IMPRESSUM MYSTERY erscheint vierwöchentlich im CORA Verlag GmbH & Co. KG, 20350 Hamburg, Axel-Springer-Platz 1 Redaktion und Verlag: Brieffach 8500, 20350 Hamburg Tel.: 040/347-25852 Fax: 040/347-25991 Geschäftsführung: Thomas Beckmann Redaktionsleitung: Claudia Wuttke (v. i. S. d. P.) Cheflektorat: Ilse Bröhl Lektorat/Textredaktion: Daniela Peter Produktion: Christel Borges, Bettina Schult Grafik: Deborah Kuschel (Art Director), Birgit Tonn, Marina Grothues (Foto) Vertrieb: asv vertriebs gmbh, Süderstraße 77, 20097 Hamburg Telefon 040/347-29277 Anzeigen: Christian Durbahn Es gilt die aktuelle Anzeigenpreisliste. © 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG © Originalausgabe in der Reihe MYSTERY Band 305 (3) 2010 by CORA Verlag GmbH & Co. KG, Hamburg Fotos: Masterfile Veröffentlicht im ePub Format in 02/2011 – die elektronische Ausgabe stimmt mit der Printversion überein. ISBN-13: 978-3-86349-689-0 Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten. MYSTERY-Romane dürfen nicht verliehen oder zum gewerbsmäßigen Umtausch verwendet werden. Führung in Lesezirkeln nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte übernimmt der Verlag keine Haftung. Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig. Satz und Druck: GGP Media GmbH, Pößneck Printed in Germany Der Verkaufspreis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer. Weitere Roman-Reihen im CORA Verlag: MYSTERY THRILLER, MYSTERY GRUSELBOX, MYSTERY GESCHÖPFE DER NACHT CORA Leser- und Nachbestellservice Haben Sie Fragen? Rufen Sie uns an! Sie erreichen den CORA Leserservice montags bis freitags von 8.00 bis 19.00 Uhr: CORA Leserservice Telefon 01805/63 63 65 * Postfach 1455 Fax 07131/27 72 31 74004 Heilbronn E-Mail Kundenservice@cora.de *14 Cent/Min. aus dem Festnetz der Deutschen Telekom; max. 42 Cent/Min. aus dem Mobilfunknetz www.cora.de Raven Cross Fluch der Grabtafeln 1. KAPITEL „Hey, Natalie, halt an dem 7-Eleven an! Der Tank ist fast leer, und wir brauchen noch Vorräte für den Trip.“ Kyle deutete vom Beifahrersitz aus auf den Supermarkt, neben dem es eine Tankstelle gab. „Nee, ich hab bei dem starken Regen keine Lust, die Gegenfahrbahn zu überqueren und einen Unfall mit einem Truck zu riskieren, nur weil du Hotdogs und Bier kaufen willst.“ Natalie beugte sich angespannt über das Lenkrad ihres alten Fords. Es goss in Strömen. Die Scheibenwischer schrubbten quietschend über das Glas, ohne etwas gegen die Fluten zu bewirken. Die Sicht war miserabel. Obwohl es erst früher Nachmittag war, hatte das Gewitter den Himmel so verdunkelt, dass Natalie die Scheinwerfer ihres Wagens einschalten musste und dennoch kaum die Fahrbahnbegrenzungen sah. Der dichte Tannenwald, der sich nun zu beiden Seiten der Straße erstreckte, wirkte wie eine schwarze, undurchdringliche Mauer und unterstrich die für einen Augusttag ungewöhnliche Finsternis. Natalie wünschte sich, sie hätten ihr Ziel, eine Jagdhütte in den Rocky Mountains, schon erreicht. Doch es lagen noch dreißig Meilen Schnellstraße und weitere fünfzehn auf einem unbefestigten Waldweg vor ihnen. „Worauf willst du denn warten, Nat? Auf ein Einkaufszentrum?“, meldete sich Zara genervt vom Rücksitz zu Wort. „In dieser Einöde gibt es rein gar nichts. Kaum zu glauben, dass wir nur achtzig Meilen von Denver entfernt sind! Wenn wir deinetwegen mit leerem Tank liegen bleiben, kannst du die Karre allein schieben. Ich hole mir wegen deiner Sturheit keine Erkältung, Nat.“ Zara verschränkte die Arme vor der Brust und starrte missmutig aus dem Seitenfenster. „Du hast doch nur Angst, dass du dir einen Fingernagel abbrichst“, kommentierte Tom, der neben Zara saß und die Landkarte studierte, ihre schlechte Laune. „Statt herumzumosern, hör dir lieber an, wie die Städte in dieser Gegend heißen: ‚Rifle – Gewehr‘, ‚Last Chance – Letzte Chance‘, ‚Broken Dream – Zerbrochener Traum‘, ‚Black Death‘! Stell dir das mal vor! Jemand fragt dich: Wo kommst du her? Und deine Antwort lautet: Aus Schwarzer Tod! Ich wette, derjenige macht sich sofort aus dem Staub, und du bleibst ein Leben lang ohne Freunde. Außer du ziehst um!“ Er klopfte sich auf die Oberschenkel und stieß Zara in die Seite. „Aua! Du Idiot! Deinetwegen kriege ich jetzt einen blauen Fleck! Nat, wann sind wir endlich da? Ich will nicht länger neben diesem Spinner sitzen“, rief Zara. „Bald“, murmelte Natalie und biss sich auf die Unterlippe, um nicht zu sagen, was ihr auf der Zunge lag. Denn Natalie mochte es überhaupt nicht, wenn jemand sie „Nat“ nannte. Und obwohl sie Zara schon mindestens zehnmal darauf hingewiesen hatte, dass sie Natalie hieß, ignorierte die Nervensäge diese Tatsache. Natalie bereute, Zara mitgenommen zu haben. Sie hatte es Kyle zuliebe getan. Natalie kannte Kyle seit zwei Jahren. Seit dem Tag, an dem sie sich an der Universität von Denver für Biologie eingeschrieben hatte. Er war Tutor für die Studienanfänger und hatte ihr und den anderen Neuankömmlingen die Gepflogenheiten auf dem Campus erklärt, beim Aufstellen des Stundenplans geholfen sowie bürokratische Probleme gelöst. Natalie und Kyle hatten sich auf Anhieb gut verstanden. Sie besaßen den gleichen Humor, die gleiche Schlagfertigkeit und einen ähnlichen Intelligenzquotienten. Sie waren schnell beste Freunde geworden – und seit einem Monat war Natalie in ihn verliebt. Es gab diesen dämlichen Spruch, den sie hasste, der aber ihre Situation genau beschrieb: „Tausendmal berührt, tausendmal ist nichts passiert …“ Und dann hatte es gefunkt. Bei ihr. An einem völlig unspektakulären Abend. Als sie die Reise in die Rocky Mountains geplant hatten. Nachdem klar gewesen war, wann es losgehen sollte und wer mitkam, hatte Kyle sich wie immer mit einem Kuss auf die Wange von ihr verabschiedet. Nur dass ihr dieses Mal bei der Berührung fast das Herz stehen geblieben war und sie plötzlich wusste: Ich bin verliebt. Ob er ihre Gefühle erwiderte? Natalie hatte keine Ahnung und wagte nicht zu fragen. Verstohlen musterte sie ihn. Er sah sehr gut aus. Um nicht zu sagen: fantastisch! Seine blonden Haare fielen ihm in das sonnengebräunte Gesicht, während er konzentriert die Landkarte las. Er hatte sie Tom abgenommen und fuhr mit dem Finger die Route entlang, die sie gerade fuhren. Dabei grübelte er offenbar und runzelte die Stirn, was seine sinnliche Ausstrahlung unterstrich. Er hatte eine gerade Nase und ein markantes Kinn. Seine Lippen waren sanft geschwungen – und nicht zum ersten Mal stellte Natalie sich vor, wie es wäre, ihn zu küssen. Er bemerkte, dass sie ihn beobachtete, sah sie an und lächelte flüchtig. Der unerwartete Blick in seine braunen Augen, die sie an Nugatschokolade erinnerten, verursachte Natalie fast einen Herzschlag. Sie spürte, wie sie vor Aufregung Schmetterlinge im Bauch bekam, wurde knallrot und schaute schnell wieder auf den Highway. Kyle schien ihre Nervosität nicht aufzufallen. Nüchtern erklärte er: „Ich suche eine andere Strecke, um zum Blockhaus zu gelangen. Bei dem Sauwetter ist der Waldweg hundert Prozent unterspült. Aber es gibt keine andere Zufahrt.“ „Vielleicht haben wir Glück“, sagte sie so leichthin wie möglich. „Ich finde, wir zerbrechen uns den Kopf, wenn wir den Waldweg erreicht haben.“ „Ich steh auf deine unkomplizierte Art“, meinte Kyle und wuschelte ihr mit der Hand durch die roten Haare. Die Berührung jagte Natalie einen Schauer über den Rücken. Ihre Hände fingen leicht zu zittern an, und sie befürchtete, die Kontrolle über das Steuer zu verlieren. „Hey, hey, nicht die Fahrerin ablenken!“, wies sie Kyle betont burschikos zurecht. „Bei den Wetterverhältnissen enden dumme Späße tödlich.“ „Ich bitte um Verzeihung und schwöre, es nie wieder zu tun“, erwiderte Kyle und knuffte sie mit der Faust gegen die Schulter. Das hatte Natalie nun auch nicht gewollt. Ganz im Gegenteil! Hoffentlich meinte er es nicht ernst, dass er ihr nie wieder die Haare zerstrubbeln würde. Und wieso behandelte er sie wie einen seiner Freunde? War sie für ihn nur ein Kumpel? Kaum hatte sie den Gedanken zu Ende gedacht, ärgerte sie sich darüber. Ihr ging nur noch Unsinn durch den Kopf, seit sie in Kyle verknallt war! Hinter jeder seiner Gesten und hinter jeder noch so lapidaren Äußerung von ihm vermutete sie weltbewegende Aussagen, die entweder für eine gemeinsame Zukunft oder dagegen sprachen. Im Übrigen musste sie sich gar nicht wundern, wenn er sie behandelte wie einen seiner Jungs. Seit sie ihn liebte – oh Gott, was für ein bedeutungsschweres, aber zutreffendes Wort! –, führte sie sich in seiner Gegenwart wie ein hartgesottener Kerl auf. Na ja, vielleicht nicht ganz so drastisch. Aber auf jeden Fall benahm sie sich nicht wie ein verliebtes Mädchen. Reiner Selbstschutz, stellte sie für sich fest. Solange sie nicht wusste, wie er zu ihr stand, verbarg sie ihre Gefühle. Denn vor Verletzungen hatte sie Angst. Schließlich war ihr Zurückweisung nicht fremd. Sie war keine klassische Schönheit, sondern „speziell“. Jedenfalls meinten das die Leute, die sie mochten und es gut mit ihr meinten. Die anderen sagten wahlweise „Rotfuchs“, „Hexe“ oder „Feuerlöscher“ zu ihr. Sie selbst fand sich ganz in Ordnung. Zumindest seit sie die Highschool und die Hänseleien ihrer Mitschüler überlebt hatte. Durch ihr knallrotes Haar stach sie nun mal aus der Masse heraus. Außerdem war Natalie einen Meter achtzig groß, gertenschlank, hatte grüne Katzenaugen, einen blassen Teint und Abertausende Sommersprossen. An guten Tagen glaubte sie sogar, dass sie mit ihrer Figur und ihrem außergewöhnlichen Aussehen gute Chancen auf den internationalen Modelaufstegen hätte. An schlechten Tagen kam sie sich vor wie ein unterernährter Albino. Sie wünschte sich, ein wenig selbstbewusster zu sein. Trotzdem hatten die Tage, an denen sie sich passabel oder sogar besser als passabel fand, zugenommen. Insbesondere seit sie zur Uni ging. Doch nun, durch ihre Verliebtheit, fiel Natalie wieder zurück in alte Verhaltensmuster und fühlte sich oft überhaupt nicht liebenswert. Sie musste unbedingt ihr Gefühlschaos in den Griff bekommen. Sie versuchte alles, um herauszufinden, was Kyle für sie empfand. So war sie sofort begeistert gewesen, als sein Studienkollege Tom vorgeschlagen hatte, einen verlängerten Wochenendtrip mit Freunden in die Berge zu unternehmen. Maximal fünf Leute, hatte Tom gesagt. Mit Zara waren es dann doch sechs Personen geworden. Dennoch blieb die Gruppe überschaubar, sodass sich gewiss genug Möglichkeiten ergaben, Zeit allein mit Kyle zu verbringen. Allerdings hatte ihr Kyles Wunsch, Zara mitzunehmen, einen Stich versetzt. Er spielte seine Bekanntschaft zu Zara herunter und bezeichnete sie als eine langjährige Freundin, die nach längerem Aufenthalt in einer anderen Stadt in Denver kaum Leute kannte und Anschluss suchte. Aber Natalie war misstrauisch. Erst recht, nachdem sie Zara zum ersten Mal begegnet war. Zara war der Hammer! Die Traumfrau aller Männer von der Antarktis bis nach Kanada und seit der Erfolgsserie „Baywatch“ vermutlich sogar auf der ganzen Welt. Sie sah aus wie die junge Pamela Anderson. Nur ohne die Plastikimplantate und die gefärbten Haare. Bei Zara war definitiv alles echt. Und um es noch schlimmer zu machen, besaß sie im Gegensatz zum Klischee der vollbusigen Blondine Stil und Verstand. Was für eine Katastrophe! Allerdings gab es einen Hoffnungsschimmer. Zur Perfektion fehlte Zara nämlich ein entscheidender Wesenszug: Freundlichkeit. Schon nachdem Natalie Zara erst ein paar Minuten kannte, wunderte es sie nicht mehr, dass Blondie keine Freunde hatte. Denn sie war unausstehlich! Bei dem finalen Vorbereitungstreffen für den Trip hatte Zara nur von sich geredet und damit angegeben, dass sie Schönheitschirurgin werden würde. Natürlich wegen des Geldes – weshalb sonst?! Um an dir selbst herumzuschnippeln, hatte Natalie gehässig gedacht. Natürlich wusste sie, dass das nicht möglich war. Aber sie konnte kaum glauben, dass sie und Kyle Freunde waren – so wenig passten Zaras Barbie-Optik und ihr affektiertes Gehabe zu Kyles netter und natürlicher Art. Nun, vielleicht hatte sich Zara während ihres Lebens in der anderen Stadt sehr verändert. Oder aber Kyle stand in Wahrheit auf Mädchen wie sie. Dann hätte Natalie verloren. Und nun fuhr sie mit ihrem Schwarm und dieser Sexbombe fünf Tage in eine einsame Berghütte. Das konnte heiter werden … Natalie schüttelte den Kopf, um diese Gedanken zu verscheuchen. Sie blickte in den Rückspiegel. In dem von Feuchtigkeit beschlagenen Glas blendeten sie die Scheinwerfer von Shanes Geländewagen. Natalie erkannte schemenhaft Shanes breite Schultern hinter dem Lenkrad und an seiner Seite Gwens verschwindend zarte Gestalt. Sie fuhren nur zu zweit, weil der Wagen randvoll mit sämtlichem Gepäck, Shanes Gewehr, Gitarre und Angelausrüstung beladen war. Dummerweise hatte Shane vergessen, die Lebensmittel einzupacken, sondern in seiner Garage stehen gelassen. Es war ihm erst während der Fahrt eingefallen. Er hatte Kyle auf dem Handy angerufen und ihm gesagt, dass sie noch Verpflegung einkaufen mussten. Ein heller Lichtstrahl im Rückspiegel weckte Natalies Aufmerksamkeit. Shane betätigte die Lichthupe und gab ihr Zeichen, rechts ranzufahren. Erst befürchtete sie, es gäbe ein Problem mit dem Geländewagen. Doch dann entdeckte sie versteckt in dem verregneten dunklen Tannenwald ein halb verfallenes Holzhaus, über dessen Eingang eine defekte Leuchtschrift in schwachem Rot „Ted‘s Roadhouse“ flackerte. Natalie bog in die holprige Einfahrt zu dem Gebäude ein und hielt vor einer Zapfsäule. Die Tankstelle mit dem angegliederten Mini-Supermarkt wirkte verlassen. Ein unerklärliches, mulmiges Gefühl breitete sich in Natalies Magen aus. Schon legte sie den ersten Gang ein, um weiterzufahren, da hörte sie Zaras Stimme von hinten. „Der hypermoderne 7-Eleven war dir nicht gut genug, und in dieser Bruchbude willst du unsere Verpflegung einkaufen, Nat? Da holen wir uns doch allesamt die Krätze und Schlimmeres.“ „Die Krätze bekommt man nicht von Lebensmitteln, sondern von zu engem Kontakt mit zu vielen Menschen und von ungeschütztem Sex mit wenig gepflegten Partnern“, erwiderte Natalie giftig. „Das müsstest du als angehende Ärztin doch wissen.“ Trotzig stellte sie den Motor ab und stieg aus. Sie rannte so schnell sie konnte unter das Vordach des Ladens. Dennoch war sie binnen Sekunden bis auf die Haut durchnässt. Shane kam zu ihr gelaufen. „Echtes Mistwetter! Hoffentlich fällt nicht unser gesamter Trip ins Wasser.“ Er fuhr sich mit den Fingern durch das vom Regen nasse millimeterkurze Haar. „Meinst du, hier kriegen wir Sprit und Essen? Der Shop scheint geschlossen zu sein.“ Natalie wandte sich widerwillig zu den schmutzigen Glasfenstern des Roadhouses um. Das Geschäft sagte ihr in keiner Weise zu. Shane umfasste den Türknauf und versuchte ihn herumzudrehen. Die Tür war zu. Natalie seufzte erleichtert. „Komm, lass uns gehen! Notfalls fahren wir zurück zum 7-Eleven.“ „Nun warte doch mal!“ Shane trat nah an das Fenster heran. Er schirmte seine Augen mit der Hand ab und sah blinzelnd ins Innere des Gebäudes. „Da drinnen ist irgendwas.“ Natalie stellte sich neben ihn und blickte ebenfalls in den dunklen Laden. Unscharf erkannte sie einen Schatten, der sich in rasantem Tempo auf sie zubewegte. Im gleichen Moment klatschte ein riesiger schwarzer Körper von innen gegen die Fensterscheibe. Natalie und Shane sprangen zurück. „Verdammt! Was war das?“, schrie Shane. Da ertönte das wütende Gebell eines Hundes. Knurrend und geifernd lief ein Rottweiler hinter dem Fenster auf und ab und scharrte mit den Pfoten auf dem Holzboden – vergeblich bemüht ein Loch zu buddeln, durch das er hindurchschlüpfen und die ungebetenen Besucher anfallen konnte. „Lass uns gehen!“, bat Natalie Shane eindringlich. Da hörte sie das metallische Klicken eines Gewehrs, das entsichert wurde, hinter sich. Sie war wie erstarrt. „Was macht ihr hier? Versucht ihr einzubrechen?!“, pöbelte eine knarzige alte Männerstimme sie an. „Nei… nein, Sir!“, entgegnete Shane und wandte sich in Zeitlupe zu dem Mann um. „Ähm, wir haben uns gefragt, ob Ihr Shop geöffnet ist.“ Natalie wagte es ebenfalls, sich langsam zu dem Mann umzudrehen. Ein dürrer, faltiger Zwei-Meter-Kerl mit einem Gewehr im Anschlag musterte sie. Eine schier endlose Weile herrschte Schweigen, bis auf das wilde Gebell des Rottweilers. Dann senkte der Alte die Waffe, und urplötzlich verzogen sich seine schmalen Lippen zu einem fast freundlichen Lächeln. „Nichts für ungut, Kinder!“, meinte der Alte. „Tut mir leid, wenn ich euch einen Schreck eingejagt habe. Aber heutzutage weiß man nie, auf wen man trifft.“ Er klopfte Shane kumpelhaft auf die Schulter und nickte Natalie zu. „Still, Brutus!“, brüllte er, und der Hund hörte sofort auf zu wüten. Der Alte wühlte umständlich in seiner Hosentasche und förderte dann einen Schlüssel zutage, der offenbar zu dem Shop gehörte. „Normalerweise ist der Laden bis zwanzig Uhr geöffnet. Aber bei dem Unwetter habe ich nicht mit Kundschaft gerechnet. Was braucht ihr denn?“ Nachdem er die Tür aufgestoßen hatte, ließ er Natalie und Shane den Vortritt. Im gleichen Augenblick tauchte Kyle mit dem Wagenheber bewaffnet auf. „Alles in Ordnung?“, fragte er Natalie. „Es geht ihr gut, Junge“, antwortete der Alte beschwichtigend, während er den angriffsbereiten Rottweiler fest am Halsband gepackt hielt. „Da hast du aber einen mutigen Verehrer, kleine Miss.“ Natalie errötete. Der Alte grinste und sperrte seinen Hund in ein Hinterzimmer. Dann setzte er sich an die Kasse. „Fühlt euch wie zu Hause!“, rief er. Eine Bemerkung, die nach seiner unfreundlichen Begrüßung wie purer Hohn klang. „Lass uns beeilen“, meinte Natalie zu Shane. „Der Typ ist mir nicht geheuer.“ Sie nahm einen Einkaufskorb und begann, eine Milchpackung und Butter hineinzulegen. „Ich tanke die Wagen!“, rief ihnen Kyle von der Eingangstür aus zu. „Ich brauche deinen Autoschlüssel, Shane.“ Shane warf ihm die Schlüssel zu. Kyle verschwand im Regen. Dafür betraten Gwen und Zara den Laden. „Wohin fahrt ihr?“, fragte der Alte. „Nach Vail? Aspen?“ „Schön wär’s“, meinte Zara bedauernd, als der Mann Colorados exklusive Urlaubsorte erwähnte. „Vail und Aspen kann ich mir nicht leisten. Noch nicht. Aber allzu lange wird es nicht mehr dauern. Bis dahin amüsiere ich mich einfach mit meinen Freunden. So was muss man auch mitgemacht haben.“ Von welchen Freunden spricht sie?, dachte Natalie. Wenn Zara so wenig Lust auf einen Aufenthalt in einer Jagdhütte hatte, warum war sie überhaupt mitgekommen? Um den anderen den Trip zu verderben? Oder um Kyle anzumachen? „Eher einfach“, wiederholte der Besitzer des Shops. „Dann geht ihr campen?“ „So einfach dann doch wieder nicht“, entgegnete Zara. „Ein Blockhaus muss schon sein. Bei all dem Viehzeug, das im Wald lebt.“ „Schlangen und Spinnen finden ihren Weg nicht nur in ein Zelt“, sagte der Alte. „Für die sind ein paar Holzbalken kein Hindernis. Und für Wölfe und Bären erst recht nicht …“ „Danke. Ich habe genug gehört“, unterbrach ihn Zara und wandte sich angeekelt ab. Der Alte verstand nicht, dass für sie das Gespräch beendet war. Er kam gerade erst richtig in Fahrt. „Im Spätsommer muss man sich besonders vor den Wildtieren in Acht nehmen. Die Grizzlys beginnen sich das Fett für den Winterschlaf anzufressen. Da ist ihnen eine hübsche junge Miss als Snack sicher willkommen.“ „Ach, hören Sie auf, solche Gruselgeschichten zu erzählen“, meinte Gwen freundlich, aber bestimmt. „Die Bären meiden die Menschen. Sie fürchten sich vor uns. Zu Recht. Denn in dieser Gegend besitzt doch vermutlich jeder Spinner eine Waffe.“ Die Anspielung kam an. Selbst der merkwürdige Alte hatte sie verstanden. Er verzog griesgrämig das Gesicht und schwieg. Aber die Vorstellung, als Bärenmahlzeit zu enden, behagte Zara nicht. „Wo genau leben denn die Grizzlys?“ „Überall in den Rocky Mountains“, erklärte der Mann kühl. Gwens Abfuhr ärgerte ihn. Er hatte keine Lust mehr, mit seinen jungen Kunden zu reden. „Auch auf Pikes Peak?“, hakte Zara nach. „Wollt ihr etwa da hin?“ Der Ladenbesitzer hob erstaunt die Augenbrauen. „Äh … ja“, antwortete Zara. Unsicher, ob es eine gute Idee gewesen war, ihm ihr Reiseziel zu verraten. Der Alte starrte sie mit offenem Mund an. Er räusperte sich ein paarmal und schien nach den richtigen Worten zu suchen. „Wieso? Was ist mit Pikes Peak?“, mischte sich Natalie ein, die den vollen Einkaufskorb auf den Tresen vor die Kasse stellte. „Lauern dort neben Bären und Wölfen auch noch Yetis und Dinosaurier auf junge Frauen?“ „Schlimmer“, sagte der Alte. „Ihr solltet euch wünschen, dort nur einem Grizzly zu begegnen. Dort spukt es! Ich mache keine Witze. In den letzten Jahren sind in der Umgebung von Pikes Peak immer wieder Wanderer und Camper verschwunden. Die Polizei hat nie wieder Spuren von ihnen gefunden. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.“ „Verschonen Sie uns mit Ihren Horrormärchen. Kassieren Sie unsere Sachen ab – und gut“, unterbrach Natalie ihn. Sie wollte nichts mehr hören. Sie war empfänglich für Gruselgeschichten. „Mädchen, glaub mir!“, beschwor der Mann sie. „Fahrt nicht!“ Er griff über den Tresen und packte ihre Hand. Natalie zuckte unter seiner Berührung zusammen. Seine Finger waren eiskalt wie die Hände eines Toten, und er umfasste ihr Gelenk so fest wie ein Schraubstock. Vergeblich versuchte sie, sich aus dem Klammergriff zu befreien. „Ist ja gut!“ Gwen ging dazwischen. „Wir glauben Ihnen. Wir besprechen Ihre Informationen mit unseren Freunden, und dann ändern wir unser Reiseziel. Und jetzt lassen Sie sie los. Okay?“ „Das ist eine gute Entscheidung“, meinte der Mann. Er ließ seine Finger langsam über Natalies Hände gleiten. Sie bekam vor Abscheu eine Gänsehaut. Der Ladenbesitzer bemerkte ihren Ekel nicht. Gedankenverloren kassierte er die Waren und das Benzin ab. Er packte die Lebensmittel in Papiertüten und reichte eine Shane, die andere Natalie. „Schönen Tag noch“, meinte Shane zu dem Alten und schob Gwen und Zara mit seiner freien Hand vor sich her zum Ausgang. „Puh! Der Kerl hat ja eine Vollmeise!“, meinte er, sobald sie ihre Fahrzeuge erreicht hatten. „Erst bedroht er uns mit seiner Knarre und diesem mordsmäßigen Köter, und dann erzählt er uns Gespensterstorys. Typen gibt’s …“ „Sollen wir wirklich nach Pikes Peak fahren? Schon wegen des Wetters und so …“, fragte Natalie. Sie gab sich gelassen, doch die Besorgnis in ihrer Stimme war nicht zu überhören. „Ich fass es nicht, Nat hat sich von dem Alten ins Bockshorn jagen lassen“, höhnte Zara. „Nun ja, ich muss gestehen, mit den hungrigen Bären hat er mir schon Angst eingejagt“, meinte sie. „Aber Gespenster?! Also, bitte! Hält er uns für Idioten?“ Zara betonte das letzte Wort und sah dabei Natalie vielsagend an. Natalie ballte die Fäuste. Sie ärgerte sich, Zara eine Vorlage geliefert zu haben. Der Alte mochte ein Aufschneider und Lügner sein. Aber sie erinnerte sich an die Fernsehnachrichten, in denen von den verschwundenen Touristen berichtet worden war. Die Vorfälle lagen Jahre zurück. Sie war noch ein kleines Mädchen gewesen, doch in ihrem Kopf hatte sich das Foto der zuletzt Verschwundenen festgesetzt. Es zeigte eine Familie. Vater, Mutter, Kind. Die Erwachsenen waren von Beruf Archäologen gewesen, und ihr Nachname lautete Smith. Natalie wusste dies noch so genau, weil ihre damals beste Freundin ebenfalls Smith hieß und ihr Vater in einem Museum arbeitete. „Hey, Natalie, vergiss es!“ Gwen legte den Arm um ihre Schulter. „Der Alte langweilt sich in seinem Laden und hat den lieben langen Tag nichts Besseres zu tun, als Touristen zu verschaukeln.“ Sie schwang sich auf den Beifahrersitz des Jeeps und nahm Natalie die Papiertüte ab, bevor der Regen sie vollends aufweichte und die Lebensmittel herausfielen. „Dann mal auf nach Pikes Peak!“, rief Gwen und schlug die Wagentür zu. Natalie lief zu ihrem Ford und beschloss, Kyle und Tom nach ihrer Meinung zu fragen. 2. KAPITEL „Findest du es schlimm, dass wir den Trip durchziehen?“, fragte Kyle wenig später, als sie auf dem Highway weiter in Richtung Pikes Peak fuhren. „Nein. Schon in Ordnung“, antwortete Natalie ab. Die vorangegangene Diskussion im Ford war ihr im Nachhinein peinlich. Tom hatte sie ausgelacht, weil sie den Alten ernst nahm und Zara war mit weiteren fiesen Kommentaren nicht gerade sparsam gewesen. Kyle hatte sich zwar nicht lustig über sie gemacht, aber zu bedenken gegeben, dass die Miete für das Blockhaus nicht zurückerstattet werden würde, wenn sie den Ausflug abbrachen. „Ich habe überreagiert“, meinte Natalie beschämt. „Ich bin eben abergläubisch. Dann dieser düstere Tag, der aggressive Rottweiler und der ätzende Alte … ich habe darin wohl ein schlechtes Omen gesehen.“ „Du musst dich nicht entschuldigen.“ Kyle streichelte ihr mitfühlend die Wange. Die Berührung brachte Natalie vollends durcheinander. Das Blut schoss ihr in die Wangen. Und weil sie sich darüber ärgerte, dass sie ihren Gefühlen so hilflos ausgeliefert war, entgegnete sie übertrieben heftig: „Ich muss mich für nichts entschuldigen! Ich will nur erklären, warum …“ „Hey, schon gut.“ Kyle zog seine Hand zurück. „Ich verstehe dich. Du hast auf deine innere Stimme gehört. Und das sollte man immer tun. Allerdings sagt mir mein Bauchgefühl, dass wir auf diesem Trip Action und Abenteuer erleben werden.“ Er schlug die Hände zusammen, rieb die Flächen aneinander und meinte aufmunternd: „Pass auf! Der Start mag mies gewesen sein, aber wenn wir erst mal da sind, wird alles gut. Tagsüber streifen wir durch die Wildnis und beobachten Tiere. Abends machen wir es uns vorm Kamin gemütlich.“ Natalie stellte sich vor, wie sie leicht bekleidet neben Kyle auf einem Bärenfell vor dem lodernden Kaminfeuer lag, Wein trank und seinen nackten Oberkörper streichelte. Ihre Gesichtsfarbe wechselte von Pink zu Bordeaux. Sie rutschte tiefer in den Fahrersitz, als könnte sie darin untertauchen. Wo kamen nur plötzlich diese Bilder her? Konnte sie ihr Kopfkino nicht einfach abstellen? „Ich wette, die Blockhütte ist eine Abrissbude ohne Dach, und wir müssen im Auto schlafen“, tönte es von der Rückbank. Zum ersten Mal war Natalie über Zaras Nörgelei froh. Sie lenkte sie von ihren beunruhigenden Fantasien ab. „Wette angenommen. Ich halte dagegen“, meinte Kyle. „Ich sage, die Hütte hat Erste-Klasse-Niveau. Sollte ich recht behalten, musst du während des ganzen Ausflugs kochen und spülen.“ „Spinnst du, Alter?“, warf Tom ein. „Ich will mir doch nicht den Magen verderben.“ „Blödmann! Ich kann super kochen!“ Zara trommelte mit ihren Fäusten auf den lachenden Tom ein. „Hey, hört mal auf!“, unterbrach Natalie die Rauferei. „Verratet mir lieber, ob auf dem Wegweiser da vorne Pikes Peak steht! Ich kann bei dem Mistwetter nichts erkennen.“ Sofort herrschte Ruhe. Alle starrten angestrengt durch die Windschutzscheibe. „Ich sehe kein Schild“, meinte Tom. „Ich sehe nicht mal eine Straße“, fügte Zara hinzu. „Doch, da ist ein Schild! Du bist fast schon daran vorbei, Natalie. Reiß das Steuer herum! Es geht rechts ab!“, rief Kyle. Natalie schlug das Lenkrad bis zum Anschlag ein. Der Ford holperte von dem asphaltierten Highway auf eine unebene, matschige Seitenstraße. Für einen kurzen Moment verlor sie die Kontrolle über den Wagen, und er schlingerte in dem Schlamm auf eine Böschung zu, bevor der Motor ausging und sie zum Halten kamen. Natalie versuchte, ihn wieder in Gang zu bringen. Aber die Räder drehten auf dem sumpfigen Untergrund durch. „Na, super! Wir stecken fest!“ Natalie boxte gegen das Lenkrad. „Meine Schuld“, gab Kyle zu. „Ich hab dich gestresst.“ „Egal. Ich hätte nicht auf dich hören sollen. Shane hat bestimmt ein Abschleppseil dabei, und sein Geländewagen schafft das locker. Er wird meinen alten Ford problemlos aus dem Schlamassel ziehen.“ „Wir sollten den Ford stehen lassen“, sagte Shane wenig später, nachdem er den festgefahrenen Wagen begutachtet hatte. „Es dauert zwar nur fünf oder zehn Minuten, ihn mit dem Jeep aus dem Matsch zu ziehen. Aber mit den Reifen schafft die Karre es auf diesem nassen Boden nie im Leben den Berg hoch.“ „Na, toll! Und wenn ich in ein paar Tagen wieder hier unten ankomme, haben mir irgendwelche Chaoten die Reifen abmontiert und den Wagen aufgebrochen und alles geklaut, was auch nur einen Cent wert ist“, meinte Natalie besorgt. „Ich glaube, du brauchst eine Brille“, warf Zara ein. „Dein Wagen ist kein Porsche, sondern ein Schrotthaufen. Niemand wird sich an ihm vergreifen und schon gar nicht die abgefahrenen Reifen abmontieren – außer er ist lebensmüde.“ „Schrott hin oder her. Es ist das einzige Auto, das ich habe“, erwiderte Natalie. „Ist alles kein Problem“, lenkte Tom ein. „Da, wo der Wagen steht, versperrt er anderen Fahrzeugen nicht den Weg. Und um sicherzugehen, bedecken wir ihn mit Tannenzweigen, und dann wird schon nichts passieren.“ Eine Viertelstunde später quetschten sich die sechs zwischen Tüten, Gepäck und Angelutensilien in Shanes Jeep. Der Geländewagen meisterte die steil ansteigende Strecke mit Leichtigkeit. Shane drehte die Heizung voll auf, damit ihre nass gewordenen Haare und ihre feuchte Kleidung trocknen konnten. Dazu sang er in leicht entfremdeter Fassung eine Textzeile aus einem Lied von Moloko: „Nothing can bring us down … nichts kann uns fertig machen …“ Sein unerschütterlicher Frohsinn, die angenehme Wärme im Wagen und das Ruckeln des Jeeps, das die sechs einander im wahrsten Sinn des Wortes näher brachte, indem es ihre Körper gegeneinanderwarf, verbesserten die allgemeine Laune schnell. Als sie nach einer Dreiviertelstunde auf dem Berg ankamen und die frisch renovierte Blockhütte sahen, waren die Widrigkeiten der Anreise vergessen. Tom sprang zuerst aus dem Jeep und rannte zum Eingang. Er hatte die Hütte reserviert und wusste aus den Buchungsinformationen, wo er den Türschlüssel suchen musste. Er griff in den Hohlraum unter der ersten Treppenstufe und zog ihn mit einem triumphierenden Grinsen hervor. Er öffnete die Tür, ging hinein und kam kurz darauf jubelnd wieder herausgerannt. „Das müsst ihr euch anschauen! Die Hütte ist unglaublich! Es gibt einen riesigen Kamin und ratet mal was noch …? Einen Whirlpool!“ „Alles klar, Zara! Bind dir schon mal die Küchenschürze um!“ Kyle lachte. Zara streckte ihm die Zunge heraus. Von Toms Ankündigungen neugierig geworden vertagten die anderen das Abladen und besichtigten ebenfalls die Hütte. Das Blockhaus war ein Traum. Aus dem Prospekt wussten sie, dass es 1820 erbaut worden war. Doch nichts erinnerte an den ersten Bretterverschlag, der Trappern und Jägern als Unterschlupf gedient hatte. Die Hütte und ihre Innenausstattung wirkten wie eine Anzeige in einem Einrichtungsmagazin. Das Blockhaus bestand aus einem großen Hauptraum, an dessen linker Seite eine moderne Küchenzeile verlief und dessen rechte in ein Wohnzimmer mit zwei großen Sofas und einem Kamin mündete. In zwei Kammern, zu denen man über einen kleinen Gang gelangte, befanden sich insgesamt acht Schlafplätze. Außerdem gab es ein Vollbad und die Krönung: einen Whirlpool. Er war durch eine Glasschiebetür vom Wohnzimmer getrennt und war in die Veranda an der rechten Außenseite der Hütte eingelassen. So konnten die Badenden gleichzeitig im warmen Wasser liegend den frischen Tannenduft genießen und sich mit den im Haus Verbliebenen unterhalten. „Wow! Ist das abgefahren!“ Gwen hüpfte vor Freude auf und ab. Zara zeigte ihre Begeisterung nicht so offensichtlich. Aber an dem zufriedenen Seufzen, mit dem sie sich in die dicken Kissen eines der Sofas fallen ließ, erkannte man, dass sie sich fast wie in Vail oder Aspen fühlte. Natalie blickte sich neugierig in der Hütte um. Die Schlafkammern ließen ihres Erachtens zu wünschen übrig. In jedem standen ein Etagen- und ein Doppelbett. „Praktisch, aber ein bisschen unromantisch“, meinte Kyle, der hinter ihr im Türrahmen aufgetaucht war und über ihre Schulter auf die nüchterne Bettenlandschaft schaute. „Nun ja, es gibt nur ein Pärchen in unserer Gruppe“, entgegnete Natalie und wurde zu ihrem Leidwesen erneut rot. „Gwen und Shane belegen ein Zimmer. Dann bleibt das Etagenbett frei. Und wir anderen schlafen in dem zweiten Schlafzimmer.“ „Wer schläft denn dann mit wem im Doppelbett?“ Kyle grinste sie an und sah ihr tief in die Augen. Natalie bemerkte erst jetzt, wie nah sie beieinanderstanden. Sie konnte seinen angenehmen Duft aus herbem Männerparfum und seinem eigenen Geruch wahrnehmen. Eine Mischung, die sie schwindelig machte. Kurz überlegte sie, ob Kyle wusste, dass sich ihre Gefühle für ihn verändert hatten und er sie provozierte, um herauszufinden, wie weit sie gehen würde. „Du kannst das Doppelbett mit Tom teilen, und Zara und ich nehmen das Etagenbett“, antwortete sie. Kyle lachte auf. „Ich hatte zwar auf eine Bettgenossin gehofft, aber wenn du diese Konstellation bevorzugst, bin ich einverstanden. Hauptsache, Tom schnarcht nicht.“ Er ließ sie stehen und ging zurück ins Wohnzimmer. Natalie blieb perplex zurück. Was hieß das denn, er hatte sich eine „Bettgenossin erhofft“? Wollte er sie foppen? Oder glaubte er, sie würde das Bett mit ihm teilen? Wenn ja, hatte sie ihre Chance vertan. Verdammt! Es konnte aber auch bedeuten, dass er dabei an Zara gedacht hatte. In dem Fall wünschte Natalie ihm Albträume! Eifersucht plagte sie. War Zara wirklich nur Kyles Bekannte, oder war er vielleicht doch in sie verknallt? Hatte er sie eingeladen, um sich an sie heranzumachen? Bei der Vorstellung wurde Natalie schlecht. Fieberhaft überlegte sie, ob Kyle Zara früher schon mal in einem ihrer Gespräche erwähnt hatte. Nein. Nie. Sie ließ die Fahrt nach Pikes Peak vor ihrem inneren Auge Revue passieren. Waren sie besonders vertraut miteinander umgegangen oder hatten etwas gesagt, das darauf schließen ließ, dass sie eine Affäre oder mehr verband? „Gibt es keine Einzelzimmer?“ Wenn man an den Teufel dachte … Zara ging an Natalie vorbei in das Schlafzimmer. „Nein, es gibt nur Vierer-Zimmer“, antwortete Natalie, während ihre Fantasie wilde Blüten trieb: Kyle lag mit Zara knutschend im Bett, und sie musste zusehen! Weil sie diese Vorstellung so schrecklich fand, machte sie einen verzweifelten Vorschlag. „Wir können die Räume in ein Jungs- und ein Mädchenschlafzimmer aufteilen. Das wäre gewiss lustig.“ „Für Zehnjährige“, entgegnete Zara spöttisch und schenkte Natalie einen verächtlichen Blick. „Ich habe dich gar nicht so keusch eingeschätzt. Bist du noch Jungfrau? Schämst du dich, mit Typen in einem Zimmer zu schlafen? Dann kannst du auf der Couch pennen – und ich amüsiere mich mit Kyle und Tom. Du weißt schon: Pyjama-Party und Kissenschlacht …“ Sie lächelte anzüglich. Natalie, sonst so schlagfertig, verschlug es die Sprache. Keusch? Jungfrau? Frechheit!!! Was dachte diese blöde Kuh, wer sie war?! Natalie ballte die Fäuste. Am liebsten hätte sie Zaras niedliche Stupsnase in einen Boxerzinken verwandelt. Aber prügelnde Mädchen fand sie abstoßend. Außerdem legte Zara es geradezu darauf an, sie aus der Reserve zu locken. „Also ich schlafe auf jeden Fall im Doppelbett“, meinte Zara abschließend. „Egal, mit wem. Na gut, dann gehe ich jetzt mal in die Küche und checke, was ich aus den Einkäufen zaubern kann. Schließlich sind Wettschulden Ehrenschulden.“ „Wenn ich dir helfen soll, sag Bescheid.“ Natalie gab sich alle Mühe, um den Schein zu wahren. „Ein Dinner für sechs Leute bekomme ich allein hin. Schließlich bin ich ein großes Mädchen – im Gegensatz zu anderen Anwesenden.“ Zara kicherte. „Mädchenzimmer … Jungenzimmer …“, murmelte sie, während sie sich in die Küche verdrückte. „Wie kindisch!“ Natalie blieb schäumend vor Wut zurück. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Sie durfte sich von Zara nicht vorführen lassen. Sie musste souverän bleiben, egal, wie schwer es ihr fiel. Und sie musste herausfinden, ob Zara es auf Kyle abgesehen hatte. Die Anspielung auf die Pyjama-Party konnte ein Hinweis sein. Natalie musste aufpassen und Zara gegebenenfalls die Tour vermasseln. „Welches Schlafzimmer ist unsere Spielwiese?“, fragte Shane und lenkte Natalie von ihren finsteren Überlegungen ab. Er und Gwen schleppten ihr Gepäck durch den Gang. „Sucht euch eins aus“, meinte Natalie. Er schmiss seinen Seesack auf das Doppelbett im ersten Raum, packte die aufkreischende Gwen mitsamt ihrer Sporttasche und warf sich mit ihr in die Kissen. Knutschend rollten sie sich auf dem Bett hin und her. Natalie blickte schnell zur Seite und eilte ins Wohnzimmer, bevor sie vor Neid und Sehnsucht platzte. In dem Gemeinschaftsraum hockte Tom vor dem Kamin und versuchte vergeblich, ein Feuer zu entfachen. „Mist! Das Holz, das ich von draußen hereingeholt habe, ist total nass. Egal, was ich probiere, es brennt nicht. Ich glaube, unseren ersten Abend in der Hütte müssen wir ohne knisterndes, romantisches Kaminfeuer verbringen.“ „Nicht unbedingt.“ Kyle kam triefend vor Regennässe zum Eingang herein und trug Gepäck in die Hütte. „Shane meinte, es gibt hinter dem Haus einen Lagerschuppen. Darin müsste sich trockenes Kaminholz befinden. Wenn ich mein Zeug verstaut habe, hole ich welches.“ „Das kann ich auch machen“, bot Natalie an. Sie brauchte eine Portion Frischluft nach ihrem Ärger über Zara – und sich selbst. Es störte sie, dass sie eifersüchtig war und nicht über den Dingen stand. Kyle konnte tun und lassen, was er wollte. Auch wenn es nicht ihren Wünschen entsprach. Liebe zu erzwingen funktionierte nicht. „Ich hole nur noch schnell die nassen Holzstücke aus dem Kamin, dann komme ich nach“, sagte Tom. „Okay.“ Natalie nickte ihm zu, verließ die Hütte und rannte durch den Regen hinter das Haus. Im Gegensatz zu der perfekt restaurierten Jagdhütte sah der Schuppen aus, als sei er in seinem Urzustand von 1820 belassen worden. Das Dach ragte schief über zusammengehauenen Brettern und bröselnden Lehmziegeln hervor. Die Tür hing halb aus der Verankerung, offen für Wind, Wetter und Wildtiere. Natalie bezweifelte, in der von Holzwürmern zernagten und verfallenen Bruchbude trockenes Holz zu finden. Außerdem überlegte sie, ob sie nicht besser zum Jeep zurückgehen und eine Taschenlampe suchen sollte. Wer wusste schon, was sie in dem Schuppen erwartete. Aber dann kam sie sich albern vor. Der Schuppen war zu klein, als dass ein Bär darin Unterschlupf fand. Ein Wolf jedoch … Ach, Quatsch! Die Ankunft der Gruppe hätte ein wildes Tier längst vertrieben. Wenn überhaupt, versteckten sich Dachse oder Waschbären in der baufälligen Bretterbude. Und vor denen musste sie sich nicht fürchten. Dennoch lugte sie erst einmal vorsichtig in den dunklen Schuppen, bevor sie ihn betrat. Gähnende Leere. Kein Tier, kein Holz. Na, großartig! Dann wurde es wirklich nichts mit dem lauschigen Kaminfeuer. Unschlüssig spähte sie in den finsteren Verschlag. Vielleicht fand sie alternatives Feuermaterial wie Kohle, Papier … Plötzlich entdeckte sie etwas auf dem Boden. Ein Gitter. Es war bestimmt aus Eisen. Das würde ihr nicht weiterhelfen. Natalie beugte sich vor und berührte die Gitterstäbe. Zu ihrer Überraschung waren sie aus Holz. Trockenem Holz. Irritiert hob sie den Kopf und sah zum Dach des Schuppens hinauf. Über der Stelle, an der das Gitter lag, befand sich der tragende Balken. Deswegen war die Bude noch nicht in sich zusammengefallen und das Holzgitter weder nass noch verrottet. Sie versuchte, das Gitter anzuheben. Doch es hing fest. Woran, konnte sie nicht erkennen. Dafür war es in dem Verschlag zu dunkel. Und draußen schwand das letzte Tageslicht. Während sie an dem Gitter zerrte, überlegte sie, welche Funktion es einmal besessen hatte. Ein Fenster gab es in dem Schuppen nicht. Und da das Gitter anscheinend im Boden verankert war, hatte es möglicherweise einmal einen in die Erde eingelassenen Käfig verriegelt. In Käfigen hielt man Tiere … und Gefangene. Die verschwundenen Touristen! Panik erfasste Natalie. Da löste sich das Gitter. Nieten flogen ihr um die Ohren. Sie fiel rückwärts auf die Erde. Ein eisiger Luftzug wehte durch den Schuppen. Natalie zitterte vor Kälte und Angst. Ihr Atem verwandelte sich in kleine dampfende Wölkchen. Wieso war es auf einmal so kalt? Sie hatte davon gehört, dass es in den Bergen mit aufziehender Nacht zu drastischen Temperaturstürzen kommen konnte. Aber so plötzlich? Am ganzen Leib bebend richtete sie sich auf. Das Gitter hielt sie wie ein Schutzschild vor ihren Körper. Dort, wo es befestigt gewesen war, befand sich eine Grube. Langsam beugte Natalie sich vor und blickte hinein. Sie war geradezu enttäuscht. Innerlich hatte sie sich schon gegen eine Feuer speiende Bestie gewappnet und auf den Anblick eines ermordeten Entführten vorbereitet. Stattdessen breitete sich vor ihr eine flach ausgehobene Grube aus, in der sich ein großer Stofffetzen befand. Sie seufzte erleichtert. Sie hatte sich von dem blöden Ladenbesitzer wirklich Schwachsinn einreden lassen. Jetzt, da die Angst verflogen war, siegte die Neugier. Sie legte das Gitter zur Seite und griff in die Grube nach dem Stoff. Er war rau und hart. Sie ertastete mehrere längliche Gegenstände, die in ihn eingewickelt waren. Knochen!, dachte sie sofort und zog die Hand zurück. Sie fühlte sich wie ein albernes Kind. Ihre Fantasie ging wieder mit ihr durch. Sie streckte die Hand ein weiteres Mal nach dem Stoff aus und öffnete das Bündel. Pfeile und ein Bogen kamen zum Vorschein sowie ein altes Gewehr. Eine speckige, vergammelte Lederjacke. Und ein schmutziges, fleckiges Buch. Sie nahm das Buch in die Hand und schlug es auf. Zu ihrem Erstaunen handelte es sich nicht um einen Roman, sondern ein Tagebuch. In fein geschwungener Schrift stand dort: „Bin gestern an Pikes Peak angekommen. Genieße die menschenleeren Wälder und die saubere Luft. Gut, dass ich das Sündenbabel Denver und seine dreckigen Saloons hinter mir gelassen habe …“ Saloons?, wunderte sich Natalie. Von wann stammten die Eintragungen? Sie blätterte zur ersten Seite. Flecken übersäten das Blatt und machten die Zeilen unleserlich. Die Dunkelheit tat ihr Übriges. Kurzentschlossen packte sie das Tagebuch zurück zu Pfeil und Bogen und der alten Lederjacke, wickelte alles in den Stoff, hob das Bündel aus dem Loch und legte es auf das Gitter. Sie presste ihren Fund zum Schutz gegen den Regen eng an ihren Körper. Dann rannte sie zurück ins Haus. 3. KAPITEL „Wie siehst du denn aus?“, begrüßte Tom Natalie, als sie nass und verschmutzt in das Blockhaus stürzte. „Warum hast du nicht auf mich gewartet? Ich bekomme ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich dich habe allein gehen lassen bei diesem Sauwetter.“ Er streckte seine Hände aus, um ihr beim Tragen zu helfen. Als er das Gewehr bemerkte, das aus dem Bündel herausragte, hielt er inne. Sein Gesichtsausdruck wechselte von Ungläubigkeit zu Staunen und schließlich zu Begeisterung. „Wow! Eine Winchester 1876. Eins der besten Jagdgewehre des 19. Jahrhunderts und Nachfolgemodell der berühmten Winchester 1873. Mein Vater würde ausflippen. Er sammelt alte Waffen.“ Er nahm Natalie die Waffe ehrfurchtsvoll ab. „Wo hast du das Prachtstück gefun- den?“ „In dem Schuppen hinterm Haus.“ Natalie legte die in die Decke eingewickelten Fundstücke und das Gitter neben den Kamin auf das Parkett. Die anderen versammelten sich neugierig um sie. Shane und Kyle musterten neidisch die Waffe in Toms Händen. Beide wollten sie zu gern anfassen und ausprobieren, ob sie noch funktionierte. Gwen hockte sich neben die Sammlung auf den Boden. „Das ist eine Indianerdecke“, sagte sie und rieb den brüchigen Stoff behutsam zwischen ihren Fingern. „Scheint ein Original zu sein. Vielleicht aus dem gleichen Jahr wie das Gewehr. Aber ich frage mich, von welchem Stamm. Das Muster deutet nicht auf die einst in Colorado ansässigen Arapaho hin.“ „Man nennt Gwen auch ‚Die mit der Decke tanzt‘“, foppte Shane sie wegen ihrer Fachsimpelei. Die anderen lachten. „Macht euch ruhig lustig über mich“, entgegnete Gwen. „Aber ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe aus reinem Interesse an den Ureinwohnern unserer Region einen Kurs über Indianer an der Uni belegt. Und dort wurden unter anderem die Webtechniken und Symbole der Arapaho und …“ „Oh, bitte, verschon uns!“, unterbrach Zara sie. „Was macht der alte Lumpen überhaupt hier, Nat? Soweit ich weiß, wurden die Indianer ausgerottet, indem die weißen Soldaten ihnen mit Pocken infizierte Decken schenkten. Ich habe keine Lust, mich mit einer Seuche anzustecken.“ „Erstens: Nenn mich nicht dauernd ‚Nat‘, sondern bei meinem vollen Vornamen.“ Natalie atmete einmal tief durch, um Ruhe zu bewahren. „Zweitens: Seinerzeit wurden verseuchte Armeedecken weitergereicht. Dies ist aber irgendeine Decke und somit wohl kaum mit todbringenden Erregern vergiftet. Und drittens: Selbst wenn der Stoff noch Viren in sich trüge, wären sie nach all den Jahrzehnten mausetot.“ „Schon gut, schon gut. Aber ich darf ja wohl berechtigte Zweifel anmelden, Na…ta…lie“, entgegnete Zara beleidigt. Natalie ignorierte den provozierenden Unterton, in dem Zara ihren vollständigen Namen betonte. „Ich habe noch was gefunden, was spannender als die Winchester sein kann“, meinte sie und schlug die Decke zurück. „Cool! Pfeil und Bogen!“ Shane beugte sich vor und nahm die Waffen an sich. „Das meinte ich nicht“, sagte Natalie und hob das Buch hoch. „Ein Tagebuch!“ „Aus dem 19. Jahrhundert?“, fragte Gwen. „Von wem? Was steht drin?“ „Das werden wir gleich herausfinden.“ Natalie schlug das Buch auf. „Warte!“, meinte Tom. „Ich mache uns erst das Kaminfeuer an. Für die richtige Stimmung.“ Während Tom das Gitter zertrat und das Holz in den Kamin legte, holten Shane und Kyle Bier und Snacks. Alle verteilten sich auf den Sofas und warteten gespannt darauf, dass Natalie aus dem Tagebuch vorlas. Sie schlug das Buch auf und begann: „‚William S. Rutherford. 3. Juli 1877. Seit vier Wochen bin ich in Colorado. Ein wildes, ursprüngliches Land. So ursprünglich wie Gott der Herr es schuf. Der Unterschied zur Ostküste und dem brodelnden New York könnte größer nicht sein. Ich bin froh – aller Mahnungen von Freunden, Familie und unserem Priester zum Trotz –, meine zwar verantwortungsvolle, aber – man möge mir die folgende Behauptung verzeihen – öde Anstellung als Buchhalter aufgegeben zu haben. Hier, in dieser Wildnis, will ich mich als Fallensteller, Pelzjäger und Goldschürfer versuchen. Bisher habe ich noch keinen der gefürchteten Indianer getroffen. Fast möchte ich sagen, ich bin enttäuscht. Zu gern hätte ich mit eigenen Augen gesehen, ob die sogenannten ‚Rothäute‘ wirklich rot an Gesicht und Körper sind. Ein Gutes hat es jedoch, die Wilden nur aus Büchern zu kennen. Ich bin noch im Besitz meines Skalps. Allerdings habe ich nie den Verlust meines Haarschopfs befürchtet. Ich hege seit Langem Zweifel an den blutrünstigen Märchen über die Arapaho. Schlimmer als die betrunkenen, mordlüsternen und schießwütigen Weißen in den Saloons von Denver können die Rothäute auch nicht sein. Immerhin hat mir der gotteslästerliche Besuch eines Saloons mein neues Zuhause beschert. Ich gewann beim Pokern eine Jagdhütte in den Bergen. Sie liegt an Pikes Peak. Schon morgen breche ich dorthin auf …‘“ „Das ist hier!“, rief Gwen aufgeregt. „Ist das aufregend! Der Typ hat vor mehr als einem Jahrhundert genauso wie wir in dieser Hütte vor dem Kamin gesessen.“ „Und danach ist er in den Whirlpool gegangen“, warf Shane spöttisch ein. Gwen schlug nach ihm. „Hör auf, mich zu behandeln, als wäre ich eine Idiotin!“, fuhr sie ihn an. „Natürlich weiß ich, dass das Blockhaus damals über keinerlei Komfort verfügte und der arme Kerl sich im Winter alles abgefroren hat. Dennoch darf ich ja wohl die Vorstellung toll finden, dass er nach all den Jahrzehnten durch sein Buch zu uns spricht. Und zwar genau an der Stelle, an der er gelebt hat und wir uns gerade befinden.“ „Och, Schatz … Nicht sauer sein.“ Shane nahm eine von Gwens Haarsträhnen und kitzelte ihre Wange damit. Er beugte sich zu ihr vor und küsste sie. Gwen grummelte noch ein wenig vor sich hin. Aber sie liebte Shane zu sehr, als dass sie ihm länger böse sein konnte. „Lies bitte weiter!“, forderte sie Natalie auf. „Aber eine andere, spannendere Passage, … Natalie“, warf Zara ein. Natalie belohnte Zaras guten Willen, sie mit ihrem vollen Namen anzureden, indem sie zu einem der hinteren Tagebuchkapitel blätterte. „‚30. August 1877. Seit vierzehn Tagen und Nächten teile ich die Blockhütte mit zwei jungen Herren: Carl und Grant. Wir haben dasselbe Alter: 23 Lenze. Und sie versuchen sich ebenso wie ich als Jäger und Fallensteller. Die jungen Herren nennen mich ‚Billy‘. Mir sagt das Kürzel von William sehr zu. Ich empfand meinen Namen stets als zu steif. Grant ist ein mutiger Bursche und hat gestern einen phänomenalen Hirschbock geschossen. Einen Zehnender. Sein Fleisch wird uns über Wochen ernähren. Wir sammeln bereits Vorräte für den Winter. Obwohl es noch Sommer ist, rieche ich den Schnee schon in der Luft. Wir müssen uns sputen, wenn wir von Oktober bis März nicht Hunger leiden wollen. So lange liegt in dieser Region angeblich der Schnee. Ich kann es mir kaum vorstellen. Aber Grant wird uns mit seinem Jagdtalent und seiner neuen Winchester mit bestem Wildbret versorgen. Da bin ich über jeden Zweifel erhaben. Das Geschäft als Pelzjäger floriert. Ich nenne mehr Dollar mein, als ich je als Buchhalter erwirtschaftete. Und mir gefällt mein neues Dasein. Tagtäglich in der Natur und an der frischen Luft. Ich danke Gott für mein bescheidenes Glück. Aber Carl reicht die Jagd nicht. Er meint, wir sollen im nächsten Frühjahr mit dem Goldschürfen anfangen. In meiner ersten Zeit auf Pikes Peak habe ich mich damit beschäftigt, aber schnell davon gelassen. Es ist mühseliges Tagewerk. Und ich bezweifele, dass die Vorkommnisse so groß sind wie in Kalifornien oder Alaska. Denn die Minen in Colorado werden bereits seit zwanzig Jahren geleert. Ob sich da noch Nuggets finden? Grant hat sich von Carls Goldfieber anstecken lassen. So will ich ihnen mit meinen Zweifeln nicht die Hoffnung rauben. Einen Versuch können wir unternehmen. Vielleicht werden wir unerwartet reich …‘“ „Und, ist er reich geworden?“, fragte Kyle. „Mal sehen.“ Natalie blätterte durch das Tagebuch. Beim Überfliegen der Zeilen fiel ihr auf, dass die Eintragungen immer kürzer und die Schrift nahezu unleserlich wurden. Worte wie „vergebliche Suche“, „eingestürzte Mine“, „Beinverletzung“, „wochenlanger Ausfall“ stachen ihr ins Auge. „Sieht nicht so aus …“, murmelte sie. „Dann lasst uns morgen weiterlesen“, schlug Shane vor und stand von der Couch auf. Er streckte sich. „Ich hätte echt Lust auf eine Runde Planschen im Whirlpool.“ „Gute Idee“, stimmte ihm Tom zu und machte Anstalten, ebenfalls aufzustehen. „Halt! Wartet!“, hielt Natalie sie auf. „Setzt euch! Ich hab eine interessante Textstelle gefunden.“ Die Jungs setzten sich wieder hin, wippten aber ungeduldig mit den Beinen. Der Gedanke an den Whirlpool erschien ihnen interessanter als die Leiden eines unbekannten Goldsuchers. „‚29. September 1877 … sind heute ganz in der Nähe unseres Blockhauses fündig geworden‘“, fuhr Natalie mit Billys Tagebucheintragungen fort. Sofort hörten die anderen wieder gebannt zu. „‚Allerdings entdeckten wir kein Gold‘“, las Natalie vor. „Och, nein“, meinte Shane und sah zum Whirlpool hinaus. „‚Wir fanden eine Steintafel‘“, zitierte Natalie den Text. „‚Sie lag vergraben in … äh, was?“ Sie runzelte die Stirn und versuchte Billys Schrift zu entziffern. Die Buchstaben waren auf das Blatt geschmiert, als habe er sie in größter Eile geschrieben. „Nun mach schon!“, forderte Shane sie auf. „Sei nicht so ungeduldig“, wies Gwen ihn zurecht. „Ich finde spannend, was hier vor so langer Zeit geschehen ist.“ Shane verzog genervt die Mundwinkel. „‚Wir fanden eine Steintafel‘“, wiederholte Natalie. „‚Sie lag in einem Grab.‘“ „Iiieeehhh!“, schrie Zara auf. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich das noch länger hören will.“ „Sei still!“, zischte Tom. „Jetzt passiert endlich mal was!“ „‚Die Steinplatte bedeckte ein Skelett. Kopf und Knochen waren vom Gewicht der Platte zerdrückt. Grant trieb Schabernack mit dem Schädel. Er nahm den abgetrennten Unterkiefer, setzte ihn an den Rest des Kopfes und bewegte ihn, als würde der Tote sprechen. Ich bat ihn, aufzuhören. Es geziemt sich nicht, die Ruhe der Toten zu stören. Aber Grant hat mit Gott, Religion und Manieren wenig am Hut. Ich denke, er ließ den Toten schließlich nur deshalb in Frieden, weil sein Spiel ihn nach einer Weile langweilte. Dafür interessierte uns alle die Steinplatte. Sie ist aus reinem Marmor. Auf ihrer Vorderseite sind Schriftzeichen einer fremden Sprache eingeritzt. Anscheinend ist die Tafel alt und war viele Jahre Wind und Wetter ausgesetzt. Carl half mir, sie in die Hütte zu tragen. Nach dem Essen wollen wir den Schmutz von ihr entfernen und versuchen, den Text zu erraten. Endlich mal eine Abwechslung in dem Einerlei des Tagewerks.‘“ „Klingt ganz so, als gefiele Billy das einsame Leben in der Wildnis nicht mehr“, meinte Kyle. „Na ja, wer weiß, wie seine Kumpel drauf waren. Dieser Grant hört sich nach einem krassen Typen an. Nicht sonderlich zivilisiert …“ „Aber mit dem konnte man bestimmt eine Menge Spaß haben“, warf Shane ein. „Ich finde es lustig, dass er den Schädel sprechen ließ.“ „Du hast ja auch keine Manieren. Genau wie dieser Grant“, stellte Gwen bissig fest. „Danke, mein Schatz. Ich verstehe das als Kompliment“, entgegnete Shane und küsste Gwen auf die Wange. „Genau deshalb liebst du mich. Weil ich ein Neandertaler bin.“ Er trommelte sich mit den Fäusten gegen den Oberkörper und gab Laute wie ein Gorilla von sich. „Du bist so was von verrückt“, seufzte Gwen. Aber sie lächelte. Es stimmte. Sie fuhr total auf diesen schrecklichen Typen ab. „Was stand denn nun auf der Steintafel?“, fragte Kyle. „Warte!“ Natalie blätterte auf die nächste Seite des Tagebuchs. Hier wurde die Schrift noch unleserlicher. Sie seufzte. Die Wildnis hatte offensichtlich auf Billy abgefärbt. Seine Schönschrift, ein Hinweis darauf, dass Billy eine gute Schulbildung genossen hatte, veränderte sich zu dem Gekritzel eines analphabetischen Waldmenschen. „‚Seit Stunden zerbrechen wir uns über die Schriftzeichen die Köpfe. Aber sie ergeben keinen Sinn. Carl behauptet, es wäre Latein. Aber was weiß er schon? Sein Schulbesuch beschränkt sich auf drei Jahre. Ich habe lateinische Inschriften an New Yorker Gebäuden gesehen. Die Zeilen auf der Steintafel sind kein Latein. Ich glaube, es ist die tote Sprache eines untergegangenen Volkes. Und was tot ist, sollte man nicht wiedererwecken. Das führt zu Unheil. Mir ist bei der Sache nicht wohl. Ich bereue, dass wir die Tafel in die Hütte getragen haben. Denn es ist Seltsames vorgefallen. Grant las einige Worte laut vor. Nicht, dass wir sie verstanden hätten. Aber kaum hatte er sie ausgesprochen, brach ein furchtbares Gewitter los. Donner krachten. Blitze zuckten über den Himmel. Es wurde binnen Sekunden pechschwarze Nacht. Und seither regnet es ununterbrochen. Es klingt gotteslästerlich. Aber ich habe diese unbestimmte Angst, dass die fremden Worte Auslöser für das Unwetter gewesen sind – und dass uns Schlimmes blüht, wenn wir die Steintafel in der Hütte behalten. Doch ich kann mit Carl und Grant nicht über meine Befürchtungen reden. Ich würde mich der Lächerlichkeit preisgeben …‘“ „Abgefahren!“, stieß Tom hervor. „Was hat Grant vorgelesen? Hat Billy es aufgeschrieben?“ „Nein.“ Natalie schüttelte den Kopf. „Gott sei Dank! Auf einen Gruseltrip kann ich gut verzichten.“ „Nun bleibt mal locker“, meinte Tom. „Was soll denn schon passieren?“ „Was ist denn mit Billy und den beiden anderen geschehen?“, fragte Zara ungeduldig. Alle Gesichter wandten sich zu Natalie. „Ähm. Ich weiß es nicht. Ich muss erst weiterlesen.“ Sie suchte nach der letzten Zeile, die sie vorgetragen hatte. Die folgenden Sätze waren komplett verschmiert. Die Tinte war ausgeblichen, und Wasserflecken und Schmutz hatten die Buchstaben ausgelöscht. Natalie musste mehrere Seiten überspringen, um auf lesbare Einträge zu stoßen. Aber die waren gar nicht so einfach zu finden. Billy schrieb in abgehackten Sätzen. Teils fehlte der inhaltliche Zusammenhang. Oft standen nur einzelne Wörter auf einer Seite. Dann kamen endlich wieder vollständigere Passagen. Natalie spürte, wie sich ihre Nackenhaare aufstellten. Nur widerwillig las sie weiter. „‚5. Oktober. Seit Tagen Regen … können Hütte nicht verlassen … Schlammflut hat Erdreich mit sich gerissen … 6. Oktober. Sturm hat Tanne gefällt. Sie versperrt den Ausgang der Hütte … Werkzeug befindet sich im Schuppen … Ohne Axt kein Entkommen aus dem Blockhaus möglich … 8. Oktober. Finde des nächtens keinen Schlaf … starre unentwegt Steintafel an … Sie leuchtet! … Fürchte mich entsetzlich … bete ohne Unterlass … 10. Oktober. Höre nachts Stimmen vor der Hütte … Jemand scheint uns zu belauern … Grant und Carl leugnen Anwesenheit der anderen … 11. Oktober. Essensvorräte aufgebraucht … Grant will aus Tisch Rammbock bauen und Tür aufbrechen … Carl dagegen … er hat Angst, die anderen dringen durch Loch ein … 14. Oktober. Carl und Grant haben sich bei Streit blutig geprügelt … Die anderen lauern nun Tag und Nacht vor dem Eingang … 16. Oktober. Carl tot … Grant hat ihm Luft abgeschnürt … Grant in Nacht Tür aufgebrochen und in die Wildnis geflohen … Nur Schrei gehört … Grant? … Starre Loch in Tür an … Hat Gott mich verlassen? 17. Oktober. Habe Nacht überlebt … Steintafel aus Hütte geschafft und vergraben … Werden die Fremden mir vergeben? Ich höre sie rufen … Sie kommen …‘“ Natalie hielt inne. Bleich starrte sie auf den letzten Tagebucheintrag. „Ist das alles?“, fragte Tom und riss ihr das Tagebuch aus der Hand. „Nicht!“ Natalies Stimme klang angsterfüllt. Aber Tom hielt das Buch bereits in den Händen. „Hey, du wolltest uns Billys letzte Worte unterschlagen!“ Er zog eine Grimasse und flüsterte bedrohlich. „Sie sind in Blut geschrieben.“ „Nein! Lies den Satz nicht vor!“, rief Natalie und versuchte, Tom das Buch wegzunehmen. Er war schneller und rannte vor ihr weg. Mit einem Sprung setzte er über das Sofa und las in sicherem Abstand von Natalie laut vor. „‚Lam ganek hars yonet wez!‘“ Totenstille legte sich über das Wohnzimmer. Angespannt wartete jeder darauf, dass die Hölle losbrach. Aber es geschah nichts. Sie waren erleichtert, aber auch ein bisschen enttäuscht. Schließlich brach Kyle das Schweigen. „Da haben wir uns fast in die Hose gemacht. Und dieser Billy hat uns verschaukelt. Ich wette, das Tagebuch stammt gar nicht von 1877, sondern vom letzten Monat. Sag mal, Tom, wer hat dir diese Hütte als Geheimtipp empfohlen? War das nicht ein Kumpel von der Uni? Hat der Typ nicht kurz vor uns ein Wochenende mit seinen Freunden hier verbracht? Ich wette, die Jungs haben sich gedacht, die nächsten Gäste legen wir ordentlich rein. Haben den Quatsch ausgeheckt. Und wir gehen denen auch noch auf den Leim.“ Tom gab keine Antwort. Er zuckte mit den Achseln und lachte. „Lam ganek hars yonet wez!“, rief er. Dann lauter: „LAM GANEK HARS YONET WEZ!“ Das letzte Wort war noch nicht verhallt, da erschütterte ein Beben das Blockhaus. Ein Blitz schlug in der Nähe ein und erleuchtete mit seinem gleißenden Licht den Raum. Heftiger Wind rappelte mit Wucht an Eingangstür und Fensterläden. Natalie schrie: „Sie kommen!“ Tom konnte sich nicht auf den Füßen halten und prallte gegen die Wand. Natalie warf sich flach auf den Boden. Die anderen duckten sich verschreckt in ihre Sofakissen. Dann herrschte von einer Sekunde auf die nächste Stille. Nur das Prasseln des Sturzregens war zu hören. Und schließlich begann Shane zu applaudieren. „Wahnsinn!“, rief er. „Hey, Leute, was für ein cooler Auftakt unserer Mini-Ferien. Grusel, Spannung, Gänsehaut. Was wollt ihr mehr? Mir hat’s jedenfalls gefallen. Ansonsten gebe ich Kyle recht. Wir sind auf den Spuk von ein paar Witzbolden reingefallen.“ Er sprang vom Sofa auf, sah von einer Ecke der Hütte zur nächsten und winkte: „Huhu, ist das ‚Versteckte Kamera‘? Wenn ja, meine Kontonummer ist 78621098. Ich erwarte eine mindestens fünfstellige Summe dafür, dass ich mich vor der amerikanischen Fernsehnation zum Affen gemacht habe.“ Er ließ die Arme sinken. „Okay, keine Kamera, kein Weltruhm, keine Tausende Dollar … Und das, wo mein Alter mir gerade das Konto gesperrt hat. Tja, so ist das Leben … Wer kommt mit in den Whirlpool?“ „Ich!“, sagten Tom und Kyle gleichzeitig. „Was ist mit dir, mein Schatz?“, fragte Shane Gwen. „Sofort. Ich ziehe nur noch meinen Bikini an.“ „Wieso willst du was anziehen? Wir planschen nackt!“, entgegnete Shane. Er zog Gwen an sich heran und biss ihr zärtlich ins Ohr. „Ist ja nicht so, als hätte ich deinen Luxuskörper noch nie so gesehen, wie Gott ihn schuf.“ „Schon wahr“, entgegnete Gwen. „Aber willst du den göttlichen Anblick mit Kyle und Tom teilen?“ „Alles klar. Hol deinen Bikini!“ Shane klopfte ihr auf den Hintern. Während Gwen im Schlafzimmer verschwand, öffnete Tom die Schiebetür zur Veranda. Kyle zog die Schutzplane von dem Jacuzzi und stellte die Düsen an. Ein lautes Brummen erfüllte den Raum und dröhnte durch den stillen Wald. Tom holte Shanes Gitarre und spielte ein paar Akkorde. „Kyle, was hältst du davon, wenn wir morgen die Winchester ausprobieren? Ein paar Schuss Schwarzpulverpatronen stecken noch in der Waffe.“ „Bin dabei“, entgegnete Kyle. „Mal schauen, ob das Meisterwerk der damaligen Waffentechnik nach so vielen Jahrzehnten noch funktioniert.“ Natalie hatte bisher geschwiegen. Doch jetzt wurde es ihr zu viel. „Wie könnt ihr einfach so zur Tagesordnung übergehen, als wäre nichts geschehen?“ Kyle blickte sie überrascht an. „Es ist nichts geschehen.“ Er trat auf sie zu und legte den Arm um ihre Schulter. Seine Wärme und Nähe taten Natalie gut. Er beugte sich zu ihr herunter und flüsterte in ihr Ohr: „Lass dir den Urlaub nicht verderben. Jemand hat sich einen derben Scherz mit uns erlaubt und wollte genau das bezwecken: Angst und schlechte Laune. Und selbst wenn es kein übler Gag ist. Billy und seine Freunde sind seit über hundert Jahren tot. Wir werden nie mehr herausfinden, was wirklich passiert ist. Vielleicht spielte sich alles nur in Billys Fantasie ab. Möglicherweise hat er Grant und Carl umgebracht. Ich meine, stell dir mal vor: Die haben monatelang allein in der Wildnis gehaust. Psychisch labile Menschen drehen da irgendwann durch.“ Er küsste sie auf die Stirn. „Mach dir nicht solche Gedanken. Es ist nur ein Horrormärchen. Am besten wirfst du das Tagebuch ins Feuer.“ Er strich ihr über die Wange und zwinkerte ihr zu. „Los! Komm mit in den Whirlpool!“ Natalie nickte geistesabwesend und sah Kyle nach, als er auf die Veranda ging. Sie presste sich Billys Aufzeichnungen fest an ihre Brust. Auf keinen Fall würde sie es verbrennen. Gleichgültig, was die anderen dachten, sie glaubte die Geschichte und brachte es nicht über das Herz, die Aufzeichnungen eines Verdammten wegzuwerfen. Sie fühlte, dass sie beobachtet wurde und wandte den Kopf. Sie blickte direkt in Zaras Augen. Natalie erwartete einen fiesen Kommentar, weil sie nicht über die Spukgeschichte lachen konnte. Doch Zara dachte an etwas anderes. „So bekommst du ihn nie.“ „Was?“, fragte Natalie überrascht. „Tu nicht so!“, entgegnete Zara kalt. „Ich bin nicht blind. Du bist scharf auf Kyle. Aber Schätzchen, auch wenn das jetzt hart klingt: Er steht nicht auf Mädchen, die aussehen wie eine Möhre. Und schon gar nicht auf Mädchen, die auf solchen Hokuspokus reinfallen.“ Zara streifte ihre Jeans ab, zog ihr Sweatshirt aus und einen atemberaubenden roten Bikini an. Sie warf Natalie ein herablassendes Grinsen zu und stolzierte die Hüften schwingend zum Whirlpool. Natalie steckte Billys Tagebuch in ihre Jackentasche. Zu gern hätte sie weitergelesen, aber sein unheimliches Schicksal musste warten. Jetzt galt es erst mal, ihr eigenes in die Hand zu nehmen und ihren Traumtypen für sich zu gewinnen. Natalie kleidete sich in Windeseile um. Zaras abfällige Bemerkung über sie kam einer Kriegserklärung gleich. Sie traute dem Miststück zu, dass es sich an Kyle heranwarf, nur um ihr die Tour zu vermasseln. Das würde Natalie nicht zulassen! Zicke Zara wollte Ärger? Den konnte sie haben! Natalie betrachtete sich kritisch im Spiegel – und bereute sofort, das hässliche graue Ding von einem Badeanzug eingepackt zu haben. Dabei hatte sie darüber nachgedacht, sich einen schicken neuen Zweiteiler für den Trip zuzulegen. Aber sie hatte sich dagegen entschieden. Einen Trip in die Rocky Mountains brachte sie nicht mit Planschorgien im Whirlpool in Verbindung. Außerdem war Schwimmen nicht ihr Ding. Vielleicht einmal mit den Zehen im Bergsee eintauchen – dafür hätte der uralte Badeanzug gereicht. Doch für den Laufsteg am Whirlpool war er wahrlich nicht geeignet. Sie überlegte kurz, ob sie Zara splitterfasernackt die Schau stehlen sollte. Aber allein die Vorstellung war ihr peinlich. Ein solcher Auftritt entsprach nicht ihrem Charakter. Stattdessen konnte sie in ihrer sexy türkisfarbenen Unterwäsche in den Jacuzzi steigen. Doch auch das erschien ihr zu aufgesetzt. Der BH und das Höschen bestanden aus durchsichtiger Spitze, die mehr zeigte als verbarg. Sie musste nicht zu den gleichen Mitteln greifen wie Zara. Ich gehe, wie ich bin!, entschied Natalie. Wenn sie Kyle nicht gefiel, würden auch heiße Outfits seine Meinung nicht ändern. Sie atmete tief durch. Dann war sie bereit. Allerdings verzichtete sie auf einen letzten Kontrollblick in den Spiegel. Der formlose Badeanzug hätte ihren Mut ins Wanken gebracht. „Endlich!“, begrüßte Kyle sie. „Ich habe schon befürchtet, du bist unserem unsichtbaren Mitbewohner Billy verfallen und schmökerst in seiner Grusellektüre.“ Er saß zwischen Shane und Zara im Whirlpool und trank ein Bier. Natalie registrierte, dass Zara ihren Arm hinter Kyles Nacken auf den Rand des Jacuzzi gelegt hatte und wie zufällig mit seinen Haaren spielte. Natalie spürte einen Stich im Herzen. Trotzdem lächelte sie und fragte: „Warum sagst du das?“ „Was?“, entgegnete Kyle irritiert. „Das mit dem Mitbewohner. Glaubst du, Billys Geist spukt noch in der Hütte umher?“ „Oh, Nat. Ich meine: Natalie. Hör bitte auf mit diesem Thema! Ich bekomme es mit der Angst zu tun!“ Zara schmiegte sich Schutz suchend an Kyles Schulter. „Übrigens: schicker Badeanzug. So retro.“ Natalie atmete tief ein. Zwei zu null für Zara. Eben hatte Blondie Billys Story noch als Hokuspokus abgetan. Jetzt in Kyles Gegenwart spielte sie das verschüchterte Mäuschen, das angesichts übernatürlicher Mächte seiner starken Männlichkeit bedurfte. Gleichzeitig stellte sie Natalie mit einem vermeintlichen Kompliment wegen ihres ätzenden Badeanzugs vor allen bloß. Grrrrr!!! Mit zusammengebissenen Zähnen klettere Natalie in den Whirlpool und setzte sich zwischen Tom und Gwen. Nicht unbedingt die beste Entscheidung. Sobald sie sich niederließ, wechselte Shane die Seiten. Er hatte zuvor neben seiner Freundin gesessen und sich über ihren Kopf hinweg mit seinem Kumpel unterhalten. Zwei Mädchen zwischen ihm und seinem Gesprächspartner waren ihm offensichtlich zu viel. Gwen zog ein langes Gesicht. Offensichtlich stellte sie sich romantisches Planschen bei Nacht anders vor. Sie sah Shane vorwurfsvoll an. Doch er beachtete sie nicht. „Dieser Billy und seine Jungs haben ihr Ding gemacht. Egal, mit was für einem Ergebnis“, sagte Shane zu Tom. In seiner Stimme schwang Bewunderung mit. „Wir müssen unser richtig großes Ding endlich durchziehen. Alle werden vor Ehrfurcht staunen.“ „Nicht schon wieder“, murmelte Gwen genervt. „Ich kann es langsam nicht mehr hören. Shane redet dauernd von dem ‚großen Ding‘, das er und Tom durchziehen wollen. Nur was dieses Ding sein soll, davon habe ich keine Ahnung, Shane und Tom vermutlich auch nicht.“ Gwen verdrehte genervt die Augen und tauchte im Poolwasser unter. Als sie wieder hochkam, meinte sie: „Hoffentlich bauen die Jungs keinen Mist. Shane hat nur Quatsch im Sinn! Kennst du seinen Ruf an der Uni?“ Natalie schüttelte verneinend den Kopf. „Shane wird gefürchtet. Seine derben Späße haben ihm schon etliche Verwarnungen vom Direktor eingebracht. Noch ein Fehltritt, und er fliegt von der Universität. Sein Vater hat ihm deshalb den Geldhahn abgedreht. Und das ist echt übel. Denn Shanes Vater hat Geld wie Heu und seinen Sohnemann entsprechend verwöhnt. Jetzt ist Shanes Konto auf null. Aber er führt nach wie vor einen Jetset-Lebensstil. Ich frage mich, wo das hinführen soll. Glaubst du etwa, er hört auf, Blödsinn zu veranstalten? Natürlich nicht! Und Tom stachelt ihn auch noch an. Er ist Shanes Bruder im Geiste. Der böse Bruder!“ Gwen seufzte. Natalie wusste nicht recht, was sie darauf sagen sollte. Sie kannte Gwen nicht gut genug, um ihr Beziehungsratschläge zu geben. Im selben Moment beugte Shane sich zu ihr vor und grinste sie an. „Lästert Gwen über mich?“ „Ähm, nei…nein“, stammelte Natalie und wurde rot. Gut lügen hatte sie noch nie gekonnt. Shane lachte und ließ seine Muskeln spielen. „Meine Rache wird fürchterlich sein, Liebling“, meinte er und hob die zierliche Gwen wie eine Feder aus dem Wasser. Gwen kicherte wie ein Teenager. „Vielleicht gefällt sie mir ja.“ Die beiden küssten sich – und zwar so leidenschaftlich, dass Natalie noch röter wurde und wegsehen musste. Ihr wurde bei dem Anblick heiß. Gleichzeitig wunderte sie sich, was die smarte Gwen an dem grobschlächtigen Shane fand. Shane ließ Gwen mit einem lauten Platschen ins Wasser fallen. Sie ging unter, um kurz darauf kreischend wieder an der Oberfläche zu erscheinen. Sie zupfte ihr Bikini-Oberteil zurecht und bespritzte Shane mit Wasser. Er verzog sich grinsend zu seinem Kumpel Tom, und Gwen setzte sich wieder neben Natalie. Als habe sie deren Gedanken gelesen, sagte sie: „Ich steh auf solche Kerle. Typen wie Shane ziehen mich magisch an. Ich glaube, es ist in erster Linie Sex. Seine Muskeln, seine Macker-Art … machen mich total an. Ich zweifele manchmal an meinem Verstand. Du musst dir vorstellen, er hat mich sogar schon betrogen! Und nicht nur einmal.“ „Und das lässt du dir gefallen?!“ Natalie hatte für vieles Verständnis, aber beim Fremdgehen hörte der Spaß auf! „Nicht wirklich“, flüstere Gwen. „Unsere Beziehung stand deswegen auf der Kippe. Ich habe Shane gesagt, er soll abhauen und nicht wiederkommen. Da hat er mir geschworen, ich sei die einzige Frau für ihn und er würde keine andere mehr angucken, geschweige denn mit einer ins Bett gehen.“ Gwen seufzte verliebt und rutschte nah an Natalie heran. „Unser Stress hatte auch etwas Gutes“, raunte sie „Zur Versöhnung waren wir in Las Vegas. Und dort hat er mich mit etwas ganz Besonderem überrascht.“ Gwen grinste verschwörerisch. „Du weißt schon, was ich meine …“ Natalie starrte Gwen sprachlos an. Sie hatte keine Ahnung, wovon das Mädchen sprach. In Las Vegas machte man zwei Sachen: spielen und heiraten. Sollte Gwen Letzteres meinen, konnte Natalie ihr bei so einem Spinner und Frauenhelden nur Hals- und Beinbruch wünschen. Aber sie hakte nicht nach. So genau wollte sie es nicht wissen. „Riech nur die Luft. Und sieh die Tannen und die Berge. Es ist wunderschön hier“, meinte Gwen, legte den Kopf in den Nacken und sah hinauf zum Himmel. Natalie war froh über den Themenwechsel, lehnte sich ebenfalls zurück und folgte Gwens Blick. Der Regen hatte nachgelassen. Die Wolkendecke war aufgerissen, der Himmel bedeckt mit Sternen. Der Vollmond erleuchtete die Waldlichtung und die Umrisse der sie umgebenden Berge. Für einen Moment vergaß sie ihren Ärger wegen Zara und ihre Sorgen wegen Billys Geschichte. Sie genoss die friedliche Stimmung und atmete tief den würzigen Tannennadelduft ein. Auch die anderen saßen still im Wasser und genossen ebenfalls die nächtliche Schönheit der Natur. Da hörte Natalie ein dumpfes Wetzen auf dem nassen Erdboden. Es klang, als liefe ein Tier mit hohem Tempo auf sie zu. Sie fuhr herum. Ein Wolf? Ein wilder Hund? Sie kniff die Augen zusammen und spähte in den Tannenwald. Bäume. Gestrüpp. Dort! Da bewegte sich etwas! Es verbarg sich hinter einem dicken Baumstamm. Natalie konnte die Umrisse des Kopfs ausmachen, als das Wesen hinter dem Stamm hervorlugte und zu ihnen herübersah. Sie glaubte im Mondlicht seine Pupillen zu erkennen. Sie waren gelb. Außerdem schien es nicht allein zu sein. Eine aufrecht stehende Gestalt lehnte neben dem Tier an dem Baumstamm. Natalie wollte die anderen alarmieren. Da schloss sich die Wolkendecke, und das Mondlicht versiegte. Es wurde stockfinster … bis auf das Kaminfeuer im Wohnzimmer. Natalie starrte ins Dunkel. Vergeblich. Als der Himmel wieder aufklarte, waren das Wesen und sein Begleiter verschwunden. Vielleicht Bären. Die Allesfresser waren nachtaktiv. Die Vorstellung, dass Grizzlys ihre Gruppe belauerten, war zwar nicht gerade beruhigend, aber immer noch besser als die Alternative: Gespenster. Natalie begann trotz des warmen Whirlpoolwassers zu frieren. Dieser Trip war ein Fehler. Das Unwetter. Der bewaffnete Touristenschreck im Roadhouse. Sein scharfer Köter. Ihr liegen gebliebenes Auto. Von Billys Tagebuch und seinem Inhalt ganz zu schweigen. Sie hätte auf ihre innere Stimme hören sollen, die ihr schon nach der Begegnung mit dem Ladenbesitzer geraten hatte, umzukehren. „Du bist so still. Ist was, Natalie?“, fragte Kyle. Er verließ seinen Platz neben Zara und schwamm die kurze Strecke zu Natalie. Er quetschte sich zwischen sie und Gwen und legte seinen Arm um ihre Schulter. Die Berührung gab ihr Halt und nahm ihr kurzfristig die Angst. Vorsichtig schmiegte sie sich an ihn. Sie wollte auf keinen Fall aufdringlich erscheinen. Schon gar nicht unter den wachsamen Augen Zaras, die jede ihrer Bewegungen verfolgte. „Zerbrich dir nicht den Kopf wegen Billys Tagebuch. Du hast zu viel Fantasie und bist zu emotional“, raunte Kyle ihr ins Ohr. „Das sind zwar tolle Gaben. Aber manchmal entpuppen sie sich als Fallstrick. Ich möchte, dass du auf dem Trip Spaß hast. Ich habe mich sehr darauf gefreut, mit dir wegzufahren.“ „Wirklich?“ Natalie musterte ihn. War er nur höflich und wollte sie aufheitern, oder hoffte er, dass sie sich näherkamen? „Wirklich.“ Er lächelte sie an. Sein Gesicht war dem ihren ganz nah. Sie sah die winzigen Sommersprossen auf seiner Nase. Fast berührten sich ihre Lippen. Er beugte sich vor. Sein Mund streifte ihre Wange, und Natalie spürte seinen Atem auf ihrer Haut. Ihr wurde heiß. Dann flüsterte er ihr ins Ohr: „Ich finde übrigens, der schlichte Badeanzug steht dir hervorragend. Er unterstreicht deine gute Figur. Manchmal ist weniger eben mehr. Es muss kein knallrotes Reizmittel sein.“ Er zog sich langsam von ihr zurück und zwinkerte ihr zu. Natalies Herz hämmerte in ihrer Brust. Sie freute sich über das Kompliment und seine Absage an Zaras provozierenden Stil. Glücklich lächelnd wandte sie den Kopf und sah in Zaras funkelnde Augen. Wenn Blicke hätten töten können, wäre Natalie in Staub und Asche zerfallen. Trotzig warf Natalie den Kopf in den Nacken und sah Zara weiterhin fest an. Bis Tom sie unterbrach. Er war aus dem Whirlpool geklettert und rieb sich mit einem Handtuch trocken. „Wollen wir die Steintafel suchen?“, fragte er in die Runde. „Glaubst du denn, dass sie existiert?“, hakte Kyle nach. „Ich weiß nicht“, entgegnete Tom. „War nur so eine Idee. Eigentlich ist es mir egal. Aber wenn wir sie entdecken würden, hätten wir den Beweis, dass Billys Tagebuch echt ist und wir nicht verschaukelt wurden.“ „Ich will lieber fischen und wandern“, meinte Shane. „Wenn das Wetter so bleibt, kannst du Wandern vergessen. Da versinkst du bis zu den Knien im Matsch.“ Tom ging durch die offene Schiebetür ins Wohnzimmer und nahm die speckige Lederjacke, die Natalie im Schuppen entdeckt hatte, von ihrem Platz. „Aber bei Regen beißen die Fische besser“, warf Shane ein. „Das halte ich für ein Märchen“, erklärte Tom. „Und selbst wenn. Willst du den ganzen Tag angeln?“ Er breitete die Trapperjacke aus und schlüpfte mit dem Arm in den linken Ärmel. „Ich kann rund um die Uhr angeln.“ Shane grinste. „Aber wenn es dir eine Herzensangelegenheit ist, diese Steintafel zu finden: bitte schön! Wir haben fünf Tage Zeit. Einen halben investiere ich.“ „Super!“ Tom grinste. Er breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis. „Wie steht mir die Jacke?“ Natalie, Kyle, Zara, Gwen und Shane musterten ihn und brachen in schallendes Gelächter aus. Wem auch immer die Lederjacke gehört hatte, ob Billy Rutherford, Grant oder Carl, derjenige musste ein Riese gewesen sein. Tom war wirklich nicht schmal und maß über einen Meter fünfundachtzig. Aber in dem Kleidungsstück versank er. Die Arme hingen ihm bis zu den Knien. Die Schulterpolster ragten grotesk von beiden Seiten seines Körpers ab. „Du siehst aus wie der Sohn eines Trappers. Der Zwergensohn!“, rief Gwen. „Zieh das schreckliche Ding aus!“, meinte Zara. „Das stinkt bestimmt. Und wer weiß, was sich darin in all den Jahren eingenistet hat.“ „Du mit deiner Phobie wegen Krankheitskeimen.“ Gwen lachte Zara aus. Da schrie Tom auf. Alle zuckten zusammen. „Tom!“, rief Natalie entsetzt, kletterte aus dem Whirlpool und rannte zu ihm. Tom war zusammengebrochen und krümmte sich stöhnend auf dem Parkett. „Ich kriege keine Luft“, ächzte er. „Irgendetwas hat mich gestochen.“ „Wo?“, brüllte Natalie ihn an und drehte ihn auf den Rücken. Tom deutete auf seine Kehle. Er bekam keinen Ton heraus. Sein Mund öffnete und schloss sich wie bei einem an Land gestrandeten Fisch. Kurzerhand bog Natalie seinen Kopf zurück und presste ihre Lippen auf seine. Sie hatte Mund-zu-Mund-Beatmung in einem Erste-Hilfe-Kurs an der Universität gelernt. Jedes Mal, wenn sie ihren Mund von seinem löste, betrachtete sie prüfend seinen Brustkorb, ob er sich hob und senkte. Doch da tat sich nichts. Steif und mit geschlossenen Augen lag Tom leblos vor ihr. Auch die anderen hatten den Jacuzzi verlassen und standen mit angsterfüllten Gesichtern um Natalie und Tom herum. „Ist er tot?“, fragte Zara mit zitternder Stimme. „Hast du gesehen, was ihn gestochen hat?“ Kyle blickte sich nervös um. „Ich hab keine Ahnung. Aber er atmet nicht!“, meinte Natalie panisch. Da holte Tom tief Luft, schlug die Augen auf und lachte laut los. „Hereingefallen!“ Er hustete. „Leider konnte ich die Luft nicht länger anhalten. Ich wäre so gerne noch weiter von dir geküsst worden, Natalie.“ „Du Idiot!“ Natalie sprang auf. Am liebsten hätte sie ihm einen Tritt verpasst. „Mit dem Tod scherzt man nicht! Ich habe mir ernsthaft Sorgen um dich gemacht.“ „Ach, komm!“ Tom erhob sich. „Ich habe mir nur ein kleines Späßchen erlaubt. Und so schlimm kann es nicht gewesen sein, mich zu küssen. Immerhin habe ich weder Zwiebeln noch Knoblauch gegessen.“ „Ich helfe dir nie wieder! Das kannst du mir glauben“, rief Natalie. „Für heute reicht es mir. Ich gehe ins Bett.“ Wutentbrannt verließ sie den Raum. „Das war echt bescheuert“, stellte Kyle an Tom gerichtet fest und folgte Natalie. „Ich fand’s cool, Alter“, sagte Shane. „Gib mir fünf!“ Er und Tom schlugen grinsend ihre Handflächen gegeneinander. „Das ist ja wieder klar, dass dir so ein Schwachsinn gefällt.“ Gwen betrachtete Shane kopfschüttelnd. „Hätte auch deine Idee sein können. Nicht wahr, Conan, der Barbar?“ „Conan? Top! Der Name gefällt mir. Du darfst mich jetzt immer so nennen, Baby.“ Shane trat zu Gwen und tätschelte sie am Hinterteil. Er küsste sie auf den Hals und zog sie Richtung Schlafräume. „Gut, dass ihr ein eigenes Schlafzimmer habt und uns die Details eures Sexlebens erspart bleiben“, meinte Zara genervt und trat ebenfalls den Weg zu den Betten an. „Hey, was soll das?“, rief Tom ihnen nach. „Es ist viel zu früh, um zu schlafen. Ich dachte, wir machen noch Party.“ „Das hast du vergeigt“, meinte Zara. „Dann feier ich eben ohne euch!“, brüllte er den anderen nach. „Es ist jede Menge Bier im Kühlschrank!“ „Viel Spaß!“, rief Kyle ihm aus dem Badezimmer zu. Tom hörte, wie sich jemand die Zähne putzte und die Türen nach und nach zugingen. Dann war er allein. „Spaßbremsen! Allesamt!“, maulte er, trat zum Kühlschrank und öffnete ihn. Er nahm ein Sixpack heraus und holte seinen iPod aus seiner Jeansjacke, die auf dem Sofa lag. Dann schlenderte er zurück zum Whirlpool. Neben dem Becken streifte er die speckige Lederjacke ab und warf sie auf einen Liegestuhl. Dann stieg er in den Jacuzzi und steckte die Ohrhörer in seine Ohrmuscheln. Er stellte den Techno-Mix auf volle Lautstärke, schloss die Augen, wippte in dem warmen, sprudelnden Wasser gut gelaunt zu den harten, hämmernden Beats – und hörte nicht das Wetzen des Wesens, das auf ihn zueilte. 4. KAPITEL Gewehrschüsse weckten Natalie am nächsten Morgen. Müde öffnete sie die Augen. Sie hatte auf der weichen Matratze schlecht geschlafen und noch viel mieser geträumt. In ihrer Vorstellung war ein gesichtsloser Billy Rutherford um das Blockhaus geschlichen, hatte eindringlich gegen die Fensterscheiben geklopft und mal bettelnd, mal drohend „Lasst mich rein! Sie kommen!“ gerufen. Sie setzte sich im Doppelbett auf und schüttelte sich, um die Erinnerung an den Albtraum loszuwerden. Sie musste nur daran denken und schon bekam sie eine Gänsehaut. Sie rieb sich über die Arme und blickte sich im Zimmer um. Kyle und Tom waren bereits aufgestanden. Ihre Decken lagen zerknüllt auf den Betten. Nur Zara schnarchte noch neben ihr in den Federn. Kein Wunder, dass Natalie Horrorvisionen hatte: bei der Bettnachbarin! Natalie überlegte beim Anblick der schlafenden Zara, ob sie das Handy zücken und ein Foto von ihr machen sollte. Im Tiefschlaf, mit zerzausten Haaren und offen stehendem Mund, aus dem ein dünner Speichelfaden rann, sah sie ganz und gar nicht wie eine Sexbombe aus. Doch Natalie verzichtete darauf, Zaras Hilflosigkeit auszunutzen. Sie verhielt sich fair. Auch wenn andere das nicht taten. Sie schwang die Beine über den Bettrand und stand leise auf. Obwohl sie auf Zara anscheinend keine Rücksicht nehmen musste. Von draußen erklang wieder eine Salve Gewehrschüsse, und Zara schlief dennoch wie eine Tote. Unglaublich! Natalie schlüpfte in Jeans und T-Shirt und verließ das Schlafzimmer. In der Küche traf sie Gwen, deren Hals mit Knutschflecken übersät war. Gwen lächelte spitzbübisch, als sie Natalies Blick wahrnahm und stellte den Kragen ihres Hemds hoch. Sie goss einen Becher frischen Kaffee ein und reichte ihn Natalie. „Danke. Wie lange ballern die Jungs denn schon herum?“, fragte Natalie und schlenderte zur Tür. „Erst ein paar Minuten“, antwortete Gwen. „Sie probieren die Winchester aus.“ „Echt?“ Natalies Interesse war geweckt. Sie fand das Cowboy-Spiel der Jungs zwar total albern und hätte die Waffe am liebsten mitsamt dem anderen Plunder wieder im Schuppen verbuddelt. Aber es wunderte sie, dass das Gewehr noch funktionierte. Sie hatte geglaubt, die Jungs ballerten mit Shanes Schusswaffe herum. Mit dem Kaffeebecher in der Hand verließ sie das Haus. „Los! Ziel auf den Tannenzapfen!“, forderte Shane Kyle auf und deutete auf einen Zweig hoch über ihren Köpfen. Kyle hob die Winchester an, presste sie gegen seine Schulter und drückte ab. Ein Knall zerriss die Stille. Der Zapfen zerbarst in Tausende Stücke, die auf sie herunterprasselten. „Ich fass es nicht!“, stieß Kyle bewundernd hervor. „Die Winchester funktioniert perfekt, als sei sie gestern das letzte Mal benutzt worden.“ „Gib her! Ich suche mir ein weiter entferntes Ziel aus.“ Shane streckte die Hände nach der Waffe aus. „Es sind nur noch zwei Patronen in der Waffe“, meinte Kyle. „Willst du die nicht für Tom aufheben? Ich glaube, er wäre ziemlich enttäuscht, wenn wir die gesamte Munition verbrauchen würden.“ „Mmmm … okay“, stimmte Shane widerwillig zu. „Wo steckt der Kerl überhaupt? Hat ihn heute schon einer von euch gesehen?“ Kyle schüttelte verneinend den Kopf. Natalie zuckte ahnungslos mit den Schultern. Sie ging am Blockhaus entlang und warf einen Blick um die Ecke. Vielleicht hockte er bereits im Whirlpool. Oder immer noch, je nachdem, wie viel er am Vorabend getrunken hatte. Aber der Jacuzzi war leer, seine Düsen abgestellt und die Schutzhülle über das Becken gezogen. Ein unberührtes Sixpack Bier stand am Rand. Natalie kehrte zu den Jungs zurück. „Vermutlich ist Tom eingeschnappt“, mutmaßte Kyle. „Er gibt zwar stets den coolen Clown. Aber in Wahrheit ist er ein Sensibelchen. Ich wette, er ist früh losgezogen, um uns eins auszuwischen. Weil wir ihn gestern Abend allein gelassen haben.“ „Oh, Mann!“, stöhnte Shane auf. „Wenn er deswegen sauer ist, benimmt er sich wie ein Mädchen.“ „Hey, hey, ich bin hier“, meinte Natalie. „Nicht alle Mädchen sind Mimosen.“ „Frieden!“ Shane machte vor Natalie einen Diener. „Ich nehme alles zurück und behaupte das Gegenteil. Willst du mal schießen?“ „Nein danke. Auf keinen Fall!“ Natalie hob abwehrend die Hände. „Ich stimme Kyle zu. Tom sollte die restliche Munition abfeuern.“ „Wie du meinst.“ Shane schulterte die Winchester. „Ich will auch so was haben.“ Er deutete auf ihren dampfenden Kaffee. „Kommt ihr mit ins Haus?“ „Es ist so ein schöner Morgen …“, begann Natalie und sah über die Waldlichtung zum nahe gelegenen See. Die Sonne schien. Der Himmel leuchtete strahlend blau. Die Temperatur bewegte sich trotz der frühen Morgenstunde schon in den Zwanzigern. Es würde ein heißer Sommertag werden. Natalie lächelte Kyle an. Sie hoffte, er verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und würde auf ein Frühstück mit den anderen verzichten und stattdessen mit ihr einen Spaziergang am See machen. Aber offenbar machte sein hungriger Magen ihren verliebten Ambitionen einen Strich durch die Rechnung. „Gute Idee, Shane. Ich kann ein paar Spiegeleier mit Speck vertragen. Wie sieht es mit dir aus, Nat?“, fragte er und schlug Natalie kumpelhaft auf die Schulter, sodass sie nach vorne stolperte und den Kaffee über ihre Hose verschüttete. Volltrottel, dachte sie stinksauer. Das war meine Lieblingsjeans! Und wieso nennt er mich „Nat“? „Entschuldige, jetzt hab ich mir diese blöde Abkürzung deines Namens von Zara angewöhnt“, entschuldigte sich Kyle bei ihr. „Kommt nicht wieder vor. Oh, hi, Zara. Ich habe gerade von dir gesprochen. Hast du schon was gegessen?“ Kyle ließ Natalie stehen und begrüßte Zara, die gerade schlaftrunken draußen erschienen war, mit einem Kuss auf die Wange. Natalie traute ihren Augen nicht. Was war denn in Kyle gefahren? War sein Verhalten Zara gegenüber immer so herzlich? Oder lag es an ihrem Outfit? Sie trug ein hauchdünnes Nachthemdchen, das wenig verhüllte und viel verriet. Dabei hatte er gestern noch über Zaras roten Bikini gelästert. Männer! Natalie war der Appetit vergangen. Sie entschied, den Spaziergang allein zu machen. Sie lief über die Lichtung bis zum Ufer des Sees, musste aber feststellen, dass es unmöglich war, das Gewässer zu umrunden. Der starke Regen hatte eine Schlammwüste hinterlassen. Natalie atmete die frische Morgenluft ein und genoss das herrliche Panorama. Mächtige Berge ragten über den dunkelgrünen Tannenwäldern und dem tiefblauen See empor. Unter den Wolken kreiste ein Adler und hielt nach Beute Ausschau. Natalie seufzte zufrieden, schloss die Augen, streckte das Gesicht der Sonne entgegen und ließ sich von ihr wärmen. Sie liebte die wilde Natur weitab von der Zivilisation. Manchmal nervte sie das geschäftige Treiben in Denver und an der Universität. Dann sehnte sie sich genau hierhin. Billy Rutherford hatte ähnlich empfunden und seinen sicheren Job in der Großstadt aufgegeben, um ein einfaches Leben zu führen. Warum dachte sie ausgerechnet jetzt an Billy? Ihr wurde unwohl, und mit ihrer entspannten Stimmung war es vorbei. Hoch über ihr stieß der Adler einen furchterregenden Schrei aus. Irgendwas oder irgendwer hatte das Interesse des Vogels erregt. Natalie fühlte sich beobachtet. Sie schlug die Augen auf. Einen Moment lang sah sie nur gelbe und graue Flecken. Sie hatte ihr Gesicht zu lange in die Sonne gehalten. Durch den Schleier, der sich über ihre Sicht legte, glaubte sie, etwa hundert Meter von ihr entfernt eine Person zu erkennen. „Kyle?“, rief sie ebenso hoffnungsvoll wie ängstlich. Keine Antwort. Sie blinzelte. Die Sonne blendete sie. Handelte es sich um einen Menschen oder einen Baumstumpf? Auf jeden Fall bewegte dieses Etwas sich nicht. Natalie dachte an die Wesen, die sie am vergangenen Abend im Wald geglaubt hatte zu sehen. Sie zwang sich zur Ruhe, schloss noch einmal die Augen, öffnete sie wieder und schirmte ihr Blickfeld mit der Hand ab. Nichts. Kein Mensch. Kein Baumstumpf. Sie musste sofort hier weg! Sie drehte sich hektisch um und prallte gegen etwas Weiches, Warmes. Sie stieß einen Schrei aus und brach mittendrin ab. „Kyle! Mein Gott, hast du mir einen Schrecken eingejagt.“ „Das tut mir leid. Das wollte ich nicht.“ Er nahm ihre Hand und streichelte sie. „Ist mit dir alles in Ordnung? Als Zara sagte, dass du allein zum See gegangen bist, habe ich mir Sorgen gemacht.“ „Es ist nichts“, entgegnete Natalie und lächelte. Ganz gleichgültig konnte sie Kyle nicht sein, wenn er auf Eier, Speck und Zara verzichtete, um bei ihr zu sein. Auch wenn sie es als wenig schmeichelhaft empfand, gegen ein fettes Essen und eine Zimtzicke zu gewinnen. „Auf große Wanderschaft um den See können wir uns wohl kaum machen“, meinte Kyle und deutete auf die matschigen Uferpfade. „Aber wenn du magst, suchen wir nachher im Wald Pilze. Nur du und ich. Und überraschen die anderen zum Abendessen mit einem Pilz-Ragout.“ „Gern. Das fände ich schön.“ Sie hakte sich bei ihm ein, und gemeinsam traten sie den Rückweg zur Hütte an. Aus einem unbestimmten Gefühl heraus sah sie zum Himmel empor und suchte den Adler. Das Tier war verschwunden. Sie warf einen Blick über ihre Schulter. Und ihr stockte der Atem. Der Raubvogel setzte nahe dem Waldrand zur Landung auf dem Arm einer im Schatten der Bäume stehenden Person an. „Äh … d… da!“, stammelte Natalie. „Bitte?“ Kyle schaute in die gleiche Richtung. „Was ist da? Billy Rutherford?“ Er lachte, streichelte ihr aber gleichzeitig liebevoll über den Arm. „Vielleicht“, murmelte sie, ohne dass Kyle sie hörte. Noch immer starrte sie die Baumreihe an. „Ich glaube, ich brauche dringend was zu essen. Ich sehe schon Gespenster“, sagte sie leichthin. Doch in ihrem Innern zweifelte sie an ihrem Geisteszustand. Zum Frühstück gab es neben Eiern, Speck und Kaffee, Pfannkuchen, Müsli und Orangensaft. Während des Essens sprach die Gruppe die Tagesplanung durch. Shane wollte unbedingt zum Angeln gehen und ließ sich auch nicht von Gwens Wunsch, auf dem See Kanu zu fahren, davon abbringen. Zara schlug vor, dass sie, Kyle und Nat – sie sagte erneut den verhassten Spitznamen – zusammen mit Gwen hinauspaddeln würden. Doch Kyle lehnte freundlich, aber entschieden ab. „Natalie und ich haben schon etwas vor“, meinte er geheimnisvoll. „Es ist eine Überraschung.“ Natalie bemerkte mit Genugtuung, dass Zara von dieser Vorstellung gar nicht begeistert war. Und sofort schmeckten ihr die Pfannkuchen doppelt so gut. Allgemein wurde gemutmaßt, wo sich Tom herumtrieb. „Vielleicht holt er Natalies Ford“, meinte Gwen. „Er spielt gern den guten Samariter.“ „Wenn er das macht, hat er sich übernommen“, entgegnete Kyle. „Ich bezweifle, dass er den Wagen freibekommt. Außerdem sind die Wege noch zu schlammig. Er hat keine Chance, das Fahrzeug auch nur einen Meter den Berg hochzubewegen.“ „Vielleicht hat er eure Knallerei mit der Winchester gehört und ist stinksauer, dass ihr nicht auf ihn gewartet habt und straft uns deshalb mit seiner Abwesenheit“, sagte Natalie. „Ihr macht euch viel zu viele Gedanken um den Quatschkopf“, unterbrach Shane die Überlegungen. „Tom gibt gerne den einsamen Cowboy. Ich wette, er treibt sich im Wald herum und versucht ein Wildkaninchen zu fangen, um damit später angeben zu können. Soll er doch! Er macht seinen Kram, wir unseren. Und morgen unternehmen wir alle zusammen was. Schließlich haben wir fünf Tage Ferien.“ „Das Wort zum … was ist heute … Samstag?“ Natalie stand auf und sammelte das schmutzige Geschirr ein, trug es zur Spüle und wandte sich dann an Kyle. „Fertig?“ „Ich bin startklar.“ Er schnappte sich seinen Rucksack von der Stuhllehne und streckte seinen Arm nach ihr aus. Mit einem breiten Grinsen ergriff Natalie seine Hand. Und während sie und Kyle die Hütte verließen, spürte sie Zaras wütende Blicke in ihrem Rücken. Schweigend liefen sie nebeneinander durch den Wald. Ab und an gab Kyle Natalie ein Zeichen anzuhalten und deutete auf Hirsche und Rehe, die sich hinter Bäumen versteckten und die menschlichen Eindringlinge neugierig und fluchtbereit beobachteten oder in aller Ruhe auf einer Lichtung ästen. Er zeigte ihr, welche Pilze essbar und welche für den Verzehr ungeeignet oder gar giftig waren. Sie sammelten Steinpilze und Kaiserlinge und drangen immer tiefer in das Unterholz vor. Kyles Rucksack füllte sich schnell. Natalie befürchtete angesichts des vollen Beutels, dass sie schon bald den Rückweg antreten würden. Irgendwie hatte sie sich ihren gemeinsamen Ausflug anders vorgestellt. Weil er den Tag nur allein mit ihr hatte verbringen wollen, hatte sie sich Hoffnungen gemacht, die sich nun nicht erfüllten. Sie kam sich auf einmal unsagbar dumm vor, mit einer Liebeserklärung gerechnet zu haben. Gleichzeitig wuchs ihre Befürchtung, er könnte ernsthafte Pläne mit Zara haben. Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. „Was verbindet dich eigentlich mit Zara? Ich kenne dich schon eine Weile, aber du hast sie nie zuvor erwähnt.“ Natalie blickt angestrengt auf den Erdboden, als suche sie Pilze. Sie hoffte inständig, dass ihr Tonfall neutral klang und Kyle nicht ihre wahren Gefühle heraushörte. „Zara und ich waren zusammen auf der Highschool. Damals waren wir eng befreundet. Aber nach der Schule haben wir uns aus den Augen verloren. Sie ist nach New York gegangen, um dort zu studieren. Aber sie hat Colorado vermisst. Nach dem Bachelor hat sie die Uni im Osten verlassen und ist nach Denver zurückgekehrt. Wir haben uns zufällig an der Universität getroffen. Sie macht dort ihren Magisterabschluss. In Gedenken an alte Zeiten haben wir uns auf einen Drink getroffen. Es war ein lustiger Abend. Ich hab dir ja schon gesagt, dass sie hier kaum Freunde hat. Das ist allerdings auch nicht verwunderlich. Bis auf mich sind alle alten Schulkameraden weggezogen. Ich hab mir gedacht, ich lade sie zu unserem Trip ein. Dann lernt sie neue Bekannte kennen. Wieso fragst du? Hat sie dich doof angemacht?“ „Wie kommst du denn da drauf?“, fragte Natalie überrascht. Sofort überlegte sie, ob Kyle ihre Zwistigkeiten mit Zara mitgekriegt hatte und nun wusste, dass sie, Natalie, in ihn verliebt war. Doch Kyle hatte offensichtlich keine Ahnung. Oder er war ein guter Schauspieler. „Ach, ich frag nur so“, meinte er achselzuckend. „Zara kann echt eine Hexe sein. Sie kommt einfach besser mit Typen klar. Kein Wunder. Eine Menge Mädchen sind neidisch auf Zaras gutes Aussehen und benehmen sich ihr gegenüber ätzend.“ Zaras gutes Aussehen, hallte es in Natalies Kopf wider. Natürlich gefiel ihm das blonde Gift. Er war schließlich ein Kerl, der auf Mädchen stand, und außerdem war er nicht blind. Es war albern, diese Aussage überzubewerten. Wenn er in Zara verknallt war, wieso rannte er dann mit ihr, Natalie, durch den Wald und nicht mit ihrer Konkurrentin? „Zara ist manchmal penetrant“, fuhr Kyle fort, ohne Natalies Anspannung zu bemerken. „Sie ist Aufmerksamkeit gewohnt und fordert sie ein, wenn sie mal nicht im Mittelpunkt steht. Dann kann sie zu anderen Frauen ganz schön biestig sein. Ich hasse das. Ich hoffe, sie hat die Nummer noch nicht mit dir durchgezogen.“ „Nee, überhaupt nicht“, log Natalie. Sie fühlte sich derart erleichtert, dass Kyle sich kritisch über Zara äußerte, dass sie kein Öl ins Feuer gießen wollte. Doch eins musste sie wissen: „Wie kommst du darauf, dass sie blöd zu mir sein könnte?“ Wollte Kyle ihr möglicherweise indirekt sagen, dass er sich auch in sie verliebt hatte? Natalie lächelte erwartungsvoll. „Du bist die andere Single-Frau in unserer Gruppe und somit prinzipiell für Zara eine Gegnerin. Das ist Revierverhalten. Wie bei Hunden. Bescheuert!“ Er schüttelte missbilligend den Kopf. Dann legte er seinen Arm um Natalies Schulter und zog sie zu sich heran. Natalies Herz machte vor Vorfreude einen Salto. Gleich würde er ihr seine Liebe gestehen, und dann wäre Zara die einzige Single-Frau in der Gruppe. Kyle blickte sie mit seinen Nugataugen an, als wollte er ihr in die Seele schauen, und meinte: „Ich werde nicht zulassen, dass sie dich beleidigt. Schließlich bist du mein bester Freund.“ Was?! Natalie traute ihren Ohren nicht. Bester Freund? Das war’s? Nicht mehr? Nicht mal beste Freundin? Mühsam behielt sie die Fassung und schluckte die Tränen der Enttäuschung herunter. Ihre schlimmsten Befürchtungen wurden wahr. Und ihre innere Stimme sagte ihr, sie brauchte sich, was eine Liebesbeziehung mit Kyle anbetraf, keiner Illusion mehr hinzugeben. „Ist was, meine Schöne?“, fragte Kyle und drückte sie zärtlich. Meine Schöne? Was sollte das denn nun schon wieder? So hatte er sie noch nie genannt. Natalies Trauer verwandelte sich in Ärger. Verschaukeln konnte sie sich selber! „Allerdings ist etwas …“, begann sie, als sie ein Rascheln wahrnahm. Ihr Instinkt warnte sie, vorsichtig zu sein. Doch sie ignorierte ihn. Zuerst musste sie ihren Gefühlen Luft machen. „Ich bin echt mies drauf“, fuhr sie fort, „weil du nicht kapierst, dass ich total …“ Das Rascheln wurde lauter. Da! Direkt hinter Kyle huschte ein Schatten von Baum zu Baum. „Was ist denn? Was willst du mir sagen?“ Kyle blickte sie fragend an. „Äh … dass ich total verlieb… Da ist jemand!“ Sie zeigte über Kyles Schulter. Ein brauner Haarschopf lugte hinter dem Stamm einer Tanne hervor und große, dunkle Augen blickten sie direkt an. „Wie? Wer? Wo?“ Kyle drehte sich begriffsstutzig um. „Ich sehe niemanden.“ Da ertönte ein weiteres Rascheln. Nur diesmal aus einer anderen Richtung. Natalie fuhr herum. Wer immer sie eben beobachtet hatte, konnte unmöglich so schnell die Seiten gewechselt haben. Es musste sich folglich um zwei Personen handeln – mindestens. Natalie dachte an die Warnung des Ladenbesitzers: „Fahrt nicht! In den letzten Jahren sind in der Umgebung von Pikes Peak immer wieder Wanderer verschwunden. Die Polizei hat keine Spuren von ihnen gefunden. Sie waren wie vom Erdboden verschluckt.“ „Komm! Lass uns abhauen! Mir gefällt es hier nicht mehr!“ Sie packte Kyles Arm und zerrte ihn mit sich. „Was ist denn los? Wieso bist du plötzlich so komisch? Habe ich was Falsches gesagt?“ Kyle blieb stehen. „Verdammt noch mal! Nun komm schon!“, schrie sie ihn an. „Ich hab das Gefühl, dass wir verfolgt werden.“ „Wie bitte? Das ist doch Quatsch!“ Kyle grinste. „Du willst mir Angst einjagen. Sei ehrlich!“ Er bleckte die Zähne, formte seine Hände zu Krallen und flüsterte mit bedrohlich verstellter Stimme. „Ich bin Billy Rutherford und von den Toten auferstanden. Als Tribut dafür, dass du mein Tagebuch gelesen hast, fordere ich dein Blut. Grrrrr!“ „Hör auf! Mir ist nicht zum Spaßen zumute!“ Sie legte den Finger auf den Mund. „Pst!“ Kyle betrachtete sie skeptisch, verharrte aber ruhig auf der Stelle. Im Wald war es mucksmäuschenstill. Unnatürlich still. Zuvor hatten sie Vogelgeschrei und das Gekecker von Eichhörnchen gehört. „Fällt dir nichts auf?“, flüsterte Natalie. „Nein. Außer, dass du dich sehr seltsam benimmst.“ Da raschelte es wieder. Diesmal in ihrer unmittelbaren Nähe. Natalie drehte sich um. Sie sah eine Strähne blonden Haares und die Hälfte eines Jungengesichtes, das sie zwischen zwei Ästen hindurch anblickte. In dem Moment, als ihre Blicke sich begegneten, verschwand der Junge. „Kommt raus! Sofort! Alle beide!“, brüllte Natalie. Kyle zuckte zusammen. „Bist du irre? Du hast mich fast zu Tode erschreckt!“ „Zwei Typen belauern uns. Einer steht hinter dir. Der andere ist dort drüben.“ Kyle runzelte die Stirn. „Ich finde das überhaupt nicht lustig!“ „Es ist kein Witz! Ich habe sie wirklich gesehen.“ „Und wenn schon. Vermutlich andere Urlauber.“ „Und wieso verstecken sie sich vor uns und beobachten, was wir tun?“ „Weil sie Angst vor hysterischen Mädchen haben, die sie anschnauzen.“ Kyle schüttelte den Kopf. Im gleichen Augenblick ertönten ein Wetzen und ein Scharren. Das gleiche unheimliche Geräusch, das Natalie in der letzten Nacht am Whirlpool wahrgenommen hatte. Hektisch suchte sie mit den Augen das Gebüsch ab, entdeckte aber nichts. Die beiden Männer waren verschwunden. „Wir müssen hier weg. Sofort!“, stieß Natalie hervor und rannte los. „Warte!“, rief Kyle, sprintete aber hinter ihr her. Sie liefen, so schnell es der matschige Waldboden zuließ, zurück zur Hütte. Kyle warf Natalie immer wieder fragende Blicke zu. Sie würde später mit ihm reden. Jetzt wollte sie nur in die Sicherheit des Hauses gelangen. „Wenn uns ein Tier verfolgt, ist es absolut verkehrt, davonzurennen“, stieß Kyle hervor. „Wenn es ein Mensch ist, ist es das Beste, das wir tun können“, antwortete Natalie atemlos. Aus dem Augenwinkel sah sie erneut einen Schatten. Diesmal war es definitiv ein Hund oder ein … „Wolf!“, schrie sie, stolperte und schlug der Länge nach hin. „Natalie!“ Kyle war sofort an ihrer Seite. „Hast du dich verletzt? Du blutest!“ „Nein, nein. Es ist nichts. Wir müssen weiter!“ Sie rappelte sich mit seiner Hilfe auf. Ihre Arme waren übersät mit roten Kratzern. „Nein. Wir rennen nicht weiter!“, sagte Kyle. „Wir stellen uns dem verdammten Vieh! Wölfe greifen nur in Ausnahmefällen Menschen an. Und dann attackieren sie im Rudel. Ein Einzelgänger wird nicht wagen, sich mit uns anzulegen.“ Er nahm ihre Hand. „Stell dich mit dem Rücken zum Baum. Ich bleibe vor dir und beschütze dich. Dir darf auf keinen Fall etwas geschehen. Das könnte ich nicht ertragen.“ Kyle bückte sich, ohne seine Umgebung aus den Augen zu lassen. Er hob einen massiven abgebrochenen Ast auf und schwang ihn wie eine Keule. „Komm her, Mistvieh! Du wirst dein blaues Wunder erleben.“ Natalie starrte ihn an. Sie wurde aus Kyle nicht schlau. Ihr durfte auf keinen Fall etwas geschehen. Warum? Weil er seinen besten Freund nicht verlieren wollte? Oder empfand er doch mehr für sie und wusste es selbst nicht? Abgesehen davon hatte er ein sehr schlechtes Timing, wichtige Dinge zu sagen. Sie atmete flach, um nichts zu überhören. Eine Weile herrschte totale Stille. Dann setzte von einer Sekunde zur nächsten Vogelgezwitscher ein und ein Specht trommelte mit seinem Schnabel gegen einen Holzstamm. „Entwarnung“, murmelte Natalie. „Es ist vorbei. Wir können gehen.“ „Irgendwie schon komisch“, gab Kyle zu. „Aber vielleicht war es auch nur ein Hund … und er gehörte zu den beiden Typen, die du gesehen hast. Dann haben wir uns ganz schön albern verhalten.“ „Und wieso waren dann alle anderen Tiere des Waldes vor Todesangst still?“, fragte Natalie. „Ich denke, denen ist es egal, ob ein Wolf oder ein Hund auf sie Jagd macht. Tot sind sie allemal, wenn so ein Vieh sie erwischt“, entgegnete Kyle und nahm ihre Hand. „Wenn du meinst.“ Natalie war unzufrieden mit seiner Antwort. Aber froh, dass er ihre Hand hielt. Sie gingen langsam zurück zum Haus. Da fiel ihr etwas ein. „Dein Rucksack! Wir haben ihn liegen gelassen.“ Natalie wollte kehrtmachen. „Vergiss ihn. Er ist unwichtig. Falls es ein Wolf war, habe ich keine Lust, meine Gesundheit für eine Pilzmahlzeit zu riskieren. Warte mal!“ Kyle blieb stehen und zog sie zu sich heran. Dann holte er ein Taschentuch aus seiner Hosentasche und tupfte die blutigen Kratzer an ihren Armen ab. „Hör mal, was hast du zu mir gesagt, bevor der Stress begann? Du bist echt mies drauf, weil …“ „Ach, nichts. Nur so eine Stimmung“, wiegelte sie ab. Sie war zu verwirrt und unsicher, was ihre und Kyles Beziehung betraf und hatte Angst, zu viel von ihren Gefühlen preiszugeben. Schließlich musste sie auch damit rechnen, eine Abfuhr zu bekommen, und sie wollte sich nicht lächerlich machen. „Na dann …“ Er lächelte. „Ich bin schon total neugierig auf die Gesichter der anderen, wenn wir ihnen von unserer Verfolgungsjagd erzählen. Die ist mindestens so spannend wie Billy Rutherfords Geheimnis.“ Natalie und Kyle erreichten das Blockhaus gerade rechtzeitig, bevor starker Regen einsetzte. Als sie das Haus betraten, war Gwen in heller Aufregung. „Ich verstehe nicht, wie ihr so ruhig bleiben könnt“, pflaumte sie Shane und Zara an. „Tom ist verschwunden. Sein Handy ist tot. Noch dazu sitzen wir im Funkloch und können niemanden um Hilfe rufen, wenn er einen Unfall gehabt haben sollte …“ „Was soll denn passiert sein, Baby?“ Shane nahm Gwen in die Arme, um sie zu beruhigen. „Jungs sind so. Die hauen einfach ab. Ein paar Stunden, einen Tag … Mach doch aus einer Mücke keinen Elefanten.“ „Deine dämlichen Sprüche sind momentan unangebracht.“ Gwen stieß ihn von sich. „Solltest du recht behalten und Tom ist tatsächlich ‚einfach so abgehauen‘, kann er sich von mir eine Moralpredigt anhören. Was soll das? Wir sind zusammen für ein paar Tage weggefahren. Wenn er einen Ego-Trip durchziehen will, dann muss er uns nicht hierhin einladen.“ Shane schwieg betreten. Er hatte keine Lust, sich noch mehr verbale Ohrfeigen für seinen Chaoten-Kumpel einzufangen. Zara lag auf dem Sofa und verfolgte Gwens Vortrag mit halbem Ohr. Sie blätterte gelangweilt in einer Modezeitschrift und sog am Strohhalm ihrer Cola. „Ich bin um den halben See gestapft …“, wandte sich Gwen nun an Natalie und Kyle, in der Hoffnung, bei ihnen auf mehr Verständnis zu stoßen. „ … und beinahe im Morast stecken geblieben.“ Sie deutete auf ihre bis zu den Oberschenkeln verdreckten Jeans. „Aber ich habe weder ein Lebenszeichen von Tom gefunden noch im Umkreis von zwei Meilen ein Netz für mein Handy bekommen. Mir gefällt das nicht! Irgendetwas stimmt nicht.“ „Nun ja, wir wollten die Zivilisation hinter uns lassen“, wandte Kyle ein. „Das ist der Preis, den wir dafür zahlen. Natalie und ich hatten gerade eine Begegnung mit einem Wolf.“ „Echt?“ Gwen starrte ihn mit offenem Mund an. „Cool, Alter! Erzähl mal!“, meinte Shane sensationslüstern. Zara setzte sich auf und legte ihr Magazin beiseite. Sie blickte Kyle besorgt an. Natalie schenkte sie keine Beachtung. Während Kyle die Wolfsgeschichte in knappen Worten wiedergab, überlegte Natalie, ob sie den anderen davon erzählen sollte, dass sie letzte Nacht am Pool bereits dieses Wetzen gehört und gelbe Augen gesehen hatte. Sie entschied sich dagegen. Sie würde nur riskieren, wegen ihrer blühenden Fantasie aufgezogen zu werden. „Na, Natalie, stehst du noch unter Schock?“ Shane verstand ihr Schweigen falsch. „Mach dir nichts draus. Ihr habt Glück gehabt und könnt euren Kindern eine Super-Anekdote erzählen. Das kann ich leider nicht behaupten. Mein Pech ist weniger spektakulär. Aber richtig nervig! Mir ist beim Angeln absolut nichts in Netz gegangen! Dafür hat sich mein Jeep was eingefangen. Einen Platten. Der Riss ist riesig. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich behaupten, jemand hat sich mit einem verdammt großen Messer an dem Gummi zu schaffen gemacht. Auf jeden Fall kann ich mit dem Wagen nicht mehr fahren – und ich habe keinen Ersatzreifen dabei. Das bedeutet, ich muss den defekten in den kommenden Tagen abmontieren und das Loch flicken. Wenn das mit dem Werkzeug, das ich zur Verfügung habe, überhaupt funktioniert.“ „Ein bisschen viele Zufälle, findet ihr nicht?“, rutschte es Natalie heraus. „Ach, komm! Hör auf!“ Shane winkte ab. „Bitte kein Geschwafel über übersinnliche Heimsuchungen, okay? Da steht mir im Moment nicht der Sinn nach. Manchmal geschehen seltsame Dinge. Da helfen weder Spekulationen noch Vermutungen oder gar Aberglauben.“ Er ließ sich seufzend aufs Sofa neben Zara fallen. „Gwennilein, holst du mir ein Bier?“ „Hol es dir doch selber!“, entgegnete Gwen schnippisch. „Ich geh für eine Runde in den Jacuzzi, um mich abzulenken. Ich kann Tom ja nicht herbeizaubern.“ Sie öffnete die Verandatür. „Och, meine Süße, wenn du in den Whirlpool gehst, dann bring mir doch vorher das volle Sixpack“, bettelte Shane. „Es stand den ganzen Tag draußen in der Hitze. Bier gehört in den Kühlschrank. Die Flaschen sind bestimmt total warm. Warmes Bier schmeckt widerlich.“ Er grinste. „Aber ich bin bereit, mich zu opfern und eins zu trinken.“ „Du Blödmann!“, murmelte Gwen. „Ich bin deine Freundin, nicht dein Dienstmädchen. Ich frag mich ständig, wieso ich mit so einem Macho wie dir zusammen bin.“ „Soll ich es dir verraten? Es ist aber nicht jugendfrei“, protzte Shane. „Oh, bitte, verschone mich!“, unterbrach ihn Zara. „Ich kann auf Einzelheiten aus eurem Liebesleben verzichten. Wegen eurer Sexspielchen habe ich letzte Nacht kaum geschlafen. Ich musste sogar das Bett wechseln! Ich weiß nicht, was ihr gemacht habt, aber die Wand, an der ich zuerst lag, hat vibriert!“ Shane und Gwen sahen sich verschämt und stolz zugleich an. „Und hat dein Umzug was gebracht?“, fragte Kyle. „Nein. Im anderen Bett war es noch schlimmer!“, entgegnete Zara resigniert. Die anderen lachten. „Schade, ich hab nichts davon mitbekommen. Ich habe fest geschlafen. Wie gern hätte ich Mäuschen gespielt“, warf Kyle ein. „Still! Du machst mich verlegen!“, rief Gwen. „Ich hole das Bier.“ Sie war puterrot geworden und flüchtete hastig zum Whirlpool. „Hast du gesagt, du musstest das Bett wechseln?“ Natalie sah Zara forschend an. „Ja. Es ging beim besten Willen nicht. Diese beiden … unglaublich!“ Zara schüttelte staunend den Kopf. „Ich brauche meinen Schönheitsschlaf. Deshalb bin ich in Toms Bett gekrochen. Sein Bett war noch unberührt. Und das um drei Uhr morgens. Ich habe extra auf den Wecker geschaut. Weil ich dachte, er kommt vielleicht noch. Aber als ich sah, wie spät es war, bin ich davon ausgegangen, dass er zu viel getrunken hat und seinen Rausch auf dem Sofa ausschläft. Doch wie gesagt: Im Etagenbett kam ich mir vor, als wäre ich Teil eines flotten Dreiers. Also bin ich im Morgengrauen wieder in unser Doppelbett gekrabbelt, Nat.“ Natalie hörte Zaras Erklärungen nicht mehr zu. Stattdessen summierte sie die Fakten: Bisher war sie davon ausgegangen, Tom hätte im gemeinsamen Schlafzimmer übernachtet und wäre in aller Früh zu seinem Solo-Trip aufgebrochen. Die Annahme musste sie nun revidieren. Wenn Tom gar nicht erst schlafen gegangen war, konnte er bereits seit dem letzten Abend verschwunden sein. Oder aber … Ihre Kehle wurde trocken. Ihr Herz begann zu rasen. Sie drehte sich zum Jacuzzi um. Gwen bückte sich gerade nach dem Sixpack und hob es hoch. Dabei blickte sie auf den mit der Schutzplane bedeckten Whirlpool. Sie stutzte, blinzelte. Dann rief sie den anderen zu: „Hey, wisst ihr was? Unser Jacuzzi leuchtet! Das muss ich mir genauer angucken.“ Sie hockte sich neben die Plane und schob sie ein Stück zurück. „Nein! Tu das nicht!“, rief Natalie. Eine schreckliche Ahnung beschlich sie. Zu spät. Gwen starrte fassungslos in den Whirlpool. Dann stieß sie einen Entsetzensschrei aus und sprang auf. „Shane!“, kreischte sie und ließ die Biere fallen. Die Flaschen zerplatzten mit einem satten Schmatzen auf den Steinplatten. Scherben verteilten sich auf dem Boden, und der Alkohol rann in den Jacuzzi. Sofort stürzten alle los. Shane rannte zu Gwen. Als er in den Whirlpool blickte, stöhnte er entsetzt auf und nahm seine Freundin fest in die Arme. Auch Natalie, Kyle und Zara eilten zum Beckenrand. Kyle ergriff Natalies Hand und drückte sie – und gab ihr damit ein kleines Gefühl von Sicherheit. Das brauchte sie auch angesichts dessen, was bäuchlings im Wasser lag. Tom. 5. KAPITEL „Ist Tom tot?!“ Natalie wusste, dass ihre Frage überflüssig war. Aber sie wollte die Tatsache nicht akzeptieren. Kyle hatte die Abdeckung des Jacuzzi komplett zurückgerollt. Tom trieb mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Arme und Beine hatte er von sich gestreckt. Er sah aus wie ein Fallschirmspringer, der den freien Fall genießt und kurz davor ist, die Reißleine zu ziehen, um den Fallschirm zu öffnen und sicher zu landen. Nur, dass es für Tom keine Rettung mehr gab. Sein iPod dümpelte neben ihm im Wasser. Er trug noch die Ohrhörer. „Tom ist mausetot“, entgegnete Kyle und wandte sich an Shane. „Hilfst du mir, ihn rauszuziehen?“ „Sicher.“ Shane war sichtlich geschockt. Er machte Anstalten, Gwen loszulassen. Aber sie krallte sich weinend an ihm fest. „Baby“, flüsterte er zärtlich. „Wir können Tom nicht so liegen lassen.“ „Ich will nicht, dass dir auch noch was passiert“, jammerte Gwen. „Was ist das für ein goldenes Licht?“ „Ich hab keine Ahnung, Schatz. Aber es wird nichts Schlimmes sein.“ „Das weißt du nicht! Fass ihn nicht an!“ Gwens Stimme überschlug sich. Sie stand kurz vor einem Nervenzusammenbruch. „Ich helfe Kyle“, bot Natalie an. Ihr war der goldene Schimmer, der Toms Körper umgab, auch suspekt. Aber es war immer noch besser, sie überwand ihre Angst und erledigte die schreckliche Arbeit, als dass Gwen aus Furcht um Shane komplett ausrastete. Ein Toter reichte. Sie brauchten nicht auch noch eine Irre. Natalie atmete tief durch. Bei dem Gedanken, einen Toten zu berühren, drehte sich ihr der Magen um. Doch sie riss sich zusammen. Schließlich handelte es sich nicht um einen Fremden, sondern um einen Freund. „Bist du bereit?“, fragte Kyle. Natalie nickte. Ihre Stimme gehorchte ihr nicht. „Auf drei“, meinte Kyle. Er tauchte die Arme in das Wasser und packte Tom unter der rechten Achsel. „Eins …“ Natalie machte es ihm auf Toms linker Seite nach. Zu ihrer Verwunderung war das Wasser kalt. Nun, was hatte sie erwartet? Die Pumpe war abgestellt. Als sie Toms Arm berührte, zuckte sie zurück. Die Haut war kühl. Sein Körper steif. Er fühlte sich überhaupt nicht wie ein Mensch an, sondern wie eine Wachspuppe. Er musste zwischen vierzehn und achtzehn Stunden tot sein. In diesem Zeitraum setzte die Leichenstarre ein. Sie hatte das mal in einem Fernsehkrimi aufgeschnappt. Durch das kalte Wasser konnte sich der Prozess verlangsamt haben. Dennoch bedeutete das, dass er kurze Zeit, nachdem ihn die Clique allein gelassen hatte, gestorben war. „Zwei …“, sagte Kyle. Natalie packte fest zu. „Drei!“ Mit einem Ruck zogen sie Tom auf die Steinplatten. Durch die Bewegung schwappte Wasser auf die Fliesen. Natalie rutschte darauf aus und landete unsanft auf dem Boden. Die Leiche glitt ihr aus den Händen und fiel auf sie. Vor Schock bekam sie keinen Ton heraus. Sie blickte direkt in Toms offene Augen. Der Anblick war grauenhaft. Was immer er als Letztes gesehen hatte, es hatte ihm furchtbare Angst eingejagt. Seine Pupillen waren riesengroß, die Lider weit aufgerissen, sodass das Weiße rund um die Iris sichtbar war. Natalie stöhnte auf. Das war mehr, als sie ertragen konnte! Mitleid, Todesangst und Ekel wechselten sich in Rekordtempo ab. Ihre mühsam bewahrte Fassung brach zusammen. Sie strampelte, um unter dem Toten hervorzukriechen. Vergeblich. Er drückte sie mit seinem Gewicht nieder. Kyle zerrte an Toms Arm. Aber an Land war der Körper viel schwerer als im Wasser, und die Totenstarre erschwerte es zusätzlich, ihn bewegen zu können. Der feuchte Unterarm entglitt Kyle, und Toms Hand prallte Natalie direkt ins Gesicht. Sie schrie auf. Vor Entsetzen verpasste sie dem Toten einen Tritt. Er schlidderte beinahe zurück in den Jacuzzi. Kyle erwischte ihn in letzter Sekunde und hielt ihn fest. Natalie kam frei und rappelte sich auf. Triefnass und kreidebleich stand sie zwischen den anderen. Sie rieb sich hektisch über Arme und Oberkörper, als könnte sie die Berührung mit der Leiche fortwischen. Sie zitterte am ganzen Leib. Kyle warf ihr ein Handtuch, das vom gestrigen Abend liegen geblieben war, über und rubbelte sie trocken. Sie spürte es nicht einmal. Sie starrte Toms Körper an. Bleich und bis auf seine Badehose nackt sah er jungenhaft und verletzlich aus. „Der goldene Schimmer ist verschwunden!“, stellte Natalie irritiert fest. Aber die Neuigkeit ging in einem dumpfen Knall unter. Zara, die bisher still abseits des Geschehens gestanden hatte, war in Ohnmacht gefallen. „Die Polizei muss kommen.“ Kyle warf Holzscheite in den Kamin und machte Feuer, nachdem er sich gemeinsam mit Natalie um Zara gekümmert hatte, die wieder bei Bewusstsein war und auf dem Sofa lag. Mit hereinbrechender Dunkelheit war eine Kältefront aufgezogen. Der Regen hatte sich in Hagel verwandelt. Im Stakkato-Rhythmus hämmerten die Körner gegen die Fensterscheiben. Es klang, als klopfte jemand heftig an die Tür, um eingelassen zu werden. „Wir können die Cops nicht rufen. Wir haben immer noch kein Netz, und ich glaube kaum, dass sich daran was ändert“, entgegnete Natalie und schleuderte ihr Handy in die Sofakissen. Sie versuchte seit über einer Stunde wider besseres Wissen, eine Telefonverbindung herzustellen. „Mist! Dass ausgerechnet jetzt der Geländewagen fahruntüchtig ist.“ „Dann läuft einer von uns in den nächsten Ort“, meinte Shane. „Jetzt? Bei dem Wetter und in der Dunkelheit? Das ist viel zu gefährlich“, warf Kyle ein. „Ich habe eine Taschenlampe im Wagen“, sagte Shane. „Und ich kann mein Gewehr mitnehmen.“ „Warum willst du gehen?!“, rief Gwen aufgeregt. „Genauso gut kann jemand anderes sich auf den Weg machen.“ „Wir können auch alle zusammen die Hütte und den Wald verlassen“, schlug Shane vor und streichelte Gwen sanft. „Ob einer oder alle – es ist dennoch zu gefährlich.“ Kyle schüttelte den Kopf. „Die Wege und Hänge sind nicht befestigt. Durch den Regen kann sich eine Schlammflut entwickeln und uns unter sich begraben. Ich bin dafür, dass wir bis morgen warten.“ „Heißt das, wir müssen die Nacht mit der Leiche verbringen?“, fragte Gwen mit zitternder Stimme. Sie kauerte in eine Decke gehüllt auf der Couch und schaukelte ihren Oberkörper vor und zurück. Die unruhige Bewegung machte die anderen fast verrückt. Aber trotz mehrfachen Bittens konnte Gwen nicht aufhören. Sie war völlig aus der Bahn geworfen. Sie hatte einen Schock erlitten. „Nein, Baby, Tom kommt nicht ins Blockhaus“, beruhigte Shane sie und schloss sie fest in die Arme. „Wo willst du ihn denn hinbringen?“, fragte Zara. „In den Schuppen?“ Sie war zwar noch blass um die Nase, hatte sich aber von ihrem Schwächeanfall erholt und konnte wieder Gift und Galle verspritzen. „Das können wir nicht machen“, fuhr Natalie sie an. „Dort ist es dunkel und dreckig, und es regnet rein.“ „Ich bezweifele, dass Tom noch was merkt oder irgendwelche Ansprüche stellt“, erwiderte Zara bissig. „Dennoch hat seine Leiche ein gewisses Maß an würdevoller Behandlung verdient. Wir müssen einen anderen Platz finden.“ Natalie konnte Zaras Kaltherzigkeit nicht fassen. „Wie wär’s denn mit deinem Bett, Nat?“, zischte Zara. „Von mir aus!“, gab Natalie zurück. „Schließlich schläfst du auf der anderen Hälfte.“ „Nein! Hört auf! Ihr seid schrecklich!“, jammerte Gwen. „Schon gut, Schatz. Zara und Natalie haben den Vorschlag nicht ernst gemeint.“ Shane warf den beiden Mädchen finstere Blicke zu. „Sie sind genauso angespannt wie wir alle. Da redet man schon mal Stuss.“ „Ich hab eine Idee“, meinte Kyle zögernd. „Aber ich weiß nicht, ob es deinem Verständnis von ‚würdevoll‘ entspricht, Natalie. Ich könnte das Wasser aus dem Whirlpool lassen und Tom hineinlegen. Dann befindet er sich wieder an dem Ort, an dem wir ihn gefunden haben. Das wäre meines Erachtens gar nicht so schlecht. Denn die Polizei bringt bestimmt einen Gerichtsmediziner mit, der die Todesursache feststellen soll. Wir haben schon viele Spuren zerstört.“ Natalie überlegte. „Unter den gegebenen Umständen ein guter Vorschlag.“ Sie blickte hinaus auf die Veranda. Draußen war es inzwischen ziemlich dunkel geworden. Aber das Licht aus dem Wohnzimmer erhellte den Whirlpool und seine nähere Umgebung. Sie konnte Toms mit einer Decke verhüllte Leiche im Liegestuhl sitzen sehen. Der Anblick besaß etwas Makaberes und hatte wenig mit Würde zu tun. Plötzlich fiel ihr etwas ein. „Hat einer von euch die Lederjacke an sich genommen?“, fragte sie in die Runde. Allgemeines Kopfschütteln. „Jemand hat sie gestohlen“, sagte Gwen mit zitternder Stimme. „Derjenige, der Tom umgebracht hat! Die gleiche Person, die den Reifen am Geländewagen zerfetzt hat! Und das alles hat mit diesem schrecklichen Tagebuch zu tun! Ich muss hier raus! Sofort!“, kreischte sie und sprang auf. Shane packte sie und warf sie zurück aufs Sofa. Gwen drosch mit den Fäusten auf ihn ein und schrie: „Wir werden alle sterben!“ „Still! Was ist denn nur in dich gefahren? Jetzt spinn nicht herum wie Natalie! Du glaubst doch sonst nicht an übernatürlichen Schwachsinn.“ Shane legte sein ganzes Gewicht auf seine Freundin, um sie im Zaum zu halten. Gwen gab nach. Sie ließ die Arme sinken und begann zu wimmern. Shane wiegte sie in seinen Armen. „Danke schön, Shane. Toll zu hören, was du von mir hältst“, sagte Natalie. „Du brauchst überhaupt nicht eingeschnappt zu sein“, entgegnete Shane kühl. „Du hast wegen dem durchgeknallten Alten im Roadhouse einen Aufstand gemacht. Und wenn du nicht aus diesem dämlichen Tagebuch vorgelesen hättest, würde Gwen nicht so ausflippen. Wer weiß, vielleicht hast du dieses Buch vor unserem Trip geschrieben, um uns alle in Angst und Schrecken zu versetzen! Immerhin warst du allein in dem Schuppen, als du den Krempel gefunden hast.“ „So eine Unverschämtheit!“ Langsam wurde Natalie wütend. „Wer ist denn berühmt-berüchtigt für schlechte Scherze? Du und …“ „Los! Sag es ruhig!“, forderte Shane sie heraus. „Ich und TOM! Denkst du, dass ist ein Witz, dass er da draußen liegt?“ „Nun hört auf!“, ging Kyle dazwischen. „Es bringt nichts, wenn wir uns gegenseitig beschuldigen und fertigmachen. Wir sitzen hier fest und sollten zusammenhalten. Reicht euch die Hände und seid friedlich. Na, los!“ Natalie verschränkte die Arme vor der Brust. Shane kniff sauer die Lippen zusammen. „Ihr benehmt euch wie im Kindergarten“, meinte Kyle verärgert. „Wir kommen jetzt alle am besten wieder runter und denken ganz in Ruhe nach. Auch du, Gwen! Wir wissen noch gar nicht, wieso und woran Tom gestorben ist. Mit solch unhaltbaren Vermutungen wie einem Mord machst du uns nur verrückt!“ „Was denkt ihr denn, woran Tom gestorben ist?“, fragte Zara und blickte jeden Einzelnen an. Kyle zuckte die Achseln. Gwen schniefte. Shane mimte immer noch den Bockigen. Natalie schwieg. Nach Shanes Zurechtweisung hatte sie keine Lust mehr, sich zu äußern und zusätzlich Hysterie zu schüren. Mit Toms Tod sah sie jedoch ihre Befürchtungen wegen der Spukgeschichte bestätigt. Und nun gab es jemanden, der ihre Meinung teilte: Gwen. „Tom war breit und ist ertrunken“, sagte Shane so überzeugt, als wäre er dabei gewesen. „Die Biere waren nicht geöffnet“, bemerkte Zara. „Wer redet denn von Bier“, entgegnete Shane. „Tom hat alles Mögliche eingeworfen. Pillen, psychedelische Pilze, Psychopharmaka, alles was high macht. Wieso guckt ihr so überrascht?“ „Wenn ich das gewusst hätte, wäre ich nie mit ihm auf diesen Trip gefahren“, meinte Kyle. „Ich hasse Drogen. Und finde es total uncool, wenn jemand welche nimmt. Ich will damit nichts zu tun haben.“ „Tom und Drogen? Ich kann’s nicht glauben.“ Natalie hatte ihre Zweifel an Shanes Behauptung. „Wartet! Ich werde es euch beweisen.“ Shane sprang auf und lief in das Gemeinschaftsschlafzimmer. Die anderen hörten Rascheln und Poltern. Dann kehrte er zurück. Er hielt eine Plastiktüte voller Pillen und in Klarsichthüllen verpackte Pülverchen hoch. „Der Beweis“, verkündete er. „Das Zeug befand sich in Toms Gepäck. Ich war mir nicht sicher, ob er einen Vorrat mitnimmt. Aber ich habe es vermutet. Schließlich kenne ich ihn seit Jahren.“ „Oh, wow!“, stieß Natalie hervor. „Ich habe mit dem Mist nichts zu tun!“ Shane hob abwehrend die Hände. „Ich habe Tom schon tausendmal gesagt, er soll die Finger von dem Gift lassen. Aber wenn man ihm etwas verbieten oder miesmachen wollte, hat er es erst recht getan.“ Shane seufzte. „Jedenfalls kamen mir sofort Drogen als Todesursache in den Sinn. Schließlich gab es keinerlei Hinweise auf einen Kampf.“ „So ein Idiot!“, schimpfte Kyle. „Dröhnt sich zu und stirbt wegen eines Rausches. Was für eine Verschwendung!“ „Allerdings. Was für eine Verschwendung“, stimmte Gwen leise zu. Seit Shane eine plausible Begründung für Toms Tod gefunden hatte, wirkte sie sichtlich ruhiger und hatte ihre Fassung zurückgewonnen. „Nur stellt sich immer noch die Frage, wieso seine Leiche golden geschimmert hat.“ Sie knetete nervös ihre Finger. „Oder habt ihr das nicht gesehen?“ „Ich habe nicht darauf geachtet“, erklärte Kyle. „Ich auch nicht“, meinte Zara. „Ich habe es gesehen“, sagte Natalie mit einem Seitenblick zu Shane. Sie wartete, dass er einen blöden Kommentar von sich gab. Doch er schwieg. Vermutlich, weil er das goldene Schimmern auch bemerkt hatte. Sie fuhr fort: „Allerdings hat Toms Körper aufgehört zu leuchten, nachdem wir ihn aus dem Wasser gezogen hatten.“ „Dann hängt das Leuchten auch damit zusammen“, meinte Shane zu Gwen. „Das Wasser für den Whirlpool ist mit Chemikalien aufbereitet. Damit man sich bei den vielen unterschiedlichen Mietern des Blockhauses keine Krankheiten holt. Ihr wisst schon: Fußpilz und so … Tom hat ziemlich lange in dem Wasser gelegen. Möglicherweise hat seine Haut mit einer chemischen Substanz reagiert und dadurch wirkte es, als leuchtete er in einem Gold- oder Gelb-Ton.“ „Vielleicht war es auch verschüttetes Bier“, warf Zara ein. „Wir haben alle im Whirlpool getrunken. Da geht immer was daneben.“ „Klingt beides sinnvoll“, sagte Kyle. „Es gibt also durchaus eine logische Erklärung.“ „Dann wisst ihr sicher auch, wieso Tom vor seinem Tod die Düsen des Whirlpools abstellte, im Jacuzzi sitzen blieb und die Schutzplane über sich zog.“ Natalie warf Kyle und Shane einen herausfordernden Blick zu. „Wie high soll er gewesen sein, um so einen Blödsinn zu veranstalten?“ „Mal abgesehen davon, dass Menschen in weggetretenem Zustand die seltsamsten Dinge tun“, entgegnete Shane. „Tom war selbst bei klarem Kopf ein Chaot.“ „Außerdem gibt es am Jacuzzi einen Timer“, meinte Kyle. „Zu einem einprogrammierten Zeitpunkt schalten sich die Düsen von selbst aus, und die Schutzplane gleitet über das Becken. Soweit ich mich erinnere, war der Timer auf drei Uhr in der Früh eingestellt. In Anbetracht von Toms Leichenstarre muss er da schon längst tot gewesen sein.“ Natalie hielt den Mund. Es gab nichts mehr zu sagen. Sie kam sich lächerlich vor. Angeheizt durch Billys Tagebucheintragung hatte sie geglaubt, dass Tom sterben musste, weil er den Satz von der Steintafel, die Billy in seinem Tagebuch erwähnte, laut vorgelesen hatte. „Lam ganek hars yonet wez.“ Ein gellender Schrei riss Natalie aus ihren Gedanken. Vor Schreck blieb ihr beinahe das Herz stehen. „Sie kommen! Sie kommen!“, kreischte Gwen und deutete mit zitternden Fingern auf die Veranda. „Genauso wie es in Billys Tagebuch hieß! Eure bescheuerten Erklärungen stimmen nicht! Oh, Gott, hilf uns!“ Sie verbarg ihr Gesicht in den Händen. „Ich sehe nichts“, entgegnete Shane genervt und musterte Natalie giftig. Er gab ihr die Schuld an Gwens Rückfall. „Da! Da draußen im Wald bewegt sich was!“, stieß Zara hervor. Ein Schatten huschte am Waldrand vorbei. „Was ist das?“ Zaras Stimme zitterte. „Es ist ganz schön groß.“ „Vielleicht der Wolf, der Natalie und mich verfolgt hat.“ Kyle trat an die Verandafensterfront, um mehr erkennen zu können. „Wo ist er? Seht ihr ihn noch?“ Schweigen. Alle starrten in die Dunkelheit. „Er beobachtet uns“, flüsterte Natalie. „Dort vorn. Im Gebüsch. Das gelbe Augenpaar.“ „Jetzt sehe ich es auch.“ Kyle trat aufgeregt von einem Fuß auf den anderen. „Wow! Der muss echt riesig sein! Guckt euch mal die großen Augen an!“ „Wir sind tot!“, wimmerte Gwen. „Schwachsinn!“, entgegnete Kyle unwirsch. „Der Wolf will nicht uns. Er ist von der Leiche angelockt worden. Wir können Tom unmöglich dort draußen liegen lassen. Wenn wir nicht wollen, dass er verschleppt und von Wildtieren aufgefressen wird.“ „Wir holen ihn rein! Jetzt. Du und ich“, meinte Natalie beherzt und trat neben Kyle. Er nickte. Sie ging zur Verandatür und packte entschlossen den Griff, um die Fensterfront aufzuschieben. „Nicht!“, rief Kyle. Natalie wandte sich überrascht zu ihm um. Im gleichen Moment ertönte furchterregendes Geheul. Dann ein lautes Wetzen und Scharren. Ein schwarzes Ungetüm schoss auf die Veranda. Der Liegestuhl mit Toms Leiche kippte um. Kurz darauf war sein Körper verschwunden. „Nein!!!“, schrie Gwen verzweifelt. Shane rannte zu den hinteren Räumen, um Sekunden später mit der Winchester zurückzukommen. „Ich mach diese Missgeburt fertig!“ Er riss die Verandatür auf, legte das Gewehr an und zielte in die Dunkelheit. „Lass das! Es ist viel zu dunkel! Du verschießt nur unsere Munition!“, raunzte Kyle ihn an. Shane hörte nicht auf ihn und drückte ab. Ein hohles Plopp erklang. Die Winchester hatte eine Ladehemmung. „Verdammt!“, fluchte Shane. „Bei unseren Schießübungen hat die Waffe reibungslos funktioniert. Wieso jetzt nicht?!“ Er warf das Gewehr in eine Ecke neben den Kamin und zog die Verandatür mit einem Ruck zu. Resigniert ließ er sich aufs Sofa fallen und vergrub die Hände in den Haaren. „Verdammt! Verdammt! Verdammt! Tom, du dämlicher Idiot! Konntest du nicht einmal keinen Mist bauen! Jetzt endest du als Wolfsmahlzeit.“ „Und wir enden im Knast.“ Kyle setzte sich neben Shane. „Wieso Knast?“, fragte Zara. „Na, wieso wohl?“, antwortete Natalie mit einer Gegenfrage. „Toms Leiche ist futsch! Wer weiß, ob wir sie wiederfinden. Und wenn, in welchem Zustand.“ „Oh, bitte! Erspar uns Details!“ Zara wurde kreidebleich. „Ja, ja, schon gut. Die Einzelheiten tun auch nichts zur Sache“, fuhr Natalie fort. „Aber ohne Leiche werden die Cops denken, wir hätten Tom umgebracht.“ „Mist! Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht“, stieß Shane hervor. „Wenn’s dicke kommt, dann richtig!“ „Das ist doch Quatsch!“ Zara schüttelte unwillig den Kopf. „Warum sollten wir Tom umbringen? Ich kannte ihn nicht, und ihr wart mit ihm befreundet.“ „Die Cops finden immer ein Motiv. Und überlegt mal, wie wir dastehen. Wir haben Alkohol, Waffen und Drogen in der Hütte. Wie hört sich das für euch an?“ Kyle blickte in die Runde. „Nicht gut“, meinte Natalie. „Dann entsorgen wir Toms Drogendepot morgen früh im See“, entschied Zara. „Nein“, widersprach Kyle. „Irgendwann taucht Toms Körper wieder auf, und dann stellt der Gerichtsmediziner Drogen in seinem Blut fest. Daraufhin werden uns die Cops erst recht in die Mangel nehmen. Und ich schätze keinen von uns als so standfesten Lügner ein, als dass er oder sie sich nicht verplappert. Damit würde die Sache für jeden von uns nur noch kritischer. Das Beste ist, wir sagen die Wahrheit. Schließlich hat von uns keiner Drogen genommen. Sie können uns ruhig überprüfen.“ „Kyle hat recht“, stimmte Shane zu. „Und damit wir das Ganze so schnell wie möglich hinter uns bringen, gehe ich morgen in aller Frühe in den nächsten Ort. Und zwar allein. Keine Widerrede und keine Weinkrämpfe“, blockte er Gwens Jammern ab. „Allein komme ich schneller voran, als wenn wir alle gehen. Ich bin wirklich gut in Form. Für mich ist der Abstieg selbst nach diesem Unwetter ein Kinderspiel. Schau mich nicht so skeptisch an, Kyle! Glaub mir einfach! Und du, Gwen, musst dir keine Sorgen machen. Wilde Tiere meiden Menschen normalerweise. Das hast du selbst gesagt. Erst recht am helllichten Tag. Außerdem habe ich ein Gewehr. Und an Gespenster glaube ich nicht.“ Er sah Natalie schräg grinsend an. Sie zuckte mit den Achseln. „Schon gut! Ich hab nichts gesagt.“ „Im Dorf melde ich Toms Tod auf der Polizeiwache“, fuhr Shane fort. „Dann rufe ich meinen Vater an. Er ist Anwalt und hält uns rechtliche Probleme vom Hals. Er ist zwar im Moment schlecht auf mich zu sprechen. Aber in so einem Fall wie jetzt …“ „Ein guter Plan. Ich bin dafür. Wer noch?“ Kyle warf einen fragenden Blick in die Runde. Die anderen nickten, bis auf Gwen. „Wenn du gehst, kommst du nicht zurück“, murmelte sie finster. „Schatz, ich schwöre dir, ich komme zurück.“ Shane nahm Gwen in seine Arme und flüsterte inbrünstig: „Nichts und niemand kann mich von dir fernhalten. Ich will doch mit dir alt werden. Ich liebe dich.“ Er küsste sie leidenschaftlich. Sie schlang ihre Arme um ihn. „Ich kann das nicht mit ansehen“, meinte Zara. „Musst du auch nicht.“ Shane hob Gwen hoch und trug sie in ihr Schlafzimmer. „Abschiedssex. Na, großartig! Dann kann ich meinen Schönheitsschlaf vergessen!“, sagte Zara genervt. Sie zog sich ein paar Sofakissen und eine der Kuscheldecken heran. „Ich verbringe die Nacht hier. Sonst drehe ich durch.“ „Ich bleibe auch im Wohnzimmer. Ich halte Wache“, meinte Kyle. „Ich glaube zwar nicht, dass der Wolf noch mal auftaucht, aber sicher ist sicher.“ Natalie blickte unschlüssig umher. Sie hatte wenig Lust, allein im Gemeinschaftsschlafzimmer zu übernachten. Noch viel weniger gefiel ihr, dass Zara die Nacht mit Kyle in einem Raum verbrachte. Aber sie hatte spontan keine gute Idee, aus welchem Grund sie bei ihnen bleiben könnte, ohne dass die beiden merkten, dass sie eifersüchtig war. „Na dann, gute Nacht.“ Sie tat so, als müsste sie gähnen und ging ins Schlafzimmer. Missmutig legte sie sich ins Bett und starrte die Decke an. Diesmal hörte sie Shanes und Gwens leidenschaftliche Geräusche und konnte deshalb nicht einschlafen. Sie presste sich ihr Kissen auf die Ohren. Es half nichts. Da es nicht so schien, als ob die beiden zu einem baldigen Ende kämen, schaltete Natalie wieder das Licht an und holte Billys Tagebuch aus ihrem Rucksack. Das Gefühl ließ sie nicht los, dass der Schlüssel zu den Vorkommnissen in Billys Zeilen lag. Sie musste nur die richtige Passage finden und sie zu deuten wissen. Sie schob sich das Kissen in den Rücken und schlug das Tagebuch auf. 6. KAPITEL Vogelgezwitscher weckte Natalie am nächsten Morgen. Sie genoss die friedliche Atmosphäre und blinzelte zwischen den offenen Gardinen hinaus in den Wald. Das Wetter hatte aufgeklart. Wie am Vortag leuchtete der Himmel strahlend blau. Sie überlegte, ob schon jemand aufgestanden war und sich in der Küche zu schaffen machte. Und was es wohl zum Frühstück gab. Dann wurde sie von der Erinnerung überwältigt. Toms Leiche im Whirlpool. Seine toten Augen. Sie fuhr im Bett hoch. Ein stechender Schmerz jagte ihren Nacken entlang und die Wirbelsäule hinunter. Sie fasste sich an den Hals und rieb ihn. Sie hatte die Nacht aufrecht sitzend geschlafen. Ihr Kopf tat ihr weh. Die Muskeln waren verspannt und schmerzten. Sie schwang die Beine aus dem Bett. Dabei rutschte Billys Tagebuch, das aufgeschlagen in ihrem Schoss gelegen hatte, auf den Teppich. Sie hob es auf, um es wieder in ihrem Rucksack zu verstauen. Da fiel ein einzelnes Blatt heraus. Sie nahm es und las: „Drei Tage. Drei Männer … Vielleicht ist mein Verstand vor Furcht und Einsamkeit verwirrt. Oder das Geschehene ergibt doch einen Sinn? Nur welchen? Ob Gott mir genügend Zeit schenkt, die wahre Bedeutung herauszufinden? Drei Tage. Drei Männer. Am ersten Tag starb Carl. Am zweiten Grant. Heute ist der dritte Tag. Hat meine letzte Stunde geschlagen?“ Natalie bekam eine Gänsehaut. Tom war am ersten Urlaubstag gestorben. Sollte sein Tod der Auftakt sein? Mussten sie alle nacheinander sterben? Das konnte nicht sein! Sie waren zu sechst und hatten ursprünglich geplant, fünf Tage in der Hütte zu bleiben. Nach dem schrecklichen Vorfall aber würden sie so schnell wie möglich abreisen. Folglich konnte diese Rechnung nicht aufgehen. Dennoch hielt sie es nicht länger im Schlafzimmer aus. Sie musste nach den andern sehen. Sie klappte Billys Tagebuch zu, verbarg es in ihrem Rucksack, zog sich eilig an und stürmte hinaus. Ohne anzuklopfen öffnete sie die Tür zum Nachbarraum. Sie rechnete mit allem. Entweder Shane und Gwen waren gerade mit ihrem Liebesspiel beschäftigt, oder sie waren Opfer des Wolfes geworden und lagen mit zerfetzten Kehlen in ihrem Bett. Zu ihrer Erleichterung fand sie die beiden selig schlafend vor. Aufatmend schloss sie die Tür und ging ins Wohnzimmer. Dort wartete eine unangenehme Überraschung auf sie. Kyle und Zara schliefen eng umschlungen auf dem Sofa. Die Decke, mit der sie sich zugedeckt hatten, war zu Boden gerutscht. Zara trug nur noch Slip und BH, Kyle Shorts, sein Oberkörper war nackt. Was war zwischen ihnen vorgefallen? Knutschen? Petting? Oder mehr? „Das nennst du also Wache halten!“, fuhr Natalie Kyle an und boxte ihn gegen den Oberarm. „Was?! Ist was passiert?“ Aus dem Schlaf gerissen richtete er sich abrupt auf und rammte Zara seinen Ellbogen gegen den Brustkorb. „Aua!“, ächzte sie und blinzelte verschlafen. Als sie Natalies wütendes Gesicht sah, grinste sie und schloss die Augen zufrieden. Am liebsten hätte Natalie das hinterhältige Weib an seiner blonden Mähne von der Couch gezerrt und ihr einen Eimer kaltes Wasser übergegossen. Sie hatte es gewusst! Zara nutzte jede Gelegenheit, sich an Kyle heranzumachen. Von wegen, sie fühlte sich von Shanes und Gwens Geturtel gestört! In Wahrheit wollte sie dasselbe mit Kyle machen – und vielleicht hatte sie das auch getan! Natalie war außer sich. Wie konnte er nur mit dieser doofen Ziege etwas anfangen? Die passte doch überhaupt nicht zu ihm! Sie verstand die Welt nicht mehr und hätte am liebsten angefangen zu heulen. „Oh, hi, Natalie. Ist sch…on morgen …?“, stammelte Kyle, der nur langsam zu sich kam. „Verdammt! Ich muss eingeschlafen sein. Das hätte mir nicht passieren dürfen!“ Er stand auf und zog seine Kleidung an. „Ist alles in Ordnung? Wo sind Gwen und Shane?“ „Entspann dich! Es geht ihnen gut.“ Natalie gelang es nur schwerlich, ihre Gefühle im Zaum zu halten. Insbesondere, da Zara tat, als schliefe sie, aber ohne Unterbrechung höhnisch grinste. Wenn sie nicht selber dafür sorgen wollte, dass am zweiten Tag die zweite Person starb – nämlich Zara – musste Natalie sich schnellstens ablenken. „Ich mache Frühstück“, sagte sie und murmelte, während sie zur Küchenzeile ging: „Und für Zara gibt es eine extra Portion leckeres Zyankali.“ Sie durfte keine Szene machen. Kyle hatte ihr bisher keinen Anlass gegeben zu glauben, dass sie ihm mehr bedeutete oder er gar in sie verliebt sei. Vielmehr hatte er ihr gesagt, sie sei sein bester Freund, was nicht gerade vielversprechend klang. Sie musste mit ihrer Wut und Verzweiflung allein klarkommen. „Hey, Leute. Ich bin völlig geschafft! Ich hab von blutrünstigen Wölfen geträumt. Horror! Bin ich froh, dass ihr alle die Nacht überlebt habt.“ Shane kam in den Wohnraum geschlurft und reckte und streckte sich. „Ich denke, du bist von was ganz anderem geschafft“, meinte Zara, die plötzlich putzmunter war, spöttisch. „Woher willst du das denn wissen? Du hast auf der Couch geschlafen! Außerdem bist du nur neidisch, weil du keinen Sex hattest!“, erwiderte Shane grinsend. „Wer sagt, dass ich nicht auch meinen Spaß hatte?“, antwortete Zara, sah jedoch nicht Shane, sondern Natalie an. Natalie registrierte Zaras Blick aus den Augenwinkeln, verhielt sich aber so, als habe sie nichts gehört. Sie schlug Eier am Pfannenrand auf und hatte das Gefühl, das Gleiche geschah soeben mit ihrem Herzen. Kyle hatte von Shanes und Zaras Wortwechsel nichts mitbekommen. Sobald Shane das Wohnzimmer betreten hatte, war er zur Verandatür gegangen, hatte sie geöffnet und suchte nun draußen den Whirlpool und seine Umgebung ab. „Was macht Kyle denn da?“ Zara wickelte sich zum Schutz gegen die kühle Morgenluft, die durch die offene Verandatür eindrang, in die Decke ein. „Er sucht nach Tom“, antwortete Shane. „Vielleicht hat der Wolf etwas von ihm übrig …“ „Sprich nur ja nicht weiter!“ Gwen war im Wohnzimmer erschienen und schlang ihre Arme von hinten um Shanes Bauch. „Sonst lasse ich dich heute nicht den Abstieg antreten.“ Natalie wendete die brutzelnden Eier in der Pfanne und sah auf die Terrasse hinaus. Kyle hatte die Veranda verlassen und lief am Waldrand entlang. Er hatte den Blick auf den Boden gerichtet und suchte nach Spuren von dem Wolf und der Leiche. Plötzlich stolperte er und wäre fast hingefallen. Im letzten Moment fand er sein Gleichgewicht wieder. Er machte einen Schritt zurück und beugte sich zur Erde herab. Mit beiden Händen bog er Gras und Farne auseinander und starrte auf etwas, das auf dem Waldboden lag. An seinem Gesichtsausdruck erkannte Natalie, dass er auf etwas Interessantes gestoßen sein musste. Geistesgegenwärtig drehte sie den Herd ab und lief zur Veranda. „Komm alle raus! Schnell!“, rief Kyle und winkte ihnen von draußen zu. Sofort setzte sich die Gruppe in Bewegung. Natalie erreichte ihn als Erste. „Sieh dir das an!“ Kyle trat die Gräser und Farne zu beiden Seiten seines Funds platt, damit Natalie bessere Sicht hatte. „Die Steintafel aus Billys Tagebuch!“ Natalie starrte auf den Marmorblock hinab. Inzwischen waren auch die anderen am Fundort angekommen. „Oh, mein Gott, ist es das, was ich glaube, das es ist?“, fragte Gwen und presste sich an Shane. „Allerdings“, bestätigte Natalie Gwens Vermutung. „Dort steht derselbe Spruch, den Billy in seinem Tagebuch notiert hat.“ Sie deutete auf die unterste Zeile, die in den Stein eingeritzt war: „Lam ganek hars yonet wez.“ „Hert rof dyr lib larnt wog shox ral cuc. Thim sor vert orge genelle …“, las Kyle die Zeile darüber vor. „Klingt heftig! Als sei die Sprache nicht von diesem Stern. Gwen, los sag was! Du bist doch unsere Fachfrau für Indianerkultur!“ „Sehr witzig! Ich hab keinen Schimmer, was das bedeuten soll“, antwortete Gwen. „Aber ich bezweifele, dass es sich um ein Zeugnis der Arapaho oder eines anderen Indianerstammes handelt. Die Sprache ähnelt keinem mir bekannten Indianerdialekt. Außerdem haben die Ureinwohner ihre Geschichten mündlich überliefert und nicht niedergeschrieben.“ „Ich glaube immer noch, dass uns jemand mächtig verschaukeln will“, meinte Shane. „Wenn deine Theorie stimmt, hat derjenige weder Kosten noch Mühen gescheut“, stellte Natalie fest. „Die Platte ist aus Marmor. Und die Schriftzeichen sind filigran und sorgfältig eingeritzt. Die muss ein professioneller Steinmetz in den Stein gemeißelt haben.“ „Okay, verwerfen wir mal Shanes Theorie, dass es sich bei der Sache um einen schlechten Scherz handelt“, warf Zara ein. „Wie kommt die Tafel hierhin?“ „Nun, Billy Rutherford hat in seinem Tagebuch behauptet, er habe sie vergraben. Wenn er sie allein aus der Hütte geschleppt hat, ist er bestimmt nicht weit gekommen. Sie ist viel zu schwer!“ Natalie schob ihre Finger in das lockere Erdreich unter dem Stein und versuchte, ihn anzuheben. Er bewegte sich keinen Millimeter. „Und wieso haben wir die Tafel nicht schon gestern gefunden?“, hakte Zara nach. „Keiner von uns ist hier am Waldrand entlanggelaufen“, meinte Kyle. „Und möglicherweise wurde die Platte erst durch die heftigen Regenfälle der letzten Tage freigespült.“ „Aber warum dann erst jetzt?“, fragte Natalie. „Wenn die Steintafel seit Jahrzehnten an dieser Stelle vergraben liegt, hätte sie durch frühere Unwetter zum Vorschein kommen können.“ „Schon. Aber schau mal nach oben“, konterte Kyle. Alle blickten zum Himmel. Über ihnen ragten die Baumkronen ins Blau. Direkt über der Platte war eine breite Astgabel abgebrochen. Sie lag ein Stück entfernt im Gebüsch. „Vermutlich ist der Ast während der Gewitter der letzten Tage abgeknickt. Und somit wurde dem Grab der Tafel der Schutz genommen“, erklärte Kyle. „Hagel und Regen konnten das Loch aushöhlen und die Tafel freilegen.“ „Du hast auch immer eine logische Erklärung parat“, meinte Natalie. „So könnte es auf jeden Fall gewesen sein,“ antwortete Kyle. „Ich schlage vor, wir tragen die Steintafel ins Haus und untersuchen sie. Mich wundert, dass das Ding nicht schimmert. Billy hat doch geschrieben, dass sie geleuchtet hat, oder nicht?“ „Hat er“, bestätigte Natalie. „Aber ehrlich gesagt, möchte ich das Ding nicht in meiner unmittelbaren Nähe haben. Auch wenn ihr mich allesamt für abergläubisch erklärt.“ „Ich will die Tafel auch nicht im Haus!“ Gwen hob abwehrend die Hände. „Ich bin froh, dass ich meine Ängste einigermaßen in den Griff bekommen habe. Aber allein die Vorstellung, dass das Teil in unserer Hütte ist und Shane weit weg, versetzt mich sofort in Panik.“ „Schon gut.“ Kyle winkte ab. „Die Marmortafel kann ich mir genauso gut hier draußen ansehen. Außerdem bezweifele ich, dass jemand sie stiehlt.“ „Und selbst wenn, ist es egal“, meinte Shane. „Denn ich werde jetzt frühstücken und mich dann auf den Weg machen. Und spätestens heute Abend sind die Cops da. Dann hauen wir auf Nimmerwiedersehen ab.“ Das Frühstück verlief schweigsam. Der Fund der Tafel hatte alle aufgewühlt. Auch diejenigen, die nicht an übernatürliche Vorkommnisse glaubten. Gwen hielt während des gesamten Essens Shanes Hand und ließ sie nur los, wenn sie oder er sich ein Brot schmierten. Schließlich kam der Zeitpunkt des Aufbruchs. Shane verschwand in seinem und Gwens Schlafzimmer und zog sich um. Mit Parka, Baseballkappe und Wanderstiefeln ausgestattet, kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Natalie reichte ihm eine Thermoskanne Tee und in Zellophan eingewickelte Sandwiches, die sie für ihn gemacht hatte. „Das ist eine nette Geste“, bedankte sich Shane und lächelte sie an. „Hör mal, ich möchte mich bei dir entschuldigen. Ich bin zu hart mit dir ins Gericht gegangen und hab dich wegen deines … wie soll ich sagen … Geisterglaubens … echt dumm angemacht.“ „Schon okay. Ich bin nicht sauer. Manchmal zweifel ich selber an meinem Verstand“, gab sie zu und reichte Shane die Hand. „Komm heil zurück. Dann kannst du mich weiter dumm anmachen.“ Shane lachte. „Versprochen!“ Er ignorierte ihre ausgestreckte Hand, zog sie stattdessen in seine Arme und drückte sie fest an sich. Natalie schloss die Augen und erwiderte die Umarmung. Als sie ihre Lider wieder aufschlug, schimmerte um Shanes Kopf und Schultern eine Art Heiligenschein aus Goldstaub. Natalie blinzelte. Der Glitzer war verschwunden. Vermutlich eine optische Täuschung. Schließlich stand sie mit dem Gesicht zur Verandafront, und draußen spiegelte sich die Sonne goldgelb im Wasser des Whirlpools. „Jetzt bin ich aber dran!“ Gwen forderte ungestüm ihren Freund zurück. Shane löste sich von Natalie und umarmte seine Liebste leidenschaftlich. Die anderen traten beiseite und ließen den beiden Zeit, sich zu verabschieden. Dann begleiteten sie Shane vor das Blockhaus und folgten ihm zu seinem Jeep. Er holte Gewehr und Munition aus dem Wagen und versicherte sich, dass die Waffe geladen war. Er drückte Gwen ein letztes Mal an sich. Dann marschierte er in den Wald. Gwen weinte, als er parallel zu dem Schlammpfad, der nur Tage zuvor ein befahrbarer Weg gewesen war, durch das Unterholz stapfte und sich an den Abstieg machte. „Lieber Gott“, begann sie. „Ich gehe wieder in die Kirche … Und ich spende all mein Geld den Armen … und du weißt, Grandma hat mir Millionen vermacht. Das Geschäft lohnt sich … Nur lass Shane heil zurückkommen. Bitte! Ich schwöre, ich werde das Versprechen halten. Bitte, bitte! Lass ihn gesund zu mir zurückkehren …“ „Hey, ganz ruhig“, flüsterte Natalie und legte ihren Arm um Gwens Schultern. „Ich glaube nicht, dass Gott sich kaufen lässt … Mach dir keine Sorgen. Alles wird gut.“ Sie versuchte, ihre Stimme zuversichtlich klingen zu lassen. Dabei unterdrückte sie nur mit Mühe den Wunsch, Shane hinterherzulaufen und ihn zu bitten, seinen Plan aufzugeben und bei ihnen zu bleiben. Die vier schauten ihm so lange nach, bis er zwischen den Tannen verschwunden war. „Shane schafft das. Davon bin ich felsenfest überzeugt“, sagte Kyle. „Und damit wir nicht den ganzen Tag an ihn denken, starten wir ein Beschäftigungsprogramm. Hinter dem Schuppen liegt ein Kanu. Das Wetter ist super für einen Bootsausflug.“ „Das klingt gut“, meinte Zara. „Ich bin dabei. Na, los!“ Sie stieß Gwen in die Seite. „Nicht heulen. Paddeln.“ Gwen lachte unter Tränen. „In Ordnung.“ „Ich trage euch das Boot zum See“, bot Kyle an. „Und was machst du dann?“, fragte Gwen. „Ich untersuche die Steintafel“, entgegnete er. „Natürlich könnt ihr mir helfen, wenn ihr Lust habt.“ „Bist du irre?“ Zara winkte ab. „Nein danke. Das Ding verursacht mir Gänsehaut.“ Gwen schüttelte sich. „Ich sehe mir die Tafel an“, sagte Natalie. Die Inschriften ließen ihr keine Ruhe. Sie wollte unbedingt herausfinden, was sie bedeuteten. Außerdem musste sie Zeit mit Kyle allein verbringen. Es gab eine Frage, die ihr auf der Seele brannte und auf die sie gern bald eine Antwort bekommen würde. Zara bedachte sie mit einem giftigen Blick. Offensichtlich ärgerte sie sich, zu schnell der Bootsfahrt zugestimmt zu haben. „Na, dann los!“ Kyle ging zielstrebig hinter das Blockhaus. Wenig später trug er das leichte Plastikboot zum See, setzte es ins Wasser und wartete, bis die Mädchen eingestiegen waren. Dann stieß er das Kanu vom Ufer ab. Während Gwen und Zara auf den See hinausglitten, lief Kyle zum Waldrand. Natalie machte einen Umweg über das Haus. Sie holte Papier und einen Bleistift und stieß anschließend zu Kyle. Er vermaß den Stein, hob ihn ächzend an und fachsimpelte darüber, woher der Marmor stammen konnte. „Soweit ich weiß, gibt es größere Marmorabbaugebiete in Georgia und Vermont, aber nicht in Colorado“, grübelte er laut. Natalie hörte ihm nur halb zu. Sie war in Gedanken bei der Frage, die sie ihm seit dem frühen Morgen stellen wollte. Aber jetzt, da sie mit ihm allein war, traute sie sich nicht, ihn auf Zara anzusprechen. „Darf ich?“, fragte sie stattdessen, schob ihn zur Seite, um bessere Sicht auf die Steintafel zu bekommen und schrieb die eingravierten Buchstaben ab. „Zu dumm, dass wir kein Handynetz haben, sonst würde ich die Buchstaben bei Google eingeben. Vielleicht würden wir dann blitzschnell herausfinden, was die Sätze bedeuten“, sagte sie, ohne Kyle dabei anzusehen. „Warum bist du sauer auf mich?“ Plötzlich hielt Kyle sie am Arm fest. „Bin ich nicht.“ Natalie schüttelte seine Hand ab und fuhr fort, sich die Buchstaben zu notieren. „Pah! So ein Quatsch! Ich kenne dich fast so gut wie mich selbst. Du bist total wütend!“ „Wenn du mich so gut kennst, weißt du die Antwort doch schon. Also nerv mich nicht!“ Natalie drückte die Bleistiftspitze so hart auf das Papier, dass sie brach. „Ich bin mit der Kopie fertig und geh ins Haus. Ich versuche dort, das Rätsel um die Inschrift zu lösen. Meine weiße Haut verträgt keinen Sonnenbrand.“ „Nun hör aber auf! Ich hasse zickige Frauen!“ Wieder hielt Kyle sie am Arm fest. „Das ist ja wohl schlichtweg gelogen!“, keifte sie zurück. „Denn offensichtlich stehst du total auf Zara!“ „Was? Wie bitte?“ „Du hast mich verstanden. Und falls nicht, raus mit der Sprache! Hast du eine Affäre mit ihr?!“ Endlich hatte sie gefragt. Zwar bereute sie es im gleichen Moment, denn damit hatte sie zugegeben, dass sie in ihn verliebt war. Aber gleichzeitig fühlte sie sich auch ungemein erleichtert. „Wie bitte?“, wiederholte Kyle begriffsstutzig. „Nun tu nicht so unschuldig! Oder hast du verdrängt, dass du dich letzte Nacht mit ihr auf dem Sofa herumgewälzt hast?“ „Bist du eifersüchtig?“, fragte er erstaunt. „Dann stimmt es also.“ Natalie ballte die Fäuste. Notfalls würde sie ihrem Zorn freien Lauf lassen und auf ihn eintrommeln, anstatt zu ihrer Schmach zu heulen. Kyle sah sie lange nachdenklich an, als ob er überlegte, was er machen sollte. „Es stimmt, und es stimmt auch wieder nicht“, sagte er schließlich. „Ich war nicht ehrlich zu dir. Zara ist nicht bloß eine langjährige Bekannte aus der Schulzeit. Wir waren damals zusammen.“ Natalie stöhnte auf. „Zara und ich waren König und König beim Abschlussball unserer Highschool. Wir galten als Traumpaar. Mitschüler, Lehrer, Freunde, Eltern … alle waren sich sicher, wir würden heiraten, Kinder kriegen und bis ans Ende unserer Tage glücklich zusammenleben.“ Natalie nahm seinen Monolog wie durch Watte auf. Traumpaar – was für ein schreckliches Wort! Sie spürte einen Kloß im Hals. „Aber Menschen verändern sich“, fuhr Kyle fort. „Schon ein halbes Jahr nach der Schule wussten wir, dass wir eigentlich nicht zusammenpassen. Wir hatten völlig konträre Meinungen und in fast allen Belangen einen unterschiedlichen Geschmack. Zara wollte unbedingt was erleben. Partys, Karriere, Luxus. Mir waren und sind solche Oberflächlichkeiten egal. Sie ging voller Abenteuerlust nach New York. Ich blieb hier und schrieb mich an der Universität von Denver ein. Die räumliche Trennung sollte uns die Chance geben, herauszufinden, wer wir waren – und ob wir vielleicht doch zusammengehörten.“ „Und?“, fragte Natalie ungeduldig. „Ich weiß es nicht. Seit sie zurück ist, haben wir uns nur selten gesehen. Ich hatte andere Dinge zu tun und habe mich außerdem ziemlich häufig mit einem anderen Mädchen getroffen.“ „Mit wem?“, fragte Natalie atemlos. Musste sie es etwa mit zwei Konkurrentinnen aufnehmen? „Mit dir“, antwortete er und sah ihr tief in die Augen. „Ich?“ Nun war Natalie vollends verwirrt. „Aber ich bin doch nur dein ‚bester Freund‘. Das hast du gestern erst zu mir gesagt.“ „Ja. Und das habe ich noch nie zu einem Mädchen gesagt. In deinen Ohren mag das unromantisch klingen. Aber für mich bedeutet das sehr viel. Denn ich bin auf der Suche nach einer Seelenverwandten. Und dazu gehört eben diese Nähe, die wir haben.“ „Und wieso bist du dann so abweisend zu mir und machst mit Zara herum?“ „Ich habe Angst, es könnte zwischen dir und mir nicht funktionieren, sobald wir ein Paar sind. Und dann würde ich nicht nur eine Beziehung in den Sand setzen, sondern dich auch als besten Freund verlieren.“ „Und dann machst du lieber mit Zara herum, die sich dir an den Hals wirft!“ „Ich habe letzte Nacht nicht mit Zara rumgemacht. Jedenfalls nicht richtig. Wir haben uns geküsst und gestreichelt. Aber mehr nicht.“ „Mir reicht das schon!“, rief Natalie verletzt. „Allzu weit kann es mit deinen Gefühlen für mich nicht her sein, wenn du mit deiner Ex knutschen kannst.“ „Das stimmt nicht. Aber ich habe eben erst begriffen, dass du in mich verliebt bist. Das ist super! Das habe ich mir gewünscht …“ „Aber?“ „Ich bin durcheinander“, gestand er. „Es war ein Fehler, Zara auf diesen Ausflug mitzunehmen. Ich dachte, ich wäre über sie hinweg. Aber jetzt, da ich wieder Zeit mit ihr verbracht habe und wir uns gestern Nacht sehr gut unterhalten haben, weiß ich nicht, für wen ich mich entscheiden soll. Zara will mich zurück. Aber ich bin in dich verliebt. Das musst du mir glauben. Dennoch fühle ich mich auch zu ihr hingezogen. Ich kenne sie schließlich seit ewigen Zeiten.“ „Na, toll! Genau das wollte ich hören“, meinte Natalie spitz. „Wenn du zweigleisig fahren willst, bist du bei mir an der falschen Adresse.“ „Das will ich nicht. Es kann nur eine geben. Da bin ich absolut deiner Meinung.“ „Nur weißt du nicht, welche von uns beiden“, stellte Natalie resigniert fest. Das Gefühlschaos nahm sie ungeheuer mit, und es ärgerte sie, dass Kyle sich von einem berechnenden Luder wie Zara einwickeln ließ. „Gib mir Zeit! Bitte!“ Kyle sah sie flehentlich an. „Das habe ich gestern auch zu Zara gesagt.“ „Dann weiß sie also, dass es entweder sie oder ich heißt?“ Kyle nickte. Natalie sah Kyle ungläubig an. Jungs waren so dumm! Was hatte er sich dabei gedacht? Er selbst hatte ihr verraten, was für eine „Hexe“ Zara sein konnte. Sein unbedachtes Verhalten hatte den Zickenkrieg verschlimmert, und Zara würde nicht ruhen, bis sie Natalie ausgestochen hatte. Ein Konkurrenzkampf hatte ihnen allen in der jetzigen Situation gerade noch gefehlt. Natalie war stinksauer und hatte keine Lust mehr, in Kyles Nähe zu sein. Vor allem, da er sich schon wieder der Steintafel zuwandte. Für ihn schien alles geklärt zu sein. Frechheit! Sie warf wütend ihre feuerrote Mähne zurück und holte Luft, um ihm die Meinung zu sagen. Da sah sie den Mann. Er stand zwischen zwei Tannen mitten im Wald. Er starrte sie unverhohlen an. Als er bemerkte, dass sie ihn entdeckt hatte, hob er den Arm und winkte ihr zu. Natalie blinzelte, um sein Gesicht erkennen zu können. Er befand sich circa zwanzig Metern entfernt von ihr. Er besaß braunes Haar, das ihm bis auf den Hemdkragen wuchs, und einnehmende, jungenhafte Züge. Seine Kleidung wirkte altmodisch. Er trug ein cremefarbenes, weites Hemd und weite, ausgestellte Arbeiterhosen. Der Typ, den ich beim Pilzesammeln gesehen habe, hatte auch dunkle Haare, dachte sie. Da tauchten hinter ihm zwei weitere Männer auf. Sie schauten neugierig über seine Schulter. Wie der Dunkelhaarige waren sie jung, Anfang bis Mitte zwanzig. Einer hatte rotes Haar und einen Vollbart. Der zweite war blond und verunstaltete sein hübsches Gesicht mit einem albern aussehenden Schnauzer, dessen Enden er nach oben gezwirbelt hatte. Ihr Erscheinen verursachte Natalie Beklemmungen. Ihr Brustkorb fühlte sich eingeschnürt an. Sie wünschte, Shane und sein Gewehr wären hier und dachte an die Winchester, die neben dem Kamin lehnte. Ladehemmung hin oder her, eine Waffe wirkte immer einschüchternd. Doch so standen sie und Kyle mit leeren Händen vor drei Fremden, von denen sie nicht wussten, ob sie ihnen gut oder schlecht gesinnt waren. Natalie öffnete den Mund, um Kyle auf den unerwarteten Besuch hinzuweisen. Doch sie brachte keinen Ton heraus. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus. Aber er hockte zu weit entfernt über der Steintafel und war in seine Arbeit vertieft. Da bewegten sich hinter den Männern die Zweige des Gestrüpps. Weitere Personen kamen heran. Ein Mann, eine Frau, ein Kind. Sie trugen die Mode von vor zehn Jahren. Eine weitere Person, die Natalie jedoch nur als sehr großen, schlanken und dunklen Umriss wahrnahm, und ein Vierbeiner blieben im Hintergrund. Die Gruppe verharrte regungslos unter den Bäumen und blickte zu ihr herüber. Sie kommen … Sie erinnerte sich an Billys Tagebucheintrag. „Kyle!“, stieß sie hervor. Da wurde ihr Ruf von einem gellenden Schrei übertönt. Er hallte vom See herüber. Kyle schreckte hoch. „Zara!“ Er sprang auf und rannte los. Natalie folgte ihm. Als sie einen Blick über die Schulter warf, um nach den Besuchern zu sehen, waren sie verschwunden. 7. KAPITEL Spiegelglatt lag der See im Sonnenschein. In seiner Mitte trieb das leere Kanu. Von Zara und Gwen fehlte jede Spur. „Das Boot muss gekentert sein“, sagte Kyle atemlos, während er die Schuhe abstreifte. „Ich weiß, dass Zara schwimmen kann. Aber Gwen? Keine Ahnung. Doch selbst wenn. Bergseen sind auch im Sommer eiskalt. Ein Krampf, und man geht gnadenlos unter.“ Er sprang ins Wasser und tauchte ab. Die Wasseroberfläche kräuselte sich kurz dort, wo er eingetaucht war. Dann lag der See wieder friedlich vor Natalie. Bis auf den Ruf eines einsamen Vogels herrschte Grabesstille. Natalie hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so allein gefühlt. Sie wagte nicht sich umzudrehen, aus Furcht die seltsamen Leute könnten hinter ihr stehen. Sie rechnete jeden Moment damit, dass jemand seine Hand auf ihre Schulter legte. Bei der Vorstellung begann sie unkontrolliert zu zittern. Am besten sprang sie Kyle hinterher und suchte die Mädchen am Grund des Sees. Aber damit war weder Zara und Gwen noch ihr gedient. Natalie war keine begnadete Schwimmerin. Sollte sie eins der Mädchen finden und es krallte sich vor Panik an ihr fest, würden sie beide ertrinken. Ihr Blick huschte über den See. Kyle musste jede Sekunde wieder auftauchen. Aber nicht einmal Sauerstoffbläschen stiegen auf. Ein Gewehrschuss zerriss die Stille. Natalie erschreckte sich so sehr, dass sie beinahe ohnmächtig geworden wäre. Ein zweiter Schuss folgte. Sein Echo wurde wie das des ersten von den Felswänden der Berge zurückgeworfen und machte es ihr schwer, festzustellen, wo geschossen wurde. Auf jeden Fall befand sich der Jäger nicht in ihrer unmittelbaren Nähe. „Natalie!“ Sie zuckte zusammen und fasste sich ans Herz. „Natalie!“ Der Ruf kam vom See. Sie blickte sich um und entdeckte Kyle, der schnaufend aus dem Wasser auftauchte. Er hielt Gwen in den Armen. Sie schlug wild um sich, sodass er mit ihr fast wieder unterging. Natalie rannte bis zur Taille ins Wasser und packte Gwen am Arm. Mit Kyles Hilfe zerrte sie sie an Land. Kyle tauchte sofort wieder ab. Er suchte Zara. Natalie gelang es trotz Aufwendung all ihrer Kraft nicht, Gwen ruhigzuhalten. Sie trat und schlug um sich. Ihre Augen waren weit aufgerissen. Weinend keuchte sie: „Nein, Tom! Nicht!“ Bei der Erwähnung von Toms Namen bekam Natalie Gänsehaut. In ihrer Hilflosigkeit, sich gegen Gwens Attacken zu wehren, sah sie nur eine Möglichkeit, sie in den Griff zu bekommen. Sie ohrfeigte Gwen. „Natalie?“ Gwen sah sie an, als käme sie aus einer anderen Welt zurück. „Es ist alles gut. Du bist in Sicherheit. Was ist denn passiert?“ Natalie nahm Gwen in die Arme und streichelte ihre Wange. „Tom!“, wimmerte Gwen und verbarg ihr Gesicht in Natalies Schoss. „Tom hat Zara geholt.“ „Gwen, du fantasierst“, sagte Natalie sanft. „Tom ist tot. Er kann niemanden holen.“ „Was weißt du schon!“, raunzte Gwen sie an und riss sich von ihr los. „Tom ist aus dem See aufgetaucht, hat sich an den Rand des Kanus gehängt und es zum Kentern gebracht! Er wollte uns ertränken! Zara hat er erwischt!“ Da schoss Kyle in einer Wasserfontäne aus dem See empor. Er hielt die leblose Zara an sich gepresst. Er schleppte sie an Land und legte sie ins Gras. Ihr Gesicht war grau und aschfahl. Kyle bog den Kopf seiner Exfreundin in den Nacken und begann mit der Mund-zu-Mund-Beatmung. Der Anblick weckte Natalies Eifersucht und die unliebsame Erinnerung an den Morgen, als sie die beiden eng aneinandergeschmiegt auf der Couch gefunden hatte. Natalie schämte sich. Wie konnte sie in einer Situation auf Leben und Tod so missgünstig und kleinlich sein? Sie wandte sich ab und half Gwen auf die Beine. „Ich bring dich ins Haus“, sagte sie. „Lebt Zara? Was ist mit ihr?“, schrie Gwen und schluchzte, während sie an Natalies Arm hing. Zaras Körper zuckte. Sie hustete, würgte und spie Seewasser aus. Sie würde einige Nächte Schönheitsschlaf brauchen, um wieder gut auszusehen. Aber sie lebte. Kyle hob sie hoch und trug sie ins Haus. „Ich habe Tom gesehen!“, wiederholte Gwen wenig später, als sie mit einer Tasse heißen Tees in eine Decke eingewickelt am Küchentisch saß. „Er lag wie eine Wasserleiche im See. Er schwamm auf dem Rücken. Zuerst dachte ich, das Tier, das ihn verschleppt hat, hätte ihn verloren oder zu nah am Wasser abgelegt und seine Leiche wäre in den See gerollt. Der Gedanke und sein Anblick waren schon schrecklich genug. Aber dann ist mir aufgefallen, dass er mich anstarrt. Ich weiß …“, sagte sie zu Natalie, die sie hatte unterbrechen wollen. „Ich weiß, dass er im Tod die Augen offen hatte. Doch er hat mir zugezwinkert!“ „Das war bestimmt eine optische Täuschung. Vielleicht ist eine Welle über sein Gesicht geschwappt …“, begann Kyle. Aber Gwen blockte ihn erbost ab. „Ich bin keine hysterische Idiotin! Auch wenn ich in der letzten Zeit so gewirkt haben muss. Tom lag im Wasser! Er hat mir zugezwinkert! Dann hat er sich blitzschnell an die Seite des Kanus gehängt und uns mit einem Ruck zum Kentern gebracht.“ Wütend verschränkte sie die Arme vor der Brust. „Hast du Tom auch gesehen?“, fragte Kyle Zara. „Nein. Ich bin nur urplötzlich im Wasser gelandet, und jemand zog mich nach unten. Ich vermute, es war Gwen …“ „Ich war das nicht!“, fiel Gwen ihr ins Wort. „Ich habe dich nicht unter Wasser gezogen, Zara. Das war Tom!“ „Oh, bitte!“, stieß Zara ärgerlich hervor. „Ich hab keine Ahnung, was passiert ist. Vielleicht hast du dich zu weit aus dem Kanu gelehnt, und es ist gekentert. Jedenfalls habe ich keinen Tom gesehen. Und du brauchst dich jetzt auch nicht rauszureden. Wenn man glaubt, dass man ertrinkt, gerät man in Panik. Zum Glück hast du mich nicht umgebracht. Aber mit dir geh ich bestimmt nicht mehr paddeln.“ „Aber ich lüge nicht! Und ich spinne auch nicht!“, protestierte Gwen verzweifelt. „Kyle, bitte, fahr mit dem Kanu raus auf den See. Ich wette mit dir, dass du Tom finden wirst!“ „Gwen, ich habe nur euch beide im Wasser entdeckt. Dort war niemand sonst, weder tot noch lebendig. Ich paddel nicht raus. Es wäre sinnlos. Sollte es eine dritte Person gegeben haben, ist sie längst ans Ufer geschwommen und in den Wald geflüchtet. Du musst versuchen, dich zu beruhigen. Wir alle haben heftige vierundzwanzig Stunden hinter uns. Jeder reagiert auf einen so tragischen Tod wie Toms anders …“ „Halt die Klappe!“, schrie Gwen ihn an und sprang auf. „Ich wünschte, Shane wäre hier! Oder noch besser: Ich hätte ihn begleitet. Was immer an diesem Ort vorgeht, wir sind zum Sterben verdammt!“ Sie schluchzte auf und rannte in ihr Schlafzimmer. Die anderen blickten ihr schweigend hinterher. Natalie glaubte Gwen. Zumindest hielt sie es für möglich, dass die Mädchen von etwas oder jemandem angegriffen worden waren. Sie dachte an die Gestalten, die sie im Wald gesehen hatte. Ein zusammengewürfelter Haufen. Sie wirkten nicht gerade wie eine Reisegruppe. Wenn Natalie an ihre Aufmachung dachte, schienen sie nicht einmal alle aus derselben Epoche zu stammen. Ein absurder Gedanke machte sich in ihrem Kopf breit. Die drei jungen Typen sahen aus wie Glückssucher aus dem 19. Jahrhundert. Ganz so, wie Natalie sich Billy, Carl und Grant vorstellte. Und das Ehepaar mit dem Kind erinnerte sie an das Foto der verschwundenen Touristen, das sie als kleines Mädchen im Fernsehen gesehen hatte. Familie Smith – mit dem gleichen Nachnamen wie ihre Jugendfreundin. Das bedeutete, dass es einen Zusammenhang zwischen den verschwundenen Touristen und Billys Tagebucheintragungen gab. Aber wie konnte das sein? Weit über ein Jahrhundert lag zwischen den Vorfällen. Billy und seine Kumpels waren längst Staub und Asche. Und wieso sollte Familie Smith freiwillig in der Verbannung auf Pikes Peak leben? Wie Geister waren sie ihr jedenfalls nicht vorgekommen. Auch wenn sie sich seltsam benahmen. Und wer war die geheimnisvolle Person im Hintergrund? Der Mann mit dem Hund – oder Wolf? Gehörte er zu den Verschwundenen, oder war er Drahtzieher eines üblen Spiels? Bei all ihrer Bereitschaft an Übernatürliches zu glauben … Für das Auftauchen dieser Menschen im Wald musste es eine reale Erklärung geben. Shane und Kyle hielten den Spuk für einen hinterhältigen Streich. Aber vielleicht handelte es sich um mehr als nur einen miesen Gag. Möglicherweise waren Menschenfänger am Werk. „Natalie, kannst du dich um Gwen und Zara kümmern?“, fragte Kyle. „Natalie? Hörst du mich? Wo bist du denn mit deinen Gedanken?“ „Ähm, ich b…in hier“, stammelte sie und entschied, ihre Überlegungen für sich zu behalten. Gwen war nicht belastbar. Erst recht nicht, nachdem sie fast ertrunken wäre. Zara konnte sie nicht trauen. Und auf Kyle war sie schlecht zu sprechen und hatte keine Lust, sich erneut von ihm sagen zu lassen, sie hätte zu viel Fantasie. „Kannst du nach Gwen und Zara sehen?“, wiederholte Kyle. „Ich untersuche den platten Reifen an Shanes Jeep. Vielleicht kann ich ihn reparieren.“ „Wieso? Glaubst du, Shane kommt nicht zurück?“, fragte Zara. „Nein, natürlich nicht. Aber ich bezweifele, dass die Polizei einen Abschleppwagen mitbringt. Und wir können den Geländewagen schlecht hier stehen lassen. Außerdem brauche ich eine Beschäftigung. Von der Steintafel habe ich erst mal die Nase voll. Ich werde weder aus den Schriftzeichen schlau noch finde ich an ihr irgendwelche Anhaltspunkte, woher sie stammen könnte.“ „Geh ruhig!“, meinte Natalie. „Ich bleibe hier. Ich halte es für eine gute Idee, den Wagen zu reparieren.“ „Danke.“ Kyle lächelte sie dankbar an und machte sich auf den Weg. Kurz darauf hörten sie ihn mit dem Wagenheber hantieren. „Hat er es dir gesagt?“, fragte Zara Natalie. Natalie nickte. „Dann sind die Fronten zwischen uns klar“, erklärte Zara. Sie schob ihren Stuhl zurück, stand auf und trat zum Sofa. „Mir geht’s gut. Ich brauche keinen Babysitter – und schon gar nicht dich.“ Sie warf sich auf die Couch, nahm ihr Magazin und begann zu lesen. Natalie ignorierte Zaras Unverschämtheit. Sie hatte nichts anderes erwartet. Sie ging zu Gwens und Shanes Schlafzimmer. Die Tür war angelehnt. Gwen lag auf dem Bett. Sie hielt ein von Tränen nasses Taschentuch vor den Mund gepresst – und schnarchte. Sie hatte sich erschöpft in den Schlaf geweint. Natalie durchquerte das Wohnzimmer, ohne Zara eines Blickes zu würdigen, und verließ das Haus über die Veranda. Sie suchte den Waldrand mit den Augen nach den merkwürdigen Gestalten ab, entdeckte jedoch niemanden. Sie trat an die Steintafel heran und hob ihren Block und den Stift auf. Sie überprüfte, ob sie die Schriftzeichen exakt kopiert hatte und betrachtete den Marmor. Der Stein leuchtete immer noch nicht. Sie kehrte ins Haus zurück. Dort breitete sie ihre Aufzeichnungen auf dem Küchentisch aus: „Hert rof dyr lib larnt wog shox ral cuc … Thim sor vert orge genelle … Lam ganek hars yonet wez“. Sooft sie die Sätze auch las, sie ergaben keinen Sinn. Vermutlich zerbrach sie sich vergeblich den Kopf und es handelte sich um die wahllose Aneinanderreihung von Buchstaben. Das erschien wahrscheinlich, wenn Tagebuch und Steintafel nur ein schlechter Scherz waren. Erneut dachte sie darüber nach, wie teuer es war, eine Marmorplatte gravieren zu lassen. Wer konnte und würde so viel Zeit und Geld investieren, um einen derben Ulk zu veranstalten? Vielleicht war etwas an Kyles früherer Äußerung dran. Er hatte Toms Kumpel verdächtigt, der ihm den Tipp, das Blockhaus zu mieten, gegeben hatte. Sicherlich hatte Tom dem Typen erzählt, wann sie nach Pikes Peak reisen wollten. Tom und Shane hatten mit ihren schrillen Gags schon manchen gekränkt und dabei auch nicht vor Freunden und Bekannten haltgemacht. Durch den Reichtum seiner Familie kannte Shane fast ausschließlich Leute mit Geld. Je nachdem, wem die beiden Chaoten auf die Füßen getreten waren, wollte die Person sich möglicherweise rächen. Und der Racheplan hatte mit Toms Tod ein unerwartetes und nicht eingeplantes bitteres Ende genommen. Das erklärte aber immer noch nicht die seltsamen Leute im Wald. Die Begegnung mit ihnen war kein Zufall. Vielleicht hatte der Urheber der Racheaktion Freunde eingeweiht, oder andere, die Opfer von Shanes und Toms „Späßen“ geworden waren, als Statisten gewonnen. Ihrem Alter nach konnten die drei Jungs, die aussahen wie Billy, Carl und Grant, Studenten sein. Im Kostümverleih gab es Perücken, Bärte und altmodische Klamotten aus jedem Jahrhundert. Und wer hatte in seinem Bekanntenkreis kein junges Paar mit Kind? Je länger Natalie über diese Theorie nachdachte, desto wahrscheinlicher erschien sie ihr. Und desto wütender wurde sie. Auf den- oder diejenigen, die ihnen so übel mitspielten. Aber auch auf Tom und Shane. Nur um sich von der Masse abzuheben und im Mittelpunkt zu stehen, hatten sie andere derart gegen sich aufgebracht, dass Tom sterben musste und Zara und Gwen fast ertrunken wären. Sie würde Shane zur Rede stellen, sobald er zurückkam. „Seht mal, wen der Wind ins Haus geweht hat!“ Kyle stand im Eingang der Blockhütte und schob Shane vor sich her ins Wohnzimmer. „Shane! Wie ist es gelaufen? Du bist aber früh zurück! Hast du es den Berg hinuntergeschafft und die Polizei informiert?“ Zara sprang vom Sofa, um ihn zu begrüßen. „Gwen!“, rief Kyle. „Schau mal, wer da ist!“ Während Kyle und Zara Shane mit Fragen löcherten, hockte Natalie am Tisch und musterte ihn. Am liebsten hätte sie ihn sofort nach potenziellen rachsüchtigen Opfern ausgefragt. Aber so kurz nach seiner Ankunft war der Zeitpunkt schlecht gewählt. Wie die anderen wollte auch sie wissen, ob und wann die Polizei kam. Außerdem sah Shane mitgenommen aus. Er musste mehrfach gestürzt sein. Sein Gesicht und seine Hände wiesen Schrammen auf. Seine Hose war dreckig und an verschiedenen Stellen aufgerissen. Nur sein Gewehr glänzte. „Baby!“, kreischte Gwen. Sie sprintete aus dem Gang, der zu den Schlafzimmern führte, quer durch den Raum auf ihren Freund zu, sprang ihn an, schlang ihm die Arme um den Hals, die Beine um seine Taille, und küsste ihn. „Oh, Gott, ich danke, danke, danke dir! Du hast meinen Schatz heil zu mir zurückgebracht. Ich bin so glücklich! Oh, mein Liebling, du fühlst dich so kalt an, und wie du aussiehst! Überall Schrammen und Wunden und deine Kleidung …!“ Sie runzelte besorgt die Stirn, glitt an ihm herunter und betrachtete ihn. „Es sieht schlimmer aus, als es ist“, beruhigte er sie. „Ich hab mich beim Abstieg ein paarmal hingelegt und wäre fast von einer Schlammflut mitgerissen worden. Fast, Schatz. Nicht aufregen!“, wehrte er einen von Gwens Gefühlsausbrüchen ab. Er nahm Gwen fest in den Arm und drückte sie an seine Brust. Mit der anderen Hand schob er seine Baseballkappe hin und her und rückte sie sich tiefer in die Stirn. „Um es gleich vorwegzunehmen“, begann er. „Ich habe es nicht bis zur Hauptstraße geschafft. Aber …“ Er hob eine Hand, um das enttäuschte Gemurmel sofort zu ersticken. „Auf halber Strecke hatte mein Handy Empfang. Ich habe die Cops angerufen und ihnen Toms Unfall gemeldet.“ „Puh!“, stieß Kyle erleichtert hervor. „Und was haben sie gesagt?“, fragte Zara. „Wann kommen die Cops?“, hakte Gwen nach. „Was sollen die Cops schon gesagt haben? Sie schicken Beamte vorbei. Sie kommen noch im Lauf des heutigen Tages. Die Polizei muss erst einen Hubschrauber aus der nächstgrößeren Stadt organisieren. Da sämtliche Straßen, die zu Pikes Peak hochführen, verschüttet sind. Ich sag euch, da draußen herrscht Krieg. Die Natur gegen den Menschen. Total heftig! Ich hab’s mit eigenen Augen gesehen: Meterhoher Schlamm versperrt Straße und Wege. Er hat Bäume umgerissen und Waldschneisen geschlagen. Ich bin, wie gesagt, selbst mehrere Meter mitgerissen worden.“ „Oh, mein armer, armer Liebling!“ Gwen bedeckte ihn mit Küssen. Da sie viel kleiner war als er, stellte sie sich auf die Zehenspitzen und hüpfte auf und ab, um seine Lippen, seine Wangen und seine Nase mit ihrem Mund zu berühren. Dabei stieß sie gegen seine Baseballkappe. Die Mütze verrutschte und fiel fast von seinem Kopf. Ärgerlich packte Shane Gwens Handgelenke und hielt sie fest. „Genug!“, fuhr er sie harsch an. Gwen starrte ihn sprachlos an. Tränen schossen ihr in die Augen. Auch die anderen waren verblüfft. Noch nie hatte er in einem solchen Ton mit ihr gesprochen. „Warum bist du denn so gemein zu mir?“, jammerte Gwen. „Mir ist heute schon genug Schreckliches passiert. Ich hab Tom gesehen! Er wollte Zara und mich töten!“ Shane sah Gwen mit leerem Blick an. Als habe er ihre Worte nicht verstanden oder als zweifelte er an ihrem Geisteszustand. „Tom?“ Kyle winkte ab. „Gwen und Zara sind mit dem Boot auf dem See gekentert. Gwen hat einen Schock.“ „Ich hab keinen Schock! Ich weiß genau, was ich sage.“ Gwen heulte los. „Schon okay, Baby.“ Shane nahm sie wieder in die Arme. „Du erzählst mir alles nachher. In Ordnung? Tut mir leid, dass ich dich angemacht habe. Ich bin ziemlich geschafft.“ „Schon gut. Ich liebe dich, Schatz!“ Gwen schluchzte an seiner Brust. „Ich dich auch, mein Liebling.“ Shane streichelte ihren Rücken und begann sie zu küssen. „Bist du irgendwem begegnet, Shane?“, unterbrach Natalie die Knutschorgie, bevor die beiden womöglich für Stunden im Schlafzimmer verschwanden. „Nein, wem denn?“, fragte Shane irritiert. „Vielleicht hast du drei junge Typen gesehen. Oder eine Familie. Einen Mann mit einem Hund … oder Wolf. Bist du vielleicht einem Jäger begegnet? Ich habe vorhin Schüsse gehört.“ „Eine Familie, drei Typen … Wolf … Schüsse. Wieso stellst du so komische Fragen? Hast du uns etwas verschwiegen?“ Kyle sah Natalie verwundert an. Sie ließ sich nicht beirren. „Haben du und Tom in letzter Zeit Bekannten oder Kommilitonen einen eurer fiesen Streiche gespielt?“ „Was soll das?“ Shane funkelte sie wütend an. „Mir gefällt die Art und Weise nicht, wie du mit mir sprichst. Ich habe heute für euch und damit auch für dich, Natalie, Kopf und Kragen riskiert. Auf deine Unterstellungen kann ich gut verzichten!“ „Entschuldige, wenn ich den falschen Ton angeschlagen habe“, lenkte Natalie ein. Sie hatte sich in ihre Wut hineingesteigert und atmete jetzt erst einmal tief durch, um sich ein wenig zu beruhigen, bevor sie fortfuhr. „Ich halte es für möglich, dass es sich bei der ganzen Angelegenheit um eine Racheaktion von irgendwelchen …“ „Halt einfach den Mund!“ Shanes stieß Natalie mit dem Finger hart gegen das Schlüsselbein. „Ich will kein Wort mehr hören! Wenn du den anderen einreden willst, dass Tom und ich schuld sind an dieser Situation, bekommst du es mit mir zu tun. Hast du das verstanden?“ „Schon in Ordnung“, antwortete Natalie und rieb sich die schmerzende Stelle an ihrer Schulter. „Ich hab falsch angefangen …“ „Kein Ton mehr!“ Shane schien kurz davor zu stehen, auf Natalie loszugehen. „Shane, bitte“, flüsterte Gwen. Sie hatte ihren Freund noch nie so aggressiv erlebt. „Ich gehe jetzt duschen“, sagte Shane und löste sich von Gwen. „Allein.“ Er schob die Baseballkappe hin und her und zog sie tief in die Stirn. Dann ließ er die Gruppe im Wohnzimmer zurück. „Was sollte das? Was geht hier vor?“, fragte Kyle Natalie, nachdem Shane im Badezimmer verschwunden war. „Nichts. Ich hab mich wohl geirrt“, entgegnete sie leichthin, nahm ihren Block mit vom Tisch und ging in das Gemeinschaftsschlafzimmer. Dort setzte sie sich aufs Bett und steckte Block und Stift gedankenverloren in ihren Rucksack. Sie schämte sich. Sie hatte überreagiert und Shane aufgrund eines vagen Verdachtes beschuldigt. Sie würde sich bei ihm entschuldigen. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Sie wartete, bis sie annahm, dass Shane mit dem Duschen fertig war. Dann verließ sie auf der Suche nach ihm das Zimmer. Auf dem Weg in den Wohnraum hörte sie aus Shanes und Gwens Schlafzimmer Stimmen. Sie blieb abrupt stehen. Seltsam. Aus der Küche drang Zaras, Gwens und Kyles Unterhaltung. Entweder führte Shane Selbstgespräche oder …? Sie beugte sich zum Schlüsselloch hinab. Shane stand mit dem Rücken zur Tür am Fenster. Offensichtlich unterhielt er sich mit jemandem, der sich draußen befand. Natalie hörte Murmeln, verstand aber kein Wort. Shanes breites Kreuz versperrte den Blick auf seinen Gesprächspartner. Shane gestikulierte aufgeregt, fasste an seine Baseballkappe, schob sie vor und zurück und zog sie wieder tief in die Stirn. Diese Marotte war Natalie bisher noch nie bei ihm aufgefallen. Sicher trug er häufig ein Käppi. Aber er fingerte nicht ständig daran herum. Außerdem schien er damit geduscht zu haben, denn die Kappe wies eine dunkle Verfärbung auf. Und er war nackt, hatte nur ein Handtuch um seine Hüften geschlungen. Komisch … In dem Moment warf Shane das Handtuch aufs Bett und kleidete sich an. Er gab Natalie den Blick auf die Person vor dem Fenster frei. Beinahe hätte sie aufgeschrien, als sie seinen Gesprächspartner erkannte. Es war Tom. Sie wich vom Schlüsselloch zurück. Ihre Gedanken ratterten. Sie hatte mit ihren Vorwürfen doch ins Schwarze getroffen. Aber anders, als sie angenommen hatte. Der Hokuspokus war Toms und Shanes Idee gewesen. Sie inszenierten mal wieder einen ihrer derben Späße! Natalie fügte die Puzzlestücke zusammen. Am Tag ihrer Ankunft hatte Tom absichtlich nasses Holz in den Kamin gelegt, damit einer der anderen in den Schuppen gehen musste und dort das Tagebuch fand, das er oder Shane zu einem früheren Zeitpunkt dort platziert hatte. Die Winchester gehörte Toms Vater. Tom hatte selbst ausgeplaudert, dass sein Vater historische Waffen sammelte. Und warum hatte Shane sie per Lichthupe ausgerechnet zum Roadhouse gelotst? Der durchgeknallte Alte steckte mit den Jungs unter einer Decke! Sie hatten ihn hundert Prozent dafür bezahlt, dass er ihr und den anderen Horrorgeschichten erzählte. Vermutlich waren es sogar der Ladenbesitzer und sein Rottweiler, die sie als Schatten im Wald gesehen hatte. Und der Wolf, der sie und Kyle verfolgt hatte, war in Wirklichkeit der verdammte Köter gewesen! Dass Tom und Shane behaupteten, jemand inszeniere das alles, war Taktik. Mit dem Manöver lenkten sie von sich ab. Und wenn Tom wirklich mit Drogen experimentierte, kannte er sich gewiss gut aus. Es gab unzählige Pflanzen, die den Herzschlag senkten, den Puls extrem verlangsamten und einen Menschen in eine totenähnliche Starre verfallen ließen. Voodoo-Priester auf Haiti machten sich solche Zaubermittel zunutze, um normale Personen in Zombies zu verwandeln. Folglich hatte Gwen nicht gelogen! Natalie hatte es gewusst! Aber es überraschte sie schon, dass Tom bei einem so fiesen Streich mitmachte. Nur warum hatte er das Boot zum Kentern gebracht? In dem Fall ging das Spiel zu weit! Die Jungs hatten das Leben zweier Menschen riskiert. Und einer davon war Gwen gewesen! Aus Dummheit … oder mit voller Absicht? Shane liebte Gwen. Obwohl … Natalie kam ein ungeheuerlicher Verdacht. Shane betrog Gwen nach Strich und Faden. Dennoch warf sie sich ihm immer wieder an den Hals. Sein Vater hatte ihm die finanzielle Unterstützung entzogen. Shane war pleite, lebte aber auf großem Fuß. Gwen war reich. Und ihren Erzählungen zufolge hatte sie ihn vermutlich in Las Vegas geheiratet. Möglicherweise war Shanes Liebesbekundung nur Show. Er wollte sie aus dem Weg räumen. Als Ehemann war er ihr direkter Erbe. Seine Mitwisser und Helfershelfer würde er ausbezahlen und fortan ein Luxusleben führen. Das war unglaublich! Andererseits sprachen Shane und Tom ständig von dem „richtig großen Ding“, das sie durchziehen wollten. Natalie zitterte. Auf der anderen Seite der Tür hörte sie Geräusche. Schnell blickte sie durch das Schlüsselloch. Shane schlüpfte in seine Jeans und streifte ein T-Shirt über, ohne seine Baseballkappe abzunehmen. Er setzte sich aufs Bett, beugte sich zu Boden und hob sein Gewehr und eine Packung Munition hoch. Er überprüfte das Patronengehäuse und lud nach. Tom beobachtete ihn dabei und grinste. Natalies innere Alarmglocken schrillten. Was hatte Shane vor? Übertraten er und Tom nun alle Grenzen und planten ein Massaker in der Wildnis? Shane erhob sich vom Bett, schloss das Fenster und klopfte zum Gruß dagegen. Er formte seine Finger zum Victory-Zeichen. Tom bildete aus Zeige- und Mittelfinger ebenfalls ein V, das Sieg bedeutete. Sieg? Über was? Natalie wurde übel. Shane kam nun zielstrebig mit der Waffe in der Hand auf die Tür zu. Natalie sah, wie er nach der Klinke griff. Sie richtete sich auf und stürzte durch den Gang ins Wohnzimmer. Sie hörte, wie Shane die Tür zum Schlafzimmer öffnete und hinaustrat. Gleichzeitig blickten Kyle, Zara und Gwen sie vom Küchentisch aus an. Natalie öffnete den Mund, um die anderen vor Shane zu warnen. Da ertönte draußen vor dem Haus ein Rauschen, das wie die Rotorblätter eines Hubschraubers klang. „Die Polizei! Endlich!“, rief Gwen erleichtert und stürmte zur Haustür. Doch Shane rannte mit großen Schritten an seiner Freundin vorbei, stieß sie sogar aus dem Weg, um als Erster am Eingang zu sein. Gwen stolperte und fiel mit einem erstaunten Aufschrei aufs Parkett. Ungläubig starrte sie Shane an. Er würdigte sie keines Blickes. Das Rotorengeräusch erstarb. In dem Augenblick öffnete Shane die Tür. Er begrüßte die Ankommenden. Er sprach sehr leise, als wollte er verhindern, dass die anderen im Raum mithörten. Trotz seines muskulösen Körpers, der den Türrahmen einnahm, erkannte Natalie drei Haarschöpfe: Sie waren blond, rot und dunkel. Das waren niemals die Cops. Das waren die seltsamen Gestalten aus dem Wald! Natalie rannte los und verpasste Shane einen Stoß. Von ihrer Attacke überrascht fiel er nach vorn. Er verlor seine Baseballkappe. Der Wind katapultierte sie zurück ins Blockhaus. Einen Moment blickte Natalie in die Gesichter der jungen Männer. Es waren, wie sie erwartet hatte, die drei altmodisch gekleideten Jungs vom Waldrand. Der Dunkelhaarige, der ihr früher am Tag zugewinkt hatte, griff nach ihr. Doch geistesgegenwärtig schlug Natalie ihm die Tür vor der Nase zu und verriegelte sie. Keine Sekunde später hämmerten die Besucher mit aller Gewalt gegen das Holz. „Was ist denn in dich gefahren?“, fuhr Zara Natalie an. „Willst du die Polizei nicht hereinlassen?“ Kyle drängte sich an Natalie vorbei, um die Tür zu entriegeln. Natalie schubste ihn unsanft zur Seite und stellte sich mit dem Rücken zur Tür. „Das sind keine Cops. Hier läuft irgendein komisches Spiel ab, das ich nicht ganz kapiere. Aber es bedeutet nichts Gutes für uns!“ „Du hast sie nicht alle! Du willst dich nur wichtigmachen!“ Zara rempelte Natalie an und streckte ihre Hand nach dem Türgriff aus. In dem Moment kreischte Gwen los. Zara fuhr geschockt herum. „Bl…ut!“, stammelte Gwen. Sie hockte auf dem Boden und hielt Shanes Baseballkappe hoch. Das Futter leuchtete feucht und rot. Der Stoff war an einigen Stellen verklebt. Kyle nahm Gwen die Kappe ab und untersuchte sie. „Shane muss eine üble Kopfwunde haben“, stellte er fest. „Hast du davon nichts bemerkt?“ Gwen schüttelte verneinend den Kopf. „Wie denn? Seit er zurück ist, trägt er die ganze Zeit diese Kappe!“ „Die Verletzung ist in keiner Weise behandelt worden. In dem Stoff befindet sich neben geronnenem auch frisches Blut“, fuhr Kyle fort. „Und …“ Er zauderte. „Ähm … also, ich kann mich irren. Aber das hier sieht aus wie Knochensplitter.“ „Shane!“, schrie Gwen. „Ich muss zu ihm!“ Sie sprang auf und rannte zur Tür. Natalie versperrte ihr den Weg. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie passte Shanes Verletzung in ihre Theorie? „Lass mich raus!“, brüllte Gwen und trommelte mit beiden Fäusten gegen ihren Brustkorb. „Gwen, werd endlich klar!“, schrie Natalie zurück und wehrte die Faustschläge ab. „Mit Shane ist etwas nicht in Ordnung. Vielleicht liegt es an seiner Verletzung … vielleicht ist er aber auch jemand anderes, als du bisher angenommen hast. Oder findest du es normal, dass er dich zu Boden stößt und sich total gestört benimmt? Bitte, renn ihm ausnahmsweise nicht hinterher! Bis wir wissen, was wirklich los ist.“ Gwen ließ die Fäuste sinken und starrte ins Leere. Sie schien über das nachzudenken, was Natalie gesagt hatte. Da drehte sie sich plötzlich um und rannte zur Verandatür. „Bleib stehen, Gwen!“, rief Natalie und setzte ihr nach. Aber die zarte, kleine Person war flink und wendig. Sie war schneller als Natalie. Innerhalb von Sekunden hatte sie die Verandafront erreicht und die Glastür aufgezogen. Im selben Moment trat Shanes breite Gestalt aus dem Schatten der Nacht heraus, als hätte er nur auf diese Möglichkeit gelauert. Das Gewehr hielt er in der Hand. Ein feiner Goldschimmer umgab seinen Körper. Das Licht der Deckenlampe erhellte sein Gesicht. Es bot keinen schönen Anblick. An der rechten Schädelhälfte klebte eine blutige Masse. Zwischen seinen Augen, mitten in der Stirn, befand sich ein kreisrundes Einschussloch. Deshalb die Baseballkappe, dachte Natalie, der übel wurde, als sie sich an die beiden Schüsse erinnerte, die sie am See gehört hatte. War es Shane gewesen, auf den Jagd gemacht worden war? Aber wieso lebte er noch? Jede einzelne der Verletzungen war tödlich. Brach Natalies Theorie vom bösartigen Streich übermütiger Studenten in sich zusammen, und sie wurden doch von Geistern gejagt? Oder kannte Shane einen verdammt guten Maskenbildner? So oder so, er durfte auf keinen Fall ins Haus zurückkehren. Sie machte einen Satz nach vorne und stieß die Verandatür zu. Gerade rechtzeitig. Shane wollte soeben einen Fuß auf die Schwelle setzen. Jetzt hieb er mit geballter Faust gegen das Glas und schrie in unmenschlichen Lauten. „Das ist nicht m…ein Shane!“, stammelte Gwen. Sie bewegte sich langsam rückwärts zum Kamin, ohne ihn aus den Augen zu lassen. Sie hob die Winchester auf, die achtlos in der Ecke lag. Die Standuhr auf dem Kaminsims schlug Mitternacht. Gwen legte auf Shane an. Ein feiner Goldschimmer begann um ihren Kopf sichtbar zu werden. Der zwölfte Schlag verhallte. Ein neuer Tag brach an. „Nein! Nicht schießen!“, versuchte Natalie sie zurückzuhalten. Drei Tage, drei Männer … Gwen drückte ab. Ein ohrenbetäubender Knall. Doch der Schuss schlug fehl. Die Kugel traf Gwen mitten ins Gesicht. Ihr blieb nicht einmal genug Zeit, vor Angst und Schmerz aufzuschreien. Sie ließ das Gewehr fallen, kippte um und war tot. 8. KAPITEL „Ich hab das Gefühl, ich dreh durch. Ich versteh die Welt nicht mehr.“ Kyle fuhr sich aufgewühlt mit den Händen durch die Haare. Er ließ sich auf der Couch zurückfallen und starrte an die Decke. Natalie hatte Kyle und Zara in ihre Theorie von Toms und Shanes üblem Spiel eingeweiht. Gleichzeitig gab sie zu bedenken, dass mehrere Punkte sie irritierten: Warum hatte Gwen vor ihrem Tod golden geschimmert? Ebenso wie Tom und Shane, die jedoch lebten. Wieso trug Tom bei der nächtlichen Kälte nichts außer seiner Badehose? Theoretisch musste er längst blau gefroren sein, schien aber immun gegen die niedrigen Temperaturen zu sein. Und warum hatte Shane Gwen nicht erschossen? Schließlich hatte er die Möglichkeit dazu gehabt. Kyle hielt wie immer logische Erklärungen bereit. Da Natalie als Einzige der verbliebenen drei den Goldstaub wahrgenommen hatte, entsprang er ihrer Einbildung. Dass Tom nicht fror, lag gewiss an seinem Drogenkonsum. Es gab genug Mittelchen, die die Körperwärme konstant hielten. Außerdem war seine halbnackte Aufmachung bestimmt Teil der Show und nicht der Auftritt eines Untoten. Dasselbe galt für Shanes Kopfwunden. Alles bloß Schminke! Verdammt gut gemacht. Genauso gut, wie Shane die Winchester manipuliert hatte. Schließlich war er derjenige gewesen, der die Ladehemmung festgestellt hatte. Dadurch, dass Gwen die Waffe abfeuerte, konnte ihr Tod als grausamer Unfall gelten. Wenn man Shane und Tom wegen ihres „Streichs“ drankriegen sollte, klang Totschlag immer noch besser als Mord – und wurde viel milder bestraft. „Glaubt ihr, wir schweben in Gefahr?“, fragte Zara. „Vielleicht verschonen uns die beiden. Jetzt, da Gwen tot ist, hat Shane doch sein Ziel erreicht. Und unsere Aussagen würden vermutlich nicht ausreichen, um die Jungs zu überführen.“ „Mag sein. Aber ich traue dem Frieden nicht“, meinte Kyle. „Nur weil Shane seit Gwens Tod spurlos verschwunden ist, bedeutet das nicht, dass er und Tom und die anderen Typen nicht irgendwo dort draußen auf eine Gelegenheit warten, uns plattzumachen.“ „Ich stimme Kyle zu“, meinte Natalie. „Auch wenn wir Shane und Tom keine Mordabsichten nachweisen können, sind wir aus ihrer Sicht dennoch unliebsame Zeugen. Sollten uns die Cops nicht glauben, Gwens Familie wird es tun. Und gleichgültig, ob die Jungs untertauchen oder nicht, sie werden uns vorher aus dem Weg räumen, und dann gehören wir zu den unzähligen Verschwundenen von Pikes Peak.“ „Aber was sollen wir machen?“, fragte Zara. „Wir packen die nötigsten Sachen, und sobald die Sonne aufgeht, hauen wir ab“, sagte Kyle.“ „Denkst du, wir schaffen es innerhalb eines Tages zum Highway 40?“ Natalie sah ihn nachdenklich an. „Keine Ahnung“, entgegnete Kyle. „Dummerweise konnte ich den Reifen von Shanes Wagen nicht reparieren. Zu Fuß dauert es bei den Wegverhältnissen, wenn wir Pech haben, zwei Tage.“ „Das ist eine lange Zeit. Wir müssen jetzt zusammenhalten.“ Natalie wandte sich an Zara. „Wir sollten vergessen, was zwischen uns steht.“ Zara nickte langsam. Überzeugend wirkte es nicht. „Natalie hat recht“, meinte Kyle. „Jetzt geht es nur noch darum, dass wir heil aus der Sache rauskommen. Alles andere ist nebensächlich.“ Er stand vom Sofa auf, nahm eine Wolldecke mit und trat an Gwen heran. „Ich bringe sie ins Schlafzimmer“, sagte er, hockte sich neben die Tote und wickelte sie in den Stoff ein. Dann trug er sie in den Raum, den sie mit Shane geteilt hatte. Als er zurückkam, ging er zur Küchenzeile und holte das einzige große, scharfe Messer aus einer der Schubladen heraus. „Wir brauchen Waffen“, erklärte er. „Ich nehme die Pfeile und den Bogen mit, die ich in der Scheune gefunden habe“, sagte Natalie. „Und was ist mit mir?“, beschwerte sich Zara. „Der Wagenheber könnte als Waffe dienen“, schlug Natalie vor. Kyle schüttelte verneinend den Kopf. „Zu schwer. Zara kann ihn nie und nimmer die ganze Strecke ins Tal schleppen. Und du und ich auch nicht.“ „Nun, dann weiche ich nicht mehr von deiner Seite, Kyle, und vertraue ganz und gar darauf, dass du mich beschützt.“ Zara machte ein paar Schritte auf ihn zu und legte ihre Arme um seine Hüften. Natalie beobachtete die Szene schweigend. Sie hatte trotz ihres Appells von Zara nichts anderes erwartet. Die falsche Ziege begann schon, sie auszugrenzen. Damit, wenn es hart auf hart kam, Kyle zu ihr und nicht zu Natalie hielt. „Ich geh packen“, meinte Natalie. Sie hatte keine Lust, sich jetzt schon über Zara zu ärgern. Schließlich musste sie die nächsten 24 bis 48 Stunden mit der blöden Kuh verbringen. Das strapazierte ihre Nerven schon genug. Im Gemeinschaftsschlafzimmer wählte sie sorgfältig aus, was sie für die Flucht benötigte. Sie packte die Sachen zusammen mit ihrem Autoschlüssel in den Rucksack und versicherte sich, dass sie auch Billys Tagebuch dabeihatte. Sie nahm das Tagebuch nachdenklich in die Hand. Sie hatte Billy gemocht und Mitleid mit ihm gehabt. Sie hätte sich gerne auf eine Zeitreise in die Vergangenheit begeben, um ihn vor den Geistern, die ihn heimsuchten, zu retten. Und nun hatte sich alles als Lüge herausgestellt. Irgendwie fühlte sie sich doppelt und dreifach von Shane und Tom hintergangen, weil die beiden sie derart vorgeführt und durch ein solches emotionales Auf und Ab gejagt hatten. Doch selbst wenn der Verdammte und seine Erlebnisse eine Erfindung der zwei Jungs waren, konnten die Aufzeichnungen vielleicht von Nutzen sein und einen Beweis liefern für das, was im Blockhaus vorgefallen war. Vorausgesetzt, sie schaffte es heil nach Denver. Sie stopfte das Tagebuch zurück in den Rucksack und suchte zuletzt nach den Pfeilen und dem Bogen. Sie waren eingewickelt in der alten Indianerdecke unter dem Doppelbett verstaut. Kyle hatte ihren Fund so tief daruntergeschoben, dass Natalie sich flach auf den Teppich legen und unter das Bett krabbeln musste, um an ihn heranzukommen. Sie wollte gerade nach dem eingerollten Bündel greifen, als die angelehnte Zimmertür aufgestoßen wurde. Zara!, dachte Natalie. Warum flirtete die Zicke nicht weiter mit Kyle und ließ sie in Ruhe packen? Da bemerkte sie, dass niemand den Raum betrat. Sie presste sich flach auf den Boden. Die Person stand im Türrahmen. Natalie konnte nur Füße und Beine erkennen. Und die gehörten nicht Zara. Dafür waren die Schuhe zu groß. Außerdem erkannte sie die Hose wieder. Unmittelbar vor ihr stand: Shane! Verdammt! Natalie hielt die Luft an und bewegte sich keinen Millimeter. Sie lauschte. Shane blieb regungslos auf der Stelle stehen. Natalies Rucksack stand mitten im Raum. Er konnte ihn unmöglich übersehen. Ein leises Knarren. Die Tür wurde wieder zugezogen. Shane war verschwunden. Natalie blieb flach unter dem Bett liegen. Ihr Herz raste und sprengte fast ihren Brustkorb. Offensichtlich verzichteten Shane und Tom auf weiteres Katz-und-Maus-Spiel und planten, kurzen Prozess mit ihr und den anderen beiden zu machen. Sie musste Kyle und Zara warnen. Vorsichtig robbte sie unter dem Bett hervor. Pfeile und Bogen hielt sie fest umklammert. Während sie aufstand, nahm sie ihren Rucksack und setzte ihn auf. Sie schlich zur Tür, öffnete sie ein Stückchen und spähte vorsichtig hinaus. Die Tür zu Gwens Schlafraum stand offen. Sie sah den schwarzen Spalt im Lichtschein, der vom Wohnzimmer in den Gang fiel. Natalie bekam vor Angst Gänsehaut. Verbargen sich Tom und Shane in dem Zimmer? Sie überlegte, aus dem Fenster des Gemeinschaftsschlafzimmers zu klettern. Aber bei ihrem letzten Versuch, es zum Lüften zu öffnen, hatte es laut gequietscht. Sie würde sich verraten, und dann gäbe es keinen anderen Ausweg. Langsam öffnete sie die Tür noch ein wenig mehr, um hinausgehen zu können. Sie achtete darauf, dass die Angeln kein Geräusch machten. Damit sie sich Shane und Tom nicht ankündigte. Schließlich trat sie in den Flur. Sie presste sich an die den Schlafzimmern gegenüberliegende Wand und arbeitete sich Schritt für Schritt voran. Als sie auf der Höhe von Gwens und Shanes ehemaligem Zimmer war, hielt sie inne. Sie starrte in die gähnende Dunkelheit des Spalts. Beobachtete sie jemand? Zitternd tastete sich Natalie an der Wand entlang vorwärts. Ihre Hände waren feucht vor Angstschweiß. Sie spürte, dass die Pfeile zwischen ihren nassen Fingern zu rutschen begannen. Panisch fasste sie fester zu. Pfeile und Bogen schlugen leise aneinander. Entsetzt starrte sie zu Gwens Zimmer. Nichts. Sie sah kurz auf die Pfeile. Sie hatte alles wieder im Griff. Sie blickte auf. Genau in Shanes Gesicht. Er starrte sie schweigend an und hob sein Gewehr. Hinter ihm bauschte sich der Vorhang im Nachtwind. Das Fenster stand sperrangelweit auf. Im Licht des abnehmenden Vollmonds schwang sich Tom über den Sims ins Zimmer. Das Bett war leer und Gwens Leiche verschwunden. „Kyle! Zara! Haut ab! Shane und Tom sind im Haus!“ Natalie sprintete los. Gleichzeitig machte Shane einen Satz nach vorn und packte sie an ihrer roten Mähne. Natalie wollte sich losreißen. Aber Shane hielt sie im Schwitzkasten. Das kalte Metall seines Gewehrs schlug gegen ihren Oberschenkel. Sie hob ihr Bein und trat ihm mit aller Wucht rückwärts gegen das Schienbein. Der Kerl war schmerzunempfindlich. Er zuckte nicht einmal. Sie versuchte sich zu befreien und warf sich nach vorn. Shane stolperte über Pfeile und Bogen und fiel mit ihr zu Boden. Sie rangen auf dem Gang und drehten sich dabei. Immerhin konnte sie sich aus der brutalen Umarmung lösen und drückte Shane in purer Verzweiflung ihre Finger in die Augen. Dabei berührte sie die eklig aussehende Wunde. Das geronnene Blut fühlte sich überraschend echt an. Shane ließ nicht locker. Er packte ihre Kehle und drückte Natalie die Luft ab. Da stürzte Kyle heran. Er rammte dem aus dem Schlafzimmer stürmenden Tom ein Messer in den Magen. Tom umfasste geschockt den Schaft der Waffe. Kyle stieß ihn ins Zimmer und schlug die Tür zu. Der Schlüssel steckte außen. Schnell schloss er ab. Dann trat er Shane mit aller Wucht gegen den Kopf. Shane kippte wie ein gefällter Baum zur Seite. Natalie kam frei. Sie rang nach Atem. Ihre Lungen brannten, sie sah alles verschwommen. „Los, Zara! Raus hier!“, brüllte Kyle und hob Natalie vom Boden auf. Er lief blindlings mit ihr in den Wald. Zara folgte ihnen. Da rutschte Kyle aus. Er stolperte, versuchte sich zu fangen, ließ Natalie jedoch nicht los und konnte deswegen sein Gleichgewicht nicht halten. Sie stürzten und schlugen auf dem Waldboden auf. Sie rollten über Moos, Matsch und Felsen einen Abhang hinab. Natalie schmeckt nasse Erde in ihrem Mund. Dann prallte sie mit dem Kopf gegen einen Stein und verlor das Bewusstsein. „Natalie?“ Kyles leise Stimme drang aus weiter Ferne an ihr Ohr. „Jetzt mach nicht so einen Aufstand. Sie lebt. Ihr Brustkorb hebt und senkt sich. Ihre Lider flattern. Sie kommt gleich zu sich“, flüsterte Zara genervt. Natalie schlug die Augen auf. Es war nahezu stockdunkel. Wolken verdeckten den Mond. Das kalte Licht der Sterne fiel auf die Erde. „Was ist geschehen? Sind wir gerettet?“ „Schön wär’s“, nörgelte Zara. Natalie setzte sich auf. Ihr Kopf dröhnte. Sie fasste sich an die Schläfe und ertastete eine riesige Beule von der Größe eines Tennisballs. „Geht es dir gut?“ Kyle blickte sie besorgt an. „Halbwegs.“ Sie blinzelte und wartete, bis ihre Augen sich an die Dunkelheit gewöhnten. Sie hockten zu dritt in einem Erdloch. Über ihnen ragte die gigantische Wurzel eines umgestürzten Baumes empor. Es regnete. Sie vernahm das leise, stetige Rauschen, und ab und an bekam sie einen einzelnen Tropfen ab. Der Boden unter ihr war jedoch trocken. „Meine Sachen!“ Natalie tastete hektisch die Erde neben sich ab. „Bleib ruhig! Sie sind hier.“ Kyle reichte ihr ihren Rucksack und deutete auf die Pfeile und den Bogen. „Selbst bewusstlos hast du sie so fest umklammert, ich musste dir die Finger auseinanderbiegen, um sie beiseitezulegen. Es gibt aber eine schlechte Nachricht. Dein Handy ist bei dem Sturz kaputtgegangen. Und es war das einzige, das wir hatten.“ „Das lässt sich nicht ändern“, sagte sie resigniert. „Aber immerhin leben wir noch. Was ist mit Shane und Tom? Haben sie uns verfolgt?“ „Shane nicht. Er war ausgeknockt“, meinte Kyle. „Aber Tom ist durchs Fenster raus und hinter uns her. Er hat allerdings eine andere Richtung eingeschlagen. Außerdem kann er nicht weit gekommen sein. Schließlich steckt ein Messer in seinem Bauch.“ „Habt ihr die drei altmodisch gekleideten Jungs gesehen?“, fragte Natalie. „Nein“, sagte Zara. „Hattest du Gwen aufs Bett gelegt?“ Natalie blickte Kyle an. „Ja. Sicher. Wieso willst du das wissen?“ „Sie ist verschwunden“, antwortete Natalie. „Das kann nicht sein. Es war dunkel. Du konntest sie nur nicht erkennen.“ Kyle berührte vorsichtig ihre Stirn. „Kein Fieber. Hoffentlich hast du keine Gehirnerschütterung.“ Er strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Ich werde auf dich aufpassen. Das verspreche ich dir.“ „Pst! Hör auf herumzusülzen!“, fuhr Zara ihn an. „Da ist jemand.“ Sofort erstarb jede Unterhaltung. Kyle ballte kampfbereit die Fäuste. Natalie richtete sich trotz hämmernder Kopfschmerzen auf und spannte Pfeil und Bogen. Sie lauschten. Bis auf das Prasseln des Regens herrschte Stille. „Falscher Alarm“, flüsterte Kyle. Da erklangen plötzlich ein Wetzen und ein Scharren. Die Geräusche kamen näher. Dann verstummten sie. Angespannt starrten Natalie, Kyle und Zara durch die Öffnung ihres Erdlochs ins Freie. Da tauchte vor ihnen der massige Kopf eines Tieres auf. „Schieß!“, forderte Zara Natalie auf. Natalie zielte mit dem Pfeil direkt auf das Maul. Plötzlich schien ihr das Licht einer Taschenlampe in die Augen. „Gut gemacht, Brutus! Du hast sie gefunden.“ Natalie starrte in das verfaltete Gesicht des Alten aus dem kleinen Supermarkt. 9. KAPITEL „Nun nimm doch mal den Bogen runter, Mädchen! Du machst mich und Brutus ganz nervös“, sagte der Alte zu Natalie und wollte ihr die Waffe abnehmen. „Finger weg! Sonst schieß ich erst Ihren Köter ab und danach Sie!“ Natalie zielte auf den knurrenden Hund. „Aus! Brutus! Ist gut. Die kleine Miss weiß nicht, was sie tut.“ Der Alte seufzte. „Darf ich mich wenigstens zu euch setzen? Unter der Baumwurzel hätte ich Schutz vor dem Regen.“ „Nein!“, rief Natalie. „Ja“, sagte Kyle. Er warf Natalie einen beschwörenden Blick zu. „Wir haben einige Fragen an Sie.“ Natalie überlegte kurz. „Na gut. Aber keine Faxen! Keine Signale! Kein Laut! Außer Ihre Antworten auf unsere Fragen. Geben Sie die Knarre her! Und machen Sie die Taschenlampe aus!“ Sie beobachtete jede Bewegung des Alten. „Zu Befehl, kleine Miss“, entgegnete der Alte grinsend und schob ein Stück Kautabak in seinem Mund von der linken in die rechte Wangentasche. Er reichte Natalie die Waffe und schaltete die Taschenlampe aus. Vorsichtig kroch er zu ihnen ins Trockene. Brutus hielt vor dem Erdloch Wache. „Sind Tom und Shane in der Nähe? Wie viel bezahlen Sie Ihnen für den ‚Spaß‘? Haben Sie und Ihr Hund Kyle und mich beim Pilzesammeln verfolgt und gehetzt? Kam Brutus zum Einsatz, als angeblich ein Wolf Toms ‚Leiche‘ verschleppte?“ „Holla, holla, kleine Frau! Ich weiß beim besten Willen nicht, wovon du sprichst“, wehrte der Mann ab. „Ich hab mir Sorgen um euch gemacht. Ich hab mir gleich gedacht, dass ihr trotz meiner Warnung weiterfahrt. Das hat mir keine Ruhe gelassen, und Brutus und ich haben uns zu euch auf den Weg gemacht.“ „Sie sind ja auch so ein guter Mensch. Das habe ich gleich bei unserer ersten Begegnung bemerkt“, antwortete Natalie spitz. „Lassen Sie das Geschwafel! Raus mit der Sprache! Was wissen Sie über Shanes und Toms mörderisches Spiel?“ Der Alte starrte sie schweigend an. „Mädchen, ich habe keine Ahnung, wovon du sprichst. Was auch immer hier vorgeht, ich habe nichts damit zu tun. Das schwöre ich bei meinem Leben. Für mich klingt das alles nach dem Spuk. Und selbst wenn nicht …“ Beschwichtigend hob er die Hände, als er merkte, dass Natalie ihn unterbrechen wollte. „Es ist gut, dass ich gekommen bin, um euch zu retten.“ „Traut ihm nicht!“, forderte Natalie Zara und Kyle auf. Sie sah den beiden an, dass sie weich wurden und anfingen, dem Alten zu vertrauen. „Natalie, du hast keinen Beweis dafür, dass er was mit der Sache zu tun hat. Bei den drei jungen Typen ist das was anderes. Das sind bestimmt Shanes und Toms Kumpel von der Uni. Aber er ist ein Ladenbesitzer weitab von Denver. Woher sollten Shane und Tom ihn kennen?“, wandte Kyle ein. „Keine Ahnung. Das ist auch unerheblich. Er ist unser Feind. Genau wie die anderen!“, beharrte Natalie. „Kleine Miss, das stimmt nicht. Ich werde es dir beweisen“, versuchte der Alte sie zu beruhigen. „Seien Sie still!“, fuhr Natalie ihn an. „Ich nehme Ihnen kein Wort ab!“ „Natalie! Es reicht!“ Kyle legte ihr eine Hand auf die Schulter und blickte sie beschwörend an. „Wenn er mit Shane und Tom gemeinsame Sache machen würde, wären die beiden schon längst hier.“ „Das sehe ich anders!“, entgegnete Natalie. „Tom ist schwer verletzt. Und Shane sucht gewiss woanders nach uns.“ „Natalie, ich glaube dem Mann“, sagte Kyle ruhig und entschlossen. „Er ist unsere einzige Chance, hier heil herauszukommen. Er kennt das Gebiet wie seine Westentasche und kann uns auf dem schnellsten Weg zum Highway bringen. Oder liege ich da falsch, Mister?“ „Nenn mich Ted, Junge!“, meinte der Alte jovial. „Und nein, du liegst absolut richtig.“ Er klopfte Kyle auf die Schulter. „Ich bin mir sicher, euch sind schreckliche Dinge widerfahren. Aber, kleine Miss, vertrau mir, ich bin auf eurer Seite.“ „Ich glaube ihm auch“, erklärte Zara. „Du bist überstimmt, Nat.“ „Na, dann.“ Der Alte lächelte. „Kann ich mein Gewehr wiederhaben?“ Natalie hielt die Waffe fest an ihren Körper gepresst. „Natalie, bitte!“ Kyle streckte die Hand nach dem Gewehr aus. Nach langem Zögern reichte sie Kyle die Schusswaffe. „Ihr unterschreibt unser Todesurteil“, sagte Natalie. Der Mann nahm sein Gewehr wieder an sich und tätschelte mit der anderen Hand Natalies Knie. Sie starrte ihn hasserfüllt an und zog ihr Bein weg. „Woher wussten Sie, wo Sie nach uns suchen mussten? Wir haben Ihnen zwar gesagt, dass wir nach Pikes Peak fahren, aber nicht unser genaues Reiseziel verraten!“ Natalie musterte ihn misstrauisch. „Das musstet ihr auch nicht.“ Der Alte lehnte sich mit dem Gewehr im Arm entspannt zurück. „Die Touristen sind alle in der gleichen Gegend verschwunden.“ Zara stöhnte auf und suchte in Kyles Armen Schutz. Was Natalie genervt registrierte. „Seit Jahrzehnten verschwinden Menschen in dieser Region“, fuhr Ted fort. „Ich hab zum ersten Mal davon gehört, als ich ein kleiner Junge war. Und das ist eine Weile her. Und auch mein Vater und mein Großvater sind mit dem Wissen aufgewachsen, dass der Wald seine Opfer fordert. Aber in der Presse landen die Fälle erst seit ein paar Jahren. Vorher … vorher war es egal. Menschen kamen und gingen in diesem Teil des Staates. Viele zogen weiter nach Kalifornien oder Oregon. Wer konnte schon sagen, ob sie verschwunden oder einfach nur fortgegangen waren.“ „Aber hat denn niemand hinterfragt, was mit den Opfern geschah?“, hakte Kyle nach. Der Alte zuckte mit den Schultern. „Ach, Junge. Die Menschen mischen sich nicht gern in unangenehme Angelegenheiten anderer ein. Und die Sache mit den Verschwundenen war und ist ganz schön unheimlich. Einer Sage nach befand sich am Pikes Peak einst ein Indianerfriedhof. Das ganze Areal war eine heilige Kultstätte. Die Arapahos und auch die Stämme der umliegenden Staaten brachten ihre Verstorbenen hierher, um sie zu bestatten. Der Platz ist auserwählt, weil laut der Legende vor Tausenden Jahren ihr höchster Gott Manwar vom Himmel auf diesen Berg herabgestiegen ist, um einem aus Lehm geformten Menschen seinen Atem einzuhauchen und somit die Indianer zu erschaffen.“ „Dann waren die Verschwundenen Eindringlinge, die den heiligen Ort entweihten und dafür bestraft wurden. Nahmen die Indianer sie als Menschenopfer für Manwar?“, fragte Kyle. „Vielleicht. Vielleicht nicht.“ Der Alte seufzte nachdenklich. „Ich kann es dir nicht sagen. Jedenfalls hielt sich dieses Märchen über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte. Jeder, der es weitererzählte, dichtete noch einen Teil dazu.“ Er griff in seine Jackentasche, zog eine silberne Dose hervor, öffnete sie, nahm ein Stück Kautabak heraus und steckte es sich zu dem anderen in den Mund. Während er bedächtig kaute, meinte er: „Meines Erachtens diente die Geschichte in all den Jahren nur einem Zweck: Man konnte sich unliebsam gewordener Personen entledigen und es Indianergespenstern in die Schuhe schieben.“ „Ich hatte bisher den Eindruck, Sie glauben an den Spuk?“, warf Zara irritiert ein. „Ach, Schätzchen“, meinte Ted und musterte im Sternenlicht ausgiebig ihre körperlichen Vorzüge. „Ist es im Endeffekt nicht egal? Ob nun Geister ihr Unwesen treiben oder Menschenjäger … das Resultat ist dasselbe: der Tod! Ich weiß nicht, was mit den Typen, von denen ihr redet, Shane und Tom, geschehen ist. Keine Ahnung, was sie warum gemacht haben. Ob sie von Natur aus bösartig sind oder dieser Ort sie mit Mordlust infiziert hat. Hauptsache, ich bringe euch hier lebend raus, oder nicht?“ Natalie, Kyle und Zara schwiegen. Darauf gab es nichts mehr zu sagen. „Können wir trotz des schlechten Wetters und der Dunkelheit sofort aufbrechen?“, fragte Kyle nach einer Weile. „Sicher“, entgegnete Ted und hievte sich aus seiner unbequemen Sitzposition hoch. „Und der kleinen Miss zuliebe lasse ich die Taschenlampe aus.“ Er grinste Natalie an, die ihn ignorierte. „Wenn mir was entgehen sollte …“, fuhr er fort. „Brutus bekommt es mit. Er hat auch bei der Suche nach euch die Hauptarbeit erledigt.“ Er verließ das Erdloch und spie in hohem Bogen den Kautabak aus. Dann strich er dem wartenden Rottweiler über den Kopf. „Los, Brutus! Es geht nach Hause.“ Beim ersten Morgengrauen machten sie erschöpft Rast. Sie waren mit Schlamm bedeckt, Kleidung und Schuhe durchnässt. Der Regen hatte inzwischen aufgehört, aber sie froren und hatten Hunger. Aber immerhin hatten sie die Nacht überlebt und waren keinem ihrer Verfolger begegnet. Der Alte holte aus seiner Jackentasche eine Tüte mit getrocknetem Fleisch. Er reichte sie im Kreis herum. Doch als sie bei Natalie ankam, lehnte sie ab. Ihr Magen knurrte zwar, aber von Fremden nahm sie nichts an. Schon gar nicht von Ted. Sie traute ihm immer noch nicht. Zwar hatte er sie nicht in die Arme der Jungs geführt. Aber vielleicht verfolgte er eigene Interessen. Natalie sah sich um. Bäume, wohin sie blickte. Sie waren stundenlang gewandert. Und dennoch hatte sie nicht das Gefühl, dass sie ihrem Ziel, der Straße, auch nur ein Stück näher gekommen waren. Sie schaute zu den anderen hinüber. Zara und Kyle hockten auf einem Felsen, aßen das Trockenfleisch und unterhielten sich mit dem Alten. Brutus lag zu Teds Füßen und fraß, was herunterfiel. Natalie stand auf und streckte sich. Zwischen den Bäumen zu ihrer rechten Seite schien eine Lichtung zu sein. Sie nahm Pfeile und Bogen und ging darauf zu. In regelmäßigen Abständen drehte sie sich nach der kleinen Gruppe um. Auch wenn sie den Alten verabscheute, hatte sie keine Lust, Kyle und Zara aus den Augen zu verlieren und sich womöglich allein durchschlagen zu müssen. Sie arbeitete sich durch das Gestrüpp und Unterholz vor. Nach einer Weile entdeckte Natalie wahrhaftig eine Lichtung – und nicht nur das. Vor ihr lag ein See. An seinem gegenüberliegenden Ufer befand sich ein Bootssteg. Hinter dem Bootssteg führte ein Weg hoch zu einem Haus, das hinter Bäumen versteckt lag. Vor der Hütte parkte ein Auto. Natalie fiel eine tonnenschwere Last von den Schultern. Andere Menschen! Sie hatten bestimmt Handys … Dann erkannte sie den Wagen. Shanes Jeep. „Der Mistkerl hat uns im Kreis geführt!“, stieß sie hervor. Sie wollte sich umdrehen und zu den anderen rennen, um ihnen von Teds Betrug zu erzählen. Da wurde sie von zwei dürren, aber starken Hände gepackt. „Keinen Ton, kleine Miss!“, raunte ihr der Alte ins Ohr. „Sonst bist du als Erste tot.“ „Ich sterbe sowieso!“ Natalie drehte sich blitzschnell um und rammte ihm ihr Knie mit aller Macht in den Unterleib. Der Alte jaulte auf und ließ sie los. Sie rannte zu Kyle und Zara zurück. „Er hat uns belogen!“, rief sie. Doch Brutus’ wütendes Bellen übertönte ihre Rufe. Zähnefletschend kam der Rottweiler auf sie zugeschossen. Natalie hob die Arme zum Schutz vor ihr Gesicht. Sie befürchtete, dass Brutus ihren Angriff auf sein Herrchen rächen wollte. Aber der Hund jagte an ihr vorbei ins Gebüsch. Äste und Zweige bewegten sich heftig hin und her wie bei einem Kampf zwischen zwei wilden Tieren. Brutus’ dunkles, kehliges Knurren war weithin hörbar. Sein Gegner hingegen gab keinen Laut von sich. Plötzlich heulte Brutus kläglich auf. Schwankend torkelte er aus dem Unterholz. Blut schoss aus seiner aufgerissenen Kehle. Er starrte Natalie aus trüben Augen an, japste ein letztes Mal und sackte dann tot zusammen. Zara und Kyle hatten die dramatische Szene verfolgt. Zara kreischte auf. Kyle nahm sie schützend in die Arme. Natalie lief todesmutig mit angelegtem Bogen auf das Gebüsch zu. Sie erkannte zwischen den Zweigen ein Paar große gelbe Augen. Doch bevor sie ihren Pfeil abschießen konnte, ergriff ein riesiger schwarzer Schatten die Flucht. Sie wollte ihm nachsetzen. Da hörte sie Kyles entsetzten Schrei und hielt inne. „Ted!“ Natalie wandte sich nach dem Alten um. Der Mann humpelte, die Hände schützend vor seinen schmerzenden Unterleib gepresst, mit angstverzerrtem Gesicht vom Seeufer durch den Wald auf sie zu. Zuerst glaubte Natalie, er sei außer sich vor Schock und Trauer um seinen toten Hund. Da sah sie, dass ihn jemand verfolgte. Die Person war sehr groß. Bäume und Gestrüpp verdeckten den freien Blick auf ihr Gesicht. Aber wer immer es war, er trug die Lederjacke, die Natalie in dem Schuppen gefunden hatte. „Hilf Ted! Los!“, schrie Kyle Natalie an. Natalie rührte sich nicht. Ted hatte sie hintergangen und Böses mit ihnen geplant, ob nun in Shanes und Toms Auftrag oder in Eigenregie. „Nun mach schon!“, kreischte Zara. „Warum hilfst du Ted nicht, Nat?“ Abrupt hob Natalie den Bogen. Wenn Teds Verfolger die seltsame Person war, die sie bei den drei Jungs und der Familie am Waldrand gesehen hatte, zählte das Wesen nicht zu ihren Freunden. Erst würde sie den unheimlichen Jäger erledigen, dann Ted. Sie schoss den Pfeil ab. In dem Moment packte der Jäger Ted am Schopf, riss ihn von den Füßen und hielt ihn wie ein Schild vor seinen Körper. Natalie meinte plötzlich, einen schwachen goldenen Schimmer um Teds Kopf herum wahrzunehmen. „Nein!“, rief Ted. Da traf ihn Natalies Pfeil mitten ins Herz. Der Jäger schleuderte sich Teds schlaffen, toten Körper über die Schulter und verschwand im Gebüsch. Natalie blieb wie erstarrt auf der Stelle stehen und blickte ihm nach. Das Wesen besaß übermenschliche Kraft. Die Leichtigkeit, mit der es den Toten über seine Schulter geworfen hatte … „Du hast Ted umgebracht!“ Zara war zu ihr gerannt und schlug Natalie. „Hör auf!“ Natalie wehrte Zaras Schläge ab. „Es war keine Absicht! Außerdem hatte er irgendwas Mieses mit uns vor. Er hat mir gedroht, mich als Erste zu töten, und er hat uns nicht in Sicherheit gebracht, sondern nur um den See geführt. Auf der anderen Seite liegt unser Blockhaus.“ Sie deutete auf die Lichtung. Kyle sank auf die Knie. „Verflucht! Ich kapiere nicht, was … hier los ist“, stammelte er. „Wer war dieser riesige Typ eben? Wer außer Tom und Shane will uns noch an den Kragen? Was hatte Ted vor? Warum führt er uns im Kreis und nicht direkt in Shanes und Toms Arme?“ „Ich habe keine Ahnung“, meinte Natalie. „Aber wir dürfen keine Zeit verlieren! Teds Mörder ist auch eine Bedrohung für uns. Wenigstens wissen wir jetzt, wo wir sind. Wir laufen rechts am See vorbei und dann bergab. Dann müssten wir auf den Highway kommen.“ Ausnahmsweise gab es keine Widerrede. Sie rannten einfach los, sprangen über umgestürzte Bäume, herabgefallene Äste und schroffe Felsen. Erst nach einer halben Stunde Dauerlauf machten sie gezwungenermaßen Halt. Zara brach zusammen. Sie lag auf dem Waldboden, weinte und rieb sich ihr linkes Fußgelenk. „Ich bin umgeknickt und hab mir den Knöchel verletzt“, jammerte sie. Kyle schob ihr Hosenbein hoch. Ihr Gelenk war dick angeschwollen. Er tastete es ab. „Es ist nur verstaucht, nicht gebrochen“, stellte er fest und versuchte Zara hochzuziehen. „Auch wenn es wehtut, du musst weiterlaufen.“ „Allein schaffe ich das nicht“, heulte Zara. „Kyle und ich tragen dich“, sagte Natalie kurz entschlossen. Sie half Kyle, Zara aufzurichten. Dann schob sie ihren Arm unter Zaras rechte Schulter. Kyle tat dasselbe auf der anderen Seite. Dann setzten sie ihre Flucht fort. Sie schleppten Zara mehrere Stunden durch die Wildnis. Durch die schwere Last kamen sie nur langsam voran. Immerhin befanden sie sich auf dem richtigen Weg. Es ging stetig bergab. Und als sie in weiter Ferne das Hupen eines Lastwagens vernahmen, jauchzten Kyle und Natalie vor Freude auf, und Zara brach vor Erleichterung in Tränen aus. Seit der letzten Nacht hatten sie Shane und Tom nicht mehr gesehen, und auch Teds Mörder war ihnen anscheinend nicht gefolgt. Hoffnung keimte in ihnen auf, dass sie es schaffen könnten. Nur nicht mehr an diesem Tag. Die Sonne versank orangerot hinter den Tannenwipfeln, und die Nacht brach an. „Wir sollten uns einen sicheren Platz suchen“, meinte Kyle zu Natalie. „Zara ist total erschöpft und ihr Gelenk auf die dreifache Größe angeschwollen.“ „Du musst über mich nicht in der dritten Person reden. Ich bin anwesend. Ich höre dich“, sagte Zara schnippisch. „Ich will nicht ausruhen. Ich will nach Hause. Ich schaffe das schon, und wenn mir der Fuß abfällt.“ „Das bezweifele ich“, erwiderte Kyle. „Außerdem brauchen Natalie und ich eine Pause. Mir tut der Rücken von der krummen Haltung weh! Und ich hab schon eine Weile schreckliche Krämpfe in den Oberschenkeln.“ „Im Übrigen ist es in einer halben Stunde stockdunkel“, erklärte Natalie. „Der Mond spendet zu wenig Licht, und es fängt schon wieder an zu regnen. Wir können Unebenheiten, Löcher oder Abhänge nicht erkennen. Dich mit deinem verletzten Fuß weiterzuschleppen wäre für uns alle Selbstmord.“ „Das ist mir egal! Ich will heim!“ Zara war einem Nervenzusammenbruch nah. Kyle seufzte. Er streckte seine Arme und rieb die Muskeln seiner Beine. „Na gut“, meinte er schließlich. „Wenn Natalie sich umstimmen lässt, gehen wir weiter.“ Natalie ärgerte sich, dass er wegen Zara alle Bedenken in den Wind schlug. Auf der anderen Seite konnte sie auf eine weitere Nacht im Horrorwald gut verzichten. „Na, dann los!“ Schweigend stapften sie mit Zara in ihrer Mitte weiter. „Sind wir noch auf dem richtigen Weg?“, fragte Natalie nach einer Stunde. „Im Dunkeln verliere ich meinen Orientierungssinn. Außerdem habe ich keine Straßengeräusche mehr gehört.“ „Wir sind richtig. Keine Sorge“, beruhigte Kyle sie. „Ich habe auf den Mond geachtet. Er leuchtet von oben links auf uns herab. Wenn wir uns daran orientieren, laufen wir direkt auf den Highway 40 zu.“ „Schlaumeier“, meinte Natalie. Kyle ignorierte ihren ironischen Tonfall. „Danke für die Blumen. Wenn wir zu Hause in Denver sind, könnt ihr beiden mir für meine Meisterleistung einen ausgeben.“ „Was? Wir gehen zu dritt aus?“ Zara klang wenig begeistert. „So schlimm kann es mit deinem Fuß nicht sein, wenn du schon wieder stänkern kannst.“ Natalie lächelte sie versöhnlich an. „Nein. Er tut so weh wie immer. Aber deshalb muss ich nicht jedem Blödsinn zustimmen“, entgegnete Zara. Natalie seufzte. „Jedenfalls bleibst du dir treu. Du bist und bleibst eine Zicke. Auf dich ist Verlass.“ „Überschlag dich bloß nicht vor Sympathiebekundungen“, entgegnete Zara spitz, fügte aber nach einer Gedankenpause freundlicher hinzu: „Ich kann ja mal eine Ausnahme machen. Von mir aus, gehen wir zu dritt was trinken.“ „Kyle, kneif mich!“, forderte Natalie ihn auf. „Hab ich das richtig gehört? Zara geht mit uns aus. Sei nur nicht zu nett zu mir, Zara. Nachher werden wir noch Freundinnen.“ „Mach dir da mal keine Hoffnung“, entgegnete Zara wie aus der Pistole geschossen. „Schade, also muss ich meine Hoffnung auf eine Beziehung zu dritt mit euch beiden wohl aufgeben“, warf Kyle grinsend ein. „Du!!!“, drohten ihm beide Mädchen gleichzeitig. „Na, immerhin seid ihr euch einig, wenn es darum geht, mich fertigzumachen“, meinte Kyle spöttisch. „Jungs sind ja auch oft total bescheuert“, stellte Zara fest. „Da bist du keine Ausnahme.“ „Welch wahre Worte. Hätte ich dir gar nicht zugetraut“, sagte Natalie. „Ich muss dir ausnahmsweise recht geben. Unser Kyle kann sich nämlich nicht entscheiden und hält uns beide hin.“ „Oh, Mist!“, meinte Kyle. „Jetzt bin ich dran. Shane! Tom! Helft mir gegen die Furien!“ Er lachte leise. „Da rufst du gerade nach den Richtigen. Wirklich sehr klug von dir.“ Natalie verdrehte belustigt die Augen. „Na, kommt! Gegen die Jungs bin ich ein Goldstück“, bettelte Kyle. „Es geht immer schlimmer!“, bemerkte Zara. Natalie musste über den Spruch lachen. Zara kicherte. Kyle tat beleidigt. Für einen Moment vergaßen sie über den spielerisch ausgetragenen Streit ihre Anspannung und Furcht. „Welche Bar machen wir zuerst unsicher?“, fragte Kyle. „Das ‚Hanson’s‘“, meinte Zara. „Das ist viel zu schickimicki! Lieber die ‚Brauerei‘“, sagte Natalie. „Das ist doch total blöd!“ „Wie wär es denn mit dem ‚Dal…‘ Oh, verdammt!“ Kyle war ins Schliddern geraten. Er ließ Zara los. „Vorsicht! Passt auf!“ „Kyle!“, schrie Natalie. Sie sah ihn nicht mehr, machte einen Schritt nach vorn – und stürzte in die Tiefe. „Kyle? Nat?“, rief Zara panisch. Sie schwankte, verlor das Gleichgewicht, stolperte nach vorn und fiel. „Zara! Natalie!“ Kyle klammerte sich an eine aus dem Erdboden ragende Baumwurzel. Unter ihm befand sich ein großes, schwarzes Loch. „Wo seid ihr? Lebt ihr noch?“ „Ich bin hier, Kyle! Hilf mir! Ich kann mich nicht halten!“, wimmerte Zara. „Ich komme.“ Kyle hangelte sich an den Wurzeln hoch, bis er wieder festen Boden unter den Füßen hatte. „Zara? Ich sehe dich nicht!“ „Hier! Schnell!“ „Warte! Ich komme. Natalie?“ „Ja … ich bin … oh, Mist, ich rutsche!“ Natalies Stimme brach. „Natalie!“, schrie Kyle, als er die Mädchen endlich entdeckt hatte. Sie baumelten an einem moosbewachsenen Ast über einem gähnenden Abgrund. Natalie hielt den Ast umschlungen. Doch ihre Hände rutschten an dem nassen Moos ab. Zara ging es nicht besser. Sie krallte sich mit den Fingern in der sich lösenden Rinde fest. Dass sie noch nicht abgestürzt war, verdankte sie einzig ihrem Pullover. Er hing an einem Felsen fest. Doch je mehr Zara zappelte, desto tiefer riss das Loch im Stoff. Es war eine Frage von Sekunden, wann das Material durchtrennt war und sie in die Tiefe fiel. „Hilf mir!“, bat Natalie Kyle. „Rette mich!“, forderte Zara. Kyle musste schnell handeln, ihm blieb keine Zeit. Ein scharfes Geräusch kündigte das komplette Zerfetzen von Zaras Pullover an. Und Natalie fand mit ihren Fingern auf der glitschigen Oberfläche des Holzes keinen Halt mehr. „Ich falle!“, kreischte Zara. „Ich kann mich nicht mehr halten!“, schrie Natalie. Kyle konnte nur eine retten. Er packte zu. 10. KAPITEL „Nun weißt du, wen ich liebe“, sagte Kyle. „Ihr wolltet beide, dass ich mich entscheide. Aber dass es so kommen musste …“ Seine Stimme brach. Er weinte. „Danke, dass du mich gerettet hast!“ Natalie küsste ihm die Tränen fort. „Um Zara tut es mir leid. Egal, wie zickig sie war. Ein solcher Tod ist grausam.“ Bei der Erinnerung an Zaras schrecklichen Todesschrei, den dumpfen Aufprall ihres Körpers und die darauf folgende unerträgliche Stille überlief sie eine Gänsehaut und die Tränen schossen ihr in die Augen. Sie schlang ihre Arme fest um Kyle und flüsterte: „Ich liebe dich auch.“ Sie hielten sich lange schweigend fest und spendeten sich Trost. „Wir können Zara nicht da unten liegen lassen“, meinte Kyle schließlich. „Was willst du tun? Es ist mitten in der Nacht. Drei oder vier Uhr.“ „Lass uns bis Sonnenaufgang warten. Dann sehen wir, ob wir zu Zara herunterklettern können und wo überhaupt ein Weg am Abgrund entlangführt. Ich habe keine Lust, dass wir ihr dort unten Gesellschaft leisten.“ Natalie nickte und schmiegte sich eng an Kyle. Er zog sie mit sich in den Schutz zweier ineinandergewachsener Bäume. Sie kuschelten sich zusammen und lauschten auf den Herzschlag des jeweils anderen. „Es tut mir leid, dass ich dich so lange im Ungewissen gelassen habe“, flüsterte Kyle. „Es ist ja nun vorbei.“ „Ab jetzt kann uns nichts und niemand mehr trennen. Wenn wir zurück in Denver sind …“ „Wir sollten noch keine Zukunftspläne schmieden“, unterbrach Natalie ihn. „Sondern einfach nur unsere Nähe genießen. Wer weiß, was der Morgen bringt.“ „Du hast recht. Vielleicht gibt es keinen Morgen“, flüsterte Kyle und streichelte sie zärtlich. „Lass uns tun, was wir uns beide schon so lange wünschen.“ Vorsichtig berührte er mit seinen Lippen ihre. Als er spürte, dass Natalie den Kuss erwiderte, presste er sie leidenschaftlich an sich. Natalie fühlte ein wohliges Kribbeln am ganzen Körper. Sie vergaß Zeit, Raum und Angst und gab sich Kyles Umarmung hin. Als Natalie aufwachte, hatte es aufgehört zu regnen und die Sonne stand hoch am Himmel. Der Waldboden dampfte. Die steigenden Temperaturen trockneten den regennassen Boden. Sie blinzelte. „Kyle?“ Keine Antwort. Sie richtete sich auf. Ihr Rücken und ihre Beine schmerzten. Sie hatte gekrümmt gegen den Baumstamm gelehnt geschlafen. Und offenbar allein. Denn als sie den Boden neben ihrem Schlafplatz abtastete, war er kalt. Seit wann war Kyle fort? Wieso hatte er sie allein gelassen und ihren Rucksack mitgenommen? Sie reckte sich. Bei Tageslicht erkannte sie das ganze Ausmaß der Gefahr, in der sie sich in der letzten Nacht befunden hatten. Unmittelbar vor ihr öffnete sich ein großer Krater, der den Wald in zwei Hälften zu trennen schien. Vorsichtig schaute sie hinab. Unter ihr lag Zaras zerschmetterter Körper in einer großen Blutlache. Ihr schönes Gesicht war unversehrt. Mit geschlossenen Augen wirkte sie, als ob sie schliefe. Aber ihre in bizarren Winkeln abstehenden Arme und Beine machten den friedlichen Anblick zunichte. Ein goldener Film schien die Tote zu überziehen. Doch aus der Höhe mochte Natalie sich das auch nur einbilden. Sie konnte nicht länger hinsehen, sonst würde sie sich übergeben müssen. „Wir müssen Zara so liegen lassen.“ „Heiliger! Musst du mich so erschrecken?! Wo hast du gesteckt, Kyle?“ „Ich habe versucht, einen Abstieg zu finden. Es gibt keinen“, erklärte er, blickte sie aber nicht an. „Du hättest mich wecken sollen. Ich habe schon befürchtet, dir wäre etwas passiert.“ Sie schaute zwischen den Tannen zum Himmel hoch. „Bestimmt schon Mittag. Wir müssen los. Ich will heute endlich den Highway erreichen.“ „Wir können sofort aufbrechen“, sagte er, küsste sie flüchtig auf die Stirn und lief vorweg am Kraterrand entlang. Natalie sah ihn verwundert nach. Seine unterkühlte Art passte so gar nicht zu den Liebesschwüren der letzten Nacht. Auf der anderen Seite hatte er genau wie sie Zaras übel zugerichteten Körper zum ersten Mal gesehen. Er hatte viel für das Mädchen empfunden und es dennoch in den Tod stürzen lassen – ihretwegen. Kein Wunder, dass er sich zurückzog und distanziert verhielt, dachte sie mit einem Anflug schlechten Gewissens. Sie schloss zu ihm auf und ergriff seine Hand. Er drückte sie fest, sah sie aber immer noch nicht an. „Manchmal muss man Dinge tun, die man nicht machen will“, begann er. „Taten, die dem eigenen Charakter und Moralgefühl widerstreben.“ Er blieb stehen und schaute ihr in die Augen. Sein Blick wirkte unendlich traurig. Er presste die Lippen aufeinander. „Wenn du davon sprichst, was mit Zara passiert ist und dass wir sie zurücklassen müssen … nun, wir können nichts tun. Sobald wir wieder in der Zivilisation sind, werden wir die Cops informieren. Die Beamten werden ihre Leiche abholen.“ „Ich bin ein Verräter“, sagte er. „Ein Verräter an einem Menschen, der mir so ungemein wichtig war und ist.“ „Zara ist tot. Du kannst sie nicht mehr verraten“, sagte Natalie ganz sanft. Kyle nahm ihr Gesicht in seine Hände und küsste sie zärtlich auf den Mund. „Ich spreche nicht von Zara“, flüsterte er, als er sich von ihr löste. „Ich spreche von dir.“ Bevor Natalie seine Worte vollends begriff, holte er aus und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht. Ihr wurde schwarz vor Augen. Sie ging in die Knie. Während sie nach vorne fiel, nahm sie noch wahr, dass Kyles Schritte sich entfernten. Dann verlor sie das Bewusstsein. Als sie wieder zu sich kam, war es später Nachmittag. Die Dämmerung setzte bereits ein. Natalie richtete sich benommen auf. Ihr Kopf schmerzte, als hätte sie sich an einer Dampfwalze gestoßen. Sie fror erbärmlich auf der kalten Erde. Doch noch viel schlimmer war ihr seelischer Schmerz. Warum hatte Kyle sie niedergeschlagen und zurückgelassen? Glaubte er, es mit ihr an seiner Seite nicht zu schaffen? Bereute er, sie und nicht Zara gerettet zu haben und wollte sie für seinen Fehler bestrafen? Gleichgültig, welches Motiv hinter seinem Verhalten steckte, mit Liebe zu ihr hatte es nichts zu tun. Er hatte sogar ihre Waffen, Pfeile und Bogen, mitgenommen. Sie tastete ihr Gesicht ab. Unter ihrem linken Auge schwoll ihre Wange bereits an. Dieser Mistkerl! Sie musste weiter. Sie durfte nicht aufgeben, nur weil sie Liebeskummer hatte. Sie versuchte aufzustehen, taumelte jedoch. Sie lehnte sich an einen Felsen und ließ sich langsam zu Boden sinken. Mit dem Rücken gegen den Stein gelehnt wartete sie, bis sie sich besser fühlte. Zu ihren Füßen entdeckte sie ihren offenen Rucksack. Daneben lag ein zusammengeknüllter Zettel. Eine Nachricht von Kyle? Warum hatte er sie achtlos weggeworfen? Ihr Stolz sollte ihr verbieten, die Notiz zu lesen. Es gab keine Entschuldigung für sein Verhalten. Dennoch hob sie das Papier neugierig auf, öffnete es und strich es glatt. Zu ihrer Überraschung erkannte sie ihre eigene Schrift. Es handelte sich um die Kopie, die sie von der Inschrift der Steintafel gemacht hatte. Sie hatte vergessen, dass sich der Block in ihrem Rucksack befand. Sie war traurig und enttäuscht. Obwohl sie Kyle nicht verzeihen konnte, hatte sie doch auf eine Erklärung gehofft. Sie wollte das Papier gerade wieder zusammenknüllen, als sie bemerkte, dass jemand anderes ebenfalls darauf herumgekritzelt hatte. Einzelne Buchstaben des Textes „Lam ganek hars yonet wez. Hert rof dyr lib larnt wog shox ral cuc. Thim sor vert orge genelle“ waren mit Bleistift eingekreist, andere mit einem Kreuz markiert, weitere mit einem Herz gekennzeichnet. Natalie las zuerst die umkreisten. „L…k…y…e… Kyle!“ Sie starrte auf die Lettern und ahnte, was kam. Schnell überflog sie die mit einem Kreuz hervorgehobenen Buchstaben: „A…a…r…z. Zara! G…n…e…w. Gwen!“ Sie ließ den Zettel sinken. Er war eine Todesliste! Wenn sie weiterlas, würde sie dort auch auf ihren Namen stoßen. Ihr wurde schlecht. Ihre Gedanken rasten. Was immer Kyle in ihrem Rucksack gesucht hatte, während sie schlief, er hatte die Kopie gefunden und das Rätsel gelöst. Er hatte seinen Namen auf der Liste gefunden, war in Panik geraten und hatte sie allein im Wald ihrem Schicksal überlassen. Nur warum? Sie hatten nun schriftlich, was sie die ganze Zeit wussten: dass sie zum Tode verurteilt waren. Natalie stand auf. Ihr war immer noch schummerig. Aber sie konnte laufen. Und das war das Einzige, das jetzt zählte. Sie durfte nicht nachdenken. Sie musste sich retten. Sie stolperte am Kraterrand entlang und den Berg hinunter. Es wurde immer dunkler. Die Geräusche des Waldes jagten ihr Angst und Schrecken ein und ließen sie oft anhalten, um zu lauschen, ob ihr die Mörder auf der Spur waren. Obwohl niemand sie angriff, hatte sie während der halsbrecherischen Flucht das Gefühl, sie würde beobachtet. Aber jedes Mal, wenn sie sich abrupt umdrehte, um einen vermeintlichen Verfolger zu stellen, war niemand hinter ihr. Schließlich war es zu finster, um Mensch, Tier oder Baum noch voneinander unterscheiden zu können. Zu allem Überfluss zog Nebel auf. Er wurde binnen Minuten so dicht, dass sie nicht die Hand vor Augen sehen konnte. Sie musste stehen bleiben und sich Zentimeter für Zentimeter von Baumstamm zu Baumstamm vorwärtstasten. Ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Ihr Kopf tat höllisch weh, von ihrem Herzen ganz zu schweigen. Und obwohl sie dagegen ankämpfte, spürte sie, wie ihr Überlebenswille schwand. Sie glaubte nicht mehr daran, den Highway 40 zu erreichen. Da schossen aus dem dichten Nebel zwei Lichter auf sie zu. Scheinwerfer! Das Nebelhorn eines Lastwagens ertönte. Schnell sprang sie zur Seite und rollte sich in den Straßengraben. Um ein Haar hätte sie der Truck überfahren. Dem Tod um Haaresbreite entronnen begann sie hysterisch zu lachen und laut zu weinen. Vor Glück … vor Erleichterung … vor Trauer um Kyle und die anderen. Sie robbte aus dem Straßengraben und starrte in den Nebel. Sie musste aufpassen, dass sie nicht mitten auf der Fahrbahn lief. Die Nebelschwaden lösten sich teils auf, sodass sie die Umrisse des Waldes und des Highways erkennen konnte. Sie ging in Richtung Norden. Wenn sie sich nicht total irrte, überlegte sie, war sie maximal einen Kilometer südlich von der Auffahrt zur Hütte auf die Hauptstraße gestoßen. Das bedeutete, dass ihr alter Ford nicht allzu weit weg parkte. Bei dem Gedanken begann sie zu laufen. Schon sah sie auf der rechten Seite den Weg zur Hütte und erkannte den Schatten eines Autos. Gleich! Gleich hatte sie es gepackt! Da nahm sie eine Gestalt wahr, die sich an dem Wagen zu schaffen machte. Shane? Tom? Sie zitterte vor Angst, setzte ihren Weg aber fort. Dann kam es eben zum Showdown! „Kyle?!“ Er fuhr erschreckt herum, als sie seinen Namen rief. „Na…Natalie“, stammelte er. Als hätte er nicht erwartet, sie noch einmal lebend zu sehen. „Du Schw…!“, stieß sie hervor und ohrfeigte ihn. „Was hast du dir gedacht?“ „Ich wollte nicht sterben“, sagte er leise. „Meinst du ich?“, schrie sie ihn an. „Wie konntest du mich zurücklassen? Laut der Inschrift sind wir alle zum Tod verdammt!“ „Denk nach!“, fuhr er sie an und zerrte die Tannenzweige, die den Ford zum Schutz vor Dieben verdeckten, von dem Wagen. „Du hast es in Billys Tagebuch gelesen und Zara und mir erzählt: Ein Opfer pro Tag. Unser Trip dauerte fünf Tage. Wir waren aber sechs. Einer überlebt.“ „Was redest du für einen Unsinn! Die Tagebucheintragung war Humbug. Wir standen alle auf der Marmortafel. Bis auf Shane und Tom.“ Natalie machte einen Schritt nach vorn auf ihn zu. Dabei trat sie auf die Pfeile und den Bogen, die Kyle auf dem Boden abgelegt hatte. Wütend kickte sie sie weg. „Und selbst wenn es so wäre, dass nur einer überlebt. Was für ein Egoist musst du sein, dass du derjenige sein wolltest! Ich hätte nie erwartet, dass du dich für mich opferst. Aber ich hätte dich nie im Stich gelassen. Ich hätte alles darangesetzt, dass wir zusammen durchkommen. Danke für so viel Liebe!“ Sie machte eine Pause. Als er nicht reagierte, wurde sie noch wütender. „Los! Worauf wartest du? Fällt dir nichts Schlaues ein? Du hast doch sonst auf alles eine Antwort!“ Aber Kyle schaute sie gar nicht an. Er blickte über ihre Schulter und wich langsam zum Wagen zurück. Natalie erfasste Panik. Sie wandte sich um. Der Anblick schnürte ihr die Kehle zu. Der Nebel leuchtete golden und nahm Gestalt an. Sechs, zwölf, dreißig, fünfzig … hundert … Wesen, die von goldenen Strahlen umgeben waren, bewegten sich auf sie zu. Angeführt wurden sie von dem dunkelhaarigen jungen Mann in den altmodischen Kleidern. Ihm folgten der Rothaarige und der Blonde, die junge Familie und viele, viele andere, die Natalie noch nie zuvor gesehen hatte. Unmittelbar vor ihr blieb der Dunkelhaarige stehen. Die anderen Besucher bildeten einen Halbkreis um ihn. Sie betrachteten Natalie und Kyle mit leerem Blick. „Nehmt sie! Verschont mich!“, rief Kyle verzweifelt und rieb sich panisch über Arme und Beine. „Wo kommt das her? Macht es weg!“, schrie er. Seine Haut umgab nun ebenfalls ein leichter goldener Schimmer. Als der Glanz sich nicht entfernen ließ, warf er sich erbärmlich jammernd vor dem Dunkelhaarigen auf die Knie. Natalie musterte Kyle verächtlich. Wie hatte sie einen solchen Feigling und Verräter lieben können? „Steht auf, junger Herr!“, befahl der Dunkelhaarige ihm. Kyle folgte der Anweisung. Zitternd wie ein Häufchen Elend lehnte er an der Wagentür des Fords. Er zerrte unablässig an dem Türgriff. Doch das Auto war verschlossen. „Miss Natalies Zeit ist noch nicht gekommen!“, teilte der Dunkelhaarige Kyle mit. „Aber Eure.“ Im gleichen Augenblick traf ein Pfeil Kyle ins Herz. Natalie schrie auf. Kyle fasste sich entsetzt an die Brust und blickte ungläubig an sich herab. Er packte den Pfeil, als wollte er ihn herausziehen. Ließ jedoch wieder los und torkelte auf Natalie zu. „Hilf mir!“ Sie starrte auf seine ausgestreckte Hand. Sie reichte ihm ihre. Bevor er zufassen konnte, zog sie die Hand jedoch zurück. Er war ihre Liebe nicht wert. Kyle sah sie an. In seinem Blick lag die Erkenntnis, alles verloren zu haben. Dann brach er tot zusammen. Sein Mörder trat an ihn heran und überprüfte seinen Puls. Es war Shane. In derselben Aufmachung, in der sie ihn zuletzt gesehen hatte und mit den gleichen Kopfwunden. Er hatte den achtlos zur Seite gekickten Bogen und die Pfeile aufgehoben und Kyle getötet. Natalie gab auf. In dem Moment, in dem sie mit ihrem Schicksal Frieden schloss, wurde sie ganz ruhig. Angst und Anspannung fielen von ihr ab. „Warum?“, fragte sie Shane. „Warum dieses kranke Spiel? Wegen des Kicks? Für Geld? Du hast sogar deine Freundin umgebracht!“ Da trat Gwen aus dem Nebel und schmiegte sich an Shane. Sie hielt ihr schrecklich entstelltes Gesicht Natalie zugewandt und blickte sie mit ihrem heilen Auge an. Ihr folgte Tom. Er trug immer noch bloß seine Badehose. Als neues „Accessoire“ steckte Kyles Messer in seinem Bauch. Er verschränkte die Arme vor dem nackten Brustkorb und musterte Natalie schweigend. Das goldene Leuchten umflorte alle drei. „W…was? Wieso?“, stammelte Natalie. „Ich versteh nicht.“ Sie sah von einem zum anderen, bekam aber keine Antwort. Schließlich blieb ihr Blick an dem Gesicht des Dunkelhaarigen hängen. „Ist meine Zeit jetzt gekommen?“, fragte sie ihn. „Ich füge mich. Aber erklär mir …“ „Pst! Seid unbesorgt, Miss Natalie“, flüsterte der Dunkelhaarige. „Ihr habt noch ein langes Leben vor Euch.“ Er trat auf sie zu und verbeugte sich. „Mein Name ist Billy Rutherford. Aber das habt Ihr Euch gewiss gedacht, nicht wahr?“ Natalie nickte. „Grant. Carl. Die Familie Smith.“ Der Rothaarige, der Blonde und die Kleinfamilie nickten ihr zu. „Euer Name stand nicht auf der Steintafel, Miss Natalie“, fuhr Billy fort. „Aber dafür die Namen von uns allen. Euer Bekannter Kyle hat das Rätsel entschlüsselt. Allerdings glaubte er, sein Schicksal abwenden zu können. Niemand vermag das. Alles ist vorherbestimmt. Selbst die Art und Weise, wie jemand stirbt, ob durch Verbrechen oder eigene Hand. Es kommt, wie es kommen soll.“ „Kein … mörderisches … Spiel?“, stammelte Natalie. „Nein.“ Billy lächelte sie an. „Oder doch. Aber nicht von Euren Mitreisenden Shane und Tom. Allerdings haben ihre schlechten Charaktere dazu beigetragen, dass sie sterben mussten und Ihr nicht.“ Natalie schüttelte verständnislos den Kopf. „Lasst es mich erklären.“ Billy lächelte sie vorsichtig an. „Eure erste Vermutung war richtig. Wir sind Geister. ‚Wiederkehrer‘, um genau zu sein. Von den Toten auferstanden sind wir Wesen aus der Mittelwelt. Nicht im Diesseits und nicht im Jenseits zu Hause. Wir alle haben die heilige Stätte der Arapaho geschändet und ihre Werte missachtet. Mister Carl Cox, Mister Grant Show und ich haben die Steintafel zum Leuchten gebracht und damit den Fluch ausgelöst, indem wir auf dem Land Gold schürften und Schabernack mit ihren Toten trieben. Misses Ellen und Mister George Smith mussten sterben, weil sie als Archäologen die Gräber plünderten. Und ihr Sohn Trevor, weil er mutwillig auf den Altar spie. Jeder hier hat eine ähnliche Geschichte. Mister Tom und Mister Shane haben sich über die Arapaho lustig gemacht und den Fluch über sich gebracht, indem Mister Tom die Inschrift vorlas und sie verspottete. Die beiden haben die heilige Erde mit ihrer schlechten Aura besudelt. Ihr Tod ist für alle ein Segen. Miss Gwen musste sterben, weil sie den Falschen liebte. Selbst im Tod hat sie den Untoten Shane und Tom die Fenster geöffnet und sie in die Hütte gelassen. Damit sie Euch holen. Sie ist des Verrats an Euch schuldig. Miss Zara und Mister Kyle … nun, dass sie sterben mussten, erklärt sich von allein. Selbstliebe und Eigensucht missfallen unserem Herren.“ „Eurem Herren?“ „Manwar, der höchste Gott der Arapaho. Er kann unsere Herzen und Gedanken lesen, uns beeinflussen und uns Dinge hören und sehen lassen, die nicht existieren. Ihr erinnert Euch an das Geräusch von Hubschrauberrotoren, Miss Natalie?“ Billy lachte über ihr perplexes Gesicht. „Wir sind Manwars Seelenfänger. Als Strafe für unsere Vergehen bringen wir ihm jeden Tag ein Opfer. Bis unser Soll erfüllt ist und er uns erlöst.“ Billy deutete zu seiner Rechten und verbeugte sich. Ein hünenhafter Mann tauchte schemenhaft aus dem Nebel auf. Er trug die Lederjacke. Auf seiner Schulter saß ein Adler, an seiner Seite stand ein schwarzes Tier, halb Hyäne, halb Puma, mit leuchtend gelben Augen. „Kein Wolf“, murmelte Natalie. „Nein. Kein Wolf und auch kein Hund“, meinte Billy. „Ein Opfer pro Tag … Das kann nicht sein. Gwen und Ted, der Roadhouse-Besitzer, starben am selben Tag.“ „Mister Ted stand nicht auf der Liste“, entgegnete Billy. „Er wusste um das Geheimnis, das den Indianerfriedhof umgab. Er hat stets darauf geachtet, die Kultstätte nicht zu schänden und seine Verbrechen immer woanders zu begehen. Bis zu Eurem Besuch. Er fand Gefallen an Euch und vergaß seine Vorsicht.“ Natalie wurde übel. Sie mochte sich nicht vorstellen, was der widerliche Alte mit ihr vorgehabt hatte. „Warum verschont ihr mich?“ „Ihr seid ein guter Mensch.“ Billy lächelte. „Seht Euch alle an, die sich hier versammelt haben. Sobald Manwar ausgesucht hat, wer als Nächstes sein Totenreich betritt, beginnt dessen Seele zu schimmern. Einige strahlen hell, andere schwach, fast unsichtbar. Die Intensität des goldenen Leuchtens gibt das Gute wieder, das jedem Menschen innewohnt – selbst dem größten Schurken. Bei Manwars Opfern zeigt es sich erst mit dem nahenden Tod. Ihr würdet, so Ihr denn zu sterben auserwählt wäret, gewiss aus jeder Pore strahlen. Das ist ein rares Gut. Bewahrt es Euch.“ Billy verbeugte sich erneut vor ihr. „Noch eine Bitte, bevor Ihr geht …“ Er setzte sein charmantes Lächeln auf. „Mein Tagebuch.“ Er streckte die Hand aus. Natalie öffnete den Rucksack und reichte es ihm. „Danke für Euer Mitgefühl, Miss Natalie.“ Billy flüsterte, damit Manwar und die Wiederkehrer ihn nicht hörten. „Eine Frau wie Ihr es seid ist schwer zu finden. Gleichgültig, in welchem Jahrhundert ein Mann geboren wird. Ich bin zu früh auf diese Welt gekommen – oder Ihr zu spät. In einer anderen Zeit, in einem anderen Leben hätten Ihr und ich vielleicht zueinandergefunden.“ Er zwinkerte ihr verschämt zu. „Es wird Zeit aufzubrechen. Ich muss Miss Zaras Seele holen.“ Billy trat an Kyle heran und berührte dessen Schulter. Kyle stand auf und ordnete sich mit Shane, Tom und Gwen in die Reihe der Untoten ein. Seine leeren Augen blickten ins Nichts, als er mit den anderen Wesen, die einst Menschen gewesen waren, im Nebel verschwand und verblasste. Natalie blieb allein auf der einsamen Straße zurück. Sie nahm den Autoschlüssel aus ihrem Rucksack, ging zum Ford und schloss ihn auf. Sie stieg ein, startete den Motor, legte den Rückwärtsgang ein und gab Gas. Der Wagen glitt geschmeidig aus dem Schlammloch, in dem er vor wenigen Tagen stecken geblieben war. Sie setzte zurück auf die Straße, drehte und fuhr heim nach Denver. Als Erinnerung an die fünf Tage im August, die fünf toten Mitreisenden und Billy Rutherford blieben ihr die Liebe eines Geistes – und ihr Leben. – ENDE –