. Ich folgte ihr bis in den Hof der Fakultät und schoss sie noch einmal ab, während sie eine Freundin begrüßte. Das war das letzte Bild. Wer auch immer sich diese Fotos ansah, würde zu dem Schluss kommen, dass ich eine ungesunde und gefährliche Neigung für diese Zwanzigjährige hatte. Ich ging in den Bahnhof und kaufte mir eine Fahrkarte. Jetzt war es an der Zeit, meine Sünden zu bekennen. Ich wartete ab, bis ich an der Reihe war, und starrte auf den gebeugten Rücken des alten Mannes, der im Beichtstuhl kniete. Ich hatte keine Ahnung vom Beichten, schon gar nicht vor einem Geistlichen, aber der Kerl kam gar nicht zum Ende. Vielleicht grub er so lange in seinem Gedächtnis nach, um sich sicher zu gehen, dass er auch ja nichts vergessen hatte, bevor er abnibbelte. Endlich stand er auf und ging ein wenig steif zu der Kirchenbank, wo er seine Sühnegebete sprechen würde. Ich nahm den Platz des Alten ein und kam sofort zur Sache. »Ich bin Giorgio Pellegrini.« »Ich weiß, wer du bist«, sagte er und starrte mich von der anderen Seite des Gitters an, das uns trennte. »Du bist gekommen, um endlich deine Sünden zu beichten.« »Nicht so ganz, Don Franco.« »Erklär das etwas genauer.« »Ich habe Roberta nicht getötet. Ich bin vollkommen unschuldig, aber wenn Sie und andere Geistliche wie Don Agostino mich weiter behandeln wie einen Mörder, der seiner Strafe entgangen ist, könnte ich bestimmt irgendwann den Kopf verlieren und jemandem etwas antun.« »Das klingt wie eine Drohung.« »Das ist keine Drohung, sondern ein Versprechen«, sagte ich, während ich mein Handy ans Gitter drückte, ganz nah an sein Gesicht, damit er besser sehen konnte. Ich ließ die Fotos langsam eins nach dem anderen ablaufen. »Fioralice«, flüsterte er heiser. »Ja, genau«, sagte ich, damit es keinen Zweifel gab. Ich entschied mich, zum Du überzugehen. Das klang vertraulicher. »Und ich schwöre dir, wenn du dich noch einmal weigerst, mir die Kommunion zu erteilen, wird deine liebe Nichte eines furchtbaren Todes sterben, aber erst nachdem man sie vergewaltigt hat. Und all das wird passieren, während ich weit weg bin und eine Menge Zeugen um mich habe. Aus diesem einfachen Grund habe ich auch keine Angst, dass du dich jetzt an die Polizei wendest. Du weißt genau, dass ich lange Jahre im Knast war und mir problemlos ein paar sadistische Killer besorgen kann.« Ich stand auf und riss den Vorhang auf, hinter dem er verborgen war. Vor mir saß ein in Tränen aufgelöster Mann. »Treib mich nicht in die Enge, Pfaffe. Das wäre schlecht für dich. Behandele mich wie eines deiner Pfarrkinder und überlass deinem Gott die Aufgabe, mich zu bestrafen.« »Sie ist doch noch ein Kind«, murmelte er geschlagen. »Und ihr Leben liegt in deinen Händen.« Ich war mir sicher, dass ich mein Ziel erreicht hatte. Don Arzenton würde es nicht wagen, seine Nichte in Gefahr zu bringen. Die Fotos hatten ihn überzeugt, er hatte Bilder aus dem unbeschwerten und unschuldigen Alltag seiner Nichte vor Augen gehabt, und dies hatte eine verheerende Wirkung auf sein Gewissen ausgeübt. Um nichts auf der Welt würde er dafür verantwortlich sein wollen, dass sie brutal ermordet wurde. Für den Rest seines Lebens würde er seinen Chef im Himmel um Verzeihung bitten, aber er würde sich nicht mehr querstellen. Am folgenden Sonntag reihte ich mich unter den ungläubigen Blicken und dem empörten Geflüster der Gläubigen in die Schlange ein, um die Kommunion zu empfangen. Don Arzenton schob mir die Hostie in den Mund, und ich kehrte an meinen Platz zurück, während ich so tat, als würde ich inständig beten. Der Abgeordnete Brianese fragte mich später, wie ich es denn geschafft hätte, meinen Frieden mit dem Geistlichen zu machen. »Ich habe ihm mein Herz geöffnet«, antwortete ich. »Er hat sehen können, wer ich wirklich bin.« Sante lachte zufrieden. »Also hast du den braven Jungen gespielt.« Er hatte nichts begriffen. Obwohl ich ehrlich gewesen war. Ich investierte einen Haufen Geld, um mir ein neues Image aufzubauen. Ich engagierte einen Stilberater, der mir die richtige Kleidung und Frisur für einen erfolgreichen Geschäftsmann ausarbeitete. Dann holte ich mir noch einen Fotografen, der mich im La Nena, in meinem Reich, porträtieren sollte. Ich bezahlte Journalisten für Artikel über mich in Hochglanzmagazinen und in populären Zeitschriften. Ich widmete mich der Wohltätigkeit und unterstützte ein Heim für schwangere, sitzengelassene Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, die ihr Kind nicht abtreiben wollten. Korruption, Gewalt, Geld und Heuchelei hatten mir die Türen zur guten Gesellschaft der Stadt geöffnet. Meine früheren Sünden waren vergeben worden, und die, die ich tagtäglich beging, zählten so lange nicht, bis man sie entdeckte. Aber das würde nie geschehen, denn ich war der Bessere. Und der Brutalere. Zum ersten Mal in meinem Leben war ich überzeugt, dass mich eine glänzende, glückliche Zukunft erwartete. III Am Ende eines öden Tages Bunga-Bunga Ruby hat uns gelehrt: Die Mächtigen zu bescheißen ist nicht verkehrt. Graffito in blau auf einer Hauswand in Padua 1 Am Ende eines öden Tages Am Ende eines öden Tages betrat Avvocato Sante Brianese, seines Zeichens Abgeordneter der Republik, wie immer entschiedenen Schrittes das La Nena. Gleich darauf erschienen seine Sekretärin und sein Wasserträger in der Tür des Lokals. Ylenia und Nicola. Jung, elegant, attraktiv und mit strahlendem Lächeln. Als wären sie geradewegs einer amerikanischen Fernsehserie entstiegen. Es war Aperitifzeit, und Gäste, Gläser und Teller mit Fingerfood zogen im beständigen Wechsel an mir vorbei. Draußen wärmten Heizpilze ein dichtgedrängtes Häufchen Raucher. Ich kannte fast jeden von ihnen. Schließlich hatte ich mir meine Kundschaft im Laufe der Jahre mit Geduld und Ausdauer herangezogen. In meinem Lokal gab es kein Koks, keine Schlampen oder Proleten, ich bezahlte sogar einen Türsteher, der sich das Hirn mit Anabolika weichgekocht hatte, damit er diskret den Eingang überwachte und Rosenverkäufer oder ähnliches Gesocks fernhielt, das hier irgendwelchen Mist verhökern wollte. Ins La Nena kam nur hinein, wer willens und in der Lage war, angemessen für das Vergnügen zu bezahlen, seine Ruhe zu haben und eine »stilvolle, aber gleichzeitig prickelnde und amüsante Atmosphäre« zu genießen. Morgens von acht bis zehn gab es bei uns ausgewählte Teesorten, knusprige Croissants, und die Milch für den Cappuccino kam frisch vom Biohof aus einem kleinen Dorf in den Dolomiten. Dann, Punkt zwölf: Aperitif. Von halb eins bis eins wurde Businesslunch serviert – leicht und schnell für Angestellte und Freiberufler, vegetarisch-minimalistisch für alle, die ständig auf Diät waren, oder deftig, aber immer bodenständig mit traditionellen Gerichten aus der Region für Vertreter und Gäste, die nicht so auf ihre schlanke Linie achteten. Danach kamen die, die in Ruhe essen wollten. Der Abend startete mit dem Aperitif um Viertel vor sieben, Essen gab es ab halb acht. Für Normalsterbliche schloss die Küche um halb elf. Für Leute wie Brianese war das Lokal immer geöffnet. Der Avvocato setzte sich an seinen Stammplatz. Seine Lieblingskellnerin kam sofort und brachte ihm seine feinen Perlen im Glas, die seit elf Jahren aufs Haus gingen. Wie üblich standen die Gäste gleich Schlange, um dem Abgeordneten ihres Wahlkreises ihre Aufwartung zu machen. Allerdings nicht alle. Früher hätten sie da ausnahmslos gestanden, aber Brianeses Partei drohte mittlerweile, bei den Regionalwahlen den Padanos zu unterliegen, wie die Lega Nord von den eigenen Anhängern liebevoll genannt wurde, und manch einer ließ auf diese Weise diskret erkennen, dass er zu den neuen Herren überlaufen würde. Brianese saß wie immer unermüdlich lächelnd an seinem Platz, nahm die Treuebekundungen entgegen und merkte sich ganz genau, wer sich von ihm abgewandt hatte. Schließlich war ich an der Reihe. Ich goss mir einen Prosecco ein, kam hinter dem Tresen hervor und setzte mich zu ihm. »Harte Zeiten in Rom, was?«, fragte ich. Er zuckte nur mit den Schultern. »Nicht schlimmer als sonst. Mehr Ärger habe ich inzwischen im Wahlkreis hier vor Ort«, antwortete er, während er seine Mitarbeiter beobachtete, die sich mit den Leuten unterhielten. Mit einem Scherz auf den Lippen oder ein bisschen Klatsch versuchten sie, die Enttäuschten bei der Stange zu halten. Das war ihr Job und den machten sie gut, doch es war absehbar, wie das Ganze ausgehen würde. Das Wahlergebnis würde demnächst das Ausmaß der Niederlage zeigen und man musste abwarten, um die wirtschaftlichen Kollateralschäden bewerten zu können. Brianese wandte sich mir zu und sah mich an. »Ich muss mit dir reden.« »Wann immer Sie wollen, Avvocato.« »Nicht jetzt, ich erwarte Gäste. Wir sind zu viert und benötigen den Nebenraum.« Dabei handelte es sich um den exklusivsten Teil im La Nena, der ausschließlich Brianese, seinen Geschäftstreffen und den diversen Cliquen, die er kontrollierte, vorbehalten war. Ich sah zu Ylenia und Nicola hinüber. Brianese schüttelte den Kopf. »Nein, die gehen gleich nach Hause. Ich muss mich mit drei Bauunternehmern treffen.« »Soll ich Nicoletta anrufen?« »Das würden die Herren sicher zu schätzen wissen.« Also ging ich hinter den Tresen zurück und holte aus einer Schublade das Handy, das ich nur für Telefonate mit ihr nutzte. Nicoletta Rizzardi war eine alte Freundin. Ungewöhnlich groß, schlank und zwei dicke, milchweiße Möpse. Sie gehörte zu den Ersten, die ich nach meinem Umzug ins Veneto kennengelernt hatte. Wir waren auch miteinander im Bett gewesen, aber nur kurz. Sie lebte seit vielen Jahren getrennt von ihrem Mann, rauchte wie ein Schlot und liebte ausgefallene, teure Schals, die sie lässig an sich drapierte. Damals machte sie noch in Haute Couture. Alles echt gefälschte Ware. Dann bekam sie Konkurrenz von den Schwarzen, die ihre Sachen auf der Straße verkauften, und sie hatte sich umorientieren und ihre Ambitionen herunterschrauben müssen. Nun arbeitete sie als Vertreterin für eine mittelmäßige Dessousfirma. Mit dem Job verdiente sie wesentlich weniger und sie war gerade so über die Runden gekommen, bis ich ihr angeboten hatte, als meine Partnerin in ein Geschäft einzusteigen, das sich bis jetzt als geniale Idee und äußerst lukrativ für uns beide erwies. Die Idee dazu war mir eines Abends während einer Unterhaltung mit Brianese gekommen. Der Avvocato hatte sich beklagt, dass Personen des öffentlichen Lebens in Italien keine Freiheit oder Privatsphäre mehr genossen. Die Lust am Skandal sei zum Nationalsport geworden, und kein Politiker könne mehr ein bisschen Spaß haben, ohne zu riskieren, dass es gleich von den Zeitungen breitgetreten würde. Ein unschuldiger Seitensprung konnte das Ende einer politischen Karriere bedeuten. Vielleicht nicht in der Lombardei oder in Rom, wo die Eskapaden von Abgeordneten, die in Sex- oder Kokainaffären verwickelt waren, von den Parteigenossen stets mit der »zwangsläufigen Trennung von der Familie« entschuldigt wurde, doch im Veneto lautete die Regel: »Du kannst tun und lassen, was du willst, aber lass dich ja nicht erwischen. Sonst bist du geliefert.« Das eigentliche Problem bildeten die Escortgirls, die inzwischen zu jedem Geschäftsabschluss dazugehörten, allerdings ein Sicherheitsrisiko darstellten. Mittlerweile ließ sich keine Ausschreibung oder auch nur eine simple turnusmäßige Umbesetzung einer Stelle durchziehen, ohne dass ein Anteil in Naturalien eingefordert wurde; Korruption lief heute anders ab als früher. Wer sich mit Geld begnügte, galt als Weichei. Selbst die Frauen und Kinder der Betreffenden versuchten, möglichst noch etwas für sich herauszuschlagen: einmal das Haus neu tapezieren oder einen japanischer Cabrioflitzer. Alle wollten sie irgendeine Dreingabe, um sich die eigene Bestechlichkeit versüßen zu lassen. Nur dass inzwischen Richter und Journalisten die Escortgirls aufs Korn genommen hatten und diese dummen Hühner einfach nicht das Maul halten konnten. Sie hatten immer noch nicht geschnallt, dass Telefone abgehört werden konnten, und wenn sie die Chance bekamen, rannten sie in Talkshows und machten damit alles nur noch schlimmer. Brianese sah das vollkommen richtig. Ich hatte einige Zeit in einer Tabledancebar gearbeitet und wusste genau, wie die Mädchen tickten, die sich verkauften. Also nutzte ich meine Erfahrung und organisierte einen kleinen, aber vertrauenswürdigen Kreis von Nutten, die ich als Escortgirls aufstylte und Brianese und seinen Freunden zur Verfügung stellte. Nie mehr als vier auf einmal, immer Ausländerinnen, die hier niemanden kannten und nach genau einem halben Jahr ausgetauscht wurden. Frauen aus Venezuela, Argentinien, Brasilien, mit europäischen Zügen, möglichst mit italienischen Wurzeln. Und dazu eine Chinesin für die Prise Exotik. Es war gar nicht so leicht, dafür jemand Passendes zu finden. Ich hatte einen Kontaktmann in Prato, der mich unter denen auswählen ließ, die als Wohnungsnutten anschaffen sollten. Leider gab es ein Problem. Die Chinesen schickten ihre Frauen erst auf den Strich, wenn die aus ihren illegalen Klitschen ausgemustert wurden, weil sie die Akkordauflagen nicht mehr schafften. Deshalb bekam ich immer nur Zweiundzwanzigjährige mit roten, rissigen Händen vorgesetzt, die man erst einmal ein paar Monate aufpäppeln musste, damit sie wenigstens mit dem Hauch eines Lächelns die Beine breit machten. Ich musste stets all meine Fantasie bemühen, um sie mir ansprechend gekleidet, geföhnt und mit dem richtigen Make-up vorzustellen. Das war ziemlich nervig, doch ohne eine Chinesin im Angebot konnte man heute keinen Escortservice mit Niveau betreiben. Diese Frauen stellten die anspruchsvollsten Kunden zufrieden, selbst diejenigen, die ihre Wünsche nur sehr schwer artikulieren konnten. Nicoletta nannte sie immer »die Puppen, mit denen die Jungs früher nie gespielt haben«. Doch das war nur ein Teil der Wahrheit. Eigentlich waren sie bloß willenlose Sklavinnen, die nichts anderes kannten, als die Bedürfnisse ihrer Herren möglichst gut zu befriedigen. Anders lief das bei den Mädchen aus Südamerika. An die kam ich durch Michail ran, ein Hüne von einem Russen um die vierzig und ein gerissener Teufel. Er arbeitete als Mann fürs Grobe bei zwei Exhuren aus Neapel, die einen Nuttenring betrieben und über die ein einflussreicher Bulle seine schützende Hand hielt. Michail ließ mich die Mädchen in einem Katalog aussuchen, und wenn er neue Huren organisieren sollte, ließ er einfach meine mitkommen und steckte das Geld dafür in die eigene Tasche. Er hatte mir von Russinnen abgeraten, die er mir leicht hätte besorgen können, da sich Prostitution in seiner Heimat zu einem unkontrollierbaren Markt entwickelt hätte. Außer den Professionellen tummelten sich in diesem Gewerbe eine Menge Frauen jeden Alters, die insbesondere an ihrem Arbeitsplatz sexuelle Gefälligkeiten gegen kleine Vergünstigungen anboten. Sobald sie sich bei mir eingenistet hätten, so Michail, würden sie versuchen, auf eigene Rechnung zu arbeiten oder einen Mann zu finden, der sie aushielt. »Nimm lieber Südamerikanerinnen«, hatte er gesagt. »Die machen weniger Arbeit. Weißt du, Nutten muss man genau aussuchen, sonst können die einem gehörig auf die Eier gehen.« Ich mochte den Russen, er agierte korrekt und vorsichtig. Wir trafen uns auf einer großen Autobahnraststätte in der Nähe von Bologna. Da war immer genug los, ein ständiges Kommen und Gehen. Ich parkte in einem Bereich, der von der Videoüberwachung nicht einsehbar war. Er stieg in meinen Wagen, den Laptop unterm Arm, und begann stets damit, sich lang und breit über seinen Namen auszulassen, der höchstwahrscheinlich nicht einmal sein richtiger war. Er sagte immer, er hieße Michail Alexandrowitsch Scholochow, wie der Schriftsteller, der 1965 den Nobelpreis für Literatur gewonnen hatte. »Warum haben die Schweden einen Kommunisten gewinnen lassen?«, fragte er jedes Mal mit übertriebener Empörung. »Einen Dissidenten, na gut, das hätte ich noch verstanden, aber dass man jemanden einen Preis gibt, der zweimal Held der Sowjetunion gewesen ist, was soll das denn?« »Daran erinnert sich doch heute kein Schwein mehr«, sagte ich dann. »Zum Glück. Das wäre mir echt peinlich, wenn jemand merkt, dass ich genauso wie dieser Typ heiße. Weißt du eigentlich, dass ich mal in eine Buchhandlung gegangen bin und dort nach seinem berühmtesten Roman gefragt habe, Der stille Don?« »Der ist bestimmt nicht mehr lieferbar«, sagte ich zum x-ten Mal, wie eine Schallplatte, die immer an der gleichen Stelle hängt. »Noch so ein Glück. Glaubst du, die drucken den nochmal nach?« »Nein. Wen juckt denn heute noch ein Autor aus den Zeiten der Sowjetunion? Heute ist Putin an der Spitze, der übrigens sehr gut mit unserem Regierungschef kann.« »Dann sollte er sich mal von dem abgucken, wie man einen drohenden Skandal eliminiert«, meinte er. »›Eliminieren‹ … Kapiert? Das war eine Anspielung …« Dann lachte er schallend, schaltete endlich seinen Laptop ein und öffnete den Katalog. »Gut, reden wir also über Frauen und über Geld, was etwas Glanz in unser Leben bringt.« Ich hatte sein Spielchen immer mitgemacht, denn Michail veranstaltete diese ganze Komödie nur, damit er in der Zeit checken konnte, ob irgendwo Bullen lauerten. Im Katalog war jedes seiner Mädchen nackt in sechs verschiedenen Posen fotografiert, damit man ihre Vor- und Nachteile genau erkennen konnte. Diejenigen, die dann bei uns landeten, hatten Glück gehabt. Sie lebten in komfortablen Einfamilienhäusern, Nicoletta kümmerte sich um sie und zeigte ihnen alles, was sie wissen mussten: Outfit, Make-up, Parfüm und gutes Benehmen. Wenn die Hühner keine Kunden hatten, setzte sie sie als Modelle für ihre Dessouskollektion ein, um ihnen ein seriöses Deckmäntelchen zu verschaffen. Damit vermittelte sie ihnen gleichzeitig das Gefühl, etwas Besonderes zu sein und sorgte für Abwechslung, denn Langeweile konnte die Damen depressiv machen und auf dumme Gedanken bringen, die wiederum schlecht fürs Geschäft waren. Tatsächlich hatte bis jetzt keines der Mädchen Schwierigkeiten gemacht, und handgreiflich hatte ich auch nie werden müssen. Wenn meine Geschäftspartnerin und ich eine neue Lieferung in Empfang nahmen, sorgten wir dafür, dass die Mädchen den Schlagring aus glänzendem Messing sahen, den wir offensichtlich auf dem Tisch »vergessen« hatten. Selbst Anfängerinnen wussten, dass ein Schlagring der schlimmste Feind der Nutten war. Unsere Mädchen waren nicht billig. Ob fünf Minuten oder eine ganze Nacht, sie kosteten immer das Gleiche: zweitausendfünfhundert Euro, über zweihundert wanderten in ihre Taschen. Kein Kunde hat sich je beschwert, hundertprozentige Diskretion hatte eben ihren Preis, und schließlich mussten die Männer ja nicht aus der eigenen Tasche zahlen, das war im Geschäft inbegriffen. Bei uns gab es strenge Sicherheitsregeln. Keine Drogen, nur Champagner. Handys hatten im Wagen zu bleiben, damit nicht irgendein Idiot Fotos oder peinliche Filmchen drehte. Die Treffen fanden in unterschiedlichen Häusern über die gesamte Region verteilt statt; wir mieteten sie kurzfristig über ein Immobilienbüro an, bei dem Nicolettas Bruder arbeitete. Ganz selten ging es in ein Hotel. Wenn die Mädchen nicht mit den Politikern oder ihren Freunden beschäftigt waren, wurden sie reichen ausländischen Unternehmern zur Verfügung gestellt. Unser Firmenmotto lautete: Nur ein Kunde am Tag, aber das sieben Mal die Woche. Die Mädchen hielten sich für Prinzessinnen bis zu dem Morgen, an dem ich sie ins Auto lud und ihnen vorlog, wir würden zu einer kleinen Party etwas außerhalb der Stadt fahren. Dann verhökerte ich sie allerdings in Genua an die lokale Maltesermafia für das Doppelte von dem, was ich für sie bezahlt hatte. Wo sie danach landeten, habe ich nie gefragt. Ich wusste nur, dass sie ein paar Stunden später an Bord eines Frachters Richtung Maghreb oder Spanien auslaufen würden, und mehr wollte ich auch nicht wissen. Sobald die Mädchen dann ausgestiegen waren und sich von Gangstern umringt sahen, in dieser dreckigen Lagerhalle, das Hauptquartier der Bande, begriffen sie sofort, dass man sie gelinkt hatte, und fingen an, zum Gotterbarmen loszuflennen. Doch damit amüsierten sie nur ihre Käufer, die sie johlend betatschten und in Gedanken schon bei der anschließenden Vergewaltigung waren. Ja, die Jungs aus Malta waren noch Mafiosi alter Schule. Sie glaubten fest daran, dass eine Nutte erst einmal durch die Hölle gehen musste, damit ihr die Freier später wie Engel aus dem Paradies vorkamen. Ich wies an dieser Stelle noch einmal darauf hin, dass es sich um erstklassige Ware handelte und man besser sanft mit ihnen umging, zählte schnell mein Geld und fuhr nach Hause. Die Malteser wollten jedes Mal wissen, welche denn die Beste sei. Dann deutete ich immer auf irgendeine Beliebige, denn nichts lag mir ferner, als mit einer von denen zu vögeln, immerhin war ich der Chef und wollte nicht, dass durch so etwas das Gleichgewicht innerhalb der Gruppe gestört wurde. Sonst hätte sich eine von ihnen vielleicht eingebildet, eine Sonderstellung zu haben. Allerdings ließ ich mir einmal im Monat, wenn wir das Geld unter uns aufteilten, von Nicoletta einen blasen. Nur damit sie nicht vergaß, wer hier das Sagen hatte und dass das Ganze schließlich meine Idee gewesen war. Das Geschäft lohnte sich, nach Abzug der Kosten nahm ich pro Jahr ungefähr hunderttausend ein, doch davon musste ich mehr als die Hälfte in mein Lokal stecken, das sich zu einem Fass ohne Boden entwickelt hatte. Auch im La Nena machte sich die Wirtschaftskrise bemerkbar, obwohl es dem Veneto noch verhältnismäßig gut ging, und es kostete mich ein Vermögen, den hohen Standard und all das Personal zu halten. Vom Weinkeller ganz zu schweigen. Im Gegensatz zu früher achteten auch die, die es sich leisten konnten, heute darauf, was die Flasche kostete, nur wenn es einen guten Abschluss bei Korruptionsgeschäften zu feiern galt, wurde nicht aufs Geld gesehen. Und die Gäste stellten ziemlich hohe Ansprüche. Besonders die, die bisher noch keinen Platz am richtigen Tisch erobert und noch kein Stück vom Kuchen abbekommen hatten, wussten ganz genau, welcher Wein gerade angesagt war. Und den hatte ich natürlich stets auf Lager. Für nichts auf der Welt hätte ich das La Nena aufgegeben. Es war der Beweis, dass mein Leben sich für immer verändert hatte, mein Aushängeschild, dass ich inzwischen eine angesehene Stellung in der Gesellschaft erobert hatte. Avvocato Brianese hatte gegen ein beträchtliches Honorar im Jahr 2000 für meine Rehabilitation und die Wiedereinsetzung in die bürgerlichen Rechte gesorgt. Sogar meine Vergangenheit als verurteilter Exterrorist war aus den Akten gelöscht worden. Am Ende einer langwierigen Prozedur, für die ich mich richtig ins Zeug legen musste, hatte ich es nun endlich zum ehrenwerten Bürger und Eigentümer eines angesagten Lokals im Zentrum einer Stadt irgendwo im Veneto geschafft. Ich ging wählen und zahlte Steuern. Und mit viel Lächeln, Arschkriecherei und anderen Verrenkungen hatte ich es erreicht: Ich war akzeptiert. Ich war jetzt einer von »ihnen«. Aber nicht irgendeiner. Ich stand auf der Siegerseite. War einer von denen, die man nicht mehr übersehen oder zu grüßen vergessen durfte. Beim dritten Klingeln ging Nicoletta ans Telefon. Ihre Stimme, die durch die vielen Zigaretten heiser geworden war, klang immer so, als wäre sie gerade aufgewacht. »Wie viele und wo?«, fragte sie nur. »Alle vier, und heute Abend bleibt ihr am besten in der Stadt.« »Okay. Ich sage ihnen, sie sollen sich fertig machen.« Ich ging zu Brianese, um die Bestellungen aufzunehmen. Dessen Gäste waren inzwischen eingetroffen und er hatte sie schon so weit, dass sie sich entspannten. Der Avvocato erklärte ihnen gerade, wie er seinen Einfluss geltend machen konnte, damit sie einige Ausschreibungen für die Renovierung von Schulen und Kasernen in einer Nachbarprovinz gewinnen würden. Als ich den Wein brachte, hatten sie sich schon auf eine Provision von drei Prozent geeinigt und überlegten gerade, was dabei für die betreffenden Beamten herausspringen sollte. Der Leiter des Bauamts hatte bereits angekündigt, dass er ein Jahr lang seinen Garten gepflegt haben wollte. Am Tresen erwartete mich meine Frau Martina, die das Glas mit ihrem Aperitif zwischen den Fingern drehte. Ich lächelte sie an und küsste sie auf den Mund, der nach Campari schmeckte. »Ciao amore.« Dann begrüßte ich ihre Freundin Gemma, die mitgekommen war, und deutete auf einen Tisch, an dem ein elegant gekleideter, streng wirkender Herr alleine aß. »Würdet ihr Professore Salvini Gesellschaft leisten? Er ist der vorläufige Chefarzt der Pädiatrie, neu in der Stadt, und kennt hier noch niemanden.« Der Arzt freute sich, dass die beiden sich zu ihm setzten. So wie ich Gemma kannte, war mir klar, dass sie nach fünf Minuten alles über das Privatleben des Mannes wissen würde. Seit ihr Ehemann sie verlassen und ins Salento gezogen war, wo er jetzt mit seiner neuen Partnerin lebte, war Gemma auf der Suche nach einer festen Beziehung. Zum Glück saß Martina dabei, die das Schlimmste verhindern würde. Wir waren jetzt seit neun Jahren verheiratet, und sie aß jeden Mittag und Abend im Lokal. Unsere Küche zu Hause wurde nur morgens zum Frühstück benutzt und manchmal in der Nacht für einen Kräutertee. Martina hätte ab und zu ganz gern gekocht und Gäste eingeladen, aber ich hatte mich immer widersetzt. Warum sollte man Töpfe und Pfannen schmutzig machen, wenn einem ein ausgezeichnetes Lokal zur Verfügung stand? Die Kellnerin kam zu mir und fragte mich, was meine Frau essen würde. Ich bestellte immer für Martina. Ich versuchte mich um jeden Aspekt in ihrem Leben zu kümmern, das war meine Art, ihr zu zeigen, wie sehr ich sie liebte. Und wie dankbar ich ihr war. Sie hatte mir in einer schlimmen Zeit meines Lebens beigestanden, nach dem Tod von Roberta, der Frau, die ich eigentlich gerade heiraten wollte. Ein tragischer Unfall hatte sie von mir genommen. Roberta war allergisch gegen Aspirin und hatte bei mir zu Hause durch einen dummen Zufall eine tödliche Dosis davon geschluckt. Aufgrund meiner Vergangenheit und der haltlosen Anschuldigungen ihrer Eltern und des Pfarrers, den Roberta als ihren spirituellen Führer angesehen hatte, wurde gegen mich wegen Mordes ermittelt, und zwei eifrige Unteroffiziere der Carabinieri hatten mich auf Schritt und Tritt verfolgt. Zum Glück hatte Avvocato Brianese eingegriffen und die Sache in Ordnung gebracht. Übrigens war es meine Verlobte gewesen, die mir Martina vorgestellt hatte. Damals war sie noch mit einem Schlappschwanz zusammen, und obwohl wir beide in einer Beziehung waren, hatte es zwischen uns gefunkt, und wir gingen ein paar Mal miteinander ins Bett. Dabei entdeckte ich, dass Martina im Gegensatz zu meiner Verlobten eine leidenschaftliche Liebhaberin war. Ich sah sie bei der Beerdigung wieder, wo sie mir sofort zur Seite stand und die ganze Zeit meine Hand hielt. Nach einigen Monaten, als der Schmerz über Robertas Tod verblasste und durch eine große Leere ersetzt wurde, begannen wir einander regelmäßig zu treffen, und eines Abends machte ich ihr einen Antrag. Ursprünglich wollte ich bloß mit ihr zusammenziehen, aber Brianese hatte auf Heirat bestanden. So würden die Leute schneller meine Vergangenheit und die Sache mit Roberta vergessen. Ich hatte Nicoletta die gesamten Vorbereitungen für den glücklichsten Tag unseres Lebens überlassen, und alles war perfekt gelaufen. Eine kleine, aber feine Feier, ein wenig öde für die meisten Gäste und ziemlich anstrengend für das Brautpaar. Avvocato Brianese war mein Trauzeuge gewesen, Martina hatte Gemma als Trauzeugin gewählt. Direkt nach der Hochzeitsreise in die Südsee waren wir in unsere neue Wohnung gezogen, die ganz in der Nähe des La Nena lag. Und wie wir es einander feierlich versprochen hatten, sorgten wir füreinander. Als Erstes hatte ich Martina geraten, ihre Stelle zu kündigen. Ihr Gehalt, eintausendfünfhundert Euro im Monat, war lächerlich wenig, und die Arbeit hielt sie nur von mir fern. Erst wollte sie nicht, doch dann sah sie ein, dass es das Beste war. Sie befürchtete nur, dass sie sich langweilen würde. »Das wird nie geschehen, mein Schatz.« Wie bei allen Paaren hatten wir Schwierigkeiten, einander wirklich kennenzulernen und die Fehler des Partners zu akzeptieren, aber wir waren verliebt und haben so schließlich jedes Hindernis überwunden. Eines der schlimmsten hieß Gemma, und ich musste ein wenig tricksen, um ihren negativen Einfluss auf meine Frau auszuschalten. Martina hatte mir schon immer alles über ihre beste Freundin erzählt, und ich wusste, dass deren Ehe gerade den Bach herunterging. Deshalb half ich ihr zunächst großzügig, eine neue Wohnung, einen Job und einen Scheidungsanwalt zu finden. Als sie sich bei mir bedanken wollte, machte ich ihr klar, dass sie ab jetzt nicht mehr nur Martinas Freundin war, weil ich eine Verbündete brauchte, damit mein Eheleben harmonisch blieb. »Die ganze Unterhaltung gefällt mir nicht«, hatte sie gesagt. »Ich kenne Martina seit der Mittelstufe. Sie ist meine beste Freundin, du bist nur ein Bekannter …« Ich brachte sie mit einer Handbewegung zum Schweigen. »Wenn ich von ihr verlange, dass sie sich nicht mehr mit dir trifft, tut sie mir den Gefallen. Und du hast im Moment weder andere beste Freundinnen noch einen Mann.« »Martina hat außer mir auch keine andere beste Freundin«, hatte sie zurückgezickt. »Aber ich kann ihr so viele kaufen, wie ich will, und außerdem kann ich dir alles nehmen.« Gemma war ganz blass geworden, biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen, doch ich hatte sofort hinzugefügt: »Ich will nicht, dass es zu einem Bruch zwischen euch kommt. Du weißt genau, dass Martina kein einfacher Mensch ist und dass sie manchmal Zeit braucht, um sich für neue Gewohnheiten zu begeistern.« »Du meinst also, ich soll sie überzeugen, dass du immer recht hast?« »Ich habe immer recht, Gemma. Ich arbeite Tag und Nacht, das ganze Jahr, ich brauche jemanden, der mit ihr in Urlaub fährt … Winter, Sommer, Wochenendtrips … All das bezahle ich natürlich.« »Am liebsten würde ich dir sagen, du sollst es dir sonst wohin stecken«, murmelte sie vor sich hin. Ich tätschelte ihr die Wange. »Nur wirst du das nicht tun, weil durch mich dein Leben leichter und angenehmer wird. Sieh dich doch mal an: Du rauchst, wiegst zu viel, trinkst immer mindestens einen Spritz mehr, als dir guttut, man merkt dir deine Unzufriedenheit an, und ohne Martina und ihren fabelhaften Mann kann es nur schlimmer werden.« Daraufhin hatte sie wie in einem schlechten Film eine Rechtfertigung für sich gesucht, damit sie sich noch im Spiegel ansehen konnte, ohne dass ihr gleich das Kotzen kam. »Liebst du sie wenigstens?« »Ich liebe sie über alles. Was meinst du denn, warum ich so gemein zu dir bin? Ich kann es mir einfach nicht leisten, sie zu verlieren.« Da hatte ich zumindest einmal die Wahrheit gesagt, obwohl ich diesen Satz aus einem alten Film geklaut hatte. Der Alltag mit Martina, dass ich für sie sorgen konnte, hatte Freude in mein Leben gebracht. Vor allem hatte er diese Triebe gedämpft, die ich früher nicht unter Kontrolle hatte und die manchmal noch in mir hochkamen, obwohl ich mich inzwischen weder an Gewalt noch an Grausamkeit berauschen musste, um mich lebendig zu fühlen. Das Handy klingelte. Nicoletta sagte: »Alles bereit.« »Ich gebe ihnen gleich Bescheid.« Ich ging in den Nebenraum und machte Brianese ein Zeichen, der gerade seine neuen Geschäftspartner mit Klatsch über die sexuellen Aktivitäten einiger Padanos in Rom unterhielt. Daraufhin erhob er sich und verkündete feierlich, als wollte er eine Rede im Parlament halten: »Und nun, meine Herren, habe ich das Vergnügen, Ihnen einige reizende Damen vorzustellen, die es gar nicht erwarten können, sich um Ihre unermüdlichen Zauberstäbe zu kümmern.« Die Bauunternehmer brachen in dreckiges Gelächter aus, zu schallend für Brianeses ziemlich müden Witz. Der Avvocato geleitete sie aus dem Nebenraum, dann drehte er sich zu mir um. Das Lächeln auf seinem Gesicht erlosch. »Ich komme morgen Abend wieder. Wie gesagt, ich muss mit dir reden.« »Ist denn etwas passiert?« Er verzog kurz das Gesicht, verbarg sein Unbehagen jedoch sofort unter einem Lächeln. »Es passiert immer etwas.« Auf dem Weg nach draußen blieb er bei Martina stehen, um sich von ihr zu verabschieden und um sich Professore Salvini vorstellen zu lassen, dessen Sympathie für die Mitte-Links-Partei bekannt war. Brianese blieb höflich, aber kurz angebunden, da die Zeit mit der Nutte, die ihn schon erwartete, bestimmt spannender sein würde als die, die er mit jemandem verschwendete, der ihn sowieso nicht wählte. Mein geliebtes Weib kam kurz darauf zu mir an die Kasse, wo ich gerade eine Rechnung stellte. Sie zeigte mir eine CD. »Ich möchte, dass Gemma die mal hört.« Einen Augenblick lauschte ich auf das, was aus den Lautsprechern drang. Eine Instrumentalversion von Lucio Battistis »Unser freies Lied«. »Das ist nichts Abgefahrenes, oder?«, fragte ich sie leise. »Engagierte Liedermacher, nerviger Jazz oder Weltmusik oder so was in der Art?« Sie lächelte. »Keine Angst. Das ist eine französische Band, ich möchte doch nicht, dass dir die Gäste weglaufen.« Ich streckte die Hand aus und sah sie an. Jedes ihrer honigblonden Haare lag an seinem Platz, sie war perfekt geschminkt, eine Perlenkette umschmiegte ihren Hals, ihr gerade erst vom Schönheitschirurgen optimierter Busen füllte die Bluse wunderbar aus. Die OP-Narben waren noch sichtbar, und ich liebte es, mit der Zunge an ihnen entlangzufahren. Martina war schön, dezent elegant, beinahe vollkommen. Ich sah kurz auf die Uhr an der Wand. Heute Abend würde ich gern früh nach Hause kommen, um mit ihr ein wenig Zeit zu verbringen. Wie ich schon befürchtet hatte, passte die Musik dieser Franzosen nicht zum Stil und zu den Gästen des La Nena. Ein chaotischer Mix aus französischem Chanson, Swing und Weltmusik. Martina war anbetungswürdig, aber von Musik verstand sie nicht das Geringste. Als mir der größte Produzent für Geflügelmist der Provinz während des dritten Stücks zu verstehen gab, ich solle die CD wechseln, drückte ich auf die Aus-Taste und legte das neueste Album von Giusy Ferreri ein. Punkt elf Uhr stand mein geliebtes Weib auf, schüttelte Salvini die Hand und kam mit Gemma zu mir, um sich zu verabschieden. »Mach nicht so lange«, flüsterte sie mir ins Ohr. »Morgen ändern wir die Abendkarte, deshalb muss ich noch mit dem Koch reden, aber ich versuche, mich zu beeilen.« Gemma half ihr in den knöchellangen Daunenmantel. »Magst du ein Stück laufen?«, fragte sie Martina. »Ja«, antwortete ich für meine Frau. »Martina hat noch ein paar Gläser Amarone abzubauen.« Der Chefarzt gab mir ein Zeichen, dass ich ihm die Rechnung fertigmachen sollte. Ich brachte sie ihm persönlich, zusammen mit einem Glas Cognac aus meinem Privatvorrat. Er steckte die Nase in den Cognacschwenker. »Was für ein Duft! Eigentlich habe ich für heute Abend genug getrunken, aber bei manchen Köstlichkeiten kann man einfach nicht nein sagen.« Er probierte ihn mit Kennermiene. »Ausgezeichnet!« Ich bedankte mich lächelnd und wollte schon gehen, als er sagte: »Wer weiß, ob Sie mir nicht dabei helfen, eine Entscheidung zu treffen, die ich nicht länger aufschieben kann.« »Haben Sie sich entschlossen, die Stelle als Chefarzt endgültig anzunehmen?« Er schüttelte den Kopf. »Ich bleibe nur so lange, bis die von der Loge und die von der Partei eine für alle Seiten zufriedenstellende Einigung gefunden haben. Nein, die Entscheidung betrifft einen kleinen Patienten …« »Dieser Cognac ist einfach vollkommen«, unterbrach ich ihn brüsk, weil mich seine Vertraulichkeit in Verlegenheit brachte. Salvini bemerkte das. Er warf mir einen schiefen Blick zu und stellte das Glas auf dem Tisch ab. »Ich zahle mit Kreditkarte. Addieren Sie zehn Euro für die Kellner«, meinte er gekränkt. Ich hatte gerade einen Gast verloren. Das war aber nicht so schlimm. Offenbar hatte der Kerl nicht verstanden, dass hier Streicheleinheiten für die Seele nicht im Service inbegriffen waren. Die Wohnung wurde nur von ein paar einzelnen, gedämpften Strahlern im Eingangsbereich und im Flur beleuchtet, und alles war still. Es schien niemand da zu sein, ich wusste jedoch genau, wo Martina sich aufhielt. Ich betrat den begehbaren Kleiderschrank, zog die Schuhe aus und stellte sie zu denen, die geputzt werden sollten. Darum würde sich mein geliebtes Weib kümmern. Alles, was meine persönlichen Bedürfnisse betraf, gehörte zu ihrem Aufgabenbereich. Nie hätte ich zugelassen, dass unsere Haushaltshilfe meine Sachen anfasst. Ich legte Jacke, Krawatte, Hosen ab und hängte sie über einen stummen Diener, der wegen seines unverschämten Preises eigentlich im Wohnzimmer stehen müsste. Slip und Socken landeten im Wäschekorb. Nackt wie ich war, ging ich hinüber ins Schlafzimmer und machte es mir in einem Sessel bequem, von dem aus ich das gesamte Bad im Blick hatte. In dem Moment ging dort das Licht an und es war taghell erleuchtet. Fast wie an einem Filmset. Martina, ebenfalls nackt, stand neben dem Waschbecken. Von einem Glasbord holte sie nacheinander einige Cremetiegel, öffnete sie und stellte sie in einer schnurgeraden Reihe nebeneinander auf. Sie versenkte den Finger im ersten Tiegel und verrieb die Creme mit langsamen, kreisförmigen Bewegungen im Gesicht. Eine andere Creme kam auf den Hals. Ihre Hände bewegten sich ständig und wanderten ganz langsam weiter nach unten zu den Füßen. Sie räumte die Tiegel wieder zurück. Dann hob sie mit einer graziösen Bewegung das linke Bein an und stellte den Fuß auf den Waschbeckenrand. Ihr Mittelfinger fuhr über das Schamhaar, das nach einem Besuch im Schönheitssalon den ersten Buchstaben meines Vornamens bildete, um zwischen den großen Schamlippen auf der Suche nach der Klitoris zu verschwinden. Ich wartete ab, bis sie die Augen schloss und ihr Atem schnell und keuchend ging. »Hör auf!« Martina rieb weiter. »Bitte, ich bin gleich so weit.« »Ich habe gesagt, hör auf!« Sie nahm die Hand weg. »Warum?« »Die CD war beschissen. Du hast mich blamiert.« Erst wollte sie widersprechen, doch dann überlegte sie es sich anders. Sie stieß mit dem Fuß die Tür zu, die mit einem Knall ins Schloss fiel. Ich zog meinen Seidenpyjama an und kroch unter die Laken. Ein paar Minuten später kam Martina zu mir ins Bett. Ich umarmte sie. »Gute Nacht, amore mio.« Gut ausgeschlafen erwachte ich am nächsten Morgen. Mein geliebtes Weib war wie sonst auch bereits aufgestanden. Ich ertrug die Vorstellung nicht, neben einer Frau mit zerzausten Haaren, verquollenen Augen und Mundgeruch aufzuwachen und sie später in Pantoffeln durchs Haus schlurfen zu sehen. Ich fand Martina in der Küche, sie trug das übliche Morgenoutfit: Bluse, Rock, Ballerinas, ein dezentes Make-up, etwas Schmuck. Das Frühstück stand schon auf dem Tisch. »Ich wollte mich bei dir für gestern Abend entschuldigen«, begann sie kaum hörbar. »Ich hatte die CD im Auto gehört, und mir hat sie gefallen.« »Reden wir nicht mehr darüber«, sagte ich und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen. Während sie mir Kaffee eingoss, ging ich zur Kühlschranktür und zog dort unter einem Magneten in Erdbeerform einen Zettel hervor. »Heute Morgen hast du eine Stunde Pilates und dann Massage. Am frühen Nachmittag professionelle Zahnreinigung. Ist das alles?«, fragte ich erstaunt. »Du weißt doch, dass mich der Besuch beim Zahnarzt immer mitnimmt. Danach bleibe ich lieber zu Hause und sehe ein bisschen fern.« »Na gut. Aber den ganzen Nachmittag scheint mir doch übertrieben zu sein. Von sechs bis sieben Uhr abends gehst du schön laufen, okay?« »Es ist kalt«, jammerte sie. »Verdammt, Martina, müssen wir denn jede Kleinigkeit in unserem Leben ausdiskutieren?« »Entschuldige, du hast ja recht.« Sie reichte mir die Espressotasse. Ich trank den Kaffee sehr langsam, um ihn bis zum letzten Tropfen auszukosten. Dann holte ich die verschiedenen Kapseln Nahrungsergänzungsmittel aus ihren Döschen und legte sie neben Martinas Glas Orangensaft auf den Tisch. Routiniert sammelte sie die Pillen auf und steckte sie in den Mund: Spurenelemente, Antioxidantien, Stärkungsmittel … Das Beste, was es auf dem Markt gab, um den Alterungsprozess zu verlangsamen und Körper und Geist fit zu halten. Ich bestellte sie regelmäßig nach gründlicher Recherche im Internet. Jeden Sonntag las ich die Sonderbeilage Gesundheit einer großen überregionalen Tageszeitung, in der ich nach nützlichen Artikeln für meine Martina suchte. Sie bestrich die Zwiebackscheiben mit Marmelade und begann zu erzählen. Beim Frühstück nahm ich mir stets die Zeit, ihr zuzuhören. Ihr bedeutete das viel. Sie brauchte ständig Bestätigung und Ratschläge. Vor der Hochzeit hatte Nicoletta mich gewarnt: »Die hat immer noch nicht begriffen, was für ein Typ du bist, und wenn du sie fest an dich binden willst, dann sorg dafür, dass sie es niemals erfährt.« »Irgendwelche Tipps?« »Tu so, als würdest du ihr zuhören, als würdest du all ihre Problemchen ernst nehmen. Sie ist der Typ Frau, die das Gespräch mit ihrem Mann braucht.« »Und du?«, hatte ich sie lächelnd gefragt. »Ich bin nicht so blöd, mein Lieber. Mir war schon in der fünften Klasse klar, dass das pure Zeitverschwendung ist.« Ich war ihrem Rat gefolgt, und es hatte funktioniert. Jeden Morgen unterhielt mich Martina eine gute halbe Stunde lang mit ihren Banalitäten. Dabei ging es um die Familie, Gemma, andere Freundinnen, die ihr nicht so wichtig waren, Bekannte, kleine Geschichten, Klatsch, notwendige Einkäufe, und schließlich um uns beide. Martinas Hauptsorge galt im Moment der Krankheit ihres Vaters. Noch so ein alter Mann, der vom Schicksal ins große Heer der Alzheimerkranken einberufen worden war. Sie wollte ihrer Mutter und ihren Schwestern etwas mehr unter die Arme greifen, aber sie fürchtete sich vor dem, was ich dazu sagen würde. Ich hatte von Anfang an klargestellt, dass Kinder und Familie für mich kein Thema waren. Ich war einfach nicht dafür geschaffen, kleine Rotznasen zu knuddeln und die Oster- und Weihnachtsfeiertage bei großen lauten Tischrunden mit angeheirateten Verwandten zu verbringen. Mit meinen hatte ich schon vor Jahren abgeschlossen, und sie fehlten mir nicht im Mindesten. »Ich kenne dich doch«, sagte ich an dem Morgen zu ihr. »Das würde dich nur traurig machen und hässlich, denn Kummer gräbt tiefe Falten, das hat dir doch auch der Chirurg gesagt, als er dir die Lider gestrafft hat. Du würdest dir dein Leben ganz umsonst ruinieren, weil du sowieso nichts für ihn tun kannst. Deinen Vater, so wie du ihn kennst, gibt es nicht mehr. Und es kümmern sich schon so viele Leute um ihn.« Sie nahm meine Hand. »Bitte. Dreimal in der Woche. Ich muss jetzt meiner Mama, Paola und Romina beistehen.« »Du hast einen Haufen Verpflichtungen …« »Die werde ich alle einhalten. Ich schwöre es dir.« Ich führte ihre Hände an die Lippen und küsste sie. »Du bist wirklich ein anständiges Mädchen«, flüsterte ich bewundernd. »Ich bin stolz auf dich.« »Heißt das, du bist einverstanden?« »Aber nur, wenn unser Zusammenleben nicht darunter leidet. Außerdem sollte dir klar sein, dass ich dir damit ein großes Zugeständnis mache und erwarte, dass du dich dafür revanchierst.« Sie schlang mir gerührt die Arme um den Hals. »Ich liebe dich.« »Ich dich auch.« Am Ende eines öden Tages kam Avvocato Sante Brianese, seines Zeichens Abgeordneter der Republik, wie verabredet zur Aperitifzeit ins La Nena, um mit mir zu reden. Nach den üblichen rituellen Begrüßungen und nachdem er sich ein paar Gläser von seinen feinen Perlen gegönnt hatte, winkte er mich heran. »Wir sollten besser in den Nebenraum gehen … Ist er sauber?« »Selbstverständlich. Er ist erst heute Morgen gecheckt worden.« »Bestens. Bring die Flasche und ein paar Kleinigkeiten mit.« Das mit den Wanzen ist seit neuem in der Stadt groß in Mode gekommen. Man fand sie in den Büros von konkurrierenden Unternehmern, die sich für unterschiedliche Ausschreibungen beworben hatten. In gewissen Kreisen hatte das ziemlich viel Staub aufgewirbelt, weil sie höchstwahrscheinlich nicht von den Bullen oder der Staatsanwaltschaft plaziert worden waren. Es gab viele Gerüchte über die Herkunft der Mikrofone. Da Brianese einen heiklen Job hatte und er mit einer gewissen Zahl von Feinden rechnen musste, hatte ich einen Spezialisten angeheuert, der einmal in der Woche den Nebenraum und die sensiblen Bereiche des Lokals überprüfte. Natürlich hatte ich alles abhörsicher abschirmen lassen. Diese Idioten jammerten zwar immer, weil sie im Nebenraum mit dem Handy keinen Empfang hatten, und beim Thema Schmiergeld waren sie durch die Bank davon überzeugt, dass keiner auf die Idee käme, sie abzuhören. Deshalb musste ich dafür sorgen, um vor allem auch mich selbst zu schützen. Zusammen mit dem Wein brachte ich eine Aufschnittplatte und eingelegte Antipasti. Wenn Brianese nicht die Rolle des erfolgreichen Anwalts spielte, in der er auch den für alles offenen, anspruchsvollen Gourmet mimen musste, wurde er wieder zu dem Bauernsohn, dessen Vater sich abgeschuftet hatte, um ihm das Studium zu ermöglichen. Er schwafelte mit vollem Mund von der Verantwortung der »Führungspersönlichkeiten«. »In diesem Land lieben die Leute dich schnell, aber genauso schnell sind sie dabei, dich kopfüber auf der Piazzale Loreto aufzuhängen oder dich mit Münzen zu bewerfen, um dich als korruptes Schwein hinzustellen.« Ich spießte eine eingelegte Artischocke und eine Scheibe Salami mit einem Zahnstocher auf und legte sie auf eine dünne Scheibe Brot. »Allmählich mache ich mir Sorgen, Avvocato. Sie reden schon zu lange um den heißen Brei herum, es ist wohl etwas Ernstes.« Er seufzte einmal tief auf und kam dann direkt zum Punkt. »Das Geschäft in Dubai ist schiefgelaufen. Sie haben uns nach dem Ponzi-System abgezockt.« Ich war noch nie ein Finanzgenie gewesen und hatte genau deswegen die Verwaltung meiner Kohle immer in die Hände von Brianese und seinen Experten gegeben, aber so unbeleckt war ich auch wieder nicht, dass ich diesen alten Trick nicht kannte. Wie alle großen und kleinen Anleger dieser Welt hatte ich die Madoff-Affäre verfolgt und wusste, dass überall Schüler von Charles Ponzi Jagd auf naive Trottel machten. Sie versprachen hohe Renditen bei niedrigen Investitionskosten, doch dabei handelte es sich bloß um eine Geldpyramide, bei der diejenigen an der Spitze die Gelder der Anleger einsackten, und das Spiel ging so lange weiter, bis es niemanden mehr zum Ausnehmen gab. »Die Engländer, die uns dieses Geschäft empfohlen haben, hat man genauso beschissen«, erklärte er weiter. »Sie sind gleich nach Dubai geflogen, aber statt Baustellen für Hotels und Hochhäuser haben sie nur alte Baugruben vorgefunden. Diese beschissenen Beduinensäcke haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, so zu tun, als würde gebaut. Unsere Freunde haben noch versucht, einen Aufstand zu machen, aber man hat sie einfach in den ersten Flieger nach Hause verfrachtet.« Nach Brianeses Versprechungen sollte ich inzwischen eigentlich Eigentümer von zwei Miniapartments im sechzehnten Stock eines exklusiven Wolkenkratzers und einer Suite in einem Luxushotel sein. »Irgendeine Chance, das Geld wiederzubekommen?«, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte. »Keine. Der Betrug wurde in zu hohen Kreisen geplant. Sie haben bereits ihre Beziehungen spielen lassen, und deshalb ist alles im Sande verlaufen. Die Medien haben darüber berichtet, aber allzu sehr sind sie nicht mit den Verantwortlichen ins Gericht gegangen. Und letztlich sind wir auch nicht scharf darauf, dass unsere Beteiligung an der Sache bekannt wird …« Ich nickte, während ich ihn nicht aus den Augen ließ. Brianese fuhr mich nervös an: »Jetzt starr mich nicht so an, zum Teufel! Du hast schließlich auch die Fernsehwerbung in Dubai gesehen.« »Wie viel ist noch da?« »Nichts.« »Nichts? Sie hatten mir fest versprochen, einen Teil meines Geldes in dieses Immobiliengeschäft in Kroatien zu investieren. Ich erinnere mich noch daran, dass ihr hier groß gefeiert habt, als die Sache unter Dach und Fach war.« »Ich musste andere bevorzugen, und deshalb war für dich nichts zu machen. Ich brauche auch außerhalb der Partei verlässliche Partner«, druckste er herum. »Aber keine Sorge, du kommst schon wieder auf die Beine. Die Sache mit den Nutten läuft doch bestens, und wenn du ein wenig Bares beisammenhast, sagen wir mal eine halbe Million, dann nehme ich dich in eine sichere Geldanlage hinein. Nach den Regionalwahlen werden wir beispielsweise die Streckenführung des neuen Hochgeschwindigkeitszuges bekannt geben. Ich komme vorab an Infos heran und kann schon mal diverse landwirtschaftliche Nutzflächen zu Schleuderpreisen aufkaufen, um sie später zum dreifachen Wert zu verhökern.« Ich schüttelte den Kopf und verbarg hinter einem gezwungenen Lächeln meine Bestürzung und meine Wut. »Nein, Avvocato, so läuft das nicht. Ich habe Ihnen zwei Millionen anvertraut, und die zwei Millionen will ich wieder zurück. In all den Jahren haben Sie mein Geld verwaltet und dafür eine Kommission von zehn Prozent eingestrichen, neben dem Gewinn, den Sie mit meinem Kapital erzielt haben. Es ist Ihr Problem, wenn man Sie über den Tisch gezogen hat.« »Geschäfte beinhalten immer ein gewisses Risiko«, gab er väterlich zurück. »Mal gehen sie gut, mal so lala, und andere gehen komplett schief und man verliert alles. Finde dich damit ab und schau nach vorn!« In dem Stil schwafelte er weiter, während er Wein und Antipasti in sich hineinschaufelte, als wäre ich der Blödeste von seinen Wählern oder einer von seinen bescheuerten Mandanten, denen er wortreich erklärte, dass es bestimmt nicht an ihm gelegen habe, wenn er ihren Fall verloren hatte. Für dieses Geld hatte ich Kopf und Kragen bei einem Bankraub riskiert, den ich als Einziger überlebt hatte, und bei ein paar anderen Dingern, für die ich ebenfalls hinter Gittern hätte landen können. Avvocato Sante Brianese, seines Zeichens Abgeordneter der Republik, hatte die Kohle, die er nun in den Wind schreiben konnte, auf dieselbe Weise zusammengerafft wie seine schönen Freunde, also mit öffentlichen Aufträgen, Schmiergeldern, Insider-Aktiengeschäften, kleinen Gefallen und Scheinberaterverträgen, kurz gesagt: dem Besten, was die Politik aktuell in Italien zu bieten hatte. Ich hatte schon vor einer Weile begriffen, wie das Spiel funktionierte. Bereits zu der Zeit, als ich auf seinen Rat hin mein Geld in Wucherkredite investierte, einen Geschäftsbereich, den der Herr Anwalt hinter sich gelassen hatte, sobald ihn sein politischer Erfolg in die schöne neue Welt der öffentlichen Ausschreibungsprojekte katapultiert hatte, die mit jedem Jahr noch größer und noch teurer wurden. Das Veneto war zu einer einzigen Riesenbaustelle verkommen, und es war so viel Geld im Umlauf, dass man momentan nur noch im Ausland anlegen konnte. Zum Beispiel in Kroatien oder in Dubai. Brianese kümmerte sich nie persönlich um die Investitionen. Seine Aufgabe war es, das Geld einzusammeln und einigen Spezialisten anzuvertrauen, deren Namen er niemals nennen würde. Die bescheißen sich sogar untereinander, dachte ich. »Entschuldigung, Avvocato, Sie irren sich«, widersprach ich ganz ruhig. »Ich kann Ihnen entgegenkommen und Ihnen den üblichen Kommissionsanteil von zweihunderttausend Euro einräumen, aber der Rest des Kapitals muss wieder in meiner Tasche landen.« »Bist du bescheuert?« »Wie bitte?« »Du hast mich ganz genau verstanden«, zischte er wütend. »Wenn du heute etwas darstellst, dann verdankst du das allein mir. Ich habe dir zu einem sauberen Strafregister verholfen, habe dich rausgehauen, als man dich wegen Robertas Tod wieder hinter Gitter schicken wollte, habe dir geholfen, dieses Restaurant zu übernehmen, und habe dir die Ehre erwiesen, dein Trauzeuge zu sein. All die Jahre habe ich dein Geld bestens investieren lassen, und jetzt wagst du es, so mit mir zu reden?« Ich seufzte tief. Das war nicht der richtige Zeitpunkt zum Ausrasten. »Ich stand tief in Ihrer Schuld, Avvocato. Stimmt, Sie haben in den vergangenen Jahren viel für mich getan, aber ich habe mich immer ordentlich revanchiert. Und damit meine ich nicht nur Geld, das sich im Übrigen mit Honoraren und prozentualen Beteiligungen ganz schön summiert. Es hat auch einmal eine Zeit gegeben, in der ich für Sie und Ihre Freunde den ›Ausputzer‹ gespielt habe. Ich habe diverse Knochen gebrochen und Leute zum Schweigen gebracht, die Sie in Schwierigkeiten hätten bringen können.« Mit einer wütenden Handbewegung schnitt er mir das Wort ab. »Das ist Schnee von gestern«, brüllte er. »Damals waren wir viel jünger und übermütiger und hatten nicht so viel Macht.« Ich ignorierte sein Geschwätz. »Ich habe für Sie einen Nuttenring aufgezogen, den ich mir gut und gerne patentieren lassen könnte, und wir wissen beide, welchen Ärger man sich damit einhandeln kann, wenn man nur mit dem Schwanz denkt. Außerdem stand Ihnen das La Nena immer bedingungslos zur Verfügung: Geschäftsessen, Wahlpartys, Empfänge zur Vorstellung von Kandidaten – nicht einen Cent haben Sie dafür bezahlt. Ich wüsste ja zu gern, wie viel Geld Sie bei Geschäften in diesem Nebenraum herausgeschlagen haben, den ich jede Woche auf eigene Kosten checken lasse …« Er packte mich am Handgelenk, um mir das Wort abzuschneiden, und änderte den Tonfall. »Du hast recht, entschuldige. In all den Jahren haben wir uns gegenseitig unterstützt und beide davon profitiert. Du bist ein patenter Kerl, und ich schätze dich sehr, aber genau deswegen musst du mir glauben, wenn ich dir sage, dass ich dir nichts schulde …« »Das fällt mir allerdings etwas schwer, vor allem wenn ich daran denke, dass Sie mich nicht an dem Kroatien-Deal beteiligt haben.« Er breitete die Arme aus. »Ich habe dir doch erklärt, warum. Wer ganz oben an die Macht kommt, kann auch sehr schnell wieder auf den Arsch fallen. Wir aus seinem Umfeld müssen den Schlag dann auffangen können und zusehen, wie wir seinen Abstieg überleben und uns weiter an der Macht halten. Dann ist es Zeit, sich neue Verbündete zu suchen und neue Strategien zu entwickeln.« »Sprechen Sie über Geld, Avvocato. Das ist das einzige Thema, das mich interessiert …« Er seufzte. »Na gut! Ich gebe dir mein Wort, dass du innerhalb eines Jahres deinen Verlust wieder ausgeglichen hast plus fünfundzwanzig Prozent Zinsen.« »Das ist aber ziemlich mutig, was Sie da versprechen«, erklärte ich verblüfft. Er füllte unsere Gläser und erhob seines. »Erinnere dich mal daran, wer ich bin und wie viel mein Wort zählt.« Ich nahm mein Glas und prostete ihm zu. Brianese erhob sich. »Die Pflicht ruft, ich habe eine Parteiversammlung, auf der über die Kandidaturen entschieden wird …« »Viel Glück.« »Das kann ich brauchen«, nuschelte er, während er aus seiner Tasche ein Schächtelchen Pfefferminzbonbons herausfummelte und sich ein paar davon in den Mund steckte. Brianese war ein intelligenter, gewandter und praktisch denkender Mensch. Ich schätzte ihn deswegen und hätte eigentlich zufrieden sein sollen, wie die Sache mit den zwei Millionen ausgegangen war, doch irgendetwas daran störte mich. Mir kam es so vor, als hätte er diese beschwichtigenden Worte nur gesagt, um mich ruhigzustellen. Das passte nicht zu ihm. In der darauffolgenden halben Stunde wurden meine Zweifel unerträglich, und als ich einen Koch wegen einer Kleinigkeit anschnauzte, obwohl ich wusste, wie schwer es hier in der Stadt war, einen guten Ersatz zu finden, beschloss ich, mal mit jemandem zu telefonieren, der vielleicht meine Zweifel ausräumen konnte. Der Betreffende war durchaus bereit, mich zu treffen, aber da ich bei ihm nicht mit leeren Händen aufkreuzen konnte, rief ich Nicoletta an. »Hast du gerade zwei frei?« »Ja, die beiden Venezolanerinnen.« »Ich komme gleich vorbei und hole sie ab.« Kurzes Schweigen. »Für den persönlichen Bedarf?« »Ich muss jemandem ein Geschenk machen.« »Verstehe.« »Es handelt sich um eine nützliche Investition für die Firma«, log ich. »Aber gut, die Mädchen kriegen was von mir.« Ich machte eine kleine Runde von Tisch zu Tisch und setzte mich dann zu Martina und Gemma, die mich sofort darauf hinwies, dass Professore Salvini nicht gekommen war. »Er hat für heute Abend nicht reserviert«, erklärte ich. »Wahrscheinlich ist er woanders hingegangen, um dort die Küche auszutesten, und ich glaube kaum, dass er noch mal wiederkommt. Er hat mir gesagt, dass er normalerweise nicht so viel für ein Essen ausgibt. Das übliche Gewäsch von Möchtegernlinken.« Martina lächelte über meinen bissigen Kommentar. Ich hatte ihr ein Filetsteak vom Holzkohlegrill mit gegrilltem Gemüse bestellt. »Wie war es beim Laufen?« »Sehr gut. Ich verbessere meine Zeiten.« Ich strich ihr zärtlich über die Wange und wandte mich Gemma zu. »Sie wird immer schöner, hab ich recht?« »Sie hat eben das Glück, einen Mann zu haben, der sie abgöttisch liebt.« Ich warf ihr einen warnenden Blick zu, dass sie es nicht übertreiben solle, aber Martina wurde ganz rot, während sie eifrig nickte: »Ja, das stimmt. Ich habe wirklich viel Glück.« Ich stand auf. »Ich geh dann mal. Ich muss noch zu einer Weinprobe außerhalb der Stadt.« Ich übergab das laufende Geschäft an Piero, den ältesten Kellner, und verließ das Lokal in Richtung Tiefgarage, in der mein VW Phaeton gehegt und gepflegt wurde. Ein nicht allzu verbreiteter Luxusschlitten, der normalerweise über hunderttausend Euro kostete. Ich hatte ihn zu einem Spottpreis von einem Gast bekommen, der ihn schnell abstoßen musste, bevor er nach Bulgarien verschwand. In eine hübsche Villa am Schwarzen Meer, wo ihn Gläubiger und das Finanzamt nicht mehr belangen konnten. Er hatte Handys im Wert von zwanzig Millionen Euro verkauft, wobei er vorgab, ein Unternehmen in Burgas in Bulgarien zu besitzen. Mit diesem Trick hatte er es wie so viele andere geschafft, überhaupt keine Steuern zahlen zu müssen – ein Grund mehr, weshalb die Wirtschaft im Veneto langsam zu Grunde geht. Er hatte mich vor das La Nena holen lassen und auf den Wagen gezeigt. »Der hat fünftausend Kilometer auf dem Tacho. Ich verkaufe ihn dir für dreißigtausend Euro.« Ich hatte den Kopf geschüttelt. »Ich habe zwanzigtausend sofort. Und dasselbe gilt auch für morgen und übermorgen. Dreißigtausend erst in zwei Wochen … vielleicht.« Er hatte mir die Schlüssel zugeworfen. »Du hast gerade ein super Geschäft gemacht.« Das hatte ich nie bezweifelt. Und jetzt saß ich also am Steuer eines wahren Schmuckstücks mit klaren, eleganten Linien. Genau das Richtige, um in gewissen Kreisen des Venetos Eindruck zu schinden. Nach etwa zehn Minuten kam ich zu einem Haus unmittelbar am Stadtrand. Ein neues Viertel, das zwischen mehreren Ausfallstraßen lag und wo es noch nichts außer Wohnungen gab. Nicoletta erwartete mich mit den beiden Mädchen. Sie saßen vor dem prasselnden Kaminfeuer und rauchten in aller Seelenruhe. »Verdammt, Nicoletta, es ist wirklich eine Schande, dass du dieses Parfüm mit deinen Zigaretten versaust«, sagte ich, während ich mich zu ihr hinunterbeugte, um sie auf die Wange zu küssen. »Es riecht so lecker, da krieg ich doch sofort einen Ständer.« Isabel und Dulce kicherten. Nicoletta tat so, als hätte sie nichts gehört. »Wohin willst du mit den beiden?«, fragte sie leise. »Zum Arbeiten in die Fabrik.« »Noch so ein Unternehmer, der außerhalb seines Büros keinen mehr hochkriegt?« »So ungefähr.« »Wenn du sie mir nicht zu spät zurückbringst, hätte ich da ein paar Engländer, die in den Thermen warten und ihre Gesellschaft sehr zu schätzen wüssten.« »Ich werde mein Möglichstes tun. Wo sind die anderen beiden?« »In Venedig. Ich hole sie morgen früh ab.« Das Firmenschild war ausgeschaltet, und auch in den Büros brannte kein Licht. Der Wachmann am Eingangstor wies auf eine große Lagerhalle. Ich parkte am Eingang und sagte den Mädchen, sie sollten aussteigen. »Sind wir hier wirklich richtig?«, fragte Dulce besorgt. »Ja, und jetzt halt den Mund und lächle.« Wir betraten eine riesige Druckerei. Die Maschinen standen still, aber in einer hell erleuchteten Ecke waren etwa dreißig Männer um einen langen Tisch verteilt und legten Werbeprospekte für einen Supermarkt von Hand zusammen. Sie arbeiteten schweigend, ganz auf den Rhythmus konzentriert, mit dem sie sich die Blätter weiterreichten. Sie saßen mit dem Rücken zu uns und bemerkten uns erst, als sie das unverwechselbare Klappern von den Fünfzehn-Zentimeter-Highheels der Mädchen hörten. Sofort fuhren sie herum und starrten uns überrascht an. An dem Abend hätten sie wohl alles erwartet, nur nicht den Anblick von zwei schönen Weibern. Aus dem Dunkeln tauchte ein untersetzter Mann in einer Zwanzig-Euro-Fleecejacke, ausgeleierten Hosen und Turnschuhen auf. Er nahm einen letzten Zug von seiner Zigarette und ließ sie dann auf den Boden fallen. »Was ist denn?«, schrie er. Daraufhin drehten sich alle um und arbeiteten weiter. »Ich habe nicht gedacht, dass du in so netter Begleitung kommst«, sagte er, während er mir die Hand schüttelte und dabei mit Kennerblick die Mädchen musterte. »Ich bin Domenico«, stellte er sich vor. »Und ihr zwei Hübschen?« Mit Nachnamen hieß er Beccaro und ihm gehörte diese Druckerei. Sein Vater hatte sie mit zwei jämmerlichen Druckmaschinen gegründet, die jetzt in seinem Büro neben dem riesigen Schreibtisch aus Stahl und Eichenholz ausgestellt wurden. Domenico hatte hart gearbeitet und auf die richtigen Lokalpolitiker gesetzt. Ich hatte ihn im La Nena kennengelernt, als er von Brianese zu einigen Geschäftsessen im Nebenraum mit vollem Unterhaltungsprogramm durch meine Mädchen eingeladen wurde. Später war er mit seiner Frau und einigen Freunden wiedergekommen und meinte, meine Speisekarte wäre aber schlecht gedruckt und ich solle doch mal bei ihm vorbeischauen. Das hatte ich getan und ihn zum Drucker meines Vertrauens gemacht. Die Arbeit, die ich ihm mit meinem Restaurant verschaffte, war lächerlich im Vergleich zu seinen Aufträgen von Firmen oder Restaurantketten, aber er war einer von denen, die nie einen Kunden abwiesen. Er sprach ausschließlich Dialekt, konnte sich jedoch durchaus in jedem gesellschaftlichen Umfeld verständlich machen. Vor einigen Monaten hatte ich beim Entkorken einer Flasche zufällig einem Gesprächsfetzen entnommen, dass er ebenfalls an dem Dubai-Geschäft beteiligt war. Aus diesem Grund war ich nun mit meinen Mädchen aufgekreuzt, in der Hoffnung, er würde mir im Gegenzug verraten, wie viel Geld er verloren hatte und wie er es sich zurückholen wollte. Meine Partnerin erkundigte sich immer über ihre Kunden. Sie behauptete, das könnte sich eines Tages als nützlich erweisen. Und in ihrem System war Domenico unter »SXS« wie »sexsüchtig« abgelegt. »Was bringt dich denn zu mir?«, fragte er, während er weiterhin Isabel und Dulce anlächelte. »Wie ich dir schon am Telefon gesagt habe, war ich mit meinen beiden Freundinnen gerade in der Gegend und dachte, ich könnte dich auf ein Gläschen einladen, um über ein bestimmtes Geschäft zu reden. Ich wusste nicht, dass du um diese Zeit noch arbeitest.« »Mein Bester, hier hört die Arbeit niemals auf. Tagsüber drucken wir, und in der Nacht werden die Prospekte zusammengelegt.« »Von Hand? Solltest du dir dafür nicht besser eine Maschine zulegen?« »Bist du verrückt?«, brauste er auf. »Es kostet mich weniger, wenn ich die da beschäftige. Außerdem war ich schon immer ein wohltätiger Mensch.« Als er mein skeptisches Grinsen bemerkte, wurde er ernst. »Das war kein Spruch. Sie sind mir wirklich dankbar, das kannst du mir glauben.« »Ich glaub dir ja. Musst du denn unbedingt dableiben?« »Heute Nacht, ja. Ich bin allein mit dem Wachmann, aber ein wenig plaudern können wir trotzdem«, sagte er und zog mich am Arm fort. »Deine beiden Freundinnen sind zwei Mordsweiber.« »Sie sind auch sehr entgegenkommend.« »Ich würde ihnen ja liebend gern mein Büro zeigen, wenn ich nicht hier aufpassen müsste. Sobald du denen den Rücken zukehrst, arbeiten sie sofort schlampig, und dann auf Wiedersehen Kunden, du weißt ja, wie es läuft …« »Ich könnte ja hierbleiben …« »Ernsthaft?« »Klar doch. Über das Geschäft reden wir ein anderes Mal. Man hat mir von einigen Anlagemodellen in Dubai vorgeschwärmt …« »Lass die Finger davon, das ist Schnee von gestern.« »Wie meinst du das?« »Das Ganze ist schon Anfang Juni aufgeflogen«, erklärte er. »Beinahe wäre ich mit ein paar anderen Anlegern darauf reingefallen. Zum Glück haben wir es noch rechtzeitig bemerkt und unser Geld anderweitig investiert.« »Ach ja, wirklich?« Domenico hatte es eilig, das Gespräch zu beenden, um sich den beiden Mädchen widmen zu können, daher wurde er unvorsichtig. »Frag doch Brianese«, sagte er nur. »Der kennt alle Einzelheiten.« Wut kochte in mir hoch und fuhr mir durch den ganzen Körper, von der Zehenspitze bis rauf in die Haarwurzeln, doch dann wich sie schnell der Verbitterung. Ich konnte es einfach nicht fassen, dass der Avvocato mich derart gelinkt hatte. Ich lächelte Beccaro an und wandte mich den Mädchen zu. »Mein Freund hier möchte euch sein Büro zeigen.« Domenico nahm sie bei der Hand und zog ab, aber so, dass seine Arbeiter auf jeden Fall mitbekamen, dass er gleich mit zwei Nutten der Extraklasse vögelte. Isabel drehte sich zu mir um, um Anweisungen zu erhalten, und ich hielt zehn Finger hoch. So viele Minuten sollte ihre Dienstleistung dauern. Ich dachte nicht daran, diese armen Schweine zu beaufsichtigen, sondern fuhr stattdessen den Wagen direkt vor die Büros. Dort blieb ich wie gelähmt sitzen, die Hände fest am Lenkrad und versuchte, mich zu beruhigen, doch ich wusste, dass ich erst Ruhe finden würde, wenn ich andere für mich leiden sehen konnte. Martina. Sie würde mich verstehen, und ihre Liebe würde mir Erleichterung schenken. Erst danach würde ich wieder Ordnung in meine Gedanken bringen können. Domenico begleitete die Mädchen nach draußen. Eine eben erst angezündete Zigarette hing in seinem Mundwinkel. Er trat ans Seitenfenster. »Vielen Dank für den Besuch«, sagte er. »Komm doch mal im La Nena vorbei. Ich habe ein paar neue Weine, die du verkosten solltest.« »Der stank nach Schweiß«, beklagte sich Dulce, die sich neben mich nach vorn gesetzt hatte. »Ich brauch eine Dusche«, setzte Isabel noch eins drauf. »Das könnt ihr in den Thermen machen, dort erwarten euch zwei Kunden.« »Wir arbeiten doch bloß einmal am Tag«, protestierte Dulce. Ich umklammerte das Steuerrad, um ihr nicht eine runterzuhauen. »Ihr könnt ja mal eine Ausnahme machen«, sagte ich versöhnlich. »Im Grunde geht es doch bloß darum, zwei nette, angenehm riechende Herren in bequemen Betten eines Luxushotels ein bisschen zu unterhalten. Wenn ihr noch mal das Maul aufreißt, dann kehre ich auf der Stelle um und lass euch von diesen armen Schluckern in der Druckerei durchvögeln.« Die zwei Mädchen hielten den Mund, und als ich vor Nicolettas Haus hielt, schlüpften sie schnell aus dem Wagen. Es war noch nicht spät, und das La Nena brummte um diese Zeit noch, doch das Lokal war gerade das Letzte, woran ich denken wollte. Als ich zu Hause ankam, lag Martina im Wohnzimmer auf dem Sofa. Sie las ein Buch und hörte dazu die CD eines Liedermachers. Die Musik hatte meine Geräusche übertönt, daher hatte sie meine Anwesenheit nicht bemerkt. Ich blieb stehen und beobachtete sie. Wenn sie las, hatte sie immer so einen grübelnden Ausdruck im Gesicht, als müsste sie über jedes einzelne Wort nachdenken. Sie trug ein leichtes Wollkleid, das ihre Beine frei ließ. Ich ging zunächst ins Arbeitszimmer und suchte im Internet, ob ich dort etwas über den Betrug in Dubai finden würde. Beccaro hatte recht – es war eine alte Geschichte. Brianese musste wirklich glauben, ich sei der allerletzte Vollidiot. Ich zog mich aus, kehrte ins Wohnzimmer zurück und setzte mich auf die Sofakante. Martina lächelte mich an und legte mir eine Hand auf die Brust. »Ich habe dich gar nicht hereinkommen hören, verzeih mir. Ich gehe sofort ins Bad und stelle die Cremes raus.« »Nein«, flüsterte ich. »Spinning, Baby, Spinning.« Sie wurde blass. »Was ist passiert?« Ich nahm sie bei der Hand und führte sie in ein Zimmer, in dem nur ein Spinbike stand und daneben ein großer, bequemer, weicher Sessel aus dunkelrotem Leder. Mit einer einzigen Bewegung zog ich ihr das Kleid aus. Sie zitterte. Dann löste ich den BH. »Sag mir wenigstens, was los ist, bitte …« »Steig endlich auf dieses verfluchte Rad!«, schrie ich sie an. Sie gehorchte und begann zu strampeln. Ich ließ mich in den Sessel fallen und genoss die Berührung meiner nackten Haut mit dem Leder. Durch Fingerschnipsen gab ich Martina die Geschwindigkeit vor, mit der sie in die Pedale treten sollte, und lauschte auf das Geräusch des sich drehenden Rades, das imaginäre Kilometer fraß. Nach einer Weile begann ich, mich zu entspannen. Martina glänzte schon vor Schweiß, ihre Haare klebten an den Schläfen. Sie hatte die Augen geschlossen, um sich besser zu konzentrieren. Kurz darauf machte auch ich die Augen zu, um Antworten auf die vielen tausend Fragen zu finden, die in meinem Kopf durcheinanderwirbelten. Ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal mit Sante Brianese, meinem Anwalt, Trauzeugen und bis zu diesem Abend vielleicht eine Art Vaterfigur für mich, aneinandergeraten würde. Ich fühlte mich betrogen, verbittert, niedergeschlagen. Und verwirrt. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich mich weiter verhalten sollte. Plötzlich bemerkte ich, dass meine Frau langsamer wurde. Ich sprang auf und beleidigte sie mit brutaler Präzision. Ich sparte nichts und niemanden aus, bis sie ihre Tränen unterdrückte und zur ursprünglichen Geschwindigkeit zurückkehrte. Ich setzte mich wieder in den Sessel, und in dem Moment wurde mir klar, dass ich keinen endgültigen Bruch mit Brianese wollte. Ich musste einen Weg finden, wie ich ihn dazu bringen konnte, über die Fehler nachzudenken, die er mir gegenüber begangen hatte; er musste dafür sorgen, dass alles wieder ins Lot kam. Früher hätte ich anders reagiert, und der Avvocato wäre ein toter Mann gewesen. Vor meinem geistigen Auge erschienen die Gesichter von Leuten, die mir auf meinem Weg hin zu einem normalen Leben in die Quere gekommen waren und nun nicht mehr unter uns waren. Aber ich war kein Krimineller mehr, der am Rand der Gesellschaft lebte, und Brianese war ein Abgeordneter der Republik. Wir waren lauter brave Bürger, und deshalb konnten die Dinge nur im Dialog miteinander bereinigt werden. Martina hörte plötzlich auf und sank mit einem dumpfen Laut vollkommen entkräftet vom Spinbike. Als ich sie keuchend vor mir liegen sah und beobachtete, wie ihr Brustkorb sich ruckartig hob und senkte, begriff ich, was der beste Weg war, um die Aufmerksamkeit des Avvocato zu wecken. »Fick mich!«, flüsterte sie. »Bitte fick mich!« Ich schob ihren Slip herunter und drang in sie ein. Mit allerletzter Kraft schlang sie die Arme um mich. »Ich bin hier, mein Schatz. Ich bin für dich da.« Sante Brianese lebte in einer eleganten, zweistöckigen Villa unmittelbar hinter einem der mittelalterlichen Stadttore. Im Laufe der Jahre hatte ich genügend Informationen gesammelt, um zu wissen, dass seine Ehefrau morgens als Erste das Haus verließ. Sie ging dann zu ihrem kleinen Modeunternehmen, das sie nie hatte aufgeben wollen, obwohl sie keineswegs arbeiten musste. Wenn der Avvocato nicht gerade in Rom weilte, brach er kurz nach ihr zum Gericht oder zu seiner Kanzlei auf. Die Töchter lebten schon seit einer Weile nicht mehr im Elternhaus. Die ältere hatte einen jungen, aufstrebenden Diplomaten geheiratet, und die jüngere war nach London gezogen, um dort einen Master in Business Administration zu machen. Als ich klingelte, war ich mir sicher, dass nur noch das Dienstmädchen da sein würde. Es war ein sonniger Tag, was meine Sonnenbrille rechtfertigte. Als Verkleidung trug ich eine Schirmmütze und eine Jacke, weshalb man mich für einen Kurierfahrer halten konnte, unter den Arm hatte ich einen dicken wattierten Umschlag geklemmt. In diesem Haus gingen jeden Tag Kuriere ein und aus, daher öffnete mir die Frau, ohne groß nachzudenken. Ich verpasste ihr einen kräftigen Kinnhaken mit dem Schlagring, und sie sackte, noch bevor sie mir ins Gesicht sehen konnte, bewusstlos zu Boden. Ich zerrte sie gleich ins Wohnzimmer und legte sie auf ein mit Damast bezogenes Sofa. Erst da bemerkte ich, dass sie eine richtige Dienstmädchenuniform mit jeder Menge Rüschen trug. Ich zog mir ein Paar Latexhandschuhe über und machte mich auf die Suche nach dem Schlafzimmer der Eheleute Brianese. Im ersten Stock wurde ich fündig. Und wie ich es mir vorgestellt hatte, war es ein opulenter Rausch aus antiken Möbelstücken und Bildern der Venezianischen Schule aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. Ich zog die Schubladen auf und brachte die Unterwäsche in Unordnung, damit sie merkten, dass jemand sie berührt hatte. In den Bädern durchwühlte ich die Schränkchen und schraubte Parfümflakons und Cremetiegel auf, um systematisch die Intimsphäre der Hausbesitzer zu verletzen. Ich nahm einen leichten Trenchcoat des Avvocato aus dem Kleiderschrank, der für den kommenden Herbst bereithing. Ich befreite ihn aus seiner Plastikschutzfolie, zog ihn an und knöpfte ihn bis zum Kinn hoch. Er roch nach Wäscherei. Daraufhin ging ich nach unten. Das Dienstmädchen lag noch immer bewusstlos da. Sie war untersetzt und etwa Mitte vierzig. Ich schob mir wieder den Schlagring über die Finger und schlug ihr damit etwa ein Dutzend Mal ins Gesicht, bis es eine einzige blutige Masse war. Dann riss ich ihr die Schürze ab und tupfte damit das Blut ab, damit ich den Schaden begutachten konnte. Das linke Jochbein war immer noch heil. Mit zwei Fingern schob ich die Lippen auseinander. Ein Großteil der Vorderzähne war noch an ihrem Platz. Eine zuckerarme, vitamin- und getreidereiche Kost hatte sie wohl besonders kräftig gemacht. Sie musste auf dem Land aufgewachsen sein. »Ein verfluchter kerngesunder Bauerntrampel«, knurrte ich verzweifelt, während ich die Faust hob, um mein Werk zu vollenden. Um zu verhindern, dass sie an ihrem eigenen Blut erstickte, drehte ich sie auf den Bauch, nun tropfte es aus ihrem Gesicht auf den antiken Sarough-Teppich. Ich zog den Trenchcoat aus, steckte ihn in die durchsichtige Plastikhülle zurück und hängte ihn wieder an seinen Platz. Im Gehen warf ich noch einen letzten Blick auf die Frau. Ich nahm die Schürze als Souvenir mit und ging zur Arbeit. Beim Aperitif war die Sache Stadtgespräch. Je mehr Alkohol floss, desto drastischer wurden auch die grausamen Details des Übergriffs geschildert. »Sie waren zu viert und haben sie der Reihe nach vergewaltigt«, informierte mich die Frau eines Fleischgroßhändlers, die einen eleganten Silberfuchspelz zur Schau trug. »Verbrecher«, fluchte ich empört. Brianese ließ sich nicht blicken, er war zu sehr damit beschäftigt, Interviews zu geben. Er würde die Situation nutzen, um Themen aufzugreifen, die seiner Partei am Herzen lagen, wie die mangelnde Sicherheit und das Problem der Zigeuneraufnahmelager, Brutstätten für Diebstähle und Einbruchsdelikte. Ich kannte ihn gut genug, um zu wissen, dass er die Journalisten haufenweise Fotos von dem zerschlagenen Gesicht des ukrainischen Dienstmädchens machen lassen würde. Doch er würde bestimmt nichts davon erzählen, dass man in seiner Unterwäsche und den Schminksachen und BHs seiner Frau gewühlt hatte. Er würde auch über die Hintergründe des Übergriffs lügen müssen und einen Raubüberfall erfinden, der nie stattgefunden hatte. Nach außen wäre der Avvocato wie immer der Situation voll gewachsen, während er verzweifelt zu begreifen versuchte, welcher aus den zahllosen Reihen seiner Gegner es gewagt hatte, ihm eine so unmissverständliche Botschaft zu schicken. Der Beginn einer unumgänglichen Rückbesinnung, bis er mit meiner Hilfe zu dem Schluss kommen würde, dass es ein großer Fehler war, mich um zwei Millionen Euro zu betrügen. Martina kam allein. »Was ist mit Gemma?«, fragte ich. »Ihr geht es nicht gut. Sie wollte heute Abend lieber zu Hause bleiben.« Ihre Augen suchten meinen Blick, um darin Spuren von Besorgnis zu erkennen. Sie konnte nicht begreifen, was letzte Nacht geschehen war, aber sie wusste, dass sie keine Erklärungen verlangen durfte. Ich gab dem Barista ein Zeichen, ihr einen Aperitif zu mixen. Mein Mund näherte sich ihrem Ohr und ich flüsterte: »Lass mich so lange bleiben, bis das Abendessen losgeht, dann verschwinden wir und essen heimlich eine Pizza.« Sie lächelte mich strahlend an, und ich widmete mich wieder meinen Gästen. Zwei Reporter des Lokalblatts, die Brianeses Partei favorisierten, brachten die neuesten Nachrichten mit. Das Dienstmädchen war noch nicht in der Lage zu sprechen, aber die Hausbesitzer hatten den Verlust von Schmuck, Bargeld und einer Sammlung alter Münzen angezeigt. Die Ermittler verfolgten bereits die Spuren einer Bande von Moldawiern. Anscheinend war die Frau früher einmal mit einem Vorbestraften liiert gewesen. Die übliche künstlich gelegte Fährte, damit die Presse Futter bekam und die öffentliche Meinung sich etwas beruhigte. Einer der beiden betonte die Großzügigkeit Brianeses, der sich sofort darum gekümmert hatte, dass die Frau von einem der besten Spezialisten für Gesichtstraumatologie behandelt wurde. »Das heißt dann wohl, dass er sie nicht angemeldet hatte«, scherzte im Dialekt ein Bankfilialleiter, der schon zu den Padanos übergelaufen war. Ich nutzte das darauffolgende allgemeine Durcheinander, um mich mit Martina zu verdrücken. Ich hakte mich bei ihr ein, und so bummelten wir unter den Bogengängen entlang und betrachteten flüchtig die Schaufenster. »Dieses Jahr sind die Stiefelmodelle nicht so toll«, sagte ich wie ein Kenner und wiederholte damit einen Satz, den ich bei meiner Runde zwischen den Tischen von einer informierten Kundin gehört hatte. So was machte ich öfter, wenn mir die Themen ausgingen. »Eigentlich hast du doch bloß einen sehr konservativen Geschmack«, sagte Martina und zeigte auf ein kniehohes Paar. »So etwas dürfte ich bloß heimlich tragen.« »Darauf kannst du Gift nehmen. Ich würde dich niemals mit so etwas Hässlichem an den Füßen aus dem Haus lassen.« Auch in der Pizzeria setzten wir unser scherzhaftes Geplänkel fort. Der Eigentümer kam an unseren Tisch und bedankte sich bei mir dafür, dass ich ihm die Ehre erwies, sein Lokal aufzusuchen. Ich sagte daraufhin laut, damit man es auch an den Nebentischen hören konnte, dass seine Pizzen die besten der Stadt seien. Nach diesem Austausch von Höflichkeiten brachte er uns eine Kostprobe vom Büffelmozzarella an den Tisch, den sein Onkel Alfonso herstellte, und von getrockneten Tomaten aus der Produktion irgendeines anderen Verwandten. Martina bestellte ein Bier. »Wir essen hier doch keine Würstel mit Kartoffeln«, zischte ich ihr zu. »Ein Fiano di Avellino passt am besten zum Mozzarella und zu der mit Ricotta gefüllten Pizza Calzone, die du bestellt hast.« »Die Signora hat eine ausgezeichnete Wahl getroffen«, mischte sich der Kellner mit einem starken süditalienischen Akzent ein, der ein feines Gehör haben musste. »Die Pizza ist hier ausgezeichnet, aber die Weine kommen da nicht mit. Außerdem bestellt kaum ein Gast bei uns Wein.« »Dann also Bier«, gab ich nach, während ich mich auf der Suche nach bekannten Gesichtern aus der Gastronomie umsah. Es störte mich, wenn man mich dabei ertappte, wie ich die goldenen Regeln des guten Essens brach. Ich erzählte Martina von dem Überfall in Brianeses Haus, als sie plötzlich mit einer Neuigkeit herausplatzte. »Ich habe mit Gemma gestritten. Es stimmt gar nicht, dass es ihr nicht gut geht.« »Und warum?« »Weil sie in dich verliebt ist.« »Hat sie dir das gesagt?« »Ja. Ich hatte es schon seit längerem vermutet, aber heute Nachmittag habe ich sie am Telefon so lange bedrängt, bis sie es zugegeben hat.« Ich nahm ihre Hand. »Und du bist wütend geworden?« »Nicht nur. Ich bin auch traurig. Sie war meine beste Freundin.« »Warum sprichst du von ihr in der Vergangenheit?« »Ich kann mich nicht mehr mit ihr treffen«, erklärte sie. »Ich könnte die Anspannung nicht ertragen, ständig mit einer Frau Umgang zu haben, die mir den Mann wegnehmen will.« Ich verzog überrascht das Gesicht. »Was ist?«, fragte sie empört. »Siehst du mich etwa mit Gemma herumvögeln?«, fragte ich sie und lachte auf. »Es ist nicht gerade nett, dass du eine derart schlechte Meinung von meinem Frauengeschmack hast.« Sie biss sich auf die Lippe. Und ich nutzte die Gelegenheit, um noch einen draufzusetzen. »Du bist eine ausgesprochen schöne, begehrenswerte Frau. Gemma ist das nun wirklich nicht.« »Entschuldige, ich bin eben immer so unsicher.« Ich änderte meinen Tonfall. »Das ist der springende Punkt. Und ich möchte, dass du noch einmal darüber nachdenkst, wie sehr du mich mit diesem absoluten Mangel an Vertrauen beleidigt hast. Glaubst du wirklich, ich muss eine Möse nur wittern und schon betrüge ich meine Frau? Weißt du überhaupt, wie viele schöne Frauen Tag für Tag ins La Nena kommen?« Martina stammelte Entschuldigungen und verhaspelte sich in sinnlose Erklärungen. Als ich sah, dass sie kurz davor war, in Tränen auszubrechen, legte ich mein Besteck auf den Teller und blickte ihr direkt in die Augen. »Ich liebe dich und ich möchte aus keinem Grund auf der Welt auf dich verzichten. Versöhn dich mit Gemma. Es ist doch völlig unsinnig, eine so schöne und wichtige Freundschaft wegen einer vorübergehenden Unsicherheit zu beenden.« »Du hast recht«, stotterte sie. »Zum Glück haben wir darüber geredet. Jetzt bin ich richtig erleichtert.« Ich war es auch. Schließlich konnte ich es mir nicht leisten, Gemma als Komplizin zu verlieren. Kaum war ich zurück im Restaurant, wo sich meine Frau von mir mit einem Kuss verabschiedete und mich ermahnte, nicht zu spät nach Hause zu kommen, rief ich sofort bei dieser dummen Kuh an. »Was zum Teufel fällt dir ein?« »Warum kommst du nicht her, damit ich es dir erklären kann?« Ich legte auf. Sie war betrunken. Ein gutes Zeichen. Dann würde sie später bereuen, was sie gesagt hatte. Tränen würden fließen und vollkommen überflüssige Worte würden gewechselt, bis alles wieder ins Lot käme zwischen den beiden. Doch jetzt gab es ein anderes Problem: Plötzlich sah ich Gemma mit völlig anderen Augen. Chronisch verunsicherte Vierzigjährige haben mich schon immer gereizt. In dem anderen Leben, vor meiner Beziehung mit Martina, die in der Hinsicht absolut perfekt war, war ich gewaltsam in das Leben verschiedener Frauen eingedrungen, hatte ihre Probleme schamlos ausgenutzt und sie in den Abgrund gezerrt, bis ich schließlich nichts als Trümmer hinterließ, rauchend oder kalt wie der Tod. Ein Leichtes bei meinem Netter-Junge-Gesicht, dem Benehmen eines Gentlemans der alten Schule und meinem Talent zu lügen und seitenweise Drehbücher zu zitieren. Dieser Frauentyp merkt so etwas immer erst dann, wenn es zu spät ist. Um gar nicht erst in Versuchung zu kommen, hatte ich mir die strenge Regel auferlegt, niemals etwas mit den Gästen oder Kellnerinnen des Lokals anzufangen. Zahllose Avancen hatte ich abgewehrt. Der monatliche Blowjob von Nicoletta war rein geschäftlich, damit wurde die Rollenverteilung unter uns Partnern gefestigt, ich hätte niemals wieder etwas mit ihr angefangen. Außerdem war sie nicht mein Typ, sie verschlang die Männer mit Haut und Haaren und spuckte bloß die Knochen wieder aus. Aber jetzt wurde mir Gemmas Unsicherheit auf dem Silbertablett serviert, und ich musste meine Fantasie zügeln. Ich konzentrierte mich auf die Arbeit. Was mir äußerst schwerfiel. Drei Tage später, als Sante Brianese mit federndem Schritt wie immer das La Nena betrat, wurde er dort wie ein Held empfangen. Er hatte die Situation so geschickt genutzt, dass er damit in alle Nachrichtensendungen gekommen war, vor allem jedoch auch in die Nachmittagstalkshows, die von dem Durchschnittswähler seiner Partei am meisten gesehen wurden. Die herzzerreißende Geschichte von der armen Ukrainerin mit dem zerschlagenen Gesicht, der er die beste Behandlung aus eigener Tasche versprochen hatte, berührte ganz Italien. Der Avvocato hatte sich an ihrem Bett ablichten und filmen lassen, durch die jahrelange Erfahrung in Plädoyers und Wahlkampfkundgebungen hatte er sich einmal mehr zu rhetorischen Höhenflügen aufschwingen können. Ich wartete ab, bis der Ansturm der Gäste im Lokal nachließ, dann kam ich hinter dem Tresen vor. Ich umarmte ihn voller Mitgefühl und flüsterte ihm dabei ins Ohr: »Das Geschäft in Dubai hat es also nie gegeben. Es ist eine hässliche Sache, Freunde zu bescheißen, Avvocato.« Ich spürte, wie sein Körper sich versteifte, löste mich so weit von ihm, dass ich in seine vor Erstaunen weit geöffneten Augen sehen konnte, und steckte ihm die Schürze des Hausmädchens in die Manteltasche. Dann ging ich zum Tresen zurück. Als ich mich umdrehte, schlüpfte Brianese gerade zur Tür hinaus. Er würde bald wiederkommen. Bestimmt. Kurz darauf stand Martina in der Tür und winkte mich zu sich. »Was ist los?« »Diese blöde Kuh Gemma schämt sich hereinzukommen«, erklärte sie mir und zeigte nach draußen. Gemma stand etwas verborgen hinter der Säule eines Bogengangs, trippelte mit den Füßen, als ob sie tanzte, allerdings schien sie dabei etwas aus dem Takt geraten zu sein, und sog äußerst gierig den Zigarettenrauch in sich hinein. Ich ging auf sie zu. »Hör mal, ich weiß wirklich nicht …«, stammelte sie. »Morgen hörst du mit dem Rauchen auf!« »Bitte?« »Hast du nicht gesagt, du wärst in mich verliebt?«, erwiderte ich hart. »Frauen, die nach Tabak stinken, kommen für mich nicht in Betracht. Wenn du dich ins Spiel bringen willst, dann solltest du besser spuren.« Ich drehte mich um und ging zu Martina zurück. »Alles in Ordnung, Schatz«, beruhigte ich sie. »Ihr habt den Tisch dort in der Ecke. Ihr müsst ihn euch mit einem Produzenten von Montagnana-Schinken und seiner Frau teilen, aber sie sind nett, ihr werdet euch gut verstehen.« Gemma wich den ganzen Abend meinem Blick aus. Sie war vollkommen durch den Wind. Nun war es an ihr, den nächsten Schritt zu tun. Einerseits hoffte ich, dass sie mir die Tür weit aufmachte und mir so die Möglichkeit bot, mich ihres Lebens zu bemächtigen, ihr die Würde zu nehmen, andererseits hoffte ich, dass sie es nicht täte. Das war das Letzte, was ich brauchen konnte, jetzt wo ich mich mit Brianese wegen der Sache mit den zwei Millionen Euro angelegt hatte. Ich hätte darauf gewettet, dass der Avvocato persönlich erscheinen würde, stattdessen schickte er Ylenia, seine getreue Sekretärin. Sie rückte sich die Designerbrille auf der Nase zurecht. »Der Herr Abgeordnete möchte mit Ihnen reden«, verkündete sie. »Aber er hat eine Sitzung und wird erst sehr spät kommen können. Er bittet Sie, auf ihn zu warten.« »Für den Avvocato bin ich immer da«, antwortete ich genauso gestelzt. Sie ging und stampfte dabei ein wenig mit den Absätzen auf. Es ärgerte sie, dass ich für Brianese nicht den Titel Herr Abgeordneter benutzte, doch der kam mir nicht über die Lippen, ohne dass ich respektlos gewirkt hätte. Es wurde ein Abend voller Überraschungen. Martina winkte mich an ihren Tisch und berichtete mir, Gemma hätte beschlossen, mit dem Rauchen aufzuhören. »Das ist gar nicht so leicht«, erklärte ich, als wäre sie nicht anwesend. »Ich kenne eine Menge Leute, die es nicht geschafft haben.« »Sei doch nicht so negativ«, schimpfte mich Martina. »Du solltest sie lieber ermutigen.« »Nein, er hat recht«, erklärte Gemma. »Aber ich habe mir fest vorgenommen, es zu versuchen.« Dann erschien der Besitzer einer bekannten Enothek. Er setzte sich an den Tresen und bestellte einen Kräuterbitter. Der Barista nahm die Flasche aus dem Regal, doch ich winkte ab, holte den Cognac aus meinem Privatbestand und goss zwei Gläser ein. Der Besitzer der Enothek hatte gerötete Augen und dunkle Schatten unter den Augen, man merkte ihm Sorge und Erschöpfung an. So sah ein Mann aus, der in Schwierigkeiten steckte. Es kostete mich nichts, freundlich zu sein und zu schauen, ob wir uns gegenseitig helfen konnten. »Es passt nicht zu dir, so ein Gesöff zu trinken«, sagte ich, während ich ihm den Cognacschwenker reichte. »Ich habe Probleme mit dem Laden und weiß nicht, wie ich da wieder rauskommen soll«, nuschelte er im Dialekt. »Mein Vater hatte ihn als einfache Weinhandlung eröffnet, und als dann das Geld in Strömen floss und sich hier auf einmal alle als große Kenner aufspielten, habe ich einen vornehmen Namen gewählt und bei der Handelskammer einen Sommelierkurs gemacht …« »Und jetzt bist du einer von den vielen Händlern und Unternehmern, die die Krise eiskalt erwischt hat und die von den Banken fertiggemacht werden, weil sie auf einmal den Geldhahn zudrehen. Einer von denen also, die jetzt mit fünfzig nicht mehr wissen, wovon sie leben sollen, wenn sie ihren Laden dichtmachen«, fasste ich seine Lage leidenschaftslos zusammen, damit er mir jetzt nicht seine ganze Lebensgeschichte auftischte. »Wie kann ich dir helfen?« Er fuhr sich mit der Hand übers Gesicht. »Ich will nicht schließen«, antwortete er mit brüchiger Stimme. »Ich verleih kein Geld, das ich eventuell in den Wind schreiben muss, tut mir leid«, sagte ich ihm. Er schüttelte den Kopf und stürzte den Cognac hinunter. »Ich suche einen Partner.« »Kein Interesse, das La Nena hält mich schon genug auf Trab«, sagte ich. Dann zeigte ich auf einige Blätter Papier, die aus seiner hinteren Hosentasche herausragten. »Ich könnte dir jedoch etwas von deinem Lagerbestand abnehmen.« Er strich die zusammengefaltete Liste auf dem Tresen glatt, und ich überflog sie. Zweifellos alles hochwertige Weine und Spirituosen. »Was machst du mir für einen Preis, wenn ich dir alles abkaufe?« Er nannte eine Summe, die gewiss fair und günstig war, die ich jedoch auf keinen Fall vorhatte, zu bezahlen. Ich gab ihm die Liste zurück. »Ein guter Preis, aber das kann ich mir nicht leisten. Nicht einmal in Raten.« Ich konnte in seinen Augen lesen wie in einem offenen Buch. »Wenn ich die Lieferanten nicht schnell bezahle, wird mir niemand mehr auch nur eine Flasche auf Kredit geben.« »Dann verzichte eben und versuch gar nicht erst, etwas daran zu verdienen. Das kannst du dir nicht leisten.« Er nickte. Die neue Zahl, die er mir nannte, war entschieden annehmbarer. Es gelang mir, ihn noch etwas herunterzuhandeln, und wir besiegelten das Geschäft mit einem Handschlag. Er lehnte ein weiteres Glas Cognac ab und verschwand mit eingezogenem Kopf. Er war nur einer von vielen, die gerade verzweifelt auf der Jagd nach einer Lösung waren, wie sie den eigenen Betrieb retten konnten. Sie hatten zu spät begriffen, dass die fette Zeit zu Ende war, und hatten nicht rechtzeitig vorgesorgt. Mehr als einer von ihnen hatte sich einen Strick um den Hals gelegt oder den Auspuff ins Wageninnere verlängert. Die Zeitungen berichteten darüber, und die Politiker taten so, als würde sie das bekümmern. Hätte ich nicht das Geschäft mit den Nutten, wäre das La Nena ebenfalls mein Ruin, und um nicht wie dieser Kerl zu enden, hätte ich wieder mit der Waffe in der Hand bei den Banken Geld abheben müssen. Noch ein Grund mehr, sich meine Kohle von Brianese zurückzahlen zu lassen. Ich hatte vor einer ganzen Weile die Abrechnung gemacht, Köche und Kellner waren schon gegangen, als der Avvocato sich bückte und unter dem halb heruntergelassenen Rollladen hindurchschlüpfte. Er ließ sich auf einen Barhocker am Tresen fallen. »Sind wir allein?« »Natürlich. Was möchten Sie trinken?« »Nichts. Es ist gut so, danke«, antwortete er, bevor er wieder aufstand und den Nebenraum ansteuerte. Ich goss mir ein Glas ein und folgte ihm in aller Ruhe. »Was zum Teufel glaubst du, mit dem Blutbad zu erreichen, das du bei mir zu Hause veranstaltet hast?«, griff er mich bebend vor Wut an. »Genau das«, erwiderte ich und blieb weiterhin betont gelassen. »Ein ehrliches, offenes Gespräch. Ich sage nicht unter Freunden, aber unter Menschen, die einander respektieren und fair miteinander umgehen.« Er grinste. »Ist das alles?« »Sie haben nicht einen Moment daran gedacht, mir die zwei Millionen zurückzugeben, um die Sie mich mit diesem Fake-Geschäft in Dubai beschissen haben«, erklärte ich. »Sie hätten mir immer wieder Märchen aufgetischt, um mich bei der Stange zu halten. Und zum vorgesehenen Termin hätte ich keinen Cent wiedergesehen. Und wissen Sie, warum?« »Ich bin ganz Ohr«, antwortete er herablassend. »Weil Sie mich fälschlicherweise mit einer ordentlichen Portion an Vorurteilen und Verachtung immer noch für den Mann halten, der ich früher einmal war, den Mann, der mit einer Tasche voller Geld in Ihrer Kanzlei aufgekreuzt ist, um sich das Vorstrafenregister bereinigen zu lassen.« »Wieso, hast du dich etwa verändert?«, versuchte er mich zu provozieren. »Sicher. Nur haben Sie es nicht bemerkt.« »Geh und erzähl das meinem Hausmädchen. Du hast mein Haus in ein Schlachtfeld verwandelt und willst mir jetzt erzählen, dass du ein unschuldiges Lämmchen bist?« »Sicher mehr als Sie. Und es war die einzige Möglichkeit, Ihre Aufmerksamkeit zu erwecken.« »Du bist krank und gefährlich«, zischte er. »In diesem System tut sich keiner weh. Du kannst Geld verlieren, wie es dir passiert ist, deinen guten Ruf oder im Gefängnis landen, aber man endet nicht im Krankenhaus oder auf dem Friedhof. Wir sind hier im Veneto, nicht im Süden!« »Na ja, dann bin ich eben die durchgeknallte Variable in Ihrem Arschlochsystem, Avvocato, und ich versichere Ihnen, dass ich Ihnen nur eine kleine Kostprobe meines fachlichen Könnens auf dem Gebiet der Gewalt gezeigt habe. Sie können sich überhaupt nicht vorstellen, wie gut ich da sein kann …« Er wurde weiß wie ein Laken, doch seine Stimme verriet keine Furcht. »Wag es ja nicht, mir zu drohen!« »Ich denke nicht im Traum daran, sonst hätte ich längst eine lange Reihe Forderungen ausgepackt«, entgegnete ich. »Ich will nur klarstellen, dass Sie von heute an Ihren Verpflichtungen nachkommen werden, die Sie mir gegenüber eingegangen sind.« »Ist das alles?« »Zwei Millionen plus fünfundzwanzig Prozent Zinsen innerhalb eines Jahres.« Er starrte mich eine Weile schweigend an, dann drehte er sich um und ging Richtung Tür. »Avvocato«, rief ich ihm mit schneidender Stimme hinterher. »Das La Nena steht Ihnen wie immer zur Verfügung, aber nicht mehr kostenlos.« »In Ordnung«, sagte er und schlang sich seinen Kaschmirschal um den Hals. »Ich schicke Ylenia zu dir. Sie kümmert sich darum.« »Leck mich doch, Arschloch«, knurrte ich leise vor mich hin. Ich blieb sitzen und genoss meinen Cognac in der Stille des Nebenraums. Ich hatte ihn eingerichtet, damit Brianese in Sicherheit Geschäfte machen und Intrigen gegen seine Feinde aushecken konnte. Ich hätte ihn besser mit Mikrofonen gespickt. Während ich geschäftig hin und her eilte und Flaschen und Teller brachte und holte, hatte ich Gesprächsfetzen aufgeschnappt, mit denen ich, wenn ich sie an den Meistbietenden verkaufte, das Dreifache der Summe hätte herausholen können, die mir der Avvocato schuldete. Da wurde mal das Perkolat einer Deponie ins Meer gekippt, um die Verklappungskosten zu sparen, Schmiergelder wanderten in diverse Taschen, um die Daten der Gesundheitszentren über die durch eine Müllverbrennungsanlage hervorgerufenen Tumore zu fälschen, noch mehr Geld wechselte den Besitzer, um Universitätskoryphäen dazu zu bringen, Kohle und Kernkraft zu unterstützen, man einigte sich auf defekte, jedoch billige künstliche Gelenke, die irgendwann ersetzt werden müssten, weil zwei Operationen eben mehr Geld einbrachten als eine, Gutachten wurden manipuliert, um zwei absolut nutzlose Autobahnabschnitte zu bauen … Einmal hatte ich eingreifen müssen, um zwei Ingenieure zu trennen, beide Inhaber bekannter Büros, die wegen irgendetwas, das mit der Planung eines neuen Krankenhauses zu tun hatte, brutal aufeinander einschlugen. Ich war ein Idiot gewesen. Statt genau wie Brianese ein falsches Spiel zu treiben, hatte ich ihn beschützt, verhätschelt, ja, ich hatte den Zuhälter für ihn gespielt; und das alles nur, damit er mich mit seiner Aufmerksamkeit beehren und das La Nena besuchen würde. Und er hatte es mir damit gedankt, dass er mich um zwei Millionen Euro beschiss. Ich schloss das Lokal ab und ging nach Hause zu Martina und ihren Cremes. Am nächsten Morgen erzählte mir meine Frau lang und breit von Gemma und ihren Bemühungen, ein besseres Leben zu führen. Je länger sie von ihrer Freundin redete, desto erregter wurde ich. Der Versuchung würde ich nicht widerstehen können, ich musste mir nur noch klar darüber werden, wann und wie ich diese Schwelle überschreiten würde. Ich wechselte das Thema. »Wie geht es deinem Vater?« »Unverändert. Ich kann nicht glauben, dass die Forschung nicht in der Lage ist, eine erfolgreiche Therapie zu finden.« Ich sah von meinem Joghurt auf, den ich mir vom Koch zubereiten ließ. »Und ich kann nicht glauben, dass du solche Plattitüden aussprichst.« Sie verzog den Mund, während ich einen Löffel Rohrzucker in den Tee tat. »Ich hatte vor, mich drei Vormittage um ihn zu kümmern, montags, mittwochs und freitags, und Zumba, Pilates mit der Gliding Disc ebenso wie die Massagen und das Joggen auf die Nachmittage zu verlegen.« »Das ist zu viel auf einmal«, erklärte ich und schielte auf den Wochenplan, der am Kühlschrank hing. »Da leidet der Körper darunter. Du wirst das Joggen aufgeben müssen.« Sie sah mich überrascht an. Das hatte sie nicht erwartet. »Ich werde deinen Ernährungsplan ein wenig umstellen, aber eine andere Lösung gibt es nicht«, fügte ich hinzu. »Natürlich wirst du komplett auf Alkohol verzichten müssen, das fiese Zeug verwandelt sich in hässliches, gelbes Fett, das du nie wieder loswürdest.« »Aber ich trinke doch kaum etwas!« »Na, dann wird es dir auch nicht schwerfallen, darauf zu verzichten.« Ich küsste sie und nahm sie ein paar Minuten in den Arm. »Jetzt muss ich wirklich los.« »Ich möchte mit dir in Urlaub fahren. Nur wir beide, an einen Traumstrand …« Mir lief es schon bei dem Gedanken eiskalt den Rücken runter, weil ich mich an unsere Hochzeitsreise in die Südsee erinnerte. »Wenn das La Nena so weit ist, dass ich es allein lassen kann«, warf ich ihr hin und öffnete die Tür. Ich blieb stehen und brauchte mich nicht einmal umzudrehen, um das klarzustellen. »Die Zeiten sind schwierig, und das Letzte, woran ich jetzt denke, ist Urlaub.« Ylenia wartete schon auf mich. Sie stärkte sich mit einem Cappuccino und einem Reistörtchen. Ich ließ mir ein Glas Pfauenziegenmilch vom Biobergbauernhof bringen, die neuste Errungenschaft im La Nena. »Ich habe eine Aufstellung mit den einzelnen Veranstaltungen und einer ersten Kosteneinschätzung als Diskussionsgrundlage vorbereitet«, begann sie und öffnete eine elegante Dokumentenmappe. »Wir erwarten, dass Sie uns bei den Preisen entgegenkommen, als Ihren persönlichen Beitrag zu unserer politischen Kampagne, mit der wir uns für die Positionen unserer Partei in der Region einsetzen.« Ich musterte sie. Trotz des streng geschnittenen Kostüms, der flachen Absätze und der glatten, knapp schulterlangen Haare war sie attraktiv, sie hatte eine zierliche Figur, aber mit Kurven, und ein bisschen kantige, allerdings ansprechende Gesichtszüge. Die Beine waren ihr Schwachpunkt, Knöchel und Waden wirkten plump. Ich erwiderte hochmütig ihren Blick, und in dem Moment erkannte ich, ohne genau zu wissen, warum, dass sie Brianeses Geliebte war. Das hatte ich schon früher vermutet, dann jedoch verworfen. Diese immer perfekt gekleidete, aber ziemlich unscheinbare Dreißigjährige hatte ich nicht weiter beachtet. Ich hatte sie abgehakt als »die Sekretärin, die jeder Chef sich wünscht«: ansehnlich und effektiv. Und auch darin hatte ich mich geirrt. Der große Altersunterschied hatte sie nicht daran gehindert, etwas mit einem Top-Anwalt anzufangen, der seine Prozesse gewann, in die Politik gegangen und noch berühmter und mächtiger geworden war. Ich fragte mich, was sie von seinen Geschäften wusste. Falls sie einfach nur sein Betthäschen war, vielleicht nicht viel, wenn das zwischen ihnen jedoch echte Liebe war, dann war sie seine Vertraute und Komplizin. Ylenia deutete mein Schweigen als Aufforderung, weiter die politischen Ziele der Partei zu erklären. »Sie müssen mich nicht überzeugen«, unterbrach ich sie. »Zeigen Sie mir diese Aufstellung.« Ich befürchtete, dass mir jetzt lange Verhandlungen bevorstanden, doch die vorgeschlagenen Zahlen waren mehr als annehmbar. »Das ist zwar weniger, als ich erwartet habe«, log ich. »Aber wegen der Freundschaft, die mich mit dem Avvocato verbindet, und weil wir alle unseren Beitrag für die Partei leisten müssen, akzeptiere ich ohne weitere Diskussionen.« Sie verzog leicht verächtlich das Gesicht, was mir keineswegs gefiel. Ich bat sie, noch ein paar Minuten zu bleiben, und meinte, dass wir uns doch duzen sollten. Ich packte meinen ganzen Charme aus, alles umsonst. Sie steckte die Papiere ein und stand auf, streckte mir ihre gepflegte und mit Ringen im Wert von mindestens zwanzigtausend Euro geschmückte Hand entgegen. »Auf Wiedersehen«, sagte sie und blickte mir dabei nicht einmal in die Augen. Diese Schlampe weiß viel mehr, als sie sollte, dachte ich. Mein Instinkt als ehemaliger Guerillakämpfer und Räuber, der mir schon öfter den Arsch gerettet hatte, riet mir, Ylenia zu misstrauen, da sie sich als gefährliche Gegnerin erweisen könnte oder, schlimmer noch, als tickende Zeitbombe. Wie dumm ich gewesen war. Ich kannte sie seit ihrem ersten Tag bei Brianese und hatte das nie bemerkt. Ich fertigte einen Vertreter für französischen Käse hastig ab und informierte den alten Kellner, dass ich mal kurz verschwinden müsse. Roby De Palma war Stammgast im La Nena und in anderen Lokalen, in denen Leute mit Geld verkehrten. Er arbeitete als Privatdetektiv – und bekannt zu sein war der beste Weg, um an Jobs zu kommen. Meist kümmerte er sich um ganz banale Fälle. Ich beauftragte ihn zum Beispiel, um meine Angestellten zu überwachen. Einmal, wenn ich sie einstellte, und dann in regelmäßigen Abständen. Ich wollte nicht riskieren, ein faules Ei im Nest zu haben, das den guten Ruf des Lokals ruinierte. Roby war kein Genie, aber er kannte die richtigen Leute und schaffte es so, auch an streng vertrauliche Informationen zu kommen. Ich bestieg ein Taxi und ließ mich zu seinem Büro in einem anonymen Hochhaus im Gewerbegebiet bringen, wo es inzwischen fast nur noch chinesische Import-Export-Firmen gab. Als er mich in sein Büro bat, zeigte er auf die aufgeschlagene Gazzetta dello Sport auf seinem Schreibtisch. »Ich beschäftige mich gerade mit einem wichtigen Fall«, lachte er. Ich setzte mich in einen kleinen Sessel. »Ylenia Mazzonetto«, sagte ich nur. »Brianeses Sekretärin?« »Genau die.« »Was willst du wissen?« »Alles, von dem sie nicht will, dass es jeder weiß.« »Du bringst mich doch nicht in Schwierigkeiten?« »Keine Sorge. Die macht mich eben an, und drum bin ich neugierig.« »Die macht dich an? Ach was, erzähl keinen Scheiß! Sie ist ganz hübsch, aber bei all den scharfen Weibern in deinem Lokal …« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich habe eine Menge Geld in den Wahlkampf gesteckt, und den organisiert sie.« »Das klingt schon besser«, erklärte Roby. »Hast du genug Geld, um mich zu bezahlen? Diese Ermittlung kann sich länger hinziehen.« »Versuch nicht, mich auszunehmen«, warnte ich ihn. »Und vor allem gib meine Informationen nicht an die Padanos weiter. Ich weiß, dass du zu denen übergewechselt bist …« Er tat, als wäre er beleidigt. »Wofür hältst du mich? Du weißt, ich bin Profi.« Er zählte die Scheine in dem Umschlag, den ich ihm gegeben hatte. »Sagen wir das Doppelte, was meinst du?« »Wenn du deinen Job richtig gut gemacht hast«, entgegnete ich und stand auf. »Du solltest auch darüber nachdenken«, sagte er zu mir, während er mich zur Tür brachte. »Den Padanos gehört hier die Zukunft.« Ich breitete die Arme aus. »Ich bin schon zu lange mit Brianese verbunden, und das La Nena wird während des Wahlkampfs sein Showroom sein … Es ist zu spät, es sich anders zu überlegen.« »Aber nicht, um bei denen einzutreten«, erklärte er. »Verdammt, wenn ich bloß an meinen Vater denke, der hatte vier oder fünf verschiedene Parteiausweise, von der DC, der PSI und sogar von der PSDI, da könnte ich dir heute nicht einmal mehr sagen, was das für eine Partei war.« »Ich denk darüber nach«, versprach ich ihm ohne innere Überzeugung. Am Ende eines öden Tages kam der Abgeordnete Brianese ins La Nena, um in Begleitung von Ylenia und Nicola seinen Aperitif zu nehmen. Er verhielt sich wie immer und war mir gegenüber besonders liebenswürdig und höflich. Er überschüttete mich vor allen Anwesenden mit Lob und kündigte an, das La Nena würde ein wichtiger Stützpunkt für die Besprechung von geplanten Kampagnen seiner Partei sein. »Wenn Sie also ein Gläschen in Gesellschaft der Leute trinken wollen, die in der italienischen Politik das Sagen haben, dann müssen Sie einfach hierherkommen.« Dann winkte er mich heran. »Du kannst den Nebenraum freigeben«, sagte er leise. »In Anbetracht der Tatsache, dass das Lokal jetzt so in der Öffentlichkeit steht, werden sich hier zukünftig etliche Journalisten herumtreiben, und da können wir kein Risiko eingehen, die sind ja immer ganz flink dabei, zwei und zwei zusammenzuzählen.« Ich merkte, dass etwas faul war. »Meine Mädchen sollen Ihnen aber noch zur Verfügung stehen, oder?« »Vor den Wahlen sollten wir uns alle besser wie brave Jungs verhalten. Vielleicht später …« Der Avvocato entschuldigte sich, dass er nicht zum Essen bleiben könne, und verließ zusammen mit seinen beiden engsten Mitarbeitern das Lokal. Ich beobachtete, dass Roby De Palma seinen Spritz in einem Zug leerte und sich diskret den dreien anschloss. Mit einem sehr schlauen und nach außen hin unangreifbaren Schachzug hatte Brianese mich von den wichtigen Geschäften ausgeschlossen. Mit der Ausrede, er wolle nicht zusammen mit Leuten gesehen werden, die die Aufmerksamkeit der neugierigen Zeitungsschnüffler erwecken konnten, wollte er verhindern, dass ich Gespräche mitbekam wie das mit Domenico Beccaro, durch das ich alles über den Betrug mit dem Dubai-Geschäft herausgefunden hatte. Allerdings konnte ich mir nicht erklären, warum er nicht mehr auf meine Vermittlung von schönen Mädchen zurückgreifen wollte. Ich war der Einzige, der ihn und seine Kreise vor Klatsch und Skandalen schützen konnte, und ganz gewiss würde es während des Wahlkampfes keiner von denen schaffen, die ganze Zeit seinen Schwanz in der Hose zu lassen. Ich musste so tun, als sei ich überglücklich, dass er mein Lokal zu seinem Stützpunkt erklärt hatte, doch innerlich zitterte ich vor Wut. Der Avvocato beschiss mich weiter fröhlich. Ich zwang mich dennoch, mit einem Lächeln auf den Lippen die übliche Runde zwischen den Tischen zu machen. »Na, Gemma, wie sieht’s aus – kannst du der Versuchung widerstehen, dir eine Zigarette anzuzünden?«, fragte ich, als ich an den Tisch kam, an dem sie zusammen mit Martina saß. »Aber sicher«, antwortete sie stolz. »Stell dir vor, aus Solidarität mit mir und meiner Abstinenz hat sie heute Abend sogar auf einen Aperitif verzichtet«, sagte meine Frau. Ich sah sie überrascht an. »Braves Mädchen!« Dann wandte ich mich an mein liebes Weib: »Wart’s ab, sie hat bestimmt beschlossen, sich einen Mann zu angeln.« Gemma wurde rot, ich tätschelte ihr väterlich die Wange und ging dann weiter zum nächsten Tisch. Ich dachte an Martina, an den Moment, wenn ich ihr sagen würde: »Spinning, Baby, Spinning«, und an die Entspannung, die darauf folgen würde und ich endlich in Ruhe nachdenken könnte. Kurz bevor ich das Lokal schloss, kehrte De Palma zurück. »Die Sekretärin Ylenia vögelt mit dem Herrn Abgeordneten«, verkündete er. »Du kennst doch dieses Boardinghouse, bei dessen Bau man auf besondere Diskretion Wert gelegt hat, wo man mit dem Auto in die Tiefgarage fährt und dann direkt mit dem Aufzug in die Wohnungen gelangt?« Er wartete auf mein bestätigendes Nicken, ehe er fortfuhr. »Es liegt etwas weiter draußen, und die Wohnung läuft auf eine Gesellschaft, die Nasco Costruzione SpA. Offiziell nutzt die das Apartment für ihre Ingenieure, die von außerhalb kommen.« »Und wie hast du das um diese nachtschlafende Zeit herausgefunden?« Er zog sein Handy aus der Anoraktasche. »Ein Telefongespräch mit der richtigen Person.« Die beiden Gesellschafter der Nasco hatten an mehreren Geschäftsessen im Nebenraum mit Brianese teilgenommen und waren dabei auch in den Genuss der Dienste meiner Mädchen gekommen. Aber ich hütete mich, das dem Privatdetektiv auf die Nase zu binden. »Ich wollte nur wissen, ob ich in dieser Richtung weiterermitteln soll«, sagte er. »Warum fragst du mich das?« »Weil ich lieber vorher genau weiß, was du suchst, ehe ich dann irgendwo hineingerate und Dinge herausfinde, mit denen ich nichts zu tun haben will. Das hier stinkt gewaltig nach Ärger und Politikerscheiße, aber ich weiß noch nicht, welcher Gestank überwiegt.« »Du hast dich deutlich ausgedrückt, deshalb werde ich auch Klartext reden. Ich will genau wissen, wie viele Härchen die Signorina Ylenia Mazzonetto rund um ihr reizendes Arschloch hat, und wenn dabei noch etwas anderes ans Licht kommt, dann bin ich bereit, einen Aufpreis zu bezahlen.« »Das ist nicht nötig. Du bist ein guter Kunde, und hier isst und trinkt man bestens.« Er deutete einen lässigen militärischen Gruß an und verließ das Lokal. Hatte ich also richtig gelegen: Brianese und Ylenia hatten ein Verhältnis, und ich fand das erst jetzt heraus. Indem ich mich elf Jahre gezwungen hatte, ein braver, ehrenwerter Bürger zu sein, war ich blind, blauäugig und harmlos geworden. Der Avvocato hatte das haarscharf erfasst und sich gedacht, ich hätte es verdient, um zwei Millionen Euro erleichtert zu werden. Nun hatte ich reagiert, und er war gezwungen gewesen, seine Strategie zu ändern, um mich hinzuhalten, aber seine Botschaft war klar: Er war der Stärkere und würde es immer bleiben. Solche Spielchen interessierten mich nicht, ich wollte gar nicht wissen, wer von uns beiden den Längsten hatte. Mein einziges Ziel war es, mir die zwei Millionen und zweihundertfünzigtausend Euro wiederzubeschaffen, die er mir schuldete. Der Rest des Abends zog sich unendlich. Dabei brauchte ich jetzt ganz dringend Martina und das unablässige Surren des Spinbikes. Endlich machte ich das Lokal dicht und hastete nach Hause, als mir drei Frauen über den Weg liefen, die unbekümmert schwatzend und rauchend spazieren gingen. Ich schlug eine andere Richtung ein. »Ich habe dich nicht erwartet«, sagte Gemma mit einem leichten Zittern in der Stimme. Ich stellte einen Fuß in die Tür und zog ihn gleich darauf wieder zurück. »Darf ich hereinkommen oder muss ich so tun, als wäre ich niemals hier gewesen? Was ist?« Sie schluckte schwer. »Du kannst hereinkommen, wenn du willst.« Ich wiederholte das Manöver mit dem Fuß noch einmal in Zeitlupe. »Dieses Spiel hat andere Regeln: Ich komme bloß herein, wenn du mich darum bittest, und ich versichere dir, wenn ich das tue, dann wird nichts mehr so sein wie vorher.« »Willst du mir Angst einjagen?« »Ich will nur, dass dir klar ist, was dann passieren wird«, raunte ich. »Ich bin der böse Wolf, der Rotkäppchen verschlingt und die Großmutter und den Jäger gleich dazu.« Sie schloss die Augen, um den Schauer zu genießen, der ihr den Rücken hinablief. »Komm schon rein.« Einige Stunden später verließ ich die Wohnung. Gemma kauerte betrunken und weinend auf dem Sofa und rauchte. Meine Frau lag zu Hause ebenfalls auf dem Sofa. Sie musste auf mich gewartet haben und war dabei eingeschlafen. Auf dem großen, teuren Plasmabildschirm lief eine Folge einer alten Fernsehserie. Ich ging duschen, um Gemmas Geruch loszuwerden. »Verzeih mir, dass ich eingeschlafen bin«, entschuldigte sich Martina am nächsten Morgen, während sie mir Kaffee einschenkte. »Aber du musst sehr spät nach Hause gekommen sein, und ich habe dich nicht gehört.« Ich sagte nichts. Sah sie nur an. In Wirklichkeit war ich mit meinen Gedanken ganz woanders. Brianese, dachte ich, würde sich auf gar keinen Fall in die Hand von leichten Mädchen begeben, für deren absolute Diskretion niemand garantieren konnte. Er hatte zu viel zu verlieren, und seine Geschäftspartner waren zum Großteil Leute vom selben Schlag wie Domenico Beccaro, die sich schon mal für Frauen, die so anders waren als die, die sie geheiratet hatten, zu Dummheiten hinreißen ließen und dann wie pubertäre Jungs damit herumprahlten. Meine Escortschönheiten dagegen waren nichts als flüchtige Begegnungen zwischen den Laken unbekannter Häuser, und selbst wenn die Mädchen sich bemühen würden, Orte, Daten und Treffen zu rekonstruieren, würden Bullen und Richter damit ins Leere laufen. Soweit ich wusste, gab es keine Organisation, die ein derartiges Sicherheitslevel bot. Die einzig mögliche Erklärung war, dass Brianese einen seiner Kunden damit beauftragt und ihm die entsprechenden Mittel und Wege beschrieben hatte. Ich packte Martina an den Schultern. »Ich erwarte, dass du das heute Abend wiedergutmachst.« Sie seufzte erleichtert auf. »Aber sicher, mein Schatz. Sag mir, was du möchtest …« Ich wurde etwas laut: »Vielleicht solltest du einfach ein wenig deine Fantasie bemühen, was meinst du?« Nicoletta verabredete sich mit mir in einem Einkaufszentrum einer anderen Provinz, in dem sie einen Termin mit einer ihrer Kundinnen hatte. Sie hatte die Chinesin dabei, die sie Lin getauft hatte, genau wie deren Vorgängerinnen. Für Nicoletta sahen sie alle gleich aus. »Geh Schaufenster angucken«, befahl ich Lin. »Bist du einfach nur schlecht drauf oder gibt es ein Problem?«, fragte meine Partnerin. »Brianese hat uns kaltgestellt. Zumindest bis nach den Wahlen.« »Warum?« »Er hat gesagt, er möchte kein Risiko eingehen.« »Blödsinn«, knurrte sie. »Wenn Wahlkampf ist, rammeln alle wie die Karnickel. Partys, Empfang von Überläufern, Durchstechereien, Dankbarkeitsbekundungen, jeder Anlass ist gut genug …« »Wie auch immer, wir sind raus. Wir müssen eine Entscheidung treffen.« »Also, die Firma auflösen wäre dumm«, entgegnete Nicoletta. »Wir haben die Mädchen, die Wohnungen, wir wissen, wie man was dreht … Am Anfang wird es bestimmt schwer, aber innerhalb von ein paar Monaten könnten wir uns einen ordentlichen Kundenstamm aufbauen.« »Und wer soll das sein?«, fragte ich. »So viele fremde Unternehmer kommen nicht hierher, und ich kann dir keine Gäste aus dem Lokal schicken oder für dich Werbung machen. Das ist der schnellste Weg, um im Knast zu landen.« »Ich habe einiges in die Sache hineingesteckt und kann es mir nicht leisten, alles zu verlieren.« Ich auch nicht, dachte ich und hatte dabei das La Nena im Kopf. »Bald läuft die übliche Zeit der Mädchen ab«, meinte ich. »Zwar sind wir gegenüber dem, was wir anfangs hineingesteckt haben, im Plus, weil wir sie am Ende zum doppelten Preis verkaufen, andererseits muss man sie einkleiden und ihnen alles beibringen … Ich glaube nicht, dass sich der Aufwand lohnt.« »Ganz deiner Meinung. Wir sollten die jetzt einfach behalten, bis die Krise vorbei ist.« Sie bemerkte mein Erstaunen. »Vertrau mir. Ich habe es so gedeichselt, dass ihre Welt aus nichts anderem als aus Schwänzen, Dessous und südamerikanischen und chinesischen Reality-Shows und Soaps besteht. Die wissen rein gar nichts, das sie verkaufen könnten.« Ich war noch nicht wirklich überzeugt, doch im Grunde hatten wir nichts zu verlieren und sollten es vielleicht doch ein paar Monate versuchen. »In Ordnung«, grunzte ich. »Halt mich auf dem Laufenden. Ich schau mich inzwischen nach irgendeinem Politiker um, der Brianese ersetzen könnte, auch wenn ich mir da keine großen Hoffnungen mache.« Auf dem Weg zurück ins Zentrum rechnete ich alles durch. Mit den zusätzlichen Einnahmen durch den Wahlkampf könnte ich die Verluste des La Nena einigermaßen auffangen, aber etwas Geld müsste ich auf jeden Fall noch zuschießen, um plus minus null herauszukommen, da die Nutten auch nicht mehr viel einbrachten. Ein ziemliches Desaster. Meine Zukunft hing immer mehr von dem Geld ab, das Brianese mir zurückzahlen sollte. Drei Tage später erschien Roby De Palma gegen Mittag im La Nena. »Hast du Zeit, später bei mir vorbeizukommen?« »Heute haben wir Pasta e fagioli und Baccalà alla vicentina, dazu einen fantastischen Tocai Rosso«, lockte ich ihn. »Wenn du willst, such dir doch einen Tisch, und wir unterhalten uns dann nach dem Dessert.« Er zeigte auf ein Pärchen, das sich gerade einer Vorspeise aus luftgetrocknetem Pferdeschinken widmete. »Ich setze mich dort drüben hin, der Mann ist Zahnarzt, und ich brauche noch ein paar Füllungen …« Martina war müde. Sie hatte sich den ganzen Vormittag um ihren Vater gekümmert. Sie tat mir leid, und ich sagte dem Kellner Bescheid, er solle ihr eine Scheibe Pinza bringen, ein traditionelles Gebäck aus dem Veneto aus Maisgrieß und Trockenfrüchten. Sie schickte mir einen Kussmund von ihrem Tisch aus. Pünktlich 14 Uhr 30 schloss die Küche, wer danach kam, musste sich mit Tramezzini und anderen kalten Gerichten begnügen. Roby De Palma schlürfte gerade seinen zweiten Grappa, als ich ihm winkte, er solle mir in den Nebenraum folgen. »Hier war ich noch nie«, meinte er. »Das Zimmer war bislang ausschließlich für Unternehmen reserviert, aber jetzt öffne ich es für alle Gäste. Auch die größten Firmen halten zurzeit ihr Geld zusammen.« Der Privatermittler schaltete sein Notebook ein. »Ich lass dir noch einen USB-Stick mit dem Bericht und den Fotos da.« Ich setzte mich neben ihn. »Hast du gefunden, wonach ich gesucht habe?« »Keine Ahnung«, erwiderte er. »Ich weiß nur, dass ich nicht mehr weitersuche.« »Du wirst deine Gründe haben.« »Ich will mir keine Feinde machen«, sagte er. »In diesem Gewerbe komme ich ganz gut über die Runden, wenn ich mich nur in niederen Regionen bewege, verstehst du, was ich meine?« »Bestens.« »Soll ich bei Adam und Eva beginnen oder die Einleitung überspringen?« »Komm auf den Punkt, Roby.« Er klickte auf einen Ordner mit Fotos und begann zu scrollen. Jedes Bild war mit Datum und Ortsangabe versehen. »Unsere Ylenia begleitet Brianese nicht nach Rom, und sie ist auch nie in der Kanzlei«, legte er los. »Sie trifft sich mit einem Haufen Leute überall im Veneto, meistens in der Öffentlichkeit …« »Sie ist eben auf Stimmenfang für ihren Boss.« »Hmm. Aber manchmal verhält sich die Dame schon merkwürdig.« Jetzt wurde er ironisch. »Und die Treffen finden an seltsamen Orten statt wie Fitnessstudios, Kaufhäuser, Parkplätze … Verstehst du jetzt, warum ich hier nicht weiter ermitteln möchte?« Ich wollte gerade etwas erwidern, als ich plötzlich auf einem Foto eine Frau erkannte, die sich mit Ylenia in der Cafeteria einer großen Bücherei außerhalb von Treviso getroffen hatte, und mir gefror das Blut in den Adern, als ich das Datum überprüfte. »Diese Tussi verkehrt schon seit ewigen Zeiten in deinem Lokal«, meinte De Palma. »Und sie ist die Einzige, die nichts mit den Geschäften unseres sauberen Pärchens Brianese-Mazzonetto zu tun hat«, log ich und versuchte, überzeugend zu klingen. »Nicoletta Rizzardi verkauft Dessous an alle Frauen, die sie kennt. Sie versorgt auch regelmäßig meine Frau. Die beiden treffen sich nach ihrem gemeinsamen Pilateskurs.« Ich hatte den Eindruck, De Palma hätte das geschluckt. Er zeigte mir noch ein paar Fotos, die ich höchst zerstreut betrachtete, dann schaltete er das Gerät aus. »Wann zahlst du?«, fragte er in geschäftlichem Ton. »Komm heute Abend auf einen Aperitif vorbei.« Ich begleitete ihn zum Ausgang und nahm meinen Platz an der Kasse ein. Wirklich toll, Nicoletta! Auch meine Partnerin hatte also beschlossen, mich zu bescheißen. Da zermarterte ich mir das Hirn über der Frage, wer wohl Brianese mit Escortgirls versorgt, die den gleichen Sicherheitsstandards genügen könnten wie bei mir, und dabei war ich es selbst. Ich hatte mir auch noch die Nutten abluchsen lassen. Jetzt stand fest, dass der Avvocato alles geplant hatte, entweder, um mich zu ruinieren, oder schlimmer noch, um mich zu vernichten, damit ich ihm nicht mehr schaden konnte, während er in den Genuss meines Kapitals kam. In dem Moment wäre ich liebend gern zu Nicoletta gefahren, um sie mitsamt den Mädchen ins Auto zu verfrachten und den Maltesern einen Besuch abzustatten. Sie wäre auf Nimmerwiedersehen verschwunden, so wie die anderen, die wir uns gehalten und unseren Kunden als Escortgirls verkauft hatten. Doch das wäre ein Fehler gewesen. Einer von vielen. Es war an der Zeit, mich endlich wieder daran zu erinnern, wer ich einmal gewesen war und was ich getan hatte, um mir einen Platz auf der Gewinnerseite des Lebens zu sichern. Ich hatte meinem besten Freund in den Kopf geschossen, hatte betrogen, vergewaltigt, gestohlen und jeden erledigt, der mir auf dem Weg zum Ziel in die Quere gekommen war. Die Leute hier hatten einen anderen Mann kennengelernt, der alles tat, nur um anderen zu gefallen und von ihnen akzeptiert zu werden. Sie hatten nicht den blassesten Schimmer, wozu Giorgio Pellegrini fähig war. 2 Herzkönig Ich investierte ein wenig Zeit, um Nicolettas Verrat aufzudecken. Dazu brauchte ich nur die betreffenden Häuser zu überwachen. Für mich bestand kein Zweifel mehr, als ich beobachtete, wie Brianese mit zwei hohen Beamten aus der Provinzverwaltung und einem bekannten Moderator eines regionalen Senders aus einem Porsche Panamera stieg und meine Partnerin sie am Eingang empfing. Eins war klar, all das, was sie mir antaten, reichte bestimmt nicht aus, um mich unschädlich zu machen. Der entscheidende Schlag stand noch aus, und ich wurde schier wahnsinnig, weil ich nicht daraufkam, welchen Plan sich der Avvocato ausgedacht hatte. Zum Glück hatte der Wahlkampf begonnen, und das La Nena nahm mich voll und ganz in Anspruch. Erst wenn es geschlossen war, kehrten die Gedanken und Albträume zurück, die ich dann auf Martina und Gemma abwälzen musste. Ich neigte dazu, meine Frau zu beschützen, die stets bereit war, sich in Liebe und Hingabe aufzuopfern, und tobte mich an ihrer Freundin aus. Eines Nachts, ich zog mich gerade wieder an, stand Gemma schwankend auf und schaltete die Stereoanlage an. Kurz darauf ertönte aus den Lautsprechern die Stimme von Caterina Caselli: Du hältst dich für Herzkönig und nimmst dir ein Herz, wenn du es willst, behältst es eine Weile nah bei dir und dann lässt du es los. »Mach das aus!«, befahl ich ihr gereizt. »Nein, nein … Hör auf den Text …« Der rauhe Mistral knickt die Blumen hier und dort; du aber knickst das Herz einer Frau, die eigentlich nur ein Mädchen ist, das dir blind vertraut. Das Leben ist ein Strom, der dich immer weiterreißt. Herzkönig, ich möchte wissen, wo dein Herz nur ist … Ich drückte die Aus-Taste. Die Stimme der Caselli erinnerte mich an einen anderen Song, von dem ich glaubte, ich hätte ihn aus meinem Gedächtnis gelöscht. Roberta liebte »Mit dir zusammen bin ich nicht mehr«, das war unser Lied. Auf den Kranz für ihre Beerdigung hatte ich eine Zeile aus dem Chorus schreiben lassen: Arrivederci amore, ciao. Gemma trällerte weiter: Herzkönig, ich möchte wissen, wo dein Herz nur ist und deutete dabei mit dem Finger auf mich. Ich packte sie am Kinn. »Sei still!« »Du bist der Herzkönig, ich weiß es.« »Rede keinen Schwachsinn!« »Und ich weiß, dass du Roberta umgebracht hast.« Ich packte sie an den Haaren und zwang sie so auf die Knie. »Ich durchschaue dein kleines Spielchen, und es gefällt mir überhaupt nicht.« »Sie passte nicht zu dir, sie wusste nicht, dass es nur einen Weg gibt, dich zu lieben, nämlich sich mit Haut und Haaren hinzugeben und in den Abgrund zu stürzen, den du für jede Frau bereithältst, die dich an sich heranlässt.« Ich stieß sie brutal weg und zog meine Hose an. Gemma kroch wieder vor zu meinen Beinen und umklammerte sie. »Bitte, das mit Roberta ist mir völlig egal. Du sollst nur wissen, dass du mit mir machen kannst, was du willst.« »Du bist nur ein Zeitvertreib, Gemma«, stichelte ich weiter. »Martina ist und bleibt die Frau meines Lebens.« »Zeitvertreib, Spielzeug, Puppe, Spielerei, Ablenkung … Ich bin das, was du willst, Herzkönig, Hauptsache, du benutzt mich.« »Sieh mich an!« Ich starrte sie lange an, und das, was ich in ihren Augen sah, löste heftige Erregung in mir aus. Ich schob sie in Richtung Küche, und als sie begriff, was ich vorhatte, lachte sie leise. »Das wird mich zum Wahnsinn treiben, Herzkönig.« Als ich nach Hause kam, war es nach neun Uhr morgens. Martina saß auf einem Stuhl nahe der Eingangstür. Sie sprang auf und lief mir mit Tränen in den Augen entgegen. »Ach, Giorgio, ich habe mir solche Sorgen gemacht.« Ich sagte kein einziges Wort. Sie half mir aus dem Mantel, während sie mir in einem fort vorjammerte, dass die Nacht die Hölle für sie gewesen sei. Als sie ihren Kopf an meine Brust legte, nahm sie plötzlich den Duft einer anderen Frau wahr. Sie erstarrte und wollte weg von mir, aber ich hielt sie fest an mich gedrückt. Vergeblich versuchte sie, sich mir zu entwinden. »Warum tust du mir das an, Giorgio?«, schluchzte sie. »Weil ich dich liebe.« »Du weißt doch, dass du keine anderen Frauen brauchst.« »Das ist eine schwierige Zeit. Aber sie wird vorbeigehen, wenn du an meiner Seite bleibst und mir deine Liebe beweist.« »Es ist schwer zu akzeptieren, dass man nicht die Einzige ist.« »Du wirst stark sein müssen.« Sie weinte einige Minuten. Dann sagte sie: »Hoffentlich kenne ich sie nicht«, und putzte sich die Nase. »Sie benutzt das gleiche Parfüm wie Gemma, aber das ist ja sehr beliebt.« »Lass mir ein Bad ein.« Während Martina mir mit dem Schwamm die Beine abrieb, beschloss ich, dass es nun Zeit für eine kleine Unterredung mit Michail sei. Ich traf ihn an der üblichen Raststätte in der Nähe von Bologna, ließ die Geschichte von der Namensgleichheit mit dem sowjetischen Schriftsteller über mich ergehen, aber als er den Laptop herausholte, um mir den neuen Katalog mit den Mädchen zu zeigen, die er ins Land bringen könnte, erklärte ich ihm, warum ich ihn zu diesem Treffen bestellt hatte. Er dachte einige Minuten über mein Angebot nach, wobei er mir ab und zu einen misstrauischen Blick zuwarf. »Ein ungewöhnlicher Vorschlag«, meinte er. »Andererseits geht es um ziemlich viel Geld.« »Und was ist dann das Problem?« »Das bist du«, entgegnete er. »Hör mal, mit Betrügereien kenne ich mich aus, deshalb begnüge ich mich damit, die Einkünfte von ein paar Huren abzukassieren, sie so zu vermöbeln, dass keine Male zurückbleiben, wenn sie über die Stränge schlagen, und mich von zwei bösen Hexen herumkommandieren zu lassen, die einem stellvertretenden Polizeichef jeden Monat fünfundzwanzigtausend Euro rüberreichen, damit er ihnen seine Leute vom Hals hält …« »Entschuldige, Michail, aber ich weiß nicht, worauf du hinauswillst. Mit mir machst du ja auch Geschäfte und bescheißt dabei deine Chefinnen.« Er schnaubte. »Es macht einfach keinen Spaß, mit euch Norditalienern zu reden … Da kommt nie eine richtige Unterhaltung heraus.« Ich breitete die Arme aus. »Entschuldige, fahr fort …« »Ich kenne Kriminelle wie dich. Solange es nur darum geht, Geld gegen Mädchen einzutauschen, läuft alles glatt, sobald jedoch Gewalt ins Spiel kommt, bist du einer von denen, die am Ende ihren Partner umbringen, um die Beute nicht teilen zu müssen. Verstehst du, was ich sagen will?« Ich sah ihn erst verblüfft an, um dann schallend loszulachen. »Du hast recht, Michail. Genauso bin ich. Doch hier gibt es nichts zu teilen. Wenn du willst, bezahle ich für den Job im Voraus.« »Dann geht es in Ordnung.« Ich brauchte zwanzig Minuten, um ihm meinen Plan genau zu erklären und all seine Fragen zu beantworten. »Du sprichst wirklich gut Italienisch«, sagte ich danach. »Obwohl ich ein Kosak bin?«, witzelte er, ohne weiter darauf einzugehen. Doch ich war nicht blöd und erkannte selbst bei einem Zuhälter, wenn jemand die Universität besucht hatte. Bevor ich ins La Nena ging, fuhr ich bei Nicoletta vorbei. Als ich sah, dass ihr Wagen im Garten parkte, beschloss ich, sie mit meinem Besuch zu überraschen. Mit einer Zigarette im Mundwinkel öffnete sie die Tür und tat so, als freute sie sich, mich zu sehen. »Ist was passiert?«, fragte sie. »Nein. Ich war gerade in der Nähe und dachte mir, bei der Gelegenheit könnten wir mal etwas über unsere Situation reden.« Auf dem Tisch im Wohnzimmer stand ein Computer, er war eingeschaltet, überall lag Papierkram verteilt. »Ich versuche, Ordnung in meine Buchhaltung zu bringen«, erklärte Nicoletta. »Hör mir bloß damit auf. Inzwischen lasse ich alles den Steuerberater machen.« Nicoletta lud mich ein zu bleiben und bot mir etwas zu trinken an. »Und die Mädchen?«, fragte ich. Sie zeigte auf das obere Stockwerk. »Die ruhen sich aus.« Ich lächelte zufrieden. »Also gibt es doch noch ab und zu etwas zu tun.« »Mach dir bloß keine allzu großen Hoffnungen. Das waren vier besoffene Dänen, die wir im Kasino in Venedig aufgegabelt haben.« Ich blickte hinüber zum Fenster. Durch den Store sah man auf die anderen Häuser, die genauso aussahen wie dieses hier. »Ich habe zurzeit sehr viel mit dem La Nena zu tun. Ich glaube kaum, dass ich dir helfen kann, neue Kunden zu finden«, erklärte ich betrübt. Sie legte mir eine Hand auf den Arm und drückte ihn. »Mach dir keine Sorgen. Ich schaff das schon.« Ich stand auf. »Wenn du es dir anders überlegst und das Ganze verkaufen willst, brauche ich nur zwei Tage Vorlauf.« Sie nickte. »Mal sehen, was nach den Wahlen passiert.« Ich küsste sie auf die Wange und ging. Nun hatte ich das Spiel offiziell eröffnet, und zum ersten Mal kehrte bei mir Gelassenheit ein. Am späten Nachmittag war ein Umtrunk mit dem Verteidigungsminister vorgesehen, aber der würde höchstens eine halbe Stunde dauern. Ich rief Martina an. »Was gibt es heute Abend im Theater?« Dann wählte ich Gemmas Nummer. »Hallo, Herzkönig«, begrüßte sie mich. »In ein paar Minuten wird dich Martina anrufen«, kündigte ich ihr an. »Heute Abend gehst du mit uns ins Theater. Benimm dich anständig.« Ich war der perfekte Gentleman. Martina begann, sich zu entspannen, und als wir nach Hause kamen, cremte diesmal ich sie ein und trug sie schließlich zum Bett, wo wir uns leidenschaftlich und zärtlich liebten. Am nächsten Morgen hatte ich die glücklichste Frau auf der Welt vor mir. Gemma tischte ich die Lüge auf, diese Woche gäbe es im La Nena höllisch viel zu tun, deshalb solle sie sich nicht zu viel erwarten. Ich ging nur ein Mal zu ihr und blieb knapp zwei Stunden. Ich machte mir den Spaß, sie mit intimen Fragen zu löchern. Sie wurde verlegen und zögerte mit den Antworten. Ich zeigte auf die Tür. »Ich kann immer noch gehen.« Sie schüttelte den Kopf. Als ich schließlich ging, ließ ich sie vollkommen leer und verwirrt zurück. Das Gefühl kannte ich. Ich hatte diese Methode von einem Bullen namens Anedda aus einer Spezialeinheit gegen Terrorismus gelernt, der auf diese Weise einen Verräter und eine Marionette aus mir gemacht hatte. Am Ende eines öden Tages, an dem ab dem Morgen eine Wahlveranstaltung auf die andere gefolgt war und mir außerdem die Ehre zuteil wurde, Arm in Arm mit ein paar Fernsehsternchen fotografiert zu werden, klingelte mein Handy. Als ich den Namen auf dem Display las, seufzte ich erleichtert. »Hier ist etwas Furchtbares passiert«, schrie Nicoletta verzweifelt. »Du musst sofort zu mir kommen.« »Jetzt beruhige dich mal und erklär mir …« »Das geht nicht, verdammt! Und bitte beeil dich, verdammt, mach schon. Ich weiß nicht mehr weiter!« Breit grinsend legte ich auf. Endlich hatte Michail es durchgezogen. Ich schenkte mir zwei Finger breit Cognac ins Glas, um das Ereignis zu begießen, und unterhielt mich mit einem Beamten einer gewissen Behörde, der seit einiger Zeit im La Nena herumlungerte und auf dessen Stirn in Großbuchstaben geschrieben stand: Ich bin käuflich. Ich ließ mir Zeit, und als meine Geschäftspartnerin mir die Tür öffnete, war sie vollkommen durch den Wind. »Giorgio, verdammt, endlich«, stotterte sie. Im Wohnzimmer sah ich Isabel stöhnend auf dem Sofa liegen, die sich ein blutiges Handtuch auf die rechte Gesichtshälfte presste. Auf dem Rand des Tuchs stand der Name eines Hotels in Chioggia. »Was zum Teufel ist passiert?«, fragte ich. »Ein verrückter Russe hat ihr eins verpasst«, antwortete Nicoletta und zog das Handtuch vom Gesicht der Venezolanerin. »Von wegen eins verpasst«, widersprach ich und betrachtete den Schnitt, der vom Jochbein bis übers Kinn reichte. »Er hat sie komplett verunstaltet.« »Ich weiß nicht, was ich tun soll, Giorgio.« »Zuerst mal hol ein sauberes Handtuch und Eis und dann such nach Schmerzmitteln!« Ich zog die Gummihandschuhe an, die ich zufällig dabei hatte, und sah mir die Wunde genauer an. Michail hatte mich gefragt, wie ich sie haben wollte. »Ausgefranst wie die von einem Metallkamm mit geschliffenen Zinken«, hatte ich geantwortet. »So wie bei der Hure aus dem Film mit Clint Eastwood und Gene Hackman, ich glaub der hieß Unforgiven?« Ich begriff, welchen Film er meinte. Erbarmungslos. »Genau. Ich will, dass du ihr das Gesicht so zerschneidest, genau so will ich sie haben: Sie soll für den Job nicht mehr zu gebrauchen sein.« Der Russe hatte Wort gehalten. Meine Geschäftspartnerin brachte alles, worum ich sie gebeten hatte. Ich gab dem Mädchen ein paar Tabletten und zum Runterspülen eine ziemliche Menge Rum. Dann legte ich ihr das Handtuch mit den Eiswürfeln auf die Wunde. »Halt das so, ja, sehr schön.« »Warum bringt ihr mich nicht sofort ins Krankenhaus?«, protestierte Isabel. »Du musst dich noch etwas gedulden«, sagte ich und nahm die Rumflasche. Nach der Hälfte des dritten Glases wurde sie bewusstlos. »Na endlich!«, schimpfte Nicoletta. »Ich konnte das Gejammer der Schlampe nicht mehr hören.« Ihre Hände zitterten so sehr, dass sie das Feuerzeug nicht ankriegte. Ich nahm es ihr aus der Hand und gab ihr Feuer. »Jetzt erzähl mir alles in Ruhe.« Nicoletta bezahlte den Portier eines Hotels dafür, dass er ihr Kunden für unsere Mädchen besorgte. An dem Abend hatte ein elegant wirkender Russe dort ein Zimmer bezogen, der nach Gesellschaft für die ganze Nacht gefragt und nicht um den Preis gefeilscht hatte. Sie hatte Isabel nach dem Abendessen hingebracht, und der Russe hatte sie anständig durchgevögelt. Doch dann hatte er noch mit ein paar Toys weitermachen wollen, und das Mädchen hatte sich geweigert. Der Typ war deswegen sauer geworden und hatte ihr das Gesicht zerschnitten. »Und dann?« »Der Russe ist abgehauen, und der Portier hat mich angerufen und gesagt, ich soll Isabel wegbringen, während er das Zimmer saubermacht.« »Wo sind die anderen?« Sie wurde blass. Die Mädchen waren mit Leuten aus dem Umfeld von Brianese im Bett, aber das konnte sie mir natürlich nicht sagen. »Bei anderen Kunden«, log sie mich an. »Was für andere Kunden?«, fragte ich. »Was kümmert dich das, verdammt?«, schrie sie. »Merkst du nicht, in was für Schwierigkeiten wir stecken?« Ich redete ganz ruhig mit ihr. »Ich wollte doch nur wissen, ob wir genug Zeit haben, um die Sache in Ordnung zu bringen.« »Sie sind in dem Haus in der Nähe von Vicenza. Ich kann ihnen sagen, sie sollen dort übernachten, und sie morgen Vormittag abholen.« Sie zeigte auf Isabel, die zusammengesunken auf dem Sofa lag. »Was fangen wir jetzt mit der an?« Ich fuhr mir mit der Hand über das Gesicht und tat so, als müsste ich überlegen. »Eins steht fest: In ihrem Zustand können wir sie nicht ins Krankenhaus bringen. Zwei Minuten später wäre die Polizei da und würde uns mit Fragen löchern.« Ich nahm das Handtuch von dem Gesicht der Venezolanerin. »Um dieses Gemetzel wieder in Ordnung zu bringen, braucht es einen Schönheitschirurgen und einen richtig ausgestatteten OP-Saal«, gab ich ihr zu bedenken. »Schade, dass wir nicht mehr mit Brianese im Geschäft sind. Er kennt die richtigen Leute und könnte uns auch mit ein paar Anrufen die Bullen vom Hals halten.« Nicoletta sah mich an, sie schwankte, ob sie mir die Wahrheit erzählen und ihren Verrat auf einem Silbertablett servieren sollte. Doch wie ich mir schon gedacht hatte, tat sie es nicht. Und ich nutzte das aus, um sie in meine Falle zu locken. »Na, also auf dem Markt ist die jedenfalls nichts mehr wert«, sagte ich. »Und wir hätten nichts als Ärger mit ihr, mit ihrer rosa Narbe im Gesicht und ihrem Wunsch nach Rache.« »Wie meinst du das?« »Was glaubst du denn, was passiert, wenn sie auf dem Sofa aufwacht und nicht in einem Krankenhausbett? Sie wird nicht mehr die blöde Kuh sein, die du bis jetzt unter Kontrolle hattest, sondern eine verzweifelte Frau, die alles tun wird, damit sie nicht für den Rest ihres Lebens entstellt bleibt.« Nicoletta brach zusammen. Die Tränen sprudelten nur so aus ihr heraus. »Und was tun wir jetzt, verdammt?« »Wir eliminieren das Problem«, sagte ich mit einem engelsgleichen Lächeln. Nicoletta sprang auf. »Sag mal, spinnst du?«, schrie sie. Ich zog meinen Mantel an und legte mir in aller Ruhe den Schal um, während meine Geschäftspartnerin wie eine Wahnsinnige herumzeterte. Mit dieser heiseren Stimme raubte sie mir den letzten Nerv. Ich winkte ihr zu und ging zur Tür. Sie packte mich am Rücken meines Mantels, um mich am Gehen zu hindern. »Wo willst du hin, du Mistkerl?« Ich verpasste ihr eine. Und gleich nochmal. »Ich gehe nach Hause, um zu schlafen, weil ich den ganzen Tag gearbeitet habe und müde bin«, entgegnete ich. »Bring du doch die Schlampe ins Krankenhaus, und dann sieh mal zu, wie du mit den Bullen klarkommst. Denn die da wird bestimmt von dem Hotel und dem Russen erzählen und dass du sie ins Auto geladen hast, ohne einen Krankenwagen oder die Polizei zu rufen. Und um seinen Arsch zu retten, wird der Portier dich beschuldigen, du hättest ihn geschmiert, damit deine Mädchen sich dort im Hotel prostituieren können. Und das führt sie dann zu den anderen drei Mädchen. Muss ich weiterreden?« Sie schüttelte den Kopf, brach auf dem Sofa zusammen und begann zu wimmern. »Wenn du eine bessere Idee hast …«, fügte ich hinzu. »Wenn nicht … Na dann gibt es keinen anderen Weg, die Sache zu beenden.« »Aber du machst das.« »Kein Problem.« Ich nahm ihr den eleganten Seidenschal ab und legte ihn Isabel um den Hals. Dann drückte ich dem Mädchen ein Knie in den Rücken und begann zu ziehen. Es dauerte kaum eine Minute, und sie war tot. Nicoletta war wie gelähmt. Sie presste die zu Fäusten geballten Hände an den Mund und starrte auf das tote Mädchen. »Du hast sie umgebracht.« »Mit deinem Schal«, erklärte ich ihr, während ich der Toten damit das Handtuch ums Gesicht band. »Was machst du da?« »Ich will keine Blutspuren in deinem Wagen.« Ich ließ mir von ihr die Wagenschlüssel ihres SUVs geben, lud mir Isabel auf den Rücken und legte sie im geräumigen Kofferraum ab. Vor dem Losfahren rief ich den Russen an. »Ich komme gleich mit meiner Freundin.« Michail erwartete mich auf einer abgelegenen Nebenstraße vor den Toren der Stadt. Ich erreichte ihn, nachdem ich etwa zwanzig Minuten durch menschenleere Gegenden gefahren war. »Ich habe schon das Loch ausgehoben«, sagte er. Ich bemerkte die Pistole in seiner Hand, die auf den Boden gerichtet war. »Du vertraust mir wirklich nicht, was?« »Du weißt doch, wie das ist, mein Freund. Das ist der Moment, in dem dich jemand umbringt und du dann neben einer Leiche liegenbleibst. Vielleicht erkennt dann auch noch der Portier eines Hotels euch beide, und die Polizei gibt sich damit zufrieden, dass es sich um eine Liebesgeschichte mit tödlichem Ausgang handelt.« »Schade, dass ich nicht früher daran gedacht habe«, lachte ich und öffnete den Kofferraum des SUVs. Nicoletta hatte sich gefangen. Wie üblich mit einer Zigarette im Mundwinkel packte sie die Sachen der armen Isabel in deren Zimmer im oberen Stockwerk zusammen. Auf einer Kommode entdeckte ich eine Rolle Geldscheine. Ich steckte sie ein. »Die braucht sie nicht mehr.« »Wo hast du sie …« »Willst du das wirklich wissen?« Sie schüttelte den Kopf, wobei Zigarettenasche auf die auf dem Bett aufgestapelten Kleidungsstücke fiel. »Was soll ich den Mädchen erzählen?« »Das Märchen, das alle erleben möchten«, erwiderte ich. »Der Russe hat sich in sie verliebt, hat sie dir abgekauft und nach Moskau mitgenommen, wo sie jetzt ein Luxusleben mit Pelzmänteln, Kaviar, Wodka und Diamanten führt.« »Die Geschichte ist so bescheuert, dass sie sie glauben werden.« Ich beobachtete Nicoletta eine Weile, während sie die Taschen packte. »Ich glaube, du solltest mir jetzt aufmerksam zuhören. Ich möchte, dass zwischen uns alles klar ist.« »Was meinst du damit?« »Eine Reihe von kleinen, aber wichtigen Details«, antwortete ich. »Mit Isabel, die in einem Plastiksack gut geschützt ist, sind dein Schal, ein Handtuch aus deinem Besitz und das vom Hotel begraben.« »Warum drohst du mir? Du weißt doch, dass ich nie reden werde.« »Siehst du? Du hörst mir einfach nicht so aufmerksam zu, wie ich dich gebeten habe«, warf ich ihr vor. »Ich sage dir gerade, dass alle Spuren, die mit dem Mord zusammenhängen, zu dir führen und zwar nur zu dir.« Da zeigte ich ihr meine Hände, die immer noch in Gummihandschuhen steckten. »Ich habe keine Fingerabdrücke hinterlassen, aber du schon. In deinem Wohnzimmer und deinem schönen SUV sind Blutspuren, die du nie ganz verschwinden lassen kannst.« »Aber du hast sie umgebracht.« »Die Beweise sprechen aber dafür, dass du es getan hast«, betonte ich nachdrücklich. »Ich möchte dich noch einmal daran erinnern, dass der Portier gesehen hat, wie du die verletzte Isabel aus dem Hotel geschafft hast. Diese Tatsache würde von jedem Schwurgericht als entscheidend angesehen werden«, fügte ich hinzu, während ich eine Plastiktüte hochhielt, in die ich die Flasche Rum gesteckt hatte, ehe ich zu ihr nach oben gegangen war. »Hier sind deine Fingerabdrücke und die der Toten drauf.« »Mistkerl!«, zischte sie und versuchte, mir die Tüte zu entreißen. Ich schlug ihr mit der Faust in den Magen. Nur ganz leicht, aber hart genug, damit sie ihren Widerstand aufgab. »Warum tust du mir das an?« »Ich vertraue dir, Nicoletta. Wir kennen uns schon lange, sind Geschäftspartner, und um nichts auf der Welt würde ich auf deine Blowjobs verzichten, die zweifellos die besten in der ganzen Stadt sind. Aber Leute ändern sich, und deshalb möchte ich lieber sichergehen, dass du nicht versuchst, mich übers Ohr zu hauen.« Ich warf ihr einen Kuss zu, verließ das Haus und lief im Dunkeln zu meinem Wagen, den ich in einer Nebenstraße abgestellt hatte. Zu Hause, während ich Martina dabei zusah, wie sie ihre Cremes auftrug, dachte ich wieder an Isabel. Seit meinem letzten Mord waren elf Jahre vergangen. Damals hatte ich mir geschworen, dass so etwas nie wieder passieren würde, weil ich überzeugt war, meinem Anrecht auf ein normales Leben könnte nun nichts mehr im Weg stehen. Ich hatte mich geirrt, aber das war nicht meine Schuld. Als Martina den Höhepunkt erreichte, dachte ich darüber nach, dass die ganze Sache keineswegs unangenehm gewesen war. Die Nicoletta Rizzardi, die am folgenden Tag im La Nena erschien, unterschied sich vollkommen von der Person, die ich bislang gekannt hatte. Die Attitüde der harten Frau, die die Männer nach ihrer Pfeife tanzen ließ, war der bitteren Erkenntnis gewichen, dass sie sich in einer ausweglosen Lage befand und ihre Zukunft einzig und allein von meinem Wohlwollen abhing. Es war das erste Mal, dass ich sie ohne Schal um den Hals sah. Ich ließ einen Tisch für zwei im Nebenraum decken. Die zweite Schicht Mittagessen ging gerade zu Ende, und als ich alle Rechnungen gestellt hatte, kam ich zu ihr. Ich war von freundlicher Grausamkeit. »Ich erwarte, dass du sehr, sehr lieb zu mir bist, Nicoletta«, sagte ich honigsüß. Sie riss die Augen auf. »Lieb?« »Bin ich nun der wichtigste Mann in deinem Leben oder nicht?« »Leider ja.« »Deshalb musst du mich lieben oder wenigstens so tun, aber so geschickt, dass ich es nicht merke.« »Hör auf damit, Giorgio, bitte!« Meine Stimme wurde hart. »Glaubst du etwa, ich mache Witze?« Sie starrte mich an. »Nicht im Geringsten.« Eine Kellnerin brachte uns den ersten Gang. Ich hatte Hunger und genoss schweigend die Tagliatelle mit der Fleischsoße vom Sorana-Schwein aus den Colli Berici. Meine Geschäftspartnerin hatte dagegen kaum Appetit. »Wie ist es mit den Mädchen gelaufen?«, fragte ich, während ich mit einem Stück Brot die restliche Fleischsoße auftunkte. »Gut. Sie haben die Geschichte geschluckt.« »Wir müssen Ersatz für Isabel finden.« Nicolettas Augen füllten sich mit Tränen. »Ich kann nicht mehr! Lass uns die Mädchen verkaufen und das Geschäft aufgeben.« Ich ging nicht weiter auf das ein, was sie gesagt hatte. »Nächste Woche ist Karneval. Venedig wird rappelvoll sein, jetzt erzähl mir nicht, dass du nichts geplant hast.« »Doch, da wäre schon was … Aber alles so Vierergeschichten, uns bleibt nicht genug Zeit, ein Mädchen zu finden …« »Versuchen wir’s, sonst musst du eben Isabel ersetzen.« Einen Augenblick lang überlegte sie, ob sie aufstehen und gehen sollte. »Ich bin einundvierzig, Giorgio«, sagte sie dann ruhig. »Meinst du nicht, ich bin ein bisschen zu alt für das Geschäft?« »Du bist eine schöne Frau«, erwiderte ich überzeugt. »Jedenfalls ist das deine Sache.« Sie beugte ihren Kopf über den Teller und schwieg bis zum Dessert. Ich konnte ihre Verzweiflung förmlich riechen. »Da ist noch etwas, worüber ich mit dir sprechen muss und was dich betrifft.« »Und was?« »Wenn ich es dir erzähle, zwingst du mich dann nicht mehr zu Dingen, die ich nicht tun will?«, versuchte sie, mit mir zu handeln. »Es bringt dir sehr viel, wenn du es erfährst.« »Zwingen? Was für ein hässliches Wort. Die Antwort lautet jedenfalls nein.« Sie gab auf. »Brianese hat beschlossen, dich zu linken, nein, das richtige Wort ist wohl eher: vernichten.« Ich zuckte mit den Schultern. »Blödsinn, das glaube ich nicht.« »Das hat mir Ylenia erzählt, seine Sekretärin.« »Ich wusste gar nicht, dass ihr so vertraut miteinander seid.« »Sie hat mich angesprochen …« »Und?«, fragte ich ungeduldig. »Sie hat mir vorgeschlagen, dich bei dem Geschäft mit den Mädchen außen vor zu lassen. Sie hat mir gesagt, du seist sowieso erledigt, weil du gefährlich und unzuverlässig bist.« »Hat sie dir nicht erklärt, warum?« »Nein.« »Aber du hast akzeptiert.« »Du hättest es genauso gemacht. Sie hat mir versichert, nach der Wahl hättest du andere Sorgen und die Mädchen würden dein geringstes Problem sein.« »Was haben sie dir dafür versprochen?« »Insidertipps für Investitionen und eine Stelle als Kulturassessorin in einem Provinzstädtchen.« »Und dann stellst du dich so an, weil du im Karneval mal eben als Nutte arbeiten sollst?« »Es tut mir leid, Giorgio. Ich hätte dir schon früher etwas sagen sollen, ich weiß …« »Du wirst dich weiterhin mit Ylenia treffen und die Mädchen mit Brianeses Leuten ins Bett schicken. Aber ich will alles wissen. Keine Geheimnisse mehr!« »In Ordnung, wie du willst, Giorgio.« Ich stand auf. »Komm noch mal wieder, wenn das Lokal schließt, und hübsch dich auf«, befahl ich ihr. Als Gemma viele Stunden später die Tür zum Nebenraum öffnete und mich mit Nicoletta dort sah, blieb sie einen Augenblick lang überrascht und unentschlossen auf der Schwelle stehen. Dann sagte sie. »Herzkönig, du machst ein richtig böses Mädchen aus mir.« 3 All out Bei den Wahlen fuhren die Padanos einen Erdrutschsieg jenseits aller Erwartungen ein und hatten nun fast die alleinige Macht im Veneto. Für Brianese und seine Partei war das ein herber Schlag, und er war gezwungen, die Verantwortung dafür zu übernehmen wie ein General nach einer verlorenen Schlacht. Er zerriss seine Kleider und bot seine Brust dem Erschießungskommando dar, doch das war nur eine mit den örtlichen Politgrößen abgesprochene Show, die ihm prompt öffentlich die Absolution erteilten und ihm die Aufgabe übertrugen, mit den Wahlgewinnern Posten im Gesundheitswesen und anderen Dezernaten auszuhandeln. Der Avvocato war allerdings auch einer der engagiertesten Unterstützer des Parteichefs und derjenige, der am stärksten im Rampenlicht stand. Deshalb konnte er nun auf keinen anderen Karren aufspringen. Aber das wusste Brianese schon lange. Jede seiner Handlungen war Teil eines großen Plans und darauf ausgerichtet, dass er den Parteichef, ja, die Partei selbst überleben konnte, obwohl er eigentlich ein großer Vertreter der dynastischen Erbfolge war. Die Tochter des Chefs wirkte ziemlich vielversprechend. Die Wahlniederlage schlug sich sofort negativ aufs La Nena nieder, da es als der Ort angesehen wurde, in dem die Wahlschlappe des bürgerlichen Lagers ihren Anfang genommen hatte. Und so suchten nun einige Gäste das Weite. Besonders zum Aperitif, der Zeit, in der man den neuesten Tratsch und Klatsch austauschte, war es zu spüren. Das Restaurant dagegen hielt sich recht gut. Ich versuchte sofort, dem Trend entgegenzuwirken, und Nicoletta heuerte einige weibliche und männliche Dessousmodels an, die nichts anderes zu tun hatten, als sich an der Bar zu zeigen, allerdings ganz gesittet. Und so kam wieder Leben in die abendliche Aperitifstunde. Der lang befürchtete Todesstoß von Seiten Brianeses ließ auf sich warten, und ich entspannte mich, da ich der Überzeugung war, er wäre zu sehr mit der eigenen Schadensbegrenzung beschäftigt. Er hatte sich nicht mehr blicken lassen, genau wie seine Mitarbeiter. Aber ich irrte mich und unterschätzte ihn schon wieder. Am Ende eines öden Tages betrat der Avvocato mit seinem typisch entschiedenen Schritt das La Nena, im Gesicht das übliche, unermüdliche Lächeln. Er war zu allen herzlich und warf mit wohlüberlegt einstudierten Witzen und Anekdoten über die Padanos und die Gegner aus der Mitte-Links-Koalition um sich. Mein Magen geriet in Aufruhr, und ich machte Brianese meine Aufwartung erst, nachdem er mit seiner kleinen Darbietung fertig war. »Willkommen zurück, Avvocato.« Er tat so, als hätte er mich eben erst bemerkt. »Mein lieber Giorgio, wie geht es dir?«, fragte er laut, während er mir herzlich die Hand schüttelte. »Entschuldige, dass ich in letzter Zeit nicht mehr gekommen bin, aber hier im Veneto geht es leider nicht vorwärts, sondern mit Riesenschritten zurück, da bleibt keine Zeit für Freundschaftsbesuche.« Dann nahm er mich am Arm und senkte die Stimme: »Ist der Nebenraum immer noch ›nutzbar‹?« Ich lächelte zufrieden. »Ich habe ihn nie fürs normale Volk freigegeben und auch immer sauber gehalten.« »Perfekt. Ich erwarte drei Unternehmer aus der Gastronomiebranche, die ich dir vorstellen möchte, und würde es sehr schätzen, wenn du zu uns stoßen könntest.« »Es wird mir ein Vergnügen sein, Avvocato.« Dass es tatsächlich kein Vergnügen sein würde, begriff ich erst, als ich sie hereinkommen sah. Mir war sofort klar, das mussten Brianeses Gäste sein. In den letzten Jahren hatte ich beachtliche Erfahrung darin gesammelt, korrupte oder für Bestechung empfängliche Geschäftsleute, Politiker, Fabrikbesitzer, Bauunternehmer, Industrielle zu erkennen und auch die, die in keine der genannten Kategorien passten. Deshalb hatte Brianese nicht an der Bar auf sie warten wollen, sondern war schon in den Nebenraum vorgegangen. Er wollte verhindern, dass irgendjemand sich daran erinnern könnte, sie zusammen gesehen zu haben. Ich musterte die drei auf ihrem Weg zur Theke. Der Erste musste der Chef sein, zumindest ließ der Armani-Anzug darauf schließen. Er war um die fünfundfünfzig, einen Meter fünfundsechzig groß, schmächtig, trug die graumelierten Haare nach hinten gekämmt, hatte eine schmale Nase und dunkle, etwas eng zusammenstehende Augen. Der Zweite war groß und dürr wie eine Bohnenstange und etwa zehn Jahre jünger als der erste Mann. Sein Anzug war zwar maßgeschneidert, aber nicht aus hochwertigem Stoff. Sein weichliches Gesicht sah aus, als käme er direkt aus den Achtzigern, und mit den vorne kurzen, im Nacken längeren Haaren wirkte er, als hätte er bestens in ein Konzert von Spandau Ballet gepasst. Der letzte Mann der Truppe blickte prüfend um sich und ließ sich keine Einzelheit entgehen, als würde alles ihm gehören. Er war der Jüngste, der Arroganteste und wahrscheinlich der Dümmste von den dreien. Er sah dem ersten entfernt ähnlich und trug teure Freizeitkleidung, die deutlich betonen sollte, dass er häufiger Gast im Fitnessstudio war. Leute wie ihn hatte ich im Gefängnishof von San Vittore genügend gesehen. Sie liefen immer in Gruppen herum und glaubten, ihnen gehörte die ganze Welt. Die drei kamen direkt auf mich zu. »Avvocato Brianese«, sagte der Chef. Sie wussten genau, wer ich war, aber sie behandelten mich, als wäre ich irgendein Kellner. Ein schlechtes Zeichen. Ich hob langsam den Zeigefinger und deutete auf die Tür zum Nebenraum. »Er erwartet Sie«, sagte ich im selben Tonfall. Ich winkte eine Kellnerin heran. Sie hieß Agata und war tüchtig und nett, aber vor allem war sie das lebende Kundenverzeichnis des La Nena. Es gab keinen Gast, der nicht in ihrem außergewöhnlichen fotografischen Gedächtnis archiviert wurde. »Hast du die schon mal gesehen?« »Den langen«, antwortete sie prompt. »Er ist in der letzten Zeit drei- oder viermal hier gewesen. Allein.« Ich holte eine Flasche Prosecco aus dem Kühlschrank und ging nach nebenan, um herauszufinden, was drei Scheißmafiosi mit Avvocato Brianese in meinem Lokal wollten. Brianese unterhielt sie gerade mit Lobreden über einen anderen Parlamentarier, dessen Name ich nicht mitbekommen hatte. Ich schenkte ein und wartete schweigend ab. »Das hier ist Giorgio Pellegrini, der Eigentümer.« Er stellte mich vor, weil er beschloss, jetzt sei der Moment gekommen, um über Geschäfte zu sprechen. So erfuhr ich, dass der Chef Giuseppe Palamara hieß und der Jüngere Nilo Palamara, Giuseppes Neffe war. Die Bohnenstange wurde als Buchhalter Tortorelli vorgestellt. »Die Herren hier müssen in der nächsten Zeit beträchtliche Geldsummen über dein Lokal laufen lassen.« Da kam mir die Erleuchtung. Geldwäsche. Sie wollen aus dem La Nena eine Geldwäscherei machen. »Nun gut, ich bin hier so weit fertig«, sagte Brianese und stand auf. »Jetzt habt ihr sicher jede Menge Details zu besprechen, die meine Anwesenheit nicht mehr erfordern.« Die anderen zuckten mit keinem Muskel. Wie es weiterging, stand bereits fest. Ich wartete, bis Brianese an der Tür war, dann ging ich zu ihm. »Warum tun Sie mir das an?« »So lernst du, nicht die Hand deines Herrn zu beißen.« Ich war zu erschüttert, um etwas zu erwidern. »Sobald die da einen Fuß in die Tür bekommen haben, verschwinden sie nie mehr. Sie werden mir das La Nena wegnehmen.« »Das wird nicht passieren«, widersprach er. »Ich habe dir doch gesagt, du bist krank und gefährlich, der durchgeknallte Irrläufer in einem System, in dem andere Regeln gelten. Sie werden dich zwar an der kurzen Leine halten, aber du wirst an deinem Platz bleiben dürfen.« Brianese las Wut und Hass in meinen Augen, und ein Lächeln kräuselte seine Lippen. Er legte mir eine Hand auf die Schulter. »Giorgio, du weißt ja gar nicht, wie glücklich ich gerade bin.« Er öffnete die Tür. Und hatte sie noch nicht ganz geschlossen, da begrüßte er schon wieder jemanden im Gastraum. Ich war nur noch ein abgehaktes Problem. »Komm her, Pellegrini«, befahl Giuseppe Palamara mit seinem starken kalabrischen Akzent. Ich drehte mich um und nahm wieder Platz. Schenkte mir ein Glas ein und kippte es in einem Zug hinunter. »Wir haben Informationen über deine Vergangenheit als Knastbruder eingeholt und wissen, dass du ein Verräter und ein mieses Stück Scheiße bist und nichts anderes kannst, als auf eine arme, wehrlose Frau einzuprügeln«, sagte Giuseppe. »Aber wir wissen auch, dass du nicht so dumm bist, um nicht zu erkennen, wer wir sind und wozu wir fähig sind.« Ich betrachtete die Flasche vor mir. Sie schien wie dafür geschaffen zu sein, dass man diesen Arschlöchern damit die Fresse einschlug. Doch meine Hände bewegten sich nicht von der Stelle, und ich hörte, wie meine Stimme Sklavenworte von sich gab. »Ich weiß, wo mein Platz ist.« »Sehr gut. Also, das Ganze läuft folgendermaßen ab«, erklärte der Chef. »Du führst den Laden weiter, nur dass du von heute an ein Gehalt beziehst und der Buchhalter sich um das Finanzielle kümmern wird.« »Wir geben dir dreitausend im Monat«, ergänzte der junge Nilo. »Sechsunddreißigtausend im Jahr, das ist nicht schlecht und muss dir reichen.« Er klopfte mit der Gabel an sein Glas, damit ich ihn ansah. »Hast du kapiert, Pellegrini? Du darfst nichts tun, was die Aufmerksamkeit der Bullen erregen könnte. Also Schluss mit den Nutten und all dem anderen Scheiß. Ab heute gibt es für dich bloß noch die Arbeit und dein Heim.« »Hast du kapiert, Pellegrini?«, wiederholte Giuseppe. »Ich hab’s kapiert«, antwortete ich. »Und ich versichere euch, dass ihr mir sogar einen Gefallen tut, denn das Lokal macht Verlust, und das ganze Geld, das ich mit den Mädchen verdient habe, musste ich hier reinstecken.« Giuseppe Palamara grinste. »Ab jetzt kümmert sich der Buchhalter um die Abrechnung. Er ist sehr tüchtig und arbeitet hart. Von morgen früh an sitzt er an der Kasse und wird seinen Arsch erst wieder bei Geschäftsschluss von dort wegbewegen.« »Sehr gut. Dann kann ich mich ja ganz dem Lokal widmen.« »Das lob ich mir«, verspottete er mich. »Und jetzt bring uns was zu essen!« »Sie haben mir noch nicht gesagt, für wie lange Sie mein Lokal zu nutzen gedenken.« Die Palamaras wechselten einen spöttischen Blick. »So lange wie nötig«, erwiderte Giuseppe. Das hieß für immer. Nach einer gewissen Zeit würden sie mich überreden, alles zu verkaufen, dann würden sie mich höchstwahrscheinlich kaltmachen, um dem Avvocato einen unausgesprochenen Gefallen zu tun. Ich hatte keine Ahnung, welche Art von Beziehung ihn mit den Kalabriern verband, aber ich bezweifelte, dass er wirklich wusste, mit wem er sich da eingelassen hatte. »Ich möchte den istrischen Malvasia probieren«, machte sich der Buchhalter Tortorelli zum ersten Mal bemerkbar. Bis zu dem Augenblick hatte er die ganze Zeit die Weinkarte studiert, als ob ihn die Ansprache der Palamaras nichts anginge. »Meinen Sie, dass er zu einem Teller bigoli in Sauce passen würde?« »Ich persönlich halte es für sehr gewagt«, antwortete ich professionell. »Ich würde eher zu einem Pinot Grigio aus dem Collio raten.« Er nickte. »In Ordnung.« Ich verließ den Nebenraum und wies Piero, den dienstältesten Kellner, an:»Nimm am Tisch im Nebenraum die Bestellung auf und kümmere dich ums Restaurant. Ich muss etwas erledigen.« Ich ging nach Hause. Mit schnellen Schritten legte ich den Weg zurück. Martina war nicht da. Sie musste noch im Fitnessstudio bei ihrer Zumbastunde sein. Ich zog mich aus und legte meine Sachen ordentlich zusammen, dann ließ ich mich auf den dunkelroten Sessel fallen. Ich weiß nicht, wie lange ich einfach da saß und das Spinbike anstarrte. Endlich kam mein liebes Weib, sagte kein einziges Wort, zog sich aus, stieg auf das Fahrrad und begann zu treten. Das Surren des Rades wirkte wie Medizin auf mich und besänftigte allmählich den Schmerz und die Wut. Die Sonne ging schon unter, als ich das Zimmer verließ, Martina trug ich auf meinen Armen. Sanft legte ich sie in die Badewanne, öffnete den Wasserhahn und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. »Danke, amore mio. Ich komme so bald wie möglich zurück.« Im Lokal war von den Mafiosi nichts mehr zu sehen. Ich informierte das Personal, dass sich ab morgen ein Buchhalter um die Kasse kümmern würde. Sie zuckten nicht mit der Wimper. Das hätten sie selbst dann nicht getan, wenn ich ihnen außerdem angekündigt hätte, dass im La Nena das schmutzige Geld der Kalabrier gewaschen werden sollte. Die Zeiten waren eben so, dass einzig und allein zählte, seinen Job zu behalten. Alles andere war nebensächlich. Ich verbrachte die Nacht mit Nicoletta. Ich war grausam und unerbittlich, aber ich entlockte ihr alle Informationen, selbst die kleinsten Einzelheiten, die sie im Laufe der Zeit über die Kunden meiner Nutten aus Brianeses Umfeld gesammelt hatte. Leider vergeudete ich nur meine Zeit. Ich holte nichts aus ihr heraus, was mir dabei helfen konnte, die Verbindungen zwischen dem Avvocato und den Palamaras zu entschlüsseln. »Sag den Mädchen, sie sollen sich fertigmachen.« »Wollen wir sie loswerden?«, fragte Nicoletta hoffnungsfroh. »Ja. Aber das Geld behalte ich«, antwortete ich. Darauf erwiderte sie nichts. Sie hatte zu viel wiedergutzumachen. Und jetzt, da auch die Mafiosi mitmischten, war sie zu allem für mich bereit, nur um aus diesem Albtraum zu erwachen, in den sie mit Isabels Tod geraten war. Sie hatte immer noch nicht begriffen, dass ich sie niemals so davonkommen lassen würde. Die Lagerhalle der Malteser wirkte noch heruntergekommener als sonst. Das Einzige, das dort drinnen glänzte, war die Karosserie meines Phaetons. »Nur drei?«, fragte mich Petrus Zerafa, der Kopf der Bande, und knetete den Hintern der Chinesin, die sich verängstigt umsah. Die anderen beiden hatte ich im Wagen eingeschlossen. Ein Blick durchs Seitenfenster hatte ihm genügt, um zu entscheiden, dass sie in Ordnung gingen. Lin schien ihm zu wenig Fleisch auf den Rippen zu haben, daher hatte ich sie aussteigen lassen, damit er die Ware begutachten konnte. »Ein Russe hat sich Hals über Kopf in eine von denen verliebt und sie mir abgekauft«, antwortete ich. »Aus wahrer Liebe. Nicht gerade die Hübscheste, aber da war nichts zu machen.« »Wir hatten etwas anderes vereinbart«, protestierte er. »Das kostet dich zehn Prozent.« Etwas in der Art hatte ich erwartet. »Einverstanden. Aber dann legst du mir noch eine Knarre mit Schalldämpfer obendrauf.« Er warf mir einen schiefen Blick zu. »Du siehst für mich gar nicht aus wie so jemand. Hast du Probleme?« »Seh ich aus wie einer, der Probleme hat?«, fragte ich bedrohlich, ganz wie De Niro in Taxi Driver. Er war nicht dumm. »Du kommst mit einer Nutte weniger hier an, und dann willst du, dass ich dir ’ne Waffe besorge? Vielleicht musst du ja was in Ordnung bringen.« »Willst du alles über mein Leben erfahren, oder willst du das Geschäft machen?« Er nickte. »Ich kann dir sofort eine besorgen, aber ich weiß nicht, wie sauber die ist.« Was bedeutete, dass damit geschossen worden war und die Bullen sie mit einem Verbrechen in Verbindung bringen konnten. Absurderweise kam mir das entgegen, obwohl ich damit das Risiko einging, vielleicht für etwas im Knast zu landen, das ich gar nicht begangen hatte. »Das ist kein Problem. Hauptsache, sie funktioniert und hat ein Magazin und Reservemunition.« »Zu viele Kugeln für einen, der niemanden umbringen will«, stieß er ironisch hervor. Er gab einem seiner Chargen ein Zeichen, sich darum zu kümmern, und der Kerl verschwand in einem Gang, der zwischen den aufgetürmten Schachteln freigelassen worden war. Petrus küsste Lin auf den Hals, und ich begriff, dass nun der Moment gekommen war, mich von den Mädchen zu trennen. Ich öffnete die Autotür. »Steigt aus!« Dulce und Violeta hielten einander blass und erschrocken bei der Hand. Ich steckte den Kopf in den Wagen. »Tut, was sie sagen, und es wird schon nicht so schlimm werden«, riet ich ihnen im väterlichen Ton. Von irgendwoher tauchten nun drei weitere Kerle auf, die sie in Empfang nahmen, während Lin beim Chef blieb. Er hatte seine Wahl getroffen. Dann kam der Mann zurück, der die Pistole holen gegangen war. Er überreichte mir einen flachen Karton. Dort drinnen fand ich eine dreißig Jahre alte Beretta vor, die noch gut in Schuss war. Die Munition war neu und von einer zuverlässigen Marke, der Schalldämpfer kunstvoll aus einer Fahrradpumpe angefertigt. Zerafa meinte, ich sollte sie doch mal an einem Stapel alter Reifen testen. Ich steckte den Schalldämpfer auf und drückte dreimal schnell hintereinander ab. Der letzte Schuss klang lauter, der Lauf füllte sich also schnell mit Rauch. Falls ich gezwungen sein würde, ihn zu benutzen, müsste ich aufpassen, nicht zu viele Schüsse hintereinander abzufeuern. Nach so vielen Jahren fühlte es sich seltsam an, wieder eine Waffe in der Hand zu halten. Ich hatte geglaubt, dass sie mir inzwischen fremd geworden wäre, aber meine Hände hatten alle Bewegungen korrekt ausgeführt, und mich hatte wieder das Gefühl von Macht überkommen, das derjenige spürt, der den Finger am Abzug hat. Dulce stieß einen Schrei aus, und man hörte deutlich das Klatschen einer Ohrfeige. Lin machte sich vom Malteser los, warf sich mir an den Hals und flehte mich an, sie »nach Hause« zu bringen. Ich stieß sie weg. Petrus lachte laut und dreckig, und ich erinnerte ihn daran, dass er mich noch bezahlen musste. Er holte aus einer Tasche seiner Jeans eine Rolle mit Fünfhunderteuroscheinen, leckte sich Daumen und Zeigefinger der rechten Hand an und begann zu zählen. Ich hatte Brescia hinter mir gelassen und überquerte gerade die Grenze zwischen der Lombardei und dem Veneto, als mein Handy klingelte. »Was soll ich davon halten?«, fragte Tortorelli verärgert. »Nichts«, antwortete ich ruhig. »Ich beende gerade meine Nebenaktivitäten, ganz so, wie ihr es verlangt habt.« »Wann werde ich die zweifelhafte Ehre haben, dich wiederzusehen?« »Spätestens morgen Nachmittag. Übrigens ist mein Personal bestens in der Lage, das La Nena selbständig zu führen.« »Was trinke ich zu einem Tatar vom Pferd mit Balsamico und Streifen von geräuchertem Ricotta?« »Ein Gewürztraminer passt ausgezeichnet. Das ist zwar nicht gerade orthodox, aber sicher keine Enttäuschung.« »Ich habe mir erlaubt, dem Koch zu sagen, er soll das Rucolabett weglassen. Ich kann es nicht mehr sehen …« »Und was hat der Koch gesagt?« »Er hat gehorcht. Ich habe ihn in dem Glauben gelassen, dass du das so willst.« »Halt dich aus meiner Küche raus, Tortorelli.« »Und du spiel nicht wieder Verstecken mit mir, sonst werde ich hier einiges verändern.« Dann legte ich auf. So ein Scheißkerl. Ich schaltete das Radio ein und drehte lauter, um etwas Dampf abzulassen. Es lief gerade ein Lied von Carla Bruni. Ich verstand eine Zeile, in der es hieß: »Man hat mir gesagt, dass unser Leben nicht viel wert sei.« Sie schien mich zu meinen. Ich streckte eine Hand aus und streichelte den Lauf der Beretta. Wenn ich mir eine Waffe besorgt hatte, bedeutete es, dass ich bereit war, sie auch zu benutzen. Ich hatte keinen Plan, noch nicht einmal klare Vorstellungen. Ich wusste bloß, wenn ich jetzt nichts tat, würde ich alles verlieren und schließlich unter der Erde landen. Brianese hatte mich an die ’Ndrangheta verkauft, um mich zu bestrafen und mich zu kontrollieren. Ich jagte ihm Angst ein, weil ich nicht nach seinen Regeln spielte. Ich konnte immer noch verschwinden und das La Nena, Martina und mein Leben, das ich mir mühsam aufgebaut hatte, aufgeben, doch das kam nicht in Frage. Wenn es eine Angelegenheit zwischen den Palamaras und mir gewesen wäre, wäre ich schon längst abgehauen. Dann hätte ich keine Chance gehabt, irgendwie heil aus der Sache herauszukommen. Aber ich wusste, Brianese war mit von der Partie. Deswegen war mir klar, dass es immer noch einen minimalen Verhandlungsspielraum gab, wie ich mir mein Eigentum zurückholen konnte, auch wenn ich noch keine Ahnung hatte, wie. Ich musste herausfinden, wie ich Brianese dazu zwingen könnte, sich für mich einzusetzen. Außerdem, dies war Italien, und selbst die Mafiosi müssen sich inzwischen irgendwie ans System anpassen. Im Veneto hatte sich die lokale und ausländische Mafia breitgemacht, angelockt vom Reichtum der Gegend und einem wirtschaftlichen Umfeld, das für Geldwäsche wie geschaffen zu sein schien. Es war kein großes Geheimnis, dass sie sich mittels der Vergabe von Wucherkrediten Unternehmen krallten, wobei sie die Eigentümer als willfährige Marionetten in ihren Chefsesseln beließen, während jemand wie Tortorelli das schmutzige Geld wusch und Politiker wie Brianese die richtigen Beziehungen besorgten, damit man in öffentliche Ausschreibungen und spekulative Immobilienobjekte investieren konnte. Ja, um mir die Kalabrier vom Hals zu schaffen, musste ich den Avvocato ins Spiel bringen, seines Zeichens Abgeordneter und mein Trauzeuge. Im Augenblick wiegte er sich in Sicherheit. Er hatte alles berechnet und meinte, ich sei jetzt am Arsch. Vielleicht stimmte das auch, und meine Überlegungen waren pure Illusion. Aber Brianese hatte keine Ahnung, dass ich über seine Beziehung mit Ylenia Bescheid wusste und welche Rolle diese Frau bei seinen Intrigen spielte. Ylenia. Ich wiederholte den Namen leise, stieß ihn zwischen Zähnen und Zunge hervor. Sie konnte der richtige Ansatzpunkt für meine Gegenoffensive sein. Vielleicht hatte ich durch sie eine Chance, mir die zwei Millionen zurückzuholen, die Brianese mir schuldete. Früher einmal war ich Teil einer terroristischen Vereinigung in Italien und einer Guerillatruppe in Mittelamerika gewesen. Vor jeder Aktion trugen wir alle nötigen Informationen zusammen und kümmerten uns um die Logistik, die Fluchtwege und die Notfallpläne. Genauso würde ich diesmal auch vorgehen. Zunächst einmal brauchte ich Unterstützung. Ich konnte zwar auf Nicoletta zählen, aber das genügte nicht. Es war an der Zeit, sich wieder mal mit Michail zu treffen. »In etwa zweihundert Kilometern werde ich wohl einen Tankstopp einlegen müssen«, sagte ich ihm am Handy. »Willst du Fotos meiner Cousinen sehen?« »Nein.« »Na, dann weiß ich nicht, ob ich dich wirklich treffen will.« »Komm schon, beweg deinen trägen Arsch. Ich geb dir auch einen Kaffee aus und quatsch mit dir über sowjetische Literatur.« »Hättest du das Auto nicht woanders parken können, wo es nicht so hell ist?« Ich zeigte auf einen Pfosten mit einer Videokamera obendrauf. »Sie haben noch eine installiert.« Er schnaubte empört auf. »Also gut, was brauchst du diesmal? Soll ich noch ein Grab irgendwo vor den Toren der Stadt schaufeln?« »Ich stecke in Schwierigkeiten, Michail.« »Tut mir leid für dich, nur hoffe ich, das ist nicht mein Problem.« Ich holte das Geld vom Verkauf der Mädchen heraus und legte es neben den Schaltknüppel. Er nahm sich einen Fünfhunderteuroscheinen und steckte ihn sich in die Hemdtasche. »Für die Umstände.« »Ich brauche jemanden, der sich an den Arsch eines Buchhalters der ’Ndrangheta heftet und mir alle Infos liefert, die er kriegen kann«, stieß ich in einem Atemzug hervor. »Willst du etwa die kalabrische Mafia beklauen?« Ich zuckte die Achseln. »Vielleicht, aber im Moment brauche ich bloß Informationen. Die benutzen das La Nena, um ihr dreckiges Geld zu waschen, und ich will sie loswerden.« »Du bist verrückt«, lachte er und streckte die Hand nach dem Türgriff aus. »Ich bin noch nicht fertig. Ich brauche auch jemanden, der nichts zu verlieren hat, zu allem bereit ist, erbarmungslos und nicht gerade auf den Kopf gefallen. Vielleicht einer auf der Flucht, der nicht weiß, wohin er soll.« »Einen all out.« »Ganz genau.« »Der nach Abschluss des Jobs eliminiert wird?« »Richtig. Und du bekämst seinen Anteil.« »Über wie viel reden wir hier?« »Zwanzigtausend für die Überwachung. Fünfzigtausend für den all out.« Ich lauerte auf seine Reaktion. Die Summe schien ihm viel zu niedrig zu sein. »Wenn alles glattgeht, sollte ich noch mal zweihundertfünfzigtausend zurückbekommen«, log ich und dachte dabei an das Geld, das Brianese mir schuldete. »Das nehm ich dir zwar nicht ab, aber wir können uns ja mal die Zeit damit vertreiben, ein paar Überlegungen anzustellen«, sagte er und zündete sich eine Zigarette an. »Hier drinnen wird nicht geraucht!«, rutschte mir heraus. »Du denkst darüber nach, die ’Ndrangheta zu bescheißen und einen umzulegen, der dir blind vertrauen sollte, und dann gehst du mir auf den Sack, weil ich mir in deinem Luxusschlitten eine anstecke?« Ich winkte ab, er solle es gut sein lassen und lieber weiter überlegen. »Die Beschattung kann ich übernehmen«, sagte er. »Vielleicht habe ich auch schon eine Idee, wer der all out sein könnte … Wenn ich alles zusammenrechne, kann ich auf keinen Fall unter zweihunderttausend gehen.« »Du bist dreist.« »Keine Ahnung, was das heißt. Wie auch immer, kann ja sein, dass ich dreist bin, aber du sitzt in der Scheiße.« Er hatte recht. Ich streckte ihm die Hand hin. »Wir sind im Geschäft.« Er schüttelte sie lachend. »Und denk daran, dass ich dir überhaupt nicht traue und du mich nicht linken kannst.« Er nahm das Geldbündel. »Das ist die Anzahlung. Jetzt sag mir, wen ich beschatten soll.« Die Kellner waren überglücklich, mich zu sehen. Tortorelli hatte einen perfekten Fehlstart hingelegt, weil er nicht begriff, dass sie einen Knochenjob machten und dafür Respekt verdienten. In der Küche waren sie noch aufgebrachter. Ich hörte mir alle Klagen geduldig an und glättete die Wogen. Dann ging ich zum Buchhalter. »Jetzt hassen dich alle. Nicht schlecht für den Anfang.« Er starrte fasziniert einer Frau auf den Hintern, die im Gastraum stand, und ich ließ ihm die Freude, schließlich war das eine interessante Information, die mir dabei helfen konnte, ihn besser einzuschätzen. »Sieh mal, Pellegrini, du hast Glück, weil du es mit mir zu tun hast und nicht mit den Palamaras«, murmelte er, fast ohne die Lippen zu bewegen. »Ich bin bloß einer, der rechnen kann, und ich schätze ein ruhiges Leben.« »Dann sehe ich nicht, wo das Problem liegt.« »Ich gehorche auch nur den Befehlen der Kalabrier, ich zähle mehr bei denen als du. Und bei der Art unserer Geschäfte ist die Hierarchie ganz hilfreich, um die Ordnung aufrechtzuerhalten. Keiner hatte dir erlaubt, dich um deinen eigenen Scheiß zu kümmern. Merk dir ein für alle Mal, dass du über alles Bericht erstatten und mich um Erlaubnis fragen musst. Wie ein Angestellter.« »Sonst noch etwas?« »Ja.« »In Ordnung. Es wird nicht mehr vorkommen, aber du halt dich raus aus der Führung des Lokals.« »Was eigentlich schade ist, hier gäbe es einiges zu verbessern.« Ich überhörte die Spitze. Der Buchhalter hatte mir unabsichtlich noch eine wichtige Information geliefert; dass nämlich laut Plan der Kalabrier er meinen Platz einnehmen sollte. Dieser Tortorelli hatte also Ambitionen. Ansonsten stellte er mich vor Rätsel. Wie zum Teufel passte er ins Bild? Über eine Stunde musste ich ihm dann auf seine ziemlich unverschämten Fragen Rede und Antwort stehen. Als er mich schließlich fragte, welchen Wein ich zu Blue Stilton empfehlen könnte, riet ich ihm absichtlich zu einem, der überhaupt nicht dazu passte. Vielleicht nahm ihm das endlich die Lust, mir auf den Sack zu gehen. Kurz vor der abendlichen Aperitifzeit kam Nicoletta mit der Eigentümerin einer Dessousboutique vorbei, um ihren Durst mit einem Biokarottensmoothie zu stillen. Ich beobachtete Tortorelli in der Hoffnung, er würde sich für sie interessieren. Sie ließ ihn nicht nur völlig kalt, er machte auch eine witzige Bemerkung, damit ich merkte, dass er über ihre Rolle im Geschäft mit den Nutten genau Bescheid wusste. Brianese hatte ihn gut mit Informationen gefüttert. Zur vereinbarten Zeit kam der Russe. Er trank einen Spritz und prägte sich die Züge des Buchhalters genau ein. Kurz darauf schneiten auch Martina und Gemma herein, und ich war gezwungen, sie Tortorelli vorzustellen. Der Buchhalter der ’Ndrangheta war höflich und galant und ließ sich gern überreden, sich zu ihnen an den Tisch zu setzen. Das Lokal war voll, und ich musste mich um die Gäste kümmern, nahm mir aber vor, die Damen bei nächster Gelegenheit bis ins Kleinste auszuhorchen. Eine knappe Stunde später bemerkte ich, wie Gemma aufstand, um zur Toilette zu gehen. Sie veränderte sich, ja, sie bewegte sich jetzt sogar anders. Es tat ihr augenscheinlich gut, sich in den Abgrund meiner finstersten Wünsche zu stürzen. Schade, dass ich diese Nacht zu Martina heimkehren musste. Als ich Tortorelli an der Kasse ablöste, während er zu Abend aß, versuchte ich, Spuren der Geldwäsche zu finden. Ich war neugierig, wie das Ganze funktionierte, doch mir fiel nichts Ungewöhnliches auf. Auch als nach Feierabend die Abrechnung gemacht wurde, hielt ich vergebens Ausschau. »Denk daran, dass wir morgen früh mit deinem Steuerberater verabredet sind, damit die Unterlagen ab jetzt durch meine Hände gehen«, sagte er, ehe er ging. Ich sah ihm durchs Fenster hinterher, wie er sich entfernte. Die Tageseinnahmen trug er in einer billigen Aktentasche unter dem Arm. Ab diesem Abend würde er sie immer in den Nachttresor bringen. Er wirkte wie irgendein harmloser langer Lulatsch, der durch die Stadt bummelte. Vor meinem Haus stieß ich auf Nicoletta, die in ihrem Auto saß und rauchte. Ich trat ans Seitenfenster. »Ylenia ist sauer, weil sie erfahren hat, dass wir ihrem Boss keine Nutten mehr zur Verfügung stellen, und hat unsere Vereinbarungen aufgekündigt. Das war’s dann mit dem Assessorposten.« »Den hättest du sowieso nie bekommen. Brianese hat den Kalabriern auch von dir erzählt. Du hängst zu tief mit drin, als dass sie dich frei herumlaufen lassen.« »So ein Arschloch!«, zischte sie und warf die Kippe auf den Boden. »Das kannst du laut sagen. Und mit so jemandem hast du gemeinsame Sache gemacht.« »Fang nicht wieder davon an, Giorgio.« »Ich tue, was ich will, Nicoletta«, stellte ich klar. »Sag mir lieber, was du von Tortorelli hältst.« »Keine Ahnung, ich müsste ihn ein bisschen besser kennenlernen.« »Der lässt dich nicht an sich heran«, meinte ich barsch und gab ihr einen Zettel mit der Anschrift des Boardinghouse, in dem Brianese sich mit Ylenia traf. »Denk dir was aus, wie ich da reinkomme. Am besten mietest du eine Wohnung. Benutz die Agentur deines Bruders, fick mit allen Hausbewohnern, aber komm nicht mit leeren Händen zu mir!« Sie steckte sich wieder eine Zigarette zwischen die Lippen. »Ich habe das Haus zum Verkauf ausgeschrieben.« »Warum das denn?« Sie sah mich an, als käme ich von einem anderen Planeten. »Auf meinem Sofa ist ein Mädchen gestorben. Hast du das schon wieder vergessen?« »Und deswegen hältst du dich zurzeit nicht so gern dort auf?« »Ich komme bloß noch zum Schlafen hin.« »Dann zieh doch zu Gemma.« Sie schnaubte verächtlich. »Die hat vielleicht seltsame Ideen, lieber nicht.« »Das war kein Vorschlag, Nicoletta, sondern ein Befehl.« Sie startete den Wagen und fuhr ohne ein Wort los. Tortorelli hatte schon recht, was die Wichtigkeit von Hierarchien anbelangte. Es gab auch eine, in der ich meinen Frust abbauen konnte. Er benutzte meinen Status als sein Untergebener, und ich nutzte den von Nicoletta. Von Martina. Und von Gemma. Hierarchien waren unabdingbar fürs Überleben. Nur der am unteren Ende der Pyramide war am Arsch. Deswegen war es so wichtig, in dieser Welt den richtigen Platz zu finden. Egal um welchen Preis. Martina fragte mich, ob wir nicht mal eine Nacht auf das Ritual mit dem Eincremen verzichten könnten. »Warum?« »Ich möchte gemeinsam mit dir auf dem Bett liegen und dich umarmen«, erwiderte sie mit zitternder Stimme. »Ich habe mir solche Sorgen gemacht.« Ich beruhigte sie. »Keine andere Frau. Nur Geschäfte.« Sie presste sich heftig an mich. »Aber jetzt bist du ja hier, das ist das Einzige, was zählt.« »Reden wir ein wenig«, schlug ich vor, weil ich wusste, dass ich sie damit glücklich machte. Geschickt lotste ich sie zu dem Thema, das mich interessierte. »Wie geht es deinem Vater?« »Sein Zustand verschlechtert sich laufend.« »Das tut mir leid«, sagte ich und seufzte mitleidig. »Ich habe lange über die Situation nachgedacht, weil auch das Leben deiner Mutter und deiner Schwestern durch seine Krankheit stark beeinträchtigt wird, und ich glaube, man sollte jetzt einen Weg finden, ihnen das Leben zu erleichtern.« Sie stützte sich auf die Ellbogen und sah mich an. »Was meinst du damit?« »Ich habe einen Arzt, einen Stammgast des Lokals, gebeten, sich zu informieren, welches das beste Institut in Europa für solche Fälle ist, und er hat diese Klinik in Deutschland genannt, in Lahnstein. Anscheinend bewirken sie dort Wunder.« »Das wäre schön.« »Ich finanziere die Sache, und du und deine Mutter, ihr bringt den Papa nach Deutschland. Dort gibt es auch Apartmenthäuser, die Wohnungen an die Angehörigen von Patienten vermieten.« Martina weinte gerührt, und ich dankte im Stillen dem Internet. Ich hatte nicht gewusst, wie ich mein geliebtes Weib aus der Schusslinie bringen sollte. Deshalb war mir die Idee gekommen, man könnte vielleicht die Krankheit ihres Vaters dafür benutzen. Ich hatte »Alzheimer« gegoogelt und nach einer Klinik gesucht, die irgendwo abgeschieden in der Provinz lag. Und hatte sie in einer Kleinstadt in Rheinland-Pfalz gefunden. »Aber dann wären wir ja lange Zeit weit weg. Für mindestens einen Monat, wenn nicht mehr«, sorgte sie sich. »Und du hast das La Nena, wo du …« Ich legte ihr einen Finger auf die Lippen. »Du machst dir doch bloß Sorgen, dass ich mit anderen Frauen ins Bett gehe. Das Thema haben wir schon längst abgehakt, oder irre ich mich da?« »Nein, du hast ja recht.« »Und was hattest du mir versprochen?« »Dass ich stark sein werde.« Ich küsste sie. »Du weißt, dass ich nur dich liebe, mein Kleines.« Dann löste ich mich von ihr und suchte eine bequeme Schlafposition. Martina hatte sich etwas anderes erwartet, und meine abweisende Haltung versetzte sie in Unruhe. Na ja, nur ein wenig. Morgen früh würde sie herauszufinden versuchen, ob sie mich mit irgendetwas, das sie gesagt oder getan hatte, verärgert hatte. Und ich würde ihr absichtlich ausweichen oder ein finsteres Gesicht ziehen. Das versprach einen guten Einstieg in den Tag, bevor ich mich mit diesem verdammten Buchhalter herumärgern musste. Als wir das Büro meines Steuerberaters verließen, informierte Tortorelli mich, dass ich alle Lieferanten wechseln würde, und zog aus seiner Innentasche eine Liste mit den neuen Namen, von denen ich keinen einzigen kannte. »Sind die denn gut?«, fragte ich blauäugig. »Aus unserer Sicht sind es die besten, Pellegrini.« »Wenn darunter die Qualität des Restaurants leidet, betrifft uns das alle.« »Nein, eigentlich nur dich«, antwortete er emotionslos. »Denn damit beweist du bloß, dass du mit der Führung des Lokals überfordert bist. Uns kommt es sogar entgegen, wenn die Gäste weniger werden, dann reduzieren sich Kosten und Personal.« Er packte mich am Arm und zwang mich, die Straße zu überqueren und mit ihm einen Kaffee in einer Bar zu trinken, die von Chinesen geführt wurde. Sie war beinahe leer bis auf ein Paar hinter dem Tresen, ein anderes Schlitzauge, das vor einem Geldspielautomaten herumlungerte, und mehrere alte Männer, die an einem Tisch saßen und Karten spielten. Er zeigte mir die Anzahl der Kunden auf dem Kassenzettel. »Die tun nicht einmal so, als hätten sie wenigstens einen einigermaßen glaubwürdigen Umsatz«, erklärte er. »Sie waschen hier eine Million und wissen schon vorher, dass sie dabei dreißig Prozent in den Wind schreiben. Nach einem halben Jahr geben sie das Lokal an Italiener ab, und es läuft wieder. Wir arbeiten anders und verlieren dabei höchstens fünfzehn Prozent, die wir aber wieder einnehmen, indem wir die gewonnene Summe in die öffentliche Hand investieren.« »Ich kann dir nicht ganz folgen.« »Mit dir zu reden, ist immer verschwendete Zeit, Pellegrini, ich weiß. Du musst nur begreifen, dass wir keine Chinesen sind und dass Geldwaschen nicht so einfach ist. Es ist eine Kunst und Wissenschaft für sich.« Wir gingen ins La Nena zurück, und innerhalb von ein paar Stunden wurde mir bewusst, dass ich zum ersten Mal ein Strohmann war. Scham und eine unerträgliche Verlegenheit erfüllten mich. Mir blieb nur eine Hoffnung: Ich musste auf die Beschleunigung der Ereignisse setzen, die immer dann beginnt, wenn das Verbrechen sich in den Alltag drängt. Elf Jahre lang war nichts Einschneidendes passiert. Dann überschlugen sich auf einmal die Ereignisse, angefangen bei den zwei Millionen Euro, um die mich Brianese gebracht hatte, und diese Vorkommnisse hatten mein Leben so negativ verändert, dass mir sogar die totale Vernichtung drohte. Es war nur eine Frage der Zeit. Und nun würde meine kriminelle Gegenaktion eine weitere, unvorhersehbare Beschleunigung der Ereignisse auslösen. Verbrechen war meine Wissenschaft und Töten meine Kunst. Seufzend hoffte ich, Tortorelli bald beweisen zu können, wie genau und gut ich mich darauf verstand. Am nächsten Tag geschah etwas Entscheidendes, als ich einen Anruf von einem meiner Bankberater, einem Investmentspezialisten, erhielt, der mich wegen der kontinuierlichen Steigerung der Einkünfte um etwa tausend Euro pro Tag beglückwünschte, und um einen Termin bat, weil er mir einen Finanzplan vorlegen wollte. So fand ich heraus, dass Tortorelli jedes Mal, wenn er die Einnahmen zum Nachttresor brachte, Geld hinzufügte. Ungefähr dreißigtausend Euro pro Monat. Noch mehr kamen durch das Netz seiner Lieferanten hinzu. So konnten die Palamaras eine oder sogar anderthalb Millionen Euro pro Jahr waschen. Das Geld musste natürlich aus anderen Quellen stammen, sonst hätte es keinen Sinn gehabt, ein Lokal zu übernehmen und dort einen ihrer Leute hinzusetzen. Doch das Interessante für mich war, dass Tortorelli über eine Kasse verfügte, aus der er Geld entnehmen konnte. Und das brachte mich sofort auf den Gedanken, dass Kassen dazu da waren, gefüllt oder geleert zu werden. Michail meldete sich an einem Nachmittag, vier Tage später. Ich musste schwer schlucken und mir sank das Herz in die Hose bei dem Gedanken an Tortorellis zu erwartendes Grinsen, doch mir blieb nichts anderes übrig, ich musste den Buchhalter um Erlaubnis bitten, das Lokal verlassen zu dürfen. »Was hast du denn schon so Wichtiges zu tun?«, zog mich dieser Mistkerl mit großem Vergnügen auf. »Familiäre Probleme.« »Na gut, wenn es um die Familie geht, verschwinde ruhig, aber sieh zu, dass du fürs Abendgeschäft zurück bist. Ich habe keine Lust, mir hier den Arsch aufzureißen.« Als ich auf die Autobahn fuhr, fing es an zu regnen, und kurz darauf hagelte es. Ich trat aufs Gas und machte mich auf die Suche nach einer Brücke, wo ich den Wagen unterstellen konnte. Nach ein paar Kilometern mit hundertsechzig oder hundertsiebzig Sachen fand ich eine, aber für meinen Schlitten war das zu spät. Ich setzte mich wieder in den Wagen und scherte mich nicht weiter um die Eiskörner. Die Werkstattrechnung würden mein ehemaliger Anwalt oder die Palamaras bezahlen. Die Raststätte war voller als sonst. Kaum hatte ich den Wagen abgestellt, öffnete der Russe schon die Autotür und setzte sich neben mich. »Ein Luxuswagen ist nur schön, wenn er vollkommen ist«, philosophierte er. »Sonst ist er ein Schandfleck in der Landschaft und weckt die angeborene Schwermut von uns Russen.« Ich rieb mir die Augen. »Du hast mir doch was Besseres zu erzählen, stimmt’s, Michail?« Der Russe grinste. »Tortorelli kommt aus Pero, Provinz Mailand«, begann er. »Er hat keine Vorstrafen. Seine Firma für Betriebscatering ist vor drei Jahren in Konkurs gegangen. Er lebt getrennt und hat zwei Kinder, die auf die höhere Schule gehen. Seine Ex hat sich mit einem Kleinunternehmer aus der Gegend ein neues Leben aufgebaut.« »Hast du dir die Informationen von dem Polizeifritzen geben lassen, der deine Neapolitanerinnen beschützt?« »Ich habe ihn um einen Gefallen gebeten«, gab er zu. »Das scheint mir alles nicht so wichtig zu sein.« »Na ja, es hilft, unseren Mann besser einzuschätzen«, rechtfertigte er sich. »Er bewohnt hier in der Stadt eine Suite in einem Hotel, das von einer mit den Palamaras verbundenen Firma geleitet wird.« »Welches?« »Das Negresco Palace.« Das Hotel kannte ich. Es war erst kürzlich eröffnet worden, so ein anonymer Vier-Sterne-Glas-Beton-Kasten zwischen Stadtrand und Autobahn. Seit man die Ausstellungsfläche der Messe erweitert hatte, waren in letzter Zeit in dieser Gegend einige solche Bauten hochgezogen worden. Ich fragte mich, ob er dort den Safe der Kalabrier aufbewahrte. »Der Buchhalter hält sich eigentlich immer in deinem Restaurant auf«, fuhr der Russe fort. »Ich bin ihm nachts und morgens gefolgt, was nicht weiter schwer war, er ist ein Gewohnheitsmensch. Wenn er das La Nena verlässt, geht er zu Fuß zur Piazza Vittoria di Lepanto, besteigt dort ein Taxi und fährt zum Negresco Palace. Am Morgen lässt er sich wieder zur Piazza bringen, macht ein paar Besorgungen und geht danach zur Arbeit.« »Und er vögelt nie?« »Er lässt sich Nutten aufs Zimmer kommen.« »Ist das alles? Mehr hast du nicht herausgefunden?«, fragte ich entmutigt. »Doch, eine Abweichung vom Programm gibt es«, erzählte mir der Russe nun doch. »Das Taxi, das ihn montags auf der Piazza aufgabelt, ist gar keins, sondern ein Wagen mit Fahrer von einem Limousinenservice.« »Also ein privates Auto.« Michails Mund verzog sich zu einem scheinheiligen Grinsen. Einen Augenblick lang erinnerte er mich an einen französischen Schauspieler. »Es ist immer derselbe Chauffeur und derselbe Wagen, ein Lexus in Graumetallic. Das Seltsame daran ist, dass der eigens aus Mailand kommt, nur um Tortorelli ins Hotel zu fahren.« »Woher hast du das?« »Ich bin ihm gefolgt. Er hat den Buchhalter abgesetzt und ist dann sofort zur Zentrale zurückgekehrt.« »Weißt du, was ich glaube? Dieser Chauffeur ist so ein netter Mensch, dass er noch mehr von der Sorte Tortorellis fährt und dabei Umschläge voller Geldscheine verteilt.« »Meinst du?« Ich erzählte ihm von dem ungewöhnlichen, kontinuierlichen Ansteigen der Einnahmen im La Nena. »Erinnerst du dich noch, wie du mich gefragt hast, ob ich etwa die ’Ndrangheta beklauen wollte? Na ja, so langsam kann ich das wohl nicht mehr ausschließen.« »Dann brauchst du nach wie vor einen all out, und zwar einen mit Eiern, wie ihr Italiener sagt.« Michail hatte wieder dieses schlaue Grinsen im Gesicht. »Ich schätze, du hast so einen gefunden.« Er streckte die Hand aus dem Seitenfenster und winkte, als würde er jemanden begrüßen. Kurz darauf wurde die hintere Wagentür geöffnet, und ein Mann schlüpfte hinein. Ich sah ihn im Rückspiegel. »He, du da!«, schrie ich. »Verschwinde, aber schnell!« Der Russe legte mir eine Hand auf den Arm. »Das ist er.« Ich fuhr herum, um den Mann genauer zu betrachten. »Das ist ja ein Schwarzer.« »Ich heiße Hissène, bin Afrikaner und komme aus dem Tschad«, berichtigte er mich in gutem Italienisch, wenngleich mit einem starken französischen Akzent. »Sehr angenehm, aber ich weiß verdammt noch mal immer noch nicht, was du hier in meinem Wagen willst.« Der Mann aus dem Tschad öffnete die Tür und wandte sich an Michail: »Ich glaube, ihr solltet das erstmal unter euch klären. Ich warte draußen.« »Warum hast du ihn so mies behandelt?«, warf mir Michail vor. »Weil wir hier im Veneto sind und die Polizisten Jagd auf Illegale machen«, antwortete ich aufgebracht. »Und der da hat nun mal die Hautfarbe, um genau die Art von Aufmerksamkeit auf uns zu lenken, die wir gerne vermeiden möchten.« »Du denkst verkehrt.« »Warum das?« »Weil niemand ihn je zu dir zurückverfolgen kann, und bei dem, was du vorhast, musst du für alle eine blitzsaubere Weste haben, hinterher«, sagte er und betonte jedes Wort einzeln. »Nehmen wir mal an, wir wollten die Kalabrier wirklich beklauen … Was wäre da besser als ein Schwarzer, um jeden Verdacht von uns abzulenken?« »Was weißt du über ihn?« »Er hat als Drogenkurier für die nigerianische Mafia gearbeitet, aber dann hat er ein paar bodypacks zurückbehalten und den Stoff auf eigene Rechnung verkauft.« »Also ist er so gut wie tot?« »Genau. Wenn er ermordet wird, wird man automatisch an andere Schwarze denken.« So gesehen lohnte es sich, noch einmal darüber nachzudenken, obwohl ich nicht wirklich überzeugt war. »Wir können ihn nur fürs Grobe einsetzen. Für Beschattungen geht der gar nicht.« »Darum kümmere ich mich.« »Wie hast du den denn aufgetrieben?« »Ich bin fremd hier und war auch mal ein Illegaler, bevor mich die beiden Exnutten angeheuert haben … Sagen wir mal, ich kenne das Umfeld.« Ich stieg kurz aus dem Wagen und gab dem Schwarzen ein Zeichen, wieder einzusteigen. »Tut mir leid«, begann ich meinen Fehler auszubügeln, »aber ich war einfach zu verblüfft. Mit einem Farbigen hatte ich nicht gerechnet.« Der Mann sah mich undurchdringlich an. »Darf ich dir ein paar Fragen stellen?« »Kommt darauf an.« »Kannst du schießen?« »2006 habe ich bei den FUC gekämpft, um den Präsidenten Idriss Déby zu stürzen. Ich bin einer der wenigen, die den Marsch auf N’Djaména überlebt haben.« »Ich weiß zwar nicht, wovon du redest, aber deine Antwort soll wohl ja heißen.« »Kalaschnikow, Makarow, RPG …«, leierte er genervt herunter. »Das übliche Arsenal afrikanischer Kriege.« Ich wies auf Michail. »Hat er dir gesagt, wie viel du kriegst?« »Fünfzigtausend und einen Pass.« Das mit dem Pass war eine weitere Lüge von Michail. Ich sah mir den Schwarzen genauer an. Hissène war jung und kräftig. Eigentlich sah er ganz gut aus, mit nicht sehr ausgeprägten Gesichtszügen und besonders langen Augenbrauen. »Wie alt bist du?« »Neunundzwanzig.« »Hast du einen Platz zum Schlafen?« »Nein, keinen sicheren«, antwortete er. »Den musst du mir besorgen.« Ein Versteck für ihn hatte ich tatsächlich. Was außerdem bedeutete, dass ich ihn immer unter Kontrolle hatte. Dass ich ihn benutzen und mit den geeigneten Maßnahmen seinem Schicksal entgegenführen konnte. Ich streckte ihm die Hand hin. »Abgemacht. Du bist im Team.« Er nahm zögernd meine Hand. Der Bursche traute mir nicht über den Weg. Wenn er noch am Leben war, nachdem er die nigerianischen Drogenbosse beklaut hatte, bewies das, dass er nicht so blöd sein konnte. Ich bedeutete ihm, er solle aussteigen. »Wärst du so gut? Ich muss noch kurz mit meinem Partner reden.« Ich vereinbarte mit Michail, dass ich den Mann aus dem Tschad in der nächsten Nacht übernehmen würde. Ich brauchte Zeit, um den Unterschlupf für ihn zu organisieren. »Du musst so viele Informationen wie möglich über den Lexus sammeln«, sagte ich zu dem Russen. »Wenn wir mit unserer Vermutung richtigliegen, dass er voll mit Geld aus Mailand kommt, könnten wir fette Beute machen.« »Nächsten Montag versuche ich, dem Wagen direkt ab der Zentrale zu folgen.« »Frag den Bullen nicht zu sehr aus«, ermahnte ich ihn. »Der könnte erst neugierig und dann gierig werden.« »Keine Sorge. Den brauche ich nicht mehr.« Jetzt musste ich an meinen Arbeitsplatz zurückkehren, damit Tortorelli nicht misstrauisch wurde. Ich fühlte mich zufrieden und zuversichtlich. Endlich nahm der Plan Gestalt an. Angefangen hatte alles mit einer Vermutung in Bezug auf Ylenia Mazzonetto, Brianeses Sekretärin. Inzwischen wusste ich schon viel mehr und hatte ein abgefucktes Team zusammen, das vielleicht genügen würde, um meine Ziele zu erreichen. Ich musste es nur so anstellen, dass alle Beteiligten genau nach meinem Plan handelten – und so mit heiler Haut davonkommen. Das würde nicht leicht werden, doch nun gab es für mich kein Zurück mehr: Die Beschleunigung der Ereignisse durch das Verbrechen hatte die unaufhaltsame Geschwindigkeit eines Kreuzfahrtschiffs erreicht. Während ich auf den Eingang des La Nena zulief, stellte ich fest, dass etwas fehlte. Nein, jemand fehlte. Ding Dong, der Typ, den ich dafür bezahlte, dass er mir die Rosenverkäufer und ähnliches Gesocks vom Lokal fernhielt, war nicht an seinem Platz. Seinen Spitznamen hatte er bekommen, weil er sich das Hirn mit Anabolika und anderem Dreck weichgekocht hatte. Der Bogen der Arkaden, unter dem das große Fenster und der Eingang zum La Nena lagen, waren sein zweites Zuhause. Das erste war die Wohnung seiner Mutter, aber das Zusammenleben mit ihr gestaltete sich schwierig, und er konnte es nie abwarten, sich neben der Tür aufzubauen und dafür zu sorgen, dass keine unerwünschten Personen das Lokal betraten. Ich hätte eigentlich wissen müssen, dass Tortorelli da seine Hände im Spiel hatte. »Ich habe ihn weggeschickt«, sagte der nur. »Und warum?«, fragte ich bestürzt. »Jetzt werden sich hier Blumenverkäufer und ähnlicher Abschaum die Klinke in die Hand geben und die Gäste belästigen.« »Die Leute sind daran gewöhnt. Und dann war es ein Gebot der Höflichkeit.« »Höflichkeit?« »Ihren Chefs gegenüber«, sagte er zu mir, als würde er mit einem geistig Zurückgebliebenen reden. Entmutigt flüchtete ich mich in die Küche und sprach dort mit dem Koch. Um die Mittagszeit teilte mir der Mistkerl mit, dass er woanders essen würde. Es gab ein kleines Büfett, um die guten Verhandlungsergebnisse Brianeses zu feiern. Er hatte sich fünfundvierzig Prozent der Stellen im Gesundheitswesen gesichert, und die Padanos schäumten vor Wut, weil sie vor einem Schuldenberg standen, obwohl die Bilanzen auf dem Papier im Plus waren. »Und der hat dich eingeladen?« »Nein, aber ich mache meine Runde, um mich zu zeigen. Und etwas zu lernen. Dort wissen sie wenigstens, welchen Wein man am besten zu einem Blue Stilton trinkt.« Ich musste grinsen. Er hob mahnend den Zeigefinger. »Ein Mal«, sagte er ganz feierlich, »nur ein einziges Mal lass ich mich verarschen.« »Du hast ja wirklich dicke Eier«, provozierte ich ihn. »Mach mal halblang, Pellegrini. Im Augenblick bist du derjenige, der am meisten gefickt ist.« »Ich verstehe nie, was du sagst.« »Weiß ich. Du bist so blöd, dass du einem beinahe leidtun kannst.« Im gleichen Moment durchbohrte mich ein grausames Verlangen, so heftig und brutal wie ein Messer. Ich kniff die Augen zusammen, damit ich es noch intensiver auskosten konnte, was Tortorelli allerdings als Aufgeben auffasste. »Ich werde nie kapieren, warum der Herr Abgeordnete so viel Vertrauen in dich gesetzt hat«, fügte er angewidert hinzu. Dann setzte er sich wieder hinter die Kasse. Ich hingegen lief hinunter in den Keller, um dort eine besondere Flasche auszuwählen. Ich stellte sie Tortorelli vor die Nase. »Frieden.« Er sah mich an, als wäre ich der letzte Dreck. »In Ordnung. Ich danke dir. Aber jetzt muss ich arbeiten.« Ich fuhr mit dem Finger über das Glas der Flasche. »Sieh mal, wie dick das Glas ist, es muss bis zu zehn atü standhalten. Und schau dir mal diese wunderschöne Linienführung vom Hals bis zum Boden an.« »Das ist ein Blubberwasser wie jedes andere, na und?« »Ein Blubberwasser Prestige Cuvée«, korrigierte ich ihn. »Die Königin aller Champagner.« »Den werde ich auf dein Wohl trinken«, verspottete er mich. »Tja, jetzt bist du mal derjenige, der nichts versteht«, sagte ich geheimnisvoll und wandte mich den Reservierungen zu. Ich bereute schon, so mit dem Buchhalter umgesprungen zu sein. Dafür machte ich die Anspannung verantwortlich, und in der Nacht war es mir nicht gelungen, mein Gleichgewicht wiederzufinden. Schuld daran war Nicoletta. Als ich sie informierte, dass sie jetzt doch wieder in ihrem Haus wohnen, sich dort um einen Schwarzen kümmern sollte und dadurch noch tiefer in eine Sache verstrickt würde, die für einen der Beteiligten übel ausgehen musste, hatte sie gezickt. Und ich hatte sie erst »überzeugen« müssen. Eine ermüdende Angelegenheit, die sich bis zum nächsten Morgen hingezogen hatte. Mir war gerade noch genug Zeit geblieben, nach Hause zu fahren und zu duschen, aber nicht, um mich mit der wunderbaren Energie von Martinas Hingabe aufzuladen. Verschärfend kam hinzu, dass es meine letzte Gelegenheit vor der großen Abrechnung gewesen wäre, denn jetzt war sie schon unterwegs zu der deutschen Klinik, wohin sie und ihre Mutter den Vater begleiteten. »Vergiss mich nicht!«, hatte sie mir beim Abschied im Flur gesagt. Ich würde mich also mit Gemma begnügen müssen, doch unsere Beziehung war noch zu neu und zwischen uns herrschte nicht diese Vertrautheit, die man erst mit der Zeit aufbaut. Am Ende eines öden Tages gelang es mir, das La Nena zu verlassen und zu meinem Treffen mit Michail zu fahren, um den Mann aus dem Tschad in seine neue – und letzte – Wohnung zu bringen. Hissène hatte kaum Gepäck. Eine winzige Tasche mit ein paar Kleidungsstücken. Stumm stieg er in den Wagen. Ich blieb draußen, wollte mich noch kurz mit Michail absprechen. »Die Weiber aus Neapel machen mir langsam Schwierigkeiten«, sagte er besorgt. »Ich bin zu viel unterwegs« »Am Montag verfolgst du den Lexus, und dann schlagen wir zu.« »Hast du denn einen Plan?« »Ja«, log ich, obwohl ich eigentlich keinen Anlass dazu hatte. »Das ist Nicoletta. Sie ist deine gute Fee und wird sich um dich kümmern.« Der Schwarze war vollkommen überrascht, bei einer eleganten, schönen Weißen zu landen und in einem Haus, das ihm wie ein Palast vorkommen musste. Meine Exgeschäftspartnerin reichte ihm die Hand, und er nahm sie ein wenig verlegen. »Ich heiße Hissène.« Sie sah mich an. »Hast du ihm die Regeln erklärt?« Der Schwarze kam mir zuvor. »Ich darf nicht aus dem Haus, darf mich nicht am Fenster zeigen, nicht das Telefon benutzen … Das weiß ich besser als ihr, schließlich lebe ich illegal.« »Du musst Geduld haben. Bevor es losgeht, müssen wir erst einiges klären.« »Ich habe es nicht eilig«, sagte er und deutete auf das Sofa, auf dem ich Isabel erwürgt hatte. »Ich mach’s mir hier bequem und guck Satellitenfernsehen.« Er wies auf die Treppe. »Wo ist mein Zimmer?« »Komm, ich zeige es dir«, sagte Nicoletta. Ich goss mir etwas zu trinken ein. Nur einen kleinen Schluck Amaro. Hier in der Gegend gab es ziemlich viele Diskotheken und dadurch reichlich Polizeikontrollen. Nach ein paar Minuten kam Nicoletta zurück. »Ich habe Angst, allein mit ihm zu bleiben.« »Das haben wir doch schon besprochen«, wimmelte ich sie ab. »Gibt’s was Neues zum Boardinghouse?« Sie holte einen Schlüsselbund und eine Fernbedienung aus ihrer Handtasche. »Die Wohnung unter der, in der sich Ylenia und Brianese treffen, ist von Freitagnachmittag bis Montagmorgen frei. Der Ingenieur, der dort wohnt, fährt jedes Wochenende und alle Feiertage nach Hause.« »Was Besseres hat es nicht gegeben?« Jetzt klang sie verzweifelt. »Du glaubst immer, es genügt, die Leben anderer Menschen zu dominieren und einmal mit den Fingern zu schnippen, und schon bekommst du alles. Aber so läuft das nicht.« »Du jammerst jetzt schon seit gestern Abend.« »Weil ich es nicht mehr schaffe.« »Was, deine Partner zu verraten?«, sagte ich ironisch. Sie stieß mir den Zeigefinger in die Brust. »Ich bin nicht Martina und schon gar nicht diese durchgeknallte Gemma.« »Beruhige dich. Du hast einen Gast.« »Zeig mir einen Ausweg, Giorgio, sonst ist mir alles egal.« »Wirklich?« »Glaub mir lieber.« Ich kannte sie und wusste deshalb, dass das keineswegs nur Worte waren. Also setzte ich mich hin, zeigte auf die Flasche mit dem Amaro und das leere Glas. »Gieß mir einen ein!« Nicoletta gehorchte. Sie zündete sich eine Zigarette an und blies den Rauch zur Decke. In der Vergangenheit hatte ich schon mal eine Frau getroffen, die sich mir entzogen hatte. Sie hatte sich entschlossen, nicht mehr zu leiden, sich gegen mich aufgelehnt, und ich hatte sie für immer verloren. Solche Frauen sind merkwürdige Wesen. Wenn sie sich einmal entschlossen haben, gibt es kein Zurück mehr für sie. Und sie sind bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen. Die hier war bereit, alles und jeden zum Teufel zu schicken. Ich musste mich damit abfinden und aufhören, mit ihrem Leben zu spielen. Wirklich schade. Jetzt konnte ich bloß noch ein Friedensabkommen aushandeln, bei dem ich nicht mein Gesicht verlor. Alles hat seinen Preis, und ich würde dafür sorgen, dass ihrer gesalzen war. »Bis zum Ende der ganzen Angelegenheit tust du alles, was ich will, ohne Diskussionen«, brachte ich in einem Atemzug heraus. Dann legte ich eine Pause ein. Ich öffnete langsam die Hände. »Danach trennen sich unsere Wege. Du verlässt die Stadt, und ich werde dich nie wiedersehen.« »Wir sind im Geschäft.« Ich spreizte die Beine und machte es mir bequem. »Geschäfte muss man feiern.« »Genau«, sagte sie und kniete sich vor mich. »Vielleicht fick ich danach den Neger«, fügte sie hinzu, und der Ton, in dem sie das sagte, gefiel mir nicht. »Es muss ja nicht sein, dass der dir zu Füßen fällt, weiße Frau«, erwiderte ich deshalb ätzend. »Du bist mindestens zehn Jahre älter als er.« Gemma besaß einen alten Plattenspieler und eine LP-Sammlung, die ihr Mann bei seinem Wegzug nach Süditalien dagelassen hatte. Manchmal stöberte ich in den Platten und suchte diejenigen heraus, die an der Geschichte meiner Generation mitgeschrieben hatten und die ich hörte, als ich noch so ein junges blödes Arschloch war und Revolution machen wollte. Damals hatte ich Volunteers entdeckt, die fünfte LP von Jefferson Airplane, eine Hymne gegen den Vietnamkrieg. Ich hatte mich buchstäblich in die Sängerin Grace Slick verknallt. Die war ein Superweib und hatte einen derart sinnlichen Alt, dass ich regelmäßig einen Ständer bekam. Jetzt brachte die neue Nadel, die ich von meiner Geliebten hatte kaufen lassen, ein gut erhaltenes Exemplar von Manhole richtig zur Geltung, ihrem ersten Soloalbum. Ich sehnte mich keineswegs nach dieser Zeit zurück, aber im Vergleich zur Gegenwart hatte die junge Generation damals richtig Spaß gehabt und der ganzen Welt die Zunge rausgestreckt. Auf allen Gebieten herrschte eine beeindruckende Kreativität – von der Musik zum Film, von der Kunst bis zum Verbrechen. Unglaubliche Banden hatten mit saftigem Rock in den Ohren und einem Joint zwischen den Lippen Banken abgezockt. Einige aus meiner Clique hatten die Theorie aufgestellt, kreative Kriminalität sei die Antwort auf das brutale, ständige und langweilige Verbrechen durch das Kapital. Was für ein Bullshit. Ich hob einen Fuß und schob ihn zwischen Gemmas Schenkel, die erschöpft von der Decke herabhing. Wir hatten Astronauten gespielt, und ich hatte selten eine Frau erlebt, die etwas bis zu einem kurzen, aber unglaublich intensivem Wahnsinn auskosten konnte. Ich ließ meinen Fuß langsam an ihrem Bein hinaufgleiten, dann gab ich ihr damit einen Schubs, sodass sie um sich kreiste. Damals war das organisierte Verbrechen aufregender und nicht so erdrückend. Ganz offensichtlich litten auch die großen Banden darunter, dass die Welt sich veränderte. Als dann der Traum zu Ende war und ein Haufen Pechvögel mit Zuchthausstrafen im Gefängnis gelandet waren, kamen die verschiedenen Mafias und die Globalisierung und hatten jede freie Konkurrenz vom Markt gefegt – und so war auch die Welt der Illegalität trist und grau geworden. Solche wie die Palamaras hatte es auch schon vor dreißig Jahren gegeben. Dinosaurier aus einer Zeit, in der es keinen Platz für Fantasie gab. Wir dagegen waren damals die, die »Fantasie an die Macht« skandierten. Ich glaube, diesen Mist hatte Marcuse verzapft. Na ja, Schluss mit den Erinnerungen, ich stand auf, um die LP umzudrehen. »He, Herzkönig«, flüsterte Gemma. »Fickst du mich noch ein bisschen?« Ich sah unauffällig an mir herunter. Ein hoffnungsloser Fall. »Wir haben geschlossen.« »Nimm noch eine Tablette.« Ich hatte die maximale Dosis aus Tadalafil und peruanischer Maca schon überschritten. »Noch ein Milligramm und ich bin hin«, brummte ich. Wo war ich stehengeblieben?, fragte ich mich. Ich wollte diesen Gedanken über die Fantasie unbedingt weiterverfolgen, denn genau die brauchte ich, um die Kalabrier über den Tisch zu ziehen. Ich wusste, wie sie tickten. Mir fielen einige Erlebnisse aus dem Gefängnis ein, wo der jeweilige Vizeboss vollkommen ausgetickt war, weil jemand oder etwas den Mafiaalltag störte. »Manhole« war ein sinnlicher Titel, der einen zum Orgasmus bringen konnte. Ich spürte, wie sich langsam prickelnde Schauer meinen Rücken entlang entluden. Warum hatte ich mir bis jetzt diesen Moment absoluter Schönheit nicht gegönnt? Ich glitt mit meinem Bein wieder aufwärts und versetzte meiner kleinen Freundin eine weitere Drehung. Noch ein Flashback. »Knock me out«. Ein anderer toller Song von Grace Slick und Linda Perry. Confusion new Do you, and nothing’s right … Confusion. Durcheinander. Chaos. Anarchie. Ein Russe, ein Schwarzer, ein Italiener. Das klang wie der Anfang eines Witzes, stattdessen konnte es die Grundlage für das kreative Verbrechen sein, das ich an den Kalabriern austesten würde. Confusion. Man musste sie mit Einfallsreichtum verwirren. Mit Fantasie blenden. Dass die Mafia unbesiegbar sei, war eine Tatsache, die durch zahlreiche Ausnahmen relativiert wurde. Dies bewies die stattliche Anzahl von Strafmorden. Willst du das wirklich versuchen?, fragte ich mich. Grace durchbohrte mich mit einem hohen Ton, und ich streckte meine Hand nach Gemmas Hintern aus, sicher, dass auch unabhängige Geister noch das Recht hatten, sich eine Zukunft zu erträumen. Am nächsten Morgen wachte ich energiegeladen auf und wartete nur darauf, dass mir der Russe am Ende eines öden Tages die nötigen Informationen liefern würde. Michail enttäuschte mich nicht. Wie ein Profi hatte er den Lexus verfolgt, ohne sich erwischen zu lassen. Er hatte eine ganze Reihe Notizen gemacht, in denen er Orte, Zeiten, Entfernungen in Kilometern, Position der Überwachungskameras, Personenbeschreibungen, Autokennzeichen und -typen erfasst hatte. »Ich bin überzeugt, dass wir es schaffen können«, sagte ich schließlich. »Na sicher«, erwiderte der Russe. »Die Probleme beginnen erst später, wenn wir ihnen an den Karren gefahren sind. Sie werden sich rächen wollen, aber das ist dein Problem, weil ich dann schon weit weg sein werde. Jeder muss sich vor der eigenen Mafia fürchten.« »Ach ja, tust du das?« »So sehr, dass ich nie wieder nach Russland zurückkehren werde.« »Und wo willst du dann hin?« Er sah mich an, als wäre ich vollkommen verblödet. »Nach Venezuela, was sonst? In die Heimat meiner Nutten.« Das feierten wir mit Coca-Cola und Blätterteigstückchen in der Bar der Raststätte. So früh verkauften sie noch keine alkoholischen Getränke. Sie wollten verhindern, dass die reichen Papasöhnchen den BMW des Vaters mit zweihundert Sachen gegen die Leitplanke donnerten. 4 Ylenia Das Boardinghouse war so diskret, dass sogar der Aufzug verschwiegen war. Als die Türen sich mit einem kaum hörbaren Surren öffneten, hätte Ylenia nicht im Traum daran gedacht, hier auf mich zu stoßen. Ich machte einen Schritt nach vorn und presste ihr die Pistole mit dem Schalldämpfer direkt unter das rechte Auge. Dann sagte ich den klassischen Satz: »Wenn du schreist, bringe ich dich um.« Ich drückte den Knopf für das Stockwerk darunter. Ylenia war völlig verängstigt, und ich nutzte das aus, um sie den Gang entlang bis zu der Wohnung des Ingenieurs vor mir herzutreiben, deren Tür ich nur angelehnt hatte, damit ich nicht erst mit Schlüsseln herumhantieren musste. Brianeses Sekretärin drehte sich um, um sich zu wehren, und ich schlug ihr meine Faust brutal in den Magen, sodass ihr die Luft wegblieb und sie nicht schreien konnte. Sie landete mit dem Hintern auf dem Boden. Dann steckte ich ihr ein Gummibällchen für Hunde in den Mund, packte sie an den Haaren und zerrte sie in das Zimmer, das als Fitnessraum eingerichtet war. Ich riss ihr die Kleider vom Leib und fesselte sie bäuchlings auf die Hantelbank. In Mittelamerika hatte ich gelernt, dass Soldaten, wenn sie einen Guerriliero schnappen und von ihm Informationen wollen, keine Zeit mit Foltern vergeuden, damit er gar nicht erst über seine Situation als Gefangener nachdenken und sich psychologische Verteidigungsstrategien zurechtlegen kann. Die französischen, amerikanischen und israelischen Ausbilder hatten diese große Weisheit später in der ganzen Welt verbreitet. Ylenia war weder militante Politaktivistin noch kam sie aus dem einschlägigen Milieu. Sie war eine Sekretärin, die im Schatten eines mächtigen Mannes wie Brianese groß geworden war, und hatte dabei Durchtriebenheit und Arroganz gelernt, von Gewalt hatte sie keine Ahnung. Ich setzte mich vor sie, nahm eine Hantelstange und fettete ein Ende mit Vaseline ein. Sie begann, sich wie eine Verrückte zu winden, doch ich hatte sie fest gefesselt. Tränen verschmierten ihr Augen-Make-up, aus ihrer Nase lief Rotz. Sie bepisste sich. »Wenn ich dir die hier reinschiebe«, erklärte ich ihr, »bist du hinterher innen so kaputt, dass die Ärzte ihre liebe Not haben würden, dich wieder zusammenzuflicken, und ich müsste dich umbringen, zerstückeln und den Schweinen zum Fraß vorwerfen. Überleg mal, was das für Schlagzeilen gibt: ›Sekretärin des Abgeordneten Brianese spurlos verschwunden‹ … Du würdest zu einem ungelösten Fall fürs Fernsehen.« Und ich fuhr mit der Stimme eines bekannten Moderators aus einer Sendung für ungelöste Verbrechen fort: »Immer noch keine Neuigkeiten im Fall Ylenia Mazzonetto …« Ich kam mit meinem Mund ganz nah an ihr Ohr. Sie sollte meinen heißen Atem spüren. »Aber wenn du mich über Brianeses schmutzige Geschäfte aufklärst, lasse ich dich laufen. Niemand, nicht einmal er wird je erfahren, dass du ihn verraten hast. Ich möchte ihn gar nicht fertigmachen, ich will mir nur das La Nena zurückholen, mein einziger Wunsch ist daher, dass ihr beide, du und der Avvocato, wieder in meinem Lokal verkehrt und dass zwischen uns wieder eitel Sonnenschein herrscht.« Ich nahm die Stange und stellte mich hinter sie. Als ich sie nur ganz leicht berührte, zuckte sie gleich zusammen. »Jetzt gib mir mit dem Kopf ein Zeichen. Ja oder nein. Die Entscheidung liegt ganz bei dir, Ylenia.« Sie zögerte keinen Moment. Ylenia war bereit, mehr als bereit, jeden zu verkaufen, um die eigene Haut zu retten. Ich baute das kurz zuvor in einem Einkaufscenter erstandene Stativ mit dem Camcorder so auf, dass nur ihr Gesicht in Großaufnahme zu sehen war. Dann nahm ich ihr den Gummiball aus dem Mund. »Los!«, befahl ich. Sie stand noch unter Schock und konnte nicht klar denken. Ich ohrfeigte sie. »Beginn bei der letzten Schweinerei«, riet ich in väterlichem Tonfall. Zu Beginn zitterte ihre Stimme, später wurde sie selbstsicherer. Sie erzählte, Brianese hätte sich mit Haut und Haaren ins Atomgeschäft gestürzt. Seine Aufgabe war es, dafür in der Politik das Terrain vorzubereiten und die gesetzlichen Grundlagen zu schaffen. Er musste zusammen mit gekauften Wissenschaftlern das Veneto bereisen, um die Vorzüge dieser Energieform zu preisen und mögliche Standorte zu finden. »Und wo bleibt da das Geschäft?« »Die ganze Aktion wird von einer Lobby finanziert, die von anderen Ländern ausrangierte Anlagen aufkauft. Zweck ist, diese dann als neu zu verkaufen, den Bau ewig zu verzögern, damit die Endabnahme hinausgeschoben wird, und so lange wie möglich aus der Sache Profit zu schlagen.« Ich tat so, als würde ich ihr nicht glauben, sie sollte mit weiteren Details herausrücken. »Du verarschst mich doch bloß«, knurrte ich drohend und packte die Stange fester. »Nein! Ich schwöre, das ist alles wahr«, fuhr sie fort und spuckte Namen und Einzelheiten aus. Brianese rief an, gerade als seine Sekretärin seine parteiinternen Verflechtungen offenlegte. Ich drückte auf Pause, holte das Handy aus ihrer Tasche und hielt es ihr ans Ohr. Mit der anderen Hand presste ich ihr die Pistole an die Stirn. »Sag ihm, dass dir etwas dazwischengekommen ist und es etwas später wird. Wenn du irgendwelche Dummheiten versuchst, stirbst du und ich schicke diese nette kleine Aufnahme nicht nur an die Presse, sondern auch an deine liebe Mama und den Herrn Papa.« »In Ordnung.« Ich drückte die Taste, damit sie mit ihrem Liebhaber sprechen konnte. »Entschuldigung, Sante, aber ich habe ein Problem mit dem Auto … Nein, nein, warte auf mich, ich bin bald da, ciao, ciao.« Sie war nicht besonders überzeugend, doch diesen Anruf hätte ich nicht einfach wegdrücken können. Daher musste ich mich nun beeilen. Ich schaltete das Handy aus und legte es in die Handtasche zurück. »Weißt du, das Leben kann manchmal schon ein mieses Arschloch sein, Ylenia«, verhöhnte ich sie. »Dein Lover sitzt im Stockwerk über uns und macht sich Sorgen, weil du spät dran bist, während du nur ein paar Meter weiter unten an seinem Grab schaufelst.« Sie flennte verzweifelt los. Ich hatte einen Fehler gemacht. Jetzt würde es nicht mehr so leicht sein, etwas aus ihr herauszubringen, ich hatte trotzdem schon genug, um Ylenia zu erpressen und Brianese an den Verhandlungstisch zu zwingen. Ich schwenkte drohend das Gummibällchen vor ihren Augen. »Hör sofort auf, sonst stopf ich dir das Maul und tu dir weh, sehr weh.« »Lass mich gehen. Ich habe dir alles gesagt.« »Du lügst. Ich werde mich dennoch damit begnügen. Ich habe nur noch ein paar persönliche Fragen an dich.« Sofort schaltete ich den Camcorder wieder ein. »Seit wann gehst du mit Brianese ins Bett?« »Seit sieben Jahren.« »Dann ist es wohl die ganz große Liebe«, erklärte ich. »Und seine Frau weiß davon?« »Ich denke schon, aber das ist kein Problem. Die beiden schlafen schon seit Jahren nicht mehr miteinander.« »Und wie ist er so im Bett, der Avvocato?« »Das nicht, bitte, frag mich nicht danach.« »Gerade da wird’s doch interessant. Wenn du willst, kann ich deinem Gedächtnis ja ein wenig auf die Sprünge helfen«, sagte ich und zog den Reißverschluss meiner Hose nach unten. Mehr musste ich nicht tun. Sie beantwortete alle meine Fragen. Bis ins letzte Detail. Als ich die Kamera ausschaltete, hatte Brianese keine Geheimnisse mehr vor mir. Dennoch blieben immer noch Fragen offen, die mich persönlich betrafen. »Warum will er mich ruinieren und mir das La Nena wegnehmen?« Die Antwort überraschte mich sehr. »Er kann dir die zwei Millionen nicht zurückzahlen.« »Also nicht, weil ich in sein Haus eingedrungen bin und seinen Trenchcoat beschmutzt habe?« Sie schüttelte den Kopf. »Sante hat hohe Schulden.« »Bei all dem Geld, das durch seine Hände geht?« »Damit rettet er die Partei und schafft die Grundlagen, um sich das Veneto zurückzuholen.« »Und aus welchem Loch sind die Palamaras gekrochen?« »Die bauen überall in der Lombardei, aber dort ermitteln ein paar Staatsanwälte intensiv in Sachen Geldwäsche. Aus diesem Grund mussten sie ihre Geschäfte ins Veneto verlegen.« »Und wie ist der Kontakt zustande gekommen?« »Eine ihrer Baufirmen hat eine Ausschreibung für die neue Autobahn gewonnen. Der Wettbewerb war gefälscht …« Ylenia konnte nicht mehr. Jetzt gab ich sie besser zurück an ihren Herrn, Liebhaber, Mentor, Vater … »Wie kommt ein Mädchen aus gutem Haus wie du eigentlich an so ein korruptes Schwein wie Brianese?« »Sante ist kein korruptes Schwein«, entgegnete sie empört. »Es ist doch nicht seine Schuld, wenn die Politik heutzutage im Dreck wühlt. Er will nur das Beste für unser Land, aber er muss sich mit der Realität arrangieren.« Also hatte ich recht. Ylenia war maßlos verliebt und daher schluckte sie jeden Mist, den ihr der Avvocato auftischte. Er hatte sie zu seinem gehorsamen, nützlichen Geschöpf gemacht. Davon verstand ich etwas, und ich wusste, dass ich richtiglag. Deshalb hatte ich ihr auch vorsorglich nichts von den Nutten erzählt, deren Dienste ihr lieber Sante stets großzügig in Anspruch genommen hatte. Bestimmt hatte er ihr erzählt, dass er die anderen nur »begleitete« und seinen Schwanz schön in der Hose ließ, weil er doch nur sie liebte und begehrte. Dieselben Worte hätte ich auch benutzt, um sie um den Finger zu wickeln. Wenn ich ihr die Wahrheit erzählt hätte, wären sämtliche Dämme gebrochen, und Ylenia wäre zu nichts mehr zu gebrauchen gewesen, sondern gefährlich geworden. Ich gab ihr einen Klaps auf die Wange. »Trotz allem, was er mir angetan hat, glaube ich auch, dass der Avvocato ein guter Mensch ist. Daher müssen wir dafür sorgen, dass er nie etwas von unserer kleinen Plauderstunde erfährt. Nicht wahr?« Ich nahm den Schlüssel für ihr Apartment aus der Handtasche und machte einen Abdruck davon. Er konnte mir noch nützlich sein. Dann ging ich zurück zu ihr und band sie los, brachte sie ins Bad, stieß sie in die Dusche und drehte das kalte Wasser auf. Ehe wir die Wohnung verließen, hielt ich ihr meine kleine Kamera unter die Nase. Ylenia sah schrecklich aus. Das Gesicht verschmiert und blass, Rock und Bluse leicht zerrissen. »Keine Ahnung, was du ihm erzählen willst, aber du solltest überzeugend sein.« Ich zwang sie, mich im Aufzug bis zur Garage zu begleiten. Dort gab ich ihr einen Kuss auf die Wange und ging zu dem Kleinwagen, den ich mir von Agata, einer meiner Kellnerinnen, ausgeliehen hatte. Gegen 21 Uhr kehrte ich ins Lokal zurück, die ersten Tische waren schon beim Dessert. Tortorelli winkte mir, ich sollte zur Kasse kommen. »Mir geht gleich der Hut hoch«, zischte er. »Du klingst wie mein Großvater.« »Jetzt bist du zu weit gegangen. Nächste Woche erzähle ich Giuseppe Palamara, wie du dich hier aufführst. Dann wird dir die Lust schon vergehen, mich zu verarschen.« Ich ließ meinen Blick durch das Lokal schweifen. Ein Pakistaner machte gerade seine Runde zwischen den Tischen, legte Blumen auf die Tische und unterbrach damit die Gespräche der Gäste. »Vielleicht sollte ich einfach verkaufen«, knurrte ich. »Denkst du, Palamara könnte interessiert sein?« Auf meine Frage hin änderte sich unverzüglich das Verhalten des Buchhalters, und er wurde freundlicher. »Ganz bestimmt«, erwiderte er. »Weißt du schon, was du danach machen wirst?« »Ich werde mir eine kleine Luftveränderung gönnen und das Metier wechseln. Meine Frau ist jetzt dauerhaft in Deutschland, um ihren Vater zu pflegen …« Der Scheißkerl nickte verständnisvoll. In Gedanken war er schon dabei, das La Nena selbst zu leiten. »Ich könnte eine Pizzeria in der Umgebung von Duisburg eröffnen, soweit ich gehört habe, hat Palamara in der Gegend Kontakte.« Er bekam die Ironie nicht mit. »Wenn du willst, rede ich mit ihm.« »Wirklich? Damit würdest du mir einen Gefallen tun.« Während ich von Tisch zu Tisch ging, sah ich immer wieder zu ihm hinüber, um seine Reaktion zu beobachten. Er wirkte zufrieden und erleichtert. Vermutlich nahm er an, dass ihm seine Herren und Meister wohlwollend auf die Schulter klopften und dass er in Zukunft eine etwas bedeutendere Rolle spielen würde. Er würde aus dem Hotel in eine Wohnung umziehen und sich unter den Gästen nach einer Frau umsehen. Endlich ein Lichtblick in seinem Leben, schade nur, dass ich andere Pläne für ihn hatte. Es wurde ein langer und arbeitsreicher Abend. Die Gäste hatten die erste Frühlingsluft gewittert und wollten gar nicht mehr gehen. Bevor ich Gemma besuchte, fuhr ich kurz nach Hause und lud die Aufnahme vom Nachmittag in den Computer. Später würde ich sie dann richtig schneiden und meine Fragen löschen. Ylenia war perfekt gewesen. Jetzt durfte sie bloß nicht zusammenbrechen und Brianese alles erzählen. Aber ich war mir sicher, sie würde das nicht tun. »Herzkönig! Endlich bist du da!«, empfing mich Gemma. »Ich bin heute Abend richtig geil«, warnte ich sie vor. »Ich hatte die Gelegenheit, mich mit einem hübschen jungen Ding zu vergnügen, allerdings hatte ich meine Gründe zu verzichten.« »Solche Gründe kann es bei mir nicht geben.« »Absolut nicht.« »Glaubst du, ich könnte das hübsche junge Ding würdig vertreten?« »Ich denke, es wäre nur fair, dir eine Chance zu geben.« Sonntagnachmittag fuhr ich gleich nach dem Essen zum Boardinghouse, um die Spuren meiner Anwesenheit in der Wohnung des Ingenieurs zu beseitigen. Ich hatte alles bei mir, was man für eine gründliche Reinigung benötigte. In der Tiefgarage fiel mir sofort Ylenias Mini Cooper Cabrio auf. Sicherheitshalber sah ich nach, ob nicht auch Brianeses Auto irgendwo stand, aber wusste eigentlich, dass er gerade die Gesellschaft seiner Frau, Anverwandten und Freunde genoss. Dieser Tag der Woche stand ganz im Zeichen der Familie, und der Avvocato würde davon niemals abweichen. Neugierig klingelte ich an ihrem Liebesnest. Ylenia öffnete lächelnd die Tür in der Überzeugung, es wäre ihr Sante. Bei meinem Anblick wurde sie blass und wollte sofort die Tür schließen, doch meine Schuhspitze war schneller. Ich stieß sie in die Wohnung. Sie trug ein elfenbeinfarbenes Negligé. Etwas altmodisch, so wie es dem Avvocato gefiel. »Was tust du denn hier?«, fragte ich. »Heute solltest du eigentlich bei deinen lieben Eltern oder mit deinen Freundinnen unterwegs sein. Erst in die Kirche, dann ein paar Dolci kaufen und weiter im Programm mit hausgemachten Tagliatelle und einem Brathähnchen …« »Ich wollte lieber hierbleiben …« »Probleme in der Liebe?«, fragte ich und sah mich um. Das Apartment war geschmackvoll eingerichtet, im Landhausstil, aber teuer. Keine Lasterhöhle, sondern ein richtiges kleines Liebesnest. »Er hat mir nicht geglaubt«, jammerte sie. »Er ist überzeugt, dass ich mit einem jungen Liebhaber eine leidenschaftliche Nummer geschoben habe.« Leidenschaftlich. Ich grinste, als ich mir die Situation vorstellte. »Der Avvocato ist also eifersüchtig.« Sie starrte mich hasserfüllt an. Ich reichte ihr die Tüte mit den Reinigungsmitteln und verschiedenen Schwämmen. »Komm mit und wisch deine Pisse von gestern weg. Inzwischen erzähl ich dir mal ein paar Takte, wie Männer gestrickt sind.« In ihrem Negligé und den ellenbogenlangen rosa Gummihandschuhen sah Ylenia aus wie eine Darstellerin aus einem Hausfrauenporno. Während sie kniete und den Boden wischte, fiel ihr eine Locke in die Stirn und sie schob sie mit einer sehr aufreizenden Bewegung wieder hoch. Wie versprochen, war ich großzügig, ich erzählte ihr einige Geheimnisse über uns Männer und gab ihr einen Haufen Ratschläge mit auf den Weg, die meisten allerdings sinnlos, wie sie ihren Avvocato zurückgewinnen konnte. Das amüsierte und entspannte mich zugleich. Sie hörte aufmerksam zu, nickte ab und zu, manchmal starrte sie mich auch verblüfft an. Als ich sie wieder nach oben brachte, war ich sicher, eine Art Beziehung zu der hübschen Sekretärin aufgebaut zu haben. »Ich habe Glück gehabt, dass ich Sante getroffen habe«, sagte sie, während sie zurück in das Apartment ging. »Sonst wäre ich vielleicht jetzt mit so einem wie dir verheiratet. Einem brutalen Arschloch.« Wütende Blitze zuckten in meinen Augen auf, sodass ich kurz wie geblendet war. Ich konzentrierte mich ganz auf die Umrisse einer Lampe, um nicht die Kontrolle über mich zu verlieren. »In ein paar Jahren bist du nicht mehr seine Geliebte, sondern seine Pflegerin«, zischte ich und dachte, das würde sie niederschmettern. »Der Höhepunkt meiner Gerontophilie.« »Was erzählst du jetzt für einen Scheiß?« »Ach egal, aber tu jetzt nicht so, als wärst du mein bester Freund. Du hast mich entführt und mit dem Tod bedroht, um Informationen aus mir herauszupressen, und ich hatte nicht den Mut, mich dir zu widersetzen.« »Bild dir bloß nichts ein, du bist genauso verdorben und korrupt wie dein Boss.« Ich war wütend auf mich selbst. Ich hatte mich unvorsichtig verhalten, aber Ylenia war zu weit gegangen und hatte eine goldene Regel gebrochen: Wenn dich einer bei den Eiern hat, musst du nett sein. Immer. Das würde sie mir büßen. 5 C’est lundi »Hast du schon mit Giuseppe Palamara über den Verkauf des La Nena gesprochen?« »Noch nicht«, antwortete Tortorelli freundlich. »Ich denke, das mache ich am Mittwoch oder Donnerstag.« Ich zog ein enttäuschtes Gesicht. »Hast du etwas dagegen, wenn ich heute Nachmittag und Abend nicht komme? Ich weiß nicht, wie ich es dir erklären soll, aber ich kann nicht mehr so arbeiten wie früher. Und wenn du vielleicht Ideen für die Speisekarte hast, sprich einfach mit dem Koch, denn mein Kopf ist völlig leer.« »Geh nur, Pellegrini«, sagte er zu mir so salbungsvoll wie einer dieser Fernsehmoderatoren in einer Dauerwerbesendung. »Das La Nena ist in guten Händen.« Ich parkte das Auto in der Nähe von Nicolettas Haus. Holte den Rucksack mit der Pistole, dem Schalldämpfer und den anderen Dingen, die ich für den Coup brauchte, und lief in aller Ruhe zum Haus. Ich war zu früh dran. Meine Expartnerin trug die Haare zusammengebunden. Das war neu. Die Zigarette zwischen ihren Lippen dagegen war wie immer. »Wo ist der Schwarze?« »Oben. Er macht sich fein.« Ich ging die Treppe nach oben und fand ihn im Bad, wie er mit eingeseiftem Gesicht vor dem Spiegel stand. Er sang und hörte auch nicht auf, als ich hereinkam. »Rock ’n’ roll«, stellte ich fest. Er nickte zufrieden. C’est lundi Dans mon lit Il est onze heures Mal au cœur Mal dormi Envie de pipi … »Du bist aber gut drauf«, sagte ich. »Heute ändert sich vielleicht mein Leben.« »Ach ja, Geld und Pass … Wohin willst du verschwinden?« »Ich gehe nach Afrika zurück. Wo ich noch … eine Kleinigkeit zu erledigen habe.« Ich ging wieder nach unten. Nicoletta räumte die Spülmaschine ein. »Der Schwarze meint, er könnte nach Afrika zurück.« »Armer Spinner. Er hat noch nicht kapiert, wie gut du darin bist, die Träume von anderen zu zerstören.« »Hast du ihn in dein Herz geschlossen?« »Ein wenig«, antwortete sie ironisch. »Rauch noch eine und entspann dich. Heute sollten wir alle einen klaren Kopf haben.« Michail traf pünktlich auf die Sekunde ein, und Nicoletta verschwand nach oben. »Hier kommt die Kosakenkavallerie«, meinte er scherzhaft, während er zwei Koffer auf den Wohnzimmertisch stellte. Einer enthielt Kleidung, Handschuhe und Sturmhauben. Der andere Handys, Handschellen, Klebeband und die Waffen. Brandneu und noch in der Verpackung. Ich öffnete eine Schachtel und hatte auf einmal eine dicke, robust aussehende Halbautomatik in der Hand. »Wo sind die her?«, fragte ich und versuchte zu entziffern, was auf dem Schlitten stand. »Polen«, antwortete der Russe. »Kaliber 9 mm. Fünfzehn Schuss.« Ich reichte sie weiter an den Mann aus dem Tschad. »Meinst du, du kommst damit klar? Du bist schließlich der in der Schusslinie.« Er nahm sie gleich richtig und machte alle Handgriffe, die ich mir von jemandem erwartet hatte, der schon mal gekämpft hatte. »Eine nette Knarre«, sagte er und zielte auf die Wand. »Die flößt Respekt ein.« Ich zog mich in der Toilette im Erdgeschoss um. Billige Ware vom Chinesen. Hose und Jackett, Krawatte und Schuhe alles schwarz, weißes Hemd. Ich betrachtete mich im Spiegel. Ich sah aus wie einer von den Reservoir Dogs aus dem Tarantino-Film. Etwas, was für ein wenig Verwirrung bei unseren kalabrischen Freunden sorgen sollte. »Les cagoules … es gibt bloß zwei Sturmhauben«, beschwerte sich Hissène bei mir, als ich zurückkehrte. »Der Plan sieht vor, dass man sich an einen Schwarzen erinnert«, erklärte ich. Er verzog enttäuscht das Gesicht. »Sie werden alle mein Gesicht sehen.« »Genau das will ich ja. Macht aber nichts, für uns seht ihr alle gleich aus, und keiner wird dich wiedererkennen. Wichtig ist bloß, dass du keine Fingerabdrücke hinterlässt«, fügte ich hinzu und warf ihm ein Paar Handschuhe zu. Die Autobahn war ein einziger Stau wegen des vielen Verkehrs und der Baustellen. Michail schlug sich wacker am Steuer des japanischen SUVs, den er auf dem Parkplatz einer Diskothek gestohlen hatte. Der blutjunge Fahrer war so zugedröhnt gewesen, dass er ihm die Schlüssel grinsend übergeben hatte. Der Schwarze erwies sich als eloquenter Gesprächspartner und verwickelte Michail in eine lange Diskussion über die Rolle Russlands auf dem afrikanischen Kontinent. Nach einer Weile ging mir das gehörig auf den Sack. Ich hatte mich hinten hingesetzt, weil ich meine Ruhe haben wollte, aber daran war nicht zu denken. »Könnt ihr euch nicht über was Banales unterhalten wie normale Räuber? Frauen, Fußball, Geld?« Beide lachten laut los, und Michail stellte im Radio einen Sender ein, der nur italienische Musik spielte. »Ist das besser?« Der Sänger war davon überzeugt, dass die Sonne für alle da wäre. Ich war sicher, dass Tortorelli und die Palamaras heute Morgen mit derselben Einstellung aufgewacht waren. Ich steckte mir die Ohrstöpsel meines iPods in die Ohren. Dort explodierte dann die Stimme meiner Grace, die mich erregte, als sie nur für mich sang: »You have a power all your own …« Der metallicgraue Lexus verließ um Punkt 19 Uhr die Zentrale der Mietwagenfirma. Er fuhr auf die Autobahn, auf der wir gerade in entgegengesetzter Richtung hergekommen waren, und blieb immer schön unter Tempo hundertzehn. Der Russe trat aufs Gas, sodass wir die Raststätte bei Brescia lange vor ihm erreichten. Ich übergab dem Schwarzen ein Handy mit Bluetooth-Headset. Darüber würden wir uns verständigen. Der Typ mit dem weißen Fiat Punto war auch schon da und wartete auf dem Parkplatz in der Nähe der öffentlichen Telefone. Durch die geöffneten Wagenfenster drangen Zigarettenrauch und Telefongespräche nach außen. Jetzt war es Zeit für belegte Brötchen und einen raschen Imbiss, während die Lastwagenfahrer sich eilig die besten Plätze für die Nacht sicherten. Ein Wagen der Straßenpolizei hielt vor der Bar. Von Erschöpfung gezeichnete Gesichter, einmal Pissen und einen Kaffee und dann wieder Kilometer fressen. Die Kalabrier hatten Ort und Zeitpunkt gut gewählt. Hier blieb man unbeobachtet. Der Lexus kam, überquerte den Parkplatz und blieb vor der geschlossenen Werkstatttür stehen. Der Fahrer stieg aus und schloss den Wagen mit der Fernbedienung. Dann kam er langsam näher. Michail hatte gesagt, er würde in den Lexus steigen, sich kurz mit dem Beifahrer unterhalten und ihn dann mit einer blauen Sporttasche wieder verlassen. Hissène kam ihm zuvor. Er tauchte überraschend hinter dem Wagen auf und öffnete die Autotür. »Los, mach schon, lass den Wagen an«, hörte ich ihn durch das Headset. Der andere blieb gelassen. »Nimm die Waffe runter. Das Portemonnaie ist im Handschuhfach.« Inzwischen war der Mann aus dem Fiat Punto, der beobachtet hatte, wie der Schwarze in den Lexus gestiegen war, stehen geblieben, hatte sich umgesehen und kam nun angerannt. »Beeilung«, knurrte ich ins Headset und drehte mich um, damit ich sehen konnte, ob der Russe unter dem uralten Vorwand, sich den Schuh zuzubinden, mit seinem Messer einen Reifen des Punto zerstach. »Ich weiß ganz genau, wer du bist und was in diesem Wagen transportiert wird«, sagte Hissène. »Wenn du den Wagen nicht startest, knall ich dich ab.« Der Fahrer gehorchte widerspruchslos, und der Lexus fuhr langsam auf die Ausfahrt zu. Michail, der wieder zu mir in den SUV gestiegen war, folgte ihm. Wir kamen an dem anderen Typen vorbei, der zurück zu seinem Wagen rannte. »Wo soll’s hingehen?«, fragte der Fahrer. »Wir fahren zurück nach Mailand, zur Mietwagenfirma«, antwortete der Schwarze. »Woher weißt du von der Firma?« »Sei still und fahr an der nächsten Mautstation raus.« Ich hörte ein Handy klingeln. Das musste der Mann aus dem Punto sein, der wissen wollte, was zum Teufel da los war. Der Schwarze schaltete es aus, wie man ihm gesagt hatte. »Schau in den Rückspiegel«, befahl er. »Siehst du den SUV, der uns folgt? Das sind meine Freunde.« »Scheißnigger wie du, wolltest du wohl sagen.« Das war der Moment zum Eingreifen. »Gib ihn mir!« Der Schwarze nahm das Headset ab und stülpte es dem Kalabrier über. »Du solltest lieber das Maul halten«, empfahl ich ihm gelassen. »Giuseppe Palamara will wissen, wer sich sein Geld krallt.« »Was zum Teufel läuft hier?«, schrie der Mann verzweifelt. »Vielleicht ist es ja Nilo und du bist sein Komplize.« Der Mann beruhigte sich und schwieg eine ganze Weile. Wie ich geahnt hatte, war er nicht in der Lage, die einzelnen Stücke zu einem Ganzen zusammenzufügen. Dann sagte er das Einzige, dessen er sich sicher war: »Du verarschst mich doch.« »Ja«, gab ich offen zu. »Doch du schweigst jetzt besser und machst keinen Mist, wenn du am Leben bleiben willst.« Hissène nahm sich das Headset wieder. »Hast du ihn gefilzt?«, fragte ich. »Er ist unbewaffnet.« »Sei vorsichtig. Der Typ ist nicht blöd und gefährlich.« Michail, der bis jetzt geschwiegen hatte, warf mir einen verblüfften Blick zu. »Du fragst dich wohl, warum ich diesem Scheißmafioso gegenüber Namen erwähnt habe?« »Genau. Manchmal sollte man lieber nur das Notwendigste sagen.« »Du hast recht, aber du verschwindest morgen mit deinem Geld, während ich mich mit der Bauernschläue und dem angeborenen Misstrauen herumschlagen muss, durch die diese verdammten Kalabrier in der ganzen Welt reich, gefürchtet und mächtig geworden sind. Wenn die mich erwischen, bin ich tot. Ich verbreite confusion.« Er lachte. »Disinformazia. Und – hast du den Fahrer täuschen können?« »Der ist völlig verwirrt, weiß nicht, was er denken soll. Und das ist schon etwas, wo das Spiel doch gerade erst begonnen hat.« Den Rest der Fahrt über quatschte der Kalabrier in einer Tour. Er versuchte so, einen Kontakt zu mir aufzubauen. Ich hörte ihm sehr aufmerksam zu, bemüht, aus den Untertönen etwas herauszuhören. Er nannte mich die ganze Zeit einen Ehrenmann. Offensichtlich war er verzweifelt, aber er bewies auch, dass er Eier in der Hose hatte. Wie auch immer die Sache ausging, er würde dafür bezahlen müssen. Entweder mit dem Tod oder mit der Rückkehr in sein kleines Heimatdorf. Das wusste er genau, denn man merkte ihm an, dass er die Gesetze der ’Ndrangheta schon mit der Muttermilch aufgesogen hatte und heute ihr Soldat war. Das hatte er bewiesen, als er über die Pistole diskutieren wollte, mit der Hissène auf ihn zielte. »He, Ehrenmann, erklär mir doch mal: Ich habe hier einen Neger mit einem Schießeisen, der in unserem Land überhaupt nichts zu suchen hat. Du bist Italiener, das steht fest, aber ich glaube, du bist der Einzige hier …« Ich brach mein Schweigen. »Sag ihm, wenn das stimmen würde, müssten wir ihn ausschalten.« Hissène wiederholte meine Worte. Der Kalabrier lachte bitter auf. So ein Lachen kannte ich. Das Lachen eines Mörders, der schon zu oft getötet hatte, um nicht zu wissen, dass hier für ihn Endstation war. Ich fragte mich nur, was ihn davon abhielt, das Auto mit sich und dem Mann, der ihn bedrohte, um den nächsten Baum zu wickeln und so unseren Plan über den Haufen zu werfen. Vielleicht wollte er stilvoll abtreten oder hatte noch einen Funken Hoffnung, der ihm riet, sich nicht von seiner Wut hinreißen zu lassen. Nein. Alles in allem war er doch nur so ein beschissener Mafioso mit beschränkter Vorstellungskraft. Die Regeln der Mafia erlaubten keine Vorstöße, die nicht vorher vom Unterboss abgesegnet wurden. Etwa fünfzig Meter von der Zentrale der Mietwagenfirma entfernt befand sich ein kleiner Supermarkt mit einem völlig verlassenen Kundenparkplatz auf der Rückseite. Der Schwarze sagte ihm, er solle da reinfahren, und zeigte ihm, wo er den Wagen abstellen sollte. »Mach aus und gib mir die Schlüssel!«, befahl er. Der Mann tat, was man ihm gesagt hatte, und kurz darauf zerfetzte eine Kugel seine Leber. »Genau wie im Film«, erklärte der Russe, nachdem er beobachtet hatte, wie das Mündungsfeuer der Waffe für den Bruchteil einer Sekunde das Wageninnere des Lexus erhellte. Wir stiegen aus dem SUV und räumten den Lexus aus, während der Schwarze sich um die persönlichen Habseligkeiten des Toten kümmerte. Auf der Rückbank standen vier vollkommen identische Taschen. Ich wählte eine von ihnen zufällig aus und öffnete sie. Geldscheine. Einen Moment lang überlegte ich, meine Waffe zu ziehen und meine Komplizen aus dem Weg zu räumen. Das hatte ich schon einmal getan, und es war mir leichtgefallen. Doch leider brauchte ich sie noch. Ich sah hoch und begegnete Michails Augen. Er hatte mich im Blick. Ich lächelte ihn an. Wir konnten ruhig ehrlich zueinander sein. »Ich gestehe, dass ich daran gedacht habe«, flüsterte ich ihm zu. »Ich weiß. Aber es lohnt nicht festzustellen, wer von uns am schnellsten die Waffe zieht und schießt. Dabei könnten wir beide mit einem Loch im Bauch auf dem Boden liegenbleiben.« »Eine alte Weisheit der Kosaken?« »Hollywood.« In drei Minuten hatten wir den Lexus leergeräumt und dort nichts als eine Leiche mit ausgeleerten Taschen zurückgelassen. Noch etwas confusion für den Palamara-Clan. Ich sah auf die Uhr. Wir lagen im Plan zurück. »Fahr nicht schneller, als erlaubt ist, aber versuch etwas Zeit reinzuholen«, sagte ich zu Michail. Ich durchsuchte das Portemonnaie des Toten. Er hieß Zosimo Terreti und war neunundvierzig, als er dieses Erdenleben hinter sich ließ. Ich rief Nicoletta an, die unserem Plan nach den Abend mit Gemma im La Nena verbringen sollte, um Tortorelli im Auge zu behalten. »Wie läuft’s?« »Er hat einen Anruf erhalten und ist seitdem sehr nervös. Er versucht ständig, jemanden zu erreichen, der aber nicht rangeht.« »Gib mir Bescheid, wenn er das Lokal verlässt.« Ich schaltete das Handy des Kalabriers wieder ein. Gleich darauf kamen eine Masse SMS von unterdrückten Nummern an. Das Adressbuch und die Liste mit den gesendeten SMS waren leer. Zosimo war ein guter Soldat. Aber auch der Russe wie der Schwarze hatten sich ordentlich gehalten. Je weniger Kilometer uns vom Veneto und der Stadt trennten, desto näher kam der kritische Moment für unsere Bande: das Aufteilen der Beute. Meine Hand ging zu dem mit Pflaster an meinem Bein befestigten Schalldämpfer meiner Waffe. Sie war bereits geladen. Mein Handy klingelte. Nicoletta. »Wir gehen gerade. Außer uns ist niemand mehr da.« Ich überschlug die Zeit. Die Kellner mussten aufräumen, und bei allem, was sonst noch zu erledigen war, würde Tortorelli sicher noch mindestens eine Stunde im La Nena bleiben. Der ursprüngliche Plan sah vor, dass ich dem Buchhalter allein entgegentreten sollte, nachdem wir die Beute untereinander aufgeteilt und uns in Nicolettas Wohnung voneinander verabschiedet hatten, doch dafür blieb jetzt keine Zeit mehr. »Es gibt eine Änderung im Programm«, verkündete ich. »Nach der Show im Hotel holen wir den Buchhalter ab. Er wird uns beim Zählen helfen.« Michail und Hissène nahmen es ausdruckslos hin. Inzwischen war die Anspannung im SUV so übermächtig, dass man sie mit Händen greifen konnte. Michail stellte den Wagen etwa dreißig Meter vom Eingang des Negresco Palace, dem Hotel Tortorellis, entfernt ab. Ich übergab Hissène eine blaue Tasche. Er stieg aus und verschwand in der Eingangshalle. Er sollte zum Nachtportier gehen und nach dem Buchhalter fragen. Der Mann würde ihm sagen, dass Tortorelli noch nicht im Hotel war, und der Schwarze sollte dann vortäuschen, er sei verärgert darüber, und schnell verschwinden. Noch so ein rätselhaftes Puzzlestück, das den Palamaras Kopfzerbrechen bereiten würde. Kaum saß der Schwarze wieder im Wagen, schickte ich Tortorelli mit Zosimo Terretis Handy eine SMS: »Treffen bestätigt.« »Glaubst du, er beißt an?«, fragte Michail. »Keine Ahnung«, erwiderte ich. Das kam darauf an, inwieweit der Mistkerl die Regeln des Clans verinnerlicht hatte. Der Typ, den wir in Mailand umgebracht hatten, wäre sicher nicht darauf hereingefallen, aber der Buchhalter tickte anders, war ein Rechner, wie er sich selbst bezeichnet hatte; einer von den Leuten, die man für den Modernisierungsprozess der Mafia brauchte, die allerdings nicht aus den Clans stammten, weil diese noch keine Zeit gehabt hatten, Jungs aus den eigenen Reihen dafür auszubilden. Vermutlich war der erste Kontakt zum Buchhalter über Wucherkredite geknüpft worden. Man hatte ihm seine Firma weggenommen und dann arbeitete er plötzlich für die Kalabrier. Als wir auf die Piazza Vittoria di Lepanto fuhren, wartete Tortorelli dort bereits auf seinen »Gevatter« Zosimo. Sein Blick suchte nach einem metallicgrauen Lexus, deshalb bemerkte er den SUV erst, als er neben ihm hielt. Ich öffnete die Wagentür. »Steig ein!«, sagte ich und zeigte ihm die blaue Tasche. »Wir bringen dich ins Hotel.« »Was hast du damit zu tun?« »Das erkläre ich dir gleich.« Er schaute auf die Rückbank und musterte Michail und Hissène. Dann schüttelte er entschieden den Kopf. »Ich steige nicht ein.« »Dann bringe ich dich um.« Ich bedrohte ihn mit meiner Waffe. »Weißt du denn nicht, wer die Palamaras sind?«, stammelte er erschrocken. »Genau deswegen steigst du jetzt besser ein.« Seine Beine zitterten so, dass ich ihm in den Wagen helfen musste. Seine weichliche Achtziger-Jahre-Fresse verzerrte sich vor Angst. »Was ist mit Signor Terreti?« »Ein Anfall von Saturnismus«, erwiderte ich. »Er konnte leider nicht kommen.« Michail, der das Wort nicht kannte, das ich gerade verwendet hatte, sah mich fragend an. Ich erklärte es ihm: »Eine Bleivergiftung.« Der Russe und der Schwarze prusteten los. Der Buchhalter nahm meine Hand, ganz sanft, als wäre es die eines Priesters. »Du weißt nicht, wie die sind. Ich habe meine Familie verlassen müssen, um meine Frau und meine Kinder zu beschützen.« »Und dann bist du hierhergekommen, um mir hier das Leben schwerzumachen, obwohl ich dir gar nichts getan habe?« »Ich habe nur Befehle ausgeführt.« »Blödsinn! Die hatten doch bereits beschlossen, mich zu töten, stimmt’s?« »Ein Unfall«, gestand der Buchhalter. »Sofort nach der Überschreibung des La Nena.« »Und du hast mich wie das letzte Stück Dreck behandelt, obwohl du wusstest, dass die mich kaltmachen würden?« »Du bist so unsympathisch, dass mir das nicht weiter schwergefallen ist«, erwiderte er aufrichtig. Das durfte doch nicht wahr sein. Ich legte ihm eine Hand auf den Arm und sagte: »Okay, Tortorelli. Jetzt sei brav und halt den Mund. Wir haben noch viel Weg vor uns.« Der SUV ließ die Stadt hinter sich, fuhr ein Stück auf der Staatsstraße, dann schlängelte er sich an den Flanken der sanften Hügel hinauf. Michail wusste genau, wo es hinging, und nach vierzig Minuten bog er auf eine Schotterstraße ab. Die hellen Scheinwerfer des Wagens beleuchteten regelmäßige Reihen von Rebstöcken. »Wo sind wir?«, fragte der Buchhalter. »Das ganze Gebiet gehört Brianese«, entgegnete ich. »Weiter unten im Tal lässt er sich eine bombastische Villa bauen.« Der Russe schaltete den Motor ab, ließ die Scheinwerfer jedoch brennen. »Wir sind da«, verkündete er. Ich stieß Tortorelli aus dem Wagen und legte ihm einen Arm um die Schulter. »Denk dir nur, was für ein Glück für dich. Du magst doch Wein, und jetzt wirst du für immer und ewig inmitten von Trauben ruhen.« Er fiel auf die Knie. Ich holte eine Champagnerflasche Prestige Cuvée heraus. »Erinnerst du dich?«, fragte ich. »Du hast eine davon auf mein Wohl getrunken.« »Jetzt mach nicht so lange«, mahnte mich der Russe. Ich spitzte die Ohren und hörte einen Hund bellen. Nicht sehr nah, aber schon bald würden sich auch die anderen Hunde zu einem hübschen Chor vereinigen. »Du hast recht. Nur weißt du nicht, wie sehr mich dieser Bastard gequält hat.« Der Buchhalter fing an zu wimmern. Ich schlug ihm die Flasche auf den Kopf. Beim vierten Schlag sank er auf dem Boden zusammen. »Ist er tot?«, fragte Michail. »Keine Ahnung. Begraben wir ihn einfach, und wenn nötig, gebe ich ihm mit ein paar Schaufelhieben den Rest.« Wir schleiften den Buchhalter ein Dutzend Meter einen Abhang hinunter. »Hier ist es gut«, sagte Michail. »Wo liegt das Mädchen?« »Genau daneben.« Ich beglückwünschte mich insgeheim zu meiner Voraussicht und dem genialen Einfall, als ich angeordnet hatte, Isabel auf Brianeses Grundbesitz zu begraben. Dies konnte den Avvocato irgendwann in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Besonders, da hier gerade ein kleiner Friedhof entstand. Ich fing an zu graben. Der Schwarze wollte sich eine Zigarette anzünden, doch als er das Feuerzeug schnippen ließ, hielt ihn Michail auf. »Hast du nicht gemerkt, dass ich den ganzen Tag noch keine geraucht habe? Dabei hinterlässt man DNA auf den Kippen und erleichtert den Bullen die Arbeit.« Der Schwarze murmelte eine Entschuldigung und verzichtete auf die Zigarettenpause. »Ich kann nicht mehr«, sagte ich und ließ die Schaufel fallen. »Hissène, übernimm für mich.« Er beugte sich hinunter, um den Spaten aufzuheben, und grub weiter. Ich setzte mich in die Dunkelheit hinter ihm und wischte mir den Schweiß mit dem Jackenärmel vom Gesicht. »Es wird langsam warm«, warf ich ein. Das stimmte zwar nicht ganz, aber ich musste irgendwie das Geräusch übertönen, das das Ablösen des Klebebands von meinem Bein verursachte, als ich mir den Schalldämpfer holte. Während ich mich mit Michail darüber unterhielt, dass es wegen der globalen Erderwärmung keinen Frühling oder Herbst mehr gab, gelang es mir unbemerkt, den Schalldämpfer auf den Waffenlauf zu schrauben, die Pistole zu entsichern und zwei Schüsse auf Hissène abzugeben. Ich traf ihn in den Rücken. Aber er war nicht gleich tot, sondern versuchte keuchend, noch etwas zu sagen. Ich wedelte mit der Waffe durch die Luft, um die Gase aus dem Schalldämpfer zu schütteln. Dann ging ich zu dem Schwarzen hin und schoss ihm in den Kopf, direkt hinter dem Ohr. »Ich könnte wetten, dass du gerade auf mich zielst«, sagte ich zu Michail, der hinter mir stand. »Das ist eine reine Vorsichtsmaßnahme, mein Freund. Ich würde ja ganz gern abdrücken, aber meine Pistole würde zu viel Lärm machen, und es gibt nur zwei Straßen, um von hier wegzukommen.« »Wir müssen eine Lösung finden. Ich werde langsam nervös.« »Werfen wir beide die Waffen weg, und dann durchsuchen wir einander, bevor wir uns die Beute teilen.« »Der Vorschlag gefällt mir.« Ich legte die schallgedämpfte Pistole auf dem Boden ab und grub weiter. Einen guten Meter für ein Doppelgrab. Tortorelli unten, im Arm die Champagnerflasche, die ihm den Garaus gemacht hatte, und auf ihm der Schwarze. Wir streuten ein Kilo Pfeffer darüber und bedeckten die Grube mit Erde. Auf dem Rückweg in die Stadt hielten wir an einer Flussbiegung an, wo wir die Waffen und die Handys hineinwarfen, die wir während des Raubs benutzt hatten. Wir durchsuchten einander gründlich, dann bestand ich darauf, auch den SUV zu filzen. Ich warf jeden scharfen oder stumpfen Gegenstand ins Wasser. »Gut«, sagte ich schließlich befriedigt. »Jetzt gebe ich dir deinen Anteil.« »Den für den Schwarzen und noch etwas drauf«, erklärte er. »Es war nicht vorgesehen, dass ich mich auch noch um Tortorelli kümmern muss.« Jede Tasche enthielt zweihundertfünfzigtausend Euro. Mal vier machte das eine Million. Die in der Lombardei herrschende Familie, zu der die Palamaras gehörten und gegen die eine polizeiliche Untersuchung lief, wusch also vier Millionen schmutziges Geld im Monat im Veneto. Nicht schlecht. Ich ließ den Russen an einer Kreuzung in einem Vorort raus. Im Rückspiegel beobachtete ich, wie er die Kette von einem Fahrrad abmachte, mit der er es an einem Gitter angeschlossen hatte, und mit einer prall gefüllten Tasche voll mit vierhunderttausend Euro davonfuhr. Ich war etwas beunruhigt, weil er noch am Leben war. Nicht so sehr wegen des Geldes, da blieb immer noch ein nettes Sümmchen für mich, sondern weil man nie wissen konnte. Leute wie er haben einfach die dumme Eigenschaft, Mist zu bauen oder schlimmer noch, irgendwann aus der Vergangenheit aufzutauchen und mit Jahren Verzögerung einen Gefallen zu verlangen. Michail war ein harter Kerl, und die einzige Möglichkeit, ihn auszuschalten, wäre ein Schusswechsel auf kurze Distanz gewesen. Doch seit der Zeit von Johnny Ringo lehrte einen die Erfahrung, dass die Wahrscheinlichkeit, sich dabei selbst eine Kugel einzufangen, sehr hoch war. Also fuhr ich direkt zu Nicolettas Haus und parkte den Wagen dort im Hof. Es war schon vor einer Weile hell geworden, und ich wollte versuchen, relativ früh im La Nena zu sein. Mit der Zigarette im Mund, dem nach Alkohol riechenden Atem, dem von Erschöpfung und Anspannung gezeichneten Gesicht wirkte Nicoletta auf einmal um Jahre gealtert. Sie wies auf meine erdverklebten Schuhe und Kleider. »Nächtliche Gartenarbeit?« Ich holte aus einer der Taschen hunderttausend Euro heraus und warf sie auf den Tisch. »Du rufst noch heute eine Entrümpelungsfirma an und räumst das Haus leer. Du hast achtundvierzig Stunden, um die Stadt zu verlassen.« »Keine Sorge«, sagte sie und griff nach den Scheinen. »Ich habe schon alles organisiert.« »Gut. Jetzt geh in dein Zimmer. Ich habe zu tun.« Sie stand auf. »Mach die Tür zu, wenn du rausgehst.« Ich zog mich um und untersuchte danach jeden Gegenstand, den wir aus dem Lexus und aus den Taschen des Kalabriers entfernt hatten. Nichts, was mir für den zweiten Teil meines Plans nützlich sein konnte. Jetzt kam der schwierigere Part, wenn der Clan Nachforschungen anstellen und ich einer der Hauptverdächtigen sein würde. Ich verpackte alles bis auf die verbliebenen fünfhunderttausend Euro, die ich in meinen Rucksack steckte. Schließlich stellte ich eine Mischung aus zermörserten Kaliumchlorat-Halstabletten und Puderzucker her und gab sie in eine Vorratsdose aus Plastik. Ich bohrte ein Loch in den Deckel und steckte eine Zigarette hinein, von der ich vorher den Filter abgerissen hatte. Die Dose stellte ich unter den Fahrersitz des SUVs, wo Michail schon einen Fünfliterkanister mit Benzin deponiert hatte. In den Siebzigern, als ich mich noch für einen Revolutionär hielt, hatte ich gelernt, einfachste Bomben zu bauen, und das gelang mir heute noch ziemlich gut. Ich fädelte mich in den morgendlichen Verkehr ein und fuhr den SUV auf die andere Seite der Stadt in die Nähe einer aufgegebenen Fabrik, die jetzt von Jugendlichen eines Sozialzentrums besetzt war. Gleichermaßen verhasst bei der Polizei wie bei der Stadtverwaltung. Ich zündete die Zigarette an und entfernte mich mit dem Rucksack auf dem Rücken, Kappe auf dem Kopf und Sonnenbrille auf der Nase. Exakt drei Minuten später erreichte ich die Endhaltestelle des Autobusses, der abfahren würde, bevor die Bombe explodierte. Am Bahnhof verließ ich den Bus, stieg in ein Taxi und ließ mich zu meinem Wagen bringen. An der ersten roten Ampel rief ich Martina an. Sie war sofort dran. »Ciao amore, wie geht’s dir?« Ich drehte mich um und sah auf den Rucksack mit der halben Million, der auf dem Rücksitz lag. »Ausgezeichnet! Und deinem Vater? Wie schlägt die Behandlung an?«, fragte ich und täuschte Anteilnahme vor. Meine Frau fehlte mir. Ich brauchte jetzt ausdauernden Sex. Ich hatte geraubt und getötet. Das kreative Verbrechen löste in mir eine ungeheure Lust aus, zu leben und das Leben zu genießen. So sehr, dass ich mich nicht länger zurückhalten konnte und Gemma anrief. »Ciao, Herzkönig«, flüsterte sie. »Ich bin bei der Arbeit und kann jetzt nicht über die schändlichen Dinge reden, zu denen du mich treibst.« »Schade. Das hätte mir geholfen, es bis heute Abend auszuhalten.« »Hast du etwas Schlimmes vor, Herzkönig?« »Das Schlimmste.« Im La Nena angekommen, fragte ich alle, ob sie Tortorelli gesehen hätten. Ich spielte den Verblüfften, bis auch der Letzte kapiert hatte, wie erstaunt ich war. Ich durchsuchte jede Schublade, an der der Buchhalter sich zu schaffen gemacht hatte. Wie ich vermutet hatte, fand ich nichts, was mir die Sache erleichtern konnte. Endlich konnte ich mich wieder meinem Lokal widmen. Als erste Maßnahme setzte ich einen Typen vor die Tür, der Spielzeugäffchen verkaufte, die blinkten und Purzelbäume schlugen. »Mach dich vom Acker!«, sagte ich laut, worauf viele Gäste spontan klatschten. Dann gab ich dem jüngsten Kellner den Auftrag, er solle Ding Dong suchen und ihm ausrichten, er könne wieder hier arbeiten. Nach dem Mittagsgeschäft informierte ich den treuen Piero, dass ich am späteren Nachmittag zurückkäme und dass man mich anrufen sollte, falls der Buchhalter wieder auftauchte. »Haben Sie einen Termin?«, fragte die Sekretärin. »Nein.« »Wer sind Sie? Ein Lieferant, ein Kunde, ein Vertreter …« »Ein lieber Freund von Signora Marenzis Ehemann.« »Wie war Ihr Name nochmal?« »Pellegrini. Giorgio Pellegrini.« Die Sekretärin kam hinter ihrem Schreibtisch hervor, der direkt beim Eingang des riesigen Loftbüros stand, und ging sie suchen. Man hatte mir erzählt, Brianeses Frau hatte ihre Modefirma nur so zum Zeitvertreib behalten, doch nach allem, was ich sah, handelte es sich dabei nur um eines der üblichen Gerüchte, die in der Provinz aus Neid in die Welt gesetzt wurden. Überall sah man junge Leute, die diskutierten, etwas zeichneten oder Kreationen entwarfen. Die Kleidungsstücke wurden in China produziert, aber man sah sofort, dass die Signora eine solide Unternehmerin von altem Schrot und Korn war, wie sie im Nordosten Italiens traditionell zu finden waren. Umso besser. Dann würden wir uns bestimmt leichter verständigen können. Die Sekretärin kam außer Atem zurück und hielt mir ein schnurloses Telefon hin. »Ich weiß, wer Sie sind, Signor Pellegrini«, begann Brianeses Ehefrau angriffslustig. »Und ich wüsste nicht, dass Sie mit Sante befreundet wären. Nein, ich glaube sogar, mitbekommen zu haben, dass mein Mann Ihr Lokal nicht mehr besucht.« »Wir haben im Moment ein paar Meinungsverschiedenheiten, das stimmt. Und es ist auch wahr, dass er mein Lokal nicht mehr mit seiner Anwesenheit beehrt«, gab ich versöhnlich zu. »Aber Sie wissen nicht, wer ich bin. Glauben Sie mir, Sie irren sich da gewaltig.« »Gehen Sie!« »Wie Sie wollen, aber die Ware, die ich besitze, ist überall gut verkäuflich.« Sie schnaubte verächtlich. »Sie glauben doch nicht, dass Sie mit irgendeinem kleinen lokalen Skandal Geld aus mir herauspressen können?« »Keineswegs. Doch hier geht es nicht um ein paar kleine Schlammspritzer auf dem Ansehen des Avvocato, die man wegwischt, indem man das Offensichtliche leugnet, so wie es die Kollegen Ihres Mannes tun.« »Warum wenden Sie sich nicht direkt an ihn?« »Weil nur Sie mir geben können, was ich will.« Sie beendete das Gespräch und tauchte ein paar Minuten später aus der Kreativabteilung auf. Brianeses Frau war mindestens sechzig, sah aber zehn Jahre jünger aus und musste in ihrer Jugend eine umwerfende Schönheit gewesen sein. Sie bedeutete mir, ich solle ihr in ihr Büro folgen, das vollgestopft war mit Gegenständen, Stoffen und Modellen. Sie wies auf einen Sessel vor dem Schreibtisch. »Wir normalen Menschen, die von ihrer Arbeit leben und nicht vom Erpressen anderer Leute, haben keine Zeit zu verschwenden.« Ich erklärte ihr, was Sache war und was ich von ihr wollte. Sie hatte eine ganz besondere Art, sich mit den Fingern über das Gesicht zu streichen, während sie überlegte. »Einerseits könnte ich Sie fragen: ›Ist das alles?‹ und mich von Ihrer Anwesenheit befreien, aber wenn die Angelegenheit öffentlich bekannt würde, wäre sie nicht mehr zu kontrollieren.« »Das wird nicht passieren. Daran ist niemand interessiert«, beruhigte ich sie. »Also einverstanden. Ich akzeptiere Ihre Bedingungen.« Ich stand auf, holte einen Schlüsselbund aus der Jackentasche und legte ihn vor sie hin. Sie nahm ihn mit zwei spitzen Fingern, als hätte sie ihn im Dreck gefunden, und ließ ihn in eine Schublade fallen. »Sie haben mir den Tag verdorben, Signor Pellegrini.« Eine wirkliche Dame. Ich drehte mich um und ging. 6 Ombretta Sie kamen am Mittwochmorgen. Zwei Tage nach dem Verschwinden von Tortorelli, Terreti und einer Million Euro. Ich erkannte sie sofort wieder. Einer der beiden war der Kerl aus dem weißen Fiat Punto, den wir bei der Raststätte verladen hatten, der andere hatte ein derbes Bauerngesicht und sah nach Ärger aus. Sie erschienen pünktlich zum Frühstück, Mittagessen und Abendessen und ließen keinen Aperitif aus. Sie schwiegen vor sich hin, beobachteten und hörten zu. Anscheinend war ich der Einzige, mit dem sie sich nicht beschäftigten. Anfangs hatten die Kellner sie mit Bullen verwechselt, aber dann hatten sie begriffen, dass die beiden von der anderen Seite waren, und ihre Anwesenheit verdrängt. Wenn ich an ihren Tisch ging, um die Bestellungen aufzunehmen, starrten sie stur in die Speisekarte. Am Freitag begannen sie, mich zu beschatten. Am Montag darauf verschwanden sie. Als hätte es sie nie gegeben. Sie kamen erst wieder in der Nacht zurück. Zu Gemma. Der Kerl aus dem Fiat Punto öffnete mir. Ich gab mich überrascht und verängstigt. Mit einer gelangweilten Handbewegung forderte er mich auf einzutreten. Im Wohnzimmer warteten Giuseppe und Nilo Palamara auf mich. Der mit dem Bauerngesicht war bestimmt mit Gemma in einem anderen Zimmer. Ich mimte weiter den Erschrockenen. »Was machen Sie hier? Und wo ist meine Freundin?« »Setz dich!«, befahl Nilo. Ich gehorchte. Und musste mich nicht groß anstrengen, um Angst zu zeigen, denn tatsächlich rumorte es ziemlich in meinen Eingeweiden. Die beiden Palamaras starrten mich lange stumm an, ihre Augen funkelten bedrohlich. Dann trat Nilo hinter mich. Ein Bullenmanöver, ein Anzeichen, dass jetzt das Verhör begann. Und Giuseppe brach zum ersten Mal das Schweigen. »Es ist etwas passiert, und egal, wie man die Sache dreht und wendet …, am Ende landet man immer wieder bei dir und bloß bei dir.« »Ich weiß nicht, wovon Sie reden.« Nilo zog mir von hinten eins über. »Mein Onkel war noch nicht fertig.« »Entschuldigung«, sagte ich hastig. »Jemand hat eine kleine Show inszeniert, bei der Leute auftauchen und verschwinden, nur um uns zu verarschen. Sogar ein Schwarzer in Anzug und Krawatte war dabei.« »Ein Schwarzer?« Nilo packte mich bei den Haaren und zerrte daran, bis es wehtat. »Ja, ein Schwarzer«, zischte er mir mit heißem Atem ins Gesicht. »Einer von deinen Freunden.« »Sie irren sich.« Der Onkel bewegte den Zeigefinger skeptisch hin und her. »Nein. In dieser Show steckst du bis zur Halskrause mit drin«, sagte er. »Vielleicht bist du ja nicht der Drahtzieher, denn für so was bist du zu dumm, aber ganz bestimmt hast du damit zu tun. Und ich beweise dir auch, warum.« Er hob den Daumen. »Am Montag bist du nicht zur Arbeit erschienen.« Dann kam der Zeigefinger dran. »Buchhalter Tortorelli ist am gleichen Abend verschwunden.« Schließlich ging der Mittelfinger hoch. »Am Dienstagmorgen ist ein SUV ausgebrannt, so wie man es eben macht, wenn man keine Spuren hinterlassen will, weil er für eine krumme Tour benutzt wurde.« »Tortorelli, ein SUV … Signor Palamara, ich verstehe nicht, wovon Sie reden.« Nilo schlug mich noch einmal. Stärker und gemeiner. »Verschwende nicht unsere Zeit mit diesen Spielchen, dir Sachen erzählen zu lassen, die du schon weißt.« Giuseppe hob eine Hand, um seinen Neffen aufzuhalten. »Hör zu, Pellegrini, drüben in der Küche liegt deine Freundin hübsch zusammengeschnürt wie eine Salami. Und eine Salami wird nun mal in Scheiben geschnitten. Ist das deutlich genug?« »Sind Sie übergeschnappt? Sie hat nichts damit zu tun und ich genauso wenig, lassen Sie uns in Ruhe.« Palamara lachte leise. »Ich wette, dass du am Montag bei ihr warst.« »Nein. Ich war zwar mit einer Frau zusammen, aber nicht mit Gemma.« »Und mit wem dann?« »Das kann ich nicht sagen. Die Frau ist verheiratet, wenn ihr Mann davon erfährt, bricht die Hölle los.« »Das sagen sie alle«, zischte er enttäuscht. Er wandte sich an seinen Neffen. »Sag unserem Freund, er soll mit der Nase anfangen.« »Schon gut, schon gut«, schrie ich fast. »Ich war mit Brianeses Frau zusammen.« Grabesstille machte sich breit. Giuseppe sah mich an und dachte nach. Ich zappelte auf dem Stuhl hin und her und stammelte unzusammenhängende Sätze wie ein verängstigter, aber unschuldiger Mensch. Ich hatte keine Angst mehr, ganz im Gegenteil, das Adrenalin des baldigen Sieges schoss mir durch die Adern. Diese Scheißmafiosi hatten mich unterschätzt und alles falsch gemacht, indem sie nach Schema F verfahren waren. »Aber die ist alt«, meinte er nach einer Weile. »Bist du etwa pervers, Pellegrini? Einer von denen, die nicht ficken wie ganz normale Leute?« »Sie sieht jünger aus«, rechtfertigte ich mich. »Und im Bett geht sie ab wie eine Zwanzigjährige.« »Wie habt ihr euch kennengelernt?« Ich lieferte prompt die Adresse des Boardinghouse, in dem Ylenia und Brianese ihr Liebesnest hatten. »Und wie lange wart ihr zusammen?« »Ich bin morgens um acht gegangen. Ombretta, glaube ich, eine halbe Stunde später.« Onkel und Neffe sahen einander an. Giuseppe nahm sich ein Handy und ging ins Schlafzimmer. »Lieber Sante, entschuldige die späte Stunde …«, hörte ich ihn noch sagen, ehe er die Tür schloss. Eine Viertelstunde später saßen wir im Auto und fuhren quer durch die Stadt zum Avvocato. Ich war hinten zwischen den beiden Handlangern eingequetscht, die Palamaras unterhielten sich vorn leise in breitestem Dialekt. Brianese wirkte blass und besorgt, als er uns öffnete. »Was ist denn los? Um diese Zeit bei mir zu Hause …« Dann sah er mich und erstarrte. »Was macht der denn hier?« Giuseppe packte ihn am Arm, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. »Wir müssen mit deiner Frau sprechen, hol sie runter!« »Auf keinen Fall«, zischte Brianese. »Kommt morgen früh in meine Kanzlei und erklärt mir alles in Ruhe, aber Ombretta bleibt aus dem Spiel.« Palamara verstärkte seinen Griff, der Avvocato versuchte vergebens, sich zu befreien. »Es geht um eine Angelegenheit, die uns sehr am Herzen liegt«, erklärte Giuseppe. »Sie ist äußerst wichtig und dringend. Ruf deine Frau! Sonst muss ich einen meiner Jungs schicken, und sie würde bestimmt einen Mordsschrecken bekommen, wenn auf einmal ein Unbekannter in ihrem Schlafzimmer steht.« In dem Moment begriff Brianese: Es spielte keine Rolle, dass er ein bedeutender Anwalt und seines Zeichens Abgeordneter war und dass dies hier sein Haus war, weil es den Kalabriern glatt am Arsch vorbeiging. Sie wollten etwas und das würden sie auch bekommen. »Wartet einen Moment«, sagte er und ging geschlagen und mit hängenden Schultern zur Treppe. Etwas später kam Ombretta Marenzi, verehelichte Brianese, entschiedenen Schrittes die Treppe herunter, gefolgt von ihrem Mann. Sie trug einen überaus eleganten Morgenrock aus violetter Seide, und an den Füßen hatte sie Samtpantoffeln in derselben Farbe. Sie verblüffte alle, indem sie jedem die Hand schüttelte und sich vorstellte. Als sie zu mir kam, strich sie mir leicht über die Wange. »Ciao Giorgio.« »Du kennst ihn?«, fragte ihr Mann verwirrt. Giuseppe Palamara unterbrach ihn und kam gleich auf den Punkt. »Entschuldigen Sie, Signora, aber ich muss unbedingt wissen, ob Sie die Montagnacht mit Giorgio Pellegrini verbracht haben.« »Die Antwort ist nein«, ging Brianese dazwischen, der immer verwirrter wurde. »Jetzt können Sie gehen.« »Er hat sie gefragt«, brachte ihn Nilo zum Verstummen. »Verstehe ich das richtig«, zeterte Ombretta, als hätte sie einen Parkplatzwächter vor sich. »Sie kommen um vier Uhr morgens in mein Haus und verlangen, ich soll Ihnen intime Details aus meinem Privatleben erzählen? Für wen halten Sie sich eigentlich? Ich bezweifle, dass Sie von der Polizei sind, denn danach sehen Sie mir wirklich nicht aus, und obwohl wir hier in Italien sind und es keinen Respekt mehr vor dem Privatleben anderer Leute gibt, hätte man angemessenere Mittel und Wege finden können, um so heikle Angelegenheiten zu klären …« »Jetzt antworte, verflucht nochmal!«, schrie sie ihr verzweifelter Ehemann an. Signora Marenzi schaute Giuseppe Palamara direkt ins Gesicht. »Ja, wir waren bis acht Uhr morgens zusammen. Wir treffen uns immer in einem Boardinghouse in der Via Martiri delle Foibe Nummer 8. Besser gesagt, wir trafen uns immer dort, denn nach Ihrem überfallartigem Auftritt heute gebietet es mir der gute Geschmack, diese Beziehung zu beenden.« Sie drehte sich um, nahm ihre Handtasche von einem Sessel und holte einen Schlüsselbund heraus, den sie an den Kalabrier weitergab. »Achten Sie nicht auf die Einrichtung, die zeugt nun wirklich von ganz schlechtem Geschmack, aber sie ist zumindest dem Zweck dieses Apartments angemessen«, sagte sie, wandte sich zur Treppe um und ging hinauf. Ich sah verstohlen zu Brianese hinüber. Er war wie versteinert. Das Ebenbild eines am Boden zerstörten Mannes. Und seine Reaktion war so echt, dass es auch den Kalabriern auffiel. Wir konnten noch so gut schauspielern, bei Brianeses Frau hätte man ebenso wie bei mir annehmen können, dass wir uns abgesprochen hatten. Aber beim Avvocato nicht. Er war die Aufrichtigkeit in Person. Palamara gab ihm die Schlüssel zurück und ging zur Tür. Sie waren immerhin so freundlich, mich wieder vor Gemmas Haustür abzuliefern. Giuseppe drehte sich ruckartig zu mir um. »Und trotzdem hast du irgendetwas damit zu tun.« Ich war erstaunt, das von ihm zu hören. Er hätte eigentlich noch lange über die ganze Geschichte nachgrübeln sollen, und wenn er keine Beweise für eine andere Möglichkeit fand, sollte er wieder von vorn beginnen. Mit den Kalabriern war die Sache also noch nicht vom Tisch, doch darüber zerbrach ich mir nicht den Kopf. Ich vertraute auf die unbegrenzten Möglichkeiten des kreativen Verbrechens. Gemma lag gefesselt auf dem Küchentisch. Ich nahm ihr die Augenbinde und den Knebel ab. »Herzkönig«, stammelte sie. »Dieses Spiel mag ich nicht.« Ich küsste sie und zog mich langsam aus. »Von hier ab übernehme ich, und du wirst sehen, Baby, dass ich dich in den Wahnsinn treibe.« Mein Handy klingelte in dem Moment, als ich ihr den Slip runterzog. Es war Brianese. »Komm morgen Vormittag in meine Kanzlei!« »Nein, der Nebenraum ist sicherer, und außerdem haben Sie sich schon seit längerem nicht mehr im La Nena blicken lassen. Ich erwarte Sie dann zum Aperitif.« »Du willst es wirklich bis zum Äußersten treiben, stimmt’s?« »Ja«, sagte ich und legte auf. Am Ende eines öden Tages betrat Avvocato Sante Brianese, seines Zeichens Abgeordneter der Republik, wie immer entschiedenen Schrittes das La Nena. Er benahm sich wie ein erfahrener Schauspieler und wirkte wie der glücklichste Mensch auf der Welt. Er schüttelte jede Menge Hände, klopfte Leuten gönnerhaft auf die Schulter und warf mit Scherzen, Anekdoten und kleinen Geschichten nur so um sich. Schließlich betrat er den Nebenraum, und ich folgte ihm mit einer Aufschnittplatte, eingelegten Antipasti und einer Flasche Weißwein, ganz so, wie er es mochte. Er trank und aß alles wild durcheinander, wie jedes Mal, wenn er den Stress nicht in den Griff bekam. Hin und wieder kreuzten sich unsere Blicke. Er wusste nicht so genau, wie er beginnen und was er sagen sollte. Die Ereignisse hatten ihn überrollt. Sämtliche Regeln waren gebrochen worden. Das Schönste an der ganzen Sache war, dass er immer noch einen Haufen Dinge nicht wusste, wie zum Beispiel, dass Ylenia ihn verraten hatte. Ich beschloss, den Spieß einmal umzudrehen. »Es ist nicht schön, wenn überraschend die ’Ndrangheta bei einem zu Hause auftaucht, nicht wahr, Avvocato?«, sagte ich. »Sobald sie einmal einen Fuß in der Tür haben, wird man sie nur schwer wieder los. Man muss seinen Grips bemühen und muss rücksichtslos sein Ziel verfolgen.« »Du hast meine Frau mit reingezogen, du Drecksack!«, zischte er wütend. »Ich weiß nicht, was da wirklich abgelaufen ist, doch wenn du glaubst, dass du Giuseppe Palamara für dumm verkaufen kannst, dann tust du mir leid.« Ich packte ihn beim Jackettkragen und flüsterte ihm ins Ohr: »Ich habe überhaupt nichts getan. Nur mal angenommen, ich hätte den Buchhalter Tortorelli wirklich verschwinden lassen, dann hätte ich bestimmt dafür gesorgt, ihn auf Ihrem Grundbesitz zur letzten Ruhe zu betten, Avvocato. Dann könnte ich diesem Arsch von Giuseppe erzählen, dass ich in Ihrem Auftrag gehandelt habe. Damit würde ich wahrscheinlich nicht meine Haut retten, doch Ihr Leben, das Ihrer Frau und Ihrer Töchter wären danach ebenfalls absolut keinen Cent mehr wert.« Ich ließ ihn los. Er sprang auf. »Was bist du eigentlich? Ein Monster?« Ich fühlte mich beleidigt und ohrfeigte ihn, nicht sehr kräftig, aber doch ungemein demütigend für ein großes Tier wie ihn. »Ich bin der fieseste Drecksack auf Erden, Avvocato. Zum Glück bin ich Ihr Freund.« »Was willst du?« Ich packte ihn bei der Schulter und drückte ihn sanft auf einen Stuhl. »Die Kalabrier sollen endgültig verschwinden. Das La Nena wird wieder zu Ihrem Stammlokal und Sie zahlen mir die zwei Millionen plus zweihundertfünfzigtausend Euro zurück, die Sie mir schulden. Meinetwegen auch in Raten. Ich hab’s nicht eilig.« Dann schenkte ich ihm ein, und Brianese stürzte den Wein in einem Zug hinunter. Er seufzte. »Ich weiß nicht, wie ich das mit den Palamaras hinbekommen soll. Außerdem sind da noch ein anderer Abgeordneter und führende Parteimitglieder aus der Lombardei involviert.« »Nur keine Sorge. Mafiosi verpfeifen keine Politiker, zumindest solange sie nicht zu Kronzeugen werden«, sagte ich und knabberte an einem Grissino. »Ich kann Sie mit einem Vizepolizeichef zusammenbringen, der wegen eines Nuttenrings Dreck am Stecken hat. Er könnte gewisse Informationen bei den Kollegen in Mailand lancieren … So stünde er gut da und Sie würden mit keinem Wort erwähnt.« »In Ordnung. Wie heißt er?« Ich sagte es ihm. Er wischte sich gründlich den Mund mit der Serviette ab und stopfte ihn sich mit Pfefferminzbonbons voll, die er dann nachdenklich lutschte. »Wie hast du von dem Boardinghouse erfahren, und wie bist du an einen Schlüssel gekommen?« Ich blickte ihn erstaunt an. »Aber das war ich nicht. Das war Ihre Frau.« »Ich glaube nicht, dass du mit Ombretta geschlafen hast.« »Was sagt denn die werte Frau Gemahlin?« »Dass es stimmt«, erwiderte er, während er mich mit einem bösen Blick bedachte. Signora Marenzi war einfach großartig. »Und so ist es auch, Avvocato. Sie haben solche Hörner auf«, sagte ich ironisch in Anlehnung an unseren Ministerpräsidenten. Sein Blick verwandelte mich in ein Häuflein Asche. Ich breitete entschuldigend die Arme aus. »Wissen Sie noch, wie Sie genau hier, nachdem Sie mich an die Palamaras verkauft haben, gesagt haben: ›Giorgio, du weißt ja nicht, wie glücklich ich gerade bin‹?«, fragte ich übertrieben zerknirscht. »Nun ja, jetzt bin ich an der Reihe, und daher dürfen Sie mir meinen kleinen Scherz nicht krummnehmen.« Ich richtete ihm seinen Jackettkragen wieder und begleitete ihn zur Tür. Solche Hörner auf und vor allem so ein dummes Arschloch. Ich hatte ihm soeben eröffnet, dass auf seinem Grundstück eine Leiche vor sich hin rottete, und ihn interessierte bloß, ob ich seine Frau gevögelt hatte oder nicht. Das brachte mich zum Nachdenken und ich musste mich nicht groß anstrengen, um zu begreifen, dass ich mit meinem lieben Freund Sante noch lange nicht fertig war. 7 Man at work Palamaras Handlanger lungerten weiterhin im La Nena herum. Manchmal kamen sie zum Mittagessen, mal, um nur etwas zu trinken. Ich behandelte sie immer mit ausgesuchter, leicht erschrockener Höflichkeit und versäumte auch nie, Signor Giuseppe und Signor Nilo Grüße ausrichten zu lassen. Das Problem war Gemma, die sie eines Abends wiedererkannte und einen kleinen hysterischen Anfall bekam. Ich musste sie nach Hause fahren und ihr eine dreifache Dosis Benzodiazepine verabreichen. Eines Tages kam Giuseppe persönlich vorbei. Er aß mit großem Appetit und lud mich ein, ihm dabei zu helfen, die Flasche Solaia 2006 zu leeren. »Bist du wieder ins Nuttengeschäft eingestiegen?«, fragte er mich, nachdem er dem Koch seine Komplimente hatte ausrichten lassen. »Nein, und ich werde es auch nicht mehr.« »Wer hat dir eigentlich deine Mädchen besorgt?« Ich hatte diese Frage schon seit längerem erwartet. »Das waren Escortgirls. Wie Sie bestimmt wissen, ist das Angebot da unbegrenzt, man hat die Qual der Wahl.« Er lächelte mich vorwurfsvoll an. »Du verlädst mich gerade.« »Stimmt«, gestand ich. »Aber ich habe mit Ihren Problemen nichts zu tun. Wenn Sie mir das immer noch anhängen wollen, dann bedeutet das bloß, dass Sie zu viel Zeit haben.« Er steckte die Nase ins Glas und gab vor, sich am Duft dieses kräftigen Rotweins zu berauschen. »Es ist keine gute Idee, so mit mir zu reden.« »Ich habe Tortorelli nicht hierhergebracht, und wenn er mit dem Geld verschwunden ist, dann habe ich ihm ganz bestimmt nicht dabei geholfen.« »Glaubst du das wirklich?« »Das muss ich aus den wenigen Anhaltspunkten schließen, die ich habe.« »Der Buchhalter hätte sich niemals aus eigenen Stücken davongemacht, Pellegrini. Jemand muss ihm geholfen haben«, entgegnete Palamara entschieden. »Und warum sollte das ausgerechnet ich sein?« Er fasste sich an die Nase. »Weil du stinkst.« »Und wonach?« »Süßlich. Ein Hauch von Blumen und Tod.« »Vielen Dank für den Wein und das Gespräch, Signor Palamara. Jetzt muss ich mich wieder um meine Gäste kümmern.« »Geh nur, geh! Wir sehen uns bestimmt wieder.« Palamara brach auf, ohne zu bezahlen, als ob das La Nena noch immer ihm gehören würde. Er war gekommen, um mir zu sagen, ihm sei klar, dass ich die Bande und den Coup mit den Leuten auf die Beine gestellt hatte, die mir sonst die Nutten besorgt hatten. Er war nach dem Ausschlussverfahren daraufgekommen und war sich jetzt sicher. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er auf Michail Scholochow stieß. Noch schneller würde er bestimmt Nicoletta finden. Ich versuchte, sie anzurufen, aber ihre Nummer war nicht mehr aktiv. Ich hatte ihr ja selbst ans Herz gelegt unterzutauchen. Ich beklagte mich bei Brianese über die Hartnäckigkeit des kalabrischen Mafiabosses, doch er war mir keine große Hilfe. Soweit er wusste, zogen sich die Ermittlungen in die Länge und es würden wohl noch etliche Monate ins Land gehen, bis die Richter endlich Haftbefehle erließen. Der Avvocato bewies, dass er seine Lektion gelernt hatte, und bemühte sich nach Leibeskräften, wieder die alte Kundschaft ins La Nena zurückzubringen. Er kam mit Ylenia und Nicola, seinem Wasserträger, und alles schien wieder ganz wie früher zu sein. Ich beschloss, Martina heimzuholen. Der Gesundheitszustand ihres Vaters hatte sich zwar nicht gebessert, aber es war auf jeden Fall eine in vielerlei Hinsicht wertvolle Erfahrung gewesen und hatte die Situation für Mutter wie Schwestern jetzt lange genug erleichtert. In der Nacht davor hatte ich ein klärendes Gespräch mit Gemma. »Martina ist meine Frau und du bist nur eine Geliebte, die innerhalb von fünf Minuten austauschbar ist.« »Ich werde ganz brav sein, Herzkönig«, versprach sie mit Kleinmädchenstimme. Später, während ich mir eine Folge von Justified, meiner Lieblingsserie, ansah und dabei abwesend mit Gemmas Titten spielte, fragte ich sie, ob sie etwas von Nicoletta gehört hätte. Sie antwortete, dass sie von ihr schon seit einer Weile nichts mehr gesehen oder gehört hätte. Am nächsten Tag fuhr ich beim Haus meiner ehemaligen Partnerin vorbei. Die Tür und die Fenster standen weit offen und zwei Männer strichen die Wände im Eingangsbereich. Ich hielt an und fragte sie, ob das Haus zum Verkauf stünde. Die beiden waren Ausländer und ziemlich einsilbig. Ich holte zwanzig Euro raus und bekam dafür die Telefonnummer ihres Arbeitgebers. In breitestem Venetodialekt erklärte mir dieser, dass das Haus bereits verkauft und er vom neuen Eigentümer angestellt worden war. Anlässlich der Rückkehr meines Schatzes organisierte ich eine kleine Feier im La Nena mit Livemusik. Ich buchte dafür ein Duo mit Gesang und Gitarre, das sich darauf spezialisiert hatte, Songs von Lucio Battisti zu covern. Martina kam direkt vom Bahnhof, und als sie eintrat, begannen die Musiker mit Ein Mann, der dich liebt. Ach! Frau, du bist mein Und wenn ich sage mein Meine ich, dass du nie mehr gehst Es ist besser, wenn du bleibst Und wir einander lieben Zweihundert gut angelegte Euro. Martina war ganz gerührt, lief auf mich zu und umarmte mich vor allen Gästen, die daraufhin begeistert genug klatschten, um sich damit eine Runde Prosecco auf Kosten des Hauses verdient zu haben. Ich war ziemlich beschäftigt und konnte meiner Frau nur ein paar Minuten widmen, aber Gemma kümmerte sich um sie und sorgte dafür, dass es ihr gut ging. Ich hatte ihr aufgetragen, Martina mit Fragen zu ihrem Deutschlandaufenthalt zu löchern, damit sie später keine Lust mehr hätte, darüber zu reden, wenn ich nach Hause käme. Sie wartete im Bad auf mich und hatte bereits alles für das Cremeritual vorbereitet, das mir in dieser Zeit besonders gefehlt hatte. Als sie dazu kam, sich zu berühren, hörte sie sofort wieder auf. »Mach du bitte weiter.« Ich ging zu ihr und erfüllte ihren Wunsch. Dann nahm ich sie bei der Hand und führte sie zum Bett, wo wir uns lange liebten und Arm in Arm einschliefen. Nach dem Frühstück berichtete sie mir genau eine halbe Stunde lang von ihrem Vater, von der Klinik und ihrem Leben in Lahnstein mit ihrer Mutter. Ich bemerkte, dass sie eine gute Erzählerin war. Sie schaffte es, dass derjenige, der zuhörte, sich wohlfühlte. Und dann machte sie alles kaputt, als ich gerade gehen wollte. »Du hast fast nie zu Hause geschlafen.« »Ja und?« »Als ich ganz allein so weit weg war, habe ich gespürt, dass du mit einer anderen Frau zusammen warst.« Ich packte sie am Kinn. »Ich habe keine Lust, darüber zu reden. Es war eine schwierige Zeit.« »Das ist es schon eine Weile, Giorgio.« »Du hast recht, und ich brauche tatsächlich heute Nacht deine Hingabe. Kann ich auf dich zählen?« »Wie immer.« Nach meinen Berechnungen musste Brianese in Rom sein, was sich bestätigte, als ich Ylenia allein hereinkommen sah. Sie hatte überhaupt keine Lust auf einen Aperitif im La Nena, aber sie durfte sich dieser Verpflichtung nicht entziehen. Als ich sie mit dem üblichen Wangenkuss begrüßte, sagte ich ihr, sie solle zu mir in den Nebenraum kommen. »Ich muss dringend mit Nicoletta Rizzardi sprechen, um sie wegen einer bestimmten Situation zu warnen …« »Hast du ihre Nummer verloren?« »Die ist nicht mehr aktiv, und sie hat die Stadt verlassen. Versuch es bei ihrem Bruder.« »Ist das alles?« Eigentlich brauchte ich nicht mehr von ihr, aber sie benahm sich so eklig, dass ich sie daran erinnern musste, dass ich der Letzte war, den sie so respektlos behandeln durfte. »Nein«, antwortete ich deshalb grob. »Habt ihr euer Liebesnest schon aufgelöst?« »Das machen wir demnächst.« »Ombretta hat die Einrichtung nicht gefallen.« »Ich habe davon gehört.« »Und weißt du noch etwas, Ylenia? Du bist nicht einen Bruchteil so viel wert wie seine Frau.« »Die Frau ist so toll, dass ihr alles gelingt, nur nicht, einen Mann glücklich zu machen. Darin bin allerdings ich besonders gut.« »Diesen Unsinn hat er dir in den Kopf gesetzt, nicht wahr?« Sie hörte nicht auf mich. Sie musste etwas anderes loswerden. »Ich werde dich immer hassen für das, was du uns angetan hast.« »Hass ist ein wildes Tier, beherrsch ihn besser, sonst treibt er dich dazu, Dinge zu tun, die du später bereust«, riet ich ihr ausdruckslos. »Sex ist die bessere Therapie.« Und ich spottete über die Vorlieben des Avvocatos, die sie mir so freimütig gestanden hatte. Als sie drauf und dran war, ihr Make-up mit Tränen zu ruinieren, ließ ich sie gehen. Wieder zurück an der Bar bemerkte ich einen Handlanger der Kalabrier, der sich einen Campari reinzog. Giuseppe Palamara ließ nicht locker. Ich nahm mein Handy und rief Roby De Palma an. »Du warst schon lange nicht mehr hier«, sagte ich. Die Hintergrundgeräusche ließen vermuten, dass er sich in einer überfüllten Kneipe aufhielt. »Ich weiß, dass du inzwischen Stammgast bei Alfio geworden bist, bei dem die Padanos verkehren, aber ich möchte dich daran erinnern, dass man hier besser isst.« »Rufst du an, weil du Sehnsucht nach mir hast, oder wegen Arbeit?«, fragte er pragmatisch. »Wegen beidem. Das eine bringt dir ein Essen ein, das zweite knisternde Scheinchen.« Ich nahm ein gewisses Zögern wahr und fügte schnell hinzu: »Nichts Besonderes oder was dich irgendwo mit reinzieht. Reine Routine.« Er entspannte sich. »Hast du einen Tisch frei?« »Für dich immer.« Wenig später, genau so lange, wie man vom Alfio durchs Zentrum bis zum La Nena brauchte, traf er ein. Einige Gäste schimpften ihn im Scherz einen Verräter, und er frotzelte zurück, indem er sie wegen der eklatanten Wahlschlappe verspottete und wegen der amüsanten Eskapaden des Regierungschefs. Ich ließ ihn tafeln wie ein Fürst. Als er beim Dessert war, setzte ich mich zu ihm. Er zeigte auf den Tisch, an dem Martina und Gemma saßen. »Dicke Luft in der Familie?«, fragte er. »Du hast sie noch keinmal angesehen, seit sie gekommen ist.« Ich schnaubte auf. »Ich liebe sie wie verrückt, aber sie kann einem ganz schön auf die Eier gehen.« »Wie alle Frauen«, meinte er knapp und wechselte das Thema. »Ein großartiges Essen, Rabatt bekommst du deswegen trotzdem keinen. Was brauchst du?« Ich nannte einen Namen. Sonst nichts. »Zum Glück handelt es sich ja um reine Routine«, meinte er besorgt. »Ja, wirklich. Du musst mir nur einen Kontakt herstellen, damit ich jemandem absolut sicher eine Nachricht zukommen lassen kann. Das hat nichts mit Politik oder Italien zu tun. Es geht um Geschäfte im Ausland, bei denen ich einen Anteil bekomme.« Er witterte Geld, und daher schwanden seine Skrupel. »Wie viel bietest du mir? In einem solchen Fall kann ich nicht zum üblichen Satz arbeiten.« »Zehntausend.« Er streckte mir die Hand hin. »Gib mir ein paar Tage Zeit.« Ich schaute auf und begegnete dem Blick des Kalabrier, der uns neugierig beobachtete. Ich war mir sicher, dass Giuseppe Palamaras Handlanger sich an die Fersen von Roby De Palma heften würde, sobald er das Lokal verließ. Ich ging zu Ding Dong und steckte ihm diskret hundert Euro zu. »Was muss ich tun, Chef?« »Jemanden verprügeln.« »Wen?« Ich zeigte ihm den Kerl. »Warte, bis er etwas weiter weg ist.« »Aber das ist ein Weißer!« »Ein Weißer, der Mist gebaut hat. Ich will nicht, dass er noch einmal einen Fuß ins La Nena setzt.« »Dafür sorge ich, Chef.« Als Roby De Palma an den Tresen kam, um sich zu verabschieden, schlüpfte der Kalabrier nach draußen. Wenig später kehrte Ding Dong zurück und zwinkerte mir zu. Danach kamen ein paar Stammgäste zu mir an den Tresen und beklagten sich über meinen Türsteher, der offensichtlich ohne Grund einen Passanten vermöbelt hatte. Ich gab ihnen einen aus und ließ sie wissen, dass der Kerl ein Dealer war und schon mehrmals vor einem Gymnasium gesehen worden war, das nur ein paar hundert Meter vom Lokal entfernt lag. »Ja wenn das so ist, dann war er noch zu zurückhaltend«, meinte ein Gast. »Er hätte ihm beide Beine brechen sollen, damit man solche Schweine besser erkennen kann, wenn sie hinken.« »Spinning, Baby, Spinning«, befahl ich laut, während ich noch die Tür schloss. Martina huschte aus der Dunkelheit hervor. Sie war nackt. Nahm meine Hände und führte sie an ihre Lippen. Als sie in einen erholsamen Schlaf versank, aus dem sie erst wieder erwachen würde, sobald ihr Körper dazu wieder in der Lage war, ging ich ins Arbeitszimmer, um dort das Video mit Ylenias Geständnis zu einem Produkt zusammenzuschneiden, das ich auf den Markt bringen konnte. Ich zog mir auch ein kleines Audiofile davon, das für ein erstes Treffen nützlich sein konnte. Sie warteten, bis ich ins La Nena kam. Dann gingen sie auf Ding Dong zu. Einer fragte etwas, und ein anderer stieß ihm dreimal sein Messer in den Bauch. So machten sie es im Gefängnis. Ein Arm nach oben gebogen und schnell zugestochen. Mein Türsteher presste sich die Hände auf die Wunden, als er hereintaumelte. Ich sagte ihm, er solle sich hinlegen, und rief einen Kellner, damit er die Blutungen mit einer Serviette abdrückte. Der Notarzt meinte, es sehe nicht gut aus, und schickte Ding Dong auf schnellstem Weg in den OP. Ich benachrichtigte seine Mutter und ging wieder an die Arbeit. Der Polizei erzählte ich, dass Ding Dong am Abend davor einen Typen, der vermutlich ein Dealer war, zusammengeschlagen hätte. Einen Typen aus dem Maghreb oder Rumänien, so genau wisse ich das nicht mehr. Während ich noch mit den Bullen sprach, kam ein Mann von Palamara herein. Wahrscheinlich einer von denen, die Ding Dong angegriffen hatten. Er pflanzte sich keine zwei Meter neben mir auf und bestellte einen Fernet. Mein Türsteher juckte mich reichlich wenig, ich hatte ihn nur benutzt, damit Roby De Palma nicht beschattet oder erkannt wurde, aber allmählich trieben die Palamaras es zu weit. Später musste ich mich noch den Fragen der Journalisten stellen. Sie ließen mich am Unglücksort posieren, sodass sie das blutige Straßenpflaster mit ins Bild bekamen, und ich wiederholte die Geschichte von dem Drogendealer und appellierte an die Behörden und die Polizei, das Zentrum endlich zu einem sicheren Ort für die Bürger zu machen. Ab dem späten Nachmittag standen dann die Security-Profis Schlange, die einen Job suchten. Ich stellte immer nur eine Frage: »Schon mal gesessen?« Schließlich heuerte ich den Einzigen an, der keine Probleme damit hatte, es zuzugeben, und sogar das Strafmaß und sein Vergehen nannte. Das Lokal füllte sich mehr als sonst, und ich machte gute Umsätze. Als die Nachricht eintraf, dass Ding Dong über den Berg war, gab ich sie sofort an alle weiter, und Ylenia schlug vor, das Glas auf einen mutigen Mann zu erheben, der sein Leben riskiert hatte, um diese Dealerschweine fernzuhalten. Ich steckte tausend Euro in einen Umschlag und ließ ihn Ding Dongs Mutter zukommen. Der Mann der ’Ndrangheta verließ als letzter Gast das Lokal. Ich hatte eigentlich vor, zu Gemma zu gehen, aber Martina rief mich auf halber Strecke an. »Du brauchst meine Hingabe auch heute Nacht. Ich bin bereit.« Ich zierte mich erst ein wenig und drang dann weiter vor auf dem Terrain der absoluten Kontrolle, indem ich sie zwang, ihre Fantasie zu bemühen, um etwas zu finden, das mich überzeugen konnte, nach Hause zu kommen. Sie schaffte es tatsächlich, mich zu überraschen. »Heute Nacht bleibst du aus dem Spiel«, sagte ich zu Gemma. »O Herzkönig, ich bin untröstlich.« Es gibt mächtige Männer wie Sante Brianese. Und andere wie Giuseppe Palamara. Derjenige, mit dem ich nun Kontakt aufnehmen wollte, gehörte in keine Kategorie. Er hatte seine Macht geerbt und geschickt weiter ausgebaut, wobei er sich von den großen Skandalen fernhielt, die Italiens Führungsklasse erschüttert hatte. Die eigene Medienpräsenz hatte er wohldosiert gesteuert. Im Gegensatz zu vielen anderen trat er nur in Erscheinung, wenn er wirklich etwas Wichtiges mitzuteilen hatte, und äußerte sich dann stets sehr kultiviert und respektvoll. Er hatte sich das Image eines Gentlemans vom Lande aufgebaut, obwohl er Firmen an allen wirtschaftlich strategischen Orten der Welt hatte und einer der ersten Industriellen war, der sein Familienunternehmen nach Rumänien verlagert hatte. Der Mann hatte niemals seine Sympathien für die Rechten verhehlt, aber immer alle Einladungen ausgeschlagen, sich selbst dort einzubringen. Ebenso höflich hatte er auch Angebote des Unternehmerverbandes ausgeschlagen. Ich hätte niemals sagen können, weshalb ich bei meinem kreativen Verbrechensplan ausgerechnet auf ihn meine Hoffnungen setzen wollte. Einerseits war ich überzeugt, wenn einer so vorsichtig ist, heißt das bloß, dass er genau wie alle anderen ist, nur schlauer, weil man ein gewisses Niveau ausschließlich dann erreicht, wenn man ein gemeines Schwein ist. Selbstverständlich meinte ich das positiv. Andererseits unternahm er alles, um sich von anderen abzusetzen. Er hatte Stil bis ins Detail, er machte nicht alles mit, was in seinem Umfeld gang und gäbe war, und deshalb fühlte ich mich ihm verbunden, ja, seelenverwandt. Ich war sicher, dass wir uns verstehen würden. Roby De Palma hielt, was er versprochen hatte, und besorgte mir einen Termin, bei dem ich einen Mann um die sechzig mit verlebtem Gesicht und schwieligen Händen traf, die von einem Leben voll harter körperlicher Arbeit zeugten. »Man hat mir gesagt, ich solle hierherkommen«, sagte er einfach im Dialekt. Ich reichte ihm die CD, auf der ich Ylenia aufgenommen hatte, wie sie das Grab ihres Geliebten schaufelte. Nur ein paar Tracks, um ihm den Wert der Ware erkennen zu lassen. »Wenn Sie interessiert sind, wissen Sie ja, wo Sie mich finden.« Nicoletta war wie vom Erdboden verschluckt. Aber ich bezweifelte, dass sie den Palamaras in die Hände gefallen war, denn sonst hätten sie sich längst aus dem La Nena zurückgezogen, und ich läge schon unter der Erde, nachdem ich mich noch selbst um Kopf und Kragen geredet hatte. Sie hatte sich in irgendeinem Loch verkrochen, um nachzudenken und sich ein bescheidenes Leben aufzubauen. Seit Isabels Tod war sie nicht mehr die Alte gewesen. Einmal mehr hoffte ich, dass dieses Loch sehr abgelegen und sehr weit weg war. Vielleicht irgendwo im Ausland. Nicoletta war nicht der Typ Frau, der sich ins Kloster zurückzog, eher schon in ein Ferienresort, wo sie ihr Gewissen mit Saunagängen, Massagen und guten Ficks mit knackigen Jungs wieder reinwaschen konnte. »Giorgio, wach auf!« Ich öffnete die Augen und sah auf die Uhrzeit, die vom Radiowecker an die Decke projiziert wurde. »Es ist sechs Uhr. Was zum Teufel fällt dir ein?« »Da ist jemand gekommen, um dich abzuholen«, erklärte Martina. »Muss denn im Lokal etwas repariert werden?« »Warum fragst du das?« »Er sieht aus wie ein Arbeiter, ein Klempner oder so etwas …« Ich sprang aus dem Bett. Jetzt war mir klar, wer das war. Ich schlurfte zum Eingang, wo der Fahrer des mächtigen Mannes auf mich wartete, in den Händen knetete er eine Stoffkappe mit dem Werbezug einer bekannten Futtermarke. »Ich brauche zehn Minuten.« Mir blieb keine Zeit, um mich für ein so wichtiges Treffen so vorzubereiten, wie ich es eigentlich vorgehabt hätte, aber der Überraschungseffekt war bestimmt beabsichtigt. Als ich in den Kleinwagen des Mannes stieg, fuhr ich zum wiederholten Mal mit der Hand in meine Jackentasche, um mich zu vergewissern, dass der USB-Stick mit Ylenias Interview an seinem Platz war. Mit stoischer Gelassenheit ließ ich eine schweigsame Reise über mich ergehen, die auch deswegen länger dauerte, weil der Fahrer ziemlich schlich, bis wir schließlich ein riesiges Landgut im Basso Ferrarese erreichten. Das Auto fuhr durch ein schmiedeeisernes Tor hinauf zu einer alten Villa, die gerade renoviert wurde. Überall waren Gerüste und ordentliche Stapel von Dachziegeln und Backsteinen. Aber an diesem Tag arbeitete dort niemand. Neben dem Eingang stand ein Auto, wie ich es bisher bloß von Fotos kannte. Ein Maybach 62 S, für den man über eine halbe Million Euro hinblättern musste. Ein Detail, das mich positiv überraschte. Eine elegante Limousine, die man im Veneto eher selten sah. Die anderen Geldsäcke mochten es lieber laut und protzig. An der Tür erschien plötzlich wie aus dem Nichts eine elegante Dame um die fünfzig. Ihr spindeldürrer Körper steckte in einem strengen schwarzen Kostüm, die grauen Haare waren in einem luftigen Knoten zusammengefasst. Sie empfing mich mit ausgesuchter Höflichkeit, dann bat sie mich, ihr zu folgen. Wir durchquerten eine Reihe leerer, eingestaubter Räume, bis wir zu einer hellen Eichenholztür kamen, und so wie die Frau sie aufdrücken musste, war sie innen schwer gepanzert. Ich betrat ein großes Arbeitszimmer, das hochmodern eingerichtet war mit Möbeln, wie ich sie so noch nie gesehen hatte und die einen starken Kontrast zu der Ikonensammlung an den Wänden bildeten. Ich wurde von einem jungen Mann aufgehalten, dem Exbulle quasi auf die Stirn geschrieben stand und der mich schnell und professionell durchsuchte. »Entschuldigen Sie bitte die Vorsichtsmaßnahmen, Pellegrini«, sagte der Mann, der sich zu einem Treffen mit mir bereit erklärt hatte. »Aber Sie sind ein ehemaliger Terrorist, und ich stand lange Zeit auf der Abschussliste Ihrer Kollegen im Veneto.« »Das ist lange her«, entgegnete ich leise. Der Bodyguard verließ den Raum, und so waren wir nun nur noch zu zweit. Ich setzte mich in einen unbequemen Sessel aus gelbem Kunststoff. »Entschuldigen Sie, wenn ich Ihnen nichts anbiete, aber das hier ist nicht mein Haus. Es gehört einer Gesellschaft, und man hat es mir für ein paar Stunden überlassen.« Die Botschaft war deutlich: Dieses Treffen hat nie stattgefunden, und es würde mir niemals möglich sein, das Gegenteil zu beweisen. Der Mann legte seine weißen, akkurat manikürten Hände zusammen. »Ich habe das Material angehört, das Sie mir haben zukommen lassen, und ich sage Ihnen sofort, dass ich nicht daran interessiert bin, es zu kaufen oder es auf den Markt zu bringen.« Warum zum Henker hast du mich dann um sechs Uhr in der Früh hierherkommen lassen?, dachte ich, ehe ich erwiderte: »Aber ich will es gar nicht verkaufen.« »Dann verstehe ich die ganze Aktion nicht.« Ich nahm den USB-Stick aus meiner Tasche und legte ihn auf den Tisch. »Das Material, wie Sie es nennen, ist in Wirklichkeit ein Video und sehr viel länger, detaillierter und unendlich interessanter. Ich will es Ihnen nur übergeben.« »Das müssen Sie mir erklären.« »Wie Sie bereits gemerkt haben, betreffen die Informationen den Abgeordneten Brianese und seinen großen Mandantenstamm sowie seine zahlreichen Interessensgebiete. Leider ist er inzwischen außer Kontrolle geraten, und ich wurde zum Opfer eines seiner schmutzigen Geschäfte.« Ich erzählte von dem angeblichen Investitionsprojekt in Dubai und von dem Auftauchen der Kalabrier als Retourkutsche für meinen Versuch, mir meine zwei Millionen zurückzuholen. Ich erzählte von Tortorelli, von seinem Verschwinden und der Verfolgung durch die Palamaras. Er nahm den Stick entgegen und steckte ihn in einen USB-Ausgang seines Computers. Kurz darauf ertönte Ylenias Stimme aus den Lautsprechern. »Diese Erklärungen wurden durch Folter erpresst«, stellte er enttäuscht fest. »Ich hatte den Kopf verloren«, rechtfertigte ich mich. »Allerdings ist alles, was Signorina Mazzonetto sagt, Gold wert.« Er sah sich die Aufzeichnung bis zum Schluss an, ohne mit der Wimper zu zucken. Dann zog er den Stick ab und gab ihn mir zurück. »Sehen Sie, Signor Pellegrini, das Veneto stützt sich auf klar umschriebene Machtverhältnisse, die sich aus verschiedenen Unternehmerverbänden, den Padanos, Brianeses Partei und den Gewerkschaften bedeutender Wirtschaftssektoren zusammensetzen. Keiner von denen mag den anderen, doch gegenseitiges Entgegenkommen festigt die Verbundenheit untereinander. Können Sie mir folgen?« Ich nickte, doch in Wirklichkeit verstand ich überhaupt nicht, was diese politischen Enthüllungen mit meinem Geld und den Palamaras zu tun hatten. »Die Lage in diesem Land ist gerade sehr instabil, aber im Veneto wird es keine Veränderung geben, aus dem schlichten Grund, weil niemand die Realitäten verändern kann. Es werden hier keine Skandale ans Licht kommen, die unser armes Italien beuteln, und ebenso wenig wird es gerichtliche Ermittlungen geben. Nichts Derartiges. Wir werden demnächst miterleben, wie es aufgrund von internen Problemen Machtverschiebungen zwischen den Padanos und ihren Verbündeten geben wird, das wird dann zu einem Bruch innerhalb der Koalition führen. Zu diesen Problemen haben auch gerichtliche Untersuchungen beigetragen, bei denen gegen einige regionale Führungspersönlichkeiten wegen Finanzvergehen ermittelt wird.« »Jetzt habe ich den Faden verloren«, unterbrach ich ihn ein wenig unangenehm berührt. »Ich verstehe nicht, worauf Sie hinauswollen.« »Ich habe Ihnen gerade bloß erklärt, weshalb Brianese unangreifbar und unersetzbar ist, ja, ich kann Ihnen sogar anvertrauen, dass er demnächst zum Minister ernannt wird.« »Aber ich habe keineswegs die Absicht, ihm zu schaden«, gab ich zurück. »Dann haben Sie sich wohl geirrt, als Sie gerade eben die Geschäfte des Herrn Abgeordneten als unsauber bezeichnet haben.« Ich schlug sofort einen anderen Ton an. »Ich möchte, dass er weiter in meinem Lokal verkehrt. Das La Nena steht ihm für zukünftige Wahlkampagnen zur Verfügung, aber ich bin nicht bereit, mich seinetwegen umbringen zu lassen oder auf mein Geld zu verzichten.« »Das ist verständlich.« Ich griff nach dem USB-Stick. »Also, sind Sie interessiert oder nicht?« »Wenn Sie darauf bestehen, ihn mir zu übergeben, gebietet es wohl die Höflichkeit, dass ich annehme«, erklärte er. »Was ich damit mache, geht Sie nichts an.« Er wandte sich seinem Computer zu, und ich saß da wie bestellt und nicht abgeholt. Ich stand auf, verabschiedete mich leise und verließ den Raum. Vor der Tür erwartete mich schon die Dame mit dem Dutt, die mich zum Wagen begleitete, als wäre ich der König von Spanien. Irgendwann hielt ich diese langsame, stille Fahrt nicht mehr aus. »Ist der immer so ein Arschloch?«, platzte ich heraus. Der Mann am Steuer lachte herzhaft. »Sein Vater war noch schlimmer«, gestand er mir in breitem Dialekt. Ich war so wütend und gedemütigt, dass ich nicht zur Arbeit ging und mich von Martina und Gemma fernhielt, weil ich wusste, dass ich eine tickende Zeitbombe war. Ich stieg in meinen Wagen und fuhr über ein endloses Netz von Autobahnen, Zubringerstraßen, Brücken und Überführungen ziellos von einer Provinz in die nächste. Ab und zu hielt ich an, um die Aussicht zu genießen oder den Verkehr zu beobachten. Ich hatte das Gymnasium besucht und eine Zeit lang auch die Universität. Ich war in einer Familie mit einer gewissen Bildung aufgewachsen. Alles in allem war ich also kein hirnloser Bauerntrampel, aber genauso fühlte ich mich jetzt, weil ich nicht hinter den Sinn der Botschaften stieg, die mir dieser Kerl hatte zukommen lassen. Ein Mann, den ich so bewundert hatte und jetzt am liebsten kräftig in den Arsch getreten hätte. Mein Handy klingelte. Eine unbekannte Nummer. »Ich bin’s, Nicoletta. Ich habe gehört, dass du mich sprechen willst.« »Ja. Es gibt da gewisse Leute, die dich suchen. Du musst unbedingt verschwinden.« »Muss ich mir Sorgen machen?« »Ziemlich. Wenn sie dich erwischen, bist du tot.« »Aber ich bin noch nicht fertig. Ich brauche noch ein paar Tage.« »Dann werde ich mich ebenfalls auf die Suche nach dir machen, denn ich kann es mir nicht erlauben, dass du auspackst.« Sie erschrak. »Ich habe einen Freund in Neuseeland. Ich werde gleich morgen hinfliegen.« »Ruf mich in sechs Monaten wieder an, ich sag dir dann, ob du zurückkommen kannst.« War es die richtige Entscheidung, sie am Leben zu lassen? Es war bestimmt nicht gerade klug gewesen, aber die Notwendigkeit für ihr Überleben hatte sich aus den dynamischen Entwicklungen des kreativen Verbrechens ergeben. Zurzeit war eine Beteiligung an ihrer Beerdigung das Letzte, was ich mir erlauben konnte. Und ich konnte auch kein weiteres Grab auf dem kleinen Friedhof auf Brianeses Landgut schaufeln. Am Ende eines öden Tages kam Ylenia mit einem Ökoleinenbeutel voller Scheine vorbei. »Fünfzigtausend im Monat, bis die Schuld beglichen ist.« »Habe ich irgendetwas nicht mitbekommen?« »Das ist Santes Entscheidung«, antwortete sie. »Außerdem möchte ich dich um eine Menüempfehlung und einen Kostenvoranschlag für eine Verlobungsfeier bitten.« »Und wer ist die Glückliche?« »Ich.« »Und er?« »Er heißt Franco, du kennst ihn nicht.« »Und wo kommt der auf einmal her?« Sie sagte mir, wo er arbeitete, und mir war alles klar. »Das war wohl auch Santes Entscheidung, hm?« »Zu meinem Besten«, machte sie uns beiden etwas vor. Ich begriff nicht, warum der mächtige Mann, dem ich die Geheimnisse des Avvocato anvertraut hatte, beschlossen hatte, Ylenia und einen seiner Mitarbeiter im Bund der Ehe zu vereinen, aber bestimmt würde es mir nicht schaden. Die ersten fünfzigtausend Euro waren schon ein deutliches Zeichen, dass man Brianese inständig ans Herz gelegt hatte, meinen gerechtfertigten Forderungen nachzukommen. Ich betrachtete die zwei Kalabrier, die sich auf meine Kosten mit Häppchen und Prosecco vollstopften. Es gab keine Chance, sie loszuwerden. Dafür musste ich noch ein paar Monate warten. Dann konnte ich endlich im Fernsehen beobachten, wie die Palamaras in Handschellen abgeführt wurden. Giuseppe starrte voller stolzer Verachtung in die Kamera. Einer der Richter, der die Ermittlungen geleitet hatte, sprach von deutlichen Verflechtungen zwischen der ’Ndrangheta und bedeutenden Politikern in der Lombardei. Einer der Verhafteten war als ein wichtiger Stimmensammler identifiziert worden. Der endgültige Beweis, dass die Kalabrier die Verfolgung aufgegeben hatten, war die Tatsache, dass sie sich von diesem Tag an nicht mehr blicken ließen. Zwar konnte ich nicht sicher sein, dass Giuseppe mich und die Demütigung vergessen würde, die ich ihm mit meinem kreativen Verbrechen zugefügt hatte, aber ich hatte im Moment andere Probleme. Am Ende eines öden Tages füllte sich das La Nena mit lauter Schönen und Reichen, um Sante Brianeses Ernennung zum Minister zu feiern. Der mächtige Mann im Hintergrund hatte alles bis ins Kleinste vorhergesehen. Die Padanos hatten ihren Sieg nicht nutzen können und waren jetzt mit schweren parteiinternen Auseinandersetzungen beschäftigt. Brianese kam wieder zu Ruhm und Ansehen, aber sein Amt führte ihn unwiderruflich aus dem Veneto fort, und jemand anderer würde das Geflecht seiner Geschäfte weiterführen. Politik war ebenfalls ein kreatives Verbrechen. Und zwar in Vollendung. Ich blieb außen vor, dennoch hatte ich beschlossen, mich aus diesem Sektor nicht zurückzuziehen. Ich war dazu geschaffen, meine Mitmenschen zu bescheißen – und es bereitete mir ein gottverdammtes Vergnügen. Das hielt mich lebendig. Ich hatte das deutliche Gefühl, die Lebenskraft von denen, die ich ausgeschaltet hatte, ginge auf mich über, aber vielleicht war es auch nur die Euphorie des Siegers oder von jemandem, der mit heiler Haut davongekommen war und es noch nicht glauben konnte. Jetzt musste ich mich umschauen und neue Verbindungen knüpfen, Allianzen und Komplizen suchen. Vor allem, mir einen Politiker heranziehen. Und ihn dazu zu bringen, das La Nena als Sprungbrett zu nutzen und ihm auf seinem beschwerlichen Weg durch die Instanzen zu folgen: Stadtverwaltung, Provinzparlament, Regionalparlament. Diesmal konnte ich keinen aufgehenden Stern gebrauchen, wie Brianese vor zehn Jahren, sondern gleich einen geschickten Mann aus dem Mittelfeld. Signora Ombretta Marenzi, verehelichte Brianese, löste sich von ihrem Mann und kam zu mir. Sie lächelte mich scheinheilig an und nippte weiter an ihrem Glas. Der Lippenstiftabdruck am Rand wirkte wie frisches Blut und sie wie eine schöne Vampirin, die soeben ein üppiges Festmahl hinter sich hatte. Sie leerte das Champagnerglas auf einen Zug und hielt es mir hin, als sei ich ein Kellner. Keine sehr nette Geste für eine Dame. »Diese Villa im Basso Ferrarese gehört meiner Familie seit drei Generationen«, verriet sie mir mit kaum verhülltem Vergnügen, da sie wusste, dass mich diese Nachricht ziemlich überraschen würde. »Und der Herr, den Sie dort getroffen haben, ist ein Sandkastenfreund von mir.« »Dann war Ylenias Heirat also Ihre Idee?« »Sagen wir mal, ich wollte ihr eine ausgesprochen unglückliche Zukunft sichern.« Ich sah zu Brianese hinüber. »Aber so haben Sie auch Ihren Mann ausgetrickst.« Sie schnaubte verächtlich. »Er hat viele Vorzüge, doch er ist immer ein unersättlicher Parvenü geblieben. In Rom wird er weniger Schaden anrichten.« »Am Ende bringt immer ihr alles in Ordnung, stimmt’s?« »Wen meinen Sie damit, Signor Pellegrini?« »Die mächtigen Familien. Die, die etwas zählen in diesem Land. Die schon immer das Sagen hatten. Genau aus diesem Grund habe ich mich auch an Ihren Freund aus der guten alten Zeit gewandt«, erwiderte ich frech. Ombretta hütete sich, darauf zu antworten. Sie wandte mir den Rücken zu und nahm mit Würde die Komplimente des Polizeichefs entgegen. Der Champagner floss buchstäblich in Strömen, und diesmal hatte ich nicht einmal einen Zahnstocher beigesteuert. Der Abend war schon fortgeschritten, als ich mich an eine Ecke des Tresens setzte, um in Ruhe ein Glas zu trinken. Brianese versprühte Glückseligkeit, Ylenia stand Arm in Arm mit ihrem neuen Liebsten da, Martina und Gemma plauderten mit Freunden und Bekannten. Mit den beiden Frauen hatte ich große Pläne. Das Leben Tag für Tag zwischen Frau und Geliebte aufzuteilen, war einfach absurd, eine Ménage-à-trois dagegen die perfekte Lösung. Heute Nacht würde ich Martina erzählen, sie sei keine richtige Frau, weil sie keine Busenfreundin hatte, mit der sie regelmäßig ins Bett ging. Ich würde das Ganze mit ein paar Hippie-Weisheiten aus den Siebzigern würzen. Free Love. Befreie die Liebe, die in dir steckt, würde ich ihr ins Ohr flüstern, während ich sie zwischen den Schenkeln streichelte. Vielleicht würde sie der Gedanke anfangs erschrecken, doch dann würde sie die neue Situation akzeptieren und sich sagen, eine große Liebe wie die unsere ist eben sehr komplex. Mit Gemma brauchte ich nicht erst lange zu reden. Herzkönig befahl, und sie gehorchte mit aufrichtiger Begeisterung. Ich würde dann für beide ein Trainingsprogramm ausarbeiten, damit sie in Form blieben, aber vorher würde sich unsere liebe Freundin einigen schönheitschirurgischen Eingriffen unterziehen müssen. Ich begrüßte eine Kunsthändlerin, bei der ich ein Bild meiner angebeteten Grace Slick geordert hatte. Ich zeigte ihr die Wand, die ich dafür ausgewählt hatte, sie machte mit dem Handy ein Foto, um später den passenden Rahmen auszusuchen, und mischte sich wieder unter die Gäste. Als ich ihr das Bild im Internet gezeigt hatte, meinte sie, es sei etwas zu sehr Flower Power, um zur Einrichtung im La Nena zu passen. »Ich bin der da mit dem Hut, der über die Wiese läuft«, hatte ich erwidert und auf ein Detail auf dem Gemälde gezeigt. Sie hatte irgendeinen Blödsinn über die Metabotschaft, die im Kauf dieses Bildes verborgen lag, gefaselt, dann fragte sie mich, wie ich zahlen wollte. Als ich Bargeld zückte, leuchtete ihr Gesicht sofort auf und sie verzieh mir meinen unterstellten schlechten Geschmack. Das Bild meiner Grace, an einem strategisch günstigen Platz gegenüber der Kasse, würde mir Stimulanz und fruchtbarer Ideenlieferant für das kreative Verbrechen sein, dem ich mich nun regelmäßig widmen würde. Ich würde mich nicht mehr mit Aktivitäten wie dem Nuttenring abgeben, für die man Wohnungen brauchte und eine entsprechende Logistik aufbauen musste. Flexibilität lautete das Motto des lokalen kreativen Unternehmertums. Übertragen auf meine Branche hieß das, Bargeld zu stehlen, das aus der Korruption stammte. In diesem Geschäft waren unternehmerische Risiken von vornherein ausgeschaltet und ebenso die Gefahr von Anzeigen und damit verbundener Ermittlungen seitens der Polizei und Staatsanwaltschaft. Unter den geladenen Gästen befand sich auch ein elegant gekleideter Herr, der erst seit kurzem in der Stadt war. Er war der Leiter einer Holding, die insolvente Firmen über den Tisch zog. Ylenia hatte mir eröffnet, dass der Typ gegen fünfzehn Prozent der Schulden in bar vortäuschte, er würde die Firmen kaufen und sanieren. Tatsächlich ließ er den Grundbesitz auf ausländische Firmen überschreiben, sackte das Geld ein und überließ die Unternehmer danach ihrem Schicksal. Den armen Idioten wurde erklärt, das System, mit dem man sie vor ihren Schuldnern, den Banken und dem Finanzamt retten würde, hätte eine rechtliche Grundlage, die man in dem Begriff »Freistellung« zusammenfassen könnte. Eine instinktive Ahnung hatte mir geraten, diese Informationen aus dem Gespräch mit Brianeses Sekretärin herauszuschneiden – und daran hatte ich gut getan, da der Mistkerl jetzt in meinem Lokal auf der Suche nach Opfern war. Wenn er auch nur eines fände, würde sich sofort das Gerücht verbreiten, im La Nena müsste man vorsichtig sein. Aber das würde nicht passieren. Ich würde den Typen erst nach Strich und Faden ausnehmen und dann in den Knast bringen. Und das nicht etwa, weil ich den Gedanken verabscheute, ihn umzulegen, sondern weil zu viele Leute in die Sache verwickelt waren, und man konnte sie schließlich nicht alle umbringen. Mit Vergnügen würde ich deshalb das Verdienst, sie aus dem Verkehr zu ziehen, den Carabinieri überlassen. Mein Plan hatte noch keine klaren Vorstellungen und Formen angenommen, doch die Inspiration würde schon noch kommen, je länger ich Informationen zusammentrug. Ich suchte den Blick des Typs und prostete ihm zu. Dann kam ich hinter dem Tresen hervor und ging ihm respektvoll entgegen. »Es gibt doch nichts Besseres als ein Glas Champagner, um sich am Ende eines öden Tages zu stärken«, sagte ich und reichte ihm das Glas. »Sind Sie der Eigentümer?« »Ja, das La Nena ist mein Reich, und ich heiße Giorgio Pellegrini.« Autoreninfo Massimo Carlotto geboren 1956 in Padua, ist einer der erfolgreichsten Schriftsteller Italiens. Als Sympathisant der extremen Linken wurde er in den 1970er Jahren zu Unrecht wegen Mordes verurteilt. Nach fünfj ähriger Flucht und einer Gefängnisstrafe von sechs Jahren wurde er 1993 begnadigt. Er lebt heute auf Sardinien.